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HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 1 von 1
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 2 von 2
Joanne K. Rowling
HARRY POTTER
und der Stein der Weisen
Aus dem Englischen
von Klaus Frit
z
Für Jessica, für Anne und fü Di;
Jessica mag Geschichten,
Anne mochte sie einst,
und Di hörte diese Geschichte zuerst.
Ein Junge überlebt....................................................................................................... 2
Ein Fenster verschwindet.......................................................................................... 13
Briefe von niemandem ............................................................................................... 21
Der Hüter der Schlüssel ............................................................................................ 31
In der Winkelgasse..................................................................................................... 41
Abreise von Gleis neundreiviertel............................................................................. 59
Der Sprechende Hut................................................................................................... 76
Der Meister der Zaubertränke .................................................................................. 87
Duell um Mitternacht ................................................................................................ 95
Halloween ................................................................................................................. 108
Quidditch .................................................................................................................. 119
Der Spiegel Nerhegeb .............................................................................................. 128
Nicolas Flamel.......................................................................................................... 141
Norbert, der Norwegische Stachelbuckel................................................................ 149
Der verbotene Wald ................................................................................................. 158
Durch die Falltür ..................................................................................................... 171
Der Mann mit den zwei Gesichtern ........................................................................ 188
Ein Junge überlebt
Mr und Mrs Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar
normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten
sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit
solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben.
Mr Dursley war Direktor einer Firma namens Grunnings, die Bohrmaschinen
herstellte. Er war groß und bullig und hatte fast keinen Hals, dafür aber einen sehr
großen Schnurrbart. Mrs Dursley war dünn und blond und besaß doppelt so viel
Hals, wie notwendig gewesen wäre, was allerdings sehr nützlich war, denn so
konnte sie den Hals über den Gartenzaun recken und zu den Nachbarn
hinüberspähen. Die Dursleys hatten einen kleinen Sohn namens Dudley und in
ihren Augen gab es nirgendwo einen prächtigeren Jungen.
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Die Dursleys besaßen alles, was sie wollten, doch sie hatten auch ein Geheimnis,
und dass es jemand aufdecken könnte, war ihre größte Sorge. Einfach unerträglich
wäre es, wenn die Sache mit den Potters herauskommen würde. Mrs Potter war die
Schwester von Mrs Dursley; doch die beiden hatten sich schon seit etlichen Jahren
nicht mehr gesehen. Mrs Dursley behauptete sogar, dass sie gar keine Schwester
hätte, denn diese und deren Nichtsnutz von einem Mann waren so undursleyhaft,
wie man es sich nur denken konnte. Die Dursleys schauderten beim Gedanken
daran, was die Nachbarn sagen würden, sollten die Potters eines Tages in ihrer
Straße aufkreuzen. Die Dursleys wussten, dass auch die Potters einen kleinen Sohn
hatten, doch den hatten sie nie gesehen. Auch dieser Junge war ein guter Grund,
sich von den Potters fernzuhalten; mit einem solchen Kind sollte ihr Dudley nicht in
Berührung kommen.
Als Mr und Mrs Dursley an dem trüben und grauen Dienstag, an dem unsere
Geschichte beginnt, die Augen aufschlugen, war an dem wolkenverhangenen
Himmel draußen kein Vorzeichen der merkwürdigen und geheimnisvollen Dinge zu
erkennen, die bald überall im Land geschehen sollten. Mr Dursley summte vor sich
hin und suchte sich für die Arbeit seine langweiligste Krawatte aus, und Mrs
Dursley schwatzte munter vor sich hin, während sie mit dem schreienden Dudley
rangelte und ihn in seinen Hochstuhl zwängte.
Keiner von ihnen sah den riesigen Waldkauz am Fenster vorbeifliegen.
Um halb neun griff Mr Dursley nach der Aktentasche, gab seiner Frau einen
Schmatz auf die Wange und versuchte es auch bei Dudley mit einem Abschiedskuss.
Der ging jedoch daneben, weil Dudley gerade einen Wutanfall hatte und die Wände
mit seinem Haferbrei bewarf. »Kleiner Schlingel«, gluckste Mr Dursley, während er
nach draußen ging. Er setzte sich in den Wagen und fuhr rückwärts die Einfahrt zu
Nummer 4 hinaus.
An der Straßenecke fiel ihm zum ersten Mal etwas Merkwürdiges auf – eine
Katze, die eine Straßenkarte studierte. Einen Moment war Mr Dursley nicht klar,
was er gesehen hatte – dann wandte er rasch den Kopf zurück, um noch einmal
hinzuschauen. An der Einbiegung zum Ligusterweg stand eine getigerte Katze, aber
eine Straßenkarte war nicht zu sehen. Woran er nur wieder gedacht hatte! Das
musste eine Sinnestäuschung gewesen sein. Mr Dursley blinzelte und starrte die
Katze an. Die Katze starrte zurück. Während Mr Dursley um die Ecke bog und die
Straße entlangfuhr, beobachtete er die Katze im Rückspiegel. Jetzt las sie das Schild
mit dem Namen Ligusterweg – nein, sie blickte auf das Schild. Katzen konnten
weder Karten nochSchilder lesen. Mr Dursley gab sich einen kleinen Ruck und
verjagte die Katze aus seinen Gedanken. Während er in Richtung Stadt fuhr, hatte
er nur noch den großen Auftrag für Bohrmaschinen im Sinn, der heute hoffentlich
eintreffen würde.
Doch am Stadtrand wurden die Bohrmaschinen von etwas anderem aus seinen
Gedanken verdrängt. Er saß im üblichen morgendlichen Stau fest und konnte nicht
umhin zu bemerken, dass offenbar eine Menge seltsam gekleideter Menschen
unterwegs waren. Menschen in langen und weiten Umhängen. Mr Dursley konnte
Leute nicht ausstehen, die sich komisch anzogen – wie sich die jungen Leute
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herausputzten! Das musste wohl irgendeine dumme neue Mode sein. Er trommelte
mit den Fingern auf das Lenkrad und sein Blick fiel auf eine Ansammlung dieser
merkwürdigen Gestalten nicht weit von ihm. Ganz aufgeregt flüsterten sie
miteinander. Erzürnt stellte Mr Dursley fest, dass einige von ihnen überhaupt nicht
jung waren; nanu, dieser Mann dort musste älter sein als er und trug einen
smaragdgrünen Umhang! Der hatte vielleicht Nerven! Doch dann fiel Mr Dursley
plötzlich ein, dass dies wohl eine verrückte Verkleidung sein musste – die Leute
sammelten offenbar für irgendetwas … ja, so musste es sein. Die Autoschlange
bewegte sich, und ein paar Minuten später fuhr Mr Dursley auf den Parkplatz
seiner Firma, die Gedanken wieder bei den Bohrern.
In seinem Büro im neunten Stock saß Mr Dursley immer mit dem Rücken zum
Fenster. Andernfalls wäre es ihm an diesem Morgen schwergefallen, sich auf die
Bohrer zu konzentrieren. Er bemerkte die Eulen nicht, die am helllichten Tage
vorbeischossen, wohl aber die Leute unten auf der Straße; sie deuteten in die Lüfte
und verfolgten mit offenen Mündern, wie eine Eule nach der andern über ihre Köpfe
hinwegflog. Die meisten von ihnen hatten überhaupt noch nie eine gesehen, nicht
einmal nachts. Mr Dursley jedoch verbrachte einen ganz gewöhnlichen, eulenfreien
Morgen. Er machte fünf verschiedene Leute zur Schnecke. Er führte mehrere
wichtige Telefongespräche und schrie dabei noch ein wenig lauter. Bis zur
Mittagspause war er glänzender Laune und wollte sich nun ein wenig die Beine
vertreten und beim Bäcker über der Straße einen Krapfen holen.
Die Leute in der merkwürdigen Aufmachung hatte er schon längst vergessen,
doch nun, auf dem Weg zum Bäcker, begegnete er einigen dieser Gestalten. Im
Vorbeigehen warf er ihnen zornige Blicke zu. Er wusste nicht, warum, aber sie
bereiteten ihm Unbehagen. Auch dieses Pack hier tuschelte ganz aufgeregt und eine
Sammelbüchse war nirgends zu sehen. Auf dem Weg zurück vom Bäcker, eine Tüte
mit einem großen Donut in der Hand, schnappte er ein paar Worte von ihnen auf.
»Die Potters, das stimmt, das hab ich gehört –«
»– ja, ihr Sohn, Harry –«
Mr Dursley blieb wie angewurzelt stehen. Angst überkam ihn. Er wandte sich
nach den Flüsterern um, als ob er ihnen etwas sagen wollte, besann sich dann aber
eines Besseren.
Hastig überquerte er die Straße, stürmte hoch ins Büro, fauchte seine Sekretärin
an, er wolle nicht gestört werden, griff nach dem Telefon und hatte schon fast die
Nummer von daheim gewählt, als er es sich anders überlegte. Er legte den Hörer auf
die Gabel und strich sich über den Schnurrbart. Nein, dachte er, ich bin dumm.
Potter war kein besonders ungewöhnlicher Name. Sicher gab es eine Menge Leute,
die Potter hießen und einen Sohn namens Harry hatten. Nun, da er darüber
nachdachte, war er sich nicht einmal mehr sicher, ob sein Neffe wirklich Harry hieß.
Er hatte den Jungen noch nicht einmal gesehen. Er konnte auch Harvey heißen.
Oder Harold. Es hatte keinen Sinn, Mrs Dursley zu beunruhigen, sie geriet immer
so außer sich, wenn man ihre Schwester auch nur erwähnte. Er machte ihr
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deswegen keinen Vorwurf – wenn er eine solche Schwester hätte … Und dennoch,
diese Leute in den Umhängen …
An diesem Nachmittag fiel es ihm um einiges schwerer, seine Gedanken auf die
Bohrer zu richten, und als er das Büro um fünf Uhr verließ, war er immer noch so
voller Sorge, dass er beim ersten Schritt nach draußen gleich mit jemandem
zusammenprallte.
»Verzeihung«, grummelte er, als der kleine alte Mann ins Stolpern kam und
beinahe hinfiel. Erst nach ein paar Sekunden bemerkte Mr Dursley, dass der Mann
einen violetten Umhang trug. Dass er ihn fast umgestoßen hatte, schien ihn gar
nicht weiter zu ärgern. Im Gegenteil, auf seinem Gesicht öffnete sich ein breites
Lächeln, und die Leute, die vorbeigingen, blickten auf, als er mit piepsiger Stimme
sagte: »Heute verzeih ich alles, mein lieber Herr, heute kann mich nichts aus der
Bahn werfen! Freuen wir uns, denn Du-weißt-schon-wer ist endlich von uns
gegangen! Selbst Muggel wie Sie sollten diesen freudigen, freudigen Tag feiern!«
Und der alte Mann umarmte Mr Dursley ungefähr in Bauchhöhe und ging von
dannen.
Mr Dursley stand da wie angewurzelt. Ein völlig Fremder hatte ihn umarmt. Auch
hatte er ihn wohl einen Muggel genannt, was immer das sein mochte. Völlig
durcheinander eilte er zu seinem Wagen und fuhr nach Hause. Er hoffte, sich diese
Dinge nur einzubilden, und das war neu für ihn, denn von Einbildungskraft hielt er
normalerweise gar nichts.
Als er in die Auffahrt von Nummer 4 einbog, fiel sein Blick als Erstes – und das
besserte seine Laune nicht gerade – auf die getigerte Katze, die er am Morgen schon
gesehen hatte. Sie saß jetzt auf seiner Gartenmauer. Gewiss war es dieselbe Katze;
sie hatte dasselbe Muster um die Augen.
»Schhhh!«, zischte Mr Dursley laut.
Die Katze regte sich nicht. Sie blickte ihn nur aus ernsten Augen an. War so etwas
denn normal für Katzen, fragte sich Mr Dursley. Er versuchte sich
zusammenzureißen und öffnete die Haustür. Immer noch war er entschlossen,
nichts von alledem seiner Frau zu sagen.
Mrs Dursley hatte einen netten, gewöhnlichen Tag hinter sich. Beim Abendessen
erzählte sie ihm alles über Frau Nachbarins Probleme mit deren Tochter und dass
Dudley ein neues Wort gelernt hatte (»pfui«). Mr Dursley versuchte sich ganz wie
immer zu geben. Nachdem Dudley zu Bett gebracht worden war, ging er ins
Wohnzimmer, wo er sich das Neueste in den Abendnachrichten ansah.
»Und hier noch eine Meldung. Wie die Vogelkundler im ganzen Land berichten,
haben sich unsere Eulen heute sehr ungewöhnlich verhalten. Obwohl Eulen
normalerweise nachts jagen und tagsüber kaum gesichtet werden, wurden diese
Vögel seit Sonnenaufgang hunderte Male beobachtet, wie sie kreuz und quer über
das Land hinwegflogen. Die Fachleute können sich nicht erklären, warum die Eulen
plötzlich ihre Gewohnheiten geändert haben.« Der Nachrichtensprecher erlaubte
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sich ein Grinsen. »Sehr mysteriös. Und nun zu Jim McGuffin mit dem Wetter. Sind
heute Abend noch weitere Eulenschauer zu erwarten, Jim?«
»Nun, Ted«, meinte der Wetteransager, »das kann ich nicht sagen, aber es sind
nicht nur die Eulen, die sich heute seltsam verhalten haben. Zuschauer aus so
entfernten Gegenden wie Kent, Yorkshire und Dundee haben mich heute angerufen
und berichtet, dass anstelle des Regens, den ich gestern versprochen hatte, ganze
Schauer von Sternschnuppen niedergegangen sind! Vielleicht haben die Leute zu
früh Silvester gefeiert – das ist noch eine Weile hin, meine Damen und Herren! Aber
ich kann Ihnen für heute eine regnerische Nacht versprechen.«
Mr Dursley saß starr wie ein Eiszapfen in seinem Sessel. Sternschnuppen über
ganz Großbritannien? Eulen, die bei Tage flogen? Allerorten geheimnisvolle Leute in
sonderbarer Kleidung? Und ein Tuscheln, ein Tuscheln über die Potters …
Mrs Dursley kam mit zwei Tassen Tee ins Wohnzimmer. Es hatte keinen Zweck.
Er musste ihr etwas sagen. Nervös räusperte er sich. »Ahm – Petunia, Liebes – du
hast in letzter Zeit nichts von deiner Schwester gehört, oder?«
Wie er befürchtet hatte, blickte ihn Mrs Dursley entsetzt und wütend an.
Schließlich taten sie für gewöhnlich so, als hätte sie keine Schwester.
»Nein«, sagte sie scharf. »Warum?«
»Komisches Zeug in den Nachrichten«, murmelte Mr Dursley. »Eulen …
Sternschnuppen … und heute waren eine Menge komisch aussehender Leute in der
Stadt …«
»Und?«, fuhr ihn Mrs Dursley an.
»Nun, ich dachte nur … vielleicht … hat es etwas zu tun mit … du weißt … ihrem
Klüngel.«
Mrs Dursley nippte mit geschürzten Lippen an ihrem Tee. Konnte er es wagen, ihr
zu sagen, dass er den Namen »Potter« gehört hatte? Nein, das konnte er nicht.
Stattdessen bemerkte er so beiläufig, wie er nur konnte: »Ihr Sohn – er wäre
ungefähr in Dudleys Alter, oder?«
»Ich nehme an«, sagte Mrs Dursley steif.
»Wie war noch mal sein Name? Howard, nicht wahr?«
»Harry. Ein hässlicher, gewöhnlicher Name, wenn du mich fragst.«
»O ja«, sagte Mr Dursley und das Herz rutschte ihm in die Hose. »Ja, da bin ich
ganz deiner Meinung.«
Bis es Zeit zum Schlafen war und sie nach oben gingen, verlor er kein Wort mehr
darüber. Während Mrs Dursley im Bad war, schlich sich Mr Dursley zum
Schlafzimmerfenster und spähte hinunter in den Vorgarten. Die Katze war immer
noch da. Sie starrte auf den Ligusterweg, als ob sie auf etwas wartete.
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Bildete er sich das alles nur ein? Konnte all dies etwas mit den Potters zu tun
haben? Wenn es so war … und wenn herauskäme, dass sie verwandt waren mit
einem Paar von – nein, das würde er einfach nicht ertragen können.
Die Dursleys gingen zu Bett. Mrs Dursley schlief rasch ein, doch Mr Dursley lag
wach und wälzte alles noch einmal im Kopf hin und her. Bevor er einschlief, kam
ihm ein letzter, tröstender Gedanke. Selbst wenn die Potters wirklich mit dieser
Geschichte zu tun hatten, gab es keinen Grund, warum sie bei ihm und Mrs Dursley
auftauchen sollten. Die Potters wussten sehr wohl, was er und Petunia von ihnen
und ihresgleichen hielten … Er konnte sich nicht denken, wie er und Petunia in
irgendetwas hineingeraten sollten, was dort draußen vor sich ging – er gähnte und
drehte sich auf die Seite –, damit würden er und seine Frau jedenfalls nichts zu tun
haben …
Wie sehr er sich täuschte.
Mr Dursley mochte in einen unruhigen Schlaf hinübergeglitten sein, doch die
Katze draußen auf der Mauer zeigte keine Spur von Müdigkeit. Sie saß noch immer
da wie eine Statue, die Augen, ohne zu blinzeln, auf die weiter entfernte Ecke des
Ligusterwegs gerichtet. Kein Härchen regte sich, als eine Straße weiter eine Autotür
zugeknallt wurde oder als zwei Eulen über ihren Kopf hinwegschwirrten. In der Tat
war es fast Mitternacht, als die Katze sich zum ersten Mal rührte.
An der Ecke, die sie beobachtet hatte, erschien ein Mann, so jäh und lautlos, als
wäre er geradewegs aus dem Boden gewachsen. Der Schwanz der Katze zuckte und
ihre Augen verengten sich zu Schlitzen.
Einen Mann wie diesen hatte man im Ligusterweg noch nie gesehen. Er war groß,
dünn und sehr alt, jedenfalls der silbernen Farbe seines Haares und Bartes nach zu
schließen, die beide so lang waren, dass sie in seinem Gürtel hätten stecken können.
Er trug eine lange Robe, einen purpurroten Umhang, der den Boden streifte, und
Schnallenstiefel mit hohen Hacken. Seine blauen Augen leuchteten funkelnd hinter
den halbmondförmigen Brillengläsern hervor, und seine Nase war sehr lang und
krumm, als ob sie mindestens zweimal gebrochen wäre. Der Name dieses Mannes
war Albus Dumbledore.
Albus Dumbledore schien nicht zu bemerken, dass er soeben in einer Straße
aufgetaucht war, in der alles an ihm, von seinem Namen bis zu seinen Stiefeln,
keineswegs willkommen war. Gedankenverloren durchstöberte er die Taschen seines
Umhangs. Doch offenbar bemerkte er, dass er beobachtet wurde, denn plötzlich sah
er zu der Katze hinüber, die ihn vom andern Ende der Straße her immer noch
anstarrte. Aus irgendeinem Grunde schien ihn der Anblick der Katze zu belustigen.
Er gluckste vergnügt und murmelte: »Ich hätte es wissen müssen.«
In seiner Innentasche hatte er gefunden, wonach er suchte. Es sah aus wie ein
silbernes Feuerzeug. Er ließ den Deckel aufschnappen, hielt es hoch in die Luft und
ließ es knipsen. Mit einem leisen »Plop« ging eine Straßenlaterne in der Nähe aus.
Er knipste noch mal – und die nächste Laterne flackerte und erlosch. Zwölfmal
knipste er mit dem Ausmacher, bis die einzigen Lichter, die in der ganzen Straße
noch zu sehen waren, zwei kleine Stecknadelköpfe in der Ferne waren, und das
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waren die Augen der Katze, die ihn beobachtete. Niemand, der jetzt aus dem
Fenster geschaut hätte, auch nicht die scharfäugige Mrs Dursley, hätte nun
irgendetwas von dem mitbekommen, was unten auf dem Bürgersteig geschah.
Dumbledore ließ den Ausmacher in die Umhangtasche gleiten und machte sich auf
den Weg die Straße entlang zu Nummer 4, wo er sich auf die Mauer neben die Katze
setzte. Er sah sie nicht an, doch nach einer Weile sprach er mit ihr.
»Was für eine Überraschung, Sie hier zu sehen, Professor McGonagall.«
Mit einem Lächeln wandte er sich zur Seite, doch die Tigerkatze war
verschwunden. Statt ihrer lächelte er einer ziemlich ernst dreinblickenden Frau mit
Brille zu, deren Gläser quadratisch waren wie das Muster um die Augen der Katze.
Auch sie trug einen Umhang, einen smaragdgrünen. Ihr schwarzes Haar war zu
einem festen Knoten zusammengebunden. Sie sah recht verwirrt aus.
»Woher wussten Sie, dass ich es war?«, fragte sie.
»Mein lieber Professor, ich habe noch nie eine Katze so steif dasitzen sehen.«
»Sie wären auch steif, wenn Sie den ganzen Tag auf einer Backsteinmauer
gesessen hätten«, sagte Professor McGonagall.
»Den ganzen Tag? Wo Sie doch hätten feiern können? Ich muss auf dem Weg an
mindestens einem Dutzend Feste und Partys vorbeigekommen sein.«
Verärgert schnaubte Professor McGonagall durch die Nase.
»O ja, alle Welt feiert, sehr schön«, sagte sie ungeduldig. »Man sollte meinen, sie
könnten ein bisschen vorsichtiger sein, aber nein – selbst die Muggel haben
bemerkt, dass etwas los ist. Sie haben es in ihren Nachrichten gebracht.« Mit einem
Kopfrucken deutete sie auf das dunkle Wohnzimmerfenster der Dursleys. »Ich habe
es gehört. Ganze Schwärme von Eulen … Sternschnuppen … Nun, ganz dumm sind
sie auch wieder nicht. Sie mussten einfach irgendetwas bemerken. Sternschnuppen
unten in Kent – ich wette, das war Dädalus Diggel. Der war noch nie besonders
vernünftig.«
»Sie können ihnen keinen Vorwurf machen«, sagte Dumbledore sanft. »Elf Jahre
lang haben wir herzlich wenig zu feiern gehabt.«
»Das weiß ich«, sagte Professor McGonagall gereizt. »Aber das ist kein Grund, den
Kopf zu verlieren. Die Leute sind einfach unvorsichtig, wenn sie sich am helllichten
Tage draußen auf den Straßen herumtreiben und Gerüchte zum Besten geben.
Wenigstens könnten sie Muggelsachen anziehen.«
Dabei wandte sie sich mit scharfem Blick Dumbledore zu, als hoffte sie, er würde
ihr etwas mitteilen. Doch er schwieg und sie fuhr fort: »Das wäre eine schöne
Bescherung, wenn ausgerechnet an dem Tag, da Du-weißt-schon-wer endlich
verschwindet, die Muggel alles über uns herausfinden würden. Ich nehme an, er ist
wirklich verschwunden, Dumbledore?«
»Es sieht ganz danach aus«, sagte Dumbledore. »Wir müssen für vieles dankbar
sein. Möchten Sie ein Brausebonbon?«
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»Ein was?«
»Ein Zitronenbrausebonbon. Eine Nascherei der Muggel, auf die ich ganz scharf
bin.«
»Nein, danke«, sagte Professor McGonagall kühl, als sei jetzt nicht der richtige
Moment für Zitronenbrausebonbons. »Wie ich schon sagte, selbst wenn Du-weißt-
schon-wer wirklich fort ist –«
»Mein lieber Professor, eine vernünftige Person wie Sie kann ihn doch sicher beim
Namen nennen? Der ganze Unsinn mit ›Du-weißt-schon-wer‹ – seit elf Jahren
versuche ich die Leute dazu zu bringen, ihn bei seinem richtigen Namen zu
nennen: Voldemort.« Professor McGonagall zuckte zurück, doch Dumbledore, der
zwei weitere Bonbons aus der Tüte fischte, schien davon keine Notiz zu nehmen. »Es
verwirrt doch nur, wenn wir dauernd ›Du-weißt-schon-wer‹ sagen. Ich habe nie
eingesehen, warum ich Angst davor haben sollte, Voldemorts Namen
auszusprechen.«
»Das weiß ich wohl«, sagte Professor McGonagall halb aufgebracht, halb
bewundernd. »Doch Sie sind anders. Alle wissen, dass Sie der Einzige sind, den Du-
weißt- … ahm, na gut, Voldemort fürchtete.«
»Sie schmeicheln mir«, sagte Dumbledore leise. »Voldemort hatte Kräfte, die ich
nie besitzen werde.«
»Nur weil Sie zu – ja – nobel sind, um sie einzusetzen.«
»Ein Glück, dass es dunkel ist. So rot bin ich nicht mehr geworden, seit Madam
Pomfrey mir gesagt hat, ihr gefielen meine neuen Ohrenschützer.«
Professor McGonagall sah Dumbledore scharf an und sagte: »Die Eulen sind
nichts gegen die Gerüchte, die umherfliegen. Wissen Sie, was alle sagen? Warum er
verschwunden ist? Was ihn endlich aufgehalten hat?«
Offenbar hatte Professor McGonagall den Punkt erreicht, über den sie unbedingt
reden wollte, den wirklichen Grund, warum sie den ganzen Tag auf einer kalten,
harten Mauer gewartet hatte, denn weder als Katze noch als Frau hatte sie
Dumbledore mit einem so durchdringenden Blick festgenagelt wie jetzt. Was auch
immer »alle« sagen mochten, offensichtlich glaubte sie es nicht, bis sie es aus dem
Mund von Dumbledore gehört hatte. Der jedoch nahm sich ein weiteres
Zitronenbrausebonbon und schwieg.
»Was sie sagen«, drängte sie weiter, »ist nämlich, dass Voldemort letzte Nacht in
Godric’s Hollow auftauchte. Er war auf der Suche nach den Potters. Dem Gerücht
zufolge sind Lily und James Potter – sie sind – tot.«
Dumbledore senkte langsam den Kopf. Professor McGonagall stockte der Atem.
»Lily und James … Ich kann es nicht glauben … Ich wollte es nicht glauben … Oh,
Albus …«
Dumbledore streckte die Hand aus und klopfte ihr sanft auf die Schultern. »Ich
weiß … ich weiß …«, sagte er mit belegter Stimme.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 10 von 10
Professor McGonagall fuhr mit zitternder Stimme fort: »Das ist nicht alles. Es
heißt, er habe versucht, Potters Sohn Harry zu töten. Aber – er konnte es nicht. Er
konnte diesen kleinen Jungen nicht töten. Keiner weiß, warum oder wie, aber es
heißt, als er Harry Potter nicht töten konnte, fiel Voldemorts Macht in sich
zusammen – und deshalb ist er verschwunden.«
Dumbledore nickte mit düsterer Miene.
»Ist das – wahr?«, stammelte Professor McGonagall. »Nach all dem, was er getan
hat – nach all den Menschen, die er umgebracht hat –, konnte er einen kleinen
Jungen nicht töten? Das ist einfach unglaublich … ausgerechnet das setzt ihm ein
Ende … aber wie um Himmels willen konnte Harry das überleben?«
»Wir können nur mutmaßen«, sagte Dumbledore. »Vielleicht werden wir es nie
wissen.«
Professor McGonagall zog ein Spitzentaschentuch hervor und betupfte die Augen
unter der Brille. Dumbledore zog eine goldene Uhr aus der Tasche und gab ein
langes Schniefen von sich. Es war eine sehr merkwürdige Uhr. Sie hatte zwölf
Zeiger, aber keine Ziffern; stattdessen drehten sich kleine Planeten in ihrem Rund.
Dumbledore jedenfalls musste diese Uhr etwas mitteilen, denn er steckte sie zurück
in die Tasche und sagte: »Hagrid verspätet sich. Übrigens nehme ich an, er hat
Ihnen erzählt, dass ich hierherkommen würde?«
»Ja«, sagte Professor McGonagall. »Und ich nehme nicht an, dass Sie mir sagen
werden, warum Sie ausgerechnet hier sind?«
»Ich bin gekommen, um Harry zu seiner Tante und seinem Onkel zu bringen. Sie
sind die Einzigen aus der Familie, die ihm noch geblieben sind.«
»Sie meinen doch nicht – Sie können einfach nicht die Leute meinen, die hier
wohnen?«, rief Professor McGonagall, sprang auf und deutete auf Nummer 4.
»Dumbledore – das geht nicht. Ich habe sie den ganzen Tag beobachtet. Sie könnten
keine zwei Menschen finden, die uns weniger ähneln. Und sie haben diesen Jungen
– ich habe gesehen, wie er seine Mutter den ganzen Weg die Straße entlang gequält
und nach Süßigkeiten geschrien hat. Harry Potter und hier leben?«
»Das ist der beste Platz für ihn«, sagte Dumbledore bestimmt. »Onkel und Tante
werden ihm alles erklären können, wenn er älter ist. Ich habe ihnen einen Brief
geschrieben.«
»Einen Brief?«, wiederholte Professor McGonagall mit erlahmender Stimme und
setzte sich wieder auf die Mauer. »Wirklich, Dumbledore, glauben Sie, dass Sie all
das in einem Brief erklären können? Diese Leute werden ihn nie verstehen! Er wird
berühmt werden – eine Legende –, es würde mich nicht wundern, wenn der heutige
Tag in Zukunft Harry-Potter-Tag heißt – ganze Bücher wird man über Harry
schreiben – jedes Kind in unserer Welt wird seinen Namen kennen!«
»Genau«, sagte Dumbledore und blickte sehr ernst über die Halbmonde seiner
Lesebrille. »Das würde reichen, um jedem Jungen den Kopf zu verdrehen. Berühmt,
bevor er gehen und sprechen kann! Berühmt für etwas, an das er sich nicht einmal
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 11 von 11
erinnern wird! Sehen Sie nicht, wie viel besser es für ihn wäre, wenn er weit weg
von alledem aufwächst, bis er bereit ist, es zu begreifen?«
Professor McGonagall öffnete den Mund, änderte ihre Meinung, schluckte und
sagte: »Ja – ja, Sie haben Recht, natürlich. Doch wie kommt der Junge hierher,
Dumbledore?« Plötzlich musterte sie seinen Umhang, als dachte sie, er verstecke
vielleicht den kleinen Harry darunter.
»Hagrid bringt ihn mit.«
»Sie halten es für – klug, Hagrid etwas so Wichtiges anzuvertrauen?«
»Ich würde Hagrid mein Leben anvertrauen«, sagte Dumbledore.
»Ich behaupte nicht, dass sein Herz nicht am rechten Fleck ist«, grummelte
Professor McGonagall, »doch Sie können nicht so tun, als ob er besonders umsichtig
wäre. Er neigt dazu – was war das?«
Ein tiefes Brummen hatte die Stille um sie her zerbrochen. Immer lauter wurde
es, und sie schauten links und rechts die Straße hinunter, ob vielleicht ein
Scheinwerfer auftauchte. Der Lärm schwoll zu einem Dröhnen an, und als sie beide
zum Himmel blickten – da fiel ein riesiges Motorrad aus den Lüften und landete auf
der Straße vor ihnen.
Schon das Motorrad war gewaltig, doch nichts im Vergleich zu dem Mann, der
breitbeinig darauf saß. Er war fast zweimal so groß wie ein gewöhnlicher Mann und
mindestens fünfmal so breit. Er sah einfach verboten dick aus, und so wild – Haar
und Bart verdeckten mit langen Strähnen fast sein ganzes Gesicht, er hatte Hände,
so groß wie Mülleimerdeckel, und in den Lederstiefeln steckten Füße wie
Delphinbabys. In seinen ausladenden, muskelbepackten Armen hielt er ein Bündel
aus Leintüchern.
»Hagrid«, sagte Dumbledore mit erleichterter Stimme. »Endlich. Und wo hast du
dieses Motorrad her?«
»Hab es geborgt, Professor Dumbledore, Sir«, sagte der Riese und kletterte
vorsichtig von seinem Motorrad. »Der junge Sirius Black hat es mir geliehen. Ich
hab ihn, Sir.«
»Keine Probleme?«
»Nein, Sir – das Haus war fast zerstört, aber ich hab ihn gerade noch herausholen
können, bevor die Muggel angeschwirrt kamen. Er ist eingeschlafen, als wir über
Bristol flogen.«
Dumbledore und Professor McGonagall neigten ihre Köpfe über das
Leintuchbündel. Darin steckte, gerade eben zu sehen, ein kleiner Junge, fast noch
ein Baby, in tiefem Schlaf. Unter einem Büschel rabenschwarzen Haares auf der
Stirn konnten sie einen merkwürdigen Schnitt erkennen, der aussah wie ein Blitz.
»Ist es das, wo –?«, flüsterte Professor McGonagall.
»Ja«, sagte Dumbledore. »Diese Narbe wird ihm immer bleiben.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 12 von 12
»Können Sie nicht etwas dagegen tun, Dumbledore?«
»Selbst wenn ich es könnte, ich würde es nicht. Narben können recht nützlich
sein. Ich selbst habe eine oberhalb des linken Knies und die ist ein tadelloser Plan
der Londoner U-Bahn. Nun denn – gib ihn mir, Hagrid –, wir bringen es besser
hinter uns.«
Dumbledore nahm Harry in die Arme und wandte sich dem Haus der Dursleys zu.
»Könnte ich … könnte ich ihm adieu sagen, Sir?«, fragte Hagrid.
Er beugte seinen großen, struppigen Kopf über Harry und gab ihm einen gewiss
sehr kratzigen, barthaarigen Kuss. Dann, plötzlich, stieß Hagrid ein Heulen wie ein
verletzter Hund aus.
»Schhhh!«, zischte Professor McGonagall, »Sie wecken noch die Muggel auf!«
»V-v-verzeihung«, schluchzte Hagrid, zog ein großes, gepunktetes Taschentuch
hervor und vergrub das Gesicht darin. »Aber ich k-k-kann es einfach nicht fassen –
Lily und James tot – und der arme kleine Harry muss jetzt bei den Muggels leben –«
»Ja, ja, das ist alles sehr traurig, aber reiß dich zusammen, Hagrid, oder man wird
uns entdecken«, flüsterte Professor McGonagall und klopfte Hagrid behutsam auf
den Arm, während Dumbledore über die niedrige Gartenmauer stieg und zum
Vordereingang trat. Sanft legte er Harry vor die Eingangstür, zog einen Brief aus
dem Umhang, steckte ihn zwischen Harrys Leintücher und kehrte dann zu den
beiden andern zurück. Eine ganze Minute lang standen die drei da und sahen auf
das kleine Bündel; Hagrids Schultern zuckten, Professor McGonagall blinzelte
heftig, und das funkelnde Licht, das sonst immer aus Dumbledores Augen schien,
war wohl erloschen.
»Nun«, sagte Dumbledore schließlich, »das war’s … Wir haben hier nichts mehr zu
suchen. Wir sollten lieber verschwinden und zu den Feiern gehen.«
»Jaow«, sagte Hagrid mit sehr dumpfer Stimme, »ich bring am besten diese Kiste
weg. Nacht, Professor McGonagall – Professor Dumbledore, Sir.«
Hagrid wischte sich mit dem Jackenärmel die tropfnassen Augen, schwang sich
auf das Motorrad und erweckte die Maschine mit einem Fußkick zum Leben;
donnernd erhob sie sich in die Lüfte und verschwand in der Nacht.
»Wir werden uns bald wiedersehen, vermute ich, Professor McGonagall«, sagte
Dumbledore und nickte ihr zu. Zur Antwort schnäuzte sich Professor McGonagall
die Nase.
Dumbledore drehte sich um und entfernte sich die Straße entlang. An der Ecke
blieb er stehen und holte den Ausmacher hervor. Er knipste einmal und zwölf
Lichtbälle huschten zurück in ihre Straßenlaternen. Mit einem Mal leuchtete der
Ligusterweg in Orange, und er konnte eine kleine Tigerkatze sehen, die am anderen
Ende der Straße um die Ecke strich. Auf der Türschwelle von Nummer 4 konnte er
gerade noch das Bündel aus Leintüchern erkennen.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 13 von 13
»Viel Glück, Harry«, murmelte er. Er drehte sich auf dem Absatz um und mit
einem Wehen seines Umhangs war er verschwunden.
Eine Brise kräuselte die sorgfältig geschnittenen Hecken des Ligusterwegs, der
still und ordentlich dalag unter dem tintenfarbenen Himmel, und nie wäre man auf
den Gedanken gekommen, dass hier etwas Unerhörtes geschehen könnte. In seinen
Leintüchern drehte sich Harry Potter auf die Seite, ohne aufzuwachen. Seine
kleinen Finger klammerten sich an den Brief neben ihm, und er schlief weiter, nicht
wissend, dass er etwas Besonderes war, nicht wissend, dass er berühmt war, nicht
wissend, dass in ein paar Stunden, wenn Mrs Dursley die Haustür öffnen würde, um
die Milchflaschen hinauszustellen, ein Schrei ihn wecken würde, und auch nicht
wissend, dass ihn sein Vetter Dudley in den nächsten Wochen peinigen und
piesacken würde … Er konnte nicht wissen, dass in ebendiesem Moment überall im
Land geheime Versammlungen stattfanden, Gläser erhoben wurden und gedämpfte
Stimmen sagten: »Auf Harry Potter – den Jungen, der lebt!«
Ein Fenster verschwindet
Fast zehn Jahre waren vergangen, seit die Dursleys eines Morgens die Haustür
geöffnet und auf der Schwelle ihren Neffen gefunden hatten, doch der Ligusterweg
hatte sich kaum verändert. Wenn die Sonne aufging, tauchte sie dieselben fein
säuberlich gepflegten Vorgärten in ihr Licht und ließ dasselbe Messingschild mit der
Nummer 4 über der Tür erglimmen. Schließlich krochen ihre Strahlen ins
Wohnzimmer. Dort sah es fast genauso aus wie in jener Nacht, als Mr Dursley im
Fernsehen den unheilvollen Bericht über die Eulen gesehen hatte. Nur die Fotos auf
dem Kaminsims führten einem vor Augen, wie viel Zeit verstrichen war. Zehn Jahre
zuvor hatten dort eine Menge Bilder gestanden, auf denen etwas, das an einen
großen rosa Strandball erinnerte, zu sehen war und Bommelhüte in verschiedenen
Farben trug – doch Dudley Dursley war nun kein Baby mehr, und jetzt zeigten die
Fotos einen großen, blonden Jungen, mal auf seinem ersten Fahrrad, mal auf dem
Rummelplatz Karussell fahrend, mal beim Computerspiel mit dem Vater und
schließlich, wie ihn die Mutter knuddelte und küsste. Nichts in dem Zimmer ließ
ahnen, dass in diesem Haus auch noch ein anderer Junge lebte.
Doch Harry Potter war immer noch da, er schlief gerade, aber nicht mehr lange.
Seine Tante Petunia war schon wach und ihre schrille Stimme durchbrach die
morgendliche Stille.
»Aufstehen, aber dalli!«
Mit einem Schlag war Harry hellwach. Noch einmal trommelte seine Tante gegen
die Tür.
»Aufstehen!«, kreischte sie. Harry hörte, wie sie in die Küche ging und dort die
Pfanne auf den Herd stellte. Er drehte sich auf den Rücken und versuchte sich an
den Traum zu erinnern, den er gerade noch geträumt hatte. Es war ein guter
Traum. Ein fliegendes Motorrad war darin vorgekommen. Er hatte das
merkwürdige Gefühl, den Traum schon einmal geträumt zu haben.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 14 von 14
Draußen vor der Tür stand jetzt schon wieder seine Tante.
»Bist du schon auf den Beinen?«, fragte sie.
»Fast«, sagte Harry.
»Beeil dich. Ich möchte, dass du auf den Schinken aufpasst. Und lass ihn ja nicht
anbrennen, an Duddys Geburtstag muss alles tipptopp sein.«
Harry stöhnte.
»Was hast du gesagt?«, keifte seine Tante durch die Tür.
»Nichts, nichts …«
Dudleys Geburtstag – wie konnte er den nur vergessen haben? Langsam kletterte
Harry aus dem Bett und begann nach Socken zu suchen. Unter seinem Bett fand er
ein Paar, zupfte eine Spinne davon weg und zog sie an. Harry war an Spinnen
gewöhnt, weil es im Schrank unter der Treppe von Spinnen wimmelte. Und in
diesem Schrank schlief Harry.
Als er angezogen war, ging er den Flur entlang und betrat die Küche. Der ganze
Tisch war über und über bedeckt mit Geburtstagsgeschenken. Offenbar hatte
Dudley den neuen Computer bekommen, den er sich gewünscht hatte, und, der Rede
gar nicht wert, auch noch den zweiten Fernseher und das Rennrad. Warum Dudley
eigentlich ein Rennrad haben wollte, war Harry ein Rätsel, denn Dudley war sehr
dick und verabscheute Sport – außer natürlich, wenn es darum ging, andern eine
reinzuhauen. Dudleys Lieblingsopfer war Harry, doch den bekam er nicht so oft zu
fassen. Man sah es Harry zwar nicht an, aber er konnte sehr schnell rennen.
Vielleicht hatte es damit zu tun, dass er in einem dunklen Schrank lebte,
jedenfalls war Harry für sein Alter immer recht klein und dürr gewesen. Er sah
sogar noch kleiner und dürrer aus, als er in Wirklichkeit war, denn alles, was er
zum Anziehen hatte, waren die abgelegten Klamotten Dudleys, und der war etwa
viermal so dick wie Harry. Harry hatte ein schmales Gesicht, knubbelige Knie,
schwarzes Haar und hellgrüne Augen. Er trug eine Brille mit runden Gläsern, die,
weil Dudley ihn auf die Nase geschlagen hatte, mit viel Klebeband
zusammengehalten wurden. Das Einzige, das Harry an seinem Aussehen mochte,
war eine sehr feine Narbe auf seiner Stirn, die an einen Blitz erinnerte. So weit er
zurückdenken konnte, war sie da gewesen, und seine allererste Frage an Tante
Petunia war gewesen, wie er zu dieser Narbe gekommen war.
»Durch den Autounfall, bei dem deine Eltern starben«, hatte sie gesagt. »Und jetzt
hör auf zu fragen.«
Hör auf zu fragen – das war die erste Regel, wenn man bei den Dursleys ein
ruhiges Leben fristen wollte.
Onkel Vernon kam in die Küche, als Harry gerade den Schinken umdrehte.
»Kämm dir die Haare!«, bellte er als Morgengruß.
Etwa einmal die Woche spähte Onkel Vernon über seine Zeitung und rief, Harry
müsse endlich einmal zum Friseur. Harry musste öfter beim Friseur gewesen sein
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 15 von 15
als alle Jungen seiner Klasse zusammen, doch es half nichts. Sein Haar wucherte
einfach vor sich hin – wie ein wilder Garten.
Harry briet gerade Eier, als Dudley mit seiner Mutter in die Küche kam. Dudley
sah Onkel Vernon auffällig ähnlich. Er hatte ein breites, rosa Gesicht, nicht viel
Hals, kleine, wässrige blaue Augen und dichtes blondes Haar, das glatt auf seinem
runden, fetten Kopf lag. Tante Petunia sagte oft, dass Dudley aussehe wie ein
kleiner Engel – Harry sagte oft, Dudley sehe aus wie ein Schwein mit Perücke.
Harry stellte die Teller mit Eiern und Schinken auf den Tisch, was schwierig war,
denn viel Platz gab es nicht. Dudley zählte unterdessen seine Geschenke. Er zog
eine Schnute.
»Sechsunddreißig«, sagte er und blickte auf zu Mutter und Vater. »Das sind zwei
weniger als letztes Jahr.«
»Liebling, du hast Tante Magdas Geschenk nicht mitgezählt, schau, es ist hier
unter dem großen von Mummy und Daddy.«
»Na gut, dann eben siebenunddreißig«, sagte Dudley und lief rot an – Harry, der
einen gewaltigen Wutanfall nach Art von Dudley kommen sah, schlang seinen
Schinken so schnell wie möglich hinunter, für den Fall, dass Dudley den Tisch
umkippte.
Auch Tante Petunia witterte offenbar Gefahr, denn rasch sagte sie: »Und heute,
wenn wir ausgehen, kaufen wir dir noch zwei Geschenke. Was sagst du nun,
Spätzchen?«
Dudley dachte einen Augenblick nach und es sah wie Schwerstarbeit aus.
Schließlich sagte er langsam: »Dann habe ich achtund… achtund…«
»Neununddreißig, mein Süßer«, sagte Tante Petunia.
»Oh.« Dudley ließ sich auf einen Stuhl plumpsen und grabschte nach einem
Päckchen. »Von mir aus.«
Onkel Vernon gluckste.
»Der kleine Lümmel will was sehen für sein Geld, genau wie sein Vater. Braver
Junge, Dudley!« Er fuhr mit der Hand durch Dudleys Haar.
In diesem Moment klingelte das Telefon, und Tante Petunia ging an den Apparat,
während Harry und Onkel Vernon Dudley dabei zusahen, wie er das Rennrad, eine
Videokamera, ein ferngesteuertes Modellflugzeug, sechzehn neue Computerspiele
und einen Videorecorder auspackte. Gerade riss er das Papier von einer goldenen
Armbanduhr, als Tante Petunia mit zornigem und besorgtem Blick vom Telefon
zurückkam.
»Schlechte Nachrichten, Vernon«, sagte sie. »Mrs Figg hat sich ein Bein
gebrochen. Sie kann ihn nicht nehmen.« Unwirsch nickte sie mit dem Kopf in Harrys
Richtung.
Dudley klappte vor Schreck der Mund auf, doch Harrys Herz begann zu hüpfen.
Jedes Jahr an Dudleys Geburtstag machten seine Eltern mit ihm und einem Freund
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 16 von 16
einen Ausflug, sie besuchten Abenteuerparks, gingen Hamburger essen oder ins
Kino. Jedes Jahr blieb Harry bei Mrs Figg, einer verrückten alten Dame zwei
Straßen weiter. Harry hasste es, dorthin zu gehen. Das ganze Haus roch nach Kohl,
und Mrs Figg bestand darauf, dass er sich die Fotos aller Katzen ansah, die sie je
besessen hatte.
»Und nun?«, sagte Tante Petunia und sah Harry so zornig an, als hätte er
persönlich diese Unannehmlichkeit ausgeheckt. Harry wusste, es sollte ihm
eigentlich leidtun, dass sich Mrs Figg ein Bein gebrochen hatte, doch fiel ihm das
nicht leicht bei dem Gedanken, sich Tibbles, Snowy, Putty und Tuffy erst wieder in
einem Jahr angucken zu müssen.
»Wir könnten Magda anrufen«, schlug Onkel Vernon vor.
»Sei nicht albern, Vernon, sie hasst den Jungen.«
Die Dursleys sprachen oft über Harry, als ob er gar nicht da wäre – oder vielmehr,
als ob er etwas ganz Widerwärtiges wäre, das sie nicht verstehen konnten, eine
Schnecke vielleicht.
»Was ist mit Wie-heißt-sie-noch-mal, deine Freundin – Yvonne?«
»Macht Ferien auf Mallorca«, sagte Tante Petunia barsch.
»Ihr könntet mich einfach hierlassen«, schlug Harry hoffnungsvoll vor (dann
konnte er zur Abwechslung mal fernsehen, was er wollte, und sich vielleicht sogar
einmal über Dudleys Computer hermachen).
Tante Petunia schaute, als hätte sie soeben in eine Zitrone gebissen.
»Und wenn wir zurückkommen, liegt das Haus in Trümmern?«, raunzte sie.
»Ich werde das Haus schon nicht in die Luft jagen«, sagte Harry, aber sie hörten
ihm nicht zu.
»Ich denke, wir könnten ihn in den Zoo mitnehmen«, sagte Tante Petunia
langsam, »… und ihn im Wagen lassen …«
»Der Wagen ist neu, kommt nicht in Frage, dass er alleine drinbleibt …«
Dudley begann laut zu weinen. Er weinte zwar nicht wirklich, seit Jahren hatte er
nicht mehr wirklich geweint, aber er wusste, wenn er eine Schnute zog und
jammerte, würde ihm seine Mutter alles geben, was er wollte.
»Mein kleiner Duddybums, weine nicht, Mami wird nicht zulassen, dass er deinen
Geburtstag verdirbt.«
»Ich … will … nicht … dass er … m-m-mitkommt!«, schrie Dudley zwischen den
markerschütternden falschen Schluchzern. »Er macht immer alles k-k-kaputt!«
Durch die Arme seiner Mutter hindurch warf er Harry ein gehässiges Grinsen zu.
In diesem Augenblick läutete es an der Tür – »Ach du liebes bisschen, da sind
sie!«, rief Tante Petunia hellauf entsetzt – und schon marschierte Dudleys bester
Freund, Piers Polkiss, in Begleitung seiner Mutter herein. Piers war ein magerer
Junge mit einem Gesicht wie eine Ratte. Meist war es Piers, der den anderen
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 17 von 17
Kindern die Arme auf dem Rücken festhielt, während Dudley auf sie einschlug.
Sofort hörte Dudley auf mit seinem falschen Weinen.
Eine halbe Stunde später saß Harry, der sein Glück noch nicht fassen konnte,
zusammen mit Piers und Dudley hinten im Wagen, auf dem Weg zum ersten
Zoobesuch seines Lebens. Onkel und Tante war einfach nichts Besseres eingefallen,
doch bevor sie aufgebrochen waren, hatte Onkel Vernon Harry beiseitegenommen.
»Ich warne dich«, hatte er gesagt und war mit seinem großen purpurroten Gesicht
dem Harrys ganz nahe gekommen, »ich warne dich jetzt, Junge – irgendwelche
krummen Dinger, auch nur eine Kleinigkeit – und du bleibst von heute bis
Weihnachten im Schrank.«
»Ich mach überhaupt nichts«, sagte Harry, »ehrlich …«
Doch Onkel Vernon glaubte ihm nicht. Nie glaubte ihm jemand.
Das Problem war, dass oft merkwürdige Dinge um Harry herum geschahen, und
es hatte einfach keinen Zweck, den Dursleys zu sagen, dass er nichts dafür konnte.
Einmal, als Harry wieder einmal vom Friseur kam und so aussah, als sei er gar
nicht dort gewesen, hatte sich Tante Petunia voll Überdruss eine Küchenschere
gegriffen und sein Haar so kurz geschnitten, dass er am Ende fast eine Glatze hatte.
Nur über der Stirn hatte sie noch etwas übrig gelassen, um »diese schreckliche
Narbe zu verdecken«. Dudley hatte sich dumm und dämlich gelacht bei diesem
Anblick, und Harry machte in dieser Nacht kein Auge zu beim Gedanken, wie es
ihm am nächsten Tag in der Schule ergehen würde, wo sie ihn ohnehin schon wegen
seiner ausgebeulten Sachen und seiner zusammengeklebten Brille hänselten. Am
nächsten Morgen jedoch wachte er auf und fand sein Haar genauso lang vor, wie es
gewesen war, bevor Tante Petunia es ihm abgesäbelt hatte. Dafür hatte er eine
Woche Schrank bekommen, obwohl er versucht hatte zu erklären, dass er
sich nicht erklären konnte, wie das Haar so rasch wieder gewachsen war.
Ein andermal hatte Tante Petunia versucht, ihn in einen ekligen alten Pulli von
Dudley zu zwängen (braun mit orangeroten Bommeln). Je verzweifelter sie sich
mühte, ihn über Harrys Kopf zu ziehen, desto enger schien er zu werden, bis er am
Ende vielleicht noch einer Babypuppe gepasst hätte, aber sicher nicht Harry. Tante
Petunia gab sich schließlich mit der Erklärung zufrieden, er müsse wohl beim
Waschen eingelaufen sein, und zu Harrys großer Erleichterung bestrafte sie ihn
nicht.
Andererseits war er in schreckliche Schwierigkeiten geraten, weil man ihn eines
Tages auf dem Dach der Schulküche gefunden hatte. Dudleys Bande hatte ihn wie
üblich gejagt, als er auf einmal, und zwar ebenso verdutzt wie alle andern, auf dem
Kamin saß. Die Dursleys bekamen daraufhin in einem sehr wütenden Brief von
Harrys Schulleiterin zu lesen, Harry sei das Schulhaus emporgeklettert. Doch alles,
was er hatte tun wollen, war (wie er Onkel Vernon durch die verschlossene Tür
seines Schranks zurief), hinter die großen Abfalleimer draußen vor der Küchentür
zu springen. Vielleicht, überlegte Harry, hatte ihn der Wind mitten im Sprung
erfasst und hochgetragen.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 18 von 18
Doch heute sollte nichts schiefgehen. Um den Tag bloß nicht in der Schule, seinem
Schrank oder in Mrs Figgs nach Kohl riechendem Wohnzimmer verbringen zu
müssen, nahm er sogar die Gesellschaft von Dudley und Piers in Kauf.
Während der Fahrt beschwerte sich Onkel Vernon bei Tante Petunia. Er beklagte
sich gerne: die Leute im Büro, Harry, der Stadtrat, Harry, die Bank und Harry
waren nur einige seiner Lieblingsthemen. Heute Morgen waren es die
Motorradfahrer.
»… jagen hier lang wie die Verrückten, diese jungen Rowdys«, klagte er, als ein
Motorrad sie überholte.
»Ich habe von einem Motorrad geträumt«, sagte Harry, der sich plötzlich wieder
daran erinnerte. »Es konnte fliegen.«
Onkel Vernon knallte beinahe in den Vordermann. Er drehte sich auf seinem Sitz
ganz nach hinten um, das Gesicht wie eine riesige Scheibe Rote Bete mit
Schnurrbart, und schrie Harry an: »MOTORRÄDER FLIEGEN NICHT!«
Dudley und Piers wieherten.
»Das weiß ich«, sagte Harry. »Es war ja nur ein Traum.«
Hätte er bloß nichts gesagt, dachte er. Wenn es etwas gab, was die Dursleys noch
mehr hassten als seine Fragen, dann waren es seine Geschichten über die Dinge, die
sich nicht so verhielten, wie sie sollten, egal, ob es nun in einem Traum oder in
einem Comic passierte – sie glaubten offenbar, er könnte auf gefährliche Gedanken
kommen.
Es war ein sehr sonniger Sonnabend und im Zoo drängelten sich die Familien. Die
Dursleys kauften Dudley und Piers am Eingang ein paar große Schoko-Eiskugeln,
und weil die Frau im Eiswagen Harry mit einem Lächeln fragte, was denn der junge
Mann bekomme, kauften sie ihm ein billiges Zitroneneis am Stiel. Das war auch
nicht schlecht, dachte Harry und lutschte vor sich hin, während sie einem Gorilla
zuschauten, der sich am Kopf kratzte und der, auch wenn er nicht blond war,
Dudley erstaunlich ähnlich sah.
Es war Harrys bester Morgen seit langem. Umsichtig ging er ein Stück hinter den
Dursleys her, damit Dudley und Piers, die um die Mittagszeit anfingen sich zu
langweilen, nicht wieder auf ihre Lieblingsbeschäftigung verfielen, nämlich Harry
zu verhauen. Sie aßen im Zoorestaurant, und als Dudley einen Wutanfall bekam,
weil sein Eisbecher Hawaii nicht groß genug war, bestellte ihm Onkel Vernon einen
neuen, und Harry durfte den ersten aufessen.
Das war des Guten zu viel, und im Nachhinein hatte Harry das Gefühl, er hätte es
wissen müssen.
Nach dem Mittagessen gingen sie ins Reptilienhaus. Hier drin war es kühl und
dunkel und entlang der Wände waren beleuchtete Sichtfenster eingelassen. Hinter
dem Glas krabbelten und glitten alle Arten von Echsen und Schlangen über Äste
und Steine. Dudley und Piers wollten die riesigen, giftigen Kobras und die
Pythonschlangen sehen, die Menschen zerquetschen konnten. Schnell fand Dudley
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 19 von 19
die größte Schlange, die es hier gab. Sie hätte sich zweimal um Onkel Vernons
Wagen schlingen und ihn in einen Mülleimer quetschen können – doch offenbar war
sie dazu gerade nicht in Stimmung. Tatsächlich döste sie vor sich hin.
Dudley hatte die Nase gegen das Fenster gepresst und starrte wie gebannt auf die
glänzenden braunen Windungen.
»Mach, dass sie sich bewegt«, sagte er in quengelndem Ton zu seinem Vater.
Onkel Vernon klopfte mit der Faust gegen das Glas, doch die Schlange rührte sich
nicht.
»Mach’s noch einmal«, befahl Dudley. Onkel Vernon trommelte behände mit den
Knöcheln auf das Glas, doch die Schlange schnarchte einfach weiter.
»Wie langweilig«, klagte Dudley und schlurfte davon.
Harry trat vor die Scheibe und ließ den Blick auf der Schlange ruhen. Es hätte ihn
nicht überrascht, wenn auch sie vor Langeweile gestorben wäre – keine Gesellschaft
außer doofen Leuten, die mit den Fingern gegen das Glas trommelten und sie den
ganzen Tag lang störten. Das war schlimmer, als einen Schrank als Zimmer zu
haben, wo der einzige Besucher Tante Petunia war, die an die Tür hämmerte, um
einen aufzuwecken. Doch zumindest bekam er den Rest des Hauses zu sehen.
Die Schlange öffnete plötzlich ihre kleinen Perlaugen. Langsam, ganz allmählich,
hob sie den Kopf, bis ihre Augen auf einer Höhe mit denen Harrys waren.
Sie zwinkerte.
Harry starrte sie an. Rasch blickte er über die Schulter, ob jemand zusah.
Niemand. Er drehte sich wieder zu der Schlange um und zwinkerte zurück.
Die Schlange stieß mit dem Kopf in Richtung Onkel Vernon und Dudley und rollte
die Augen nach oben. Sie sah Harry mit einem Blick an, der eindeutig sagte:
»So was muss ich den ganzen Tag ertragen.«
»Ich weiß«, murmelte Harry durch das Glas, wenn er auch nicht sicher war, ob die
Schlange ihn hören konnte. »Das muss dich wirklich auf die Palme bringen.«
Die Schlange nickte lebhaft.
»Woher kommst du eigentlich?«, fragte Harry.
Die Schlange stieß mit ihrem Schwanz gegen ein kleines Schild nahe dem Fenster.
Harry spähte auf die Inschrift.
Boa constrictor, Brasilien.
»War es schön dort?«
Wieder stieß die Schlange mit dem Schwanz gegen das Schild und Harry las
weiter: Dieses Exemplar wurde im Zoo ausgebrütet. »Oh, ich verstehe, du warst nie
in Brasilien?«
Die Schlange schüttelte den Kopf, und plötzlich erschallte hinter Harry ein
ohrenbetäubendes Rufen, das sie beide zusammenzucken ließ: »DUDLEY! MR
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 20 von 20
DURSLEY! KOMMT UND SEHT EUCH DIESE SCHLANGE
AN!DAS GLAUBT IHR NICHT, WAS DIE TUT!«
Dudley kam, so schnell er konnte, auf sie zugewatschelt.
»Aus dem Weg, Mann«, sagte er und stieß Harry in die Rippen. Harry, von dem
Schlag ganz überrascht, fiel hart auf den Betonboden. Was nun kam, passierte so
schnell, dass niemand sah, wie es geschah: Einen Moment lang drückten sich Piers
und Dudley ganz dicht gegen das Glas und im nächsten Moment sprangen sie unter
Schreckgeheule zurück.
Harry setzte sich auf und nun stockte ihm der Atem. Die Glasscheibe am
Terrarium der Boa constrictor war verschwunden. Die große Schlange entrollte sich
im Nu und schlängelte sich heraus auf den Boden. – Im ganzen Reptilienhaus
schrien die Menschen und rannten zu den Ausgängen.
Als die Schlange an Harry vorbeiglitt, hätte er schwören können, dass eine leise,
zischelnde Stimme sagte: »Brasilien, ich komme … tschüsss, Amigo.«
Der Obertierpfleger des Reptilienhauses stand unter Schock.
»Aber das Glas«, murmelte er ständig vor sich hin, »was ist aus dem Glas
geworden?«
Der Zoodirektor persönlich brühte Tante Petunia eine Tasse starken, süßen Tee und
überschlug sich mit seinen Entschuldigungen. Piers und Dudley schnatterten nur
noch. Soweit Harry es gesehen hatte, hatte die Schlange nichts getan, außer im
Vorbeigleiten spielerisch gegen ihre Fersen zu schlenzen, doch als sie alle wieder in
Onkel Vernons Wagen saßen, erzählte ihnen Dudley, die Schlange hätte ihm fast
das Bein abgebissen, während Piers schwor, sie hätte versucht, ihn totzuquetschen.
Doch am schlimmsten für Harry war, dass Piers, als er sich ein wenig beruhigt
hatte, sagte: »Harry hat mit ihr gesprochen, nicht wahr, Harry?«
Onkel Vernon wartete, bis Piers endgültig aus dem Haus war, bevor er sich Harry
vorknöpfte. Er war so wütend, dass er kaum ein Wort hervorbrachte. »Geh –
Schrank – bleib – kein Essen«, konnte er gerade noch herauswürgen, bevor er auf
einem Stuhl zusammensackte und Tante Petunia ihm schleunigst einen großen
Cognac bringen musste.
Harry lag noch lange wach in seinem dunklen Schrank. Hätte er doch nur eine
Uhr. Er wusste nicht, wie spät es war, und er war sich nicht sicher, ob die Dursleys
schon schliefen. Bis es so weit war, konnte er es nicht riskieren, in die Küche zu
schleichen und sich etwas zu essen zu holen.
Fast zehn Jahre lebte er nun bei den Dursleys, solange er sich erinnern konnte,
und es waren zehn elende Jahre gewesen. Schon als Baby war er zu ihnen
gekommen, denn seine Eltern waren bei einem Autounfall gestorben. Er konnte sich
nicht erinnern, in diesem Auto gewesen zu sein, als der Unfall passierte. Manchmal,
wenn er sich während der langen Stunden im Schrank ganz angestrengt zu erinnern
suchte, tauchte ein unheimliches Bild vor seinen Augen auf: ein blendend heller
Blitz aus grünem Licht und ein brennender Schmerz auf seiner Stirn. Das musste
der Unfall gewesen sein, obwohl er sich nicht erklären konnte, wo all das grüne
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 21 von 21
Licht herkam. Er konnte sich überhaupt nicht an seine Eltern erinnern. Onkel und
Tante sprachen nie über sie, und natürlich war es ihm verboten, Fragen zu stellen.
Im Haus gab es auch keine Fotos von ihnen.
Als Harry noch jünger gewesen war, hatte er immer und immer wieder von einem
unbekannten Verwandten geträumt, der kommen und ihn mitnehmen würde, aber
das war nie Wirklichkeit geworden; die Dursleys waren alles, was er noch an
Familie hatte. Doch manchmal hatte er den Eindruck (oder vielleicht die Hoffnung),
dass Unbekannte auf der Straße ihn zu kennen schienen. Sehr merkwürdige
Unbekannte waren das übrigens. Einmal, als er mit Tante Petunia und Dudley beim
Einkaufen war, hatte sich ein kleiner Mann mit einem violetten Zylinder vor ihm
verneigt. Tante Petunia fragte Harry ganz entsetzt, ob er den Mann kenne, und
schubste ihn und Dudley hastig aus dem Laden, ohne etwas zu kaufen. Ein
andermal hatte ihm eine wild aussehende, ganz in Grün gekleidete alte Frau im Bus
fröhlich zugewinkt. Und ein glatzköpfiger Mann mit einem sehr langen, purpurnen
Umhang hatte ihm doch tatsächlich mitten auf der Straße die Hand geschüttelt und
war dann, ohne ein Wort zu sagen, weitergegangen. Das Seltsamste an all diesen
Leuten war, dass sie zu verschwinden schienen, wenn Harry versuchte sie genauer
anzusehen.
In der Schule hatte Harry niemanden. Jeder wusste, dass Dudleys Bande diesen
komischen Harry Potter mit seinen ausgebeulten alten Klamotten und seiner
zerbrochenen Brille nicht ausstehen konnte, und niemand mochte Dudleys Bande in
die Quere kommen.
Briefe von niemandem
Die Flucht der brasilianischen Boa constrictor hatte Harry die bisher längste Strafe
eingebracht. Als er den Schrank wieder verlassen durfte, hatten die Sommerferien
begonnen. Dudley hatte seine neue Videokamera schon längst zertrümmert und sein
ferngesteuertes Flugzeug zu Bruch geflogen. Bei seiner ersten Fahrt mit dem
Rennrad hatte er die alte Mrs Figg, die gerade, auf ihre Krücken gestützt, den
Ligusterweg überquerte, über den Haufen geradelt.
Harry war froh, dass die Schule zu Ende war, doch Dudleys Bande, die das Haus
Tag für Tag heimsuchte, konnte er nicht entkommen. Piers, Dennis, Malcolm und
Gordon waren allesamt groß und dumm, doch weil Dudley der Größte und Dümmste
von allen war, war er ihr Anführer. Die andern schlossen sich mit ausgesprochenem
Vergnügen Dudleys Lieblingssport an: Harry jagen.
Deshalb verbrachte Harry möglichst viel Zeit außer Haus und wanderte durch die
Straßen. Das baldige Ende der Ferien war ein kleiner Hoffnungsschimmer. Im
September würde er auf die höhere Schule kommen und zum ersten Mal im Leben
nicht mehr mit Dudley zusammen sein. Dudley hatte einen Platz an Onkel Vernons
alter Schule, Smeltings. Auch Piers Polkiss ging dorthin. Harry dagegen kam in die
Stonewall High School, die Gesamtschule in der Nachbarschaft. Dudley fand das
sehr lustig.
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»In Stonewall stecken sie den Neuen am ersten Tag den Kopf ins Klo«, eröffnete er
Harry. »Willst du mit hochkommen und schon mal üben?«
»Nein, danke«, sagte Harry. »Das arme Klo hat noch nie etwas so Fürchterliches
wie deinen Kopf geschluckt – vielleicht wird ihm schlecht davon.« Dann rannte er
los, bevor sich Dudley einen Reim darauf machen konnte.
Eines Tages im Juli nahm Tante Petunia Dudley mit nach London, um dort die
Schuluniform für Smeltings zu kaufen, und ließ Harry bei Mrs Figg zurück. Mrs
Figg war nicht mehr so übel wie früher. Harry erfuhr, dass sie sich den Fuß
gebrochen hatte, als sie über eine ihrer Katzen gestolpert war, und inzwischen
schien sie von ihnen nicht mehr ganz so begeistert zu sein. Sie ließ Harry fernsehen
und reichte ihm ein Stück Schokoladenkuchen, der schmeckte, als hätte sie ihn
schon etliche Jahre aufbewahrt.
An diesem Abend stolzierte Dudley in seiner neuen Uniform unter den Augen der
Eltern im Wohnzimmer umher. Die Jungen in Smeltings trugen kastanienbraune
Fräcke, orangefarbene Knickerbocker-Hosen und flache Strohhüte, die sie
»Kreissägen« nannten. Außerdem hatten sie knorrige Holzstöcke, mit denen sie sich,
wenn die Lehrer nicht hinsahen, gegenseitig Hiebe versetzten. Das galt als gute
Übung fürs spätere Leben.
Onkel Vernon musterte Dudley in den neuen Knickerbockern und grummelte
etwas vom stolzesten Augenblick seines Lebens. Tante Petunia brach in Tränen aus
und sagte, sie könne es einfach nicht fassen, dass dies ihr süßer kleiner Dudleyspatz
sei, so hübsch und erwachsen, wie er aussehe. Harry wagte nicht, auch nur ein Wort
zu sagen. Womöglich hatte er sich schon zwei Rippen angeknackst vor lauter
Anstrengung, nicht loszulachen.
Am nächsten Morgen, als Harry zum Frühstück in die Küche kam, schlug ihm ein
fürchterlicher Gestank entgegen. Offenbar kam er von einer großen Emailwanne in
der Spüle. Er trat näher, um sich die Sache anzusehen. In dem grauen Wasser der
Schüssel schwamm etwas, das aussah wie ein Bündel schmutziger Lumpen.
»Was ist das denn?«, fragte er Tante Petunia. Sie kniff die Lippen zusammen, wie
immer, wenn er eine Frage zu stellen wagte.
»Deine neue Schuluniform«, sagte sie.
Harry warf noch einen Blick in die Schüssel.
»Aha«, sagte er, »ich wusste nicht, dass sie so nass sein muss.«
»Stell dich nicht so dumm an«, keifte Tante Petunia. »Ich färbe ein paar alte
Sachen grau für dich. Die sehen dann genauso aus wie die der andern.«
Das bezweifelte Harry ernsthaft, er hielt es aber für besser, ihr nicht zu
widersprechen. Er setzte sich an den Tisch und versuchte nicht daran zu denken,
wie er an seinem ersten Schultag in der Stonewall High aussehen würde –
vermutlich wie einer, der ein paar Fetzen alter Elefantenhaut trug.
Dudley und Onkel Vernon kamen herein und beide hielten sich beim Gestank von
Harrys neuer Uniform die Nase zu. Onkel Vernon schlug wie immer seine Zeitung
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auf, und Dudley knallte seinen Smelting-Stock, den er immer bei sich trug, auf den
Tisch.
Die Klappe des Briefschlitzes quietschte und die Post klatschte auf die Türmatte.
»Hol die Post, Dudley«, sagte Onkel Vernon hinter seiner Zeitung hervor.
»Soll doch Harry sie holen.«
»Hol die Post, Harry.«
»Soll doch Dudley sie holen.«
»Knuff ihn mal mit deinem Smelting-Stock, Dudley.«
Harry wich dem Stock aus und ging hinaus, um die Post zu holen. Dreierlei lag
auf der Türmatte: eine Postkarte von Onkel Vernons Schwester Magda, die Ferien
auf der Isle of Wight machte, ein brauner Umschlag, der wohl eine Rechnung
enthielt, und – ein Brief für Harry.
Harry hob ihn auf und starrte auf den Umschlag. Sein Herz schwirrte wie ein
riesiges Gummiband. Niemand hatte ihm je in seinem ganzen Leben einen Brief
geschrieben. Wer konnte es sein? Er hatte keine Freunde, keine anderen
Verwandten – er war nicht in der Bücherei angemeldet und hatte deshalb auch nie
unhöfliche Aufforderungen erhalten, Bücher zurückzubringen. Doch hier war er, ein
Brief, so klar adressiert, dass ein Fehler ausgeschlossen war:
Mr H. Potter
Im Schrank unter der Treppe
Ligusterweg 4
Little Whinging
Surrey
Dick und schwer war der Umschlag, aus gelblichem Pergament, und die Adresse
war mit smaragdgrüner Tinte geschrieben. Eine Briefmarke war nicht draufgeklebt.
Mit zitternder Hand drehte Harry den Brief um und sah ein purpurnes Siegel aus
Wachs, auf das ein Wappenschild eingeprägt war: ein Löwe, ein Adler, ein Dachs
und eine Schlange, die einen Kreis um den Buchstaben »H« schlossen.
»Beeil dich, Junge!«, rief Onkel Vernon aus der Küche. »Was machst du da
draußen eigentlich, Briefbombenkontrolle?« Er gluckste über seinen eigenen Scherz.
Harry kam in die Küche zurück, den Blick unverwandt auf den Brief gerichtet. Er
reichte Onkel Vernon die Rechnung und die Postkarte, setzte sich und begann
langsam den gelben Umschlag zu öffnen.
Onkel Vernon riss den Brief mit der Rechnung auf, schnaubte vor Abscheu und
überflog die Postkarte.
»Magda ist krank«, teilte er Tante Petunia mit. »Hat eine faule Wellhornschnecke
gegessen …«
»Dad!«, sagte Dudley plötzlich. »Dad, Harry hat etwas!«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 24 von 24
Harry war gerade dabei, den Brief zu entfalten, der aus demselben schweren
Pergament bestand wie der Umschlag, als Onkel Vernon ihm das Blatt aus der
Hand riss.
»Das ist für mich!«, rief Harry und versuchte Onkel Vernon den Brief
wegzuschnappen.
»Wer sollte dir denn schreiben?«, höhnte Onkel Vernon, schüttelte das
zusammengefaltete Blatt mit einer Hand auseinander und begann zu lesen. Sein
Gesicht wechselte schneller von Rot zu Grün als eine Verkehrsampel. Und es blieb
nicht bei Grün. Nach ein paar Sekunden war es gräulich-weiß wie alter
Haferschleim.
»P-P-Petunia!«, stieß er keuchend hervor.
Dudley grabschte nach dem Brief, um ihn zu lesen, aber Onkel Vernon hielt ihn
hoch, so dass er ihn nicht zu fassen bekam. Tante Petunia nahm ihn neugierig in die
Hand und las die erste Zeile. Einen Moment lang sah es so aus, als würde sie in
Ohnmacht fallen. Sie griff sich an den Hals und gab ein würgendes Geräusch von
sich.
»Vernon! Ach du lieber Gott – Vernon!«
Sie starrten einander an, als hätten sie vergessen, dass Harry und Dudley immer
noch in der Küche waren. Dudley war es nicht gewohnt, ignoriert zu werden. Mit
dem Smelting-Stock versetzte er seinem Vater einen kurzen schmerzhaften Hieb auf
den Kopf.
»Ich will diesen Brief lesen«, sagte er laut.
»Ich will ihn lesen«, sagte Harry wütend, »es ist nämlich meiner.«
»Raus hier, beide«, krächzte Onkel Vernon und stopfte den Brief in den Umschlag
zurück.
Harry rührte sich nicht vom Fleck.
»ICH WILL MEINEN BRIEF!«, rief er.
»Lass mich sehen!«, verlangte Dudley.
»RAUS!«, brüllte Onkel Vernon, packte Harry und Dudley am Genick, warf sie
hinaus in den Flur und knallte die Küchentür hinter ihnen zu. Prompt lieferten sich
Harry und Dudley einen erbitterten, aber stummen Kampf darum, wer am
Schlüsselloch lauschen durfte. Dudley gewann, und so legte sich Harry, die Brille
von einem Ohr herabhängend, flach auf den Bauch und lauschte an dem Spalt
zwischen Tür und Fußboden.
»Vernon«, sagte Tante Petunia mit zitternder Stimme, »schau dir die Adresse an –
wie können sie denn nur wissen, wo er schläft? Sie beobachten doch nicht etwa
unser Haus?«
»Beobachten – spionieren – vielleicht folgen sie uns«, murmelte Onkel Vernon
verwirrt.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 25 von 25
»Aber was sollen wir tun, Vernon? Sollen wir vielleicht antworten? Ihnen sagen,
wir wollen nicht –«
Harry konnte Onkel Vernons glänzende schwarze Schuhe die Küche auf und ab
schreiten sehen.
»Nein«, sagte er endlich. »Nein, wir tun so, als ob nichts wäre. Wenn sie keine
Antwort bekommen … Ja, das ist das Beste … Wir tun gar nichts …«
»Aber –«
»Ich will keinen davon im Haus haben, Petunia! Als wir ihn aufnahmen, haben
wir uns da nicht geschworen, diesen gefährlichen Unsinn auszumerzen?«
Als Onkel Vernon an diesem Abend vom Büro zurückkam, tat er etwas, was er nie
zuvor getan hatte: Er besuchte Harry in seinem Schrank.
»Wo ist mein Brief?«, sagte Harry, kaum hatte sich Onkel Vernon durch die Tür
gezwängt. »Wer schreibt an mich?«
»Niemand. Er war nur versehentlich an dich adressiert«, sagte Onkel Vernon kurz
angebunden. »Ich habe ihn verbrannt.«
»Es war kein Versehen«, rief Harry zornig, »mein Schrank stand drauf.«
»RUHE!«, schrie Onkel Vernon und ein paar Spinnen fielen von der Decke. Er
holte ein paar Mal tief Luft und zwang dann sein Gesicht zu einem recht
schmerzhaft wirkenden Lächeln.
»Ahm – ja, Harry – wegen dieses Schranks hier. Deine Tante und ich haben
darüber nachgedacht … Du wirst allmählich wirklich etwas zu groß dafür … Wir
meinen, es wäre doch nett, wenn du in Dudleys zweites Schlafzimmer ziehen
würdest.«
»Warum?«, sagte Harry.
»Keine dummen Fragen!«, fuhr ihn der Onkel an. »Bring dieses Zeug nach oben,
aber sofort.«
Das Haus der Dursleys hatte vier Schlafzimmer: eines für Onkel Vernon und
Tante Petunia, eines für Besucher (meist Onkel Vernons Schwester Magda), eines,
in dem Dudley schlief, und eines, in dem Dudley all seine Spielsachen und die Dinge
aufbewahrte, die nicht mehr in sein erstes Schlafzimmer passten. Harry musste nur
einmal nach oben gehen und schon hatte er all seine Sachen aus dem Schrank in das
neue Zimmer gebracht. Er setzte sich aufs Bett und ließ den Blick kreisen. Fast alles
hier drin war kaputt. Die einen Monat alte Videokamera lag auf einem kleinen, noch
funktionierenden Panzer, den Dudley einmal über den Hund der Nachbarn gefahren
hatte. In der Ecke stand Dudleys erster Fernseher. Als seine Lieblingssendung
abgesetzt wurde, hatte er den Fuß durch den Bildschirm gerammt. Auch ein großer
Vogelkäfig stand da, in dem einmal ein Papagei gelebt hatte, den Dudley in der
Schule gegen ein echtes Luftgewehr getauscht hatte. Es lag mit durchgebogenem
Lauf auf einem Regal, denn Dudley hatte sich darauf niedergelassen. Andere Regale
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 26 von 26
standen voller Bücher. Das waren die einzigen Dinge in dem Zimmer, die aussahen,
als wären sie nie angerührt worden.
Von unten war Dudley zu hören, wie er seine Mutter anbrüllte. »Ich will ihn nicht
da drin haben … Ichbrauche dieses Zimmer … Er soll wieder ausziehen …«
Harry seufzte und streckte sich auf dem Bett aus. Gestern noch hätte er alles
darum gegeben, hier oben zu sein. Heute wäre er lieber wieder in seinem Schrank
mit dem Brief in der Hand statt hier oben ohne ihn.
Am nächsten Morgen beim Frühstück waren alle recht schweigsam. Dudley stand
unter Schock. Er hatte geschrien, seinen Vater mit dem Smelting-Stock geschlagen,
sich absichtlich übergeben, seine Mutter getreten und seine Schildkröte durch das
Dach des Gewächshauses geworfen, aber sein Zimmer hatte er trotzdem nicht
zurückbekommen. Harry dachte darüber nach, was gestern beim Frühstück
geschehen war. Hätte er den Brief doch nur schon im Flur geöffnet, dachte er voll
Bitterkeit.
Onkel Vernon und Tante Petunia sahen sich unablässig mit düsterer Miene an.
Die Post kam, und Onkel Vernon, der offenbar versuchte nett zu Harry zu sein,
ließ Dudley aufstehen und sie holen. Sie konnten ihn hören, wie er den ganzen Flur
entlang mit seinem Smelting-Stock mal hierhin, mal dorthin schlug. Dann rief er:
»Da ist schon wieder einer! Mr H. Potter, Das kleinste Schlafzimmer, Ligusterweg
4 –«
Mit einem erstickten Schrei sprang Onkel Vernon von seinem Stuhl hoch und
rannte den Flur entlang, Harry dicht hinter ihm – Onkel Vernon musste Dudley zu
Boden ringen, um ihm den Brief zu entwinden, was schwierig war, weil Harry Onkel
Vernon von hinten um den Hals gepackt hatte. Nach einem kurzen Gerangel, bei
dem jeder ein paar saftige Schläge mit dem Smelting-Stock einstecken musste,
richtete sich Onkel Vernon nach Luft ringend auf und hielt Harrys Brief in der
Hand.
»Verschwinde in deinen Schrank – ich meine, dein Zimmer«, japste er Harry zu.
»Dudley – geh – ich bitte dich, geh.«
Oben in seinem neuen Zimmer ging Harry auf und ab, auf und ab. Jemand wusste,
dass er aus dem Schrank ausgezogen war, und offenbar auch, dass er den ersten
Brief nicht erhalten hatte. Das bedeutete doch gewiss, dass sie es wieder versuchen
würden? Und das nächste Mal würde er dafür sorgen, dass es klappte. Er hatte
einen Plan ausgeheckt.
Um sechs Uhr am nächsten Morgen klingelte der reparierte Wecker. Harry brachte
ihn rasch zum Verstummen und zog sich leise an. Er durfte die Dursleys nicht
aufwecken. Ohne Licht zu machen, stahl er sich die Treppe hinunter.
Er würde an der Ecke des Ligusterwegs auf den Postboten warten und sich die
Briefe für Nummer 4 gleich geben lassen. Mit laut pochendem Herzen stahl er sich
durch den dunklen Flur zur Haustür –
»AAAAAUUUUUH!«
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Harry machte einen Sprung in die Luft – er war auf etwas Großes und Matschiges
getreten, das auf der Türmatte lag – etwas Lebendiges!
Im ersten Stock gingen Lichter an, und mit einem furchtbaren Schreck wurde
Harry klar, dass das große matschige Etwas das Gesicht seines Onkels war. Onkel
Vernon hatte in einem Schlafsack vor der Tür gelegen, und zwar genau deshalb, um
Harry daran zu hindern, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Er schrie Harry etwa eine halbe Stunde lang an und befahl ihm dann, Tee zu
kochen. Niedergeschlagen schlurfte Harry in die Küche, und als er zurückkam, war
die Post schon eingeworfen worden, mitten auf den Schoß von Onkel Vernon. Harry
konnte drei mit grüner Tinte beschriftete Briefe erkennen.
»Ich will –«, begann er, doch Onkel Vernon zerriss die Briefe vor seinen Augen in
kleine Fetzen.
An diesem Tag ging Onkel Vernon nicht zur Arbeit. Er blieb zu Hause und nagelte
den Briefschlitz zu.
»Weißt du«, erklärte er Tante Petunia mit dem Mund voller Nägel, »wenn sie die
Briefe nicht zustellen können, werden sie es einfach bleiben lassen.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob das klappt, Vernon.«
»Oh, diese Leute haben eine ganz merkwürdige Art zu denken, Petunia, sie sind
nicht wie du und ich«, sagte Onkel Vernon und versuchte einen Nagel mit dem
Stück Obstkuchen einzuschlagen, den ihm Tante Petunia soeben gebracht hatte.
Am Freitag kamen nicht weniger als zwölf Briefe für Harry. Da sie nicht in den
Briefschlitz gingen, waren sie unter der Tür durchgeschoben, zwischen Tür und
Rahmen geklemmt oder durch das kleine Fenster der Toilette im Erdgeschoss
gezwängt worden.
Wieder blieb Onkel Vernon zu Hause. Nachdem er alle Briefe verbrannt hatte,
holte er sich Hammer, Nägel und Leisten und nagelte die Spalten an Vorder- und
Hintertür zu, so dass niemand hinausgehen konnte. Beim Arbeiten summte er »Bi-
Ba-Butzemann« und zuckte beim kleinsten Geräusch zusammen.
Am Sonnabend gerieten die Dinge außer Kontrolle. Vierundzwanzig Briefe für
Harry fanden den Weg ins Haus, zusammengerollt im Innern der zwei Dutzend Eier
versteckt, die der völlig verdatterte Milchmann Tante Petunia durch das
Wohnzimmerfenster hineingereicht hatte. Während Onkel Vernon wütend beim
Postamt und bei der Molkerei anrief und versuchte jemanden aufzutreiben, bei dem
er sich beschweren konnte, zerschnitzelte Tante Petunia die Briefe in ihrem
Küchenmixer.
»Wer zum Teufel will so dringend mit dir sprechen?«, fragte Dudley Harry ganz
verdutzt.
Als sich Onkel Vernon am Sonntagmorgen an den Frühstückstisch setzte, sah er
müde und ziemlich erschöpft, aber glücklich aus.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 28 von 28
»Keine Post an Sonntagen«, gemahnte er sie fröhlich, während er seine Zeitung
mit Marmelade bestrich, »keine verfluchten Briefe heute –«
Während er sprach, kam etwas pfeifend den Küchenkamin heruntergesaust und
knallte gegen seinen Hinterkopf. Einen Augenblick später kamen dreißig oder
vierzig Briefe wie Kugeln aus dem Kamin geschossen. Die Dursleys gingen in
Deckung, doch Harry hüpfte in der Küche umher und versuchte einen Brief zu
fangen.
»Raus! RAUS!«
Onkel Vernon packte Harry um die Hüfte und warf ihn hinaus in den Flur. Als
Tante Petunia und Dudley mit den Armen über dem Gesicht hinausgerannt waren,
knallte Onkel Vernon die Tür zu. Sie konnten die Briefe immer noch in die Küche
rauschen und gegen die Wände und den Fußboden klatschen hören.
»Das reicht«, sagte Onkel Vernon. Er versuchte ruhig zu sprechen, zog jedoch
gleichzeitig große Haarbüschel aus seinem Schnurrbart. »Ich möchte, dass ihr euch
alle in fünf Minuten hier einfindet, bereit zur Abreise. Wir gehen. Packt ein paar
Sachen ein. Und keine Widerrede!«
Mit nur einem halben Schnurrbart sah er so gefährlich aus, dass niemand ein
Wort zu sagen wagte. Zehn Minuten später hatten sie sich durch die
brettervernagelten Türen gezwängt, saßen im Wagen und sausten in Richtung
Autobahn davon. Auf dem Rücksitz wimmerte Dudley vor sich hin; sein Vater hatte
ihm links und rechts eine geknallt, weil er sie aufgehalten hatte mit dem Versuch,
seinen Fernseher, den Videorecorder und den Computer in seine Sporttasche zu
packen.
Sie fuhren. Und sie fuhren. Selbst Tante Petunia wagte nicht zu fragen, wo sie
denn hinfuhren. Hin und wieder machte Onkel Vernon scharf kehrt und fuhr dann
eine Weile in die entgegengesetzte Richtung.
»Schüttel sie ab … schüttel sie ab«, murmelte er immer dann, wenn er umkehrte.
Den ganzen Tag über hielten sie nicht einmal an, um etwas zu essen oder zu
trinken. Als die Nacht hereinbrach, war Dudley am Brüllen. In seinem ganzen
Leben hatte er noch nie einen so schlechten Tag gehabt. Er war hungrig, er hatte
fünf seiner Lieblingssendungen im Fernsehen verpasst, und er hatte noch nie so
lange Zeit verbracht, ohne am Computer einen Außerirdischen in die Luft zu jagen.
Endlich machte Onkel Vernon vor einem düster aussehenden Hotel am Rande
einer großen Stadt Halt. Dudley und Harry teilten sich ein Zimmer mit Doppelbett
und feuchten, modrigen Decken. Dudley schnarchte, aber Harry blieb wach. Er saß
auf der Fensterbank, blickte hinunter auf die Lichter der vorbeifahrenden Autos und
dachte lange nach …
Am nächsten Morgen frühstückten sie muffige Cornflakes und kalte
Dosentomaten auf Toast. Kaum waren sie fertig, trat die Besitzerin des Hotels an
ihren Tisch.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 29 von 29
»Verzeihn Sie, aber ist einer von Ihnen Mr H. Potter? Es ist nur – ich hab
ungefähr hundert von diesen Dingern am Empfangsschalter.«
Sie hielt einen Brief hoch, so dass sie die mit grüner Tinte geschriebene Adresse
lesen konnten:
Mr H. Potter
Zimmer 17
Hotel zum Bahnblick
Cokeworth
Harry schnappte nach dem Brief, doch Onkel Vernon schlug seine Hand weg. Die
Frau starrte sie an.
»Ich nehme sie«, sagte Onkel Vernon, stand rasch auf und folgte ihr aus dem
Speisezimmer.
»Wäre es nicht besser, wenn wir einfach nach Hause fahren würden, Schatz?«,
schlug Tante Petunia einige Stunden später mit schüchterner Stimme vor. Doch
Onkel Vernon schien sie nicht zu hören. Keiner von ihnen wusste, wonach genau er
suchte. Er fuhr sie in einen Wald hinein, stieg aus, sah sich um, schüttelte den Kopf,
setzte sich wieder ins Auto, und weiter ging’s. Dasselbe geschah inmitten eines
umgepflügten Ackers, auf halbem Weg über einer Hängebrücke und auf der obersten
Ebene eines mehrstöckigen Parkhauses.
»Daddy ist verrückt geworden, nicht wahr?«, fragte Dudley spät am Nachmittag
mit dumpfer Stimme Tante Petunia. Onkel Vernon hatte an der Küste geparkt, sie
alle im Wagen eingeschlossen und war verschwunden.
Es begann zu regnen. Große Tropfen klatschten auf das Wagendach. Dudley
schniefte.
»Es ist Montag«, erklärte er seiner Mutter. »Heute kommt der Große Humberto.
Ich will dahin, wo sie einen Fernseher haben.«
Montag. Das erinnerte Harry an etwas. Wenn es Montag war – und meist konnte
man sich auf Dudley verlassen, wenn es um die Wochentage ging, und zwar wegen
des Fernsehens –, dann war morgen Dienstag, Harrys elfter Geburtstag. Natürlich
waren seine Geburtstage nie besonders lustig gewesen – letztes Jahr hatten ihm die
Dursleys einen Kleiderbügel und ein Paar alte Socken von Onkel Vernon geschenkt.
Trotzdem, man wird nicht jeden Tag elf.
Onkel Vernon kam zurück mit einem Lächeln auf dem Gesicht. In den Händen
trug er ein langes, schmales Paket, doch auf Tante Petunias Frage, was er gekauft
habe, antwortete er nicht.
»Ich habe den idealen Platz gefunden!«, sagte er. »Kommt! Alle aussteigen!«
Draußen war es sehr kalt. Onkel Vernon wies hinaus aufs Meer, wo in der Ferne
ein großer Felsen zu erkennen war. Auf diesem Felsen thronte die schäbigste kleine
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 30 von 30
Hütte, die man sich vorstellen kann. Eins war sicher, einen Fernseher gab es dort
nicht.
»Sturmwarnung für heute Nacht!«, sagte Onkel Vernon schadenfroh und klatschte
in die Hände. »Und dieser Gentleman hier hat sich freundlicherweise bereit erklärt,
uns sein Boot zu leihen!«
Ein zahnloser alter Mann kam auf sie zugehumpelt und deutete mit einem recht
verschmitzten Grinsen auf ein altes Ruderboot im stahlgrauen Wasser unter ihnen.
»Ich hab uns schon einige Futterrationen besorgt«, sagte Onkel Vernon, »also alles
an Bord!«
Im Boot war es bitterkalt. Eisige Gischt und Regentropfen krochen ihnen die
Rücken hinunter und ein frostiger Wind peitschte über ihre Gesichter. Nach
Stunden, so kam es ihnen vor, erreichten sie den Fels, wo sie Onkel Vernon
rutschend und schlitternd zu dem heruntergekommenen Haus führte.
Innen sah es fürchterlich aus; es stank durchdringend nach Seetang, der Wind
pfiff durch die Ritzen der Holzwände und die Feuerstelle war nass und leer. Es gab
nur zwei Räume.
Onkel Vernons Rationen stellten sich als eine Packung Kräcker für jeden und vier
Bananen heraus. Er versuchte ein Feuer zu machen, doch die leeren Kräcker-
Schachteln gaben nur Rauch von sich und schrumpelten zusammen.
»Jetzt könnte ich ausnahmsweise mal einen dieser Briefe gebrauchen, Leute«,
sagte er fröhlich.
Er war bester Laune. Offenbar glaubte er, niemand hätte eine Chance, sie hier im
Sturm zu erreichen und die Post zuzustellen. Harry dachte im Stillen das Gleiche,
doch der Gedanke munterte ihn überhaupt nicht auf.
Als die Nacht hereinbrach, kam der versprochene Sturm um sie herum mächtig in
Fahrt. Gischt von den hohen Wellen spritzte gegen die Wände der Hütte und ein
zorniger Wind rüttelte an den schmutzigen Fenstern. Tante Petunia fand ein paar
nach Aal riechende Leintücher und machte Dudley auf dem mottenzerfressenen Sofa
ein Bett zurecht. Sie und Onkel Vernon gingen ins zerlumpte Bett nebenan, und
Harry musste sich das weichste Stück Fußboden suchen und sich unter der
dünnsten, zerrissensten Decke zusammenkauern.
Die Nacht rückte vor und immer wütender blies der Sturm. Harry konnte nicht
schlafen. Er bibberte und wälzte sich hin und her, um es sich bequemer zu machen,
und sein Magen röhrte vor Hunger. Dudleys Schnarchen ging im rollenden Donnern
unter, das um Mitternacht anhob. Der Leuchtzeiger von Dudleys Uhr, die an seinem
dicken Handgelenk vom Sofarand herunterbaumelte, sagte Harry, dass er in zehn
Minuten elf Jahre alt sein würde. Er lag da und sah zu, wie sein Geburtstag tickend
näher rückte. Ob die Dursleys überhaupt an ihn denken würden?, fragte er sich. Wo
der Briefeschreiber jetzt wohl war?
Noch fünf Minuten. Harry hörte draußen etwas knacken. Hoffentlich kam das
Dach nicht herunter, auch wenn ihm dann vielleicht wärmer sein würde. Noch vier
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 31 von 31
Minuten. Vielleicht war das Haus am Ligusterweg, wenn sie zurückkamen, so
vollgestopft mit Briefen, dass er auf die eine oder andere Weise einen davon
stibitzen konnte.
Noch drei Minuten. War es das Meer, das so hart gegen die Felsen schlug? Und
(noch zwei Minuten) was war das für ein komisches, malmendes Geräusch? Zerbrach
der Fels und stürzte ins Meer?
Noch eine Minute und er war elf. Dreißig Sekunden … zwanzig … zehn … neun –
vielleicht sollte er Dudley aufwecken, einfach um ihn zu ärgern – drei … zwei …
eine –
BUMM.
Die ganze Hütte erzitterte. Mit einem Mal saß Harry kerzengerade da und starrte
auf die Tür. Da draußen war jemand und klopfte.
Der Hüter der Schlüssel
BUMM. Wieder klopfte es. Dudley schreckte aus dem Schlaf.
»Wo ist die Kanone?«, sagte er dumpf.
Hinter ihnen hörten sie ein lautes Krachen. Onkel Vernon kam hereingestolpert.
In den Händen hielt er ein Gewehr – das war also in dem langen, schmalen Paket
gewesen, das er mitgebracht hatte.
»Wer da?«, rief er. »Ich warne Sie – ich bin bewaffnet!«
Einen Augenblick lang war alles still. Dann –
SPLITTER!
Die Tür wurde mit solcher Wucht getroffen, dass sie glattweg aus den Angeln
sprang und mit einem ohrenbetäubenden Knall auf dem Boden landete.
In der Türöffnung stand ein Riese von Mann. Sein Gesicht war fast gänzlich von
einer langen, zottigen Haarmähne und einem wilden, struppigen Bart verdeckt,
doch man konnte seine Augen erkennen, die unter all dem Haar schimmerten wie
schwarze Käfer.
Dieser Riese zwängte sich in die Hütte, den Rücken gebeugt, so dass sein Kopf die
Decke nur streifte. Er bückte sich, stellte die Tür aufrecht und setzte sie mit leichter
Hand wieder in den Rahmen ein. Der Lärm des Sturms draußen ließ etwas nach. Er
wandte sich um und blickte sie an.
»Könnte ’ne Tasse Tee vertragen. War keine leichte Reise …«
Er schritt hinüber zum Sofa, auf dem der vor Angst versteinerte Dudley saß.
»Beweg dich, Klops«, sagte der Fremde.
Dudley quiekte und rannte hinter den Rücken seiner Mutter, die sich voller Angst
hinter Onkel Vernon zusammenkauerte.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 32 von 32
»Und hier ist Harry!«, sagte der Riese.
Harry blickte hinauf in sein grimmiges, wildes Gesicht und sah, dass sich die
Fältchen um seine Käferaugen zu einem Lächeln gekräuselt hatten.
»Letztes Mal, als ich dich gesehen hab, warst du noch ’n Baby«, sagte der Riese.
»Du siehst deinem Vater mächtig ähnlich, aber die Augen hast du von deiner Mum.«
Onkel Vernon gab ein merkwürdig rasselndes Geräusch von sich. »Ich verlange,
dass Sie auf der Stelle verschwinden!«, sagte er. »Das ist Hausfriedensbruch!«
»Aach, halt den Mund, Dursley, du Oberpflaume«, sagte der Riese. Er streckte den
Arm über die Sofalehne hinweg, riss das Gewehr aus Onkel Vernons Händen,
verdrehte den Lauf – als wäre er aus Gummi – zu einem Knoten und warf es in die
Ecke.
Onkel Vernon gab abermals ein merkwürdiges Geräusch von sich, wie eine
getretene Maus.
»Dir jedenfalls, Harry«, sagte der Riese und kehrte den Dursleys den Rücken zu,
»einen sehr herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Hab hier was für dich –
vielleicht hab ich zwischendurch mal draufgesessen, aber er schmeckt sicher noch
gut.«
Aus der Innentasche seines schwarzen Umhangs zog er eine etwas eingedellte
Schachtel. Harry öffnete sie mit zitternden Fingern. Ein großer, klebriger
Schokoladenkuchen kam zum Vorschein, auf dem mit grünem
Zuckerguss Herzlichen Glückwunsch, Harry geschrieben stand.
Harry sah zu dem Riesen auf. Er wollte eigentlich danke sagen, aber auf dem Weg
zum Mund gingen ihm die Worte verloren, und stattdessen sagte er: »Wer bist du?«
Der Riese gluckste.
»Wohl wahr, hab mich nicht vorgestellt. Rubeus Hagrid, Hüter der Schlüssel und
Ländereien von Hogwarts.«
Er streckte eine gewaltige Hand aus und schüttelte Harrys ganzen Arm.
»Was ist nun eigentlich mit dem Tee?«, sagte er und rieb sich die Hände. »Würd
nicht nein sagen, wenn er ’n bisschen stärker wär, wenn du verstehst, was ich
meine.«
Sein Blick fiel auf einen Korb mit den zusammengeschrumpften Kräcker-
Schachteln und er schnaubte. Er beugte sich zur Feuerstelle hinunter; sie konnten
nicht sehen, was er tat, doch als er sich einen Moment später aufrichtete, prasselte
dort ein Feuer. Es erfüllte die ganze feuchte Hütte mit flackerndem Licht, und
Harry fühlte die Wärme über sein Gesicht fließen, als ob er in ein heißes Bad
getaucht wäre.
Der Riese setzte sich wieder auf das Sofa, das unter seinem Gewicht einknickte,
und begann dann alle möglichen Dinge aus den Taschen seines Umhangs zu ziehen:
einen Kupferkessel, eine platt gedrückte Packung Würstchen, einen Schürhaken,
eine Teekanne, einige ineinandergesteckte Becher und eine Flasche mit einer
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bernsteinfarbenen Flüssigkeit, aus der er sich einen Schluck genehmigte, bevor der
Tee zu kochen begann. Bald war die Hütte erfüllt von dem Duft der brutzelnden
Würste. Während der Riese arbeitete, sagte niemand ein Wort, doch als er die ersten
sechs fetten, saftigen, leicht angekokelten Würste vom Rost nahm, zappelte Dudley
ein wenig. Onkel Vernon fauchte ihn an: »Dudley, du rührst nichts von dem an, was
er dir gibt.«
Der Riese gab ein dunkles Glucksen von sich.
»Dein großer Pudding von einem Sohn muss nicht mehr gemästet werden,
Dursley, keine Panik.«
Er reichte die Würstchen Harry, der so hungrig war, dass es ihm vorkam, als
hätte er noch nie etwas Wundervolleres gekostet, doch immer noch konnte er den
Blick nicht von dem Riesen abwenden. Schließlich, da offenbar niemand etwas zu
erklären schien, sagte er: »Tut mir leid, aber ich weiß immer noch nicht richtig, wer
du bist.«
Der Riese nahm einen großen Schluck Tee und wischte sich mit dem Handrücken
den Mund.
»Nenn mich Hagrid«, sagte er, »das tun alle. Und wie ich dir schon gesagt hab, bin
ich der Schlüsselhüter von Hogwarts – über Hogwarts weißt du natürlich alles.«
»Ähm – nein«, sagte Harry.
Hagrid sah schockiert aus.
»Tut mir leid«, sagte Harry rasch.
»Tut dir leid?«, bellte Hagrid und wandte sich zu den Dursleys um mit einem
Blick, der sie in die Schatten zurückweichen ließ. »Denen sollte es leidtun. Ich
wusste, dass du deine Briefe nicht kriegst, aber ich hätt nie gedacht, dass du nicht
mal von Hogwarts weißt, das is ja zum Heulen! Hast du dich nie gefragt, wo deine
Eltern das alles gelernt haben?«
»Alles was?«, fragte Harry.
»ALLES WAS?«, donnerte Hagrid. »Nu mal langsam!«
Er war aufgesprungen. In seinem Zorn schien er die ganze Hütte auszufüllen. Die
Dursleys kauerten sich an die Wand.
»Wollt ihr mir etwa sagen«, knurrte er sie an, »dass dieser Junge – dieser Junge! –
nichts von – vonNICHTS weiß?«
Das ging Harry doch ein wenig zu weit. Immerhin ging er zur Schule und hatte
keine schlechten Noten.
»Ich weiß schon einiges«, sagte er. »Ich kann nämlich Mathe und solche Sachen.«
Doch Hagrid tat dies mit einer Handbewegung ab und sagte: Ȇber unsere Welt,
meine ich. Deine Welt.Meine Welt. Die Welt von deinen Eltern.«
»Welche Welt?«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 34 von 34
Hagrid sah aus, als würde er gleich explodieren.
»DURSLEY!«, dröhnte er.
Onkel Vernon, der ganz blass geworden war, flüsterte etwas, das sich anhörte wie
»Mimbelwimbel«. Hagrid starrte Harry mit wildem Blick an.
»Aber du musst doch von Mum und Dad wissen«, sagte er. »Ich meine, sie
sind berühmt. Du bistberühmt.«
»Was? Mum und Dad waren doch nicht berühmt!«
»Du weißt es nicht … du weißt es nicht …« Hagrid fuhr sich mit den Fingern
durch die Haare und fixierte Harry mit einem bestürzten Blick.
»Du weißt nicht, was du bist?«, sagte er schließlich.
Onkel Vernon fand plötzlich seine Stimme wieder.
»Aufhören«, befahl er, »hören Sie sofort auf, Sir! Ich verbiete Ihnen, dem Jungen
irgendetwas zu sagen!«
Auch ein mutigerer Mann als Vernon Dursley wäre unter dem zornigen Blick
Hagrids zusammengebrochen; als Hagrid sprach, zitterte jede Silbe vor Entrüstung.
»Du hast es ihm nie gesagt? Ihm nie gesagt, was in dem Brief stand, den
Dumbledore für ihn dagelassen hat? Ich war auch dabei! Ich hab gesehen, wie
Dumbledore ihn dort hingelegt hat, Dursley! Und du hast ihn Harry all die Jahre
vorenthalten?«
»Was vorenthalten?«, fragte Harry begierig.
»AUFHÖREN! ICH VERBIETE ES IHNEN!«, schrie Onkel Vernon in Panik.
Tante Petunia schnappte vor Schreck nach Luft.
»Aach, kocht eure Köpfe doch im eigenen Saft, ihr beiden«, sagte Hagrid. »Harry,
du bist ein Zauberer.«
In der Hütte herrschte mit einem Mal Stille. Nur das Meer und das Pfeifen des
Winds waren noch zu hören.
»Ich bin ein was?«
»Ein Zauberer, natürlich«, sagte Hagrid und setzte sich wieder auf das Sofa, das
unter Ächzen noch tiefer einsank. »Und ein verdammt guter noch dazu, würd ich
sagen, sobald du mal ’n bisschen Übung hast. Was solltest du auch anders sein, mit
solchen Eltern wie deinen? Und ich denk, ’s ist an der Zeit, dass du deinen Brief
liest.«
Harry streckte die Hand aus und nahm endlich den gelblichen Umschlag, der in
smaragdgrüner Schrift adressiert war an Mr H. Potter, Der Fußboden, Hütte-auf-
dem-Fels, Das Meer. Er zog den Brief aus dem Umschlag und las:
HOGWARTS-SCHULE FÜR HEXEREI UND ZAUBEREI
Schulleiter: Albus Dumbledore
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(Orden der Merlin, Erster Klasse, Großz., Hexenmst. Ganz hohes Tier,
Internationale Vereinig. d. Zauberer)
Sehr geehrter Mr Potter,
wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie an der Hogwarts-Schule für
Hexerei und Zauberei aufgenommen sind. Beigelegt finden Sie eine Liste aller
benötigten Bücher und Ausrüstungsgegenstände.
Das Schuljahr beginnt am 1. September. Wir erwarten Ihre Eule spätestens am 31.
Juli.
Mit freundlichen Grüßen
Minerva McGonagall
Stellvertretende Schulleiterin
Wie ein Feuerwerk explodierten Fragen in Harrys Kopf, und er konnte sich nicht
entscheiden, welche er zuerst stellen sollte. Nach ein paar Minuten stammelte er:
»Was soll das heißen, sie erwarten meine Eule?«
»Galoppierende Gorgonen, da fällt mir doch ein …«, sagte Hagrid und schlug sich
mit solcher Wucht die Hand gegen die Stirn, dass es einen Brauereigaul umgehauen
hätte. Aus einer weiteren Tasche im Innern seines Umhangs zog er eine Eule hervor
– eine echte, lebende, recht zerzaust aussehende Eule – sowie einen langen
Federkiel und eine Pergamentrolle. Mit der Zunge zwischen den Lippen kritzelte er
eine Notiz. Für Harry standen die Buchstaben zwar auf dem Kopf, dennoch konnte
er sie lesen:
Sehr geehrter Mr Dumbledore,
ich habe Harry seinen Brief überreicht. Nehme ihn morgen mit, um seine Sachen
einzukaufen.
Wetter ist fürchterlich. Hoffe, Sie sind wohlauf.
Hagrid
Hagrid rollte die Nachricht zusammen, übergab sie der Eule, die sie in den Schnabel
klemmte, ging zur Tür und schleuderte die Eule hinaus in den Sturm. Dann kam er
zurück und setzte sich, als hätte er nur mal kurz telefoniert.
Harry bemerkte, dass ihm der Mund offen stand, und klappte ihn rasch zu.
»Wo war ich gerade?«, sagte Hagrid, doch in diesem Augenblick trat Onkel
Vernon, immer noch aschfahl, doch sehr zornig aussehend, in das Licht des
Kaminfeuers.
»Er bleibt hier«, sagte er.
Hagrid grunzte.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 36 von 36
»Das möchte ich sehen, wie ein so großer Muggel wie du ihn aufhalten will«, sagte
er.
»Ein was?«, fragte Harry neugierig.
»Ein Muggel«, sagte Hagrid, »so nennen wir Leute wie ihn, die nicht zu den
Magiern gehören. Und es ist dein Pech, dass du in einer Familie der größten Muggel
aufgewachsen bist, die ich je gesehen habe.«
»Als wir ihn aufnahmen, haben wir geschworen, diesem Blödsinn ein Ende zu
setzen«, sagte Onkel Vernon, »geschworen, es ihm auszubläuen! Zauberer, in der
Tat!«
»Ihr habt es gewusst?«, sagte Harry, »ihr habt gewusst, dass ich ein – ein Zauberer
bin?«
»Gewusst!«, schrie Tante Petunia plötzlich auf, »gewusst! Natürlich haben wir’s
gewusst! Wie denn auch nicht, wenn meine vermaledeite Schwester so eine war? Sie
hat nämlich genau den gleichen Brief bekommen und ist dann in diese –
diese Schule verschwunden und kam in den Ferien jedes Mal mit den Taschen voller
Froschlaich nach Hause und hat Teetassen in Ratten verwandelt. Ich war die
Einzige, die klar erkannt hat, was sie wirklich war – eine Missgeburt. Aber bei
Mutter und Vater, o nein, da hieß es Lily hier und Lily da, sie waren stolz, eine Hexe
in der Familie zu haben!«
Sie hielt inne, um tief Luft zu holen, und fing dann erneut an zu schimpfen. Es
schien, als ob sie das schon all die Jahre hatte loswerden wollen.
»Dann hat sie diesen Potter an der Schule getroffen, und sie sind weggegangen
und haben geheiratet und haben dich bekommen, und natürlich wusste ich, dass du
genau so einer sein würdest, genauso seltsam, genauso – unnormal, und dann, bitte
schön, hat sie es geschafft, sich in die Luft zu jagen, und wir mussten uns plötzlich
mit dir herumschlagen!«
Harry war ganz bleich geworden. Sobald er seine Stimme gefunden hatte, sagte
er: »In die Luft gejagt? Du hast mir erzählt, dass sie bei einem Autounfall gestorben
sind!«
»AUTOUNFALL!«, donnerte Hagrid und sprang so wütend auf, dass die Dursleys
sich in ihre Ecke verdrückten. »Wie könnten Lily und James Potter in einem Auto
ums Leben kommen? Das ist eine Schande! Ein Skandal! Harry Potter kennt nicht
mal seine eigene Geschichte, wo doch jedes Kind in unserer Welt seinen Namen
weiß!«
»Warum eigentlich? Was ist passiert?«, fragte Harry drängend.
Der Zorn wich aus Hagrids Gesicht. Plötzlich schien er etwas zu fürchten.
»Das hätte ich nie erwartet«, sagte er mit leiser, besorgter Stimme. »Als
Dumbledore sagte, dass es schwierig werden würde, dich zu erwischen, hatte ich
keine Ahnung, wie wenig du weißt. Ach, Harry, vielleicht bin ich nicht der Richtige,
um es dir zu sagen – aber einer muss es tun –, und du kannst nicht nach Hogwarts
gehen, ohne es zu wissen.«
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Er warf den Dursleys einen finsteren Blick zu.
»Nun, es ist am besten, wenn du so viel weißt, wie ich dir sagen kann – aber
natürlich kann ich dir nicht alles sagen, es ist ein großes Geheimnis, manches davon
jedenfalls …«
Er setzte sich, starrte einige Augenblicke lang ins Feuer und sagte dann: »Es
fängt, glaube ich, mit – mit einem Typen namens – aber es ist unglaublich, dass du
seinen Namen nicht kennst, in unserer Welt kennen ihn alle –«
»Wen?«
»Nun ja, ich nenn den Namen lieber nicht, wenn’s nicht unbedingt sein muss.
Keiner tut’s.«
»Warum nicht?«
»Schluckende Wasserspeier, Harry, die Leute haben immer noch Angst. Verflucht,
ist das schwierig. Sieh mal, da war dieser Zauberer, der … böse geworden ist. So
böse, wie es nur geht. Schlimmer noch. Schlimmer als schlimm. Sein Name war …«
Hagrid würgte, aber kein Wort kam hervor.
»Könntest du es aufschreiben?«, schlug Harry vor.
»Nöh – kann ihn nicht buchstabieren. Na gut – Voldemort.« Hagrid erschauerte.
»Zwing mich nicht, das noch mal zu sagen. Jedenfalls, dieser – dieser Zauberer hat
vor etwa zwanzig Jahren begonnen, sich Anhänger zu suchen. Und die hat er auch
bekommen – manche hatten Angst, manche wollten einfach ein wenig von seiner
Macht, denn er verschaffte sich viel Macht, das muss man sagen. Dunkle Zeiten,
Harry. Wussten nicht, wem wir trauen sollten, wagten nicht, uns mit fremden
Zauberern oder Hexen anzufreunden … Schreckliche Dinge sind passiert. Er hat die
Macht übernommen. Klar haben sich einige gewehrt – und er hat sie umgebracht.
Furchtbar. Einer der wenigen sicheren Orte, die es noch gab, war Hogwarts.
Vermute, Dumbledore war der Einzige, vor dem Du-weißt-schon-wer Angst hatte.
Hat es nicht gewagt, die Schule einzusacken, damals jedenfalls nicht.
Nun waren deine Mum und dein Dad als Hexe und Zauberer so gut, wie ich noch
niemanden gekannt hab. Zu ihrer Zeit Schulsprecher und Schulsprecherin in
Hogwarts! Für mich ist es ein großes Rätsel, warum Du-weißt-schon-wer nie
versucht hat, sie auf seine Seite zu bringen … Hat wohl gewusst, dass sie
Dumbledore zu nahe waren, um etwas mit der dunklen Seite zu tun haben zu
wollen.
Vielleicht hat er geglaubt, er könne sie überreden … Vielleicht hat er sie auch nur
aus dem Weg haben wollen. Alles, was man weiß, ist, dass er in dem Dorf
auftauchte, wo ihr alle gelebt habt, an Halloween vor zehn Jahren. Du warst gerade
mal ein Jahr alt. Er kam in euer Haus und – und –«
Hagrid zog plötzlich ein sehr schmutziges, gepunktetes Taschentuch hervor und
schnäuzte sich laut wie ein Nebelhorn die Nase.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 38 von 38
»Tut mir leid«, sagte er. »Aber es ist so traurig – hab deine Mum und deinen Dad
gekannt, und nettere Menschen hast du einfach nicht finden können, jedenfalls –
Du-weißt-schon-wer hat sie getötet. Und dann – und das ist das eigentlich
Geheimnisvolle daran – hat er versucht, auch dich zu töten. Wollte reinen Tisch
machen, denk ich, oder hatte inzwischen einfach Spaß am Töten. Aber er konnte es
nicht. Hast du dich nie gefragt, wie du diese Narbe auf der Stirn bekommen hast?
Das war kein gewöhnlicher Schnitt. Das kriegst du, wenn ein mächtiger, böser Fluch
dich berührt – hat sogar bei deiner Mum und deinem Dad und deinem Haus
geklappt – aber nicht bei dir, und darum bist du berühmt, Harry. Keiner hat es
überlebt, wenn er einmal beschlossen hat, jemanden zu töten, keiner außer dir, und
er hatte einige der besten Hexen und Zauberer der Zeit getötet – die McKinnons, die
Bones, die Prewetts –, und du warst nur ein Baby, aber du hast überlebt.«
In Harrys Kopf spielte sich etwas sehr Schmerzhaftes ab. Als Hagrid mit der
Geschichte ans Ende kam, sah er noch einmal den blendend hellen, grünen Blitz vor
sich, deutlicher als jemals zuvor – und er erinnerte sich zum ersten Mal im Leben an
etwas anderes – an ein höhnisches, kaltes, grausames Lachen.
Hagrid betrachtete ihn traurig.
»Hab dich selbst aus dem zerstörten Haus geholt, auf Dumbledores Befehl hin.
Hab dich zu diesem Pack hier gebracht …«
»Lauter dummes Zeug«, sagte Onkel Vernon. Harry schreckte auf, er hatte fast
vergessen, dass die Dursleys auch noch da waren. Onkel Vernon hatte offenbar seine
Courage wiedergewonnen. Die Fäuste geballt, sah er Harry mit finsterem Blick an.
»Jetzt hörst du mir mal zu, Kleiner«, schnauzte er. »Mag sein, dass es etwas
Seltsames mit dir auf sich hat, vermutlich nichts, was nicht durch ein paar saftige
Ohrfeigen hätte kuriert werden können – und was diese Geschichte mit deinen
Eltern angeht, nun, sie waren eben ziemlich verrückt, und die Welt ist meiner
Meinung nach besser dran ohne sie. Haben’s ja nicht anders gewollt, wenn sie sich
mit diesem Zaubererpack eingelassen haben – genau was ich erwartet hab, ich hab
immer gewusst, dass es mit ihnen kein gutes Ende nehmen würde –«
Doch in diesem Augenblick sprang Hagrid vom Sofa und zog einen zerfledderten
rosa Schirm aus seinem Umhang. Wie ein Schwert hielt er ihn Onkel Vernon
entgegen und sagte: »Ich warne dich, Dursley – ich warne dich – noch ein Wort …«
Nun, da Onkel Vernon Gefahr lief, vom Schirm eines bärtigen Riesen aufgespießt
zu werden, verließ ihn der Mut wieder; er drückte sich gegen die Wand und
verstummte.
»Schon besser so«, sagte Hagrid schwer atmend und setzte sich aufs Sofa zurück,
das sich diesmal bis auf den Boden durchbog.
Harry lagen unterdessen immer noch Fragen auf der Zunge, hunderte von Fragen.
»Aber was geschah mit Vol-, ’tschuldigung – ich meine Du-weißt-schon-wer?«
»Gute Frage, Harry. Ist verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Noch in
der Nacht, als er versucht hat, dich zu töten. Macht dich noch berühmter. Das ist
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 39 von 39
das größte Geheimnis, weißt du … Er wurde immer mächtiger – warum hätte er
gehen sollen?
Manche sagen, er sei gestorben. Stuss, wenn du mich fragst. Weiß nicht, ob er
noch genug Menschliches in sich hatte, um sterben zu können. Manche sagen, er sei
immer noch irgendwo dort draußen und warte nur auf den rechten Augenblick, aber
das glaub ich nicht. Leute, die auf seiner Seite waren, sind zu uns zurückgekommen.
Manche sind aus einer Art Trance erwacht. Glaub nicht, dass sie es geschafft hätten,
wenn er vorgehabt hätte zurückzukommen.
Die meisten von uns denken, dass er immer noch irgendwo da draußen ist, aber
seine Macht verloren hat. Zu schwach, um weiterzumachen. Denn etwas an dir,
Harry, hat ihm den Garaus gemacht. In jener Nacht geschah etwas, mit dem er
nicht gerechnet hatte – weiß nicht, was es war, keiner weiß es –, aber etwas an dir
hat er nicht gepackt, und das war’s.«
Hagrid betrachtete Harry voller Wärme und Hochachtung, doch Harry fühlte sich
nicht froh und stolz deswegen, sondern war sich ganz sicher, dass es sich hier um
einen fürchterlichen Irrtum handeln musste. Ein Zauberer? Er? Wie sollte das
möglich sein? Sein Leben lang hatte er unter den Schlägen Dudleys gelitten und war
von Tante Petunia und Onkel Vernon schikaniert worden; wenn er wirklich ein
Zauberer war, warum hatten sie sich nicht jedes Mal, wenn sie versucht hatten, ihn
in den Schrank einzuschließen, in warzige Kröten verwandelt? Wenn er einst den
größten Hexer der Welt besiegt hatte, wie konnte ihn dann Dudley immer
herumkicken wie einen Fußball?
»Hagrid«, sagte er leise, »du musst einen Fehler gemacht haben. Ich kann
unmöglich ein Zauberer sein.«
Zu seiner Überraschung gluckste Hagrid.
»Kein Zauberer, was? Nie Dinge geschehen lassen, wenn du Angst hattest oder
wütend warst?«
Harry blickte ins Feuer. Nun, da er darüber nachdachte … Alle seltsamen Dinge,
die Onkel und Tante auf die Palme gebracht hatten, waren geschehen, als er, Harry,
aufgebracht oder zornig gewesen war … Auf der Flucht vor Dudleys Bande war er
manchmal einfach nicht zu fassen gewesen … Manchmal, wenn er mit diesem
lächerlichen Haarschnitt partout nicht hatte zur Schule gehen wollen, hatte er es
geschafft, dass sein Haar rasch nachwuchs … Und das letzte Mal, als Dudley ihn
gestoßen hatte, da hatte er doch seine Rache bekommen, ohne auch nur zu wissen,
was er tat? Hatte er nicht eine Boa constrictor auf ihn losgelassen?
Harry wandte sich erneut Hagrid zu und lächelte, und er sah, dass Hagrid ihn
geradezu anstrahlte.
»Siehst du?«, sagte Hagrid. »Harry Potter und kein Zauberer – wart nur ab, und
du wirst noch ganz berühmt in Hogwarts.«
Doch Onkel Vernon würde nicht kampflos aufgeben.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 40 von 40
»Hab ich Ihnen nicht gesagt, der Junge bleibt hier?«, zischte er. »Er geht auf die
Stonewall High und wird dafür dankbar sein. Ich habe diese Briefe gelesen, und er
braucht allen möglichen Nonsens – und Zauberspruchfibeln und Zauberstäbe und –«
»Wenn er gehen will, wird ihn ein großer Muggel wie du nicht aufhalten können«,
knurrte Hagrid. »Lily und James Potters Sohn von Hogwarts fernhalten! Du bist ja
verrückt. Sein Name ist vorgemerkt, schon seit seiner Geburt. Er geht bald auf die
beste Schule für Hexerei und Zauberei auf der ganzen Welt. Nach sieben Jahren
dort wird er sich nicht mehr wiedererkennen. Er wird dort mit jungen Leuten
seinesgleichen zusammen sein, zur Abwechslung mal, und er wird unter dem
größten Schulleiter lernen, den Hogwarts je gesehen hat, Albus Dumbled–«
»ICH BEZAHLE KEINEN HIRNRISSIGEN ALTEN DUMMKOPF, DAMIT ER
IHM ZAUBERTRICKS BEIBRINGT!«, schrie Onkel Vernon.
Doch nun war er endgültig zu weit gegangen. Hagrid packte den Schirm, schwang
ihn über seinem Kopf hin und her und polterte: »BELEIDIGE NIE – ALBUS
DUMBLEDORE – IN MEINER GEGENWART!«
Pfeifend sauste der Schirm herunter, bis die Spitze auf Dudley gerichtet war – ein
Blitz aus violettem Licht, ein Geräusch wie das Knallen eines Feuerwerkskörpers,
ein schrilles Kreischen –, und schon begann Dudley einen Tanz aufzuführen, mit
den Händen auf dem dicken Hintern und heulend vor Schmerz. Gerade als er ihnen
den Rücken zuwandte, sah Harry ein geringeltes Schweineschwänzchen durch ein
Loch in seiner Hose hervorpurzeln.
Onkel Vernon tobte. Er zog Tante Petunia und Dudley in den anderen Raum, warf
Hagrid einen letzten, angsterfüllten Blick zu und schlug die Tür hinter sich zu.
Hagrid sah auf den Schirm hinab und strich sich über den Bart.
»Hätt die Beherrschung nicht verlieren dürfen«, sagte er reuevoll, »aber es hat
ohnehin nicht geklappt. Wollte ihn in ein Schwein verwandeln, aber ich denke, er
war einem Schwein so ähnlich, dass es nicht mehr viel zu tun gab.«
Unter seinen buschigen Augenbrauen hervor blickte er Harry von der Seite an.
»Wär dir dankbar, wenn du das niemandem in Hogwarts erzählst«, sagte er. »Ich –
ähm – soll eigentlich nicht herumzaubern, um es genau zu nehmen. Ich durfte ein
wenig, um dir zu folgen und um dir die Briefe zu bringen und – einer der Gründe,
warum ich so scharf auf diesen Job war –«
»Warum sollst du nicht zaubern?«
»Nun ja – ich war selbst in Hogwarts, doch ich – ähm – man hat mich
rausgeworfen, um dir die Wahrheit zu sagen. Im dritten Jahr. Sie haben meinen
Zauberstab zerbrochen und alles. Doch Dumbledore hat mich als Wildhüter
dabehalten. Großartiger Mann, Dumbledore.«
»Warum hat man dich rausgeworfen?«
»Es wird spät und wir haben morgen viel zu erledigen«, sagte Hagrid laut.
»Müssen hoch in die Stadt und dir alle Bücher und Sachen besorgen.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 41 von 41
Er nahm seinen dicken schwarzen Umhang ab und warf ihn Harry zu.
»Kannst drunter pennen«, sagte er. »Mach dir nichts draus, wenn’s da drin ein
wenig zappelt, ich glaub, ich hab immer noch ein paar Haselmäuse in den Taschen.«
In der Winkelgasse
Am nächsten Morgen wachte Harry früh auf. Er wusste zwar, dass es draußen schon
hell war, doch er hielt die Augen fest geschlossen.
»Es war ein Traum«, sagte er sich entschlossen. »Ich habe von einem Riesen
namens Hagrid geträumt, der mir erklärt hat, von nun an werde ich eine Schule für
Zauberer besuchen. Wenn ich aufwache, bin ich zu Hause in meinem Schrank.«
Plötzlich hörte er ein lautes, tappendes Geräusch.
»Und das ist Tante Petunia, die an die Tür klopft«, dachte Harry und das Herz
wurde ihm schwer. Doch die Augen hielt er weiter geschlossen. Ein schöner Traum
war es gewesen.
Tapp. Tapp. Tapp.
»Schon gut«, murmelte Harry. »Ich steh ja schon auf.«
Er richtete sich auf und Hagrids schwerer Umhang fiel von seinen Schultern.
Sonnenlicht durchflutete die Hütte, der Sturm hatte sich gelegt. Hagrid selbst
schlief auf dem zusammengebrochenen Sofa, und eine Eule, eine Zeitung in den
Schnabel geklemmt, tappte mit ihrer Kralle gegen das Fenster.
Harry rappelte sich auf. Er war so glücklich, dass es ihm vorkam, als würde in
seinem Innern ein großer Ballon anschwellen. Schnurstracks lief er zum Fenster
und riss es auf. Die Eule schwebte herein und ließ die Zeitung auf Hagrids Bauch
fallen. Er schlief jedoch munter weiter. Die Eule flatterte auf den Boden und begann
auf Hagrids Umhang herumzupicken.
»Lass das.«
Harry versuchte die Eule wegzuscheuchen, doch sie hackte wütend nach ihm und
fuhr fort, den Umhang zu zerfetzen.
»Hagrid!«, sagte Harry laut. »Da ist eine Eule –«
»Bezahl sie«, grunzte Hagrid in das Sofa.
»Was?«
»Sie will ihren Lohn fürs Zeitungausfliegen. Schau in meinen Taschen nach.«
Hagrids Umhang schien aus nichts als Taschen zu bestehen: Schlüsselbunde,
Musketenkugeln, Bindfadenröllchen, Pfefferminzbonbons, Teebeutel … Schließlich
zog er eine Hand voll merkwürdig aussehender Münzen hervor.
»Gib ihr fünf Knuts«, sagte Hagrid schläfrig.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 42 von 42
»Knuts?«
»Die kleinen aus Bronze.«
Harry zählte fünf kleine Bronzemünzen ab. Die Eule streckte ein Bein aus, und er
steckte das Geld in ein Lederbeutelchen, das daran festgebunden war. Dann
flatterte sie durch das offene Fenster davon.
Hagrid gähnte laut, richtete sich auf und reckte genüsslich die Glieder.
»Wir brechen am besten gleich auf, Harry, haben heute ’ne Menge zu erledigen.
Müssen hoch nach London und dir alles für die Schule besorgen.«
Harry drehte die Münzen nachdenklich hin und her. Eben war ihm ein Gedanke
gekommen, der dem Glücksballon in seinem Innern einen Pikser versetzt hatte.
»Ähm … Hagrid?«
»Mm?« Hagrid zog gerade seine riesigen Stiefel an.
»Ich hab kein Geld – und du hast ja gestern Nacht Onkel Vernon gehört – er wird
nicht dafür bezahlen, dass ich fortgehe und Zaubern lerne.«
»Mach dir darüber keine Gedanken«, sagte Hagrid. Er stand auf und kratzte sich
am Kopf. »Glaubst du etwa, deine Eltern hätten dir nichts hinterlassen?«
»Aber wenn doch ihr Haus zerstört wurde –«
»Sie haben ihr Gold doch nicht im Haus aufbewahrt, mein Junge! Nee, wir machen
als Erstes bei Gringotts Halt. Zaubererbank. Nimm dir ein Würstchen, kalt sind sie
auch nicht schlecht – und zu ’nem Stück von deinem Geburtstagskuchen würd ich
auch nicht nein sagen.«
»Zauberer haben Banken?«
»Nur die eine. Gringotts. Wird von Kobolden geführt.«
Harry ließ sein Würstchen fallen.
»Kobolde?«
»Jaow. Musst also ganz schön bescheuert sein, wenn du versuchst, sie
auszurauben. Leg dich nie mit den Kobolden an, Harry. Gringotts ist der sicherste
Ort der Welt für alles, was du aufbewahren willst – mit Ausnahme vielleicht von
Hogwarts. Muss übrigens sowieso bei Gringotts vorbeischauen. Auftrag von
Dumbledore. Geschäftliches für Hogwarts.« Hagrid richtete sich stolz auf. »Meist
nimmt er mich, wenn es Wichtiges zu erledigen gibt. Dich abholen, etwas von
Gringotts besorgen, weiß, dass er mir vertrauen kann, verstehst du. Alles klar? Na
dann los.«
Harry folgte Hagrid hinaus auf den Felsen. Der Himmel war jetzt klar und das
Meer schimmerte im Sonnenlicht. Das Boot, das Onkel Vernon gemietet hatte, lag
noch da. Viel Wasser hatte sich auf dem Boden angesammelt.
»Wie bist du hergekommen?«, fragte Harry und sah sich nach einem zweiten Boot
um.
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»Geflogen«, sagte Hagrid.
»Geflogen?«
»Ja, aber zurück nehmen wir das Ding hier. Jetzt, wo du dabei bist, darf ich nicht
mehr zaubern.«
Sie setzten sich ins Boot. Harry starrte Hagrid unverwandt an und versuchte sich
vorzustellen, wie er flog.
»Schande allerdings, dass man rudern muss«, sagte Hagrid und sah Harry wieder
mit einem seiner Blicke von der Seite her an. »Wenn ich … ähm … die Sache etwas
beschleunigen würde, wärst du so freundlich und würdest in Hogwarts nichts davon
sagen?«
»Klar«, sagte Harry, gespannt darauf, mehr von Hagrids Zauberkünsten zu sehen.
Hagrid zog den rosa Schirm hervor, schlug ihn zweimal sachte gegen die Seitenwand
des Bootes, und schon rauschten sie in Richtung Küste davon.
»Warum wäre es verrückt, wenn man Gringotts ausrauben wollte?«, fragte Harry.
»Magische Banne, Zauberflüche«, sagte Hagrid und öffnete seine Zeitung. »Es
heißt, die Hochsicherheitsverliese werden von Drachen bewacht. Und dann musst
du erst einmal hinfinden – Gringotts liegt nämlich hunderte von Meilen unterhalb
von London. Tief unter der Untergrundbahn. Du stirbst vor Hunger, bevor du wieder
ans Tageslicht kommst, auch wenn du dir was unter den Nagel gerissen hast.«
Harry saß da und dachte darüber nach, während Hagrid seine Zeitung,
den Tagespropheten, las. Harry wusste von Onkel Vernon, dass die Erwachsenen
beim Zeitunglesen in Ruhe gelassen werden wollten, auch wenn es ihm jetzt
schwerfiel, denn noch nie hatte er so viele Fragen auf dem Herzen gehabt.
»Zaubereiministerium vermasselt mal wieder alles, wie üblich«, brummte Hagrid
und blätterte um.
»Es gibt ein Ministerium für Zauberei?«, platzte Harry los.
»Klar«, sagte Hagrid. »Wollten natürlich Dumbledore als Minister haben, aber der
würde nie von Hogwarts weggehen. Deshalb hat Cornelius Fudge die Stelle
bekommen. Gibt keinen größeren Stümper. Schickt also Dumbledore jeden Morgen
ein Dutzend Eulen und fragt ihn um Rat.«
»Aber was tut ein Zaubereiministerium?«
»Nun, seine Hauptaufgabe ist, vor den Muggels geheim zu halten, dass es landauf,
landab immer noch Hexen und Zauberer gibt.«
»Warum?«
»Warum? Meine Güte, Harry, die wären doch ganz scharf darauf, dass wir ihre
Schwierigkeiten mit magischen Kräften lösen. Nö, die sollen uns mal in Ruhe
lassen.«
In diesem Augenblick stupste das Boot sanft gegen die Hafenmauer. Hagrid
faltete die Zeitung zusammen und sie stiegen die Steintreppe zur Straße empor.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 44 von 44
Die Menschen starrten Hagrid mit großen Augen an, als die beiden durch die
kleine Stadt zum Bahnhof gingen. Harry konnte es ihnen nicht verübeln. Hagrid
war nicht nur doppelt so groß wie alle anderen, er zeigte auch auf ganz gewöhnliche
Dinge wie Parkuhren und rief dabei laut: »Schau dir das an, Harry. Solche Sachen
lassen sich die Muggels einfallen, nicht zu fassen!«
»Hagrid«, sagte Harry ein wenig außer Atem, weil er rennen musste, um Schritt
zu halten. »Hast du gesagt, bei Gringotts gebe es Drachen?«
»Ja, so heißt es«, sagte Hagrid. »Mann, ich hätte gern einen Drachen.«
»Du hättest gerne einen?«
»Schon als kleiner Junge wollte ich einen – hier lang.«
Sie waren am Bahnhof angekommen. In fünf Minuten ging ein Zug nach London.
Hagrid, der mit »Muggelgeld«, wie er es nannte, nicht zurechtkam, reichte Harry ein
paar Scheine, mit denen er die Fahrkarten kaufte.
Im Zug glotzten die Leute noch mehr. Hagrid, der zwei Sitzplätze brauchte,
strickte während der Fahrt an etwas, das aussah wie ein kanariengelbes Zirkuszelt.
»Hast deinen Brief noch, Harry?«, fragte er, während er die Maschen zählte.
Harry zog den Pergamentumschlag aus der Tasche.
»Gut«, sagte Hagrid. »Da ist eine Liste drin mit allem, was du brauchst.«
Harry entfaltete einen zweiten Bogen Papier, den er in der Nacht zuvor nicht
bemerkt hatte, und las:
HOGWARTS-SCHULE FÜR HEXEREI UND ZAUBEREI
Uniform
Im ersten Jahr benötigen die Schüler:
1. Drei Garnituren einfache Arbeitskleidung (schwarz)
2. Einen einfachen Spitzhut (schwarz) für tagsüber
3. Ein Paar Schutzhandschuhe (Drachenhaut o. Ä.)
4. Einen Winterumhang (schwarz, mit silbernen Schnallen)
Bitte beachten Sie, dass alle Kleidungsstücke der Schüler mit Namensetiketten
versehen sein müssen.
Lehrbücher
Alle Schüler sollten jeweils ein Exemplar der folgenden Werke besitzen:
– Miranda Habicht: Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 1
– Bathilda Bagshot: Geschichte der Zauberei
– Adalbert Schwahfel: Theorie der Magie
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– Emeric Wendel: Verwandlungen für den Anfänger
– Phyllida Spore: Tausend Zauberkräuter und -pilze
– Arsenius Bunsen: Zaubertränke und Zauberbräue
– Newt Scamander: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind
– Quirin Sumo: Dunkle Kräfte. Ein Kurs zur Selbstverteidigung
Ferner werden benötigt:
– 1 Zauberstab
– 1 Kessel (Zinn, Normgröße 2)
– 1 Sortiment Glas- oder Kristallfläschchen
– 1 Teleskop
– 1 Waage aus Messing
Es ist den Schülern zudem freigestellt, eine Eule ODER eine Katze ODER eine
Kröte mitzubringen.
DIE ELTERN SEIEN DARAN ERINNERT, DASS ERSTKLÄSSLER KEINE
EIGENEN BESEN BESITZEN DÜRFEN.
»Und das alles können wir in London kaufen?«, fragte sich Harry laut.
»Ja. Wenn du weißt, wo«, sagte Hagrid.
Harry war noch nie in London gewesen. Hagrid schien zwar zu wissen, wo er
hinwollte, doch offensichtlich war er es nicht gewohnt, auf normalem Weg dorthin zu
gelangen. Er verhedderte sich im Drehkreuz zur Untergrundbahn und beschwerte
sich laut, die Sitze seien zu klein und die Züge zu lahm.
»Keine Ahnung, wie die Muggels zurechtkommen ohne Zauberei«, meinte er, als
sie eine kaputte Rolltreppe emporkletterten, die auf eine belebte, mit Läden
gesäumte Straße führte.
Hagrid war ein solcher Riese, dass er ohne Mühe einen Keil in die
Menschenmenge trieb, und Harry brauchte sich nur dicht hinter ihm zu halten. Sie
gingen an Buchhandlungen und Musikläden vorbei, an Schnellimbissen und Kinos,
doch nirgends sah es danach aus, als ob es Zauberstäbe zu kaufen gäbe. Dies war
eine ganz gewöhnliche Straße voll ganz gewöhnlicher Menschen. Konnte es wirklich
sein, dass viele Meilen unter ihnen haufenweise Zauberergold vergraben war? Gab
es wirklich Läden, die Zauberbücher und Besen verkauften? War all dies vielleicht
nur ein gewaltiger Jux, den die Dursleys ausgeheckt hatten? Das hätte Harry
vielleicht geglaubt, wenn er nicht gewusst hätte, dass die Dursleys keinerlei Sinn
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 46 von 46
für Humor besaßen. Doch obwohl alles, was Hagrid ihm bisher erzählt hatte,
schlicht unfassbar war, konnte er einfach nicht anders, als ihm zu vertrauen.
»Hier ist es«, sagte Hagrid und blieb stehen. »Zum Tropfenden Kessel. Den Laden
kennt jeder.«
Es war ein kleiner, schmuddelig wirkender Pub. Harry hätte ihn nicht einmal
bemerkt, wenn Hagrid nichts gesagt hätte. Die vorbeieilenden Menschen beachteten
ihn nicht. Ihre Blicke wanderten von der großen Buchhandlung auf der einen Seite
zum Plattenladen auf der anderen Seite, als könnten sie den Tropfenden Kessel
überhaupt nicht sehen. Tatsächlich hatte Harry das ganz eigentümliche Gefühl,
dass nur er und Hagrid ihn sahen. Doch bevor er den Mund aufmachen konnte,
schob ihn Hagrid zur Tür hinein.
Für einen berühmten Ort war es hier sehr dunkel und schäbig. In einer Ecke
saßen ein paar alte Frauen und tranken Sherry aus kleinen Gläsern. Eine von ihnen
rauchte eine lange Pfeife. Ein kleiner Mann mit Zylinder sprach mit dem alten Wirt,
der vollkommen kahlköpfig war und aussah wie eine klebrige Walnuss. Als sie
eintraten, verstummte das leise Summen der Gespräche. Hagrid schienen alle zu
kennen; sie winkten und lächelten ihm zu, und der Wirt griff nach einem Glas: »Das
Übliche, Hagrid?«
»Heute nicht, Tom, bin im Auftrag von Hogwarts unterwegs«, sagte Hagrid und
versetzte Harry mit seiner großen Hand einen Klaps auf die Schulter, der ihn in die
Knie gehen ließ.
»Meine Güte«, sagte der Wirt und spähte zu Harry hinüber, »ist das – kann das –
?«
Im Tropfenden Kessel war es mit einem Schlag mucksmäuschenstill geworden.
»Grundgütiger«, flüsterte der alte Barmann. »Harry Potter … welch eine Ehre.«
Er eilte hinter der Bar hervor, trat raschen Schrittes auf Harry zu und ergriff mit
Tränen in den Augen seine Hand.
»Willkommen zu Hause, Mr Potter, willkommen zu Hause.«
Harry wusste nicht, was er sagen sollte. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Die
alte Frau paffte ihre Pfeife, ohne zu bemerken, dass sie ausgegangen war. Hagrid
strahlte.
Nun ging im Tropfenden Kessel ein großes Stühlerücken los, und die Gäste
schüttelten Harry einer nach dem andern die Hand.
»Doris Crockford, Mr Potter, ich kann es einfach nicht fassen, Sie endlich zu
sehen.«
»Ich bin so stolz, Sie zu treffen, Mr Potter, so stolz.«
»Wollte Ihnen schon immer die Hand schütteln – mir ist ganz schwindelig.«
»Erfreut, Mr Potter, mir fehlen die Worte. Diggel ist mein Name, Dädalus Diggel.«
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»Sie hab ich schon mal gesehen!«, rief Harry, als Dädalus Diggel vor Aufregung
seinen Zylinder verlor. »Sie haben sich einmal in einem Laden vor mir verneigt.«
»Er weiß es noch!«, rief Dädalus Diggel und blickte in die Runde. »Habt ihr das
gehört? Er erinnert sich an mich!«
Harry schüttelte Hände hier und Hände dort – Doris Crockford konnte gar nicht
genug kriegen.
Ein blasser junger Mann bahnte sich den Weg nach vorne. Er wirkte sehr fahrig;
eins seiner Augen zuckte.
»Professor Quirrell!«, sagte Hagrid. »Harry, Professor Quirrell ist einer deiner
Lehrer in Hogwarts.«
»P-P-Potter«, stammelte Professor Quirrell, »ich k-kann Ihnen nicht sagen, wie ich
mich f-freue, Sie zu t-treffen.«
»Welche Art von Magie lehren Sie, Professor Quirrell?«
»V-Verteidigung g-gegen die d-dunklen K-Künste«, murmelte Professor Quirrell,
als ob er lieber nicht daran denken wollte. »Nicht, d-dass Sie es nötig hätten, oder,
P-Potter?« Er lachte nervös. »Sie b-besorgen sich Ihre Ausrüstung, nehme ich an?
Ich muss auch noch ein neues B-Buch über V-Vampire abholen.« Schon bei dem
bloßen Gedanken daran sah er furchtbar verängstigt drein.
Doch die anderen ließen nicht zu, dass Professor Quirrell Harry allein in Beschlag
nahm. Es dauerte fast zehn Minuten, bis er von allen losgekommen war. Endlich
konnte sich Hagrid in der allgemeinen Aufregung Gehör verschaffen.
»Wir müssen weiter – haben eine Menge einzukaufen. Komm, Harry.«
Doris Crockford schüttelte Harry ein letztes Mal die Hand. Hagrid führte ihn
durch die Bar auf einen kleinen, von Mauern umgebenen Hof hinaus, wo es nichts
als einen Mülleimer und ein paar Unkräuter gab.
Hagrid grinste Harry zu.
»Hab’s dir doch gesagt, oder? Hab dir doch gesagt, dass du berühmt bist. Sogar
Professor Quirrell hat gezittert, als er dich sah – nun ja, er zittert fast ständig.«
»Ist er immer so nervös?«
»O ja. Armer Kerl. Genialer Kopf. Ging ihm gut, als er nur die Bücher studierte,
doch dann hat er sich ein Jahr freigenommen, um ein wenig Erfahrung zu sammeln
… Es heißt, er habe im Schwarzwald Vampire getroffen und er soll ein übles kleines
Problem mit einer Hexe gehabt haben – ist seitdem jedenfalls nicht mehr der Alte.
Hat Angst vor den Schülern, Angst vor dem eigenen Unterrichtsstoff – wo ist jetzt
eigentlich mein Schirm abgeblieben?«
Vampire? Hexen? Harry war leicht schwindelig. Unterdessen zählte Hagrid die
Backsteine an der Mauer über dem Mülleimer ab.
»Drei nach oben … zwei zur Seite …«, murmelte er. »Gut, einen Schritt zurück,
Harry.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 48 von 48
Mit der Spitze des Schirms klopfte er dreimal gegen die Mauer.
Der Stein, auf den er geklopft hatte, erzitterte, wackelte und in der Mitte erschien
ein kleiner Spalt. – Der wurde immer breiter, und eine Sekunde später standen sie
vor einem Torbogen, der selbst für Hagrid groß genug war. Er führte hinaus auf eine
gepflasterte Gasse, die sich in einer engen Biegung verlor.
»Willkommen in der Winkelgasse«, sagte Hagrid.
Harrys verblüffter Blick ließ ihn verschmitzt lächeln.
Sie traten durch den Torbogen. Harry blickte rasch über die Schulter und konnte
gerade noch sehen, wie sich die Steinmauer wieder schloss.
Die Sonne erleuchtete einen Stapel Kessel vor der Tür eines Ladens. Kessel – Alle
Größen – Kupfer, Messing, Zinn, Silber – Selbstumrührend – Faltbar hieß es auf
einem Schild über ihren Köpfen.
»Jaow, du brauchst einen«, sagte Hagrid, »aber erst müssen wir dein Geld holen.«
Harry wünschte sich mindestens vier Augenpaare mehr. Er drehte den Kopf in
alle Himmelsrichtungen, während sie die Straße entlanggingen, und versuchte, alles
auf einmal zu sehen: die Läden, die Auslagen vor den Türen, die Menschen, die hier
einkauften. Vor einer Apotheke stand eine rundliche Frau, und als sie vorbeigingen,
sagte sie kopfschüttelnd: »Drachenleber, sechzehn Sickel die Unze, die müssen
verrückt sein …«
Gedämpftes Eulengeschrei drang aus einem dunklen Laden. Auf einem Schild
über dem Eingang stand:Eeylops Eulenkaufhaus – Waldkäuze, Zwergohreulen,
Steinkäuze, Schleiereulen, Schneeeulen. Einige Jungen in Harrys Alter drückten ihre
Nasen gegen ein Schaufenster mit Besen. »Schau mal«, hörte Harry einen von ihnen
sagen, »der neue Nimbus Zweitausend, der schnellste überhaupt –« Manche Läden
verkauften nur Umhänge, andere Teleskope und merkwürdige silberne
Instrumente, die Harry noch nie gesehen hatte. Es gab Schaufenster, die
vollgestopft waren mit Fässern voller Fledermausmilzen und Aalaugen, wacklig
gestapelten Zauberspruchfibeln, Federkielen, Pergamentrollen,
Zaubertrankflaschen, Mondgloben …
»Gringotts«, sagte Hagrid.
Sie waren vor einem schneeweißen Haus angelangt, das hoch über die kleinen
Läden hinausragte. Neben dem blank polierten Bronzetor, in einer scharlachroten
und goldbestickten Uniform stand ein –
»Tja, das ist ein Kobold«, sagte Hagrid leise, als sie die steinernen Stufen zu ihm
hochstiegen. Der Kobold war etwa einen Kopf kleiner als Harry. Er hatte ein
dunkelhäutiges, kluges Gesicht, einen Spitzbart und, wie Harry auffiel, sehr lange
Finger und große Füße. Mit einer Verbeugung wies er sie hinein. Wieder standen sie
vor einer Doppeltür, einer silbernen diesmal, in die folgende Worte eingraviert
waren:
Fremder, komm du nur herein,
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 49 von 49
Hab Acht jedoch und bläu’s dir ein,
Wer der Sünde Gier will dienen
Und will nehmen, nicht verdienen,
Der wird voller Pein verlieren.
Wenn du suchst in diesen Hallen
Einen Schatz, dem du verfallen,
Dieb, sei gewarnt und sage dir,
Mehr als Gold harrt deiner hier.
»Wie ich gesagt hab, du musst verrückt sein, wenn du den Laden knacken willst«,
sagte Hagrid.
Ein Paar Kobolde verbeugte sich, als sie durch die silberne Tür in eine riesige
Marmorhalle schritten. Um die hundert Kobolde saßen auf hohen Schemeln hinter
einem langen Schalter, kritzelten Zahlen in große Folianten, wogen auf
Messingwaagen Münzen ab und prüften Edelsteine mit unter die Brauen
geklemmten Uhrmacherlupen. Unzählige Türen führten in anschließende Räume,
und andere Kobolde geleiteten Leute herein und hinaus. Hagrid und Harry traten
vor den Schalter.
»Moin«, sagte Hagrid. »Wir sind hier, um ein wenig Geld aus Mr Harry Potters
Safe zu entnehmen.«
»Sie haben seinen Schlüssel, Sir?«, fragte der Kobold.
»Hab ihn hier irgendwo«, sagte Hagrid und begann seine Taschen zu entleeren
und ihren Inhalt auf dem Schalter auszubreiten, wobei er eine Hand voll krümeliger
Hundekuchen über das Kassenbuch des Kobolds verstreute. Dieser rümpfte die
Nase. Harry sah dem Kobold zu ihrer Rechten dabei zu, wie er einen Haufen Rubine
wog, die so groß waren wie Eierkohlen.
»Hab ihn«, sagte Hagrid endlich und hielt dem Kobold einen kleinen goldenen
Schlüssel vor die Nase.
Der Kobold nahm ihn genau in Augenschein.
»Das scheint in Ordnung zu sein.«
»Und ich habe außerdem einen Brief von Professor Dumbledore«, sagte Hagrid,
sich mit gewichtiger Miene in die Brust werfend. »Es geht um den Du-weißt-schon-
was in Verlies siebenhundertunddreizehn.«
Der Kobold las den Brief sorgfältig durch.
»Sehr gut«, sagte er und gab ihn Hagrid zurück. »Ich werde veranlassen, dass man
Sie in beide Verliese führt. Griphook!«
Auch Griphook war ein Kobold. Sobald Hagrid alle seine Hundekuchen in die
Taschen zurückgestopft hatte, folgten er und Harry Griphook zu einer der Türen,
die aus der Halle hinausführten.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 50 von 50
»Was ist der Du-weißt-schon-was in Verlies siebenhundertunddreizehn?«, fragte
Harry.
»Darf ich nicht sagen«, meinte Hagrid geheimnistuerisch. »Streng geheim. Hat mit
Hogwarts zu tun. Dumbledore vertraut mir. Lohnt sich nicht, meinen Job zu
riskieren und es dir zu sagen.«
Griphook hielt die Tür für sie auf. Harry, der noch mehr Marmor erwartet hatte,
war überrascht. Sie waren nun in einem engen, steinernen Gang, den lodernde
Fackeln erleuchteten. In den Boden waren schmale Bahngeleise eingelassen, die
steil in die Tiefe führten. Griphook pfiff und ein kleiner Karren kam auf den
Schienen zu ihnen hochgezockelt. Sie kletterten hinauf und setzten sich – Hagrid
mit einigen Schwierigkeiten – und schon ging es los.
Zuerst fuhren sie durch ein Gewirr sich überkreuzender Gänge. Harry versuchte
sich den Weg zu merken, links, rechts, rechts, links, durch die Mitte, rechts, links –
doch es war unmöglich. Der ratternde Karren schien zu wissen, wo es langging,
denn es war nicht Griphook, der ihn steuerte.
Harrys Augen schmerzten in der kalten Luft, durch die sie sausten, doch er hielt
sie weit geöffnet. Einmal meinte er am Ende eines Durchgangs einen Feuerstoß zu
erkennen und wandte sich rasch um, denn vielleicht war es ein Drache – aber zu
spät. Sie drangen weiter in die Tiefe vor und passierten einen unterirdischen See,
bei dem riesige Stalaktiten und Stalagmiten von der Decke und aus dem Boden
wucherten.
»Ich kann mir nie merken«, rief Harry durch das lärmende Rattern des Karrens
Hagrid zu, »was der Unterschied zwischen Stalaktiten und Stalagmiten ist.«
»Stalagmiten haben ein ›m‹ in der Mitte«, sagte Hagrid. »Und jetzt keine Fragen
mehr, mir ist schlecht.«
Er war ganz grün im Gesicht, und als die Karre endlich neben einer kleinen Tür
in der Wand des unterirdischen Ganges hielt, stieg Hagrid aus und musste sich
gegen die Wand lehnen, um seine zitternden Knie zu beruhigen.
Griphook schloss die Tür auf. Ein Schwall grünen Rauchs drang heraus, und als
er sich verzogen hatte, stockte Harry der Atem. Im Innern lagen hügelweise
Goldmünzen. Stapelweise Silbermünzen. Haufenweise kleine bronzene Knuts.
»Alles dein«, sagte Hagrid lächelnd.
Alles gehörte Harry – das war unglaublich. Die Dursleys konnten davon nichts
gewusst haben, oder sie hätten es ihm schneller abgenommen, als er blinzeln
konnte. Wie oft hatten sie sich darüber beschwert, wie viel es sie kostete, für Harry
zu sorgen? Und die ganze Zeit über war ein kleines Vermögen, das ihm gehörte, tief
unter Londons Straßen vergraben gewesen.
Hagrid half Harry dabei, einen Teil der Schätze in eine Tüte zu packen.
»Die goldenen sind Galleonen«, erklärte er. »Siebzehn Silbersickel sind eine
Galleone und neunundzwanzig Knuts sind eine Sickel. Nichts einfacher als das. Gut,
das sollte für ein paar Schuljahre reichen, wir bewahren den Rest für dich auf.« Er
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 51 von 51
wandte sich Griphook zu. »Verlies siebenhundertunddreizehn jetzt, bitte, und
können wir etwas langsamer fahren?«
»Nur eine Geschwindigkeit«, sagte Griphook.
Sie fuhren nun noch tiefer hinunter und wurden allmählich schneller. Während
sie durch scharfe Kurven rasten, wurde die Luft immer kälter. Sie ratterten über
eine unterirdische Schlucht hinweg, und Harry lehnte sich über den Wagenrand, um
zu sehen, was tief unten auf dem dunklen Grund war, doch Hagrid stöhnte und zog
ihn am Kragen zurück.
Verlies siebenhundertunddreizehn hatte kein Schlüsselloch.
»Zurücktreten«, sagte Griphook mit achtungheischender Stimme. Mit einem
seiner langen Finger streichelte er sanft die Tür – die einfach wegschmolz.
»Sollte jemand dies versuchen, der kein Kobold von Gringotts ist, dann wird er
durch die Tür gesogen und sitzt dort drin in der Falle«, sagte Griphook.
»Wie oft schaust du nach, ob jemand dort ist?«, fragte Harry.
»Einmal in zehn Jahren vielleicht«, sagte Griphook mit einem ziemlich gemeinen
Grinsen.
In diesem Hochsicherheitsverlies musste etwas ganz Besonderes aufbewahrt sein,
da war sich Harry sicher, und er steckte seine Nase begierig hinein, um zumindest
ein paar sagenhafte Juwelen zu sehen – doch auf den ersten Blick schien alles leer.
Dann bemerkte er auf dem Boden ein schmutziges, mit braunem Papier
umwickeltes Päckchen. Hagrid hob es auf und verstaute es irgendwo in den Tiefen
seines Umhangs. Harry hätte zu gern gewusst, was es war, aber ihm war klar, dass
er besser nicht danach fragte.
»Los komm, zurück auf diese Höllenkarre, und red auf dem Rückweg nicht. Es ist
besser, wenn ich den Mund geschlossen halte«, sagte Hagrid.
Nach einer weiteren haarsträubenden Fahrt auf dem Karren standen sie endlich
wieder draußen vor Gringotts und blinzelten in das Sonnenlicht. Nun, da Harry
einen Sack voll Geld besaß, wusste er nicht, wo er zuerst hinlaufen sollte. Er musste
nicht wissen, wie viel Galleonen ein englisches Pfund ausmachten, um sich bewusst
zu sein, dass er noch nie im Leben so viel Geld besessen hatte – mehr Geld, als
selbst Dudley jemals gehabt hatte.
»Könnten jetzt eigentlich mal deine Uniform kaufen«, sagte Hagrid und nickte
zu Madam Malkins Anzüge für alle Gelegenheiten hinüber. »Hör mal, Harry, würd es
dir was ausmachen, wenn ich mir einen kleinen Magenbitter im Tropfenden Kessel
genehmige? Ich hasse die Fuhrwerke bei Gringotts.« Er sah immer noch etwas bleich
aus. Und so betrat der ein wenig nervöse Harry allein Madam Malkins Laden.
Madam Malkin war eine stämmige, lächelnde Hexe, die von Kopf bis Fuß
malvenfarben gekleidet war.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 52 von 52
»Hogwarts, mein Lieber?«, sagte sie, kaum hatte Harry den Mund aufgemacht.
»Hab die Sachen hier – übrigens wird hier gerade noch ein junger Mann
ausgestattet.«
Hinten im Laden stand auf einem Schemel ein Junge mit blassem, spitzem
Gesicht, und eine zweite Hexe steckte seinen langen schwarzen Umhang mit Nadeln
ab. Madam Malkin stellte Harry auf einen Stuhl daneben, ließ einen langen
Umhang über seinen Kopf gleiten und steckte mit Nadeln die richtige Länge ab.
»Hallo«, sagte der Junge. »Auch Hogwarts?«
»Ja«, sagte Harry.
»Mein Vater ist nebenan und kauft die Bücher, und Mutter ist ein paar Läden
weiter und sucht nach Zauberstäben«, sagte der Junge. Er sprach mit gelangweilter,
schleppender Stimme. »Danach werd ich sie mitschleifen und mir einen Rennbesen
aussuchen. Ich seh nicht ein, warum Erstklässler keinen eigenen haben dürfen. Ich
glaub, ich geh meinem Vater so lange auf die Nerven, bis er mir einen kauft, und
schmuggel ihn dann irgendwie rein.«
Der Junge erinnerte Harry stark an Dudley.
»Hast du denn deinen eigenen Besen?«, fuhr er fort.
»Nein«, sagte Harry.
»Spielst du überhaupt Quidditch?«
»Nein«, sagte Harry erneut und fragte sich, was zum Teufel Quidditch denn sein
könnte.
»Aber ich – Vater sagt, es wäre eine Schande, wenn ich nicht ausgewählt werde,
um für mein Haus zu spielen, und ich muss sagen, er hat Recht. Weißt du schon, in
welches Haus du kommst?«
»Nein«, sagte Harry und fühlte sich mit jeder Minute dümmer.
»Na ja, eigentlich weiß es keiner, bevor er hinkommt, aber ich weiß, dass ich im
Slytherin sein werde, unsere ganze Familie war da. – Stell dir vor, du kommst nach
Hufflepuff, ich glaub, ich würde abhauen, du nicht?«
»Mmm«, sagte Harry und wünschte, er könnte etwas Interessanteres sagen.
»Ach herrje, schau dir mal diesen Mann an!«, sagte der Junge plötzlich und
deutete auf das Schaufenster. Draußen stand Hagrid, grinste Harry zu und hielt
zwei große Tüten mit Eiskrem hoch, um zu zeigen, dass er nicht hereinkommen
konnte.
»Das ist Hagrid«, sagte Harry, froh, dass er etwas wusste, was der Junge nicht
wusste. »Er arbeitet in Hogwarts.«
»Oh«, sagte der Junge, »ich hab von ihm gehört. Er ist ein Knecht oder so was,
nicht wahr?«
»Er ist der Wildhüter«, sagte Harry. Er konnte den Jungen mit jeder Sekunde
weniger ausstehen.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 53 von 53
»Ja, genau. Ich hab gehört, dass er eine Art Wilder ist – lebt in einer Hütte auf
dem Schulgelände, betrinkt sich des Öfteren, versucht zu zaubern und steckt am
Ende sein Bett in Brand.«
»Ich halte ihn für brillant«, sagte Harry kühl.
»Tatsächlich?«, sagte der Junge mit einer Spur Häme. »Warum ist er mit dir
zusammen? Wo sind deine Eltern?«
»Sie sind tot«, sagte Harry knapp. Er hatte keine große Lust, mit diesem Jungen
darüber zu sprechen.
»Oh, tut mir leid«, sagte der andere, wobei es gar nicht danach klang. »Aber sie
gehörten zu uns, oder?«
»Sie war eine Hexe und er ein Zauberer, falls du das meinst.«
»Ich halte überhaupt nichts davon, die andern aufzunehmen, du etwa? Die sind
einfach anders erzogen worden als wir und gehören eben nicht dazu. Stell dir vor,
manche von ihnen wissen nicht einmal von Hogwarts, bis sie ihren Brief bekommen.
Ich meine, die alten Zaubererfamilien sollten unter sich bleiben. Wie heißt du
eigentlich mit Nachnamen?«
Doch bevor Harry antworten konnte, sagte Madam Malkin: »So, das wär’s, mein
Lieber«, und Harry, froh über die Gelegenheit, von dem Jungen loszukommen,
sprang von seinem Schemel herunter.
»Gut, wir sehen uns in Hogwarts, nehme ich an«, sagte der Junge mit der
schleppenden Stimme.
Recht wortkarg schleckte Harry das Eis, das Hagrid ihm gekauft hatte (Schokolade
und Himbeere mit Nussstückchen).
»Was ist los?«, sagte Hagrid.
»Nichts«, log Harry. Sie traten in einen Laden, um Pergament und Federkiele zu
kaufen. Harrys Laune besserte sich etwas, als sie eine Flasche Tinte kauften, die
beim Schreiben ihre Farbe veränderte. Als sie wieder draußen waren, sagte er:
»Hagrid, was ist Quidditch?«
»Mein Gott, Harry, ich vergess immer, wie wenig du weißt – kennst nicht mal
Quidditch!«
»Mach’s nicht noch schlimmer«, sagte Harry. Er erzählte Hagrid von dem blassen
Jungen bei Madam Malkin.
»… und er sagte, Leute aus Muggelfamilien sollten gar nicht aufgenommen
werden …«
»Du bist nicht aus einer Muggelfamilie. Wenn er wüsste, wer du bist – wenn seine
Eltern Zauberer sind, dann hat er deinen Namen mit der Muttermilch eingesogen –
du hast die Zauberer im Tropfenden Kessel gesehen. Und außerdem, was weiß er
schon, manche von den Besten waren die Einzigen in einer langen Linie von
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 54 von 54
Muggels, die das Zeug zum Zaubern hatten – denk an deine Mum! Denk mal daran,
was sie für eine Schwester hatte!«
»Also was ist jetzt Quidditch?«
»Das ist unser Sport. Zauberersport. Es ist wie – wie Fußball in der Muggelwelt –
alle fahren auf Quidditch ab – man spielt es in der Luft auf Besen und mit vier
Bällen – nicht ganz einfach, die Regeln zu erklären.«
»Und was sind Slytherin und Hufflepuff?«
»Schulhäuser. Es gibt vier davon. Alle sagen, in Hufflepuff sind ’ne Menge
Flaschen, aber –«
»Ich wette, ich komme nach Hufflepuff«, sagte Harry bedrückt.
»Besser Hufflepuff als Slytherin«, sagte Hagrid mit düsterer Stimme. »Die Hexen
und Zauberer, die böse wurden, waren allesamt in Slytherin. Du-weißt-schon-wer
war einer davon.«
»Vol-, ’tschuldigung – Du-weißt-schon-wer war in Hogwarts?«
»Das ist ewig lange her«, sagte Hagrid.
Sie kauften die Schulbücher für Harry in einem Laden namens Flourish &
Blotts, wo die Regale bis an die Decke vollgestopft waren mit in Leder gebundenen
Büchern, so groß wie Gehwegplatten; andere waren klein wie Briefmarken und in
Seide gebunden; viele Bücher enthielten merkwürdige Symbole, und es gab auch
einige, in denen gar nichts stand. Selbst Dudley, der nie las, wäre ganz scharf auf
manche davon gewesen. Hagrid musste Harry beinahe wegziehen von Werken
wie Flüche und Gegenflüche (Verzaubern Sie Ihre Freunde und verhexen Sie Ihre
Feinde mit den neuesten Racheakten: Haarausfall, Wabbelbeine, Vertrocknete
Zunge und vieles, vieles mehr) von Professor Vindictus Viridian.
»Ich möchte rausfinden, wie ich Dudley verhexen kann.«
»Keine schlechte Idee, würd ich meinen, aber du sollst in der Muggelwelt nicht
zaubern, außer wenn’s brenzlig wird«, sagte Hagrid. »Und du könntest mit diesen
Flüchen ohnehin noch nicht umgehen, du musst noch sehr viel lernen, bis du das
kannst.«
Hagrid wollte Harry auch keinen Kessel aus purem Gold kaufen lassen (»auf der
Liste steht Zinn«), aber sie fanden eine praktische kleine Waage, um die Zutaten für
die Zaubertränke abzumessen, und ein zusammenschiebbares Messingteleskop.
Danach schauten sie in der Apotheke vorbei. Hier stank es zwar fürchterlich nach
einer Mischung aus faulen Eiern und verrottetem Kohl, doch es gab viele
interessante Dinge zu sehen. Auf dem Boden standen Fässer, die mit einer Art
Schleim gefüllt waren; die Regale an den Wänden waren vollgestellt mit Gläsern, die
Kräuter, getrocknete Wurzeln und hellfarbene Pulver enthielten; von der Decke
hingen Federbüschel, an Schnüren aufgezogene Reißzähne und Krallenbündel.
Während Hagrid den Mann hinter der Theke um eine Auswahl wichtiger
Zaubertrankzutaten für Harry bat, untersuchte Harry selbst die silbernen Einhorn-
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 55 von 55
Hörner zu einundzwanzig Galleonen das Stück und die winzigen glänzend
schwarzen Käferaugen (fünf Knuts der Schöpflöffel).
Draußen vor der Apotheke warf Hagrid noch einmal einen Blick auf Harrys Liste.
»Nur dein Zauberstab fehlt noch – ach ja, und ich hab immer noch kein
Geburtstagsgeschenk für dich.«
Harry spürte, wie er rot wurde.
»Du musst mir kein –«
»Ich weiß, ich muss nicht. Weißt du was, ich kauf dir das Tier. Keine Kröte,
Kröten sind schon seit Jahren nicht mehr angesagt, man würde dich auslachen –
und ich mag keine Katzen, von denen muss ich niesen. Ich kauf dir eine Eule. Alle
Kinder wollen Eulen, die sind unglaublich nützlich, besorgen deine Post und so
weiter.«
Zwanzig Minuten später verließen sie Eeylops Eulenkaufhaus. Dunkel war es dort
gewesen, aus der einen oder andern Ecke hatten sie ein Flattern gehört, und
gelegentlich waren diamanthelle Augenpaare aufgeblitzt. Harry trug jetzt einen
großen Käfig, in dem eine wunderschöne Schneeeule saß, tief schlafend mit dem
Kopf unter einem Flügel. Unablässig stammelte er seinen Dank und klang dabei
genau wie Professor Quirrell.
»Nicht der Rede wert«, sagte Hagrid schroff. »Kann mir denken, dass du von
diesen Dursleys nicht allzu viele Geschenke bekommen hast. Müssen jetzt nur noch
zu Ollivander, dem Laden für Zauberstäbe, und du brauchst den besten.«
Ein Zauberstab … darauf war Harry am meisten gespannt.
Der Laden war eng und schäbig. Über der Tür hieß es in abblätternden
Goldbuchstaben: Ollivander – Gute Zauberstäbe seit 382 v. Chr. Auf einem
verblassten purpurroten Kissen im staubigen Fenster lag ein einziger Zauberstab.
Sie traten ein und von irgendwo ganz hinten im Laden kam das helle Läuten einer
Glocke. Der Raum war klein und leer mit Ausnahme eines einzigen storchbeinigen
Stuhls, auf den sich Hagrid niederließ, um zu warten. Harry fühlte sich so fremd
hier, als ob er eine Bibliothek mit sehr strenger Aufsicht betreten hätte. Er
schluckte eine Menge neuer Fragen hinunter, die ihm gerade eingefallen waren, und
betrachtete stattdessen tausende von länglichen Schachteln, die fein säuberlich bis
an die Decke gestapelt waren. Aus irgendeinem Grund kribbelte es ihm im Nacken.
Allein der Staub und die Stille hier schienen ihn mit einem geheimen Zauber zu
kitzeln.
»Guten Tag«, sagte eine sanfte Stimme. Harry schreckte auf. Auch Hagrid musste
erschrocken sein, denn ein lautes Knacken war zu hören, und rasch erhob er sich
von den Storchenbeinen.
Ein alter Mann stand vor ihnen, seine weit geöffneten, blassen Augen leuchteten
wie Monde durch die Düsternis des Ladens.
»Hallo«, sagte Harry verlegen.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 56 von 56
»Ah ja«, sagte der Mann. »Ja, ja. Hab mir gedacht, dass Sie bald vorbeikommen.
Harry Potter.« Das war keine Frage. »Sie haben die Augen Ihrer Mutter. Mir kommt
es vor, als wäre sie erst gestern selbst hier gewesen und hätte ihren ersten
Zauberstab gekauft. Zehneinviertel Zoll lang, geschmeidig, aus Weidenholz gefertigt.
Hübscher Stab für bezaubernde Arbeit.«
Mr Ollivander trat näher. Harry wünschte, er würde einmal blinzeln. Diese
silbernen Augen waren etwas gruslig.
»Ihr Vater hingegen wollte lieber einen Zauberstab aus Mahagoni. Elf Zoll.
Elastisch. Ein wenig mehr Kraft und hervorragend geeignet für Verwandlungen.
Nun ja, ich sage, Ihr Vater wollte ihn – im Grunde ist es natürlich der Zauberstab,
der sich den Zauberer aussucht.«
Mr Ollivander war Harry so nahe gekommen, dass sich beider Nasenspitzen fast
berührten. Harry konnte in diesen nebligen Augen sein Spiegelbild sehen.
»Und hier hat …«
Mr Ollivander berührte die blitzförmige Narbe auf Harrys Stirn mit einem langen,
weißen Finger.
»Leider muss ich sagen, dass ich selbst den Zauberstab verkauft habe, der das
angerichtet hat«, sagte er sanft. »Dreizehneinhalb Zoll. Eibe. Mächtiger Zauberstab,
sehr mächtig, und in den falschen Händen … Nun, wenn ich gewusst hätte, was
dieser Zauberstab draußen in der Welt anstellen würde …«
Er schüttelte den Kopf und bemerkte dann zu Harrys Erleichterung Hagrid.
»Rubeus! Rubeus Hagrid! Wie schön, Sie wiederzusehen … Eiche, sechzehn Zoll,
recht biegsam, nicht wahr?«
»Ja, Sir, das war er«, sagte Hagrid.
»Guter Stab, muss ich sagen. Aber ich fürchte, man hat ihn zerbrochen, als Sie
ausgeschlossen wurden?«, sagte Mr Ollivander plötzlich mit ernster Stimme.
»Ähm – ja, das haben sie, ja«, sagte Hagrid und scharrte mit den Füßen. »Hab
aber immer noch die Stücke«, fügte er strahlend hinzu.
»Aber Sie benutzen sie nicht, oder?«, sagte Mr Ollivander scharf.
»O nein, Sir«, sagte Hagrid rasch. Harry bemerkte, dass er seinen rosa Schirm fest
umklammerte, während er sprach.
»Hmmm«, sagte Mr Ollivander und sah Hagrid mit durchdringendem Blick an.
»Nun zu Ihnen, Mr Potter. Schauen wir mal.« Er zog ein langes Bandmaß mit
silbernen Strichen aus der Tasche. »Welche Hand ist Ihre Zauberhand?«
»Ähm – ich bin Rechtshänder«, sagte Harry.
»Strecken Sie Ihren Arm aus. Genau so.« Er maß Harry von der Schulter bis zu
den Fingerspitzen, dann vom Handgelenk zum Ellenbogen, von der Schulter bis zu
den Füßen, vom Knie zur Armbeuge und schließlich von Ohr zu Ohr. Während er
mit dem Maßband arbeitete, sagte er: »Jeder Zauberstab von Ollivander hat einen
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 57 von 57
Kern aus einem mächtigen Zauberstoff, Mr Potter. Wir benutzen Einhornhaare,
Schwanzfedern von Phönixen und die Herzfasern von Drachen. Keine zwei
Ollivander-Stäbe sind gleich, ebenso wie kein Einhorn, Drache oder Phönix dem
andern aufs Haar gleicht. Und natürlich werden Sie mit dem Stab eines anderen
Zauberers niemals so hervorragende Resultate erzielen.«
Harry fiel plötzlich auf, dass das Maßband, welches gerade den Abstand zwischen
seinen Nasenlöchern maß, dies von selbst tat. Mr Ollivander huschte zwischen den
Regalen herum und nahm Schachteln herunter.
»Das wird reichen«, sagte er und das Bandmaß schnurrte zu einem Haufen auf
dem Boden zusammen. »Nun gut, Mr Potter. Probieren Sie mal diesen. Buchenholz
und Drachenherzfasern. Neun Zoll. Handlich und biegsam. Nehmen Sie ihn einfach
mal und schwingen Sie ihn durch die Luft.«
Harry nahm den Zauberstab in die Hand und schwang ihn ein wenig hin und her
(wobei er sich albern vorkam), doch Mr Ollivander riss ihm den Stab gleich wieder
weg.
»Ahorn und Phönixfeder. Sieben Zoll. Peitscht so richtig. Versuchen Sie’s!«
Harry versuchte es, doch kaum hatte er den Zauberstab erhoben, entriss ihm Mr
Ollivander auch diesen.
»Nein, nein – hier, Ebenholz und Einhornhaare, achteinhalb Zoll, federnd. Nur zu,
nur zu, probieren Sie ihn aus.«
Harry probierte. Und probierte. Er hatte keine Ahnung, worauf Mr Ollivander
eigentlich wartete. Der Stapel mit den abgelegten Zauberstäben auf dem
storchbeinigen Stuhl wuchs immer höher, doch je mehr Zauberstäbe Mr Ollivander
von den Regalen zog, desto glücklicher schien er zu werden.
»Schwieriger Kunde, was? Keine Sorge, wir werden hier irgendwo genau das
Richtige finden. Ich frage mich jetzt – ja, warum eigentlich nicht – ungewöhnliche
Verbindung – Stechpalme und Phönixfeder, elf Zoll, handlich und geschmeidig.«
Harry ergriff den Zauberstab. Plötzlich spürte er Wärme in den Fingern. Er hob
den Stab über den Kopf und ließ ihn durch die staubige Luft herabsausen. Ein
Strom roter und goldener Funken schoss aus der Spitze hervor wie ein Feuerwerk,
das tanzende Lichtflecken auf die Wände warf. Hagrid johlte und klatschte, und Mr
Ollivander rief: »Aah, bravo. Ja, in der Tat, oh, sehr gut. Gut, gut, gut … Wie
seltsam … Ganz seltsam …«
Er legte Harrys Zauberstab zurück in die Schachtel, immer noch murmelnd:
»Seltsam … Seltsam …«
»Verzeihung«, sagte Harry, »aber was ist seltsam?«
Mr Ollivander sah Harry mit blassen Augen fest an.
»Ich erinnere mich an jeden Zauberstab, den ich je verkauft habe, Mr Potter. An
jeden einzelnen. Es trifft sich nun, dass der Phönix, dessen Schwanzfeder in Ihrem
Zauberstab steckt, noch eine andere Feder gab – nur eine noch. Es ist schon sehr
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 58 von 58
seltsam, dass Sie für diesen Zauberstab bestimmt sind, während sein Bruder – nun
ja, sein Bruder Ihnen diese Narbe beigebracht hat.«
Harry schluckte.
»Ja, dreizehneinhalb Zoll. Eibe. Wirklich merkwürdig, wie die Dinge
zusammentreffen. Der Zauberstab sucht sich den Zauberer, erinnern Sie sich … Ich
denke, wir haben Großartiges von Ihnen zu erwarten, Mr Potter … Schließlich hat
auch Er-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf Großartiges getan –
Schreckliches, ja, aber Großartiges.«
Harry schauderte. Er war sich nicht sicher, ob er Mr Ollivander besonders gut
leiden mochte. Er zahlte sieben goldene Galleonen für seinen Zauberstab und Mr
Ollivander geleitete sie mit einer Verbeugung aus der Tür.
Die späte Nachmittagssonne stand tief am Himmel, als sich Harry und Hagrid auf
den Rückweg durch die Winkelgasse machten, zurück durch die Mauer, zurück
durch den Tropfenden Kessel, der nun menschenleer war. Harry schwieg, während
sie die Straße entlanggingen; er bemerkte nicht einmal, wie viele Menschen in der
U-Bahn sie mit offenem Munde anstarrten, beladen, wie sie waren, mit ihren
merkwürdigen Päckchen und mit der schlafenden Schneeeule auf Harrys Schoß.
Wieder fuhren sie eine Rolltreppe hoch, und hinaus ging es auf den Bahnhof
Paddington. Harry erkannte erst, wo sie waren, als Hagrid ihm auf die Schulter
klopfte.
»Haben noch Zeit für einen Imbiss, bevor dein Zug geht«, sagte er.
Er kaufte für sich und Harry zwei Hamburger, und sie setzten sich auf die
Plastiksitze, um sie zu verspeisen. Harry sah sich unablässig um. Alles kam ihm
irgendwie fremd vor.
»Alles in Ordnung mit dir, Harry? Du bist ja ganz still«, sagte Hagrid.
Harry wusste nicht recht, wie er es erklären konnte. Gerade hatte er den
schönsten Geburtstag seines Lebens verbracht. Und doch, er kaute an seinem
Hamburger und versuchte die richtigen Worte zu finden.
»Alle denken, ich sei etwas Besonderes«, sagte er endlich. »All diese Leute im
Tropfenden Kessel, Professor Quirrell, Mr Ollivander … Aber ich weiß überhaupt
nichts von Zauberei. Wie können sie großartige Dinge von mir erwarten? Ich bin
berühmt, und ich kann mich nicht einmal daran erinnern, wofür ich berühmt bin.
Ich weiß nicht, was passiert ist, als Vol-, tut mir leid – ich meine, in der Nacht, als
meine Eltern starben.«
Hagrid beugte sich über den Tisch. Hinter dem wilden Bart und den buschigen
Augenbrauen entdeckte Harry ein liebevolles Lächeln.
»Mach dir keine Sorgen, Harry. Du wirst alles noch schnell genug lernen. In
Hogwarts fangen sie alle ganz von vorne an, es wird dir sicher gut gehen. Sei einfach
du selbst. Ich weiß, es ist schwer. Du bist auserwählt worden und das ist immer
schwer. Aber du wirst eine tolle Zeit in Hogwarts verbringen – wie ich damals – und
heute noch, um genau zu sein.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 59 von 59
Hagrid half Harry in den Zug, der ihn zu den Dursleys zurückbringen würde, und
reichte ihm dann einen Umschlag.
»Deine Fahrkarte nach Hogwarts«, sagte er. »Am 1. September Bahnhof King’s
Cross – steht alles drauf. Wenn du irgendwelche Schwierigkeiten mit den Dursleys
hast, schick mir deine Eule, sie weiß, wo sie mich findet … Bis bald, Harry.«
Der Zug fuhr aus dem Bahnhof hinaus. Harry wollte Hagrid beobachten, bis er
außer Sicht war; er setzte sich auf und drückte die Nase gegen das Fenster. Doch er
blinzelte und schon war Hagrid verschwunden.
Abreise von Gleis neundreiviertel
Harrys letzter Monat bei den Dursleys war nicht besonders lustig. Gewiss, Dudley
hatte nun so viel Angst vor Harry, dass er nicht im selben Zimmer mit ihm bleiben
wollte, und Tante Petunia und Onkel Vernon schlossen Harry nicht mehr in den
Schrank ein, zwangen ihn zu nichts und schrien ihn nicht an – in Wahrheit
sprachen sie kein Wort mit ihm. Halb entsetzt, halb wütend taten sie, als ob der
Stuhl, auf dem Harry saß, leer wäre. So ging es ihm in mancher Hinsicht besser als
zuvor, doch mit der Zeit wurde er ein wenig niedergeschlagen.
Harry blieb gerne in seinem Zimmer in Gesellschaft seiner Eule. Er hatte
beschlossen, sie Hedwig zu nennen, ein Name, den er in der Geschichte der
Zauberei gefunden hatte. Seine Schulbücher waren sehr interessant. Er lag auf dem
Bett und las bis spät in die Nacht, während Hedwig durchs offene Fenster hinaus-
oder hereinflatterte, wie es ihr gefiel. Ein Glück, dass Tante Petunia nicht mehr mit
dem Staubsauger hereinkam, denn andauernd brachte Hedwig tote Mäuse mit.
Harry hatte einen Monatskalender an die Wand geheftet, und jede Nacht, bevor er
einschlief, hakte er einen weiteren Tag ab.
Am letzten Augusttag fiel ihm ein, dass er wohl mit Onkel und Tante darüber
reden müsse, wie er am nächsten Tag zum Bahnhof King’s Cross kommen sollte. Er
ging hinunter ins Wohnzimmer, wo sie sich ein Fernsehquiz ansahen. Als er sich
räusperte, um auf sich aufmerksam zu machen, schrie Dudley auf und rannte davon.
»Ähm – Onkel Vernon?«
Onkel Vernon grunzte zum Zeichen, dass er hörte.
»Ähm – ich muss morgen nach King’s Cross, um … um nach Hogwarts zu fahren.«
Onkel Vernon grunzte erneut.
»Würde es dir etwas ausmachen, mich hinzufahren?«
Ein Brummen. Harry nahm an, dass es Ja hieß.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 60 von 60
»Danke.«
Er war schon auf dem Weg zur Treppe, als Onkel Vernon tatsächlich den Mund
aufmachte.
»Komische Art, zu einer Zaubererschule zu kommen, mit dem Zug. Die fliegenden
Teppiche haben wohl alle Löcher, was?«
Harry schwieg.
»Wo ist diese Schule überhaupt?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Harry, selbst davon überrascht. Er zog die Fahrkarte,
die Hagrid ihm gegeben hatte, aus der Tasche.
»Ich nehme einfach den Zug um elf Uhr von Gleis neundreiviertel«, las er laut.
Tante und Onkel starrten ihn an.
»Gleis wie viel?«
»Neundreiviertel.«
»Red keinen Stuss«, sagte Onkel Vernon, »es gibt kein Gleis neundreiviertel.«
»Es steht auf meiner Fahrkarte.«
»Total verrückt«, sagte Onkel Vernon, »vollkommen übergeschnappt, das ganze
Pack. Du wirst sehen. Wart’s nur ab. Gut, wir fahren dich nach King’s Cross. Wir
müssen morgen ohnehin nach London, sonst würd ich mir die Mühe ja nicht
machen.«
»Warum fahrt ihr nach London?«, fragte Harry, um das Gespräch ein wenig
freundlich zu gestalten.
»Wir bringen Dudley ins Krankenhaus«, knurrte Onkel Vernon. »Bevor er nach
Smeltings kommt, muss dieser vermaledeite Schwanz weg.«
Am nächsten Morgen wachte Harry um fünf Uhr auf, viel zu aufgeregt und nervös,
um wieder einschlafen zu können. Er stieg aus dem Bett und zog seine Jeans an,
weil er nicht in seinem Zaubererumhang auf dem Bahnhof erscheinen wollte – er
würde sich dann im Zug umziehen. Noch einmal ging er die Liste für Hogwarts
durch, um sich zu vergewissern, dass er alles Nötige dabeihatte, und schloss Hedwig
in ihren Käfig ein. Dann ging er im Zimmer auf und ab, darauf wartend, dass die
Dursleys aufstanden. Zwei Stunden später war Harrys riesiger, schwerer Koffer im
Wagen der Dursleys verstaut, Tante Petunia hatte Dudley überredet, sich neben
Harry zu setzen, und los ging die Fahrt.
Sie erreichten King’s Cross um halb elf. Onkel Vernon packte Harrys Koffer auf
einen Gepäckwagen und schob ihn in den Bahnhof. Harry fand dies ungewöhnlich
freundlich von ihm, bis Onkel Vernon mit einem hässlichen Grinsen auf dem
Gesicht vor den Bahnsteigen Halt machte.
»Nun, das war’s, Junge. Gleis neun – Gleis zehn. Dein Gleis sollte irgendwo
dazwischen liegen, aber sie haben es wohl noch nicht gebaut, oder?«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 61 von 61
Natürlich hatte er vollkommen Recht. Über dem Bahnsteig hing auf der einen
Seite die große Plastikziffer 9, über der anderen die große Plastikziffer 10, und
dazwischen war nichts.
»Na dann, ein gutes Schuljahr«, sagte Onkel Vernon mit einem noch hässlicheren
Grinsen. Er verschwand, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Harry wandte sich um
und sah die Dursleys wegfahren. Alle drei lachten. Harrys Mund wurde ganz
trocken. Was um Himmels willen sollte er tun? Schon richteten sich viele erstaunte
Blicke auf ihn – wegen Hedwig. Er musste jemanden fragen.
Er sprach einen vorbeigehenden Wachmann an, wagte es aber nicht, Gleis
neundreiviertel zu erwähnen. Der Wachmann hatte nie von Hogwarts gehört, und
als Harry ihm nicht einmal sagen konnte, in welchem Teil des Landes die Schule
lag, wurde er zusehends ärgerlich, als ob Harry sich absichtlich dumm anstellen
würde. Schon ganz verzweifelt fragte Harry nach dem Zug, der um elf Uhr ging,
doch der Wachmann meinte, es gebe keinen. Eine mürrische Bemerkung über
Zeitverschwender auf den Lippen, ging er schließlich davon. Harry versuchte mit
aller Macht, ruhig Blut zu bewahren. Der großen Uhr über der Ankunfttafel nach
hatte er noch zehn Minuten, um in den Zug nach Hogwarts zu steigen, und er hatte
keine Ahnung, wie er das anstellen sollte. Da stand er nun, verloren mitten auf
einem Bahnhof, mit einem Koffer, den er kaum vom Boden heben konnte, einer
Tasche voller Zauberergeld und einer großen Eule.
Hagrid musste vergessen haben, ihm zu sagen, dass er etwas Bestimmtes tun
sollte, so wie man auf den dritten Backstein zur Linken klopfen musste, um auf die
Winkelgasse zu kommen. Sollte er vielleicht seinen Zauberstab herausholen und auf
den Fahrkartenschalter zwischen Gleis neun und Gleis zehn klopfen?
In diesem Augenblick ging eine Gruppe von Menschen dicht hinter ihm vorbei und
er schnappte ein paar Worte ihrer Unterhaltung auf:
»… voller Muggel, natürlich …«
Harry wandte sich rasch um. Gesprochen hatte eine kugelrunde Frau, um sie
herum vier Jungen, allesamt mit flammend rotem Haar. Jeder der vier schob einen
Koffer, so groß wie der Harrys, vor sich her – und sie hatten eine Eule dabei.
Mit klopfendem Herzen schob Harry seinen Gepäckwagen hinter ihnen her. Sie
hielten an, und auch Harry blieb stehen, dicht genug hinter ihnen, um sie zu hören.
»So, welches Gleis war es noch mal?«, fragte die Mutter der Jungen.
»Neundreiviertel«, piepste ein kleines Mädchen an ihrer Hand, das ebenfalls rote
Haare hatte. »Mammi, kann ich nicht mitgehen …«
»Du bist noch zu klein, Ginny, und jetzt sei still. Percy, du gehst zuerst.«
Der offenbar älteste Junge machte sich auf den Weg in Richtung Bahnsteig neun
und zehn. Harry beobachtete ihn, angestrengt darauf achtend, nicht zu blinzeln,
damit ihm nichts entginge – doch gerade als der Junge die Absperrung zwischen den
beiden Gleisen erreichte, schwärmte eine große Truppe Touristen an ihm vorbei,
und als der letzte Rucksack sich verzogen hatte, war der Junge verschwunden.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 62 von 62
»Fred, du bist dran«, sagte die rundliche Frau.
»Ich bin nicht Fred, ich bin George«, sagte der Junge. »Ehrlich mal, gute Frau, du
nennst dich unsere Mutter? Kannst du nicht sehen, dass ich George bin?«
»Tut mir leid, George, mein Liebling.«
»War nur ’n Witz, ich bin Fred«, sagte der Junge, und fort war er. Sein
Zwillingsbruder rief ihm nach, er solle sich beeilen, und das musste er getan haben,
denn eine Sekunde später war er verschwunden – doch wie hatte er es geschafft?
Nun schritt der dritte Bruder zügig auf die Bahnsteigabsperrung zu – er war
schon fast dort –, und dann, ganz plötzlich, war er nicht mehr zu sehen.
Er war spurlos verschwunden.
»Entschuldigen Sie«, sagte Harry zu der rundlichen Frau.
»Hallo, mein Junge«, sagte sie. »Das erste Mal nach Hogwarts? Ron ist auch neu.«
Sie deutete auf den letzten und jüngsten ihrer Söhne. Er war hoch gewachsen,
dünn und schlaksig, hatte Sommersprossen, große Hände und Füße und eine
kräftige Nase.
»Ja«, sagte Harry. »Die Sache ist die … ist nämlich die, ich weiß nicht, wie ich …«
»Wie du zum Gleis kommen sollst?«, sagte sie freundlich und Harry nickte.
»Keine Sorge«, sagte sie. »Du läufst einfach schnurstracks auf die Absperrung vor
dem Bahnsteig für die Gleise neun und zehn zu. Halt nicht an und hab keine Angst,
du könntest dagegenknallen, das ist sehr wichtig. Wenn du nervös bist, dann renn
lieber ein bisschen. Nun geh, noch vor Ron.«
»Ähm – ja«, sagte Harry.
Er drehte seinen Gepäckwagen herum und blickte auf die Absperrung. Sie machte
einen sehr stabilen Eindruck.
Langsam ging er auf sie zu. Menschen auf dem Weg zu den Gleisen neun oder
zehn rempelten ihn an. Harry beschleunigte seine Schritte. Er würde direkt in
diesen Fahrkartenschalter knallen und dann säße er in der Patsche. Er lehnte sich,
auf den Wagen gestützt, nach vorn und stürzte nun schwer atmend los – die
Absperrung kam immer näher – anhalten konnte er nun nicht mehr – der
Gepäckkarren war außer Kontrolle – noch ein halber Meter – er schloss die Augen,
bereit zum Aufprall –
Nichts geschah … Harry rannte weiter … er öffnete die Augen.
Eine scharlachrote Dampflok stand an einem Bahnsteig bereit, der voller
Menschen war. Auf einem Schild über der Lok stand Hogwarts-Express, 11 Uhr.
Harry warf einen Blick über die Schulter und sah an der Stelle, wo der
Fahrkartenschalter gestanden hatte, ein schmiedeeisernes Tor und darauf die
Worte Gleis neundreiviertel. Er hatte es geschafft.
Die Lok blies Dampf über die Köpfe der schnatternden Menge hinweg, während
sich hie und da Katzen in allen Farben zwischen den Beinen der Leute
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 63 von 63
hindurchschlängelten. Durch das Geschnatter der Wartenden und das Kratzen der
schweren Koffer schrien sich Eulen gegenseitig etwas mürrisch an.
Die ersten Waggons waren schon dicht mit Schülern besetzt. Einige lehnten sich
aus den Fenstern und sprachen mit ihren Eltern und Geschwistern, andere stritten
sich um Sitzplätze. Auf der Suche nach einem freien Platz schob Harry seinen
Gepäckwagen weiter den Bahnsteig hinunter. Er kam an einem Jungen mit rundem
Gesicht vorbei und hörte ihn klagen: »Oma, ich hab schon wieder meine Kröte
verloren.«
»Ach, Neville«, hörte er die alte Frau seufzen.
Ein kleiner Auflauf hatte sich um einen Jungen mit Rastalocken gebildet.
»Lass uns nur einmal gucken, Lee, komm schon!«
Der Junge hob den Deckel einer Schachtel, die er in den Armen hielt, und die
Umstehenden kreischten und schrien auf, als ein langes, haariges Bein zum
Vorschein kam.
Harry schob sich weiter durch die Menge, bis er fast am Ende des Zuges ein leeres
Abteil fand. Dort stellte er erst einmal Hedwig ab, dann begann er seinen Koffer in
Richtung Waggontür zu wuchten. Er versuchte ihn die Stufen hochzuhieven, doch er
konnte den Koffer kaum auch nur an einer Seite anheben. Zweimal fiel er ihm auf
die Füße und das tat weh.
»Brauchst du Hilfe?« Das war einer der rothaarigen Zwillinge, denen er durch den
Fahrkartenschalter gefolgt war.
»Ja, bitte«, keuchte Harry.
»Hallo, Fred! Pack mal mit an!«
Mit Hilfe der Zwillinge verstaute er seinen Koffer schließlich in einer Ecke des
Abteils.
»Danke«, sagte Harry und wischte sich die schweißnassen Haare aus der Stirn.
»Was ist denn das?«, rief einer der Zwillinge plötzlich und deutete auf Harrys
Blitznarbe.
»Mensch!«, sagte der andere Zwilling. »Bist du –?«
»Er ist es«, sagte der erste Zwilling. »Oder etwa nicht?«, fügte er an Harry
gewandt hinzu.
»Wer?«, sagte Harry.
»Harry Potter«, riefen die Zwillinge im Chor.
»Oh, der«, sagte Harry. »Ja, allerdings, der bin ich.«
Die beiden Jungen starrten ihn mit offenen Mündern an, und Harry spürte, wie er
rot wurde. Dann kam, zu seiner Erleichterung, eine Stimme durch die offene
Waggontür hereingeschwebt.
»Fred? George? Seid ihr da drin?«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 64 von 64
»Wir kommen, Mum.«
Mit einem letzten Blick auf Harry sprangen die Zwillinge aus dem Zug.
Harry setzte sich ans Fenster, wo er, halb verdeckt, die rothaarige Familie auf
dem Bahnsteig beobachten und ihrem Gespräch lauschen konnte. Die Mutter hatte
soeben ein Taschentuch hervorgezogen.
»Ron, du hast was an der Nase.«
Der Jüngste versuchte sich loszureißen, doch sie packte ihn und fing an seine
Nase zu putzen.
»Mum – hör auf.« Er wand sich los.
»Aaah, hat Ronniespätzchen etwas am Näschen?«, sagte einer der Zwillinge.
»Halt den Mund«, sagte Ron.
»Wo ist Percy?«, fragte die Mutter.
»Da kommt er.«
Der älteste Junge kam angeschritten. Er hatte bereits seinen wogenden
schwarzen Hogwarts-Umhang angezogen und Harry bemerkte ein schimmerndes
rot-goldenes Abzeichen mit dem Buchstaben V auf seiner Brust.
»Kann nicht lange bleiben, Mutter«, sagte er. »Ich bin ganz vorn, die
Vertrauensschüler haben zwei Abteile für sich.«
»Oh, du bist Vertrauensschüler, Percy?«, sagte einer der Zwillinge und tat ganz
überrascht. »Hättest du doch etwas gesagt, wir wussten ja gar nichts davon.«
»Warte, mir ist, als hätte er mal was erwähnt«, sagte der andere Zwilling. »Einmal
–«
»Oder auch zweimal –«
»So nebenbei –«
»Den ganzen Sommer über –«
»Ach, hört auf«, sagte Percy der Vertrauensschüler.
»Warum hat Percy eigentlich einen neuen Umhang?«, fragte einer der Zwillinge.
»Weil er ein Vertrauensschüler ist«, sagte die Mutter vergnügt. »Nun gut, mein
Schatz, ich wünsch dir ein gutes Schuljahr – und schick mir eine Eule, wenn du
angekommen bist.«
Sie küsste Percy auf die Wange und er verabschiedete sich. Dann wandte sie sich
den Zwillingen zu.
»Und jetzt zu euch beiden. Dieses Jahr benehmt ihr euch. Wenn ich noch einmal
eine Eule bekomme, die mir sagt, dass ihr – dass ihr ein Klo in die Luft gejagt habt
oder –«
»Ein Klo in die Luft gejagt? Wir haben noch nie ein Klo in die Luft gejagt.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 65 von 65
»Ist aber eine klasse Idee, danke, Mum.«
»Das ist nicht lustig. Und passt auf Ron auf.«
»Keine Sorge, Ronniespätzchen ist sicher mit uns.«
»Haltet den Mund«, sagte Ron erneut. Er war schon fast so groß wie die Zwillinge,
und seine Nase war dort, wo die Mutter sie geputzt hatte, immer noch rosa.
»He, Mum, weißt du was? Rate mal, wen wir im Zug getroffen haben!«
Harry lehnte sich rasch zurück, damit sie nicht sehen konnten, dass er sie
beobachtete.
»Weißt du noch, dieser schwarzhaarige Junge, der im Bahnhof neben uns stand?
Weißt du, wer das ist?«
»Wer?«
»Harry Potter!«
Harry hörte die Stimme des kleinen Mädchens.
»Oh, Mum, kann ich in den Zug gehen und ihn sehen? Mum, bitte …«
»Du hast ihn schon gesehen, Ginny, und der arme Junge ist kein Tier, das man
sich anguckt wie im Zoo. Ist er es wirklich, Fred? Woher weißt du das?«
»Hab ihn gefragt. Hab seine Narbe gesehen. Es gibt sie wirklich – sieht aus wie
ein Blitz.«
»Der Arme – kein Wunder, dass er allein war. Er hat ja so höflich gefragt, wie er
auf den Bahnsteig kommen soll.«
»Schon gut, aber glaubst du, er erinnert sich daran, wie Du-weißt-schon-wer
aussieht?«
Ihre Mutter wurde plötzlich sehr ernst.
»Ich verbiete dir, ihn danach zu fragen, Fred. Wag es ja nicht. Das hat ihm gerade
noch gefehlt, dass er an seinem ersten Schultag daran erinnert wird.«
»Schon gut, reg dich ab.«
Ein Pfiff gellte über den Bahnsteig.
»Beeilt euch!«, sagte die Mutter und die drei Jungen stiegen in den Zug. Sie
lehnten sich aus dem Fenster für einen Abschiedskuss und ihre kleine Schwester
begann zu weinen.
»Nicht doch, Ginny, wir senden dir kistenweise Eulen.«
»Wir schicken dir eine Klobrille aus Hogwarts.«
»George!«
»War nur ’n Witz, Mum.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 66 von 66
Mit einem Ruck fuhr der Zug an. Harry sah die Mutter der Jungen und die kleine
Schwester halb lachend, halb weinend zum Abschied winken. Sie rannten mit, bis
der Zug zu schnell wurde, dann blieben sie stehen und winkten.
Der Zug ging in eine Kurve und Harry verlor das Mädchen und seine Mutter aus
den Augen. Vor dem Fenster zogen Häuser vorbei. Plötzlich war Harry ganz
aufgeregt. Er wusste nicht, was ihn erwartete – doch besser als das, was er
zurückließ, musste es allemal sein.
Die Abteiltür glitt auf und der jüngste der Rotschöpfe kam herein.
»Sitzt da jemand?«, fragte er und deutete auf den Sitz gegenüber von Harry. »Der
ganze Zug ist nämlich voll.«
Harry schüttelte den Kopf und der Junge setzte sich. Er warf Harry einen
schnellen Blick zu und sah dann schweigend aus dem Fenster. Harry sah, dass er
immer noch einen schwarzen Fleck auf der Nase hatte.
»He, Ron.«
Da waren die Zwillinge wieder.
»Hör mal, wir gehen weiter in die Mitte. Lee Jordan hat eine riesige Tarantel.«
»Macht nur«, murmelte Ron.
»Harry«, sagte der andere Zwilling, »haben wir uns eigentlich schon vorgestellt?
Fred und George Weasley. Und das hier ist Ron, unser Bruder. Bis später dann.«
»Tschau«, sagten Harry und Ron. Die Zwillinge schoben die Abteiltür hinter sich
zu.
»Bist du wirklich Harry Potter?«, kam es aus Ron hervorgesprudelt.
Harry nickte.
»Aah, gut, ich dachte, es wäre vielleicht wieder so ein Scherz von Fred und
George«, sagte Ron. »Und hast du wirklich … du weißt schon …« Er deutete auf
Harrys Stirn.
Harry strich sich die Haare aus dem Gesicht und zeigte ihm die Blitznarbe. Ron
machte große Augen.
»Also hier hat Du-weißt-schon-wer …?«
»Ja«, sagte Harry, »aber ich kann mich nicht daran erinnern.«
»An nichts?«, fragte Ron neugierig.
»Na ja, ich erinnere mich noch, dass überall grünes Licht war, aber an sonst
nichts.«
»Mensch«, sagte Ron. Er saß da, starrte Harry einige Zeit lang an, und dann, als
sei ihm plötzlich klar geworden, was er da tat, wandte er seine Augen rasch wieder
aus dem Fenster.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 67 von 67
»Sind alle in eurer Familie Zauberer?«, fragte Harry, der Ron genauso interessant
fand wie Ron ihn.
»Ähm – ja, ich denke schon«, sagte Ron. »Ich glaube, Mum hat noch einen zweiten
Vetter, der Buchhalter ist, aber wir reden nie über ihn.«
»Dann musst du schon viel vom Zaubern verstehen.«
Die Weasleys waren offensichtlich eine dieser alten Zaubererfamilien, von denen
der blasse Junge in der Winkelgasse gesprochen hatte.
»Ich hab gehört, dass du bei den Muggeln gelebt hast«, sagte Ron. »Wie sind die?«
»Fürchterlich – na ja, nicht alle. Meine Tante, mein Onkel und mein Vetter
jedenfalls. Ich wünschte, ich hätte auch drei Zaubererbrüder.«
»Fünf«, sagte Ron. Aus irgendeinem Grund verdüsterte sich seine Miene. »Ich bin
der Sechste in unserer Familie, der nach Hogwarts geht. Und das heißt, in mich
setzt man hohe Erwartungen. Bill und Charlie sind schon nicht mehr dort – Bill war
Schulsprecher und Charlie war Kapitän der Quidditch-Mannschaft. Und Percy ist
jetzt Vertrauensschüler. Fred und George machen zwar eine Menge Unsinn, aber sie
haben trotzdem ganz gute Noten und sind beliebt. Alle erwarten von mir, dass ich so
gut bin wie die andern, aber wenn ich es schaffe, ist es keine große Sache, weil sie es
schon vorgemacht haben. Außerdem kriegst du nie etwas Neues, wenn du fünf
Brüder hast. Ich habe den alten Umhang von Bill, den alten Zauberstab von Charlie
und die alte Ratte von Percy.«
Ron schob die Hand in die Jacke und zog eine fette, graue, schlafende Ratte
hervor.
»Ihr Name ist Krätze und sie ist nutzlos, sie pennt immer. Percy hat von meinem
Dad eine Eule bekommen, weil er Vertrauensschüler wurde, aber sie konnten sich
keine – ich meine, ich habe stattdessen Krätze bekommen.«
Rons Ohren färbten sich rosa. Offenbar glaubte er, er habe jetzt zu viel gesagt,
denn er sah jetzt wieder aus dem Fenster.
Harry fand es überhaupt nicht schlimm, wenn jemand sich keine Eule leisten
konnte. Schließlich hatte er bis vor einem Monat keinen Penny gehabt, und er
erzählte Ron auch, dass er immer Dudleys alte Klamotten tragen musste und nie ein
richtiges Geburtstagsgeschenk bekommen hatte. Das schien Ron ein wenig
aufzumuntern.
»… und bis Hagrid es mir gesagt hat, wusste ich überhaupt nicht, dass ich ein
Zauberer bin, und auch nichts von meinen Eltern und Voldemort.«
Ron stockte der Atem.
»Was ist?«, fragte Harry.
»Du hast Du-weißt-schon-wen beim Namen genannt!«, sagte Ron, entsetzt und
beeindruckt zugleich. »Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet du –«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 68 von 68
»Ich möchte nicht so tun, als ob ich besonders mutig wäre, wenn ich den Namen
sage«, antwortete Harry. »Ich habe einfach nie gewusst, dass man es nicht tun sollte.
Verstehst du? Ich hab noch eine Menge zu lernen … Ich wette«, fuhr er fort und
redete sich etwas von der Seele, das ihm seit kurzem viel Sorge bereitete, »ich wette,
ich bin der Schlechteste in der Klasse.«
»Das glaube ich nicht. Es gibt eine Menge Leute aus Muggelfamilien und sie
lernen trotzdem schnell.«
Während sie sich unterhielten, hatte der Zug London hinter sich gelassen. Wiesen
mit Kühen und Schafen zogen nun schnell an ihnen vorbei. Eine Weile schwiegen sie
und schauten hinaus auf Felder und Wege.
Um halb zwölf drang vom Gang ein lautes Geklirre und Geklapper herein, und
eine Frau mit Grübchen in den Wangen schob die Tür auf und sagte lächelnd: »Eine
Kleinigkeit vom Wagen gefällig, ihr Süßen?«
Harry, der nicht gefrühstückt hatte, sprang auf, doch Rons Ohren liefen wieder
rosa an. Er habe Stullen dabei, nuschelte er. Harry trat hinaus in den Gang.
Bei den Dursleys hatte er nie Geld für Süßigkeiten gehabt, und nun, mit den
Taschen voll klimpernder Gold- und Silbermünzen, hatte er große Lust, so viele
Schokoriegel zu kaufen, wie er nur tragen konnte, doch die Frau hatte keine
Schokoriegel. Es gab Bertie Botts Bohnen in allen Geschmacksrichtungen, Bubbels
Besten Blaskaugummi, Schokofrösche, Kürbispasteten, Kesselkuchen, Lakritz-
Zauberstäbe und einige andere seltsame Dinge, die Harry noch nie gesehen hatte.
Damit ihm auch nichts entginge, nahm er von allem etwas und zahlte der Frau elf
Silbersickel und sieben Bronzeknuts.
Ron machte große Augen, als Harry mit all den Sachen ins Abteil zurückkam und
sie auf einen leeren Sitz fallen ließ.
»Bist wohl ziemlich hungrig?«
»Ich verhungere gleich«, sagte Harry und nahm einen großen Bissen von einer
Kürbispastete.
Ron hatte ein klobiges Papierbündel herausgeholt und es aufgewickelt. Drin
waren vier belegte Brote. Er zog eins davon auseinander und sagte: »Sie vergisst
immer, dass ich kein Corned Beef mag.«
»Ich tausch es für eine hiervon«, sagte Harry und hielt eine Pastete hoch. »Na los –
«
»Das Brot magst du sicher nicht, es ist ganz trocken«, sagte Ron. »Sie hat nicht
viel Zeit«, fügte er rasch hinzu, »mit gleich fünfen von uns, du weißt ja.«
»Ach, komm schon, nimm dir eine Pastete«, sagte Harry, der noch nie etwas zu
teilen gehabt hatte oder auch nur jemanden, mit dem er etwas hätte teilen können.
Es war ein gutes Gefühl, hier mit Ron zu sitzen und sich durch all seine Pasteten
und Kuchen zu futtern (die Stullen hatten sie längst vergessen).
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 69 von 69
»Was ist das?«, fragte Harry und hielt eine Schachtel Schokofrösche hoch. »Das
sind keine echtenFrösche, oder?« Allmählich hatte er das Gefühl, dass ihn nichts
mehr überraschen würde.
»Nein«, sagte Ron. »Aber schau nach, was auf der Karte ist, mir fehlt noch
Agrippa.«
»Was?«
»Ach, das weißt du natürlich nicht! In den Schokofröschen sind Bildkarten von
berühmten Hexen und Zauberern zum Sammeln. Ich habe über fünfhundert, aber
mir fehlen noch Agrippa und Ptolemäus.«
Harry wickelte den Schokofrosch aus und entnahm die Karte. Sie zeigte das
Gesicht eines Mannes. Er trug eine Lesebrille, hatte eine lange, krumme Nase,
wehendes Silberhaar und einen mächtigen Vollbart. Unter dem Bild stand der
Name Albus Dumbledore.
»Das ist also Dumbledore!«, rief Harry.
»Sag bloß, du hast noch nie von Dumbledore gehört!«, rief Ron. »Kann ich einen
Frosch haben? Vielleicht ist Agrippa drin. – Danke.«
Harry drehte seine Karte um und las:
Albus Dumbledore, gegenwärtig Schulleiter von Hogwarts.
Gilt bei vielen als der größte Zauberer der jüngeren Geschichte.
Professor Dumbledores Ruhm beruht vor allem auf seinem Sieg über den
schwarzen Magier Grindelwald im Jahre 1945, auf der Entdeckung der zwölf
Anwendungen für Drachenblut und auf seinem Werk über Alchemie, verfasst
zusammen mit seinem Partner Nicolas Flamel. In seiner Freizeit hört Professor
Dumbledore mit Vorliebe Kammermusik und spielt Bowling.
Harry drehte die Karte wieder um und stellte verblüfft fest, dass Dumbledores
Gesicht verschwunden war.
»Er ist weg!«
»Tja, du kannst nicht erwarten, dass er den ganzen Tag hier rumhängt«, sagte
Ron. »Er wird schon wiederkommen. Ach nein, ich hab schon wieder Morgana; von
der hab ich doch schon sechs Stück … willst du sie? Du könntest anfangen zu
sammeln.«
Rons Augen wanderten hinüber zu dem Haufen Schokofrösche, die nur darauf
warteten, ausgewickelt zu werden.
»Bedien dich«, sagte Harry. »Aber in der … in der Muggelwelt bleiben die Leute
einfach sichtbar.«
»Wirklich? Soll das heißen, sie bewegen sich überhaupt nicht?« Ron klang
verblüfft. »Komisch!«
Harry machte große Augen, als Dumbledore wieder ins Bild auf seiner Karte
huschte und ihn kaum merklich anlächelte. Ron war mehr daran interessiert, die
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 70 von 70
Frösche zu verspeisen, als die Karten mit den berühmten Hexen und Zauberern zu
betrachten, doch Harry konnte seine Augen nicht von ihnen abwenden. Bald besaß
er nicht nur Dumbledore und Morgana, sondern auch Hengis von Woodcroft,
Alberich Grunnion, Circe, Paracelsus und Merlin. Schließlich wandte er mit Mühe
die Augen von der Druidin Cliodna ab, die sich gerade an der Nase kratzte, und
öffnete eine Tüte Bertie Botts Bohnen aller Geschmacksrichtungen.
»Sei bloß vorsichtig mit denen«, warnte ihn Ron. »Wenn sie sagen, jede
Geschmacksrichtung, dannmeinen sie es auch. – Du kriegst zwar alle gewöhnlichen
wie Schokolade und Pfefferminz und Erdbeere, aber auch Spinat und Leber und
Kutteln. George meint, er habe mal eine mit Popelgeschmack gehabt.«
Ron nahm sich eine grüne Bohne, studierte sie sorgfältig und biss sich ein Stück
ab.
»Ääähhh – siehst du? Rosenkohl.«
Die Bohnen jeder Geschmacksrichtung zu essen machte ihnen Spaß. Harry hatte
Toast, Kokosnuss, gebackene Bohnen, Erdbeere, Curry, Gras, Kaffee und Sardine
und war sogar kühn genug, um das Ende einer merkwürdigen grauen Bohne
anzuknabbern, die Ron nicht einmal anfassen wollte. Sie schmeckte nach Pfeffer.
Die Landschaft, die nun am Fenster vorbeiflog, wurde zunehmend wilder. Die
ordentlich bestellten Felder waren verschwunden. Jetzt sahen sie Wälder,
verschlungene Flüsse und dunkelgrüne Hügel.
An der Abteiltür klopfte es, und der Junge mit dem runden Gesicht, an dem Harry
auf dem Bahnsteig vorbeigegangen war, kam herein. Er sah ganz verweint aus.
»Tut mir leid«, sagte er, »aber habt ihr vielleicht eine Kröte gesehen?«
Als sie die Köpfe schüttelten, fing er an zu klagen: »Ich hab sie verloren. Immer
haut sie ab!«
»Sie wird schon wieder auftauchen«, sagte Harry.
»Ja«, sagte der Junge verzweifelt. »Gut, falls ihr sie seht …«
Er verschwand wieder.
»Weiß nicht, warum er sich so aufregt«, sagte Ron. »Wenn ich eine Kröte
mitgebracht hätte, dann wär ich sie so schnell wie möglich losgeworden. Doch was
soll’s, hab ja Krätze mitgebracht, ich sollte also lieber den Mund halten.«
Die Ratte döste immer noch auf Rons Schoß.
»Sie könnte inzwischen gestorben sein, ohne dass ich es gemerkt hätte«, sagte Ron
voller Abscheu. »Gestern hab ich versucht, sie gelb zu färben, damit sie
interessanter aussieht, aber der Spruch hat nicht gewirkt. Ich zeig’s dir, schau mal
…«
Er stöberte in seinem Koffer herum und zog einen arg in Mitleidenschaft
genommenen Zauberstab hervor. An manchen Stellen war er angeschnitten und
etwas Weißes glitzerte an der Spitze.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 71 von 71
»Das Einhornhaar kommt schon fast raus. Egal –«
Gerade hatte er seinen Zauberstab erhoben, als die Abteiltür erneut aufgeschoben
wurde. Wieder war es der krötenlose Junge, doch diesmal war ein Mädchen bei ihm.
Sie trug schon jetzt ihren neuen Hogwarts-Umhang.
»Hat jemand eine Kröte gesehen? Neville hat seine verloren«, sagte sie mit
gebieterischer Stimme. Sie hatte einen üppigen braunen Haarschopf und recht lange
Vorderzähne.
»Wir haben ihm schon gesagt, dass wir sie nicht gesehen haben«, erklärte Ron.
Doch das Mädchen hörte nicht zu, sondern betrachtete den Zauberstab in seiner
Hand.
»Aha, du bist gerade am Zaubern? Dann lass mal sehen.«
Sie setzte sich. Ron sah verlegen aus.
»Ähm – na gut.«
Er räusperte sich.
»Eidotter, Gänsekraut und Sonnenschein,
Gelb soll diese fette Ratte sein.«
Er wedelte mit dem Zauberstab durch die Luft, doch nichts passierte. Krätze blieb
bei seiner grauen Farbe und schlief munter weiter.
»Bist du sicher, dass das ein richtiger Zauberspruch ist?«, sagte das Mädchen.
»Jedenfalls ist er nicht besonders gut. Ich hab selbst ein paar einfache Sprüche
probiert, nur zum Üben, und bei mir hat’s immer geklappt. Keiner in meiner Familie
ist magisch, es war ja so eine Überraschung, als ich meinen Brief bekommen hab,
aber ich hab mich unglaublich darüber gefreut, es ist nun einmal die beste Schule
für Zauberei, die es gibt, wie ich gehört hab – ich hab natürlich alle unsere
Schulbücher auswendig gelernt, ich hoffe nur, das reicht. Übrigens, ich bin Hermine
Granger, und wer seid ihr?«
Das alles sprudelte in atemberaubender Geschwindigkeit aus ihr heraus.
Harry sah Ron an und war erleichtert, in seinem verblüfften Gesicht ablesen zu
können, dass auch er nicht alle Schulbücher auswendig gelernt hatte.
»Ich bin Ron Weasley«, murmelte Ron.
»Harry Potter«, sagte Harry.
»Ach tatsächlich?«, sagte Hermine. »Natürlich weiß ich alles über dich, ich hab
noch ein paar andere Bücher, als Hintergrundlektüre, und du stehst in
der Geschichte der modernen Magie, im Aufstieg und Niedergang der dunklen
Künste und in der Großen Chronik der Zauberei des zwanzigsten Jahrhunderts.«
»Nicht zu fassen«, sagte Harry, etwas schwurbelig im Kopf.
»Meine Güte, hast du das nicht gewusst, ich jedenfalls hätte alles über mich
rausgefunden, wenn ich du gewesen wäre«, sagte Hermine. »Wisst ihr eigentlich
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 72 von 72
schon, in welches Haus ihr kommt? Ich hab herumgefragt und hoffentlich komme
ich nach Gryffindor, da hört man das Beste, es heißt, Dumbledore selber war dort,
aber ich denke, Ravenclaw wär auch nicht schlecht … Gut denn, wir suchen jetzt
besser weiter nach Nevilles Kröte. Übrigens, ihr beide solltet euch lieber umziehen,
ich glaube, wir sind bald da.«
Den krötenlosen Jungen im Schlepptau, zog sie von dannen.
»Egal, in welches Haus ich komme, Hauptsache, die ist woanders«, sagte Ron. Er
warf seinen Zauberstab in den Koffer zurück. »Blöder Spruch, ich hab ihn von
George. Wette, er hat gewusst, dass es ein Blindgänger ist.«
»In welchem Haus sind deine Brüder?«, fragte Harry.
»Gryffindor«, sagte Ron. Wieder schienen ihn düstere Gedanken gefangen zu
nehmen. »Mum und Dad waren auch dort. Ich weiß nicht, was sie sagen werden,
wenn ich woanders hinkomme. Ravenclaw wäre sicher nicht allzu schlecht, aber
stell dir vor, sie stecken mich nach Slytherin.«
»Das ist das Haus, in dem Vol-, ich meine, Du-weißt-schon-wer war?«
»Ja«, sagte Ron. Er ließ sich mit trübseliger Miene in seinen Sitz zurückfallen.
»Weißt du was, mir kommen die Spitzen von Krätzes Schnurrhaaren doch etwas
heller vor«, sagte Harry, um Ron abzulenken. »Und was machen jetzt eigentlich
deine älteren Brüder, wo sie aus der Schule sind?«
Harry war neugierig, was ein Zauberer wohl nach der Schule anstellen mochte.
»Charlie ist in Rumänien und erforscht Drachen und Bill ist in Afrika und erledigt
etwas für Gringotts«, sagte Ron. »Hast du von Gringotts gehört? Es kam ganz groß
im Tagespropheten, aber den kriegst du wohl nicht bei den Muggeln: Jemand hat
versucht ein Hochsicherheitsverlies auszurauben.«
Harry starrte ihn an. »Wirklich? Und weiter?«
»Nichts, darum hat die Sache ja Schlagzeilen gemacht. Man hat sie nicht erwischt.
Mein Dad sagt, es muss ein mächtiger schwarzer Magier gewesen sein, wenn er bei
Gringotts eindringen konnte, aber sie glauben nicht, dass sie etwas mitgenommen
haben, und das ist das Merkwürdige daran. Natürlich kriegen es alle mit der Angst
zu tun, wenn so etwas passiert, es könnte ja Du-weißt-schon-wer dahinterstecken.«
Harry dachte über diese Neuigkeit nach. Inzwischen spürte er immer ein wenig
Angst in sich hochkribbeln, wenn der Name von Du-weißt-schon-wem fiel. Das
gehörte wohl dazu, wenn man in die Welt der Zauberer eintrat, doch es war viel
einfacher gewesen, »Voldemort« zu sagen, ohne sich deswegen zu beunruhigen.
»Für welche Quidditch-Mannschaft bist du eigentlich?«, fragte Ron.
»Ähm – ich kenne gar keine«, gestand Harry.
»Was?« Ron sah ihn verdutzt an. »Ach, wart’s nur ab, das ist das beste Spiel der
Welt –« Und dann legte er los und erklärte alles über die vier Bälle und die
Positionen der sieben Spieler, beschrieb berühmte Spiele, die er mit seinen Brüdern
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besucht hatte, und den Besen, den er gerne kaufen würde, wenn er das Geld dazu
hätte. Gerade war er dabei, Harry in die raffinierteren Züge des Spiels einzuführen,
als die Abteiltür wieder aufging. Doch diesmal waren es weder Neville, der
krötenlose Junge, noch Hermine Granger.
Drei Jungen traten ein und Harry erkannte sofort den mittleren von ihnen: Es
war der blasse Junge aus Madam Malkins Laden. Er musterte Harry nun viel
interessierter als in der Winkelgasse.
»Stimmt es?«, sagte er. »Im ganzen Zug sagen sie, dass Harry Potter in diesem
Abteil ist. Also du bist es?«
»Ja«, sagte Harry. Er sah die anderen Jungen an. Beide waren stämmig und
wirkten ziemlich fies. Wie sie da zur Rechten und zur Linken des blassen Jungen
standen, sahen sie aus wie seine Leibwächter.
»Oh, das ist Crabbe und das ist Goyle«, bemerkte der blasse Junge lässig, als er
Harrys Blick folgte. »Und mein Name ist Malfoy. Draco Malfoy.«
Von Ron kam ein leichtes Husten, das sich anhörte wie ein verdruckstes Kichern.
Draco Malfoy sah ihn an.
»Meinst wohl, mein Name ist komisch, was? Wer du bist, muss man ja nicht erst
fragen. Mein Vater hat mir gesagt, alle Weasleys haben rotes Haar,
Sommersprossen und mehr Kinder, als sie sich leisten können.«
Er wandte sich wieder Harry zu.
»Du wirst bald feststellen, dass einige Zaubererfamilien viel besser sind als
andere, Potter. Und du wirst dich doch nicht etwa mit der falschen Sorte abgeben.
Ich könnte dir behilflich sein.«
Er streckte die Hand aus, doch Harry machte keine Anstalten, ihm die seine zu
reichen.
»Ich denke, ich kann sehr gut selber entscheiden, wer zur falschen Sorte gehört«,
sagte er kühl.
Draco Malfoy wurde nicht rot, doch ein Hauch Rosa erschien auf seinen blassen
Wangen.
»Ich an deiner Stelle würde mich vorsehen, Potter«, sagte er langsam. »Wenn du
nicht ein wenig höflicher bist, wird es dir genauso ergehen wie deinen Eltern. Die
wussten auch nicht, was gut für sie war. Wenn du dich mit Gesindel wie den
Weasleys und diesem Hagrid abgibst, wird das auf dich abfärben.«
Harry und Ron erhoben sich. Rons Gesicht war nun so rot wie sein Haar.
»Sag das noch mal«, sagte er.
»Oh, ihr wollt euch mit uns schlagen?«, höhnte Malfoy.
»Außer ihr verschwindet sofort«, sagte Harry, was mutiger klang, als er sich
fühlte, denn Crabbe und Goyle waren viel kräftiger als er und Ron.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 74 von 74
»Aber uns ist überhaupt nicht nach Gehen zumute, oder, Jungs? Wir haben alles
aufgefuttert, was wir hatten, und bei euch gibt’s offenbar noch was.«
Goyle griff nach den Schokofröschen neben Ron. Ron machte einen Sprung nach
vorn, doch bevor er Goyle auch nur berührt hatte, entfuhr diesem ein fürchterlicher
Schrei.
Krätze, die Ratte, baumelte von Goyles Zeigefinger herab, ihre scharfen kleinen
Zähne tief in seine Knöchel versenkt – Crabbe und Malfoy wichen zur Seite, als der
jaulende Goyle Krätze weit im Kreis herumschwang. Als Krätze schließlich wegflog
und gegen das Fenster klatschte, verschwanden alle drei auf der Stelle. Vielleicht
dachten sie, noch mehr Ratten würden zwischen den Süßigkeiten lauern, oder
vielleicht hatten sie Schritte gehört, denn einen Augenblick später trat Hermine
Granger ein.
»Was war hier los?«, sagte sie und blickte auf die Naschereien, die auf dem Boden
verstreut lagen. Ron packte Krätze am Schwanz und hob ihn hoch.
»Ich denke, er ist k. o. gegangen«, sagte Ron zu Harry gewandt. Er besah sich
Krätze näher. »Nein – doch nicht. Ist wohl wieder eingeschlafen.«
Und so war es.
»Hast du Malfoy schon einmal getroffen?«
Harry erzählte von ihrer Begegnung in der Winkelgasse.
»Ich hab von seiner Familie gehört«, sagte Ron in düsterem Ton. »Sie gehörten zu
den Ersten, die auf unsere Seite zurückkehrten, nachdem Du-weißt-schon-wer
verschwunden war. Sagten, sie seien verhext worden. Mein Dad glaubt nicht daran.
Er sagt, Malfoys Vater brauchte keine Ausrede, um auf die dunkle Seite zu gehen.«
Er wandte sich Hermine zu. »Können wir dir behilflich sein?«
»Ich schlage vor, ihr beeilt euch ein wenig und zieht eure Umhänge an. Ich war
gerade vorn beim Lokführer, und er sagt, wir sind gleich da. Ihr habt euch nicht
geschlagen, oder? Ihr kriegt noch Schwierigkeiten, bevor wir überhaupt da sind!«
»Krätze hat gekämpft, nicht wir«, sagte Ron und blickte sie finster an. »Würdest
du bitte gehen, damit wir uns umziehen können?«
»Schon gut. Ich bin nur reingekommen, weil sich die Leute draußen einfach
kindisch aufführen und ständig die Gänge auf und ab rennen«, sagte Hermine
hochnäsig. »Und übrigens, du hast Dreck an der Nase, weißt du das?«
Unter dem zornfunkelnden Blick von Ron ging sie schließlich hinaus.
Harry sah aus dem Fenster. Es wurde langsam dunkel. Unter einem tiefpurpurrot
gefärbten Himmel konnte er noch Berge und Wälder erkennen. Der Zug schien
langsamer zu werden.
Die beiden legten die Jacken ab und zogen ihre langen schwarzen Umhänge an.
Rons Umhang war ein wenig zu kurz für ihn, man konnte seine Turnschuhe
darunter sehen.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 75 von 75
Eine Stimme hallte durch den Zug: »In fünf Minuten kommen wir in Hogwarts an.
Bitte lassen Sie Ihr Gepäck im Zug, es wird für Sie zur Schule gebracht.«
Harry spürte ein Ziehen im Magen und Ron sah unter seinen Sommersprossen
ganz blass aus. Sie stopften sich den letzten Rest Süßigkeiten in die Taschen und
traten hinaus auf den Gang, der schon voller Schüler war.
Der Zug bremste und kam zum Stillstand. Alles drängelte sich durch die Tür und
hinaus auf einen kleinen, dunklen Bahnsteig. Harry zitterte in der kalten Abendluft.
Plötzlich erhob sich über ihren Köpfen der Schein einer Lampe und Harry hörte eine
vertraute Stimme: »Erstklässler! Erstklässler hier rüber! Alles klar, Harry?«
Hagrids großes, haariges Gesicht strahlte ihm über das Meer von Köpfen hinweg
entgegen.
»Nu mal los, mir nach – noch mehr Erstklässler da? Passt auf, wo ihr hintretet!
Erstklässler mir nach!«
Rutschend und stolpernd folgten sie Hagrid einen steilen, schmalen Pfad
hinunter. Um sie her war es so dunkel, dass Harry vermutete, zu beiden Seiten
müssten dichte Bäume stehen. Kaum jemand sprach ein Wort. Neville, der Junge,
der immer seine Kröte verlor, schniefte hin und wieder.
»Augenblick noch, und ihr seht zum ersten Mal in eurem Leben Hogwarts«, rief
Hagrid über die Schulter, »nur noch um diese Biegung hier.«
Es gab ein lautes »Oooooh!«.
Der enge Pfad war plötzlich zu Ende und sie standen am Ufer eines großen
schwarzen Sees. Drüben auf der anderen Seite, auf der Spitze eines hohen Berges,
die Fenster funkelnd im rabenschwarzen Himmel, thronte ein gewaltiges Schloss
mit vielen Zinnen und Türmen.
»Nicht mehr als vier in einem Boot!«, rief Hagrid und deutete auf eine Flotte
kleiner Boote, die am Ufer dümpelten. Harry und Ron sprangen in eines der Boote
und ihnen hinterher Neville und Hermine.
»Alle drin?«, rief Hagrid, der ein Boot für sich allein hatte. »Nun denn –
VORWÄRTS!«
Die kleinen Boote setzten sich gleichzeitig in Bewegung und glitten über den
spiegelglatten See. Alle schwiegen und starrten hinauf zu dem großen Schloss. Es
thronte dort oben, während sie sich dem Felsen näherten, auf dem es gebaut war.
»Köpfe runter!«, rief Hagrid, als die ersten Boote den Felsen erreichten; sie
duckten sich, und die kleinen Boote schienen durch einen Vorhang aus Efeu zu
schweben, der sich direkt vor dem Felsen auftat. Sie glitten durch einen dunklen
Tunnel, der sie anscheinend in die Tiefe unterhalb des Schlosses führte, bis sie eine
Art unterirdischen Hafen erreichten und aus den Booten kletterten.
»He, du da! Ist das deine Kröte?«, rief Hagrid, der die Boote musterte, während die
Kinder ausstiegen.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 76 von 76
»Trevor!«, schrie Neville selig vor Glück und streckte die Hände aus. Dann
stiefelten sie hinter Hagrids Lampe einen Felsgang empor und kamen schließlich
auf einer weichen, feuchten Wiese im Schatten des Schlosses heraus.
Sie gingen eine lange Steintreppe hoch und versammelten sich vor dem riesigen
Eichentor des Schlosses.
»Alle da? Du da, hast noch deine Kröte?«
Hagrid hob seine gewaltige Faust und klopfte dreimal an das Schlosstor.
Der Sprechende Hut
Sogleich öffnete sich das Tor. Vor ihnen stand eine große Hexe mit schwarzen
Haaren und einem smaragdgrünen Umhang. Sie hatte ein strenges Gesicht, und
Harrys erster Gedanke war, dass mit ihr wohl nicht gut Kirschen essen wäre.
»Die Erstklässler, Professor McGonagall«, sagte Hagrid.
»Danke, Hagrid. Ich nehm sie dir ab.«
Sie zog die Torflügel weit auf. Die Eingangshalle war so groß, dass das ganze
Haus der Dursleys hineingepasst hätte. Wie bei Gringotts beleuchtete das
flackernde Licht von Fackeln die Steinwände, die Decke war so hoch, dass man sie
nicht mehr erkennen konnte, und vor ihnen führte eine gewaltige Marmortreppe in
die oberen Stockwerke.
Sie folgten Professor McGonagall durch die steingeflieste Halle. Aus einem Gang
zur Rechten konnte Harry das Summen hunderter von Stimmen hören – die
anderen Schüler mussten schon da sein –, doch Professor McGonagall führte die
Erstklässler in eine kleine, leere Kammer neben der Halle. Sie drängten sich hinein
und standen dort viel enger beieinander, als sie es normalerweise getan hätten.
Aufgeregt blickten sie sich um.
»Willkommen in Hogwarts«, sagte Professor McGonagall. »Das Bankett zur
Eröffnung des Schuljahrs beginnt in Kürze, doch bevor ihr eure Plätze in der Großen
Halle einnehmt, werden wir feststellen, in welche Häuser ihr kommt. Das ist eine
sehr wichtige Zeremonie, denn das Haus ist gleichsam eure Familie in Hogwarts.
Ihr habt gemeinsam Unterricht, ihr schlaft im Schlafsaal eures Hauses und
verbringt eure Freizeit im Gemeinschaftsraum.
Die vier Häuser heißen Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin. Jedes
Haus hat seine eigene, ehrenvolle Geschichte und jedes hat bedeutende Hexen und
Zauberer hervorgebracht. Während eurer Zeit in Hogwarts holt ihr mit euren großen
Leistungen Punkte für das Haus, doch wenn ihr die Regeln verletzt, werden eurem
Haus Punkte abgezogen. Am Ende des Jahres erhält das Haus mit den meisten
Punkten den Hauspokal, eine große Auszeichnung. Ich hoffe, jeder von euch ist ein
Gewinn für das Haus, in welches er kommen wird.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 77 von 77
Die Einführungsfeier, an der auch die anderen Schüler teilnehmen, beginnt in
wenigen Minuten. Ich schlage vor, dass ihr die Zeit nutzt und euch beim Warten so
gut wie möglich zurechtmacht.«
Ihre Augen ruhten kurz auf Nevilles Umhang, der unter seinem linken Ohr
festgemacht war, und auf Rons verschmierter Nase. Harry mühte sich nervös, sein
Haar zu glätten.
»Ich komme zurück, sobald alles für euch vorbereitet ist«, sagte Professor
McGonagall. »Bitte bleibt ruhig, während ihr wartet.«
Sie verließ die Kammer. Harry schluckte.
»Wie legen sie denn fest, in welche Häuser wir kommen?«, fragte er Ron.
»Es ist eine Art Prüfung, glaube ich. Fred meinte, es tut sehr weh, aber ich glaube,
das war nur ein Witz.«
Harrys Herz fing fürchterlich an zu pochen. Eine Prüfung? Vor der ganzen
Schule? Aber er konnte doch noch gar nicht zaubern – was um Himmels willen
würde er tun müssen? Als sie hier angekommen waren, hatte er mit so etwas nicht
gerechnet. Ängstlich blickte er sich um und sah, dass auch alle anderen entsetzt
schauten. Kaum jemand sagte etwas, außer Hermine Granger. Hastig flüsterte sie
alle Zaubersprüche vor sich hin, die sie gelernt hatte, und fragte sich, welchen sie
wohl brauchen würde. Harry versuchte angestrengt wegzuhören. Noch nie war er so
nervös gewesen. Auch damals nicht, als er einen blauen Brief zu den Dursleys
heimbringen musste, in dem es hieß, dass er auf unbekannte Weise die Perücke
seines Lehrers blau gefärbt habe. Er blickte unablässig auf die Tür. Jeden
Augenblick konnte Professor McGonagall zurückkommen und ihn in den Untergang
führen.
Dann geschah etwas, das ihn vor Schreck einen halben Meter in die Luft springen
ließ – mehrere Schüler hinter ihm begannen zu schreien.
»Was zum –?«
Er hielt den Atem an. Die andern um ihn her ebenfalls. Soeben waren etwa
zwanzig Geister durch die rückwärtige Wand hereingeschwebt. Perlweiß und fast
durchsichtig glitten sie durch den Raum, wobei sie sich unterhielten und den
Erstklässlern nur gelegentlich einen Blick zuwarfen. Sie schienen sich zu streiten.
Einer, der aussah wie ein fetter Mönch, sagte: »Vergeben und vergessen, würd ich
sagen, wir sollten ihm eine zweite Chance geben.«
»Mein lieber Bruder, haben wir Peeves nicht alle Chancen gegeben, die ihm
zustehen? Er bringt uns alle in Verruf, und du weißt, er ist nicht einmal ein echter
Geist – ach du meine Güte, was macht ihr denn alle hier?«
Ein Geist, der eine Halskrause und Strumpfhosen trug, hatte plötzlich die
Erstklässler bemerkt.
Keiner antwortete.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 78 von 78
»Neue Schüler«, sagte der fette Mönch und lächelte in die Runde. »Werdet gleich
ausgewählt, nicht wahr?«
Ein paar nickten stumm.
»Hoffe, wir sehen uns in Hufflepuff!«, sagte der Mönch. »Mein altes Haus, wisst
ihr.«
»Gehen Sie weiter«, sagte eine strenge Stimme. »Die Einführungsfeier beginnt.«
Professor McGonagall war zurückgekommen. Die Geister schwebten einer nach
dem andern durch die Wand gegenüber.
»Und ihr stellt euch der Reihe nach auf«, wies Professor McGonagall die
Erstklässler an, »und folgt mir.«
Harry, dessen Beine sich anfühlten, als seien sie aus Blei, reihte sich hinter einem
Jungen mit rotblondem Haar ein, Ron stellte sich hinter ihn, und im Gänsemarsch
verließen sie die Kammer, gingen zurück durch die Eingangshalle und betraten
durch eine Doppeltür die Große Halle.
Harry hatte von einem so fremdartigen und wundervollen Ort noch nicht einmal
geträumt. Tausende und abertausende von Kerzen erleuchteten ihn, über den vier
langen Tischen schwebend, an denen die anderen Schüler saßen. Die Tische waren
mit schimmernden Goldtellern und -kelchen gedeckt. Am anderen Ende der Halle
stand noch ein langer Tisch, an dem die Lehrer saßen. Dorthin führte Professor
McGonagall die Erstklässler, so dass sie schließlich mit den Rücken zu den Lehrern
in einer Reihe vor den anderen Schülern standen. Hunderte von Gesichtern starrten
sie an und sahen aus wie fahle Laternen im flackernden Kerzenlicht. Die Geister,
zwischen den Schülern verstreut, glänzten dunstig silbern. Um den starrenden
Blicken auszuweichen, wandte Harry das Gesicht nach oben und sah eine
samtschwarze, mit Sternen übersäte Decke. Er hörte Hermine flüstern: »Sie ist so
verzaubert, dass sie wie der Himmel draußen aussieht, ich hab darüber in
der Geschichte Hogwarts’ gelesen.«
Es war schwer zu glauben, dass es hier überhaupt eine Decke geben sollte und
dass die Große Halle sich nicht einfach zum Himmel hin öffnete.
Harry wandte den Blick rasch wieder nach unten, als Professor McGonagall
schweigend einen vierbeinigen Stuhl vor die Erstklässler stellte. Auf den Stuhl legte
sie einen Spitzhut, wie ihn Zauberer benutzen. Es war ein verschlissener, hie und da
geflickter und ziemlich schmutziger Hut. Tante Petunia wäre er nicht ins Haus
gekommen.
Vielleicht mussten sie versuchen einen Hasen daraus hervorzuzaubern, schoss es
Harry durch den Kopf, darauf schien es hinauszulaufen. Er bemerkte, dass
inzwischen aller Augen auf den Hut gerichtet waren, und so folgte er dem Blick der
andern. Ein paar Herzschläge lang herrschte vollkommenes Schweigen. Dann
begann der Spitzhut zu wackeln. Ein Riss nahe der Krempe tat sich auf, so weit wie
ein Mund, und der Spitzhut begann zu singen:
Ihr denkt, ich bin ein alter Hut,
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 79 von 79
mein Aussehen ist auch gar nicht gut.
Dafür bin ich der schlauste aller Hüte,
und ist’s nicht wahr, so fress ich mich, du meine Güte!
Alle Zylinder und schicken Kappen
sind gegen mich doch nur Jammerlappen!
Ich weiß in Hogwarts am besten Bescheid
und bin für jeden Schädel bereit.
Setzt mich nur auf, ich sag euch genau,
wohin ihr gehört – denn ich bin schlau.
Vielleicht seid ihr Gryffindors, sagt euer alter Hut,
denn dort regieren, wie man weiß, Tapferkeit und Mut.
In Hufflepuff dagegen ist man gerecht und treu,
man hilft dem andern, wo man kann, und hat vor Arbeit keine Scheu.
Bist du geschwind im Denken, gelehrsam auch und weise,
dann machst du dich nach Ravenclaw, so wett ich, auf die Reise.
In Slytherin weiß man noch List und Tücke zu verbinden,
doch dafür wirst du hier noch echte Freunde finden.
Nun los, so setzt mich auf, nur Mut,
habt nur Vertrauen zum Sprechenden Hut!
Als der Hut sein Lied beendet hatte, brach in der Halle ein Beifallssturm los. Er
verneigte sich vor jedem der vier Tische und verstummte dann.
»Wir müssen also nur den Hut aufsetzen!«, flüsterte Ron Harry zu. »Ich bring Fred
um, er hat große Töne gespuckt – von wegen Ringkampf mit einem Troll.«
Harry lächelte müde. Ja, den Hut anprobieren war viel besser, als einen
Zauberspruch aufsagen zu müssen, doch es wäre ihm lieber gewesen, wenn nicht
alle zugeschaut hätten. Der Hut stellte offenbar eine ganze Menge Fragen; Harry
fühlte sich im Augenblick weder mutig noch schlagfertig noch überhaupt zu
irgendetwas aufgelegt. Wenn der Hut nur ein Haus für solche Schüler erwähnt
hätte, die sich ein wenig angematscht fühlten, das wäre das Richtige für ihn.
Professor McGonagall trat vor, in den Händen eine lange Pergamentrolle.
»Wenn ich euch aufrufe, setzt ihr den Hut auf und nehmt auf dem Stuhl Platz,
damit euer Haus bestimmt werden kann«, sagte sie. »Abbott, Hannah!«
Ein Mädchen mit rosa Gesicht und blonden Zöpfen stolperte aus der Reihe der
Neuen hervor, setzte den Hut auf, der ihr sogleich über die Augen rutschte, und ließ
sich auf dem Stuhl nieder. Einen Moment lang geschah nichts –
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»HUFFLEPUFF!«, rief der Hut.
Der Tisch zur Rechten johlte und klatschte, als Hannah aufstand und sich bei den
Hufflepuffs niederließ. Harry sah, wie der Geist des fetten Mönchs ihr fröhlich
zuwinkte.
»Bones, Susan!«
»HUFFLEPUFF!«, rief der Hut abermals, und Susan schlurfte los, um sich neben
Hannah zu setzen.
»Boot, Terry!«
»RAVENCLAW!«
Diesmal klatschte der zweite Tisch von links; mehrere Ravenclaws standen auf,
um Terry, dem Neuen, die Hand zu schütteln.
»Brocklehurst, Mandy« kam ebenfalls nach Ravenclaw, doch »Brown, Lavender«
wurde die erste neue Gryffindor, und der Tisch ganz links brach in Jubelrufe aus.
Harry konnte sehen, wie Rons Zwillingsbrüder pfiffen.
»Bulstrode, Millicent« schließlich wurde eine Slytherin. Vielleicht bildete Harry es
sich nur ein, nach all dem, was er über Slytherin gehört hatte, aber sie sahen doch
alle recht unangenehm aus.
Ihm war allmählich entschieden übel. Er erinnerte sich, wie in seiner alten Schule
die Mannschaften zusammengestellt wurden. Immer war er der Letzte gewesen, den
man aufrief, nicht weil er schlecht in Sport gewesen wäre, sondern weil keiner
Dudley auf den Gedanken bringen wollte, dass man ihn vielleicht mochte.
»Finch-Fletchley, Justin!«
»HUFFLEPUFF!«
Bei den einen, bemerkte Harry, verkündete der Hut auf der Stelle das Haus, bei
anderen wiederum brauchte er eine Weile, um sich zu entscheiden. »Finnigan,
Seamus«, der rotblonde Junge vor Harry in der Schlange, saß fast eine Minute lang
auf dem Stuhl, bevor der Hut verkündete, er sei ein Gryffindor.
»Granger, Hermine!«
Hermine ging eilig auf den Stuhl zu und packte sich den Hut begierig auf den
Kopf.
»GRYFFINDOR!«, rief der Hut. Ron stöhnte.
Plötzlich überfiel Harry ein schrecklicher Gedanke, so plötzlich, wie es Gedanken
an sich haben, wenn man aufgeregt ist. Was, wenn er gar nicht gewählt würde?
Was, wenn er, den Hut auf dem Kopf, eine Ewigkeit lang nur dasäße, bis Professor
McGonagall ihm den Hut vom Kopf reißen und erklären würde, offenbar sei ein
Irrtum geschehen und er solle doch besser wieder in den Zug steigen?
Neville Longbottom wurde aufgerufen, der Junge, der ständig seine Kröte verlor.
Auf dem Weg zum Stuhl stolperte er und wäre fast gestürzt. Bei Neville brauchte
der Hut lange, um sich zu entscheiden. Als er schließlich GRYFFINDOR rief, rannte
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Neville mit dem Hut auf dem Kopf los, und er musste unter tosendem Gelächter
zurücklaufen und ihn »McDougal, Morag« übergeben.
Malfoy stolzierte nach vorn, als sein Name aufgerufen wurde, und bekam seinen
Wunsch sofort erfüllt: Kaum hatte der Hut seinen Kopf berührt, als er schon
»SLYTHERIN!« rief.
Malfoy ging hinüber zu seinen Freunden Crabbe und Goyle, offensichtlich
zufrieden mit sich selbst.
Nun waren nicht mehr viel Neue übrig.
»Moon« …, »Nott« …, »Parkinson« …, dann die Zwillingsmädchen »Patil« und
»Patil« …, dann »Perks, Sally-Anne« … und dann, endlich –
»Potter, Harry!«
Als Harry vortrat, entflammten plötzlich überall in der Halle Feuer, kleine,
zischelnde Geflüsterfeuer.
»Potter, hat sie gesagt?«
»Der Harry Potter?«
Das Letzte, was Harry sah, bevor der Hut über seine Augen herabsank, war die
Halle voller Menschen, die die Hälse reckten, um ihn gut im Blick zu haben. Im
nächsten Moment sah er nur noch das schwarze Innere des Huts. Er wartete.
»Hmm«, sagte eine piepsige Stimme in seinem Ohr. »Schwierig. Sehr schwierig.
Viel Mut, wie ich sehe. Kein schlechter Kopf außerdem. Da ist Begabung, du meine
Güte, ja – und ein kräftiger Durst, sich zu beweisen, nun, das ist interessant … Nun,
wo soll ich dich hinstecken?«
Harry umklammerte die Stuhllehnen und dachte: »Nicht Slytherin, bloß nicht
Slytherin.«
»Nicht Slytherin, nein?«, sagte die piepsige Stimme. »Bist du dir sicher? Du
könntest groß sein, weißt du, es ist alles da in deinem Kopf, und Slytherin wird dir
auf dem Weg zur Größe helfen. Kein Zweifel – nein? Nun, wenn du dir sicher bist –
dann besser nach GRYFFINDOR!«
Harry hörte, wie der Hut das letzte Wort laut in die Halle rief. Er nahm den Hut
ab und ging mit zittrigen Knien hinüber zum Tisch der Gryffindors. Er war so
erleichtert, überhaupt aufgerufen worden und nicht nach Slytherin gekommen zu
sein, dass er kaum bemerkte, dass er den lautesten Beifall überhaupt bekam. Percy
der Vertrauensschüler stand auf und schüttelte ihm begeistert die Hand, während
die Weasley-Zwillinge riefen: »Wir haben Potter! Wir haben Potter!« Harry setzte
sich an einen Platz gegenüber dem Geist mit der Halskrause, den er schon vorhin
gesehen hatte. Der Geist tätschelte ihm den Arm, und Harry hatte plötzlich das
schreckliche Gefühl, den Arm gerade in einen Eimer voll eiskalten Wassers zu
tauchen.
Er hatte jetzt eine gute Aussicht auf den Hohen Tisch der Lehrer. Am einen Ende,
ihm am nächsten, saß Hagrid, der seinen Blick erwiderte und mit dem Daumen
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nach oben zeigte. Harry grinste zurück. Und dort, in der Mitte des Hohen Tischs,
auf einem großen goldenen Stuhl, saß Albus Dumbledore. Harry erkannte ihn von
der Karte wieder, die er im Zug aus dem Schokofrosch geholt hatte. Dumbledores
silbernes Haar war das Einzige in der ganzen Halle, was so hell leuchtete wie die
Geister. Harry erkannte auch Professor Quirrell, den nervösen jungen Mann aus
dem Tropfenden Kessel. Mit seinem großen purpurroten Turban sah er sehr
eigenartig aus.
Jetzt waren nur noch drei Schüler übrig, deren Haus bestimmt werden musste.
»Turpin, Lisa« wurde eine Ravenclaw. Dann war Ron an der Reihe. Mittlerweile war
er blassgrün im Gesicht. Harry kreuzte die Finger unter dem Tisch und eine
Sekunde später rief der Hut »GRYFFINDOR!«.
Harry klatschte wie die andern am Tisch laut Beifall, als Ron sich auf den Stuhl
neben ihm fallen ließ.
»Gut gemacht, Ron, hervorragend«, sagte Percy Weasley wichtigtuerisch über
Harrys Kopf hinweg, während »Zabini, Blaise« zu einem Slytherin gemacht wurde.
Professor McGonagall rollte ihr Pergament zusammen und trug den Sprechenden
Hut fort.
Harry blickte hinab auf seinen leeren Goldteller. Jetzt erst überkam ihn auf
einmal gewaltiger Hunger. Die Kürbispasteten schien er schon vor einer Ewigkeit
verspeist zu haben.
Albus Dumbledore war aufgestanden. Mit einem strahlenden Lächeln blickte er in
die Runde der Schüler, die Arme weit ausgebreitet, als ob nichts ihm mehr Freude
machen könnte, als sie alle hier versammelt zu sehen.
»Willkommen!«, rief er. »Willkommen zu einem neuen Jahr in Hogwarts! Bevor
wir mit unserem Bankett beginnen, möchte ich ein paar Worte sagen. Und hier sind
sie: Schwachkopf! Schwabbelspeck! Krimskrams! Quiek!
Danke sehr!«
Er nahm wieder Platz. Alle klatschten und jubelten. Harry wußte nicht recht, ob
er lachen sollte.
»Ist er … ist er ein bisschen verrückt?«, fragte er Percy unsicher.
»Verrückt?«, sagte Percy unbekümmert. »Er ist ein Genie! Der beste Zauberer der
Welt! Aber ein bisschen verrückt ist er, ja. Kartoffeln, Harry?«
Harry staunte mit offenem Mund. Die Platten vor ihm auf dem Tisch waren
überladen mit Essen. Er hatte noch nie so vieles, das er mochte, auf einem einzigen
Tisch gesehen: Roastbeef, Brathähnchen, Schweine- und Lammkoteletts, Würste,
Schinken, Steaks, Pellkartoffeln, Bratkartoffeln, Pommes, Yorkshire-Pudding,
Erbsen, Karotten, Bratensoße, Ketschup und, aus irgendeinem merkwürdigen
Grund, Pfefferminzbonbons.
Die Dursleys hatten Harry nicht gerade hungern lassen, aber er hatte nie so viel
essen dürfen, wie er wollte. Dudley hatte Harry immer das weggenommen, was er
wirklich mochte, selbst wenn Dudley schlecht davon wurde. Harry häufte von allem
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 83 von 83
etwas auf seinen Teller, nur die Pfefferminzbonbons ließ er aus. Er begann zu essen
und es schmeckte köstlich.
»Das sieht wahrhaft gut aus«, sagte der Geist mit der Halskrause traurig,
während er Harry dabei zusah, wie er sein Steak zerschnitt.
»Können Sie nicht –?«
»Ich habe seit fast fünfhundert Jahren nichts mehr gegessen«, sagte der Geist.
»Ich muss natürlich nicht, aber man vermisst es ja doch. Habe ich mich eigentlich
schon vorgestellt? Sir Nicholas de Mimsy-Porpington, zu Ihren Diensten. Hausgeist
von Gryffindor; ich wohne im Turm.«
»Ich weiß, wer Sie sind!«, platzte Ron los. »Meine Brüder haben mir von Ihnen
erzählt. Sie sind der Fast Kopflose Nick!«
»Ich zöge es doch vor, wenn Sie mich Sir Nicholas de Mimsy nennen würden –«,
erwiderte der Geist leicht pikiert, doch der rotblonde Seamus Finnigan unterbrach
sie.
»Fast kopflos? Wie kann man fast kopflos sein?«
Sir Nicholas sah höchst verdrossen drein, als ob diese kleine Unterhaltung
überhaupt nicht in seinem Sinne verliefe.
»Eben so«, sagte er leicht verärgert. Er packte sein linkes Ohr und zog daran. Sein
ganzer Kopf kippte vom Hals weg, als ob er an einem Scharnier hinge, und fiel ihm
auf die Schulter. Offensichtlich hatte jemand versucht ihn zu köpfen, aber das
Geschäft nicht richtig erledigt. Der Fast Kopflose Nick freute sich über die
verdutzten Gesichter um ihn herum, klappte seinen Kopf zurück auf den Hals,
hustete und sagte: »So – die neuen Gryffindors! Ich hoffe, ihr strengt euch an, dass
wir die Hausmeisterschaft dieses Jahr gewinnen? Gryffindor war noch nie so lange
ohne Sieg. Slytherin hat den Pokal jetzt sechs Jahre in Folge! Der Blutige Baron
wird langsam unerträglich – er ist der Geist von Slytherin.«
Harry blickte hinüber zum Tisch der Slytherins und sah dort einen fürchterlichen
Geist sitzen, mit leeren, stierenden Augen, einem ausgemergelten Gesicht und
einem mit silbrigem Blut bespritzten Umhang. Er saß auf dem Platz neben Malfoy,
der, wie Harry vergnügt feststellte, über die Sitzordnung nicht gerade glücklich war.
»Wie hat er sich so mit Blut bespritzt?«, fragte Seamus mächtig interessiert.
»Ich habe ihn nie gefragt«, sagte der Fast Kopflose Nick taktvoll.
Als alle gegessen hatten, so viel sie konnten, verschwanden die Reste von den
Tellern und hinterließen sie so funkelnd sauber wie zuvor. Einen Augenblick später
erschien der Nachtisch: ganze Blöcke von Eiskrem in allen erdenklichen
Geschmacksrichtungen, Apfelkuchen, Siruptorten, Schoko-Eclairs und
marmeladegefüllte Donuts, Biskuits, Erdbeeren, Wackelpeter, Reispudding …
Während Harry eine Siruptorte verspeiste, wandte sich das Gespräch ihren
Familien zu.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 84 von 84
»Ich bin halb und halb«, sagte Seamus. »Mein Vater ist ein Muggel. Mum hat ihm
nicht erzählt, dass sie eine Hexe ist, bis sie verheiratet waren. War doch ein kleiner
Schock für ihn.«
Die andern lachten.
»Und wie steht’s mit dir, Neville?«, fragte Ron.
»Meine Oma hat mich aufgezogen und sie ist eine Hexe«, sagte Neville, »aber die
Familie hat die ganze Zeit geglaubt, ich sei mit Haut und Haaren ein Muggel. Mein
Großonkel Algie wollte mich immer erwischen, wenn ich nicht auf der Hut war, um
ein wenig Magie aus mir herauszupressen. Einmal, in Blackpool, hat er mich vom
Ende des Piers ins Wasser gestoßen, ich bin fast ertrunken. Aber bis ich acht war,
ist nichts passiert. Dann kam Großonkel Algie eines Tages zum Tee vorbei, und er
ließ mich gerade an den Fußgelenken aus einem Fenster im oberen Stock baumeln,
als Großtante Enid ihm ein Stück Kuchen anbot. Da hat er einfach aus Versehen
losgelassen. Doch ich bin gehüpft wie ein Ball – durch den Garten hindurch bis auf
die Straße. Sie waren alle ganz aus dem Häuschen. Oma hat geheult, so glücklich
war sie. Und du hättest ihre Gesichter sehen sollen, als ich hier aufgenommen
wurde. Sie dachten, ich sei vielleicht nicht Zauberer genug. Großonkel Algie hat sich
so gefreut, dass er mir eine Kröte geschenkt hat.«
Zu Harrys anderer Seite sprachen Percy Weasley und Hermine über den
Unterricht (»Ich hoffe doch, sie fangen gleich an, es gibt so viel zu lernen. Mich
interessieren besonders Verwandlungen, weißt du, etwas in etwas anderes
verwandeln, natürlich soll es sehr schwer sein.« – »Ihr fangt mit ganz einfachen
Sachen an, Streichhölzer in Nadeln verwandeln zum Beispiel …«).
Harry, der sich allmählich warm und schläfrig fühlte, sah erneut zum Hohen
Tisch hinüber. Hagrid nahm einen tiefen Schluck aus seinem Kelch. Professor
McGonagall sprach mit Professor Dumbledore. Professor Quirrell mit seinem
komischen Turban unterhielt sich mit einem Lehrer mit fettigem schwarzem Haar,
Hakennase und fahler Haut.
Es geschah urplötzlich. Der hakennasige Lehrer blickte an Quirrells Turban
vorbei direkt in Harrys Augen und ein scharfer, heißer Schmerz schoss plötzlich
durch Harrys Narbe.
»Autsch!« Harry schlug sich mit der Hand gegen die Stirn.
»Was ist los mit dir?«, fragte Percy.
»N-nichts.«
Der Schmerz war so schnell abgeklungen, wie er gekommen war. Schwerer
abzuschütteln war das Gefühl, das der Blick des Lehrers in Harry ausgelöst hatte,
ein Gefühl, das er Harry überhaupt nicht mochte.
»Wer ist der Lehrer, der sich mit Professor Quirrell unterhält?«, fragte er Percy.
»Aha, du kennst Quirrell also schon? Kein Wunder, dass er so nervös aussieht.
Das ist Professor Snape. Er lehrt Zaubertränke, ist aber damit nicht zufrieden.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 85 von 85
Jeder weiß, dass er scharf ist auf die Arbeit von Professor Quirrell. Weiß eine
Unmenge über die dunklen Künste, dieser Snape.«
Harry beobachtete Snape eine Weile, doch Snape blickte nicht mehr herüber.
Schließlich verschwand auch der Nachtisch und noch einmal erhob sich Professor
Dumbledore.
»Ähm – jetzt, da wir alle gefüttert und getränkt sind, nur noch ein paar Worte. Ich
habe ein paar Mitteilungen zum Schuljahresbeginn. Die Erstklässler sollten
beachten, dass der Wald auf unseren Ländereien für alle Schüler verboten ist. Und
einigen von den älteren Schülern möchte ich nahelegen, sich daran zu erinnern.«
Dumbledores zwinkernde Augen blitzten zu den Weasley-Zwillingen hinüber.
»Außerdem hat mich Mr Filch, der Hausmeister, gebeten, euch daran zu erinnern,
dass in den Pausen auf den Gängen nicht gezaubert werden darf.
Die Quidditch-Auswahl findet in der zweiten Woche des Schuljahrs statt. Alle, die
gerne in den Hausmannschaften spielen wollen, mögen sich an Madam Hooch
wenden.
Und schließlich muss ich euch mitteilen, dass in diesem Jahr das Betreten des
Korridors im dritten Stock, der in den rechten Flügel führt, allen verboten ist, die
nicht einen sehr schmerzhaften Tod sterben wollen.«
Harry lachte, aber nur wenige lachten mit ihm.
»Er meint es doch nicht etwa ernst?«, flüsterte er Percy zu.
»Muss er wohl«, sagte Percy und sah mit einem Stirnrunzeln zu Dumbledore
hinüber. »Merkwürdig, denn normalerweise sagt er uns den Grund, warum wir
irgendwo nicht hindürfen. Der Wald ist voller gefährlicher Tiere, das wissen alle. Ich
denke, er hätte es zumindest uns Vertrauensschülern sagen sollen.«
»Und nun, bevor wir zu Bett gehen, singen wir die Schulhymne!«, rief
Dumbledore. Harry bemerkte, dass das Lächeln der anderen Lehrer recht steif
geworden war.
Dumbledore fuchtelte kurz mit seinem Zauberstab, als ob er eine Fliege von der
Spitze verscheuchen wollte, und ein langer goldener Faden schwebte daraus hervor,
stieg hoch über die Tische und nahm, sich windend wie eine Schlange, die Gestalt
von Worten an.
»Jeder nach seiner Lieblingsmelodie«, sagte Dumbledore, »los geht’s!«
Und die ganze Schule sang begeistert:
Hogwarts, Hogwarts, warzenschweiniges Hogwarts,
bring uns was Schönes bei,
Ob alt und kahl oder jung und albern,
wir sehnen uns Wissen herbei.
Denn noch sind unsre Köpfe leer,
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 86 von 86
voll Luft und voll toter Fliegen,
wir wollen nun alles erlernen,
was du uns bisher hast verschwiegen.
Gib dein Bestes – wir können’s gebrauchen,
unsere Köpfe, sie sollen rauchen!
Kaum einmal zwei von ihnen hörten gleichzeitig auf. Am Ende hörte man nur noch
die Weasley-Zwillinge nach der Melodie eines langsamen Trauermarsches singen.
Dumbledore dirigierte ihre letzten Verse mit seinem Zauberstab, und als sie geendet
hatten, klatschte er am lautesten.
»Aah, Musik«, sagte er und wischte sich die Augen. »Ein Zauber, der alles in den
Schatten stellt, was wir hier treiben. Und nun in die Betten!«
Die Erstklässler von Gryffindor folgten Percy durch die schnatternde Menge
hinaus aus der Großen Halle und die Marmortreppe empor. Harrys Beine waren
wieder bleischwer, diesmal jedoch nur, weil er sich den Bauch so vollgeschlagen
hatte und todmüde war. Er war sogar zu schläfrig, um sich darüber zu wundern,
dass die Menschen auf den Porträts entlang der Korridore flüsterten und auf sie
deuteten, als sie vorbeigingen, oder dass Percy sie zweimal durch Türbögen führte,
die versteckt hinter beiseitegleitenden Täfelungen und Wandteppichen lagen. Noch
mehr Treppen ging es empor, gähnend und schlurfend, und Harry fragte sich
gerade, wie lange es noch dauern würde, als sie plötzlich Halt machten. Ein Bündel
Spazierstöcke schwebte in der Luft vor ihnen, und als Percy einen Schritt auf sie
zutrat, begannen sie, sich auf ihn zu werfen.
»Peeves«, flüsterte Percy den Erstklässlern zu. »Ein Poltergeist.« Er hob seine
Stimme: »Peeves, zeige dich.«
Ein lautes, grobes Geräusch, wie Luft, die aus einem Ballon gelassen wird,
antwortete.
»Willst du, dass ich zum Blutigen Baron gehe?«
Es machte »Plopp« und ein kleiner Mann mit bösen dunklen Augen und weit
geöffnetem Mund erschien. Die Beine über Kreuz, schwebte er vor ihnen in der Luft
und packte die Spazierstöcke.
»Ooooooooh!«, sagte er mit einem gehässigen Kichern. »Die süßen kleinen
Erstklässler! Welch ein Spaß!«
Plötzlich rauschte er auf sie zu. Sie duckten sich.
»Verschwinde, Peeves, oder der Baron erfährt davon, ich meine es ernst!«, bellte
Percy.
Peeves streckte die Zunge heraus und verschwand, nicht ohne die Stöcke auf
Nevilles Kopf fallen zu lassen. Sie hörten ihn abziehen, an jeder Rüstung rüttelnd,
an der er vorbeikam.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 87 von 87
»Nehmt euch lieber in Acht vor Peeves«, sagte Percy, als sie sich wieder auf den
Weg machten. »Der Blutige Baron ist der Einzige, der ihn im Griff hat, er hört nicht
einmal auf uns Vertrauensschüler. Da sind wir.«
Ganz am Ende des Ganges hing das Bildnis einer sehr dicken Frau in einem rosa
Seidenkleid.
»Passwort?«, fragte sie.
»Caput Draconis«, sagte Percy. Das Porträt schwang zur Seite und gab den Blick
auf ein rundes Loch in der Wand frei. Sie zwängten sich hindurch – Neville brauchte
ein wenig Hilfestellung – und fanden sich in einem gemütlichen, runden Zimmer
voll weicher Sessel wieder: dem Gemeinschaftsraum von Gryffindor.
Percy zeigte den Mädchen den Weg durch eine Tür, die in ihren Schlafsaal führte,
und geleitete die Jungen in ihren. Sie kletterten eine Wendeltreppe empor –
offensichtlich waren sie in einem der Türme – und fanden nun endlich ihre Betten:
fünf Himmelbetten, die mit tiefroten samtenen Vorhängen verkleidet waren. Ihre
Koffer waren schon hochgebracht worden. Viel zu müde, um sich noch lange zu
unterhalten, zogen sie ihre Pyjamas an und ließen sich in die Kissen fallen.
»Tolles Essen, was?«, murmelte Ron durch die Vorhänge zu Harry hinüber. »Hau
ab, Krätze! Er kaut an meinem Laken.«
Harry wollte Ron noch fragen, ob er von der Zuckergusstorte gekostet habe, doch
in diesem Moment fielen ihm die Augen zu.
Vielleicht hatte Harry ein wenig zu viel gegessen, denn er hatte einen sehr
merkwürdigen Traum. Er trug Professor Quirrells Turban, der ständig zu ihm
sprach. Er müsse sofort nach Slytherin überwechseln, das sei sein Schicksal; der
Turban wurde immer schwerer; Harry versuchte ihn vom Kopf zu reißen, doch er
zog sich so eng zusammen, dass es wehtat. Und da war Malfoy, der ihn auslachte,
jetzt verwandelte sich Malfoy in den hakennasigen Lehrer Snape, dessen Lachen
spitz und kalt wurde – grünes Licht flammte auf und Harry erwachte zitternd und
in Schweiß gebadet.
Er drehte sich auf die andere Seite und schlief wieder ein, und als er am nächsten
Morgen aufwachte, erinnerte er sich nicht mehr an den Traum.
Der Meister der Zaubertränke
»Da ist er.«
»Wo?«
»Neben dem großen rothaarigen Jungen.«
»Der mit der Brille?«
»Siehst du sein Gesicht?«
»Siehst du seine Narbe?«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 88 von 88
Ein Flüstern verfolgte Harry von dem Moment an, da er am nächsten Morgen den
Schlafsaal verließ. Draußen vor den Klassenzimmern stellten sie sich auf
Zehenspitzen, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Andere machten auf dem Weg
durch den Korridor kehrt und liefen mit neugierigem Blick an ihm vorbei. Harry
mochte das nicht, denn er war noch viel zu sehr damit beschäftigt, den Weg in die
Klassenzimmer zu finden.
Es gab einhundertundzweiundvierzig Treppen in Hogwarts: breite, weit
ausschwingende; enge, kurze, wacklige; manche führten freitags woandershin;
manche hatten auf halber Höhe eine Stufe, die ganz plötzlich verschwand, und man
durfte nicht vergessen, sie zu überspringen. Dann wiederum gab es Türen, die nicht
aufgingen, außer wenn man sie höflich bat oder sie an genau der richtigen Stelle
kitzelte, und Türen, die gar keine waren, sondern Wände, die nur so taten, als ob.
Schwierig war es auch, sich daran zu erinnern, wo etwas Bestimmtes war, denn
alles schien ziemlich oft den Platz zu wechseln. Die Leute in den Porträts gingen
sich ständig besuchen, und Harry war sich sicher, dass die Rüstungen laufen
konnten.
Auch die Geister waren nicht besonders hilfreich. Man bekam einen fürchterlichen
Schreck, wenn einer von ihnen durch eine Tür schwebte, die man gerade zu öffnen
versuchte. Der Fast Kopflose Nick freute sich immer, wenn er den neuen Gryffindors
den Weg zeigen konnte, doch Peeves der Poltergeist bot mindestens zwei
verschlossene Türen und eine Geistertreppe auf, wenn man zu spät dran war und
ihn auf dem Weg zum Klassenzimmer traf. Er leerte den Schülern Papierkörbe über
dem Kopf aus, zog ihnen die Teppiche unter den Füßen weg, bewarf sie mit
Kreidestückchen oder schlich sich unsichtbar von hinten an, griff sie an die Nase
und schrie: »HAB DEINEN ZINKEN!«
Noch schlimmer als Peeves, wenn davon überhaupt die Rede sein konnte, war
Argus Filch, der Hausmeister. Harry und Ron schafften es schon am ersten Morgen,
ihm in die Quere zu kommen. Filch erwischte sie dabei, wie sie sich durch eine Tür
zwängen wollten, die sich unglücklicherweise als der Eingang zum verbotenen
Korridor im dritten Stock herausstellte. Filch wollte nicht glauben, dass sie sich
verlaufen hatten, und war fest davon überzeugt, dass sie versucht hatten, die Tür
aufzubrechen. Er werde sie beide in den Kerker sperren, drohte er, gerade als
Professor Quirrell vorbeikam und sie rettete.
Filch hatte eine Katze namens Mrs Norris, eine dürre, staubfarbene Kreatur mit
hervorquellenden, lampenartigen Augen. Sie patrouillierte allein durch die
Korridore. Brach man vor ihren Augen eine Regel oder setzte auch nur einen Fuß
falsch auf, dann flitzte sie zu Filch, der zwei Sekunden später keuchend vor einem
stand. Filch kannte die Geheimgänge der Schule besser als alle andern (mit
Ausnahme vielleicht der Weasley-Zwillinge) und konnte so plötzlich auftauchen wie
sonst nur ein Geist. Die Schüler mochten ihn alle nicht leiden und hätten Mrs
Norris am liebsten einen gepfefferten Fußtritt versetzt.
Und dann, wenn man es einmal geschafft hatte, das Klassenzimmer zu finden,
war da der eigentliche Unterricht. Wie Harry rasch feststellte, gehörte zum Zaubern
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 89 von 89
viel mehr, als nur mit dem Zauberstab herumzufuchteln und ein paar merkwürdige
Worte von sich zu geben.
Jeden Mittwoch um Mitternacht mussten sie mit ihren Teleskopen den
Nachthimmel studieren und die Namen verschiedener Sterne und die Bewegungen
der Planeten lernen. Dreimal die Woche gingen sie hinaus zu den Gewächshäusern
hinter dem Schloss, wo sie bei einer plumpen kleinen Professorin namens Sprout
Kräuterkunde hatten. Hier lernten sie, wie man all die seltsamen Pflanzen und
Pilze züchtete und herausfand, wozu sie nütze waren.
Der bei weitem langweiligste Stoff war Geschichte der Zauberei, der einzige
Unterricht, den ein Geist gab. Professor Binns war wirklich schon sehr alt gewesen,
als er vor dem Kaminfeuer im Lehrerzimmer eingeschlafen und am nächsten
Morgen zum Unterricht aufgestanden war, wobei er freilich seinen Körper
zurückgelassen hatte. Binns leierte Namen und Jahreszahlen herunter, und sie
kritzelten alles in ihre Hefte und verwechselten Emmerich den Bösen mit Ulrich
dem Komischen Kauz.
Professor Flitwick, der Lehrer für Zauberkunst, war ein winzig kleiner Magier,
der sich, um über das Pult sehen zu können, auf einen Stapel Bücher stellen musste.
Zu Beginn der ersten Stunde verlas er die Namensliste, und als er zu Harry
gelangte, gab er ein aufgeregtes Quieken von sich und stürzte vom Bücherstapel.
Professor McGonagall wiederum war ganz anders. Harry hatte durchaus zu Recht
vermutet, mit dieser Lehrerin sei nicht gut Kirschen essen. Streng und klug, hielt
sie ihnen eine Rede, kaum hatten sie sich zur ersten Stunde hingesetzt.
»Verwandlungen gehören zu den schwierigsten und gefährlichsten Zaubereien, die
ihr in Hogwarts lernen werdet«, sagte sie. »Jeder, der in meinem Unterricht Unsinn
anstellt, hat zu gehen und wird nicht mehr zurückkommen. Ihr seid gewarnt.«
Dann verwandelte sie ihr Pult in ein Schwein und wieder zurück. Sie waren alle
sehr beeindruckt und konnten es kaum erwarten, loslegen zu dürfen, doch sie
erkannten bald, dass es noch lange dauern würde, bis sie die Möbel in Tiere
verwandeln konnten. Erst einmal schrieben sie eine Menge komplizierter Dinge auf,
dann erhielt jeder ein Streichholz, das sie in eine Nadel zu verwandeln suchten. Am
Ende der Stunde hatte nur Hermine Granger ihr Streichholz ein klein wenig
verändert. Professor McGonagall zeigte der Klasse, dass es ganz silbrig und spitz
geworden war, und schenkte Hermine ein bei ihr seltenes Lächeln.
Wirklich gespannt waren sie auf Verteidigung gegen die dunklen Künste, doch
Quirrells Unterricht stellte sich als Witz heraus. Sein Klassenzimmer roch stark
nach Knoblauch, und alle sagten, das diene dazu, einen Vampir fernzuhalten, den er
in Rumänien getroffen habe und der, wie Quirrell befürchtete, eines Tages kommen
und ihn holen würde. Seinen Turban, erklärte er, habe ihm ein afrikanischer Prinz
geschenkt, weil er dem Prinzen einen lästigen Zombie vom Hals geschafft habe, aber
sie waren sich nicht sicher, was sie von dieser Geschichte halten sollten. Als nämlich
Seamus Finnigan neugierig fragte, wie Quirrell den Zombie denn verjagt habe, lief
der rosarot an und begann über das Wetter zu reden; außerdem hatten sie bemerkt,
dass von dem Turban ein komischer Geruch ausging, und die Weasley-Zwillinge
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 90 von 90
behaupteten steif und fest, auch er sei vollgestopft mit Knoblauch, damit Professor
Quirrell geschützt sei, wo immer er gehe und stehe.
Harry stellte erleichtert fest, dass er nicht meilenweit hinter den andern
herhinkte. Viele Schüler kamen aus Muggelfamilien und hatten wie er keine
Ahnung gehabt, dass sie Hexen oder Zauberer waren. Es gab so viel zu lernen, dass
selbst Schüler wie Ron keinen großen Vorsprung hatten.
Ein großer Tag für Harry und Ron war der Freitag. Sie schafften es endlich, den
Weg zum Frühstück in die Große Halle zu finden, ohne sich auch nur ein einziges
Mal zu verirren.
»Was haben wir heute?«, fragte Harry Ron, während er Zucker auf seinen
Haferbrei schüttete.
»Doppelstunde Zaubertränke, zusammen mit den Slytherins«, sagte Ron. »Snape
ist der Hauslehrer von Slytherin. Es heißt, er bevorzugt sie immer. Wir werden ja
sehen, ob das stimmt.«
»Ich wünschte, die McGonagall würde uns bevorzugen«, sagte Harry. Professor
McGonagall war Hauslehrerin von Gryffindor und trotzdem hatte sie ihnen tags
zuvor eine Unmenge Hausaufgaben aufgehalst.
In diesem Augenblick kam die Post. Harry hatte sich inzwischen daran gewöhnt,
doch am ersten Morgen hatte er einen kleinen Schreck bekommen, als während des
Frühstücks plötzlich an die hundert Eulen in die Große Halle schwirrten, die Tische
umkreisten, bis sie ihre Besitzer erkannten, und dann die Briefe und Päckchen auf
ihren Schoß fallen ließen.
Hedwig hatte Harry bisher nichts gebracht. Manchmal ließ sie sich auf seiner
Schulter nieder, knabberte ein wenig an seinem Ohr und verspeiste ein Stück Toast,
bevor sie sich mit den anderen Schuleulen in die Eulerei zum Schlafen verzog. An
diesem Morgen jedoch landete sie flatternd zwischen dem Marmeladeglas und der
Zuckerschüssel und ließ einen Brief auf Harrys Teller fallen. Harry riss ihn sofort
auf.
Lieber Harrry, stand da sehr kraklig geschrieben,
ich weiß, dass du Freitagnachmittag freihast. Hättest du nicht Lust, mich gegen drei
zu besuchen und eine Tasse Tee zu trinken? Ich möchte alles über deine erste Woche
erfahren. Schick mir durch Hedwig eine Antwort.
Hagrid
Harry borgte sich Rons Federkiel, kritzelte »Ja, gerne, wir sehen uns später« auf die
Rückseite des Briefes und schickte Hedwig damit los.
Ein Glück, dass Harry sich auf den Tee mit Hagrid freuen konnte, denn der
Zaubertrankunterricht stellte sich als das Schlimmste heraus, was ihm bisher
passiert war.
Beim Bankett zum Schuljahresbeginn hatte Harry den Eindruck gewonnen, dass
Professor Snape ihn nicht mochte. Am Ende der ersten Zaubertrankstunde wusste
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 91 von 91
er, dass er falsch gelegen hatte. Es war nicht so, dass Snape ihn nicht mochte – er
hasste ihn.
Der Zaubertrankunterricht fand tief unten in einem der Kerker statt. Hier war es
kälter als oben im Hauptschloss, und auch ohne die eingelegten Tiere, die in großen,
an den Wänden aufgereihten Gläsern herumschwammen, wäre es schon unheimlich
genug gewesen.
Snape begann die Stunde wie Flitwick mit der Verlesung der Namensliste, und
wie Flitwick hielt er bei Harrys Namen inne.
»Ah, ja«, sagte er leise. »Harry Potter. Unsere neue – Berühmtheit.«
Draco Malfoy und seine Freunde Crabbe und Goyle kicherten hinter
vorgehaltenen Händen. Snape rief die restlichen Namen auf und richtete dann den
Blick auf die Klasse. Seine Augen waren so schwarz wie die Hagrids, doch sie hatten
nichts von deren Wärme. Sie waren kalt und leer und erinnerten an dunkle Tunnel.
»Ihr seid hier, um die schwierige Wissenschaft und exakte Kunst der
Zaubertrankbrauerei zu lernen.« Es war kaum mehr als ein Flüstern, doch sie
verstanden jedes Wort – wie Professor McGonagall hatte Snape die Gabe, eine
Klasse mühelos ruhig zu halten. »Da es bei mir nur wenig albernes
Zauberstabgefuchtel gibt, werden viele von euch kaum glauben, dass es sich um
Zauberei handelt. Ich erwarte nicht, dass ihr wirklich die Schönheit des leise
brodelnden Kessels mit seinen schimmernden Dämpfen zu sehen lernt, die zarte
Macht der Flüssigkeiten, die durch die menschlichen Venen kriechen, den Kopf
verhexen und die Sinne betören … Ich kann euch lehren, wie man Ruhm in
Flaschen füllt, Ansehen zusammenbraut, sogar den Tod verkorkt – sofern ihr kein
großer Haufen Dummköpfe seid, wie ich sie sonst immer in der Klasse habe.«
Die Klasse blieb stumm nach dieser kleinen Rede. Harry und Ron tauschten mit
hochgezogenen Augenbrauen Blicke aus. Hermine Granger saß auf dem Stuhlrand
und sah aus, als wäre sie ganz versessen darauf, zu beweisen, dass sie kein
Dummkopf war.
»Potter!«, sagte Snape plötzlich. »Was bekomme ich, wenn ich einem
Wermutaufguss geriebene Affodillwurzel hinzufüge?«
Geriebene Wurzel wovon einem Aufguss wovon hinzufügen? Harry blickte Ron an,
der genauso verdutzt aussah wie er; Hermines Hand war nach oben geschnellt.
»Ich weiß nicht, Sir«, sagte Harry.
Snapes Lippen kräuselten sich zu einem hämischen Lächeln.
»Tjaja – Ruhm ist eben nicht alles.«
Hermines Hand übersah er.
»Versuchen wir’s noch mal, Potter. Wo würdest du suchen, wenn du mir einen
Bezoar beschaffen müsstest?«
Hermine streckte die Hand so hoch in die Luft, wie es möglich war, ohne dass sie
sich vom Stuhl erhob, doch Harry hatte nicht die geringste Ahnung, was ein Bezoar
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 92 von 92
war. Er mied den Blick hinüber zu Malfoy, Crabbe und Goyle, die sich vor Lachen
schüttelten.
»Ich weiß nicht, Sir.«
»Dachtest sicher, es wäre nicht nötig, ein Buch aufzuschlagen, bevor du
herkommst, nicht wahr, Potter?«
Harry zwang sich, fest in diese kalten Augen zu blicken. Bei den Dursleys hatte er
wohl in seine Bücher geschaut, doch erwartete Snape, dass er alles aus Tausend
Zauberkräutern und -pilzen herbeten konnte?
Snape missachtete immer noch Hermines zitternde Hand.
»Was ist der Unterschied zwischen Eisenhut und Wolfswurz, Potter?«
Bei dieser Frage stand Hermine auf, ihre Fingerspitzen berührten jetzt fast die
Kerkerdecke.
»Ich weiß nicht«, sagte Harry leise. »Aber ich glaube, Hermine weiß es, also
warum nehmen Sie nicht mal Hermine dran?«
Ein paar lachten; Harry fing Seamus’ Blick auf, der ihm zuzwinkerte. Snape
allerdings war nicht erfreut.
»Setz dich«, blaffte er Hermine an. »Zu deiner Information, Potter, Affodill und
Wermut ergeben einen Schlaftrank, der so stark ist, dass er als Trank der Lebenden
Toten bekannt ist. Ein Bezoar ist ein Stein aus dem Magen einer Ziege, der einen
vor den meisten Giften rettet. Was Eisenhut und Wolfswurz angeht, so bezeichnen
sie dieselbe Pflanze, auch bekannt unter dem Namen Aconitum. Noch Fragen? Und
warum schreibt ihr euch das nicht auf?«
Dem folgte ein lautes Geraschel von Pergament und Federkielen. Durch den Lärm
drang Snapes Stimme: »Und Gryffindor wird ein Punkt abgezogen, wegen dir,
Potter.«
Auch später erging es den Gryffindors in der Zaubertrankstunde nicht besser.
Snape stellte sie zu Paaren zusammen und ließ sie einen einfachen Trank zur
Heilung von Furunkeln anrühren. Er huschte in seinem langen schwarzen Umhang
zwischen den Tischen umher, sah zu, wie sie getrocknete Nesseln abwogen und
Giftzähne von Schlangen zermahlten. Bei fast allen hatte er etwas auszusetzen,
außer bei Malfoy, den er offenbar gut leiden konnte. Gerade forderte er die ganze
Klasse auf, sich anzusehen, wie gut Malfoy seine Wellhornschnecken geschmort
hatte, als giftgrüne Rauchwolken und ein lautes Zischen den Kerker erfüllten.
Neville hatte es irgendwie geschafft, den Kessel von Seamus zu einem unförmigen
Klumpen zu zerschmelzen. Das Gebräu sickerte über den Steinboden und brannte
Löcher in die Schuhe. Im Nu stand die ganze Klasse auf den Stühlen, während
Neville, der sich mit dem Gebräu vollgespritzt hatte, als der Kessel zersprang, vor
Schmerz stöhnte, denn überall auf seinen Armen und Beinen brachen zornrote
Furunkel auf.
»Du Idiot!«, blaffte Snape ihn an und wischte den verschütteten Trank mit einem
Schwung seines Zauberstabs weg. »Ich nehme an, du hast die
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 93 von 93
Stachelschweinstacheln hinzugegeben, bevor du den Kessel vom Feuer genommen
hast?«
Neville wimmerte, denn Furunkel brachen nun auch auf seiner Nase auf.
»Bring ihn hoch in den Hospitalflügel«, fauchte Snape Seamus an. Dann nahm er
sich Harry und Ron vor, die am Tisch neben Neville gearbeitet hatten.
»Du – Potter – warum hast du ihm nicht gesagt, er solle die Pastillen weglassen?
Dachtest wohl, du stündest besser da, wenn er es vermasselt, oder? Das ist noch ein
Punkt, der Gryffindor wegen dir abgezogen wird.«
Das war so unfair, dass Harry den Mund öffnete, um ihm zu widersprechen, doch
Ron versetzte ihm hinter ihrem Kessel einen Knuff.
»Leg’s nicht darauf an«, flüsterte er. »Ich hab gehört, Snape kann sehr gemein
werden.«
Als sie eine Stunde später die Kerkerstufen emporstiegen, rasten wilde Gedanken
durch Harrys Kopf und er fühlte sich miserabel. In der ersten Woche schon hatte
Gryffindor seinetwegen zwei Punkte verloren.Warum hasste Snape ihn so sehr?
»Mach dir nichts draus«, sagte Ron. »Snape nimmt Fred und George auch immer
Punkte weg. Kann ich mitkommen zu Hagrid?«
Um fünf vor drei verließen sie das Schloss und machten sich auf den Weg. Hagrid
lebte in einem kleinen Holzhaus am Rande des verbotenen Waldes. Neben der Tür
standen eine Armbrust und ein Paar Galoschen.
Als Harry klopfte, hörten sie von drinnen ein aufgeregtes Kratzen und ein
donnerndes Bellen. Dann erwachte Hagrids Stimme: »Zurück, Fang – mach Platz.«
Hagrids großes, haariges Gesicht erschien im Türspalt, dann öffnete er.
»Wartet«, sagte er. »Platz, Fang.«
Er ließ sie herein, wobei er versuchte einen riesigen schwarzen Saurüden am
Halsband zu fassen.
Drinnen gab es nur einen Raum. Von der Decke hingen Schinken und Fasane
herunter, ein Kupferkessel brodelte über dem offenen Feuer, und in der Ecke stand
ein riesiges Bett mit einer Flickendecke.
»Macht’s euch bequem«, sagte Hagrid und ließ Fang los, der gleich auf Ron
losstürzte und ihn an den Ohren leckte. Wie Hagrid war auch Fang offensichtlich
nicht so wild, wie er aussah.
»Das ist Ron«, erklärte Harry, während Hagrid kochendes Wasser in einen großen
Teekessel goss und Plätzchen auf einen Teller legte.
»Noch ein Weasley, nicht wahr?«, sagte Hagrid und betrachtete Rons
Sommersprossen. »Mein halbes Leben hab ich damit verbracht, deine
Zwillingsbrüder aus dem Wald zu verjagen.«
Die Plätzchen waren so hart, dass sie sich fast die Zähne ausbissen, doch Harry
und Ron ließen sich nichts anmerken und erzählten Hagrid alles über die ersten
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 94 von 94
Unterrichtsstunden. Fang legte den Kopf auf Harrys Knie und Sabber lief den
Umhang hinunter.
Harry und Ron genossen es, dass Hagrid Filch einen »blöden Sack« nannte.
»Und was diese Katze angeht, Mrs Norris, die möcht ich mal Fang vorstellen.
Wisst ihr, immer wenn ich hochgeh zur Schule, folgt sie mir auf Schritt und Tritt.
Kann sie nicht abschütteln, Filch macht sie extra scharf auf mich.«
Harry erzählte Hagrid von der ersten Stunde bei Snape. Wie zuvor schon Ron, riet
ihm auch Hagrid, sich darüber keine Gedanken zu machen; Snape möge eben kaum
einen Schüler.
»Aber er schien mich richtig zu hassen.«
»Unsinn!«, sagte Hagrid. »Warum sollte er?«
Doch Harry meinte zu bemerken, dass Hagrid ihm dabei nicht wirklich in die
Augen schaute.
»Wie geht’s deinem Bruder Charlie?«, fragte Hagrid Ron. »Mochte ihn sehr gern,
konnte prima mit Tieren umgehen.«
Harry fragte sich, ob Hagrid das Thema absichtlich gewechselt hatte. Während
Ron Hagrid von Charlies Arbeit mit den Drachen erzählte, zog Harry ein Blatt
Papier unter der Teehaube hervor. Es war ein Ausschnitt aus dem Tagespropheten:
Neues vom Einbruch bei Gringotts
Die Ermittlungen im Fall des Einbruchs bei Gringotts vom 31. Juli werden
fortgesetzt. Allgemein wird vermutet, dass es sich um die Tat schwarzer Magier oder
Hexen handelt. Um wen genau es sich handelt, ist jedoch unklar.
Vertreter der Kobolde bei Gringotts bekräftigten heute noch einmal, dass nichts
gestohlen wurde. Das Verlies, das durchsucht wurde, war zufällig am selben Tag
geleert worden.
»Wir sagen Ihnen allerdings nicht, was drin war, also halten Sie Ihre Nasen da raus,
falls Sie wissen, was gut für Sie ist«, sagte ein offizieller Koboldsprecher von
Gringotts heute Nachmittag.
Harry erinnerte sich, dass Ron ihm im Zug gesagt hatte, jemand habe versucht,
Gringotts auszurauben. Doch Ron hatte nicht erwähnt, an welchem Tag das war.
»Hagrid!«, rief Harry, »dieser Einbruch bei Gringotts war an meinem Geburtstag!
Vielleicht sogar, während wir dort waren!«
Diesmal konnte es keinen Zweifel geben: Hagrid blickte Harry nicht in die Augen.
Er stöhnte auf und bot ihm noch ein Plätzchen an. Harry las den Zeitungsartikel
noch einmal durch. Das Verlies, das durchsucht wurde, war zufällig am selben Tag
geleert worden. Hagrid hatte Verlies siebenhundertdreizehn geleert, wenn man es so
nennen konnte, denn er hatte nur dieses schmutzige kleine Paket herausgeholt. War
es das, wonach die Diebe gesucht hatten?
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 95 von 95
Als Harry und Ron zum Abendessen ins Schloss zurückkehrten, waren ihre
Taschen vollgestopft mit den steinharten Plätzchen, die sie aus Höflichkeit nicht
hatten ablehnen wollen. Harry überlegte, dass ihm bisher keine Unterrichtsstunde
so viel Stoff zum Nachdenken geliefert hatte wie dieser Teenachmittag bei Hagrid.
Hatte Hagrid dieses Päckchen gerade noch rechtzeitig geholt? Wo war es jetzt? Und
wusste Hagrid mehr über Snape, als er Harry erzählen wollte?
Duell um Mitternacht
Harry hätte sich nicht träumen lassen, dass er je auf einen Jungen stoßen würde,
den er mehr hasste als Dudley – bis er Draco Malfoy kennen lernte. Ein Glück, dass
die Erstklässler von Gryffindor nur die Zaubertrankstunden gemeinsam mit den
Slytherins hatten und sie sich deshalb nicht allzu lange mit Malfoy abgeben
mussten. Wenigstens taten sie es nicht, bis sie am schwarzen Brett ihres
Aufenthaltsraumes eine Notiz bemerkten, die sie alle aufstöhnen ließ. Die
Flugstunden würden am Donnerstag beginnen. Und Gryffindor und Slytherin
sollten zusammen Unterricht haben.
»Das hat mir gerade noch gefehlt«, sagte Harry mit düsterer Stimme. »Genau das,
was ich immer wollte. Mich vor den Augen Malfoys auf einem Besen lächerlich
machen.«
Auf das Fliegenlernen hatte er sich mehr gefreut als auf alles andere.
»Du weißt doch noch gar nicht, ob du dich lächerlich machst«, sagte Ron
vernünftigerweise. »Jedenfalls weiß ich, dass Malfoy immer damit protzt, wie gut er
im Quidditch ist, aber ich wette, das ist alles nur Gerede.«
Malfoy sprach in der Tat ausgiebig vom Fliegen. Er beklagte sich lauthals, dass
die Erstklässler es nie schafften, in eines der Quidditch-Teams aufgenommen zu
werden, und erzählte langatmige Geschichten, die immer damit zu enden schienen,
dass er um Haaresbreite irgendwelchen Muggeln in Hubschraubern entkommen
war. Allerdings war er nicht der Einzige: Seamus Finnigan jedenfalls ließ
durchblicken, dass er den größten Teil seiner Kindheit damit verbracht habe, auf
einem Besen übers Land zu brausen. Selbst Ron erzählte jedem, der es hören wollte,
wie er auf Charlies altem Besen einmal fast mit einem Drachenflieger
zusammengestoßen sei. Alle Schüler aus Zaubererfamilien redeten ständig über
Quidditch. Mit Dean Thomas, der auch in ihrem Schlafsaal war, hatte sich Ron
bereits einen heftigen Streit über Fußball geliefert. Ron konnte einfach nicht
einsehen, was so spannend sein sollte an einem Spiel mit nur einem Ball, bei dem es
nicht erlaubt war, zu fliegen. Harry hatte Ron dabei erwischt, wie er vor Deans
Poster von dessen Lieblingsfußballmannschaft stand und die Spieler anfeuerte, sich
doch endlich zu bewegen.
Neville wiederum hatte noch nie einen Besen bestiegen. Seine Großmutter wollte
ihn nicht einmal in die Nähe eines solchen Fluggeräts lassen. Harry gab ihr im
Stillen Recht, denn Neville schaffte es sogar, mit beiden Füßen fest auf dem Boden
eine erstaunliche Zahl von Unfällen zu erleiden.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 96 von 96
Fast so nervös wie Neville, wenn es ans Fliegen ging, war Hermine Granger.
Fliegen war etwas, was man nicht aus einem Buch auswendig lernen konnte – nicht,
dass sie es nicht versucht hätte. Beim Frühstück am Donnerstagmorgen langweilte
sie alle mit dummen Flugtipps, die sie in einem Bibliotheksband namens Quidditch
im Wandel der Zeiten gefunden hatte. Neville hing ihr an den Lippen, begierig auf
alles, was ihm nachher helfen könnte, auf dem Besen zu bleiben, doch alle anderen
waren erleichtert, als die Ankunft der Post Hermines Vorlesung unterbrach.
Seit Hagrids Einladung hatte Harry keinen einzigen Brief mehr bekommen, was
Malfoy natürlich schnell bemerkt hatte. Malfoys Uhu brachte ihm immer Päckchen
mit Süßigkeiten von daheim, die er am Tisch der Slytherins genüsslich auspackte.
Eine Schleiereule brachte Neville ein kleines Päckchen von seiner Großmutter. Er
öffnete es ganz aufgeregt und zeigte den andern eine Glaskugel, die einer großen
Murmel ähnelte und offenbar mit weißem Rauch gefüllt war.
»Ein Erinnermich«, erklärte er. »Oma weiß, dass ich ständig alles vergesse. Das
Ding hier sagt einem, ob es etwas gibt, was man zu tun vergessen hat. Schaut mal,
ihr schließt es ganz fest in die Hand, und wenn es rot wird – oh …« Er schaute
betreten drein, denn das Erinnermich erglühte im Nu scharlachrot, »… dann habt
ihr etwas vergessen …«
Neville war gerade damit beschäftigt, sich daran zu erinnern, was er vergessen
hatte, als Draco Malfoy am Tisch der Gryffindors vorbeiging und ihm das
Erinnermich aus der Hand riss.
Harry und Ron sprangen auf. Insgeheim hofften sie, einen Grund zu finden, um
sich mit Malfoy schlagen zu können, doch Professor McGonagall, die schneller als
alle anderen Lehrer der Schule spürte, wenn es Ärger gab, stand schon vor ihnen.
»Was geht hier vor?«
»Malfoy hat mein Erinnermich, Frau Professor.«
Mit zornigem Blick ließ Malfoy das Erinnermich rasch wieder auf den Tisch fallen.
»Wollte nur mal sehen«, sagte er und trottete mit Crabbe und Goyle im Schlepptau
davon.
An diesem Nachmittag um halb vier rannten Harry, Ron und die anderen
Gryffindors über die Vordertreppe hinaus auf das Schlossgelände, wo die erste
Flugstunde stattfinden sollte. Es war ein klarer, ein wenig windiger Tag, und das
Gras wellte sich unter ihren Füßen, als sie den sanft abfallenden Hang zu einem
flachen Stück Rasen auf der gegenüberliegenden Seite des verbotenen Waldes
hinuntergingen, dessen Bäume in der Ferne dunkel wogten.
Die Slytherins waren schon da, und auch, fein säuberlich aneinandergereiht auf
dem Boden liegend, zwanzig Besen. Harry hatte gehört, wie Fred und George
Weasley sich über die Schulbesen mokierten. Manche davon fingen an zu vibrieren,
wenn man zu hoch flog, oder bekamen einen Drall nach links.
Jetzt erschien Madam Hooch, ihre Lehrerin. Sie hatte kurzes, graues Haar und
gelbe Augen wie ein Falke.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 97 von 97
»Nun, worauf wartet ihr noch?«, blaffte sie die Schüler an. »Jeder stellt sich neben
einem Besen auf. Na los, Beeilung.«
Harry sah hinunter auf seinen Besen. Es war ein altes Modell und einige der
Reisigzweige waren kreuz und quer abgespreizt.
»Streckt die rechte Hand über euren Besen aus«, rief Madam Hooch, die sich vor
ihnen aufgestellt hatte, »und sagt ›Hoch!‹.«
»HOCH!«, riefen alle.
Harrys Besen sprang sofort hoch in seine Hand, doch er war nur einer von
wenigen, bei denen es klappte. Der Besen von Hermine Granger hatte sich einfach
auf dem Boden umgedreht und der Nevilles hatte sich überhaupt nicht gerührt.
Vielleicht spürten Besen wie Pferde, wenn man Angst hatte, dachte Harry. In
Nevilles Stimme lag ein Zittern, das nur zu deutlich sagte, dass er mit den Füßen
lieber auf dem Boden bleiben wollte.
Madam Hooch zeigte ihnen nun, wie sie die Besenstiele besteigen konnten, ohne
hinten herunterzurutschen, und ging die Reihen entlang, um ihre Griffe zu
überprüfen. Harry und Ron freuten sich riesig, als sie Malfoy erklärte, dass er es all
die Jahre falsch gemacht habe.
»Passt jetzt auf. Wenn ich pfeife, stoßt ihr euch vom Boden ab, und zwar mit aller
Kraft«, sagte Madam Hooch. »Haltet eure Besenstiele gerade, steigt ein paar Meter
hoch und kommt dann gleich wieder runter, indem ihr euch leicht nach vorn neigt.
Auf meinen Pfiff – drei – zwei –«
Neville jedoch, nervös und aufgeregt und voller Angst, auf dem Boden
zurückzubleiben, nahm all seine Kräfte zusammen und stieß sich vom Boden ab,
bevor die Pfeife Madam Hoochs Lippen berührt hatte.
»Komm zurück, Junge!«, rief sie. Doch Neville schoss in die Luft wie der Korken
aus einer Sektflasche – vier Meter – sieben Meter. Harry sah sein verängstigtes
Gesicht auf den entschwindenden Boden blicken, sah ihn die Luft anhalten, seitlich
vom Besenstiel gleiten und –
WUMM – ein dumpfer Schlag und ein hässliches Knacken, und Neville, ein
unförmiges Bündel, lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Gras. Sein Besen stieg
immer noch höher und schwebte ganz allmählich zum verbotenen Wald hinüber, wo
er verschwand.
Madam Hooch beugte sich über Neville, ihr Gesicht ebenso bleich wie das seine.
»Handgelenk gebrochen«, hörte Harry sie murmeln. »Na komm, Junge, es ist
schon gut, steh auf.«
Sie drehte sich zum Rest der Klasse um.
»Keiner von euch rührt sich, während ich diesen Jungen in den Krankenflügel
bringe! Ihr lasst die Besen, wo sie sind, oder ihr seid schneller aus Hogwarts
draußen, als ihr ›Quidditch‹ sagen könnt! Komm, mein Kleiner.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 98 von 98
Neville, mit tränenüberströmtem Gesicht, umklammerte sein Handgelenk und
hinkte mit Madam Hooch davon, die ihren Arm um ihn gelegt hatte.
Kaum waren sie außer Sicht, brach Malfoy in lautes Lachen aus.
»Habt ihr das Gesicht von diesem Riesentrampel gesehen?«
Die anderen Slytherins stimmten in sein Lachen ein.
»Halt den Mund, Malfoy«, sagte Parvati Patil in scharfem Ton.
»Ooh, machst dich für Longbottom stark?«, sagte Pansy Parkinson, ein Slytherin-
Mädchen mit harten Zügen. »Hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet du fette kleine
Heulsusen magst, Parvati.«
»Schaut mal«, sagte Malfoy, machte einen Sprung und pickte etwas aus dem Gras.
»Das blöde Ding, das die Oma von Longbottom ihm geschickt hat.«
Er hielt das Erinnermich hoch und es schimmerte in der Sonne.
»Gib es her, Malfoy«, sagte Harry ruhig. Alle schwiegen mit einem Schlag und
richteten die Augen auf die beiden.
Malfoy grinste.
»Ich glaube, ich steck es irgendwohin, damit Longbottom es sich abholen kann –
wie wär’s mit – oben auf einem Baum?«
»Gib es her!«, schrie Harry. Doch Malfoy war auf seinen Besen gehüpft und hatte
sich in die Lüfte erhoben. Gelogen hatte er nicht – fliegen konnte er. Von den
obersten Ästen einer Eiche herab rief er: »Komm und hol’s dir doch, Potter!«
Harry griff nach seinem Besen.
»Nein«, rief Hermine Granger. »Madam Hooch hat gesagt, wir dürfen uns nicht
rühren. – Du bringst uns noch alle in Schwierigkeiten.«
Harry beachtete sie nicht. Blut pochte in seinen Ohren. Er stieg auf den Besen,
stieß sich heftig vom Boden ab und schoss mit wehendem Haar und in der Luft
peitschendem Umhang nach oben – und wilde Freude durchströmte ihn, denn er
spürte, dass er etwas konnte, was man ihm nicht erst beibringen musste – Fliegen
war leicht, Fliegen war toll. Er zog ein wenig an seinem Besenstiel, damit er ihn
noch höher trug, und von unten hörte er die Mädchen schreien und seufzen und
einen bewundernden Zuruf von Ron.
Er riss den Besen scharf herum, um Malfoy mitten in der Luft zu stellen. Malfoy
sah überrascht aus.
»Gib es her«, rief Harry, »oder ich werf dich von deinem Besen runter!«
»Was du nicht sagst?«, entgegnete Malfoy und versuchte ein höhnisches Grinsen.
Allerdings sah er ein wenig besorgt aus.
Aus irgendeinem Grund wusste Harry, was zu tun war. Er beugte sich vor, griff
den Besenstiel fest mit beiden Händen und ließ ihn auf Malfoy zuschießen wie einen
Speer. Malfoy konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen; Harry machte scharf
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 99 von 99
kehrt und hielt den Besenstiel gerade. Unten auf dem Boden klatschten ein paar
Schüler in die Hände.
»Kein Crabbe und kein Goyle hier oben, um dich rauszuhauen, Malfoy!«, rief
Harry.
Derselbe Gedanke schien auch Malfoy gekommen zu sein.
»Dann fang’s doch, wenn du kannst!«, schrie er, warf die Glaskugel hoch in die
Luft und sauste hinunter gen Erde.
Harry sah den Ball wie in Zeitlupe hochsteigen und dann immer schneller fallen.
Er beugte sich vor und drückte seinen Besenstiel nach unten. – Im nächsten
Augenblick war er in steilem Sinkflug, immer schneller hinter der Kugel her – der
Wind pfiff ihm um die Ohren, hin und wieder drangen Schreie vom Boden durch – er
streckte die Hand aus – kaum einen halben Meter über dem Boden fing er sie auf,
gerade rechtzeitig, um seinen Besenstiel in die Waagrechte zu ziehen, und mit dem
Erinnermich sicher in der Faust landete er sanft auf dem Gras.
»HARRY POTTER!«
Das Herz sank ihm wesentlich schneller in die Hose, als er gerade eben für seinen
Flug aus luftiger Höhe zurück auf die Erde gebraucht hatte. Mit zitternden Knien
stand er auf.
»Nie, während meiner ganzen Zeit in Hogwarts –«
Professor McGonagall war fast sprachlos vor Entsetzen und ihre Brillengläser
funkelten zornig. »Wiekannst du es wagen, du hättest dir den Hals brechen können
–«
»Es war nicht seine Schuld, Professor –«
»Seien Sie still, Miss Patil!«
»Aber Malfoy –«
»Genug, Mr Weasley. Potter, folgen Sie mir, sofort.«
Harry sah noch Malfoys, Crabbes und Goyles triumphierende Gesichter, als er
benommen hinter Professor McGonagall hertrottete, die raschen Schritts auf das
Schloss zuging. Er würde von der Schule verwiesen werden, das hatte er im Gefühl.
Er wollte etwas sagen, um sich zu verteidigen, doch mit seiner Stimme schien etwas
nicht zu stimmen. Professor McGonagall eilte voran, ohne ihn auch nur anzublicken;
um Schritt zu halten, musste er laufen. Jetzt hatte er es vermasselt. Nicht einmal
zwei Wochen lang hatte er es geschafft. In zehn Minuten würde er seine Koffer
packen. Was würden die Dursleys sagen, wenn er vor ihrer Tür auftauchte?
Es ging die Vordertreppe hoch, dann die Marmortreppe im Innern des Schlosses,
und noch immer sagte Professor McGonagall kein Wort. Sie riss Türen auf und
marschierte Gänge entlang, den niedergeschlagenen Harry im Schlepptau. Vielleicht
brachte sie ihn zu Dumbledore. Er dachte an Hagrid: von der Schule verwiesen, doch
als Wildhüter noch geduldet. Vielleicht konnte er Hagrids Gehilfe werden. Ihm
drehte es den Magen um, als er sich das vorstellte: Ron und den anderen zusehen,
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 100 von 100
wie sie Zauberer wurden, während er über die Ländereien humpelte mit Hagrids
Tasche auf dem Rücken.
Professor McGonagall machte vor einem Klassenzimmer Halt. Sie öffnete die Tür
und steckte den Kopf hinein.
»Entschuldigen Sie, Professor Flitwick, könnte ich mir Wood für eine Weile
ausleihen?«
Wood?, dachte Harry verwirrt; war Wood ein Stock, den sie für ihn brauchte?
Doch Wood stellte sich als Mensch heraus, als ein stämmiger Junge aus der
fünften Klasse, der etwas verdutzt aus Flitwicks Unterricht herauskam.
»Folgt mir, ihr beiden«, sagte Professor McGonagall, und sie gingen weiter den
Korridor entlang, wobei Wood Harry neugierige Blicke zuwarf.
»Da hinein.«
Professor McGonagall wies sie in ein Klassenzimmer, das leer war, mit Ausnahme
von Peeves, der gerade wüste Ausdrücke an die Tafel schrieb.
»Raus hier, Peeves!«, blaffte sie ihn an. Peeves warf die Kreide in einen Mülleimer,
der ein lautes Klingen von sich gab, und schwebte fluchend hinaus. Professor
McGonagall schlug die Tür hinter ihm zu und musterte die beiden Jungen.
»Potter, dies ist Oliver Wood. Wood, ich habe einen Sucher für Sie gefunden.«
Der zuvor noch ratlose Wood schien nun plötzlich hellauf begeistert.
»Meinen Sie das ernst, Professor?«
»Vollkommen ernst«, sagte Professor McGonagall forsch. »Der Junge ist ein
Naturtalent. So etwas habe ich noch nie gesehen. War das Ihr erstes Mal auf einem
Besen, Potter?«
Harry nickte schweigend. Er hatte keine Ahnung, was hier vor sich ging, doch
offenbar wurde er nicht von der Schule verwiesen, und allmählich bekam er wieder
ein Gefühl in den Beinen.
»Er hat dieses Ding aufgefangen nach einem Sturzflug aus fünfzehn Metern«,
sagte Professor McGonagall zu Wood gewandt. »Hat sich nicht einmal einen Kratzer
geholt. Nicht einmal Charlie Weasley hätte das geschafft.«
Wood guckte, als ob all seine Träume auf einen Schlag wahr geworden wären.
»Jemals ein Quidditch-Spiel gesehen, Potter?«, fragte er aufgeregt.
»Wood ist Kapitän der Mannschaft von Gryffindor«, erklärte Professor
McGonagall.
»Außerdem hat er genau die richtige Statur für einen Sucher«, sagte Wood, der
nun mit prüfendem Blick um Harry herumging. »Leicht, schnell, wir müssen ihm
einen anständigen Besen verschaffen, Professor, einen Nimbus Zweitausend oder
einen Sauberwisch Sieben, würd ich sagen.«
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»Ich werde mit Professor Dumbledore sprechen und zusehen, dass wir die Regeln
für die Erstklässler etwas zurechtbiegen können. Weiß Gott, wir brauchen eine
bessere Mannschaft als letztes Jahr.Plattgemacht von Slytherin in dem letzten Spiel
– ich konnte Severus Snape wochenlang nicht in die Augen sehen …«
Professor McGonagall sah Harry mit ernstem Blick über die Brillengläser hinweg
an.
»Ich möchte hören, dass Sie hart trainieren werden, Potter, oder ich könnte mir
das mit der Bestrafung noch einmal überlegen.«
Dann lächelte sie plötzlich.
»Ihr Vater wäre stolz auf Sie. Er war selbst ein hervorragender Quidditch-
Spieler.«
»Du machst Witze.«
Sie waren beim Abendessen. Harry hatte Ron gerade erzählt, was passiert war,
nachdem er mit Professor McGonagall ins Schloss gegangen war. Ron hatte gerade
ein Stück Steak-und-Nieren-Pastete auf halbem Weg in den Mund, doch er vergaß
völlig zu essen.
»Sucher?«, sagte er. »Aber Erstklässler werden nie – du musst der jüngste
Hausspieler seit mindestens –«
»– einem Jahrhundert sein«, sagte Harry und schaufelte sich Pastete in den
Mund. Nach der Aufregung am Nachmittag war er besonders hungrig. »Wood hat es
mir erzählt.«
Ron war so beeindruckt und aus dem Häuschen, dass er nur dasaß und Harry mit
offenem Mund anstarrte.
»Nächste Woche fange ich an zu trainieren«, sagte Harry. »Aber sag’s nicht weiter,
Wood will es geheim halten.«
Fred und George kamen jetzt in die Halle, sahen Harry und liefen rasch zu ihm.
»Gut gemacht«, sagte George mit leiser Stimme, »Wood hat es uns erzählt. Wir
sind auch in der Mannschaft – als Treiber.«
»Ich sag’s euch, dieses Jahr gewinnen wir ganz sicher den Quidditch-Pokal«,
meinte Fred. »Seit Charlie weg ist, haben wir nicht mehr gewonnen, aber die
Mannschaft von diesem Jahr ist klasse. Du musst wohl ganz gut sein, Harry, Wood
hat sich fast überschlagen, als er es erzählt hat.«
»Übrigens, wir müssen gleich wieder los, Lee Jordan glaubt, er habe einen neuen
Geheimgang entdeckt, der aus der Schule herausführt.«
»Wette, es ist der hinter dem Standbild von Gregor dem Kriecher, den wir schon in
unserer ersten Woche hier entdeckt haben. Bis später.«
Kaum waren Fred und George verschwunden, als jemand auftauchte, der weit
weniger willkommen war: Malfoy, flankiert von Crabbe und Goyle.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 102 von 102
»Nimmst deine letzte Mahlzeit ein, Potter? Wann fährt der Zug zurück zu den
Muggeln?«
»Hier unten bist du viel mutiger und deine kleinen Kumpel hast du auch
mitgebracht«, sagte Harry kühl. Natürlich war überhaupt nichts Kleines an Crabbe
und Goyle, doch da der Hohe Tisch mit Lehrern besetzt war, konnte keiner von
ihnen mehr tun, als mit den Knöcheln zu knacken und böse Blicke zu werfen.
»Mit dir würd ich es jederzeit allein aufnehmen«, sagte Malfoy. »Heute Nacht,
wenn du willst. Zaubererduell. Nur Zauberstäbe, kein Körperkontakt. Was ist los?
Noch nie von einem Zaubererduell gehört, was?«
»Natürlich hat er«, sagte Ron und stand auf. »Ich bin sein Sekundant, wer ist
deiner?«
Malfoy musterte Crabbe und Goyle.
»Crabbe«, sagte er. »Mitternacht, klar? Wir treffen uns im Pokalzimmer, das ist
immer offen.«
Als Malfoy verschwunden war, sahen sich Ron und Harry an.
»Was ist ein Zaubererduell?«, fragte Harry. »Und was soll das heißen, du bist mein
Sekundant?«
»Na ja, ein Sekundant ist da, um deine Angelegenheiten zu regeln, falls du
stirbst«, sagte Ron lässig und machte sich endlich über seine kalte Pastete her. Er
bemerkte Harrys Gesichtsausdruck und fügte rasch hinzu: »Aber man stirbt nur in
richtigen Duellen mit richtigen Zauberern. Alles, was du und Malfoy könnt, ist, euch
mit Funken zu besprühen. Keiner von euch kann gut genug zaubern, um wirklich
Schaden anzurichten. Ich wette, er hat ohnehin erwartet, dass du ablehnst.«
»Und was, wenn ich mit meinem Zauberstab herumfuchtle und nichts passiert?«
»Dann wirf ihn weg und hau Malfoy eins auf die Nase«, schlug Ron vor.
»Entschuldigt, wenn ich störe.«
Beide sahen auf. Es war Hermine Granger.
»Kann ein Mensch hier nicht mal in Ruhe essen?«, sagte Ron.
Hermine ignorierte ihn und wandte sich an Harry.
»Ich habe unfreiwillig mitbekommen, was du und Malfoy beredet habt –«
»Von wegen unfreiwillig«, murmelte Ron.
»– und ihr dürft einfach nicht nachts in der Schule herumlaufen, denkt an die
Punkte, die Gryffindor wegen euch verliert, wenn ihr erwischt werdet, und das
werdet ihr sicher. Das ist wirklich sehr egoistisch von euch.«
»Und dich geht es wirklich nichts an«, sagte Harry.
»Auf Wiedersehen«, sagte Ron.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 103 von 103
Trotz allem konnte man nicht gerade von einem gelungenen Abschluss des Tages
reden, dachte Harry, als er später noch lange wach lag und hörte, wie Dean und
Seamus einschliefen (Neville war noch nicht aus dem Krankenflügel zurückgekehrt).
Ron hatte ihm den ganzen Abend lang Ratschläge erteilt, zum Beispiel: »Wenn er
versucht, dir einen Fluch anzuhängen, dann weich ihm besser aus, ich weiß nämlich
nicht, wie man sie abblocken kann.« Wahrscheinlich würden sie ohnehin von Filch
oder Mrs Norris erwischt werden, und Harry hatte das Gefühl, dass er sein Glück
aufs Spiel setzte, wenn er heute noch eine Schulregel brach. Andererseits tauchte
ständig Malfoys grinsendes Gesicht aus der Dunkelheit auf – das war die große
Gelegenheit, ihn von Angesicht zu Angesicht zu schlagen. Er konnte sie nicht sausen
lassen.
»Halb zwölf«, murmelte Ron schließlich, »wir sollten aufbrechen.«
Sie zogen die Morgenmäntel an, griffen sich ihre Zauberstäbe und schlichen durch
das Turmzimmer, die Wendeltreppe hinab und in den Gemeinschaftsraum der
Gryffindors. Ein paar Holzscheite glühten noch im Kamin und verwandelten die
Sessel in gedrungene schwarze Schatten. Sie hatten das Loch hinter dem Porträt
schon fast erreicht, als eine Stimme aus nächster Nähe zu ihnen sprach: »Ich kann
einfach nicht glauben, dass du das tust, Harry.«
Eine Lampe ging flackernd an. Es war Hermine Granger, die einen rosa
Morgenmantel trug und auf der Stirn eine tiefe Sorgenfalte.
»Du!«, sagte Ron zornig. »Geh wieder ins Bett!«
»Ich hätte es fast deinem Bruder erzählt«, sagte Hermine spitz, »Percy, er ist
Vertrauensschüler, und er hätte das hier nicht zugelassen.«
Harry konnte es nicht fassen, dass sich jemand auf so unverschämte Weise
einmischte.
»Los, weiter«, sagte er zu Ron. Er schob das Porträt der fetten Dame beiseite und
kletterte durch das Loch.
So schnell gab Hermine jedoch nicht auf. Sie folgte Ron durch das Loch hinter dem
Bild und fauchte wie eine wütende Gans.
»Ihr schert euch überhaupt nicht um Gryffindor, sondern nur um euch selbst. Ich
jedenfalls will nicht, dass Slytherin den Hauspokal gewinnt und ihr sämtliche
Punkte wieder verliert, die ich von Professor McGonagall gekriegt habe, weil ich
alles über die Verwandlungssprüche wusste.«
»Hau ab.«
»Na gut, aber ich warne euch, erinnert euch an das, was ich gesagt habe, wenn ihr
morgen im Zug nach Hause sitzt, ihr seid ja so was von –«
Doch was sie waren, erfuhren sie nicht mehr. Hermine hatte sich zu dem Porträt
der fetten Dame umgedreht, um zurückzukehren, doch das Bild war leer. Die fette
Dame war zu einem nächtlichen Besuch ausgegangen und Hermine war aus dem
Gryffindor-Turm ausgesperrt.
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»Was soll ich jetzt tun?«, fragte sie mit schriller Stimme.
»Das ist dein Problem«, sagte Ron. »Wir müssen weiter, sonst kommen wir noch zu
spät.«
Sie hatten noch nicht einmal das Ende des Ganges erreicht, als Hermine sie
einholte.
»Ich komme mit«, sagte sie.
»Das tust du nicht.«
»Glaubt ihr, ich warte hier draußen, bis Filch mich erwischt? Wenn er uns alle
drei erwischt, sage ich ihm die Wahrheit, nämlich dass ich euch aufhalten wollte,
und ihr könnt es ja bestätigen.«
»Du hast vielleicht Nerven –«, stöhnte Ron.
»Seid still, beide!«, zischte Harry. »Ich hab etwas gehört.«
Es hörte sich an wie ein Schnüffeln.
»Mrs Norris?«, flüsterte Ron und spähte durch die Dunkelheit.
Es war nicht Mrs Norris. Es war Neville. Er lag zusammengekauert auf dem
Boden und schlief, doch als sie sich näherten, schreckte er hoch.
»Gott sei Dank, dass ihr mich gefunden habt! Ich bin schon seit Stunden hier
draußen. Ich hab das Passwort vergessen und bin nicht reingekommen.«
»Sprich leise, Neville. Das Passwort ist ›Schweineschnauze‹, aber das wird dir
nicht weiterhelfen, die fette Dame ist nämlich ausgeflogen.«
»Was macht dein Arm?«, fragte Harry.
»Wieder in Ordnung«, sagte Neville und zeigte ihn vor. »Madam Pomfrey hat ihn
in einer Minute heil gemacht.«
»Gut. Nun hör mal zu, Neville, wir müssen noch weiter, wir sehen uns später –«
»Lasst mich nicht allein!«, rief Neville und rappelte sich hoch. »Ich will nicht
alleine hierbleiben, der Blutige Baron ist schon zweimal vorbeigekommen.«
Ron sah auf die Uhr und blickte dann Hermine und Neville wütend an.
»Wenn wir wegen euch erwischt werden, ruhe ich nicht eher, bis ich diesen Fluch
der Kobolde gelernt habe, von dem uns Quirrell erzählt hat, und ihn euch auf den
Hals gejagt habe.«
Hermine öffnete den Mund, vielleicht um Ron genau zu erklären, wie der Fluch
der Kobolde funktionierte, doch mit einem Zischen gebot ihr Harry zu schweigen
und scheuchte sie alle weiter.
Sie huschten Gänge entlang, in die der Mond Lichtstreifen durch die hohen
Fenster warf. Nach jeder Ecke erwartete Harry, sie würden auf Filch oder Mrs
Norris stoßen, doch sie hatten Glück. Sie rannten eine Treppe zum dritten Stock
empor und gingen auf Zehenspitzen in Richtung Pokalzimmer.
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Malfoy und Crabbe waren noch nicht da. Die Vitrinen aus Kristallglas
schimmerten im Mondlicht. Pokale, Schilder, Teller und Statuen blinkten silbern
und golden durch die Dunkelheit. Sie drückten sich leise an den Wänden entlang
und behielten dabei die Türen auf beiden Seiten des Raumes im Auge. Harry nahm
seinen Zauberstab heraus für den Fall, dass Malfoy hereinsprang und sofort
loslegte. Die Minuten krochen vorbei.
»Er kommt zu spät, vielleicht hat er Muffensausen gekriegt«, flüsterte Ron.
Ein Geräusch im Zimmer nebenan ließ sie zusammenschrecken. Harry hatte
gerade den Zauberstab erhoben, als sie jemanden sprechen hörten – und es war
nicht Malfoy.
»Schnüffel ein wenig herum, meine Süße, vielleicht lauern sie in einer Ecke.«
Es war Filch, der mit Mrs Norris sprach. Harry, den ein fürchterlicher Schreck
gepackt hatte, ruderte wild mit den Armen, um den anderen zu bedeuten, sie sollten
ihm so schnell wie möglich folgen. Sie tasteten sich zur Tür, die von Filchs Stimme
wegführte. Kaum war Nevilles Umhang um die Ecke gewischt, als sie Filch das
Pokalzimmer betreten hörten.
»Sie sind irgendwo hier drin«, hörten sie ihn murmeln, »wahrscheinlich verstecken
sie sich.«
»Hier entlang!«, bedeutete Harry den andern mit einer Mundbewegung, und mit
entsetzensstarren Gliedern schlichen sie eine endlose Galerie voller Rüstungen
entlang. Sie konnten Filch näher kommen hören. Neville gab plötzlich ein
ängstliches Quieken von sich und rannte los, er stolperte, klammerte seine Arme um
Rons Hüfte und beide stürzten mitten in eine Rüstung.
Das Klingen und Klirren reichte aus, um das ganze Schloss aufzuwecken.
»LAUFT!«, rief Harry, und die vier rasten die Galerie entlang, ohne sich
umzusehen, ob Filch folgte. Sie schwangen sich um einen Türpfosten und liefen
einen Gang runter und dann noch einen, Harry voran, der jedoch keine Ahnung
hatte, wo sie waren oder hinrannten. Schließlich durchrissen sie einen Wandbehang
und fanden sich in einem Geheimgang wieder. Immer noch rennend kamen sie in
der Nähe des Klassenzimmers heraus, wo sie Zauberkunst hatten und von dem sie
wussten, dass es vom Pokalzimmer meilenweit entfernt war.
»Ich glaube, wir haben ihn abgehängt«, stieß Harry außer Atem hervor, lehnte
sich gegen die kalte Wand und wischte sich die Stirn. Neville war pfeifend und
prustend in sich zusammengesunken.
»Ich – hab’s euch – gesagt«, keuchte Hermine und griff sich an die Seite, wo sie ein
Stechen spürte, »ich – hab’s – euch – doch – gesagt.«
»Wir müssen zurück in den Gryffindor-Turm«, sagte Ron, »so schnell wie möglich.«
»Malfoy hat dich reingelegt«, sagte Hermine zu Harry. »Das siehst du doch auch,
oder? Er hat dich nie treffen wollen – Filch wusste, dass im Pokalzimmer etwas vor
sich ging, Malfoy muss ihm einen Tipp gegeben haben.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 106 von 106
Sie hat vermutlich Recht, dachte Harry, doch das würde er ihr nicht sagen.
»Gehen wir.«
So einfach war es freilich nicht. Nach kaum einem Dutzend Schritten rüttelte es
an einer Türklinke und aus einem Klassenzimmer kam eine Gestalt
herausgeschossen.
Es war Peeves. Er bemerkte sie und gab ein freudiges Quietschen von sich.
»Halt den Mund, Peeves, bitte, wegen dir werden wir noch rausgeworfen.«
Peeves lachte gackernd.
»Stromern um Mitternacht im Schloss herum, die kleinen Erstklässler? Soso, soso.
Gar nicht brav, man wird euch erwischen.«
»Nicht, wenn du uns nicht verpetzt, Peeves, bitte.«
»Sollte es Filch sagen, sollte ich wirklich«, sagte Peeves mit sanfter Stimme, doch
mit verschlagen glitzernden Augen. »Ist nur zu eurem Besten, wisst ihr.«
»Aus dem Weg«, fuhr ihn Ron an und schlug nach ihm, was ein großer Fehler war.
»SCHÜLER AUS DEM BETT!«, brüllte Peeves, »SCHÜLER AUS DEM BETT, HIER IM
ZAUBERKUNSTKORRIDOR!«
Sie duckten sich unter Peeves hindurch und rannten wie um ihr Leben bis zum
Ende des Gangs, wo sie in eine Tür krachten – und die war verschlossen.
»Das war’s!«, stöhnte Ron, als sie verzweifelt versuchten die Tür aufzudrücken.
»Wir sitzen in der Falle! Das ist das Ende!«
Sie hörten Schritte. Filch rannte, so schnell er konnte, den Rufen von Peeves nach.
»Ach, geh mal beiseite«, fauchte Hermine. Sie packte Harrys Zauberstab, klopfte
auf das Türschloss und flüsterte: »Alohomora!«
Das Schloss klickte und die Tür ging auf – sie stürzten sich alle auf einmal
hindurch, verschlossen sie rasch hinter sich und drückten die Ohren dagegen, um zu
lauschen.
»In welche Richtung sind sie gelaufen, Peeves?«, hörten sie Filch fragen. »Schnell,
sag’s mir.«
»Sag ›bitte‹.«
»Keine blöden Mätzchen jetzt, Peeves, wo sind sie hingegangen?«
»Ich sag dir nichts, wenn du nicht ›bitte‹ sagst«, antwortete Peeves mit einer
nervigen Singsangstimme.
»Na gut – bitte.«
»NICHTS! Hahaaa! Hab dir gesagt, dass ich nichts sagen würde, wenn du nicht
›bitte‹ sagst! Haha! Haaaaa!« Und sie hörten Peeves fortrauschen und Filch wütend
fluchen.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 107 von 107
»Er glaubt, dass diese Tür verschlossen ist«, flüsterte Harry, »ich glaube, wir
haben’s geschafft – lasslos, Neville!« Denn Neville zupfte schon seit einer Minute
ständig an Harrys Ärmel. »Was?«
Harry wandte sich um und sah, ganz deutlich, was. Einen Moment lang glaubte
er, in einen Alptraum geschlittert zu sein – das war einfach zu viel, nach dem, was
bisher schon passiert war.
Sie waren nicht in einem Zimmer, wie er gedacht hatte. Sie waren in einem Gang.
In dem verbotenen Gang im dritten Stock. Und jetzt wussten sie auch, warum er
verboten war.
Sie sahen direkt in die Augen eines Ungeheuers von Hund, eines Hundes, der den
ganzen Raum zwischen Decke und Fußboden einnahm. Er hatte drei Köpfe. Drei
Paar rollender, irrsinniger Augen; drei Nasen, die in ihre Richtung zuckten und
zitterten; drei sabbernde Mäuler, aus denen von gelblichen Fangzähnen in
glitschigen Fäden der Speichel herunterhing.
Er stand ganz ruhig da, alle sechs Augen auf sie gerichtet, und Harry wusste, dass
der einzige Grund, warum sie nicht schon tot waren, ihr plötzliches Erscheinen war,
das ihn überrascht hatte. Doch darüber kam er jetzt schnell hinweg, denn es war
unmissverständlich, was dieses Donnergrollen bedeutete.
Harry griff nach der Türklinke – wenn er zwischen Filch und dem Tod wählen
musste, dann nahm er lieber Filch.
Sie liefen rückwärts. Harry schlug die Tür hinter ihnen zu und sie rannten, flogen
fast, den Gang entlang zurück. Filch war nirgends zu sehen, er musste fortgeeilt
sein, um anderswo nach ihnen zu suchen, doch das kümmerte sie nicht. Alles, was
sie wollten, war, das Ungeheuer so weit wie möglich hinter sich zu lassen. Sie hörten
erst auf zu rennen, als sie das Porträt der fetten Dame im siebten Stock erreicht
hatten.
»Wo um Himmels willen seid ihr alle gewesen?«, fragte sie und musterte ihre
Morgenmäntel, die ihnen von den Schultern hingen, und ihre erhitzten,
schweißüberströmten Gesichter.
»Das ist jetzt egal – Schweineschnauze, Schweineschnauze«, keuchte Harry und
das Porträt schwang zur Seite. Sie drängten sich in den Aufenthaltsraum und ließen
sich zitternd in die Sessel fallen.
Es dauerte eine Weile, bis einer von ihnen ein Wort sagte. Neville sah tatsächlich
so aus, als ob er nie mehr den Mund aufmachen würde.
»Was denken die sich eigentlich, wenn sie so ein Ding hier in der Schule
eingesperrt halten?«, sagte Ron schließlich. »Wenn es einen Hund gibt, der mal
Auslauf braucht, dann der da unten.«
Hermine hatte inzwischen wieder Atem geschöpft und auch ihre schlechte Laune
zurückgewonnen.
»Ihr benutzt wohl eure Augen nicht, keiner von euch?«, fauchte sie. »Habt ihr
nicht gesehen, worauf er stand?«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 108 von 108
»Auf dem Boden?«, war der Beitrag Harrys zu dieser Frage. »Ich habe nicht auf
seine Pfoten geschaut, ich war zu beschäftigt mit den Köpfen.«
»Nein, nicht auf dem Boden. Er stand auf einer Falltür. Offensichtlich bewacht er
etwas.«
Sie stand auf und sah sie entrüstet an.
»Ich hoffe, ihr seid zufrieden mit euch. Wir hätten alle sterben können – oder noch
schlimmer, von der Schule verwiesen werden. Und jetzt, wenn es euch nichts
ausmacht, gehe ich zu Bett.«
Ron starrte ihr mit offenem Mund nach.
»Nein, es macht uns nichts aus«, sagte er. »Du könntest glatt meinen, wir hätten
sie mitgeschleift, oder?«
Doch Hermine hatte Harry etwas anderes zum Nachdenken gegeben, bevor sie ins
Bett ging. Der Hund bewachte etwas … Was hatte Hagrid gesagt? Gringotts war der
sicherste Ort auf der Welt, mit Ausnahme vielleicht von Hogwarts.
Es sah so aus, als hätte Harry herausgefunden, wo das schmutzige kleine
Päckchen aus dem Verlies siebenhundertunddreizehn steckte.
Halloween
Malfoy wollte seinen Augen nicht trauen, als er am nächsten Tag sah, dass Harry
und Ron immer noch in Hogwarts waren, müde zwar, doch glänzend gelaunt.
Tatsächlich hielten die beiden ihre Begegnung mit dem dreiköpfigen Hund am
nächsten Morgen für ein tolles Abenteuer und waren ganz erpicht auf ein neues.
Unterdessen erzählte Harry Ron von dem Päckchen, das offenbar von Gringotts
nach Hogwarts gebracht worden war, und sie zerbrachen sich die Köpfe darüber,
was denn mit so viel Aufwand geschützt werden musste.
»Entweder ist es sehr wertvoll oder sehr gefährlich«, sagte Ron.
»Oder beides«, sagte Harry.
Doch weil sie über das geheimnisvolle Ding nicht mehr wussten, als dass es gut
fünf Zentimeter lang war, hatten sie ohne nähere Anhaltspunkte keine große
Chance zu erraten, was in dem Päckchen war.
Weder Neville noch Hermine zeigten das geringste Interesse an der Frage, was
wohl unter dem Hund und der Falltür liegen könnte. Neville interessierte nur eines,
nämlich nie mehr in die Nähe des Hundes zu kommen.
Hermine weigerte sich von nun an, mit Harry und Ron zu sprechen, doch sie war
eine so aufdringliche Besserwisserin, dass die beiden dies als Zusatzpunkt für sich
verbuchten. Was sie jetzt wirklich wollten, war eine Gelegenheit, es Malfoy
heimzuzahlen, und zu ihrem großen Vergnügen kam sie eine Woche später per Post.
Die Eulen flogen wie immer in einem langen Strom durch die Große Halle, doch
diesmal schauten alle sogleich auf das lange, schmale Paket, das von sechs großen
Schleiereulen getragen wurde. Harry war genauso neugierig darauf wie alle andern,
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 109 von 109
was wohl in diesem großen Paket stecken mochte, und war sprachlos, als die Eulen
herabstießen und es vor seiner Nase fallen ließen, so dass sein Frühstücksspeck vom
Tisch rutschte. Sie waren kaum aus dem Weg geflattert, als eine andere Eule einen
Brief auf das Paket warf.
Harry riss als Erstes den Brief auf, und das war ein Glück, denn er lautete:
ÖFFNEN SIE DAS PAKET NICHT BEI TISCH.
Es enthält Ihren neuen Nimbus Zweitausend, doch ich möchte nicht, dass die
andern von Ihrem Besen erfahren, denn dann wollen sie alle einen. Oliver Wood
erwartet Sie heute Abend um sieben Uhr auf dem Quidditch-Feld zu ihrer ersten
Trainingsstunde.
Professor M. McGonagall
Harry fiel es schwer, seine Freude zu verbergen, als er Ron den Brief zu lesen gab.
»Einen Nimbus Zweitausend«, stöhnte Ron neidisch. »Ich hab noch nicht mal
einen berührt.«
Sie verließen rasch die Halle, um den Besen zu zweit noch vor der ersten Stunde
auszupacken, doch in der Eingangshalle sahen sie, dass Crabbe und Goyle ihnen an
der Treppe den Weg versperrten. Malfoy riss Harry das Paket aus den Händen und
betastete es.
»Das ist ein Besen«, sagte er und warf ihn Harry zurück, eine Mischung aus
Eifersucht und Häme im Gesicht. »Diesmal bist du dran, Potter, Erstklässler dürfen
keinen haben.«
Ron konnte nicht widerstehen.
»Es ist nicht irgendein blöder Besen«, sagte er, »es ist ein Nimbus Zweitausend.
Was sagtest du, was für einen du daheim hast, einen Komet Zwei-Sechzig?« Ron
grinste Harry an. »Ein Komet sieht ganz protzig aus, aber der Nimbus spielt in einer
ganz anderen Liga.«
»Was weißt du denn schon darüber, Weasley, du könntest dir nicht mal den
halben Stiel leisten«, fauchte Malfoy zurück. »Ich nehme an, du und deine Brüder
müssen sich jeden Reisigzweig einzeln zusammensparen.«
Bevor Ron antworten konnte, erschien Professor Flitwick an Malfoys Seite.
»Die Jungs streiten sich doch nicht etwa?«, quiekte er.
»Potter hat einen Besen geschickt bekommen, Professor«, sagte Malfoy wie aus der
Pistole geschossen.
»Ja, das hat seine Richtigkeit«, sagte Professor Flitwick und strahlte Harry an.
»Professor McGonagall hat mir die besonderen Umstände eingehend erläutert,
Potter. Und welches Modell ist es?«
»Ein Nimbus Zweitausend, Sir«, sagte Harry und musste kämpfen, um beim
Anblick von Malfoys Gesicht nicht laut loszulachen. »Und im Grunde genommen
verdanke ich ihn Malfoy hier«, fügte er hinzu.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 110 von 110
Mit halb unterdrücktem Lachen über Malfoys unverhohlene Wut und Bestürzung
stiegen Harry und Ron die Marmortreppe hoch.
»Tja, es stimmt«, frohlockte Harry, als sie oben angelangt waren, »wenn er nicht
Nevilles Erinnermich geklaut hätte, wär ich nicht in der Mannschaft …«
»Du glaubst wohl, es sei eine Belohnung dafür, dass du die Regeln gebrochen
hast?«, tönte eine zornige Stimme hinter ihnen. Hermine stapfte die Treppe hoch
und betrachtete missbilligend das Paket in Harrys Hand.
»Ich dachte, du sprichst nicht mehr mit uns?«, sagte Harry.
»Hör jetzt bloß nicht auf damit«, sagte Ron, »es tut uns ja so gut.«
Hermine warf den Kopf in den Nacken und stolzierte davon.
Harry fiel es an diesem Tag ausgesprochen schwer, sich auf den Unterricht zu
konzentrieren. In Gedanken stieg er hoch zum Schlafsaal, wo sein neuer Besen
unter dem Bett lag, und schlenderte hinaus zum Quidditch-Feld, wo er heute Abend
noch spielen lernen würde. Das Abendessen schlang er hinunter, ohne zu bemerken,
dass er überhaupt aß, und rannte dann mit Ron die Treppen hoch, um endlich den
Nimbus Zweitausend auszupacken.
»Aaah«, seufzte Ron, als der Besen auf Harrys Bettdecke lag.
Selbst für Harry, der nichts über die verschiedenen Besen wusste, sah er
wundervoll aus. Der schlanke, glänzende Stiel war aus Mahagoni und trug die
goldgeprägte Aufschrift Nimbus Zweitausend an der Spitze, der Schweif war aus fest
gebündelten und geraden Reisigzweigen.
Es war bald sieben. Harry verließ das Schloss und machte sich in der Dämmerung
auf den Weg zum Quidditch-Feld. Er war noch nie in dem Stadion gewesen. Auf
Tribünen um das Feld herum waren hunderte von Sitzen befestigt, so dass die
Zuschauer hoch genug saßen, um das Geschehen verfolgen zu können. An beiden
Enden des Feldes standen je drei goldene Pfeiler mit Ringen an der Spitze. Sie
erinnerten Harry an die Ringe aus Plastik, mit denen die Muggelkinder
Seifenblasen machten, nur waren sie in einer Höhe von fast fünfzehn Metern
angebracht.
Harry war so scharf darauf, wieder zu fliegen, dass er nicht auf Wood wartete,
sondern seinen Besen bestieg und sich vom Boden abstieß. Was für ein Gefühl – er
schwebte durch die Torringe und raste dann das Spielfeld hinauf und hinunter. Der
Nimbus Zweitausend reagierte auf die leiseste Berührung.
»He, Potter, runter da!«
Oliver Wood war angekommen. Er trug eine große Holzkiste unter dem Arm.
Harry landete neben ihm.
»Sehr schön«, sagte Wood mit glänzenden Augen. »Ich weiß jetzt, was McGonagall
gemeint hat … du bist wirklich ein Naturtalent. Heute Abend erkläre ich dir nur die
Regeln und dann nimmst du dreimal die Woche am Mannschaftstraining teil.«
Er öffnete die Kiste. Darin lagen vier Bälle verschiedener Größe.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 111 von 111
»So«, sagte Wood, »pass auf. Quidditch ist leicht zu verstehen, auch wenn es nicht
leicht zu spielen ist. Jede Mannschaft hat sieben Spieler. Drei von ihnen heißen
Jäger.«
»Drei Jäger«, wiederholte Harry und Wood nahm einen hellroten Ball in der Größe
eines Fußballs heraus.
»Dieser Ball ist der so genannte Quaffel«, sagte Wood. »Die Jäger werfen sich den
Quaffel zu und versuchen ihn durch einen der Ringe zu werfen und damit ein Tor zu
erzielen. Jedes Mal zehn Punkte, wenn der Quaffel durch einen Ring geht. Alles klar
so weit?«
»Die Jäger spielen mit dem Quaffel und werfen ihn durch die Ringe, um ein Tor zu
erzielen«, wiederholte Harry. »Das ist wie Basketball auf Besen mit sechs Körben,
oder?«
»Was ist Basketball?«, fragte Wood neugierig.
»Nicht so wichtig«, sagte Harry rasch.
»Nun hat jede Seite noch einen Spieler, der Hüter heißt – ich bin der Hüter von
Gryffindor. Ich muss um unsere Ringe herumfliegen und die andere Mannschaft
daran hindern, Tore zu erzielen.«
»Drei Jäger, ein Hüter«, sagte Harry, entschlossen, sich alles genau zu merken.
»Und sie spielen mit dem Quaffel. Gut, hab ich verstanden. Und wozu sind die da?«
Er deutete auf die drei Bälle, die noch in der Kiste lagen.
»Das zeig ich dir jetzt«, sagte Wood. »Nimm das.«
Er reichte Harry ein kleines Schlagholz, das an einen Baseballschläger erinnerte.
»Ich zeig dir, was die Klatscher tun«, sagte Wood. »Diese beiden hier sind
Klatscher.«
Er zeigte Harry zwei gleiche Bälle, die tiefschwarz und etwas kleiner waren als
der rote Quaffel. Harry bemerkte, dass sie den Bändern offenbar entkommen
wollten, die sie im Korb festhielten.
»Geh einen Schritt zurück«, warnte Wood Harry. Er bückte sich und befreite einen
der Klatscher.
Der schwarze Ball stieg sofort hoch in die Luft und schoss dann direkt auf Harrys
Gesicht zu. Harry schlug mit dem Schlagholz nach ihm, damit er ihm nicht die Nase
brach, und der Ball flog im Zickzack hoch in die Luft. Er drehte sich im Kreis um
ihre Köpfe und schoss dann auf Wood hinunter, der sich auf ihn stürzte und es
schaffte, ihn auf dem Boden festzuhalten.
»Siehst du?«, keuchte Wood und mühte sich damit ab, den Klatscher wieder in den
Korb zu zwängen und ihn sicher festzuschnallen. »Die Klatscher schießen in der
Luft herum und versuchen die Spieler von ihren Besen zu stoßen. Deshalb hat jede
Mannschaft zwei Treiber – die Weasley-Zwillinge sind unsere –, ihre Aufgabe ist es,
die eigene Seite vor den Klatschern zu schützen und zu versuchen, sie auf die
gegnerische Mannschaft zu jagen. So, meinst du, du hast alles im Kopf?«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 112 von 112
»Drei Jäger versuchen mit dem Quaffel Tore zu erzielen; der Hüter bewacht die
Torpfosten; die Treiber halten die Klatscher von ihrem Team fern«, spulte Harry
herunter.
»Sehr gut«, sagte Wood.
»Ähm – haben die Klatscher schon mal jemanden umgebracht?«, fragte Harry,
wobei er möglichst lässig klingen wollte.
»In Hogwarts noch nie. Wir hatten ein paar gebrochene Kiefer, doch ansonsten
nichts Ernstes. Wir haben noch einen in der Mannschaft, nämlich den Sucher. Das
bist du. Und du brauchst dich um den Quaffel und die Klatscher nicht zu kümmern
–«
»Außer sie spalten mir den Schädel.«
»Mach dir keine Sorgen, die Weasleys sind den Klatschern weit überlegen – ich
will sagen, sie sind wie ein Paar menschlicher Klatscher.«
Wood griff in seine Kiste und nahm den vierten und letzten Ball heraus. Er war
kleiner als der Quaffel und die Klatscher, so klein etwa wie eine große Walnuss. Er
war hellgolden und hatte kleine, flatternde Silberflügel.
»Das hier«, sagte Wood, »ist der Goldene Schnatz, und der ist der wichtigste Ball
von allen. Er ist sehr schwer zu fangen, weil er sehr schnell und kaum zu sehen ist.
Der Sucher muss ihn fangen. Du musst dich durch die Jäger, Treiber, Klatscher und
den Quaffel hindurchschlängeln, um ihn vor dem Sucher der anderen Mannschaft zu
fangen, denn der Sucher, der ihn fängt, holt seiner Mannschaft zusätzlich
hundertfünfzig Punkte, und das heißt fast immer, dass sie gewinnt. Deshalb werden
Sucher so oft gefoult. Ein Quidditch-Spiel endet erst, wenn der Schnatz gefangen ist,
also kann es ewig lange dauern. Ich glaube, der Rekord liegt bei drei Monaten, sie
mussten damals ständig Ersatzleute ranschaffen, damit die Spieler ein wenig
schlafen konnten.
Nun, das war’s. Noch Fragen?«
Harry schüttelte den Kopf. Er hatte begriffen, wie das Spiel ging, nun war das
Problem, das alles in die Tat umzusetzen.
»Wir üben heute noch nicht mit dem Schnatz«, sagte Wood und verstaute ihn
sorgfältig wieder in der Kiste. »Es ist zu dunkel, er könnte verloren gehen. Am
besten fängst du mit ein paar von denen an.«
Er zog einen Beutel mit gewöhnlichen Golfbällen aus der Tasche und ein paar
Minuten später waren die beiden oben in den Lüften. Wood warf die Golfbälle, so
weit er konnte, in alle Himmelsrichtungen und Harry musste sie auffangen.
Harry fing jeden Ball, bevor er den Boden berührte, was Wood ungemein freute.
Nach einer halben Stunde war die Nacht hereingebrochen und sie mussten
aufhören.
»Der Quidditch-Pokal wird dieses Jahr unseren Namen tragen«, sagte Wood
glücklich, als sie zum Schloss zurückschlenderten. »Würde mich nicht wundern,
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 113 von 113
wenn du besser bist als Charlie Weasley, und der hätte für England spielen können,
wenn er nicht Drachen jagen gegangen wäre.«
Vielleicht war Harry so beschäftigt mit dem Quidditch-Training drei Abende die
Woche und dazu noch mit all den Hausaufgaben, jedenfalls konnte er es kaum
fassen, als ihm klar wurde, dass er schon seit zwei Monaten in Hogwarts war. Im
Schloss fühlte er sich mehr zu Hause als jemals im Ligusterweg. Auch der
Unterricht wurde nun, da sie die Grundlagen beherrschten, immer interessanter.
Als sie am Morgen von Halloween aufwachten, wehte der köstliche Geruch
gebackener Kürbisse durch die Gänge. Und es kam noch besser: Professor Flitwick
verkündete im Zauberunterricht, sie seien nun so weit, Gegenstände fliegen zu
lassen, und danach hatten sie sich alle gesehnt, seit sie erlebt hatten, wie er Nevilles
Kröte im Klassenzimmer umherschwirren ließ. Für die Übungen stellte Professor
Flitwick die Schüler paarweise zusammen. Harrys Partner war Seamus Finnigan
(worüber er froh war, denn Neville hatte schon zu ihm herübergespäht). Ron sollte
jedoch mit Hermine Granger arbeiten. Es war schwer zu sagen, wer von den beiden
deshalb missmutiger war. Seit Harrys Besen gekommen war, hatte sie nicht mehr
mit ihnen gesprochen.
»Also, vergesst nicht diese flinke Bewegung mit dem Handgelenk, die wir geübt
haben!«, quiekte Professor Flitwick, wie üblich auf seinem Stapel Bücher stehend.
»Wutschen und schnipsen, denkt daran, wutschen und schnipsen. Und die
Zauberworte richtig herzusagen ist auch sehr wichtig – denkt immer an Zauberer
Baruffio, der ›r‹ statt ›w‹ gesagt hat und plötzlich auf dem Boden lag – mit einem
Büffel auf der Brust.«
Es war sehr schwierig. Harry und Seamus wutschten und schnipsten, doch die
Feder, die sie himmelwärts schicken sollten, blieb einfach auf dem Tisch liegen.
Seamus wurde so ungeduldig, dass er sie mit seinem Zauberstab anstachelte, worauf
sie anfing zu brennen – Harry musste das Feuer mit seinem Hut ersticken.
Ron, am Tisch nebenan, erging es auch nicht viel besser.
»Wingardium Leviosa!«, rief er und ließ seine langen Arme wie Windmühlenflügel
kreisen.
»Du sagst es falsch«, hörte Harry Hermine meckern. »Es heißt Wing-gar-dium
Levi-o-sa, mach das ›gar‹ schön und lang.«
»Dann mach’s doch selber, wenn du alles besser weißt«, knurrte Ron.
Hermine rollte die Ärmel ihres Kleids hoch, knallte kurz mit dem Zauberstab auf
den Tisch und sagte»Wingardium Leviosa!«.
Die Feder erhob sich vom Tisch und blieb gut einen Meter über ihren Köpfen in
der Luft schweben.
»Oh, gut gemacht!«, rief Professor Flitwick und klatschte in die Hände. »Alle mal
hersehen, Miss Granger hat es geschafft!«
Am Ende der Stunde hatte Ron eine hundsmiserable Laune.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 114 von 114
»Kein Wunder, dass niemand sie ausstehen kann«, sagte er zu Harry, als sie
hinaus in den belebten Korridor drängten, »ehrlich gesagt ist sie ein Alptraum.«
Jemand stieß im Vorbeigehen Harry an. Es war Hermine. Für einen Augenblick
sah er ihr Gesicht – und war überrascht, dass sie weinte.
»Ich glaube, sie hat dich gehört.«
»So?«, sagte Ron und schaute allerdings etwas unbehaglich drein. »Ihr muss selbst
schon aufgefallen sein, dass sie keine Freunde hat.«
Hermine erschien nicht zur nächsten Stunde und blieb den ganzen Nachmittag
lang verschwunden. Auf ihrem Weg hinunter in die Große Halle zum Halloween-
Festessen hörten Harry und Ron, wie Parvati Patil ihrer Freundin Lavender sagte,
Hermine sitze heulend im Mädchenklo und wolle allein gelassen werden. Daraufhin
machte Ron einen noch verlegeneren Eindruck, doch nun betraten sie die Große
Halle, die für Halloween ausgeschmückt war, und vergaßen Hermine.
Tausend echte Fledermäuse flatterten an den Wänden und an der Decke, und
noch einmal tausend fegten in langen schwarzen Wolken über die Tische und ließen
die Kerzen in den Kürbissen flackern. Auf einen Schlag, genau wie beim Bankett
zum Schuljahresbeginn, waren die goldenen Platten mit dem Festessen gefüllt.
Harry nahm sich gerade eine Pellkartoffel, als Professor Quirrell mit
verrutschtem Turban und angstverzerrtem Gesicht in die Halle gerannt kam. Aller
Blicke richteten sich auf ihn, als er Professor Dumbledores Platz erreichte, gegen
den Tisch rempelte und nach Luft schnappend hervorstieß: »Troll – im Kerker –
dachte, Sie sollten es wissen.«
Dann sank er ohnmächtig auf den Boden.
Mit einem Mal herrschte heilloser Aufruhr. Etliche purpurrote Knallfrösche aus
Professor Dumbledores Zauberstab waren nötig, um den Saal zur Ruhe zu bringen.
»Vertrauensschüler«, polterte er, »führt eure Häuser sofort zurück in die
Schlafsäle!«
Percy war in seinem Element.
»Folgt mir! Bleibt zusammen, Erstklässler! Kein Grund zur Angst vor dem Troll,
wenn ihr meinen Anweisungen folgt! Bleibt jetzt dicht hinter mir. Platz machen
bitte für die Erstklässler. Pardon, ich bin Vertrauensschüler!«
»Wie konnte ein Troll reinkommen?«, fragte Harry, während sie die Treppen
hochstiegen.
»Frag mich nicht, angeblich sollen sie ziemlich dumm sein«, sagte Ron.
»Vielleicht hat ihn Peeves hereingelassen, als Streich zu Halloween.«
Unterwegs trafen sie immer wieder auf andere Häufchen von Schülern, die in
verschiedene Richtungen eilten. Als sie sich ihren Weg durch eine Gruppe
verwirrter Hufflepuffs bahnten, packte Harry Ron plötzlich am Arm.
»Da fällt mir ein – Hermine.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 115 von 115
»Was ist mit ihr?«
»Sie weiß nichts von dem Troll.«
Ron biss sich auf die Lippe.
»Von mir aus«, knurrte er. »Aber Percy sollte uns lieber nicht sehen.«
Sie duckten ihre Köpfe in der Menge und folgten den Hufflepuffs, die in die andere
Richtung unterwegs waren, huschten dann einen verlassenen Korridor entlang und
rannten weiter in Richtung der Mädchenklos. Gerade waren sie um die Ecke
gebogen, als sie hinter sich schnelle Schritte hörten.
»Percy!«, zischte Ron und zog Harry hinter einen großen steinernen Greifen.
Als sie um die Ecke spähten, sahen sie nicht Percy, sondern Snape. Er ging den
Korridor entlang und entschwand ihren Blicken.
»Was macht der hier?«, flüsterte Harry. »Warum ist er nicht unten in den Kerkern
mit den anderen Lehrern?«
»Keine Ahnung.«
So vorsichtig wie möglich schlichen sie den nächsten Gang entlang, Snapes leiser
werdenden Schritten nach.
»Er ist auf dem Weg in den dritten Stock«, sagte Harry, doch Ron hielt die Hand
hoch.
»Riechst du was?«
Harry schnüffelte, und ein übler Gestank drang ihm in die Nase, eine Mischung
aus getragenen Socken und der Sorte öffentlicher Toiletten, die niemand je zu
putzen scheint.
Und dann hörten sie es – ein leises Grunzen und das Schleifen gigantischer Füße.
Ron deutete nach links – vom Ende eines Ganges her bewegte sich etwas Riesiges
auf sie zu. Sie drängten sich in die Dunkelheit der Schatten und sahen, wie das
Etwas in einem Fleck Mondlicht Gestalt annahm.
Es war ein fürchterlicher Anblick. Über drei Meter hoch, die Haut ein fahles,
granitenes Grau, der große, plumpe Körper wie ein Findling, auf den man einen
kleinen, kokosnussartigen Glatzkopf gesetzt hatte. Das Wesen hatte kurze Beine,
dick wie Baumstämme, mit flachen, verhornten Füßen. Der Gestank, den es
ausströmte, verschlug einem den Atem. Es hielt eine riesige hölzerne Keule in der
Hand, die, wegen seiner langen Arme, auf dem Boden entlangschleifte.
Der Troll machte an einer Tür Halt, öffnete sie einen Spaltbreit und linste hinein.
Er wackelte mit den langen Ohren, fasste dann in seinem kleinen Hirn einen
Entschluss und schlurfte gemächlich in den Raum hinein.
»Der Schlüssel steckt«, flüsterte Harry. »Wir könnten ihn einschließen.«
»Gute Idee«, sagte Ron nervös.
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Sie schlichen die Wand entlang zu der offenen Tür, mit trockenen Mündern,
betend, dass der Troll nicht gleich wieder herauskam. Harry machte einen großen
Satz und schaffte es, die Klinke zu packen, die Tür zuzuschlagen und sie
abzuschließen.
»Ja!«
Mit Siegesröte auf den Gesichtern rannten sie los, den Gang zurück, doch als sie
die Ecke erreichten, hörten sie etwas, das ihre Herzen stillstehen ließ – einen
schrillen, panischen Entsetzensschrei –, und er kam aus dem Raum, den sie gerade
abgeschlossen hatten.
»O nein«, sagte Ron, blass wie der Blutige Baron.
»Es ist das Mädchenklo!«, keuchte Harry.
»Hermine!«, japsten sie einstimmig.
Es war das Letzte, was sie tun wollten, doch hatten sie eine Wahl? Sie machten
auf dem Absatz kehrt, rannten zurück zur Tür, drehten, zitternd vor Panik, den
Schlüssel herum – Harry stieß die Tür auf und sie stürzten hinein.
Hermine Granger stand mit zitternden Knien an die Wand gedrückt da und sah
aus, als ob sie gleich in Ohnmacht fallen würde. Der Troll schlug die Waschbecken
von den Wänden und kam langsam auf sie zu.
»Wir müssen ihn ablenken!«, sagte Harry verzweifelt zu Ron, griff nach einem auf
dem Boden liegenden Wasserhahn und warf ihn mit aller Kraft gegen die Wand.
Der Troll hielt knapp einen Meter vor Hermine inne. Schwerfällig drehte er sich
um und blinzelte dumpf, um zu sehen, was diesen Lärm gemacht hatte. Die bösen
kleinen Augen erblickten Harry. Er zögerte kurz und ging dann, die Keule
emporhebend, auf Harry los.
»He, du, Erbsenhirn!«, schrie Ron von der anderen Seite des Raums und warf ein
Metallrohr nach ihm. Der Troll schien nicht einmal Notiz davon zu nehmen, dass
das Rohr seine Schulter traf, doch er hörte den Schrei, hielt erneut inne und wandte
seine hässliche Schnauze nun Ron zu, was Harry die Zeit gab, um ihn
herumzurennen.
»Schnell, lauf, lauf!«, rief Harry Hermine zu und versuchte sie zur Tür zu zerren,
doch sie konnte sich nicht bewegen. Immer noch stand sie flach gegen die Wand
gedrückt, mit vor Entsetzen weit offenem Mund.
Die Schreie und deren Echo schienen den Troll zur Raserei zu bringen. Mit einem
dumpfen Röhren ging er auf Ron los, der ihm am nächsten stand und keinen Ausweg
hatte.
Harry tat nun etwas, das sehr mutig und sehr dumm zugleich war: Mit einem
mächtigen Satz sprang er auf den Rücken des Trolls und klammerte die Arme um
seinen Hals. Der Troll spürte zwar nicht, dass Harry auf seinem Rücken hing, doch
selbst ein Troll bemerkt, wenn man ihm ein langes Stück Holz in die Nase steckt,
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 117 von 117
und Harry hatte seinen Zauberstab noch in der Hand gehabt, als er sprang – der
war ohne weiteres in eines der Nasenlöcher des Trolls hineingeflutscht.
Der Troll heulte vor Schmerz, zuckte und schlug mit der Keule wild um sich, und
Harry, in Todesgefahr, klammerte sich noch immer auf seinem Rücken fest; gleich
würde der Troll ihn herunterreißen oder ihm einen schrecklichen Schlag mit der
Keule versetzen.
Hermine war vor Angst zu Boden gesunken. Jetzt zog Ron seinen eigenen
Zauberstab hervor – er wusste zwar nicht, was er tat, doch er hörte, wie er den
ersten Zauberspruch rief, der ihm in den Sinn kam:»Wingardium Leviosa!«
Die Keule flog plötzlich aus der Hand des Trolls, stieg hoch, hoch in die Luft,
drehte sich langsam um – und krachte mit einem scheußlichen Splittern auf den
Kopf ihres Besitzers. Der Troll wankte kurz im Kreis und fiel dann flach auf die
Schnauze, mit einem dumpfen Schlag, der den ganzen Raum erschütterte.
Harry zitterte und rang nach Atem. Ron stand immer noch mit erhobenem
Zauberstab da und starrte auf das, was er angestellt hatte.
Hermine machte als Erste den Mund auf.
»Ist er – tot?«
»Glaub ich nicht«, sagte Harry. »Ich denke, er ist k. o.«
Er bückte sich und zog den Zauberstab aus der Nase des Trolls. Er war beschmiert
mit etwas, das aussah wie klumpiger grauer Kleber.
»Uäääh, Troll-Popel.«
Er wischte ihn an der Hose des Trolls ab.
Ein plötzliches Türschlagen und laute Schritte ließen die drei aufhorchen. Sie
hatten nicht bemerkt, was für einen Höllenlärm sie veranstaltet hatten, doch
natürlich musste unten jemand das Röhren des Trolls und das Krachen gehört
haben. Einen Augenblick später kam Professor McGonagall hereingestürmt, dicht
gefolgt von Snape, mit Quirrell als Nachhut. Quirrell warf einen Blick auf den Troll,
gab ein schwaches Wimmern von sich, griff sich ans Herz und ließ sich schnell auf
einem der Toilettensitze nieder.
Snape beugte sich über den Troll. Professor McGonagall blickte Ron und Harry
an. Noch nie hatte Harry sie so wütend gesehen. Ihre Lippen waren weiß. Seine
Hoffnungen, fünfzig Punkte für Gryffindor zu gewinnen, schmolzen rasch dahin.
»Was zum Teufel habt ihr euch eigentlich gedacht?«, fragte Professor McGonagall
mit kalter Wut in der Stimme. Harry sah Ron an, der immer noch mit erhobenem
Zauberstab dastand. »Ihr könnt von Glück reden, dass ihr noch am Leben seid.
Warum seid ihr nicht in eurem Schlafsaal?«
Snape versetzte Harry einen raschen, aber durchdringenden Blick. Harry sah zu
Boden. Er wünschte, Ron würde den Zauberstab sinken lassen.
Dann drang eine leise Stimme aus dem Schatten.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 118 von 118
»Bitte, Professor McGonagall, sie haben nach mir gesucht.«
»Miss Granger!«
Hermine schaffte es endlich, auf die Beine zu kommen.
»Ich bin dem Troll nachgelaufen, weil ich – ich dachte, ich könnte allein mit ihm
fertig werden. Sie wissen ja, weil ich alles über Trolle gelesen habe.«
Ron ließ seinen Zauberstab sinken. Hermine Granger erzählte ihrer Lehrerin eine
glatte Lüge?
»Wenn sie mich nicht gefunden hätten, wäre ich jetzt tot. Harry hat ihm seinen
Zauberstab in die Nase gestoßen und Ron hat ihn mit seiner eigenen Keule erledigt.
Sie hatten keine Zeit, jemanden zu holen. Er wollte mich gerade umbringen, als sie
kamen.«
Harry und Ron versuchten auszusehen, als ob ihnen diese Geschichte keineswegs
neu wäre.
»Na, wenn das so ist …«, sagte Professor McGonagall und blickte sie alle drei
streng an. »Miss Granger, Sie dummes Mädchen, wie konnten Sie glauben, es allein
mit einem Bergtroll aufnehmen zu können?«
Hermine ließ den Kopf hängen. Harry war sprachlos. Hermine war die Letzte, die
etwas tun würde, was gegen die Regeln verstieß, und da stellte sie sich hin und
behauptete ebendies, nur um ihm und Ron aus der Patsche zu helfen. Es war, als
würde Snape plötzlich Süßigkeiten verteilen.
»Miss Granger, dafür werden Gryffindor fünf Punkte abgezogen«, sagte Professor
McGonagall. »Ich bin sehr enttäuscht von Ihnen. Wenn Sie nicht verletzt sind, gehen
Sie jetzt besser hinauf in den Gryffindor-Turm. Die Schüler beenden das Festmahl
in ihren Häusern.«
Hermine ging hinaus.
Professor McGonagall wandte sich Ron und Harry zu.
»Nun, ich würde immer noch sagen, dass Sie Glück gehabt haben, aber nicht viele
Erstklässler hätten es mit einem ausgewachsenen Bergtroll aufnehmen können. Sie
beide gewinnen je fünf Punkte für Gryffindor. Professor Dumbledore wird davon
unterrichtet werden. Sie können gehen.«
Sie gingen rasch hinaus und sprachen kein Wort, bis sie zwei Stockwerke weiter
oben waren. Sie waren, abgesehen von allem andern, heilfroh, den Gestank des
Trolls los zu sein.
»Wir sollten mehr als zehn Punkte bekommen«, brummte Ron.
»Fünf, meinst du, wenn du die von Hermine abziehst.«
»Gut von ihr, uns zu helfen«, gab Ron zu. »Immerhin haben wir sie wirklich
gerettet.«
»Sie hätte es vielleicht nicht nötig gehabt, wenn wir das Ding nicht mit ihr
eingeschlossen hätten«, erinnerte ihn Harry.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 119 von 119
Sie hatten das Bildnis der fetten Dame erreicht.
»Schweineschnauze«, sagten sie und traten ein.
Im Gemeinschaftsraum war es voll und laut. Alle waren dabei, das Essen zu
verspeisen, das ihnen hochgebracht worden war. Hermine allerdings stand allein
neben der Tür und wartete auf sie. Es gab eine sehr peinliche Pause. Dann, ohne
dass sie sich anschauten, sagten sie alle »Danke« und sausten los, um sich Teller zu
holen.
Doch von diesem Augenblick an war Hermine Granger ihre Freundin. Es gibt
Dinge, die man nicht gemeinsam erleben kann, ohne dass man Freundschaft
schließt, und einen fast vier Meter großen Bergtroll zu erlegen gehört gewiss dazu.
Quidditch
Anfang November wurde es sehr kalt. Die Berge im Umkreis der Schule wurden
eisgrau und der See kalt wie Stahl. Allmorgendlich war der Boden mit Reif bedeckt.
Von den oberen Fenstern aus konnten sie Hagrid sehen, wie er, warm angezogen mit
einem langen Mantel aus Maulwurffell, Handschuhen aus Hasenfell und gewaltigen
Biberpelzstiefeln, die Besen auf dem Quidditch-Feld entfrostete.
Die Quidditch-Saison hatte begonnen. Am Samstag, nach wochenlangem Training,
würde Harry seine erste Partie spielen: Gryffindor gegen Slytherin. Wenn die
Gryffindors gewinnen sollten, dann würden sie den zweiten Tabellenplatz in der
Hausmeisterschaft erobern.
Bislang hatte kaum jemand Harry spielen sehen, denn Wood hatte beschlossen,
die Geheimwaffe müsse – nun ja – geheim gehalten werden. Doch auf irgendeinem
Wege war durchgesickert, dass Harry den Sucher spielte, und Harry wusste nicht,
was schlimmer war – die Leute, die ihm sagten, er würde ein glänzender Spieler
sein, oder die Leute, die ankündigten, sie würden mit einer Matratze auf dem
Spielfeld herumlaufen.
Harry hatte wirklich Glück, dass er inzwischen Hermine zur Freundin hatte. Bei
all den von Wood immer in letzter Minute angesetzten Trainingsstunden hätte er
ohne sie nicht gewusst, wie er seine ganzen Hausaufgaben schaffen sollte. Hermine
hatte ihm auch Quidditch im Wandel der Zeiten ausgeliehen, ein Buch, in dem es
interessante Dinge zu lesen gab.
Harry erfuhr, dass es siebenhundert Möglichkeiten gab, ein Quidditch-Foul zu
begehen, und dass sie alle bei einem Weltmeisterschaftsspiel von 1473
vorgekommen waren; dass Sucher meist die kleinsten und schnellsten Spieler waren
und dass sie sich offenbar immer die schwersten Verletzungen zuzogen; dass die
Spieler zwar selten einmal starben, es jedoch vorgekommen war, dass Schiedsrichter
einfach verschwanden und dann Monate später in der Wüste Sahara wieder
auftauchten.
Seit Hermine von Harry und Ron vor dem Bergtroll gerettet worden war, sah sie
die Regeln nicht mehr so eng und war überhaupt viel netter zu ihnen. Am Tag vor
Harrys erstem Quidditch-Spiel standen die drei in einer Pause draußen im eiskalten
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 120 von 120
Hof. Hermine hatte für sie ein hellblaues Feuer heraufbeschworen, das man in
einem Marmeladeglas mit sich herumtragen konnte. Sie standen gerade mit dem
Rücken zum Feuer und wärmten sich, als Snape über den Hof kam. Harry fiel gleich
auf, dass Snape hinkte. Die drei rückten näher aneinander, um das Feuer vor ihm
zu verbergen, denn gewiss war es nicht erlaubt. Unglücklicherweise musste Snape
ihre schuldbewussten Gesichter bemerkt haben, denn er hinkte zu ihnen herüber.
Das Feuer hatte er nicht gesehen, doch er schien ohnehin nach einem Grund zu
suchen, um ihnen eine Lektion zu erteilen.
»Was hast du da in der Hand, Potter?«
Es war Quidditch im Wandel der Zeiten. Harry zeigte es ihm.
»Bücher aus der Bibliothek dürfen nicht nach draußen genommen werden«, sagte
Snape. »Gib es mir. Fünf Punkte Abzug für Gryffindor.«
»Diese Regel hat er gerade erfunden«, zischte Harry wütend, als Snape fortgehinkt
war. »Was ist eigentlich mit seinem Bein?«
»Weiß nicht, aber hoffentlich tut’s richtig weh«, sagte Ron verbittert.
An diesem Abend war es im Aufenthaltsraum der Gryffindors sehr laut. Harry, Ron
und Hermine saßen zusammen am Fenster. Hermine las sich Harrys und Rons
Hausaufgaben für Zauberkunst durch. Abschreiben durften sie bei ihr nie (»Wie
wollt ihr dann je was lernen?«), doch wenn sie sie baten, ihre Hefte durchzulesen,
bekamen sie auch so die richtigen Antworten.
Harry war nervös. Er wollte Quidditch im Wandel der Zeiten zurückhaben, um
sich vom morgigen Spiel abzulenken. Und warum sollte er vor Snape Angst haben?
Er stand auf und sagte, er werde Snape fragen, ob er es zurückhaben könne.
»Der gibt es dir nie im Leben«, sagten Ron und Hermine wie aus einem Munde,
doch Harry hatte das Gefühl, Snape würde nicht nein sagen, wenn noch andere
Lehrer zuhörten.
Er ging hinunter zum Lehrerzimmer und klopfte. Keine Antwort. Er klopfte noch
einmal. Wieder nichts.
Vielleicht hatte Snape das Buch dort dringelassen? Einen Versuch war es wert. Er
drückte die Tür einen Spaltbreit auf und spähte hinein – und es bot sich ihm ein
furchtbares Schauspiel.
Snape und Filch waren im Zimmer, allein. Snape hatte den Umhang über ein Knie
hochgezogen. Sein Bein war zerfleischt und blutig. Filch reichte Snape Binden.
»Verdammtes Biest«, sagte Snape. »Wie soll man eigentlich auf alle drei Köpfe
gleichzeitig achten?«
Harry versuchte die Tür leise zu schließen, doch –
»POTTER!«
Snape ließ sofort den Umhang los, um sein Bein zu verdecken. Sein Gesicht war
wutverzerrt. Harry schluckte.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 121 von 121
»Ich wollte nur fragen, ob ich mein Buch zurückhaben kann.«
»RAUS HIER! RAUS!«
Harry machte sich davon, bevor Snape Gryffindor noch mehr Punkte abziehen
konnte. Er rannte die Treppen hoch zu den andern.
»Hast du es?«, fragte Ron, als Harry hereinkam. »Was ist los?«
Leise flüsternd berichtete Harry, was er gesehen hatte.
»Wisst ihr, was das heißt?«, schloss er außer Atem, »er hat an Halloween versucht,
an diesem dreiköpfigen Hund vorbeizukommen! Er war auf dem Weg dorthin, als
wir ihn gesehen haben – was auch immer der Hund bewacht, Snape will es haben!
Und ich wette meinen Besen, dass er den Troll hereingelassen hat, um die andern
abzulenken!«
Hermine sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
»Nein, das würde er nicht tun«, sagte sie. »Ich weiß, er ist nicht besonders nett,
aber er würde nichts zu stehlen versuchen, was Dumbledore sicher aufbewahrt.«
»Ehrlich gesagt, Hermine, du glaubst, alle Lehrer seien so etwas wie Heilige«, fuhr
Ron sie an. »Ich finde, Harry hat Recht. Snape trau ich alles zu. Aber hinter was ist
er her? Was bewacht der Hund?«
Als Harry zu Bett ging, surrte ihm noch immer diese Frage durch den Kopf.
Neville schnarchte laut, doch Harry konnte ohnehin nicht schlafen. Er versuchte die
Gedanken daran zu vertreiben – er brauchte Schlaf. Er musste schlafen, denn in ein
paar Stunden hatte er sein erstes Quidditch-Spiel – doch den Ausdruck auf Snapes
Gesicht, nachdem Harry sein Bein gesehen hatte, konnte er einfach nicht vergessen.
Strahlend hell und kalt zog der Morgen herauf. Die Große Halle war erfüllt mit dem
köstlichen Geruch von Bratwürsten und dem fröhlichen Geschnatter all derer, die
sich auf ein gutes Quidditch-Spiel freuten.
»Du musst etwas frühstücken.«
»Ich will nichts.«
»Nur ein wenig Toast«, redete ihm Hermine zu.
»Ich hab keinen Hunger.«
Harry fühlte sich elend. In einer Stunde würde er das Spielfeld betreten.
»Harry, du brauchst Kraft«, sagte Seamus Finnigan. »Im Quidditch versucht man
immer, den Sucher der anderen Mannschaft auszulaugen.«
»Danke, Seamus«, sagte Harry und sah ihm zu, wie er Ketschup auf seine Würste
schüttete.
Um elf schien die ganze Schule draußen auf den Rängen um das Quidditch-Feld
zu sein. Viele Schüler hatten Ferngläser mitgebracht. Die Sitze mochten zwar hoch
oben angebracht sein, doch manchmal war es trotzdem schwierig zu sehen, was vor
sich ging.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 122 von 122
Ron und Hermine setzten sich in die oberen Ränge zu Neville, Seamus und Dean,
dem unermüdlichen Fußball-Fan. Als Überraschung für Harry hatten sie aus einem
der Leintücher, die Krätze ruiniert hatte, ein großes Spruchband gemacht
und Potter vor – für Gryffindor draufgeschrieben. Dean, der gut malen konnte, hatte
einen großen Gryffindor-Löwen daruntergesetzt. Hermine hatte das Bild dann mit
einem kleinen Zaubertrick in verschiedenen Farben zum Leuchten gebracht.
Unterdessen zogen Harry und die anderen aus der Mannschaft ihre
scharlachroten Quidditch-Umhänge an (Slytherin würde in Grün spielen).
Mit einem Räuspern verschaffte sich Wood Ruhe.
»Okay, Männer«, sagte er.
»Und Frauen«, sagte die Jägerin Angelina Johnson.
»Und Frauen«, stimmte Wood zu. »Das ist es.«
»Das Große«, sagte Fred Weasley.
»Auf das wir alle gewartet haben«, sagte George.
»Wir kennen Olivers Rede auswendig«, erklärte Fred Harry, »wir waren schon
letztes Jahr im Team.«
»Ruhe, ihr beiden«, sagte Wood. »Dies ist die beste Mannschaft von Gryffindor seit
Jahren. Wir gewinnen. Ich weiß es.«
Er sah sie alle durchdringend an, als ob er sagen wollte: »Und wehe, wenn nicht.«
»Gut, es wird Zeit. Viel Glück euch allen.«
Harry folgte Fred und George aus dem Umkleideraum und lief in der Hoffnung,
die Knie würden ihm nicht nachgeben, unter lauten Anfeuerungsrufen hinaus auf
das Spielfeld.
Madam Hooch war die Schiedsrichterin. Sie stand in der Mitte des Feldes, ihren
Besen in der Hand, und wartete auf die beiden Mannschaften.
»Hört zu, ich will ein schönes, faires Spiel sehen, von allen«, sagte sie, als sie sich
um sie versammelt hatten. Harry fiel auf, dass sie dabei vor allem den Kapitän der
Slytherins, Marcus Flint, anschaute, einen Fünftklässler. Harry kam es vor, als ob
Flint ein wenig Trollblut in den Adern hätte. Aus den Augenwinkeln sah er hoch
oben über der Menge das flatternde Transparent, das Potter vor – für
Gryffindorverkündete. Sein Herz machte einen Hüpfer. Er fühlte sich mutiger.
»Besteigt eure Besen, bitte.«
Harry kletterte auf seinen Nimbus Zweitausend.
Madam Hooch hob ihre silberne Pfeife an den Mund und ließ einen gellenden Pfiff
ertönen.
Fünfzehn Besen stiegen in die Lüfte empor, hoch und immer höher. Es konnte
losgehen.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 123 von 123
»Und Angelina Johnson von Gryffindor übernimmt sofort den Quaffel – was für
eine glänzende Jägerin dieses Mädchen ist, und außerdem auffallend hübsch –«
»JORDAN!«
»Verzeihung, Professor.«
Der Freund der Weasley-Zwillinge, Lee Jordan, machte den Stadionsprecher,
unter den strengen Ohren von Professor McGonagall.
»Und sie hat wirklich ein Höllentempo drauf da oben, jetzt ein sauberer Pass zu
Alicia Spinnet, eine gute Entdeckung von Oliver Wood, letztes Jahr noch auf der
Reservebank – wieder zu Johnson und – nein, Slytherin hat jetzt den Quaffel, ihr
Kapitän Marcus Flint holt sich ihn und haut damit ab – Flint fliegt dort oben rum
wie ein Adler – gleich macht er ein To… – nein, eine glänzende Parade von
Gryffindor-Torwart Wood stoppt ihn, und jetzt wieder die Gryffindors in
Quaffelbesitz – das ist die Jägerin Katie Bell von Gryffindor dort oben, elegant ist
sie unter Flint hindurchgetaucht und schnell jagt sie über das Feld und – AU – das
muss wehgetan haben, ein Klatscher trifft sie im Nacken – der Quaffel jetzt wieder
bei den Slytherins – das ist Adrian Pucey, der in Richtung Tore losfegt, doch ein
zweiter Klatscher hält ihn auf – geschickt von Fred oder George Weasley, ich kann
die beiden einfach nicht auseinanderhalten – gutes Spiel vom Treiber der
Gryffindors jedenfalls, und Johnson wieder in Quaffelbesitz, hat jetzt freie Bahn,
und weg ist sie – sie fliegt ja buchstäblich – weicht einem schnellen Klatscher aus –
da sind schon die Tore – ja, mach ihn rein, Angelina – Torhüter Bletchley taucht ab,
verfehlt den Quaffel – und TOR FÜR GRYFFINDOR!«
Jubelrufe für Gryffindor füllten die kalte Luft, von den Slytherins kam Heulen
und Stöhnen.
»Bewegt euch da oben, rückt ein Stück weiter.«
»Hagrid!«
Ron und Hermine drängten sich eng aneinander, um für Hagrid Platz zu machen.
»Hab von meiner Hütte aus zugeschaut«, sagte Hagrid und tätschelte ein großes
Fernglas, das um seinen Hals hing. »Aber es ist einfach was anderes, dabei zu sein.
Noch kein Zeichen vom Schnatz, oder?«
»Null«, sagte Ron. »Harry hat noch nicht viel zu tun.«
»Hat sich aber auf der sicheren Seite gehalten bisher, das ist schon mal was«,
sagte Hagrid, setzte das Fernglas an die Augen und spähte himmelwärts auf den
Fleck, der Harry war.
Hoch über ihnen glitt Harry über das Spiel hinweg und hielt Ausschau nach
einem Anzeichen vom Schnatz. Das hatten er und Wood miteinander abgesprochen.
»Halt dich raus, bis du den Schnatz sichtest«, hatte Wood gesagt. »Besser, wenn
du nicht angegriffen wirst, bevor es sein muss.«
Nach Angelinas Tor hatte Harry ein paar Loopings hingelegt, um seiner Freude
Luft zu machen. Nun war er wieder damit beschäftigt, nach dem Schnatz Ausschau
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 124 von 124
zu halten. Einmal hatte er etwas Goldenes aufblitzen sehen, doch es war nur ein
Lichtreflex von der Armbanduhr eines Weasley, und wenn ein Klatscher sich
entschied, einer Kanonenkugel gleich auf ihn zuzujagen, wich ihm Harry aus und
Fred Weasley kam hinter ihm hergefegt.
»Alles in Ordnung bei dir?«, konnte er noch rufen, bevor er den Klatscher wütend
in Richtung Marcus Flint schlug.
»Slytherin im Quaffelbesitz«, sagte Lee Jordan. »Jäger Pucey duckt sich vor zwei
Klatschern, zwei Weasleys und Jäger Bell und rast auf die – Moment mal – war das
der Schnatz?«
Ein Gemurmel ging durch die Menge, als Adrian Pucey den Quaffel fallen ließ,
weil er es nicht lassen konnte, sich umzudrehen und dem goldenen Etwas
nachzuschauen, das an seinem linken Ohr vorbeigezischt war.
Harry sah es. Mit plötzlicher Begeisterung stürzte er sich hinab, dem goldenen
Schweif hinterher. Der Sucher der Slytherins, Terence Higgs, hatte ihn ebenfalls
gesehen. Kopf an Kopf rasten sie hinter dem Schnatz her – alle Jäger schienen
vergessen zu haben, was sie zu tun hatten, und hingen mitten in der Luft herum,
um ihnen zuzusehen.
Harry war schneller als Higgs – er konnte den kleinen Ball sehen, der
flügelflatternd vor ihm herjagte – Harry legte noch einmal etwas zu –
WUMM! Von den Gryffindors unten auf den Rängen kam lautes Zorngeschrei –
Marcus Flint hatte Harry absichtlich geblockt, Harrys Besen trudelte jetzt durch die
Luft und Harry selbst klammerte sich in Todesgefahr an ihn.
»Foul!«, schrien die Gryffindors.
Die wutentbrannte Madam Hooch knöpfte sich Flint vor und gab den Gryffindors
einen Freiwurf. Doch in all der Aufregung war der Goldene Schnatz natürlich
wieder verschwunden.
Unten auf den Rängen schrie Dean Thomas: »Schick ihn vom Platz, Schiri! Rote
Karte!«
»Das ist nicht Fußball, Dean«, erinnerte ihn Ron. »Du kannst im Quidditch keinen
vom Platz stellen – und was ist eigentlich eine rote Karte?«
Doch Hagrid war auf Deans Seite.
»Sie sollten die Regeln ändern, wegen Flint wäre Harry ja fast runtergefallen.«
Lee Jordan fiel es schwer, nicht Partei zu ergreifen.
»So – nach diesem offenen und widerwärtigen Betrug –«
»Jordan!«, knurrte Professor McGonagall.
»Ich meine, nach diesem offenen und empörenden Foul –«
»Jordan, ich warne Sie –«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 125 von 125
»Schon gut, schon gut. Flint bringt den Sucher der Gryffindors fast um, das
könnte natürlich jedem passieren, da bin ich mir sicher, also ein Freiwurf für
Gryffindor, Spinnet übernimmt ihn, und sie macht ihn rein, keine Frage, und das
Spiel geht weiter, Gryffindor immer noch im Quaffelbesitz.«
Es geschah, als Harry erneut einem Klatscher auswich, der gefährlich nahe an
seinem Kopf vorbeischlingerte. Sein Besen tat plötzlich einen fürchterlichen Ruck.
Den Bruchteil einer Sekunde lang glaubte er hinunterzustürzen. Er umklammerte
den Besen fest mit beiden Händen und Knien. Ein solches Gefühl hatte er noch nie
gehabt.
Es passierte wieder. Als ob der Besen versuchte ihn abzuschütteln. Doch ein
Nimbus Zweitausend beschloss nicht plötzlich, seinen Reiter abzuschütteln. Harry
versuchte sich zu den Toren der Gryffindors umzuwenden; halb dachte er daran,
Wood um eine Spielpause zu bitten – und nun war ihm klar, dass der Besen ihm
überhaupt nicht mehr gehorchte. Er konnte ihn nicht wenden. Er konnte ihn
überhaupt nicht mehr steuern. Im Zickzack fegte er durch die Luft und machte in
kurzen Abständen wütende Schlenker, die ihn fast herunterrissen.
Lee kommentierte immer noch das Spiel.
»Slytherin im Ballbesitz – Flint mit dem Quaffel – vorbei an Spinnet – vorbei an
Bell – der Klatscher trifft ihn hart im Gesicht, hat ihm hoffentlich die Nase
gebrochen – nur ’n Scherz, Professor – Tor für Slytherin – o nein …«
Die Slytherins jubelten. Keiner schien bemerkt zu haben, dass Harrys Besen sich
merkwürdig benahm. Er trug ihn langsam höher, ruckend und zuckend, fort vom
Spiel.
»Weiß nicht, was Harry da eigentlich treibt«, murmelte Hagrid. Er sah gebannt
durch sein Fernglas. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würd ich sagen, er hat seinen
Besen nicht mehr im Griff … aber das kann nicht sein …«
Auf einmal deuteten überall auf den Rängen Menschen auf Harry. Sein Besen
rollte sich nun im Kreis, unablässig, und Harry konnte sich nur noch mit letzter
Kraft halten. Dann stöhnte die Menge auf. Harrys Besen hatte einen gewaltigen
Ruck gemacht und Harry hatte den Halt verloren. Er hing jetzt in der Luft, mit
einer Hand am Besenstiel.
»Hat er irgendwas abgekriegt, als Flint ihn geblockt hat?«, flüsterte Seamus.
»Kann nicht sein«, meinte Hagrid mit zitternder Stimme. »Nichts kann einen
Besen durch’nanderbringen außer machtvolle schwarze Magie – kein Kind könnt so
was mit ’nem Nimbus Zweitausend anstellen.«
Bei diesen Worten griff sich Hermine Hagrids Fernglas, doch anstatt zu Harry
hinaufzusehen, ließ sie den Blick hastig über die Menge schweifen.
»Was machst du da?«, stöhnte Ron graugesichtig.
»Ich wusste es«, keuchte Hermine, »Snape – sieh mal.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 126 von 126
Ron hob das Fernglas an die Augen. Snape stand in der Mitte der Ränge
gegenüber. Seine Augen waren fest auf Harry gerichtet und er murmelte unablässig
vor sich hin.
»Da ist was faul – er verhext den Besen«, sagte Hermine.
»Was sollen wir machen?«
»Überlass ihn mir.«
Bevor Ron noch ein Wort sagen konnte, war Hermine verschwunden. Ron richtete
das Fernglas wieder auf Harry. Dessen Besen ruckte nun so heftig, dass er sich
kaum noch daran festklammern konnte. Sämtliche Zuschauer waren aufgestanden
und sahen entsetzt zu, wie die Weasleys hochflogen und versuchten, ihn auf einen
ihrer Besen zu ziehen, doch es nützte nichts: Jedes Mal, wenn sie ihm nahe kamen,
stieg der Besen sofort noch höher. Sie ließen sich ein wenig sinken und zogen
unterhalb von Harry Kreise, offenbar in der Hoffnung, ihn auffangen zu können,
falls er herunterfiel. Marcus Flint packte den Quaffel und schoss fünf Tore, ohne
dass jemand Notiz davon nahm.
»Los, Hermine, mach schon«, murmelte Ron verzweifelt.
Hermine hatte sich zu der Tribüne durchgekämpft, auf der Snape stand, und raste
nun die Sitzreihe entlang auf ihn zu; sie hielt nicht einmal an, um sich zu
entschuldigen, als sie Professor Quirrell kopfüber in die Reihe davor stieß. Als sie
Snape erreicht hatte, zog sie ihren Zauberstab hervor, kauerte sich auf den Boden
und flüsterte ein paar wohl gewählte Worte. Aus ihrem Zauberstab züngelten
hellblaue Flämmchen zum Saum von Snapes Umhang empor.
Snape brauchte vielleicht eine halbe Minute, um zu bemerken, dass er brannte.
Ein plötzliches Aufheulen sagte ihr, dass sie es geschafft hatte. Sie sog das Feuer
von ihm ab in ein kleines Glasgefäß, das sie in der Tasche hatte, und stolperte dann
durch die Reihe zurück – Snape erfuhr nie, was geschehen war.
Doch es war gelungen. Hoch oben in den Lüften konnte Harry plötzlich wieder auf
seinen Besen klettern.
»Neville, du kannst wieder hinsehen!«, rief Ron. Neville hatte die letzten fünf
Minuten in Hagrids Jacke geschluchzt.
Harry raste gerade bodenwärts, als die Menge ihn plötzlich die Hand vor den
Mund schlagen sah, als ob ihm schlecht wäre – auf allen vieren knallte er auf das
Spielfeld – hustete – und etwas Goldenes fiel ihm in die Hand.
»Ich hab den Schnatz!«, rief er, mit den Armen rudernd, und das Spiel endete in
heilloser Verwirrung.
»Er hat ihn nicht gefangen, er hat ihn fast verschluckt«, brüllte Flint zwanzig
Minuten später immer noch, doch es half nichts mehr – Harry hatte keine Regel
gebrochen und der glückselige Lee Jordan rief immer noch das Ergebnis aus –
Gryffindor hatte mit hundertsiebzig zu sechzig Punkten gewonnen. Davon hörte
Harry freilich nichts mehr. Hinten am Wald, in der Hütte, braute Hagrid ihm und
Ron und Hermine einen kräftigen Tee.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 127 von 127
»Es war Snape«, erklärte Ron, »Hermine und ich haben ihn gesehen. Er hat leise
vor sich hin gemurmelt und deinen Besen mit Flüchen belegt, er hat nicht ein
einziges Mal die Augen von dir abgewandt.«
»Unsinn«, brummte Hagrid, der kein Wort von dem gehört hatte, was neben ihm
auf den Rängen gesprochen worden war. »Warum sollte Snape so etwas tun?«
Harry, Ron und Hermine sahen sich an, unsicher, was sie ihm erzählen sollten.
Harry entschied sich für die Wahrheit.
»Ich hab etwas über ihn herausgefunden«, erklärte er Hagrid. »Er hat an
Halloween versucht, an diesem dreiköpfigen Hund vorbeizukommen. Der hat ihn
gebissen. Wir glauben, er wollte das stehlen, was der Hund bewacht, was auch
immer es ist.«
Hagrid ließ den Teekessel auf den Herd fallen.
»Woher wisst ihr von Fluffy?«, fragte er.
»Fluffy?«
»Ja – ist nämlich meiner – hab ihn einem Kerl aus Griechenland abgekauft, den
ich letztes Jahr im Pub getroffen hab – ich hab ihn Dumbledore geliehen, als
Wachhund für –«
»Ja?«, sagte Harry begierig.
»Das reicht, fragt mich nicht weiter aus«, sagte Hagrid grummelig. »Das ist streng
geheim, ist das nämlich.«
»Aber Snape hat versucht, es zu stehlen.«
»Unsinn«, sagte Hagrid erneut. »Snape ist ein Lehrer in Hogwarts, so was würde
der nie tun.«
»Und warum hat er dann gerade versucht, Harry umzubringen?«, rief Hermine.
Was am Nachmittag geschehen war, hatte ihre Ansichten über Snape offenbar
verändert.
»Ich erkenne sehr wohl, wenn jemand einen bösen Fluch ausspricht, Hagrid, ich
hab alles darüber gelesen. Du musst die Augen immer draufhalten, und Snape hat
nicht einmal geblinzelt, ich hab’s gesehen!«
»Ich sag euch, ihr liegt grottenfalsch!«, sagte Hagrid erregt. »Ich weiß nicht,
warum Harrys Besen so komisch geflogen ist, aber Snape würde nie versuchen einen
Schüler umzubringen! Nun hört mir mal alle genau zu, ihr mischt euch in Dinge ein,
die euch nichts angehen. Vergesst den Hund und vergesst, was er bewacht, das ist
allein die Sache von Professor Dumbledore und Nicolas Flamel –«
»Aha!«, sagte Harry. »Also hat jemand namens Nicolas Flamel damit zu tun,
oder?«
Hagrid sah aus, als ob er auf sich selbst sauer wäre.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 128 von 128
Der Spiegel Nerhegeb
Weihnachten stand vor der Tür. Eines Morgens Mitte Dezember wachte Hogwarts
auf und sah sich ellendick in Schnee gehüllt. Der See fror zu, und die Weasley-
Zwillinge wurden bestraft, weil sie ein paar Schneebälle verhext hatten, die dann
hinter Quirrell herflogen und ihm auf den Turban klatschten. Die wenigen Eulen,
die sich durch die Schneestürme schlagen konnten, um die Post zu bringen, mussten
von Hagrid gesund gepflegt werden, bevor sie sich auf den Rückflug machen
konnten.
Sie konnten es alle kaum noch erwarten, dass endlich die Ferien losgingen.
Während im Gemeinschaftsraum der Gryffindors und in der Großen Halle die
Kaminfeuer prasselten, war es in den zugigen Korridoren eisig kalt geworden und
ein beißender Wind rüttelte an den Fenstern der Klassenzimmer. Am schlimmsten
war der Unterricht von Professor Snape unten in den Kerkern, wo ihr Atem sich
über ihren Köpfen zu einem Nebelschleier zusammenzog und sie sich so nah wie
möglich an ihre heißen Kessel setzten.
»Es tut mir ja so leid«, sagte Draco Malfoy in einer Zaubertrankstunde, »für all die
Leute, die über Weihnachten in Hogwarts bleiben müssen, weil sie daheim nicht
erwünscht sind.«
Dabei sah er hinüber zu Harry. Crabbe und Goyle kicherten. Harry, der gerade
zerriebene Löwenfischgräten abwog, überhörte ihn. Seit dem Quidditch-Spiel war
Malfoy noch gehässiger als früher. Empört über die Niederlage der Slytherins, hatte
er versucht, allgemeine Heiterkeit zu verbreiten mit dem Vorschlag, das nächste
Mal solle anstelle von Harry ein Breitmaulfrosch den Sucher spielen. Dann musste
er feststellen, dass keiner das witzig fand. Alle waren davon beeindruckt, wie Harry
es geschafft hatte, sich auf seinem bockenden Besen zu halten. Und so hatte sich der
eifersüchtige und zornige Malfoy wieder darauf verlegt, Harry damit zu verhöhnen,
dass er keine richtige Familie hatte.
Es stimmte, dass Harry über Weihnachten nicht in den Ligusterweg zurückkehren
würde. Letzte Woche war Professor McGonagall vorbeigekommen und hatte die
Schüler in eine Liste eingetragen, die in den Weihnachtsferien dableiben würden,
und Harry hatte sich sofort gemeldet. Es tat ihm gar nicht leid um sich; das würde
wahrscheinlich das schönste Weihnachten seines Lebens werden. Auch Ron und
seine Brüder blieben da, weil Mr und Mrs Weasley nach Rumänien fuhren, um
Charlie zu besuchen.
Als sie am Ende des Zaubertrankunterrichts die Kerker verließen, war der Korridor
durch eine große Tanne versperrt. Zwei gewaltige Schuhe, die am unteren Ende
herausragten, und ein lautes Schnaufen sagten ihnen, dass Hagrid hinter ihr
steckte.
»Hey, Hagrid, brauchst du Hilfe?«, fragte Ron und steckte den Kopf durch die
Zweige.
»Nö, komm schon zurecht, Ron.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 129 von 129
»Würden Sie bitte aus dem Weg gehen?«, tönte Malfoy mit kalter, gedehnter Stimme
hinter ihnen. »Willst dir wohl ein wenig Taschengeld dazuverdienen, Weasley?
Hoffst wohl, selber Wildhüter zu werden, wenn du mit Hogwarts fertig bist – diese
Hütte von Hagrid muss dir wie ein Palast vorkommen im Vergleich zu dem, was du
von deiner Familie gewöhnt bist.«
Ron stürzte sich auf Malfoy und in diesem Moment kam Snape die Treppe hoch.
»WEASLEY!«
Ron ließ Malfoys Umhang los.
»Er ist herausgefordert worden, Professor Snape«, sagte Hagrid und steckte sein
großes, haariges Gesicht hinter dem Baum hervor. »Malfoy hat seine Familie
beleidigt.«
»Das mag sein, aber eine Schlägerei ist gegen die Hausregeln, Hagrid«, sagte Snape
mit öliger Stimme. »Fünf Punkte Abzug für Gryffindor, Weasley, und sei dankbar,
dass es nicht mehr ist. Marsch jetzt, aber alle.«
Malfoy, Crabbe und Goyle schlugen sich mit den Armen rudernd an dem Baum
vorbei, verstreuten Nadeln auf dem Boden und grinsten dabei blöde.
»Den krieg ich noch«, sagte Ron zähneknirschend hinter Malfoys Rücken, »eines
Tages krieg ich ihn.«
»Ich hasse sie beide«, sagte Harry, »Malfoy und Snape.«
»Nu ist aber gut, Kopf hoch, es ist bald Weihnachten«, sagte Hagrid. »Ich mach euch
’nen Vorschlag, kommt mit in die Große Halle, sieht umwerfend aus.«
Also folgten die drei Hagrid und seinem Baum in die Große Halle, die Professor
McGonagall und Professor Flitwick festlich ausschmückten.
»Ah, Hagrid, der letzte Baum – stellen Sie ihn doch bitte in die Ecke dort hinten.«
Die Halle sah phantastisch aus. An den Wänden entlang hingen Girlanden aus
Stechpalmen- und Mistelzweigen und nicht weniger als zwölf turmhohe
Weihnachtsbäume waren im Raum verteilt. Von den einen funkelten winzige
Eiszapfen herüber, auf den anderen flackerten hunderte von Kerzen.
»Wie viel Tage habt ihr noch bis zu den Ferien?«, fragte Hagrid.
»Nur einen«, sagte Hermine. »Und da fällt mir ein – Harry, Ron, wir haben noch eine
halbe Stunde bis zum Mittagessen, wir sollten in die Bibliothek gehen.«
»Ja, klar, du hast Recht«, sagte Ron und wandte seine Augen von Professor Flitwick
ab, der goldene Kugeln aus seinem Zauberstab blubbern ließ und sie über die Zweige
des neuen Baums verteilte.
»In die Bibliothek?«, sagte Hagrid und folgte ihnen aus der Halle. »Kurz vor den
Ferien? Sehr strebsam heute, was?«
»Aach, wir arbeiten gar nicht«, erklärte ihm Harry strahlend. »Seit du Nicolas
Flamel erwähnt hast, versuchen wir nämlich herauszufinden, wer er ist.«
»Ihr wollt was?«, Hagrid sah sie entsetzt an. »Hört mal gut zu, ich hab’s euch gesagt,
lasst es bleiben. Was der Hund bewacht, geht euch nichts an.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 130 von 130
»Wir wollen nur wissen, wer Nicolas Flamel ist, das ist alles«, sagte Hermine.
»Außer du möchtest es uns sagen und uns damit Arbeit ersparen?«, fügte Harry
hinzu. »Wir müssen schon hunderte von Büchern gewälzt haben und wir können ihn
nirgends finden – gib uns einfach mal ’nen Tipp – ich weiß, dass ich seinen Namen
schon mal irgendwo gelesen hab.«
»Ich sag nichts«, sagte Hagrid matt.
»Dann müssen wir es selbst rausfinden«, sagte Ron. Sie ließen den missmutig
dreinblickenden Hagrid stehen und hasteten in die Bibliothek.
Tatsächlich hatten sie den Namen, seit er Hagrid herausgerutscht war, in allen
möglichen Büchern gesucht, denn wie sonst sollten sie herausfinden, was Snape zu
stehlen versuchte? Sie wussten eigentlich gar nicht, wo sie anfangen sollten, denn
sie hatten keine Ahnung, womit sich Nicolas Flamel die Aufnahme in ein Buch
verdient hatte. Er stand nicht in den Großen Zauberern des zwanzigsten
Jahrhunderts oder imHandbuch zeitgenössischer Magier; in den Bedeutenden
Entdeckungen der modernen Zauberei fehlte er ebenso wie in den Jüngeren
Entwicklungen in der Zauberei. Hinzu kam natürlich noch die schiere Größe der
Bibliothek; zehntausende von Büchern; tausende von Regalen; hunderte von
schmalen Regalreihen.
Hermine zog eine Liste von Fachgebieten und Buchtiteln hervor, in denen sie suchen
wollte, während Ron die Regale entlangschlenderte und nach Lust und Laune mal
hier, mal da ein Buch hervorzog. Harry ging hinüber in die Abteilung für verbotene
Bücher. Schon seit einiger Zeit fragte er sich, ob Flamel nicht vielleicht hier zu
finden wäre. Leider brauchte man die schriftliche Erlaubnis eines Lehrers, um eines
der Bücher in dieser Abteilung einsehen zu dürfen, und die würde er nie kriegen.
Die Bücher hier behandelten die mächtige schwarze Magie, die in Hogwarts niemals
gelehrt wurde, und sie durften nur von den älteren Schülern gelesen werden, die
fortgeschrittene Verteidigung gegen die dunklen Künste studierten.
»Suchst du etwas Bestimmtes, mein Junge?«
»Nein«, sagte Harry.
Die Bibliothekarin, Madam Pince, fuchtelte mit einem Staubwedel nach ihm.
»Dann verziehst du dich besser wieder. Husch, fort mit dir!«
Harry bereute, dass er sich nicht schnell eine Geschichte hatte einfallen lassen, und
verließ die Bibliothek. Er hatte mit Ron und Hermine nämlich schon vereinbart,
dass sie lieber nicht Madam Pince fragen wollten, wo sie Flamel finden könnten. Sie
würde es ihnen gewiss sagen können, doch sie konnten es nicht riskieren, dass
Snape Wind davon bekam, wonach sie suchten.
Harry wartete draußen vor der Tür, um zu hören, ob die andern beiden etwas
herausgefunden hatten, doch viel Hoffnung machte er sich nicht. Immerhin suchten
sie schon seit zwei Wochen, doch da sie zwischen den Unterrichtsstunden nur
gelegentlich einmal Zeit hatten, war es kein Wunder, dass sie noch nichts gefunden
hatten. Was sie wirklich brauchten, war viel Zeit zum Suchen, ohne dass ihnen
Madam Pince ständig über die Schultern sah.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 131 von 131
Fünf Minuten später kamen Ron und Hermine heraus und schüttelten die Köpfe.
Sie gingen zum Mittagessen.
»Ihr sucht doch weiter, während ich weg bin, oder?«, sagte Hermine. »Und schickt
mir eine Eule, wenn ihr irgendwas herausfindet.«
»Und du könntest deine Eltern fragen, ob sie wissen, wer Flamel ist«, sagte Ron. »Da
kann nichts passieren.«
»Überhaupt nichts, denn sie sind beide Zahnärzte«, sagte Hermine.
Als die Ferien einmal begonnen hatten, ging es Ron und Harry einfach zu gut, um
lange über Flamel nachzudenken. Sie hatten den ganzen Schlafsaal für sich, auch
im Aufenthaltsraum war viel mehr Platz als sonst, und sie konnten die guten Sessel
am Kamin belegen. Da saßen sie stundenlang und verspeisten alles, was sie auf eine
Röstgabel spießen konnten: Brot, Pfannkuchen, Marshmallows, und schmiedeten
Pläne, wie sie es anstellen könnten, dass Malfoy von der Schule flog. Das
auszuhecken machte Spaß, auch wenn es nicht klappen würde.
Ron brachte Harry auch Zauberschach bei. Das ging genauso wie Muggelschach,
außer dass die Figuren lebten, und so war es fast das Gleiche wie Truppen in eine
Schlacht zu führen. Rons Schachspiel war sehr alt und ramponiert. Wie alles
andere, das Ron besaß, hatte es einst jemandem aus seiner Familie gehört – in
diesem Fall seinem Großvater. Allerdings waren die alten Schachmenschen
überhaupt kein Nachteil. Ron kannte sie so gut, dass er sie immer mühelos dazu
bringen konnte, genau das zu tun, was er wollte.
Harry spielte mit Schachmenschen, die ihm Seamus Finnigan geliehen hatte, und
die trauten ihm überhaupt nicht. Er war noch kein guter Spieler, und sie riefen ihm
ständig Ratschläge zu, allerdings widersprüchliche, was ihn heftig verwirrte:
»Schick mich ja nicht dorthin, siehst du denn nicht seinen Springer? Schick doch den
da, auf den können wir verzichten.«
Heiligabend ging Harry voller Vorfreude auf das Essen und den Spaß am
Weihnachtstag zu Bett; Geschenke erwartete er überhaupt keine. Als er früh am
nächsten Morgen erwachte, sah er als Erstes einen Stapel Päckchen am Fußende
seines Bettes.
»Fröhliche Weihnachten«, sagte Ron schläfrig, als Harry aus dem Bett stieg und
seinen Morgenmantel anzog.
»Dir auch«, sagte Harry. »Schau dir das mal an! Ich hab Geschenke bekommen!«
»Was hast du erwartet, Runkelrüben?«, sagte Ron und machte sich an seinen
eigenen Stapel, der um einiges größer war als der Harrys.
Harry nahm das oberste Päckchen in die Hand. Es war mit dickem braunem Papier
umwickelt und quer darüber war Für Harry von Hagrid gekrakelt. Drinnen war eine
grob geschnitzte hölzerne Flöte. Offenbar hatte Hagrid sie selber zugeschnitten.
Harry blies hinein – sie klang ein wenig wie eine Eule.
Ein zweites, winziges Päckchen enthielt einen Zettel.
Wir haben deine Nachricht erhalten und fügen dein Weihnachtsgeschenk bei. Von
Onkel Vernon und Tante Petunia. Mit Klebeband war ein Fünfzig-Pence-Stück auf
den Zettel geklebt.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 132 von 132
»Das ist nett«, sagte Harry.
Ron war von den fünfzig Pence fasziniert.
»Komisch!«, sagte er. »Diese Form! Ist das Geld?«
»Du kannst es behalten«, sagte Harry und lachte, als er sah, wie Ron sich freute.
»Hagrid und Tante und Onkel – und von wem ist das hier?«
»Ich glaub, ich weiß, von wem das ist«, sagte Ron, deutete auf ein recht klumpiges
Paket und lief ein wenig rosa an. »Von meiner Mum. Ich hab ihr gesagt, dass du
keine Geschenke erwartest und – o nein«, stöhnte er, »sie hat dir einen Weasley-
Pulli gestrickt!«
Harry hatte das Paket aufgerissen und einen dicken, handgestrickten Pullover in
Smaragdgrün gefunden und eine große Schachtel selbst gebackener Plätzchen.
»Sie strickt uns jedes Jahr einen Pulli«, sagte Ron, während er seinen eigenen
auspackte, »und meiner ist immer kastanienbraun.«
»Das ist wirklich nett von ihr«, sagte Harry und probierte von den Plätzchen, die
köstlich schmeckten.
Auch sein nächstes Päckchen enthielt Süßigkeiten – es war eine große Schachtel
Schokofrösche von Hermine.
Ein Päckchen war jetzt noch übrig. Harry hob es auf und betastete es. Es war sehr
leicht. Er wickelte es aus.
Etwas Fließendes und Silbergraues glitt auf den Boden, wo es in schimmernden
Falten dalag. Ron machte große Augen.
»Ich hab davon gehört«, sagte er mit gedämpfter Stimme und ließ die Schachtel mit
Bohnen jeder Geschmacksrichtung fallen, die er von Hermine bekommen hatte.
»Wenn es das ist, was ich glaube – sie sind wirklich selten und wirklich wertvoll.«
»Was ist es?«
Harry hob das silbern leuchtende Stück Stoff vom Boden hoch. Es fühlte sich
seltsam an, wie Wasser, das zu Stoff gewebt worden war.
»Es ist ein Umhang, der unsichtbar macht«, sagte Ron mit ehrfürchtigem Gesicht.
»Ganz bestimmt – probier ihn mal an.«
Harry warf sich den Umhang über die Schultern und Ron stieß einen Schrei aus.
»Es stimmt! Schau!«
Harry sah hinunter auf seine Füße, doch die waren verschwunden. Er stürzte
hinüber zum Spiegel. Gewiss, sein Spiegelbild sah ihn an, freilich nur sein Kopf, der
Körper war völlig unsichtbar. Er zog den Umhang über den Kopf und sein
Spiegelbild verschwand vollends.
»Da liegt ein Zettel!«, sagte Ron plötzlich. »Ein Zettel ist rausgefallen!«
Harry streifte den Umhang ab und hob den Zettel auf. In enger, verschlungener
Handschrift, die er noch nie gesehen hatte, standen da die folgenden Worte:
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 133 von 133
Dein Vater hat mir dies vor seinem Tode zur Aufbewahrung überreicht. Nun ist die
Zeit gekommen, ihn dir zu geben.
Gebrauche ihn klug.
Fröhliche Weihnachten wünsche ich dir.
Unterschrieben hatte niemand. Harry starrte auf den Zettel. Ron bewunderte den
Umhang.
»Ich würde alles geben für einen davon«, sagte er. »Alles. Was ist los mit dir?«
»Nichts«, sagte Harry. Ihm war seltsam zumute. Wer hatte ihm den Umhang
geschickt? Hatte er wirklich einst seinem Vater gehört?
Bevor er noch etwas denken oder sagen konnte, flog die Tür zum Schlafsaal auf und
Fred und George Weasley stürmten herein. Harry steckte den Umhang schnell weg.
Er hatte keine Lust, ihn überall herumzureichen.
»Frohe Weihnachten!«
»Hey, sieh mal – Harry hat auch ’nen Weasley-Pulli!«
Fred und George trugen blaue Pullover, der eine mit einem großen gelben F darauf
gestickt, der andere mit einem G.
»Der von Harry ist aber besser als unserer«, sagte Fred und hielt Harrys Pullover
hoch. »Sieht so aus, als ob sie sich mehr anstrengt, wenn du nicht zur Familie
gehörst.«
»Warum trägst du deinen Pulli nicht, Ron?«, fragte George. »Komm, zieh ihn an, sie
sind herrlich warm.«
»Ich mag Kastanienbraun nicht«, meinte Ron halbherzig und zog sich den Pulli über.
»Du hast keinen Buchstaben auf deinem«, stellte George fest. »Sie denkt wohl, du
vergisst deinen Namen nicht. Aber wir sind nicht dumm – wir wissen, dass wir Gred
und Forge heißen.«
»Was macht ihr da eigentlich für einen Lärm?«
Percy Weasley steckte mit missbilligendem Blick den Kopf durch die Tür.
Offensichtlich war er schon halb mit dem Geschenkeauspacken fertig, denn auch er
trug einen zusammengeknäuelten Pullover auf dem Arm, den ihm Fred entriss.
»V für Vertrauensschüler! Zieh ihn an, Percy, los komm schon, sogar Harry hat
einen gekriegt.«
»Ich – will – nicht –«, sagte Percy halb erstickt, während die Zwillinge ihm den
Pullover über den Kopf zwängten und dabei seine Brille verbogen.
»Und du hockst dich heute nicht zu den Vertrauensschülern«, sagte George.
»Weihnachten verbringt man mit der Familie.«
Sie hatten Percys Arme nicht durch die Ärmel des Pullovers gesteckt, und so
gefesselt nahmen sie ihn nun auf die Schultern und marschierten mit ihm hinaus.
Harry hatte noch nie in seinem Leben ein solches Weihnachtsmahl verspeist.
Hundert fette gebratene Truthähne, Berge von Brat- und Pellkartoffeln, Platten voll
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 134 von 134
niedlicher Cocktailwürstchen, Schüsseln voll Buttererbsen, Silberterrinen voll
dicken, sahnigen Bratensafts und Preiselbeersauce – und, über den Tisch verteilt,
stapelweise Zauber-Knallbonbons. Diese phantastischen Knallbonbons waren
überhaupt nicht zu vergleichen mit den schwächlichen der Muggel, wie sie die
Dursleys kauften, mit dem kleinen Plastikspielkram und den knittrigen
Papierhütchen. Harry zog mit Fred an einem Zauber-Knallbonbon, und es knallte
nicht nur, sondern ging los wie eine Kanone und hüllte sie in eine Wolke blauen
Rauchs, während aus dem Innern der Hut eines Admirals und mehrere lebende
weiße Mäuse herausschossen. Drüben am Hohen Tisch hatte Dumbledore seinen
spitzen Zaubererhut gegen eine mit Blumen verzierte Haube getauscht und kicherte
fröhlich über einen Witz, den ihm Professor Flitwick soeben vorgelesen hatte.
Dem Truthahn folgte ein flambierter Plumpudding. Percy brach sich fast die Zähne
an einem Silbersickel aus, der in seiner Portion versteckt war. Harry beobachtete,
wie Hagrid nach mehr Wein verlangte und sein Gesicht immer röter wurde, bis er
schließlich Professor McGonagall auf die Wange küsste, die, wie Harry verdutzt
feststellte, unter ihrem leicht verrutschten Spitzhut errötete und anfing zu kichern.
Als Harry schließlich vom Tisch aufstand, war er beladen mit einer Unmenge
Sachen aus den Knallbonbons, darunter ein Dutzend Leuchtballons, die nie
platzten, ein »Züchte deine eigenen Warzen«-Biokasten und ein neues
Zauberschachspiel. Die weißen Mäuse waren verschwunden, und Harry hatte das
unangenehme Gefühl, dass sie als Mrs Norris’ Weihnachtsschmaus enden würden.
Harry und die Weasleys verbrachten einen glücklichen Nachmittag mit einer wilden
Schneeballschlacht draußen auf dem Schulgelände. Verfroren, nass und nach Atem
ringend, kehrten sie ans Kaminfeuer in ihrem Gemeinschaftsraum zurück, wo
Harry sein neues Schachspiel mit einer haarsträubenden Niederlage gegen Ron
einweihte. Er hätte vielleicht nicht so kläglich verloren, vermutete er, wenn Percy
nicht so angestrengt versucht hätte, ihm zu helfen.
Nach dem Tee – es gab Brote mit kaltem Braten, Pfannkuchen, Biskuits und
Weihnachtskuchen – fühlten sich alle zu vollgestopft und müde, um noch viel vor
dem Schlafengehen anzufangen. Sie sahen nur noch Percy zu, wie er Fred und
George durch den ganzen Gryffindor-Turm nachjagte, weil sie sein
Vertrauensschüler-Abzeichen geklaut hatten.
Es war Harrys schönstes Weihnachten gewesen. Doch den ganzen Tag über war ihm
etwas im Hinterkopf herumgeschwirrt. Erst als er im Bett lag, hatte er die Ruhe,
darüber nachzudenken: Es war der Umhang, der unsichtbar machte, und die Frage,
wer ihn wohl geschickt hatte.
Ron, vollgestopft mit Braten und Kuchen und mit nichts weiter Geheimnisvollem
beschäftigt, schlief ein, sobald er die Vorhänge seines Himmelbetts zugezogen hatte.
Harry drehte sich auf die Seite und zog den Umhang unter dem Bett hervor.
Das war von seinem Vater … der Umhang seines Vaters. Er ließ den Stoff durch die
Hände gleiten, fließender als Seide, leichter als Luft. Gebrauche ihn klug, hatte es
auf dem Zettel geheißen.
Er musste es versuchen – jetzt. Er schlüpfte aus dem Bett und hüllte sich in den
Umhang. Wo eben noch seine Füße waren, sah er jetzt nur noch das Mondlicht und
Schatten. Ihm war merkwürdig zumute.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 135 von 135
Gebrauche ihn klug.
Plötzlich war Harry hellwach. In diesem Umhang stand ihm ganz Hogwarts offen.
Begeisterung durchströmte ihn. Er konnte überallhin, überall, und Filch würde es
nie herausfinden.
Ron grunzte im Schlaf. Sollte Harry ihn wecken? Etwas hielt ihn zurück – der
Umhang seines Vaters –, er spürte, dass er diesmal, dieses erste Mal, allein mit ihm
sein wollte.
Er stahl sich aus dem Schlafsaal, die Treppe hinunter, durch den Aufenthaltsraum
und kletterte durch das Loch hinter dem Porträt.
»Wer da?«, quakte die fette Dame. Harry sagte nichts. Rasch ging er den Korridor
entlang.
Wo sollte er hin? Mit rasend pochendem Herzen hielt er inne und dachte nach. Und
dann fiel es ihm ein. Die verbotene Abteilung in der Bibliothek. Dort konnte er
lesen, solange er wollte, solange er musste, um herauszufinden, wer Flamel war.
Den Tarnumhang eng um sich schlingend, ging er weiter.
In der Bibliothek herrschte rabenschwarze Nacht. Harry war gruslig zumute. Er
zündete eine Laterne an, um sich den Weg durch die Buchregale zu leuchten. Die
Laterne schien in der Luft zu schweben, und obwohl Harry spürte, dass er sie in der
Hand trug, ließ ihm der Anblick Schauer über den Rücken laufen.
Die verbotene Abteilung lag ganz hinten in der Bibliothek. Er stieg umsichtig über
die Kordel, die diesen Bereich von den andern trennte, und hielt seine Laterne hoch,
um die Titel auf den Buchrücken zu lesen.
Sie sagten ihm nicht viel. Die abblätternden und verblassenden Goldlettern bildeten
Wörter in Sprachen, die Harry nicht verstand. Manche Bücher hatten gar keinen
Titel. Auf einem Buch war ein dunkler Fleck, der Blut schrecklich ähnlich sah.
Harry sträubten sich die Nackenhaare. Vielleicht bildete er es sich nur ein, vielleicht
auch nicht, aber er glaubte, von den Büchern her ein leises Flüstern zu vernehmen,
als ob sie wüssten, dass jemand hier war, der nicht hier sein durfte.
Irgendwo musste er anfangen. Er stellte die Laterne vorsichtig auf den Boden und
suchte entlang der untersten Regalreihe nach einem viel versprechend aussehenden
Buch. Ein großer schwarz-silberner Band fiel ihm ins Auge. Er zog das Buch
mühsam heraus, denn es war sehr schwer, setzte es mit dem Rücken auf seine Knie
und klappte es auf.
Ein durchdringender Schrei, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ,
durchbrach die Stille – das Buch schrie! Harry schlug es zu, doch es schrie immer
weiter, ununterbrochen, in einem hohen und trommelfellzerreißenden Ton. Er
stolperte rückwärts und stieß seine Laterne um, die sofort ausging. In panischer
Angst hörte er Schritte den Gang draußen entlangkommen – er stopfte das
schreiende Buch wieder ins Regal und rannte davon. Just an der Tür traf er auf
Filch. Filchs blasse, wirre Augen sahen durch ihn hindurch und Harry wich vor
Filchs ausgestrecktem Arm zur Seite und rannte weiter, den Korridor hinunter, die
Schreie des Buches immer noch in den Ohren klingend.
Vor einer großen Rüstung erstarrte er. Er war so überstürzt aus der Bibliothek
geflohen, dass er nicht darauf geachtet hatte, wo er hinlief. Um ihn her war es
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 136 von 136
vollkommen dunkel, und vielleicht wusste er deshalb nicht, wo er sich befand. Eine
Rüstung stand in der Nähe der Küchen, das wusste er, doch er musste fünf
Stockwerke darüber sein.
»Sie haben mich gebeten, sofort zu Ihnen zu kommen, Herr Professor, wenn jemand
nachts umherstreift, und jemand war in der Bibliothek – in der verbotenen
Abteilung.«
Harry spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht strömte. Wo immer er auch war,
Filch musste eine Abkürzung kennen, denn seine weiche, ölige Stimme kam näher,
und zu seinem Entsetzen war es Snape, der antwortete:
»Die verbotene Abteilung? Nun, dann können sie nicht weit sein, die kriegen wir
schon.«
Als Filch und Snape vor ihm um die Ecke bogen, gefror Harry zu einem Eiszapfen.
Natürlich konnten sie ihn nicht sehen, doch der Korridor war eng, und wenn sie
näher kämen, würden sie auf ihn prallen – trotz des Umhangs war er ja immer noch
aus Fleisch und Blut.
So leise er nur konnte, wich er zurück. Zu seiner Linken stand eine Tür einen
Spaltbreit offen. Das war seine einzige Hoffnung. Den Atem anhaltend, um sie ja
nicht zu bewegen, zwängte er sich hindurch, und als er es geschafft hatte, in das
Zimmer zu gelangen, ohne dass Snape und Filch etwas bemerkten, wurde ihm
leichter zumute. Sie gingen einfach vorbei und Harry lehnte sich tief atmend gegen
die Wand und lauschte ihren leiser werdenden Schritten nach. Das war knapp
gewesen, sehr knapp. Es dauerte einige Augenblicke, bis er das Zimmer, in dem er
sich versteckt hatte, besser wahrnahm.
Es sah aus wie ein nicht mehr benutztes Klassenzimmer. An der Wand entlang
waren Tische und Stühle aufgestapelt und im Dunkeln konnte er auch einen
umgedrehten Papierkorb erkennen. Doch an der Wand gegenüber lehnte etwas, das
nicht den Eindruck machte, als ob es hierher gehörte, etwas, das aussah, als ob
jemand es einfach hier abgestellt hätte, um es aus dem Weg zu schaffen.
Es war, auf zwei Klauenfüßen stehend, ein gewaltiger Spiegel, der bis zur Decke
reichte und mit einem reich verzierten Goldrahmen versehen war. Oben auf dem
Rahmen war eine Inschrift eingeprägt:NERHEGEB Z REH NIE DREBAZ TILT
NANIEDTH CIN.
Nun, da von Filch und Snape nichts mehr zu hören war, schwand Harrys Panik, und
er näherte sich dem Spiegel, um sich darin zu sehen und doch nichts zu sehen.
Er musste die Hand vor den Mund schlagen, um nicht zu schreien. Er wirbelte
herum. Sein Herz hämmerte noch rasender als vorhin bei dem schreienden Buch,
denn er hatte nicht nur sich selbst im Spiegel gesehen, sondern eine ganze
Ansammlung von Menschen, die direkt hinter ihm standen.
Doch das Zimmer war leer. Rasch atmend drehte er sich langsam wieder um und
sah in den Spiegel.
Da war es, sein Spiegelbild, weiß und mit furchtverzerrtem Gesicht, und dort, hinter
ihm, spiegelten sich noch gut zehn andere. Harry blickte über die Schulter, doch
immer noch war da niemand. Oder waren die vielleicht auch unsichtbar? War er
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 137 von 137
tatsächlich in einem Zimmer voll unsichtbarer Menschen, und war es die Eigenart
dieses Spiegels, dass er sie spiegelte, unsichtbar oder nicht?
Erneut blickte er in den Spiegel. Eine Frau, die unmittelbar hinter ihm stand,
lächelte ihn an und winkte. Er streckte die Hand aus, doch er fasste ins Leere. Wenn
sie wirklich da wäre, dann würde er sie berühren, im Spiegel standen sie so nahe
beieinander. Doch er spürte nur Luft – sie und die anderen existierten nur im
Spiegel.
Es war eine sehr schöne Frau. Sie hatte dunkelrotes Haar und ihre Augen – ihre
Augen sind genau wie die meinen, dachte Harry und rückte ein wenig näher an das
Glas heran. Hellgrün – genau dieselbe Form, doch dann sah er, dass sie weinte;
zwar lächelte, aber zugleich weinte. Der große, schlanke, schwarzhaarige Mann
hinter ihr legte den Arm um sie. Er trug eine Brille und sein Haar war ziemlich
durcheinander. Hinterm Kopf stand es ab, genau wie bei Harry.
Harry war nun so nahe am Spiegel, dass seine Nase jetzt fast ihr Spiegelbild
berührte.
»Mum?«, flüsterte er. »Dad?«
Sie sahen ihn nur an und lächelten. Und langsam sah Harry in die Gesichter der
anderen Menschen im Spiegel und sah noch mehr grüne Augenpaare als das seine,
andere Nasen als die seine, selbst einen kleinen alten Mann, der aussah, als ob er
Harrys knubblige Knie hätte – Harry sah zum ersten Mal im Leben seine Familie.
Die Potters lächelten und winkten Harry zu, und er starrte zurück, die Hände flach
gegen das Glas gepresst, als hoffte er, einfach zu ihnen hindurchfallen zu können. Er
spürte ein mächtiges Stechen in seinem Körper, halb Freude, halb furchtbare
Traurigkeit.
Wie lange er schon so dastand, wusste er nicht. Die Spiegelbilder verblassten nicht,
und er wandte den Blick nicht eine Sekunde ab, bis ein fernes Geräusch ihn wieder
zur Besinnung brachte. Er konnte nicht hierbleiben, er musste sich zurück ins Bett
stehlen. »Ich komme wieder«, flüsterte er, wandte den Blick vom Gesicht seiner
Mutter ab und lief aus dem Zimmer.
»Du hättest mich wecken können«, sagte Ron mit saurer Miene.
»Komm doch heute Nacht mit, ich will dir den Spiegel zeigen.«
»Ich würde gern deine Mum und deinen Dad sehen«, sagte Ron begeistert.
»Und ich will deine Familie sehen, alle Weasleys, du kannst mir deine anderen
Brüder zeigen und überhaupt alle.«
»Die kannst du jederzeit sehen«, sagte Ron. »Komm mich einfach diesen Sommer
besuchen. Außerdem zeigt er vielleicht nur die Toten. Schade jedenfalls, dass du
nichts über Flamel herausgefunden hast. Nimm doch von dem Schinken, warum isst
du eigentlich nichts?«
Harry konnte nichts essen. Er hatte seine Eltern gesehen und würde sie heute
Nacht wieder sehen. Flamel hatte er fast vergessen. Das schien ihm nicht mehr
besonders wichtig. Wen kümmerte es, was der dreiköpfige Hund bewachte? War es
im Grunde nicht gleichgültig, wenn Snape es stahl?
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»Geht’s dir gut?«, fragte Ron. »Du guckst so komisch.«
Wovor Harry wirklich am meisten Angst hatte, war, den Raum mit dem Spiegel
nicht mehr zu finden. Weil Ron in dieser Nacht auch noch unter dem Umhang
steckte, mussten sie langsamer gehen. Sie versuchten Harrys Weg von der
Bibliothek aus wiederzufinden und zogen fast eine Stunde lang durch die dunklen
Korridore.
»Mir ist kalt«, sagte Ron. »Vergessen wir’s und gehen wieder ins Bett.«
»Nein!«, zischte Harry. »Ich weiß, dass er irgendwo hier ist.«
Sie kamen am Geist einer großen Hexe vorbei, die in die andere Richtung unterwegs
war, doch sonst sahen sie niemanden. Gerade als Ron anfing zu klagen, ihm sei
eiskalt an den Füßen, entdeckte Harry die Rüstung.
»Es ist hier, genau hier, ja!«
Sie stießen die Tür auf. Harry ließ den Umhang von den Schultern gleiten und
rannte zum Spiegel.
Da waren sie. Mutter und Vater strahlten ihn an.
»Siehst du?«, flüsterte Harry.
»Ich seh gar nichts.«
»Sieh doch mal! Schau sie dir an … da sind so viele …«
»Ich seh nur dich.«
»Du musst richtig hinsehen, komm her, stell dich neben mich.«
Harry trat einen Schritt zur Seite, doch zusammen mit Ron vor dem Spiegel konnte
er seine Familie nicht mehr sehen, nur noch Ron in seinem Schlafanzug.
Ron jedoch blickte wie gebannt auf sein Spiegelbild.
»Schau doch mal!«, sagte er.
»Kannst du deine ganze Familie um dich herum sehen?«
»Nein, ich bin allein, aber ich sehe anders aus, älter, und ich bin Schulsprecher!«
»Was?«
»Ich bin … ich trage ein Abzeichen wie früher Bill, und ich halte den Hauspokal und
den Quidditch-Pokal in den Händen, und ich bin auch noch Mannschaftskapitän!«
Ron konnte kaum den Blick von dieser phantastischen Aussicht lassen.
»Glaubst du, dass dieser Spiegel die Zukunft zeigt?«
»Wie sollte er? Meine ganze Familie ist tot, lass mich noch mal sehen –«
»Du hast ihn gestern Nacht für dich alleine gehabt, lass mir ein wenig mehr Zeit.«
»Du hältst doch bloß den Quidditch-Pokal, was soll daran interessant sein? Ich will
meine Eltern sehen.«
»Hör auf, mich zu schubsen!«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 139 von 139
Ein plötzliches Geräusch draußen im Gang setzte ihrer Streiterei ein Ende. Sie
hatten nicht bemerkt, wie laut sie sprachen.
»Schnell!«
Ron warf den Umhang über sie beide und in diesem Augenblick huschten die
leuchtenden Augen von Mrs Norris durch die Tür. Ron und Harry standen
mucksmäuschenstill und beide stellten sich dieselbe Frage – wirkte der Umhang
auch bei Katzen? Es schien eine Ewigkeit zu dauern, doch dann wandte sie sich um
und verschwand.
»Wir sind hier nicht mehr sicher, vielleicht ist sie zu Filch gelaufen, ich wette, sie
hat uns gehört. Los, komm.«
Und Ron zog Harry hinaus.
Am nächsten Morgen war der Schnee noch nicht geschmolzen.
»Hast du Lust auf Schach, Harry?«, fragte Ron.
»Nein.«
»Wie wär’s, wenn wir runtergehen und Hagrid besuchen?«
»Nein … du kannst ja gehen …«
»Ich weiß, was dir im Kopf rumgeht, Harry, dieser Spiegel. Bleib heute Nacht lieber
hier.«
»Warum?«
»Ich weiß nicht, ich hab nur ein schlechtes Gefühl dabei – und außerdem bist du
jetzt schon zu oft nur um Haaresbreite entkommen. Filch, Snape und Mrs Norris
streifen im Schloss umher. Sie können dich zwar nicht sehen, aber was ist, wenn sie
einfach in dich reinlaufen? Was, wenn du etwas umstößt?«
»Du hörst dich an wie Hermine.«
»Mir ist es ernst, Harry, geh nicht.«
Doch Harry hatte nur einen Gedanken im Kopf, nämlich zum Spiegel
zurückzukehren. Und Ron würde ihn nicht aufhalten.
In dieser dritten Nacht fand er den Weg schneller als zuvor. Er rannte und wusste,
dass er unvorsichtig laut war, doch er begegnete niemandem.
Und da waren seine Mutter und sein Vater wieder. Sie lächelten ihn an und einer
seiner Großväter nickte glücklich mit dem Kopf. Harry sank vor dem Spiegel auf den
Boden. Nichts würde ihn davon abhalten, die ganze Nacht über bei seiner Familie zu
bleiben – nichts in der Welt.
Außer –
»Nun, wieder da, Harry?«
Harry kam sich vor, als ob sein Inneres zu Eis erstarrt wäre. Er wandte sich um.
Auf einem der Tische an der Wand saß niemand anderer als Albus Dumbledore.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 140 von 140
Harry musste einfach an ihm vorbeigelaufen sein, so begierig, zum Spiegel zu
gelangen, dass er ihn nicht bemerkt hatte.
»Ich – ich hab Sie nicht gesehen, Sir.«
»Merkwürdig, wie kurzsichtig man werden kann, wenn man unsichtbar ist«, sagte
Dumbledore, und Harry war erleichtert, als er ihn lächeln sah.
»Nun«, sagte Dumbledore und glitt vom Tisch herunter, um sich neben Harry auf
den Boden zu setzen, »wie hunderte Menschen vor dir hast du die Freuden des
Spiegels Nerhegeb entdeckt.«
»Ich wusste nicht, dass er so heißt, Sir.«
»Aber ich denke, du hast inzwischen erkannt, was er tut?«
»Er – na ja – er zeigt mir meine Familie –«
»Und er hat deinen Freund Ron als Schulsprecher gezeigt.«
»Woher wissen Sie –?«
»Ich brauche keinen Umhang, um unsichtbar zu werden«, sagte Dumbledore sanft.
»Nun, kannst du dir denken, was der Spiegel Nerhegeb uns allen zeigt?«
Harry schüttelte den Kopf.
»Dann lass es mich erklären. Der glücklichste Mensch auf der Erde könnte den
Spiegel Nerhegeb wie einen ganz normalen Spiegel verwenden, das heißt, er würde
in den Spiegel schauen und sich genau so sehen, wie er ist. Hilft dir das weiter?«
Harry dachte nach. Dann sagte er langsam: »Er zeigt uns, was wir wollen … was
immer wir wollen …«
»Ja und nein«, sagte Dumbledore leise. »Er zeigt uns nicht mehr und nicht weniger
als unseren tiefsten, verzweifeltsten Herzenswunsch. Du, der du deine Familie nie
kennen gelernt hast, siehst sie hier alle um dich versammelt. Ronald Weasley, der
immer im Schatten seiner Brüder gestanden hat, sieht sich ganz alleine, als Bester
von allen. Allerdings gibt uns dieser Spiegel weder Wissen noch Wahrheit. Es gab
Menschen, die vor dem Spiegel dahingeschmolzen sind, verzückt von dem, was sie
sahen, und andere sind wahnsinnig geworden, weil sie nicht wussten, ob ihnen der
Spiegel etwas Wirkliches oder auch nur etwas Mögliches zeigte.
Der Spiegel kommt morgen an einen neuen Platz, Harry, und ich bitte dich, nicht
mehr nach ihm zu suchen. Du kennst dich jetzt aus, falls du jemals auf ihn stoßen
solltest. Es ist nicht gut, wenn wir nur unseren Träumen nachhängen und vergessen
zu leben, glaub mir. Und nun, wie wär’s, wenn du diesen beeindruckenden Umhang
wieder anziehst und ins Bett verschwindest?«
Harry stand auf.
»Sir, Professor Dumbledore? Darf ich Sie etwas fragen?«
»Nun hast du ja eine Frage schon gestellt«, sagte Dumbledore lächelnd. »Du darfst
mich aber noch etwas fragen.«
»Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?«
»Ich? Ich sehe mich dastehen, ein Paar dicke Wollsocken in der Hand haltend.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 141 von 141
Harry starrte ihn an.
»Man kann nie genug Socken haben«, sagte Dumbledore. »Wieder einmal ist ein
Weihnachtsfest vergangen, ohne dass ich ein einziges Paar Socken bekommen habe.
Die Leute meinen dauernd, sie müssten mir Bücher schenken.«
Erst als Harry wieder im Bett lag, kam ihm der Gedanke, dass Dumbledore
vielleicht nicht ganz die Wahrheit gesagt hatte. Doch zugegeben, dachte er und
schubste Krätze von seinem Kopfkissen, es war doch eine recht persönliche Frage.
Nicolas Flamel
Dumbledore hatte Harry davon überzeugt, besser nicht mehr nach dem Spiegel
Nerhegeb zu suchen, und die restlichen Tage der Weihnachtsferien blieb der
Tarnumhang zusammengefaltet auf dem Boden seines großen Koffers. Harry
wünschte sich, er könnte genauso leicht das, was er im Spiegel gesehen hatte, aus
seinem Innern räumen, doch das gelang ihm nicht. Allmählich bekam er Alpträume.
Immer und immer wieder träumte er davon, wie seine Eltern in einem Blitz grünen
Lichts verschwanden, während eine hohe Stimme gackernd lachte.
»Siehst du, Dumbledore hatte Recht, dieser Spiegel könnte dich in den Wahnsinn
treiben«, sagte Ron, als Harry ihm von diesen Träumen erzählte.
Hermine, die am letzten Ferientag zurückkam, sah die Dinge ganz anders. Sie
schwankte zwischen Entsetzen und Enttäuschung. Entsetzen bei dem Gedanken,
dass Harry drei Nächte nacheinander aus dem Bett geschlüpft war und das Schloss
durchstreift hatte (»Wenn Filch dich erwischt hätte!«), und Enttäuschung darüber,
dass er nicht wenigstens herausgefunden hatte, wer Nicolas Flamel war.
Sie hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben, Flamel jemals in einem
Bibliotheksband zu finden, auch wenn Harry sich immer noch sicher war, dass er
den Namen irgendwo gelesen hatte. Nach dem Ende der Ferien fingen sie wieder an
zu suchen und in den Zehn-Minuten-Pausen die Bücher durchzublättern. Harry
hatte sogar noch weniger Zeit als die andern, denn auch das Quidditch-Training
hatte wieder begonnen.
Wood forderte die Mannschaft härter denn je. Selbst der Dauerregen, der nach
dem Schnee eingesetzt hatte, konnte seine Begeisterung nicht dämpfen. Die
Weasleys beschwerten sich, Wood sei vom Quidditch geradezu besessen, doch Harry
war auf Woods Seite. Sollten sie ihr nächstes Spiel gegen Hufflepuff gewinnen,
würden sie zum ersten Mal in sieben Jahren Slytherin in der Hausmeisterschaft
überholen. Abgesehen davon, dass er gewinnen wollte, stellte Harry fest, dass er
weniger Alpträume hatte, wenn er nach dem Training erschöpft war.
Eines Tages, während einer besonders nassen und schlammigen Trainingsstunde,
hatte Wood der Mannschaft eine schlechte Nachricht mitzuteilen. Gerade war er
sehr zornig geworden wegen der Weasleys, die immerzu im Sturzflug aufeinander
zurasten und so taten, als stürzten sie von ihren Besen.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 142 von 142
»Hört jetzt endlich auf mit dem Unfug!«, rief er. »Genau wegen so was verlieren
wir noch das Spiel! Diesmal macht Snape den Schiedsrichter, und dem wird jede
Ausrede recht sein, um Gryffindor Punkte abzuziehen.«
George Weasley fiel bei diesen Worten wirklich vom Besen.
»Snape ist Schiedsrichter?«, prustete er durch einen Mund voll Schlamm. »Wann
hat der denn jemals ein Quidditch-Spiel gepfiffen? Er wird nicht mehr fair sein, falls
wir die Slytherins überholen können.«
Die anderen Spieler landeten neben George und beschwerten sich ebenfalls.
»Ich kann doch nichts dafür«, sagte Wood. »Wir müssen einfach aufpassen, dass
wir ein sauberes Spiel machen und Snape keinen Grund liefern, uns eins
auszuwischen.«
Schön und gut, dachte Harry, doch er hatte noch einen Grund, warum er Snape
beim Quidditch lieber nicht in seiner Nähe haben wollte …
Wie immer nach dem Training blieben die anderen Spieler noch eine Weile
beisammen und unterhielten sich, doch Harry machte sich gleich wieder auf den
Weg in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, wo er Ron und Hermine beim
Schachspiel fand. Schach war das Einzige, bei dem Hermine immer verlor, und
Harry und Ron waren der Meinung, das könne ihr nur guttun.
»Sei mal einen Augenblick ruhig«, sagte Ron, als Harry sich neben ihn setzte. »Ich
muss mich konzen–« Dann sah er Harrys Gesicht. »Was ist denn mit dir los? Du
siehst ja furchtbar aus.«
Mit leiser Stimme, damit ihn niemand im Umkreis hören konnte, berichtete Harry
den beiden von Snapes plötzlichem und finsterem Wunsch, ein Quidditch-
Schiedsrichter zu sein.
»Spiel nicht mit«, sagte Hermine sofort.
»Sag, dass du krank bist«, meinte Ron.
»Tu so, als ob du dir das Bein gebrochen hättest«, schlug Hermine vor.
»Brich dir das Bein wirklich«, sagte Ron.
»Das geht nicht«, sagte Harry. »Wir haben keinen Reserve-Sucher. Wenn ich
passe, kann Gryffindor überhaupt nicht spielen.«
In diesem Moment stürzte Neville kopfüber in den Gemeinschaftsraum. Wie er es
geschafft hatte, durch das Porträtloch zu klettern, war ihnen schleierhaft, denn
seine Beine waren zusammengeklemmt, und sie erkannten sofort, dass es der
Beinklammer-Fluch sein musste. Offenbar war er den ganzen Weg hoch in den
Gryffindor-Turm gehoppelt wie ein Hase.
Allen war nach Lachen zumute, außer Hermine, die aufsprang und den
Gegenfluch sprach. Nevilles Beine sprangen auseinander und zitternd rappelte er
sich hoch.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 143 von 143
»Was ist passiert?«, fragte ihn Hermine und schleppte ihn hinüber zu Harry und
Ron, wo er sich setzte.
»Malfoy«, sagte Neville mit zitternder Stimme. »Ich hab ihn vor der Bibliothek
getroffen. Er sagte, er würde nach jemandem suchen, bei dem er diesen Fluch üben
könnte.«
»Geh zu Professor McGonagall!«, drängte ihn Hermine. »Sag es ihr!«
Neville schüttelte den Kopf.
»Ich will nicht noch mehr Schwierigkeiten«, murmelte er.
»Du musst dich gegen ihn wehren, Neville!«, sagte Ron. »Er ist daran gewöhnt, auf
den Leuten herumzutrampeln, aber das ist noch kein Grund, sich vor ihn hinzulegen
und es ihm noch leichter zu machen.«
»Du brauchst mir nicht zu sagen, dass ich nicht mutig genug bin für Gryffindor,
das hat Malfoy schon getan«, schluchzte er.
Harry durchwühlte die Taschen seines Umhangs und zog einen Schokofrosch
hervor, den allerletzten aus der Schachtel, die Hermine ihm zu Weihnachten
geschenkt hatte. Er gab ihn Neville, der kurz davor schien, in Tränen auszubrechen.
»Du bist ein Dutzend Malfoys wert«, sagte Harry. »Der Sprechende Hut hat dich
für Gryffindor ausgewählt, oder? Und wo ist Malfoy? Im stinkigen Slytherin.«
Nevilles Lippen zuckten für ein schwaches Lächeln, als er den Frosch auspackte.
»Danke, Harry … Ich glaub, ich geh ins Bett … Willst du die Karte? Du sammelst
die doch, oder?«
Neville ging hinaus und Harry sah sich die Sammelkarte der berühmten Zauberer
an.
»Schon wieder Dumbledore«, sagte er. »Er war der Erste, den ich –«
Ihm stockte der Atem. Er starrte auf die Rückseite der Karte. Dann sah er Ron
und Hermine an.
»Ich hab ihn gefunden!«, flüsterte er. »Ich hab Flamel gefunden! Hab euch doch
gesagt, dass ich den Namen schon mal irgendwo gelesen hab. Es war im Zug
hierher. Hört mal: ›Professor Dumbledores Ruhm beruht vor allem auf seinem Sieg
über den schwarzen Magier Grindelwald im Jahre 1945, auf der Entdeckung der
zwölf Anwendungen für Drachenblut und auf seinem Werk über Alchemie, verfasst
zusammen mit seinem Partner Nicolas Flamel.‹!«
Hermine sprang auf. Seit sie die Noten für die ersten Hausaufgaben bekommen
hatte, war sie nicht mehr so begeistert gewesen.
»Wartet hier!«, sagte sie und rannte die Stufen zu den Mädchenschlafsälen hoch.
Harry und Ron hatten kaum Zeit, sich ratlose Blicke zuzuwerfen, als sie schon
wieder die Treppe heruntergeflogen kam, ein riesiges altes Buch in den Armen.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 144 von 144
»Ich hab einfach nicht daran gedacht, hier drin nachzuschauen!«, flüsterte sie
erregt. »Das hab ich schon vor Wochen aus der Bibliothek ausgeliehen, leichte
Lektüre.«
»Leicht?«, sagte Ron, doch Hermine hieß ihn, still zu sein, bis sie etwas
nachgeschaut hatte, und begann, vor sich hin murmelnd, hastig die Seiten
durchzublättern.
Endlich fand sie, was sie gesucht hatte.
»Ich hab’s gewusst! Ich hab’s gewusst!«
»Ist es uns jetzt erlaubt, zu sprechen?«, sagte Ron brummig. Hermine überhörte
ihn.
»Nicolas Flamel«, flüsterte sie aufgeregt, »ist der einzige bekannte Hersteller des
Steins der Weisen!«
Das hatte nicht ganz die von ihr erwartete Wirkung.
»Des was?«, fragten Harry und Ron.
»Ach, nun hört mal, lest ihr beiden eigentlich nie? Seht her, lest das hier.«
Sie schob ihnen das Buch zu und Harry und Ron lasen:
Die alte Wissenschaft der Alchemie befasst sich mit der Herstellung des Steins der
Weisen, eines sagenhaften Stoffes mit erstaunlichen Kräften. Er verwandelt jedes
Metall in reines Gold. Auch zeugt er das Elixier des Lebens, welches den, der es
trinkt, unsterblich macht.
Im Laufe der Jahrhunderte gab es viele Berichte über den Stein der Weisen, doch
der einzige Stein, der heute existiert, gehört Mr Nicolas Flamel, dem angesehenen
Alchemisten und Opernliebhaber. Mr Flamel, der im letzten Jahr seinen
sechshundertundfünfundsechzigsten Geburtstag feierte, erfreut sich eines ruhigen
Lebens in Devon, zusammen mit seiner Frau Perenelle
(sechshundertundachtundfünfzig).
»Seht ihr?«, sagte Hermine, als Harry und Ron zu Ende gelesen hatten. »Der Hund
muss Flamels Stein der Weisen bewachen! Ich wette, Flamel hat Dumbledore
gebeten, ihn sicher aufzubewahren, denn sie sind Freunde, und er wusste, dass
jemand hinter dem Stein her ist. Deshalb wollte er ihn aus Gringotts
herausschaffen!«
»Ein Stein, der Gold erzeugt und dich nie sterben lässt!«, sagte Harry. »Kein
Wunder, dass Snape hinter ihm her ist! Jeder würde ihn haben wollen.«
»Und kein Wunder, dass wir Flamel nicht in den Jüngeren Entwicklungen in der
Zauberei gefunden haben«, sagte Ron. »Er ist nicht gerade der Jüngste, wenn er
sechshundertfünfundsechzig ist, oder?«
Am nächsten Morgen, während sie in Verteidigung gegen die dunklen Künste die
verschiedenen Möglichkeiten, Werwolfbisse zu behandeln, von der Tafel
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 145 von 145
abschrieben, sprachen Harry und Ron immer noch darüber, was sie mit einem Stein
der Weisen anfangen würden, wenn sie einen hätten.
Erst als Ron sagte, er würde sich seine eigene Quidditch-Mannschaft kaufen, fiel
Harry die Sache mit Snape und dem kommenden Spiel wieder ein.
»Ich werde spielen«, sagte er Ron und Hermine. »Wenn nicht, denken alle
Slytherins, ich hätte Angst, es mit Snape aufzunehmen. Ich werd’s ihnen zeigen …
das wird ihnen das Grinsen vom Gesicht wischen, wenn wir gewinnen.«
»Solange wir dich nicht vom Spielfeld wischen müssen«, sagte Hermine.
Je näher jedoch das Spiel rückte, desto nervöser wurde Harry, und mochte er noch
so aufschneiderisch vor Ron und Hermine getan haben. Die anderen Spieler waren
auch nicht gerade gelassen. Die Vorstellung, sie könnten Slytherin in der
Hausmeisterschaft überholen, war traumhaft, denn seit fast sieben Jahren hatte das
keine Mannschaft mehr geschafft, doch würde ein so parteiischer Schiedsrichter das
zulassen?
Harry wusste nicht, ob er es sich nur einbildete, doch ständig und überall lief er
Snape über den Weg. Manchmal fragte er sich sogar, ob Snape ihm vielleicht folgte
und versuchte, ihn irgendwo allein zu erwischen. Die Zaubertrankstunden wurden
allmählich zu einer Art wöchentlicher Folter, so gemein war Snape zu Harry.
Konnte Snape denn eigentlich wissen, dass sie die Geschichte mit dem Stein der
Weisen herausgefunden hatten? Harry konnte sich das nicht vorstellen – doch
manchmal hatte er das fürchterliche Gefühl, Snape könne Gedanken lesen.
Am folgenden Nachmittag wünschten ihm Ron und Hermine viel Glück für das
Spiel, und Harry wusste, dass sie sich fragten, ob sie ihn jemals lebend wiedersehen
würden. Das war nicht gerade tröstlich. Während Harry seinen Quidditch-Umhang
anzog und seinen Nimbus Zweitausend aufnahm, hörte er kaum etwas von den
ermutigenden Worten Woods.
Ron und Hermine hatten inzwischen einen Platz auf den Rängen gefunden, neben
Neville, der nicht verstand, warum sie so grimmig und besorgt aussahen und warum
sie ihre Zauberstäbe zum Spiel mitgebracht hatten. Harry hatte keine Ahnung, dass
Ron und Hermine insgeheim den Beinklammer-Fluch geübt hatten. Auf die Idee
gebracht hatte sie Malfoy, der ihn an Neville ausprobiert hatte, und nun waren sie
bereit, ihn Snape auf den Hals zu jagen, wenn er auch nur die geringsten Anstalten
machte, Harry zu schaden.
»Also, nicht vergessen, es heißt Locomotor Mortis«, murmelte Hermine, während
Ron seinen Zauberstab den Ärmel hochschob.
»Ich weiß«, fauchte Ron. »Nerv mich nicht.«
Unten in der Umkleidekabine hatte Wood Harry zur Seite genommen.
»Ich will dich ja nicht unter Druck setzen, Potter, aber wenn wir je einen schnellen
Schnatz-Fang gebraucht haben, dann jetzt. Bring das Spiel unter Dach und Fach,
ehe Snape anfangen kann, die Hufflepuffs zu bevorzugen.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 146 von 146
»Dort draußen ist die ganze Schule!«, sagte Fred Weasley, der durch die Tür
hinausspähte. »Sogar – mein Gott – Dumbledore ist gekommen!«
Harrys Herz überschlug sich.
»Dumbledore?«, sagte er und stürzte zur Tür, um ihn mit eigenen Augen zu sehen.
Fred hatte Recht. Dieser silberne Bart konnte nur Dumbledore gehören.
Harry hätte vor Erleichterung laut auflachen können. Nun war er sicher. Snape
würde jetzt, da Dumbledore zusah, nicht einmal den Versuch wagen, ihm etwas
anzutun.
Vielleicht sah Snape deshalb so wütend aus, als die Mannschaften auf das
Spielfeld liefen. Auch Ron hatte das bemerkt.
»Ich hab Snape noch nie so böse gucken sehen«, erklärte er Hermine. »Schau –
weg sind sie. Autsch!«
Jemand hatte Ron gegen den Hinterkopf gestoßen. Es war Malfoy.
»Oh, tut mir leid, Weasley, hab dich gar nicht gesehen.«
Mit breitem Grinsen sah Malfoy Crabbe und Goyle an.
»Frag mich, wie lange Potter sich diesmal auf seinem Besen hält? Will jemand
wetten? Wie wär’s mit dir, Weasley?«
Ron antwortete nicht; Snape hatte Hufflepuff gerade einen Strafwurf
zugesprochen, weil George Weasley ihn mit einem Klatscher getroffen hatte.
Hermine, die alle Finger im Schoß gekreuzt hatte, schaute mit zusammengezogenen
Augenbrauen unablässig Harry nach, der wie ein Falke über dem Spiel kreiste und
Ausschau nach dem Schnatz hielt.
»Weißt du eigentlich, wie sie die Leute für die Gryffindor-Mannschaft
aussuchen?«, sagte Malfoy ein paar Minuten später mit lauter Stimme, als Snape
den Hufflepuffs schon wieder einen Strafwurf zusprach, diesmal ganz ohne Grund.
»Sie nehmen Leute, die ihnen leidtun. Seht mal, da ist Potter, der keine Eltern hat,
dann die Weasleys, die kein Geld haben – du solltest auch in der Mannschaft sein,
Longbottom, du hast kein Hirn.«
Neville wurde hellrot, drehte sich jedoch auf seinem Platz herum und sah Malfoy
ins Gesicht.
»Ich bin ein Dutzend von deinesgleichen wert, Malfoy«, stammelte er.
Malfoy, Crabbe und Goyle heulten laut auf vor Lachen, doch Ron, der immer noch
nicht die Augen vom Spiel abzuwenden wagte, sagte: »Gib’s ihm, Neville.«
»Longbottom, wenn Hirn Gold wäre, dann wärst du ärmer als Weasley, und das
will was heißen.«
Rons Nerven waren wegen der Angst um Harry ohnehin schon zum Zerreißen
gespannt.
»Ich warne dich, Malfoy, noch ein Wort –«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 147 von 147
»Ron!«, sagte Hermine plötzlich, »Harry –!«
»Was? Wo?«
Harry war überraschend in einen atemberaubenden Sturzflug gegangen, und ein
Stöhnen und Jubeln drang aus der Menge. Hermine stand auf, die gekreuzten
Finger im Mund, und Harry schoss wie eine Kugel in Richtung Boden.
»Du hast Glück, Weasley, Potter hat offenbar Geld auf dem Boden herumliegen
sehen!«, sagte Malfoy.
Das war zu viel für Ron. Bevor Malfoy wusste, wie ihm geschah, war Ron schon
auf ihm und drückte ihn zu Boden. Neville zögerte erst, dann kletterte er über seine
Sitzlehne, um Ron zu helfen.
»Los, Harry!«, schrie Hermine und sprang auf ihren Sitz, um zu sehen, wie Harry
direkt auf Snape zuraste – sie bemerkte nicht einmal, dass Malfoy und Ron sich
unter ihrem Sitz wälzten, und auch nicht das Stöhnen und Schreien, das aus dem
Knäuel drang, das aus Neville, Crabbe und Goyle bestand.
Oben in der Luft riss Snape seinen Besen gerade rechtzeitig herum, um etwas
Scharlachrotes an ihm vorbeischießen zu sehen, das ihn um Zentimeter verfehlte –
im nächsten Moment hatte Harry seinen Besen wieder in die Waagrechte gebracht;
den Arm triumphierend in die Höhe gestreckt, hielt er den Schnatz fest in der Hand.
Die Zuschauer tobten; das musste ein Rekord sein, niemand konnte sich erinnern,
dass der Schnatz jemals so schnell gefangen worden war.
»Ron! Ron! Wo bist du? Das Spiel ist aus! Harry hat gewonnen! Wir haben
gewonnen! Gryffindor liegt in Führung!«, schrie Hermine, tanzte auf ihrem Sitz
herum und umarmte Parvati Patil in der Reihe vor ihr.
Harry sprang einen Meter über dem Boden von seinem Besen. Er konnte es nicht
glauben. Er hatte es geschafft – das Spiel war zu Ende; es hatte kaum fünf Minuten
gedauert. Gryffindors kamen aufs Spielfeld gerannt, und ganz in der Nähe sah er
Snape landen, mit weißem Gesicht und zusammengekniffenen Lippen – dann spürte
Harry eine Hand auf der Schulter und er sah hoch in das lächelnde Gesicht von
Dumbledore.
»Gut gemacht«, sagte Dumbledore leise, so dass nur Harry es hören konnte.
»Schön, dass du nicht diesem Spiegel nachhängst … hattest was Besseres zu tun …
vortrefflich …«
Snape spuckte mit verbittertem Gesicht auf den Boden.
Einige Zeit später verließ Harry allein den Umkleideraum, um seinen Nimbus
Zweitausend zurück in die Besenkammer zu stellen. Er konnte sich nicht erinnern,
jemals glücklicher gewesen zu sein. Nun hatte er wirklich etwas getan, auf das er
stolz sein durfte – keiner konnte jetzt mehr sagen, er hätte nur einen berühmten
Namen. Die Abendluft hatte noch nie so süß gerochen. Er ging über das feuchte
Gras und sah noch einmal, wie durch einen Schleier von Glück, die letzte Stunde:
die Gryffindors, die herbeigerannt kamen, um ihn auf die Schultern zu nehmen; in
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 148 von 148
der Ferne Hermine, die in die Luft sprang, und Ron, der ihm mit blutverschmierter
Nase zujubelte.
Harry hatte den Schuppen erreicht. Er lehnte sich gegen die Holztür und sah hoch
zum Schloss, dessen Fenster in der untergehenden Sonne rot aufleuchteten.
Gryffindor in Führung. Er hatte es geschafft, er hatte es Snape gezeigt …
Wo er gerade an Snape dachte …
Eine vermummte Gestalt eilte die Schlosstreppen herunter. Offenbar wollte sie
nicht gesehen werden, denn raschen Schrittes ging sie in Richtung des verbotenen
Waldes. Harry sah ihr nach und sein eben errungener Sieg schwand ihm aus dem
Kopf. Er erkannte den raubtierhaften Gang dieser Gestalt: Snape, der sich in den
verbotenen Wald stahl, während die andern beim Abendessen waren – was ging da
vor?
Harry sprang auf seinen Nimbus Zweitausend und stieg empor. Still glitt er über
das Schloss hinweg und sah Snape rennend im Wald verschwinden. Er folgte ihm.
Die Bäume standen so dicht, dass er nicht sehen konnte, wohin Snape gegangen
war. Schleifen drehend ließ er sich weiter sinken. Erst als er die Baumwipfel
berührte, hörte er Stimmen. Er schwebte in die Richtung, aus der sie kamen, und
landete geräuschlos auf einer turmhohen Buche.
Vorsichtig kletterte er an einem ihrer Äste entlang, den Besen fest umklammernd,
und versuchte durch die Blätter hindurch etwas zu erkennen.
Unten, auf einer schattendunklen Lichtung, stand Snape. Doch er war nicht
allein. Neben ihm stand Quirrell. Harry konnte seinen Gesichtsausdruck nicht
erkennen, doch er stotterte schlimmer denn je. Harry spitzte die Ohren, um etwas
von dem zu erhaschen, was sie sagten.
»… w-weiß nicht, warum Sie mich a-a-ausgerechnet hier treffen wollen, Severus
…«
»Oh, ich dachte, das bleibt unter uns«, sagte Snape mit eisiger Stimme. »Die
Schüler sollen schließlich nichts vom Stein der Weisen erfahren.«
Harry lehnte sich weiter vor. Quirrell murmelte etwas. Snape unterbrach ihn.
»Haben Sie schon herausgefunden, wie Sie an diesem Untier von Hagrid
vorbeikommen?«
»A-a-ber, Severus, ich –«
»Sie wollen mich doch nicht zum Feind haben, Quirrell«, sagte Snape und trat
einen Schritt auf ihn zu.
»I-ich weiß nicht, w-was Sie –«
»Sie wissen genau, was ich meine.«
Beim lauten Schrei einer Eule fiel Harry fast aus dem Baum. Er brachte sich noch
rechtzeitig ins Gleichgewicht, um zu hören, wie Snape sagte: »… Ihr kleines
bisschen Hokuspokus. Ich warte.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 149 von 149
»A-aber i-ich –«
»Sehr schön«, unterbrach ihn Snape. »Wir sprechen uns bald wieder, wenn Sie Zeit
hatten, sich die Dinge zu überlegen, und sich im Klaren sind, wem Sie verpflichtet
sind.«
Er warf sich die Kapuze über den Kopf und entfernte sich von der Lichtung. Es
war jetzt fast dunkel, doch Harry konnte Quirrell sehen, der so unbeweglich
dastand, als sei er versteinert.
»Harry, wo hast du gesteckt?«, keifte Hermine.
»Wir haben gewonnen! Du hast gewonnen! Wir haben gewonnen!«, rief Ron und
klatschte Harry auf den Rücken. »Und ich hab Malfoy ein blaues Auge verpasst, und
Neville hat versucht, es allein mit Crabbe und Goyle aufzunehmen! Er ist immer
noch bewusstlos, aber Madam Pomfrey sagt, es wird schon wieder – redet die ganze
Zeit davon, es Slytherin zu zeigen! Im Gemeinschaftsraum warten alle auf dich – wir
machen ein Fest, Fred und George haben ein bisschen Kuchen und was zu trinken
aus der Küche organisiert.«
»Das ist jetzt nicht so wichtig«, sagte Harry außer Atem. »Suchen wir uns erst mal
ein Zimmer, wo wir allein sind, und dann wartet ab, was ich euch erzähle …«
Er sah erst nach, ob Peeves drin war, bevor er die Tür hinter ihnen schloss, und
dann erzählte er ihnen, was er gesehen und gehört hatte.
»Also hatten wir Recht, es ist der Stein der Weisen, und Snape versucht Quirrell
zu zwingen, ihm zu helfen. Er hat ihn gefragt, ob er wüsste, wie er an Fluffy
vorbeikommen kann – und er hat etwas über Quirrells ›Hokuspokus‹ gesagt – ich
wette, es gibt noch mehr außer Fluffy, was den Stein bewacht, eine Menge
Zaubersprüche wahrscheinlich, und Quirrell wird einige Gegenflüche zum Schutz
gegen die schwarze Magie ausgesprochen haben, die Snape durchbrechen muss.«
»Du meinst also, der Stein ist nur sicher, solange Snape Quirrell nicht das
Rückgrat bricht?«, fragte Hermine bestürzt.
»Nächsten Dienstag ist er weg«, meinte Ron.
Norbert, der Norwegische Stachelbuckel
Quirrell musste freilich mutiger sein, als sie dachten. In den folgenden Wochen
schien er zwar blasser und dünner zu werden, doch es sah nicht danach aus, als ob
ihm Snape schon das Rückgrat gebrochen hätte.
Jedes Mal, wenn sie an dem Korridor im dritten Stock vorbeigingen, drückten
Harry, Ron und Hermine die Ohren an die Tür, um zu hören, ob Fluffy dahinter
noch knurrte. Snape huschte in seiner üblichen schlechten Laune umher, was sicher
bedeutete, dass der Stein noch dort lag, wo er hingehörte. Immer wenn Harry in
diesen Tagen an Quirrell vorbeikam, schenkte er ihm ein Lächeln, das ihn
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 150 von 150
aufmuntern sollte, und Ron hatte angefangen die andern dafür zu tadeln, wenn sie
bei Quirrells Stottern lachten.
Hermine jedoch hatte mehr im Kopf als den Stein der Weisen. Sie hatte begonnen
einen Zeitplan für die Wiederholung des Unterrichtsstoffes aufzustellen und ihre
gesamten Notizen mit verschiedenen Farben angestrichen. Harry und Ron hätten
sich nicht darum gekümmert, doch sie lag ihnen ständig damit in den Ohren.
»Hermine, es ist noch eine Ewigkeit bis zu den Prüfungen.«
»Zehn Wochen«, meinte sie barsch. »Das ist keine Ewigkeit, das ist für Nicolas
Flamel nur eine Sekunde.«
»Aber wir sind nicht sechshundert Jahre alt«, erinnerte sie Ron. »Und außerdem,
wozu wiederholst du den Stoff eigentlich, du weißt doch ohnehin alles.«
»Wozu ich wiederhole? Seid ihr verrückt? Euch ist doch klar, dass wir diese
Prüfungen schaffen müssen, um ins zweite Schuljahr zu kommen? Sie sind sehr
wichtig, ich hätte schon vor einem Monat anfangen sollen zu büffeln, ich weiß nicht,
was in mich gefahren ist …«
Unglücklicherweise schienen die Lehrer ganz genauso zu denken wie Hermine.
Sie halsten ihnen eine Unmenge von Hausaufgaben auf, so dass sie in den
Osterferien nicht annähernd so viel Spaß hatten wie noch in den Weihnachtsferien.
Wenn Hermine neben ihnen die zwölf Anwendungen von Drachenblut aufzählte oder
Bewegungen mit dem Zauberstab übte, konnten sie sich kaum entspannen. Harry
und Ron verbrachten den größten Teil ihrer freien Zeit stöhnend und gähnend mit
Hermine in der Bibliothek und versuchten mit ihren vielen zusätzlichen
Hausaufgaben fertig zu werden.
»Das kann ich mir nie merken«, platzte Ron eines Nachmittags los, warf seine
Feder auf den Tisch und ließ den Blick sehnsüchtig aus dem Fenster der Bibliothek
schweifen. Seit Monaten war dies der erste wirklich schöne Tag. Der Himmel war
klar und vergissmeinnichtblau und in der Luft lag ein Hauch des kommenden
Sommers.
Harry, der in Tausend Zauberkräutern und -pilzen nach »Diptam« suchte, sah erst
auf, als er Ron sagen hörte: »Hagrid, was machst du denn in der Bibliothek?«
Hagrid, der in seinem Biberfellmantel hier recht fehl am Platze wirkte, schlurfte
zu ihnen herüber. Hinter dem Rücken hielt er etwas versteckt.
»Nur mal schauen«, sagte er mit unsicherer Stimme, die sogleich ihre Neugier
erregte. »Und wonach schaut ihr denn?« Plötzlich sah er sie misstrauisch an. »Nicht
etwa immer noch nach Nicolas Flamel?«
»Ach was, das haben wir schon ewig lange rausgefunden«, sagte Ron
wichtigtuerisch, »und wir wissen auch, was dieser Hund bewacht, es ist der Stein
der W–«
»Schhhh!«, Hagrid sah rasch nach links und rechts, ob jemand lauschte. »Schreit
das doch nicht so herum, was ist denn los mit euch?«
»Wir wollten dich tatsächlich ein paar Dinge fragen«, sagte Harry, »nämlich was
außer Fluffy noch dazu da ist, diesen Stein zu bewachen –«
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»SCHHHH!«, zischte Hagrid wieder. »Hört mal, kommt später rüber zu mir, ich
versprech euch zwar nicht, dass ich irgendwas erzähle, aber quasselt bloß nicht hier
drin rum, die Schüler sollen’s nämlich nicht wissen. Nachher heißt’s noch, ich hätt’s
euch gesagt –«
»Bis später dann«, sagte Harry.
Hagrid schlurfte davon.
»Was hat er hinter dem Rücken versteckt?«, sagte Hermine nachdenklich.
»Glaubt ihr, es hat was mit dem Stein zu tun?«
»Ich seh mal nach, in welcher Abteilung er war«, sagte Ron, der vom Arbeiten
genug hatte. Eine Minute später kam er mit einem Stapel Bücher in den Armen
zurück und ließ sie auf den Tisch knallen.
»Drachen!«, flüsterte er. »Hagrid hat nach Büchern über Drachen gesucht! Seht
mal: Drachenarten Großbritanniens und Irlands; Vom Ei zum Inferno: Ein
Handbuch für Drachenhalter.«
»Hagrid wollte immer einen Drachen haben, das hat er mir schon gesagt, als wir
uns zum ersten Mal begegnet sind«, sagte Harry.
»Aber das ist gegen unsere Gesetze«, sagte Ron. »Der Zaubererkonvent von 1709
hat die Drachenzucht verboten, das weiß doch jedes Kind. Die Muggel merken es
doch gleich, wenn wir Drachen im Garten hinter dem Haus halten – außerdem kann
man Drachen nicht zähmen, es ist zu gefährlich. Du solltest mal sehen, wie sich
Charlie bei den wilden Drachen in Rumänien verbrannt hat.«
»Aber es gibt doch keine wilden Drachen in Großbritannien?«, fragte Harry.
»Natürlich gibt es welche«, sagte Ron. »Den Gemeinen Walisischen Grünling und
den Schwarzen Hebriden. Das Zaubereiministerium hat alle Hände voll zu tun, das
zu vertuschen, kann ich euch sagen. Unsere Leute müssen die Muggel, die welche
gesehen haben, ständig mit Zaubersprüchen verhexen, damit sie es wieder
vergessen.«
»Und was in aller Welt hat dann Hagrid vor?«, sagte Hermine.
Als sie eine Stunde später vor der Hütte des Wildhüters standen und an die Tür
klopften, bemerkten sie überrascht, dass alle Vorhänge zugezogen waren. Hagrid
rief: »Wer da?«, bevor er sie einließ und rasch die Tür hinter ihnen schloss.
Drinnen war es unerträglich heiß. Obwohl es draußen warm war, loderte ein
Feuer im Kamin. Hagrid machte ihnen Tee und bot ihnen Wiesel-Sandwiches an, die
sie ablehnten.
»Nun, ihr wolltet mich was fragen?«
»Ja«, sagte Harry. Es machte keinen Sinn, um den heißen Brei herumzureden.
»Wir haben uns gefragt, ob du uns sagen kannst, was den Stein der Weisen außer
Fluffy sonst noch schützt.«
Hagrid sah ihn missmutig an.
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»Kann ich natürlich nicht«, sagte er. »Erstens weiß ich es selbst nicht. Zweitens
wisst ihr schon zu viel, und deshalb würd ich nichts sagen, selbst wenn ich könnte.
Der Stein ist aus einem guten Grund hier. Aus Gringotts ist er fast gestohlen
worden – ich nehm an, das habt ihr auch schon rausgefunden? Das haut mich
allerdings um, dass ihr sogar von Fluffy wisst.«
»Ach, hör mal, Hagrid, du willst es uns vielleicht nicht sagen, aber du weißt es, du
weißt alles, was hier vor sich geht«, sagte Hermine mit warmer, schmeichelnder
Stimme. Hagrids Bart zuckte, und sie konnten erkennen, dass er lächelte. »Wir
fragen uns nur, wer für die Bewachung verantwortlich war.« Hermine drängte
weiter. »Wir fragen uns, wem Dumbledore genug Vertrauen entgegenbringt, um ihn
um Hilfe zu bitten, abgesehen natürlich von dir.«
Bei ihren letzten Worten schwoll Hagrids Brust an. Harry und Ron strahlten zu
Hermine hinüber.
»Nun gut, ich denk nicht, dass es schadet, wenn ich euch das erzähl … lasst mal
sehen … er hat sich Fluffy von mir geliehen … dann haben ein paar von den Lehrern
Zauberbanne drübergelegt … Professor Sprout, Professor Flitwick, Professor
McGonagall«, er zählte sie an den Fingern ab, »Professor Quirrell, und Dumbledore
selbst hat natürlich auch was unternommen. Wartet mal, ich hab jemanden
vergessen. Ach ja, Professor Snape.«
»Snape?«
»Ja, ihr seid doch nicht etwa immer noch hinter dem her? Seht mal, Snape hat
geholfen, den Stein zuschützen, da wird er ihn doch nicht stehlen wollen.«
Harry wusste, dass Ron und Hermine dasselbe dachten wie er. Wenn Snape dabei
gewesen war, als sie den Stein mit den Zauberbannen umgaben, musste es ein
Leichtes für ihn gewesen sein, herauszufinden, wie die andern ihn geschützt hatten.
Wahrscheinlich wusste er alles, außer, wie es schien, wie er Quirrells Zauberbann
brechen und an Fluffy vorbeikommen sollte.
»Du bist der Einzige, der weiß, wie man an Fluffy vorbeikommt, nicht wahr,
Hagrid?«, fragte Harry begierig. »Und du würdest es niemandem erzählen, oder,
nicht mal einem der Lehrer?«
»Kein Mensch weiß es außer mir und Dumbledore«, sagte Hagrid stolz.
»Nun, das ist schon mal was«, murmelte Harry den andern zu. »Hagrid, könnten
wir ein Fenster aufmachen? Ich komme um vor Hitze.«
»Geht nicht, Harry, tut mir leid«, sagte Hagrid. Harry sah, wie er einen Blick zum
Feuer warf. Auch Harry sah hinüber.
»Hagrid – was ist das denn?«
Doch er wusste schon, was es war. Unter dem Kessel, im Herzen des Feuers, lag
ein riesiges schwarzes Ei.
»Ähem«, brummte Hagrid und fummelte nervös an seinem Bart. »Das … ähm…«
»Wo hast du es her, Hagrid?«, sagte Ron und beugte sich über das Feuer, um sich
das Ei näher anzusehen. »Es muss dich ein Vermögen gekostet haben.«
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»Hab’s gewonnen«, sagte Hagrid. »Letzte Nacht. War unten im Dorf, hab mir ein
oder zwei Gläschen genehmigt und mit ’nem Fremden ein wenig Karten gezockt.
Glaube, er war ganz froh, dass er es losgeworden ist, um ehrlich zu sein.«
»Aber was fängst du damit an, wenn es ausgebrütet ist?«, fragte Hermine.
»Na ja, ich hab ’n bisschen was gelesen«, sagte Hagrid und zog ein großes Buch
unter seinem Kissen hervor. »Aus der Bibliothek – Drachenzucht für Haus und Hof –
ist ein wenig veraltet, klar, aber da steht alles drin. Das Ei muss im Feuer bleiben,
weil die Mütter es beatmen, seht ihr, und wenn es ausgeschlüpft ist, füttern sie es
alle halbe Stunde mit einem Eimer voll Schnaps und Hühnerblut. Und da, schaut,
wie man die Drachen an den Eiern erkennt – was ich hier habe, ist ein Norwegischer
Stachelbuckel. Sind selten, die Stachelbuckel.«
Hagrid sah sehr zufrieden aus; Hermine allerdings nicht.
»Hagrid, du lebst in einer Holzhütte«, sagte sie.
Doch er hörte sie nicht. Vergnügt summend stocherte er im Feuer herum.
Nun gab es also noch etwas, um das sie sich Sorgen machen mussten: Was sollte mit
Hagrid geschehen, wenn jemand herausfand, dass er einen gesetzlich verbotenen
Drachen in seiner Hütte versteckte?
»Frag mich, wie es ist, wenn man ein geruhsames Leben führt«, seufzte Ron, als
sie sich Abend für Abend durch all die zusätzlichen Hausaufgaben quälten. Hermine
hatte inzwischen begonnen, auch für Harry und Ron Stundenpläne für die
Wiederholungen auszuarbeiten. Das machte die beiden fuchsteufelswild.
Eines Tages dann, sie waren gerade beim Frühstück, brachte Hedwig wieder
einen Zettel von Hagrid. Er hatte nur zwei Worte geschrieben: Er schlüpft.
Ron wollte Kräuterkunde schwänzen und schnurstracks hinunter zur Hütte
gehen, doch Hermine mochte nichts davon hören.
»Hermine, wie oft im Leben sehen wir noch einen Drachen schlüpfen?«
»Wir haben Unterricht, das gibt nur Ärger, und das ist nichts im Vergleich zu
dem, was Hagrid erwartet, wenn jemand herausfindet, was er da treibt –«
»Sei still!«, flüsterte Harry.
Nur ein paar Meter entfernt war Malfoy wie angewurzelt stehen geblieben, um zu
lauschen. Wie viel hatte er gehört? Malfoys Gesichtsausdruck gefiel Harry
überhaupt nicht.
Ron und Hermine stritten sich auf dem ganzen Weg zur Kräuterkunde, und
schließlich ließ sich Hermine breitschlagen, während der großen Pause zu Hagrid zu
laufen. Als am Ende der Stunde die Schlossglocke läutete, warfen die drei sofort ihre
Kellen hin und rannten über das Schlossgelände zum Waldrand. Hagrid begrüßte
sie mit vor Aufregung rotem Gesicht.
»Es ist schon fast raus.« Er schob sie hinein.
Das Ei lag auf dem Tisch. Es hatte tiefe Risse. Etwas in seinem Innern bewegte
sich; ein merkwürdiges Knacken war zu hören.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 154 von 154
Sie stellten ihre Stühle um den Tisch herum und sahen mit angehaltenem Atem
zu.
Mit einem plötzlichen lauten Kratzen riss das Ei auf. Das Drachenbaby plumpste
auf den Tisch. Es war nicht gerade hübsch; Harry kam es vor wie ein
verschrumpelter schwarzer Schirm. Seine knochigen Flügel waren riesig im
Vergleich zu seinem dünnhäutigen rabenschwarzen Körper, es hatte eine lange
Schnauze mit weit geöffneten Nüstern, kleine Hornstummel und hervorquellende
orangerote Augen.
Es nieste. Aus seiner Schnauze flogen ein paar Funken.
»Ist es nicht schön?«, murmelte Hagrid. Er streckte die Hand aus, um den Kopf
des Drachenbabys zu streicheln. Es schnappte nach seinen Fingern und zeigte dabei
seine spitzen Fangzähne.
»Du meine Güte, es kennt seine Mammi!«
»Hagrid«, sagte Hermine, »wie schnell wachsen eigentlich Norwegische
Stachelbuckel?«
Hagrid wollte gerade antworten, als mit einem Mal die Farbe aus seinem Gesicht
wich – er sprang auf und rannte ans Fenster.
»Was ist los?«
»Jemand hat durch den Spalt in den Vorhängen reingeschaut, ein Junge, er rennt
zurück zur Schule.«
Harry sprang zur Tür und sah hinaus. Selbst auf diese Entfernung gab es keinen
Zweifel, wer es war.
Malfoy hatte den Drachen gesehen.
Etwas an dem Lächeln, das die ganze nächste Woche über auf Malfoys Gesicht
hängen blieb, machte Harry, Ron und Hermine sehr nervös. Ihre freie Zeit
verbrachten sie größtenteils in Hagrids abgedunkelter Hütte, wo sie versuchten ihm
Vernunft beizubringen.
»Lass ihn einfach laufen«, drängte Harry. »Lass ihn frei.«
»Ich kann nicht«, sagte Hagrid. »Er ist zu klein. Er würde sterben.«
Sie sahen den Drachen an. In nur einer Woche war er um das Dreifache
gewachsen. Aus seinen Nüstern schwebten kleine Rauchkringel hervor. Hagrid
vernachlässigte schon seine Pflichten als Wildhüter, denn der Drache nahm ihn
ständig in Anspruch. Auf dem Boden verstreut lagen Hühnerfedern und leere
Schnapsflaschen.
»Ich will ihn Norbert nennen«, sagte Hagrid und blickte den Drachen mit feuchten
Augen an. »Er kennt mich jetzt ganz gut, seht mal her. Norbert! Norbert! Wo ist die
Mammi?«
»Er hat nicht mehr alle Tassen im Schrank«, murmelte Ron in Harrys Ohr.
»Hagrid«, sagte Harry laut, »gib Norbert noch zwei Wochen und er ist so lang wie
dein Haus. Malfoy könnte jeden Augenblick zu Dumbledore gehen.«
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Hagrid biss sich auf die Unterlippe.
»Ich … ich weiß, ich kann ihn nicht ewig behalten, aber ich kann ihn auch nicht
einfach aussetzen, das kann ich einfach nicht.«
Harry wandte sich jäh zu Ron um.
»Charlie«, sagte er.
»Du hast sie auch nicht mehr alle«, sagte Ron. »Ich bin Ron, weißt du noch?«
»Nein, Charlie, dein Bruder Charlie. In Rumänien. Der Drachenforscher. Wir
könnten ihm Norbert schicken. Charlie kann sich um ihn kümmern und ihn dann in
die Wildnis aussetzen!«
»Einfach genial!«, sagte Ron. »Wie wär’s damit, Hagrid?«
Und am Ende war Hagrid einverstanden, Charlie eine Eule zu schicken und ihn
zu fragen.
Die nächste Woche schleppte sich zäh dahin. Mittwochabend, nachdem die andern
zu Bett gegangen waren, saßen Hermine und Harry noch lange im
Gemeinschaftszimmer. Die Wanduhr hatte gerade Mitternacht geschlagen, als das
Porträt zur Seite sprang. Ron ließ Harrys Tarnumhang fallen und erschien aus dem
Nichts. Er war unten in Hagrids Hütte gewesen und hatte ihm geholfen, Norbert zu
füttern, der inzwischen körbeweise tote Ratten verschlang.
»Er hat mich gebissen!«, sagte er und zeigte ihnen seine Hand, die mit einem
blutigen Taschentuch umwickelt war. »Ich werd eine ganze Woche lang keine Feder
mehr halten können. Ich sag euch, dieser Drache ist das fürchterlichste Tier, das ich
je gesehen hab, aber so wie Hagrid es betüttelt, könnte man meinen, es sei ein
niedliches, kleines Schmusehäschen. Nachdem er mich gebissen hat, hat Hagrid mir
auch noch vorgeworfen, ich hätte dem Kleinen Angst gemacht. Und als ich zur Tür
raus bin, hat er ihm gerade ein Schlaflied gesungen.«
Am dunklen Fenster kratzte etwas.
»Es ist Hedwig!«, sagte Harry und lief rasch hinüber, um sie einzulassen. »Sie hat
bestimmt Charlies Antwort!«
Mit zusammengesteckten Köpfen lasen sie den Brief.
Lieber Ron,
wie geht es dir? Danke für den Brief – den Norwegischen Stachelbuckel würde ich
gerne nehmen, aber es wird nicht leicht sein, ihn hierher zu bringen. Ich glaube, das
Beste ist, ihn ein paar Freunden von mir mitzugeben, die mich nächste Woche
besuchen kommen. Das Problem ist, dass sie nicht dabei gesehen werden dürfen,
wenn sie einen gesetzlich verbotenen Drachen mitnehmen.
Könntest du den Stachelbuckel am Samstag um Mitternacht auf den höchsten Turm
setzen? Sie können dich dort treffen und ihn mitnehmen, während es noch dunkel
ist.
Schick mir deine Antwort so bald wie möglich.
Herzlichst
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Charlie
Sie sahen einander an.
»Wir haben den Tarnumhang«, sagte Harry. »Das wird nicht so schwierig sein –
ich glaube, er ist groß genug, um zwei von uns und Norbert zu verstecken.«
Dass die anderen beiden ihm zustimmten, war ein Zeichen dafür, wie
mitgenommen sie von der vergangenen Woche waren. Sie würden alles tun, um
Norbert loszuwerden – und Malfoy dazu.
Einen Haken gab es freilich. Am nächsten Morgen war Rons verletzte Hand auf die
doppelte Größe angeschwollen. Er wusste nicht, ob es ratsam war, zu Madam
Pomfrey zu gehen – würde sie einen Drachenbiss erkennen? Es wurde Nachmittag
und nun hatte er keine andere Wahl mehr. Der Biss hatte eine hässliche grüne
Färbung angenommen. Es sah so aus, als ob Norberts Reißzähne giftig waren.
Am Abend rannten Harry und Hermine in den Krankenflügel, wo sie Ron in
fürchterlichem Zustand im Bett vorfanden.
»Es ist nicht nur meine Hand«, flüsterte er, »auch wenn die sich anfühlt, als ob sie
gleich abfallen würde. Malfoy hat Madam Pomfrey gesagt, er wolle sich eines meiner
Bücher borgen, und so konnte er reinkommen und mich in aller Ruhe auslachen. Er
hat gedroht, ihr zu sagen, was mich wirklich gebissen hat – ich hab ihr gesagt, es sei
ein Hund gewesen, aber ich glaube nicht, dass sie mir glaubt – ich hätte ihn beim
Quidditch-Spiel nicht verprügeln sollen, deshalb macht er das.«
Harry und Hermine versuchten Ron zu beruhigen.
»Bis Samstag um Mitternacht ist alles vobei«, sagte Hermine, doch das besänftigte
Ron überhaupt nicht. Im Gegenteil, mit einem Mal saß er kerzengerade im Bett und
brach in Schweiß aus.
»Samstag um Mitternacht!«, sagte er mit heiserer Stimme. »O nein, o nein, mir
fällt gerade ein, Charlies Brief war in dem Buch, das Malfoy mitgenommen hat, er
weiß, dass wir uns Norbert vom Hals schaffen wollen.«
Harry und Hermine konnten darauf nichts mehr entgegnen. Gerade in diesem
Moment kam Madam Pomfrey ins Zimmer und bat sie zu gehen, denn Ron brauche
etwas Schlaf.
»Es ist zu spät, um den Plan jetzt noch zu ändern«, sagte Harry zu Hermine. »Das
wird wohl die einzige Chance sein, Norbert loszuwerden, und wir haben jetzt nicht
die Zeit, um Charlie noch eine Eule zu schicken. Wir müssen es riskieren. Und wir
haben schließlich den Tarnumhang, von dem weiß Malfoy nichts.«
Sie gingen zu Hagrid, um ihm ihren Plan zu erzählen, und fanden Fang, den
Saurüden, mit verbundenem Schwanz vor der Hütte sitzen. Hagrid öffnete ein
Fenster, um mit ihnen zu sprechen.
»Ich kann euch jetzt nicht reinlassen«, schnaufte er, »Norbert ist in einer
schwierigen Phase, aber damit werd ich schon fertig.«
Sie erzählten ihm von Charlies Brief, und seine Augen füllten sich mit Tränen,
wenn auch vielleicht nur deshalb, weil Norbert ihn gerade ins Bein gebissen hatte.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 157 von 157
»Aaah! Schon gut, er hat nur meinen Stiefel – spielt nur – schließlich ist er noch
ein Baby.«
Das Baby knallte mit dem Schwanz gegen die Wand und ließ die Fenster klirren.
Harry und Hermine gingen zum Schloss zurück mit dem Gefühl, der Samstag könne
gar nicht schnell genug kommen.
Für Hagrid wurde es allmählich Zeit, sich von Norbert zu verabschieden, und er
hätte ihnen leidgetan, wenn sie nicht so aufgeregt überlegt hätten, wie sie am
besten vorgehen sollten. Es war eine sehr dunkle, wolkige Nacht, und als sie bei
Hagrid ankamen, war es schon ein bisschen spät. Sie hatten in der Eingangshalle
warten müssen, bis Peeves, der Tennis gegen die Wand spielte, den Weg frei machte.
Hagrid hatte Norbert schon in einen großen Korb gepackt.
»Er hat ’ne Menge Ratten und ein wenig Schnaps für die Reise«, sagte er mit
dumpfer Stimme. »Und ich hab seinen Teddybären eingepackt, falls er sich einsam
fühlt.«
Aus dem Korb drang ein schauriges Geräusch, und Harry kam es vor, als ob dem
Teddybären gerade der Kopf abgerissen würde.
»Mach’s gut, Norbert«, schluchzte Hagrid, als Harry und Hermine den Korb mit
dem Tarnumhang bedeckten und dann selbst darunterschlüpften. »Mammi wird
dich nie vergessen!«
Wie sie es schafften, den Korb zum Schloss hochzubringen, wussten sie selbst
nicht. Mitternacht rückte tickend näher, während sie Norbert die Marmorstufen zur
Eingangshalle emporhievten und die dunklen Korridore entlangschleppten. Noch
eine Treppe hoch und noch eine – selbst eine von Harrys Abkürzungen machte die
Arbeit nicht viel leichter.
»Gleich da«, keuchte Harry, als sie den Gang zum höchsten Turm erreicht hatten.
Vor ihnen bewegte sich etwas und vor Schreck ließen sie beinahe den Korb fallen.
Dass sie unsichtbar waren, hatten sie ganz vergessen, und so verdrückten sie sich in
die Schatten und starrten auf die dunklen Umrisse zweier Gestalten, die drei Meter
entfernt miteinander rangen. Eine Lampe flammte auf.
Professor McGonagall, ein Haarnetz über dem Kopf und in einen Morgenmantel
mit Schottenmuster gehüllt, hielt Malfoy am Ohr gepackt.
»Strafarbeit!«, rief sie. »Und zwanzig Punkte Abzug für Slytherin! Mitten in der
Nacht umherschleichen, wie können Sie es wagen –«
»Sie verstehen nicht, Professor, Harry Potter ist auf dem Weg – er hat einen
Drachen!«
»Was für ein ausgemachter Unsinn! Woher nehmen Sie die Stirn, mir solche
Lügen zu erzählen! Kommen Sie, ich werde mit Professor Snape über Sie sprechen,
Malfoy!«
Die steile Wendeltreppe zur Spitze des Turms schien danach die leichteste Übung
der Welt. Erst als sie in die kalte Nachtluft hinausgetreten waren, warfen sie den
Mantel ab, froh, endlich wieder frei atmen zu können. Hermine legte einen kleinen
Stepptanz hin.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 158 von 158
»Malfoy bekommt eine Strafarbeit! Ich könnte singen vor Freude!«
»Tu’s lieber nicht«, riet ihr Harry.
Beim Warten machten sie sich über Malfoy lustig, während Norbert in seinem
Korb tobte. Zehn Minuten vergingen und dann kamen vier Besen aus der
Dunkelheit herabgeschwebt.
Charlies Freunde waren ein lustiges Völkchen. Sie zeigten Harry und Hermine
das Geschirr, das sie für Norbert zusammengebastelt hatten, so dass sie ihn
zwischen sich aufhängen konnten. Alle zusammen halfen, Norbert sicher darin
unterzubringen, dann schüttelten Harry und Hermine den andern die Hände und
dankten ihnen herzlich.
Endlich war Norbert auf dem Weg … fort … fort … verschwunden.
Sie schlichen die Wendeltreppe wieder hinab, nun, da Norbert fort war, mit
Herzen so leicht wie ihre Hände. Kein Drache mehr, Malfoy bekam eine Strafarbeit,
was konnte ihr Glück jetzt noch stören?
Die Antwort darauf wartete am Fuß der Treppe. Als sie in den Korridor traten,
erschien aus der Dunkelheit plötzlich das Gesicht von Filch.
»Schön, schön, schön«, flüsterte er. »Jetzt haben wir wirklich ein Problem.«
Oben auf dem Turm lag der Tarnumhang.
Der verbotene Wald
Es hätte nicht schlimmer kommen können.
Filch brachte sie hinunter ins Erdgeschoss ins Studierzimmer von Professor
McGonagall, und da saßen sie und warteten, ohne ein Wort miteinander zu reden.
Hermine zitterte. Ausreden, Alibis und hanebüchene Vertuschungsgeschichten
schossen Harry durch den Kopf, die eine kläglicher als die andere. Diesmal konnte
er sich nicht vorstellen, wie sie sich aus diesem Schlamassel herauswinden sollten.
Sie saßen in der Falle. Wie konnten sie nur so dumm sein und den Umhang
vergessen? Professor McGonagall würde aus keinem Grund der Welt gutheißen, dass
sie nicht im Bett lagen und in tiefster Nacht in der Schule umherschlichen,
geschweige denn, dass sie auf dem höchsten Turm waren, der, außer im Astronomie-
Unterricht, für sie verboten war. Wenn sie dann noch von Norbert und dem
Tarnumhang erfahren hatte, konnten sie genauso gut schon ihre Koffer packen.
Hatte Harry geglaubt, noch schlimmer könne es nicht kommen? Welch ein Irrtum.
Als Professor McGonagall auftauchte, hatte sie Neville im Schlepptau.
»Harry!«, platzte Neville los, kaum dass er die beiden erblickt hatte, »ich hab
versucht dich zu finden, weil ich dich warnen wollte, Malfoy hat nämlich gesagt, du
hättest einen Dra–«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 159 von 159
Harry schüttelte heftig den Kopf, um Neville zum Schweigen zu bringen, doch
Professor McGonagall hatte ihn gesehen. Sie baute sich vor den dreien auf und sah
aus, als könne sie besser Feuer spucken als Norbert.
»Das hätte ich von keinem von Ihnen je geglaubt. Mr Filch sagt, Sie seien auf dem
Astronomieturm gewesen. Es ist ein Uhr morgens. Erklären Sie mir das bitte.«
Zum ersten Mal fand Hermine keine Antwort auf die Frage eines Lehrers. Sie
starrte auf ihre Pantoffeln, stumm wie eine Statue.
»Ich glaube, ich weiß ganz gut, was geschehen ist«, sagte Professor McGonagall.
»Es braucht kein Genie, um das herauszufinden. Sie haben Draco Malfoy irgendeine
haarsträubende Geschichte über einen Drachen aufgebunden, um ihn aus dem Bett
zu locken und in Schwierigkeiten zu bringen. Ich habe ihn bereits erwischt. Ich
nehme an, Sie finden es auch noch lustig, dass Longbottom hier etwas
aufgeschnappt hat und daran glaubt?«
Harry versuchte dem verdutzt und beleidigt dreinblickenden Neville in die Augen
zu schauen und ihm stumm zu bedeuten, dass dies nicht stimmte. Der arme,
tollpatschige Neville – Harry wusste, was es ihn gekostet haben musste, sie im
Dunkeln zu suchen, um sie zu warnen.
»Ich bin sehr enttäuscht«, sagte Professor McGonagall. »Vier Schüler aus dem Bett
in einer Nacht! Das ist mir noch nie untergekommen. Miss Granger, wenigstens Sie
hätte ich für vernünftiger gehalten. Was Sie angeht, Mr Potter, so hätte ich gedacht,
Gryffindor bedeutete Ihnen mehr als alles andere. Sie alle werden Strafarbeiten
bekommen – ja, auch Sie, Mr Longbottom, nichts gibt Ihnen das Recht, nachts in der
Schule umherzustromern, besonders dieser Tage ist es gefährlich – und fünfzig
Punkte Abzug für Gryffindor.«
»Fünfzig?« Harry verschlug es den Atem. Sie würden die Führung verlieren, die er
noch im letzten Quidditch-Spiel erobert hatte.
»Fünfzig Punkte für jeden«, schnaubte Professor McGonagall durch ihre lange,
spitze Nase.
»Professor – bitte –«
»Sie können doch nicht –«
»Sagen Sie mir nicht, was ich kann und was nicht, Potter. Gehen Sie jetzt wieder
zu Bett, Sie alle. Ich habe mich noch nie dermaßen für Schüler von Gryffindor
geschämt.«
Einhundertfünfzig Punkte verloren. Damit lag Gryffindor auf dem letzten Platz.
In einer Nacht hatten sie alle Chancen auf den Hauspokal zunichtegemacht. Harry
hatte das Gefühl, als hätte sich ein riesiges Loch in seinem Magen aufgetan. Wie
konnten sie das jemals wiedergutmachen?
Harry tat die ganze Nacht kein Auge zu. Stundenlang, so kam es ihm vor, hörte er
Neville in sein Kissen schluchzen. Ihm fiel nichts ein, womit er ihn hätte trösten
können. Er wusste, dass Neville, wie ihm selbst, angst und bange war vor dem
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Morgen. Was würde geschehen, wenn die anderen aus ihrem Haus erfuhren, was sie
getan hatten?
Als die Gryffindors am nächsten Morgen an den riesigen Stundengläsern
vorbeigingen, welche die Hauspunkte anzeigten, dachten sie zunächst, es müsse ein
Irrtum passiert sein. Wie konnten sie plötzlich hundertfünfzig Punkte weniger
haben als gestern? Und dann verbreitete sich allmählich die Geschichte: Harry
Potter, der berühmte Harry Potter, ihr Held aus zwei Quidditch-Spielen, hatte ihnen
das eingebrockt, er und ein paar andere dumme Erstklässler.
Harry, bisher einer der beliebtesten und angesehensten Schüler, war nun der
meistgehasste. Selbst Ravenclaws und Hufflepuffs wandten sich gegen ihn, denn
alle hatten sich darauf gefreut, dass Slytherin den Hauspokal diesmal nicht
erringen würde. Überall, wo Harry auftauchte, deuteten die Schüler auf ihn und
machten sich nicht einmal die Mühe, ihre Stimmen zu senken, wenn sie ihn
beleidigten. Die Slytherins dagegen klatschten in die Hände, wenn er vorbeiging, sie
pfiffen und johlten: »Danke, Potter, wir schulden dir noch was!«
Nur Ron hielt zu ihm.
»In ein paar Wochen haben sie es alle vergessen. Fred und George haben während
ihrer ganzen Zeit hier ’ne Unmenge Punkte verloren, aber die Leute mögen sie
trotzdem noch.«
»Sie haben nie hundertfünfzig Punkte auf einmal verloren, oder?«, sagte Harry
niedergeschlagen.
»Nun – nein«, gab Ron zu.
Es war ein wenig zu spät, um den Schaden wiedergutzumachen, doch Harry
schwor sich, von nun an würde er sich nie mehr in Dinge einmischen, die ihn nichts
angingen. Vom Herumstromern und Spionieren hatte er die Nase voll. Er schämte
sich so sehr, dass er zu Wood ging und ihm seinen Rücktritt aus der Mannschaft
anbot.
»Rücktritt?«, donnerte Wood. »Wozu soll das gut sein? Wie sollen wir denn jemals
wieder Punkte gutmachen, wenn wir nicht mehr beim Quidditch gewinnen können?«
Doch selbst Quidditch machte keinen Spaß mehr. Die anderen Spieler wollten
beim Training nicht mit Harry sprechen, und wenn sie über ihn reden mussten,
nannten sie ihn »den Sucher«.
Auch Hermine und Neville ging es nicht gut. Nicht so schlecht wie Harry zwar,
weil sie nicht so bekannt waren, doch auch mit ihnen wollte keiner mehr sprechen.
Im Unterricht mochte Hermine nicht mehr auf sich aufmerksam machen, sie ließ
den Kopf hängen und arbeitete still vor sich hin.
Harry war beinahe froh, dass die Prüfungen vor der Tür standen. Die ganzen
Wiederholungen, die nötig waren, lenkten ihn von seinem Elend ab. Er, Ron und
Hermine blieben unter sich und mühten sich bis spät in den Abend, sich die Zutaten
komplizierter Gebräue in Erinnerung zu rufen, sich Zaubersprüche und
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Zauberbanne einzuprägen und die Jahreszahlen großer Entdeckungen in der
Zauberei und von Koboldaufständen auswendig zu lernen …
Dann, etwa eine Woche bevor die Prüfungen beginnen sollten, wurde Harrys
jüngster Entschluss, seine Nase nicht in Dinge zu stecken, die ihn nichts angingen,
unerwartet auf die Probe gestellt. Eines Nachmittags, auf dem Rückweg von der
Bibliothek, hörte er in einem der Klassenzimmer vor ihm jemanden wimmern. Er
ging weiter und hörte Quirrells Stimme.
»Nein – nein – nicht schon wieder, bitte –«
Es klang, als würde ihm jemand drohen. Harry trat sachte näher.
»Gut – schon gut –«, hörte er Quirrell schluchzen.
Im nächsten Moment kam Quirrell, seinen Turban richtend, aus dem
Klassenzimmer gestürzt. Er war blass und sah aus, als würde er gleich in Tränen
ausbrechen. Raschen Schrittes verschwand er; Harry hatte nicht das Gefühl, dass er
ihn bemerkt hatte. Er wartete, bis Quirrells Schritte verklungen waren, und spähte
dann in das Klassenzimmer. Es war leer, doch am andern Ende war eine Tür weit
geöffnet. Harry war schon auf halbem Wege dorthin, als ihm einfiel, dass er sich
vorgenommen hatte, sich nicht mehr in fremde Angelegenheiten zu mischen.
Dennoch: Zwölf Steine der Weisen hätte er gewettet, dass es Snape war, der
soeben das Zimmer verlassen hatte, und nach dem zu schließen, was Harry
mitgehört hatte, gewiss mit federnden Schritten. Quirrell schien nun doch
nachgegeben zu haben.
Harry ging zurück in die Bibliothek, wo Hermine Ron in Astronomie abfragte.
Harry berichtete ihnen, was er gehört hatte.
»Snape hat es also geschafft!«, sagte Ron. »Wenn Quirrell ihm gesagt hat, wie er
seinen Schutzzauber gegen die schwarze Magie brechen kann –«
»Da ist allerdings immer noch Fluffy«, sagte Hermine.
»Vielleicht hat Snape herausgefunden, wie er an ihm vorbeikommt, ohne Hagrid
zu fragen«, sagte Ron und ließ den Blick über die Unmenge von Büchern gleiten, die
sie umgaben. »Ich wette, irgendwo hier drin gibt es ein Buch, das erklärt, wie man
an einem riesigen dreiköpfigen Hund vorbeikommt. Also, was sollen wir tun,
Harry?«
In Rons Augen erschien wieder das Funkeln kommender Abenteuer, doch
Hermine antwortete, noch bevor Harry den Mund aufmachen konnte.
»Zu Dumbledore gehen. Das hätten wir schon vor Ewigkeiten tun müssen. Wenn
wir selbst irgendwas unternehmen, werden wir am Ende sicher noch rausgeworfen.«
»Aber wir haben keinen Beweis!«, sagte Harry. »Quirrell hat zu viel Angst, um sich
auf unsere Seite zu schlagen. Snape muss nur behaupten, er wisse nicht, wie der
Troll an Halloween hereingekommen ist, und sei überhaupt nicht im dritten Stock
gewesen – wem glauben sie wohl, uns oder ihm? Es ist ein offenes Geheimnis, dass
wir ihn nicht ausstehen können, Dumbledore wird denken, wir hätten die
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 162 von 162
Geschichte erfunden, damit er Snape rauswirft. Filch würde uns auch nicht helfen,
und wenn es um sein Leben ginge, er ist zu gut mit Snape befreundet, und je mehr
Schüler rausgeworfen werden, desto besser, wird er denken. Und vergiss nicht, wir
sollten eigentlich gar nichts über den Stein oder Fluffy wissen. Da müssen wir eine
Menge erklären.«
Hermine sah überzeugt aus, Ron jedoch nicht.
»Und wenn wir nur ein wenig rumstöbern –«
»Nein«, sagte Harry matt, »wir haben genug rumgestöbert.«
Er entfaltete eine Karte des Jupiters und begann die Namen seiner Monde
auswendig zu lernen.
Am Morgen darauf beim Frühstück wurden Harry, Hermine und Neville Briefe
zugestellt. Sie lauteten alle gleich:
Ihre Strafarbeit beginnt um elf Uhr heute Abend.
Sie treffen Mr Filch in der Eingangshalle.
Prof. M. McGonagall
In der ganzen Aufregung über die verlorenen Punkte hatte Harry ganz vergessen,
dass sie noch Strafarbeiten vor sich hatten. Gleich würde Hermine klagen, wieder
sei eine ganze Nacht für die Wiederholungen verloren, doch sie sagte kein Wort. Wie
Harry hatte sie das Gefühl, nichts Besseres verdient zu haben.
Um elf Uhr an diesem Abend verabschiedeten sie sich im Gemeinschaftsraum von
Ron und gingen mit Neville hinunter in die Eingangshalle. Filch wartete schon –
und Malfoy. Harry hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass es auch Malfoy
erwischt hatte.
»Folgt mir«, sagte Filch, zündete eine Laterne an und führte sie nach draußen.
»Ich wette, ihr überlegt es euch das nächste Mal, ob ihr noch mal eine
Schulvorschrift brecht, he?«, sagte er und schielte sie von der Seite her an. »O ja …
harte Arbeit und Schmerzen sind die besten Lehrmeister, wenn ihr mich fragt …
Jammerschade, dass sie die alten Strafen nicht mehr anwenden … Könnt euch ein
paar Tage lang in Handschellen legen und von der Decke hängen lassen, die Ketten
hab ich noch in meinem Büro, halt sie immer gut eingefettet, falls sie doch noch mal
gebraucht werden … Schön, los geht’s, und denkt jetzt bloß nicht ans Weglaufen,
dann wird’s nur noch schlimmer für euch.«
Sie machten sich auf den Weg über das dunkle Schlossgelände. Neville schniefte
unablässig. Harry fragte sich, worin die Strafe wohl bestehen würde. Es musste
etwas wirklich Schreckliches sein, sonst würde sich Filch nicht so vergnügt anhören.
Der Mond war sehr hell, doch die Wolken, die über ihn dahintrieben, tauchten sie
immer wieder in Dunkelheit. Vor ihnen konnte Harry die Fenster von Hagrids Hütte
erkennen. Dann hörten sie einen Ruf aus der Ferne.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 163 von 163
»Bist du das, Filch? Beeil dich, ich will aufbrechen.«
Harry wurde leichter ums Herz; wenn sie mit Hagrid arbeiten würden, dann
konnte es ihnen nicht so schlecht ergehen. Die Erleichterung stand ihm wohl ins
Gesicht geschrieben, denn Filch sagte: »Du glaubst, ihr werdet euch mit diesem
Hornochsen einen netten Abend machen? Überleg’s dir lieber noch mal, Junge – es
geht in den Wald, und es würde mich wundern, wenn ihr in einem Stück wieder
rauskommt.«
Bei diesen Worten stöhnte Neville leise auf und Malfoy blieb wie angewurzelt
stehen.
»In den Wald?«, wiederholte er, wobei er nicht mehr so kühl klang wie sonst. »Wir
können da nachts nicht reingehen – da treibt sich allerlei herum – auch Werwölfe,
hab ich gehört.«
Neville packte den Ärmel von Harrys Umhang und gab ein ersticktes Geräusch
von sich.
»Das sind schöne Aussichten, nicht wahr?«, sagte Filch, wobei sich seine Stimme
vor Schadenfreude überschlug. »Hättet an die Werwölfe denken sollen, bevor ihr
euch in Schwierigkeiten gebracht habt.«
Hagrid kam ihnen mit langen Schritten aus der Dunkelheit entgegen, mit Fang
bei Fuß. Er trug seine große Armbrust und hatte einen Köcher mit Pfeilen über die
Schulter gehängt.
»Wird allmählich Zeit«, sagte er. »Warte schon ’ne halbe Stunde. Alles in Ordnung,
Harry, Hermine?«
»Ich wär lieber nicht so freundlich zu ihnen, Hagrid«, sagte Filch kalt, »schließlich
sind sie hier, um sich ihre Strafe abzuholen.«
»Deshalb bist du zu spät dran«, antwortete Hagrid mit einem Stirnrunzeln. »Hast
ihnen ’ne Lektion erteilt, was? Nicht deine Aufgabe, das zu tun. Du hast deine Sache
erledigt und ich übernehme ab hier.«
»Bei Morgengrauen bin ich zurück«, sagte Filch, »und hol die Reste von ihnen ab«,
fügte er gehässig hinzu, drehte sich um und machte sich mit in der Dunkelheit
hüpfender Laterne auf den Weg zurück zum Schloss.
Nun wandte sich Malfoy an Hagrid.
»Ich gehe nicht in diesen Wald«, sagte er und Harry bemerkte mit Genugtuung
den Anflug von Panik in seiner Stimme.
»Du musst, wenn du in Hogwarts bleiben willst«, sagte Hagrid grimmig. »Du hast
was ausgefressen und jetzt musst du dafür bezahlen.«
»Aber das ist Sache der Bediensteten, nicht der Schüler. Ich dachte, wir würden
die Hausordnung abschreiben oder so was. Wenn mein Vater wüsste, was ich hier
tue, würde er –«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 164 von 164
»– dir sagen, dass es in Hogwarts eben so zugeht«, knurrte Hagrid. »Die
Hausordnung abschreiben! Wem nützt das denn? Du tust was Nützliches oder du
fliegst raus. Wenn du glaubst, dein Vater hätte es lieber, wenn du von der Schule
verwiesen wirst, dann geh zurück ins Schloss und pack deine Sachen. Los jetzt!«
Malfoy rührte sich nicht vom Fleck. Voll Zorn sah er Hagrid an, doch dann senkte
er den Blick.
»Na also«, sagte Hagrid. »Nun hört mal gut zu, weil es gefährlich ist, was wir
heute Nacht tun, und ich will nicht, dass einer von euch sich unnötig in Gefahr
bringt. Folgt mir kurz hier rüber.«
Er führte sie dicht an den Rand des Waldes. Mit hochgehaltener Laterne wies er
auf einen engen, gewundenen Pfad, der zwischen den dicht stehenden schwarzen
Bäumen verschwand. Als sie in den Wald hineinsahen, zerzauste ihnen eine leichte
Brise die Haare.
»Seht mal her«, sagte Hagrid, »seht ihr das Zeug, das da auf dem Boden glänzt?
Silbriges Zeug? Das ist Einhornblut. Irgendwo ist da ein Einhorn, das von
irgendetwas schwer verletzt worden ist. Das ist jetzt das zweite Mal in einer Woche.
Letzten Mittwoch hab ich ein totes gefunden. Wir versuchen jetzt das arme Tier zu
finden. Vielleicht müssen wir es auch von seinem Leiden erlösen.«
»Und was passiert, wenn das andere – was das Einhorn verletzt hat – uns zuerst
findet?«, fragte Malfoy, ohne dass er die Furcht aus der Stimme verbannen konnte.
»In diesem Wald ist nichts, was euch etwas zuleide tut, solange ich und Fang
dabei sind«, sagte Hagrid. »Und bleibt auf’m Weg. Also dann, wir teilen uns in zwei
Gruppen und folgen der Spur in verschiedene Richtungen. Hier ist überall Blut, das
Tier muss sich mindestens seit gestern Nacht herumschleppen.«
Malfoy warf einen raschen Blick auf Fangs lange Zähne. »Ich will Fang.«
»Na gut, aber ich warn dich, er ist ein Feigling«, sagte Hagrid. »Also gehen Harry,
Hermine und ich in die eine Richtung und Draco, Neville und Fang in die andere.
Und wenn einer von uns das Einhorn findet, schicken wir grüne Funken aus, klar?
Holt eure Zauberstäbe hervor und probiert das mal – sehr gut – und wenn einer in
Gefahr ist, schickt rote Funken aus und wir kommen zu Hilfe – also, seid vorsichtig
– und nun los.«
Der Wald war schwarz und still. Sie legten ein Stück des Wegs gemeinsam zurück
und stießen dann auf eine Gabelung. Harry, Hermine und Hagrid gingen nach links,
Malfoy, Neville und Fang nach rechts.
Sie gingen schweigend, die Augen auf die Erde gerichtet. Hie und da beleuchtete
ein Mondstrahl einen Fleck silbrig blauen Blutes auf den herabgefallenen Blättern.
Harry bemerkte, dass Hagrid sehr besorgt aussah.
»Könnte ein Werwolf die Einhörner töten?«, fragte Harry.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 165 von 165
»Nicht schnell genug«, sagte Hagrid. »Es ist nicht leicht, ein Einhorn zu fangen,
sie sind mächtige Zaubergeschöpfe. Ich hab noch nie gehört, dass eines verletzt
wurde.«
Sie kamen an einem moosbewachsenen Baumstumpf vorbei. Harry konnte Wasser
plätschern hören, irgendwo in der Nähe musste ein Bach sein. An manchen Stellen
entlang des gewundenen Pfades war noch Einhornblut.
»Alles in Ordnung mit dir, Hermine?«, flüsterte Hagrid. »Keine Sorge, es kann
nicht weit weg sein, wenn es so schwer verletzt ist, und dann können wir – HINTER
DEN BAUM!«
Hagrid packte Harry und Hermine und schubste sie vom Pfad in die Deckung
einer riesigen Eiche. Er zog einen Pfeil aus dem Köcher, spannte ihn auf die
Armbrust und hielt sie schussbereit in die Höhe. Die drei spitzten die Ohren. Ganz
in der Nähe raschelte etwas über die toten Blätter. Es hörte sich an wie ein Mantel,
der über den Boden schleifte. Hagrid spähte den dunklen Pfad hoch, doch nach einer
Weile entfernte sich das Geräusch.
»Ich wusste es«, murmelte er. »Da ist etwas im Wald, was nicht hierher gehört.«
»Ein Werwolf?«, fragte Harry.
»Das war kein Werwolf und auch kein Einhorn«, sagte Hagrid grimmig. »Gut, folgt
mir, aber vorsichtig jetzt.«
Sie gingen jetzt langsamer, gespannt auf das leiseste Geräusch achtend. Plötzlich,
auf einer Lichtung vor ihnen, bewegte sich etwas.
»Wer da?«, rief Hagrid. »Zeig dich – ich bin bewaffnet!«
Und es erschien – war es ein Mann oder ein Pferd? Bis zur Hüfte ein Mann mit
rotem Haar und Bart, doch darunter hatte er den glänzenden, kastanienbraunen
Körper eines Pferdes mit langem, rötlichem Schwanz. Harry und Hermine hielten
den Atem an.
»Ach, du bist es, Ronan«, sagte Hagrid erleichtert. »Wie geht’s?«
Er trat vor und schüttelte die Hand des Zentauren.
»Einen guten Abend dir, Hagrid«, sagte Ronan. Er hatte eine tiefe, melancholische
Stimme. »Wolltest du gerade auf mich schießen?«
»Man kann nie vorsichtig genug sein, Ronan«, sagte Hagrid und tätschelte seine
Armbrust. »Was Böses streift in diesem Wald herum. Das sind übrigens Harry
Potter und Hermine Granger, Schüler vom Schloss oben. Und das, ihr beiden, ist
Ronan. Er ist ein Zentaur.«
»Das haben wir schon bemerkt«, sagte Hermine matt.
»Guten Abend«, sagte Ronan. »Schüler seid ihr? Und lernt ihr viel da oben in der
Schule?«
»Ähm –«
»Ein wenig«, sagte Hermine schüchtern.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 166 von 166
»Ein wenig. Nun, das ist doch schon etwas«, seufzte Ronan. Er warf den Kopf
zurück und blickte gen Himmel. »Der Mars ist hell heute Nacht.«
»Ja«, sagte Hagrid und schaute ebenfalls empor. »Hör mal, ich bin froh, dass wir
dich getroffen haben, Ronan, hier ist nämlich ein Einhorn verletzt worden – hast du
was gesehen?«
Ronan antwortete nicht sofort. Unverwandt blickte er gen Himmel, dann seufzte
er wieder.
»Die Unschuldigen sind immer die ersten Opfer«, sagte er. »So ist es seit ewigen
Zeiten, so ist es auch heute.«
»Ja«, sagte Hagrid, »aber hast du irgendwas gesehen, Ronan? Irgendwas
Ungewöhnliches?«
»Der Mars ist hell heute Nacht«, wiederholte Ronan unter dem ungeduldigen Blick
Hagrids. »Ungewöhnlich hell.«
»Ja, aber ich meinte etwas Ungewöhnliches mehr in der Nähe«, sagte Hagrid. »Du
hast also nichts Seltsames bemerkt?«
Doch wieder dauerte es eine Weile, bis Ronan antwortete. Endlich sagte er: »Der
Wald birgt viele Geheimnisse.«
Eine Bewegung in den Bäumen hinter Ronan ließ Hagrid erneut seine Armbrust
heben, doch es war nur ein zweiter Zentaur, mit schwarzem Haar und schwarzem
Körper und wilder aussehend als Ronan.
»Hallo, Bane«, sagte Hagrid. »Wie geht’s?«
»Guten Abend, Hagrid. Ich hoffe, dir geht’s gut?«
»Gut genug. Hör mal, ich hab gerade Ronan gefragt, hast du in letzter Zeit
irgendetwas Merkwürdiges hier gesehen? Es ist nämlich ein Einhorn verletzt
worden – weißt du was darüber?«
Bane kam näher und stellte sich neben Ronan. Er blickte gen Himmel.
»Der Mars ist hell heute Nacht«, sagte er nur.
»Das haben wir schon gehört«, sagte Hagrid verdrießlich. »Nun, wenn einer von
euch etwas sieht, lasst es mich wissen, bitte. Wir verschwinden wieder.«
Harry und Hermine folgten ihm, über ihre Schultern auf Ronan und Bane
starrend, bis die Bäume ihnen die Sicht verdeckten.
»Versuch niemals, niemals, einem Zentauren eine klare Antwort zu entlocken«,
sagte Hagrid verärgert. »Vermaledeite Sternengucker. Interessieren sich für nichts,
was näher ist als der Mond.«
»Gibt es viele von denen hier im Wald?«, fragte Hermine.
»Oh, schon einige … Bleiben allerdings meist unter sich, aber wenn ich mich ein
wenig unterhalten will, tauchen sie schon mal auf. Sind nämlich tiefe Naturen, diese
Zentauren … sie kennen sich aus … machen nur nicht viel Aufhebens davon.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 167 von 167
»Glaubst du, was wir vorhin gehört haben, war ein Zentaur?«, sagte Harry.
»Hat sich das für dich angehört wie Hufe? Nee, wenn du mich fragst, das hat die
Einhörner gejagt – hab so was noch nie im Leben gehört.«
Sie gingen weiter durch dichten, dunklen Wald. Harry warf ständig nervöse Blicke
über die Schulter. Er hatte das unangenehme Gefühl, dass sie beobachtet wurden,
und war sehr froh, dass sie Hagrid und seine Armbrust dabeihatten. Soeben waren
sie um eine Windung gebogen, als Hermine Hagrids Arm packte.
»Hagrid! Sieh mal! Rote Funken, die andern sind in Schwierigkeiten!«
»Ihr beide wartet hier!«, rief Hagrid. »Bleibt auf dem Weg, ich hol euch dann!«
Sie hörten ihn durch das Unterholz brechen. Voller Angst blieben sie zurück und
sahen sich an. Schließlich hörten sie nichts mehr außer dem Rascheln der Blätter
um sie her.
»Du denkst nicht etwa, dass ihnen etwas zugestoßen ist, oder?«, flüsterte
Hermine.
»Das wär mir bei Malfoy egal, aber wenn Neville … Es ist nämlich unsere Schuld,
dass er überhaupt hier ist.«
Die Minuten schleppten sich dahin. Ihre Ohren schienen schärfer als normal zu
sein. Harry kam es vor, als könnte er jeden Seufzer des Windes, jeden knackenden
Zweig hören. Was war eigentlich los? Wo waren die andern?
Endlich kündete ein lautes Knacken Hagrids Rückkehr an. Malfoy, Neville und
Fang waren hinter ihm. Hagrid rauchte vor Zorn. Malfoy, so schien es, hatte sich
zum Scherz von hinten an Neville herangeschlichen und ihn gepackt. In panischem
Schreck hatte Neville die Funken versprüht.
»Wir können von Glück reden, wenn wir jetzt noch irgendwas fangen, bei dem
Aufruhr, den ihr veranstaltet habt. Und jetzt bilden wir neue Gruppen – Neville, du
bleibst bei mir und Hermine, Harry, du gehst mit Fang und diesem Idioten. Tut mir
leid«, fügte er zu Harry gewandt flüsternd hinzu, »aber dich wird er nicht so schnell
erschrecken und wir müssen es jetzt schaffen.«
Und so machte sich Harry mit Malfoy und Fang ins Herz des Waldes auf. Sie
gingen fast eine halbe Stunde lang tiefer und tiefer hinein, bis der Pfad sich fast
verlor, so dicht standen die Bäume. Harry hatte den Eindruck, dass das Einhornblut
allmählich dicker wurde. Auf den Wurzeln eines Baumes waren Spritzer, als ob das
arme Tier sich hier in der Nähe voll Schmerz herumgewälzt hätte. Weiter vorn,
durch die verschlungenen Äste einer alten Eiche hindurch, konnte Harry eine
Lichtung erkennen.
»Sieh mal«, murmelte er und streckte den Arm aus, damit Malfoy stehen blieb.
Etwas Hellweißes schimmerte auf dem Boden. Vorsichtig traten sie näher.
Es war das Einhorn und es war tot. Harry hatte nie etwas so Schönes und so
Trauriges gesehen. Seine langen, schlanken Beine ragten verquer in die Luft und
seine perlweiße Mähne lag ausgebreitet auf den dunklen Blättern.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 168 von 168
Harry trat noch einen Schritt näher, als ein schleifendes Geräusch ihn wie
angefroren innehalten ließ. Ein Busch am Rande der Lichtung erzitterte … Dann
kam eine vermummte Gestalt aus dem Schatten und kroch über den Boden auf sie
zu wie ein staksendes Untier. Harry, Malfoy und Fang standen da wie erstarrt. Die
vermummte Gestalt erreichte das Einhorn, senkte den Kopf über die Wunde an der
Seite des Tiers und begann sein Blut zu trinken.
»AAAAAAAAAAAARRRH!«
Malfoy stieß einen fürchterlichen Schrei aus und machte sich auf und davon – mit
Fang an seinen Fersen. Die vermummte Gestalt hob den Kopf und sah zu Harry
herüber – an ihr herunter tropfte Einhornblut. Das Wesen stand auf und kam rasch
auf Harry zu – er war vor Angst wie gelähmt.
Dann durchstieß ein Schmerz seinen Kopf, wie er ihn noch nie verspürt hatte, es
war, als ob seine Narbe Feuer gefangen hätte – halb blind stolperte er rückwärts.
Hinter sich hörte er Hufe, Pferdegalopp, und etwas sprang einfach über ihn hinweg
und stürzte sich auf die Gestalt.
Der Schmerz in Harrys Kopf war so stark, dass er auf die Knie fiel. Nach ein oder
zwei Minuten war er vorüber. Als er aufsah, war die Gestalt verschwunden. Ein
Zentaur stand über ihm, nicht Ronan oder Bane; dieser sah jünger aus; er hatte
weißblondes Haar und den Körper eines Palominos.
»Geht es Ihnen gut?«, fragte der Zentaur und half Harry auf die Beine.
»Ja – danke – was war das?«
Der Zentaur antwortete nicht. Er hatte eindrucksvoll blaue Augen, wie blasse
Saphire. Er musterte Harry sorgfältig, und seine Augen verweilten auf der Narbe,
die sich nun bläulich von Harrys Stirn abhob.
»Sie sind der junge Potter«, sagte er. »Besser, Sie gehen zurück zu Hagrid. Der
Wald ist nicht sicher – besonders für Sie. Können Sie reiten? Dann geht es schneller.
Mein Name ist Firenze«, fügte er hinzu und ließ sich auf die Vorderbeine sinken,
damit Harry ihm auf den Rücken klettern konnte.
Plötzlich hörte Harry von der anderen Seite der Lichtung noch mehr
galoppierende Hufe. Mit wogenden, schweißnassen Flanken brachen Ronan und
Bane durch die Bäume.
»Firenze!«, donnerte Bane, »was tust du da? Du hast einen Menschen auf dem
Rücken! Kennst du keine Scham? Bist du ein gewöhnliches Maultier?«
»Ist dir klar, wer das ist?«, entgegnete Firenze. »Das ist der junge Potter. Je
schneller er den Wald verlässt, desto besser.«
»Was hast du ihm erzählt«, brummte Bane. »Ich muss dich nicht daran erinnern,
Firenze, wir haben einen Eid abgelegt, uns nicht gegen den Himmel zu stellen.
Haben wir nicht in den Bewegungen der Planeten gelesen, was kommen wird?«
Ronan scharrte nervös mit den Hufen.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 169 von 169
»Ich bin sicher, Firenze hat nur das Beste im Sinn gehabt«, sagte er in seiner
düsteren Stimme.
Bane schlug wütend mit den Hinterbeinen aus.
»Das Beste! Was hat das mit uns zu tun? Zentauren kümmern sich um das, was in
den Sternen steht! Es ist nicht unsere Aufgabe, wie Esel herumstreunenden
Menschen nachzulaufen!«
Firenze stellte sich plötzlich zornig auf die Hinterbeine, so dass Harry sich an
seinen Schultern festklammern musste, um nicht abzurutschen.
»Siehst du nicht dieses Einhorn?«, brüllte Firenze Bane an. »Verstehst du nicht,
warum es getötet wurde? Oder haben die Planeten dir dieses Geheimnis nicht
verraten? Ich stelle mich gegen das, was in diesem Wald lauert, ja, Bane, mit
Menschen an meiner Seite, wenn es sein muss.«
Und Firenze wirbelte herum; Harry klammerte sich an ihn, so gut er konnte, und
sie stürzten sich zwischen die Bäume, Ronan und Bane hinter sich lassend.
Harry hatte keine Ahnung, was da vor sich ging.
»Warum ist Bane so wütend?«, fragte er. »Was war eigentlich dieses Wesen, vor
dem du mich gerettet hast?«
Firenze ging nun im Schritt und ermahnte Harry, wegen der tiefen Äste den Kopf
gesenkt zu halten, doch er antwortete nicht auf seine Fragen. Ohne ein Wort zu
sagen, schlugen sie sich durch die Bäume, so lange schweigend, dass Harry dachte,
Firenze wolle nicht mehr mit ihm sprechen. Sie drangen nun jedoch durch ein
besonders dichtes Stück Wald und Firenze hielt plötzlich inne.
»Harry Potter, wissen Sie, wozu Einhornblut gebraucht wird?«
»Nein«, sagte Harry, verdutzt über die seltsame Frage. »Wir haben für
Zaubertränke nur das Horn und die Schweifhaare benutzt.«
»Das ist so, weil es etwas Grauenhaftes ist, ein Einhorn abzuschlachten«, sagte
Firenze. »Nur jemand, der nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hat, könnte ein
solches Verbrechen begehen. Das Blut eines Einhorns wird ihn am Leben halten,
selbst wenn er nur eine Handbreit vom Tod entfernt ist – doch zu einem
schrecklichen Preis. Er hat etwas Reines und Schutzloses gemeuchelt, um sich
selbst zu retten, aber nun hat er nur noch ein halbes Leben, ein verfluchtes, von dem
Augenblick an, da das Blut seine Lippen berührt.«
Harry blickte starr auf Firenzes Hinterkopf, der im Mondlicht silbern gesprenkelt
war.
»Aber wer könnte so verzweifelt sein?«, fragte er sich laut. »Wenn man für immer
verflucht ist, dann ist der Tod doch besser, oder?«
»Das ist wahr«, stimmte Firenze zu, »außer wenn man nur lange genug leben
muss, um noch etwas anderes zu trinken – etwas, das einem alle Stärke und Macht
zurückbringt – etwas, das bewirkt, dass man nie sterben wird. Mr Potter, wissen
Sie, was in diesem Augenblick in der Schule versteckt ist?«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 170 von 170
»Der Stein der Weisen! Natürlich – das Lebenselixier! Aber ich verstehe nicht, wer
–«
»Können Sie sich niemanden denken, der seit Jahren darauf wartet, an die Macht
zurückzukehren, der sich ans Leben klammert und auf seine Chance lauert?«
Es war, als hätte sich plötzlich eine eiserne Faust um Harrys Herz geschlossen.
Über dem Rascheln der Bäume schien er noch einmal zu hören, was Hagrid gesagt
hatte in jener Nacht, da sie sich kennen gelernt hatten: »Manche sagen, er sei
gestorben. Stuss, wenn du mich fragst. Weiß nicht, ob er noch genug Menschliches in
sich hatte, um sterben zu können.«
»Meinen Sie«, sagte Harry mit krächzender Stimme, »das war Vol–«
»Harry! Harry, geht’s dir gut?«
Hermine rannte den Pfad entlang auf sie zu, Hagrid keuchte hinter ihr her.
»Mir geht’s gut«, sagte Harry, ohne recht zu wissen, was er sagte. »Das Einhorn ist
tot, Hagrid, es liegt dort hinten auf der Lichtung.«
»Ich werde Sie nun verlassen«, murmelte Firenze, als Hagrid davoneilte, um das
Einhorn zu untersuchen. »Sie sind jetzt sicher.«
Harry glitt von seinem Rücken herunter.
»Viel Glück, Harry Potter«, sagte Firenze. »Die Planeten wurden schon einige
Male falsch gedeutet, selbst von Zentauren. Ich hoffe, diesmal ist es genauso.«
Er wandte sich um und verschwand in leichtem Galopp in den Tiefen des Waldes,
einen zitternden Harry hinter sich zurücklassend.
Ron, der auf ihre Rückkehr hatte warten wollen, war im Gemeinschaftsraum
eingenickt. Während Harry ihn unsanft wachrüttelte, rief er etwas über Quidditch-
Fouls. Nach wenigen Augenblicken freilich war er hellwach, als Harry ihm und
Hermine zu erzählen begann, was im Wald geschehen war.
Harry konnte nicht ruhig sitzen. Er schritt vor dem Feuer auf und ab. Noch
immer zitterte er.
»Snape will den Stein für Voldemort … und Voldemort wartet draußen im Wald …
und die ganze Zeit über haben wir geglaubt, Snape wolle nur reich werden …«
»Hör auf, den Namen zu nennen!«, sagte Ron in einem angstdurchtränkten
Flüstern, als glaubte er, Voldemort könnte sie belauschen.
Harry hörte ihn nicht.
»Firenze hat mich gerettet, aber er hätte es eigentlich nicht tun dürfen … Bane
war wütend deswegen … er hat etwas gesagt von Einmischung in die Offenbarung
der Planeten … Sie müssen wohl zeigen, dass Voldemort zurückkommt … Bane
denkt, Firenze hätte Voldemort nicht daran hindern dürfen, mich zu töten … Ich
glaube, das steht auch in den Sternen.«
»Hörst du endlich auf, diesen Namen zu nennen!«, zischte Ron.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 171 von 171
»Wir müssen also nur darauf warten, dass Snape den Stein stiehlt«, fuhr Harry in
fieberhafter Aufregung fort, »dann kann Voldemort kommen und mich erledigen …
Nun, ich denke, Bane würde glücklich darüber sein.«
Hermine sah verängstigt aus, doch sie hatte ein Wort des Trosts.
»Harry, alle sagen, Dumbledore sei der Einzige, vor dem Du-weißt-schon-wer je
Angst hatte. Mit Dumbledore in der Nähe wird dich Du-weißt-schon-wer nicht
anrühren. Und außerdem, wer sagt eigentlich, dass die Zentauren Recht haben? Das
klingt für mich wie Wahrsagerei, und Professor McGonagall sagt, das sei ein sehr
ungenauer Ableger der Zauberei.«
Der Himmel war schon hell, als ihr Gespräch verstummte. Erschöpft gingen sie zu
Bett, der Hals tat ihnen weh. Doch die Überraschungen der Nacht waren noch nicht
vorbei.
Als Harry seine Bettdecke zurückzog, fand er darunter, fein säuberlich
zusammengefaltet, seinen Tarnumhang. Ein Zettel war daran gepinnt:
Nur für den Fall …
Durch die Falltür
Auch in den folgenden Jahren blieb es für Harry immer ein Rätsel, wie er es
geschafft hatte, die Jahresabschlussprüfungen zu überstehen, wo er doch jeden
Moment damit rechnete, Voldemort könne hereinplatzen. Doch die Tage flossen zäh
dahin und hinter der verschlossenen Tür war Fluffy zweifellos noch immer
putzmunter.
Es war schwülheiß, besonders in den großen Klassenzimmern, wo sie ihre
Arbeiten schrieben. Für die Prüfungen hatten sie neue, ganz besondere Federn
bekommen, die mit einem Zauberspruch gegen Schummeln behext waren.
Sie hatten auch praktische Prüfungen. Professor Flitwick rief sie nacheinander in
sein Klassenzimmer und ließ sich zeigen, ob sie eine Ananas über einen Schreibtisch
Stepp tanzen lassen konnten. Bei Professor McGonagall mussten sie eine Maus in
eine Schnupftabaksdose verwandeln – Punkte gab es, wenn es eine schöne Dose
wurde, Punktabzug, wenn sie einen Schnurrbart hatte. Snape machte sie alle
nervös; sie spürten seinen Atem im Nacken, während sie verzweifelt versuchten,
sich an die Zutaten für den Vergesslichkeitstrank zu erinnern.
Harry strengte sich an, so gut er konnte, und versuchte den stechenden Schmerz
in seiner Stirn zu vergessen, der ihn seit seinem Ausflug in den Wald nicht mehr
losließ. Neville meinte, Harry litte unter besonders schlimmer Prüfungsangst, weil
er nicht schlafen konnte, doch in Wahrheit hielt ihn jener altbekannte Alptraum
wach, nur war er jetzt noch schrecklicher, weil darin eine vermummte,
blutverschmierte Gestalt auftauchte.
Ron und Hermine dagegen schienen sich nicht so viele Gedanken um den Stein zu
machen, vielleicht, weil sie nicht gesehen hatten, was Harry gesehen hatte, oder
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 172 von 172
weil ihnen keine Narbe auf der Stirn brannte. Der Gedanke an Voldemort machte
ihnen gewiss Angst, doch er besuchte sie ja nicht unablässig in ihren Träumen, und
sie waren mit ihrem Wiederholungsstoff so beschäftigt, dass sie keine Zeit hatten,
sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was Snape oder jemand anderes vorhaben
könnte.
Die allerletzte Prüfung hatten sie in Geschichte der Zauberei. Eine Stunde lang
mussten sie Fragen über schrullige alte Zauberer beantworten, die
selbstumrührende Kessel erfunden hatten, und dann hatten sie frei, eine ganze
herrliche Woche lang, bis es die Zeugnisse gab. Als der Geist von Professor Binns sie
anwies, ihre Federkiele aus den Händen zu legen und ihre Pergamentblätter
zusammenzurollen, ließ sich auch Harry von den Jubelschreien der anderen
mitreißen.
»Das war viel leichter, als ich dachte«, sagte Hermine, als sie sich den Grüppchen
anschlossen, die auf das sonnendurchflutete Schlossgelände hinauspilgerten. »Die
Benimmregeln für Werwölfe von 1637 und den Aufstand von Elfrich dem Eifrigen
hätte ich gar nicht pauken müssen.«
Hermine sprach hinterher immer gern die Arbeiten durch, aber Ron meinte, ihm
werde ganz schlecht bei dem Gedanken. Also wanderten sie hinunter zum See und
legten sich unter einen Baum. Die Weasley-Zwillinge und Lee Jordan kitzelten die
Tentakel eines riesigen Tintenfischs, der sich im ufernahen warmen Wasser suhlte.
»Endlich keine Lernerei mehr«, seufzte Ron und streckte sich glücklich auf dem
Gras aus. »Du könntest auch etwas fröhlicher aussehen, Harry, wir haben noch eine
Woche, bis wir erfahren, wie schlecht wir abgeschnitten haben, also kein Grund, sich
jetzt schon Sorgen zu machen.«
Harry rieb sich die Stirn.
»Ich möchte wissen, was dasbedeutet!«, stieß er zornig hervor. »Meine Narbe tut
die ganze Zeit weh – das ist schon mal vorgekommen, aber so schlimm war es noch
nie!«
»Geh zu Madam Pomfrey«, schlug Hermine vor.
»Ich bin nicht krank«, sagte Harry. »Ich glaube, es ist ein Warnzeichen … es
bedeutet Gefahr …«
Ron mochte sich deswegen nicht aus der Ruhe bringen lassen, dafür war es ihm zu
heiß.
»Entspann dich, Harry. Hermine hat Recht, der Stein ist in Sicherheit, solange
Dumbledore hier ist. Außerdem haben wir immer noch keinen Beweis dafür, dass
Snape herausgefunden hat, wie er an Fluffy vorbeikommen kann. Einmal hat er ihm
fast das Bein abgerissen und so schnell wird Snape es nicht wieder versuchen. Und
ehe Hagrid Dumbledore im Stich lässt, spielt Neville Quidditch in der englischen
Nationalmannschaft.«
Harry nickte, doch er konnte ein untergründiges Gefühl nicht abschütteln, dass er
etwas zu tun vergessen hatte – etwas Wichtiges. Er versuchte es den andern zu
erklären, doch Hermine meinte: »Das sind nur die Prüfungen. Gestern Nacht bin ich
aufgewacht und war schon halb durch meine Aufzeichnungen über
Verwandlungskunst, bis mir einfiel, dass wir das schon hinter uns haben.«
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Harry war sich jedoch ganz sicher, dass dieses beunruhigende Gefühl nichts mit
dem Schulstoff zu tun hatte. Seine Augen folgten einer Eule, die mit einem Brief im
Schnabel am hellblauen Himmel hinüber zur Schule flatterte. Hagrid war der
Einzige, der ihm je Briefe schickte. Hagrid würde Dumbledore nie verraten. Hagrid
würde nie jemandem erzählen, wie man an Fluffy vorbeikam … nie … aber –
Plötzlich sprang Harry auf die Beine
»Wo willst du hin?«, sagte Ron schläfrig.
»Mir ist eben was eingefallen«, sagte Harry. Er war bleich geworden. »Wir müssen
zu Hagrid, und zwar gleich.«
»Warum?«, keuchte Hermine, mühsam Schritt haltend.
»Findest du es nicht ein wenig merkwürdig«, sagte Harry, den grasbewachsenen
Abhang emporhastend, »dass Hagrid sich nichts sehnlicher wünscht als einen
Drachen und dann überraschend ein Fremder auftaucht, der zufällig gerade ein Ei
in der Tasche hat? Wie viele Leute laufen mit Dracheneiern herum, wo es doch
gegen das Zauberergesetz ist? Ein Glück, dass er Hagrid gefunden hat. Warum hab
ich das nicht schon vorher gesehen?«
»Worauf willst du hinaus?«, fragte Ron, doch Harry, der jetzt über das
Schlossgelände zum Wald hinüberrannte, antwortete nicht.
Hagrid saß in einem Lehnstuhl vor seiner Hütte, die Ärmel und Hosenbeine
hochgerollt; über eine große Schüssel gebeugt enthülste er Erbsen.
»Hallooh«, sagte er lächelnd. »Fertig mit den Prüfungen? Wollt ihr was trinken?«
»Ja, bitte«, sagte Ron, doch Harry schnitt ihm das Wort ab.
»Nein, keine Zeit, Hagrid, ich muss dich was fragen. Erinnerst du dich noch an die
Nacht, in der du Norbert gewonnen hast? Wie sah der Fremde aus, mit dem du
Karten gespielt hast?«
»Weiß nicht«, sagte Hagrid lässig, »er wollte seinen Kapuzenmantel nicht
ablegen.«
Er sah, wie verdutzt die drei waren, und hob die Augenbrauen.
»Das ist nicht so ungewöhnlich, da gibt’s ’ne Menge seltsames Volk im Eberkopf –
das ist einer von den Pubs unten im Dorf. Hätt ’n Drachenhändler sein können,
oder? Sein Gesicht hab ich nicht gesehen, er hat seine Kapuze aufbehalten.«
Harry ließ sich langsam neben der Erbsenschüssel zu Boden sinken.
»Worüber habt ihr gesprochen, Hagrid? Hast du zufällig Hogwarts erwähnt?«
»Könnte mal vorgekommen sein«, sagte Hagrid und runzelte die Stirn, während er
sich zu erinnern versuchte. »Ja … er hat mich gefragt, was ich mache, und ich hab
ihm gesagt, ich sei Wildhüter hier … Er wollte hören, um was für Tiere ich mich
kümmere … also hab ich’s ihm gesagt … und auch, dass ich immer gerne einen
Drachen haben wollte … und dann … ich weiß nicht mehr genau, weil er mir ständig
was zu trinken spendiert hat … Wartet mal … ja, dann hat er gesagt, er hätte ein
Drachenei und wir könnten darum spielen, Karten, wenn ich wollte … aber er müsse
sicher sein, dass ich damit umgehen könne, er wolle es nur in gute Hände abgeben
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… Also hab ich ihm gesagt, im Vergleich zu Fluffy wär ein Drache doch ein
Kinderspiel …«
»Und schien er … schien er sich für Fluffy zu interessieren?«, fragte Harry mit
angestrengt ruhiger Stimme.
»Nun – ja – wie viele dreiköpfige Hunde trifft man schon, selbst um Hogwarts
herum? Also hab ich ihm gesagt, Fluffy ist ein Schoßhündchen, wenn man weiß, wie
man ihn beruhigt, spiel ihm einfach ’n wenig Musik vor, und er wird auf der Stelle
einschlafen –«
Plötzlich trat Entsetzen auf Hagrids Gesicht.
»Das hätt ich euch nicht sagen sollen!«, sprudelte er hervor. »Vergesst es! Hei – wo
lauft ihr hin?«
Harry, Ron und Hermine sprachen kein Wort miteinander, bis sie in der
Eingangshalle ankamen, die nach dem sonnendurchfluteten Schlosshof sehr kalt
und düster wirkte.
»Wir müssen zu Dumbledore«, sagte Harry. »Hagrid hat diesem Fremden gesagt,
wie man an Fluffy vorbeikommt, und unter diesem Mantel war entweder Snape oder
Voldemort – es muss ganz leicht gewesen sein, sobald er Hagrid betrunken gemacht
hat. Ich kann nur hoffen, dass Dumbledore uns glaubt. Firenze hilft uns vielleicht,
wenn Bane ihn nicht daran hindert. Wo ist eigentlich Dumbledores Arbeitszimmer?«
Sie sahen sich um, als hofften sie, ein Schild zu sehen, das ihnen den Weg wies.
Nie hatten sie erfahren, wo Dumbledore lebte, und sie kannten auch keinen, der
jemals zu Dumbledore geschickt worden war.
»Dann müssen wir eben –«, begann Harry, doch plötzlich drang eine gebieterische
Stimme durch die Halle.
»Was machen Sie drei denn hier drin?«
Es war Professor McGonagall, mit einem hohen Stapel Bücher in den Armen.
»Wir möchten Professor Dumbledore sprechen«, sagte Hermine recht kühn, wie
Harry und Ron fanden.
»Professor Dumbledore sprechen?«, wiederholte Professor McGonagall, als ob
daran etwas faul wäre. »Warum?«
Harry schluckte – was nun?
»Es ist sozusagen geheim«, sagte er, bereute es jedoch gleich, denn Professor
McGonagalls Nasenflügel fingen an zu beben.
»Professor Dumbledore ist vor zehn Minuten abgereist«, sagte sie kühl. »Er hat
eine eilige Eule vom Zaubereiministerium erhalten und ist sofort nach London
geflogen.«
»Er ist fort?«, sagte Harry verzweifelt. »Gerade eben?«
»Professor Dumbledore ist ein sehr bedeutender Zauberer, Potter, er wird recht
häufig in Anspruch genommen –«
»Aber es ist wichtig.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 175 von 175
»Etwas, das Sie zu sagen haben, ist wichtiger als das Zaubereiministerium,
Potter?«
»Sehen Sie«, sagte Harry und ließ alle Vorsicht fahren, »Professor – es geht um
den Stein der Weisen –«
Was immer Professor McGonagall erwartet hatte, das war es nicht. Die Bücher in
ihren Armen plumpsten zu Boden.
»Woher wissen Sie das?«, prustete sie los.
»Professor, ich glaube – ich weiß– dass Sn… dass jemand versuchen wird den
Stein zu stehlen. Ich muss Professor Dumbledore sprechen.«
Sie musterte ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Misstrauen.
»Professor Dumbledore wird morgen zurück sein«, sagte sie schließlich. »Ich weiß
nicht, wie Sie von dem Stein erfahren haben, aber seien Sie versichert, dass
niemand in der Lage ist, ihn zu stehlen, er ist bestens bewacht.«
»Aber, Professor –«
»Potter, ich weiß, wovon ich spreche«, sagte sie barsch. Sie bückte sich und hob die
Bücher auf. »Ich schlage vor, Sie gehen alle wieder nach draußen und genießen die
Sonne.«
Doch das taten sie nicht.
»Heute Nacht passiert es«, sagte Harry, sobald er sicher war, dass Professor
McGonagall sie nicht mehr hören konnte. »Heute Nacht steigt Snape durch die
Falltür. Er hat alles herausgefunden, was er braucht, und jetzt hat er Dumbledore
aus dem Weg geschafft. Diesen Brief hat er geschickt. Ich wette, im
Zaubereiministerium kriegen sie einen gewaltigen Schrecken, wenn Dumbledore
dort auftaucht.«
»Aber was können wir –«
Hermine blieb der Mund offen. Harry und Ron wirbelten herum.
Snape stand hinter ihnen.
»Einen schönen Nachmittag«, sagte er sanft.
Sie starrten ihn an.
»An so einem Tag solltet ihr nicht hier drin sein«, sagte er mit einem
merkwürdigen, gequälten Lächeln.
»Wir waren –«, begann Harry, völlig ahnungslos, was er eigentlich sagen wollte.
»Seid besser etwas vorsichtiger«, sagte Snape. »So, wie ihr hier herumhängt,
könnte man auf den Gedanken kommen, dass ihr etwas ausheckt. Und Gryffindor
kann sich nun wirklich nicht leisten, noch mehr Punkte zu verlieren, oder?«
Harry wurde rot. Sie waren schon auf dem Weg nach draußen, als Snape sie
zurückrief.
»Ich warne dich, Potter, noch so eine Nachtwanderung, und ich werde persönlich
dafür sorgen, dass du von der Schule verwiesen wirst. Einen schönen Tag noch.«
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Er schritt in Richtung Lehrerzimmer davon.
Draußen auf den steinernen Stufen drehte sich Harry zu den andern um.
»Ich weiß jetzt, was wir tun müssen«, flüsterte er. »Einer von uns muss ein Auge
auf Snape haben – vor dem Lehrerzimmer warten und ihm folgen, wenn er es
verlässt. Am besten du, Hermine.«
»Warum ich?«
»Ist doch klar«, sagte Ron. »Du kannst so tun, als ob du auf Professor Flitwick
wartest.« Er ahmte Hermines Stimme nach: »Oh, Professor Flitwick, ich mache mir
solche Sorgen, ich glaube, ich habe Frage vierzehn b falsch beantwortet …«
»Ach, hör auf damit«, sagte Hermine, doch sie war einverstanden, Snape zu
überwachen.
»Und wir warten am besten draußen vor dem Korridor im dritten Stock«, sagte
Harry zu Ron. »Komm mit.«
Doch dieser Teil des Plans schlug fehl. Kaum hatten sie die Tür erreicht, die
Fluffy von der Schule trennte, als Professor McGonagall abermals auftauchte. Und
diesmal verlor sie die Beherrschung.
»Sie glauben wohl, man könne schwerer an Ihnen vorbeikommen als an einem
Bündel Zauberbanne, was!«, wütete sie. »Genug jetzt von diesem Unfug! Wenn mir
zu Ohren kommt, dass Sie noch einmal hier in der Nähe rumstromern, ziehe ich
Gryffindor weitere fünfzig Punkte ab! Ja, Weasley, von meinem eigenen Haus!«
Harry und Ron gingen in den Gemeinschaftsraum. »Wenigstens ist Hermine
Snape auf den Fersen«, meinte Harry gerade, als das Porträt der fetten Dame zur
Seite klappte und Hermine hereinkam.
»Tut mir leid, Harry!«, klagte sie. »Snape ist rausgekommen und hat mich gefragt,
was ich da zu suchen hätte, und ich habe gesagt, ich würde auf Flitwick warten.
Snape ist reingegangen und hat ihn geholt, und ich konnte mich eben erst loseisen.
Ich weiß nicht, wo Snape hin ist.«
»Tja, das war’s dann wohl«, sagte Harry.
Die andern beiden starrten ihn an. Er war blass und seine Augen glitzerten.
»Ich gehe heute Nacht raus und versuche als Erster zum Stein zu kommen.«
»Du bist verrückt!«, sagte Ron.
»Das kannst du nicht machen!«, sagte Hermine. »Nach dem, was McGonagall und
Snape gesagt haben? Sie werden dich rauswerfen!«
»NA UND?«, rief Harry. »Versteht ihr nicht? Wenn Snape den Stein in die Hände
kriegt, dann kommt Voldemort zurück! Hast du nicht gehört, wie es war, als er
versucht hat, die Macht zu übernehmen? Dann gibt es kein Hogwarts mehr, aus dem
wir rausgeschmissen werden können! Er würde Hogwarts dem Erdboden
gleichmachen oder es in eine Schule für schwarze Magie verwandeln! Punkte zu
verlieren spielt jetzt keine Rolle mehr, begreift ihr das denn nicht? Glaubt ihr etwa,
er lässt euch und eure Familien in Ruhe, wenn Gryffindor den Hauspokal gewinnt?
Wenn ich erwischt werde, bevor ich zum Stein komme, sei’s drum, dann muss ich
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zurück zu den Dursleys und darauf warten, dass mich Voldemort dort findet. Das
heißt nur, dass ich ein wenig später sterbe, als ich ohnehin müsste, denn ich gehe
niemals auf die dunkle Seite! Ich steige heute Nacht durch diese Falltür, und nichts,
was ihr beide sagt, wird mich aufhalten. Voldemort hat meine Eltern umgebracht,
erinnert ihr euch?«
Zornfunkelnd sah er sie an.
»Du hast Recht, Harry«, sagte Hermine leise.
»Ich nehme den Tarnumhang«, sagte Harry. »Ein Glück, dass ich ihn
zurückbekommen habe.«
»Aber passen wir alle drei darunter?«, sagte Ron.
»Alle … alle drei?«
»Aach, hör doch auf, glaubst du etwa, wir lassen dich alleine gehen?«
»Natürlich nicht«, sagte Hermine energisch. »Wie glaubst du eigentlich, dass du
ohne uns zu dem Stein kommst? Ich an deiner Stelle würde mir die Bücher
vornehmen, da könnte vielleicht was Nützliches drinstehen …«
»Aber wenn wir erwischt werden, werdet ihr auch rausgeworfen.«
»Das möcht ich erst mal sehen«, entgegnete Hermine mit entschlossener Miene.
»Flitwick hat mir schon verraten, dass ich bei ihm in der Prüfung eine Eins plus
habe. Mit der Note werfen die mich nicht raus.«
Nach dem Abendessen saßen die drei abseits in einer Ecke des Gemeinschaftsraums.
Sie waren nervös, aber niemand kümmerte sich um sie; mit Harry sprach ohnehin
keiner von den Gryffindors mehr. An diesem Abend nahm Harry das zum ersten Mal
mit Gleichmut hin. Hermine blätterte durch alle ihre Aufzeichnungen, um vielleicht
auf einen der Zauberbanne zu stoßen, die sie gleich versuchen würden zu brechen.
Harry und Ron redeten nicht viel miteinander. Beide dachten über das nach, was sie
gleich unternehmen würden.
Allmählich leerte sich der Raum, es wurde Zeit zum Schlafengehen.
»Hol jetzt besser den Umhang«, murmelte Ron, als Lee Jordan endlich gähnend
und sich streckend hinausging. Harry rannte nach oben in ihr dunkles
Schlafzimmer. Er zog den Umhang hervor, und dann fiel sein Blick auf die Flöte, die
ihm Hagrid zu Weihnachten geschenkt hatte. Er steckte sie ein für Fluffy – nach
Singen war ihm nicht besonders zumute.
Dann rannte er wieder hinunter in den Gemeinschaftsraum.
»Wir sollten den Umhang am besten hier anziehen und zusehen, dass wir alle drei
darunterpassen – wenn Filch einen unserer Füße allein umherwandern sieht –«
»Was habt ihr vor?«, sagte eine Stimme aus der Ecke.
Neville tauchte hinter einem Sessel auf, mit Trevor in der Hand, die aussah, als
hätte sie wieder einmal einen Fluchtversuch unternommen.
»Nichts, Neville, nichts«, sagte Harry und versteckte hastig den Umhang hinter
dem Rücken.
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Neville starrte auf ihre schuldbewussten Gesichter.
»Ihr geht wieder raus«, sagte er.
»Nein, nein, nein«, sagte Hermine. »Nein, das tun wir nicht. Warum gehst du nicht
zu Bett, Neville?«
Harry warf einen Blick auf die Standuhr bei der Tür. Sie durften jetzt nicht noch
mehr Zeit verlieren, vielleicht spielte Snape gerade in diesem Moment Fluffy ein
Schlaflied.
»Ihr könnt nicht rausgehen«, sagte Neville, »sie erwischen euch wieder und
Gryffindor kriegt noch mehr Ärger.«
»Das verstehst du nicht«, sagte Harry, »es ist wichtig.«
Doch Neville sprach sich offensichtlich gerade eisernen Mut zu, etwas
Verzweifeltes zu tun.
»Ich lass euch nicht gehen«, sagte er und sprang hinüber zum Porträtloch. »Ich –
ich kämpfe gegen euch!«
»Neville«, schrie Ron auf, »geh weg von dem Loch und sei kein Idiot –«
»Nenn mich nicht Idiot!«, sagte Neville. »Ich will nicht, dass ihr noch mehr Regeln
brecht! Ihr habt mir auch gesagt, ich solle mich gegen die anderen wehren!«
»Ja, aber nicht gegen uns«, sagte Ron erschöpft. »Neville, du weißt nicht, was du
tust.«
Er trat einen Schritt vor, und Neville ließ Trevor fallen, die mit ein paar Hüpfern
verschwand.
»Na komm schon, versuch mich zu schlagen!«, sagte Neville und hob die Fäuste.
»Ich bin bereit!«
Harry wandte sich Hermine zu.
»Unternimm was«, sagte er verzweifelt.
Hermine trat vor.
»Neville«, sagte sie. »Das tut mir jetzt arg, arg leid.«
Sie hob den Zauberstab.
»Petrificus Totalus!«, schrie sie, mit ausgestrecktem Arm auf Neville deutend.
Nevilles Arme schnappten ihm an die Seiten. Seine Beine klappten zusammen.
Mit vollkommen versteinertem Körper schwankte er ein wenig auf der Stelle und
fiel dann, steif wie ein Brett, mit dem Gesicht voraus auf den Boden.
Hermine stürzte zu ihm und drehte ihn um. Nevilles Kiefer waren
zusammengepresst, so dass er nicht mehr sprechen konnte. Nur seine Augen
bewegten sich noch und sahen sie mit dem Ausdruck äußersten Entsetzens an.
»Was hast du mit ihm gemacht?«, flüsterte Harry.
»Das ist die Ganzkörperklammer«, sagte Hermine niedergeschlagen. »Oh, Neville,
es tut mir ja so leid.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 179 von 179
»Wir mussten es tun, Neville, keine Zeit jetzt, um es zu erklären«, sagte Harry.
»Später wirst du es schon verstehen, Neville«, sagte Ron, als sie über ihn stiegen
und sich den Tarnumhang überwarfen.
Den versteinerten Neville zurückzulassen kam ihnen nicht als besonders gutes
Omen vor. Nervös, wie sie waren, sah jede Statue wie Filch aus, klang jeder ferne
Windhauch wie Peeves, der auf sie herabsauste.
Am Fuß der ersten Treppe bemerkten sie, dass oben, fast am Ende der Treppe,
Mrs Norris lauerte.
»Ach, geben wir ihr einen Fußtritt, nur dieses eine Mal«, flüsterte Ron Harry ins
Ohr, doch Harry schüttelte den Kopf. Sie kletterten vorsichtig um sie herum, und
Mrs Norris richtete ihre leuchtenden Augen auf sie, rührte sich jedoch nicht vom
Fleck.
Sie trafen niemanden sonst, bis sie die Treppe erreichten, die hoch zum dritten
Stock führte. Peeves hüpfte auf halber Höhe umher und zog den Teppich auf den
Stufen locker, um die Darübergehenden ins Stolpern zu bringen.
»Wer da?«, fragte er plötzlich, als sie zu ihm hochstiegen. Seine gemeinen
schwarzen Augen verengten sich. »Ich weiß, ihr seid da, auch wenn ich euch nicht
sehen kann. Wer seid ihr, Gespenster oder kleine Schulbiester?«
Er stieg empor und blieb lauernd in der Luft schweben.
»Sollte Filch rufen, sollte ich, wenn etwas Unsichtbares umherschleicht.«
Harry schoss eine Idee durch den Kopf.
»Peeves«, sagte er heiser flüsternd, »der Blutige Baron hat seine Gründe,
unsichtbar zu bleiben.«
Peeves fiel vor Schreck fast aus der Luft. Er konnte sich gerade noch rechtzeitig
abfangen und blieb einen halben Meter über der Treppe hängen.
»Verzeihung vielmals, Eure Blutigkeit, Herr Baron, Sir«, sagte er schleimig.
»Meine Schuld, ganz meine Schuld – ich hab Sie nicht gesehen – natürlich nicht, Sie
sind unsichtbar – verzeihen Sie dem alten Peeves diesen kleinen Scherz, Sir.«
»Ich bin geschäftlich hier, Peeves«, krächzte Harry. »Bleiben Sie heute Nacht von
hier fern.«
»Das werde ich, Sir, das werde ich ganz gewiss tun«, sagte Peeves und stieg wieder
in die Lüfte. »Hoffe, die Geschäfte gehen gut, Herr Baron, ich werde Sie nicht
belästigen.«
Und er schoss davon.
»Genial, Harry!«, flüsterte Ron.
Ein paar Sekunden später standen sie draußen vor dem Korridor im dritten Stock
– und die Tür war nur angelehnt.
»Schöne Bescherung«, sagte Harry leise. »Snape ist schon an Fluffy vorbei.«
Die offene Tür schien allen dreien eindringlich zu sagen, was sie erwartete. Unter
dem Umhang wandte sich Harry an die beiden andern.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 180 von 180
»Wenn ihr jetzt zurückwollt, mach ich euch keinen Vorwurf«, sagte er. »Ihr könnt
den Umhang nehmen, ich brauche ihn jetzt nicht mehr.«
»Red keinen Stuss«, sagte Ron.
»Wir kommen mit«, sagte Hermine.
Harry stieß die Tür auf.
Die Tür knarrte und ein tiefes, grollendes Knurren drang an ihre Ohren. Wie im
Wahn schnüffelte der Hund mit allen drei Schnauzen nach ihnen, auch wenn er sie
nicht sehen konnte.
»Was liegt da zwischen seinen Beinen?«, flüsterte Hermine.
»Sieht aus wie eine Harfe«, sagte Ron. »Snape muss sie dagelassen haben.«
»Er wacht sicher auf, sobald man aufhört zu spielen«, sagte Harry. »Nun, dann
mal los …«
Er setzte Hagrids Flöte an die Lippen und blies hinein. Es war keine richtige
Melodie, doch kaum hatte er einen Ton hervorgebracht, kroch schon die Müdigkeit
in die Augen des Untiers. Harry wagte kaum Luft zu holen. Allmählich wurde das
Knurren des Hundes schwächer – er torkelte und tapste ein wenig mit den Pfoten,
fiel auf die Knie, plumpste dann vollends zu Boden und versank in tiefen Schlaf.
»Spiel weiter«, ermahnte Ron Harry, als sie aus dem Mantel schlüpften und zur
Falltür krochen. Sie näherten sich den riesigen Köpfen und spürten den heißen,
stinkenden Atem des Hundes.
»Ich glaube, wir können die Tür hochklappen«, sagte Ron und spähte über den
Rücken des Tiers. »Willst du zuerst gehen, Hermine?«
»Nein, will ich nicht!«
»Schon gut.« Ron biss die Zähne zusammen und stapfte vorsichtig über die Beine
des Hundes. Er bückte sich und zog am Ring der Falltür; sie schwang auf.
»Was siehst du?«, fragte Hermine neugierig.
»Nichts – alles dunkel – hinunterklettern können wir nicht, es bleibt uns nichts
übrig, als zu springen.«
Harry, der noch immer Flöte spielte, winkte Ron und deutete auf sich.
»Du willst zuerst? Bist du sicher?«, fragte Ron. »Ich weiß nicht, wie tief das Loch
ist. Gib Hermine die Flöte, damit er nicht wach wird.«
Harry gab ihr die Flöte. Während der wenigen Sekunden der Stille knurrte und
zuckte der Hund, doch in dem Augenblick, da Hermine zu spielen begann, fiel er
wieder in tiefen Schlaf.
Harry stieg über ihn hinweg und blickte durch die Öffnung der Falltür. Er sah in
bodenlose Schwärze.
Er stieg durch die Luke, bis er nur noch an den Fingerspitzen baumelte. Dann sah
er hoch zu Ron und sagte: »Wenn mir etwas passiert, kommt nicht hinterher. Geht
gleich in die Eulerei und schickt Hedwig zu Dumbledore, ja?«
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»Gut«, sagte Ron.
»Wir sehen uns gleich, hoffentlich …«
Und Harry ließ sich fallen. Kalte, feuchte Luft rauschte an ihm vorbei, und er fiel
immer weiter, weiter und –
FLUMMPPH. Mit einem merkwürdig dumpfen Aufschlag landete er auf etwas
Weichem. Er setzte sich auf; seine Augen hatten sich noch nicht an die Dunkelheit
gewöhnt, und so ertastete er mit den Händen seine Umgebung. Es fühlte sich an, als
würde er auf einer Art Pflanze sitzen.
»Alles in Ordnung!«, rief er nach oben zu dem Lichtfleck der offenen Luke, die
jetzt so groß wirkte wie eine Briefmarke. »Ich bin weich gelandet, ihr könnt
springen!«
Ron folgte ihm ohne Zögern. Er landete auf allen vieren neben Harry.
»Was ist das für ein Zeug?«, waren seine ersten Worte.
»Weiß nicht, eine Art Pflanze. Ich glaube, sie soll den Sturz abfedern. Komm
runter, Hermine!«
Die ferne Musik verstummte. Der Hund gab einen lauten Kläffer von sich, doch
Hermine war schon gesprungen. Sie landete auf Harrys anderer Seite.
»Wir müssen Meilen unter der Schule sein«, sagte sie.
»Ein Glück, dass diese komische Pflanze hier ist«, sagte Ron.
»Glück?«, kreischte Hermine. »Schaut euch nur an!«
Sie sprang auf und stakste mühsam zu einer feuchten Wand hinüber. Sie musste
alle Kraft aufwenden, denn kaum dass sie gelandet war, hatte die Pflanze begonnen,
Ranken wie Schlangen um ihre Fußknöchel zu winden. Und ohne dass sie es
gemerkt hatten, waren Harrys und Rons Beine schon fest mit langen Trieben
verschnürt.
Hermine hatte es geschafft, sich zu befreien, bevor die Pflanze sich an ihr
festgesetzt hatte. Nun sah sie entsetzt zu, wie die beiden Jungen verzweifelt
versuchten die Schlingen von sich abzureißen, doch je mehr sie sich sträubten, desto
fester und schneller wand sich die Pflanze um sie.
»Haltet still!«, befahl ihnen Hermine. »Ich weiß, was das ist – es ist eine
Teufelsschlinge!«
»Oh, gut, dass ich weiß, wie das, was mich umbringt, heißt, das ist eine große
Hilfe«, fauchte Ron und beugte sich nach hinten, damit die Pflanze sich nicht um
seinen Hals schlingen konnte.
»Sei still, ich versuch mich zu erinnern, wie man sie umbringen kann!«, sagte
Hermine.
»Na dann beeil dich, ich ersticke!«, würgte Harry hervor, der mit den Schlingen
um seine Brust kämpfte.
»Teufelsschlinge, Teufelsschlinge … Was hat Professor Sprout gesagt? – Sie mag
das Dunkle und Feuchte –«
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»Dann mach Feuer!«, ächzte Harry.
»Ja – natürlich – aber hier gibt es kein Holz!«, schrie Hermine händeringend.
»BIST DU VERRÜCKT GEWORDEN?«, brüllte Ron. »BIST DU NUN EINE
HEXE ODER NICHT?«
»Ach ja!«, sagte Hermine und riss ihren Zauberstab hervor, schwang ihn,
murmelte etwas und schickte einen Strom der gleichen bläulichen Flämmchen gegen
die Pflanze, mit denen sie schon Snape angekokelt hatte. Nach wenigen
Augenblicken spürten die Jungen, dass die Schlingen sich lockerten und die Pflanze
vor dem Licht und der Hitze auswich. Zitternd und mit den Schlingen schlagend,
löste sie sich von Harry und Ron und sie konnten die Pflanze schließlich vollends
abschütteln.
»Ein Glück, dass du in Kräuterkunde aufgepasst hast, Hermine«, sagte Harry, als
er zu ihr an die Wand sprang und sich den Schweiß vom Gesicht wischte.
»Ja«, sagte Ron, »und ein Glück, dass Harry den Kopf nicht verliert, wenn’s
brenzlig wird – ›es gibt kein Holz‹ – also wirklich!«
»Da lang«, sagte Harry und deutete auf den einzigen Weg, der sich bot, einen
steinernen Gang.
Alles, was sie außer ihren Schritten hören konnten, war ein sanftes Rieseln von
Wasser, das die Wände herablief. Der Gang neigte sich in die Tiefe und Harry
musste an Gringotts denken. Mit plötzlichem, schmerzhaftem Herzpochen fiel ihm
ein, dass angeblich Drachen die Verliese in der Zaubererbank bewachten. Wenn sie
nun auf einen Drachen stießen, auf einen ausgewachsenen Drachen – Norbert war
schon schlimm genug gewesen …
»Kannst du etwas hören?«, flüsterte Ron.
Harry lauschte. Von oben schien ein leises Rascheln und Klimpern zu kommen.
»Glaubst du, das ist ein Geist?«
»Ich weiß nicht … hört sich an wie Flügel.«
»Da vorn ist Licht und etwas bewegt sich.«
Sie erreichten das Ende des Ganges und sahen vor sich eine strahlend hell
erleuchtete Gruft, deren Decke sich hoch über ihnen wölbte. Sie war voller kleiner,
diamantheller Vögel, die im ganzen Raum umherflatterten und herumhüpften. Auf
der anderen Seite der Gruft war eine schwere Holztür.
»Glaubst du, sie greifen uns an, wenn wir durchgehen?«, sagte Ron.
»Wahrscheinlich«, sagte Harry. »Sie sehen zwar nicht gerade bösartig aus, aber
ich glaube, wenn sie alle auf einmal auf uns losgehen … Nun, es bleibt uns nichts
anderes übrig … Ich renne hinüber.«
Er holte tief Luft, bedeckte das Gesicht mit den Armen und stürmte durch die
Gruft. Er rechnete jede Sekunde damit, dass sich die Vögel mit scharfen Schnäbeln
und Klauen auf ihn stürzten, doch nichts geschah. Harry erreichte die Tür, ohne
dass sie sich um ihn kümmerten. Er drückte die Klinke, doch die Tür war
verschlossen.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 183 von 183
Die beiden anderen folgten ihm. Sie zogen und rüttelten an der Tür, doch sie gab
nicht um Haaresbreite nach, nicht einmal, als es Hermine mit ihrem Alohomora-
Spruch probierte.
»Was nun?«, sagte Ron.
»Diese Vögel … sie können nicht einfach zum Anschauen hier sein«, sagte
Hermine.
Sie betrachteten die Vögel, die funkelnd über ihren Köpfen umherschwirrten –
funkelnd?
»Das sind keine Vögel!«, sagte Harry plötzlich, »das sind Schlüssel! Geflügelte
Schlüssel, seht genau hin. Das muss also heißen …« Er sah sich in der Gruft um,
während die anderen beiden zu dem Schlüsselschwarm emporschauten.
»… ja, seht mal! Besen! Wir müssen den Schlüssel zur Tür einfangen!«
»Aber es gibt hunderte davon!«
Ron untersuchte das Türschloss.
»Wir suchen nach einem großen, altmodischen Schlüssel – vermutlich silbern, wie
die Klinke.«
Sie packten jeder einen Besen, stießen sich hoch in die Luft und fegten inmitten
der Wolke aus Schlüsseln herum. Sie grabschten und pickten nach ihnen, doch die
verhexten Schlüssel schossen pfeilschnell davon oder tauchten weg, so dass es
unmöglich schien, einen zu fangen.
Nicht umsonst jedoch war Harry der jüngste Sucher seit einem Jahrhundert. Er
hatte ein Talent dafür, Dinge zu sehen, die anderen verborgen blieben. Eine Weile
wedelte er durch den Wirbel der Regenbogenfedern, dann fiel ihm ein großer
silberner Schlüssel mit einem geknickten Flügel auf. Er sah aus, als hätte ihn schon
jemand gepackt und grob ins Schlüsselloch gesteckt.
»Der dort!«, rief er den andern zu. »Dieser große – dort – nein, dort – mit
himmelblauen Flügeln – auf der einen Seite ist er ganz zerzaust.«
Ron sauste in die Richtung, in die Harry deutete, krachte gegen die Decke und fiel
fast von seinem Besen.
»Wir müssen ihn einkreisen!«, rief Harry, ohne den Schlüssel mit dem
beschädigten Flügel aus den Augen zu lassen. »Ron, du kommst von oben –
Hermine, du bleibst unten, falls er abtaucht – und ich versuche ihn zu fangen.
Los,JETZT!«
Ron kam im Sturzflug heruntergeschossen, Hermine raste steil nach oben wie eine
Rakete; der Schlüssel wich beiden aus. Harry raste ihm hinterher, der Wand
entgegen, er beugte sich weit vor und presste den Schlüssel mit der Hand gegen die
Wand. Es gab ein hässliches Knirschen. Die Gruft hallte von Rons und Hermines
Jubelrufen.
Sie ließen sich schnell auf den Boden herunter und Harry lief mit dem
widerspenstigen Schlüssel in der Hand zur Tür. Er rammte ihn in das Schloss,
drehte ihn um – und es klickte. Kaum hatte sich das Schloss geöffnet, flatterte der
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Schlüssel wieder los, nun, da er zweimal gefangen worden war, sehr mitgenommen
aussehend.
»Seid ihr bereit?«, fragte Harry die anderen beiden, die Hand auf der Türklinke.
Sie nickten. Er öffnete die Tür.
Die nächste Gruft war so dunkel, dass sie überhaupt nichts sehen konnten. Doch
als sie einen Schritt hineintaten, flutete Licht durch den Raum, und ihnen bot sich
ein verblüffender Anblick.
Sie standen am Rande eines riesigen Schachbretts, im Rücken der schwarzen
Schachfiguren, allesamt größer als sie und offenbar aus einer Art schwarzem Stein
gemeißelt. Ihnen gegenüber, auf der anderen Seite der Gruft, standen die weißen
Figuren. Harry, Ron und Hermine erschauderten – die riesigen weißen Figuren
hatten keine Gesichter.
»Und was sollen wir jetzt tun?«, flüsterte Harry.
»Ist doch klar«, sagte Ron. »Wir müssen uns durch den Raum spielen.«
Hinter den weißen Figuren konnten sie eine weitere Tür sehen.
»Wie?«, sagte Hermine nervös.
»Ich glaube«, sagte Ron, »wir müssen Schachmenschen werden.«
Er ging vor zu einem schwarzen Springer, streckte die Hand aus und berührte
ihn. Sofort erwachte der Stein zum Leben. Das Pferd scharrte und der Ritter wandte
seinen behelmten Kopf zu Ron hinunter.
»Müssen wir – ähm – mit euch kämpfen, um hinüberzukommen?«
Der schwarze Ritter nickte. Ron drehte sich zu den andern um.
»Lasst mich mal nachdenken …«, sagte er. »Ich denke, wir müssen die Plätze von
drei der Schwarzen einnehmen …«
Harry und Hermine sahen schweigend zu, wie Ron nachdachte. Schließlich sagte
er: »Hört mal, seid nicht beleidigt, aber keiner von euch beiden ist besonders gut im
Schach.«
»Wir sind nicht beleidigt«, sagte Harry rasch. »Sag uns einfach, was wir tun
sollen.«
»Gut. Harry, du nimmst den Platz dieses Läufers ein, und Hermine, du gehst
rüber auf den Platz des Turms.«
»Was ist mit dir?«
»Ich bin ein Springer«, sagte Ron.
Die Schachfiguren hatten offenbar zugehört, denn in diesem Augenblick kehrten
ein Springer, ein Läufer und ein Turm den weißen Figuren den Rücken und
schritten vom Platz. Sie ließen drei leere Quadrate zurück, auf denen Harry, Ron
und Hermine ihre Plätze einnahmen.
»Weiß zieht im Schach immer zuerst«, sagte Ron und spähte über das Brett. »Ja …
schaut …«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 185 von 185
Ein weißer Bauer war zwei Felder vorgerückt.
Ron begann die schwarzen Figuren zu führen. Wo immer er sie hinschickte, sie
rückten schweigend auf ihre Plätze. Harry zitterten die Knie. Was, wenn sie
verloren?
»Harry, rück vier Felder schräg nach rechts.«
Richtig mit der Angst zu tun bekamen sie es erst, als der andere Springer
geschlagen wurde. Die weiße Dame schlug ihn zu Boden und schleifte ihn vom Brett,
wo er mit dem Gesicht nach unten bewegungslos liegen blieb.
»Ich musste das zulassen«, sagte Ron erschüttert. »Deshalb kannst du jetzt diesen
Läufer schlagen, Hermine, geh los.«
Wenn die Weißen eine ihrer Figuren schlagen konnten, zeigten sie niemals Gnade.
Nach kurzer Zeit lagen haufenweise übereinander gekrümmte schwarze Spieler
entlang der Wand. Zweimal bemerkte Ron gerade noch rechtzeitig, dass Harry und
Hermine in Gefahr waren. Er selbst jagte auf dem Brett umher und schlug fast so
viele weiße Figuren, wie sie schwarze verloren hatten.
»Wir haben es gleich geschafft«, murmelte er plötzlich. »Lasst mich nachdenken …
lasst mich nachdenken …«
Die weiße Königin wandte ihm ihr leeres Gesicht zu.
»Ja …«, sagte Ron leise, »das ist die einzige Chance … Ich muss geschlagen
werden.«
»NEIN!«, riefen Harry und Hermine.
»So ist es eben im Schach!«, herrschte sie Ron an. »Manchmal muss man Figuren
opfern! Ich mache meinen Zug und sie schlägt mich, dann könnt ihr den König
schachmatt setzen. Harry!«
»Aber –«
»Willst du Snape aufhalten oder nicht?«
»Ron –«
»Hör zu, wenn du dich nicht beeilst, dann ist er mit dem Stein auf und davon!«
Darauf gab es nichts mehr zu sagen.
»Fertig?«, rief Ron mit blassem Gesicht, aber entschlossen. »Ich springe, und
trödelt nicht, wenn ihr gewonnen habt.«
Er sprang vor und die weiße Dame stürzte sich auf ihn. Mit ihrem steinernen Arm
schlug sie Ron heftig gegen den Kopf und er brach auf dem Boden zusammen.
Hermine schrie, blieb aber auf ihrem Feld. Die weiße Dame schleifte Ron zur Seite.
Offenbar hatte sie ihn bewusstlos geschlagen.
Harry ging mit zitternden Knien drei Felder nach links.
Der weiße König nahm seine Krone ab und warf sie Harry zu Füßen. Sie hatten
gewonnen. Die Schachfiguren verbeugten sich zum Abschied und gaben die Tür auf
ihrer Seite frei. Mit einem letzten verzweifelten Blick zurück auf Ron stürmten
Harry und Hermine durch die Tür und rannten den nächsten Gang entlang.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 186 von 186
»Was, wenn er –?«
»Er wird schon wieder auf die Beine kommen«, sagte Harry, gegen seine Zweifel
ankämpfend. »Was, meinst du, kommt als Nächstes?«
»Wir haben den Zauber von Sprout hinter uns, das war die Teufelsschlinge,
Flitwick muss die Schlüssel verhext haben, Professor McGonagall hat die
Schachfiguren lebendig gemacht, bleibt noch der Zauber von Quirrell und der von
Snape …«
Sie waren an eine weitere Tür gelangt.
»Einverstanden?«, flüsterte Harry.
»Mach schon.«
Harry stieß die Tür auf.
Ein widerlicher Gestank schlug ihnen entgegen und beide hielten sich den
Umhang vor die Nase. Mit tränenden Augen sahen sie einen Troll, alle viere von
sich gestreckt und mit einer blutigen Wunde am Kopf, auf dem Boden liegen, noch
größer sogar als der, mit dem sie es schon aufgenommen hatten.
»Ich bin heilfroh, dass wir uns den sparen können«, flüsterte Harry, als sie
vorsichtig über eines seiner massigen Beine stapften. »Komm weiter, mir verschlägt
es den Atem.«
Er öffnete die nächste Tür, und beide wagten kaum hinzusehen, was wohl als
Nächstes kommen würde. Doch hier drin war nichts besonders Furcht erregend, nur
ein Tisch mit sieben aneinandergereihten Flaschen, die alle unterschiedliche Gestalt
hatten.
»Snapes Zauber«, sagte Harry. »Was müssen wir tun?«
Kaum waren sie über die Schwelle getreten, loderte hinter ihnen im Türrahmen
ein Feuer hoch. Es war kein gewöhnliches Feuer: Es war purpurrot. Im gleichen
Augenblick schossen schwarze Flammen im Türbogen gegenüber auf. Sie saßen in
der Falle.
»Schau mal!« Hermine griff nach einem zusammengerollten Blatt Papier, das
neben den Flaschen lag. Harry sah ihr über die Schulter und las:
Die Gefahr liegt vor euch, die Rettung zurück,
Zwei von uns helfen, bei denen habt ihr Glück,
Eine von uns sieben, die bringt euch von dannen,
Eine andere führt den Trinker zurück durch die Flammen,
Zwei von uns enthalten nur guten Nesselwein,
Drei von uns sind Mörder, warten auf eure Pein.
Wählt eine, wenn ihr weiterwollt und nicht zerstäuben hier.
Euch helfen sollen Hinweis’ – und davon ganze vier:
Erstens: so schlau das Gift versteckt mag sein,
’s ist immer welches zur Linken vom guten Nesselwein;
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 187 von 187
Zweitens: die beiden an den Enden sind ganz verschied’ne Leut,
doch wenn ihr wollt weitergehen, so ist keine davon euer Freund;
Drittens: wie ihr deutlich seht, sind alle verschieden groß.
Doch weder der Zwerg noch der Riese enthalten euren Tod.
Viertens: die zweite von links und die zweite von rechts werden gleichen Geschmack
haben,
so verschiedene Gestalt sie auf den ersten Blick auch haben.
Hermine seufzte laut auf, und Harry sah verblüfft, dass sie lächelte, das Letzte,
wonach ihm zumute war.
»Ausgezeichnet«, sagte Hermine. »Das ist nicht Zauberei, das ist Logik, ein Rätsel.
Viele von den größten Zauberern haben keine Unze Logik im Kopf, die säßen hier
für immer in der Falle.«
»Aber wir doch auch, oder?«
»Natürlich nicht«, sagte Hermine. »Alles, was wir brauchen, steht hier auf diesem
Papier. Sieben Flaschen: drei enthalten Gift; zwei Wein; eine bringt uns sicher
durch das schwarze Feuer und eine bringt uns zurück durch das purpurne.«
»Aber woher sollen wir wissen, welche wir trinken müssen?«
»Gib mir eine Minute Zeit.«
Hermine las das Papier mehrmals durch. Dann ging sie vor den Flaschen auf und
ab, vor sich hin murmelnd und auf sie deutend. Schließlich klatschte sie in die
Hände.
»Ich hab’s«, sagte sie. »Die kleinste Flasche bringt uns durch das schwarze Feuer,
zum Stein.«
Harry musterte die kleine Flasche.
»Sie reicht nur für einen«, sagte er. »Das ist kaum ein Schluck.«
Sie sahen sich an.
»Welche führt zurück durch die Purpurflammen?«
Hermine deutete auf eine bauchige Flasche am rechten Ende der Reihe.
»Die trinkst du«, sagte Harry. »Nein, hör zu, geh zurück und nimm Ron mit,
schnappt euch zwei Besen aus dem Raum mit den fliegenden Schlüsseln, die bringen
euch durch die Falltür und an Fluffy vorbei; fliegt sofort in die Eulerei und schickt
Hedwig zu Dumbledore, wir brauchen ihn. Vielleicht kann ich Snape eine Weile
hinhalten, aber im Grunde kann ich es nicht mit ihm aufnehmen.«
»Aber, Harry, was ist, wenn Du-weißt-schon-wer bei ihm ist?«
»Tja, das letzte Mal hab ich Glück gehabt«, sagte Harry und deutete auf seine
Narbe. »Vielleicht hab ich ja noch mal Glück.«
Hermines Lippen zitterten und plötzlich rannte sie auf Harry zu und warf die
Arme um ihn.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 188 von 188
»Hermine!«
»Harry, du bist ein großer Zauberer, das weißt du.«
»Ich bin nicht so gut wie du«, sagte Harry ganz verlegen. Sie ließ ihn los.
»Wie ich?«, sagte Hermine. »Bücher! Schlauheit! Es gibt wichtigere Dinge –
Freundschaft und Mut und – o Harry, seivorsichtig!«
»Trink du zuerst«, sagte Harry. »Du bist dir sicher, was wo drin ist?«
»Vollkommen«, sagte Hermine. Sie nahm einen großen Schluck aus der runden
Flasche und erschauderte.
»Es ist kein Gift?«, sagte Harry beängstigt.
»Nein, aber es ist wie Eis.«
»Schnell, geh, bevor es nachlässt.«
»Viel Glück, pass auf dich auf –«
»GEH!«
Hermine wandte sich um und ging geradewegs durch das purpurne Feuer.
Harry holte tief Luft und nahm die kleinste Flasche in die Hand. Er wandte sich
den schwarzen Flammen zu.
»Ich komme«, sagte er und leerte die kleine Flasche mit einem Zug.
Es war wirklich wie Eis, das seinen Körper durchströmte. Er stellte die Flasche
zurück, nahm all seinen Mut zusammen und machte sich auf; er sah die schwarzen
Flammen an seinem Körper hochzüngeln, doch er spürte sie nicht. Einen Moment
lang konnte er nichts sehen außer dunklem Feuer, dann war er auf der anderen
Seite, in der letzten Gruft.
Jemand war schon da – doch es war nicht Snape. Es war auch nicht Voldemort.
Der Mann mit den zwei Gesichtern
Es war Quirrell.
»Sie!«, stieß Harry hervor.
Quirrell lächelte. Kein Zucken war mehr in seinem Gesicht.
»Ja, ich«, sagte er gelassen. »Ich habe mich gefragt, ob ich Sie hier treffen würde,
Potter.«
»Aber ich dachte – Snape –«
»Severus?« Quirrell lachte und es war nicht sein übliches zittrig schrilles Lachen,
es war kalt und scharf. »Ja, Severus scheint der richtige Mann dafür zu sein, nicht
wahr? Recht nützlich, dass er umherschwirrt wie eine zu groß geratene Fledermaus.
Wer würde neben ihm den a-a-armen st-stotternden P-Professor Quirrell
verdächtigen?«
Harry konnte es nicht fassen. Das durfte einfach nicht wahr sein.
»Aber Snape hat versucht mich umzubringen!«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 189 von 189
»Nein, nein, nein. Ich habe es getan. Ihre Freundin Miss Granger hat mich
versehentlich umgerempelt, als sie beim Quidditch-Spiel zu Snape hinüberrannte,
um ihn anzuzünden. Sie hat meinen Blickkontakt zu Ihnen unterbrochen. Ein paar
Sekunden mehr und ich hätte Sie von diesem Besen heruntergehabt. Ich hätte es
schon vorher geschafft, wenn Snape nicht einen Gegenzauber gemurmelt hätte, um
Sie zu retten.«
»Snape hat versucht mich zuretten?«
»Natürlich«, sagte Quirrell kühl. »Warum, glauben Sie, wollte er beim nächsten
Spiel der Schiedsrichter sein? Er wollte dafür sorgen, dass ich es nicht noch einmal
versuche. Wirklich eigenartig … wenn Dumbledore dabei ist, kann ich ohnehin
nichts ausrichten. Alle anderen Lehrer dachten, Snape wolle verhindern, dass
Gryffindor gewinnt, und damit hat er sich richtig unbeliebt gemacht … was für eine
Zeitverschwendung, wenn ich Sie heute Nacht schließlich doch umbringe.«
Quirrell schnippte mit den Fingern. Aus der Luft peitschten Seile hervor, die sich
fest um Harrys Körper wickelten.
»Ihre Neugier bringt Sie um Kopf und Kragen, Potter. Sie sind an Halloween in
der Schule umhergeschlichen und sind auf mich gestoßen. Ich wollte mir ansehen,
wie der Stein bewacht ist.«
»Sie haben den Troll hereingelassen?«
»Gewiss. Ich habe ein glückliches Händchen, wenn es um Trolle geht. Sie haben ja
gesehen, was ich mit dem in der Kammer dort hinten angestellt habe. Nun, während
alle andern umherliefen und ihn suchten, ging Snape, der mich schon im Verdacht
hatte, leider geradewegs in den dritten Stock, um mir den Weg abzuschneiden – und
mein Troll hat es nicht nur versäumt, Sie totzuschlagen, dieser dreiköpfige Hund
hat es nicht einmal fertiggebracht, Snapes Bein ganz abzubeißen.
Und jetzt, Potter, warten Sie hier ganz ruhig. Ich muss mir diesen interessanten
Spiegel näher ansehen.«
Erst jetzt erkannte Harry, was hinter Quirrell stand. Es war der Spiegel
Nerhegeb.
»Dieser Spiegel ist der Schlüssel zum Stein«, murmelte Quirrell und klopfte
suchend am Rahmen entlang. »Typisch Dumbledore, sich so etwas einfallen zu
lassen … aber er ist in London … bis er zurückkommt, bin ich längst über alle Berge
…«
Harrys Gedanken drehten sich einzig darum, wie er Quirrell am Sprechen halten
und ihn vom Spiegel ablenken konnte.
»Ich habe Sie und Snape im Wald gesehen –«, plapperte er hastig drauflos.
»Ja«, sagte Quirrell gleichmütig, während er um den Spiegel herumging, um sich
die Rückseite anzusehen. »Da war er mir schon auf die Pelle gerückt und wollte
wissen, wie weit ich gekommen war. Er hat mich die ganze Zeit über verdächtigt.
Hat versucht mich einzuschüchtern – als ob er das könnte, wenn ich Lord Voldemort
auf meiner Seite habe …«
Quirrell kam hinter dem Spiegel hervor und sah begierig hinein.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 190 von 190
»Ich sehe den Stein … Ich überreiche ihn meinem Meister … aber wo ist er?«
Harry drückte mit aller Kraft gegen seine Fesseln, doch die Seile gaben nicht
nach. Er mussteQuirrell davon abhalten, seine ganze Aufmerksamkeit dem Spiegel
zu widmen.
»Aber Snape kam mir immer so vor, als würde er mich richtig hassen.«
»Oh, das tut er auch«, sagte Quirrell nebenher, »Himmel, ja. Er und Ihr Vater
waren zusammen in Hogwarts, haben Sie das nicht gewusst? Sie haben sich
gegenseitig verabscheut. Aber er wollte nie, dass Sie sterben.«
»Aber vor ein paar Tagen hab ich Sie schluchzen gehört. Ich dachte, Snape würde
Sie bedrohen …«
Zum ersten Mal huschte ein ängstliches Zucken über Quirrells Gesicht.
»Manchmal«, sagte er, »fällt es mir schwer, den Anweisungen meines Meisters zu
folgen – er ist ein großer Zauberer und ich bin schwach –«
»Sie meinen, er war in diesem Klassenzimmer bei Ihnen?« Harry blieb der Mund
offen.
»Er ist bei mir, wo immer ich bin«, sagte Quirrell leise. »Ich traf ihn bei meiner
Reise um die Welt. Damals war ich noch ein einfältiger junger Mann, mit dem Kopf
voll lächerlicher Vorstellungen über Gut und Böse. Lord Voldemort hat mir gezeigt,
wie falsch ich dachte. Es gibt kein Gut und Böse, es gibt nur Macht, und jene, die zu
schwach sind, um nach ihr zu streben … Seit damals bin ich sein treuer Diener,
auch wenn ich ihn viele Male enttäuscht habe. Er musste sehr streng mit mir sein.«
Quirrell zitterte plötzlich. »Fehler vergibt er nicht so einfach. Als es mir nicht
gelungen ist, den Stein aus Gringotts zu stehlen, war er höchst ungehalten. Er hat
mich bestraft … und beschlossen, mich näher im Auge zu behalten …«
Quirrells Stimme verlor sich. Harry fiel der Besuch in der Winkelgasse ein – wie
konnte er nur so dusslig gewesen sein? An jenem Tag hatte er Quirrell
dortgesehen und ihm im Tropfenden Kessel die Hand geschüttelt.
Quirrell fluchte leise vor sich hin.
»Ich verstehe nicht … ist der Stein im Innern des Spiegels? Sollte ich ihn
zerschlagen?«
Harry raste der Kopf.
Was ich im Augenblick mehr als alles auf der Welt möchte, dachte er, ist, den
Stein vor Quirrell zu finden. Wenn ich in den Spiegel schauen würde, müsste ich
mich eigentlich dabei sehen, wie ich den Stein finde. Und das heißt, ich wüsste, wo
er versteckt ist! Doch wie kann ich hineinsehen, ohne dass Quirrell bemerkt, was ich
vorhabe?
Er versuchte sich ein wenig nach links zu bewegen, um vor das Glas zu kommen,
ohne Quirrells Aufmerksamkeit zu erregen, doch die Seile waren zu fest um seine
Knöchel gespannt: Er stolperte und fiel zu Boden. Quirrell achtete nicht auf ihn. Er
sprach immer noch mit sich selbst.
»Was tut dieser Spiegel? Wie wirkt er? Hilf mir, Meister!«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 191 von 191
Und zu Harrys Entsetzen antwortete eine Stimme und diese Stimme schien von
Quirrell selbst zu kommen.
»Nutze den Jungen … Nutze den Jungen …«
Quirrell drehte sich zu Harry um.
»Ja, Potter, komm her.«
Er klatschte einmal in die Hände und Harrys Fesseln fielen von ihm ab. Langsam
kam Harry auf die Beine.
»Komm her«, wiederholte Quirrell. »Schau in den Spiegel, und sag mir, was du
siehst.«
Harry trat zu ihm.
»Ich muss lügen«, dachte er verzweifelt. »Ich muss hineinsehen und ihn darüber
belügen, was ich sehe, das ist alles.«
Quirrell stellte sich dicht hinter ihn. Harry atmete den merkwürdigen Geruch ein,
der von Quirrells Turban auszugehen schien. Er schloss die Augen, trat vor den
Spiegel und öffnete sie wieder.
Er sah zuerst sein Spiegelbild, bleich und verängstigt. Doch einen Augenblick
später lächelte ihn das Spiegelbild an. Es schob die Hand in die Tasche und zog
einen blutroten Stein hervor. Es zwinkerte ihm zu und ließ den Stein in die Tasche
zurückgleiten – und in diesem Moment spürte Harry etwas Schweres in seine
wirkliche Tasche fallen. Irgendwie – unfasslicherweise – besaß er den Stein.
»Nun?«, sagte Quirrell ungeduldig. »Was siehst du?«
Harry nahm all seinen Mut zusammen.
»Ich sehe mich, wie ich Dumbledore die Hand schüttle«, reimte er sich zusammen.
»Ich … ich hab den Hauspokal für Gryffindor gewonnen.«
Quirrell fluchte erneut.
»Aus dem Weg«, sagte er. Harry trat zur Seite und spürte den Stein der Weisen an
seinem Bein. Konnte er es wagen, zu fliehen?
Doch er war keine fünf Schritte gegangen, als eine hohe Stimme ertönte, obwohl
sich Quirrells Lippen nicht bewegten.
»Er lügt … Er lügt …«
»Potter, komm hierher zurück!«, rief Quirrell. »Sag mir die Wahrheit! Was hast du
gesehen?«
»Lass mich zu ihm sprechen … von Angesicht zu Angesicht …«
»Meister, Ihr seid nicht stark genug!«
»Ich habe genügend Kraft … dafür …«
Harry hatte das Gefühl, als würde ihn eine Teufelsschlinge auf dem Boden
anwurzeln. Er konnte keinen Muskel bewegen. Versteinert sah er zu, wie Quirrell
die Hände hob und seinen Turban abwickelte. Was ging da vor? Der Turban fiel zu
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 192 von 192
Boden. Quirrells Kopf sah seltsam klein aus ohne ihn. Dann drehte er sich langsam
auf dem Absatz um.
Harry hätte geschrien, aber er brachte keinen Ton hervor. Wo eigentlich Quirrells
Hinterkopf hätte sein sollen, war ein Gesicht, das schrecklichste Gesicht, das Harry
jemals gesehen hatte. Es war kreideweiß mit stierenden roten Augen und, einer
Schlange gleich, Schlitzen als Nasenlöchern.
»Harry Potter …«, flüsterte es.
Harry versuchte einen Schritt zurückzutreten, doch seine Beine wollten ihm nicht
gehorchen.
»Siehst du, was aus mir geworden ist?«, sagte das Gesicht. »Nur noch Schatten
und Dunst … Ich habe nur Gestalt, wenn ich jemandes Körper teile … aber es gibt
immer jene, die willens sind, mich in ihre Herzen und Köpfe einzulassen …
Einhornblut hat mich gestärkt in den letzten Wochen … du hast den treuen Quirrell
gesehen, wie er es im Wald für mich getrunken hat … und sobald ich das Elixier des
Lebens besitze, werde ich mir meinen eigenen Körper erschaffen können … Nun …
warum gibst du mir nicht diesen Stein in deiner Tasche?«
Er wusste es also. Plötzlich strömte das Gefühl in Harrys Beine zurück. Er
stolperte rückwärts.
»Sei kein Dummkopf«, schnarrte das Gesicht. »Rette besser dein eigenes Leben
und schließ dich mir an … oder du wirst dasselbe Schicksal wie deine Eltern
erleiden … Sie haben mich um Gnade angefleht, bevor sie gestorben sind …«
»LÜGNER!«, rief Harry plötzlich.
Quirrell ging rückwärts auf ihn zu, so dass Voldemort ihn im Auge behalten
konnte. Das böse Gesicht lächelte jetzt.
»Wie rührend …«, zischte es. »Ich weiß Tapferkeit immer zu schätzen … Ja,
Junge, deine Eltern waren tapfer … Ich habe deinen Vater zuerst getötet und er hat
mir einen mutigen Kampf geliefert … aber deine Mutter hätte nicht sterben müssen
… sie hat versucht dich zu schützen … Gib mir jetzt den Stein, wenn du nicht willst,
dass sie umsonst gestorben ist.«
»NIEMALS!«
Harry sprang hinüber zur Flammentür, doch Voldemort schrie: »PACK IHN!«, und
im nächsten Augenblick spürte Harry, wie Quirrells Hand sich um sein Handgelenk
schloss. Sogleich schoss ein messerscharfer Schmerz durch Harrys Narbe; sein Kopf
fühlte sich an, als wolle er entzweibersten; er schrie und kämpfte mit aller Kraft und
zu seiner Überraschung ließ Quirrell ihn los. Der Schmerz in seinem Kopf ließ nach
– fiebrig blickte er sich nach Quirrell um und sah ihn vor Schmerz
zusammengekauert auf dem Boden sitzen und auf seine Finger starren – vor seinen
Augen trieben sie blutige Blasen.
»PACK IHN! PACK IHN!«, kreischte Voldemort erneut. Mit einem Hechtsprung
riss Quirrell Harry von den Füßen; Harry fiel auf den Rücken, Quirrell war auf ihm,
mit beiden Händen fest um seinen Hals – Harrys Narbe machte ihn fast blind vor
Schmerz, doch er hörte, wie Quirrell laut aufschrie.
»Meister, ich kann ihn nicht festhalten – meine Hände – meine Hände!«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 193 von 193
Und obwohl Quirrell Harry mit den Knien zu Boden presste, ließ er seinen Hals
los und starrte entgeistert auf seine Handflächen – die, wie Harry sehen konnte,
verbrannt waren und fleischig rot glänzten.
»Dann töte ihn, Dummkopf, und scher dich fort!«, schrie Voldemort.
Quirrell hob die Hand, um einen tödlichen Fluch auszustoßen, doch Harry
streckte unwillkürlich die Hand aus und presste sie auf Quirrells Gesicht.
»AAAARRH!«
Quirrell rollte von ihm herunter, nun auch im Gesicht übersät mit Brandblasen,
und jetzt wusste Harry: Quirrell konnte seine nackte Haut nicht berühren, ohne
schreckliche Schmerzen zu leiden – seine einzige Chance war, Quirrell festzuhalten
und ihm anhaltende Qualen zu bereiten, so dass er keinen Fluch aussprechen
konnte.
Harry sprang auf die Füße, griff Quirrell am Arm und packte so fest zu, wie er
konnte. Quirrell schrie und versuchte Harry abzuschütteln – der Schmerz in Harrys
Kopf wurde immer heftiger – er konnte nichts mehr sehen – er konnte nur Quirrells
schreckliche Schreie und Voldemorts Rufe hören: »TÖTE IHN!TÖTE IHN!« – und
auch andere Stimmen, vielleicht in seinem Kopf, die riefen: »Harry! Harry!«
Er spürte, wie Quirrells Arm seinem Griff entwunden wurde, wusste, dass nun
alles verloren war, und fiel ins Dunkel, tief … tief …tief …
Vor seinen Augen glitzerte etwas Goldenes. Der Schnatz! Er versuchte nach ihm zu
greifen, doch seine Arme waren zu schwer. Er blinzelte. Es war gar nicht der
Schnatz. Es war eine Brille. Wie merkwürdig. Er blinzelte wieder. Das lächelnde
Gesicht von Albus Dumbledore tauchte verschwommen über ihm auf.
»Guten Tag, Harry«, sagte Dumbledore.
Harry starrte ihn an. Dann kam die Erinnerung: »Sir! Der Stein! Es war Quirrell!
Er hat den Stein! Sir, schnell –«
»Beruhige dich, mein Junge, du bist nicht ganz auf der Höhe der Ereignisse«,
sagte Dumbledore. »Quirrell hat den Stein nicht.«
»Wer hat ihn dann? Sir, ich –«
»Harry, bitte beruhige dich, oder Madam Pomfrey wirft mich am Ende noch
hinaus.«
Harry schluckte und sah sich um. Er musste im Krankenflügel sein. Er lag in
einem Bett mit weißen Leintüchern, und neben ihm stand ein Tisch, der aussah wie
ein Marktstand voller Süßigkeiten.
»Gaben von deinen Freunden und Bewunderern«, sagte Dumbledore strahlend.
»Was unten in den Kerkern zwischen dir und Professor Quirrell geschehen ist, ist
vollkommen geheim, und so weiß natürlich die ganze Schule davon. Ich glaube,
deine Freunde, die Herren Fred und George Weasley, zeichnen verantwortlich für
den Versuch, dir einen Toilettensitz zu schicken. Zweifellos dachten sie, es würde
dich amüsieren. Madam Pomfrey jedoch meinte, er sei vielleicht nicht besonders
hygienisch, und hat ihn beschlagnahmt.«
»Wie lange bin ich schon hier?«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 194 von 194
»Drei Tage. Mr Ronald Weasley und Miss Granger werden sehr erleichtert sein,
dass du wieder zu dir gekommen bist, sie waren höchst besorgt.«
»Aber, Sir, der Stein –«
»Wie ich sehe, lässt du dich nicht ablenken. Nun gut, der Stein. Professor Quirrell
ist es nicht gelungen, dir den Stein abzunehmen. Ich bin rechtzeitig dazugekommen,
um dies zu verhindern, obwohl du dich auch allein sehr gut geschlagen hast, muss
ich sagen.«
»Sie waren da? Hat Hedwig Sie erreicht?«
»Wir müssen uns in der Luft gekreuzt haben. Kaum hatte ich London erreicht,
war mir klar, dass ich eigentlich dort sein sollte, wo ich gerade hergekommen war.
Ich kam gerade noch rechtzeitig, um Quirrell von dir herunterzureißen.«
»Das waren Sie.«
»Ich fürchtete schon, zu spät zu kommen.«
»Sie waren fast zu spät, lange hätte ich ihn nicht mehr vom Stein fernhalten
können.«
»Es ging nicht um den Stein, mein Junge, sondern um dich. Die Anstrengung hat
dich fast umgebracht. Einen schrecklichen Moment lang hielt ich dich für tot. Und
was den Stein angeht, er wurde zerstört.«
»Zerstört?«, sagte Harry bestürzt. »Aber Ihr Freund, Nicolas Flamel –«
»Ach, du weißt von Nicolas?«, sagte Dumbledore und klang dabei recht vergnügt.
»Du hast gründliche Arbeit geleistet. Nun, Nicolas und ich hatten ein kleines
Gespräch und sind zu dem Schluss gekommen, dass dies das Beste ist.«
»Aber das heißt, er und seine Frau werden sterben.«
»Sie haben genug Elixier vorrätig, um ihre Angelegenheiten regeln zu können,
und dann, ja, dann werden sie sterben.«
Dumbledore lächelte beim Anblick von Harrys verblüfftem Gesicht.
»Für jemanden, der so jung ist wie du, klingt es gewiss unglaublich, doch für
Nicolas und Perenelle ist es im Grunde nur, wie wenn sie nach einem
sehr, sehrlangen Tag zu Bett gingen. Schließlich ist der Tod für den gut
vorbereiteten Geist nur das nächste große Abenteuer. Weißt du, eigentlich war der
Stein gar nichts so Wundervolles. Geld und Leben, so viel du dir wünschst! Die
beiden Dinge, welche die meisten Menschen allem andern vorziehen würden – das
Problem ist, die Menschen haben den Hang, genau das zu wählen, was am
schlechtesten für sie ist.«
Harry lag da und wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Dumbledore summte
ein wenig und lächelte die Decke an.
»Sir?«, sagte Harry. »Ich habe nachgedacht … Selbst wenn der Stein weg ist, wird
Vol-, ich meine, Du-weißt-schon-wer –«
»Nenn ihn Voldemort, Harry. Nenn die Dinge immer beim richtigen Namen. Die
Angst vor einem Namen steigert nur die Angst vor der Sache selbst.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 195 von 195
»Ja, Sir. Nun, Voldemort wird versuchen auf anderem Wege zurückzukommen.
Ich meine, er ist nicht für immer auf und davon, oder?«
»Nein, Harry, das ist er nicht. Er ist immer noch irgendwo da draußen, vielleicht
auf der Suche nach einem anderen Körper, der ihn aufnimmt … weil er nicht
wirklich lebendig ist, kann er nicht getötet werden. Quirrell hat er dem Tod
überlassen; seinen Gefolgsleuten erweist er genauso wenig Gnade wie seinen
Feinden. Wie auch immer, Harry, vielleicht hast du nur seine Rückkehr an die
Macht hinausgezögert; er braucht nur jemand anderen, der bereit ist, eine neue
Schlacht zu schlagen, bei der er wohl verlieren wird – und wenn er immer wieder
abgewehrt wird, wieder und wieder, vielleicht kehrt er dann nie an die Macht
zurück.«
Harry nickte, hielt aber sogleich inne, denn sein Kopf schmerzte davon. Dann
sagte er: »Sir, es gibt einige andere Dinge, die ich gern wissen möchte, falls Sie es
mir erklären können … Dinge, über die ich die Wahrheit wissen will …«
»Die Wahrheit.« Dumbledore seufzte. »Das ist etwas Schönes und Schreckliches
und sollte daher mit großer Umsicht behandelt werden. Allerdings werde ich deine
Fragen beantworten, außer wenn ich einen sehr guten Grund habe, der dagegen
spricht, und in diesem Falle bitte ich dich um Nachsicht. Ich werde natürlich nicht
lügen.«
»Gut … Voldemort sagte, er hätte meine Mutter nur getötet, weil sie ihn daran
hindern wollte, mich zu töten. Aber warum wollte er mich überhaupt töten?«
Dumbledore seufzte diesmal sehr tief.
»Herrje, gleich das Erste, was du mich fragst, kann ich dir nicht sagen. Nicht
heute. Nicht jetzt. Eines Tages wirst du es erfahren … schlag es dir erst einmal aus
dem Kopf, Harry. Wenn du älter bist … Ich weiß, das hörst du gar nicht gern …
wenn du bereit bist, wirst du es erfahren.«
Und Harry wusste, dass es keinen Zweck hatte, zu streiten.
»Aber warum konnte Quirrell mich nicht berühren?«
»Deine Mutter ist gestorben, um dich zu retten. Wenn es etwas gibt, was
Voldemort nicht versteht, dann ist es Liebe. Er wusste nicht, dass eine Liebe, die so
mächtig ist wie die deiner Mutter zu dir, ihren Stempel hinterlässt. Keine Narbe,
kein sichtbares Zeichen … so tief geliebt worden zu sein, selbst wenn der Mensch,
der uns geliebt hat, nicht mehr da ist, wird uns immer ein wenig schützen. Es ist
deine bloße Haut, die dich schützt. Quirrell, voll Hass, Gier und Ehrgeiz, der seine
Seele mit der Voldemorts teilt, konnte dich aus diesem Grunde nicht anrühren. Für
ihn war es eine tödliche Qual, jemanden zu berühren, dem etwas so Wunderbares
widerfahren ist.«
Dumbledore fand nun großen Gefallen an einem Vogel, der draußen auf dem
Fenstersims hockte, und Harry hatte Zeit, seine Augen an der Bettdecke zu
trocknen. Als er seine Stimme wiedergefunden hatte, sagte er: »Und der
Tarnumhang – wissen Sie, wer mir den geschickt hat?«
»Aah, es traf sich, dass ihn dein Vater mir anvertraut hat, und ich dachte, dir
gefiele er vielleicht.« Dumbledore zwinkerte mit den Augen. »Nützliche Dinge …
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 196 von 196
dein Vater hat ihn damals meistens genommen, um in die Küche zu huschen und
etwas zum Naschen zu stibitzen.«
»Und da ist noch etwas anderes …«
»Dann schieß los.«
»Quirrell sagte, dass Snape –«
»Professor Snape, Harry.«
»Ja, er – Quirrell sagte, er hasst mich, weil er auch meinen Vater hasste. Ist das
wahr?«
»Nun, sie haben sich gegenseitig heftig verabscheut. Ganz ähnlich wie du und Mr
Malfoy. Und dann hat dein Vater etwas getan, was ihm Snape nie verzeihen
konnte.«
»Was?«
»Er hat sein Leben gerettet.«
»Was?«
»Ja …«, sagte Dumbledore, in Gedanken vertieft, »merkwürdig, wie es in den
Köpfen der Menschen zugeht. Professor Snape konnte es nicht ertragen, in der
Schuld deines Vaters zu stehen … Ich bin mir sicher, dass er sich dieses Jahr
deshalb so bemüht hat, dich zu schützen, weil er das Gefühl hatte, dass er und dein
Vater dann quitt wären. Dann konnte er endlich wieder an deinen Vater denken und
ihn in aller Ruhe hassen …«
Harry versuchte das zu verstehen, doch sein Kopf fing davon an zu pochen und er
gab es auf.
»Und, Sir, da ist noch etwas …«
»Nur noch das eine?«
»Wie habe ich den Stein aus dem Spiegel bekommen?«
»Ah, nun, ich freue mich, dass du mich danach fragst. Es war eine meiner
vortrefflicheren Ideen, und unter uns gesagt, das will schon was heißen. Sieh mal,
nur jemand, der den Stein finden wollte – finden, nicht benutzen –, sollte ihn
bekommen können, die andern würden nur sehen, wie sie Gold herstellen oder das
Lebenselixier trinken. Mein Hirn überrascht mich gelegentlich … Nun, genug der
Fragen. Ich schlage vor, du fängst mal an mit diesen Süßigkeiten. Ah! Bertie Botts
Bohnen jeder Geschmacksrichtung! In meiner Jugend hatte ich leider das Pech, auf
eine zu stoßen, die nach Erbrochenem schmeckte, und ich fürchte, seither habe ich
meine Schwäche für sie verloren – aber ich denke, mit einer kleinen Toffee-Bohne
bin ich auf der sicheren Seite, meinst du nicht?«
Lächelnd schob er sich die goldbraune Bohne in den Mund. Kurz darauf würgte er
sie wieder hervor: »Meine Güte! Ohrenschmalz!«
Madam Pomfrey war eine nette Dame, aber sehr streng.
»Nur fünf Minuten«, bettelte Harry.
»Kommt nicht in Frage.«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 197 von 197
»Sie haben Professor Dumbledore ja auch hereingelassen …«
»Ja, natürlich, er ist der Schulleiter, das ist etwas ganz anderes. Du
brauchst Ruhe.«
»Ich ruhe doch, sehen Sie, ich liege im Bett und alles. Ach, bitte, Madam Pomfrey
…«
»Na, meinetwegen«, sagte sie. »Aber nur fünf Minuten.«
Und sie ließ Ron und Hermine herein.
»Harry!«
Hermine schien drauf und dran, ihm schon wieder um den Hals zu fallen, und
Harry war froh, dass sie es bleiben ließ, denn der Kopf tat ihm immer noch sehr
weh.
»O Harry, wir dachten schon, du würdest – Dumbledore war so besorgt –«
»Die ganze Schule spricht darüber«, sagte Ron. »Was ist dennwirklich passiert?«
Es war eine jener seltenen Gelegenheiten, bei denen die wahre Geschichte noch
unerhörter und aufregender ist als die wildesten Gerüchte. Harry erzählte ihnen
alles: von Quirrell, vom Spiegel, vom Stein und von Voldemort. Ron und Hermine
waren sehr gute Zuhörer; sie rissen an den richtigen Stellen Mund und Augen auf,
und als Harry ihnen erzählte, was unter Quirrells Turban zum Vorschein
gekommen war, schrie Hermine laut auf.
»Der Stein ist also vernichtet?«, sagte Ron schließlich. »Flamel wird
einfach sterben?«
»Das habe ich gesagt, aber Dumbledore glaubt, dass – wie war es noch mal? – ›für
den gut vorbereiteten Geist der Tod nur das nächste große Abenteuer ist‹.«
»Ich hab ja immer gesagt, dass er völlig von der Rolle ist«, sagte Ron und schien
recht beeindruckt davon, wie verrückt sein großes Vorbild war.
»Und was ist mit euch geschehen?«, sagte Harry.
»Nun, ich bin rausgekommen«, sagte Hermine. »Ich habe Ron aufgepäppelt – das
hat eine Weile gedauert –, wir sind zur Eulerei hochgerast, um Dumbledore zu
benachrichtigen, und da laufen wir ihm in der Eingangshalle über den Weg – er
wusste schon Bescheid und sagte nur: Harry ist hinter ihm her, nicht wahr?, und ist
losgesaust in den dritten Stock.«
»Glaubst du, er wollte, dass du es tust?«, sagte Ron. »Wo er dir doch den Umhang
deines Vaters geschickt hat und alles?«
»Also«, platzte Hermine los, »wenn das stimmt – möchte ich doch sagen – das ist
schrecklich, du hättest umgebracht werden können.«
»Nein, ist es nicht«, sagte Harry nachdenklich. »Er ist ein merkwürdiger Mensch,
dieser Dumbledore. Ich glaube, er wollte mir eine Chance geben. Er weiß wohl mehr
oder weniger alles, was hier vor sich geht. Ich wette, er hat recht gut geahnt, was
wir vorhatten, und anstatt uns aufzuhalten, hat er uns gerade genug beigebracht,
um uns zu helfen. Dass er mich herausfinden ließ, wie der Spiegel wirkt, war wohl
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 198 von 198
kein Zufall. Mir kommt es fast so vor, als meinte er, ich hätte das Recht, mich
Voldemort zu stellen, wenn ich konnte …«
»Ja, Dumbledore ist auf Draht, allerdings«, sagte Ron stolz. »Hör mal, du musst
für die Jahresabschlussfeier morgen wieder auf den Beinen sein. Die Punkte sind
alle gezählt und Slytherin hat natürlich gewonnen – du warst beim letzten
Quidditch-Spiel nicht dabei, Ravenclaw hat uns weggeputzt ohne dich – aber das
Essen ist sicher gut.«
In diesem Moment kam Madam Pomfrey herübergewirbelt.
»Ihr habt jetzt fast fünfzehn Minuten gehabt, nun aber RAUS«, sagte sie
bestimmt.
Nachdem er die Nacht gut geschlafen hatte, fühlte sich Harry fast wieder bei
Kräften.
»Ich möchte zum Fest«, erklärte er Madam Pomfrey, die gerade seine vielen
Schachteln mit Süßigkeiten aufstapelte. »Ich kann doch, oder?«
»Professor Dumbledore sagt, es sei dir erlaubt, zu gehen«, sagte sie spitz, als ob
ihrer Meinung nach Professor Dumbledore nicht erkannte, wie
gesundheitsgefährdend Feste sein konnten. »Und du hast noch einen Besucher.«
»Oh, gut«, sagte Harry. »Wer ist es?«
Kaum hatte er gefragt, schlüpfte Hagrid durch die Tür. Wie immer, wenn er sich
in Räumen aufhielt, sah er verboten groß aus. Er setzte sich neben Harry, warf ihm
einen Blick zu und brach in Tränen aus.
»Es war – alles – mein – verfluchter – Fehler!«, schluchzte er, das Gesicht in den
Händen vergraben. »Ich hab dem bösen Wicht gesagt, wie er an Fluffy
vorbeikommen kann! Ausgerechnet ich! Es war das Einzige, was er nicht wusste,
und ich hab’s ihm gesagt. Du hättest sterben können! Und alles für ein Drachenei!
Ich rühr kein Glas mehr an! Man sollte mich rausschmeißen und mich zwingen, als
Muggel zu leben!«
»Hagrid!«, sagte Harry, entsetzt darüber, dass es Hagrid vor Gram und Reue
schüttelte und große Tränen an seinem Bart herunterkullerten. »Hagrid, er hätte es
schon irgendwie herausgefunden, wir sprechen immerhin von Voldemort, er hätte es
rausgefunden, auch wenn du es ihm nicht gesagt hättest.«
»Du hättest sterben können!«, wiederholte Hagrid. »Und nenn ja nicht den
Namen!«
»VOLDEMORT«, brüllte Harry, und Hagrid bekam einen solchen Schreck, dass
ihm das Weinen verging. »Ich hab ihn gesehen und ich nenne ihn bei seinem Namen.
Bitte krieg dich wieder ein, wir hatten den Stein, er ist zerstört, er kann ihn nicht
benutzen. Nimm einen Schokofrosch, ich hab ganze Wagenladungen davon …«
Hagrid wischte sich mit dem Handrücken die Nase und sagte: »Da fällt mir ein –
ich hab ein Geschenk für dich.«
»Kein Wiesel-Sandwich, oder?«, sagte Harry mit besorgter Miene und endlich ließ
Hagrid ein leises Glucksen hören.
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 199 von 199
»Nee. Dumbledore hat mir gestern dafür freigegeben. Hätt mich natürlich
stattdessen rausschmeißen sollen – jedenfalls, das ist für dich …«
Es sah aus wie ein schönes, in Leder gebundenes Buch. Harry öffnete es neugierig.
Es war voller Zaubererfotos. Von jeder Seite des Buches lächelten und winkten ihm
seine Mutter und sein Vater entgegen.
»Hab Eulen an alle alten Schulfreunde deiner Eltern geschickt und sie um Fotos
gebeten … Wusste, dass du keine hast … Magst du es?«
Harry brachte kein Wort hervor, doch Hagrid verstand ihn.
An diesem Abend ging Harry allein den Weg hinunter zum Jahresabschlussfest.
Madam Pomfrey, die noch einigen Wirbel veranstaltet hatte, weil sie ihn noch ein
letztes Mal untersuchen wollte, hatte ihn aufgehalten, und so war die Große Halle
schon voller Schüler. Sie war in den Farben der Slytherins, Grün und Silber,
ausgeschmückt, denn sie hatten den Hauspokal nun im siebten Jahr in Folge
gewonnen. Ein riesiges Transparent mit der Slytherin-Schlange bedeckte die Wand
hinter dem Hohen Tisch.
Als Harry hereinkam, trat ein kurzes Schweigen ein und dann begannen alle auf
einmal laut durcheinanderzureden. Er rutschte auf einen Platz am Gryffindor-Tisch
zwischen Ron und Hermine und versuchte die Schüler nicht zu beachten, die
aufstanden, um ihn zu sehen.
Glücklicherweise kam nur wenige Augenblicke später Dumbledore herein. Das
Geplapper erstarb.
»Wieder ein Jahr vorbei!«, rief Dumbledore ausgelassen. »Und bevor wir die Zähne
in unser köstliches Festessen versenken, muss ich euch mit dem schwefligen
Geschwafel eines alten Mannes belästigen. Was für ein Jahr! Hoffentlich sind eure
Köpfe ein wenig voller als zuvor … ihr habt jetzt den ganzen Sommer vor euch, um
sie wieder hübsch leer zu räumen, bevor das nächste Schuljahr anfängt …
Nun, wie ich es verstehe, muss jetzt dieser Hauspokal überreicht werden, und auf
der Tabelle sieht es wie folgt aus: an vierter Stelle Gryffindor mit
dreihundertundzwölf Punkten; an dritter Hufflepuff mit
dreihundertundzweiundfünfzig; Ravenclaw hat vierhundertundsechsundzwanzig
und Slytherin vierhundertundzweiundsiebzig Punkte.«
Vom Tisch der Slytherins brach ein Sturm aus Jubelrufen und Fußgetrappel los.
Harry sah Draco Malfoy mit dem Becher auf den Tisch hauen. Von dem Anblick
wurde ihm fast schlecht.
»Ja, ja, gut gemacht, Slytherin«, sagte Dumbledore. »Allerdings müssen auch die
jüngsten Ereignisse berücksichtigt werden.«
In der Halle wurde es sehr leise. Das Lächeln auf den Gesichtern der Slytherins
verblasste.
»Ähem«, sagte Dumbledore. »Ich habe hier noch ein paar letzte Punkte zu
vergeben. Schauen wir mal. Ja …
Zuerst – an Mr Ronald Weasley …«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 200 von 200
Ron lief purpurrot an; er sah aus wie ein Radieschen mit einem schlimmen
Sonnenbrand.
»… für die beste Schachpartie, die in Hogwarts seit vielen Jahren gespielt wurde,
verleihe ich Gryffindor fünfzig Punkte.«
Fast hoben die Jubelschreie der Gryffindors die verzauberte Decke noch höher in
die Lüfte; die Sterne über ihren Köpfen schienen zu erzittern. Nicht zu überhören
war Percy, der den anderen Vertrauensschülern mitteilte: »Mein Bruder, müsst ihr
wissen! Mein jüngster Bruder! Ist durch McGonagalls riesiges Schachspiel
gekommen!«
Endlich kehrte wieder Ruhe ein.
»Zweitens – Miss Hermine Granger … für den Einsatz kühler Logik im Angesicht
des Feuers verleihe ich Gryffindor fünfzig Punkte.«
Hermine begrub das Gesicht in den Armen; Harry hatte das sichere Gefühl, dass
sie in Tränen ausgebrochen war. Tischauf, tischab waren die Gryffindors
vollkommen aus dem Häuschen – sie hatten hundert Punkte mehr.
»Drittens – Mr Harry Potter …«, sagte Dumbledore. In der Halle wurde es
totenstill. »… für seine Unerschrockenheit und seinen überragenden Mut verleihe
ich Gryffindor sechzig Punkte.«
Ein ohrenbetäubendes Tosen brach los. Wer noch rechnen konnte, während er sich
heiser schrie, wusste, dass Gryffindor jetzt vierhundertundzweiundsiebzig Punkte
hatte – genauso viel wie Slytherin. Sie hatten im Kampf um den Hauspokal
Gleichstand erreicht – hätte Dumbledore Harry doch nur einen Punkt mehr
gegeben.
Dumbledore hob die Hand. In der Halle wurde es allmählich still.
»Es gibt viele Arten von Mut«, sagte Dumbledore lächelnd. »Es verlangt einiges an
Mut, sich seinen Feinden entgegenzustellen, doch genauso viel, den eigenen
Freunden in den Weg zu treten. Deshalb vergebe ich zehn Punkte an Mr
Longbottom.«
Jemand draußen vor der Großen Halle wäre vielleicht auf den Gedanken
gekommen, dass eine Explosion stattgefunden hätte, so ohrenbetäubend war der
Lärm, der am Tisch der Gryffindors losbrach. Harry, Ron und Hermine standen
jubelnd und schreiend auf, als Neville, weiß vor Schreck, unter einem Haufen Leute
begraben wurde, die ihn alle umarmen wollten. Noch nie hatte er auch nur einen
Punkt für Gryffindor geholt. Harry, immer noch jubelnd, stupste Ron in die Rippen
und deutete auf Malfoy, der so aussah, als hätte ihm gerade jemand die
Ganzkörperklammer auf den Hals gejagt.
»Das heißt«, rief Dumbledore über den stürmischen Applaus hinweg, denn auch
die Ravenclaws und die Hufflepuffs feierten den Fall von Slytherin, »wir müssen ein
wenig umdekorieren.«
Er klatschte in die Hände. Im Nu waren die grünen Girlanden scharlachrot und
das Silber hatte sich in Gold verwandelt; die riesige Schlange der Slytherins
verschwand und ein gewaltiger Gryffindor-Löwe trat an ihre Stelle. Snape schüttelte
Professor McGonagall mit einem schrecklich gezwungenen Lächeln die Hand. Er
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 201 von 201
warf einen Blick zu Harry hinüber, und Harry wusste sofort, dass sich Snapes
Gefühle ihm gegenüber nicht um ein Jota geändert hatten. Besorgt war er deshalb
nicht. So würde das Leben nächstes Jahr ganz normal weitergehen, so normal
jedenfalls, wie es in Hogwarts eben sein konnte.
Es war der beste Abend in Harrys Leben, besser noch als der Sieg im Quidditch
oder Weihnachten oder Bergtrolle erlegen … niemals würde er diesen Abend
vergessen.
Fast wäre Harry entfallen, dass die Zeugnisse noch kommen mussten, und sie
kamen auch. Zu ihrer großen Überraschung hatten er und Ron mit guten Noten
bestanden; Hermine war natürlich die Jahresbeste. Selbst Neville, dessen gute
Noten in Kräuterkunde die miserablen in Zaubertränke wettmachten, hatte es mit
Hängen und Würgen geschafft. Gehofft hatten sie, dass Goyle, der fast so dumm war
wie fies, vielleicht rausfliegen würde, doch auch er schaffte es. Jammerschade, doch
wie Ron sagte, man kann im Leben nicht alles haben.
Und plötzlich waren ihre Schränke leer, ihre Koffer gepackt, Nevilles Kröte wurde
in einer Ecke der Toiletten umherkriechend gefunden; alle Schüler bekamen Zettel
in die Hand, auf denen sie ermahnt wurden, während der Ferien nicht zu zaubern
(»Ich hoffe immer, dass sie diese Zettel mal vergessen«, sagte Fred Weasley
enttäuscht); Hagrid stand bereit, um sie zur Bootsflotte hinunterzuführen, mit der
er sie über den See fuhr; sie bestiegen den Hogwarts-Express; während sie
schwatzten und lachten, wurde das Land allmählich grüner; sie aßen Bertie Botts
Bohnen jeder Geschmacksrichtung und sahen Muggelstädte vorbeiziehen; sie legten
ihre Zaubererumhänge ab und zogen Jacken und Mäntel an; und dann fuhren sie
auf Gleis neundreiviertel in den Bahnhof von King’s Cross ein.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie alle vom Bahnsteig herunter waren. Ein
verhutzelter alter Wachmann stand oben an der Fahrkartenschranke und ließ sie
jeweils zu zweit oder zu dritt durch das Tor, so dass sie nicht alle auf einmal aus
einer festen Mauer herausgepurzelt kamen und die Muggel erschreckten.
»Ihr müsst uns diesen Sommer über besuchen kommen«, sagte Ron, »ihr beide –
ich schick euch eine Eule.«
»Danke«, sagte Harry. »Ich brauche was, auf das ich mich freuen kann.«
Unter Geschubse und Gedrängel näherten sie sich dem Tor zur Muggelwelt.
Manche von den anderen Schülern riefen:
»Tschau, Harry!«
»Bis dann, Potter!«
»Immer noch berühmt«, sagte Ron und grinste ihn an.
»Nicht da, wo ich hingehe, das kann ich dir versprechen«, sagte Harry.
Er, Ron und Hermine gingen zusammen durch das Tor.
»Da ist er, Mum, da ist er, schau!«
Es war Ginny Weasley, Rons kleine Schwester, doch sie deutete nicht auf Ron.
»Harry Potter«, kreischte sie. »Schau, Mum! Ich kann ihn sehen –«
HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 202 von 202
»Sei leise, Ginny, und man zeigt nicht mit dem Finger auf Leute.«
Mrs Weasley lächelte ihnen entgegen.
»Ein anstrengendes Jahr hinter euch?«, sagte sie.
»Sehr«, sagte Harry. »Danke für die Plätzchen und den Pulli, Mrs Weasley.«
»Ach, gern geschehen, mein Junge.«
»Bist du bereit?«
Es war Onkel Vernon, immer noch purpurrot im Gesicht, immer noch mit
Schnurrbart, immer noch wütend darüber, wie Harry nur so gelassen einen Käfig
mit einer Eule in einem Bahnhof voller normaler Menschen herumtragen konnte.
Hinter ihm standen Tante Petunia und Dudley, entsetzt beim bloßen Anblick von
Harry.
»Sie müssen Harrys Familie sein«, sagte Mrs Weasley.
»Man mag es so ausdrücken«, sagte Onkel Vernon. »Beeil dich, Junge, wir haben
nicht den ganzen Tag Zeit.« Er schritt davon.
Harry blieb für ein Abschiedswort bei Ron und Hermine stehen.
»Wir sehen uns dann im Sommer.«
»Ich hoffe, du hast – ähm – schöne Ferien«, sagte Hermine und sah ein wenig
zweifelnd Onkel Vernon nach, entsetzt darüber, dass jemand so unfreundlich sein
konnte.
»Oh, ganz bestimmt«, sagte Harry, und sie waren überrascht, dass sich ein
verschmitztes Lächeln über sein Gesicht breitete. »Diewissen ja nicht, dass wir zu
Hause nicht zaubern dürfen. Ich werde diesen Sommer viel Spaß haben mit Dudley
…«
Alles über Harry
Harry Potter und der Sein der Weisen
Harry Potter und die Kammer des Schreckens
Harry Potter und der Gefangene von Askaban
Harry Potter im Internet: www.harrypotter.de
Für Sean P. F. Harris,
Fluchtwagen-Fahrer und Freund
bei stürmischem Wetter
15 16 17 18 19 20 02 01 00
Alle deutschen Rechte bei Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 1999
Originalcopyright © Joanne K. Rowling 1998
Originalverlag: Bloomsbury Publishing Plc, London 1998
Originaltitel: Harry Potter and the Chamber of Secrets
Umschlaggestaltung: Doris K. Künster
Umschlagillustration: Sabine Wilharm
Satz: Dörlemannsatz, Lemförde
Druck und Bindung: Ueberreuter Print u. Digimedia
ISBN 3-551-55168-5
Printed in Austria
Ein grässlicher Geburtstag
Im Ligusterweg Nummer 4 war mal wieder bereits beim
Frühstück Streit ausgebrochen. Ein lautes Kreischen aus dem
Zimmer seines Neffen Harry hatte Mr Vernon Dursley in aller
Herrgottsfrühe aus dem Schlaf gerissen.
»Schon das dritte Mal diese Woche!«, polterte er über den
Tisch hinweg. »Wenn du diese Eule nicht in den Griff kriegst,
fliegt sie raus!«
Harry versuchte, übrigens nicht zum ersten Mal, die Sache
zu erklären.
»Sie langweilt sich«, sagte er. »Sonst fliegt sie doch immer
draußen rum. Könnte ich sie nicht wenigstens nachts raus-
lassen?«
»Hältst du mich für blöde?«, raunzte ihn Onkel Vernon an,
während ein Stück Spiegelei in seinem buschigen Schnauzbart
erzitterte. »Ich weiß doch, was passiert, wenn diese Eule
rauskommt.«
Er wechselte finstere Blicke mit seiner Gattin Petunia.
Harry wollte widersprechen, doch seine Worte gingen in
einem lang gezogenen, lauten Rülpser unter. Urheber dessen
war Dudley, der Sohn der Dursleys.
»Mehr Schinken.«
»In der Pfanne ist noch welcher, Schätzchen«, sagte Tante
Petunia und wandte sich mit verschleierten Augen ihrem
verfetteten Sohn zu. »Wir müssen dich päppeln, solange wir
können ... Mir gefallen die Geräusche nicht, die die Schulkost
in deinem Magen veranstaltet.«
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»Unsinn, Petunia, ich bin damals in Smeltings immer satt
geworden«, warf Onkel Vernon beherzt ein. »Dudley kriegt
genug, nicht wahr, mein Junge?«
Dudley, dessen Hintern zu beiden Seiten des Küchenstuhls
herabhing, grinste und drehte sich zu Harry um.
»Gib mir die Pfanne.«
»Du hast das Zauberwort vergessen«, sagte Harry gereizt.
Dieser schlichte Satz hatte eine gewaltige Wirkung auf den
Rest der Familie: Dudley riss den Mund auf und fiel mit einem
küchenerschütternden Krachen vom Stuhl. Mrs Dursley stieß
einen spitzen Schrei aus und schlug die Hände vor den Mund.
Mr Dursley sprang vom Tisch auf; das Blut pulsierte wild in
seinen Stirnadern.
»Ich habe >bitte< gemeint!«, setzte Harry rasch nach. »Und
nicht -«
»HABE ICH DIR NICHT GESAGT«, tobte sein Onkel und
besprühte dabei den Tisch mit Spucke, »DAS WORT MIT
>Z< KOMMT MIR IN DIESEM HAUS NICHT VOR!«
»Aber ich -«
»WIE KANNST DU ES WAGEN, DUDLEY ZU BEDRO-
HEN!«, brüllte Onkel Vernon und hämmerte mit der Faust auf
den Tisch.
»Ich hab doch nur -«
»ICH HABE DICH GEWARNT! UNTER MEINEM
DACH WILL ICH NICHTS VON DEINER ABNORMITÄT
HÖREN!«
Harrys Blick wanderte vom purpurroten Gesicht des Onkels
hinüber zur aschfahlen Tante, die sich mühte, Dudley wieder
auf die Beine zu hieven.
»Schon gut«, sagte Harry, »schon gut ...«
Schnaubend wie ein erschöpftes Nashorn setzte sich Onkel
Vernon wieder hin und beobachtete Harry aus den Winkeln
seiner kleinen stechenden Augen.
6
Seit Harry zu Beginn der Sommerferien nach Hause ge-
kommen war, hatte Onkel Vernon ihn behandelt wie eine
Bombe, die jeden Moment hochgehen könnte, denn Harry
Potter war kein normaler junge. In der Tat war er so wenig
normal wie überhaupt vorstellbar.
Harry Potter war ein Zauberer - ein Zauberer, der gerade
sein erstes Jahr in Hogwarts, der Schule für Hexerei und
Zauberei, hinter sich hatte. Und mochten die Dursleys noch so
unglücklich sein, weil sie ihn für die Ferien zurückhatten - das
war noch lange nichts gegen Harrys Kummer.
Er vermisste Hogwarts so sehr, dass es ihm vorkam, als
hätte er dauernd Magenschmerzen. Er vermisste das Schloss
mit seinen Geheimgängen und Geistern, die Unterrichts-
stunden (Wenn auch nicht gerade Snape, den Lehrer für
Zaubertränke), die Eulenpost, die Festessen in der Großen
Halle, sein Himmelbett im Turmschlafsaal, die Besuche bei
Hagrid, dein Wildhüter, der in einer Hütte am Rand des
Verbotenen Walds auf den Ländereien des Schlosses lebte
-und vor allem Quidditch, den beliebtesten Sport in der Welt
der Zauberer (sechs Torringe auf hohen Stangen, vier
fliegende Bälle und vierzehn Spieler auf fliegenden Besen).
Alle Zauberbücher Harrys, den Zauberstab, die Umhänge, den
Kessel und den Nimbus Zweitausend, einen fliegenden Besen
der Spitzenklasse, hatte Onkel Vernon, kaum hatte Harry das
Haus betreten, an sich gerissen und in den Schrank unter der
Treppe gesperrt. Was kümmerte es die Dursleys, dass Harry
seinen festen Platz im Quidditch-Team seines Hauses verlieren
konnte, wenn er den ganzen Sommer über nicht trainierte?
Was scherte es die Dursleys, wenn Harry in die Schule
zurückkehrte ohne auch nur einen Teil seiner Hausaufgaben
erledigt zu haben? Die Dursleys waren Muggel (so nannten die
Zauberer Menschen, die keinen Tropfen magisches Blut in den
Adern hatten), und in ihren
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Augen war es eine abgrundtiefe Schande, einen Zauberer in
der Familie zu haben. Onkel Vernon hatte sogar den Käfig von
Hedwig, Harrys Eule, mit einem Vorhängeschloss versehen,
damit sie niemandem in der Zaubererwelt -Botschaften
überbringen konnte.
Harry sah ganz anders aus als der Rest der Familie. Onkel
Vernon war groß und hatte keinen Hals, dafür aber einen
riesigen schwarzen Schnurrbart; Tante Petunia war
pferdegesichtig und knochig; Dudley war blond, rosa und fett
wie ein Schwein. Harry dagegen war klein und dünn, hatte
leuchtend grüne Augen und immer zerzaustes rabenschwarzes
Haar. Er trug eine Brille mit runden Gläsern und auf der Stirn
hatte er eine feine Narbe, die aussah wie ein Blitz.
Diese Narbe machte Harry sogar in der Welt der Zauberer
zu etwas ganz Besonderem. Sie war das Einzige an Harry, das
auf seine geheimnisvolle Vergangenheit und damit auf den
Grund hindeutete, weshalb er vor elf Jahren den Dursleys vor
die Tür gelegt worden war.
Damals, im Alter von einem Jahr, überlebte Harry auf
merkwürdige Weise den Todesfluch des größten schwarzen
Magiers aller Zeiten. Die meisten Hexen und Zauberer hatten
immer noch Angst, dessen Namen auszusprechen: Lord
Voldemort. Harrys Eltern starben bei Voldemorts Überfall,
doch Harry kam mit der blitzförmigen Narbe davon. Volde-
morts Macht jedoch fiel in eben jenem Augenblick in sich
zusammen, als es ihm misslungen war, Harry zu töten. Und
keiner konnte das begreifen.
So kam es, dass die Schwester seiner toten Mutter und deren
Gatte Harry aufgezogen hatten. Zehn Jahre hatte er bei den
Dursleys gelebt und ihnen die Geschichte geglaubt, seine
Narbe rühre von einem Autounfall her, bei dem seine Eltern
gestorben seien, und nie hatte er verstanden, warum
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er ständig, ohne es zu wollen, merkwürdige Dinge geschehen
ließ.
Und dann, genau vor einem Jahr, hatte Hogwarts ihm einen
Brief geschickt, und die ganze Geschichte war aufgeflogen.
Harry ging nun auf die Zaubererschule, wo er und seine Narbe
berühmt waren ... Doch jetzt waren Sommerferien, und er war
zu den Dursleys zurückgekehrt - dorthin, wo sie ihn
behandelten wie einen Hund, der aus einem stinkenden Loch
gekrochen war.
Die Dursleys hatten nicht einmal daran gedacht, dass heute
Harrys zwölfter Geburtstag war. Natürlich hatte er nicht viel
erwartet; ein richtiges Geschenk schon gar nicht, geschweige
denn einen Kuchen - aber dass sie nicht einmal ein Wort sagen
würden ...
In diesem Augenblick räusperte sich Onkel Vernon mit
wichtiger Miene: »Nun, wie wir alle wissen, ist heute ein
bedeutender Tag.«
Harry wollte seinen Ohren nicht trauen und hob den Kopf
»Dies könnte durchaus der Tag sein, an dem ich das größte
Geschäft meiner Laufbahn abschließe«, sagte Onkel Vernon.
Harry wandte sich wieder seinem Toast zu. Natürlich,
dachte er verbittert, Onkel Vernon sprach von diesem blöden
Abendessen. Seit zwei Wochen redete er von nichts anderem.
Ein reicher Bauunternehmer und seine Frau sollten zum
Abendessen kommen, und Onkel Vernon hoffte, einen großen
Auftrag zu landen (Onkel Vernons Firma stellte
Bohrmaschinen her).
»Ich denke, wir sollten den Ablauf des Abends noch einmal
durchgehen«, sagte Onkel Vernon. »Um acht Uhr müssen wir
alle bereit sein. Petunia, du bist wo -?«
»Im Salon«, sagte Tante Petunia wie aus der Pistole ge-
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schossen, »wo ich sie herzlich in unserem Heim willkommen
heiße.«
»Sehr gut. Und Dudley?«
»Ich stehe in der Diele bereit und öffne die Tür, wenn sie
kommen.« Dudley setzte ein gezwungenes Lächeln auf. »Darf
ich Ihnen die Jacken abnehmen, Mr und Mrs Mason?«
»Sie werden begeistert von ihm sein«, rief Tante Petunia
ganz hingerissen.
Vortrefflich, Dudley«, sagte Onkel Vernon. Dann wandte er
sich Harry zu. »Und du?«
»Ich bin in meinem Schlafzimmer, mache keinen Mucks
und tu so, als ob ich nicht da wäre«, sagte Harry mit tonloser
Stimme.
»Genau«, sagte Onkel Vernon giftig. »Und ich führe die
beiden in den Salon, stelle dich vor, Petunia, und reiche ihnen
die Drinks. Um acht Uhr fünfzehn -«
»- bitte ich zu Tisch«, sagte Tante Petunia.
»Und Dudley, du sagst -«
»Darf ich Sie ins Speisezimmer geleiten, Mrs Mason?«,
sagte Dudley und bot einer unsichtbaren Dame seinen fetten
Arm an.
»Mein perfekter kleiner Kavalier«, seufzte Tante Petunia.
»Und du?«, sagte Onkel Vernon und sah Harry arglistig an.
»Ich bin in meinem Schlafzimmer, mache keinen Mucks
und tu so, als ob ich nicht da wäre«, sagte Harry dumpf
»Genau. Nun, wir sollten versuchen beim Abendessen ein
paar Komplimente auszustreuen. Hast du eine Idee, Petunia?«
Vernon sagt, Sie seien ein glänzender Golfspieler, Mr Ma-
son ... Sie müssen mir unbedingt verraten, wo Sie ihr Kleid
gekauft haben, Mrs Mason ...«
»Bestens ... und Dudley?«
»Wie wär's mit: >In der Schule mussten wir einen Aufsatz
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über unseren Helden schreiben, Mr Mason, und ich habe über
Sie geschrieben.<«
Das war zu viel für Tante Petunia und auch für Harry. Tante
Petunia brach in Tränen aus und drückte ihren Sohn an die
Brust, während Harry unter den Tisch abtauchte, damit sie sein
Lachen nicht sehen konnten.
»Und du, junge?«
Harry tauchte wieder auf und mühte sich nach Kräften,
keine Miene zu verziehen.
»Ich bin in meinem Schlafzimmer, mache keinen Mucks
und tu so, als ob ich nicht da wäre«, sagte er.
»Genau das wirst du tun«, sagte Onkel Vernon nach-
drücklich. »Die Masons wissen nichts von dir und so soll es
auch bleiben. Wenn wir fertig sind mit dem Essen, Petunia,
geleitest du Mrs Mason zurück in den Salon zum Kaffee, und
ich spreche Mr Mason auf die Bohrer an. Mit ein bisschen
Glück habe ich den Auftrag noch vor den Zehnuhrnachrichten
unter Dach und Fach. Und morgen um diese Zeit können wir
uns schon um eine Ferienwohnung auf Mallorca kümmern.«
Harry war davon nicht gerade begeistert. Die Dursleys
würden ihn auf Mallorca genauso wenig leiden können wie im
Ligusterweg.
»Gut - ich fahr in die Stadt und hol die Smokings für mich
und Dudley ab. Und du«, raunzte er Harry an, »du gehst deiner
Tante aus dem Weg, während sie sauber macht.«
Harry ging durch die Hintertür hinaus in den Garten. Es war
ein strahlend heller Sommertag. Er schlenderte über den
Rasen, ließ sich auf die Gartenbank sinken und sang leise für
sich:
»Happy Birthday to me ... Happy Birthday to me ...«
Keine Postkarten, keine Geschenke, und er würde den
ganzen Abend so tun, als ob er nicht auf der Welt wäre.
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Niedergeschlagen starrte er die Hecke an. Noch nie hatte er
sich so einsam gefühlt. Mehr als alles andere in Hogwarts,
noch mehr sogar als Quidditch, vermisste Harry seine besten
Freunde, Ron Weasley und Hermine Granger. Die allerdings
schienen ihn überhaupt nicht zu vermissen. Seit er hier war,
hatte er keinen einzigen Brief von ihnen bekommen, obwohl
Ron doch versprochen hatte, er würde Harry zu sich nach
Hause einladen.
Harry war schon unzählige Male drauf und dran gewesen,
Hedwigs Käfig mit Hilfe eines Zauberspruchs zu öffnen und
sie mit einem Brief zu Ron und Hermine zu schicken, doch die
Gefahr war zu groß. jugendliche Zauberer durften außerhalb
der Schule nicht zaubern. Das hatte Harry den Dursleys nicht
gesagt; er wusste, nur ihre Angst, er könnte sie alle in
Mistkäfer verwandeln, hielt sie davon ab, auch ihn zu dem
Zauberstab und dem Besen in den Schrank zu sperren. In den
ersten Wochen nach seiner Rückkehr hatte sich Harry einen
Spaß daraus gemacht, sinnlose Wörter vor sich hin zu
murmeln und mit anzusehen, wie Dudley, so schnell seine
plumpen Beine ihn trugen, aus dem Zimmer floh. Doch nun,
da er so lange nichts mehr von Ron und Hermine gehört hatte,
fühlte er sich der Zaubererwelt so fern, dass er sogar die Lust
verlor, Dudley zu triezen - und jetzt hatten Ron und Hermine
auch noch seinen Geburtstag vergessen.
Was würde er nicht alles geben für eine Nachricht aus
Hogwarts? Von einer Hexe oder einem Zauberer, gleich, von
wem. Fast wäre er dankbar, wieder einmal seinen Erzfeind
Draco Malfoy zu sehen, einfach um sich zu vergewissern, dass
er nicht alles geträumt hatte ...
Nicht, dass sein Jahr in Hogwarts immer nur Spaß gemacht
hätte. Ganz am Ende des Schuljahres hatte Harry niemand
anderem als dem leibhaftigen Lord Voldemort ins
12
Auge geblickt. Voldemort mochte nur ein kläglicher Schatten
seines alten Selbst sein, doch war er immer noch schrecklich,
immer noch gerissen, und immer noch entschlossen, seine
Macht zurückzugewinnen. Harry war Voldemorts Klauen ein
zweites Mal entkommen, doch diesmal nur um Haaresbreite,
und selbst jetzt, Wochen später, wachte Harry nachts
schweißgebadet auf und sah Voldemorts aschgraues Gesicht
und seine weit aufgerissenen, wahnsinnigen Augen vor sich.
Wo mochte er jetzt wohl stecken?
jählings richtete sich Harry kerzengerade auf der Garten-
bank auf, Gedankenverloren hatte er auf die Hecke gestarrt -
und die Hecke starrte zurück. Zwei riesige grüne Augen waren
zwischen den Blättern aufgetaucht.
Harry sprang auf und im selben Moment hörte er ein Johlen
über den Rasen schallen.
»Ich weiß, was heute für ein Tag ist«, jauchzte Dudley und
watschelte auf ihn zu.
Die riesigen Augen blinzelten und verschwanden.
»Was?«, sagte Harry, ohne den Blick von der Stelle zu rüh-
ren, wo er die Augen gesehen hatte.
»Ich weiß, was heute für ein Tag ist«, wiederholte Dudley
und rückte ihm ganz nahe auf den Leib.
»Gut gemacht«, sagte Harry, »hast also endlich die Wo-
chentage auswendig gelernt?«
»Heute ist dein Geburtstag«, höhnte Dudley. »Wieso hast
du eigentlich keine Karten bekommen? Hast du in dieser
Schule für Missgeburten nicht mal Freunde?«
»Wenn deine Mutter hört, dass du über meine Schule redest
...«, erwiderte Harry kühl.
Dudley zog die Hosen hoch, die von seinem schwabbligen
Bauch herunterrutschten.
»Warum starrst du dauernd auf die Hecke?«, fragte er
misstrauisch.
13
»Ich überlege, was wohl der beste Zauberspruch wäre, um
sie in Brand zu stecken«, sagte Harry.
Dudley wich stolpernd vor ihm zurück, mit einem panischen
Ausdruck auf dem fetten Gesicht.
»Du k-kannst nicht - Dad hat dir gesagt, du darfst nicht
z-zaubern - er würde dich aus dem Haus werfen - und du hast
sonst niemanden - du hast keine Freunde, die dich aufnehmen
-«
»Simsalabim!«, sagte Harry mit finsterer Stimme, »Hokus -
pokus - Fidibus -«
»MAAAAMAAAA!«, heulte Dudley und während er hastig
zurückwich, stolperte er über die eigenen Füße. »MAAA-
MAA! Er tut es, du weißt Schon, was er tut!«
Harry musste seinen kleinen Spaß teuer bezahlen. Da weder
der Hecke ein Blatt fehlte noch Dudley ein Haar gekrümmt
war, wusste Tante Petunia, dass er nicht wirklich gezaubert
hatte, und dennoch musste er sich wegducken, als sie mit der
spülschaumtriefenden Pfanne zum Schlag gegen ihn ausholte.
Dann gab sie ihm Arbeiten auf und versprach ihm, er würde
nichts zu essen bekommen, bevor er fertig wäre.
Während Dudley herumlümmelte und ihm Eiskrem
schleckend zusah, putzte Harry die Fenster, wusch den Wagen,
mähte den Rasen, jätete die Blumenbeete, beschnitt und goss
die Rosen und verpasste der Gartenbank einen neuen Anstrich.
Am Himmel glühte die Sonne und versengte ihm den Nacken.
Er hätte Dudleys Köder nicht schlucken sollen, sagte sich
Harry, doch Dudley hatte genau das ausgesprochen, was er
selbst gedacht hatte ... Vielleicht hatte er ja tatsächlich keine
Freunde in Hogwarts ...
»Ich wünschte, sie könnten den berühmten Harry Potter jetzt
sehen«, dachte er wütend, während er mit schmerzendem
Rücken und schweißtriefendem Gesicht Dünger über die Beete
streute.
14
Es war schon halb acht, als er endlich, völlig erschöpft,
Tante Petunia rufen hörte.
»Komm rein! Aber geh über die Zeitungen!«
Erleichtert trat Harry in die kühle, blitzblank schimmernde
Küche. Auf dem Kühlschrank stand der Nachtisch für heute
Abend: ein riesiger Berg Schlagsahne mit kandierten
Veilchenblättern. Im Herd brutzelte ein Schweinebraten.
»Iss rasch auf! Die Masons kommen gleich!«, herrschte ihn
Tante Petunia an und deutete auf zwei Scheiben Brot und ein
Stück Käse auf dem Küchentisch. Sie steckte bereits in einem
lachsrosa Abendkleid.
Harry wusch sich die Hände und verschlang sein karges
Mahl. Kaum war er fertig, schnappte ihm Tante Petunia den
Teller weg. »Nach oben! Marsch!«
Als Harry an der Wohnzimmertür vorbeiging, erhaschte er
einen Blick auf Onkel Vernon und Dudley mit Smoking und
Fliege. Gerade war er oben angelangt, da läutete es an der Tür,
und Onkel Vernons wutverzerrtes Gesicht erschien am Fuß der
Treppe.
»Denk dran, Junge - ein Mucks, und -«
Harry schlich auf Zehenspitzen zu seinem Zimmer, glitt
hinein, schloss die Tür, wandte sich um und ließ sich auf sein
Bett fallen.
Nur - da saß schon jemand.
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Dobbys Warnung
Harry schaffte es gerade noch, einen Aufschrei zu unterdrü-
cken. Das kleine Geschöpf auf dem Bett hatte große, fleder-
mausähnliche Ohren und hervorquellende grüne Augäpfel, so
groß wie Tennisbälle. Harry war sofort klar, dass dieses Wesen
ihn heute Morgen aus der Hecke heraus beobachtet hatte.
Während sie sich anstarrten, hörte Harry Dudleys Stimme
aus der Diele.
»Darf ich Ihnen bitte die Jacken abnehmen, Mr und Mrs
Mason?«
Das Geschöpf glitt vom Bett herunter und verneigte sich so
tief, dass die Spitze seiner langen schmalen Nase den Teppich
berührte. Harry sah, dass es eine Art alten Kissenüberzug
anhatte, mit Löchern für die Arme und die Beine.
»Ahm - hallo«, sagte Harry unsicher.
»Harry Potter«, sagte das Geschöpf mit so durchdringender
Piepsestimme, dass Harry ganz sicher war, man würde sie un-
ten hören. »Dobby hat so lange darauf gewartet, Sie zu treffen,
Sir ... Welche Ehre ...«
»D-danke«, sagte Harry. Er drängte sich an der Wand
entlang und ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl sinken,
direkt neben die schlafende Hedwig in ihrem großen Käfig. Er
wollte fragen: Was bist du eigentlich?, doch das hielt er für
ziemlich grob, und so sagte er:
»Wer sind Sie?«
»Dobby, Sir. Einfach Dobby. Dobby, der Hauself«, sagte
das Geschöpf
16
»Ach - wirklich?«, sagte Harry. »Ahm - ich möchte ja nicht
unhöflich sein, aber - das ist nicht der passende Augenblick für
mich, um einen Hauselfen im Schlafzimmer zu haben.«
Aus dem Wohnzimmer drang Tante Petunias schrilles und
falsches Lachen empor. Der Elf ließ den Kopf hängen.
»Natürlich freue ich mich, Sie zu treffen«, setzte Harry
rasch hinzu, »aber, ähm, gibt es einen besonderen Grund für
Ihren Besuch?«
»0 ja, Sir«, sagte Dobby mit ernster Miene. »Dobby ist hier,
Sir, um Ihnen zu sagen ... Es ist schwierig, Sir ... Dobby weiß
nicht, wo er anfangen soll ...«
»Setzen Sie sich«, sagte Harry höflich und deutete aufs Bett.
Zu seinem Entsetzen brach der Elf in Tränen aus - sehr
geräuschvolle Tränen.
»S-setzen Sie sich!«, jammerte er, »nie ... niemals ...«
Harry meinte die Stimmen unten verstummen zu hören.
»Es tut mir Leid«, flüsterte er, »ich wollte Sie nicht ver-
letzen -«
»Dobby verletzen«, schluchzte der Elf, »Noch nie hat ein
Zauberer Dobby aufgefordert, sich zu setzen - von Gleich zu
Gleich -«
Harry zischte »Schhh« und versuchte Dobby zugleich
tröstend anzublicken und einladend aufs Bett zu weisen. Da
saß er nun wieder, wie eine große, hässliche Puppe mit einem
Schluckauf Endlich sammelte er sich und starrte Harry mit
einem Ausdruck der Bewunderung in den großen wässrigen
Augen an.
»Sie haben bestimmt noch keinen anständigen Zauberer
kennen gelernt«, sagte Harry aufmunternd.
Dobby schüttelte den Kopf, Dann, ohne Warnung, sprang er
auf und begann den Kopf wie rasend gegen das Fenster zu
hämmern. »Böser Dobby! Böser Dobby!«, schrie er.
»Nicht doch, was tun Sie denn da?«, zischte Harry, sprang
17
auf und zerrte Dobby zurück aufs Bett. Hedwig wachte mit
einem lauten Kreischen auf und schlug wild mit den Flügeln
gegen die Käfigstangen.
»Dobby musste sich bestrafen, Sir«, sagte der Elf, nun mit
einem leichten Schielen in den Augen, »fast hätte Dobby
schlecht von seiner Familie gesprochen, Sir ...«
»Ihrer Familie?«
»Die Zaubererfamilie, der Dobby dient, Sir ... Dobby ist ein
Hauself, er muss immer und ewig in einem Haus bleiben und
einer Familie dienen ...«
»Wissen die, dass Sie hier sind?«, fragte Harry neugierig.
Dobby erschauderte.
»0 nein, Sir, nein ... Dobby wird sich ganz fürchterlich be-
strafen müssen, weil er zu Ihnen gekommen ist, Sir. Dobby
wird deswegen seine Ohren in die Herdklappe klemmen
müssen. Wenn die Familie das jemals erfährt, Sir -«
»Aber wird es nicht auffallen, wenn Sie Ihre Ohren in die
Herdklappe klemmen?«
»Das bezweifelt Dobby, Sir. Dobby muss sich immer für
irgendetwas bestrafen, Sir. Sie lassen Dobby machen, Sir.
Manchmal erinnern sie mich daran, dass ich ein paar Strafen
vergessen habe ...«
»Aber warum gehen Sie dann nicht fort? Fliehen?«
»Ein Hauself muss freigelassen werden, Sir. Und die Fami-
lie wird Dobby niemals freilassen... Dobby wird der Familie d
jenen, bis er stirbt, Sir ...«
Harry starrte ihn an.
»Und ich dachte, ich hätte ein elendes Los, weil ich noch
vier Wochen hier bleiben muss«, sagte er. »Dagegen beneh-
men sich die Dursleys ja fast menschlich. Kann Ihnen niemand
helfen? ich vielleicht?«
Noch im selben Augenblick hätte sich Harry auf die Zunge
beißen mögen. Wieder wehklagte Dobby laut.
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»Bitte«, zischelte Harry angespannt, »bitte, seien Sie still,
wenn die Dursleys etwas hören, wenn sie erfahren, dass Sie
hier sind -«
»Harry Potter fragt, ob er Dobby helfen kann ... Dobby hat
von Ihrer Größe gehört, Sir, aber von Ihrer Güte hat er nie
erfahren ...«
Harry, dem jetzt ganz heiß im Gesicht war, sagte: »Was
immer Sie über meine Größe gehört haben, ist völliger Unsinn.
Ich bin nicht einmal Jahresbester in Hogwarts, das ist
Hermine, sie -« Doch hielt er sofort inne, denn der Gedanke an
Hermine schmerzte ihn.
»Harry Potter ist demütig und bescheiden«, sagte Dobby
ehrfürchtig, und seine kugelrunden Augen erglühten. »Harry
Potter spricht nicht von seinem Triumph über jenen, dessen
Name nicht genannt werden darf -«
»Voldemort?«, sagte Harry.
Dobby schlug die Hände gegen seine Fledermausohren und
stöhnte: »Aah, sprechen Sie den Namen nicht aus, Sir, nennen
Sie nicht den Namen!«
»Tut mir Leid«, sagte Harry rasch, »ich weiß, viele Leute
mögen das nicht - mein Freund Ron -«
Wieder brach er ab. Auch an Ron zu denken tat weh.
Dobby beugte sich zu Harry herüber, die Augen hell wie
Scheinwerfer.
»Dobby ist zu Ohren gekommen«, sagte er mit heiserer
Stimme, »dass Harry Potter dem Schwarzen Lord ein zweites
Mal begegnet ist, erst vor ein paar Wochen ... und dass Harry
Potter abermals entkommen ist.«
Harry nickte und in Dobbys Augen glitzerten Tränen.
»Ach, Sir«, stöhnte er und tupfte sich mit einer Ecke seines
schmuddeligen Kissenbezugs das Gesicht. »Harry Potter ist
kühn und tapfer! Er hat schon so vielen Gefahren die Stirn
geboten! Aber Dobby ist gekommen, um Harry Potter zu
19
schützen, um ihn zu warnen, selbst wenn er dafür die Ohren in
die Herdklappe klemmen muss ... Harry Potter darf nicht nach
Hogwarts zurückkehren.«
Stille trat ein, nur unterbrochen vom Klingen der Messer
und Gabeln im Esszimmer und dem fernen Dröhnen von
Onkel Vernons Stimme.
»W-was?«, stammelte Harry. »Aber ich muss zurück - das
Schuljahr beginnt am ersten September. Das ist das Einzige,
worauf ich mich freuen kann. Sie wissen nicht, wie es hier ist.
Hier bin ich nicht zu Hause. Ich gehöre nach Hogwarts.«
»Nein, nein, nein«, quiekte Dobby und schüttelte so heftig
den Kopf, dass ihm die Ohren ins Gesicht schlackerten. »Harry
Potter muss da bleiben, wo er in Sicherheit ist. Er ist zu groß,
zu gut, um verloren zu gehen. Wenn Harry Potter nach
Hogwarts zurückgeht, ist er in tödlicher Gefahr.«
»Warum?«, fragte Harry verdutzt.
»Es gibt eine Verschwörung, Harry Potter. Eine Ver-
schwörung mit dem Ziel, dieses Jahr in der Hogwarts-Schule
für Hexerei und Zauberei die schrecklichsten Dinge geschehen
zu lassen«, flüsterte Dobby und zitterte plötzlich am ganzen
Leib. »Dobby weiß es schon seit Monaten, Sir. Harry Potter
darf sich nicht in Gefahr bringen. Er ist zu wichtig, Sir!«
»Was für schreckliche Dinge?«, fragte Harry sofort nach.
»Wer steckt dahinter?«
Dobby gab ein seltsam würgendes Geräusch von sich und
schlug dann, wie von Sinnen, den Kopf gegen die Wand.
»Na schön!«, rief Harry und packte den Elfen am Arm, um
ihn zu beruhigen. »Sie können es nicht sagen, verstehe. Aber
warum warnen Sie mich?« Plötzlich kam ihm ein beun-
ruhigender Gedanke. »Warten Sie - das hat doch nichts mit
Vol - Verzeihung -, mit Du-weißt-schon-wem zu tun, oder
doch? Sie könnten einfach den Kopf schütteln oder nicken«,
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fügte er hastig hinzu, da Dobbys Kopf sich schon wieder
Besorgnis erregend nahe zur Wand hin neigte.
Dobby schüttelte bedächtig den Kopf.
»Nein - nicht jener, der nicht genannt werden darf, Sir -«
Dobbys Augen jedoch waren weit aufgerissen und schienen
Harry einen Hinweis geben zu wollen. Harry allerdings war
vollkommen ratlos.
»Er hat doch keinen Bruder, oder?«
Dobby schüttelte den Kopf und riss die Augen noch weiter
auf.
»Tja dann; ich habe keine Ahnung, wer außer ihm die
Macht hätte, in Hogwarts schreckliche Dinge geschehen zu
lassen«, sagte Harry. »Ich meine, da ist zwar Dumbledore -Sie
wissen doch, wer Dumbledore ist?«
Dobby neigte den Kopf »Albus Dumbledore ist der groß-
artigste Schulleiter, den Hogwarts je hatte. Dobby weiß das,
Sir. Dobby hat gehört, dass Dumbledores Zauberkräfte jenem,
der nicht genannt werden darf, auch auf der Höhe seiner Macht
ebenbürtig waren. Aber, Sir, es gibt Zauberkräfte, die
Dumbledore nicht ... Kräfte, die kein anständiger Zauberer ...«
Und bevor Harry ihn festhalten konnte, stürzte sich Dobby
vom Bett, packte Harrys Schreibtischlampe und schlug sie sich
unter ohrenbetäubendem Jaulen um den Kopf.
Unten im Erdgeschoss trat urplötzlich Stille ein. Harrys
Herz begann zu rasen und einen Augenblick später hörte er
Onkel Vernon in die Diele treten und rufen: »Dudley muss mal
wieder seinen Fernseher angelassen haben, der kleine
Schlingel!«
»Schnell! Da hinein!«, zischte Harry, drängte Dobby in den
Schrank, schloss die Tür und warf sich aufs Bett. Schon drehte
sich der Türknopf.
»Was zum Teufel treibst du hier?«, knurrte Onkel Vernon
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mit zusammengebissenen Zähnen und beugte sich mit dem
Gesicht ekelhaft nahe zu Harry hinab. »Du hast mir gerade die
Pointe von dem japanischen Golferwitz vermasselt ... Noch ein
Mucks, und du wirst dir wünschen, nie geboren worden zu
sein, Junge«
Mit stampfenden Schritten verließ er das Zimmer.
Harry befreite Dobby mit zitternden Händen aus dem
Schrank.
»Sehen Sie, wie es hier ist«, sagte er. »Sehen Sie, warum ich
nach Hogwarts zurückmuss? Das ist der einzige Ort, wo ich -
naja, wo ich glaube, dass ich Freunde habe.«
»Freunde, die Harry Potter nicht einmal schreiben?«, sagte
Dobby hinterhältig.
»Ich denke, sie waren einfach - Moment mal«, sagte Harry
stirnrunzelnd. »Woher wissen Sie, dass meine Freunde mir
nicht geschrieben haben?«
Dobby scharrte mit den Füßen. »Harry Potter darf nicht
zornig sein auf Dobby - Dobby hat es nur gut gemeint -«
»Haben Sie meine Briefe abgefangen?«
»Dobby hat sie hier, Sir«, sagte der Elf. Hurtig entfernte er
sich aus Harrys Reichweite und zog einen dicken Packen
Umschläge aus seinem Kissenbezug. Harry konnte Hermines
fein säuberliche Handschrift erkennen, Rons wirres Gekrakel
und selbst ein Gekritzel, das aussah, als stammte es von
Hagrid, dem Wildhüter von Hogwarts.
Dobby blinzelte ängstlich zu Harry empor.
»Harry Potter darf nicht böse sein ... Dobby hat gehofft ...
wenn Harry Potter glaubt, dass seine Freunde ihn vergessen
hätten ... dann würde Harry Potter vielleicht nicht mehr auf die
Schule zurückwollen, Sir ...«
Harry hörte ihm nicht zu. Er schnappte nach den Briefen,
doch Dobby entkam ihm mit einem Sprung.
»Harry Potter kann sie haben, Sir, wenn er Dobby sein
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Wort gibt, dass er nicht nach Hogwarts zurückkehrt. Aah, Sir,
dort droht eine Gefahr, der Sie nicht begegnen dürfen! Sagen
Sie, dass Sie nicht zurückgehen, Sir«
»Nein«, sagte Harry zornig, »geben Sie mir die Briefe!«
»Dann lässt Harry Potter Dobby keine Wahl«, sagte der Elf
traurig.
Noch bevor Harry auch nur die Hand rühren konnte, war
Dobby schon zur Zimmertür gehechtet, hatte sie geöffnet und
war die Treppe hinuntergerast.
Mit trockenem Mund und zusammengezogenem Magen
setzte ihm Harry nach, so leise er konnte. Die letzten sechs
Stufen übersprang er und landete katzengleich auf dem Läufer.
Er sah sich nach Dobby um. Aus dem Esszimmer hörte er
Onkel Vernons Stimme:
»... erzählen Sie doch bitte Petunia diese unglaublich wit-
zige Geschichte über die amerikanischen Klempner, Mrs.
Mason, meine Frau möchte sie unbedingt hören ...«
Harry rannte die Diele entlang und in die Küche. Was er
dort sah, gab seinem Magen den Rest.
Tante Petunias Meisterwerk von einem Nachtisch, der Berg
aus Sahne und kandierten Veilchenblättern, schwebte knapp
unter der Decke. Auf einem Schrank in der Ecke kauerte
Dobby.
»Nein«, ächzte Harry, »bitte nicht ... die bringen mich um
...«
»Harry Potter muss versprechen, dass er nicht in die Schule
zurückgeht -«
»Dobby - bitte ...«
»Sagen Sie es, Sir -«
»Ich kann nicht -«
Dobby warf ihm einen schmerzerfüllten Blick zu.
»Dann muss Dobby es tun, Sir, nur zum Wohle Harry
Potters.«
23
Die Platte fiel mit einem ohrenbetäubenden Splittern zu
Boden. Sahne spritzte auf Fenster und Wände. Mit einem
peitschenden Knall verschwand Dobby.
Aus dem Esszimmer drangen Schreie und Onkel Vernon
kam in die Küche gestürzt: Harry stand vor ihm, starr vor
Schreck, von Kopf bis Fuß mit Tante Petunias Nachtisch
besprenkelt.
Zunächst schien es, als würde es Onkel Vernon gelingen, die
Situation zu retten (»Nur unser Neffe - ganz verwirrt -Fremde
machen ihm Angst, daher sollte er oben bleiben ...«). Er
drängte die überraschten Masons mit sanfter Gewalt zurück ins
Esszimmer, versprach Harry, wenn der Besuch weg sei, würde
es Prügel setzen, dass ihm Hören und Sehen verginge, und
drückte ihm einen Wischmopp in die Hand. Tante Petunia
grub etwas Eis aus dem Kühlschrank, und Harry, immer noch
zitternd, begann die Küche zu wischen.
Vielleicht hätte Onkel Vernon seinen Auftrag doch noch
unter Dach und Fach bringen können - wenn da nicht die Eule
gewesen wäre. Tante Petunia reichte gerade eine Schachtel mit
Pfefferminzplätzchen herum, als eine riesige Schleiereule
durchs Esszimmerfenster geflattert kam, einen Brief auf Mrs
Masons Kopf fallen ließ und wieder hinausflog. Kreischend
rannte Mrs Mason aus dem Haus, lauthals über »diese
Verrückten« schimpfend. Mr Mason nahm sich noch die Zeit
zu erklären, dass seine Frau eine Heidenangst vor Vögeln aller
Art und Größe habe. Ob die Dursleys solche Scherze denn
witzig fänden?
Harry stand in der Küche und klammerte sich am Wisch-
mopp fest, als Onkel Vernon mit einem dämonischen Glim-
men in den kleinen Augen auf ihn zumarschierte.
»Lies ihn«, zischelte er bösartig und fuchtelte mit dem
Brief, den die Eule gebracht hatte, in der Luft herum. »Nur zu
- lies ihn«
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Harry nahm den Brief in die Hand. Ein Geburtstagsbrief war
es nicht.
Sehr geehrter Mr Potter, wie uns zur Kenntnis gelangt ist,
wurde an Ihrem Wohnort heute Abend um zwölf Minuten
nach neun ein Schwebezauber verwendet.
Wie Sie wissen, ist es minderjährigen Zauberern nicht
gestattet, außerhalb der Schule zu zaubern. Weitere Zauber-
tätigkeit Ihrerseits kann zum Verweis von besagter Schule
führen (Erlass zur Vernunftgemäßen Beschränkung der Zau-
berei Minderjähriger, 1875, Abschnitt C).
Wir möchten Sie zugleich daran erinnern, dass jegliche
magische Tätigkeit, die den Mitgliedern der nichtmagischen
Gemeinschaft (Muggel) aufzufallen droht, gemäß Abschnitt 13
des Geheimhaltungsabkommens der Internationalen Zauberer-
vereinigung ein schweres Vergehen ist.
Genießen Sie Ihre Ferien!
Hochachtungsvoll,
Mafalda Hopfkirch
Abteilung für unbefugte Zauberei
Zaubereiministerium
Harry blickte auf und schluckte.
»Du hast uns nicht erzählt, dass du außerhalb der Schule
nicht zaubern darfst«, sagte Onkel Vernon. Ein irrer Glanz
funkelte in seinen Augen. »Hast wohl vergessen, es zu
erwähnen ... ist dir einfach entfallen, würde ich mal sagen ...«
Wie eine große Bulldogge beugte er sich mit gefletschten
Zähnen über Harry. »Nun, ich habe Neuigkeiten für dich,
Junge ... Ich schließ dich ein. Du gehst nie wieder in
25
diese Schule zurück ... nie ... und wenn du versuchen solltest,
dich hier herauszuzaubern - dann werfen sie dich dort raus!«
Und wie ein Wahnsinniger lachend schleifte er Harry die
Treppe hoch.
Onkel Vernon war gemein genug, sein Versprechen zu
halten. Am folgenden Morgen ließ er ein Gitter vor Harrys
Fenster anbringen. Die Katzenklappe baute er persönlich in die
Zimmertür ein, so dass sie dreimal täglich ein wenig Nahrung
hineinschieben konnten. Morgens und abends ließen sie Harry
ins Badezimmer; für den Rest des Tages schlossen sie ihn in
sein Zimmer ein.
Drei Tage später machten die Dursleys immer noch keine
Anstalten nachzugeben und Harry hatte keine Ahnung, wie er
aus seiner vertrackten Lage herauskommen konnte. Auf dem
Bett liegend sah er die Sonne hinter den Fenstergittern
untergehen und fragte sich niedergeschlagen, wie es mit ihm
weitergehen sollte.
Was nutzte es, sich aus dem Zimmer zu zaubern? Dann
würde er von Hogwarts fliegen. Doch so elend war es ihm hier
im Ligusterweg noch nie ergangen. Nun, da die Dursleys
wussten, dass sie nicht eines Tages als Fledermäuse aufwachen
würden, hatte er seine einzige Waffe verloren. Dobby mochte
Harry vor schrecklichen Geschehnissen in Hogwarts bewahrt
haben, doch so, wie die Dinge nun liefen, würde er ohnehin
eines Tages verhungern.
Die Katzenklappe klapperte, Tante Petunias Hand erschien
und schob eine Schale Dosensuppe ins Zimmer. Harry, der vor
Hunger Bauchschmerzen hatte, sprang vom Bett und hob sie
hoch. Die Suppe war eiskalt, doch er trank die Schale in
einem Zug halb leer. Dann ging er hinüber zu Hedwigs Käfig
und warf das lasche Grünzeug vom Boden der Schale
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in ihren leeren Futternapf Hedwig raschelte mit ihren Federn
und warf ihm einen angeekelten Blick zu.
»Nützt nichts, wenn es deinem Schnabel nicht gut genug ist,
das ist alles, was wir haben«, sagte Harry grimmig.
Er stellte die leere Schale zurück vor die Katzenklappe und
legte sich wieder aufs Bett, seltsamerweise noch hungriger als
vor der Suppe.
Sollte er in vier Wochen noch am Leben sein, was würde
geschehen, wenn er nicht in Hogwarts auftauchte? Würden sie
jemanden schicken, um herauszufinden, warum er nicht
gekommen war? Konnten sie die Dursleys zwingen, ihn frei-
zulassen?
Allmählich wurde es dunkel im Zimmer. Erschöpft, mit
knurrendem Magen und den Kopf voller unlösbarer Probleme,
versank Harry in einen unruhigen Schlaf
ihm träumte, er würde in einem Zoo ausgestellt, in einem
Käfig mit dem Schild »Minderjähriger Zauberer«. Leute
glotzten durch die Gitter des Käfigs, wo er hungernd und
geschwächt auf einer Strohmatte lag. Er sah Dobbys Gesicht in
der Menge und schrie um Hilfe, doch Dobby rief. »Hier ist
Harry Potter in Sicherheit, Sir«, und verschwand. Dann
tauchten die Dursleys auf und Dudley rüttelte an den Gitter-
stäben und lachte ihn aus.
»Hör auf damit«, murmelte Harry. Das Rütteln dröhnte in
seinem schmerzenden Kopf »Lass mich in Ruhe ... Schluss
damit... Ich will schlafen ...«
Er öffnete die Augen. Der Mond schien durch das Fens-
tergitter. Und da war wirklich jemand, der ihn durch die Git-
terstäbe anstarrte: ein sommersprossiger, rothaariger, langna-
siger jemand.
Draußen vor Harrys Fenster war Ron Weasley.
27
Der Fuchsbau
»Ron!«, keuchte Harry. Er kroch zum Fenster und schob es
hoch, so dass sie durch die Gitterstäbe miteinander sprechen
konnten. »Ron, wie bist du - was zum -?«
Die Worte blieben ihm im Hals stecken, als ihm klar wurde,
was er da vor sich hatte. Ron lehnte sich aus dem hinteren
Seitenfenster eines alten, türkisgrünen Autos, das mitten in der
Luft geparkt war. Vorne im Wagen saßen Fred und George,
Rons ältere Zwillingsbrüder, und grinsten ihn an.
»Alles in Ordnung, Harry?«
»Was war denn los mit dir?«, fragte Ron. »Warum hast du
meine Briefe nicht beantwortet? Ich hab dich ungefähr ein
Dutzend Mal gebeten zu kommen, und dann kam heute Dad
nach Hause und meinte, du hättest eine offizielle Verwarnung
wegen Zauberei vor Muggeln erhalten -«
»Das war nicht ich - und woher weiß er das eigentlich?«
»Er arbeitet im Ministerium«, sagte Ron. »Du weißt doch,
dass wir außerhalb der Schule nicht zaubern dürfen -«
»Das musst ausgerechnet du sagen«, erwiderte Harry mit
einem Blick auf den schwebenden Wagen.
»Ach, das zählt nicht«, sagte Ron. »Den haben wir nur ge-
borgt, er gehört Dad. Wir haben ihn nicht verzaubert. Aber vor
den Augen der Muggel, bei denen du lebst, auch noch zaubern
-«
»Ich hab dir doch gesagt, ich war's nicht - aber das erklär ich
dir später. Hör mal, kannst du in Hogwarts sagen, dass die
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Dursleys mich eingesperrt haben und mich nicht zurücklassen,
und selbst herauszaubern kann ich mich natürlich nicht, weil
das Ministerium dann glaubt, es sei der zweite Zauber in drei
Tagen, also -«
»Hör auf, dummes Zeug zu quatschen«, sagte Ron. »Wir
sind hier, um dich mit nach Hause zu nehmen.«
»Aber ihr dürft mich genauso wenig rauszaubern -«
»Ist nicht nötig«, sagte Ron grinsend und wies mit einem
Kopfnicken auf seine Brüder. »Du vergisst, wen ich dabei-
habe.«
»Schnür das um die Gitterstäbe«, sagte Fred und warf Harry
das Ende eines Seils zu.
»Wenn die Dursleys aufwachen, bin ich ein toter Mann«,
sagte Harry und band das Seil fest um das Gitter, während
Fred den Motor aufheulen ließ.
»Keine Sorge«, sagte Fred. »Aber geh vom Fenster weg.«
Harry wich ein paar Schritte in die Dunkelheit zurück und
wartete neben Hedwigs Käfig. Offenbar hatte sie erkannt, dass
etwas Wichtiges vor sich ging, und gab keinen Mucks von
sich. Der Motor heulte auf, und mit einem Knirschen riss der
Wagen das Gitter aus dem Fensterrahmen und schoss hoch in
die Lüfte - Harry rannte zum Fenster zurück und sah das Gitter
einige Meter über dem Boden pendeln. Ron zog es schwer
atmend hoch ins Wageninnere. Harry lauschte angespannt,
doch aus dem Schlafzimmer der Dursleys war nichts zu hören.
Als das Gitter auf dem Rücksitz neben Ron verstaut war,
setzte Fred rückwärts so nahe wie möglich an Harrys Fenster
heran.
»Steig ein«, sagte Ron.
»Aber meine ganzen Sachen für Hogwarts - mein Zau-
berstab, mein Besen -«
»Wo sind die Sachen?«
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»Im Schrank unter der Treppe eingeschlossen und ich kann
nicht aus dem Zimmer -«
»Kein Problem«, sagte George vom Beifahrersitz, »aus dem
Weg, Harry.«
Fred und George kletterten geschmeidig durchs Fenster in
Harrys Zimmer. Die verstehen ihr Handwerk, dachte Harry, als
George eine Haarnadel aus der Tasche zog und im Türschloss
zu stochern begann.
»Viele Zauberer halten es für pure Zeitverschwendung,
solche Muggeltricks zu lernen«, sagte Fred. »Aber wir
glauben, es lohnt sich, selbst wenn es damit ein bisschen
länger dauert.«
Mit einem leisen Klicken ging die Tür auf.
»Also, wir holen deinen Koffer, du packst alles zusammen,
was du aus deinem Zimmer brauchst, und gibst es Ron«, flüs-
terte George.
»Passt auf die letzte Stufe auf, die knarrt«, wisperte Harry,
und die Zwillingsbrüder verschwanden auf der dunklen
Treppe.
Harry flitzte im Zimmer herum, sammelte seine Sachen ein
und reichte sie Ron durch das Fenster hinaus. Dann half er
Fred und George, den großen Koffer die Treppe hochzu-
schleppen. Onkel Vernon hustete im Schlafzimmer.
Endlich, völlig erschöpft, waren sie oben auf dem Trep-
penabsatz angelangt. Sie trugen den Koffer durch Harrys
Zimmer zum offenen Fenster. Fred kletterte zurück in den
Wagen, um gemeinsam mit Ron zu ziehen, und Harry und
George schoben von drinnen. Zentimeter um Zentimeter
rutschte der Koffer durchs Fenster.
Wieder hustete Onkel Vernon.
»Noch ein wenig«, keuchte Fred, »einen kräftigen Schubser
noch -«
Harry und George warfen sich mit den Schultern gegen
30
den Koffer und er rutschte durch das Fenster auf den Rücksitz.
»Okay, gehen wir«, flüsterte George.
Doch als Harry auf das Fensterbrett stieg, hörte er hinter
sich plötzlich ein lautes Kreischen, unmittelbar gefolgt von der
Donnerstimme Onkel Vernons.
»DIESE VERFLUCHTE EULE!«
»Ich hab Hedwig vergessen!«
Harry rannte hinüber zu Hedwig und in diesem Augenblick
ging das Flurlicht an. Er packte Hedwigs Käfig, stürzte zurück
zum Fenster und reichte ihn Ron hinaus. - Er war gerade auf
den Fenstersims gestiegen, als Onkel Vernon gegen die offene
Tür schlug, die mit einem lauten Krachen aufflog.
Einen Augenblick lang blieb Onkel Vernon im Türrahmen
stehen; dann fing er an zu toben wie ein rasender Stier. Er
stürzte sich auf Harry und umklammerte seine Fußgelenke.
Ron, Fred und George packten Harrys Arme und zogen ihn
mit aller Kraft nach draußen.
»Petunia!«, röhrte Onkel Vernon. »Er haut ab! ER HAUT
AB!«
Doch mit einem gewaltigen Ruck befreiten die Weasleys
Harrys Füße aus Onkel Vernons Klammergriff - Harry war
jetzt im Wagen - er hatte die Tür hinter sich zugeschlagen -
»Gib Gas, Fred!«, rief Ron, und schon jagte der Wagen dem
Mond entgegen.
Harry konnte es nicht glauben - er war frei. Er kurbelte das
Fenster herunter, die Nachtluft peitschte ihm durchs Haar und
er sah hinab auf die schrumpfenden Dächer des Ligusterwegs.
Onkel Vernon, Tante Petunia und Dudley hingen wie vom
Schlag getroffen aus Harrys Fenster.
»Bis nächsten Sommer«, rief Harry.
Von den Weasleys kam ein dröhnendes Lachen, und Harry
ließ sich, von Ohr zu Ohr grinsend, in den Rücksitz sinken.
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»Lass Hedwig raus«, sagte er zu Ron, »sie kann hinter uns
herfliegen. Sie hat schon eine Ewigkeit ihre Flügel nicht mehr
ausspannnen dürfen.«
George gab Ron die Haarnadel, und einen Augenblick später
war Hedwig schon glücklich aus dem Fenster nach draußen
geschossen, wo sie jetzt wie ein Geistervogel neben ihnen
herschwebte.
»Also, erzähl mal, Harry«, sagte Ron ungeduldig. »Was ist
passiert?«
Harry erzählte ihnen alles, von Dobbys Warnung bis zur
Katastrophe mit dem Veilchennachtisch. Eine lange, nach-
denkliche Stille trat ein, als er geendet hatte.
»Ganz faule Geschichte«, sagte Fred endlich.
»Ziemlich fies«, pflichtete ihm George bei. »Also wollte er
dir nicht mal sagen, wer hinter der ganzen Geschichte steckt?«
»Ich glaube, das konnte er nicht«, sagte Harry. »Ich hab
euch ja gesagt, jedes Mal, wenn ihm beinahe was rausgerutscht
wäre, hat er den Kopf gegen die Wand geknallt.«
Fred und George sahen sich an.
»Wie? Ihr denkt, er hat mich angelogen?«
»Naja«, sagte Fred, »sagen wir mal so, Hauselfen haben ihre
eigenen starken Zauberkräfte, aber normalerweise können sie
die nicht ohne Erlaubnis ihres Herrn einsetzen. Ich denke mal,
man hat Dobby geschickt, um dich davon abzuhalten, nach
Hogwarts zurückzukommen. Das fand jemand wohl besonders
komisch. Gibt es jemanden in der Schule, der etwas gegen
dich hat?«
>Ja«, stießen Harry und Ron gleichzeitig hervor.
»Draco Malfoy«, sagte Harry, »Er hasst mich.«
»Draco Malfoy?«, wiederholte George und wandte sich um.
»Nicht etwa Lucius Malfoys Sohn?«
»Muss er wohl sein, denn der Name kommt nicht gerade
häufig vor«, sagte Harry. »Warum?«
32
»Ich hab gehört, wie Dad von ihm geredet hat«, sagte
George. »Er war ein großer Anhänger von Du-weißt-schon-
wem.«
»Und als Du-weißt-schon-wer verschwunden war«, sagte
Fred und drehte sich zu Harry um, »kehrte Lucius Malfoy
zurück und behauptete, er hätte es gar nicht so gemeint. Ein
Haufen Mist. Dad meint, er habe zum engsten Kreis von
Du-weißt-schon-wem gehört.«
Harry hatte diese Gerüchte über Malfoys Familie schon
häufiger gehört und sie überraschten ihn nicht. Im Vergleich
zu Malfoy kam ihm Dudley Dursley wie ein netter und
nachdenklicher Junge vor.
»Ich weiß nicht, ob die Malfoys einen Hauselfen haben ...«,
sagte Harry.
»Nun, wem immer der Elf gehört, es muss jedenfalls eine
alte Zaubererfamilie sein, und eine reiche dazu«, sagte Fred.
»ja, Mum hätte auch gern einen Hauselfen zum Bügeln«,
sagte George. »Aber alles, was wir haben, ist ein lumpiger
alter Ghul in der Dachkammer und Gnomen überall im Garten.
Hauselfen gehören zu großen alten Landsitzen und Schlössern
und anderen Prachtbauten und in unserem Haus wirst du
bestimmt keinem über den Weg laufen ...«
Harry schwieg. Wenn er bedachte, dass Draco Malfoy fast
immer das Beste vom Besten hatte, musste sich seine Familie
in Zauberergold wälzen können; er sah Malfoy vor sich, wie er
in einem großen alten Landhaus umherstolzierte. Den
Familiendiener zu Schicken, um Harry von der Rückkehr nach
Hogwarts abzuhalten - genau das sah Malfoy ähnlich. War es
eine Dummheit von ihm gewesen, Dobby ernst zu nehmen?
»Ich bin jedenfalls froh, dass wir dich da rausgeholt haben«,
sagte Ron. »Ich hab mir allmählich wirklich Sorgen um dich
33
gemacht, als du meine Briefe nicht beantwortet hast. Ich
dachte erst, es wäre Errols Schuld.«
»Wer ist Errol?«
»Unsere Eule. Schon steinalt. Kann schon mal vorkommen,
dass sie auf einem Botenflug einen Herzanfall bekommt. Also
hab ich versucht, mir Hermes zu borgen -«
»Wen?«
»Den Uhu, den Mum und Dad für Percy gekauft haben, als
er zum Vertrauensschüler ernannt wurde«, erklärte Fred vom
Fahrersitz aus.
»Aber Percy wollte ihn nicht verleihen«, sagte Ron. »Mein-
te, er brauchte ihn.«
»Überhaupt führt sich Percy diesen Sommer ziemlich
eigenartig auf«, sagte George stirnrunzelnd. »Und tatsächlich
hat er einen Haufen Briefe verschickt und sich oft in seinem
Zimmer eingeschlossen ... Ich meine, so oft kannst du eine
Vertrauensschülermedaille auch nicht polieren ... Du fliegst zu
weit nach Westen, Fred«, fügte er hinzu und deutete auf einen
Kompass am Armaturenbrett. Fred kurbelte das Steuer herum.
»Sagt mal, weiß euer Vater eigentlich, dass ihr den Wagen
habt?«, fragte Harry, obwohl er schon die Antwort ahnte.
»Ähm, nicht direkt«, sagte Ron, »er musste heute Abend zur
Arbeit. Hoffentlich können wir den Wagen in die Garage
zurückstellen, ohne dass Mum etwas merkt.«
»Was macht euer Vater überhaupt im Ministerium?«
»Er arbeitet in der langweiligsten Abteilung«, sagte Ron.
»Im Büro für den Missbrauch von Muggelartefakten.«
»Wo bitte?«
»Es hat mit dem Verhexen von Muggelsachen zu tun; die
dürfen auf keinen Fall in einem Muggelladen oder bei den
Muggeln zu Hause landen. Letztes Jahr zum Beispiel wurde
das Teeservice einer alten Hexe, die gestorben war, an ein
34
Antiquitätengeschäft verkauft. Eine Muggelfrau hat es gekauft,
heimgenommen und versucht ihren Freunden darin Tee zu
servieren. Es war ein Alptraum, Dad musste wochenlang
Überstunden machen
»Was ist denn passiert?«
»Die Teekanne ist ausgerastet und hat überall kochend
heißen Tee verspritzt und ein Mann musste mit Zuckerzangen
auf der Nase ins Krankenhaus gebracht werden. Dad war
vollkommen aus dem Häuschen, außer ihm und einem alten
Hexenmeister namens Perkins ist nämlich keiner dafür
zuständig, und sie mussten Gedächtniszauber und solche
Dinge anwenden, um die Sache zu vertuschen -«
»Aber euer Vater - dieses Auto -«
Fred lachte. »ja, Dad ist verrückt nach allem, was mit den
Muggeln zu tun hat, unser Schuppen ist voll gestopft mit
Muggelzeug. Er nimmt es auseinander, verzaubert es und setzt
es wieder zusammen. Wenn er unser Haus durchsuchen würde,
müsste er auf der Stelle sich selbst verhaften. Das treibt Mum
zum Wahnsinn.«
»Da ist die Hauptstraße«, sagte George und spähte durch die
Windschutzscheibe. »In zehn Minuten sind wir da ... wird
auch Zeit, es wird langsam hell ...«
Im Osten begann der Horizont blassrosa zu schimmern.
Fred ließ den Wagen sinken und Harry sah einen dunklen
Flickenteppich aus Feldern und Baumgruppen.
»Wir sind nicht weit vom Dorf«, sagte George, »Ottery St.
Catchpole ...«
Der fliegende Wagen sank tiefer und tiefer. Die ersten
Strahlen der roten Sonnenkugel drangen durch die Bäume.
»Geschafft«, rief Fred, als sie mit einem leichten Rumpeln
zu Boden gingen. Sie waren neben einer baufälligen Garage in
einem kleinen Hof gelandet, und zum ersten Mal sah Harry
Rons Haus.
35
Es sah aus, als sei es früher ein großer steinerner Schweine-
stall gewesen, doch an allen Ecken und Enden waren weitere
Räume angebaut worden, bis das Haus mehrere Stockwerke
hoch war und so krumm, dass man meinen konnte, es würde
durch Zauberkraft zusammengehalten (was, wie Harry über-
legte, vermutlich stimmte). Vom roten Dach ragten vier oder
fünf Kamine empor. Neben der Tür steckte ein Schild im
Boden, auf dem verkehrt herum zu lesen war: »Fuchsbau«.
Um den Eingang herum lagen haufenweise Gummistiefel und
ein sehr rostiger Kessel. Etliche fette braune Hühner pickten
im Hof,
»Nichts Besonderes«, sagte Ron.
»Es ist toll«, sagte Harry glücklich und dachte an den Ligus-
terweg-
Sie stiegen aus.
»Also - wir gehen jetzt ganz, ganz leise nach oben«, sagte
Fred »und warten, bis Mum uns zum Frühstück ruft. Dann
rennst du die Treppe runter, Ron, und rufst: >Mum, schau mal,
wer heute Nacht aufgetaucht ist!<, und sie wird sich freuen,
Harry zu sehen, und keiner braucht je zu wissen, dass wir mit
dem Wagen geflogen sind.«
»In Ordnung«, sagte Ron.»Los komm, Harry, ich schlafe
-ganz oben -«
Ron, mit starrem Blick aufs Haus, lief plötzlich übelgrün an.
Die anderen drei wirbelten herum.
Links und rechts die Hühner aufscheuchend, kam Mrs
Weasley über den Hof marschiert. Und für eine kleine,
kugelrunde Frau mit freundlichem Gesicht sah sie einem
Säbelzahntiger erstaunlich ähnlich.
»Ah«, sagte Fred.
»Das darf nicht wahr sein«, sagte George.
Mrs Weasley machte vor ihnen Halt, stemmte die Hände in
die Hüften und sah von einem schuldbewussten Gesicht
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zum nächsten. Sie trug eine geblümte Schürze, aus deren
Tasche ein Zauberstab ragte.
»So«, sagte sie.
»Morgen, Mum«, sagte George mit einer Stimme, von der er
offenbar glaubte, sie klinge unbekümmert und einschmei-
chelnd.
»Könnt ihr euch vorstellen, was für Sorgen ich mir gemacht
habe«, zischte Mrs Weasley in giftigem Flüsterton.
»Tut uns Leid, Mum, aber wir mussten -«
Ihre drei Söhne waren Mrs Weasley ein ganzes Stück über
den Kopf gewachsen, aber als ihr Wutausbruch über sie he-
reinbrach, schrumpften sie in sich zusammen.
»Die Betten leer! Keine Nachricht! Der Wagen weg,
vielleicht gegen einen Baum gefahren, ich werd fast verrückt
vor Sorgen, daran habt ihr wohl nicht gedacht?- Meiner
Lebtage ist mir das noch nicht - wartet nur, bis euer Vater
nach Hause kommt, nie haben uns Bill oder Charlie oder
Percy solchen Kummer gemacht
»Perfekter Percy«, murmelte Fred.
»VON PERCY KÖNNTET IHR EUCH GERN EINE
SCHEIBE ABSCHNEIDEN!«, schrie Mrs Weasley und bohrte
ihren Zeigefinger in Freds Brust. »Ihr hättet sterben können,
man hätte euch sehen können, euer Vater hätte entlassen
werden können -«
Stundenlang schien es so weiterzugehen. Mrs Weasley hatte
sich heiser geschrien, noch bevor sie sich Harry zuwandte, der
vor ihr zurückwich.
»Ich freue mich sehr, dich zu sehen, Harry, mein Lieber«,
sagte sie. »Komm doch rein zum Frühstück.«
Sie wandte sich um und ging zurück ins Haus, und nach
einem nervösen Blick auf Ron, der ihm aufmunternd zunickte,
folgte Harry ihr.
Die Küche war klein und ziemlich voll gestopft. In der Mitte
standen ein abgenutzter Holztisch und Stühle; Harry
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setzte sich auf eine Stuhlkante und sah sich um. Noch nie war
er in einem Zaubererhaus gewesen.
Die Uhr an der Wand gegenüber hatte nur einen Zeiger und
überhaupt keine Ziffern. Am Rand entlang standen Dinge wie
»Zeit für Tee«, »Zeit zum Hühnerfüttern« und »Du kommst zu
spät«. Der Kaminsims war drei Reihen tief voll gepackt mit
Büchern: So zaubern Sie Ihren eigenen Käse, lautete ein Titel,
oder Magie beim Backen und Festessen in einer Minute - Das
ist Hexerei!. Und wenn Harry seinen Ohren trauen durfte, hatte
eine Stimme aus dem alten Radio über der Spüle gerade die
»Hexenstunde« angekündigt, »mit der bezaubernden
singenden Hexe Celestina Warbeck«.
Mrs Weasley werkelte in der Küche herum und bereitete
eher planlos das Frühstück zu, wobei sie ihren Söhnen böse
Blicke zu und Würstchen in die Pfanne warf, Hin und wieder
murmelte sie etwas wie: »Weiß nicht, was ihr euch eigentlich
dabei gedacht habt«, und »Das hätte ich nie von euch
erwartet«.
»Dir mache ich keinen Vorwurf«, versicherte sie Harry und
häufte acht oder neun Würstchen auf seinen Teller. »Arthur
und ich haben uns genauso um dich Sorgen gemacht. Letzte
Nacht noch haben wir uns gesagt, wir gehen hin und holen ihn
persönlich, wenn er Ron bis Freitag nicht geantwortet hat.
Aber hört mal« (jetzt schaufelte sie noch drei Spiegeleier auf
Harrys Teller), »einen nicht zugelassenen Wagen übers halbe
Land zu fliegen! Hinz und Kunz hätten euch sehen können -«
Lässig schnippte sie mit dem Zauberstab gegen das Geschirr
in der Spüle, das sich, leise im Hintergrund klirrend, selber
abwusch.
»Es war bewölkt, Mum!«, sagte Fred.
»Sprich nicht mit vollem Mund!«, fauchte Mrs Weasley.
»Sie haben ihn ausgehungert, Mum!«, sagte George.
38
»Das gilt auch für dich!«, sagte Mrs Weasley, doch mit
leicht besänftigter Miene begann sie für Harry Brote zu
schneiden und sie mit Butter zu bestreichen.
In diesem Augenblick wurden sie von einer kleinen rot-
haarigen Gestalt in einem langen Nachthemd abgelenkt, die in
der Küche erschien, ein leises Quieken ertönen ließ und wieder
hinaushüpfte.
»Ginny«, sagte Ron mit gedämpfter Stimme zu Harry.
»Meine Schwester. Den ganzen Sommer schon redet sie von
dir.«
»Tja, sie wird ein Autogramm von dir wollen, Harry«,
grinste Fred, doch er fing den Blick seiner Mutter auf und
machte sich stumm über seinen Teller her. Keiner sagte mehr
ein Wort, bis alle vier Teller leer waren, was überraschend
schnell ging.
»Mensch, bin ich müde«, gähnte Fred und legte endlich
Messer und Gabel weg. »Ich glaub, ich geh ins Bett und -«
»Das wirst du nicht«, fuhr ihn Mrs Weasley an,»es ist dein
Problem, dass du die ganze Nacht auf gewesen bist. Du wirst
jetzt den Garten für mich entgnomen, die spielen mal wieder
völlig verrückt -«
»Ach Mum -«
»Und ihr auch«" sagte sie mit wütendem Blick auf Ron und
Fred. »Du kannst nach oben ins Bett, mein Lieber«, sagte sie
zu Harry gewandt, »du hast sie ja nicht angestiftet, diesen
verkorksten Wagen zu fliegen.«
Doch Harry, der sich hellwach fühlte, sagte rasch: »Ich helfe
Ron, ich hab noch nie beim Entgnomen -«
»Das ist sehr lieb von dir, Harry, aber es ist eine stumpf-
sinnige Arbeit«, sagte Mrs Weasley. »Nun, hören wir Mai, was
Lockhart dazu sagt -«
Und sie zog einen dicken Wälzer vom Kaminsims. George
stöhnte auf,
39
»Mum, wir wissen, wie man einen Garten entgnomt -«
Harry sah auf den Einband von Mrs Weasleys Buch. In ver-
schlungenen Goldlettern standen darauf die Worte: Gilderoy
Lockharts Ratgeber für Schädlinge in Haus und Hof Auf dem
Umschlag prangte das Foto eines sehr gut aussehenden
Zauberers mit wehendem Blondhaar und hellblauen Augen.
Wie immer in der Zaubererwelt bewegte sich das Foto und der
Abgebildete, offenbar Gilderoy Lockhart, zwinkerte ihnen ver-
schmitzt zu. Mrs Weasley sah mit strahlenden Augen zu ihm
hinunter.
»Ach, ein wunderbarer Mann«, sagte sie, »er kennt sich aus
mit Haushaltsschädlingen, da könnt ihr Gift drauf nehmen, ein
fabelhaftes Buch ...«
»Mum steht auf ihn«, flüsterte Fred laut und deutlich.
»Mach dich nicht lächerlich, Fred«, sagte Mrs Weasley mit
deutlich rosa angehauchten Wangen. »Na gut, wenn ihr glaubt,
ihr wüsstet's besser als Lockhart, dann mal los, und wehe, es
ist noch ein einziger Gnom im Garten, wenn ich nachschauen
komme.«
Grummelnd und gähnend schlurften die Weasleys nach
draußen, Harry im Schlepptau. Der Garten war groß und genau
nach Harrys Geschmack. Die Dursleys hätten ihn nicht
gemocht - es gab eine Menge Unkraut und das Gras hätte mal
gemäht werden müssen - entlang der Mauer standen knorrige
Bäume; in den Blumenbeeten wucherten Pflanzen, die Harry
noch nie gesehen hatte, und in einem großen grünen Teich
quakten Frösche.
»Auch Muggel haben Gartengnomen, musst du wissen«,
sagte Harry, während sie über den Rasen gingen.
»ja, ich hab die Dinger gesehen, die sie für Gnomen halten«,
sagte Ron, kniete sich hin und steckte den Kopf tief in einen
Pfingstrosenbusch, »zum Beispiel fette kleine Weih-
nachtsmänner mit Angelruten ...«
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Es gab ein heftiges Gezerre, der Pfingstrosenbusch zitterte
und Ron richtete sich auf. »Das ist ein Gnom sagte er
grimmig.
»Loslassen, loslassen!«, fiepte der Gnom.
Er sah ganz und gar nicht nach einem Weihnachtsmann aus.
Er war klein und lederhäutig und hatte einen großen,
knubbligen Glatzkopf wie eine Kartoffel. Ron hielt ihn mit
ausgestrecktem Arm von sich, weil er mit seinen hornhäutigen
kleinen Füßen um sich trat; er packte ihn um die Fußgelenke
und ließ ihn mit dem Kopf nach unten baumeln.
»so macht man das«, sagte er. Er hob den Gnomen hoch
(»Loslassen!«) und begann ihn wie ein Lasso über seinem
Kopf zu schwingen. Als er Harrys erschrockenes Gesicht sah,
sagte Ron:
»Es tut ihnen nicht weh - man muss sie nur richtig
schwindlig machen, damit sie nicht wieder in ihre Löcher
zurückfinden.«
Er ließ los: Der Gnom flog zehn Meter durch die Luft und
landete mit einem Plumps im Feldjenseits der Hecke.
»Erbärmlich«, kommentierte Fred den Wurf. »Ich wette, ich
kann meinen bis zu diesem Baumstumpf schleudern.«
Harry merkte schnell, dass man nicht allzu viel Mitleid mit
den Gnomen haben brauchte. Den ersten, den er fing, wollte er
einfach auf die andere Seite der Hecke fallen lassen, doch der
Gnom, der seine Vorsicht spürte, versenkte seine
messerscharfen Zähnchen in Harrys Finger. Der hatte Mühe,
ihn abzuschütteln, bis -
»Mensch, Harry! Das müssen zwanzig Meter gewesen sein
...«
Bald war die Luft erfüllt von fliegenden Gnomen.
»Siehst du, sie sind nicht allzu helle«, sagte George, der fünf
oder sechs Gnomen gleichzeitig gepackt hatte. »Sobald sie
wissen, dass es mit dem Entgnomen losgeht, stürmen sie
41
hoch, um zuzusehen. Man sollte meinen, inzwischen hätten sie
gelernt, in ihren Löchern zu bleiben.«
Mit eingezogenen kleinen Schultern begannen die Gnomen
auf dem Feld im Gänsemarsch davonzuziehen.
»Die kommen zurück«, sagte Ron, während sie die Gnomen
in der Hecke auf der anderen Seite des Feldes verschwinden
sahen. »Denen gefällt es hier ... Dad ist nicht streng genug mit
ihnen. Er findet sie lustig ...«
In diesem Augenblick fiel die Haustür ins Schloss.
»Er ist da!«, sagte George, »Dad. ist heimgekommen!«
Sie rannten durch den Garten zurück ins Haus.
Mit geschlossenen Augen und der Brille in der Hand war Mr
Weasley auf einem Küchenstuhl zusammengesunken. Er war
dünn und hatte nur noch spärliches, doch ebenso rotes Haar
wie seine Kinder. Sein langer grüner Umhang war staubig und
verschlissen.
»Was für eine Nacht«, murmelte er und griff nach der
Teekanne, während sich die jungen um ihn herum nieder-
ließen. »Neun Hausdurchsuchungen. Neun! Und der alte
Mundungus Fletcher wollte mir einen Zauberbann auf den
Hals jagen, als ich ihm gerade den Rücken zudrehte ...«
Mr Weasley nahm einen kräftigen Schluck Tee und seufzte.
»Hast du was gefunden, Dad?«, wollte Fred wissen.
»Nichts außer ein paar schrumpfenden Schlüsseln und
einem beißenden Kessel«, gähnte Mr Weasley. »Außerdem
noch einige recht üble Sachen, für die wir allerdings nicht
zuständig sind. Mortlake haben sie wegen ein paar äußerst
merkwürdiger Frettchen zum Verhör mitgenommen, aber das
fällt nicht in meine Abteilung, Gott sei Dank ...«
»Warum sollte sich jemand die Mühe machen, Türschlüssel
schrumpfen zu lassen?«, fragte George.
»Einfach um die Muggel zu ärgern«, seufzte Mr Weasley.
42
»Verkaufen ihnen Schlüssel, die zusammenschrumpfen, bis
nichts mehr übrig ist, und die Muggel können sie dann nicht
mehr finden ... Natürlich ist es sehr schwer jemanden dafür
ranzukriegen, denn kein Muggel würde zugeben, dass sein
Schlüssel schrumpft - sie behaupten andauernd, sie würden sie
verlieren. Das muss man ihnen lassen, sie tun alles, um die
Zauberei zu übersehen, selbst wenn sie ihnen ins Gesicht
springt ... Aber was unsere Leute inzwischen alles so ver-
zaubern, ihr würde es nicht glauben
»AUTOS, ZUM BEISPIEL?«
Mrs Weasley war in der Küche erschienen und hielt einen
langen Schürhaken wie ein Schwert in der Hand. Mr Weasley
riss die Augen auf, Schuldbewusst starrte er seine Frau an.
»A-Autos, Molly, Liebling?«
»ja, Arthur, Autos«, sagte Mrs Weasley mit blitzenden Au-
gen. »Stell dir vor, ein Zauberer kauft ein rostiges altes Auto
und sagt seiner Frau, er wolle es nur auseinander nehmen, um
zu sehen, wie es funktioniert, aber in Wahrheit verzaubert er
es, damit es fliegen kann.«
Mr Weasley blinzelte.
»Nun, Liebling, ich denke, du wirst feststellen, dass er sich
damit durchaus im Rahmen des Gesetzes bewegt, selbst wenn,
ähm, er vielleicht besser daran getan hätte, seiner, ähm, Frau
die Wahrheit zu sagen ... es gibt da eine Lücke im Gesetz, wie
du sehen wirst ... solange er nämlich nicht beabsichtigte, den
Wagen zu fliegen, ist die Tatsache, dass der Wagen fliegen
könnte, nicht unbedingt -«
»Arthur Weasley, du selbst hast dafür gesorgt, dass es eine
Lücke gibt, als du dieses Gesetz verfasst hast«, rief Mrs Weas-
ley, »damit du weiter an diesem ganzen Muggelschrott in
deinem Schuppen herumbasteln kannst! Und zu deiner In-
formation: Harry ist heute Morgen in eben diesem Wagen
hergekommen, den du nie zu fliegen beabsichtigt hast!«
43
»Harry?«, sagte Mr Weasley ahnungslos, »Harry wer?«
Er sah sich um, erblickte Harry und sprang auf.
»Gütiger Gott, ist das Harry Potter? Freut mich sehr, Sie
kennen zu lernen, Ron hat uns so viel erzählt -«
»Deine Söhne haben den Wagen heute Nacht zu Harrys
Haus geflogen und wieder zurück!«, rief Mrs Weasley. »Was
sagst du dazu?«
»Habt ihr wirklich?«, fragte Mr Weasley begeistert. »Ist
alles gut gegangen? Ich - ich meine«, stammelte er, als er sah,
dass aus Mrs Weasleys Augen Funken sprühten, »das -war
ganz falsch von euch, Jungs - wirklich ganz falsch ...«
»]Lass sie das unter sich ausmachen«, flüsterte Ron in
Harrys Ohr, während Mrs Weasley anschwoll wie ein Och-
senfrosch. »Komm, ich zeig dir mein Schlafzimmer.«
Sie schlichen sich aus der Küche und gingen einen engen
Gang entlang zu einer schiefen Treppe, die sich zickzackför-
mig durch das Haus emporwand. Im dritten Stock stand eine
Tür offen. Harry konnte gerade noch ein Paar hellbrauner
Augen sehen, die ihn anstarrten, bevor sie ins Schloss fiel.
»Ginny«, sagte Ron, »du weißt ja nicht, wie komisch es ist,
dass sie so scheu ist, normalerweise hört sie nicht auf zu
plappern -«
Sie stiegen noch zwei Stockwerke hoch und standen nun vor
einer Tür. Die Farbe blätterte bereits ab und auf einem kleinen
Schild stand: »Ronalds Zimmer«.
Harry trat ein, wobei er mit dem Kopf beinahe an die schräg
abfallende Decke stieß, und blinzelte überrascht. Es war, als
ob er in einen Hochofen geraten wäre: Fast alles in Rons
Zimmer glühte orangerot; die Bettdecke, die Wände, sogar die
Decke. Dann erkannte Harry, dass Ron fast jeden
Zentimeter der schäbigen Tapete mit Postern derselben sie-
ben Hexen und Zauberer voll geklebt hatte, die alle leuch-
44
tend orangerote Umhänge trugen, auf Besen saßen und be-
geistert winkten.
»Deine Quidditch-Mannschaft?«, fragte Harry.
»Die Chudley Cannons«, sagte Ron und wies auf die
orangerote Bettdecke, die mit zwei riesigen schwarzen »C«
und einer fliegenden Kanonenkugel verziert war.»Neunter
Platz in der Liga.«
Rons Zauberspruchbücher für die Schule waren achtlos in
einer Ecke gestapelt, daneben ein Stoß Comic-Hefte, alle of-
fenbar Abenteuer von Martin Miggs, dem mickrigen Muggel.
Rons Zauberstab lag auf einem Aquarium voller Froschlaich,
das auf dem Fenstersims stand. Daneben, auf einem sonnigen
Fleck, döste Krätze, seine fette graue Ratte.
Harry stieg über einen Packen Selbst mischender Spielkarten
und sah aus dem kleinen Fenster. Weit unten auf dem Feld
konnte er eine Schar Gnomen erkennen, die durch die Hecke
der Weasleys zurückschlichen. Er wandte sich um und sah,
dass Ron ihn etwas nervös beobachtete, als ob er auf sein
Urteil wartete.
»Ein wenig klein«, sagte Ron rasch, »nicht wie dein Zimmer
bei den Muggeln. Und direkt unter dem Ghul in der
Dachkammer, der immer auf die Rohre klopft und stöhnt ...«
Doch Harry grinste breit: »Das ist das beste Haus, in dem
ich je war.«
Rons Ohren liefen rosarot an.
45
Bei Flourish & Blotts
Das Leben im Fuchsbau war himmelweit entfernt von dem im
Ligusterweg. Die Dursleys mochten alles Vertraute und
Geordnete; das Haus der Weasleys steckte voller Absonder-
lichkeiten und Überraschungen. Als Harry zum ersten Mal in
den Spiegel über dem Küchenkamin sah, zuckte er er-
schrocken zusammen, als eine Stimme ertönte: »Stopf dein
Hemd rein, Schlamper!«Der Ghul in der Dachkammer fing an
zu heulen und ließ Rohre auf den Boden fallen, wenn ihm das
Haus zu ruhig vorkam, und die kleinen Explosionen im
Schlafzimmer von Fred und George kümmerten niemanden.
Was Harry am Leben in Rons Haus jedoch am ungewöhn-
lichsten vorkam, war nicht der sprechende Spiegel oder der
lärmende Ghul: es war schlicht und einfach, dass ihn offenbar
alle mochten.
Mrs Weasley kümmerte sich um seine Socken und wollte
ihm bei jeder Mahlzeit unbedingt dreimal nachlegen. Mr
Weasley mochte Harry beim Abendessen gern neben sich
haben und bombardierte ihn dann mit Fragen über das Leben
bei den Muggeln, zum Beispiel, wie Pflüge funktionierten und
wie es mit der Post klappte.
»Faszinierend!«, sagte er dann immer, wenn Harry ihm er-
zählte, wie man ein Telefon benutzte, »wirklich genial, wie
viele Schliche die Muggel gefunden haben, um ohne Zauberei
durchzukommen.«
Eines sonnigen Morgens, gut eine Woche nach Harrys An-
kunft im Fuchsbau, erhielt er einen Brief aus Hogwarts. Er
46
war mit Ron zum Frühstück nach unten gegangen, wo Mr und
Mrs Weasley und Ginny schon am Küchentisch saßen. In dem
Augenblick, als sie Harry sah, stieß sie ihre Haferbreischale
vom Tisch, und laut klirrend landete diese auf dem Boden. Sie
tauchte unter den Tisch, um die Schale aufzuheben, und als sie
wieder hochkam, glühte ihr Gesicht wie die untergehende
Sonne. Harry tat, als habe er nichts bemerkt, setzte sich und
nahm das Stück Toast, das ihm Mrs Weasley anbot.
»Briefe aus der Schule«, sagte Mr Weasley und reichte
Harry und Ron gleiche Umschläge aus gelblichem Pergament,
die mit grüner Tinte adressiert waren. »Dumbledore weiß
bereits, dass du hier bist, Harry, dem Mann entgeht nichts. Ihr
beide habt auch Briefe bekommen«, sagte er zu Fred und
George, die eben, noch in ihren Schlafanzügen,
hereingestolpert kamen.
Sie lasen ihre Briefe und ein paar Minuten herrschte Stille.
In Harrys Brief hieß es, er solle wie üblich am ersten Sep-
tember den Hogwarts-Express vom Bahnhof King's Cross
nehmen. Auch eine Liste der neuen Bücher für das folgende
Schuljahr war enthalten:
Schüler der zweiten Klasse benötigen:
Miranda Habicht: Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 2
Gilderoy Lockhart: Tanz mit einer Todesfee
Gilderoy Lockhart: Gammeln mit Gulen
Gilderoy Lockhart: Ferien mit Vetteln
Gilderoy Lockhart: Trips mit Trollen
Gilderoy Lockhart: Abstecher mit Vampiren
Gilderoy Lockhart: Wanderungen mit Werwölfen
Gilderoy Lockhart: Ein Jahr bei einem Yeti
Fred hatte seine Liste durchgesehen und spähte hinüber auf
Harrys Blatt.
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»Du musst ja auch alle Bücher von Lockhart besorgen«,
sagte er. »Der neue Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen
Künste muss ein richtiger Fan von ihm sein, wette, es ist eine
Hexe.«
Fred fing im selben Moment den Blick seiner Mutter auf
und wandte sich daraufhin schleunig der Marmelade zu.
»Das wird nicht billig«, sagte George und warf den Eltern
einen raschen Blick zu. »Die Bücher von Lockhart sind
ziemlich teuer ...«
»Schon gut, das schaffen wir«, sagte Mrs Weasley, sah je-
doch besorgt aus. »Ich denke, wir können viel von Ginnys
Schulsachen aus zweiter Hand kaufen.«
»Ach, du kommst dieses Jahr nach Hogwarts?«, fragte
Harry Ginny.
Sie nickte, errötete bis unter die Wurzeln des flammend
roten Haares und setzte ihren Ellbogen in die Butterschale.
Glücklicherweise sah das niemand außer Harry, denn in
diesem Augenblick kam Rons älterer Bruder Percy herein. Er
war bereits angezogen und hatte das Vertrauensschüler-
Abzeichen von Hogwarts an seinen Rollkragenpullover ge-
heftet.
»Morgen, allerseits«, sagte Percy gut gelaunt, »wunder-
schöner Tag heute.«
Er setzte sich auf den einzigen freien Stuhl, sprang jedoch
gleich wieder hoch und hob einen zerzausten grauen Feder-
wisch hoch - zumindest sah es für Harry so aus, bis er sah,
dass der Federwisch atmete.
»Errol«, sagte Ron, nahm die lahme Eule aus Percys Händen
und zog einen Brief unter ihrem Flügel hervor. »Endlich, er
hat Hermines Antwort, ich hab ihr geschrieben, dass wir
versuchen wollen, dich vor den Dursleys zu retten.«
Er trug Errol zu einer Vogelstange neben der Hintertür und
versuchte ihn darauf abzusetzen, doch Errol konnte sich
48
nicht halten, so dass ihn Ron auf das Abtropfbrett legte.
»Traurig«, murmelte er. Dann riss er Hermines Brief auf und
las ihn laut vor:
Lieber Ron, und Harry, falls du da bist,
ich hoffe, alles ist gut gelaufen und Harry ist okay und ihr habt
nichts Ungesetzliches getan, um ihn rauszuholen, Ron, denn
dann käme auch Harry in Schwierigkeiten. Ich mach mir
wirklich Sorgen, und falls es Harry gut geht, lass es mich
sofort wissen, aber vielleicht wäre es besser, eine andere Eule
zu nehmen, denn ich glaube, noch ein Botenflug würde ihr den
Garaus machen.
Natürlich bin ich viel mit den Schularbeiten beschäftigt -
»Wieso das denn?«, sagte Ron entsetzt, »wir haben doch
Ferien«
- und nächsten Mittwoch gehen wir nach London, um die
neuen Bücher zu kaufen, wollen wir uns nicht in der Win-
kelgasse treffen?
Sag mir, sobald du kannst, Bescheid, was los ist.
Alles Liebe, Hermine
»Nun, das passt ganz gut, wir können dann auch eure Sachen
besorgen«, sagte Mrs Weasley und begann den Tisch abzu-
räumen. »Und was habt ihr heute vor?«
Harry, Ron, George und Fred wollten zu einer kleinen
Pferdekoppel der Weasleys auf dem Hügel hinter dem Haus.
Sie war von Bäumen umgeben, die die Sicht vom Dorf unten
versperrten, und solange sie nicht zu hoch flogen, konnten sie
dort Quidditch üben. Echte Quidditch-Bälle konnten
sie allerdings nicht benutzen, denn es würde schwer sein, die
Sache zu erklären, wenn die Bälle abhauen und über das
Dorf fliegen würden. Stattdessen warfen sie einander Äp-
49
fel zu, die sie auffangen mussten. Sie flogen abwechselnd
Harrys Nimbus Zweitausend, der mit Abstand der beste Besen
war; Rons alter Shooting Star wurde nicht selten von
vorbeifliegenden Schmetterlingen überholt.
Fünf Minuten später zogen sie mit geschulterten Besen den
Hügel hoch. Sie hatten Percy gefragt, ob er mitkommen wolle,
doch er meinte, er hätte zu tun. Harry hatte Percy bisher nur
bei den Mahlzeiten gesehen; den Rest der Zeit blieb er auf
seinem Zimmer.
»Möchte wissen, was er eigentlich treibt«, sagte Fred
stirnrunzelnd. »Er ist nicht mehr der Alte. Seine Prüfungser-
gebnisse kamen an dem Tag vor deiner Ankunft. Zwölfter
ZAG, und er hat kaum damit angegeben.«
»Zaubergrad«, erklärte George. »Auch Bill hatte damals den
zwölften. Wenn wir nicht aufpassen, haben wir bald noch
einen Schulsprecher in der Familie. ich glaube, diese Schande
könnte ich nicht ertragen.«
Bill war der älteste Bruder der Weasleys. Er und der zweit-
älteste, Charlie, hatten Hogwarts bereits verlassen. Harry hatte
noch keinen von beiden getroffen, wusste aber, dass Charlie in
Rumänien war, um Drachen zu erforschen, und Bill in
Ägypten, wo er für die Zaubererbank Gringotts arbeitete.
»Weiß nicht, wie Mum und Dad dieses Jahr unsere Schul-
sachen bezahlen wollen«, sagte George nach einer Weile.
»Fünfmal sämtliche Lockhart-Werke! Und Ginny braucht
Umhänge und einen Zauberstab und noch so einiges ...«
Harry sagte nichts. Das Thema war ihm ein bisschen pein-
lich. Tief unten in einem Verlies der Londoner Gringotts-Bank
lag ein kleines Vermögen, das ihm seine Eltern hin-
terlassen hatten. Natürlich konnte er das Geld nur in der
Zaubererwelt ausgeben; mit Galleonen, Sickeln und Knuts
konnte er in Muggelläden nichts kaufen. Sein Bankgutha-
50
ben hatte er bei den Dursleys nie erwähnt; er glaubte nämlich,
dass ihr Entsetzen bei allem, was mit Zauberei zu tun hatte,
sich nicht auf einen großen Haufen Gold erstrecken würde.
Am folgenden Mittwoch weckte Mrs Weasley sie alle sehr
früh. Nachdem jeder rasch ein halbes Dutzend Schinkenbrote
verschlungen hatte, zogen sie ihre Umhänge an und Mrs
Weasley nahm den Blumentopf vom Kaminsims in der Küche
und spähte hinein.
»Nicht mehr viel da, Arthur«, seufzte sie. »Wir kaufen heute
welches nach ... Na gut, Gäste zuerst! Nach dir, Harry, mein
Lieber«
Und sie bot ihm den Blumentopf an.
Aller Augen richteten sich auf Harry und der starrte zurück.
»W-was soll ich tun?«, stammelte er.
»Er ist noch nie mit Flohpulver gereist«, fiel Ron plötzlich
ein, »tut mir Leid, Harry, hab gar nicht dran gedacht.«
»Noch nie?«, sagte Mrs Weasley. »Aber wie bist du letztes
Jahr in die Winkelgasse gekommen, um deine Sachen zu
kaufen?«
»Mt der U-Bahn -«
»Tatsächlich?«, sagte Mr Weasley neugierig. »Gab es Troll-
treppen? Wie genau -«
»Nicht jetzt, Arthur«, sagte Mrs Weasley. »Flohpulver ist
viel schneller, mein Lieber, aber meine Güte, wenn du es noch
nie ausprobiert hast -«
»Er wird es schon schaffen, Mum«, sagte Fred. »Harry,
schau erst mal uns zu.«
Er nahm eine Prise des Pulvers aus dem Blumentopf, trat
zum Feuer und warf es in die Flammen.
Das Feuer wurde smaragdgrün und schoss laut grollend
51
über Freds Kopf hinweg. Ohne Zögern trat er mitten ins Feuer,
rief »Winkelgasse« und verschwand.
»Du musst klar und deutlich sprechen, mein Lieber«, sagte
Mrs Weasley zu Harry gewandt, während George jetzt die
Hand in den Blumentopf steckte. »Und sieh zu, dass du auf
dem richtigen Kaminrost aussteigst ...«
»Dem richtigen was?«, sagte Harry nervös, als das Feuer
hochloderte und auch George mit sich riss.
»Nun, es gibt furchtbar viele Zaubererfeuer, aus denen du
wählen kannst, aber wenn du deutlich gesprochen hast -«
»Er wird schon heil ankommen, Molly, mach's nicht kom-
pliziert«, sagte Mr Weasley und nahm ebenfalls von dem
Flohpulver.
»Aber Liebling, wenn er verloren geht, wie würden wir das
je seiner Tante und seinem Onkel erklären können?«
»Denen wäre das schnurz«, versicherte ihr Harry, »Dudley
würde es für einen irren Witz halten, wenn ich irgendwo in
einem Kamin verloren ginge, machen Sie sich darüber keine
Gedanken -«
»Nun denn ... bist du bereit? ... Du gehst nach Arthur«, sagte
Mrs Weasley. »Also, wenn du ins Feuer gehst, sag, wohin du
willst -«
»Und zieh die Ellbogen ein«, riet ihm Ron.
»Und halt die Augen geschlossen«, sagte Mrs Weasley, »der
Ruß -«
»Zappel nicht rum«, sagte Ron, »sonst fällst du noch aus
dein falschen Kamin -«
»Aber gerat nicht in Panik und steig nicht zu früh aus. Wart
ab, bis du Fred und George siehst.«
Harry strengte sich an, alles im Kopf zu behalten, und nahm
eine Prise Flohpulver aus dem Topf, Dann stellte er sich an
den Rand des Feuers. Er holte tief Luft, streute das
Pulver ins Feuer und tat einen Schritt hinein; das fühlte
52
sich an wie eine warme Brise; er öffnete den Mund und
schluckte sofort einen Haufen Asche.
»W-wink-kel-gasse«, hustete er heraus.
Es war, als ob ein riesiges Abflussrohr ihn einsaugen würde.
Offenbar drehte er sich rasend schnell um sich selbst -um ihn
her ein ohrenbetäubendes Tosen - er versuchte die Augen
offen zu halten, doch der grüne Flammenwirbel legte sich ihm
auf den Magen - etwas Hartes schlug gegen seinen Ellbogen,
und er drückte ihn fest an die Seite, sich immer noch
weiterdrehend - nun schienen kalte Hände gegen sein Gesicht
zu klatschen
- durch die Brille blinzelnd sah er verschwommen einen
Strom von Kaminen und kurz auch die Räume dahinter - in
seinem Bauch rumorten die Schinkenbrote - er schloss die
Augen und wünschte, es würde endlich aufhören, und dann -
Mit dem Gesicht nach unten fiel er auf kalten Stein. Die
Brillengläser zerbrachen.
Schwindlig und zerkratzt, über und über mit Ruß bedeckt,
rappelte er sich auf und hielt sich, noch schwankend, die
zerbrochene Brille vor die Augen. Er war ganz allein und hatte
keine Ahnung, wo er war. Alles, was er erkennen konnte, war,
dass er im steinernen Kamin eines großen, schwach
beleuchteten Zaubererladens stand - doch nichts hier drin
würde je auf einer Liste für Hogwarts stehen.
Eine gläserne Vitrine nicht weit von ihm enthielt eine
verwitterte Hand auf einem Kissen, einen blutbespritzten
Packen Spielkarten und ein starrendes Glasauge. Böse Masken
glotzten von den Wänden herab, eine Sammlung menschlicher
Knochen lag auf dem Ladentisch und rostige, spitze
Gerätschaften hingen von der Decke. Zu allem Unglück war
die dunkle, enge Straße, die Harry durch das staubige
Schaufenster sehen konnte, ganz gewiss nicht die
Winkelgasse.
53
Je schneller er hier rauskam, desto besser. Seine Nase, mit
der er auf den Kaminrost aufgeschlagen war, tat noch weh,
und Harry huschte leise hinüber zur Tür, doch er hatte den
Weg noch nicht halb geschafft, da erschienen zwei Gestalten
auf der anderen Seite des Türglases - und eine davon war der
Letzte, den Harry treffen wollte, wenn er sich verirrt hatte, mit
Ruß bedeckt war und eine zerbrochene Brille trug: Draco
Malfoy.
Rasch sah sich Harry um und entdeckte zu seiner Linken
einen großen schwarzen Schrank; er schlüpfte hinein und zog
die Türen hinter sich zu, bis auf einen kleinen Spalt, durch den
er hindurchspähen konnte. Sekunden später klirrte eine Glocke
und Malfoy betrat den Laden.
Der Mann, der ihm folgte, konnte nur sein Vater sein. Er
hatte das gleiche fahle, spitze Gesicht und die gleichen kalten
grauen Augen. Mr Malfoy durchquerte den Laden, ließ den
Blick über die ausgestellten Waren gleiten und läutete eine
Glocke auf dem Ladentisch, bevor er sich seinem Sohn
zuwandte:
»Rühr nichts an, Draco.«
Malfoy, der die Hand nach dem Glasauge ausgestreckt hatte,
erwiderte:
»Ich dachte, du wolltest mir was schenken.«
»Ich sagte, ich würde dir einen Rennbesen kaufen«, ant-
wortete der Vater und trommelte ungeduldig mit den Fingern
auf den Ladentisch.
»Was nützt das, wenn ich nicht in der Hausmannschaft
bin?«, sagte Malfoy schmollend und sichtlich schlecht gelaunt.
»Harry Potter hat letztes Jahr einen Nimbus Zweitausend
bekommen. Sondergenehmigung von Dumbledore, damit er
für Gryffindor spielen kann. So gut ist er ja gar nicht, es ist
nur, weil er berühmt ist ... berühmt wegen der blöden Narbe
auf seiner Stirn ...«
54
Malfoy kniete sich nieder, um ein Regal voller Totenköpfe
zu betrachten.
»... alle denken, er sei so begabt, der wunderbare Potter mit
seiner Narbe und seinem Besen -«
»Das hast du mir mindestens schon ein Dutzend Mal er-
zählt«, sagte Mr Malfoy mit mahnendem Blick auf seinen
Sohn, »und ich muss dich nicht zum ersten Mal daran erin-
nern, dass es - unklug ist, nicht allzu angetan von Harry Potter
zu sein, wo die meisten von uns ihn doch als Helden
betrachten, der den Schwarzen Lord verjagt hat - ah, Mr
Borgin.«
Ein buckliger Mann war hinter dem Ladentisch erschienen
und wischte sich fettige Haarsträhnen aus dem Gesicht.
»Mr Malfoy, welche Freude, Sie wieder zu sehen«, sagte Mr
Borgin mit einer Stimme, die so ölig war wie sein Haar. »Eine
Ehre - und den jungen Mr Malfoy hat er auch mitgebracht -
wie reizend. Was kann ich für Sie tun? Ich muss Ihnen
unbedingt etwas zeigen, gerade heute hereingekommen und
sehr günstig im Preis -«
»Ich kaufe heute nicht, Mr Borgin, ich verkaufe«, sagte Mr
Malfoy.
»Verkaufen?« Das Lächeln auf Mr Borgins Gesicht ver-
blasste.
»Ihnen ist natürlich zu Ohren gekommen, dass das Mi-
nisterium verstärkt Hausdurchsuchungen durchfährt«, sagte
Mr Malfoy, zog eine Pergamentrolle aus der Tasche und wi-
ckelte sie für Mr Borgin auf »Ich habe ein paar - ähm - Ge-
genstände zu Hause, die mich in eine peinliche Lage bringen
könnten, wenn die Leute vom Ministerium kämen ...«
Mr Borgin klemmte sich einen Zwicker auf die Nase und
beugte sich über die Liste.
»Das Ministerium würde sich doch nicht anmaßen, Sie zu
stören, Sir?«
55
Mr Malfoy schürzte die Lippen.
»Man hat mich noch nicht besucht. Der Name Malfoy ge-
bietet immer noch einen gewissen Respekt, doch im Minis-
terium wird man immer unverschämter. Es gibt Gerüchte über
ein neues Muggelschutzgesetz - kein Zweifel, dass dieser
flohgebissene Muggelfreund Arthur Weasley dahinter steckt -«
Harry spürte, wie Zorn in ihm hochkochte.
»- und wie Sie sehen, könnten einige dieser Gifte den Ein-
druck erwecken -«
Verstehe vollkommen, Sir, natürlich«, sagte Mr Borgin.
»Schauen wir mal ...«
»Kann ich die haben?«, unterbrach Draco und deutete auf
die verwitterte Hand auf dem Kissen.
»Ah, die Hand des Ruhmes!«, sagte Mr Borgin, ließ Mr
Malfoys Liste liegen und schlurfte hinüber zu Draco. »Man
steckt eine Kerze hinein, und sie leuchtet nur für den Halter!
Der beste Freund der Diebe und Plünderer! Ihr Sohn hat
Geschmack, Sir.«
»Ich hoffe, aus meinem Sohn wird mehr als ein Dieb oder
Plünderer, Borgin«, sagte Malfoy kühl, und Mr Borgin setzte
rasch nach:
»Das sollte keine Beleidigung sein, Sir, keinesfalls -«
»Sollten allerdings seine Schulnoten nicht besser werden«,
sagte Mr Malfoy noch kühler, »könnte es durchaus sein, dass
er so endet -«
»Das ist nicht meine Schuld«, erwiderte Draco. »Die Lehrer
haben alle ihre Lieblinge, diese Hermine Granger zum
Beispiel -«
»Ich hätte gedacht, du würdest dich schämen, dass ein
Mädchen, das nicht mal aus einer Zaubererfamilie kommt,
dich in jeder Prüfung geschlagen hat«, sagte Mr Malfoy mit
schneidender Stimme.
56
»Ha!«, entfuhr es Harry leise, der sich freute, Draco
beschämt und wütend zugleich zu sehen.
»Wo man hinkommt, ist es dasselbe«, sagte Mr Borgin mit
seiner öligen Stimme, »Zaubererblut gilt immer weniger -«
»Nicht bei mir«, sagte Mr Malfoy, und seine langen Nasen-
flügel blähten sich.
»Nein, Sir, bei mir auch nicht«, sagte Mr Borgin mit einer
tiefen Verbeugung.
»Wenn das so ist, können wir vielleicht auf die Liste
zurückkommen«, sagte Mr Malfoy barsch. »Ich bin etwas in
Eile, Borgin, muss heute noch wichtige Geschäfte erledigen -«
Sie begannen zu feilschen. Harry beobachtete nervös, wie
Draco mit neugierigem Blick auf die ausgestellten Waren
seinem Versteck immer näher rückte. Er hielt inne, um einen
langen Henkersstrick zu begutachten, und las mit feixender
Miene das Kärtchen, das an ein herrliches Opalhalsband
geheftet war: Vorsicht: Nicht berühren. Verflucht! Hat bis
heute 19 Muggelbesitzer das Leben gekostet.
Draco wandte sich ab und hatte nun den Schrank im Visier.
Er trat näher, streckte die Hand nach dem Türgriff aus -
»Das wär erledigt«, sagte Mr Malfoy am Ladentisch.
»Komm, Draco -«
Draco wandte sich ab und Harry wischte sich mit den Är-
meln den Schweiß von der Stirn.
»Einen schönen Tag noch, Mr Borgin, ich erwarte Sie
morgen auf meinem Landsitz, wo Sie die Sachen abholen
können.«
Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, fiel auch das
schmierige Gehabe von Mr Borgin ab.
»Ihnen auch einen schönen Tag, Mr Malfoy, und wenn es
stimmt, was man sich erzählt, haben Sie mir nicht einmal die
Hälfte von dem verkauft, was auf ihrem Landsitz versteckt ist
...«
57
Dumpf murmelnd verschwand Mr Borgin im Hinterzimmer.
Harry wartete noch eine Minute, ob er vielleicht zurückkam,
und schlüpfte dann so leise er konnte aus dem Schrank, an den
Glaskästen vorbei und aus der Ladentür.
Die zerbrochene Brille auf die Nase gepresst schaute er sich
um. Er war in einer schmutzigen Gasse, in der es offenbar nur
Läden für die dunklen Künste gab. Borgin und Burkes, den er
gerade verlassen hatte, schien der größte zu sein, dafür steckte
das Schaufenster gegenüber voll abstoßender Schrumpfköpfe
und zwei Läden weiter wimmelte es in einem Käfig von
gigantischen Spinnen. Aus dem Schatten eines Hauseingangs
heraus verfolgten ihn die Blicke zweier schäbig aussehender
Zauberer, die sich hin und wieder Worte zumurmelten. Harry
fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Mühsam hielt er die
Brille gerade und machte sich in der verzweifelten Hoffnung,
hier herauszufinden, auf den Weg.
Ein altes hölzernes Straßenschild über einem Laden für
giftige Kerzen sagte ihm, dass er in der Nokturngasse war.
Doch das half nichts, denn von einer solchen hatte Harry noch
nie gehört. Im Feuer bei den Weasleys, mit dem Mund voller
Asche, hatte er wohl nicht deutlich genug gesprochen. Er
versuchte ruhig Blut zu bewahren und überlegte, was er tun
sollte.
»Hast dich nicht etwa verirrt, Schätzchen?«, sagte eine
Stimme dicht an seinem Ohr und Harry sprang vor Schreck in
die Höhe.
Eine alte Hexe stand vor ihm und hielt ihm eine Schale
entgegen. Was darauf lag, sah menschlichen Fingernägeln, und
zwar ganzen, fürchterlich ähnlich. Sie schielte ihn an und
zeigte ihre moosgrünen Zähne. Harry wich zurück.
»Geht mir gut, danke«, sagte er, »ich wollte gerade -«
»HARRY! Was zum Teufel machst du hier?«
Harrys Herz machte einen Hüpfer. Das Gleiche tat die
58
Hexe; ein Häufchen Fingernägel fiel ihr auf die Füße. Flu-
chend sah sie die massige Gestalt Hagrids, des Wildhüters von
Hogwarts, mit großen Schritten näher kommen, die ra-
benschwarzen Augen blitzten unter seinen üppigen Augen-
brauen.
»Hagrid!«, krächzte Harry erleichtert. »Ich hab mich ver-
irrt - Flohpulver -«
Hagrid schlug der Hexe die Schale aus den Händen, packte
Harry am Kragen und zog ihn fort. Die Schreie der Alten
verfolgten sie auf dem ganzen Weg durch die gewundene
Gasse bis hinaus ins helle Sonnenlicht. In der Ferne sah Harry
einen schneeweißen Marmorbau, der ihm vertraut vorkam - es
war die Gringotts-Bank. Hagrid hatte ihn geradewegs in die
Winkelgasse geführt.
»Wie siehst du denn aus«, sagte Hagrid grimmig und klopfte
den Ruß mit so kräftigen Schlägen von Harrys Kleidern, dass
er beinahe in ein Fass mit Drachendung geflogen wäre, das vor
einer Apotheke stand. »Treibst dich in der Nokturngasse rum,
was soll ich denn davon halten - zwielichtige Gegend, Harry -
möchte nicht, dass dich jemand dort sieht -«
»Das ist mir auch klar«, sagte Harry und duckte sich, als
Hagrid ihn erneut abklopfen wollte. »Ich hab dir doch gesagt,
dass ich mich verirrt habe - und außerdem, was hattest du
eigentlich dort zu suchen?«
»Ich hab einen Fleisch fressenden Schneckenschutz ge-
sucht«, brummte Hagrid. »Die ruinieren mir noch den ganzen
Kohl im Schulgarten. Du bist doch nicht etwa allein?«
»Ich wohne bei den Weasleys, aber wir haben uns verloren«,
erklärte Harry. »Ich muss los und sie suchen ...«
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.
»Warum hast du mir eigentlich nie zurückgeschrieben«,
fragte Hagrid den neben ihm hertrabenden Harry (der drei
Schritte machen musste für jeden Schritt, den Hagrid mit
59
seinen gewaltigen Stiefeln tat). Harry erzählte alles von Dobby
und den Dursleys.
»Diese blöden Muggels«, grummelte Hagrid, »wenn ich das
gewusst hätte -«
»Harry! Harry! Hier bin ich!«
Harry hob den Kopf und sah Hermine Granger oben auf der
weißen Treppe von Gringotts stehen. Sie rannte ihnen
entgegen, ihr buschiges braunes Haar flog im Wind.
»Was ist mit deiner Brille passiert? Hallo, Hagrid - ach, es
ist toll, euch beide wieder zu sehen - kommst du mit zu
Gringotts, Harry?«
»Sobald ich die Weasleys gefunden habe«, sagte Harry.
»Das wird nicht lange dauern«, meinte Hagrid grinsend.
Harry und Hermine drehten sich um; durch die belebte
Straße rannten Fred, George, Percy, Ron und Mr Weasley auf
sie zu.
»Harry«, keuchte Mr Weasley, »wir haben gehofft, dass du
nur einen Kamin zu weit geflogen bist ...« Er rieb seine kahle
glänzende Stelle am Kopf, »Molly ist ganz außer sich - sie
kommt gleich -«
»Wo bist du rausgekommen?«, fragte Ron.
»Nokturngasse«, brummte Hagrid.
»Phantastisch!«, sagten Fred und George wie aus einem
Mund.
»Da dürfen wir nie hin«, sagte Ron neidisch.
»Das möchte ich verdammt noch mal auch meinen«, knurrte
Hagrid.
Nun kam Mrs Weasley angehüpft, an der einen Hand die
wild umherschlackernde Handtasche, an der anderen Ginny.
»O Harry - o mein Lieber - du hättest werweißwo gelandet
sein können -« Nach Atem ringend zog sie eine große
Kleiderbürste aus der Handtasche und begann den Ruß
abzubürsten, den Hagrid übrig gelassen hatte. Mr Weasley
60
nahm Harrys Brille, tippte sie leicht mit seinem Zauberstab an
und reichte sie ihm so gut wie neu zurück.
»Schön, aber ich muss jetzt gehen«, sagte Hagrid und
winkte mit der Hand, die Mrs Weasley umklammert hielt
(»Nokturngasse! Wenn Sie ihn nicht gefunden hätten, Hag-
rid!«). »Bis dann in Hogwarts!« Und er schritt von dannen,
Kopf und Schultern ragten über alle andern in der dicht
bevölkerten Straße heraus.
»Ratet mal, wen ich bei Borgin und Burkes gesehen hab«,
fragte Harry Ron und Hermine, während sie die Treppen zu
Gringotts emporstiegen. »Malfoy und seinen Vater.«
»Hat Lucius Malfoy etwas gekauft?«, kam es sofort von Mr
Weasley hinter ihnen.
»Nein, er hat verkauft -«
»Also macht er sich Sorgen«, sagte Mr Weasley mit
grimmiger Befriedigung. »Aah, wie gern würde ich Lucius
Malfoy wegen irgendwas drankriegen ...«
»Sei bloß vorsichtig, Arthur«, sagte Mrs Weasley mit
schneidender Stimme, während die Empfangskobolde sie mit
einer Verbeugung hineinwiesen, »diese Familie bedeutet
Ärger, beiß nicht mehr ab, als du kauen kannst -«
»Du glaubst wohl, ich könnte es mit Lucius Malfoy nicht
aufnehmen?«, sagte Mr Weasley entrüstet, doch gleich darauf
lenkte ihn der Anblick von Hermines Eltern ab, die vor dem
Schalter standen, der die große marmorne Halle durchmaß,
und darauf warteten, dass Hermine sie vorstellte.
»Aber Sie sind ja Muggel!«, sagte Mr Weasley entzückt.
»Wir müssen unbedingt etwas trinken gehen! Und was haben
Sie da? Oh, Sie tauschen Muggelgeld? Molly, sieh mal!«
Erregt deutete er auf die Zehnpfundscheine in Mr Grangers
Hand.
»Wir treffen uns hier wieder«, sagte Ron zu Hermine, als
ein Gringott-Kobold hinzutrat, um die Weasleys und Harry zu
ihren unterirdischen Verliesen zu führen.
61
Dort hinunter fuhren sie auf kleinen, von Kobolden ge-
fahrenen Karren, die auf schmalen Schienensträngen durch die
unterirdischen Gänge der Bank sausten. Harry genoss die
halsbrecherische Spritztour zum Verlies der Weasleys, doch
als das Schloss geöffnet wurde, wurde ihm plötzlich ganz
komisch, noch beklommener als in der Nokturngasse. Ein
winziger Haufen silberner Sickel lag im Innern und nur eine
einzige goldene Galleone. Mrs Weasley tastete alle Ecken ab,
bevor sie das ganze Geld in ihre Tasche schob. Noch
miserabler fühlte Harry sich, als sie sein Verlies erreichten. Er
bemühte sich, den andern die Sicht zu verdecken, während er
hastig ganze Hände voller Münzen in einen Lederbeutel
stopfte.
Wieder draußen auf den Marmorstufen angelangt, trennten
sie sich. Percy murmelte undeutlich, er brauche einen neuen
Federkiel. Fred und George hatten Lee Jordan, ihren Freund
aus Hogwarts, getroffen und sich mit ihm verabredet. Mrs
Weasley und Ginny gingen zu einem Laden für gebrauchte
Umhänge. Mr Weasley bestand darauf, die Grangers auf einen
Schluck in den Tropfenden Kessel mitzunehmen.
»Wir treffen uns alle in einer Stunde bei Flourish &Blotts,
um eure Schulbücher zu kaufen!«, sagte Mrs Weasley und
ging mit Ginny davon. »Und nicht einen Schritt in die Nok-
turngasse«, rief sie den Zwillingen noch nach.
Harry, Ron und Hermine schlenderten durch die gepflasterte
Gasse mit ihren vielen Windungen. Die Gold-, Silber- und
Bronzemünzen, die in Harrys Tasche fröhlich klimperten,
warteten nur darauf, ausgegeben zu werden, und so kaufte
er drei große Tüten mit Erdbeer- und Erdnussbuttereiskugeln,
die sie glücklich schleckten, während sie die Gasse
entlangbummelten und die faszinierenden Auslagen
betrachteten.
Ron starrte sehnsüchtig auf eine vollständige
Umhanggarnitur von Potz und Blitz im Schaufenster von
62
Qualität für Quidditch, bis Hermine sie weiterschleifte, weil
sie nebenan noch Tinte und Pergament kaufen wollte. Bei
Freud und Leid - Laden für Zauberscherze trafen sie Fred,
George und Lee Jordan, die sich mit »Dr. Filibusters
Fabelhaftem Nass zündendem Hitzefreiem Feuerwerk«
eindeckten, und in einem winzigen Kramladen voll
zerbrochener Zauberstäbe, schiefer Messingwaagen und alter
Umhänge mit Zaubertrankflecken stießen sie auf Percy, tief
versunken in ein kleines und elend langweiliges Buch namens
Vertrauensschüler und ihr Weg zur Macht.
»Eine Studie über Vertrauensschüler in Hogwarts und ihre
Karrieren«, las Ron laut vom Umschlagrücken ab. »Das klingt
ja prickelnd ...«
»Haut ab«, fauchte ihn Percy an.
»Natürlich, er ist sehr ehrgeizig, unser Percy, er hat schon
alles geplant ... er will Zaubereiminister werden ...«, sagte Ron
in viel sagendem Ton zu Harry und Hermine, als sie Percy mit
dem Buch allein ließen.
Eine Stunde später machten sie sich auf den Weg zu Flou-
rish & Blotts. Sie waren keineswegs die Einzigen, die in den
Buchladen wollten. Als sie um die Ecke bogen, sahen sie
überrascht, dass vor der Tür eine Menge Leute standen, die
alle versuchten hineinzukommen. Den Grund dafür verkündete
ein großes Banner, das über die Fenster im ersten Stock
gespannt war:
GILDEROY LOCKHART
signiert seine Autobiographie
ZAUBRISCHES ICH
heute von 12 Uhr 30 bis 16 Uhr 30
»Wir können ihn hier treffen!«, jauchzte Hermine, »immerhin
hat er fast alle Bücher auf unserer Liste geschrieben!«
63
Die Schar der Wartenden schien fast nur aus Hexen in Mrs
Weasleys Alter zu bestehen. Ein erschöpft aussehender
Zauberer stand an der Tür und sagte:
»Nur die Ruhe, bitte, meine Damen ... nicht drängeln ...
achten Sie auf die Bücher ...«
Harry, Ron und Hermine quetschten sich hinein. Eine lange
Schlange wand sich bis an das andere Ende des Ladens. Dort
signierte Gilderoy Lockhart seine Bücher. Sie nahmen sich
jeweils einen Band Abstecher mit Vampiren und stahlen sich
weiter vorn in die Schlange hinein, wo schon die anderen
Weasleys mit Mr und Mrs Granger standen.
»Ach gut, da seid ihr ja«, sagte Mrs Weasley. Sie klang
etwas atemlos und fummelte ständig an ihrer Frisur herum.
»Gleich können wir ihn sehen ...«
Allmählich kam Gilderoy Lockhart in Sicht; er saß an einem
Tisch, umgeben von riesigen Porträts seiner selbst, die alle
zwinkerten. Seine blendend weißen Zähnen blitzten der Menge
entgegen. Der echte Lockhart trug einen vergiss-
meinnichtblauen Umhang, genau passend zu seinen Augen;
ein Zauberer-Spitzhut saß gewagt schräg auf seinem gewellten
Haar.
Ein kleiner, ärgerlich dreinschauender Mann hüpfte umher
und schoss Fotos mit einer großen schwarzen Kamera, die bei
jedem blendenden Blitz eine purpurrote Rauchwolke ausstieß.
»Aus dem Weg da«, schnauzte er Ron an und trat für einen
besseren Schnappschuss einen Schritt nach hinten, »ich bin
vom Tagespropheten -«
»Na, wenn das so ist«, sagte Ron und rieb sich den Fuß, auf
den der Fotograf getreten war.
Gilderoy Lockhart hörte ihn. Er blickte auf. Er sah Ron -
und dann sah er Harry. Er starrte ihn an. Dann sprang er auf
und rief lauthals: »Das ist doch nicht etwa Harry Potter?«
64
Die Menge teilte sich und verfiel in erregtes Flüstern;
Lockhart machte einen Sprung auf Harry zu, packte ihn am
Arm und zog ihn nach vorn. Das Publikum brach in Beifall
aus. Harrys Gesicht brannte, als Lockhart ihm für den Foto-
grafen die Hand schüttelte, der wie besessen ein Bild nach dem
andern schoss und die Weasleys in dicken Rauch hüllte.
»Immer schön lächeln, Harry«, sagte Lockhart durch seine
strahlend weißen Zähne, »Sie und ich zusammen schaffen es
auf die Titelseite.«
Endlich ließ er Harrys Hand los; Harry spürte kaum noch
seine Finger. Er wollte sich gerade zu den Weasleys zurück-
stehlen, da warf Lockhart ihm den Arm um die Schultern und
drückte ihn fest an seine Seite.
»Meine Damen und Herren«, verkündete er laut und gebot
mit erhobener Hand Ruhe. »Was ist das für ein außeror-
dentlicher Moment für mich! Genau der richtige Augenblick
für eine kleine Ankündigung, die ich schon einige Zeit
loswerden will.
Als der junge Harry heute Flourish &Blotts betrat, da wollte
er nur meine Autobiographie kaufen - die ich ihm natürlich
gerne schenke -« wieder gab es Beifall »- und er hatte keine
Ahnung«, fuhr Lockhart fort, während er Harry ein klein wenig
schüttelte, so dass ihm die Brille auf die Nasenspitze rutschte,
»dass er in Kürze viel, viel mehr als mein Buch Zaubrisches
Ich bekommen würde. Er und seine Mitschüler werden
nämlich mein wirkliches zaubrisches Ich bekommen. ja, meine
Damen und Herren, mit ausgesprochenem Vergnügen und
Stolz kann ich ankündigen, dass ich diesen September die
Stelle des Lehrers für Verteidigung gegen die dunklen Künste
an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei antreten
werde!«
Die Menge jubelte und klatschte und Harry sah sich
plötzlich mit sämtlichen Werken Gilderoy Lockharts
beschenkt.
65
Ein wenig unter ihrem Gewicht wankend gelang es ihm, aus
dem Rampenlicht in eine Ecke des Raums zu entkommen, wo
Ginny mit ihrem neuen Kessel stand.
»Die hier kannst du haben«, murmelte ihr Harry zu und warf
die Bücher in den Kessel. »Meine kauf ich mir -«
»Wette, das hat dir gefallen, Potter?«, sagte eine Stimme,
die Harry mühelos erkannte. Er richtete sich auf und blickte in
das Gesicht Draco Malfoys, der sein übliches hämisches
Grinsen aufgesetzt hatte.
»Der berühmte Harry Potter«, sagte Malfoy, »kann nicht
mal in eine Buchhandlung gehen, ohne auf die Titelseite der
Zeitung zu kommen.«
»Lass ihn in Frieden, er hat das alles gar nicht gewollt«,
sagte Ginny. Es war das erste Mal, dass sie in Harrys Gegen-
wart sprach. Mit zornfunkelnden Augen sah sie Malfoy an.
»Potter, du hast ja eine Freundin!«, schnarrte Malfoy. Ginny
lief scharlachrot an, während Ron und Hermine sich zu ihnen
durchkämpften, bepackt mit Büchern von Lockhart.
»oh, du bist es«, sagte Ron und sah Malfoy an, als ob dieser
etwas Ekliges an der Nase hätte. »Wette, du bist überrascht,
Harry zu sehen?«
»Nicht so überrascht wie darüber, dich in einem Laden zu
treffen, Weasley«, gab Malfoy zurück. »Ich vermute mal,
deine Eltern werden einen Monat lang hungern müssen, um
das ganze Zeug bezahlen zu können.«
Ron lief so rot an wie Ginny. Er ließ seine Bücher ebenfalls
in den Kessel fallen und stürzte auf Malfoy zu, doch Harry und
Hermine packten ihn von hinten am Umhang.
»Ron!«, sagte Mr Weasley, der sich zusammen mit Fred und
George zu ihnen durchwühlte. »Was tust du da? Das ist
Unsinn hier drin, lass uns rausgehen.«
»Schön, schön, schön - Arthur Weasley.«
Das war Mr Malfoy. Er stand da, die Hand auf Dracos
66
Schulter gelegt, und sah sie mit demselben höhnischen Blick
wie sein Sohn an.
»Malfoy«, sagte Mr Weasley und nickte mit kühler Miene.
»Viel Arbeit im Ministerium, wie ich höre?«, sagte Mr
Malfoy. »Diese ganzen Hausdurchsuchungen ... Ich hoffe, man
bezahlt Ihnen Überstunden?« Er steckte die Hand in Ginnys
Kessel und zog aus dem Haufen Lockhart-Bücher mit
Hochglanzumschlägen ein altes, sehr ramponiertes Exemplar
der Verwandlungen für Anfänger hervor.
»Offensichtlich nicht«, sagte er. »Meine Güte, was nützt es,
eine Schande für die gesamte Zaubererschaft zu sein, wenn
man nicht einmal gut dafür bezahlt wird?«
Mr Weasley lief rot an, dunkler als Ron oder Ginny. »Wir
haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was eine
Schande für die Zaubererschaft ist, Malfoy«, sagte er.
»Eindeutig«, sagte Mr Malfoy, und seine blassen Augen
leuchteten zu den Grangers hinüber, die gebannt zusahen. »Mit
solchen Leuten geben Sie sich ab, Weasley, und ich hatte
gedacht, Ihre Familie könnte nicht noch tiefer sinken -«
Es gab ein metallisches Klingen, als Ginnys Kessel durch
die Luft flog; Mr Weasley hatte sich auf Mr Malfoy gestürzt
und ihn mit dem Rücken gegen ein Bücherregal geworfen;
Dutzende dickleibige Zauberbücher klatschten auf ihre Köpfe;
»Pack ihn, Dad«, rief Fred oder George; Mrs Weasley
kreischte»Nein, Arthur, nein«; die Menge wich blitzschnell
zurück und warf noch mehr Regale um; »Meine Herren, bitte -
bitte!«, rief der Verkäufer, und dann, lauter als alle andern -
»Aufhören damit, meine Herren, aufhören -«
Durch das Meer von Büchern watete Hagrid auf sie zu. Im
Handumdrehen hatte er Mr Weasley und Mr Malfoy vonein-
ander getrennt. Mr Weasley blutete an der Lippe und
Mr Malfoy hatte eine Enzyklopädie der Giftpilze ins Auge
bekommen. Noch immer hielt er Ginnys altes Verwand-
67
lungsbuch in der Hand. Mit bösartig schimmernden Augen
warf er es ihr entgegen.
»Hier, Mädchen - nimm dein Buch - das ist alles, was dein
Vater dir bieten kann -« Er befreite sich aus Hagrids Griff, trat
auf Draco zu und sie stolzierten aus dem Laden.
»Du hättest ihn gar nicht beachten dürfen, Arthur«, sagte
Hagrid und riss Mr Weasley beinahe von den Füßen, während
er dessen Umhang zurechtzupfte. »Verdorben bis in den Kern,
die ganze Familie, das weiß doch jeder - einem Malfoy darf
man nicht zuhören - böses Blut, das ist es - kommt jetzt - lasst
uns von hier verschwinden.«
Der Verkäufer machte Anstalten, sie aufzuhalten, doch er
reichte kaum bis zu Hagrids Hüfte und schien es sich anders
zu überlegen. Die Grangers, vor Schreck zitternd, und Mrs
Weasley, außer sich vor Zorn, eilten durch die Straße.
»Ein gutes Beispiel für deine Kinder - sich in aller Öffent-
lichkeit zu prügeln - was muss bloß Gilderoy Lockhart gedacht
haben -«
»Er war zufrieden«, sagte Fred, »hast du ihn nicht gehört,
als wir gegangen sind? Er hat den Typen vom Tagespropheten
gebeten, ja die Schlägerei nicht zu vergessen - das sei die beste
Werbung -«
Es war ein niedergeschlagenes Grüppchen, das sich auf den
Weg zum Kamin im Tropfenden Kessel machte, von wo aus
Harry, die Weasleys und all ihre Einkäufe mittels Flohpulver
zum Fuchsbau zurückreisten. Sie verabschiedeten sich von den
Grangers, die den Pub in Richtung Muggelstraße verließen; Mr
Weasley wollte sie gerade fragen, wie es an Bushaltestellen
zuging, verstummte jedoch sofort beim Anblick von Mrs
Weasleys Miene.
Harry nahm die Brille ab und verstaute sie sicher in seiner
Tasche, bevor er eine Prise Flohpulver nahm. Das war be-
stimmt nicht seine Lieblingsart zu reisen.
68
Die Peitschende Weide
Die Sommerferien gingen zu Ende, viel zu schnell nach Harrys
Geschmack. Zwar freute er sich auf Hogwarts, doch dieser
Monat im Fuchsbau war der glücklichste seines Lebens
gewesen. Es fiel ihm schwer, Ron nicht zu beneiden, wenn er
an die Dursleys dachte und daran, wie sie ihn wohl
willkommen heißen würden, wenn er das nächste Mal im
Ligusterweg auftauchte.
An ihrem letzten Abend zauberte Mrs Weasley ein üppiges
Mahl aus Harrys Lieblingsspeisen, gekrönt von einem leckeren
Siruppudding. Fred und George rundeten den Abend mit einer
kleinen Vorstellung ihres Filibuster-Feuerwerks ab; sie füllten
die Küche mit roten und blauen Sternen, die mindestens eine
halbe Stunde lang zwischen Wänden und Decke hin und her
schossen. Dann war es Zeit für den letzten Becher heißen
Kakao und fürs Bett.
Am nächsten Morgen brauchten sie recht lange, um in die
Gänge zu kommen. Schon beim ersten Hahnenschrei wachten
sie auf, doch merkwürdigerweise hatten sie alle noch eine
ganze Menge zu erledigen: Mrs Weasley hetzte schlecht ge-
launt herum und suchte Sockenpaare und Federkiele zusam-
men. Halb angezogen und mit angebissenen Toastscheiben in
den Händen rannten sie ständig auf den Treppen ineinander,
und Mr Weasley brach sich beinahe den Hals, als er Ginnys
Koffer über den Hof zum Auto schleppte und dabei über ein
verirrtes Huhn stolperte.
Harry konnte sich nicht vorstellen, wie acht Leute, sechs
69
gewaltige Koffer, zwei Eulen und eine Ratte in einen kleinen
Ford Anglia passen sollten. Er hatte natürlich nicht mit Mr
Weasleys Sonderausstattung gerechnet.
»Kein Wort davon zu Molly«, flüsterte er Harry zu, als er
den Kofferraum öffnete und ihm zeigte, dass er magisch
vergrößert war, so dass die Koffer problemlos hineinpassen.
Als Harry, Ron, Fred, George und Percy endlich bequem auf
der Rückbank Platz genommen hatten, spähte Mrs Weasley
durch die Scheibe ins Wageninnere:
»Die Muggel können doch mehr, als wir ihnen zutrauen,
nicht wahr?« Sie und Ginny nahmen auf dem Vordersitz Platz,
der sich auf die Größe einer Parkbank ausgedehnt hatte. »Von
außen kommt man nie auf den Gedanken, dass drinnen so viel
Platz ist, oder?«
Mr Weasley ließ den Motor an und sie fuhren gemächlich
über den Hof Harry warf einen letzten Blick zurück aufs Haus.
Er hatte kaum Zeit, sich zu fragen, wann er es wieder sehen
würde, als sie auch schon anhielten: George hatte seine Kiste
mit Filibuster-Feuerwerk vergessen. Fünf Minuten später
kehrten sie mit quietschenden Reifen auf den Hof zurück und
Fred rannte los, um seinen Besen zu holen. Und sie waren kurz
vor der Autobahn, als Ginny schreiend verkündete, sie habe ihr
Tagebuch vergessen. Als sie endlich wieder in den Wagen
stieg, waren sie schon sehr spät dran und die Gemüter waren
gereizt.
Mr Weasley blickte auf die Uhr und dann zu seiner Frau
hinüber.
»Molly, Liebling -«
»Nein, Arthur -«
»Kein Mensch würde es sehen - dieser kleine Knopf hier ist
für einen Unsichtbarkeits-Servoantrieb, den ich eingebaut
habe - der würde uns in die Luft heben - und dann flie-
70
gen wir über den Wolken, in zehn Minuten sind wir da, und
niemand hätte den geringsten Schimmer -«
»Ich sagte nein, Arthur, nicht am helllichten Tag.«
Um Viertel vor elf fuhren sie am Bahnhof King's Cross vor.
Mr Weasley rannte über die Straße und holte Gepäckkarren
und im Laufschritt stürmten sie in die Schalterhalle.
Harry war schon vor einem Jahr mit dem Hogwarts-Express
gefahren. Der Trick dabei war, dass sie zu Gleis neun-
dreiviertel kommen mussten, einem Gleis, das Muggelaugen
nicht sehen konnten. Dazu war es nötig, durch die Absperrung
zu gehen, die die Bahnsteige neun und zehn trennte. Weh tat
es nicht, aber sie mussten aufpassen, dass kein Muggel sie
verschwinden sah.
»Percy geht als Erster«, sagte Mrs Weasley und blickte
nervös auf die Uhr über ihren Köpfen, nach der sie nur noch
fünf Minuten Zeit hatten, um lässig hinter der Absperrung zu
verschwinden.
Percy marschierte unerschrocken los und verschwand. Mr
Weasley ging als Nächster, Fred und George folgten ihm.
»Ich nehm Ginny mit und ihr beide folgt uns dann«, sagte
Mrs Weasley zu Harry und Ron, nahm Ginnys Hand und
machte sich auf den Weg. Einen Augenblick später waren sie
verschwunden.
»Lass uns zusammen gehen, wir haben nur noch eine Mi-
nute«, sagte Ron zu Harry.
Harry vergewisserte sich, dass Hedwigs Käfig verschlossen
und der Koffer sicher festgezurrt war, und drehte seinen Ge-
päckwagen zur Absperrung hin. Er fühlte sich völlig sicher;
das war bei weitem nicht so beschwerlich wie die Sache mit
dem Flohpulver. Beide beugten sich tief über die Handgriffe
ihrer Karren und schritten zielstrebig auf die Absperrung zu,
langsam schneller werdend - ein paar Meter noch, sie be-
gannen zu rennen -
71
SCHEPPER.
Beide Karren knallten gegen die Absperrung und prallten
zurück; mit lautem Krachen fiel Rons Koffer herunter, Harry
verlor den Halt, der Käfig mit Hedwig purzelte auf den blank
gewienerten Boden und empört kreischend schlitterte sie
davon; die Leute um sie her starrten sie an und ein Wachmann
in der Nähe rief. »Was zum Teufel denkt ihr euch eigentlich
dabei?«
»Hatten die Karre nicht mehr im Griff«, keuchte Harry und
richtete sich auf, die Hände an die Rippen gepresst; Ron
stürzte los, um Hedwig zu holen, die ein solches Theater
veranstaltete, dass einige Umstehende von Tierquälerei zu
munkeln begannen.
»Warum kommen wir nicht durch?«, zischelte Harry.
»Keine Ahnung -«
Ron blickte sich hastig um. Noch immer verfolgte sie ein
Dutzend Neugierige mit ihren Blicken.
»Wir verpassen noch den Zug«, flüsterte Ron, »ich weiß
nicht, warum das Tor sich verschlossen hat -«
Harry sah mit einem flauen Gefühl in der Magengegend zu
der riesigen Uhr hoch. Zehn Sekunden ... neun Sekunden ...
Er schob seinen Karren vorsichtig weiter, bis er direkt vor
der Absperrung stand, und drückte dann mit aller Kraft. Das
Eisen gab nicht nach.
Drei Sekunden ... zwei Sekunden ... eine Sekunde ...
»Er ist weg«, sagte Ron mit verblüffter Stimme. »Der Zug
ist fort. Was ist, wenn Mum und Dad nicht zu uns zurück-
können? Hast du Muggelgeld?«
Von Harry kam ein hölzernes Lachen. »Die Dursleys haben
mir seit gut sechs Jahren kein Taschengeld mehr gegeben.«
Ron drückte ein Ohr gegen die kalte Barriere.
72
»Nichts zu hören«, sagte er angespannt. »Was sollen wir
bloß machen? Ich weiß nicht, wie lange Mum und Dad
brauchen, um zurückzukommen.«
Sie sahen sich um. Noch immer wurden sie beobachtet, kein
Wunder, denn Hedwig kreischte unablässig.
»Ich glaube, wir gehen lieber raus und warten beim Auto«,
sagte Harry, »wir sind zu auffäll ...«
»Harry!«, sagte Ron mit leuchtenden Augen, »der Wagen?«
»Was ist damit?«
»Wir können mit dem Wagen nach Hogwarts fliegen«
»Aber ich dachte -«
»Wir stecken in der Klemme, oder? Und wir müssen doch
zur Schule? Und selbst minderjährige Zauberer dürfen in
einem echten Notfall zaubern, Abschnitt neunzehn oder so des
Erlasses zur Beschränkung des Weißichnichtwas ...«
Harrys Panik verwandelte sich jäh in Begeisterung.
»Kannst du ihn fliegen?«
»Kein Problem«, sagte Ron und drehte seinen Karren in
Richtung Ausgang. »Komm, lass uns gehen, wenn wir uns
beeilen, können wir dem Hogwarts-Express folgen.«
Und sie marschierten los, mitten durch die Schar der neu-
gierigen Muggel, hinaus aus dem Bahnhof und hinein in die
Seitenstraße, wo der alte Ford Anglia geparkt war.
Ron öffnete den geräumigen Kofferraum mit ein paar
sanften Stupsern seines Zauberstabs. Sie hievten ihre Koffer
hinein, stellten Hedwig auf dem Rücksitz ab und stiegen ein.
»Pass auf, dass niemand zuschaut«, sagte Ron und zündete
den Motor mit einem weiteren leichten Stupser des Zauber-
stabs. Harry steckte den Kopf aus dem Fenster: über die
Hauptstraße vorn rollte lärmender Verkehr, doch ihre Straße
war leer.
»Alles klar«, sagte er.
73
Ron drückte auf einen kleinen silbernen Knopf am Arma-
turenbrett. Der Wagen um sie her verschwand - und sie mit
ihm. Harry spürte den Sitz unter sich erzittern, hörte den
Motor, fühlte seine Hände auf den Knien und seine Brille auf
der Nase, doch nach allem, was er sehen konnte, war er nur
noch ein Augenpaar, das in einer schäbigen Straße voll
geparkter Autos einen Meter über dem Boden schwebte.
»Los geht's«, sagte Rons Stimme zu seiner Rechten.
Und die Straße und die schmutzigen Gebäude versanken zu
beiden Seiten, als der Wagen sich in die Lüfte erhob; ein paar
Sekunden später lag die große Stadt London glitzernd unter
ihnen.
Dann hörten sie ein lebhaftes Knattern und der Wagen,
Harry und Ron tauchten wieder auf.
»O nein«, sagte Ron und hämmerte auf den Knopf für den
Unsichtbarkeits-Servoantrieb ein, »er ist kaputt!«
Beide fummelten an dem Knopf herum. Der Wagen
verschwand und kam gleich wieder flackernd zum Vorschein.
»Halt dich fest!«, rief Ron und drückte das Gaspedal durch;
sie schossen hinein in die tief hängende flaumige Wolken-
decke, und um sie her war nun alles trübe und feucht.
»Was nun?«, fragte Harry und spähte verdutzt durch die
dichte Wolkenmasse.
»Wir müssen den Zug finden, damit wir wissen, in welche
Richtung wir fliegen sollen«, sagte Ron.
»Wieder runter, schnell«
Sie tauchten hinab unter die Wolkendecke und schauten
durch die Fenster auf die Erde.
»Ich kann ihn sehen!«, rief Harry, »dort - direkt vor uns«
Der Hogwarts-Express glitt vor ihnen dahin wie eine
scharlachrote Schlange.
74
»Richtung Norden«, sagte Ron mit einem Blick auf den
Kompass am Armaturenbrett. »Gut - wir müssen nur jede
halbe Stunde nachsehen - halt dich fest -«
Und wieder schossen sie hoch in die Wolken; eine Minute
später stießen sie durch die Wolkendecke ins gleißende
Sonnenlicht.
Dies war eine andere Welt. Die Wagenräder glitten durch
das flaumige Wolkenmeer, der Himmel war ein helles, end-
loses Blau unter der blendend weißen Sonne.
»Jetzt müssen wir nur noch auf Flugzeuge aufpassen«, sagte
Ron.
Sie sahen sich an und prusteten los; es dauerte einige Zeit,
bis sie sich wieder beruhigt hatten.
Sie fühlten sich wie inmitten eines phantastischen Traums.
Das ist die einzig wahre Art zu reisen, dachte Harry: vorbei an
schneeigen Wolkenwirbeln und -türmchen, in einem von
heißem, hellem Sonnenlicht durchfluteten Wagen, mit einer
großen Packung Sahnebonbons im Handschuhfach und der
Aussicht auf die neidischen Gesichter von Fred und George,
wenn sie vor aller Augen sanft auf dem üppigen Rasen vor
Schloss Hogwarts landen würden.
Immer weiter nach Norden flogen sie und schauten dabei
regelmäßig nach dem Zug und jedes Mal, wenn sie unter die
Wolken abtauchten, bot sich ihnen ein anderer Blick. London
lag nun weit hinter ihnen, stattdessen sahen sie anmutige grüne
Felder, die allmählich weitläufigen, purpurn schimmernden
Mooren wichen, Weilern mit kleinen Spielzeugkirchen und
einer großen Stadt, in der es von Autos nur so wimmelte, die
an bunte Ameisen erinnerten.
Mehrere ereignislose Stunden später jedoch musste sich
Harry eingestehen, dass er allmählich die Lust verlor. Die
Sahnebonbons hatten ihnen höllisch Durst gemacht und sie
hatten nichts zu trinken dabei. Er und Ron hatten die Pullis
75
ausgezogen, doch Harrys T-Shirt klebte an seinem Sitz und die
Brille rutschte ihm ständig auf die schweißfeuchte Na-
senspitze. Die phantastischen Wolkenformen beachtete er
schon gar nicht mehr, und sehnsüchtig dachte er an den Zug
meilenweit unter ihnen, wo man von einer kugelrunden Hexe
mit einem Imbisswägelchen eiskalten Kürbissaft kaufen
konnte. Warum waren sie eigentlich nicht zu Gleis neun-
dreiviertel durchgekommen?
»Weit kann es nicht mehr sein, oder?«, krächzte Ron wieder
ein paar Stunden später, als die Sonne schon im Wolken-
teppich versank und den Himmel tiefrosa einfärbte. »Wollen
wir noch mal nach dem Zug schauen?«
Er war immer noch direkt unter ihnen und schlängelte sich
an einem schneebedeckten Berg vorbei. Unter dem
Wolken-Baldachin war es jetzt schon recht dunkel.
Ron drückte aufs Gaspedal und flog den Wagen wieder nach
oben, doch auf einmal begann der Motor zu wimmern.
Harry und Ron tauschten nervöse Blicke.
»Wahrscheinlich ist er bloß müde«, sagte Ron. »So weit ist
er noch nie geflogen ...«
Und während der Himmel immer dunkler wurde, taten sie
so, als ob sie das lauter werdende Wimmern nicht hörten. In
der Schwärze um sie her blühten Sterne auf. Harry zog den
Pulli wieder an.
»Nicht mehr weit«, sagte Ron, mehr zum Wagen als zu
Harry, »wir sind bald da«, und er tätschelte mit zitternder
Hand das Armaturenbrett.
Als sie eine Weile später wieder durch die Wolken hinab-
tauchten, mussten sie in der Dunkelheit nach einem Punkt in
der Landschaft Ausschau halten, den sie kannten.
»Dort!«, rief Harry, und Ron und Hedwig schraken zusam-
men. »Direkt vor uns«
Hoch oben auf einer Klippe über dem See, abgehoben ge-
76
gen den dunklen Horizont, ragten die vielen Zinnen und
Türme von Hogwarts empor.
Der Wagen begann zu stottern und wurde langsamer.
»Na komm schon«, flehte Ron und rüttelte ein wenig am
Steuer, »wir sind doch fast da, los -«
Der Motor stöhnte auf. Unter der Kühlerhaube pfiffen feine
Dampfstrahlen hervor. Harry klammerte sich zu beiden Seiten
seines Sitzes fest, während sie auf den See zuflogen.
Der Wagen begann heftig zu ruckeln. Harry spähte aus dem
Fenster und sah ein gutes Stück unter ihnen das ruhige,
gläsern-schwarze Wasser. Rons Handknöchel auf dem Lenk-
rad waren weiß geworden. Wieder machte der Wagen einen
Ruck.
»Ich bitte dich«, murmelte Ron.
Sie waren über dem See ... Hogwarts lag direkt vor ihnen ...
Ron drückte das Gaspedal durch.
Sie hörten ein lautes metallisches Klirren und mit einem
Stottern erstarb der Motor.
»Uh, aah«, sagte Ron in die Stille hinein.
Der Wagen neigte sich vornüber in die Tiefe. Sie sanken,
immer schneller, geradewegs auf die Schlossmauer zu.
»Neiiiiin!«, schrie Ron und kurbelte am Steuer; um kaum
einen Meter verfehlten sie die dunkle Steinmauer, und der
Wagen beschrieb einen ausladenden Bogen; sie surrten über
die dunklen Gewächshäuser hinweg, über den Gemüsegarten
und dann über die dunklen Parkanlagen, dabei verloren sie
stetig an Höhe.
Ron ließ das Steuer ganz los und zog seinen Zauberstab aus
der hinteren Tasche.
»HALT! STOPP!«, rief er und schlug auf das Armaturen-
brett und die Windschutzscheibe ein, doch immer noch sanken
sie tiefer, und der Erdboden flog ihnen entgegen ...
77
»PASS AUF DEN BAUM AUF!«, schrie Harry und stürzte
sich auf das Lenkrad, doch zu spät -
SPLITTER.
Mit ohrenbetäubendem Lärm schlug Metall auf Holz; sie
krachten gegen den dicken Baumstamm und landeten mit
einem schmerzhaften Aufprall auf der Erde. Unter der zu-
sammengeschrumpelten Kühlerhaube paffte Dampf hervor;
Hedwig kreischte in panischer Angst, und auf Harrys Kopf
pochte da, wo er gegen die Windschutzscheibe geknallt war,
eine golfballgroße Beule. Von Ron zu seiner Rechten kam ein
lautes, verzweifeltes Stöhnen.
»Bist du okay?«, fragte Harry besorgt.
»Mein Zauberstab«, sagte Ron mit zittriger Stimme. »Sieh
dir meinen Zauberstab an.«
Er war durchgeknackst und fast entzweigebrochen; die
Spitze hing lahm herab und wurde nur noch von ein paar
Sehnen gehalten.
Harry öffnete den Mund, um zu sagen, das würden sie in der
Schule sicher wieder hinbekommen, doch er brachte kein Wort
heraus. In genau diesem Moment schlug etwas mit der Kraft
eines rasenden Nashorns gegen seine Wagentür und
schmetterte ihn gegen Ron, während zugleich ein ebenso
heftiger Schlag das Dach traf.
»Was ist -«
Ron starrte mit offenem Mund durch die Scheibe, und Harry
folgte seinem Blick gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie
ein Ast, so dick wie eine Pythonschlange, auf sie einschlug.
Der Baum, gegen den sie gekracht waren, fiel über sie her.
Seine Krone hatte sich fast zum Erdboden hinuntergebogen,
und seine knorrigen Zweige trommelten auf jeden Zentimeter
des Wagens ein, den sie erreichen konnten.
»Aaarh!«, sagte Ron, als ein weiterer Ast sich zurück-
78
bog und eine tiefe Delle in die Fahrertür schlug; die Wind-
schutzscheibe zitterte nun unter einem Hagel von Schlägen
knöchelartiger Zweiglein, und ein Ast, so dick wie ein
Rammbock, hämmerte wild auf das Dach ein, das sich immer
tiefer eindellte -
»Raus hier, schnell!«, schrie Ron und warf sich mit aller
Kraft gegen die Tür, doch schon schleuderte ihn ein teuflischer
Aufwärtshaken in Harrys Schoß.
»Wir sind erledigt«, stöhnte er, als das Dach einbrach, doch
plötzlich erzitterte der Wagenboden - der Motor war wieder
angesprungen.
»Rückwärts!«, schrie Harry, und der Wagen sauste zurück.
Noch immer schlug der Baum nach ihnen aus; mit knarzenden
Wurzeln riss er sich fast aus der Erde, um sie noch einmal mit
seinen Peitschenhieben zu treffen, bevor sie davonfuhren.
»Das war knapp«, keuchte Ron. »Gut gemacht, Auto.«
Der Wagen freilich war nun am Ende seiner Kräfte. Mit
einem trockenen Geräusch flogen die Türen auf und Harry
spürte seinen Sitz zur Seite kippen; schon lag er, alle Viere
von sich gestreckt, auf dem feuchten Erdboden. Laute dumpfe
Aufschläge sagten ihm, dass der Wagen nun ihr Gepäck aus
dem Kofferraum warf; Hedwigs Käfig segelte durch die Luft,
die Käfigtür flog auf und mit einem wütenden Kreischen
flatterte sie, ohne die beiden noch eines Blickes zu würdigen,
rasch in Richtung Schloss davon. Nun zuckelte der zerbeulte
und zerkratzte Wagen, zornig mit den Rücklichtern blinkend,
in die Dunkelheit davon.
»Komm zurück!«, rief Ron ihm nach und fuchtelte mit
seinem durchgeknacksten Zauberstab durch die Luft. »Dad
bringt mich um!«
Doch mit einem letzten Ächzer des Auspuffs verschwand
der Wagen in der Nacht.
79
»Wie kann man nur so viel Pech haben«, sagte Ron nie-
derschlagen und bückte sich, um Krätze, die Ratte, aufzuhe-
ben. »Von allen Bäumen, gegen die wir hätten fliegen können,
haben wir einen getroffen, der zurückschlägt.«
Er blickte über die Schulter zurück zu dem alten Baum, der
immer noch drohend mit den Zweigen ausschlug.
»Los komm«, sagte Harry erschöpft, »wir gehen besser rauf
zur Schule ...«
Das war keineswegs die triumphale Ankunft, die sie er-
wartet hatten. Mit steifen Gliedern, unterkühlt und zerkratzt
packten sie ihre Koffer und zogen den grasbewachsenen Ab-
hang zum großen eichenen Schlossportal hoch.
»Die Feier hat wohl schon angefangen«, sagte Ron, ließ den
Koffer am Fuß der Portaltreppe fallen und huschte zu einem
hell erleuchteten Fenster hinüber. »Hey, Harry, sieh mal - die
Auswahl!«
Harry rannte zu Ron hinüber und gemeinsam spähten sie in
die Große Halle.
Zahllose Kerzen schwebten über den vier langen, dicht be-
setzten Tischen und ließen die goldenen Teller und Becher
funkeln. Hoch oben an der verzauberten Decke, die immerzu
den Himmel draußen spiegelte, glitzerten die Sterne.
Durch den Wald aus schwarzen Hogwarts-Spitzhüten sah
Harry eine lange Schlange Erstklässler mit bangen Blicken in
die Halle marschieren. Ginny war wegen ihres leuchtend roten
Weasley-Haares leicht zu erkennen. Nun trat Professor
McGonagall hinzu, eine bebrillte Hexe mit strammem
Haarknoten, und legte den berühmten Sprechenden Hut von
Hogwarts auf einen Stuhl.
Dieser uralte Hut, fleckig, rissig und Schmutzig, verteilte
alljährlich die neuen Schüler auf die vier Häuser von Hogwarts
(Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin). Harry
erinnerte sich noch gut daran, wie er ihn vor genau
80
einem Jahr aufgesetzt und ganz versteinert auf die Entschei-
dung gewartet hatte, während ihm der Hut eindringlich ins Ohr
flüsterte. Ein paar schreckliche Sekunden lang hatte er
befürchtet, der Hut würde ihn nach Slytherin stecken, in das
Haus, das mehr schwarze Hexen und Zauberer hervorgebracht
hatte als jedes andere. Doch er war schließlich nach Gryffindor
gekommen, zusammen mit Ron, Hermine und den anderen
Weasleys. Im letzten Schuljahr hatten Harry und Ron dazu
beigetragen, dass Gryffindor die Hausmeisterschaft gewonnen
und damit Slytherin nach sieben Jahren endlich wieder besiegt
hatte.
Ein sehr kleiner Junge mit mausgrauem Haar war aufge-
rufen worden, den Hut aufzusetzen. Harrys Augen wanderten
an ihm vorbei, dorthin, wo Professor Dumbledore saß, der
Schulleiter mit dem langen, silbernen Bart. Vom Lehrertisch
aus verfolgte er die Auswahl durch seine halbmondförmigen
Brillengläser, die im Kerzenlicht blitzten. Ein paar Plätze
weiter sah Harry Gilderoy Lockhart, gewandet in einen
aquamarinblauen Umhang. Und dort, am Ende des Tisches,
saß Hagrid, riesig und haarüberwuchert, und nahm tiefe
Schlucke aus seinem Becher.
»Guck mal ...«1 zischte Harry Ron ins Ohr. »Dort am
Lehrertisch ist ein freier Platz ... Wo ist eigentlich Snape?«
Professor Severus Snape war der Lehrer, den Harry am
wenigsten leiden konnte. Und es traf sich, dass Harry auch der
Schüler war, den Snape am wenigsten leiden konnte. Der
grausame, spöttische und bei allen außer bei den Schülern
seines eigenen Hauses (Slytherin) unbeliebte Snape un-
terrichtete Zaubertränke.
»Vielleicht ist er krank«, sagte Ron hoffnungsvoll.
»Vielleicht hat er gekündigt«, entgegnete Harry, »weil er
wieder nicht Verteidigung gegen die dunklen Künste unter-
richten darf!«
81
»Oder sie haben ihn rausgeschmissen!«, meinte Ron begeis-
tert. »Immerhin kann ihn ja keiner ausstehen -«
»Oder vielleicht«, sagte eine eisige Stimme direkt hinter
ihnen, »wartet er darauf, von euch zu hören, warum ihr nicht
mit dem Schulzug gekommen seid.«
Harry wirbelte herum. Vor ihnen, sein schwarzer Umhang
flatterte in der kalten Brise, stand Severus Snape. Er war ein
dünner, fahlhäutiger Mann mit Hakennase und fettigem,
schulterlangem schwarzem Haar. Und in diesem Augenblick
lächelte er auf eine Weise, die Harry sagte, dass er und Ron in
gewaltigen Schwierigkeiten steckten.
»Kommt«, sagte Snape.
Harry und Ron wagten nicht einmal, sich Blicke zuzuwer-
fen, und folgten Snape die Stufen hoch in die ausladende, von
Echos durchzogene und fackelbeleuchtete Eingangshalle. Ein
köstlicher Duft wehte aus der Großen Halle herüber, doch
Snape führte sie weg aus der Wärme und dem Licht und eine
schmale Steintreppe hinunter, die in die Kerker führte.
»Da hinein!«, sagte er und öffnete eine Tür auf halbem Weg
den dunklen Treppengang hinunter.
Zitternd betraten sie Snapes Büro. An den dunklen Wänden
zogen sich Regale voller großer Einmachgläser entlang, in
denen alle möglichen widerwärtigen Geschöpfe schwammen,
deren Namen Harry im Moment nicht wusste. Der Kamin war
dunkel und leer. Snape schloss die Tür, wandte sich um und
blickte die beiden an.
»Soso«' sagte er leise, »der Zug ist nicht gut genug für den
berühmten Harry Potter und seinen treuen Kameraden
Weasley. Wollten hier mit großem Trara ankommen, nicht
Wahr, die Herren«
»Nein, Sir, die Absperrung in King's Cross, sie ...«
»Ruhe«, sagte Snape kühl. »Was habt ihr mit dem Wagen
gemacht?«
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Ron schluckte. Nicht zum ersten Mal hatte Harry den
Eindruck, Snape könne Gedanken lesen. Doch einen Moment
später, als Snape die neue Ausgabe des Abendpropheten
entrollte, wurde ihm alles klar.
»Man hat euch gesehen«, zischte Snape und zeigte ihnen die
Schlagzeile: FLIEGENDER FORD ANGLIA VERSETZT
MUGGEL IN AUFREGUNG. Er las laut vor. »Zwei Londoner
Muggel sind felsenfest überzeugt, dass sie einen alten Wagen
über den Turm des Postamtes fliegen sahen ... Als Mrs Hetty
Bayliss in Norfolk um die Mittagszeit ihre Wäsche aufhängen
wollte ... Mr Angus Fleet aus Peebles schilderte der Polizei ...
Sechs bis sieben Muggel insgesamt. Ich glaube, dein Vater
arbeitet in der Abteilung für den Missbrauch von
Muggelsachen«, sagte er und blickte Ron mit zunehmend
gehässigem Lächeln an. »Meine Güte ... sein eigener Sohn ...«
Harry fühlte sich, als ob ihn gerade einer der kräftigeren
Äste des verrückten Baumes in die Magengegend geschlagen
hätte. Wenn jemand herausfand, dass Mr Weasley den Wagen
verhext hatte ... daran hatte er gar nicht gedacht ...
»Wie ich bei meinem Kontrollgang durch den Park fest-
stellen musste, scheint eine sehr wertvolle Peitschende Weide
schwer beschädigt worden zu sein«, fuhr Snape fort.
»Der Baum hat uns mehr zugesetzt als wir ihm«, sprudelte
es aus Ron heraus.
»Ruhe!«, fuhr ihn Snape an. »Zu meinem größten Bedauern
gehört ihr nicht zu meinem Haus, und die Entscheidung, euch
von der Schule zu weisen, ist nicht meine Sache. Ich werde
jetzt gehen und die Leute holen, die das Glück haben, dazu
befugt zu sein. Ihr wartet hier.«
Harry und Ron starrten sich in die weißen Gesichter. Hunger
hatte Harry keinen mehr. Ihm war jetzt furchtbar schlecht.
Er versuchte, nicht das große, schleimige Etwas an-
83
zusehen, das da in grüner Flüssigkeit auf einem Regal hinter
Snapes Schreibtisch schwebte. Wenn Snape jetzt Professor
McGonagall holte, die Hauslehrerin von Gryffindor, dann
würde es ihnen kaum besser ergehen. Sie war vielleicht fairer
als Snape, aber dafür äußerst streng.
Zehn Minuten später kam Snape zurück und tatsächlich in
Begleitung von Professor McGonagall. Harry hatte sie schon
mehrmals wütend gesehen, doch entweder hatte er vergessen,
wie schmal ihr Mund werden konnte, oder er hatte sie noch nie
so zornig erlebt. Sie war kaum eingetreten, als sie auch schon
ihren Zauberstab hob. Harry und Ron zuckten zusammen.
Doch sie richtete ihn nur auf den leeren Kamin, in dem jetzt
plötzlich Flammen aufflackerten.
»Setzen Sie sich.« Ron und Harry ließen sich auf Stühle
beim Feuer nieder.
»Ich wünsche eine Erklärung«, sagte sie mit Unheil ver-
kündend schimmernden Brillengläsern.
Ron stürzte sich in die Schilderung ihrer Erlebnisse und
begann bei der Absperrung, die sie nicht durchlassen wollte.
»... also hatten wir keine Wahl, Professor, wir konnten den
Zug nicht erreichen.«
»Warum haben Sie uns keinen Brief per Eule geschickt? Ich
glaube, Sie haben eine Eule?«, sagte Professor McGonagall
mit kalter Stimme zu Harry gewandt.
Harry sah sie bestürzt an. Nun, da sie es sagte, schien es das
Natürlichste gewesen zu sein.
»Ich ... ich habe nicht gedacht ...«
»Das«, sagte Professor McGonagall, »ist mir klar.«
Es klopfte, und Snape, gut gelaunt wie sonst nie, öffnete die
Tür. Herein kam der Schulleiter, Professor Dumbledore.
Harry spürte seinen ganzen Körper taub werden.
Dumbledore sah ungewöhnlich ernst aus. Er blickte sie entlang
seiner sehr krummen Nase an und Harry verspürte jäh den
84
Wunsch, die Peitschende Weide möge immer noch auf ihn und
Ron einprügeln.
Ein langes Schweigen trat ein. Dann sagte Dumbledore:
»Bitte erklären Sie mir, warum Sie das getan haben.«
Es wäre besser zu ertragen gewesen, wenn er sie ange-
schrien hätte. Die Enttäuschung, die in Dumbledores Stimme
lag, gefiel Harry überhaupt nicht. Aus irgendeinem Grund
konnte er Dumbledore nicht in die Augen sehen und er sprach
stattdessen zu seinen Knien. Er sagte Dumbledore alles, außer
dass der verzauberte Wagen Mr Weasley gehörte, und tat so,
als hätten er und Ron ganz zufällig einen fliegenden Wagen
vor dem Bahnhof gefunden. Dass Dumbledore diesen
Schwindel sofort durchschauen würde, war ihm klar, doch
Dumbledore wollte nichts weiter über den Wagen wissen. Als
Harry fertig war, sah er sie einfach weiter durch seine Brille
hindurch an.
»Wir holen unsere Sachen«, sagte Ron mit matter Stimme.
»Was reden Sie da, Weasley?«, blaffte ihn Professor McGo-
nagall an.
»Sie werfen uns doch raus, oder?«, sagte Ron.
Harry warf Dumbledore einen raschen Blick zu.
»Nicht heute, Mr Weasley«, sagte Dumbledore. »Doch ich
muss Ihnen nachdrücklich einschärfen, dass Ihr Handeln ein
schwerer Fehler war. Ich werde heute Abend Ihren Familien
schreiben. Ich muss Sie auch davor warnen, noch einmal etwas
Derartiges zu tun, denn dann werde ich keine andere Wahl
haben, als Sie von der Schule zu weisen.«
Snape sah aus, als wäre Weihnachten abgesagt worden. Er
räusperte sich und sagte: »Professor Dumbledore, diese Jungen
haben die Vorschriften zur Einschränkung der Zauberei
Minderjähriger gebrochen und einen wertvollen alten Baum
schwer beschädigt ... gewiss müssen derlei Taten ...«
»Es ist Sache von Professor McGonagall, über die Strafen
85
für die Jungen zu befinden, Severus«, sagte Dumbledore
gelassen. »Sie gehören zu ihrem Haus und stehen daher in
ihrer Obhut.« Er wandte sich an Professor McGonagall. »Ich
muss zurück zur Feier, Minerva, und ein paar Dinge ansagen.
Kommen Sie, Severus, da steht eine köstlich aussehende
Senftorte, die ich gerne mal probieren möchte ...«
Snape warf Harry und Ron einen Blick zu, der reiner Hass
war, und ließ sich dann von Dumbledore aus seinem Büro
geleiten. Nun waren sie allein mit Professor McGonagall, die
sie immer noch wie ein Adler auf Beuteflug beäugte.
»Sie gehen in den Krankenflügel, Weasley, Sie bluten ja.«
»Nicht schlimm«, sagte Ron und fuhr hastig mit dem Ärmel
über den Riss an seiner Augenbraue. »Professor, ich wollte
eigentlich zusehen, wie meine Schwester den Sprechenden Hut
aufsetzt -«
»Die Auswahlfeier ist vorbei«, sagte Professor McGonagall.
»Ihre Schwester kommt ebenfalls nach Gryffindor.«
»Oh, gut«, sagte Ron.
»Und da wir gerade von Gryffindor sprechen ...«, sagte
Professor McGonagall scharf, doch Harry unterbrach sie.
»Professor, als wir den Wagen nahmen, hatte das Schuljahr
noch gar nicht begonnen, also ... also sollten Gryffindor ei-
gentlich keine Punkte abgezogen werden, oder?«, schloss er
und blickte sie gespannt an.
Professor McGonagall versetzte ihm einen durchdringenden
Blick, doch er war sich sicher, den Anflug eines Lächelns zu
erkennen. jedenfalls sah ihr Mund nicht mehr ganz so schmal
aus.
»Ich werde Gryffindor keine Punkte abziehen«, sagte sie,
und Harry wurde es ganz leicht ums Herz. »Aber ihr werdet
beide Strafarbeiten bekommen.«
Das war besser, als Harry befürchtet hatte. Dumbledore
wollte den Dursleys schreiben - na wenn schon. Die würden
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gewiss nur enttäuscht darüber sein, dass die Peitschende
Weide ihn nicht zermalmt hatte.
Professor McGonagall hob abermals ihren Zauberstab und
richtete ihn auf Snapes Schreibtisch. Mit einem leisen Knall
erschienen ein Teller mit belegten Broten, zwei Becher und ein
Krug mit eisgekühltem Kürbissaft.
»Ihr esst hier und geht dann gleich in euren Schlafsaal«,
sagte sie. »Ich muss zurück zur Feier.«
Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, kam von Ron
ein langer und lauter Pfiff.
»Ich dachte, es wäre aus mit uns«, sagte er und griff nach
einem Brot.
»Ich auch«, sagte Harry und bediente sich ebenfalls.
»Aber wir hatten doch wirklich unglaubliches Pech«,
schmatzte Ron durch einen Mund voll Hühnchen und Schin-
ken. »Fred und George müssen dieses Auto fünf oder sechs
Mal geflogen haben und kein Muggel hat die je gesehen.« Er
schluckte und nahm einen weiteren gewaltigen Bissen.
»Warum sind wir nicht durch die Absperrung gekommen?«
Harry zuckte die Achseln. »Von jetzt an müssen wir jeden-
falls aufpassen«, sagte er und nahm einen kräftigen Schluck
Kürbissaft. »Wünschte, wir könnten hoch zur Feier ...«
»Sie wollte nicht, dass wir mit der Geschichte angeben«,
sagte Ron weise. »Will nicht, dass die andern glauben, es sei
eine tolle Sache, mit einem fliegenden Auto aufzutauchen.«
Als sie so viele Brote verspeist hatten, wie sie konnten (der
Teller füllte sich immer wieder nach), standen sie auf und
verließen das Büro. Sie gingen den vertrauten Weg zum Turm
der Gryffindors hinauf. Im Schloss war es ruhig; die Feier
schien vorüber zu sein. Sie gingen an murmelnden Porträts
und quietschenden Rüstungen vorbei und stiegen die schmalen
Steintreppen empor. Endlich erreichten sie den
Korridor, an dessen Ende der geheime Eingang zum
87
Gryffindor-Turm versteckt war - hinter dem Ölgemälde einer
sehr fetten Dame in einem rosa Seidenkleid.
»Passwort?«, fragte sie, als sie näher kamen.
»Ähm -«, sagte Harry.
Sie kannten das Passwort für das neue Schuljahr nicht, weil
sie noch keinen Vertrauensschüler der Gryffindors getroffen
hatten. Doch fast im gleichen Moment nahte auch schon Hilfe;
hinter sich hörten sie Fußgetrappel, und als sie sich umdrehten,
sahen sie Hermine auf sie zurennen.
»Da seid ihr ja! Wo wart ihr denn? Es gab die
lächerlichsten Gerüchte - jemand meinte, ihr seid
rausgeflogen, weil ihr ein fliegendes Auto geschrottet habt.«
»Nun, wir sind nicht rausgeflogen«, versicherte ihr Harry.
»Sagt bloß, ihr seid tatsächlich hergeflogen?«, sagte Her-
mine und klang dabei fast so streng wie Professor
McGonagall.
»Spar dir den Vortrag«, sagte Ron unwirsch, »und sag uns
das neue Passwort.«
»Es ist >Bartvogel«<, sagte Hermine ungeduldig, »aber
darum geht's jetzt nicht -«
Sie wurde jedoch unterbrochen, denn das Porträt der fetten
Dame klappte zur Seite und plötzlich brach ein Beifallssturm
los. Es schien, als wären alle Gryffindors noch wach: dicht
gedrängt standen sie in ihrem kreisrunden Gemeinschaftsraum,
auf Tischen und knuddeligen Sesseln verteilt, und warteten auf
ihre Ankunft. Arme streckten sich durch das Porträtloch, um
Harry und Ron hineinzuziehen, und Hermine musste hinter
ihnen herklettern.
»Klasse gemacht«, schrie Lee Jordan. »Genial! Was für ein
Auftritt! Einen Wagen mitten in die Peitschende Weide hi-
neinzufliegen, darüber wird man noch in Jahren reden«
»Gut gemacht!«, sagte ein Fünftklässler, mit dem Harry
noch nie gesprochen hatte; jemand klopfte ihm auf die
Schulter, als ob er gerade einen Marathonlauf gewonnen
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hätte. Fred und George drängten sich zu ihnen durch und
sagten gleichzeitig: »Warum zum Teufel habt ihr uns denn
nicht zurückgerufen?« Ron war scharlachrot im Gesicht und
grinste verlegen, doch Harry erblickte einen Jungen in der
Schar der Köpfe, der gar nicht glücklich aussah. Hinter einigen
aufgeregten Erstklässlern erkannte er Percy, der offenbar nahe
genug heranzukommen versuchte, um ihnen eine Strafpredigt
zu halten. Harry stieß Ron in die Rippen und nickte in Percys
Richtung. Ron verstand sofort.
»Müssen jetzt nach oben - sind ein wenig müde«, sagte er,
und sie bahnten sich einen Weg zur Tür gegenüber, die zu
einer Wendeltreppe und in die Schlafsäle hochführte.
»Nacht«, rief Harry noch Hermine zu, die genau den glei-
chen vorwurfsvollen Blick aufgesetzt hatte wie Percy.
Immer noch unter Schulterklopfen der Umstehenden
schafften sie es auf die andere Seite des Gemeinschaftsraums
und hinaus in die Stille des Treppenaufgangs. Eilends stiegen
sie empor, bis an die Spitze, und standen nun endlich vor der
Tür ihres alten Schlafsaals, auf dem jetzt ein Schild mit der
Aufschrift »Zweitklässler« angebracht war. Sie betraten das
vertraute runde Turmzimmer mit den fünf samtbehangenen
Himmelbetten und den hohen, schmalen Fenstern. Ihre Koffer
waren schon hochgebracht worden und standen vor den
Betten.
Schuldbewusst grinste Ron Harry an.
»Ich weiß, das hätte ich nicht genießen sollen, aber -«
Die Schlafsaaltür flog auf und herein kamen die anderen
Jungen der zweiten Klasse von Gryffindor, Seamus Finnigan,
Dean Thomas und Neville Longbottom.
»Unglaublich«, rief Seamus strahlend.
»Cool«, sagte Dean.
»Phantastisch«, sagte Neville ehrfurchtsvoll.
Harry konnte nicht anders. Auch er grinste.
89
Gilderoy Lockhart
Am Tag darauf jedoch hatte Harry kaum etwas zu grinsen.
Vom Frühstück in der Großen Halle an ging es bergab. Die
vier langen Haustische unter der magischen Decke (heute in
wolkig trübem Grau) ächzten unter ihrer Last aus Schüsseln
mit Haferbrei, Platten voll geräuchertem Hering, Tellern mit
Eiern und Schinken und Bergen von Toastbrot. Harry und Ron
setzten sich an den Tisch der Gryffindors, neben Hermine, die
Abstecher mit Vampiren aufgeschlagen gegen einen Milchkrug
gelehnt hatte. Ihr »Morgen«-Gruß klang ein wenig steif, und
Harry spürte, dass sie immer noch die Art und Weise, wie er
und Ron nach Hogwarts gelangt waren, missbilligte. Neville
Longbottom dagegen grüßte sie fröhlich. Neville war ein
rundgesichtiger und unfallträchtiger Junge mit dem
schlechtesten Gedächtnis von allen Menschen, die Harry
jemals kennen gelernt hatte.
»Die Post müsste gleich kommen. Ich glaube, Oma schickt
mir ein paar Sachen, die ich vergessen habe.«
Tatsächlich hatte sich Harry gerade über seinen Haferbrei
hergemacht, als auch schon ein Rauschen über ihren Köpfen
zu hören war und gut hundert Eulen hereinströmten, in der
Halle kreisten und Briefe und Päckchen in die schnatternde
Schülerschar fallen ließen. Ein großes, klumpiges Paket prallte
von Nevilles Kopf ab und einen Augenblick später fiel etwas
Großes und Graues in Hermines Krug und bespritzte sie alle
mit Milch und Federn.
»Errol!«, sagte Ron und zog die bedröppelte Eule an den
90
Beinen aus der Milch. Errol sackte ohnmächtig auf dem Tisch
zusammen, die Krallen in die Luft gestreckt und einen
feuchten roten Umschlag im Schnabel.
»O nein«, seufzte Ron.
»Schon gut, er lebt noch«, sagte Hermine und tätschelte
Errol sanft mit den Fingerspitzen.
»Das ist es nicht - sondern das hier.«
Ron deutete auf den roten Brief Harry kam er ganz ge-
wöhnlich vor, doch Ron und Neville sahen ihn an, als würde er
gleich explodieren.
»Was ist denn los«, fragte Harry.
»Sie ... sie hat mir einen Heuler geschickt«, sagte Ron mit
matter Stimme.
»Mach ihn lieber auf, Ron«, flüsterte Neville ängstlich.
»Sonst wird es nur noch schlimmer. Meine Oma hat mir mal
ein en geschickt, und ich hab ihn nicht beachtet und -«, er
Schluckte, »es war schrecklich.«
Harry betrachtete ihre versteinerten Gesichter und dann den
Brief
»Was ist ein Heuler?«, fragte er.
Doch Rons Aufmerksamkeit war ganz und gar auf den Brief
gerichtet, der an den Ecken zu rauchen begonnen hatte.
»Mach ihn auf«, drängte Neville. »In ein paar Minuten ist
alles vorbei ...«
Ron streckte zitternd die Hand aus, zog den Umschlag aus
Errols Schnabel und schlitzte ihn auf Neville steckte die Fin-
ger in die Ohren. Den Bruchteil einer Sekunde später wusste
Harry, warum. Einen Moment lang dachte er, der Brief wäre
tatsächlich explodiert; ein ohrenbetäubendes Dröhnen er-
schütterte die riesige Halle und Staub rieselte von der Decke.
»... DEN WAGEN ZU STEHLEN - ES HÄTTE MICH
NICHT GEWUNDERT, WENN SIE DICH
RAUSGEWORFEN
HÄTTEN, WART AB, BIS ICH DICH IN DIE FINGER
91
KRIEGE, NATÜRLICH HAST DU NICHT DARAN GE-
DACHT, WAS DEIN VATER UND ICH DURCHMACHEN
MUSSTEN, ALS WIR SAHEN, DASS ER WEG WAR ...«
Mrs Weasleys Geschrei, hundertmal lauter als sonst, ließ
Teller und Löffel auf dem Tisch erzittern und hallte gellend
laut von den steinernen Wänden wider. Alle Köpfe in der
Halle wirbelten herum, neugierig, wer den Heuler bekommen
hatte, und Ron versank so tief in seinen Stuhl, dass nur noch
seine puterrote Stirn zu sehen war.
»... BRIEF VON DUMBLEDORE GESTERN ABEND,
ICH DACHTE, DEIN VATER WÜRDE VOR SCHAM
STERBEN, NACH ALLEM, WAS WIR FÜR DICH GETAN
HABEN, DU UND HARRY HÄTTET EUCH DEN HALS
BRECHEN KÖNNEN ...«
Harry hatte sich bereits gefragt, wann sein Name fallen
würde. Angestrengt versuchte er den Eindruck zu erwecken,
als ob er die Stimme, die in seinen Trommelfellen dröhnte, gar
nicht hören würde.
»... EINE UNGLAUBLICHE SCHANDE, DEIN VATER
HAT EINE UNTERSUCHUNGSKOMMISSION AUF DEM
HALS UND WENN DU DIR NOCH EINMAL DEN
KLEINSTEN FEHLTRITT ERLAUBST, HOLEN WIR DICH
SOFORT NACH HAUSE.«
Grabesstille machte sich breit. Der rote Umschlag, den Ron
auf den Tisch hatte fallen lassen, flammte auf und zer-
schrumpelte zu Asche. Harry und Ron saßen sprachlos da, als
wäre eine Flutwelle über sie hinweggegangen. Ein paar
Schüler lachten und allmählich stellte sich wieder munteres
Geplapper ein.
Hermine klappte Abstecher mit Vampiren zu und sah hinab
zu Ron.
»Nun, ich weiß nicht, was du erwartet hast, Ron, aber du -«
»Sag bloß nicht, ich hab es verdient«, fauchte Ron sie an.
92
Harry schob den Haferbrei beiseite. Seine Eingeweide
brannten vor Schuldgefühlen. Mr Weasley musste im Minis-
terium eine Untersuchung über sich ergehen lassen. Nach
allem, was Mr und Mrs Weasley diesen Sommer für ihn getan
hatten ...
Doch er hatte keine Zeit, darüber nachzugrübeln. Professor
McGonagall ging am Tisch der Gryffindors entlang und
verteilte Stundenpläne. Harry nahm den seinen und stellte fest,
dass sie als Erstes eine Doppelstunde Kräuterkunde zusammen
mit den Hufflepuffs hatten.
Harry, Ron und Hermine verließen zusammen das Schloss
und gingen durch den Gemüsegarten hinüber zu den Ge-
wächshäusern, wo die Zauberpflanzen gezüchtet wurden.
Zumindest für eins war der Heuler gut gewesen: Hermine
dachte nun offenbar, sie seien genug gestraft worden, und war
wieder ausgesprochen freundlich zu ihnen.
Sie näherten sich den Gewächshäusern und sahen schon die
anderen aus der Klasse draußen auf Professor Sprout warten.
Kaum waren Harry, Ron und Hermine hinzugetreten, kam sie
auch schon über den Rasen geschritten - in Begleitung von
Gilderoy Lockhart. Professor Sprout trug einen Arm voll
Mullbinden, und mit einem erneuten Anflug von
Schuldgefühlen erkannte Harry in der Ferne die Peitschende
Weide, die nun etliche Zweige in Bandagen hatte.
Professor Sprout war eine untersetzte kleine Hexe mit einem
Flickenhut auf ihrem windzerzausten Haar; meist hatte sie eine
ganze Menge Erde auf den Kleidern, und beim Anblick ihrer
Fingernägel wäre Tante Petunia in Ohnmacht gefallen.
Tadellos gekleidet war dagegen Gilderoy Lockhart mit seinem
wehenden türkisfarbenen Umhang. Sein goldenes Haar
schimmerte unter einem perfekt sitzenden türkisfarbenen Hut
mit Goldrand hervor.
»Oh, hallo, hallo!«, rief Lockhart und strahlte die versam-
93
melten Schüler an. »Hab eben kurz Professor Sprout erklärt,
wie man eine Peitschende Weide richtig verarztet! Aber ich
möchte nicht, dass ihr jetzt denkt, ich sei besser in Pflanzen-
kunde als sie! Auf meinen Reisen sind mir nur zufällig einige
dieser Exoten begegnet ...«
»Gewächshaus drei heute, Freunde«, sagte Professor Sprout,
die nicht wie sonst immer fröhlich, sondern unverkennbar
miesepetrig dreinsah.
Ein neugieriges Gemurmel lief durch die Umstehenden.
Bisher hatten sie nur in Gewächshaus eins gearbeitet -
Gewächshaus drei beherbergte viel interessantere und ge-
fährlichere Pflanzen. Professor Sprout nahm einen großen
Schlüssel von ihrem Gürtel und schloss die Tür auf, Der Ge-
ruch von feuchter Erde und Dünger drang in Harrys Nase,
vermischt mit dem schweren Parfümduft einiger riesiger,
schirmartiger Blumen, die von der Decke herabhingen. Er
wollte gerade hinter Ron und Hermine eintreten, als Lockhart
blitzartig die Hand ausstreckte.
»Harry! Ich wollte kurz mit Ihnen sprechen. Sie haben doch
nichts dagegen, wenn er ein paar Minuten später kommt, nicht
wahr, Professor Sprout?«
Nach Professor Sprouts Stirnrunzeln zu schließen hatte sie
eine ganze Menge dagegen, doch Lockhart sagte: »Wunder-
bar«, und schlug ihr die Gewächshaustür vor der Nase zu.
»Harry«, sagte Lockhart kopfschüttelnd, und seine großen
weißen Zähne blitzten. »Harry, Harry, Harry.«
Harry schwieg völlig verdutzt.
»Als ich davon gehört hab - nun, natürlich war alles meine
Schuld. Ich hätte mich ohrfeigen können.«
Harry hatte keine Ahnung, wovon er redete. Das wollte er
gerade sagen, als Lockhart fortfuhr: »Weiß nicht, ob ich mich
jemals so erschrocken habe. Einen Wagen nach Hogwarts
zu fliegen! Nun, natürlich wusste ich sofort, warum Sie
94
es getan haben. War eine ganz große Sache. Harry, Harry,
Harry.«
Erstaunlicherweise konnte er jeden einzelnen seiner blit-
zenden Zähne zeigen, selbst wenn er nicht sprach.
»Hab Sie auf den Geschmack gebracht, was öffentliches
Aufsehen angeht, nicht wahr?«, sagte Lockhart. »Es hat Sie
gepackt. Sie sind mit mir auf die Titelseite gekommen und
wollten es gleich noch mal probieren.«
»O nein, Professor, sehen Sie -«
»Harry, Harry, Harry«, sagte Lockhart, streckte die Hand
aus und packte ihn an der Schulter. »Ich verstehe. Ist doch nur
natürlich, dass man ein wenig mehr will, sobald man davon
gekostet hat. Und ich mache mir Vorwürfe, Sie darauf ge-
bracht zu haben, denn es musste Ihnen ja zu Kopfe steigen -
doch sehen Sie mal, junger Mann, Sie können nicht einfach
hingehen und mit Autos herumfliegen, um Aufmerksamkeit zu
erregen. Kommen Sie besser wieder auf den Boden. Wenn Sie
älter sind, haben Sie noch genug Zeit für derlei. Ja, ja, ich
weiß, was Sie denken! >Der hat gut reden, er ist ja schon ein
weltberühmter Zauberer!< Aber als ich zwölf war, war ich
auch nur ein niemand, genau wie Sie. Und eigentlich noch
weniger als ein niemand! Immerhin haben einige Leute schon
von Ihnen gehört, oder? Diese ganze Geschichte mit jenem,
dessen Name nicht genannt werden darf!« Er betrachtete die
blitzförmige Narbe auf Harrys Stirn. »Ich weiß, das ist nichts
gegen meine Auszeichnungen - fünfmal in Folge den
Charmantestes-Lächeln-Preis der Hexenwoche gewonnen -
doch es ist ein Anfang, Harry, ein Anfang.« Er zwinkerte Harry
kumpelhaft zu und schritt davon. Harry blieb ein paar
Sekunden wie angewurzelt stehen, dann fiel ihm ein, dass er
eigentlich im Gewächshaus sein sollte. Er öffnete die Tür und
glitt hinein.
Professor Sprout stand hinter einer aufgebockten Holz-
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platte mitten im Gewächshaus. Darauf lagen etwa zwanzig
Paar verschiedenfarbiger Ohrschützer. Harry stellte sich zwi-
schen Ron und Hermine. »Heute werden wir Alraunen um-
topfen. Nun, wer kann mir die Eigenschaften der Alraune
nennen?«
Hermine streckte als Erste den Finger in die Höhe, worüber
sich niemand wunderte.
»Die Alraune, oder Mandragora, ist eine mächtige Rück-
verwandlerin«, sagte Hermine und klang wie üblich, als hätte
sie das Lehrbuch geschluckt. »Sie wird verwendet, um Ver-
wandelte oder Verfluchte in ihren ursprünglichen Zustand
zurückzuversetzen.«
»Glänzend. Zehn Punkte für Gryffindor«, sagte Professor
Sprout. »Die Alraune bildet einen wesentlichen Bestandteil der
meisten Gegengifte. Freilich ist auch sie gefährlich. Wer kann
mir sagen, warum?«
Hermines Hand schoss wieder hoch und verfehlte dabei
knapp Harrys Brille.
»Der Schrei der Alraune ist tödlich für jeden, der ihn hört«,
antwortete sie blitzschnell.
»Genau. Weitere zehn Punkte«, sagte Professor Sprout.
»Nun sind die Alraunen, die wir hier haben, noch sehr jung.«
Sie deutete auf eine Reihe tiefer Kästen und alle hasteten
mit neugierigem Blick nach vorn. Dort wuchsen aufgereiht
etwa hundert kleine, büschelige Pflanzen von grüner Farbe mit
einem Hauch Purpurrot. Harry, der nicht die geringste Ahnung
hatte, was Hermine mit dem »Schrei« der Alraune meinte,
fand die Gewächse recht unscheinbar.
»Jetzt nimmt sich jeder ein Paar Ohrenschützer«, sagte
Professor Sprout.
Es gab ein Gerangel, weil alle versuchten ein Paar zu be-
kommen, das nicht rosa und flauschig war.
»Wenn ich sage, ihr sollt sie aufsetzen, dann Passt auf,
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dass eure Ohren vollständig bedeckt sind«, sagte Professor
Sprout. »Wenn ihr sie gefahrlos wieder abnehmen könnt, zeige
ich mit dem Daumen nach oben. Also, Ohrenschützer
aufsetzen.«
Harry klemmte sich die Ohrenschützer über den Kopf, Sie
ließen keinerlei Geräusch durch. Professor Sprout setzte ein
rosafarbenes, flauschiges Paar auf die Ohren, rollte die Ärmel
ihres Umhangs hoch, packte mit festem Griff eine der
büscheligen Pflanzen und zog kräftig daran.
Harry entfuhr vor Überraschung ein kleiner Aufschrei, den
natürlich niemand hören konnte.
Statt einer Wurzel kullerte ein kleines, schlammüberzogenes
und äußerst hässliches Baby aus der Erde. Die Blätter wuchsen
aus seinem Kopf heraus. Es hatte eine blassgrüne, gefleckte
Haut und schrie ganz eindeutig aus Leibeskräften.
Professor Sprout zog einen großen Blumentopf unter dem
Tisch hervor, steckte die Alraune hinein und begrub sie mit
dunkler, feuchter Komposterde, bis nur noch die büscheligen
Blätter zu sehen waren. Dann rieb sie sich Erdkrümel von den
Händen, zeigte mit dem Daumen nach oben und nahm ihre
Ohrenschützer ab.
»Da unsere Alraunen noch Setzlinge sind, würden ihre
Schreie euch noch nicht umbringen«, sagte sie gelassen, als ob
sie gerade nichts weiter Aufregendes getan hätte als eine
Begonie zu gießen. »Allerdings würden sie euch mehrere
Stunden lang außer Gefecht Setzen, und da sicher keiner von
euch den ersten Schultag im neuen Jahr verpassen will, achtet
darauf, dass eure Ohrenschützer richtig sitzen, während ihr
arbeitet. Ich gebe euch ein Zeichen, wenn es an der Zeit ist,
einzupacken.
Jeweils vier von euch an einen Kasten - hier sind genug
Töpfe - Komposterde ist in den Säcken dort drüben - und passt
auf die Venemosa Tentacula auf, sie beißt.«
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Bei diesen Worten versetzte sie einer dornigen, dunkelroten
Pflanze, deren lange Fühler sich still und leise über ihre
Schulter gestohlen hatten, einen heftigen Klaps, und die Fühler
wichen rasch zurück.
Zu Harry, Ron und Hermine trat ein lockenköpfiger Junge
von den Hufflepuffs, den Harry nur vom Sehen her kannte.
»Justin Finch-Fletchley«, sagte er gut gelaunt und schüttelte
Harry die Hand. »Weiß natürlich, wer du bist, der berühmte
Harry Potter ... und du bist Hermine Granger - in allem immer
Spitze ...« (Hermine strahlte, da er auch ihr die Hand
schüttelte) »... und Ron Weasley. War das nicht dein
fliegendes Auto?«
Ron lächelte nicht. Der Heuler ging ihm offenbar immer
noch im Kopf herum.
»Dieser Lockhart ist schon ein toller Hecht, nicht wahr?«,
sagte Justin munter, während sie ihre Blumentöpfe mit Dra-
chendungkompost füllten. »Unglaublich mutiger Kerl. Habt
ihr seine Bücher gelesen? Ich wär ja vor Angst gestorben,
wenn mich ein Werwolf in einer Telefonzelle belagert hätte,
aber er ist ruhig geblieben und - zapp - einfach phantastisch.
Mein Name war schon auf der Liste für Eton, müsst ihr
wissen, und ich kann euch nicht sagen, wie froh ich bin, dass
ich dann doch hierher kam. Natürlich war Mutter ein wenig
enttäuscht, aber seit ich ihr die Lockhart-Bücher empfohlen
habe, hat sie wohl eingesehen, wie nützlich es ist, wenn man
einen gründlich ausgebildeten Zauberer in der Familie hat ...«
Danach hatten sie nicht mehr viel Gelegenheit zum Reden.
Sie setzten ihre Ohrenschützer auf und mussten sich auf die
Alraunen konzentrieren. Bei Professor Sprout hatte es ganz
einfach ausgesehen, doch das war es nicht. Die Alraunen
mochten zwar überhaupt nicht gerne aus der Erde, doch
zurück in die Erde wollten sie dann schon gar nicht. Sie
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wanden und krümmten sich, ballten ihre spitzen kleinen
Fäuste, schlugen um sich und knirschten mit den Zähnen.
Harry brauchte ganze zehn Minuten, um endlich eine be-
sonders fette Alraune in einen Topf zu zwängen.
Am Ende der Stunde war Harry wie alle anderen schweiß-
nass, voller Erde, und die Arme taten ihm weh. Sie trotteten
hinüber zum Schloss, wuschen sich rasch, und dann ging es für
die Gryffindors auch schon weiter mit Verwandlung.
Der Unterricht von Professor McGonagall war immer harte
Arbeit, doch heute war es besonders anstrengend. Alles, was
Harry letztes Jahr gelernt hatte, schien während des Sommers
aus seinem Kopf verdunstet zu sein. Er sollte einen Käfer in
einen Knopf verwandeln, doch es gelang ihm nur, seinen Käfer
außer Atem zu bringen, denn der krabbelte ständig über den
Tisch, um Harrys Zauberstab zu entkommen.
Ron erging es noch schlimmer. Er hatte seinen Zauberstab
mit einem Stück geborgtem Zauberband geflickt, doch er
schien nachhaltig beschädigt zu sein. In den unpassendsten
Momenten stieß er prasselnd Funken aus. Und immer wenn
Ron seinen Käfer verwandeln wollte, hüllte er ihn in dicken
grauen Rauch, der nach faulen Eiern stank. Ron, der nicht
mehr sah, was er tat, zerquetschte aus Versehen seinen Käfer
mit dem Ellbogen und musste um einen neuen bitten. Pro-
fessor McGonagall war alles andere als begeistert.
Harry war sehr erleichtert, als die Glocke zum Mittagessen
schellte. Sein Hirn fühlte sich wie ein ausgedrückter
Schwamm an. Das Klassenzimmer leerte sich, zurück blieben
nur er und Ron, der mit seinem Zauberstab wütend auf den
Tisch schlug.
»Blödes ... nutzloses ... Teil
»Schreib deinen Eltern, sie sollen dir einen neuen
schicken«, schlug Harry vor, als leuchtende Kugeln in hohem
99
Bogen aus dem Zauberstab hervorschossen und wie bei einem
Feuerwerk zerknallten.
»Ja, natürlich, und zurück kommt dann noch ein Heuler«,
sagte Ron und stopfte den inzwischen fauchenden Zauberstab
in seine Schulmappe. »Es ist dein Fehler, wenn der Zauber-
stab angeknackst ist -«
Sie gingen hinunter zum Mittagessen, wo Rons Stimmung
durch Hermine nicht gerade gehoben wurde. Sie zeigte ihnen
eine Hand voll Mantelknöpfe, die sie in Verwandlung
zustande gebracht hatte.
»Was haben wir heute Nachmittag?«, sagte Harry, um rasch
das Thema zu wechseln.
»Verteidigung gegen die dunklen Künste«, sagte Hermine
sofort.
»Sag mal«, meinte Ron und schnappte sich ihren Stunden-
plan, »warum hast du eigentlich alle Stunden bei Lockhart mit
Herzchen umkringelt?«
Hermine riss ihm den Stundenplan aus der Hand und wurde
knallrot.
Nach dem Essen gingen sie hinaus in den Hof Der Himmel
war bedeckt. Hermine setzte sich auf eine steinerne Stufe und
vergrub sich wieder in Abstecher mit Vampiren, Harry und
Ron unterhielten sich ein wenig über Quidditch, doch nach
einigen Minuten beschlich Harry das Gefühl, dass jemand ihn
beobachtete. Er blickte auf und sah den sehr kleinen Jungen
mit mausgrauen Haaren, den er schon gestern Abend gesehen
hatte, als er den Sprechenden Hut aufsetzte. Er starrte Harry
an, als stünde er unter einem Bann. In den Händen hielt er
etwas, das aussah wie eine gewöhnliche Muggelkamera, und
in dem Moment, als Harry ihn anschaute, lief er hellrot an.
»Hallo, Harry, Ich bin ... ich bin Colin Creevey«, sagte er
atemlos und machte einen schüchternen Schritt auf ihn zu.
100
»Ich bin auch in Gryffindor. Meinst du - wäre es für dich in
Ordnung, wenn - kann ich ein Bild von dir machen?«, fragte er
und hob hoffnungsvoll die Kamera.
»Ein Bild?«, wiederholte Harry tonlos.
»Damit ich beweisen kann, dass ich dich getroffen hab«,
sagte Colin Creevey begierig und kam langsam näher. »Ich
weiß alles über dich. jeder erzählt es. Wie du überlebt hast, als
Du-weißt-schon-wer dich umbringen wollte, und wie er
verschwunden ist und alles und dass du immer noch eine
Blitznarbe auf der Stirn hast« (er besah sich prüfend Harrys
Haaransatz), »und ein Junge in meinem Schlafsaal hat gesagt,
wenn ich den Film im richtigen Gebräu entwickle, dann
bewegen sich die Bilder.« Colin holte vor Begeisterung tief
Luft und sagte: »Es ist einfach klasse hier, oder? Ich wusste
nie, dass Zaubern alles ist, was ich kann, bis der Brief von
Hogwarts kam. Mein Vater ist Milchmann, er konnte es auch
nicht fassen. Also mach ich eine Menge Fotos und schick sie
ihm. Und es wär echt gut, wenn ich eins von dir hätte -« er sah
Harry flehentlich bittend an »- vielleicht könnte dein Freund es
schießen und ich stelle mich neben dich? Und könntest du
dann deinen Namen draufschreiben?«
»Autogrammkarten? Du verteilst Autogrammkarten,
Potter?«
Laut und schneidend hallte Draco Malfoys Stimme im
ganzen Hof wider. Er hatte sich direkt hinter Colin gestellt,
flankiert, wie immer in Hogwarts, von seinen grobschlächtigen
und brutalen Spießgesellen Crabbe und Goyle.
»Alle anstellen!«, dröhnte Malfoy in die Menge hinein.
»Harry Potter verteilt Autogrammkarten«
»Nein, tu ich nicht«, sagte Harry wütend und ballte die
Fäuste. »Halt den Mund, Malfoy.«
»Du bist doch nur neidisch«, piepste Colin, dessen ganzer
Körper etwa so dick war wie Crabbes Hals.
101
»Neidisch?«, sagte Malfoy, der jetzt nicht mehr zu schreien
brauchte; der halbe Schulhof hörte zu. »Worauf denn? Ich will
doch keine ekelhafte Narbe quer über mein Gesicht haben,
nein danke. Wenn du den halben Kopf aufgeschlitzt kriegst,
macht dich das noch lange nicht zu was Besonderem, wenn du
mich fragst.«
Crabbe und Goyle kicherten dümmlich.
»Friss Schnecken, Malfoy«, sagte Ron zornig. Crabbe hörte
auf zu lachen und begann drohend seine kastaniengroßen
Faustknöchel zu reiben.
»Sieh dich vor, Weasley«, höhnte Malfoy. »Du willst doch
nicht etwa Ärger machen, denn dann muss deine Mami
kommen und dich von der Schule holen.« Mit durchdringend
schriller Stimme rief er: »Wenn du dir noch einmal den
kleinsten Fehltritt erlaubst -«
Ein Haufen Fünftklässler von Slytherin lachte laut auf.
»Weasley hätte gern eine Autogrammkarte, Potter«, spottete
Malfoy, »sie wäre mehr wert als das ganze Haus seiner
Familie -«
Blitzschnell zog Ron seinen geflickten Zauberstab hervor,
doch Hermine schlug Abstecher mit Vampiren knallend zu und
flüsterte:
»Schau mal, wer da kommt!«
»Um was geht es denn, Herrschaften?« Gilderoy Lockhart
schritt auf sie zu, sein türkisfarbener Umhang flatterte im
Winde. »Wer verteilt hier Autogrammkarten?«
Harry wollte gerade den Mund aufmachen, doch Lockhart
patschte ihm den Arm auf die Schulter und dröhnte
gönnerhaft:
»Dumme Frage! Wieder mal unser Harry!«
Harry, wie mit einem Schraubstock an Lockhart gepresst,
sah Malfoy mit spöttischem Blick in der Menge verschwinden.
»Nun denn, Mr Creevey«, sagte Lockhart und strahlte zu
102
Colin hinüber. »Ein Doppelporträt, was für ein Angebot, und
wir unterschreiben es beide für Sie.«
Colin fummelte an seiner Kamera und schoss das Bild in
dem Augenblick, als die Glocke hinter ihnen läutete und zum
Nachmittagsunterricht rief
»So, die Herrschaften, verkrümelt euch«, rief Lockhart den
Umstehenden zu und ging mit Harry, den er immer noch an
sich gepresst hatte, auf das Schlosstor zu. Wenn ich nur einen
guten Verschwindezauber kennen würde, dachte Harry.
»Unter uns gesagt, Harry«, sagte Lockhart Väterlich, als sie
das Gebäude durch eine Seitentür betraten. »Ich hab Ihnen da
mit dem jungen Creevey ein wenig geholfen - weil er mich
auch fotografiert hat, werden Ihre Schulkameraden nicht
denken, dass Sie sich zu sehr ins Rampenlicht rücken ...« Un-
ter den neugierigen Blicken der anderen Schüler schleifte er
ihn durch einen Gang und eine Treppe empor.
»Ich wollte Ihnen nur sagen, dass es zu diesem Zeitpunkt
Ihrer Laufbahn nicht klug ist, Autogrammkarten zu verteilen -
wirkt doch leicht übertrieben, um ehrlich zu sein. Irgendwann
mag durchaus die Zeit kommen, da Sie immer einen Stapel
griffbereit haben sollten, wie ich, aber -« er gab ein leises
Gackern von sich, »ich glaube nicht, dass Sie schon so weit
sind.«
Sie waren zu Lockharts Klassenzimmer gelangt und endlich
ließ er Harry los. Harry zupfte seinen Umhang zurecht und
suchte sich einen Platz ganz hinten, wo er sich damit
beschäftigte, alle sieben Bücher von Lockhart vor sich aufzu-
stapeln, so dass er den leibhaftigen Lockhart nicht anzusehen
brauchte.
Der Rest der Klasse kam hereingetröpfelt und Ron und
Hermine setzten sich neben Harry.
»Auf deinem Gesicht hätte man Spiegeleier braten
können«, sagte Ron. »Kannst nur beten, dass Creevey nicht
103
Ginny über den Weg läuft, die würden auf der Stelle einen
Harry-Potter-Fanclub gründen.«
»Hör auf«, fauchte ihn Harry an. Das Letzte, was er jetzt
brauchen konnte, war, dass Lockhart etwas vom einem
»Harry-Potter-Fanclub« aufschnappte.
Als alle saßen, räusperte sich Lockhart laut und es trat Stille
ein. Er griff nach Neville Longbottoms Exemplar von Trips
mit Trollen und hielt es hoch, um sein eigenes zwinkerndes
Bild auf der Titelseite zu zeigen.
»Ich«, sagte er, deutete darauf und zwinkerte ebenfalls,
»Gilderoy Lockhart, Orden der Merlin dritter Klasse, Eh-
renmitglied der Liga zur Verteidigung gegen die dunklen
Kräfte und fünfmaliger Gewinner des Charmantestes-Lä-
cheln-Preises der Hexenwoche - aber das ist nicht der Rede
wert. Die Todesfee von Bandon bin ich schließlich nicht los-
geworden, indem ich sie angelächelt habe«
Er hielt inne, um ihnen Gelegenheit zum Lachen zu geben;
ein paar lächelten matt.
»Wie ich sehe, habt ihr alle die komplette Ausgabe meiner
Werke erworben - gut so. Ich dachte, wir könnten heute mit
einem kleinen Quiz beginnen. Was ganz Leichtes, keine
Sorge - wollte nur sehen, wie gründlich ihr sie gelesen habt,
wie viel ihr behalten habt -«
Er verteilte die Aufgabenblätter und ging dann wieder nach
vorn: »Ihr habt dreißig Minuten - los geht's!«
Harry sah auf sein Blatt und las:
1. Was ist Gilderoy Lockharts Lieblingsfarbe?
2. Wie lautet Gilderoy Lockharts geheimer Wunsch?
3. Was ist Ihrer Meinung nach Gilderoy Lockharts größte
Leistung bisher?
So ging es weiter, über drei Seiten hinweg, bis zur letzten
Frage:
104
54. Wann hat Gilderoy Lockhart Geburtstag und was wäre
das ideale Geschenk für ihn?
Eine halbe Stunde später sammelte Lockhart die Zettel ein und
blätterte sie vor der Klasse durch.
»Tjaja - kaum einer von euch weiß noch, dass meine Lieb-
lingsfarbe Lila ist. Das schreibe ich in Einjahr bei einem Yeti.
Und ein paar von euch müssen Wanderungen mit Werwölfen
sorgfältiger lesen - dort mache ich in Kapitel zwölf deutlich,
dass mein ideales Geburtstagsgeschenk die Harmonie zwi-
schen allen magischen und nichtmagischen Menschen wäre -
auch wenn ich zu einer großen Flasche Ogdens Old Fire-
whisky nicht nein sagen würde!«
Er zwinkerte ihnen erneut schalkhaft zu. Ron starrte Lock-
hart inzwischen mit ungläubiger Miene an; Seamus Finnigan
und Dean Thomas, die in der ersten Reihe saßen, schüttelten
sich vor unterdrücktem Lachen. Hermine hingegen lauschte
Lockhart mit verzückter Aufmerksamkeit und zuckte zusam-
men, als er ihren Namen nannte.
»... doch Miss Hermine Granger kennt meinen geheimen
Wunsch, die Welt von allem Bösen zu befreien und meine
eigene Serie von Haarpflegeprodukten zu vermarkten. Gutes
Mädchen! Tatsächlich -« er überflog ihre Arbeit, »die volle
Punktzahl! Wo ist Miss Hermine Granger?«
Hermine hob eine zitternde Hand.
»Hervorragend!«, strahlte Lockhart, »ganz hervorragend!
Nehmen Sie zehn Punkte für Gryffindor! Und nun zu den
ernsten Dingen«
Er beugte sich hinter seinen Tisch, hob einen großen,
tuchbedeckten Käfig hoch und stellte ihn auf die Tischplatte.
»Ich muss euch warnen! Es ist meine Aufgabe, euch gegen
die heimtückischsten Geschöpfe zu wappnen, die die Zau-
berer-
welt kennt! Und es mag durchaus sein, dass ihr in die-
105
sem Raum euren schlimmsten Ängsten ins Gesicht sehen
müsst. Ihr sollt jedoch wissen, dass euch nichts passieren kann,
solange ich hier bin. Alles, was ich verlange, ist, dass ihr ruhig
bleibt.«
Widerwillig beugte sich Harry zur Seite, um an seinem
Bücherstapel vorbei den Käfig besser sehen zu können.
Lockhart legte eine Hand auf die Abdeckung. Dean und
Seamus hatten jetzt aufgehört zu lachen. Neville vorn in der
ersten Reihe kauerte sich in seinem Stuhl zusammen.
»Ich muss euch bitten, nicht zu schreien«, sagte Lockhart
mit leiser Stimme, »das könnte sie reizen.«
Die ganze Klasse hielt die Luft an und Lockhart zog die
Decke vom Käfig.
»Ja«, sagte er mit theatralischer Stimme, »frisch gefangene
Wichtel aus Cornwall.«
Seamus Finnigan konnte nicht mehr an sich halten. Er
prustete los und selbst Lockhart konnte dieses Lachen nicht
mit einem Entsetzensschrei verwechseln.
Ja?«, sagte er lächelnd zu Seamus.
»Nun, sie sind nicht - sie sind nicht sehr - gefährlich,
oder?«, sagte er mit verschluckter Stimme.
»Da wär ich mir nicht so sicher!«, sagte Lockhart und
fuchtelte lästig mit dem Finger vor Seamus' Nase herum.
»Teuflisch trickreiche kleiner Biester können das sein«
Die Wichtel waren leuchtend blau und etwa zwanzig
Zentimeter groß, mit spitzen Gesichtern und so schrillen
Stimmen, dass man meinen konnte, einen Haufen streitender
Wellensittiche vor sich zu haben. Kaum war die Abdeckung
weg, begannen sie auch schon zu plappern und um-
herzuflitzen, sie rüttelten an den Käfigstäben und zogen den
Schülern in der Nähe hässliche Grimassen.
»Nun gut«, sagte Lockhart laut. »Sehen wir mal, wie ihr mit
ihnen klarkommt!« Und er öffnete den Käfig.
106
Es war, als hätte er das Tor zur Hölle aufgestoßen. Pfeil-
schnell schossen die Wichtel heraus und in alle Richtungen
davon. Zwei von ihnen packten Neville bei den Ohren und
hoben ihn in die Luft. Einige brachen geradewegs durchs
Fenster und ließen einen Hagel aus Glassplittern über die
hinteren Reihen niederprasseln. Der Rest machte sich daran,
das Klassenzimmer gründlicher zu verwüsten als ein rasendes
Nilpferd. Sie packten Tintenfässer und spritzten damit in der
Klasse herum, zerfetzten Bücher und Papiere, rissen Bilder
von den Wänden, stülpten den Papierkorb um, packten
Taschen und Bücher und warfen sie aus dem zerborstenen
Fenster; nach ein paar Minuten nahmen die Schüler unter ihren
Tischen Deckung und Neville pendelte vom Kronleuchter an
der Decke.
»Na kommt schon! - treibt sie zusammen, zeigt es ihnen! Es
sind doch bloß Wichtel«, rief Lockhart.
Er rollte die Ärmel hoch, fuchtelte mit seinem Zauberstab
und brüllte: »Peskiwichteli Pesternomi!«
Nichts passierte, außer dass einer der Wichtel Lockharts
Zauberstab packte und ihn aus dem Fenster warf. Lockhart
schluckte vor Schreck und tauchte ab unter seinen Tisch,
wobei er gerade noch Glück hatte, nicht von Neville zer-
quetscht zu werden, der eine Sekunde später mitsamt dem
Kronleuchter herunterkrachte.
Die Glocke läutete und alle rannten in wilder Hast zum
Ausgang. Nun trat ein wenig Ruhe ein. Lockhart richtete sich
auf, sah Harry, Ron und Hermine, die fast an der Tür waren,
und sagte:
»Nun, ich bitte euch drei, den Rest von ihnen einfach wieder
in den Käfig zu sperren.« Er huschte an ihnen vorbei und
schloss rasch die Tür hinter sich.
»Das ist doch unglaublich!«, brüllte Ron, als einer der ver-
bliebenen Wichtel ihn ins Ohr biss.
107
»Er will doch nur, dass wir ein wenig praktische Erfahrung
sammeln«, sagte Hermine, legte mit einem pfiffigen Erstar-
rungszauber zwei Wichtel auf einmal lahm und stopfte sie
zurück in den Käfig.
»Praktische Erfahrung?«, sagte Harry und versuchte einen
Wichtel zu packen, der jedoch tänzelnd entwich und ihm die
Zunge rausstreckte. »Hermine, der hatte doch keinen blassen
Schimmer von dem, was er da hätte tun sollen -«
»Unsinn«, sagte Hermine, »du hast doch seine Bücher ge-
lesen - überleg doch mal, was für tolle Sachen er gemacht hat -
«
»Die er angeblich gemacht hat«, murmelte Ron.
108
Die unheimliche Stimme
In den nächsten Tagen war Harry hauptsächlich damit be-
schäftigt, rasch abzutauchen, wenn er Gilderoy Lockhart he-
rumstolzieren sah. Schwieriger war es allerdings, Colin Cree-
vey aus dem Weg zu gehen. Colin hatte Harrys Stundenplan
offenbar auswendig gelernt. Nichts schien ihm mehr Spaß zu
machen, als sechs oder sieben Mal täglich »Alles klar, Harry?«
zu rufen und darauf »Hallo, Colin« zu hören, und mochte
Harry dabei noch so entnervt klingen.
Hedwig war wegen der fürchterlichen Reise immer noch
sauer auf Harry, und Rons Zauberstab spielte immer noch
verrückt. Am Freitagmorgen übertraf er sich selbst: Pfeil-
schnell schoss er aus Rons Hand, flog genau zwischen die
Augen des kleinen alten Professor Flitwick und hinterließ dort
eine große, pulsierende grüne Beule. So kam das eine zum
andern, und Harry war ganz froh, dass endlich Wochenende
war. Mit Ron und Hermine wollte er am Samstagvormittag
Hagrid besuchen. Frühmorgens jedoch, nach Harrys
Geschmack ein paar Stunden zu früh, rüttelte ihn Oliver
Wood, der Kapitän der Quidditch-Mannschaft von Gryffindor,
aus dem Schlaf,
»Wasn los?«, sagte Harry noch ganz benommen.
»Quidditch-Training«, sagte Wood. »Mach schon«
Harry blinzelte aus dem Fenster. Ein leichter Nebelschleier
hing am gold und rosa gefärbten Himmel. jetzt, wo er wach
war, begriff er nicht, wie er bei dem Höllenspektakel der Vö-
gel hatte schlafen können.
109
»Oliver«, krächzte Harry, »in dieser Herrgottsfrühe.«
»Selbstverständlich«, sagte Wood. Er war ein großer und
stämmiger Sechstklässler, und seine Augen waren voll glü-
hender Begeisterung. »Unser neues Trainingsprogramm. Los
jetzt, nimm deinen Besen und lass uns endlich gehen«, sagte
Wood energisch. »Von den andern Mannschaften hat noch
keine mit dem Training angefangen, dieses Jahr sind wir die
Ersten in den Startlöchern -«
Gähnend und ein wenig fröstelnd stieg Harry aus dem Bett
und machte sich auf die Suche nach seinem Quidditch-
Umhang.
»Bist ein guter Mann«, sagte Wood. »Wir sehen uns in einer
Viertelstunde auf dem Feld.«
Harry suchte den scharlachroten Mannschaftsumhang heraus
und zog, weil ihm kalt war, seinen Mantel drüber. Dann
schrieb er einen Zettel für Ron und stieg mit geschultertem
Nimbus Zweitausend die Wendeltreppe hinunter in den Ge-
meinschaftsraum. Kurz vor dem Porträtloch hörte er hinter
sich Getrappel. Colin Creevey raste mit wild umherpendelnder
Kamera die Wendeltreppe herunter. In der Hand hielt er etwas
umklammert.
»Hab gehört, wie jemand auf der Treppe deinen Namen
genannt hat, Harry! Schau mal, was ich hier hab! Ich hab's
entwickeln lassen und wollte es dir zeigen -«
Gedankenverloren sah Harry auf das Foto, das ihm Colin
unter die Nase hielt.
Ein schwarzweißer Lockhart bewegte sich darauf und zerrte
mit Leibeskräften an einem Arm, den Harry als seinen eigenen
erkannte. Mit Genugtuung stellte er fest, dass sein Foto-Ich es
Lockhart mehr als schwer machte und sich partout nicht ins
Blickfeld zerren ließ. Schließlich gab Lockhart auf und sank
nach Luft ringend am weißen Bildrand nieder.
110
»Schreibst du deinen Namen drauf?«, fragte Colin schmei-
chelnd.
»Nein«, erwiderte Harry schlicht und blickte sich um, ob
wirklich niemand im Raum war. »Tut mir Leid, Colin, ich
hab's eilig - Quidditch-Training -«
Er kletterte durch das Porträtloch.
»Au klasse! Wart auf mich! Ich hab noch nie ein Quid-
ditch-Spiel gesehen!«
Und Colin kraxelte hinter ihm her.
»Das ist sicher ganz langweilig für dich«, sagte Harry rasch,
doch Colin, das Gesicht leuchtend vor Begeisterung, hörte
nicht auf ihn.
»Du bist der jüngste Hausspieler seit hundert Jahren, stimmt
doch, Harry?«, sagte Colin, neben ihm hertrottend. »Du musst
ein toller Spieler sein. Ich bin noch nie geflogen. Ist es leicht?
Ist das dein Besen? Ist das der beste, den es gibt?«
Harry wusste nicht, wie er ihn loswerden konnte. Es war, als
hätte er einen äußerst redseligen Schatten.
»Ich versteh eigentlich nichts von Quidditch«, sagte Colin
außer Atem. »Stimmt es, dass es vier Bälle gibt? Und zwei
davon fliegen herum und wollen die Spieler von den Besen
hauen?«
»ja«, sagte Harry mit schwerer Stimme. Wohl oder übel
musste er die schwierigen Quidditch-Regeln erklären. »Sie
heißen Klatscher. Es gibt in jeder Mannschaft auch zwei
Treiber mit Schlägern, die die Klatscher von den eigenen
Leuten wegzujagen versuchen. Fred und George Weasley sind
die Treiber für Gryffindor.«
»Und wozu sind die anderen Bälle?«, fragte Colin und
stolperte über ein paar Stufen, weil er mit offenem Munde
unverwandt Harry anstarrte.
»Nun, der Quaffel - der große rote Ball -, mit dem schie-
111
ßen wir Tore. Die drei Jäger in jeder Mannschaft werfen sich
den Quaffel zu und versuchen ihn durch die Tore am Ende des
Spielfelds zu kriegen - das sind drei lange Stangen mit Ringen
an der Spitze.«
»Und der vierte Ball -«
»- ist der Goldene Schnatz«, sagte Harry, »und der ist sehr
klein, sehr schnell und schwer zu fangen. Das ist die Aufgabe
des Suchers, denn ein Quidditch-Spiel endet nicht, bevor der
Schnatz gefangen ist. Und die Mannschaft, deren Sucher den
Schnatz kriegt, bekommt hundertfünfzig Punkte extra.«
»Und du bist der Sucher von Gryffindor, nicht?«, sagte
Colin ehrfurchtsvoll.
»ja«, sagte Harry, als sie aus dem Schlosstor gingen und
sich auf den Weg über den taugetränkten Rasen machten.
»Und dann gibt es noch den Hüter. Er bewacht die Tore. Das
war's jetzt aber.«
Doch Colin hörte nicht auf, Harry den ganzen Weg über den
Rasen hinunter zum Quidditch-Feld mit Fragen zu löchern,
und Harry konnte ihn erst abschütteln, als sie die Um-
kleidekabinen erreicht hatten.»Ich geh und besorg mir einen
guten Platz, Harry!«, rief Colin ihm noch piepsend hinterher,
dann rannte er zu den Tribünen.
Die andern aus der Mannschaft von Gryffindor waren schon
anwesend, falls man das so nennen konnte. Wood war der
Einzige, der wirklich wach aussah. Fred und George Weasley
saßen mit geschwollenen Augen und zerzausten Haaren neben
der Viertklässlerin Alicia Spinnet, die schlaftrunken immer
wieder einnickte und dabei mit dem Kopf gegen die Wand
schlug. Gegenüber saßen Seite an Seite ihre Mitjägerinnen
Katie Bell und Angelina Johnson und gähnten.
»Da bist du ja, Harry, wo warst du denn so lange?«, sagte
Wood munter. »Nun denn, ich wollte noch kurz mit euch
reden, bevor wir rausgehen aufs Feld. Den Sommer über
112
habe ich nämlich ein ganz neues Trainingsprogramm ent-
wickelt, und ich bin überzeugt, dass es uns den entscheidenden
Schritt nach vorn bringt ...«
Wood hielt eine große Tafel mit dem Plan des Quidditch-
Feldes in die Höhe. Mit Tinten in verschiedenen Farben waren
Linien, Pfeile und Kreuze darauf eingezeichnet. Wood zückte
seinen Zauberstab, tippte auf die Tafel, und die Pfeile
begannen über den Plan zu krabbeln wie Raupen. Während er
seinen Vortrag über die neue Spieltaktik hielt, sank Fred
Weasleys Kopf auf Alicia Spinnets Schulter und er begann zu
schnarchen.
Wood brauchte zwanzig Minuten, um die Tafel zu erläutern,
doch unter der war noch eine zweite, und darunter noch eine
dritte. Harry döste ein, während Wood unablässig
weiterplapperte.
»So«, sagte Wood endlich und riss Harry aus einem
wohligen Dämmerschlaf, in dem er sich vorstellte, was er in
diesem Augenblick oben im Schloss zum Frühstück verspeisen
könnte. »Ist alles klar? Noch Fragen?«
»Ich hab eine Frage, Oliver«, sagte der aus dem Schlaf
hochgeschreckte George. »Warum hast du uns das nicht ges-
tern erzählt, als wir wach waren«
Wood war nicht entzückt.
»Nun hört mal zu, ihr Schlafmützen«, sagte er und sah sie
alle finster an. »Wir hätten letztes Jahr den Quidditch-Pokal
gewinnen müssen. Wir sind bei weitem das beste Team. Doch
unglücklicherweise - aufgrund von Ereignissen, die wir nicht
vorhersehen konnten -«
Harry rutschte unruhig auf seinem Platz umher. Beim
Endspiel letztes Jahr hatte er bewusstlos im Krankenflügel
gelegen, Gryffindor hatte einen Spieler weniger gehabt und die
schlimmste Niederlage seit dreihundert Jahren einstecken
müssen.
113
Wood brauchte einen Moment, um sich wieder zu fassen.
Die letzte Niederlage quälte ihn offenbar immer noch.
»Deshalb strengen wir uns dieses Jahr noch mehr an als
sonst... Also los, gehen wir und setzen unsere neuen Theorien
in die Praxis um!«, rief Wood, packte seinen Besen und
marschierte hinaus. Steifbeinig und immer noch gähnend
folgte ihm seine Mannschaft.
Sie waren so lange in der Kabine gewesen, dass die Sonne
inzwischen ganz aufgegangen war, wenn auch noch Reste des
Morgennebels über dem Stadionrasen hingen. Als Harry das
Feld betrat, sah er Ron und Hermine auf der Tribüne sitzen.
»Seid ihr noch nicht fertig?«, rief Ron ungläubig.
»Haben noch nicht mal angefangen«, entgegnete Harry und
schielte neidisch auf die Toasts mit Marmelade, die Ron und
Hermine aus der Großen Halle mitgebracht hatten. »Wood hat
uns neue Spielzüge erläutert.«
Er bestieg seinen Besen, stieß sich vom Boden ab und sauste
hoch in die Lüfte. Die kühle Morgenluft peitschte ihm ins
Gesicht und weckte seine Lebensgeister gründlicher als Woods
langatmiger Vortrag. Ein wunderbares Gefühl, wieder auf dem
Quidditch-Feld zu sein. Mit vollem Karacho sauste er um das
Stadion und jagte Fred und George hinterher.
»Was ist das für ein komisches Klicken?«, rief Fred, als sie
sich in eine Kurve legten.
Harry blickte hinunter auf die Ränge. Colin saß auf einem
der höchsten Plätze, hielt die Kamera vor die Augen und
schoss ein Foto nach dem andern. In dem fast menschenleeren
Stadion klang das Klicken merkwürdig laut.
»Schau hierher, Harry, hierher!«, rief er schrill.
»Wer ist denn das?«, sagte Fred.
»Keine Ahnung«, log Harry und legte einen Spurt ein, um
möglichst weit von Colin wegzukommen.
»Was geht da vor?«, sagte Wood stirnrunzelnd und kam
114
zu ihnen herübergeglitten. »Warum macht dieser Erstklässler
Fotos? Ich mag das nicht. Womöglich ist er ein Spion der
Slytherins, der unser neues Trainingsprogramm auskund-
schaften will.«
»Er ist ein Gryffindor«, sagte Harry rasch.
»Und die Slytherins brauchen keinen Spion, Oliver«, sagte
George.
»Wieso«, fragte Wood gereizt.
»Weil sie selbst hier sind«, sagte George und deutete auf die
Erde.
Mehrere Gestalten in grünen Umhängen und mit Besen in
den Händen schritten auf das Feld zu.
»Ist doch nicht zu fassen!«, zischte Wood empört. »Ich hab
das Feld für heute gebucht! Das werden wir ja sehen«
Wood schoss zur Erde und schlug in seinem Zorn doch
etwas härter auf als beabsichtigt. Mit zitternden Knien stieg er
vom Besen. Harry, Fred und George folgten ihm.
»Flint!«, bellte Wood den Kapitän der Slytherins an, »das ist
unsere Trainingszeit! Wir sind extra früh aufgestanden! Ihr
könnt gleich wieder Leine ziehen!«
Marcus Flint war sogar noch größer als Wood. Mit trollhaft
durchtriebener Miene antwortete er: »Ist doch Platz genug für
uns alle da, Wood.«
Auch Angelina, Alicia und Katie kamen herüber. Mädchen
gab es keine im Team der Slytherins; allesamt grinsend
standen sie jetzt Schulter an Schulter vor den Gryffindors.
»Aber ich hab das Feld gebucht«, sagte Wood, jetzt buch-
stäblich spuckend vor Wut. »Ich hab's gebucht!«
»Aah«, sagte Flint. »Ich habe hier allerdings eine von Pro-
fessor Snape persönlich unterzeichnete Erklärung: >Ich, Pro-
fessor S. Snape, erteile dem Slytherin-Team die Erlaubnis, am
heutigen Tage auf dem Quidditch-Feld zu trainieren aufgrund
der Notwendigkeit, ihren neuen Sucher auszubilden.<«
115
»Ihr habt einen neuen Sucher?«, sagte Wood verwirrt.
»Wen?«
Und hinter den sechs stämmigen Gestalten vor ihnen kam
ein siebter, kleinerer Junge zum Vorschein, über das ganze
bleiche, spitze Gesicht feixend. Es war Draco Malfoy.
»Bist du nicht der Sohn von Lucius Malfoy?«, fragte Fred
und musterte Malfoy geringschätzig.
»Komisch, dass du Dracos Vater erwähnst«, sagte Flint, und
die Slytherin-Mannschaft setzte ein noch breiteres Grinsen auf.
»Seht mal her, was für ein großzügiges Geschenk er dem
Slytherin-Team gemacht hat.«
Alle sieben hielten ihre Besen in die Höhe. Sieben auf
Hochglanz polierte, brandneue Besenstiele und siebenmal die
Aufschrift in gediegenen Goldlettern, die unter den Nasen der
Gryffindors in der frühen Morgensonne schimmerten:
»Nimbus Zweitausendeins«.
»Das allerneueste Modell. Kam erst letzten Monat raus«,
sagte Flint lässig und blies ein Staubkorn von der Spitze seines
Besenstiels. »Ich glaube, er schlägt den alten Zweitausender
um Längen. Und was die alten Sauberwischs angeht« -
gehässig lächelte er Fred und George an, die ihre Sauberwischs
Fünf in Händen hielten - »damit könnt ihr die Tafel wischen.«
Die Gryffindors waren für den Moment vollkommen
sprachlos. Malfoy feixte so breit, dass seine Augen sich zu
Schlitzen verengten.
»Oh, sieh mal«, sagte Flint, »was für ein Ansturm.«
Ron und Hermine kamen über den Rasen, um nachzusehen,
was da passierte.
»Was ist los?«, fragte Ron Harry, »warum spielt ihr nicht?
Und was macht eigentlich der hier?«
Das galt Malfoy, der sich gerade den Quidditch-Umhang der
Slytherins überwarf.
116
»Ich bin der neue Sucher der Slytherins, Weasley«, sagte
Malfoy mit blasierter Miene. »Wir sind gerade dabei, die Be-
sen zu bewundern, die mein Vater unserer Mannschaft ge-
schenkt hat.«
Ron starrte mit offenem Mund auf die sieben Superbesen
vor ihm.
»Gut, nicht wahr?«, sagte Malfoy mit gleichmütiger Stim-
me. »Aber vielleicht schaffen es die Gryffindors ja, ein wenig
Gold aufzutreiben und sich ebenfalls neue Besen zuzulegen.
Ihr könntet eure Sauberwischs Fünf verscheuern, vielleicht hat
ein Museum Interesse dran.«
Die Slytherins brachen in johlendes Gelächter aus.
»Zumindest musste sich keiner von den Gryffindors in das
Team einkaufen«, sagte Hermine mit schneidender Stimme.
»Die sind nämlich nur wegen ihres Könnens reingekommen.«
Malfoys blasiertes Gesicht begann zu flackern.
»Keiner hat dich nach deiner Meinung gefragt, du dreckiges
kleines Schlammblut«, blaffte er sie an.
Harry spürte Sofort, dass Malfoy etwas ganz Schlimmes
gesagt haben musste, denn er hatte den Mund noch nicht
zugemacht, als auch schon ein Aufschrei zu hören war. Mit
einem Hechtsprung stellte sich Flint vor Malfoy, damit Fred
und George sich nicht auf ihn werfen konnten, und Alicia
kreischte »Wie kannst du es wagen!«. Ron zog seinen Zauber-
stab aus dem Umhang und schrie: »Dafür wirst du bezahlen,
Malfoy!« Wutentbrannt richtete er den Zauberstab auf Malfoys
Gesicht, das unter Flints Armen hervorlugte.
Ein lauter Knall hallte im Stadion wider, ein grüner Licht-
strahl schoss aus dem falschen Ende von Rons Zauberstab
heraus, traf ihn in den Magen und schleuderte ihn in hohem
Bogen rücklings ins Gras.
»Ron, Ron! Alles in Ordnung mit dir?«, kreischte Hermine.
Ron öffnete den Mund, um zu sprechen, doch er brachte
117
kein Wort heraus. Stattdessen gab er einen dröhnenden Rülp-
ser von sich, und ein Dutzend Schnecken kullerten ihm aus
dem Mund in den Schoß.
Die Slytherins krümmten sich vor Lachen. Flint musste sich
auf seinen neuen Besen stützen, um nicht umzufallen. Malfoy
lag auf allen Vieren und hämmerte mit den Fäusten auf den
Boden. Die Gryffindors schlossen einen Kreis um Ron, der
ständig große, glänzende Schnecken hervorwürgte. Keiner
schien ihn berühren zu wollen.
»Wir schaffen ihn am besten zu Hagrid, das ist am nächs-
ten«, sagte Harry zu Hermine. Die nickte mutig und die beiden
zogen Ron an den Armen in die Höhe.
»Was ist passiert, Harry? Was ist passiert? Ist er krank?
Aber du kannst ihn doch gesund machen, oder?« Colin war
von seinem Platz auf der Tribüne heruntergerannt und tänzelte
neben ihnen her, während sie das Feld verließen. Ein heftiges
Würgen, und noch mehr Schnecken kullerten Ron den Bauch
hinunter.
»Oooh«, sagte Colin fasziniert und hob die Kamera.
»Kannst du ihn still halten, Harry?«
»Aus dem Weg jetzt, Colin«, sagte Harry unwirsch. Er und
Hermine stützten Ron auf dem Weg hinaus aus dem Stadion
und über die Felder zum Waldrand.
»Wir sind fast da, Ron«, sagte Hermine, als die Hütte des
Wildhüters in Sicht kam. »Gleich geht's dir besser - ein paar
Schritte noch -«
Sie waren sieben Meter vor Hagrids Hütte, als die Tür
aufflog. Doch es war nicht Hagrid, der herauskam. Gilderoy
Lockhart kam herausgeschritten, heute in einem hauchzart
malvenfarben getönten Umhang.
»Schnell, da rüber«, zischte Harry und zerrte Ron hinter ein
nahes Gebüsch. Hermine folgte etwas widerstrebend.
»Es ist ganz einfach, wenn Sie wissen, was Sie zu tun
118
haben«, sagte Lockhart mit lauter Stimme zu Hagrid, »Sie
wissen, wo Sie mich finden, falls Sie Hilfe brauchen. Ich lass
Ihnen mein Buch zukommen, es wundert mich, dass Sie es
noch nicht haben. Ich signiere heute Abend eines und schick es
rüber. Nun denn, auf Wiedersehen!« Und er marschierte in
Richtung Schloss davon.
Harry wartete, bis Lockhart außer Sicht war, dann zog er
Ron hinter dem Busch hervor und half ihm weiter zu Hagrids
Tür, wo sie laut anklopften.
Hagrid öffnete auf der Stelle, allerdings recht missmutig
dreinblickend. Doch seine Miene hellte sich auf, als er sah,
wen er vor sich hatte.
»Hab mich schon gefragt, wann ihr endlich kommt - rein
mit euch - dachte, es wäre vielleicht schon wieder Professor
Lockhart -«
Harry und Hermine halfen Ron über die Schwelle in die
Hütte mit nur einem Raum, in dem in einer Ecke ein riesiges
Bett stand und in der anderen ein munteres Feuer prasselte. Sie
ließen Ron in einen Sessel sinken und Harry erklärte rasch,
was vorgefallen war. Hagrid schien sich nicht sonderlich an
Rons Schneckenproblem zu stören.
»Besser raus als rein«, sagte er gut gelaunt und stellte eine
großen Kupferwanne vor Ron auf #Nur immer raus damit,
Ron.«
»Ich glaube, wir können nichts tun außer abwarten, bis es
aufhört«, sagte Hermine bedrückt, während sich Ron über die
Wanne beugte. »Schon wenn man in Form ist, ist das ein
schwieriger Fluch, aber mit einem zerbrochenen Zauberstab -«
Hagrid war emsig damit beschäftigt, ihnen Tee zu kochen.
Fang, sein Saurüde, sabberte über Harrys Umhang.
»Was wollte Lockhart eigentlich bei dir, Hagrid?«, fragte
Harry und kratzte Fang an den Ohren.
119
»Hat mich beraten, wie man Wassergeister aus einer Quelle
rauskriegt«, brummte Hagrid, dabei räumte er einen halb
gerupften Hahn vom geschrubbten Tisch und setzte den
Teekessel auf. »Als ob ich das nicht selbst wüsste. Und hat
groß angegeben mit einer Todesfee, die er gebannt hat. Wenn
davon auch nur ein Wort wahr ist, futtere ich meinen Kessel
auf.«
Es sah Hagrid gar nicht ähnlich, einen Lehrer von Hogwarts
zu kritisieren, und Harry blickte ihn überrascht an. Hermine
jedoch sagte mit einer etwas höheren Stimme als sonst: »Ich
glaub, du bist ein bisschen unfair. Professor Dumbledore war
ja offensichtlich der Meinung, er sei der beste Mann für diese
Aufgabe.«
»Er war der einzige Mann für diese Aufgabe«, sagte Hagrid
und bot ihnen einen Teller mit Sirupbonbons an, während Ron
keuchend in seine Wanne würgte. »Und das meine ich
wörtlich. Wird langsam ziemlich schwierig, jemanden für
diese Arbeit zu finden. Die Leute sind nicht besonders scharf
drauf sich mit den dunklen Künsten rumzuschlagen. All-
mählich glauben sie, es bringt Unglück. Seit einiger Zeit hält
keiner mehr besonders lange durch. Aber erklärt mal«, sagte
Hagrid und nickte mit dem Kopf zu Ron hinüber, »wen wollte
er eigentlich mit dem Fluch belegen?«
»Malfoy hat Hermine beschimpft - muss wirklich schlimm
gewesen sein, denn alle sind ausgerastet -«
»Es war schlimm«, sagte Ron heiser und tauchte bleich und
schwitzend über der Tischplatte auf, »Malfoy hat sie
>Schlammblut( genannt, Hagrid.«
Er würgte eine neue Welle von Schnecken herauf und
tauchte wieder ab. Hagrid war blanker Zorn ins Gesicht ge-
stiegen.
»Das hat er nicht«, knurrte er Hermine an.
»Hat er doch«, sagte sie, »aber ich weiß nicht, was es be-
120
deutet. Natürlich hab ich mitgekriegt, dass es wirklich übel
war -«
»Das ist so ziemlich das Gemeinste, was ihm einfallen
konnte«, keuchte Ron und tauchte wieder auf. »Schlammblut
ist ein wirklich schlimmes Schimpfwort für jemanden, der aus
einer Muggelfamilie stammt - du weißt ja, mit Eltern, die
keine Zauberer sind. Es gibt ein paar Zauberer, wie Malfoys
Familie, die glauben, sie wären besser als alle andern, weil sie
das sind, was die Leute reinblütig nennen.« Er rülpste leise
und eine einsame Schnecke flog ihm in die ausgestreckte
Hand. Er warf sie in die Wanne und fuhr fort: »Wir andern
wissen ja, dass es überhaupt keinen Unterschied macht. Seht
euch Neville Longbottom an - er ist reinblütig und kann kaum
einen Kessel richtig herum aufstellen.«
»Und einen Zauber, den unsere Hermine nicht schafft,
müssen sie erst noch erfinden«, sagte Hagrid stolz, und Her-
mines Gesicht lief leuchtend magentarot an.
»Abscheulich, jemanden so zu nennen«, sagte Ron und
wischte sich mit zitternder Hand die schweißnasse Stirn,
»schmutziges Blut, gewöhnliches Blut. Verrückt. Heute haben
die meisten Zauberer ohnehin gemischtes Blut. Wenn wir
keine Muggel geheiratet hätten, wären wir ausgestorben.«
Wieder begann er zu würgen und tauchte ab.
»Tja, ich mach dir keinen Vorwurf, weil du ihm einen Fluch
auf den Hals jagen wolltest«, sagte Hagrid laut, da noch mehr
Schnecken geräuschvoll in die Wanne klatschten. »Aber
vielleicht ist es ganz gut, dass dein Zauberstab nach hinten
losgegangen ist. Ich vermute mal, dass Lucius Malfoy
schnurstracks zur Schule marschiert wäre, wenn du seinen
Sohn mit einem Fluch belegt hättest. Wenigstens bist du jetzt
nicht in Schwierigkeiten.«
Harry wollte ihn gerade darauf hinweisen, dass man durch-
121
aus in Schwierigkeiten war, wenn einem Schnecken aus dem
Mund kullerten, doch er konnte nicht. Hagrids Sirupbonbon
hatte ihm die Zähne verklebt.
»Harry«, sagte Hagrid, als ob ihm plötzlich etwas eingefal-
len wäre, »mit dir muss ich noch ein Hühnchen rupfen. Wie
ich höre, verteilst du Autogrammkarten. Wie kommt es, dass
ich noch keine hab?«
Wütend riss Harry die verklebten Zähne auseinander.
»Ich vergebe keine Autogrammkarten«, sagte er aufge-
bracht. »Wenn Lockhart das immer noch behauptet -«
Doch dann sah er Hagrid lächeln.
»War nur 'n Witz«, sagte er, klopfte Harry freundschaftlich
auf den Rücken, so dass er mit dem Kinn auf den Tisch
knallte. »Ich wusste schon, dass es nicht stimmt. Hab Lockhart
gesagt, dass du es nicht nötig hättest. Du bist ohnehin
berühmter als er, auch wenn du keinen Finger rührst.«
»Wette, das hat er gar nicht gern gehört«, sagte Harry, der
sich wieder aufgesetzt hatte und sich das schmerzende Kinn
rieb.
»Das kannst du wohl glauben«, sagte Hagrid augenzwin-
kernd. »Und als ich ihm dann noch gesagt hab, dass ich kein
Buch von ihm gelesen hätte, wollte er gehen. Sirupbonbon,
Ron?«, fügte er hinzu, als Ron wieder auftauchte.
»Nein danke«, sagte Ron matt, »das riskier ich besser
nicht.«
»Kommt mal mit und seht euch an, was ich angepflanzt
hab«, sagte Hagrid, als Harry und Hermine ihren letzten
Schluck Tee getrunken hatten.
Auf dem kleinen Gemüsebeet hinter Hagrids Haus wuchsen
ein Dutzend der größten Kürbisse, die Harry je gesehen hatte.
jeder war so groß wie ein mächtiger Findling.
»Wachsen gut, oder?«, sagte Hagrid glücklich. »Für das
Halloween-Fest ... bis dahin sollten sie groß genug sein.«
122
»Womit hast du sie denn gedüngt?«, fragte Harry.
Hagrid sah sich um, ob sie allein waren.
»Nun, ich hab ihnen - weißt du - ein wenig geholfen -«
Harry sah Hagrids geblümten rosa Schirm an der Rückwand
der Hütte lehnen. Schon früher hatte Harry den Verdacht
gehabt, dass dieser Schirm nicht so harmlos war, wie er
aussah. Tatsächlich war er sich fast sicher, dass Hagrids alter
Schulzauberstab darin versteckt war. Hagrid durfte eigentlich
nicht zaubern. Er war im dritten Schuljahr aus Hogwarts
verstoßen worden, doch hatte Harry nie herausgefunden,
warum ... fiel auch nur ein Wort darüber; dann räusperte sich
Hagrid laut und wurde auf mysteriöse Weise taub, bis man das
Thema wechselte.
»Ein Schwellzauber, nehme ich an?«, sagte Hermine, hin- -
und hergerissen zwischen Missbilligung und Vergnügen.
»Nun, da hast du wirklich ganze Arbeit geleistet.«
»Das hat deine kleine Schwester auch gesagt«, meinte
Hagrid zu Ron hinübernickend. »Hab sie erst gestern ge-
troffen.« Mit zuckendem Bart sah er aus den Augenwinkeln
Harry an. »Sagte, sie wolle sich nur mal die Ländereien an-
schauen, aber ich wette, sie hat gehofft, bei mir zufällig noch
jemand anderen zu treffen.« Er zwinkerte Harry zu. »Wenn du
mich fragst, sie würde nicht nein sagen zu einem Autogramm -
«
»Ach, hör doch auf damit«, sagte Harry. Ron brach in röh-
rendes Gelächter aus und besprenkelte den Erdboden mit
Schnecken.
»Pass auf!«, dröhnte Hagrid und zog Ron von seinen wert-
vollen Kürbissen weg.
Es war jetzt bald Zeit zum Mittagessen und da Harry seit
dem Aufstehen nur ein Sirupbonbon verspeist hatte, zog es ihn
in die Schule. Sie verabschiedeten sich von Hagrid und gingen
hoch zum Schloss. Ron gluckste zwar noch ein paar-
123
mal, doch es kamen nur noch zwei winzige Schnecken zum
Vorschein.
Kaum hatten sie die Eingangshalle betreten, als auch schon
eine laute Stimme ertönte. »Da sind Sie ja, Potter - Weasley.«
Professor McGonagall schritt mit ernster Miene auf sie zu.
»Sie beide werden heute Abend ihre Strafarbeiten erledigen.«
»Was müssen wir tun, Professor?«, fragte Ron und ver-
suchte hektisch einen Rülpser zu unterdrücken.
»Sie polieren das Silber im Pokalzimmer zusammen mit Mr
Filch«, sagte Professor McGonagall. »Und keine Zauberei,
Weasley - Armschmalz.«
Ron schluckte. Alle Schüler des Schlosses hassten Argus
Filch, den Hausmeister.
»Und Sie, Potter, helfen Professor Lockhart dabei, seine
Fanpost zu beantworten«, sagte Professor McGonagall.
»O n-, Professor, kann ich nicht auch ins Pokalzimmer?«,
sagte Harry verzweifelt.
»Auf keinen Fall«, sagte Professor McGonagall und zog die
Augenbrauen hoch. »Professor Lockhart hat ausdrücklich nach
Ihnen verlangt. Pünktlich um acht, Sie beide.«
Vollkommen niedergeschlagen schlurften Harry und Ron in
die Große Halle. Hermine hinter ihnen hatte ihre Schließlich
habt ihr die Schulregeln gebrochen-Miene aufgesetzt. Harry
schmeckte sein Auflauf mit Hackfleisch und Kartoffeln nicht
so gut, wie er erwartet hatte. Beide waren fest davon über-
zeugt, das schlechtere Los gezogen zu haben.
»Filch wird mich die ganze Nacht dabehalten«, sagte Ron
trübselig. »Keine Zauberei! In dem Zimmer müssen doch über
hundert Pokale stehen. Im Putzen nach Muggelart bin ich gar
nicht gut.«
»Ich würd ja jederzeit tauschen«, sagte Harry mit hohler
Stimme. »Bei den Dursleys hab ich 'ne Menge Übung be-
124
kommen. Aber Lockharts Fanpost beantworten ... der wird ein
Alptraum sein ...«
Der Samstagnachmittag schien rasch dahinzuschmelzen,
und kaum hatten sie sich versehen, war es auch schon fünf vor
acht. Harry schleppte sich den Gang im zweiten Stock entlang
zu Lockharts Büro. Er biss die Zähne zusammen und klopfte.
Prompt flog die Tür auf Lockhart strahlte auf ihn herab.
»Ah, da ist ja der kleine Taugenichts!«, sagte er. »Kommen
Sie rein, Harry, nur herein mit Ihnen -«
Entlang der Wände spiegelten zahllose gerahmte Fotos von
Lockhart das Licht der vielen Kerzen wider. Ein paar der
Bilder hatte er sogar mit seinem Namenszug versehen. Und
auf dem Schreibtisch stapelten sich noch mehr Fotos.
»Sie können die Umschläge adressieren!«, wies Lockhart
Harry an, als ob dies eine besondere Gunst wäre. »Dieser erste
geht an die gute Gladys Gudgeon - großer Fan von mir -«
Die Minuten schlichen dahin. Harry ließ Lockharts Worte an
sich abtröpfeln und sagte gelegentlich »Mmm« und »Stimmt«
und »Ja«. Hin und wieder fing er einen Satz auf wie: »Ruhm
ist ein tückischer Begleiter, Harry«, oder: »Berühmt sein heißt,
ruhmreich zu handeln, merken Sie sich das.«
Die Kerzen brannten zur Neige und warfen ihr flackerndes
Licht über die vielen Gesichter Lockharts, die Harry ansahen.
Mit schmerzender Hand schrieb Harry auf den wohl
tausendsten Umschlag die Adresse einer Veronica Smethley.
Muss bald Zeit sein zu gehen, dachte Harry betrübt, bitte lass
es bald Zeit sein
Und dann hörte er etwas - etwas ganz anderes als das
Zischen der ausgehenden Kerzen und Lockharts Gebrabbel
über seine Fans.
125
Es war eine Stimme, eine Stimme, die ihm das Knochen-
mark gefrieren ließ, eine Stimme, erfüllt von eiskaltem Hass.
»Komm ... komm zu mir ... lass mich dich zerreißen ... lass
mich dich zerfetzen ... lass mich dich töten ...«
Harry fiel fast vom Stuhl und ein großer lila Fleck breitete
sich auf Veronica Smethleys Straße aus.
»Was?«, sagte er laut.
»Ich weiß«, sagte Lockhart, »sechs Monate an der Spitze der
Bestsellerliste! Hab alle Rekorde gebrochen!«
»Nein«, sagte Harry fiebrig, »diese Stimme!«
»Wie bitte?«, sagte Lockhart verdutzt, »welche Stimme?«
»Diese - diese Stimme, die gesagt hat - haben Sie es nicht
gehört?«
Lockhart sah Harry höchst erstaunt an.
»Wovon reden Sie eigentlich, Harry? Vielleicht sind Sie
allmählich ein wenig dösig? Großer Scott - was sagt denn die
Uhr! jetzt sind wir schon fast vier Stunden hier! Ist doch nicht
zu fassen - wie die Zeit verflogen ist«
Harry sagte nichts. Er lauschte angestrengt, um die Stimme
noch einmal zu hören, doch niemand sprach, außer Lockhart,
der ihm erklärte, er dürfe nicht erwarten, bei jeder Strafarbeit
so gut wegzukommen wie diesmal. Wie betäubt ging Harry
zur Tür hinaus.
Es war so spät, dass der Gemeinschaftsraum der Gryffindors
schon fast leer war. Harry ging gleich weiter in den Schlafsaal.
Ron war noch nicht zurück. Harry zog seinen Schlafanzug an,
stieg ins Bett und wartete. Eine halbe Stunde später kam Ron
herein. Er brachte einen durchdringenden Politurgeruch in den
dunklen Saal und massierte sich den rechten Arm.
»Meine Muskeln sind alle ganz verspannt«, stöhnte er und
ließ sich aufs Bett fallen. »Vierzehnmal hat er mich diesen
Quidditch-Pokal auf Hochglanz bringen lassen, bis er zu-
126
frieden war. Und dann hatte ich noch einen Schneckenaus-
bruch über einem Pokal für Besondere Verdienste um die
Schule. Hat ewig gedauert, bis der Schleim runter war ... wie
war's mit Lockhart?«
Mit leiser Stimme, um Neville, Dean und Seamus nicht
aufzuwecken, wiederholte Harry jedes Wort, das er gehört
hatte.
»Und Lockhart meinte, er hätte es nicht gehört?«, fragte
Ron. Im Mondlicht sah ihn Harry die Stirn runzeln. »Glaubst
du, er hat gelogen? Aber ich versteh's nicht - selbst ein Un-
sichtbarer hätte ja die Tür öffnen müssen.«
»Ich weiß«, sagte Harry. Er lehnte sich in seinem Him-
melbett zurück und starrte auf den Baldachin über ihm. »Ich
versteh's auch nicht.«
127
Die Todestagsfeier
Es wurde Oktober und feuchte Kühle breitete sich über die
Ländereien und das Schloss aus. Eine jähe Erkältungswelle
unter den Lehrern und Schülern hielt Madam Pomfrey, die
Krankenschwester, in Atem. Ihr Aufpäppel-Trank wirkte zwar
sofort, aber wer ihn getrunken hatte, dem rauchten danach
noch stundenlang die Ohren. Percy Weasley drängte die etwas
kränklich aussehende Ginny, ein paar Schlucke zu trinken, und
sofort zischte Dampf unter ihrem feuerroten Haar hervor und
es sah aus, als stünde ihr Kopf in Flammen.
Regentropfen, groß wie Gewehrkugeln, trommelten tagelang
gegen die Schlossfenster; der See schwoll an, die Blumenbeete
verwandelten sich in Schlammströme und Hagrids Kürbisse
quollen zur Größe von Gartenschuppen auf, Oliver Wood
freilich ließ sich nicht beirren und feuerte sie begeistert zu
regelmäßigem Training an. So befand sich Harry eines
stürmischen Samstagnachmittags bis auf die Haut durchge-
weicht und schlammbespritzt auf dein Heimweg zum Turm
der Gryffindors.
Vom Regen und Wind mal ganz abgesehen war es alles an-
dere als ein gelungenes Training gewesen. Fred und George
hatten das Slytherin-Team ausgespäht und mit eigenen Augen
gesehen, wie schnell sie mit ihren neuen Nimbus Zwei-
tausendeins waren. Die Slytherins jagten durch die Luft wie
Senkrechtstarter, so berichteten sie, und seien nur noch als
sieben grünliche Dunstschleier auszumachen.
Als Harry den ausgestorbenen Gang entlangstapfte, be-
128
gegnete ihm jemand, der genauso besorgt dreinsah wie er
selbst. Der Fast Kopflose Nick, der Geist des Gryffindor-
Turms, starrte trübselig aus einem Fenster und brummelte leise
vor sich hin ... ich entspreche den Anforderungen nicht ... zwei
Zentimeter, wenn das ...«
»Hallo, Nick«, sagte Harry.
»Hallo, hallo«, sagte der Fast Kopflose Nick und drehte sich
erschrocken um. Er trug einen eleganten Federhut auf dem
langen Lockenhaar und einen Waffenrock mit Halskrause, so
dass man nicht sehen konnte, dass sein Hals fast ganz
durchtrennt war. Er war blass wie Dampf und Harry sah durch
ihn hindurch nach draußen auf den dunklen Himmel und die
Sintflut, die sich aus ihm ergoss.
»Er sieht besorgt aus, der junge Potter«, sagte Nick, faltete
einen durchsichtigen Brief zusammen und steckte ihn ein.
»Sie ebenfalls«, sagte Harry;
»Ah«, sagte der Fast Kopflose Nick mit eleganter Hand-
bewegung, »eine Angelegenheit ohne Bedeutung ... nicht, dass
ich wirklich Mitglied werden wollte ... dachte, ich bewerbe
mich mal, doch offenbar genüge ich >nicht den
Anforderungen<.«
Trotz seines gelassenen Tonfalls hatte sein Gesicht einen
Zug von Bitterkeit.
»Aber, nicht wahr, man sollte doch meinen«, brach es
plötzlich aus ihm heraus, »wenn man vierzig Hiebe mit einer
stumpfen Axt auf den Hals bekommen hat, wäre man gut
genug für die Jagd der Kopflosen?«
»Oh, äh, ja«, sagte Harry, denn offenbar war hier seine
Zustimmung verlangt.
»Ich meine, keiner wünscht sich mehr als ich, dass alles
schnell und sauber vonstatten gegangen und mein Kopf
endgültig
herunter wäre, ich muss sagen, das hätte mir einiges
an Schmerz und Gelächter erspart. Allerdings -« Der Fast
129
Kopflose Nick holte den Brief wieder hervor, faltete ihn auf
und las wutentbrannt vor: »>Wir können nur Jäger aufnehmen,
deren Köpfe sich endgültig von ihren Körpern getrennt haben.
Wie Sie gewiss einsehen, wäre es andernfalls unmöglich, dass
die Mitglieder an Jagdvergnügen wie Kopfjonglieren zu Pferde
und Kopfpolo teilnehmen können. Daher muss ich Ihnen mit
dem größten Bedauern mitteilen, dass Sie nicht den
Anforderungen entsprechen. Mit den besten Wünschen, Sir
Patrick Delaney-Podmore<.«
Rauchend vor Zorn stopfte der Fast Kopflose Nick den Brief
in sein Wams zurück.
»Zwei Zentimeter Haut und Sehnen halten meinen Kopf auf
dem Hals, Harry! Normale Leute würden denken, das könnte
man doch als geköpft durchgehen lassen, aber nein, es reicht
nicht für Sir Ordentlich Geköpfter Podmore.«
Der Fast Kopflose Nick holte einige Male tief Luft und
sagte dann mit viel ruhigerer Stimme: »So, und was macht
Ihnen Sorgen? Kann ich etwas für Sie tun?«
»Nein«, sagte Harry. »Außer, Sie wissen, wo wir sieben
Nimbus Zweitausendeins umsonst herkriegen könnten für
unser Spiel gegen Sly -«
Der Rest des Satzes ging in einem fiepsigen Miauen unter,
das aus der Nähe seiner Füße kam. Er blickte hinunter und ein
Paar gelbe Laternenaugen starrten ihn an. Es war Mrs Norris,
die skelettdürre graue Katze, die der Hausmeister Argus Filch
als eine Art Gehilfin in seiner endlosen Schlacht gegen die
Schüler einsetzte.
»Sie verschwinden am besten von hier, Harry«, sagte Nick
hastig, »Filch hat ganz schlechte Laune - er hat einen Schnup-
fen, und ein paar Drittklässler haben in Kerker fünf ver-
sehentlich Froschgehirne über die ganze Decke gespritzt, er
hat den ganzen Morgen geputzt, und wenn er Sie hier vor
Schlamm triefen sieht -«
»Stimmt«, sagte Harry und wich vor dem anklagenden
130
Starren von Mrs Norris zurück, doch nicht schnell genug.
Angezogen durch die geheimnisvolle Macht, die ihn offenbar
mit seiner heimtückischen Katze verband, brach Argus Filch
plötzlich durch einen Wandbehang rechts von Harry. Mit
rasselndem Atem sah er sich fieberhaft nach dem Regel-
verletzer um. Um den Kopf hatte er einen dicken Schal mit
Schottenmuster gewickelt und seine Nase glänzte unge-
wöhnlich purpurfarben.
»Dreck«, rief er mit zitternden Wangen und seine Augen
quollen beunruhigend weit vor, als er auf die Schlammlache
deutete, die von Harrys Quidditch-Umhang herabgetropft war.
Ȇberall Dreck und Unordnung. Mir reicht's, kann ich dir
sagen! Folge mir, Potter!«
Also winkte Harry mit düsterem Blick dem Fast Kopflosen
Nick zum Abschied und folgte Filch nach unten, wobei er die
Zahl der schlammigen Fußabdrücke auf dem Boden
verdoppelte.
Harry war noch nie in Filchs Büro gewesen; das war der Ort,
um den die meisten Schüler einen weiten Bogen machten. Das
schäbige und fensterlose Kabuff wurde vom Licht einer
Ölfunzel an der niedrigen Decke erhellt. Ein schwacher
Geruch nach gebratenem Fisch hing in der Luft. An der Wand
entlang standen hölzerne Aktenschränke, deren Beschriftungen
Harry sagten, dass sie Einzelheiten über jeden Schüler
enthielten, den Filch je bestraft hatte. Fred und George
Weasley hatten ein ganzes Fach für sich allein. Eine
Sammlung von auf Hochglanz polierten Ketten und Fuß-
schellen hing an der Wand hinter Filchs Schreibtisch. Alle
wussten, dass er Dumbledore ständig um die Erlaubnis bat, die
Schüler an den Fußgelenken gefesselt von der Decke baumeln
zu lassen.
Filch nahm eine Feder aus dem Tintenfass auf seinem
Schreibtisch und begann nach Pergament zu stöbern.
131
»Dreck«, murmelte er zornig, »große, glühend heiße
Drachenpopel ... Froschgehirne ... Ratteninnereien ... mir
reicht's ... Strafe zur Abschreckung ... wo ist das Formblatt ...
da ...«
Er hatte eine dicke Rolle Pergament aus der Schreibtisch-
schublade gezogen und sie vor sich ausgebreitet und tunkte
nun den langen schwarzen Federkiel in das Tintenfass.
»Name ... Harry Potter. Verbrechen ...«
»War doch nur ein bisschen Schlamm!«, sagte Harry.
»Für dich ist es nur ein wenig Schlamm, Junge, aber für
mich ist es eine Überstunde Schrubben!«, schrie Filch, und an
der Spitze seiner Knollennase erzitterte ein widerlicher
Tropfen. »Verbrechen ... Beschmutzung des Schlosses ... vor-
geschlagene Strafe ...«
Filch tippte mit dem Finger gegen seine triefende Nase und
äugte Unheil verkündend zu Harry hinüber, der mit
angehaltenem Atem auf den Urteilsspruch wartete.
Doch gerade als Filch die Feder aufsetzte, erschütterte ein
lauter KNALL die Bürodecke, der die Öllampe klirren ließ.
»PEEVES«, donnerte Filch zornentbrannt und warf die Fe-
der auf den Tisch, »diesmal krieg ich dich, darauf kannst du
Gift nehmen!«
Und ohne Harry auch nur einen Blick zuzuwerfen, hastete
Filch plattfäßig aus dem Büro, Mrs Norris auf den Fersen.
Peeves war der Schul-Poltergeist, ein grinsendes, in der Luft
schwebendes Übel, dessen Lebenszweck es war, Wirrsal und
Verdruss zu schaffen. Harry konnte Peeves nicht ausstehen,
doch diesmal konnte er nicht anders, als ihm für seinen
Auftritt zur rechten Zeit dankbar zu sein. Was Peeves
angestellt hatte (und diesmal hatte es geklungen, als ob er
etwas sehr Großes in Stücke geschlagen hatte), würde Filch
hoffentlich von Harry ablenken.
132
Harry dachte, es sei besser zu warten, bis Filch zurückkam,
und ließ sich in einen mottenzerfressenen Sessel neben dem
Schreibtisch sinken. Außer dem halb ausgefüllten Formblatt
lag noch etwas anderes auf der Tischplatte: ein großer,
glänzender, purpurfarbener Umschlag mit silberner Aufschrift
auf der Vorderseite. Harry warf rasch einen Blick zur Tür, ob
Filch vielleicht schon zurückkam, griff dann nach dem
Umschlag und las:
KWIKZAUBERN
Ein Fernkurs in Zauberei
für Anfänger
Neugierig schnippte Harry den Umschlag auf und zog einen
Stoß Pergamentblätter hervor. Auf der ersten Seite, ebenfalls
in Silberschrift, las Harry:
Haben Sie das Gefühl, den Anschluss an die moderne Zau-
berei verloren zu haben? Ertappen Sie sich bei Ausreden, um
einfachste Zaubereien nicht ausführen zu müssen? Werden Sie
des Öfteren wegen Ihrer kläglichen Arbeit mit dem Zauberstab
getadelt? Es gibt eine Antwort darauf!
Kwikzaubern ist ein völlig neu entwickelter, garantiert
erfolgreicher, einfach aufgebauter Kurs mit verblüffenden
Erfolgen. Hunderte von Hexen und Zauberern sind von der
Kwikzaubern-Methode begeistert!
Madam Z. aus Topsham schreibt:
»Ich konnte einfach keine Zauberformeln behalten und über
meine Zaubertränke hat die ganze Familie gelacht! jetzt, nach
dem Kwikzaubern-Kurs, bin ich der Mittelpunkt bei allen
Partys, und Freunde bitten mich um das Rezept für meine
Funken-Lösung!«
133
Hexenmeister D. J. Prod aus Didsbury bekennt:
»Meine Frau hat meine schwächlichen Zaubereien immer
verspottet, doch nach einem Monat Training mit Ihrem
fabelhaften Kwikzaubern-Kurs ist es mir gelungen, sie in ei-
nen Yak zu verwandeln! Vielen Dank, Kwikzaubern!«
Fasziniert blätterte Harry die restlichen Blätter durch. Warum
in aller Welt brauchte Filch einen Zauberkurs? War er etwa
kein richtiger Zauberer? Harry las gerade: »Lektion eins. Wie
wir den Zauberstab halten (einige nützliche Tipps)«, als ein
Schlurfen von draußen Filchs Rückkehr ankündigte. Er stopfte
die Pergamentblätter zurück in den Umschlag und warf ihn auf
den Schreibtisch, als auch schon die Tür aufflog.
Mit siegestrunkenem Blick kam Filch herein.
»Dieser Unsichtbarkeitsschrank war äußerst wertvoll!«,
sagte er gehässig zu Mrs Norris. »Diesmal fliegt Peeves raus,
meine Süße -«
Sein Blick fiel auf Harry und dann blitzschnell auf den
Zauberkurs-Umschlag, der, wie Harry zu spät bemerkte, einen
halben Meter zu weit von seinem ursprünglichen Platz entfernt
lag.
Filchs teigiges Gesicht lief ziegelrot an. Harry wappnete
sich gegen eine Flutwelle aus Beschimpfungen. Filch hum-
pelte hinüber zum Schreibtisch, schnappte sich den Umschlag
und warf ihn in eine Schublade.
»Hast du ... hast du gelesen -?«, prustete er.
»Nein«, log Harry rasch.
Filch verschlang seine knorrigen Hände.
»Wenn ich gewusst hätte, dass du meine private - nicht dass
es für mich wäre - für einen Freund - sei's, wie es ist -
allerdings -«
Harry starrte ihn bestürzt an; noch nie hatte Filch so auf-
134
gelöst ausgesehen. Seine Augäpfel hüpften auf und ab, eine
seiner teigigen Wangen war von einem Zucken befallen und
der schottengemusterte Schal machte den Anblick auch nicht
schöner.
»Von mir aus - geh - und kein Wort davon - nicht dass -
allerdings, wenn du es nicht gelesen hast - geh jetzt, ich muss
den Bericht über Peeves schreiben - geh -«
Fassungslos über sein Glück rannte Harry zur Tür hinaus,
den Gang entlang und den Turm hoch. Ohne Bestrafung aus
Filchs Stube zu entkommen, war vermutlich eine Art
Schulrekord.
»Harry! Harry! Hat es geklappt?«
Der Fast Kopflose Nick kam aus einem Klassenzimmer
geglitten. Hinter ihm sah Harry die Trümmer eines großen
schwarz-goldenen Schranks, der offenbar aus großer Höhe
herabgefallen war.
»Ich hab Peeves dazu überredet, ihn direkt über Filchs Büro
zu zertrümmern«, sagte Nick beflissen, »dachte, es würde ihn
ablenken -«
»Sie waren das?«, erwiderte Harry dankbar. »ja, es hat
geklappt, ich hab nicht einmal eine Strafarbeit bekommen,
danke, Nick!«
Sie machten sich auf den Weg den Gang entlang. Der Fast
Kopflose Nick hielt schon wieder Sir Patricks Ablehnungs-
brief in der Hand.
»Ich wünschte, ich könnte etwas für Sie tun wegen dieser
Kopflosenjagd«, sagte Harry.
Der Fast Kopflose Nick blieb wie angewurzelt stehen und
Harry ging geradewegs durch ihn hindurch. Das bereute er,
denn es war wie ein Schritt durch eine eiskalte Dusche.
»Aber es gibt tatsächlich etwas, das Sie für mich tun kön-
nen«, sagte Nick aufgeregt. »Harry - wäre es zu viel verlangt -
aber nein, Sie wollen bestimmt nicht -«
135
»Was denn?«, sagte Harry.
»Nun, an diesem Halloween ist mein fünfhundertster
Todestag«, sagte der Fast Kopflose Nick mit schwellender
Brust und würdevollem Blick.
»Oh«, sagte Harry, nicht ganz sicher, ob er eine mitleids-
volle oder eine glückliche Miene aufsetzen sollte. »Verstehe.«
»Ich gebe unten in einem der geräumigeren Kerker ein Fest.
Aus dem ganzen Land werden Freunde kommen. Es wäre mir
eine große Ehre, wenn Sie dabei wären. Mr Weasley und Miss
Granger wären natürlich ebenfalls willkommen - aber ich
fürchte, Sie gehen lieber zum Schulfest?« Wie auf die Folter
gespannt musterte er Harry.
»Nein«, sagte Harry rasch, »ich komme -«
»Mein lieber Junge! Harry Potter auf meiner Todestagsfeier!
Und -«, sagte er zögernd und aufgeregt, »wäre es Ihnen
vielleicht möglich, gegenüber Sir Patrick zu erwähnen, wie
furchtbar angsteinflößend und beeindruckend Sie mich
finden?«
»Na... natürlich«, sagte Harry.
Der Fast Kopflose Nick strahlte ihn an.
»Eine Todestagsfeier«, sagte Hermine begeistert. Harry hat-
te sich endlich umgezogen und Hermine und Ron im Ge-
meinschaftsraum getroffen. »Ich wette, es gibt nicht viele
Lebende, die von sich behaupten können, auf einer davon
gewesen zu sein - das wird sicher faszinierend!«
»Warum sollte jemand den Tag feiern wollen, an dem er
gestorben ist?«, fragte Ron, der erst mit der Hälfte seiner
Zaubertrank-Hausaufgaben fertig war und schlechte Laune
hatte. »Das hört sich ja niederschmetternd an ...«
Noch immer peitschte Regen gegen die Fenster, die nun
tintenschwarz waren; drinnen war es jedoch hell und behag-
lich. Das Feuer warf flackerndes Licht auf die weichen Ses-
136
sel im Umkreis. Die anderen Schüler lasen, unterhielten sich
oder machten Hausaufgaben. Oder aber sie waren wie Fred
und George Weasley mit dem Versuch beschäftigt herauszu-
finden, was geschehen würde, wenn man einen Salamander
mit einem Filibuster-Feuerwerkskörper fütterte. Fred hatte die
orangerot leuchtende, im Feuer lebende Echse aus dem
Unterricht für die Pflege magischer Geschöpfe »gerettet«, und
von einer Schar Neugieriger umgeben schmorte sie nun ruhig
auf einem Tisch vor sich hin.
Harry wollte gerade Ron und Hermine von Filch und dem
Kwikzaubern-Kurs erzählen, als der Salamander plötzlich
pfeifend in die Luft schoss und knallende Funken spuckend
wild im Raum umherwirbelte. Percy, der sich wegen Fred und
George heiser brüllte, und der fabelhafte Anblick des manda-
rinefarbene Funken ausstiebenen Salamanders und dessen von
Explosionen begleitete Flucht ins Feuer - dies alles vertrieb
Filch und den Kwikzaubern-Kurs aus Harrys Gedanken.
Halloween kam, und Harry bereute sein voreiliges Verspre-
chen, zu der Todestagsfeier zu gehen. Die anderen Schüler
freuten sich schon auf ihr Halloween-Fest; die Große Halle
war wie üblich mit lebenden Fledermäusen ausgeschmückt,
Hagrids Riesenkürbisse waren zu Laternen ausgeschnitzt
worden, in denen drei Schüler auf einmal sitzen konnten, und
es liefen Gerüchte um, Dumbledore habe zur Unterhaltung
eine Truppe tanzender Skelette gebucht.
»Versprochen ist versprochen«, ermahnte Hermine Harry
energisch. »Du hast gesagt, dass du auf die Todestagsfeier
gehst.«
So gingen Harry, Ron und Hermine um sieben Uhr gera-
dewegs an der Tür zu der voll besetzten Großen Halle vorbei,
in der goldene Teller und Kerzen einladend schimmerten, und
stiegen hinab in die Kerker.
137
Der Gang, der zur Feier des Fast Kopflosen Nick führte, war
ebenfalls mit Kerzen beleuchtet, wenn auch diese nicht gerade
eine aufmunternde Wirkung hatten: es waren lange, dünne,
kohlschwarze Kerzen mit hellblauen Flammen, die sogar ihre
lebendigen Gesichter leicht geisterhaft aussehen ließen. Mit
jedem Schritt, den sie gingen, wurde es kälter. Harry zitterte
und zog seinen Umhang fest zu, und da hörte er etwas, das
klang wie tausend Fingernägel, die über eine riesige Tafel
kratzten.
»Soll das etwa Musik sein?«, flüsterte Ron.
Sie bogen um eine Ecke und sahen den Fast Kopflosen Nick
vor einer Tür stehen, die mit schwarzem Samt bespannt war.
»Meine lieben Freunde«, sagte er von Trauer erfüllt,
»willkommen, willkommen ... so erfreut, dass Sie kommen
konnten ...«
Er riss sich den Federhut vom Kopf und bat sie mit einer
Verbeugung herein.
Ein unglaublicher Anblick bot sich ihnen. Der Kerker war
voll mit hunderten perlweißer, durchscheinender Gestalten.
Die meisten schwebten dicht gedrängt über einem Tanzboden
und walzten zu dem fürchterlichen Kreischen von dreißig
Musiksägen eines Orchesters, das auf einer schwarz be-
spannten Bühne spielte. Über ihnen verströmten weitere
tausend Kerzen auf einem Kronleuchter mitternachtsblaues
Licht. Ihr Atem stieg als Nebelwolke vor ihnen auf; es war, als
würden sie einen Eisschrank betreten.
»Sollen wir uns ein wenig umsehen?«, schlug Harry vor; er
musste nämlich dringend seine Füße aufwärmen.
»Passt auf. dass ihr durch keinen hindurchgeht«, sagte Ron
nervös, und sie machten sich auf den Weg um die Tanzfläche.
Sie kamen an einer Gruppe düsterer Nonnen vorbei, an einem
zerlumpten und mit Ketten gefesselten Mann und an dem
138
Fetten Mönch, einem gut gelaunten Geist aus dem Hause
Hufflepuff, der in ein Gespräch mit einem Ritter vertieft war,
aus dessen Stirn ein Pfeil ragte. Harry erkannte auch den Blu-
tigen Baron, einen ausgemergelten, stierenden Slytherin-Geist
voll silberner Blutflecke, und es wunderte ihn nicht, dass die
anderen Geister einen weiten Bogen um ihn schlugen.
»O nein«, sagte Hermine und blieb schlagartig stehen.
»Umdrehen, umdrehen, ich will nicht mit der Maulenden
Myrte sprechen -«
»Mit wem?«, sagte Harry, während sie rasch kehrtmachten.
»Sie spukt in der Mädchentoilette im ersten Stock herum«,
sagte Hermine.
»Sie spukt in einem Klo herum?«
»ja. War fast das ganze Jahr über geschlossen, weil sie
ständig Anfälle hat und alles unter Wasser setzt. Ich bin da
sowieso nicht hingegangen, wenn ich's vermeiden konnte, es
ist bescheuert, wenn du aufs Klo gehen willst und sie jammert
dich voll -«
»Seht mal, da gibt's was zu essen!«, sagte Ron.
Auf der anderen Seite des Kerkers stand ein langer Tisch,
ebenfalls mit schwarzem Samt bedeckt. Hungrig traten sie
näher, doch nach ein paar Schritten blieben sie entsetzt stehen.
Der Gestank war Ekel erregend. Auf schönen Silberplatten
lagen riesige verdorbene Fische, rabenschwarze verbrannte
Kuchen häuften sich auf Tellern; es gab große Mengen
Schafsinnereien, auf denen sich fröhlich Maden tummelten,
einen Käselaib, überzogen mit flaumigem grünem Moder und,
der Stolz der Küche, einen gewaltigen grauen Kuchen in der
Form eines Grabsteins, verziert mit einer Art Teer, der die
Worte bildete:
SIR NICHOLAS DE MIMSY-PORPINGTON
gestorben am 31. Oktober 1492
139
Harry sah erstaunt zu, wie ein fülliger Geist sich dem Tisch
näherte, in die Knie ging und mit offenem Mund durch einen
stinkenden Lachs watschelte.
»Können Sie es schmecken, wenn Sie hindurchgehen?«,
fragte ihn Harry.
»Beinahe«, sagte der Geist traurig und entschwebte.
»Ich denke mal, sie lassen es verrotten, damit es einen stär-
keren Geschmack annimmt«, sagte Hermine altklug, kniff sich
die Nase zu und beugte sich vor, um die verwesenden
Innereien zu begutachten.
»Lasst uns gehen, mir ist schlecht«, sagte Ron.
Kaum hatten sie sich umgedreht, huschte ein kleiner Mann
unter dem Tisch hervor und schwebte ihnen in den Weg.
»Hallo, Peeves«, sagte Harry behutsam.
Im Gegensatz zu den Geistern um sie herum war Peeves, der
Poltergeist, überhaupt nicht blass und durchscheinend. Er trug
einen hellorangeroten Papierhut, eine sich drehende Fliege und
grinste arglistig über das ganze breite Gesicht.
»Was zu knabbern?«, sagte er schmeichlerisch und bot ih-
nen eine Schale mit pilzüberwucherten Erdnüssen an.
»Nein danke«, sagte Hermine.
»Hab gehört, wie ihr über die arme Myrte gesprochen habt«,
sagte Peeves mit tanzenden Augäpfeln. »Unverschämte Dinge
habt ihr über die arme Myrte gesagt.« Er holte tief Luft und
rief mit donnernder Stimme: »OY! MYRTE!«
»O nein, Peeves, erzähl ihr nicht, was ich gesagt hab, das
wird sie ganz durcheinander bringen«, flüsterte Hermine
aufgeregt. »Ich hab's nicht so gemeint, ich hab nichts gegen
sie - ah, hallo, Myrte.«
Der Geist eines plumpen Mädchens war zu ihnen he-
rübergeglitten. Sie hatte das trübseligste Gesicht, das Harry je
gesehen hatte, halb verborgen hinter glattem Haar und einer
dicken Perlmuttbrille.
140
»Was ist?«, sagte sie schmollend.
»Wie geht es dir, Myrte?«, fragte Hermine mit gekünstelt
munterer Stimme, »schön, dass du mal aus der Toilette raus-
kommst.«
Myrte schniefte.
»Miss Granger hat gerade über dich gesprochen«, sagte
Peeves heimtückisch in Myrtes Ohr.
»Hab nur gesagt - wie - wie hübsch du heute Abend aus-
siehst«, sagte Hermine und starrte Peeves mit wütendem Blick
an.
Myrte beäugte Hermine misstrauisch.
»Du machst dich über mich lustig«, sagte sie, und silberne
Tränen schossen in ihre kleinen durchsichtigen Augen.
»Nein, ehrlich, hab ich nicht gerade gesagt, wie hübsch
Myrte aussieht?«, sagte Hermine und stieß Harry und Ron
schmerzhaft in die Rippen.
»Oja -«
»Das hat sie -«
»Lügt mich nicht an«, stöhnte Myrte, und jetzt kullerten
Tränen ihr Gesicht hinunter, während Peeves glücklich über
ihre Schulter hinweg gluckste. »Meint ihr, ich weiß nicht, wie
mich die Leute hinter meinem Rücken nennen? Fette Myrte!
Hässliche Myrte! Elende, maulende, trübselige Myrte!«
»Du hast >picklig< vergessen«, zischte ihr Peeves ins Ohr.
Die Maulende Myrte brach in verzweifeltes Schluchzen aus
und floh aus dem Kerker. Peeves schoss ihr nach, bewarf sie
mit pilzigen Erdnüssen und rief »Picklig! Picklig!«
»Ach je«, sagte Hermine traurig.
Der Fast Kopflose Nick schwebte ihnen durch die Gäste-
schar entgegen.
»Macht's Spaß?«
»O ja«, logen sie.
»Es sind doch einige gekommen«, sagte der Fast Kopflose
141
Nick stolz. »Die Klagende Witwe ist immerhin aus Kent an-
gereist ... es ist Zeit für meine Rede, ich geh lieber und sag
dem Orchester Bescheid ... e
Das Orchester hörte jedoch in diesem Moment zu spielen
auf. Und auch alle andern im Kerker verstummten und drehten
sich entgeistert um, als ein Jagdhorn ertönte.
»Oh, da sind sie«, sagte der Fast Kopflose Nick verbittert.
Durch die Kerkerwände brach ein Dutzend Geisterpferde,
jedes geritten von einem kopflosen Reiter. Die Versammelten
klatschten begeistert und auch Harry begann zu klatschen, hielt
beim Anblick von Nicks Gesicht jedoch rasch inne.
Die Pferde galoppierten in die Mitte der Tanzfläche, wo sie
aufbäumend und ausschlagend Halt machten; ein großer Geist
an der Spitze, der seinen bärtigen Kopf unter dem Arm trug,
sprang herab und hob den Kopf in die Luft, um über die
Menge sehen zu können (alles lachte). Er setzte den Kopf auf
den Hals und schritt auf den Fast Kopflosen Nick zu.
»Nick«, dröhnte er. »Wie geht's? Hängt der Kopf immer
noch dran?«
Unter schallendem Gelächter klopfte er dem Fast Kopflosen
Nick auf die Schulter.
»Willkommen, Patrick«, sagte Nick steif.
»Lebendige!«, rief Sir Patrick, als er Harry, Ron und Her-
mine erblickte, und zuckte mit gespieltem Entsetzen zusam-
men, so dass sein Kopf wieder herunterkullerte (die Menge
johlte auf).
»Sehr amüsant«, sagte der Fast Kopflose Nick mit düsterer
Miene.
»Stört euch nicht an Nick!«, rief Sir Patricks Kopf vom
Fußboden hoch, »der ist immer noch sauer, weil er nicht an
der Jagd teilnehmen darf! Aber ich würde meinen - schaut
euch den Kerl doch mal an -«
»Ich denke«, sagte Harry rasch auf einen bedeutungsvol-
142
len Blick von Nick hin, »Nick ist sehr - furchteinflößend und -
ähm -«
»Ha!«, rief Sir Patricks Kopf, »wette, er hat Sie gebeten, das
zu sagen!«
»Dürfte ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten, es ist Zeit für
meine Rede!«, sagte der Fast Kopflose Nick laut, schritt auf
das Podium zu und trat in das eisblaue Licht einer Kerze.
»Meine beklagenswerten verstorbenen Lords, Ladys und
Gentlemen, es ist mir ein großes Missvergnügen ...«
Doch niemand mochte mehr zuhören. Sir Patrick und der
Rest seiner Kopflosen Jäger hatten eine Partie Kopfhockey
begonnen und die Gäste wandten sich dem Spiel zu. Der Fast
Kopflose Nick bemühte sich vergeblich, die Aufmerksamkeit
seines Publikums zurückzugewinnen, gab jedoch auf, als Sir
Patricks Kopf unter lautem Johlen an ihm vorbeisegelte.
Harry war es inzwischen sehr kalt, ganz zu schweigen von
seinem Hunger.
»Ich halt's hier nicht mehr lange aus«, knurrte Ron mit
klappernden Zähnen, als das Orchester wieder zu sägen be-
gann und die Geister auf den Tanzboden zurückschwebten.
»Gehen wir«, stimmte ihm Harry zu.
Den Umstehenden lächelnd zunickend machten sie sich auf
den Weg in Richtung Tür, und kurze Zeit später hasteten sie
zurück durch den mit schwarzen Kerzen gesäumten Gang.
»Vielleicht sind sie mit dem Nachtisch noch nicht fertig«,
sagte Ron hoffnungsvoll und betrat als Erster die Stufen zur
Eingangshalle.
Und dann hörte Harry es.
»Reißen ... zerfetzen ... töten ...«
Es war dieselbe Stimme, dieselbe kalte, mörderische Stim-
me, die er schon in Lockharts Büro gehört hatte.
Stolpernd hielt er inne, legte die Hände auf die steinerne
143
Wand, blickte gangauf und gangab und lauschte mit aller
Kraft.
»Harry, was
»Da ist wieder diese Stimme - sei mal still -«
»... so hungrig ... schon so lange ...«
»Hört«, sagte Harry eindringlich, und Ron und Hermine
erstarrten und richteten die Augen auf ihn.
»... töten ... Zeit zu töten ...«
Die Stimme wurde schwächer. Sie bewegte sich fort von
ihnen, da war sich Harry sicher - nach oben. Er starrte an die
dunkle Decke, und eine Mischung aus Angst und Erregung
erfüllte ihn; wie konnte sie sich nach oben bewegen? War sie
ein Phantom, dem steinerne Decken nichts ausmachten?
»Hier lang«, rief er und lief die Stufen zur Eingangshalle
hoch. Doch hier war gewiss nichts mehr zu hören, denn
Stimmengewirr vom Halloween-Fest drang aus der Großen
Halle. Ron und Hermine dicht auf den Fersen rannte Harry die
Marmortreppe zum ersten Stock hoch.
»Harry, was tun wir -«
»SCHHH!«
Harry spitzte die Ohren. Aus dem nächsten Stockwerk, aus
weiter Ferne, hörte er die verblassende Stimme: »... ich rieche
Blut ... ICH RIECHE BLUT!«
Harry drehte sich der Magen um -
»Es wird jemanden umbringen!«, rief er und rannte los.
Ohne auf Rons und Hermines verwirrte Gesichter zu achten,
nahm er drei Stufen der nächsten Treppe auf einmal und
versuchte über das Getrappel der eigenen Schritte hinweg zu
lauschen -
Harry jagte durch alle Gänge im zweiten Stock und Ron und
Hermine keuchten hinter ihm her. Erst, als sie in den letzten,
verlassenen Korridor eingebogen waren, hielten sie an.
144
»Harry, was ist eigentlich los?«, fragte Ron, während er sich
den Schweiß vom Gesicht wischte. »Ich hab nichts gehört ...«
Da stieß Hermine einen kurzen Seufzer aus und deutete den
Gang hinunter.
»Seht mal!«
An der Wand vor ihnen leuchtete etwas. Sie spähten durch
die Dunkelheit und traten vorsichtig näher. An die Wand
zwischen zwei Fenstern waren halbmeterhohe Wörter
geschmiert, die im flackernden Licht der Fackeln schim-
merten.
DIE KAMMER DES SCHRECKENS WURDE GEÖFFNET.
FEINDE DES ERBEN, NEHMT EUCH IN ACHT
»Was hängt - dadrunter?«, fragte Ron mit leichtem Zittern in
der Stimme.
Zögernd gingen sie vor. Harry rutschte beinahe aus - auf
dem Boden war eine große Wasserlache; Ron und Hermine
hielten ihn fest und gemeinsam näherten sie sich der Schrift an
der Wand, die Augen auf den dunklen Schatten darunter
gerichtet. Alle drei erkannten im selben Augenblick, was es
war, und zuckten zurück.
Mrs Norris, die Katze des Hausmeisters, hing am Schwanz
festgebunden vom Fackelhalter herab. Sie war steif wie ein
Brett, und in ihren weit aufgerissenen Augen lag ein starrer
Blick.
Einige Atemzüge lang standen sie da wie angefroren. Dann
sagte Ron: »Lasst uns von hier verschwinden.«
»Sollten wir nicht versuchen ihr zu helfen -«, begann Harry
verlegen.
»Glaub mir«, sagte Ron, »es ist besser, wenn uns hier
niemand sieht.«
145
Doch es war zu spät. Ein Dröhnen, wie von fernem Donner,
sagte ihnen, dass das Fest gerade zu Ende war. Von beiden
Enden des Korridors näherte sich das Trappeln hunderter
treppensteigender Füße und das laute, muntere Gesumme
wohlgenährter Schüler: und schon drangen sie von den Seiten
herein.
Das Geschnatter und Gekicher und der Lärm starben jäh ab,
als die Ersten von ihnen die aufgehängte Katze erblickten.
Harry, Ron und Hermine standen allein inmitten des
Durchgangs, und allmählich verstummte die ganze Schar und
drängte vorwärts, um die grauenvolle Stätte zu sehen.
Dann durchbrach ein Ruf die Stille.
»Feinde des Erben, nehmt euch in Acht! Ihr seid die
Nächsten, Schlammblüter«
Es war Draco Malfoy. Er hatte sich ganz nach vorn ge-
drängt. Mit einem Funkeln in den kalten Augen, das sonst
blutleere Gesicht gerötet, grinste er beim Anblick der starren
Katze.
146
Die Schrift an der Wand
»Was geht hier vor? Was ist los?«
Argus Filch, angelockt von Malfoys Geschrei, keilte sich
mit den Ellbogen durch die Schülerschar. Als er Mrs Norris
erblickte, zuckte er erschrocken zurück und begrub entsetzt
das Gesicht in den Händen.
»Meine Katze! Meine Katze! Was ist mit Mrs Norris pas-
siert«, jammerte er.
Und seine hervorquellenden Augen richteten sich auf Harry.
»Du!«, kreischte er, »du! Du hast meine Katze ermordet! Du
hast sie getötet! Ich bring dich um! Ich
»Argus!«
Dumbledore hatte den Schauplatz betreten, mit etlichen
Lehrern im Schlepptau. Im Nu rauschte er an Harry, Ron und
Hermine vorbei und holte Mrs Norris vom Fackelhalter.
»Kommen Sie mit, Argus«, sagte er zu Filch, »und Sie auch,
Mr Potter, Mr Weasley, Miss Granger.«
Beflissen trat Lockhart vor.
»Mein Büro ist am nächsten, Direktor - nur die Treppe
hoch - bitte seien Sie so frei -«
»Ich danke Ihnen, Gilderoy«, sagte Dumbledore.
Die stumme Menge teilte sich, um sie durchzulassen.
Lockhart, aufgeregt und mit gewichtiger Miene, eilte hinter
Dumbledore her; und auch die Professoren McGonagall und
Snape folgten.
Als sie Lockharts dunkles Büro betraten, gab es ein Gehu-
147
sche entlang der Wände. Harry sah einige Lockharts mit
Lockenwicklern in den Haaren aus den Bildern verschwinden.
Der echte Lockhart zündete die Kerzen auf dem Schreibtisch
an und trat zurück. Dumbledore legte Mrs Norris auf die
polierte Tischplatte und begann sie zu untersuchen. Harry, Ron
und Hermine tauschten gespannte Bücke und setzten sich auf
Stühle außerhalb des Kerzenscheins.
Die Spitze von Dumbledores langer Hakennase war kaum
drei Zentimeter von Mrs Norris' Fell entfernt. Durch seine
Halbmondbrille untersuchte er sie genau, wobei er sie mit
seinen langen Fingern streichelte und anstupste. Professor
McGonagall, die Augen zu Schlitzen verengt, hatte sich fast
ebenso nahe zu der Katze herabgebeugt. Hinter ihnen im
Halbschatten stand Snape, wachsam und mit einem höchst
merkwürdigen Gesichtsausdruck: als ob er angestrengt
versuchte nicht zu lächeln. Und Lockhart tänzelte um sie alle
herum und gab seine Einschätzungen zum Besten.
»Eindeutig ein Fluch, der sie umgebracht hat - vermutlich
die Transmutations-Tortur - ich hab's viele Male mit
angesehen, leider war ich hier nicht dabei. Ich kenne nämlich
den Gegenfluch, der sie gerettet hätte ...«
Während Lockharts Auslassungen waren immer wieder
Filchs trockene, markerschütternde Schluchzer zu hören. Er
war auf einem Stuhl neben dem Schreibtisch zusammenge-
sunken, das Gesicht in den Händen vergraben und nicht fähig,
einen Blick auf Mrs Norris zu werfen. Sosehr er Filch
verabscheute, Harry konnte nicht anders, er empfand ein wenig
Mitleid für ihn, wenn auch nicht so viel wie für sich selbst.
Wenn Dumbledore Filch glaubte, würde er ihn ohne Frage von
der Schule weisen.
Dumbledore murmelte jetzt seltsame Worte vor sich
hin und tippte Mrs Norris mit seinem Zauberstab an, doch
148
nichts passierte: sie sah weiterhin aus, als wäre sie gerade
ausgestopft worden.
»... ich kann mich an einen ganz ähnlichen Vorfall in
Ouagadogou erinnern«, sagte Lockhart, »eine Serie von At-
tacken, nachzulesen in meiner Autobiographie; ich konnte die
Dorfbevölkerung mit verschiedenen Amuletten ausstatten, und
die Sache war sofort erledigt ...«
Die Lockharts an den Wänden nickten allesamt zustim-
mend. Einer davon hatte vergessen, sein Haarnetz abzu-
nehmen.
Endlich richtete sich Dumbledore auf,
»Sie ist nicht tot, Argus«, sagte er sanft.
Lockhart, der gerade die Zahl der Morde zählte, die er
verhindert hatte, verstummte jäh.
»Nicht tot«, würgte Filch hervor und sah Mrs Norris durch
einen Fingerspalt an. »Aber warum ist sie ganz ... ganz steif
und erstarrt?«
»Sie wurde versteinert«, sagte Dumbledore. (»Ah! Hab ich's
mir doch gedacht!«, rief Lockhart.) »Doch wie, kann ich nicht
sagen ...«
»Fragen sie ihn!«, kreischte Filch und wandte sein fleckiges
und tränenverschmiertes Gesicht Harry zu.
»Kein Zweitklässler hätte das geschafft«, sagte Dumbledore
bestimmt. »Dafür wäre schwarze Magie der fortge-
schrittensten -«
»Er hat's getan, er hat's getan«, keifte Filch, und sein tei-
giges Gesicht lief purpurrot an. »Sie haben gesehen, was er an
die Wand geschrieben hat! Er hat - in meinem Büro - er weiß,
dass ich ein - ich ein -« in Filchs Gesicht trat etwas
fürchterlich Gequältes, »er weiß, dass ich ein Squib bin«, stieß
er hervor.
»Ich habe Mrs Norris nicht einmal angefasst!«, sagte Harry
laut und im Bewusstsein, dass ihn alle ansahen, auch alle
149
Lockharts an den Wänden. »Und ich weiß nicht mal, was ein
Squib ist.«
»Unsinn«, schnarrte Filch, »er hat meinen Kwikzaubern--
Brief gesehen!«
»Wenn ich etwas dazu sagen darf, Direktor«, sagte Snape
aus dem Schatten heraus, und Harrys ungute Vorahnung
verstärkte sich; gewiss würde Snape nichts zu sagen haben,
was ihm helfen könnte.
»Potter und seine Freunde waren vielleicht nur zur falschen
Zeit am falschen Ort«, sagte er, und seine Lippen kräuselten
sich in einem Anflug von Häme, als ob er dies bezweifelte,
»aber wir haben hier eine Reihe von verdächtigen Umständen.
Warum war er überhaupt in diesem Korridor? Warum war er
nicht beim Halloween-Fest?«
Harry, Ron und Hermine sprudelten gleichzeitig los, um die
Sache mit der Todestagsfeier zu erklären: »... da waren
hunderte von Geistern, die werden Ihnen sagen, dass wir dort
waren -«
»Aber warum seid ihr hinterher nicht zum Fest gekom-
men?«, sagte Snape, und seine dunklen Augen glitzerten im
Kerzenlicht. »Warum seid ihr hoch in diesen Korridor?«
Ron und Hermine sahen Harry an.
»Weil ... weil ...«, sagte Harry mit heftig pochendem Her-
zen, und etwas sagte ihm, es würde weit hergeholt klingen,
wenn er ihnen erklärte, dass eine körperlose Stimme, die nur er
hören konnte, ihn dorthin gelockt habe. »Weil wir müde waren
und ins Bett gehen wollten«, sagte er.
»Ohne noch etwas zu Abend zu essen?«, fragte Snape mit
einem triumphierenden Lächeln auf dem hageren Gesicht. »Ich
dachte, Geister würden bei ihren Partys keine Speisen
servieren, die Lebenden bekömmlich wären.«
»Wir hatten keinen Hunger«, sagte Ron laut, um ein ge-
waltiges Knurren seines Magens zu übertönen.
150
Snapes gehässiges Lächeln verwandelte sich in ein breites
Grinsen.
»Ich denke, dass Potter nicht die ganze Wahrheit sagt«,
verkündete er. »Es wäre angeraten, ihm gewisse Vergünsti-
gungen zu entziehen, bis er bereit ist, uns die ganze Geschichte
zu erzählen. Ich persönlich meine, er sollte aus dem
Quidditch-Team ausgeschlossen werden, bis er sich ent-
schlossen hat, alle Unklarheiten zu beseitigen.«
»Nun mal halblang, Severus«, sagte Professor McGonagall
scharf, »ich sehe keinen Grund, dem Jungen das Quidditch zu
verbieten. Diese Katze hat keinen Schlag mit dem Besenstiel
abbekommen. Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass Potter
etwas Unrechtes getan hat.«
Dumbledore sah Harry prüfend an. Seine blinkenden hell-
blauen Augen gaben Harry das Gefühl, geröntgt zu werden.
»Unschuldig bis zum Beweis der Schuld, Severus«, sagte er
entschieden.
Snape sah zornig aus, ebenso wie Filch.
»Meine Katze ist versteinert worden!«, kreischte er mit
hüpfenden Augenbällen, »ich will eine Bestrafung sehen«
»Wir werden sie heilen können, Argus«, sagte Dumbledore
geduldig, »Madam Sprout ist es kürzlich gelungen, einige Al-
raunen zu züchten. Sobald sie ihre volle Größe erreicht haben,
werde ich einen Trank brauen lassen, der Mrs Norris wieder
beleben wird.«
»Das erledige ich«, warf Lockhart ein. »Ich muss es schon
hundertmal getan haben, ich könnte einen Alraune-Wieder-
belebungstrank im Schlaf zusammenbrauen.«
»Verzeihen Sie«, sagte Snape eisig, »doch ich denke, ich bin
der Experte für Zaubertränke an dieser Schule.«
Eine peinliche Pause trat ein.
»Sie können gehen«, sagte Dumbledore zu Harry, Ron und
Hermine.
151
Sie gingen so schnell sie konnten, ohne zu rennen. Ein
Stockwerk über Lockharts Büro huschten sie in ein leeres
Klassenzimmer und schlossen die Tür leise hinter sich. Harry
versuchte in der Dunkelheit die Gesichter seiner Freunde
auszumachen.
»Meint ihr, ich hätte ihnen von der Stimme erzählen sollen,
die ich gehört habe?«
»Nein«, sagte Ron ohne Zögern. »Stimmen zu hören, die
niemand sonst hören kann, ist kein gutes Zeichen, nicht einmal
in der Zaubererwelt.«
Etwas in Rons Stimme ließ Harry fragen: »Du glaubst mir
doch, oder?«
»Natürlich«, sagte Ron rasch. »Aber, du musst zugeben, es
ist unheimlich ...«
»Ich weiß, es ist unheimlich«, sagte Harry. »Die ganze Ge-
schichte ist unheimlich. Was stand da an der Wand? Die
Kammer wurde geöffnet ... Was soll das heißen?«
»Wart mal, da klingelt etwas in meinem Kopf«, sagte Ron
langsam. »Ich glaube, jemand hat mir mal eine Geschichte
über eine geheime Kammer in Hogwarts erzählt ... vielleicht
war es Bill ...«
»Und was in aller Welt ist eigentlich ein Squib?«, fragte
Harry.
Überrascht hörte er, wie Ron verdruckst kicherte.
»Nun ja - eigentlich ist es nicht lustig - aber wenn es um
Filch geht«, sagte er, »ein Squib ist jemand, der aus einer
Zaubererfamilie stammt, aber keine magischen Kräfte besitzt.
Sozusagen das Gegenteil der Zauberer aus den Mug-
gelfamilien, aber Squibs sind ganz selten. Wenn Filch ein
wenig Magie in diesem Kwikzaubern-Kurs lernen will, muss
er ein Squib sein. Das würde vieles erklären. Zum Beispiel,
warum er Schüler so hasst.« Ron lächelte zufrieden. »Er ist
verbittert.«
152
Irgendwo läutete eine Glocke.
»Mitternacht«, sagte Harry. »Wir gehen besser zu Bett,
bevor Snape kommt und versucht, uns wegen etwas anderem
dranzukriegen.«
Ein paar Tage lang sprachen sie in der Schule von nichts an-
derem als vom Angriff auf Mrs Norris. Filch erinnerte sie alle
immer wieder daran, indem er am Tatort auf und ab
marschierte, als ob er glaubte, der Angreifer werde zurück-
kehren. Harry hatte gesehen, wie er die Schrift an der Wand
mit »Mrs Skowers Allzweck-Magische-Sauerei-Entferner«
schrubbte, doch ohne Erfolg. Die Worte leuchteten so hell wie
zuvor auf der steinernen Wand. Wenn Filch nicht den
Schauplatz des Verbrechens bewachte, schlurfte er mit roten
Augen durch die Gänge, stürzte sich drohend auf arglose
Schüler und versuchte ihnen Nachsitzen aufzubrummen für
Dinge wie »lautes Atmen« oder »glückliches Aussehen«.
Ginny Weasley schien über Mrs Norris' Schicksal sehr be-
trübt zu sein. Ron zufolge war sie eine große Katzenliebha-
berin.
»Aber du hast doch Mrs Norris gar nicht richtig kennen
gelernt«, meinte Ron aufmunternd. »Ehrlich gesagt sind wir
ohne sie viel besser dran.« Ginnys Lippen zitterten. »Solche
Geschichten passieren nicht oft in Hogwarts«, versicherte ihr
Ron, »sie werden den Verrückten kriegen, der es getan hat,
und ihn schnurstracks rauswerfen. Ich hoffe nur, er hat Zeit,
Filch zu versteinern, bevor er rausfliegt. - Ich mach nur
Witze«, fügte er hastig hinzu, als Ginny erbleichte.
Der Vorfall hatte auch seine Wirkung auf Hermine. Es war
durchaus üblich, dass sie viel Zeit mit Lesen verbrachte, doch
jetzt tat sie fast nichts anderes mehr. Harry und Ron brachten
mit ihrer Frage, was sie denn aushecke, auch nicht viel aus ihr
heraus, und erst am folgenden Mittwoch erfuhren sie es.
153
Snape hatte Harry nach der Zaubertrankstunde zurückbe-
halten und ihn Ringelwürmer von den Tischen kratzen lassen.
Nachdem er hastig sein Mittagessen hinuntergeschlungen
hatte, ging er nach oben, um Ron in der Bibliothek zu treffen.
Da kam Justin Finch-Fletchley, der Hufflepuffjunge aus der
Kräuterkunde, auf ihn zu. Harry hatte gerade den Mund
aufgemacht, um hallo zu sagen, als Justin ihn bemerkte, abrupt
kehrtmachte und floh.
Harry fand Ron weit hinten in der Bibliothek, wo er seine
Hausaufgaben in Geschichte der Zauberei erledigte. Professor
Binns hatte ihnen einen meterlangen Aufsatz über»Die
Versammlung europäischer Zauberer im Mittelalter« aufge-
geben.
»Ich glaub's einfach nicht, ich hab immer noch zwanzig
Zentimeter zu wenig«, sagte Ron aufgebracht und ließ sein
Pergament los, das sich im Nu wieder zusammenrollte. »Und
Hermine hat anderthalb Meter in ihrer Bonsai-Schrift ge-
schafft.«
»Wo ist sie?«, fragte Harry, griff sich das Maßband und ent-
rollte seine eigene Hausarbeit.
»Irgendwo dort drüben«, sagte Ron und deutete zu den
Regalen hinüber. »Sucht ständig Bücher. Ich glaube, sie will
die ganze Bibliothek noch vor Weihnachten auslesen.«
Harry erzählte Ron, dass Justin Finch-Fletchley vor ihm
Reißaus genommen habe.
»Weiß nicht, weshalb dich das überhaupt beschäftigt, er
kam mir ein wenig dumm vor«, sagte Ron, während er so groß
wie möglich aufs Pergament krakelte. »Der ganze Unsinn über
Lockhart, den sie so großartig findet -«
Hermine tauchte zwischen den Bücherregalen auf. Sie sah
verärgert aus und schien endlich bereit, mit ihnen zu reden.
»Alle Exemplare der Geschichte von Hogwarts sind
ausgeliehen«, sagte sie und setzte sich neben Harry und Ron.
»Es gibt
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eine zweiwöchige Warteliste. Hätte ich doch mein Exemplar
nicht zu Hause gelassen, aber es hat bei den vielen
Lockhart-Büchern einfach nicht mehr in den Koffer gepasst.«
»Warum willst du es?«, fragte Harry.
»Aus dem gleichen Grund wie alle andern auch«, sagte
Hermine, »um die Legende von der Kammer des Schreckens
nachzulesen.«
»Was ist das?«, sagte Harry rasch.
»Das ist es ja. Ich kann mich nicht erinnern«, sagte Hermine
und biss sich auf die Lippe. »Und anderswo kann ich die
Geschichte auch nicht finden -«
»Hermine, lass mich deinen Aufsatz lesen«, sagte Ron,
verzweifelt auf die Uhr blickend.
»Nein, das möchte ich nicht«, sagte Hermine plötzlich in
strengem Ton, »du hast doch zehn Tage Zeit gehabt.«
»Ich brauch doch nur noch sechs Zentimeter, nun komm
schon -«
Es läutete. Ron und Hermine gingen zankend in Geschichte
der Zauberei.
Das war das langweiligste Fach auf ihrem Stundenplan.
Professor Binns war der einzige Geist, den sie als Lehrer hat-
ten, und dass er einmal das Klassenzimmer durch die Tafel
betreten hatte, war das Aufregendste, was je in seinem Un-
terricht passiert war. Er war uralt und schrumplig, und viele
Leute sagten, er habe nicht bemerkt, dass er tot sei. Er war
eines Tages einfach aufgestanden, um zum Unterricht zu
gehen, und hatte seinen Körper in einem Sessel vor dem
Kamin im Lehrerzimmer zurückgelassen; sein Tagesablauf
hatte sich seither nicht im Mindesten geändert.
Heute war es noch langweiliger als sonst. Professor Binns
öffnete seine Unterlagen und begann dumpf dröhnend wie ein
Staubsauger zu lesen, bis fast alle in der Klasse in einen
Wachschlaf verfallen waren, nur gelegentlich aufmerkend,
155
um einen Namen oder ein Datum zu notieren. Hermine hob die
Hand.
Professor Binns, inmitten eines sterbenslangweiligen Vor-
trags über die Internationale Zaubererversammlung von 1289,
schaute verdutzt auf.
»Miss - ähm -«
»Granger, Professor. Ich frage mich, ob Sie uns nicht etwas
über die Kammer des Schreckens erzählen könnten«, sagte
Hermine mit heller Stimme.
Dean Thomas, der mit herabhängendem Unterkiefer da-
gesessen und aus dem Fenster gestarrt hatte, schreckte aus
seiner Trance; Lavender Brown riss den Kopf von ihren
Armen und Nevilles Ellbogen rutschte vom Tisch.
Professor Binns blinzelte.
»Mein Fach ist Geschichte der Zauberei«, sagte er mit seiner
trockenen, pfeifenden Stimme. »Ich habe es mit Tatsachen zu
tun, Miss Granger, nicht mit Mythen und Legenden.« Er
räusperte sich, was sich anhörte wie zerbrechende Kreide, und
fuhr fort: »im September jenes Jahres hat ein Unterausschuss
zyprischer Zauberer -«
Er verhaspelte sich und brach ab. Wieder ruderte Hermines
Hand durch die Luft.
»Miss Grant?«
»Bitte, Sir, gehen Legenden nicht auf immer Tatsachen
zurück?«
Professor Binns sah sie derart irritiert an, dass Harry sich
sicher war, dass noch kein Schüler ihn je zuvor unterbrochen
hatte, weder zu seinen Lebzeiten noch danach.
»Nun«, sagte Professor Binns langsam, »ja, so könnte man
argumentieren, denke ich.« Er spähte zu Hermine hinüber, als
ob er noch nie zuvor eine leibhaftige Schülerin gesehen hätte.
»Allerdings ist die Legende, von der Sie sprechen, eine derart
reißerische, geradezu lächerliche Geschichte -«
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Doch nun hing die ganze Klasse an Professor Binns' Lippen.
Er sah sie mit verhangenem Blick an und aller Augen waren
auf ihn gerichtet. Harry konnte sehen, dass derart unge-
wöhnliches Interesse Binns völlig aus dem Häuschen brachte.
»Oh, wie Sie wünschen«, sagte er langsam. »Lassen Sie
mich überlegen ... die Kammer des Schreckens ...
Sie alle wissen natürlich, dass Hogwarts vor über tausend
Jahren gegründet wurde - das genaue Datum ist nicht bekannt -
, und zwar von den vier größten Hexen und Zauberern des
damaligen Zeitalters. Die vier Häuser der Schule sind nach
ihnen benannt: Godric Gryffindor, Helga Hufflepuff, Rowena
Ravenclaw und Salazar Slytherin. Sie haben dieses Schloss
gemeinsam erbaut, fern von neugierigen Muggelaugen, denn
es war ein Zeitalter, als das einfache Volk die Zauberei
fürchtete und Hexen und Zauberer unter grausamer
Verfolgung zu leiden hatten.«
Er hielt inne, schaute sich mit trüben Augen im Raum um
und fuhr dann fort.
»Ein paar Jahre lang arbeiteten die Zauberer einträchtig
zusammen. Sie suchten sich junge Leute, denen sie magische
Kräfte ansahen, und brachten sie auf das Schloss, um sie aus-
zubilden. Doch dann kam es zum Streit. Zwischen Slytherin
und den andern tat sich eine wachsende Kluft auf. Slytherin
wollte die Schüler, die in Hogwarts aufgenommen wurden,
strenger auslesen. Er glaubte, das Studium der Zauberei müsse
den durch und durch magischen Familien vorbehalten sein.
Schüler mit Muggeleltern wollte er nicht aufnehmen, denn sie
seien nicht vertrauenswürdig. Nach einiger Zeit kam es
darüber zu einem heftigen Streit zwischen Slytherin und
Gryffindor, und Slytherin verließ die Schule.«
Wieder machte Professor Binns eine Pause, schürzte die
Lippen und sah dabei aus wie eine schrumplige alte Schild-
kröte.
157
»Zuverlässige historische Quellen sagen uns jedenfalls so
viel«, sagte er. »Doch diese klaren Tatsachen werden über-
wuchert durch die phantasiereiche Legende von der Kammer
des Schreckens. Dieser zufolge hat Slytherin eine Ge-
heimkammer in das Schloss eingebaut, von der die anderen
Gründer nichts wussten.
Und die Legende sagt weiter, dass Slytherin diese Kammer
versiegelt hat, so dass keiner sie öffnen kann, bis sein eigener
wahrer Erbe zur Schule kommt. Der Erbe allein soll in der
Lage sein, die Kammer des Schreckens zu entsiegeln, den
Schrecken im Innern zu entfesseln und mit seiner Hilfe die
Schule von all jenen zu säubern, die es nicht wert seien, Zau-
berei zu studieren.«
Ein Schweigen trat ein, als er zu Ende erzählt hatte, doch es
war nicht das übliche, schläfrige Schweigen, das Professor
Binns' Unterricht erfüllte. Die Stimmung war unangenehm
gespannt, denn alle sahen ihn an und warteten auf mehr.
Professor Binns sah ein wenig ungehalten aus.
»Die ganze Geschichte ist natürlich blühender Unsinn«,
sagte er. »Natürlich haben die gelehrtesten Hexen und Zau-
berer die Schule nach einer solchen Kammer durchsucht, viele
Male. Es gibt sie nicht. Eine Mär, die dazu taugt, den
Leichtgläubigen Furcht einzujagen.«
Hermines Hand war schon wieder oben.
»Sir - was genau meinen Sie mit dem >Schrecken( in der
Kammer?«
»Das soll eine Art Monster sein, das nur der Erbe von Sly-
therin im Griff hau, sagte Professor Binns mit seiner trocke-
nen, schrillen Stimme.
Die Klasse tauschte beunruhigte Blicke aus.
»Ich versichere Ihnen, dieses Wesen existiert nicht«, sagte
Professor Binns und blätterte durch seine Unterlagen. »Es gibt
weder eine Kammer noch ein Monster.«
158
»Aber Sir«, sagte Seamus Finnigan, »wenn die Kammer nur
von Slytherins wahrem Erben geöffnet werden kann, dann
kann sie ja kein anderer finden, nicht wahr?«
»Unsinn, Flaherty«, sagte Professor Binns nun in ernsterem
Ton. »Wenn eine lange Reihe von Schulleitern und
Schulleiterinnen in Hogwarts das Ding nicht gefunden hat -«
»Aber, Professor«, piepste Parvati Patil, »man braucht
wahrscheinlich schwarze Magie, um sie zu öffnen -«
»Wenn ein Zauberer keine schwarze Magie gebraucht, heißt
das noch lange nicht, dass er sie nicht auch beherrscht, Miss
Pennyfeather«, antwortete Professor Binns barsch. »Ich wie-
derhole, wenn Leute wie Dumbledore -«
»Aber vielleicht muss man mit Slytherin verwandt sein, also
konnte Dumbledore nicht -«, begann Dean Thomas, doch
Professor Binns hatte genug.
»Das reicht jetzt«, sagte er scharf »Es ist ein Mythos! Die
Kammer existiert nicht! Es gibt rächt den Zipfel eines Bewei-
ses, dass Slytherin auch nur einen geheimen Besenschrank
gebaut hat! Ich bereue es, Ihnen eine so hanebüchene Legende
erzählt zu haben! Wir werden jetzt, wenn Sie erlauben, zur
Geschichte zurückkehren, zu den harten, glaubhaften und
nachprüfbaren Tatsachen!«
Und fünf Minuten später war die Klasse wieder in ihren
üblichen Wachschlaf gesunken.
»Ich hab immer gewusst, dass Salazar Slytherin ein verrückter
alter Schwachkopf war«, sagte Ron zu Harry und Hermine, als
sie sich nach Ende der Stunde durch die dicht gedrängten
Gänge kämpften, um ihre Taschen vor dem Abendessen nach
oben zu bringen. »Aber ich hab nicht gewusst, dass er diesen
ganzen Unsinn mit dem reinen Blut angefangen hat. Ich wollte
nicht in
seinem Haus sein, und wenn man mich dafür bezahlte.
Ehrlich gesagt, wenn der Sprechende Hut versucht
159
hätte, mich nach Slytherin zu stecken, hätte ich gleich wieder
den Zug nach Hause genommen ...«
Hermine nickte eifrig, doch Harry sagte kein Wort. In
seinem Inneren hatte sich gerade etwas schmerzhaft ver-
krampft.
Harry hatte Ron und Hermine nie erzählt, dass der Spre-
chende Hut ernsthaft erwogen hatte, ihn nach Slytherin zu
stecken. Als ob es erst gestern gewesen wäre, konnte er sich
noch an die leise Stimme erinnern, die in sein Ohr gesprochen
hatte, als er vor einem Jahr den Hut aufgesetzt hatte.
»Du könntest groß sein, weißt du, es ist alles da in deinem
Kopf, und Slytherin wird dir auf dem Weg zur Größe helfen.
Kein Zweifel ...«
Doch Harry, der schon gehört hatte, dass das Haus Slytherin
in dem Ruf stand, schwarze Magier hervorzubringen, hatte
verzweifelt gedacht: »Nicht Slytherin!«, und der Hut hatte
gesagt: »Nun, wenn du dir sicher bist - dann besser nach
Gryffindor ...«
Während der Schülerstrom sie in die eine Richtung trug,
schwamm in der Gegenrichtung Colin Creevey vorbei.
»Hi, Harry!«
»Hallo, Colin«, sagte Harry beiläufig.
»Harry - Harry - ein Junge in meiner Klasse hat gesagt, dass
du -«
Doch Colin war so klein, dass er nicht gegen die Welle von
Schülern ankämpfen konnte, die ihn zur Großen Halle trug; sie
hörten ihn noch quieken: »Bis nachher, Harry«, und dann war
er verschwunden.
»Was sagt ein Junge in seiner Klasse über dich?«, fragte
Hermine.
»Dass ich der Erbe von Slytherin bin, vermute ich«, sagte
Harry, und sein Magen machte eine Umdrehung, als ihm
plötzlich einfiel, wie Justin Finch-Fletchley am Mittag vor ihm
Reißaus genommen hatte.
160
»Die Leute hier glauben auch alles«, sagte Ron angewidert.
Die Menge verlor sich allmählich und die nächste Treppe
nahmen sie ohne Mühe.
»Glaubst du wirklich, dass es eine Kammer des Schreckens
gibt?«, fragte Ron Hermine.
»Ich weiß nicht«, sagte sie stirnrunzelnd. »Dumbledore
konnte Mrs Norris nicht heilen, und deshalb denke ich, was
immer sie angegriffen hat, ist vielleicht kein - nun ja -
menschliches Wesen.«
Während sie sprach, bogen sie um eine Ecke und fanden
sich nun ganz am Ende jenes Korridors, in dem der Angriff
geschehen war. Sie hielten inne und sahen sich um. Der
Schauplatz sah genauso aus wie in jener Nacht, nur hing keine
steife Katze vom Fackelhalter, und ein leerer Stuhl stand an
der Wand, auf der immer noch zu lesen war: »Die Kammer
wurde geöffnet.«
»Da hat Filch Wache gehalten«, murmelte Ron.
Sie sahen sich an. Der Korridor war menschenleer.
»Kann nicht schaden, wenn wir uns ein wenig umsehen«,
sagte Harry. Er stellte seine Tasche ab, ging auf die Knie und
kroch nach Spuren suchend auf dem Boden umher.
»Brandflecken!«, sagte er, »hier - und hier -«
»Komm und schau dir das an«, sagte Hermine, »das ist
merkwürdig ...«
Harry stand auf und ging hinüber zum Fenster neben der
Schrift an der Wand. Hermine deutete auf die oberste Fens-
terscheibe, wo sich etwa zwanzig Spinnen auf einem Haufen
drängten und offenbar mit aller Kraft versuchten durch einen
kleinen Riss zu kommen. Ein langer silberner Faden pendelte
hin und her wie ein Seil, als ob sie alle schnell daran
hochgekrabbelt wären, um hinauszugelangen.
»Hast du jemals so etwas bei Spinnen gesehen?«, sagte
Hermine kopfschüttelnd.
161
»Nein«, sagte Harry, »und du, Ron? Ron?«
Er wandte den Kopf. Ron hielt weiten Abstand zu ihnen und
schien gegen den Drang anzukämpfen, einfach wegzulaufen.
»Was ist los?«, sagte Harry.
»Ich mag keine Spinnen«, sagte Ron gepresst.
»Das hab ich nicht gewusst«, sagte Hermine und sah Ron
überrascht an. »Du hast doch so oft Spinnen in Zaubertränke
gemischt ...«
»Gegen tote hab ich ja nichts«, sagte Ron, der sorgfältig den
Blick aufs Fenster vermied. »Ich mag nur nicht, wie sie sich
bewegen ...«
Hermine kicherte.
»Das ist nicht komisch«, sagte Ron beleidigt. »Wenn du's
wissen willst: Als ich drei war, hat Fred meinen ... meinen
Teddybären in eine eklige große Spinne verwandelt, weil ich
seinen Spielzauberstab zerbrochen hatte ... Du würdest sie
auch nicht ausstehen können, wenn du deinen Bären geknud-
delt hättest, und der hätte plötzlich zu viele Beine ...«
Erschaudernd brach er ab. Hermine bemühte sich offenbar
immer noch, sich das Lachen zu verkneifen. Harry hatte das
dringende Gefühl, sie sollten lieber das Thema wechseln, und
sagte: »Erinnert ihr euch an das viele Wasser auf dem Boden?
Wo kam das her? jemand hat es aufgewischt.«
»Es war ungefähr hier«, sagte Ron, der sich wieder gesam-
melt hatte, und ging ein paar Schritte an Filchs Stuhl vorbei:
»Auf Höhe dieser Tür.«
Er streckte die Hand nach dem bronzenen Türknopf aus, zog
sie aber jäh wieder zurück, als ob er sich verbrannt hätte.
»Was ist denn jetzt wieder los?«, wollte Harry wissen.
»Ich kann da nicht rein«, sagte Ron grantig. »Das ist ein
Mädchenklo.«
»Ach Ron, da wird niemand drin sein«, sagte Hermine. Sie
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richtete sich auf und kam zu ihm herüber. »Da lebt die Mau-
lende Myrte. Komm, lass uns mal nachsehen.«
Sie setzte sich über das große »Defekt«-Schild hinweg und
öffnete die Tür. Es war der düsterste und trostloseste Toilet-
tenraum, den Harry je betreten hatte. Unter einem riesigen
gesplitterten und fleckigen Spiegel zog sich eine Reihe an-
geschlagener Waschbecken entlang. Der Boden war feucht und
spiegelte trübe das Licht einiger Kerzenstummel wider, die in
ihren Haltern ausbrannten; von den zerkratzten Holztüren der
Kabinen schälte sich die Farbe ab und eine hing in den
Angeln.
Hermine drückte die Finger an die Lippen und schlich
hinüber zur hintersten Kabine. Dort angelangt, sagte sie:
»Hallo, Myrte, wie geht es dir?«
Harry und Ron traten neugierig hinzu. Die Maulende Myrte
schwebte über der Kloschüssel und drückte an einem Pickel
auf ihrem Kinn herum.
»Das ist ein Mädchenklo«, sagte sie und musterte Ron und
Harry misstrauisch. »Das sind keine Mädchen.«
»Nein«, stimmte ihr Hermine zu, »ich wollte ihnen nur
zeigen, wie - ähm - nett du es hier hast.«
Mit einer Armbewegung deutete sie auf den schmutzigen
alten Spiegel und den feuchten Boden.
»Frag sie, ob sie etwas gesehen hat«, hauchte Harry in Her-
mines Ohr.
»Was flüsterst du da?«, fragte Myrte und starrte ihn an.
»Nichts«, sagte Harry rasch. »Wir wollten nur fragen -«
»Ich wünschte, die Leute würden aufhören, hinter meinem
Rücken zu reden!«, sagte Myrte mit tränenerstickter Stimme.
»Ich hab auch Gefühle, müsst ihr wissen, obwohl ich tot bin -«
»Myrte, niemand will dich ärgern«, sagte Hermine, »Harry
wollte nur -«
163
»niemand will mich ärgern! Guter Witz«, heulte Myrte.
»Mein Leben hier drin war nichts als das reine Elend, und nun
kommen auch noch Leute, die mir den Tod ruinieren!«
»Wir wollten dich fragen, ob du in letzter Zeit etwas Merk-
würdiges gesehen hast«, sagte Hermine rasch. »Denn direkt
vor der Tür wurde an Halloween eine Katze angegriffen.«
»Hast du an diesem Abend jemanden hier gesehen?«, fragte
Harry.
»Ich hab nicht drauf geachtet«, sagte Myrte aufbrausend.
»Peeves hat mich derart zur Verzweiflung getrieben, dass ich
hierher geflüchtet bin und versucht habe, mich umzubringen.
Dann ist mir natürlich eingefallen, dass ich ... dass ich ...«
»Dass du schon tot bist«, half Ron ihr weiter.
Myrte stieß ein dramatisches Schluchzen aus, stieg hoch in
die Luft, drehte sich um und stürzte sich, die drei mit Wasser
bespritzend, kopfüber in die Kloschüssel, wo sie verschwand;
ihren dumpfen Schluchzern nach zu schließen war sie
irgendwo im Abflussrohr zur Ruhe gekommen.
Harry und Ron standen mit offenen Mündern da, doch
Hermine zuckte matt die Achseln und meinte: »Offen ge-
standen war das für Myrtes Verhältnisse eine fast fröhliche
Unterhaltung... kommt, gehen wir.«
Harry hatte kaum die Tür hinter Myrtes gurgelnden
Schluchzern zugeschlagen, als eine laute Stimme die drei
zusammenzucken ließ.
»RON!«
Percy Weasley, mit glänzendem Vertrauensschülerabzei-
chen, stand wie angewurzelt am Treppenabsatz, mit dem
Ausdruck ungläubigen Staunens auf dem Gesicht.
»Das ist ein Mädchenklo!«, sagte er entsetzt, »was habt ihr -
?«
»Haben uns nur ein wenig umgesehen«, meinte Ron ach-
selzuckend, »Spuren, weißt du -«
Percy schwoll auf eine Weise an, die Harry stark an Mrs
164
Weasley erinnerte. »Verschwindet - auf - der - Stelle«, sagte
er, schritt auf sie zu und begann sie mit den Armen fuchtelnd
fortzuscheuchen. »Ist euch denn egal, was das für einen
Eindruck macht? Hierher zurückzukommen, während alles
beim Abendessen ist?«
»Warum sollten wir nicht hier sein?«, versetzte Ron auf-
gebracht. Er hielt an und stellte sich wütend vor Percy auf.
»Hör zu, wir haben diese Katze nicht angerührt!«
»Das hab ich auch Ginny gesagt«, sagte Percy erbost, »aber
sie denkt offenbar immer noch, dass ihr von der Schule fliegt,
ich hab sie nie so aufgeregt gesehen, sie heult sich die Augen
aus, denk doch mal an sie, alle Erstklässler sind wegen dieser
ganzen Geschichte völlig aus dem Häuschen -«
»Dir ist Ginny doch egal«, sagte Ron, und die Ohren liefen
ihm jetzt rot an. »Du machst dir nur Sorgen, dass ich dir die
Chance vermassle, Schulsprecher zu werden -«
»Fünf Punkte Abzug für Gryffindor«, sagte Percy barsch
und befingerte sein Vertrauensschülerabzeichen. »Und ich
hoffe, das ist dir eine Lektion! Keine Detektivarbeit mehr, oder
ich schreibe an Mum!«
Und er schritt davon, sein Nacken so rot wie Rons Ohren.
Harry, Ron und Hermine setzten sich an diesem Abend im
Gemeinschaftsraum so weit wie möglich von Percy weg. Ron
war immer noch schlecht gelaunt und bekleckste ständig seine
Zauberkunst-Hausaufgaben. Als er gedankenverloren nach
seinem Zauberstab griff, um die Kleckse zu entfernen, fing das
Pergament Feuer. Ron, der vor Zorn fast so rauchte wie seine
Hausaufgaben, schlug das Lehrbuch der Zaubersprüche, Band
2 zu. Zu Harrys Überraschung tat es ihm Hermine gleich.
»Aber wer könnte es denn sein?«, sagte sie mit ruhiger
Stimme, als würde sie gerade ein Gespräch fortsetzen. »Wer
165
würde alle Squibs und Muggelkinder aus Hogwarts vertreiben
wollen?«
»Überlegen wir mal«, sagte Ron mit gespielter Ratlosigkeit,
»wer, den wir kennen, denkt, Muggelkinder seien Ab-
schaum?«
Er sah Hermine an. Hermine gab den Blick zurück, nicht
gerade überzeugt. »Wenn du von Malfoy redest -«
»Natürlich tue ich das!«, sagte Ron, »du hast ihn gehört
»Ihr seid die Nächsten, Schlammblüter!« -. du musst dir nur
sein fieses Rattengesicht ansehen, dann weißt du, dass er es
ist -«
»Malfoy, der Erbe von Slytherin?«, sagte Hermine zwei-
felnd.
»Schau dir seine Familie an«, sagte Harry und schlug eben-
falls seine Bücher zu. »Die ganze Bande war in Slytherin, da-
mit prahlt er doch immer. Sie könnten ohne weiteres die
Nachfahren von Slytherin sein. Sein Vater ist böse genug.«
»Vielleicht haben sie schon seit Jahrhunderten den Schlüssel
zur Kammer des Schreckens«, sagte Ron, »geben ihn immer
weiter, die Väter den Söhnen ...«
»Gut«, Hermine zögerte, »ich denke, es wäre möglich ...«
»Aber wie beweisen wir es?«, fragte Harry.
»Es könnte da eine Möglichkeit geben«, sagte Hermine
langsam, und mit einem raschen Blick hinüber zu Percy senkte
sie ihre Stimme noch weiter. »Natürlich ist es schwierig. Und
gefährlich, sehr gefährlich. Wir würden wahrscheinlich fünfzig
Schulregeln brechen, fürchte ich -«
»Wenn du irgendwann mal Lust haben solltest, uns das
näher zu erklären, vielleicht in einem Monat oder so, dann sag
einfach Bescheid?«, sagte Ron gereizt.
»Na gut«, sagte Hermine kühl. »Wir müssen in den Ge-
meinschaftsraum der Slytherins kommen und Malfoy ein paar
Fragen stellen, ohne dass er merkt, dass wir es sind.«
»Aber das ist unmöglich«, sagte Harry, und Ron lachte auf.
166
»Nein, ist es nicht«, sagte Hermine. »Alles, was wir brau-
chen, wäre ein wenig Vielsaft-Zaubertrank.«
»Was ist das?«, fragten Ron und Harry wie aus einem
Munde.
»Snape hat es neulich im Unterricht erwähnt -«
»Glaubst du, wir haben in Zaubertränke nichts Besseres zu
tun als Snape zuzuhören?«, murrte Ron.
»Er verwandelt einen in jemand anderen. Denkt darüber
nach! Wir könnten uns in drei Slytherins verwandeln. Keiner
würde wissen, dass wir es sind. Malfoy würde wahrscheinlich
alles vor uns ausplaudern. Er prahlt damit bestimmt gerade
jetzt im Gemeinschaftsraum der Slytherins, wenn wir ihn nur
hören könnten.«
»Dieses Vielsaft-Zeugs klingt mir ein wenig tückisch«,
sagte Ron stirnrunzelnd. »Was, wenn wir stecken bleiben und
für immer wie drei Slytherins aussehen?«
»Nach einer Weile verliert sich die Wirkung«, sagte Her-
mine, ungeduldig mit der Hand wedelnd, »aber an das Rezept
zu kommen wird schwierig werden. Snape meinte, es sei in
einem Buch namens Höchst potente Zaubertränke und es wird
sicher in der Verbotenen Abteilung der Bibliothek sein.«
Es gab nur eine Möglichkeit, ein Buch aus der Verbotenen
Abteilung zu bekommen: Sie brauchten die schriftliche Er-
laubnis eines Lehrers.
»Schwer einzusehen, warum wir eigentlich das Buch brau-
chen sollten«, sagte Ron, »wenn wir nicht einen der Zauber-
tränke zusammenbrauen wollen.«
»Ich glaube«, sagte Hermine »wenn wir so tun, als ob wir
einfach an der Theorie interessiert wären, haben wir vielleicht
eine Chance ...«
»Ach komm, kein Lehrer wird darauf reinfallen«, sagte Ron.
»Der müsste schon ziemlich blöde sein.«
167
Der besessene Klatscher
Seit der unrühmlichen Geschichte mit den Wichteln hatte
Professor Lockhart keine lebenden Geschöpfe mehr in den
Unterricht gebracht. Stattdessen las er ihnen aus seinem Buch
vor und manchmal spielte er einige der dramatischeren Ge-
schehnisse daraus nach. Für diese Aufführungen bat er meist
Harry um Hilfe. So hatte er ihn schon genötigt, einen einfa-
chen Dörfler aus Transsylvanien zu spielen, den Lockhart von
einem Babbelfluch geheilt hatte, einen Yeti mit einem
Schnupfen und einen Vampir, der, seit Lockhart sich ihn zur
Brust genommen hatte, nichts mehr außer Kopfsalat essen
konnte.
Auch in der nächsten Stunde Verteidigung gegen die dunk-
len Künste holte Lockhart Harry vor die Klasse, und diesmal
musste er einen Werwolf spielen. Er hätte sich am liebsten
geweigert, doch hatte er einen sehr guten Grund, Lockhart bei
Laune zu halten.
»Ein schönes lautes Heulen, Harry - genau - und dann, stellt
euch vor, stürze ich mich auf ihn - wie jetzt - und drück ihn zu
Boden - so - mit der einen Hand halte ich ihn unten - mit der
andern steche ich den Zauberstab gegen seine Kehle - dann
nehme ich meine letzten Kräfte zusammen und führe den
immens komplizierten Homorphus-Zauber aus - der Werwolf
fiept jämmerlich - weiter, Harry - noch höher -gut - der Pelz
verschwindet - die Reißzähne schrumpfen - und er
verwandelt sich zurück in einen Menschen. Einfach, aber
wirksam.
Und noch ein Dorf wird meiner auf ewig ge-
168
denken als jenes Helden, der es von den Schrecken der all-
monatlichen Werwolfangriffe erlöst hat.«
Die Glocke läutete. Lockhart warf sich in die Brust.
»Hausaufgaben: Schreibt ein Gedicht über meinen Sieg über
den Wagga Wagga Werwolf! Mein Buch Magisches Ich mit
Autogramm als Belohnung für das beste Gedicht!«
Das Klassenzimmer begann sich zu leeren. Harry ging nach
hinten, wo Ron und Hermine auf ihn warteten.
»Fertig?«, wisperte Harry.
»Warte, bis alle draußen sind«, sagte Hermine nervös.»So,
jetzt ...«
Ein Blatt Papier zwischen die Finger gepresst ging sie nach
vorn zu Lockharts Tisch. Harry und Ron folgten ihr auf den
Fersen.
»Ähm - Professor Lockhart?«, stammelte Hermine, »ich
möchte gerne - dieses Buch - aus der - Bibliothek haben. Nur
zur Hintergrundlektüre.« Mit ein wenig zittriger Hand zeigte
sie ihm das Blatt. »Das Problem ist nur, es steht in der
Verbotenen Abteilung, also brauche ich einen Lehrer; der mir
diese Erlaubnis unterschreibt - ich bin sicher, es hilft mir zu
verstehen, was Sie in Gammeln mit Ghulen über langsam
wirkende Gifte sagen -«
»Ah, Gammeln mit Ghulen!«, sagte Lockhart und griff mit
einem breiten Lächeln nach Hermines Blatt. »Vielleicht mein
Lieblingsbuch. Hat es Ihnen gefallen?«
»Oja«, sagte Hermine respektvoll, »so schlau, wie Sie die-
sen letzten mit dem Teesieb gefangen haben -«
»Nun, sicher wird niemand etwas dagegen haben, wenn ich
meiner besten Schülerin in diesem Jahr noch ein wenig
weiterhelfe«, sagte Lockhart herzlich und zückte einen rie-
sigen Pfauenfederhalter. »ja, hübsch, nicht wahr?«, sagte er,
Rons empörten Blick missdeutend, »ich benutz ihn norma-
lerweise nur, um Bücher zu signieren.«
169
Er malte einen riesigen, verschlungenen Namenszug aufs
Papier und reichte es Hermine zurück.
»So, Harry«, sagte Lockhart, während Hermine das Blatt mit
fahriger Hand zusammenfaltete und es in die Tasche gleiten
ließ. »Morgen ist das erste Quidditch-Spiel der Saison?
Gryffindor gegen Slytherin? Wie ich höre, sind Sie ein
brauchbarer Spieler. Auch ich war mal Sucher. Man hat mich
gebeten, in der Nationalmannschaft zu spielen, doch ich zog es
vor, mein Leben der Auslöschung der dunklen Kräfte zu
widmen. Trotzdem, wenn Sie je das Bedürfnis nach ein wenig
Einzeltraining haben, zögern Sie nicht zu fragen. Bin immer
gern bereit, meine Erfahrung an weniger gute Spieler
weiterzugeben ...«
Harry gab einen undeutlichen Kehllaut von sich und hastete
dann Ron und Hermine nach.
»Ich fass es einfach nicht«, sagte er, als die drei sich die Un-
terschrift auf dem Papier ansahen. »Er hat nicht mal nachge-
sehen, welches Buch wir wollen.«
»Er ist eben ein hirnloser Aufschneider«, sagte Ron. »Aber
was soll's, wir haben, was wir brauchen -«
»Er ist kein hirnloser Aufschneider«, sagte Hermine schrill,
und im Laufschritt machten sie sich auf den Weg in die Bib-
liothek.
»Nur weil er gesagt hat, dass du dieses Jahr die beste Schü-
lerin bist -«
Sie senkten die Stimmen und traten in die Stille der
Bibliothek. Madam Pince, die Bibliothekarin, war eine dürre,
reizbare Gestalt, die aussah wie ein unterernährter Geier.
»Höchstpotente Zaubertränke?«, wiederholte sie
misstrauisch und wollte Hermine das Papier aus der Hand
ziehen, doch Hermine ließ nicht los.
»Ich würd es so gerne behalten«, hauchte sie.
»Ach, komm schon«, sagte Ron. Er zerrte ihr das Papier
170
aus der Hand und klatschte es Madam Pince hin. »Wir holen
dir noch ein Autogramm, Lockhart unterschreibt ja alles, wenn
es lang genug still steht.«
Madam Pince hielt das Blatt hoch gegen das Licht, als wäre
sie entschlossen, eine Fälschung aufzuspüren, doch es hielt
ihrer Prüfung stand. Sie stakste davon und verschwand zwi-
schen den hohen Regalen. Ein paar Minuten später kehrte sie
mit einem großen, schimmlig aussehenden Buch zurück.
Hermine steckte es vorsichtig in die Tasche, und während sie
die Bibliothek verließen, achteten sie sorgfältig darauf, nicht
allzu schnell zu gehen oder zu schuldbewusst dreinzuschauen.
Fünf Minuten später hatten sie sich wieder im kaputten Klo
der Maulenden Myrte verschanzt. Hermine hatte sich gegen
Rons Einwände durchgesetzt und darauf hingewiesen, dass
dies der letzte Ort sei, den jemand aufsuchen würde, der noch
alle Tassen im Schrank hatte. Hier würden sie jedenfalls nicht
gestört werden. Die Maulende Myrte weinte geräuschvoll in
ihrer Kabine, doch sie beachteten sie nicht, und Myrte tat es
ihnen gleich.
Vorsichtig schlug Hermine Höchst potente Zaubertränke
auf, und die drei beugten sich über die stockfleckigen Seiten.
Ein Blick sagte ihnen, warum es in die Verbotene Abteilung
gehörte. Einige der Zaubertränke hatten derart gruslige Wir-
kungen, dass sie es sich lieber nicht ausmalten, und es gab
einige gräuliche Abbildungen, darunter ein Mann, dessen In-
neres nach außen gekehrt war, und eine Hexe, der etliche
Arme aus dem Kopf sprossen.
»Da ist es«, sagte Hermine aufgeregt und deutete auf die
Seite mit der Überschrift Der Vielsaft-Trank. Bebildert war sie
mit Zeichnungen von Menschen, die schon halb in andere
Menschen verwandelt waren. Harry hoffte inständig, dass der
Ausdruck heftiger Schmerzen auf ihren Gesichtern auf das
Konto der Künstlerphantasie ging.
171
»Das ist der komplizierteste Trank, von dem ich je gehört
hab«, sagte Hermine, während sie das Rezept überflogen.
»Florfliegen, Blutegel, Flussgras und Knöterich«, murmelte sie
und fuhr mit dem Finger über die Zutatenliste. »Nun gut, das
ist recht einfach, das ist im Vorratsschrank für die Schüler, da
können wir uns bedienen ... oh, seht Mal, gemahlenes Horn
eines Zweihorns - weiß nicht, wo wir das herkriegen sollen -,
klein geschnittene Haut einer Baumschlange - auch das wird
nicht einfach sein - und natürlich ein Stück von demjenigen, in
den wir uns verwandeln wollen.«
»Wie bitte?«, sagte Ron Schockiert, »was meinst du damit,
ein Stück von dem, in den wir uns verwandeln? Ich trinke
nichts mit Crabbes Zehennägeln drin -«
Hermine fuhr fort, als hätte sie ihn nicht gehört.
»Darüber müssen wir uns jetzt noch keine Sorgen machen,
weil wir diese Stückchen zuletzt reintun ...«
Ron hatte es die Sprache verschlagen. Er wandte sich Harry
zu, der jedoch ein anderes Problem hatte.
»Ist dir klar, wie viel wir stehlen müssen, Hermine? Klein
geschnittene Haut einer Baumschlange, das ist bestimmt nicht
im Schülerschrank, was sollen wir tun, bei Snape einbrechen
und seine privaten Vorräte klauen? Ich weiß nicht, ob das eine
gute Idee ist ...«
Hermine knallte das Buch zu.
»Nun, wenn ihr kalte Füße kriegt, schön«, sagte sie. Lila
Flecken waren auf ihren Wangen erschienen und ihre Augen
waren ungewöhnlich hell. »Ich will ja keine Regeln brechen,
wisst ihr. Ich glaube, Schüler aus Muggelfamilien zu bedrohen
ist viel schlimmer als einen schwierigen Zaubertrank zu
brauen. Aber wenn ihr nicht rausfinden wollt, ob es wirklich
Malfoy ist, geh ich jetzt gleich zu Madam Pince und geb das
Buch wieder zurück -«
»Hätte nie gedacht, dass ich den Tag erleben würde, an
172
dem du uns dazu überredest, die Regeln zu brechen«, sagte
Ron. »Na gut, wir machen mit. Aber keine Zehennägel, ist das
klar!?«
»Wie lange brauchen wir eigentlich dafür?«, fragte Harry.
Hermine, jetzt mit glücklicherer Miene, schlug das Buch
wieder auf
»Na ja, wenn das Flussgras bei Vollmond gezupft werden
muss und die Florfliegen einundzwanzig Tage schmoren
müssen ... würd ich schätzen, wenn wir alle Zutaten kriegen
können, bin ich in einem Monat fertig.«
»Ein Monat«, sagte Ron. »Bis dahin könnte Malfoy alle
Schüler aus Muggelfamillen angreifen!«
Doch Hermines Augen verengten sich abermals bedrohlich
und rasch erwiderte sie: »Aber einen besseren Plan haben wir
nicht. Also volle Kraft voraus, meine ich.«
Hermine sah nach, ob draußen vor dem Klo die Luft rein
war, und Ron brummte Harry zu: »Wir hätten viel weniger
Scherereien, wenn du Malfoy morgen einfach vom Besen
hauen könntest.«
Harry wachte am Samstagmorgen früh auf und während er
noch eine Weile liegen blieb, dachte er über das Quidditch-
Spiel nach. Er war aufgeregt, vor allem bei dem Gedanken,
was Wood sagen würde, wenn Gryffindor verlöre, aber auch
bei der Vorstellung, dass sie es mit einer Mannschaft zu tun
hatten, die mit den schnellsten Rennbesen ausgestattet war, die
mit Gold zu kaufen waren. Nie hatte er sich sehnlicher
gewünscht, Slytherin zu schlagen. Nachdem er eine halbe
Stunde mit brennenden Eingeweiden dagelegen hatte, stand er
auf, zog sich an und ging zeitig hinunter zum Frühstück. Die
anderen aus der Gryffindor-Mannschaft saßen bereits an dem
langen leeren Tisch zusammen, alle mit gespannten Mienen
und recht schweigsam.
173
Gegen elf machte sich die ganze Schule auf den Weg zum
Quidditch-Stadion. Es war ein windstiller Tag, und ein Ge-
witter lag in der Luft. Harry wollte gerade in den Umkleide-
raum gehen, als Ron und Hermine herübergerannt kamen, um
ihm Glück zu wünschen. Die Mannschaft zog ihre schar-
lachroten Gryffindor-Umhänge an und setzte sich dann auf die
Bänke, um wie üblich Woods aufmunternden Worten vor dem
Spiel zu lauschen.
»Die Slytherins haben bessere Besen als wir«, begann er,
»zwecklos, das zu bestreiten. Aber wir haben bessere Spieler
auf unseren Besen. Wir haben härter trainiert als sie, wir sind
bei jedem Wetter geflogen -« (»Wie wahr«, brummte George
Weasley, »seit August bin ich nicht mehr richtig trocken
gewesen«) »- und wir werden sie den Tag bereuen lassen, an
dem sie es zuließen, dass dieses kleine Stück Schleim, Malfoy,
sich in ihre Mannschaft einkaufte.«
Die Brust vor Überschwang geschwellt, wandte sich Wood
an Harry.
»Es liegt an dir, Harry, ihnen zu zeigen, dass ein Sucher
etwas mehr haben muss als einen reichen Vater. Schnapp dir
diesen Schnatz, bevor es Malfoy tut, oder stirb bei dem
Versuch, Harry, denn wir müssen heute unbedingt gewinnen.«
»Kein Erwartungsdruck also, Harry«, sagte Fred und
zwinkerte ihm zu.
Sie gingen hinaus aufs Spielfeld, wo sie mit höllischem
Lärm begrüßt wurden. Es war vor allem Anfeuerungsgeschrei,
denn die Ravenclaws und Hufflepuffs waren scharf darauf, die
Slytherins endlich geschlagen zu sehen, doch die Slytherins
unter den Zuschauern buhten und pfiffen ebenfalls
unüberhörbar. Madam Hooch, die Quidditch-Lehrerin, forderte
Flint und Wood zum Händedruck auf, und unter drohenden
Blicken packten sie härter zu als nötig.
174
»Auf meinen Pfiff geht's los«, sagte Madam Hooch. »Also,
drei ... zwei ... eins«
Unter dem Geschrei der Menge stiegen die vierzehn Spieler
hoch in den bleigrauen Himmel. Harry flog höher als alle
andern und hielt Ausschau nach dem Schnatz.
»Alles klar dort, Narbengesicht?«, schrie Malfoy und raste
unter ihm durch, als ob er ihm zeigen wollte, wie schnell sein
Besen war.
Harry hatte keine Zeit zu antworten. In eben diesem Mo-
ment kam ein schwerer schwarzer Klatscher auf ihn zuge-
schossen, dem er nur um Haaresbreite ausweichen konnte.
»Das war knapp, Harry!«, sagte George und brauste mit dem
Schläger in der Hand an ihm vorbei, um den Klatscher zurück
in Richtung der Slytherins zu treiben. Harry sah, wie George
dem Klatscher einen kräftigen Schlag versetzte, der ihn zu
Adrian Pucey hinüberjagen sollte, doch der Klatscher machte
mitten im Flug kehrt und schoss abermals auf Harry zu.
Harry tauchte rasch ab, um ihm auszuweichen, und George
schaffte es, den Klatscher mit einem harten Schlag auf Malfoy
zuzutreiben. Doch wieder machte der Klatscher in weitem
Bogen wie ein Bumerang kehrt und schoss erneut auf Harrys
Kopf zu.
Harry legte einen Spurt ein und jagte auf das andere Ende
des Feldes zu. Er konnte den Klatscher hinter ihm pfeifen
hören. Was ging da vor? Klatscher verlegten sich nie so hart-
näckig auf einen Spieler, es war ihre Aufgabe, so viele Leute
wie möglich von den Besen zu werfen ...
Fred Weasley wartete am anderen Ende auf den Klatscher.
Harry duckte sich, Fred schlug mit aller Kraft gegen den
Klatscher und schaffte es, ihn aus der Flugbahn zu werfen.
»Das war's!«, rief Fred glücklich, doch damit lag er falsch;
als würde Harry den Klatscher anziehen wie ein Magnet,
175
jagte er ihm erneut nach und Harry musste so schnell er konnte
das Weite suchen.
Es hatte zu regnen begonnen; schwere Tropfen schlugen
gegen Harrys Gesicht und seine Brillengläser. Er hatte keine
Ahnung, was im Spiel sonst noch vor sich ging, bis er Lee
Jordan, den Stadionsprecher, rufen hörte: »Slytherin in Füh-
rung, sechzig zu null Punkte -«
Die überlegenen Besen der Slytherins taten eindeutig ihre
Wirkung, während der verrückte Klatscher alles unternahm,
um Harry vom Besen zu schlagen. Fred und George flogen
jetzt so dicht neben ihm, dass Harry nichts außer ihren
rudernden Armen sehen konnte und keine Chance hatte, den
Schnatz auszumachen, geschweige denn ihn zu fangen.
jemand hat an diesem Klatscher herumgebastelt«, grum-
melte Fred und schlug mit aller Kraft gegen den Ball, als der
einen neuen Angriff auf Harry startete.
»Wir brauchen eine Auszeit«, sagte George und versuchte
Wood ein Zeichen zu geben und zugleich den Klatscher daran
zu hindern, Harrys Nase zu zertrümmern.
Wood hatte offenbar verstanden. Madam Hoochs Pfeife
schrillte und Harry, Fred und George gingen im Sinkflug zu
Boden, wobei sie darauf achten mussten, dem verrückt ge-
wordenen Klatscher auszuweichen.
»Was ist los?«, fragte Wood, als die Gryffindor-Mannschaft
sich unter lautem Johlen der Slytherins zu einem Kreis
zusammendrängte. »Wir werden platt gemacht. Fred und
George, wo wart ihr, als dieser Klatscher Angelina am Tor-
schuss gehindert hat?«
»Wir waren zehn Meter über ihr und haben verhindert,
dass der andere Klatscher Harry umbringt, Oliver«, sagte
George wütend. jemand hat ihn verhext, er lässt Harry nicht in
Ruhe und ist das ganze Spiel über hinter niemand
176
anderem her. Die Slytherins müssen da etwas gedreht haben.«
»Aber die Klatscher waren seit unserem letzten Training in
Madam Hoochs Büro eingeschlossen, und da waren sie noch
in Ordnung ...«, sagte Wood aufgebracht.
Madam Hooch kam auf sie zugeschritten. Hinter ihr sah
Harry die Slytherin-Mannschaft johlend in seine Richtung
deuten.
»Hört mal zu«, sagte Harry, während Madam Hooch näher
kam, »wenn ihr beide die ganze Zeit um mich herumfliegt,
kann ich den Schnatz nur kriegen, wenn er mir den Ärmel
hochsaust«, sagte Harry. »Geht zurück zu den anderen und
lasst mich mit dem Kerlchen alleine fertig werden.«
»Sei doch nicht blöd«, sagte Fred, »er schießt dir den Kopf
ab.«
Wood blickte abwechselnd Harry und die Weasleys an.
»Oliver, das ist verrückt«, sagte Alicia Spinnet wütend, »ihr
könnt Harry mit dem Ding nicht alleine lassen: Wir brauchen
eine Untersuchung!«
»Wenn wir jetzt aufhören, müssen wir das Spiel abschrei-
ben«, sagte Harry, »und nur wegen eines durchgedrehten
Klatschers wollen wir doch nicht gegen die Slytherins ver-
lieren! Komm schon, Oliver, sag ihnen, dass sie mich allein
lassen sollen«
»Das ist alles deine Schuld«, sagte George wutentbrannt zu
Wood, »>hol den Schnatz oder stirb bei dem Versuch< - das
war saudumm von dir, ihm das zu sagen.«
Madam Hooch war jetzt bei ihnen.
»Bereit, wieder zu spielen?«, fragte sie Wood.
Wood sah den entschlossenen Ausdruck auf Harrys Gesicht.
»Alles klar«, sagte er. »Fred und George, ihr habt Harry
gehört - er will es mit dem Klatscher alleine aufnehmen.«
177
Es regnete jetzt stärker. Auf Madam Hoochs Pfiff hin stieß
sich Harry mit aller Kraft vom Boden ab und schon hörte er
den Klatscher Unheil verkündend hinter sich herzischen. Harry
stieg immer höher. Er zog weite Schlaufen und legte Loopings
ein, flog Spiralen und im Zickzack und rollte sich seitlich weg;
ihm war leicht schwindlig, dennoch hielt der die Augen weit
geöffnet; der Regen klatschte gegen seine Brille und lief ihm
die Nase hoch, während er sich vom Besen hängen ließ, um
einem weiteren tückischen Angriff des Klatschers
auszuweichen. Er konnte einige Zuschauer lachen hören, und
ihm war klar, dass er albern aussehen musste, doch der
Klatscher war schwer und konnte die Richtung nicht so schnell
ändern wie Harry. Er legte eine Achterbahnfahrt hin, flog um
das Stadion herum und linste durch die silbernen Re-
genschleier hinüber zu den Torpfosten der Slytherins, wo
Adrian Pucey versuchte an Wood vorbeizukommen -
Ein Pfeifen in Harrys Ohr sagte ihm, dass der Klatscher ihn
eben wieder knapp verfehlt hatte; er legte sich in die Kurve
und rauschte in die andere Richtung davon.
»Trainierst du fürs Ballett, Potter?«, rief Malfoy, als Harry
mitten in der Luft einen albernen Tanz aufführen musste, um
dem Klatscher zu entgehen. Er schaffte es jedoch, ein paar
Meter zwischen sich und dem Klatscher zu gewinnen; und
dann, als er voller Hass auf Malfoy zurückblickte, sah er ihn -
den Goldenen Schnatz. Er schwebte ein paar Zentimeter über
Malfoys linkem Ohr. Und Malfoy, ganz damit beschäftigt,
Harry auszulachen, hatte ihn nicht bemerkt.
Einen quälenden Moment lang schwebte Harry mitten in der
Luft und wagte es nicht, auf Malfoy loszurasen, aus Furcht, er
würde hochschauen und den Schnatz bemerken.
WAMM.
Eine Sekunde zu lange hatte er angehalten. Der Klatscher
hatte schließlich doch noch getroffen. Er war gegen seinen
178
Ellbogen geknallt, und Harry spürte, dass sein Arm gebrochen
war. Mit getrübtem Blick und betäubt von dem stechenden
Schmerz glitt er auf seinem regennassen Besen zur Seite und
ließ sich mit geknicktem Knie von seinem Besenstiel hängen,
der rechte Arm pendelte nutzlos an seiner Seite. Der Klatscher
kam für einen zweiten Angriff zurückgeschossen und diesmal
zielte er auf sein Gesicht. Harry kurvte ihm aus dem Weg. Nur
noch einen einzigen Gedanken hielt er in seinem betäubten
Kopf fest: Schaff es noch zu Malfoy.
Durch den Schleier aus Regen und Schmerz tauchte er zu
dem schimmernden, grinsenden Gesicht unter sich ab und sah
Malfoy die Augen vor Angst aufreißen: er dachte, Harry würde
ihn angreifen.
»Was zum -«, keuchte er und jagte vor Harry davon.
Harry nahm seine gesunde Hand vom Besen und griff
blitzartig zu; er spürte, wie sie sich um den kalten Schnatz
zusammenballte, doch nun hing er nur noch mit den Beinen
am Besen. Verzweifelt bemüht, nicht ohnmächtig zu werden,
schoss er auf den Boden zu. Die Zuschauer schrien auf,
Schlamm spritzte auf, als er unten aufschlug und sich vom
Besen rollte. Sein Arm hing in einem sehr merkwürdigen
Winkel an ihm herab: von Schmerzen geschüttelt hörte er wie
aus weiter Ferne vielstimmiges Pfeifen und Rufen. Er achtete
nur noch auf den Schnatz in seiner gesunden Hand.
»Aha«, nuschelte er, »wir haben gewonnen.«
Und dann wurde es schwarz um ihn.
Als er wieder zu sich kam, lag er immer noch auf dem Feld.
Regen trommelte auf sein Gesicht und jemand beugte sich
über ihn. Er sah Zähne glitzern.
»O nein, nicht der«, stöhnte Harry.
»Weiß nicht, was er sagt«, verkündete Lockhart mit lauter
179
Stimme der gespannten Schar von Gryffindors, die sich um sie
drängten. »Keine Sorge, Harry. Ich richte das mit Ihrem Arm.«
»Nein!«, schrie Harry, »ich behalt ihn so, wie er ist,
danke...«
Er versuchte sich aufzurichten, doch der stechende Schmerz
ließ ihn wieder zurücksinken. Da hörte er ein vertrautes
Klicken in der Nähe.
»Davon will ich kein Foto, Colin«, sagte er laut.
»Legen Sie sich wieder hin, Harry«, sagte Lockhart be-
sänftigend, »das ist ein einfacher Zauber, den ich unzählige
Male durchgeführt habe -«
»Warum kann ich nicht einfach hinüber in den Kranken-
flügel?«, sagte Harry mit zusammengebissenen Zähnen.
»Das sollte er tatsächlich, Professor«, sagte der schlammbe-
spritzte Wood, der nicht umhinkonnte zu grinsen, obwohl sein
Sucher verletzt war. »Großer Fang, Harry, wirklich her-
vorragend, dein bester, würd ich sagen -«
Durch das Beingewimmel um ihn her erkannte Harry Fred
und George Weasley, die den besessenen Klatscher mit Mühe
und Not in einer Kiste verstauten. Er lieferte ihnen immer
noch einen verbissenen Kampf,
»Zurücktreten«, sagte Lockhart und rollte seine jadegrünen
Ärmel hoch.
»Nein - nicht -«, sagte Harry matt, doch Lockhart fuchtelte
schon mit seinem Zauberstab herum und richtete ihn jetzt
direkt auf Harrys Arm.
An Harrys Schulter begann sich ein merkwürdiges und
unangenehmes Gefühl auszubreiten, das sich bis in die Fin-
gerspitzen zog: es war, als würde sein Arm ausgepumpt. Er
wagte nicht hinzusehen, hielt die Augen geschlossen und das
Gesicht vom Arm abgewandt. Und seine schlimmsten
Befürchtungen bewahrheiteten sich, als sie über ihm die
Münder
aufrissen und Colin Creevey wie verrückt zu knip-
180
sen begann. Sein Arm tat nicht mehr weh, aber er fühlte sich
auch nicht mehr an wie ein Arm.
»Tja«, sagte Lockhart. »Tja. Nun, das kann schon mal
passieren. Entscheidend jedoch ist, dass die Knochen nicht
mehr gebrochen sind. Das muss man sich merken. So, Harry,
dann trollen Sie sich mal hoch zum Krankenflügel - ähm, Mr
Weasley, Miss Granger, würden Sie ihn begleiten? Madam
Pomfrey wird ihn dann schon - ähem - ein wenig
zusammenflicken.«
Harry richtete sich auf, Er fühlte sich merkwürdig seitlastig.
Er holte tief Luft und blickte an seiner rechten Schulter
hinunter. Und was er da sah, ließ ihn beinahe wieder
ohnmächtig werden.
Unter seinem Umhang lugte etwas hervor, das aussah wie
ein dicker, fleischfarbener Gummihandschuh. Er versuchte die
Finger zu bewegen. Nichts passierte.
Lockhart hatte Harrys Knochen nicht repariert. Er hatte sie
zum Verschwinden gebracht.
Madam Pomfrey war alles andere als erfreut.
»Sie hätten gleich zu mir kommen sollen!«, tobte sie und
hielt den traurigen lahmen Überrest dessen in die Höhe, was
vor einer halben Stunde noch ein gesunder Arm gewesen war.
»Ich kann Knochen in einer Sekunde wieder heilen - aber neu
wachsen lassen -«
»Das werden Sie doch schaffen, nicht wahr?«, sagte Harry
verzweifelt.
»Ich werde es schaffen, selbstverständlich, aber es wird
schmerzhaft sein«, sagte Madam Pomfrey grimmig und warf
Harry einen Schlafanzug aufs Bett. »Sie werden die Nacht
Ober hier bleiben müssen...«
Hermine wartete vor dem Vorhang um Harrys Bett,
während Ron ihm in den Schlafanzug half Es dauerte eine
181
Weile, bis der gummiartige, knochenlose Arm in einen Ärmel
gestopft war.
»Wie kannst du jetzt noch zu Lockhart halten, Hermine?«,
rief Ron durch den Vorhang, während er Harrys lasche Finger
durch den Ärmelaufschlag zog. »Wenn Harry eine Ent-
knochung gewollt hätte, dann hätte er danach gefragt.«
»Jeder kann mal einen Fehler machen«, sagte Hermine.
»Und es tut nicht mehr weh, oder, Harry?«
»Nein«, sagte Harry und stieg ins Bett. »Aber ansonsten tut
sich auch nichts mehr.«
Mit ziellos umherflatterndem Arm schwang er sich aufs
Bett.
Hermine und Madam Pomfrey kamen jetzt um den Vorhang
herum. Madam Pomfrey hielt eine große Flasche in der Hand,
auf deren Etikett es hieß: »Skele-Wachs«.
»Du hast eine schwere Nacht vor dir«, sagte sie, schenkte
einen Becher mit der dampfenden Flüssigkeit voll und reichte
ihn Harry. »Knochen nachwachsen lassen ist eine scheußliche
Sache.«
Scheußlich war auch das Skele-Wachs. Es verbrannte Harry
Mund und Rachen und ließ ihn husten und prusten. Und
während Madam Pomfrey noch über gefährliche Sportarten
und unfähige Lehrer schimpfte, zog sie sich zurück und
überließ es Ron und Hermine, Harry zu helfen, etwas Wasser
hinunterzuwürgen.
»Immerhin haben wir gewonnen«, sagte Ron, und ein
Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Das war ein
toller Fang von dir. Du hättest Malfoys Gesicht sehen sollen ...
er sah aus, als wollte er dich umbringen ...«
»Ich möchte wissen, wie er diesen Klatscher verhext hat«,
sagte Hermine mit düsterer Stimme.
»Das können wir auf die Liste der Fragen setzen, die wir
ihm stellen, wenn wir den Vielsaft-Trank eingenommen ha-
182
ben«, sagte Harry und ließ sich auf die Kissen zurücksinken.
»Ich hoffe, er schmeckt besser als dieses Zeugs ...«
»Wenn Stückchen von Slytherins drin sind? Du machst
wohl Witze«, sagte Ron.
In diesem Augenblick ging die Tür des Krankenzimmers auf
Schmutzig und durchnässt stürmten die anderen aus der
Gryffindor-Mannschaft herein und scharten sich um Harrys
Bett.
»Unglaubliche Fliegerei, Harry«, sagte George, »ich hab
gerade gesehen, wie Marcus Flint Malfoy fertig gemacht hat.
Von wegen den Schnatz direkt über dem Kopf haben und
nichts bemerken. Malfoy guckte nicht besonders glücklich aus
der Wäsche.«
Sie hatten Kuchen, Süßigkeiten und Flaschen mit Kürbissaft
gekauft und machten sich gerade warm für eine viel
versprechende Party um Harrys Bett, als Madam Pomfrey
herbeigestürmt kam: »Dieser Junge braucht Ruhe, schließlich
müssen dreiunddreißig Knochen nachwachsen! Raus! RAUS«
Und sie ließen Harry allein, mit nichts, was ihn von dem
stechenden Schmerz in seinem lahmen Arm hätte ablenken
können.
Viele Stunden später erwachte Harry jäh in rabenschwarzer
Nacht und stieß einen kleinen Schmerzensschrei aus: sein Arm
fühlte sich jetzt an, als sei er voll großer Splitter. Eine Sekunde
lang dachte er, das sei es, was ihn aufgeweckt habe. Dann, mit
einem Schauder des Entsetzens, erkannte er, dass jemand in
der Dunkelheit seine Stirn abtupfte.
»Hau ab«, sagte er laut, und dann: »Dobby!«
Die glubschigen Tennisballaugen des Hauselfen spähten
Harry durch die Dunkelheit an. Eine einsame Träne lief an
seiner langen, spitzen Nase herab.
183
»Harry Potter ist in die Schule zurückgekehrt«, flüsterte er
niedergeschlagen. »Dobby hat Harry Potter immer wieder
gewarnt. O Sir, warum haben Sie Dobby nicht geglaubt?
Warum ist Harry Potter nicht nach Hause zurückgefahren, als
er den Zug verpasst hat?«
Harry richtete sich mühsam auf und schob Dobbys Ta-
schentuch weg.
»Was machst du hier?«, sagte er. »Und woher weißt du,
dass ich den Zug verpasst habe?«
Dobbys Lippen erzitterten und Harry kam plötzlich ein
furchtbarer Verdacht.
»Du warst es!«, sagte er langsam, »du hast verhindert, dass
die Absperrung uns durchließ!«
»In der Tat, Sir«, sagte Dobby und nickte lebhaft und oh-
renflatternd mit dem Kopf, »Dobby hat sich versteckt und
nach Harry Potter Ausschau gehalten und den Durchgang
verschlossen, ja, und danach musste Dobby seine Hände
schienen -« er zeigte Harry zehn lange verbundene Finger »-
aber Dobby war es egal, Sir, denn er glaubte, Harry Potter sei
sicher, und er hat sich nie träumen lassen, dass Harry Potter
auf einem anderen Weg zur Schule kommen würde«
Er schüttelte den hässlichen Kopf und wiegte vor und zu-
rück.
»Dobby war so entsetzt, als er hörte, dass Harry Potter
zurück in Hogwarts war, dass er das Essen seines Herrn
anbrennen ließ! Eine solche Tracht Prügel hat Dobby noch nie
bekommen, Sir ...«
Harry ließ sich auf die Kissen zurückfallen.
»Wegen dir sind Ron und ich fast rausgeworfen worden«,
sagte er grimmig. »Du verschwindest besser, bevor meine
Knochen zurückkommen, Dobby, oder ich erwürge dich
noch.«
Dobby lächelte matt.
184
»Dobby ist an Todesdrohungen gewöhnt, Sir. Zu Hause
kriegt er sie fünfmal am Tag.«
Er schnäuzte sich in eine Ecke des schmutzigen Kissenbe-
zugs, den er trug, und sah dabei so Mitleid erregend aus, dass
Harry seinen Zorn widerwillig schwinden spürte.
»Warum trägst du dieses Ding, Dobby?«, fragte er neu-
gierig.
»Das, Sir?«, sagte Dobby und zupfte an seinem Kissenbezug
herum. »Das ist ein Zeichen für den Sklavenstand des
Hauselfen, Sir. Dobby kann nur freikommen, wenn seine
Gebieter ihm Kleider schenken, Sir. Die Familie achtet aber
darauf, Dobby nicht einmal eine Socke zu geben, Sir, denn
dann wäre er frei, ihr Haus für immer zu verlassen.«
Dobby wischte sich die hervorquellenden Augen und sagte
plötzlich: »Harry Potter muss nach Hause gehen! Dobby
dachte, sein Klatscher würde reichen, um ihn -«
»Dein Klatscher?«, fragte Harry, und wieder kochte blanke
Wut in ihm hoch. »Was meinst du, dein Klatscher? Du steckst
dahinter, dass mich dieses verdammte Ding umbringen
wollte?«
»Nicht umbringen, Sir, niemals!«, sagte Dobby schockiert,
»Dobby will Harry Potters Leben retten! Besser nach Hause
geschickt, schlimm verletzt, als hier bleiben, Sir! Dobby woll-
te nur, dass Harry Potter so verletzt wird, dass sie ihn nach
Hause schicken!«
»oh, ist das alles?«, sagte Harry schnaubend. »Ich nehm
nicht an, dass du mir sagen wirst, warum du willst, dass ich in
Stücke zerlegt nach Hause geschickt werde?«
»Ah, wenn Harry Potter nur wüsste«, stöhnte Dobby, und
noch mehr Tränen tropften auf seinen schmuddeligen
Kissenbezug. »Wenn er nur wüsste, was er uns bedeutet, den
Niederen, den Versklavten, dem Abschaum der Zaubererwelt!
Dobby erinnert sich noch, wie es war, als jener, dessen
185
Name nicht genannt werden darf, auf der Höhe seiner Macht
war, Sir! Wir Hauselfen wurden wie Ungeziefer behandelt,
Sir! Natürlich wird Dobby immer noch so behandelt, Sir«, gab
er zu und trocknete sich das Gesicht am Kissenbezug. »Aber
insgesamt, Sir, hat sich das Leben für unsereins verbessert, seit
Sie über jenen, dessen Name nicht genannt werden darf,
triumphiert haben. Harry Potter hat überlebt, und die Macht
des Dunklen Lords wurde gebrochen und ein neuer Morgen
brach an, Sir, und Harry Potter strahlte wie ein Leuchtturm der
Hoffnung für jene von uns, die dachten, die dunklen Tage
würden nie enden, Sir ... und jetzt, in Hogwarts, werden
schreckliche Dinge geschehen, und geschehen vielleicht jetzt
schon, und Dobby kann Harry Potter nicht hier lassen, nun, da
die Geschichte sich wiederholen wird, nun, da die Kammer
des Schreckens wieder geöffnet ist -«
Dobby erstarrte. Vom Grauen gepackt, griff er sich Harrys
Wasserkrug vom Nachttisch, schlug ihn gegen seinen Kopf
und stürzte hintüber. Gleich darauf krabbelte er zurück aufs
Bett und brummelte mit schielendem Blick: »Böser Dobby,
sehr böser Dobby ...«s
»Also gibt es tatsächlich eine Kammer des Schreckens?«,
flüsterte Harry, »und - hast du gesagt, sie wurde schon einmal
geöffnet? Erzähl's mir, Dobby!«
Dobbys Hand wanderte langsam wieder zum Wasserkrug
hinüber und Harry packte sein mageres Handgelenk. »Aber ich
stamme nicht aus einer Muggelfamilie, wie kann mir dann
Gefahr aus der Kammer drohen?«
»Ach, Sir, fragen Sie nicht weiter, fragen Sie den armen
Dobby nicht mehr«, stammelte der Elf, und seine riesigen
Augen leuchteten in der Dunkelheit. »Schlimme Taten werden
an diesem Ort geplant, doch Harry Potter darf nicht hier
sein, wenn sie geschehen - gehen Sie heim, Harry Potter,
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Harry Potter darf sich da nicht einmischen, Sir, es ist zu ge-
fährlich -«
»Wer ist es, Dobby?«, sagte Harry und umklammerte wei-
terhin Dobbys Handgelenk, um ihn daran zu hindern, sich
wieder mit dem Wasserkrug zu schlagen. »Wer hat sie geöff-
net? Wer hat sie das letzte Mal geöffnet?«
»Dobby kann nicht, Sir, Dobby kann nicht, Dobby darf es
nicht sagen!«, quiekte der Elf. »Gehen Sie heim, Harry Potter,
gehen Sie nach Hause«
»Ich gehe nirgendwohin!«, sagte Harry entschlossen,
»meine beste Freundin kommt aus einer Muggelfamilie, sie
wird als Erste an der Reihe sein, wenn die Kammer wirklich
geöffnet wurde.«
»Harry Potter setzt sein Leben für Freunde ein«, stöhnte
Dobby in einer Art wehmütiger Begeisterung. »So edel! So
tapfer! Aber er muss sich selbst retten, er muss, Harry Potter
darf nicht -«
Dobby erstarrte plötzlich und seine Fledermausohren er-
zitterten. Auch Harry hörte es. Draußen auf dem Gang nä-
herten sich Schritte.
»Dobby muss gehen!«, hauchte er entsetzt: es gab ein lautes
Knacken und Harrys Faust umklammerte plötzlich nur noch
dünne Luft. Er ließ sich aufs Bett zurückfallen, die Augen auf
den dunklen Eingang zum Krankenflügel gerichtet, und
lauschte den näher kommenden Schritten.
Einen Moment später kam Dumbledore rückwärts gehend in
das Krankenzimmer. Er trug einen langen, wollenen Mor-
genmantel und eine Nachtmütze und schleppte den Kopf von
etwas, das aussah wie eine Statue. Professor McGonagall
erschien eine Sekunde später, die Füße tragend. Gemeinsam
hievten sie die Statue auf ein Bett.
»Holen Sie Madam Pomfrey«, flüsterte Dumbledore, und
Professor McGonagall hastete am Fußende von Harrys Bett
187
vorbei und verschwand. Harry lag mucksmäuschenstill da und
tat so, als würde er schlafen. Er hörte aufgeregtes Geflüster,
und dann tauchte Professor McGonagall wieder auf, dicht
gefolgt von Madam Pomfrey, die eine Strickjacke über ihr
Nachthemd zog. Er hörte, wie jemand pfeifend Luft holte.
»Was ist passiert?«, flüsterte Madam Pomfrey zu Dumble-
dore gewandt und beugte sich über die Statue auf dem Bett.
»Ein zweiter Angriff«, sagte Dumbledore. »Minerva hat ihn
auf der Treppe gefunden.«
»Neben ihm lag ein Bündel Trauben«, sagte Professor
McGonagall, »wir glauben, er hat versucht sich hier herauf-
zuschleichen, um Potter zu besuchen.«
Harrys Magen verkrampfte sich fürchterlich. Langsam und
vorsichtig richtete er sich ein paar Zentimeter auf, um die
Statue auf dem Bett betrachten zu können. Ein Strahl Mond-
licht fiel auf das starr blickende Gesicht.
Es war Colin Creevey. Mit weit aufgerissenen Augen lag er
da, die Hände von sich gestreckt. Und in den Händen hielt er
seine Kamera.
»Versteinert?«, flüsterte Madam Pomfrey.
Ja«' sagte Professor McGonagall. »Aber ich darf nicht daran
denken ... wenn Albus nicht nach unten gegangen wäre, um
sich heiße Schokolade zu holen - wer weiß, was dann -«
Alle drei starrten auf Colin hinunter. Dann beugte sich
Dumbledore vor und zerrte die Kamera aus Colins verklam-
merten Händen.
»Sie denken, es ist ihm gelungen, ein Foto seines Angreifers
zu schießen?«, sagte Professor McGonagall mit beschwö-
render Stimme.
Dumbledore antwortete nicht. Er zog den Kameradeckel ab.
188
»Du meine Güte!«, sagte Madam Pomfrey.
Ein Dampfstrahl zischte aus der Kamera. Harry, drei Betten
entfernt, drang der beißende Geruch von verbranntem Plastik
in die Nase.
»Geschmolzen«, sagte Madam Pomfrey und schüttelte den
Kopf, »alles geschmolzen ...«
»Was bedeutet das, Albus?«, fragte Professor McGonagall
ängstlich.
»Es heißt«, sagte Dumbledore, »dass die Kammer des
Schreckens tatsächlich wieder offen ist.«
Madam Pomfrey schlug sich die Hand gegen den Mund.
Professor McGonagall starrte Dumbledore an.
»Aber Albus ... wer?«
»Die Frage ist nicht, wer«, sagte Dumbledore, die Augen
auf Colin gerichtet. »Die Frage ist, wie ...«
Und nach dem, was Harry von Professor McGonagalls Ge-
sicht in der Dunkelheit erkennen konnte, verstand sie auch
nicht mehr als er.
189
Der Duellierclub
Als Harry am Sonntagmorgen aufwachte, hatte die Win-
tersonne den Krankensaal in gleißendes Licht getaucht. Er
spürte zwar neue Knochen im Arm, konnte ihn allerdings noch
nicht bewegen. Rasch setzte er sich auf und sah hinüber zu
Colins Bett, doch jetzt versperrte ihm der lange Vorhang die
Sicht, hinter dem sich Harry tags zuvor umgezogen hatte.
Madam Pomfrey bemerkte, dass er wach war, und kam mit
einem Frühstückstablett zu ihm. Dann begann sie seinen Arm
und seine Finger zu dehnen und zu strecken.
»Alles in Ordnung«, sagte sie, während er sich mit der
linken Hand unbeholfen Haferbrei in den Mund löffelte.
»Wenn du aufgegessen hast, darfst du gehen.«
Harry zog sich so schnell er konnte an und machte sich
rasch auf den Weg zum Gryffindor-Turm, voller Ungeduld,
Ron und Hermine von Colin und Dobby zu erzählen. Doch sie
waren nicht da. Harry ging wieder hinaus, um nach ihnen zu
suchen. Wo konnten sie abgeblieben sein? Ein wenig beleidigt
war er schon, dass es sie nicht interessierte, ob er nun seine
Knochen wiederhatte oder nicht.
Als er an der Bibliothek vorbeiging, kam Percy Weasley
herausgeschlendert, diesmal offenbar viel besser gelaunt als
bei ihrem letzten Zusammentreffen.
»Ach, hallo, Harry«, sagte er. »Glänzender Flug gestern,
wirklich ausgezeichnet. Gryffindor hat gerade die Führung im
Kampf um den Hauspokal übernommen; du hast fünfzig
Punkte geholt!«
190
»Du hast nicht zufällig Ron oder Hermine gesehen?«, fragte
Harry.
»Nein, hab ich nicht«, antwortete Percy und sein Lächeln
verblasste. »Ich hoffe, Ron treibt sich nicht schon wieder in
einer Mädchentoilette rum ...«
Harry lachte gekünstelt, wartete, bis Percy außer Sicht war,
und machte sich dann schnurstracks auf den Weg zum Klo der
Maulenden Myrte. Er konnte sich zwar nicht denken, warum
Ron und Hermine schon wieder dort drin sein sollten, doch
nachdem er sich vergewissert hatte, dass weder Filch noch
irgendwelche Vertrauensschüler auf dem Gang waren, öffnete
er die Tür. Aus einer verriegelten Kabine hörte er ihre
Stimmen.
»Ich bin's«, sagte er und schloss die Tür hinter sich. Von
drinnen hörte er ein metallisches Klirren, Wasser spritzen und
einen spitzen Aufschrei, dann sah er Hermines Auge durch das
Schlüsselloch spähen. »Harry!«, sagte sie. »Hast du uns
erschreckt! Komm rein - wie geht's deinem Arm?«
»Gut«, sagte Harry und zwängte sich in die Kabine. Auf der
Kloschüssel stand ein alter Kessel, und ein prasselndes
Geräusch sagte Harry, dass sie darunter ein Feuer entfacht
hatten. Tragbare, wasserdichte Feuer heraufzubeschwören, war
eine Spezialität Hermines.
»Wir wären dich ja besuchen gekommen, aber dann haben
wir beschlossen, mit dem Vielsaft-Zaubertrank anzufangen«,
erklärte Ron, während Harry mühsam die Tür hinter sich
verriegelte. »Wir haben uns überlegt, dass wir ihn am besten
hier verstecken.«
Harry begann von Colin zu erzählen, doch Hermine un-
terbrach ihn:
»Das wissen wir schon, wir haben gehört, wie Professor
McGonagall es heute Morgen Professor Flitwick gesagt hat.
Darum haben wir beschlossen, gleich loszulegen -«
191
»Je schneller wir ein Geständnis aus Malfoy rausholen, des-
to besser«, knurrte Ron. »Wisst ihr, was ich glaube? Er war
nach dem Quidditch-Match ganz miserabler Laune und hat sie
an Colin ausgelassen.«
»Da ist noch etwas«, sagte Harry und beobachtete Hermine,
wie sie büschelweise Knöterich zerrupfte und in das Gebräu
warf, »Mitten in der Nacht hat Dobby mich besucht.«
Ron und Hermine hoben verblüfft die Köpfe. Harry zählte
ihnen, was Dobby ihm gesagt - oder vielmehr nicht gesagt
hatte. Ron und Hermine lauschten mit offenen Mündern.
»Die Kammer des Schreckens wurde schon einmal geöff-
net?«, fragte Hermine.
»Damit ist die Sache klar«, sagte Ron triumphierend. »Lu-
cius Malfoy muss die Kammer geöffnet haben, als er hier in
der Schule war, und jetzt hat er dem lieben alten Draco ver-
raten, wie es geht. Glasklar. Hätte dir Dobby doch bloß gesagt,
was für ein Monster dadrin ist. Ich möchte wissen, wie es
kommt, dass noch niemand gesehen hat, wie es in der Schule
herumschleicht.«
»Vielleicht kann es sich unsichtbar machen«, sagte Her-
mine, die gerade Blutegel auf dem Kesselboden zerstampfte.
»Oder vielleicht kann es sich verkleiden und so tun, als wäre
es eine Rüstung oder so was: ich hab gelesen, dass es Cha-
mäleon-Ghule gibt -«
»Du hast zu viel gelesen, Hermine«, sagte Ron und schüttete
den Blutegeln tote Florfliegen hinterher. Er knüllte die leere
Florfliegentüte zusammen und wandte sich zu Harry um.
»Also hat Dobby uns den Zug verpassen lassen und deinen
Arm gebrochen ...« Er schüttelte den Kopf, »Weißt du was,
Harry? Wenn er nicht aufhört, dein Leben retten zu wollen,
bringt er dich sicher noch um.«
192
Die Nachricht, dass Colin Creevey angegriffen worden war
und jetzt wie tot im Krankenflügel lag, hatte sich bis Mon-
tagmorgen in der ganzen Schule herumgesprochen. Plötzlich
schwirrte die Luft von Gerüchten und Verdächtigungen. Die
Erstklässler gingen jetzt nur noch in Grüppchen durch das
Schloss, als ob sie Angst hätten, angegriffen zu werden, wenn
sie sich allein auf den Weg machten.
Ginny Weasley, die in Zauberkunst neben Colin Creevey
gesessen hatte, war ganz verstört, doch Harry hatte den Ein-
druck, dass Fred und George das falsche Rezept einsetzten, um
sie aufzumuntern. Abwechselnd ließen sie sich Pelze oder
Furunkel wachsen und lauerten ihr hinter Statuen auf, um ihr
dann mitten in den Weg zu springen. Sie hörten erst damit auf,
als Percy vor Wut platzte und ihnen drohte, er werde an Mrs
Weasley schreiben und ihr sagen, dass Ginny Alpträume
durchlitte.
Unterdessen kam es hinter dem Rücken der Lehrer zu einem
blühenden Handel mit Talismanen, Amuletten und anderen
schützenden Utensilien. Neville Longbottom kaufte eine große
übel riechende grüne Zwiebel und den verwesenden Schwanz
eines Wassermolchs, bevor die anderen Gryffindor-Jungen ihn
darüber aufklärten, dass er nicht in Gefahr sei; er war ein
Reinblüter und würde deshalb wohl nicht angegriffen werden.
»Sie haben sich Filch als Ersten vorgenommen«, sagte Ne-
ville, das runde Gesicht voller Angst, »und jeder weiß, dass
ich beinahe ein Squib bin.«
In der zweiten Dezemberwoche kam wie üblich Professor
McGonagall zu ihnen hoch und notierte sich die Namen der
Schüler, die über Weihnachten in Hogwarts bleiben wollten.
Harry, Ron und Hermine trugen sich in die Liste ein; sie hatten
gehört, dass auch Malfoy dableiben würde, und das
193
kam ihnen sehr verdächtig vor. Die Ferien würden die beste
Zeit sein, um den Vielsaft-Trank einzusetzen und zu versu-
chen, ein Geständnis aus ihm herauszukitzeln.
Leider war das Gebräu erst halb fertig. Sie brauchten noch
das Zweihorn-Horn und die Baumschlangenhaut, und die
konnten sie sich nur aus Snapes privaten Vorräten beschaffen.
Harry verschwieg den andern, dass er lieber dem sagenhaften
Monster Slytherins die Stirn bieten würde als von Snape beim
Klauen in seinem Büro erwischt zu werden.
»Was wir brauchen«, sagte Hermine entschieden, als die
donnerstägliche Doppelstunde Zaubertränke näher rückte, »ist
ein Ablenkungsmanöver. Dann kann einer von uns in Snapes
Büro schleichen und dort holen, was wir brauchen.«
Harry und Ron sahen sie nervös an.
»Ich glaube, ich mach das besser selbst mit dem Klauen«,
fuhr Hermine in sachlichem Ton fort. »Ihr beide werdet raus-
geworfen, wenn ihr noch mal was anstellt, und ich habe noch
keinen Eintrag. Also müsst ihr nur genug Durcheinander stif-
ten, um Snape etwa fünf Minuten lang in Atem zu halten.«
Harry lächelte matt. Einen Aufruhr in Snapes Klasse zu
veranstalten war etwa so ungefährlich wie einem schlafenden
Drachen ins Auge zu stechen.
Der Zaubertrankunterricht fand in einem der großen Kerker
statt. Am Donnerstagnachmittag ging es wie üblich zu.
Zwanzig Kessel brodelten zwischen den Holztischen, auf de-
nen Messingwaagen und Töpfe mit Zutaten standen. Snape
durchstreifte die Dampfwolken und machte abfällige Be-
merkungen über die Arbeit der Gryffindors, während die
Slytherins genüsslich kicherten. Draco Malfoy, Snapes Lieb-
lingsschüler, schnippte dauernd Pufferfischaugen gegen Ron
und Harry, die wussten, wenn sie sich rächen würden, bekä-
men sie schneller Strafarbeiten aufgehalst, als sie »ungerecht«
sagen konnten.
194
Harrys Schwell-Lösung war viel zu dünn, aber das beun-
ruhigte ihn heute wenig. Er wartete auf Hermines Zeichen und
hörte kaum zu, als Snape vor ihn trat und über seine wässrige
Suppe spottete. Als Snape weiterging, um Neville zu hänseln,
sah Hermine zu Harry hinüber und nickte.
Harry duckte sich rasch hinter seinen Kessel, zog einen von
Freds Filibuster-Feuerwerkskrachern aus der Tasche und tippte
mit dem Zauberstab dagegen. Der Kracher fing an zu zischen
und zu knattern. Harry, der wusste, dass er nur ein paar
Sekunden Zeit hatte, zielte und warf ihn durch die Luft; er
landete genau im Ziel, nämlich in Goyles Kessel.
Goyles Schwellgebräu explodierte und regnete über der
ganzen Klasse herab. Schüler, die einen Tropfen abbekommen
hatten, schrien laut auf, Malfoy hatte einen Spritzer mitten ins
Gesicht bekommen und seine Nase begann sich zu blähen wie
ein Luftballon. Goyle tapste umher, die Hände über den
Augen, die zur Größe von Tellern aufgequollen waren. Snape
mühte sich nach Kräften, Ruhe in die Klasse zu bringen und
herauszufinden, was geschehen war. Im Durcheinander sah
Harry, wie Hermine sich in Snapes Büro stahl.
»Ruhe! RUHE«, dröhnte Snape. »Alle, die einen Spritzer
abbekommen haben, hier herüber zum Abschwelltrank - wenn
ich rauskriege, wer das war -«
Harry versuchte sich das Lachen zu verkneifen, als er sah,
wie Malfoy nach vorn rannte, den Kopf vom Gewicht einer
melonengroßen Nase zu Boden gezogen. Die halbe Klasse
schlurfte vor zu Snapes Tisch. Einige hatten Arme wie un-
förmige Holzprügel, andere brachten durch ihre gigantisch
aufgequollenen Lippen kein Wort mehr heraus. Unterdessen
sah Harry, wie Hermine mit aufgebauschtem Umhang wieder
in den Kerker glitt.
Als alle einen Schluck des Gegenmittels genommen hatten
und die verschiedenen Schwellungen abgeklungen wa-
195
ren, fegte Snape hinüber zu Goyles Kessel und schöpfte die
verhedderten schwarzen Überreste des Feuerwerkskörpers
heraus. Die Klasse verstummte.
»Wenn ich je rauskriege, wer das getan hat«, zischte Snape.
»Dem garantiere ich, dass er rausfliegen wird.«
Harry bemühte sich, seinem Gesicht den Ausdruck von
Verwirrung zu geben. Snapes Blick fiel auf ihn, und die
Glocke, die zehn Minuten später läutete, war eine Erlösung.
»Er weiß, dass ich es war«, sagte Harry zu Ron und Her-
mine, nachdem sie wieder ins Klo der Maulenden Myrte ge-
rannt waren. »Das hab ich deutlich gespürt.«
Hermine warf die neuen Zutaten in den Kessel und begann
fieberhaft umzurühren.
»In zwei Wochen ist der Trank fertig«, sagte sie glücklich.
»Snape kann nicht beweisen, dass du es warst«, sagte Ron
aufmunternd. »Was kann er denn machen?«
»Wie ich Snape kenne, etwas ganz Fieses«, sagte Harry
unter dem Schäumen und Blubbern des Zaubertranks.
Als Harry, Ron und Hermine eine Woche später die Ein-
gangshalle durchquerten, bemerkten sie einen kleinen Men-
schenauflauf um das schwarze Brett, wo soeben ein Pergament
angepinnt worden war. Seamus Finnigan und Dean Thomas
winkten sie ganz aufgeregt herüber.
»Sie gründen einen Duellierclub!«, sagte Seamus. »Heute
Abend ist das erste Treffen! Ich hätte nichts gegen Duellun-
terricht, wer weiß, vielleicht brauche ich ihn eines Tages ...«
»Wie - du denkst, Slytherins Monster wird sich duellie-
ren?«, sagte Ron, doch auch er las den Aushang mit Interesse.
»Könnte nützlich sein«, sagte er auf dem Weg zum Mittag-
essen zu Harry und Hermine. »Sollen wir hingehen?«
Auch Harry und Hermine hatten Lust, und so eilten sie
abends um acht zurück in die Große Halle. Die langen Spei-
196
setische waren verschwunden und an einer Wand war eine
goldene Bühne aufgetaucht, erleuchtet von tausenden über ihr
schwebenden Kerzen. Unter der wieder samtschwarzen Decke
schien sich fast die ganze Schule versammelt zu haben, alle
mit aufgeregter Miene und bewaffnet mit dem Zauberstab.
»Wer wohl den Unterricht gibt?«, fragte Hermine, als sie
sich in die schnatternde Schar drängten. »Vielleicht Flitwick,
ich hab gehört, er sei in jungen Jahren ein glänzender Duell-
kämpfer gewesen.«
»Solange er nicht -«, begann Harry, doch mit einem Stoß-
seufzer brach er ab: Gewandet in einen prachtvollen pflau-
menblauen Umhang betrat Gilderoy Lockhart die Bühne, und
ihm folgte, in seinem üblichen schwarzen Umhang, kein
anderer als Snape.
Mit einer Armbewegung gebot Lockhart Ruhe. »Kommt
näher, hier herüber! Können mich alle sehen? Könnt ihr mich
alle hören? Sehr schön!
Nun, Professor Dumbledore hat mir die Erlaubnis erteilt,
diesen kleinen Duellierclub zu gründen und euch auszubilden
für den Fall, dass ihr euch verteidigen müsst, wie ich selbst es
in zahllosen Fällen getan habe - die Einzelheiten lest ihr bitte
in meinen Veröffentlichungen nach.
Ich möchte euch meinen Assistenten Professor Snape vor-
stellen«, sagte Lockhart und ließ ein breites Lächeln aufblit-
zen. »Er hat mir anvertraut, dass er selbst ein klein wenig vom
Duell versteht und sich freundlicherweise bereit erklärt hat,
mir anfangs bei einer kleinen Vorführung zu helfen. Nun, ihr
jungen Leute braucht euch keine Sorgen zu machen, wenn ich
mit ihm fertig bin, bekommt ihr euren Zaubertranklehrer
unversehrt wieder, keine Angst!«
»Wär's nicht das Beste, wenn sie sich gegenseitig erledig-
ten?«, murmelte Ron Harry ins Ohr.
197
Snapes Oberlippe kräuselte sich. Harry fragte sich, weshalb
Lockhart eigentlich noch lächelte; wenn Snape ihn so
angesehen hätte, hätte er schon längst das Weite gesucht.
Lockhart und Snape wandten sich einander zu und ver-
beugten sich; wenigstens tat. dies Lockhart mit viel Hände-
gefuchtel, während Snape gereizt mit dem Kopf ruckte. Dann
hoben sie ihre Zauberstäbe wie Schwerter in die Höhe.
»Wie ihr seht, halten wir unsere Zauberstäbe in der her-
kömmlichen Kampfstellung«, erklärte Lockhart der schwei-
genden Menge. »Ich zähle bis drei und dann sprechen wir
unsere ersten Zauberflüche. Natürlich hat keiner von uns die
Absicht zu töten.«
»Darauf würd ich nicht wetten«, murmelte Harry und sah
Snape die Zähne blecken.
»Eins - zwei - drei -«
Beide schwangen ihre Zauberstäbe über die schultern; Snape
rief. »Expelliarmus!« Ein blendend scharlachroter Blitz riss
Lockhart von den Füßen: rücklings flog er über die Bühne,
knallte gegen die Wand, rutschte an ihr herunter und blieb, alle
Viere von sich gestreckt, auf dem Boden liegen.
Malfoy und einige andere Slytherins johlten. Hermine
hüpfte auf den Zehenspitzen herum. »Meint ihr, ihm ist was
passiert?«, kreischte sie durch die Finger.
»Na wenn schon«, sagten Harry und Ron wie aus einem
Munde.
Lockhart rappelte sich schwankend auf Er hatte den Hut
verloren und sein Wellenhaar stand spitz in die Höhe.
»Nun, ihr habt's gesehen«, sagte er und tapste zurück auf die
Bühne. »Das war ein Entwaffnungszauber - wie ihr seht, hab
ich meinen Zauberstab verloren - ah, danke, Miss Brown - ja,
treffliche Idee, ihnen das zu zeigen, Professor Snape, aber
verzeihen Sie, wenn ich Ihnen dies sage, es war recht
offensichtlich, was Sie vorhatten, und ich hätte es ver-
198
hindert, wenn ich nur gewollt hätte - allerdings meinte ich, es
sei lehrreich, wenn die Schüler es sehen würden ...«
Snapes Gesicht hatte einen mörderischen Ausdruck an-
genommen. Vielleicht war das auch Lockhart aufgefallen,
denn er sagte: »Genug der Vorführung! Ich komme jetzt runter
und stelle euch alle zu Paaren zusammen - Professor Snape,
wenn Sie mir helfen würden -«
Sie gingen durch die Menge und stellten die Schüler part-
nerweise zusammen. Lockhart stellte Neville neben Justin
Finch-Fletchley. Snape erreichte Ron und Harry zuerst.
»Zeit, das Traumpaar zu trennen«, höhnte er. »Weasley, du
gehst zu Finnigan. Potter -«
Harry bewegte sich ganz automatisch in Richtung Hermine.
»Das kommt nicht in Frage«, sagte Snape kalt lächelnd. »Mr
Malfoy, kommen Sie hier herüber. Schauen wir mal, was Sie
aus dem berühmten Potter machen. Und Sie, Miss Granger -
Sie gehen mit Miss Bulstrode zusammen.«
Eitel grinsend schritt Malfoy herbei. Hinter ihm kam ein
Mädchen aus Slytherin, das Harry an ein Bild erinnerte, das er
in Ferien mit Vetteln gesehen hatte. Sie war groß und vier-
schrötig und ihr schwerer Kiefer mahlte angriffslustig.
Hermine schenkte ihr ein mattes Lächeln, doch sie lächelte
nicht zurück.
»Stellt euch zum Partner gewandt auf!«, rief Lockhart, in-
zwischen wieder auf der Bühne. »Und verbeugt euch!«
Harry und Malfoy neigten kaum merklich die Köpfe und
ließen sich dabei nicht aus den Augen.
»Zauberstäbe bereit!«, rief Lockhart. »Ich zähle bis drei,
dann sprecht ihr eure Zauberflüche und entwaffnet den Geg-
ner - nur entwaffnen - wir wollen keine Unfälle - eins ... zwei
... drei -«
Harry schwang den Zauberstab über die Schulter, doch
199
Malfoy hatte schon bei »zwei« angefangen: Sein Fluch traf
Harry so hart, dass er das Gefühl hatte, ein Suppentopf sei ihm
gegen den Kopf geflogen. Er stolperte, doch es schien noch al-
les an ihm heil zu sein, und ohne Zeit zu verschwenden rich-
tete Harry seinen Zauberstab auf Malfoy: »Rictusempra!«
Ein silberner Lichtstrahl traf Malfoy in den Magen und er
knickte keuchend ein.
»Ich sagte, nur entwaffnen!«, rief Lockhart aufgebracht über
die Köpfe der kämpfenden Menge hinweg, als Malfoy in die
Knie sank; Harry hatte ihn mit einem Kitzelfluch belegt und
Malfoy konnte sich vor Lachen kaum bewegen. Harry hatte
das Gefühl, es wäre unsportlich, Malfoy zu verhexen, während
er auf dem Boden lag, und hielt sich zurück. Doch das war ein
Fehler; nach Atem ringend richtete Malfoy seinen Zauberstab
auf Harrys Knie, würgte »Tarantallegra!« heraus und im
nächsten Augenblick begannen Harrys Beine wild
umherzuschlenkern, als tanzte er einen schnellen Foxtrott.
»Aufhören! Aufhören!«, schrie Lockhart, doch Snape nahm
die Sache in die Hand.
»Finite Incantatem!«, schrie er; Harrys Beine hörten auf zu
tanzen und Malfoy hörte auf zu lachen und beide konnten sich
wieder sammeln.
Grünlicher Rauch hing über dem Schlachtfeld. Neville und
Justin lagen schwer atmend auf dem Boden; Ron half dem
aschfahlen Seamus auf die Beine und entschuldigte sich für
was immer auch sein lädierter Zauberstab angestellt haben
mochte; doch Hermine und Millicent Bulstrode rauften noch
miteinander; Millicent hatte Hermine, die vor Schmerz
wimmerte, im Schwitzkasten: die Zauberstäbe der beiden la-
gen vergessen auf dem Boden. Harry sprang hinüber und riss
Millicent weg. Das war nicht einfach, denn sie war viel größer
als er.
»Du meine Güte«, sagte Lockhart. Er hüpfte durch die
200
Menge und begutachtete das Trümmerfeld. »Aufstehen, Mac-
millan ... vorsichtig da, Miss Fawcett ... drück stark dagegen,
Boot, es wird gleich aufhören zu bluten -
»Ich denke, ich zeige euch lieber, wie ihr feindseligen Zau-
ber abblocken könnt«, sagte Lockhart, verwirrt inmitten der
Halle stehend. Er sah zu Snape hinüber, dessen schwarze
Augen funkelten, und sah rasch wieder weg. »Ich brauche
zwei Freiwillige - Longbottom und Finch-Fletchley, wie wär's
mit ihnen -«
»Eine schlechte Idee, Professor Lockhart«, sagte Snape und
glitt herüber wie eine große Unheil bringende Fledermaus.
»Longbottom richtet mit den einfachsten Zaubersprüchen
Verheerungen an, da können wir das, was von Finch-Fletchley
übrig bleibt, in einer Streichholzschachtel hoch ins Kran-
kenquartier schicken.« Nevilles rundes rosa Gesicht färbte sich
dunkelrosa. »Wie wär's mit Malfoy und Potter?«, sagte Snape
mit einem schiefen Lächeln.
»Glänzende Idee!«, sagte Lockhart und gestikulierte Harry
und Malfoy in die Mitte der Halle. Die Menge wich zurück,
um ihnen Platz zu machen.
»Nun, Harry«, sagte Lockhart, »wenn Draco seinen Zau-
berstab auf Sie richtet, tun Sie dies.«
Er hob seinen eigenen Zauberstab, versuchte eine kompli-
zierte Schlängelbewegung und ließ ihn fallen. Unter dem hä-
mischen Grinsen Snapes hob Lockhart den Zauberstab auf.
»Uuups - mein Zauberstab ist ein wenig überhitzt -«
Snape trat zu Malfoy, beugte sich hinunter und flüsterte ihm
etwas ins Ohr. jetzt grinste auch Malfoy. Harry sah nervös zu
Lockhart auf:
»Professor, könnten Sie mir diese Abwehrbewegung noch
einmal zeigen?«
»Angst?«, murmelte Malfoy so leise, dass Lockhart es nicht
hören konnte.
201
»Hättest du wohl gerne«, sagte Harry aus dem Mundwinkel.
Lockhart patschte Harry fröhlich auf die Schulter: »Machen
Sie einfach meine Bewegung nach, Harry!«
»Wie, ich soll meinen Zauberstab fallen lassen?«
Doch Lockhart hörte ihm nicht zu.
»Drei - zwei - eins - los«, rief er.
Malfoy hob rasch seinen Zauberstab und bellte: »Serpen-
sortia!«
Die Spitze des Zauberstabs explodierte. Harry sah mit
aufgerissenen Augen, wie eine lange schwarze Schlange da-
raus hervorschoss, schwer auf den Boden zwischen ihnen
klatschte und sich aufrichtete, bereit zum Biss. Schreiend wich
die Menge zurück und bildete einen weiten Kreis um sie.
»Nicht bewegen, Potter«, sagte Snape gleichmütig. Er
genoss offensichtlich den Anblick des erstarrten Harry, Auge
in Auge mit der gereizten Schlange. »Ich schaff sie fort ...«
»Erlauben Sie«, rief Lockhart. Drohend schwang er seinen
Zauberstab gegen die Schlange und es gab einen lauten Knall;
die Schlange, anstatt zu verschwinden, hob sich vier Meter in
die Luft und fiel dann mit einem lauten Klatschen zurück auf
den Boden. Rasend vor Wut und erregt zischend glitt sie direkt
auf Justin Finch-Fletchley zu und richtete sich abermals mit
gebleckten Giftzähnen auf,
Harry war sich nicht sicher, was ihn zu seinem Handeln
trieb. Er hatte sich nicht einmal bewusst dazu entschieden.
Alles, was er wusste, war, dass ihn seine Beine vorwärts tru-
gen, als bewege
er sich auf Rollen, und dass er die Schlange dusslig
anschrie: »Weg von ihm!« Und wundersamerweise -
unerklärlicherweise - sackte die Schlange zu Boden, friedlich
wie
ein dicker schwarzer Gartenschlauch, und richtete ihre
Augen auf Harry. Harry spürte die Angst aus sich wei-
202
chen. Er wusste, dass die Schlange jetzt niemanden mehr
angreifen würde, aber warum er das wusste, hätte er nicht
erklären können.
Er sah zu Justin auf und grinste ihn an. Justin hätte eigent-
lich erleichtert aussehen müssen oder verwirrt oder sogar
dankbar - doch gewiss nicht wütend und verängstigt.
»Was treibst du da eigentlich für ein Spiel?«, schrie er, und
bevor Harry etwas sagen konnte, hatte er sich umgewandt und
war aus der Halle gestürmt.
Snape trat vor, wedelte mit seinem Zauberstab und die
Schlange löste sich in ein Wölkchen aus schwarzem Staub auf
Auch Snape musterte Harry mit einem Blick, den er nicht
erwartet hätte: scharf und berechnend, und Harry mochte
diesen Blick nicht. Und nun hob ein merkwürdiges Murmeln
entlang der Wände an. jemand hinter ihm zerrte an seinem
Umhang.
»Komm«, sagte Rons Stimme in sein Ohr, »beweg dich -
komm schon -«
Ron und Hermine nahmen ihn in die Mitte und führten ihn
aus der Halle. Als sie durch die Tür gingen, teilte sich die
Schar der Schüler zu beiden Seiten, als hätten sie Angst. Harry
hatte keine Ahnung, was eigentlich los war, und weder Ron
noch Hermine sagten ein Wort, bis sie ihn nach oben in den
Gemeinschaftsraum geführt hatten. Ron drückte Harry in einen
Sessel und sagte:
»Du bist ein Parselmund. Warum hast du es uns nicht er-
zählt?«
»Ich bin ein was?«
»Ein Parselmund!«, sagte Ron. »Du kannst mit Schlangen
sprechen!«
»Ich weiß«, sagte Harry. »Aber das ist erst das zweite Mal
in meinem Leben. Einmal hab ich aus Versehen eine Boa
constrictor im Zoo auf meinen Vetter Dudley losgelassen –
lange
203
Geschichte -, aber sie sagte mir, sie sei noch nie in Brasilien
gewesen und ich hab sie eigentlich unabsichtlich freigelassen -
das war, bevor ich Wusste, dass ich ein Zauberer bin -«
»Eine Boa constrictor hat dir gesagt, sie sei noch nie in Bra-
silien gewesen?«, wiederholte Ron mit leiser Stimme.
»Na und?«, sagte Harry, »ich wette, eine Menge Leute hier
können das.«
»O nein, können sie nicht«, sagte Ron. »Es ist keine sehr
verbreitete Gabe. Harry, das ist schlecht.«
»Was ist schlecht?«, sagte Harry, der allmählich etwas
ungeduldig wurde. »Was ist eigentlich los mit euch allen? Hör
mal, wenn ich dieser Schlange nicht gesagt hätte, dass sie
Justin nicht angreifen soll -«
»oh, das hast du ihr gesagt?«
»Was soll das heißen? Du warst dabei - du hast mich doch
gehört -«
»Ich hab dich Parsel sprechen gehört«, sagte Ron. »Schlan-
gensprache. Du hättest alles sagen können - kein Wunder, dass
Justin panische Angst gekriegt hat, du hast geklungen, als ob
du die Schlange anstacheln würdest - es war gruslig, weißt du -
«
Harry starrte ihn mit offenem Mund an.
»Ich habe eine andere Sprache gesprochen? Aber - das habe
ich nicht gemerkt - wie kann ich eine andere Sprache sprechen,
ohne dass ich es weiß?«
Ron schüttelte den Kopf. Er und Hermine sahen aus, als
wäre eben jemand gestorben. Harry begriff nicht, was denn so
schrecklich sein sollte.
»Willst du mir sagen, was daran falsch ist, wenn ich eine
dreckige alte Schlange daran hindere, Justin den Kopf abzu-
beißen?«, fragte er. »Ist doch egal, wie ich es angestellt habe,
solange Justin nicht bei der Kopflosenjagd mitmachen muss«
»Es ist nicht egal«, meldete sich Hermine endlich mit ge-
204
dämpfter Stimme. »Denn Salazar Slytherin war berühmt dafür,
dass er mit Schlangen reden konnte. Deshalb ist das Symbol
des Hauses Slytherin eine Schlange.«
Harry klappte der Mund auf.
»Genau«, sagte Ron. »Und jetzt denkt die ganze Schule, du
bist sein Urururururgroßenkel oder so ähnlich -«
»Aber das bin ich nicht«, sagte Harry mit einem Anflug von
Panik, den er sich selbst nicht recht erklären konnte.
»Das wirst du kaum beweisen können«, sagte Hermine. »Er
lebte vor ungefähr einem Jahrtausend; nach allem, was wir
wissen, könntest du es sein.«
Harry lag in dieser Nacht noch stundenlang wach. Durch
eine Lücke im Vorhang um sein Bett sah er Schnee am
Turmfenster vorbeitreiben. Er dachte nach ...
Konnte er ein Nachfahre Salazar Slytherins sein? Er wusste
schließlich nichts über die Familie seines Vaters. Die Dursleys
hatten ihm Fragen über seine Zaubererverwandtschaft immer
verboten.
Leise versuchte Harry etwas in der Schlangensprache zu
sagen. Doch Worte wollten nicht kommen. Offenbar ging es
nur, wenn er einer Schlange in die Augen blickte.
»Aber ich bin in Gryffindor«, dachte Harry. »Der Spre-
chende Hut hätte mich nicht hierher gesteckt, wenn ich
Slytherin-Blut hätte ...«
»Ach«, sagte eine boshafte leise Stimme in seinem Gehirn.
»Aber der Sprechende Hut wollte dich doch nach Slytherin
stecken, erinnerst du dich nicht?«
Harry drehte sich auf die Seite. Morgen würde er Justin in
Kräuterkunde treffen und ihm erklären, dass er die Schlange
von ihm abgehalten und sie nicht aufgestachelt hatte, was (wie
er, wütend sein Kissen zusammenknüllend, dachte) doch jeder
Dummkopf hätte erkennen müssen.
205
Am nächsten Morgen allerdings hatte sich das nächtliche
Schneetreiben in einen so dichten Schneesturm verwandelt,
dass Kräuterkunde ausfiel: Professor Sprout wollte den Al-
raunen Socken und Schals überziehen, und das war eine so
vertrackte Angelegenheit, dass sie niemand anderen damit
betrauen wollte - besonders jetzt, da die Alraunen rasch
wachsen und Mrs Norris und Colin Creevey ins Leben zu-
rückholen sollten.
Harry saß am Kaminfeuer im Gemeinschaftsraum und
grübelte über den gestrigen Abend nach, während Ron und
Hermine die freie Stunde nutzten, um Zaubererschach zu
spielen.
»Um Himmels willen, Harry«, sagte Hermine entnervt, als
einer von Rons Läufern ihren Springer vom Pferd zerrte und
ihn vom Brett schleifte. »Dann geh doch und such Justin,
wenn es dir so wichtig ist.«
Also stand Harry auf und stieg durch das Porträtloch. Wo
konnte Justin wohl stecken?
Wegen des dichten Schneetreibens war es im Schloss
dunkler als sonst tagsüber. Bibbernd vor Kälte ging Harry an
den Klassenzimmern vorbei, in denen Unterricht stattfand, und
erhaschte dabei augenblicksweise, was drinnen vorging.
Professor McGonagall herrschte gerade einen Schüler an, der,
nach ihren Worten zu schließen, seinen Freund in einen Dachs
verwandelt hatte. Harry widerstand dem Drang, einen Blick
hineinzuwerfen, und ging vorbei. Justin nutzte vielleicht seine
freie Stunde, um ein wenig zu arbeiten, und Harry beschloss
zuerst in der Bibliothek nachzuschauen.
Eine Gruppe von Hufflepuffs, die auch Kräuterkunde gehabt
hätten, saßen tatsächlich hinten in der Bibliothek, aber sie
schienen nicht zu arbeiten. Durch die langen Reihen hoher
Bücherregale konnte Harry sehen, dass sie die Köpfe eng
zusammengesteckt hatten und offenbar angespannt mitei-
206
nander tuschelten. Er konnte nicht erkennen, ob Justin dabei
war, und trat näher. Auf dem Weg erhaschte er einen Fetzen
ihres Gesprächs, und in der Abteilung Unsichtbarkeit blieb er
stehen und lauschte.
»Na, jedenfalls«, sagte ein stämmiger Junge, »hab ich Justin
geraten, er solle sich in unserem Schlafsaal verstecken. Ich
würde sagen, wenn Potter ihn als sein nächstes Opfer auser-
sehen hat, dann ist es besser, wenn er sich eine Weile bedeckt
hält. Natürlich hat Justin auf so etwas gewartet, seit ihm ge-
genüber Potter herausgerutscht ist, dass er ein Muggelkind ist.
Justin musste ausgerechnet ihm sagen, dass er eigentlich nach
Eton gehen sollte. So was plappert man nicht aus, wenn der
Erbe Slytherins auf Jagd ist, oder?«
»Du bist also sicher, dass es Potter ist, Ernie?«, sagte ein
Mädchen mit blonden Zöpfen ängstlich.
»Hannah«, erwiderte der stämmige Junge ernst. »Er ist ein
Parselmund. Jeder weiß, das ist das Erkennungszeichen eines
schwarzen Magiers. Hast du jemals von einem anständigen
gehört, der zu Schlangen sprechen konnte? Slytherin selbst
haben sie Schlangenzunge genannt.«
Diesen Worten folgte ein lautes Murmeln, und Ernie fuhr
fort:
»Erinnert ihr euch, was an der Wand geschrieben stand:
Feinde des Erben, nehmt euch in Acht. Potter muss sich mit
Filch in die Wolle gekriegt haben. Und kurz danach wird
Filchs Katze angegriffen. Dieser Erstklässler Creevey hat
Potter beim Quidditch-Spiel geärgert, weil er Bilder von ihm
machte, als Potter im Schlamm lag. Und was passiert kurz
danach? Creevey wird angegriffen.«
»Er kommt mir aber immer so nett vor«, sagte Hannah
unsicher, »und außerdem, nun ja, er war es immerhin, der
Du-weißt-schon-wen verjagt hat. Er kann nicht durch und
durch böse sein, oder?«
207
Ernie senkte geheimnistuerisch die Stimme, die Hufflepuffs
beugten sich noch weiter vor und Harry stahl sich näher heran,
um Ernies Worte zu erhaschen.
»Keiner weiß, wie er diesen Angriff von Du-weißt-schon-
wem überlebt hat. Überlegt doch mal, er war noch ein Baby,
als es passierte. Normalerweise wäre er in Stücke gerissen
worden. Nur ein wirklich mächtiger schwarzer Magier konnte
einen solchen Fluch überleben.« Er senkte die Stimme zu
einem eindringlichen Flüstern: »Das ist wahrscheinlich der
Grund, warum ihn Du-weißt-schon-wer überhaupt töten
wollte. Wollte keinen anderen Schwarzen Lord haben, der mit
ihm um die Macht streitet. ich frag mich, welche anderen
Kräfte Potter noch verbirgt?«
Harry hielt es nicht länger aus. Er räusperte sich laut und trat
hinter den Regalen hervor. Wenn er nicht so wütend gewesen
wäre, hätte er das Schauspiel, das sich ihm bot, lustig
gefunden: Die versammelten Hufflepuffs sahen aus, als wären
sie von seinem bloßen Anblick versteinert, und aus Ernies
Gesicht war jede Farbe gewichen.
»Hallo«, sagte Harry. »Ich bin auf der Suche nach Justin
Finch-Fletchley.«
Offensichtlich hatten sich die schlimmsten Befürchtungen
der Hufflepuffs bestätigt. Alle blickten angsterfüllt auf Ernie.
»Was willst du von ihm?«, sagte Ernie mit zittriger Stimme.
»Ich will ihm sagen, was im Duellierclub wirklich mit der
Schlange passiert ist«, sagte Harry.
Ernie biss sich auf die weißen Lippen, holte tief Luft und
sagte:
»Wir waren alle da. Wir haben gesehen, was passiert ist.«
»Dann hast du auch gesehen, dass die Schlange zurückge-
wichen ist, nachdem ich zu ihr gesprochen habe?«, sagte
Harry.
»Alles, was ich gesehen habe, war, dass du Parsel gespro-
208
chen und die Schlange auf Justin gehetzt hast«, erwiderte
Ernie starrköpfig.
»Ich hab sie nicht auf ihn gehetzt!«, sagte Harry mit vor
Wut zitternder Stimme. »Sie hat ihn nicht einmal berührt!«
»Es war aber sehr knapp«, sagte Ernie. »Und falls du auf
irgendwelche krummen Gedanken kommen solltest«, fügte
er rasch hinzu, »sag ich dir lieber, dass du meine Familie bis
auf neun Generationen von Hexen und Zauberern zurück-
verfolgen kannst und mein Blut so rein ist wie nur möglich,
also -«
»Es ist mir egal, was für Blut du hast«, sagte Harry aufge-
bracht. »Warum sollte ich Muggelgeborene angreifen?«
»Ich hab gehört, dass du die Muggel hasst, bei denen du
lebst«, sagte Ernie schlagfertig.
»Es ist unmöglich, bei den Dursleys zu leben und sie nicht
zu hassen«, erwiderte Harry. »Da möchte ich dich mal sehen.«
Er machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus der
Bibliothek, wobei er sich einen tadelnden Blick von Madam
Pince einhandelte, die den goldgeprägten Einband eines dicken
Zauberspruchbandes polierte.
Harry rannte stolpernd durch die Gänge und bemerkte vor
Wut kaum, wo er hinlief Der Erfolg war, dass er gegen etwas
sehr Großes und Festes prallte, das ihn zu Boden schlug.
Harry blickte auf, »Oh, hallo, Hagrid.«
Hagrids Gesicht war unter einer schneebedeckten Woll-
kapuze verborgen, aber ein anderer konnte es unmöglich sein,
da er mit seinem Maulwurfsmantel den Gang fast in ganzer
Breite ausfüllte. Ein toter Hahn baumelte von einer seiner
massigen behandschuhten Pranken herab.
»Alles in Ordnung, Harry?«, sagte er und zog zum Sprechen
die Kapuze hoch. »Warum bist du nicht im Unterricht?«
»Fällt aus«, sagte Harry und richtete sich auf. »Was machst
du eigentlich hier?«
209
Hagrid hob den leblosen Hahn hoch.
»Der zweite, der dieses Jahr getötet wurde«, erklärte er.
»Entweder Füchse oder ein Blut saugendes Gespenst, und ich
brauch die Erlaubnis des Schulleiters, einen Bannkreis um den
Hühnerstall zu ziehen.«
Er lugte unter seinen dicken, schneeglitzernden Brauen
hervor und musterte Harry.
»Wirklich alles in Ordnung mit dir? Bist ja ganz heiß im
Gesicht und siehst so besorgt aus -«
Harry brachte es nicht über sich zu wiederholen, was Ernie
und die anderen Hufflepuffs über ihn gesagt hatten.
»Es ist nichts«, sagte er. »Ich mach mich jetzt besser auf die
Socken, Hagrid, wir haben jetzt Verwandlung und ich muss
noch meine Bücher holen.«
Den Kopf immer noch voll mit Ernies Worten verließ er
Hagrid.
»Justin hat auf so etwas gewartet, seit ihm Potter gegenüber
herausgerutscht ist, dass er ein Muggelkind ist ...«
Harry stapfte die Treppen hoch und bog in einen Korridor
ein, der noch dunkler war als die anderen; ein scharfer, eisiger
Luftzug pfiff durch ein in den Angeln schlagendes Fenster und
hatte die Fackeln gelöscht. Auf halbem Wege durch den Gang
stolperte er und stürzte zu Boden.
Er drehte sich um, um nachzusehen, worüber er gestolpert
war - und hatte plötzlich das Gefühl, sein Magen würde sich
auflösen.
Justin Finch-Fletchley lag auf dem Boden, steif und kalt und
leblos an die Decke stierend, mit einem festgefrorenen
Ausdruck des Entsetzens im Gesicht. Und das war nicht alles.
Neben ihm war eine andere Gestalt und etwas Befremdlicheres
hatte Harry noch nie gesehen.
Es war der Fast Kopflose Nick, nicht mehr perlweiß und
durchsichtig, sondern mit schwarzem Rauch gefüllt. Reglos
210
schwebte er eine Handbreit über dem Boden. Sein Kopf hing
herunter und auf seinem Gesicht stand derselbe Ausdruck des
Entsetzens wie auf dem Justins.
Harry rappelte sich auf, schnell und flach atmend, und sein
Herz vollführte eine Art Trommelwirbel gegen seine Rippen.
Mit fiebrigem Blick spähte er den verlassenen Korridor
hinunter und sah, wie ein paar Spinnen so schnell sie konnten
von den Körpern fortkrabbelten. Alles, was er hörte, waren die
gedämpften Stimmen der Lehrer aus den Klassenzimmern zu
beiden Seiten des Ganges.
Er hätte losrennen können, und keiner hätte je erfahren, dass
er hier war. Aber er konnte sie nicht einfach hier liegen lassen
... er musste Hilfe holen ... würde auch nur einer glauben, dass
er damit nichts zu tun hatte?
Während er dastand und Panik in ihm hochstieg, schlug
gleich neben ihm krachend eine Tür auf Peeves, der Polter-
geist, kam herausgeschossen.
»Sieh an, es ist der putzige kleine Potter!«, gackerte Peeves
und schlug Harry im Vorbelhüpfen die Brille von der Nase.
»Was fährt Potter im Schilde? Warum lümmelt Potter hier -«
Mitten in einem Salto hielt Peeves inne. Kopfüber in der
Luft hängend erkannte er Justin und den Fast Kopflosen Nick.
Er vollendete seinen Purzelbaum und bevor Harry ihn
aufhalten konnte, füllte er seine Lungen und brüllte:
»ANGRIFF! ANGRIFF! WIEDER EIN ANGRIFF! KEIN
STERBLICHER ODER GEIST IST SICHER! RENNT UM
EUER LEBEN! AAAANGRIFF!«
Knall - knall - knall - den Gang entlang flog eine Tür nach
der anderen auf und eine Flut von Schülern quoll heraus.
Mehrere lange Minuten herrschte solches Durcheinander, dass
Justins Körper Gefahr lief, ziemlich Schaden zu nehmen, und
manche mitten im Kopflosen Nick standen. Von den andern
gegen die Wand gedrückt hörte Harry die
211
Lehrer mit lauter Stimme Ruhe gebieten. Professor McGo-
nagall kam herbeigeeilt, gefolgt von ihren Schülern, von denen
einer immer noch schwarzweiß gestreiftes Haar hatte. Ein
lauter Knall aus ihrem Zauberstab ließ Ruhe einkehren, und sie
wies alle zurück in die Klassenzimmer. Kaum hatte sich der
Korridor etwas geleert, kam auch schon Ernie von den
Hufflepuffs keuchend angerannt.
»Auf frischer Tat ertappt!«, rief Ernie und deutete mit
schneeweißem Gesicht und dramatischer Geste auf Harry.
»Lass gut sein, Macmillan!«, sagte Professor McGonagall
scharf.
Über ihnen hüpfte Peeves auf und ab und wachte bösartig
grinsend über das Schauspiel; wenn heilloses Durcheinander
herrschte, war Peeves immer bester Laune. Während die
Lehrer sich über Justin und den Fast Kopflosen Nick beugten,
um sie zu untersuchen, schmetterte Peeves ein Liedchen:
»Ach, Potter, du Schwein, was hast du getan.
Du meuchelst die Schüler und freust dich daran -«
»Das reicht, Peeves!«, blaffte ihn Professor McGonagall an,
und Peeves schwebte rücklings, nicht ohne Harry die Zunge
rauszustrecken, davon.
Professor Flitwick und Professor Sinistra aus dem Fachbe-
reich Astronomie trugen Justin in den Krankenflügel, doch
niemand schien zu wissen, was man für den Fast Kopflosen
Nick tun konnte. Professor McGonagall beschwor schließlich
einen großen Föhn aus dem Nichts herauf und reichte ihn
Ernie mit der Anweisung, den Fast Kopflosen Nick die Treppe
hochzupusten. Und Ernie föhnte Nick vor sich her wie ein
stummes schwarzes Hovercraft-Boot. Nun waren Harry und
Professor McGonagall allein.
»Hier lang, Potter«, sagte sie.
»Professor«, sagte Harry sofort, »ich schwöre, ich habe es
nicht -«
212
»Das liegt jetzt nicht mehr in meiner Hand, Potter«, sagte
Professor McGonagall kurz angebunden.
Schweigend bogen sie um eine Ecke und sie hielt vor einem
großen und äußerst hässlichen steinernen Wasserspeier an.
»Scherbert Zitrone!«, sagte sie. Das war offenbar ein
Passwort, denn der Wasserspeier erwachte plötzlich zum
Leben und hüpfte zur Seite. Die Wand hinter ihm teilte sich.
Obwohl Harry Angst hatte vor dem, was ihn jetzt erwartete,
musste er einfach staunen. Hinter der Wand war eine Wen-
deltreppe, die sich langsam nach oben bewegte wie ein Auf-
zug. Er und Professor McGonagall betraten die Treppe und die
Wand hinter ihnen schloss sich mit einem dumpfen Geräusch.
Sich im Kreise drehend stiegen sie nach oben, höher und
höher, bis Harry endlich, leicht schwindlig im Kopf, eine
schimmernde Eichentür vor sich sehen konnte, mit einem
bronzenen Türklopfer in Gestalt eines Geiers.
Er wusste, wo sie ihn hinführte. Das musste der Ort sein, wo
Dumbledore lebte.
213
Der Vielsaft-Trank
Sie stiegen die letzte Stufe der steinernen Treppe empor und
Professor McGonagall klopfte an die Tür. Geräuschlos öffnete
sie sich und die beiden traten ein. Professor McGonagall gebot
Harry zu warten und ließ ihn allein.
Harry sah sich um. Eins war gewiss: von allen Lehrerbüros,
die Harry bisher gesehen hatte, war Dumbledores das bei
weitem interessanteste. Wenn er vor Angst nicht fast ver-
gangen wäre, man würde ihn von der Schule werfen, dann
hätte er ganz gerne einmal hier herumgestöbert.
Es war ein großer und schöner runder Raum, erfüllt mit
merkwürdigen leisen Geräuschen. Auf den storchbeinigen
Tischen standen merkwürdige silberne Instrumente, die surrten
und kleine Rauchwolken ausstießen. An den Wänden hingen
Bilder ehemaliger Schulleiter und Schulleiterinnen, die alle
friedlich in ihren Rahmen dösten. Es gab auch einen
gewaltigen klauenfüßigen Schreibtisch, und auf einem Bord
dahinter lag ein schäbiger und rissiger Zaubererhut - der
Sprechende Hut.
Harry zögerte. Er warf einen wachsamen Blick auf die
schlafenden Hexen und Zauberer an den Wänden. Gewiss
konnte es nicht schaden, wenn er den Hut herunternahm und
ihn noch mal anprobierte? Nur mal sehen ... einfach um
sicherzugehen, dass er ihn tatsächlich ins richtige Haus
gesteckt hatte -
Leise ging er um den Schreibtisch herum, nahm den Hut
vom Bord und ließ ihn langsam auf seinen Kopf sinken. Er
214
war ihm viel zu groß und rutschte ihm über die Augen, genau
wie das letzte Mal, als er ihn aufgesetzt hatte. Harry starrte ins
Schwarze im Innern des Hutes und wartete. Schließlich wis-
perte ihm eine leise Stimme ins Ohr:
»Hast 'nen kleinen Fimmel, Harry Potter?«
»Ähm, ja«, murmelte Harry. »Ähm - tut mir Leid, dass ich
dich störe - ich wollte nur fragen -«
»Du fragst dich, ob ich dich ins richtige Haus gesteckt
habe«, sagte der Hut gewitzt. >ja ... bei dir war es besonders
schwierig. Aber ich bleibe bei dem, was ich schon gesagt
habe« - Harrys Herz machte einen Hüpfer - »dir wäre es in
Slytherin gut ergangen -«
Harrys Magen krampfte sich zusammen. Er packte den Hut
an der Spitze und zog ihn vom Kopf. Lasch baumelte er in
seiner Hand, schmutzig und verschlissen. Harry schob ihn
zurück ins Regal. Ihm war übel.
»Das stimmt nicht«, sagte er laut zu dem reglosen und
stummen Hut. Er bewegte sich nicht. Harry wich zurück, die
Augen starr auf ihn gerichtet. Dann hörte er hinter sich ein
merkwürdig würgendes Geräusch und wirbelte herum.
Er war doch nicht allein. Auf einer goldenen Stange hinter
der Tür saß ein altersschwacher Vogel, der aussah wie ein halb
gerupfter Truthahn. Harry starrte ihn an und der Vogel starrte
boshaft zurück und ließ erneut sein würgendes Geräusch
hören. Er sieht sehr krank aus, dachte Harry. Die Augen des
Vogels waren trübe, und während Harry ihn ansah, fielen
Federn aus dem Schwanz.
Hätte mir gerade noch gefehlt, wenn Dumbledores Vogel
stirbt, während ich allein mit ihm bin, dachte Harry gerade -
als der Vogel in Flammen aufging.
Vor Schreck schrie Harry auf, wich zurück und stieß mit
dem Rücken gegen den Schreibtisch; fieberhaft schaute er sich
um, ob es nicht irgendwo ein Glas Wasser gäbe, aber er
215
sah keines; der Vogel war mittlerweile ein Feuerball gewor-
den; er gab einen lauten Schrei von sich und schon war nichts
mehr von ihm übrig als ein schwelender Haufen Asche auf
dem Boden.
Die Bürotür ging auf und Dumbledore kam mit ernstem
Gesichtsausdruck herein.
»Professor«, keuchte Harry, »Ihr Vogel - ich konnte nichts
machen - er hat einfach Feuer gefangen -«
Zu Harrys Verblüffung lächelte Dumbledore.
»Wurde auch Zeit«, sagte er. »Sah seit Tagen schon fürch-
terlich aus, ich hab ihm gesagt, er solle sich mal sputen.«
Er kicherte beim Anblick von Harrys verdutztem Gesicht.
»Fawkes ist ein Phönix, Harry. Phönixe gehen in Flammen
auf, wenn es an der Zeit für sie ist zu sterben, und werden aus
der Asche neu geboren. Sieh mal ...«
Harry sah gerade noch rechtzeitig hin, um einen winzigen,
verschrumpelten, neugeborenen Vogel den Kopf aus der
Asche stecken zu sehen. Er war genauso hässlich wie der alte.
»Ein Jammer, dass du ihn an einem Brandtag sehen muss-
test«, sagte Dumbledore und setzte sich hinter seinen Schreib-
tisch. »Eigentlich ist er die meiste Zeit sehr hübsch, herrlich
rot und gold gefiedert. Faszinierende Geschöpfe, diese Phö-
nixe. Sie können unglaublich schwere Lasten tragen, ihre Trä-
nen haben heilende Kraft und sie sind außerordentlich treue
Haustiere.«
Vor Entsetzen über den in Flammen aufgehenden Fawkes
hatte Harry ganz vergessen, weshalb er hier war, doch als
Dumbledore sich auf dem hohen Stuhl hinter dem Schreibtisch
niederließ und Harry mit seinen durchdringenden, hellblauen
Augen festnagelte, erinnerte er sich jäh wieder.
Bevor Dumbledore allerdings noch ein Wort sagen konnte,
flog laut krachend die Bürotür auf und Hagrid stürzte herein,
216
mit der Kapuze auf den zottigen schwarzen Haaren und einem
wilden Blick in den Augen. Noch immer baumelte der tote
Hahn in seiner Pranke.
»Es war nicht Harry, Professor Dumbledore!«, sagte Hagrid
eindringlich, »Sekunden bevor dieses Kind gefunden wurde,
hab ich mit ihm geredet, er hätte nie die Zeit gehabt, Sir -«
Dumbledore versuchte etwas zu sagen, doch Hagrid drang
weiter auf ihn ein, dabei wedelte er vor Aufregung mit dem
Hahn, dessen Federn durch den ganzen Raum schwebten.
»- er kann's nicht gewesen sein, ich schwör's vor dem Mi-
nisterium für Zauberei, wenn nötig -«
»Hagrid, ich -«
»- Sie haben den falschen Jungen, Sir, ich weiß, dass Harry
nie -«
»Hagrid!«, sagte Dumbledore laut. »Ich glaube nicht, dass
Harry diese Leute angegriffen hat.«
»Oh«, sagte Hagrid, und der Hahn schwang leblos um sein
Bein. »Gut. Dann warte ich draußen.«
Und verlegen stapfte er hinaus.
»Sie glauben nicht, dass ich es war?«, wiederholte Harry
hoffnungsvoll, während Dumbledore die Hahnenfedern von
seinem Schreibtisch blies.
»Nein, Harry, ich glaube es nicht«, sagte Dumbledore, wenn
auch wieder mit ernstem Gesicht. »Aber ich will trotzdem mit
dir reden.«
Dumbledore legte die Fingerspitzen zusammen und mus-
terte ihn. Harry wartete nervös.
»Harry, ich muss dich fragen, ob es etwas gibt, was du mir
erzählen möchtest«, sagte er sanft. »Was es auch immer sein
mag.«
Harry wusste nicht, was er antworten sollte. Er dachte an
Malfoy, der »Ihr seid die Nächsten, Schlammblüter!« gerufen
217
hatte, und an den Vielsaft-Trank, der im Klo der Maulenden
Myrte vor sich hin köchelte. Dann fiel ihm die körperlose
Stimme ein, die er zweimal gehört hatte, und das, was Ron
gesagt hatte: »Stimmen zu hören, die niemand sonst hören
kann, ist kein gutes Zeichen, nicht einmal in der
Zaubererwelt.« Auch dachte er daran, was alle über ihn sagten,
und an seine wachsende Angst, dass ihn irgendetwas mit
Salazar Slytherin verband ...
»Nein«, sagte Harry, »es gibt nichts, Professor ...«
Der Doppelangriff auf Justin und den Fast Kopflosen Nick
verwandelte die angespannte Stimmung im Schloss in helle
Panik. Eigenartigerweise war es das Schicksal des Fast Kopf-
losen Nick, das den Leuten offenbar die größte Sorge bereitete.
Was für ein Wesen konnte einem Geist so etwas antun, fragten
sich Lehrer und Schüler; was für eine schreckliche Macht
konnte jemandem Schaden zufügen, der bereits tot war? Fast
kam es zu einem Ansturm auf die Fahrkarten für den
Hogwarts-Express, denn alle wollten über Weihnachten nach
Hause.
»Wenn das so weitergeht, bleiben wir als Einzige hier«,
sagte Ron zu Harry und Hermine. »Wir, Malfoy, Crabbe und
Goyle. Das werden lustige Ferien.«
Crabbe und Goyle, die Malfoy alles nachmachten, hatten
sich ebenfalls in die Liste derer eingetragen, die in den Ferien
dableiben wollten. Doch Harry war froh, dass die meisten
gingen. Er war es leid, dass die andern immer einen großen
Bogen um ihn machten, wenn sie ihm begegneten, als ob er
gleich Fangarme auswerfen oder Gift spucken würde; er war
es leid, dass sie im Vorbeigehen murmelnd und zischelnd mit
dem Finger auf ihn zeigten.
Fred und George allerdings fanden das alles sehr lustig. Sie
ließen es sich nicht nehmen, als Harrys Vorhut durch die
Gänge zu marschieren und zu rufen: »Macht Platz für den
218
Erben von Slytherin, ein gaaanz böser Zauberer kommt hier
durch ...«
Percy missbilligte dieses Verhalten zutiefst.
»Das ist nicht zum Lachen«, sagte er kühl.
»Ach, geh aus dem Weg, Percy«, sagte Fred. »Harry hat's
eilig.«
»Ja, er macht schnell einen Abstecher in die Kammer des
Schreckens auf eine Tasse Tee mit seinem reißzähnigen
Knecht«, sagte George glucksend.
Auch Ginny fand das nicht lustig.
»Ach, hört auf«, flehte sie jedes Mal, wenn Fred Harry laut-
hals fragte, wen er denn als Nächsten anzugreifen gedenke,
oder George so tat, als wehre er Harry mit einem Knob-
lauchzopf ab.
Harry war es gleich; er fühlte sich wohler bei dem Gedan-
ken, dass wenigstens Fred und George die Vorstellung, er sei
der Erbe Slytherins, für ausgesprochen lächerlich hielten.
Doch ihr Gekasper schien Draco Malfoy in Rage zu bringen,
der bei jedem ihrer Auftritte ein wenig saurer aussah.
»Eben weil es fast aus ihm herausplatzt, dass es in Wahrheit
er ist«, sagte Ron ahnungsvoll. »Ihr wisst ja, wie er jeden
hasst, der besser ist als er, und du, Harry, kriegst die ganze
Anerkennung für seine schmutzige Arbeit.«
»Nicht mehr lange«, sagte Hermine zufrieden. »Der Viel-
saft-Trank ist fast fertig. In den nächsten Tagen holen wir die
Wahrheit aus ihm heraus.«
Endlich hatten die Weihnachtsferien begonnen und eine
Stille, so tief wie der Schnee auf den Ländereien, senkte sich
über das Schloss. Harry stimmte sie friedlich, nicht düster, und
er freute sich, dass er, Hermine und die Weasleys den
Gryffindor-Turm für sich allein hatten, was hieß, sie konnten
lautstark »Snape explodiert« spielen, ohne jemanden zu
219
stören, und in Ruhe Duellieren üben. Fred, George und Ginny
waren lieber in der Schule geblieben als mit Mr und Mrs
Weasley Bill in Ägypten zu besuchen. Percy, der ihr, wie er es
nannte, kindisches Betragen verachtete, tauchte selten im
Gemeinschaftsraum der Gryffindors auf Er hatte ihnen mit
dem Brustton der Überzeugung erklärt, dass er nur deshalb
über Weihnachten bleibe, weil es seine Pflicht als Ver-
trauensschüler sei, die Lehrer in diesen unruhigen Zeiten zu
unterstützen.
Der Weihnachtsmorgen brach an, kalt und weiß. Harry und
Ron, die Einzigen im Schlafsaal, wurden sehr früh von
Hermine geweckt, die vollständig angezogen hereinplatzte und
Geschenke für beide in den Armen trug.
»Aufwachen!«, rief sie laut und zog die Vorhänge zurück.
»Hermine, du darfst eigentlich nicht hier drin sein sagte Ron
und hob die Hand gegen das Licht.
»Ebenfalls frohe Weihnachten«, sagte Hermine und warf
ihm ein Geschenk zu. »Ich bin schon fast eine Stunde auf den
Beinen und hab noch ein paar Florfliegen in den Zaubertrank
gemischt. Er ist fertig.«
Harry, plötzlich hellwach, setzte sich auf.
»Bist du sicher?«
»Vollkommen«, sagte Hermine und schob Krätze, die Ratte,
beiseite, so dass sie sich ans Ende seines Himmelbetts setzen
konnte. »Wenn wir's versuchen, dann würd ich sagen, heute
Abend.«
In diesem Augenblick schwebte Hedwig herein. Im Schna-
bel trug sie ein sehr kleines Päckchen.
»Hallo«, sagte Harry glücklich, als sie auf seinem Bett lan-
dete. »Sprichst du wieder mit mir?«
Zutraulich knabberte sie an seinem Ohr, was ein viel besseres
Geschenk war als das, was sie ihm brachte. Denn wie sich
herausstellte, kam es von den Dursleys. Sie hatten Harry
220
einen Zahnstocher geschickt und einen Zettel, auf dem es hieß,
er solle fragen, ob er auch während der Sommerferien in
Hogwarts bleiben könne.
Die übrigen Weihnachtsgeschenke für Harry waren um
einiges erfreulicher. Hagrid hatte ihm eine große Dose mit
Sirupbonbons geschickt, die Harry am Feuer etwas weicher
machen wollte, bevor er sie aß. Ron hatte ihm ein Buch
geschenkt, Aufjagd mit den Cannons, voll interessanter Ge-
schichten über seine Lieblings-Quidditch-Mannschaft. Von
Hermine bekam er einen prächtigen Adlerfederkiel. Harry
öffnete das letzte Päckchen und fand einen neuen, selbst
gestrickten Pullover von Mrs Weasley und einen großen
Pflaumenkuchen. Mit einem neuen Anflug von Schuldge-
fühlen las er ihre Karte. Er dachte an Mr Weasleys Wagen, der
seit ihrer Bruchlandung verschollen war, und das ganze
Bündel von Regelbrüchen, die er und Ron schon wieder
ausheckten.
Keiner konnte umhin, das Weihnachtsessen in Hogwarts
nicht zu genießen, nicht einmal einer, den es davor grauste,
später den Vielsaft-Trank zu schlucken.
Die Große Halle war herrlich geschmückt. Da waren nicht
nur das Dutzend- mit Eiskristallen gezuckerter Weihnachts-
bäume und die dicht geflochtenen Bänder aus Stechpalmen-
zweigen und Misteln, die kreuz und quer unter die Decke
gespannt waren; auch verzauberter Schnee rieselte herab,
weich und trocken. Dumbledore stimmte mit ihnen ein paar
seiner liebsten Weihnachtslieder an, wobei Hagrid mit jedem
Becher Eierpunsch, den er schluckte, lauter dröhnte. Percy, der
nicht bemerkt hatte, dass Fred sein Vertrauensschüler-
abzeichen verzaubert hatte, so dass nun »Eierkopf« darauf zu
lesen war, fragte sie andauernd, worüber sie denn kicherten.
Harry störte es nicht einmal, dass Draco Malfoy drüben
221
am Tisch der Slytherins mit lauter Stimme abfällige Bemer-
kungen über seinen neuen Pullover machte. Mit ein wenig
Glück würde er es Malfoy in ein paar Stunden heimzahlen.
Harry und Ron hatten kaum ihren dritten Nachschlag
Weihnachtspudding aufgegessen, als Hermine sie aus der
Halle winkte, um ein letztes Mal den Plan für diesen Abend
durchzugehen.
»Wir brauchen immer noch Stückchen von den Leuten, in
die ihr euch verwandeln wollt«, sagte Hermine ganz sachlich,
als schickte sie die beiden in den Laden, um Waschpulver zu
kaufen. »Und natürlich wäre es am besten, wenn ihr etwas von
Crabbe und Goyle abkriegt, die sind Malfoys beste Freunde,
denen wird er alles erzählen. Und wir müssen auch dafür
sorgen, dass die echten Crabbe und Goyle nicht hereinplatzen,
während wir ihn befragen.
Ich hab alles genau geplant«, fuhr sie gelassen fort und ach-
tete nicht im Geringsten auf Harrys und Rons verdutzte Ge-
sichter. Sie hielt zwei üppige Schokoladenkuchen hoch. »Die
hab ich mit einem einfachen Schlafmittel gefüllt. Ihr müsst nur
dafür sorgen, dass Crabbe und Goyle sie finden. Ihr wisst, wie
gierig sie sind, die können gar nicht anders, als sie aufzu-
futtern. Sobald sie eingeschlafen sind, rupft ihr ihnen ein paar
Haare aus und versteckt sie im Besenschrank.«
Harry und Ron sahen sich ungläubig an.
»Hermine, ich glaub nicht -«
»Das könnte übel ausgehen -«
Doch Hermine hatte einen Blick aus Stahl, nicht unähnlich
dem, den Professor McGonagall manchmal zeigte. -
»Der Trank ist nutzlos ohne Crabbes und Goyles Haare«,
sagte sie entschieden. »Ihr wollt doch Malfoy aushorchen,
oder?«
»Ja, schon, klar«, sagte Harry »aber was ist mit dir? Wem
rupfst du die Haare aus?«
222
»Ich hab meines schon!«, sagte Hermine strahlend und zog
ein Fläschchen aus ihrer Tasche. Es enthielt ein einziges Haar.
»Wisst ihr noch, wie Millicent Bulstrode sich in der Duellier-
stunde mit mir gekloppt hat? Das hat sie auf meinem Umhang
hinterlassen, als sie versucht hat, mich zu erwürgen! Und über
Weihnachten ist sie nach Hause gefahren - also muss ich den
Slytherins nur sagen, dass ich beschlossen habe
zurückzukommen.«
Hermine wirbelte davon, um noch einmal nach dem Viel-
saft-Trank zu schauen. Ron und Harry sahen sich an, als ob
ihre letzte Stunde geschlagen hätte.
»Hast du je von einem Plan gehört, bei dem so vieles schief
gehen kann?«
Doch zu Harrys und Rons kompletter Verblüffung verlief
Phase eins ihrer Operation genau so reibungslos, wie Hermine
gesagt hatte. Nach dem Weihnachtstee schlichen sie in die
verlassene Eingangshalle, um auf Crabbe und Goyle zu
warten, die allein am Slytherin-Tisch zurückgeblieben waren,
wo sie die vierte Portion Pudding vernichteten. Harry hatte die
Schokokuchen auf das Ende des Treppengeländers gestellt.
Als sie Crabbe und Goyle aus der Großen Halle kommen
sahen, verschwanden Harry und Ron rasch hinter einer
Rüstung neben der Eingangstür.
»Wie dick kann man eigentlich werden?«, flüsterte Ron
begeistert, als Crabbe schadenfroh auf die Kuchen deutete und
sie sich schnappte. Dumm grinsend stopften sie sich alles auf
einmal in die großen Münder. Gierig und mit triumphierendem
Blick kauten sie eine Weile. Dann, ohne auch nur die Miene
zu verziehen, gingen beide in die Knie und sackten zu Boden.
Der bei weitem schwierigste Teil war nun, Crabbe und
Goyle im Schrank auf der anderen Seite der Halle zu ver-
223
stecken. Sobald sie sicher zwischen den Eimern und Wischern
verstaut waren, riss Harry ein paar der Borsten aus, die auf
Goyles Stirn wuchsen, und Ron nahm sich ein paar Haare von
Crabbe. Außerdem stahlen sie ihre Schuhe, denn ihre eigenen
waren einige Nummern zu klein für die Füße von Crabbe und
Goyle. Dann, immer noch verblüfft über das, was ihnen gerade
gelungen war, spurteten sie hoch ins Klo der Maulenden
Myrte.
Dicker schwarzer Qualm drang aus der Kabine, in der
Hermine den Kessel rührte. Sie konnten kaum etwas sehen.
Sie zogen sich die Umhänge über die Gesichter und klopften
sachte an die Tür.
»Hermine?«
Mit einem scharrenden Geräusch wurde der Riegel zu-
rückgeschoben und Hermine tauchte vor ihnen auf. Ihr Gesicht
glänzte und wirkte angespannt. Hinter ihr hörten sie das Blubb,
Blubb des sirupdicken Zaubertranks. Drei Trinkgläser standen
auf dem Toilettensitz bereit.
»Habt ihr sie?«, fragte Hermine außer Atem.
Harry zeigte ihr Goyles Haare.
»Gut. Und ich hab diese Umhänge aus der Wäsche stibitzt«,
sagte Hermine und hielt einen kleinen Sack hoch. »Ihr braucht
andere Größen, sobald ihr Crabbe und Goyle seid.«
Die drei starrten in den Kessel. Aus der Nähe sah der Zau-
bertrank wie dicker, dunkler, träge blubbernder Schlamm aus.
»Ich bin mir sicher, dass ich alles richtig gemacht habe«,
sagte Hermine und las noch einmal nervös die bekleckerte
Seite von Höchst potente Zaubertränke durch. »Sieht genauso
aus, wie es das Buch vorschreibt ... wenn wir ihn getrunken
haben, bleibt uns exakt eine Stunde, bis wir uns wieder in uns
selbst verwandeln.«
»Und was nun?«, flüsterte Ron.
224
»Wir teilen ihn auf drei Gläser auf und fügen die Haare
hinzu.«
Hermine füllte große Schöpflöffel mit Zaubertrank in die
Gläser. Dann schüttelte sie mit zitternder Hand Millicent
Bulstrodes Haar aus dem Fläschchen in das erste Glas.
Der Trank zischte laut wie ein Wasserkessel und schäumte
bedrohlich auf. Eine Sekunde später nahm er einen Übelkeit
erregenden Gelbton an.
»Uääh - Essenz von Millicent Bulstrode«, sagte Ron mit
ekelerfülltem Blick. »Wette, es schmeckt widerlich.«
»Tut jetzt eure rein«, sagte Hermine.
Harry warf Goyles Haare ins mittlere, Ron die Crabbes ins
letzte Glas. Beide Gläser zischten und schäumten: Goyles Glas
nahm den khakifarbenen Ton eines Nasenpopels an, Crabbes
ein dunkles, trübes Braun.
»Wartet«, sagte Harry, als Ron und Hermine nach ihren
Gläsern griffen. »Wir trinken sie besser nicht alle drei hier drin
... Sobald wir uns in Crabbe und Goyle verwandeln, passen wir
nicht mehr hier rein. Und Millicent Bulstrode ist auch nicht
gerade eine Elfe.«
»Kluger Junge«, sagte Ron und schob den Riegel zurück.
»jeder nimmt eine Kabine.«
Harry, sorgsam darauf achtend, keinen Tropfen seines
Vielsaft-Tranks zu verschütten, glitt in die mittlere Kabine.
»Fertig?«, rief er.
»Fertig«, kam es von Ron und Hermine zurück.
»Eins - zwei - drei -«
Harry klemmte sich die Nase zu und trank das Gebräu in
zwei großen Schlucken. Es schmeckte wie zerkochter Kohl.
Sogleich begannen seine Eingeweide sich zu winden, als ob
er lebende Schlangen geschluckt hätte - zusammengekrümmt
fragte er sich, ob er sich übergeben würde -, dann
breitete sich ein Brennen von seinem Magen rasch bis in
225
seine Fingerspitzen und Zehen aus - als Nächstes, er lag nun
keuchend auf allen Vieren, kam ein fürchterliches Gefühl, als
ob er schmelze, und die Haut an seinem Körper blähte sich wie
heißes Wachs - vor seinen Augen begannen seine Hände zu
wachsen, die Finger verdickten sich, die Nägel wurden breiter,
die Knöchel traten hervor wie Bolzen -seine Schultern dehnten
sich schmerzhaft und ein Prickeln auf seiner Stirn sagte ihm,
dass sein Haar bis zu seinen Augenbrauen hinunterkroch - sein
Umhang zerriss, als seine Brust sich ausdehnte wie ein Fass,
das seine Reifen sprengte -seine Füße quälten sich in Schuhen,
die vier Nummern zu klein waren -
So schnell es begonnen hatte, hörte es auch wieder auf.
Harry lag mit dem Gesicht nach unten auf dem steinkalten
Boden und hörte Myrte im hinteren Klo verdrießlich gurgeln.
Mühsam zog er sich die Schuhe aus und stand auf So fühlte es
sich also an, wenn man Goyle war. Mit seiner großen
zitternden Hand warf er den Umhang ab, der einen halben
Meter über seinen Knöcheln hing, zog den anderen an und
schlüpfte in Goyles bootgroße Schuhe. Er hob die Hand, um
sich das Haar vor den Augen wegzuwischen, traf aber nur den
kurzen drahtigen Stoppelwuchs tief auf seiner Stirn. Dann
erkannte er, dass seine Brille ihm den Blick vernebelte, weil
Goyle sie offenbar nicht brauchte - er nahm sie ab und rief:
»Seid ihr okay?« Goyles leise Raspelstimme drang aus sei-
nem Mund.
»ja«, hörte er Crabbes tiefes Grunzen zu seiner Rechten.
Harry öffnete seine Tür und trat vor den zerbrochenen
Spiegel. Aus dumpfen, tief liegenden Augen starrte ihn Goyle
an. Harry kratzte sich am Ohr. Goyle tat es ihm gleich.
Rons Tür ging auf Sie starrten sich an. Ron sah blass und
226
entsetzt aus, war aber sonst von Crabbe nicht zu unterschei-
den, vom puddingförmigen Haarschnitt bis zu den langen
Gorillaarmen.
»Das ist unglaublich«, sagte Ron. Er trat vor den Spiegel
und tippte sich gegen Crabbes platte Nase. »Unglaublich.«
»Wir sollten uns beeilen«, sagte Harry und lockerte sein
Uhrband, das tief in Goyles Handgelenk schnitt. »Wir müssen
erst noch rauskriegen, wo der Gemeinschaftsraum der
Slytherins ist. Hoffentlich finden wir jemanden, dem wir
folgen können.«
Ron, der Harry sprachlos angestarrt hatte, sagte: »Du ahnst
nicht, wie seltsam es aussieht, Goyle denken zu sehen.« Er
klopfte gegen Hermines Tür. »Komm schon, wir müssen
gehen -«
Eine schrille Stimme antwortete.
»Ich - ich glaube, ich geh doch nicht mit. Ihr könnt doch
ohne mich gehen.«
»Hermine, wir wissen, dass Millicent Bulstrode hässlich ist,
es weiß doch keiner, dass du es bist -«
»Nein - im Ernst - ich geh lieber nicht mit - beeilt euch, ihr
beiden, ihr vertrödelt die Zeit -«
Harry sah Ron verwirrt an.
jetzt siehst du eher nach Goyle aus«, sagte Ron. »So guckt
er immer, wenn ein Lehrer ihn was fragt.«
»Hermine, alles in Ordnung mit dir?«, rief Harry durch die
Tür.
»Ja - mir geht's gut - los, geht schon -«
Harry sah auf die Uhr. Von ihren wertvollen sechzig Mi-
nuten waren fünf schon verstrichen.
»Wir treffen uns wieder hier, hörst du?«, sagte er.
Harry und Ron öffneten vorsichtig die Tür zum Gang,
prüften, ob die Luft rein war, und machten sich auf den Weg.
227
»Schwing die Arme nicht so durch die Luft«, murmelte
Harry Ron zu.
»Was?«
»Crabbe hält sie irgendwie steif ...«
»So vielleicht?«
Ja, schon besser ...«
Sie stiegen die Marmortreppe hinunter. Was sie jetzt un-
bedingt brauchten, war ein Slytherin, dem sie in seinen Ge-
meinschaftsraum folgen konnten. Doch keiner war unterwegs.
»Hast du eine Idee?«, murmelte Harry.
»Die Slytherins kommen zum Frühstück immer von dort«,
sagte Ron und nickte zum Eingang der Kerker hinüber. Kaum
hatte er den Mund zugemacht, kam auch schon ein Mädchen
mit langem Lockenhaar aus der Tür.
Ron hastete auf sie zu. »Verzeihung«, sagte er, »wir haben
vergessen, wie wir in unseren Gemeinschaftsraum kommen.«
»Wie bitte?«, sagte das Mädchen steif. »Unseren Gemein-
schaftsraum? Ich bin eine Ravenclaw.«
Misstrauisch blickte sie über die Schulter und ging davon.
Harry und Ron rannten die steinernen Stufen hinunter in die
Dunkelheit, und ihre Tritte hallten besonders laut wider, denn
es waren Crabbes und Goyles Füße, die auf die Steine
krachten. Sie hatten das Gefühl, es würde doch nicht so ein-
fach werden, wie sie gehofft hatten.
Die labyrinthischen Gänge waren menschenleer. Immer
weiter drangen sie hinunter in die Tiefen unter der Schule, und
mit raschen Blicken auf ihre Uhren prüften sie, wie viel Zeit
ihnen noch blieb. Eine Viertelstunde war vergangen und schon
kroch die Verzweiflung in ihnen hoch, da hörten sie plötzlich,
wie sich vor ihnen etwas bewegte.
»Ha!«, sagte Ron aufgeregt. »Da ist endlich einer von
ihnen!«
228
Die Gestalt kam aus einem Nebenzimmer. Sie rannten auf
sie zu, doch das Herz sank ihnen in die Hosentasche. Es war
kein Slytherin, es war Percy.
»Was machst du denn hier?«, sagte Ron überrascht.
Percy sah beleidigt aus.
»Das«, sagte er steif, »geht dich nichts an. Du bist Crabbe,
nicht wahr?«
»Wa... - o ja«, sagte Ron.
»Nun - schleicht euch in den Schlafsaal«, sagte Percy streng.
»Zur Zeit ist es keine gute Idee, in dunklen Gängen
herumzustreunen.«
»Das tust du gerade«, ermahnte ihn Ron.
»Ich«, sagte Percy und richtete sich auf, »ich bin Vertrau-
ensschüler. Mich greift niemand an.«
Plötzlich ertönte eine Stimme hinter Harry und Ron. Draco
Malfoy stolzierte auf sie zu, und zum ersten Mal in seinem
Leben freute sich Harry, ihn zu sehen.
»Da seid ihr ja«, raunzte er und sah sie an. »Habt ihr beiden
die ganze Zeit in der Großen Halle rumgefuttert? Ich hab euch
gesucht, ich muss euch was zeigen, da lacht ihr euch tot.«
Malfoy warf Percy einen vernichtenden Blick zu.
»Und was machst du eigentlich hier unten, Weasley«,
höhnte er.
Percy war außer sich.
»Etwas mehr Respekt vor einem Vertrauensschüler, bitte!«,
sagte er. »Deine Haltung gefällt mir nicht!«
Malfoy grinste hämisch und wies Harry und Ron mit einer
Handbewegung an, ihm zu folgen. Harry hätte Percy beinahe
ein entschuldigendes Wort zugerufen, fing sich jedoch gerade
noch rechtzeitig. Er und Ron eilten Malfoy nach.
»Dieser Peter Weasley -«, sagte Malfoy, als sie in den
nächsten Durchgang eingebogen waren.
229
»Percy«, korrigierte ihn Ron wie von selbst.
»Wie auch immer«, sagte Malfoy. »Ich seh ihn in letzter
Zeit viel herumschleichen. Und ich wette, ich weiß, was er
vorhat. Er glaubt, er könnte den Erben von Slytherin ganz
alleine fassen.«
Er gab ein kurzes, abfälliges Lachen von sich. Harry und
Ron tauschten aufgeregte Blicke.
Malfoy hielt vor einer nackten, feuchten Steinwand an.
»Wie war noch mal das neue Passwort?«, sagte er zu Harry.
»Ähm -«, sagte Harry.
»Ach ja - Reinblüter!«, sagte Malfoy achtlos, und eine in der
Wand versteckte steinerne Tür glitt auf Malfoy schritt hin-
durch und Harry und Ron folgten ihm.
Der Gemeinschaftsraum der Slytherins war ein lang gezo-
genes unterirdisches Verlies mit rohen Steinwänden. Grün-
liche Kugellampen hingen an Ketten von der Decke. Ein Feuer
prasselte unter einem kunstvoll gemeißelten Kaminsims vor
ihnen, und im Umkreis des Feuers erkannten sie die
Silhouetten mehrerer Slytherins, die in hohen Lehnstühlen
saßen.
»Wartet hier«, sagte Malfoy zu Harry und Ron und deutete
auf ein Paar freier Stühle, die etwas entfernt vom Kamin
standen. »Ich geh und hol es - mein Vater hat es mir gerade
geschickt -«
Neugierig, was Malfoy ihnen zeigen würde, setzten sich
Harry und Ron auf die Stühle und taten ihr Bestes, um den
Eindruck zu erwecken, sie fühlten sich wie zu Hause.
Eine Minute später kehrte Malfoy mit einem Zeitungsaus-
schnitt in der Hand zurück. Er hielt ihn Ron unter die Nase.
»Ein Lacher für dich«, sagte er.
Harry sah, wie sich Rons Augen vor Schreck weiteten.
Rasch las er den Zeitungsausschnitt durch, würgte ein sehr
gezwungenes Lachen hervor und reichte ihn Harry.
230
Es war ein Ausschnitt aus dem Tagespropheten:
Untersuchung im Zaubereiministerium
Arthur Weasley, Chef des Amts für den Missbrauch von
Muggelartefakten, wurde heute wegen der Verzauberung eines
Muggelwagens zu einer Geldbuße von fünfzig Galleonen
verurteilt.
Mr Lucius Malfoy, ein Beirat der Hogwarts-Schule für He-
xerei und Zauberei, wo der verzauberte Wagen vor einigen
Monaten einen Unfall verursachte, forderte Mr Weasley zum
Rücktritt auf.
»Weasley hat das Ministerium in Misskredit gebracht«, sagte
Mr Malfoy einem unserer Reporter. »Er ist offensichtlich un-
geeignet, für uns Gesetze zu entwickeln, und sein lächerliches
Muggelschutzgesetz sollte sofort gestrichen werden.«
Mr Weasley war in dieser Sache nicht zu sprechen. Allerdings
wies seine Frau die Reporter an zu verschwinden, oder sie
würde den Familienghul auf sie hetzen.
»Nun?«, sagte Malfoy ungeduldig, als Harry ihm den Aus-
schnitt zurückgab. »Ist das nicht witzig?«
»Haha«, sagte Harry tonlos.
»Arthur Weasley hat ein so großes Herz für die Muggel,
dass er seinen Zauberstab zerbrechen und zu ihnen gehen
sollte«, sagte Malfoy verächtlich. »Man sollte nicht meinen,
dass die Weasleys Reinblüter sind, so wie die sich aufführen.«
Rons - oder vielmehr Crabbes - Gesicht hatte sich vor Wut
verzerrt.
»Was ist los mit dir, Crabbe?«, fuhr ihn Malfoy an.
»Magenschmerzen«, grunzte Ron.
»Na dann geh hoch in den Krankenflügel und gib all diesen
Schlammblütern einen Tritt von mir«, sagte Malfoy kichernd.
»Wisst ihr, es wundert mich, dass der Tagesprophet noch nichts
231
über diese Angriffe gebracht hat«, fuhr er nachdenklich fort
»Ich vermute, Dumbledore will alles vertuschen. Er wird ent-
lassen, wenn der Spuk nicht bald aufhört. Vater hat schon im-
mer gesagt, dass Dumbledore das Schlimmste ist, was dieser
Schule passieren konnte. Er mag Muggelstämmige. Ein an-
ständiger Schulleiter hätte nie solchen Schleim wie Creevey
zugelassen.«
Malfoy begann mit einer eingebildeten Kamera Bilder zu
knipsen und ahmte Colin auf grausame, aber treffende Art
nach: »Potter, kann ich ein Bild von dir haben, Potter? Krieg
ich ein Autogramm von dir? Kann ich dir die Schuhe lecken,
bitte, Potter?«
Er ließ die Hände sinken und sah Harry und Ron an.
»Was ist eigentlich los mit euch beiden?«
Viel zu spät zwangen sich Harry und Ron zum Lachen, doch
Malfoy schien zufrieden damit. Vielleicht waren Crabbe und
Goyle immer etwas schwer von Begriff.
»Der heilige Potter, Freund der Schlammblüter«, sagte
Malfoy langsam. »Noch so einer ohne das anständige Zau-
bererempfinden, oder er würde nicht mit dieser hochnäsigen
Schlammblüterin Granger herumlaufen. Und die Leute halten
ihn auch noch für den Erben Slytherins!«
Harry und Ron warteten mit angehaltenem Atem: Gewiss
würde Malfoy ihnen in ein paar Sekunden sagen, er selbst sei
es - doch dann -
»Wenn ich nur wüsste, wer es ist«, sagte Malfoy gereizt.
»Ich könnte ihm helfen.«
Ron klappte der Unterkiefer herunter, so dass Crabbes
Gesicht noch dümmlicher aussah als üblich. Glücklicherweise
bemerkte Malfoy nichts, und Harry, der schnell überlegte,
sagte:
»Du musst doch irgendeine Vermutung haben, wer hinter
alldem steckt ...«
232
»Du weißt, ich hab keine Ahnung, Goyle, wie oft soll ich dir
das noch sagen?«, fuhr ihn Malfoy an.»Und Vater will mir
nichts über das letzte Mal erzählen, als die Kammer geöffnet
wurde. Natürlich, das war vor fünfzig Jahren, also vor seiner
Zeit, aber er weiß alles darüber, und er Sagt, es wurde alles un-
ter der Decke gehalten, und wenn ich zu viel darüber wüsste,
würde das nur Verdacht erregen. Aber eins weiß ich - das
letzte Mal, als die Kammer des Schreckens geöffnet wurde, ist
ein Schlammblüter gestorben. Also wette ich, dass es nur eine
Frage der Zeit ist, bis einer von ihnen diesmal umgebracht
wird ... Ich hoffe, es ist die Granger«, sagte er genüßlich.
Ron ballte Crabbes gigantische Faust zusammen. Harry, der
dachte, es wäre doch etwas verräterisch, wenn Ron Malfoy
einen Faustschlag versetzen würde, warf ihm einen warnenden
Blick zu und sagte:
»Weißt du, ob derjenige, der die Kammer das letzte Mal
geöffnet hat, erwischt wurde?«
»Oja ... wer immer es war, er wurde aus der Schule ver-
bannt«, sagte Malfoy. »Sitzt wahrscheinlich immer noch in
Askaban.«
»Askaban?«, sagte Harry verdutzt.
»Askaban. - das Zauberergefängnis, Goyle«, sagte Malfoy
und sah ihn ungläubig an. »Ehrlich, wenn du noch langsamer
wärst, würdest du rückwärts gehen.«
Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum und sagte:
»Vater sagt, ich solle mich zurückhalten und den Erben von
Slytherin machen lassen. Die Schule müsse von allen schmut-
zigen Schlammblütern gereinigt werden, doch ich soll mich
nicht einmischen. Natürlich hat er im Augenblick viel am
Hals. Wisst ihr, dass das Zaubereiministerium letzte Woche
unseren Landsitz durchsucht hat?«
Harry versuchte Goyles dumpfes Gesicht zu einem be-
sorgten Blick zu zwingen.
233
»Tja ...«, sagte Malfoy, »glücklicherweise haben sie nicht
viel gefunden. Vater hat ein paar sehr wertvolle Sachen für
schwarze Magie. Aber zum Glück haben wir unsere eigene
Geheimkammer unter dem Fußboden des Salons
»Ho!«, sagte Ron.
Malfoy sah ihn an. Und Harry ebenfalls. Ron wurde rot.
Selbst sein Haar wurde rot. Auch seine Nase wurde fast un-
merklich länger - ihre Zeit war um, Ron verwandelte sich
wieder in sich selbst, und nach dem entsetzten Blick, den er
Harry zuwarf, geschah dies auch mit ihm.
Beide sprangen auf,
»Arznei für meinen Magen«, stöhnte Ron, und ohne noch
ein Wort zu sagen, rannten sie durch den Gemeinschaftsraum
der Slytherins, stürzten sich auf die feuchte Wand und
spurteten den Gang entlang, in der Hoffnung, Malfoy habe
nichts bemerkt. Harrys Füße begannen in Goyles riesigen
Schuhen zu rutschen und weil er schrumpfte, musste er seinen
Umhang hochraffen. Sie rasten die Treppe hoch in die dunkle
Eingangshalle; nicht zu überhören war das dumpfe Pochen aus
dem Schrank, in den sie Crabbe und Goyle eingeschlossen
hatten. Sie ließen die Schuhe vor der Schranktür zurück und
hasteten in Socken die marmorne Treppe zum Klo der
Maulenden Myrte hoch.
»Na ja, es war nicht alles Zeitverschwendung«, keuchte Ron
und schloss die Klotür hinter sich. »Ich weiß, wir haben immer
noch nicht rausgefunden, wer für die Angriffe verantwortlich
ist, aber morgen schreibe ich Dad, er soll unter Malfoys Salon
nachschauen.«
Harry prüfte sein Gesicht in dem zerbrochenen Spiegel. Er
war wieder er selbst. Er setzte seine Brille auf und Ron
hämmerte gegen Hermines Kabine.
»Hermine, komm raus, wir haben dir 'ne Menge zu er-
zählen -«
234
»Haut ab!«, quiekte Hermine.
Harry und Ron sahen sich an.
»Was ist los mit dir?«, fragte Ron. »Du musst doch inzwi-
schen wieder du selbst sein, wie wir -«
Doch plötzlich glitt die Maulende Myrte durch die Kabi-
nentür. Harry hatte sie nie so glücklich gesehen.
»Ooooooh, wartet, bis ihr sie seht«, sagte sie. »Es ist
schrecklich -«
Sie hörten den Riegel zurückgleiten und heraus kam Her-
mine, den Umhang über den Kopf gezogen und schluchzend.
»Was ist los?«, fragte Ron wieder. »Hast immer noch Mil-
licents Nase oder so was?«
Hermine ließ den Umhang fallen und Ron zuckte so schnell
zurück, dass er gegen das Waschbecken stieß.
Ihr Gesicht war mit schwarzem Fell überzogen. Ihre Augen
waren gelb, und lange spitze Ohren ragten aus ihrem Haar.
»Es war ein K-Katzenhaar!«, heulte sie. »M-Millicent Bul-
strode muss eine Katze haben! Und der Trank darf nicht für
Verwandlungen in Tiere gebraucht werden!«
»Uh - oh«, sagte Ron.
»Da werden sie dich ganz fürchterlich triezen«, sagte Myrte
glücklich.
»Ist schon gut, Hermine«, sagte Harry rasch. »Wir bringen
dich hoch in den Krankenflügel, Madam Pomfrey stellt nie zu
viele Fragen ...«
Es dauerte lange, bis sie Hermine dazu überredet hatten,
hinauszugehen. Die Maulende Myrte machte ihnen mit
schallendem Gelächter Beine.
»Wart nur, bis alle rausfinden, dass du einen Schwanz hast!«
235
Der sehr geheime Taschenkalender
Hermine blieb mehrere Wochen im Krankenflügel. Als die
andern aus den Weihnachtsferien zurückkamen, kochte die
Gerüchteküche über, denn natürlich glaubten alle, sie wäre
angegriffen worden. Auffällig viele schlenderten am Kran-
kenflügel entlang und versuchten einen Blick auf Hermine zu
erhaschen, so dass Madam Pomfrey ihren Vorhang wieder
auspackte und ihn um Hermines Bett hängte, damit ihr die
Schande erspart bleiben sollte, mit einem Fellgesicht gesehen
zu werden.
Harry und Ron gingen sie jeden Abend besuchen. Und seit
der Unterricht wieder begonnen hatte, brachten sie ihr Tag für
Tag die Hausaufgaben mit.
»Wenn mir diese Schnurrhaare gewachsen wären, dann
hätte ich mal eine Pause eingelegt«, sagte Ron eines Abends
und legte einen Stapel Bücher auf Hermines Nachttisch.
»Red keinen Stuss, Ron, ich darf den Anschluss nicht ver-
passen«, erwiderte Hermine barsch. Ihre Stimmung hatte sich
deutlich gebessert, seit alle Haare aus ihrem Gesicht ver-
schwanden waren und ihre Augen sich allmählich wieder
braun färbten. »Ihr habt nicht etwa neue Spuren?«, setzte sie
flüsternd hinzu, damit Madam Pomfrey nichts hörte.
»Nichts«, sagte Harry düster.
»Ich war mir so sicher, es sei Malfoy«, sagte Ron ungefähr
zum hundertsten Mal.
»Was ist denn das?«, fragte Harry und deutete auf etwas
Goldenes, das unter Hermines Kissen hervorlugte.
236
»Nur eine Gute-Besserung-Karte«, sagte Hermine hastig
und versuchte die Karte wegzustecken, doch Ron war schnel-
ler. Er zog sie hervor, klappte sie auf und las laut:
»An Miss Granger, der ich eine rasche Genesung wünsche,
von ihrem besorgten Lehrer, Professor Gilderoy Lockhart,
Orden der Merlin dritter Klasse, Ehrenmitglied der Liga zur
Verteidigung gegen die dunklen Kräfte und fünfmaliger
Gewinner des Charmantestes-Lächeln-Preises der
Hexenwoche.«
Ron sah angewidert zu Hermine auf.
»Mit der Karte unter dem Kissen schläfst du?«
Doch Madam Pomfrey kam mit der abendlichen Dosis
Arznei herübergewuselt und ersparte Hermine die Antwort.
»Lockhart ist mit Abstand der größte Schleimer, den man
sich vorstellen kann«, sagte Ron zu Harry, als sie den Kran-
kensaal verlassen hatten und die Treppe zum Gryffindor-Turm
emporstiegen. Snape hatte ihnen so viele Hausaufgaben
aufgehalst, dass Harry meinte, er würde wohl erst im sechsten
Schuljahr damit fertig werden. Ron sagte gerade, er hätte
Hermine eigentlich fragen wollen, wie viele Rattenschwänze
man in einen Haarsträubetrank mischen müsse, als sie aus dem
Stockwerk über ihnen jemanden wutentbrannt schreien hörten.
»Das ist Filch«, murmelte Harry. Sie rannten die Treppe
hoch, gingen in Deckung und lauschten mit gespitzten Ohren.
»Du glaubst doch nicht etwa, es ist wieder jemand ange-
griffen worden?«, fragte Ron angespannt.
Sie standen reglos da, die Köpfe zu Filchs Stimme hin ge-
neigt, die ausgesprochen hysterisch klang.
»- noch mehr Arbeit für mich! Die ganze Nacht wischen, als
ob ich nicht genug zu tun hätte! Nein, das bringt das Fass zum
Überlaufen, ich geh zu Dumbledore -«
Seine Schritte wurden leiser, während er den Gang ent-
langlief, und in der Ferne hörten sie eine Tür schlagen.
237
Sie steckten die Köpfe um die Ecke. Filch hatte offenbar an
der üblichen Stelle Wache gehalten: Wieder einmal waren sie
an dem Ort, wo Mrs Norris angegriffen worden war. Sie sahen
auf den ersten Blick, weshalb Filch getobt hatte. Eine große
Wasserlache bedeckte den halben Korridor, und es sah so aus,
als ob immer noch Wasser unter der Klotür der Maulenden
Myrte hervorsickerte. Nun, da Filch aufgehört hatte zu
schimpfen, konnten sie Myrtes Klagen von den Klowänden
widerhallen hören.
»Was ist denn bloß mit der schon wieder los?«, fragte Ron.
»Lass uns nachsehen«, sagte Harry. Sie zogen die Umhänge
über die Knöchel hoch und tapsten durch die große
Wasserlache hinüber zur Tür mit dem »Defekt«-Schild,
missachteten es wie üblich und traten ein.
Die Maulende Myrte weinte noch lauter und heftiger als
sonst, falls das überhaupt möglich sein konnte. Offenbar
versteckte sie sich in ihrer üblichen Kabine. Hier drin war es
dunkel, denn die große Wasserflut, von der Wände und Boden
pitschnass waren, hatte auch die Kerzen gelöscht.
»Was ist los, Myrte?«, fragte Harry.
»Wer ist da?«, schluchzte Myrte niedergeschlagen. »Willst
du noch etwas auf mich werfen?«
Harry watete hinüber zu ihrer Tür und sagte:
»Warum sollte ich dich mit etwas bewerfen?«
»Frag mich nicht«, rief Myrte und tauchte auf, wobei noch
eine Wasserwelle auf den schon klitschnassen Boden
schwappte. »Da bin ich und kümmere mich um meine eigenen
Angelegenheiten, und irgend jemand hält es für witzig, ein
Buch nach mir zu schmeißen ...«
»Aber es kann dir doch nicht wehtun, wenn jemand dich
trifft«, sagte Harry beschwichtigend. »Ich meine, es würde
einfach durchfliegen, oder?«
238
Er hatte etwas Falsches gesagt. Myrte plusterte sich auf und
kreischte:
»Lasst uns allesamt Bücher auf Myrte werfen, denn sie spürt
es ja nicht! Zehn Punkte, wenn ihr eins durch den Magen
kriegt! Fünfzig Punkte, wenn es durch den Kopf geht! Schön,
hahaha! Was für ein wunderbares Spiel - finde ich gar nicht!«
»Wo wir schon dabei sind - wer war es eigentlich?«, sagte
Harry.
»Ich weiß es nicht ... Ich saß im Abflussrohr und dachte
über den Tod nach, und es fiel direkt durch meinen Kopf«,
sagte Myrte und starrte sie böse an. »Da drüben ist es, es ist
ganz nass geworden ...«
Harry und Ron sahen unter dem Waschbecken nach, auf das
Myrte deutete. Dort lag ein kleines, dünnes Buch. Es hatte
einen schäbigen schwarzen Einband und war nass wie alles
andere im Klo. Harry trat vor, um es aufzuheben, doch Ron
streckte jäh seinen Arm aus, um ihn aufzuhalten.
»Was ist?«, sagte Harry.
»Bist du verrückt geworden?«, sagte Ron. »Es könnte ge-
fährlich sein.«
»Gefährlich?«, sagte Harry und lachte auf. »Weshalb sollte
es gefährlich sein?«
»Du würdest Augen machen«, sagte Ron, der das Buch
misstrauisch beäugte. »Manche der Bücher, die das Ministe-
rium beschlagnahmt hat - Dad hat es mir erzählt - eines davon
brannte einem die Augen aus. Und jeder, der Sonette eines
Zauberers gelesen hatte, sprach für den Rest seines Lebens in
Limericks. Und eine alte Hexe in Bath hatte ein Buch, bei dem
man nie aufhören konnte zu lesen! Man musste mit der Nase
drin herumlaufen und versuchen alles mit einer Hand zu
erledigen. Und -«
»Schon gut, ich hab's kapiert«, sagte Harry.
239
Das kleine Buch lag auf dem Boden, harmlos und durch-
weicht.
»Nun, wir kommen nicht weiter, wenn wir es uns nicht
anschauen«, sagte er, duckte sich unter Rons Arm hindurch
und hob das Buch auf.
Harry sah Sofort, dass es sich um einen Taschenkalender
handelte, und die ausgebleichte Jahreszahl auf dem Umschlag
sagte ihm, dass er fünfzig Jahre alt war. Neugierig schlug er
das Buch auf. Auf der ersten Seite konnte er nur den Namen
»T. V. Riddle« in verkleckster Tintenschrift erkennen.
»Wart mal«, sagte Ron, der sich vorsichtig genähert hatte
und über Harrys Schulter sah. »Den Namen kenn ich doch gut
... T V. Riddle hat vor fünfzig Jahren eine Auszeichnung für
besondere Verdienste um die Schule erhalten.«
»Woher zum Teufel weißt du das?«, fragte Harry verblüfft.
»Filch hat mich bei den Strafarbeiten die Medaille ungefähr
hundert Mal polieren lassen«, sagte Ron gereizt. »Das war die
Medaille, über die ich eine Ladung Schnecken gespuckt hab.
Wenn du eine Stunde lang Schleim von einem Namen
gewischt hättest, dann würdest du dich auch an ihn erinnern.«
Harry schälte die nassen Seiten auseinander. Sie waren voll-
kommen leer. Nicht die geringste Spur einer Eintragung war
auf ihnen zu entdecken, nicht einmal »Tante Mabels Geburts-
tag« oder »Zahnarzt, halb vier«.
»Er hat ihn nicht benutzt«, sagte Harry enttäuscht.
»Ich frag mich, warum es dann jemand ins Klo spülen
wollte?«, sagte Ron verwundert.
Harry drehte das Buch um und sah auf der Rückseite den
Namen eines Zeitungshändlers in der Londoner Vauxhall
Road.
240
»Er muss aus einer Muggelfamilie stammen«, sagte Harry
nachdenklich. »Wenn er einen Kalender in der Vauxhall Road
gekauft hat ...«
»Tja, das nützt dir nicht viel«, sagte Ron. Er senkte die
Stimme. »Fünfzig Punkte, wenn du es durch Myrtes Nase
kriegst.«
Harry jedoch steckte es in die Tasche.
Hermine konnte Ende Februar den Krankenflügel verlassen.
Sie war ihre Schnurrhaare, ihr Fell und ihren Schwanz los. Am
ersten Abend im Gryffindor-Turm zeigte ihr Harry T. V.
Riddles Taschenkalender und erzählte, wie sie ihn gefunden
hatten.
»Oooh, er könnte verborgene Kräfte besitzen«, sagte Her-
mine begeistert. Sie nahm den Kalender in die Hand und
musterte ihn genau.
»Wenn er welche hat, dann verbirgt er sie ganz gut«, sagte
Ron. »Vielleicht ist er schüchtern. Ich weiß nicht, warum du
ihn nicht wegwirfst.«
»Ich würde zu gern wissen, warum jemand versucht hat, ihn
loszuwerden«, sagte Harry. »Und ich hätte auch nichts
dagegen, wenn ich wüsste, für welche besonderen Verdienste
um Hogwarts Riddle seine Auszeichnung bekommen hat.«
»Könnte alles Mögliche gewesen sein«, sagte Ron. »Viel-
leicht hatte er den dreißigsten ZAG geschafft oder einen Leh-
rer vor einem Riesenkraken gerettet. Vielleicht hat er Myrte
umgebracht, da hätte er allen einen Gefallen getan ...«
Doch Harry schloss aus der unbewegten Miene Hermines,
dass sie das Gleiche dachte wie er.
»Was ist?«, sagte Ron und sah die beiden abwechselnd an.
»Nun, die Kammer des Schreckens wurde vor fünfzig Jah-
ren geöffnet, oder?«, sagte Harry. »Das hat Malfoy gesagt.«
»Jaa ...«, sagte Ron langsam.
241
»Und dieser Kalender ist fünfzig Jahre alt«, sagte Hermine,
aufgeregt mit den Fingern darauf trommelnd.
»Na und?«
»Ach Ron, wach auf«, herrschte ihn Hermine an. »Wir
wissen, dass die Person, die die Kammer das letzte Mal ge-
öffnet hat, vor fünfzig Jahren von der Schule verwiesen wurde.
Wir wissen, dass T. V. Riddle seine Auszeichnung für
besondere Verdienste um die Schule vor fünfzig Jahren
bekommen hat. Nun, was wäre, wenn Riddle seine besondere
Auszeichnung bekam, weil er den Erben von Slytherin
gefangen hat? Sein Kalender, als eine Art Tagebuch benutzt,
würde uns wahrscheinlich alles sagen - wo die Kammer ist und
wie man sie öffnet und was für eine Kreatur darin lebt -, die
Person, die diesmal hinter den Angriffen steckt, würde so ein
Buch lieber nicht hier rumliegen sehen, oder?«
»Das ist eine geniale Theorie, Hermine«, sagte Ron, »mit
nur einem kleinen Fehler. In dem Buch steht nichts.«
Doch Hermine zog den Zauberstab aus der Tasche.
»Vielleicht ist es unsichtbare Tinte!«, flüsterte sie.
Sie tippte dreimal sanft gegen den Kalender und sagte:
»Aparecium!«
Nichts geschah. Unverzagt griff Hermine erneut in ihre
Tasche und zog einen leuchtend roten Radiergummi hervor.
»Das ist ein Enthüller, hab ich in der Winkelgasse gekauft«,
sagte sie.
Sie rubbelte kräftig über »Erster Januar«. Nichts geschah.
»Ich sag euch doch, dadrin ist nichts«, sagte Ron. »Riddle
hat eben einen Kalender zu Weihnachten bekommen und hatte
einfach keine Lust, darin zu schreiben.«
Harry konnte nicht erklären, auch nicht sich selbst, warum
er Riddles Buch nicht einfach wegwarf. Nicht nur das. Obwohl
er wusste, dass der Taschenkalender leer war, nahm er
242
ihn ständig gedankenverloren in die Hand und durchblätterte
ihn, als ob er eine Geschichte enthielte, die er zu Ende lesen
wollte. Und obwohl sich Harry sicher war, dass er den Namen
T. V. Riddle nie vorher gehört hatte, schien er dennoch etwas
für ihn zu bedeuten, fast als ob Riddle ein Freund gewesen
wäre, als er noch sehr klein war, ein Freund, den er fast
vergessen hatte. Doch das war Unsinn. Bevor er nach
Hogwarts kam, hatte er keine Freunde gehabt, dafür hatte
Dudley schon gesorgt.
Dennoch war Harry entschlossen, mehr über Riddle he-
rauszufinden, und so machte er sich tags darauf in der großen
Pause auf den Weg ins Pokalzimmer, um sich Riddles
besondere Auszeichnung anzusehen. Eine neugierige Hermine
begleitete ihn nebst einem zutiefst ungläubigen Ron, der
zudem verkündete, er habe von Pokalzimmern für sein Leben
lang die Nase voll.
Riddles blank polierte Goldmedaille war in einem Eck-
schrank verstaut. Warum er sie bekommen hatte, stand nicht
darauf (»Besser ist's, denn sonst wäre sie noch größer gewesen
und ich würd sie immer noch polieren«, sagte Ron). Allerdings
fanden sie Riddles Namen darüber hinaus noch auf einer alten
Medaille für Magische Meriten und auf einer Liste ehemaliger
Schulsprecher.
»Klingt wie Percy«, sagte Ron und kräuselte angewidert die
Nase. »Vertrauensschüler, Schulsprecher ... wahrscheinlich
immer Klassenbester -«
»Du hörst dich an, als ob das was Schlechtes wäre«, sagte
Hermine in leicht beleidigtem Ton.
Die Sonne warf inzwischen wieder die ersten schwachen
Strahlen auf Hogwarts. Im Schloss war die Stimmung hoff-
nungsvoller geworden. Seit den Angriffen auf Justin und den
Fast Kopflosen Nick war nichts mehr passiert und Professor
243
Sprout konnte erfreut berichten, dass die Alraunen launisch
und geheimnistuerisch wurden, was hieß, dass sie die Kindheit
nun rasch hinter sich ließen.
»Sobald ihre Akne zurückgeht, kann man sie wieder ein-
topfen«, hörte Harry sie eines Nachmittags mit freundlicher
Stimme Filch erklären. »Und danach dauert es nicht mehr
lange, bis wir sie zerschneiden und schmoren. Ihre Mrs Norris
haben Sie dann im Nu zurück.«
Vielleicht hat der Erbe von Slytherin die Nerven verloren,
dachte Harry. Wenn die Schule so wachsam und misstrauisch
war, musste es immer riskanter werden, die Kammer des
Schreckens zu öffnen. Vielleicht ließ sich das Monster, was
immer es war, gerade jetzt nieder, um weitere fünfzig Jahre
Winterschlaf zu halten ...
Ernie Macmillan von den Hufflepuffs teilte diese hoff-
nungsvolle Überzeugung nicht. Er war immer noch der An-
sicht, dass Harry der Schuldige war und sich im Duellierclub
»verraten« habe. Peeves war da auch nicht hilfreich; ständig
tauchte er in überfüllten Korridoren auf und sang: »Ach Potter,
du Schwein ...«, inzwischen mit einem dazu passenden
Tänzchen.
Für Gilderoy Lockhart stand außer Frage, dass er persönlich
bewirkt habe, dass die Angriffe aufgehört hatten. Während
sich die Gryffindors für Verwandlung bereitmachten, hörte
Harry, wie er dies Professor McGonagall erklärte.
»Ich denke nicht, dass es noch irgendwelche Schwierig-
keiten geben wird, Minerva«, sagte er augenzwinkernd und
sich ahnungsvoll gegen die Nase tippend. »Ich glaube, die
Kammer des Schreckens ist jetzt endgültig verschlossen. Der
Schurke muss gewusst haben, dass es nur eine Frage der Zeit
war, bis ich ihn erwischen würde. Ganz vernünftig von ihm,
jetzt aufzuhören, bevor ich ihn mir zur Brust nehmen konnte.
244
Wissen Sie, was die Schule jetzt braucht, ist einen Stim-
mungsheber. Etwas, das die Erinnerungen an diese Geschichte
fortwäscht! Ich will jetzt nicht weiter darüber reden, aber ich
denke, ich weiß genau das Richtige ...«
Er tippte sich erneut an die Nase und schritt davon.
Was sich Lockhart unter einem Stimmungsheber vorstellte,
wurde beim Frühstück am vierzehnten Februar deutlich. Harry
hatte wegen eines bis spätabends dauernden Quid-
ditch-Trainings nicht viel geschlafen und ein wenig verspätet
rannte er hinunter in die Große Halle. Einen Moment lang
dachte er, sich in der Tür geirrt zu haben.
Alle Wände waren mit großen, blassrosa Blumen bedeckt.
Schlimmer noch, herzförmiges Konfetti schneite vom fahl-
blauen Himmel herab. Harry ging hinüber zum Gryffindor-
Tisch. Ron hockte da, als ob ihm schlecht wäre, und Hermine
schien in recht kichriger Stimmung.
»Was ist denn hier los?«, fragte Harry die beiden und
schnippte Konfetti von seinem Schinken.
Ron deutete auf den Lehrertisch, offenbar zu angewidert,
um zu sprechen. Lockhart, mit einem zur Dekoration pas-
senden blassrosa Umhang, gebot armfuchtelnd Schweigen. Die
Lehrer neben ihm saßen mit versteinerten Gesichtern da. Von
seinem Platz aus konnte Harry auf Professor McGonagalls
Wange einen Muskel zucken sehen. Snape sah aus, als hätte
ihm soeben jemand einen großen Becher Skele-Wachs
eingeflößt.
»Einen glücklichen Valentinstag!«, rief Lockhart. »Und
danken möchte ich den inwischen sechsundvierzig Leuten, die
mir Karten geschickt haben. ja, ich habe mir die Freiheit ge-
nommen, diese kleine Überraschung für Sie alle vorzuberei-
ten - und es kommt noch besser«
Lockhart klatschte in die Hände und durch das Portal zur
Eingangshalle marschierte ein Dutzend griesgrämig drein-
245
schauender Zwerge. Freilich nicht irgendwelche Zwerge.
Lockhart hatte sie alle mit goldenen Flügeln und Harfen
ausstaffiert.
»Meine freundlichen Liebesboten«, strahlte Lockhart. »Sie
werden heute durch die Schule streifen und ihre Valen-
tinsgrüße überbringen. Und damit ist der Spaß noch nicht zu
Ende! Ich bin sicher, meine Kollegen werden sich dem Geist
der Stunde nicht verschließen wollen. Warum bitten wir nicht
Professor Snape, uns zu zeigen, wie man einen Liebestrank
mischt! Und wenn wir schon dabei sind, Professor Flitwick
weiß mehr als jeder Hexenmeister, den ich je getroffen habe,
darüber, wie man jemanden in Trance zaubert, der
durchtriebene alte Hund!«
Professor Flitwick begrub das Gesicht in den Händen. Snape
sah aus, als ob er den Ersten, der ihn nach einem Liebestrank
fragte, vergiften würde.
»Bitte, Hermine, sag mir, dass du keine von den sechsund-
vierzig bist«, flehte Ron, als sie die Große Halle verließen und
zum Unterricht gingen. Hermine war plötzlich vollauf damit
beschäftigt, in ihrer Tasche nach dem Stundenplan zu kramen,
und antwortete nicht.
Den ganzen Tag über platzten die Zwerge zum Ärger der
Lehrer in die Unterrichtsstunden und überbrachten Valen-
tinsgrüße, und spät am Nachmittag, die Gryffindors waren
gerade auf dem Weg hoch zur Zauberkunststunde, holte einer
von ihnen Harry ein.
»Ei, du! Arry Potter!«, rief ein besonders grimmig ausse-
hender Zwerg und räumte sich mit dem Ellbogen den Weg zu
Harry frei.
Harry war die Vorstellung ein Gräuel, vor den Augen einer
Schar von Erstklässlern, zu der zufällig auch Ginny Weasley
gehörte, einen Valentinsgruß empfangen zu müssen, und ver-
suchte zu entkommen. Doch der Zwerg schlug sich schien-
246
beintretend durch die Menge und holte ihn ein, bevor er auch
nur zwei Schritte getan hatte.
»Ich hab eine musikalische Nachricht an)Arry Potter per-
sönlich( zu überbringen«, sagte er und zupfte Unheil ver-
kündend an seiner Harfe herum.
»Nicht hier«, zischte Harry und rannte erneut los.
»Stillgestanden!«, raunzte der Zwerg, packte Harrys Tasche
und zog ihn zurück.
»Lass mich los!«, knurrte Harry.
Mit einem lauten Reißen ging seine Tasche entzwei. Bücher,
Zauberstab, Pergament und Federkiel flogen zu Boden und
über dem ganzen Durcheinander zerbrach auch noch sein
gläsernes Tintenfass.
Harry hastete umher und versuchte seine Sachen aufzu-
sammeln, bevor der Zwerg zu singen begann. Im Korridor
entstand ein kleiner Menschenauflauf.
»Was geht hier vor?«, ertönte die kalte, schleppende Stim-
me von Draco Malfoy. Fieberhaft stopfte Harry alles in seine
zerrissene Tasche, verzweifelt darauf aus, zu entkommen, be-
vor Malfoy den musikalischen Valentinsgruß hören konnte.
»Was ist denn das für ein Durcheinander?«, sagte eine an-
dere vertraute Stimme, die von Percy Weasley.
Harry verlor den Kopf und wollte losrennen, doch der
Zwerg packte ihn um die Knie und er stürzte polternd zu
Boden.
»Schön«, sagte der Zwerg und setzte sich auf Harrys Fuß-
gelenke. »Hier ist dein Valentinslied:
>Seine Augen, so grün wie frisch gepökelte Kröte
Sein Haar, so schwarz wie Ebenholz
Ich wünscht', er wär mein, denn göttlich muss sein
Der die Macht des Dunklen Lords schmolz.<«
247
Harry hätte alles Gold in Gringotts dafür gegeben, sich auf der
Stelle in Luft auflösen zu können. Er mühte sich vergeblich zu
lachen wie die anderen und rappelte sich auf, Seine Füße
waren taub vom Gewicht des Zwerges. Unterdessen tat Percy
Weasley sein Bestes, um die Schar der Schüler zu zerstreuen,
von denen einige zu Tränen gerührt waren.
»Weitergehen, weitergehen, es hat vor fünf Minuten ge-
läutet, ab in die Klassenzimmer jetzt«, sagte er und schubste
ein paar der jüngeren Schüler mit sanfter Gewalt weiter.
»Auch du, Malfoy!«
Harry sah zu Malfoy hinüber und bemerkte, wie er jäh
innehielt und etwas vom Boden auflas. Höhnisch grinsend
zeigte er es Crabbe und Goyle, und Harry erkannte, dass er
Riddles Kalender in der Hand hielt.
»Gib das zurück«, sagte Harry mit ruhiger Stimme.
»Was Potter wohl da reingeschrieben hat?«, sagte Malfoy,
der die Jahreszahl auf dem Umschlag offenbar nicht bemerkt
hatte und glaubte, es wäre Harrys Kalender. Die Umstehenden
verstummten. Ginny starrte mit entsetztem Blick abwechselnd
auf das Buch und auf Harry.
Percy hob an: »Als Vertrauensschüler -«, doch Harry hatte
die Geduld verloren. Er zückte seinen Zauberstab und rief-
»Expelliarmus!« Und genau wie Snape Lockhart entwaffnet
hatte, musste Malfoy zusehen, wie ihm das Buch in hohem
Bogen aus der Hand flog. Ron, über das ganze Gesicht grin-
send, fing es auf.
»Harry!«, sagte Percy laut. »Keine Zauberei in den Korri-
doren. Ich muss das berichten, das weißt du!«
Doch Harry war es egal. Er hatte Malfoy eins ausgewischt,
und das war die fünf Punkte Abzug für Gryffindor allemal
wert. Malfoy sah wütend aus, und als Ginny an ihm vorbei in
ihr Klassenzimmer ging, rief er ihr hämisch nach:
248
»Ich glaube nicht, dass Potter deinen Valentinsgruß be-
sonders gemocht hat!«
Ginny bedeckte das Gesicht mit den Händen und ver-
schwand durch die Tür. Schnaubend zog Ron seinen Zauber-
stab hervor, doch Harry hielt ihn zurück. Schließlich sollte
Ron nicht unbedingt während des ganzen Zauberkunst-
unterrichts Schnecken spucken.
Erst als sie Professor Flitwicks Klassenzimmer erreicht
hatten, bemerkte Harry etwas ziemlich Merkwürdiges an
Riddles Kalender. All seine anderen Bücher waren mit
scharlachroter Tinte durchtränkt. Der Taschenkalender jedoch
war so Sauber, wie er gewesen war, bevor das Tintenfass
darüber zerbrochen war. Er wollte ihn Ron zeigen, doch Ron
hatte wieder einmal Probleme mit seinem Zauberstab. Aus der
Spitze traten große purpurne Blasen, was Rons
Aufmerksamkeit ganz und gar im Bann hielt.
An diesem Abend ging Harry früher als alle andern zu Bett.
Zum einen würde er es nicht ertragen, Fred und George noch
einmal »Seine Augen, so grün wie frisch gepökelte Kröte«
singen zu hören, zum andern wollte er sich Riddles Kalender
genau ansehen, und er wusste, dass Ron dies für Zeitver-
schwendung hielt.
Harry saß auf seinem Himmelbett und blätterte durch die
leeren Seiten. Auf keiner einzigen war auch nur eine Spur
scharlachroter Tinte. Dann zog er eine neues Fässchen aus
seinem Nachtschrank, tauchte die Feder hinein und ließ einen
Tropfen auf die erste Seite des Tagebuchs fallen.
Eine Sekunde lang leuchtete die Tinte hell auf dem Papier,
und dann, als würde sie in das Blatt hineingesaugt, ver-
schwand sie. Aufgeregt tunkte Harry die Feder ein zweites Mal
ein und schrieb: »Mein Name ist Harry Potter.«
Die Worte leuchteten sekundenlang auf dem Blatt und
249
dann verschwanden auch sie spurlos. Dann, endlich, geschah
etwas.
Aus dem Blatt heraus drangen, in seiner eigenen Tinte,
Wörter, die Harry nicht geschrieben hatte.
»Hallo, Harry Potter. Mein Name ist Tom Riddle. Wie kommst
du an mein Tagebuch?«
Auch diese Worte verblassten, doch nicht bevor Harry zu-
rückgekritzelt hatte.
»Jemand hat versucht, es ins Klo zu spülen.«
Gespannt wartete er auf Riddles Antwort.
»Ein Glück, dass ich meine Erinnerungen auf dauerhaftere
Weise als mit Tinte festgehalten habe. Aber ich wusste immer,
dass es einige gibt, die nicht wollen, dass dieses Tagebuch gelesen
wird.«
»Was meinst du damit?«, krakelte Harry und bekleckste vor
Aufregung die Seite.
»Ich will sagen, dass dieses Tagebuch Erinnerungen an
schreckliche Dinge enthält. Dinge, die vertuscht wurden. Dinge,
die an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei
geschahen.«
»Da bin ich gerade«, schrieb Harry rasch. »Ich bin in Hog-
warts und furchtbare Sachen sind passiert. Weißt du etwas
über die Kammer des Schreckens?«
Sein Herz hämmerte. Riddles Antwort kam schnell, seine
Schrift wurde schludriger, als wollte er eilends alles erzählen,
was er wusste.
»Natürlich weiß ich von der Kammer des Schreckens. Zu
meiner Zeit haben sie uns erzählt, es sei nur eine Legende und es
gebe sie nicht. Aber das war eine Lüge. In meinem fünften Jahr
wurde die Kammer geöffnet und das Monster hat mehrere Schüler
angegriffen und schließlich einen getötet. Ich habe die Person
erwischt, die die Kammer geöffnet hat, und sie wurde verstoßen.
Doch der Schulleiter, Professor Dippet, schämte sich, dass so
etwas in Hogwarts geschehen war, und verbot mir, die Wahrheit
zu sagen. Sie haben ein Märchen erfunden, wonach das Mädchen
bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen sei. Sie
250
haben 'mir eine hübsche, glänzende Medaille mit eingeprägter
Widmung gegeben und mich ermahnt, den Mund zu halten.
Doch ich wusste, dass es wieder geschehen konnte. Das
Monster lebte weiter und derjenige, der die Macht hatte, es
loszulassen, kam nicht ins Gefängnis.«
Harry stieß fast sein Tintenfass um, so eilig hatte er es mit
der Antwort.
»Es geschieht jetzt wieder. Es gab drei Angriffe und keiner
scheint zu wissen, wer dahinter steckt. Wer war es das letzte
Mal?«
»Ich kann es dir zeigen, wenn du willst«, antwortete Riddle.
»Du brauchst meinen Worten nicht zu glauben. Ich kann dich
in mein Gedächtnis von jener Nacht, in der ich ihn gefangen
habe, hereinholen.«
Harry zögerte und hielt die Feder über das Tagebuch. Was
meinte Riddle damit? Wie konnte er in das Gedächtnis eines
anderen gelangen? Nervös blickte er zur Tür des Schlafsaals,
in dem es nun dunkel wurde. Als sein Blick wieder auf das
Buch fiel, sah er, wie sich neue Worte bildeten.
»Ich will es dir zeigen.«
Harry hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne und schrieb
dann ein Wort.
»Okay.«
Die Blätter des Tagebuchs begannen zu flattern, als ob ein
Wind sie erfasst hätte. Als sich der Wirbel legte, waren die
Seiten für Mitte Juni aufgeschlagen. Mit offenem Mund sah
Harry, dass sich das kleine Quadrat für den dreizehnten Juni
offenbar in einen winzigen Bildschirm verwandelt hatte. Mit
leicht zitternden Händen hob er das Buch und drückte ein
Auge gegen das kleine Fenster, und bevor er wusste, wie ihm
geschah, kippte er nach vorn; das Fenster weitete sich, er
spürte, wie sein Körper das Bett verließ und er kopfüber durch
die Öffnung gezogen wurde, hinein in einen Wirbel aus Farbe
und Schatten.
251
Seine Füße berührten festen Grund. Am ganzen Körper
zitternd richtete er sich auf und die verschwommenen Formen
um ihn her nahmen plötzlich Gestalt an.
Sofort wusste er, wo er war. Dieser kreisrunde Raum mit
den schlafenden Porträts war Dumbledores Büro - doch hinter
dem Schreibtisch saß nicht Dumbledore. Ein verhutzelter,
gebrechlich aussehender Zauberer, kahlköpfig mit Ausnahme
einiger Strähnen weißen Haares, las bei Kerzenlicht einen
Brief Harry hatte diesen Mann noch nie gesehen.
»Es tut mir Leid«, sagte er zitternd, »ich wollte hier nicht
reinplatzen.«
Doch der Zauberer sah nicht auf. Ein wenig stirnrunzelnd
las er weiter. Harry trat näher an den Schreibtisch heran und
stammelte:
»Ähm, ich gehe einfach, oder?«
Der Zauberer beachtete ihn immer noch nicht. Er schien ihn
nicht einmal gehört zu haben. Harry überlegte, ob er vielleicht
schwerhörig sei, und hob die Stimme.
»Tut mir Leid, dass ich Sie gestört habe, ich gehe jetzt«,
schrie er beinahe.
Der Zauberer faltete mit einem Seufzer den Brief zusam-
men, stand auf. ging an Harry vorbei, ohne ihm auch nur einen
Blick zuzuwerfen, und zog die Vorhänge am Fenster auf
Der Himmel draußen war rubinrot; offenbar war Son-
nenuntergang. Der Zauberer ging zum Schreibtisch zurück,
setzte sich und beobachtete Däumchen drehend die Tür.
Harry sah sich im Büro um. Kein Phönix, keine surrenden
Gerätschaften. Dies war Hogwarts, wie Riddle es kennen ge-
lernt hatte, und dieser unbekannte Zauberer war der Schul-
leiter, nicht Dumbledore, und er, Harry, war ein für die Men-
schen vor fünfzig Jahren unsichtbares Phantom.
Es klopfte an der Tür.
252
»Herein«, sagte der alte Zauberer mit schwacher Stimme.
Ein Junge von etwa sechzehn Jahren trat ein und nahm seinen
Spitzhut ab. Auf seiner Brust schimmerte das silberne
Abzeichen des Vertrauensschülers. Er war viel größer als
Harry, doch auch er hatte rabenschwarzes Haar.
»Ah, Riddle«, sagte der Schulleiter.
»Sie wollten mich sprechen, Professor Dippet?«, sagte
Riddle. Er sah nervös aus.
»Setzen Sie sich«, sagte Dippet. »Ich habe eben Ihren Brief
gelesen.«
»Oh«, sagte Riddle. Er setzte sich und klammerte die Hände
fest zusammen.
»Mein lieber Junge«, sagte Dippet freundlich, »ich kann Sie
unmöglich den Sommer über hier in der Schule lassen. Gewiss
möchten Sie in den Ferien nach Hause?«
»Nein«, sagte Riddle sofort. »Ich würde viel lieber in Hog-
warts bleiben als in dieses ... in dieses ...«
»Sie leben in einem Waisenhaus der Muggel, nicht wahr?«,
sagte Dippet neugierig.
»ja, Sir«, sagte Riddle und errötete leicht.
»Sie stammen aus einer Muggelfamilie?«
»Halbblüter, Sir«, sagte Riddle. »Vater Muggel, Mutter
Hexe.«
»Und beide Eltern sind -?«
»Meine Mutter starb, kurz nachdem ich geboren wurde, Sir.
Im Waisenhaus haben sie mir gesagt, sie habe mir noch
meinen Namen geben können - Tom nach meinem Vater,
Vorlost nach meinem Großvater.«
Mitfühlend schnalzte Dippet mit der Zunge.
»Die Sache ist die, Tom«, seufzte er. »Man hätte für Sie
vielleicht eine Ausnahme machen können, aber unter den
gegenwärtigen Umständen ...«
»Sie meinen all diese Angriffe, Sir?«, sagte Riddle und
253
Harrys Herz begann zu pochen. Er trat näher, aus Angst, es
könne ihm etwas entgehen.
»Genau«, sagte der Schulleiter. »Mein lieber Junge, Sie
müssen einsehen, wie dumm es von mir wäre, wenn ich Sie
nach Ende des Schuljahres im Schloss bleiben ließe. Beson-
ders im Licht der jüngsten Tragödie ... des Todes dieses armen
kleinen Mädchens ... In Ihrem Waisenhaus sind Sie bei weitem
sicherer. Übrigens überlegt man im Zaubereiministerium
gerade, ob man die Schule schließen soll. Wir sind der - ähm -
Quelle dieser Unannehmlichkeiten bisher keinen Schritt näher
gekommen ...«
Riddles Augen hatten sich geweitet.
»Sir, wenn diese Person gefangen würde - wenn alles auf-
hören würde -«
»Was meinen Sie damit?«, sagte Dippet mit einem Quieken
in der Stimme und richtete sich in seinem Stuhl auf. »Riddle,
wollen Sie sagen, dass Sie etwas über diese Angriffe wissen?«
»Nein, Sir«, sagte Riddle rasch.
Doch Harry war sich sicher, dass es das gleiche »nein« war,
mit dem er Dumbledore geantwortet hatte.
Dippet sank zurück und wirkte ein wenig enttäuscht.
»Sie können gehen, Tom ...«
Riddle stand auf und ging aus dem Zimmer. Harry folgte
ihm.
Sie ließen sich von der Wendeltreppe hinabtragen und
kamen beim Wasserspeier im nun fast dunklen Korridor
heraus. Riddle hielt inne, und Harry, ihn unverwandt anse-
hend, tat es ihm gleich. Er konnte erkennen, dass Riddle an-
gestrengt nachdachte. Riddle biss sich auf die Unterlippe, die
Stirn in Falten gelegt.
Dann, als hätte er plötzlich eine Entscheidung getroffen,
stürmte er los. Harry glitt geräuschlos neben ihm her. Sie sa-
254
hen niemand anderen, bis sie die Eingangshalle erreicht hatten,
wo ein großer Zauberer mit langem, wehendem, kasta-
nienbraunem Haar und Bart von der Marmortreppe aus rief:
»Was streunen Sie so spät hier herum, Tom?«
Harry starrte den Zauberer mit offenem Mund an. Er war
kein anderer als der fünfzig Jahre jüngere Dumbledore.
»Der Schulleiter wollte mich sprechen, Sir«, sagte Riddle.
»Gut, nun aber rasch ins Bett«, sagte Dumbledore und
starrte Riddle genauso durchdringend an, wie es Harry schon
von ihm kannte. »Jetzt sollte man lieber nicht in den Gängen
umherwandern. Nicht, seit ...«
Er seufzte tief, wünschte Riddle eine gute Nacht und schritt
davon. Riddle wartete, bis er außer Sicht war, und ging dann
mit raschen Schritten die steinernen Treppen zu den Kerkern
hinunter, Harry dicht auf seinen Fersen.
Doch zu Harrys Enttäuschung führte ihn Riddle nicht in
einen versteckten Gang oder einen Geheimtunnel, sondern in
eben den Kerker, in dein Harry Zaubertrankunterricht bei
Snape hatte. Die Fackeln waren nicht entzündet worden, und
als Riddle die Tür bis auf einen Spaltbreit zuschob, konnte
Harry nur noch Riddle sehen, der reglos an der Tür stand und
den Gang draußen beobachtete.
Harry hatte das Gefühl, sie hatten mindestens eine Stunde
lang so dagestanden. Alles, was er sehen konnte, war die
Gestalt Riddles an der Tür, die durch den Spalt lugte und wie
versteinert wartete. Und gerade als Harrys Neugier und
Spannung nachgelassen hatten und er sich allmählich wünsch-
te, wieder in die Gegenwart zurückzukehren, hörte er, wie sich
vor der Tür etwas bewegte.
Jemand kroch den Gang entlang. Er hörte ihn, wer immer es
war, an dem Kerker vorbeigehen, in dem er und Riddle sich
versteckt hatten. Stumm wie ein Schatten glitt Riddle durch
die Tür und schlich ihm nach, und Harry, der ganz
255
vergessen hatte, dass niemand ihn hören konnte, ging auf
Zehenspitzen hinterher.
Etwa fünf Minuten lang folgten sie den Schritten, bis Riddle
plötzlich anhielt und den Kopf neigte. Neue Geräusche
drangen an ihre Ohren. Harry hörte eine Tür knarrend
aufgehen und dann eine raue flüsternde Stimme:
»Komm ... muss dich hier rausbringen ... komm jetzt ... in
die Kiste ...«
Etwas an dieser Stimme kam ihm vertraut vor ...
Plötzlich machte Riddle einen Sprung um die Ecke und
Harry konnte den dunklen Umriss eines riesigen Jungen er-
kennen, der vor einer offenen Tür kauerte, neben ihm eine
große Kiste.
»Schönen Abend, Rubeus«, sagte Riddle mit schneidender
Stimme.
Der Junge schlug die Tür zu und richtete sich auf.
»Was machst du denn hier, Tom?«
Riddle trat näher.
»Es ist aus«, sagte er. »Ich muss dich anzeigen, Rubeus.
Man spricht schon darüber, Hogwarts zu schließen, wenn die
Angriffe nicht aufhören.«
»Was m-meinst -«
»Ich glaube nicht, dass du jemanden töten wolltest. Aber
Monster geben keine guten Haustiere ab. Ich denke, du hast es
nur zum Üben rausgelassen und -«
»Es hat nie keinen umgebracht!«, sagte der riesige Junge
und wich gegen die geschlossene Tür zurück. Hinter der hörte
Harry ein merkwürdiges Rascheln und Klicken.
»Mach schon, Rubeus«, sagte Riddle und trat noch näher.
»Die Eltern des toten Mädchens kommen morgen. Das Min-
deste, was Hogwarts tun kann, ist, dafür zu sorgen, dass das
Wesen, das sie getötet hat, geschlachtet wird ...«
»Er war es nicht!«, polterte der Junge, und seine Stimme
256
hallte in dem dunklen Gang wider. »Er - würd's nie tun! Er
nie!«
»Geh zur Seite«, sagte Riddle und zückte seinen Zauberstab.
Sein Zauberspruch tauchte den Gang jäh in flammendes
Licht. Die Tür hinter dem riesigen Jungen flog mit solcher
Wucht auf, dass sie ihn an die Wand gegenüber warf Und
heraus drang etwas, das Harry einen langen, durchdringenden
Schrei entfahren ließ, den niemand hören konnte -
Ein riesiger, lang gezogener, haariger Körper und ein Gewirr
schwarzer Beine; ein Glimmen vieler Augen und ein Paar
rasiermesserscharfer Greifzangen - noch einmal hob Riddle
seinen Zauberstab, doch es war zu spät. Das Wesen warf ihn
zu Boden und krabbelte den Gang entlang davon und
verschwand. Riddle rappelte sich auf und sah ihm nach, doch
der riesige Junge stürzte sich auf ihn, packte seinen Zauberstab
und warf ihn laut schreiend erneut zu Boden: »NEIIIIIIIN!«
Und vor Harrys Augen begann sich alles zu drehen, nun war
alles schwarz, Harry hatte das Gefühl zu fallen und hart
aufzuprallen. Er landete, alle Viere von sich gestreckt, auf
seinem Bett im Schlafsaal der Gryffindors, Riddles Tagebuch
aufgeschlagen auf seinem Bauch.
Noch bevor er wieder ruhig Luft holen konnte, ging die
Schlafsaaltür auf und Ron kam herein.
»Da bist du ja«, sagte er.
Harry setzte sich auf, Er schwitzte und zitterte.
»Was ist los?«, sagte Ron und sah ihn besorgt an.
»Es war Hagrid, Ron. Hagrid hat die Kammer des Schre-
ckens vor fünfzig Jahren geöffnet.«
257
Cornelius Fudge
Harry, Ron und Hermine wussten schon seit langem von
Hagrids unglücklicher Vorliebe für große und monströse
Geschöpfe. Während ihres ersten Jahres in Hogwarts wollte er
in seiner kleinen Holzhütte einen Drachen aufziehen, und auch
den riesigen dreiköpfigen Hund, den er »Fluffy« getauft hatte,
würden sie nicht so schnell vergessen. Und wenn der junge
Hagrid damals gehört hatte, irgendwo im Schloss sei ein
Monster versteckt, dann, da war sich Harry sicher, hatte er
bestimmt alles darangesetzt, einen Blick auf dieses Monster zu
erhaschen. Vermutlich dachte Hagrid, es sei ein Jammer, das
Geschöpf so lange einzupferchen, und wollte ihm die
Möglichkeit geben, sich einmal die vielen Beine zu vertreten.
Harry konnte sich gut vorstellen, wie der dreizehnjährige
Hagrid versucht hatte, es an Halsband und Leine auszuführen.
Doch er war sich auch sicher, dass Hagrid niemals jemanden
töten wollte.
Fast bereute Harry es, dass er herausgefunden hatte, wie
Riddles Tagebuch funktionierte. Immer wieder musste er Ron
und Hermine erzählen, was er gesehen hatte, bis er von der
Geschichte und den langen, sich im Kreise drehenden
Gesprächen danach endgültig die Nase voll hatte.
»Riddle könnte den Falschen erwischt haben«, sagte Her-
mine. »Vielleicht war es ein anderes Monster, das die Leute
angegriffen hat ...«
»Wie viele Monster, glaubst du, passen dort rein?«, fragte
Ron gelangweilt.
258
»Wir wussten immer, dass Hagrid der Schule verwiesen
wurde«, sagte Harry niedergeschlagen. »Und die Angriffe
müssen aufgehört haben, nachdem sie ihn rausgeworfen
hatten. Sonst hätte Riddle seine Auszeichnung nicht be-
kommen.«
Ron probierte es mit einer anderen Spur.
»Riddle erinnert mich an Percy - wer hat ihm eigentlich
gesagt, er solle Hagrid verpfeifen?«
»Aber das Monster hatte jemanden getötet, Ron«, sagte
Hermine.
»Und Riddle hätte in ein Waisenhaus der Muggel zu-
rückgehen müssen, wenn sie Hogwarts geschlossen hätten«,
sagte Harry. »Ich versteh Schon, dass er lieber hier bleiben
wollte ...«
»Du hast Hagrid in der Nokturngasse getroffen, oder,
Harry?«
»Er sagte, er wollte einen Fleisch fressenden Schnecken-
schutz kaufen«, erwiderte Harry rasch.
Alle drei verstummten. Nach einer langen Pause stellte
Harry mit zögernder Stimme die kniffligste Frage:
»Meint ihr, wir sollten zu Hagrid gehen und ihn einfach
fragen?«
»Das wäre ein lustiger Besuch«, sagte Ron. »>Hallo, Hag-
rid, sag mal, hast du in letzter Zeit irgendwas Verrücktes und
Haariges im Schloss losgelassen?«<
Schließlich beschlossen sie, Hagrid nichts zu sagen, außer
wenn es einen neuen Angriff geben sollte. Und da immer mehr
Tage ohne ein Flüstern der körperlosen Stimme vergingen,
wuchs ihre Hoffnung, sie müssten Hagrid nie fragen, warum er
von der Schule geflogen war. Es war jetzt schon fast vier
Monate her, seit Justin und der Fast Kopflose Nick
versteinert worden waren, und fast alle schienen zu
glauben, dass der Angreifer, wer immer es war, sich end-
259
gültig zurückgezogen hatte. Peeves war sein »Potter, du
Schwein«-Liedchen endlich leid geworden, eines Tages in
Kräuterkunde bat Ernie Macmillan Harry recht höflich, ihm
einen Eimer hüpfender Giftpilze zu reichen, und im März
schmissen einige Alraunen eine lärmende und ausschweifende
Party in Gewächshaus drei. Professor Sprout war sehr
glücklich darüber.
»Sobald sie anfangen, gemeinsam in ihren Töpfen zu hau-
sen, wissen wir, dass sie ganz reif sind«, erklärte sie Harry.
»Dann können wir endlich diese armen Leute im Kranken-
flügel wieder beleben.«
Während der Osterferien bekamen die Zweitklässler neuen
Stoff zum Nachdenken. Es war an der Zeit, die Fächer für das
dritte Schuljahr auszuwählen, eine Sache, die zumindest
Hermine sehr ernst nahm.
»Es könnte unsere ganze Zukunft beeinflussen«, erklärte sie
Harry und Ron, während sie über den Listen mit den neuen
Fächern grübelten und ihre Kreuzchen machten.
»Zaubertränke will ich jedenfalls loswerden«, sagte Harry.
»Das geht nicht«, sagte Ron mit trübseliger Miene. »Wir
müssen unsere alten Fächer behalten, sonst würde ich Vertei-
digung gegen die dunklen Künste gleich über Bord werfen.«
»Aber das ist sehr wichtig!«, sagte Hermine schockiert.
»So, wie Lockhart es unterrichtet, jedenfalls nicht«, sagte
Ron. »Bei dem hab ich nichts gelernt, außer dass man Wichtel
nicht freilassen darf«
Neville Longbottom hatte Briefe von sämtlichen Hexen und
Zauberern in seiner Familie bekommen, die ihm allesamt
unterschiedliche Ratschläge erteilten, welche Fächer er wählen
sollte. Verwirrt und besorgt saß er da, las mit der Zungenspitze
zwischen den Lippen die Fächerliste durch und fragte die
andern, ob sie glaubten, Arithmantik sei ein
260
schwierigeres Fach als Alte Runen. Dean Thomas, der wie
Harry unter Muggeln aufgewachsen war, schloss am Ende
einfach die Augen, stach mit dem Zauberstab auf die Liste und
wählte die Fächer, auf denen er landete. Hermine wollte von
keinem Ratschläge hören und kreuzte schlichtweg alles an.
Harry lächelte grimmig in sich hinein bei dem Gedanken,
was Onkel Vernon und Tante Petunia sagen würden, wenn er
versuchte, mit ihnen über seine Zaubererkarriere zu sprechen.
Aber es war beileibe nicht so, dass ihm keiner zur Seite
gestanden hätte: Percy Weasley wollte unbedingt seine Er-
fahrungen mit ihm teilen.
»Kommt drauf an, was dein Ziel ist, Harry«, sagte er. »Es ist
nie zu früh, über die Zukunft nachzudenken, deshalb würde
ich Weissagung empfehlen. Außerdem heißt es immer, das
Studium der Muggel sei nichts Halbes und nichts Ganzes,
doch wenn du mich fragst, sollten Zauberer ein gründliches
Verständnis der nichtmagischen Gemeinschaft besitzen,
besonders, wenn sie vorhaben, eng mit ihnen zu-
sammenzuarbeiten - sieh dir meinen Vater an, er muss sich
ständig mit Muggelangelegenheiten herumschlagen. Mein
Bruder Charlie war schon immer mehr ein Typ für die freie
Natur, also hat er sich für die Aufzucht und Pflege Magischer
Geschöpfe entschieden. Überleg einfach, wo deine Stärken
liegen, Harry.«
Doch das Einzige, was Harry wirklich gut zu können
glaubte, war Quidditch. Schließlich wählte er die gleichen
neuen Fächer wie Ron, denn wenn er darin miserabel sein
sollte, dann hätte er wenigstens einen Freund, der ihm helfen
konnte.
Im nächsten Spiel der Gryffindors ging es gegen die Huffle-
puffs. Wood bestand darauf, dass sie jeden Abend nach dem
261
Essen noch trainierten, und so blieb Harry kaum Zeit für etwas
anderes als Quidditch und Hausaufgaben. Allerdings wurden
die Trainingsstunden besser oder wenigstens trockener, und als
er am Abend vor dem sonntäglichen Spiel in den Schlafsaal
hochging, um den Besen zu verstauen, hatte er das Gefühl, die
Gryffindors hätten noch nie eine größere Chance gehabt, den
Quidditch-Pokal zu gewinnen.
Doch seine muntere Stimmung hielt nicht lange an. Oben
auf dem Treppenabsatz vor dem Schlafsaal traf er auf Neville
Longbottom, und der war völlig aus dem Häuschen.
»Harry - ich weiß nicht, wer es war - ich hab's gerade ent-
deckt -«
Mit ängstlichem Blick auf Harry stieß Neville die Tür auf,
Harrys Schrankkoffer war geöffnet worden und seine Sa-
chen waren überall verstreut. Sein Umhang lag zerrissen auf
dem Boden. Das Betttuch war heruntergerissen, die Schublade
aus seinem Nachttisch gezogen und über der Matratze
ausgeschüttet worden.
Mit offenem Mund, über herausgerissene Seiten aus Trips
mit Trollen ging Harry hinüber zu seinem Bett. Gerade zog er
mit Nevilles Hilfe das Leintuch wieder auf, als Ron, Dean und
Seamus hereinkamen. Dean fluchte laut.
»Was ist passiert, Harry?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry, während Ron Harrys Um-
hang unter die Lupe nahm. Alle Taschen waren nach außen
gestülpt.
»Da hat jemand was gesucht«, sagte Ron. »Fehlt irgend-
etwas?«
Harry begann seine Sachen aufzulesen und sie wieder in den
Koffer zu packen. Erst als er das letzte Buch Lockharts
hineinwarf, fiel ihm auf, was fehlte.
»Riddles Tagebuch ist verschwunden«, sagte er mit ge-
dämpfter Stimme zu Ron.
262
»Was?«
Harry nickte mit dem Kopf hinüber zur Tür und Ron folgte
ihm hinaus. Sie rannten in den Gemeinschaftsraum hinunter,
der halb leer war. Einsam in einer Ecke saß Hermine und las
ein Buch mit dem Titel Alte Runen leicht gemacht.
Mit offenem Mund lauschte sie den Neuigkeiten.
»Aber - nur ein Gryffindor hätte es stehlen können - die
andern kennen das Passwort nicht.«
»Genau«, sagte Harry.
Als sie am nächsten Morgen aufwachten, strahlte die Sonne
und es wehte ein leichte, erfrischende Brise.
»Beste Bedingungen für Quidditch!«, sagte Wood begeistert
am Gryffindor-Tisch und schaufelte die Teller der Mannschaft
mit Rührei voll. »Harry; halt dich ran, du brauchst ein
anständiges Frühstück.«
Harry hatte am dicht besetzten Gryffindor-Tisch entlang-
gestarrt und sich gefragt, ob der neue Besitzer von Riddles
Tagebuch ihm direkt vor Augen saß. Hermine hatte ihn ge-
drängt, den Diebstahl zu melden, doch davon wollte er nichts
wissen. Dann würde er einem Lehrer alles über das Tagebuch
sagen müssen, und wie viele Leute wussten eigentlich, warum
Hagrid vor fünfzig Jahren rausgeflogen war? Er wollte nicht
der sein, der alles wieder aufrührte.
Als Harry gemeinsam mit Ron und Hermine die Große
Halle verließ, um seine Quidditch-Sachen zu holen, wuchs
Harrys lange Sorgenliste um ein neues Kümmernis. Gerade
hatte er den Fuß auf die Marmortreppe gesetzt, da hörte er es
wieder -
»Töte dieses Mal ... lass mich reißen ... zerfetzen ...«
Er schrie laut auf und Ron und Hermine sprangen er-
schrocken von ihm weg.
263
»Die Stimme!«, sagte Harry und warf einen Blick über die
Schulter. »Ich hab sie eben wieder gehört - ihr nicht?«
Ron schüttelte den Kopf, die Augen weit aufgerissen. Her-
mine jedoch schlug sich mit der Hand gegen die Stirn.
»Harry, ich glaub, mir ist eben ein Licht aufgegangen! Ich
muss in die Bibliothek!«
Und sie rannte die Treppe hoch und davon.
»Was ist ihr klar geworden?«, sagte Harry verwirrt. Immer
noch wirbelte er umher und versuchte herauszufinden, woher
die Stimme gekommen war.
»Eine ganze Menge mehr als mir«, sagte Ron kopfschüt-
telnd.
»Aber warum muss sie in die Bibliothek?«
»Weil das Hermines Art ist«, sagte Ron achselzuckend. »Im
Zweifelsfall geh in die Bibliothek!«
Harry stand unentschlossen herum und versuchte die
Stimme wieder zu erhaschen, doch jetzt kamen Schüler aus
der Großen Halle, die laut schwatzend durch das Portal hi-
nüber zum Quidditch-Feld strömten.
»Beeil dich lieber«, sagte Ron, »es ist fast elf - das Spiel -«
Harry rannte hoch in den Gryffindor-Turm, holte seinen
Nimbus Zweitausend und schloss sich der großen Schar an, die
über das Gelände schwärmte. Doch in Gedanken war er immer
noch im Schloss, bei der körperlosen Stimme, und als er im
Umkleideraum seinen scharlachroten Umhang anzog, war sein
einziger Trost, dass nun alle draußen waren, um das Spiel zu
sehen.
Als die Spieler auf das Feld marschierten, erhob sich ohren-
betäubender Beifall. Oliver Wood genehmigte sich einen
Aufwärmflug um die Torstangen, und Madam Hooch gab die
Bälle frei. Die Hufflepuffs, die in kanariengelb spielten, bil-
deten eine Traube und besprachen ein letztes Mal ihre Taktik.
Gerade bestieg Harry seinen Besen, als Professor McGo-
264
nagall halb schreitend, halb rennend über das Feld kam, ein
gewaltiges purpurnes Megafon in der Hand.
Harry wurde das Herz schwer wie Stein.
»Das Spiel ist abgesagt«, rief Professor McGonagall durch
das Megafon hinüber zu den voll besetzten Rängen. Zurück
kamen Buhrufe und Pfiffe. Oliver Wood, außer sich vor
Verzweiflung, landete und rannte, ohne vom Besen zu steigen,
auf Professor McGonagall zu.
»Aber Professor«, rief er. »Wir müssen spielen - der Pokal -
Gryffindor -«
Professor McGonagall achtete gar nicht auf ihn und hob
erneut das Megafon: »Alle Schüler gehen zurück in die Ge-
meinschaftsräume, wo die Hauslehrer ihnen alles Weitere
erklären. So schnell Sie können, bitte!« Dann ließ sie das
Megafon sinken und winkte Harry zu sich herüber.
»Potter, ich denke, Sie kommen besser mit mir ...«
Wie konnte sie ihn nur diesmal schon wieder verdächtigen,
fragte sich Harry, als sie zum Schloss aufbrachen, und sah
gleichzeitig, wie Ron sich aus der protestierenden Menge löste
und zu ihnen herübergerannt kam. Zu Harrys Überraschung
hatte Professor McGonagall nichts einzuwenden.
»Ja, vielleicht sollten Sie auch mitkommen, Weasley ...«
Manche der Schüler, die um sie herumschwärmten,
grummelten, weil das Spiel ausfiel, andere sahen besorgt aus.
Harry und Ron folgten Professor McGonagall zurück in die
Schule und die Marmortreppe empor. Doch diesmal ging es
nicht in das Büro eines Lehrers.
»Das wird ein ziemlicher Schock für Sie sein«, sagte Pro-
fessor McGonagall mit überraschend sanfter Stimme, als sie
sich dem Krankenflügel näherten. »Es gab einen weiteren
Angriff ... einen Doppelangriff.«
Harrys Eingeweide krampften sich heftig schmerzend zu-
sammen. Professor McGonagall öffnete die Tür und er und
265
Ron traten ein. Madam Pomfrey beugte sich über eine
Fünftklässlerin mit langem Lockenhaar. Harry erkannte sie; es
war das Mädchen aus Ravenclaw, das sie zufällig nach dem
Weg zum Gemeinschaftsraum der Slytherins gefragt hatten.
Und im Bett neben ihr lag -
»Hermine!«, stöhnte Ron. Hermine lag vollkommen reglos
da, mit aufgerissenen, glasigen Augen.
»Sie wurden in der Nähe der Bibliothek gefunden«, sagte
Professor McGonagall. »Ich nehme an, keiner von Ihnen kann
das erklären? Und das lag neben ihnen auf dem Boden ...«
Sie hielt einen kleinen runden Spiegel hoch.
Harry und Ron schüttelten die Köpfe, ohne den Blick von
Hermine zu wenden.
»Ich begleite Sie zurück in den Gryffindor-Turm«, sagte
Professor McGonagall mit trauriger Stimme. »Ich muss oh-
nehin zu den Schülern sprechen.«
»Sie alle kehren spätestens um sechs Uhr abends zurück in
die Gemeinschaftsräume. Danach verlässt keiner mehr den
Schlafsaal. Ein Lehrer wird Sie zu jeder Unterrichtsstunde
begleiten. Kein Schüler geht ohne Begleitung eines Lehrers
auf die Toilette. Quidditch-Training und -Spiele sind bis auf
weiteres gestrichen. Es gibt keine abendlichen Veranstaltungen
mehr.«
Die Gryffindors, die sich im Gemeinschaftsraum zusam-
mendrängten, lauschten Professor McGonagall schweigend.
Sie rollte das Pergament ein, von dem sie abgelesen hatte, und
sagte mit fast erstickter Stimme:
»Ich muss wohl kaum hinzufügen, dass ich in größter Sorge
bin. Wahrscheinlich wird die Schule geschlossen, wenn der
Schurke, der hinter diesen Angriffen steckt, nicht gefasst wird.
Ich ermahne eindringlich jeden, der glaubt, etwas darüber zu
wissen, mit der Sprache herauszurücken.«
266
Etwas ungelenk kletterte sie aus dem Porträtloch und sofort
begannen die Gryffindors laut zu schwatzen.
»Jetzt sind schon zwei Gryffindors außer Gefecht, einen
Geist von uns nicht mitgezählt, und eine Ravenclaw und ein
Hufflepuff«, sagte der Freund der Weasley-Zwillinge, Lee
Jordan, und zählte die Opfer an den Fingern ab. »Hat denn von
den Lehrern keiner mitgekriegt, dass die Slytherins noch
vollzählig sind? Ist es nicht glasklar, dass diese Angriffe von
Slytherin ausgehen? Der Erbe von Slytherin, das Monster von
Slytherin - warum werfen sie nicht einfach alle Slytherins
raus?«, polterte er unter Kopfnicken und vereinzeltem Beifall
der Umstehenden. Percy Weasley saß in einem Stuhl hinter
Lee, doch er schien diesmal nicht erpicht darauf, seine
Meinung zu sagen. Er sah blass und ratlos aus.
»Percy steht unter Schock«, sagte George leise zu Harry.
»Dieses Ravenclaw-Mädchen war Vertrauensschülerin. Er
glaubte wohl, das Monster würde es nicht wagen, einen Ver-
trauensschüler anzugreifen.«
Doch Harry hörte nur mit halbem Ohr zu. Das Bild Her-
mines wollte ihm einfach nicht aus dem Kopf, wie sie da auf
dem Krankenbett lag, als wäre sie aus Stein gemeißelt. Und
wenn der Schuldige nicht bald gefasst würde, musste er den
Rest seines Lebens bei den Dursleys verbringen. Tom Riddle
wäre in ein Waisenhaus der Muggel gekommen, wenn sie die
Schule geschlossen hätten, und deshalb hatte er Hagrid verra-
ten. jetzt wusste Harry genau, wie ihm zumute gewesen war.
»Was tun wir jetzt?«, fragte Ron leise in Harrys Ohr.
»Glaubst du, sie verdächtigen Hagrid?«
Harry hatte sich entschlossen. »Wir müssen mit ihm reden«,
sagte er. »Ich kann einfach nicht glauben, dass er es diesmal
wieder ist, aber wenn er das Monster losgelassen hat, weiß er,
wie man in die Kammer des Schreckens kommt, und dann
sehen wir weiter.«
267
»Aber Professor McGonagall sagt, wir müssen im Turm
bleiben, wenn wir nicht im Unterricht sind -«
»Ich glaube«, sagte Harry noch leiser »es ist Zeit, den alten
Umhang meines Vater wieder auszupacken.«
Harry hatte nur eines von seinem Vater geerbt: einen langen,
silbern schimmernden Umhang, der unsichtbar machte. Das
war ihre einzige Chance, sich unbemerkt aus der Schule hinaus
zu Hagrid zu schleichen. Sie gingen zur üblichen Zeit zu Bett
und warteten, bis Neville, Dean und Seamus endlich aufgehört
hatten, über die Kammer des Schreckens zu diskutieren, dann
standen sie wieder auf, zogen sich an und warfen sich den
Tarnumhang über.
Der Streifzug durch die dunklen Korridore war nicht gerade
ein Vergnügen. Harry war schon öfter nachts im Schloss
umhergewandert, aber so viel wie jetzt war nach
Sonnenuntergang noch nie los gewesen. Lehrer, Vertrau-
ensschüler und Geister streiften paarweise durch die Gänge
und hielten Ausschau nach verdächtigen Vorkommnissen.
Zwar waren sie unsichtbar, aber ihr Tarnumhang sorgte nicht
dafür, dass sie keine Geräusche machten, und es gab einen
besonders brenzligen Moment, als Ron sich den Zeh stieß. Nur
ein paar Meter entfernt stand Snape Wache. Glücklicherweise
nieste Snape in fast demselben Augenblick, in dem Ron
fluchte. Als sie das eichene Schlosstor erreichten, fiel ihnen
ein Stein vom Herzen. Langsam schoben sie es auf
Es war eine klare, sternenhelle Nacht. Sie rannten so schnell
sie konnten hinüber zu den erleuchteten Fenstern von Hagrids
Hütte und streiften den Umhang erst ab, als sie vor seiner Tür
standen.
Sekunden nachdem sie geklopft hatten, öffnete Hagrid die
Tür. Sie starrten ihm ins Gesicht. Hagrid hielt eine Armbrust
268
auf sie gerichtet, und Fang, sein Saurüde, stand laut kläffend
hinter ihm.
»Oh«, sagte er, senkte die Waffe und starrte sie an. »Was
macht'n ihr beide hier?«
»Was soll das denn?«, sagte Harry, als sie eintraten, und
deutete auf die Armbrust.
»Nichts, nichts«, murmelte Hagrid. »Ich hab jemanden
erwartet, tut jetzt nichts zur Sache, setzt euch, ich koch Tee.«
Hagrid schien nicht recht zu wissen, was er tat. Beinahe
hätte er das Feuer gelöscht, weil er Wasser aus dem Kessel
darauf schüttete, und dann zerschlug er mit einem nervösen
Zucken seiner massigen Hand die Teekanne.
»Alles in Ordnung mit dir, Hagrid?«, sagte Harry. »Hast du
von Hermine gehört?«
»Oh, hab ich, j a«, sagte er ein wenig zögernd.
Ständig warf er nervöse Blicke zum Fenster. Er servierte
ihnen große Becher mit heißem Wasser (die Teebeutel hatte er
vergessen) und legte gerade eine Scheibe Früchtekuchen auf
einen Teller, als jemand an die Tür pochte.
Hagrid ließ den Früchtekuchen fallen. Harry und Ron
tauschten panische Blicke, dann warfen sie sich den Tarn-
umhang über und verdrückten sich in eine Ecke. Hagrid ver-
gewisserte sich, dass sie nicht zu sehen waren, dann packte er
die Armbrust und öffnete die Tür.
»Guten Abend, Hagrid.«
Es war Dumbledore. Mit todernster Miene trat er ein, ihm
folgte ein zweiter, sehr merkwürdig aussehender Mann.
Der Fremde hatte zerwühltes graues Haar und machte einen
verschreckten Eindruck. Er trug eine seltsame Mischung von
Kleidern: einen Nadelstreifenanzug, eine scharlachrote
Krawatte, einen langen schwarzen Umhang und spitze
purpurne Stiefel. Unter dem Arm trug er einen limonengrünen
Hut.
269
»Das ist Dads Chef!«, hauchte Ron. »Cornelius Fudge, der
Minister für Zauberei«
Harry stupste Ron mit dem Ellbogen, damit er schwieg.
Hagrid war bleich geworden und schwitzte. Er ließ sich
schwer auf einen Stuhl fallen und sah abwechselnd Dumble-
dore und Cornelius Fudge an.
»Üble Geschichte«, sagte Fudge knapp. »Ganz, ganz üble
Geschichte. Musste kommen. Vier Angriffe auf Muggel-
stämmige. Die Sache ist aus dem Ruder gelaufen. Das Minis-
terium muss handeln.«
»Ich hab niemals«, begann Hagrid und sah Dumbledore
flehend an, »Sie wissen, Professor Dumbledore, Sir, ich hab
nie -«
»Ich möchte klarstellen, Cornelius, dass Hagrid mein volles
Vertrauen genießt«, sagte Dumbledore und sah Fudge
missmutig an.
»Sehen Sie, Albus«, sagte Fudge gequält. »Hagrids Akte
spricht gegen ihn. Das Ministerium muss etwas unternehmen -
die Schulräte haben sich ins Vernehmen gesetzt -«
»Ich sage Ihnen noch mal, Cornelius, wenn Sie Hagrid mit-
nehmen, wird uns das keinen Schritt weiterbringen«, sagte
Dumbledore. In seinen Augen brannte ein Feuer, das Harry
noch nie gesehen hatte.
»Sehen Sie es doch mal von meinem Standpunkt«, sagte
Fudge und fummelte an seinem Hut. »Ich stehe mächtig unter
Druck. Man erwartet von mir, dass ich handle. Wenn sich
herausstellt, dass Hagrid unschuldig ist, kommt er zurück und
die Sache ist erledigt. Aber ich muss ihn mitnehmen. Geht
nicht anders. Täte sonst nicht meine Pflicht -«
»Mich mitnehmen?«, sagte Hagrid und erschauerte. »Wohin
mitnehmen?«
»Nur für kurze Zeit«, sagte Fudge und wich Hagrids Blick
270
aus. »Keine Strafe, Hagrid, eher eine Vorsichtsmaßnahme.
Wenn jemand anders erwischt wird, kommen Sie mit einer
offiziellen Entschuldigung raus -«
»Nicht Askaban?«, krächzte Hagrid.
Bevor Fudge antworten konnte, pochte es erneut laut an der
Tür.
Dumbledore öffnete. Nun fing sich Harry einen Stoß in die
Rippen ein, denn er japste laut und vernehmlich.
Mr Lucius Malfoy betrat Hagrids Hütte, gehüllt in einen
langen schwarzen Reiseumhang, mit einem kalten und zu-
friedenen Lächeln auf dem Gesicht. Fang begann zu knurren.
»Schon hier, Fudge«, sagte er anerkennend. »Sehr schön ...«
»Was haben Sie hier zu suchen?«, rief Hagrid wutentbrannt.
»Raus aus meinem Haus!«
»Guter Mann, bitte seien Sie versichert, es ist mir kein
Vergnügen, in Ihrem - ähm - Sie nennen es Haus - zu sein«,
sagte Lucius Malfoy und sah sich verächtlich in der kleinen
Hütte um. »Ich habe in der Schule vorbeigeschaut und man hat
mir gesagt, der Schulleiter sei hier.«
»Und was genau wollen Sie von mir, Lucius?«, fragte
Dumbledore. Er sprach sehr höflich, doch immer noch loderte
das Feuer in seinen Augen.
»Schreckliche Angelegenheit, Dumbledore«, sagte Malfoy
lässig und zog eine lange Pergamentrolle hervor. »Aber die
Schulräte sind der Auffassung, es sei an der Zeit, dass Sie ei-
nem andern Platz machen. Laut dieser Anordnung hier werden
Sie vorläufig beurlaubt - Sie finden alle zwölf Unterschriften
unter diesem Dokument. Ich fürchte, wir sind der Meinung,
dass Sie die Sache nicht mehr im Griff haben. Wie viele
Angriffe gab es bisher? Zwei neue heute Nachmittag, nicht
wahr? Wenn es so weitergeht, gibt es bald keine Mug-
gelstämmigen mehr in Hogwarts, und wir alle wissen, welch
schlimmer Verlust das für die Schule wäre.«
271
»Oh, nun aber immer mit der Ruhe, Lucius«, sagte Fudge
nervös, »Dumbledore beurlauben - nein, nein - das ist das
Letzte, was wir jetzt wollen -«
»Die Ernennung - oder Entlassung - eines Schulleiters ist
Aufgabe der Schulräte, Fudge«, sagte Mr Malfoy beiläufig.
»Und da es Dumbledore nicht gelungen ist, diese Angriffe zu
stoppen -«
»Hören Sie mal, Malfoy, wenn Dumbledore nichts dagegen
ausrichten kann -«, sagte Fudge mit schweißnasser Oberlippe,
»- wer soll es dann schaffen?«
»Das werden wir sehen«, sagte Mr Malfoy gehässig. »Doch
da wir alle zwölf abgestimmt haben -«
Hagrid sprang auf und sein zottiger schwarzer Kopf streifte
die Decke.
»Und wie viele mussten Sie bedrohen und erpressen, bevor
sie zugestimmt haben, Malfoy, eh?«, polterte er los.
»Mein guter Mann, wissen Sie, Ihr Temperament wird Sie
eines Tages noch in Schwierigkeiten bringen, Hagrid«, sagte
Malfoy. »Ich würde Ihnen raten, die Wachen in Askaban nicht
dermaßen anzuschreien. Die mögen das gar nicht.«
»Sie können Dumbledore nicht entlassen!«, rief Hagrid, und
Fang, der Saurüde, kauerte sich in seinem Korb zusammen
und wimmerte. »Wenn Sie ihn entlassen, haben die
Muggelkinder keine Chance! Das nächste Mal werden sie
umgebracht!«
»Beruhige dich, Hagrid«, sagte Dumbledore barsch. Er sah
Lucius Malfoy an.
»Wenn die Schulräte mich aus dem Weg haben wollen,
Lucius, werde ich natürlich zurücktreten -«
»Aber -«, stammelte Fudge.
»Nein!«, knurrte Hagrid.
Dumbledores hellblaue Augen blickten unverwandt in die
kalten grauen Augen Malfoys.
272
»Allerdings«, sagte Dumbledore, sehr langsam und deutlich
sprechend, so dass keinem ein Wort entging, »allerdings
werden Sie feststellen, dass ich diese Schule erst dann endgül-
tig verlasse, wenn mir hier keiner mehr die Treue hält. Und
wer immer in Hogwarts um Hilfe bittet, wird sie auch be-
kommen.«
Eine Sekunde lang war sich Harry fast sicher, dass Dumble-
dores Augen in die Ecke herüberflackerten, in der er und Ron
sich versteckt hatten.
»Bewundernswerte Gefühle«, sagte Malfoy und verneigte
sich. »Wir werden alle Ihre - ähm - höchst eigenwillige Art
vermissen, die Schule zu leiten, Albus, und hoffen nur, dass
Ihr Nachfolger es schaffen wird - äh -, Morde zu verhindern.«
Er schritt zur Tür, öffnete sie und verbeugte sich, als
Dumbledore hinausging. Fudge, an seinem Hut herumfum-
melnd, wartete darauf, dass Hagrid vorgehen würde, doch
Hagrid rührte sich nicht vom Fleck und sagte deutlich ver-
nehmbar:
»Wenn jemand etwas herausfinden will, muss er nur den
Spinnen folgen. Die bringen ihn auf die Spur! Das ist alles,
was ich zu sagen habe.«
Verdattert starrte ihn Fudge an.
»Schon gut, ich komme«, sagte Hagrid und zog seinen
Maulwurfsmantel an. Doch im Hinausgehen hielt er noch
einmal inne und sagte laut: »Und jemand muss Fang füttern,
während ich weg bin.«
Die Tür schlug zu und Ron zog den Tarnumhang aus.
»Jetzt sitzen wir in der Tinte«, sagte er heiser. »Kein
Dumbledore mehr. Da sollten sie die Schule lieber heute Nacht
noch schließen. Wenn er auch nur einen Tag weg ist, gibt es
einen neuen Angriff.«
Fang begann heulend an der geschlossenen Tür zu kratzen.
273
Aragog
Langsam zog der Sommer über die Ländereien des Schlosses.
Himmel und See färbten sich grünblau und in den Ge-
wächshäusern trieben Blumen kohlkopfgroße Blüten aus.
Doch ohne Hagrid, den Harry oft vom Fenster aus beobachtet
hatte, wie er mit Fang auf den Fersen umherschlenderte, kam
es ihm vor, als stimmte an diesem Bild etwas nicht. Und nicht
besser war es drinnen im Schloss, wo die Dinge so fürchterlich
falsch liefen.
Harry und Ron hatten versucht Hermine zu besuchen, doch
Besuche im Krankenflügel waren jetzt verboten.
»Wir gehen kein Risiko mehr ein«, erklärte ihnen Madam
Pomfrey mit strenger Miene durch einen Spalt in der Hos-
pitaltür. »Nein, tut mir Leid, es könnte durchaus sein, dass der
Angreifer zurückkommt, um seine Opfer endgültig zu
erledigen ...«
Seit Dumbledore fort war, hatte sich eine nie gekannte
Furcht im Schloss breit gemacht, und die Sonne, die die
Schlossmauern draußen erwärmte, schien an den Doppel-
fenstern Halt zu machen. In der Schule sah man kaum ein
Gesicht, das nicht besorgt und angespannt wirkte, und alles
Lachen, das durch die Gänge hallte, klang schrill und unna-
türlich und erstarb rasch.
Harry rief sich immer wieder die letzten Worte Dumble-
dores in Erinnerung: »Ich werde die Schule erst dann
endgültig verlassen, wenn mir hier keiner mehr die Treue hält
... Wer immer in Hogwarts um Hilfe bittet, wird sie auch
bekommen.« Doch was
274
nützten diese Worte? Wen sollten sie denn um Hilfe rufen,
wenn alle andern genauso ratlos und verängstigt waren?
Hagrids Fingerzeig auf die Spinnen war viel leichter zu
verstehen - das Problem war nur, dass im Schloss offenbar
keine einzige Spinne mehr übrig geblieben war, der sie hätten
folgen können. Wo immer Harry auch hinging, hielt er
Ausschau nach einer Spinne, und Ron half ihm dabei (wenn
auch eher widerstrebend). Natürlich störte sie das Verbot, al-
lein umherzuwandern, und die anderen Gryffindors waren
immer dabei. Wie eine Schafherde wurden sie von den Leh-
rern von Klassenzimmer zu Klassenzimmer geführt, und die
meisten schienen froh darüber zu sein, doch Harry fand es sehr
lästig.
Einer jedoch schien die Stimmung aus Angst und Miss-
trauen von ganzem Herzen zu genießen. Draco Malfoy stol-
zierte in der Schule herum, als ob er gerade zum Schulsprecher
ernannt worden wäre. Worüber Draco sich so freute, wurde
Harry erst gut zwei Wochen nach Dumbledores und Hagrids
Fortgang klar. im Zaubertrankunterricht, wo er eine Reihe
hinter Malfoy saß, hörte er ihn vor Crabbe und Goyle prahlen.
»Ich hab immer gewusst, dass Vater es schaffen wird,
Dumbledore aus dem Weg zu räumen«, sagte er, ohne sich
groß anzustrengen, leise zu sprechen. »Hab euch ja gesagt,
seiner Meinung nach ist Dumbledore der schlechteste Schul-
leiter, den die Schule je gehabt hat. Vielleicht kriegen wir jetzt
einen anständigen Rektor. jemand, der gar nicht will, dass die
Kammer des Schreckens geschlossen wird. McGonagall wird
nicht lange bleiben, sie ist nur eingesprungen ...«
Snape rauschte an Harry vorbei, ohne ein Wort über Her-
mines leeren Platz und Kessel zu verlieren.
»Sir«, sagte Malfoy laut, »Sir, warum bewerben Sie sich
nicht um das Amt des Schulleiters?«
275
»Schon gut, Malfoy«, sagte Snape, auch wenn er ein
dünnlippiges Lächeln nicht unterdrücken konnte. »Professor
Dumbledore ist von den Schulräten nur beurlaubt worden, ich
würde sagen, er wird schon bald wieder bei uns sein.«
Ja, schon«, sagte Malfoy hämisch grinsend. »Ich bin mir
aber sicher, mein Vater würde für Sie stimmen, Sir, wenn Sie
sich um die Stelle bewerben - ich jedenfalls werde Vater sa-
gen, dass Sie der beste Lehrer an der Schule sind, Sir -«
Mit einem gekünstelten Lächeln rauschte Snape davon.
Glücklicherweise bemerkte er Seamus Finnigan nicht, der so
tat, als erbreche er sich in seinen Kessel.
»Es überrascht mich doch, dass die Schlammblüter inzwi-
schen nicht alle die Koffer gepackt haben«, fuhr Malfoy fort.
»Wette fünf Galleonen, dass der nächste stirbt. Schade, dass es
nicht die Granger war -«
In diesem Moment läutete die Glocke, und das war ein
Glück. Denn bei Malfoys letzten Worten war Ron aufge-
sprungen, und weil jetzt alle hastig ihre Taschen und Bücher
zusammenkramten, fiel nicht weiter auf, dass er sich auf
Malfoy stürzen wollte.
»Lasst mich zu dem Kerl«, knurrte Ron; Harry und Dean
hielten ihn an den Armen fest. »Ist mir egal, ich brauch meinen
Zauberstab nicht, ich bring ihn mit meinen bloßen Händen
um -«
»Beeilung, ich muss euch zu Kräuterkunde bringen«, bellte
Snape über die Köpfe der Schüler hinweg, und sie
marschierten in Zweierreihen los. Harry und Dean bildeten die
Nachhut und schleppten Ron, der sich immer noch losreißen
wollte, hinter sich her. Erst als Snape am Schlossportal
zurückgeblieben war und sie durch das Gemüsefeld hinüber zu
den Gewächshäusern gingen, konnten sie ihn loslassen.
In Kräuterkunde herrschte gedrückte Stimmung; jetzt fehl-
ten schon zwei von ihnen, Justin und Hermine.
276
Professor Sprout gab ihnen die Aufgabe, die abessinischen
Schrumpelfeigenbäume zu beschneiden. Harry ging mit einem
Arm voll verdorrter Stiele hinüber zum Komposthaufen. Dort
stand Ernie Macmillan und suchte seinen Blick. Ernie holte
tief Luft und sagte sehr förmlich:
»Ich wollte dir nur sagen, Harry, dass es mir Leid tut, dass
ich dich verdächtigt habe. Ich weiß, du würdest niemals
Hermine Granger angreifen, und ich entschuldige mich für all
das Zeug, das ich gesagt habe. Wir sitzen jetzt alle im selben
Boot, und, naja -«
Er streckte seine plumpe Hand aus und Harry schüttelte sie.
Ernie und seine Freundin Hannah arbeiteten am selben
Schrumpelfeigenbaum und kamen zu Harry und Ron herüber.
»Dieser Typ, Draco Malfoy«, sagte Ernie, während er ver-
trocknete Stiele abknickte, »der scheint sich über die ganze
Geschichte riesig zu freuen. Wisst ihr, ich glaube, er könnte
der Erbe Slytherins sein.«
»Das ist schlau von dir«, sagte Ron, der Ernie nicht so
bereitwillig verziehen hatte wie Harry.
»Glaubst du, es ist Malfoy, Harry?«, fragte Ernie.
»Nein«, sagte Harry so bestimmt, dass Ernie und Hannah
ihn verdutzt anstarrten.
Eine Sekunde später bemerkte Harry etwas, das ihn zwang,
Ron mit seiner Gartenschere eins über die Hände zu geben.
»Au! Was soll -«
Harry deutete auf den Boden ein paar Meter vor ihnen.
Mehrere große Spinnen krabbelten über die Erde.
»0 ja«, sagte Ron und versuchte - vergeblich - eine erfreute
Miene aufzusetzen. »Aber wir können ihnen jetzt nicht
folgen -«
Ernie und Hannah hörten ihnen neugierig zu.
277
Harry sah den flüchtenden Spinnen nach.
»Sieht aus, als seien sie auf dem Weg in den Verbotenen
Wald ...«
Daraufhin sah Ron nicht glücklicher aus.
Nach Ende der Stunde führte sie Professor Snape hinüber in
Verteidigung gegen die dunklen Künste. Harry und Ron ließen
sich ein wenig zurückfallen, um ungestört reden zu können.
»Wir brauchen noch einmal den Tarnumhang«, sagte Harry.
»Wir können Fang mitnehmen. Er geht mit Hagrid öfter in den
Wald und könnte uns vielleicht nützen.«
»Stimmt«, sagte Ron, der seinen Zauberstab nervös in den
Fingern drehte. »Ähm - soll es nicht - soll es nicht Werwölfe
im Wald geben?«, fügte er hinzu, als sie ihre Stammplätze
ganz hinten in Lockharts Klassenzimmer eingenommen hatten.
Harry wollte auf diese Frage lieber nicht antworten und
sagte:
»Es gibt dort auch Gutes. Die Zentauren sind in Ordnung,
und die Einhörner ...«
Ron war nie im Verbotenen Wald gewesen. Harry hatte ihn
nur einmal betreten und seither gehofft, es nie wieder tun zu
müssen.
Lockhart kam hereingestürmt und die Klasse starrte ihn an.
Alle anderen Lehrer der Schule wirkten bedrückter als sonst,
doch Lockhart kam ihnen geradezu ausgelassen vor.
»Na, was denn?«, rief er umherstrahlend. »Warum all die
langen Gesichter?«
Sie tauschten ärgerliche Blicke, doch keiner antwortete.
»Ist euch eigentlich nicht klar«, sagte Lockhart langsam, als
wären sie alle ein bisschen einfältig, »dass die Gefahr vorüber
ist! Der Schurke wurde abgeführt -«
»Sagt wer?«, rief Dean Thomas.
278
»Mein lieber junger Mann, der Zaubereiminister hätte
Hagrid nicht festgenommen, wenn er sich nicht hundert-
prozentig sicher wäre, dass er der Schuldige ist«, sagte Lock-
hart im Ton eines Lehrers, der erklären muss, dass eins und
eins zwei ergibt.
»0 doch, das würde er«, sagte Ron noch lauter als Dean.
»Ich schmeichle mir, ein klein wenig mehr über Hagrids
Festnahme zu wissen als Sie, Mr Weasley«, sagte Lockhart
selbstzufrieden.
Ron wollte schon sagen, da sei er anderer Meinung, brach
jedoch mitten im Satz ab, als ihm Harry gegen das Schienbein
trat.
»Wir waren nicht dabei, klar?«, zischelte Harry.
Doch Lockharts abstoßende Fröhlichkeit, seine Andeu-
tungen, er habe ohnehin nie Gutes von Hagrid gehalten, seine
Zuversicht, dass die ganze Angelegenheit nun abgeschlossen
sei - das alles ärgerte Harry dermaßen, dass er große Lust
hatte, Gammeln mit Ghulen in Lockharts dummes Gesicht zu
schmeißen. Stattdessen gab er sich damit zufrieden, eine Notiz
für Ron zu kritzeln.
»Tun wir's heute Nacht.«
Ron las den Zettel, schluckte krampfhaft und sah hinüber zu
dem leeren Platz, auf dem sonst Hermine saß. Der Anblick
bestärkte ihn offenbar in seinem Entschluss und er nickte.
Im Gemeinschaftsraum der Gryffindors war jetzt immer viel
los, denn ab sechs Uhr durften sie nirgendwo anders hingehen.
Außerdem hatten sie viel zu besprechen, und die Folge war,
dass sich der Gemeinschaftsraum oft erst nach Mitternacht
leerte.
Harry ging nach dem Abendessen hoch, um den Tarnum-
hang zu holen. Den ganzen Abend hockte er darauf und war-
279
tete, dass die andern endlich zu Bett gehen würden. Fred und
George forderten Harry und Ron zu ein paar Spielen »Snape
explodiert« heraus und Ginny saß ganz niedergeschlagen auf
Hermines Stammplatz und sah ihnen zu. Harry und Ron
versuchten die Spiele rasch zu beenden und verloren dauernd
mit Absicht, dennoch war es schon weit nach Mitternacht, als
Fred, George und Ginny endlich zu Bett gingen.
Harry und Ron warteten, bis sie weiter oben im Turm zwei
Schlafsaaltüren zugehen hörten, dann warfen sie sich den
Tarnumhang über und kletterten durch das Porträtloch.
Wieder war es eine schwierige Wanderung durch das
Schloss, bei der sie vielen Lehrern ausweichen mussten, bis sie
endlich die Eingangshalle erreichten. Sie entriegelten das
eichene Tor und schoben es auf. wobei sie Acht gaben, dass es
nicht knarrte. Dann traten sie hinaus auf das mondbeschienene
Schlossgelände.
»Kann natürlich sein«, sagte Ron urplötzlich, während sie
über das schwarze Gras marschierten, »dass wir zum Wald
kommen und dann nicht wissen, wie weiter. Die Spinnen sind
vielleicht gar nicht dorthin gekrabbelt. Ich weiß, es sah so aus,
als ob sie grob in die Richtung gegangen seien, aber ...«
Hoffnungsvoll verlor sich seine Stimme in der Dunkelheit.
Sie erreichten Hagrids Hütte, die mit ihren leeren Fenstern
traurig und wehmütig aussah. Harry stieß die Tür auf und als
Fang sie erkannte, spielte er verrückt vor Freude. Aus Sorge,
er könne mit seinem tiefen, donnernden Bellen das ganze
Schloss aufwecken, gaben sie ihm hastig Sirupbonbons aus
einer Dose auf dem Kaminsims zu fressen, die seine Zähne
zusammenklebten.
Harry ließ den Tarnumhang auf Hagrids Tisch zurück. Im
stockdunklen Wald würden sie ihn nicht brauchen.
»Komm mit, Fang, wir gehen spazieren«, sagte Harry und
tätschelte Fang. Glücklich tollte Fang hinter ihnen her und
280
jagte hinüber zum Waldrand, wo er an einer hohen Platane das
Bein hob. Harry zückte seinen Zauberstab und murmelte
»Lumos!«. An der Spitze erschien ein kleines Licht, gerade
hell genug, um den Weg nach Spinnen abzusuchen.
»Klug von dir«, sagte Ron. »Ich würde meinen ja auch an-
zünden, aber du weißt ja - er würde wahrscheinlich explo-
dieren oder so etwas ...«
Harry tippte Ron auf die Schulter und deutete ins Gras. Zwei
einzelne Spinnen entflohen dem Licht des Zauberstabs in den
Schatten der Bäume.
»Na schön«, seufzte Ron, als ob er sich mit dem Schlimms-
ten abgefunden hätte. »Ich bin bereit. Gehen wir.«
Mit dem wild herumtollenden und Baumwurzeln und Blätter
beschnüffelnden Fang betraten sie den Wald. Im Schein von
Harrys Zauberstab gingen sie den Spinnen nach, die immer
wieder am Pfad entlang auftauchten. Gut eine Viertelstunde
lang folgten sie ihnen schweigend, wobei sie angespannt auf
andere Geräusche als das Knacken von Zweigen und das
Rascheln von Blättern lauschten. Dann jedoch - der Wald war
so dicht geworden, dass sie die Sterne am Himmel nicht mehr
sehen konnten und nur noch Harrys Zauberstab in das Meer
der Dunkelheit strahlte - sahen sie, dass die Spinnen, die sie
geführt hatten, den Pfad verließen.
Harry hielt an und versuchte zu erspähen, wo die Spinnen
hinliefen, doch alles außerhalb des kleinen Lichtkegels war
rabenschwarz. So tief war er noch nie in den Wald vorge-
drungen. Lebhaft erinnerte er sich noch an Hagrids Mahnung
beim letzten Mal, nie den Pfad zu verlassen. Doch Hagrid war
jetzt meilenweit entfernt, vermutlich saß er in einer Zelle in
Askaban, und immerhin hatte er selbst gesagt, sie sollten den
Spinnen folgen.
Etwas Nasses berührte Harrys Hand, er zuckte zurück und
trat auf Rons Fuß. Doch es war nur Fangs Nase.
281
»Was überlegst du?«, fragte Harry Ron, dessen Augen er
gerade noch im Licht des Zauberstabes erkennen konnte.
»Wenn wir schon so weit gekommen sind ...«, sagte Ron.
Und so folgten sie den huschenden Schatten der Spinnen in
das Dickicht der Bäume. Sie kamen jetzt nur noch langsam
voran; Wurzeln und Baumstümpfe waren ihnen im Weg, den
sie in der fast völligen Dunkelheit kaum sehen konnten. Harry
konnte Fangs heißen Atem auf seiner Hand spüren. Mehr als
einmal mussten sie anhalten, und Harry kniete sich hin, um die
Spinnen im Zauberstablicht auf dem Waldboden zu suchen.
Mindestens eine halbe Stunde lang, so kam es ihnen vor,
streiften sie quer durch den Wald, wobei sich ihre Umhänge
immer wieder an niedrigen Zweigen und Dornensträuchern
verhedderten. Nach einer Welle schien es sanft bergab zu
gehen, auch wenn die Bäume so dicht standen wie zuvor.
Dann ließ Fang plötzlich ein mächtiges, widerhallendes Bellen
ertönen, das Harry und Ron fast aus der Haut springen ließ.
»Was ist?«, sagte Ron laut, starrte in der Dunkelheit umher
und umklammerte fest Harrys Arm.
»Da drüben bewegt sich was«, flüsterte Harry,»hör mal ...
klingt wie etwas Großes.«
Sie lauschten. In einiger Entfernung rechts von ihnen bahnte
sich das große Etwas ästebrechend eine Schneise durch die
Bäume.
»0 nein«, sagte Ron. »0 nein, o nein, o -«
»Sei still«, zischte Harry, »es hört dich sonst noch.«
»Mich hören?«, sagte Ron mit unnatürlich hoher Stimme.
»Es hat schon längst Fang gehört!«
Starr vor Schreck standen sie da und warteten. Die Dun-
kelheit schien auf ihre Augäpfel zu drücken. Es gab ein
merkwürdiges Rumpeln und dann herrschte Stille.
282
»Was glaubst du, tut es gerade?«, fragte Harry.
»Macht sich wohl zum Sprung bereit«, antwortete Ron.
Sie warteten, am ganzen Leib zitternd, und wagten nicht,
sich zu bewegen.
»Glaubst du, es ist fort?«, flüsterte Ron.
»Weiß nicht -«
jäh und grell strömte Licht von rechts her und sie mussten
die Hände schützend vor die Augen halten. Fang jaulte auf und
wollte wegrennen, verhedderte sich jedoch in einem
Dorngestrüpp und jaulte noch lauter.
»Harry!«, rief Ron, und die Stimme versagte ihm vor Er-
leichterung. »Harry, es ist unser Wagen!«
»Was?«
»Komm mit«
Stolpernd folgte er Ron. Nach kurzer Zeit betraten sie eine
Lichtung.
Inmitten eines dichten Baumkreises und unter einem festen
Dach aus Zweigen stand Mr Weasleys Wagen, seine
Scheinwerfer strahlten in die Nacht. niemand saß darin. Als
Ron mit offenem Mund auf den Wagen zuging, kam er ihm
langsam entgegen, wie ein großer, türkisgrüner Hund, der sein
Herrchen begrüßt.
»Er war die ganze Zeit hier«, sagte Ron erleichtert und ging
um das Auto herum. »Schau ihn dir an. Der Wald hat ihn wild
gemacht ...«
Die Flügel des Wagens waren zerkratzt und schlamm-
beschmiert. Offenbar hatte er Gefallen daran gefunden, auf
eigene Faust im Wald umherzuhoppeln. Fang schien überhaupt
nicht scharf auf ihn zu sein. Zitternd drängte er sich an Harrys
Beine, während Harry allmählich wieder ruhig zu atmen
begann und den Zauberstab wieder in den Umhang steckte.
»Und wir dachten, er würde uns angreifen!«, sagte Ron.
283
Er lehnte sich an den Wagen und tätschelte ihn. »Hab mich oft
gefragt, wo er hin ist!«
Harry suchte im Licht der Scheinwerfer nach Spinnen auf
dem Boden, doch alle waren vor dem gleißenden Licht ge-
flohen.
»Wir haben ihre Spur verloren«, sagte er. »Komm, gehen
wir sie suchen.«
Ron schwieg. Er bewegte sich nicht. Seine Augen waren auf
einen Punkt etwa drei Meter über dem Waldboden gerichtet,
direkt hinter Harry. In seinem Gesicht stand das helle
Entsetzen.
Harry hatte nicht einmal die Zeit, sich umzudrehen. Er hörte
ein lautes Klicken und plötzlich spürte er, wie etwas Langes
und Haariges sich um seine Hüfte schlang und ihn von den
Füßen riss, so dass er mit dem Gesicht nach unten baumelte.
Zu Tode erschrocken schlug er um sich, dann hörte er ein
neuerliches Klicken und Sah, wie sich auch Rons Beine vom
Boden hoben. Fang wimmerte und heulte - und im nächsten
Moment wurde auch er vom Boden gerissen und verschwand
zwischen den dunklen Bäumen. Kopfüber hängend erkannte
Harry, was ihn gepackt hatte. Es hatte sechs ungeheuer lange,
haarige Beine, und die vorderen zwei hielten ihn fest
umschlungen, dicht unterhalb eines Paars schimmernd
schwarzer Greifzangen. Hinter sich konnte er noch eine dieser
Kreaturen hören, die zweifellos Ron fortschleppten. Sie
krabbelten geradewegs ins Herz des Waldes. Harry konnte
Fang hören, wie er laut wimmernd versuchte, sich von einem
dritten Monster loszukämpfen, doch er selbst hätte nicht
schreien können, selbst wenn er gewollt hätte; seine Stimme
schien beim Wagen auf der Lichtung zurückgeblieben zu sein.
Er konnte nicht sagen, wie lange er in den Krallen des We-
sens gewesen war; er wusste nur, dass die Dunkelheit plötz-
284
lich so viel von ihrer Schwärze verlor, dass er etwas erkennen
konnte - auf dem blätterbedeckten Boden wimmelte es jetzt
von Spinnen. Er reckte den Kopf zur Seite und sah, dass sie
den Rand einer gewaltigen Senke erreicht hatten, in der keine
Bäume standen, so dass die Sterne ihr Licht auf das
schlimmste Schauspiel warfen, das er je gesehen hatte.
Spinnen. Nicht kleine Spinnen wie jene, die über die Blätter
auf dem Boden huschten. Spinnen, so groß wie Kutschpferde,
achtäugig, achtbeinig, schwarz, haarig, gigantisch. Das
massige Exemplar, das Harry trug, machte sich auf den Weg
den steilen Abhang hinunter, hinüber zu einem Netz, das wie
eine Kuppel aus Nebelschleiern in der Mitte der Senke hing.
Seine Artgenossen schlossen einen engen Kreis um sie und an-
gesichts seiner Beute klickten sie aufgeregt mit ihren Greifern.
Die Spinne ließ ihn los und Harry landete mit allen Vieren
auf dem Boden. Ron und Fang schlugen neben ihm auf, Fang
heulte nicht mehr, sondern kauerte sich still zusammen. Ron
sah genauso aus, wie Harry sich fühlte. Sein Mund war weit
aufgerissen zu einem stummen Schrei und seine Augen
hüpften.
Plötzlich hörte Harry, dass die Spinne, die ihn hatte fallen
lassen, etwas sagte. Es war schwer zu verstehen, denn sie
klickte bei jedem Wort mit ihren Greifzangen.
»Aragog!«, rief sie, »Aragog!«
Und aus der Mitte der schleierartigen Netzkuppel tauchte
ganz langsam eine Spinne von der Größe eines kleinen Ele-
fanten auf Ins Schwarz ihres Körpers und ihrer Beine war Grau
gemischt und jedes Auge auf ihrem hässlichen, greifer-
bestückten Kopf war milchig weiß. Sie war blind.
»Was ist?«, sagte sie und klickte schnell mit ihren Greifern.
»Menschen«, klickte die Spinne, die Harry gefangen hatte.
»Ist es Hagrid?«, sagte Aragog und kam näher, seine acht
milchigen Augen schwammen ziellos umher.
285
»Fremde«, klickte die Spinne, die Ron gebracht hatte.
»Tötet sie«, klickte Aragog gereizt. »Ich habe geschlafen ...«
»Wir sind Freunde von Hagrid«, rief Harry. Sein Herz
schien die Brust verlassen zu haben und in der Kehle zu
pochen.
Klick, klick, klick, machten die Spinnenzangen im Umkreis
der Senke. Aragog hielt kurz inne.
»Hagrid hat nie zuvor Menschen in unsere Senke ge-
schickt«, sagte er träge.
»Hagrid steckt in Schwierigkeiten«, sagte Harry, und sein
Atem rasselte. »Deshalb sind wir gekommen.«
»In Schwierigkeiten?«, sagte die alte Spinne und Harry
meinte ein wenig Besorgnis aus dem Klicken herauszuhören.
»Aber warum hat er euch geschickt?«
Harry überlegte, ob er aufstehen sollte, ließ es jedoch sein;
er glaubte nicht, dass ihn seine Beine tragen würden. Und so
sprach er vom Boden aus, so ruhig er konnte.
»Oben in der Schule glauben sie, Hagrid hätte ein - ein -
etwas auf die Schüler losgelassen. Sie haben ihn nach Askaban
gebracht.«
Aragog klickte wütend mit den Greifzangen und in der
ganzen Senke tat es ihm die Schar der Spinnen gleich; es klang
wie Beifall, nur dass Harry davon normalerweise nicht übel
vor Angst wurde.
»Aber das war vor vielen Jahren«, sagte Aragog ungehalten.
»Vor vielen, vielen Jahren. Ich erinnere mich gut daran.
Deshalb haben sie ihn gezwungen, die Schule zu verlassen. Sie
glaubten, ich sei das Monster, das, wie sie sagen, in der
Kammer des Schreckens haust. Sie glaubten, Hagrid habe die
Kammer geöffnet und mich freigelassen.«
»Und du ... du kamst nicht aus der Kammer des Schre-
ckens?«, sagte Harry, dem jetzt der kalte Schweiß auf der Stirn
ausbrach.
286
»Ich!«, sagte Aragog und klapperte zornig. »Ich wurde nicht
im Schloss geboren. Ich komme aus einem fernen Land. Ein
Reisender schenkte mich Hagrid, als ich noch ein Ei war.
Hagrid war damals noch ein Junge, doch er sorgte für mich
und versteckte mich in einem Schrank im Schloss und fütterte
mich mit Essensresten vom Tisch. Hagrid ist mein Freund und
ein guter Mann. Als man mich entdeckte und mir die Schuld
für den Tod des Mädchens gab, da beschützte er mich. Seither
lebe ich hier im Wald, wo Hagrid mich immer noch besucht.
Er hat sogar eine Frau für mich gefunden, Mosag, und du
siehst, wie unsere Familie gewachsen ist; alles dank Hagrids
Güte ...«
Harry raffte den letzten Rest Mut zusammen.
»Also hast du nie - nie jemanden angegriffen?«
»Niemals«, krächzte die alte Spinne. »Es wäre nur natürlich
für mich gewesen, aber aus Achtung für Hagrid habe ich nie
einem Menschen Leid angetan. Die Leiche des Mädchens, das
getötet wurde, hat man in einer Toilette gefunden. Ich habe nie
einen anderen Teil des Schlosses gesehen als den Schrank, in
dem ich aufwuchs. Unsereins mag das Dunkle und die Stille
...«
»Aber dann ... weißt du, was wirklich das Mädchen getötet
hat?«, sagte Harry. »Denn was immer es ist, es ist zurück und
greift wieder Menschen an -«
Seine Worte ertranken in lautem Zangenklicken und im
Rascheln vieler langer Beine, die wütend über den Boden
scharrten; um ihn her huschten große schwarze Schatten.
»Das Wesen, das im Schloss lebt«, sagte Aragog, »ist eine
uralte Kreatur, die wir Spinnen mehr als alles andere fürchten.
Ich erinnere mich noch gut, wie ich Hagrid angefleht habe,
mich gehen zu lassen, als ich spürte, dass das Biest in der
Schule umherstreifte.«
»Was ist es?«, fragte Harry eindringlich.
287
Abermals lautes Klicken und Rascheln; die Spinnen
schienen den Kreis enger zu ziehen.
»Wir sprechen nicht davon!«, sagte Aragog zornig. »Wir
nennen es nicht beim Namen! Nicht einmal Hagrid habe ich je
den Namen dieser fürchterlichen Kreatur genannt, obwohl er
mich viele Male gefragt hat.«
Harry wollte nicht weiter auf ihn einreden, nicht angesichts
all dieser Spinnen, die von allen Seiten her auf ihn zudrängten.
Aragog schien des Redens müde zu sein. Langsam wich er in
sein Kuppelnetz zurück, doch seine Artgenossen drangen ganz
allmählich weiter auf Harry und Ron vor.
»Dann gehen wir jetzt einfach«, rief Harry verzweifelt Ara-
gog zu, und schon raschelten die Blätter hinter ihm.
»Gehen?«, sagte Aragog langsam. »Ich glaube nicht ...«
»Aber ... aber ...«
»Meine Söhne und Töchter rühren Hagrid nicht an, auf
meinen Befehl hin. Doch ich kann ihnen frisches Fleisch nicht
verwehren, wenn es so bereitwillig in unsere Mitte kommt.
Adieu, Freund von Hagrid.«
Harry wirbelte herum. Wenige Meter von ihm entfernt ragte
eine feste Wand aus Spinnen empor, die mit ihren Greifern
klickten. Ihre Augen schimmerten wie hässliche schwarze
Knöpfe. Schon als er nach seinem Zauberstab griff, wusste
Harry, dass es nichts nützen würde, es waren zu viele. Doch
als er aufzustehen versuchte, bereit, kämpfend zu sterben,
hörte er einen lauten, lang gezogenen Ton, und ein Lichtblitz
flammte durch die Senke.
Mr Weasleys Wagen donnerte den Abhang herunter, mit
gleißenden Scheinwerfern und schrill hupend, und er rempelte
dabei rechts und links Spinnen um; mehrere von ihnen
landeten auf dem Rücken, und ihre endlos langen Beine ru-
derten durch die Luft. Kreischend hielt der Wagen vor Harry
und Ron und die Türen flogen auf,
288
»Hol Fang!«, schrie Harry und hechtete auf den Beifah-
rersitz; Ron packte den Saurüden um den Bauch und sie
landeten japsend auf dem Rücksitz - die Türen schlugen zu -
Ron saß absolut reglos da, doch der Wagen brauchte ihn nicht;
mit dröhnendem Motor fuhren sie davon und warfen
unterwegs noch mehr Spinnen auf den Rücken; sie rasten den
Abhang hoch und aus der Senke heraus. Bald jagten sie
krachend durch den Wald, Äste peitschten gegen den Wagen,
während er sich pfiffig seinen Weg durch die breitesten
Baumlücken bahnte. Offenbar wusste er, wo es langging.
Harry drehte sich zu Ron um. Sein Mund war immer noch
zu einem stummen Schrei geöffnet, doch seine Augen hüpften
nicht mehr.
»Bist du in Ordnung?«
Ron starrte geradeaus und brachte kein Wort heraus.
Der Wagen krachte durch das Unterholz. Fang heulte laut
auf, und als sie knapp an einer großen Eiche vorbeizischten,
brach ein Seitenspiegel ab. Nach zehn lärmerfüllten, holprigen
Minuten lichteten sich die Bäume, und Harry konnte hier und
da einen Fleck Himmel erkennen.
Der Wagen stoppte so j« äh, dass sie fast durch die Wind-
schutzscheibe flogen. Sie hatten den Waldrand erreicht. Fang
warf sich gegen das Fenster, so ungestüm drängte er nach
draußen, und als Harry die Tür öffnete, peste er mit eingezo-
genem Schwanz los durch die Bäume hindurch auf Hagrids
Hütte zu. Auch Harry stieg aus und nach einer Weile schien
auch Ron seine Glieder wieder zu spüren und folgte ihm mit
steifen Bewegungen und starrem Blick. Harry gab dem Wagen
einen dankbaren Klaps und der fuhr zurück in den Wald und
verschwand.
Harry ging noch einmal in Hagrids Hütte, um den Tarn-
umhang zu holen. Fang lag zitternd unter einer Decke in
289
seinem Korb. Als Harry wieder nach draußen kam, sah er Ron
im Kürbisbeet stehen und sich herzhaft übergeben.
»Folgt den Spinnen«, sagte Ron matt und wischte sich mit
dem Ärmel den Mund ab. »Das werd ich Hagrid nie verzeihen.
Wir können von Glück reden, dass wir am Leben sind.«
»Ich wette, er glaubte, Aragog würde seinen Freunden nichts
tun«, sagte Harry.
»Das ist ja gerade Hagrids Problem!«, sagte Ron und häm-
merte mit der Faust gegen die Hüttenwand. »Er glaubt ständig,
Monster seien nicht so schlimm wie ihr Ruf, und du siehst ja,
wohin ihn das gebracht hat! In eine Zelle in Askaban!« Er
zitterte jetzt hilflos am ganzen Körper. »Was hat es gebracht,
uns da reinzuschicken? Was haben wir herausgefunden,
möchte ich gern wissen?«
»Dass Hagrid die Kammer des Schreckens nicht geöffnet
hat«, sagte Harry, warf Ron den Umhang über und zog ihn am
Arm, um ihn zum Gehen zu bewegen. »Er war unschuldig.«
Von Ron kam ein lautes Schnauben. Offenbar stellte er sich
etwas anderes unter Unschuld vor, als Aragog in einem
Schrank zu päppeln.
Das Schloss ragte nun über ihnen auf und Harry zog am
Tarnurnhang, damit ihre Füße bedeckt waren. Sie schoben
vorsichtig das knarrende Tor auf, durchquerten die Eingangs-
halle, stiegen die Marmortreppe empor und huschten mit an-
gehaltenem Atem durch die Gänge, in denen aufmerksame
Wächter umherliefen. Endlich erreichten sie den Gemein-
schaftsraum der Gryffindors, wo vom Feuer nur noch glühende
Asche übrig geblieben war. Hier waren sie in Sicherheit. Sie
nahmen den Tarnumhang ab und kletterten die Wendeltreppe
zum Schlafsaal hoch.
Ron sank ins Bett, ohne sich die Mühe zu machen, die
Kleider auszuziehen. Harry jedoch fühlte sich nicht beson-
290
ders müde. Er saß auf dem Bettrand und dachte angestrengt
über alles nach, was Aragog gesagt hatte.
Die Kreatur, die irgendwo im Schloss lauerte, hörte sich
nach einer Art monsterhaftem Voldemort an - selbst andere
Ungetüme wollten es nicht beim Namen nennen. Doch er und
Ron waren keinen Schritt weitergekommen bei ihrem Versuch,
herauszufinden, was es war oder wie es seine Opfer
versteinerte. Selbst Hagrid hatte nie gewusst, was in der
Kammer des Schreckens steckte.
Harry schwang die Beine aufs Bett und lehnte sich gegen die
Kissen. Durch das Turmfenster funkelte der Mond.
Er wusste nicht, was sie noch tun konnten. Überall waren
sie auf lose Enden gestoßen. Riddle hatte den Falschen er-
wischt, der Erbe Slytherins war davongekommen, und keiner
konnte sagen, ob es dieselbe Person war oder eine andere, die
diesmal die Kammer geöffnet hatte. Es blieb niemand übrig,
den sie fragen konnten. Harry legte sich hin und dachte über
die Worte Aragogs nach.
Er war schon halb eingeschlafen, als ihm etwas einfiel, was
ihm wie ihre letzte Hoffnung vorkam, und plötzlich saß er
wieder kerzengerade auf dem Bett.
»Ron«, zischte er durch die Dunkelheit, »Ron -«
Ron wachte mit einem jaulen auf, das an Fang erinnerte,
blickte wild umher und erkannte dann Harry.
»Ron - dieses Mädchen, das gestorben ist. Aragog sagte, sie
sei in einer Toilette gefunden worden«, sagte Harry und ach-
tete nicht auf Nevilles schnaubendes Schnarchen in der Ecke.
»Was, wenn sie dieses Klo nie verlassen hat? Was, wenn sie
immer noch da ist?«
Ron rieb sich die Augen und blinzelte stirnrunzelnd durch
das Mondlicht. Und dann begriff auch er.
»Du glaubst doch nicht etwa - nicht die Maulende Myrte?«
291
Die Kammer des Schreckens
»Wir waren so oft in diesem Klo und sie war nur drei Türen
entfernt«, sagte Ron verbittert beim Frühstück am nächsten
Morgen, »wir hätten sie fragen können, aber jetzt ...«
Den Spinnen nachzuspüren war schwer genug gewesen.
jetzt würde es fast unmöglich sein, den Lehrern lange genug zu
entkommen, um sich in ein Mädchenklo zu stehlen, das zu
allem Überfluss auch noch unmittelbar am Schauplatz des
ersten Angriffs lag.
Doch in der ersten Stunde, in Verwandlung, geschah etwas,
das die Kammer des Schreckens zum ersten Mal seit Wochen
aus ihren Köpfen vertrieb. Nach zehn Minuten Unterricht
verkündete Professor McGonagall, ihre Prüfungen würden am
ersten Juni beginnen, in genau einer Woche.
»Prüfungen?«, heulte Seamus Finnigan auf, »Wir haben
trotz allem noch Prüfungen?«
Hinter Harry krachte es. Neville Longbottom war der
Zauberstab aus der Hand gefallen und zwei Beine seines Ti-
sches waren verschwunden. Professor McGonagall brachte sie
mit einem Schlenker ihres Zauberstabs wieder zum Vorschein
und wandte sich dann stirnrunzelnd Seamus zu.
»Wir halten die Schule einzig und allein deshalb geöffnet,
damit Sie Ihre Ausbildung erhalten«, sagte sie streng. »Die
Prüfungen finden daher wie üblich statt, und ich bin sicher, Sie
alle werden den Stoff fleißig wiederholen.«
Fleißig wiederholen! Harry hätte nie gedacht, sie würden
Prüfungen haben, bei all dem, was im Schloss passierte. Im
292
Klassenzimmer gab es meutereilustiges Getuschel, und Pro-
fessor McGonagall blickte noch finsterer in die Runde.
»Professor Dumbledores Anweisung lautet, den Unterricht
möglichst wie gewohnt fortzusetzen«, sagte sie. »Und das, wie
ich kaum weiter ausführen muss, heißt herauszufinden, wie
viel Sie dieses Jahr gelernt haben.«
Harry schaute auf das Paar weißer Kaninchen, die er in
Pantoffeln verwandeln sollte. Was hatte er bislang in diesem
Schuljahr gelernt? Ihm fiel einfach nichts ein, was in einer
Prüfung nützlich sein konnte.
Ron sah aus, als ob man ihm gerade gesagt hätte, er müsse
fort und im Verbotenen Wald leben.
»Kannst du dir vorstellen, dass ich mit dem hier die Prü-
fungen bestehe?«, fragte er Harry und hob seinen Zauberstab,
der gerade anfing laut zu pfeifen.
Drei Tage vor ihrer ersten Prüfung machte Professor McGo-
nagall beim Frühstück eine weitere Ankündigung.
»Ich habe eine gute Nachricht«, sagte sie, und die Menge in
der Große Halle, anstatt in Schweigen zu verfallen, brach in
Gejohle aus.
»Dumbledore kommt zurück!«, riefen einige ausgelassen.
»Sie haben den Erben Slytherins gefangen«, quiekte ein
Mädchen am Ravenclaw-Tisch.
»Es gibt wieder Quidditch-Spiele!«, dröhnte Wood be-
geistert.
Als der Tumult sich gelegt hatte, sagte Professor McGo-
nagall:
»Professor Sprout hat mir mitgeteilt, dass die Alraunen
endlich reif zum Schneiden sind. Wir werden die Versteinerten
heute Abend noch wieder beleben können. Ich muss Sie wohl
kaum daran erinnern, dass einer von ihnen uns
vielleicht sagen wird, wer - oder was - ihn angegriffen hat.
293
Ich habe die große Hoffnung, dass dieses schreckliche Jahr
damit enden wird, dass wir den Schurken fassen.«
Dem folgte ohrenbetäubendes Kreischen. Harry sah hinüber
zum Slytherin-Tisch und war keineswegs überrascht, dass
Draco Malfoy nicht in das Freudengeheul einstimmen wollte.
Ron hingegen schien besser gelaunt als seit Tagen.
»Dann ist es egal, dass wir Myrte nicht gefragt haben«, sagte
er zu Harry. »Hermine wird wahrscheinlich alles wissen, wenn
sie aufwacht! Ich sag dir, sie dreht durch, wenn sie erfährt,
dass wir in drei Tagen Prüfungen haben. Sie hat ja nichts
wiederholt. Vielleicht wäre es besser, sie in Ruhe zu lassen,
bis alles vorbei ist.«
In diesem Moment kam Ginny Weasley herüber und setzte
sich neben Ron. Sie sah angespannt und nervös aus und Harry
bemerkte, dass sie die Hände im Schoß knetete.
»Was gibt's?«, sagte Ron und tat sich noch einen Schlag
Haferbrei auf.
Ginny sagte nichts, sondern blickte ängstlich am Gryffin-
dor-Tisch entlang. Sie erinnerte Harry an jemanden, doch er
wusste nicht, an wen.
»Spuck's aus«, sagte Ron und musterte sie aufmerksam.
Harry fiel plötzlich ein, wem Ginny ähnlich sah. Sie wiegte
sich im Sitzen leicht vor und zurück, genau wie Dobby, wenn
er kurz davor war, verbotene Auskünfte zu geben.
»Ich muss euch etwas sagen«, murmelte Ginny und vermied
sorgfältig jeden Blick auf Harry.
»Was denn?«, fragte Harry.
Ginny sah aus, als fände sie nicht die richtigen Worte.
»Was?«, fragte Ron.
Ginny öffnete den Mund, brachte jedoch kein Wort heraus.
Harry beugte sich vor und sprach leise, so dass nur Ginny und
Ron ihn hören konnten.
»Hat es etwas mit der Kammer des Schreckens zu tun?
294
Hast du etwas gesehen? jemanden, der sich merkwürdig
verhält?«
Ginny holte tief Luft und genau in diesem Moment erschien,
müde und blass, Percy Weasley.
»Wenn du fertig bist mit Essen, setz ich mich auf deinen
Platz, Ginny, ich komm gerade vom Wachdienst.«
Ginny sprang auf, als ob der Stuhl ihr gerade einen elek-
trischen Schlag verpasst hätte, warf Percy einen flüchtigen,
angsterfüllten Blick zu und verschwand. Percy setzte sich und
nahm sich einen Becher vom Tisch.
»Percy!«, sagte Ron zornig. »Sie wollte uns gerade etwas
Wichtiges sagen!«
Percy, der gerade einen Schluck Tee genommen hatte, wäre
daran fast erstickt.
»Um was geht es?«, sagte er hustend.
»Ich hab sie nur gefragt, ob sie etwas Merkwürdiges gese-
hen hätte, und sie wollte gerade etwas sagen -«
»Oh - das - das hat nichts mit der Kammer des Schreckens
zu tun«, sagte Percy rasch.
»Woher weißt du das?«, sagte Ron mit hochgezogenen
Augenbrauen.
»Nun, ähm, wenn ihr es unbedingt wissen müsst, Ginny,
ähm, lief mir letztens über den Weg, als ich - nun, egal - der
Punkt ist, sie hat mich bei etwas gesehen und ich hab sie ge-
beten, es keinem zu erzählen. Ich muss sagen, sie hat offenbar
Wort gehalten. Es ist nichts, wirklich, ich würde lieber -«
Harry hatte Percy noch nie mit einer so unbehaglichen
Miene gesehen.
»Wobei hat sie dich erwischt, Percy?«, sagte Ron grinsend.
»Komm schon, erzähl's uns, wir lachen bestimmt nicht.«
Percy erwiderte sein Lächeln nicht.
»Kannst du mir die Brötchen reichen, Harry, ich ver-
hungere.«
295
Harry wusste, dass das ganze Geheimnis morgen vielleicht
ohne Myrtes Hilfe gelöst würde, doch er wollte sich eine
Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, nicht entgehen lassen, wenn
sie sich bieten sollte - und zu seiner Freude kam eine, später
am Morgen, als Gilderoy Lockhart sie zu Geschichte der
Zauberei begleitete.
Lockhart, der ihnen so oft versichert hatte, jede Gefahr sei
vorüber, nur um sofort widerlegt zu werden, war nun zutiefst
davon überzeugt, dass es kaum die Mühe wert war, sie durch
die Gänge zu geleiten. Sein Haar war nicht so geschniegelt wie
sonst; offenbar war er die ganze Nacht auf gewesen und hatte
im vierten Stock Wache geschoben.
»Denkt an meine Worte«, sagte er, während sie um eine
Ecke bogen, »das Erste, was diese armen Versteinerten sagen
werden, wird sein >es war Hagrid<. Offen gestanden bin ich
erstaunt, dass Professor McGonagall diese Sicherheitsmaß-
nahmen noch für nötig hält.«
»Ich stimme Ihnen zu, Sir«, sagte Harry und vor Überra-
schung ließ Ron seine Bücher fallen.
»Ich danke Ihnen, Harry«, sagte Lockhart gnädig, während
sie warteten, bis eine lange Reihe Hufflepuffs vorbeigezogen
war. »Ich meine, als ob wir Lehrer nichts anderes zu tun
hätten, als die Schüler in die Klassenzimmer zu begleiten und
die ganze Nacht Wache zu halten ...«
»Das stimmt«, sagte Ron, der den Faden aufgenommen
hatte. »Lassen Sie uns doch hier allein, wir haben nur noch
einen Korridor vor uns.«
»Wissen Sie was, Weasley, ich glaube, das tue ich«, sagte
Lockhart. »Ich sollte wirklich gehen und meine nächste Stunde
vorbereiten -«
Und er eilte davon.
»Seine Stunde vorbereiten«, höhnte ihm Ron nach. »Dreht
sich jetzt wohl eher Lockenwickler ins Haar.«
296
Sie ließen sich hinter die anderen Gryffindors zurückfallen,
glitten durch einen Seitengang und machten sich auf den Weg
zum Klo der Maulenden Myrte. Doch gerade als sie sich zu
ihrem gelungenen Streich beglückwünschen wollten -
»Potter! Weasley! Wohin denn so schnell?«
Es war Professor McGonagall und ihr Mund war der
schmalste aller schmalen Striche.
»Wir wollten ... wir wollten ...«, stammelte Ron, »wir
wollten ... jemanden besuchen ...«
»Hermine«, sagte Harry. Ron und Professor McGonagall
sahen ihn an.
»Wir haben sie schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen,
Professor«, fuhr Harry hastig fort und tappte Ron auf den Fuß,
»und wir dachten, wir schleichen uns in den Krankenflügel,
wissen Sie, und sagen ihr, dass die Alraunen fast fertig sind
und sie sich keine Sorgen machen soll -«
Professor McGonagall starrte ihn immer noch an, und einen
Moment lang glaubte Harry, sie würde explodieren, doch als
sie sprach, hatte ihre Stimme einen seltsam krächzenden Ton
angenommen.
»Natürlich«, sagte sie, und in einem ihrer Perlaugen sah
Harry erstaunt eine Träne glitzern. »Natürlich, ich sehe ein, am
schlimmsten war, es für die Freunde derer, die ... Ich verstehe
durchaus. Ja, Potter, natürlich dürfen Sie Miss Granger
besuchen. Ich werde Professor Binns mitteilen, wo Sie ste-
cken. Sagen Sie Madam Pomfrey, dass ich es erlaubt habe.«
Harry und Ron gingen davon. Sie konnten es kaum fassen,
dass sie keine Strafarbeiten bekommen hatten. Als sie um die
Ecke bogen, hörten sie deutlich, wie Professor McGonagall
sich die Nase schnäuzte.
»Das«, sagte Ron hingerissen, »war die beste Ausrede, die
du je erfunden hast.«
Sie hatten jetzt keine andere Wahl als in den Krankenflügel
297
zu gehen und Madam Pomfrey zu sagen, Professor McGona-
gall habe ihnen erlaubt, Hermine zu besuchen.
Madam Pomfrey ließ sie ein, wenn auch widerstrebend.
»Es ist einfach sinnlos, zu einer versteinerten Person zu
sprechen«, sagte sie. Und als sie sich neben Hermine gesetzt
hatten, mussten sie zugeben, dass sie Recht hatte. Offen-
sichtlich hatte Hermine nicht die leiseste Ahnung, dass sie
Besuch hatte, und genauso gut hätten sie ihrem Nachttisch
sagen können, er solle sich nicht sorgen.
»Ich frag mich wirklich, ob sie den Angreifer gesehen hat«,
sagte Ron und betrachtete traurig Hermines starres Gesicht.
»Denn wenn er sich an alle von hinten herangeschlichen hat,
werden wir es nie erfahren ...«
Doch Harry sah nicht auf Hermines Gesicht. Er war mehr an
ihrer rechten Hand interessiert. Sie lag zusammengeballt auf
der Bettdecke, und als er sich über sie beugte, sah er, dass
Hermine ein zerknülltes Stück Papier in der Faust hielt.
Er sah sich um, ob Madam Pomfrey in der Nähe war, dann
machte er Ron darauf aufmerksam.
»Versuch es rauszuholen«, flüsterte Ron und rückte seinen
Stuhl so, dass er Madam Pomfrey die Sicht auf Harry ver-
deckte.
Es war nicht einfach. Hermines Hand war so fest um das
Papier geklammert, dass Harry schon fürchtete, er würde es
zerreißen. Während Ron aufpasste, zog und rüttelte er, und
endlich, nach spannungsvollen Minuten, löste sich das Papier
aus Hermines Hand.
Es war eine herausgerissene Seite aus einem alten Biblio-
theksband. Harry glättete es neugierig und Ron beugte sich
ebenfalls über das Blatt, um es zu lesen.
Von den vielen Furcht erregenden Biestern und Monstern, die
unser Land durchstreifen, ist keines seltsamer oder tödlicher
als der Basilisk
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auch bekannt als der König der Schlangen. Diese Schlange,
die eine gigantische Größe erreichen und viele hundert Jahre
alt werden kann, wird aus einem Hühnerei geboren, das von
einer Kröte ausgebrütet wird, Der Basilisk tötet auf höchst
wunderliche Weise, denn außer seinen tödlichen und giftigen
Zähnen hat der Basilisk einen mörderischen Blick, und alle,
die in den Bann seiner Augen geraten, erleiden den sofortigen
Tod. Spinnen fliehen vor dem Basilisken, denn er ist ihr
tödlicher Erbfeind, und der Basilisk entflieht nur dem Krähen
des Hahns, das tödlich für ihn ist.
Darunter stand ein einziges Wort geschrieben und Harry er-
kannte Hermines Handschrift. Rohre.
Es war, als hätte jemand ein Licht in seinem Gehirn ange-
knipst.
»Ron«, keuchte er, »das ist es. Das ist die Antwort. Das
Monster in der Kammer ist ein Basilisk - eine Riesenschlange!
Darum hab ich überall diese Stimme gehört und niemand
sonst. Weil ich nämlich Parsel verstehe ...«
Harry blickte auf die Betten um ihn her.
»Der Basilisk tötet Menschen, indem er sie ansieht. Aber
keiner ist gestorben - weil keiner ihm direkt ins Auge geschaut
hat. Colin hat ihn durch seine Kamera gesehen. Der Basilisk
hat den Film darin völlig verbrannt, aber Colin wurde nur
versteinert. Justin ... Justin muss den Basilisken durch den Fast
Kopflosen Nick gesehen haben! Nick hat alles abbekommen,
aber er konnte ja nicht noch mal sterben ... und neben Hermine
und der Vertrauensschülerin der Ravenclaws wurde ein
Spiegel gefunden. Hermine hatte gerade erkannt, dass das
Monster ein Basilisk ist. Ich wette jederzeit mit dir, sie hat den
ersten Menschen, den sie traf, gewarnt und gesagt, es sei
besser, erst mit einem Spiegel um die Ecken zu sehen! Und
dieses Mädchen hat ihren Spiegel herausgeholt - und -«
Rons Unterkiefer war heruntergeklappt.
»Und Mrs Norris?«, flüsterte er beschwörend.
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Harry dachte angestrengt nach und stellte sich vor, was in
jener Halloween-Nacht geschehen war.
»Das Wasser ...«, sagte er langsam. »Diese Überschwem-
mung aus dem Klo der Maulenden Myrte. Ich wette, Mrs
Norris hat nur die Spiegelung gesehen ...«
Aufgeregt überflog er das ]Blatt in seiner Hand. je länger er
es ansah, desto mehr verstand er.
»... dem Krähen des Hahns, das tödlich für ihn ist!«, las er
laut. »Hagrids Hähne wurden umgebracht! Der Erbe Slytherins
wollte keinen in der Nähe des Schlosses haben, wenn die
Kammer geöffnet war! Spinnen fliehen vor dem Basilisken!
Alles passt zusammen!«
»Aber wie ist der Basilisk im Schloss herumgekommen?«,
sagte Ron. »Eine große, hässliche Schlange ... jemand hätte sie
sehen müssen ...«
Doch Harry deutete auf das Wort, das Hermine unten auf die
Seite gekritzelt hatte.
»Rohre«, sagte er. »Rohre ... Ron, es hat die Rohrleitungen
benutzt. Ich hab diese Stimme aus den Wänden gehört ...«
Ron packte jäh Harrys Arm.
»Der Eingang zur Kammer des Schreckens!«, sagte er mit
rauer Stimme. »Was ist, wenn es ein Klo ist? Was ist, wenn es
im -«
»- Klo der Maulenden Myrte ist«, sagte Harry.
Da saßen sie, ganz überwältigt von ihrer Entdeckung, und
konnten es kaum glauben.
»Das heißt, ich kann nicht der einzige Parselmund in der
Schule sein«, sagte Harry. »Der Erbe Slytherins ist auch einer.
Damit hat er den Basilisken im Griff.«
»Was tun wir jetzt?«, fragte Ron mit blitzenden Augen.
»Sollen wir einfach zu McGonagall gehen?«
»Gehen wir ins Lehrerzimmer«, sagte Harry und sprang auf.
»In zehn Minuten ist sie dort, es ist gleich Pause.«
300
Sie rannten nach unten. Da sie nicht schon wieder entdeckt
werden wollten, wie sie in einem Korridor herumlungerten,
gingen sie geradewegs in das verlassene Lehrerzimmer. Es war
ein großer getäfelter Raum voll dunkler Holzstühle. Harry und
Ron liefen darin umher, zu aufgeregt, um sich zu setzen.
Doch die Pausenglocke läutete nicht.
Stattdessen hallte, magisch verstärkt, die Stimme von Pro-
fessor McGonagall durch die Gänge.
»Die Schüler kehren sofort in ihre Schlafsäle zurück. Die
Lehrer versammeln sich im Lehrerzimmer. Unverzüglich,
bitte.«
Harry wirbelte herum und starrte Ron an.
»Nicht schon wieder ein Angriff! Nicht jetzt!«
»Was sollen wir tun?«, sagte Ron entgeistert. »In den
Schlafsaal gehen?«
»Nein«, sagte Harry und blickte sich um. Zu seiner Rechten
stand ein hässlicher Kleiderschrank voller Lehrerumhänge.
»Da rein. Hören wir erst Mai, was eigentlich los ist. Dann
können wir ihnen sagen, was wir herausgefunden haben.«
Sie versteckten sich im Schrank, lauschten dem Getrappel
von hunderten von Schülern über ihren Köpfen und hörten
dann, wie die Lehrerzimmertür aufging. Zwischen den muf-
figen Umhängen sahen sie einen Lehrer nach dem andern in
den Raum kommen. Manche sahen verwirrt aus, andere gaben
sich keine Mühe, ihre Angst zu verbergen. Dann kam
Professor McGonagall herein.
»Es ist passiert«, erklärte sie den stumm vor ihr Versam-
melten. »Das Monster hat einen Schüler entführt. Und zwar in
die Kammer.«
Professor Flitwick stieß einen spitzen Schrei aus. Professor
Sprout schlug sich die Hände auf den Mund. Snape um-
klammerte eine Stuhllehne und sagte:
301
»Woher wissen Sie das so genau?«
»Der Erbe Slytherins«, sagte Professor McGonagall, nun
ganz weiß im Gesicht, »hat eine weitere Botschaft hinterlas-
sen. Direkt unter der ersten. >Ihr Skelett wird für immer in der
Kammer liegen<.«
Professor Flitwick brach in Tränen aus.
»Wer ist es?«, sagte Madam Hooch, die mit weichen Knien
auf einen Stuhl gesunken war. »Welche Schülerin?«
»Ginny Weasley«, sagte Professor McGonagall.
Harry spürte, wie Ron neben ihm stumm auf den Schrank-
boden sank.
»Wir werden morgen alle Schüler nach Hause schicken
müssen«, sagte Professor McGonagall. »Das ist das Ende von
Hogwarts. Dumbledore hat immer gesagt ...«
Wieder ging die Lehrerzimmertür auf. Einen erregten
Moment lang war sich Harry sicher, es sei Dumbledore. Doch
es war Lockhart, und er strahlte.
»Tut mir ja so Leid - bin eingedöst - was hab ich verpasst?«
Er schien nicht zu bemerken, dass die anderen Lehrer ihn
mit einem Ausdruck anstarrten, der deutlich an Hass erinnerte.
Snape trat vor.
»Genau der Richtige«, sagte er. »Der richtige Mann. Das
Monster hat ein Mädchen entführt, Lockhart. Hat sie in die
Kammer des Schreckens gebracht. Ihre Stunde ist nun endlich
gekommen.«
Lockhart schreckte zurück.
»Das stimmt, Gilderoy«, warf Professor Sprout ein, »haben
Sie nicht erst gestern Abend gesagt, Sie hätten immer gewusst,
wo der Eingang zur Kammer des Schreckens ist?«
»Ich - nun, ich -«, stammelte Lockhart.
»Ja, haben Sie mir nicht gesagt, Sie wüssten sicher, was in
der Kammer verborgen ist?«, piepste Professor Flitwick.
302
»Hab - hab ich? Kann mich nicht erinnern -«
»Ich weiß noch genau, wie Sie gesagt haben, es sei schade,
dass Sie es nicht mit dem Monster aufnehmen durften, bevor
Hagrid verhaftet wurde«, sagte Snape. »Sagten Sie nicht, die
ganze Sache sei stümperhaft angegangen worden und dass
man Ihnen von Anfang an hätte freie Hand lassen sollen?«
Lockhart starrte in die versteinerten Gesichter seiner Kol-
legen.
»Ich - ich hab wirklich nie - da haben Sie mich wohl falsch
verstanden -«
»Wir überlassen es also Ihnen, Gilderoy«, sagte Professor
McGonagall. »Heute Nacht ist die beste Zeit dafür. Wir sorgen
dafür, dass Ihnen niemand in die Quere kommt. Sie können es
dann ganz allein mit dem Monster aufnehmen. Endlich freie
Hand für Sie.«
Lockhart blickte verzweifelt in die Runde, doch keiner kam
ihm zu Hilfe. Er sah jetzt nicht im Entferntesten mehr hübsch
aus. Seine Lippen zitterten und ohne sein übliches
zähneblitzendes Grinsen sah er schlaffwangig und gebrechlich
aus.
»N... nun gut«, sagte er. »Ich geh in mein Büro und - bereite
mich vor.«
Und er ging hinaus.
»Schön«, sagte Professor McGonagall mit geblähten Na-
senflügeln, » jetzt haben wir ihn aus dem Weg. Die Hauslehrer
sollten nun gehen und ihren Schülern mitteilen, was geschehen
ist. Sagen Sie ihnen, der Hogwarts-Express wird sie gleich
morgen früh nach Hause bringen. Und ich bitte die anderen,
sich zu vergewissern, dass kein Schüler mehr außerhalb der
Schlafsäle geblieben ist.«
Die Lehrer erhoben sich und gingen einer nach dem andern
hinaus.
303
Es war wohl der schlimmste Tag in Harrys ganzem Leben. Er,
Ron, Fred und George saßen zusammen in einer Ecke des
Gemeinschaftsraums und brachten kein Wort heraus. Percy
war nicht da. Er war weggegangen, um Mr und Mrs Weasley
eine Eule zu schicken, und hatte sich dann in seinem Zimmer
eingeschlossen.
Kein Nachmittag hatte je so lange gedauert wie dieser und
nie war es im Gryffindor-Turm so voll und zugleich so still
gewesen. Bei Sonnenuntergang gingen Fred und George, die
nicht mehr länger herumsitzen konnten, nach oben und zu
Bett.
»Sie wusste etwas, Harry«, sagte Ron und sprach damit zum
ersten Mal, seit sie sich im Lehrerschrank versteckt hatten.
»Deshalb wurde sie entführt. Es war nicht irgendein Blödsinn
mit Percy. Sie hat etwas über die Kammer des Schreckens
herausgefunden. Das muss der Grund sein, weshalb sie -« Ron
rieb sich fieberhaft die trockenen Augen. »Ich meine, sie hat
reines Blut. Es kann keinen anderen Grund geben.«
Blutrot sah Harry am Horizont die Sonne untergehen. So
schlecht hatte er sich noch nie gefühlt. Wenn er nur etwas tun
könnte. Irgendetwas.
»Harry«, sagte Ron. »Glaubst du, es könnte vielleicht doch
sein, dass sie nicht - du weißt schon -«
Harry wusste nicht, was er sagen sollte. Er konnte sich nicht
vorstellen, dass Ginny noch am Leben war.
»Weißt du was?«, sagte Ron. »Ich glaube, wir sollten zu
Lockhart gehen. Ihm sagen, was wir wissen. Er wird versu-
chen, in die Kammer zu kommen. Wir können ihm sagen, wo
wir glauben, dass sie ist, und dass ein Basilisk dort drinsteckt.«
Weil Harry nichts Besseres einfiel und auch er etwas tun
wollte, stimmte er zu. Die Gryffindors um sie her waren
304
so niedergeschlagen und die Weasleys taten ihnen so Leid,
dass keiner versuchte sie aufzuhalten, als sie aufstanden, den
Raum durchquerten und durch das Porträtloch stiegen.
Dunkelheit fiel über das Schloss, während sie zu Lockharts
Büro hinuntergingen. Drinnen schien einiges los zu sein. Sie
konnten Schleifen und Poltern und eilige Schritte hören.
Harry klopfte und hinter der Tür wurde es jäh still. Dann
öffnete sie sich einen winzigen Spaltbreit und sie sahen ein
Auge Lockharts.
»Oh - Mr Potter - Mr Weasley -«, sagte er und öffnete die
Tür einen Daumenbreit weiter. »Ich bin im Augenblick sehr
beschäftigt - wenn Sie sich beeilen würden -«
»Professor, wir haben Ihnen etwas Wichtiges zu sagen«,
erklärte Harry. »Wir glauben, es wird Ihnen helfen.«
»Ähm - nun - es ist nicht unbedingt -« Die Seite von
Lockharts Gesicht, die sie sehen konnten, sah sehr verlegen
aus. »Ich meine - nun - also gut -«
Er öffnete die Tür und sie traten ein.
Sein Büro war fast ganz ausgeräumt. Zwei große Schrank-
koffer standen aufgeklappt auf dem Boden. Umhänge, jade-
grün, lila, mitternachtsblau, waren in aller Hast in den einen
gepackt worden, Bücher stapelten sich kreuz und quer im
anderen. Die Fotos, die die Wände bedeckt hatten, lagen in
Kisten gestopft auf dem Schreibtisch.
»Gehen Sie etwa fort?«, fragte Harry.
»Ähm, nun, ja«, sagte Lockhart, riss ein lebensgroßes Poster
seiner selbst von der Tür und fing an, es aufzurollen.
»Dringender Ruf - unvermeidlich - muss gehen -«
»Was ist mit meiner Schwester?«, stieß Ron hervor.
»Nun, was das angeht - unglückliche Sache _«, sagte
Lockhart und mied ihre Blicke, während er eine Schublade
herauszog und deren Inhalt in eine Tasche kippte. »Keiner
bedauert das mehr als ich -«
305
»Sie sind der Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen
Künste!«, sagte Harry, »Sie können doch jetzt nicht gehen! Bei
all den dunklen Machenschaften hier!«
»Nun, ich muss sagen, als ich die Stelle übernahm -«,
murmelte Lockhart und häufte jetzt Socken auf seine Um-
hänge, »nichts davon in der Stellenbeschreibung - hab nicht
erwartet -«
»Wollen Sie sagen, Sie hauen ab?«, sagte Harry ungläubig.
»Nach all dem, was Sie in Ihren Büchern tun -«
»Bücher können irreführen«, sagte Lockhart behutsam.
»Sie haben sie selbst geschrieben«, rief Harry.
»Mein lieber Junge«, sagte Lockhart, richtete sich auf und
sah Harry stirnrunzelnd an. »Benutzen Sie doch Ihren gesun-
den Menschenverstand. Meine Bücher hätten sich nicht halb
so gut verkauft, wenn die Leute nicht glauben würden, ich
hätte das alles getan. Keiner will etwas über einen hässlichen
alten armenischen Zauberer lesen, auch wenn er ein Dorf vor
den Werwölfen gerettet hat. Auf dem Umschlag würde er
fürchterlich aussehen. Keinen Schimmer, wie man sich gut
anzieht. Und die Hexe, die die Todesfee von Bandon verbannt
hat, hatte eine Hasenscharte. Na hören Sie mal -«
»Also haben Sie einfach den Ruhm für das eingeheimst, was
andere Leute getan haben?«, sagte Harry ungläubig.
»Harry, Harry«, sagte Lockhart, ungeduldig den Kopf
schüttelnd. »Gar so einfach ist es nicht. Es hat Arbeit gekostet.
Ich musste diese Leute aufspüren. Sie fragen, wie sie es genau
gemacht haben. Dann musste ich sie mit einem Vergessens-
zauber belegen, so dass sie sich nicht daran erinnern würden.
Wenn es etwas gibt, auf das ich stolz bin, dann sind es meine
Vergessenszauber. Nein, es war eine Menge Arbeit, Harry. Es
reicht nicht, Bücher zu signieren und Fotos in den Zeitungen
zu haben, müssen Sie wissen. Wenn Sie Ruhm wollen, müssen
Sie sich auf eine ziemliche Schinderei vorbereiten.«
306
Er schlug die Kofferdeckel zu und verschloss sie.
»Mal sehen«, sagte er. »Ich glaube, ich hab alles. ja. Nur
noch eins.«
Er zückte seinen Zauberstab und drehte sich zu ihnen
herum.
»Tut mir furchtbar Leid, Jungs, aber ich muss euch jetzt mit
einem Vergessenszauber belegen. Kann es nicht brauchen,
wenn ihr all meine Geheimnisse ausplaudert. Ich würde kein
Buch mehr verkaufen -«
Harry kam noch rechtzeitig an seinen Zauberstab. Lockhart
wollte gerade seinen heben, als Harry rief.- »Expelliarmus!«
Lockhart flog nach hinten und fiel rücklings über seinen
Koffer. Sein Zauberstab wirbelte durch die Luft; Ron fing ihn
auf und warf ihn aus dem offenen Fenster.
»Den hätten Sie uns von Professor Snape nicht zeigen lassen
dürfen«, sagte Harry wütend und stieß Lockharts Koffer zur
Seite. Lockhart, der nun wieder schlaff wirkte, sah zu ihm
hoch. Harry hatte den Zauberstab immer noch auf ihn
gerichtet.
»Was haben Sie vor?«, sagte Lockhart mit matter Stimme.
»Ich weiß nicht, wo die Kammer des Schreckens ist. Ich kann
nichts tun.«
»Sie haben Glück«, sagte Harry und zwang Lockhart mit
vorgehaltenem Zauberstab aufzustehen. »Wir glauben zu
wissen, wo sie ist. Und was drin ist. Gehen wir.«
Lockhart vor sich herschiebend verließen sie das Büro und
gingen die nächste Treppe hinunter, den dunklen Korridor
entlang, wo die Botschaften an den Wänden leuchteten, bis zur
Klotür der Maulenden Myrte.
Sie schickten Lockhart als Ersten hinein. Harry sah ver-
gnügt, dass er zitterte.
Die Maulende Myrte saß auf der Kloschüssel in der letzten
Kabine.
307
»Oh, du bist es«, sagte sie, als sie Harry erkannte. »Was
willst du diesmal?«
»Dich fragen, wie du gestorben bist«, sagte Harry.
Schlagartig änderte sich Myrtes ganzes Gebaren. Sie sah
aus, als ob ihr noch nie jemand eine so schmeichelhafte Frage
gestellt hätte.
»Ooooh, das war schrecklich«, sagte sie genüsslich. »Es ist
hier drin geschehen. Ich bin in dieser Kabine gestorben. Ich
erinnere mich noch so gut daran. Ich versteckte mich, weil
Olive Hornby mich wegen meiner Brille hänselte. Die Tür war
verriegelt, und ich weinte, und dann hörte ich jemanden
hereinkommen. Dann wurde etwas Komisches gesagt. Eine
andere Sprache muss es gewesen sein. jedenfalls, was mich
wirklich gewundert hat, war, dass ein Junge sprach. Also hab
ich die Tür aufgemacht, um ihm zu sagen, er solle gefälligst
verschwinden und sein eigenes Klo benutzen, und dann -«
Myrte schwoll an und ihr Gesicht glänzte »- dann bin ich
gestorben.«
»Wie?«, sagte Harry.
»Keine Ahnung«, sagte Myrte mit gedämpfter Stimme. »Ich
weiß nur noch, dass ich ein Paar großer gelber Augen gesehen
habe. Mein ganzer Körper wurde starr und dann bin ich
davongeschwebt ...« Sie sah Harry traumverloren an. »Und
dann kam ich wieder zurück. Ich war entschlossen, mit Olive
Hornby meinen Schabernack zu treiben. Oh, es tat ihr ja so
Leid, dass sie jemals über meine Brille gelacht hatte.«
»Wo genau hast du diese Augen gesehen?«, sagte Harry.
»Irgendwo dort« sie deutete auf das Waschbecken gegen-
über.
Harry und Ron stürzten darauf zu. Lockhart hielt sich im
Hintergrund, mit einem Ausdruck sprachlosen Entsetzens im
Gesicht.
308
Es sah aus wie ein gewöhnliches Waschbecken. Sie unter-
suchten jeden Zentimeter, innen und außen, und auch die
Rohre darunter. Und dann stutzte Harry: an der Seite eines der
kupfernen Wasserhähne war eine winzige Schlange ein-
gekratzt.
»Der Hahn hat nie funktioniert«, sagte Myrte munter, als sie
ihn aufdrehen wollten.
»Harry«, sagte Ron. »Sag was. Etwas in der Parselsprache.«
»Aber -« Harry überlegte fieberhaft. Er hatte immer nur
dann Parsel sprechen können, wenn er es mit einer echten
Schlange zu tun hatte. Er starrte die winzige Gravur an und
versuchte sich vorzustellen, es sei eine lebende Schlange.
»Mach auf«, sagte er.
Er sah Ron an, der den Kopf schüttelte.
»Noch mal«, sagte er.
Harry blickte wieder auf die Schlange und versuchte sich
einzureden, sie würde leben. Wenn er den Kopf bewegte, sah
es im Kerzenlicht so aus, als würde sie ein wenig schlängeln.
»Mach auf«, sagte er.
Doch es waren nicht diese Worte, die er hörte; ein un-
heimliches Zischen war ihm entwischt, und sofort erglühte der
Hahn strahlend hell und begann sich zu drehen - kurz darauf
begann sich das Waschbecken zu bewegen. Es versank
gänzlich in die Wand und gab das Ende eines großen Rohres
frei, breit genug, damit ein Mensch hindurchrutschen konnte.
Harry hörte Ron aufstöhnen und sah hoch. Er fasste einen
Entschluss.
»Ich gehe da runter«, sagte er.
Er konnte jetzt nicht weggehen, nicht jetzt, da sie den Ein-
gang zur Kammer gefunden hatten, nicht, wenn es auch nur
den geringsten, unglaublichsten, verrücktesten Hoffnungs-
schimmer gab, dass Ginny noch lebte.
309
»Ich auch«, sagte Ron.
Einen Moment lang herrschte Schweigen.
»Nun, Sie scheinen mich wohl kaum zu brauchen«, sagte
Lockhart mit dem Schatten seines alten Lächelns auf dem
Gesicht. »Ich werde dann -«
Er griff zum Türknopf, doch Ron und Harry richteten ihre
Zauberstäbe auf ihn.
»Sie werden als Erster gehen«, knurrte Ron.
Weiß im Gesicht und zauberstablos näherte sich Lockhart
der Öffnung.
»Jungs«, sagte er mit schwacher Stimme. Jungs, was nützt
das?«
Harry stach ihm mit dem Zauberstab in den Rücken.
Lockhart steckte die Beine in das Rohr.
»Ich glaube wirklich nicht -«, fing er an, doch Ron gab ihm
einen Stoß und er schlitterte davon. Harry folgte ihm rasch. Er
stieg ins Rohr hinein und ließ sich hinabgleiten.
Es war, als rauschte er eine endlose, schleimige, dunkle
Rutschbahn hinab. Er sah andere Rohre in alle Richtungen
abzweigen, doch keines war so dick wie das ihre, das in
unendlich vielen Windungen steil abwärts lief, und Harry
wusste, dass es tief hinabging unter die Schule, in Tiefen weit
unterhalb der Kerker. Hinter sich konnte er Ron hören, den es
in den Biegungen sacht gegen die Wände schlug.
Und dann, gerade als Harry besorgt überlegte, wie er auf
dem Boden aufschlagen würde, bog sich das Rohr nach oben
und lief aus. Mit einem nassen Glubschen kullerte er heraus
und landete auf dem feuchten Boden eines dunklen
Steintunnels, hoch genug, um darin stehen zu können. Harry
trat zur Seite, und hinter ihm plumpste Ron aus dem Rohr.
»Wir müssen meilenweit unter der Schule sein«, sagte Harry
und seine Stimme hallte im dunklen Tunnel wider.
310
»Unter dem See wahrscheinlich«, sagte Ron und musterte
die glitschigen Wände.
Alle drei drehten sich um und starrten in die Dunkelheit vor
ihnen.
»Lumos!«, murmelte Harry seinem Zauberstab zu und der
begann wieder zu leuchten. »Weiter geht's«, sagte er zu Ron
und Lockhart und sie gingen los, ihre Schritte klatschten laut
auf dem nassen Boden.
Im Tunnel war es so dunkel, dass sie nur ein paar Meter
weit sehen konnten. Im Licht des Zauberstabs wirkten ihre
Schatten an den Wänden wie Riesen.
»Nicht vergessen«, sagte Harry, während sie vorsichtig wei-
tergingen, »wenn sich irgendwas bewegt, gleich die Augen
schließen ...«
Doch der Tunnel war still wie ein Grab, und das erste un-
erwartete Geräusch, das sie hörten, war ein lautes Knirschen,
als Ron auf etwas trat, das sich als Rattenschädel herausstellte.
Harry richtete den Zauberstab auf den Boden und sah, dass er
übersät war mit kleinen Tierknochen. Angestrengt versuchte
er, den Gedanken zu vertreiben, wie Ginny wohl aussehen
würde, wenn sie sie fänden, und führte die anderen weiter
durch eine dunkle Biegung des Tunnels.
»Harry - da oben ist etwas -«, sagte Ron heiser und packte
Harrys Schulter.
Sie erstarrten und sahen nach oben. Harry konnte den
Umriss von etwas Riesigem und Rundem sehen, das quer im
Tunnel lag. Es bewegte sich nicht.
»Vielleicht schläft es«, flüsterte er mit einem Blick zurück
auf die andern beiden. Lockhart hatte die Hände auf die Augen
gepresst. Harry wandte sich wieder um und blickte zu dem
Wesen empor, und sein Herz schlug so schnell, dass es
schmerzte.
311
Sehr langsam, mit erhobenem Zauberstab, die Augen zu
winzigen Schlitzen verengt, schlich Harry sich weiter vor.
Das Licht huschte über eine gigantische Schlangenhaut von
leuchtend giftgrüner Farbe, die zusammengerollt und leer quer
über dem Tunnelboden lag. Das Geschöpf, das sie abgeworfen
hatte, musste mindestens sieben Meter lang sein.
»Ich fass es nicht«, sagte Ron matt.
Plötzlich bewegte sich etwas hinter ihnen. Gilderoy Lock-
harts Knie hatten nachgegeben.
»Stehen Sie auf«, sagte Ron scharf und richtete den Zau-
berstab auf Lockhart.
Lockhart rappelte sich hoch - und dann hechtete er auf Ron
zu und schlug ihn zu Boden.
Harry sprang vor, doch zu spät - Lockhart erhob sich keu-
chend, Rons Zauberstab in der Hand und ein strahlendes
Lächeln im Gesicht.
»Schluss mit lustig, Jungs!«, sagte er. »Ich nehme ein Stück
von dieser Haut nach oben und sag ihnen, es sei zu spät ge-
wesen, um das Mädchen zu retten, und dass ihr beide ange-
sichts ihres zerfleischten Körpers tragischerweise den
Verstand verloren hättet - sagt eurem Gedächtnis Adieu!«
Er hob Rons zauberbandgeflickten Stab hoch über den Kopf
und rief »Amnesia!«.
Der Zauberstab explodierte mit der Sprengkraft einer
kleinen Bombe. Harry schlang die Arme um den Kopf und
rannte los, stolperte über die Reste der Schlangenhaut und
versuchte den großen Stücken Tunneldecke auszuweichen, die
auf den Boden donnerten. Einen Augenblick später war er
allein und starrte auf eine undurchdringliche Wand aus
herabgestürzten Felsstücken.
»Ron!«, rief er, »bist du okay? Ron!«
»Ich bin hier«, ertönte eine gedämpfte Stimme hinter
312
dem Felseinbruch. »Ich bin okay - der Aufschneider allerdings
nicht - der Zauberstab hat ihn umgerissen -«
Es gab einen dumpfen Schlag und ein lautes »Au!«. Es hörte
sich an, als hätte Ron Lockhart soeben gegen das Schienbein
getreten.
»Was jetzt?«, ertönte Rons verzweifelt klingende Stimme.
»Wir kommen hier nicht durch - das dauert eine Ewigkeit ...«
Harry sah zur Tunneldecke empor. Gewaltige Risse waren
jetzt zu sehen. Er hatte noch nie versucht, etwas so Riesiges
wie diese Felsen entzweizuzaubern, und dies schien nicht der
richtige Moment, um es zu probieren - was, wenn der Tunnel
einbrach?
Hinter den Felsen hörte er einen weiteren Schlag und
abermals ein »Au!«. Sie verschwendeten ihre Zeit. Ginny war
jetzt schon einige Stunden in der Kammer des Schreckens ...
Harry wusste, dass er nur eins tun konnte.
»Warte dort«, rief er Ron zu. »Warte mit Lockhart. Ich geh
weiter ... wenn ich in einer Stunde nicht zurück bin ...«
Eine sehr gespannte Pause trat ein.
»Ich probier ein paar dieser Felsen wegzuschieben«, ant-
wortete Ron, der offenbar versuchte seine Stimme ruhig klin-
gen zu lassen. »So dass du - zurückkannst. Und, Harry -«
»Wir sehen uns gleich«, sagte Harry und packte so viel Zu-
versicht in seine zitternde Stimme wie nur möglich.
Dann machte er sich an der riesigen Schlangenhaut vorbei
allein auf den Weg.
Bald hörte er nur noch von fern, wie Ron versuchte die
Felsen wegzuschieben, und dann war es still. In endlosen
Biegungen wand sich der Tunnel fort. jeder Nerv in Harrys
Körper vibrierte unangenehm. Er wünschte, der Tunnel wäre
zu Ende, doch ihm graute davor, was er dann finden würde.
Und dann, endlich, als er um eine Biegung schlich, sah er
vor sich eine Wand, in die zwei ineinander geflochtene
313
Schlangen eingemeißelt waren. Ihre Augen waren große
schimmernde Smaragde.
Mit ausgetrockneter Kehle trat Harry näher. Es war nicht
nötig, sich einzubilden, dass diese steinernen Schlangen echt
waren, denn ihre Augen sahen unheimlich lebendig aus.
Er ahnte, was er zu tun hatte. Er räusperte sich und die
Smaragdaugen schienen aufzuflackern.
»Öffnet!« sagte Harry mit einem tiefen, schwachen Zischen.
Die Schlangen entflochten sich und in der Wand tat sich ein
Spalt auf Die beiden Wandhälften glitten sanft zur Seite und
Harry; von Kopf bis Fuß zitternd, trat ein.
314
Der Erbe Slytherins
Er stand am Ende einer sehr langen, schwach beleuchteten
Kammer. Mächtige Säulen, auch sie umrankt von steinernen
Schlangen, ragten empor zur Decke, die im Dunkeln lag. Die
Säulen warfen lange schwarze Schatten durch das seltsam
grünliche Dämmerlicht, das den Raum erfüllte.
Reglos und mit immer noch rasendem Herzen stand Harry
da und lauschte in die kalte Stille hinein. Konnte der Basilisk
in einer Ecke lauern, hinter einer Säule? Wo war Ginny?
Er zückte den Zauberstab und ging zwischen den Schlan-
gensäulen hindurch nach vorn. jeder vorsichtige Tritt hallte
von den Wänden wider. Er hatte die Augen zu Schlitzen ver-
engt, bereit, sie bei der kleinsten Bewegung fest zu schließen.
Die leeren Augenhöhlen der Steinschlangen schienen ihm zu
folgen und es war ihm, als würden sie sich regen. Sein Magen
krampfte sich zusammen.
Dann trat er zwischen das letzte Säulenpaar. Vor ihm, an der
Rückwand, ragte eine Statue auf, die so hoch war wie die
Kammer selbst.
Harry verrenkte sich den Hals, um das riesenhafte Gesicht
sehen zu können: es war das alte, affenartige Gesicht eines
Zauberers mit langem schmalem Bart, der fast bis zum Saum
seines wogenden Steinumhangs herabfiel. Zwei gewaltige
graue Füße standen auf dem glatten Kammerboden. Und
zwischen den Füßen, mit dem Gesicht nach unten, lag eine
kleine Gestalt mit schwarzem Umhang und flammend rotem
Haar.
315
»Ginny!«, flüsterte Harry. Mit einem Sprung war er bei ihr
und fiel auf die Knie. »Ginny, sei nicht tot, bitte, sei nicht tot -
« Er warf den Zauberstab zur Seite, packte Ginny an der
Schulter und drehte sie um. Ihr Gesicht war weiß wie Marmor,
und ebenso kalt doch ihre Augen waren geschlossen - also war
sie nicht versteinert. Doch dann musste sie -
»Ginny, bitte wach auf«, flüsterte Harry verzweifelt und
schüttelte sie. Ginnys Kopf kullerte hoffnungslos hin und her.
»Sie wird nicht aufwachen«, sagte eine leise Stimme.
Harry schrak zusammen und rutschte auf den Knien herum.
Ein großer, schwarzhaariger Junge stand gegen die nächste
Säule gelehnt und musterte ihn. Seine Umrisse waren merk-
würdig verschwommen, als ob Harry ihn durch ein beschla-
genes Fenster sehen würde. Aber es gab keinen Zweifel -
»Tom - Tom Riddle?«
Riddle nickte, ohne die Augen von Harrys Gesicht zu
wenden.
»Was meinst du damit, sie wird nicht aufwachen?«, fragte
Harry verzweifelt. »Sie ist nicht ... sie ist doch nicht ... ?«
»Sie lebt noch«, sagte Riddle. »Gerade noch.«
Harry starrte ihn an. Tom Riddle war vor fünfzig Jahren in
Hogwarts gewesen, doch da stand er, ein unheimliches, neb-
liges Licht um sich ausbreitend, keinen Tag älter als sechzehn.
»Bist du ein Geist?«, fragte Harry unsicher.
»Eine Erinnerung«, sagte Riddle leise. »Fünfzig Jahre lang
in einem Tagebuch aufbewahrt.«
Er deutete auf den Boden neben die Riesenzehen der Statue.
Dort lag aufgeschlagen der kleine schwarze Taschenkalender,
den Harry im Klo der Maulenden Myrte gefunden hatte. Einen
Moment lang fragte sich Harry, wie es hierher gekommen
war - doch es gab Dringlicheres zu tun.
»Du musst mir helfen, Tom«, sagte Harry und hob aber-
316
mals Ginnys Kopf, »Wir müssen sie hier rausbringen. Da ist
ein Basilisk ... ich weiß nicht, wo er steckt, aber er könnte
jeden Augenblick kommen ... bitte, hilf mir -«
Riddle rührte sich nicht. Harry, dem der Schweiß ausbrach,
schaffte es, Ginny hochzuheben, und er beugte sich noch
einmal zu Boden, um den Zauberstab aufzuheben.
Doch der Zauberstab war verschwunden.
»Hast du meinen -?«
Er sah auf Riddle sah ihn immer noch an - und mit seinen
langen Fingern ließ er Harrys Zauberstab im Kreise wirbeln.
»Danke«, sagte Harry und streckte die Hand nach dem
Zauberstab aus.
Ein Lächeln kräuselte Riddles Mundwinkel. Er sah Harry
ungerührt an und ließ den Zauberstab gelassen weiterkreisen.
»Hör zu«, sagte Harry unwirsch und seine Knie knickten
unter der leblosen Last Ginnys ein. »Wir müssen hier raus!
Wenn der Basilisk kommt -«
»Er kommt erst, wenn er gerufen wird«, sagte Riddle leise.
Harry konnte Ginny nicht mehr halten und ließ sie wieder zu
Boden gleiten.
»Was meinst du damit?«, sagte er. »Gib mir meinen Zau-
berstab, ich brauch ihn womöglich -«
Riddle verzog lächelnd die Mundwinkel.
»Du wirst ihn nicht brauchen«, sagte er.
Harry starrte ihn an.
»Was meinst du, ich werd ihn nicht -?«
»Ich habe lange auf diese Stunde gewartet, Harry Potter«,
sagte Riddle. »Auf die Gelegenheit, dich zu treffen. Mit dir zu
sprechen.«
Harry verlor die Geduld. »Hör mal«, sagte er, »ich glaub, du
kapierst es nicht. Wir sind in der Kammer des Schreckens.
Unterhalten können wir uns spater -«
317
»Wir reden jetzt«, sagte Riddle immer noch breit lächelnd
und steckte Harrys Zauberstab in die Tasche.
Harry starrte ihn an. Etwas sehr Merkwürdiges ging hier vor
...
»Was ist mit Ginny passiert?«, fragte er langsam.
»Nun, das ist eine interessante Frage«, sagte Riddle ver-
gnügt. »Und eine ziemlich lange Geschichte. Ich denke, der
eigentliche Grund, warum Ginny hier liegt, ist, dass sie ihr
Herz ausgeschüttet und all ihre Geheimnisse einem unsicht-
baren Fremden verraten hat.«
»Wovon redest du?«, sagte Harry.
»Vorn Tagebuch«, sagte Riddle. »Meinem Tagebuch. Die
kleine Ginny hat Monat für Monat darin geschrieben und mir
all ihre jämmerlichen Sorgen und ihr Herzeleid anvertraut -
wie ihre Brüder sie triezen, wie sie mit gebrauchten Umhängen
und Büchern zur Schule kam, und dass -« Riddles Augen
funkelten - »und dass sie nicht glaubt, der berühmte, gute,
große Harry Potter würde sie jemals mögen ...«
Während er sprach, wandte Riddle die Augen keinen Mo-
ment lang von Harrys Gesicht. Etwas Hungriges lag in seinem
Blick.
»Es war sehr langweilig, den albernen kleinen Sorgen eines
elfjährigen Mädchens zu lauschen«, fuhr er fort. »Doch ich
war geduldig. Ich schrieb zurück, ich zeigte Mitgefühl, ich war
nett. Ginny hat mich einfach geliebt. Keiner versteht mich
besser als du, Tom ... Ich bin so froh, dass ich mich diesem
Tagebuch anvertrauen kann ... Es ist wie ein Freund, den ich
in der Tasche herumtragen kann ...«
Riddle lachte. Es war ein hohes, kaltes Lachen, das nicht zu
ihm passte und Harry die Nackenhaare zu Berge stehen ließ.
»Ich darf durchaus von mir behaupten, Harry, dass ich jene,
die ich brauchte, immer bezaubern konnte. Und so hat
318
Ginny mir ihr Herz ausgeschüttet, und ihr Herz war genau das,
was ich brauchte. Ich wurde stärker und stärker, denn ich
konnte mich von ihren tiefsten Ängsten, ihren dunkelsten
Geheimnissen nähren. Ich wurde mächtig, viel mächtiger als
die kleine Miss Weasley. Mächtig genug, um Miss Weasley
schließlich mit ein paar meiner Geheimnisse zu füttern, um ihr
allmählich ein wenig von meiner Seele einzuflößen ...«
»Was meinst du damit«, sagte Harry, dessen Mund jetzt sehr
trocken war.
»Hast du es noch nicht erraten, Harry Potter?«, sagte Riddle
sanft. »Ginny Weasley hat die Kammer des Schreckens
geöffnet. Sie hat die Schulhähne erwürgt und Drohungen an
die Wände geschmiert. Sie hat die Schlange von Slytherin auf
vier Schlammblüter losgelassen und auf die Katze von diesem
Squib.«
»Nein«, flüsterte Harry.
»Ja«, sagte Riddle gelassen. »Natürlich wusste sie zuerst
nicht, was sie tat. Es war sehr lustig. Ich wünschte, du hättest
ihre neuen Tagebucheinträge lesen können ... Wurden jetzt bei
weitem interessanter ... Lieber Tom«, zitierte er und beob-
achtete Harrys entsetztes Gesicht, »ich glaube, ich verliere
mein Gedächtnis. Auf meinem Umhang sind überall
Hühnerfedern und ich weiß nicht, wie das kommt. Lieber Tom,
ich kann mich nicht erinnern, was ich in der Nacht von
Halloween getan habe, aber eine Katze wurde angegriffen und
ich bin überall mit Farbe bekleckert. Lieber Tom, Percy sagt
ständig, ich sei blass und nicht mehr die Alte. Ich glaube, er
verdächtigt mich ... Heute gab es wieder einen Angriff und ich
weiß nicht, wo ich war. Tom, was soll ich tun? Ich glaube, ich
werde verrückt ... Ich glaube, ich bin es, die alle angreift,
Tom!«
Harry ballte die Hände zu Fäusten. Seine Fingernägel gru-
ben sich tief ins Fleisch.
»Es hat sehr lange gedauert, bis die dumme kleine Ginny
aufgehört hat, ihrem Tagebuch zu vertrauen«, sagte Riddle.
319
»Schließlich wurde sie doch misstrauisch und versuchte es
loszuwerden. Und dann kamst du auf die Bühne, Harry. Du
hast es gefunden, zu meinem allergrößten Vergnügen. Von
allen, die es hätten finden können, warst ausgerechnet du es,
der Mensch, den ich am sehnlichsten treffen wollte ...«
»Und warum wolltest du mich treffen?«, sagte Harry. Zorn
durchflutete ihn und es kostete ihn Mühe, ruhig zu bleiben.
»Nun, sieh mal, Ginny hat mir alles über dich erzählt,
Harry«, sagte Riddle, »deine ganze faszinierende Geschichte.«
Seine Augen wanderten über die blitzförmige Narbe auf
Harrys Stirn und nahmen einen noch hungrigeren Ausdruck
an. »Ich musste einfach noch mehr über dich rausfinden, mit
dir sprechen, dich treffen, wenn ich konnte. Also beschloss
ich, dein Vertrauen zu gewinnen und dir meine Ruhmestat
vorzuführen: wie ich diesen gewaltigen Hornochsen Hagrid
erwischt hab -«
»Hagrid ist mein Freund«, sagte Harry, und seine Stimme
zitterte jetzt. »Und du hast ihn reingelegt, oder? Ich dachte, du
hättest einen Fehler gemacht, aber -«
Riddle ließ erneut sein hohes Lachen vernehmen.
»Mein Wort stand gegen das von Hagrid, Harry. Du kannst
dir vorstellen, wie es für den alten Armando Dippet
ausgesehen hat. Auf der einen Seite Tom Riddle, arm, aber
brillant, elternlos, aber so mutig, Schulsprecher, vorbildlicher
Schüler ... auf der anderen Seite der große, stümperhafte
Hagrid, gerät alle paar Wochen in Schwierigkeiten, versucht
Werwolfjunge unter seinem Bett großzuziehen, schleicht sich
in den Verbotenen Wald, um mit Trollen zu raufen ... doch ich
gebe zu, selbst ich war überrascht, wie gut der Plan
funktionierte. Ich dachte, irgend jemand müsste doch erken-
nen, dass Hagrid unmöglich der Erbe Slytherins sein konnte.
Selbst ich hatte fünf Jahre gebraucht, um alles über die Kam-
mer des Schreckens herauszufinden und den geheimen Ein-
320
gang zu finden ... und Hagrid sollte den Grips oder die Macht
dazu haben?
Nur Dumbledore, der Lehrer für Verwandlung, hielt Hagrid
offenbar für unschuldig. Er überredete Dippet, Hagrid als
Wildhüter zu behalten. ja, ich denke, Dumbledore hat etwas
geahnt ... Dumbledore schien mich nie so zu mögen wie die
anderen Lehrer ...«
»Ich wette, Dumbledore hat dich durchschaut«, sagte Harry
mit zusammengebissenen Zähnen.
»Nun ja, er hat mich nach Hagrids Rauswurf genau im Auge
behalten, das war ein wenig lästig«, sagte Riddle gleichmütig.
»Ich wusste, es würde zu gefährlich sein, die Kammer noch
einmal zu öffnen, während ich in der Schule war. Aber all die
langen Jahre der Suche nach ihr sollten auch nicht umsonst
gewesen sein. Ich beschloss, ein Tagebuch zu hinterlassen und
mein sechzehn Jahre altes Selbst in den Seiten aufzubewahren,
so dass ich mit ein wenig Glück eines Tages jemand anderen
auf meine Spur bringen konnte, um Salazar Slytherins edles
Werk zu vollenden.«
»Nun, du hast es nicht vollendet«, sagte Harry siegessicher.
»Diesmal ist keiner gestorben, nicht einmal die Katze. In ein
paar Stunden ist der Alraunentrank fertig und alle Verstei-
nerten werden wieder gesund -«
»Hab ich dir nicht bereits erklärt«, sagte Riddle gelassen,
»dass es mich nicht mehr interessiert, Schlammblüter zu tö-
ten? Seit vielen Monaten schon habe ich ein neues Ziel -
dich!«
Harry starrte ihn an.
»Stell dir vor, wie wütend ich war, als das nächste Mal, da
mein Tagebuch geöffnet wurde, Ginny vor mir saß und mir
schrieb, und nicht du. Sie hat dich nämlich mit dem Tage-
buch gesehen und ist in Panik geraten. Was, wenn du he-
rausfändest, wie es zu gebrauchen ist, und ich dir all ihre Ge-
321
heimisse verraten würde? Und noch schlimmer, wenn ich dir
erzählen würde, wer die Hähne erwürgt hat? Also hat das
dumme kleine Gör gewartet, bis keiner mehr in deinem
Schlafsaal war, und es gestohlen. Doch ich wusste, was zu tun
war. Es war mir klar, dass du auf der Spur des Erben von
Slytherin warst. Nach allem, was mir Ginny über dich erzählt
hat, wusste ich, dass du vor nichts zurückschrecken würdest,
um das Rätsel zu lösen - besonders, wenn deine beste Freundin
angegriffen würde. Und Ginny hat mir gesagt, die ganze
Schule sei in Aufruhr, weil du Parsel sprechen kannst ...
Also ließ ich Ginny ihren eigenen Abschiedsgruß auf die
Wand schreiben und kam hier herunter, um zu warten. Sie hat
sich gewehrt und geheult und hat mich sehr gelangweilt. Doch
jetzt ist nicht mehr viel Leben in ihr ... sie hat zu viel in das
Tagebuch gesteckt - in mich. Genug, damit ich endlich dessen
Seiten verlassen konnte ... Ich warte auf dich, seit wir hier
sind. Ich wusste, du würdest kommen. Ich habe viele Fragen
an dich, Harry Potter.«
»Zum Beispiel?«, blaffte ihn Harry an, die Hände immer
noch geballt.
»Nun«, sagte Riddle vergnügt lächelnd, »wie kommt es,
dass du - ein magerer Junge ohne außergewöhnliche magische
Begabung - es geschafft hast, den größten Zauberer aller
Zeiten zu besiegen? Wie konntest du mit nichts weiter als
einer Narbe davonkommen, während Lord Voldemorts Kräfte
zerstört wurden?«
In seine hungrigen Augen trat jetzt ein merkwürdiges rotes
Leuchten.
»Was schert es dich, wie ich überlebte?«, sagte Harry lang-
sam. »Voldemort kam nach deiner Zeit ...«
»Voldemort«, sagte Riddle sanft, »ist meine Vergangenheit,
meine Gegenwart und meine Zukunft, Harry Potter ...«
322
Er zog Harrys Zauberstab aus der Tasche, schwang ihn
durch die Luft und schrieb drei schimmernde Wörter:
TOM VORLOST RIDDLE
Und mit einem Schwung des Zauberstabs vertauschten die
Buchstaben ihre Plätze:
IST LORD VOLDEMORT
»Siehst du?«, flüsterte er. »Es war ein Name, den ich schon
in Hogwarts gebraucht habe, natürlich nur für meine engsten
Freunde. Glaubst du etwa, ich wollte für immer den Namen
meines miesen Muggelvaters tragen? Ich, in dessen Adern von
der Mutter her das Blut von Salazar Slytherin selbst fließt? Ich
soll den Namen eines schäbigen, gemeinen Muggels behalten,
der mich verließ, noch bevor ich geboren war, nur weil er
herausfand, dass seine Frau eine Hexe war? Nein, Harry - ich
erfand mir einen neuen Namen, einen Namen, von dem ich
wusste, dass Zauberer allerorten ihn eines Tages, wenn ich der
größte Zaubermeister der Welt sein würde, vor Angst nicht
auszusprechen wagen würden!«
Harrys Gehirn schien wie gelähmt. Benommen starrte er
Riddle an, den Waisenjungen, der später Harrys Eltern töten
sollte und wie viele andere noch ... Endlich zwang er sich zu
sprechen.
»Das bist du nicht«, sagte er leise und mit hasserfüllter
Stimme.
»Was nicht?«, fuhr ihn Riddle an.
»Nicht der größte Zauberer der Welt«, sagte Harry rasch
atmend. »Tut mir Leid, dass ich dich enttäuschen muss, doch
der größte Zauberer der Welt ist Albus Dumbledore. Das sa-
gen alle. Selbst als du stark warst, hast du nicht gewagt, Hog-
warts zu erobern. Dumbledore hat dich schon durchschaut, als
du noch in der Schule warst, und er macht dir immer noch
Angst, wo du dich auch heute verstecken magst -«
323
Das Lächeln war aus Riddles Gesicht gewichen und er
schaute Harry mit einem sehr hässlichen Blick an.
»Dumbledore ist durch mein bloßes Gedächtnis aus diesem
Schloss vertrieben worden«, zischte er.
»Er ist nicht so fern, wie du glauben möchtest!«, erwiderte
Harry. Er sprach so dahin, um Riddle Furcht einzujagen, ohne
zu glauben, dass es stimmte -
Riddle öffnete den Mund, doch dann erstarrte er.
Von irgendwoher kam Musik. Riddle wirbelte herum und
starrte durch die leere Kammer. Die Musik wurde lauter. Es
war unheimliche Musik, sie ließ einen erschaudern, als wäre
sie nicht von dieser Welt; Harrys Nackenhaare sträubten sich
und sein Herz fühlte sich an, als wolle es auf die doppelte
Größe anschwellen. Dann, als die Musik einen so hohen Ton
erreicht hatte, dass Harrys Rippen erzitterten, brachen hoch
oben an der Säule neben ihm Flammen aus.
Ein scharlachroter Vogel, groß wie ein Schwan, tauchte aus
den Flammen auf und zwitscherte seine unheimliche Musik
der gewölbten Decke entgegen. Er hatte einen golden schim-
mernden Schweif, lang wie der eines Pfaus, und leuchtend
goldene Krallen, die ein zerlumptes Bündel trugen.
Eine Sekunde später schwebte der Vogel geradewegs auf
Harry zu. Er ließ das zerlumpte Ding vor seine Füße fallen und
landete dann schwer auf seiner Schulter. Während der Vogel
seine großen Flügel faltete, sah Harry hoch und erkannte einen
langen, scharfen goldenen Schnabel und ein perlenes
schwarzes Auge.
Der Vogel hörte auf zu singen. Er saß still und wärmend an
Harrys Wange und starrte unverwandt Riddle an.
»Das ist ein Phönix ...«, sagte Riddle misstrauisch zurück-
starrend.
»Fawkes?«, hauchte Harry und die goldenen Krallen des
Vogels drückten sanft seine Schulter.
324
»Und das -«, sagte Riddle und beäugte nun das zerlumpte
Ding, das Fawkes hatte fallen lassen, »das ist der alte Spre-
chende Hut der Schule -«
So war es. Geflickt, zerzaust und schmutzig lag der Hut
reglos zu Harrys Füßen.
Riddle begann wieder zu lachen. Er lachte so heftig, dass die
dunkle Kammer davon widerhallte, als ob zehn Riddles auf
einmal lachten -
»Das also schickt Dumbledore seinem Verteidiger! Einen
Singvogel und einen alten Hut! Fühlst du dich ermutigt, Harry
Potter? Fühlst du dich jetzt sicher?«
Harry antwortete nicht. Noch sah er ganz und gar nicht, was
ihm Fawkes und der Sprechende Hut nützen würden, doch er
war nicht mehr allein und mit wachsendem Mut wartete er, bis
Riddle aufhörte zu lachen.
»Spaß beiseite, Harry«, sagte Riddle, immer noch breit
lächelnd. »Zweimal - in deiner Vergangenheit - in meiner Zu-
kunft - sind wir uns begegnet. Und zweimal ist es mir nicht
gelungen, dich zu töten. Wie hast du überlebt? Sag mir alles.
je länger du sprichst«, fügte er sanft hinzu, »desto länger
bleibst du am Leben.«
Harry dachte rasch nach und wog seine Chancen ab. Riddle
hatte den Zauberstab. Er hatte Fawkes und den Sprechenden
Hut, und keiner von beiden würde ihm in einem Duell viel
nützen. Es sah schlecht aus, gewiss ... doch je länger Riddle
dastand, desto mehr Leben sickerte aus Ginny heraus ... und
inzwischen, stellte Harry plötzlich fest, wurde Riddles Umriss
klarer, fester ... Wenn es ein Kampf zwischen ihm und Riddle
geben musste, dann so schnell wie möglich.
»Keiner weiß, warum deine Kräfte verloren gingen, als du
mich angegriffen hast«, sagte Harry brüsk. »Ich weiß es selbst
nicht. Doch ich weiß, warum du mich nicht töten konntest.
325
Weil meine Mutter starb, um mich zu retten. Meine einfache,
von Muggeln geborene Mutter«, fügte er hinzu, zitternd vor
unterdrückter Wut. »Sie hat dich daran gehindert, mich zu
töten. Und ich habe dein wahres Selbst gesehen, letztes Jahr.
Du bist ein Wrack. Du bist kaum noch am Leben. All deine
Macht hat dir nichts weiter eingebracht. Du versteckst dich.
Du bist hässlich, du bist abscheulich -«
Riddles Gesicht verzerrte sich. Dann zwang er es zu einem
grässlichen Lächeln.
»Soso. Deine Mutter ist gestorben, um dich zu retten. ja, das
ist ein mächtiger Gegenzauber. jetzt verstehe ich ... es ist trotz
allem nichts Besonderes an dir. Ich hab mich gewundert, weißt
du. Schließlich gibt es merkwürdige Ähnlichkeiten zwischen
uns. Selbst du musst das bemerkt haben. Beide Halblütige,
Waisen, von Muggeln aufgezogen. Wahrscheinlich die
einzigen Parselzungen, die seit dem großen Slytherin nach
Hogwarts kamen. Wir sehen uns sogar ein wenig ähnlich ...
doch am Ende hat dich nur eine glückliche Fügung vor mir
gerettet. Das ist alles, was ich wissen wollte.«
Harry wartete angespannt darauf, dass Riddle seinen Zau-
berstab heben würde. Doch Riddles verzerrtes Lächeln wurde
wieder breiter.
»Nun, Harry, werde ich dir eine kleine Lektion erteilen.
Messen wir die Kräfte von Lord Voldemort, dem Erben von
Salazar Slytherin, mit denen des berühmten Harry Potter und
den besten Waffen, die Dumbledore ihm geben kann ...«
Er warf einen belustigten Blick auf Fawkes und den Spre-
chenden Hut und ging davon. Harry, dem die Angst dumpf die
Beine hochkroch, sah, wie Riddle zwischen den hohen Säulen
stehen blieb und zum steinernen Gesicht Slytherins
emporblickte, hoch oben im Halbdunkel. Riddle öffnete weit
den Mund und zischte - doch Harry verstand, was er sagte ...
326
»Sprich zu mir, Slytherin, Größter der Vier von Hogwarts.«
Harry wirbelte herum und sah zum Kopf der Statue hoch;
Fawkes schlug mit den Flügeln.
Slytherins gigantisches Steingesicht begann sich zu regen.
Von Grauen gepackt sah Harry, wie sich der Mund öffnete,
immer weiter, und ein riesiges schwarzes Loch freigab.
Und etwas bewegte sich im Innern des steinernen Mundes.
Etwas wand sich aus seinen Tiefen empor.
Harry wich zurück, bis er gegen die dunkle Wand stieß. Er
presste die Augen zusammen und dann spürte er, wie Fawkes,
mit dem Flügel gegen seine Wange schlagend, von seiner
Schulter flatterte. »Lass mich nicht allein!«, wollte Harry ihm
nachrufen, doch welche Chance hatte ein Phönix gegen den
König der Schlangen?
Etwas Riesiges klatschte auf den steinernen Boden der
Kammer und ließ ihn erzittern. Harry wusste, was geschah, er
konnte es spüren, konnte fast sehen, wie die Schlange sich aus
Slytherins Mund herauswand - dann hörte er Riddles zi-
schende Stimme:
»Töte ihn.«
Der Basilisk schlängelte auf Harry zu, er konnte seinen
schweren Körper über den staubigen Boden gleiten hören. Die
Augen immer noch geschlossen, rannte Harry mit tastenden
Händen an der Wand entlang - Voldemort lachte -
Harry stolperte. Er schlug hart auf den Steinboden und
schmeckte Blut - die Schlange war nur noch ein paar Meter
von ihm entfernt, er hörte sie näher kommen -
Nicht weit über seinem Kopf hörte er ein lautes, knallendes
Spucken und dann traf ihn etwas Schweres so heftig, dass er
gegen die Wand geschleudert wurde. Gleich würden Giftzähne
in seinen Körper dringen, dachte er, und wieder hörte er ein
rasendes Zischen und etwas, das wütend gegen die Säulen
klatschte.
327
Er konnte nicht anders - er öffnete die Augen weit genug,
um etwas sehen zu können.
Die riesige Schlange, leuchtend giftgrün, dick wie ein alter
Baumstamm, hatte sich hoch in die Luft erhoben und ihr
großer, stumpfer Kopf wankte wie betrunken zwischen den
Säulen umher. Harry erschauderte, bereit, die Augen zu
schließen, sobald sie sich umdrehte - und dann sah er, was die
Schlange abgelenkt hatte.
Fawkes schwebte um ihren Kopf herum und der Basilisk
schnappte mit langen, säbeldünnen Giftzähnen nach ihm -
Fawkes stürzte sich kopfüber in die Tiefe. Sein langer gol-
dener Schnabel verschwand und ein jäher Schauer von dunk-
lem Blut benetzte den Boden. Die Schlange schlug mit dem
Schwanz aus und verfehlte Harry nur knapp, und noch bevor
Harry die Augen schließen konnte, schoss sie herum - er
blickte ihr direkt ins Gesicht und sah, dass ihre Augen, beide
großen wulstigen Augen, vom Phönix durchstochen worden
waren; Blut floss auf den Boden und die Schlange zischte in
tödlicher Qual.
»Nein!«, hörte Harry Voldemort schreien, »lass den Vogel!
Lass den Vogel! Der Junge ist hinter dir! Du kannst ihn
riechen! Töte ihn!«
Die geblendete Schlange wankte, verstört, doch immer noch
todbringend. Fawkes umkreiste weiter ihren Kopf, sein
schauriges Lied singend, und hackte hin und wieder auf ihre
schuppige Nase ein, während das Blut aus ihren zerstörten
Augen quoll.
»Helft mir, helft mir«, flüsterte Harry fiebrig, »jemand -
irgendwer -«
Wieder peitschte die Schlange mit dem Schwanz über den
Boden. Harry duckte sich. Etwas Weiches hatte ihn im Gesicht
getroffen.
Der Basilisk hatte den Sprechenden Hut in Harrys Arme
328
gewischt. Harry packte ihn. Er war alles, was er noch hatte,
seine einzige Chance - er drückte ihn auf den Kopf und warf
sich flach zu Boden, und schon peitschte der Schwanz des
Basilisken über ihn hinweg.
»Hilf mir - hilf mir -«, dachte Harry, die Augen unter dem
Hut fest zugekniffen - »bitte, hilf mir -«
Keine Stimme antwortete. Stattdessen zog sich der Hut
zusammen, als würde ihn eine unsichtbare Hand fest um-
klammern.
Etwas sehr Hartes und Schweres fiel auf Harrys Kopf und er
wurde fast ohnmächtig. Er sah Sterne funkeln und packte die
Spitze des Hutes, um ihn herunterzureißen, doch unter dem
Stoff spürte er etwas Langes und Hartes.
Im Innern des Hutes war ein silbern schimmerndes Schwert
erschienen, auf dessen Griff eiergroße Rubine glitzerten.
»Töte den Jungen! Lass den Vogel! Der Junge ist hinter dir,
schnuppere - riech ihn!«
Harry stand auf. bereit zum Kampf. Der Kopf des Basilisken
fiel herab, der Körper wälzte sich umher und schlug gegen die
Säulen, als er sich Harry zuwandte. Er konnte die riesigen,
blutigen Augenhöhlen sehen, das Maul, weit aufgerissen, weit
genug, um ihn auf einmal zu verschlingen, versehen mit
Zähnen, so lang wie sein Schwert, schimmernd und giftig -
Blindlings stieß der Kopf vor - Harry duckte sich weg und
schlug gegen die Wand. Wieder stieß der Basilisk zu, und
seine gespaltene Zunge peitschte Harry gegen die Schulter.
Harry hob das Schwert mit beiden Händen -
Der Basilisk stieß abermals zu, und diesmal zielte er rich-
tig - Harry stürzte sich mit der Kraft seines ganzen Gewichts
nach vorn und trieb das Schwert bis zum Heft in das Gau-
mendach der Schlange -
329
Warmes Blut strömte über Harrys Arme herab, doch nun
spürte er oberhalb des Ellbogens einen stechenden Schmerz.
Ein langer, giftiger Zahn senkte sich tiefer und tiefer in seinen
Arm und splitterte ab, als der Basilisk zur Seite kippte und
zuckend zu Boden fiel.
Harry glitt an der Mauer herunter. Er packte den Zahn, der
Gift durch seinen Körper jagte, und zog ihn aus dem Arm.
Doch er wusste, dass es zu spät war. Glühend heißer Schmerz
breitete sich von der Wunde aus. Er ließ den Zahn fallen und
sah noch, wie sein eigenes Blut den Umhang durchnässte,
dann trübte sich sein Blick. Die Kammer verschwamm in
einem Wirbel dunkler Farben.
Ein Fleck Scharlachrot schwebte vorbei und Harry hörte das
leise Geklapper von Klauen hinter sich.
»Fawkes«, sagte Harry mit schwerer Zunge. »Du warst
klasse, Fawkes ...«Er spürte, wie der Vogel seinen schönen
Kopf auf die Stelle legte, wo der Schlangenzahn ihn durch-
stochen hatte.
Harry hörte Schritte widerhallen und dann tauchte ein
dunkler Schatten vor ihm auf.
»Du bist tot, Harry Potter«, hörte er Riddles Stimme über
sich. »Tot. Selbst Dumbledores Vogel weiß das. Siehst du,
was er tut, Potter? Er weint.«
Harry blinzelte. Fawkes' Kopf wurde klar und verschwamm
dann wieder. Dicke, perlene Tränen kullerten die glänzenden
Federn hinab.
»Ich bleibe hier sitzen und sehe zu, wie du stirbst, Harry
Potter. Lass dir Zeit. Ich hab's nicht eilig.«
Harry fühlte sich benommen. Alles um ihn her schien sich
zu drehen.
»So endet der berühmte Harry Potter«, sagte Riddles ferne
Stimme. »Allein in der Kammer des Schreckens, aufgegeben
von seinen Freunden, am Ende besiegt vom Dunklen Lord,
330
den er so vorwitzig herausgefordert hat. Bald bist du bei deiner
lieben Schlammblutmutter, Harry ... sie hat dir zwölf Jahre
geborgte Zeit verschafft ... doch Lord Voldemort hat dich
schließlich gekriegt, und du wusstest, dass es so kommen
musste ...«
Wenn dies Sterben ist, dachte Harry, dann ist es gar nicht so
übel.
Selbst der Schmerz ließ nach.
Aber war dies das Sterben? Die Kammer, anstatt schwarz zu
werden, schien wieder schärfere Umrisse anzunehmen. Harry
drehte den Kopf leicht zur Seite und sah Fawkes, der immer
noch den Kopf auf seinen Arm gelegt hatte. Perlene Tränen
schimmerten im Umkreis der Wunde - aber da war gar keine
Wunde mehr -
»Weg von ihm, Vogel«, ertönte plötzlich Riddles Stimme.
»Weg von ihm - ich sagte, weg hier -«
Harry hob den Kopf. Riddle deutete mit Harrys Zauberstab
auf Fawkes; es gab einen Knall, laut wie ein Gewehrschuss,
und wieder flatterte Fawkes in einem Wirbel aus Gold und
Scharlach davon.
»Phönixtränen ...«, sagte Riddle leise und starrte auf Harrys
Arm.»Natürlich ... heilende Kräfte ... ganz vergessen ...«
Er sah Harry ins Gesicht. »Macht nichts. In Wahrheit mag
ich es lieber auf diese Weise. Nur du und ich, Harry Potter ...
du und ich ...«
Er hob den Zauberstab -
Doch da, heftig mit den Flügeln schlagend, kam Fawkes
wieder herbeigeschwebt und ließ etwas in seinen Schoß fal-
len - das Tagebuch.
Den Bruchteil einer Sekunde lang starrten Harry und Riddle
mit immer noch erhobenem Zauberstab auf das Tagebuch.
Dann, ohne nachzudenken, ohne zu zögern, als habe er
es schon immer vorgehabt, hob Harry den Basi-
331
liskzahn vom Boden und stach ihn mitten ins Herz des Buches.
Ein langer, fürchterlicher, durchdringender Schrei ertönte.
Tinte quoll in Sturzbächen aus dem Buch, strömte über Harrys
Hände und überflutete den Boden. Riddle wand und krümmte
sich, schreiend und mit den Armen rudernd, und dann -
Er war verschwunden. Harrys Zauberstab fiel klappernd zu
Boden und es herrschte Stille. Stille mit Ausnahme des
stetigen tropf, tropf der Tinte, die immer noch aus dem Tage-
buch heraussickerte. Der Giftzahn des Basilisken hatte ein
knisterndes Loch mitten hindurch gebrannt.
Am ganzen Leib zitternd richtete Harry sich auf. Ihm drehte
sich alles, als ob er gerade meilenweit mit Flohpulver gereist
wäre. Schwerfällig sammelte er den Zauberstab und den
Sprechenden Hut auf, und dann, mit einem gewaltigen Ruck,
zog er das schimmernde Schwert aus dem Maul des
Basilisken.
Da hörte er ein schwaches Stöhnen vom Ende der Kammer.
Ginny regte sich. Bis Harry bei ihr war, hatte sie sich schon
aufgesetzt. Ihr verwirrter Blick wanderte von der riesigen
Gestalt des toten Basilisken zu Harry in seinem blutgetränkten
Umhang und zum Tagebuch in seiner Hand. Sie stöhnte laut
auf und erschauderte und Tränen flossen ihr übers Gesicht.
»Harry, ach, Harry - ich wollte es dir beim F...Frühstück
sagen, aber ich k...konnte es nicht vor Percy - ich wars, Harry -
aber ich - ich sch...schwöre, ich wollte es nicht - R...Riddle hat
mich dazu gebracht, er h...hat mich geholt – und - wie hast du
dieses - dieses Ding da - getötet? Wo ist Riddle? Das Letzte,
an das ich mich erinnere, ist, dass er aus seinem Tagebuch
kam -«
»Es ist alles gut«, sagte Harry, hielt das Buch empor und
332
zeigte Ginny das Loch, das der Giftzahn hinterlassen hatte.
»Riddle ist erledigt. Schau! Er und der Basilisk. Komm,
Ginny, verschwinden wir von hier -«
»Sie werden mich von der Schule schmeißen«, weinte
Ginny, als Harry ihr ungeschickt auf die Beine half. »Ich hab
mich so gefreut, nach Hogwarts zu kommen, schon seit
B...Bill hinging und j...jetzt muss ich wieder fort und - w...was
werden Mum und Dad sagen?«
Fawkes wartete auf sie, über dem Eingang der Kammer
schwebend. Harry drängte Ginny, schnell zu gehen; sie stapf-
ten über den reglosen Schwanz des toten Basilisken, durch die
von Echos erfüllte Düsternis und zurück in den Tunnel. Harry
hörte, wie die Steintore hinter ihnen mit einem leisen Zischen
zuschlugen.
Nachdem sie ein paar Minuten durch die Finsternis ge-
gangen waren, hörte Harry von fern ein Geräusch. Es waren
Steine, die über den Boden geschleift wurden.
»Ron!«, schrie Harry und ging schneller. »Ginny geht es
gut! Ich hab sie!«
Er hörte den gedämpften Freudenschrei Rons, und als sie
um die nächste Biegung kamen, sahen sie sein begeistertes
Gesicht durch den erstaunlich breiten Spalt lugen, den er
zwischen den Felsbrocken geschaffen hatte.
»Ginny!« Ron versagte die Stimme, als er einen Arm durch
die Lücke steckte, um sie zuerst hindurchzuziehen. »Du lebst!
Ich kann's nicht fassen! Was ist passiert?«
Er versuchte sie in den Arm zu nehmen, doch Ginny
sträubte sich schluchzend.
»Aber du bist gesund, Ginny«, sagte Ron und strahlte sie an.
»Es ist vorbei, es ist - wo kommt eigentlich dieser Vogel her?«
Fawkes war nach Ginny durch den Spalt geflattert.
»Er gehört Dumbledore«, sagte Harry und quetschte sich
nun ebenfalls hindurch.
333
»Und wie kommst du zu dem Schwert?«, sagte Ron und
starrte mit offenem Mund die schimmernde Waffe in Harrys
Hand an.
»Das erklär ich dir, wenn wir hier raus sind«, sagte Harry
mit einem Seitenblick auf Ginny.
»Aber -«
»Später«, sagte Harry rasch. Er hielt es für keine gute Idee,
Ron jetzt schon zu sagen, wer die Kammer des Schreckens
geöffnet hatte, nicht vor Ginny jedenfalls. »Wo steckt Lock-
hart?«
»Dahinten«, sagte Ron grinsend und nickte mit dem Kopf
zum Rohr am anderen Ende des Tunnels. »Geht ihm ziemlich
dreckig. Komm mit.«
Von Fawkes geführt, dessen scharlachrote Flügel einen
sanften goldenen Schimmer in der Dunkelheit verbreiteten,
gingen sie den ganzen Weg zurück zur Mündung des Rohrs.
Dort saß, friedlich vor sich hin summend, Gilderoy Lockhart.
»Er hat sein Gedächtnis verloren«, sagte Ron. »Der Ver-
gessenszauber ist nach hinten losgegangen. Hat ihn selbst er-
wischt. Er hat keine Ahnung, wer er ist, wo er ist und wer wir
sind. Ich hab ihm gesagt, er soll hier warten, sonst bringt er
sich noch selbst in Gefahr.«
Lockhart schaute gut gelaunt zu ihnen hoch.
»Hallo«, sagte er. »Komischer Ort ist das. Lebt ihr hier?«
»Nein«, sagte Ron und sah Harry stirnrunzelnd an.
Harry beugte sich hinunter und schaute in die lange dunkle
Röhre.
»Hast du eine Idee, wie wir hier wieder hochkommen?«,
sagte er zu Ron.
Ron schüttelte den Kopf, doch der Phönix war an Harry
vorbeigerauscht und flatterte nun vor seinem Gesicht. Seine
Perlenaugen leuchteten hell in der Dunkelheit. Er wedelte
334
mit seinem langen goldenen Federschweif. Harry sah ihn
unsicher an.
»Sieht aus, als wolle er, dass du dich festhältst ...«, sagte
Ron verdutzt. »Aber du bist viel zu schwer, als dass ein Vogel
dich da hochziehen könnte.«
»Fawkes«, sagte Harry, »ist kein gewöhnlicher Vogel.« Er
wandte sich rasch zu den andern um. »Wir müssen uns an-
einander festhalten. Ginny, du nimmst Rons Hand. Professor
Lockhart -«
»Er meint Sie«, sagte Ron in scharfem Ton zu Lockhart.
»Sie halten Ginnys andere Hand.«
Harry steckte das Schwert und den Sprechenden Hut in den
Gürtel, Ron hielt sich hinten an seinem Umhang fest und
Harry streckte die Hand aus und griff nach Fawkes'
merkwürdig heißen Schwanzfedern.
Eine ungewöhnliche Leichtigkeit schien durch seinen gan-
zen Körper zu fluten und einen Augenblick später rauschten
sie durch das Rohr nach oben. Harry konnte Lockhart unter
sich hin und her schwingen hören. »Unglaublich! Unglaublich,
rief er. »Das ist ja wie Zauberei!« Die kalte Luft peitschte
durch Harrys Haar und bevor er den Spaß an der Fahrt verlor,
war sie auch schon vorbei - alle vier klatschten auf den nassen
Boden im Klo der Maulenden Myrte, und während Lockhart
seinen Hut zurechtrückte, glitt das Waschbecken, das das Rohr
verbarg, wieder an seinen Platz.
Myrte machte Glubschaugen.
»Du lebst ja noch«, sagte sie mit tonloser Stimme zu Harry.
»Kein Grund, so enttäuscht zu sein«, sagte er grimmig und
wischte die Blut- und Schleimspritzer von seiner Brille.
»Nun ja ... ich hab nur ein wenig nachgedacht. Wenn du
gestorben wärst, hättest du gerne meine Toilette mit mir teilen
können«, sagte Myrte und lief silbern an.
»Uääh«, sagte Ron, als sie das Klo verließen und in den
335
dunklen, verlassenen Korridor hinaustraten. »Harry! Ich glaub,
Myrte hat sich in dich verknallt! Du hast eine Konkurrentin,
Ginny«
Doch immer noch kullerten Tränen über Ginnys stummes
Gesicht.
»Wohin jetzt?«, sagte Ron mit einem besorgten Blick auf
Ginny. Harry deutete nach vorn.
Fawkes, golden im dunklen Gang glühend, wies ihnen den
Weg. Sie gingen ihm nach und kurze Zeit später standen sie
vor Professor McGonagalls Büro.
Harry klopfte und öffnete die Tür.
336
Dobbys Belohnung
Einen Moment lang herrschte Stille und alle starrten auf Harry,
Ron, Ginny und Lockhart, die verdreckt, schleimbeschmiert
und (in Harrys Fall) blutbespritzt dastanden. Dann ertönte ein
Schrei.
»Ginny!«
Es war Mrs Weasley, die vor dem Kamin gesessen hatte. Sie
sprang auf, Mr Weasley folgte ihr, und beide stürzten sich auf
ihre Tochter.
Harry jedoch sah an ihnen vorbei. Professor Dumbledore
stand am Kamin, mit strahlenden Augen, und neben ihm saß
Professor McGonagall, die sich an die Brust gegriffen hatte
und zur Beruhigung tief durchatmete. Fawkes flatterte an
Harrys Ohr vorbei und ließ sich auf Dumbledores Schulter
nieder, und schon holte sich Mrs Weasley auch Harry in die
Arme.
»Du hast sie gerettet! Du hast sie gerettet! Wie hast du das
nur geschafft?«
»Das, glaube ich, würden wir alle gern erfahren«, sagte
Professor McGonagall mit matter Stimme.
Mrs Weasley ließ Harry los, der einen Moment zögerte.
Dann ging er hinüber zum Schreibtisch und legte den Spre-
chenden Hut, das rubinbesetzte Schwert und das Überbleibsel
von Riddles Tagebuch darauf ab.
Und dann fing er an, ihnen alles zu erzählen. Fast eine
Viertelstunde lang sprach er in das gespannte Schweigen hi-
nein: Er erzählte von der körperlosen Stimme und wie Her-
337
mine schließlich begriffen hatte, dass er einen Basilisken in
den Rohren gehört hatte; wie er und Ron den Spinnen in den
Wald gefolgt waren, wo Aragog ihnen sagte, wo das letzte
Opfer des Basilisken gestorben war; wie er auf den Gedanken
kam, dass die Maulende Myrte dieses Opfer gewesen war und
dass der Eingang zur Kammer des Schreckens in ihrer Toilette
sein könnte ...
»Sehr gut«, half Professor McGonagall ein wenig nach, als
er innehielt, »Sie haben also herausgefunden, wo der Eingang
ist - und nebenher gut hundert Schulregeln in Stücke gehauen,
könnte ich hinzufügen - aber wie um alles in der Welt sind sie
da alle wieder lebend rausgekommen, Potter?«
Und so erzählte ihnen Harry mit inzwischen heiserer
Stimme, dass Fawkes genau im richtigen Moment aufgetaucht
sei und der Sprechende Hut ihm das Schwert gegeben habe.
Doch dann versagte ihm die Stimme. Er hatte es bisher
vermieden, Riddles Tagebuch zu erwähnen - oder Ginny. Sie
hatte den Kopf an Mrs Weasleys Schulter gedrückt und Tränen
liefen leise ihre Wangen hinunter. Was, wenn man sie von der
Schule weisen würde?, dachte Harry panisch. Riddles
Tagebuch funktionierte nicht mehr ... wie konnten sie be-
weisen, dass er es war, der Ginny zu allem gezwungen hatte?
Unwillkürlich sah Harry zu Dumbledore hinüber. In seinen
halbmondförmigen Brillengläsern spiegelte sich der Schein
des Kaminfeuers und er lächelte kaum merklich.
»Was mich am meisten interessiert«, sagte Dumbledore
sanft, »ist die Frage, wie Lord Voldemort es geschafft hat,
Ginny zu verzaubern, wo meine Kundschafter mir doch sagen,
dass er sich gegenwärtig in den Wäldern Albaniens versteckt.«
Erleichterung - warme, überwältigende, herrliche Er-
leichterung - durchflutete Harry.
»W ... was soll das heißen?«, sagte Mr Weasley verblüfft.
338
»Du-weißt-schon-wer? Hat Ginny ver-verzaubert? Aber Ginny
ist nicht ... Ginny war nicht ... oder?«
»Es war sein Tagebuch«, sagte Harry rasch, nahm es hoch
und zeigte es Dumbledore. »Riddle hat es geschrieben, als er
sechzehn war ...«
Dumbledore nahm das Tagebuch aus Harrys Hand und
senkte neugierig seine lange Hakennase auf die verbrannten
und durchweichten Seiten hinab.
»Brillant«, sagte er leise. »Natürlich war er der wohl bril-
lanteste Schüler, den Hogwarts je gesehen hat.« Er wandte sich
zu den Weasleys um, die völlig perplex aussahen.
»Sehr wenige wissen, dass Lord Voldemort einst Tom
Riddle hieß. Ich selbst war sein Lehrer, vor fünfzig Jahren in
Hogwarts. Er verschwand, nachdem er die Schule verlassen
hatte ... reiste in der Welt herum ... versank tief in die dunklen
Künste, hat sich mit den Schlimmsten von uns zusam-
mengetan, unterzog sich so vielen gefährlichen, magischen
Verwandlungen, dass er, als er als Lord Voldemort wieder
auftauchte, kaum wieder zu erkennen war. Kaum jemand hat
Lord Voldemort mit dem klugen, hübschen Jungen in
Verbindung gebracht, der einst hier Schulsprecher war.«
»Aber Ginny«, sagte Mrs Weasley, »was hat unsere Ginny
mit ... mit ihm zu tun?«
»Sein T ... Tagebuch!«, schluchzte Ginny, »ich hab darin
geschrieben und er hat das ganze Jahr über
zurückgeschrieben -«
»Ginny!«, sagte Mr Weasley verblüfft. »Hab ich dir denn
gar nichts beigebracht? Was hab ich dir immer gesagt? Trau
nie etwas, das selbst denken kann, wenn du nicht sehen kannst,
wo es sein Hirn hat? Warum hast du das Tagebuch nicht mir
oder deiner Mutter gezeigt? So ein verdächtiger Gegenstand,
natürlich steckte es voll schwarzer Magie -«
»Ich - h ... hab es nicht gewusst«, schluchzte Ginny, »ich
hab es in einem der Bücher gefunden, die Mum mir gege-
339
ben hat, ich d...dachte, jemand hätte es einfach dringelassen
und es vergessen -«
»Miss Weasley sollte sofort hochgehen in den Krankenflü-
gel«, unterbrach sie Dumbledore mit gebieterischer Stimme.
»Das alles war eine schreckliche Qual für sie. Es gibt keine
Bestrafung. Ältere und weisere Zauberer wurden bereits von
Lord Voldemort hinters Licht geführt.« Er schritt hinüber zur
Tür und öffnete sie. »Bettruhe und vielleicht ein großer,
dampfender Becher heißer Kakao, mich jedenfalls muntert das
immer auf.« Freundlich zwinkernd sah er zu ihr hinab.
»Madam Pomfrey wird noch wach sein. Sie gibt gerade den
Alraunensaft aus - ich wage zu behaupten, die Opfer des Ba-
silisken werden jeden Moment aufwachen.«
»Also wird Hermine gesund!«, sagte Ron freudestrahlend.
»Niemand hat einen bleibenden Schaden erlitten, Ginny«,
sagte Dumbledore.
Mrs Weasley begleitete Ginny hinaus und Mr Weasley,
immer noch tief erschüttert, folgte ihnen.
»Wissen Sie, Minerva«, sagte Professor Dumbledore nach-
denklich zu Professor McGonagall, »ich glaube, all das ver-
langt nach einem guten Fest. Darf ich Sie bitten, die Küchen
auf Trab zu bringen?«
»Gut«, sagte Professor McGonagall forsch und ging zur Tür.
»Sie erledigen das mit Potter und Weasley alleine, nicht
wahr?«
»Gewiss«, sagte Dumbledore.
Sie ging hinaus und Harry und Ron sahen Dumbledore
unsicher an. Was genau hatte Professor McGonagall gemeint
mit erledigen? Keinesfalls - keinesfalls - würden sie jetzt
bestraft werden?
»Soweit ich mich erinnere, hab ich euch beiden gesagt, ich
müsse euch von der Schule weisen, falls ihr noch einmal die
Regeln brecht«, sagte Dumbledore.
340
Ron öffnete den Mund vor Entsetzen.
»Was allerdings heißt, dass selbst die Besten von uns
manchmal die eigenen Worte wieder schlucken müssen«, fuhr
Dumbledore lächelnd fort. »Sie beide werden Besondere
Auszeichnungen für Verdienste um die Schule bekommen
und - überlegen wir mal -ja, ich denke, zweihundert Punkte
pro Nase für Gryffindor erhalten.«
Ron lief so hellrosa an wie Lockharts Valentinsblumen und
schloss den Mund.
»Doch einer von uns scheint sich über seinen Anteil an
diesem gefährlichen Abenteuer ganz und gar auszuschwei-
gen«, fügte Dumbledore hinzu. #Warum so bescheiden, Gil-
deroy?«
Harry fiel es siedend heiß wieder ein. Lockhart hatte er
völlig vergessen. Er wandte sich um und sah ihn in einer Ecke
stehen, immer noch verschwommen lächelnd. Als Dumbledore
ihn ansprach, wandte Lockhart den Kopf, um zu sehen, mit
wem er redete.
»Professor Dumbledore«, warf Ron ein, »es gab da unten in
der Kammer des Schreckens einen Unfall. Professor
Lockhart -«
»Bin ich ein Professor?«, fragte Lockhart milde überrascht.
»Meine Güte. Ich glaube, ich war ein hoffnungsloser Fall,
oder?«
»Er hat einen Vergessenszauber versucht und der Zau-
berstab ist nach hinten losgegangen«, erklärte Ron leise zu
Dumbledore gewandt.
»Der Arme«, sagte Dumbledore und schüttelte den Kopf,
wobei sein langer silberner Schnauzbart erzitterte. »Aufge-
spießt auf ihrem eigenen Schwert, Gilderoy!«
»Schwert?«, sagte Lockhart verständnislos. »Hab kein
Schwert. Dieser Junge da hat eins«, sagte er auf Harry deu-
tend, »er wird es Ihnen leihen.«
341
»Würdest du bitte auch Professor Lockhart in den Kran-
kenflügel bringen?«, sagte Dumbledore zu Ron. »Ich möchte
noch ein paar Worte mit Harry reden ...«
Gemächlich ging Lockhart hinaus. Mit einem neugierigen
Blick zurück auf Dumbledore und Harry schloss Ron die Tür.
Dumbledore trat zu einem Stuhl am Feuer.
»Setz dich, Harry«, sagte er und Harry, der sich unerklärlich
nervös fühlte, folgte der Aufforderung.
»Zunächst einmal möchte ich dir danken, Harry«, sagte
Dumbledore, und seine Augen blinkten wieder. »Du musst mir
dort unten in der Kammer wirkliche Treue bewiesen haben.
Sonst wäre Fawkes nämlich nicht erschienen.«
Er streichelte den Phönix, der ihm auf die Knie geflattert
war. Harry grinste verlegen, als Dumbledore ihn musterte.
»Und du hast also Tom Riddle getroffen«, sagte Dumble-
dore nachdenklich. »Ich kann mir vorstellen, dass er an dir
höchst interessiert war ...«
Plötzlich kam Harry etwas, was ihm auf dem Herzen lag,
aus dem Mund gekullert.
»Professor Dumbledore ... Riddle sagte, ich sei wie er,
seltsame Ähnlichkeit, sagte er ...«
»Ach, hat er?«, sagte Dumbledore und blickte Harry unter
seinen dicken silbernen Augenbrauen nachdenklich an. »Und
was denkst du, Harry?«
»Ich denke nicht, dass ich wie er bin!«, sagte Harry
unwillkürlich laut. »Ich meine, ich bin ... ich bin ein
Gryffindor, ich bin ...«
Doch er verstummte, denn ein unauslöschlicher Zweifel
tauchte abermals in seinen Gedanken auf.
»Professor«, hob er nach einer Weile wieder an, »der Spre-
chende Hut hat mir gesagt, dass ich - dass es mir in Slytherin
gut ergangen wäre. Alle dachten eine Zeit lang, ich wäre Sly-
therins Erbe ... weil ich Parsel sprechen kann ...«
342
»Du kannst Parsel, Harry«, sagte Dumbledore ruhig, »weil
Lord Voldemort, der tatsächlich der letzte Nachfahre von
Salazar Slytherin ist, Parsel sprechen kann. Und wenn ich
mich nicht irre, hat er in jener Nacht, als er dir die Narbe
verpasst hat, einige seiner eigenen Kräfte auf dich übertragen
... nicht dass er es beabsichtigt hätte, da bin ich mir sicher ...«
»Voldemort hat etwas von sich selbst auf mich übertra-
gen?«, sagte Harry wie vom Donner gerührt.
»Es sieht ganz danach aus.«
»Also sollte ich tatsächlich in Slytherin sein«, sagte Harry
und sah Dumbledore verzweifelt in die Augen. »Der Spre-
chende Hut hat die Macht Slytherins in mir gespürt und er -«
»Hat dich nach Gryffindor gesteckt«, sagte Dumbledore
gelassen. »Hör mir zu, Harry. Du hast nun einmal viele der
Begabungen, die Salazar Slytherin bei seinen handverlesenen
Schülern schätzte. Seine eigene, sehr seltene Gabe, die
Schlangensprache, sowie Entschlossenheit, Findigkeit und
eine gewisse Neigung, Regeln zu missachten«, fügte er hinzu,
und wieder zitterte sein Schnurrbart. »Doch der Sprechende
Hut hat dich nach Gryffindor gesteckt. Du weißt, warum.
Denk nach.«
»Er hat mich nur nach Gryffindor gesteckt«, sagte Harry mit
gedrückter Stimme, »weil ich nicht nach Slytherin wollte ...«
»Genau«, sagte Dumbledore und strahlte abermals. »Und
das heißt, du bist ganz anders als Tom Riddle, Harry. Viel
mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen,
Harry, die zeigen, wer wir wirklich sind.« Harry saß reglos und
verblüfft auf seinem Stuhl. »Wenn du einen Beweis willst,
dass du nach Gryffindor gehörst, Harry, dann schau dir mal
das hier näher an.«
343
Dumbledore beugte sich zu Professor McGonagalls
Schreibtisch hinüber, nahm das silberne Schwert hoch und
reichte es Harry. Benommen drehte Harry die Waffe um. Die
Rubine strahlten im Licht des Feuers. Und dann sah er den
Namen, der unterhalb des Griffs eingraviert war.
Godric Gryffindor.
»Nur ein wahrer Gryffindor hätte das aus dem Hut ziehen
können, Harry«, sagte Dumbledore schlicht.
Eine Minute lang schwiegen beide. Dann öffnete Dum-
bledore eine Schublade von Professor McGonagalls Schreib-
tisch und holte eine Feder und ein Fläschchen Tinte heraus.
»Was du brauchst, Harry, ist etwas zu essen und Schlaf. Ich
schlage vor, du gehst runter zum Fest, während ich nach As-
kaban schreibe - wir brauchen unseren Wildhüter wieder. Und
ich muss auch eine Anzeige für den Tagespropheten ent-
werfen«, fügte er nachdenklich hinzu. »Wir brauchen einen
neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste ...
meine Güte, wir verschleißen sie alle recht schnell.«
Harry stand auf und ging zur Tür. Gerade wollte er die
Klinke berühren, als die Tür so heftig aufgestoßen wurde, dass
sie gegen die Wand knallte.
Lucius Malfoy stand vor ihnen, Zornesröte im Gesicht. Und
unter seinem Arm kauerte, dick in Binden gewickelt, Dobby.
»Guten Abend, Lucius«, sagte Dumbledore vergnügt.
Mr Malfoy stieß Harry beinahe um, als er in den Raum
rauschte. Dobby humpelte ihm nach und duckte sich unter
seinen Rocksaum, mit dem Ausdruck jämmerlicher Angst auf
dem Gesicht.
»So!«, sagte Lucius Malfoy, die kalten Augen starr auf
Dumbledore gerichtet. »Sie sind zurück. Die Schulräte haben
Sie beurlaubt, doch Sie hielten es für angebracht, nach
Hogwarts zurückzukehren.«
344
»Sehen Sie, Lucius«, sagte Dumbledore feierlich lächelnd,
»die anderen elf Schulräte haben mir heute Botschaften ge-
schickt. Kam mir vor, als wäre ich in einen Hagelsturm aus
Eulen geraten, um ehrlich zu sein. Sie hatten gehört, dass Ar-
thur Weasleys Tochter getötet worden war, und wollten, dass
ich sofort zurückkomme. Sie schienen nun doch zu glauben,
ich sei der beste Mann für diese Aufgabe. Außerdem haben sie
mir sehr merkwürdige Geschichten erzählt ... etliche von ihnen
glaubten offenbar, Sie hätten gedroht, ihre Familien zu
verfluchen, falls sie mich nicht beurlauben wollten.«
Mr Malfoy wurde noch blasser als sonst, doch seine Augen
waren immer noch wuterfüllte Schlitze.
»Und - haben Sie den Angriffen schon ein Ende bereitet?«,
höhnte er. »Haben Sie den Schurken gefasst?«
»Haben wir«, sagte Dumbledore mit einem Lächeln.
»Ach ja?«, sagte Mr Malfoy schneidend. »Wer ist es?«
»Derselbe wie letztes Mal, Lucius«, sagte Dumbledore und
sah mit festem Blick zu ihm hoch. »Doch diesmal hat Lord
Voldemort durch jemand anderen gehandelt. Mittels dieses
Tagebuchs.«
Er hielt das kleine schwarze Buch mit dem großen schwar-
zen Loch in der Mitte hoch und beobachtete Mr Malfoy genau.
Harry jedoch beobachtete Dobby.
Der Elf tat etwas sehr Seltsames. Die großen Augen fest auf
Harry gerichtet, deutete er auf das Tagebuch, dann auf Mr
Malfoy, und dann schlug er sich mit der Faust hart gegen den
Kopf,
»Ich verstehe ...«, sagte Mr Malfoy langsam zu Dumbledore.
»Ein ausgefuchster Plan«, sagte Dumbledore mit gleich-
mütiger Stimme und sah Malfoy immer noch fest in die
Augen. »Denn wenn Harry hier -« Mr Malfoy warf Harry
einen schnellen und scharfen Blick zu, »und sein Freund Ron
345
dieses Buch nicht entdeckt hätten, dann - hätte man Ginny
Weasley alle Schuld gegeben. Keiner hätte je beweisen kön-
nen, dass sie nicht aus eigenen Stücken gehandelt hat ...«
Mr Malfoy sagte nichts. Sein Gesicht sah plötzlich aus wie
eine Maske.
»Und stellen Sie sich vor«, fuhr Dumbledore fort, »was
dann geschehen wäre ... die Weasleys sind eine unserer be-
kanntesten reinblütigen Familien. Stellen Sie sich die Folgen
für Arthur Weasley und sein Gesetz zum Schutz der Muggel
vor, wenn sich erwiesen hätte, dass seine eigene Tochter
Muggelstämmige angreift und tötet ... ein Glück, dass das
Tagebuch entdeckt und Riddles Gedächtnis darin ausgelöscht
wurde. Wer weiß, welche Folgen das noch gehabt hätte ...«
Mr Malfoy zwang sich zu sprechen.
»Großes Glück«, sagte er steif.
Und immer noch deutete Dobby hinter seinem Rücken erst
auf das Tagebuch, dann auf Lucius Malfoy und schlug sich
dann auf den Kopf,
Und plötzlich begriff Harry. Er nickte Dobby zu und Dobby
wich in eine Ecke zurück und zog sich zur Strafe an den
Ohren.
»Wissen Sie, wie Ginny zu diesem Tagebuch gekommen ist,
Mr Malfoy?«, sagte Harry.
Lucius Malfoy wirbelte herum.
»Woher soll ich wissen, wie dieses dumme Mädchen da
drangekommen ist?«, antwortete er.
»Weil Sie es ihr gaben«, sagte Harry. »Bei Flourish &Blotts.
Sie haben ihr altes Verwandlungsbuch vom Boden aufgehoben
und das Tagebuch hineingelegt, nicht wahr?«
Er sah, wie sich Mr Malfoys weiße Hände zusammenballten
und wieder spreizten.
»Beweis es«, zischte er.
346
»Oh, keiner wird das können«, sagte Dumbledore und lä-
chelte Harry zu. »Nicht jetzt, da Riddle aus dem Buch ver-
schwunden ist. Andererseits würde ich Ihnen raten, Lucius,
nichts mehr von den alten Schulsachen Lord Voldemorts zu
verteilen. Sollte noch irgendetwas davon in unschuldige Hände
fallen, denke ich, dass Arthur Weasley die Spur zu Ihnen
verfolgen wird ...«
Lucius Malfoy stand einen Moment lang reglos da und
Harry sah seine rechte Hand zucken, als ob es ihn nach seinem
Zauberstab gelüstete. Stattdessen wandte er sich seinem
Hauselfen zu.
»Wir gehen, Dobby!«
Er öffnete die Tür und als der Elf herbeigehumpelt kam,
stieß er ihn mit einem Fußtritt nach draußen. Sie konnten
Dobby den ganzen Korridor entlang vor Schmerz schreien
hören. Harry stand eine Weile reglos da und dachte ange-
strengt nach. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen -
»Professor Dumbledore«, sagte er hastig, »könnte ich bitte
dieses Buch Mr Malfoy zurückgeben?«
»Warum nicht, gewiss, Harry«, sagte Dumbledore. »Aber
beeil dich. Du weißt, das Fest.«
Harry packte das Tagebuch und jagte aus dem Büro. Von
fern hörte er Dobbys leiser werdenden Schmerzensschrei.
Hastig und voller Zweifel, ob sein Vorhaben gelingen würde,
zog Harry einen Schuh aus, dann die schleimige, dreckige
Socke und stopfte das Tagebuch hinein. Dann rannte er den
dunklen Gang entlang.
Auf dem Treppenabsatz holte er sie ein.
»Mr Malfoy«, keuchte er und kam vor ihm schlitternd zum
Halten. »Ich hab etwas für Sie -«
Und er drückte Lucius Malfoy die stinkende Socke in die
Hand.
»Was zum -?«
347
Mr Malfoy riss die Socke vom Tagebuch, warf sie fort und
sah zornig von dem zerstörten Buch zu Harry auf,
»Du wirst eines Tages das gleiche üble Schicksal erleiden
wie deine Eltern, Harry Potter«, sagte er leise. »Auch sie wa-
ren aufdringliche Dummköpfe.«
Er schickte sich an zu gehen.
»Komm, Dobby. ich sagte, komm.«
Doch Dobby rührte sich nicht. Er hielt Harrys eklige Socke
empor und musterte sie, als wäre sie ein unschätzbares
Geschenk.
»Meister hat Dobby eine Socke geschenkt«, sagte der Elf
verwundert, »Meister hat sie Dobby gegeben.«
»Was soll das heißen?«, fauchte Mr Malfoy. »Was hast du
gesagt?«
»Dobby hat eine gute Socke«, sagte Dobby ungläubig. »Der
Meister hat sie geworfen und Dobby hat sie aufgefangen und
Dobby - Dobby ist frei.«
Lucius Malfoy stand wie angefroren da und starrte den Elfen
an. Dann holte er zum Schlag gegen Harry aus.
»Du hast mir meinen D jener gestohlen, verdammter
Bengel!«
Doch Dobby rief. »Sie dürfen Harry Potter nicht wehtun!«
Es gab einen lauten Knall und Mr Malfoy hob es von den
Füßen. Drei Stufen auf einmal nehmend stürzte er die Treppe
hinunter und landete als zerknautschtes Bündel auf dem
Absatz. Er stand auf, das Gesicht rot vor Zorn, und zückte den
Zauberstab, doch Dobby hob einen seiner langen, drohenden
Finger.
»Sie werden jetzt gehen«, sagte er, empört auf Mr Malfoy
hinunterdeutend. »Sie werden Harry Potter nicht anrühren. Sie
werden jetzt gehen.«
Lucius Malfoy hatte keine andere Wahl. Mit einem letz-
348
ten, hasserfüllten Blick auf die beiden warf er sich den Um-
hang über und eilte davon.
»Harry Potter hat Dobby befreit!«, sagte der Elf schrill und
starrte Harry an; das Mondlicht vom Fenster spiegelte sich in
seinen Kugelaugen. »Harry Potter hat Dobby befreit!«
»War das Mindeste, was ich tun konnte, Dobby«, sagte
Harry grinsend. »Versprich mir nur, nie mehr mein Leben
retten zu wollen.«
Das hässliche braune Gesicht des Elfen teilte sich plötzlich
zu einem breiten, zähneblitzenden Lächeln.
»Ich hab nur eine Frage, Dobby«, sagte Harry, während
Dobby mit zitternden Händen Harrys Socke anzog. »Du hast
mir gesagt, all dies hätte nichts zu tun mit jenem, dessen Name
nicht genannt werden darf, erinnerst du dich?«
»Es war ein Hinweis, Sir«, sagte Dobby und seine Augen
weiteten sich, als ob das offensichtlich wäre. »Dobby hat Ih-
nen einen Hinweis gegeben. Bevor der Dunkle Lord seinen
Namen änderte, konnte er einfach beim Namen genannt
werden, verstehen Sie?«
»Verstehe«, sagte Harry matt. »Nun, ich geh jetzt besser. Es
gibt ein Fest und meine Freundin Hermine sollte inzwischen
aufgewacht sein ...«
Dobby warf die Arme um Harrys Bauch und drückte ihn.
»Harry Potter ist noch großartiger, als Dobby wusste!«,
schluchzte er. »Alles Gute, Harry Potter!«
Und mit einem letzten lauten Krachen verschwand Dobby.
Harry war schon auf einigen Festen in Hogwarts gewesen,
doch dieses war ein klein wenig anders. Alle waren in ihren
Schlafanzügen erschienen und die Feier dauerte die ganze
Nacht. Harry wusste nicht, was das Beste war: Hermine, die
schreiend auf ihn zugerannt kam, »Du hast es gelöst! Du
349
hast es gelöst!«, oder Justin, der vom Tisch der Hufflepuffs
herübereilte, um ihm die Hand zu drücken und sich endlos
dafür zu entschuldigen, dass er ihn verdächtigt hatte, oder
Hagrid, der um halb vier in der Nacht auftauchte und Harry
und Ron so heftig auf die Schultern klopfte, dass sie mit der
Nase in die Puddingteller fielen, oder seine und Rons vier-
hundert Punkte für Gryffindor, die ihnen das zweite Jahr in
Folge den Hauspokal einbrachten, oder Professor McGonagall,
die ihnen allen verkündete, die Prüfungen seien - als kleines
Geschenk der Schule - gestrichen worden (»0 nein!«,
stammelte Hermine), oder Dumbledore, der bekannt gab, dass
Professor Lockhart nächstes Jahr leider nicht wieder kommen
könne, denn er müsse auf Reisen gehen, um sein Gedächtnis
wieder zu finden. Nicht wenige der Lehrer stimmten in die
Jubelrufe ein, mit denen diese Nachricht aufgenommen wurde.
»Schade«, sagte Ron und nahm sich einen Marmelade-
krapfen. »Unter meiner Hand ging's ihm doch schon wieder
besser.«
Der Rest des Sommerhalbjahres verging in einem Nebel
gleißenden Sonnenscheins. In Hogwarts ging alles wieder
seinen üblichen Gang, mit nur ein paar kleinen Unterschie-
den - Verteidigung gegen die dunklen Künste wurde nicht
mehr gegeben (»darin haben wir ohnehin viel Übung inzwi-
schen«, tröstete Harry die enttäuschte Hermine) und Lucius
Malfoy war als Schulrat gefeuert worden. Draco stolzierte
nicht mehr in der Schule umher, als ob er der Schlossherr
wäre. Im Gegenteil, er sah geradezu verhärmt und schmollend
aus. Hingegen war Ginny Weasley wieder vollkommen
glücklich.
Allzu bald war es Zeit für die Heimreise mit dem Hog-
warts-Express. Harry, Ron, Hermine, Fred, George und
350
Ginny bekamen ein Abteil für sich. Sie nutzten die letzten paar
Stunden vor den Ferien, in denen sie noch zaubern durften,
weidlich aus. Sie spielten »Snape explodiert«, ließen Freds
und Georges allerletzte Filibuster-Kracher hochgehen und
übten Entwaffnung mit Zauberkraft. Harry konnte es
allmählich richtig gut.
Sie waren fast schon im Bahnhof King's Cross, als Harry
noch etwas einfiel.
»Ginny, wobei hast du Percy eigentlich erwischt, was soll-
test du niemandem erzählen?«
»Ach, das«, sagte Ginny kichernd. »Naja, Percy hat eine
Freundin.«
Fred ließ einen Stapel Bücher auf Georges Kopf fallen.
»Was?«
»Es ist diese Vertrauensschülerin der Ravenclaws, Penelope
Clearwater«, sagte Ginny. »Ihr hat er den ganzen letzten
Sommer über geschrieben. Sie haben sich heimlich überall in
der Schule getroffen. Einmal bin ich in ein leeres Klassen-
zimmer geraten und hab gesehen, wie sie sich küssten. Er war
so erschüttert, als sie - ihr wisst schon - angegriffen wurde.
Aber ihr zieht ihn doch damit jetzt nicht auf, oder?«, fügte sie
besorgt hinzu.
»Fiele mir nicht im Traum ein«, sagte Fred, der aussah, als
wäre sein Geburtstag vorverlegt worden.
»Ganz bestimmt nicht«, sagte George wiehernd.
Der Hogwarts-Express bremste und kam schließlich zum
Stehen.
Harry zog seinen Federkiel und ein Stück Pergament hervor
und wandte sich Ron und Hermine zu.
»Das hier nennt man eine Telefonnummer«, erklärte er Ron
und schrieb sie zweimal hin, riss das Blatt durch und gab
ihnen die Hälften. »Ich hab deinem Dad letzten Som-
mer gesagt, wie man ein Telefon benutzt, er weiß es jetzt.
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Ruft mich bei den Dursleys an ja? ich halt es nicht noch mal
zwei Monate alleine mit Dudley aus ...«
»Dein Onkel und deine Tante werden doch sicher stolz
sein«, sagte Hermine, als sie aus dem Zug stiegen und sich der
Menge anschlossen, die durch die verzauberte Absperrung
drängte. »Wenn sie hören, was du dieses Jahr getan hast?«
»Stolz?«, sagte Harry. »Bist du verrückt? Wo ich doch so
oft hätte sterben können und es nicht geschafft habe? Die
werden sauer sein ...«
Und gemeinsam gingen sie durch, das Tor zurück in die
Muggelwelt.
Zeit unter der Bettdecke strich die kühle Luft angenehm über
sein Gesicht. Hedwig war jetzt schon zwei Nächte lang weg.
Harry sorgte sich nicht ihretwegen; sie war schon öfter so lange
fort gewesen, doch er hoffte, sie bald wieder zu sehen -
immerhin war sie das einzige Lebewesen in diesem Haus, das
bei seinem Anblick nicht zusammenschreckte.
Harry, wenn auch immer noch recht klein und mager für
sein Alter, war im letzten Jahr um ein paar Zentimeter ge-
wachsen. Sein rabenschwarzes Haar jedoch war wie immer -
widerborstig verstrubbelt, da konnte er machen, was er wollte.
Die Augen hinter seiner Brille waren hellgrün und auf der Stirn,
durch die Haare deutlich zu sehen, hatte er eine schmale Narbe,
die aussah wie ein Blitz.
Unter all den ungewöhnlichen Merkmalen Harrys war diese
Narbe wohl das außergewöhnlichste. Sie war nicht, wie die
Dursleys jahrelang geschwindelt hatten, das Überbleibsel eines
Autounfalls, bei dem Harrys Eltern umgekommen seien. Lily
und James Potter waren nicht bei einem Unfall gestorben. Sie
wurden ermordet, ermordet von Lord Voldemort, dem
gefürchtetsten schwarzen Magier seit Hunderten von Jahren.
Harry war diesem Angriff mit nichts weiter als einer Narbe auf
der Stirn entkommen, wobei Voldemorts Fluch, anstatt ihn zu
töten, gegen seinen Urheber zurückgeprallt war. Voldemort, fast
zu Tode entkräftet, war geflohen ...
Doch Harry war ihm in Hogwarts wieder begegnet.
Während er am Fenster stand und sich an das letzte Zusam-
mentreffen erinnerte, musste er sich eingestehen, dass er von
Glück reden konnte, überhaupt seinen dreizehnten Geburtstag zu
erleben.
Er suchte den sternfunkelnden Himmel nach einem Zeichen
von Hedwig ab, die vielleicht in Windeseile mit einer toten
Maus im Schnabel auf der Rückreise zu ihm war und
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dafür Lob erwartete. Gedankenverloren ließ er seinen Blick über
die Dächer schweifen, und es dauerte ein paar Sekunden, bis er
begriff, was er da vor Augen hatte.
Vom goldenen Mondlicht umflutet und jeden Moment
größer werdend, sah er ein Ungetüm mit merkwürdiger
Schlagseite auf sich zuflattern. Reglos stand er da und beob-
achtete, wie es immer tiefer sank - für den Bruchteil einer
Sekunde zögerte er, die Hand am Fenstergriff, und fragte sich,
ob er es zuschlagen sollte - doch dann surrte das ungeheure
Geschöpf über eine der Straßenlaternen des Ligusterwegs, und
Harry, der nun erkannte, was es war, sprang zur Seite.
Durchs Fenster schwebten drei Eulen herein, zwei davon
hielten eine dritte, die ohnmächtig schien, in den Krallen. Mit
einem leisen Flumphh landeten sie auf Harrys Bett und die
mittlere Eule, groß und grau, kippte sofort um und blieb reglos
liegen. An ihre Beine war ein großes Päckchen gebunden.
Harry erkannte die ohnmächtige Eule sofort - ihr Name war
Errol und sie gehörte der Familie Weasley. Mit einem Satz war
er am Bett, entknotete die Schnüre um Errols Beine, nahm das
Päckchen und trug Errol hinüber zu Hedwigs Käfig. Errol
öffnete ein trübes Auge, fiepte ein Dankeschön und würgte ein
paar Schlucke Wasser hinunter.
Harry wandte sich den beiden anderen Eulen zu. Eine
davon, die große weibliche Schneeeule, war seine Hedwig. Auch
sie trug ein großes Päckchen und sah höchst zufrieden mit sich
aus. Sie kniff Harry liebevoll ins Ohr, während er ihr die Last
abnahm, und flog dann quer durchs Zimmer hinüber zu Errol.
Die dritte Eule, ein hübscher Waldkauz, erkannte Harry
nicht, doch er wusste sofort, woher sie kam, denn außer einem
dritten großen Päckchen trug sie auch einen Brief mit
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dem Siegel von Hogwarts. Als Harry dieser Eule die Last ab-
genommen hatte, raschelte sie bedeutungsschwer mit den
Federn, spreizte die Flügel und flatterte durch das Fenster hinaus
in die Nacht.
Harry setzte sich aufs Bett, nahm Errols Päckchen in die
Hand, riss das braune Papier ab und entdeckte ein in Goldpapier
eingewickeltes Geschenk und die erste Geburtstagskarte seines
Lebens. Zwei Blätter fielen heraus - ein Brief und ein
Zeitungsausschnitt.
Der Ausschnitt stammte offensichtlich aus der Zauberer-
zeitung, dem Tagespropheten, denn die Menschen auf den
Schwarzweißfotos bewegten sich. Harry hob das Blatt hoch,
glättete es und las:
Beamter des Zaubereiministeriums
gewinnt Großen Preis
Arthur Weasley, Chef der Abteilung gegen den Missbrauch von
Muggelartefakten im Zaubereiministerium, hat den jährlich
vergebenen Großen Goldpreis des Tagespropheten gewonnen
Der entzückte Mr Weasley sagte gegenüber dem Tages-
propheten: »Wir werden das Gold für einen Sommerurlaub in
Ägypten ausgeben, wo unser ältester Sohn, Bill, als Fluch-
brecher für die Gringotts-Zaubererbank arbeitet.«
Die Familie Weasley wird einen Monat in Ägypten ver-
bringen und zu Beginn des neuen Schuljahres in Hogwarts, das
gegenwärtig fünf ihrer Kinder besuchen, zurückkehren.
Harry warf einen Blick auf das sich bewegende Foto und ein
Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Alle neun
Weasleys standen da vor einer großen Pyramide und winkten
ihm begeistert zu. Die fällige kleine Mrs Weasley, der
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große, zur Glatze neigende Mr Weasley, sechs Söhne und eine
Tochter, allesamt (auf dem Schwarzweißfoto natürlich nicht zu
sehen) mit flammend roten Haaren. In der Mitte des Bildes war
Ron, groß und schlaksig, seine Hausratte Krätze auf der Schulter
und den Arm um seine kleine Schwester Ginny gelegt.
Harry fiel niemand ein, der einen großen Haufen Gold mehr
verdient hätte als die Weasleys, die sehr nett und furchtbar arm
waren. Er nahm Rons Brief in die Hand und entfaltete ihn.
Lieber Harry,
herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Hör mal, das mit dem Telefonanruf tut mir wirklich Leid. Ich
hoffe, die Muggel haben dich in Ruhe gelassen. Ich hab Dad
gefragt, und er meint, ich hätte nicht in den Hörer brüllen sollen.
Es ist toll hier in Ägypten. Bill hat uns alle Gräber gezeigt und
du glaubst gar nicht, mit welchen Flüchen diese alten
ägyptischen Zauberer sie belegt haben. Mum wollte nicht, dass
Ginny mit in die letzte Grabkammer geht. Dadrin waren eine
Menge komischer Skelette von Muggeln, die das Grab
ausrauben wollten und denen neue Köpfe und eklige Sachen
gewachsen sind.
Ich konnte nicht fassen, dass Dad den Preis des Tagespropheten
gewonnen hat. Siebenhundert Galleonen! Das meiste davon geht
für diesen Urlaub drauf, aber sie kaufen mir einen neuen
Zauberstab fürs nächste Schuljahr.
Harry erinnerte sich nur zu gut an damals, als Rons alter
Zauberstab abgeknackst war. Es war passiert, als das Auto, das
er und Ron nach Hogwarts geflogen hatten, gegen einen Baum
auf dem Schulgelände gekracht war.
13
Wir sind eine Woche vor Schulbeginn zurück und fahren dann
hoch nach London, um meinen neuen Zauberstab und unsere
Bücher zu besorgen. Könnten wir uns dort vielleicht treffen?
Lass dir von den Muggeln nicht die Laune verderben! Versuch
doch, nach London zu kommen,
Ron
PS: Percy ist Schulsprecher. Letzte Woche hat er den Brief
bekommen.
Erneut musterte Harry das Foto. Percy, im siebten und letzten
Schuljahr in Hogwarts, sah besonders schmuck aus mit seinem
neuen silbernen Abzeichen, das auf dem Fes schimmerte.
Harry - das ist ein Taschenspickoskop. Wenn jemand in der
Nähe ist, dem man nicht trauen kann" soll es aufleuchten und
sich drehen. Bill sagt, es ist Plunder, den sie für die Zau-
berertouristen verkaufen, und man könne sich nicht darauf
verlassen, weil es gestern Abend beim Essen ständig auf-
leuchtete. Aber er hat nicht bemerkt, dass Fred und George
Käfer in seine Suppe gemischt haben.
Tschau, Ron
Harry stellte das Taschenspickoskop auf den Nachttisch, wo es
auf seinem spitzen Ständer reglos im Gleichgewicht blieb und
die Leuchtzeiger seines Weckers spiegelte. Eine Welle
betrachtete er es glücklich, dann griff er nach dem Päckchen, das
Hedwig gebracht hatte.
Auch darin war ein Geschenk eingewickelt sowie eine Karte
und ein Brief, diesmal von Hermine.
14
Lieber Harry,
Ron hat mir geschrieben und von seinem Anruf bei Onkel
Vernon berichtet. Ich hoffe, es geht dir gut und sie haben deine
Knochen heil gelassen.
Ich verbringe die Ferien in Frankreich und wusste nicht, wie ich
dir diesen Brief schicken sollte - was, wenn sie ihn am Zoll
öffnen würden? - Doch dann tauchte Hedwig auf! Ich glaube, sie
wollte sichergehen, dass du zur Abwechslung mal was zum
Geburtstag bekommst. Ich hab dein Geschenk beim
Eulenexpress bestellt, im Tagespropheten war eine Anzeige. (Ich
hab ihn abonniert, um mich über die Zaubererwelt auf dem
Laufenden zu halten.) Hast du dieses Bild von Ron und seiner
Familie gesehen, das sie vor einer Woche gebracht haben? Ich
wette, er lernt eine Menge, ich bin ganz neidisch - diese alten
ägyptischen Zauberer sind wirklich faszinierend.
Auch hier in der Gegend haben sie eine spannende Hexerei-
vergangenheit. Ich habe meinen Aufsatz zur Geschichte der
Zauberei völlig umgeschrieben und einiges von dem eingebaut,
was ich herausgefunden habe. Ich hoffe, er ist nicht zu lang
geworden - zwei Rollen Pergament mehr, als Professor Binns
verlangt.
Ron sagte, er sei in der letzten Ferienwoche in London. Kannst
du auch kommen? Werden dein Onkel und deine Tante es
erlauben? Ich hoffe sehr, es klappt - wenn nicht, sehen wir uns
am ersten September im Hogwarts-Express. Alles Liebe,
Hermine
PS: Ron schreibt, Percy sei jetzt Schulsprecher. ich wette, der ist
ganz aus dem Häuschen. Ron scheint darüber nicht besonders
glücklich zu sein.
15
Schmunzelnd legte Harry Hermines Brief beiseite und nahm ihr
Geschenk in die Hand. Es war sehr schwer. Er kannte Hermine
und sicher war es ein großes Buch voll schwieriger
Zaubersprüche - aber nein. Sein Herz fing mächtig an zu hüpfen,
als er das Papier abriss und ein schmales schwarzes
Ledertäschchen zum Vorschein kam, auf das silberne Lettern
gedruckt waren: Besenpflege-Set.
»Mensch, Hermine!«, flüsterte Harry und zog den Reiß-
verschluss auf
Das Täschchen enthielt eine große Flasche Fleetwoods
Hochglanzpolitur, eine silbrig schimmernde Reisig-Knipszange,
einen winzigen Messingkompass, den man für lange Reisen an
den Besen klemmen konnte, und ein Do-it-yourself-Handbuch
der Besenpflege.
Es gab noch etwas außer seinen Freunden, das Harry in den
Ferien heftig vermisste, und das war der beliebteste Sport in der
Zaubererwelt - Quidditch, hochgefährlich, äußerst spannend und
gespielt auf fliegenden Besen. Zudem war Harry ein begnadeter
Quidditch-Spieler; er war einer der jüngsten seit hundert Jahren,
die für eine der Hausmannschaften von Hogwarts aufgestellt
worden waren. Und besonders stolz war er auf seinen
Rennbesen, einen Nimbus Zweitausend.
Harry legte das Ledertäschchen beiseite und hob sein letztes
Päckchen hoch. Er erkannte das fahrige Gekrakel auf dem
braunen Papier sofort - es stammte von Hagrid, dem Wildhüter
von Hogwarts. Er riss die obere Lage des Papiers ab und sah
darunter etwas Grünes und Ledriges, doch bevor er es richtig
auswickeln konnte, begann das Päckchen merkwürdig zu zittern
und was immer darin war, schnappte laut - als ob es kräftige
Beißwerkzeuge hätte.
Harry erstarrte. Er wusste, dass Hagrid ihm nie absicht-
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lich etwas Gefährliches schicken würde, allerdings hatte der
Wildhüter seine eigenen Auffassungen von dem, was gefährlich
war. Hagrid hatte sich immerhin schon mit Riesenspinnen
angefreundet, heimtückische, dreiköpfige Hunde von
zwielichtigen Gestalten in Wirtshäusern gekauft und heimlich
verbotene Dracheneier in seiner Hütte ausgebrütet.
Harry klopfte nervös gegen das Päckchen. Aus dem Innern
kam erneut ein lautes Schnappen. Er nahm die Lampe vom
Nachttisch, packte sie fest mit der einen Hand und hob sie über
den Kopf bereit zum Zuschlagen. Dann nahm er das restliche
Packpapier in die Hand und riss es herunter.
Und heraus fiel - ein Buch. Harry hatte gerade noch Zeit,
einen Blick auf den hübschen grünen Umschlag zu werfen, auf
dem in goldenen Lettern der Titel Das Monsterbuch der
Monster prangte, da stand es auch schon halb aufgeklappt auf
den Rändern und klappte seitlich über das Bett hinweg wie ein
widerlicher Krebs.
»Urrgh«, murmelte Harry.
Geräuschvoll fiel das Buch vom Bett und schlurfte rasch
durch das Zimmer. Harry folgte ihm vorsichtig. Das Buch
versteckte sich im Dunkeln unter seinem Schreibtisch. Harry
flehte zum Himmel, dass die Dursleys noch tief schlafen
mochten, ließ sich auf die Knie nieder und streckte die Hand
nach dem Buch aus.
»Autsch!«
Das Buch klatschte zu und klemmte seine Hand ein, dann
hoppelte es eilig auf dem Umschlag an ihm vorbei. Harry
wirbelte herum, warf sich mit einem Sprung auf das Buch und
presste es flach auf den Boden. Im Zimmer nebenan ließ Onkel
Vernon ein lautes, schlaftrunkenes Grunzen ertönen.
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Hedwig und Errol beobachteten interessiert, wie Harry das
widerspenstige Buch fest unter den Arm klemmte, zur
Kommode hinüberstürzte, einen Gürtel herauszog und ihn
stramm um das Buch schnürte. Das Monsterbuch zitterte zornig,
doch es konnte jetzt nicht mehr klappen und schnappen. Harry
warf es aufs Bett und hob Hagrids Karte auf.
Lieber Harry,
herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Dachte, du könntest
das im nächsten Schuljahr vielleicht nützlich finden. Will hier
nicht mehr verraten. Ich sag's dir, wenn wir uns sehen.
Ich hoffe, die Muggels behandeln dich anständig. Alles Gute,
Hagrid
Harry kam es merkwürdig vor, dass Hagrid glaubte, ein
beißendes Buch würde ihm nützen, doch er stellte Hagrids Karte
neben die Rons und Hermines und grinste noch ein wenig
breiter. jetzt war nur noch der Brief aus Hogwarts übrig.
Harry fiel auf, dass der Umschlag viel dicker war als sonst,
ritzte ihn auf und zog die erste Seite Pergament heraus:
Sehr geehrter Mr Potter, bitte beachten Sie, dass das neue
Schuljahr am ersten September beginnt. Der Hogwarts-Express
fährt am Bahnhof King's Cross ab, elf Uhr, Gleis
neundreiviertel.
Drittklässlern ist es erlaubt, an bestimmten Wochenenden das
Dorf Hogsmeade zu besuchen. Bitte geben Sie die beigefügte
Zustimmungserklärung zur Unterschrift Ihren Eltern oder Ihrem
Vormund.
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Anbei auch eine Liste der Bücher für das nächste Schuljahr.
Mit freundlichen Grüßen
Professor M. McGonagall
Stellvertretende Schulleiterin
PS: Professor Dumbledore und ich wünschen Ihnen einen
fröhlichen Geburtstag, Harry.
Harry nahm die Zustimmungserklärung für Hogsmeade heraus
und las sie durch. Das Grinsen war ihm vergangen. Es wäre toll,
an den Wochenenden ins Dorf zu können; er wusste, dass dort
nur Zauberer und Hexen lebten, und er war noch nie da
gewesen. Doch wie um alles in der Welt sollte er Onkel Vernon
und Tante Petunia überreden, die Erlaubnis zu unterschreiben?
Er sah auf den Wecker. Es war jetzt zwei Uhr morgens.
Harry beschloss sich über die Erlaubnis für Hogsmeade
Gedanken zu machen, wenn er aufwachte, stieg wieder ins Bett
und streckte die Hand aus, um ein weiteres Kreuzchen auf dem
Kalender zu machen, den er sich gebastelt hatte, um die
verbleibenden Tage bis zur Rückkehr nach Hogwarts zu zählen.
Dann nahm er die Brille ab, legte sich hin und sah mit weit
geöffneten Augen auf seine drei Geburtstagskarten.
Mochte er auch ein höchst ungewöhnlicher Junge sein, in
diesem Augenblick fühlte sich Harry Potter genau wie jeder
andere - zum ersten Mal im Leben einfach froh, dass er Ge-
burtstag hatte.
19
Tante Magdas großer Fehler
Als Harry am nächsten Morgen zum Frühstück hinunterging,
saßen die drei Dursleys schon am Küchentisch. sie starrten auf
die Mattscheibe eines brandneuen Fernsehers, eines
Willkommen-in-den-Ferien-Geschenks für Dudley, der sich
fortwährend lauthals über den langen Weg zwischen dem
Kühlschrank und dem Fernseher im Wohnzimmer beschwert
hatte. Dudley hatte den größten Teil des Sommers in der Küche
verbracht, die kleinen Schweinchenaugen geradezu auf die
Mattscheibe geklebt und mit wabbelndem fünflagigem Kinn
ununterbrochen kauend.
Harry setzte sich zwischen Dudley und Onkel Vernon, einen
großen, fleischigen Mann mit sehr wenig Hals und einer Menge
Schnauzbart. Keiner der Dursleys nahm Notiz davon, dass Harry
in die Küche gekommen war, geschweige denn, dass ihm einer
zum Geburtstag gratuliert hätte. Er nahm sich eine Scheibe
Toast und sah hoch zum Fernseher, wo der Nachrichtensprecher
gerade von einem Ausbrecher berichtete ...
»... die Polizei warnt die Bevölkerung. Black ist bewaffnet
und äußerst gefährlich. Eine eigene Notrufnummer wurde
eingerichtet und jeder Hinweis auf Black sollte umgehend
gemeldet werden.«
»Dass der ein Verbrecher ist, brauchen sie uns nicht erst zu
sagen«, schnarrte Onkel Vernon und starrte über seine Zeitung
hinweg auf das Bild des Flüchtigen. »Seht euch mal an, wie der
aussieht, ein dreckiger Rumtreiber! Und diese Haare!«
20
Er warf Harry einen gehässigen Seitenblick zu, dessen
strubbeliges Haar ihn immer von neuem ärgerte. Verglichen mit
dem Mann im Fernsehen jedoch, dessen ausgemergeltes Gesicht
umwuchert war von verfilztem, ellbogenlangem Gestrüpp, kam
sich Harry durchaus gepflegt vor.
Wieder erschien der Nachrichtensprecher.
»Das Landwirtschafts- und Fischereiministerium gibt heute
bekannt, dass -«
»Ist doch nicht zu fassen!«, bellte Onkel Vernon und starrte
den Sprecher wütend an, »du hast uns nicht gesagt, wo dieser
Verrückte ausgebrochen ist! Was soll das? Der Wahnsinnige
könnte doch jeden Augenblick die Straße entlangkommen!«
Tante Petunia, knochig und pferdegesichtig, wirbelte herum
und schaute wachsam aus dem Küchenfenster. Harry wusste,
dass Tante Petunia nichts lieber tun würde, als den Notruf
anzuläuten. Sie war die neugierigste Frau der Welt und
verbrachte den größten Teil ihres Lebens damit, die
langweiligen, gesetzestreuen Nachbarn auszukundschaften.
»Wann werden die es endlich kapieren«, sagte Onkel Ver-
non und schlug mit seiner großen purpurroten Faust auf den
Tisch, »dass Aufknüpfen das einzige Rezept gegen solches Pack
ist?«
»Wie wahr«, sagte Tante Petunia, die immer noch die
Bohnenstangen nebenan taxierte.
Onkel Vernon nahm den letzten Schluck aus seiner Tee-
tasse, warf einen Blick auf die Uhr und fügte hinzu: »Am
besten, ich geh gleich, Petunia, Magdas Zug kommt um zehn
an.«
Harry, in Gedanken eben noch oben bei seinem Besen-
pflege-Set, fiel schmerzhaft aus allen Wolken.
»Tante Magda?«, sprudelte es aus ihm heraus. »D-die - die
kommt doch nicht etwa zu uns?«
21
Tante Magda war Onkel Vernons Schwester. Zwar war sie
keine Blutsverwandte von Harry (dessen Mutter Tante Petunias
Schwester gewesen war), doch man hatte ihn gezwungen, sie die
ganze Zeit »Tante« zu nennen. Tante Magda lebte auf dem
Land, in einem Haus mit großem Garten, wo sie Bulldoggen
züchtete. Sie kam nur selten in den Ligusterweg, weil sie es
nicht übers Herz brachte, ihre wertvollen Hunde allein zu lassen,
doch jeden ihrer Besuche hatte Harry in schrecklich lebendiger
Erinnerung.
Beim Fest zu Dudleys fünftem Geburtstag hatte Tante
Magda Harry mit ihrem Gehstock auf die Schienbeine gehauen,
damit er Dudley nicht mehr beim Bäumchen-wechsel-dich-Spiel
schlug. Ein paar Jahre später war sie zu Weihnachten mit einem
funkgesteuerten Senkrechtstarter für Dudley und einem Karton
Hundekuchen für Harry aufgetaucht. Bei ihrem letzten Besuch
war Harry versehentlich ihrem Lieblingshund auf den Schwanz
getreten. Ripper hatte Harry hinaus in den Garten und einen
Baum hochgejagt und Tante Magda hatte sich bis nach
Mitternacht geweigert, ihn zurückzupfeifen. Wenn Dudley sich
daran erinnerte, brach er vor Lachen immer noch in Tränen aus.
»Magda wird eine Woche bleiben«, schnarrte Onkel Ver-
non, »und wenn wir schon beim Thema sind« - er deutete mit
einem fetten Finger drohend auf Harry - »sollten wir einiges
klarstellen, bevor ich sie abholen gehe.«
Dudley grinste hämisch und wandte den Blick von der
Mattscheibe ab. Sein liebster Zeitvertreib war, zu beobachten,
wie Harry von Onkel Vernon schikaniert wurde.
»Erstens«, knurrte Onkel Vernon, »hältst du deine Zunge im
Zaum, wenn du mit Magda sprichst.«
»Gut«, sagte Harry bitter, »wenn sie es auch tut.«
»Zweitens«, sagte Onkel Vernon und tat so, als hätte
er Harrys Antwort nicht gehört, »da Magda nichts von dei-
22
ner Abnormität weiß, will ich nicht, dass irgendwas Komisches
passiert, während sie hier ist. Du benimmst dich, verstanden?«
»Wenn sie es auch tut«, sagte Harry zähneknirschend.
»Und drittens«, sagte Onkel Vernon, die gemeinen kleinen
Augen waren jetzt Schlitze in seinem großen purpurnen Gesicht,
»haben wir Magda gesagt, du würdest das St.-Bru-
tus-Sicherheitszentrum für unheilbar kriminelle Jungen be-
suchen.«
»Was?«, schrie Harry.
»Und du bleibst bei dieser Geschichte, Bursche, oder du
kriegst Schwierigkeiten!«, fauchte Onkel Vernon.
Zornig und mit bleichem Gesicht starrte Harry Onkel
Vernon an. Er konnte es nicht fassen. Tante Magda kam für eine
Woche zu Besuch - das war das furchtbarste Geburts-
tagsgeschenk, das er je von den Dursleys bekommen hatte,
verglichen selbst mit Onkel Vernons alten Socken.
»Nun, Petunia«, sagte Onkel Vernon und erhob sich
Schnaufend, »ich fahre jetzt zum Bahnhof. Kleine Ausfahrt
gefällig, Dudders?«
»Nein«, sagte Dudley, der seine Aufmerksamkeit jetzt, da
Onkel Vernon aufgehört hatte, Harry zu tyrannisieren, wieder
dem Fernseher zugewandt hatte.
»Diddy muss sich für Tantchen fein herausputzen«, sagte
Tante Petunia und strich über Dudleys dichtes Blondhaar.
»Mamchen hat ihm eine wunderschöne neue Fliege gekauft.«
Onkel Vernon klopfte Dudley auf die fette Schulter.
»Also bis gleich«, sagte er und ging hinaus.
Harry, der in eine Art grauenerfüllte Trance versunken war,
fiel plötzlich etwas ein. Er ließ seinen Toast liegen, stand rasch
auf und folgte Onkel Vernon zur Haustür.
Onkel Vernon zog seinen Mantel an.
23
»Dich nehm ich nicht mit«, schnarrte er, als er sich um-
wandte und Harry erblickte.
»Will ich auch nicht«, sagte Harry kühl. »Ich möchte dich
was fragen.«
Onkel Vernon beäugte ihn misstrauisch.
»Drittklässler in Hog..., auf meiner Schule dürfen hin und
wieder ins Dorf«, sagte Harry.
»Ach?«, blaffte Onkel Vernon und nahm die Wagen-
schlüssel vom Haken neben der Tür.
Rasch setzte Harry nach. »Du musst die Einverständnis-
erklärung für mich unterschreiben«, sagte er.
»Und warum sollte ich das tun?«, höhnte Onkel Vernon.
»Nun ja«, sagte Harry und wog sorgfältig seine Worte ab,
»es wird ein hartes Stück Arbeit sein, gegenüber Tante Magda
so zu tun, als ob ich in dieses St. Wasweißich ginge -«
»St.-Brutus-Sicherheitszentrum für unheilbar kriminelle
Jungen«, bellte Onkel Vernon, und Harry freute sich, einen
deutlichen Anflug von Panik in seiner Stimme zu hören.
»Genau«, sagte Harry und sah gelassen hoch in Onkel
Vernons großes, rotes Gesicht. »Ich muss mir eine Menge
merken. Außerdem soll es sich ja überzeugend anhören, oder?
Was, wenn mir aus Versehen etwas rausrutscht?«
»Dann prügle ich dir die Innereien raus!«, polterte Onkel
Vernon und trat mit erhobener Faust auf Harry zu. Doch Harry
ließ nicht locker. »Die Innereien aus mir herauszuprügeln wird
Tante Magda auch nicht vergessen lassen, was ich ihr gesagt
haben könnte«, sagte er verbissen.
Onkel Vernon, die Faust immer noch erhoben, erstarrte.
Sein Gesicht hatte ein hässliches Braunrot angenommen.
»Aber wenn du meine Einverständniserklärung unter-
schreibst«, fuhr Harry rasch fort, »schwöre ich, dass ich nicht
vergesse, wo ich angeblich zur Schule gehe, und ich führe mich
auf wie ein Mug..., als ob ich normal und alles wäre.«
24
Harry entging nicht, dass Onkel Vernon noch einmal über
die Sache nachdachte, auch wenn er die Zähne gefletscht hatte
und eine Vene auf seiner Schläfe pochte.
»Schön«, blaffte er endlich. »Ich werde dein Verhalten
während Tante Magdas Besuch scharf überwachen. Wenn du am
Ende nicht die Grenze überschritten hast und bei der Geschichte
geblieben bist, unterschreibe ich dein beklopptes Formular.«
Abrupt drehte er sich um, öffnete die Haustür und schlug sie
mit solcher Wucht hinter sich zu, dass eine der kleinen
Glasscheiben am oberen Türrand herausfiel.
Harry kehrte nicht in die Küche zurück. Er ging nach oben
in sein Zimmer. Wenn er sich wie ein echter Muggel aufführen
musste, dann fing er am besten gleich damit an. Widerwillig und
traurig sammelte er all seine Geschenke und Geburtstagskarten
ein und versteckte sie unter dem losen Dielenbrett, zusammen
mit seinen Hausaufgaben. Dann ging er hinüber zu Hedwigs
Käfig. Errol hatte sich offenbar erholt; er und Hedwig schliefen
mit den Köpfen unter den Flügeln. Harry seufzte und stupste sie
beide wach.
»Hedwig«, sagte er niedergeschlagen, »du musst für eine
Woche verschwinden. Flieg mit Errol, Ron wird sich um dich
kümmern. Ich geb dir eine Nachricht für ihn mit. Und schau
mich nicht so an« - Hedwigs große bernsteinfarbene Augen
blickten vorwurfsvoll - »es ist nicht meine Schuld. Das ist die
einzige Möglichkeit, die Erlaubnis zu kriegen, mit Ron und
Hermine nach Hogsmeade zu gehen.«
Zehn Minuten später flatterten Errol und Hedwig (der Harry
einen Zettel für Ron ans Bein gebunden hatte) aus dem Fenster
und waren bald auf und davon. Harry, dem nun ganz und gar
elend war, räumte den leeren Käfig in den Schrank.
Doch er hatte nicht lange Zeit zum Grübeln. Schon
25
kreischte Tante Petunia unten am Fuß der Treppe, Harry solle
herunterkommen und sich bereitmachen, den Gast zu begrüßen.
»Mach was mit deinen Haaren«, schnappte Tante Petunia
als er im Flur ankam.
Harry sah nicht ein, warum er versuchen sollte, sein Haar
glatt zu kämmen. Tante Petunia krittelte doch liebend gern an
ihm herum, und je zerzauster er aussah, desto glücklicher war
sie.
Doch schon war draußen das Knirschen von Kies zu hören,
als Onkel Vernon den Wagen in die Einfahrt zurücksetzte, dann
das »Klonk« der Wagentüren und schließlich Schritte auf dem
Gartenweg.
»An die Tür!«, zischte Tante Petunia.
Mit einem Gefühl im Magen, als würde die Welt unter-
gehen, öffnete Harry die Tür.
Auf der Schwelle stand Tante Magda. Sie war Onkel Ver-
non sehr ähnlich mit ihrem großen, fleischigen, purpurroten
Gesicht. Sie hatte sogar einen Schnurrbart, auch wenn er nicht
so buschig war wie seiner. Unter dem einen Arm trug sie einen
riesigen Koffer, unter dem anderen saß mit eingezogenem
Schwanz eine alte und missgelaunte Bulldogge.
»Wo ist denn mein Dudders?«, röhrte Tante Magda. »Wo ist
mein Neffilein?«
Dudley kam den Flur entlanggewatschelt, das Blondhaar
flach auf den fetten Schädel geklebt, und unter seinen vielen
Kinnen lugte gerade noch der Zipfel einer Fliege hervor. Tante
Magda wuchtete ihren Koffer in Harrys Magen, dass er nach
Luft schnappen musste, drückte Dudley mit einem Arm
schraubstockfest an ihr Herz und pflanzte ihm einen Kuss auf
die Wange.
Harry wusste genau, dass Dudley Tante Magdas Umar-
mungen nur ertrug, weil er dafür gut bezahlt wurde. Beim
26
Abschied würde er eine knisternde Zwanzig-Pfund-Note in
seiner fetten Faust finden.
»Petunia!«, rief Tante Magda und schritt an Harry vorbei,
als wäre er ein Hutständer. Tante Magda und Tante Petunia
küssten sich, besser gesagt ließ Tante Magda ihren massigen
Kiefer gegen Tante Petunias hervorstehende Wangenknochen
krachen.
Onkel Vernon kam jetzt herein und schloss die Tür mit
einem leutseligen Lächeln.
»Tee, Magda?«, fragte er. »Und was dürfen wir Ripper an-
bieten?«
»Ripper kann ein wenig Tee aus meiner Tasse haben«, sagte
Tante Magda, während sie sich in die Küche begaben und Harry
im Flur mit dem Koffer allein ließen. Doch Harry beklagte sich
nicht; jede Ausrede, nicht mit Tante Magda zusammen sein zu
müssen, war ihm recht, und als hätte er alle Zeit der Welt, hievte
er den Koffer die Treppe empor.
Als er in die Küche zurückkam, war Tante Magda schon mit
Tee und Obstkuchen versorgt und Ripper schlabberte
geräuschvoll in der Ecke. Harry bemerkte, wie Tante Petunia
leicht die Mundwinkel verzog, weil Ripper ihren sauberen
Boden mit Tee und Sabber bespritzte. Tante Petunia konnte
Tiere nicht ausstehen.
»Wer kümmert sich denn um die anderen Hunde, Magda?«,
fragte Onkel Vernon.
»Ach, ich hab sie in die Obhut von Oberst Stumper ge-
geben«, strahlte Tante Magda. »Er ist jetzt pensioniert. Ein
kleiner Zeitvertreib kann ihm nicht schaden. Aber den armen
alten Ripper hab ich nicht dalassen können. Er leidet ja so, wenn
er nicht bei mir ist.«
Als Harry sich setzte, begann Ripper zu knurren. Das lenkte
Tante Magdas Aufmerksamkeit zum ersten Mal auf Harry.
27
»So!«, bellte sie, »immer noch hier?«
»Ja«, sagte Harry.
»Sag nicht in diesem unhöflichen Ton >ja<, hörst du«,
knurrte Tante Magda. »Verdammt gut von Vernon und Petunia,
dich hier zu behalten. Ich hätte das nicht getan. Hätten sie dich
vor meiner Tür ausgesetzt, wärst du sofort ins Waisenhaus
gekommen.«
Harry war drauf und dran zu antworten, er würde lieber in
einem Waisenhaus als bei den Dursleys leben, doch der
Gedanke an die Erlaubnis für Hogsmeade hielt ihn davon ab. Er
zwang sein Gesicht zu einem schmerzhaften Lächeln.
»Grins mich nicht so an!«, donnerte Tante Magda. »Ich
sehe, du hast dich seit unserer letzten Begegnung nicht ge-
bessert. Ich hatte gehofft, in der Schule würden sie dir ein paar
Manieren einprügeln.« Sie nahm einen kräftigen Schluck Tee,
wischte sich den Schnurrbart und sagte: »Wo schickst du ihn
noch mal hin, Vernon?«
»Nach St. Brutus«, antwortete Onkel Vernon prompt.
»Erstklassige Anstalt für hoffnungslose Fälle.«
»Verstehe«, sagte Tante Magda. »Machen sie in St. Brutus
auch vom Rohrstock Gebrauch, Bursche?«, blaffte sie über den
Tisch.
»Ähm -«
Onkel Vernon nickte hinter Tante Magdas Rücken.
»Ja«, sagte Harry. Wenn schon, denn schon, überlegte er
dann und fügte hinzu: »Tagein, tagaus.«
»Vortrefflich«, sagte Tante Magda. »Dieses windelweiche
Wischiwaschi, dass man Leute nicht schlagen soll, die es doch
verdienen, kann ich nicht vertragen. In neunzig von hundert
Fällen hilft eine gute Tracht Prügel. Hat man dich oft
geschlagen?«
»O ja«, sagte Harry, »viele Male.«
Tante Magda verengte die Augen zu Schlitzen.
28
»Dein Ton gefällt mir immer noch nicht, Bürschchen«, sagte
sie. »Wenn du so lässig von deinen Hieben reden kannst, dann
schlagen sie offenbar nicht hart genug zu. Petunia, wenn ich du
wäre, würde ich dort hinschreiben. Mach ihnen klar, dass du im
Falle dieses Jungen den Einsatz äußerster Gewalt gutheißt.«
Vielleicht machte sich Onkel Vernon Sorgen, Harry könnte
die Abmachung vergessen haben; jedenfalls wechselte er abrupt
das Thema.
»Schon die Nachrichten gehört heute Morgen, Magda? Was
sagst du zu der Geschichte mit diesem Ausbrecher?«
Während sich Tante Magda allmählich häuslich einrichtete,
erwischte sich Harry bei fast sehnsüchtigen Gedanken an das
Leben in Nummer vier ohne sie. Onkel Vernon und Tante
Petunia gaben sich meist damit zufrieden, wenn Harry ihnen aus
dem Weg ging, und Harry war das nur recht. Tante Magda
jedoch wollte Harry ständig im Auge behalten, so dass sie Vor-
schläge für die Besserung seines Betragens zum Besten geben
konnte. Vorzugsweise verglich sie Harry mit Dudley und kaufte
Dudley teure Geschenke, während sie Harry tückisch anstarrte,
als wollte sie ihn herausfordern zu fragen, warum er nicht auch
ein Geschenk bekomme. Auch ließ sie ständig Mutmaßungen
fallen, aus welchem Grund wohl Harry zu einer dermaßen
unzulänglichen Person geworden sei.
»Du musst dir keinen Vorwurf machen, dass der Junge so
geworden ist, Vernon«, sagte sie am dritten Tag beim Mittag-
essen. »Wenn im Innern etwas Verdorbenes steckt, kann kein
Mensch etwas dagegen machen.«
Harry versuchte sich auf das Essen zu konzentrieren, doch
.seine Hände zitterten und sein Gesicht fing an vor Zorn zu
brennen. Denk an die Erlaubnis, mahnte er sich selbst. Denk an
Hogsmeade. Sag nichts. Steh nicht auf.
29
Tante Magda griff nach ihrem Weinglas.
»Das ist eine Grundregel der Zucht«, sagte sie. »Bei Hunden
kann man es immer wieder beobachten. Wenn etwas mit der
Hündin nicht stimmt, wird auch mit den Welp-«
In diesem Augenblick explodierte das Weinglas in Tante
Magdas Hand. Scherben stoben in alle Richtungen davon und
Tante Magda prustete und blinzelte und von ihrem großen
geröteten Gesicht tropfte der Wein.
»Magda!«, kreischte Tante Petunia. »Magda, hast du dir was
getan?«
»Keine Sorge«, grunzte Tante Magda und wischte sich mit
der Serviette das Gesicht. »Muss es wohl zu fest gedrückt ha-
ben. Ist mir letztens auch bei Oberst Stumper passiert. Kein
Grund zur Aufregung, Petunia, ich hab einen ziemlich festen
Griff -«
Doch Tante Petunia und Onkel Vernon sahen Harry miss-
trauisch an, und so beschloss er den Nachtisch lieber wegzu-
lassen und der Tischrunde so bald wie möglich zu entfliehen.
Draußen im Flur lehnte er sich gegen die Wand und atmete
tief durch. Es war schon lange her, dass er die Beherrschung
verloren und etwas hatte explodieren lassen. Das durfte ihm auf
keinen Fall noch mal passieren. Die Erlaubnis für Hogsmeade
war nicht das Einzige, was auf dem Spiel stand - wenn er so
weitermachte, würde er auch noch Schwierigkeiten mit dem
Zaubereiministerium kriegen.
Harry war immer noch ein minderjähriger Zauberer und es
war ihm nach dem Zauberergesetz verboten, außerhalb der
Schule zu zaubern. Er hatte zudem keine ganz weiß Weste. Erst
letzten Sommer hatte er eine offizielle Verwarnung bekommen,
in der es klar und deutlich hieß, falls das Ministerium noch
einmal von Zauberei im Ligusterweg Wind bekäme, würde ihm
der Schulverweis von Hogwarts drohen.
30
Er hörte die Dursleys aufstehen und verschwand rasch nach
oben.
Die nächsten Tage Überstand Harry, indem er sich zwang, an
sein Do-it-yourself-Handbuch zur Besenpflege zu denken, wann
immer Tante Magda es auf ihn anlegte. Das klappte ganz gut,
auch wenn sein Blick dabei offenbar etwas glasig wurde, denn
Tante Magda begann die Meinung zu äußern, er sei geistig
unterbelichtet.
Endlich, nach einer Ewigkeit, brach der letzte Abend von
Tante Magdas Aufenthalt an. Tante Petunia kochte ein schickes
Essen und Onkel Vernon entkorkte mehrere Flaschen Wein. Sie
schafften es durch die Suppe und den Lachs, ohne Harrys
Charaktermängel auch nur mit einem Wort zu erwähnen; bei der
Zitronen-Meringe-Torte langweilte Onkel Vernon alle mit einem
Vortrag über Grunnings, seine Bohrerfirma. Dann kochte Tante
Petunia Kaffee und Onkel Vernon stellte eine Flasche Kognak
auf den Tisch.
»Ein Schlückchen, Magda?«
Tante Magda hatte dem Wein bereits ausgiebig zugespro-
chen. Ihr riesiges Gesicht war puterrot.
»Aber nur ein winziges, bitte«, kicherte sie. »Noch ein
wenig - und noch ein bisschen - so ist es fein.«
Dudley verspeiste sein viertes Stück Torte. Tante Petunia
schlürfte mit abgespreiztem kleinem Finger an ihrem Kaffee.
Harry wollte sich eigentlich in sein Zimmer verziehen, doch als
er in Onkel Vernons zornige kleine Augen blickte, wusste er,
dass er es aussitzen musste.
»Aah«, sagte Tante Magda, stellte das leere Glas auf den
Tisch und leckte sich die Lippen. »Ausgezeichneter Schmaus,
Petunia. Normalerweise wärm ich mir abends nur was auf, wo
ich mich doch um zwölf Hunde kümmern muss ...« Sie
rülpste herzhaft und tätschelte ihren runden tweedbedeck-
31
ten Bauch. »Verzeihung. Aber ich für meinen Teil sehe gern
einen Jungen, der gut beieinander ist«, fuhr sie fort und
zwinkerte Dudley zu. »Du wirst sicher mal ein stattlicher Mann,
Dudders, wie dein Vater. ja, danke, Vernon, noch ein winziges
Schlückchen Kognak...«
»Aber der da -«
Sie ruckte mit dem Kopf in Richtung Harry, dessen Magen
sich verkrampfte.
Das Handbuch, dachte er rasch.
»Der da hat ein fieses, zwergenhaftes Aussehen. Das sieht
man auch bei Hunden. Letztes Jahr hab ich Oberst Stumper
einen ertränken lassen. Rattiges kleines Ding. Schwach. Un-
terzüchtet.«
Harry versuchte sich Seite zwölf seines Buches in Erinne-
rung zu rufen: Ein Zauber zur Kur widerstrebender
Wiedergänger.
»Alles eine Frage des Blutes, sag ich immer. Schlechtes Blut
zeigt sich einfach. Nun, ich will nichts gegen eure Familie
sagen, Petunia -«, sie tätschelte Tante Petunias Hand mit ihrer
eigenen schaufelgroßen, »- aber deine Schwester war ein faules
Ei. Kommt in den besten Familien vor. Dann ist sie mit diesem
Taugenichts abgehauen und was dabei herauskam, sitzt hier vor
uns.«
Harry starrte auf seinen Teller, ein merkwürdiges Klingeln
in den Ohren. Packen Sie Ihren Besen fest am Schweif, dachte
er. Doch er wusste nicht mehr, was dann kam. Tante Magda
schien in ihn hineinzubohren wie einer von Onkel Vernons
Bohrern.
»Dieser Potter«, sagte Tante Magda laut, griff sich die Fla-
sche und schüttete Kognak in ihr Glas und auf das Tischtuch,
»ihr habt mir nie gesagt, was er beruflich gemacht hat!«
Onkel Vernon und Tante Petunia schienen auf glühenden
Kohlen zu sitzen. Sogar Dudley hatte den Blick von der Torte
erhoben und starrte seine Eltern an.
32
»Er - er hat nicht gearbeitet«, sagte Onkel Vernon und warf
Harry einen kurzen Blick zu. »War arbeitslos.«
»Das hab ich mir gedacht!«, sagte Tante Magda, nahm einen
gewaltigen Schluck Kognak und wischte sich mit dem Ärmel
das Kinn. »Ein fauler Rumtreiber, der -«
»War er nicht«, sagte Harry plötzlich. Am Tisch trat jähe
Stille ein. Harry zitterte am ganzen Körper. Noch nie war er so
zornig gewesen.
»Noch Kognak!«, schrie Onkel Vernon, der käseweiß ge-
worden war. Er schüttete den Rest der Flasche in Tante Magdas
Glas.
»Und du, Bursche«, fauchte er Harry an, »du gehst zu Bett,
verschwinde -«
»Nein, Vernon«, hickste Tante Magda mit erhobener Hand,
während sie ihre kleinen, blutunterlaufenen Augen fest auf
Harry richtete. »Sprich weiter, Bürschchen, nur weiter. Stolz auf
deine Eltern, nicht wahr? Da gehen die doch einfach hin und
fahren sich zu Tode - betrunken, nehm ich an -«
»Sie sind nicht bei einem Autounfall gestorben!«, sagte
Harry, der plötzlich auf den Füßen stand.
»Sind sie sehr wohl, du frecher kleiner Lügner, und sie ha-
ben dich zurückgelassen als Last für ihre anständigen, hart ar-
beitenden Verwandten!«, schrie Tante Magda und schwoll vor
Zorn an. »Du bist ein unverschämter, undankbarer kleiner -«
Doch Tante Magda verstummte plötzlich. Einen Moment
lang sah es so aus, als fehlten ihr die Worte. Sie schien vor
unsäglicher Wut anzuschwellen - doch es nahm kein Ende. Ihr
großes rotes Gesicht dehnte sich aus, die winzigen Augen
traten hervor und der Mund war so fest gespannt, dass
sie nicht mehr sprechen konnte - und jetzt rissen einige
Knöpfe von ihrer Tweedjacke und flogen gegen die Wände -
sie schwoll an wie ein monströser Ballon, ihr
33
Bauch platzte jetzt durch ihren Tweedbund, jeder einzelne
Finger blähte sich zu Salamigröße auf -
»Magda«, schrien Onkel Vernon und Tante Petunia wie
einem Munde, als Tante Magdas ganzer Körper vom Stuhl
abhob. Sie war jetzt kugelrund wie ein riesiger Wasserball mit
Schweinchenaugen, Hände und Füße stachen merkwürdig ab,
während sie unter Würgen und Puffen in die Höhe schwebte.
Ripper kam ins Zimmer gewatschelt und fing an wie verrückt zu
bellen.
»Neeeeeeeinn!«
Onkel Vernon packte Magda an einem Fuß und versuchte
sie herunterzuziehen, doch er selbst hob beinahe vom Boden ab.
Im nächsten Augenblick machte Ripper einen Satz und
versenkte die Zähne in Onkel Vernons Bein.
Harry verschwand aus dem Esszimmer, bevor ihn jemand
aufhalten konnte, und rannte zum Schrank unter der Treppe. Die
Schranktür sprang von Zauberhand auf, als er sich näherte. Im
Handumdrehen hatte er seinen großen Reisekoffer zur Haustür
geschleift. Er sprintete die Treppe hoch, hechtete unter das Bett,
riss das lose Dielenbrett heraus und griff sich den Kissenüberzug
mit seinen Büchern und Geschenken. Er kroch unter dem Bett
hervor, packte Hedwigs leeren Käfig und stürzte die Treppe
hinunter zu seinem Koffer, gerade als Onkel Vernon, die Hose
in blutige Fetzen gerissen, aus dem Esszimmer platzte.
»Komm zurück!«, bellte er, »komm rein und bring sie
wieder in Ordnung!«
Doch Harry hatte ein rücksichtsloser Zorn überwältigt. Er
stieß den Kofferdeckel auf, zog seinen Zauberstab heraus und
richtete ihn auf Onkel Vernon.
»Sie hat es verdient«, sagte er nach Atem ringend, »sie hat
verdient, was sie bekommen hat. Und du bleibst mir vom Hals.«
34
Er langte hinter sich und fummelte an der Türkette. »Ich
gehe«, sagte Harry. »Mir reicht's.« Und schon war er draußen
auf der dunklen, stillen Straße; mit Hedwigs Käfig unter dem
einen Arm schleifte er mit dem andern den Koffer hinter sich
her.
35
Der Fahrende Ritter
Harry zog mit dem schweren Koffer im Schlepptau durch die
nächtlichen Straßen und sank schließlich keuchend auf ein
Mäuerchen am Magnolienring. Reglos saß er da, doch noch
immer kochte in ihm der Zorn und er spürte das rasende Pochen
seines Herzens in den Ohren.
Nach zehn Minuten allein auf der dunklen Straße überkam
ihn ein neues Gefühl: Panik. Wie er die Sache auch immer
drehte und wendete, er war noch nie in einer so miserablen Lage
gewesen, allein, auf sich gestellt, in der Welt der Muggel
gestrandet und weit und breit niemand, an den er sich hätte
wenden können. Das Schlimmste jedoch war, dass er gerade
mutwillig gezaubert hatte, und das bedeutete, dass sie ihn fast
sicher aus Hogwarts rauswerfen würden. Er hatte die
Verordnung zur Beschränkung der Zauberei Minderjähriger so
krass verletzt, dass er sich wunderte, dass die Vertreter des
Zaubereiministeriums nicht hier und jetzt auf ihn niedersausten.
Zitternd sah er den Magnolienring entlang. Was würde mit
ihm geschehen? Würden sie ihn verhaften oder ihn nur aus der
Zaubererwelt verbannen? Er dachte an Ron und Hermine, und
das Herz wurde ihm noch schwerer. Ron und Hermine, ob er
nun kriminell war oder nicht, würden ihm jetzt sicher helfen,
doch sie waren beide im Ausland, und ohne Hedwig hatte er
keine Möglichkeit, Verbindung mit ihnen aufzunehmen.
Außerdem hatte er kein Muggelgeld. Ein wenig Zaube-
36
rergold war im Geldbeutel unten im Koffer, doch der Rest des
Vermögens, das ihm seine Eltern hinterlassen hatten, lagerte in
einem Verlies der Gringotts-Zaubererbank in London. Seinen
Koffer bis nach London zu schleifen würde er nie schaffen.
Außer
Er sah hinunter auf seinen Zauberstab, den er immer noch
umklammert hielt. Wenn er schon rausgeworfen war (sein Herz
pochte nun so schnell, dass es wehtat), konnte noch ein wenig
mehr Zauberei nicht weiter schaden. Er hatte den Tarnumhang,
den er von seinem Vater geerbt hatte - was, wenn er den Koffer
verzauberte, so dass er federleicht war, ihn an seinen Besen
band, sich den Umhang überwarf und einfach nach London
flog? Dann konnte er den Rest seines Geldes aus dem Verlies
holen und ... sein neues Leben als Verbannter beginnen. Eine
fürchterliche Aussicht, doch er konnte ja nicht ewig auf dieser
Mauer sitzen und am Ende noch der Muggelpolizei erklären
müssen, warum er sich mitten in der Nacht mit einem Koffer
voller Zauberbücher und einem Besen herumtrieb.
Harry öffnete den Koffer und kramte unter seinen Sachen
nach dem Tarnumhang. Doch bevor er ihn gefunden hatte,
richtete er sich plötzlich auf und sah sich um.
Ein komisches Prickeln im Nacken gab ihm das Gefühl, er
würde beobachtet. Doch die Straße schien immer noch
menschenleer und kein Fenster der großen, quadratischen
Häuser war erleuchtet.
Er beugte sich wieder über seinen Koffer, doch fast sofort
stand er erneut auf, die Hand um den Zauberstab geklammert. Er
ahnte es eher, als dass er es hörte: jemand oder etwas stand
hinter ihm, im schmalen Durchgang zwischen dem Zaun und
einer Garage. Harry spähte in die Dunkelheit hinein. Wenn es
sich nur bewegen würde, dann würde er sehen, ob es nur eine
streunende Katze war - oder etwas anderes.
37
»Lumos«, murmelte Harry und an der Spitze seines Zau-
berstabes erschien ein Licht, das ihn fast blendete. Er hielt den
Zauberstab hoch über den Kopf, und die rau verputzten Mauern
von Nummer zwei glitzerten plötzlich; die Garagentür
schimmerte und dazwischen sah Harry ganz deutlich die
mächtigen Umrisse von etwas sehr Großem mit weit
aufgerissenen, glühenden Augen.
Harry wich zurück - er stieß mit dem Bein gegen seinen
Koffer und stolperte. Der Zauberstab flog ihm aus der Hand, als
er einen Arm ausstreckte, um den Sturz abzufangen, und er
landete schmerzhaft im Rinnstein.
Da ertönte ein ohrenbetäubender Knall und Harry riss die
Hände vors Gesicht, um seine Augen vor dem jähen, blendenden
Licht eines Scheinwerfers zu schützen.
Mit einem Schrei rollte er zurück auf den Gehweg, gerade
noch rechtzeitig. Eine Sekunde später kam ein gigantisches Paar
Reifen ebendort quietschend zum Stehen, wo Harry gerade
gelegen hatte. Sie gehörten, wie er erkannte, als er den Kopf
hob, zu einem grell purpurfarbenen Bus, einem Dreidecker, der
aus dem Nichts aufgetaucht war. Goldene Lettern über der
Windschutzscheibe verkündeten: Der Fahrende Ritter.
Einen kurzen Moment lang fragte sich Harry, ob er nach
seinem Sturz noch alle Tassen im Schrank hatte. Dann sprang
ein Schaffner in purpurner Uniform aus dem Bus und begann
laut in die Nacht hinein zu sprechen.
»Willkommen im Fahrenden Ritter, dem Nottransporter für
gestrandete Hexen und Zauberer. Strecken Sie einfach die
Zauberstabhand aus, steigen Sie ein und wir fahren Sie, wohin
Sie wollen. Mein Name ist Stan Shunpike und ich bin für heute
Abend Ihr Schaff-«
Der Schaffner verstummte jäh. Er hatte Harry entdeckt, der
immer noch auf dem Boden saß. Harry hob seinen Zau-
38
berstab auf und rappelte sich hoch. Von nahem sah er, dass Stan
Shunpike nur ein paar Jahre älter war als er; achtzehn oder
neunzehn höchstens, mit großen, abstehenden Ohren und einer
hübschen Portion Pickel.
»Was hast du denn da unten gesucht?«, fragte Stan, jetzt
ganz ohne seinen beruflichen Ernst.
»Bin hingefallen«, sagte Harry.
»Wozu das denn?«, kicherte Stan.
»War keine Absicht«, sagte Harry genervt. Seine Jeans war
an einem Knie aufgerissen und die Hand, die er ausgestreckt
hatte, um sich abzufangen, blutete. Plötzlich fiel ihm ein, warum
er gestürzt war, drehte sich auf den Fersen um und starrte auf
den Durchgang zwischen dem Zaun und der Garage. Die
Scheinwerfer des Fahrenden Ritters überfluteten ihn mit Licht -
und nichts war zu sehen.
»Wen suchste denn?«, fragte Stan.
»Da war etwas Großes und Schwarzes«, sagte Harry und
deutete unsicher auf den Durchgang. »Wie ein Hund ... aber
riesig . ».«
Er drehte sich zu Stan um, dessen Mund halb offen stand.
Harry war mulmig zumute, als er Stans Augen zu der Narbe auf
seiner Stirn wandern sah.
»Was'n das auf deinem Kopf?«, sagte Stan abrupt.
»Nichts«, sagte Harry schnell und patschte sich die Haare
auf seine Narbe. Wenn das Zaubereiministerium nach ihm
suchte, wollte er es ihnen nicht zu einfach machen.
»Wie heißt'n du?«, bohrte Stan nach.
»Neville Longbottom.« Das war der erstbeste Name, der
ihm einfiel. »Also - also dieser Bus«, fuhr er rasch fort in der
Hoffnung, Stan ablenken zu können, »du sagst, er fährt
überallhin?«
»Jep«, sagte Stan stolz, »wo immer du hinwillst, solange es
auf Land ist. Unter Wasser geht's nich.« Wieder sah er Harry
39
misstrauisch an. »Hör mal, du hast uns doch gewinkt, oder?
Hast deinen Zauberstab ausgestreckt, nich wahr?«
»Ja«, sagte Harry rasch. »Hör mal, wie viel würde es nach
London kosten?«
»Elf Sickel«, sagte Stan, »aber für dreizehn kriegst du heiße
Schokolade und für fünfzehn eine Flasche warmes Wasser und
eine Zahnbürste in der Farbe deiner Wahl.«
Wieder kramte Harry in seinem Koffer, zog seinen Geld-
beutel heraus und zählte etwas Silber in Stans Hand. Dann
hoben sie gemeinsam den Koffer und Hedwigs Käfig die Stufen
des Busses empor.
Es gab keine Sitze; ein halbes Dutzend Messingbetten stand
entlang der vorhangbezogenen Fenster. Neben jedem Bett
brannten Kerzen in Haltern und beleuchteten die holzgetäfelten
Wände. Hinten im Bus nuschelte ein winziger Zauberer mit
Nachtmütze: »Nicht jetzt, danke, ich pökle gerade ein paar
Schnecken«, drehte sich um und schlief weiter.
»Das ist deins«, flüsterte Stan und schob Harrys Koffer un-
ter das Bett gleich hinter dem Fahrer, der in einem Lehnstuhl vor
dem Steuer saß. »Das ist unser Fahrer, Ernie Prang. Ern, das ist
Neville Longbottom.«
Ernie Prang, ein älterer Zauberer mit dicken Brillengläsern,
nickte Harry zu, der noch einmal nervös die Haare auf die Stirn
klatschte und sich auf sein Bett setzte.
»Leg los, Ern«, sagte Stan und setzte sich in den Sessel ne-
ben Ernie.
Es gab einen weiteren gewaltigen Knall und im nächsten
Moment lag Harry flach auf dem Bett, hingeworfen durch die
Beschleunigung des Fahrenden Ritters. Er rappelte sich hoch,
starrte aus dem Fenster und sah, dass sie nun eine ganz andere
Straße entlangrollten. Stan musterte Harrys verdutztes Gesicht
mit großem Vergnügen.
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»Hier waren wir, bevor du uns runtergewinkt hast«, sagte er.
»Wo sind wir, Ern? Irgendwo in Wales?«
»Hmm«, sagte Ernie.
»Wie kommt es, dass die Muggel den Bus nicht hören?«,
fragte Harry.
»Die!«, sagte Stan verächtlich. »Hörn nicht richtig hin, nich
wahr? Gucken auch nicht richtig. Merken nie nichts, nee.«
»Am besten, du weckst Madam Marsh auf, Stan«, sagte Ern.
»Wir sind gleich in Abergavenny.«
Stan ging an Harrys Bett vorbei, stieg eine schmale Holz-
treppe hoch und verschwand. Harry sah immer noch aus (lern
Fenster, zunehmend nervös. Ernie schien den Gebrauch eines
Steuers noch nicht gemeistert zu haben. Der Fahrende Ritter
holperte immer wieder über Gehwege, doch nie krachte es.
Reihenweise Laternenpfähle, Briefkästen und Mülleimer
sprangen ihm aus dem Weg, wenn er sich näherte, und zurück
auf ihren Platz, wenn er vorbei war.
Stan kam wieder herunter, gefolgt von einer Hexe, die in
einen Reiseumhang eingehüllt war und ein bisschen grün im
Gesicht wirkte.
»Da sind wir, Madam Marsh«, sagte Stan glücklich, als Ern
Auf die Bremse trat und die Betten ungefähr einen halben Meter
in Richtung Fahrersitz schlitterten. Doch Madam Marsh drückte
sich nur schnell ein Taschentuch gegen den Mund und wankte
die Stufen hinunter. Stan warf ihr die Tasche hinterher und
schlug die Tür zu. Wieder ertönte ein lauter Knall und sie
donnerten eine schmale Allee entlang, .m deren Rand die Bäume
aus dem Weg sprangen.
Harry hätte ohnehin nicht schlafen können, selbst wenn er
nicht in einem Bus gesessen hätte, der ständig laut knallte
und hundertfünfzig Kilometer auf einmal überspringen
konnte. Ihm drehte sich der Magen, als ihm wieder die
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Frage einfiel, was wohl mit ihm geschehen würde und ob die
Dursleys es schon geschafft hatten, Tante Magda von der Decke
zu holen.
Stan hatte inzwischen eine Ausgabe des Tagespropheten
aufgeschlagen und las mit der Zunge zwischen den Zähnen in
dem Blatt. Ein großes Foto von einem Mann mit eingesunkenem
Gesicht und langem, verfilztem Haar blickte Harry von der
Titelseite entgegen. Es kam ihm merkwürdig bekannt vor.
»Der Mann da!«, sagte Harry und vergaß für eine Welle
seine Sorgen, »er war in den Muggelnachrichten.«
Stanley blätterte zur Titelseite zurück und kiekste.
»Sirius Black«, sagte er kopfnickend. »Natürlich war er in
den Muggelnachrichten, Neville. Wo hast du eigentlich ge-
steckt?«
Beim Anblick von Harrys ratloser Miene kicherte er über-
legen, riss die Titelseite heraus und gab sie Harry.
»Du solltest mehr Zeitung lesen, Neville.«
Harry hielt das Blatt ins Kerzenlicht und las:
Black immer noch auf freiem Fuß
Sirius Black, der wohl berüchtigste Gefangene, der je in der
Festung von Askaban saß, ist immer noch auf der Flucht, wie
das Zaubereiministerium heute bestätigte.
»Wir tun alles, was wir können, um Black zu fassen«, sagte
Zaubereiminister Cornelius Fudge heute Morgen, »und wir
bitten alle Hexen und Zauberer, Ruhe zu bewahren.«
Fudge wurde von Mitgliedern der Internationalen Verei-
nigung von Zauberern kritisiert, weil er den Premierminister der
Muggel von der Krise unterrichtet hatte.
»Nun, es blieb mir nichts anderes übrig, wissen Sie«, sagte
der verärgert wirkende Fudge. »Black ist verrückt. Er ist eine
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Gefahr für jeden, der ihm über den Weg läuft, ob Magier oder
Muggel. Der Premierminister hat mir versichert, dass er kein
Wort darüber verlauten lassen wird, wer Black in Wahrheit ist.
Und seien wir ehrlich - wer würde ihm schon glauben?«
Während die Muggel gewarnt wurden, dass Black mit einer
Pistole bewaffnet ist (eine Art metallener Zauberstab, mit dem
sich die Muggel gegenseitig umbringen), lebt die
Zauberergemeinschaft in Furcht vor einem weiteren Massaker
wie dem vor zwölf Jahren, als Black mit einem einzigen Fluch
dreizehn Menschen tötete.
Harry sah in die überschatteten Augen von Sirius Black, die
einzige Partie des eingesunkenen Gesichts, die lebendig schien.
Harry hatte nie einen Vampir getroffen, doch er hatte Bilder von
ihnen im Unterricht gesehen, in Verteidigung gegen die dunklen
Künste, und Black, mit seiner wachsweißen Haut, sah genau wie
ein Vampir aus.
»Kann einem ganz schön Angst einjagen, nich wahr?«, sagte
Stan, der Harry beim Lesen beobachtet hatte.
»Er hat dreizehn Menschen umgebracht?«, sagte Harry und
gab Stan die Seite zurück, »mit einem Fluch?«
»Jep«, sagte Stan, »und auch noch vor Zeugen. Am
helllichten Tag. Gab 'n ziemlichen Aufruhr, nich wahr, Ern?«
»Hmm«, mümmelte Ernie.
Stan, die Hände auf der Rückenlehne, drehte sich mitsamt
Stuhl herum, um Harry besser sehen zu können.
»Black war ein großer Anhänger von Du-weißt-schon-
wem«, sagte er.
»Wie, Voldemort?«, sagte Harry unbedacht.
Selbst Stans Pickel wurden weiß; Ern riss das Steuer so
heftig herum, dass ein ganzer Bauernhof dem Bus aus dem Weg
springen musste.
43
»Hast du sie nicht mehr alle?«, keuchte Stan. »Wozu sagst
du seinen Namen?«
»Tut mir Leid«, sagte Harry hastig, »entschuldigt, ich - ich
hab vergessen -«
»Vergessen!«, sagte Stan mit matter Stimme. »Du lieber
Junge, mein Herz pocht so schnell ...«
»Also - war Black ein Anhänger von Du-weißt-schon-
wem?«, hakte Harry mit Verzeihung heischender Miene nach.
»Ja«, sagte Stan und rieb sich die Brust. »Ja, das stimmt.
Stand Du-weißt-schon-wem sehr nahe, heißt es. jedenfalls, als
der kleine Harry Potter mit Du-weißt-schon-wem Schluss
machte -«
Wieder strich sich Harry nervös die Haare in die Stirn.
»- wurden alle Anhänger von Du-weißt-schon-wem auf-
gespürt, nich wahr, Ern? Die meisten wussten, dass alles vorbei
war, wo doch Du-weißt-schon-wer verschwunden war, und sie
gaben klein bei. Aber nicht Sirius Black. Hab gehört, er dachte,
er würde der zweite Mann sein, wenn Du-weißt-schon-wer eines
Tages die Macht übernommen hätte.
jedenfalls haben sie Black mitten auf einer Straße voller
Muggel eingekreist und Black hat seinen Zauberstab gezogen
und die halbe Straße in die Luft gejagt. Einen Zauberer hat er
dabei erwischt und auch ein Dutzend Muggel, die im Weg
waren. Furchtbar, nich? Und weißt du, was Black dann getan
hat?«, fuhr Stan dramatisch flüsternd fort.
»Was?«, sagte Harry.
»Gelacht«, sagte Stan. »Hat einfach dagestanden und ge-
lacht. Und als die Verstärkung aus dem Zaubereiministerium
ankam, hat er sich seelenruhig abführen lassen und hat sich die
ganze Zeit geschüttelt vor Lachen. Weil er verrückt ist, nich
wahr, Ern? Isser nich verrückt?«
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»Wenn er's nich war, als er nach Askaban kam, dann lsser's
spätestens jetzt«, sagte Ern in seiner langsamen Art. »Würd
mich in die Luft jagen, bevor ich einen Fuß dort hineinsetze.
Geschieht ihm aber recht . .. nach dem, was er getan hat ...«
»War 'n ziemlicher Aufwand, die Sache zu vertuschen, nich
wahr, Ern?«, sagte Stan. »Ganze Straße in Schutt und Asche und
all die toten Muggel. Was haben sie noch mal gesagt, sei
passiert, Ern?«
»Gasexplosion«, brummte Ernie.
»Und jetzt isser raus«, sagte Stan und begutachtete erneut
das Zeitungsfoto von Sirius Blacks ausgemergeltem Gesicht.
»Hat noch nie jemand geschafft, aus Askaban auszubrechen,
nich, Ern? Frag mich, wie er's hingekriegt hat. jagt einem ganz
schön Angst ein, nich wahr? Möcht gar nicht wissen, was die
Wärter dort mit ihm angestellt haben, nich wahr, Ern?«
Ernie zitterte plötzlich.
»Lass uns über was andres reden, Stan, alter Junge. Wenn
ich an diese Wärter in Askaban denke, wird mir ganz anders.«
Widerstrebend legte Stan die Zeitung weg und Harry, der
sich jetzt noch elender fühlte, lehnte sich an ein Fenster. Un-
willkürlich stellte er sich vor, was Stan in ein paar Nächten
seinen Passagieren erzählen würde.
»Habt ihr von Harry Potter gehört? Hat seine Tante auf-
geblasen! Wir ham ihn hier im Fahrenden Ritter gehabt, oder,
Ernie? Hat versucht zu entkommen ...«
Er, Harry, hatte das Zaubergesetz gebrochen, genau wie
Sirius Black. War Tante Magda aufzublasen schlimm genug, um
in Askaban zu landen? Harry wusste nichts über das
Zauberergefängnis, nur dass jeder, den er es hatte erwähnen
hören, in angsterfülltem Ton gesprochen hatte. Hagrid, der
Wildhüter von Hogwarts, hatte erst letztes Jahr ein paar
45
Monate dort verbracht. Harry würde den Ausdruck des Ent-
setzens auf Hagrids Gesicht, als er hörte, dass er dorthin musste,
niemals vergessen, und Hagrid war einer der mutigsten
Menschen, die er kannte.
Der Fahrende Ritter rollte durch die Dunkelheit und Büsche
und Plotter, Telefonhäuschen und Bäume links und rechts des
Weges hüpften davon. Harry lag ruhelos und niedergeschlagen
auf seinem Federbett. Nach einer Weile fiel Stan ein, dass Harry
für heiße Schokolade bezahlt hatte, doch er schüttete alles über
Harrys Kopfkissen, als der Bus mit einem Schlag von Anglesea
nach Aberdeen sprang. Nach und nach kamen Zauberer und
Hexen in Morgenmänteln und Pantoffeln von den oberen Decks
herunter und stiegen aus. Alle schienen sehr glücklich darüber
zu sein.
Schließlich war Harry als letzter Passagier übrig geblieben.
»Lass hören, Neville«, sagte Stan und klatschte in die
Hände, »wohin in London?«
»Winkelgasse«, sagte Harry.
Die Winkelgasse war eine versteckte Straße voller Zaube-
rerläden. Dort war auch die Gringotts-Bank.
»Na gut«, sagte Stan, »dann halt dich mal fest -«
Knall!
Sie donnerten über eine Hauptverkehrsader Londons. Harry
setzte sich auf und sah zu, wie sich Häuser und Bänke aus dem
Weg des Fahrenden Ritters quetschten. Am Himmel wurde, es
allmählich heller. Er würde sich ein paar Stunden hinlegen, dann
zur Gringotts gehen, sobald sie öffnete, und dann fliehen -
wohin, wusste er nicht.
Ern trat jählings auf die Bremse und der Bus kam mit
quietschenden Reifen vor einem kleinen, schäbigen Pub zum
Stehen, dem Tropfenden Kessel, hinter dem das magische Tor
zur Winkelgasse lag.
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»Danke«, sagte Harry zu Ern.
Er sprang die Stufen hinunter und half Stan, seinen Koffer
und Hedwigs Käfig auf den Gehweg zu hieven.
»Na dann«, sagte Harry, »auf Wiedersehen!«
Doch Stan hörte ihn nicht. Er stand immer noch an der
Bustür und starrte glubschäugig auf den dunklen Eingang des
Tropfenden Kessels.
»Da bist du ja, Harry«, sagte eine Stimme.
Bevor Harry sich umdrehen konnte, spürte er eine Hand auf
seiner Schulter. Und im gleichen Moment schrie Stan:
»Wahnsinn! Ern, komm mal her! Komm her!«
Harry blickte hoch zum Besitzer der Hand auf seiner
Schulter und ihm war plötzlich, als würde ein Eimer Eis in
seinen Magen geschüttet - er war geradewegs in die Arme des
Zaubereiministers Cornelius Fudge gelaufen.
Stan sprang neben ihn auf den Gehweg.
»Wie haben Sie Neville gerade genannt, Herr Minister?«,
fragte er aufgeregt.
Fudge, ein beleibter kleiner Mann in langem
Nadelstreifenumhang, sah abweisend und erschöpft aus.
»Neville?«, wiederholte er stirnrunzelnd. »Das ist Harry
Potter.«
»Ich hab's doch gewusst«, rief Stan schadenfroh. »Ern! Ern!
Rat mal, wer Neville ist, Ern! 's ist Harry Potter! Ich kann seine
Narbe sehen!«
»Ja«, sagte Fudge unwirsch. »Nun, ich bin sehr froh, dass
der Fahrende Ritter Harry aufgelesen hat. Wir beide gehen jetzt
rein in den Tropfenden Kessel -«
Fudge verstärkte den Druck seiner Hand auf Harrys Schulter
und Harry musste sich von ihm in den Pub bugsieren lassen.
Eine gebeugte Gestalt mit einer Laterne kam durch die Tür
hinter der Bar. Es war Tom, der in Weisheit ergraute zahnlose
Wirt.
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»Sie haben ihn, Herr Minister!«, sagte Tom. »Wünschen Sie
etwas? Bier? Cognac?«
»Vielleicht eine Kanne Tee«, sagte Fudge, der Harry immer
noch fest im Griff hielt.
Hinter ihnen hörten sie ein lautes Kratzen und Keuchen und
dann erschienen Stan und Ern mit Harrys Koffer und Hedwigs
Käfig. Sie sahen sich verwirrt um.
»Wieso haste uns denn nicht gesagt, wer du bist, he, Ne-
ville?«, sagte Stan und strahlte Harry an, während Ernies eu-
lenhaftes Gesicht interessiert über Stans Schulter lugte.
»Und einen Raum, wo wir ungestört sein können, bitte,
Tom«, sagte Fudge ungeduldig.
»Tschau«, sagte Harry bedrückt zu Stan und Ern, während
Tom den Minister zum Durchgang hinter der Bar wies.
»Tschau, Neville«, rief Stan.
Tom ging mit erhobener Laterne voran, und Fudge geleitete
Harry durch den schmalen Gang in ein kleines Hinterzimmer.
Tom schnippte mit den Fingern, ein kleines Feuer entflammte
im Kamin und mit einer Verbeugung ging er hinaus.
»Setz dich, Harry«, sagte Fudge und wies auf einen Stuhl
neben dem Kamin.
Harry setzte sich; trotz des wärmenden Feuers kroch ihm
eine Gänsehaut die Arme empor. Fudge zog seinen Nadel-
streifenumhang aus und warf ihn beiseite, dann krempelte er die
Hosenbeine seines flaschengrünen Anzugs hoch und setzte sich
Harry gegenüber.
»Ich bin Cornelius Fudge, Harry. Der Zaubereiminister.«
Das wusste Harry natürlich; er hatte Fudge schon einmal
gesehen, doch damals hatte er den Tarnumhang seines Vaters
getragen und Fudge erfuhr besser nichts von dieser Geschichte.
Tom, der Wirt, tauchte wieder auf, mit einer Schürze über
48
seinem Nachthemd und einem Tablett mit Tee und kleinen
Brötchen. Er stellte das Tablett auf den Tisch zwischen Fudge
und Harry, ging hinaus und schloss die Tür hinter sich.
»Nun, Harry«, sagte Fudge und schenkte ihnen Tee ein, »du
hast uns ganz schön in die Bredouille gebracht, das will ich dir
offen sagen. Erst dieses Schlamassel im Haus deiner
Verwandten anrichten und dann davonlaufen! Ich fürchtete
schon ... aber du bist in Sicherheit, und das ist alles, was zählt.«
Fudge butterte eine Brötchenhälfte und schob den Teller
Harry zu.
»Iss, Harry, du siehst ganz schön mitgenommen aus. Nun
denn ...
Es wird dich sicher freuen zu hören, dass wir die bedau-
ernswerte Sache mit der aufgeblasenen Miss Magdalene Dursley
bereinigt haben. Zwei Mitarbeiter der Abteilung für die Umkehr
verunglückter Zauberei wurden vor ein paar Stunden in den
Ligusterweg beordert. Miss Dursley wurde aufgestochen und ihr
Gedächtnis ein klein wenig verändert. Sie hat keinerlei
Erinnerung an den Vorfall. Es ist also nichts passiert, und die
Sache ist erledigt.«
Fudge lächelte Harry über den Rand seiner Teetasse hinweg
an, ganz wie ein guter Onkel, der seinem Lieblingsneffen ein
hübsches Geschenk gemacht hat. Harry, der seinen Ohren nicht
trauen wollte, öffnete den Mund, doch ihm fiel nichts ein, was er
hätte sagen können, und er klappte ihn wieder zu.
»Aah, du machst dir Sorgen, wie Tante und Onkel reagie-
ren?«, sagte Fudge. »Nun, ich will nicht bestreiten, dass sie
Äußerst wütend sind, Harry, aber sie sind bereit, dich nächsten
Sommer wieder aufzunehmen, solange du über Weihnachten
und Ostern in Hogwarts bleibst.«
Harry räusperte sich.
49
»In den Weihnachtsferien und den Osterferien bleibe ich
immer in Hogwarts«, sagte er, »und in den Ligusterweg will ich
nie wieder zurück.«
»Schon gut, schon gut, Harry, wenn du dich erst einmal
beruhigt hast, denkst du sicher anders darüber«, sagte Fudge in
besorgtem Ton. »Es ist schließlich deine Familie, und ich bin
sicher, ihr mögt euch alle miteinander - ähm - tief im Grunde
eurer Herzen.«
Harry hatte keine Lust, Fudge eines Besseren zu belehren.
Er wartete immer noch darauf zu hören, was jetzt mit ihm
passieren würde.
»Also müssen wir nur noch klären«, sagte Fudge und but-
terte sich sein zweites Brötchen, »wo du die letzten beiden
Ferienwochen verbringst. Ich schlage vor, du nimmst hier im
Tropfenden Kessel ein Zimmer und -«
»Moment mal«, brach es aus Harry hervor, »was ist mit
meiner Bestrafung?«
Fudge zwinkerte. »Bestrafung?«
»Ich hab das Gesetz gebrochen!«, sagte Harry. »Die Ver-
ordnung zur Beschränkung der Zauberei Minderjähriger!«
»O mein lieber Junge, wir werden dich doch wegen einer,
solchen Lappalie nicht bestrafen!«, rief Fudge und fuchtelte mit
der Brötchenhälfte in der Hand ungeduldig durch die Luft. »Es
war ein Unfall! Wir schicken doch nicht Leute nach Askaban,
nur weil sie ihre Tante aufgeblasen haben!«
Das passte nun überhaupt nicht zu Harrys früheren Erfah-
rungen mit dem Zaubereiministerium.
»Letztes Jahr habe ich eine offizielle Verwarnung gekriegt,
nur weil ein Hauself einen Teller mit Nachtisch im Haus meines
Onkels zerdeppert hat!«, erklärte er Fudge mit gerunzelter Stirn.
»Das Zaubereiministerium sagte, wenn dort noch einmal
gezaubert wird, werfen sie mich aus Hogwarts raus.«
50
Wenn Harrys Augen ihn nicht trogen, sah Fudge plötzlich
verlegen aus.
»Die Dinge ändern sich, Harry ... unter den heutigen
Umständen ... müssen wir dies und jenes berücksichtigen ... du
willst doch nicht etwa rausgeworfen werden?«
»Natürlich nicht«, sagte Harry.
»Schön, und warum dann die ganze Aufregung?«, lachte
Fudge. »Hier, nimm dir ein Brötchen, Harry, während ich vorne
nachfrage, ob Tom noch ein Zimmer für dich frei hat.«
Fudge verließ das Hinterzimmer; Harry starrte ihm nach.
Etwas äußerst Merkwürdiges ging, hier vor. Warum hatte Fudge
ausgerechnet im Tropfenden Kessel auf ihn gewartet, wenn nicht
um ihn zu bestrafen? Und nun, da Harry darüber nachdachte,
war es doch ungewöhnlich, dass der Zaubereiminister sich
persönlich mit der Zauberei Minderjähriger abgab?
Fudge kam mit Tom zurück.
»Zimmer elf ist frei, Harry«, sagte Fudge. »Ich bin sicher,
du wirst dich hier sehr wohl fühlen. Nur noch eins, und das wirst
du gewiss verstehen ... Ich möchte nicht, dass du dich im
London der Muggel herumtreibst, klar? Bleib in der
Winkelgasse. Und jeden Abend, bevor es dunkel wird, kommst
du hierher zurück. Das verstehst du sicher. Tom wird dich ein
wenig im Auge behalten.«
»Gut«, sagte Harry langsam, »aber warum -?«
»Wir wollen dich doch nicht wieder verlieren, nicht wahr?«,
sagte Fudge und lachte herzhaft. »Nein, nein ... besser, wir
wissen, wo du bist ... ich meine ...«
Fudge räusperte sich laut und griff nach seinem Nadel-
streifenumhang.
»Nun, ich muss gehen, viel zu tun, weißt du ...«
»Haben Sie schon eine Spur von diesem Black?«, fragte
Harry.
51
Fudges Finger rutschten fahrig über die silbernen
Verschlüsse seines Umhangs.
»Wie bitte? Oh, du hast davon gehört, nun, nein, noch nicht,
aber es ist mir eine Frage der Zeit. Die Wachen in Askaban
haben noch nie versagt ... und so wütend hab ich sie doch nie
gesehen ...« Fudge schauderte ein wenig. »Nun, ich
verabschiede mich.«
Er streckte die Hand aus, und als Harry sie schüttelte, fiel
ihm plötzlich etwas ein.
»Ähm, Herr Minister, kann ich Sie etwas fragen?«
»Natürliche, sagte Fudge lächelnd.
»Also, Drittklässler in Hogwarts dürfen doch Hogsmeade
besuchen, und mein Onkel hat die Zustimmungserklärung nicht
unterschrieben. Meinen Sie, Sie könnten -?«
Fudge sah peinlich berührt aus.
»Ähm«, sagte er. »Nein. Nein, tut mir sehr Leid, Harry, aber
da ich nicht dein Vater oder Vormund bin -«
»Aber Sie sind der Zaubereiminister«, drängte Harry.
»Wenn Sie mir die Erlaubnis geben würden -«
»Nein, tut mir Leid, Harry, aber die Vorschriften sind nun
mal so«, sagte Fudge mit matter Stimme. »Vielleicht kannst du
Hogsmeade nächstes Jahr besuchen. Im Grunde finde ich es
ohnehin besser, wenn du nicht ... ja ... gut, ich muss gehen. Viel
Spaß hier, Harry.«
Und mit einem letzten Lächeln und einem Händedruck
verabschiedete sich Fudge, und Tom ging freudestrahlend auf
Harry zu.
»Würden Sie mir bitte folgen, Mr Potter«, sagte er. »Ich
habe Ihre Sachen schon hochgetragen ...«
Harry folgte Tom eine schöne hölzerne Treppe empor zu
einer Tür mit der Messingnummer elf, die der Wirt für ihn
aufschloss und öffnete.
Drinnen standen ein sehr bequem aussehendes Bett und
52
ein paar auf Hochglanz polierte Eichenmöbel, im Kamin
prasselte fröhlich ein Feuer und auf dem Kleiderschrank
hockte -
»Hedwig!«, keuchte Harry.
»Die Schneeeule klickte mit dem Schnabel und flatterte
hinunter auf Harrys Arm.
»Eine sehr kluge Eule haben Sie da«, gluckste Tom. »Kam
etwa fünf Minuten nach Ihnen an. Wenn Sie irgendetwas
brauchen, Mr Potter, zögern Sie nicht zu fragen.«
Mit einer weiteren Verbeugung ging er hinaus.
Harry saß eine ganze Weile auf dem Bett und streichelte
Hedwig, ganz in Gedanken versunken. Der Himmel draußen vor
dem Fenster wechselte rasch die Farben, von einem tiefen,
samtenen Blau zu einem stählernen Grau und dann, allmählich,
zu einem mit Gold durchzogenen Rosa. Harry konnte kaum
glauben, dass er erst vor ein paar Stunden aus dem Ligusterweg
geflohen war, dass er nicht von der Schule geworfen wurde und
dass er jetzt zwei Wochen ohne einen einzigen Dursley vor sich
hatte.
»Das war eine ziemlich merkwürdige Nacht, Hedwig«, sagte
er gähnend.
Und ohne auch nur seine Brille abzunehmen, ließ er sich in
die Kissen sinken und schlief ein.
53
Im Tropfenden Kessel
Harry brauchte einige Tage, um sich an seine neue Freiheit zu
gewöhnen. Nie zuvor hatte er aufstehen oder liegen bleiben
können, wie ihm gerade zumute war, oder essen können, worauf
er gerade Lust hatte. Er konnte sogar gehen, wohin er wollte,
solange er in der Winkelgasse blieb, und auf dieser langen
Pflasterstraße reihten sich die verlockendsten Zauberläden der
Welt aneinander. So kam es Harry gar nicht in den Sinn, ~ sein
Versprechen gegenüber Fudge zu brechen und irgendwelche
Ausflüge in die Welt der Muggel zu unternehmen.
Beim allmorgendlichen Frühstück im Tropfenden Kessel
beobachtete Harry mit Vorliebe die anderen Gäste: komische
kleine Hexen vom Land, die für einen Tag zum Ein-
kaufsbummel gekommen waren; altehrwürdige Zauberer, die
sich über den jüngsten Aufsatz in Verwandlung Heute stritten;
wild aus den Augen stierende Hexenmeister, rauflustige Zwerge
und einmal sogar ein Wesen, das irgendwie verdächtig aussah
und aus seinem dicken wollenen Kopfschützer heraus einen
Teller voll roher Leber bestellte.
Nach dem Frühstück ging Harry hinaus auf den Hinterhof,
zückte den Zauberstab, tippte gegen den dritten Backstein von
links über dem Mülleimer und trat einen Schritt zurück. Die
Mauer öffnete sich und gab den Durchgang zur Winkelgasse
frei.
Harry verbrachte die langen, sonnigen Tage damit, in den
Läden zu stöbern und unter den grellbunten Sonnenschir-
54
men der Straßencafes Eis zu essen, wo die anderen Gäste sich
ihre Anschaffungen zeigten (»Das'n Lunaskop, Alter, kein
Rumgemurkse mehr mit Mondtabellen, verstehste?«) oder sich
über den Fall Sirius Black unterhielten (»Ich würde meine
Kinder nicht mehr allein rauslassen, bis er wieder in Askaban
sitzt«). Harry musste seine Hausaufgaben nicht mehr beim Licht
einer Taschenlampe unter der Bettdecke erledigen; jetzt konnte
er im strahlenden Sonnenschein vor Florean Fortescues
Eissalon sitzen und seine sämtlichen Aufsätze mit gelegentlicher
Hilfe von Florean Fortescue persönlich fertig schreiben, der,
abgesehen davon, dass er eine Menge über mittelalterliche
Hexenverbrennungen wusste, Harry alle halbe Stunde einen
neuen Fruchteisbecher schenkte.
Sobald Harry einmal seinen Geldbeutel mit goldenen
Galleonen, silbernen Sickeln und bronzenen Knuts aus seinem
Verlies bei Gringotts aufgefüllt hatte, musste er sich mächtig am
Riemen reißen, um das ganze Geld nicht auf einen Schlag
auszugeben. Er musste sich ständig daran erinnern, dass er noch
fünf Jahre Hogwarts vor sich hatte und wie er sich fühlen würde,
wenn er die Dursleys um Geld für Zauberbücher bitten müsste -
alles, um sich davon abzuhalten, ein Set hübscher, massiv
goldener Gobsteine zu kaufen (ein Zauberspiel, ähnlich wie
Murmeln, bei dem die Steine eine eklig riechende Flüssigkeit in
das Gesicht des gegnerischen Spielers spritzten, wenn sie einen
Punkt verloren). Beinahe schwach geworden wäre er auch bei
dem vollkommen beweglichen Modell der Galaxie in einer
großen gläsernen Kugel, das ihm jede weitere Astronomiestunde
erspart hätte. Doch eine Woche nach seiner Ankunft im
Tropfenden Kessel tauchte etwas in seinem Lieblingsladen
Qualität für Quidditch auf, das seine Entschlossenheit hart auf
die Probe stellte.
55
Neugierig geworden durch den Menschenauflauf im Laden
drängelte Harry hinein und quetschte sich zwischen den
aufgeregten Hexen und Zauberern durch bis vor ein eigens
errichtetes kleines Podest, auf dem der herrlichste Rennbesen
ausgestellt war, den er je gesehen hatte.
»Ganz neu rausgekommen, ein Prototyp -«, erklärte ein
Zauberer mit vierkantigem Kiefer seinem Begleiter.
»Das ist der schnellste Besen der Welt, stimmt doch,
Paps?«, quiekte ein kleiner Junge, der vom Arm seines Vaters
herunterbaumelte.
»Die Irischen Internationalen haben gerade sieben dieser
Schönheiten bestellt!«, verkündete der Ladenbesitzer der
Menge. »Und sie sind Favoriten für die Weltmeisterschaft!«
Eine große Hexe vor Harry trat zur Seite, und jetzt konnte er
das Schild neben dem Besen lesen:
Der Feuerblitz
Dieser Rennbesen nach neuestem Stand der Technik hat einen
stromlinienförmigen, superveredelten Stiel aus Eschenholz mit
diamantharter Politur und von Hand eingemeißelter
Registriernummer. Jede handverlesene Birkenholzrute des
Schweifs ist aerodynamisch optimal abgeschliffen, was dem
Feuerblitz unvergleichliche Stabilität und haarscharfe Präzision
verleiht. Der Feuerblitz beschleunigt von 0 auf 250
Stundenkilometer in 10 Sekunden und ist mit einem
unbrechbaren Bremszauber ausgestattet. Preis auf Nachfrage.
Preis auf Nachfrage ... Harry mochte sich lieber nicht ausmalen,
wie viel der Feuerblitz kosten würde. Nie hatte er
sich etwas sehnlicher gewünscht - doch immerhin hatte er
auch noch nie ein Quidditch-Spiel auf seinem Nimbus
Zweitausend verloren, und weshalb sollte er sein Verlies in
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Gringotts für den Feuerblitz plündern, wenn er bereits einen sehr
guten Rennbesen hatte? Harry fragte nicht nach dem Preis, doch
er kam fast jeden Tag in den Laden, nur um den Feuerblitz zu
sehen.
Es gab jedoch Dinge, die Harry kaufen musste. In der
Apotheke füllte er seinen Vorrat an Zaubertrankzutaten auf, und
da seine Schulumhänge an Armen und Beinen jetzt um einige
Zentimeter zu kurz waren, ging er in Madam Malkins Anzüge
für alle Gelegenheiten und kaufte sich neue. Vor allem jedoch
musste er die neuen Schulbücher besorgen, darunter auch die für
seine neuen Fächer Pflege magischer Geschöpfe und
Wahrsagen.
Ein Blick in das Schaufenster des Buchladens ließ Harry
stutzen. Statt der üblichen Auslage an goldgeprägten Zau-
berspruchbänden, so groß wie Gehwegplatten, stand ein riesiger
Eisenkäfig hinter der Scheibe, in dem rund hundert Exemplare
des Monsterbuchs der Monster steckten. Die Bücher klatschten
und schnappten nacheinander und hatten sich wütend ineinander
verkeilt, und überall flatterten ausgerissene Seiten umher.
Harry zog die Bücherliste aus der Tasche und las sie zum
ersten Mal aufmerksam durch. Das Monsterbuch der Monster
war das Lehrbuch für den Unterricht in Pflege magischer
Geschöpfe. Jetzt war ihm leichter ums Herz; schon hatte er
gefürchtet, Hagrid hätte sich ein schreckliches neues Haustier
zugelegt und brauche seine Hilfe.
Als Harry Flourish & Blotts betrat, kam ihm der Verkäufer
entgegengelaufen.
»Hogwarts?«, fragte er kurz angebunden. »Kommst du
wegen der neuen Bücher?«
»Ja«, sagte Harry, »ich brauche -«
»Aus dem Weg«, sagte der Verkäufer ungeduldig und schob
Harry beiseite. Er zog ein Paar sehr dicker Hand-
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schuhe an, packte einen großen, knotigen Wanderstock und ging
auf den Käfig mit den Monsterbüchern zu.
»Warten Sie«, sagte Harry rasch, »ich hab schon eins von
denen.«
»Ach ja?« Auf dem Gesicht des Verkäufers machte sich ge-
waltige Erleichterung breit. »Dem Himmel sei Dank, ich bin
heute Morgen schon fünfmal gebissen worden.«
Ein lautes Ratschen erfüllte die Luft; zwei der Monsterbü-
cher hatten ein drittes geschnappt und rissen es auseinander.
»Aufhören! Aufhören!«, rief der Verkäufer, stocherte mit
dem Wanderstock durch die Käfigstäbe und trieb die Bücher
auseinander. »Die bestell ich nie wieder, nie! Es ist die Hölle!
Ich dachte schon, es könne nicht mehr schlimmer kommen, als
wir zweihundert Exemplare von dem Titel Das Unsichtbare
Buch der Unsichtbarkeit hier hatten - hat ein Vermögen gekostet
und wir haben sie nie gefunden ... Nun ... kann ich dir
weiterhelfen?«
»Ja«, sagte Harry und sah auf die Bücherliste. »Ich brauche
Die Entnebelung der Zukunft von Kassandra Wablatschki.«
»Ah, verstehe, ihr fangt mit Wahrsagen an«, sagte der Ver-
käufer, zog die Handschuhe aus und führte Harry in den hinteren
Teil des Ladens, in eine Ecke mit lauter Büchern über das
Wahrsagen. Auf einem kleinen Tisch stapelten sich Werke wie
Die Vorhersage des Unvorhersagbaren: So schützen Sie sich
vor Schocks und Zerbrochene Träume: Wenn sich das Schicksal
wendet.
»Bitte schön«, sagte der Verkäufer, der auf eine kleine
Stehleiter geklettert war und ein dickes, schwarz gebundenes
Buch heruntergeholt hatte. »Die Entnebelung der Zukunft. Sehr
guter Überblick über alle grundlegenden Methoden des
Wahrsagens - Handlesekunst, Kristallkugeln, Vogelein-
geweide –«
Doch Harry hörte ihm gar nicht mehr zu. Sein Blick war
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auf ein anderes Buch gefallen, das auf einem kleinen Tisch
auslag: Omen des Todes - Was tun, wenn Sie wissen, dass das
Schlimmste bevorsteht.
»Oh, das würde ich an deiner Stelle lieber nicht lesen«,
sagte der Verkäufer beiläufig, als er Harrys Blick folgte, »sonst
fängst du noch an, überall Vorzeichen des Todes zu sehen, und
das kann einem wirklich Todesangst einjagen.«
Doch Harry wandte den Blick nicht vom Umschlag des
Buches; darauf abgebildet war ein Hund, groß wie ein Bär und
mit glühenden Augen. Er kam ihm unheimlich bekannt vor ...
Der Verkäufer drückte Harry Die Entnebelung der Zukunft
in die Hand.
»Noch was?«, sagte er.
»Ja«, sagte Harry, wandte den Blick mühsam von den Au-
gen des Hundes ab und zog verwirrt seine Bücherliste zu Rate.
Ȁhm - ich brauche Verwandlung: Die Zwischenstufen und Das
Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 3.«
Zehn Minuten später kam Harry mit seinen neuen Büchern
unter den Armen aus Flourish & Blotts. Gedankenversunken
und hie und da jemanden anrempelnd schlenderte er zum
Tropfenden Kessel zurück.
Er stapfte die Treppe zu seinem Zimmer empor, ging hinein
und warf die Bücher aufs Bett. jemand war da gewesen, um zu
putzen; die Fenster standen offen und Sonnenlicht flutete herein.
Harry hörte die Busse auf der Muggelstraße, die er nicht besucht
hatte, vorbeirollen und den Lärm der unsichtbaren Menge unten
in der Winkelgasse. Im Spiegel über dem Waschbecken sah er
sich ins Gesicht.
»Es kann kein Todesomen gewesen sein«, erklärte er trotzig
seinem Spiegelbild. »Ich hab einfach Panik gekriegt, als ich
dieses Ding im Magnolienring gesehen habe ... wahrscheinlich
war es bloß ein streunender Hund ...«
59
Wie von selbst hob er die Hand, um sein Haar zu glätten.
»Ein aussichtsloser Kampf, mein Lieber«, sagte der Spiegel
mit pfeifender Stimme.
Die Tage glitten dahin und Harry begann auf Schritt und Tritt
nach Zeichen von Ron und Hermine Ausschau zu halten. Das
neue Schuljahr nahte, und jetzt kamen eine Menge
Hogwarts-Schüler in die Winkelgasse. Harry traf Seamus
Finnigan und Dean Thomas, seine Mitschüler aus dem Haus der
Gryffindors. Auch sie standen mit sehnsüchtigen Augen vor
Qualität für Quidditch und bestaunten den Feuerblitz. Vor
Flourish &Blotts stieß er auf den echten Neville Longbottom,
einen rundgesichtigen, vergesslichen Jungen. Harry hielt nicht
an, um ein Pläuschchen zu halten; Neville schien seine
Bücherliste verlegt zu haben und wurde gerade von seiner recht
stattlichen Großmutter zur Schnecke gemacht.
Am letzten Ferientag wachte Harry mit dem Gedanken auf,
morgen im Hogwarts-Express würde er endlich Ron und
Hermine treffen. Er stand auf, zog sich an, ging hinaus, um
einen letzten Blick auf den Feuerblitz zu werfen, und fragte sich
gerade, wo er zu Mittag essen sollte, als jemand seinen Namen
rief Er drehte sich um.
»Harry! Harry!«
Da saßen sie, alle beide, vor Fortescues Eissalon; Ron sah
unglaublich sommersprossig aus, Hermine war ganz braun ge-
brannt, und beide winkten ihm begeistert zu.
Harry setzte sich zu ihnen. »Endlich!«, sagte Ron und
grinste Harry an. »Wir waren im Tropfenden Kessel, aber sie
meinten, du seist ausgegangen, und dann sind wir zu Flourish
&Blotts und zu Madam Malkins und -«
»Ich hab alle meine Schulsachen schon letzte Woche be-
sorgt«, erklärte Harry. »Und woher wisst ihr eigentlich, dass ich
im Tropfenden Kessel wohne?«
60
»Dad«, sagte Ron nur.
Mr Weasley, der beim Zaubereiministerium arbeitete, hatte
natürlich die ganze Geschichte mit Tante Magda gehört.
»Hast du wirklich deine Tante aufgeblasen?«, fragte Her-
mine mit sehr ernster Stimme.
»Wollte ich gar nicht«, sagte Harry, während sich Ron vor
Lachen schüttelte. »Ich hab einfach die Nerven verloren.«
»Das ist nicht lustig, Ron«, sagte Hermine scharf »Ehrlich
gesagt, ich bin erstaunt, dass sie Harry nicht von der Schule
verwiesen haben.«
»Das bin ich auch«, gab Harry zu. »Aber was heißt von der
Schule fliegen, ich dachte schon, sie würden mich verhaften.« Er
sah Ron an. »Dein Dad weiß nicht, warum Fudge mich laufen
ließ, oder?«
»Wahrscheinlich, weil du es bist«, sagte Ron schulterzu-
ckend und immer noch kichernd. »Der berühmte Harry Potter,
du weißt schon. Ich möchte nicht wissen, was das Ministerium
mit mir angestellt hätte, wenn ich meine Tante aufgeblasen
hätte. Na ja, sie würden mich erst ausgraben müssen, denn
meine Mum hätte mich gleich umgebracht. Übrigens kannst du
Dad heute Abend selbst fragen. Wir übernachten auch im
Tropfenden Kessel! Und wir können morgen zusammen nach
King's Cross fahren. Hermine ist auch dabei!«
Hermine nickte strahlend. »Mum und Dad haben mich heute
Morgen mit all meinen Hogwarts-Sachen hergebracht.«
»Toll!«, sagte Harry glücklich. »Wie sieht's aus, habt ihr alle
eure Bücher und Sachen?«
»Sieh dir das mal an«, sagte Ron und zog eine lange
schmale Schachtel aus seiner Tasche und öffnete sie. »Brand-
neuer Zauberstab. Vierzehn Zoll, Weide, mit Einhorn-
61
schwanz-Haar. Und wir haben alle Bücher beisammen -«, er
deutete auf eine große Tüte unter seinem Stuhl. »Was ist
eigentlich mit diesen Monsterbüchern los? Der Verkäufer ist fast
in Tränen ausgebrochen, als wir zwei Stück verlangt haben.«
»Was ist das denn alles, Hermine?«, fragte Harry und deu-
tete nicht auf eine, sondern auf drei prall gefüllte Tüten auf dem
Stuhl neben ihr.
»Tja, ich hab eben mehr Fächer gewählt als ihr«, sagte
Hermine. »Das sind meine Bücher für Arithmantik, Pflege
magischer Geschöpfe, Weissagung, Alte Runen, Muggel-
kunde -«
»Warum gehst du eigentlich in Muggelkunde?«, fragte Ron
und sah, die Augen rollend, zu Harry hinüber. »Du stammst
doch von Muggeln ab! Deine Eltern sind doch Muggel! Du
weißt doch schon alles über Muggel!«
»Aber es ist spannend, sie aus der Sicht der Zauberei zu
studieren«, sagte Hermine mit ernster Stimme.
»Hast du vor, dieses Jahr überhaupt noch zu essen und zu
schlafen, Hermine?«, fragte Harry, während Ron gluckste.
Hermine ließ sich nicht beirren.
»Ich hab noch zehn Galleonen«, sagte sie und sah in ihrer
Geldbörse nach. »Ich hab im September Geburtstag und Mum
und Dad haben mir ein wenig Geld gegeben, damit ich mir
schon mal ein Geschenk kaufe.«
»Wie wär's mit einem guten Buch?«, sagte Ron mit Un-
schuldsmiene.
»Nein, eher nicht«, gab Hermine trocken zurück. »Ich will
eigentlich gerne eine Eule. Immerhin hat Harry seine Hedwig
und du hast Errol.«
»Hab ich nicht«, sagte Ron. »Errol ist eine Familieneule.
Alles, was ich hab, ist Krätze.« Er zog seine Ratte aus der Ta-
sche. »Und ich will ihn untersuchen lassen«, fügte er hinzu,
62
während er Krätze auf den Tisch legte. »Ich hab den Eindruck,
Ägypten ist ihm nicht bekommen.«
Krätze war dünner als sonst und seine Schnurrhaare waren
sichtlich erschlafft.
»Gleich da drüben ist ein Laden für magische Geschöpfe«,
sagte Harry, der die Winkelgasse inzwischen recht gut kannte.
»Du könntest fragen, ob sie irgendwas für Krätze haben, und
Hermine kann ihre Eule kaufen.«
Also bezahlten sie ihre Eisbecher und gingen über die
Straße zur Magischen Menagerie.
Drinnen war es ziemlich eng. jeder Zentimeter Wand war
mit Käfigen voll gestellt. Die Luft war schlecht und die
Bewohner der Käfige kreischten, quiekten, fiepten, plapperten
oder zischten alle durcheinander und veranstalteten ein
Höllenspektakel. Die Hexe hinter der Ladentheke gab einem
Zauberer gerade Ratschläge zur Pflege doppelschwänziger
Wassermolche, und Harry, Ron und Hermine erkundeten
inzwischen die Käfige.
Ein Paar gewaltiger purpurroter Kröten machte sich
schlabbernd und schluckend über tote Schmeißfliegen her. Eine
gigantische Schildkröte mit juwelenbesetztem Panzer glitzerte in
der Nähe des Fensters. Giftige orangerote Schnecken saugten
sich gemächlich an den Wänden ihrer Glaskästen hoch und ein
fettes weißes Kaninchen verwandelte sich unter lautem Knallen
in einen seidenen Zylinder und wieder zurück. Zudem gab es
Katzen jeder Farbe, einen lärmigen Käfig voller Raben, einen
Korb mit merkwürdigen senffarbenen Pelzbällchen, die laut
summten, und auf der Theke stand ein riesiger Käfig mit
schlanken schwarzen Ratten, die mit ihren langen kahlen
Schwänzen eine Art Hüpfspiel veranstalteten.
Der Zauberer mit den doppelschwänzigen Wassermolchen
verließ den Laden und Ron trat an die Theke.
63
»Das ist meine Ratte«, sagte er zu der Hexe, »sie hat ein
wenig Farbe verloren, seit wir aus Ägypten zurück sind.«
»Klatsch sie auf die Theke«, sagte die Hexe und zog eine
klobige schwarze Brille aus ihrer Tasche.
Ron zog Krätze aus seiner Innentasche und legte ihn neben
den Käfig seiner Artgenossen, die mit ihrem Hüpfspiel
aufhörten und zum Gitterdraht huschten, um ja nichts zu
verpassen.
Wie fast alles, was Ron besaß, war Krätze aus zweiter Hand
(er hatte einst Rons Bruder Percy gehört) und wirkte ein wenig
mitgenommen. Neben den Hochglanzratten im Käfig sah er
besonders mitleiderregend aus.
»Hm«, sagte die Hexe und hob Krätze hoch. »Wie alt ist
diese Ratte?«
»Keine Ahnung«, sagte Ron. »Ziemlich alt. Sie hat mal
meinem Bruder gehört.«
»Welche Kräfte hat sie?«, sagte die Hexe und musterte
Krätze eingehend.
»Ahm«, sagte Ron. Die Wahrheit war, dass Krätze nie die
Spur einer interessanten Kraft gezeigt hatte. Der Blick der Hexe
wanderte von Krätzes angeknabbertem linkem Ohr zu seiner
Vorderpfote, an der ein Zeh fehlte, und er tat sein Missfallen
laut kund.
»Der wurde aber wirklich übel mitgespielt«, meinte sie.
»Sie war schon so, als ich sie von Percy bekommen hab«,
sagte Ron zu seiner Verteidigung.
»Eine gewöhnliche Haus- oder Gartenratte wie diese hier
wird meist nicht älter als drei Jahre«, sagte die Hexe. »Nun,
wenn du nach etwas Haltbarerem suchst, könntest du dich
vielleicht mit einer von diesen anfreunden.«
Sie zeigte auf die schwarzen Ratten, die prompt wieder
anfingen zu hüpfen.
»Angeber«, murmelte Ron.
64
»Schön, wenn du keine neue willst, kannst du diese Rat-
tentinktur ausprobieren«, sagte die Hexe, griff unter die Theke
und holte eine kleine rote Flasche hervor.
»Gut«, sagte Ron, »wie viel - autsch!«
Ron duckte sich, denn etwas Riesiges und Orangerotes war
von einem Käfigdach hoch oben auf den Regalen he-
runtergesprungen, auf seinem Kopf gelandet und hatte sich dann
wild fauchend auf Krätze gestürzt.
»Nein, Krummbein, aus!«, rief die Hexe, doch Krätze
flutschte wie ein Stück nasse Seife zwischen ihren Händen
hindurch, landete bäuchlings auf dem Boden und raste zur Tür.
»Krätze!«, schrie Ron und jagte ihm nach aus dem Laden;
Harry folgte ihm.
Sie brauchten zehn Minuten, um Krätze einzufangen, der
unter einem Mülleimer vor Qualität für Quidditch Zuflucht
gesucht hatte. Ron stopfte die zitternde Ratte zurück in seine
Tasche und richtete sich auf
»Was war denn das?«, sagte er und rieb sich den Kopf,
»Entweder eine sehr große Katze oder ein ziemlich kleiner
Tiger«, sagte Harry.
»Wo ist Hermine?«
»Kauft vermutlich ihre Eule.«
Durch die belebte Gasse gingen sie zurück zur Magischen
Menagerie. Als sie vor dem Laden standen, kam Hermine he-
raus, doch eine Eule hatte sie nicht bei sich. Ihre Arme waren
fest um einen gewaltigen rötlichen Kater geklammert.
»Du hast dieses Monster gekauft?«, fragte Ron und starrte
sie mit offenem Mund an.
»Ist er nicht unglaublich?«, sagte Hermine strahlend.
Das ist Ansichtssache, dachte Harry. Das rötliche Fell des
Katers war dick und flauschig, doch er sah unleugbar etwas
krummbeinig aus und sein Gesicht wirkte missmutig und
65
seltsam eingedellt, als ob er geradewegs gegen eine Back-
steinmauer gerannt wäre. Nun jedoch, da Krätze außer Sicht
war, schnurrte der Kater zufrieden in Hermines Armen.
»Hermine, das Ungeheuer hat mich fast skalpiert!«, sagte
Ron.
»War keine Absicht, oder, Krummbein?«, sagte Hermine.
»Und was ist mit Krätze?«, sagte Ron und deutete auf das
Knäuel in seiner Brusttasche. »Meine Ratte braucht Ruhe und
Entspannung! Wie soll das gehen, wenn dieses Ding in der Nähe
ist?«
»Da fällt mir ein, du hast dein Rattentonikum vergessen«,
sagte Hermine und drückte Ron die kleine rote Flasche in die
Hand. »Und mach dir keine Sorgen, Krummbein schläft bei mir
im Schlafsaal und Krätze bei dir, wo ist das Problem? Armer
Krummbein, die Hexe sagte, er sei schon seit Ewigkeiten da und
keiner wollte ihn haben.«
»Das wundert mich auch«, sagte Ron mit säuerlicher Miene
und sie machten sich auf den Weg zum Tropfenden Kessel.
In der Bar des Wirtshauses saß Mr Weasley und las den
Tagespropheten.
Er blickte auf »Harry!«, sagte er lächelnd. »Wie geht's dir?«
»Danke, gut«, sagte Harry, und alle drei setzten sich mit
ihren Einkäufen zu ihm.
Mr Weasley legte die Zeitung beiseite und Harrys Blick fiel
auf ein vertrautes Foto. Sirius Black starrte Harry ins Gesicht.
»Sie haben ihn also noch immer nicht?«, fragte er.
»Nein«, sagte Mr Weasley mit ernster Miene. »Das
Ministerium hat uns alle von den täglichen Pflichten entbunden,
um ihn mit vereinten Kräften zu suchen, doch bislang hatten wir
wenig Glück.«
66
»Wär eine Belohnung für uns drin, wenn wir ihn fangen
würden?«, fragte Ron. »Ein wenig Geld könnte ich gut ge-
brauchen.«
»Sei nicht albern, Ron«, sagte Mr Weasley, der bei näherem
Hinsehen äußerst angespannt wirkte. »Black wird sich von
einem dreizehnjährigen Zauberer nicht fangen lassen. Es sind
die Wachen von Askaban, die ihn kriegen werden, darauf kannst
du dich verlassen.«
In diesem Augenblick kam Mrs Weasley in die Bar, beladen
mit Einkäufen und gefolgt von den Zwillingen Fred und George,
die nun ihr fünftes Jahr in Hogwarts begannen, vom neu
gewählten Schulsprecher Percy und vom jüngsten Kind und
einzigen Mädchen der Weasleys, Ginny.
Ginny war von Harry immer schon hingerissen gewesen,
und als sie ihn jetzt sah, stürzte sie offenbar in noch tiefere
Verlegenheit als sonst, vielleicht, weil er ihr letztes Jahr in
Hogwarts das Leben gerettet hatte. Sie wurde puterrot und
murmelte: »Hallo«, ohne ihn anzusehen. Percy jedoch streckte
Harry feierlich die Hand entgegen, als ob er und Harry sich noch
nie gesehen hätten:
»Harry. Wie schön dich zu sehen.«
»Hallo, Percy«, sagte Harry und mühte sich, nicht zu lachen.
»Ich hoffe, dir geht's gut?«, sagte Percy pompös und schüt-
telte ihm die Hand. Es war, als ob Harry einem Bürgermeister
vorgestellt würde.
»Sehr gut, danke.«
»Harry!«, sagte Fred, schob Percy mit dem Ellbogen aus
dem Weg und verbeugte sich tief, »Einfach toll dich zu sehen,
alter Junge.«
»Großartig«, sagte George, stieß Fred beiseite und ergriff
seinerseits Harrys Hand. »Absolut umwerfend.«
Percy runzelte die Stirn.
67
»Das reicht jetzt«, sagte Mrs Weasley.
»Mum!«, sagte Fred, als ob er sie just in diesem Augenblick
erkannt hätte, und packte ihre Hand: »Einfach unglaublich dich
zu sehen.«
»Genug jetzt, hab ich gesagt«, herrschte ihn Mrs Weasley an
und stellte ihre Einkäufe auf einem freien Stuhl ab. »Hallo,
Harry, mein Lieber. Ich nehm an, du hast die fabelhafte
Neuigkeit schon erfahren?« Sie deutete auf das brandneue
silberne Abzeichen auf Percys Brust. »Der zweite Schulsprecher
in der Familie!«, sagte sie und schwoll vor Stolz an.
»Und der letzte«, murmelte Fred hintenherum.
»Das bezweifle ich nicht«, sagte Mrs Weasley und runzelte
plötzlich die Stirn. »Mir ist nicht entgangen, dass sie euch beide
nicht zu Vertrauensschülern ernannt haben.«
»Wozu sollen wir denn Vertrauensschüler sein?«, sagte
George und schien bereits von der bloßen Vorstellung ange-
widert. »Das würde uns doch jeden Spaß im Leben nehmen.«
Ginny gluckste.
»Du solltest deiner Schwester ein besseres Vorbild sein«,
fauchte Mrs Weasley.
»Ginny hat doch noch andere Brüder, die ihr ein Vorbild
sein können, Mutter«, sagte Percy hochmütig. »Ich geh nach
oben und zieh mich zum Abendessen um ...«
Er verschwand und George seufzte schwer.
»Wir wollten ihn in eine Pyramide einmauern«, meinte er zu
Harry gewandt. »Aber Mum hat uns erwischt.«
Das Essen an diesem Abend war eine vergnügliche Angele-
genheit. Tom, der Wirt, stellte im Salon drei Tische zusammen
und die sieben Weasleys, Harry und Hermine futterten sich
durch fünf leckere Gänge.
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»Wie kommen wir morgen eigentlich nach King's Cross,
Dad?«, fragte Fred, während sie sich über einen üppigen
Schokoladenpudding hermachten.
»Das Ministerium stellt ein paar Autos zur Verfügung«,
sagte Mr Weasley.
Alle hoben die Köpfe und sahen ihn an.
»Warum?«, fragte Percy neugierig.
»Wegen dir, Percy«, sagte George mit ernster Miene. »Und
auf die Kühler stecken sie kleine Wimpel mit G. W, drauf,«
»- für Gewaltiger Angeber«, sagte Fred.
Alle außer Percy und Mrs Weasley prusteten in ihren
Nachtisch.
»Warum stellt das Ministerium Autos zur Verfügung?«,
fragte Percy noch einmal in Respekt heischendem Ton.
»Nun, weil wir kein Auto mehr haben«, sagte Mr Weasley,
»und weil ich dort arbeite, tun sie mir einen Gefallen.«
Er sprach in lässigem Ton, doch Harry entging nicht, dass
seine Ohren rot angelaufen waren, genau wie die von Ron, wenn
ihn etwas bedrückte.
»Das ist auch ganz gut so«, sagte Mrs Weasley gut gelaunt.
»Ist euch klar, wie viel Gepäck ihr alle zusammen mitschleppt?
Da hätten die Muggel in ihrer U-Bahn was zu gucken ... Ihr habt
doch alle schon gepackt, oder?«
»Ron hat noch nicht alle seine neuen Sachen im Koffer«,
sagte Percy mit leidgetränkter Stimme, »er hat sie auf meinem
Bett abgelegt.«
»Dann gehst du jetzt besser und packst ordentlich, Ron,
denn morgen früh haben wir nicht viel Zeit.« Mit diesen Worten
hob Mrs Weasley die Tafel auf Ron starrte Percy missmutig an.
Nach dem Abendessen fühlten sie sich alle proppenvoll und
schläfrig. Einer nach dem andern ging nach oben in sein
69
Zimmer, um die Abreise am nächsten Tag vorzubereiten. Ron
und Percy hatten das Zimmer neben Harry. Er hatte seinen
Koffer gerade zugemacht und abgeschlossen, als zorniges
Stimmengewirr durch die Wand drang. Er ging hinaus, um
nachzusehen, was los war.
Die Tür zu Nummer zwölf stand offen und er hörte Percy
laut rufen.
»Es war hier, auf dem Nachttisch, ich hab es zum Polieren
abgenommen.«
»Ich hab's nicht angerührt, klar?«, brüllte Ron zurück.
»Was ist los?«, fragte Harry.
»Mein Schulsprecher-Abzeichen ist verschwunden«, sagte
Percy und wandte sich Harry zu.
»Und Krätzes Rattentonikum auch«, sagte Ron und warf
seine Sachen aus dem Koffer, um nachzusehen. »Vielleicht hab
ich's unten vergessen.«
»Du gehst nirgendwohin, bis du mein Abzeichen gefunden
hast«, polterte Percy.
»Ich hol das Zeug für Krätze, ich hab schon gepackt«, sagte
Harry zu Ron und ging nach unten.
Harry war in der Mitte des Durchgangs zur Bar, die jetzt
stockdunkel war, als er vom Salon her ein weiteres Paar zorniger
Stimmen hörte. Gleich darauf erkannte er sie als die von Mr und
Mrs Weasley. Er wollte schon weitergehen, denn von ihrem
Streit wollte er nichts wissen, als sein Name fiel. Er hielt inne
und näherte sich langsam der Tür zum Salon.
». .. hat keinen Zweck, es ihm zu verschweigen«, sagte Mr
Weasley mit erhitzter Stimme. »Harry hat ein Recht, es zu
erfahren. Ich hab versucht mit Fudge zu reden, aber er muss
Harry ja unbedingt wie ein kleines Kind behandeln - Harry ist
immerhin dreizehn und -«
»Arthur, die Wahrheit würde ihm fürchterliche Angst ein-
70
jagen!«, erwiderte Mrs Weasley schrill. »Willst du Harry mit
dieser schweren Last in die Schule schicken? Um Himmels
Willen, er kann von Glück reden, dass er nichts weiß!«
»Ich will nicht, dass es ihm schlecht geht, ich will nur, dass
er auf sich aufpasst!«, gab Mr Weasley zurück. »Du weißt doch,
wie Harry und Ron sind, sie streunen zusammen in der Gegend
rum, sie sind zweimal im Verbotenen Wald gelandet! Aber das
kommt dieses Jahr für Harry nicht in Frage! Wenn ich überlege,
was ihm hätte passieren können in dieser Nacht, als er von zu
Hause weggelaufen ist! Wenn der Fahrende Ritter ihn nicht
aufgelesen hätte, wär er tot gewesen, bevor das Ministerium ihn
gefunden hätte, da wette ich mit dir.«
»Aber er ist nicht tot, es geht ihm gut, also was soll -«
»Molly, es heißt, Sirius Black sei verrückt, und vielleicht ist
er es auch, aber er war gerissen genug, um aus Askaban zu
entkommen, und das ist angeblich unmöglich. Das ist jetzt drei
Wochen her, und wir haben nicht die leiseste Ahnung, wo er
steckt, und egal, was Fudge ständig dem Tagespropheten erzählt,
eher erfinden sie den selbstzaubernden Zauberstab, als dass wir
ihn fangen. Wir wissen nur, wem Black auf den Fersen ist.«
»Aber Harry ist in Hogwarts völlig sicher.«
»Wir glaubten ja auch, Askaban wäre vollkommen sicher.
Wenn Black aus Askaban ausbrechen konnte, kann er auch in
Hogwarts einbrechen.«
»Aber keiner weiß wirklich genau, ob Black hinter Harry
her ist.«
Es gab einen dumpfen Schlag auf Holz, und Harry war sich
sicher, dass Mr Weasley mit der Faust auf den Tisch gehauen
hatte.
»Molly, wie oft soll ich es dir noch sagen? Sie haben es
nicht in der Zeitung gebracht, weil Fudge es geheim halten
wollte, aber Fudge ging noch in der Nacht, als Black ver-
71
schwand, nach Askaban. Die Wachen haben ihm berichtet, dass
Black schon eine ganze Zeit im Schlaf geredet habe. Immer
dieselben Worte ... >Er ist in Hogwarts - er ist in Hogwarts.<
Black hat sie nicht mehr alle, Molly, und er will Harry
umbringen. Wenn du mich fragst, glaubt er, dass er mit dem
Mord an Harry Du-weißt-schon-wen an die Macht zurückbringt.
Black hat alles verloren in der Nacht, als Harry die Macht von
Du-weißt-schon-wem gebrochen hat, und er hat zwölf Jahre
allein in Askaban hinter sich, in denen er darüber brüten
konnte ...«
Schweigen trat ein. Harry drückte das Ohr an die Tür, um ja
kein Wort zu verpassen.
»Nun, Arthur, du musst tun, was du für richtig hältst. Aber
du vergisst Albus Dumbledore. Ich bin sicher, dass Harry in
Hogwarts nichts passieren kann, solange Dumbledore dort
Schulleiter ist. Ich nehme an, er weiß alles über diese
Geschichte?«
»Natürlich weiß er Bescheid. Wir mussten ihn fragen, ob er
etwas dagegen hat, wenn sich die Wachen von Askaban an den
Eingängen zum Schulgelände aufstellen. Er war nicht besonders
erfreut darüber, aber er war einverstanden.«
»Nicht erfreut? Warum eigentlich, wenn sie da sind, um
Black zu fangen?«
»Dumbledore hält nicht besonders viel von den Wachen in
Askaban«, sagte Mr Weasley mit schwerer Stimme. »Und wenn
du mich fragst - ich auch nicht ... Aber wenn du mit einem
Zauberer wie Black zu tun hast, musst du manchmal deine
Kräfte mit denen von Leuten vereinen, die du sonst meidest.«
»Wenn sie Harry retten -«
»- dann werd ich nie wieder ein Wort gegen sie sagen«,
sagte Mr Weasley mit müder Stimme. »Es ist spät, Molly, wir
gehen besser nach oben ...«
72
Harry hörte Stühle rücken. So leise er konnte, huschte er
durch den Gang in die Bar und verschwand in der Dunkelheit.
Die Salontür ging auf und ein paar Sekunden später hörte er Mr
und Mrs Weasley die Treppe emporgehen.
Die Flasche mit dem Rattentonikum lag unter dem Tisch, an
dem sie gesessen hatten. Harry wartete, bis er die Zimmertür der
Weasleys zugehen hörte, dann machte er sich mit der Flasche
auf den Weg nach oben.
Fred und George kauerten im dunklen Flur und krümmten
sich vor Lachen, während sie Percy lauschten, der drinnen das
Zimmer auf der Suche nach dem Abzeichen ausemander nahm.
»Wir haben es«, flüsterte Fred Harry zu. »Wir haben es ein
wenig überarbeitet.«
»Großsprecher« hieß es jetzt auf der Plakette.
Harry zwang sich zu einem Lachen, ging hinein, um Ron
das Rattentonikum zu bringen, schloss sich dann in seinem
Zimmer ein und legte sich aufs Bett.
Sirius Black war also hinter ihm her. Das erklärte alles.
Fudge war großzügig mit ihm gewesen, weil er so erleichtert
war, dass er überhaupt noch lebte. Harry hatte ihm versprechen
müssen, in der Winkelgasse zu bleiben, wo es genug Zauberer
gab, die ihn im Auge behalten konnten. Und er schickte zwei
Dienstwagen seines Ministeriums, um sie morgen alle zum
Bahnhof zu bringen, so dass die Weasleys nach ihm sehen
konnten, bis er im Zug war.
Harry lag da und lauschte dem gedämpften Streit nebenan
und fragte sich, warum er eigentlich nicht mehr Angst hatte.
.Sirius Black hatte mit einem Fluch dreizehn Menschen um-
gebracht. Die Weasleys glaubten offenbar, Harry würde in Panik
geraten, wenn er die Wahrheit erführe. Doch Harry war sich
von ganzem Herzen mit Mrs Weasley einig, dass der
sicherste Ort auf Erden dort war, wo Albus Dumbledore
73
sich gerade aufhielt; sagten die Leute nicht immer, Dumbledore
sei der Einzige, vor dem Lord Voldemort je Angst gehabt hätte?
Sicher würde Black als Voldemorts rechte Hand ebenfalls Angst
vor ihm haben?
Und dazu kamen noch die Wachen von Askaban, über die
alle redeten. Sie schienen den meisten Leuten panische Angst
einzujagen und wenn sie um die Schule herum postiert würden,
hätte Black sicher wenig Chancen hineinzukommen.
Nein, alles in allem machte sich Harry am meisten darüber
Gedanken, dass seine Aussicht, nach Hogsmeade zu kommen,
jetzt offensichtlich bei null lag. Keiner würde wollen, dass Harry
die Sicherheit des Schlosses verließe, bis sie Black gefangen
hatten. Harry ahnte außerdem voraus, dass man ihn auf Schritt
und Tritt überwachen würde, bis die Gefahr vorüber war.
Grimmig starrte er gegen die dunkle Decke. Glaubten sie
wirklich, er könne nicht auf sich selbst aufpassen? Er war Lord
Voldemort dreimal entkommen, er war nicht völlig hilflos ...
Unwillkürlich erschien das Bild des Ungeheuers im
Magnolienring vor seinem Auge. Was wirst du tun, wenn du
weißt, dass das Schlimmste bevorsteht ...
»Ich lasse mich nicht umbringen«, sagte Harry laut.
»Das ist die richtige Einstellung, mein Junge«, sagte der
Spiegel schläfrig.
74
Der Dementor
Tom weckte Harry am nächsten Morgen mit einer Tasse Tee
und seinem üblichen zahnlosen Grinsen. Harry zog sich an und
überredete gerade die morgenmufflige Hedwig, sich in ihren
Käfig zu begeben, als Ron, ein Sweatshirt halb über den Kopf
gezogen und missmutig dreinblickend, ins Zimmer gepoltert
kam.
»Wird Zeit, dass wir losfahren«, sagte er. »In Hogwarts
kann ich Percy wenigstens aus dem Weg gehen. jetzt behauptet
er auch noch, ich hätte Tee auf sein Bild von Penelope
Clearwater geschüttet. Du weißt schon«, Ron schnitt eine
Grimasse, »seine Freundin. Sie hat das Gesicht unter dem
Rahmen versteckt, weil ihre Nase ganz pustelig geworden ist ...«
»Ich muss dir was sagen«, begann Harry, doch da schneiten
Fred und George herein, um Ron zu gratulieren, weil er Percy
abermals zur Weißglut getrieben hatte.
Sie gingen nach unten zum Frühstück. Mr Weasley las mit
gerunzelter Stirn die Titelseite des Tagespropheten und Mrs
Weasley erzählte Hermine und Ginny von einem Liebestrank,
den sie als junges Mädchen gebraut hatte. Alle drei giggelten
und kieksten.
»Was wolltest du eben sagen?«, fragte Ron Harry, als sie
sich setzten.
»Später«, murmelte Harry, denn gerade kam Percy he-
reingestürmt.
Harry hatte im Durcheinander des Aufbruchs keine Gele-
75
genheit, mit Ron oder Hermine zu sprechen; sie waren vollauf
damit beschäftigt, ihre Koffer die schmale Treppe des
Tropfenden Kessels hinunterzuschleifen und neben der Tür
aufzuschichten. Hedwig und Hermes, Percys Schleiereule,
hockten in ihren Käfigen und herrschten über den Gepäckstapel.
Aus einem kleinen Weidenkorb neben den Koffern drang ein
lautes Fauchen.
»Schon gut, Krummbein«, schnurrte Hermine durch das
Weidengeflecht. »Wenn wir im Zug sind, darfst du raus.«
»Bloß nicht«, blaffte Ron sie an, »was soll dann aus dem
armen Krätze werden?«
Er deutete auf seine Brust. Eine große Ausbuchtung zeigte,
dass Krätze sich in seiner Tasche zusammengerollt hatte.
Mr Weasley, der draußen auf den Dienstwagen gewartet
hatte, steckte den Kopf herein.
»sie sind da«, sagte er. »Komm mit, Harry -«
Mr Weasley führte Harry über das kurze Stück Gehweg zum
ersten der beiden altertümlichen dunkelgrünen Wagen, an deren
Steuer wachsam umherblickende Zauberer in smaragdgrünen
Samtanzügen saßen.
»Rein mit dir, Harry«, sagte Mr Weasley und spähte die
belebte Straße auf und ab.
Harry setzte sich in den Fond des Wagens und bald stiegen
auch Hermine, Ron und, zu Rons Abscheu, auch Percy ein.
Die Fahrt nach King's Cross war im Vergleich zu Harrys
Reise mit dem Fahrenden Ritter recht ereignislos. Die Wagen
des Zaubereiministeriums schienen gewöhnliche Autos zu sein,
nur fiel Harry auf, dass sie durch Engpässe glitten, die Onkel
Vernons neuer Firmenwagen sicher nicht geschafft hätte. Als sie
King's Cross erreichten, hatten sie noch zwanzig
Minuten Zeit; die Fahrer holten Gepäckkarren, lu-
76
den die Koffer aus, verabschiedeten sich von Mr Weasley mit
einer kurzen Berührung ihrer Hüte und fuhren davon, wobei sie
es irgendwie schafften, an die Spitze der Schlange vor einer
Ampel zu springen.
Mr Weasley blieb auf dem ganzen Weg in den Bahnhof
dicht an Harrys Seite.
»Na denn«, sagte er und spähte wachsam umher, »gehen wir
jeweils zu zweit, weil wir so viele sind. Harry und ich gehen
zuerst.«
Mr Weasley schlenderte zur Absperrung zwischen den
Gleisen neun und zehn, Harrys Gepäckwagen vor sich her-
schiebend und scheinbar sehr interessiert am InterCity 125, der
gerade auf Gleis neun eingefahren war. Er warf Harry einen viel
sagenden Blick zu und lehnte sich lässig gegen die Barriere.
Harry tat es ihm nach.
Im nächsten Augenblick kippten sie seitlich durch die
Metallwand und landeten auf Bahnsteig neundreiviertel. Als sie
aufblickten, sahen sie den Hogwarts-Express mit seiner
scharlachroten Lok, die Dampf aus ihrem Schornstein paffte.
Auf dem Bahnsteig herrschte ein dichtes Gewühl von Zauberern
und Hexen, die ihre Kinder zum Zug brachten.
Mit einem Mal tauchten Percy und Ginny hinter Harry auf
Sie hatten die Absperrung offenbar mit Anlauf überwunden und
waren noch ganz außer Atem.
»Ah, da ist Penelope!«, sagte Percy, glättete sich das Haar
und lief rosarot an. Ginny fing Harrys Blick auf und beide
wandten sich ab, um ihr Lachen zu verbergen, während Percy zu
einem Mädchen mit langem Lockenhaar hinüberschritt, mit
geschwellter Brust, so dass sie sein schimmerndes Abzeichen
unmöglich übersehen konnte.
Sobald die übrigen Weasleys und Hermine da waren,
führten Harry und Mr Weasley die kleine Gruppe an den vollen
Abteilen vorbei bis ans Ende des Zuges zu einem
77
Waggon, der noch recht leer schien. Sie hievten die Koffer hoch,
verstauten Hedwig und Krummbein in der Gepäckablage und
stiegen noch einmal aus, um sich von Mr und Mrs Weasley zu
verabschieden.
Mrs Weasley küsste ihre Kinder, dann Hermine und
schließlich Harry. Obwohl er etwas verlegen war, freute er sich,
als sie ihn auch noch in die Arme schloss.
»Pass auf dich auf, Harry, versprich es mir«, sagte sie und
ordnete ihre Kleider mit seltsam hellen Augen. Dann öffnete sie
ihre gewaltige Handtasche: »Ich hab für euch alle belegte Brote
gemacht ... hier, Ron ... nein, kein Corned Beef ... Fred? Wo ist
Fred? Hier bist du ja, mein Lieber ...«
»Harry«, sagte Mr Weasley leise, »komm mal kurz hier
rüber -«
Er ruckte mit dem Kopf in Richtung einer Säule, und Harry
ließ die anderen bei Mrs Weasley zurück und folgte ihm.
»Ich muss dir noch was sagen, bevor du fährst _«, sagte Mr
Weasley mit angespannter Stimme.
»Schon gut, Mr Weasley«, sagte Harry, »ich weiß es
schon.«
»Du weißt es? Wie das denn?«
»Ich - ähm - ich hab Sie und Mrs Weasley gestern Abend
sprechen gehört. Das ließ sich nicht vermeiden«, fügte Harry
rasch hinzu, »tut mir Leid -«
»Ich wollte eigentlich, dass du es auf andere Weise er-
fährst«, sagte Mr Weasley und sah jetzt besorgt aus.
»Nein - ehrlich gesagt, es ist besser so. Dann haben Sie
wenigstens Fudge gegenüber Ihr Wort nicht gebrochen und ich
weiß, was los ist.«
»Harry, du hast jetzt sicher ziemliche Angst -«
»Nein, hab ich nicht«, sagte Harry wahrheitsgetreu.
»Wirklich«, fügte er hinzu, weil Mr Weasley ungläubig
dreinblickte. »Ich will ja nicht den Helden spielen, aber im
78
Ernst, Sirius Black kann doch nicht schlimmer sein als Vol-
demort, oder?«
Mr Weasley zuckte beim Klang dieses Namens zusammen,
sagte jedoch nichts.
»Harry, ich wusste, dass du, wie soll ich sagen, stärkere
Nerven hast, als Fudge offenbar glaubt, und ich bin natürlich
froh, dass du keine Angst hast, aber -«
»Arthur!«, rief Mrs Weasley, die nun die anderen wie eine
kleine Schafherde zum Zug trieb, »Arthur, was macht ihr da? Er
fährt gleich ab!«
»Er kommt sofort, Molly!«, sagte Mr Weasley, wandte sich
jedoch erneut Harry zu und sprach leiser und hastiger weiter.
»Hör zu, ich will, dass du mir dein Wort gibst -«
»- dass ich ein braver Junge sein und im Schloss bleiben
werde?«, sagte Harry mit düsterer Miene.
»Nicht ganz«, sagte Mr Weasley, der jetzt ernster aussah, als
Harry ihn je gesehen hatte. »Harry, schwör mir, dass du nicht
nach Black suchen wirst.«
Harry starrte ihn an. »Wie bitte?«
Ein lauter Pfiff ertönte. Schaffner gingen am Zug entlang
und schlugen die Türen zu. , --
»Versprich mir, Harry«, sagte Mr Weasley noch hastiger,
»dass, was immer auch passiert -«
»Warum sollte ich nach jemandem suchen, von dem ich
weiß, dass er mich umbringen will?«, fragte Harry gerade
heraus.
»Schwör mir, was immer du hörst -«
»Arthur, schnell!«, rief Mrs Weasley.
Dampfstrahlen zischten aus der Lok; der Zug war ange-
fahren. Harry rannte zur Zugtür, und Ron hielt sie auf und trat
zurück, um ihn einzulassen. Sie lehnten aus dem Fenster und
winkten Mr und Mrs Weasley zu, bis der Zug um eine Kurve
bog und ihnen die Sicht nahm.
79
»Ich muss mal mit euch allein reden«, murmelte Harry Ron
und Hermine zu, während der Zug allmählich schneller wurde.
»Geh. mal kurz weg, Ginny«, sagte Ron.
»Oh, wie nett«, sagte Ginny beleidigt und stolzierte davon.
Harry, Ron und Hermine gingen den Gang entlang, auf der
Suche nach einem leeren Abteil, doch alle waren voll, außer
dem einen ganz am Ende des Zuges.
Dort war nur ein Platz besetzt. Ein Mann saß tief schlafend
am Fenster. Harry, Ron und Hermine blieben an der Schiebetür
stehen. Der Hogwarts-Express war sonst immer für Schüler
reserviert gewesen und sie hatten nie einen Erwachsenen im Zug
gesehen, mit Ausnahme der Hexe mit dem Imbisswagen.
Der Fremde trug einen äußerst schäbigen, an mehreren
Stellen geflickten Zaubererumhang. Er sah krank und erschöpft
aus. Obwohl noch recht jung, war sein hellbraunes Haar von
grauen Strähnen durchzogen.
»Wer, glaubt ihr, ist das?«, zischte Ron, als sie die Tür zu-
schoben und sich setzten möglichst weit von dem Mann am
Fenster entfernt.
»Professor R. J. Lupin«, flüsterte Hermine ohne zu zögern.
»Woher weißt du das denn schon wieder?«
»Steht auf seinem Koffer«, antwortete Hermine und deutete
auf die Gepäckablage über dem Kopf des Mannes, wo ein
kleiner, zerknautschter Koffer lag, der mit einer Menge Schnur
sorgfältig zugeknotet war. Auf einer Seite stand in abblätternden
Lettern der Name »Professor R. J. Lupin«.
»Welches Fach der wohl gibt?«, sagte Ron und musterte
stirnrunzelnd Professor Lupins bleiches Profil.
»Das ist doch klar«, flüsterte Hermine, »es gibt nur eine
freie Stelle, oder? Verteidigung gegen die dunklen Künste.«
80
Harry, Ron und Hermine hatten schon zwei Lehrer in
diesem Fach gehabt, und beide hatten es nur ein Jahr lang
durchgehalten. Gerüchten zufolge brachte diese Stelle kein
Glück.
»Ich hoffe, er schafft es«, sagte Ron zweifelnd. »Sieht eher
aus, als ob ein guter Zauber ihn erledigen würde, oder? Je-
denfalls ...«, er wandte sich Harry zu, »was wolltest du uns
sagen?«
Harry erzählte die ganze Geschichte von dem Streit zwi-
schen Mr und Mrs Weasley und der Warnung, die er soeben von
Mr Weasley erhalten hatte. Als er fertig war, schien Ron wie
vom Donner gerührt und Hermine hatte die Hände gegen die
Lippen gepresst. Endlich öffnete sie den Mund und sagte:
»Sirius Black ist tatsächlich ausgebrochen, um dich zu
jagen? Oh, Harry ... du musst wirklich ganz, ganz vorsichtig
sein. Such bloß keinen Ärger, Harry ...«
»Ich suche keinen Ärger«, sagte Harry gereizt. »Meist findet
der Ärger mich.«
»Harry müsste doch eine schöne Dumpfbacke sein, wenn er
nach einem Verrückten sucht, der ihn umbringen will«, sagte
Ron mit zitternder Stimme.
Die Neuigkeit erschütterte sie Mehr, als Harry erwartet
Hatte. Beide schienen größere Angst vor Black zu haben als er.
»Keiner weiß, wie er aus Askaban entkommen konnte«,
sagte Ron aufgebracht. »Keiner hat es je geschafft. Und er war
auch noch ein Hochsicherheitsgefangener.«
»Aber sie werden ihn doch fassen, nicht wahr?«, sagte
Hermine nachdrücklich. »Ich meine, die Muggel suchen ihn
doch auch alle ...«
»Was ist das für ein Geräusch?«, sagte Ron plötzlich.
Von irgendwoher kam ein leises, blechernes Pfeifen. Sie
sahen sich im Abteil um.
81
»Es kommt aus deinem Koffer, Harry«, sagte Ron. Er stand
auf und zog den Koffer aus der Gepäckablage. Einen
Augenblick später hatte er das Taschenspickoskop zwischen
Harrys Umhängen herausgezogen. Rasend schnell und hell
aufleuchtend drehte es sich auf Rons Handfläche.
»Ist das ein Spickoskop?«, fragte Hermine neugierig und
stand auf, um es näher in Augenschein zu nehmen.
»Ja ... allerdings ein ziemlich billiges«, sagte Ron. »Seit ich
es Errol ans Bein gebunden hab, um es Harry zu schicken, spinnt
es ein wenig.«
»Hast du damals irgendwas Komisches gemacht?«, sagte
Hermine mit forschendem Blick.
»Nein! Nun ja ... ich hätte eigentlich nicht Errol nehmen
sollen, du weißt doch, dass er nicht fit ist für lange Flüge ... aber
wie sollte ich Harry das Geschenk denn sonst schicken?«
»Steck es zurück in den Koffer«, mahnte Harry, als das
Spickoskop anfing, durchdringend zu pfeifen, »oder er wacht
noch auf.«
Er nickte zu Professor Lupin hinüber. Ron stopfte das
Spickoskop in ein besonders fürchterliches Paar von Onkel
Vernons alten Socken, was das Pfeifen abwürgte, dann klappte
er den Koffer zu.
»Wir könnten es in Hogsmeade nachsehen lassen«, sagte
Ron und setzte sich wieder. »Sie verkaufen solche Sachen bei
Derwisch und Banges, magische Werkzeuge und so Zeugs, das
weiß ich von Fred und George.«
»Weißt du viel über Hogsmeade?«, fragte Hermine inte-
ressiert. »Ich hab gelesen, es ist der einzige Ort in England, wo
kein einziger Muggel lebt.«
»Ja, ich glaub schon«, sagte Ron gleichgültig, »aber das ist
nicht der Grund, weshalb ich dort hinmöchte. Ich will einfach
mal in den Honigtopf!«
»Was ist das?«, wollte Hermine wissen.
82
»Der Süßigkeitenladen«, sagte Ron und ein träumerischer
Ausdruck trat auf sein Gesicht, »wo sie alles haben - Pfeffer-
kekse - die lassen dir den Mund rauchen - und große pralle
Schokokugeln, gefüllt mit Erdbeermousse und Schlagsahne und
ganz tolle Zuckerfederhalter, die kannst du in der Schule
lutschen und siehst dabei aus, als würdest du nur überlegen, was
du schreiben sollst -«
»Aber Hogsmeade ist doch auch sonst ganz interessant,
oder?«, bohrte Hermine wissbegierig nach. »In Historische
Stätten der Zauberei heißt es, das Wirtshaus sei das Hauptquar-
tier des berüchtigten Koboldaufstands von 1612 gewesen und
die Heulende Hütte soll das am übelsten spukende Gebäude im
ganzen Land sein -«
»- und dicke Brausekugeln, du hebst vom Boden ab, wenn
du sie lutschst«, sagte Ron, der offensichtlich kein Wort von
dem hören wollte, was Hermine zu sagen hatte.
Hermine wandte sich Harry zu.
»Wär es nicht schön, mal ein wenig aus der Schule raus-
zukommen und Hogsmeade zu erkunden?«
»Sicher«, brummte Harry. »Ihr müsst mir dann erzählen,
wie es war.«
»Was soll das heißen?«, sagte Ron.
»Ich kann nicht mit. Die Dursleys haben die
Zustimmungserklärung für mich nicht unterschrieben und Fudge
wollte auch nicht.«
Ron war entsetzt.
»Du darfst nicht mitkommen? Aber kommt nicht in Frage,
McGonagall oder sonst jemand wird es schon erlauben -«
Harry lachte hohl. Professor McGonagall, die das Haus
Gryffindor leitete, war sehr streng.
»Oder wir fragen Fred und George, die kennen alle Ge-
heimgänge aus dem Schloss heraus.«
83
»Ron!«, sagte Hermine in schneidendem Ton. »Ich glaube
nicht, dass Harry sich aus der Schule schleichen sollte, wenn
Black auf freiem Fuß ist.«
»ja, das wird McGonagall sicher auch sagen, wenn ich sie
um Erlaubnis frage«, sagte Harry erbittert.
»Aber wenn wir ihn begleiten, Hermine«, sagte Ron be-
herzt, »wird Black es nicht wagen.«
»Ach Ron, red keinen Stuss«, fuhr ihn Hermine an. »Black
hat mitten auf einer belebten Straße ein Dutzend Leute um-
gebracht, glaubst du wirklich, er wird sich davon abhalten
lassen, Harry anzugreifen, nur weil wir dabei sind?«
Während sie sprach, nestelte sie an den Spannverschlüssen
von Krummbeins Korb herum.
»Lass bloß dieses Tier nicht raus!«, sagte Ron. Doch zu
spät; leichtfüßig hüpfte Krummbein aus dem Korb, streckte sich,
gähnte und sprang auf Rons Knie; das Knäuel in Rons
Brusttasche zitterte und wütend schob er Krummbein beiseite.
»Hau ab!«
»Ron, nicht!«, sagte Hermine zornig.
Ron wollte gerade zurückfauchen, als sich Professor Lupin
regte. Gebannt beobachteten sie ihn, doch er drehte nur mit
leicht geöffnetem Mund den Kopf auf die andere Seite und
schlief weiter.
Der Hogwarts-Express fuhr stetig nordwärts und die
Landschaft vor dem Fenster wurde wilder und düsterer und die
Wolken am Himmel verdichteten sich. Vor der Abteiltür rannten
Schüler hin und her. Krummbein hatte sich jetzt auf einem
leeren Sitz niedergelassen, das eingedellte Gesicht Ron
zugewandt und die gelben Augen auf Rons Brusttasche
gerichtet.
Um eins schob die plumpe Hexe mit dem Imbisswagen die
Tür auf.
84
»Meint ihr, wir sollten ihn aufwecken?«, fragte Ron verle-
gen und nickte zu Professor Lupin hinüber. »Sieht aus, als
könnte er was zu essen vertragen.«
Hermine näherte sich vorsichtig dem Professor.
»Ähm - Professor?«, sagte sie. »Verzeihung - Professor?«
Er rührte sich nicht.
»Schon gut, Mädchen«, sagte die Hexe und reichte Harry
einen mächtigen Stapel Kesselkuchen, »wenn er aufwacht und
Hunger hat, ich bin vorne beim Zugführer.«
»Ich hoffe doch, dass er schläft?«, sagte Ron leise, als die
Hexe die Abteiltür zugeschoben hatte. »Ich meine - er ist nicht
tot, oder?«
»Nein, nein, er atmet«, flüsterte Hermine und nahm das
Stück Kesselkuchen, das Harry ihr reichte.
Professor Lupin mochte keine angenehme Gesellschaft sein,
doch dass er in ihrem Abteil war, hatte seine nützlichen Seiten.
Am späten Nachmittag, gerade als es zu regnen begonnen hatte
und die sanften Hügel vor dem Fenster verschwammen, hörten
sie erneut Schritte auf dem Gang und die Mitschüler, die sie am
wenigsten leiden konnten, erschienen an der Tür: Draco Malfoy,
Vincent Crabbe und Gregory Goyle.
Draco Malfoy und Harry waren verfeindet, seit sie sich auf
ihrer ersten Zugreise nach Hogwarts getroffen hatten. Malfoy
mit seinem blassen, spitzen und blasierten Gesicht war im Haus
Slytherin; er war Sucher in der Quidditch-Mannschaft der
Slytherins, ebenso wie Harry bei den Gryffindors. Crabbe und
Goyle schienen nur zu existieren, um Malfoys Befehle
auszuführen. Beide waren breit gebaut und muskulös; Crabbe
war der Größere von beiden und hatte einen Haarschnitt wie
eine Puddingschüssel und einen sehr dicken Hals; Goyle hatte
kurzes, stoppliges Haar und lange Gorillaarme.
85
»Schaut, schaut, wen haben wir denn da«, sagte Malfoy in
seinem üblichen trägen, schnarrenden Tonfall und riss die
Abteiltür auf. »Potty und das Wiesel.«
Crabbe und Goyle kicherten wie Kobolde.
»Hab gehört, dein Vater ist diesen Sommer endlich zu etwas
Gold gekommen, Weasley«, sagte Malfoy. »Ist deine Mutter an
dem Schock gestorben?«
Ron stand so schnell auf, dass er Krummbeins Korb zu
Boden stieß. Professor Lupin ließ einen Schnarcher vernehmen.
»Wer ist das denn?«, fragte Malfoy, als er Lupin bemerkte,
und trat instinktiv einen Schritt zurück.
»Ein neuer Lehrer«, sagte Harry, der ebenfalls aufgestanden
war, um Ron im Falle eines Falles im Zaum zu halten. »Was
wolltest du gerade sagen, Malfoy?«
Malfoys blasse Augen verengten sich; er war nicht der
Dummkopf, der vor der Nase eines Lehrers Streit anfangen
würde.
»Los, kommt«, murmelte er widerwillig Crabbe und Goyle
zu und sie verschwanden.
Harry und Ron setzten sich wieder; Ron rieb sich die
Handknöchel.
»Dieses Jahr lass ich mir von Malfoy nichts mehr bieten«,
sagte er zornig, »und das meine ich ernst. Wenn er noch einen
Witz über meine Familie macht, pack ich ihn am Kopf und -«
Ron fuchtelte heftig mit den Armen herum.
»Ron«, zischte Hermine und deutete auf Professor Lupin,
»sei vorsichtig -«
Doch Professor Lupin schlief seelenruhig.
Der Zug fuhr weiter nach Norden und der Regen wurde
stärker; die Fenster hatten ein undurchdringliches, schim-
merndes Grau angenommen, das sich allmählich verdun-
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kelte, bis schließlich die Laternen in den Gängen und über den
Gepäcknetzen aufflackerten. Der Zug ratterte dahin, der Regen
trommelte gegen die Fenster, der Wind heulte, doch Professor
Lupin schlief weiter.
»Wir müssen doch bald da sein«, sagte Ron und lehnte sich
an Professor Lupin vorbei zum inzwischen fast schwarzen
Fenster.
Und wie zur Bestätigung seiner Worte begann der Zug
langsamer zu werden.
»Endlich«, sagte Ron, stand auf und ging mit einem vor-
sichtigen Blick auf Professor Lupins Beine zum Fenster, um
hinauszusehen. »Ich verhungere noch. Was ich jetzt brauche, ist
das Festessen ...«
Hermine sah auf die Uhr. »Eigentlich können wir noch nicht
da sein«, sagte sie.
»Und warum halten wir dann?«
Der Zug bremste allmählich ab. Nun, da der Lärm der
Kolben sich abschwächte, schlugen Wind und Regen lauter denn
je gegen die Fenster.
Harry, der an der Tür saß, erhob sich und warf einen Blick
auf den Gang. Entlang des ganzen Wagens lugten neugierige
Köpfe aus den Abteilen.
Mit einem Ruck kam der Zug zum Stillstand und fernes
Poltern und Krachen sagte ihnen, dass Koffer aus den Ge-
päcknetzen gefallen waren. Dann, ohne jede Vorwarnung,
erloschen alle Lampen und sie waren jäh in schwarze Dun-
kelheit gehüllt.
»Was ist da los?«, ertönte Rons Stimme hinter Harry.
»Autsch!«, keuchte Hermine. »Ron, das war mein Fuß!«
Harry tastete sich zurück zu seinem Sitz.
»Glaubst du, wir haben eine Panne?«
»Keine Ahnung ...«
Es gab ein quietschendes Geräusch und Harry sah die ver-
87
schwommene schwarze Gestalt Rons das Fenster wischen, um
hinauszuschauen.
»Da draußen bewegt sich was«, sagte Ron, »ich glaube, es
steigen Leute ein ...«
Plötzlich ging die Abteiltür auf, jemand stieß schmerzhaft
gegen Harrys Beine und stürzte zu Boden.
»Verzeihung, wisst ihr, was da los ist? Autsch, tut mir
Leid -«
»Hallo, Neville«, sagte Harry. Er tastete in der Dunkelheit
umher und zog Neville an seinem Umhang auf die Beine.
»Harry? Bist du das? Was ist eigentlich los?«
»Keine Ahnung - setz dich -«
Darauf folgte ein lautes Fauchen und ein Schmerzensschrei;
Neville hatte versucht sich auf Krummbein niederzulassen.
»Ich geh jetzt nach vorn und frag den Zugführer, was hier
vor sich geht«, ließ Hermine vernehmen. Harry spürte sie an
sich vorbeigehen, hörte die Tür aufgleiten und dann einen
dumpfen Schlag und zwei laute Aufschreie.
»Wer ist das?«
»Wer ist das?«
»Ginny?«
»Hermine?«
»Was tust du hier?«
»Ich suche Ron.«
»Komm rein und setz dich hin.«
»Nicht hier!«, sagte Harry rasch.
»Autsch!«, sagte Neville.
»Ruhe!«, sagte plötzlich eine heisere Stimme.
Professor Lupin schien endlich aufgewacht zu sein. Harry
konnte hören, dass sich in seiner Ecke etwas regte. Keiner von
ihnen sagte ein Wort.
Sie hörten ein leises Knistern, und ein flackerndes Licht
88
erleuchtete das Abteil. Professor Lupin schien eine Hand voll
Flammen zu tragen. Sie beleuchteten sein müdes graues Gesicht,
doch seine Augen glänzten wachsam und voll Argwohn.
»Bleibt, wo ihr seid«, sagte er mit seiner heiseren Stimme
und erhob sich langsam, die Hand mit den Flammen vor sich
ausgestreckt.
Doch die Tür glitt auf, bevor Lupin sie erreichte.
Am Eingang, erhellt von den flackernden Flammen in
Lupins Hand, stand eine vermummte Gestalt, die bis zur Decke
ragte. Das Gesicht war unter einer Kapuze vollständig
verborgen. Harrys Blick schoss nach unten, und was er da sah,
ließ seinen Magen zusammenkrampfen. Eine Hand lugte unter
dem Umhang hervor und es war eine glitzernd graue, schleimige
Hand, wie die eines Toten, der zu lange im Wasser gelegen hatte
...
Doch er sah sie nur für den Bruchteil einer Sekunde. Als ob
das Wesen unter dem Umhang Harrys Blick gespürt hätte, zog
es die Hand rasch unter die Falten des schwarzen Umhangs
zurück.
Und dann holte das Kapuzenwesen, was immer es war,
lange und tief rasselnd Atem, als ob es versuchte, mehr als nur
Luft aus seiner Umgebung zu saugen.
Eine bittere Kälte legte sich über sie. Harry spürte seinen
Atem in der Brust stocken. Die Kälte drang ihm unter die Haut.
Sie drang in seine Brust, ins Innere seines Herzens ...
Harrys Augäpfel drehten sich nach innen. Er konnte nichts
mehr sehen. Die Kälte ertränkte ihn. In seinen Ohren rauschte
es, wie von Wasser. Etwas zog ihn in die Tiefe, das Rauschen
wurde lauter ...
Und dann, aus weiter Ferne, hörte er Schreie, schreckliche,
grauenerfüllte, flehende Schreie - er wollte helfen, wer auch
immer es war, er versuchte die Arme zu bewegen,
89
doch er konnte nicht - ein dichter weißer Nebel wirbelte um ihn
auf, drang in sein Inneres -
»Harry! Harry! Alles in Ordnung?«
Jemand gab ihm eine Ohrfeige.
»W-was?«
Harry öffnete die Augen; über ihm brannten Lampen, und
der Fußboden vibrierte - die Lichter waren angegangen und der
Hogwarts-Express fuhr wieder. Offenbar war er von seinem Sitz
auf den Boden geglitten. Ron und Hermine knieten neben ihm,
und über ihnen sah er Neville und Professor Lupin, die ihn
gespannt musterten. Harry war speiübel; als er die Hand hob, um
seine Brille zurechtzurücken, spürte er kalten Schweiß auf
seinem Gesicht.
Ron und Hermine hievten ihn zurück auf seinen Platz.
»Geht's wieder?«, fragte Ron nervös.
»Ja«, sagte Harry und warf rasch einen Blick zur Tür. Die
vermummte Kreatur war verschwunden. »Was ist passiert? Wo
ist dieses - dieses Wesen? Wer hat geschrien?«
»Kein Mensch hat geschrien«, sagte Ron, jetzt noch ner-
vöser.
Harry sah sich in dem hell erleuchteten Abteil um. Ginny
und Neville, beide ganz blass, erwiderten seinen Blick.
»Aber ich hab Schreie gehört.«
Ein lautes Knacken ließ sie alle zusammenfahren. Professor
Lupin brach einen gewaltigen Riegel Schokolade in Stücke.
»Hier«, sagte er zu Harry und reichte ihm ein besonders
großes Stück. »Iss. Dann geht's dir besser.«
Harry nahm die Schokolade, aß sie jedoch nicht.
»Was war das für ein Wesen?«, fragte er Lupin.
»Ein Dementor«, sagte Lupin, während er die Schokolade
an die andern verteilte. »Einer der Dementoren von Askaban.«
90
Alle starrten ihn an. Professor Lupin knüllte das leere
Schokoladenpapier zusammen und steckte es in die Tasche.
»Iss«, sagte er noch einmal. »Das hilft. Entschuldigt mich,
ich muss mit dem Zugführer sprechen -«
Er ging an Harry vorbei und verschwand im Gang.
»Bist du sicher, dass du in Ordnung bist, Harry?«, sagte
Hermine und musterte ihn besorgt.
»Ich begreif es nicht ... was ist passiert?«, fragte Harry und
wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn.
»Nun - dieses Wesen - dieser Dementor - stand da und hat
sich umgesehen - wenigstens nehm ich an, dass er es tat, ich
konnte sein Gesicht nicht sehen - und du, du -«
»Ich dachte, du hättest so eine Art Anfall«, sagte Ron, dem
der Schreck immer noch im Gesicht stand. »Du bist irgendwie
steif geworden und von deinem Sitz gefallen und hast
angefangen zu zucken.«
»Und Professor Lupin ist über dich gestiegen, hat sich vor
dem Dementor aufgestellt und den Zauberstab gezückt«, sagte
Hermine. »Und dann hat er gesagt: >Keiner von uns hier
versteckt Sirius Black unter seinem Umhang. Geht.< Aber der
Dementor hat sich nicht gerührt. Dann hat Lupin etwas
gemurmelt und etwas Silbernes ist aus seinem Zauberstab auf
den Dementor gerichtet geschossen und der hat sich umgedreht
und ist auf so merkwürdige Art davongeglitten.«
»Es war schrecklich«, sagte Neville mit noch höherer
Stimme als sonst. »Hast du gemerkt, wie kalt es wurde, als er
reinkam?«
»Ich hab mich so komisch gefühlt«, sagte Ron und zog be-
klommen die Schultern hoch. »Als ob ich nie mehr froh sein
würde ...«
Ginny, die in ihrer Ecke zusammengekauert saß und fast so
schlecht aussah, wie Harry sich fühlte, ließ einen leisen
91
Schluchzer vernehmen; Hermine ging zu ihr und legte ihr
tröstend den Arm um die Schultern.
»Aber ist denn keiner von euch - vom Sitz gefallen?«, fragte
Harry verlegen.
»Nein«, sagte Ron und sah Harry erneut beunruhigt an.
»Aber Ginny hat wie verrückt gezittert ...«
Harry begriff nicht. Er fühlte sich schwach und wackelig; als
ob er sich von einem schweren Grippeanfall erholen müsste;
auch spürte er einen Anflug von Scham. Warum hatte es
ausgerechnet ihn so fürchterlich erwischt und keinen von den
andern?
Professor Lupin kam zurück. Er trat ein, Stockte, sah sich
um und sagte dann mit dem Anflug eines Lächelns:
»Ich hab die Schokolade nicht vergiftet, glaub mir ...«
Harry biss ein Stück ab, und zu seiner großen Überraschung
breitete sich plötzlich Wärme bis in seine Fingerspitzen und
Zehen aus.
»In zehn Minuten sind wir in Hogwarts«, sagte Professor
Lupin. #Wie geht's dir, Harry?«
Harry fragte nicht, woher Professor Lupin seinen Namen
kannte.
»Gut«, nuschelte er verlegen.
Sie sprachen nicht viel während der verbleibenden Reise.
Endlich hielt der Zug am Bahnhof von Hogwarts. Unter großem
Durcheinander drängelten alle nach draußen; Eulen heulten,
Katzen miauten und Nevilles Kröte quakte laut unter seinem Hut
hervor. Auf dem kleinen Bahnsteig war es bitterkalt; in eisigen
Böen prasselte der Regen nieder.
»Erstklässler hier lang«, rief eine vertraute Stimme. Harry,
Ron und Hermine wandten sich um und sahen den riesenhaften
Umriss Hagrids am anderen Ende des Bahnsteigs, der die
verängstigt aussehenden neuen Schüler zu sich winkte, um dann,
wie es der Brauch war, mit ihnen über den See zu fahren
92
»Alles klar, ihr drei?«, rief Hagrid über die Köpfe der
Menge hinweg. Sie winkten ihm zu, hatten jedoch keine
Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, weil die Menschenmasse sie
in die andere Richtung schob. Harry, Ron und Hermine folgten
den anderen Schülern den Bahnsteig entlang und hinaus auf
einen holprigen, schlammigen Fahrweg, wo mindestens hundert
Kutschen auf sie warteten. Als sie eingestiegen waren und den
Wagenschlag geschlossen hatten, setzte sich die Kutsche wie
von allein in Bewegung und reihte sich rumpelnd und
schaukelnd in die Prozession ein. Sie werden von unsichtbaren
Pferden gezogen, überlegte Harry. -
In der Kutsche roch es leicht nach Moder und Stroh. Seit der
Schokolade fühlte sich Harry besser, doch immer noch schwach.
Ron und Hermine warfen ihm ständig Blicke von der Seite her
zu, als ob sie fürchteten, er könne erneut in Ohnmacht fallen.
Als die Kutsche auf ein reich verziertes, zweiflügliges Ei-
sentor zuratterte, das zu beiden Seiten von steinernen Säulen mit
geflügelten Ebern an der Spitze flankiert war, sah Harry zwei
weitere riesige, vermummte Dementoren, die unter den Ebern
Wache standen. Eine kalte Welle aus Übelkeit drohte ihn erneut
zu ertränken; er lehnte sich zurück in seinen harten Sitz und
schloss die Augen, bis sie das Tor passiert hatten. Auf dem
langen, ansteigenden Weg hoch zum Schloss wurde die Kutsche
allmählich schneller; Hermine steckte den Kopf aus dem kleinen
Fenster und sah zu, wie die vielen Zinnen und Türme näher
kamen. Endlich machte die Kutsche schaukelnd Halt und
Hermine und Ron stiegen aus.
Als Harry die Stufen hinabkletterte, drang ein träges,
schadenfrohes Schnarren an sein Ohr.
»Du bist in Ohnmacht gefallen, Potter? Sagt Longbottom
die Wahrheit? Du bist tatsächlich ohnmächtig geworden?«
93
Malfoy stieß Hermine mit dem Ellbogen beiseite und stellte
sich Harry auf den steinernen Stufen hoch zum Schloss in den
Weg. Sein Gesicht war voll Häme und seine blassen Augen
glitzerten tückisch.
»Hau ab, Malfoy«, sagte Ron mit zusammengebissenen
Zähnen.
»Bist du auch ohnmächtig geworden, Weasley?«, sagte
Malfoy laut. »Hat der schreckliche alte Dementor dir auch Angst
eingejagt, Weasley?«
»Gibt es hier ein Problem?«, sagte eine sanfte Stimme.
Professor Lupin war gerade aus der nachfolgenden Kutsche
gestiegen.
Malfoy warf Professor Lupin einen überheblichen Blick zu
und ließ die Augen über die Flicken auf seinem Umhang und
den zerbeulten Koffer wandern. Mit leisem Spott in der Stimme
sagte er:
»O nein - ähm - Professor«, dann grinste er Crabbe und
Goyle zu und stolzierte den beiden voran die Stufen zum
Schloss hoch.
Hermine stupste Ron in den Rücken, um ihn anzutreiben,
und die drei schlossen sich den Scharen der andern Schüler an,
die zum Schloss hinaufgingen und durch das mächtige Portal in
die geräumige, von flackernden Fackeln erleuchtete
Eingangshalle strömten, von der aus eine herrliche marmorne
Treppe in die oberen Stockwerke führte.
Zu ihrer Rechten öffnete sich die Tür zur Großen Halle;
Harry folgte den Schülern, die hineinströmten, doch kaum hatte
er einen Blick auf die verzauberte Decke geworfen, die heute
Abend schwarz und bewölkt war, da rief eine Stimme:
»Potter! Granger! Ich will Sie beide sprechen!«
Harry und Hermine wandten sich überrascht um. Professor
McGonagall, die Lehrerin für Verwandlung und Leiterin des
Hauses Gryffindor, hatte sie über die Köpfe der Menge
94
hinweg gerufen. Sie war eine Hexe mit strenger Miene; das Haar
hatte sie zu einem festen Knoten gebunden und ihre scharfen
Augen wurden von quadratischen Brillengläsern umrahmt.
Harry kämpfte sich mit unguter Vorahnung zu ihr durch;
Professor McGonagall hatte ihre eigene Art, ihm das Gefühl zu
geben, irgendetwas falsch gemacht zu haben.
»Kein Grund, so besorgt auszusehen. Ich will nur, dass ihr
auf ein Wort in mein Büro kommt«, sagte sie. »Sie gehen
weiter, Weasley.«
Ron starrte ihnen nach, während Professor McGonagall
Harry und Hermine von der schnatternden Menge fortführte, sie
die Marmortreppe hoch- und einen Korridor entlangbugsierte.
Sobald sie in ihrem Büro waren, einem kleinen Raum mit
einem großen, behaglichen Feuer, wies Professor McGonagall
Harry und Hermine an, sich zu setzen. Sie selbst ließ sich hinter
ihren Schreibtisch nieder und begann ohne Umschweife:
»Professor Lupin hat eine Eule vorausgeschickt, um mich zu
benachrichtigen, dass Sie im Zug einen Ohnmachtsanfall hatten,
Potter.«
Bevor Harry antworten konnte, klopfte es sanft an der Tür
und Madam Pomfrey, die Krankenschwester, kam he-
reingewuselt.
Harry spürte, wie er rot anlief, Schlimm genug, dass er
ohnmächtig geworden war, oder was es auch gewesen sein mag,
nun machten sie auch noch alle so viel Aufhebens davon.
»Mir geht's gut«, sagte er. »Ich brauche nichts.«
»Oh, du warst es?«, sagte Madam Pomfrey. Sie achtete nicht
auf seine Worte, beugte sich über ihn und musterte ihn mit
scharfem Blick. »Ich nehme an, du hast wieder was Gefährliches
angestellt?«
95
»Es war ein Dementor, Poppy«, sagte Professor
McGonagall. Sie tauschten düstere Blicke aus und Madam
Pomfrey schnalzte missbilligend mit der Zunge.
»Dementoren um die Schule herum aufstellen«, murmelte
sie und strich Harrys Haare zurück, um ihm die Stirn zu fühlen,
»da wird er nicht der Letzte sein, der zusammenbricht. ja, er ist
ganz unterkühlt. Fürchterliche Ungeheuer sind das, und wenn
man bedenkt, wie sie auf Leute wirken, die ohnehin schon
zartbesaitet sind.«
»Ich bin nicht zart besaitet!«, sagte Harry beleidigt.
»Natürlich nicht«, sagte Madam Pomfrey geistesabwesend
und fühlte ihm den Puls.
»Was braucht er?«, sagte Professor McGonagall forsch.
»Bettruhe? Sollte er die Nacht vielleicht im Krankenflügel
verbringen?«
»Mir geht's gut!«, sagte Harry und sprang auf Die Vorstel-
lung, was Draco Malfoy sagen würde, wenn er in den Kran-
kenflügel müsste, war die reine Folter.
»Nun, zumindest sollte er ein wenig Schokolade bekom-
men«, sagte Madam Pomfrey, die jetzt versuchte, in Harrys
Augen zu spähen.
»Ich hatte schon welche«, sagte Harry. »Professor Lupin hat
mir ein Stück gegeben. Er hat sie an uns alle verteilt.«
»Ach, das war nett von ihm«, sagte Madam Pomfrey aner-
kennend. »Also haben wir endlich einen Lehrer in Verteidigung
gegen die dunklen Künste, der seine Gegenmittel beherrscht?«
»Sind Sie sicher, dass Sie sich wohl fühlen, Potter?«, fragte
Professor McGonagall in scharfem Ton.
»Ja«, sagte Harry.
»Sehr schön. Warten Sie bitte draußen, während ich kurz
mit Miss Granger über ihren Stundenplan spreche, dann können
wir zusammen nach unten gehen.«
96
Harry ging hinaus in den Gang, zusammen mit Madam
Pomfrey, die leise murmelnd in den Krankenflügel zurück-
kehrte. Er musste nur wenige Minuten warten; als Hermine aus
der Tür trat, schien sie sehr froh über etwas zu sein. Professor
McGonagall folgte ihr und die drei stiegen die Marmortreppe
hinunter in die Große Halle.
Die Halle war ein Meer aus schwarzen Spitzhüten; die
langen Tische der vier Häuser waren voll besetzt mit Schülern,
deren Gesichter beim Licht Tausender schwebender Kerzen
erglühten. Professor Flitwick, ein winziger Zauberer mit einem
Schock weißen Haars, trug gerade einen alten Hut und einen
dreibeinigen Stuhl aus der Halle.
»Schade«, sagte Hermine, »wir haben die Auswahl ver-
säumt!«
Die neuen Schüler in Hogwarts wurden auf die Häuser
verteilt (Gryffindor, Ravenclaw, Hufflepuff und Slytherin).
Dazu diente der Sprechende Hut, den sie aufsetzten und der
daraufhin laut das Haus verkündete, zu dem sie am besten
passten. Professor McGonagall schritt auf ihren Platz am
Lehrertisch zu und Harry und Hermine gingen so unauffällig wie
möglich in die andere Richtung zum Tisch der Gryffindors. Ihre
Mitschüler wandten sich nach ihnen um, während sie an der
rückwärtigen Wand der Halle entlanggingen, und ein paar
deuteten auf Harry. Hatte sich die Geschichte von seinem
Ohnmachtsanfall vor dem Dementor so rasch herumgesprochen?
Harry und Hermine setzten sich neben Ron, der ihnen Plätze
freigehalten hatte.
»Was sollte der ganze Aufstand?«, murmelte er Harry zu.
Harry begann flüsternd zu erklären, doch in diesem Au-
genblick erhob sich der Schulleiter und Harry verstummte.
Professor Dumbledore, obwohl sehr alt, erweckte immer
den Eindruck von ungeheurer Kraft. Er hatte fast meterlan-
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ges silbernes Haar und einen Bart, halbmondförmige Bril-
lengläser und eine scharf gekrümmte Nase. Oft hieß es, er sei
der größte Zauberer seiner Zeit, doch das war nicht der Grund,
weshalb Harry ihn schätzte. Man konnte einfach nicht umhin,
Albus Dumbledore zu vertrauen, und während Harry
beobachtete, wie Dumbledore die Schüler reihum strahlend
anlächelte, fühlte er sich zum ersten Mal, seit der Dementor das
Zugabteil betreten hatte, richtig entspannt.
»Willkommen!«, sagte Dumbledore und das Kerzenlicht
schimmerte auf seinem Bart. »Willkommen zu einem neuen
Jahr in Hogwarts! Ich habe euch allen einige Dinge mitzuteilen,
und da etwas sehr Ernstes darunter ist, halte ich es für das Beste,
wenn ich gleich damit herausrücke, denn nach unserem
herrlichen Festmahl werdet ihr sicher ein wenig bedröppelt sein
...«
Dumbledore räusperte sich und fuhr fort:
»Wie ihr mitbekommen habt, ist der Hogwarts-Express
durchsucht worden, und ihr wisst inzwischen, dass unsere
Schule gegenwärtig einige der Dementoren von Askaban
beherbergt, die im Auftrag des Zaubereiministeriums hier sind.«
Er hielt inne und Harry fiel ein, dass Mr Weasley gesagt
hatte, auch Dumbledore sei nicht glücklich darüber, dass die
Dementoren die Schule bewachten.
»Sie sind an allen Eingängen zum Gelände Postiert«, fuhr
Dumbledore fort, »und ich muss euch klar sagen, dass niemand
ohne Erlaubnis die Schule verlassen darf, während sie hier sind.
Dementoren dürfen nicht mit Tricks oder Verkleidungen zum
Narren gehalten werden - nicht einmal mit Tarnumhängen«,
fügte er mild lächelnd hinzu, und Harry und Ron warfen sich
verstohlene Blicke zu. »Es liegt nicht in der Natur
eines Dementors, Bitten oder Ausreden zu verstehen.
Ich mahne daher jeden Einzelnen von euch: Gebt
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ihnen keinen Grund, euch Leid zuzufügen. Ich erwarte von
unseren Vertrauensschülern und von unserem neuen Schul-
sprecherpaar, dass sie dafür sorgen, dass kein Schüler und keine
Schülerin den Dementoren in die Quere kommt«, sagte
Dumbledore.
Percy, der einige Stühle von Harry entfernt saß, warf sich
erneut in die Brust und blickte Achtung heischend in die Runde.
Dumbledore legte eine Pause ein; er ließ die Augen mit ernster
Miene durch den Saal wandern; niemand bewegte sich oder
machte auch nur das kleinste Geräusch.
»Und nun zu etwas Angenehmerem«, fuhr er fort. »Ich freue
mich, dieses Jahr zwei neue Lehrer in unseren Reihen begrüßen
zu können.
Zunächst Professor Lupin, der sich freundlicherweise bereit
erklärt hat, die Stelle des Lehrers für Verteidigung gegen die
dunklen Künste zu übernehmen.«
Es gab vereinzelten, wenig begeisterten Beifall. Nur jene,
die mit Professor Lupin im Zugabteil gesessen hatten, und dazu
gehörte Harry; klatschten wild in die Hände. Professor Lupin
sah neben all den andern Lehrern in ihren besten Umhängen
besonders schäbig aus.
»Schau dir Snape an!«, zischte Ron Harry ins Ohr.
Professor Snape, der Lehrer für Zaubertränke, starrte quer
über den Tisch auf Professor Lupin. Es war kein Geheimnis,
dass Snape eigentlich dessen Stelle haben wollte, doch selbst
Harry, der Snape nicht leiden konnte, war bestürzt über den
Ausdruck, der über sein schmales, fahles Gesicht zuckte; es war
mehr als Wut; es war blanker Hass. Harry kannte diesen
Ausdruck nur zu gut; es war derselbe Blick, mit dem Snape
jedes Mal Harry ansah.
»Zu unserer zweiten Neuernennung«, fuhr Dumbledore fort,
während der halbherzige Applaus für Professor Lupin erstarb.
»Nun, es tut mir Leid, euch sagen zu müssen, dass
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Professor Kesselbrand, unser Lehrer für die Pflege magischer
Geschöpfe, Ende letzten Jahres in den Ruhestand getreten ist,
um sich noch ein wenig seiner verbliebenen Gliedmaßen
erfreuen zu können. Jedoch bin ich froh sagen zu können, dass
sein Platz von keinem anderen als Rubeus Hagrid eingenommen
wird, der sich bereit erklärt hat, diese Lehrtätigkeit zusätzlich zu
seinen Pflichten als Wildhüter zu übernehmen.«
Harry, Ron und Hermine starrten sich verdutzt an. Dann
stimmten auch sie in den Beifall ein, der besonders am Tisch der
Gryffindors tumultartige Züge annahm; Harry lehnte sich vor,
um Hagrid sehen zu können, der rubinrot angelaufen war und
auf seine gewaltigen Pranken hinunterstarrte, das breite Grinsen
im Gestrüpp seines schwarzen Bartes verborgen.
»Das hätten wir doch erraten können!«, brüllte Ron und
hämmerte auf den Tisch, »wer sonst würde uns ein beißendes
Buch auf die Liste setzen?«
Harry, Ron und Hermine hörten als Letzte zu klatschen auf,
und als Professor Dumbledore wieder zu sprechen begann,
sahen sie, wie Hagrid sich am Tischtuch die Augen wischte.
»Nun, ich denke, das ist alles, was zu erwähnen wäre«, sagte
Dumbledore. »Beginnen wir mit dem Festmahl!«
Die goldenen Teller und Becher vor ihnen füllten sich
plötzlich mit Speisen und Getränken. Harry, mit einem Mal
hungrig wie ein Tier, tat sich von allem, was er mit Händen
erreichen konnte, etwas auf und begann zu essen.
Es war ein herrliches Mahl; die Halle war erfüllt von
Stimmen, Gelächter und vom Geklirr der Messer und Gabeln.
Doch Harry, Ron und Hermine wollten schnell fertig werden,
um mit Hagrid sprechen zu können. Sie wussten, wie viel
es ihm bedeutete, zum Lehrer ernannt worden zu
100
sein. Hagrid war kein vollständig ausgebildeter Zauberer; er war
im dritten Schuljahr von Hogwarts verwiesen worden, wegen
eines Verbrechens, das er nicht begangen hatte; erst Harry, Ron
und Hermine hatten letztes Jahr seinen guten Namen
wiederhergestellt.
Endlich, als die letzten Krümel Kürbistorte von den gol-
denen Tellern verschwunden waren, verkündete Dumbledore, es
sei nun für alle an der Zeit, ins Bett zu gehen, und das war ihre
Chance.
»Herzlichen Glückwunsch, Hagrid«,kreischte Hermine, als
sie zum Lehrertisch gelangten.
»Allen Dank euch dreien«, sagte Hagrid zu ihnen aufbli-
ckend und wischte sich das glänzende Gesicht mit der Serviette
ab. »Kann's einfach nicht glauben ... großartiger Mann,
Dumbledore ... kam schnurstracks rüber zu meiner Hütte,
nachdem Professor Kesselbrand gesagt hatte, er hätte genug ...
das hab ich mir immer gewünscht ...«
Überwältigt vor Rührung vergrub er das Gesicht in der
Serviette, und Professor McGonagall scheuchte sie davon.
Harry, Ron und Hermine schlossen sich den Gryffindors an,
die die Treppe emporströmten, und gingen, inzwischen recht
müde, die Korridore entlang und noch mehr Treppen empor, bis
sie zum versteckten Eingang des Gryffindor-Turms kamen. Das
große Bildnis einer fetten Dame in einem rosa Kleid fragte sie:
»Passwort?«
»Ich komm schon, ich komm schon!«, rief Percy am ande-
ren Ende der Schülerschlange. »Das neue Passwort ist Fortuna
Major!«
»O nein«, sagte Neville Longbottom traurig. Es fiel ihm
immer schwer, sich Passwörter zu merken.
Sie kletterten durch das Porträtloch und durchquerten den
Gemeinschaftsraum, und schließlich nahmen Jungen und
Mädchen verschiedene Treppen nach oben; Harry stieg
101
die Wendeltreppe hoch und dachte einzig daran, wie froh er war,
zurück zu sein; sie kamen in den vertrauten, runden Schlafsaal
mit ihren Himmelbetten, und als Harry sich umsah, hatte er das
Gefühl, endlich wieder zu Hause zu sein.
102
Teeblätter und Krallen
Als Harry, Ron und Hermine am nächsten Morgen zum
Frühstück in die Große Halle kamen, fiel ihnen zuallererst Draco
Malfoy auf, der eine große Schar Slytherins mit einer offenbar
sehr komischen Geschichte unterhielt. Während sie
vorbeigingen, gab Malfoy eine drollige Vorstellung von einem
Ohnmachtsanfall zum Besten und heimste dafür johlendes
Gelächter ein.
»Achte nicht auf ihn«, sagte Hermine, die dicht hinter Harry
ging, »ignorier ihn einfach, er ist es nicht wert ...«
»He, Potter!«, kreischte Pansy Parkinson, ein Slytherin-
Mädchen mit einem Gesicht wie ein Mops, »Potter! Die De-
mentoren kommen, Potter! Uuuuhuuuh!«
Harry ließ sich auf einen Stuhl am Tisch der Gryffindors
fallen, neben George Weasley.
»Die neuen Stundenpläne für die Drittklässler«, sagte
George und reichte die Blätter weiter. »Was ist los mit dir,
Harry?«
»Malfoy«, sagte Ron, der sich ebenfalls zu George gesetzt
hatte und zornig zum Tisch der Slytherins hinüberstarrte.
George sah gerade noch rechtzeitig hoch, um zu sehen, wie
Malfoy schon wieder so tat, als würde er vor Schreck in
Ohnmacht fallen.
»Dieses kleine Großmaul«, sagte er gelassen. »Gestern
Abend, als die Dementoren in unserem Wagen waren, war er
nicht so dreist. Kam in unser Abteil gerannt, weißt du noch,
Fred?«
103
»Hat sich fast nass gemacht«, sagte Fred mit einem ver-
ächtlichen Blick zu Malfoy hinüber.
»Mir war auch nicht besonders wohl«, sagte George.
»Richtige Ungeheuer, diese Dementoren ...«
»Lassen dir die Eingeweide gefrieren«, sagte Fred.
»Immerhin seid ihr nicht ohnmächtig geworden, oder?«'
sagte Harry mit matter Stimme.
»Vergiss es, Harry«, sagte George aufmunternd. »Fred,
weißt du noch, wie Dad mal nach Askaban musste? Und er
meinte, das sei der schlimmste Ort, an dem er je gewesen sei, er
kam ganz schwach und zittrig zurück ... Diese Dementoren
saugen das Glück ab, wo sie auch sind. Die meisten Gefangenen
dort werden verrückt.«
»Wollen mal sehen, wie gut gelaunt Malfoy nach unserem
ersten Quidditch-Spiel noch aus der Wäsche guckt«, sagte Fred.
».Gryffindor gegen Slytherin, das erste Spiel der Saison, so war's
doch?«
Das einzige Mal, dass Harry und Malfoy sich in einem
Quidditch-Spiel gegenübergestanden hatten, hatte Malfoy
eindeutig den Kürzeren gezogen. Harry, dem jetzt ein wenig
besser zumute war, tat sich Würstchen und gegrillte Tomaten
auf.
Hermine war in ihren neuen Stundenplan vertieft.
»Ach gut, wir fangen heute mit ein paar neuen Fächern an«,
sagte sie glücklich.
»Hermine«, sagte Ron, der ihr stirnrunzelnd über die
Schulter sah, »da haben sie dir einen verkorksten Stundenplan
gegeben. Schau mal - du hast ungefähr zehn Fächer am Tag.
Dazu hast du überhaupt nicht die Zeit.«
»Das schaff ich schon. Ich hab alles mit Professor McGo-
nagall abgesprochen.«
»Aber hör mal«, sagte Ron lachend, »was ist mit heute
Morgen? Neun Uhr Wahrsagen. Und darunter, auch neun
104
Uhr, Muggelkunde. Und sieh mal an« - Ron beugte sich mit
ungläubiger Miene tiefer über den Stundenplan, »- darunter
Arithmantik, auch um neun. Ich weiß ja, dass du gut in der
Schule bist, Hermine, aber niemand ist so gut. Wie willst du
denn in drei Klassenzimmern auf einmal sein?«
»Stell dich nicht so bescheuert an«, sagte Hermine barsch.
»Natürlich bin ich nicht in drei Klassenräumen auf einmal.«
»Und wie -«
»Gib mir mal die Marmelade«, sagte Hermine.
»Aber -«
»O Ron, was kümmert es dich, wenn mein Stundenplan ein
bisschen voll ist?« fauchte ihn Hermine an. »Ich hab dir doch
gesagt, dass ich alles mit Professor McGonagall geklärt habe.«
In diesem Augenblick betrat Hagrid die Große Halle. Er trug
seinen langen Maulwurffell-Umhang und gedankenversunken
ließ er einen toten Iltis von einer seiner Pranken baumeln. Auf
dem Weg zum Lehrertisch hielt er bei den dreien inne.
»Alles klar bei euch?«, sagte er gut gelaunt. »Ihr sitzt in
meiner allerersten Stunde! Gleich nach dem Mittagessen! Bin
seit fünf auf den Beinen, um alles vorzubereiten ... hoffe, es
gefällt euch ... ich und Lehrer ... nicht zu fassen ...«
Er sah sie breit grinsend an und ging dann, munter mit dem
Iltis wedelnd, weiter zum Lehrertisch.
»Was er wohl vorbereitet hat?«, sagte Ron mit leichter An-
spannung in der Stimme.
Die Schüler brachen jetzt zur ersten Unterrichtsstunde auf
und die Halle leerte sich zusehends. Ron warf einen Blick auf
seinen Stundenplan.
»Wir sollten gehen, sieh mal, Wahrsagen ist oben auf dem
Nordturm, da hoch brauchen wir mindestens zehn Minuten ...«
105
Hastig beendeten sie ihr Frühstück, verabschiedeten sich
von Fred und George und machten sich auf den Weg zum
Ausgang. Als sie am Tisch der Slytherins vorbeigingen, tat
Malfoy noch einmal so, als würde er in Ohnmacht fallen.
johlendes Gelächter folgte Harry in die Eingangshalle.
Der Weg durch das Schloss zum Nordturm war lang.
Zweijahre in Hogwarts hatten nicht gereicht, um alle Ecken und
Enden des Schlosses kennen zu lernen, und sie waren noch nie
im Nordturm gewesen.
»Es - muss - doch - eine - Abkürzung - geben«, keuchte
Ron, während sie die siebte lange Treppe emporstiegen. Oben
gelangten sie auf einen unbekannten Rundgang, wo es nichts
gab außer einem großen Gemälde an der steinernen Wand, das
nichts als ein Stück Grasland zeigte.
»Ich glaube, hier geht's lang«, sagte Hermine und spähte in
den leeren Gang zu ihrer Rechten.
»Das kann nicht sein«, sagte Ron.»Das ist Süden, sieh mal,
vom Fenster aus sieht man den See -«
Harry betrachtete das Gemälde. Ein fettes, scheckiges Pony
war eben auf die Wiese gehoppelt und fing unbekümmert an zu
grasen. Für Harry war es nichts Neues mehr, dass die
Abgebildeten auf den Gemälden von Hogwarts ihre Bil-
derrahmen verließen und sich gegenseitig Besuche abstatteten,
doch er sah immer gerne zu. Einen Augenblick später kam ein
untersetzter, vierschrötiger Ritter mit Rüstung in das Bild
geklappert. Den Grasflecken auf seinen metallenen Knien nach
zu schließen, war er soeben gestürzt.
»Sieh an!«, rief er, als er Harry, Ron und Hermine erblickte,
»was sind das für Schurken, die in meine Ländereien
eindringen! Gekommen, um euch über meinen Sturz lustig zu
machen? Zieht eure Waffen, ihr Spitzbuben, ihr Hunde!«
Verdutzt beobachteten sie, wie der kleine Ritter sein
Schwert aus der Scheide zog und wild damit herumfuch-
106
telte, wobei er zornig umherhopste. Doch das Schwert war zu
lang für ihn; ein besonders heftiger Schwung brachte ihn aus
dem Gleichgewicht und er flog mit dem Gesicht ins Gras.
»Haben Sie sich was getan?«, fragte Harry und trat näher an
das Bild heran.
»Zurück, gemeiner Aufschneider! Zurück, Strolch!«
Wieder packte der Ritter sein Schwert, diesmal, um sich
aufzurappeln, doch die Klinge sank tief in die Erde und obwohl
er mit aller Kraft zog, blieb sie stecken. Schließlich musste er
sich wieder ins Gras sinken lassen und das Visier hochschieben,
um sich das schweißnasse Gesicht zu wischen.
»Hören Sie«, sagte Harry eilig, um die Erschöpfung des
Ritters auszunutzen, »wir suchen den Nordturm. Kennen Sie
vielleicht den Weg?«
»Eine Frage!« Der Zorn des Ritters schien im Nu wie
weggeblasen. Klappernd rappelte er sich hoch und rief»Kommt,
folgt mir, werte Freunde, und wir werden unser Ziel finden oder
aber tapfer kämpfend untergehen!«
Noch einmal zog er am Schwert, doch ohne Erfolg, schließ-
lich versuchte er das dicke Pony zu besteigen, was wiederum
misslang, dann rief er:
»Zu Fuß denn, werte Herren und edle Dame! Auf geht's!«
Und laut klappernd rannte er los in die linke Seite des
Rahmens und verschwand.
Sie liefen dem Klappern seiner Rüstung nach den Korridor
entlang. Hie und da erhaschten sie einen Blick auf ihn, wenn er
durch ein Bild vor ihnen huschte.
»Seid kühnen Herzens, das Schlimmste kommt noch!«, rief
der Ritter, und sie sahen ihn vor einer Gruppe aufgeschreckter
Damen in Reifröcken erscheinen, deren Bild an der Wand einer
schmalen Wendeltreppe hing.
107
Laut keuchend stiegen Harry, Ron und Hermine durch die
engen Windungen der Treppe nach oben, und endlich, als ihnen
schon schwindelig war, hörten sie über sich Stimmengemurmel
und wussten, dass sie das Klassenzimmer erreicht hatten.
»Lebt wohl!«, rief der Ritter und steckte seinen Kopf in ein
Gemälde mit finster dreinblickenden Mönchen. »Lebt wohl,
meine Mitstreiter! Braucht ihr jemals ein edles Herz und eine
stählerne Luftröhre, dann ruft Sir Cadogan!«
»Klar, machen wir«, murmelte Ron, und der Ritter ver-
schwand, »- wenn wir je einen Narren brauchen.«
Sie nahmen die letzten Stufen hinauf zu einem kleinen
Rundgang, wo die meisten anderen schon versammelt waren. Es
gab keine Türen, doch Ron stieß Harry in die Rippen und
deutete auf die Decke, wo eine runde Falltür mit einem
Messingschild eingelassen war.
»Sibyll Trelawney, Lehrerin für Wahrsagen«, las Harry.
»Wie sollen wir denn da hochkommen?«
Wie zur Antwort auf diese Frage öffnete sich plötzlich die
Falltür und eine silberne Leiter schwebte herunter bis vor Harrys
Füße. Alle verstummten.
»Nach dir«, sagte Ron grinsend, und Harry kletterte als
Erster die Leiter hoch.
Er gelangte in das seltsamste Klassenzimmer, das er je ge-
sehen hatte. Eigentlich sah es gar nicht aus wie ein Klassen-
zimmer, eher wie eine Mischung aus einer Dachkammer und
einem altmodischen Teeladen. Er war voll gepfropft mit gut
zwanzig kleinen runden Tischen, umgeben von Chintz-Sesseln
und üppigen Sitzpolstern. Alles war in scharlachrotes
Dämmerlicht getaucht; die Vorhänge an den Fenstern waren
zugezogen und über die vielen Lampen waren dunkelrote
Seidentücher geworfen. Es war stickig warm; das Feuer
unter dem voll gestellten Kaminsims erhitzte einen
108
großen Kupferkessel, von dem sich ein schwerer, leicht übel-
keiterregender Parfümduft ausbreitete. Die Regale entlang der
runden Wände waren überladen mit staubigen Federn,
Kerzenstümpfen, Stapeln zerknitterter Spielkarten, zahllosen
silbern glitzernden Kristallkugeln und einer enormen Vielfalt
von Teetassen.
Ron tauchte an Harrys Seite auf und der Rest der Klasse
versammelte sich um die beiden; alle flüsterten.
»Wo steckt sie?«, fragte Ron.
Plötzlich drang eine Stimme aus dem Schatten, eine sanfte,
rauchige Stimme.
»Willkommen«, sagte sie. »Wie schön, euch endlich in der
materiellen Welt zu sehen.«
Harry kam sie auf den ersten Blick wie ein großes, glän-
zendes Insekt vor. Professor Trelawney trat ins Licht des Feuers.
Sie war mager; die riesigen Brillengläser vergrößerten ihre
Augen um ein Vielfaches; um den Körper hatte sie einen
schleierartigen, glitzernden Schal geschlungen. Unzählige
Kettchen und Perlenschnüre hingen um ihren spindeldürren
Hals, und ihre Arme und Hände waren mit Spangen und Ringen
verziert.
»Setzt euch, meine Kinder«, sagte sie, und die Klasse ließ
sich schüchtern und steif auf den Sesseln und Sitzpolstern
nieder. Harry, Ron und Hermine setzten sich zusammen an
einen der runden Tische.
»Willkommen zum Wahrsagen«, sagte Professor Trelawney,
die sich in einen geflügelten Sessel am Feuer gleiten ließ. »Mein
Name ist Professor Trelawney. Ihr werdet mich wohl noch nie
gesehen haben. Ich finde, dass der allzu häufige Abstieg
hinunter in das hektische Getriebe der Schule mein Inneres Auge
trübt.«
Niemand sagte etwas zu dieser erstaunlichen Erklärung.
Professor Trelawney zupfte bedächtig ihren Schal zurecht
109
und fuhr fort. »Nun, ihr habt euch also für das Studium des
Wahrsagens entschieden, für die schwierigste aller magischen
Künste. Doch ich muss euch gleich zu Beginn warnen: Wenn ihr
nicht im Besitz des Inneren Auges seid, gibt es nur wenig, was
ich euch lehren kann. Bücher führen uns auf diesem Felde nicht
allzu weit .. .«
Bei diesen Worten warfen Ron und Harry einen kurzen
Seitenblick auf Hermine, die ganz bestürzt schien ob der
Neuigkeit, dass Bücher in diesem Fach nicht viel helfen würden.
»Viele Hexen und Zauberer, so begabt sie auch sein mögen,
wenn es um lautes Brimborium und ekligen Gestank und
plötzliches Verschwindenlassen geht, sind dennoch unfähig, in
die verschleierten Geheimnisse der Zukunft einzudringen«, fuhr
Professor Trelawney fort, und ihre riesengroßen funkelnden
Augen wanderten von einem nervösen Gesicht zum andern.
»Dies ist eine Gabe, die nur wenigen gewährt ist. Du, Junge -«,
sagte sie plötzlich zu Neville, der beinahe von seinem
Sitzpolster fiel, »- geht es deiner Großmutter gut?«
»ich glaub schon«, sagte Neville zitternd.
»An deiner Stelle wäre ich mir nicht so sicher«, sagte Pro-
fessor Trelawney, und das Licht des Feuers schimmerte auf
ihren langen, smaragdbesetzten Ohrgehängen wider. Neville
schluckte schwer. Gelassen sprach Professor Trelawney weiter:
»In diesem Jahr lernen wir die Anfangsgründe des Wahr-
sagens kennen. Im ersten Quartal deuten wir Teeblätter. Im
zweiten behandeln wir das Handlesen. Übrigens, meine Liebe«,
und sie wandte sich plötzlich an Parvati Patil, »hüte dich vor
einem rothaarigen Mann.«
Parvati warf Ron, der hinter ihr saß, einen verdutzten Blick
zu und rutschte mit ihrem Stuhl von ihm weg.
»Im Sommerquartal«, fuhr Professor Trelawney fort,
110
»werden wir uns der Kristallkugel zuwenden - wenn wir bis
dahin mit den Feuer-Omen fertig sind. Denn leider wird der
Unterricht im Februar durch eine schwere Grippewelle
unterbrochen werden. Ich selbst werde meine Stimme verlieren.
Und um Ostern herum wird einer der hier Versammelten für
immer von uns gehen.«
Ein sehr gespanntes Schweigen trat auf diese Ankündigung
hin ein, doch Professor Trelawney schien es nicht zu kümmern.
»Würde es dir etwas ausmachen«, sagte sie zu Lavender
Brown, die ihr am nächsten saß und auf ihrem Platz zu-
sammenschrumpfte, »mir die größte silberne Teekanne zu
reichen?«
Lavender, ganz erleichtert, stand auf, nahm eine riesige
Teekanne vom Regal und stellte sie auf den Tisch vor Professor
Trelawney.
»Ich danke dir, meine Liebe. Ach übrigens, dieses Ereignis,
vor dem du dich fürchtest - es wird am Freitag, dem sechzehnten
Oktober geschehen.«
Lavender zitterte.
»Nun bitte ich euch, zu zweit zusammenzugehen. Nehmt
euch eine Teetasse vom Regal dort drüben, kommt dann zu mir
und lasst sie füllen, dann setzt euch und trinkt; trinkt, bis nur
noch der Bodensatz übrig ist. Schwenkt diese dreimal mit der
linken Hand, stülpt die Tasse auf die Untertasse und gebt sie
dann eurem Partner zum Lesen. Ihr könnt die Muster anhand der
Seiten fünf und sechs in Entnebelung der Zukunft sicher leicht
deuten. Ich werde an die Tische kommen und euch ein wenig
helfen. Oh, und, mein Lieber -«, sie packte Neville, der gerade
aufstehen wollte, am Arm, »wenn du die erste Tasse zerbrochen
hast, wärst du dann so nett, eine mit blauem Muster zu nehmen?
Ich hänge ziemlich an den rosafarbenen.«
111
Und kaum hatte Neville das Regal mit den Teetassen er-
reicht, als auch schon das Klirren zerbrechenden Porzellans zu
hören war. Professor Trelawney huschte mit Schippe und Besen
zu ihm hinüber und sagte: » jetzt eine von den blauen, mein
Lieber, wenn es dir nichts ausmacht ... ich danke dir ...«
Harry und Ron ließen sich die Teetassen füllen und gingen
zurück an ihren Tisch, wo sie den brühend heißen Tee so rasch
wie möglich tranken. Sie schwenkten die verbliebenen
Teeblätter, wie Professor Trelawney gesagt hatte, dann tranken
sie den letzten Rest aus und stülpten die Tassen um.
»Dann leg mal los«, sagte Ron, während sie ihre Bücher
aufschlugen, »was kannst du bei mir sehen?«
»Eine Menge nasses braunes Zeugs«, sagte Harry. Der
schwer parfümierte Rauch im Zimmer machte ihn schläfrig und
ließ sein Denken erlahmen.
»Erweitert euren Horizont, meine Lieben, und erlaubt euren
Augen, über den schnöden Alltag hinauszusehen!«, rief
Professor Trelawney durch die Düsternis.
Harry gab sich einen Ruck.
»Hier, du hast so ein schiefes Kreuz ...«, sagte er, das Buch
zu Rate ziehend. »Das bedeutet, dir stehen >Prüfungen und
Leiden< bevor - tut mir Leid für dich - aber das hier sieht aus
wie eine Sonne ... wart mal ... das bedeutet >großes Glück<.
Also wirst du leiden, aber sehr glücklich sein ...«
»Du solltest mal dein Inneres Auge untersuchen lassen,
wenn du mich fragst«, sagte Ron und beide mussten sich das
Lachen verkneifen, denn Professor Trelawney schaute gerade in
ihre Richtung.
»Ich bin dran ...« Ron lugte in Harrys Untertasse, die Stirn
vor Anstrengung gerunzelt. »Da ist eine Blase, sieht aus wie ein
Hut - eine Melone«, sagte er. »Vielleicht arbeitest du mal für das
Zaubereiministerium ...«
112
Er drehte die Untertasse in der Hand.
»Aber so sieht es eher wie eine Eichel aus ... was ist das
denn?« Er überflog die Seiten von Entnebelung der Zukunft.
»>Ein unerwarteter Goldgewinn<.« Toll, du kannst mir was
leihen ... und da ist noch was.« Wieder drehte er die Untertasse.
»Sieht aus wie ein Tier ... ja, wenn das sein Kopf wäre ... sieht
aus wie ein Pferd ... nein, ein Schaf ...«
Professor Trelawney wirbelte herum, als Harry schnaubend
auflachte.
»Lass mich das sehen, mein Lieber«, sagte sie vorwurfsvoll
zu Ron, schwebte herüber und schnappte ihm Harrys Untertasse
aus der Hand. Alle verstummten und sahen zu.
Professor Trelawney starrte auf die Blätter und drehte sie
dabei gegen den Uhrzeigersinn.
»Der Falke ... mein Lieber, du hast einen Todfeind.«
»Aber das wissen doch alle«, flüsterte Hermine so laut, dass
jeder es hörte. Professor Trelawney starrte sie an.
»Ja, ist doch wahr«, sagte Hermine. »Alle kennen die Ge-
schichte von Harry und Du-weißt-schon-wem.«
Harry und Ron starrten sie mit einer Mischung aus Ver-
blüffung und Bewunderung an. Nie zuvor hatten sie Hermine so
zu einem Lehrer sprechen gehört. Professor Trelawney zog es
vor, nicht zu antworten. Wieder senkte sie ihre riesigen Augen
auf Harrys Untertasse und drehte sie weiter in den Händen.
»Der Schlagstock ... ein Angriff. Meine Güte, das ist keine
schöne ...«
»Ich dachte, das sei eine Melone«, sagte Ron verdruckst.
»Der Schädel ... da wartet Gefahr auf dich, mein Lieber ...«
Alle starrten wie gebannt auf Professor Trelawney, die die
Untertasse noch einmal drehte, den Atem anhielt und dann
schrie.
113
Wieder klirrte zerbrechendes Porzellan; Neville hatte seine
zweite Tasse fallen gelassen. Professor Trelawney sank in einen
freien Lehnstuhl, die glitzernde Hand ans Herz gepresst und die
Augen geschlossen.
»Mein lieber Junge ... mein armer lieber Junge ... nein ...
besser, wenn ich es nicht sage ... nein ... fragt mich nicht ...«
»Was ist es, Professor?«, fragte Dean Thomas sofort. Alle
waren aufgesprungen, scharten sich langsam um Harrys und
Rons Tisch und drängelten sich um Professor Trelawneys
Sessel, um gute Sicht auf Harrys Untertasse zu haben.
»Mein Lieber«, sagte Professor Trelawney und ihre Augen
weiteten sich dramatisch, »du hast den Grimm.«
»Den was?«, sagte Harry.
Er sah, dass er nicht der Einzige war, der nicht begriff; Dean
Thomas sah ihn schulterzuckend an und Lavender Brown
machte eine ratlose Miene, doch fast alle andern klatschten
entsetzt die Hände vor den Mund.
»Den Grimm, mein Lieber, den Grimm!«, rief Professor
Trelawney, die schockiert Schien, weil Harry es nicht begriffen
hatte. »Der riesige Gespensterhund, der in Kirchhöfen
umherspukt! Mein lieber Junge, das ist ein Omen - das
schlimmste Omen - des Todes!«
Harrys Magen krampfte sich zusammen. Dieser Hund auf
dem Umschlag von Omen des Todes bei Flourish &Blotts - der
Hund im Schatten des Magnolienrings ... auch Lavender Brown
schlug jetzt die Hände vor den Mund. Alle sahen Harry an; alle
außer Hermine, die aufgestanden und hinter den Sessel von
Professor Trelawney getreten war.
»Mir kommt das nicht wie ein Grimm vor«, sagte sie
gleichmütig.
Professor Trelawney musterte Hermine mit wachsender
Abneigung.
»Verzeih mir, dass ich es dir sage, meine Liebe, aber ich
114
nehme sehr wenig Aura um dich herum wahr. Sehr wenig
Empfänglichkeit für die Schwingungen der Zukunft.«
Seamus Finnigan wiegte den Kopf mal auf die eine, mal auf
die andere Seite.
»Wenn man so macht, sieht's aus wie ein Grimm«, sagte er,
die Augen fast geschlossen, »aber so gesehen ist es eher ein
Esel«, sagte er, den Kopf nach links neigend.
»Wann habt ihr endlich rausgefunden, ob ich sterbe oder
nicht!«, rief Harry, sogar zu seiner eigenen Überraschung.
Daraufhin wollte ihn offenbar keiner mehr ansehen.
»Ich denke, wir werden den Unterricht für heute beenden«,
sagte Professor Trelawney mit ihrer rauchigsten Stimme. »ja ...
bitte räumt eure Sachen auf ...«
Schweigend brachte die Klasse die Teetassen zu Professor
Trelawney zurück, packte die Bücher ein und schloss die Ta-
schen. Selbst Ron mied Harrys Blick.
»Bis zum nächsten Mal«, sagte Professor Trelawney matt,
»möge das Glück mit euch sein. Ach, und, mein Lieber -«, sie
deutete auf Neville, »du wirst das nächste Mal zu spät kommen,
also arbeite besonders fleißig, damit du den Stoff aufholst.«
Harry, Ron und Hermine kletterten schweigend Professor
Trelawneys Leiter und die enge Wendeltreppe hinunter und
machten sich auf den Weg zur Verwandlungsstunde bei Pro-
fessor McGonagall. Sie brauchten so lange, um ihr Klassen-
zimmer zu finden, dass sie, obwohl sie früh aus Wahrsagen
gekommen waren, fast zu spät kamen.
Harry entschied sich für einen Platz ganz hinten, weil er sich
fühlte, als würde ihn ein sehr heller Scheinwerfer anstrahlen; die
anderen in der Klasse warfen ihm unablässig flüchtige Blicke
zu, als ob er jeden Moment tot umfallen würde. Er
hörte kaum, was Professor McGonagall ihnen über
Animagi erzählte (Zauberer, die sich nach Belieben in
115
Tiere verwandeln konnten), und sah nicht einmal hin, als sie
sich vor ihren Augen in eine getigerte Katze mit Brillenringen
um die Augen verwandelte.
»Sagt mal, was ist denn heute in euch gefahren?«, sagte
Professor McGonagall, verwandelte sich mit einem leisen Plop
in sich selbst zurück und musterte sie reihum. »Nicht dass es mir
was ausmachen würde, aber das ist die erste meiner
Verwandlungen, bei der ich keinen Beifall von der Klasse
bekomme.«
Alle Köpfe wandten sich wieder Harry zu, doch niemand
sagte ein Wort. Dann hob Hermine die Hand.
»Bitte, Professor, wir haben eben unsere erste Stunde
Wahrsagen gehabt und wir haben Teeblätter gedeutet und -«
»Aah, natürlich«, sagte Professor McGonagall, nun plötzlich
die Stirn runzelnd. »Sie brauchen mir gar nichts weiter zu
erklären, Miss Granger. Und, wer von Ihnen wird dieses Jahr
sterben?«
Alle starrten sie an.
»Ich«, sagte Harry schließlich.
»Verstehe«, sagte Professor McGonagall und fixierte Harry
mit ihren Perlenaugen. »Dann sollten Sie wissen, Potter, dass
Sibyll Trelawney, seit sie an dieser Schule ist Jahr für Jahr den
Tod eines Schülers vorausgesagt hat. Keiner davon ist bislang
gestorben. Todesomen zu sehen ist ihre bevorzugte Art, eine
neue Klasse willkommen zu heißen. Ich spreche eigentlich nie
schlecht über Kollegen, aber . ».«
Professor McGonagall verstummte mit aufgeblähten Na-
senflügeln. Etwas ruhiger fuhr sie fort.
»Wahrsagen ist einer der ungenauesten Zweige der Magie.
Ich möchte Ihnen nicht verheimlichen, dass ich mich nicht
weiter damit abgebe. Wahre Seher sind sehr selten, und
Professor Trelawney -«
116
Wieder verstummte sie und sagte dann in nüchternem Ton:
»Sie scheinen mir bei bester Gesundheit zu sein, Potter, also
werden Sie mir verzeihen, wenn ich Ihnen trotz allem
Hausaufgaben gebe. Wenn Sie Sterben, brauchen Sie die Arbeit
nicht abzugeben, das versichere ich Ihnen.«
Hermine lachte. Harry fühlte sich etwas wohler. Fern vom
roten Dämmerlicht und den benebelnden Düften in Professor
Trelawneys Klassenzimmer wurde ihm nicht so schnell angst
und bange. Jedoch nicht alle waren überzeugt; Ron sah immer
noch besorgt aus und Lavender flüsterte: »Aber was ist mit
Nevilles Untertasse?«
Nach der Verwandlungsstunde schlossen sie sich der viel-
köpfigen Schar an, die lachend und schwatzend zum Mittag-
essen in die Große Halle strömte.
»Kopf hoch, Ron«, sagte Hermine und schob ihm einen
Teller Fleischeintopf zu. »Du hast doch gehört, was Professor
McGonagall gesagt hat.«
Ron schöpfte sich Eintopf auf den Teller und nahm den
Löffel in die Hand, begann jedoch nicht zu essen.
»Harry«, sagte er mit leiser und ernster Stimme, »du hast
doch nicht etwa zufällig irgendwo einen großen schwarzen
Hund gesehen?«
»Doch, hab ich«, sagte Harry. »In der Nacht, als ich von den
Dursleys abgehauen bin.«
Rons Löffel fiel klappernd auf den Teller.
»Wahrscheinlich ein streunender Köter«, sagte Hermine
gelassen.
Ron sah Hermine an, als wäre sie verrückt geworden.
»Hermine, wenn Harry einen Grimm sieht, dann ist das -
dann ist das schlecht«, sagte er. »Mein - mein Onkel Bilius hat
mal einen gesehen und - und vierundzwanzig Stunden später ist
er gestorben!«
117
»Zufall«, sagte Hermine schnippisch und schenkte sich
Kürbissaft nach.
»Du weißt doch nicht, wovon du redest!«, sagte Ron und
Zorn stieg ihm ins Gesicht. »Grimme erschrecken die meisten
Zauberer zu Tode!«
»Da hast du es«, sagte Hermine in überlegenem Ton. »Sie
sehen den Grimm und sterben vor Angst. Der Grimm ist kein
Omen, er ist die Todesursache! Und Harry ist noch unter uns,
weil er nicht so bescheuert ist, einen zu sehen und dann zu
denken, schön und gut, geb ich also besser den Löffel ab!«
Ron starrte Hermine sprachlos an. Sie öffnete ihre Tasche,
zog ihr neues Arithmantikbuch heraus, schlug es auf und lehnte
es gegen den Saftkrug.
»Mir kommt Wahrsagen recht neblig vor«, sagte sie, wäh-
rend sie nach der richtigen Seite suchte, »'ne Menge Rum-
gerätsel, wenn ihr mich fragt.«
»An diesem Grimm auf dem Teller war nichts Nebliges!«,
sagte Ron erhitzt.
»Du warst dir noch nicht so sicher, als du Harry gesagt hast,
es sei ein Schaf«, sagte Hermine kühl.
»Professor Trelawney hat gesagt, du hast nicht die richtige
Aura! Zur Abwechslung bist du mal 'ne richtige Lusche in einem
Fach, und das gefällt dir nicht!«
Er hatte einen empfindlichen Nerv getroffen. Hermine
klatschte ihr Arithmantikbuch so hart auf den Tisch, dass überall
Fleisch- und Karottenstückchen umherflogen.
»Wenn gut sein in Wahrsagen heißt, dass ich so tun muss,
als würde ich Todesomen in einem Haufen Teeblätter erkennen,
dann weiß ich nicht, ob ich das Zeug überhaupt lernen soll!
Dieser Unterricht war im Vergleich zu meiner
Arithmantikstunde einfach haarsträubender Unfug!«
Sie packte ihre Tasche und schritt stolz von dannen.
118
Stirnrunzelnd sah ihr Ron nach.
»Wovon redet sie eigentlich?«, sagte er zu Harry. »Sie war
doch noch gar nicht in Arithmantik.«
Harry war froh, nach dem Mittagessen nach draußen zu
kommen. Der Regen von gestern hatte sich verzogen; der
Himmel war klar und blassgrau; das feuchte Gras unter ihren
Füßen federte, als sie zu ihrer ersten Stunde Pflege magischer
Geschöpfe gingen.
Ron und Hermine schwiegen sich an. Harry ging ebenfalls
schweigend neben ihnen her, über den sanft abfallenden Rasen
hinüber zu Hagrids Hütte am Rande des Verbotenen Waldes.
Erst als er drei nur zu bekannte Rücken vor sich sah, wurde ihm
klar, dass sie zusammen mit den Slytherins Unterricht hatten.
Malfoy redete lebhaft auf Crabbe und Goyle ein, die gackernd
lachten. Harry ahnte wohl, worüber sie sprachen.
Hagrid wartete an der Tür seiner Hütte auf die Klasse. Da
stand er in seinem Umhang aus Maulwurffell, Fang, den
Saurüden, an den Fersen, und schien kaum erwarten zu können,
endlich anzufangen.
»Kommt, bewegt euch!«, rief er den näher kommenden
Schülern zu. »Hab 'ne kleine Überraschung für euch! Wird 'ne
tolle Stunde! Sind alle da? Schön, dann folgt mir!«
Einen quälenden Moment lang dachte Harry, Hagrid würde
sie in den Wald führen; dort hatte Harry genug Schreckliches
erlebt, um für den Rest des Lebens die Nase voll zu haben. Doch
Hagrid ging um einen Ausläufer des Waldes herum und fünf
Minuten später standen sie am Rand einer Art Pferdekoppel. Sie
war leer.
»Stellt euch dort drüben am Zaun auf!«, rief er.«Sehr schön
- passt auf, dass alle etwas sehen können - und jetzt schlagt erst
mal eure Bücher auf -«
119
»Wie denn?«, ertönte das kalte Schnarren Malfoys.
»Was denn?«, sagte Hagrid.
»Wie sollen wir unsere Bücher öffnen?«, sagte Malfoy. Er
nahm sein Monsterbuch der Monster heraus, das er mit einem
langen Seil zugebunden hatte. Auch die anderen zogen ihre
Bücher hervor; manche, wie Harry, hatten es mit einem Gürtel
zugeschnürt; andere hatten sie in enge Taschen gestopft oder sie
mit großen Wäscheklammern gezähmt.
»Hat denn ... hat denn kein Einziger sein Buch öffnen
können?«, fragte Hagrid ganz verdattert.
Die Schüler schüttelten die Köpfe.
»Ihr müsst sie streicheln«, sagte Hagrid, als wäre es ganz
selbstverständlich. »Seht mal -«
Er nahm Hermines Buch und riss das Zauberband herunter.
Das Buch versuchte zu beißen, doch Hagrid fuhr mit seinem
riesigen Zeigefinger an seinem Rücken entlang und das Buch
fing an zu zittern, klappte auf und blieb ruhig in seiner Hand
liegen.
»Oh, wie dumm wir doch alle waren!«, höhnte Malfoy.
»Wir hätten sie streicheln sollen! Da hätten wir doch von allein
draufkommen können!«
»Ich - ich dachte, sie sind ganz lustige Dinger«, sagte Hagrid
unsicher zu Hermine.
»Oh - total lustig!«, sagte Malfoy. »Unglaublich witzig, uns
Bücher zu geben, die uns die Hände abreißen wollen!«
»Halt den Mund, Malfoy«, sagte Harry leise. Hagrid wirkte
bedrückt und Harry wollte, dass seine erste Stunde ein Erfolg
würde.
»Na denn«, sagte Hagrid, der den Faden verloren zu haben
schien, »also - ihr habt jetzt eure Bücher - und - jetzt braucht ihr
die magischen Tiere. ja. Also geh ich sie mal holen. Wartet
mal ...«
Er ging in Richtung Wald davon und verschwand.
120
»Mein Gott, diese Schule geht noch vor die Hunde«, sagte
Malfoy laut. »Dieser Hornochse gibt auch noch Unterricht, mein
Vater kriegt 'nen Anfall, wenn ich ihm das erzähle.«
»Halt den Mund, Malfoy«, sagte Harry noch einmal.
»Pass auf, Potter, hinter dir steht ein Dementor!«
»Uuuuuuh!«, kreischte Lavender Brown und deutete auf die
andere Seite der Koppel.
Ein Dutzend der wunderlichsten Kreaturen, die Harry je
gesehen hatte, trotteten auf sie zu. Sie hatten die Körper,
Hinterbeine und Schwänze von Pferden, doch die Vorderbeine,
Flügel und Köpfe waren die riesiger Adler mit grausamen,
stahlfarbenen Schnäbeln und großen, leuchtend orangeroten
Augen. Die Krallen an ihren Vorderbeinen waren lang wie
Hände und sahen todbringend aus. Jedes der Biester hatte einen
dicken Lederkragen um den Hals, an dem eine lange Kette
befestigt war, und alle Ketten liefen in den Pranken Hagrids
zusammen, der hinter den Wesen in die Koppel gelaufen kam.
»Uuiii, hoch da!«, brüllte er mit den Ketten klirrend und
trieb die Biester an die Stelle des Zauns, wo die Klasse stand.
Alle wichen ein wenig zurück, als Hagrid näher kam und die
Geschöpfe an den Zaun band.
»Hippogreife«, donnerte Hagrid glückselig und winkte
Ihnen zu. »Herrlich, nicht wahr?«
Harry sah durchaus, was Hagrid meinte. Wenn man einmal
den ersten Schreck angesichts einer Kreatur überwunden hatte,
die halb Pferd, halb Vogel war, lernte man den Anblick der
Hippogreife zu schätzen, deren schimmerndes Gefieder
allmählich in Fell überging. Sie waren alle von ganz
unterschiedlicher Farbe: sturmgrau, bronze, rostrot, schimmernd
kastanienbraun und tintenschwarz.
Hagrid rieb sich die Hände und strahlte in die Runde. »So«,
sagte er, »wollt ihr nicht ein wenig näher kommen?«
121
Keiner schien sich darum zu reißen. Harry, Ron und Her-
mine jedoch näherten sich vorsichtig dem Zaun.
»Nun, als Erstes müsst ihr wissen, dass Hippogreife stolz
sind«, sagte Hagrid. »Sind leicht beleidigt, diese Hippogreife.
Beleidigt nie keinen, denn das könnte eure letzte Tat gewesen
sein.«
Malfoy, Crabbe und Goyle hörten nicht zu; sie unterhielten
sich gedämpft und Harry hatte das unangenehme Gefühl, dass
sie ausheckten, wie sie den Unterricht am besten stören konnten.
»Ihr müsst immer abwarten, bis der Hippogreif den ersten
Schritt macht«, fuhr Hagrid fort. »Das ist höflich, versteht ihr?
Ihr geht auf ihn zu und verbeugt euch und wartet. Wenn er sich
auch verbeugt, dürft ihr ihn berühren. Wenn er's nicht tut, dann
macht euch schleunigst davon, denn diese Krallen tun weh.
Also, wer will als Erster?«
Die meisten wichen noch weiter zurück. Auch Harry, Ron
und Hermine war nicht wohl zumute. Die Hippogreife warfen
ihre grimmigen Köpfe in die Luft und spannten ihre mächtigen
Flügel; offenbar konnten sie es nicht leiden, angezäunt zu sein.
»Keiner?«, sagte Hagrid mit flehendem Blick.
»Ich mach's«, sagte Harry.
Hinter sich hörte er ein lautes Aufatmen und Lavender und
Parvati flüsterten: »Ooooo nein, Harry, denk an deine
Teeblätter!«
Harry achtete nicht auf sie. Er kletterte über den Zaun der
Koppel.
»Mutiger Junge, Harry!«, polterte Hagrid. »Gut, schauen wir
mal, wie du mit Seidenschnabel zurechtkommst.«
Er löste eine der Ketten, zog den grauen Hippogreif von
seinen Artgenossen fort und befreite ihn von seinem Leder-
122
kragen. Die Klasse auf der anderen Seite des Zauns schien den
Atem anzuhalten. Malfoys Augen waren gehässig verengt.
»Ruhig jetzt, Harry«, sagte Hagrid leise. »Du blickst ihm in
die Augen, und versuch jetzt, nicht zu blinzeln ... Hippogreife
trauen dir nicht, wenn du zu viel blinzelst ...«
Sofort wurden Harrys Augen feucht, doch er hielt sie offen.
Seidenschnabel hatte seinen großen, scharf geschnittenen Kopf
zur Seite geneigt und starrte Harry mit einem grimmigen
orangefarbenen Auge an.
»Sehr gut, Harry«, sagte Hagrid. »Sehr gut, Harry ... und
jetzt verbeug dich .. .«
Harry hatte keine große Lust, Seidenschnabel seinen Nacken
preiszugeben, doch er tat, wie ihm geheißen. Er verneigte sich
kurz und sah dann auf
Der Hippogreif starrte ihn immer noch herablassend an. Er
rührte sich nicht.
»Ah«, sagte Hagrid beunruhigt. »Na gut, zieh dich zurück,
Harry, und ganz vorsichtig -«
Doch zu Harrys gewaltiger Überraschung knickte der
Hippogreif plötzlich seine geschuppten Vorderknie ein und
neigte unmissverständlich den Kopf
»Gut gemacht, Harry!«, sagte Hagrid ganz begeistert,
»schön, du kannst ihn anfassen! Tätschel seinen Schnabel, nur
zu!«
Harry hätte sich zur Belohnung lieber das Ende der Vor-
stellung gewünscht, doch er ging langsam auf den Hippogreif zu
und streckte die Hand nach ihm aus. Er tätschelte ein wenig den
Schnabel und der Hippogreif schloss entspannt die Augen, als
würde es ihm gefallen.
Die ganze Klasse, außer Malfoy, Crabbe und Goyle, die
äußerst missvergnügt wirkten, brach in stürmischen Beifall aus.
123
»Jetzt weiter, Harry«, sagte Hagrid, »ich schätze, er lässt
dich reiten!«
Damit allerdings hatte Harry nicht gerechnet. Er konnte auf
einem Besen durch die Lüfte fliegen; doch er war sich nicht
sicher, ob ein Hippogreif nicht etwas ganz anderes war.
»Steig auf, gleich hinter den Flügelansatz«, sagte Hagrid,
»und pass auf, dass du keine Federn rausziehst, das mag er gar
nicht ...«
Harry setzte den Fuß auf den Flügel des Hippogreifs und
schwang sich auf seinen Rücken. Seidenschnabel erhob sich.
Harry wusste nicht recht, wo er sich festhalten sollte; alles vor
ihm war voller Federn.
»Dann mal los!«, polterte Hagrid und klatschte dem Hip-
pogreif auf den Hintern.
Ohne Vorwarnung spannte das Geschöpf seine drei Meter
langen Flügel zu beiden Seiten von Harry aus; der hatte gerade
noch Zeit, die Arme um seinen Hals zu schlingen, dann schoss
er in die Höhe. Es war nicht zu vergleichen mit einem Besen,
und Harry wusste, was er lieber fliegen wollte; die Flügel des
Hippogreifs schlugen heftig aus, gerieten unter seine Beine und
drohten ihn abzuwerfen; die schimmernden Federn rutschten
ihm durch die Finger, doch er wagte nicht, sie fester zu packen;
dies war nicht das sanfte Gleiten seines Nimbus Zweitausend;
das Hinterteil des Hippogreifs hob und senkte sich mit jedem
Flügelschlag und Harry wippte vor und zurück.
Seidenschnabel flog ihn einmal um die Koppel herum; dann
neigte er den Kopf zur Erde; es war dieser steile Sinkflug, vor
dem Harry Angst hatte; er lehnte sich zurück, als der
glatte Hals sich nach unten beugte, und hatte das Gefühl,
über den Schnabel abzurutschen. Dann gab es einen
schmerzhaften Aufprall, als die vier schlecht zusammen-
passenden Füße auf dem Boden aufschlugen; er konnte
124
sich gerade eben noch festhalten und richtete sich wieder auf.
»Gut gemacht, Harry!«, rief Hagrid, und alle außer Malfoy,
Crabbe und Goyle brachen in Jubel aus. »Gut, wer will als
Nächster?«
Ermutigt durch Harrys Erfolg kletterte auch der Rest der
Klasse vorsichtig in die Koppel. Hagrid löste die Hippogreife
nacheinander von ihren Ketten, und bald waren auf der ganzen
Koppel Schüler verteilt, die sich nervös verbeugten. Neville
stolperte immer wieder rückwärts davon, denn sein Hippogreif
wollte einfach nicht in die Knie gehen. Ron und Hermine übten
unter den Augen von Harry mit einem kastanienbraunen Tier.
Malfoy, Crabbe und Goyle hatten sich Seidenschnabel
vorgenommen. Er hatte sich vor Malfoy verbeugt, der ihm jetzt
mit verächtlichem Blick den Schnabel tätschelte.
»Das ist doch kinderleicht«, schnarrte Malfoy so laut, dass
Harry es hören konnte, hab ich doch gleich gewusst, wenn Potter
es schafft ... ich wette, du bist überhaupt nicht gefährlich,
oder?«, sagte er zu dem Hippogreif, »oder doch, du großes
hässliches Scheusal?«
Man sah nur ein stählernes Schnabelblitzen; von Malfoy
kam ein durchdringender Schrei und schon war Hagrid zur
Stelle. Er zwängte den Lederkragen über den Hals von Sei-
denschnabel und bemühte sich, zu Malfoy zu gelangen, der
zusammengerollt im Gras lag. Blutflecken erschienen auf
seinem Umhang und wurden langsam größer.
»Ich sterbe!«, schrie Malfoy, und Panik machte sich breit.
»Ich sterbe, seht her! Es hat mich umgebracht!«
»Du stirbst nicht!«, sagte Hagrid mit todbleichem Gesicht.
»Helft mir mal, ich muss ihn hier rausbringen -«
Hermine lief zum Tor und öffnete es, während Hagrid
Malfoy mühelos von der Erde hob. Als Hagrid vorbeiging,
125
bemerkte Harry eine lange, klaffende Wunde an Malfoys Arm;
Blut besprenkelte das Gras, während Hagrid mit seiner Last den
Abhang zum Schloss hochrannte.
Ratlos und verängstigt folgte ihm die Klasse. Die Slytherins
schimpften lauthals über Hagrid.
»Sie sollten ihn sofort rauswerfen!«, sagte Pansy Parkinson
mit Tränen in den Augen.
»Malfoy war doch selber schuld«, herrschte sie Dean Tho-
mas an. Crabbe und Goyle spielten drohend mit den Muskeln.
Sie stiegen die steinerne Treppe zur menschenleeren Ein-
gangshalle empor.
»Ich schau nach, wie es ihm geht!«, sagte Pansy, und die
Blicke der Übrigen folgten ihr die marmorne Treppe hoch. Die
Slytherins, immer noch über Hagrid schimpfend, zogen sich in
ihren Gemeinschaftsraum unten in den Kerkern zurück; Harry,
Ron und Hermine gingen die Treppen hoch zum Turm der
Gryffindors.
»Glaubst du, er wird wieder gesund?«, sagte Hermine
nervös.
»Natürlich, Madam Pomfrey kann Wunden in ein paar
Sekunden heilen«, sagte Harry, dem die Krankenschwester
schon viel schlimmere Verletzungen mit Zauberkräften geheilt
hatte.
»Das war eine ziemlich üble Geschichte, ausgerechnet in
Hagrids erster Unterrichtsstunde, meint ihr nicht?«, sagte Ron
besorgt. »Ich wette, Malfoy wird ihm die Hölle heiß machen ...«
Sie waren unter den Ersten, die zum Abendessen in die
Große Halle kamen, weil sie hofften, Hagrid zu treffen. Doch er
kam nicht.
»Sie werden ihn doch nicht entlassen?«, sagte Hermine
besorgt und rührte ihren Pudding nicht an.
126
»Das sollen sie bloß nicht wagen«, sagte Ron, der ebenfalls
nichts runterbrachte.
Harry beobachtete den Tisch der Slytherins. Crabbe und
Goyle und eine Menge andere Schüler saßen dort, die Köpfe
zusammengesteckt, und redeten fieberhaft aufeinander ein.
Harry war sich sicher, sie würden ihre eigene Geschichte zu-
sammenbrauen, wie es zu Malfoys Verletzung gekommen war.
»Immerhin kann man nicht behaupten, der erste Schultag sei
langweilig gewesen«, sagte Ron mit düsterer Miene.
Nach dem Essen gingen sie nach oben in den belebten
Gemeinschaftsraum der Gryffindors und versuchten ihre
Hausaufgaben für Professor McGonagall zu machen, doch alle
drei unterbrachen ständig die Arbeit und spähten aus dem
Turmfenster.
»Bei Hagrid drüben brennt Licht«, sagte Harry plötzlich.
Ron sah auf die Uhr.
»Wenn wir uns beeilen, können wir ihn besuchen, es ist
immer noch recht früh ...«
»Ich weiß nicht«, sagte Hermine bedächtig und Harry fing
ihren Blick auf
»Ich darf sehr wohl über das Schulgelände gehen«, sagte er
entschieden. »Sirius Black ist noch nicht an den Dementoren
vorbeigekommen, oder?«
Also räumten sie ihre Sachen zusammen und kletterten
durch das Porträtloch, froh, auf dem Weg zum Schlossportal
niemanden zu treffen, denn ganz sicher waren sie sich ihrer
Sache nicht.
Das Gras war immer noch nass und wirkte im Dämmerlicht
fast schwarz. Vor Hagrids Hütte angelangt, klopften sie, und
eine Stimme knurrte: »Herein.«
Hagrid saß in Hemdsärmeln an seinem polierten Holztisch;
sein Saurüde Fang hatte den Kopf in seinen Schoß gelegt. Ein
Blick genügte, um zu erkennen, dass Hagrid einiges
127
getrunken hatte; vor ihm stand ein Zinnhumpen, fast so groß wie
ein Eimer, und er schien Schwierigkeiten zu haben, sie klar zu
sehen.
»Vermute mal, 's is 'n Rekord«, sagte er mit bräsiger
Stimme, als er sie erkannt hatte. »Ham wohl noch kein' Lehrer
gehabt, der nur 'nen Tag lang dabei war.«
»Du bist doch nicht entlassen!«, rief Hermine und hielt den
Atem an.
»Noch nich«, sagte Hagrid bedrückt und nahm einen
gewaltigen Schluck von was auch immer aus seinem Humpen.
»Aber 's iss nur 'ne Frage der Sseit, nach der Ssache mit
Maf-foy ...«
Sie setzten sich. »Wie geht's ihm denn?«, fragte Ron, »war
doch nichts Ernstes, oder?«
»Ma'm Pomfrey hat ihn so gut sie konnte zusamm'geflickt«,
sagte Hagrid dumpf, »aber er ssagt, er leide immer noch To-
desqualen ... alles in Bandagen ... stöhnt die ganze Zeit ...«
»Er tut doch nur so«, sagte Harry ohne Umschweife. »Ma-
dam Pomfrey kann alles heilen. Letztes Jahr hat sie die Hälfte
meiner Knochen nachwachsen lassen. Dass Malfoy die Sache
jetzt ausnutzt, war ja klar.«
»Der Schulbeirat is unnerichtet worden, natürlich«, sagte
Hagrid niedergeschlagen. »Die meinen, ich wär zu groß
eingestiegen. Hätte die Hippogreife für später aufheben sollen ...
lieber mit Flubberwürmern oder so was anfangen sollen ...
dachte nur, es wär 'ne gute erste Stunde für euch ... alles mein
Fehler ...«
»Es ist alles Malfoys Fehler, Hagrid«, sagte Hermine mit
ernster Stimme.
»Wir sind Zeugen«, sagte Harry. »Du hast gesagt,
Hippogreife werden böse, wenn man sie beleidigt. Es ist
Malfoys Problem, wenn er nicht hören wollte. Wir sagen
Dumbledore, was wirklich passiert ist.«
128
»Ja, mach dir keine Sorgen, Hagrid, wir holen dich da raus«,
sagte Ron.
Tränen kullerten aus den runzligen Winkeln um Hagrids
käferschwarze Augen. Er packte Harry und Ron und umarmte
sie, dass ihre Knochen krachten.
»Ich glaube, du hast genug getrunken«, sagte Hermine
streng. Sie nahm den Humpen vom Tisch, ging nach draußen
und schüttete ihn aus.
»Aaarh, vielleicht hat sie Recht«, sagte Hagrid und ließ
Harry und Ron los, die beide zurückstolperten und sich die
Rippen rieben. Hagrid hievte sich aus dem Stuhl und schwankte
nach draußen zu Hermine. Sie hörten einen lauten Platscher.
»Was hat er getan?«, fragte Harry nervös, als Hermine mit
dem leeren Humpen hereinkam.
»Den Kopf ins Wasserfass getaucht«, sagte Hermine und
räumte den Humpen beiseite.
Hagrid kam zurück, das Haar und der Bart klitschnass, und
wischte sich das Wasser aus den Augen.
»Jetzt geht's besser«, sagte er, schüttelte den Kopf wie ein
Hund und spritzte sie alle nass. »Hört mal, das war gut, dass ihr
mich besucht habt, ich bin wirklich -«
Hagrid verstummte jäh und starrte Harry an, als hätte er erst
jetzt erkannt, wen er vor sich hatte.
»Was glaubst du eigentlich, was du hier zu suchen hast?«,
brüllte er so plötzlich los, dass sie einen Luftsprung machten.
»Du stromerst hier nicht rum, wenn es dunkel ist, Harry! Und
ihr beiden! Ihr lasst ihn auch noch gehen!«
Hagrid war mit einem Schritt bei Harry, packte ihn am Arm
und schleifte ihn zur Tür.
»Kommt schon!«, sagte Hagrid zornig, »ich bring euch alle
drei hoch zur Schule, und lasst euch ja nicht mehr bei mir
Blicken, wenn es dunkel ist. Das bin ich nicht wert!«
129
Der Irrwicht im Schrank
Malfoy erschien erst wieder am Donnerstagmorgen im Un-
terricht, als die Slytherins und Gryffindors schon die Hälfte der
Zaubertrankstunde hinter sich hatten. Den rechten Arm
verbunden und in einer Schlinge stolzierte er in den Kerker,
gerade so, dachte Harry, als wäre er der einzig überlebende Held
einer furchtbaren Schlacht.
»Wie geht's, Draco?«, fragte Pansy Parkinson und schenkte
ihm einen bewundernden Blick, »tut's noch sehr weh?«
»Jaah«, sagte Malfoy mit der Miene des tapferen Kämpfers.
Doch Harry sah, wie er Crabbe und Goyle zuzwinkerte, als
Pansy den Blick abwandte.
»Setzen Sie sich, setzen Sie sich«, sagte Professor Snape
gleichmütig.
Harry und Ron sahen sich missmutig an; wenn sie zu spät
gekommen wären, hätte Snape nicht »Setzen Sie sich« gesagt, er
hätte sie nachsitzen lassen. Doch Snape ließ Malfoy im
Unterricht immer alles durchgehen; Snape war der Leiter des
Hauses Slytherin und ließ die andern spüren, wer seine
Lieblingsschüler waren.
Heute war ein neuer Zaubertrank dran, eine Schrumpf-
lösung. Malfoy stellte seinen Kessel neben Harry und Ron auf,
so dass sie ihre Zutaten auf demselben Tisch vorbereiten
mussten.
»Professor«, rief Malfoy, »Professor, ich brauche Hilfe beim
Zerschneiden dieser Gänseblümchenwurzeln, weil mein Arm -«
130
»Weasley, du schneidest die Wurzeln für Malfoy«, ant-
wortete Snape ohne aufzusehen.
Ron schoss die Röte ins Gesicht.
»Dein Arm ist vollkommen in Ordnung«, zischte er Malfoy
zu.
Malfoy sah ihn hämisch an.
»Weasley, du hast gehört, was Professor Snape gesagt hat,
schneid mir die Wurzeln.«
Ron packte sein Messer, zog Malfoys Wurzeln zu sich
herüber und begann sie grob zu zerkleinern, so dass die Stücke
alle verschieden groß wurden.
»Professor«, schnarrte Malfoy, »Weasley verhackstückt
meine Wurzeln, Sir.«
Snape trat an ihren Tisch, beugte seine Hakennase über die
Wurzeln und lächelte Ron durch seine langen, fettigen
schwarzen Haare hindurch Unheil verkündend an.
»Du nimmst Malfoys Wurzeln, Weasley, und gibst ihm
deine.«
»Aber Sir!«
Ron hatte die letzte Viertelstunde damit verbracht, seine
Wurzeln sorgfältig in gleich große Stücke zu schneiden.
»Sofort!«, sagte Snape in seinem bedrohlichsten Tonfall.
Ron schob seine eigenen, schön geschnittenen Wurzeln
hinüber zu Malfoy und griff dann wieder nach dem Messer.
»Und, Sir, diese Schrumpelfeige muss mir auch jemand
schälen«, sagte Malfoy und konnte ein gemeines Lachen kaum
unterdrücken.
»Potter, du kannst Malfoys Schrumpelfeige schälen«, sagte
Snape mit jenem hasserfüllten Blick, mit dem er Harry immer
bedachte.
Harry nahm Malfoys Schrumpelfeige, und Ron versuchte
die Wurzelstücke zurechtzuschneiden, die er jetzt benutzen
musste. Harry schälte die Schrumpelfeige so schnell er
131
konnte und warf sie ohne ein Wort quer über den Tisch. Malfoy
grinste noch hämischer über das ganze Gesicht.
»Euren Kumpel Hagrid mal wieder gesehen?«, fragte er mit
gedämpfter Stimme.
»Das geht dich nichts an«, sagte Ron unwirsch und ohne
aufzublicken.
»Ich fürchte, er wird nicht mehr lange Lehrer sein«, sagte
Malfoy mit gespieltem Bedauern. »Mein Vater ist nicht gerade
erfreut über meine Verletzung -«
»Red nur weiter, Malfoy, und ich verpass dir gleich 'ne
richtige Wunde«, blaffte ihn Ron an.
»- er hat sich bei den Schulbeiräten beschwert. Und beim
Zaubereiministerium. Vater hat gute Beziehungen, müsst ihr
wissen. Und eine bleibende Verletzung wie diese -«, er ließ
einen langen, falschen Seufzer hören, »- wer weiß, ob mein Arm
je wieder richtig gesund wird?«
»Also deshalb spielst du dieses Theater«, sagte Harry und
köpfte, weil seine Hand vor Zorn zitterte, versehentlich eine tote
Raupe. »Damit sie Hagrid rauswerfen.«
»Nun«, sagte Malfoy und senkte die Stimme zu einem
Flüstern, »nicht nur, Potter. Es bringt auch noch andere Vorteile.
Weasley, schneid mir die Raupe.«
Ein paar Kessel weiter war Neville in Schwierigkeiten. Der
Zaubertrankunterricht endete für ihn jedes Mal in einer
Katastrophe; noch schlechter war er in keinem Fach und seine
große Angst vor Professor Snape machte alles noch zehnmal
schlimmer. Sein Zaubertrank, der eigentlich von leuchtend
giftgrüner Farbe sein sollte, war -
»Orange, Longbottom«, sagte Snape, schöpfte ein wenig
Flüssigkeit ab und ließ sie in den Kessel zurückplätschern,
damit alle es sehen konnten. »Orange. Sag mir, Bursche,
geht eigentlich überhaupt etwas in deinen dicken Schädel
rein? Hast du nicht gehört, wie ich ganz deutlich gesagt
32
habe, nur eine Rattenmilz zugeben? Hab ich nicht klar gesagt,
ein Spritzer Blutegelsaft genügt? Was soll ich tun, damit du es
kapierst, Longbottom?«
Neville war rosa angelaufen und fing an zu zittern. Es
schien, als würde er gleich losheulen.
»Bitte, Sir«, sagte Hermine, »bitte, ich könnte Neville hel-
fen, es in Ordnung zu bringen -«
»Ich erinnere mich nicht, Sie gebeten zu haben, hier die
Wichtigtuerin zu spielen, Miss Granger«, sagte Snape kalt, und
Hermine lief so rosa an wie Neville. »Longbottom, am Ende der
Stunde werden wir ein paar Tropfen dieses Tranks an deine
Kröte verfüttern und zusehen, was passiert. Vielleicht machst du
es dann endlich richtig.«
Snape ging weiter und ließ Neville atemlos vor Angst sitzen.
»Hilf mir!«, stöhnte er Hermine zu.
»Hallo, Harry«, sagte Seamus Finnigan und beugte sich über
den Tisch, um sich Harrys Messingwaage zu borgen, »hast du
schon gehört? Heute Morgen im Tagespropheten -sie glauben,
Sirius Black sei gesehen worden.«
»Wo?«, kam es von Harry und Ron wie aus einem Munde.
Gegenüber am Tisch sah Malfoy hoch und lauschte aufmerksam.
»Nicht allzu weit von hier«, sagte Seamus aufgeregt. »Eine
Muggel hat ihn gesehen. Natürlich hatte sie im Grunde keine
Ahnung. Die Muggel glauben doch, er sei ein gewöhnlicher
Verbrecher, oder? jedenfalls hat sie den Notruf gewählt. Aber
als die Leute vom Zaubereiministerium auftauchten, war er
verschwunden.«
»Nicht allzu weit von hier ...«, wiederholte Ron und blickte
Harry viel sagend an. Er wandte sich um und bemerkte, dass
Malfoy sie scharf beobachtete. »Was ist los, Malfoy? Soll ich dir
noch was schälen?«
133
Doch Malfoys Augen leuchteten bösartig und waren fest auf
Harry gerichtet. Er lehnte sich über den Tisch.
»Glaubst du, du könntest Black alleine fangen, Potter?«
»Ja, sicher«, sagte Harry lässig.
Malfoys schmaler Mund bog sich zu einem schiefen Lä-
cheln.
»Ich an deiner Stelle«, sagte er leise, »hätte schon längst
was unternommen. Ich würde nicht in der Schule bleiben wie
ein braver junge, sondern draußen nach ihm suchen.«
»Wovon redest du eigentlich, Malfoy«, sagte Ron grob.
»Weißt du es nicht, Potter?«, flüsterte Malfoy und seine
blassen Augen verengten sich.
»Was denn?«
Malfoy ließ ein leises, hämisches Lachen vernehmen.
»Vielleicht willst du deinen Hals nicht riskieren«, sagte er.
»Willst es lieber den Dementoren überlassen, oder? Aber ich an
deiner Stelle wollte Rache. Ich würde ihn selbst jagen.«
»Wovon redest du denn?«, sagte Harry zornig, doch, in
diesem Moment rief Snape:
»Ihr solltet inzwischen alle Zutaten reingemischt haben,
dieser Trank muss eine Weile köcheln, bevor er getrunken
werden kann, also lasst ihn ein wenig blubbern und dann testen
wir das Gebräu von Longbottom ...«
Crabbe und Goyle lachten laut auf, und Neville, der seinen
Trank fieberhaft umrührte, brach der Schweiß aus. Damit Snape
nichts mitbekam, murmelte ihm Hermine aus dem Mundwinkel
zu, was er machen sollte. Harry und Ron räumten ihre übrig
gebliebenen Zutaten weg und gingen zum Steinbecken in der
Ecke, um sich die Hände und die Schöpflöffel zu waschen.
»Was will Malfoy eigentlich sagen?«, murmelte Harry
Ron zu und hielt die Hände unter den eisigen Strahl, der
aus dem Mund des Wasserspeiers schoss. »Warum sollte ich
134
mich an Black rächen wollen? Er hat mir nichts getan – bisher
jedenfalls.«
»Er redet doch Unsinn«, sagte Ron wütend, »und will nur,
dass du eine Dummheit machst ...«
Das Ende der Stunde nahte, und Snape schritt hinüber zu
Neville, der eingeschüchtert neben seinem Kessel hockte.
»Alle hierher im Kreis aufstellen«, sagte Snape, und seine
schwarzen Augen glitzerten. »Seht euch an, was mit Long-
bottoms Kröte passiert. Wenn er es geschafft hat, eine
Schrumpflösung zustande zu bringen, wird sie zu einer
Kaulquappe zusammenschrumpfen. Wenn er, woran ich nicht
zweifle, die Sache vermasselt hat, könnte seine Kröte vergiftet
werden.«
Die Gryffindors sahen beklommen zu. Die Slytherins
schienen ganz aufgeregt. Snape hob Trevor, die Kröte, mit der
linken Hand hoch und tauchte einen kleinen Löffel in Nevilles
Zaubertrank, der inzwischen grün war. Er ließ ein paar Tropfen
in Trevors Kehle rinnen.
Ein Moment gespannten Schweigens trat ein, und Trevor
gluckste; dann gab es ein leises »Plopp« und Trevor, die
Kaulquappe, wand sich in Snapes Handfläche.
Die Gryffindors brachen in Beifall aus. Snape, der sauer
dreinsah, zog eine kleine Flasche aus der Tasche seines Um-
hangs, träufelte ein paar Tropfen auf Trevor und plötzlich war
sie wieder eine ausgewachsene Kröte.
»Fünf Punkte Abzug für Gryffindor«, sagte Snape, und das
Lachen gefror auf ihren Gesichtern. »Ich hab Ihnen gesagt, Miss
Granger, Sie sollen ihm nicht helfen. Der Unterricht ist
beendet.«
Harry, Ron und Hermine stiegen die Stufen zur
Eingangshalle hoch. Harry dachte immer noch über Malfoys
Worte nach, während Ron wütend über Snape herzog.
»Fünf Punkte Abzug für uns, weil der Zaubertrank in
135
Ordnung war! Warum hast du nicht gelogen, Hermine? Du
hättest sagen sollen, dass Neville alles allein gemacht hat!«
Hermine antwortete nicht. Ron wandte sich um.
»Wo ist sie?«
Auch Harry drehte sich um. Sie waren jetzt oben und ließen
die andern vorbeigehen, die in die Große Halle zum Mittagessen
strömten.
»Sie war doch eben noch hinter uns«, sagte Ron stirnrun-
zelnd.
Malfoy ging an ihnen vorbei, in die Mitte genommen von
Crabbe und Goyle. Er sah Harry spöttisch an und verschwand.
»Da ist sie ja«, sagte Harry.
Hermine kam ein wenig keuchend die Stufen hochgerannt;
mit der einen Hand hielt sie die Tasche, mit der anderen schien
sie etwas unter ihrem Umhang festzuklammern.
»Wie hast du das gemacht?«, fragte Ron.
»Was?«, sagte Hermine und trat neben sie.
»Du warst direkt hinter uns, im nächsten Moment warst du
wieder ganz unten an der Treppe.«
»Wie?« Hermine sah leicht verwirrt aus. »Ach, ich hatte
was vergessen und musste zurück. 0 nein -«
An Hermines Tasche war eine Naht aufgeplatzt. Harry
wunderte das nicht; sie war proppenvoll mit mindestens einem
Dutzend großer schwerer Bücher.
»Warum trägst du die alle mit dir rum?«, fragte Ron.
»Du weißt doch, wie viele Fächer ich habe«, sagte Hermine
außer Atem. »Kannst du die vielleicht mal halten?«
»Aber -« Ron musterte die Umschläge der Bücher, die sie
ihm gereicht hatte. »Diese Fächer hast du heute gar nicht Nur
heute Nachmittag noch Verteidigung gegen die dunklen
Künste.«
»Ach ja«, sagte Hermine nebenbei; dennoch packte sie
136
alle Bücher in ihre Tasche. »Hoffentlich gibt's was Gutes zum
Essen, ich sterbe vor Hunger«, fügte sie hinzu und schritt davon
in Richtung Große Halle.
»Hast du nicht auch das Gefühl, dass Hermine uns was
verheimlicht?«, fragte Ron Harry.
Professor Lupin war nicht da, als sie zu seiner ersten Stunde
Verteidigung gegen die dunklen Künste kamen. Sie setzten sich,
packten ihre Bücher, Federkiele und Pergamentblätter aus und
unterhielten sich angeregt, bis er schließlich hereinkam. Lupin
lächelte verschwommen und legte seine schmuddelige alte
Aktentasche auf das Lehrerpult. Er sah noch immer so schäbig
aus, wie sie ihn kennen gelernt hatten, jedoch gesünder als im
Zug, so als hätte er inzwischen ein paar anständige Mahlzeiten
gehabt.
»Schönen Tag«, sagte er. »Würdet ihr bitte all eure Bücher
wieder einpacken. Heute haben wir eine praktische Lektion. Ihr
braucht nur eure Zauberstäbe.«
Ein paar neugierige Blicke wurden ausgetauscht, während
sie die Bücher wegpackten. Sie hatten noch nie praktischen
Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste gehabt,
abgesehen von der unvergesslichen Stunde im letzten Jahr, als
ihr damaliger Lehrer einen Käfig voller Wichtel mitgebracht und
sie losgelassen hatte.
»Alles klar«, sagte Professor Lupin, als alle bereit waren.
»Dann folgt mir bitte.«
Ratlos, aber gespannt standen sie auf und folgten Professor
Lupin aus dem Klassenzimmer. Er führte sie durch den
ausgestorbenen Korridor, und als sie um die Ecke bogen, sahen
sie als Erstes Peeves, den Poltergeist. Rücklings in der Luft
schwebend stopfte er das nächstbeste Schlüsselloch mit
Kaugummi voll.
Peeves sah nicht auf, bis Professor Lupin nur noch einen
137
Meter entfernt war, dann wackelte er mit den Füßen, an denen er
gekringelte Zehen hatte, und begann zu singen.
»Lusche Lusche Lupin«, sang er, »Lusche Lusche Lupin,
Lusche Lusche Lupin -«
Grob und unbeherrschbar war Peeves zwar fast immer, doch
immerhin zeigte er den Lehrern gegenüber meist ein wenig
Respekt. Sie blickten rasch auf zu Professor Lupin, neugierig,
wie er damit umgehen würde; zu ihrer Überraschung war ihm
das Lächeln nicht vergangen.
»Wenn ich Sie wäre, Peeves, würde ich diesen Kaugummi
aus dem Schlüsselloch holen«, sagte er vergnügt. »Mr Filch
wird sonst nicht in der Lage sein, zu seinen Besen zu gelangen.«
Filch war der Hausmeister von Hogwarts, ein übel ge-
launter, gescheiterter Zauberer, der einen ewigen Krieg gegen
die Schüler und auch gegen Peeves führte. Doch Peeves achtete
nicht auf Professor Lupins Worte, außer dass er laut und
Speichel sprühend schnaubte.
Professor Lupin seufzte leise und zückte seinen Zauberstab.
»Das ist ein nützlicher kleiner Zauber«, sagte er zur Klasse
gewandt. »Bitte, seht genau hin.«
Er hob den Zauberstab auf Schulterhöhe, sagte »Waddi-
wasi!« und richtete ihn auf Peeves.
Mit der Kraft einer Gewehrkugel schoss der Kaugummi aus
dem Schlüsselloch und geradewegs hinein in Peeves' linkes
Nasenloch; er wirbelte herum und schwebte prustend und
fluchend davon.
»Toll, Sir!«, sagte Dean Thomas verblüfft.
»Danke, Dean«, sagte Professor Lupin und steckte seinen
Zauberstab weg. »Gehen wir weiter?«
Sie machten sich wieder auf den Weg. Die Klasse
warf Professor Lupin zunehmend respektvolle Blicke zu. Er
138
führte sie einen weiteren Gang entlang und hielt vor dem
Lehrerzimmer an.
»Hinein, bitte«, sagte Professor Lupin, öffnete die Tür und
trat beiseite.
Das Lehrerzimmer, ein langer, holzgetäfelter Raum voll
alter, nicht zusammenpassender Stühle, war leer, jedenfalls fast.
Professor Snape saß in einem niedrigen Sessel; er blickte auf, als
einer nach dem andern hereinkam. Seine Augen glitzerten und
um seinen Mund spielte ein gehässiges Grinsen. Als Professor
Lupin eintrat und die Tür hinter sich schließen wollte, sagte
Snape:
»Lassen Sie auf, Lupin. Das möchte ich lieber nicht mit
ansehen.«
Er erhob sich und schritt mit wehendem schwarzem Um-
hang an der Klasse vorbei. An der Tür drehte er sich auf den
Fersen um und sagte: »Vermutlich hat keiner Sie gewarnt,
Lupin, aber in dieser Klasse ist Neville Longbottom. Ich kann
Ihnen nur raten, ihm nichts Schwieriges aufzugeben. Außer
wenn Miss Granger ihm Anweisungen ins Ohr zischt.«
Neville wurde scharlachrot. Harry starrte Snape zornig an;
schlimm genug, dass er Neville in seinem eigenen Unterricht
drangsalierte, und jetzt tat er es auch noch vor einem anderen
Lehrer.
Professor Lupin zog die Augenbrauen hoch.
»Ich hatte gehofft, Neville würde mir beim ersten Schritt des
Unternehmens behilflich sein«, sagte er, »und ich bin mir sicher,
er wird es auf bewundernswerte Weise schaffen.«
Nevilles Gesicht lief, soweit dies möglich war, noch röter
an. Snapes Lippen kräuselten sich, doch er ging hinaus und
schlug die Tür zu.
»Nun denn«, sagte Professor Lupin und winkte die Klasse
zum anderen Ende des Zimmers, wo nichts war außer ei-
139
nem alten Schrank, in dem die Lehrer ihre Ersatzumhänge
aufbewahrten. Als Professor Lupin vor den Schrank trat, fing der
plötzlich an heftig zu ruckeln und krachte gegen die Wand.
»Kein Grund zur Beunruhigung«, sagte Professor Lupin
gelassen, denn ein paar Schüler waren erschrocken zurück-
gewichen. »In diesem Schrank steckt ein Irrwicht.«
Die meisten schienen nicht recht glauben zu wollen, dass
dies wirklich kein Grund zur Beunruhigung sei. Neville warf
Professor Lupin einen grauenerfüllten Blick zu und Seamus
Finnigan starrte wie gebannt auf den ruckelnden Türknopf.
»Irrwichte mögen dunkle, enge Räume«, sagte Professor
Lupin. »Schränke, die Lücke zwischen Betten, Spülkästen - ich
hab sogar mal einen getroffen, der es sich in einer Standuhr
gemütlich gemacht hatte. Dieser hier ist gestern Nachmittag
eingezogen, und ich habe den Schulleiter gefragt, ob die
Kollegen ihn meiner dritten Klasse zum Üben überlassen
könnten.
Nun, die erste Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Was
ist ein Irrwicht?«
Hermine hob die Hand.
»Es ist ein Gestaltwandler«, sagte sie. »Er kann die Gestalt
dessen annehmen, wovor wir, wie er spürt, am meisten Angst
haben.«
»Das hätte ich selber nicht besser ausdrücken können«,
sagte Professor Lupin, und Hermine strahlte. »Der Irrwicht sitzt
also in der Dunkelheit herum und hat noch keine Gestalt
angenommen. Er weiß noch nicht, was der Person auf der
anderen Seite der Tür Angst macht. Keiner weiß, wie ein
Irrwicht aussieht, wenn er allein ist, doch wenn wir ihn
herauslassen, wird er sich sofort in das verwandeln, was wir am
meisten fürchten.
140
Und das heißt«, fuhr Professor Lupin fort, ohne Nevilles
leises entsetztes Keuchen zu beachten, »dass wir von Anfang an
gewaltig im Vorteil sind. Kannst du dir denken, warum, Harry?«
Eine Antwort zu versuchen, während Hermine neben ihm
auf den Fußballen auf- und abhüpfte und die Hand in die Luft
streckte, war ziemlich lästig, doch Harry hatte einen Einfall.
»Ähm - weil wir so viele sind und er nicht weiß, welche
Gestalt er annehmen soll?«
»Genau«, sagte Professor Lupin und Hermine ließ ein wenig
enttäuscht die Hand sinken. »Man sollte nie allein sein, wenn
man es mit einem Irrwicht aufnehmen will. Das bringt ihn
durcheinander. Was soll er denn werden, eine kopflose Leiche
oder eine Fleisch fressende Schnecke? Ich hab mal einen
Irrwicht gesehen, der diesen Fehler gemacht hat - wollte zwei
Leute auf einmal erschrecken und hat sich in eine halbe
Schnecke verwandelt. Einfach lächerlich.
Der Zauber, der einen Irrwicht vertreibt, ist einfach, aber er
verlangt geistige Anstrengung. Was einem Irrwicht wirklich den
Garaus macht, ist nämlich Gelächter. Ihr müsst versuchen ihn zu
zwingen, eine Gestalt anzunehmen, die ihr komisch findet.
Wir üben den Zauber erst mal ohne Zauberstab. Nach mir,
bitte ... Riddikulus!«
»Riddikulus!«, sagte die Klasse wie aus einem Mund.
»Gut«, sagte Professor Lupin. »Sehr gut. Aber das war lei-
der nur der leichte Teil. Denn das Wort allein genügt nicht. Und
jetzt bist du dran, Neville.«
Der Schrank fing wieder an zu zittern, allerdings nicht so
heftig wie Neville, der einige Schritte vortrat, als ob es zum
Galgen ginge.
»Schön, Neville«, sagte Professor Lupin. »Das Wichtigste
141
zuerst: Was, würdest du sagen, ist es, das dir am meisten auf der
Welt Angst macht?«
Nevilles Lippen bewegten sich, doch kein Wort kam heraus.
»Verzeihung, Neville, ich hab dich nicht verstanden«, sagte
Professor Lupin gut gelaunt.
Neville sah sich mit panischem Blick um, als ob er
jemanden bitten wollte, ihm zu helfen, dann sagte er, kaum ver-
nehmlich flüsternd:
»Professor Snape.«
Fast alle lachten. Selbst Neville grinste peinlich verlegen.
Professor Lupin jedoch war nachdenklich geworden.
»Professor Snape ... hmmm ... Neville, stimmt es, dass du
bei deiner Großmutter lebst?«
»Ähm - ja«, sagte Neville nervös. »Aber ich will nicht, dass
der Irrwicht sich in sie verwandelt.«
»Nein, nein, du verstehst mich falsch«, sagte Professor Lu-
pin und lächelte jetzt. »Ich frage mich - könntest du uns sagen,
was für Kleider deine Großmutter normalerweise trägt?«
Neville wirkte verdutzt, doch er antwortete:
»Na ja ... immer denselben Hut. Einen hohen mit einem aus-
gestopften Geier drauf, Und ein langes Kleid ... meist grün ...
und manchmal einen Schal aus Fuchsfell.«
»Und eine Handtasche?«, half Professor Lupin nach.
»Eine große rote«, sagte Neville.
»Sehr schön«, sagte Professor Lupin. »Kannst du dir diese
Kleidung ganz genau vorstellen, Neville? Kannst du sie vor
deinem geistigen Auge sehen?«
»Ja«, sagte Neville unsicher, sich offensichtlich fragend,
was als Nächstes kommen würde.
»Wenn der Irrwicht aus diesem Schrank fährt und
dich sieht, Neville, wird er die Gestalt von Professor Snape
annehmen«, sagte Lupin. »Und du hebst deinen Zauberstab –
142
so - und rufst >Riddikulus< – und denkst ganz fest an die Klei-
der deiner Großmutter. Wenn alles gut geht, wird Professor
Irrwicht Snape gezwungen sein, mit diesem Geierhut, dem
grünen Kleid und der großen roten Handtasche aufzutreten.«
Die Klasse lachte laut auf Der Schrank zitterte noch hef-
tiger.
»Wenn Neville es gut macht, wird der Irrwicht seine Auf-
merksamkeit danach wahrscheinlich uns zuwenden, und zwar
einem nach dem andern«, sagte Professor Lupin. »Ich möchte,
dass ihr alle mal kurz überlegt, was euch am meisten Angst
macht, und euch vorstellt, wie man es zwingen kann, komisch
auszusehen ...«
Im Zimmer wurde es still. Harry dachte nach ... wovor hatte
er am meisten Angst?
Als Erstes fiel ihm Lord Voldemort ein - ein Voldemort, der
seine alte Kraft wiedererlangt hätte. Doch bevor er auch nur
angefangen hatte, einen möglichen Gegenangriff auf einen
Irrwicht-Voldemort zu planen, drang ein schrecklicher Gedanke
in sein Bewusstsein ...
Harry schauderte und sah sich um in der Hoffnung, niemand
würde es bemerken. Viele um ihn her hatten die Augen fest
geschlossen. Ron murmelte vor sich hin, etwas wie »nimm ihr
die Beine weg«. Harry wusste ziemlich sicher, an was Ron
dachte. Die größte Angst hatte er vor Spinnen.
»Seid ihr bereit?«, fragte Professor Lupin.
Harry spürte, wie ihm Angst die Kehle zuschnürte. Er war
noch nicht bereit. Wie sollte er denn einen Dementor weniger
schrecklich aussehen lassen? Doch um Zeit bitten wollte er
nicht; alle andern nickten und rollten die Ärmel hoch.
»Neville, wir gehen ein paar Schritte zurück«, sagte
Professor Lupin. »Dann hast du freie Bahn, klar? Ich rufe dann
143
den Nächsten auf ... alle zurücktreten jetzt, damit Neville richtig
zielen kann.«
Sie gingen zurück und lehnten sich gegen die Wand; Neville
stand jetzt allein vor dem Schrank. Er sah blass und verängstigt
aus, doch er hatte die Ärmel seines Umhangs hochgekrempelt
und hielt seinen Zauberstab bereit.
»Ich zähle bis drei, Neville«, sagte Professor Lupin und
deutete mit seinem Zauberstab auf den Türknopf des Schranks.
»Eins - zwei - drei - jetzt!«
Sterne stoben aus der Spitze von Professor Lupins Zau-
berstab und trafen den Türknopf Die Schranktüren flogen auf.
Hakennasig und drohend trat Professor Snape heraus und
richtete seine blitzenden Augen auf Neville.
Neville wich zurück, den Zauberstab erhoben, und bewegte
stumm den Mund. Snape griff in seinen Umhang und ging
drohend auf ihn zu.
»R - r - riddikulus!«, quiekte Neville.
Es gab einen Knall, ähnlich dem Knall einer Peitsche. Snape
stolperte; er trug jetzt ein langes, spitzenbesetztes Kleid, einen
turmhohen Hut, auf dessen Spitze ein mottenzerfressener Geier
saß, und an seinem Handgelenk schlenkerte eine enorme rote
Handtasche.
Dröhnendes Gelächter brach aus; der Irrwicht erstarrte,
heillos verwirrt, und Professor Lupin rief:
»Parvati! Du bist dran!«
Parvati trat mit entschlossener Miene nach vorne. Drohend
wandte sich Snape ihr zu. Wieder knallte es und wo er
gestanden hatte, erschien eine blutbefleckte, bandagierte Mumie;
ihr augenloses Antlitz Parvati zugewandt, begann sie träge
schlurfend auf das Mädchen zuzugehen und hob die Arme.
»Riddikulus!«, schrie Parvati.
Am Fuß der Mumie löste sich eine Bandage; die Mumie
144
verhedderte sich und fiel mit dem Gesicht auf den Boden; der
Kopf rollte davon.
»Seamus!«, rief Professor Lupin.
Seamus schoss an Parvati vorbei.
Knall! Wo die Mumie gewesen war, stand eine Frau mit
schwarzem Haar, das bis zum Boden reichte, und einem
grünlichen, skelettartigen Gesicht - eine Todesfee. Sie machte
den Mund weit auf und ein Klang wie nicht von dieser Welt
erfüllte den Raum, ein lang gezogener, wehklagender Schrei, der
Harry die Haare zu Berge stehen ließ.
»Riddikulus!«, rief Seamus.
Die Todesfee machte ein rasselndes Geräusch und griff sich
an die Kehle; sie hatte ihre Stimme verloren.
Knall! Die Todesfee verwandelte sich in eine Ratte, die im
Kreis herumrasend ihrem eigenen Schwanz nachjagte und dann -
knall! - zu einem blutigen Augapfel wurde.
»Er ist durcheinander!«, rief Lupin, »bald haben wir's ge-
schafft! Dean!«
Dean trat rasch nach vorne.
Krach! Der Augapfel wurde zu einer abgeschnittenen Hand;
wie ein Krake kroch sie über den Boden.
»Riddikulus!«, rief Dean.
Es gab ein schnappendes Geräusch und die Hand war in
einer Mausefalle gefangen.
»Glänzend! Ron, du bist dran!«
Ron stürzte nach vorne.
Knall!
Nicht wenige schrien. Eine riesige Spinne, zwei Meter hoch
und haarig, krabbelte auf Ron zu und klickte bedrohlich mit
ihren Greifzangen. Einen Moment lang hatte Harry den
Eindruck, Ron sei erstarrt. Dann -
»Riddikulus!«, bellte Ron und die Beine der Spinne ver-
schwanden; sie kullerte über den Boden; Lavender Brown
145
kreischte und lief aus dem Weg und die Spinne blieb vor Harrys
Füßen liegen. Schon hob er seinen Zauberstab, doch -
»Halt!«, rief Professor Lupin plötzlich und sprang vor.
Knall!
Die beinlose Spinne war verschwunden. Einen Moment
schauten sich alle aufgeregt um, wo sie abgeblieben war. Dann
sahen sie eine silbern glitzernde weiße Kugel vor Lupin in der
Luft hängen. »Riddikulus!«, sagte er fast lässig.
Knall!
Der Irrwicht landete als Kakerlak auf dem Boden. »Los
jetzt, Neville, mach ihn alle!«, sagte Lupin. Knall! Snape war
wieder da. Diesmal stürzte Neville mit entschlossener Miene auf
ihn zu.
»Riddikulus!«, rief er und für den Bruchteil einer Sekunde
sahen sie Snape noch einmal im Spitzenkleid, bis Neville ein
lautes, prustendes »Ha!« ausstieß und der Irrwicht explodierte,
in tausend kleine Rauchwölkchen auseinander stob und
verschwand.
»Hervorragend!«, rief Professor Lupin, und die Klasse fing
begeistert an zu klatschen. »Sehr schön, Neville. Ihr alle habt
eure Sache sehr gut gemacht ... lasst mich kurz überlegen ... fünf
Punkte für Gryffindor bekommt jeder, der es mit dem Irrwicht
aufgenommen hat - zehn für Neville, weil er zweimal dran war
... und jeweils fünf für Hermine und Harry.«
»Aber ich hab doch nichts gemacht«, sagte Harry.
»Du und Hermine habt meine Fragen zu Beginn des Un-
terrichts richtig beantwortet, Harry«, sagte Lupin gelassen. »Ihr
wart alle sehr gut, es war eine hervorragende Stunde. Als
Hausaufgabe lest bitte das Kapitel über Irrwichte und schreibt
mir eine Zusammenfassung ... bis nächsten Montag. Das ist
alles.«
Aufgeregt schnatternd verließ die Klasse das Lehrer-
zimmer. Harry jedoch hatte ein ungutes Gefühl. Professor
146
Lupin hatte ihn entschlossen daran gehindert, es mit dem
Irrwicht aufzunehmen. Warum? Weil er gesehen hatte, wie
Harry im Zug ohnmächtig geworden war, und glaubte, er könne
nicht viel verkraften? Hatte er befürchtet, Harry würde wieder
zusammenbrechen?
Doch von den andern schien keinem etwas aufgefallen zu
sein.
»Habt ihr gesehen, wie ich es dieser Todesfee gezeigt hab?«,
rief Seamus.
»Und die Hand!«, sagte Dean und fuchtelte mit seiner ei-
genen herum.
»Und Snape mit diesem Hut!«
»Und meine Mumie!«
»Ich frag mich, warum Professor Lupin Angst vor Kristall-
kugeln hat?«, sagte Lavender nachdenklich.
»Das war die beste Stunde in Verteidigung gegen die
dunklen Künste, die wir je hatten, oder?«, sagte Ron begeistert,
während sie zu ihrem Klassenzimmer gingen, um ihre Taschen
zu holen.
»Er scheint ein sehr guter Lehrer zu sein«, sagte Hermine
anerkennend. »Aber ich wünschte, ich wäre auch mal dran-
gekommen mit diesem Irrwicht.«
»Was wäre er für dich gewesen?«, sagte Ron glucksend.
»Eine Hausaufgabe, für die du nur neun von zehn möglichen
Punkten bekommen hättest?«
147
Die Flucht der fetten Dame
Im Handumdrehen war Verteidigung gegen die dunklen Künste
das Lieblingsfach aller Schüler geworden. Nur Draco Malfoy
und seine Clique von den Slytherins ließen sich gehässig über
Professor Lupin aus.
»Schaut euch doch mal seine Umhänge an«, sagte Malfoy
unüberhörbar flüsternd, wenn Professor Lupin vorbeiging. »Der
zieht sich ja an wie unser alter Hauself.«
Doch niemand sonst kümmerte es, dass Professor Lupin
geflickte und ausgefranste Umhänge trug. Die weiteren Un-
terrichtsstunden bei ihm waren nicht weniger spannend als die
erste. Nach den Irrwichten lernten sie die Rotkappen kennen,
fiese kleine koboldartige Kreaturen, die überall dort
herumlungerten, wo Blut vergossen worden war: Sie versteckten
sich in den Kerkern von Schlössern und in den Sprenglöchern
verlassener Schlachtfelder und verprügelten alle, die sich dorthin
verirrten. Nach den Rotkappen kamen die Kappas, grausige
Wasserbewohner, die wie schuppige Affen aussahen und Hände
mit Schwimmhäuten hatten, die es nur danach juckte, diejenigen
zu erwürgen, die in ihren Tümpeln umherwateten.
Harry wäre glücklich gewesen, wenn es ihm in den anderen
Fächern ebenso gut gefallen hätte. Am schlimmsten war
der Zaubertrankunterricht. Snape war dieser Tage aus-
gesprochen rachsüchtig gelaunt, und der Grund dafür war kein
Geheimnis. Die Geschichte von dem Irrwicht, der Snapes
Gestalt angenommen hatte und von Neville in die Sachen
148
seiner Großmutter gesteckt worden war, hatte sich wie ein
Lauffeuer im Schloss verbreitet. Der Einzige, der das nicht
komisch fand, war Snape. Seine Augen blitzten drohend bei
jeder Erwähnung von Professor Lupin, und Neville drangsalierte
er schlimmer denn je.
Harry empfand auch wachsenden Abscheu vor den Stunden,
die er im stickigen Turmzimmer von Professor Trelawney mit
der Deutung von Figuren und Symbolen zubrachte, die man
irgendwie schräg gegen das Licht halten sollte, und dabei auch
noch versuchen musste, sich nicht von Professor Trelawneys
Tränen rühren zu lassen, die ihr jedes Mal in die riesigen Augen
traten, wenn sie Harry ansah. Professor Trelawney konnte er
einfach nicht leiden, während viele andere ihr Hochachtung oder
gar Verehrung entgegenbrachten. Parvati Patil und Lavender
Brown stürmten jetzt in der Mittagspause regelmäßig hoch in
den Turm und kamen immer mit einem überlegenen
Gesichtsausdruck zurück, der einem lästig werden konnte,
gerade so, als ob sie Dinge wüssten, von denen die andern keine
Ahnung hatten. Außerdem sprachen sie nur noch mit gedämpfter
Stimme zu Harry, als würde er schon auf dem Totenbett liegen.
Pflege magischer Geschöpfe mochte keiner mehr; nach der
dramatischen ersten Stunde war der Unterricht todlangweilig
geworden. Hagrid schien sein Selbstvertrauen verloren zu
haben. Stunde um Stunde verbrachten sie jetzt damit,
Flubberwürmer zu pflegen, die zu den fadesten Geschöpfen
überhaupt zählen mussten.
»Warum sollte sich überhaupt jemand um sie kümmern?«,
sagte Ron nach einer weiteren Stunde, in der sie klein gehackte
Salatblätter in die schleimigen Kehlen der Flubberwürmer
gestopft hatten.
Anfang Oktober jedoch fand Harry etwas, das ihn be-
schäftigte und ihm so viel Spaß machte, dass er den staub-
149
trockenen Unterricht vergaß. Die Quidditch-Saison sollte bald
beginnen und Oliver Wood, der Kapitän des Gryffindor-Teams,
rief sie eines Donnerstags zusammen, um die Taktik für die
kommende Spielzeit zu erörtern.
Eine Quidditch-Mannschaft besteht aus sieben Spielern: aus
drei Jägern, deren Aufgabe es ist, den Quaffel (einen roten,
fußballgroßen Ball) durch die in zwanzig Meter Höhe auf
Stangen an beiden Seiten des Spielfelds angebrachten Ringe zu
werfen; zwei Treibern, die mit schweren Schlägern ausgestattet
sind, um die Klatscher abzuwehren (zwei schwere schwarze
Bälle, die durch die Luft sausen und die Spieler angreifen);
einem Hüter, der die Tore verteidigt, und dem Sucher, der die
schwierigste Aufgabe hat, nämlich den Goldenen Schnatz zu
fangen, einen winzigen geflügelten Ball von der Größe einer
Walnuss, dessen Fang das Spiel beendet und dem Team des
Suchers hundertfünfzig Punkte extra einbringt.
Oliver Wood war ein stämmiger Siebzehnjähriger, inzwi-
schen im siebten und letzten Schuljahr in Hogwarts. An jenem
Donnerstagabend im kalten Umkleideraum draußen am
Spielfeldrand, als er vor die anderen sechs Spieler seines Teams
trat, war eine Spur von Verzweiflung aus seiner Stimme
herauszuhören:
»Das ist unsere letzte Chance - meine letzte Chance - den
Quidditch-Pokal zu gewinnen«, erklärte er, während er vor dem
Team auf und ab schritt. »Ende des Jahres gehe ich von der
Schule. Noch eine Gelegenheit kriege ich nicht.
Gryffindor hat jetzt seit sieben Jahren nicht mehr gewonnen.
Gut und schön, wir hatten tatsächlich schlimmes Pech
-Verletzungen, und dann ist das Turnier letztes Jahr auch noch
abgeblasen worden ...«Wood schluckte, als ob ihm die
Erinnerung immer noch wie ein Klumpen im Hals steckte.
»Aber wir wissen auch, dass wir das verdammt - noch - mal -
150
beste - Team - der - Schule sind«, sagte er. Dabei schlug er mit
der rechten Faust in die linke Handfläche und in seinen Augen
erschien wieder das alte, manische Glimmen.
»Wir haben drei erstklassige Jägerinnen.«
Wood deutete auf Alicia Spinnet, Angelina Johnson und
Katie Bell.
»Wir haben zwei unschlagbare Treiber.«
»Hör auf, Oliver, du machst uns ganz verlegen«, sagten Fred
und George und taten so, als würden sie sich schämen.
»Und wir haben einen Sucher, der noch jedes Spiel für uns
gewonnen hat!«, donnerte Wood und starrte Harry mit einer Art
grimmigem Stolz an. »Und mich«, fügte er noch hinzu, als wäre
es ihm gerade eingefallen.
»Du bist auch ganz toll, Oliver«, sagte George.
»Als Hüter ein Ass«, sagte Fred.
»Die Sache ist die«, fuhr Oliver fort und fing wieder an, auf
und ab zu schreiten, »der Quidditch-Pokal hätte in den letzten
beiden Jahren unseren Namen tragen müssen. Seit Harry dabei
ist, denke ich immer, wir hätten das Ding eigentlich schon in der
Tasche. Aber wir haben's nicht geschafft, und jetzt haben wir die
letzte Chance, endlich unseren Namen auf diesem Pokal zu
sehen ...«
Wood schien so niedergeschlagen, dass selbst Fred und
George ihn mitleidig ansahen.
»Oliver, das ist unser Jahr«, sagte Fred.
»Diesmal packen wir's, Oliver!«, sagte Angelina.
»Ganz klar«, sagte Harry.
Voll Entschlossenheit begannen sie zu trainieren, drei
Abende die Woche. Allmählich wurde es kälter und regnerischer
und es wurde immer früher dunkel, doch weder Schlamm, Wind
noch Regen konnten Harry aus dem wunderbaren Traum reißen,
endlich einmal den riesigen silbernen Quidditch-Pokal zu
gewinnen.
151
Eines Abends nach dem Training kehrte Harry steif gefro-
ren, doch höchst zufrieden mit dem Training ins Schloss zurück.
Im Gemeinschaftsraum der Gryffindors herrschte ein
aufgeregtes Summen.
»Was ist denn hier los?«, fragte er Ron und Hermine, die in
zwei der besten Sessel am Kamin saßen und an ihren
Sternkarten für Astronomie arbeiteten.
»Das erste Wochenende in Hogsmeade«, sagte Ron und
deutete auf den Zettel, der am ramponierten alten Notizbrett
aufgetaucht war. »Ende Oktober, an Halloween.«
»Klasse« sagte Fred, der Harry durch das Porträtloch gefolgt
war, »ich muss zu Zonko, meine Stinkkügelchen sind fast alle.«
Harry ließ sich in den Sessel neben Ron fallen; sein Hoch-
gefühl versandete rasch. Hermine schien seine Gedanken lesen
zu können.
»Das nächste Mal kannst du dann sicher mitkommen,
Harry«, sagte sie. »Sie werden Black bestimmt bald fassen, er
wurde ja schon gesehen.«
»Black ist nicht so bescheuert, in Hogsmeade Ärger zu
machen«, sagte Ron. »Frag doch McGonagall, ob du dieses eine
Mal mitkommen kannst, wer weiß, wann wir wieder dürfen -«
»Ron!«, sagte Hermine, »Harry soll in der Schule bleiben.«
»Er kann doch nicht der einzige Drittklässler sein, der nicht
mit darf«, sagte Ron. »Frag McGonagall, mach schon, Harry.«
»Ja, vielleicht hast du Recht«, sagte Harry nachdenklich.
Hermine öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch in
diesem Moment sprang Krummbein auf ihren Schoß. Eine große
tote Spinne hing ihm aus dem Maul.
»Muss er die denn ausgerechnet vor unseren Augen fres-
sen?«, sagte Ron missmutig.
152
»Kluger Krummbein, hast du die ganz alleine gefangen?«,
sagte Hermine.
Gemächlich zerkaute Krummbein die Spinne, die gelben
Augen frech auf Ron gerichtet.
»Pass bloß auf, dass er bei dir bleibt«, sagte Ron gereizt und
wandte sich wieder seiner Sternkarte zu. »Krätze schläft in
meiner Tasche.«
Harry gähnte. Am liebsten wäre er schlafen gegangen, doch
auch er musste seine Sternkarte noch zu Ende zeichnen. Er zog
seine Tasche heran, holte Papier, Tinte und Feder heraus und
begann zu arbeiten.
»Du kannst meine abzeichnen, wenn du willst«, sagte Ron,
beschriftete schwungvoll den letzten Stern und schob die Karte
Harry zu.
Hermine, die nichts von Abschreiben hielt, schürzte die
Lippen, sagte jedoch nichts. Krummbein starrte immer noch
unverwandt auf Ron und ließ die Spitze seines buschigen
Schwanzes zucken. Dann, ohne Warnung, sprang er los.
»He!«, brüllte Ron und packte seine Tasche, doch
Krummbein hatte schon vier klauenbestückte Pfoten darin
versenkt und zog und zerrte wie verrückt.
»Hau ab, du blödes Vieh!«
Ron wollte seine Tasche in Sicherheit bringen, doch der
Kater hielt sie fauchend, hauend und kratzend fest.
»Ron, tu ihm bloß nicht weh!«, kreischte Hermine; der
ganze Gemeinschaftsraum sah zu; Ron wirbelte die Tasche im
Kreis herum, doch Krummbein ließ nicht locker, und jetzt kam
Krätze oben herausgeflogen.
»Fangt diesen Kater ein!«, schrie Ron, als Krummbein die
Überreste der Tasche liegen ließ, über den Tisch sprang und dem
panisch davonrasenden Krätze nachjagte.
George Weasley machte einen Hechtsprung, doch er
verfehlte Krummbein knapp; Krätze huschte durch zwanzig
153
Paar Beine und verschwand unter einer alten Kommode;
Krummbein kam schlitternd zum Halt, legte den Kopf auf den
Boden und haute zornig mit den Tatzen unter die Kommode.
Ron und Hermine rannten herbei; Hermine packte
Krummbein am Bauch und hob ihn hoch; Ron warf sich auf den
Boden und zog Krätze mit großer Mühe am Schwanz hervor.
»Schau ihn dir an!«, sagte er wütend zu Hermine und ließ
Krätze vor ihrem Gesicht baumeln. »Er ist doch nur noch Haut
und Knochen! Halt ihm bloß diesen Kater vom Leib!«
»Krummbein weiß doch nicht, dass man das nicht tut!«,
sagte Hermine mit zitternder Stimme. »Alle Katzen jagen
Ratten, Ron!«
»Aber an deinem Tier ist irgendwas Komisches!«, sagte
Ron, während er versuchte, den vor Aufregung bebenden Krätze
zurück in seine Tasche zu komplimentieren. »Er hat gehört, dass
ich gesagt habe, Krätze sei in meiner Tasche!«
»Ach, das ist doch Unsinn«, sagte Hermine ungehalten.
»Krummbein kann ihn riechen, Ron, oder wie sonst, glaubst du
-«
»Dieser Kater hat es auf Krätze abgesehen!«, sagte Ron und
würdigte das Publikum im Raum keines Blickes, das allmählich
zu kichern begann. »Und Krätze war zuerst hier, und er ist
krank!«
Ron marschierte durch das Gemeinschaftszimmer und
verschwand auf der Treppe hoch zum Jungenschlafsaal.
Am nächsten Tag war Ron immer noch schlecht auf Hermine zu
sprechen. In Kräuterkunde sagte er kaum ein Wort zu ihr,
obwohl er, Harry und Hermine gemeinsam an einem
Kartoffelbauchpilz arbeiteten.
154
»Wie geht's Krätze?«, fragte Hermine behutsam, während
sie fette rosa Schoten von den Pflanzen pflückten und die
glänzenden Bohnen in einen Holztrog warfen.
»Hat sich unter meinem Bett versteckt und zittert immer
noch am ganzen Leib«, sagte Ron unwirsch und verfehlte den
Trog, so dass die Bohnen über den Boden des Gewächshauses
kullerten.
»Vorsicht, Weasley, Vorsicht!«, rief Professor Sprout, als
die Bohnen vor ihren Augen jäh aufblühten.
Als Nächstes hatten sie Verwandlung. Harry hatte be-
schlossen, Professor McGonagall nach dem Unterricht zu
fragen, ob er mit nach Hogsmeade dürfe. Er reihte sich in die
Warteschlange vor dem Klassenzimmer ein und überlegte, wie
er es am besten sagen konnte. Doch ein kleiner Aufruhr vorn an
der Tür lenkte ihn ab.
Lavender Brown schien zu weinen. Parvati hatte den Arm
um sie gelegt und sprach mit Seamus Finnigan und Dean
Thomas, die sehr ernst wirkten.
»Was ist los, Lavender?«, fragte Hermine beunruhigt, als sie
mit Harry und Ron hinzukam.
»Sie hat heute Morgen einen Brief von zu Hause bekom-
men«, flüsterte Parvati. »Es geht um Binky, ihr Kaninchen. Ein
Fuchs hat es getötet.«
»Oh«, sagte Hermine, »tut mir Leid, Lavender.«
»Ich hätte es wissen sollen!«, sagte Lavender mit tragischer
Miene. »Weißt du, welcher Tag heute ist?«
»Ähm.«
»Der sechzehnte Oktober! >Das Ereignis, vor dem du dich
fürchtest, es wird am sechzehnten Oktober geschehen!< Er-
innerst du dich? Sie hatte Recht, sie hatte Recht!«
Die ganze Klasse versammelte sich jetzt um Lavender.
Seamus schüttelte mit ernster Miene den Kopf, Hermine
zögerte, dann sagte sie:
155
»Du ... du hattest Angst, Binky würde von einem Fuchs
getötet?«
»Nun ja, nicht unbedingt von einem Fuchs«, sagte Lavender
und blickte mit tränenüberströmten Wangen zu Hermine hoch,
»aber ich hab natürlich Angst gehabt, dass es stirbt, oder?«
»Oh«, sagte Hermine. Sie verstummte kurz. Dann -
»War Binky ein altes Kaninchen?«
»N...nein!«, schluchzte Lavender, »es.. . es war noch ganz
klein!«
Parvati drückte Lavender noch fester an sich.
»Aber warum hattest du dann Angst, es würde sterben?«,
fragte Hermine.
Parvati starrte sie wütend an.
»Nun ja, seht euch die Sache mal vernünftig an«, sagte
Hermine und wandte sich den Umstehenden zu. »Erstens ist
Binky gar nicht mal heute gestorben, Lavender hat heute nur die
Nachricht bekommen -«
Lavender fing laut an zu jammern, doch Hermine fuhr fort:
»- und sie kann auch gar keine Angst davor gehabt haben, denn
es war doch offensichtlich ein Schock für sie -«
»Mach dir nichts aus dem, was Hermine sagt, Lavender«,
sagte Ron laut, »sie schert sich nicht groß um die Haustiere
anderer Leute.«
Es war ein Glück, dass Professor McGonagall in diesem
Augenblick die Klassenzimmertür aufschloss; Hermine und Ron
sahen sich an, als wollten sie gleich aufeinander losstürzen, und
drinnen im Zimmer setzten sie sich zu beiden Seiten Harrys und
sprachen die ganze Stunde kein Wort miteinander.
Harry wusste immer noch nicht recht, was er Professor
McGonagall sagen würde, als es schon wieder läutete, doch sie
war es, die das Thema Hogsmeade zuerst ansprach.
156
»Einen Moment noch bitte!«, rief sie, als alle aufstehen
wollten. »Als Ihre Hauslehrerin bitte ich Sie, mir die Zu-
stimmungserklärungen für den Besuch in Hogsmeade noch vor
Halloween auszuhändigen. Ohne diese Erklärung dürfen Sie
nicht mitkommen, also nicht vergessen!«
Neville hob die Hand.
»Bitte, Professor, ich - ich glaube, ich hab meine verloren -«
»Ihre Großmutter hat sie direkt an mich geschickt, Long-
bottom«, sagte Professor McGonagall. »Sie schien es für
sicherer zu halten. Gut, das ist alles, Sie können gehen.«
»Frag sie jetzt«, zischte Ron Harry zu.
»Oh, aber -«, warf Hermine ein.
»Los jetzt, Harry«, drängte Ron.
Harry wartete, bis die andern draußen waren, dann ging er,
hibbelig wie er war, hinüber zu Professor McGonagalls Pult.
»Ja, Potter?«
Harry holte tief Atem.
»Professor, meine Tante und mein Onkel - ähm - haben
vergessen, das Formblatt zu unterschreiben«, sagte er.
Professor McGonagall sah ihn über ihre viereckigen Bril-
lengläser hinweg an, sagte jedoch nichts.
»Also - ähm - meinen Sie, es wäre möglich - das heißt, ist es
in Ordnung, wenn ich - wenn ich mitkomme nach Hogsmeade?«
Professor McGonagall senkte den Blick und begann die
Papiere auf ihrem Pult zusammenzuräumen.
»Ich fürchte, nein, Potter«, sagte sie. »Sie haben gehört, was
ich gesagt habe. Keine Erlaubnis, kein Besuch im Dorf So lautet
die Regel.«
»Aber - Professor, mein Onkel und meine Tante - Sie
wissen, es sind Muggel, sie verstehen im Grunde nichts von -
157
von diesen Formblättern und überhaupt von Hogwarts«, sagte
Harry, während Ron ihn mit heftigem Kopfnicken anfeuerte.
»Wenn Sie sagen würden, ich kann mitgehen -«
»Aber das sage ich nicht«, sagte Professor McGonagall,
stand auf und verstaute ihre säuberlich gestapelten Papiere in
einer Schublade. »Auf dem Formblatt heißt es klar und deutlich,
dass Eltern oder Vormund die Erlaubnis geben müssen.« Sie sah
ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an. War es Mitleid?
»Tut mir Leid, Potter, aber das ist mein letztes Wort. Sie beeilen
sich besser, oder Sie kommen zu spät zur nächsten Stunde.«
Da war nichts zu machen. Ron erfand eine Menge un-
schmeichelhafter Namen für Professor McGonagall, was
Hermine ausgesprochen ärgerte. Sie setzte einen »Um so
besser«-Gesichtsausdruck auf, der Ron wiederum noch zorniger
machte, und Harry musste es ertragen, dass sich alle andern in
der Klasse laut und voller Vorfreude darüber unterhielten, was
sie in Hogsmeade als Erstes tun würden.
»Du hast immer noch das Fest«, sagte Ron, um Harry auf-
zumuntern. »Du weißt doch, das Festessen am Abend von
Halloween.«
»Jaah«, sagte Harry trübselig, »großartig.«
Das Festessen an Halloween war immer gut, doch es würde
noch viel besser schmecken, wenn er an diesem Abend
zusammen mit den andern und hungrig aus Hogsmeade
zurückkehren würde. Keiner konnte ihn trösten. Dean Thomas,
der gut mit der Feder umgehen konnte, bot ihm an, Onkel
Vernons Unterschrift auf dem Formblatt zu fälschen, doch da
Harry Professor McGonagall bereits gesagt hatte, dass Onkel
Vernon nicht unterschrieben hatte, nutzte das auch nichts. Ron
schlug selbst nicht ganz überzeugt
vor, den Tarnumhang zu nehmen, doch Hermine wollte nichts
158
davon hören und erinnerte Ron daran, dass Dumbledore ihnen
gesagt hatte, die Dementoren könnten sehen, wer darunter sei.
Von Percy schließlich kamen wohl die am wenigsten tröstenden
Trostworte.
»Sie machen immer diesen Aufstand wegen Hogsmeade,
aber glaub mir, Harry, so toll ist es auch wieder nicht«, sagte er
ernsthaft. »Gut und schön, der Süßigkeitenladen ist ziemlich gut,
und Zonkos Scherzartikelladen ist schlichtweg gefährlich, und
ja, die Heulende Hütte lohnt immer einen Besuch, aber
abgesehen davon, Harry, entgeht dir nichts.«
Am Morgen von Halloween wachte Harry mit den andern auf
und ging hinunter zum Frühstück. Er fühlte sich ganz elend, tat
aber sein Bestes, um das zu verbergen.
»Wir bringen dir eine Menge Süßigkeiten aus dem Honig-
topf mit«, sagte Hermine und sah ihn mit tiefem Mitgefühl an.
»Ja, ganze Wagenladungen«, sagte Ron. Er und Hermine
hatten angesichts von Harrys Verzweiflung endlich ihren Streit
wegen Krummbein vergessen.
»Macht euch keine Sorgen um mich«, sagte Harry in be-
müht lässigem Ton, »wir treffen uns dann beim Essen. Viel
Spaß.«
Er begleitete sie zur Eingangshalle, wo Filch, der Haus-
meister, am Portal stand und die Namen auf einer langen Liste
abhakte, wobei er misstrauisch jedes Gesicht musterte und
aufpasste, dass keiner sich hinausschlich, der nicht mitdurfte.
»Du bleibst hier, Potter?«, rief Malfoy, der mit Crabbe und
Goyle in der Schlange stand. »Hast Bammel vor den De-
mentoren draußen?«
Harry überhörte ihn und machte sich auf den einsamen Weg
die Marmortreppe hoch und die ausgestorbenen Korridore
entlang zurück in den Turm der Gryffindors.
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Die fette Dame schreckte aus ihrem Nickerchen hoch.
»Passwort?«, fragte sie.
»Fortuna Major«, sagte Harry gelangweilt.
Das Porträt klappte zur Seite und er kletterte durch das Loch
in den Gemeinschaftsraum. Er war voller schnatternder Erst-
und Zweitklässler und ein paar älterer Schüler, die Hogsmeade
offenbar so häufig besucht hatten, dass es ihnen nichts mehr zu
bieten hatte.
»Harry! Harry! Hallo, Harry!«
Das war Colin Creevey, ein Zweitklässler, der immer ganz
ehrfürchtig bei Harrys Anblick wurde und nie eine Gelegenheit
ausließ, ihn anzusprechen.
»Gehst du nicht nach Hogsmeade, Harry? Warum nicht?
Hallo -«, Colin sah sich begeistert nach seinen Freunden um,
»du kannst dich zu uns setzen, wenn du willst, Harry!«
»Ähm - nein danke, Colin«, sagte Harry, der nicht in der
Stimmung war, einen Haufen Leute auf seine Stirnnarbe glotzen
zu lassen, »ich muss in die Bücherei und was arbeiten.«
Danach blieb ihm nichts anderes übrig als umzukehren und
wieder durch das Porträtloch zu steigen.
»Wozu hast du mich eigentlich aufgeweckt?«, rief ihm die
fette Dame unwirsch hinterher.
Harry schlurfte lustlos in Richtung Bücherei, doch auf
halbem Weg besann er sich anders; ihm war nicht nach Arbeit
zumute. Er machte kehrt und plötzlich sah er sich Filch
gegenüber, der wohl gerade die letzten Ausflügler nach
Hogsmeade aus dem Schloss gelassen hatte.
»Was treibst du?«, raunzte Filch misstrauisch.
»Nichts«, sagte Harry wahrheitsgemäß.
»Nichts«, fauchte Filch und sein Unterkiefer vibrierte
Unheil verkündend. »Fabelhafte Ausrede! Schleichst alleine
hier rum, warum bist du denn nicht in Hogsmeade und
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kaufst Stinkbomben und Rülpspulver und Pfeifende Würmer
wie deine frechen kleinen Freunde?«
Harry zuckte die Schultern.
»Also zurück jetzt in deinen Gemeinschaftsraum, wo du
hingehörst!«, bellte Filch ihn an und wartete mit zornigem
Blick, bis Harry außer Sicht war.
Doch Harry ging nicht zurück in den Gemeinschaftsraum;
mit der vagen Absicht, Hedwig in der Eulerei zu besuchen, stieg
er eine Treppe hoch und lief den Korridor entlang. Plötzlich
hörte er eine Stimme aus einem der Räume: »Harry?«
Harry ging rasch zurück, um zu sehen, wer es war, und traf
auf Professor Lupin, der sich aus seiner Bürotür beugte.
»Was treibst du denn?«, fragte Lupin, allerdings in ganz
anderem Ton als Filch. »Wo sind Ron und Hermine?«
»Hogsmeade«, sagte Harry bemüht beiläufig.
»Ah«, sagte Lupin. Er musterte Harry einen Moment lang.
»Warum kommst du nicht rein? Gerade wurde ein Grindeloh für
unsere nächste Stunde geliefert.«
»Ein was?«, fragte Harry.
Er folgte Lupin in sein Büro. In der Ecke stand ein sehr
großes Aquarium. Eine übelgrüne Kreatur mit spitzen kleinen
Hörnern presste das Gesicht ans Glas, schnitt Grimassen und
spreizte seine langen, spindeldürren Finger.
»Wasserdämon«, sagte Lupin und musterte den Grindeloh
nachdenklich. »Wir sollten keine großen Schwierigkeiten mit
ihm haben, nicht nach den Kappas. Der Trick dabei ist, dass
man seinen Griff brechen muss. Siehst du die ungewöhnlich
langen Finger? Stark, aber sehr zerbrechlich.«
Der Grindeloh bleckte seine grünen Zähne und vergrub sich
dann in einem Büschel Schlingpflanzen in der Ecke.
»Tasse Tee?«, sagte Lupin und sah sich nach dem Kessel
um. »Ich wollte mir gerade eine machen.«
161
»Ja, danke«, sagte Harry verlegen.
Lupin tippte mit seinem Zauberstab gegen den Kessel und
sofort zischte ein Dampfstrahl aus seinem Schnabel.
»Setz dich«, sagte Lupin und hob den Deckel von einer
staubigen Blechdose. »Ich hab leider nur Teebeutel - aber du
hast ohnehin genug von Teeblättern, denk ich mal?«
Harry sah ihn an. Lupin zwinkerte mit den Augen.
»Woher wissen Sie das?«, fragte Harry.
»Professor McGonagall hat es mir erzählt«, sagte Lupin und
reichte Harry eine leicht angeschrammte Teetasse. »Du machst
dir doch nicht etwa Sorgen?«
»Nein«, sagte Harry.
Einen Moment lang dachte er daran, Lupin von dem Hund
zu erzählen, den er im Magnolienring gesehen hatte, doch dann
verwarf er den Gedanken. Lupin sollte ihn nicht für einen
Feigling halten, da er ohnehin schon zu glauben schien, dass
Harry es nicht mit einem Irrwicht aufnehmen konnte.
Was in Harry vorging, schien sich auf seinem Gesicht ver-
raten zu haben, denn Lupin sagte:
»Hast du ein Problem, Harry?«
»Nein«, log Harry. Er trank einen Schluck Tee und sah
hinüber zum Grindeloh, der ihm mit der Faust drohte. »Doch«,
sagte er plötzlich. »Erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem
wir gegen den Irrwicht gekämpft haben?«
»Ja«, sagte Lupin langsam.
»Warum haben Sie mich nicht rangelassen?«, entfuhr es
Harry.
Lupin zog die Augenbrauen hoch.
»Ich dachte, das liegt auf der Hand, Harry«, sagte er über-
rascht.
Harry war verdutzt, denn er hatte erwartet, Lupin würde
alles bestreiten.
162
»Warum?«, fragte er noch einmal.
»Nun«, sagte Lupin und runzelte die Stirn, »ich dachte,
wenn der Irrwicht auf dich losgeht, würde er die Gestalt von
Lord Voldemort annehmen.«
Harry starrte ihn an. Diese Antwort hätte er zuletzt erwartet,
und Lupin hatte auch noch Voldemorts Namen ausgesprochen.
Der Einzige, den Harry jemals diesen Namen laut hatte
aussprechen hören, war (abgesehen von ihm selbst) Professor
Dumbledore.
»Offenbar lag ich da falsch«, sagte Lupin und sah Harry
immer noch stirnrunzelnd an. »Aber ich hielt es nicht für
angebracht, dass Lord Voldemort im Lehrerzimmer in Er-
scheinung tritt. Ich dachte, die Schüler würden in Panik ge-
raten.«
»Ich habe nicht an Voldemort gedacht«, sagte Harry auf-
richtig. »Ich ... ich dachte an einen von diesen Dementoren.«
»Verstehe«, sagte Lupin nachdenklich. »Nun, nun ... ich bin
beeindruckt.« Er lächelte ein wenig beim Anblick der verdutzten
Miene Harrys. »Das heißt, wovor du am meisten Angst hast - ist
die Angst. Sehr weise, Harry.«
Harry wusste nicht, was er dazu sagen sollte, und nahm
noch einen Schluck Tee.
»Du hast also gedacht, ich würde dich nicht für fähig halten,
gegen einen Irrwicht zu kämpfen?«, forschte Lupin nach.
»Ja«, sagte Harry. Plötzlich fühlte er sich viel besser. »Pro-
fessor Lupin, Sie kennen diese Dementoren ...«
Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn.
»Herein«, rief Lupin.
Die Tür ging auf und Snape trat ein. Er trug einen Becher,
aus dem es ein wenig dampfte; beim Anblick von Harry erstarrte
er und seine Augen verengten sich.
163
»Ah, Severus«, sagte Lupin lächelnd. »Vielen Dank. Könn-
ten Sie es hier auf den Schreibtisch stellen?«
Snape stellte den dampfenden Becher ab und sah dabei
abwechselnd Harry und Lupin an.
»Ich hab Harry gerade meinen Grindeloh gezeigt«, sagte
Lupin freundlich und deutete auf das Aquarium.
»Faszinierend«, sagte Snape ohne hinzusehen. »Sie sollten
es gleich trinken, Lupin.«
»Ja, ja, mach ich«, sagte Lupin.
»Ich habe einen ganzen Kessel voll gebraut«, fuhr Snape
fort. »Falls Sie noch mehr brauchen.«
»Ich werde morgen wohl noch was zu mir nehmen. Vielen
Dank, Severus.«
»Keine Ursache«, sagte Snape, doch in seinem Blick lag
etwas, das Harry nicht mochte. Mit steifer Miene und wach-
samen Augen ging er hinaus.
Harry musterte den Becher neugierig. Lupin lächelte.
»Professor Snape war so freundlich, mir einen Trank zu
brauen«, sagte er. »Ich selbst bin kein großer Braumeister, und
dieser Trank hier ist besonders schwierig.« Er nahm den Becher
und schnüffelte daran. »Schade, dass Zucker das Zeug
wirkungslos macht«, fuhr er fort, schlürfte an dem Gebräu und
schauderte.
»Warum -?«, begann Harry. Lupin sah ihn an und beant-
wortete die unvollendete Frage.
»Ich hab mich in letzter Zeit ein wenig angegriffen gefühlt«,
sagte er. »Dieser Trank ist das Einzige, was hilft. Ich habe
großes Glück, mit Professor Snape zusammenzuarbeiten; es gibt
nicht viele Zauberer, die ihn herstellen können.«
Professor Lupin nahm noch einen Schlürfer und Harry
spürte plötzlich den verzweifelten Drang, ihm den Becher aus
der Hand zu schlagen.
164
»Professor Snape ist sehr an den dunklen Künsten interes-
siert«, sprudelte es aus ihm heraus.
»Wirklich?«, sagte Lupin. Er nahm einen Schluck und
schien Harrys Bemerkung kaum zu beachten.
»Manche glauben -«, Harry zögerte und plauderte dann
rücksichtslos weiter, »manche glauben, er würde alles tun, um
Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste zu werden.«
Lupin trank den Becher bis zur Neige aus und zog eine
Grimasse.
»Ekliges Zeug«, sagte er. »Nun, Harry, ich werde wohl noch
ein wenig arbeiten müssen. Wir sehen uns dann beim
Festessen.«
»Gut«, sagte Harry und stellte seine Teetasse ab.
Aus dem leeren Becher dampfte es immer noch.
»Hier, bitte sehr«, sagte Ron. »Wir haben mitgebracht, so viel
wir tragen konnten.«
Ein Schauer leuchtend bunter Süßigkeiten ergoss sich in
Harrys Schoß. Es dämmerte, und Ron und Hermine waren
soeben im Gemeinschaftsraum aufgetaucht, mit rosa Gesichtern
vom kalten Wind und mit Mienen, als ob sie die schönste Zeit
ihres Lebens gehabt hätten.
»Danke«, sagte Harry und hob eine Tüte winziger schwarzer
Pfefferkobolde hoch. »Wie ist es in Hogsmeade? Wo seid ihr
gewesen?«
So, wie es sich anhörte: überall. Bei Derwisch und Banges,
dem Laden für Zauberei-Ausstattung, in Zonkos Scherzarti-
kelladen, in den Drei Besen, um dampfende Becher heißes
Butterbier zu trinken, und das war noch längst nicht alles.
»Das Postamt, Harry! Gut zweihundert Eulen, alle auf
Stangen, alle in verschiedenen Farben, je nachdem, wie schnell
der Brief ankommen soll!«
165
»Im Honigtopf gibt es einen neuen Sirup, sie haben Kost-
proben verteilt, hier ist ein wenig, sieh mal -«
»Wir glauben, wir haben einen Oger gesehen, in den Drei
Besen treibt sich wirklich einiges herum -«
»Am liebsten hätten wir dir ein wenig Butterbier mitge-
bracht, das wärmt richtig durch -«
»Und was hast du getrieben?«, fragte Hermine mit besorgter
Miene. »Hast du ein wenig gearbeitet?«
»Nein«, sagte Harry. »Lupin hat mir in seinem Büro eine
Tasse Tee gemacht. Und dann ist Snape reingekommen ...«
Er erzählte ihnen alles von Snapes Gebräu. Ron sackte der
Unterkiefer herab.
»Lupin hat es getrunken?«, hauchte er. »Ist er verrückt?«
Hermine sah auf die Uhr.
»Wir sollten jetzt nach unten gehen, das Fest beginnt
nämlich in fünf Minuten ...« Sie kletterten eilends durch das
Porträtloch und schlossen sich der Menge an. Unterwegs
sprachen sie weiter über Snape.
»Aber wenn er - wisst ihr -«, Hermine senkte die Stimme
und sah sich nervös um, »wenn er wirklich versucht hat, Lupin -
Lupin zu vergiften - dann hätte er es nicht vor Harry getan.«
»Ja, vielleicht«, sagte Harry, als sie in die Eingangshalle
kamen und auf die Große Halle zugingen. Sie war mit Aber-
hunderten von kerzengefüllten Kürbissen geschmückt mit einer
Wolke flatternder Fledermäuse und flammend orangeroten
Spruchbändern, die sanft über den stürmischen Himmel
schwebten wie leuchtende Wasserschlangen.
Das Essen war köstlich; selbst Ron und Hermine, die noch
zum Bersten voll gestopft waren mit den Süßigkeiten aus dem
Honigtopf, schafften es, sich von allem noch ein
zweites Mal aufzutun. Harry warf ständig Blicke
hinüber zum Lehrertisch. Professor Lupin sah fröhlich aus
166
und so munter wie gewöhnlich, während er angeregt mit
Professor Flitwick plauderte, dem kleinen Lehrer für Zau-
berkunst. Harry ließ die Augen am Tisch entlangwandern zu
dem Platz, an dem Snape saß. War es Einbildung oder flackerten
Snapes Augen ungewöhnlich oft zu Lupin hinüber?
Das Festessen endete mit einer kleinen Schau der Hog-
warts-Geister. Sie ploppten aus den Wänden und Tischen und
schwebten eine Welle im Formationsflug durch die Halle; dann
hatte der Fast Kopflose Nick, der Geist von Gryffindor, einen
großen Erfolg mit der Neuaufführung seiner eigenen verpatzten
Enthauptung.
Der Abend war so erfreulich gewesen, dass nicht einmal
Malfoy Harry die gute Laune verderben konnte, als er beim
Hinausgehen über die Köpfe der Menge hinweg rief: »Liebe
Grüße von den Dementoren, Potter!«
Harry, Ron und Hermine folgten den anderen Gryffindors
auf dem vertrauten Weg hoch in ihren Turm, doch als sie den
Gang erreichten, an dessen Ende das Porträt der fetten Dame
hing, gerieten sie in einen Stau.
»Warum gehen sie denn nicht rein?«, fragte Ron ver-
wundert.
Harry spähte über die Köpfe hinweg. Das Gemälde schien
vor dem Loch zu hängen.
»Lasst mich bitte durch«, ertönte Percys Stimme und mit
gewichtiger Miene wuselte er durch die Menge. »Warum steht
ihr hier rum? ihr könnt doch nicht alle das Passwort vergessen
haben - entschuldigt mal bitte, ich hin der Schulsprecher -«
Und dann verstummte die Schar, die vorne Stehenden zu-
erst, und ein Schaudern breitete sich den Gang entlang aus. Sie
hörten Percy mit einem Mal in scharfem Ton sagen: »Jemand
muss Professor Dumbledore holen, schnell.«
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Köpfe wandten sich um; wer ganz hinten stand, stellte sich
auf die Zehenspitzen.
»Was ist denn los?«, fragte Ginny, die soeben dazustieß.
Kurz darauf erschien Professor Dumbledore und eilte zum
Porträt; die Gryffindors drängten sich zusammen, um ihn
durchzulassen, und Harry, Ron und Hermine schoben sich
weiter vor, um zu sehen, was los war.
»Oh, mein ...« Hermine packte Harrys Arm.
Die fette Dame war aus ihrem Gemälde verschwunden und
das Bild mit solcher Wut zerschlitzt worden, dass Lein-
wandfetzen auf dem Boden herumlagen; ganze Stücke waren
weggerissen.
Dumbledore warf einen raschen Blick auf das ruinierte
Gemälde und wandte sich dann mit verdüsterten Augen um;
jetzt kamen die Professoren McGonagall, Lupin und Snape auf
ihn zugerannt.
»Wir müssen sie suchen«, sagte Dumbledore. »Professor
McGonagall, bitte gehen Sie sofort zu Mr Filch und sagen ihm,
er soll jedes Gemälde im Schloss nach der fetten Dame
absuchen.«
»Da werdet ihr kein Glück haben!«, sagte eine glucksende
Stimme.
Es war Peeves, der Poltergeist, der über ihre Köpfe hin-
weghopste und, wie immer angesichts von Zerstörung oder
Unruhe, ganz ausgelassen schien.
»Was meinst du damit, Peeves?«, sagte Dumbledore ruhig,
und Peeves' Grinsen fror ein. Bei Dumbledore wagte er keine
Mätzchen. Stattdessen legte er sich einen schleimigen Tonfall
zu, der nicht besser war als sein Glucksen.
»Sie geniert sich, Herr Oberschulleiter. Will nicht gesehen
werden. Sieht fürchterlich aus. Hab sie durch das Land-
schaftsgemälde oben im vierten Stock rennen sehen, Sir,
sie hat sich hinter den Bäumen versteckt. Hat etwas Schreck-
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liches gerufen«, sagte er glücklich. »Armes Ding«, fügte er nicht
ganz überzeugend hinzu.
»Hat sie gesagt, wer es war?«, fragte Dumbledore leise.
»O ja, Herr Professor Doktor Dumbledore«, sagte Peeves
mit der Miene dessen, der eine große Bombe unter dem Arm
trägt. »Er wurde sehr zornig, als sie ihn nicht einlassen wollte,
verstehen Sie.« Peeves knickte in der Mitte durch und grinste
Dumbledore durch seine Beine hindurch an. Ȇbles
Temperament hat er, dieser Sirius Black.«
169
Eine bittere Niederlage
Professor Dumbledore schickte alle Gryffindors zurück in die
Große Halle, und zehn Minuten später stießen auch die
verwirrten Haufen aus Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin
hinzu.
»Ich werde zusammen mit den anderen Lehrern das Schloss
gründlich durchsuchen«, erklärte ihnen Professor Dumbledore,
während die Professoren McGonagall und Flitwick alle Türen
zur Halle schlossen. »Ich fürchte, zu eurer eigenen Sicherheit
müsst ihr die heutige Nacht hier verbringen. Ich bitte die
Vertrauensschüler, an den Eingängen zur Halle Wache zu
stehen, und übergebe den Schulsprechern die Verantwortung.
Jeder Zwischenfall ist mir sofort mitzuteilen«, fügte er an den
ungeheuer stolz und gewichtig dreinschauenden Percy gewandt
hinzu. »Schicken Sie einen der Geister zu mir.«
Auf dem Weg zum Ausgang blieb Professor Dumbledore
noch einmal stehen.
»Ach ja, Sie brauchen ...«
Mit einem lässigen Schlenker seines Zauberstabs flogen die
langen Tische in die Ecken der Halle und stellten sich aufrecht
gegen die Wände; ein weiterer Schlenker und der Fußboden war
bedeckt mit Hunderten von knuddligen, purpurroten
Schlafsäcken.
»Schlaft gut!«, sagte Professor Dumbledore und schloss die
Tür hinter sich.
In der Halle hob sogleich ein aufgeregtes Gesumme an;
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die Gryffindors erzählten den andern, was gerade passiert war.
»Alle in die Schlafsäcke!«, rief Percy. »Los, macht schon,
kein Getuschel mehr! In zehn Minuten geht das Licht aus!«
»Kommt«, sagte Ron zu Harry und Hermine; sie nahmen
sich drei Schlafsäcke und zogen sie hinüber in eine Ecke.
»Glaubt ihr, Black ist immer noch im Schloss?«, flüsterte
Hermine beklommen.
»Dumbledore jedenfalls glaubt es«, sagte Ron.
»Ein Glück, dass er sich den heutigen Abend ausgesucht
hat«, sagte Hermine. Mit allem, was sie anhatten, stiegen sie in
die Schlafsäcke und wandten sich auf die Ellbogen gestützt
einander zu. »Ausgerechnet heute Abend waren wir nicht im
Turm ...«
»Ich glaube, er weiß gar nicht mehr, welchen Tag wir ei-
gentlich haben, wo er doch ständig auf der Flucht ist«, sagte
Ron. »Ihm war nicht klar, dass heute Halloween ist. Sonst wäre
er hier reingeplatzt.«
Hermine schauderte.
Um sie her erklang immer wieder die eine Frage: »Wie ist er
hereingekommen?«
»Vielleicht weiß er, wie man appariert«, sagte ein Raven-
claw in der Nähe. »Einfach aus dem Nichts auftaucht, wisst ihr.«
»Hat sich wahrscheinlich verkleidet«, sagte ein Fünftkläss-
ler aus Hufflepuff.
»Er könnte reingeflogen sein«, schlug Dean Thomas vor.
»Also ehrlich mal«, sagte Hermine entrüstet zu Harry und
Ron, »bin ich denn die Einzige, die Eine Geschichte von Hog-
warts gelesen hat?«
»Kann schon sein«, sagte Ron. »Wieso?«
»Weil das Schloss nicht allein durch Mauern geschützt ist,
wie ihr eigentlich wissen solltet«, sagte Hermine. »Es ist mit
171
allen möglichen Zauberbannen und Flüchen umgeben, damit
niemand heimlich reinkommt. Hier kann man nicht einfach
reinapparieren. Und die Tarnung, mit der man diese Dementoren
täuschen kann, möcht ich gern mal sehen. Die bewachen doch
jeden Eingang auf dem Gelände. Die hätten ihn auch reinfliegen
sehen. Und Filch kennt alle Geheimgänge. Auch die werden sie
bewachen ...«
»Wir löschen jetzt die Lichter!«, rief Percy. »Alle in die
Schlafsäcke und kein Getuschel mehr!«
Gleich darauf gingen die Kerzen aus. Das einzige Licht kam
jetzt noch von den silbern schimmernden Geistern, die
umherschwebten und in ernstem Ton mit den Vertrauens-
schülern sprachen, und von der verzauberten Decke, die wie der
Himmel draußen von Sternen übersät war. Dies und das
Geflüster, das immer noch die Halle erfüllte, gab Harry das
Gefühl, bei einer leichten Brise unter freiem Himmel zu
schlafen.
Stündlich erschien ein Lehrer, um nachzusehen, ob alles
ruhig war. Gegen drei Uhr morgens, als viele Schüler endlich
eingeschlafen waren, kam Professor Dumbledore herein. Harry
beobachtete, wie er nach Percy suchte, der zwischen den
Schlafsäcken umherstreifte und alle tadelte, die sich noch
unterhielten. Percy war nicht weit von Harry, Ron und Hermine
entfernt; jetzt hörten sie Dumbledore näher kommen und taten
schleunigst so, als würden sie schlafen.
»Irgendeine Spur von ihm, Professor?«, flüsterte Percy.
»Nein. Alles in Ordnung hier?«
»Alles unter Kontrolle, Sir.«
»Gut. Es hat keinen Zweck, sie jetzt aufzuscheuchen. Für
das Porträtloch oben bei den Gryffindors habe ich vorüber-
gehend einen anderen Wächter gefunden. Morgen können sie
wieder nach oben.«
»Und die fette Dame, Sir?«
172
»Versteckt sich oben im zweiten Stock auf einer Landkarte
von Argyllshire. Sie hat sich offenbar geweigert, Black ohne
Passwort einzulassen, deshalb hat er sie attackiert. Sie ist immer
noch ziemlich durcheinander, aber sobald sie sich beruhigt hat,
werde ich Filch anweisen, sie zu restaurieren.«
Harry hörte, wie die Tür zur Halle quietschend aufging und
jemand eintrat.
»Direktor?« Das war Snape. Harry hielt den Atem an und
lauschte angestrengt. »Wir haben den gesamten dritten Stock
durchsucht. Keine Spur von ihm. Und Filch war in den Kerkern;
dort ist er auch nicht.«
»Was ist mit dem Astronomieturm? Das Zimmer von Pro-
fessor Trelawney? Die Eulerei?«
»Alles durchsucht ...«
»Na gut, Severus. Ich hatte ohnehin nicht erwartet, dass
Black lange trödelt.«
»Haben Sie eine Idee, wie er hereingekommen ist?«, fragte
Snape.
Harry hob sachte den Kopf vom Arm, um auch mit dem
anderen Ohr hören zu können.
»Einige, Severus, und eine unsinniger als die andere.«
Harry öffnete einen winzigen Schlitzbreit die Augen und
spähte zu den dreien empor; Dumbledore kehrte ihm den
Rücken zu, doch er konnte Percys atemlos gespannte Miene und
Snapes zornerfülltes Profil sehen.
»Sie erinnern sich an das Gespräch, das wir hatten, Direktor,
kurz vor - ähm - Beginn des Schuljahres?«, sagte Snape durch
zusammengepresste Lippen, als ob er Percy aus dem Gespräch
ausschließen wollte.
»In der Tat, Severus«, sagte Dumbledore, und etwas War-
nendes lag in seiner Stimme.
»Es scheint - fast unmöglich - dass Black ohne Hilfe aus
dem Schloss hereingekommen ist. Ich habe damals wegen
173
dieser Stellenbesetzung meine Vorbehalte zum Ausdruck
gebracht -«
»Ich glaube nicht, dass auch nur ein Einziger hier im
Schloss Black geholfen hat«, sagte Dumbledore, und sein
Tonfall zeigte unmissverständlich, dass er das Thema für
abgeschlossen hielt, so dass Snape nicht antwortete. »Ich muss
runter zu den Dementoren«, sagte Dumbledore. »Ich sagte, ich
würde ihnen berichten, wenn die Suche beendet ist.«
»Wollten die nicht helfen, Sir?«, sagte Percy.
»O doch«, sagte Dumbledore kühl. »Aber solange ich hier
Schulleiter bin, kommt kein Dementor über die Schwelle dieses
Schlosses.«
Percy schien ein wenig verdutzt. Rasch und leise ging
Dumbledore hinaus. Snape stand einen Moment schweigend da
und blickte dem Schulleiter mit einem Ausdruck tiefen
Widerwillens nach, dann verließ auch er die Halle.
Harry linste aus den Augenwinkeln zu Ron und Hermine
hinüber. Beide lagen mit offenen Augen da, und in ihnen
spiegelte sich das Sternengewölbe.
»Worum ging es da eigentlich?«, hauchte Ron.
Während der nächsten Tage sprachen sie in der Schule über
nichts anderes. Immer abstruser wurden die Theorien darüber,
wie Sirius Black in das Schloss eingedrungen sein könnte.
Hannah Abbott von den Hufflepuffs erzählte in der nächsten
Stunde Kräuterkunde jedem, der es hören wollte, dass Black
sich in einen blühenden Busch verwandeln könne.
Das zerschlitzte Gemälde der fetten Dame wurde von
der Wand genommen und durch das Porträt Sir Cadogans
und seines fetten grauen Ponys ersetzt. Damit war niemand
so recht zufrieden. Sir Cadogan forderte sie ständig zu Duellen
174
heraus oder dachte sich lächerlich komplizierte Passwörter aus,
die er mindestens zweimal am Tag änderte.
»Der ist doch komplett verrückt«, sagte Seamus Finnigan
wütend zu Percy. »Können wir keinen anderen kriegen?«
»Keines von den anderen Bildern wollte den Job haben«,
sagte Percy. »Angst wegen der Geschichte mit der fetten Dame.
Sir Cadogan war der Einzige, der mutig genug war und sich
freiwillig meldete.«
Sir Cadogan jedoch war Harrys geringste Sorge. Man be-
wachte ihn jetzt auf Schritt und Tritt. Lehrer begleiteten ihn
unter irgendwelchen Vorwänden durch die Korridore und Percy
Weasley (auf Anweisung seiner Mutter, wie Harry argwöhnte)
folgte ihm überallhin wie ein äußerst wichtigtuerischer
Leibwächter. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, bestellte
Professor McGonagall Harry mit einem derart düsteren
Gesichtsausdruck in ihr Büro, dass er glaubte, jemand wäre
gestorben.
»Es hat keinen Zweck, es Ihnen länger zu verheimlichen,
Potter«, sagte sie in sehr ernstem Ton. »Ich weiß, das wird ein
Schock für Sie sein, aber Sirius Black -«
»Ich weiß, dass er hinter mir her ist«, sagte Harry genervt.
»Ich habe mitbekommen, wie sich Rons Eltern darüber un-
terhalten haben. Mr Weasley arbeitet für das Zaubereiminis-
terium.«
Professor McGonagall schien es die Sprache verschlagen zu
haben. Sie starrte Harry eine ganze Weile an, dann sagte sie:
»Ich verstehe! Gut, wenn das so ist, Potter, werden Sie ein-
sehen, warum ich es nicht für gut halte, wenn Sie abends
Quidditch trainieren - draußen auf dem Spielfeld, nur mit den
anderen aus dem Team, das ist ziemlich gefährlich, Potter -«
»Am Samstag haben wir unser erstes Spiel!«, sagte Harry
empört. »Ich muss trainieren, Professor!«
175
Professor McGonagall musterte ihn nachdenklich. Harry
wusste, dass ihr die Zukunft des Gryffindor-Teams keineswegs
gleichgültig war; schließlich war sie es gewesen, die ihn als
Sucher vorgeschlagen hatte. Er wartete mit angehaltenem Atem.
»Hm ...« Professor McGonagall stand auf und blickte aus
dem Fenster hinüber zum Spielfeld, das durch den Regen
hindurch gerade noch zu sehen war. »Nun ... soll mich der
Teufel holen, ich will, dass wir endlich mal den Pokal gewinnen
... und trotzdem, Potter ... mir wäre wohler, wenn ein Lehrer
dabei wäre. Ich werde Madam Hooch bitten, ihr Training zu
beaufsichtigen.«
Das erste Quidditch-Spiel rückte näher und das Wetter wurde
immer schlechter. Das Team der Gryffindors ließ sich nicht
entmutigen und trainierte unter den Augen von Madam Hooch
härter denn je. Dann, während ihres letzten Trainings vor dem
Spiel am Samstag, überbrachte Oliver Wood seinem Team eine
unerfreuliche Nachricht.
»Wir spielen nicht gegen die Slytherins!«, verkündete er
wütend. »Flint war eben bei mir. Wir spielen gegen die Huf-
flepuffs.«
»Warum?«, riefen alle im Chor.
»Flint redet sich darauf raus, dass ihr Sucher immer noch
am Arm verletzt ist«, sagte Wood mit knirschenden Zähnen.
»Aber es ist doch klar, warum sie es tun. Wollen nicht bei
diesem Wetter spielen, weil sie denken, es würde ihre Chancen
mindern ...«
Den ganzen Tag hatte es heftig gestürmt und geregnet und
ein fernes Donnerrollen unterlegte Woods Worte.
»Malfoys Arm ist vollkommen gesund!«, sagte Harry zor-
nig. »Er schauspielert doch nur!«
»Das weiß ich auch, aber wir können es nicht beweisen«,
176
sagte Wood erbittert. »Und wir haben jetzt alle diese Spielzüge
geübt, weil wir angenommen haben, wir würden gegen die
Slytherins spielen, und jetzt kommen die Hufflepuffs mit ihrer
ganz anderen Spielweise. Sie haben einen neuen Kapitän und
Sucher, Cedric Diggory -«
Angelina, Alicia und Katie fingen plötzlich an zu kichern.
»Was ist denn?«, sagte Wood und runzelte die Stirn über
dieses mädchenhafte Benehmen.
»Das ist doch dieser große, gut aussehende Junge!?«, sagte
Angelina.
»Stark und schweigsam«, sagte Katie, und wieder fingen sie
an zu kieksen.
»Der ist nur schweigsam, weil er zu doof ist, um zwei
Wörter zu verknüpfen«, sagte Fred unwirsch. »Ich weiß nicht,
wieso du dir Sorgen machst, Oliver, die Hufflepuffs stecken wir
doch in die Tasche. Beim letzten Spiel gegen die hat Harry den
Schnatz in gerade mal fünf Minuten gefangen, weißt du noch?«
»Das waren damals ganz andere Bedingungen!«, rief Wood
mit leicht hervorquellenden Augen. »Diggory hat ein ziemlich
starkes Team auf die Beine gestellt. Er ist ein sehr guter Sucher!
Ich hatte ja schon befürchtet, dass ihr es zu leicht nehmt! Wir
dürfen uns nicht zurücklehnen! Wir müssen unsere Kräfte
zusammenhalten! Die Slytherins wollen uns auf dem falschen
Fuß erwischen! Wir müssen gewinnen!«
»Schon gut, Oliver!«, sagte Fred eine Spur beunruhigt. »Wir
nehmen die Hufflepuffs sehr ernst. Im Ernst.«
Am Tag vor dem Spiel wurde der Wind zu einem heulenden
Sturm und es goss wie aus Kübeln. Drinnen auf den Korri-
doren und in den Klassenzimmern war es so dunkel,
dass zusätzliche Fackeln und Laternen angezündet werden
177
mussten. Das Team der Slytherins stolzierte blasiert daher,
Malfoy vorneweg.
»Ach, wenn es meinem Arm nur ein wenig besser ginge«,
seufzte er, während die Regenböen gegen die Fenster trom-
melten.
Harry konnte an nichts anderes denken als an das Spiel am
nächsten Tag. Oliver Wood rannte in jeder Pause zu ihm und
gab ihm Tipps. Beim dritten Mal redete Wood so lange auf ihn
ein, bis Harry erschrocken feststellte, dass er schon zehn
Minuten zu spät war für Verteidigung gegen die dunklen
Künste. Er rannte los und Wood rief ihm nach:
»Diggory bricht sehr schnell seitlich aus, Harry, also ver-
suchst du es am besten mit einem Looping -«
Harry schlitterte bis vor die Klassenzimmertür, öffnete sie
und huschte hinein.
»Entschuldigen Sie, dass ich zu spät komme, Professor Lu-
pin, ich -«
Doch es war nicht Professor Lupin, der da am Lehrerpult
saß und ihn ansah; es war Snape.
»Diese Unterrichtsstunde hat vor zehn Minuten begonnen,
Potter, und ich denke, wir ziehen Gryffindor zehn Punkte ab.
Setz dich.«
Doch Harry rührte sich nicht.
»Wo ist Professor Lupin?«, fragte er.
»Er sagt, er fühle sich heute zu krank, um zu unterrichten«,
sagte Snape mit einem schiefen Lächeln. »Hab ich nicht gesagt,
du sollst dich setzen?«
Doch Harry rührte sich nicht vom Fleck.
»Was hat er denn?«
Snapes schwarze Augen glitzerten.
»Nichts Lebensbedrohliches«, sagte er mit einem Blick,
als wünschte er ebendies sehnlichst herbei. »Noch einmal
fünf Punkte Abzug für Gryffindor, und wenn ich dich
178
noch einmal auffordern muss, dich zu setzen, werden's fünfzig.«
Langsam ging Harry zu seinem Platz und setzte sich. Snape
blickte in die Runde.
»Wie ich gerade sagte, bevor Potter uns unterbrach, hat
Professor Lupin keine Notizen über den Stoff hinterlassen, den
Sie bisher behandelt haben -«
»Bitte, Sir, wir haben Irrwichte behandelt, Rotkappen,
Kappas und Grindelohs«, sprudelte Hermine los, »und wir
wollten gerade mit -«
»Schweigen Sie«, sagte Snape mit kalter Stimme. »Ich habe
nicht um Aufklärung gebeten. Mir ist nur Professor Lupins
Misswirtschaft aufgestoßen.«
»Er ist der beste Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen
Künste, den wir je hatten«, sagte Dean Thomas wagemutig, und
murmelnd stimmte ihm der Rest der Klasse zu. Snape sah jetzt
bedrohlicher aus denn je.
»Sie sind leicht zufrieden zu stellen. Lupin überfordert Sie
ja kaum - ich selbst gehe davon aus, dass schon Erstklässler mit
Rotkappen und Grindelohs fertig werden. Heute behandeln wir
-«
Harry sah ihn das Lehrbuch durchblättern, bis zum letzten
Kapitel, von dem er wissen musste, dass sie es noch nicht
behandelt haben konnten.
»- Werwölfe«, sagte Snape.
»Aber, Sir«, sagte Hermine, die sich offenbar nicht im Zaum
halten konnte, »wir sollten jetzt noch nicht die Werwölfe be-
handeln, eigentlich wollten wir mit Hinkepanks anfangen -«
»Miss Granger«, sagte Snape mit eisiger Gelassenheit. »Ich
war davon ausgegangen, dass ich den Unterricht halte und nicht
Sie. Und nun schlagen Sie alle die Seite dreihundert-
undvierundneunzig auf,« Wieder blickte er in die Runde. »Alle,
habe ich gesagt! Und zwar sofort!«
179
Unter vielen verbitterten Seitenblicken und trotzigem
Gemurmel schlugen sie ihre Bücher auf
»Wer von Ihnen kann mir sagen, wie man einen Werwolf
von einem richtigen Wolf unterscheidet?«, fragte Snape.
Alle saßen sie reglos und schweigend da; alle außer Her-
mine, deren Hand wie so oft nach oben geschnellt war.
»Keiner?«, sagte Snape ohne Hermine eines Blickes zu
würdigen. Wieder setzte er sein schiefes Lächeln auf. »Wollen
Sie mir sagen, dass Professor Lupin Ihnen nicht einmal den
einfachen Unterschied zwischen -«
»Wir haben Ihnen doch gesagt«, platzte mit einem Mal
Parvati los, »dass wir noch nicht bei den Werwölfen waren, wir
sind immer noch auf -«
»Ruhe!«, bellte Snape. »Schön, schön, schön, ich hätte nie
gedacht, dass ich einmal auf eine dritte Klasse stoßen würde, die
nicht mal einen Werwolf erkennt, wenn sie einem
gegenübersteht. Ich werde Professor Dumbledore ausdrücklich
davon in Kenntnis setzen, wie weit sie hinterher sind ...«
»Bitte, Sir«, sagte Hermine, die Hand immer noch nach
oben gestreckt, »der Werwolf ist vom echten Wolf durch
mehrere kleine Merkmale zu unterscheiden. Die Schnauze des
Werwolfs -«
»Das ist das zweite Mal, dass Sie einfach reinreden, Miss
Granger«, sagte Snape kühl. »Noch einmal fünf Punkte Abzug
für Gryffindor, weil Sie eine unerträgliche Alleswisserin sind.«
Hermine wurde puterrot, ließ die Hand sinken und starrte
mit wässrigen Augen zu Boden. Wie sehr sie alle Snape hassten,
erwies sich jetzt, als die ganze Klasse ihn mit zornfunkelnden
Augen anstarrte, obwohl jeder von ihnen Hermine irgendwann
einmal eine Alleswisserin genannt hatte, und Ron, der Hermine
mindestens zweimal die Woche so nannte, sagte laut:
180
»Sie haben uns eine Frage gestellt und sie weiß die Antwort!
Warum fragen Sie eigentlich, wenn Sie es doch nicht wissen
wollen?«
Noch während Ron sprach, erkannte die Klasse, dass er zu
weit gegangen war. Snape ging langsam auf Ron zu, und
ringsum hielten sie den Atem an.
»Strafarbeit, Weasley«, sagte Snape mit öliger Stimme, das
Gesicht ganz nahe an dem Rons. »Und wenn ich noch einmal
höre, dass Sie meine Unterrichtsweise kritisieren, dann wird
Ihnen das wirklich Leid tun.«
Während der restlichen Stunde machte keiner einen Mucks.
Sie saßen da und schrieben das Kapitel über die Werwölfe aus
dem Schulbuch ab, während Snape an den Pultreihen entlang
Streife ging und die Arbeiten prüfte, die sie bei Professor Lupin
geschrieben hatten.
»Ganz schlecht erklärt ... das ist nicht richtig, der Kappa
kommt häufiger in der Mongolei vor ... Professor Lupin hat
dafür acht von zehn Punkten gegeben? Bei mir hätten Sie keine
drei bekommen ...«
Als es endlich läutete, hielt Snape sie zurück.
»Sie schreiben einen Aufsatz über die Frage, wie man einen
Werwolf erkennt und tötet. Ich will bis Montagmorgen zwei
Rollen Pergament darüber sehen. Wird Zeit, dass einer die
Klasse in den Griff kriegt. Weasley, Sie bleiben noch, wir
müssen über Ihre Strafarbeit sprechen.«
Harry und Hermine gingen mit den andern hinaus und
warteten, bis sie außer Hörweite waren, dann brachen sie in
wüste Beschimpfungen über Snape aus.
»Snape hat sich noch nie dermaßen ausgelassen über unsere
anderen Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste, auch
wenn er die Stelle gerne haben wollte«, sagte Harry zu Hermine.
»Warum hat er es auf Lupin abgesehen? Glaubst du, das liegt
alles an diesem Irrwicht?«
181
»Ich weiß nicht«, sagte Hermine nachdenklich. »Aber ich
hoffe wirklich, dass es Professor Lupin bald besser geht ...«
Fünf Minuten später holte Ron sie ein, und er schäumte vor
Wut.
»Wisst ihr, was dieser -« (er gebrauchte einen Namen für
Snape, auf den hin Hermine »Ron!« rief) »- mir aufgehalst hat?
Ich muss die Bettpfannen im Krankenflügel putzen! Ohne
Zaubern!« Er atmete schwer und ballte die Fäuste. »Hätte sich
Black doch nur in Snapes Büro versteckt! Er hätte ihn für uns
erledigen können!«
Am nächsten Morgen wachte Harry ungewöhnlich früh auf, so
früh, es war noch dunkel. Einen Moment lang glaubte er, das
Heulen des Windes hätte ihn aufgeweckt, dann spürte er eine
kalte Brise auf seinem Nacken und setzte sich jäh kerzengerade
auf - Peeves, der Poltergeist, war ganz nahe an ihm
vorbeigeschwebt und hatte ihm heftig ins Ohr gepustet.
»Was soll das denn?«, zischte Harry wütend.
Peeves blies die Backen auf, pustete kräftig und schwebte
rücklings und gackernd aus dem Schlafsaal hinaus.
Harry tastete nach seinem Wecker und sah auf das Ziffer-
blatt. Es war halb fünf Er verfluchte Peeves, drehte sich um und
versuchte wieder einzuschlafen, doch nun, da er wach lag,
konnte er den rollenden Donner über seinem Kopf das Rütteln
des Windes an den Fenstern und das ferne Ächzen der Bäume
im Verbotenen Wald nicht überhören. In ein paar Stunden würde
er draußen auf dem Quidditch-Feld sein und gegen dieses
Unwetter ankämpfen. Schließlich gab er die Hoffnung auf,
wieder einzuschlafen, stieg aus dem Bett, zog sich an, griff nach
seinem Nimbus Zweitausend und ging leise aus dem Schlafsaal.
Als Harry die Tür öffnete, streifte etwas sein Bein. Er
182
bückte sich und bekam gerade noch Krummbeins Schwanzende
zu fassen. Er zog ihn nach draußen.
»Weißt du, ich fürchte, Ron hat Recht mit dem, was er über
dich sagt«, erklärte Harry Krummbein argwöhnisch. »Hier gibt
es genug Mäuse, also geh und jag sie. Los, zieh ab«, fügte er
hinzu und schubste Krummbein mit dem Fuß die Wendeltreppe
hinunter, »und lass Krätze in Ruhe.«
Unten im Gemeinschaftsraum war das Tosen des Sturms
noch lauter zu hören. Harry machte sich keine Illusionen. Sie
würden das Spiel nicht absagen. Wegen solcher Kleinigkeiten
wie Gewitterstürmen wurden die Quidditch-Partien nicht
verschoben. Dennoch war ihm etwas beklommen zumute. Wood
hatte ihm im Vorbeigehen Cedric Diggory gezeigt; er war ein
Fünftklässler und viel größer als Harry. Sucher waren
normalerweise leicht und flink, doch Diggorys Gewicht war bei
diesem Wetter von Vorteil, weil ihn der Sturm nicht so leicht
vom Kurs blasen würde.
Harry vertrieb sich die Stunden bis zur Dämmerung vor dem
Kamin; hin und wieder stand er auf und verscheuchte
Krummbein, der schon wieder die Treppe zum Jungenschlafsaal
emporschleichen wollte. Endlich war es Zeit fürs Frühstück und
Harry kletterte durch das Porträtloch.
»Stelle dich und kämpfe, du räudiger Köter!«, rief Sir
Cadogan.
»Ach, halt den Mund«, gähnte Harry zurück.
Über einer großen Schüssel Haferschleim erwachten seine
Lebensgeister und als er mit dem Toast anfing, tauchte auch der
Rest des Teams auf.
»Das wird ein beinhartes Ding«, sagte Wood, der keinen
Bissen anrührte.
»Hör auf, dir Sorgen zu machen, Oliver«, beschwichtigte
ihn Alicia, »das bisschen Regen macht uns doch nichts aus.«
183
Doch es war deutlich mehr als ein bisschen Regen. Quid-
ditch war so beliebt, dass wie immer die ganze Schule auf den
Beinen war, um das Spiel zu sehen, allerdings mussten sie mit
eingezogenen Köpfen und gegen den Wind ankämpfend über
den Rasen hinunter zum Spielfeld rennen, und der Sturm riss
ihnen die Schirme aus den Händen. Kurz bevor Harry den
Umkleideraum betrat, sah er, wie Malfoy, Crabbe und Goyle auf
dem Weg zum Stadion unter einem riesigen Schirm hervor
lachend auf ihn deuteten.
Rasch zogen sie sich ihre scharlachroten Umhänge über und
warteten auf Woods übliche Aufmunterungsrede vor dem Spiel.
Doch diesmal fiel sie aus. Mehrmals setzte er zum Sprechen an,
brachte aber nur ein merkwürdig würgendes Geräusch hervor,
schüttelte dann hoffnungslos den Kopf und winkte sie hinaus.
Der Wind war so stark, dass sie, als sie aufs Spielfeld liefen,
zur Seite wegstolperten. Die Menge mochte johlen und
kreischen, sie konnten es durch die immer neuen Wellen des
Donners nicht hören. Wie zum Teufel sollte er den Schnatz in
diesem Mistwetter erkennen?
Die Hufflepuffs mit ihren kanariengelben Umhängen kamen
von der anderen Seite des Feldes. Die Kapitäne traten
aufeinander zu und schüttelten sich die Hände; Diggory lächelte
Wood an, doch Wood sah jetzt aus, als hätte er Kiefersperre,
und nickte nur. Harry sah, wie Madam Hoochs Mund die Worte
»Besteigt die Besen« formte; er zog den rechten Fuß mit einem
schmatzenden Geräusch aus dem Schlamm und schwang sich
auf seinen Nimbus Zweitausend. Madam Hooch setzte die Pfeife
an die Lippen und blies; der schrille Pfiff schien aus weiter
Ferne zu kommen - und los ging es.
Harry stieg schnell in die Höhe, doch sein Nimbus schlin-
gerte ein wenig im Wind. Er hielt ihn mit aller Kraft gerade,
spähte durch den Regen und machte dann eine Kehrtwende.
184
In weniger als fünf Minuten war er nass bis auf die Haut und
halb erfroren. Seine Mitspieler konnte er kaum erkennen,
geschweige denn den winzigen Schnatz. Er flog das Spielfeld
auf und ab, vorbei an verschwommenen roten und gelben
Gestalten, ohne einen blassen Schimmer, was in diesem Spiel
eigentlich so vor sich ging. Den Stadionsprecher konnte er bei
diesem Wind nicht hören. Die Menge unten hatte sich unter
einem Meer von Umhängen und zerfetzten Schirmen versteckt.
Zweimal hätte Harry ein Klatscher fast vom Besen gerissen;
wegen der Regentropfen auf seiner Brille war alles so
verschwommen, dass er sie nicht hatte kommen sehen.
Harry verlor das Zeitgefühl. Es wurde immer schwieriger,
den Besen gerade zu halten. Der Himmel verdunkelte sich, als
ob die Nacht beschlossen hätte, früher hereinzubrechen.
Zweimal stieß er um ein Haar mit einem anderen Spieler
zusammen, ohne zu wissen, ob es ein Mitspieler oder ein
Gegner war; alle waren jetzt so nass und der Regen war so dicht,
dass er sie kaum auseinander halten konnte ...
Mit dem ersten Gewitterblitz kam auch der Pfiff von Ma-
dam Hoochs Pfeife; Harry konnte durch den dichten Regen
gerade noch den Umriss Woods ausmachen, der ihn gesti-
kulierend zu Boden wies. Das ganze Team setzte spritzend im
Schlamm auf.
»Ich hab um Auszeit gebeten!«, brüllte Wood seinem Team
entgegen. »Kommt, hier runter -«
Sie drängten sich am Spielfeldrand unter einem großen
Schirm zusammen; Harry nahm die Brille ab und wischte sie
hastig am Umhang trocken.
»Wie steht's eigentlich?«
»Wir haben fünfzig Punkte Vorsprung«, sagte Wood, »aber
wenn wir nicht bald den Schnatz fangen, spielen wir bis in die
Nacht hinein.«
185
»Mit der hier hab ich keine Chance«, keuchte Harry und
schlenkerte mit seiner Brille durch die Luft.
Genau in diesem Augenblick tauchte Hermine an seiner
Seite auf, sie hielt sich den Umhang über den Kopf und aus
unerfindlichen Gründen strahlte sie.
»Ich hab da 'ne Idee, Harry! Gib mir mal deine Brille,
schnell!«
Er reichte sie ihr und das Team sah verdutzt zu, wie Her-
mine mit ihrem Zauberstab dagegen tippte und »Impervius!«
rief,
»Bitte sehr!«, sagte sie und gab sie Harry zurück. »Jetzt
stößt sie das Wasser ab!«
Wood sah Hermine an, als wollte er sie auf der Stelle
küssen.
»Genial!«, rief er ihr mit heiserer Stimme nach, während sie
in der Menge verschwand. »Gut, Leute, packen wir's!«
Hermines Zauber wirkte. Harry war immer noch benommen
vor Kälte und patschnass, doch er konnte etwas sehen. Voll
frischer Zuversicht peitschte er mit dem Besen durch die Böen
und spähte in allen Himmelsrichtungen nach dem Schnatz,
wobei er hier einem Klatscher auswich und dort unter dem
heransausenden Diggory hindurchtauchte ...
Er sah einen vergabelten Blitz, dem auf der Stelle ein wei-
terer Donnerschlag folgte. Das wird immer gefährlicher, dachte
Harry. Er musste den Schnatz möglichst bald fangen.
Er wendete und wollte zur Mitte des Feldes zurückfliegen,
doch in diesem Moment erleuchtete ein weiterer Lichtblitz die
Tribünen, und Harry sah etwas, das ihn vollkommen in Bann
schlug - die Kontur eines riesigen, zottigen schwarzen Hundes,
klar umrissen gegen den Himmel. Reglos saß er in der obersten
leeren Sitzreihe.
Der Besenstiel entglitt Harrys klammen Händen und
sein Nimbus sackte ein paar Meter ab. Er rieb sich die Augen-
186
lider und schaute noch einmal hinüber auf die Ränge. Der Hund
war verschwunden.
»Harry!«, ertönte Woods entsetzter Schrei von den Tor-
pfosten der Gryffindors, »Harry, hinter dir!«
Harry blickte sich entsetzt um. Cedric Diggory kam über das
Spielfeld geschossen, und in den Regenschnüren zwischen ihnen
schimmerte etwas Kleines und Goldenes –
In jäher Panik duckte sich Harry über den Besenstiel und
raste dem Schnatz entgegen.
»Mach schon!«, knurrte er seinen Nimbus an, während ihm
der Regen ins Gesicht peitschte, »schneller!«
Doch nun geschah etwas Seltsames. Eine gespenstische
Stille senkte sich über das Stadion. Der Wind ließ zwar kein
bisschen nach, doch er vergaß zu heulen. Es war, als ob jemand
den Ton abgedreht hätte, als ob Harry plötzlich taub geworden
wäre - was ging hier vor?
Und dann überkam ihn eine fürchterlich vertraute Welle aus
Kälte, drang in ihn ein, gerade als ihm eine Bewegung unten auf
dem Feld auffiel ...
Mindestens hundert Dementoren, die vermummten Ge-
sichter ihm zugewandt, standen dort unter ihm. Es war, als
würde eiskaltes Wasser in seiner Brust aufsteigen und ihm die
Eingeweide abtöten. Und dann hörte er es wieder ... jemand
schrie, schrie im Innern seines Kopfes ... eine Frau ...
»Nicht Harry, nicht Harry, bitte nicht Harry!«
»Geh zur Seite, du dummes Mädchen ... geh weg jetzt ...«
»Nicht Harry, bitte nicht, nimm mich, töte mich an seiner
Stelle –«
Betäubender, wirbelnder weißer Nebel füllte Harrys Kopf ...
was tat er da? Warum flog er? Er musste ihr helfen ... sie würde
sterben ... sie wurde umgebracht ...
187
Er fiel, fiel durch den eisigen Nebel.
»Nicht Harry! Bitte ... verschone ihn ... verschone ihn ...«
Eine schrille Stimme lachte, die Frau schrie, und Harry
schwanden die Sinne.
»Ein Glück, dass der Boden so durchweicht war.«
»Ich dachte, er ist tot.«
»Und nicht mal die Brille ist hin.«
Harry konnte Geflüster hören, doch er verstand überhaupt
nichts. Er hatte keine Ahnung, wo er war oder wie er hierher
gekommen war oder was er davor getan hatte. Alles, was er
wusste, war, dass ihm sämtliche Glieder wehtaten, als wäre er
verprügelt worden.
»Das war das Fürchterlichste, das ich je im Leben gesehen
habe.«
Fürchterlich ... das Fürchterlichste ... vermummte schwarze
Gestalten ... Kälte ... Schreie ...
Harrys Augen klappten auf. Er lag im Krankenflügel. Das
Quidditch-Team der Gryffindors, von oben bis unten mit
Schlamm bespritzt, war um sein Bett versammelt. Auch Ron
und Hermine waren da und sahen aus, als kämen sie gerade aus
einem Schwimmbecken.
»Harry!«, sagte Fred, der unter all dem Schlamm käsebleich
aussah, »wie geht's dir?«
Es war, als würde Harrys Gedächtnis schnell zurückgespult.
Die Blitze - der Grimm - der Schnatz - und die Dementoren -
»Was ist passiert?«, fragte er und setzte sich so plötzlich
auf, dass sie die Münder aufrissen.
»Du bist abgestürzt«, sagte Fred. »Müssen. wohl - ungefähr
- fünfzehn Meter gewesen sein.«
»Wir dachten, du seist tot«, sagte Alicia, die es am ganzen
Leib schüttelte.
188
Von Hermine kam ein leises Schluchzen. Das Weiße ihrer
Augen war blutunterlaufen.
»Aber das Spiel«, sagte Harry. »Was ist damit? Wird es
wiederholt?«
Keiner sagte ein Wort. Die schreckliche Wahrheit drang in
Harry ein wie ein Stein.
»Wir haben - verloren?«
»Diggory hat den Schnatz gefangen«, sagte George. »Kurz
nach deinem Absturz. Er hatte nicht gesehen, was passiert war.
Als er sich umsah und dich auf dem Boden liegen sah, wollte er
seinen Fang für ungültig erklären und ein Wiederholungsspiel
ansetzen lassen. Aber im Grunde haben sie verdient gewonnen
... selbst Wood gibt es zu.«
»Wo ist Wood?«, fragte Harry, dem plötzlich auffiel, dass er
fehlte.
»Noch unter der Dusche«, sagte Fred. »Wir glauben, er
versucht sich zu ertränken.«
Harry legte das Gesicht auf die Knie und raufte sich die
Haare. Fred packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn grob.
»Komm schon, Harry, du hast doch sonst immer den
Schnatz geschnappt.«
»Einmal musste er dir ja durch die Lappen gehen«, sagte
George.
»Noch ist nicht aller Tage Abend«, sagte Fred. »Wir haben
hundert Punkte verloren, na und? Wenn Hufflepuff gegen
Ravenclaw verliert und wir Ravenclaw und Slytherin schlagen
-«
»Hufflepuff muss mit mindestens zweihundert Punkten
Rückstand verlieren«, sagte George.
»Aber wenn sie Ravenclaw schlagen -«
»Unmöglich, Ravenclaw ist zu gut. Aber wenn Slytherin
gegen Hufflepuff verliert ...«
189
»Das hängt alles vom Punktekonto ab - jedenfalls braucht es
immer hundert Punkte Rückstand -«
Harry lag da und sagte kein Wort. Sie hatten verloren - zum
ersten Mal hatte er ein Quidditch-Spiel verloren.
Nach gut zehn Minuten kam Madam Pomfrey herein und
wies sie an, ihn jetzt in Ruhe zu lassen.
»Wir kommen später wieder«, versicherte Fred. »Mach dich
nicht selber fertig, Harry, du bist immer noch der beste Sucher,
den wir je hatten.«
Das Team marschierte hinaus und ließ nur eine Schlamm-
spur zurück. Mit missbilligendem Blick schloss Madam
Pomfrey die Tür hinter ihnen. Ron und Hermine traten näher an
Harrys Bett.
»Dumbledore war wirklich wütend«, sagte Hermine mit
bebender Stimme. »So hab ich ihn noch nie erlebt. Während du
fielst, rannte er aufs Spielfeld und wedelte mit seinem
Zauberstab, und irgendwie wurdest du langsamer, bevor du
aufgeschlagen bist. Dann hat er mit dem Zauberstab zu den
Dementoren hinübergefuchtelt und silbernes Zeugs gegen sie
abgeschossen. Sie sind sofort abgehauen ... er war stinksauer,
weil sie ins Stadion gekommen sind, wir haben ihn schimpfen
gehört -«
»Dann hat er dich auf eine Trage gezaubert«, sagte Ron,
»und ist mit dir neben sich schwebend hoch zur Schule ge-
gangen. Alle dachten, du seist ...«
Seine Stimme erstarb, doch Harry hörte ohnehin kaum zu.
Er dachte darüber nach, was die Dementoren ihm angetan hatten
... er dachte an die Schreie. Er blickte auf und Ron und Hermine
sahen ihn so gespannt an, dass er sich rasch überlegte, was er
sagen könnte.
»Hat jemand meinen Nimbus mitgenommen?«
Ron und Hermine warfen sich einen kurzen Blick zu.
»Ähm -«
190
»Was?«, sagte Harry und sah sie abwechselnd an.
»Nun ja ... als du abgestürzt bist, wurde er weggeweht«,
sagte Hermine zögernd.
»Und?«
»Und er ist - gegen - o Harry - gegen die Peitschende Weide
gekracht.«
Harrys Inneres verkrampfte sich. Die Peitschende Weide
war ein sehr jähzorniger Baum mitten auf dem Schlossgelände.
»Und?«, sagte er, und vor der Antwort war ihm ganz bange.
»Tja, du kennst ja die Peitschende Weide«, sagte Ron. »Sie
- ähm - mag nicht gern belästigt werden.«
»Professor Flitwick hat ihn geholt, kurz bevor du wieder zu
dir gekommen bist«, sagte Hermine kaum vernehmlich.
Zögernd langte sie nach einer Tasche zu ihren Füßen, stellte
sie auf den Kopf und schüttelte ein Dutzend zersplitterte
Holzstücke und angeknackstes Reisig auf das Bett, die letzten
Überreste von Harrys treuem, am Ende geschlagenem Besen.
191
Die Karte des Rumtreibers
Madam Pomfrey beschloss resolut, Harry übers Wochenende im
Krankenflügel zu behalten. Er widersprach nicht und klagte
auch nicht, doch sie durfte nichts von den kläglichen
Überbleibseln seines Nimbus Zweitausend fortwerfen. Das war
albern, und er wusste es, denn der Nimbus war nicht mehr zu
retten, und doch konnte er einfach nicht anders: Er hatte das
Gefühl, einen guten Freund verloren zu haben.
Der Strom der Besucher riss nicht ab, und alle kamen, um
ihn aufzumuntern. Hagrid schickte ihm einen Strauß Rin-
gelblumen, der wie ein gelber Kohlkopf aussah, und Ginny
Weasley, puterrot angelaufen, tauchte mit einer selbst gebas-
telten Genesungskarte auf, die mit schriller Stimme zu singen
begann, wenn Harry sie nicht unter einer schweren Obstschale
zum Schweigen brachte. Das Team der Gryffindors tauchte am
Sonntagmorgen wieder auf, und diesmal war auch Wood dabei.
Er mache Harry nicht den geringsten Vorwurf, sagte er mit
merkwürdig hohler, lebloser Stimme. Ron und Hermine wichen
nur nachts von Harrys Bett. Doch was sie auch sagten oder taten,
sie konnten Harry nicht aufheitern, denn sie wussten nur die
Hälfte von dem, was ihn wirklich beunruhigte.
Keinem hatte er von dem Grimm erzählt, nicht einmal
Ron und Hermine, denn wusste, dass Ron panisch und
Hermine spöttisch reagieren würde. Tatsache blieb jedoch,
dass er jetzt schon zweimal erschienen war, und beiden Er-
192
scheinungen waren lebensgefährliche Unfälle gefolgt. Beim
ersten Mal war er beinahe vom Fahrenden Ritter überrollt
worden; beim zweiten Mal war er von seinem Besen fünfzehn
Meter in die Tiefe gestürzt. Würde der Grimm ihn jagen, bis er
wirklich starb? Sollte er für den Rest seines Lebens unentwegt
nach dem Untier Ausschau halten?
Und dann waren da noch die Dementoren. Immer, wenn
Harry an sie dachte, wurde ihm schlecht und er fühlte sich
gedemütigt. Alle sagten, die Dementoren seien schrecklich, aber
kein anderer brach jedes Mal bei ihrem Anblick zusammen ...
und niemand sonst hörte im Kopf den Widerhall der Schreie von
sterbenden Verwandten ...
Denn Harry wusste jetzt, wessen Stimme es war, die er ge-
hört hatte. Er hatte sich ihre Worte wiederholt, immer und
immer wieder in den nächtlichen Stunden im Krankenflügel, in
denen er wach lag und auf die hellen Streifen starrte, die das
Mondlicht an die Decke warf. Wenn sich die Dementoren
näherten, hörte er die letzten Momente im Leben seiner Mutter,
ihre Versuche, ihn, Harry, vor Lord Voldemort zu schützen, und
Lord Voldemorts Gelächter, bevor er sie ermordete ... Harry
döste ein und schreckte immer wieder hoch, sank in Träume voll
feuchtkalter, verrotteter Hände und grauenerfüllten Flehens, er
schreckte auf und kam nicht von der Stimme seiner Mutter los
und wollte sie sich immer wieder in Erinnerung rufen.
Es war eine Erleichterung, am Montag ins lärmende Getriebe
der Schule zurückzukehren, wo er gezwungen war, an andere
Dinge
zu denken, selbst wenn er Draco Malfoys Hänseleien
über sich ergehen lassen musste. Malfoy war
ganz entzückt vor Schadenfreude über die Niederlage
der Gryffindors. Endlich hatte er sich die Bandagen
abgenommen und er feierte diesen Anlass, indem er Harrys
Sturz
193
vom Besen beschwingt nachspielte. Zudem verbrachte er einen
Großteil ihrer nächsten Zaubertrankstunden mit Auftritten als
Dementor im Kerker. Ron verlor schließlich die Nerven und
warf ein großes, glitschiges Krokodilherz auf Malfoy, das ihn im
Gesicht traf; daraufhin zog Snape den Gryffindors fünfzig
Punkte ab.
»Wenn Snape wieder Verteidigung gegen die dunklen
Künste gibt, melde ich mich krank«, sagte Ron nach dem
Mittagessen auf dem Weg zu Professor Lupins Klassenzimmer.
»Sieh erst mal nach, wer drin ist, Hermine.«
Hermine öffnete die Tür einen Spaltbreit und spähte hinein.
»Du kannst kommen!«
Professor Lupin war wieder da. Deutlich mitgenommen sah
er aus. Sein alter Umhang hing ihm noch schlaffer um die
Schultern als sonst und er hatte dunkle Schatten unter den
Augen; dennoch lächelte er sie an, als sie ihre Plätze einnahmen,
und die ganze Klasse brach sofort in einen Sturm von
Beschwerden über Snapes Verhalten während Lupins Krankheit
aus.
»Das ist nicht fair, er macht nur Vertretung, warum muss er
uns Hausaufgaben aufgeben?«
»Wir wissen doch nichts über Werwölfe -«
»- zwei Rollen Pergament!«
»Habt ihr Professor Snape gesagt, dass wir Werwölfe noch
nicht behandelt haben?«, fragte Lupin in die Runde und runzelte
leicht die Stirn.
Das Gebrabbel brach wieder los.
»Ja, aber er sagte, wir seien weit zurück -«
»- er wollte nichts davon hören -«
»- zwei Rollen Pergament!«
Professor Lupin lächelte angesichts der Entrüstung auf den
Gesichtern.
194
»Macht euch keine Sorgen, ich spreche mit Professor Snape.
Den Aufsatz müsst ihr nicht schreiben.«
»O nein«, sagte Hermine enttäuscht. »Meiner ist schon
fertig!«
Sie hatten eine recht vergnügliche Stunde. Professor Lupin
hatte einen Glaskasten mit einem Hinkepank mitgebracht, einem
kleinen einbeinigen Geschöpf, das aussah, als bestünde es aus
Rauchschwaden und wäre recht schwächlich und harmlos.
»Der Hinkepank lockt Reisende in die Sümpfe«, sagte
Professor Lupin, und die Klasse schrieb eifrig mit. »Seht ihr die
Laterne, die er in der Hand hat? Er hüpft voraus - die Leute
folgen dem Licht - und dann -«
Der Hinkepank machte ein fürchterlich quietschendes
Geräusch am Glas.
Als es läutete, packten alle ihre Sachen ein und gingen zur
Tür, auch Harry, doch -
»Wart einen Moment, Harry«, rief Lupin, »ich möchte kurz
mit dir sprechen.«
Harry kam zurück und sah Professor Lupin zu, wie er den
Glaskasten des Hinkepanks mit einem Tuch abdeckte.
»Ich hab von dem Spiel gehört«, sagte Lupin, wandte sich
zum Pult um und steckte die Bücher in seine Mappe, »und es tut
mir Leid wegen deines Besens. Gibt es eine Möglichkeit, ihn zu
reparieren?«
»Nein«, sagte Harry. »Der Baum hat ihn zu Kleinholz ver-
arbeitet.«
Lupin seufzte.
»Sie haben die Peitschende Weide in dem Jahr gepflanzt, als
ich nach Hogwarts kam. Wir haben damals aus Jux versucht
ihr so nah wie möglich zu kommen und den Stamm
zu berühren. Schließlich hat ein junge namens Davey
Gudgeon fast ein Auge verloren und wir durften dann nicht
195
mehr in ihre Nähe. Wird Zeit, dass sie ausgerissen wird ... Ich
werd mal mit Professor Dumbledore reden ...«
»Haben Sie auch von den Dementoren gehört?«, überwand
sich Harry zu fragen.
Lupin warf ihm einen raschen Blick zu.
»Ja, hab ich. Ich glaube, keiner von uns hat Professor
Dumbledore jemals so wütend gesehen. Sie sind schon seit
einiger Zeit ungehalten ... verärgert, weil er sich weigert, sie auf
das Gelände zu lassen ich vermute, dass du ihretwegen
abgestürzt bist?«
»Ja«, sagte Harry. Er zögerte, und dann brach die Frage, die
ihm auf der Zunge lag, unwillkürlich aus ihm heraus. »Warum?
Warum bin ich so anfällig für sie? Bin ich schlicht und einfach
-?«
»Es hat nichts mit Schwäche zu tun«, sagte Professor Lupin
scharf, als ob er Harrys Gedanken lesen könnte. »Die
Dementoren greifen dich stärker an als die andern, weil es
schreckliche Ereignisse in deiner Vergangenheit gibt, die die
andern nicht erlebt haben.«
Ein Strahl der Wintersonne fiel ins Klassenzimmer und
beleuchtete Lupins graue Haare und die Furchen auf seinem
jungen Gesicht.
»Dementoren gehören zu den übelsten Kreaturen, die auf
der Erde wandeln. Sie brüten an den dunkelsten, schmutzigsten
Orten, sie schaffen Zerfall und Verzweiflung, sie saugen
Frieden, Hoffnung und Glück aus jedem Menschen, der ihnen
nahe kommt. Wenn sie können, nähren sie sich so lange von
ihm, bis er ähnlich wie sie selbst wird ... seelenlos und böse.
Selbst Muggel spüren ihre Anwesenheit, auch wenn sie sie nicht
sehen können. Wenn du einem Dementor zu nahe kommst, saugt
er jedes gute Gefühl, jede glückliche Erinnerung aus dir heraus.
Und dir bleiben nur die schlimmsten Erfahrungen deines
Lebens.
196
Und das Schlimmste, was dir passiert ist, Harry, würde je-
den anderen ebenfalls vom Besen hauen. Du brauchst dich
dessen nicht zu schämen.«
»Wenn sie mir nahe kommen -«, Harry starrte mit zuge-
schnürter Kehle auf Lupins Pult, »kann ich hören, wie Vol-
demort meine Mutter ermordet.«
Lupin machte eine jähe Bewegung mit dem rechten Arm, als
wollte er Harry an der Schulter packen, doch er besann sich.
Einen Augenblick schwiegen beide, dann -
»Warum mussten sie ausgerechnet zum Spiel kommen?«,
sagte Harry verbittert.
»Sie werden langsam hungrig«, sagte Lupin kühl und ver-
schloss mit einem Klicken seine Mappe. »Dumbledore will sie
nicht in die Schule lassen, also sind ihre Vorräte an
menschlicher Beute aufgebraucht ... Ich vermute mal, sie
konnten der großen Menschenmenge um das Quidditch-Feld
nicht widerstehen. All die Aufregung ... die aufgepeitschten
Gefühle ... so stellen sie sich ein Festessen vor.«
»Askaban muss schrecklich sein«, murmelte Harry.
Lupin nickte grimmig.
»Die Festung ist auf einer kleinen Insel gebaut, weit draußen
im Meer, doch sie brauchen keine Mauern und kein Wasser, um
die Gefangenen an der Flucht zu hindern, nicht, wenn sie alle in
ihren Köpfen gefangen sind, unfähig, einen zuversichtlichen
Gedanken zu fassen. Die meisten werden nach ein paar Wochen
verrückt.«
»Aber Sirius Black ist ihnen entkommen«, sagte Harry
langsam. »Er ist geflohen.«
Lupins Mappe glitt vom Tisch; er musste rasch zugreifen,
um sie aufzufangen.
»Ja«, sagte er und richtete sich auf »Black muss
einen Weg gefunden haben, wie man sie besiegt. Ich hätte
nicht gedacht, dass es möglich wäre ... Dementoren, heißt es,
197
berauben einen Zauberer seiner Kräfte, wenn er ihnen zu lange
ausgeliefert ist ...«
»Sie haben es doch geschafft, dass dieser Dementor im Zug
geflohen ist«, sagte Harry plötzlich.
»Es gibt - gewisse Verteidigungskünste, die man einsetzen
kann«, sagte Lupin. »Aber es war nur ein Dementor im Zug. Je
mehr da sind, desto schwieriger wird es, ihnen Widerstand zu
leisten.«
»Was denn für Verteidigungskünste?«, fragte Harry sofort.
»Können Sie mir die beibringen?«
»Ich möchte nicht so tun, als wäre ich ein Fachmann für den
Kampf gegen Dementoren, Harry ... ganz im Gegenteil ...«
»Aber wenn die Dementoren auch zum nächsten Quid-
ditch-Spiel kommen - muss ich gegen sie kämpfen können -«
Lupin sah in Harrys entschlossenes Gesicht, zögerte einen
Moment und sagte dann: »Also ... gut. Ich versuche dir zu
helfen. Aber ich fürchte, du musst dich bis nach den Weih-
nachtsferien gedulden. Bis dahin hab ich noch eine Menge zu
tun. Das war eine recht unpassende Zeit, um krank zu werden.«
Das Versprechen Lupins, ihn in die Kunst der Verteidigung
gegen die Dementoren einzuweihen, die Hoffnung, den Tod
seiner Mutter nie mehr mit anhören zu müssen, und die
Tatsache, dass Ravenclaw die Hufflepuffs im Quidditch-Match
Ende November einfach plattmachte - all dies hob Harrys
Stimmung beträchtlich. Die Gryffindors waren noch nicht ganz
aus dem Rennen, aber eine weitere Niederlage konnten sie sich
nicht leisten. Wood gewann seine fieberhafte Tatkraft wieder
zurück und trimmte seine Leute härter denn je in den eisigen
Regenschauern, die bis in den De-
198
zember hinein anhielten. Harry sah weit und breit keine Spur
von einem Dementor. Dumbledores Wut schien sie auf ihren
Posten an den Eingängen zu halten.
Zwei Wochen vor den Weihnachtsferien nahm der Himmel
plötzlich ein blendend helles, opalenes Weiß an und das
schlammige Gelände war eines Morgens in glitzernden Frost
gehüllt. Im Schloss herrschte schon ein wenig vorweihnachtliche
Stimmung. Professor Flitwick, der Lehrer für Zauberkunst, hatte
sein Klassenzimmer bereits mit schimmernden Lichtern
geschmückt, die sich als echte, flatternde Feen herausstellten.
Gut gelaunt sprachen sie in den Klassen darüber, was sie alles in
den Ferien vorhatten. Ron und Hermine hatten beschlossen, in
Hogwarts zu bleiben. Ron behauptete, er könne es keine zwei
Wochen mit Percy aushalten, und Hermine meinte, sie wolle
unbedingt mal ganz in Ruhe in der Bibliothek arbeiten, doch
Harry ließ sich nicht täuschen: Sie blieben da, um ihm
Gesellschaft zu leisten, und er war sehr dankbar dafür.
Alle freuten sich auf den nächsten Ausflug nach Hogsmeade
am letzten Wochenende vor den Ferien - alle außer Harry.
»Wir können dort für Weihnachten einkaufen!«, sagte
Hermine, »Mum und Dad werden ganz begeistert sein von
dieser Zahnweiß-Pfefferminzlakritze aus dem Honigtopf!«
Harry fand sich damit ab, der Einzige aus der dritten Klasse
zu sein, der nicht mitkam, borgte sich von Wood das Heft
Rennbesen im Test und beschloss, sich über die verschiedenen
Bauweisen der Besen kundig zu machen. Beim Training flog er
jetzt einen der Schulbesen, einen alten, ziemlich langsamen und
kippeligen Shooting Star; was er brauchte, war ein neuer Besen.
Am Samstagmorgen verabschiedeten sich Ron und
Hermine von Harry und machten sich, eingemummelt in Män-
199
tel und Schals, nach Hogsmeade auf. Harry stieg allein die
Marmortreppe hoch und ging die Korridore entlang zurück zum
Turm der Gryffindors. Draußen hatte es angefangen zu schneien
und im Schloss herrschte tiefe Stille.
»Psst - Harry!«
Auf halbem Weg durch einen der Korridore wandte er sich
um und sah Fred und George, die hinter der Statue einer
buckligen, einäugigen Hexe hervorlugten.
»Was macht ihr denn da?«, sagte Harry verdutzt. »Wieso
geht ihr nicht mit nach Hogsmeade?«
»Wir wollen dich noch ein wenig in festliche Laune ver-
setzen, bevor wir gehen«, sagte Fred und zwinkerte geheim-
nistuerisch. »Komm hier rein ...«
Er nickte zu einem leeren Klassenzimmer links von der
einäugigen Statue hinüber. Harry folgte Fred und George hinein.
George schloss leise die Tür und wandte sich dann mit
strahlendem Gesicht Harry zu.
»Hier ist schon mal ein Weihnachtsgeschenk für dich,
Harry«, sagte er.
Schwungvoll zog Fred etwas aus seinem Mantel und legte
es auf das Pult vor ihnen. Es war ein großes, quadratisches,
heftig mitgenommenes Blatt Pergament. Kein Wort stand darauf
Harry vermutete, es sei einer ihrer Scherze, und starrte das
Pergament an.
»Was soll das sein?«
»Das, Harry, ist das Geheimnis unseres Erfolgs«, sagte
George und strich liebevoll über das Pergament.
»Wir bringen es kaum übers Herz, uns davon zu trennen«,
sagte Fred, »aber gestern Abend haben wir beschlossen, dass du
es dringender brauchst als wir.«
»Außerdem kennen wir es auswendig«, sagte George. »Wir
vererben es dir. Eigentlich brauchen wir es auch nicht mehr.«
200
»Und was soll ich mit diesem Fetzen anfangen?«, fragte
Harry.
»Diesem Fetzen!«, wiederholte Fred und schloss die Augen
mit einer Grimasse, als ob Harry ihn tödlich beleidigt hätte.
»Erklär es ihm, George.«
»Also ... als wir in der ersten Klasse waren, Harry - jung,
sorglos und unschuldig -«
Harry schnaubte. Dass Fred und George jemals unschuldig
gewesen waren, bezweifelte er stark.
»- na ja, jedenfalls unschuldiger, als wir jetzt sind – auf je-
den Fall bekamen wir damals wegen einer Kleinigkeit Ärger mit
Filch.«
»Wir haben eine Stinkbombe im Korridor platzen lassen
und aus irgendeinem Grund hat ihn das geärgert -«
»Also hat er uns in sein Büro geschleift und kam gleich mit
den üblichen Drohungen -«
»- Strafarbeit -«
»- Bauchaufschlitzen -«
»- und ganz zufällig fiel uns an einem seiner Schränke eine
Schublade ins Auge mit der Aufschrift Beschlagnahmt und
gemeingefährlich.«
»Versteh schon -«, sagte Harry und fing an zu grinsen.
»Na, was hättest du getan?«, sagte Fred. »George hat ihn
mit noch einer Stinkbombe abgelenkt, ich hab die Schublade
aufgerissen und - das hier rausgeholt.«
»Ist nicht so schlecht, wie es klingt«, sagte George. »Wir
glauben nicht, dass Filch jemals rausgefunden hat, wie man
damit umgeht. Er hat wahrscheinlich geahnt, was es war, oder er
hätte es nicht beschlagnahmt.«
»Und ihr wisst, wie man damit umgeht?«
»o ja«, sagte Fred feixend. »Dieses kleine hübsche Perga-
mentchen hat uns mehr beigebracht als alle Lehrer dieser Schule
zusammen.«
201
»Ihr verarscht mich doch.«, sagte Harry und sah das zer-
franste alte Pergamentstück an.
»Aach - wir doch nicht«, sagte George.
Er zog seinen Zauberstab hervor, berührte sanft das
Pergament und sagte: »Ich schwöre feierlich, dass ich ein
Tunichtgut bin.«
Und sofort begannen sich von dem Punkt, den George
berührt hatte, dünne Tintenlinien wie ein Spinnennetz aus-
zubreiten. Sie liefen zusammen, überkreuzten sich und wu-
cherten in die Ecken des Pergaments; dann erblühten Wörter auf
dem Blatt, in großer, verschnörkelter Schrift, die verkündeten:
DIE HOCHWOHLGEBORENEN HERREN MOONY,
WURMSCHWANZ, TATZE UND KRONE
HILFSMITTEL FÜR DEN MAGISCHEN TUNICHTGUT GMBH
PRÄSENTIEREN STOLZ
DIE KARTE DES RUMTREIBERS
Es war eine Karte, die jede Einzelheit von Hogwarts und des
Schlossgeländes zeigte. Doch wirklich erstaunlich waren die
kleinen Tintenpunkte, die sich darauf bewegten, jeder mit einem
Namen in winziger Schrift versehen. Verblüfft beugte sich Harry
über die Karte. Ein beschrifteter Punkt oben links zeigte, dass
Professor Dumbledore in seinem Büro auf und ab ging; Mrs
Norris, die Katze des Hausmeisters, trieb sich im zweiten Stock
herum, und Peeves, der Poltergeist, hüpfte gerade im
Pokalzimmer auf und ab. Harrys Augen wanderten die
vertrauten Korridore entlang, und plötzlich fiel ihm noch etwas
Merkwürdiges auf,
Diese Karte zeigte eine Reihe von Durchgängen, die er nie
betreten hatte. Und viele davon führten offenbar –
202
»- geradewegs nach Hogsmeade«, sagte Fred und fuhr mit
dem Finger eine der Linien entlang. »Insgesamt sieben Ge-
heimgänge. Filch kennt diese vier -«, er zeigte sie Harry, »- aber
wir sind sicher die Einzigen, die diese hier kennen. Den hinter
dem Spiegel im vierten Stock kannst du vergessen. Wir haben
ihn letzten Winter benutzt, aber er ist eingebrochen - völlig
unbegehbar. Und wir glauben nicht, dass irgend jemand schon
mal diesen hier benutzt hat, weil die Peitschende Weide direkt
darüber eingepflanzt ist. Aber der hier, der führt direkt in den
Keller vom Honigtopf. Wir haben ihn etliche Male benutzt. Und
wie du vielleicht bemerkt hast, ist der Eingang gleich vor diesem
Zimmer, durch den Buckel dieser einäugigen Alten.«
»Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone«, seufzte George
und strich sanft über die Namen der Hersteller. »Wir verdanken
ihnen ja so viel.«
»Edle Männer, die unermüdlich daran arbeiteten, einer
neuen Generation von Gesetzesbrechern auf die Beine zu
helfen«, sagte Fred feierlich.
»Schön«, sagte George jetzt aufgeräumt, »vergiss nicht, sie
Zu löschen, wenn du sie benutzt hast -«
»- sonst kann jeder sie lesen«, warnte Fred.
»Tipp sie einfach noch mal an und sag >Unheil angerich-
tet!< Dann wird sie wieder weiß.«
»Nun denn, junger Harry«, sagte Fred und sah dabei Percy
Unheimlich. ähnlich, »ich hoffe, du benimmst dich.«
»Wir sehen uns im Honigtopf«, sagte George augenzwin-
kernd.
Zufrieden grinsend gingen die beiden hinaus.
Harry blieb stehen und starrte die wundersame
Karte an. Er beobachtete, wie der winzige Tintenpunkt von Mrs
Norris nach links wanderte und dann innehielt und etwas
auf dem Boden beschnüffelte. Wenn Filch das wirklich nicht
203
wusste ... dann würde er gar nicht an den Dementoren vor-
beimüssen ...
Doch während er noch völlig begeistert dastand, quoll etwas
aus seinem Gedächtnis hoch, das er einst von Mr Weasley
gehört hatte.
Trau nie etwas, das selbst denken kann, wenn du nicht sehen
kannst, wo es sein Hirn hat.
Diese Karte war einer jener gefährlichen magischen Ge-
genstände, vor denen ihn Mr Weasley gewarnt hatte ...
Hilfsmittel für den Magischen Tunichtgut GmbH ... Was Soll's,
dachte Harry, ich brauch sie ja nur, um nach Hogsmeade zu
kommen, ich will doch niemanden beklauen oder angreifen ...
und Fred und George benutzen sie seit Jahren und es ist nichts
Schlimmes passiert ...
Harry fuhr mit dem Finger auf der Karte über den Ge-
heimgang, der in den Honigtopf führte.
Dann, ganz plötzlich, als ob er einem Befehl folgte, rollte er
die Karte zusammen, steckte sie in den Umhang und eilte zur
Tür. Er öffnete sie einen Spaltbreit. Draußen war niemand.
Vorsichtig huschte er aus dem Zimmer und versteckte sich
hinter der Statue der einäugigen Hexe.
Wie musste er es anstellen? Er zog die Karte heraus und
stellte verdutzt fest, dass eine neue kleine Tintengestalt darauf
erschienen war, beschriftet mit »Harry Potter«.
Diese Figur befand sich genau da, wo Harry selbst stand,
etwa in der Mitte des Korridors im dritten Stock. Harry sah ihr
gespannt zu. Sein kleines Tintenselbst schien die Hexe mit
seinem winzigen Zauberstab zu beklopfen. Rasch zog Harry
seinen richtigen Zauberstab heraus und stupste gegen die Statue.
Nichts geschah. Erneut blickte er auf die Karte. Eine noch
winzigere Sprechblase war neben seiner Gestalt erschienen.
Darin stand das Wort >Dissendium<.
204
»Dissendium«, flüsterte Harry und stupste noch einmal ge-
gen die steinerne Hexe.
Auf einmal öffnete sich der Buckel der Statue, weit genug,
um einen schlanken Menschen einzulassen. Harry sah sich rasch
im Korridor um, dann verstaute er die Karte, zog sich hoch,
steckte den Oberkörper in das Loch und stieß sich ab.
Eine ganze Welle glitt er eine Art steinerne Rutschbahn
hinunter und landete schließlich auf kaltem und feuchtem
Erdboden. Er stand auf und sah sich um. Es war stockdunkel. Er
hob seinen Zauberstab und murmelte »Lumos«. Das Licht
zeigte, dass er einen sehr engen, niedrigen und lehmigen Tunnel
vor sich hatte. Er zog die Karte heraus, tippte mit der Spitze des
Zauberstabs dagegen und murmelte »Unheil angerichtet!«,
Sofort wurde die Karte blank. Er rollte sie sorgfältig zusammen,
steckte sie in die Hosentasche und machte sich dann mit heftig
pochendem Herzen, begeistert und argwöhnisch zugleich, auf
den Weg.
Der Tunnel, dessen eng verschlungenen Windungen er
folgte, erinnerte Harry unweigerlich an den Bau eines Rie-
senhasen. Er lief schnell und stolperte hin und wieder auf dem
holprigen Boden. Den Zauberstab hielt er vor sich ausgestreckt.
Der Tunnel wollte kein Ende nehmen, doch der Gedanke All
den Honigtopf machte Harry Beine. Nach einer Stunde, so kam
es ihm vor, begann der Tunnel anzusteigen. Keuchend, mit
heißem Gesicht und kalten Füßen spurtete Harry nach oben.
Zehn Minuten später stand er am Fuß einer abgenutzten
steinernen Treppe, die sich oben im Dunkeln verlor.
Ganz sachte, um ja keinen Lärm zu machen, nahm Harry Stufe
für Stufe. Hundert Stufen, zweihundert Stufen, irgendwann
hörte er auf zu zählen und sah nur noch auf seine Schuhe ...
205
dann, ohne Vorwarnung, stieß er mit dem Kopf gegen etwas
Hartes.
Es schien eine Falltür zu sein. Harry blieb stehen, rieb sich
die Stirn und lauschte. Von der anderen Seite der Falltür war
nichts zu hören. Ganz langsam drückte er sie einen Spaltbreit
nach oben und spähte hinaus.
Er war in einem Keller voller Weidenkörbe und Holzkisten.
Harry kletterte hinauf und schloss die Falltür - sie fügte sich so
vollkommen in den staubigen Boden ein, dass sie nicht mehr zu
sehen war. Nun schlich er langsam zur Holztreppe, die nach
oben führte. Jetzt konnte er eindeutig Stimmen hören, und ganz
deutlich auch das Läuten einer Glocke und das Auf- und
Zugehen einer Tür.
Während er sich noch überlegte, was er tun sollte, hörte er
plötzlich eine andere Tür aufgehen, viel näher bei ihm; jemand
war auf dem Weg nach unten.
»Und bring noch 'ne Kiste Gummischnecken mit, die haben
uns fast den Laden ausgeräumt -«, sagte eine Frauenstimme.
Ein Paar Füße kam die Treppe herunter. Harry hechtete
hinter einen riesigen Korb und wartete, bis die Schritte sich
entfernt hatten. Er hörte, wie der Mann Kisten an die gegen-
überliegende Wand schob. Noch eine solche Gelegenheit würde
er wohl nicht bekommen -
Rasch und leise huschte Harry aus seinem Versteck und
kletterte die Stufen hoch; ein kurzer Blick zurück zeigte ihm
einen mächtigen Rücken und einen glänzenden Glatzkopf, tief
über eine Kiste gebeugt. Harry erreichte die Tür am oberen
Treppenabsatz, glitt hindurch und sah sich plötzlich hinter der
Ladentheke des Honigtopfes - er duckte sich, kroch zur Seite
weg und richtete sich dann auf.
Im Honigtopf drängten sich so viele Schüler aus Hogwarts,
dass keiner besondere Notiz von Harry nahm. Er schob sich
206
zwischen ihnen durch, sah sich um und unterdrückte ein Lachen
bei dem Gedanken, was für ein Schweinchengesicht Dudley
machen würde, wenn er sehen könnte, wo Harry jetzt war.
Bis zur Decke reichten die Regale mit den verführerischsten
Leckereien, die man sich vorstellen konnte: sahnige Nugatriegel,
rosa schimmerndes Kokosnusseis, fette, honigfarbene
Toffeebohnen; Hunderte verschiedene Sorten Schokolade, fein
säuberlich aneinander gereiht; ein großes Fass mit Bohnen jeder
Geschmacksrichtung und ein weiteres mit zischenden Wissbies,
den Brausekugeln, die einen vom Boden rissen, wie Ron erzählt
hatte. Entlang einer anderen Wand stapelten sich Süßigkeiten
mit »Spezialeffekt« - Druhbels Bester Blaskaugummi (der ein
Zimmer mit glockenblumenfarbenen Blasen füllte, die tagelang
nicht platzen wollten), die merkwürdig splitterige
Zahnweiß-Pfefferminzlakritze, winzig kleine Pfefferkobolde
(»heiz deinen Freunden mal richtig ein!«), Eismäuse (»dir
klappern die Zähne und du quiekst!«), Pfefferminzpralinen in
der Form von Kröten (»hüpfen dir vorbildgetreu in den
Magen!«), zerbrechliche, aus Zucker gedrehte Federhalter und
explodierende Bonbons.
Harry drängte sich durch eine Schar Sechstklässler und sah
am anderen Ende des Ladens ein Schild hängen (»Ein ganz
anderer Geschmack«). Darunter standen Ron und Hermine und
untersuchten eine Schale Lutscher mit Blutgeschmack. Harry
schlich sich unbemerkt von hinten an.
»Urrgh, nee, die will Harry bestimmt nicht, die sind sicher
für Vampire«, sagte Hermine.
»Und was ist mit denen hier?«, fragte Ron und hielt ihr
einen Krug mit getrockneten Kakerlaken unter die Nase.
»Auch nicht«, sagte Harry.
Fast hätte Ron den Krug fallen lassen.
207
»Harry!«, kreischte Hermine. »Was machst du denn hier?
Wie ... wie bist du –?«
»Aber hallo!«, sagte Ron ganz und gar beeindruckt, »du hast
gelernt, wie man appariert!«
»Natürlich nicht«, sagte Harry. Er dämpfte die Stimme,
damit keiner von den Sechstklässlern ihn hören konnte, und
erzählte ihnen alles über die Karte des Rumtreibers.
»Wieso haben Fred und George sie mir nie gegeben!«, sagte
Ron empört. »Ich bin schließlich ihr Bruder!«
»O Harry«, flüsterte Hermine. »Wenn das jemand erfährt ...
dann sitzt du in der Patsche ... und was ist mit - du weißt schon -
Sirius Black?«
»Würd mich wundern, wenn er Harry jetzt erkennen
könnte«, sagte Ron und nickte hinüber zu kleinen holzge-
rahmten Fenstern. Draußen herrschte dichtes Schneetreiben.
»Mach dir nichts draus, Hermine, es ist Weihnachten. Harry hat
sich seinen kleinen Ausflug verdient.«
Hermine wirkte sehr besorgt.
»Willst du mich etwa verpetzen?«, fragte Harry grinsend
»Oh - natürlich nicht - aber ehrlich gesagt, Harry -«
»Hast du die zischenden Wissbies gesehen, Harry?«, sagte
Ron, packte ihn am Arm und führte ihn hinüber zu dem Fass.
»Und die Gummischnecken? Und die Säuredrops? Als ich
sieben war, hat mir Fred einen geschenkt, und er hat mir ein
Loch durch die Zunge gebrannt, ich weiß noch, wie ihn Mum
mit dem Besen vermöbelt hat.« Ron starrte gedankenversunken
in die Schachtel mit den Säuredrops. »Meinst du, Fred wird von
den getrockneten Kakerlaken probieren, wenn ich ihm sage, es
seien Erdnüsse?«
Als Ron und Hermine all ihre Süßigkeiten bezahlt hatten,
verließen sie den Honigtopf und stürzten sich nach draußen in
den Schneesturm.
In Hogsmeade sah es aus wie auf einer Weihnachtskarte:
208
die kleinen aneinander geschmiegten Dorfhäuser und Läden
lagen unter einer Hülle pulvrigen Schnees; an den Türen hingen
Stechpalmenbündel und durch die Bäume schlangen sich
Kordeln mit Zauberkerzen.
Harry bibberte; er hatte nicht daran gedacht, seinen Umhang
mitzunehmen. Sie gingen die Straße entlang, die Köpfe gegen
den Wind geneigt, und Ron und Hermine riefen durch ihre
Schals:
»Das ist die Post -«
»Dort oben ist Zonko -«
»Wir könnten raufgehen zur Heulenden Hütte -«
»Wisst ihr was«, sagte Ron zähneklappernd, »wir könnten
doch auf ein Butterbier in die Drei Besen gehen!«
Harry war unbedingt dafür; der Wind blies heftig und er
hatte eiskalte Hände. Sie überquerten die Straße und ein paar
Minuten später betraten sie das winzige Wirtshaus.
Es war gesteckt voll, laut, warm und verräuchert. Eine recht
wohlproportionierte Frau mit hübschem Gesicht kümmerte sich
gerade um einen Klüngel grobschlächtiger Hexenmeister an der
Bar.
»Das ist Madam Rosmerta«, sagte Ron. »Ich hol uns was zu
trinken, oder?«, fügte er hinzu und errötete kaum merklich.
Harry und Hermine schlugen sich in die hintere Ecke durch,
wo ein Tisch zwischen den Fenstern frei war und ein schöner
Weihnachtsbaum neben dem Kamin stand. Ron kam nach fünf
Minuten mit drei dampfenden Krügen Butterbier zu ihnen.
»Frohe Weihnachten!«, sagte er glücklich und erhob seinen
Krug.
Harry trank mit mächtigen Schlucken. Das war das Le-
ckerste, was er je getrunken hatte, und es schien ihn von innen
bis in die letzte Pore zu erwärmen.
209
Ein jäher Windstoß zerzauste ihm das Haar. Die Tür der
Drei Besen war aufgegangen. Harry blickte über den Rand
seines Krugs hinweg und verschluckte sich.
Die Professoren McGonagall und Flitwick hatten soeben
unter Schneeflockengestöber den Pub betreten, und kurz darauf
folgte ihnen Hagrid, ganz in ein Gespräch vertieft mit einem
pummeligen Mann mit limonengrüner Melone und
Nadelstreifenumhang - Cornelius Fudge, der Minister für
Zauberei.
Ron und Hermine hatten keine Sekunde gezögert, die Hände
auf Harrys Kopf gelegt und ihn vom Stuhl weg unter den Tisch
gedrückt. Mit Butterbier bekleckert klammerte er den leeren
Krug an sich und lugte unter dem Tisch hervor nach den Füßen
der Lehrer und des Ministers, die zur Bar gingen, einen Moment
stehen blieben und dann direkt auf ihn zukamen.
Über ihm flüsterte Hermine »Mobiliarbus!«.
Der Weihnachtsbaum neben ihrem Tisch erhob sich eine
Handbreit vom Boden, schwebte zur Seite und landete mit
einem sanften Rascheln direkt vor ihrem Tisch. So versteckt,
spähte Harry durch die dichten unteren Zweige. Vier mal vier
Stuhlbeine am Nebentisch wurden über den Boden gerückt,
dann hörte er, wie sich die Lehrer und der Minister unter Ächzen
und Seufzen niederließen.
Jetzt näherte sich ein weiteres Paar Füße in funkelnd tür-
kisblauen Stöckelschuhen, und er hörte die Stimme einer Frau.
»Ein kleines Goldlackwasser
»Das ist für mich«, antwortete Professor McGonagalls
Stimme.
»Vier Halbe heißen Honig-Met.«
»Hier, Rosmerta«, sagte Hagrid.
»Kirschsirup und Soda mit Eis und Schirmchen -«
210
»Mmm!«, sagte Professor Flitwick und schnalzte mit der
Zunge.
»Dann ist der Johannisbeer-Rum für Sie, Minister.«
»Danke, Rosmerta, meine Liebe«, sagte Fudge. »Schön, Sie
mal wieder zu sehen, Wollen Sie sich nicht setzen und einen
Schluck mit uns trinken .. .«
»Oh, vielen Dank, Minister.«
Harry sah, wie die glitzernden Pumps sich entfernten und
wieder zurückkamen. Das Herz pochte ihm schmerzhaft in der
Kehle. Warum hatte er nicht daran gedacht, dass dies auch das
letzte Wochenende für die Lehrer war? Und wie lange würden
sie hier sitzen bleiben? Er brauchte Zeit, um sich wieder in den
Honigtopf zu schleichen, wenn er heute abend noch in die
Schule zurückwollte ... Hermines Bein neben ihm zuckte nervös.
»Nun, was bringt Sie ausgerechnet in dieses Nest hier, Mi-
nister?« Das war Madam Rosmertas Stimme.
Harry sah, wie sich der Unterleib des Ministers auf dem
Stuhl nach links und rechts wand, als ob er sich vergewissern
wollte, dass keiner mithörte. Dann sagte er mit gedämpfter
Stimme:
»Wer sonst, meine Liebe, als Sirius Black? Sie haben sicher
gehört, was an Halloween oben in der Schule passiert ist?«
»Gerüchteweise«, gab Madam Rosmerta zu.
»Haben Sie es im ganzen Pub herumerzählt, Hagrid?«, sagte
Professor McGonagall ungehalten.
»Glauben Sie, dass Black immer noch in der Gegend ist,
Minister?«, flüsterte Madam Rosmerta.
»Da bin ich mir sicher«, sagte Fudge knapp.
»Sie wissen doch, dass die Dementoren das ganze Dorf
zweimal durchsucht haben?«, sagte Madam Rosmerta mit einem
Anflug von Ärger in der Stimme. »Haben mir alle Kunden
verschreckt ... gar nicht gut fürs Geschäft, Minister.«
211
»Rosmerta, meine Liebe, ich mag diese Gestalten genauso
wenig wie Sie«, sagte Fudge peinlich berührt. »Das ist eine
unerlässliche Vorsichtsmaßnahme ... lästig, aber was soll man
machen ... hab gerade ein paar von ihnen gesprochen. Sie sind
wütend auf Dumbledore - er will sie nicht aufs Schulgelände
lassen.«
»Das kann ich nur unterstützen«, sagte Professor McGo-
nagall scharf. »Wie sollen wir denn unterrichten, wenn diese
Horrorgestalten um uns herumschweben?«
»Hört, hört«, quiekte der kleine Professor Flitwick, dessen
Füße eine Handbreit über dem Boden baumelten.
»Wie auch immer«, sagte Fudge zögernd, »sie sind hier, um
Sie alle vor etwas viel Schlimmerem zu schützen ... wir wissen
alle, wozu Black fähig ist ...«
»Ehrlich gesagt, ich kann es immer noch nicht fassen« sagte
Madam Rosmerta nachdenklich. »Alle möglichen Leute sind
damals auf die Dunkle Seite übergelaufen, aber ich hätte nie
gedacht, dass Sirius Black ... ich meine, ich kannte ihn als
Jungen in Hogwarts. Wenn Sie mir damals gesagt hätten, was
aus ihm werden wird, hätte ich gesagt, Sie haben ein paar Met
über den Durst getrunken.«
»Sie kennen noch nicht mal die Hälfte der Geschichte«,
sagte Fudge grummelig. »Von seiner schlimmsten Tat weiß
kaum jemand.«
»Von welcher Tat?«, fragte Madam Rosmerta neugierig.
»Schlimmer als der Mord an all diesen Menschen, meinen Sie?«
»Allerdings«, sagte Fudge.
»Das kann ich nicht glauben. Was könnte denn schlimmer
sein?«
»Sie sagen, Sie kennen ihn aus seiner Zeit in Hogwarts,
Rosmerta«, murmelte Professor McGonagall. »Wissen Sie noch,
wer sein bester Freund war?«
212
»Natürlich«, sagte Madam Rosmerta und lachte kurz auf
»Hingen zusammen wie siamesische Zwillinge, nicht wahr? Ich
weiß nicht mehr, wie oft sie hier bei mir waren - ooh, sie haben
mich immer zum Lachen gebracht. Waren ein richtiges Duett,
Sirius Black und James Potter!«
Harrys Krug fiel laut klirrend zu Boden. Ron versetzte ihm
einen Stoß.
»Genau«, sagte Professor McGonagall. »Black und Potter.
Anführer ihrer kleinen Bande. Beide sehr aufgeweckt, natürlich
- ungewöhnlich klug, wenn Sie mich fragen - doch solche zwei
Unheilstifter hatten wir wohl auch noch nie -«
»Na, ich weiß nicht«, gluckste Hagrid, »Fred und George
Weasley hätten ihnen ganz schön Konkurrenz gemacht.«
»Man hätte meinen können, Black und Potter wären Brü-
der«, flötete Professor Flitwick. »Unzertrennlich!«
»Natürlich waren sie das«, sagte Fudge. »Potter hat Black
mehr vertraut als allen seinen anderen Freunden. Und das hat
sich nicht geändert, als sie von der Schule gingen. Black war
Trauzeuge, als James und Lily heirateten. Dann baten sie ihn,
Harrys Pate zu werden. Davon hat Harry natürlich keine
Ahnung. Sie können sich vorstellen, wie ihn der Gedanke quälen
würde.«
»Weil es sich eines Tages herausstellte, dass Black auf der
Seite von Du-weißt-schon-wem stand?«, flüsterte Madam
Rosmerta.
»Schlimmer noch, meine Liebe ...« Fudge senkte die
Stimme und fuhr mit einem gedämpften Brummen fort. »Nur
wenige kennen die Tatsache, dass die Potters wussten, dass
Du-weißt-schon-wer hinter ihnen her war. Dumbledore, der
natürlich unermüdlich gegen Du-weißt-schon-wen arbeitete,
hatte eine Reihe nützlicher Spione. Einer von ihnen
hat ihm den Tipp gegeben und er hat sofort James und Lily
gewarnt. Er riet ihnen, sich zu verstecken. Nun war es
213
natürlich nicht so einfach, sich vor Du-weißt-schon-wem zu
verstecken. Dumbledore hat ihnen gesagt, sie sollten am besten
den Fidelius-Zauber anwenden.«
»Wie geht der?«, fragte Madam Rosmerta, atemlos vor
Anspannung. Professor Flitwick räusperte sich.
»Ein äußerst komplizierter Zauber«, sagte er quiekend, »bei
dem es darum geht, ein Geheimnis auf magische Weise im
Innern einer lebenden Seele zu verbergen. Die Information wird
in der gewählten Person, dem Geheimniswahrer, versteckt und
ist fortan unauffindbar - außer natürlich, der Wahrer des
Geheimnisses beschließt, es zu verraten. Solange sich der
Geheimniswahrer weigerte zu sprechen, hätte
Du-weißt-schon-wer das Dorf, in dem Lily und James lebten,
jahrelang durchsuchen können, ohne sie zu finden, nicht einmal,
wenn er die Nase gegen ihr Wohnzimmerfenster gedrückt
hätte!«
»Also war Sirius Black der Geheimniswahrer?«, flüsterte
Madam Rosmerta.
»Natürlich«, sagte Professor McGonagall. »James Potter hat
Dumbledore erzählt, dass Black eher sterben würde als zu sagen,
wo sie steckten, dass Black selbst vorhatte sich zu verstecken ...
und dennoch machte sich Dumbledore weiterhin Sorgen. Ich
weiß noch, wie er anbot, selbst der Geheimniswahrer für Potter
zu werden.«
»Hat er Black verdächtigt?«, hauchte Madam Rosmerta.
»Er war sich sicher, dass jemand, der den Potters nahe
stand, Du-weißt-schon-wen über ihre Schritte informiert hatte«,
sagte McGonagall bedrückt. »Tatsächlich hatte er schon länger
den Verdacht gehegt, dass jemand auf unserer Seite zum
Verräter geworden war und Du-weißt-schon-wem eine Menge
Informationen weitergab.«
»Aber James Potter beharrte darauf, Black zu nehmen?«
»Ja, allerdings«, sagte Fudge mit schwerer Stimme. »Und
214
dann, kaum eine Woche nachdem der Fidelius-Zauber aus-
gesprochen worden war -«
»- hat ihn Black verraten?«, keuchte Madam Rosmerta.
»Ja, so war es. Black hatte seine Rolle als Doppelagent satt,
er war bereit, offen seine Unterstützung für Du-weißt-schon-wen
zu erklären, und er scheint dies für den Tag von Potters Tod
geplant zu haben. Doch wie wir alle wissen, fand
Du-weißt-schon-wer in dem kleinen Harry Potter einen
tödlichen Gegner. Seiner Kräfte beraubt und fürchterlich
angeschlagen, machte er sich auf die Flucht. Und so steckte
Black in einer sehr üblen Lage. Sein Meister war in eben jenem
Moment gestürzt, da er, Black, seine Karten als Verräter offen
auf den Tisch gelegt hatte. Er hatte keine andere Wahl als
ebenfalls zu fliehen -«
»Dreckiger, stinkender Wechselbalg!«, rief Hagrid so laut,
dass das halbe Wirtshaus verstummte.
»Schhh!«, sagte Professor McGonagall.
»Ich hab ihn getroffen!«, sagte Hagrid. »Ich muss der Letzte
gewesen sein, der ihn gesehen hat, bevor er all diese Leute
umgebracht hat! Ich war es, der Harry Potter aus Lilys und
James' Haus gerettet hat, nachdem sie getötet wurden! Hab ihn
nur noch aus den Ruinen holen können, das arme kleine Ding,
mit einem großen Riss auf der Stirn, und beide Eltern tot ... und
dann erscheint plötzlich Sirius Black auf diesem fliegenden
Motorrad, das er damals hatte. Keine Ahnung, was er dort
suchte. Ich wusste nicht, dass er der Geheimniswahrer von Lily
und James war. Ich dachte, er hat wohl von dem Überfall gehört
und will nachsehen, ob er helfen kann. Ganz bleich war er und
gezittert hat er. Und wisst ihr, was ich gemacht hab? Ich hab den
mörderischen Verräter auch noch getröstet!«, polterte Hagrid.
»Hagrid, bitte!«, sagte Professor McGonagall, »schreien Sie
nicht so rum!«
215
»Wie sollte ich wissen, dass er nicht wegen Lily und James
so von der Rolle war? Dem ging es nur um Du-
weißt-schon-wen! Und er sagt mir noch: >Gib Harry mir,
Hagrid, ich bin sein Pate, ich kümmere mich um ihn -< Ha!
Aber ich hatte meine Anweisungen von Dumbledore, und >nein,
Black<, hab ich gesagt, >Dumbledore will, dass Harry zu seinen
Verwandten kommt<. Wir haben uns gestritten, aber am Ende
hat er nachgegeben. >Nimm mein Motorrad<, hat er gesagt,
>und bring Harry dorthin, ich brauch es nicht mehr.<
Ich hätte wissen müssen, dass da irgendwas faul war. Er war
ganz vernarrt in sein Motorrad. Weshalb hat er es mir gegeben?
Warum hat er es nicht mehr gebraucht? Tatsache war, es war zu
auffällig. Dumbledore wusste, dass er der Geheimniswahrer von
Potter war. Black wusste, dass er in dieser Nacht schleunigst
verschwinden musste, es war nur eine Frage von stunden, bis
das Ministerium ihm auf den Fersen sein würde.
Aber was, wenn ich ihm Harry gegeben hätte, eh? Ich wette,
er hätte ihn draußen über dem Meer vom Motorrad geworfen.
Der Sohn seines besten Freundes! Aber wenn ein Zauberer auf
die Dunkle Seite überwechselt, gibt es nichts und niemanden,
der ihm noch was wert ist ...«
Auf Hagrids Geschichte folgte ein langes Schweigen. Dann
sagte Madam Rosmerta mit einiger Genugtuung in der Stimme:
»Aber er hat es nicht geschafft zu verschwinden, oder? Das
Zaubereiministerium hat ihn am nächsten Tag erwischt!«
»Ach, wenn es so gewesen wäre«, sagte Fudge erbittert.
»Es waren nicht wir, die ihn gefunden haben, es war
der kleine Peter Pettigrew - auch einer von Potters Freunden
Sicher war er außer sich vor Trauer und wusste, dass Black
216
Potters Geheimnis bewahrt hat, und so hat er auf eigene Faust
nach Black gesucht.«
»Pettigrew ... dieser dicke kleine junge, der ihnen in
Hogwarts immer hinterhergeschlichen ist?«, fragte Madam
Rosmerta.
»Hat Black und Potter wie Helden verehrt«, sagte Professor
McGonagall. »Spielte allerdings nie in derselben Liga mit ihnen,
was die Begabung angeht. Ich hab ihn öfter etwas scharf
angefahren. Sie können sich vorstellen, wie ich - wie ich das
heute bedaure ...« Sie hörte sich an, als hätte sie plötzlich einen
Schnupfen.
»Nimm's dir nicht so zu Herzen, Minerva«, sagte Fudge
aufmunternd. »Pettigrew ist als Held gestorben. Die Augen-
zeugen - natürlich waren es Muggel, wir haben ihre Erinne-
rungen später gelöscht -, sie haben uns berichtet, dass Pettigrew
Black in die Enge getrieben hatte. Sie sagten, er habe
geschluchzt. >Lily und James, Sirius! Wie konntest du das tun!<
Und dann hat er nach seinem Zauberstab gegriffen. Nun,
natürlich war Black schneller. Hat Pettigrew in Stücke gerissen
...«
Professor McGonagall schnäuzte sich und sagte mit belegter
Stimme:
»Dummer Junge ... einfältiger Junge ... er war beim
Duellieren immer ein hoffnungsloser Fall ... hätte es dem
Ministerium überlassen sollen ...«
»Ich sag euch«, knurrte Hagrid, »wenn ich Black vor Pet-
tigrew in die Hände gekriegt hätte, ich hätte nicht lange mit dem
Zauberstab gefackelt - ich hätte ihm - alle - Rippen
rausgerissen.«
»Sie wissen doch nicht, wovon Sie reden, Hagrid«, sagte
Fudge scharf »Keiner außer den dafür geschulten Eingreif-
zauberern von der Magischen Polizeibrigade hätte eine Chance
gegen Black gehabt, als er in die Enge getrieben war.
217
Ich war damals als stellvertretender Minister für Zauberka-
tastrophen einer der Ersten am Tatort, nachdem Black all diese
Menschen ermordet hatte. Ich - ich werde den Anblick nie
vergessen. Ich träume heute noch manchmal davon. Ein Krater
mitten in der Straße, so tief, dass die Abflussrohre in der Erde
aufgerissen waren. Überall Leichen. Schreiende Muggel. Und
Black stand da und hat gelacht, vor ihm die Überreste von
Pettigrew ... ein blutgetränkter Umhang und ein paar - ein paar
Fetzen -«
Fudge brach ab. Harry hörte, wie Nasen geschnäuzt wurden.
»Nun, jetzt wissen Sie Bescheid, Rosmerta«, sagte Fudge
dumpf »Black wurde von zwanzig Leuten der Magischen
Pofizeibrigade abgeführt und Pettigrew hat den Orden des
Merlin erhalten, erster Klasse, was wohl seine Mutter ein wenig
getröstet hat. Black saß seit diesem Tag in Askaban.«
Madam Rosmerta stieß einen lang gezogenen Seufzer aus.
»Stimmt es, dass er verrückt ist, Minister?«
»Ich wünschte, ich könnte das behaupten«, sagte Fudge
bedächtig. »Was ich sicher weiß, ist, dass ihn die Niederlage
seines Meisters für einige Zeit aus der Bahn geworfen hat. Der
Mord an Pettigrew und all den Muggeln war die Tat eines in die
Enge getriebenen und verzweifelten Mannes - grausam ...
sinnlos. Aber bei meiner letzten Inspektion in Askaban habe ich
Black getroffen. Wissen Sie, die meisten Gefangenen dort sitzen
im Dunkeln und murmeln vor sich hin, sie haben den Verstand
verloren ... aber ich war erschrocken, wie normal Black schien.
Er hat ganz vernünftig mit mir gesprochen. Es war unheimlich.
Man hätte meinen können, er langweile sich nur - hat mich ganz
gelassen gefragt,
ob ich meine Zeitung ausgelesen hätte, er würde
nämlich gern das Kreuzworträtsel lösen. ja, ich war erstaunt,
wie wenig Wirkung die Dementoren auf ihn zu haben schie-
218
nen - und er war einer der am schärfsten bewachten Gefangenen,
müssen Sie wissen. Tag und Nacht standen sie vor seiner Zelle.«
»Aber, was glauben Sie, hat er jetzt nach seiner Flucht
vor?«, fragte Madam Rosmerta. »Meine Güte, Minister, er will
sich doch nicht etwa wieder Du-weißt-schon-wem an-
schließen?«
»Ich würde sagen, das - ähm - ist möglicherweise Blacks
Absicht«, sagte Fudge ausweichend. »Aber wir hoffen, dass wir
ihn schon bald fassen werden. Ich muss sagen, Du--
weißt-schon-wer allein und ohne Freunde ist das eine ... aber
gewinnt er seinen ergebensten Gefolgsmann zurück, dann
schaudert mir bei dem Gedanken, wie schnell er wieder an die
Macht gelangen könnte ...«
Es gab ein leises Klingen. jemand hatte sein Glas auf dem
Tisch abgestellt.
»Wissen Sie, Cornelius, wenn Sie mit dem Direktor zu
Abend essen, sollten wir jetzt besser zurück ins Schloss«, sagte
Professor McGonagall.
Ein Fußpaar nach dem anderen kam in Bewegung; Um-
hangsäume schwangen an Harrys Augen vorbei und Madam
Rosmertas glitzernde Stöckelschuhe verschwanden hinter der
Bar. Die Tür zu den Drei Besen öffnete sich, erneut wirbelten
Schneeflocken herein und die Lehrer verschwanden.
»Harry?«
Die Gesichter von Ron und Hermine erschienen unter der
Tischkante. Sie starrten Harry an und brachten kein Wort heraus.
219
Der Feuerblitz
Harry wusste nicht genau, wie er es geschafft hatte, in den
Keller des Honigtopfes, dann durch den Tunnel und wieder
zurück ins Schloss zu gelangen. jedenfalls kam es ihm vor, als
hätte er den Rückweg im Nu zurückgelegt, und er hatte nicht so
recht darauf geachtet, was er eigentlich tat, denn in seinem Kopf
schwirrten noch die Worte des Gesprächs, das er soeben mit
angehört hatte.
Warum hatte es ihm keiner gesagt? Dumbledore, Hagrid, Mr
Weasley, Cornelius Fudge ... warum hatte keiner je erwähnt,
dass Harrys Eltern gestorben waren, weil ihr bester Freund sie
verraten hatte?
Ron und Hermine warfen Harry während des Abendessens
ständig nervöse Blicke zu, doch über das Gehörte zu sprechen
trauten sie sich nicht, weil Percy ganz in der Nähe saß. Als sie
nach oben gingen, stellten sie fest, dass Fred und George in
einem Anfall von Vorfreude auf die Ferien ein halbes Dutzend
Stinkbomben in den dicht besetzten Gemeinschaftsraum
geworfen hatten. Harry wollte vermeiden, dass Fred und George
neugierig fragten, ob er nach Hogsmeade durchgekommen war.
Er stahl sich hoch in den leeren Schlafsaal und ging geradewegs
auf seine Kommode zu. Er räumte die Bücher beiseite und fand
rasch, wonach er suchte - das in Leder gebundene Fotoalbum,
das ihm Hagrid vor zwei Jahren geschenkt hatte, voller
Zauberfotos seiner Mutter und seines Vaters. Er setzte sich aufs
Bett, zog die Vorhänge zu und blätterte suchend die Seiten
durch, bis ...
220
Bei einem Bild von der Hochzeit seiner Eltern hielt er inne. Da
stand sein Vater mit dem widerborstigen, in alle
Himmelsrichtungen abstehenden tiefschwarzen Haar, das Harry
geerbt hatte, und winkte ihm strahlend zu. Und da war seine
Mutter, Arm in Arm mit seinem Vater, und sie schwebte fast vor
Glück. Und da ... das musste er sein. Der beste Freund seiner
Eltern ... Harry hatte noch nie einen Gedanken an ihn
verschwendet.
Wenn er nicht gewusst hätte, dass es Black war, wäre er
anhand dieses alten Fotos nie darauf gekommen. Sein Gesicht
war nicht eingesunken und wächsern, sondern hübsch, und er
lachte herzlich. Arbeitete er schon damals, als dieses Bild
aufgenommen wurde, für Voldemort? Plante er bereits den Tod
der beiden Menschen an seiner Seite? War ihm klar, dass ihm
zwölf Jahre in Askaban bevorstanden, zwölf Jahre, die ihn bis
zur Unkenntlichkeit entstellen würden?
Aber die Dementoren können ihm nichts anhaben, dachte
Harry und starrte in das hübsche, lachende Gesicht. Er hört ja
schließlich nicht meine Mutter schreien, wenn sie in die Nähe
kommen -
Harry klappte das Album zu, beugte sich über das Bett und
stellte es zurück in seine Kommode. Er legte den Umhang und
die Brille ab und stieg ins Bett, doch zuvor überzeugte er sich
davon, dass die Vorhänge zugezogen waren und ihn verbargen.
Die Schlafsaaltür ging auf.
»Harry?«, sagte Ron unsicher.
Doch Harry rührte sich nicht und tat, als ob er schliefe. Er
hörte, wie Ron wieder hinausging, und drehte sich dann auf den
Rücken, die Augen weit geöffnet.
Ein Hass, wie er ihn noch nie gespürt hatte, durchströmte
Harry wie Gift. Er sah Black vor sich, wie er ihn in
der Dunkelheit auslachte, als ob jemand das Bild aus dem
Album
221
über seine Augen gelegt hätte. Und als ob ihm jemand einen
Filmausschnitt zeigte, sah er, wie Sirius Black Peter Pettigrew
(der Neville Longbottom ähnelte) in tausend Stücke schoss. Er
hörte (auch wenn er keine Ahnung hatte, wie Blacks Stimme
klingen mochte) ein leises, begeistertes Murmeln. »Es ist
geschehen, mein Meister ... die Potters haben mich zu ihrem
Geheimniswahrer gemacht ...« Und dann erklang eine andere
Stimme, schrill lachend, und es war dieses Lachen, das Harry
durch den Kopf ging, wenn die Dementoren näher kamen ...
Harry hatte erst in der Morgendämmerung Schlaf gefunden Als
er schließlich aufwachte, war der Schlafsaal verlassen; er zog
sich an und stieg die Wendeltreppe hinunter in den
Gemeinschaftsraum, wo nur Ron saß, der eine Pfefferminzkröte
aß und sich den Bauch rieb, und Hermine, die ihre
Hausaufgaben über drei Tische ausgebreitet hatte.
»Wo sind sie denn alle?«, fragte Harry.
»Nach Hause! Heute ist der erste Ferientag, weißt du nicht
mehr?«, sagte Ron und musterte Harry mit scharfem Blick.
»Bald gibt's Mittagessen, ich wollte eben nach oben gehen und
dich wecken.«
Harry ließ sich in einen Sessel am Feuer fallen. Draußen vor
den Fenstern fiel immer noch Schnee. Krummbein lag vor dem
Kamin ausgestreckt wie ein großer rostroter Teppichvorleger.
»Du siehst wirklich nicht gut aus«, sagte Hermine und sah
ihn besorgt an.
»Mir geht's gut«, sagte Harry.
»Hör zu, Harry«, sagte Hermine und tauschte einen Blick
mit Ron, »du musst wirklich ziemlich durcheinander sein wegen
gestern. Aber du darfst auf keinen Fall eine Dummheit
begehen.«
222
»Was denn zum Beispiel?«, sagte Harry.
»Zum Beispiel Black jagen«, sagte Ron scharf.
Harry war sonnenklar, dass sie dieses Gespräch geübt hat-
ten, während er geschlafen hatte. Er sagte nichts.
»Das wirst du nicht tun, oder, Harry?«, sagte Hermine.
»Weil Black es nicht wert ist, dass du seinetwegen stirbst«,
sagte Ron.
Harry sah sie an. Sie schienen überhaupt nichts zu begreifen.
»Wisst ihr, was ich jedes Mal, wenn ein Dementor in meine
Nähe kommt, sehe und höre?« Ron und Hermine schüttelten die
Köpfe und warteten gespannt. »Ich kann hören, wie meine
Mutter schreit und Voldemort anfleht. Und wenn ihr eure Mutter
so hättet schreien hören, kurz bevor sie umgebracht wurde, dann
würdet ihr es nicht so schnell vergessen. Und wenn ihr
herausgefunden hättet, dass jemand, der angeblich ihr Freund
war, sie verraten und ihr Voldemort auf den Hals gehetzt hätte
-«
»Aber daran kannst du doch nichts ändern!«, sagte Hermine,
die sehr mitgenommen aussah. »Die Dementoren werden Black
fangen und ihn nach Askaban zurückbringen - geschieht ihm
recht!«
»Ihr habt gehört, was Fudge gesagt hat. Askaban setzt Black
nicht dermaßen zu wie normalen Menschen. Für ihn ist die
Strafe nicht so schlimm wie für andere.«
»Also, was willst du damit sagen?«, sagte Ron angespannt.
»Willst du etwa - Black umbringen, Harry?«
Wieder antwortete Harry nicht. Er wusste nicht, was er tun
wollte. Er wusste nur, dass er die Vorstellung, nichts zu
unternehmen, während Black in Freiheit war, fast nicht ertragen
konnte.
»Malfoy weiß es«, sagte er plötzlich. »Wisst ihr noch, was
er in Zaubertränke gesagt hat? >Ich an deiner Stelle würde ihn
selbst jagen ... ich wollte Rache.<«
223
»Willst du etwa auf Malfoys Rat hören statt auf unseren?«,
sagte Ron zornig. »Hör zu ... Weißt du, was Pettigrews Mutter
bekommen hat, nachdem Black ihn erledigt hatte? Dad hat es
mir erzählt - den Orden der Merlin, erster Klasse, und einen
Finger ihres Sohnes in einer Schachtel. Das war das größte
Stück von ihm, das sie finden konnten. Black ist wahnsinnig,
Harry, und er ist gefährlich -«
»Malfoys Vater muss es ihm erzählt haben«, sagte Harry,
ohne auf Ron zu achten.
»Er war im engsten Kreis um Voldemort -«
»Nenn ihn doch Du-weißt-schon-wer«, warf Ron unwirsch
ein.
»- also wussten die Malfoys offensichtlich, dass Black für
Voldemort arbeitete -«
»- und Malfoy würde es liebend gern sehen, wenn du auch
in eine Million Stücke zerfetzt wirst, wie Pettigrew! Begreif
doch, Malfoy wartet doch nur darauf, dass du dich umbringen
lässt, bevor er im Quidditch gegen dich spielen muss.«
»Harry, bitte«, sagte Hermine und in ihren Augen glitzerten
jetzt Tränen, »bitte sei vernünftig. Black hat etwas
Schreckliches, etwas Abscheuliches getan, aber bring dich nicht
selbst in Gefahr, das will Black doch gerade ... o Harry, du
würdest Black doch direkt in die Hände spielen, wenn du nach
ihm suchen würdest. Deine Mum und dein Dad würden nicht
wollen, dass er dir etwas antut, oder? Sie würden nie und
nimmer wollen, dass du ihn suchst!«
»Ich werde nie wissen, was sie gewollt hätten, denn dank
Black habe ich nie mit ihnen gesprochen«, sagte Harry barsch.
Stille trat ein. Krummbein reckte sich genüsslich und fuhr
seine Krallen aus. In Rons Tasche zitterte es.
»Sieh mal«, sagte Ron, offenbar auf der Suche nach
einem anderen Thema, »wir haben Ferien! Bald ist
Weihnachten!
224
Lass uns - lass uns runtergehen und bei Hagrid reinschauen, wir
haben ihn schon seit Ewigkeiten nicht mehr besucht.«
»Nein!«, warf Hermine rasch ein, »Harry darf das Schloss
nicht verlassen, Ron -«
Ja, lasst uns gehen«, sagte Harry und richtete sich auf. »dann
kann ich ihn fragen, wieso er Black immer ausgelassen hat, als
er mir alles über meine Eltern erzählte.«
Schon wieder wegen Sirius Black zu streiten war natürlich
nicht Rons Absicht gewesen.
»Oder wir könnten eine Partie Schach spielen«, sagte er
hastig, »oder Koboldstein, Percy hat ein Spiel dagelassen -«
»Nein, wir besuchen Hagrid«, sagte Harry bestimmt.
So holten sie ihre Umhänge aus den Schlafsälen, kletterten
durch das Porträtloch (»Stellt euch und kämpft, ihr gelb-
bäuchigen Bastarde«), stiegen ins verlassene Schloss hinunter
und traten durch die Eichenportale hinaus ins Freie.
Langsam schlurften sie über den Rasen und zogen einen
flachen Graben im glitzernden Pulverschnee; ihre Socken und
Umhangsäume waren durchnässt und mit Eiskrusten übersät.
Der Verbotene Wald kam ihnen vor, als wäre er verzaubert, alle
Bäume glänzten silbern und Hagrids Hütte sah aus wie ein Stück
glacierter Kuchen.
Ron klopfte, doch es kam keine Antwort.
»Er ist doch nicht etwa draußen?«, sagte Hermine, die unter
ihrem Umhang bibberte.
Doch Ron presste bereits ein Ohr an die Tür.
»Da ist so ein komisches Geräusch«, sagte er. »Hört mal -
ist das vielleicht Fang?«
Auch Harry und Hermine legten die Ohren an die Tür. Von
drinnen hörten sie ein leises, bebendes Stöhnen.
»Meint ihr, wir sollten besser jemanden holen?«, sagte Ron
nervös.
»Hagrid!«, rief Harry, »Hagrid, bist du da?«
225
Sie hörten schwere Schritte, dann ging quietschend die Tür
auf. Hagrid stand vor ihnen mit roten und verschwollenen
Augen; Tränen liefen an seiner Lederweste herunter.
»Du hast doch gehört!«, polterte er und warf sich jählings
Harry um den Hals.
Bei Hagrid, der mindestens doppelt so groß war wie ein
normaler Mensch, war dies nicht zum Lachen. Schon knickte
Harry unter Hagrids Last ein. Ron und Hermine kamen zu seiner
Rettung, packten Hagrid an den Armen und hievten ihn mit
Harrys Hilfe zurück in die Hütte. Hagrid ließ es zu, dass sie ihn
zu einem Stuhl bugsierten. Er sackte über dem Tisch zusammen
und fing haltlos an zu schluchzen; sein Gesicht glitzerte von
Tränen, die auf seinen krausen Bart tropften.
»Hagrid, was ist denn los?«, fragte Hermine vollkommen
baff.
Erst jetzt bemerkte Harry einen amtlich wirkenden Brief
aufgefaltet auf dem Tisch liegen.
»Was ist das, Hagrid?«
Hagrid begann noch heftiger zu schluchzen, doch er schob
Harry den Brief zu. Der hob ihn hoch und las vor:
Sehr geehrter Mr Hagrid,
im Zuge unserer Untersuchung des Angriffs eines Hippogreifs
auf einen Schüler in Ihrem Unterricht vertrauen wir der
Versicherung Professor Dumbledores, dass Sie für den
bedauerlichen Zwischenfall keine Verantwortung tragen.
»Na also, Hagrid, ist doch gut!«, sagte Ron und klatschte Hagrid
auf die Schulter. Doch Hagrid schluchzte nur und mit seiner
Riesenpranke gestikulierend bedeutete er Harry, den Brief
weiterzulesen.
226
Allerdings müssen wir unsere Besorgnis über den fraglichen
Hippogreif zum Ausdruck bringen. Wir haben beschlossen, die
offizielle Beschwerde von Mr Lucius Malfoy zu unterstützen,
und übergeben die Angelegenheit daher dem Ausschuss für die
Beseitigung gefährlicher Geschöpfe. Die Anhörung findet am
20.
April statt und wir bitten Sie, sich an diesem Tag mit Ihrem
Hippogreif in den Amtsräumen des Ausschusses in London
einzufinden. In der Zwischenzeit muss der Hippogreif von den
anderen Tieren abgesondert und angebunden werden.
Mit kollegialen Grüßen
Es folgte eine Liste der Schulbeiräte.
»Oh«, sagte Ron. »Aber du hast gesagt, Seidenschnabel ist
kein schlechter Hippogreif, Hagrid. Ich wette, er kommt davon
-«
»Du kennst diese Widerlinge in diesem Ausschuss nicht!«,
würgte Hagrid hervor und wischte sich das Gesicht mit dem
Ärmel. »Die haben's auf interessante Geschöpfe abgesehen!«
Ein plötzliches Geräusch von hinten ließ Harry, Ron und
Hermine herumfahren. Seidenschnabel, der Hippogreif, lag in
einer Ecke der Hütte und hackte auf etwas herum, aus dem Blut
über den ganzen Boden sickerte.
»Ich konnte ihn doch nicht angebunden draußen im Schnee
lassen«, schluchzte Hagrid. »Ganz alleine! Und an
Weihnachten!«
Harry, Ron und Hermine sahen sich an. Sie hatten mit
Hagrid nie ernsthaft über die »interessanten Geschöpfe« ge-
sprochen, wie er sie nannte, während andere Leute von
»schrecklichen Monstern« sprachen. Andererseits schien von
Seidenschnabel keine besondere Gefahr auszugehen. Und wenn
sie an Hagrids andere Monster dachten, wirkte er sogar ganz
niedlich.
227
»Du musst dir eine gute und starke Verteidigung einfallen
lassen, Hagrid«, sagte Hermine, während sie sich setzte und die
Hand auf Hagrids massigen Unterarm legte. »Ich bin sicher, du
kannst beweisen, dass Seidenschnabel ganz harmlos ist.«
»Das macht auch kein' Unterschied«, jammerte Hagrid.
»Diese Teufel vom Beseitigungsausschuss, die hat Lucius
Malfoy doch alle in der Tasche! Haben Angst vor ihm! Und
wenn ich bei der Anhörung verliere, wird Seidenschnabel -«
Hagrid fuhr flink mit dem Finger über seinen Hals, dann
brach er in lautes Wehklagen aus und ließ seinen Kopf auf die
Arme fallen.
»Was ist mit Dumbledore, Hagrid?«, sagte Harry.
»Der hat schon viel zu viel für mich getan«, stöhnte Hagrid.
»Hat genug Scherereien, muss diese Dementoren vom Schloss
fernhalten, und dazu kommt noch Sirius Black, der hier
rumschleicht -«
Ron und Hermine warfen Harry einen raschen Blick zu, als
ob sie erwarteten, er würde Hagrid ausschelten, weil er ihm
nicht die Wahrheit über Black gesagt hatte. Doch Harry brachte
es nicht über sich, nicht jetzt, da er Hagrid so bedrückt und
verängstigt vor sich sah.
»Hör zu, Hagrid«, sagte er, »Hermine hat Recht. Du darfst
nicht aufgeben, du brauchst nur eine gute Verteidigung. Du
kannst uns als Zeugen aufrufen -«
»Ich bin mir fast sicher, dass ich mal von einem Rechtsstreit
wegen einer Hippogreif-Schlägerei gelesen habe«, sagte
Hermine nachdenklich, »und der Hippogreif ist da-
vongekommen. Ich schlag's für dich nach, Hagrid, und seh mir
an, was da genau passiert ist.«
Hagrid heulte nur noch lauter. Harry und Hermine wandten
sich Hilfe suchend an Ron.
»Ähm - soll ich 'ne Tasse Tee machen?«
228
Harry starrte ihn an.
»Das tut meine Mum auch immer, wenn jemand durch-
gedreht ist«, murmelte Ron schulterzuckend.
Endlich, nachdem sie Hagrid noch viele Male ihre Hilfe
versprochen hatten und er eine dampfende Tasse Tee vor sich
hatte, schnäuzte er sich mit einem tischtuchgroßen Taschentuch
und sagte:
»Ihr habt Recht, ich kann hier nicht einfach in Grund und
Boden versinken. Muss mich zusammenreißen ...«
Fang, der Saurüde, kroch schüchtern unter dem Tisch hervor
und legte den Kopf auf Hagrids Knie.
»War in letzter Zeit einfach nicht mehr der Alte«, sagte
Hagrid und streichelte Fang mit einer Hand und wischte sich das
Gesicht mit der andern. »Mach mir Sorgen wegen
Seidenschnabel, und dass keiner meinen Unterricht mag -«
»Wir finden ihn gut!«, log Hermine sofort.
»Ja, ist wirklich toll!«, sagte Ron und kreuzte dabei die
Finger unter dem Tisch. »Ahm - wie geht's den Flubber-
würmern?«
»Tot«, sagte Hagrid düster. »Zu viel Salat.«
»O nein!«, sagte Ron mit zuckenden Lippen.
»Und diese Dementoren spielen mir ganz übel mit, könnt ihr
glauben«, sagte Hagrid unter jähem Schaudern. »Muss jedes
Mal an denen vorbei, wenn ich in den Drei Besen einen trinken
will. Als ob ich wieder in Askaban wäre -«
Er verfiel in Schweigen und nahm nur noch hin und wieder
einen Schluck Tee. Harry, Ron und Hermine starrten ihn
atemlos gespannt an. Nie hatte er ihnen von seiner kurzen Haft
in Askaban erzählt. Nach einer Weile sagte Hermine schüchtern:
»Ist es schlimm dort, Hagrid?«
»Du hast ja keine Ahnung«, sagte Hagrid leise. »Hab noch
nie so was erlebt. Dachte, ich würde verrückt. Ständig ging
229
mir fürchterliches Zeugs durch den Kopf ... der Tag, an dem sie
mich aus Hogwarts rausgeworfen haben ... der Tag, an dem
mein Dad gestorben ist ... der Tag, an dem ich Norbert gehen
lassen musste ...«
Seine Augen füllten sich mit Tränen. Norbert war das Dra-
chenbaby, das Hagrid einst beim Kartenspiel gewonnen hatte.
»Du weißt nach 'ner Zeit nicht mehr, wer du bist. Und du
weißt nicht mehr, warum du überhaupt noch leben sollst. Ich hab
immer gehofft, ich würd einfach im Schlaf sterben ... als sie
mich rausgelassen haben, war es, als wär ich neu geboren, alles
kam wieder auf mich eingeströmt, es war das schönste Gefühl
der Welt. Aber ich sag euch, die Dementoren waren gar nicht
begeistert davon, dass sie mich gehen lassen mussten.«
»Aber du warst unschuldig!«, sagte Hermine.
Hagrid schnaubte.
»Glaubt ihr, das spielt für die 'ne Rolle? Ist ihnen schnurz-
egal. Solange ein paar hundert Menschen dort um sie her
festsitzen und sie ihnen alles Glück aussaugen können, schert es
sie keinen Deut, wer schuldig ist und wer nicht.«
Hagrid verstummte einen Moment und starrte in seinen Tee.
Dann sagte er leise:
»Dachte, ich lass Seidenschnabel einfach frei ... vielleicht
krieg ich ihn dazu, fortzufliegen ... Aber wie erklärst du einem
Hippogreif, dass er sich verstecken muss? Und - und ich hab
Angst, das Gesetz zu brechen ...« Er sah sie an und wieder
rannen Tränen über seine Wangen. »Ich will nie mehr zurück
nach Askaban.«
Der Besuch bei Hagrid war zwar nicht gerade lustig
gewesen, doch er hatte die Wirkung, die Ron und Hermine
erhofft hatten. Obwohl Harry Black keineswegs vergessen
hatte, konnte er nicht ständig über Rache nachbrüten, wenn
230
er Hagrid in seiner Sache gegen den Ausschuss für die Be-
seitigung gefährlicher Geschöpfe helfen wollte. Am nächsten
Tag gingen er, Ron und Hermine in die Bibliothek und kehrten
mit den Armen voller Bücher in den leeren Geineinschaftsraum
zurück. Vielleicht stand etwas Hilfreiches für die Verteidigung
Seidenschnabels drin. Alle drei setzten sich vor das prasselnde
Feuer und blätterten langsam durch die Seiten der verstaubten
Bände über berühmte Fälle wild gewordener Biester. Nur
gelegentlich wechselten sie ein paar Worte, wenn sie auf etwas
Wichtiges stießen.
»Hier ist was ... im Jahr 1722 gab es einen Fall ... aber der
Hippogreif wurde verurteilt - urrgh, schaut mal, was sie mit ihm
gemacht haben, das ist ja abscheulich -«
»Das hilft uns vielleicht weiter, seht mal – im Jahr 1296 hat
ein Mantikor jemanden zerfleischt und sie haben ihn freige-
lassen – oh - nein, das war nur, weil sie alle zu viel Angst hatten
und keiner sich in seine Nähe traute ...«
Unterdessen war das Schloss wie immer herrlich weih-
nachtlich geschmückt worden, auch wenn kaum Schüler da-
geblieben waren, die sich darüber freuen konnten. Dicke
Büschel aus Stechpalmenzweigen und Misteln zogen sich die
Korridore entlang, aus den Rüstungen leuchteten geheimnisvolle
Lichter und in der Großen Halle prangten die üblichen zwölf
Weihnachtsbäume, an denen goldene Sterne glitzerten. Ein
überwältigender und leckerer Geruch aus den Küchen wehte
durch die Korridore und am Weihnachtsabend war er so stark
geworden, dass selbst Krätze die Nase aus Rons schützender
Tasche herausstreckte und hoffnungsvoll schnupperte.
Am Weihnachtsmorgen weckte Ron Harry, indem er ihm
ein Kissen an den Kopf warf.
»Hallo! Geschenke!«
Harry tastete nach seiner Brille und setzte sie auf, dann
231
schaute er durch das Halbdunkel zum Bettende, wo ein kleiner
Haufen Päckchen lag. Ron war schon dabei, das Papier von
seinen Geschenken zu reißen.
»Noch ein Pulli von Mum ... wieder kastanienbraun sieh
nach, ob du auch einen hast.«
Harry hatte. Mrs Weasley hatte ihm einen scharlachroten
Pulli geschickt, den Gryffindor-Löwen auf die Brust gestickt,
zusammen mit einem Dutzend selbst gebackener
Pfefferminztörtchen, einem Stück Weihnachtskuchen und einer
Schachtel Nusskrokant. Als er all diese Sachen beiseite schob,
sah er ein langes, schmales Paket darunter liegen.
»Was ist das?«, fragte Ron, der mit einem frisch ausge-
packten Paar kastanienbrauner Socken in der Hand zu ihm
herübersah.
»Keine Ahnung ...«
Harry riss das Päckchen auf und erstarrte mit offenem
Mund, als ein schimmernder Besen auf seine Bettdecke rollte.
Ron ließ die Socken fallen und sprang vom Bett, um sich die
Sache näher anzusehen.
»Ich fass es nicht«, sagte er mit rauer Stimme.
Es war ein Feuerblitz, der gleiche wie der Traumbesen, den
sich Harry Tag für Tag in der Winkelgasse angesehen hatte. Der
Stiel glänzte, als er ihn hochhielt. Er spürte ihn vibrieren und
ließ ihn los; er blieb mitten in der Luft schweben, ohne Halt, auf
genau der richtigen Höhe, um ihn besteigen zu können. Harrys
Augen wanderten von der goldenen Seriennummer an der Spitze
des Stiels hinüber zu den vollkommen glatten,
stromlinienförmig gestutzten Birkenzweigen, die den Schweif
bildeten.
»Wer hat dir den geschickt?«, fragte Ron mit andächtiger
Stimme.
»Schau nach, ob irgendwo eine Karte rumliegt«, sagte
Harry.
232
Ron zerriss die Verpackung des Feuerblitzes.
»Nichts! Meine Güte, wer sollte denn so viel Gold für dich
ausgeben?«
»Nun«, sagte Harry völlig verdutzt, »ich wette jedenfalls,
dass es nicht die Dursleys waren.«
»Ich wette, es war Dumbledore«, sagte Ron, der jetzt Runde
um Runde um den Feuerblitz drehte und jeden herrlichen
Zentimeter genüsslich betrachtete. »Er hat dir auch den
Tarnumhang anonym geschickt ...«
»Der gehörte allerdings meinem Dad«, sagte Harry.
»Dumbledore hat ihn nur an mich weitergegeben. Er würde
keine fünfhundert Galleonen für mich ausgeben. Das kann er
einfach nicht machen, seinen Schülern solche Sachen schenken
-«
»Deshalb sagt er ja nicht, dass es von ihm ist!«, sagte Ron,
»damit so 'n Dödel wie Malfoy nicht sagen kann, er würde dich
bevorzugen. Hei, Harry -«, Ron lachte schallend auf, »Malfoy!
Warte, bis er dich auf dem Besen sieht! Dem wird speiübel
werden! Dieser Besen ist nach internationalem Standard gebaut,
sag ich dir!«
»Ich kann's einfach nicht glauben«, murmelte Harry und
fuhr mit der Hand über den Feuerblitz, während Ron auf Harrys
Bett sank und sich dumm und dusselig lachte beim Gedanken an
Malfoy. »Wer -?«
»Ich weiß«, sagte Ron und gab sich einen Ruck. »Ich weiß,
wer es sein könnte - Lupin!«
»Was?«, sagte Harry und fing jetzt selbst an zu lachen.
»Lupin? Hör mal, wenn der so viel Gold hätte, könnte er sich
doch einen neuen Umhang zulegen.«
»Ja, schon, aber er mag dich«, sagte Ron. »Und er war nicht
da, als dein Nimbus zu Bruch ging, und hat vielleicht davon
gehört und beschlossen, dir in der Winkelgasse den Besen zu -«
233
»Was meinst du damit, er war nicht da?«, sagte Harry. »Er
war krank, als wir dieses Spiel hatten.«
Jedenfalls war er nicht im Krankenflügel«, sagte Ron. »Ich
war nämlich da und hab die Bettpfannen geputzt, du weißt doch,
diese Strafarbeit von Snape?«
Harry sah Ron stirnrunzelnd an.
»Ich glaub nicht, dass Lupin sich so etwas leisten kann.«
»Worüber lacht ihr beide denn?«
Hermine war in ihrem Morgenmantel und mit Krummbein
auf dem Arm hereingekommen. Der Kater schien über sein
Halsband aus Lametta nicht gerade erfreut und schaute grantig
aus den Augen.
»Bring ihn bloß nicht hier rein!«, sagte Ron, wühlte rasch in
den Untiefen seines Bettes nach Krätze und verstaute ihn in
seiner Schlafanzugjacke. Doch Hermine achtete nicht auf ihn.
Sie ließ Krummbein auf das leere Bett von Seamus fallen und
starrte mit offenem Mund auf den Feuerblitz.
»O Harry! Wer hat dir den denn geschenkt?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry. »War keine Karte oder so
was dabei.«
Zu seiner großen Verwunderung schien Hermine von dieser
Mitteilung weder besonders überrascht noch begeistert. Im
Gegenteil, sie zog eine Schnute und biss sich auf die Lippen.
»Was ist los mit dir?«, fragte Ron.
»Ich weiß nicht«, sagte sie langsam, »aber es ist ein wenig
merkwürdig, oder? Das ist doch angeblich ein ziemlich guter
Besen, oder?«
Ron seufzte ungehalten.
»Das ist der beste Besen, den es gibt, Hermine«, sagte er.
»Also muss er ziemlich teuer gewesen sein ...«
»Hat wahrscheinlich mehr gekostet als alle Besen der Sly-
therins zusammen«, sagte Ron ausgelassen.
234
»Na also ... wer würde Harry etwas so Teures schicken und
nicht einmal seinen Namen verraten?«, sagte Hermine.
»Wen kümmert das?«, sagte Ron ungeduldig. »Hör mal,
Harry, kann ich ihn kurz ausfliegen?«
»Ich glaube nicht, dass einer von euch gerade jetzt mit
diesem Besen fliegen sollte!«, sagte Hermine schrill.
Harry und Ron starrten sie an.
»Was, glaubst du, soll Harry damit anfangen - den Boden
fegen?«, sagte Ron.
Doch bevor Hermine antworten konnte, sprang Krummbein
von Seamus' Bett herüber und warf sich mit ausgefahrenen
Krallen auf Rons Brust.
»Schmeiß - das - Biest - hier - raus!«, brüllte Ron, während
Krummbein seinen Schlafanzug zerfetzte und Krätze einen
verzweifelten Fluchtversuch über seine Schultern unternahm.
Ron packte Krätze am Schwanz und trat mit dem Fuß nach
Krummbein, jedoch vergeblich, denn er traf nur den Koffer am
Fuß von Harrys Bett. Der Koffer kippte um und Ron hopste
jaulend vor Schmerz auf einem Fuß durch das Zimmer.
Plötzlich sträubte sich Krummbeins Fell. Ein schrilles,
blechernes Pfeifen erfüllte den Raum. Das Taschenspickoskop
war aus Onkel Vernons alten Socken gekullert und lag jetzt
surrend und blitzend auf dem Boden.
»Das hab ich ganz vergessen!«, sagte Harry, bückte sich und
hob das Spickoskop auf »Diese Socken trag ich möglichst nie
...«
Das Spickoskop surrte und pfiff in seiner Hand. Krummbein
starrte es fauchend und knurrend an.
Ron saß auf Harrys Bett und rieb sich den Zeh. »Den
Kater bringst du jetzt besser raus, Hermine«, sagte er wütend.
»Kannst du dieses Ding nicht abstellen?«, fügte er an
Harry gewandt hinzu, während Hermine mit Krummbein, dessen
235
gelbe Augen immer noch heimtückisch auf Ron gerichtet waren,
mit erhobenem Haupt hinausmarschierte.
Harry stopfte das Spickoskop zurück in die Socken und warf
es in seinen Koffer. Alles, was sie jetzt noch hören konnten,
waren Rons gestöhnte Schmerzens- und Wutbekundungen.
Krätze rollte sich in Rons Händen ein. Harry hatte die Ratte
schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, und er war
unangenehm überrascht, dass sie, einst so fett, jetzt ganz
abgemagert war; auch schienen ihr ganze Büschel Fell
ausgefallen zu sein.
»Sieht nicht besonders gesund aus, oder?«, sagte Harry.
»Das ist die Aufregung!«, sagte Ron. »Wenn dieser blöde
Riesenmuff ihn nur in Ruhe lassen würde, ging's ihm besser!«
Doch Harry, der noch wusste, dass die Frau in der Magi-
schen Menagerie gesagt hatte, Ratten lebten nur drei Jahre, be-
schlich die ungute Ahnung, dass Krätze, wenn er nicht bald mit
Kräften aufwartete, die er bisher verborgen hatte, das Ende
seines Lebens erreicht hatte. Und trotz Rons ständiger
Beschwerden, dass Krätze langweilig und nutzlos sei, war er
sicher, dass Ron sehr traurig sein würde, wenn Krätze tot wäre.
Weihnachtlicher Geist war an diesem Morgen im Ge-
meinschaftsraum der Gryffindors gewiss nicht übermäßig zu
spüren. Hermine hatte Krummbein in ihrem Schlafsaal
eingeschlossen, war jedoch sauer auf Ron, weil er nach ihm
getreten hatte. Ron rauchte immer noch vor Zorn wegen
Krummbeins neuerlichem Versuch, Krätze zu verspeisen. Harry
gab die Hoffnung auf, er könnte die beiden dazu bringen,
sich wieder zu versöhnen, und wandte sich dem Feuerblitz
zu, den er mit in den Gemeinschaftsraum genommen hatte.
Aus irgendeinem Grund schien sich Hermine auch
darüber zu ärgern; sie sagte nichts, warf jedoch ständig miss-
236
mutige Blicke auf den Besen, als ob auch er ihren Kater be-
krittelt hätte.
Zum Mittagessen gingen sie hinunter in die Große Halle.
Die Tische der vier Häuser waren erneut an die Wände gerückt
worden und ein einziger Tisch, gedeckt für zwölf, stand in der
Mitte. Die Professoren Dumbledore, McGonagall, Snape, Sprout
und Flitwick saßen da, zusammen mit Filch, dem Hausmeister,
der seine übliche braune Jacke abgelegt hatte und einen sehr
alten und recht mottenzerfressen aussehenden Frack trug. Es
waren nur noch drei andere Schüler da, zwei äußerst aufgeregt
wirkende Erstklässler und ein schmollgesichtiger Fünftklässler
von den Slytherins.
»Fröhliche Weihnachten!«, sagte Dumbledore, als Harry,
Ron und Hermine auf den Tisch zukamen. »Da wir so wenige
sind, schien es mir albern, die Haustische zu nehmen ... setzt
euch, setzt euch!«
Harry, Ron und Hermine setzten sich nebeneinander an das
eine Ende des Tisches.
»Knallbonbons!«, sagte Dumbledore begeistert und bot
Snape die Verschnürung eines großen silbernen Bonbons an.
Snape packte es zögernd und zog daran. Laut wie ein Pisto-
lenknall flog das Knallbonbon auseinander und es erschien ein
großer spitzer Hexenhut, auf dem ein ausgestopfter Geier saß.
Harry, dem die Geschichte mit dem Irrwicht einfiel, fing
Rons Blick auf und beide grinsten; Snape presste die Lippen
zusammen und schob den Hut zu Dumbledore hinüber, der ihn
sofort anstelle seines Zaubererhuts aufsetzte.
»Haut rein!«, wies er die Tischgesellschaft an und strahlte in
die Runde.
Während sich Harry Bratkartoffeln auftat, öffneten sich
erneut die Türen der Großen Halle. Es war Professor Tre-
237
lawney, die wie auf Rädern zu ihnen herübergeglitten kam. Zur
festlichen Gelegenheit hatte sie ein grünes, silbern besticktes
Kleid angezogen, das sie mehr denn je wie eine glitzernde,
übergroße Libelle aussehen ließ.
»Sibyll, das ist ja eine angenehme Überraschung!«, sagte
Dumbledore und erhob sich.
»Ich habe in die Kristallkugel geschaut, Direktor«, sagte
Professor Trelawney mit ihrer rauchigsten, unirdischsten
Stimme, »und zu meiner Verwunderung sah ich, wie ich mein
einsames Mahl stehen ließ und mich Ihnen anschloss. Sollte ich
denn die Winke des Schicksals missachten? Auf der Stelle
verließ ich meinen Turm und ich bitte Sie inständig, die
Verspätung zu entschuldigen ...«
»Aber gewiss, gewiss«, sagte Dumbledore mit funkelnden
Augen. »Lassen Sie mich einen Stuhl für Sie zeichnen -«
Und tatsächlich zeichnete er mit dem Zauberstab einen Stuhl
in die Luft, der sich ein paar Sekunden drehte und dann mit
einem dumpfen Knall zwischen die Professoren Snape und
McGonagall fiel. Professor Trelawney jedoch setzte sich nicht;
ihre riesigen Augen waren am Tisch entlanggewandert und
plötzlich stieß sie einen gedämpften Schrei aus.
»Ich wage es nicht, Direktor! Wenn ich mich dazusetze,
sind wir dreizehn! Nichts bringt mehr Unglück! Vergessen Sie
nie, wenn dreizehn bei Tisch sitzen, wird der Erste, der sich
erhebt, sterben!«
»Das werden wir riskieren, Sibyll«, sagte Professor McGo-
nagall ungeduldig. »Bitte setzen Sie sich, der Truthahn wird
langsam kalt.«
Professor Trelawney zögerte, dann ließ sie sich auf den
leeren Stuhl nieder, mit geschlossenen Augen und zusam-
mengepresstem Mund, als ob sie fürchtete, ein Gewitterblitz
würde auf dem Tisch einschlagen. Professor McGonagall rührte
mit einem großen Löffel in einer Terrine.
238
»Kutteln, Sibyll?«
Professor Trelawney achtete nicht auf sie. Sie öffnete die
Augen und blickte erneut in die Runde.
»Aber wo ist der liebe Professor Lupin?«
»Ich fürchte, der arme Kerl ist schon wieder krank«, sagte
Dumbledore und bedeutete mit einer Handbewegung, dass sich
nun alle bedienen sollten. »Großes Pech, dass es ausgerechnet
an Weihnachten passiert.«
»Aber Sie haben das doch sicher gewusst, Sibyll?«, sagte
Professor McGonagall mit hochgezogenen Augenbrauen.
Professor Trelawney schenkte Professor McGonagall einen
sehr kühlen Blick.
»Natürlich wusste ich es, Minerva«, sagte sie leise. »Aber
man geht nicht mit der Tatsache hausieren, dass man allwissend
ist. Häufig tue ich so, als ob ich nicht im Besitz des Inneren
Auges wäre, um andere nicht nervös zu machen.«
»Das erklärt eine ganze Menge«, sagte Professor McGo-
nagall säuerlich.
Professor Trelawneys Stimme war plötzlich um einiges
weniger rauchig.
»Wenn du es also unbedingt wissen musst, Minerva, ich
habe gesehen, dass Professor Lupin nicht lange bei uns bleiben
wird. Er selbst scheint zu wissen, dass seine Zeit knapp
bemessen ist. Er ist buchstäblich geflohen, als ich ihm anbot, für
ihn in die Kristallkugel zu schauen -«
»Nicht zu fassen«, sagte Professor McGonagall trocken.
»Ich glaube nicht, dass Professor Lupin in unmittelbarer
Gefahr ist«, sagte Dumbledore fröhlich, doch mit leisem
Nachdruck, was das Gespräch der beiden Lehrerinnen beendete.
»Severus, Sie haben ihm doch noch einmal diesen Trank
gebraut?«
»ja, Direktor«, sagte Snape.
»Gut«, sagte Dumbledore. »Dann sollte er im Nu wieder
239
auf den Beinen sein ... Derek, hast du schon von diesen
Grillwürstchen gekostet? Sie sind köstlich.«
Der junge aus der ersten Klasse, so direkt von Dumbledore
angesprochen, errötete bis zu den Haarspitzen und griff mit
zitternden Händen nach der Platte mit den Würstchen.
Professor Trelawney verhielt sich die nächsten zwei Stunden
bis zum Ende des Weihnachtsmahles fast normal. Zum Platzen
voll und mit den Hüten aus den Knallbonbons auf den Köpfen
erhoben sich Harry und Ron als Erste von der Tafel. Und da
kreischte sie laut auf.
»Meine Lieben! Wer von euch ist zuerst aufgestanden?
Wer?«
»Keine Ahnung«, sagte Ron und sah Harry verlegen an.
»Ich denke nicht, dass es eine Rolle spielt«, sagte Professor
McGonagall kühl, »außer wenn ein Verrückter mit einer Axt
draußen vor der Tür wartet, um den Ersten zu meucheln, der in
die Eingangshalle kommt.«
Selbst Ron lachte. Professor Trelawney sah höchst pikiert
aus.
»Kommst du?«, sagte Harry zu Hermine.
»Nein«, murmelte Hermine, »ich möchte noch kurz mit
Professor McGonagall sprechen.«
»Fragt wahrscheinlich, ob sie noch mehr Unterricht nehmen
kann«, gähnte Ron, als sie in die Eingangshalle traten, in der
weit und breit kein verrückter Axtmörder zu sehen war.
Am Porträtloch angelangt, stellten sie fest, dass Sir Cadogan
eine Weihnachtsparty mit ein paar Mönchen, einigen
ehemaligen Schulleitern von Hogwarts und seinem fetten Pony
feierte. Er schob sein Visier hoch und prostete ihnen mit einem
Krug Met zu.
»Fröhliche - hicks - Weihnachten! Passwort?«
»Fieser Hund.«
240
»Und Sie auch, Sir!«, dröhnte Sir Cadogan, als das Gemälde
zur Seite schwang und sie einließ.
Harry ging gleich hoch in den Schlafsaal, holte den Feuer-
blitz und das Besenpflege-Set, das ihm Hermine zum Geburtstag
geschenkt hatte, brachte sie herunter und suchte dann nach
etwas, was er am Feuerblitz ausbessern konnte. Allerdings gab
es keine verbogenen Zweige, die man abschnippeln konnte, und
der Stiel glänzte so, dass es unsinnig schien, ihn zu polieren. Er
und Ron bewunderten ihn einfach aus allen Richtungen, bis sich
das Porträtloch öffnete und Hermine hereinkam, begleitet von
Professor McGonagall.
Obwohl Professor McGonagall die Leiterin des Hauses
Gryffindor war, hatte Harry sie bisher nur einmal im Ge-
meinschaftsraum gesehen, und das wegen einer sehr ernsten
Ankündigung. Die beiden Jungen, die noch immer den Feu-
erblitz in Händen hielten, starrten ihre Lehrerin an. Hermine
ging um sie herum, setzte sich, griff sich das nächste Buch und
verbarg ihr Gesicht dahinter.
»Das ist er also, nicht wahr?«, sagte Professor McGonagall
umstandslos, ging hinüber zum Kamin und musterte den
Feuerblitz. »Miss Granger hat mir soeben mitgeteilt, dass man
Ihnen einen Besen geschickt hat, Potter.«
Harry und Ron wandten sich zu Hermine um. Sie konnten
sehen, wie ihre Stirn über dem Buch, das sie falsch herum hielt,
rot anlief
»Darf ich mal?«, sagte Professor McGonagall, wartete je-
doch nicht auf eine Antwort und zog ihnen den Feuerblitz
stracks aus den Händen. Sie untersuchte ihn sorgfältig vom Stiel
bis zu den Zweigspitzen. »Hmm. Und keine Notiz dazu, Potter?
Keine Karte? Keine Mitteilung irgendwelcher Art?«
»Nein«, sagte Harry schlicht.
241
»Verstehe ...«, sagte Professor McGonagall. »Nun, ich
fürchte, ich werde ihn beschlagnahmen müssen, Potter.«
»W ... wie bitte?«, sagte Harry und rappelte sich hoch.
»Warum?«
»Er muss auf Zauberflüche überprüft werden«, sagte Pro-
fessor McGonagall. »Ich bin natürlich keine Fachfrau, aber ich
bin sicher, Madam Hooch und Professor Flitwick werden ihn
auseinander nehmen.«
»Ihn auseinander nehmen?«, wiederholte Ron, als ob Pro-
fessor McGonagall verrückt geworden wäre.
»Es dürfte nicht mehr als ein paar Wochen dauern«, sagte
Professor McGonagall. »Sie bekommen ihn zurück, wenn wir
sicher sind, dass er nicht verhext ist.«
»Der ist völlig in Ordnung!«, sagte Harry mit leichtem
Zittern in der Stimme. »Ehrlich, Professor -«
»Das können Sie nicht wissen, Potter«, sagte Professor
McGonagall recht freundlich, »jedenfalls nicht, bis Sie ihn
geflogen haben, und ich fürchte, das kommt nicht in Frage, bis
wir sicher sind, dass damit kein Hokuspokus getrieben wurde.
Ich werde Sie auf dem Laufenden halten.«
Professor McGonagall machte auf dem Absatz kehrt und
trug den Feuerblitz aus dem Porträtloch, das sich hinter ihr
schloss. Harry stand da und starrte ihr nach, die Dose mit der
Hochglanzpolitur immer noch in der Hand. Ron jedoch machte
sich über Hermine her.
»Wieso rennst du eigentlich zu McGonagall?«
Hermine warf ihr Buch beiseite. Sie war immer noch rosa
im Gesicht, doch sie stand auf und sah Ron verteidigungslustig
ins Gesicht.
»Weil ich dachte - und Professor McGonagall stimmt mir zu
-, dass es vielleicht Sirius Black war, der Harry den Besen
geschickt hat!«
242
Der Patronus
Hermine hatte es gut gemeint, das wusste Harry, und den-
noch war er wütend auf sie. Ein paar Stunden lang hatte er den
besten Besen der Welt besessen, und jetzt, weil sie sich
eingemischt hatte, würde er ihn vielleicht nie mehr wieder
sehen. Er war sich inzwischen sicher, dass mit dem Feuerblitz
alles in Ordnung war, doch wie würde er aussehen, wenn sie ihn
erst einmal übergründlich auf alle möglichen bösen Zauber
untersucht hatten?
Auch Ron war wütend auf Hermine. Wenn man ihn fragte,
so war die Zerlegung eines brandneuen Feuerblitzes nichts
anderes als kriminelle Sachbeschädigung. Hermine blieb fest
davon überzeugt, nur zu Harrys Wohl gehandelt zu haben, und
erschien immer seltener im Gemeinschaftsraum. Harry und Ron
vermuteten, dass sie in der Bibliothek Zuflucht gesucht hatte,
und versuchten erst gar nicht, sie zurückzuholen. Letztendlich
waren sie froh, als kurz nach Neujahr. die anderen Schüler
zurückkehrten und es im Turm der Gryffindors wieder laut und
wild zuging.
Am Abend vor dem ersten Unterrichtstag nahm Wood Harry
beiseite.
»Schöne Weihnachten gehabt?« Ohne eine Antwort ab-
zuwarten fuhr er mit gedämpfter Stimme fort: »Ich hab in den
Ferien ein wenig nachgedacht, Harry. Über das letzte Spiel, du
weißt. Wenn die Dementoren auch zum nächsten kommen ... ich
meine wir können es uns nicht leisten, dass - nun ja -«
243
Wood brach mit verlegenem Blick ab.
»Ich unternehm schon was dagegen«, sagte Harry rasch.
»Professor Lupin hat versprochen, mir Unterricht zu geben, wie
ich mir die Dementoren vom Leib halten kann. Wir wollten
eigentlich diese Woche anfangen, er meinte, nach Weihnachten
hätte er Zeit.«
»Ah«, sagte Wood und seine Miene hellte sich auf, »gut,
wenn das so ist - ich wollte dich als Sucher keinesfalls verlieren,
Harry. Und hast du schon einen neuen Besen bestellt?«
»Nein«, sagte Harry.
»Wie bitte? Du beeilst dich besser - mit diesem Shooting
Star brauchst du gegen Ravenclaw gar nicht erst anzutreten.«
»Er hat zu Weihnachten einen Feuerblitz bekommen«, sagte
Ron.
»Einen Feuerblitz? Nein! Im Ernst? Einen - einen echten
Feuerblitz?«
»Freu dich nicht zu früh, Oliver«, sagte Harry mit düsterer
Miene. »Ich hab ihn nicht mehr. Sie haben ihn beschlagnahmt.«
Und er erklärte ihm, dass der Feuerblitz gerade auf böse Zauber
untersucht wurde.
»Böse Zauber? Warum sollte er denn verhext sein?«
»Sirius Black«, sagte Harry matt. »Er ist angeblich hinter
mir her. Daher vermutet McGonagall, dass er mir den Feuerblitz
geschickt hat.«
Die Neuigkeit, dass ein berüchtigter Mörder hinter seinem
Sucher her war, kümmerte Wood nicht im Geringsten.
»Aber Black hätte keinen Feuerblitz kaufen können!«, sagte
er. »Er ist auf der Flucht! Das ganze Land sucht nach ihm! Wie
könnte er dann mir nichts, dir nichts in den Quidditch-Laden
spazieren und einen Besen kaufen?«
»Das frag ich mich auch«, sagte Harry, »aber McGonagall
will ihn trotzdem zerlegen lassen -«
Wood erbleichte.
244
»Ich werd mit ihr reden, Harry«, versprach er. »Ich werd sie
schon zur Vernunft bringen ... ein Feuerblitz ... ein echter
Feuerblitz für unser Team ... sie will doch genauso wie wir, dass
Gryffindor gewinnt ... ich werd sie zur Vernunft bringen ... ein
Feuerblitz ...«
Am nächsten Tag war wieder Schule. Das Letzte, worauf sie an
diesem rauen Januarmorgen Lust hatten, waren zwei Stunden
draußen auf den Ländereien. Um sie aufzumuntern, hatte Hagrid
ein großes Feuer mit Salamandern vorbereitet, und mit viel Eifer
sammelten sie trockenes Holz, damit das Feuer so richtig
prasselte, während die Flammen liebenden Salamander über die
weiß glühenden und zerfallenden Holzscheite huschten. Die
erste Stunde Wahrsagen im neuen Jahr war weit weniger lustig;
Professor Trelawney lehrte sie die Handlesekunst und eröffnete
Harry ohne Umschweife, er habe die kürzesten Lebenslinien, die
sie je gesehen habe.
Wirklich gespannt war Harry auf Verteidigung gegen die
dunklen Künste. Nach seinem Gespräch mit Wood wollte er so
bald wie möglich anfangen zu lernen, wie er die Dementoren
bekämpfen konnte.
»Ah ja«, sagte Lupin, als Harry ihn am Schluss der Stunde
an sein Versprechen erinnerte. »Überlegen wir mal ... wie wär's
mit Donnerstagabend um acht Uhr? Das Klassenzimmer für
Geschichte der Zauberei wird groß genug sein ... ich muss genau
überlegen, wie wir die Sache anpacken ... zum Üben können wir
schließlich keinen waschechten Dementor ins Schloss holen ...«
»Sieht immer noch krank aus, oder?«, sagte Ron, während
sie den Korridor entlang zum Abendessen gingen. »Was, glaubst
du, ist mit ihm los?«
Von hinten kam ein lautes, ungeduldiges »Tssss«. Es war
245
Hermine, die zu Füßen einer Rüstung gesessen und ihre Tasche
neu gepackt hatte. Die war so voll gestopft mit Büchern, dass sie
nicht mehr zugehen wollte.
»Und was hast du an uns herumzumäkeln?«, sagte Ron
gereizt.
»Nichts«, sagte Hermine ein wenig herablassend und
schulterte ihre Tasche.
»Doch, hast du«, sagte Ron. »Ich hab mich nur gefragt, was
mit Lupin los ist, und du -«
»Tja, ist das nicht offensichtlich?«, sagte Hermine mit ei-
nem überlegenen Blick, der Ron fast zur Weißglut trieb.
»Wenn du es uns nicht sagen willst, dann lass es doch blei-
ben«, fauchte Ron.
»Schön«, sagte Hermine hochnäsig und stolzierte majestä-
tisch davon.
»Sie weiß es auch nicht«, sagte Ron und starrte ihr wütend
nach. »Sie will uns nur dazu bringen, wieder mit ihr zu reden.«
Am Donnerstagabend um acht Uhr verließ Harry den Gryf-
findor-Turm und machte sich auf den Weg zum Klassenzimmer
für Geschichte, Es war dunkel und leer, als er ankam, doch er
zündete die Lampen mit seinem Zauberstab an und musste nur
fünf Minuten warten, bis Professor Lupin erschien. Er trug eine
große Kiste, die er auf Professor Binns' Schreibtisch hievte.
»Was ist das?«, fragte Harry.
»Noch ein Irrwicht«, sagte Lupin und zog seinen
Umhang aus. »Seit Dienstag schon durchkämme ich das
Schloss und glücklicherweise lauerte der noch in Mr Filchs
Aktenschrank. Besser können wir einen echten Dementor nicht
nachahmen. Der Irrwicht wird sich in einen Dementor ver-
wandeln, wenn er dich sieht, und dann können wir mit ihm
246
üben. Ich kann ihn in meinem Büro aufbewahren, wenn wir ihn
nicht benutzen, unter meinem Schreibtisch ist ein Schränkchen,
da wird er sich wohl fühlen.«
»Gut«, sagte Harry und mühte sich so zu klingen, als wäre
er ganz locker und einfach froh, dass Lupin einen so guten
Ersatz für einen echten Dementor gefunden hatte.
»Also denn ...« Professor Lupin hatte seinen Zauberstab
gezückt und bedeutete Harry, es ihm nachzutun. »Der Zau-
berspruch, den ich dir jetzt beibringen will, ist schon höhere
Magie, Harry - er geht weit über die gewöhnliche Zauberei
hinaus. Es ist der Patronus-Zauber.«
»Wie funktioniert er?«, sagte Harry nervös.
»Nun, wenn er gut gelingt, beschwört er einen Patronus
herauf«, sagte Lupin, »und das ist eine Art Gegen-Dementor -
ein Schutzherr, der als Schild zwischen dich und den Dementor
tritt.«
Harry überkam die jähe Vorstellung, er würde sich hinter
einer Hagrid-großen Gestalt mit einem riesigen Schlagstock
zusammenkauern. Professor Lupin fuhr fort:
»Der Patronus ist wie eine gute Kraft, ein Abbild eben jener
Dinge, von denen sich der Dementor nährt - Hoffnung, Glück,
der Wunsch zu überleben -, doch er kann keine Verzweiflung
erleben wie wirkliche Menschen, und so kann ihm der Dementor
nichts anhaben. Aber ich muss dich warnen, Harry, der Zauber
könnte noch zu schwer für dich sein. Viele gut ausgebildete
Zauberer haben damit Probleme.«
»Wie sieht ein Patronus aus?«, fragte Harry neugierig.
»Jeder Zauberer erschafft seinen ganz eigenen.«
»Und wie beschwört man ihn herauf?«
»Mit einer Zauberformel, die nur wirkt, wenn du dich mit
Aller Kraft auf eine einzige, sehr glückliche Erinnerung kon-
zentrierst.«
Harry stöberte in seinem Gedächtnis nach einem glück-
247
lichen Erlebnis. Natürlich kam nichts, was er bei den Dursleys
erlebt hatte, dafür in Frage. Schließlich entschied er sich für den
Moment, als er zum ersten Mal auf einem Besen geflogen war.
»Gut«, sagte er und versuchte sich das wundervolle, strö-
mende Gefühl in seinem Bauch so klar wie möglich in Erin-
nerung zu rufen.
»Die Beschwörungsformel lautet -«, Lupin räusperte sich,
»expecto patronum.«
»Expecto patronum«, wisperte Harry, »expecto patronum.«
»Denkst du ganz fest an dein glückliches Erlebnis?«
»Oh - ja -«, sagte Harry und lenkte seine Gedanken rasch
zurück zu jenem ersten Besenflug. »Expecto patrono - nein,
patronum - Quatsch, expecto patronum, expecto patronum -«
Plötzlich zischte etwas aus der Spitze seines Zauberstabs; es
sah aus wie ein Strahl silbrigen Gases.
»Haben Sie das gesehen?«, sagte Harry aufgeregt, »da ist
was passiert!«
»Sehr gut«, sagte Lupin lächelnd. »Na dann - bist du bereit,
es an einem Dementor auszuprobieren?«
»Ja«, sagte Harry und umklammerte fest seinen Zauberstab.
Er trat in die Mitte des Klassenzimmers. Er versuchte weiter fest
an den Besenflug zu denken, doch jetzt drang ihm etwas anderes
ins Bewusstsein ... womöglich würde er gleich wieder seine
Mutter hören ... doch er durfte nicht daran denken, denn dann
würde er sie tatsächlich wieder hören, und das wollte er nicht ...
oder doch?
Lupin packte den Deckel der Kiste und zog ihn hoch.
Langsam schwebte ein Dementor daraus hervor; sein ver-
mummtes Gesicht war Harry zugewandt; mit einer glitzernden,
schorfüberzogenen Hand drückte er sich den Mantel an
den Leib. Die Lampen im Klassenzimmer flackerten und
erloschen. Der Dementor trat aus der Kiste und schwebte
248
tief und rasselnd atmend auf Harry zu. Eine Welle stechender
Kälte brach über ihn herein -
»Expecto patronum!«, schrie Harry. »Expecto patronum!
Expecto -«
Doch das Klassenzimmer und der Dementor verschwammen
vor seinen Augen ... Wieder fiel Harry durch dichten weißen
Nebel, und die Stimme seiner Mutter, lauter denn je, hallte in
seinem Kopf wider -
»Nicht Harry! Nicht Harry! Bitte - ich tu alles -«
Schallendes, schrilles Gelächter - er genoss ihr Grauen -
»Harry!«
Jäh erwachte Harry wieder zum Leben. Er lag ausgestreckt
auf dem Fußboden. Die Lampen im Klassenzimmer brannten
wieder. Er musste nicht erst fragen, was passiert war.
»Tut mir Leid«, murmelte er und setzte sich auf. Kalter
Schweiß rann ihm hinter der Brille herab.
»Geht's dir gut?«, fragte Lupin.
»Ja ...« Harry zog sich an einem Pult hoch und lehnte sich
dagegen.
»Hier -« Lupin reichte ihm einen Schokoladenfrosch. »Iss
das, bevor wir es noch mal versuchen. Ich hab nicht erwartet,
dass du es beim ersten Mal schaffst, im Gegenteil, das hätte
mich sehr überrascht.«
»Es wird schlimmer«, murmelte Harry und biss dem Frosch
den Kopf ab. »Diesmal hab ich sie noch lauter gehört - und ihn -
Voldemort -«
Lupin sah noch blasser aus als sonst.
»Harry, wenn du nicht weitermachen willst, verstehe ich das
nur allzu gut -«
»Ich will!«, sagte Harry wild entschlossen und stopfte sich
den Rest des Schokofrosches in den Mund. »Ich muss doch!
Was ist, wenn die Dementoren bei unserem Spiel gegen Ra-
249
venclaw auftauchen? Ich darf keinesfalls wieder abstürzen.
Wenn wir dieses Spiel verlieren, können wir den Quidditch-
Pokal vergessen!«
»Na schön ...«, sagte Lupin. »Vielleicht nimmst du eine
andere Erinnerung, ein glückliches Erlebnis, würde ich sagen,
auf das du dich konzentrierst ... Das letzte war offenbar nicht
stark genug ...«
Harry dachte angestrengt nach und fand schließlich eine
neue Erinnerung: Als er letztes Jahr die Hausmeisterschaft
gewonnen hatte, war er sicher überaus glücklich gewesen.
Wieder umklammerte er den Zauberstab und nahm seinen Platz
in der Mitte des Klassenzimmers ein.
»Bereit?«, fragte Lupin und packte den Deckel der Kiste.
»Bereit«, sagte Harry und versuchte angestrengt, seinen
Kopf mit glücklichen Gedanken an den Sieg von Gryffindor zu
füllen und nicht mit düsteren an das, was geschehen würde,
wenn sich die Kiste öffnete.
»Los!«, sagte Lupin und hob den Deckel. Wieder wurde es
eiskalt und dunkel im Zimmer. Der Dementor glitt tief atmend
auf ihn zu; eine verweste Hand langte nach Harry -
»Expecto patronum«, rief Harry, »expecto patronum!
Expecto pat-«
Weißer Nebel erstickte ihm die Sinne ... große, ver-
schwommene Gestalten bewegten sich um ihn her ... dann hörte
er eine neue Stimme, die Stimme eines Mannes, der schrie, von
Angst überwältigt -
»Lily, nimm Harry und lauf! Er ist es! Schnell fort, ich halte
ihn auf -«
Jemand stolperte hastig aus einem Zimmer - krachend
zerbarst eine Tür - ein schrilles Auflachen -
»Harry! Harry ... komm zu dir ...«
Lupin gab Harry eine saftige Ohrfeige. Diesmal dauerte
250
es eine Weile, bis Harry begriff, warum er auf einem staubigen
Fußboden lag.
»Ich hab meinen Dad gehört«, nuschelte er. »Das ist das
erste Mal, dass ich ihn gehört hab - er wollte es ganz allein mit
Voldemort aufnehmen, damit meine Mutter fliehen konnte ...«
Plötzlich spürte Harry Tränen auf seinem Gesicht, die sich mit
dem Schweiß vermischten. Rasch senkte er den Kopf, als wolle
er sich den Schuh binden, und wischte sich das Gesicht an
seinem Umhang trocken.
»Du hast James gehört?«, sagte Lupin mit merkwürdig
fremd klingender Stimme.
»Ja ...« Harry hatte sich inzwischen die Tränen abgewischt
und sah zu ihm auf. »Warum - Sie haben meinen Vater doch
nicht etwa gekannt?«
»Offen gesagt - ja, das hab ich«, sagte Lupin. »Wir waren
Freunde in Hogwarts. Hör zu, Harry - vielleicht sollten wir es
für heute Abend dabei belassen. Dieser Zauber ist unglaublich
schwierig ... ich hätte nicht vorschlagen sollen, dass du all das
auf dich nimmst ...«
»Nein!«, sagte Harry und richtete sich auf. »Ich will noch
einen Versuch! Ich hab einfach noch nicht an mein glücklichstes
Erlebnis gedacht, daran liegt's ... warten Sie ... «
Er zermarterte sich den Kopf Ein wirklich, wirklich
glückliches Erlebnis ... eines, das er in einen guten, starken
Patronus verwandeln konnte ...
Der Augenblick, in dem er erfahren hatte, dass er ein Zau-
berer war und die Dursleys verlassen und nach Hogwarts gehen
würde! Wenn das keine glückliche Erinnerung war, dann wusste
er auch nicht weiter . .. Er dachte ganz fest daran, wie er sich
gefühlt hatte, als ihm klar wurde, dass er den Ligusterweg
verlassen würde, stand auf und stellte sich erneut vor die Kiste.
»Fertig?«, fragte Lupin mit einem Gesichtsausdruck, als
251
tue er etwas gegen besseres Wissen. »Denkst du ganz fest an
dein Erlebnis? Also dann - los!«
Zum dritten Mal hob er den Deckel von der Kiste und der
Dementor stieg heraus; im Zimmer wurde es kalt und dunkel -
»Expecto patronum!«, polterte Harry, »expecto patronum!
Expecto patronum!«
Wieder begann das Schreien in Harrys Kopf - nur klang es
diesmal, als dringe es aus einem schlecht eingestellten Radio -
leiser und lauter und dann wieder leiser - und Harry konnte den
Dementor immer noch sehen - er blieb stehen - und dann
rauschte ein mächtiger silberner Schatten aus der Spitze von
Harrys Zauberstab und blieb zwischen ihm und dem Dementor
schweben, und obwohl Harrys Beine sich ganz wabblig
anfühlten, stand er immer noch aufrecht - auch wenn er nicht
sicher war, wie lange noch -
»Riddikulus«, donnerte Lupin und sprang vor.
Unter lautem Krachen verschwand Harrys nebliger Patronus
mitsamt dem Dementor; Harry sank auf einen Stuhl, er war so
erschöpft und seine Beine zitterten, als wäre er gerade eine
Meile gerannt. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Professor
Lupin den Irrwicht mit dem Zauberstab in die Kiste zurücktrieb;
er hatte sich wieder in eine Silberkugel verwandelt.
»Glänzend!«, sagte Lupin und kam mit großen Schritten auf
Harry zu. »Hervorragend, Harry! Das war schon mal ein guter
Anfang!«
»Können wir es noch mal probieren? Nur noch einmal?«
»Nicht jetzt«, sagte Lupin bestimmt. »Du hast erst mal ge-
nug für einen Abend. Hier -«
Er reichte Harry einen großen Riegel der besten Schokolade
aus dem Honigtopf.
»Iss sie auf, oder Madam Pomfrey saugt mir das Blut aus
den Adern. Nächste Woche wieder, selbe Zeit?«
252
»Okay«, sagte Harry und biss ein Stück Schokolade ab. Sein
Blick folgte Lupin, der die Lampen löschte, die beim
Verschwinden des Dementors wieder aufgeflackert waren. Dann
kam ihm ein Gedanke.
»Professor Lupin?«, sagte er. »Wenn Sie meinen Dad
kannten, müssen Sie auch Sirius Black gekannt haben.«
Lupin wandte sich blitzschnell um.
»Wie kommst du darauf?«, sagte er in schneidendem Ton.
»Einfach so - ich weiß nur, dass auch Black und mein Vater
in Hogwarts befreundet waren ... «
Lupins Gesicht entspannte sich.
»ja, ich kannte ihn«, sagte er kurz angebunden. »Oder je-
denfalls glaubte ich es. Du gehst jetzt besser, Harry, es wird
langsam spät.«
Harry ging hinaus, lief den Korridor entlang und bog um die
Ecke, dann versteckte er sich rasch hinter einer Rüstung und ließ
sich auf ihren Sockel sinken, um seine Schokolade aufzuessen.
Hätte ich Black bloß nicht erwähnt, dachte er, denn Lupin war
offensichtlich nicht erpicht auf das Thema. Dann wanderten
seine Gedanken zurück zu seiner Mutter und seinem Vater ...
Er fühlte sich ausgelaugt und merkwürdig leer, obwohl er
den Bauch voller Schokolade hatte. So schrecklich es war, dass
die letzten Momente im Leben seiner Eltern noch einmal in
seinem Kopf abliefen, es war doch das erste Mal, seit er ein
kleines Kind gewesen war, dass er ihre Stimmen gehört hatte.
Doch er würde es nie schaffen, einen richtigen Patronus
heraufzubeschwören, wenn er insgeheim seine Eltern wieder
hören wollte ...
»Sie sind tot«, sagte er streng zu sich selbst. »Sie sind tot
und dem Echo ihrer Stimmen zu lauschen bringt sie nicht wieder
zurück. Du reißt dich besser zusammen, wenn du den
Quidditch-Pokal gewinnen willst.«
253
Er stand auf, stopfte sich das letzte Stück Schokolade in den
Mund und kehrte zurück in den Turm der Gryffindors.
Eine Woche nach Ende der Ferien spielte Ravenclaw gegen
Slytherin. Slytherin gewann, wenn auch knapp. Wood zufolge
war das gut für die Gryffindors, die den zweiten Platz erobern
würden, wenn auch sie Ravenclaw besiegten. Also setzte er
gleich fünf Trainingsstunden die Woche an. Harry ließ sich
weiterhin von Lupin in die Kunst der Verteidigung gegen die
Dementoren einweihen, was ihn allein schon mehr schlauchte
als sechs Quidditch-Stunden zusammen, und hatte jetzt nur noch
einen Abend in der Woche für seine gesamten Hausaufgaben.
Dennoch stand ihm die Anspannung nicht so ins Gesicht
geschrieben wie Hermine, deren immenses Arbeitspensum ihr
allmählich doch sichtlich zusetzte. Ausnahmslos jeden Abend
sah man sie in einer Ecke des Gemeinschaftsraums, wo sie
gleich mehrere Tische beanspruchte mit ihren Büchern,
Arithmantiktabellen, Runenwörterbüchern,
Querschnittzeichnungen von Muggeln, die schwere Lasten
hoben, und mit stapelweise Ordnern für ihre ausführlichen
Notizen. Kaum einmal sprach sie mit jemandem und jedes Mal
fauchte sie unwirsch, wenn man sie unterbrach.
»Wie schafft sie das bloß?«, murmelte Ron eines Abends
Harry zu, der gerade einen kniffligen Aufsatz über nicht
nachweisbare Gifte für Snape fertig schrieb. Harry blickte auf
Hermine war hinter einem wackligen Bücherstapel kaum zu
sehen.
»Was denn?«
»Den ganzen Unterricht!«, sagte Ron. »Ich hab gehört,
wie sie heute Morgen mit Professor Vektor gesprochen
hat, dieser Arithmantikhexe. Sie haben sich über die gestrige
Stunde ausgelassen, aber Hermine kann nicht dort gewesen
254
sein, sie war doch mit uns in Pflege magischer Geschöpfe! Und
Ernie McMillan hat mir gesagt, sie habe in Muggelkunde noch
kein einziges Mal gefehlt, aber die überschneidet sich doch mit
Wahrsagen und da war sie auch immer dabei!«
Harry hatte im Moment nicht die Zeit, über das Geheimnis
von Hermines unmöglichem Stundenplan zu rätseln; er musste
unbedingt mit Snapes Aufsatz weiterkommen. Zwei Sekunden
später jedoch unterbrach ihn wieder jemand, und diesmal war es
Wood.
»Schlechte Nachrichten, Harry. Ich war eben bei Professor
McGonagall wegen des Feuerblitzes. Sie - ähm - hat mich
ziemlich angepflaumt. Ich wisse wohl nicht recht, was wirklich
wichtig ist. Dachte wahrscheinlich, mir wäre es wichtiger, den
Pokal zu gewinnen, als dass du am Leben bleibst. Nur weil ich
ihr gesagt hab, es sei mir egal, wenn es dich vom Besen schlägt,
solange du vorher den Schnatz gefangen hast.« Wood schüttelte
ungläubig den Kopf »Ehrlich, wie die mich angeschrien hat ...
als ob ich irgendwas Schreckliches gesagt hätte ... Dann hab ich
sie gefragt, wie lange sie ihn noch behalten will ...« Er schnitt
eine Grimasse und ahmte Professor McGonagalls strenge
Stimme nach. »>So lange wie nötig, Wood< ... ich schätze, du
solltest lieber einen neuen Besen bestellen. Auf der Rückseite
von Rennbesen im Test ist ein Bestellschein ... du könntest dir
einen Nimbus Zweitausendeins besorgen, wie Malfoy einen
hat.«
»Ich kaufe nichts, was Malfoy für gut hält«, sagte Harry
schlicht.
Unmerklich, ohne dass sich das bitterkalte Wetter änderte,
glitt der Januar in den Februar über. Das Spiel gegen
Ravenclaw rückte immer näher, doch Harry hatte immer noch
keinen neuen Besen bestellt. Nach jeder Verwandlungsstunde
255
fragte er jetzt Professor McGonagall nach dem Feuerblitz, und
Ron stand ihm hoffnungsvoll zur Seite, während Hermine mit
abgewandtem Gesicht vorbeirauschte.
»Nein, Potter, Sie können ihn noch nicht zurückhaben«
erklärte ihm Professor McGonagall beim zwölften Mal, noch
bevor er den Mund geöffnet hatte. »Wir haben ihn auf die
meisten üblichen Flüche geprüft, doch Professor Flitwick glaubt,
in dem Besen könnte ein Schleuderfluch stecken. Ich werde es
Ihnen schon sagen, wenn wir damit fertig sind. Und nun hören
Sie bitte auf, mich ständig mit ein und derselben Frage zu
löchern.«
Um alles noch schlimmer zu machen, lief es mit Harrys
Unterricht gegen die Dementoren bei weitem nicht so gut, wie er
gehofft hatte. Nach einigen Stunden schaffte er es, eine
verschwommene silberne Schattengestalt zu erzeugen, wenn der
Irrwicht-Dementor auf ihn zukam, doch sein Patronus war zu
schwach, um ihn zu verjagen. Der Dementor schwebte nur auf
der Stelle, wie eine halb durchsichtige Wolke, und saugte die
Kräfte aus Harry heraus, die er doch brauchte, um ihn in Schach
zu halten. Harry war wütend auf sich selbst und fühlte sich
schuldig, weil er sich wünschte, die Stimmen seiner Eltern
immer wieder zu hören.
»Du erwartest zu viel von dir«, sagte Professor Lupin ernst,
als sie schon in der vierten Woche waren. »Für einen
dreizehnjährigen Zauberer ist selbst ein verschwommener
Patronus eine große Leistung. Und du wirst nicht mehr ohn-
mächtig, musst du bedenken.«
»Ich dachte, ein Patronus würde - die Dementoren nie-
derschlagen oder so was«, sagte Harry entmutigt. »Sie ver-
schwinden lassen -«
»Der richtige Patronus tut das«, sagte Lupin. »Aber du
hast in kurzer Zeit schon eine Menge geschafft. Wenn
die Dementoren bei eurem nächsten Quidditch-Spiel einen
256
Auftritt einlegen, kannst du sie so lange in Schach halten, bis du
wieder auf dem Boden bist.«
»Sie sagten, es sei schwieriger, wenn viele da sind«, sagte
Harry.
»Ich hab volles Vertrauen zu dir«, sagte Lupin lächelnd.
»Hier - du hast dir was zu trinken verdient - etwas aus den Drei
Besen, das kennst du sicher noch nicht -«
Er zog zwei Flaschen aus seiner Mappe.
»Butterbier!«, sagte Harry unbedacht. »Ja, das Zeug mag ich
wirklich!«
Lupin hob eine Augenbraue.
»Oh - Ron und Hermine haben mir was aus Hogsmeade
mitgebracht«, log Harry rasch.
»Verstehe«, sagte Lupin, auch wenn er immer noch ein
wenig misstrauisch aussah. »Nun - trinken wir auf einen Sieg
der Gryffindors gegen die Ravenclaws! Wobei ich als Lehrer
natürlich nicht parteiisch sein darf -«, fügte er hastig hinzu.
Schweigend tranken sie das Butterbier, bis Harry etwas
ansprach, über das er schon länger nachgedacht hatte.
»Was steckt unter der Kapuze dieser Dementoren?«
Professor Lupin ließ nachdenklich seine Flasche sinken.
»Hmmm ... ja, die Einzigen, die es wirklich wissen, können
es uns nicht mehr erzählen. Der Dementor nimmt seine Kapuze
nur ab, um seine letzte und schlimmste Waffe einzusetzen.«
»Welche ist das?«
»Sie nennen es den Kuss des Dementors«, sagte Lupin mit
einem leicht gequälten Lächeln. »Das tun sie denen an, die sie
vollkommen zerstören wollen. Ich vermute, es ist eine Art Mund
unter der Kapuze, sie pressen ihre Kiefer auf den Mund des
Opfers und - saugen ihm die Seele aus.«
Harry spuckte unwillkürlich ein wenig Butterbier.
257
»Was - sie töten -?«
»O nein«, sagte Lupin. »Viel schlimmer als das. Du kannst
ohne deine Seele existieren, weißt du, solange dein Gehirn und
dein Herz noch arbeiten. Aber du wirst kein Selbstgefühl mehr
haben, keine Erinnerungen, nein... nichts. Es gibt keine Chance,
sich davon zu erholen. Du fristest nur dein elendes Dasein. Als
leere Hülle. Und deine Seele hast du verloren ... für immer.«
Lupin nahm einen Schluck Butterbier, dann fuhr er fort:
»Das ist das Schicksal, das Sirius Black erwartet. Es stand
heute morgen im Tagespropheten. Das Ministerium hat den
Dementoren die Erlaubnis erteilt, dieses Urteil an ihm zu
vollstrecken, sollten sie ihn finden.«
Harry war einen Augenblick lang stumm, bedrückt von der
Vorstellung, jemandem würde die Seele durch den Mund
ausgesogen. Doch dann dachte er an Black.
»Er verdient es«, sagte er unvermittelt.
»Glaubst du?«, antwortete Lupin mit tonloser Stimme.
»Glaubst du wirklich, irgend jemand verdient das?«
»Ja«, sagte Harry widerspenstig. »Für ... für bestimmte
Taten ...«
Am liebsten hätte er Lupin von dem Gespräch erzählt, das er
in den Drei Besen belauscht hatte, über Black, der seine Eltern
verraten hatte, doch dann hätte er zugeben müssen, dass er ohne
Erlaubnis nach Hogsmeade gegangen war, und er wusste, dass
Lupin nicht sonderlich davon angetan sein würde. Also trank er
sein Butterbier aus, bedankte sich bei Lupin und verließ das
Klassenzimmer.
Fast bereute er, gefragt zu haben, was unter der Kapuze
eines Dementors steckte. Die Antwort war so entsetzlich
gewesen und er war so in die unangenehme Vorstellung
versunken, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn einem die
Seele ausgesogen wird, dass er auf halbem Weg die Treppe
258
hoch beinahe mit Professor McGonagall zusammengestoßen
wäre.
»Machen Sie die Augen auf, Potter!«
»Verzeihung, Professor -«
»Ich war gerade oben, um Sie zu suchen. Nun, hier ist er:
Wir haben alles Erdenkliche unternommen und er scheint völlig
in Ordnung zu sein - Sie müssen irgendwo einen sehr guten
Freund haben, Potter. -«
Harry klappte der Mund auf. Sie hielt ihm seinen Feuerblitz
entgegen und er sah so herrlich aus wie zuvor.
»Kann ich ihn zurückhaben?«, sagte Harry mit matter
Stimme. »Im Ernst?«
»Im Ernst«, sagte Professor McGonagall und lächelte noch
dazu. »Ich würde sagen, Sie sollten vor dem Spiel am Samstag
noch ein wenig Gespür für ihn bekommen. Und, Potter - Sie
werden doch gewinnen, nicht wahr? Sonst sind wir das achte
Jahr in Folge ohne Pokalsieg, wie Professor Snape mir erst
gestern Abend freundlicherweise in Erinnerung rief ...«
Sprachlos trug Harry den Feuerblitz nach oben in den
Gryffindor-Turm. Als er um eine Ecke bog, sah er den von Ohr
zu Ohr grinsenden Ron auf ihn zurennen.
»Sie hat ihn dir gegeben? Klasse! Hör mal, kann ich ihn mal
ausprobieren? Morgen?«
»Jaah ... natürlich ...«, sagte Harry und seit Monaten war
ihm nicht mehr so leicht ums Herz gewesen. »Weißt du was -
wir sollten uns mit Hermine wieder vertragen ... sie wollte ja nur
helfen ...«
»Ja, schon gut«, sagte Ron. »Sie ist im Gemeinschaftsraum
und arbeitet - zur Abwechslung mal -«
Sie bogen in den Korridor zum Gryffindor-Turm ein und
sahen an dessen Ende Neville Longbottom flehentlich mit Sir
Cadogan verhandeln, der ihn offenbar nicht einlassen wollte.
259
»Ich hab sie mir doch aufgeschrieben!«, sagte Neville, de
Tränen nahe. »Aber ich muss den Zettel irgendwie verlegt
haben!«
»Eine tolle Ausrede!«, brüllte Sir Cadogan. Dann erkannte
er Harry und Ron: »Einen guten Abend, die edlen jungen
Freischützen! Kommt und legt diesen Taugenichts in Ketten, er
ist gewillt, sich Eingang zu meinen Gemächern zu erzwingen!«
»Ach, halt den Mund«, sagte Ron. Sie standen jetzt neben
Neville.
»Ich hab die Passwörter vergessen!«, erklärte Neville ver-
zweifelt. »Ich hab ihn dazu überredet, mir zu sagen, welche
Passwörter er diese Woche benutzen will, weil er sie ja dauernd
ändert, und jetzt weiß ich nicht mehr, wo ich den Zettel
hingelegt hab!«
»Metzengerstein«, sagte Harry, und Sir Cadogan, offenbar
furchtbar enttäuscht, klappte widerwillig zur Seite und ließ sie
ein. Jähes, erregtes Gemurmel hob an, alle Köpfe wandten sich
ihnen zu und schon war Harry umgeben von einer Traube
Schüler, die alle begeistert auf den Feuerblitz deuteten.
»Wo hast du den her, Harry?«
»Kann ich ihn mal fliegen?«
»Hast du ihn schon ausprobiert, Harry?«
»Ravenclaw hat jetzt keine Chance mehr, die haben doch
alle noch diesen Sauberwisch Sieben!«
»Kann ich ihn nur mal halten, Harry?«
Gut zehn Minuten lang ging der Feuerblitz von Hand zu
Hand und zog bewundernde Blicke von allen Seiten auf sich,
dann zerstreute sich die Schar, und Harry und Ron hatten freie
Sicht auf Hermine, die Einzige, die nicht herbeigeeilt war. Da
saß sie, über ihre Arbeit gebeugt, und mied sorgfältig ihre
Blicke. Harry und Ron gingen langsam auf ihren Tisch zu und
endlich sah sie auf
260
»Ich hab ihn wieder«, sagte Harry grinsend und hob den
Feuerblitz in die Höhe.
»Siehst du, Hermine? Er war doch nicht verhext!«, sagte
Ron.
»Ja - hätte aber sein können!«, sagte Hermine. »Immerhin
wisst ihr jetzt endlich, dass er sicher ist!«
»ja, stimmt schon«, sagte Harry. »Ich bring ihn besser nach
oben -«
»Ich nehm ihn mit!«, sagte Ron eifrig, »ich muss Krätze das
Rattentonikum geben.«
Er nahm den Feuerblitz und trug ihn, als ob er aus Glas
wäre, die Treppe hoch zum Schlafsaal der Jungen.
»Kann ich mich mal kurz setzen?«, fragte Harry.
»Von mir aus«, sagte Hermine und räumte einen großen
Stapel Pergament von einem Stuhl.
Harry musterte das Durcheinander auf dein Tisch, den
langen Arithmantikaufsatz, auf dem die Tinte noch glitzerte, den
noch längeren Aufsatz für Muggelkunde (»Warum brauchen
Muggel elektrischen Strom?«) und die Runenübersetzung, über
der Hermine gerade brütete.
»Wie schaffst du das eigentlich alles?«, fragte Harry.
»Ach na ja, weißt du, ich arbeite eben viel«, sagte Hermine.
Jetzt, aus der Nähe, fiel Harry auf, dass sie fast so müde aussah
wie Lupin.
»Warum lässt du nicht einfach ein paar Fächer sausen?«,
fragte Harry, während sie zwischen den Papieren nach ihrem
Runenwörterbuch stöberte.
»Das kann ich einfach nicht!«, sagte Hermine und sah ihn
ganz empört an.
»Arithmantik sieht furchtbar schwierig aus«, sagte Harry
und hob eine sehr komplizierte Zahlentabelle hoch.
»O nein, es ist toll!«, sagte Hermine ernst. »Es ist mein
Lieblingsfach! Es ist -«
261
Doch Harry erfuhr nie, was genau denn so toll an
Arithmantik sein sollte. Genau in diesem Moment hallte ein
erstickter Schrei im Treppenhaus zum Jungenschlafsaal wider.
Der ganze Gemeinschaftsraum verstummte und alle sahen starr
vor Schreck zum Eingang. Dann hörten sie rasche Schritte, die
lauter und lauter wurden - und schließlich, mit einem Sprung,
erschien Ron. Er schleifte ein Bettlaken hinter sich her.
»Sieh dir das an!«, brüllte er und kam mit großen Schritten
auf Hermines Tisch zu. »Sieh dir das an!«, rief er noch einmal
und schüttelte das Tuch vor ihr aus.
»Ron, was zum -?«
»Krätze! Sieh's dir an! Krätze!«
Hermine wich vor Ron zurück, das Gesicht völlig verstört.
Harry musterte das Laken in Rons Hand. Etwas Rotes war
darauf. Etwas, das unheimlich ähnlich aussah wie -
»Blut!«, schrie Ron in die schreckerfüllte Stille. »Er ist fort!
Und weißt du, was auf dem Boden lag?«
»N ... nein«, sagte Hermine mit zittriger Stimme.
Ron warf etwas auf Hermines Runenübersetzung. Hermine
und Harry beugten sich vor. Auf den merkwürdigen, spitzen
Schriftzeichen lagen ein paar lange, rostrote Katzenhaare.
262
Gryffindor gegen Ravenclaw
Die Freundschaft zwischen Ron und Hermine schien zer-
stört. So wütend waren sie aufeinander, dass Harry sich nicht
vorstellen konnte, wie sie sich jemals wieder versöhnen sollten.
Ron war wütend, weil Hermine die wiederholten Versuche
Krummbeins, Krätze zu verspeisen, nicht ernst genommen hatte.
Sie hatte sich nicht darum geschert, ihn scharf im Auge zu
behalten, und tat immer noch so, als wäre Krummbein völlig
unschuldig. Ron solle doch mal unter allen Betten nachsehen,
schlug sie vor. Und außerdem, behauptete sie wütend, habe Ron
keinen Beweis, dass Krummbein Krätze gefressen habe, die
rostroten Haare seien vielleicht schon seit Weihnachten auf dem
Bettlaken und überhaupt habe Ron Vorurteile gegen ihren Kater,
seit Krummbein in der Magischen Menagerie auf seinem Kopf
gelandet sei.
Harry war sich sicher, dass Krummbein Krätze gefressen
hatte, und als er Hermine erklären wollte, dass alle Tatsachen in
diese Richtung deuteten, riss ihr der Geduldsfaden auch bei
Harry.
»Schön und gut, du schlägst dich auf Rons Seite, ich wusste
es!«, sagte sie schrill. »Erst der Feuerblitz, jetzt Krätze, an
Allem bin ich schuld, oder? Lass mich bloß in Ruhe, Harry, ich
hab 'ne Menge Arbeit zu erledigen!«
Ron war der Verlust seiner Ratte tatsächlich sehr nahe ge-
gangen.
»Komm schon, Ron, immer hast du gesagt, Krätze sei so
263
langweilig«, wollte ihn Fred aufmuntern. »Und er war doch
schon ewig nicht mehr richtig auf den Beinen, er ist langsam
dahingestorben. War wohl ohnehin besser für ihn, wenn es
schnell ging - in einem Schluck -, und gespürt hat er wahr-
scheinlich auch nichts.«
»Fred!«, rief Ginny empört.
»Er hat doch nur noch gefressen und geschlafen, Ron, das
hast du doch selbst gesagt«, warf George ein.
»Einmal hat er Goyle für uns gebissen!«, sagte Ron weh-
mütig. »Weißt du noch, Harry?«
»Ja, stimmt«, antwortete Harry.
»Seine größte Stunde«, sagte Fred, schaffte es jedoch nicht,
eine ernste Miene zu behalten. »Angesichts der Narbe auf
Goyles Finger werden wir immer voller Ehrfurcht an ihn
denken. - Ach, komm schon, Ron, geh runter nach Hogsmeade
und kauf dir eine neue Ratte, was hilft dein Jammern?«
Harry unternahm einen allerletzten Versuch, Ron aufzu-
muntern, und überredete ihn, zum letzten Training der
Gryffindors vor dem Spiel gegen Ravenclaw mitzukommen.
Anschließend könne er noch ein wenig mit dem Feuerblitz
herumfliegen. Das schien Ron tatsächlich einen Moment lang
von seinem Kummer über Krätze abzulenken (»Voll krass!
Kann ich auch ein paar Tore schießen?«), und so, machten sie
sich gemeinsam auf den Weg zum Quidditch-Feld.
Madam Hooch, die weiterhin das Training der Gryffindors
beaufsichtigte, und Harry ganz besonders, war ebenso
beeindruckt vom Feuerblitz wie alle andern, die ihn gesehen
hatten. Vor dem Start nahm sie ihn in die Hände und begut-
achtete ihn mit erfahrenem Blick.
»Seht mal, wie schön er im Gleichgewicht ist! Wenn die
Nimbus-Serie einen Fehler hat, dann ist es ein klein wenig
264
Schlagseite zum Schweif hin - nach ein paar Jahren kommen sie
meist ziemlich schräg daher. Den Stiel haben sie auch neu
entwickelt, er ist ein wenig schlanker als bei den Sauberwischs
und erinnert mich an den alten Silberpfeil – ein Jammer, dass sie
den nicht mehr herstellen, auf dem hab ich fliegen gelernt, ein
wirklich solider Besen ...«
Auf diese Art fuhr sie noch eine ganze Weile fort, bis Wood
sie unterbrach.
»Ähm - Madam Hooch? Könnte Harry den Feuerblitz jetzt
zurückhaben? Wir müssen doch trainieren ...«
»Oh - natürlich - hier ist er, Potter«, sagte Madam Hooch.
»Ich setz mich mit Weasley dort drüben hin ...«
Madam Hooch und Ron verließen das Spielfeld und klet-
terten auf die Ränge, während sich das Gryffindor-Team um
Wood scharte, der ihnen die letzten Anweisungen für das
morgige Spiel gab.
»Harry, ich hab eben erfahren, wer bei den Ravenclaws den
Sucher macht. Es ist Cho Chang, eine Viertklässlerin, und sie ist
ziemlich gut ... eigentlich hatte ich gehofft, sie würde noch nicht
wieder fit sein, sie hatte ein paar Verletzungsprobleme ...«
Woods Miene verfinsterte sich vor Missbehagen über Cho
Changs Genesung, dann fuhr er fort: »Andererseits fliegt sie
einen Komet Zwei-Sechzig, der wird neben dem Feuerblitz wie
ein Witz aussehen.« Er warf Harrys Besen einen Blick voll
fiebriger Bewunderung zu. »Okay, Leute, los geht's -«
Und endlich bestieg Harry seinen Feuerblitz und stieß sich
vom Boden ab.
Es war besser, als er sich hätte träumen lassen. Der Feuer-
blitz ging bei der leichtesten Berührung in die Kurve, er schien
eher seinen Gedanken als seiner Hand zu folgen; so schnell
raste er über das Spielfeld, dass Harry das Stadion nur noch
als grünen und grauen Schleier wahrnahm; er ließ ihn
265
so scharf wenden, dass Alicia Spinnet aufschrie, dann ging er in
einen vollkommen sicheren Sturzflug, streifte das Gras unten
mit den Schuhspitzen und stieg dann wieder zehn, zwanzig,
dreißig Meter hoch in die Lüfte -
»Harry, ich lass den Schnatz raus!«, rief Wood.
Harry wendete und verfolgte einen Klatscher auf die Tor-
stangen zu; er ließ ihn ohne weiteres hinter sich, sah den
Schnatz hinter Wood hervorschnellen und hatte ihn nach zehn
Sekunden sicher in Händen.
Das Team jubelte, dass ihm die Ohren klangen. Harry ließ
den Schnatz wieder los, gab ihm eine Minute Vorsprung dann
jagte er ihm nach, wobei er sich zwischen den anderen
hindurchschlängelte; er sah ihn nahe Katie Bells Knie lauern,
drehte lässig einen Looping um sie herum und fing den Schnatz
erneut ein.
So gut hatten sie noch nie trainiert; das Team, durch den
Feuerblitz in seiner Mitte angespornt, übte die schwierigsten
Spielzüge fehlerlos, und als sie alle wieder gelandet waren, hatte
Wood kein Wort der Kritik anzubringen, was, wie George
Weasley verkündete, noch nie geschehen war.
»Ich kann mir nicht vorstellen, was uns jetzt noch aufhalten
soll!«, sagte Wood. »Außer - Harry, du hast dein Problem mit
diesen Dementoren doch jetzt im Griff, oder?«
»Jaah«, sagte Harry und dachte an seinen schwächlichen
Patronus, den er sich viel stärker wünschte.
»Die Dementoren werden nicht wieder aufkreuzen, Oliver,
Dumbledore würde völlig durchdrehen«, sagte Fred zu-
versichtlich.
»Nun, das können wir nur hoffen«, sagte Wood. »Jedenfalls
- das war gute Arbeit von euch allen. Gehen wir zurück in den
Turm ... wollen heute mal früh ins Bett -«
»Ich bleib noch eine Weile draußen, Oliver, Ron will
Feuerblitz mal kurz ausprobieren«, sagte Harry, und wäh-
266
rend die andern sich auf den Weg zu den Umkleidekabinen
machten, ging Harry hinüber zu Ron, der schon über die
Absperrungen gesprungen war und ihm entgegenlief. Madam
Hooch war auf ihrem Sitz eingeschlafen.
»Da hast du ihn«, sagte Harry und reichte Ron den Feuer-
blitz.
Ron schwang sich mit hingebungsvoller Miene auf den
Besen und schwirrte hoch in den dunkler werdenden Himmel.
Harry ging am Spielfeldrand entlang und beobachtete ihn, und
als Madam Hooch jäh aufschreckte, war die Nacht schon
hereingebrochen. Sie tadelte die beiden, weil sie sie nicht
geweckt hatten, und schickte sie ungehalten zurück ins Schloss.
Harry schulterte den Feuerblitz und verließ mit Ron das
dunkle Stadion. Sie sprachen über die herrlich sanften Be-
wegungen des Feuerblitzes, seine irre Beschleunigung und seine
haarnadelengen Drehungen. Auf halbem Weg zum Schloss
wandte Harry den Blick zur Seite und sah etwas, das sein Herz
fast zum Stillstand brachte - ein Augenpaar leuchtete in der
Dunkelheit herüber.
Harry blieb wie angefroren stehen, das Herz pochte ihm
gegen die Rippen.
»Was ist los?«, fragte Ron.
Harry deutete mit dem Finger in die Dunkelheit. Ron zückte
den Zauberstab und murmelte »Lumos!«.
Ein Lichtstrahl fiel über das Gras, traf den Stamm eines
Baumes und erhellte seine Äste; dort, zwischen den knospenden
Zweigen, kauerte Krummbein.
»Runter vom Baum!«, brüllte Ron. Er bückte sich und
packte einen Stein, doch schon war Krummbein unter heftigem
Wedeln seines langen rostbraunen Schwanzes verschwunden.
»Siehst du?«, sagte Ron aufgebracht und ließ den Stein fal-
267
len. »Sie läßt es immer noch zu, dass er sich rumtreibt, wo er
will - wahrscheinlich verdaut er gerade Krätze gewürzt mit ein
paar Vögeln
Harry blieb stumm. Erleichterung durchströmte ihn und er
atmete tief durch; einen Augenblick lang war er sicher gewesen,
dass diese Augen dem Grimm gehörten. Sie gingen weiter. Nach
seinem kurzen Panikanfall genierte sich Harry ein wenig und
sprach kein Wort mit Ron - und nicht ein einziges Mal sah er
sich um, bis sie die hell erleuchtete Eingangshalle des Schlosses
erreicht hatten.
Am nächsten Morgen ging Harry zusammen mit den anderen
Jungen im Schlafsaal, die wohl alle meinten, der Feuerblitz
verdiene eine Ehrengarde, hinunter zum Frühstück. Als er die
Große Halle betrat, wandten sich aller Augen dem Feuerblitz zu
und aufgeregtes Getuschel hob an. Harry sah mit immenser
Genugtuung, dass das Team der Slytherins wie vom Donner
gerührt dasaß.
»Hast du sein Gesicht gesehen?«, sagte Ron schadenfroh
und blickte über die Schulter zu Malfoy hinüber. »Er kann es
nicht fassen! Das ist klasse!«
Selbst Wood badete in dem Glanz, den der Feuerblitz auch
auf ihn warf.
»Hier drauf mit dem Besen, Harry«, sagte er und legte den
Feuerblitz mitten auf den Tisch, wobei er sorgsam darauf
achtete, dass auch ja der Name zu lesen war. Bald kam einer
nach dem andern von den Tischen der Ravenclaws und
Hufflepuffs herüber, um ihn genauer zu betrachten. Auch Cedric
Diggory kam zum Tisch, um Harry zu gratulieren, weil er einen
so tollen Ersatz für seinen Nimbus bekommen hatte, und Percys
Freundin von den Ravenclaws, Penelope Clearwater, fragte, ob
sie den Feuerblitz einmal anfassen dürfe.
268
»Na, na, Penny, keine Sabotage!«, sagte Percy gut gelaunt,
während ihre Augen über den Feuerblitz glitten. »Penelope und
ich haben gewettet«, erklärte er dem Team. »Zehn Galleonen auf
das Ergebnis des Spiels!«
Penelope legte den Feuerblitz zurück auf den Tisch, dankte
Harry und kehrte zu den Ravenclaws zurück.
»Harry - sieh bloß zu, dass du gewinnst«, flüsterte Percy
eindringlich. »Ich hab keine zehn Galleonen. Ja, ich komme,
Penny!« Und er wuselte hinüber, um sich mit ihr ein Stück
Toast zu teilen.
»Bist du auch sicher, dass du mit diesem Besen umgehen
kannst, Potter?«, sagte eine kalte, schnarrende Stimme.
Draco Malfoy, mit Crabbe und Goyle im Schlepptau, war
herübergekommen, um sich die Sache näher anzusehen.
»Ja, ich denk schon«, sagte Harry beiläufig.
»Hat 'ne Menge Schnickschnack eingebaut, oder?«, sagte
Malfoy mit bösartig glitzernden Augen. »Nur Pech, dass er nicht
gleich mit Fallschirm geliefert wird - falls du einem Dementor
zu nahe kommst.«
Crabbe und Goyle kicherten.
»Schade, dass du keinen Ersatzarm anschrauben kannst,
Malfoy«, sagte Harry, »der könnte den Schnatz für dich fangen.«
Die Gryffindors lachten laut auf. Malfoys blasse Augen
verengten sich und er stakste davon. Sie beobachteten, wie er
sich zu den anderen Spielern von Slytherin setzte, die jetzt die
Köpfe zusammensteckten und Malfoy ganz gewiss fragten, ob
Harrys Besen wirklich ein Feuerblitz sei.
Um Viertel vor elf brachen die Gryffindors zu den Um-
kleideräumen auf. Das Wetter war um Welten besser als bei
ihrem Spiel gegen Hufflepuff. Es war ein klarer, kühler
Tag mit einer sanften Brise; diesmal würde Harry keine
Schwierigkeiten haben, etwas zu sehen, und so nervös er auch
war,
269
zusehends spürte er die Begeisterung, die nur ein Quid-
ditch-Spiel mit sich brachte. Sie hörten die anderen Schüler
drüben ins Stadion einziehen. Harry legte den schwarzen
Schulumhang ab, zog den Zauberstab aus der Tasche und steckte
ihn in das T-Shirt, das er unter seinem Quidditch-Umhang
tragen wollte. Er würde ihn hoffentlich nicht brauchen. Plötzlich
fragte er sich, ob Professor Lupin in der Menge war und ihm
zusah.
»Du weißt, was wir tun müssen«, sagte Wood, als sie schon
auf dem Sprung nach draußen waren. »Wenn wir dieses Spiel
verlieren, können wir endgültig einpacken. Flieg - flieg einfach
wie gestern im Training und wir schaukeln das Ding!«
Unter tosendem Applaus marschierten sie hinaus auf das
Spielfeld. Das Team der Ravenclaws, ganz in Blau, hatte sich
bereits in der Mitte aufgestellt. Ihre Sucherin, Cho Chang, war
das einzige Mädchen im Team. Sie war um fast einen Kopf
kleiner als Harry, und trotz seiner Nervosität stellte er fest, dass
sie besonders hübsch war. Sie lächelte Harry zu, während sich
die Teams, die Gesichter einander zugewandt, hinter ihren
Kapitänen aufstellten, und Harry war ein wenig schwummrig in
der Magengegend, was jedoch, wie er glaubte, nichts mit seinen
angespannten Nerven zu tun hatte.
»Wood, Davies, begrüßt euch«, sagte Madam Hooch be-
schwingt, und Wood und der Kapitän der Ravenclaws schüt-
telten sich die Hände.
»Besteigt eure Besen ... auf meinen Pfiff geht's los eins -
zwei - drei -«
Harry stieß sich ab und der Feuerblitz rauschte schneller in
die Höhe als jeder andere Besen; er jagte um das Stadion herum
und begann nach dem Schnatz Ausschau zu halten, dabei
lauschte er immer den Worten des Freundes der
Weasley-Zwillinge, der den Spielkommentar sprach.
270
»Jetzt sind sie oben, und die große Sensation dieses Spiels
ist der Feuerblitz, den Harry Potter für die Gryffindors fliegt.
Rennbesen im Test zufolge werden die Nationalmannschaften
bei der diesjährigen Weltmeisterschaft allesamt den Feuerblitz
fliegen -«
»Jordan, wären Sie wohl so freundlich uns zu sagen, wie das
Spiel verläuft?«, unterbrach ihn Professor McGonagalls Stimme.
»Da haben Sie vollkommen Recht, Professor - ich wollte
nur ein wenig Hintergrundwissen vermitteln - übrigens hat der
Feuerblitz eine eingebaute automatische Bremse und -«
»Jordan!«
»Schon gut, schon gut, Gryffindor im Ballbesitz, Katie Bell
auf dem Weg zum Tor ...«
Harry zog in der Gegenrichtung an Katie vorbei auf der
Suche nach einem goldenen Schimmer und bemerkte, dass Cho
Chang knapp hinter ihm herflog. Zweifellos war sie eine gute
Fliegerin - ständig flog sie ihm in die Quere und zwang ihn, die
Richtung zu wechseln.
»Zeig ihr, wie du beschleunigen kannst, Harry!«, rief Fred,
der einem Klatscher nachjagte, der es auf Alicia abgesehen
hatte, und an ihm vorbeizischte.
Harry brachte den Feuerblitz auf Touren, drehte ein paar
Runden um die Torstangen, und Cho fiel zurück. Gerade als es
Katie gelang, das erste Tor zu erzielen, und die Gryffin-
dor-Kurve unten im Stadion anfing verrückt zu spielen, gerade
da sah er ihn - der Schnatz flitzte eine Handbreit über dem
Boden an einer der Absperrungen entlang.
Harry ging in den Sturzflug; Cho entging das nicht und sie
stürzte ihm nach - Harry wurde immer schneller, unglaubliche
Freude durchflutete ihn; Sturzflüge waren seine Spezialität jetzt
war er nur noch vier Meter entfernt -
Ein Klatscher, von einem Treiber der Ravenclaws geschla-
271
gen, kam aus dem Nichts angeschossen; Harry machte einen
jähen Schlenker und kam um Haaresbreite an ihm vorbei, und in
diesen wenigen entscheidenden Sekunden verschwand der
Schnatz.
Es folgte ein lang gezogenes enttäuschtes »Oooooh« der
Gryffindor-Fans, doch viel Applaus der Ravenclaw-Kurve für
ihren Treiber. George Weasley ließ Dampf ab und schmetterte
den zweiten Klatscher gegen diesen Missetäter der anderen
Seite, der sich mitten in der Luft auf den Rücken drehen musste,
um dem Ball zu entgehen.
»Gryffindor führt mit achtzig zu null Punkten, und schaut
euch an, wie dieser Feuerblitz losgeht! Potter macht ihm jetzt
wirklich die Hölle heiß, jetzt geht er scharf in die Kurve und
Changs Komet kann da einfach nicht mithalten, die
Gleichgewichtsautomatik des Feuerblitzes ist wirklich er-
staunlich bei diesen langen -«
»Jordan! Werden Sie dafür bezahlt, um für Feuerblitze
Reklame zu machen? Bleiben Sie beim Spiel!«
Die Ravenclaws holten jetzt auf; sie hatten drei Tore erzielt
und Gryffindor lag nur noch mit fünfzig Punkten vorn - wenn
Cho den Schnatz vor Harry fing, würden sie gewinnen. Harry
ließ sich tiefer sinken, entging knapp einem Zusammenstoß mit
einem Jäger der Ravenclaws und suchte fiebereifrig das
Spielfeld ab - ein goldener Schimmer, ein Flattern winziger
Flügel - der Schnatz umschwirrte eine Torstange der Gryffindors
-
Harry beschleunigte, die Augen auf den goldenen gerichtet -
doch schon war Cho aus dem Nichts aufgetaucht und blockierte
ihm die Bahn -
»Harry, du kannst doch jetzt nicht den Kavalier spielen!«,
polterte Wood, als Harry sich in die Kurve legte, um einen
Zusammenprall zu vermeiden. »Hau sie wenn nötig runter von
ihrem Besen!«
272
Harry wandte sich um und erblickte Cho; sie grinste. Wieder
war der Schnatz verschwunden. Harry zog den Feuerblitz nach
oben und war rasch zehn Meter über dem Spiel. Aus den
Augenwinkeln sah er, dass Cho ihn hartnäckig verfolgte ... sie
hatte offenbar beschlossen, ihn im Auge zu behalten anstatt den
Schnatz zu suchen ... na schön ... wenn sie sich auf seine Fährte
setzen wollte, musste sie auch die Folgen tragen ...
Wieder stürzte er sich in die Tiefe, und Cho, die glaubte, er
habe den Schnatz gesichtet, versuchte ihm zu folgen; scharf riss
sich Harry aus dem Sturzflug heraus und sie trudelte weiter in
die Tiefe; wieder raste er schnell wie eine Gewehrkugel in die
Höhe und dann sah er ihn zum dritten Mal - der Schnatz
glitzerte hoch über dem Feld drüben auf der Seite der
Ravenclaws.
Er legte los; viele Meter weiter unten tat es ihm Cho nach.
Jetzt würde er gewinnen, jede Sekunde kam er näher auf den
Schnatz zu - dann -
»Oh!«, schrie Cho und deutete mit dem Arm nach unten.
Harry ließ sich ablenken und sah hinunter.
Drei Dementoren, drei große, schwarze, kapuzentragende
Dementoren, sahen zu ihm hoch.
Er überlegte erst gar nicht. Er steckte die Hand in den
Kragen seines Umhangs, zückte den Zauberstab und brüllte:
»Expecto patronum!«
Etwas Silbrigweißes, etwas Riesiges, brach aus der Spitze
seines Zauberstabes hervor. Er wusste, dass es direkt auf die
Dementoren zuschoss, doch er wartete nicht, um zu sehen, was
passierte; mit immer noch wundersam klarem Kopf sah er nach
vorne - er war fast da - er streckte die Hand aus, die immer noch
den Zauberstab hielt, und schaffte es eben noch, die Faust über
dem kleinen, widerspenstig flatternden Schnatz zu schließen.
273
Madam Hoochs Pfiff ertönte, Harry drehte sich in der Luft
und sah sechs scharlachrote Schleier auf ihn zurasen, und schon
schlangen die andern Spieler so heftig die Arme um ihn, dass sie
ihn fast vom Besen zerrten. Von tief unten drangen die
Begeisterungsstürme der Gryffindors im Publikum herauf.
»Gut gemacht, mein Junge!«, rief Wood immer wieder.
Alicia, Angelina und Katie hatten Harry inzwischen allesamt ge-
küsst, Fred hielt ihn so fest umklammert, dass Harry fürchtete,
er würde ihm den Kopf abreißen. In heillosem Durcheinander
schaffte das Team gerade noch die Landung. Er stieg vom Besen
und sah jetzt einen Wirbel von Gryffindors auf das Spielfeld
rennen, Ron vorneweg. Bevor er sich retten konnte, war er schon
von einer jubelnden Menge eingeschlossen.
»Ja!«, rief Ron und riss Harrys Arm in die Luft. »Ja! Ja!«
»Gut gemacht, Harry!«, sagte Percy vergnügt. »Zehn Gal-
leonen für mich! Ich muss Penelope suchen, entschuldige mich
kurz -«
»Feine Sache, Harry!«, brüllte Seamus Finnigan.
»Klasse, verdammt noch mal!«, rief Hagrid mit strahlendem
Gesicht über die Köpfe der wogenden Menschenmenge hinweg.
»Dein Patronus war nicht von schlechten Eltern«, flüsterte
jemand in Harrys Ohr.
Harry wandte sich um und erkannte Professor Lupin, der
erschüttert und erfreut zugleich wirkte.
»Die Dementoren haben mir gar nichts ausgemacht!«, sagte
Harry aufgeregt. »Ich hab gar nichts gespürt!«
»Das - ähm - liegt daran, dass sie gar keine Dementoren
waren«, sagte Professor Lupin. »Komm und sieh dir das an -«
Er führte Harry aus der Menge heraus, bis sie den Spiel-
feldrand sehen konnten.
»Du hast Mr Malfoy einen hübschen Schreck eingejagt«,
sagte Lupin.
274
Harry stand mit offenem Mund da. In einem verknäuelten
Haufen auf dem Boden lagen Malfoy, Crabbe, Goyle und
Marcus Flint, der Teamkapitän der Slytherins, und mühten sich
verzweifelt, sich aus ihren langen, schwarzen
Kapuzenumhängen zu befreien. Offenbar hatte Malfoy auf
Goyles Schultern gestanden. jemand hatte sich über ihnen
aufgebaut und blickte mit furchtbar wütendem Blick auf sie
hinab - Professor McGonagall.
»Ein verabscheuungswürdiger Trick!«, rief sie. »Ein mieser
und feiger Versuch, den Sucher der Gryffindors zu behindern.
Strafarbeiten für Sie alle, und fünfzig Punkte Abzug für
Slytherin! Ich werde mit Professor Dumbledore über diese
Sache sprechen, machen Sie sich keine falschen Vorstellungen!
Ah, da kommt er ja schon!«
Wenn irgendetwas den Sieg der Gryffindors endgültig be-
siegelte, dann dies. Ron, der sich zu Harry durchgekämpft hatte,
krümmte sich vor Lachen, während sie Malfoy zusahen, wie er
sich aus seinem Umhang, in dem immer noch Goyles Kopf
steckte, freizustrampeln versuchte.
»Komm mit, Harry!«, sagte George, der sich ebenfalls
durchgedrängelt hatte. »Fete ist angesagt! Jetzt gleich im Ge-
meinschaftsraum!«
»Gut!«, sagte Harry, der sich seit Ewigkeiten nicht mehr so
glücklich gefühlt hatte. Er ging mit den anderen Spielern, immer
noch in den scharlachroten Umhängen, voran, aus dem Stadion
hinaus und zurück ins Schloss.
Es war, als hätten sie den Quidditch-Pokal schon gewonnen.
Den ganzen Tag tobte die Fete und weit hinein in die Nacht.
Fred und George Weasley verschwanden für ein paar Stunden
und kehrten mit Massen von Butterbier, Kürbislimo und
Süßigkeiten aus dem Honigtopf zurück.
»Wie habt ihr das geschafft?«, kreischte Angelina Johnson,
275
während George anfing, Pfefferminzkröten in die Menge zu
werfen.
»Mit ein wenig Hilfe von Moony, Wurmschwanz, Tatze und
Krone«, murmelte Fred Harry ins Ohr.
Nur eine nahm nicht an den Festlichkeiten teil. Hermine, es
war nicht zu fassen, saß tatsächlich in einer Ecke und versuchte
einen Riesenschinken mit dem Titel Häusliches Leben und
gesellschaftliche Sitten britischer Muggel zu lesen. Harry löste
sich von dem Tisch, an dem Fred und George gerade mit
Butterbierflaschen jonglierten, und ging zu ihr hinüber.
»Warst du wenigstens beim Spiel?«, fragte er sie.
»Natürlich«, sagte Hermine ohne aufzusehen mit merk-
würdig hoher Stimme. »Und ich bin sehr froh, dass wir ge-
wonnen haben, und du warst wirklich gut, aber ich muss das hier
bis Montag gelesen haben.«
»Komm. schon, Hermine, iss doch wenigstens etwas«, sagte
Harry, blickte hinüber zu Ron und fragte sich, ob der so gut
gelaunt war, dass er das Kriegsbeil begraben würde.
»Ich kann nicht, Harry, ich muss noch vierhundertzwei-
undzwanzig Seiten lesen!«, sagte Hermine und klang jetzt ein
wenig überdreht. »Außerdem ...«, sie warf einen Blick zu Ron
hinüber, »er will ja nicht, dass ich mitmache.«
Daran gab es keinen Zweifel, denn Ron wählte eben diesen
Moment, um zu verkünden:
»Wenn Krätze nicht vor kurzem gefressen worden wäre,
hätte er ein paar von diesen Zuckerwattefliegen haben können,
die mochte er so gerne -«
Hermine brach in Tränen aus. Bevor Harry etwas sagen oder
tun konnte, hatte sie den dicken Wälzer unter den Arm
geklemmt, war schluchzend zur Mädchentreppe gerannt und
verschwunden.
»Kannst du sie nicht wenigstens ein Mal in Ruhe lassen?«
fragte Harry Ron mit leiser Stimme.
276
»Nein«, sagte Ron stur. »Wenn sie wenigstens so tun würde,
als ob es ihr Leid täte - aber Hermine gibt nie zu, dass sie im
Unrecht ist. Sie tut immer noch so, als ob Krätze einfach in
Urlaub gefahren wäre oder so was.«
Die Party der Gryffindors fand erst ein Ende, als Professor
McGonagall um ein Uhr morgens in schottengemustertem
Morgenmantel und Haarnetz auftauchte und sie, ohne Wi-
derspruch zuzulassen, ins Bett schickte. Während Harry und
Ron die Treppe zum Schlafsaal hochstiegen, redeten sie immer
noch über das Spiel. Endlich, ganz erschöpft, kletterte Harry ins
Bett, zog die Vorhänge ringsum zu, um das Mondlicht so lange
wie möglich draußen zu halten, legte sich in die Kissen und
spürte, wie er fast im selben Moment in den Schlaf entschwebte
...
Er hatte einen sehr seltsamen Traum. Mit dem Feuerblitz auf
der Schulter durchstreifte er einen Wald auf der Spur einer
silbrig weißen Gestalt. Sie huschte vor ihm durch die Bäume
und er sah sie nur hin und wieder zwischen den Blättern
auftauchen. Er wollte sie unbedingt einholen, doch je schneller
er ging, desto schneller floh auch seine Beute. Harry fing an zu
rennen und jetzt konnte er galoppierende Hufe vor sich hören -
er stieß durch dichtes Blattwerk hinaus auf eine Lichtung und -
»AAAAAAAAAAAAAARRRRRRRRRRRRRRRRRRRR
RRHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH!
NEIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!«
Harry erwachte so plötzlich, als hätte ihm jemand ins Ge-
sicht geschlagen. Völlig verwirrt tastete er in der Dunkelheit
nach den Vorhängen - er hörte Bewegungen um sich her und
von der anderen Seite des Saals kam Seamus Finnigans Stimme:
»Was ist denn los?«
Harry glaubte, die Schlafsaaltür zugehen zu hören. Endlich
277
fand er den Spalt in den Vorhängen, er riss sie auf und im selben
Augenblick machte Dean Thomas seine Lampe an.
Die Vorhänge von Rons Bett waren an einer Seite zerrissen.
Ron saß kerzengerade im Bett mit einem Ausdruck sprachlosen
Entsetzens auf dem Gesicht.
»Black! Sirius Black! Mit einem Messer!«
»Was?«
»Hier! Gerade eben! Hat die Vorhänge aufgeschlitzt! Hat
mich aufgeweckt!«
»Bist du sicher, dass du nicht geträumt hast, Ron?«, sagte
Dean.
»Sieh dir die Vorhänge an! Ich sag dir, er war hier!«
Alle kletterten aus ihren Betten; Harry war als Erster an der
Tür und sie rannten die Treppe hinunter. Türen flogen hinter
ihnen auf. verschlafene Stimmen riefen ihnen nach -
»Wer hat geschrien?«
»Was macht ihr da?«
Das Glimmen des sterbenden Feuers im Kamin erleuchtete
den Gemeinschaftsraum, in dem noch die Überbleibsel ihrer
Party verstreut lagen. Er war menschenleer.
»Bist du sicher, dass es kein Traum war, Ron?«
»Ich sag dir, ich hab ihn gesehen!«
»Was soll denn dieser Lärm?«
»Professor McGonagall hat uns doch gesagt, wir sollen ins
Bett gehen!«
Ein paar Mädchen waren ihre Treppe heruntergekommen,
die Morgenmäntel fest um den Körper gewickelt und tief
gähnend. Auch mehrere Jungen tauchten jetzt auf
»Gute Idee, machen wir weiter?«, fragte Fred Weasley
strahlend.
»Alle zurück in die Betten!«, sagte Percy, der jetzt herein-
gerannt kam und sich beim Sprechen sein Schulsprecher-
Abzeichen an den Schlafanzug heftete.
278
»Perce - Sirius Black!«, sagte Ron matt. »In unserem
Schlafsaal! Mit einem Messer! Hat mich geweckt!«
Im Gemeinschaftsraum wurde es totenstill.
»Unsinn!«, sagte Percy, wenngleich verdutzt. »Du hast zu
viel gegessen, Ron - davon hat man Alpträume -«
»Ich sag dir doch -«
»Jetzt aber wirklich, genug ist genug!«
Professor McGonagall war auch wieder da. Sie schlug das
Porträt hinter sich zu, trat in den Gemeinschaftsraum und blickte
wütend in die Runde.
»Ich bin ja froh, dass Gryffindor das Spiel gewonnen hat,
aber Ihr Betragen wird allmählich lästig. Percy, ich hätte mehr
von Ihnen erwartet!«
»Ich habe das natürlich nicht erlaubt, Professor!«, sagte
Percy empört. »Ich hab sie alle ins Bett zurückgeschickt. Mein
Bruder Ron hier hatte einen Alptraum -«
»Es war kein Alptraum!«, rief Ron. »Professor, ich bin auf-
gewacht und da stand Sirius Black über mir mit einem Messer in
der Hand!«
Professor McGonagall starrte ihn an.
»Machen Sie sich nicht lächerlich, Weasley, wie hätte er
denn durch das Porträtloch kommen sollen?«
»Fragen Sie doch den!«, sagte Ron und wies mit zitterndem
Zeigefinger auf die Rückseite von Sir Cadogans Gemälde.
»Fragen Sie ihn, ob er -«
Mit einem übellaunigen Blick auf Ron stieß Professor
McGonagall das Porträt zur Seite und ging hinaus. Die ganze
Schar lauschte mit angehaltenem Atem.
»Sie - Sie haben ihn eingelassen?«, kreischte Professor
McGonagall. »Aber - aber das Passwort!«
»Er hat sie gehabt!«, sagte Sir Cadogan stolz. »Hatte alle
von der ganzen Woche, Mylady! Hat sie von einem kleinen
Zettel abgelesen!«
279
Professor McGonagall kletterte zurück durch das Porträtloch
und wandte sich der sprachlosen Menge zu. Sie war weiß wie
Kreide.
»Wer von Ihnen«, sagte sie mit zitternder Stimme, »welcher
unsägliche Dummkopf hat die Passwörter von dieser Woche
aufgeschrieben und sie herumliegen lassen?«
Zunächst herrschte vollkommene Stille und dann, zuerst
kaum vernehmlich, hörte man ein schrecklich verängstigtes
Quieken und Fiepen. Neville Longbottom, vom Kopf bis zu den
flaumigen Pantoffeln zitternd, hob langsam die Hand.
280
Snapes Groll
Keiner im Turm der Gryffindors schlief in dieser Nacht. Sie
wussten, dass das Schloss erneut durchsucht wurde, und das
ganze Haus wartete im Gemeinschaftsraum auf die Nachricht,
dass sie Black endlich gefasst hätten. Im Morgengrauen kehrte
Professor McGonagall zurück und sagte ihnen, dass er wieder
entkommen war.
Wo immer sie am nächsten Tag hinkamen, überall fielen
ihnen die scharfen Sicherheitsvorkehrungen auf, Professor
Flitwick brachte dem Schlossportal anhand eines großen Bildes
bei, Sirius Black zu erkennen; Filch wuselte die Korridore
entlang und gipste alles zu, was er finden konnte, von kleinen
Rissen in der Wand bis zu Mauselöchern. Sir Cadogan hatten sie
gefeuert. Sein Porträt hing wieder auf dem verlassenen Korridor
im siebten Stock und die fette Dame war wieder an ihrem Platz.
Man hatte sie zwar fachmännisch restauriert, doch immer noch
war sie höchst nervös. Ihrer Rückkehr hatte sie nur unter der
Bedingung zugestimmt, dass man ihr zusätzlichen Schutz bot.
Und so wurde zu ihrer Bewachung eine Truppe bärbeißiger
Sicherheitstrolle angeheuert. Diese bedrohlich wirkenden
Gestalten, die jetzt auf dem Korridor Streife gingen, unterhielten
sich mittels Grunzlauten und verglichen zum Zeitvertreib die
Größe ihrer Schlagkeulen.
Harry fiel auf, dass die Statue der einäugigen Hexe
im dritten Stock unbewacht blieb und auch ihr Buckel
nicht zugegipst wurde. Offenbar hatten Fred und George Recht,
281
wenn sie glaubten, sie - und inzwischen auch Harry, Ron und
Hermine - wären die Einzigen, die von dem Einstieg zum
Geheimgang wussten.
»Meinst du, wir sollten es melden?«, fragte Harry Ron.
»Black kann ihn ohnehin nicht benutzen«, sagte Ron ohne
Zögern. »Er müsste im Honigtopf einbrechen, wenn er durch die
Falltür will. Und die Besitzer hätten das doch längst gemerkt,
oder etwa nicht?«
Harry war froh, dass Ron so dachte. Zum einen war er nicht
scharf darauf zu verraten, dass er jetzt die Karte des Rumtreibers
besaß. Zum andern würde er nie wieder nach Hogsmeade
kommen, wenn Filch die einäugige Hexe auch noch zugipste.
Ron war über Nacht zur Berühmtheit geworden. Zum ersten
Mal in seinem Leben schenkten ihm die anderen Schüler mehr
Aufmerksamkeit als Harry und offensichtlich genoss er diese
Erfahrung. Zwar steckten ihm die nächtlichen Ereignisse immer
noch in den Knochen, doch eifrig schilderte er jedem, der es
hören wollte, was geschehen war, und sparte dabei nicht mit
Einzelheiten.
»... also, mitten im Schlaf hör ich plötzlich dieses Geräusch,
als ob etwas zerreißt, und ich denke, ich träum, versteht ihr?
Aber dann spüre ich diesen Luftzug ... Ich wache auf und der
Vorhang auf der einen Bettseite ist runtergerissen ... ich drehe
mich um ... und da steht er über mir ... wie ein Skelett mit
langen dreckigen Haaren ... er hält ein Messer in der Hand,
mindestens dreißig Zentimeter lang - und er starrt mich an und
ich starre zurück und dann schreie ich und er haut ab.
Warum eigentlich?«, fragte er an Harry gewandt, während
sich die Mädchen aus der zweiten Klasse, die seiner unheim-
lichen Geschichte gelauscht hatten, tuschelnd entfernten.
»Warum, ist er abgehauen?«
282
Auch Harry hatte sich diese Frage gestellt. Warum hatte
Black, nachdem er erkannt hatte, dass er das falsche Bett er-
wischt hatte, Ron nicht zum Schweigen gebracht, um dann zum
nächsten Bett zu gehen? Black hatte vor zwölf Jahren bewiesen,
dass es ihm nichts ausmachte, unschuldige Menschen zu töten,
und diesmal hatte er es mit fünf unbewaffneten jungen zu tun
gehabt, von denen vier schliefen.
»Er muss gewusst haben, dass es für ihn schwierig würde,
aus dem Schloss zu fliehen, nachdem du geschrien und die
Leute aufgeweckt hast«, sagte Harry nachdenklich. »Er hätte das
ganze Haus umbringen müssen, wenn er durch das Porträtloch
zurückwollte ... und dann hätte er es mit den Lehrern zu tun
bekommen ...«
Neville war in Schimpf und Schande gefallen. Professor
McGonagall war so wütend auf ihn, dass sie ihm jeden weiteren
Besuch in Hogsmeade verboten, ihm eine Strafarbeit aufgehalst
und jedem untersagt hatte, ihm das Passwort zum Turm zu
sagen. Der arme Neville musste nun jeden Abend draußen vor
dem Gemeinschaftsraum warten, wo ihn die Sicherheitstrolle
misstrauisch beäugten, bis jemand kam, der ihn einließ. Keine
dieser Strafen jedoch kam der nahe, die seine Großmutter für ihn
in petto hatte. Zwei Tage nach Blacks Einbruch schickte sie ihm
das Übelste, das ein Hogwarts-Schüler zum Frühstück auf den
Tisch bekommen konnte - einen Heuler.
Die Schuleulen schwebten wie jeden Morgen mit der Post in
die Große Halle. Neville verschluckte sich, als eine große
Schleiereule mit einem scharlachroten Umschlag im Schnabel
vor ihm landete. Harry und Ron, die gegenüber saßen, erkannten
sofort, dass in diesem Brief ein Heuler steckte - ein Jahr zuvor
hatte Ron einen von seiner Mutter bekommen.
»Hau lieber ab, Neville«, riet ihm Ron.
283
Neville ließ sich das nicht zweimal sagen. Er packte den
Umschlag, hielt ihn mit ausgestrecktem Arm von sich wie eine
Bombe und rannte aus der Halle, ein Anblick, bei dem der Tisch
der Slytherins in tosendes Gelächter ausbrach. Sie hörten den
Heuler in der Eingangshalle losgehen - die Stimme von Nevilles
Großmutter, magisch verstärkt auf das Hundertfache ihrer
üblichen Lautstärke, schrie und tobte, welche Schande er über
die ganze Familie gebracht habe.
Harry empfand ein so tiefes Mitleid mit Neville, dass er
zunächst gar nicht bemerkte, dass auch er einen Brief be-
kommen hatte. Hedwig beanspruchte jetzt seine Aufmerk-
samkeit und pickte ihm schmerzhaft aufs Handgelenk.
»Autsch! Ach - danke, Hedwig -«
Während Hedwig sich ein wenig an Nevilles Cornflakes
gütlich tat, riss Harry den Umschlag auf und entfaltete den Brief.
Lieber Harry, lieber Ron, wie wär's mit einer Tasse Tee heute
Nachmittag gegen sechs? Ich hol euch vom Schloss ab. Wartet
in der Eingangshalle auf mich. Ihr dürft nicht alleine rausgehen.
Beste Grüße,
Hagrid
»Er will wahrscheinlich alles über Black hören!«, sagte Ron.
Und so verließen Harry und Ron an diesem Nachmittag um
sechs den Turm der Gryffindors, gingen' schleunigst an den
Sicherheitstrollen vorbei und stiegen hinunter in die
Eingangshalle.
Hagrid wartete bereits auf sie.
»Ich weiß, Hagrid!«, sagte Ron. »Du willst sicher wissen,
was Samstagnacht passiert ist?«
284
»Das weiß ich schon alles«, sagte Hagrid, öffnete das Portal
und geleitete sie nach draußen.
»Ach so«, sagte Ron ein wenig enttäuscht.
Das Erste, was sie sahen, als sie in Hagrids Hütte traten, war
Seidenschnabel. Die gewaltigen Flügel an den Körper
geschmiegt hatte er sich der Länge nach auf Hagrids Fli-
ckenvorleger ausgestreckt und verspeiste genüsslich einen
großen Teller toter Frettchen. Harry wandte die Augen von
diesem unschönen Anblick ab und sah jetzt einen kolossalen
Anzug aus braunem Fellhaar und eine fürchterliche gelb-
orangerote Krawatte an der Tür von Hagrids Kleiderschrank
hängen.
»Wozu brauchst du diese Klamotten?«, fragte Harry.
»Für den Prozess gegen Seidenschnabel vor dem Ausschuss
für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe«, sagte Hagrid.
»Diesen Freitag. Wir fahren zusammen runter nach London. Ich
hab zwei Betten im Fahrenden Ritter gebucht ...«
Harry überkamen plötzlich peinliche Gewissensbisse. Dass
Seidenschnabel bald der Prozess drohte, hatte er völlig
vergessen, und nach Rons verlegener Miene zu schließen war es
ihm nicht anders ergangen. Zudem hatten sie ihr Versprechen
vergessen, Hagrid bei der Vorbereitung für Seidenschnabels
Verteidigung zu helfen: Der Feuerblitz hatte es schlichtweg aus
ihren Köpfen gelöscht.
Hagrid schenkte ihnen Tee ein und bot ihnen einen Teller
Rosinenbrötchen an, doch sie lehnten dankend ab; Hagrids
Kochkünste hatten sie noch gut in Erinnerung.
»Ich hab was mit euch zu besprechen«, sagte Hagrid und
setzte sich mit einer für ihn ungewöhnlich ernsten Miene
zwischen die beiden.
»Was denn?«, wollte Harry wissen.
»Hermine«, sagte Hagrid.
»Was ist mit ihr?«, fragte Ron.
285
»Geht ihr ziemlich elend, muss ich euch sagen. Sie hat mich
seit Weihnachten oft besucht. Hat sich einsam gefühlt. Erst habt
ihr wegen dem Feuerblitz nicht mit ihr geredet, jetzt ist es wegen
ihrem Kater -«
»- hat Krätze gefressen!«, warf Ron zornig ein.
»So sind sie eben, die Kater«, fuhr Hagrid unbeirrt fort. »Sie
hat ziemlich oft geheult, sag ich euch. Hat's im Moment nicht
leicht. Hat sich mehr aufgehalst, als sie verkraften kann, wenn
ihr mich fragt, diese ganze Lernerei tut ihr nicht gut. Hat aber
trotzdem Zeit gefunden, mir mit Seidenschnabel zu helfen, alle
Achtung ... und hat einiges rausgefunden, was ich wirklich gut
gebrauchen kann ... schätze mal, er hat jetzt 'ne reelle Chance ...
«
»Hagrid, wir hätten dir auch helfen sollen - tut uns Leid -«,
begann Harry peinlich berührt.
»Ich will euch doch nichts vorwerfen«, sagte Hagrid und tat
Harrys Entschuldigung mit einer Handbewegung ab. »Du hast
weiß Gott genug zu tun gehabt, Harry, ich hab dich Tag und
Nacht Quidditch trainieren sehen - aber ich muss euch sagen, ich
hätte gedacht, euch wär ein Freund mehr wert als Besen und
Ratten. Das ist alles.«
Harry und Ron tauschten betretene Blicke.
»Sie war ganz durcheinander, unsere Hermine, als Black
dich fast erstochen hat, Ron. Sie hat das Herz am richtigen
Fleck, und ihr zwei redet nicht mal mit ihr -«
»Wenn dieser Kater verschwindet, red ich wieder mit ihr!«,
sagte Ron zornig, »aber sie hängt immer noch an dem Vieh! Ein
richtiges Raubtier, und sie will kein Wort gegen ihn hören!«
»Ach weißt du, die Menschen stellen sich manchmal ein
wenig dumm, wenn's um ihre Haustiere geht«, sagte Hagrid
weise. Hinter ihnen spuckte Seidenschnabel ein paar Frett-
chenknochen auf Hagrids Kissen.
286
Den Rest der Zeit sprachen sie über Quidditch und die in-
zwischen besseren Chancen Gryffindors, den Pokal zu ge-
winnen. Um neun brachte Hagrid sie zurück ins Schloss.
Im Gemeinschaftsraum drängte sich eine große Schüler-
traube um das Mitteilungsbrett.
»Nächstes Wochenende geht's wieder mal nach Hogs-
meade!«, sagte Ron, der sich ein wenig vorgedrängelt hatte, um
den neuen Zettel zu lesen. »Was meinst du?«, fügte er mit
gedämpfter Stimme an Harry gewandt hinzu, während sie sich
setzten.
»Naja, Filch hat sich um den Geheimgang zum Honigtopf
nicht gekümmert ...«, sagte Harry noch leiser.
»Harry!«, sprach eine Stimme in sein rechtes Ohr. Harry
zuckte zusammen und wandte sich um. Am Tisch hinter ihnen
saß Hermine und räumte eine Lücke in der Wand aus Büchern
frei, die sie bisher verborgen hatte.
»Harry, wenn du noch einmal nach Hogsmeade gehst ...
erzähl ich Professor McGonagall von dieser Karte!«, flüsterte
Hermine.
»Hörst du jemanden reden, Harry?«, knurrte Ron ohne
Hermine anzusehen.
»Ron, wie kannst du ihn auch noch anstacheln? Nach dem,
was Sirius Black dir fast angetan hätte! Ich mein's ernst, ich geh
zu -«
»Jetzt treibst du es noch so weit, dass sie Harry von der
Schule werfen!«, zischte Ron wütend. »Hast du dieses Jahr noch
nicht genug Schaden angerichtet?«
Hermine öffnete den Mund, um zu antworten, doch mit
einem leisen Fauchen sprang ihr Krummbein auf den Schoß.
Hermine warf Ron einen besorgten Blick zu, dessen Gesicht
jetzt einen merkwürdigen Ausdruck annahm. Sie packte
Krummbein und ging rasch in Richtung Mädchenschlafsaal
davon.
287
»Also, wie steht's?«, sagte Ron zu Harry, als wären sie gar
nicht unterbrochen worden. »Komm schon, das letzte Mal, als
du in Hogsmeade warst, hast du doch gar nichts gesehen. Du
bist noch nicht mal bei Zonko gewesen!«
Harry vergewisserte sich, dass Hermine außer Hörweite war.
»Gut«, sagte er. »Aber diesmal nehm ich den Tarnumhang.«
Am Samstagmorgen packte Harry seinen Tarnumhang in die
Schultasche, steckte die Karte des Rumtreibers in die Hose und
ging mit den andern hinunter zum Frühstück. Hermine sah von
der anderen Seite des Tisches immer wieder misstrauisch
herüber, doch er mied ihren Blick und sorgte dafür, dass sie ihn
draußen in der Eingangshalle die Marmortreppe hochsteigen
sah, während sich alle andern am Portal versammelten.
»Tschau!«, rief Harry Ron nach. »Wir sehen uns, wenn ihr
zurück seid!«
Ron grinste und zwinkerte.
Harry rannte hoch in den dritten Stock und zog die Karte
hervor. Er kauerte sich hinter der einäugigen Hexe auf den
Boden und breitete sie aus. Ein kleiner Punkt bewegte sich in
seine Richtung. Harry verfolgte ihn gespannt. In winziger Schrift
neben dem Punkt stand »Neville Longbottom«.
Rasch zückte Harry den Zauberstab, murmelte
»Dissendium« und schob seine Schultasche in die Statue, doch
bevor er selbst hineinklettern konnte, kam Neville um die Ecke
»Harry! Ich hab ganz vergessen, dass du ja auch nicht nach,
Hogsmeade darfst!«
»Hallo, Neville«, sagte Harry. Schnell ging er ein Paar
Schritte weg von der Statue und stopfte die Karte in die Um-
hangtasche. »Irgendwelche Pläne?«
288
»Ne«, sagte Neville schulterzuckend. »Hast du Lust auf 'ne
Partie Snape explodiert?«
Ȁhm - nicht jetzt - ich wollte eben in die Bibliothek und
diesen Vampiraufsatz für Lupin schreiben -«
»Ich komm mit!«, sagte Neville strahlend. »Ich hab noch gar
nicht damit angefangen!«
Ȁhm - wart mal - ja, hab ich ganz vergessen, ich hab ihn
gestern Abend fertig geschrieben!«
»Toll, dann kannst du mir ja helfen!«, sagte Neville und sein
Blick flehte um Beistand. »Das mit dem Knoblauch kapier ich
überhaupt nicht - müssen die den essen oder was -«
Unter leisem Keuchen erstarb Nevilles Stimme. Sein Blick
fiel an Harry vorbei auf den Korridor.
Es war Snape. Neville ging rasch hinter Harry in Deckung.
»Und was macht ihr beide hier?«, sagte Snape, baute sich
vor ihnen auf und sah sie abwechselnd an. »Ein ungewöhnlicher
Treffpunkt -«
Harry überkam gewaltige Unruhe, als Snapes flackernder
Blick über die Türen zu beiden Seiten des Ganges huschte und
dann an der einäugigen Hexe hängen blieb.
»Das - das ist nicht unser Treffpunkt«, sagte Harry. »Wir
haben uns - einfach zufällig getroffen.«
»Tatsächlich?«, sagte Snape. »Du hast die Gewohnheit, an
ausgefallenen Orten aufzutauchen, Potter, und das meist aus
ganz bestimmten Gründen ... Ich schlage vor, ihr zwei geht
schleunigst zurück in euren Turm, dahin, wo ihr hingehört.«
Harry und Neville gingen ohne ein weiteres Wort davon.
Bevor sie um die Ecke bogen, wandte sich Harry noch einmal
um. Snape strich mit der Hand über den Kopf der einäugigen
Hexe und untersuchte sie genau.
Bei der fetten Dame angelangt, schaffte es Harry, Neville
289
abzuschütteln, indem er ihm das Passwort sagte und vorschützte,
seinen Vampiraufsatz in der Bibliothek vergessen zu haben. Er
rannte davon. Außer Sicht der Sicherheitstrolle zog er die Karte
hervor und versenkte sich in den Plan des Schlosses.
Der Korridor im dritten Stock schien wie ausgestorben.
Harry suchte die Karte sorgfältig ab und stellte mit Erleichterung
fest, dass der kleine Punkt namens »Severus Snape« inzwischen
wieder in seinem Büro war.
Er rannte zurück zur einäugigen Hexe, öffnete ihren Buckel,
schlüpfte hinein und schlitterte hinunter zu seiner Tasche am
Ende der steinernen Rutsche. Er löschte die Karte des
Rumtreibers und spurtete los.
Harry, unter dem Tarnumhang vollkommen verborgen, trat ins
Sonnenlicht vor dem Honigtopf und klopfte Ron auf den
Rücken.
»Ich bin's«, murmelte er.
»Wo hast du so lange gesteckt?«, zischte Ron.
»Snape ist herumgeschlichen ...«
Sie machten sich auf den Weg die Hauptstraße entlang.
»Wo bist du?«, murmelte Ron immer wieder aus den
Mundwinkeln. »Bist du noch da? Ein komisches Gefühl ist das
...«
Sie gingen zum Postamt. Ron tat so, als wolle er wissen, wie
viel eine Eule zu Bill nach Ägypten koste, damit sich Harry in
Ruhe umsehen konnte. Die Eulen, mindestens dreihundert Tiere,
saßen auf Stangen und fiepten ihm leise zu; alles war vertreten,
von den großen Uhus bis zu den Käuzchen (»Zustellung nur
innerorts«), die so winzig waren, dass sie auf Harrys Hand Platz
gehabt hätten.
Dann besuchten sie Zonko, wo sich so viele Schüler
drängelten, dass Harry sorgfältig aufpassen musste, niemandem
290
auf die Zehen zu treten und eine Panik auszulösen. Hier gab es
Scherz- und Juxartikel, die selbst Freds und Georges wildeste
Träume verblassen ließen; Harry flüsterte Ron zu, was er tun
sollte, und reichte ihm unter seinem Umhang ein paar
Goldmünzen. Sie verließen Zonko mit stark erleichterten
Geldbeuteln, doch die Taschen berstend voll mit Stinkbomben,
Schluckaufdrops, Froschlaichseife und mit je einer na-
sebeißenden Teetasse.
Es war ein schöner Tag mit einer leichten Brise, und keiner
von beiden hatte Lust, sich irgendwo reinzusetzen. Also
schlenderten sie an den Drei Besen vorbei und einen Hügel
hinauf Dort oben, ein wenig abseits vom Dorf, stand das
verspukteste Haus in ganz Britannien, die Heulende Hütte. Mit
ihren brettervernagelten Fenstern und dem morastigen,
überwucherten Garten war sie selbst bei Tageslicht ein wenig
schaurig.
»Sogar die Geister von Hogwarts machen einen Bogen um
die Hütte«, sagte Ron, während sie über den Zaun gelehnt zu ihr
hochsahen. »Ich hab den Fast Kopflosen Nick gefragt ... er
meinte, hier hätte eine ziemlich raue Bande gelebt. Keiner
kommt da rein. Fred und George haben's natürlich versucht, aber
alle Eingänge sind versiegelt ...«
Harry, von der Klettertour erhitzt, überlegte gerade, ob er
den Umhang nicht eine Weile ablegen sollte, als sie Stimmen in
der Nähe hörten. Jemand stieg auf der anderen Seite des Hügels
zur Hütte empor; Sekunden später war Malfoy zu erkennen,
dicht gefolgt von Crabbe und Goyle. Malfoy sprach.
»... ich erwarte jede Minute eine Eule von meinem Vater. Er
musste zum Prozess, um ihnen von meinem Arm zu berichten ...
dass ich ihn drei Monate lang nicht gebrauchen konnte ...«
Crabbe und Goyle glucksten.
291
»Ich wünschte, ich könnte dabei sein, wenn sich dieser
zottige Volltrottel zu verteidigen sucht ... >Der tut nichts Böses,
ehrlich -< ... dieser Hippogreif ist so gut wie tot -«
Da fiel Malfoys Blick auf Ron. Sein blasses Gesicht verzog
sich zu einem bösartigen Grinsen.
»Was machst du denn hier, Weasley?«
Malfoy sah an Ron vorbei zu dem baufälligen Haus.
»Vermute mal, du würdest am liebsten hier wohnen, nicht
wahr, Weasley? Träumst davon, ein eigenes Schlafzimmer zu
haben? Hab gehört, bei euch schlafen sie alle in einem Zimmer -
stimmt das?«
Harry packte Ron von hinten am Umhang, damit der sich
nicht auf Malfoy stürzte.
»Überlass ihn mir«, zischte er Ron ins Ohr.
Die Gelegenheit war einfach zu gut. Leise schlich sich Harry
hinter Malfoy, Crabbe und Goyle, bückte sich und grub eine
große Hand voll Schlamm aus dem Fußweg.
»Wir reden gerade über deinen Freund Hagrid«, sagte
Malfoy zu Ron. »Was er wohl dem Ausschuss für die Besei-
tigung gefährlicher Geschöpfe erzählt? Glaubst du, er fängt an
zu heulen, wenn sie seinem Hippogreif -«
Klatsch.
Malfoys Kopf ruckte nach vorn, als ihn der Schlamm von
hinten traf; an seinem silberblonden Haar tropfte der Modder
herunter.
»Was zum -?«
Ron bekam wabblige Knie vor Lachen und musste sich am
Zaun festhalten. Malfoy, Crabbe und Goyle torkelten im Kreis
herum und stierten fassungslos in die Gegend. Mühselig wischte
sich Malfoy den Dreck aus den Haaren.
»Was war das? Wer war das?«
»Spukt ganz schön hier oben«, sagte Ron, als würde er übers
Wetter reden.
292
Crabbe und Goyle bekamen es offenbar mit der Angst zu
tun. Gegen Gespenster konnten sie mit ihren überquellenden
Muskelpaketen nichts ausrichten. Malfoy stierte mit irrem Blick
in die menschenleere Gegend.
Harry schlich den Fußweg entlang bis zu einer besonders
dreckigen Pfütze und griff sich beherzt eine Hand voll übel
riechenden grünlichen Schlicks.
Flatsch.
Diesmal bekamen Crabbe und Goyle ihren Anteil. Goyle
tapste wütend umher und wischte sich verzweifelt den Schlick
aus den kleinen dumpfen Augen.
»Es kommt von da drüben!«, sagte Malfoy und zeigte auf
eine Stelle etwa zwei Meter links von Harry, während er sich
immer noch das Gesicht wischte.
Crabbe stolperte los, die langen Arme ausgestreckt wie ein
Zombie. Harry duckte sich seitlich weg, hob einen Ast vom
Boden und schleuderte ihn auf Crabbes Rücken. Crabbe hob vor
Schreck vom Boden ab und drehte eine Pirouette in der Luft;
Harry krümmte sich vor stummem Lachen. Da Ron der Einzige
war, den Crabbe sehen konnte, ging er auf ihn los, doch Harry
stellte ihm ein Bein - und Crabbes riesiger Plattfuß verhedderte
sich im Saum von Harrys Umhang. Harry spürte ein mächtiges
Zerren, dann wurde der Tarnumhang von seinem Gesicht
gerissen.
Für den Bruchteil einer Sekunde starrte ihn Malfoy an.
»AAAARH!«, brüllte er und deutete auf Harrys Kopf Dann
machte er auf dem Absatz kehrt und rannte mit hals-
brecherischer Geschwindigkeit den Hügel hinunter, Crabbe und
Goyle auf den Fersen.
Harry zog sich den Umhang wieder über den Kopf, doch
nun war es passiert.
»Harry!«, sagte Ron, stolperte in seine Richtung und starrte
hoffnungslos auf die Stelle, wo Harry verschwunden
293
war, »du haust besser ab! Wenn Malfoy das erzählt - du musst
zurück ins Schloss, aber schnell -«
»Bis später«, sagte Harry, und ohne ein weiteres Wort zu
verlieren rannte er den Fußweg hinunter nach Hogsmeade.
Würde Malfoy seinen eigenen Augen trauen? Würde irgend
jemand Malfoy Glauben schenken? Keiner wusste von dem
Tarnumhang - keiner außer Dumbledore. Harry drehte sich der
Magen - wenn Malfoy die Geschichte erzählte, würde
Dumbledore genau wissen, was passiert war -
Zurück in den Honigtopf, die Kellertreppe hinunter, über
den steinernen Fußboden, durch die Falltür - Harry zog den
Umhang aus, klemmte ihn unter den Arm und rannte ohne
nachzudenken den Geheimgang entlang - Malfoy würde vor ihm
zurück sein - wie lange würde er brauchen, um einen Lehrer zu
finden? Er keuchte und spürte ein heftiges Stechen in der Seite,
doch er rannte atemlos weiter, bis er die steinerne Rutsche
erreichte. Er würde den Umhang hier lassen müssen, er wäre ein
zu großer Verlust, falls Malfoy ihn bei einem Lehrer
anschwärzen würde - er versteckte ihn in einer dunklen Ecke
und kletterte so schnell er konnte die Rutsche hoch. Immer
wieder glitten seine schwitzigen Hände an den Seiten ab. Er
gelangte ins Innere des Hexenbuckels, tippte mit dem
Zauberstab dagegen, streckte den Kopf ins Freie und kletterte
hinaus; der Buckel schloss sich, und gerade als Harry hinter der
Statue hervorgesprungen war, hörte er schnelle Schritte näher
kommen.
Es war Snape. Rasch und mit wehendem schwarzem Um-
hang ging er auf Harry zu und baute sich vor ihm auf
»So«, sagte er.
Unterdrückte Siegesgewissheit spiegelte sich in seinem
Gesicht. Harry mühte sich wie ein Unschuldslamm auszusehen,
doch er war sich bewusst, dass sein Gesicht verschwitzt
294
war und seine Hände voller Erde klebten, und er steckte sie
rasch in die Taschen.
»Mitkommen, Potter«, sagte Snape.
Harry folgte ihm die Treppe hinunter. Unterwegs versuchte
er die Hände an der Innenseite seines Umhangs sauber zu
wischen, ohne dass Snape es bemerkte. Sie gingen die Treppen
zu den Kerkern hinunter und betraten Snapes Büro.
Hier war Harry schon einmal gewesen, und auch damals
hatte er in einem ziemlichen Schlamassel gesteckt. Seither hatte
Snape noch ein paar weitere fürchterliche Schleimungetüme
erworben, allesamt in Glasgefäßen auf Regalen hinter seinem
Schreibtisch ausgestellt. Sie glitzerten im Licht des Feuers und
hellten die bedrohliche Stimmung nicht gerade auf.
»Setz dich«, sagte Snape.
Harry setzte sich. Snape jedoch blieb stehen.
»Mr Malfoy war eben bei mir und hat mir eine merkwürdige
Geschichte erzählt, Potter«, sagte Snape.
Harry sagte nichts.
»Er sei oben bei der Heulenden Hütte gewesen und habe
dort zufällig Weasley getroffen - der offenbar allein war.«
Harry schwieg.
»Mr Malfoy behauptet, er habe sich mit Weasley unter-
halten, als ihn eine ziemliche Hand voll Schlamm in den Nacken
getroffen habe. Wie, glaubst du, konnte das geschehen?«
»Ich weiß nicht, Professor.«
Snapes Blick bohrte sich in Harrys Augen. Es war genau
wie bei einem Hippogreif, den man anstarren musste, und Harry
versuchte angestrengt nicht zu blinzeln.
»Daraufhin hatte Mr Malfoy eine ungewöhnliche Er-
scheinung. Hast du eine Ahnung, was es gewesen sein könnte?«
295
»Nein«, sagte Harry und versuchte jetzt arglos-neugierig zu
klingen.
»Es war dein Kopf, Potter. Und er schwebte in der Luft.«
Ein langes Schweigen trat ein.
»Vielleicht sollte er mal rüber zu Madam Pomfrey«, sagte
Harry, »wenn er solche Dinge sieht -«
»Was hatte dein Kopf in Hogsmeade zu suchen, Potter?«,
sagte Snape leise. »Dein Kopf ist in Hogsmeade verboten. Kein
Teil deines Körpers darf dort sein.«
»Das weiß ich«, sagte Harry und mühte sich, auf seinem
Gesicht weder Schuld noch Angst zu zeigen. »Klingt ganz so,
als hätte Malfoy Halluzin ...«
»Malfoy hat keine Halluzinationen«, schnarrte Snape. Er
beugte sich hinunter und legte die Hände auf Harrys Armlehnen,
so dass ihre Gesichter keine Handbreit voneinander entfernt
waren. »Wenn dein Kopf in Hogsmeade war, dann war auch der
Rest von dir dort.«
»Ich war oben in unserem Turm«, sagte Harry, »wie Sie
gesagt -«
»Kann das jemand bestätigen?«
Harry antwortete nicht. Snapes schmaler Mund kräuselte
sich zu einem fürchterlichen Lächeln.
»Soso«, sagte er und richtete sich auf »Alle Welt, vom
Zaubereiminister abwärts, bemüht sich, den berühmten Harry
Potter vor Sirius Black zu schützen. Doch der berühmte Harry
Potter folgt seinem eigenen Gesetz. Sollen sich die
gewöhnlichen Leute um seine Sicherheit sorgen! Der berühmte
Harry Potter geht, wohin er will, ohne an die Folgen zu denken.«
Harry schwieg beharrlich. Snape wollte ihn doch nur triezen
und ihm die Wahrheit entlocken. Den Gefallen würde er ihm
nicht tun. Snape hatte keinen Beweis - noch nicht.
»Du bist deinem Vater ganz erstaunlich ähnlich, Potter«,
296
sagte Snape plötzlich mit glitzernden Augen. »Auch er war über
die Maßen arrogant. Ein gewisses Talent auf dem
Quidditch-Feld ließ ihn glauben, er stehe über uns anderen. Ist
mit Freunden und Bewunderern herumstolziert ... ihr seid euch
geradezu unheimlich ähnlich.«
»Mein Dad ist nicht herumstolziert«, platzte es aus Harry
heraus. »Und ich auch nicht.«
»Und dein Vater hat auch nicht viel von Regeln gehalten«,
fuhr Snape fort; sein schmales Gesicht war voll Heimtücke.
»Regeln waren für die Normalsterblichen da, nicht für die
Pokalsieger im Quidditch. Der Kopf war ihm so geschwollen -«
»Schweigen Sie!«
Plötzlich war Harry auf den Beinen. Ein Zorn, wie er ihn
seit dem letzten Abend im Ligusterweg nicht mehr gespürt hatte,
durchströmte ihn. Es war ihm gleich, dass sich Snapes Gesicht
versteinert hatte und seine schwarzen Augen gefährlich blitzten.
»Was hast du eben gesagt, Potter?«
»Sie sollen aufhören, über meinen Vater zu reden!«, rief
Harry. »Ich weiß die Wahrheit, okay? Er hat ihnen das Leben
gerettet. Dumbledore hat es mir gesagt! Sie wären nicht einmal
hier ohne meinen Dad!«
Snapes fahle Haut hatte die Farbe saurer Milch ange-
nommen.
»Und hat dir der Schulleiter auch von den Umständen be-
richtet, unter denen dein Vater mir das Leben gerettet hat?«,
flüsterte er. »Oder glaubte er, die Einzelheiten seien zu un-
erfreulich für die Ohren des geschätzten jungen Potter?«
Harry biss sich auf die Lippen. Er wusste nicht, was ge-
schehen war, wollte es aber nicht zugeben - doch Snape schien
die Wahrheit zu erraten.
»Es wäre mir überhaupt nicht recht, wenn du mit einer
297
falschen Vorstellung von deinem Vater herumläufst, Potter«,
und ein schreckliches Grinsen verzerrte sein Gesicht. »Hast du
dir vielleicht eine glorreiche Heldentat vorgestellt? Dann muss
ich dich enttäuschen - dein ach so wunderbarer Vater und seine
Freunde spielten mir einen höchst amüsanten Streich, der mich
umgebracht hätte, wenn dein Vater nicht im letzten Augenblick
kalte Füße bekommen hätte. Das hatte überhaupt nichts mit Mut
zu tun. Er rettete sein Leben ebenso wie meines. Wenn ihr
Scherz gelungen wäre, hätte man sie von der Schule geworfen.«
Snape bleckte seine unregelmäßigen gelblichen Zähne.
»Leer deine Taschen aus, Potter!«, blaffte er ihn plötzlich
an.
Harry rührte sich nicht. In seinen Ohren hämmerte es.
»Leer die Taschen aus oder wir gehen sofort zum
Schulleiter! Zieh sie raus, Potter!«
Kalt vor Angst zog Harry langsam die Tüte mit Scherzar-
tikeln von Zonko und die Karte des Rumtreibers hervor.
Snape griff sich Zonkos Tüte.
»Ron hat sie mir geschenkt«, sagte Harry und flehte zum
Himmel, er würde Ron noch warnen können, bevor Snape ihn
sah. »Er - hat sie letztes Mal aus Hogsmeade mitgebracht -«
»Ach ja? Und du trägst sie seither ständig mit dir herum?
Wie ungemein rührend ... und was ist das hier?«
Snape hielt die Karte in Händen. Harry versuchte mit aller
Kraft, gleichmütig dreinzuschauen.
»Nur so 'n Stück Pergament«, sagte er achselzuckend.
Snape drehte es hin und her, ohne den Blick von Harry zu
wenden.
»Du brauchst doch sicher kein so altes Stück Pergament?«,
sagte er. »Warum - werfen wir es nicht einfach weg?«
Seine Hand näherte sich dem Feuer.
298
»Nein!«, sagte Harry rasch.
»Ach?«, sagte Snape mit zitternden Nasenflügeln. »Noch
ein wohl behütetes Geschenk von Mr Weasley? Oder - ist es
etwas ganz anderes? Ein Brief vielleicht, mit unsichtbarer Tinte?
Oder - die Anleitung, wie man nach Hogsmeade kommt, ohne
an den Dementoren vorbeizumüssen?«
Harry blinzelte. Snapes Augen glühten.
»Das werden wir gleich haben ...«, murmelte er, zückte
seinen Zauberstab und breitete die Karte auf dem Schreibtisch
aus. »Enthülle dein Geheimnis!«, sagte er und berührte das
Pergament mit dem Zauberstab.
Nichts geschah. Harry ballte die Hände zu Fäusten, um seine
zitternden Finger zu verbergen.
»Zeige dich!«, sagte Snape und versetzte der Karte einen
scharfen Hieb.
Sie blieb leer. Harry atmete tief durch, um sich zu beru-
higen.
»Professor Severus Snape, Oberlehrer an dieser Schule,
befiehlt dir, das Wissen, das du verbirgst, preiszugeben!«, sagte
Snape und schlug die Karte mit dem Zauberstab.
Wie von unsichtbarer Hand erschienen Wörter auf der
glatten Oberfläche der Karte.
»Mr Moony erweist Professor Snape die Ehre und bittet ihn,
seine erstaunlich, lange Nase aus den Angelegenheiten anderer
Leute herauszuhalten.«
Snape erstarrte. Auch Harry starrte wie vom Donner gerührt
auf die Schrift. Doch die Karte ließ es nicht dabei bewenden.
Unter der ersten Mitteilung erschien ein neuer Satz.
»Mr Krone kann Mr Moony nur beipflichten und möchte
hinzufügen, dass Professor Snape ein hässlicher
Schaumschläger ist.«
Das wäre alles recht komisch, dachte Harry, wenn die Lage
nicht so ernst wäre. Und es kam noch schlimmer ...
299
»Mr Tatze wünscht sein Befremden kundzutun, dass ein
solcher Dummkopf jemals Professor wurde.«
Harry schloss die Augen vor Entsetzen. Als er sie wieder
öffnete, hatte die Karte schon ihr letztes Wort geschrieben.
»Mr Wurmschwanz wünscht Professor Snape einen schönen
Tag und rät dem Schleimbeutel, sich die Haare zu waschen.«
Harry wartete auf den großen Knall.
»Schön ...«, sagte Snape gedämpft. »Wir werden der Sache
auf den Grund gehen ...«
Er ging hinüber zum Feuer, nahm eine Faust voll glitzern-
dem Puder aus einem Fässchen auf dem Kaminsims und warf es
in die Flammen.
»Lupin!«, rief Snape ins Feuer. »Ich muss Sie kurz spre-
chen!«
Harry starrte verblüfft ins Feuer. Eine große Gestalt erschien
darin und drehte sich rasend schnell um sich selbst. Sekunden
später stieg Professor Lupin aus dem Kamin und klopfte sich
Asche von seinem schäbigen Umhang.
»Sie haben gerufen, Snape?«, sagte Lupin milde.
»Allerdings«, sagte Snape mit zornverzerrtem Gesicht und
ging zurück zum Schreibtisch. »Ich habe eben Potter aufge-
fordert, seine Taschen zu leeren. Dies hier hatte er bei sich.«
Snape deutete auf das Pergament, auf dem immer noch die
Worte der Herren Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone
schimmerten. Lupins Gesicht wirkte plötzlich merkwürdig
verschlossen.
»Nun?«, sagte Snape.
Lupin starrte immer noch auf die Karte. Harry hatte den
Eindruck, dass er sehr rasch nachdachte.
»Nun?«, sagte Snape erneut. »Dieses Pergament steckt of-
fensichtlich voll schwarzer Magie. Das ist angeblich Ihr
Fachgebiet, Lupin. Wo, glauben Sie, hat Potter so etwas her?«
300
Lupin sah auf und warf Harry einen flüchtigen Blick zu.
Misch dich bloß nicht ein, schien er zu bedeuten.
»Voll schwarzer Magie?«, wiederholte er sanft. »Glauben
Sie wirklich, Snape? Mir kommt es nur wie ein Stück Perga-
ment vor, das jeden beleidigt, der es liest. Kindisch, aber doch
nicht gefährlich? Ich denke, Harry hat es aus dem
Scherzartikelladen -«
»Tatsächlich?«, sagte Snape. Sein Kiefer mahlte vor Zorn.
»Sie glauben, ein Juxladen würde ihm so etwas verkaufen?
Halten Sie es nicht für wahrscheinlicher, dass er es direkt von
den Herstellern hat?«
Harry begriff nicht, was Snape meinte. Lupin scheinbar auch
nicht.
»Sie meinen, von Mr Wurmschwanz oder einem der an-
dern?«, fragte er. »Harry, kennst du einen von diesen Män-
nern?«
»Nein«, sagte Harry rasch.
»Sehen Sie, Severus?«, sagte Lupin und wandte sich erneut
Snape zu. »Mir kommt es vor wie etwas, das es bei Zonko zu
kaufen gibt -«
Wie gerufen kam Ron ins Büro gestürmt und konnte, völlig
außer Atem, nur knapp vor Snapes Schreibtisch abbremsen. Er
hatte die Hand auf die offenbar stechende Brust gepresst und
versuchte etwas zu sagen.
»Ich - habe - Harry - diese - Sachen - geschenkt«, würgte er
hervor. »Hab sie ... bei Zonko gekauft ... schon - ewig - lange –
her ... «
»Gut!«, sagte Lupin, klatschte in die Hände und blickte gut
gelaunt in die Runde, »das scheint mir die Sache zu klären!
Severus, das hier nehme ich an mich, einverstanden?« Er faltete
die Karte zusammen und steckte sie in den Umhang. »Harry,
Ron, ihr kommt mit mir auf ein Wort über den Vampiraufsatz -
entschuldigen Sie uns bitte, Severus -«
301
Sie gingen hinaus und Harry wagte es nicht, einen Blick auf
Snape zu werfen. Ohne ein einziges Wort zu wechseln gingen
die drei den ganzen Weg zurück zur Eingangshalle. Dann
wandte sich Harry an Lupin.
»Professor, ich -«
»Ich möchte jetzt keine Erklärungen hören«, sagte Lupin
kurz angebunden. Er sah sich in der leeren Eingangshalle um
und dämpfte die Stimme. »Zufällig weiß ich, dass Mr Filch
diese Karte vor vielen Jahren beschlagnahmt hat.« Harry und
Ron rissen erstaunt die Augen auf. »Ja, ich weiß, dass es eine
Karte ist«, fuhr er fort. »Ich möchte nicht wissen, wie sie in
deinen Besitz gelangt ist. Allerdings bin ich erstaunt, dass du sie
nicht an mich weitergegeben hast. Besonders nach dem, was
beim letzten Mal geschehen ist, als ein Schüler Informationen
über das Schloss herumliegen ließ. Und ich kann sie dir nicht
mehr zurückgeben, Harry.«
Harry hatte nichts anderes erwartet und war auf die Erklä-
rung so gespannt, dass er gar nicht erst widersprach.
»Warum glaubt Snape eigentlich, dass ich sie von den
Herstellern habe?«
»Weil ...«, Lupin zögerte, »weil die Hersteller der Karte
dich sicher aus der Schule haben wollten. Das hätten sie höchst
unterhaltsam gefunden.«
»Sie kennen sie?«, fragte Harry beeindruckt.
»Oberflächlich«, sagte Lupin knapp. Er sah Harry ernster an
als je zuvor.
»Glaub nicht, dass ich noch einmal für dich in die Bresche
springe, Harry. Ich kann dich nicht dazu zwingen, Sirius Black
ernster zu nehmen. Aber ich hätte geglaubt, dass die
Dinge, die du hörst, wenn die Dementoren in die
Nähe kommen, dich stärker beeindruckt hätten. Deine Eltern
haben ihr Leben für deines geopfert, Harry. Das ist keine
302
schöne Art, ihnen zu danken - ihr Opfer für eine Tüte magischer
Scherzartikel zu verspielen.«
Er ging davon und ließ Harry stehen, und Harry fühlte sich
schlechter als je in Snapes Büro. Langsam stieg er mit Ron die
Marmortreppe hoch. Als sie an der einäugigen Hexe
vorbeikamen, fiel ihm der Tarnumhang ein - er war immer noch
dort unten, doch er wagte es nicht, ihn zu holen.
»Es ist meine Schuld«, sagte Ron aus heiterem Himmel.
»Ich hab dich angestiftet mitzukommen. Lupin hat Recht, es war
dumm, wir hätten es nicht tun dürfen -«
Er verstummte; sie waren jetzt in dem Korridor, in dem die
Sicherheitstrolle auf und ab marschierten, und Hermine kam auf
sie zu. Nach einem Blick in ihr Gesicht war sich Harry sicher,
dass sie gehört hatte, was passiert war. Sein Herz verkrampfte
sich - hatte sie es Professor McGonagall erzählt?
Sie hielt vor ihnen an. »Na, willst du deine Schadenfreude
genießen?«, sagte Ron gehässig. »Oder hast du uns gerade
verpetzt?«
»Nein«, sagte Hermine. Sie hielt einen Brief in der Hand
und ihre Lippen zitterten. »Ich dachte nur, ihr solltet es erfahren
... Hagrid hat den Prozess verloren. Sie werden Seidenschnabel
hinrichten.«
303
Das Finale
»Er - er hat mir das geschickt«, sagte Hermine und hielt einen
Brief in die Höhe.
Harry nahm das feuchte Pergament. Riesige Tränen hatten
die Tinte an manchen Stellen so sehr verschwimmen lassen,
dass der Brief schwer zu lesen war.
Liebe Hermine,
wir haben verloren. Ich darf ihn nach Hogwarts zurückbringen.
Der Tag der Hinrichtung steht noch nicht fest.
London hat Schnäbelchen gefallen.
All deine Hilfe für uns werde ich nie vergessen.
Hagrid
»Das können sie nicht machen«, sagte Harry. »Das dürfen sie
nicht. Seidenschnabel ist nicht gefährlich.«
»Malfoys Vater hat den Ausschuss eingeschüchtert«, sagte
Hermine und wischte sich die Augen. »Ihr wisst doch, wie er ist.
Das ist eine Bande tattriger alter Dummköpfe und sie hatten
Angst. Allerdings gibt es wie immer eine Berufungs-
verhandlung. Aber ich mache mir keine Hoffnungen ... ändern
wird sich nichts.«
»O doch«, sagte Ron grimmig. »Diesmal bist du nicht
alleine, Hermine, ich werde dir helfen.«
»O Ron!« Sie warf ihre Arme um seinen Hals und
schluchzte verzweifelt. Ron, vollkommen ratlos, tätschelte
scheu ihren Kopf Schließlich ließ sie ihn los.
304
»Ron, es tut mir wirklich ganz furchtbar Leid wegen
Krätze ...«, schluchzte sie.
»Ach - ähm - es war schon eine alte Ratte«, sagte Ron, of-
fenbar ausgesprochen erleichtert, dass sie wieder auf eigenen
Beinen stand. »Und nicht besonders nützlich. Wer weiß,
vielleicht kaufen mir Mum und Dad jetzt eine Eule.«
Seit Blacks zweitem Einbruch waren scharfe Sicherheits-
vorkehrungen getroffen worden und die drei konnten Hagrid
abends nicht mehr besuchen. Die einzige Gelegenheit, mit ihm
zu reden, ergab sich in Pflege magischer Geschöpfe.
Der Schock des Urteils schien ihm immer noch in den
Knochen zu stecken.
»'s ist alles meine Schuld. Hab einfach das Maul nicht
aufgebracht. Die sitzen alle vor mir in ihren schwarzen
Umhängen und ich lass ständig meine Zettel fallen und vergess
alles, was du für mich aufgeschrieben hast, Hermine. Und dann
steht auch noch Lucius Malfoy auf und sagt seinen Teil und der
Ausschuss hat genau das gemacht, was er wollte ...«
»Du hast immer noch die Berufung!«, sagte Ron grimmig.
»Gib ja nicht auf, wir lassen uns was einfallen!«
Nach dem Unterricht gingen sie zusammen zurück zum
Schloss. In einiger Entfernung auf dem ansteigenden Weg sahen
sie Malfoy mit Crabbe und Goyle, der sich immer wieder unter
hämischem Gelächter zu ihnen umdrehte.
»Nützt doch alles nichts, Ron«, sagte Hagrid traurig, als sie
die Schlosstreppe erreicht hatten. »Lucius Malfoy hat diesen
Ausschuss in der Tasche. Ich kann nur noch dafür sorgen, dass
es Seidenschnäbelchen für den Rest seiner Tage richtig gut geht.
Das schulde ich ihm ...«
Hagrid drehte sich um, vergrub das Gesicht in sein Ta-
schentuch und kehrte rasch zu seiner Hütte zurück.
»Guckt mal, wie der flennt!«
305
Malfoy, Crabbe und Goyle hatten hinter dem Schlossportal
gestanden und gelauscht.
»Hast du jemals so was Erbärmliches erlebt?«, sagte Mal-
foy. »Und der soll unser Lehrer sein!«
Harry und Ron gingen zornig ein paar Schritte auf Malfoy
zu, doch Hermine war schneller - klatsch.
Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, gab sie Malfoy
ein paar gepfefferte Ohrfeigen. Malfoy zitterten die Beine.
Harry, Ron, Crabbe und Goyle standen mit aufgerissenen
Mündern da und wieder hob Hermine die Hand.
»Wag es nicht noch einmal, Hagrid erbärmlich zu nennen,
du Mistkerl - du Schuft -«
»Hermine!«, sagte Ron zaghaft und versuchte ihre Hand die
noch einmal ausholte, festzuhalten.
»Lass mich los, Ron!«
Hermine zückte ihren Zauberstab. Malfoy wich zurück
Crabbe und Goyle suchten in heilloser Verwirrung seinen Blick.
»Kommt«, murmelte Malfoy, und im Nu waren alle drei im
Eingang zu den Kerkern verschwunden.
»Hermine!«, sagte Ron noch einmal, verdutzt und beein-
druckt zugleich.
»Harry, sieh bloß zu, dass du ihn im Quidditch-Finale
schlägst«, sagte Hermine schrill. »Du musst einfach, ich kann es
einfach nicht ertragen, wenn Slytherin gewinnt!«
»Zauberkunst hat schon angefangen«, sagte Ron, der Her-
mine immer noch glubschäugig anstarrte. »Wir müssen uns
beeilen.«
Sie rannten die Marmortreppe zu Professor Flitwicks
Klassenzimmer hoch und traten ein.
»Ihr kommt zu spät Jungs!«, tadelte sie Professor Flitwick.
»Schnell die Zauberstäbe raus, wir üben heute Aufmunte-
rungszaubern, tut euch bitte paarweise zusammen -«
306
Harry und Ron eilten zu einem Tisch ganz hinten und
öffneten die Mappen. Ron blickte über die Schulter.
»Wo ist Hermine abgeblieben?«
Auch Harry sah sich um. Hermine war nicht mit ins Klas-
senzimmer gekommen, doch Harry wusste genau, dass sie neben
ihm gewesen war, als er die Tür geöffnet hatte.
»Ist ja seltsam«, sagte Harry und starrte Ron an. »Vielleicht
- vielleicht ist sie aufs Klo gegangen?«
Doch Hermine tauchte in dieser Stunde nicht mehr auf
»Einen Aufmunterungszauber hätte sie auch gut brauchen
können«, sagte Ron, während sie über das ganze Gesicht
grinsend zum Mittagessen gingen - der Zauber hatte ihnen ein
Gefühl tiefer Zufriedenheit verschafft.
Auch beim Essen fehlte Hermine. Als sie ihren Apfelkuchen
verspeist hatten, ließ die Wirkung des Aufmunterungszaubers
langsam nach und Harry und Ron beschlich allmählich Unruhe.
»Glaubst du, Malfoy hat ihr was getan?«, sagte Ron besorgt,
während sie zum Gryffindor-Turm hinaufrannten.
Sie kamen an den Sicherheitstrollen vorbei, sagten der fetten
Dame das Passwort (»Aniontillado«) und kletterten durch das
Porträtloch in den Gemeinschaftsraum.
Hermine saß an einem Tisch, den Kopf auf ein aufge-
schlagenes Arithmantikbuch gelegt, und schlief wie ein
Murmeltier. Sie setzten sich neben sie. Harry stupste sie an.
Hermine schreckte hoch und sah sich um. »W .. was ist?«,
sagte sie verwirrt. »Müssen wir gehen? W ... was haben wir
jetzt?«
»Wahrsagen, aber erst in zwanzig Minuten«, sagte Harry.
»Hermine, warum warst du nicht in Zauberkunst?«
»Was? O nein!«, kreischte Hermine, »ich hab Zauberkunst
ganz vergessen!«
»Und wie konnte dir das passieren?«, fragte Harry. »Du
307
warst doch noch bei uns, als wir vor dem Klassenzimmer
standen!«
»Ich kann's nicht fassen!«, klagte Hermine. »War Professor
Flitwick sauer? Ach, es war Malfoy, an den hab ich gedacht und
völlig den Faden verloren!«
»Weißt du was, Hermine?«, sagte Ron und sah auf den rie-
sigen Arithmantikband, den sie als Kissen benutzt hatte. »Ich
glaube, du drehst langsam durch. Du hast dir einfach zu viel
vorgenommen.«
»Nein, tu ich nicht!«, sagte Hermine, strich sich die Haare
aus den Augen und suchte mit verzweifeltem Blick nach ihrer
Mappe. »Ich hab nur einen Fehler gemacht, das ist alles! Ich
sollte am besten zu Professor Flitwick gehen und mich
entschuldigen ... Bis später in Wahrsagen!«
Sie trafen Hermine zwanzig Minuten später am Fuß der
Leiter zu Professor Trelawneys Turmzimmer wieder. Sie sah
äußerst mitgenommen aus.
»Ich kann einfach nicht fassen, dass ich die Aufmunte-
rungszauber verpasst habe! Und ich wette, die kommen in der
Prüfung dran, Professor Flitwick hat so was angedeutet!«
Nacheinander kletterten sie die Leiter zum dämmrigen,
stickigen Turmzimmer hoch. Auf jedem der kleinen Tische
stand eine Kristallkugel voll perlweißem Nebel. Harry, Ron und
Hermine setzten sich zusammen an einen wackligen Tisch.
»Ich dachte, Kristallkugeln kommen erst im nächsten
Vierteljahr dran«, murmelte Ron und vergewisserte sich mit
misstrauischem Blick, dass Professor Trelawney nicht in der
Nähe stand.
»Beklag dich lieber nicht, das heißt immerhin, dass wir mit
Handlesen fertig sind«, zischelte ihm Harry zu. »Das hat mich
ganz krank gemacht, wenn die bei jedem Blick auf meine Hände
fast in Ohnmacht gefallen ist.«
308
»Einen schönen Tag wünsche ich euch!«, sagte die vertraute
rauchige Stimme, und mit gewohnt dramatischer Geste trat
Professor Trelawney aus den Schatten heraus. Parvati und
Lavender, die Gesichter vom milchigen Glimmen ihrer
Kristallkugel erleuchtet, zitterten vor Begeisterung.
»Ich habe beschlossen, ein wenig früher als geplant mit der
Kristallkugel zu beginnen«, sagte Professor Trelawney, setzte
sich mit dem Rücken zum Feuer und blickte in die Runde. »Die
Schicksalsgöttin teilt mir mit, dass die Prüfung im Juni sich
ganz um die Kugel drehen wird, und ich will mich bemühen,
euch genug Erfahrung zu vermitteln.«
Hermine schnaubte.
»Hört euch das an, >die Schicksalsgöttin teilt mir mitUm Ostern wird einer von uns für immer von uns
311
gehen!< Das haben Sie schon vor einer Ewigkeit gesagt, Pro-
fessor!«
Professor Trelawney schenkte ihr ein munteres Lächeln.
»Ja, meine Liebe, ich wusste in der Tat, dass Miss Granger
uns verlassen würde. Aber man hofft doch immer, die Zeichen
falsch gedeutet zu haben ... das Innere Auge kann eine Last sein,
weißt du ...«
Lavender und Parvati schienen tief beeindruckt und rückten
zusammen, damit sich Professor Trelawney an ihren Tisch
setzen konnte.
»Hermine schafft sie heute alle«, murmelte Ron mit ehr-
furchtsvoller Miene Harry zu.
»Jaah ...«
Harry starrte in die Kristallkugel, sah jedoch nichts als
Wirbel aus weißem Nebel. Hatte Professor Trelawney wirklich
schon wieder den Grimm gesehen? Würde er ihn sehen? Was er
jetzt gar nicht brauchen konnte, war noch ein lebensgefährlicher
Unfall, jetzt, wo das Quidditch-Finale immer näher rückte.
Die Osterferien waren nicht gerade erholsam. Noch nie hatten
die Drittklässler so viele Hausaufgaben zu erledigen gehabt.
Neville Longbottom schien einem Nervenzusammenbruch nahe
und er war nicht der Einzige.
»Und das nennen sie Ferien!«, polterte Seamus Finnigan ei-
nes Nachmittags im Gemeinschaftsraum. »Bis zu den Prüfungen
ist doch noch ewig Zeit, also was wollen sie eigentlich?«
Doch so viel wie Hermine hatte keiner zu tun. Selbst ohne
Wahrsagen hatte sie mehr Fächer als alle andern. Meist war sie
abends die Letzte, die den Gemeinschaftsraum verließ, und am
nächsten Morgen die Erste, die in der Bibliothek saß; sie hatte
dunkle Ringe unter den Augen wie Lupin und schien ständig den
Tränen nahe.
312
Ron hatte die Verantwortung für Seidenschnabels Beru-
fungsverhandlung übernommen. Wenn er nicht für sich ar-
beitete, brütete er über mächtigen Wälzern wie Handbuch der
Hippogreif-Psychologie und Tollheit oder Tollwut? Die Über-
griffe von Hippogreifen. Er war so sehr in das Problem vertieft,
dass er sogar vergaß, gemein zu Krummbein zu sein.
Harry unterdessen musste seine Hausaufgaben neben dem
täglichen Quidditch-Training erledigen, ganz zu schweigen von
den endlosen Gesprächen mit Wood über die Spieltaktik. Die
Begegnung Gryffindor gegen Slytherin war für den ersten
Samstag nach den Osterferien angesetzt. Slytherin führte im
Turnier mit genau zweihundert Punkten. Das bedeutete, wie
Wood den Spielern unablässig einschärfte, dass ihr Sieg noch
höher ausfallen musste, wenn sie den Pokal gewinnen wollten.
Und es hieß auch, dass die Last dieser Aufgabe weitgehend auf
Harry ruhte, denn der Schnatz brachte hundertfünfzig Punkte.
»Also darfst du ihn erst fangen, wenn wir mit mehr als
fünfzig Punkten führen«, erklärte ihm Wood tagein, tagaus.
»Nur wenn wir mit über fünfzig Punkten vorn liegen, Harry,
oder wir gewinnen zwar das Spiel, verlieren aber den Pokal. Das
hast du doch begriffen? Du darfst den Schnatz erst fangen, wenn
wir -«
»Ich weiß, Oliver!«, fauchte Harry.
Sämtliche Gryffindors hatten nichts anderes mehr im Kopf
als das kommende Spiel. Ihr Haus hatte den Quidditch-Pokal
nicht mehr gewonnen, seit der legendäre Charlie Weasley
(Rons zweitältester Bruder) als Sucher gespielt hatte.
Doch Harry fragte sich, ob auch nur einer von ihnen, Wood
eingeschlossen, sich so nach dem Sieg sehnte wie er.
Die Feindschaft zwischen Harry und Malfoy hatte ihren
Höhepunkt erreicht. Malfoy rauchte immer noch vor
Zorn wegen der einseitigen Schlammschlacht in Hogsmeade und
313
war noch zorniger darüber, dass Harry der Strafe irgendwie
entgangen war. Harry hatte Malfoys Versuch nicht vergessen,
ihm bei der Partie gegen Ravenclaw ganz übel mitzuspielen,
doch es war die Sache mit Seidenschnabel, die ihn so wild
entschlossen machte, Malfoy vor den Augen der ganzen Schule
zu demütigen.
Keiner konnte sich erinnern, jemals in so geladener
Atmosphäre einem Spiel entgegengefiebert zu haben. Am Ende
der Ferien erreichte die Spannung zwischen den beiden Teams
und ihren Häusern ihren knisternden Höhepunkt. In den
Korridoren brachen kleinere Rangeleien aus, und es kam
schließlich zu einem hässlichen Zwischenfall, in dessen Folge
ein Viertklässler der Gryffindors und ein Sechstklässler der
Slytherins im Krankenflügel landeten, weil ihnen kräftige
Lauchpflanzen aus den Ohren wucherten.
Harry hatte es in dieser Zeit besonders schwer. Er konnte
nicht in den Unterricht gehen, ohne dass ihm ein Slytherin
irgendwo auf den Gängen ein Bein stellte; wo er auch war,
Crabbe und Goyle tauchten überall auf und trollten sich mit
enttäuschten Mienen, wenn sie sahen, dass er von Schülern
umringt war. Wood hatte die Gryffindors gebeten, Harry
überallhin zu begleiten, falls die Slytherins versuchen sollten,
ihn schon im Vorfeld lahm zu legen. Begeistert widmete sich
das ganze Haus dieser Aufgabe, und Harry war es von nun an
unmöglich, rechtzeitig zum Unterricht zu kommen, da er ständig
von einer dicken, schnatternden Menschentraube umgeben war.
Harry sorgte sich weniger um seine Sicherheit als um die des
Feuerblitzes. Wenn er ihn nicht flog, schloss er ihn in seinen
Koffer ein, und häufig flitzte er in den Pausen nach oben in den
Turm, um nachzusehen, ob er noch da war.
314
Am Vorabend des Spiels ging im Gemeinschaftsraum nichts
mehr seinen gewohnten Gang. Selbst Hermine hatte ihre Bücher
beiseite gelegt.
»Ich kann nicht arbeiten, ich kann mich einfach nicht
konzentrieren«, sagte sie nervös.
Es herrschte ziemlicher Lärm. Fred und George Weasley
linderten die Anspannung auf ihre Weise und gebärdeten sich
lauter und ausgelassener als sonst. Oliver Wood hatte sich über
ein Modell des Quidditch-Feldes in der Ecke gebeugt, schob
kleine Figuren hin und her und murmelte vor sich hin. Angelina,
Alicia und Katie lachten über die Witzeleien von Fred und
George. Harry saß mit Ron und Hermine etwas abseits vom
Geschehen und versuchte nicht an den nächsten Tag zu denken,
denn immer wenn er es tat, bekam er das fürchterliche Gefühl,
etwas sehr Großes wolle unbedingt aus seinem Magen heraus.
»Du schaffst das«, sagte Hermine, sah dabei jedoch ausge-
sprochen besorgt aus.
»Du hast einen Feuerblitz!«, sagte Ron.
»Jaah ...«, sagte Harry und sein Magen verkrampfte sich.
Zu seiner Erleichterung richtete sich Wood plötzlich auf und
rief:
»Leute! Ins Bett!«
Harry schlief schlecht. Erst träumte ihm, er habe verschlafen und
Wood rufe »Wo steckst du? Statt deiner mussten wir Neville
nehmen!«. Dann träumte er, Malfoy und das ganze
Slytherin-Team würden mit fliegenden Drachen zum Spiel
kommen. Er flog mit halsbrecherischer Geschwindigkeit und
versuchte den Flammenstößen zu entgehen, die Malfoys
Streitdrache ausspie, und dann fiel ihm ein, dass er seinen
Feuerblitz vergessen hatte. Er stürzte in die Tiefe und fuhr
erschrocken aus dem Schlaf.
315
Es dauerte ein paar Minuten, bis Harry einfiel, dass das
Spiel noch gar nicht angefangen hatte, dass er wohlbehalten im
Bett lag und dass es den Slytherins sicher verboten würde, auf
Drachen zu spielen. Er hatte schrecklichen Durst. So leise er
konnte, stieg er aus dem Himmelbett und goss sich aus der
silbernen Kanne am Fenster ein wenig Wasser ein.
Still und ruhig lag das Schlossgelände im Mondlicht. Kein
Windhauch kräuselte die Baumspitzen des Verbotenen Waldes;
so reglos, wie die Peitschende Weide dastand, wirkte sie ganz
unschuldig. Für das Spiel morgen herrschten die besten
Bedingungen.
Harry stellte den Becher ab und wollte gerade zurück ins
Bett, als ihm etwas ins Auge fiel. Ein Tier schlich über den
silbern glitzernden Rasen.
Harry huschte zum Nachttisch, setzte sich die Brille auf und
rannte zurück zum Fenster. Bloß nicht wieder der Grimm - nicht
jetzt - nicht kurz vor dem Spiel
Er starrte hinaus auf das Gelände und suchte es hektisch mit
den Augen ab. Und da war es wieder. Es schlich sich jetzt am
Waldrand entlang ... der Grimm war es jedenfalls nicht ... es war
eine Katze ... Harry erkannte jetzt den buschigen Schwanz und
umklammerte erleichtert den Fenstersims. Es war doch bloß
Krummbein ...
Aber war es nur Krummbein? Harry presste die Nase gegen
das Fensterglas und spähte mit zusammengekniffenen Augen
hinunter. Krummbein war offenbar stehen geblieben. Im
Schatten der Bäume bewegte sich noch etwas anderes, da war
sich Harry sicher.
Und schon tauchte es auf - ein riesiger, zottiger schwarzer
Hund trottete über den Rasen, Krummbein an seiner Seite. Harry
riss den Mund auf. Was sollte das bedeuten? Wenn selbst
Krummbein den Hund sehen konnte, wie konnte er dann ein
Vorbote des Todes für Harry sein?
316
»Ron!«, zischte Harry. »Ron! Wach auf!«
»Was'n los?«
»Ich will wissen, was du da unten siehst!«
»'s' doch völlig dunkel, Harry«, murmelte Ron dumpf. »was
ist los mit dir?«
»Dort unten -«
Rasch blickte Harry wieder aus dem Fenster.
Krummbein und der Hund waren verschwunden. Harry
kletterte auf den Fenstersims, um steil hinab in den Schatten des
Schlosses sehen zu können, doch vergeblich. Wo waren sie
abgeblieben?
Ein lauter Schnarcher sagte ihm, dass Ron wieder einge-
schlafen war.
Tosender Beifall empfing Harry und die anderen Gryffin-
dor-Spieler am nächsten Morgen in der Halle. Harry konnte ein
Grinsen nicht unterdrücken, als er sah, dass sie auch an den
Tischen der Ravenclaws und Hufflepuffs klatschten. Die
Slytherins zischten laut, als sie vorbeigingen. Harrys Augen
entging nicht, dass Malfoy noch blasser war als sonst.
Wood war beim Frühstück damit beschäftigt, sein Team
zum Essen zu ermuntern, während er selbst keinen Bissen
anrührte. Dann, bevor die andern fertig waren, scheuchte er sie
hinaus aufs Spielfeld, damit sie sich schon ein wenig umsehen
konnten. Als sie die Große Halle verließen, gab es wieder
Beifall von fast allen Seiten.
»Viel Glück, Harry!«, rief Cho Chang. Harry spürte, wie er
rot anlief.
»Okay - praktisch kein Wind - die Sonne ist ein bisschen
hell, das könnte deine Sicht stören, also pass auf - der Boden ist
recht hart, gut, dann können wir uns schnell abstoßen
Wood schritt das Feld ab und warf seinen Leuten immer
wieder aufmerksame Blicke zu. Schließlich sahen sie, wie in
317
der Ferne das Schlossportal aufging, und bald ergoss sich die
ganze Schülerschar über den Rasen.
»Umkleidekabinen«, sagte Wood steif
Keiner verlor ein Wort, während sie in ihre scharlachroten
Umhänge schlüpften. Harry fragte sich, ob es ihnen auch so
erging wie ihm; er hatte das Gefühl, als hätte er etwas
fürchterlich Wuseliges zum Frühstück verspeist. Kaum eine
Minute schien ihm vergangen, als Wood schon sagte:
»Gut, es ist Zeit, gehen wir -«
Sie marschierten hinaus aufs Spielfeld und eine Flutwelle
aus Lärm brandete ihnen entgegen. Drei Viertel der Zuschauer
trugen scharlachrote Bandschleifen, schwangen scharlachrote
Fahnen mit dem Gryffindor-Löwen oder hielten Spruchbänder in
die Höhe. »SIEG FÜR GRYFFINDOR« und »LÖWEN FÜR
DEN CUP«, hieß es da. Hinter den Torstangen der Slytherins
jedoch saßen zweihundert Zuschauer ganz in Grün; die silberne
Schlange der Slytherins glitzerte auf ihren Fahnen, und
Professor Snape, ebenfalls grün gewandet, saß in der ersten
Reihe und lächelte grimmig.
»Und hier kommen die Gryffindors!«, rief Lee Jordan, der
wie immer das Spiel kommentierte. »Potter, Bell, Johnson,
Spinnet, Weasley, Weasley und Wood. Weithin anerkannt als
das beste Team, das Hogwarts seit einigen Jahren hervor-
gebracht hat -«
Lees Bemerkung ging in einer Welle von Buhrufen der
Slytherins unter.
»Und hier ist das Team der Slytherins, geführt von Kapitän
Flint. Er hat einige Änderungen in der Aufstellung vor-
genommen und scheint jetzt weniger auf Können als auf Kraft
zu setzen -«
Wieder buhte die Kurve der Slytherins. Harry jedoch kam es
so vor, als hätte Lee durchaus Recht. Malfoy war eindeutig
318
der Kleinste im Team der Slytherins, die anderen waren riesig.
»Begrüßt euch, Kapitäne!«, sagte Madam Hooch.
Flint und Wood traten aufeinander zu und packten sich an
den Händen, so fest, als wollten sie sich die Finger brechen.
»Besteigt eure Besen!«, sagte Madam Hooch. »Drei ... zwei
... eins ...«
Der gellende Pfiff ging im Raunen der Menge unter und die
vierzehn Besen stiegen in die Luft. Harry wehte das Haar aus der
Stirn; jetzt, da er flog, begannen seine Nerven zu flirren; er
blickte sich um und sah, dass Malfoy ihm folgte. Er
beschleunigte scharf und machte sich auf die Suche nach dem
Schnatz.
»Und jetzt ist Gryffindor im Ballbesitz, Alicia Spinnet mit
dem Quaffel, sie fliegt direkt auf die Torstangen der Slytherins
zu, sieht gut aus, Alicia! Aaarh, nein - Quaffel abgefangen von
Warrington, Warrington von den Slytherins rast jetzt in die
Gegenrichtung - autsch! - George Weasley hat da schön mit dem
Klatscher gearbeitet, Warrington lässt den Quaffel fallen, er
wird gefangen von - Johnson, Gryffindor wieder in Ballbesitz,
komm schon, Angelina - hübscher Schlenker um Montague -
duck dich, Angelina, da kommt ein Klatscher! - Sie macht das
Tor! Zehn zu null für Gryffindor!«
Angelina stieß mit der Faust in die Luft und flog über die
Tribünen hinweg; das scharlachrote Meer in der Tiefe tobte vor
Begeisterung -
»Autsch!«
Marcus Flint stieß mit ihr zusammen und Angelina
schleuderte es fast vom Besen.
»'tschuldigung«, sagte Flint, als die Menge unten zu buhen
anfing. »Tut mir Leid, hab sie nicht gesehen!«
Doch schon hatte ihn Fred Weasley mit seinem Schläger
319
auf den Hinterkopf gehauen - Flints Nase knallte gegen den
Besenstiel und fing an zu bluten.
»Das reicht jetzt!«, sagte Madam Hooch und rauschte da-
zwischen. »Strafstoß für Gryffindor wegen einer willkürlichen
Attacke auf ihre Jägerin! Strafstoß für Slytherin wegen
mutwilliger Verletzung ihres Jägers!«
»Das ist doch Unsinn, Miss!«, heulte Fred, doch Madam
Hooch blies in ihre Pfeife und Alicia flog nach vorne, um den
Strafstoß auszuführen.,
»Alicia, du machst es!«, schrie Lee in die Stille hinein, die
sich über die Menge gesenkt hatte. »Ja! Sie hat den Torhüter
geschlagen! Zwanzig zu null für Gryffindor!«
Harry riss den Feuerblitz scharf herum und sah Flint, der
immer noch heftig aus der Nase blutete, nach vorne fliegen, um
den Strafstoß für Slytherin auszuführen. Wood schwebte mit
zusammengebissenen Zähnen vor den Torstangen der
Gryffindors.
»Natürlich ist Wood ein exzellenter Torhüter!«, verkündete
Lee Jordan dem Publikum, während Flint auf Madam Hoochs
Pfiff wartete. »Klasse! Sehr schwer den Ball vorbeizukriegen -
wirklich ganz schwer - Jaaa! Ich kann's nicht glauben! Er hat ihn
gehalten!«
Erleichtert flog Harry davon und hielt wieder Ausschau nach
dem Schnatz, lauschte dabei allerdings jedem Wort von Lee.
Entscheidend war, dass er Malfoy vom Schnatz fernhielt, bis
Gryffindor mit mehr als fünfzig Punkten führte -
»Gryffindor wieder im Ballbesitz, nein, Slytherin - nein! -
wieder Gryffindor und diesmal mit Katie Bell, Katie Bell für
Gryffindor mit dem Quaffel, sie rauscht das Spielfeld hoch -das
war Absicht!«
Montague, ein Jäger der Slytherins, war Katie in die
Quere geflogen, und statt den Quaffel zu schnappen hatte
er sie am Kopf gepackt. Katie drehte ein paar Saltos und
320
schaffte es, auf dem Besen zu bleiben, ließ jedoch den Quaffel
fallen.
Wieder ertönte Madam Hoochs Pfiff. Sie flog hinüber zu
Montague und begann laut mit ihm zu schimpfen. Kurze Zeit
später hatte Katie einen weiteren Strafstoß gegen den Hüter der
Slytherins verwandelt.
»Dreißig zu null! Was sagt ihr jetzt, ihr dreckigen, falsch
spielenden -«
»Jordan, wenn Sie das Spiel nicht unparteiisch kommen-
tieren können, dann -!«
»Ich sag nur die Wahrheit, Professor!«
Harry überkam jetzt eine fiebrige Erregung. Er hatte den
Schnatz gesehen - unten am Fuß eines Torpfostens der
Gryffindors schimmerte er - doch er durfte ihn noch nicht
fangen - und wenn Malfoy ihn sah -
Harry tat so, als wäre er plötzlich auf etwas aufmerksam
geworden, riss seinen Feuerblitz herum und raste auf das Tor der
Slytherins zu - und es klappte. Malfoy jagte ihm nach und
glaubte offensichtlich, Harry hätte den Schnatz dort gesehen ...
Wuuuusch.
Einer der Klatscher, geschlagen von Derrick, dem riesen-
haften Treiber der Slytherins, rauschte an Harrys rechtem Ohr
vorbei. Und im nächsten Moment -
Wuuuusch.
Der zweite Klatscher hatte Harrys Ellbogen gestreift. Der
andere Treiber, Bole, hatte auf ihn angelegt.
Harry sah sie kurz aus den Augenwinkeln: Bole und Derrick
kamen zangengleich mit erhobenen Schlägern auf ihn zugerast -
In letzter Sekunde riss er den Feuerblitz in die Höhe und
Bole und Derrick krachten zusammen, mit einem Geräusch, dass
Harry sich am liebsten übergeben hätte.
321
»Hahaaaa!«, tobte Lee Jordan, während sich die beiden
Treiber der Slytherins, die Hände an den Köpfen, aus ihrer
Verknäuelung lösten, »so ein Pech, Jungs! Da müsst ihr früher
aufstehen, wenn ihr einen Feuerblitz schlagen wollt! Und wieder
Gryffindor mit Johnson in Quaffelbesitz - Flint neben ihr - stich
ihm ins Auge, Angelina! - war nur 'n Scherz, Professor, war
nur'n Scherz - o nein - Flint ist jetzt dran, Flint rast auf die
Torstangen der Gryffindors zu - komm schon, Wood, halt -!«
Doch Flint hatte getroffen; in der Slytherin-Kurve brach
Jubel aus und Lee begann so übel zu fluchen, dass Professor
McGonagall Anstalten machte, ihm das magische Megafon zu
entreißen.
»Tut mir Leid, Professor, Entschuldigung! Wird nicht
wieder vorkommen! Also, Gryffindor in Führung, dreißig zu
zehn, und Gryffindor in Ballbesitz -«
Das wurde allmählich die schmutzigste Partie, die Harry je
erlebt hatte. Wütend, weil Gryffindor so früh in Führung
gegangen war, war den Slytherins rasch jedes Mittel recht, um
sich den Quaffel zu sichern. Bole versetzte Alicia einen Hieb
mit dem Schläger und versuchte sich damit rauszureden, er habe
geglaubt, sie wäre ein Klatscher. George Weasley stieß Bole zur
Vergeltung mit dem Ellbogen ins Gesicht. Madam Hooch sprach
beiden Teams Strafstöße zu und Wood schaffte noch einmal
eine Glanzparade - schließlich stand es vierzig zu zehn für
Gryffindor.
Der Schnatz war längst wieder verschwunden. Malfoy hielt
sich weiterhin an Harry, der flog über den andern dahin und hielt
Ausschau nach dem kleinen Ball - denn sobald Gryffindor
fünfzig Punkte vorne lag -
Jetzt hatte Katie getroffen. Fünfzig zu zehn. Fred und
George Weasley surrten mit erhobenen Schlägern um sie
herum, damit kein Slytherin auf den Gedanken kam, sich zu
322
rächen. Bole und Derrick nutzten das aus, um beide Klatscher
gegen Wood zu schmettern; sie trafen ihn kurz nacheinander in
die Magengegend, und Wood, vollkommen groggy, kippte zur
Seite weg und konnte sich gerade noch an seinen Besen
klammern.
Madam Hooch war außer sich.
»Ihr sollt den Torhüter nicht angreifen, außer wenn der
Quaffel im Torraum ist!«, schrie sie Bole und Derrick an.
»Strafstoß für Gryffindor!«
Und Angelina verwandelte. Sechzig zu zehn. Sekunden
später schmetterte Fred Weasley einen Klatscher gegen
Warrington und schlug ihm den Quaffel aus den Händen; Alicia
packte ihn und trieb ihn ins Tor der Slytherins - siebzig zu zehn.
Die Gryffindor-Fans unten auf den Rängen schrien sich
heiser - Gryffindor lag mit sechzig Punkten vorne und wenn
Harry den Schnatz jetzt fing, hatten sie den Pokal gewonnen.
Harry spürte fast körperlich, wie Hunderte von Augen ihm
folgten, während er um das Feld herumsauste, hoch über den
andern Spielern, nur mit Malfoy auf den Fersen.
Und dann sah er ihn. Sieben Meter über ihm glitzerte der
Schnatz.
Harry verlangte jetzt alles von seinem Feuerblitz; der Wind
rauschte ihm in den Ohren; er streckte die Hand aus, doch
plötzlich erlahmte der Besen -
Entsetzt drehte er sich um. Malfoy hatte sich nach vorne
geworfen, den Schweif des Feuerblitzes gepackt, und zerrte ihn
zurück.
»Du -«
Harry war so zornig, dass er Malfoy geschlagen hätte, wenn
er nur an ihn herangekommen wäre - Malfoy keuchte
vor Anstrengung und hielt sich verbissen fest, doch seine
323
Augen funkelten bösartig. Er hatte geschafft, was er wollte - der
Schnatz war erneut verschwunden.
»Strafstoß! Strafstoß für Gryffindor! Ein so übles Foulspiel
hab ich noch nie erlebt!«, kreischte Madam Hooch und schoss in
die Höhe, während sich Malfoy auf seinen Nimbus
Zweitausendeins zurückgleiten ließ.
»Du betrügerisches Schwein!«, heulte Lee Jordan ins Me-
gafon und huschte vorsorglich außer Reichweite von Professor
McGonagall, »du dreckiges, fieses A-«
Doch Professor McGonagall scherte sich nicht darum, Lee
einen Rüffel zu erteilen. Wütend schüttelte sie die Fäuste in
Richtung Malfoy, der Hut fiel ihr vom Kopf und jetzt schrie sie
vor Zorn.
Alicia übernahm den Strafstoß, doch sie war so zornig, dass
sie ein paar Meter danebenschoss. Die Gryffindors wurden
zunehmend nervös und die Slytherins, entzückt über Malfoys
Foul an Harry, schwangen sich zu Glanzleistungen auf
»Slytherin im Spiel, Slytherin auf dem Weg zum Tor -
Montague trifft«. Lee stöhnte auf. »Siebzig zu zwanzig für
Gryffindor ...«
Harry flog jetzt so dicht neben Malfoy, dass sich ihre Knie
berührten. Er würde ihn nicht noch einmal in die Nähe des
Schnatzes lassen ...
»Lass das, Potter!«, rief Malfoy gereizt, als er einen Wen-
deversuch unternahm und Harry ihn abblockte.
»Angelina Johnson holt den Quaffel für Gryffindor, mach
schon, Angelina, mach schon!«
Harry drehte sich um. Alle Slytherin-Spieler außer Malfoy
flogen auf Angelina zu, selbst der Torhüter - sie wollten sie
abblocken -
Harry riss den Feuerblitz herum, bückte sich so tief, dass er
flach auf dem Besenstiel lag, und legte los. Wie eine Kugel
schoss er auf die Slytherins zu.
324
»Aaaaarrh!«
Sie stoben auseinander, als sie den Feuerblitz auf sich zu-
rasen sahen; Angelina hatte freie Bahn -
»Sie trifft! Toor! Toor! Gryffindor führt jetzt achtzig zu
zwanzig -«
Harry, der fast kopfüber in die Ränge getrudelt wäre,
bremste mitten in der Luft ab, machte kehrt und schoss zurück
in die Mitte des Feldes.
Und dann sah er etwas, das ihm das Herz stillstehen ließ.
Malfoy im Sturzflug, und Siegesgewissheit auf dem Gesicht -
dort unten, wenige Meter über dem Gras, ein kleiner, golden
schimmernder Fleck -
Harry peitschte den Feuerblitz in die Tiefe, doch Malfoy
hatte einen gewaltigen Vorsprung -
»Los! Los! Los!«, drängte Harry seinen Besen - sie kamen
Malfoy jetzt näher - Harry legte sich flach auf den Besenstiel
und entkam damit einem Klatscher von Bole - jetzt war er an
Malfoys Fersen - er war gleichauf -
Harry warf sich nach vorn, nahm beide Hände vom Besen -
stieß Malfoys Arm beiseite und -
»Ja!«
Harry riss den Besen aus dem Sturzflug, die Hand mit dem
Schnatz in der Luft, und das Stadion explodierte. Er zischte über
die Menge hinweg, ein merkwürdiges Klingen in den Ohren,
und hielt den goldenen Ball fest umklammert, der mit seinen
Flügelchen hoffnungslos gegen seine Finger schlug.
Dann raste Wood auf ihn zu, halb geblendet von Tränen;
er packte Harry am Arm und ließ sich hemmungslos
schluchzend gegen seine Schulter sinken. Fred und George
klopften ihm auf den Rücken, dass es richtig wehtat;
dann hörte er Angelina, Alicia und Katie rufen: »Wir haben
den Pokal! Wir haben den Pokal!« Die vielen Arme zu einem
325
einzigen Knäuel verschlungen, sank das Gryffindor-Team unter
heiseren Schreien zurück zur Erde.
Welle um Welle scharlachroter Anhänger ergoss sich über
die Absperrungen aufs Feld. Hände regneten auf ihre Rücken
herunter. Harry nahm verschwommen wahr, wie der Lärm
anschwoll und die Körper auf ihn eindrangen. Dann waren er
und die anderen Spieler auf den Schultern der Menge. jetzt, da
er wieder etwas sehen konnte, erkannte er Hagrid, bepflastert
mit scharlachroten Bandschleifen - »Du hast sie geschlagen,
Harry, du hast sie geschlagen! Wart nur, bis ich es
Seidenschnabel erzählt hab!« Percy sprang wie verrückt in die
Luft und hatte jede würdevolle Zurückhaltung abgelegt.
Professor McGonagall schluchzte noch herzergreifender als
selbst Wood und wischte sich mit einer betttuchgroßen
Gryffindor-Fahne die Augen. Und dort kämpften sich Ron und
Hermine zu ihm durch. Sie brachten kein Wort heraus. Sie
strahlten nur, während Harry zu den Rängen getragen wurde, wo
Dumbledore mit dem mächtigen Quidditch-Pokal auf sie
wartete.
Wäre doch nur ein Dementor unterwegs gewesen ... Als der
schluchzende Wood den Pokal an Harry weiterreichte, hatte er
das Gefühl, jetzt könnte er den besten Patronus der Welt
hervorbringen.
326
Professor Trelawneys Vorhersage
Mindestens eine Woche lang schwelgte Harry im Glück. Selbst
der Himmel schien ihren Pokalsieg zu feiern. Der Juni brach an,
die Wolken verzogen sich und es wurde schwül, und alle hatten
nur noch Lust, über die Wiesen zu schlendern und sich mit ein
paar Krügen eiskalten Kürbissafts ins Gras zu fläzen. Hin und
wieder konnte man vielleicht eine Partie Koboldstein spielen
oder dem Riesenkraken zusehen, wie er traumverloren durch
den See kraulte.
Doch es ging nicht - die Prüfungen standen bevor und an-
statt draußen zu faulenzen mussten die Schüler im Schloss
bleiben und sich die Hirne zermartern, während durch die
offenen Fenster verlockend die sommerlichen Lüfte herein-
wehten. Selbst Fred und George Weasley hatte man arbeiten
sehen; bald würden sie den ersten ZAG (Zauberergrad) schaffen.
Percy bereitete sich auf den UTZ (Unheimlich Toller Zauberer)
vor, den höchsten Abschluss, den Hogwarts zu bieten hatte. Da
Percy sich beim Zaubereiministerium bewerben wollte, brauchte
er die besten Noten. Er wurde zusehends fuchsiger und brummte
jedem schwere Strafen auf, der die abendliche Ruhe im
Gemeinschaftsraum störte. Nur eine Schülerin hatte noch mehr
Bammel vor den Prüfungen, und das war Hermine.
Harry und Ron hatten es längst aufgegeben, sie zu
fragen, wie sie es schaffte, mehrere Fächer gleichzeitig zu
belegen, doch als sie ihre Liste mit den Prüfungsterminen sahen,
327
konnten sie sich nicht mehr zurückhalten. In der ersten Spalte
hieß es:
Montag
9 Uhr Arithmantik
9 Uhr Verwandlung
Mittagessen
13 Uhr Zauberkunst
13 Uhr Alte Runen
»Hermine?«, sagte Ron behutsam, weil sie in den vergangenen
Tagen gern explodierte, wenn man sie unterbrach Ȁhm - bist
du sicher, dass du diese Prüfungszeiten richtig abgeschrieben
hast?«
»Was?«, fauchte Hermine, nahm ihren Plan zur Hand und
warf einen Blick darauf »Ja, stimmt doch alles.«
»Hat es irgendeinen Sinn dich zu fragen, wie du in zwei
Prüfungen zugleich sitzen willst?«, fragte Harry.
»Nein«, sagte Hermine knapp. »Hat einer von euch mein
Nummerologie und Grammatica rumliegen sehen?«
»Ach ja, ich wollte im Bett noch ein wenig lesen und hab's
mir ausgeliehen«, sagte Ron, wenn auch recht leise Hermine
kramte unter ihren vielen Pergamentstapeln nach dem Buch. In
diesem Moment raschelte es am Fenster und Hedwig flatterte
mit einer Nachricht im Schnabel herein.
»Von Hagrid«, sagte Harry und riss den Umschlag auf. »Die
Berufungsverhandlung von Seidenschnabel - findet am achten
Juni statt.«
»Das ist doch unser letzter Prüfungstag«, sagte Hermine,
während sie immer noch nach ihrem Arithmantikbuch stöberte.
»Sie kommen dafür eigens hierher«, sagte Harry und las
328
weiter aus dem Brief vor, » jemand vom Zaubereiministerium
und ... und ein Henker.«
Hermine blickte verdutzt auf
»Sie bringen den Henker mit zur Berufung! Das klingt doch,
als hätten sie schon alles entschieden!«
»Ja, allerdings«, sagte Harry langsam.
»Das können sie nicht machen!«, heulte Ron, »ich hab
Ewigkeiten gebraucht, um für Hagrid diese Wälzer durch-
zuarbeiten, das können sie nicht einfach abtun!«
Doch Harry hatte das schreckliche Gefühl, dass der Aus-
schuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe die Sache
bereits entschieden hatte, ganz so, wie Mr Malfoy es wollte.
Draco, seit dem Triumph der Gryffindors im Quidditch auf-
fallend kleinlaut, schien in den folgenden Tagen wieder ganz das
alte Großmaul zu werden. Nach hämischen Bemerkungen zu
schließen, die Harry mithörte, war sich Malfoy sicher, dass
Seidenschnabel hingerichtet würde, und er war offenbar höchst
zufrieden mit sich, weil er selbst alles angezettelt hatte. Bei
solchen Gelegenheiten konnte sich Harry nur mit Mühe davon
abhalten, es Hermine nachzutun und Malfoy ein paar Ohrfeigen
zu verpassen. Und das Schlimmste war, dass sie weder Zeit
noch Gelegenheit hatten, Hagrid zu besuchen, denn die strengen
neuen Sicherheitsregeln waren nicht aufgehoben worden, und
Harry traute sich nicht, seinen Tarnumhang aus dem
Geheimgang unter der einäugigen Hexe zu holen.
Die Prüfungswoche begann, und eine unnatürliche Stille breitete
sich im Schloss aus. Montag um die Mittagszeit kamen die
Drittklässler aus Verwandlung. Ausgelaugt und mit bleichen
Gesichtern verglichen sie ihre Ergebnisse und klagten,
wie schwer die Aufgaben diesmal gewesen seien. Zum
Beispiel mussten sie eine Teekanne in eine Schildkröte ver-
329
wandeln. Hermine ärgerte sie alle, weil sie sich darüber aufregte,
dass ihre Schildkröte eher wie eine Kröte ausgesehen habe,
worüber die andern mehr als froh gewesen wären.
»Meine hatte den Schnabel der Teekanne als Schwanz, ein
Alptraum war das ...«
»Sollten die Schildkröten eigentlich Dampf auspusten?«
»Meine hatte diese chinesische Porzellanmalerei auf dem
Schild, glaubt ihr, sie ziehen mir dafür Punkte ab?«
Dann, nach einem hastigen Mittagessen, ging es gleich
wieder nach oben zur Prüfung in Zauberkunst. Hermine hatte
Recht gehabt; Professor Flitwick prüfte sie tatsächlich in
Aufmunterungszaubern. Harry, nervös wie er war, trieb es ein
wenig zu weit. Ron, sein Partner, fing aufgedreht an zu lachen
und konnte sich nicht mehr einkriegen, so dass man ihn
schließlich zum Abkühlen in ein ruhiges Zimmer bringen
musste, bevor er selbst die Prüfung ablegen konnte. Nach dem
Abendessen kehrten sie rasch zurück in ihren
Gemeinschaftsraum, nicht etwa, um sich zu entspannen, sondern
um für Pflege magischer Geschöpfe, Zaubertränke und
Astronomie zu büffeln.
Hagrid nahm die Prüfung am nächsten Morgen mit aus-
gesprochen besorgter Miene ab; mit dem Herzen schien er ganz
woanders zu sein. Er hatte für die Klasse einen großen Zuber
frischer Flubberwürmer vorbereitet und erklärte ihnen, wenn sie
die Prüfung bestehen wollten, müssten die Würmer nach einer
Stunde immer noch am Leben sein. Da Flubberwürmer am
besten gediehen, wenn man sie vollkommen in Ruhe ließ, war
das die leichteste Prüfung ihres Lebens, und zudem hatten
Harry, Ron und Hermine genug Zeit, um mit Hagrid zu
sprechen.
»Schnäbelchen ist ein wenig trübselig«, berichtete Hagrid,
der sich tief gebückt hatte und so tat, als schaue er nach,
ob Harrys Flubberwurm noch lebte. »Ist jetzt schon so lange
330
eingesperrt. Aber was soll man machen... übermorgen wissen
wir's - so oder so -«
Am selben Nachmittag hatten sie Zaubertränke, und das war
schlichtweg eine Katastrophe. Harry konnte tun, was er wollte,
er schaffte es einfach nicht, sein Verwirrungs-Elixier
einzudicken. Snape beobachtete ihn mit heimtückischem
Vergnügen, und bevor er weiterging, machte er einen Kringel
auf sein Blatt, der verdächtig wie eine Sechs aussah.
Um Mitternacht war Astronomie dran, oben auf dem
höchsten Turm; Geschichte der Zauberei war Mittwochmorgen,
und Harry kritzelte alles hin, was Florean Fortescue ihm je über
die mittelalterliche Hexenverfolgung erzählt hatte, während er
sich in diesem stickigen Klassenzimmer nichts sehnlicher
wünschte, als einen Becher von Fortescues Kokosnusseis vor
sich stehen zu haben. Mittwochnachmittag war die Prüfung in
Kräuterkunde, in den Gewächshäusern unter der glühend heißen
Sonne; dann ging es mit sonnenverbrannten Nacken sofort
zurück in den Gemeinschaftsraum, wo sie sehnsüchtig schon an
Freitagnachmittag dachten, wenn alles vorbei sein würde.
Die vorletzte Prüfung am Donnerstagmorgen war Vertei-
digung gegen die dunklen Künste. Professor Lupin hatte die
ungewöhnlichste Aufgabe von allen vorbereitet, eine Art
Hindernisrennen draußen in der Sonne. Sie mussten durch einen
tiefen Tümpel stapfen, in dem ein Grindeloh lauerte, eine Reihe
von Erdlöchern voller Rotkappen überqueren, durch ein
sumpfiges Feld waten und dabei die irreführenden Wegangaben
eines Hinkepanks missachten, und schließlich in einen alten
Schrankkoffer klettern und sich mit einem neuen Irrwicht
herumschlagen.
»Hervorragend, Harry«, murmelte Lupin, als Harry grinsend
aus dem Koffer stieg. »Volle Punktzahl.«
Mit freudig geröteten Wangen blieb Harry noch eine
331
Weile, um Ron und Hermine zuzusehen. Ron kam gut voran, bis
er auf den Hinkepank traf, der es schaffte, ihn so zu verwirren,
dass er hüfthoch im Morast versank. Hermine gelang alles
tadellos, bis sie zum Koffer mit dem Irrwicht kam. Nach einer
Minute im Innern platzte sie schreiend heraus.
»Hermine!«, sagte Lupin verblüfft, »was ist denn los?«
»P ... Professor McGonagall!«, stammelte Hermine und
deutete auf den Koffer. »S-sie sagt, ich sei überall durchge-
rasselt!«
Es dauerte eine Welle, bis Hermine sich wieder gefangen
hatte. Unterwegs zurück zum Schloss kicherte Ron immer noch
ein wenig über ihren Irrwicht, doch angesichts dessen, was sie
oben am Portal erwartete, kam es nicht zum Streit.
Dort stand Cornelius Fudge, leicht schwitzend in seinem
Nadelstreifenumhang, und spähte über das Land. Er stutzte, als
er Harry erkannte.
»Hallo, Harry!«, sagte er. »Du kommst von einer Prüfung,
nicht wahr? Hast es bald geschafft?«
»Ja«, sagte Harry. Hermine und Ron, die noch nie mit dem
Zaubereiminister gesprochen hatten, hielten sich verlegen im
Hintergrund.
»Schöner Tag«, sagte Fudge und ließ die Augen über den
See wandern. »Ein Jammer, wirklich ein Jammer ...«
Er seufzte tief und sah zu Harry hinunter.
»Ich bin wegen einer unangenehmen Aufgabe hier, Harry.
Der Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe
braucht einen Zeugen für die Hinrichtung eines verrückten
Hippogreifs. Da ich ohnehin in Hogwarts vorbeischauen musste,
um mich in Sachen Black umzutun, wurde ich gebeten
einzuspringen.«
»Soll das heißen, die Berufungsverhandlung ist schon vor-
bei?«, warf Ron ein und trat einen Schritt vor.
332
»Nein, nein, sie ist für heute Nachmittag angesetzt«, sagte Fudge
und sah Ron neugierig an.
»Dann werden Sie ja vielleicht gar keine Hinrichtung
bezeugen müssen!«, sagte Ron beherzt. »Der Hippogreif könnte
ja freigesprochen werden!«
Bevor Fudge antworten konnte, traten hinter ihm zwei
Zauberer durch das Schlossportal. Der eine war so steinalt, dass
er vor ihren Augen zu verwittern schien, der andere war groß
und rüstig und hatte einen dünnen schwarzen Schnurrbart. Harry
vermutete, dass sie zum Ausschuss für die Beseitigung
gefährlicher Geschöpfe gehörten, denn der steinalte Zauberer
spähte hinüber zu Hagrids Hütte und sagte mit dünner Stimme:
»Meine Güte, ich werd langsam zu alt für diese Geschichten
... es ist doch schon zwei, nicht wahr, Fudge?«
Der Mann mit dem schwarzen Schnurrbart nestelte an
seinem Gürtel; Harry sah näher hin und erkannte jetzt, dass er
mit seinem breiten Daumen an der schimmernden Klinge eines
Beils entlangfuhr. Ron öffnete den Mund, um etwas zu sagen,
doch Hermine stieß ihm heftig in die Rippen und nickte mit dem
Kopf zum Eingang.
»Warum hast du mich aufgehalten?«, sagte Ron wütend, als
sie zum Mittagessen in die Große Halle traten. »Hast du die
beiden gesehen? Die haben ja schon das Beil bereit! Das ist
doch nicht fair!«
»Ron, dein Dad arbeitet im Ministerium, da kannst du doch
nicht so mit seinem Chef reden!«, sagte Hermine, doch auch sie
schien ganz aufgebracht. »Wenn Hagrid diesmal die Nerven
behält und seine Sache richtig vertritt, können sie
Seidenschnabel auf keinen Fall töten ...«
Doch Harry war klar, dass Hermine nicht wirklich an ihre
eigenen Worte glaubte. Die andern Schüler um sie herum
schwatzten und lachten und freuten sich auf den Nachmittag,
333
wenn alles vorbei sein würde, doch Harry, Ron und Hermine
waren sehr besorgt wegen Hagrid und Seidenschnabel und
hatten keine Lust sich dem Getümmel anzuschließen.
Harry und Ron hatten ihre letzte Prüfung in Wahrsagen,
Hermine in Muggelkunde. Sie gingen zusammen die Mar-
mortreppe hoch, oben verabschiedete sie sich und Harry und
Ron stiegen weiter bis in den siebten Stock, wo schon einige aus
ihrer Klasse auf der Wendeltreppe zu Professor Trelawneys
Zimmer saßen und sich in letzter Minute noch abfragten.
Die beiden setzten sich zu Neville. »Sie will uns alle einzeln
drannehmen«, erklärte er. Auf seinem Schoß lag Entnebelung
der Zukunft, das Kapitel über Kristallkugeln aufgeschlagen.
»Hat einer von euch jemals irgendwas in einer Kristallkugel
gesehen?«, fragte er bekümmert.
»Null«, sagte Ron beiläufig. Immer wieder sah er auf die
Uhr; Harry wusste, dass er die Minuten bis zum Beginn von
Seidenschnabels Verhandlung zählte.
Die Warteschlange vor dem Klassenzimmer wurde nur
mählich kürzer. Jeden, der die silberne Leiter herabstieg, lö-
cherten sie mit gezischelten Fragen:
»Was wollte sie wissen? War es schwer?«
Doch keiner mochte etwas sagen.
»Sie meint, sie wisse aus der Kristallkugel, dass mir was
Furchtbares passieren wird, wenn ich es verrate!«, quiekte
Neville, als er die Leiter zu Harry und Ron herunterkletterte, die
unten warteten.
»Das macht sie geschickt«, schnaubte Ron. »Weißt du,
allmählich glaube ich, dass Hermine Recht hatte« (er wies mit
dem Daumen nach unten), »sie ist nichts weiter als 'ne olle
Schwindlerin.«
»Stimmt«, sagte Harry und sah jetzt selbst auf die Uhr. In-
zwischen war es zwei. »Wenn sie sich nur beeilen würde ...«
Parvati kam glühend vor Stolz die Leiter herunter.
334
»Sie sagt, ich hätte alles, was eine wahre Seherin braucht«,
verkündete sie Harry und Ron. »Ich hab ja so viel gesehen ...
also, viel Glück!«
Und sie kletterte die Wendeltreppe hinunter, wo Lavender
auf sie wartete.
»Ronald Weasley«, sagte die vertraute rauchige Stimme
über ihren Köpfen. Ron zog eine Grimasse, kletterte die silberne
Leiter hoch und verschwand. Jetzt war nur noch Harry übrig. Er
setzte sich mit dem Rücken an der Wand auf den Boden und
lauschte dem Summen einer Fliege am sonnendurchfluteten
Fenster. In Gedanken war er drüben am Waldrand bei Hagrid.
Endlich, nach zwanzig Minuten, erschienen Rons große
Füße auf der Leiter.
»Wie ist es gelaufen?«, fragte Harry und stand auf
»Bescheuert«, sagte Ron. »Hab überhaupt nichts gesehen,
also hab ich was erfunden. Glaub aber nicht, dass sie richtig
überzeugt war ...«
»Wir treffen uns im Gemeinschaftsraum«, murmelte Harry,
und schon rief Professor Trelawney »Harry Potter!«.
Im Turmzimmer war es stickiger denn je; die Vorhänge
waren zugezogen, das Feuer loderte und die süßlichen Dünste
ließen Harry husten. Er stolperte durch das Gewirr von Stühlen
und Tischen hinüber zu Professor Trelawney, die vor einer
großen Kristallkugel saß.
»Guten Tag, mein Lieber«, sagte sie sanft. »Wenn Sie so
nett wären, in die Kugel zu schauen ... lassen Sie sich ruhig Zeit
... und dann sagen Sie mir, was Sie sehen ...«
Harry beugte sich über die Kristallkugel und starrte hinein,
mit aller Kraft suchte er nach etwas anderem als dem weißen
Nebelgewaber, doch nichts geschah.
»Nun?«, hakte Professor Trelawney sachte nach. »Was se-
hen Sie?«
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Die Hitze überwältigte ihn und der parfümierte Rauch, der
vom Feuer herüberwaberte, stach ihm in die Nase. Er dachte an
Ron und beschloss, es ihm gleichzutun.
»Ähm -«, sagte Harry, »eine dunkle Gestalt ... äh ...«
»Wem ähnelt sie?«, flüsterte Professor Trelawney. »Denken
Sie mal nach ...«
Harry ließ die Gedanken schweifen und sie landeten bei
Seidenschnabel.
»Einem Hippogreif«, sagte er entschieden.
»Tatsächlich!«, flüsterte Professor Trelawney und kritzelte
eifrig Notizen auf das Blatt Pergament auf ihren Knien.
»Mein Lieber, gewiss sehen Sie, wie dieser Streit des armen
Hagrid mit dem Zaubereiministerium ausgeht! Sehen Sie
genauer hin ... hat der Hippogreif denn noch ... seinen Kopf?«
»Ja«, sagte Harry nachdrücklich.
»Sind Sie sicher?«, drängte ihn Professor Trelawney. »Sind
Sie ganz sicher, mein Lieber? Sehen Sie nicht vielleicht doch,
wie er sich auf der Erde windet und eine dunkle Gestalt über
ihm die Axt erhebt?«
»Nein!«, sagte Harry und allmählich wurde ihm schlecht.
»Kein Blut? Kein weinender Hagrid?«
»Nein!«, sagte Harry noch einmal und wünschte sich nichts
sehnlicher als endlich aus diesem stickigen Zimmer zu
entkommen. »Er sieht gut aus, er - fliegt davon ...«
Professor Trelawney seufzte.
»Nun, mein Lieber, ich denke, wir belassen es dabei ... ein
wenig enttäuschend ... aber sicher haben Sie Ihr Bestes getan.«
Erleichtert stand Harry auf, griff nach seiner Tasche und
wandte sich zum Gehen, doch plötzlich ertönte eine laute, rüde
Stimme hinter ihm.
»Es wird heute Nacht geschehen.«
336
Harry wirbelte herum. Professor Trelawney war in ihrem
Lehnstuhl erstarrt, mit schielendem Blick und offenem Mund.
»W-wie bitte?«, sagte Harry.
Doch Professor Trelawney schien ihn nicht zu hören. Ihre
Augen fingen an zu kullern. Harry packte die Angst. Sie sah aus,
als würde sie gleich einen Anfall kriegen. Er überlegte, ob er in
den Krankenflügel laufen sollte, zögerte - und dann sprach
Professor Trelawney erneut, mit derselben rüden Stimme, ganz
ungewohnt aus ihrem Mund:
»Der Schwarze Lord ist einsam, von Freunden und
Anhängern verlassen. Sein Knecht lag zwölf Jahre in Ketten.
Heute Nacht, vor der zwölften Stunde, wird der Knecht die
Ketten abwerfen und sich auf den Weg zu seinem Meister
machen. Mit seiner Hilfe wird der Schwarze Lord erneut die
Macht ergreifen und schrecklicher herrschen denn je. Heute
Nacht ... vor der zwölften Stunde ... wird der Knecht sich auf den
Weg machen ... zurück zu seinem Meister ...«
Professor Trelawneys Kopf sackte auf die Brust. Sie machte
ein grunzendes Geräusch. Harry stand da und starrte sie an.
Dann, ganz plötzlich, zuckte ihr Kopf in die Höhe.
»Tut mir ja so Leid, mein Junge«, sagte sie traumverloren,
»die Hitze, Sie wissen ... ich muss kurz eingedöst sein ...«
Harry starrte sie unverwandt an.
»Stimmt irgendwas nicht, mein Lieber?«
»Sie - Sie haben mir eben gesagt, dass - der Schwarze Lord
wiederkommen wird ... dass sein Knecht zu ihm zurückkehrt ...«
Professor Trelawney schien aufrichtig perplex.
»Der Schwarze Lord? Er, dessen Name nicht genannt
werden darf? Mein lieber Junge, darüber macht man keine
Witze ... wiederkommen, also hören Sie mal -«
»Aber Sie haben es eben gesagt! Sie sagten, der Schwarze
Lord -«
337
»Ich glaube, auch Sie sind kurz weggedöst, mein Lieber!«,
sagte Professor Trelawney. »Ich würde mir natürlich nie an-
maßen, etwas so Unsinniges vorauszusagen!«
Gedankenversunken stieg Harry die Leiter und die Wen-
deltreppe hinunter ... Hatte er eine echte Vorhersage von
Professor Trelawney gehört? Oder wollte sie die Prüfung nur
nach ihrem Geschmack beschließen, mit etwas, das mächtig
Eindruck hinterließ?
Fünf Minuten später, als er an den Sicherheitstrollen vor
dem Gryffindor-Turm vorbeihastete, klangen ihm ihre Worte
noch immer in den Ohren. Viele kamen ihm entgegen, lachend
und scherzend und befreit, auf dem Weg hinaus vors schloss,
um sich ein wenig in die Sonne zu legen; als er durch das
Porträtloch in den Gemeinschaftsraum stieg, war fast keiner
mehr da. Drüben in einer Ecke allerdings hockten Ron und
Hermine.
»Professor Trelawney«, keuchte Harry, »hat mir eben gesagt
-«
Doch beim Anblick ihrer Gesichter stockte ihm die Stimme.
»Seidenschnabel hat verloren«, sagte Ron erschöpft. »Das
hier kam gerade von Hagrid.«
Diesmal war Hagrids Nachricht trocken, keine Träne hatte
das Blatt benetzt, doch seine Hand hatte offenbar dermaßen
gezittert, dass die Notiz kaum leserlich war.
Berufung verloren. Sie richten ihn bei Sonnenuntergang hin. Ihr
könnt nichts mehr tun. Kommt nicht runter. Ich will nicht, dass
ihr es mit anseht.
Hagrid
»Wir müssen hin«, sagte Harry sofort. »Wir können ihn nicht
alleine rumhocken und auf den Henker warten lassen!«
338
»Sonnenuntergang«, sagte Ron und starrte mit glasigem
Blick aus dem Fenster. »Das erlauben sie uns nie ... und dir
schon gar nicht, Harry ...«
Harry ließ den Kopf in die Hände sinken und überlegte.
»Wenn ich nur den Tarnumhang hätte ...«
»Wo ist er?«, fragte Hermine.
Harry erklärte ihr, dass er ihn im Geheimgang unter der
einäugigen Hexe versteckt hatte.
»... wenn Snape mich noch mal in dieser Ecke trifft, sitz ich
wirklich in der Patsche«, schloss er.
»Das stimmt«, sagte Hermine und stand auf »Wenn er dich
sieht ... wie geht dieser Hexenbuckel noch mal auf?.«
»Du - tippst dagegen und sagst >Dissendium«<, erklärte ihr
Harry, »aber -«
Hermine wartete nicht, bis er ausgeredet hatte; mit großen
Schritten durchquerte sie das Zimmer, klappte das Bild der
fetten Dame zur Seite und verschwand.
»Sie geht doch nicht etwa hin und holt den Umhang?«, sagte
Ron und starrte ihr mit offenem Mund nach.
Genau das tat Hermine. Eine halbe Stunde später kam sie
zurück, mit dem sorgfältig gefalteten silbrigen Tarnumhang
unter ihrem eigenen Umhang verborgen.
»Hermine, ich weiß nicht, was seit neuestem in dich ge-
fahren ist!«, sagte Ron verdutzt. »Erst vermöbelst du Malfoy,
dann marschierst du bei Professor Trelawney einfach aus dem
Unterricht -«
Offensichtlich fühlte Hermine sich geschmeichelt.
Wie alle andern gingen sie zum Abendessen, doch
sie kehrten danach nicht in den Turm zurück. Harry
hatte den Umhang unter seinem eigenen versteckt; er musste
die Arme verschränkt halten, um das Bündel zu verbergen. Sie
huschten in eine leere Kammer neben der Eingangshalle und
339
lauschten, bis sie sicher waren, dass keiner mehr draußen war.
Ein letztes Pärchen eilte durch die Halle und eine Tür knallte zu.
Hermine steckte den Kopf durch den Türspalt.
»Gut«, flüsterte sie, »keiner mehr da - unter den Umhang -«
Eng aneinander geschmiegt, damit sie alle unter den Tarn-
umhang passten, durchquerten sie auf Zehenspitzen die Große
Halle und stiegen die steinernen Stufen zum Schlossgelände
hinunter. Schon versank die Sonne hinter dem Verbotenen Wald
und tauchte die Baumspitzen in Gold.
Vor Hagrids Hütte angelangt, klopften sie. Er brauchte eine
Welle, um sich zu rühren, dann trat er vor die Tür und schaute
sich fahlgesichtig und zitternd nach seinem Besucher um.
»Wir sind's«, zischte Harry. »Wir tragen den Tarnumhang.
Lass uns rein, dann können wir ihn ablegen.«
»Ihr hättet nicht kommen sollen!«, flüsterte Hagrid, trat aber
zurück und sie gingen hinein. Rasch schloss Hagrid die Tür und
Harry zog den Umhang herunter.
Hagrid weinte nicht und er warf sich auch keinem von ihnen
um den Hals. Er sah aus wie jemand, der nicht weiß, wo er ist
oder was er tut. Diese Hilflosigkeit war noch schlimmer mit
anzusehen als Tränen.
»Wollt ihr 'n Tee?«, sagte er. Mit zitternden Pranken langte
er nach dem Kessel.
»Wo ist Seidenschnabel, Hagrid?«, fragte Hermine zögernd.
»Ich - ich hab ihn rausgebracht«, sagte Hagrid und be-
kleckerte beim Auffüllen des Milchkrugs den ganzen Tisch. »Er
ist hinter meinem Kürbisbeet an der Leine. Dachte, er sollte
noch mal die Bäume sehen und - und ein wenig frische Luft
schnappen - bevor -«
Hagrids Hand zitterte so heftig, dass ihm der Milchkrug
entglitt und auf dem Boden zerschellte.
340
»Ich mach das schon, Hagrid«, sagte Hermine rasch und
beeilte sich, den Milchsee aufzuwischen.
»Da ist noch einer im Schrank«, sagte Hagrid. Er setzte sich
und wischte sich mit dem Ärmel die Stirn. Harry warf Ron einen
Blick zu, den dieser mit hoffnungsleeren Augen erwiderte.
»Kann man denn gar nichts mehr machen, Hagrid?«, fragte
Harry jetzt wild entschlossen und setzte sich neben ihn.
»Dumbledore -«
»Er hat's doch versucht«, sagte Hagrid. »Aber er hat nicht
die Macht, das Urteil zu ändern. Er hat den Leuten vom
Ausschuss erklärt, dass Seidenschnabel in Ordnung ist, aber die
haben doch Angst ... ihr kennt Lucius Malfoy ... der hat sie
bedroht, vermut ich mal ... und der Henker, Macnair, ist ein alter
Kumpel von Malfoy ... aber es wird schnell und sauber gehen ...
und ich werd bei ihm sein ...«
Hagrid schluckte. Sein Blick huschte durch die Hütte, als
suchte er verzweifelt nach einem Fetzen Hoffnung oder Trost.
»Dumbledore will auch dabei sein, wenn es ... wenn es
passiert. Hat mir heute Morgen geschrieben. Er will ... will bei
mir sein. Großartiger Mensch, Dumbledore ...«
Hermine, die in Hagrids Schrank nach einem anderen
Milchkrug gesucht hatte, ließ einen leisen, rasch erstickten
Schluchzer hören. Mit dem Krug in der Hand richtete sie sich
auf,
»Wir bleiben bei dir, Hagrid«, begann sie und kämpfte mit
den Tränen, doch Hagrid schüttelte seinen zottigen Kopf.
»Ihr müsst zurück ins Schloss. Ich hab euch doch gesagt, ich
will nicht, dass ihr zuseht. Und ihr solltet ohnehin nicht hier
unten sein ... wenn Fudge und Dumbledore euch hier finden,
Harry, dann kriegt ihr gewaltigen Ärger.«
Stumme Tränen rannen nun an Hermines Wangen hi-
341
nunter, doch sie werkelte am Teekessel herum, um sie vor
Hagrid zu verbergen. Dann langte sie nach der Milchflasche um
die Kanne zu füllen - und stieß einen spitzen Schrei aus.
»Ron! Ich - das gibt's doch nicht - es ist Krätze!«
Ron starrte sie mit aufgerissenem Mund an.
»Was redest du da?«
Hermine trug die Milchkanne hinüber zum Tisch und stellte
sie auf den Kopf. Mit einem panischen Quieken und verzweifelt
mit den Beinchen krabbelnd, um wieder in die Kanne zu
kommen, kam Krätze auf den Tisch gekullert.
»Krätze!«, sagte Ron entgeistert. »Krätze, was machst du
denn hier?«
Er packte die widerspenstige Ratte und hielt sie ins Licht.
Krätze sah schrecklich aus. Er war dünner als je, dicke Haar-
büschel waren ihm ausgefallen und hatten große kahle Stellen
hinterlassen. Er wand sich in Rons Hand, als ob er verzweifelt
das Weite suchte.
»Ist schon gut, Krätze!«, sagte Ron. »Keine Katzen! Keiner
hier will dir was antun!«
Plötzlich stand Hagrid auf und spähte durch das Fenster.
Sein wettergegerbtes Gesicht hatte die Farbe von Pergament
angenommen.
»Sie kommen ...«
Harry, Ron und Hermine wirbelten herum. In der Ferne
sahen sie ein paar Männer die Schlosstreppe herunterkommen.
Voran ging Albus Dumbledore, dessen silberner Bart in der
untergehenden Sonne schimmerte. Ihm nach trottete Cornelius
Fudge. Dann folgten das tattrige alte Ausschussmitglied und
Macnair, der Henker.
»Ihr müsst gehen«, sagte Hagrid. Er zitterte am ganzen Leib.
»Sie dürfen euch hier nicht finden ... verschwindet jetzt,
schnell ...«
342
Ron stopfte Krätze in seine Tasche und Hermine nahm den
Umhang hoch.
»Ich lass euch hinten raus«, sagte Hagrid.
Sie folgten ihm durch die Tür in seinen Garten. Harry kam
alles seltsam unwirklich vor, und das um so mehr, als er ein paar
Meter entfernt Seidenschnabel sah, den Hagrid an den Zaun um
sein Kürbisbeet gebunden hatte. Seidenschnabel schien zu
wissen, dass etwas geschehen würde. Er warf den Kopf hin und
her und scharrte nervös auf der Erde.
»Ist schon gut, Schnäbelchen«, sagte Hagrid leise. »Es ist
alles gut ...« Er wandte sich den dreien zu. »Geht jetzt«, sagte er,
»sputet euch.«
Doch sie rührten sich nicht.
»Hagrid, wir können nicht einfach -«
»Wir sagen ihnen, was wirklich passiert ist -«
»Sie dürfen ihn nicht umbringen -«
»Geht«, sagte Hagrid grimmig. »Ist alles schon schlimm
genug, da müsst ihr nicht auch noch Ärger kriegen!«
Sie hatten keine Wahl. Als Hermine den Umhang über
Harry und Ron warf, hörten sie Stimmen vor der Hütte. Hagrid
sah auf die Stelle, wo sie eben verschwunden waren.
»Geht schnell«, sagte er heiser, »und lauscht nicht ...«
Jemand klopfte an seine Tür und er ging rasch in die Hütte.
Langsam, wie in grauenerfüllter Trance, schlichen sich
Harry, Ron und Hermine leise um Hagrids Hütte herum. Als sie
auf der anderen Seite waren, fiel die Vordertür mit einem
scharfen Knall ins Schloss.
»Beeilen wir uns, bitte«, flüsterte Hermine. »Ich kann das
nicht sehen, ich kann es nicht ertragen ...«
Sie gingen den Rasenhang zum Schloss hoch. Die Sonne
versank jetzt schnell am Horizont; der Himmel hatte ein klares,
mit purpurnen Schleiern durchzogenes Grau angenommen, doch
im Westen glühte es rubinrot.
343
Ron blieb wie angewurzelt stehen.
»O bitte, Ron«, sagte Hermine.
»Es ist Krätze - gibt einfach keine Ruhe -«
Ron hatte sich gebückt und versuchte Krätze in der Tasche
zu halten, doch die Ratte hatte rasende Angst gepackt; mit irrem
Quieken, sich windend und kratzend, versuchte sie die Zähne in
Rons Hand zu versenken.
»Krätze, ich bin's, Ron, du Dummkopf!«, zischte Ron.
Hinter ihnen ging eine Tür auf und sie hörten Männer-
stimmen.
»O Ron, bitte, gehn wir weiter, sie tun's jetzt!«, keuchte
Hermine.
»Gut - Krätze, bleib hier -«
Sie gingen weiter; Harry und Hermine versuchten, nicht auf
die Stimmen hinter ihnen zu hören. Wieder erstarrte Ron.
»Ich kann sie nicht mehr festhalten - Krätze, halt's Maul, die
hören uns doch -«
Die Ratte quiekte spitz, doch nicht laut genug, um die Ge-
räusche zu überdecken, die von Hagrids Garten herüberwehten.
Zunächst gab es ein Gewirr undeutlicher Männerstimmen, dann
trat Stille ein, und dann, ohne Warnung, hörten sie das
unmissverständliche Surren und den dumpfen Aufschlag einer
Axt.
Hermine wankte.
»Sie haben es wirklich getan!«, flüsterte sie Harry zu. »Ich k
... kann's nicht fassen - sie haben's getan!«
344
Kater, Ratte, Hund
Harry war so entsetzt, dass er keinen Gedanken mehr fassen
konnte. Gelähmt vor Schreck standen sie unter dem Tarn-
umhang. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tauchten
das Land und die langen Schatten der Bäume in blutrotes Licht.
Dann hörten sie ein wildes Heulen.
»Hagrid«, murmelte Harry. Unwillkürlich machte er kehrt,
doch Ron und Hermine packten ihn an den Armen.
»Wir können jetzt nicht zu ihm«, sagte Ron, das Gesicht
weiß wie Papier. »Wenn sie rauskriegen, dass wir ihn besucht
haben, wird alles noch viel schlimmer für ihn ...«
Hermine atmete flach und unregelmäßig.
»Wie ... wie konnten sie nur?«, würgte sie hervor. »Wie
konnten sie das tun?«
»Gehen wir«, sagte Ron mit klappernden Zähnen.
Sie gingen weiter und achteten unter dem Tarnumhang
sorgfältig auf ihre Schritte, um sich nicht zu verraten. Das
Tageslicht erstarb rasch. Als sie freies Gelände erreicht hatten,
legte sich die Dunkelheit wie ein Fluch über sie.
»Gib Ruhe, Krätze«, zischte Ron und presste die Hand auf
die Brusttasche. Die Ratte strampelte und kratzte verzweifelt.
Ron blieb plötzlich stehen und versuchte Krätze tiefer in die
Tasche zu zwängen. »Was ist los mit dir, du dumme Ratte?
Ruhe jetzt - autsch! Er hat mich gebissen!«
»Sei leise, Ron!«, flüsterte Hermine eindringlich. »Fudge
wird sicher gleich kommen -«
»Er - will - einfach - nicht - dableiben -«
345
Krätze hatte offensichtlich Höllenangst. Er sträubte sich mit
aller Kraft und versuchte aus Rons Griff zu entkommen.
»Was ist eigentlich los mit ihm -?«
Doch Harry hatte es schon gesehen - etwas schlich auf sie
zu, den Körper an den Boden geschmiegt, die weit aufgerissenen
gelben Augen gespenstisch in der Dunkelheit glimmend -
Krummbein. Ob er sie sehen konnte oder nur Krätzes Quieken
folgte, wusste Harry nicht zu sagen.
»Krummbein!«, stöhnte Hermine, »nein, Krummbein, hau
ab!«
Doch der Kater kam näher.
»Krätze - nein!«
Zu spät - die Ratte entglitt Rons Fingern, fiel zu Boden und
raschelte davon. Mit einem gewaltigen Sprung setzte ihr
Krummbein nach, und bevor Harry oder Hermine auch nur die
Hand rühren konnte, warf Ron den Tarnumhang ab und rannte
ihnen hinterher in die Dunkelheit.
»Ron!«, seufzte Hermine.
Harry und Hermine sahen sich kurz an, dann stürzten auch
sie los; richtig rennen konnten sie nicht unter dem Tarnumhang,
und so warfen sie ihn ab und ließen ihn hinter sich herflattern
wie eine Fahne. Vor sich hörten sie das schnelle Getrommel von
Rons Füßen.
»Lass ihn in Ruhe - hau ab - Krätze, komm hierher -«
Es gab einen dumpfen Aufschlag.
»Hab ich dich! Hau ab, du stinkender Kater -«
Fast wären Harry und Hermine über Ron gestolpert. Er lag
rücklings auf dem Boden, doch Krätze war wieder in seiner
Tasche; mit beiden Händen drückte er fest auf die zitternde
Beule.
»Ron - komm jetzt - zurück unter den Umhang -«, keuchte
Hermine. »Dumbledore - und der Minister - sie kommen sicher
gleich hier lang -«
346
Doch bevor sie sich wieder tarnen konnten, ja bevor sie wieder
zu Atem kamen, hörten sie das leise Trommeln riesiger Pfoten
... etwas kam auf sie zugesprungen, stumm wie ein Schatten -
ein riesiger, fahläugiger, rabenschwarzer Hund.
Harry griff nach dem Zauberstab, doch zu spät - der Hund
hatte einen gewaltigen Sprung gemacht und stieß mit den
Vorderpfoten gegen Harrys Brust; unter einem Wirbel von
Haaren stürzte er zu Boden; er spürte den heißen Atem des
Hundes über sich, sah seine fingerlangen Zähne -
Doch die Schnellkraft seines Sprungs ließ den Hund über
Harry hinwegrollen; Harry hatte das Gefühl, sämtliche Rippen
wären ihm gebrochen; ganz benommen wollte er sich aufrichten,
doch er hörte, wie sich der Hund knurrend zu einem neuen
Angriff bereitmachte.
Ron war inzwischen auf den Beinen - wieder setzte der
Hund zum Sprung an, doch diesmal stieß er Harry nur beiseite -
und sein Maul klammerte sich um Rons ausgestreckten Arm;
Harry warf sich auf ihn und packte eine Hand voll Fellhaare,
doch das Untier zerrte Ron mit sich fort, so mühelos, als wäre er
eine Stoffpuppe -
Dann, aus dem Nichts, schlug Harry etwas so heftig ins
Gesicht, dass er wieder den Boden unter den Füßen verlor. Auch
Hermine schrie vor Schmerz und er hörte sie stürzen.
Harry tastete nach seinem Zauberstab -
»Lumos!«, flüsterte er.
Das Licht des Zauberstabs fiel auf den dicken Stamm eines
Baumes; sie hatten Krätze in den Schatten der Peitschenden
Weide verfolgt, deren Zweige ächzten, als herrsche Sturm,
peitschend schlugen sie aus und verwehrten ihnen jeden
weiteren Schritt auf sie zu.
Und dort, unten am Fuß des Baumstamms, war der
Hund. Er zerrte Ron fort, hinein in eine große Erdspalte
347
zwischen den Wurzeln - Ron wehrte sich verzweifelt, doch
schon war sein Kopf verschwunden -
»Ron!«, rief Harry und versuchte ihm zu folgen, doch ein
kräftiger Zweig peitschte ihm todbringend entgegen und er
musste zurückweichen.
Jetzt war nur noch Rons Bein zu sehen, mit dem er sich an
einer Wurzel festgehakt hatte, um nicht weiter in die Tiefe
gezerrt zu werden - doch ein fürchterliches Knacken durch-
schnitt die Luft wie ein Gewehrschuss; Rons Bein war ge-
brochen und schon war sein Fuß verschwunden.
»Harry - wir müssen Hilfe holen -«, keuchte Hermine; auch
sie blutete; die Peitschende Weide hatte ihr die Schulter
aufgerissen.
»Nein!«, sagte Harry und wollte Ron nachstürzen, doch
wieder surrte ein dicker Zweig durch die Luft und er konnte sich
gerade noch rechtzeitig wegducken. »Dieser Köter ist groß
genug, um ihn zu fressen, wir haben nicht die Zeit -«
»Harry - ohne Hilfe kommen wir nie durch -«
Wieder schlug ein Ast nach ihnen aus, die kleinen Zweige
geballt wie Fäuste.
»Wenn dieser Köter dort reinkommt, dann kommen wir
auch rein«, keuchte Harry. Immer wieder wollte er unter den
Baum vorstoßen, doch er kam keinen Schritt näher an die
Wurzeln, ohne sich den Hieben seiner Zweige auszusetzen.
»Oh, Hilfe, Hilfe«, flüsterte Hermine verzweifelt und
tänzelte ratlos auf der Stelle, »bitte ...«
Pfeilschnell schoss Krummbein an ihnen vorbei. Wie eine
Schlange wich er den Hieben der Weide aus und setzte dann die
Vorderpfote auf einen Knoten am Baumstamm.
Sofort erstarrte der ganze Baum, als wäre er zu Stein ge-
worden. Kein Zweig rührte sich, kein Blatt zitterte.
»Krummbein!«, flüsterte Hermine argwöhnisch. Sie klam-
348
merte sich so fest an Harrys Arm, dass es wehtat. »Woher
wusste er das -?«
»Er ist mit diesem Hund befreundet«, sagte Harry grimmig.
»Ich hab sie zusammen gesehen. Komm - und halt deinen
Zauberstab bereit -«
Im Handumdrehen waren sie beim Baumstamm, doch bevor
sie den Spalt zwischen den Wurzeln erreicht hatten, war
Krummbein schon hineingesprungen. Sie sahen nur noch seinen
Schwanz, kräftig wie eine Flaschenbürste, vor ihnen herwedeln.
Harry folgte ihm; mit dem Kopf voran krabbelte er hinein, glitt
eine Erdrutsche hinunter und landete auf dem Boden eines sehr
niedrigen Tunnels. Ein paar Meter vor ihm blitzten Krummbeins
Augen im Licht seines Zauberstabs. Sekunden später kam
Hermine runtergeschlittert und landete neben ihm.
»Wo ist Ron?«, flüsterte sie ängstlich.
»Da lang«, sagte Harry und folgte Krummbein mit ge-
beugtem Rücken.
»Wohin führt dieser Tunnel?«, keuchte Hermine hinter ihm.
»Ich weiß nicht ... er ist auf der Karte des Rumtreibers ein-
gezeichnet, aber Fred und George glauben, hier sei noch keiner
reingekommen ... die Karte zeigte nicht, wo er endet, aber es sah
so aus, als würde er nach Hogsmeade führen ...«
Tief gebückt liefen sie, so schnell sie konnten; immer wie-
der erhaschten sie einen Blick auf Krummbeins Schwanz. Der
Geheimgang schien nicht enden zu wollen; er kam Harry so lang
vor wie der zum Honigtopf. Er dachte nur noch an Ron und
stellte sich vor, was der Riesenhund mit ihm anstellen konnte ...
er rannte weiter, die Hände fast auf dem Boden, erschöpft um
Luft ringend ...
Endlich begann der Tunnel anzusteigen; kurz darauf ging es
in eine Biegung und Krummbein war verschwunden.
349
Doch jetzt konnte Harry einen schwachen Lichtfleck
erkennen, der durch eine kleine Öffnung fiel.
Die beiden hielten inne und rangen nach Atem, dann
drangen sie weiter vor. Sie hoben ihre Zauberstäbe, um zu
sehen, was hinter der Öffnung lag.
Es war ein Zimmer, wüst und staubig. Die Tapeten schälten
sich von den Wänden; -der ganze Fußboden war mit Flecken
bedeckt; alle Möbel waren kaputt, als ob sie jemand
zertrümmert hätte. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt.
Harry warf Hermine einen Blick zu. Sie schien verängstigt,
nickte aber.
Harry zog sich nach oben aus dem Loch und schaute sich
um. niemand war in diesem Raum, doch zur Rechten stand eine
Tür offen, die in einen düsteren Flur führte. Plötzlich packte
Hermine Harrys Arm. Ihre aufgerissenen Augen wanderten über
die vernagelten Fenster.
»Harry«, flüsterte sie, »ich glaub, wir sind in der Heulenden
Hütte.«
Harry sah sich um. Sein Blick fiel auf einen Stuhl neben
ihnen. Holzstücke waren rausgerissen worden; ein Stuhlbein war
abgerissen.
»Das waren keine Gespenster«, sagte er langsam.
In diesem Augenblick knarrte es über ihren Köpfen. Im
oberen Stockwerk hatte sich etwas bewegt. Sie blickten zur
Decke. Hermine hatte sich so fest an Harrys Arm geklammert,
dass seine Finger taub wurden. Er hob die Augenbrauen und sah
sie an; sie nickte ihm zu und ließ ihn los.
So leise sie konnten, schlichen sie hinaus in den Flur und
die morsche Treppe hoch. Eine dicke Staubschicht lag überall,
nur auf den Stufen hatte etwas Schweres, das nach oben
geschleift worden war, einen hellen, glänzenden Streifen
hinterlassen.
350
Oben gelangten sie in einen dunklen Korridor.
»Nox«, flüsterten sie wie aus einem Mund und die Lichter
an den Spitzen ihrer Zauberstäbe erloschen. Nur eine Tür stand
offen. Als sie sich herantasteten, hörten sie, wie sich etwas
dahinter bewegte; ein leises Stöhnen und dann ein tiefes, lautes
Schnurren. Sie wechselten einen letzten Blick und ein letztes
Kopfnicken.
Harry umklammerte den Zauberstab und hob ihn hoch, dann
trat er die Tür auf.
Auf einem prächtigen Himmelbett mit verstaubten Vor-
hängen fläzte sich Krummbein, der bei Harrys Anblick laut zu
schnurren begann. Neben dem Bett auf dem Fußboden lag Ron,
die Hände um ein Bein geklammert, das in merkwürdigem
Winkel abstand.
Harry und Hermine stürzten zu ihm hin.
»Ron - was ist los mit dir?«
»Wo ist der Hund?«
»Kein Hund«, stöhnte Ron und biss vor Schmerz die Zähne
zusammen. »Harry, das ist eine Falle!«
»Was?«
»Er ist der Hund ... er ist ein Animagus ...«
Ron starrte über Harrys Schulter. Harry wirbelte herum.
Der Mann im Schatten ließ die Tür ins Schloss fallen.
Das schmutzige verfilzte Haar reichte ihm bis zu den
Ellbogen. Wenn aus den tiefen, dunklen Höhlen in seinem
Gesicht keine Augen geleuchtet hätten, hätte er auch eine Leiche
sein können. Die wächserne Haut war so fest über die Knochen
gespannt, dass sein Kopf wie ein Totenschädel aussah. Ein
Grinsen offenbarte die gelben Zähne. Es war Sirius Black.
»Expelliarmus!«, krächzte er und richtete Rons Zauberstab
auf sie.
Harry und Hermine riss es die Zauberstäbe aus den Hän-
351
den, sie wirbelten durch die Luft und Black fing sie auf, Dann
kam er einen Schritt näher. Seine Augen waren unverwandt auf
Harry gerichtet.
»Ich Wusste, dass du kommen würdest, um deinem Freund
zu helfen«, sagte er heiser. Seine Stimme klang, als hätte er sie
schon lange nicht mehr gebraucht. »Dein Vater hätte dasselbe
für mich getan. Mutig von dir, nicht erst einen Lehrer zu holen.
Ich bin dir dankbar, es wird alles viel leichter machen ...«
Die Bemerkung über seinen Vater klang in Harrys Ohren
nach, als ob Black ihn angeschrien hätte. Brennender Hass
loderte in seiner Brust hoch und ließ für Angst keinen Platz.
Zum ersten Mal in seinem Leben wollte er den Zauberstab nicht
zurückhaben, um sich zu verteidigen, sondern um anzugreifen ...
zu töten. Ohne zu wissen, was er tat, wollte er losstürzen, doch
neben ihm gab es eine rasche Bewegung und zwei Paar Hände
packten ihn und hielten ihn zurück -»Nein Harry!«, flüsterte
Hermine, die Augen schreckensstarr; Ron jedoch sprach zu
Black.
»Wenn Sie Harry töten wollen, dann müssen Sie uns auch
töten!«, sagte er grimmig, doch die Anstrengung, aufrecht zu
stehen, trieb ihm den letzten Rest Farbe aus dem Gesicht und er
schwankte ein wenig.
In Blacks schattigen Augen flackerte etwas auf
»Leg dich hin«, sagte er leise zu Ron. »Dein Bein ist ge-
brochen.«
»Haben Sie mich gehört?«, sagte Ron schwach, doch er
klammerte sich an Harry, um nicht zu fallen. »Sie müssen uns
alle drei umbringen!«
»Es wird heute Nacht nur einen Mord geben«, sagte Black
und sein Grinsen wurde breiter.
»Warum das denn?«. fauchte Harry und versuchte sich
dem Griff von Ron und Hermine zu entwinden. »Das letzte
352
Mal hat's Sie doch auch nicht gekümmert, oder? All diese
Muggel abzuschlachten, um an Pettigrew zu kommen, hat Ihnen
nichts ausgemacht ... was ist los, haben sie Sie weich gekriegt in
Askaban?«
»Harry!«, wimmerte Hermine. »Sei still!«
»Er hat meine Mum und meinen Dad umgebracht!«, brüllte
Harry. Mit einem heftigen Ruck befreite er sich von Hermine,
und Ron stürzte sich Black entgegen.
Harry hatte alle Zauberei vergessen - er hatte vergessen,
dass er klein und mager und dreizehn war, Black dagegen ein
großer, ausgewachsener Mann. Harry wusste nur, dass er Black
Schmerz zufügen wollte, so viel wie möglich, und dass es ihm
gleich war, wenn Black ihm ebenfalls wehtat.
Vielleicht war Black einen Augenblick zu verdutzt, weil
Harry etwas so Dummes tat, jedenfalls hob er die Zauberstäbe
nicht rechtzeitig - Harry packte Blacks ausgezehrtes Handgelenk
und schob die Zauberstäbe von sich weg; mit der anderen Hand
schlug er gegen Blacks Schläfe, dass ihm die Knöchel
schmerzten, und beide krachten gegen die Wand.
Hermine schrie auf, Ron brüllte; aus den Zauberstäben in
Blacks Hand schossen blendende Lichtblitze, und ein Fun-
kenstrahl verfehlte Harrys Kopf um Haaresbreite; Harry spürte,
wie Black den ausgemergelten Arm, den Harry umklammert
hielt, verzweifelt losreißen wollte, doch er umklammerte ihn
noch fester und schlug mit der anderen Hand wie von Sinnen auf
Black ein.
Doch Blacks freie Hand hatte den Weg zu Harrys Gurgel
gefunden.
»Nein«, zischte er, »ich hab zu lange gewartet.«
Seine Hand zog sich zu, Harry würgte, die Brille hing ihm
schief auf der Nase.
Dann schoss Hermines Fuß wie aus dem Nichts hervor;
ächzend vor Schmerz ließ Black Harry los; Ron hatte sich
353
auf Blacks Zauberstabhand geworfen und Harry hörte leises
Geklapper.
Er kämpfte sich aus dem Körperknäuel frei und sah seinen
Zauberstab über den Boden rollen; er hechtete hinüber, doch -
»Aaarh!«
Krummbein hatte sich ins Getümmel geworfen; die Klauen
beider Vorderpfoten gruben sich tief in Harrys Arm; Harry
schüttelte ihn ab, doch Krummbein hüpfte jetzt zu Harrys
Zauberstab.
»Nein, das tust du nicht!«, brüllte Harry und versetzte
Krummbein einen Fußtritt, der ihn fauchend in die Ecke fliegen
ließ; Harry schnappte sich den Zauberstab und wandte sich um.
»Aus dem Weg!«, rief er Ron und Hermine zu.
Sie ließen es sich nicht zweimal sagen. Hermine sprang
japsend beiseite und warf sich mit blutenden Lippen auf ihren
und Rons Zauberstab. Ron kroch hinüber zum Bett und brach
röchelnd darauf zusammen. Sein weißes Gesicht war grün
gesprenkelt und mit beiden Händen umklammerte er das
gebrochene Bein.
Black lag ausgestreckt an der Wand. Seine flache Brust hob
und senkte sich rasch, während er mit den Augen Harry folgte,
der langsam auf ihn zuging, den Zauberstab direkt auf Blacks
Herz gerichtet.
»Wirst du mich töten, Harry?«, flüsterte er.
Harry blieb über ihm stehen, den Zauberstab unverwandt auf
Blacks Brust gerichtet, und sah zu ihm hinab. Ein brennender
Riss zog sich um sein linkes Auge, und seine Nase blutete.
»Sie haben meine Eltern getötet«, sagte Harry mit leichtem
Zittern in der Stimme, doch die Hand mit dem Zauberstab war
vollkommen ruhig.
354
Black starrte aus seinen eingesunkenen Augen zu ihm hoch.
»Ich leugne es nicht«, sagte er ganz ruhig. »Aber ich habe es
nicht gewollt.«
»Sie haben es nicht gewollt?«, wiederholte Harry; er hörte
das Blut in seinen Ohren rauschen. »Sie haben Voldemort
gesagt, wo er sie finden kann, und Sie wussten nicht, dass er sie
töten würde?«
»Hör mir zu«, sagte Black, und ein flehender Ton lag jetzt
in seiner Stimme. »Töte mich, wenn du willst, aber zuerst hör
mich an ... wenn nicht, wirst du es bereuen ... du verstehst nicht
...«
»Ich verstehe nicht?«, sagte Harry und jetzt bebte ihm die
Stimme. »Sie haben sie gehört, oder nicht? Meine Mum ... wie
sie versucht mich vor Voldemort zu retten ... und Sie haben es
getan ... Sie waren es ...«
Bevor einer von ihnen noch ein Wort sagen konnte, huschte
etwas Rostbraunes an Harry vorbei; und schon war Krummbein
auf Blacks Brust gesprungen und hatte sich genau auf Blacks
Herzen zusammengerollt. Black blinzelte und sah den Kater an.
»Scher dich bloß weg«, murmelte Black und versuchte
Krummbein wegzuschieben.
Doch Krummbein versenkte die Klauen in Blacks Umhang
und rührte sich nicht. Der Kater wandte sein hässliches,
eingedelltes Gesicht Harry zu und sah mit seinen großen gelben
Augen zu ihm hoch. Hinter sich hörte er Hermine, trocken
schluchzen.
Harry starrte auf Black und Krummbein und
umklammerte den Zauberstab noch fester. Was machte es schon,
wenn er auch den Kater tötete. Er war mit Black verbündet ...
wenn er bereit war zu sterben, weil er Black schützen
wollte, ging Harry das nichts an ... wenn Black ihn retten
355
wollte, zeigte das nur, dass er sich mehr um Krummbein scherte
als um Harrys Eltern ...
Harry hob den Zauberstab. Die Zeit war gekommen. Dies
war der Augenblick, Vater und Mutter zu rächen. Er würde
Black töten. Er musste Black töten. Dies war seine Chance ...
Und die Sekunden zogen sich in die Länge, und immer noch
stand Harry wie angewurzelt da, den Zauberstab umklammert.
Black, mit Krummbein auf der Brust, starrte zu ihm hoch. Vom
Bett her hörte er Rons rasselndes Atmen, Hermine war ganz
still.
Und dann hörte er ein neues Geräusch -
Gedämpfte Schritte drangen durch den Fußboden; jemand
kam die Treppe hinauf.
»Wir sind hier oben!«, rief Hermine plötzlich. »Wir sind
hier oben - Sirius Black - schnell!«
Black zuckte so heftig zusammen, dass Krummbein fast von
seiner Brust gerutscht wäre; Harry umklammerte krampfhaft
seinen Zauberstab - tu's jetzt!, sagte eine Stimme in seinem Kopf
- doch die Schritte polterten die Treppe herauf und Harry hatte
immer noch nicht gehandelt.
Die Tür krachte unter einem Schauer roter Funken auf und
Harry wirbelte herum. Professor Lupin kam in das Zimmer
gestürzt, das Gesicht blutleer, den Zauberstab drohend erhoben.
Seine Augen flackerten hinüber zu Ron, der auf dem Bett lag, zu
Hermine, die an der Tür kauerte, und zu Harry, der dastand und
Black mit dem Zauberstab bedrohte, und dann zu Black selbst,
zusammengekrümmt und blutend zu Harrys Füßen.
»Expelliarmus!«, rief Lupin.
Abermals flog Harry der Zauberstab aus der Hand,
und auch Hermine verlor die beiden, die sie gehalten hatte.
Geschickt fing Lupin sie auf, dann trat er näher und starrte
356
Black an, auf dessen Brust noch immer Krummbein schützend
lag.
Harry stand da und fühlte sich plötzlich vollkommen leer. Er
hatte es nicht getan. Er hatte nicht den Mumm dazu gehabt. Sie
würden Black den Dementoren aushändigen und Harrys Eltern
würden nie gerächt werden ...
Dann sprach Lupin, und seine Stimme war zum Zerreißen
gespannt.
»Wo ist er, Sirius?«
Harry blickte Lupin überrascht an. Er verstand nicht, was er
meinte. Wo war wer? Er schaute erneut auf Black.
Blacks Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Ein paar
Sekunden lang regte er sich überhaupt nicht. Dann, ganz
langsam, hob er die leere Hand und deutete auf Ron. Verblüfft
wandte sich Harry zu Ron um, der ebenfalls völlig verdutzt
schien.
»Aber dann ...«, murmelte Lupin und starrte Black so
durchdringend an, als wolle er seine Gedanken lesen, »warum
hat er sich dann nie offenbart? Außer« - und Lupin riss plötzlich
die Augen auf, als würde er hinter Black noch etwas sehen,
etwas, das keiner von den anderen sehen konnte - »außer, er war
es ... wenn ihr getauscht habt ... ohne es mir zu sagen?«
Ganz langsam, mit den eingesunkenen Augen starr auf
Lupins Gesicht gerichtet, nickte Black mit dem Kopf.
»Professor«, setzte Harry an, »was -?«
Doch er kam mit seiner Frage nie zu Ende, denn was er sah,
würgte ihm die Stimme ab. Lupin ließ den Zauberstab sinken
und sah Black unverwandt an. Und schon sprang er an Blacks
Seite, packte ihn bei der Hand, zog ihn hoch, so dass Krumm-
bein zu Boden fiel, und umarmte Black wie einen Bruder.
Harry hatte das Gefühl, als hätte es ihm den Magen um-
gedreht.
357
»Ich glaub's nicht!«, schrie Hermine.
Lupin löste sich von Black und wandte sich ihr zu. Sie hatte
sich aufgerichtet und deutete mit zornflackerndem Blick auf
Lupin. »Sie – Sie -«
»Hermine -«
»- Sie und er!«
»Hermine, beruhige dich -«
»Ich hab's niemandem erzählt!«, kreischte Hermine, »ich
hab es für Sie vertuscht -«
»Hermine, hör mir bitte zu!«, rief Lupin, »ich kann's dir
erklären -«
Harry schüttelte es am ganzen Leib, doch nicht aus Angst.
Eine neue Welle von Zorn überschwemmte ihn.
»Ich habe Ihnen vertraut«, rief er Lupin zu, seiner Stimme
nicht mehr Herr, »und die ganze Zeit waren Sie sein Freund -«
»Du irrst dich«, sagte Lupin, »ich war bisher nicht Sirius'
Freund, aber ich bin es jetzt - lass es mich erklären ...«
»Nein!«, schrie Hermine, »Harry, trau ihm nicht, er hat
Black geholfen, ins Schloss zu kommen, er will auch dich tot
sehen - er ist ein Werwolf!«
Eine unheimliche Stille trat ein. Sirius Black starrte wei-
terhin Lupin an; es war unmöglich zu sagen, was er von alldem
hielt. Auch Lupin wirkte erstaunlich ruhig, wenn auch ziemlich
blass.
»Nicht ganz so gut wie sonst, Hermine«, sagte er. »Nur ei-
nen von drei Punkten, fürchte ich. Ich habe Sirius nicht ge-
holfen, ins Schloss zu kommen, und ich will gewiss nicht, dass
Harry stirbt ...« Ein merkwürdiges Zittern huschte ihm übers
Gesicht. »Doch will ich nicht bestreiten, dass ich ein Werwolf
bin.«
Ron unternahm einen vergeblichen Versuch, sich aufzu-
richten, sackte jedoch vor Schmerz wimmernd zurück aufs
358
Bett. Lupin ging mit besorgtem Blick zu ihm hinüber, doch Ron
japste:
»Weg von mir, Werwolf!«
Lupin blieb wie angewurzelt stehen. Dann wandte er sich
mit offensichtlicher Mühe Hermine zu und sagte:
»Seit wann weißt du es?«
»Schon 'ne Ewigkeit«, flüsterte Hermine. »Seit ich den
Aufsatz für Professor Snape geschrieben habe ...«
»Er wird sich freuen«, sagte Lupin kühl. »Er hat euch den
Aufsatz schreiben lassen in der Hoffnung, jemand würde er-
kennen, was meine Symptome bedeuten ... Hast du auf der
Mondtabelle nachgesehen und festgestellt, dass ich bei Voll-
mond krank war? Oder ist dir aufgefallen, dass der Irrwicht sich
in einen Mond verwandelte, als er mich sah?«
»Beides«, sagte Hermine leise.
Lupin lachte gequält.
»Du bist die schlauste Hexe deines Alters, die ich je ge-
troffen habe, Hermine.«
»Bin ich nicht«, flüsterte Hermine, »wenn ich ein wenig
schlauer gewesen wäre, hätte ich allen gesagt, was Sie sind!«
»Aber das wissen sie schon«, sagte Lupin. »Zumindest die
Lehrer.«
»Dumbledore hat Sie eingestellt, obwohl er wusste, dass Sie
ein Werwolf sind?«, schnaubte Ron mit aufgerissenen Augen.
»Ist er wahnsinnig?«
»Einige Lehrer dachten das auch«, sagte Lupin. »Es war ein
schweres Stück Arbeit, gewisse Lehrer davon zu überzeugen,
dass man mir vertrauen kann -«
»Und da hat er sich geirrt!«, rief Harry. »Sie haben
ihm die ganze Zeit geholfen!« Er deutete auf Black, der
plötzlich zum Bett hinüberhumpelte und darauf niedersank,
als ob seine Beine ihn nicht mehr länger tragen wollten.
Krummbein sprang zu ihm hoch und kroch schnurrend auf
359
seinen Schoß. Ron rückte von beiden weg und zog sein Bein
nach.
»Ich habe Sirius nicht geholfen«, sagte Lupin. »Wenn ihr
mir eine Chance gebt, dann erkläre ich es. Hier -«
Er nahm die Zauberstäbe von Harry, Ron und Hermine und
warf sie ihren Besitzern zu; verdutzt fing Harry den seinen auf.
»Also gut«, sagte Lupin und steckte den eigenen Zauberstab
in den Gürtel. »Ihr seid bewaffnet, wir nicht. Hört ihr mir jetzt
zu?«
Harry wusste nicht, was er davon halten sollte. War das eine
List?
»Wenn Sie ihm nicht geholfen haben«, sagte er mit zorni-
gem Blick auf Black, »woher wussten Sie dann, dass er hier
war?«
»Die Karte«, sagte Lupin, »die Karte des Rumtreibers. Ich
war in meinem Büro und hab auf ihr nachgesehen.«
»Sie wissen, wie man mit ihr umgeht?«, sagte Harry miss-
trauisch.
Black hatte den Kopf gehoben. Auch er starrte Lupin ver-
blüfft an.
»Natürlich weiß ich, wie man mit ihr umgeht«, sagte Lupin
und wedelte ungeduldig mit der Hand. »Ich hab daran
mitgeschrieben. Ich bin Moony - das war mein Spitzname bei
den Freunden in der Schule.«
»Sie selbst -?«
»Wichtig ist jetzt nur, dass ich die Karte heute Abend
sorgfältig zu Rate gezogen habe, weil ich ahnte, dass ihr drei
euch vielleicht aus dem Schloss stehlt, um Hagrid zu besuchen,
bevor der Hippogreif hingerichtet wird. Und ich hatte Recht,
nicht wahr?«
Er schritt jetzt im Zimmer auf und ab und sah sie abwech-
selnd an. Seine Schritte wirbelten kleine Staubwölkchen auf.
360
»Du hast sicher den Umhang deines Vaters getragen, Harry
-«
»Woher wissen Sie von dem Umhang?«
»Ich sah James so oft darunter verschwinden ...«, sagte
Lupin und fuchtelte erneut ungeduldig mit der Hand. »Der Witz
dabei ist, selbst wenn du den Tarnumhang trägst, erscheinst du
auf der Karte des Rumtreibers. jedenfalls sah ich euch über das
Gelände gehen und Hagrids Hütte betreten. Zwanzig Minuten
später seid ihr herausgekommen und habt euch auf den
Rückweg gemacht. Doch jetzt war noch ein anderer dabei.«
»Wie bitte?«, sagte Harry. »Nein, wir waren zu dritt!«
»Ich wollte meinen Augen nicht trauen«, sagte Lupin, der
immer noch auf und ab ging und Harrys Einwurf nicht be-
achtete. »Ich dachte, mit der Karte würde etwas nicht stimmen.
Wie konnte er bei euch sein?«
»K ... keiner war bei uns!«, sagte Harry.
»Und dann hab ich noch einen Punkt gesehen, der sich rasch
auf euch zubewegte, mit dem Namen Sirius Black ... Ich sah,
wie er mit euch zusammenstieß und wie er zwei von euch unter
die Peitschende Weide zerrte -«
»Einen!«, sagte Ron zornig.
»Nein, Ron«, sagte Lupin. »Zwei von euch.«
Er war stehen geblieben und ließ die Augen über Ron
gleiten.
»Könnte ich mir mal deine Ratte ansehen?«, sagte er ge-
lassen.
»Was?«, sagte Ron. »Was hat Krätze mit alldem denn zu
tun?«
»Einiges«, sagte Lupin. »Kann ich sie sehen, bitte?«
Ron zögerte, dann steckte er die Hand in den Umhang und
zerrte Krätze hervor, der verzweifelt um sich schlug.
Fast wäre er entkommen, hätte Ron ihn nicht gerade noch
361
an seinem langen kahlen Schwanz erwischt. Krummbein hatte
den Kopf gehoben und fauchte.
Lupin trat auf Ron zu. Er schien den Atem anzuhalten,
während er Krätze aufmerksam musterte.
»Was?«, fragte Ron erneut und drückte Krätze mit angst-
erfülltem Blick an die Brust. »Was hat meine Ratte mit alldem
zu tun?«
»Das ist keine Ratte«, krächzte auf einmal Sirius Black.
»Was soll das heißen - natürlich ist das eine Ratte -«
»Nein, ist es nicht«, sagte Lupin ruhig. »Es ist ein Zaube-
rer.«
»Ein Animagus«, sagte Black, »mit Namen Peter Petti-
grew.«
362
Vier Freunde
Es dauerte eine Weile, bis sie diese aberwitzige Behauptung
verdaut hatten. Dann sprach Ron aus, was Harry dachte.
»Sie sind verrückt, alle beide.«
»Lächerlich!«, sagte Hermine matt.
»Peter Pettigrew ist tot!«, sagte Harry. »Er hat ihn umge-
bracht!«
Er deutete auf Black, dessen Gesicht krampfartig zuckte.
»Das wollte ich«, murmelte er, »aber ich hab es nicht ge-
schafft.«
»Alle dachten, Sirius hätte Peter umgebracht«, sagte Lupin
bedächtig und ließ die Augen nicht von dem verzweifelt in Rons
Faust strampelnden Krätze. »Ich selbst habe es zwölf Jahre lang
geglaubt - Peter hat Sirius in die Enge getrieben und Sirius hat
ihn getötet. Doch die Karte des Rumtreibers lügt niemals ... das
hier ist unser alter Freund Peter.«
»Leute, ich verschwinde«, sagte Ron zitternd. Er versuchte
sich auf sein gesundes Bein zu stellen, doch Lupin hatte seinen
Zauberstab gezückt und deutete auf Krätze.
»Ihr könnt gehen, wann ihr wollt, alle drei«, sagte er ruhig.
»Aber Peter müsst ihr hier lassen.«
»Das ist nicht Peter, das ist Krätze!«, rief Ron und drückte
die Ratte fest an die Brust.
»Hören Sie«, sagte Hermine und trat Ron zur Seite, als
wollte sie ihn schützen. »Professor Lupin ... es ... es kann
einfach nicht stimmen und Sie wissen das ...«
Sie klang verängstigt und argwöhnisch zugleich, als
363
wisse sie nicht so recht, ob Lupin jetzt den Verstand verloren
hatte oder nicht. Harry konnte es ihr nachfühlen, und dass Lupin
plötzlich anfing zu grinsen, machte alles nur noch schlimmer.
»Warum kann es nicht stimmen, Hermine?«, fragte er, als
wären sie in der Schule und Hermine sei beim Experimentieren
mit Grindelohs ein Problem aufgefallen.
»Weil ... es bekannt wäre, wenn Peter Pettigrew ein Ani-
magus gewesen wäre. Das Zaubereiministerium führt ein
Verzeichnis aller Animagi ... das haben wir bei Professor
McGonagall gelernt. Sie sagte, das Ministerium behält alle
Hexen und Zauberer im Auge, die sich in Tiere verwandeln
können; in einem Verzeichnis steht, welches Tier sie werden
können und wie man sie erkennt und so weiter. Und ich hab in
diesem Verzeichnis nachgesehen, für meine Hausaufgaben, und
in diesem Jahrhundert gab es nur sieben Animagi, und
Pettigrews Name stand nicht auf der Liste.«
Harry hatte kaum Zeit, im Stillen Hermine zu bewundern,
wie sie auch diesmal wieder aufgepasst hatte, denn Lupin fing
an zu lachen. Vielleicht war er tatsächlich verrückt und ein
Werwolf noch dazu -
»Schon richtig, Hermine!«, sagte er. »Aber das Ministerium
wusste nie, dass es drei nicht verzeichnete Animagi in Hogwarts
gab. Keiner davon hat seinen Namen im Ministerium eintragen
lassen, weil sie insgeheim Animagi wurden, und aus einem sehr
guten Grund - weil ich ein Werwolf bin.«
Harry und Ron schauten sich in die Augen und ohne ein
Wort zu wechseln waren sie sich einig. Lupin redete blanken
Unsinn. Er war wirklich verrückt -
»Das verstehe ich nicht, Professor«, sagte Hermine mit
zittriger Stimme, als ob sie es kaum ertragen könnte, dass ein
Lehrer vor ihren Augen überschnappte.
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Lupin wollte gerade etwas antworten, als es hinter ihm laut
knarrte. Die Schlafzimmertür war von allein aufgegangen. Alle
fünf starrten sie an. Dann ging Lupin hinüber und sah auf den
Korridor hinaus.
»Keiner da ...«
»Hier spukt es!«, sagte Ron.
»Keineswegs«, sagte Lupin und sah immer noch ratlos zur
Tür. »In der Heulenden Hütte hat es nie gespukt . .. das Schreien
und Heulen, das die Leute im Dorf hörten, das stammte von
mir.«
Er wischte sich das angegraute Haar aus den Augen, dachte
einen Moment lang nach und sagte dann:
»Ich will euch alles erzählen. Ihr habt ein Recht, es zu er-
fahren - besonders du, Harry. Nichts davon hätte geschehen
können, wenn ich nicht ein Werwolf wäre. Aber wo soll ich
anfangen?«
Er lachte nicht mehr. Er sah ernst und müde aus.
»Also, ich denke, alles fing damit an, dass ich gebissen
wurde. Ich war noch ein ganz kleiner Junge, als es geschah.
Meine Eltern haben alles versucht, aber damals gab es noch
keine Heilung. Der Trank, den Professor Snape für mich gebraut
hat, ist eine ganz neue Entdeckung. Er schützt mich, müsst ihr
wissen. Wenn ich ihn in der Woche vor Vollmond einnehme,
behalte ich den Verstand, während ich mich verwandle ... ich
kann mich dann in meinem Büro einrollen, als harmloser Wolf
und warten, bis der Mond wieder abnimmt.
Bevor jedoch der Wolfsbann-Trank entdeckt wurde, ver-
wandelte ich mich einmal im Monat in ein ausgewachsenes
Ungeheuer. Es schien unmöglich, mich nach Hogwarts zu
schicken. Die anderen Eltern würden ihre Kinder sicher nicht
dieser Gefahr aussetzen wollen.
Doch dann wurde Dumbledore Schulleiter, und er hatte
365
Verständnis. Solange wir bestimmte Vorkehrungen träfen, sagte
er, gebe es keinen Grund, warum ich nicht zur Schule kommen
sollte ...« Lupin seufzte und sah Harry in die Augen. »Ich hab dir
schon vor Monaten erzählt, dass die Peitschende Weide in dem
Jahr gepflanzt wurde, als ich nach Hogwarts kam. Die Wahrheit
ist, dass sie gepflanzt wurde weil ich nach Hogwarts kam.
Dieses Haus -«, Lupin sah sich traurig im Zimmer um, »- der
Tunnel, der hierher führt -sie wurden für mich gebaut. Einmal
im Monat hat man mich aus dem Schloss geschmuggelt, in
dieses Haus, wo ich mich verwandeln konnte. Den Baum
pflanzten sie am Eingang des Tunnels, damit niemand mir
folgen konnte, wenn ich gefährlich war.«
Harry hatte keine Ahnung, wo diese Geschichte hinführen
sollte, und dennoch lauschte er hingerissen. Auch Ron und
Hermine schienen wie gebannt von Lupin. Selbst Sirius Black
folgte gespannt Lupins Worten, als ob er diese Geschichte noch
nie gehört hätte. Außer Lupins Stimme war nur noch Krätzes
ängstliches Quieken zu hören.
»Meine Verwandlungen in jener Zeit waren ... waren
fürchterlich. Es ist sehr schmerzhaft, sich in einen Werwolf zu
verwandeln. Ich war fernab von Menschen, die ich beißen
konnte, also biss und kratzte ich mich selbst. Die Dorfbewohner
hörten den Lärm und die Schreie und glaubten, es seien
besonders wüste Gespenster. Dumbledore schürte diese
Gerüchte ... selbst heute, da im Haus seit Jahren Ruhe herrscht,
wagen sich die Leute nicht in seine Nähe ...
Doch abgesehen von meinen Verwandlungen war ich so
glücklich wie nie im Leben. Zum ersten Mal hatte ich Freunde,
drei großartige Freunde. Sirius Black ... Peter Pettigrew ... und
natürlich deinen Vater, Harry. James Potter.
Meinen drei Freunden konnte natürlich nicht entgehen,
dass ich einmal im Monat verschwand. Ich ließ mir alle
366
möglichen Geschichten einfallen. Meine Mutter sei krank und
ich müsse sie zu Hause besuchen ... Ich hatte fürchterliche
Angst, sie würden mich verlassen, wenn sie herausfänden, was
in mir steckte. Doch wie du, Hermine, fanden sie natürlich die
Wahrheit heraus ...
Und sie ließen mich nicht im Stich. Im Gegenteil, sie taten
etwas für mich, das meine Verwandlungen nicht nur erträglich
machte, sondern zur schönsten Zeit meines Lebens. Sie wurden
Animagi.«
»Mein Dad auch?«, sagte Harry erstaunt.
»Ja, allerdings«, sagte Lupin.»Sie brauchten fast drei Jahre,
um herauszufinden, wie man es anstellt. Dein Vater und Sirius
hier waren, die klügsten Schüler in Hogwarts und das war ein
Glück, denn die Verwandlung in einen Animagus kann
fürchterlich schief gehen. Das ist ein Grund, weshalb das
Ministerium alle, die es versuchen, scharf im Auge behält. Peter
hätte es ohne die Hilfe von James und Sirius nicht geschafft. Sie
sagten mir nicht, was sie vorhatten, sie taten es insgeheim, falls
es nicht gelingen sollte. Doch dann, in unserem fünften Jahr in
Hogwarts, schafften sie es.«
»Aber wie konnten sie Ihnen damit helfen?«, fragte Hermine
verwirrt.
»Als Menschen konnten sie mir nicht Gesellschaft leisten,
also taten sie es als Tiere«, sagte Lupin. »Ein Werwolf ist nur
für Menschen gefährlich. Jeden Monat schlichen sie sich unter
James' Tarnumhang aus dem Schloss. Sie verwandelten sich ...
Peter, als der Kleinste, konnte unter den peitschenden
Weidenzweigen hindurchschlüpfen und den Knoten berühren,
der sie erstarren lässt. Dann schlitterten sie hinunter in den
Tunnel und kamen zu mir ins Haus. Unter ihrem Einfluss war
ich weniger gefährlich. Mein Körper war immer noch der eines
Wolfes, doch wenn ich mit ihnen zusammen war, fühlte ich
mich eher wie ein Mensch.
367
Vor allem James und Sinus entdeckten jetzt, was wir alles
unternehmen konnten, wenn wir uns verwandelt hatten. Bald
verließen wir die Heulende Hütte und streiften nachts über das
Schlossgelände. Sirius und James verwandelten sich in so große
Tiere, dass sie einen Werwolf mühelos in Schach halten
konnten. Ich glaube nicht, dass je ein Hogwarts-Schüler mehr
über das Schloss und die Ländereien herausgefunden hat als wir.
Und so beschlossen wir, die Karte des Rumtreibers zu schreiben
und sie mit unseren Spitznamen zu unterzeichnen. Sirius ist
Tatze. Peter ist Wurmschwanz. James war Krone.«
»Was für ein Tier ... ?«, wollte Harry wissen, doch Hermine
unterbrach ihn.
»Das war immer noch sehr gefährlich! Mit einem Werwolf
in der Dunkelheit umherzulaufen.«
»Du hast Recht«, sagte Lupin nachdenklich. »Aber wir
waren jung und dachten, mit unserem Scharfsinn könnten wir
alles machen. Ich will nicht verhehlen, dass es manchmal
brenzlig wurde. Einige Male hätte ich die andern fast aus den
Augen verloren und jemanden verletzt. Und dann, eines Tages,
rächte sich alles. Ihr - ähm - habt sicher bemerkt, dass Professor
Snape mich nicht leiden kann. Der Grund ist, dass Sirius ihm
einen Streich gespielt hat, der ihn fast das Leben gekostet hätte.«
Black grunzte hämisch.
»Geschah ihm recht«, krächzte er. »Hat rumgeschnüffelt
und wollte rausfinden, was wir vorhatten ... er wollte doch nur,
dass wir von der Schule fliegen ...«
»Snape war sehr erpicht darauf zu erfahren, wohin ich jeden
Monat verschwand. Wir waren im selben Jahrgang,
wisst ihr, und wir - ähm - mochten uns nicht besonders. Vor
allem gegen James hegte er eine Abneigung. Er war wohl
neidisch, weil James im Quidditch so begabt war ... jeden-
368
falls hatte Snape mich eines Abends, kurz vor Vollmond, mit
Madam Pomfrey übers Gelände gehen sehen, die mich immer
zur Peitschenden Weide führte. Sirius hielt es für eine - ähm -
lustige Idee, Snape zu sagen, er müsse nur den Knoten an der
Peitschenden Weide mit einem langen Stecken berühren und
dann könne er mir folgen. Nur, natürlich hat Snape es probiert -
und wenn er bis zu diesem Haus gekommen wäre, dann hätte er
es mit einem ausgewachsenen Werwolf zu tun bekommen -,
doch dein Vater, der hörte, was Sirius getan hatte, lief Snape
hinterher und schleifte ihn zurück ... Allerdings hat Snape noch
einen Blick auf mich erhascht, wie ich am Ende des Tunnels
verschwand. Dumbledore hat ihm verboten, es irgend jemandem
zu sagen, doch von da an wusste er, dass ich ...«
»Wusste Professor Dumbledore von dem Animagus-Zau-
ber?«, fragte Hermine neugierig.
»Bis heute hat er keine Ahnung, dass James, Sirius und
Peter Animagi wurden. Er hätte sie von der Schule weisen
müssen ... sie hatten ein wichtiges Gesetz gebrochen ...«
»Und aus diesem Grund kann Snape Sie nicht leiden?«,
sagte Harry langsam. »Weil er dachte, sie hätten von Sirius'
Scherz gewusst?«
»So ist es«, sagte eine kalte Stimme an der Wand hinter
Lupin.
Severus Snape riss sich den Tarnumhang vom Leib. Sein
Zauberstab wies drohend auf Lupin.
369
Lord Voldemorts Knecht
Hermine schrie. Black sprang auf Harry war, als hätte er einen
schweren elektrischen Schlag bekommen.
»Den habe ich unter der Peitschenden Weide gefunden«
sagte Snape und warf den Tarnumhang beiseite, ohne den
Zauberstab auch nur kurz von Lupins Brust abzuwenden »Recht
nützlich, Potter, ich danke ...«
Snape wirkte leicht erschöpft, doch auf seinem Gesicht
spiegelte sich ein Ausdruck des Triumphs. »Sie fragen sich
vielleicht, woher ich wusste, dass Sie hier sind?«, sagte er mit
glitzernden Augen. »Ich war eben in Ihrem Büro, Lupin. Sie
haben heute Abend vergessen, ihren Trank zu nehmen, also
wollte ich einen Becher vorbeibringen. Und das war ein Glück
... Glück für mich, würde ich sagen. Auf Ihrem Tisch lag eine
gewisse Karte. Ein Blick darauf verriet mir alles, was ich wissen
musste. Ich sah Sie durch den Tunnel laufen und
verschwinden.«
»Severus -«, warf Lupin ein, doch Snape ließ sich nicht
unterbrechen.
»Ich habe den Schulleiter immer wieder gewarnt, dass Sie
Ihrem alten Freund Black dabei helfen, in die Schule zu
kommen, Lupin, und hier ist der Beweis. Doch nicht einmal ich
habe mir träumen lassen, dass Sie die Nerven hätten, diese alte
Hütte als Versteck zu benutzen -«
»Severus, Sie machen einen Fehler«, sagte Lupin eindring-
lich. »Sie haben nicht alles gehört - ich kann es erklären - Sirius
ist nicht hier, um Harry zu töten -«
370
»Zwei weitere Gefangene für Askaban heute Nacht«, sagte
Snape, und seine Augen glühten jetzt wie die eines Besessenen.
»Bin gespannt, wie Dumbledore das alles aufnimmt ... er war
vollkommen überzeugt, dass Sie harmlos seien, Lupin ... ein
zahmer Werwolf -«
»Sie Dummkopf!, sagte Lupin leise. »Ist der Groll über ei-
nen Schülerstreich Grund genug, einen Unschuldigen nach
Askaban zu bringen?«
Ssss - dünne Seile schossen aus der Spitze von Snapes
Zauberstab und schlängelten sich um Lupins Mund, Hand-
gelenke und Fersen; er verlor das Gleichgewicht und stürzte zu
Boden, wo er liegen blieb, ohne einen Finger rühren zu können.
Black sprang vom Bett auf und wollte sich auf Snape stürzen,
doch Snape richtete den Zauberstab genau zwischen seine
Augen.
»Gib mir einen Grund«, flüsterte er. »Gib mir nur einen
Grund, es zu tun, und ich schwöre, ich werde es tun.«
Black erstarrte. Es war unmöglich zu sagen, welches Ge-
sicht hasserfüllter war.
Harry stand da wie gelähmt und wusste nicht, was er tun
oder wem er glauben sollte. Dem Gefühl nach war er immer auf
der Seite von Snapes Gegnern - doch Black hatte selbst
zugegeben, dass er Harrys Eltern umgebracht hatte - wie konnte
Lupin ihn dann unschuldig nennen?
Er drehte sich zu Ron und Hermine um. Ron sah genauso
verwirrt aus wie er und kämpfte immer noch mit Krätze.
Hermine machte einen unsicheren Schritt auf Snape zu und
sagte mit matter Stimme:
»Professor Snape, es ... es würde nichts schaden zu hören,
was sie zu sagen haben, o-oder?«
»Miss Granger, auf Sie wartet bereits der Schulverweis«,
bellte Snape. »Sie, Potter und Weasley haben alle Regeln
gebrochen und befinden sich in Gesellschaft eines verurteilten
371
Mörders und eines Werwolfs. Auch wenn es das erste Mal in
Ihrem Leben sein sollte, halten Sie den Mund.«
»Aber wenn - wenn es einen Irrtum gab -«
»Sei still, du dumme Göre!«, schrie Snape und sah plötzlich
ziemlich verstört aus. »Red nicht über Dinge, die du nicht
verstehst!« Ein paar Funken prasselten aus der Spitze seines
Zauberstabs, der immer noch auf Blacks Gesicht gerichtet war.
Hermine verstummte.
»Rache ist zuckersüß«, hauchte Snape Black zu. »Wie sehr
habe ich gehofft, dich als Erster in die Finger zu kriegen ...«
»Und jetzt bist du wieder der Dumme, Severus«, sagte
Black gelassen. »Wenn dieser Junge seine Ratte ins Schloss
bringen kann«, er nickte mit dem Kopf hinüber zu Ron,
»komme ich ohne Federlesen mit ...«
»Ins Schloss?«, sagte Snape salbungsvoll. »Ich glaube nicht,
dass wir so weit gehen müssen. Sobald wir draußen vor der
Weide sind, rufe ich die Dementoren. Sie werden hocherfreut
sein, dich zu sehen, Black ... so entzückt, dass sie dir sicher
einen kleinen Kuss geben wollen ...«
Das bisschen Farbe auf Blacks Gesicht verschwand.
»D ... du musst mich anhören«, krächzte er. »Die Ratte -
schau dir die Ratte an -«
Doch ein irres Flackern, wie Harry es noch nie gesehen
hatte, trat jetzt in Snapes Augen. Offenbar hatte er das Reich der
Vernunft verlassen.
»Kommt mit, allesamt«, sagte er. Er schnippte mit den
Fingern und die Enden der Seile, die Lupin fesselten, flogen ihm
in die Hände. »Ich ziehe den Werwolf. Vielleicht haben die
Dementoren auch ein Küsschen für ihn übrig.«
Harry wusste nicht recht, was er tat, doch mit drei Schritten
hatte er das Zimmer durchquert und sich vor der Tür aufgebaut.
»Aus dem Weg, Potter, du hast schon mehr als genug Är-
372
ger«, schnarrte Snape. »Wenn ich nicht hergekommen wäre und
deine Haut gerettet hätte -«
»Professor Lupin hätte mich dieses Jahr schon hundert Mal
umbringen können«, sagte Harry. »Ich war oft mit ihm allein, er
gab mir Unterricht gegen die Dementoren. Wenn er Black helfen
wollte, warum hat er mich nicht schon längst erledigt?«
»Woher soll ich wissen, was im Hirn eines Werwolfs vor
sich geht?«, zischte Snape. »Aus dem Weg, Potter.«
»Sie sind jämmerlich!«, rief Harry. »Nur weil Sie in der
Schule zum Narren gehalten wurden, wollen Sie jetzt nicht mal
zuhören!«
»Ruhe! So spricht man nicht mit mir!«, kreischte Snape und
wirkte mehr denn je wie ein Irrer. »Wie der Vater, so der Sohn,
Potter! Gerade habe ich dir den Hals gerettet, du solltest mir auf
den Knien dafür danken! Wär dir recht geschehen, wenn er dich
umgebracht hätte! Du wärst gestorben wie dein Vater, zu
hochmütig, um zu glauben, er hätte sich in Black getäuscht - geh
jetzt aus dem Weg, oder ich räum dich fort - aus dem Weg,
Potter!«
Harry entschied sich im Bruchteil einer Sekunde. Bevor
Snape auch nur einen Schritt auf ihn zugehen konnte, hatte er
den Zauberstab erhoben.
»Expelliarmus!«, rief er - allerdings war seine Stimme nicht
die einzige. Es gab einen Knall, der fast die Tür aus den Angeln
gehoben hätte; Snape riss es von den Füßen, er krachte gegen
die Wand und rutschte an ihr herunter zu Boden. Unter seinem
Haarschopf sickerte ein kleines rotes Rinnsal hervor. Er war
ohnmächtig.
Harry wandte sich um. Ron und Hermine hatten im selben
Augenblick beschlossen, Snape zu entwaffnen. Snapes
Zauberstab war durch die Luft geflogen und neben Krummbein
auf dem Bett gelandet.
373
»Das hättest du nicht tun sollen«, sagte Black zu Harry ge-
wandt. »Du hättest ihn mir überlassen sollen ...«
Harry mied Blacks Augen. Er war sich auch jetzt noch nicht
sicher, das Richtige getan zu haben.
»Wir haben einen Lehrer angegriffen ... wir haben einen
Lehrer angegriffen ...«, wimmerte Hermine und starrte mit
angsterfüllten Augen auf den leblosen Snape. »Oh, wir kriegen
gewaltigen Ärger.«
Lupin kämpfte mit seinen Fesseln. Black bückte sich rasch
und befreite ihn. Lupin richtete sich auf und rieb sich die Arme,
wo das Seil ihm ins Fleisch geschnitten hatte.
»Danke, Harry«, sagte er.
Doch Harry erwiderte sein Lächeln nicht.
»Ich sage nicht, dass ich Ihnen glaube«, erklärte er Lupin.
»Diesen ganzen Kram über einen Haufen Animagi und Krätze,
der ein Zauberer sein soll ...«
»Dann ist es an der Zeit, dass wir es dir beweisen«, sagte
Lupin. »Ron, bitte gib mir Peter. Jetzt.«
Ron drückte Krätze noch fester an die Brust.
»Hören Sie auf damit«, sagte er mit schwacher Stimme.
»Wollen Sie sagen, er ist aus Askaban geflohen, nur um Krätze
in die Hände zu kriegen? Das ist doch ...« Er sah Hilfe suchend
zu Harry und Hermine auf, »Gut, sagen wir, Pettigrew konnte
sich in eine Ratte verwandeln - es gibt Millionen von Ratten -
wie soll er wissen, hinter welcher er her ist, wenn er in Askaban
sitzt?«
»Wenn ich's mir überlege, Sirius, dann ist das eine berech-
tigte Frage«, sagte Lupin und wandte sich mit leichtem
Stirnrunzeln Black zu. »Wie hast du eigentlich rausgefunden,
wo er steckte?«
Black schob eine seiner klauenartigen Hände in den Um-
hang, zog ein zerknülltes Stück Papier hervor, strich es glatt und
hielt es für die anderen hoch.
374
Es war das Foto von Ron und seiner Familie, das im vorigen
Sommer im Tagespropheten erschienen war, und da, auf Rons
Schulter, saß Krätze. .
»Wie hast du das in die Finger bekommen?«, fragte Lupin
wie vom Donner gerührt.
»Fudge«, sagte Black. »Letztes Jahr, bei seinem Kontrollbe-
such in Askaban, gab er mir seine Zeitung. Und da war Peter,
auf der Titelseite ... auf der Schulter dieses Jungen ... ich hab ihn
sofort erkannt ... wie oft hatte ich gesehen, wie er sich
verwandelte. Und darunter hieß es, der Junge würde bald wieder
nach Hogwarts zurückkehren ... wo Harry war ...«
»Mein Gott«, sagte Lupin leise und starrte abwechselnd
Krätze und das Zeitungsfoto an. »Die Vorderpfote ...«
»Was soll damit sein?«, sagte Ron widerwillig.
»Ihr fehlt ein Zeh«, sagte Black.
»Natürlich«, seufzte Lupin, »so einfach ... so gerissen ... er
hat ihn selbst abgehackt?«
»Kurz bevor er sich verwandelte«, sagte Black. »Als ich ihn
gestellt hatte, schrie er, dass die ganze Straße es hörte, ich hätte
Lily und James verraten. Dann, bevor ich meinen Fluch
sprechen konnte, hat er mit dem Zauberstab hinter dem Rücken
die ganze Straße in die Luft gejagt und alle im Umkreis von
zehn Metern getötet - und schließlich ist er mit den anderen
Ratten im Kanalloch verschwunden ...«
»Hast du es nie gehört, Ron?«, sagte Lupin. »Das größte
Stück, das sie von Peter gefunden haben, war sein Finger.«
»Ach was, Krätze ist wahrscheinlich mit einer anderen Ratte
aneinander geraten. Er ist schon ewig in meiner Familie.«
»Zwölf Jahre, um genau zu sein«, sagte Lupin. »Hast du
dich nie gewundert, warum er so lange lebt?«
»Wir ... wir haben uns gut um ihn gekümmert!«, sagte Ron.
375
»Sieht im Moment allerdings nicht sonderlich gesund aus,
oder?«, sagte Lupin. »Ich vermute, er verliert Gewicht, seit er
gehört hat, dass Sirius wieder auf freiem Fuß ist ...«
»Er hatte Angst vor diesem verrückten Kater!«, sagte Ron
und nickte zu Krummbein hinüber, der immer noch schnurrend
auf dem Bett lag.
Doch das stimmte nicht, fiel Harry plötzlich ein ... Krätze
hatte schon krank ausgesehen, bevor er auf Krummbein traf ...
schon seit Rons Rückkehr aus Ägypten ... seit Black geflohen
war ...
»Dieser Kater ist nicht verrückt«, sagte Black mit heiserer
Stimme. Er streckte seine knochige Hand aus und streichelte
Krummbeins wuschligen Kopf. »Er ist der klügste Kater, den
ich kenne. Er hat Peter sofort durchschaut. Und als er mich traf,
war ihm auch klar, dass ich kein Hund war. Es dauerte eine
Weile, bis er mir vertraute ... schließlich schaffte ich es, ihm
mitzuteilen, hinter wem ich her war, und er half mir ...«
»Was wollen Sie damit sagen?«, wisperte Hermine.
»Er wollte mir Peter bringen, aber es gelang nicht ... also hat
er die Passwörter für den Gryffindor-Turm für, mich gestohlen
... ich glaube, er hat sie vom Nachttisch eines Jungen stibitzt ...
Doch Peter bekam Wind davon und floh ...«, krächzte
Black. »Dieser Kater - Krummbein nennst du ihn? - hat mir
gesagt, dass Peter Blut auf dem Laken hinterlassen hat ... ich
denke, er hat sich selbst gebissen ... nun ja, seinen eigenen Tod
vorzutäuschen hat schon einmal geklappt ...«
Diese Worte rissen Harry aus seiner Trance.
»Und warum hat er seinen Tod vorgetäuscht?«, fragte er
aufgebracht. »Weil er wusste, Sie würden ihn töten, wie Sie
meine Eltern getötet haben!«
»Nein«, sagte Black, »Harry -«
376
»Und jetzt sind Sie gekommen, um ihn endgültig zu erle-
digen!«
»Das stimmt, aber -«
»Dann hätte ich Snape freie Hand lassen sollen!«, rief
Harry.
»Harry«, warf Lupin ein, »begreifst du nicht? Die ganze Zeit
dachten wir, Sirius hätte deine Eltern verraten und Peter hätte
ihn gejagt und gestellt. Doch es war andersrum. Peter hat deine
Mutter und deinen Vater verraten - und Sirius hat Peter gejagt -«
»Das ist nicht wahr!«, rief Harry, »er war ihr Geheimnis-
wahrer! Er hat es gesagt, bevor Sie kamen, er hat gesagt, dass er
sie getötet hat!«
Er deutete auf Black, der nachdenklich den Kopf schüttelte;
seine eingesunkenen Augen leuchteten plötzlich.
»Harry ... es war praktisch meine Schuld«, krächzte er. »Ich
habe Lily und James im letzten Moment dazu überredet, Peter
an meiner statt als Geheimniswahrer zu nehmen ... ich bin
schuld, ich weiß es ... in der Nacht, als sie starben ... war ich
Peter besuchen gegangen, doch er war nicht zu Hause und es sah
nicht nach einem Kampf aus
ich bin sofort zu deinen Eltern ... und als ich ihr zerstörtes
Haus und ihre Leichen sah ... war mir klar, was Peter getan
haben musste ... was ich getan hatte ...«
Die Stimme versagte ihm. Er wandte sich ab.
»Genug davon«, sagte Lupin und etwas Stählernes lag in
seiner Stimme, wie Harry es von ihm nicht kannte. »Es gibt nur
einen sicheren Weg, um zu beweisen, was wirklich geschehen
ist. Ron, gib mir diese Ratte.«
Ron sah stumm von Lupin zu Harry hinüber. Harry nickte.
»Was werden Sie tun, wenn ich sie Ihnen gebe?«, fragte
Ron angespannt.
377
»Ihn zwingen, sich zu zeigen«, sagte Lupin. »Wenn das
wirklich eine Ratte ist, tut es ihr nicht weh.«
Ron biss sich auf die Lippen und streckte die Hand mit
Krätze aus. Lupin packte die Ratte. Krätze begann verzweifelt
zu quieken und wehrte sich beißend und kratzend gegen Lupins
Griff.
»Bereit, Sirius?«, sagte Lupin.
Schon hatte Black Snapes Zauberstab vom Bett genommen.
Er trat auf Lupin und die sich windende Ratte zu, und seine
feuchten Augen schienen plötzlich in ihren Höhlen zu brennen.
»Zusammen?«, sagte er leise.
»Ich denke schon«, sagte Lupin und packte Krätze fest mit
der einen, den Zauberstab mit der andern Hand. »Ich zähle bis
drei. Eins - zwei - DREI!«
Blauweiße Blitze knisterten aus beiden Zauberstäben her-
vor; einen Moment blieb Krätze in der Luft schweben, die kleine
schwarze Gestalt krampfartig zuckend - Ron schrie auf - dann
fiel die Ratte zu Boden; ein weiterer blendend heller Lichtstrahl
und dann -
Es war, als sähen sie im Zeitraffer, wie ein Baum wächst.
Vom Fußboden wucherte ein Kopf empor, dann ein Körper, aus
dem Glieder sprossen, und schon stand da, wo Krätze gelegen
hatte, sich krümmend und händeringend - ein Mann.
Krummbein drüben auf dem Bett fauchte und knurrte mit
gesträubten Rückenhaaren.
Es war ein sehr kleiner Mann, kaum größer als Harry und
Hermine. Um einen großen kahlen Kreis auf dem Kopf fand sich
noch ein wenig dünnes, farbloses Haar. Er machte den
schmächtigen Eindruck eines pummeligen Mannes, der in kurzer
Zeit viel Gewicht verloren hatte. Seine Haut wirkte schmuddlig,
fast wie Krätzes Fell, und seine spitze Nase und die sehr kleinen,
wässrigen Augen erinnerten an eine Ratte.
378
Er blickte hechelnd in die Runde. Harry bemerkte, wie sein
Blick rasch zur Tür huschte.
»Ach, hallo, Peter«, sagte Lupin launig, als wäre es nichts
Ungewöhnliches, dass sich Ratten in seinem Umkreis als alte
Schulfreunde entpuppten. »Lange nicht gesehen.«
»S-Sirius ... R-Remus ...« Selbst Pettigrew quiekte. Wieder
huschten seine Augen zur Tür. »Meine Freunde ... meine alten
Freunde ...«
Black hob den Zauberstab, doch Lupin packte ihn am
Armgelenk und sah ihn warnend an, dann wandte er sich, betont
lässig und einladend, erneut Pettigrew zu.
»Wir hatten eine kleine Unterhaltung, Peter, über die Nacht,
als Lily und James starben. Du hast vielleicht die Einzelheiten
verpasst, während du dort auf dem Bett herumgequiekt hast.«
»Remus«, keuchte Pettigrew, und Harry sah, wie
Schweißperlen auf sein teigiges Gesicht traten, »du glaubst ihm
doch nicht etwa er hat versucht mich umzubringen, Remus ...«
»Das wissen wir«, sagte Lupin, jetzt eine Spur kühler. »Pe-
ter, ich möchte ein oder zwei kleine Fragen mit dir klären, wenn
du so -«
»Und jetzt ist er hier, um es noch einmal zu versuchen!«,
quiekte Pettigrew plötzlich und deutete auf Black. Harry sah,
dass er seinen Mittelfinger benutzte, weil der Zeigefinger fehlte.
»Er hat Lily und James umgebracht und jetzt wird er auch mich
töten ... du musst mir helfen, Remus ...«
Blacks Gesicht ähnelte jetzt mehr denn je einem Toten-
schädel, und er starrte Pettigrew mit seinen unergründlichen
Augen an.
»Keiner hier wird versuchen dich zu töten, bevor wir ein
paar Dinge geklärt haben«, sagte Lupin.
»Geklärt?«, kreischte Pettigrew und sah sich mit flehen-
379
dem Blick um; die Augen huschten über die brettervernagelten
Fenster und dann erneut über die einzige Tür. »Ich wusste, dass
er mich jagen würde! Ich wusste, dass er mir auf den Fersen
war! Darauf habe ich zwölf Jahre gewartet!«
»Du wusstest, dass Sirius aus Askaban fliehen würde?«,
sagte Lupin stirnrunzelnd. »Obwohl es bisher noch keiner
geschafft hatte?«
»Er hat dunkle Kräfte, von denen unsereiner nur träumen
kann!«, rief Pettigrew schrill. »Wie sonst ist er dort rausge-
kommen? Ich vermute, Du-weißt-schon-wer hat ihm ein paar
Kniffe beigebracht!«
Black fing an zu lachen, ein schauriges, freudloses Lachen,
das den ganzen Raum erfüllte.
»Voldemort - und mir Kniffe beibringen?«, sagte er.
Pettigrew zuckte zusammen, als hätte Black ihm einen
Peitschenschlag versetzt.
»Was denn - Angst vor dem Namen des alten Herrn?«, sagte
Black. »Ich versteh dich wohl, Peter. Seine Leute sind nicht
besonders gut auf dich zu sprechen, nicht wahr?«
»Ich weiß nicht, was du meinst, Sirius«, wisperte Pettigrew
und sein Atem ging schneller. Sein Gesicht glitzerte jetzt von
Schweiß.
»Vor mir jedenfalls hast du dich nicht zwölf Jahre lang ver-
steckt«, sagte Black. »Du hast dich vor Voldemorts alten An-
hängern versteckt. Ich hab in Askaban gewisse Dinge gehört,
Peter ... sie glauben alle, du wärst tot, denn sonst müsstest du
ihnen Rede und Antwort stehen ... ich hab sie im Schlaf schreien
gehört. Klang, als ob sie glaubten, der Verräter hätte sie selbst
verraten. Voldemort ging auf deinen Wink hin zu den Potters ...
und das war auch sein eigenes Ende. Aber nicht alle Anhänger
Voldemorts landeten in Askaban, oder? Es treibt sich immer
noch eine Menge herum und wartet, bis es wieder an der Zeit ist.
Alle tun so, als hät-
380
ten sie eingesehen, dass sie sich geirrt hätten ... wenn sie je
Wind davon bekommen, dass du noch lebst, Peter -«
»Weiß nicht ... wovon du redest ...«, sagte Pettigrew erneut
und schriller denn je. Er wischte sich mit dem Ärmel über das
Gesicht und sah zu Lupin hoch. »Remus, du glaubst doch nicht
etwa - diesem Irren -«
»Ich muss zugeben, Peter, es fällt mir schwer zu begreifen,
warum ein Unschuldiger zwölf Jahre als Ratte leben sollte«,
sagte Lupin gleichmütig.
»Unschuldig, aber voller Angst!«, quiekte Pettigrew. »Wenn
Voldemorts Anhänger hinter mir her sind, dann doch nur, weil
ich einen ihrer besten Männer nach Askaban gebracht habe - den
Spion, Sirius Black!«
Blacks Gesicht verzerrte sich.
»Wie kannst du es wagen«, knurrte er und klang plötzlich
wie der bärengroße Hund, der er gewesen war. »Ich, ein Spion
für Voldemort? Wann bin ich je um Leute herumscharwenzelt,
die stärker und mächtiger waren als ich? Aber du, Peter - ich
werde nie begreifen, warum ich nicht gleich gesehen habe, dass
du ein Spion bist. Du mochtest immer große Freunde, die für
dich nach dem Rechten sahen, nicht wahr? Erst waren wir es ...
ich und Remus ... und James ...«
Pettigrew trocknete sich erneut das Gesicht; er rang jetzt
beinahe nach Luft.
»Ich, ein Spion ... du musst den Verstand verloren haben ...
niemals ... weiß nicht, wie du so etwas sagen kannst -«
»Lily und James machten dich nur zum Geheimniswahrer,
weil ich es vorgeschlagen hatte«, zischte Black, so giftig,
dass Pettigrew einen Schritt zurücktrat. »Ich dachte, es
wäre ein perfekter Plan ... ein Bluff ... Voldemort würde gewiss
hinter mir her sein, er würde sich nie träumen lassen, dass
sie ein schwaches, unbegabtes Kerlchen wie dich nehmen ...
das muss der größte Augenblick deines elenden Lebens ge-
381
wesen sein, als du Voldemort eröffnet hast, du könntest ihm die
Potters ausliefern.«
Pettigrew murmelte geistesabwesend; Harry fing Worte auf
wie »weit hergeholt«, und »verrückt«, doch er achtete eher auf
Pettigrews aschfarbenes Gesicht und auf seine Augen, die
immer wieder über die Fenster und zur Tür huschten.
»Professor Lupin?«, sagte Hermine schüchtern. »Kann -
kann ich auch etwas sagen?«
»Natürlich, Hermine«, sagte Lupin höflich.
»Nun - Krätze - ich meine, dieser - dieser Mann - er hat drei
Jahre lang in Harrys Schlafsaal geschlafen. Wenn er für
Du-weißt-schon-wen arbeitet, wie kommt es dann, dass er
niemals versucht hat, Harry etwas anzutun?«
»Ganz genau!«, sagte Pettigrew schrill und deutete mit
seiner verstümmelten Hand auf Hermine. »Ich danke dir! Siehst
du, Remus? Ich hab Harry nie auch nur ein Haar gekrümmt!
Warum sollte ich auch?«
»Das will ich dir erklären«, sagte Black. »Weil du nie etwas
für irgend jemanden getan hast ohne zu wissen, was dabei für
dich herausspringt. Voldemort versteckt sich seit fünfzehn
Jahren, es heißt, er sei halb tot. Du wolltest unter Dumbledores
Nase doch keinen Mord begehen für einen Zauberer, der nur
noch ein Wrack ist und all seine Macht verloren hat? Du musst
ganz sicher sein, dass er der größte Quälgeist auf dem Spielplatz
ist, bevor du zu ihm zurückkehrst. Warum sonst hat du eine
Zaubererfamilie gesucht, die dich aufnimmt? Mit einem Ohr
hast du auf die neuesten Nachrichten gelauscht, nicht wahr,
Peter? Nur für den Fall, dass dein alter Beschützer seine Kraft
wiedergewinnen würde und du gefahrlos zurückkehren könntest
...«
Pettigrew bewegte den Mund, blieb jedoch stumm. Es
schien ihm die Sprache verschlagen zu haben.
382
»Ähm - Mr Black - Sirius?«, sagte Hermine ängstlich.
Black zuckte zusammen, als Hermine ihn so anredete, und
starrte sie an wie eine Erscheinung.
»Darf ich Sie fragen, wie - wie Sie aus Askaban fliehen
konnten ohne schwarze Magie?«
»Danke!«, keuchte Pettigrew und nickte ihr begeistert zu,
»genau das, was ich -«
Doch Lupin brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.
Black sah Hermine stirnrunzelnd an, schien sich aber nicht über
sie zu ärgern. Offenbar dachte er über seine Antwort nach.
»Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe«, sagte er lang-
sam. »Ich glaube, ich habe nur deshalb nicht den Verstand
verloren, weil ich unschuldig war. Das war kein glücklicher
Gedanke, also konnten ihn die Dementoren auch nicht aus mir
heraussaugen ... aber er bewahrte mich davor, verrückt zu
werden. Ich wusste immer, wer ich war ... das half mir, meine
Kräfte zu bewahren ... und als dann alles ... zu viel wurde ...
konnte ich mich in meiner Zelle verwandeln ... und ein Hund
werden. Dementoren können nichts sehen, musst du wissen ...«
Er schauderte. »Sie spüren den Menschen nach und nähren sich
von ihren Gefühlen ... sie merkten, dass meine Gefühle weniger
- weniger menschlich, einfacher waren, wenn ich ein Hund war
... aber sie dachten natürlich, ich würde den Verstand verlieren
wie alle andern dort drin, es kümmerte sie nicht. Doch ich war
schwach, sehr schwach, und ich hatte keine Hoffnung, ich
könnte sie mir ohne Zauberstab jemals vom Leib halten ...
Doch dann sah ich Peter auf diesem Bild ... er war also mit
Harry in Hogwarts ... in bester Lage, um handeln zu können,
falls ihm zu Ohren gelangen sollte, dass die Dunkle Seite wieder
an die Macht kam ...«
Pettigrew schüttelte den Kopf und bewegte stumm die
383
Lippen, starrte jedoch unverwandt Black an, als wäre er hyp-
notisiert.
»... bereit, in dem Moment zuzuschlagen, da er sich seiner
Verbündeten sicher war ... und ihnen den letzten der Potters
auszuliefern. Wenn er ihnen Harry brachte, wer würde es dann
noch wagen zu behaupten, er hätte Lord Voldemort verraten?
Sie würden ihn in Ehren wieder aufhehmen ...
Du siehst also, ich musste etwas tun. Ich war der Einzige,
der wusste, dass Peter noch lebte ...«
Harry fiel ein, was Mr Weasley seiner Frau erzählt hatte:
»Die Wachen sagen, er habe im Schlaf geredet ... immer
dieselben Worte ... >Er ist in Hogwarts<.«
»Es war, als hätte jemand ein Feuer in meinem Kopf ent-
facht«, fuhr Black fort, »und die Dementoren konnten es nicht
ersticken ... es war kein Glücksgefühl ... ich war wie besessen ...
doch das gab mir Kraft und klärte meine Gedanken. Nun, eines
Nachts, als sie meine Tür öffneten, um mir das Essen zu
bringen, huschte ich flink als Hund an ihnen vorbei ... es ist so
viel schwieriger für sie, die Gefühle von Tieren zu erspüren, das
verwirrt sie ... ich war dünn, ganz abgemagert ... so konnte ich
durch die Gitter schlüpfen ... als Hund schwamm ich hinüber
zum Festland ...«
Er blickte Harry an und diesmal sah Harry nicht weg.
»Glaub mir«, krächzte Black. »Glaub mir, Harry. Ich habe
James und Lily niemals verraten. Ich wäre lieber gestorben als
das zu tun.«
Und endlich glaubte ihm Harry. Er nickte mit zugeschnürter
Kehle.
»Nein!«
Pettigrew war auf die Knie gefallen, als wäre Harrys Nicken
sein Todesurteil gewesen. Er rutschte auf den Knien herum,
die Hände vor sich verschränkt, wie zu Kreuze kriechend.
384
»Sirius - ich bin's ... Peter ... dein Freund ... du wirst doch nicht
...«
Black stieß mit dem Fuß nach ihm und Pettigrew zuckte
zurück.
»Ich hab schon genug Dreck auf dem Umhang, ohne dass du
ihn berührst«, sagte Black.
Pettigrew wandte sich Lupin zu. »Remus!«, quiekte er und
krümmte sich flehend vor ihm. »Du glaubst das doch nicht ...
hätte Sirius dir nicht gesagt, dass sie den Plan geändert hatten?«
»Nicht, wenn er glaubte, ich wäre der Spion, Peter«, sagte
Lupin. »Ich vermute, deshalb hast du es mir nicht gesagt,
Sirius?«, sagte er ungerührt über Pettigrews Kopf hinweg.
»Verzeih mir, Remus«, sagte Black.
»Keine Ursache, Tatze, alter Freund«, sagte Lupin und
krempelte sich die Ärmel hoch. »Und du, vergibst auch du mir,
dass ich dich für einen Spion gehalten habe?«
»Natürlich«, sagte Black und ein kurzes Grinsen huschte
über sein ausgemergeltes Gesicht. Auch er begann die Ärmel
hochzurollen. »Sollen wir ihn gemeinsam töten?«
»Ja, ich denke schon«, sagte Lupin grimmig.
»Das könnt ihr nicht tun ... das werdet ihr nicht«, keuchte
Pettigrew. Und dann warf er sich herum und blickte Ron an.
»Ron ... war ich nicht immer ein guter Freund ... ein gutes
Haustier? Du lässt doch nicht zu, dass sie mich töten, Ron ... du
bist auf meiner Seite, nicht wahr?«
Doch Ron starrte Pettigrew mit größtem Ekel an.
»Ich hab dich in meinem Bett schlafen lassen!«, sagte er.
»Lieber Junge ... gutes Herrchen ...«, Pettigrew kroch auf
Ron zu, »das lässt du nicht zu ... ich war deine Ratte ... ich war
ein gutes Haustier ...«
385
»Wenn du als Ratte besser warst denn als Mensch, ist das
kein Grund zu prahlen, Peter«, herrschte ihn Black an. Ron
zerrte das gebrochene Bein aus der Reichweite Pettigrews und
der Schmerz ließ ihn noch blasser werden. Pettigrew drehte sich
auf den Knien herum, rutschte zu Hermine hinüber und packte
den Saum ihres Umhangs.
»Süßes Mädchen ... kluges Mädchen ... du ... du lässt es
nicht zu ... hilf mir ...«
Hermine riss den Umhang aus Pettigrews klammernden
Händen und wich mit entsetztem Gesicht an die Wand zurück.
Pettigrew, immer noch auf den Knien, zitterte am ganzen
Leib. Langsam drehte er den Kopf Harry zu.
»Harry ... Harry ... du siehst genau wie dein Vater aus ... wie
aus dem Gesicht geschnitten ...«
»Wie kannst du es wagen, Harry anzusprechen?«, donnerte
Black. »Wie kannst du es wagen, ihn anzusehen? Wie kannst du
es wagen, vor ihm über James zu sprechen?«
»Harry«, flüsterte Pettigrew und warf sich mit ausge-
streckten Händen vor ihm zu Boden. »Harry, James hätte nicht
gewollt, dass sie mich töten ... James hätte verstanden, Harry ...
er hätte mir Gnade erwiesen ...«
Black und Lupin traten rasch vor, packten Pettigrew an den
Schultern und warfen ihn auf den Rücken. Da lag er, zuckend
vor Angst, und starrte zu ihnen hoch.
»Du hast Lily und James an Voldemort verkauft«, sagte
Black, und auch er zitterte jetzt.
»Leugnest du das?«
Pettigrew brach in Tränen aus. Er bot einen furchtbaren
Anblick, wie ein großes, fast kahlköpfiges Baby, das auf dem
Boden kauerte.
»Sirius, Sirius, was hätte ich tun können? Der Schwarze
Lord ... du hast keine Ahnung ... er besitzt Waffen, von de-
386
nen du keine Ahnung hast ... ich hatte Angst, Sirius, ich war nie
mutig wie du und Remus und James. Ich habe es nicht gewollt
... Er, dessen Name nicht genannt werden darf, hat mich dazu
gezwungen -«
»Lüg nicht!«, bellte Black. »Du hast Lily und James schon
ein Jahr, bevor sie starben, ausgespitzelt! Du warst sein Spion!«
»Er - er hat überall die Macht übernommen!«, keuchte
Pettigrew. »W-was sollte es nützen, sich ihm zu verweigern?«
»Was sollte es nützen, gegen den übelsten Zauberer zu
kämpfen, der je gelebt hat?«, sagte Black, und furchtbarer Zorn
stand ihm im Gesicht. »Nur unschuldiges Leben hätte man retten
können, Peter!«
»Du verstehst das nicht!«, wimmerte Pettigrew, »er hätte
mich getötet, Sirius!«
»Dann hättest du sterben sollen!«, donnerte Black. »Lieber
sterben als deine Freunde zu verraten, wie wir es auch für dich
getan hätten!«
Black und Lupin standen Schulter an Schulter, die Zau-
berstäbe erhoben.
»Dir hätte eins klar sein sollen«, sagte Lupin leise. »Wenn
Voldemort dich nicht getötet hätte, dann hätten wir es getan.
Adieu, Peter.«
Hermine schlug die Hände vors Gesicht und drehte sich der
Wand zu.
»NEIN!«, rief Harry. Rasch trat er vor und stellte sich den
Zauberstäben entgegen. »Sie sollen ihn nicht töten«, sagte er
und atmete ruckartig. »Tun Sie es nicht.«
Black und Lupin waren verblüfft.
»Harry, diese Kanallie ist der Grund, weshalb du
keine Eltern mehr hast«, schnarrte Black. »Dieses sich
windende Stück Dreck hätte auch dich ohne mit der Wimper zu
zu-
387
cken sterben lassen. Du hast ihn gehört. Seine eigene stinkende
Haut war ihm mehr wert als deine ganze Familie.«
»Ich weiß«, keuchte Harry; »Wir bringen ihn hoch ins
Schloss. Wir übergeben ihn den Dementoren ... er soll nach
Askaban ... aber töten Sie ihn nicht.«
»Harry!«, seufzte Pettigrew und warf die Arme um Harrys
Knie, »du - ich danke dir - das ist mehr, als ich verdiene -danke
-«
»Lass mich los«, fauchte Harry und schüttelte angewidert
Pettigrews Hände ab. »Das tue ich nicht für dich. Ich tue es weil
- ich glaube nicht, dass mein Vater gewollt hätte, dass sie - zu
Mördern würden - nur wegen dir.«
Niemand regte sich oder machte ein Geräusch, außer Pet-
tigrew, der pfeifend atmete und die Arme um die Brust
klammerte. Black und Lupin sahen sich an. Dann, wie von einer
Hand, ließen sie die Zauberstäbe sinken.
»Du bist der Einzige, der das Recht hat, dies zu entscheiden,
Harry«, sagte Black. »Aber bedenke ... bedenke, was er getan
hat ...«
»Er soll nach Askaban«, wiederholte Harry, »wenn jemand
es verdient, dort zu sitzen, dann er ...«
Hinter sich hörte er immer noch Pettigrews pfeifendes
Atmen.
»Also gut«, sagte Lupin. »Geh beiseite, Harry.«
Harry zögerte.
»Ich werde ihn fesseln«, sagte Lupin, »das ist alles, ich
schwör's dir.«
Harry trat aus dem Weg. Dünne Schnüre schossen jetzt aus
Lupins Zauberstab und kurz darauf wälzte sich Pettigrew
gefesselt und geknebelt auf dem Boden.
»Aber wenn du dich verwandelst, Peter«, knurrte Biack, den
Zauberstab auf Pettigrew gerichtet, »werden wir dich doch töten.
Bist du einverstanden, Harry?«
388
Harry blickte die erbärmliche Gestalt auf dem Boden an und
nickte; Pettigrew entging es nicht.
»Gut«, sagte Lupin, auf einmal geschäftsmäßig. »Ron, ich
kann Knochen nicht halb so gut heilen wie Madam Pomfrey,
also ist es das Beste, wenn wir dein Bein einfach schienen, bis
wir dich in den Krankenflügel bringen können.«
Rasch ging er zu Ron hinüber, bückte sich, schlug mit dem
Zauberstab sachte gegen sein Bein und murmelte »Ferula«. Eine
Binde rollte sich an Rons Bein hoch und schnürte es an einer
Schiene fest. Lupin half ihm auf; Ron trat behutsam auf, ohne
vor Schmerz zu ächzen.
»Schon besser«, sagte er, »danke.«
»Was ist mit Professor Snape?«, sagte Hermine betreten und
sah auf die verkrümmte Gestalt hinunter.
Lupin beugte sich über Snape und fühlte ihm den Puls. »Er
hat nichts Ernstes«, sagte er. »Ihr wart nur ein wenig - ähm -
übereifrig. Immer noch ohnmächtig. Vielleicht ist es das Beste,
wenn wir ihn erst drüben im Schloss wieder aufpäppeln. Wir
können ihn so mitnehmen ...«
Er murmelte »Mobilcorpus«. Wie an unsichtbaren Fäden,
die sich um Snapes Armgelenke, Hals und Knie gewickelt
hatten, wurde er hochgezogen, bis er aufrecht stand. Der Kopf
baumelte immer noch beklemmend hin und her wie der einer
Kasperlepuppe, und die Füße schwebten ein paar Zentimeter
über dem Boden. Lupin hob den Tarnumhang auf und verstaute
ihn in seiner Tasche.
»Und zwei von uns sollten sich an das hier ketten«, sagte
Black und stieß Pettigrew mit den Zehenspitzen an. »Nur um
sicherzugehen.«
»Das mache ich«, sagte Lupin.
»Und ich«, sagte Ron mit bitterer Miene und humpelte
herbei.
Black beschwor schwere Handschellen aus dem Nichts
389
herauf; bald stand Pettigrew wieder auf den Beinen, den linken
Arm an Lupins rechten und den rechten Arm an Rons linken
gekettet. Ron machte ein steifes Gesicht. Krätzes wahre Gestalt
schien er als persönliche Beleidigung zu empfinden. Krummbein
sprang leichtfüßig vom Bett und führte sie hinaus, den
Flaschenbürstenschwanz beschwingt in die Höhe gestreckt.
390
Der Kuss des Dementors
Es war schon eine sehr merkwürdige Prozession, an der Harry
da teilnahm. Krummbein trippelte voraus die Treppe hinunter.
Dann kamen Lupin, Pettigrew und Ron, die aussahen, als
wollten sie bei einem Dreibeinwettlauf antreten. Ihnen folgte
Professor Snape, der, senkrecht schwebend und mit den Füßen
gegen die Stufen schlagend, einen unheimlichen Anblick bot. In
der Schwebe hielt ihn sein eigener Zauberstab, den Black auf
Snapes Rücken gerichtet hielt. Harry und Hermine bildeten den
Schluss.
In den Tunnel einzusteigen war schwierig. Lupin, Pettigrew
und Ron mussten sich zur Seite drehen, um es zu schaffen;
Lupin hielt Pettigrew weiterhin mit dem Zauberstab in Schach.
Harry beobachtete, wie sie, aneinander gekettet, den Tunnel
entlangstolperten. Krummbein ging munter voran. Black, mit
Harry im Gefolge, ließ Snape vor sich herschweben, dessen
leblos baumelnder Kopf immer wieder gegen die Tunnelwand
schlug. Harry hatte den Eindruck, dass sich Black nicht darum
scherte. Mühsam quälten sie sich voran.
»Du weißt, was das bedeutet?«, sagte Black zu Harry ge-
wandt, »Pettigrew auszuhändigen?«
»Dann sind Sie frei«, sagte Harry~
»Ja ...«, sagte Black. »Aber ich bin auch - ich weiß nicht, ob
man es dir je gesagt hat - ich bin dein Pate.«
»Ja, ich weiß«, sagte Harry.
»Nun ... deine Eltern wollten, dass ich dein Vormund
391
werde«, sagte Black steif, »falls ihnen irgendwas geschehen
sollte ...«
Harry wartete. Meinte Black wirklich das, was Harry
glaubte, dass er meinte?
»Ich verstehe natürlich, wenn du bei deiner Tante und
deinem Onkel bleiben willst«, sagte Black. »Aber ... nun ... denk
darüber nach. Sobald mein guter Name wiederhergestellt ist ...
wenn du ein ... ein neues Zuhause willst«
In Harrys Magen startete ein kleines Feuerwerk.
»Wie - bei Ihnen wohnen?«, sagte Harry und stieß mit dem
Kopf versehentlich gegen ein Stück Fels, das aus der
Tunneldecke ragte. »Die Dursleys verlassen?«
»Natürlich, es war mir schon klar, dass du nicht willst«,
sagte Black rasch. »Ich verstehe, ich dachte nur, ich -«
»Du bist wohl verrückt«, sagte Harry und seine Stimme
krächzte längst genauso wie die von Black. »Natürlich will ich
von den Dursleys weg! Hast du ein Haus? Wann kann ich
einziehen?«
Black wandte sich um und sah ihn an; Snapes Kopf scheu-
erte über die Decke, doch Black schien es nicht zu kümmern.
»Du willst?«, sagte er. »Im Ernst?«
»Ja, im Ernst!«, sagte Harry.
Blacks ausgemergeltes Gesicht verzog sich zum ersten
wirklichen Lächeln, das Harry bei ihm gesehen hatte. Es hatte
eine verblüffende Wirkung: als ob ein zehn Jahre jüngerer
Mensch hinter der ausgemergelten Maske zum Vorschein käme.
Für einen kurzen Moment war er ganz deutlich jener lachende
Mann bei der Hochzeit von Harrys Eltern.
Sie sprachen kein Wort mehr, bis sie das Ende des Tunnels
erreicht hatten. Krummbein schoss pfeilschnell voran nach
oben; offenbar hatte er bereits die Pfoten auf den Knoten am
392
Baumstamm gesetzt, denn Lupin, Pettigrew und Ron kletterten
nach oben, ohne dass von den tödlichen Peitschenhieben der
Weide etwas zu hören war.
Black führte Snape am Zauberstab hoch und durch das
Erdloch, dann trat er zur Seite und ließ Harry und Hermine
vorbei. Endlich waren sie alle draußen.
Über die Ländereien war die Nacht hereingebrochen, das
einzige Licht kam von den fernen Fenstern des Schlosses.
Schweigend machten sie sich auf den Weg. Pettigrew atmete
immer noch pfeifend und ließ gelegentlich ein Wimmern hören.
In Harrys Kopf überschlugen sich die Gedanken. Er würde die
Dursleys verlassen. Er würde bei Sirius Black wohnen, dem
besten Freund seiner Eltern ... ihm war ein wenig schwindlig ...
was würden die Dursleys sagen, wenn er ihnen verkündete, er
würde zu dem Gefangenen ziehen, den sie im Fernsehen
gesehen hatten!
»Keine falsche Bewegung, Peter«, sagte Lupin vor ihnen in
drohendem Ton. Den Zauberstab hielt er immer noch auf
Pettigrews Brust gerichtet.
Schweigend zogen sie weiter und allmählich wurden die
Lichter des Schlosses größer. Snape schwebte immer noch als
unheimliche Gestalt vor Black her, sein Kinn schlug auf die
Brust. Und dann -
Am Himmel tat sich ein Loch in den Wolken auf Plötzlich
warfen sie dunkle Schatten aufs Gras. Der Mond tauchte sie in
sein Licht.
Snape prallte mit Lupin, Pettigrew und Ron zusammen, die
wie angewurzelt stehen geblieben waren. Black erstarrte. Er
streckte den Arm aus, um Harry und Hermine zurückzuhalten.
Harry konnte Lupins Umrisse sehen. Er war steif geworden.
Dann begannen seine Arme und Beine heftig zu zittern.
393
»O nein -«, japste Hermine. »Er hat heute Abend seinen
Trank nicht genommen! Er ist gefährlich!«
»Rennt los«, flüsterte Black.»Rennt, und zwar schnell.«
Doch Harry konnte nicht einfach losrennen. Ron war an
Pettigrew und Lupin gekettet. Er sprang vor, doch Black packte
ihn um die Brust und warf ihn zurück.
»Überlass das mir - lauf!«
Ein schauriges Knurren. Lupins Kopf zog sich in die Länge,
dann der Körper. Die Schultern schrumpften. Ganz deutlich sah
man Haare aus Gesicht und Händen sprießen, und die Hände
ballten sich zu klauenartigen Pfoten - Krummbein standen die
Haare zu Berge, er wich zurück -
Während der Werwolf sich aufbäumte und sein langes Maul
aufriss, verschwand Black von Harrys Seite. Auch er hatte sich
verwandelt - der gewaltige, bärengleiche Hund sprang mit einem
mächtigen Satz vor - als der Werwolf sich von seiner Fessel
befreit hatte, packte ihn der Hund am Nacken und zerrte ihn fort,
weg von Ron und Pettigrew. Ineinander verbissen lagen sie da
und zerfetzten sich mit ihren Krallen das Fell.
Harry erstarrte, gebannt von dem Anblick, und sah und hörte
nichts außer den kämpfenden Tieren. Erst Hermines Schrei riss
ihn aus seiner Trance -
Pettigrew hatte sich auf Lupins Zauberstab im Gras ge-
worfen. Ron, ohnehin wacklig auf seinem bandagierten Bein,
wurde umgerissen. Es gab einen Knall, einen Lichtblitz - und
Ron regte sich nicht mehr. Ein weiterer Knall - Krummbein
wirbelte durch die Luft, flog ins Gras und blieb eingekringelt
liegen.
»Expelliarmus!«, schrie Harry und richtete den Zauberstab
gegen Pettigrew; Lupins Zauberstab flog in den Nachthimmel
und verschwand. »Bleib, wo du bist!«' rief Harry und stürzte los.
394
Doch zu spät. Pettigrew hatte sich verwandelt. Harry sah,
wie der kahle Rattenschwanz mühelos durch die Fessel an Rons
ausgestrecktem Arm glitt, und dann raschelte etwas im Gras
davon.
Hinter sich hörte er ein Heulen und ein donnerndes Grollen;
Harry wandte sich um und sah, wie der Werwolf die Flucht
ergriff-, mit langen Sprüngen setzte er auf den Wald zu -
»Sirius, er ist fort, Pettigrew hat sich verwandelt!«, rief
Harry.
Black blutete; am Maul und auf dem Rücken hatte er tiefe
Risse, doch bei Harrys Worten rappelte er sich hoch und kurz
darauf jagte er über das Gelände, bis das Trommeln der Pfoten
langsam leiser wurde und erstarb.
Harry und Hermine rannten hinüber zu Ron.
»Was hat er ihm getan?«, flüsterte Hermine. Rons Augen
waren nur halb geschlossen, der Mund stand offen. Er lebte
noch, das war sicher, sie konnten ihn atmen hören, doch er
schien sie nicht zu erkennen.
»Ich weiß nicht ...«
Verzweifelt blickte sich Harry um. Black und Lupin waren
verschwunden ... jetzt hatten sie niemanden mehr außer Snape,
der immer noch bewusstlos über dem Boden schwebte.
»Wir gehen besser hoch zum Schloss und holen Hilfe«,
sagte Harry. Er wischte sich die Haare aus den Augen und
versuchte klar zu denken. »Komm mit -«
Doch dann drang ein Jaulen und Wimmern aus der Dun-
kelheit herüber; ein Hund, der Qualen litt ...
»Sirius«, murmelte Harry und starrte in die Nacht hinein.
Einen Moment lang zögerte er, doch im Augenblick konnten
sie nichts für Ron tun, und wie es sich anhörte, war Black in
Schwierigkeiten -
395
Harry rannte los und Hermine setzte ihm nach. Das Jaulen
schien vom Ufer des Sees her zu kommen. Sie hetzten darauf zu,
und mitten im Lauf spürte Harry die Wand aus Kälte, doch er
achtete nicht darauf
Plötzlich verstummte das Jaulen. Am Seeufer angelangt,
sahen sie, warum - Sirius hatte sich in einen Mann zurück-
verwandelt; er kauerte auf allen Vieren, die Hände über dem
Kopf verschränkt.
»Neiiiiin«, stöhnte er, »neiiiin ... bitte ...«
Und dann sah Harry die Dementoren. Mindestens hundert
Gestalten schoben sich wie eine schwarze Masse um den See
herum auf sie zu. Er wirbelte herum und schon durchdrang die
vertraute eisige Kälte seine Eingeweide, und Nebel nahm ihm
die Sicht; noch mehr Gestalten erschienen von beiden Seiten aus
der Dunkelheit; sie wurden eingekreist ...
»Hermine, denk an ein glückliches Erlebnis!«, rief Harry
und hob den Zauberstab. Er blinzelte verzweifelt, um etwas
sehen zu können, und schüttelte den Kop£f, um das leise
Schreien in seinen Ohren loszuwerden, das allmählich lauter
wurde -
Ich werde bei meinem Paten leben und nie mehr bei den
Dursleys.
Er zwang sich an Black zu denken und nur an Black und
begann seinen Singsang:
»Expecto patronum! Expecto patronum!«
Black schauderte, kippte zur Seite und blieb reglos und fahl
wie der Tod auf der Erde liegen.
Er wird wieder gesund werden. Ich werde bei ihm leben.
»Expecto patronum! Hermine, hilf mir! Expecto patronum!«
»Expecto -«, flüsterte Hermine, »expecto - expecto -«
Doch sie schaffte es nicht. Die Dementoren schlossen den
Kreis und waren jetzt nur noch drei Meter von ihnen entfernt.
Sie bildeten einen undurchdringlichen Ring um Harry und
Hermine und zogen ihn immer enger ...
396
»Expecto patronum!«, rief Harry und versuchte das Schreien
in seinen Ohren zu übertönen. »Expecto patronum!«
Ein dünner silberner Faden schoss aus seinem Zauberstab
und blieb wie ein Nebelschleier vor ihm schweben. Im selben
Moment spürte Harry, wie Hermine neben ihm zusammenbrach.
Er war allein ... vollkommen allein.
»Expecto - expecto patronum -«
Harry spürte, wie er mit den Knien ins kalte Gras fiel. Nebel
waberte um ihn auf. Er zermarterte sich das Hirn mit dem einen
Gedanken - Sirius war unschuldig – unschuldig - es wird uns gut
gehen - ich werde bei ihm leben -
»Expecto patronum!«, keuchte er.
Im schwachen Licht seines gestaltlosen Patronus sah er, wie
ein Dementor innehielt, ganz nahe bei ihm. Er konnte nicht
durch das silbrige Licht dringen, das Harry heraufbeschworen
hatte. Eine tote, schleimige Hand glitt unter dem Mantel her-vor.
Sie machte eine Geste, als wolle sie den Patronus beiseite fegen.
»Nein - nein -«, keuchte Harry. »Er ist unschuldig ... expecto
- expecto patronum -«
Er spürte, wie sie ihn beobachteten, ihr rasselnder Atem
kam ihm vor wie ein wütender Sturm. Dieser Dementor schien
es auf ihn abgesehen zu haben. Er hob die verrotteten Hände -
und zog die Kapuze vom Gesicht.
Dort, wo die Augen hätten sein sollen, war nur dünne,
schorfige Haut, die sich glatt über die leeren Höhlen spannte.
Doch er hatte einen Mund ... einen tiefen, unförmigen Schlund,
und sein Atmen klang wie ein Todesröcheln. Lähmendes Grauen
überkam Harry, er konnte sich weder rühren noch sprechen. Sein
Patronus flackerte auf und erstarb.
Weißer Nebel blendete ihn. Er musste kämpfen ...
expecto patronum ... er konnte nichts mehr sehen ... und in der
397
Ferne hörte er das vertraute Schreien ... expecto patronum ... er
tastete im Nebel nach Sirius und fand seinen Arm ... er würde
nicht zulassen, dass sie ihn fortnahmen ...
Doch ein paar kräftige, nasskalte Hände klammerten sich
plötzlich um Harrys Hals. Der Dementor drückte ihm das Kinn
nach oben ... Harry spürte seinen Atem ... sie wollten ihn zuerst
erledigen ... er roch den widerlichen Atem ... seine Mutter schrie
in seinen Ohren - das würde das Letzte sein, was er hörte -
Und dann, durch den Nebel, der ihn ertränkte, glaubte er ein
silbernes Licht zu sehen, das heller und heller wurde ... er spürte,
wie er aufs Gras fiel -
Das Gesicht im Gras, zu schwach, um sich zu rühren, zit-
ternd vor Übelkeit, öffnete er die Augen. Der Dementor musste
ihn losgelassen haben - blendend helles Licht fiel auf das Gras
um ihn her - das Schreien hatte aufgehört, die Kälte wich ...
Etwas trieb die Dementoren davon ... es kreiste um ihn und
Black und Hermine ... die Dementoren schwebten fort ... die
Luft erwärmte sich ...
Mit allerletzter Kraft hob Harry den Kopf noch ein wenig
höher und sah inmitten des Lichts ein Tier, das über den See
davongaloppierte ... mit schweißgetrübten Augen versuchte
Harry zu erkennen, was es war ... es war hell wie ein Einhorn ...
Harry, verzweifelt gegen die Ohnmacht ankämpfend, sah, wie es
drüben am anderen Ufer ankam und sich aufbäumte. So hell war
das Wesen, dass er noch sehen konnte, wie jemand es herzlich
begrüßte ... die Hand hob und es tätschelte ... jemand, der ihm
seltsam bekannt vorkam ... doch das konnte nicht sein
Harry begriff nicht. Er konnte nicht mehr denken. Die
letzten Kräfte schwanden ihm und sein Kopf schlug zu Boden.
Er war ohnmächtig.
398
Hermines Geheimnis
»Fürchterliche Geschichte ... schrecklich ... Wunder, dass alle
noch leben ... so was hab ich noch nie gehört ... Heiliger
Strohsack, ein Glück, dass Sie da waren, Snape ...«
»Danke, Minister.«
»Orden des Merlin, zweiter Klasse, würde ich sagen. Erster
Klasse, wenn ich's deichseln kann!«
»Herzlichen Dank, Minister.«
»Sieht ja übel aus, der Schnitt, den sie da im Gesicht haben
... das war sicher Black?«
»Keineswegs, Minister, es waren Potter, Weasley und
Granger, Minister ...«
»Nein!«
»Black hatte sie verhext, war mir auf der Stelle klar. Ein
Verwirrungszauber, so wie die sich aufführten. Glaubten of-
fenbar, er sei doch unschuldig. Sie waren für ihre Taten nicht
verantwortlich. Allerdings wäre Black fast entkommen, weil sie
sich eingemischt haben ... glaubten wohl, sie könnten ihn auf
eigene Faust fangen. Man hat ihnen bisher einfach viel zu viel
durchgehen lassen ... ich fürchte, das ist ihnen zu Kopfe
gestiegen ... und natürlich hat der Schulleiter immer größtes
Nachsehen mit Potter.«
»Nun ja, Snape ... Sie wissen, Harry Potter ... wir haben da
alle einen schwachen Punkt, wenn es um ihn geht.«
»Gleichwohl, Minister - tut es ihm gut, wenn er immer
wieder mit allem davonkommt? Ich persönlich bemühe mich,
ihn wie jeden anderen Schüler auch zu behandeln.
399
Und jeder andere Schüler würde - allermindestens - für einige
Zeit ausgeschlossen, wenn er seine Freunde derart in Gefahr
gebracht hätte. Bedenken Sie, Minister, gegen alle Schulregeln -
und nach allem, was wir zu seinem Schutz getan haben -
außerhalb der Schule angetroffen, spätabends, in Gesellschaft
eines Werwolfs und eines Mörders - und außerdem habe ich
Grund zu der Annahme, dass er auch unrechtmäßig in
Hogsmeade war -«
»Gut und schön ... wir werden sehen, Snape, wir werden
sehen ... der Junge hat zweifellos eine Dummheit begangen ...«
Harry lag mit geschlossenen Augen da und lauschte. Ihm
war sterbenselend zumute. Die Worte schienen nur langsam von
seinen Ohren in sein Hirn zu dringen und er verstand sie kaum
... seine Glieder fühlten sich an wie mit Blei gefüllt; die
Augenlider waren zu schwer, um sie zu öffnen ... er wollte hier
auf diesem bequemen Bett für alle Ewigkeit liegen bleiben ...
»Was mich am meisten erstaunt, ist das Verhalten der De-
mentoren ... Sie haben wirklich keine Ahnung, weshalb sie
zurückgewichen sind, Snape?«
»Nein, Minister ... als ich zu mir kam, nahmen sie gerade
wieder ihre Posten an den Toren ein ...«
»Unglaublich. Aber Black und Harry und das Mädchen
waren -«
»Alle bewusstlos, als ich zu ihnen gelangte. Ich habe Black
natürlich sofort gefesselt und geknebelt, Tragen heraufbe-
schworen und sie gleich ins Schloss gebracht.«
Eine Pause trat ein. Harrys Denken schien ein wenig
schneller zu werden, und damit wuchs auch ein nagendes Gefühl
in der Tiefe seines Magens ...
Er öffnete die Augen.
Alles war ein wenig verschwommen. jemand hatte ihm
400
die Brille abgenommen. Er lag im dunklen Krankensaal. Ganz
am Ende des Saals konnte er Madam Pomfrey erkennen, die mit
dem Rücken zu ihm stand und sich über ein Bett beugte. Harry
kniff die Augen zusammen. Neben Madam Pomfreys Arm lugte
Rons roter Haarschopf hervor.
Harry wandte den Kopf auf die andere Seite. Im Bett neben
ihm lag Hermine. Ihr Bett lag im Mondlicht. Auch sie hatte die
Augen geöffnet und schien starr vor Angst. Als sie sah, dass
Harry wach war, legte sie einen Finger auf die Lippen und
deutete auf den Eingang. Die Tür war offen und vom Kortidor
drangen die Stimmen von Cornellus Fudge und Snape herein.
Jetzt hastete Madam Pomfrey auf Harrys Bett zu. Er wandte
sich um. Sie hatte den größten Schokoladeriegel in Händen, den
er je gesehen hatte. Er sah aus wie ein Pflasterstein.
»Aha, du bist wach!«, begrüßte sie ihn forsch. Sie legte den
Schokoriegel auf Harrys Nachttisch und schlug mit einem
Hämmerchen Stücke herunter.
»Wie geht's Ron?«, fragten Harry und Hermine wie aus
einem Mund.
»Er wird's überleben«, sagte Madam Pomfrey mit bitterer
Miene. »Und ihr beiden ... ihr bleibt hier, bis ich überzeugt bin,
dass - Potter, was fällt dir eigentlich ein?«
Harry hatte sich aufgerichtet, die Brille auf die Nase gesetzt
und den Zauberstab gepackt.
»Ich muss den Schulleiter sprechen«, sagte er.
»Potter«, sagte Madam Pomfrey besänftigend, »es ist alles
gut. Sie haben Black. Er ist oben eingeschlossen. Die De-
mentoren werden ihn jeden Moment küssen -«
»WAS?«
Harry sprang aus dem Bett; Hermine folgte ihm.
Doch draußen im Gang hatten sie seinen Schrei gehört; einen
Mo-
401
ment später betraten Cornelius Fudge und Snape den Kran-
kensaal.
»Harry, Harry, was soll das denn?«, sagte Fudge aufge-
bracht. »Du solltest im Bett bleiben - hat er seine Schokolade
bekommen?«, fragte er besorgt Madam Pomfrey.
»Minister, bitte hören Sie!«, sagte Harry, »Sirius Black ist
unschuldig! Peter Pettigrew hat seinen eigenen Tod nur vor-
getäuscht! Wir haben ihn heute Nacht gesehen! Sie dürfen nicht
zulassen, dass die Dementoren diese Sache mit Sirius anstellen,
er ist -«
Doch Fudge schüttelte sanft lächelnd den Kopf,
»Harry, Harry, du bist völlig durcheinander, du hast
Fürchterliches durchlitten, leg dich jetzt wieder hin, wir haben
alles im Griff ...«
»Haben Sie nicht!«, schrie Harry, »Sie haben den falschen
Mann!«
»Minister, bitte hören Sie«, sagte Hermine, sie trat rasch an
Harrys Seite und sah Fudge flehend an. »Ich hab ihn auch
gesehen, es war Rons Ratte, er ist ein Animagus, Pettigrew,
meine ich, und -«
»Sehen Sie, Minister?«, sagte Snape. »Völlig überge-
schnappt, alle beide ... Black hat ganze Arbeit geleistet ...«
»Wir sind nicht übergeschnappt!«, donnerte Harry.
»Minister! Professor!«, sagte Madam Pomfrey empört, »ich
muss darauf bestehen, dass Sie gehen, Potter ist mein Patient
und Sie dürfen ihn nicht aufregen!«
»Ich bin nicht aufgeregt, ich versuche nur zu sagen, was
passiert ist!«, sagte Harry zornig. »Wenn Sie nur zuhören
würden -«
Doch Madam Pomfrey stopfte ihm blitzschnell ein großes
Stück Schokolade in den Mund; Harry verschluckte sich und sie
nutzte die Gelegenheit, um ihn mit sanfter Gewalt aufs Bett zu
schubsen.
402
»Nun, ich bitte Sie, Minister, diese Kinder brauchen Pflege -
bitte gehen Sie.«
Die Tür ging auf und herein kam Dumbledore. Harry würgte
seinen Mund voll Schokolade mühsam hinunter und stand
wieder auf.
»Professor Dumbledore, Sirius Black -«
»Um Himmels willen!«, sagte Madam Pomfrey erzürnt, »ist
das hier der Krankenflügel oder was? Direktor, ich muss -«
»Verzeihung, Poppy, aber ich muss kurz mit Mr Potter und
Miss Granger sprechen«, sagte Dumbledore gelassen. »Ich habe
eben mit Sirius Black geredet -«
»Ich nehme an, er hat Ihnen dasselbe Märchen erzählt, das
er Potter ins Hirn gepflanzt hat?«, fauchte Snape. »Etwas von
einer Ratte und dass Pettigrew noch am Leben sei.«
»Das ist tatsächlich Blacks Darstellung«, sagte Dumbledore
und sah Snape durch seine Halbmondbrille scharf an.
»Und meine Aussage zählt überhaupt nicht?«, schnarrte
Snape. »Peter Pettigrew war nicht in der Heulenden Hütte, und
draußen auf den Ländereien war keine Spur von ihm zu sehen.«
»Sie waren doch bewusstlos, Professor!«, sagte Hermine
entschieden. »Sie kamen zu spät, um zu hören -«
»Miss Granger, hüten Sie Ihre Zunge!«
»Aber, aber, Snape«, sagte Fudge aufgeschreckt, »die junge
Dame ist ein wenig durcheinander, da müssen wir nachsichtig
sein.«
»Ich möchte mit Harry und Hermine unter sechs Augen
sprechen«, warf Dumbledore plötzlich ein. »Cornelius, Severus,
Poppy - bitte lassen Sie uns allein.«
»Aber Direktor«, prustete Madam Pomfrey, »sie brauchen
Pflege, sie brauchen Ruhe -«
»Es duldet keinen Aufschub«, sagte Dumbledore. »Ich muss
darauf bestehen.«
403
Madam Pomfrey schürzte die Lippen, ging mit steifen
Schritten hinüber zu ihrem Büro am Ende des Krankensaals und
schlug die Tür hinter sich zu. Fudge warf einen Blick auf die
große Taschenuhr, die an seiner Weste baumelte.
»Die Dementoren müssten inzwischen da sein«, sagte er.
»Ich werde sie in Empfang nehmen. Wir sehen uns dann oben,
Dumbledore.«
Er ging zur Tür und hielt sie für Snape auf, doch Snape
rührte sich nicht.
»Sie glauben doch nicht etwa auch nur ein Wort von Blacks
Geschichte?«, flüsterte Snape und starrte Dumbledore an.
»Ich würde jetzt gern Harry und Hermine allein sprechen«,
wiederholte Dumbledore.
Snape trat einen Schritt auf Dumbledore zu.
»Sirius Black hat schon im Alter von sechzehn Jahren be-
wiesen, dass er zum Mord fähig ist«, wisperte er. »Sie haben das
nicht vergessen, Direktor? Sie haben nicht vergessen, dass er
einst mich umbringen wollte?«
»Mein Gedächtnis hat nicht gelitten, Severus«, erwiderte
Dumbledore knapp.
Snape drehte sich auf dem Absatz um und marschierte durch
die Tür, die Fudge immer noch für ihn aufhielt. Als sie
verschwunden waren, wandte sich Dumbledore Harry und
Hermine zu. Beide sprudelten gleichzeitig los.
»Professor, Black sagt die Wahrheit - wir haben Pettigrew
gesehen -«
»- er konnte entkommen, als Professor Lupin sich in einen
Werwolf verwandelte -«
»- er ist eine Ratte -«
»- Pettigrews Vorderpfote, einen Finger, meine ich, er hat
ihn abgeschnitten -«
»- Pettigrew hat Ron angegriffen, es war nicht Sirius -«
404
Doch Dumbledore hob die Hand, um die Flut von Erklä-
rungen aufzuhalten.
»Ihr seid jetzt mit Zuhören dran, und bitte unterbrecht mich
nicht, weil wir sehr wenig Zeit haben«, sagte er ruhig. »Es gibt
nicht die Spur eines Beweises für Blacks Geschichte, ich habe
nur euer Wort - und das Wort zweier dreizehnjähriger Zauberer
wird niemanden überzeugen. Eine Straße voller Augenzeugen
hat geschworen, dass Sirius Pettigrew ermordet hat. Ich selbst
habe im Ministerium ausgesagt, dass Sirius Potters
Geheimniswahrer war.«
»Professor Lupin kann es Ihnen erklären -«, sagte Harry
ungeduldig.
»Professor Lupin steckt gegenwärtig tief im Wald und kann
keinem Menschen irgendetwas erklären. Wenn er wieder ein
Mensch ist, wird es zu spät sein, Sirius wird tot sein, schlimmer
als tot. Ich muss hinzufügen, dass die meisten von uns einem
Werwolf dermaßen misstrauen, dass sein Zeugnis wenig
Gewicht haben wird - und die Tatsache, dass er und Sirius alte
Freunde sind -«
»Aber -«
»Hör mir zu, Harry. Es ist zu spät, verstehst du? Du musst
einsehen, dass Professor Snapes Darstellung der Ereignisse viel
überzeugender ist als eure.«
»Er hasst Sirius«, sagte Hermine verzweifelt. »Und alles
nur, weil ihm Sirius einen dummen Streich gespielt hat -«
»Sirius hat sich nicht gerade wie ein Unschuldiger be-
nommen. Er hat die fette Dame angegriffen - dann ist er mit
einem Messer in den Gryffindor-Turm eingedrungen - jedenfalls
haben wir ohne Pettigrew, tot oder lebendig, keine Chance,
Sirius die Strafe zu ersparen.«
»Aber Sie glauben uns.«
»Ja, das tue ich«, sagte Dumbledore leise. »Doch es steht
nicht in meiner Macht, andere Menschen die Wahrheit se-
405
hen zu lassen oder den Zaubereiminister in die Schranken zu
weisen ...«
Harry blickte stumm zu Dumbledore hoch und hatte
plötzlich das Gefühl, der Boden unter ihm würde wegbrechen.
Er hatte sich an den Gedanken gewöhnt, dass dieser Mann alles
richten konnte. Er hatte erwartet, dass Dumbledore eine
verblüffende Lösung aus dem Hut zaubern würde. Aber nein,
ihre letzte Hoffnung war zunichte.
»Was wir brauchen«, sagte Dumbledore langsam, und seine
hellblauen Augen wanderten von Harry zu Hermine, »ist mehr
Zeit.«
»Aber -«, setzte Hermine an. Und dann bekam sie ganz
runde Augen. »OH!«
»Und jetzt passt auf, sagte Dumbledore sehr leise und
deutlich. »Sirius ist in Professor Flitwicks Büro im siebten Stock
eingeschlossen. Dreizehntes Fenster rechts vom Westturm.
Wenn alles gut geht, werdet ihr heute Nacht mehr als ein
unschuldiges Leben retten können. Doch vergesst Folgendes
nicht, ihr beiden. niemand darf euch sehen. Hermine, du kennst
das Gesetz - du weißt, was auf dem Spiel steht ... niemand - darf
- euch - sehen.«
Harry hatte keine Ahnung, was vor sich ging. Dumbledore
war bereits an der Tür, als er sich noch einmal umdrehte.
»Ich werde euch einschließen. Es ist -«, er sah auf die Uhr,
»fünf Minuten vor zwölf Hermine, drei Drehungen sollten
genügen. Viel Glück.«
»Viel Glück?«, wiederholte Harry, als sich die Tür hinter
Dumbledore schloss. »Drei Drehungen? Was redet er da? Was
sollen wir tun?«
Doch Hermine fingerte am Kragen ihres Umhangs und zog
eine sehr lange, sehr feingliedrige Goldkette hervor.
»Harry, komm her«, sagte sie eindringlich. »Schnell!«
406
Völlig verdattert trat Harry zu ihr. Sie hielt die Kette in die
Höhe. Harry sah ein winziges, funkelndes Stundenglas daran
hängen.
»Hier -«
Sie warf die Kette auch um seinen Hals.
»Bereit?«, sagte sie atemlos.
»was haben wir vor?«, fragte Harry völlig ratlos.
Hermine drehte das Stundenglas dreimal im Kreis.
Der dunkle Krankensaal löste sich auf Harry hatte das
Gefühl, schnell, rasend schnell rückwärts zu fliegen. Eine Flut
von Farben und verschwommenen Gestalten raste an ihm
vorbei, in seinen Ohren hämmerte es, er versuchte zu rufen,
konnte aber seine eigene Stimme nicht hören -
Und dann spürte er wieder festen Boden unter den Füßen
und um ihn her nahm alles wieder klare Gestalt an -
Er stand neben Hermine in der menschenleeren Ein-
gangshalle. Goldenes Sonnenlicht ergoss sich durch das offene
Portal über den steingefliesten Boden. Die Kette des
Stundenglases schnitt ihm in den Hals. Verwirrt wandte er sich
Hermine zu.
»Hermine, was -?«
»Hier rein!« Hermine packte ihn am Arm und zog ihn quer
durch die Halle zu einem Besenschrank; sie öffnete ihn,
schubste Harry hinein in das Durcheinander von Eimern und
Wischlappen, dann zog sie die Tür hinter ihnen zu.
»Was - wie - Hermine, was ist passiert?«
»Wir haben eine kleine Zeitreise gemacht«, flüsterte Her-
mine und befreite Harry in der Dunkelheit von der Kette. »Drei
Stunden in die Vergangenheit ...«
Harry tastete nach seinem Bein und zwickte es kräftig. Es tat
richtig weh, also war er offenbar nicht mitten in einem
haarsträubenden Traum.
407
»Aber -«
»Schh! Hör mal! Da kommt jemand! Ich glaube - ich
glaube, das könnten wir sein!«
Hermine drückte ein Ohr an die Schranktür.
»Schritte durch die Halle ... ja, ich glaube, das sind wir auf
dem Weg zu Hagrid!«
»Willst du mir sagen«, wisperte Harry, »dass wir hier in
diesem Schrank sind und gleichzeitig auch da draußen?«
»Ja«, sagte Hermine, das Ohr immer noch an die Schranktür
gepresst. »Ich bin sicher, dass wir es sind ... klingt nicht nach
mehr als drei Leuten und wir gehen langsam, weil wir unter dem
Tarnumhang stecken -«
Sie verstummte und lauschte gespannt.
»Wir gehen die Treppe runter ...«
Hermine setzte sich auf einen umgestülpten Eimer. Die
Anspannung stand ihr ins Gesicht geschrieben, doch Harry
musste unbedingt ein paar Fragen stellen.
»Wo hast du dieses Ding, dieses Stundenglas her?«
»Es heißt Zeitumkehrer«, flüsterte Hermine, »und ich hab's
am ersten Tag nach den Ferien von Professor McGonagall
bekommen. Sie ließ mich schwören, dass ich es niemandem
sage. Sie musste alle möglichen Briefe an das
Zaubereiministerium schreiben, damit ich einen kriegen konnte.
Sie musste ihnen sagen, dass ich eine vorbildliche Schülerin bin
und dass ich es niemals für irgendetwas anderes als meine
Schulausbildung benutzen würde ... ich hab den Zeitumkehrer
gedreht, damit ich die Stunden noch einmal erlebe, und deshalb
habe ich mehrere Fächer gleichzeitig belegen können, verstehst
du jetzt? Aber ...
Harry, ich weiß nicht, was Dumbledore meint, was wir tun
sollen. Warum hat er gesagt, wir sollen drei Stunden zu-
rückgehen? Wie soll das Sirius nützen?«
Harry starrte in ihr sorgenvolles Gesicht.
408
»Etwas muss um diese Zeit passiert sein, etwas, das wir än-
dern sollen«, sagte er langsam. »Was ist passiert? Vor drei
Stunden gingen wir hinunter zu Hagrid ...«
»Das ist jetzt vor drei Stunden und wir gehen gerade hi-
nunter zu Hagrid«, sagte Hermine, »wir haben uns eben gehen
hören ...«
Harry runzelte die Stirn; er hatte das Gefühl, vor Anstren-
gung sein ganzes Hirn zu verknoten.
»Dumbledore hat eben gesagt - eben gesagt, dass wir mehr
als ein unschuldiges Leben retten könnten ...« Und dann fiel es
ihm wie Schuppen von den Augen. »Hermine, wir retten
Seidenschnabel!«
»Aber - wie helfen wir damit Sirius?«
»Dumbledore - er hat uns gerade erklärt, wo das Fenster ist -
das Fenster von Flitwicks Büro! Wo sie Sirius eingeschlossen
haben! Wir müssen mit Seidenschnabel zum Fenster fliegen und
Sirius retten! Sirius kann mit Seidenschnabel fliehen - sie
können zusammen entkommen!«
Harry sah Hermines Gesicht nur undeutlich, doch sie schien
entsetzt zu sein.
»Wenn wir das schaffen, ohne gesehen zu werden, wäre das
ein Wunder!«
»Wir müssen es einfach versuchen, oder?«, sagte Harry. Er
stand auf und legte ein Ohr an die Tür.
»Hört sich nicht an, als ob jemand da wäre ... komm, gehen
wir ...«
Harry drückte die Schranktür auf Die Eingangshalle war
menschenleer. So schnell sie konnten, huschten sie aus dem
Schrank und die steinernen Stufen hinunter. Schon zogen sich
die Schatten in die Länge, und wieder waren die Baumspitzen
des Verbotenen Waldes in Gold getaucht.
Hermine warf einen Blick zurück. »Hoffentlich sieht uns
keiner vom Fenster aus«, ziepte sie.
409
»Lass uns rennen«, sagte Harry entschlossen. »Und zwar
hinüber zum Wald, einverstanden? Dann verstecken wir uns am
besten hinter einem Baum und halten Ausschau.«
»Gut, aber hinter den Gewächshäusern lang!«, keuchte
Hermine. »Und möglichst weit weg von Hagrids Tür, oder sie
sehen uns. Wir sind schon fast bei seiner Hütte!«
Harry, dem immer noch nicht klar war, was sie meinte, lief
los und Hermine folgte ihm auf den Fersen. Sie rannten durch
die Gemüsegärten hinüber zu den Gewächshäusern, verpusteten
sich in deren Schutz ein wenig, und rannten dann so schnell sie
konnten weiter. Sie schlugen einen Bogen um die Peitschende
Weide und gelangten schließlich zum schützenden Waldrand ...
Im Schatten der Bäume verborgen, wandte Harry sich um;
Sekunden später stand Hermine neben ihm und schnappte nach
Luft.
»Gut«, japste sie, »wir müssen zu Hagrid hinüberschleichen
... halt dich versteckt, Harry ...«
Leise und dicht am Waldrand staksten sie im Unterholz
voran. Dann, ganz in der Nähe von Hagrids Hütte, hörten sie,
wie es an der Tür klopfte. Sie versteckten sich rasch hinter dem
dicken Stamm einer Eiche und spähten an beiden Seiten hervor.
Hagrid erschien in der Tür, zitternd und bleich, und sah sich
stirnrunzelnd um. Dann hörte Harry seine eigene Stimme.
»Wir sind's. Wir tragen den Tarnumhang. Lass uns rein,
dann können wir ihn ablegen.«
»Ihr hättet nicht kommen sollen!«, flüsterte Hagrid. Er trat
zurück, ließ sie ein und schloss rasch die Tür.
»Das ist das Verrückteste, was wir je getan haben«, sagte
Harry begeistert.
»Gehen wir ein Stück weiter«, flüsterte Hermine. »Wir
müssen näher an Seidenschnabel heran!«
410
Sie krauchten zwischen den Bäumen durch, bis sie den
Hippogreif sahen, der gereizt an seiner Leine zerrte, die Hagrid
am Zaun um sein Kürbisbeet befestigt hatte.
»Jetzt?«, flüsterte Harry.
»Nein!«, sagte Hermine. »Wenn wir ihn jetzt stehlen,
werden die Leute vom Ausschuss denken, Hagrid hätte ihn
befreit! Wir müssen warten, bis sie sehen, dass er draußen
angebunden ist!«
»Dann haben wir gerade mal sechzig Sekunden«, sagte
Harry. Allmählich kam ihm das Unternehmen unmöglich vor.
In diesem Moment drang aus Hagrids Hütte das Geräusch
von zerbrechendem Porzellan.
»Jetzt hat er gerade den Milchkrug zerlegt«, flüsterte Her-
mine. »Gleich werde ich Krätze finden -«
Und tatsächlich hörten sie ein paar Minuten später ihren
überraschten Aufschrei.
»Hermine«, sagte Harry plötzlich, »wie wär's wenn wir -
einfach reinrennen und uns Pettigrew schnappen -«
»Nein!«, flüsterte Hermine erschrocken. »Begreifst du
nicht? Wir brechen gerade eines der wichtigsten Zaube-
reigesetze! niemand darf die Vergangenheit verändern, absolut
niemand! Du hast Dumbledore gehört: wenn wir gesehen
werden -«
»Nur wir selbst und Hagrid würden uns sehen!«
»Harry, was, glaubst du, würdest du tun, wenn du dich
selbst in Hagrids Hütte reinplatzen siehst?«, sagte Hermine.
»Ich - ich würde glauben, ich sei verrückt geworden«, sagte
Harry, »oder vermuten, dass jemand schwarze Magie mit mir
treibt -«
»Genau! Du würdest es nicht verstehen, du würdest dich
vielleicht sogar selbst angreifen! Verstehst du nicht?
Professor McGonagall hat mir erzählt, was für schreckliche
Dinge
411
schon geschehen sind, wenn Zauberer an der Vergangenheit
herumgepfuscht haben ... viele von ihnen haben im Durch-
einander ihr vergangenes oder künftiges Selbst getötet!«
»Schon gut!«, sagte Harry, »war nur 'ne Idee, ich dachte -«
Doch Hermine stieß ihn in die Rippen und deutete hinüber
zum Schloss. Harry schob den Kopf ein wenig vor, um das
Portal in der Ferne sehen zu können. Dumbledore, Fudge, das
alte Ausschussmitglied und Macnair, der Henker, kamen die
Treppe herunter.
»Wir kommen jetzt gleich raus«, wisperte Hermine.
Und tatsächlich öffnete sich Augenblicke später Hagrids Tür
und Harry sah sich Selbst, Ron und Hermine zusammen mit
Hagrid herauskommen. Es war zweifellos das befremdlichste
Erlebnis, das er je gehabt hatte: hinter einem Baum zu stehen
und sich selbst dort drüben im Kürbisbeet zu beobachten.
»Ist schon gut, Schnäbelchen, es ist alles gut ...«, sagte
Hagrid. Dann wandte er sich Harry, Ron und Hermine zu.
»Geht jetzt. Sputet euch.«
»Hagrid, wir können nicht einfach -«
»Wir sagen ihnen, was wirklich passiert ist -«
»Sie dürfen ihn nicht umbringen -«
»Geht! Ist schon alles schlimm genug, da müsst ihr nicht
auch noch Ärger kriegen!«
Harry sah, wie Hermine im Kürbisbeet den Umhang über
ihn und Ron warf.
»Geht schnell. Und lauscht nicht ...«
Vorne an Hagrids Tür klopfte es. Henker und Zeugen
waren da. Hagrid wandte sich um und ging zurück
in die Hütte. Die Hintertür ließ er offen. Harry sah,
wie sich das Gras um die Hütte fleckweise plättete, und hörte,
wie sich drei Paar Füße entfernten. Er, Ron und Hermine waren
gegangen ... doch der Harry und die Hermine, die sich hinter
412
den Bäumen versteckt hatten, konnten jetzt durch die offene
Hintertür hören, was in der Hütte vor sich ging.
»Wo ist das Biest?«, sagte die kalte Stimme Macnairs.
»Drau ... draußen«, krächzte Hagrid.
Harry zog rasch den Kopf zurück, als Macnair an Hagrids
Fenster auftauchte und zu Seidenschnabel hinaussah. Dann
hörten sie Fudge.
»Wir - ähm - müssen dir den offiziellen Hinrichtungsbefehl
verlesen, Hagrid, ich mach's kurz. Und dann musst du ihn
unterschreiben und Macnair auch. Macnair, hören Sie zu, das ist
Vorschrift.«
Macnairs Gesicht verschwand vom Fenster. Jetzt oder nie.
»Warte hier«, flüsterte Harry. »Ich mach das.«
Fudge fing wieder an zu sprechen und Harry schnellte hinter
seinem Baum hervor, sprang über den Zaun des Kürbisbeetes
und lief auf Seidenschnabel zu.
»Der Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe
hat beschlossen, den Hippogreif Seidenschnabel, im Weiteren
der Verurteilte genannt, am sechsten Juni bei Sonnenuntergang
hinzurichten -«
Und wieder starrte Harry, darauf bedacht, nicht zu blinzeln,
in Seidenschnabels grimmiges rotes Auge und verbeugte sich.
Seidenschnabel sank auf die schuppigen Knie und richtete sich
wieder auf Harry nahm die Leine, die den Hippogreif an den
Zaun band, und versuchte den Knoten zu lösen.
»... verurteilt zum Tode durch Enthauptung, auszuführen
durch den vom Ausschuss ernannten Henker, Walden Macnair
...«
»Komm mit, Seidenschnabel«, zischte Harry, »komm. mit,
wir helfen dir. Leise ... leise ...«
»... und schriftlich von ihm zu bestätigen. Hagrid, du unter-
schreibst hier ...«
Harry zerrte nach Leibeskräften an dem Seil, doch Sei-
denschnabel hatte sich mit den Vorderbeinen eingegraben.
413
»Nun, bringen wir's hinter uns«, sagte die dünne Stimme des
alten Ausschussmitglieds in Hagrids Hütte. »Hagrid, vielleicht
wäre es besser, wenn Sie drinbleiben würden -«
»Nein - ich - ich will bei ihm sein ... ich will nicht, dass er
allein ist -«
Das Geräusch von Schritten drang aus der Hütte.
»Seidenschnabel, beweg endlich deinen Hintern«, flehte
Harry.
Er zog noch heftiger am Seil um Seidenschnabels Hals Der
Hippogreif raschelte verärgert mit den Flügeln und bewegte sich
allmählich. Noch waren sie einige Meter vom Wald entfernt und
von Hagrids Hintertür aus deutlich zu sehen.
»Einen Moment noch bitte, Macnair«, erklang Dumbledores
Stimme. »Auch Sie müssen hier unterschreiben.« Die Schritte
verstummten. Harry warf sich ins Seil. Seidenschnabel
schnappte mit dem Schnabel und ließ sich herab, ein wenig
schneller zu gehen.
Hermines weißes Gesicht lugte hinter einem Baum hervor.
»Harry, schnell!«, zischte sie.
Noch immer konnte Harry Dumbledore in der Hütte
sprechen hören. Noch einmal ruckte er an dem Seil. Seiden-
schnabel verfiel in einen widerwilligen Trott. Sie erreichten die
Bäume.
»Schnell! Schnell!«, stöhnte Hermine und sprang hinter
ihrem Baum hervor. Auch sie packte jetzt das Seil und zog wie
verrückt daran, um Seidenschnabel ein wenig Beine zu machen.
Harry blickte über die Schulter; jetzt waren sie außer Sicht; sie
konnten Hagrids Garten nicht mehr sehen.
»Halt!«, hauchte er Hermine zu. »Sie könnten uns noch
hören -«
Krachend schlug Hagrids Hintertür auf Harry, Hermine
414
und Seidenschnabel machten keinen Mucks; selbst der Hip-
pogreif schien gespannt zu lauschen.
Stille ... dann -
»Wo ist er?«, sagte die dünne Stimme des Alten. »Wo ist
das Biest?«
»Es war hier angebunden!«, sagte der Henker wutentbrannt.
»Ich hab's mit eigenen Augen gesehen! Genau hier!«
»Höchst erstaunlich«, sagte Dumbledore mit einem
Glucksen in der Stimme.
»Schnäbelchen!«, rief Hagrid heiser.
Es gab ein surrendes Geräusch und dann folgte das Krachen
einer Axt. Der Henker schien sie vor Wut in den Zaun ge-
schlagen zu haben. Und dann kam Hagrids Heulen und diesmal
konnten sie Hagrids Worte durch sein Schluchzen hören.
»Fort! Fort! Glück für Schnäbelchen, es ist fort! Muss sich
losgerissen haben! Kluger Junge, Schnäbelchen!«
Seidenschnabel begann am Seil zu zerren; offenbar wollte er
zu Hagrid zurück. Harry und Hermine gruben die Fersen in den
Waldboden und warfen sich ins Seil, um ihn aufzuhalten.
»Jemand hat ihn losgebunden!«, raunzte der Henker. »Wir
sollten das Gelände absuchen und den Wald.«
»Macnair, und wenn Seidenschnabel wirklich gestohlen
wurde, glauben Sie, der Dieb hätte ihn zu Fuß fortgebracht?«.
sagte Dumbledore und seine Stimme klang recht vergnügt.
»Suchen Sie den Himmel ab, wenn Sie wollen ... Hagrid, ich
könnte eine Tasse Tee vertragen. Oder einen großen Schnaps.«
»O n-natürlich, Professor«, sagte Hagrid, offenbar erschöpft
vor Glück, »kommen Sie rein, kommen Sie ...«
Hermine und Harry lauschten mit gespitzten Ohren. Sie
hörten Schritte, das leise Fluchen des Henkers, die Tür fiel ins
Schloss und dann herrschte Stille.
415
»Was jetzt?«, flüsterte Harry und sah sich um.
»Wir müssen uns hier drin verstecken«, sagte Hermine, die
ziemlich mitgenommen aussah. »Wir müssen erst einmal
warten, bis sie wieder im Schloss sind. Und dann, bis es
ungefährlich ist, mit Seidenschnabel zum Fenster von Sirius
fliegen. Er wird erst in ein paar Stunden dort sein ... Mensch, das
wird schwierig werden ...«
Nervös blickte sie über die Schulter ins Dunkel des Waldes.
Die Sonne ging jetzt unter.
Harry dachte scharf nach. »Wir können nicht hier bleiben«,
sagte er. »Wir müssen die Peitschende Weide sehen können,
sonst wissen wir nicht, was geschieht.«
»Gut«, sagte Hermine und klammerte die Hand noch fester
um Seidenschnabels Leine. »Aber wir dürfen uns nicht blicken
lassen, Harry, denk dran ...«
Während sie am Waldrand entlangschlichen, senkte sich die
Dunkelheit wie ein schwarzes Tuch über sie. Schließlich
versteckten sie sich hinter einer Gruppe von Bäumen, von der
aus sie die Peitschende Weide erkennen konnten.
»Da ist Ron!«, sagte Harry plötzlich.
Eine dunkle Gestalt hetzte über das Gras und ihre Rufe
hallten durch die stille Nachtluft.
»Lass ihn in Ruhe - hau ab - Krätze, komm hierher -«
Und dann tauchten wie aus dem Nichts zwei weitere Ge-
stalten auf Harry beobachtete, wie er selbst und Hermine Ron
hinterherjagten, der jetzt ins Gras hechtete.
»Hab ich dich! Hau ab, du stinkender Kater -«
»Da ist Sirius!«, sagte Harry. Der riesige Hund war zwi-
schen den Wurzeln der Weide hervorgesprungen, sie sahen, wie
der schwarze Umriss Harry zu Boden stieß und Ron packte ...
»Sieht von hier noch schlimmer aus, nicht wahr?«,
sagte Harry und beobachtete, wie der Hund Ron zwischen die
416
Wurzeln zerrte. »Autsch - der Baum hat mir gerade eine
verpasst - und jetzt kriegst du auch eine gewischt - das ist
unheimlich -«
Die Peitschende Weide ächzte und schlug mit den unteren
Zweigen aus; sie sahen sich selbst dabei zu, wie sie immer
wieder versuchten den Baum zu überlisten und an den Stamm zu
gelangen. Und dann erstarrte der Baum.
»jetzt hat Krummbein den Knoten gedrückt«, sagte Her-
mine.
»Und los geht's ...«, murmelte Harry. »Wir sind schon drin.«
Kaum waren sie verschwunden, regte sich der Baum wieder.
Sekunden später hörten sie ganz in der Nähe Schritte.
Dumbledore, Macnair, Fudge und das alte Ausschussmitglied
waren auf dem Rückweg ins Schloss.
»Gleich nachdem wir runter in den Tunnel sind!«, sagte
Hermine. »Wenn Dumbledore doch bloß mitgekommen wäre
...«
»Macnair und Fudge wären dann auch gekommen«, sagte
Harry bitter. »Und Fudge hätte Macnair auf der Stelle befohlen,
Sirius umzubringen, darauf kannst du Gift nehmen ...«
Sie sahen den vier Männern nach, die jetzt die Schlosstreppe
hochstiegen und verschwanden. Ein paar Minuten herrschte
Stille. Dann -
»Dort kommt Lupin!«, sagte Harry, und sie sahen seine
Gestalt die Steinstufen hinunterspringen und auf die Weide
zurennen. Harry sah zum Himmel. Der Mond war völlig hinter
den Wolken verschwunden.
Sie sahen, wie Lupin einen abgebrochenen Zweig aus dem
Gras hob und den Knoten am Baumstamm anstupste. Der Baum
hörte auf, um sich zu schlagen, und auch Lupin verschwand im
Erdloch zwischen den Wurzeln.
417
»Wenn er nur den Tarnumhang mitgenommen hätte«, sagte
Harry. »Der liegt da einfach rum ...«
Er drehte sich zu Hermine um.
»Wenn ich kurz rüberrenne und ihn hole, kann ihn Snape
nicht mitnehmen und -«
»Harry, niemand darf uns sehen!«
»Wie kannst du das ertragen?«, erwiderte er aufgebracht.
»Einfach nur rumzustehen und alles geschehen zu lassen?« Er
zögerte. »Ich schnapp mir den Umhang!«
»Harry, nein!«
Hermine packte Harry am Kragen, und keinen Moment zu
früh. In diesem Augenblick hörten sie, wie jemand laut anfing
zu singen. Es war Hagrid. Leicht schwankend war er auf dem
Weg zum Schloss, schmetterte ein Liedchen und fuchtelte mit
einer großen Flasche in der Hand durch die Luft.
»Siehst du?«, flüsterte Hermine. »Siehst du, was passiert
wäre? Wir müssen versteckt bleiben! Nein, Seidenschnabel!«
Der Hippogreif machte erneut hektische Anstalten, zu
Hagrid zu laufen. Auch Harry packte ihn jetzt wieder an der
Leine und hielt ihn mühsam zurück. Sie sahen Hagrid nach, wie
er in gewagten Schlangenlinien den Weg entlangging und
schließlich verschwand. Seidenschnabel erlahmte und ließ
traurig den Kopf sinken.
Kaum zwei Minuten später flog das Schlossportal erneut auf
und Snape kam heraus. Mit großen Schritten kam er auf die
Weide zu.
Vor der Weide hielt er inne und blickte sich um. Harry
ballte die Fäuste. Snape langte nach dem Tarnurnhang im Gras
und hob ihn hoch.
»Lass deine dreckigen Finger davon«, knurrte Harry hinter
vorgehaltener Hand.
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»Schhh!«
Snape nahm den Ast, den schon Lupin benutzt hatte, um den
Baum zu lähmen, stupste gegen den Knoten und verschwand
dann unter dem Tarnumhang.
»Das war's«, sagte Hermine leise. »Wir sind alle da unten.
Und jetzt müssen wir warten, bis wir wieder rauskommen ...«
Sie nahm das Ende von Seidenschnabels Leine und wickelte
es fest um den nächsten Baum, dann setzte sie sich auf den
trockenen Boden und schlang die Arme um die Knie.
»Harry, eins verstehe ich nicht ... warum haben die De-
mentoren Sirius nicht gekriegt? Ich weiß noch, wie sie kamen,
und dann bin ich wohl ohnmächtig geworden ... es waren so
viele ...«
Auch Harry setzte sich ins Gras. Er schilderte Hermine, was
er gesehen hatte; der Dementor hatte bereits seinen Schlund auf
Harrys Mund gesenkt, als ein großes weißes Etwas über den See
galoppiert kam und die Dementoren zum Rückzug trieb.
Als Harry fertig war, stand Hermines Mund halb offen.
»Aber was war das?«
»Wenn es die Dementoren vertrieben hat, dann kann es nur
eins gewesen sein«, sagte Harry. »Ein richtiger Patronus. Ein
mächtiger.«
»Aber wer hat ihn heraufbeschworen?«
Harry antwortete nicht. Er dachte an die Gestalt, die er auf
der anderen Seite des Sees gesehen hatte. Er wusste schon, an
wen er dabei dachte ... aber wie konnte das nur möglich sein?
»Hast du nicht gesehen, wie er aussah?«, fragte Hermine
begierig. »War es einer der Lehrer?«
»Nein«, sagte Harry. »Es war kein Lehrer.«
»Aber es muss ein sehr mächtiger Zauberer gewesen sein,
wenn er all diese Dementoren verjagen konnte ... wenn der
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Patronus so leuchtete, hat er ihn nicht beschienen? Konntest du
nicht sehen -?«
»Doch, ich hab ihn gesehen«, sagte Harry langsam. »Aber ...
vielleicht hab ich's mir nur eingebildet ... ich konnte nicht klar
denken ... gleich danach bin ich ohnmächtig geworden ...«
»Wer, glaubst du, war es?«
»Ich glaube -«, Harry schluckte. Er wusste, wie seltsam dies
klingen würde. »Ich glaube, es war mein Vater.«
Harry blickte auf und sah, dass Hermine den Mund weit
aufgerissen hatte. Sie starrte ihn mit einer Mischung aus Ent-
setzen und Mitleid an.
»Harry, dein Dad ist - nun ja - tot«, sagte sie leise.
»Das weiß ich«, sagte Harry rasch.
»Glaubst du, es war ein Geist?«
»Ich weiß nicht ... nein er schien aus Fleisch und Blut ...«
»Aber dann -«
»Vielleicht hab ich mir alles nur eingebildet«, sagte Harry.
»Aber ... was ich gesehen habe ... sah wie Dad aus ... ich hab
Fotos von ihm ...«
Hermine sah ihn immer noch an, als machte sie sich Sorgen
um seinen Verstand.
»Ich weiß, das klingt verrückt«, sagte Harry mit tonloser
Stimme. Er sah sich nach dem Hippogreif um, der gerade den
Schnabel in die Erde bohrte und offenbar nach Würmern suchte.
Aber im Grunde sah er Seidenschnabel gar nicht an.
Er dachte über seinen Vater nach und über seine drei
ältesten Freunde ... Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone ...
waren sie alle vier heute Nacht auf dem Gelände?
Wurmschwanz war diesen Abend wieder aufgetaucht,
wo doch alle gedacht hatten, er sei tot ... war es denn unmög-
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lich, dass sein Vater dasselbe getan hatte? Hatte er drüben am
anderen Ufer wirklich jemanden gesehen? Die Gestalt war zu
weit weg und zu verschwommen ... doch einen Moment lang
war er sich sicher gewesen, bevor er ohnmächtig wurde ...
Eine leichte Brise ließ die Blätter über ihnen rascheln.
Hinter den Wolken, die über den Himmel zogen, kam der Mond
zum Vorschein und verschwand wieder. Hermine saß da,
unverwandt auf die Weide blickend, und wartete.
Und dann, endlich, nach über einer Stunde .. .
»Da kommen wir!«, flüsterte Hermine. Auch Seiden-
schnabel hob den Kopf Sie sahen Lupin, Ron und Pettigrew
mühsam aus dem Erdloch klettern. Dann kam Hermine ... dann
der bewusstlose Snape, merkwürdig senkrecht dahinschwebend.
Schließlich kamen Harry und Black. Sie alle machten sich auf
den Weg zum Schloss.
Harrys Herz begann sehr schnell zu pochen. Er sah zum
Himmel. Jeden Moment würde diese Wolke weiterziehen und
der Mond würde zum Vorschein kommen ...
»Harry«, murmelte Hermine, als ob sie genau wüsste, was er
dachte, »wir müssen hier bleiben. Wir dürfen nicht gesehen
werden. Wir können nichts tun ...«
»Also lassen wir Pettigrew einfach wieder entkommen ...«,
sagte Harry leise.
»Wie willst du denn in der Dunkelheit eine Ratte finden?«,
fauchte Hermine. »Wir können nichts tun! Wir sind
zurückgekommen, um Sirius zu helfen, und wir sollten jetzt
nichts anderes tun!«
»Ist ja gut!«
Der Mond trat hinter der Wolke hervor. Sie sahen, wie die
kleinen Figuren auf dem Gras innehielten. Dann bewegte sich
etwas.
»Das ist Lupin«, flüsterte Hermine, »er verwandelt sich.«
421
»Hermine!«, sagte Harry plötzlich, »wir müssen fort von
hier!«
»Das geht nicht, ich erklär dir doch ständig -«
»- dass wir uns nicht einmischen sollen! Ja doch, aber Lupin
wird in den Wald rennen, direkt auf uns zu!«
Hermine riss die Augen auf
»Schnell!«, stöhnte sie und sprang zu Seidenschnabel, um
ihn loszubinden. »Schnell! Wo sollen wir denn hin? Wo sollen
wir uns verstecken, die Dementoren werden jeden Moment
kommen!«
»Zurück zu Hagrid!«, sagte Harry. »Die Hütte ist leer -
komm schon!«
Sie rannten, so schnell sie konnten, und Seidenschnabel
setzte in langen Sprüngen hinter ihnen her. Schon hörten sie den
Werwolf hinter sich heulen ...
Sie konnten die Hütte jetzt sehen; Harry rutschte zur Tür,
stieß sie auf und Hermine und Seidenschnabel flitzten an ihm
vorbei. Harry stürzte ihnen nach und verriegelte die Tür. Fang,
der Saurüde, kläffte laut.
»Schhh, Fang, wir sind's!«, sagte Hermine. Rasch ging sie
hinüber und kraulte Fang besänftigend die Ohren. »Das war
wirklich knapp!«, sagte sie.
»Jaah ...«
Harry sah aus dem Fenster. Von hier aus war kaum noch
etwas zu sehen. Seidenschnabel schien überglücklich, wieder zu
Hause zu sein. Er legte sich vor den Kamin, faltete zufrieden die
Flügel und wollte offenbar ein kleines Nickerchen einlegen.
»Ich glaube, ich geh am besten wieder nach draußen«, sagte
Harry langsam. »Ich kann von hier aus nicht sehen, was passiert,
und wir müssen doch wissen, wann es Zeit ist -«
Hermine sah ihn argwöhnisch an.
»Ich werd mich ganz bestimmt nicht einmischen«, sagte
422
Harry rasch. »Aber wenn wir nicht sehen, was passiert, wie
sollen wir dann wissen, wann es Zeit ist, Sirius zu retten?«
»Von mir aus ... ich warte hier mit Seidenschnabel ... aber
sei vorsichtig, Harry - da draußen ist ein Werwolf - und die
Dementoren!«
Harry ging hinaus und schlich um die Hütte herum. Aus der
Ferne hörte er erschöpfte Schreie. Die Dementoren kreisten jetzt
Sirius ein ... er und Hermine würden jeden Augenblick zu ihm
laufen ...
Harry schaute hinüber zum See und sein Herz führte eine
Art Trommelwirbel in seiner Brust auf ... wer immer auch den
Patronus geschickt hatte, würde jeden Moment auftauchen ...
Für den Bruchteil einer Sekunde stand er unentschlossen vor
Hagrids Tür. Keiner darf dich sehen. Doch er wollte nicht
gesehen werden. Er wollte sehen ... er musste es unbedingt
wissen ...
Und da waren die Dementoren. Sie kamen aus der Dun-
kelheit, aus allen Richtungen, und glitten am Ufer des Sees
entlang ... sie entfernten sich von Harry, schwebten hinüber zum
anderen Ufer ... er würde ihnen nicht zu nahe kommen ...
Harry rannte los. Er dachte nur noch an seinen Vater ...
wenn er es war ... wenn er es wirklich war ... er musste es
wissen, er musste es herausfinden ...
Der See kam näher und näher, doch niemand war zu sehen.
Am anderen Ufer konnte er dünne Silberschleier erkennen -
seine eigenen Versuche, einen Patronus zu schaffen.
Harry versteckte sich hinter einem Busch am Wasser und
schaute verzweifelt durch das Blattwerk. Das silberne Glimmen
am anderen Ufer erlosch mit einem Mal. Erregung packte ihn
und Furcht - jeden Augenblick -
423
»Komm jetzt!«, murmelte er und spähte umher, »wo bist
du? Dad, komm bitte -«
Doch keiner kam. Harry hob den Kopf und sah hinüber. Die
Dementoren hatten einen Ring gebildet. Einer von ihnen nahm
die Kapuze ab. Es war höchste Zeit, dass der Retter erschien -
doch diesmal kam keiner zu Hilfe -
Und dann traf es ihn wie ein Schlag - er begriff. Er hatte
nicht seinen Vater gesehen - sondern sich selbst -
Harry stürzte hinter dem Busch hervor und zückte den
Zauberstab.
»Expecto patronum!«, rief er.
Und aus der Spitze seines Zauberstabs brach etwas hervor,
keine unförmige Nebelwolke, sondern ein schönes, blendend
helles, silbernes Tier - er kniff die Augen zusammen und
versuchte zu erkennen, was es war - es sah aus wie ein Pferd - es
galoppierte lautlos davon, über die schwarze Oberfläche des
Sees; Harry sah, wie es den Kopf senkte und mit den
Hinterbeinen gegen den Schwarm der Dementoren ausschlug ...
jetzt galoppierte es im Kreis um die schwarzen Gestalten am
Boden, und die Dementoren wichen zurück, zerstreuten sich,
verloren sich in der Dunkelheit ... und waren verschwunden.
Der Patronus wandte sich um. Das Tier galoppierte über den
stillen See zurück. Es war kein Pferd. Es war auch kein Einhorn.
Es war ein Hirsch. Er leuchtete so hell wie der Mond am
Himmel ... er kehrte zu ihm zurück ...
Am Ufer hielt er inne. Seine Hufe hinterließen keine Spur
im weichen Boden. Er starrte Harry mit seinen großen silbernen
Augen an. Langsam neigte er den Kopf mit dem schweren
Geweih. Und Harry erkannte ...
»Krone«, flüsterte er.
Doch als er das Geschöpf mit zitternden Fingern berühren
wollte, verschwand es.
424
Harry blieb mit ausgestreckter Hand stehen. Dann - und
schon wollte ihm das Herz zerspringen - hörte er hinter sich
Hufgetrappel. Er wirbelte herum und sah Hermine auf ihn
zuspringen, Seidenschnabel im Schlepptau.
»Was hast du getan?«, sagte sie und schäumte vor Wut. »Du
wolltest doch nur Ausschau halten!«
»Ich hab gerade unser aller Leben gerettet ...«, sagte Harry.
»Komm - hinter diesen Busch - ich erklär's dir.«
Er schilderte, was geschehen war, und Hermine lauschte
abermals mit offenem Mund.
»Hat dich jemand gesehen?«
»Ja, hast du denn nicht zugehört? Ich hab mich gesehen! Es
ist gut jetzt!«
»Harry, ich kann's nicht glauben ... du hast einen Patronus
heraufbeschworen, der all diese Dementoren verjagt hat! Das ist
sehr weit fortgeschrittene Zauberei ...«
»Ich wusste, dass ich es diesmal schaffen würde«, sagte
Harry, »weil ich es schon einmal geschafft hatte ... red ich
Unsinn?«
»Ich weiß nicht - Harry, da drüben ist Snape!«
Sie lugten hinter dem Busch hervor auf die andere Seite.
Snape war zu sich gekommen. Er zauberte Tragen herbei und
hievte die leblosen Gestalten von Harry, Hermine und Black
hoch. Eine vierte Trage, zweifellos mit Ron, schwebte bereits
neben ihm. Dann, mit ausgestrecktem Zauberstab, ließ er sie
zum Schloss emporschweben.
»Gut, bald ist es so weit«, sagte Hermine angespannt und
warf einen Blick auf ihre Uhr. »Wir haben eine drei viertel
Stunde, bis Dumbledore die Tür zum Krankenflügel abschließt.
Wir müssen Sirius retten und im Krankensaal zurück sein, bevor
jemand merkt, dass wir fehlen ...«
Beim Warten sahen sie den Wolken zu, die sich im See
spiegelten, während der Busch vor ihnen in der Brise wis-
425
perte. Seidenschnabel langweilte sich und stocherte wieder nach
Würmern.
»Meinst du, er ist schon dort oben?«, sagte Harry und sah
auf die Uhr. Er sah hoch zum Schloss und zählte die Fenster
rechts vom Westturm ab.
»Schau!«, flüsterte Hermine. »Wer ist das? Da kommt
jemand aus dem Schloss!«
Harry spähte durch die Nacht. Der Mann eilte über das
Gelände auf einen der Eingänge zu. Etwas Metallenes
schimmerte an seinem Gürtel.
»Macnair!«, sagte Harry. »Der Henker! Er holt die De-
mentoren! Wir müssen los, Hermine!«
Hermine legte die Hände auf Seidenschnabels Rücken und
Harry half ihr, sich aufzuschwingen. Dann stellte er den Fuß auf
einen niedrigen Ast und kletterte selbst hoch. Er zog
Seidenschnabel die Leine um den Hals und befestigte sie wie
Zügel oben am Kummet.
»Fertig?«, flüsterte er Hermine hinter ihm zu. »Du hältst
dich am besten an mir fest -«
Mit den Fersen stieß er Seidenschnabel sanft in die Seiten.
Seidenschnabel flatterte mühelos hoch in den dunklen
Himmel. Harry presste die Knie gegen seine Flanken und spürte,
wie sich die großen Flügel neben ihnen kraftvoll spannten.
Hermine klammerte sich fest um Harrys Hüfte; er konnte sie
murmeln hören, »O nein - das ist nichts für mich - o nein, das ist
wirklich nichts für mich -«
Harry trieb Seidenschnabel zur Eile. Sie schwebten leise
hinauf zu den oberen Stockwerken des Schlosses ... Harry zog
die Leine heftig nach links und Seidenschnabel folgte ihm.
Harry versuchte die vorbeifliegenden Fenster zu zählen -
»Oha!«, sagte er und riss mit aller Kraft an der Leine.
Seidenschnabel flog langsamer und dann blieben sie in der
426
Luft stehen, wenn man davon absah, dass sie auf- und ab-
hüpften, weil Seidenschnabel mit den Flügeln schlagen musste,
um oben zu bleiben.
»Er ist da!«, sagte Harry, der Sirius gesehen hatte, als sie vor
seinem Fenster auftauchten. Er streckte die Hand mit dem
Zauberstab aus und konnte beim nächsten Flügelschlag gegen
das Glas schlagen.
Black blickte auf Harry sah, wie ihm die Kinnlade herun-
terfiel. Black sprang vom Stuhl, stürzte zum Fenster und wollte
es öffnen, doch es war verschlossen.
»Zurücktreten!«, rief ihm Hermine zu. Mit der linken Hand
klammerte sie sich an Harrys Umhang fest, mit der rechten
zückte sie den Zauberstab.
»Alohomora!«
Das Fenster sprang au£
»Wie ... wie?«, fragte Black erschöpft und starrte den
Hippogreif an.
»Steig auf Wir haben keine Zeit zu verlieren«, sagte Harry
und packte Seidenschnabel fest an der einen Seite seines
schlanken Halses, um ihn ruhig zu halten. »Du musst fliehen -
die Dementoren kommen - Macnair holt sie.«
Black hielt sich an beiden Seiten des Fensters fest und zog
Kopf und Schultern ins Freie. Ein Glück, dass er so mager war.
In Sekundenschnelle gelang es ihm, ein Bein über Sei-
denschnabels Rücken zu schwingen und sich hinter Hermine auf
den Hippogreif zu ziehen.
»Gut gemacht, Seidenschnabel, und jetzt hoch -«, sagte
Harry und schlackerte mit der Leine. »Hoch zum Turm - mach
schon!«
Mit einem Schlag seiner mächtigen Flügel rauschten sie
davon, hoch bis zur Spitze des Westturms. Seidenschnabel
landete hufklappernd auf den Zinnen und Harry und Hermine
ließen sich sofort heruntergleiten.
427
»Sirius, du verschwindest am besten, schnell«, keuchte
Harry. »Sie werden jeden Moment in Flitwicks Büro kommen
und sehen, dass du fort bist.«
Seidenschnabel scharrte auf dem Boden und warf seinen
scharfen Kopf hin und her.
»Was ist mit dem anderen Jungen passiert? Mit Ron?«,
krächzte Sirius.
»Er wird sich wieder erholen - ist immer noch außer Ge-
fecht, aber Madam Pomfrey sagt, sie wird ihn schon wieder
hinkriegen - schnell - flieh -«
Doch Black starrte Harry unverwandt an.
»Wie kann ich dir jemals danken -«
»Flieh!«, riefen Harry und Hermine aus einem Mund.
Black warf Seidenschnabel herum und sah in den offenen
Himmel.
»Wir sehen uns wieder«, sagte er. »Du bist - ganz der Sohn
deines Vaters, Harry ...«
Er drückte die Fersen in Seidenschnabels Seiten; Harry und
Hermine sprangen zurück, und die gewaltigen Flügel hoben sich
von neuem ... der Hippogreif stieg in den Nachthimmel ... Harry
sah ihnen nach, wie sie kleiner und kleiner wurden ... dann
schob sich eine Wolke vor den Mond ... fort waren sie.
428
Noch einmal Eulenpost
»Harry!«
Hermine zupfte ihn am Ärmel und starrte auf die Uhr. »Wir
haben genau zehn Minuten, um in den Krankenflügel
runterzukommen, bevor Dumbledore die Tür schließt - und
keiner darf uns sehen!«
»Okay«, sagte Harry und wandte sich widerwillig vom
Nachthimmel ab, »gehen wir ...«
Sie schlüpften durch die Turmtür und stiegen eine schmale
Wendeltreppe hinunter. Unten angekommen, hörten sie
Stimmen. Sie drängten sich in eine Nische in der Wand und
lauschten. Die Stimmen klangen nach Fudge und Snape, die
rasch den Korridor entlanggingen, in dem Harry und Hermine
standen.
»... hoffe nur, Dumbledore macht keine Scherereien«, sagte
Snape. »Der Kuss wird doch sofort ausgeführt?«
»Sobald Macnair mit den Dementoren zurückkommt. Diese
ganze Affäre mit Black war äußerst peinlich. Ich kann Ihnen
nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue, dem Ta-
gespropheten mitteilen zu können, dass wir ihn endlich gefasst
haben ... die werden mit Ihnen sprechen wollen, Snape ... und
sobald der Junge Harry wieder bei Verstand ist, möchte er den
Zeitungsleuten sicher genau erzählen, wie Sie ihn gerettet haben
...«
Harry biss die Zähne zusammen. Fudge und Snape gingen
jetzt an ihrem Versteck vorbei und er erhaschte einen Blick
auf Snapes grinsendes Gesicht. Ihre Schritte wurden leiser
429
und erstarben. Um sicherzugehen, warteten Harry und Hermine
noch einige Sekunden, dann rannten sie in die andere Richtung:
eine Treppe hinunter, noch eine, durch einen Korridor - und
dann hörten sie vor sich ein gackerndes Lachen.
»Peeves!«, zischte Harry und packte Hermine am Hand-
gelenk, »da rein!«
Gerade noch rechtzeitig stürzten sie in ein leeres Klassen-
zimmer zur Linken. Peeves hüpfte in bester Laune den Korridor
entlang und schien sich vor Lachen nicht mehr einzukriegen.
»Oh, ist der abscheulich«, wisperte Hermine, das Ohr an der
Tür. »Ich wette, er ist ganz aus dem Häuschen, weil die
Dementoren Sirius erledigen wollen ...« Sie sah auf die Uhr.
»Noch drei Minuten, Harry!«
Sie warteten, bis Peeves' schadenfroher Singsang in der
Ferne verstummt war, dann glitten sie aus dem Zimmer und
rannten erneut los.
»Hermine - was passiert - wenn wir nicht reinkommen
-bevor Dumbledore die Tür schließt?«, hechelte Harry.
»Daran will ich gar nicht denken!«, stöhnte Hermine und
sah wieder auf die Uhr. »Eine Minute noch!«
Sie waren im Korridor zum Krankenflügel angelangt. »Gut -
ich kann Dumbledore hören«, sagte Hermine- angespannt.
»Komin, Harry!«
Sie schlichen den Gang entlang. Die Tür öffnete sich.
Dumbledores Rücken erschien.
»Ich werde euch einschließen«, hörten sie ihn sagen. »Es ist
fünf Minuten vor zwölf Hermine, drei Drehungen sollten
genügen. Viel Glück.«
Dumbledore trat heraus, schloss die Tür und nahm seinen
Zauberstab, um sie magisch zu verschließen. Von Panik
gepackt stürzten Harry und Hermine auf ihn zu. Dumbledore
430
sah auf und ein breites Lächeln erschien unter seinem langen
silbernen Schnurrbart. »Nun?«, fragte er leise.
»Wir haben's geschafft!«, sagte Harry atemlos. »Sirius ist
geflohen, auf dem Rücken von Seidenschnabel ...«
Dumbledore strahlte.
»Gut gemacht. Ich glaube -«, er lauschte aufmerksam an der
Tür zum Krankensaal. »Ja, ich glaube, auch ihr seid fort - geht
rein - ich schließe euch ein -«
Harry und Hermine schlüpften durch die Tür. Der Saal war
fast leer, nur Ron lag immer noch reglos im letzten Bett. Die Tür
klickte ins Schloss und Harry und Hermine krochen in ihre
Betten zurück. Hermine steckte den Zeitumkehrer unter ihren
Umhang. Und schon kam Madam Pomfrey aus ihrem Büro
gewuselt.
»Hab ich den Direktor gehen hören? Darf ich jetzt nach
meinen Patienten schauen?«
Sie hatte ausgesprochen schlechte Laune. Harry und Her-
mine hielten es für das Beste, ihr stumm die Schokolade ab-
zunehmen. Madam Pomfrey stand neben ihnen und passte auf,
dass sie ihre Medizin auch aßen. Doch Harry konnte kaum
schlucken. Er und Hermine warteten, lauschten, ihre Nerven
lagen blank ... Und dann, als sie beide das vierte Stück
Schokolade hinunterwürgten, hörten sie aus der Ferne, irgendwo
über ihnen, ein zorniges Grollen ...
»Was war das?«, fragte Madam Pomfrey aufgeschreckt.
Jetzt konnten sie wütende Stimmen hören, die immer lauter
wurden. Madam Pomfrey starrte zur Tür.
»Also wirklich - sie wecken alle auf! Was bilden die sich
eigentlich ein?«
Harry versuchte zu verstehen, was die Stimmen sagten. Sie
kamen näher -
»Er muss desappariert sein, Severus, wir hätten jemanden
bei ihm lassen sollen - wenn das rauskommt -«
431
»Von wegen desappariert!«, brüllte Snape, jetzt ganz in der
Nähe. »Man kann in diesem Schloss weder apparieren noch
desapparieren! Das - hat - etwas - mit - Potter - zu - tun!«
»Severus, seien Sie vernünftig - Harry war doch einge-
schlossen -«
Krach.
Die Tür zum Krankensaal flog auf
Fudge, Snape und Dumbledore kamen herein. Einzig
Dumbledore sah gelassen aus. Tatsächlich sah er fast aus, als
würde er sich amüsieren. Fudge schien verärgert. Doch Snape
war außer sich.
»Raus mit der Sprache, Potter!«, bellte er. »Was hast du ge-
tan!«
»Professor Snape!«, kreischte Madam Pomfrey. »Benehmen
Sie sich!«
»Snape, seien Sie vernünftig«, sagte Fudge, »diese Tür war
verschlossen, das haben wir eben festgestellt -«
»Die beiden haben ihm geholfen zu fliehen, ich weiß es!«,
heulte Snape und deutete auf Harry und Hermine. Sein Gesicht
war zu einer Grimasse verzerrt und Spucke sprühte ihm aus dem
Mund.
»Beruhigen Sie sich, Mann!«, bellte jetzt Fudge. »Sie reden
Unsinn!«
»Sie kennen Potter nicht!«, kreischte Snape. »Er hat es ge-
tan, ich weiß es genau!«
»Nun ist es aber gut, Severus«, sagte Dumbledore. »Denken
Sie mal darüber nach, was Sie sagen. Diese Tür war ver-
schlossen, seit ich vor zehn Minuten hier raus bin. Madam
Pomfrey, haben diese Schüler ihre Betten verlassen?«
»Natürlich nicht!«, sagte Madam Pomfrey entrüstet. »Das
hätte ich gehört!«
»Nun, da haben Sie's, Severus«, sagte Dumbledore sanft.
»Werin Sie nicht behaupten wollen, dass Harry und Her-
432
mine an zwei Orten zugleich sein können, sehe ich nicht, warum
wir sie noch länger stören sollten.«
Snape brodelte immer noch vor Zorn und sein Blick wan-
derte von Fudge, der von Snapes Gebaren zutiefst schockiert
schien, zu Dumbledore, dessen Augen hinter den Bnillengläsern
funkelten. Snape wirbelte herum und stürmte mit wehendem
Umhang aus dem Krankensaal.
»Der Bursche scheint recht durcheinander zu sein«, sagte
Fudge und starrte ihm nach. »Ich würde ihn im Auge behalten,
wenn ich Sie wäre, Dumbledore.«
»Oh, er ist nicht durcheinander«, sagte Dumbledore
gelassen. »Er hat nur eben gerade eine schwere Enttäuschung
erlitten.«
»Da ist er nicht der Einzige!«, seufzte Fudge. »Ich seh schon
die Schlagzeile im Tagespropheten! Wir hatten Black schon
dingfest gemacht und er ist uns wieder entwischt! Jetzt muss nur
noch ans Licht kommen, dass dieser Hippogreif auch
entkommen ist, und ich bin das Gespött der Leute! Nun ... ich
verschwinde jetzt besser und benachrichtige das Ministerium ...«
»Und die Dementoren?«, sagte Dumbledore. »Sie werden
von der Schule abgezogen, oder etwa nicht?«
»O doch, sie müssen gehen«, sagte Fudge und fuhr sich
zerstreut mit den Fingern durch die Haare. »Hätte mir nie
träumen lassen, dass sie versuchen würden, einem unschuldigen
Kind ihren Kuss zu verpassen ... völlig außer Kontrolle ... nein,
ich lass sie heute Abend noch nach Askaban verfrachten ...
vielleicht sollten wir über Drachen am Schuleingang
nachdenken ...«
»Da wäre Hagrid gleich dabei«, sagte Dumbledore und lä-
chelte Harry und Hermine zu.
Als er und Fudge den Schlafsaal verlassen hatten, flitzte
Madam Pomfrey gleich zur Tür und schloss ab. Zornig vor sich
hin murmelnd eilte sie zurück in ihr Büro.
433
Ein leises Stöhnen drang vom anderen Ende des Saals he-
rüber. Ron war aufgewacht. Er setzte sich auf, rieb sich den
Kopf und sah sich um.
»Was ... was ist passiert?«, ächzte er. »Harry? Warum sind
wir hier? Wo ist Black? Was ist eigentlich los?«
Harry und Hermine sahen sich an.
»Erklär du mal«, sagte Harry und nahm sich noch ein wenig
Schokolade.
Als Harry, Ron und Hermine am nächsten Tag um die Mit-
tagszeit den Krankenflügel verließen, fanden sie ein fast
menschenleeres Schloss vor. Die flirrende Hitze und das Ende
der Prüfungen hatten alle auf die Idee gebracht, wieder mal nach
Hogsmeade zu gehen. Weder Ron noch Hermine hatten große
Lust dazu, und so wanderten sie mit Harry über die Ländereien
und unterhielten sich über die erstaunlichen Ereignisse der
vergangenen Nacht. Wo Sirius und Seidenschnabel inzwischen
wohl waren?
Sie ließen sich am Seeufer nieder und beobachteten den
Riesenkraken, der mit seinen Greifarmen faul im Wasser
planschte. Harry verlor den Gesprächsfaden, als er hinüber auf
die andere Seite sah. Vom anderen Ufer her war der Hirsch
letzte Nacht auf ihn zugaloppiert ...
Ein Schatten fiel über sie und als sie aufblickten, stand ein
recht trübäugiger Hagrid hinter ihnen. Er wischte sich mit einem
seiner tischtuchgroßen Taschentücher den Schweiß vom Gesicht
und strahlte sie an.
»Ich weiß, ich sollte nicht so guter Laune sein, nach dem,
was gestern Nacht passiert ist«, sagte er. »Wo doch Black schon
wieder geflohen ist - aber wisst ihr was?«
»Was?«, sagten sie und setzten ernste Mienen auf.
»Schnäbelchen! Er ist entkommen! Er ist frei! Hab die
ganze Nacht gefeiert!«
434
»Das istja toll!«, sagte Hermine und warf Ron, der kaum das
Lachen unterdrücken konnte, einen vorwurfsvollen Blick zu.
»Jaah ... muss ihn wohl nicht richtig festgebunden haben«,
sagte Hagrid und ließ den Blick glückselig über das Land
schweifen. »Hab mir heute Morgen allerdings doch Sorgen
gemacht, Leute ... dachte, er wäre irgendwo da draußen viel-
leicht Professor Lupin über den Weg gelaufen, aber Lupin sagt,
er hätte gestern Nacht überhaupt nichts gefressen ...«
»Wie bitte?«, sagte Harry rasch.
»Hol mich der Teufel, habt ihr's noch nicht gehört?«, fragte
Hagrid und sein Lächeln verblasste ein wenig. Obwohl niemand
in der Nähe war, senkte er die Stimme. »Ähm - Snape hat es
heute Morgen den Slytherins gesagt ... dachte, ihr wüsstet es
inzwischen ... Professor Lupin ist nämlich ein Werwolf. Und er
hat sich letzte Nacht auf den Ländereien rumgetrieben ... er
packt jetzt natürlich seine Sachen.«
»Er packt?«, sagte Harry erschrocken. »Warum?«
»Tja, er muss gehen, nicht wahr?«, sagte Hagrid und schien
überrascht, dass Harry auch noch fragen konnte. »Hat gleich
heute Morgen gekündigt. Sagt, er könne es nicht riskieren, dass
es noch einmal passiert.«
Harry rappelte sich hoch.
»Ich geh zu ihm«, sagte er zu Ron und Hermine gewandt.
»Aber wenn er gekündigt hat -«
»- klingt nicht so, als könnten wir noch was tun -«
»Ist mir egal. Ich will trotzdem mit ihm reden. Wir treffen
uns dann hier.«
Lupins Bürotür stand offen. Er war mit Packen fast fertig.
Der leere Glasbehälter des Grindelohs stand neben
seinem zerbeulten alten Koffer, in dem nicht mehr viel Platz
war.
435
Lupin beugte sich über etwas auf seinem Schreibtisch und sah
erst auf, als Harry an die Tür klopfte.
»Ich hab dich kommen sehen«, sagte Lupin lächelnd. Er
deutete auf das Pergament, über dem er gebrütet hatte. Es war
die Karte des Rumtreibers.
»Ich hab eben Hagrid gesehen«, sagte Harry. »Und er
meinte, Sie hätten gekündigt. Das stimmt doch nicht, oder?«
»Ich fürchte, doch«, sagte Lupin. Er fing jetzt an, die
Schreibtischschubladen herauszuziehen und sie zu leeren.
»Warum?«, sagte Harry. »Das Zaubereiministerium glaubt
doch nicht, dass Sie Sirius geholfen haben, oder?«
Lupin ging zur Tür und schloss sie.
»Nein. Professor Dumbledore konnte Fudge davon über-
zeugen, dass ich versucht habe, euch das Leben zu retten.« Er
seufzte. »Das hat das Fass für Severus zum Überlaufen gebracht.
Ich glaube, es hat ihn schwer getroffen, dass er den Orden des
Merlin nun doch nicht bekommt. Also hat er heute Morgen beim
Frühstück - ähm - versehentlich ausgeplaudert, dass ich ein
Werwolf bin.«
»Sie gehen doch nicht etwa deswegen!«, sagte Harry.
Lupin lächelte gequält.
»Morgen um diese Zeit trudeln die Eulen von den Eltern ein
... sie werden keinen Werwolf als Lehrer ihrer Kinder haben
wollen, Harry. Und nach dem, was letzte Nacht passiert ist, kann
ich sie verstehen. Ich hätte jeden von euch beißen können ... das
darf nie mehr vorkommen.«
»Sie sind der beste Lehrer für Verteidigung gegen die dunk-
len Künste, den wir je hatten!«, sagte Harry. »Bleiben Sie!«
Lupin schüttelte den Kopf und schwieg. Er räumte die
nächste Schublade aus. Dann, während Harry noch nach einem
guten Grund suchte, um ihn zum Bleiben zu bewegen, sagte
Lupin:
»Nach dem, was der Schulleiter mir heute Morgen er-
436
zählt hat, hast du letzte Nacht einige Leben gerettet, Harry.
Wenn ich dieses Jahr auf etwas stolz sein kann, dann darauf, wie
viel du gelernt hast ... erzähl mir von deinem Patronus.«
»Woher wissen Sie das?«
»Was sonst hätte die Dementoren vertreiben können?«
Harry schilderte Lupin, was geschehen war. Am Ende lä-
chelte Lupin.
»Ja, dein Vater hat sich immer in einen Hirsch verwandelt«,
sagte er. »Du hast richtig geraten ... darum haben wir ihn Krone
genannt.«
Lupin warf die letzten Bücher in den Koffer, schloss die
Schubladen und wandte sich Harry zu.
»Hier - das hab ich letzte Nacht aus der Heulenden Hütte
geholt«, sagte er und gab Harry den Tarnumhang zurück. »Und
...«, er zögerte, dann streckte er ihm auch die Karte des
Rumtreibers entgegen. »Ich bin nicht mehr dein Lehrer, also
fühle ich mich auch nicht unwohl dabei, wenn ich sie dir zu-
rückgebe. Ich kann sie nicht gebrauchen und ich bin sicher, Ron
und Hermine werden sie noch nützlich finden.«
Grinsend nahm Harry die Karte entgegen.
»Sie haben gesagt, Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone
hätten mich aus der Schule locken wollen ... sie hätten das lustig
gefunden.«
»Das hätten wir auch getan«, sagte Lupin und bückte sich,
um den Koffer zu schließen. »Ich will dir nicht verhehlen, dass
James mächtig enttäuscht gewesen wäre, wenn sein Sohn nie
einen der Geheimgänge aus dem Schloss gefunden hätte.«
Jemand klopfte. Harry stopfte die Karte und den Tarnum-
hang hastig in die Tasche.
Es war Professor Dumbledore. Er schien nicht überrascht,
Harry vorzufinden.
»Ihre Kutsche wartet vorne am Tor, Remus«, sagte er.
437
»Vielen Dank, Direktor.«
Lupin hob seinen alten Koffer und den leeren Grindeloh-
Kasten hoch.
»Also - auf Wiedersehen, Harry«, sagte er lächelnd. »Es hat
richtig Spaß gemacht, dein Lehrer zu sein. Ich bin sicher, wir
sehen uns eines Tages wieder. Direktor, Sie müssen mich nicht
hinausbegleiten, ich schaff das schon ...«
Harry hatte den Eindruck, als wolle Lupin so schnell wie
möglich fort.
»Dann auf Wiedersehen, Remus«, sagte Dumbledore
trocken. Lupin nahm den Glaskasten unter den Arm und
schüttelte Dumbledore die Hand. Dann, mit einem letzten
Kopfnicken für Harry und dem Anflug eines Lächelns, ging
Lupin hinaus.
Harry setzte sich auf Lupins Stuhl und starrte trübselig zu
Boden. Er hörte die Tür ins Schloss fallen und sah auf Dum-
bledore war noch da.
»Warum so niedergeschlagen, Harry?«, fragte er sanft.
»Nach der letzten Nacht solltest du sehr stolz auf dich sein.«
»Ich hab doch nichts ausrichten können«, sagte Harry er-
bittert. »Pettigrew ist entkommen.«
»Nichts ausrichten?«, sagte Dumbledore leise. »Du hast
etwas Entscheidendes geschafft, Harry. Du hast dazu beige-
tragen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Du hast einen
Unschuldigen vor einem schrecklichen Schicksal bewahrt.«
Schrecklich. Etwas regte sich in Harrys Gedächtnis. Größer
und schrecklicher denn je ... Die Vorhersage von Professor Tre-
lawney!
»Professor Dumbledore - gestern, als ich meine Prüfung in
Wahrsagen hatte, ist Professor Trelawney plötzlich - sehr
merkwürdig geworden.«
»Tatsächlich?«, sagte Dumbledore. »Ähm - merkwürdiger
als sonst, meinst du?«
438
»Ja ... ihre Stimme war plötzlich ganz tief und ihre Augen
kullerten und sie sagte ... sie sagte, Voldemorts Knecht würde
sich auf den Weg machen und noch vor Mitternacht zu ihm
zurückkehren ... der Knecht würde ihm helfen, wieder an die
Macht zu kommen.« Harry blickte zu Dumbledore auf »Und
dann wurde sie sozusagen wieder normal und sie konnte sich an
nichts mehr erinnern. War das - war das eine echte
Vorhersage?«
Dumbledore schien milde beeindruckt.
»Weißt du, Harry, ich glaube, das könnte sein«, sagte er
nachdenklich. »Wer hätte das gedacht? Damit steigt die Zahl
ihrer wahren Vorhersagen auf zwei. Ich sollte ihr eine Ge-
haltserhöhung anbieten ...«
»Aber -«, Harry sah ihn entgeistert an. Wie konnte Dum-
bledore das nur so leicht nehmen?
»Aber - ich habe Sirius und Professor Lupin davon abge-
halten, Pettigrew zu töten! Dann ist es meine Schuld, wenn
Voldemort zurückkommt!«
»Keineswegs«, sagte Dumbledore gelassen. »Hat die Er-
fahrung mit dem Zeitumkehrer dich nichts gelehrt, Harry? Die
Folgen unserer Handlungen sind immer so verwickelt, so
vielfältig, dass die Vorhersage der Zukunft ein äußerst
schwieriges Geschäft ist ... Professor Trelawney, die Gute, ist
der lebende Beweis dafür ... du hast etwas sehr Achtenswertes
getan, als du Pettigrews Leben gerettet hast.«
»Aber wenn er Voldemort hilft, an die Macht zu kommen
-!«
»Pettigrew verdankt dir sein Leben. Du hast Voldemort
einen Gehilfen geschickt, der in deiner Schuld steht ... wenn ein
Zauberer das Leben eines anderen Zauberers rettet, entsteht ein
gewisses Band zwischen ihnen ... und ich müsste mich schwer
irren, wenn Voldemort einen Knecht will, der in Harry Potters
Schuld steht.«
439
»Ich will nichts mit Pettigrew zu tun haben!«, sagte Harry.
»Er hat meine Eltern verraten!«
»Das ist ganz tiefe, undurchdringliche Magie, Harry. Aber
glaub mir ... der Tag mag kommen, an dem du sehr froh sein
wirst, Pettigrew den Tod erspart zu haben.«
Harry konnte sich nicht vorstellen, wann das sein sollte.
Dumbledore schien zu ahnen, was er dachte.
»Ich kannte deinen Vater sehr gut, Harry, sowohl in Hog-
warts als auch später«, sagte er leise. »Auch er hätte Pettigrew
das Leben gerettet, da bin ich sicher.«
Harry sah zu ihm auf. Dumbledore würde nicht lachen - ihm
konnte er es sagen ...
»Ich dachte, es wäre mein Dad, der den Patronus herauf-
beschworen hat. Als ich mich selbst am anderen Ufer gesehen
habe ... dachte ich, ich würde ihn sehen.«
»Ein solches Versehen passiert leicht«, sagte Dumbledore
sanft. »Es ist sicher nichts Neues für dich, aber du siehst James
verblüffend ähnlich. Nur deine Augen .. die Augen hast du von
deiner Mutter.«
Harry schüttelte den Kopf
»Das war dumm von mir, zu denken, es wäre mein Dad«,
murmelte er. »Ich weiß doch, dass er tot ist.«
»Glaubst du, die Toten, die wir liebten, verlassen uns je
ganz? Glaubst du, es ist Zufall, dass wir uns in der größten Not
am deutlichsten an sie erinnern? Du weißt, er lebt in dir weiter,
Harry, und zeigt sich am deutlichsten, wenn du fest an ihn
denkst. Wie sonst konntest du gerade diesen Patronus
erschaffen? Er trat letzte Nacht wieder in dein Leben.«
Harry brauchte eine Weile, um Dumbledores Worte zu
begreifen.
»Sirius hat mir letzte Nacht erzählt, wie sie Animagi wur-
den«, sagte Dumbledore lächelnd. »Eine ungeheure Leistung -
und nicht zuletzt, dass sie es vor mir geheim gehalten
440
haben. Und dann fiel mir ein, welch ungewöhnliche Gestalt dein
Patronus annahm, als er Mr Malfoy beim QuidditchSpiel gegen
Ravenclaw so zusetzte. Weißt du, Harry, in gewisser Weise hast
du deinen Vater letzte Nacht wieder gesehen ... du hast ihn in dir
selbst gefunden.«
Dumbledore ging hinaus und überließ Harry seinen arg
verwirrten Gedanken.
Keiner in Hogwarts kannte jetzt die Wahrheit über das Ge-
schehen in der Nacht, als Sirius, Seidenschnabel und Pettigrew
verschwanden, außer Harry, Ron, Hermine und Dumbledore.
Das Schuljahr ging nun rasch dem Ende zu und Harry hörte die
unterschiedlichsten Theorien über das, was wirklich geschehen
war. Doch keine kam der Wahrheit nahe.
Malfoy war wütend wegen Seidenschnabel. Er war über-
zeugt, Hagrid sei es irgendwie gelungen, den Hippogreif in
Sicherheit zu bringen, und er schien außer sich vor Zorn, dass
ein Wildhüter ihm und seinem Vater ein Schnippchen
geschlagen hatte. Percy Weasley unterdessen hatte einiges zur
Flucht von Sirius zu sagen.
»Wenn ich es schaffe, ins Ministerium zu kommen, werde
ich denen mal erklären, wie man in der Zaubererwelt Recht und
Ordnung durchsetzt!«, erklärte er dem einzigen Menschen, der
zuhören wollte - seiner Freundin Penelope.
Das Wetter war herrlich, alle waren bestens gelaunt, Harry
wusste, dass sie das fast Unmögliche geschafft und Sirius zur
Freiheit verholfen hatten - und doch hatte er dem Ende eines
Schuljahres noch nie so niedergeschlagen entgegengesehen.
Offensichtlich war er nicht der Einzige, der es schade fand,
dass Professor Lupin gegangen war. Alle, die bei ihm
Verteidigung gegen die dunklen Künste gehabt hatten, waren
über seine Kündigung bestürzt.
441
»Ich frag mich, wen sie uns nächstes Jahr vorsetzen«, sagte
Seamus Finnigan mit düsterer Miene.
»Vielleicht einen Vampir«, meinte Dean Thomas hoff-
nungsvoll.
Nicht allein der Abschied von Professor Lupin bedrückte
Harry. Ständig musste er an Professor Trelawneys Vorhersage
denken. Er fragte sich immer wieder, wo Pettigrew jetzt wohl
Steckte, ob er bereits Zuflucht bei Voldemort gefunden hatte.
Doch was Harry die Laune besonders vermieste, war die
Aussicht, zu den Dursleys zurückzukehren. Gut eine halbe
Stunde lang, eine herrliche halbe Stunde lang hatte er geglaubt,
er würde von nun an bei Sirius leben ... beim besten Freund
seiner Eltern ... das wäre fast so gut gewesen, wie seinen Vater
zurückzubekommen. Keine Nachricht von Sirius war natürlich
eine gute Nachricht, denn das hieß, er hatte sich verstecken
können. Und doch war Harry einfach elend zumute, wenn er an
das Zuhause dachte, das er hätte haben können.
Am letzten Schultag bekamen sie die Prüfungsergebnisse.
Harry, Ron und Hermine hatten es in jedem Fach geschafft.
Harry war verblüfft, dass er in Zaubertränke nicht durchgefallen
war. Er hatte den dunklen Verdacht, dass Dumbledore
eingegriffen und Snape daran gehindert hatte, ihn absichtlich
durchrasseln zu lassen. Wie Snape sich ihm gegenüber in der
letzten Woche verhalten hatte, war äußerst beunruhigend. Harry
hätte es nicht für möglich gehalten, dass Snape sich noch mehr
in seinen Hass gegen ihn hineinsteigern würde, doch genauso
war es. Jedes Mal, wenn er Harry ansah, zuckte es Unheil
verkündend um seinen schmalen Mund und er ließ die
Fingerknöchel knacken, als ob er danach gierte, die Finger ganz
fest um Harrys Hals zu legen.
Percy hatte seinen UTZ geschafft, Fred und George um
Haaresbreite ihren ersten ZAG. Die Gryffindors unterdessen
442
hatten, vor allem dank der Aufsehen erregenden Leistung im
Quidditch-Cup, das dritte Jahr in Folge die Hausmeisterschaft
gewonnen. So war die Halle beim Abschlussfest ganz in
Scharlachrot und Gold geschmückt und am Tisch der
Gryffindors ging es bei der Feier natürlich am lautesten zu.
Selbst Harry schaffte es, die Rückreise zu den Dursleys, die am
nächsten Tag anstand, zu vergessen, und er feierte, redete und
lachte mit den andern.
Als der Hogwarts-Express am nächsten Morgen aus dem
Bahnhof fuhr, konnte Hermine mit einer erstaunlichen Neuigkeit
für Harry und Ron aufwarten.
»Heute Morgen kurz vor dem Frühstück habe ich mit
Professor McGonagall gesprochen. Ich habe beschlossen,
Muggelkunde sausen zu lassen.«
»Aber du hast doch die Prüfung mit dreihundertundzwanzig
Prozent geschafft!«, sagte Ron.
»Ich weiß«, seufzte Hermine, »aber noch ein Jahr wie dieses
halte ich nicht aus. Dieser Zeitumkehrer hat mich ganz verrückt
gemacht. Ich hab ihn zurückgegeben. Ohne Muggelkunde und
Wahrsagen hab ich endlich wieder einen ganz gewöhnlichen
Stundenplan.«
»Ich kann immer noch nicht fassen, dass du uns nichts da-
von gesagt hast«, grollte Ron. »Wo wir doch angeblich deine
Freunde sind.«
»Ich habe versprochen, es niemandem zu sagen«, sagte
Hermine streng. Sie wandte sich Harry zu, der aus dem Fenster
sah, wie Hogwarts hinter einem Berg verschwand. Zwei ganze
Monate, bis er es wieder sehen würde ...
»Aach, Kopf hoch, Harry!«, sagte Hermine besorgt.
»Mir geht's gut«, sagte Harry rasch. »Ich denk nur an die
Ferien.«
»Ja, daran hab ich auch gedacht«, sagte Ron. »Harry, du
musst uns besuchen kommen. Ich red erst mal mit Mum
443
und Dad und dann ruf ich dich an. Ich weiß jetzt, wie man ein
Feleton benutzt -«
»Ein Telefon, Ron«, sagte Hermine. »Ehrlich Mal, du soll-
test nächstes Jahr Muggelkunde belegen ...«
Ron überging das.
»In diesem Sommer ist die Weltmeisterschaft im Quidditch!
Wie wär's, Harry? Komm ein paar Wochen zu uns und wir
gehen hin! Dad kriegt meist Karten übers Büro.«
Der Vorschlag verfehlte seine Wirkung nicht und heiterte
Harry kräftig auf
»Jaah ... ich wette, die Dursleys sind froh, wenn sie mich los
sind ... besonders nach dem, was ich mit Tante Magda angestellt
hab ...«
Um einiges besser gelaunt spielte Harry mit Ron und
Hermine ein paar Partien Snape explodiert, und als die Hexe mit
dem Teewagen an die Tür kam, kaufte er sich ein recht üppiges
Mittagessen, allerdings nichts mit Schokolade drin.
Doch spät am Nachmittag dann tauchte das, was ihn so
unglücklich machte, wieder auf ...
»Harry«, sagte Hermine plötzlich. Sie sah an ihm vorbei aus
dem Fenster. »Was ist das eigentlich da draußen?«
Harry wandte sich um. Etwas Kleines und Graues hüpfte vor
dem Fenster auf und ab. Er stand auf, um es besser sehen zu
können, und erkannte eine winzige Eule, mit einem Brief im
Schnabel, der viel zu groß für sie war. So klein war die Eule,
dass sie heftig am Trudeln war und im Fahrtwind des Zuges
immer wieder gegen die Scheibe klatschte. Schnell zog Harry
das Fenster herunter, streckte den Arm hinaus und fing sie ein.
Sie fühlte sich an wie ein sehr flaumiger Schnatz. Vorsichtig
holte er sie ins Abteil. Die Eule ließ ihren Brief auf Harrys Sitz
fallen und begann im Abteil herumzuflattern, offenbar
hochzufrieden, dass sie ihre Aufgabe geschafft hatte. Hedwig,
mit würdevoller Miene, klap-
444
perte missbilligend mit dem Schnabel. Krummbein erwachte aus
dem Schlaf, setzte sich auf und folgte der Eule mit seinen
großen gelben Augen. Ron, dem das nicht entging, fing die Eule
ein und barg sie in der Hand.
Harry nahm den Brief hoch. Er trug seinen Namen. Er riss
den Umschlag auf und rief:
»Von Sirius!«
»Was?«, sagten Ron und Hermine begeistert. »Lies ihn laut
vor!«
Lieber Harry,
ich hoffe, dieser Brief erreicht dich, bevor du zu Onkel und
Tante kommst. Ich weiß nicht, ob sie an Eulenpost gewöhnt
sind.
Seidenschnabel und ich haben ein Versteck gefunden. Ich sag
dir nicht, wo es ist, falls diese Eule in die falschen Hände gerät.
Ich bin mir nicht ganz sicher, wie zuverlässig sie ist, aber sie ist
die beste, die ich finden konnte, und sie schien ganz scharf auf
diesen Job.
Ich glaube, die Dementoren suchen immer noch nach mir, doch
hier werden sie mich bestimmt nicht finden. Ich werde mich
demnächst irgendwo ein paar Muggeln zeigen, weit weg von
Hogwarts, so dass sie die Sicherheitsvorkehrungen im Schloss
aufheben können.
Es gibt noch etwas, das ich dir bei unserem kurzen Zusam-
mentreffen nicht erzählen konnte. Ich war es, der dir den
Feuerblitz geschickt hat -
»Ha!«, sagte Hermine triumphierend. »Siehst du! Ich hab's
dir doch gesagt!«
»Ja, aber er hatte ihn nicht verhext, oder?«, sagte Ron.
»Autsch!«
Die winzige Eule, die inzwischen glücklich in seiner
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Hand fiepte, hatte ihm in den Finger gepickt und es offenbar
zärtlich gemeint.
Krummbein brachte für mich die Bestellung zur Eulenpost. Ich
habe deinen Namen verwendet, aber geschrieben, dass sie das
Gold aus dem Gringotts-Verlies Nummer siebenhundertelf
nehmen sollten - das mir gehört. Bitte betrachte den Feuerblitz
als dreizehn Geburtstagsgeschenke auf einmal von deinem
Paten.
Ich möchte mich auch dafür entschuldigen, dass ich dir im
letzten Jahr offenbar so viel Angst bereitet habe, und zwar in der
Nacht, als du das Haus deines Onkels verlassen hattest. Ich
wollte nur kurz einen Blick auf dich werfen, bevor ich mich auf
die Reise nach Norden begab, aber ich glaube, mein Anblick hat
dir einen Schock verpasst.
Ich habe noch etwas für dich beigelegt, von dem ich glaube, dass
es dein nächstes Jahr in Hogwarts vergnüglicher machen wird.
Wenn du mich je brauchst, schicke mir eine Nachricht. Deine
Eule wird mich finden.
Ich schreibe dir bald wieder,
Sirius
Harry sah sofort im Umschlag nach. Darin war noch ein Stück
Pergament. Er las es rasch durch und fühlte sich plötzlich so
warm und zufrieden, als ob er eine Flasche heißes Butterbier in
einem Zug getrunken hätte.
Ich, Sirius Black, Harry Potters Pate, erteile ihm hiermit die
Erlaubnis, an den Wochenenden nach Hogsmeade zu gehen.
446
»Das wird Dumbledore genügen!«, sagte Harry glücklich. Er
kehrte zu Sirius'Brief zurück.
»Wartet, da ist noch ein PS ...«
Vielleicht will dein Freund Ron diese Eule behalten, immerhin
ist es meine Schuld, dass er keine Ratte mehr hat.
Ron machte große Augen. Die Winzeule fiepte immer noch
aufgeregt.
»Sie behalten?«, sagte er unsicher. Einen Moment lang
musterte er die Eule scharf und dann, zu Harrys und Hermines
Verblüffung, hielt er sie Krummbein zum Beschnüffeln unter
die Nase.
»Was schätzt du?«, fragte Ron den Kater. »Eindeutig 'ne
Eule?«
Krummbein schnurrte.
»Das genügt mir«, sagte Ron glücklich. »Sie gehört mir.«
Harry las den Brief von Sirius immer wieder Wort für Wort
durch, bis sie im Bahnhof King's Cross einfuhren. Er hatte ihn
immer noch fest umklammert, als sie zu dritt durch die
Absperrung von Gleis neundreiviertel in die Muggelwelt traten.
Harry sah Onkel Vernon auf den ersten Blick. Er hatte sich in
einigem Abstand von Mr und Mrs Weasley aufgestellt und äugte
misstrauisch herüber, und als Mrs Weasley Harry zur Begrüßung
herzlich umarmte, schienen seine schlimmsten Vermutungen
über sie bestätigt.
»Ich ruf dich wegen der Weltmeisterschaft an!«, rief Ron
Harry nach. Harry winkte Ron und Hermine zum Abschied und
schob dann den Gepäckwagen mit seinem Koffer und Hedwigs
Käfig hinüber zu Onkel Vernon, der ihn auf die übliche Weise
begrüßte.
»Was ist das denn?«, raunzte er und starrte auf den Um-
schlag, den Harry immer noch in der Hand hielt. »Wenn das
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wieder so ein Formular ist, das ich unterschreiben soll, dann
kannst du es dir
»Ist es nicht«, sagte Harry vergnügt. »Das ist ein Brief von
meinem Paten.«
»Paten?«, Prustete Onkel Vernon. »Du hast doch keinen
Paten!«
»Hab ich doch«, sagte Harry strahlend. »Er war der beste
Freund von Mum und Dad. Er ist ein verurteilter Mörder, aber er
ist aus dem Zauberer-Gefängnis ausgebrochen und auf der
Flucht. Er möchte aber trotzdem gern in Verbindung mit mir
bleiben ... will wissen, was es so Neues gibt ... und ob's mir auch
gut geht ...«
Breit grinsend angesichts des entsetzten Onkels Vernon
schob Harry die ratternde Karre vor sich her zum Ausgang. Es
sah ganz danach aus, als sollte dieser Sommer viel besser
werden als der letzte.
Joanne K. Rownling
Harry Potter
und der Feuerkelch
ISBN 3551551936
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Das Haus der Riddles
In Little Hangleton nannten sie es immer noch das »Riddle-
Haus«, obwohl die Familie Riddle schon seit vielen Jahren
nicht mehr dort wohnte. Das Haus stand auf einem Hügel mit
Blick über das Dorf, einige Fenster waren mit Brettern
vernagelt, das Dach war löchrig, und der Efeu rankte sich
ungezügelt an den Mauern entlang. Das einst schöne Anwe-
sen der Riddles, das mit Abstand großzügigste und beein-
druckendste Haus im ganzen Umkreis, war nun feucht, he-
runtergekommen und menschenleer.
In Little Hangleton waren sich alle einig: das Haus war
ihnen »nicht geheuer«. Ein halbes Jahrhundert zuvor war
hier etwas Merkwürdiges, etwas Entsetzliches geschehen,
über das die Älteren im Dorf immer noch zu munkeln
pflegten, wenn es sonst wenig zu klatschen und zu trat-
schen gab. Sie hatten die Geschichte so oft aufgewärmt und
an so vielen Stellen weitergestrickt, dass keiner mehr so recht
wusste, was nun in Wahrheit geschehen war. Doch wer
auch immer die Geschichte erzählte, sie begann un-
weigerlich am selben Ort: Vor fünfzig Jahren – damals
führten die Riddles noch einen stattlichen Haushalt – war ein
Hausmädchen bei Anbrach eines schönen Sommer-
morgens in den Salon getreten und hatte alle drei Riddles tot
vorgefunden.
Schreiend war das Mädchen den Hügel hinab ins Dorf ge-
stürzt und hatte die halbe Einwohnerschaft aus dem Schlaf
gerissen.
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»Da oben liegen sie mit offenen Augen! Eiskalt! Und ha-
ben noch ihre Abendgarderobe an!«
Die Polizei wurde gerufen und in ganz Little Hangleton
breitete sich eine Mischung aus ängstlicher Neugier und kaum
verhohlener Erregung aus. Niemand gab sich sonder-
liche Mühe so zu tun, als wäre er besonders traurig über den
Tod der Riddles, denn sie waren ausgesprochen unbeliebt
gewesen. Mr und Mrs Riddle, die älteren Herrschaften, gal-
ten als reich, hochnäsig und grob, und ihr erwachsener Sohn
Tom hatte sie darin noch übertroffen. Die Menschen im Dorf
wollten einzig und allein wissen, wer der Mörder war – denn
natürlich fielen drei offenbar gesunde Menschen nicht eines
Abends einfach tot um.
Im Gehängten Mann, dem Dorfpub, ging es an diesem
Abend hoch her; alles, was Beine hatte, war gekommen, um
über die Morde zu spekulieren. Und es hatte sich gelohnt, die
heimischen Kaminfeuer zu verlassen, denn plötzlich tauchte
die Köchin der Riddles in ihrer Mitte auf und ver-
kündete dem schlagartig verstummten Publikum mit dra-
matischer Geste, ein Mann namens Frank Bryce sei gerade
verhaftet worden.
»Frank!«, riefen einige Gäste. »Unmöglich!«
Frank Bryce war der Gärtner der Riddles. Er war mit einem
stocksteifen Bein und einer großen Abscheu vor
Menschenansammlungen und Lärm aus dem Krieg zurück-
gekehrt und hatte seither immer für die Riddles gearbeitet.
An der Theke gab es jetzt Gedrängel, denn man wollte die
Köchin nicht auf dem Trockenen sitzen lassen und Genaue-
res von ihr hören.
»Mir ist er immer schräg vorgekommen«, verkündete sie
nach dem vierten Glas Sherry den begierig lauschenden
Dörflern. »Irgendwie unfreundlich. Ich hab ihm mal 'ne
Tasse Tee angeboten, aber das hat mir gereicht. Der wollte
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nichts mit anderen zu tun haben, das hat man gleich ge-
merkt.«
»Nun ja«, sagte eine Frau an der Bar, »der Krieg war 'ne
harte Zeit für Frank, er mag eben gern seine Ruhe. Das ist
noch lange kein Grund –«
»Wer sonst hatte denn einen Schlüssel für die Hintertür?«,
fauchte die Köchin zurück. »In der Gärtnerhütte hing immer
ein Zweitschlüssel, das hab ich selbst gesehen! Gestern Nacht
hat jedenfalls keiner die Tür aufgebrochen! Und die Fenster
wurden auch nicht eingeschlagen! Frank musste bloß ins Her-
renhaus schleichen, während wir alle schliefen ...!«
Die Dörfler wechselten viel sagende Blicke.
»Ich hab mir immer schon gedacht, der hat den bösen Blick,
sag ich euch«, brummte ein Mann an der Bar.
»Der Krieg hat 'nen komischen Kauz aus ihm gemacht«,
sagte der Wirt.
»Hab doch immer gesagt, ich will Frank lieber nicht in die
Quere kommen, stimmt's, Dot?«, sagte eine aufgeregte Frau in
der Ecke.
»Übles Temperament«, erwiderte Dot und nickte eifrig.
»Ich hab ihn schon als Kind gekannt ...«
Am nächsten Morgen zweifelte kaum noch jemand in Little
Hangleton daran, dass Frank Bryce die Riddles ermor-
det hatte. Doch drüben im benachbarten Städtchen Great
Hangleton, im dunklen und schäbigen Polizeirevier, be-
hauptete Frank hartnäckig, er sei unschuldig. Der einzige
Mensch, den er an jenem Tag, als die Riddles getötet wur-
den, in der Nähe ihres Hauses gesehen hatte, war ein Junge im
Teenageralter, ein Fremder mit dunklen Haaren und blassem
Gesicht. Im Dorf jedoch hatte kein Mensch diesen Jungen
gesehen, und die Polizisten waren sich ziemlich si-
cher, dass Frank ihn erfunden hatte.
Schließlich, als es für Frank schon bitterernst aussah, traf
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der Untersuchungsbericht über die Leichen der Riddles ein,
und mit einem Schlag änderte sich alles.
Die Polizisten hatten noch nie einen so merkwürdigen
Befund gelesen. Ein Ärzteteam hatte die Leichen untersucht
und war zu dem Schluss gekommen, dass keiner der Riddles
vergiftet, erstochen, erschossen, erwürgt, erstickt oder (so-
weit sie dies sagen konnten) überhaupt verletzt worden war.
Tatsächlich, so hieß es in dem Bericht mit deutlicher Ver-
blüffung weiter, schienen die Riddles alle bei bester Gesund-
heit zu sein – abgesehen von der Tatsache, dass sie alle tot
waren. Allerdings vermerkten die Ärzte, dass allen Toten das
Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand – doch einer der
ratlosen Polizisten bemerkte dazu nur: Wer hat je von drei
Menschen gehört, die zu Tode geängstigt wurden?
Da ein Mord an den Riddles nicht zu beweisen war, musste
die Polizei Frank laufen lassen. Die Riddles wurden auf dem
Friedhof von Little Hangleton bestattet und noch eine ganze
Zeit lang wurden die Gräber immer wieder von Neugierigen
besucht. Dass Frank Bryce in seine Hütte auf dem Anwesen
der Riddles zurückkehrte, überraschte dann alle, und es gab
viel Gemunkel.
»Wenn ihr mich fragt, dann hat er sie umgebracht, ist mir
doch egal, was die Polizei sagt«, verkündete Dot im Gehäng-
ten Mann. »Und wenn nur ein Funken Anstand in ihm steckte,
dann würde er hier abhauen, wo ihm doch klar ist, dass er uns
nichts vormachen kann.«
Doch Frank zog nicht weg. Er blieb, um den Garten für die
nächste Familie, die ins Riddle-Haus einzog, zu besor-
gen, und dann auch für die übernächste – denn keine Fami-
lie blieb lange dort wohnen. Vielleicht hatte es etwas mit
Frank zu tun, dass jeder neue Besitzer behauptete, dieses Haus
verbreite eine düstere Stimmung. Und als keiner mehr dort
wohnte, begann das Haus zu verfallen.
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Der reiche Mann, dem das Riddle-Haus inzwischen ge-
hörte, lebte nicht hier und nutzte es auch nicht; im Dorf hieß
es, er würde es aus »steuerlichen Gründen« unterhal-
ten, doch keiner wusste so recht, was das heißen sollte. Der
reiche Besitzer entlohnte Frank jedoch regelmäßig für
seine Arbeit im Garten. Frank war jetzt fast siebenundsieb-
zig, er war auf einem Ohr taub und sein schlimmes Bein
war noch steifer geworden, doch bei schönem Wetter
konnte man ihn in den Blumenbeeten harken und schnip-
peln sehen, auch wenn ihm das Unkraut allmählich die Beine
hochkroch.
Doch Unkraut war nicht das Einzige, womit Frank sich
herumärgern musste. Jungs aus dem Dorf kamen öfter he-
rauf und warfen Steine durch die Fenster des Riddle-Hau-
ses. Sie fuhren mit ihren Fahrrädern über den Rasen, den
Frank so mühsam hegte und pflegte. Und wenn sie übermü-
tig wurden, brachen sie auch schon mal ins Haus ein. Sie
wussten, dass der alte Frank sich mit Leib und Seele dem
ganzen Anwesen verschrieben hatte, und sie lachten ihn aus,
wenn er durch den Garten humpelte, mit seinem Stock
fuchtelte und sie krächzend beschimpfte. Frank wiederum
glaubte, die Jungen würden ihn belästigen, weil sie ihn, wie
ihre Eltern und Großeltern, für einen Mörder hielten. So
dachte sich Frank nichts weiter, als er in einer Augustnacht
erwachte und oben am alten Haus etwas recht Merkwürdi-
ges sah. Die Jungs, so glaubte Frank, waren eben noch einen
Schritt weiter gegangen, um ihn zu zermürben.
Geweckt hatte ihn sein schlimmes Bein; so stark hatte es
noch nie geschmerzt, selbst jetzt im Alter nicht. Er stand auf
und humpelte nach unten in die Küche, um seine Wärmfla-
sche aufzufüllen, mit der er seinem steifen Knie ein wenig
Linderung verschaffen konnte. Er stand am Waschbecken und
füllte den Kessel, als sein Blick zum Herrenhaus hoch-
10
wanderte. In den oberen Fenstern glommen Lichter. Frank war
nicht sonderlich überrascht. Die Jungs waren wieder mal ins
Haus eingebrochen, und nach dem flackernden Licht zu
schließen hatten sie ein Feuer entfacht.
Frank hatte kein Telefon, und der Polizei vertraute er oh-
nehin nicht mehr, seit sie ihn nach dem Tod der Riddles zum
Verhör mitgenommen hatten. Er ließ den Kessel stehen, has-
tete, so rasch sein schlimmes Bein es ihm erlaubte, nach oben
und brauchte nicht lange, um sich anzuziehen und in die
Küche zurückzukehren. Er griff nach einem rostigen al-
ten Schlüssel am Türhaken, packte seinen Stock und machte
sich auf in die Nacht.
Die Tür des Riddle-Hauses war offenbar nicht aufgebro-
chen worden und auch die Fensterscheiben waren noch ganz.
Frank humpelte um das Haus herum zu einem Ein-
gang, der fast völlig von Efeu verborgen war, zog den alten
Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn ins Schloss und öffnete
lautlos die Tür.
Sie führte ihn in eine große, gewölbeartige Küche. Frank
hatte sie seit Jahren nicht mehr betreten; zwar war es stock-
dunkel, doch er wusste noch, wo die Tür zum Flur lag. Er tas-
tete sich an der Wand lang, modriger Geruch stieg ihm in
die Nase, und er spitzte die Ohren, um ja keine Schritte oder
Stimmen von oben zu überhören. Er gelangte in den Flur,
wo es dank der großen Sprossenfenster zu beiden Seiten der
Haustür ein wenig heller war, und betrat die Treppe. Er
konnte von Glück reden, denn die dicke Staubschicht auf
den Steinstufen erstickte die Geräusche seiner Schritte und
seines Stocks.
Oben auf dem Treppenabsatz wandte sich Frank nach
rechts und sah sofort, wo die Eindringlinge steckten: ganz
am Ende des Ganges stand eine Tür offen, ein flackerndes
Licht fiel durch den Spalt und warf einen langen goldenen
11
Streifen auf den schwarzen Fußboden. Frank umklammerte
mit aller Kraft seinen Stock und schlich näher heran. Kurz vor
der Tür konnte er ein schmales Stück von dem Zimmer
dahinter einsehen.
Jetzt erkannte er, dass das Feuer im Kamin entfacht wor-
den war. Das überraschte ihn. Er blieb stehen und lauschte
angestrengt, denn drinnen begann ein Mann zu sprechen; seine
Stimme klang schüchtern und ängstlich.
»Es ist noch ein Rest in der Flasche, Herr, wenn Ihr noch
hungrig seid.«
»Später«, sagte eine zweite Stimme. Auch sie war die eines
Mannes – doch klang sie merkwürdig hoch und kalt wie ein
jäher eisiger Windstoß. Etwas an dieser Stimme ließ die
spärlichen Haare auf Franks Nacken zu Berge stehen. »Rück
mich näher ans Feuer, Wurmschwanz.«
Frank wandte sein rechtes Ohr zur Tür hin, um mehr zu
verstehen. Er hörte das Klirren einer Flasche, die auf etwas
Hartem abgestellt wurde, und dann das dumpfe Kratzen eines
schweren Stuhls, der über den Boden gezogen wurde. Frank
erhaschte einen kurzen Blick auf einen kleinen Mann, der mit
dem Rücken zu ihm den Stuhl zum Kamin schob. Er trug
einen langen schwarzen Umhang und hatte einen kah-
len Fleck am Hinterkopf. Dann war er nicht mehr zu sehen.
»Wo ist Nagini?«, sagte die kalte Stimme. »Ich – ich weiß
nicht, Herr«, sagte die erste Stimme ner-
vös. »Ich glaube, sie erkundet das Haus ...«
»Du wirst sie melken, bevor wir uns zurückziehen,
Wurmschwanz«, sagte die zweite Stimme. »Ich brauche heute
Abend Nahrung. Die Reise hat mich sehr erschöpft.« Mit
gerunzelter Stirn neigte Frank sein gutes Ohr noch ein wenig
näher Richtung Tür und lauschte gebannt. Ein kurzes
Schweigen trat ein und dann sprach erneut der Mann namens
Wurmschwanz.
12
»Herr, darf ich fragen, wie lange wir hier bleiben wer-
den?«
»Eine Woche«, sagte die kalte Stimme. »Vielleicht länger.
Hier lässt es sich einigermaßen aushaken und mit dem Plan
können wir noch nicht fortfahren. Es wäre eine Dummheit,
wenn wir loslegten, bevor die Quidditch-Weltmeisterschaft
zu Ende ist.«
Frank steckte sich einen knochigen Finger ins Ohr und
fing an zu quirlen. Er hatte das Wort »Quidditch« gehört,
zweifellos, weil sich so viel Ohrenschmalz angesammelt
hatte, denn »Quidditch« war überhaupt kein Wort.
»Die ... die Quidditch-Weltmeisterschaft, Herr?«, fragte
Wurmschwanz. (Frank bohrte den Finger noch energischer
ins Ohr. ) »Verzeiht mir, aber – ich verstehe nicht – warum
sollten wir warten, bis die Quidditch-Weltmeisterschaft vor-
bei ist?«
»Weil zu ebendieser Stunde Zauberer aus aller Herren
Länder ins Land strömen, du Dummkopf, und alle Kleinkrä-
mer aus dem Zaubereiministerium ausgeschwärmt sind, um
nach ungewöhnlichen Vorkommnissen Ausschau zu halten
und jeden doppelt und dreifach zu überprüfen. Die haben
nur noch eins im Kopf, nämlich sicherzugehen, dass die
Muggel von allem nichts mitkriegen. Deshalb warten wir
ab.«
Frank gab es auf, sein Ohr zu putzen. Er hatte klar und
deutlich die Wörter »Zaubereiministerium«, »Zauberer« und
»Muggel« gehört. Natürlich bedeuteten all diese Aus-
drücke etwas Geheimes, und Frank fielen nur zwei Sorten von
Leuten ein, die eine Geheimsprache gebrauchten -Spione und
Verbrecher. Frank umklammerte seinen Stock noch fester und
spitzte die Ohren.
»Eure Lordschaft ist also immer noch entschlossen?«, sagte
Wurmschwanz leise.
13
»Natürlich bin ich entschlossen, Wurmschwanz.« In der
kalten Stimme war jetzt eine leise Drohung zu spüren.
Eine kurze Stille trat ein – und dann sprach Wurm-
schwanz. Die Worte stolperten ihm hastig aus dem Mund, als
ob er sich zwingen müsste, sie auszusprechen, bevor ihn der
Mut verließ.
»Es könnte auch ohne Harry Potter gehen, Herr.« Wieder
trat Schweigen ein, es hielt ein wenig länger an, und dann –
»Ohne Harry Potter?«, hauchte die zweite Stimme kaum
vernehmlich. »Ich verstehe ...«
»Herr, ich sage dies nicht aus Sorge um den Jungen!«, sagte
Wurmschwanz mit hoher, quiekender Stimme. »Der Junge
bedeutet mir nichts, überhaupt nichts! Nur, wenn wir einen
anderen Zauberer oder eine Hexe nehmen – irgend-
jemanden -, könnten wir die Sache sehr viel schneller erle-
digen! Wenn Ihr mir erlauben würdet, Euch für kurze Zeit zu
verlassen – Ihr wisst, dass ich mich ganz wirksam tarnen kann
-, dann könnte ich in zwei Tagen mit einer geeigneten Person
zurück sein –«
»Ich könnte einen anderen Zauberer nehmen«, sagte die
zweite Stimme leise, »das ist wahr ...«
»Es wäre das Beste, Herr«, sagte Wurmschwanz und
klang dabei ausgesprochen erleichtert. »Harry Potter in die
Hände zu bekommen wäre so schwierig, er ist sehr gut ge-
schützt –«
»Und deshalb meldest du dich freiwillig und willst mir
einen Ersatz besorgen? Merkwürdig ... vielleicht ist dir die
Aufgabe, mich zu pflegen, lästig geworden, Wurmschwanz?
Kann dieser Vorschlag, den Plan aufzugeben, denn etwas an-
deres sein als der Versuch, mich im Stich zu lassen?«
»Herr! Ich ... ich habe nicht den Wunsch, Euch zu verlas-
sen, keineswegs –«
»Belüg mich nicht!«, zischte die zweite Stimme. »Mir ent-
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geht nichts, Wurmschwanz! Du bereust, dass du überhaupt zu
mir zurückgekommen bist. Bei mir wird dir übel. Ich sehe dich
zusammenzucken, wenn du mich ansiehst, ich spüre, wie es
dich schaudert, wenn du mich berührst ...« »Nein! Meine
Hingabe für Eure Lordschaft –« »Deine Hingabe ist nichts
weiter als Feigheit. Du wärst nicht hier, wenn du eine andere
Zuflucht hättest. Wie soll ich ohne dich überleben, wenn du
mich alle paar Stunden füttern musst? Wer soll Nagini
melken?«
»Aber Ihr scheint mir deutlich kräftiger geworden, Herr –«
»Lügner«, keuchte die zweite Stimme. »Ich bin nicht kräf-
tiger geworden, und ein paar Tage auf mich allein gestellt
würden reichen, um mich des wenigen an Kraft zu berau-
ben, die ich unter deiner tölpelhaften Pflege gewonnen habe.
Schweig!«
Wurmschwanz, der zusammenhanglose Worte hervorge-
sprudelt hatte, verstummte sofort. Ein paar Sekunden lang
konnte Frank nichts weiter als das Knistern des Feuers hö-
ren. Dann sprach der zweite Mann erneut, mit einem Flüs-
tern, das fast ein Zischen war.
»Ich habe meine Gründe, den Jungen zu verwenden, wie ich
dir schon erklärt habe, und ich werde keinen anderen nehmen.
Dreizehn Jahre habe ich gewartet. Ein paar Mo-
nate mehr schaden da auch nicht. Was den Schutz angeht, mit
dem der Junge umgeben ist, so glaube ich, dass mein Plan
funktionieren wird. Alles, was ich brauche, ist ein we-
nig Mut deinerseits, Wurmschwanz – und diesen Mut wirst du
aufbringen, wenn du nicht das ganze Ausmaß von Lord
Voldemorts Zorn spüren willst –«
»Herr, hört mich an!«, sagte Wurmschwanz, und Panik lag
jetzt in seiner Stimme. »Während unserer Reise bin ich den
Plan immer wieder durchgegangen – Bertha Jor-
kins' Verschwinden wird nicht lange unbemerkt bleiben,
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Herr, und wenn wir fortfahren, falls ich also tatsächlich den
Fluch –«
»Falls?«, flüsterte die zweite Stimme. »Falls du den Plan
befolgst, Wurmschwanz, braucht das Ministerium nie zu er-
fahren, dass noch jemand verschwunden ist. Du wirst es in
aller Stille und ohne Aufsehen erledigen; ich wünschte nur, ich
könnte es selbst tun, doch in meinem jetzigen Zustand ...
komm schon, Wurmschwanz, ein Hindernis musst du noch
beseitigen, und unser Weg zu Harry Potter ist frei. Ich ver-
lange ja nicht, dass du es alleine machst. Bis dahin wird mein
treuer Diener wieder zu uns gestoßen sein –«
»Ich bin Euer treuer Diener«, sagte Wurmschwanz, mit
kaum vernehmlichem Trotz in der Stimme.
»Wurmschwanz, ich brauche jemanden mit Verstand, je-
manden, der immer unerschütterlich zu mir gestanden hat, und
du erfüllst diese Forderung leider nicht.«
»Ich habe Euch gefunden«, sagte Wurmschwanz, und nun
war die Widerspenstigkeit in seiner Stimme deutlich zu hören.
»Ich war es, der Euch gefunden hat. Ich habe Euch zu Bertha
Jorkins gebracht.«
»Das stimmt.« Der zweite Mann klang belustigt. »Ein
brillanter Zug, den ich von dir nie erwartet hätte, Wurm-
schwanz – allerdings, um der Wahrheit die Ehre zu geben, du
wusstest doch nicht, wie nützlich sie sein würde, als du sie
gefangen hast, nicht wahr?«
»Ich ... ich dachte, sie könnte nützlich sein, Herr –«
»Lügner«, sagte die zweite Stimme nun mit unverhohlen
grausamer Häme. »Allerdings bestreite ich nicht, dass ihr
Wissen unschätzbar war. Ohne es hätte ich nie unseren Plan
auf die Beine stellen können und dafür wirst du belohnt
werden, Wurmschwanz. Ich werde dir erlauben, eine wich-
tige Aufgabe für mich zu erledigen, um die sich viele meiner
Anhänger geradezu reißen würden ...«
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»W-wirklich, Herr? Was –?« Wieder schwang Angst in
Wurmschwanz' Stimme mit.
»Aah, Wurmschwanz, du willst doch nicht, dass ich dir die
Überraschung verderbe? Dein Auftritt kommt ganz am Schluss
... aber ich verspreche dir, du wirst die Ehre haben, genauso
nützlich zu sein wie Bertha Jorkins.«
»Ihr ... Ihr ...« Wurmschwanz klang plötzlich heiser, als
wäre sein Mund völlig ausgetrocknet. »Ihr ... werdet ... auch
mich töten?«
»Wurmschwanz, Wurmschwanz«, sagte die kalte Stim-
me schmeichlerisch, »warum sollte ich dich töten? Ich habe
Bertha getötet, weil ich musste. Nachdem ich sie aus-
gehorcht hatte, taugte sie zu nichts mehr, sie war überflüs-
sig. Jedenfalls wären peinliche Fragen gestellt worden, wenn
sie zurück ins Ministerium gegangen wäre und ver-
kündet hätte, sie hätte im Urlaub dich getroffen. Zauberer, die
angeblich tot sind, tun gut daran, unterwegs nicht in ir-
gendwelchen Spelunken Hexen aus dem Zaubereiministe-
rium zu treffen ...«
Wurmschwanz murmelte etwas, so leise, dass Frank es nicht
verstand, doch der zweite Mann fing an zu lachen -ein
gänzlich freudloses Lachen, kalt wie seine Stimme.
»Wir hätten ihr Gedächtnis ummodeln können? Ein
mächtiger Zauberer kann einen Gedächtniszauber bre-
chen, wie ich ja selbst bei ihrem Verhör bewiesen habe. Wenn
wir das Wissen nicht nutzten, das ich ihr abgepresst habe,
würden wir doch ihr Gedächtnis beleidigen, Wurm-
schwanz.«
Draußen im Korridor fiel Frank plötzlich auf, dass seine
Hand, mit der er den Stock umklammerte, schweißnass und
glitschig war. Der Mann mit der kalten Stimme hatte eine Frau
getötet. Er sprach darüber ohne jede Reue – es belus-
tigte ihn. Er war gefährlich – ein Wahnsinniger. Und er
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plante noch mehr Morde – dieser Junge, Harry Potter, wer
immer er war – er war in Gefahr -
Frank wusste, was er zu tun hatte. Jetzt oder nie, es war
höchste Zeit die Polizei zu rufen. Er würde aus dem Haus
schleichen und sich schnurstracks auf den Weg zur Telefon-
zelle im Dorf machen ... doch die kalte Stimme sprach er-
neut, und Frank blieb, wo er war, starr wie ein Eiszapfen, und
lauschte mit aller Kraft.
»Ein Fluch noch ... mein treuer Diener in Hogwarts ... Harry
Potter ist so gut wie mein, Wurmschwanz. Es ist be-
schlossen. Kein Streit mehr. Doch still ... ich glaube, ich höre
Nagini ...«
Und die Stimme des zweiten Mannes veränderte sich. Er
gab nun Laute von sich, wie Frank sie noch nie gehört hatte; er
zischte und fauchte ohne Luft zu holen. Er muss eine Art
Krampf oder Anfall haben, dachte Frank.
Und dann hörte er, wie sich hinter ihm im dunklen Kor-
ridor etwas bewegte. Er drehte sich um und erstarrte vor
Schreck.
Über den dunklen Boden des Korridors glitt etwas auf ihn
zu, und als es sich dem Lichtstreifen des Feuers näherte, er-
kannte er mit einem Schauder des Entsetzens, dass es eine
gigantische, gut vier Meter lange Schlange war. Versteinert
vor Angst starrte Frank auf das Tier, das sich in weit ausla-
denden Wellenlinien durch den dicken Staub auf dem Bo-
den bewegte und immer näher kam – was sollte er tun?
Flüchten konnte er nur in das Zimmer, wo die beiden Män-
ner saßen und einen Mord ausheckten, doch wenn er stehen
blieb, würde ihn die Schlange gewiss töten -
Doch bevor er sich entschieden hatte, war die Schlange
gleichauf, und dann, unglaubliches Wunder, glitt sie an ihm
vorbei; sie folgte den fauchenden und zischenden Lauten je-
ner kalten Stimme hinter der Tür, und in Sekundenschnelle
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war die Spitze ihres diamantbesetzten Schwanzes durch den
Türspalt verschwunden.
Auf Franks Stirn standen Schweißperlen und seine Hand am
Stock zitterte. Drinnen im Zimmer zischte die kalte Stimme
weiter, und Frank kam ein merkwürdiger Gedanke in den
Sinn, ein unmöglicher Gedanke ... Dieser Mann kann mit
Schlangen sprechen.
Frank begriff nicht, was geschah. Er wünschte sich nichts
sehnlicher, als mit seiner heißen Wärmflasche behaglich im
Bett zu liegen. Das Problem war nur, dass seine Beine keine
Anstalten machten, sich zu bewegen. Am ganzen Körper
zitternd stand er da und versuchte seine Glieder zu beherr-
schen, als die kalte Stimme plötzlich wieder Englisch sprach.
»Nagini hat interessante Neuigkeiten, Wurmschwanz«, sagte
sie.
»T-tatsächlich, Herr?«, sagte Wurmschwanz.
»In der Tat, ja«, sagte die Stimme. »Nagini zufolge steht
draußen gleich vor der Tür ein alter Muggel und hört jedes
Wort mit, das wir sprechen.«
Frank hatte keine Chance, sich zu verstecken. Er hörte
Schritte, dann wurde die Tür zum Zimmer weit aufgesto-
ßen.
Ein kleiner Mann mit schütterem grauem Haar, spitzer Nase
und wässrigen Augen stellte sich vor Frank auf, mit einer
Mischung aus Angst und Misstrauen in den Augen.
»Bitte ihn doch herein, Wurmschwanz. Wo bleiben deine
Manieren?«
Die kalte Stimme kam von dem alten Lehnstuhl am Feuer
her, doch Frank konnte nicht sehen, wer da sprach. Die
Schlange hingegen hatte sich, wie die grausige Karikatur eines
Schoßhündchens, auf dem verrotteten Kaminvorleger
eingekringelt.
Wurmschwanz winkte Frank mit einer kleinen Verbeu-
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gung ins Zimmer. Frank steckte die Angst zwar immer noch in
den Knochen, doch er umklammerte erneut seinen Stock und
humpelte über die Schwelle.
Das Feuer war die einzige Lichtquelle im Zimmer; es warf
lange, spinnengleiche Schatten an die Wände. Frank starrte auf
den Rücken des Lehnstuhls; der Mann darauf schien noch
kleiner zu sein als sein Diener, denn Frank konnte nicht einmal
seinen Hinterkopf sehen.
»Du hast also alles mitgehört, Muggel?«, sagte die kalte
Stimme.
»Warum nennen Sie mich so?«, sagte Frank widerspenstig,
denn nun, da er in diesem Zimmer war, nun, da es an der Zeit
war zu handeln, fühlte er sich mutiger; schon im Krieg war es
so gewesen.
»Ich nenne dich einen Muggel«, sagte die Stimme kühl.
»Das bedeutet, dass du kein Zauberer bist.«
»Ich weiß nicht, was Sie mit Zauberer meinen«, sagte Frank
mit allmählich festerer Stimme. »Alles, was ich weiß, ist, dass
ich heute Nacht was gehört hab, das sicher die Poli-
zei interessieren wird. Sie haben einen Mord begangen und
planen noch mehr Morde! Und ich sag Ihnen noch was«, fügte
er in einer plötzlichen Eingebung hinzu, »meine Frau weiß,
dass ich hier oben bin, und wenn ich nicht zurück-
komme –«
»Du hast keine Frau«, sagte die kalte Stimme völlig unge-
rührt. »Keiner weiß, dass du hier bist. Du hast niemandem
etwas gesagt. Belüge Lord Voldemort nicht, Muggel, denn er
weiß ... er weiß immer ...«
»Stimmt das?«, sagte Frank barsch. »Lord, tatsächlich?
Nun, ich halte nicht viel von Ihren Manieren, Sie Lord, Sie.
Warum drehen Sie sich nicht um und schauen mir ins Ge-
sicht wie ein Mann?«
»Ich bin kein Mann, Muggel«, sagte die kalte Stimme, die
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sich kaum über das Knistern des Feuers erhob. »Ich bin viel,
viel mehr als ein Mann. Allerdings ... warum nicht? Ich werde
dir ins Gesicht sehen ... Wurmschwanz, komm her und drehe
meinen Stuhl um.«
Vom Diener her kam ein Wimmern.
»Du hast mich gehört, Wurmschwanz.«
Langsam, mit einer schrecklichen Grimasse, als wäre ihm
nichts mehr zuwider als sich seinem Herrn und der vor dem
Kamin zusammengerollten Schlange zu nähern, ging der
kleine Mann auf den Stuhl zu und begann ihn zu drehen. Die
Stuhlbeine streiften leicht den Kaminvorleger und die
Schlange hob ihren hässlichen dreieckigen Kopf und zischte
leise.
Und dann war der Stuhl auf Frank gerichtet, und er sah, was
dort saß. Sein Stock fiel klappernd zu Boden. Er öffnete den
Mund und stieß einen Schrei aus. Er schrie so laut, dass er die
Worte, die das Etwas auf dem Stuhl sprach, als es sei-
nen Zauberstab erhob, nicht hören konnte. Ein grüner
Lichtblitz, ein Brausen, und Frank Bryce brach zusammen.
Noch bevor er aufschlug, war er tot.
Dreihundert Kilometer entfernt fuhr der Junge namens
Harry Potter erschrocken aus dem Schlaf.
21
Die Narbe
Harry lag flach auf dem Rücken und atmete schwer, als ob er
gerannt wäre. Mit aufs Gesicht gepressten Händen war er aus
einem fiebrigen Traum erwacht. Die alte Narbe auf sei-
ner Stirn, die aussah wie ein Blitz, brannte unter seinen Fin-
gern, als ob ihm jemand einen weiß glühenden Draht auf die
Stirn drücken würde.
Er richtete sich auf, die eine Hand immer noch auf der
Narbe, mit der anderen im Dunkeln nach seiner Brille auf dem
Nachttisch tastend. Jetzt sah er sein Zimmer klarer. Es lag in
dem schwachen, dunstig-orangeroten Licht, das die
Straßenlaterne von draußen durch die Vorhänge warf.
Harry fuhr noch einmal mit den Fingern über die Narbe. Sie
tat immer noch weh. Er knipste die Lampe auf dem Nachttisch
an, stieg aus dem Bett, durchquerte das Zimmer, öffnete
seinen Schrank und blinzelte in den Spiegel an der Innenseite
der Tür. Ein hagerer Junge von vierzehn Jahren schaute
zurück, dessen hellgrüne Augen unter dem zerzaus-
ten schwarzen Haar leicht verwirrt dreinblickten. Er besah sich
die Blitznarbe im Spiegelbild etwas näher. Sie sah aus wie
immer.
Harry versuchte sich zu erinnern, was er geträumt hatte. Es
war ihm so wirklich vorgekommen ... zwei Personen waren in
dem Traum erschienen, die er kannte, und dann noch eine
dritte, die er noch nie gesehen hatte ... er sam-
melte mit aller Kraft seine Gedanken, runzelte die Stirn und
dachte nach ...
22
Das verschwommene Bild eines abgedunkelten Zim-
mers kam ihm in den Sinn ... eine Schlange hatte auf ei-
nem Kaminvorleger gelegen ... ein kleiner Mann namens
Peter, Spitzname Wurmschwanz ... und eine kalte, hohe
Stimme ... die Stimme Lord Voldemorts. Beim bloßen Ge-
danken an ihn fühlte sich Harry, als würde ihm ein Packen
Eiswürfel in den Magen gleiten ...
Er drückte die Augen zu und versuchte sich zu erinnern,
wie Voldemort ausgesehen hatte, doch er schaffte es nicht ...
Harry wusste nur eines. In dem Augenblick, da Voldemorts
Stuhl herumgedreht wurde und er, Harry, gesehen hatte,
was auf ihm saß, hatte ihn das Entsetzen gepackt und aus
dem Schlaf gerissen ... oder war es der Schmerz seiner
Narbe gewesen?
Und wer war der alte Mann? Denn ganz sicher war ein al-
ter Mann dabei gewesen; Harry hatte beobachtet, wie er zu-
sammengebrochen war. – Alles drehte sich; Harry legte das
Gesicht in die Hände, um sein Zimmer nicht mehr zu sehen,
und versuchte das Bild des matt erleuchteten Raumes fest-
zuhalten, doch es war, als ob er Wasser in hohlen Händen
halten wollte; die Einzelheiten versickerten umso schneller,
je angestrengter er versuchte, sie festzuhalten ... Voldemort
und Wurmschwanz hatten über jemanden gesprochen, den
sie getötet hatten, doch Harry konnte sich nicht mehr an den
Namen erinnern ... und sie hatten sich verschworen, noch
jemanden zu töten ... ihn ...
Harry hob den Kopf, öffnete die Augen und blickte in sei-
nem Zimmer umher, als ob er erwartete, etwas Ungewöhn-
liches zu sehen. Tatsächlich waren außergewöhnlich viele
ungewöhnliche Dinge in diesem Zimmer. Ein großer höl-
zerner Koffer stand mit geöffnetem Deckel am Fuß seines
Bettes, und darin lagen ein Kessel, ein Besen, schwarze Um-
hänge und verschiedene Bücher mit Zaubersprüchen. Per-
23
gamentrollen waren über dem Schreibtisch verstreut, soweit
der Platz nicht von dem großen leeren Käfig beansprucht
wurde, in dem seine Schneeeule Hedwig für gewöhnlich
hockte. Auf dem Boden neben seinem Bett lag ein aufge-
schlagenes Buch; letzte Nacht hatte er vor dem Einschlafen
darin gelesen. Alle Bilder in diesem Buch bewegten sich.
Männer in leuchtend orangeroten Umhängen kamen auf Besen
fliegend näher und verschwanden dann wieder, wo-
bei sie sich einen roten Ball zuwarfen.
Harry ging hinüber zu dem Buch, hob es auf und sah zu, wie
einer der Zauberer ein sagenhaftes Tor machte, indem er den
Ball durch einen in zwanzig Meter Höhe angebrach-
ten Ring beförderte. Dann schlug er das Buch zu. Selbst
Quidditch – nach Harrys Ansicht der beste Sport der Welt -
konnte ihn jetzt nicht ablenken. Er legte Fliegen mit den Can-
nons auf seinen Nachttisch, ging hinüber zum Fenster, zog die
Vorhänge zurück und beobachtete die Straße vor dem
Haus.
Der Ligusterweg sah genauso aus, wie eine achtbare Vor-
stadtstraße in den frühen Morgenstunden eines Samstags
aussehen musste. Alle Vorhänge waren zugezogen. Soweit
Harry sehen konnte, war kein Lebewesen in der Nähe, nicht
einmal eine Katze.
Und doch ... und doch ... Rastlos ging Harry zurück zum Bett,
setzte sich und fuhr erneut mit dem Finger über die Narbe. Es
war nicht der Schmerz, der ihn beschäftigte; Harry hatte seine
Erfahrungen mit Schmerzen und Verlet-
zungen. Einmal hatte er alle Knochen seines rechten Armes
verloren und man hatte sie über Nacht unter Qualen wie-
der wachsen lassen. Derselbe Arm war nicht viel später von
einem ellenlangen Giftzahn durchstochen worden. Erst letz-
tes Jahr war Harry von einem fliegenden Besen aus etwa
fünfzehn Meter Höhe in die Tiefe gestürzt. Er war an haar-
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sträubende Unfälle und Verletzungen gewöhnt; sie waren nicht
zu vermeiden, wenn man nach Hogwarts ging, auf die Schule
für Zauberei und Hexerei, und wenn man Ärger wie magisch
anzog.
Nein, Harry beunruhigte etwas anderes. Als seine Narbe das
letzte Mal geschmerzt hatte, war Voldemort in der Nähe
gewesen ... doch Voldemort konnte nicht hier sein, nicht jetzt
... die Vorstellung, Voldemort würde im Ligusterweg auf ihn
lauern, war unsinnig, völlig abwegig ...
Harry lauschte angestrengt in die Stille hinein. Erwartete er
nicht doch das Knarren einer Treppe, das Rascheln eines
Umhangs? Und dann zuckte er leise zusammen, als er sei-
nen Cousin Dudley im Zimmer nebenan markerschütternd
aufschnarchen hörte.
Harry schüttelte sich in Gedanken; das war doch albern;
niemand war im Haus außer ihm, Onkel Vernon, Tante Pe-
tunia und Dudley, sie schliefen natürlich alle noch, sie
träumten ungestört und litten keine Schmerzen.
So mochte Harry die Dursleys am liebsten: wenn sie
schliefen; denn tagsüber waren sie Harry nicht besonders
zugetan, um es höflich auszudrücken. Onkel Vernon, Tante
Petunia und Dudley waren Harrys einzige lebende Ange-
hörige. Sie waren Muggel (nichtmagische Menschen), die
Magie in jedweder Form hassten und verachteten, was be-
deutete, dass Harry in ihrem Haus ungefähr so willkommen
war wie der Hausschwamm. In den letzten drei Jahren war
Harry viele Monate in Hogwarts gewesen, doch anderen
Leuten hatten sie vorgemacht, er stecke im St. -Brutus-Si-
cherheitszentrum für unheilbar kriminelle Jungen. Sie wussten
ganz genau, dass Harry, als minderjähriger Zaube-
rer, außerhalb von Hogwarts nicht zaubern durfte, waren aber
schnell dabei, ihm für alles, was bei ihnen schief lief,
die Schuld zu geben. Harry hatte ihnen nie sein Herz aus-
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schütten oder ihnen sein Leben in der Zaubererwelt schil-
dern können. Die bloße Vorstellung, zu ihnen zu gehen, wenn
sie aufwachten, und von seiner schmerzenden Narbe und von
seinen Befürchtungen wegen Voldemort zu erzäh-
len, war geradezu lachhaft.
Und doch war Voldemort der eigentliche Grund, warum
Harry überhaupt zu den Dursleys gekommen war. Ohne
Voldemort hätte Harry nicht die Blitznarbe auf seiner Stirn.
Ohne Voldemort hätte Harry noch seine Eltern ...
Harry war ein Jahr alt gewesen in jener Nacht, als Volde-
mort – der mächtigste schwarze Magier seit einem Jahrhun-
dert, ein Zauberer, der elf Jahre lang stets seine Macht gemehrt
hatte – in ihr Haus gekommen war und seinen Va-
ter und seine Mutter getötet hatte. Daraufhin hatte Volde-
mort seinen Zauberstab gegen Harry gerichtet; er hatte den
Fluch ausgesprochen, mit dem er viele gestandene Hexen und
Zauberer auf seinem unaufhaltsamen Weg nach oben beseitigt
hatte – doch unfasslicherweise hatte der Fluch bei ihm nicht
gewirkt. Statt den kleinen Jungen zu töten, war der Fluch auf
Voldemort zurückgefallen. Harry hatte über-
lebt und nur eine blitzförmige Narbe auf der Stirn zu-
rückbehalten, und Voldemort war auf etwas zusammen-
geschrumpft, das kaum noch Leben in sich hatte. Seiner
Zauberkräfte beraubt, das Leben in ihm fast erloschen, war
Voldemort geflohen; die Schreckensherrschaft, unter der die
geheime Gemeinschaft der Hexen und Zauberer so lange
gelebt hatte, war zusammengebrochen. Voldemorts Anhän-
ger hatten sich zerstreut und Harry Potter war berühmt ge-
worden.
Mit einem gewaltigen Schreck hatte Harry an seinem elf-
ten Geburtstag herausgefunden, dass er ein Zauberer war; und
die Entdeckung, dass sein Name in der verborgenen
Zaubererwelt allbekannt war, beunruhigte ihn noch mehr.
26
Bei seiner Ankunft in Hogwarts musste er feststellen, dass sich
überall, wo er auftauchte, die Köpfe wandten und Ge-tuschel
ihm auf Schritt und Tritt folgte. Doch inzwischen hatte er sich
daran gewöhnt: Ende des Sommers würde er sein viertes
Schuljahr in Hogwarts beginnen und er zählte bereits die Tage
bis dahin.
Doch noch waren es zwei Wochen bis zu seiner Rück-
kehr nach Hogwarts. Er sah sich noch einmal ratlos in sei-
nem Zimmer um, und sein Blick blieb an den Geburtstags-
karten hängen, die seine beiden besten Freunde ihm Ende Juli
geschickt hatten. Was würden sie sagen, wenn er ihnen
schriebe und von seiner schmerzenden Narbe berichtete?
Schon hallte Hermine Grangers Stimme in seinem Kopf
wider, schrill und voller Panik:
»Deine Narbe tut weh? Harry, damit ist nicht zu spaßen ...
Schreib an Professor Dumbledore! Und ich werd auf der Stelle in
> Magische Hauskrankheiten und Gebrechen< nachsehen ... Viel-
leicht steht da was über Fluchnarben drin ...«
Ja, das würde Hermine raten: Geh sofort zum Schulleiter von
Hogwarts und schlag vorher am besten noch in einem Buch
nach. Harry blickte durch das Fenster auf den mit kö-
nigsblauen Schleiern überzogenen Morgenhimmel. Er hatte
große Zweifel, ob ein Buch ihm jetzt helfen würde. Soweit er
wusste, war er der einzige Mensch, der einen Fluch wie den
Voldemorts überlebt hatte; deshalb war es höchst un-
wahrscheinlich, dass er seine Leiden in Magische Hauskrank-
heiten und Gebrechen wiederfinden würde. Und was den
Schulleiter anging, so hatte Harry keine Ahnung, wo Dum-
bledore in den Sommerferien hinfuhr. Einen Moment lang
belustigte ihn die Vorstellung, dass Dumbledore mit seinem
langen Silberbart, dem langen Zaubererumhang und dem
Spitzhut irgendwo an einem Strand lag und sich Sonnenöl auf
die lange Adlernase rieb. Allerdings, wo immer Dum-
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bledore auch war, Hedwig würde ihn sicher finden; Harrys
Eule hatte es bisher noch immer geschafft, ihre Briefe zu
überbringen, sogar ohne Adresse. Doch was sollte er schrei-
ben?
Lieber Professor Dumbledore, Verzeihung, dass ich Sie belästige,
doch heute Morgen hat meine Narbe wehgetan. Mit freundlichen
Grüßen, Harry Potter
Selbst in seinem Kopf klangen diese Worte albern.
So versuchte er sich vorzustellen, was Ron, sein anderer
bester Freund, sagen würde, und schon tauchte vor Harrys
Augen Rons lange Nase und sein sommersprossiges Gesicht
mit nachdenklicher Miene auf.
»Deine Narbe tut weh? Aber ... aber Du-weißt-schon-wer kann
doch gar nicht in deiner Nähe sein, oder? Im Ernst ... das würdest
du doch merken? Er würde wieder versuchen dich zu erledigen,
meinst du nicht? Ich weiß nicht, Harry, vielleicht zwicken
Fluchnarben immer ein wenig ... ich frag mal Dad ...«
Mr Weasley war ein voll ausgebildeter Zauberer, der in der
Abteilung gegen den Missbrauch von Muggelartefak-
ten im Zaubereiministerium arbeitete, doch soviel Harry
wusste, war er in Sachen Flüche nicht einschlägig bewan-
dert. Jedenfalls behagte Harry die Vorstellung nicht, die ganze
Familie Weasley würde erfahren, dass er, Harry, schon wegen
ein paar Wehwehchen nervös wurde. Mrs Weasley würde
einen noch größeren Aufstand machen als Hermine, und Fred
und George, Rons sechzehnjährige Zwillingsbrü-
der, dachten womöglich noch, Harry würde die Nerven ver-
lieren. Die Weasleys waren für Harry die tollste Familie der
Welt; er hatte die Hoffnung, dass sie ihn schon bald zu sich
einluden (Ron hatte etwas von der Quidditch-Weltmeister-
schaft erwähnt), und irgendwie wollte er nicht, dass sein
Aufenthalt mit besorgten Nachfragen zu seiner Narbe ge-
stört wurde.
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Harry massierte seine Stirn mit den Handknöcheln. Was er
wirklich wollte (und er schämte sich beinahe, es sich selbst
einzugestehen), war so etwas wie eine Mutter oder einen
Vater: ein erwachsener Zauberer, dessen Rat er erfra-
gen konnte, ohne sich blöd vorzukommen, jemand, der ihn
gern hatte und der Erfahrung hatte mit schwarzer Magie ...
Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Es war so
einfach und so offensichtlich, dass er kaum fassen konnte, wie
lange er gebraucht hatte – Sirius.
Harry sprang vom Bett, stürzte durchs Zimmer und setzte
sich an seinen Schreibtisch; er zog ein Blatt Pergament zu sich
her, füllte seine Adlerfeder mit Tinte und schrieb: Lieber Sirius,
hielt inne und überlegte, wie er sein Problem am bes-
ten ausdrücken konnte. Warum, so wunderte er sich immer
noch, hatte er nicht sofort an Sirius gedacht? Doch wenn er
genauer überlegte, war es vielleicht gar nicht so merkwür-
dig – schließlich hatte er erst vor zwei Monaten herausge-
funden, dass Sirius sein Pate war.
Es gab einen einfachen Grund, warum Sirius bis dahin in
Harrys Leben überhaupt nicht aufgetaucht war – Sirius hatte in
Askaban gesteckt, dem schrecklichen Zauberergefängnis, das
von Dementoren genannten Wesen bewacht wurde, blinden,
Seelen saugenden Finsterlingen, die dann nach Hogwarts
gekommen waren, um den entflohenen Sirius zu suchen. Doch
Sirius war unschuldig – die Morde, für die er verurteilt worden
war, hatte Wurmschwanz begangen, Vol-
demorts Helfer, den jetzt fast alle für tot hielten. Harry, Ron
und Hermine wussten es jedoch besser; letztes Jahr waren sie
Wurmschwanz von Angesicht zu Angesicht begegnet, doch
nur Professor Dumbledore hatte ihnen diese Ge-
schichte abgenommen.
Eine wunderbare Stunde lang hatte Harry geglaubt, end-
lich die Dursleys verlassen zu können, denn Sirius hatte ihm
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ein Zuhause angeboten, sobald sein Name rein gewaschen
war. Doch diese Chance war ihm wieder geraubt worden -
Wurmschwanz war entkommen, bevor sie ihn zum Zaube-
reiministerium hatten bringen können, und Sirius musste
fliehen, um sein Leben zu retten. Harry hatte ihm gehol-
fen, auf dem Rücken eines Hippogreifs namens Seiden-
schnabel zu entkommen, und seither war Sirius auf der Flucht.
Der Gedanke an ein Zuhause, das Harry vielleicht gewonnen
hätte, wenn Wurmschwanz nicht entkommen wäre, hatte ihn
den ganzen Sommer über nicht losgelassen. Mit der
Vorstellung im Kopf, den Dursleys um ein Haar für immer
entkommen zu sein, war es Harry besonders schwer gefallen,
zu ihnen zurückzukehren.
Und doch hatte Sirius Harry in manchem geholfen, auch
wenn er nicht bei ihm sein konnte. Dank Sirius hatte Harry
jetzt all seine Schulsachen bei sich im Zimmer. Die Dursleys
hatten ihm das noch nie zuvor erlaubt; sie hatten immer ge-
wollt, dass es Harry so elend wie möglich ginge, und zu-
gleich Angst vor seinen Fähigkeiten gehabt, deshalb hatten sie
seinen Schulkoffer bisher im Schrank unter der Treppe
eingeschlossen. Doch ihre Haltung hatte sich geändert, als sie
herausgefunden hatten, dass Harrys Pate ein gefährlicher
Mörder war – Harry hatte bequemerweise vergessen ihnen zu
sagen, dass Sirius unschuldig war.
Harry hatte zwei Briefe von Sirius erhalten, seit er wieder
im Ligusterweg wohnte. Nicht Eulen hatten sie überbracht
(wie es unter Zauberern üblich war), sondern große, hell-
bunte tropische Vögel. Hedwig hatte diese glamourösen
Eindringlinge gar nicht gemocht; nur äußerst widerwillig
erlaubte sie ihnen, aus ihrem Wassernapf zu trinken, bevor sie
wieder davonflogen. Harry jedoch mochte die Vögel; sie
erinnerten ihn an Palmen und weißen Sand, und er hoffte,
Sirius, wo immer er war (was er in seinen Briefen nie verriet,
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falls sie abgefangen wurden), würde es sich gut gehen lassen.
Harry konnte es sich kaum vorstellen, dass die Dementoren
unter der strahlenden Sonne lange überleben würden; viel-
leicht war Sirius deshalb nach Süden gegangen. Seine beiden
Briefe, unter dem äußerst nützlichen losen Dielenbrett un-
ter Harrys Bett versteckt, klangen recht fröhlich, und er hatte
Harry jedes Mal aufgefordert, ihm zu schreiben, falls er ihn
brauchen sollte. Nun, jetzt brauchte er ihn wirklich ...
Das kalte graue Licht, das den Sonnenaufgang ankün-
digte, drang allmählich ins Zimmer und Harrys Lampe schien
zu verblassen. Schließlich, als die Sonne aufgegangen war und
die Wände seines Zimmers in Gold getaucht hatte, als
Geräusche aus Onkel Vernons und Tante Petunias Zim-
mer zu hören waren, räumte Harry die zerknitterten Perga-
mente von seinem Schreibtisch und las den fertigen Brief noch
einmal durch.
Lieber Sirius,
danke für deinen letzten Brief, dieser Vogel war so riesig,
dass er es kaum durch mein Fenster geschafft hat.
Hier geht es zu wie immer. Mit Dudleys Diät läuft es nicht
besonders gut. Meine Tante hat ihn gestern erwischt, wie er
Doughnuts in sein Zimmer schmuggelte. Sie haben gedroht,
ihm das Taschengeld zu kürzen, wenn er das noch mal macht,
und daraufhin ist er furchtbar wütend geworden und hat seine
PlayStation aus dem Fenster geworfen. Das ist eine Art
Computer, auf dem man spielen kann. Ziemlich dumm von
ihm, wenn du mich fragst, denn jetzt hat er nicht mal Giga-
Gemetzel Teil III, um sich abzulenken. Mir geht's ganz gut,
vor allem weil die Dursleys schreckliche Angst haben, du
könntest hier auftauchen und, wenn ich dich darum bitte, sie
alle in Fledermäuse verwandeln.
Aber heute Morgen ist etwas Merkwürdiges passiert. Meine
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Narbe hat wieder wehgetan. Das letzte Mal hat sie ge-
schmerzt, weil Voldemort in Hogwarts war. Aber ich glaube
nicht, dass er irgendwo in meiner Nähe sein kann, oder? Weißt
du, ob Fluchnarben manchmal noch nach Jahren wehtun?
Ich schick dir diesen Brief mit Hedwig, sobald sie zurück-
kommt, im Augenblick ist sie jagen. Grüß Seidenschnabel von
mir. Harry
Ja, dachte Harry, das kann ich so lassen. Von seinem Traum
wollte er lieber nichts erwähnen, sonst dachte Sirius wo-
möglich noch, er sei mit den Nerven völlig am Ende. Er fal-
tete das Pergament zusammen und legte den Brief an den
Tischrand, bereit für Hedwig, wenn sie zurückkam. Dann
stand er auf, streckte sich und öffnete noch einmal den
Schrank. Ohne einen Blick auf sein Spiegelbild zu werfen, zog
er sich an und ging hinunter zum Frühstück.
32
Die Einladung
Die drei Dursleys saßen bereits am Tisch, aber keiner von
ihnen blickte auf, als Harry in die Küche kam und sich
dazusetzte. Onkel Vernons breites rotes Gesicht war hinter der
morgendlichen Tagespost versteckt und Tante Petunia, die Lip-
pen über ihren Pferdezähnen gespitzt, viertelte eine Grapefruit.
Dudley saß mit zornigem Schmollmund da und schien noch
mehr Platz einzunehmen als sonst. Und das sollte schon etwas
heißen, denn er beanspruchte immer eine ganze Seite des
quadratischen Tisches für sich. Als Tante Petunia mit einem
zittrigen »Bitte sehr, Diddyschatz« ein ungezuckertes Viertel
der Grapefruit auf Dudleys Teller legte, warf er ihr einen
finsteren Blick zu. Sein Leben hatte eine höchst uner-
freuliche Wendung genommen, seit er mit dem Jahreszeugnis
in die Sommerferien gekommen war.
Wie üblich hatten Onkel Vernon und Tante Petunia viele
Ausreden für seine schlechten Noten gefunden; Tante Petunia
pflegte felsenfest zu behaupten, Dudley sei ein hoch begabter
Junge, nur leider würden die Lehrer ihn einfach nicht verste-
hen. Onkel Vernon hingegen versicherte, er wolle ohnehin
keinen kleinen streberhaften Weichling haben. Auch den im
Zeugnis erhobenen Vorwurf, Dudley würde andere Schüler
schikanieren, taten sie ab – »Er ist nun mal ein kleiner Ra-
bauke, doch er würde keiner Fliege was zuleide tun!«, sagte
Tante Petunia mit Tränen in den Augen.
Allerdings fanden sich am Ende des Schreibens einige sorg-
sam gewählte Bemerkungen der Schulkrankenschwester, die
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nicht einmal Onkel Vernon und Tante Petunia wegerklären
konnten. Wie sehr Tante Petunia auch jammerte, Dudley habe
eben große Knochen und bestehe ansonsten doch aus Baby-
speck, er sei ein Junge, der noch wachse und viel zu essen
brauche – es blieb dabei, dass die Schulausstatter keine Kni-
ckerbocker mehr führten, die ihm noch passten. Der Schul-
krankenschwester war nicht entgangen, was Tante Petunia - die
so scharfe Augen hatte, wenn es darum ging, Fingerabdrücke
auf ihren schimmernden Möbeln zu entdecken und das Kom-
men und Gehen der Nachbarn zu beobachten – einfach nicht
sehen wollte: dass Dudley keineswegs Extraportionen zu es-
sen brauchte, sondern ungefähr Größe und Gewicht eines jun-
gen Killerwals erreicht hatte.
Und so kam es, dass nach vielen Streitereien und Wutanfäl-
len, die Harrys Zimmerboden erschütterten, und nach vielen
Tränen Tante Petunias der neue Speiseplan eingeführt wurde.
Sie heftete den Diätzettel, den die Schulkrankenschwester aus
Smeltings geschickt hatte, an den Kühlschrank, räumte sämt-
liche Lieblingsleckereien Dudleys aus – klebrige Softdrinks
und Kuchen, Schokoriegel und Hamburger – und füllte ihn
stattdessen mit Obst und Gemüse und all jenen Dingen, die
Onkel Vernon als »Kaninchenfutter« bezeichnete. Um Dud-
ley die Sache ein wenig schmackhafter zu machen, bestand
Tante Petunia darauf, dass auch der Rest der Familie Diät hielt.
So reichte sie Harry jetzt ebenfalls ein Viertel Grapefruit.
Harry entging nicht, dass es viel kleiner war als Dudleys Stück.
Tante Petunia schien zu glauben, um Dudley bei Laune zu hal-
ten, müsse sie zumindest dafür sorgen, dass er wenigstens
mehr zu essen bekam als Harry.
Doch Tante Petunia wusste nicht, was unter dem losen Die-
lenbrett oben in Harrys Zimmer versteckt war. Sie hatte keine
Ahnung, dass Harry sich keineswegs an die Diät hielt. Kaum
hatte er Wind davon bekommen, dass er den Sommer über
34
von Karotten würde leben müssen, hatte Harry Hedwig mit
einem Hilferuf zu seinen Freunden geschickt, und sie hatten
diese Herausforderung glänzend bewältigt. Von Hermine hatte
Hedwig eine große Schachtel zuckerfreier Knabbereien zu-
rückgebracht (Hermines Eltern waren Zahnärzte). Hagrid, der
Wildhüter von Hogwarts, war mit einem Beutel voll selbst ge-
backener Felsenkekse in die Bresche gesprungen (Harry hatte
sie noch nicht angerührt; Hagrids Backkünste kannte er zur
Genüge). Mrs Weasley jedoch hatte die Familieneule Errol mit
einem riesigen Früchtekuchen und verschiedenen Pasteten zu
Harry geschickt. Der arme, schon etwas altersschwache Errol
hatte ganze fünf Tage gebraucht, um sich von dem Flug zu er-
holen. Und schließlich hatte Harry an seinem Geburtstag (den
die Dursleys glatt übergangen hatten) vier köstliche Geburts-
tagskuchen erhalten, je einen von Ron, Hermine, Hagrid und
Sirius. Harry hatte immer noch zwei davon übrig, und so be-
gann er in der Vorfreude auf ein herzhaftes Frühstück oben im
Zimmer klaglos seine Grapefruit zu essen.
Onkel Vernon legte die Zeitung zur Seite, schnaubte tief
durch und besah sich sein eigenes Stück Grapefruit.
»Das ist alles?«, sagte er ungnädig zu Tante Petunia.
Tante Petunia warf ihm einen strengen Blick zu und nickte
mit gespitztem Mund hinüber zu Dudley, der sein Grapefruit-
Viertel bereits aufgegessen hatte und nun Harrys Stück mit
einem sehr sauren Ausdruck in den kleinen Schweinsäuglein
ins Visier nahm.
Onkel Vernon ließ einen tiefen Seufzer vernehmen, der sei-
nen ausladenden, buschigen Schnurrbart erzittern ließ, und
nahm den Löffel zur Hand.
Jemand läutete an der Tür. Onkel Vernon wuchtete sich
hoch und ging hinaus in den Flur. Während sich Tante Petunia
am Teekessel zu schaffen machte, stibitzte Dudley blitzschnell
Onkel Vernons restliche Grapefruit.
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Harry hörte Stimmen an der Haustür, ein Lachen und eine
barsche Entgegnung Onkel Vernons. Dann fiel die Tür ins
Schloss und vom Flur kam das Geräusch zerreißenden Papiers.
Tante Petunia stellte die Teekanne auf den Tisch und sah
sich verdutzt nach Onkel Vernon um; sie musste nicht lange
warten, denn kurz darauf erschien er mit zornrotem Gesicht.
»Du«, blaffte er Harry an. »Ins Wohnzimmer. Sofort.«
Verdutzt und ohne die geringste Ahnung, was zum Teufel
er diesmal wieder verbrochen haben sollte, erhob sich Harry
und folgte Onkel Vernon ins Zimmer nebenan. Onkel Vernon
schlug die Tür hinter ihnen zu.
»So«, sagte er, marschierte hinüber zum Kamin, wandte sich
um und fixierte Harry, als wolle er ihn auf der Stelle verhaften.
»So.«
Harry hätte am liebsten »Na was denn« gesagt, doch er
wollte Onkel Vernons Gemütsverfassung so früh am Morgen
lieber nicht auf die Probe stellen, da sie durch Mangel an Nah-
rung ohnehin stark belastet war. So versuchte er ein wenig ver-
wirrt auszusehen.
»Das hier ist gerade angekommen«, sagte Onkel Vernon. Er
fuchtelte mit einem Blatt purpurroten Schreibpapiers in Harrys
Richtung. »Ein Brief. Betrifft dich.«
Harry war nun tatsächlich verdutzt. Wer sollte seinetwegen
an Onkel Vernon schreiben? Wen kannte er, der Briefe mit der
normalen Post schickte?
Onkel Vernon starrte Harry zornig an, dann hob er den
Brief und begann laut vorzulesen.
Liebe Mr und Mrs Dursley,
wir wurden einander nie vorgestellt, doch ich bin sicher, Sie
haben von Harry eine Menge über meinen Sohn Ron gehört.
Wie Harry Ihnen vielleicht gesagt hat, findet nächsten Mon-
tagabend das Finale der Quidditch-Weltmeisterschaft statt,
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und mein Mann Arthur hat es soeben geschafft, über seine Be-
ziehungen zur Abteilung für Magische Spiele und Sportarten
noch ein paar Karten zu besorgen.
Ich hoffe doch, dass Sie uns gestatten, Harry mit zum Spiel zu
nehmen, denn ein solches Ereignis darf man sich keinesfalls
entgehen lassen; England ist zum ersten Mal seit dreißig Jah-
ren wieder Gastgeberland und Karten sind kaum noch zu be-
kommen. Natürlich würden wir uns freuen, wenn Harry für die
restlichen Sommerferien bei uns bleiben könnte. Wir wer-
den ihn dann zum Zug begleiten, der ihn zurück in die Schule
bringt.
Am besten schickt Harry uns Ihre Antwort auf dem üblichen
Wege, denn der Muggelbriefträger hat bei uns noch nie etwas
eingeworfen, und ich bin mir nicht mal sicher, ob er weiß, wo
unser Haus ist.
In der Hoffnung, Harry bald zu sehen, und mit freundlichen
Grüßen Molly Weasley
PS: Ich hoffe doch, wir haben genug Marken draufgeklebt.
Onkel Vernon verstummte, schob die Hand in die Brusttasche
und zog noch etwas hervor.
»Sieh dir das an«, knurrte er.
Er hob den Umschlag hoch, in dem Mrs Weasleys Brief ge-
kommen war. Harry musste sich einen Lachanfall verkneifen.
Der Umschlag war über und über mit Briefmarken beklebt,
mit Ausnahme eines kleinen Quadrats auf der Vorderseite, in
das Mrs Weasley in Winzschrift die Adresse der Dursleys hi-
neingekritzelt hatte.
»Na also, hat doch gereicht mit den Briefmarken«, sagte
Harry, ganz so, als ob Mrs Weasleys Fehler jedem unterlaufen
könnte. Onkel Vernons Augen blitzten.
37
»Der Briefträger war sehr interessiert«, sagte er mit zusam-
mengebissenen Zähnen. »Wollte unbedingt wissen, wo dieser
Vrief herkommt. Deshalb hat er auch geläutet. Hielt es
offenbar für komisch.«
Harry sagt nichts. Andere Menschen mochten nicht verste-
hen, warum Onkel Vernon einen solchen Aufstand wegen ein
paar überzählier Briefmarken machte, doch Harry lebte nun
lange genug bei den Dursleys, um zu wissen, wie gereizt sie
auf alles reagierten, was auch nur ein wenig neben der Spur
lag. Ihre schlimmste Befürchtung war, jemand könnte heraus-
finden, dass sie (wie entfernt auch immer) mit Leuten wie
Mrs Weasley in Verbindung standen.
Onkel Vernen starrte Harry immer noch zornfunkelnd an,
während Harry versuchte eine arglose Miene aufzusetzen.
Wenn er jetzt nichts Dummes tat oder sagte, dann stand ihm
vielleicht die tollste Zeit seines Lebens bevor. Er wartete da-
rauf, dass Onkel Vernon den Mund aufmachte, doch Onkel
Vernon starrte ihn nur unverwandt an. Harry beschloss, die
Stille zu durchbrechen.
»Und – darf ich gehen?«, sagte er.
Ein flüchtiges Zucken huschte über Onkel Vernons brei-
tes, purpurnes Gesicht. Der Schnurrbart stäubte sich. Harry
glaubte zu wissen, was hinter dem Schnurrbart vor sich ging:
ein erbitterter Kampf zwischen zwei der stärksten Antriebe
Onkel Vernons. Wenn er Harry erlaubte zu gehen, würde
er ihn glücklich machen, und dagegen hatte Onkel Vernon
sich seit dreizehn Jahren gewehrt. Wenn Harry jedoch für
den Rest der Ferien zu den Weasleys verschwand, war er ihn
zwei Wochen früher los, als er gehofft hatte, und Onkel
Vernon konnte es nicht ausstehen, wenn Harry im Haus
war. Offenbar um sich ein wenig Zeit zum Nachdenken
zu verschaffen, betrachtete er noch einmal Mrs Weasleys
Brief.
38
»Wer ist diese Frau?«, fragte er und starrte voller Abscheu
auf die Unterschrift.
»Du hast sie schon mal gesehen«, sagte Harry. »Sie ist die
Mutter meines Freundes Ron, sie hat ihn zu Ferienbeginn vom
Hog-, vom Schulzug abgeholt.«
Fast hätte er »Hogwarts-Express« gesagt und damit Onkel
Vernon sicher zur Weißglut gereizt. Im Haus der Dursleys
wurde der Name von Harrys Schule niemals laut ausgespro-
chen.
Onkel Vernon verzog sein riesiges Gesicht zu einer Gri-
masse, als ob er versuchte sich an etwas sehr Unangenehmes
zu erinnern.
»So ein plumper Typ von Frau?«, knurrte er schließlich.
»Und 'ne Menge Kinder mit roten Haaren?«
Harry runzelte die Stirn. Es war schon ein starkes Stück von
Onkel Vernon, jemanden »plump« zu nennen, wo doch sein
eigener Sohn Dudley es endlich geschafft hatte, womit er seit
dem Alter von drei Jahren gedroht hatte, nämlich breiter als
lang zu werden.
Onkel Vernon überflog abermals den Brief. »Quidditch«,
murmelte er in seinen Schnurrbart. »Quid-
ditch – was ist das für ein Blödsinn?« Harry spürte zum
zweiten Mal einen Anflug von Ärger. »Das ist eine Sportart«,
sagte er knapp. »Wird auf Besen–« »Schon gut, schon gut!«,
rief Onkel Vernon. Harry sah mit einiger Befriedigung einen
Anflug von Panik auf Onkel Ver-
nons Gesicht. Offenbar würden seine Nerven dem Klang des
Wortes »Besenstiele« in seinem Wohnzimmer nicht standhal-
ten. Er flüchtete sich wieder in den Brief. Harry sah, wie seine
Lippen die Worte »Ihre Antwort auf dem üblichen Wege
schicken« formten. Sein Blick verfinsterte sich.
»Was heißt, > auf dem üblichen Wege«, fauchte er. »Üblich
für uns«, sagte Harry, und bevor sein Onkel ihn auf-
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halten konnte, fügte er hinzu: »Du weißt ja, Eulenpost. Das ist
so üblich unter Zauberern.«
Onkel Vernon sah so empört aus, als hätte Harry gerade ein
abscheuliches Schimpfwort ausgesprochen. Zitternd vor Zorn
warf er einen nervösen Blick durchs Fenster, als fürchtete er,
einer der Nachbarn hätte das Ohr an die Scheibe gedrückt.
»Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du diese Abartigkeit
unter meinem Dach nicht erwähnen sollst?«, zischte er, das
Gesicht von der Farbe einer reifen Pflaume. »Da stehst du, in
den Kleidern, die Tante Petunia und ich in deine undankbaren
Hände gelegt haben –«
»Erst nachdem Dudley sie abgetragen hatte«, sagte Harry
kühl, und tatsächlich trug er ein Sweatshirt, bei dem er die Är-
mel fünfmal zurückschlagen musste, um überhaupt seine
Hände gebrauchen zu können, und das ihm bis über die Knie
seiner sackbauchigen Jeans schlotterte.
»So sprichst du nicht mit mir!«, sagte Onkel Vernon bebend
vor Wut.
Doch diesmal gab Harry nicht klein bei. Vorbei war die Zeit,
da er gezwungen wurde, jede einzelne der bescheuerten Vor-
schriften der Dursleys zu befolgen. Er hielt sich nicht an Dud-
leys Diät, und er würde es nicht hinnehmen, dass Onkel Ver-
non ihm verbot, zur Quidditch-Weltmeisterschaft zu gehen,
jedenfalls nicht, solange er sich wehren konnte.
Harry holte tief Luft, um sich zu beruhigen, dann sagte er:
»Gut, ich darf nicht zur Weltmeisterschaft. Kann ich jetzt ge-
hen? Ich muss noch meinen Brief an Sirius fertig schreiben.
Du weißt ja – mein Pate.«
Er hatte es getan. Er hatte die magischen Worte ausgespro-
chen. Nun beobachtete er, wie das Purpurrot fleckweise aus
Onkel Vernons Gesicht wich, so dass es aussah wie ein
schlecht gemischtes Johannisbeereis.
»Du – du schreibst ihm, ja?«, sagte Onkel Vernon mit ange-
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strengt ruhiger Stimme – doch Harry hatte bemerkt, wie sich
die Pupillen seiner kleinen Augen in jäher Angst zusammen-
zogen.
»Jaah – sicher«, sagte Harry beiläufig. »Er hat schon lange
nichts mehr von mir gehört, und, nun ja, wenn er ungeduldig
wird, könnte er auf falsche Gedanken kommen.«
Er hielt inne, um die Wirkung seiner Worte zu genießen.
Fast konnte er die Rädchen hinter Onkel Vernons dichtem,
schwarzem, fein säuberlich gescheiteltem Haar arbeiten se-
hen. Wenn er Harry davon abhielt, Sirius zu schreiben, würde
Sirius denken, Harry würde schlecht behandelt. Wenn er Harry
verbot, zur Weltmeisterschaft zu gehen, würde Harry Sirius
davon berichten, und dann wäre Sirius überzeugt, dass Harry
schlecht behandelt wurde. Onkel Vernon konnte nur eines tun.
Als wäre das große Schnurrbartgesicht durchsichtig, sah
Harry, wie die Schlussfolgerung in Onkel Vernons Schädel
einrastete. Harry unterdrückte ein Grinsen und mühte sich,
eine Unschuldsmiene aufzusetzen. Und dann -
»Na schön, von mir aus. Du kannst zu diesem blödsinni-
gen – zu diesem idiotischen – dieser komischen Weltmeis-
terschaft gehen. Aber du schreibst diesen – diesen Weasleys,
sie sollen dich abholen. Ich hab keine Zeit, dich in der Gegend
rumzufahren und irgendwo abzuladen. Und du kannst die
restlichen Sommerferien bei denen bleiben. Und du kannst
deinem – deinem Patenonkel ... sag ihm ... sag ihm, dass du
gehen darfst.«
»Einverstanden«, sagte Harry strahlend.
Er wandte sich um und ging zur Wohnzimmertür, während
er gegen die Lust ankämpfte, jauchzend in die Luft zu sprin-
gen. Er durfte fort ... zu den Weasleys, zur Quidditch-Welt-
meisterschaft!
Draußen im Flur prallte er fast mit Dudley zusammen, der
hinter der Tür gelauert hatte, natürlich in der Hoffnung, be-
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lauschen zu können, wie Harry zur Schnecke gemacht wurde.
Erschrocken sah er das breite Grinsen auf Harrys Gesicht.
»Das war ein tolles Frühstück, findest du nicht?«, sagte
Harry. »Ich fühl mich so richtig satt, du auch?«
Harry lachte über die verdutzte Miene Dudleys, nahm drei
Stufen auf einmal nach oben und stürzte in sein Zimmer.
Als Erstes fiel ihm auf, dass Hedwig zurück war. Sie saß in
ihrem Käfig, starrte Harry mit ihren riesigen Bernsteinaugen
an und klapperte mit dem Schnabel, wie sie es tat, wenn sie
sich über etwas ärgerte. Worüber, wurde ihm im nächsten
Moment klar.
»Autsch!«
Etwas wie ein kleiner, grauer, gefiederter Tennisball knallte
gegen Harrys Schläfe. Harry rieb sich wütend den Kopf und
sah sich nach dem Missetäter um. Eine winzige Eule, klein ge-
nug, um in eine hohle Hand zu passen, flatterte aufgeregt im
Zimmer umher wie ein angezündeter Knallfrosch. Erst jetzt
bemerkte Harry, dass sie ihm einen Brief vor die Füße gewor-
fen hatte. Er bückte sich, erkannte Rons Handschrift und riss
den Umschlag auf. Drin war ein hastig bekritzelter Zettel.
Harry – DAD HAT DIE KARTEN – Irland gegen Bulgarien,
Montagabend. Mum schreibt an die Muggel und fragt, ob du
zu uns kommen darfst. Vielleicht haben sie den Brief schon,
ich weiß nicht, wie schnell die Muggelpost ist. Dachte, ich
schick das hier lieber mit Pig.
Harry stutzte bei dem Wort »Pig« und sah zu der kleinen Eule
hoch, die um den Lampenschirm herumschwirrte. Er hatte
noch nie etwas gesehen, das weniger Ähnlichkeit mit einem
Schwein hatte. Vielleicht hatte er Rons Gekritzel nicht richtig
gelesen. Er las weiter.
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Wir holen dich ab, ob die Muggel wollen oder nicht, damit du
die Weltmeisterschaft nicht versäumst, nur denken Mum und
Dad, es sei besser, wenn wir so tun, als ob wir sie erst um Er-
laubnis fragten. Wenn sie ja sagen, schick Pig sofort mit deiner
Antwort zurück und wir holen dich am Sonntagnachmittag um
fünf Uhr ab. Wenn sie nein sagen, schick Pig sofort zurück und
wir holen dich trotzdem am Sonntagnachmittag um fünf ab.
Hermine kommt heute zu uns. Percy hat angefangen zu arbei-
ten – in der Abteilung für Internationale Magische Zusammen-
arbeit. Sag kein Wort über andere Länder, solange du hier bist,
wenn du dich nicht zu Tode langweilen willst.
Bis bald – Ron
»Beruhige dich!«, sagte Harry zu der kleinen Eule, die jetzt sei-
nen Kopf umkreiste und wie verrückt zwitscherte. Vor Stolz,
vermutete Harry, weil sie den Brief dem Richtigen überbracht
hatte. »Komm her, du musst jetzt meine Antwort zurück-
bringen!«
Die Eule ließ sich flatternd auf Hedwigs Käfig nieder. Hed-
wig sah mit kühlem Blick zu ihr auf, als wollte sie sagen:
Komm mir ja nicht näher.
Harry nahm seine Adlerfeder und ein frisches Blatt Perga-
ment zur Hand und schrieb:
Ron, alles in Ordnung, die Muggel sagen, ich darf gehen. Bis
morgen um fünf. Kann es kaum erwarten.
Harry
Er faltete das Blatt klitzeklein zusammen und band es mühsam
an dem winzigen Bein der Eule fest, die voll Aufregung hin
und her flatterte. Kaum war die Nachricht sicher befestigt,
machte sich die Eule davon. Sie schwirrte aus dem Fenster und
verschwand.
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Harry wandte sich Hedwig zu.
»Fühlst du dich fit für eine lange Reise?«, fragte er.
Hedwig ließ ein vornehmes Tröten hören.
»Könntest du das hier zu Sirius bringen?«, sagte er und hob
seinen Brief hoch.
»Wart mal ... ich muss ihn nur kurz zu Ende schreiben.«
Er entfaltete das Pergament noch einmal und setzte hastig
einen Nachsatz hinzu.
Falls du Verbindung mit mir aufnehmen willst, ich bin für den
Rest der Ferien bei meinem Freund Ron Weasley. Sein Dad
hat uns Karten für die Quidditch-Weltmeisterschaft besorgt!
Den fertigen Brief band er an Hedwigs Bein; sie hielt unge-
wöhnlich still, als wäre sie entschlossen ihm zu zeigen, wie
eine echte Posteule sich benehmen sollte.
»Ich bin bei Ron, wenn du zurückkommst, ja?«, erklärte ihr
Harry.
Sie kniff zutraulich in seinen Finger, spannte dann mit
einem leisen Rascheln ihre mächtigen Flügel und schwebte
durchs offene Fenster davon.
Harry sah ihr nach, bis sie verschwunden war, kroch dann
unter sein Bett, riss das lose Dielenbrett hoch und holte ein
großes Stück Geburtstagskuchen hervor. Auf dem Boden sit-
zend und essend genoss er in vollen Zügen das Glücksgefühl,
das ihn durchströmte. Er hatte Kuchen und Dudley hatte nichts
als Grapefruit; es war ein strahlender Sommertag, mor-
gen würde er aus dem Ligusterweg verschwinden, seine Narbe
fühlte sich wieder völlig normal an und er würde die
Quidditch-Weltmeisterschaft sehen. In diesem Moment war es
schwer, sich wegen irgendetwas Sorgen zu machen – und sei
es Lord Voldemort.
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Zurück zum Fuchsbau
Am nächsten Tag um zwölf hatte Harry seinen Koffer ge-
packt, mit den Schulsachen und allem anderen, was er wie
seinen Augapfel hütete – dem Tarnurnhang, den er von sei-
nem Vater geerbt, dem Besen, den ihm Sirius geschenkt hatte,
und der magischen Karte von Hogwarts, die ihm Fred und
George Weasley letztes Jahr überlassen hatten. Er hatte alles,
was noch zu essen übrig war, aus dem Versteck unter dem
losen Dielenbrett geholt, noch einmal alle Ecken und Winkel
seines Zimmers nach vergessenen Zauberbüchern oder
Schreibfedern abgesucht und den Kalender von der Wand
genommen, auf dem er immer gerne die Tage bis zur
Rückkehr nach Hogwarts am ersten September durchgestri-
chen hatte.
Im Ligusterweg Nummer vier herrschte Hochspannung.
Die bevorstehende Ankunft gleich mehrerer Zauberer
machte die Dursleys reizbar und nervös. Onkel Vernon
hätte fast der Schlag getroffen, als er von Harry erfuhr, dass
die Weasleys am nächsten Nachmittag um fünf kommen
würden.
»Du hast diesen Leuten hoffentlich geschrieben, sie sollen
sich anständig anziehen«, knurrte er. »Ich hab ja gesehen, was
für Klamotten dieses Pack trägt, mit dem du dich ab-
gibst. Die sollten wenigstens so höflich sein und sich richtig
einkleiden, basta.«
Harry schwante Unheil. Er hatte Mr oder Mrs Weasley
kaum einmal in Sachen gesehen, welche die Dursleys als
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»anständig« bezeichnen würden. Ihre Kinder mochten wäh-
rend der Ferien Muggelsachen tragen, doch Mr und Mrs
Weasley trugen meist lange Umhänge in mehr oder weniger
zerschlissenem Zustand. Harry scherte sich nicht darum,
was die Nachbarn denken würden, doch er fürchtete,
die Dursleys könnten grob zu den Weasleys sein, wenn sie bei
ihnen aufkreuzten wie ihr Wirklichkeit gewordener Alp-
traum von einer Zaubererfamilie.
Onkel Vernon trug seinen besten Anzug. Manche hätten
dies als eine schöne Geste verstanden, doch Harry wusste,
dass Onkel Vernon nur Eindruck schinden und die Weasleys
einschüchtern wollte. Dudley hingegen wirkte ein wenig
gestutzt. Nicht etwa, weil die Diät endlich Wirkung gezeigt
hätte, sondern weil ihn die Angst umtrieb. Dudley hatte bei
seiner letzten Begegnung mit einem ausgewachsenen Zau-
berer einen geringelten Schweineschwanz verpasst bekom-
men, der aus dem Hosenboden hervorlugte, und Tante Pe-
tunia und Onkel Vernon hatten ihn für teures Geld in einer
Londoner Privatklinik entfernen lassen müssen. Daher war
es nicht sonderlich überraschend, dass Dudley sich ständig
mit der Hand über den Hintern fuhr und an den Wänden
entlang von einem Zimmer ins andere rutschte, um dem
Feind ja keine Zielscheibe zu bieten.
Das Mittagessen war eine recht stumme Angelegenheit.
Dudley protestierte nicht einmal gegen das, was auf den
Tisch kam (Hüttenkäse mit geraspeltem Sellerie). Tante Pe-
tunia aß überhaupt nichts. Sie hatte die Arme verschränkt und
die Lippen geschürzt und schien auf ihrer Zunge he-
rumzukauen, als ob sie die wilde Schimpfkanonade, die sie
Harry gern entgegenschleudern wollte, mühsam hinunter-
würgte.
»Sie kommen natürlich mit dem Auto?«, blaffte Onkel
Vernon über den Tisch hinweg.
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»Hmh«, sagte Harry.
Daran hatte er nicht gedacht. Wie eigentlich wollten die
Weasleys ihn abholen? Ein Auto hatten sie nicht mehr; ihr
alter Ford Anglia war gerade auf Jagd im Verbotenen Wald
von Hogwarts. Doch Mr Weasley hatte sich letztes Jahr einen
Wagen des Zaubereiministeriums geliehen; vielleicht tat er
dies auch heute?
»Ich glaub schon«, sagte Harry.
Onkel Vernon schnaubte in seinen Schnurrbart. Norma-
lerweise hätte er gefragt, was für ein Auto Mr Weasley fuhr;
andere Männer pflegte er danach zu beurteilen, wie groß und
teuer ihre Autos waren. Doch Harry bezweifelte, dass Onkel
Vernon sich mit Mr Weasley anfreunden könnte, selbst wenn
dieser mit einem Ferrari vorfahren würde.
Harry verbrachte fast den ganzen Nachmittag in seinem
Zimmer; er konnte es nicht mit ansehen, wie Tante Petunia
alle paar Sekunden durch die Stores spähte, als ob das Radio
vor einem entlaufenen Rhinozeros gewarnt hätte. Um Viertel
vor fünf schließlich ging Harry nach unten ins Wohnzimmer.
Tante Petunia zupfte zwanghaft die Kissen zurecht. Onkel
Vernon gab vor, die Zeitung zu lesen, doch seine Winzaugen
bewegten sich nicht, und Harry wusste, dass er mit gespitzten
Ohren auf das Geräusch eines ankommenden Autos wartete.
Dudley hatte sich in einem Sessel vergraben, die schweinsflei-
schigen Hände fest um den Hintern geschlungen. Harry konnte
die Spannung nicht ertragen; er ging hinaus und setzte sich auf
den Treppenabsatz im Flur, den Blick auf die Uhr ge-
richtet und das Herz erwartungsvoll und hibbelig pochend.
Doch fünf Uhr kam und ging. Onkel Vernon, der in sei-
nem Anzug leicht schwitzte, öffnete die Haustür, spähte die
Straße hinauf und hinunter und zog rasch den Kopf wieder
herein.
»Sie kommen zu spät!«, raunzte er Harry an.
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»Das weiß ich«, sagte Harry. »Vielleicht – ähm – stecken
sie im Stau oder so.«
Zehn nach fünf ... dann Viertel nach fünf ... Harry wurde
allmählich selbst unruhig. Um halb sechs hörte er Onkel
Vernon und Tante Petunia im Wohnzimmer angespannt tu-
scheln.
»Keinerlei Rücksichtnahme.«
»Wir hätten ja verabredet sein können.«
»Vielleicht glauben sie, wir laden sie zum Abendessen ein,
wenn sie zu spät kommen.«
Harry hörte ihn aufstehen und im Wohnzimmer auf und ab
schreiten. »Sie nehmen den Jungen und verschwinden, keine
Zeit für Nettigkeiten. Wenn sie überhaupt kommen. Haben
vermutlich den Tag verwechselt. Diese Sorte Leute hält
natürlich nichts von Pünktlichkeit. Entweder das oder sie
fahren irgendeine Schrottlaube und haben eine P–«
AAAAAARRRRHH!
Harry sprang auf. Durch die Tür drang der Lärm dreier in
Panik durchs Zimmer rasender Dursleys. Und schon kam
Dudley mit angsterfülltem Blick in den Flur gestürzt.
»Was ist passiert?«, sagte Harry. »Was ist denn los?«
Doch Dudley schien es die Sprache verschlagen zu haben.
Die Hände immer noch auf den Hintern gepresst watschelte er,
so schnell er konnte, in die Küche. Harry rannte ins
Wohnzimmer.
Lautes Klopfen und Kratzen drang aus dem mit Brettern
vernagelten Kamin der Dursleys, an dessen Frontseite sie ein
Feuerimitat angebracht hatten.
»Was ist das denn?«, keuchte Tante Petunia, die mit dem
Rücken zur Wand stand und entsetzt auf den Kamin starrte.
»Autsch! Fred, nein – zurück, zurück, irgendwas stimmt
hier nicht – sag George, er soll nicht – AUTSCH! George,
nein, hier ist es zu eng, geh schnell zurück und sag Ron –«
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»Vielleicht kann Harry uns hören, Dad – vielleicht kann
er uns hier rauslassen –«
Jemand hämmerte laut auf die Bretterverschalung hinter
dem elektrischen Feuer.
»Harry? Harry, kannst du uns hören?«
Die Dursleys schlichen auf Harry zu wie ein Paar hungri-
ger Wölfe.
»Was soll das denn?«, knurrte Onkel Vernon. »Was geht
hier vor?«
»Sie haben versucht mit Flohpulver herzukommen«, sagte
Harry und würgte ein Lachen hinunter. »Sie können per
Feuer reisen – aber ihr habt den Kamin blockiert – einen
Moment –«
Er trat auf den Kamin zu und rief durch die Bretter:
»Mr Weasley? Können Sie mich hören?«
Das Klopfen hörte auf. Drinnen im Kamin sagte jemand:
»Schhh!«
»Mr Weasley, ich bin's, Harry ... der Kamin ist zugena-
gelt. Da können Sie nicht rauskommen.«
»Verflucht!«, ertönte Mr Weasleys Stimme. »Weshalb, um
Himmels willen, haben die den Kamin vernagelt?«
»Sie haben sich ein elektrisches Kaminfeuer angeschafft«,
erklärte Harry.
»Wirklich?«, sagte Mr Weasley begeistert. »Ecklektisch,
sagst du? Mit einem Stecker? Meine Güte, das muss ich se-
hen ... lass mich mal nachdenken ... autsch, Ron!«
Rons Stimme mischte sich nun unter die anderen.
»Was treiben wir hier? Ist was schief gegangen?«
»Wie kommst du denn darauf, Ron«, sagte Fred mit sar-
kastischem Unterton. »Nein, genau hier wollten wir hin.«
»Jaah, wir amüsieren uns prächtig«, sagte George, dessen
Stimme so dumpf klang, als wäre sein Gesicht gegen die
Mauer gepresst.
49
»Jungs, Jungs ...«, nuschelte Mr Weasley. »Ich versuch
rauszufmden, was wir tun könnten ... ja ... da bleibt mir nichts
anderes übrig ... Harry, geh bitte ein paar Schritte
zurück.«
Harry wich zum Sofa zurück. Onkel Vernon jedoch trat
ein paar Schritte vor.
»Warten Sie einen Augenblick!«, brüllte er in Richtung
Kamin. »Was genau wollen Sie tun –?«
PENG.
Der Bretterverschlag explodierte, das elektrische Feuer flog
durchs Zimmer, und Mr Weasley, Fred, George und Ron
wurden in einer Wolke aus Schutt und Holzspänen aus dem
Kamin geschleudert. Tante Petunia stieß einen spitzen Schrei
aus und fiel rücklings über das Kaffeetischchen; On-
kel Vernon fing sie auf, bevor sie auf dem Boden aufschlug,
und starrte dann mit offenem Mund die Weasleys an, die al-
lesamt rote Haare hatten, auch Fred und George, die bis auf
die letzte Sommersprosse genau gleich aussahen.
»Schon besser«, keuchte Mr Weasley, klopfte sich den
Staub von seinem langen grünen Umhang und rückte seine
Brille zurecht. »Aaah – Sie müssen Harrys Tante und Onkel
sein!«
Groß, schlank und mit schütterem Haar ging er auf Onkel
Vernon zu, die Hand ausgestreckt, doch Onkel Vernon wich
ein paar Schritte zurück und zog Tante Petunia mit sich. Er
brachte kein Wort heraus. Sein bester Anzug war mit wei-
ßem Staub bedeckt, und er sah aus, als ob er soeben um drei-
ßig Jahre gealtert wäre.
»Ähm – ja – verzeihen Sie das hier«, sagte Mr Weasley, ließ
die Hand sinken und sah über die Schulter zum zerfetz-
ten Kamin. »Alles meine Schuld, ich konnte mir einfach nicht
vorstellen, dass wir am anderen Ende nicht rauskom-
men würden. Ich hab Ihren Kamin ans Flohnetzwerk ange-
50
schlossen, müssen Sie wissen – nur für einen Nachmittag al-
lerdings, damit wir Harry abholen können. Muggelkamine
sollten eigentlich nicht angeschlossen werden – aber ich hab
einen nützlichen Bekannten im Flohregulierungsrat, der hat
das für mich gedeichselt. Ich kann die Sache im Nu wieder in
Ordnung bringen, keine Sorge. Ich mache ein Feuer und
schick die Jungs zurück, anschließend repariere ich Ihren
Kamin und disappariere selbst.«
Harry hätte wetten können, dass die Dursleys kein einzi-
ges Wort davon verstanden hatten. Wie vom Donner ge-
rührt starrten sie immer noch Mr Weasley an. Tante Petunia
rappelte sich wieder hoch und versteckte sich hinter Onkel
Vernon.
»Hallo, Harry!«, sagte Mr Weasley strahlend. »Deinen
Koffer hast du bereit?«
»Er ist oben«, grinste Harry zurück.
»Wir holen ihn«, warf Fred ein. Harry zuzwinkernd gin-
gen er und George nach draußen. Sie wussten, wo Harrys
Zimmer war, da sie ihn einst mitten in der Nacht daraus ge-
rettet hatten. Harry hatte den Verdacht, Fred und George
hätten gerne einen Blick auf Dudley erhascht; Harry hatte eine
Menge über ihn erzählt.
»Nun«, sagte Mr Weasley, leicht mit den Armen schwin-
gend und nach Worten suchend, um die peinliche Stille zu
durchbrechen. »Sehr – ähem – hübsche Wohnung haben Sie
hier.«
Weil das ansonsten makellose Wohnzimmer mit Staub und
Schutt übersät war, nahmen die Dursleys dieses Kom-
pliment nicht besonders gut auf. Onkel Vernons Gesicht lief
erneut purpurrot an und Tante Petunia begann wieder auf ihrer
Zunge zu kauen. Allerdings schienen sie zu verängs-
tigt, um tatsächlich etwas zu sagen.
Mr Weasley sah sich um. Er hatte einen Narren an allem
51
gefressen, was die Muggel so besaßen. Harry sah, wie es ihn
juckte, den Fernseher und den Videorekorder in Augen-
schein zu nehmen.
»Die laufen mit Eckelzitrität, nicht wahr?«, sagte er mit
Kennermiene. »Ah ja, ich sehe die Stecker. Ich sammle Ste-
cker«, fügte er zu Onkel Vernon gewandt hinzu. »Und Bat-
terien. Hab eine sehr große Sammlung Batterien. Meine Frau
hält mich für verrückt, aber was soll man machen.«
Onkel Vernon hielt Mr Weasley offensichtlich ebenfalls für
verrückt. Er glitt kaum wahrnehmbar nach rechts, wobei er
Tante Petunia verdeckte, als glaubte er, Mr Weasley könnte
sich plötzlich wie wild auf sie stürzen.
Dudley tauchte plötzlich wieder im Zimmer auf. Das
Rumpeln von Harrys Koffer auf der Treppe hatte ihn offen-
bar aus der Küche vertrieben. Er rutschte an der Wand lang,
starrte mit angsterfülltem Blick auf Mr Weasley und ver-
suchte sich hinter seinen Eltern zu verstecken. Leider war
Onkel Vernons Rücken zwar breit genug, um die knochen-
dürre Tante Petunia zu verdecken, doch für Dudley reichte es
bei weitem nicht.
»Ah, das ist dein Cousin, Harry?«, sagte Mr Weasley in
einem erneuten tapferen Anlauf, Konversation zu machen.
»Jep«, sagte Harry, »das ist Dudley.«
Er und Ron wechselten Blicke und sahen dann rasch woan-
dershin; der Versuchung, laut loszuprusten, konnten sie nur
mit allergrößter Mühe widerstehen. Dudley umklammerte
immer noch seinen Hintern, als hätte er Angst, er könne ihm
abfallen. Mr Weasley jedoch schien wegen Dudleys eigenar-
tigem Benehmen aufrichtig besorgt. Tatsächlich hörte Harry
aus Mr Weasleys Tonfall heraus, dass er glaubte, Dudley sei
verrückt, genau wie die Dursleys dachten, Mr Weasley sei es,
allerdings verspürte Mr Weasley keine Angst, sondern auf-
richtiges Mitleid.
52
»Genießt du die Ferien, Dudley?«, sagte er freundlich.
Dudley wimmerte. Harry sah, wie sich seine Hände noch
fester um das massige Hinterteil klammerten.
Fred und George kamen mit Harrys Schulkoffer im
Schlepptau herein. Sie sahen sich um und erblickten Dudley.
Auch an ihrem Grinsen, das sich nun auf ihren Gesichtern
zeigte, waren sie nicht zu unterscheiden.
»Ah, schön«, sagte Mr Weasley. »Wir machen uns jetzt am
besten aus dem Staub.«
Er schob die Ärmel seines Umhangs hoch und zückte den
Zauberstab. Harry sah die Dursleys im Gleichschritt zur Wand
zurückweichen.
»Incendio!«, sagte Mr Weasley und richtete den Zauberstab
auf das Sprengloch in der Wand.
Sofort schössen Flammen aus der Feuerstelle und began-
nen so munter zu knistern, als ob sie schon seit Stunden ge-
flackert hätten. Mr Weasley nahm einen kleinen Schnürbeu-
tel aus der Tasche, knüpfte ihn auf, nahm eine Prise Pulver
heraus und warf es in die Flammen, die sich sofort sma-
ragdgrün färbten und prasselnd in die Höhe schössen.
»Und los geht's, Fred«, sagte Mr Weasley.
»Komme«, sagte Fred. »O nein – wart mal –«
Ein Beutel Süßigkeiten war aus Freds Tasche gefallen und
der Inhalt kullerte über den ganzen Fußboden – große, fette
Toffeebohnen in buntem Einwickelpapier.
Fred rutschte auf den Knien umher und stopfte sie zurück in
die Tasche, dann winkte er den Dursleys fröhlich zum
Abschied, ging zum Kamin und trat mit den Worten »zum
Fuchsbau« mitten ins Feuer. Von Tante Petunia kam ein lei-
ses, schauderndes Keuchen. Ein Rauschen war zu hören und
Fred verschwand.
»Du bist dran, George«, sagte Mr Weasley, »du und der
Koffer.«
53
Harry half George den Koffer in die Flammen zu tragen
und ihn aufrecht zu stellen, damit er ihn besser halten
konnte. Dann, unter abermaligem Rauschen, rief George
»zum Fuchsbau!« und verschwand ebenfalls.
»Ron, du bist dran«, sagte Mr Weasley.
»Bis dann«, sagte Ron strahlend zu den Dursleys. Mit einem
breiten Grinsen für Harry trat er ins Feuer, rief »zum
Fuchsbau!« und verschwand.
Jetzt waren nur noch Harry und Mr Weasley übrig.
»Na dann ... auf Wiedersehen«, sagte Harry zu den
Dursleys.
Sie sagten kein Wort. Harry ging aufs Feuer zu, doch ge-
rade als er den Rand des Kamins erreicht hatte, streckte Mr
Weasley die Hand aus und hielt ihn zurück. Erstaunt sah er
die Dursleys an.
»Harry hat Ihnen auf Wiedersehen gesagt«, sagte er.
»Haben Sie ihn nicht gehört?«
»Ist schon gut«, murmelte Harry Mr Weasley zu. »Ehrlich
gesagt, mir ist es egal.«
Doch Mr Weasley zog die Hand nicht von Harrys Schulter.
»Sie sehen Ihren Neffen erst nächsten Sommer wieder«,
sagte er mild entrüstet zu Onkel Vernon. »Sicher wollen Sie
ihm auf Wiedersehen sagen?«
In Onkel Vernons Gesicht arbeitete es unter Hochdruck.
Die Vorstellung, ein Mann, der gerade seine halbe Wohn-
zimmerwand gesprengt hatte, bringe ihm Manieren bei,
schien ihm heftige Qualen zu bereiten.
Doch Mr Weasley hatte den Zauberstab immer noch in
der Hand und Onkel Vernons kleine Augen huschten zu
ihm hinüber, bevor er ein gequältes »Wiedersehen« hervor-
brachte.
»Bis dann«, sagte Harry und setzte einen Fuß in die grü-
nen Flammen; sie fühlten sich angenehm an wie ein warmer
54
Hauch. In diesem Augenblick jedoch ertönte ein fürchter-
liches Würgen hinter ihm und Tante Petunia begann zu
schreien.
Harry wirbelte herum. Dudley stand nicht mehr hinter
seinen Eltern. Er kniete neben dem Kaffeetischchen und
würgte und kaute an einem ellenlangen rötlichen und schlei-
migen Ding, das ihm aus dem Mund quoll. Eine verdutzte
Sekunde später sah Harry, dass das ellenlange Ding Dudleys
Zunge war – und dass ein grellbuntes Toffee-Papier vor ihm
auf dem Boden lag.
Tante Petunia warf sich neben Dudley zu Boden, packte die
Spitze seiner geschwollenen Zunge und versuchte sie aus
Dudleys Mund zu ziehen; natürlich schrie und würgte und
spuckte Dudley jetzt noch heftiger und versuchte sie abzu-
wehren. Onkel Vernon bellte ein paar Worte und fuchtelte mit
den Armen, so dass Mr Weasley laut rufen musste, um sich
Gehör zu verschaffen.
»Keine Sorge, ich kann ihm helfen!«, rief er und ging mit
ausgestrecktem Zauberstab auf Dudley zu, doch Tante Petu-
nia begann noch lauter zu kreischen und warf sich auf Dud-
ley, um ihn vor Mr Weasley zu schützen.
»Nein, so was!«, sagte Mr Weasley verzweifelt. »Das lässt
sich ganz einfach erklären – es war die Toffeebohne – mein
Sohn Fred – ein richtiger Scherzbold – aber es ist nur ein
Schwellwürgzauber – hoffe ich wenigstens – bitte, ich bring
ihn wieder auf die Beine –«
Doch die Dursleys ließen sich davon keineswegs beruhi-
gen. In wachsender Panik packte Tante Petunia unter hyste-
rischem Schluchzen Dudleys Zunge, wie wild entschlossen,
sie herauszureißen. Dudley schien durch das, was seine Mutter
und seine Zunge ihm antaten, dem Ersticken nahe, und Onkel
Vernon, der die Fassung völlig verloren hatte, packte eine
Porzellanfigur vom Beistelltisch und schleuderte
55
sie mit aller Kraft gegen Mr Weasley. Der duckte sich, und das
Schmuckstück zersplitterte in dem Sprengloch, das vom
Kamin übrig war.
»Nun aber wirklich!«, sagte Mr Weasley zornig und fuch-
telte mit seinem Zauberstab. »Ich will ja nur helfen!«
Wie ein verletztes Nilpferd trompetend packte Onkel
Vernon eine weitere Nippesfigur.
»Harry, geh! Verschwinde!«, rief Mr Weasley, den Zauber-
stab auf Mr Dursley gerichtet. »Ich erledige das schon!«
Harry wollte sich den Spaß eigentlich nicht entgehen las-
sen, doch Onkel Vernons zweites Schmuckstück surrte nur
knapp an seinem linken Ohr vorbei, und daraufhin schien es
ihm das Beste, die Sache Mr Weasley zu überlassen. Er trat ins
Feuer, warf einen Blick über die Schulter und sagte: »Zum
Fuchsbau!«; nur noch verschwommen nahm er wahr, dass Mr
Weasley mit Hilfe des Zauberstabs eine dritte Por-
zellanfigur aus Onkel Vernons Hand fliegen ließ, dass Tante
Petunia immer noch schreiend auf Dudley lag und Dudleys
Zunge aus dem Mund hing wie ein großer schleimiger Py-
thon. Doch schon begann Harry sich rasend schnell um sich
selbst zu drehen und das Wohnzimmer der Dursleys ver-
schwand in den jäh aufzüngelnden Flammen.
56
Weasleys Zauberhafte Zauberscherze
Harry, die Arme fest an sich gepresst, rotierte so rasend
schnell um sich selbst, dass er nur ab und zu verschwommen
einen Kamin vorbeifliegen sah. Allmählich wurde ihm übel
und er schloss die Augen. Endlich spürte er den Wirbel
nachlassen, er streckte die Hände aus und konnte sich ge-
rade noch festhalten, sonst wäre er vor dem Küchenkamin der
Weasleys auf die Nase geklatscht.
»Hat er angebissen?«, fragte Fred gespannt und reichte
Harry die Hand, um ihm auf die Beine zu helfen.
»Jaah«, sagte Harry und richtete sich auf. »Was war das
denn?«
»Würgzungen-Toffee«, strahlte Fred. »Haben George und
ich selber erfunden, und den ganzen Sommer schon suchen
wir jemanden, an dem wir es ausprobieren könnten ...«
In der kleinen Küche brach schallendes Gelächter aus;
Harry schaute sich um und sah Ron und George an dem po-
lierten Holztisch sitzen, zusammen mit zwei anderen Rot-
haarigen, die Harry noch nie gesehen hatte. Doch wusste er
sofort, wer sie waren: Bill und Charlie, die beiden ältesten
Weasley-Brüder.
»Wie geht's, Harry?«, sagte der eine, der ihm am nächsten
saß, und streckte seine große Hand aus. Als Harry sie schüt-
telte, spürte er Schwielen und Blasen an den Fingern. Das
musste Charlie sein, der in Rumänien lebte und mit Dra-
chen arbeitete. Charlie war ähnlich gebaut wie die Zwil-
linge, kleiner und stämmiger als Percy und Ron, die beide
57
groß und schlaksig waren. Sein gutmütiges Gesicht war breit
und wettergegerbt und die vielen Sommersprossen ließen es
noch gebräunter wirken. Auf einem seiner mus-
kulösen Arme war ein großes, schimmerndes Brandmal zu
sehen.
Auch Bill erhob sich jetzt mit einem Lächeln und schüt-
telte Harry die Hand. Harry, der wusste, dass er für die Zau-
bererbank Gringotts arbeitete und Schulsprecher in Hog-
warts gewesen war, hatte sich Bill immer als einen älteren
Doppelgänger von Percy vorgestellt: peinlich genau darauf
bedacht, die Vorschriften einzuhalten, und mit Genuss dabei,
die anderen herumzukommandieren. Tatsächlich jedoch war
Bill – und es gab kein besseres Wort dafür – einfach cool. Er
war hoch gewachsen und hatte sein langes Haar zu einem
Pferdeschwanz zusammengebunden. Er trug einen Ohrring, an
dem etwas baumelte, das aussah wie der Giftzahn einer
Schlange. Seine Kleidung hätte gut in ein Rockkonzert ge-
passt, nur dass seine Schuhe, wie Harry auffiel, nicht aus Le-
der, sondern aus Drachenhaut waren.
Bevor jemand ein weiteres Wort sagen konnte, ertönte ein
Plopp und Mr Weasley erschien wie aus dem Nichts an
Georges Seite. Harry hatte ihn noch nie so zornig erlebt.
»Das war überhaupt nicht komisch, Fred!«, brüllte er. »Was
zum Teufel hast du dem Muggeljungen gegeben?«
»Ich hab ihm gar nichts gegeben«, sagte Fred mit gemei-
nem Grinsen. »Ich hab nur was fallen lassen ... ist doch sein
Problem, wenn er es aufhebt und isst, ich hab ihm jedenfalls
nichts angeboten.«
»Du hast es absichtlich fallen lassen!«, polterte Mr Weas-
ley. »Du wusstest, dass er es aufessen würde, du wusstest, dass
er auf Diät war –«
»Und? Wie lang ist seine Zunge denn geworden?«, fragte
George begierig.
58
»Sie war über einen Meter lang, als die Eltern mir endlich
erlaubt haben, sie schrumpfen zu lassen!«
Harry und die Weasleys brachen erneut in Gelächter aus.
»Das ist nicht lustig!«, rief Mr Weasley. »Solches Verhal-
ten beschädigt die Zauberer-Muggel-Beziehungen aufs
Schwerste! Mein halbes Leben hab ich gegen die Miss-
handlung von Muggeln gekämpft und da kommen meine
eigenen Söhne –«
»Wir haben es ihm nicht deshalb gegeben, weil er ein
Muggel ist!«, sagte Fred entrüstet.
»Nein, wir haben es ihm verpasst, weil er ein tyrannisches
Riesenschwein ist«, sagte George. »Stimmt doch, Harry?«
»Ja, das stimmt, Mr Weasley«, sagte Harry ernst.
»Darum geht es hier nicht!«, tobte Mr Weasley. »Wartet
nur, bis ich es eurer Mutter erzähle –«
»Bis du mir was erzählst?«, fragte eine Stimme hinter ih-
nen.
Mrs Weasley stand in der Küche. Sie war eine kleine,
rundliche Frau mit einem sehr freundlichen Gesicht, doch jetzt
lag ihre Stirn in misstrauischen Falten.
»Ach, hallo, Harry, mein Lieber«, sagte sie lächelnd, als sie
ihn entdeckt hatte, dann wandte sie sich sofort mit blitzen-
den Augen ihrem Mann zu. »Arthur, erklär mir, was hier los
ist.«
Mr Weasley zögerte. Harry spürte, dass er zwar ziemlich
wütend auf Fred und George war, doch Mrs Weasley hatte er
eigentlich nichts von der ganzen Geschichte erzählen wollen.
In der eintretenden Stille musterte Mr Weasley ner-
vös seine Frau. Dann erschienen hinter Mrs Weasley zwei
Mädchen in der Küchentür. Die eine, mit sehr buschigem
braunem Haar und recht großen Vorderzähnen, war Harrys
und Rons beste Freundin, Hermine Granger. Die andere, klein
und rothaarig, war Rons jüngere Schwester Ginny.
59
Beide lächelten Harry zu, Harry grinste zurück und Ginny lief
scharlachrot an – sie hatte einen Narren an ihm gefres-
sen, seit er zum ersten Mal den Fuchsbau besucht hatte.
»Sag mir, was los ist, Arthur«, wiederholte Mrs Weasley
mit bedrohlichem Unterton in der Stimme.
»Ach nichts, Molly«, murmelte Mr Weasley. »Fred und
George haben nur – aber ich hab schon mit ihnen ge-
schimpft –«
»Was haben sie diesmal wieder ausgefressen?«, fragte Mrs
Weasley. »Wenn es irgendwas mit Weasleys Zauberhaften
Zauberscherzen zu tun hat –«
»Warum zeigst du Harry nicht, wo er schlafen kann, Ron?«,
sagte Hermine von der Tür her.
»Er weiß, wo er schläft«, sagte Ron. »In meinem Zimmer,
da hat er auch letztes Mal –«
»Wir können zusammen hochgehen«, sagte Hermine
überdeutlich.
»Oh«, sagte Ron, bei dem der Groschen endlich gefallen
war, »gute Idee.«
»Ja, wir kommen auch mit«, sagte George -
»Ihr bleibt, wo ihr seid!«, fauchte Mrs Weasley.
Harry und Ron verdrückten sich aus der Küche und machten
sich gemeinsam mit Hermine und Ginny auf den Weg durch
den engen Flur und die klapprige Treppe empor, die im
Zickzack durch das ganze Haus bis hoch zu den
Dachkammern führte.
»Was bedeutet Weasleys Zauberhafte Zauberscherze?«,
fragte Harry, während sie die Stufen erklommen.
Ron und Ginny lachten, Hermine jedoch blieb stumm.
»Mum hat beim Putzen in Freds und Georges Zimmer einen
Stapel Bestellformulare gefunden«, sagte Ron ge-
dämpft. »Ellenlange Preislisten für das Zeug, das sie erfun-
den haben. Scherzartikel, du kennst das ja. Falsche Zauber-
60
stäbe und Süßigkeiten mit eingebauter Überraschung, 'ne
ganze Menge davon. Einfach genial, ich hätte nie gedacht,
dass sie so erfinderisch sind ...«
»Schon seit langem hören wir es aus ihrem Zimmer stän-
dig knallen«, sagte Ginny, »aber wir wären nie darauf ge-
kommen, dass sie dieses Zeug wie am Fließband herstellen.
Wir dachten, sie stehen einfach auf Krach.«
»Nur, das meiste davon – na ja, eigentlich alles – war ein
wenig gefährlich«, sagte Ron, »und dann, musst du wissen,
wollten sie es auch noch in Hogwarts verkaufen. Da ist Mum
an die Decke gegangen. Sie hat ihnen verboten, an den Sachen
weiter zu basteln, und hat alle Bestellformulare verbrannt ...
Sie ist ohnehin sauer auf die beiden. Sie haben nicht so viele
ZAGs gekriegt, wie sie erwartet hat.«
ZAGs waren Zauberergrade, die die fünfzehnjährigen
Schüler bei den Prüfungen erwarben.
»Und dann hat es diesen Riesenkrach gegeben«, sagte
Ginny, »weil Mum will, dass die beiden sich im Zaubereimi-
nisterium bewerben, wo Dad arbeitet, aber sie meinten, sie
wollten eigentlich nur einen Scherzartikelladen aufmachen.«
In diesem Moment öffnete sich eine Tür auf dem zweiten
Treppenabsatz und ein sehr genervt aussehendes Gesicht mit
Hornbrille lugte hervor.
»Hallo, Percy«, sagte Harry.
»Ach, hallo, Harry«, sagte Percy. »Ich wollte nur wissen,
wer so viel Lärm macht. Ich versuche hier drin zu arbeiten,
musst du wissen – ich muss fürs Büro noch einen Bericht
schreiben – und es ist ziemlich schwer sich zu konzentrie-
ren, wenn ständig Leute die Treppe rauf- und runterpol-
tern.«
»Wir poltern nicht«, sagte Ron verärgert. »Wir gehen.
Verzeihung, wenn wir die streng geheime Arbeit des Zaube-
reiministeriums gestört haben.«
61
»Woran arbeitest du denn?«, sagte Harry.
»An einem Bericht für die Abteilung Internationale Ma-
gische Zusammenarbeit«, sagte Percy und reckte das Kinn.
»Wir versuchen die Kesseldicken endlich zu vereinheit-
lichen. Manche von diesen ausländischen Importkesseln sind
doch eine Spur zu dünn – die Tropfrate steigt jährlich um drei
Prozent –«
»Dieser Bericht wird die Welt verändern«, sagte Ron.
»Kommt sicher auf die Titelseite des Tagespropheten, dieses
Kesseltropfen.«
Percys Gesicht nahm einen Hauch Rosa an.
»Mach du nur deine Witze, Ron«, sagte er entrüstet, »aber
wenn wir nicht eine internationale Regelung durch-
setzen, wird der Markt eines Tages womöglich von dünn-
bödigen Billigprodukten überschwemmt, die eine ernste
Gefahr für –«
»Ja, ja, ist schon gut«, sagte Ron und betrat die nächste
Treppe. Percy knallte seine Zimmertür hinter sich zu. Wäh-
rend Harry, Hermine und Ginny drei weitere Treppen hin-
ter Ron herstiegen, hallten Rufe aus der Küche zu ihnen hoch.
Sie klangen, als hätte Mr Weasley seiner Frau von den
Toffeebohnen erzählt.
Das Zimmer unter dem Dach des Hauses, wo Ron schlief,
sah nicht viel anders aus als bei Harrys letztem Besuch, die-
selben Spieler auf den Postern von Rons Lieblingsteam, den
Chudley Cannons, wirbelten und winkten von den Wän-
den der schrägen Decke, und das Aquarium auf der Fenster-
bank, in dem damals noch Froschlaich gewesen war, beher-
bergte nun einen riesigen Frosch. Rons alte Ratte, Krätze, war
nicht mehr da, stattdessen die winzige graue Eule, die Rons
Brief zu Harry in den Ligusterweg geflogen hatte. Sie hüpfte
in einem kleinen Käfig auf und ab und zwitscherte wie
verrückt.
62
»Schnauze, Pig«, sagte Ron und drängte sich zwischen zwei
der vier Betten hindurch, die in das Zimmer ge-
quetscht worden waren. »Fred und George schlafen auch hier,
weil Bill und Charlie ihr Zimmer bekommen haben«, erklärte
er Harry. »Percy behält sein Zimmer für sich alleine, weil er ja
arbeiten muss.«
»Ähm – warum nennst du diese Eule Pig?«, fragte Harry.
»Weil Ron doof ist«, warf Ginny ein. »Sein richtiger Name
ist nämlich Pigwidgeon.«
»Ja, und das ist überhaupt kein doofer Name«, sagte Ron
trocken. »Ginny hat ihm den Namen gegeben«, erklärte er
Harry. »Sie findet ihn süß. Und ich wollte ihn noch ändern,
aber es war zu spät, er hörte auf überhaupt nichts anderes
mehr. Also heißt er jetzt eben Pig. Ich muss ihn hier oben
behalten, weil er Errol und Hermes ständig ärgert. Mich üb-
rigens auch, kann ich dir sagen.«
Pigwidgeon flatterte glücklich in seinem Käfig umher und
schrie schrill. Harry kannte Ron gut genug, um ihn nicht ernst
zu nehmen. Über seine alte Ratte Krätze hatte er sich ständig
beklagt, doch als Hermines Kater, Krummbein, ihn
vermeintlich gefressen hatte, war er untröstlich gewesen.
»Wo ist Krummbein?«, fragte Harry nun Hermine.
»Draußen im Garten, glaub ich«, sagte sie. »Er hat noch nie
einen Gnomen gesehen und jagt sie wie die Mäuse.«
»Percy gefällt die Arbeit, nicht wahr?«, sagte Harry, setzte
sich auf eins der Betten und sah den Chudley Cannons zu, wie
sie auf den Postern an der Decke erschienen und wieder
davonsausten.
»Gefallen?«, sagte Ron mit verdüsterter Miene. »Ich glaube,
er würde gar nicht mehr nach Hause kommen, wenn Dad es
nicht verlangen würde. Er ist wie besessen. Frag ihn ja nicht
nach seinem Chef. > Mr Crouch sagt die-
ses, Mr Crouch sagt jenes ... wie ich immer zu Mr Crouch
63
sage ... Mr Crouch ist der Meinung ... Mr Crouch hat mich
beauftragt ... < Bald geben sie noch ihre Verlobung be-
kannt.«
»Hast du einen schönen Sommer verbracht, Harry?«,
fragte Hermine. »Und sind die Fresspakete auch angekom-
men?«
»Ja, vielen Dank«, sagte Harry. »Diese Kuchen haben mir
das Leben gerettet.«
»Und hast du was von –?«, setzte Ron an, doch Hermines
Blick ließ ihn verstummen. Harry wusste, dass er nach Sirius
fragen wollte. Ron und Hermine hatten bei Sirius' Flucht
tatkräftig mitgeholfen und waren jetzt beinahe ebenso um
seinen Paten besorgt wie er. Allerdings war es nicht gut,
wenn Ginny alles hörte. Keiner außer ihnen und Professor
Dumbledore wusste, wie Sirius entkommen war, und keiner
glaubte an seine Unschuld.
»Sie haben aufgehört zu streiten«, sagte Hermine, um den
peinlichen Moment zu überbrücken, denn Ginnys Blick
wanderte neugierig von Ron zu Harry. »Sollen wir runter-
gehen und deiner Mum mit dem Abendessen helfen?«
»Ja, von mir aus«, sagte Ron. Alle vier verließen Rons
Zimmer und stiegen nach unten in die Küche, wo sie Mrs
Weasley allein und äußerst schlecht gelaunt vorfanden.
»Wir essen draußen im Garten«, sagte sie, als die vier ein-
traten. »Hier drin haben wir einfach keinen Platz für elf
Leute. Könntet ihr die Teller raustragen, Mädchen? Bill und
Charlie decken die Tische. Ihr beide nehmt bitte Messer
und Gabeln«, sagte sie zu Ron und Harry und richtete ihren
Zauberstab unversehens ein wenig zu energisch auf einen
Haufen Kartoffeln im Waschbecken, die daraufhin so
schnell aus ihren Pellen flutschten, dass sie gegen Wände
und Decke klatschten.
»Ach, um Himmels willen«, seufzte sie und richtete ihren
64
Zauberstab jetzt auf eine Kehrschaufel, die von der Wand
hüpfte, über den Boden tänzelte und die Kartoffeln auf-
schaufelte. »Diese beiden!«, stieß sie zornig hervor, während
sie Töpfe und Pfannen aus dem Schrank holte, und Harry war
klar, dass sie Fred und George meinte. »Ich weiß nicht, was
aus denen mal werden soll, ehrlich gesagt. Keinen Ehr-
geiz, wollen anderen nur möglichst viel Ärger bereiten ...«
Sie ließ einen großen Kupfertopf auf den Küchentisch
knallen und begann mit dem Zauberstab darin herumzurüh-
ren, bis sich eine cremige Sauce aus der Spitze in den Topf
ergoss.
»Es ist ja nicht so, dass sie keinen Grips hätten«, fuhr sie
gereizt fort, trug den Topf hinüber zum Herd und entzün-
dete diesen mit einem Stupser ihres Zauberstabs. »Sie ver-
schwenden ihn einfach, und wenn sie sich nicht bald zusam-
menreißen, kriegen sie wirklich Probleme. Hogwarts hat mir
mehr Eulen ihretwegen geschickt als wegen aller ande-
ren zusammen. Wenn sie so weitermachen, landen sie noch
vor dem Ausschuss gegen den Missbrauch der Magie.«
Mrs Weasley tippte mit dem Zauberstab gegen die Be-
steckschublade, die prompt aufsprang. Ein paar Messer flo-
gen heraus, so dass Harry und Ron sich rasch ducken muss-
ten, surrten quer durch die Küche und begannen die Kartoffeln
in Scheiben zu schneiden, die die Kehrschaufel soeben wieder
ins Waschbecken befördert hatte.
»Ich weiß nicht, was wir bei den beiden falsch gemacht
haben«, sagte Mrs Weasley, legte ihren Zauberstab beiseite
und begann noch mehr Töpfe hervorzukramen. »Das geht nun
schon seit Jahren so, immer wieder was Neues, und sie wollen
einfach nicht zuhören – o nein, nicht schon wieder!«
Sie hatte ihren Zauberstab vom Tisch genommen und er
hatte sich unter lautem Quieken in eine riesige Gummi-
maus verwandelt.
65
»Schon wieder einer von ihren falschen Zauberstäben!«, rief
sie. »Wie oft hab ich den beiden schon gesagt, sie sollen sie
nicht herumliegen lassen!«
Sie griff nach ihrem richtigen Zauberstab, drehte sich um
und musste feststellen, dass die Sauce auf dem Herd zu ko-
keln begonnen hatte.
»Komm mit«, sagte Ron hastig zu Harry und kramte eine
Hand voll Besteck aus der Schublade, »wir gehen nach drau-
ßen und helfen Bill und Charlie.«
Sie ließen Mrs Weasley allein und gingen durch die Hin-
tertür hinaus auf den Hof.
Sie waren nur ein paar Schritte gegangen, als Hermines sä-
belbeiniger rötlicher Kater Krummbein aus dem Garten ge-
saust kam, den Schwanz wie eine Flaschenbürste schnurge-
rade in die Luft gestreckt, auf der Jagd nach etwas, das aussah
wie eine erdige Kartoffel auf Beinen. Das kaum armlange
Wesen ließ seine verhornten kleinen Füße eifrig tapsen,
hoppelte quer über den Hof und stürzte sich kopfüber in ei-
nen der Gummistiefel, die an der Tür lagen. Harry konnte den
Gnomen wie irre giggeln hören, während Krummbein eine
Pfote in den Stiefel steckte und nach ihm aushieb. Un-
terdessen begann es von der anderen Seite des Hauses her laut
zu lärmen. Was den Krach verursachte, erkannten sie erst, als
sie in den Garten kamen und sahen, dass Bill und Charlie mit
gezückten Zauberstäben zwei arg ramponierte alte Tische hoch
über dem Rasen fliegen und gegeneinander knallen ließen, um
den des Gegners zum Absturz zu brin-
gen. Fred und George feuerten sie an; Ginny lachte und
Hermine stand an der Ecke und trat von einem Bein aufs an-
dere, offenbar hin- und hergerissen zwischen Vergnügen und
schlechtem Gewissen.
Bills Tisch knallte laut gegen den Charlies und schlug ihm
ein Bein weg.
66
Oben am Haus klapperte etwas und sie sahen, wie Percy aus
einem Fenster im zweiten Stock lugte.
»Hört auf damit!«, bellte er.
»Verzeihung, Perce«, sagte Bill grinsend. »Wie steht's mit
den Kesselböden?«
»Ganz übel«, sagte Percy verdrießlich und schlug das Fens-
ter zu. Bill und Charlie ließen die Tische im sicheren Gleit-
flug auf dem Gras landen, dann fügte Bill mit einem Schnip-
pen des Zauberstabs das fehlende Bein wieder an und deckte
die Tische von Zauberhand.
Um sieben Uhr ächzten die Tische unter der Last von
Töpfen und Tellern, die gefüllt waren mit Mrs Weasleys
herrlichen Gerichten, und die neun Weasleys, Harry und
Hermine setzten sich und begannen unter dem klaren, tief-
blauen Himmel zu essen. Für jemanden, der sich den gan-
zen Sommer von zunehmend muffiger werdendem Kuchen
ernährt hatte, war dies das Paradies, und Harry hörte anfangs
lieber zu als zu reden, da er sich an Hühnchen-und-Schin-ken-
Pastete, Salzkartoffeln und Salat gütlich tat.
Am anderen Ende des Tisches erzählte Percy seinem Va-
ter alles über seinen Kesselboden-Bericht.
»Ich hab Mr Crouch gesagt, am Dienstag bin ich fertig«,
erklärte Percy mit Nachdruck. »Das ist ein wenig früher, als er
erwartet hat, aber ich bin eben immer eine Nasenlänge voraus.
Ich glaube, er wird mir dankbar sein, dass ich es in so kurzer
Zeit geschafft habe. Immerhin ist bei uns in der Ab-
teilung gerade die Hölle los, bei den ganzen Vorbereitungen
für die Weltmeisterschaft. Wir bekommen einfach nicht die
notwendige Unterstützung von der Abteilung für Magische
Spiele und Sportarten. Ludo Bagman –«
»Ich mag Ludo«, sagte Mr Weasley sachte. »Er hat uns
nämlich die guten Plätze für das Endspiel besorgt. Hab ihm
einen kleinen Gefallen getan: sein Bruder, Otto, hatte sich
67
ein kleines Problem eingehandelt – einen Rasenmäher mit
übernatürlichen Kräften – und ich hab die Sache gerade ge-
bogen.«
»Oh, Bagman, ganz nett, natürlich«, sagte Percy gering-
schätzig, »aber wie er jemals Abteilungsleiter werden konnte
... wenn ich ihn mit Mr Crouch vergleiche! Ich kann mir bei
Mr Crouch einfach nicht vorstellen, dass er einen Mitarbeiter
seiner Abteilung verliert und nicht versucht he-
rauszufinden, was mit ihm passiert ist. Ist dir klar, dass Bertha
Jorkins jetzt schon seit über einem Monat vermisst wird? Die
Frau, die nach Albanien in den Urlaub fuhr und nicht
zurückkam?«
»Ja, ich hab Ludo nach ihr gefragt«, sagte Mr. Weasley
stirnrunzelnd. »Er meint, Bertha sei schon öfter vermisst
worden – obwohl ich zugeben muss, wenn es jemand aus
meiner Abteilung wäre, würde ich mir Sorgen machen ...«
»Bertha ist ein hoffnungsloser Fall, gewiss«, sagte Percy.
»Wie ich höre, wurde sie seit Jahren von Abteilung zu Ab-
teilung geschoben und richtete mehr Schaden als Nutzen an ...
und trotzdem, Bagman sollte versuchen sie zu finden. Mr
Crouch interessiert sich persönlich dafür – sie hat früher bei
uns gearbeitet, weißt du, und ich glaube, Mr Crouch war ganz
angetan von ihr – aber Bagman lacht immer nur und sagt, sie
hätte wahrscheinlich die Landkarte falsch gelesen und sei in
Australien statt in Albanien gelandet. Allerdings«, Percy ließ
einen gewichtigen Seufzer hören und nahm einen ausgiebigen
Schluck vom Holunderblütenwein, »wir haben in der
Abteilung für Internationale Magische Zusammenar-
beit genug am Hals und können nicht auch noch Leute aus
anderen Abteilungen suchen. Du weißt ja, nach der Welt-
meisterschaft müssen wir ein weiteres Großereignis organi-
sieren.«
Er räusperte sich viel sagend und blickte hinüber zum an-
68
deren Ende des Tisches, wo Harry, Ron und Hermine saßen.
»Du weißt schon, wovon ich rede, Vater.« Er hob leicht die
Stimme. »Diese Topsecret-Geschichte.«
Ron rollte mit den Augen und murmelte zu Harry und
Hermine gewandt: »Seit er angefangen hat zu arbeiten, will er
uns dazu bringen zu fragen, was das für ein Ereignis ist.
Wahrscheinlich eine Ausstellung für dickwandige Kessel.«
In der Mitte der Tafel stritt Mrs Weasley mit Bill über sei-
nen Ohrring, den er offenbar erst seit kurzem trug.
»... mit einem fürchterlichen Riesenzahn dran, wirklich,
Bill, was sagen sie in der Bank?«
»Mum, keiner in der Bank schert sich einen Pfifferling
darum, wie ich mich anziehe, solange ich genug Schätze
reinbringe«, sagte Bill geduldig.
»Und dein Haar sieht allmählich aus, mein Lieber«, sagte
Mrs Weasley und befingerte liebevoll ihren Zauberstab. »Ich
wünschte, du würdest mich mal kurz da ranlassen ...«
»Mir gefällt es so«, sagte Ginny, die neben Bill saß. »Du
bist so altmodisch, Mum. Außerdem ist es nicht halb so lang
wie das von Professor Dumbledore ...«
Neben Mrs Weasley unterhielten sich Fred, George und
Charlie angeregt über die Weltmeisterschaft.
»Ich tippe auf Irland«, mampfte Charlie mit einem Mund
voll Kartoffeln. »Die haben Peru im Halbfinale platt ge-
macht.«
»Aber Bulgarien hat Viktor Krum«, sagte Fred.
»Krum ist gerade mal ein brauchbarer Spieler, Irland hat
sieben«, sagte Charlie schroff. »Wär schön gewesen, wenn
England es geschafft hätte. Aber das war peinlich, wirklich
sehr peinlich.«
»Was war denn?«, fragte Harry wissbegierig und ärgerte sich
mehr denn je, dass er nichts von der Zaubererwelt er-
fuhr, solange er im Ligusterweg steckte. Harry war ein lei-
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denschaftlicher Quidditch-Spieler. Seit seinem ersten Jahr in
Hogwarts machte er den Sucher für das Team seines Hauses,
Gryffindor, und er besaß einen der besten Rennbesen der Welt,
einen Feuerblitz.
»Sind gegen Transsilvanien untergegangen, dreihundert-
neunzig zu zehn«, sagte Charlie trübselig. »War grausam mit
anzusehen. Und Wales hat gegen Uganda verloren, und Lu-
xemburg hat Schottland abgeschlachtet.«
Mr Weasley beschwor Kerzen herauf, denn im Garten
wurde es allmählich dunkel. Es gab Nachtisch (selbst ge-
machtes Erdbeereis), und als sie aufgegessen hatten, flatter-
ten Motten tief über den Tisch und der Duft von Gräsern und
Geißblatt erfüllte die warme Luft. Harry sah ein paar Gnomen
nach, die mit irrem Lachen durch die Rosenbüsche rasten,
dicht gefolgt von Krummbein, und fühlte sich so richtig satt
und zufrieden mit der Welt.
Ron ließ den Blick über den Tisch schweifen, um sicher-
zugehen, dass die anderen sich alle eifrig unterhielten, dann
sagte er sehr leise zu Harry: »Wie steht's – hast du in letzter
Zeit was von Sirius gehört?«
Hermine wandte den Kopf und hörte gespannt zu.
»Jaah«, sagte Harry gedämpft, »zweimal. Er hört sich gut
an. Ich hab ihm vorgestern geschrieben. Vielleicht antwortet er
noch, während ich hier bin.«
Plötzlich fiel ihm wieder ein, aus welchem Grund er an
Sirius geschrieben hatte, und einen Moment lang wollte er
Ron und Hermine erzählen, dass seine Narbe wieder
schmerzte, und von dem Traum berichten, der ihn aufge-
weckt hatte ... doch im Grunde wollte er sie jetzt nicht
beunruhigen, nicht wenn er selbst sich so glücklich und zu-
frieden fühlte.
»Schon so spät!«, sagte Mrs Weasley plötzlich mit einem
Blick auf ihre Armbanduhr. »Ihr solltet schon längst im Bett
70
sein, die ganze Bande, ihr müsst morgen in aller Frühe auf-
stehen, damit ihr zum Endspiel kommt. Harry, wenn du mir
die Liste mit deinen Schulsachen rauslegst, besorge ich sie dir
morgen in der Winkelgasse, ich muss sowieso hin. Nach der
Weltmeisterschaft ist vielleicht keine Zeit mehr, das letzte Mal
hat das Endspiel fünf Tage gedauert.«
»Uff – diesmal hoffentlich auch!«, sagte Harry ganz be-
geistert.
»Nun, ich persönlich kann darauf verzichten«, sagte Percy
scheinheilig. »Mich schaudert, wenn ich daran denke, wie
mein Eingangskorb aussähe, wenn ich fünf Tage nicht ins
Büro ginge.«
»Ja, vielleicht würde wieder jemand Drachenmist rein-
werfen, Perce?«, sagte Fred.
»Das war eine Düngerprobe aus Norwegen!«, sagte Percy
und lief puterrot an. »Nichts Persönliches!«
»War es doch«, flüsterte Fred Harry zu, als sie sich erho-
ben. »Wir haben sie geschickt.«
71
Der Portschlüssel
Harry schien es, als hätte er sich kaum schlafen gelegt, da kam
auch schon Mrs Weasley in Rons Zimmer und rüttelte ihn
wach.
»Zeit, aufzustehen, mein lieber Harry«, flüsterte sie und
ging weiter, um Ron zu wecken.
Harry tastete nach seiner Brille, setzte sie auf und sah sich
um. Draußen war es noch dunkel. Ron, den seine Mutter
gerade geweckt hatte, murmelte unverständliche Worte. Am
Fußende seines Bettes sah Harry zwei große, zerzauste
Gestalten aus einem Gewirr von Laken auftauchen.
»Sch-schon Sseit?«, sagte Fred mit verschlafener Stimme.
Zu müde, um viele Worte zu wechseln, zogen sie sich rasch
an und stiegen unter Gähnen und Ächzen hinunter in die
Küche.
Mrs Weasley stand am Herd und rührte in einem großen
Topf, Mr Weasley saß am Tisch und blätterte einen Stapel
großer Pergamentkarten durch. Er sah auf, als die Jungen
eintraten, und breitete die Arme aus, damit sie seine Klei-
dung begutachten konnten. Er trug so etwas wie einen Pul-
lunder und eine steinalte Jeans, die, ein wenig zu groß für ihn,
mit einem breiten Ledergürtel festgeschnürt war.
»Was haltet ihr davon?«, fragte er erwartungsvoll. »Wir
sollen doch inkognito reisen – sehe ich aus wie ein Muggel,
Harry?«
»Hmmh«, grinste Harry, »sehr gut.«
»Wo sind denn Bill und Charlie und Per-Per-Percy?«,
72
sagte George und konnte ein abgrundtiefes Gähnen nicht
unterdrücken.
»Ach ja, die wollen apparieren«, sagte Mrs Weasley, wuch-
tete den großen Topf auf den Tisch und schöpfte Haferbrei in
die Schalen. »So können sie noch ein wenig ausschlafen.«
Harry wusste, dass Apparieren sehr schwierig war; es be-
deutete, von einem Ort zu verschwinden und fast sofort an
anderer Stelle wieder aufzutauchen.
»Die pennen also noch?«, grummelte Fred und zog eine
Haferbreischale zu sich her. »Warum können wir nicht auch
apparieren?«
»Weil ihr noch nicht alt genug seid und die Prüfung noch
nicht abgelegt habt«, fauchte Mrs Weasley. »Und wo sind ei-
gentlich die Mädchen?«
Sie ging hinaus und die anderen hörten, wie sie die Treppe
hochstieg.
»Fürs Apparieren ist eine Prüfung nötig?«, fragte Harry.
»O ja«, sagte Mr Weasley und steckte die Karten sorgfältig
in die hintere Tasche seiner Jeans. »Die Abteilung für Magi-
schen Personenverkehr musste vor kurzem einem Pärchen
Bußgeld aufbrummen, weil die beiden ohne Erlaubnis appa-
riert sind. Apparieren ist nicht einfach, und wenn man es
nicht richtig macht, kann es üble Folgen haben. Das besagte
Pärchen hat es doch tatsächlich geschafft, sich zu zersplin-
tern.«
Alle am Tisch außer Harry zuckten zusammen.
»Ähm – zersplintern?«, sagte Harry.
»Sie haben je die Hälfte von sich zurückgelassen«, sagte Mr
Weasley, während er Unmengen Sirup über seinen Ha-
ferbrei kippte. »Da saßen sie natürlich ganz schön in der
Klemme. Konnten weder vor noch zurück. Sie mussten auf
das Magische Unfallumkehr-Kommando warten, das sie
dann rausgeholt hat. Hieß 'ne Menge Papierkram für mich,
73
kann ich euch sagen, wegen all der Muggel, die über ihre zu-
rückgelassenen Körperteile gestolpert sind ...«
Harry überkam die jähe Vorstellung von zwei Beinen und
einem Augapfel, die auf dem Bürgersteig des Ligusterwegs
herumlagen.
»Haben sie es überstanden?«, fragte er bestürzt.
»O ja«, sagte Mr Weasley gelassen. »Aber 'ne saftige Geld-
buße hat es gesetzt, und ich glaube nicht, dass sie es so schnell
wieder versuchen. Mit dem Apparieren ist nicht zu spaßen. Es
gibt genug erwachsene Zauberer, die dankend darauf
verzichten. Nehmen lieber einen Besen – langsamer, aber
sicherer.«
»Aber Bill und Charlie und Percy beherrschen es?«
»Charlie musste die Prüfung zweimal machen«, sagte Fred
grinsend. »Das erste Mal ist er durchgefallen. Appa-rierte acht
Kilometer weiter südlich, als er eigentlich wollte, direkt auf
dem Kopf von so 'ner armen Oma, die gerade beim Einkaufen
war, wisst ihr noch?«
»Tja nun, beim zweiten Mal hat er es jedenfalls geschafft«,
sagte Mrs Weasley, die unter herzhaftem Gekicher zurück in
die Küche kam.
»Percy hat seine Prüfung erst vor zwei Monaten bestan-
den«, sagte George. »Seither appariert er jeden Morgen nach
hier unten, nur um zu beweisen, dass er es beherrscht.«
Vom Flur her waren Schritte zu hören und Hermine und
Ginny kamen in die Küche. Sie sahen blass und verschlafen
aus.
»Warum müssen wir so früh aufstehen?«, sagte Ginny, rieb
sich die Augen und setzte sich an den Tisch.
»Wir haben einen kleinen Fußmarsch vor uns«, sagte Mr
Weasley.
»Fußmarsch?«, sagte Harry. »Wie bitte, gehen wir etwa zu
Fuß zur Weltmeisterschaft?«
74
»Nein, nein, das ist zu weit weg«, sagte Mr Weasley lä-
chelnd. »Wir müssen nur ein kurzes Stück zu Fuß gehen. Es ist
nämlich sehr schwierig, eine große Zahl von Zaube-
rern an einem Ort zu versammeln, ohne dass es den Mug-
geln auffällt. Wir müssen ohnehin immer vorsichtig sein, und
bei einem Riesenereignis wie der Quidditch-Weltmeis-
terschaft –«
»George!«, sagte Mrs Weasley scharf, und alle schraken
zusammen.
»Was ist?«, sagte George in einem Unschuldston, der kei-
nen täuschte.
»Was hast du da in der Tasche?«
»Nichts!«
»Lüg nicht!«
Mrs Weasley richtete den Zauberstab auf Georges Tasche
und sagte »Accio!«.
Mehrere kleine, bunte Gegenstände schössen daraus her-
vor; George versuchte sie einzufangen, sie entwischten ihm
jedoch und flogen geradewegs in die ausgestreckte Hand sei-
ner Mutter.
»Wir haben euch doch gesagt, ihr sollt sie unschädlich ma-
chen!«, rief Mrs Weasley zornig und hielt offenbar einige
weitere Würgzungen-Toffees hoch. »Schafft das Zeug fort,
haben wir gesagt! Leert eure Taschen, aber dalli, und zwar
beide!«
Es war peinlich mit anzusehen; die Zwillinge hatten of-
fenbar beabsichtigt, möglichst viele Toffeebohnen aus dem
Haus zu schmuggeln, und erst mit Hilfe ihres Sammelzau-
bers schaffte es Mrs Weasley, aller habhaft zu werden.
»Accio! Accio! Accio!«, rief sie, und die Toffeebohnen flogen
von überall her auf sie zu, etwa aus dem Futter von Freds
Sakko und aus den Aufschlägen von Georges Jeans.
»Wir haben ein halbes Jahr gebraucht, um sie zu entwi-
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ekeln!«, schrie Fred seine Mutter an, als sie die Toffees weg-
warf.
»Ach, ist ja 'ne tolle Art, ein halbes Jahr zu verbringen!«,
kreischte sie. »Kein Wunder, dass ihr nicht mehr ZAGs ge-
schafft habt!«
Alles in allem herrschte bei ihrem Aufbruch keine beson-
ders fröhliche Stimmung. Mrs Weasley schaute immer noch
finster, als sie ihren Gatten auf die Wange küsste, wenn auch
längst nicht so finster wie die Zwillinge, die ihre Rucksäcke
schulterten und ohne ein Abschiedswort für sie hinaus-
gingen.
»Dann viel Vergnügen«, sagte Mrs Weasley, »und be-
nehmt euch«, rief sie den Zwillingen nach, die ihr jedoch stur
den Rücken kehrten. »Ich schicke Bill, Charlie und Percy
gegen Mittag nach«, sagte Mrs Weasley an ihren Mann
gewandt, dann gingen er, Harry, Ron, Hermine und Ginny
hinaus und folgten Fred und George über den Hof.
Es war recht kühl und der Mond stand noch am Himmel.
Nur ein grünlicher Schleier am östlichen Horizont kündigte
den kommenden Tag an. Harry dachte an die Tausende von
Zauberern, die alle zur Quidditch-Weltmeisterschaft kommen
wollten, und beschleunigte seine Schritte, bis er Mr Weasley
eingeholt hatte.
»Wie schaffen sie es eigentlich alle, dorthin zu kommen,
ohne dass die Muggel es merken?«, fragte er.
»Das war ein gewaltiger Organisationsaufwand«, seufzte Mr
Weasley. »Das Problem ist, dass etwa hunderttausend
Zauberer zur Quidditch-Weltmeisterschaft kommen und wir
einfach kein magisches Gelände haben, das groß genug wäre,
um sie alle aufzunehmen. Es gibt Orte, zu denen die Muggel
nicht vordringen können, doch stell dir vor, du ver-
suchst hunderttausend Zauberer in der Winkelgasse oder
auf dem Bahnsteig neundreiviertel unterzubringen. Deshalb
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mussten wir ein hübsches, einsames Moor ausfindig machen
und möglichst viel Muggelabwehr einrichten. Das ganze
Ministerium war monatelang damit beschäftigt. Zunächst mal
müssen wir natürlich die Ankunft staffeln. Leute mit billigeren
Karten müssen zwei Wochen vor der Zeit kom-
men. Einige von ihnen kommen mit den Verkehrsmitteln der
Muggel, doch allzu viele dürfen natürlich auch nicht ihre
Busse und Züge verstopfen – vergiss nicht, dass Zaube-
rer aus der ganzen Welt kommen. Manche apparieren na-
türlich, aber wir müssen sichere Plätze einrichten, wo sie fern
von den Muggeln auftauchen können. Ich glaube, sie haben
einen geeigneten Wald gefunden, den sie als Appara-tionsplatz
nutzen. Für alle, die nicht apparieren wollen oder können,
verwenden wir Portschlüssel. Das sind Gegen-
stände, mit denen man Zauberer zu einem vereinbarten
Zeitpunkt von einem Punkt zum anderen bringen kann. Wenn
nötig, auch große Gruppen. Hundert Portschlüssel wurden an
günstig gelegenen Orten in ganz Großbritannien abgelegt, und
der für uns nächste liegt oben auf einem Hü-
gel, dem Wieselkopf, und dort gehen wir jetzt hin.«
Mr Weasley deutete in die Ferne, wo sich eine große
schwarze Masse über dem Dorf Ottery St. Catchpole erhob.
»Was ist das, ein Portschlüssel?«, fragte Harry wissbegierig.
»Nun, das kann alles Mögliche sein«, sagte Mr Weasley.
»Unscheinbare Dinge natürlich, so dass die Muggel sie nicht
einfach aufheben und mit ihnen spielen ... Sachen, die sie für
bloßen Abfall halten ...«
Sie stapften den dunklen, feuchten Weg zum Dorf ent-
lang und nur ihre Schritte störten die Stille. Während sie durch
das Dorf gingen, erhellte sich der schwarze Himmel
allmählich und nahm ein dunkles Blau an. Harrys Hände und
Füße waren eiskalt. Mr Weasley blickte immer wieder auf die
Uhr.
77
Keuchend und ohne viele Worte stiegen sie den Wiesel-
kopf hoch, stolperten hin und wieder in ein verstecktes Ka-
ninchenloch oder rutschten auf dicken schwarzen Grashö-
ckern aus. Jeder Atemzug brannte Harry in der Brust, und
seine Beine wollten gerade einknicken, als er endlich ein
ebenes Stück Erde betrat.
»Puuuhhh«, schnaufte Mr Weasley, nahm die Brille ab und
wischte die Gläser an seinem Pullunder trocken. »Im-
merhin, wir liegen gut in der Zeit – wir haben noch zehn
Minuten ...«
Hermine kam als Letzte über den Hügelkamm, die Hände
mit schmerzverzerrter Miene in die Seite gepresst.
»Jetzt fehlt uns nur noch der Portschlüssel«, sagte Mr
Weasley, setzte die Brille wieder auf und ließ den Blick su-
chend über die Erde schweifen. »Er wird nicht groß sein ... ihr
könnt mir helfen ...«
Sie verteilten sich über der Hügelkuppe, hatten jedoch erst
ein paar Minuten gesucht, als ein Ruf die Stille durch-
brach.
»Hier, Arthur! Hierher, alter Junge, wir haben ihn!«
»Amos!«, sagte Mr Weasley, und ein Lächeln breitete sich
auf seinem Gesicht aus. Rasch schritt er hinüber zu dem
Mann, der gerufen hatte. Die anderen folgten ihm.
Mr Weasley schüttelte die Hand eines Zauberers mit wet-
tergegerbtem Gesicht und braunem Stoppelhaar, der einen
verschimmelten alten Stiefel in der anderen Hand hielt.
»Darf ich vorstellen, Amos Diggory«, sagte Mr Weasley.
»Arbeitet in der Abteilung zur Führung und Aufsicht Ma-
gischer Geschöpfe. Und ich glaube, ihr kennt seinen Sohn
Cedric?«
Cedric Diggory war ein außergewöhnlich hübscher Junge
um die siebzehn Jahre. Er war Kapitän und Sucher des
Quidditch-Teams der Hufflepuffs in Hogwarts.
78
»Hallo«, sagte Cedric und blickte in die Runde.
Alle antworteten »Hallo«, außer Fred und George, die nur
nickten. Sie hatten Cedric nie ganz verziehen, dass er ihr
Gryffindor-Team im ersten Quidditch-Spiel des letzten Jah-
res geschlagen hatte.
»War 'n langer Fußmarsch, Arthur?«, fragte Cedrics Vater.
»Nicht allzu schlimm«, sagte Mr Weasley. »Wir wohnen
nicht weit von hier, auf der anderen Seite des Dorfes dort
unten. Und ihr?«
»Wir mussten um zwei aufstehen, nicht wahr, Ced? Ich
kann dir sagen, ich bin froh, wenn er seine Prüfung im Ap-
parieren hinter sich hat. Na ja ... ich will mich nicht bekla-
gen ... die Quidditch-Weltmeisterschaft, die würd ich nicht für
einen Sack voll Galleonen verpassen wollen – und die Karten
kosten ungefähr so viel. Dabei bin ich noch günstig
weggekommen ...« Amos Diggory wandte sich mit wohl-
wollendem Blick den drei Weasley-Jungen, Harry, Hermine
und Ginny zu. »Alle von dir, Arthur?«
»O nein, nur die Rotschöpfe«, sagte Mr Weasley und deu-
tete auf seine Kinder. »Das ist Hermine, eine Freundin von
Ron – und Harry, auch ein Freund –«
»Beim Barte von Merlin«, sagte Amos Diggory, und seine
Augen weiteten sich. »Harry? Harry Potter?«
»Aahm – ja«, sagte Harry.
Harry kannte es schon zur Genüge, dass Leute, die ihn zum
ersten Mal trafen, ihn neugierig anstarrten, dass ihr Blick
sofort zu der Blitznarbe auf seiner Stirn huschte, doch noch
immer fühlte er sich unwohl dabei.
»Ced hat natürlich von dir gesprochen«, sagte Amos Dig-
gory. »Hat mir alles von dem Spiel letztes Jahr gegen euch
erzählt ... Ich hab ihm gesagt – Ced, das kannst du mal dei-
nen Kindern erzählen, hab ich gesagt ... du hast Harry Pot-
ter geschlagen!«
79
Harry wusste nicht, was er darauf antworten sollte, und
schwieg. Fred und George sahen schon wieder missvergnügt
drein. Cedric schien ein wenig verlegen.
»Harry ist von seinem Besen gefallen, Dad«, nuschelte er.
»Ich hab dir doch gesagt ... es war ein Unfall ...«
»Ja, aber du bist nicht runtergefallen, nicht wahr?«, dröhnte
Amos quietschvergnügt. »Immer so bescheiden, unser Ced,
immer ein Ehrenmann ... aber der Beste auf dem Platz hat
gewonnen, sicher würde Harry das auch sagen, nicht wahr,
Harry? Der eine fällt von seinem Besen, der andere bleibt
oben, du musst kein Genie sein, um rauszufinden, wer der
bessere Flieger ist!«
»Wir müssen bald los«, warf Mr Weasley rasch ein und zog
seine Uhr aus der Tasche. »Weißt du, ob wir noch auf je-
manden warten müssen, Amos?«
»Nein, die Lovegoods sind schon seit 'ner Woche da und die
Fawcetts haben keine Karten bekommen«, sagte Mr Diggory.
»Hier in der Gegend wohnt sonst niemand mehr von uns,
oder?«
»Nicht dass ich wüsste«, sagte Mr Weasley. »Ja, wir haben
noch eine Minute ... machen wir uns bereit ...«
Er wandte sich Harry und Hermine zu. »Ihr müsst den
Portschlüssel nur berühren, das ist alles, ein Finger reicht –«
Von ihren klobigen Rucksäcken ein wenig behindert tra-
ten sie auf den alten Stiefel zu, den Amos Diggory in die Höhe
hielt.
Alle neun standen in einem engen Kreis zusammen, als eine
kalte Brise über die Hügelkuppe blies. Keiner sprach. Harry
fiel plötzlich ein, wie gespenstisch sie für einen Mug-
gel aussehen würden, der zufällig hier auftauchte ... neun
Menschen, darunter zwei erwachsene Männer, die im Halb-
dunkel diesen vergammelten alten Gummistiefel berührten
und warteten ...
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»Drei ...«, murmelte Mr Weasley mit einem Auge auf der
Uhr, »zwei ... eins ...«
Es passierte sofort: Harry hatte das Gefühl, als ob er an
einem Haken direkt hinter seinem Nabel plötzlich mit un-
widerstehlicher Gewalt nach vorne gerissen würde. Er hatte
den Boden unter den Füßen verloren; er spürte, dass Ron und
Hermine Seite an Seite mit ihm flogen und ihre Schul-
tern gegen die seinen schlugen; durch wütende Böen und
wirbelnde Farbspiralen rasten sie dahin; sein Zeigefinger
klebte an dem Stiefel, als zöge er ihn magnetisch an, und dann
–
Harry prallte mit den Füßen auf festen Grund; Ron stol-
perte und stürzte über Harry; der Portschlüssel schlug mit
einem lauten dumpfen Geräusch neben seinem Kopf ein.
Harry blickte auf. Mr Weasley, Mr Diggory und Cedric
standen auf den Beinen, sahen jedoch arg zerzaust aus; alle
anderen lagen auf der Erde.
»Sieben nach fünf vom Wieselkopf«, sagte eine Stimme.
81
Bagman und Crouch
Harry befreite sich aus Rons Umklammerung und richtete sich
auf. Sie waren auf einem nebelverhangenen Moor ge-
landet. Vor ihnen standen zwei müde und missmutig drein-
blickende Zauberer, der eine mit einer großen goldenen Uhr in
der Hand, der andere mit einer dicken Pergament-
rolle und einer Feder. Beide waren wie Muggel gekleidet,
allerdings recht ungewöhnlich; der Mann mit der Uhr trug
einen Tweed-Anzug mit kniehohen Galoschen, sein Kol-
lege einen Kilt und einen Poncho.
»Morgen, Basil«, sagte Mr Weasley, hob den Stiefel auf und
reichte ihn dem Zauberer im Kilt, der ihn in eine große Kiste
mit gebrauchten Portschlüsseln warf; Harry konnte eine alte
Zeitung erkennen, leere Getränkedosen und einen
durchlöcherten Fußball.
»Ach, hallo, Arthur«, sagte Basil matt. »Nicht im Dienst,
was? Manche sind fein raus ... wir sind schon die ganze Nacht
hier ... ihr geht jetzt am besten aus dem Weg, wir er-
warten um fünf Uhr fünfzehn eine große Gruppe aus dem
Schwarzwald. Augenblick mal, ich suche euch Plätze raus ...
Weasley ... Weasley ...« Er zog seine Pergamentliste zu Rate.
»Gut vierhundert Meter zu Fuß von hier, das erste Feld, auf
das ihr stoßt. Der Platzaufseher heißt Mr Roberts. Diggory ...
zweites Feld ... fragen Sie nach Mr Payne.«
»Danke, Basil«, sagte Mr Weasley und winkte den ande-
ren, ihm zu folgen.
Sie machten sich auf den Weg durch das einsame Moor,
82
ohne dass sie durch den dichten Nebel allzu viel sehen
konnten. Nach etwa zwanzig Minuten tauchte ein kleines
steinernes Haus aus dem Nebel auf. Neben dem Haus sahen
sie ein Tor, und dahinter konnten sie die geisterhaften Um-
risse Hunderter und Aberhunderter von Zelten erkennen, deren
Reihen sich über ein sanft ansteigendes Feld bis zu einem
dunklen Wald am Horizont emporzogen. Sie verab-
schiedeten sich von den Diggorys und gingen auf das Tor ne-
ben dem Haus zu.
Ein Mann stand am Torweg und spähte hinüber zu den
Zelten. Harry war auf den ersten Blick klar, dass dies der ein-
zige echte Muggel weit und breit war. Er hörte ihre Schritte,
wandte sich um und musterte sie.
»Morgen!«, sagte Mr Weasley munter.
»Morgen!«, sagte der Muggel.
»Sie müssen Mr Roberts sein.«
»Genau der bin ich«, sagte Mr Roberts. »Und wer sind
Sie?«
»Weasley – zwei Zelte, vor ein paar Tagen gebucht.«
»Alles klar«, sagte Mr Roberts und zog eine an die Tür ge-
heftete Liste zu Rate. »Sie haben einen Platz dort oben am
Wald. Nur eine Nacht?«
»Nur eine«, sagte Mr Weasley.
»Dann zahlen Sie sofort?«, fragte Mr Roberts.
»Aah – sofort – natürlich –«, sagte Mr Weasley. Er ent-
fernte sich ein paar Schritte von dem Haus und winkte Harry
zu sich her. »Du musst mir helfen, Harry«, mur-
melte er, zog eine Rolle Muggelgeld aus der Tasche und fä-
cherte die Scheine auf. »Das hier ist ein – ein – Zehner? Ah ja,
jetzt seh ich die kleine Zahl dadrauf ... dann ist das ein
Fünfer?«
»Nein, ein Zwanziger«, berichtigte ihn Harry mit ge-
dämpfter Stimme. Ihm war peinlich bewusst, dass Mr Ro-
83
berts mit gespitzten Ohren jedes ihrer Worte aufzuschnap-
pen versuchte.
»Ah ja, dann macht das also ... ich kenn mich mit diesen
kleinen Papierfetzen einfach nicht aus ...«
»Sind Sie Ausländer?«, fragte Mr Roberts, als Mr Weasley
mit dem richtigen Betrag zurückkam.
»Ausländer?«, wiederholte Mr Weasley verdutzt.
»Sie sind nicht der Erste hier, der Probleme mit dem Geld
hat«, sagte Mr Roberts und musterte Mr Weasley scharf. »Erst
vor zehn Minuten haben zwei versucht, mich mit Goldmün-
zen zu bezahlen, die so groß waren wie Radkappen.«
»Was Sie nicht sagen!«, antwortete Mr Weasley zerstreut.
Mr Roberts stöberte in einer Blechdose nach Wechsel-
geld.
»Noch nie so voll gewesen hier«, sagte er plötzlich und ließ
den Blick erneut über das neblige Feld schweifen. »Hunderte
Vorausbuchungen. Normalerweise tauchen die Leute hier
einfach auf ...«
»Stimmt das so?«, fragte Mr Weasley und streckte die Hand
nach seinem Wechselgeld aus, doch Mr Roberts gab es ihm
nicht.
»Tjaah«, sagte er nachdenklich. »Leute von überall her. 'ne
Menge Ausländer. Und nicht nur Ausländer. Spinner, sag ich
Ihnen. Da ist so ein Kerl, der in 'nem Kilt und 'nem Poncho
rumspaziert.«
»Darf er das nicht?«, fragte Mr Weasley beunruhigt.
»Kommt mir vor wie ... weiß nicht ... wie 'ne Art Ver-
sammlung«, sagte Mr Roberts. »Die scheinen sich alle zu
kennen. Vielleicht 'ne Riesenparty.«
In diesem Moment erschien ein Zauberer in Knickerbo-
ckern aus dem Nichts neben Mr Roberts' Haustür.
»Obliviate!«, rief er schrill und richtete den Zauberstab ge-
gen Mr Roberts.
84
Mr Roberts fing auf der Stelle an zu schielen, seine Stirn
glättete sich und ein Ausdruck träumerischen Gleichmuts trat
auf sein Gesicht. Wie Harry wusste, sah so ein Mensch aus,
dessen Gedächtnis gerade verändert wurde.
»Eine Karte des Campingplatzes für Sie«, sagte Mr Ro-
berts in aller Gelassenheit zu Mr Weasley. »Und Ihr Wech-
selgeld.«
»Vielen Dank«, sagte Mr Weasley.
Der Zauberer in den Knickerbockern begleitete sie zum Tor
des Zeltplatzes. Er sah erschöpft aus; sein stoppeliges Kinn
schimmerte bläulich, und dunkelrote Schatten lagen unter
seinen Augen. Sobald Mr Roberts sie nicht mehr hören konnte,
murmelte er Mr Weasley zu: »Hatte eine Menge Ärger mit
ihm. Braucht zehnmal am Tag einen Ge-
dächtniszauber, damit er bei Laune bleibt. Und Ludo Bag-man
rührt keinen Finger. Schlendert herum, hält den Leuten
Vorträge über Klatscher und Quaffel und schert sich nicht im
Geringsten um die Muggelabwehr. Meine Nerven, bin ich
froh, wenn das hier vorbei ist. Bis später, Arthur.«
Er disapparierte.
»Ich dachte, Mr Bagman sei Chef der Abteilung für Ma-
gische Spiele und Sportarten?«, sagte Ginny mit überrasch-
ter Miene. »Er sollte doch wissen, dass man in der Nähe von
Muggeln nicht über Klatscher reden darf, oder?«
»Das sollte er«, antwortete Mr Weasley lächelnd und führte
sie durch das Tor auf den Zeltplatz, »aber Ludo war schon
immer ein wenig ... nun ja ... lax in Sicherheitsfragen. Aber
einen Chef für die Sportabteilung, der mit mehr Be-
geisterung dabei ist, gibt es einfach nicht. Er selbst hat Quid-
ditch für England gespielt, musst du wissen. Und er war der
beste Treiber, den die Wimbourner Wespen je hatten.«
Sie wanderten die langen Zeltreihen entlang über das ne-
belverhangene Feld. Die meisten Zelte sahen ganz gewöhn-
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lich aus; ihre Besitzer hatten sie offenbar ganz nach Muggelart
gestalten wollen, hin und wieder jedoch ein wenig daneben-
gegriffen und sie mit Kaminen, Klingelzügen oder Wetter-
fahnen ausstaffiert. Allerdings gab es hie und da ein Zelt, das
so offensichtlich magisch war, dass Harry sich nicht über Mr
Roberts' Misstrauen wunderte. Auf halbem Weg die An-
höhe hinauf stand ein extravagantes Zelt aus gestreifter Seide,
das mit seinen am Eingang angepflockten Pfauen wie ein klei-
ner Palast wirkte. Ein wenig weiter kamen sie an einem Zelt
vorbei, das drei Stockwerke und mehrere Türmchen hatte; und
kurz dahinter stand ein Zelt mit angehängtem Vorgarten,
komplett mit Vogelbad, Sonnenuhr und Brunnen.
»Immer dasselbe«, sagte Mr Weasley lächelnd, »wir kön-
nen es einfach nicht lassen, ein wenig zu prahlen, wenn wir
zusammenkommen. Aha, wir sind da, seht, das ist unser
Platz.«
Sie waren oben am Waldrand angelangt und hier fanden sie
ihren Platz; auf einem kleinen, in die Erde gesteckten Schild
stand »Weezly« geschrieben.
»Was Besseres hätten wir nicht kriegen können!«, sagte Mr
Weasley glücklich. »Das Spielfeld liegt auf der ande-
ren Seite dieses Waldes, näher geht's nicht.« Er ließ den
Rucksack zur Erde gleiten. »Hört mal«, sagte er aufgeregt,
»eigentlich ist keine Zauberei erlaubt, wenn wir in so gro-
ßer Zahl auf Muggelland sind. Wir bauen diese Zelte von
Hand auf! Sollte nicht allzu schwer sein. Die Muggel tun es
ständig ... Harry, schau dir das mal an, was meinst du, wo wir
anfangen sollen?«
Harry hatte noch nie gezeltet; die Dursleys hatten ihn in all
den Jahren nicht in den Urlaub mitgenommen und ihn lieber
bei Mrs Figg, einer alten Nachbarin, abgeladen. Doch
gemeinsam mit Hermine fand er heraus, wo die meisten der
Stangen und Heringe hingehörten, und obwohl Mr Weasley
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eher hinderlich denn hilfreich war, weil er richtig aus dem
Häuschen geriet, als er den Holzhammer benutzen durfte,
hatten sie schließlich ein Paar abgenutzte Zweimannzelte vor
sich stehen.
Sie traten einige Schritte zurück, um ihrer Hände Werk zu
bewundern. Keiner, der diese Zelte ansah, würde auf den
Gedanken kommen, sie gehörten Zauberern, überlegte Harry,
doch das Problem war, dass sie mit Bill, Charlie und Percy zu
zehnt sein würden. Auch Hermine schien sich zu wundern; sie
warf Harry einen fragenden Blick zu, während Mr Weasley
auf allen vieren ins erste Zelt kroch.
»Wird ein bisschen eng hier«, rief er nach draußen, »aber
ich glaube, wir passen alle rein. Kommt und schaut.«
Harry bückte sich, kroch durch die Zeltluke und riss den
Mund auf. Er befand sich in einer altmodisch möblierten
Wohnung mit drei Zimmern, samt Bad und Küche. Seltsa-
merweise war die Wohnung genauso eingerichtet wie die von
Mrs Figg; die bunt zusammengewürfelten Sessel waren mit
Häkeldeckchen drapiert und es roch stark nach Katze.
»Macht nichts, es ist ja nicht für lange«, sagte Mr Weasley,
rieb seine kahle Stelle mit dem Taschentuch und musterte die
vier Bettkojen im Schlafzimmer. »Ich hab mir das Zelt von
Mrs Perkins aus dem Büro geliehen. Sie zeltet nur noch selten,
die Arme, seit sie Hexenschuss hat.«
Er griff nach dem staubigen Kessel und spähte hinein. »Wir
brauchen Wasser ...«
»Auf der Karte, die uns der Muggel gegeben hat, ist ein
Wasserhahn eingezeichnet«, sagte Ron, der Harry ins Innere
des Zeltes gefolgt war und von dessen erstaunlicher Geräu-
migkeit überhaupt nicht beeindruckt schien. »Auf der ande-
ren Seite des Zeltplatzes.«
»Schön, wie war's also, wenn du, Harry und Hermine uns
ein wenig Wasser holt –«, Mr Weasley reichte ihnen den
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Kessel und ein paar Töpfe, »- und wir anderen besorgen im
Wald ein bisschen Feuerholz.«
»Aber wir haben doch einen Ofen«, sagte Ron, »warum
können wir nicht einfach –«
»Muggelabwehr, Ron!«, sagte Mr Weasley, und sein Ge-
sicht glänzte voller Vorfreude. »Wenn echte Muggel cam-
pen, kochen sie an Feuern unter freiem Himmel, das hab ich
selbst gesehen!«
Nach einem kurzen Besuch im Mädchenzelt, das ein we-
nig kleiner als das der Jungen war, allerdings nicht nach Katze
roch, machten sich Harry, Ron und Hermine mit Kes-
sel und Töpfen auf den Weg über den Zeltplatz.
Die Sonne war aufgegangen und der Nebel lichtete sich, und
nun konnten sie die Zeltstadt sehen, die sich in alle
Himmelsrichtungen erstreckte. Gemächlich schlenderten sie
durch die Zeltreihen und sahen sich neugierig um. All-
mählich dämmerte es Harry, wie viele Hexen und Zauberer es
auf der ganzen Welt geben musste; an die in den anderen
Ländern hatte er bisher kaum gedacht.
Nach und nach erwachten ihre Mitcamper. Als Erste reg-
ten sich die Familien mit kleinen Kindern; Harry hatte noch
nie so junge Hexen und Zauberer gesehen. Ein kleiner Junge,
nicht älter als zwei, kauerte vor einem pyramidenför-
migen Zelt, hielt einen Zauberstab in der Hand und sto-
cherte munter nach einer Schnecke im Gras, die langsam auf
die Größe einer Salami anschwoll. Als sie neben dem Klei-
nen standen, kam seine Mutter aus dem Zelt gestürmt.
»Wie oft soll ich es dir noch sagen, Kevin? Rühr – Dad-dys
– Zauberstab – nicht – an – uuhhtsch!«
Die Riesenschnecke war geplatzt, nachdem die Mutter auf
sie getreten war. In der ruhigen Morgenluft hörten sie noch
lange ihr Geschimpfe, vermischt mit den Rufen des Kleinen –
»Du Schnecke puttmacht, Schnecke puttmacht!«
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Ein Stück weiter sahen sie zwei kleine Hexen, kaum älter als
Kevin, auf Spielzeugbesen reiten, die sie gerade hoch ge-
nug trugen, um ihre Füße über den taunassen Rasen gleiten zu
lassen. Schon hatte ein Ministeriumszauberer die Kinder ins
Visier genommen; als er an Harry, Ron und Hermine
vorbeihastete, hörten sie ihn gereizt murmeln: »Am hell-
lichten Tag! Die Eltern schlafen wohl bis in die Puppen –«
Hie und da erschienen erwachsene Zauberer und Hexen vor
ihren Zelten und begannen ihr Frühstück zu bereiten. Manche
sahen sich verstohlen um und beschworen dann Feuer mit
ihren Zauberstäben herauf, andere versuchten es zweifelnden
Blickes mit Streichhölzern. Drei afrikanische Zauberer saßen
auf der Erde und waren in ein ernstes Ge-
spräch vertieft, alle trugen lange weiße Umhänge und röste-
ten offenbar einen Hasen über einem purpurroten Feuer. Eine
Gruppe amerikanischer Hexen mittleren Alters saß glücklich
schwatzend unter einem Sternenbanner mit der Aufschrift
Hexeninstitut von Salem. Im Vorbeigehen fing Harry
Gesprächsfetzen in fremden Sprachen auf, die aus den Zelten
drangen, und obwohl er kein einziges Wort verstand, war die
Vorfreude am Tonfall zu spüren.
»Ahm – stimmt was nicht mit meinen Augen, oder ist hier
alles grün geworden?«, sagte Ron.
Es lag nicht an Rons Augen. Sie waren zwischen ein paar
Zelte geraten, die alle dicht mit Feldklee bedeckt waren, so als
wären kleine, merkwürdig geformte Hügel aus der Erde
gewachsen. Wo die Zeltluken geöffnet waren, konnten sie das
eine oder andere grinsende Gesicht im Innern erkennen. Dann
rief jemand hinter ihnen ihre Namen.
»Harry! Ron! Hermine!«
Es war Seamus Finnigan aus dem Gryffindor-Haus von
Hogwarts, der jetzt mit ihnen in die vierte Klasse kam. Er
saß vor einem kleebedeckten Zelt neben einer rotblonden
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Frau, offenbar seiner Mutter, und seinem besten Freund Dean
Thomas, ebenfalls aus Gryffindor.
»Gefällt euch die Dekoration?«, fragte Seamus grinsend, als
Harry, Ron und Hermine näher getreten waren und sie begrüßt
hatten. »Das Ministerium ist nicht sonderlich begeis-
tert.«
»Aach, warum sollten wir unsere Farben nicht zeigen?«,
sagte Mrs Finnigan. »Ihr solltet sehen, was die Bulgaren alles
an ihren Zelten hängen haben. Ihr seid natürlich für Ir-
land?«, setzte sie hinzu und musterte Harry, Ron und Her-
mine mit ihren Perlaugen.
Sie versicherten ihr hoch und heilig, sie seien Irland-Fans,
dann brachen sie wieder auf. »Als ob wir was anderes sagen
würden, wenn wir von einem Haufen Iren umgeben sind«,
meinte Ron nebenbei.
»Was die Bulgaren wohl an ihren Zelten hängen haben?«,
fragte Hermine.
»Gehen wir hin und schauen nach«, sagte Harry und deu-
tete auf eine große Gruppe Zelte ein Stück weiter oben, wo die
bulgarische Flagge weiß, grün und rot in der Brise flat-
terte.
Die Zelte hier waren nicht mit Pflanzen geschmückt, doch
an jedem einzelnen hing das gleiche Poster, ein Poster von
einem sehr bärbeißigen Gesicht mit dichten schwarzen
Augenbrauen. Natürlich bewegte sich das Gesicht, doch es
schaute finster drein und die Augen blinzelten nur.
»Kram«, sagte Ron leise.
»Was?«, sagte Hermine.
»Krum!«, sagte Ron. »Viktor Kram, der bulgarische Su-
cher!«
»Sieht ziemlich mürrisch aus«, sagte Hermine und ließ ih-
ren Blick über die vielen Krams schweifen, die böse blin-
zelnd auf sie herabsahen.
90
»Ziemlich mürrisch?« Ron schaute gen Himmel. »Wen
kümmert es, wie er aussieht? Er ist phantastisch. Und noch
ganz jung. Erst achtzehn, glaub ich. Er ist ein Genie, wartet
nur, heute Abend seht ihr's selbst.«
Beim Wasserhahn an einer Ecke des Zeltplatzes hatte sich
bereits eine kleine Schlange gebildet. Harry, Ron und Her-
mine reihten sich hinter zwei Männern ein, die erhitzt mit-
einander stritten. Der eine war ein steinalter Zauberer in einem
langen Nachthemd mit Blümchenmuster. Der andere war
offensichtlich ein Ministeriumszauberer; er hielt eine
Nadelstreifenhose in Händen und war so entnervt, dass er fast
weinte.
»Zieh sie doch an, Archie, ich bitte dich, so kannst du doch
nicht rumlaufen, der Muggel am Tor wird schon ziemlich
misstrauisch –«
»Das hab ich in einem Muggelladen gekauft«, sagte der alte
Zauberer stur. »Muggel tragen so was auch.«
»Muggelfrauen, Archie, nicht die -manner, die tragen so
was«, sagte der Ministeriumszauberer und fuchtelte mit der
Nadelstreifenhose vor Archies Nase herum.
»Die zieh ich nicht an«, sagte der alte Archie entrüstet. »Ich
mag 'n frisches Lüftchen untenrum, danke.«
Ein Kicheranfall packte Hermine und schüttelte sie so
heftig, dass sie sich aus der Schlange wegducken musste und
erst wieder zurückkehrte, als Archie sein Wasser geholt hatte
und verschwunden war.
Etwas gemächlicher, da sie Wasser schleppten, machten sie
sich auf den Rückweg durch das Zeltlager. Hie und da sa-
hen sie weitere bekannte Gesichter: andere Hogwarts-Schü-
ler mit ihren Familien. Oliver Wood, der frühere Kapitän von
Harrys Quidditch-Team, der sein letztes Jahr in Hog-
warts hinter sich hatte, zog Harry hinüber zum Zelt seiner
Eltern, um ihn vorzustellen, und erzählte ihm aufgeregt,
91
dass er gerade von Eintracht Pfützensee als Reservespieler
verpflichtet worden war. Als Nächstes wurden sie lauthals von
Ernie Macmillan begrüßt, einem Viertklässler aus Huf-
flepuff, und ein paar Schritte weiter sahen sie Cho Chang, ein
sehr hübsches Mädchen, das im Ravenclaw-Team Suche-
rin spielte. Sie winkte und lächelte Harry zu, der beim Zu-
rückwinken eine Menge Wasser über seine Hose schüttete.
Vor allem, um Ron das Grinsen zu verleiden, deutete er auf
eine Gruppe Teenager, die er noch nie gesehen hatte.
»Was sind das wohl für Leute?«, sagte er. »Sie gehen nicht
nach Hogwarts, oder?«
»Ich glaub, die gehen auf irgendeine ausländische Schule«,
sagte Ron. »Ich weiß jedenfalls, dass es noch andere Schulen
gibt, hab aber noch nie jemanden davon kennen gelernt. Bill
hatte eine Brieffreundin auf einer Schule in Brasilien ... das ist
schon ewig lange her ... und er wollte mal als Austausch-
schüler dorthin, aber Mum und Dad konnten es sich nicht
leisten. Seine Brieffreundin war schwer sauer, als er absagte,
und hat ihm einen verhexten Hut geschickt, der seine Oh-
ren schrumpeln ließ.«
Harry lachte, verschwieg jedoch, wie spannend er es fand,
dass es noch andere Zaubererschulen gab. Nun, da er so viele
Länder auf dem Zeltplatz vertreten sah, kam er sich et-
was dumm vor, nie daran gedacht zu haben, dass Hogwarts
nicht die einzige Schule sein konnte. Er warf Hermine einen
Seitenblick zu, doch sie schien von der Neuigkeit keines-
wegs überrascht zu sein. Sicher hatte sie in irgendeinem Buch
etwas über andere Zaubererschulen gelesen.
»Ihr habt ja ewig gebraucht«, sagte George, als sie endlich
wieder bei den Weasley-Zelten anlangten.
»Haben ein paar Bekannte getroffen«, sagte Ron und stellte
seinen Wassertopf ab. »Und ihr habt immer noch kein Feuer
gemacht?«
92
»Dad treibt so seine Spaße mit den Streichhölzern«, sagte
Fred.
Mr Weasley gelang es nicht, ein Feuer zu entfachen, doch
an Versuchen ließ er es nicht mangeln. Der Boden zu seinen
Füßen war übersät mit zersplitterten Streichhölzern, doch Mr
Weasley schien mit kindlichem Vergnügen bei der Sache zu
sein.
»Uuuhps!«, stieß er aus, als er es schaffte, ein Streichholz
zu entzünden, und vor Überraschung ließ er es prompt fal-
len.
»Lassen Sie mich mal, Mr Weasley«, sagte Hermine
freundlich, nahm ihm die Zündholzschachtel aus der Hand und
zeigte ihm, wie man es richtig machte.
Schließlich brannte das Feuer, auch wenn es noch mindes-
tens eine Stunde dauerte, bis es groß genug war, um darauf
etwas zu kochen. Beim Warten gab es jedoch eine Menge zu
sehen. Ihr Zelt schien gleich an einem Fußweg zum Spiel-
feld zu liegen, und Leute aus dem Ministerium schritten has-
tig hin und her und grüßten Mr Weasley im Vorbeigehen
höflich. Mr Weasley spielte unterdessen den Laufkommen-
tator, vor allem für Harry und Hermine; seine eigenen Kin-
der wussten genug über das Ministerium und waren nicht
übermäßig interessiert.
»Das war Knutbert Mockridge, Chef des Kobold-Verbin-
dungsbüros ... hier kommt Wilbert Gimpel von der Ar-
beitsgruppe für Experimentelles Zaubern, diese Hörner hat er
jetzt schon seit einiger Zeit ... Hallo, Arnie ... Arnold Friedlich
... ein Vergissmich – so nennen wir die Leute vom Magischen
Unfallumkehr-Kommando – und das sind Bode und Croaker ...
sie sind Unsägliche ...«
»Bitte was?«
»Von der Mysteriumsabteilung, alles streng geheim, keine
Ahnung, was die so treiben ...«
93
Endlich brannte das Feuer richtig und sie hatten gerade
begonnen, Eier und Würste zu braten, als Bill, Charlie und
Percy zwischen den Bäumen hervorkamen und ans Zelt
traten.
»Eben mal kurz appariert, Dad«, sagte Percy unüberhör-
bar. »Aah, Mittagessen, trifft sich gut!«
Sie hatten ihre Teller mit Eiern und Würsten schon halb
geleert, als Mr Weasley plötzlich aufsprang und lächelnd
einem Mann winkte, der auf sie zugeschritten kam. »Aha!«,
sagte Mr Weasley. »Der Mann der Stunde! Ludo!«
Ludo Bagman war mit Abstand der auffälligste von allen
Zauberern, die Harry bisher gesehen hatte, er ließ selbst den
alten Archie mit seinem geblümten Nachthemd blass ausse-
hen. Er trug einen langen Quidditch-Umhang mit breiten
hellgelben und schwarzen Querstreifen. Das riesige Bild
einer Wespe prangte auf seiner Brust. Er machte den Ein-
druck eines kräftig gebauten Mannes, der ein wenig in die
Jahre gekommen war; der Umhang bauschte sich über sei-
nem dicken Bauch, den er in seiner Zeit als Quidditch-Spie-
ler für England gewiss noch nicht gehabt hatte. Ludos Nase
war gebrochen (vermutlich von einem verirrten Klatscher,
dachte Harry), doch seine runden blauen Augen, sein kurzes
blondes Haar und sein rosiges Gesicht ließen ihn aussehen wie
einen zu groß gewachsenen Schuljungen.
»Ahoi!«, rief Bagman munter. Er schritt einher, als hätte er
Federn unter den Sohlen, und war offensichtlich in einem
höchst euphorischen Zustand. »Arthur, altes Haus«, keuchte
er, als er vor dem Lagerfeuer stand, »was für ein Tag! Was für
ein Tag! Schöneres Wetter hätten wir uns nicht wünschen
können! Heute Nacht bleibt's klar ... und bei den Vorberei-
tungen läuft fast alles wie am Schnürchen ... weiß gar nicht,
was ich groß tun soll!«
Hinter ihm eilten ein paar ausgezehrt wirkende Ministe-
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riumszauberer vorbei und deuteten in die Ferne, wo violette
Funken zehn Meter in die Höhe stoben und auf eine Art
magisches Feuer schließen ließen.
Percy sprang sofort auf die Beine und streckte die Hand aus.
Offensichtlich hinderte ihn seine Missbilligung der Art und
Weise, wie Ludo Bagman seine Abteilung leitete, nicht daran,
bei ihm Eindruck schinden zu wollen.
»Ah – ja«, sagte Mr Weasley grinsend, »das ist mein Sohn
Percy, er hat gerade im Ministerium angefangen – und das ist
Fred – nein, George, tut mir Leid – das ist Fred – Bill, Charlie,
Ron – meine Tochter Ginny – und Rons Freunde Hermine
Granger und Harry Potter.«
Bagman stutzte bei Harrys Namen fast unmerklich und seine
Augen huschten, wie Harry es schon kannte, über die Narbe
auf seiner Stirn.
»Darf ich vorstellen«, fuhr Mr Weasley fort, »Ludo Bag-
man, ihr wisst ja, wer er ist, ihm haben wir die guten Plätze zu
verdanken –«
Bagman strahlte und winkte ab, als handele es sich um eine
Selbstverständlichkeit.
»Kleine Wette ums Spiel gefällig, Arthur?«, sagte er beflis-
sen und klimperte mit einer offenbar großen Menge Gold-
münzen in den Taschen seines gelbschwarzen Umhangs.
»Roddy Pontner ist schon dabei, hat auf Bulgarien gesetzt -hab
ihm hübsche Quoten angeboten, wenn ich bedenke, dass die
drei irischen Spitzen die stärksten sind, die ich seit Jahren
gesehen habe – und die kleine Agatha Timms hat die Hälfte
ihrer Eulenfarm auf ein wochenlanges Spiel gesetzt.«
»Aach ... lass mal gut sein«, sagte Mr Weasley. »Wie war's
mit ... sagen wir, einer Galleone auf den Sieg von Irland?«
»Eine Galleone?« Ludo Bagman wirkte ein wenig ent-
täuscht, fasste sich jedoch rasch wieder. »Sehr schön, sehr
schön ... will noch jemand setzen?«
95
»Sie sind noch ein wenig jung fürs Wetten«, sagte Mr
Weasley. »Molly würde das gar nicht gern –«
»Wir wetten siebenunddreißig Galleonen, fünfzehn Si-
ckel, drei Knuts«, sagte Fred, der auf die Schnelle all sein
Geld mit dem von George zusammengeworfen hatte, »dass
Irland gewinnt – aber Viktor Kram den Schnatz fängt. Oh, und
wir legen noch einen Juxzauberstab drauf.«
»Ihr wollt doch Mr Bagman nicht mit solchem Krempel
belästigen –«, zischte Percy, doch Bagman schien offenbar
nicht zu denken, der Zauberstab sei Krempel; im Gegenteil,
sein jungenhaftes Gesicht strahlte vor Begeisterung, als er ihn
aus Freds Hand nahm, und als der Zauberstab ein lautes
Gackern hören ließ und sich in ein Gummihuhn verwan-
delte, brüllte Bagman vor Lachen.
»Hervorragend! So 'nen tollen Juxstab hab ich schon seit
Jahren nicht mehr gesehen! Für den würd ich fünf Galleo-
nen hinlegen!«
Percy erstarrte, bestürzt und entrüstet.
»Jungs«, nuschelte Mr Weasley, »ich will nicht, dass ihr
wettet ... das sind eure ganzen Ersparnisse ... eure Mutter –«
»Sei kein Spielverderber, Arthur!«, dröhnte Ludo Bagman
und klimperte erregt mit seinem Tascheninhalt. »Sie sind alt
genug, um zu wissen, was sie wollen! Ihr glaubt, Irland ge-
winnt, aber Krum fängt den Schnatz? Nie und nimmer,
Jungs, nie und nimmer ... Ich biete euch 'ne sagenhafte Quote
dafür ... und noch fünf Galleonen für den Juxzauber-
stab dazu, nicht wahr ...«
Mr Weasley sah hilflos zu, wie Ludo Bagman ein Notiz-
buch und eine Feder zückte und die Namen der Zwillinge
notierte.
»Alles klar«, sagte George, nahm den Pergamentzettel von
Bagman entgegen und steckte ihn in die vordere Jacken-
tasche.
96
Glänzend gelaunt wandte sich Bagman nun wieder Mr
Weasley zu. »Hast du vielleicht etwas zu trinken für mich? Ich
bin auf der Suche nach Barty Crouch. Mein bul-
garischer Partner macht Schwierigkeiten, und ich versteh kein
Wort von dem, was er sagt. Barty kann das sicher re-
geln. Er spricht ungefähr hundertfünfzig Sprachen.«
»Mr Crouch?«, sagte Percy, und mit einem Schlag belebte
sich seine missbilligende Miene und er hechelte geradezu vor
Aufregung. »Er spricht über zweihundert Sprachen! Ni-
xisch und Beamtenchinesisch und Troll ...«
»Jeder kann Troll«, sagte Fred geringschätzig, »man muss
nur fuchteln und grunzen.«
Percy warf Fred einen äußerst gehässigen Blick zu und
stocherte energisch im Feuer, um das Wasser im Kessel wie-
der zum Kochen zu bringen.
»Was Neues von Bertha Jorkins, Ludo?«, fragte Mr Weas-
ley, als Bagman sich auf dem Gras neben ihnen niederließ.
»Keine Spur«, sagte Bagman unbeschwert. »Aber die wird
schon wieder auftauchen. Arme alte Bertha ... Gedächtnis wie
ein undichter Kessel und null Orientierungssinn. Hat sich
verflogen, da wette ich mit dir. Irgendwann im Oktober
spaziert sie wieder ins Büro und denkt, es sei immer noch
Juli.«
»Meinst du nicht, es wäre an der Zeit, jemanden nach ihr
suchen zu lassen?«, mahnte Mr Weasley vorsichtig, während
Percy Bagman den Tee reichte.
»Barty Crouch redet auch immer davon«, sagte Bagman,
und seine runden Augen weiteten sich in Unschuldsmanier,
»aber im Augenblick können wir wirklich keinen entbeh-
ren. Oh – wenn man vom Teufel spricht! Barty!«
Ein Zauberer war gerade an ihrem Lagerfeuer appariert,
und er hätte keinen größeren Gegensatz zu Ludo Bagman
bilden können, der sich in seinem alten Wespenumhang im
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Gras fläzte. Barty Crouch war ein steif aufgerichteter älterer
Herr in einem tadellos sitzenden Anzug mit Krawatte. Der
Scheitel seines kurzen grauen Haares war fast unnatürlich
gerade und sein schmaler Oberlippenbart sah aus, als würde er
ihn mit dem Lineal stutzen. Seine Schuhe waren auf
Hochglanz poliert. Harry war sofort klar, warum Percy ihn
vergötterte. Percy glaubte fest an die strenge Einhaltung von
Vorschriften, und Mr Crouch hatte die Vorschrift, Muggel-
kleidung anzuziehen, so gründlich befolgt, dass er als Filial-
leiter einer Bank hätte durchgehen können. Harry war sich
nicht sicher, ob selbst Onkel Vernon ihn durchschaut hätte.
»Setz dich ein wenig zu mir, Barty«, sagte Ludo strahlend
und strich über das Gras.
»Nein danke, Ludo«, sagte Crouch, und eine Spur Unge-
duld lag in seiner Stimme. »Ich hab dich überall gesucht. Die
Bulgaren bestehen darauf, dass wir noch zwölf Sitze in der
oberen Loge anbringen.«
»Darauf sind die also aus?«, sagte Bagman. »Ich dachte, der
Typ wollte sich 'ne Pinzette ausleihen. Ziemlich starker
Akzent.«
»Mr Crouch!«, sagte Percy atemlos und versank in eine Art
halbe Verbeugung, bei der er wirkte wie ein Buckliger.
»Möchten Sie vielleicht eine Tasse Tee?«
»Oh«, sagte Mr Crouch und warf Percy einen milde über-
raschten Blick zu. »Ja – sehr aufmerksam, Weatherby.«
Fred und George prusteten in ihre Tassen. Percy, ganz rosa
um die Ohren, machte sich eifrig am Kessel zu schaffen.
»Ach, und Sie würde ich auch gern kurz sprechen, Ar-
thur«, sagte Mr Crouch und ließ seine scharfen Augen auf Mr
Weasley ruhen. »Ali Bashir ist auf dem Kriegspfad. Er will ein
Wörtchen mit Ihnen reden wegen Ihres Einfuhrver-
bots für fliegende Teppiche.«
Mr Weasley tat einen tiefen Seufzer. »Deswegen habe ich
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ihm doch schon vor einer Woche eine Eule geschickt. Ich
hab's ihm einmal gesagt, ich hab's ihm hundertmal gesagt:
Teppiche gelten gemäß der Liste Verbotener Verhexbarer
Gegenstände als Muggelartefakte, aber er will einfach nicht
hören.«
»Da könnten Sie Recht haben«, sagte Mr Crouch und nahm
eine Tasse Tee von Percy entgegen. »Er will diese Tep-
piche hier unbedingt einführen.«
»Nun ja, in Großbritannien werden sie die Besen nie ver-
drängen, oder?«, sagte Bagman.
»Ali glaubt, es gibt eine Marktnische für ein Familienfahr-
zeug«, sagte Mr Crouch. »Ich weiß noch, mein Vater hatte
einen alten Perser, auf dem zwölf Personen Platz hatten -aber
das war natürlich vor dem Verbot von Teppichen.«
Er sprach, als ob er niemanden darüber im Zweifel lassen
wollte, dass all seine Vorfahren das Gesetz strikt befolgt
hatten.
»Wie geht's sonst, Barty, viel zu tun?«, sagte Bagman ge-
lassen.
»Ziemlich«, sagte Mr Crouch trocken. »Portschlüssel auf
fünf Kontinente zu verteilen ist keine Kleinigkeit, Ludo.«
»Ich denke, dann sind Sie beide froh, wenn das hier vorbei
ist?«, sagte Mr Weasley.
Ludo Bagman wirkte schockiert. »Froh! Ich weiß nicht,
wann ich mehr Spaß hatte ... immerhin, es ist ja nicht so, dass
wir uns auf nichts anderes freuen könnten, oder, Barty? He?
Bleibt noch viel zu organisieren, nicht wahr?«
Mr Crouch sah Bagman mit hochgezogenen Brauen an.
»Wir haben uns doch geeinigt, nichts zu sagen, bevor nicht
alle Einzelheiten –«
»Aah, Einzelheiten!«, sagte Bagman und verscheuchte das
Wort mit einer Handbewegung wie einen Mückenschwarm.
»Sie haben unterschrieben, oder? Sie haben zugestimmt? Ich
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wette mit dir, diese Kinder hier werden es ohnehin bald er-
fahren. Immerhin findet es in Hogwarts statt –«
»Ludo, wir müssen zu den Bulgaren, das weißt du doch«,
sagte Mr Crouch, um Bagman abzuwürgen. »Danke für den
Tee, Weatherby.«
Er schob seine unberührte Tasse Percy zu und wartete
darauf, dass Ludo sich erhob: Bagman rappelte sich hoch,
schluckte den Rest Tee und ließ das Gold in seinen Taschen
fröhlich klimpern.
»Wir sehen uns später!«, sagte er in die Runde. »Ihr seid bei
mir oben in der Ehrenloge – ich kommentiere das Spiel!« Er
winkte, Barty Crouch nickte knapp und die beiden disap-
parierten.
»Was soll denn in Hogwarts stattfinden, Dad?«, fragte Fred
auf der Stelle. »Worüber haben die gesprochen?«
»Das wirst du noch früh genug erfahren«, sagte Mr Weas-
ley lächelnd.
»Es handelt sich so lange um eine geheime Information, bis
das Ministerium beschließt, sie freizugeben«, sagte Percy steif.
»Mr Crouch hatte vollkommen Recht, sie nicht preis-
zugeben.«
»Aaach, hält's Maul, Weatherby«, sagte Fred.
Der Nachmittag verging, und allmählich stieg die Span-
nung und breitete sich wie eine Wolke über dem Zeltplatz aus.
Als es dämmerte, schien selbst die stille Sommerluft vor
Vorfreude zu vibrieren, und als sich die Dunkelheit wie ein
Vorhang über Tausende von wartenden Zauberern legte, fiel
aller falsche Anschein in sich zusammen: das Ministerium
beugte sich dem Unvermeidlichen und wehrte sich nicht mehr
gegen die sich offensichtlich in Windeseile ausbrei-
tende Magie.
An allen Ecken und Enden des Zeltplatzes apparierten
Verkäufer mit Körben und Karren voll außergewöhnlicher
100
Waren. Es gab leuchtende Rosetten – grün für Irland, rot für
Bulgarien -, welche in kreischendem Ton die Namen der
Spieler ausriefen, grüne Spitzhüte, die mit tanzenden Klee-
blättern geschmückt waren, bulgarische Schals, mit wirk-
lichen brüllenden Löwen verziert, Flaggen aus beiden Län-
dern, die ihre Nationalhymnen spielten, wenn man mit ihnen
wedelte; kleine Modelle von Feuerblitzen, die tat-
sächlich flogen, und Sammelfiguren von berühmten Spie-
lern, die einem mit stolzgeschwellter Brust über die Hand
spazierten.
»Dafür hab ich den ganzen Sommer über mein Taschen-
geld gespart«, sagte Ron zu Harry gewandt, während sie mit
Hermine durch die Reihen der Verkäufer schlenderten und
Andenken kauften. Zwar kaufte sich Ron einen Hut mit tan-
zenden Kleeblättern und eine große grüne Rosette, doch auch
eine kleine Nachbildung von Viktor Krum, dem bul-
garischen Sucher. Der Mini-Krum ging auf Rons Hand hin
und her und warf finstere Blicke auf die grüne Rosette über
ihm.
»Irre, schau dir die an!«, sagte Harry und rannte hinüber zu
einem Marktkarren, auf dem stapelweise Messingfern-
gläser lagen, die allerdings mit vielerlei merkwürdigen
Knöpfen und Zifferblättern versehen waren.
»Omnigläser«, sagte der Verkaufsmagier beflissen. »Man
kann das Gesehene wiederholen ... alles verlangsamen ... und
sie zeigen dir einen Kurzkommentar zu allen Spielzü-
gen, wenn du ihn brauchst. Schnäppchenpreis – zehn Gal-
leonen das Stück.«
»Hätt ich nur nicht den Kram hier gekauft«, maulte Ron,
deutete auf seinen Hut mit dem tanzenden Klee und be-
trachtete dabei sehnsüchtig die Omnigläser.
»Drei Stück«, sagte Harry entschlossen zu dem Zauberer.
»Nein – das ist doch nicht nötig«, sagte Ron und lief rot
101
an. Er war immer ein wenig empfindlich, wenn es darum ging,
dass Harry, der ein kleines Vermögen von seinen El-
tern geerbt hatte, viel mehr Geld hatte als er.
»Dafür kriegst du nichts zu Weihnachten«, antwortete Harry
und drückte Ron und Hermine je ein Omniglas in die Hände.
»Und das zehn Jahre lang.«
»Ist mir recht«, sagte Ron grinsend.
»Oooh, danke, Harry«, sagte Hermine. »Und ich besorg uns
ein paar Programme, seht mal –«
Mit beträchtlich leichteren Geldbeuteln gingen sie zurück zu
den Zelten. Auch Bill, Charlie und Ginny hatten grüne
Rosetten vorzuzeigen und Mr Weasley trug eine irische
Flagge. Fred und George hatten keine Souvenirs, da sie ihr
ganzes Geld Bagman gegeben hatten.
Dann drang von irgendwo jenseits des Waldes ein tiefer,
dröhnender Gong zu ihnen herüber, und plötzlich flammten
auf den Bäumen grüne und rote Laternen auf und tauchten den
Weg zum Spielfeld in ihr Licht.
»Es ist so weit!«, sagte Mr Weasley, genauso begeistert wie
alle anderen. »Kommt, wir gehen!«
102
Die Quidditsch-Weltmeisterschaft
Ihre neu erworbenen Schätze an sich geklammert folgten sie
Mr Weasley den laternenbeschienenen Weg entlang in den
Wald. Dem Lärm nach zu schließen waren Tausende auf den
Beinen, sie hörten ihr Lachen und Rufen und gelegent-
lich wehte Gesang an ihre Ohren. Die fiebrige Erregung war
höchst ansteckend; Harry konnte nicht aufhören zu grinsen.
Zwanzig Minuten lang gingen sie durch den Wald, laut re-
dend und scherzend, bis sie endlich auf der anderen Seite
zwischen den Bäumen hervortraten und sich im Schatten eines
gigantischen Stadions fanden. Obwohl Harry nur ei-
nen kleinen Teil der riesigen goldenen Mauer sah, die das
Spielfeld einfasste, war ihm klar, dass ins Innere des Stadions
bequem zehn Kathedralen gepasst hätten.
»Hunderttausend Plätze«, sagte Mr Weasley, als er Harrys
schwer beeindruckte Miene sah. »Eine Spezialistengruppe von
fünfhundert Ministeriumsleuten hat das ganze Jahr über daran
gearbeitet. Auf jedem Quadratzentimeter ein Muggel-
abwehrzauber. Jedes Mal, wenn Muggel im letzten Jahr auch
nur hier in die Nähe kamen, fielen ihnen plötzlich dringende
Verabredungen ein und sie mussten schleunigst fort ... besser
für sie«, setzte er munter hinzu und führte sie zum
nächstgelegenen Eingang, an dem sich schon ein Schwärm
lärmender Zauberer und Hexen versammelt hatte.
»Erstklassige Plätze!«, sagte die Ministeriumshexe am Ein-
gang, als sie ihre Karten kontrollierte. »Ehrenloge! Gleich die
Treppe rauf, Arthur, bis es nicht mehr höher geht.«
103
Die Treppen ins Stadion waren mit Läufern in sattem Pur-
purrot ausgelegt. Sie stiegen mit den anderen aus dem
Schwärm der Wartenden nach oben, die sich jedoch allmäh-
lich mal rechts, mal links in den Türen zu den Tribünen
verloren. Mr Weasley und die Seinen gingen weiter, bis sie
schließlich das Ende der Treppe erreichten und in eine
kleine Loge traten. Sie bildete den höchsten Punkt des Sta-
dions und lag genau in der Mitte zwischen den goldenen
Torstangen. Etwa zwanzig rotgoldene Stühle waren hier in
zwei Reihen aufgestellt, und Harry, der den Weasleys in die
erste Reihe folgte, sah hinunter auf ein Schauspiel, wie er es
noch nie erlebt hatte.
Hunderttausend Hexen und Zauberer nahmen ihre Plätze auf
den Sitzen ein, die sich Reihe um Reihe entlang des ova-
len Spielfelds emporrankten. Die Szene war in ein geheim-
nisvolles goldenes Licht getaucht, das aus dem Stadion selbst
zu kommen schien. Von hoch oben, wo sie saßen, schien das
Feld glatt und weich wie Samt. An den Enden des Feldes
standen je drei Pfosten, auf denen in zwanzig Meter Höhe die
Torringe angebracht waren; ihnen direkt gegenüber, fast
auf Harrys Augenhöhe, befand sich eine gigantische
schwarze Tafel. Goldene Schriftzeichen huschten über sie
hinweg, als würde die Hand eines unsichtbaren Riesen da-
rüber krakeln und die Schrift dann wieder abwischen; Harry
sah eine Weile zu und stellte fest, dass die Tafel Werbesprü-
che über das Stadion blitzen ließ.
Der Bulle: Ein Besen für die ganze Familie – sicher, zuverlässig und
mit eingebautem Diebstahlschutz-Summer ... Mrs Skowers Magi-
scher Allzweckreiniger: Kein Fleck, kein Schreck! ... Besenknechts
Sonntagsstaat — Zaubermode — London, Paris, Hogsmeade ...
104
Harry wandte sich mit Mühe von der Tafel ab, um nachzu-
sehen, wer mit ihnen zusammen in der Loge saß. Noch war
niemand da, nur ein winziges Geschöpf hockte auf dem
zweitletzten Platz am Ende der hinteren Reihe. Das Wesen,
mit so kurzen Beinen, dass sie steif aus dem Sitzpolster rag-
ten, trug ein Geschirrtuch wie eine Toga um den Körper ge-
schlungen und hatte das Gesicht in den Händen verborgen.
Doch diese langen, fledermausähnlichen Ohren kamen ihm
merkwürdig bekannt vor ...
»Dobby?«, sagte Harry ungläubig.
Das kleine Wesen sah auf und spreizte die Finger, durch die
hindurch Harry riesige braune Augen und eine Nase von genau
der Form und der Größe einer Tomate erkennen konnte. Es
war nicht Dobby – es war allerdings unverkenn-
bar ein Hauself, wie Harrys Freund Dobby es gewesen war.
Harry hatte Dobby aus den Händen seiner Besitzer, der Fa-
milie Malfoy, befreit.
»Haben Sie mich gerade Dobby genannt, Sir?«, piepste der
Elf neugierig zwischen den Fingern hindurch. Seine Stimme
war noch höher als die Dobbys, ein leises, zittriges Piepsen,
und Harry vermutete – auch wenn es bei Hauselfen schwer zu
sagen war -, dass er diesmal wohl eine Elfe vor sich hatte.
Auch Ron und Hermine drehten sich jetzt neu-
gierig um. Zwar hatten sie von Harry viel über Dobby ge-
hört, doch gesehen hatten sie ihn noch nie. Selbst Mr Weas-
ley wandte sich interessiert um.
»Verzeihung«, sagte Harry, »ich habe dich eben mit je-
mand verwechselt, den ich kenne.«
»Aber kennen tu ich Dobby auch, Sir!«, piepste die Elfe. Sie
hielt die Hände vors Gesicht, als würde das Licht sie blenden,
obwohl die Ehrenloge nur schwach erleuchtet war. »Mein
Name ist Winky, Sir – und Sie, Sir –« ihre dunkel-
braunen Augen verweilten auf Harrys Narbe und weiteten
105
sich zur Größe von Platztellern – »Sie müssen Harry Potter
sein!«
»Ja, der bin ich«, sagte Harry.
»Aber Dobby spricht immer und immer von Ihnen, Sir!«,
sagte sie und ließ von Ehrfurcht ergriffen die Hände sinken.
»Wie geht es ihm?«, fragte Harry. »Wie bekommt ihm die
Freiheit?«
»Aaah, Sir«, sagte Winky kopfschüttelnd, »aah, Sir, bei al-
ler Wertschätzung, Sir, aber 's ist nicht sicher, ob Sie Dobby
einen Gefallen getan haben, Sir, als Sie ihn befreit haben.«
»Warum?«, sagte Harry bestürzt. »Was fehlt ihm denn?«
»Die Freiheit steigt Dobby zu Kopf, Sir«, sagte Winky
traurig. »Hat zu hohe Ansprüche, Sir. Findet keine Stelle,
Sir.«
»Warum nicht?«, fragte Harry.
Winky senkte die Stimme um eine halbe Oktave und flüs-
terte: »Er will für seine Arbeit bezahlt werden, Sir.«
»Bezahlt?«, sagte Harry verdutzt. »Warum – warum sollte
er nicht bezahlt werden?«
Winky schien diese Vorstellung geradezu Entsetzen ein-
zujagen, und ihre Finger schlössen sich wieder, so dass ihr
Gesicht nun halb verborgen war.
»Hauselfen werden nicht bezahlt, Sir!«, sagte sie mit er-
sticktem Piepsen. »Nein, nein, nein. Ich sag zu Dobby, sag ich,
such dir 'ne nette Familie und bleib dort, Dobby. Will jetzt auf
einmal das süße Leben genießen, Sir, und das be-
kommt einem Hauselfen nicht gut. Du treibst dich überall rum,
Dobby, sag ich, und am Ende wirst du noch ins Amt zur
Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe zitiert, wie ein
dahergelaufener Kobold.«
»Nun, es wird allmählich Zeit, dass er ein wenig Spaß hat«,
sagte Harry.
»Hauselfen sollten keinen Spaß haben, Harry Potter«,
106
stieß Winky energisch hinter der Hand hervor. »Hauselfen tun,
was man ihnen befiehlt. So weit oben mag ich gar nicht sitzen,
Harry Potter –«, sie warf einen Blick zur Brüstung der Loge
und würgte, »- aber mein Meister schickt mich zur Ehrenloge,
und ich gehe, Sir.«
»Warum hat er dich hier hochgeschickt, wenn er weiß, dass
dir die Höhe nicht bekommt?«, sagte Harry stirnrun-
zelnd.
»Meister – Meister will, dass ich ihm einen Platz besetze,
Harry Potter, er hat so viel zu tun«, sagte Winky und nickte zu
dem freien Platz neben sich. »Winky würde am liebsten
wieder im Zelt vom Meister sein, Harry Potter, aber Winky
tut, was man ihr befiehlt, Winky ist eine gute Hauselfe.«
Sie warf einen weiteren furchtsamen Blick zur Brüstung und
verbarg dann erneut ihre Augen. Harry wandte sich den
anderen zu.
»Das ist also eine Hauselfe?«, murmelte Ron. »Komische
Kreaturen, oder?«
»Dobby war noch komischer«, sagte Harry trocken.
Ron zog sein Omniglas hervor und spähte hinunter in die
Menge auf der anderen Seite des Stadions.
»Abgefahren!«, rief er und drehte am Wiederholungs-
knopf. »Ich kann diesen Opa da unten noch einmal in der Nase
bohren lassen ... und noch einmal ... und noch ein-
mal ...«
Hermine blätterte unterdessen eifrig durch ihr samtge-
bundenes, mit Troddeln geschmücktes Programmheft.
» > Vor dem Spiel zeigen die Mannschaftsmaskottchen ihr
Können<«, las sie laut.
»Das lohnt sich immer«, sagte Mr Weasley. »Die Natio-
nalmannschaften bringen nämlich Geschöpfe aus ihren Län-
dern mit, die vor dem Spiel eine kleine Show einlegen.«
Im Lauf der nächsten halben Stunde füllte sich die Loge
107
allmählich. Mr Weasley war ständig damit beschäftigt, of-
fenbar sehr wichtigen Zauberern die Hand zu schütteln. Auch
Percy sprang jedes Mal auf, so dass es schien, als ver-
suchte er, sich auf einen Igel zu setzen. Als Cornelius Fudge,
der Zaubereiminister persönlich, hereintrat, verbeugte sich
Percy so tief, dass seine Brille zu Boden fiel und zerbrach.
Höchst verlegen reparierte er sie mit dem Zauberstab; da-
nach blieb er sitzen und warf Harry, den Cornelius Fudge wie
einen alten Freund begrüßte, neidische Blicke zu. Die beiden
kannten sich, und Fudge schüttelte Harry väterlich die Hand,
fragte, wie es ihm gehe, und stellte ihm die Zau-
berer in seiner Begleitung vor.
»Harry Potter, wissen Sie«, verkündete er lauthals dem
bulgarischen Minister, der einen prächtigen goldbestickten
Umhang aus schwarzem Samt trug und kein Wort Englisch zu
verstehen schien. »Harry Potter ... Oh, nun aber, Sie wis-
sen doch, wer er ist ... der Junge, der Du-weißt-schon-wen
überlebte ... gewiss kennen Sie ihn –«
Plötzlich bemerkte der bulgarische Zauberer Harrys Narbe
und deutete unter lautem Geschnatter mit dem Fin-
ger auf sie.
»Wusste doch, wir schaffen es«, sagte Fudge entnervt zu
Harry gewandt. »Ich bin kein großes Sprachgenie, für so et-
was brauch ich Barty Crouch. Aah, seine Hauselfe besetzt ihm
einen Platz ... war auch nötig, diese bulgarischen Mist-
kerle haben versucht, sich die besten Plätze allesamt unter den
Nagel zu reißen ... ah, und hier kommt Lucius!«
Harry, Ron und Hermine wirbelten herum. Zu den drei noch
freien Plätzen in der zweiten Reihe direkt hinter Mr Weasley
drängten sich die alten Besitzer von Dobby, dem Hauselfen –
Lucius Malfoy, sein Sohn Draco und eine Frau, die, wie Harry
vermutete, Dracos Mutter sein musste.
Harry und Draco Malfoy waren seit ihrer ersten Reise
108
nach Hogwarts verfeindet. Draco, ein blasser Junge mit spit-
zem Gesicht und weißblondem Haar, hatte große Ähnlich-
keit mit seinem Vater. Auch seine Mutter war blond; groß und
schlank wie sie war, wäre sie hübsch gewesen, wenn sie nicht
ein Gesicht gemacht hätte, als hätte sie einen üblen Geruch in
der Nase.
»Ah, Fudge«, sagte Mr Malfoy und streckte dem Zaube-
reiminister die Hand entgegen. »Wie geht's? Ich glaube, meine
Frau Narzissa kennen Sie noch nicht? Und unseren Sohn,
Draco?«
»Angenehm, angenehm«, sagte Fudge lächelnd und ver-
beugte sich vor Mrs Malfoy. »Darf ich Ihnen Mr Oblansk
vorstellen – Obalonsk – Mr – nun ja, er ist der bulgarische
Zaubereiminister, und er versteht ohnehin kein Wort von dem,
was ich sage, also egal. Und mal sehen, wer noch – Sie kennen
Arthur Weasley, nehme ich an?«
Einen Moment lang herrschte äußerste Spannung. Mr
Weasley und Malfoy musterten sich gegenseitig, und Harry
stand noch lebhaft vor Augen, was passiert war, als sie sich
das letzte Mal begegnet waren; es war in der Buchhandlung
Flourish & Blotts gewesen, und die beiden hatten sich am Ende
geprügelt. Mr Malfoys kalte graue Augen schweiften über Mr
Weasley und dann die Sitzreihe entlang.
»Meine Güte, Arthur«, sagte er leise. »Was mussten Sie
denn verkaufen, um Plätze in der Ehrenloge zu bekommen?
Ihr Haus hätte sicher nicht genug gebracht?«
Fudge, der nicht zugehört hatte, sagte: »Lucius hat soeben
eine sehr großzügige Spende für das St. -Mungo-Hospital für
Magische Krankheiten und Verletzungen gegeben, Arthur. Er
ist mein Gast heute.«
»Wie – wie schön«, sagte Mr Weasley mit angespanntem
Lächeln.
Mr Malfoys Augen waren zu Hermine zurückgekehrt, die
109
leicht rosa anlief, doch seinem Blick entschlossen standhielt.
Harry wusste genau, warum Mr Malfoy die Lippen schürzte.
Die Malfoys brüsteten sich damit, Reinblüter zu sein; das hieß,
sie hielten jeden, der von Muggeln abstammte, wie zum
Beispiel Hermine, für zweitklassig. Unter den Augen des
Zaubereiministers jedoch wagte Mr Malfoy es nicht, et-
was zu sagen. Er nickte Mr Weasley herablassend zu und ging
weiter die Reihe entlang zu seinem Platz. Draco warf Harry,
Ron und Hermine einen verächtlichen Blick zu und ließ sich
zwischen Mutter und Vater nieder.
»Schleimiges Pack«, murmelte Ron, und die drei Freunde
wandten sich wieder dem Spielfeld zu. In diesem Augen-
blick platzte Ludo Bagman in die Loge.
»Alle bereit?«, rief er, und sein rundes Gesicht strahlte wie
ein großer, erhitzter Edamer. »Minister – sind Sie bereit?«
»Von mir aus können Sie loslegen«, sagte Fudge gut ge-
launt.
Ludo zückte seinen Zauberstab, richtete ihn gegen die
eigene Kehle und sagte: »Sonorus!« Dann erhob er die Stim-
me über die Wolke aus Lärm, die das ausverkaufte Stadion
erfüllte; seine Stimme hallte über dem Publikum wider und
dröhnte in jede Ritze der Tribünen: »Meine Damen und
Herren ... willkommen! Willkommen zum Endspiel der
vierhundertundzweiundzwanzigsten Quidditch-Weltmeis-
terschaft!«
Die Zuschauer kreischten und klatschten. Tausende von
Flaggen wehten, und die vielstimmig und falsch gesungenen
Nationalhymnen steigerten den Trubel noch. Auf der riesi-
gen Tafel gegenüber wurde der letzte Werbespruch gelöscht
(Bertie Botts' Bohnen aller Geschmacksrichtungen – Russisch Rou-
lette für Ihre Zunge!), und nun erschien in flammender Schrift:
BULGARIEN: NULL, IRLAND: NULL.
»Und jetzt möchte ich Ihnen ohne weiteres Brimborium
110
unsere Gäste vorstellen ... die bulgarischen Mannschafts-
maskottchen!«
Die rechte Kurve des Stadions, ein einziger scharlachroter
Block, gab dröhnend und juchzend seine Freude kund.
»Was die wohl mitgebracht haben?«, sagte Mr Weasley und
beugte sich über die Brüstung. »Aaah!« Auf einmal riss er sich
die Brille von der Nase und putzte sie eilends an sei-
nem Pullunder. »Veela!«
»Was sind Veel–?«
Hundert Veela glitten nun hinaus über das Spielfeld und
beantworteten Harrys Frage. Veela waren Frauen ... die
schönsten Frauen, die Harry je gesehen hatte ... nur dass sie
nicht – das war unmöglich ... wirkliche Menschen sein
konnten. Harry versuchte einen Moment lang mit wirrem Kopf
zu enträtseln, was sie denn sonst sein konnten; was konnte ihre
Haut so mondhell schimmern lassen, was konnte ihr
weißgoldenes Haar so wehen lassen, wo es doch windstill war
... doch dann setzte die Musik ein und Harry war es gleich, ob
sie menschlich waren oder nicht – in Wahrheit war ihm nun
alles egal.
Die Veela hatten zu tanzen begonnen, und in Harrys Kopf,
von allem Störenden leer gefegt, herrschte die reine Seligkeit.
Das einzig Wichtige auf der Welt war, dass er un-
verwandt die Veela betrachtete, denn wenn sie aufhörten zu
tanzen, würden schreckliche Dinge geschehen ...
Und während die Veela immer schneller tanzten, began-
nen wilde, unausgegorene Gedanken durch Harrys benom-
menen Kopf zu jagen. Er wollte etwas sehr Beeindrucken-
des tun, und zwar auf der Stelle. Von der Loge aus ins
Stadion springen schien ihm eine gute Idee ... doch würde
es genügen?
»Harry, was zum Teufel tust du da?«, hörte er Hermines
Stimme von ganz, ganz fern.
111
Die Musik verstummte. Harry blinzelte. Er stand auf-
recht, mit einem Bein auf der Brüstung der Loge. Neben ihm
war Ron in einer Haltung erstarrt, als ob er gleich von einem
Sprungbrett hüpfen wollte.
Wütende Rufe erfüllten das Stadion. Und Harry fand das
richtig; natürlich war er für Bulgarien, und er fragte sich ver-
schwommen, warum eine große grüne Rosette an seine
Brust gepinnt war. Ron unterdessen zerpfriemelte geistesab-
wesend die Kleeblätter auf seinem Hut. Mr Weasley beugte
sich mit einem milden Lächeln zu Ron hinüber und zog ihm
den Hut aus den Händen.
»Den brauchst du sicher noch«, sagte er, »sobald Irland
seinen Auftritt hat.«
»Huh?«, sagte Ron und starrte mit offenem Mund die
Veela an, die sich nun an einer Seite des Spielfelds aufgestellt
hatten.
Hermine ließ ein lautes »Tss, tss« hören. Sie hob den Arm
und zog Harry zurück auf seinen Platz. »Also wirklich!«, sagte
sie.
»Und nun«, dröhnte Ludo Bagmans Stimme erneut, »he-
ben Sie bitte alle Ihre Zauberstäbe in die Luft ... für die Mas-
kottchen der irischen Nationalmannschaft!«
In diesem Augenblick schien ein großer grüngoldener
Komet ins Stadion zu rauschen. Er drehte eine Runde und
teilte sich dann in zwei kleinere Kometen, die jeweils auf
eine Torseite des Spielfelds zusausten. Ein Regenbogen
spannte sich plötzlich über das Spielfeld und verband die
beiden Lichtkugeln. Die Menge rief »Oooh« und »Aaah«,
wie bei einem Feuerwerk. Nun verblasste der Regenbogen,
die Lichtkugeln flogen aufeinander zu, verschmolzen und
bildeten ein großes schimmerndes Kleeblatt, das in den
Himmel stieg und über die Tribünen hinwegschwirrte. Eine
Art goldener Regen schien sich daraus zu ergießen –
112
»Klasse!«, rief Ron, als das Kleeblatt über ihre Köpfe
rauschte und schwere Goldmünzen auf sie herunterregnen
ließ, die über Köpfe und Sitze kullerten. Harry spähte in die
Höhe und erkannte, dass das Kleeblatt in Wahrheit aus Tau-
senden kleiner Männchen mit roten Schürzen bestand, von
denen jedes eine winzige grün und rot leuchtende Laterne
hielt.
»Leprechans – irische Kobolde!«, rief Mr Weasley durch
den tosenden Beifall der Menge, in der viele noch immer
hektisch unter ihren Sitzen und in den Gängen nach den
Goldmünzen stöberten.
»Bitte sehr«, rief Ron glücklich und drückte Harry eine
Faust voll Goldmünzen in die Hand. »Für das Omniglas!
Jetzt musst du mir doch ein Weihnachtsgeschenk kaufen,
Harry!«
Das große Kleeblatt löste sich auf, die Leprechans schweb-
ten hinunter auf das Feld und ließen sich mit gekreuzten
Beinen gegenüber den Veela nieder, um sich das Spiel anzu-
sehen.
»Und jetzt, meine Damen und Herren, ein herzliches
Willkommen für – die bulgarische Quidditch-National-
mannschaft! Ich sage nur – Dimitrow!«
Eine in Scharlachrot gekleidete Gestalt auf einem Besen,
die so schnell flog, dass sie nur verschwommen zu sehen
war, schoss aus einer Luke weit unten hinaus aufs Spielfeld,
und wilder Applaus der bulgarischen Anhänger brandete
auf.
»Iwanowa!«
Eine scharlachrot gewandete Spielerin sauste ins Stadion.
»Zograf! Lewski! Vulkanow! Volkow! Uuuuuund –
Krum!«
»Das ist er, das ist er!«, rief Ron und folgte Krum mit sei-
nem Omniglas; rasch stellte Harry sein eigenes Glas scharf.
113
Viktor Krum war schlank, dunkelhaarig und fahlgesichtig,
hatte eine lange krumme Nase und dichte schwarze Augen-
brauen. Er sah aus wie ein übergroßer Raubvogel. Es war
kaum zu glauben, dass er erst achtzehn war.
»Undjetzt, begrüßen Sie bitte herzlich – die irische Quid-
ditch-Nationalmannschaft!«, rief Bagman. »Ich stelle vor -
Connolly! Ryan! Troy! Mullet! Moran! Quigley! Uuuuund -
Lynch!«
Sieben nur verschwommen wahrzunehmende grüne Ge-
stalten rasten auf das Spielfeld; Harry drehte einen kleinen
Knopf an dem Omniglas und verlangsamte, was sich vor ihm
abspielte, so dass er das Wort »Feuerblitz« auf dem Be-
sen jedes Spielers erkennen konnte, die ihre Namenszüge in
Silber auf den Rücken gestickt trugen.
»Und hier, aus dem fernen Ägypten, unser Schiedsrichter,
der hoch angesehene Vorstandszauberer des Internationalen
Quidditchverbandes, Hassan Mostafa!«
Ein kleiner, hagerer Zauberer, vollkommen kahlköpfig,
doch mit einem Schnurrbart, der dem Onkel Vernons Kon-
kurrenz gemacht hätte, in einem nichts als goldenen, zum
Stadion passenden Umhang, schritt aufs Spielfeld hinaus. Eine
silberne Pfeife ragte unter seinem Schnurrbart hervor und er
trug eine große Holzkiste unter dem einen, sei-
nen Besen unter dem anderen Arm. Harry drehte den Ge-
schwindigkeitsknopf an seinem Glas zurück auf »normal« und
sah gespannt zu, wie Mostafa seinen Besen bestieg und die
Kiste mit dem Fuß aufklappte – vier Bälle schössen in die
Luft: der scharlachrote Quaffel, die beiden schwarzen Klat-
scher und (Harry sah ihn nur einen kurzen Moment lang, denn
er verschwand rasend schnell) den winzigen, geflügel-
ten Goldenen Schnatz. Mit einem gellenden Pfiff rauschte
Mostafa den Bällen nach in die Höhe.
»Looooooos geht's!«, schrie Bagman. »Mullet am Ball!
114
Troy! Moran! Dimitrow! Wieder Mullet! Troy! Lewski!
Moran!«
Es war ein Quidditch-Spiel, wie Harry es noch nie gese-
hen hatte. Er drückte das Omniglas so fest an die Augen, dass
die Fassung in seine Nasenwurzel schnitt. Die Spieler waren
unglaublich schnell – die Jäger warfen sich den Quaffel so
rasch zu, dass Bagman nur Zeit blieb, ihre Namen zu nen-
nen. Harry stellte den Knopf an der rechten Seite des Om-
niglases auf »langsam« und sah sofort alles in Zeitlupe. Pur-
purn glitzernde Buchstaben glitten nun über die Linsen,
während das Toben der Menge gegen seine Trommelfelle
pochte.
»Falkenkopf-Angriff«, las er, während die drei irischen Jä-
ger dicht nebeneinander dahinschwebten. Troy in der Mitte,
ein wenig vor Mullet und Moran, im Angriff auf die Bulga-
ren. »Porskoff-Täuschung« flammte als Nächstes auf, als Troy
so tat, als wolle er mit dem Quaffel in die Höhe schie-
ßen und damit die bulgarische Jägerin Iwanowa ablenken,
dann jedoch den Quaffel auf Moran fallen ließ. Einer der
bulgarischen Treiber, Volkow, hieb knallhart mit seinem
kleinen Stock gegen einen vorbeifliegenden Klatscher und
trieb ihn auf Morans Flugbahn. Moran duckte sich, um dem
Klatscher auszuweichen, und ließ den Quaffel fallen; Lewski,
der unter ihr herflog, fing ihn auf –
»Troy trifft!«, donnerte Bagman, und das Stadion erzitterte
unter dem rasenden Applaus und den Jubelschreien. »Zehn zu
null für Irland!«
»Was?«, rief Harry und sah mit seinem Omniglas verwirrt
umher. »Aber Lewski hat doch den Quaffel!«
»Harry, wenn du nicht in normaler Geschwindigkeit zu-
schaust, kriegst du nichts mit!«, rief Hermine, die mit schla-
ckernden Armen umhertanzte, während Troy eine Ehren-
runde um das Stadion drehte. Rasch blickte Harry über den
115
Rand seines Omniglases und sah, dass die Leprechans, die am
Spielfeldrand gesessen hatten, alle aufgesprungen waren und
jetzt erneut das große, glitzernde Kleeblatt bildeten. Von der
anderen Seite des Feldes her sahen ihnen die Veela
schmollend zu.
Schon wurde weitergespielt, und Harry, der sich über sich
selbst ärgerte, drehte den Geschwindigkeitsknopf auf »nor-
mal« zurück.
Harry wusste genug über Quidditch, um zu erkennen, dass
die irischen Jäger erste Sahne waren. Das Team fügte sich
nahtlos zusammen und angesichts ihres Stellungsspiels konnte
man meinen, sie könnten gegenseitig ihre Gedanken lesen; die
Rosette auf Harrys Brust piepste ständig ihre Na-
men: »Troy – Mullet – Moran! Innerhalb von zehn Minuten
traf Irland noch zweimal und baute seine Führung auf dreißig
zu null aus, was bei den grün gekleideten Fans eine wahre
Springflut aus Jubelschreien und Händeklatschen auslöste.
Das Spiel wurde noch schneller, doch auch härter. Volkow
und Vulkanow, die bulgarischen Treiber, schmetterten die
Klatscher mit aller Kraft gegen die irischen Jäger und waren
schon im Begriff, deren beste Züge zu vereiteln; zweimal
waren sie gezwungen, sich zu zerstreuen, und dann gelang es
Iwanowa schließlich, die irischen Reihen zu durchbre-
chen, dem Hüter Ryan auszuweichen und das erste Tor für
Bulgarien zu schießen.
»Finger in die Ohren!«, bellte Mr Weasley, als die Veela
ihren Freudentanz begannen. Harry drückte auch noch die
Augen zu; er wollte einen klaren Kopf für das Spiel behal-
ten. Nach ein paar Sekunden wagte er einen Blick auf das
Spielfeld. Die Veela hatten aufgehört zu tanzen und Bulga-
rien war wieder im Besitz des Quaffels.
»Dimitrow! Lewski! Dimitrow! Iwanowa – oho, kann ich da
nur sagen!«, donnerte Bagman.
116
Hunderttausend Zauberer und Hexen stöhnten auf, als die
beiden Sucher Krum und Lynch von oben mitten durch die
Reihe der Jäger stürzten, so schnell, dass es aussah, als wären
sie ohne Fallschirme aus dem Flugzeug gesprungen. Harry
folgte ihrem Sturzflug mit seinem Omniglas und ver-
suchte den Schnatz zu erspähen –
»Die knallen noch auf die Erde!«, kreischte Hermine ne-
ben Harry.
Sie hatte beinahe Recht – in der allerletzten Sekunde zog
sich Viktor Krum aus dem Sturzflug und schwirrte spiralför-
mig in die Höhe. Lynch jedoch krachte mit einem dumpfen
Aufschlag, der im ganzen Stadion zu hören war, auf das Feld.
Ein markerschütterndes Stöhnen stieg aus den irischen Rei-
hen auf.
»Idiot!«, ächzte Mr Weasley. »Krum hat geblufft!«
»Auszeit!«, rief Bagman. »Die Medimagier laufen aufs
Spielfeld, um Aidan Lynch zu verarzten!«
»Er ist schon okay, ist nur reingerasselt!«, sagte Charlie be-
ruhigend zu Ginny, die mit schreckensstarrem Blick über der
Brüstung hing. »Genau das, was Krum wollte, natürlich ...«
Hastig drückte Harry die »Wiederholungs«- und die
»Kommentar«-Taste an seinem Omniglas, drehte am Ge-
schwindigkeitsknopf und hielt sich das Glas wieder vor die
Augen.
Er sah noch einmal in Zeitlupe Krum und Lynch im
Sturzflug. »Wronski-Bluff – gefährliche Falle für den Su-
cher«, sagte die leuchtende Purpurschrift auf der Linse. Er
sah Krums in höchster Konzentration verzerrtes Gesicht, als
er sich im letzten Moment aus dem Sturzflug herauszog,
während Lynch die Platte machte, und er begriff – Krum
hatte den Schnatz überhaupt nicht gesehen, er wollte nur,
dass Lynch ihm auf den Leim ging. So hatte Harry noch nie
jemanden fliegen sehen; fast schien es, als benutzte Krum
117
gar keinen Besen; er bewegte sich so behände durch die Luft,
als ob er nichts zum Fliegen brauchte und schwerelos wäre.
Harry stellte sein Omniglas wieder auf »normal« und die
Schärfe auf Krum ein. Hoch über Lynch, den die Medi-
magier gerade mit einem Becher Zaubertrank aufpäppelten,
drehte er seine Kreise. Harry beobachtete Krums Gesicht noch
genauer und konnte sehen, wie seine dunklen Augen über den
Boden in dreißig Meter Tiefe huschten. Er nutzte die Zeit, bis
Lynch wieder auf dem Besen war, um in aller Ruhe nach dem
Schnatz zu suchen.
Endlich kam Lynch unter lauten Jubelschreien der grün
gekleideten Anhänger wieder auf die Beine, bestieg seinen
Feuerblitz und stieß sich vom Boden ab. Seine Auferstehung
schien Irland frischen Mut zu geben. Als Mostafa seine Pfeife
trillern ließ, legten die Jäger los, mit einer Gewandt-
heit, die alles in den Schatten stellte, was Harry je gesehen
hatte.
Nach fünfzehn Minuten schnellen und furiosen Spiels war
Irland mit zehn weiteren Toren davongezogen. Die Iren
führten jetzt mit hundertdreißig zu zehn Punkten und das Spiel
wurde allmählich härter.
Als Mullet wieder einmal in Richtung Tor schoss, den
Quaffel fest unter den Arm geklemmt, flog der bulgarische
Hüter Zograf hinaus, um sie abzublocken. Was immer auch
geschah, es war so rasch vorbei, dass Harry nichts mitbekam,
doch ein Wutschrei von den irischen Zuschauern und Mos-
tafas langer, schriller Pfiff machten ihm klar, dass ein Foul
passiert war.
»Und Mostafa knüpft sich den bulgarischen Hüter vor
wegen Schrammens – übermäßiger Einsatz der Ellbogen!«,
teilte Bagman dem aufgeheizten Publikum mit. »Und ja – es
gibt einen Freiwurffür Irland!«
Die Leprechans, die wie ein Schwärm glitzernder Hornis-
118
sen wütend in die Luft gestiegen waren, als Mullet gefoult
wurde, flitzten zusammen und bildeten die Wörter: »HA HA
HA!« Die Veela auf der anderen Seite des Feldes spran-
gen hoch, warfen zornig das Haar in den Nacken und be-
gannen wieder zu tanzen.
Wie auf Zuruf steckten sich die Weasley-Jungen und Harry
sofort die Finger in die Ohren, doch Hermine, der die Veela
schnuppe waren, zupfte einen Augenblick später an Harrys
Ärmel. Er wandte sich um und sie zog ihm ungedul-
dig die Finger aus den Ohren.
»Sieh dir mal den Schiedsrichter an!«, sagte sie kichernd.
Harry sah hinunter aufs Feld. Hassan Mostafa war direkt vor
den tanzenden Veela gelandet und gebärdete sich tat-
sächlich sehr merkwürdig. Erregt ließ er seine Muskeln spie-
len und strich sich über den Schnurrbart.
»Nun aber, so geht das nicht!«, sagte Ludo Bagman, klang
dabei jedoch höchst belustigt. »Jemand muss den Schieds-
richter ohrfeigen, bitte!«
Ein Medimagier, der selbst die Finger in den Ohren hatte,
kam über das Feld gerannt und kickte Mostafa scharf gegen
das Schienbein. Mostafa schien wieder zu sich zu kommen;
Harry, das Omniglas auf der Nase, erkannte, dass er äußerst
verlegen dreinsah und die Veela anschrie, die aufgehört hat-
ten zu tanzen und rebellisch gestikulierten.
»Und wenn ich mich nicht sehr irre, versucht Mostafa tat-
sächlich, die bulgarischen Mannschaftsmaskottchen vom Platz
zu schicken!«, ertönte Bagmans Stimme. »Nun, so et-
was haben wir noch nie gesehen ... oh, das könnte ganz böse
enden ...«
In der Tat: die bulgarischen Treiber Volkow und Vulka-now
landeten zu beiden Seiten Mostafas und begannen er-
zürnt mit ihm zu streiten; sie gestikulierten in Richtung der
Leprechans, die inzwischen die Wörter »HEE HEE HEE«
119
bildeten. Mostafa jedoch ließ sich von den Argumenten der
Bulgaren nicht beeindrucken; er stieß mit dem Finger in die
Luft, eine deutliche Anweisung für die Bulgaren, sich wie-
der davonzumachen, und als sie sich weigerten, ließ er zwei
kurze gellende Pfiffe ertönen.
»Zwei Freiwürfe für Irland!«, rief Bagman, und die bulga-
rischen Zuschauer heulten vor Wut. »Und Volkow und Vul-
kanow sollten jetzt lieber wieder ihre Besen besteigen ... ja ...
da fliegen sie wieder ... und Troy holt den Quaffel ...«
Im Stadion brodelte es jetzt und die Spieler kämpften so
erbittert, wie sie es noch nie erlebt hatten. Die Treiber auf
beiden Seiten ließen keine Gnade walten: vor allem Volkow
und Vulkanow schwangen so heftig ihre Stöcke, als wäre es
ihnen gleich, ob Mensch oder Klatscher getroffen wurde.
Dimitrow schoss direkt auf Moran zu, die den Quaffel hatte,
und schlug sie fast von ihrem Besen.
»Foul!«, röhrten die irischen Fans mit einer Stimme und
erhoben sich zu einer riesigen grünen Welle.
»Foul!«, echote Ludo Bagmans magisch kraftvoll ver-
stärkte Stimme. »Dimitrow häutet Moran – stößt absichtlich
mit ihr zusammen – und das gibt einen weiteren Freiwurf – ja,
da kommt der Pfiff!«
Die Leprechans waren erneut in die Höhe geschossen und
diesmal bildeten sie eine riesige Hand, die eine sehr wüste
Geste zu den Veela hin machte. Bei diesem Anblick verloren
die Veela die Beherrschung. Sie stürzten über das Feld und
bewarfen die Leprechans mit, wie es schien, Händen voll
Feuer. Harry, der das ganze Geschehen durch sein Omniglas
beobachtete, stellte fest, dass die Veela nun überhaupt nicht
mehr schön aussahen. Im Gegenteil, ihre Gesichter waren in
die Länge gezogen zu scharfen Vogelköpfen mit grausamen
Schnäbeln, und nun brachen auch noch lange, schuppige
Flügel aus ihren Schultern hervor.
120
»Und deshalb, Jungs«, rief Mr Weasley durch den auf-
brausenden Lärm der Menge, »solltet ihr nie allein nach
Schönheit gehen!«
Ministeriumszauberer strömten nun auf das Feld, um die
Veela und die Leprechans zu trennen, doch mit wenig Erfolg;
unterdessen war die offene Schlacht auf dem Feld nichts gegen
das, was in der Luft vor sich ging. Harry, das Omniglas an die
Augen gepresst, konnte dem Geschehen kaum folgen, denn
der Quaffel wechselte den Besitzer mit der Geschwindigkeit
einer Gewehrkugel –
»Lewski – Dimitrow – Moran – Troy – Mullet – Iwa-nowa
– wieder Moran – Moran – Moran macht ihn rein!«
Doch der Jubel der irischen Fans ging fast unter in den
Schreien der Veela, den Explosionen aus den Zauberstäben der
Ministeriumsmagier und den wütenden Rufen der Bul-
garen. Das Spiel ging sofort weiter; Lewski hatte jetzt den
Quaffel, dann Dimitrow –
Der irische Treiber Quigley hieb mit aller Kraft gegen einen
vorbeifliegenden Klatscher, und Kram, der sich nicht
rechtzeitig geduckt hatte, wurde mit voller Wucht ins Ge-
sicht getroffen.
Ein ohrenbetäubendes Stöhnen stieg von der Menge un-
ten herauf; Krums Nase schien platt, überall war Blut, doch
Hassan Mostafa pfiff nicht. Er war gerade abgelenkt, und
Harry konnte ihm deshalb keinen Vorwurf machen; eine Veela
hatte ihm einen Feuerball entgegengeschleudert und seinen
Besenschweif in Flammen gesetzt.
Jemand muss doch sehen, dass Krum verletzt ist, dachte
Harry; eigentlich war er für Irland, doch Krum war der auf-
regendste Spieler auf dem Feld. Ron ging es offenbar ge-
nauso.
»Auszeit! Nun macht schon, er kann doch nicht spielen, so
wie er aussieht –«
121
»Schau dir Lynch an!«, rief Harry.
Der irische Sucher war plötzlich in den Sturzflug gegan-
gen, und Harry war sich ziemlich sicher, dass dies kein
Wronski-Bluff war, hier ging es um den Sieg ...
»Er hat den Schnatz gesehen!«, rief Harry. »Er hat ihn ge-
sehen! Sieh mal, wie er loslegt!«
Die Hälfte des Publikums schien erkannt zu haben, was
geschah; die irischen Anhänger erhoben sich in einer einzi-
gen großen grünen Woge und feuerten ihren Sucher an ...
doch Krum war ihm auf den Fersen. Wie er sehen konnte,
wo er hinflog, war Harry schleierhaft; hinter ihm spritzte
Blut durch die Luft, doch jetzt holte er Lynch ein, und wie-
der stürzten sich die beiden in die Tiefe –
»Die krachen noch aufs Feld!«, kreischte Hermine.
»Tun sie nicht!«, polterte Ron.
»Lynch schon!«, rief Harry.
Und er hatte Recht – zum zweiten Mal schlug Lynch mit
enormer Wucht auf die Erde und sofort trampelte eine
Meute wütender Veela über ihn hinweg.
»Der Schnatz, wo ist der Schnatz?«, brüllte ein paar Plätze
weiter Charlie.
»Er hat ihn – Krum hat ihn – das Spiel ist aus!«, rief Harry.
Krum, dessen roter Umhang vor Blut glänzte, stieg ele-
gant in die Höhe, mit ausgestreckter Faust, in der es golden
schimmerte.
Die Anzeigetafel ließ BULGARIEN: EINHUNDERT-
SECHZIG; IRLAND: EINHUNDERTSIEBZIG in die
Menge leuchten, die offenbar noch nicht begriffen hatte,
was geschehen war. Dann, ganz allmählich, als würde ein
Jumbojet zum Start anlaufen, begannen die irischen Fans
immer lauter zu poltern und die Spannung löste sich in
Freudenschreien auf.
»Irland gewinnt!«, rief Bagman, der offenbar wie die Iren
122
vom plötzlichen Ende des Spiels überrascht worden war.
»Krum holt den Schnatz – aber Irland gewinnt – mein Gott,
ich glaube, keiner von uns hätte das erwartet!«
»Warum zum Teufel hat er den Schnatz gefangen?«, brüllte
Ron, der vor Freude in die Luft sprang und mit den Händen
über dem Kopf Beifall klatschte. »Dieser Idiot hat das Spiel
beendet, als Irland hundertsechzig Punkte Vor-
sprung hatte!«
»Er wusste, dass sie nie aufholen würden«, rief ihm Harry,
ebenfalls laut klatschend, durch den Lärm hindurch zu. »Die
irischen Jäger waren einfach zu gut ... er wollte das Spiel be-
enden, wie es ihm passte, das ist alles ...«
»Er war sehr tapfer, nicht wahr?«, sagte Hermine und
beugte sich über die Brüstung, um Krum landen zu sehen. Ein
Schwärm von Medimagiern blies die immer noch in-
einander verbissenen Leprechans und Veela beiseite und
bahnte sich einen Weg zu Krum. »Er sieht fürchterlich zer-
matscht aus ...«
Harry hob erneut das Omniglas an die Augen. Es war
schwer auszumachen, was dort unten geschah, weil die Lep-
rechans ganz verrückt über das ganze Spielfeld sausten, doch
eben noch konnte er Krum zwischen den Medimagiern
erkennen. Verdrießlicher denn je wollte er es partout nicht
zulassen, dass sie ihn flickten. Seine Mannschaftskamera-
den standen kopfschüttelnd und niedergeschlagen um ihn
herum; nicht weit davon entfernt tanzten die irischen Spie-
ler schadenfroh unter einem Regen aus Gold, den ihre Mas-
kottchen niedergehen ließen. Flaggen wehten im ganzen
Stadion, aus allen Himmelsrichtungen dudelte die irische
Nationalhymne; die Veela schrumpften jetzt wieder zu ihrer
üblichen, schönen Gestalt, doch sahen sie nun bedrückt und
elend aus.
»Jaha, wir habe mutige gekämpft«, sagte eine traurige
123
Stimme hinter Harry. Er drehte sich um; es war der bulgari-
sche Zaubereiminister.
»Sie sprechen ja Englisch!«, sagte Fudge empört. »Und ich
hab den ganzen Tag lang den Kasper für Sie gemacht!«
»Jaha, es wäre jedefalls serr lustik«, sagte der bulgarische
Minister achselzuckend.
»Und während die irischen Spieler, begleitet von ihren
Maskottchen, eine Ehrenrunde drehen, wird der Quidditch-
Weltmeisterschaftspokal in die Ehrenloge gebracht«, don-
nerte Bagman.
Harry wurde jäh von einem gleißend weißen Licht ge-
blendet; die Ehrenloge lag in magischer Helle da, so dass un-
ten auf den Tribünen alle sehen konnten, was geschah. Er
blinzelte zum Eingang hin und sah zwei keuchende Zaube-
rer einen riesigen goldenen Pokal in die Loge tragen und ihn
Cornelius Fudge aushändigen. Fudge schien immer noch
sauer, weil er den ganzen Tag sinnloserweise die Zeichen-
sprache verwendet hatte.
»Bitte einen ganz herzlichen Beifall für die edlen Verlie-
rer – Bulgarien!«, rief Bagman.
Und die Treppe hoch in die Loge kamen die sieben ge-
schlagenen bulgarischen Spieler. Die Menge klatschte aner-
kennend Beifall; Harry sah Tausende von Omnigläsern zur
Loge herüberblitzen und -blinken.
Einer nach dem anderen gingen die Bulgaren durch die
Sitzreihen, und Bagman rief laut den Namen eines jeden
Spielers, während sie ihrem Minister und dann Fudge die
Hand schüttelten. Krum, der Letzte in der Schlange, sah völ-
lig geplättet aus. Zwei Veilchen blühten prächtig auf seinem
blutunterlaufenen Gesicht. Immer noch hielt er den Schnatz
in der Hand. Harry fiel auf, dass er sich auf festem Grund
weit unsicherer bewegte als in der Luft. Er watschelte ein
wenig und ließ unverkennbar die Schultern hängen. Doch
124
als Krums Name ausgerufen wurde, schenkte ihm das ganze
Stadion ein tosendes, ohrenzerfetzendes Brüllen.
Und dann kam das irische Team. Moran und Connolly
stützten Aidan Lynch; seit dem zweiten Sturz schien er ein
wenig weggetreten und die Augen sahen merkwürdiger-
weise in verschiedene Richtungen. Doch grinste er glück-
lich, als Troy und Quigley den Pokal in die Höhe hoben und
die Menge unten donnernd ihre Anerkennung kundtat. Harrys
Hände waren vom vielen Klatschen schon taub.
Endlich, als das irische Team die Loge verlassen hatte und
eine weitere Besenrunde durch das Stadion drehte (Aidan
Lynch machte den Sozius bei Connolly, die Arme fest um
dessen Bauch geschlungen und immer noch leicht verwirrt
grinsend) – nun endlich richtete Bagman den Zauberstab auf
seine Kehle und murmelte: »Quietus.«
»Darüber wird man noch in vielen Jahren reden«, sagte er
heiser, »eine wirklich unerwartete Wendung war das ...
schade, dass es nicht länger gedauert hat ... ah ja ... ja, ich
schulde euch ... wie viel?«
Fred und George waren soeben über die Rückenlehnen ihrer
Sitze gestolpert und standen nun breit grinsend und mit
ausgestreckten Händen vor Ludo Bagman.
125
Das Dunkle Mal
»Sagt bloß kein Wort zu eurer Mutter, dass ihr euer ganzes
Geld verwettet habt«, schärfte Mr Weasley Fred und George
ein, während sie langsam die mit purpurrot bespannte Trep-
pe hinabstiegen.
»Mach dir keine Sorgen, Dad«, sagte Fred mit hinterlisti-
gem Grinsen, »wir haben mit dem Geld was Großes vor und
wollen nicht, dass es beschlagnahmt wird.«
Mr Weasley schien einen Augenblick lang nach diesen
großen Plänen fragen zu wollen, nach kurzer Überlegung
jedoch zu beschließen, es lieber nicht so genau wissen zu
wollen.
Bald schwammen sie mit in den Scharen von Hexen und
Zauberern, die aus dem Stadion hinausquollen, zurück zu den
Zeltplätzen. Sie gingen den laternenbeschienenen Weg
entlang, den sie gekommen waren; mit der nächtlichen Brise
waberten heisere Gesänge an ihre Ohren, und immer wieder
schwirrten irische Kobolde giggelnd und Laternen schwingend
über ihre Köpfe hinweg. Als sie endlich zu ihren Zelten
gelangten, hatte niemand Lust schlafen zu ge-
hen, und da um sie herum ohnehin noch lautes Treiben
herrschte, erlaubte ihnen Mr Weasley vor dem Schlafen-
gehen noch eine letzte Tasse Kakao. Es dauerte nicht lange,
und sie stritten sich ausgelassen über das Spiel; Mr Weasley
und Charlie gerieten sich wegen der Rempelei in
die Haare, und erst als Ginny an dem kleinen Tisch plötzlich
wegnickte und die heiße Schokolade über den Boden ver-
126
schüttete, gebot Mr Weasley den wortgewaltigen Spieldis-
kussionen Einhalt und schickte alle zu Bett. Hermine und
Ginny gingen ins Zelt nebenan und Harry und die übrigen
Weasleys schlüpften in ihre Pyjamas und kletterten in die
Schlafkojen. Von der anderen Seite des Zeltplatzes wehte
immer noch Gesang herüber und gelegentlich war ein laut in
der Nacht widerhallender Knall zu hören.
»Meine Güte, bin ich froh, dass ich nicht im Dienst bin«,
murmelte Mr Weasley schläfrig. »Ich kann mir was Schöne-
res vorstellen als dort rüberzugehen und den Iren zu sagen, sie
sollen aufhören zu feiern.«
Harry, der in der Koje über Ron lag, starrte die Zeltdecke
an, durch die hin und wieder die Laterne eines vorbeiflie-
genden Kobolds schimmerte. Noch einmal führte er sich
Krums tollste Spielzüge vor Augen. Es juckte ihn, auf seinen
eigenen Feuerblitz zu steigen und den Wronski-Bluff selbst
auszuprobieren ... irgendwie hatte es Oliver Wood mit all
seinen kurvenreichen Schaubildern nie richtig geschafft zu
zeigen, wie dieser Zug aussehen musste ... Harry sah sich
selbst in einen Umhang gehüllt, der seinen Namen auf dem
Rücken trug, und stellte sich das Gefühl vor, eine hundert-
tausendköpfige Menge brüllen zu hören, während Ludo
Bagmans Stimme durch das Stadion hallte: »Und hier kommt
... Potter!«
Harry konnte später nicht sagen, ob er eingenickt war oder
nicht – seine lebhaften Vorstellungen, wie Krum flie-
gen zu können, mochten durchaus zu ausgewachsenen
Träumen geworden sein -, er wusste nur, dass er plötzlich Mr
Weasley rufen hörte.
»Steht auf! Ron – Harry – schnell, steht auf, das ist kein
Scherz!«
Harry setzte sich rasch auf und stieß mit dem Kopf gegen
die Zeltdecke.
127
»Was'n los?«, sagte er.
Er ahnte dunkel, dass etwas nicht stimmte. Die Geräusche
im Zeltlager hatten sich verändert. Die Gesänge waren
verstummt. Er konnte Schreie hören und hastiges Fußge-
trappel.
Er rutschte aus seiner Koje, griff nach seinen Kleidern, doch
Mr Weasley, der eine Jeans über den Pyjama gezogen hatte,
hielt ihn auf: »Keine Zeit, Harry – wirf nur rasch eine Jacke
über und geh raus – schnell!«
Harry tat wie ihm geheißen und krabbelte dicht gefolgt von
Ron aus dem Zelt.
Im Licht der noch brennenden Feuer sah er Leute in den
Wald rennen, offenbar auf der Flucht vor etwas, das über das
Feld auf sie zukam, etwas, das merkwürdige Lichtblitze
schleuderte und lärmte wie Gewehrfeuer. Lautes Gejohle,
dröhnendes Lachen und die Schreie von Betrunkenen weh-
ten zu ihnen her; dann flammte jäh ein starkes grünes Licht auf
und erhellte das Geschehen.
Eine Gruppe von Zauberern, dicht aneinander gedrängt und
mit zum Himmel gereckten Zauberstäben, marschierte im
Gleichschritt langsam über das Feld. Harry spähte zu ih-
nen hinüber ... sie schienen keine Gesichter zu haben ... dann
erkannte er, dass sie Kapuzen über die Köpfe gezogen und ihre
Gesichter maskiert hatten. Hoch über ihnen, mit-
ten in der Luft schwebend, sah er vier verzweifelt stram-
pelnde, grotesk verzerrte Gestalten. Es kam ihm vor, als wä-
ren die maskierten Zauberer auf dem Feld Puppenspieler und
die Menschen über ihnen Marionetten an unsichtbaren Fäden,
die von den Zauberstäben aus in die Höhe stiegen. Zwei der
Gestalten waren sehr klein.
Andere Zauberer schlössen sich der marschierenden Gruppe
an, johlend und mit den Zauberstäben nach oben zu
den schwebenden Körpern deutend. Die Menge schwoll an,
128
Zelte auf dem Weg wurden umgerissen und niedergetram-
pelt. Hin und wieder beobachtete Harry, wie einer der Mar-
schierer mit dem Zauberstab ein Zelt aus dem Weg blies. Ei-
nige fingen Feuer. Das Schreien wurde lauter.
Flammen, die aus einem Zelt schlugen, beleuchteten
plötzlich die in der Höhe schwebenden Menschen, und Harry
erkannte einen von ihnen – es war Mr Roberts, der Aufseher
des Zeltlagers. Die anderen drei sahen aus, als könnten sie
seine Frau und seine Kinder sein. Einer der Ver-
mummten ließ Mrs Roberts kopfüber kippen; ihr Nacht-
hemd rutschte herunter und enthüllte ihre bauschigen
Schlüpfer; unter dem höhnischen Kreischen und Johlen der
Menge am Boden versuchte sie verzweifelt, ihre Blöße zu
bedecken.
»Das ist widerlich«, murmelte Ron und beobachtete, wie das
kleinste Muggelkind zwanzig Meter über der Erde wie ein
Kreisel zu wirbeln begann, das Köpfchen wehrlos von der
einen auf die andere Schulter schlagend. »Das ist wirk-
lich widerlich ...«
Hermine und Ginny, die sich hastig Mäntel über ihre
Nachthemden zogen, kamen auf sie zugerannt, dicht gefolgt
von Mr Weasley. In diesem Moment kamen Bill, Charlie und
Percy aus dem Jungenzelt, angezogen, mit hochgeroll-
ten Ärmeln und gezückten Zauberstäben.
»Wir helfen den Ministeriumsleuten«, rief Mr Weasley
durch den Lärm und rollte nun ebenfalls die Ärmel hoch.
»Und ihr – verschwindet in den Wald und bleibt zusammen.«
Schon liefen Bill, Charlie und Percy den näher kommen-
den Marschierern entgegen; Mr Weasley eilte ihnen nach. Aus
allen Himmelsrichtungen rannten die Zauberer des Mi-
nisteriums auf die Quelle des Aufruhrs zu. Immer näher kam
der Haufen, über dem die Familie Roberts in der Luft
schwebte.
129
»Schnell«, sagte Fred, packte Ginny am Arm und zog sie
zum Wald. Harry, Ron, Hermine und George folgten ihnen.
Als sie unter den Bäumen angelangt waren, blickten sie zu-
rück. Die Schar unter der Familie Roberts war weiter ange-
schwollen; sie konnten erkennen, wie die Ministeriumszau-
berer zu den Vermummten vorzudringen versuchten, doch
offenbar hatten sie größte Schwierigkeiten. Es schien, als
fürchteten sie, ein Zauberspruch aus der Menge würde die
Roberts-Familie zu Boden stürzen lassen.
Die bunten Laternen am Weg zum Stadion waren erlo-
schen. Dunkle Gestalten trieben sich zwischen den Bäumen
herum; Kinder weinten; angsterfüllte Rufe und panische
Schreie waberten durch die kalte Nachtluft. Harry spürte, wie
er von Leuten, deren Gesichter er nicht sehen konnte,
herumgeschubst wurde. Dann schrie Ron vor Schmerz auf.
»Was ist passiert?«, sagte Hermine erschrocken und blieb so
plötzlich stehen, dass Harry gegen sie prallte. »Ron, wo bist
du? Oh, ist das bescheuert – Lumos!«
Sie ließ ihren Zauberstab aufleuchten und richtete den
dünnen Lichtstrahl auf den Weg. Ron lag, alle viere von sich
gestreckt, auf dem Boden.
»Bin über eine Baumwurzel gestolpert«, sagte er wütend
und rappelte sich auf.
»Mit solchen Riesenfüßen ist das auch kein Wunder«, sagte
eine schnarrende Stimme hinter ihnen.
Harry, Ron und Hermine wirbelten herum. Draco Malfoy
stand ein wenig entfernt von ihnen an einen Baum gelehnt,
allein und in vollkommen entspannter Haltung. Offenbar hatte
er das Geschehen auf dem Zeltplatz mit verschränkten Armen
durch eine Lücke in den Bäumen hindurch beob-
achtet.
Ron schleuderte Malfoy etwas entgegen, das er, wie Harry
wusste, vor Mrs Weasley nie zu sagen gewagt hätte.
130
»Zügle dein Mundwerk, Weasley«, sagte Malfoy mit einem
Glitzern in den fahlen Augen. »Solltet ihr jetzt nicht besser
verschwinden? Ihr wollt doch nicht, dass man die hier sieht,
oder?«
Er nickte zu Hermine hinüber, und in diesem Moment
hörten sie vom Zeltplatz her einen Knall wie von einer Bombe,
und für einen Augenblick erhellte ein grüner Licht-
blitz die Bäume um sie her.
»Was soll das denn heißen«, sagte Hermine herausfor-
dernd.
»Die sind hinter Muggeln her, Granger«, sagte Malfoy.
»Willst du vielleicht mitten in der Luft dein Höschen vorzei-
gen ... sie kommen in diese Richtung, und das wär doch für
uns alle ein Riesenspaß.«
»Hermine ist eine Hexe«, knurrte Harry.
»Wie du meinst, Potter«, sagte Malfoy heimtückisch grin-
send. »Wenn du glaubst, die könnten eine Schlammblüterin
nicht erkennen, dann bleibt, wo ihr seid.«
»Pass auf, was du sagst!«, rief Ron. Alle Beteiligten wuss-
ten, dass »Schlammblüter« ein sehr verletzender Ausdruck für
eine Hexe oder einen Zauberer mit Muggeleltern war.
»Lass ihn reden, Ron«, warf Hermine ein und packte Ron,
der einen Schritt auf Malfoy zutrat, beschwichtigend am Arm.
Von jenseits der Bäume hörten sie einen Knall, der lauter
war als alles Bisherige. Einige im Umkreis schrien auf.
Malfoy kicherte leise. »Ihr kriegt es leicht mit der Angst zu
tun, oder? Bestimmt hat Daddy gesagt, ihr sollt euch alle
verstecken? Was hat er vor – will er die Muggel retten?«
»Wo sind deine Eltern?«, sagte Harry nun schon zorniger.
»Dort drüben, nicht wahr, und zwar maskiert?«
Immer noch lächelnd wandte Malfoy das Gesicht Harry zu.
»Nun, selbst wenn es so wäre, Potter, würde ich es doch nicht
ausgerechnet dir erzählen?«
131
»Ach, lasst ihn«, sagte Hermine mit einem ekelerfüllten
Blick auf Malfoy, »gehen wir lieber die anderen suchen.«
»Und versteck besser deinen großen buschigen Kopf,
Granger«, höhnte Malfoy.
»Lasst ihn doch«, wiederholte Hermine und zerrte Harry
und Ron auf den Weg zurück.
»Ich wette mit euch, dass sein Dad einer von diesen mas-
kierten Banditen ist«, sagte Ron empört.
»Mit ein wenig Glück wird das Ministerium ihn krie-
gen!«, sagte Hermine erhitzt. »Nein, ich fass es nicht, wo
stecken denn die anderen?«
Auf dem Weg herrschte ein großes Gedränge. Menschen
warfen nervöse Blicke zum Treiben auf dem Zeltplatz, doch
von Fred, George und Ginny war weit und breit keine Spur.
Ein Stück weiter trafen sie auf einen Schwärm Teenager, die
sich lautstark und aufgeregt über etwas stritten. Als sie Harry,
Ron und Hermine sahen, wandte sich ein Mädchen mit
dichtem Lockenhaar um und sagte schnell: »Oü est Ma-
dame Maxime? Nous l'avons perdue –«
»Ähm – was?«, sagte Ron.
»Oh ...«, das Mädchen, das gesprochen hatte, kehrte ihm
den Rücken zu, und als sie weitergingen, hörten sie deutlich,
wie sie »Ogwarts« sagte.
»Beauxbatons«, murmelte Hermine.
»Wie bitte?«, sagte Harry.
»Das müssen Beauxbatons sein«, sagte Hermine. »Ihr wisst
doch ... Beauxbatons, Akademie für Zauberei ... Ich hab davon
im Handbuch der europäischen Magierausbildung ge-
lesen.«
»Oh ... ja ... natürlich«, sagte Harry.
»Fred und George können nicht so weit gekommen sein«,
sagte Ron, zückte den Zauberstab und ließ den Lichtstrahl
neben dem Hermines den Pfad entlangwandern. Harry grub
132
in der Jackentasche nach seinem Zauberstab – doch er fand
nur das Omniglas.
»Aah, nein, so ein Mist ... ich hab meinen Zauberstab ver-
loren!«
»Machst du Witze?«
Ron und Hermine hoben ihre Zauberstäbe, um das spär-
liche Licht besser auf dem Boden zu verteilen; Harry suchte
überall, wo er gestanden hatte, doch sein Zauberstab war
nirgends zu sehen.
»Vielleicht hast du ihn im Zelt gelassen«, sagte Ron.
»Vielleicht ist er dir aus der Tasche gefallen, als wir ge-
rannt sind?«, überlegte Hermine beklommen.
»Jaah«, sagte Harry, »vielleicht ...«
Normalerweise trug er seinen Zauberstab immer bei sich,
wenn er in der Zaubererwelt war, und nun, da er inmitten
dieses brenzligen Geschehens ohne ihn dastand, fühlte er sich
ziemlich schutzlos.
Ein Geraschel ließ sie alle zusammenzucken. Winky, die
Hauselfe, strampelte mühsam aus einem dichten Buschge-
flecht am Wegrand hervor. Sie bewegte sich äußerst merk-
würdig, offenbar fiel es ihr sehr schwer zu gehen; es war, als
ob etwas Unsichtbares sie festhalten würde.
»Böse Zauberer sind überall!«, piepste sie verwirrt, wäh-
rend sie sich nach vorn beugte und mit aller Kraft zu laufen
versuchte. »Leute oben – hoch oben in der Luft! Winky macht
sich besser aus dem Staub!«
Und sie verschwand zwischen den Bäumen auf der ande-
ren Seite des Weges, keuchend und piepsend gegen die Kraft
ankämpfend, die sie zurückhielt.
»Was ist denn mit der los?«, sagte Ron und sah Winky
neugierig nach. »Warum kann sie nicht richtig laufen?«
»Wahrscheinlich hat sie nicht gefragt, ob sie sich verste-
cken darf«, sagte Harry. Er dachte an Dobby: Jedes Mal,
133
wenn er versucht hatte etwas zu tun, was die Malfoys nicht
mochten, spürte er den unwiderstehlichen Drang, sich selbst
zu verprügeln.
»Ihr wisst ja, mit den Hauselfen springen sie ganz übel
um!«, sagte Hermine entrüstet. »Das ist Sklaverei, nichts an-
deres! Dieser Mr Crouch hat sie gezwungen, auf die höchste
Tribüne zu steigen, wo sie doch furchtbare Angst hatte, und er
hat sie verhext, so dass sie nicht einmal wegrennen kann,
wenn sie anfangen die Zelte niederzutrampeln! Warum un-
ternimmt eigentlich niemand was dagegen?«
»Was willst du, die Elfen sind doch glücklich, oder etwa
nicht?«, sagte Ron. »Du hast doch vorhin beim Spiel die gute
alte Winky gehört ... > Hauselfen sollen keinen Spaß haben< ...
herumkommandiert werden ist doch genau das, was sie
mag ...«
»Es sind solche Leute wie du, Ron«, platzte Hermine auf-
gebracht los, »die morsche und ungerechte Ordnungen auch
noch stützen, nur weil ihr zu lasch seid, um ...«
Wieder knallte es laut vom Waldrand her.
»Lasst uns lieber weitergehen!«, sagte Ron, und Harry be-
merkte, wie er Hermine einen nervösen Blick zuwarf. Viel-
leicht war etwas dran an dem, was Malfoy gesagt hatte; viel-
leicht war Hermine tatsächlich in größerer Gefahr als er und
Ron. Während Harry immer noch seine Taschen durch-
wühlte, obwohl er wusste, dass sein Zauberstab nicht da war,
machten sie sich wieder auf die Beine.
Immer tiefer in den Wald hinein folgten sie dem dunklen
Weg, ständig auf der Ausschau nach Fred, George und
Ginny. Sie kamen an einer Gruppe Leprechans vorbei, die
kichernd einen Sack Gold begutachteten, den sie zweifellos
bei einer Wette gewonnen hatten, und die von dem Aufruhr
auf dem Zeltplatz völlig unberührt schienen. Noch ein
Stück weiter sahen sie einen Fleck silbrigen Lichts, und als
134
sie durch die Bäume spähten, sahen sie drei große, schöne
Veela auf einer Lichtung stehen, umringt von einer laut
schnatternden Schar Zauberer.
»Ich mach ungefähr hundert Sack Galleonen im Jahr«, rief
einer von ihnen. »Ich bin ein Drachentöter beim Kom-
mando für die Beseitigung Gefährlicher Geschöpfe.«
»Nein, red keinen Stuss«, rief sein Freund, »du bist Teller-
wäscher im Tropfenden Kessel ... aber ich bin ein Vampirjäger,
ich hab schon an die neunzig Stück erlegt –«
Ein dritter junger Zauberer, dessen Pickel selbst in dem
schwachen, silbrigen Licht der Veela zu erkennen waren,
meldete sich nun zu Wort: »Ich werde demnächst zum
jüngsten Zaubereiminister aller Zeiten ernannt, wisst ihr.«
Harry schnaubte vor Lachen. Er erkannte den pickligen
Zauberer; sein Name war Stan Shunpike, und er war in
Wirklichkeit Schaffner im Fahrenden Ritter, einem drei-
stöckigen Bus.
Er wandte sich um und wollte Ron davon erzählen, doch
Rons Gesichtszüge waren merkwürdig schlaff geworden, und
schon fing er an zu rufen: »Wisst ihr schon, dass ich einen
Besen erfunden habe, mit dem man zum Jupiter flie-
gen kann?«
»Also wirklich!«, sagte Hermine von neuem, und sie und
Harry packten Ron fest an den Armen, zerrten ihn herum und
zogen mit ihm davon. Allmählich erstarb das Geschnat-
ter der Veela-Verehrer und nun waren sie im Herzen des
Waldes. Um sie her war es fast still, sie waren nun offenbar
ganz allein.
Harry blickte sich um. »Ich schätze, wir können einfach hier
warten, hier hören wir jeden, auch wenn er noch mei-
lenweit entfernt ist.«
Kaum hatte er den Mund zugemacht, als hinter einem Baum
direkt vor ihrer Nase Ludo Bagman auftauchte.
135
Selbst in dem schwachen Licht der beiden Zauberstäbe
konnte Harry erkennen, dass Ludos Erscheinung sich deut-
lich gewandelt hatte. Er wirkte nun nicht mehr schwungvoll
und rosig und auch sein Schritt federte nicht mehr. Er sah
käseweiß und angespannt aus.
»Wer da?«, sagte er und versuchte blinzelnd ihre Gesich-
ter zu erkennen. »Was treibt ihr hier ganz alleine mitten im
Wald?«
Sie sahen sich überrascht an.
»Nun – es gibt eine Art Aufruhr«, sagte Ron.
Bagman starrte ihn an. »Was?«
»Auf dem Zeltplatz ... einige Leute haben sich eine Mug-
gelfamilie geschnappt ...«
Bagman fluchte laut. »Verdammtes Pack!«, sagte er, offen-
bar recht beunruhigt. Und ohne ein weiteres Wort zu sagen
disapparierte er mit einem leisen Plopp.
»Nicht gerade auf dem Laufenden, Mr Bagman, oder?«,
sagte Hermine stirnrunzelnd.
»Immerhin war er mal ein großer Treiber«, sagte Ron und
führte sie den Pfad entlang zu einer kleinen Lichtung, wo er
sich auf einem Fleck trockenen Grases unter einen Baum
setzte. »Die Wimbourner Wespen haben dreimal in Folge die
Meisterschaft gewonnen, als er bei ihnen gespielt hat.«
Er holte die kleine Nachbildung von Krum aus der Ta-
sche, setzte sie auf die Erde und sah ihr eine Weile beim
Herumgehen zu. Wie der echte Krum watschelte das Mo-
dell ein wenig und ließ die Schultern hängen, und auf seinen
gespreizten Füßen war es bei weitem nicht so beeindru-
ckend wie auf dem Besen. Harry lauschte auf Geräusche, die
vom Zeltplatz herüberwehten. Es schien alles ruhig, viel-
leicht war der Aufruhr vorüber.
»Ich hoffe, den anderen geht es gut«, sagte Hermine nach
einer Weile.
136
»Wird schon«, sagte Ron.
»Stell dir vor, dein Dad nimmt Lucius Malfoy fest«, sagte
Harry, ließ sich neben Ron nieder und beobachtete, wie die
kleine Krum-Figur über die heruntergefallenen Blätter
schlurfte. »Er hat ja immer gesagt, er würde ihm gerne etwas
nachweisen können.«
»Dann würde dem ollen Draco das blöde Grinsen verge-
hen«, sagte Ron.
»Mir tun diese armen Muggel Leid«, sagte Hermine ner-
vös. »Was ist, wenn sie es nicht schaffen, sie sicher herunter-
zuholen?«
»Das werden sie schon«, sagte Ron beruhigend, »irgend-
wie schaffen sie es.«
»Verrückt ist es schon, so etwas zu tun, wenn das ganze
Zaubereiministerium hier draußen auf den Beinen ist!«, sagte
Hermine. »Meinen die vielleicht, sie kommen einfach so
davon? Glaubt ihr, sie haben sich betrunken, oder sind sie
nur –«
Doch jäh brach sie ab und blickte über die Schulter. Auch
Harry und Ron wandten sich um. Es klang, als ob jemand
auf ihre Lichtung zustolperte. Gebannt lauschten sie auf die
unregelmäßigen Schritte hinter den Bäumen. Doch die
Schritte hierten plötzlich inne.
»Hallo?«, rief Harry.
Stille. Harry stand auf und spähte durch die Bäume. Es
war zu dunkel, um weit sehen zu können, doch er spürte
deutlich, dass dort in der Dunkelheut jemand stand.
»Wer ist da?«, rief er.
Und dann, ohne Vorwarnung, zeriss eine Stime die
Stille, wie er sie hier im Wald noch nicht gehört hatte; doch
es war kein panischer Schrei, sondern etwas, das wie ein
Zauberspruch klang.
»Morsmordre!«
137
Und etwas Riesiges, grün und glitzernd, brach aus den
Schatten hervor, die Harrys Augen hatten durchdringen
wollen; es stieg über die Baumspitzen hinaus und hoch an den
Himmel.
»Was zum –?«, keuchte Ron, sprang auf die Beine und
starrte auf das Etwas, das dort oben erschienen war.
Einen Augenblick lang dachte Harry, die irischen Kobolde
hätten sich zu einer neuen Gestalt zusammengefügt. Dann
erkannte er, dass es ein riesiger Totenkopf war, der, wie es
schien, aus smaragdgrünen Sternen bestand. Und aus der
Mundhöhle des Schädels quoll, wie eine Zunge, eine Schlange
hervor. Sie sahen zu, wie der Schädel immer höher stieg, in
grünlichen Dunst getaucht, doch strahlend hell, auf den
schwarzen Himmel geprägt wie ein neues Gestirn.
Plötzlich war der Wald um sie her ein Meer von Schreien.
Harry wusste nur, dass der einzige Grund dafür das plötz-
liche Erscheinen des Totenschädels sein konnte, der nun so
hoch gestiegen war, dass er den ganzen Wald erleuchtete wie
ein grauenhaftes Neonschild. Er suchte in der Dunkel-
heit nach dem Beschwörer des Schädels, doch er sah nie-
manden.
»Wer ist da?«, rief er noch einmal.
»Harry, komm, wir hauen ab!« Hermine hatte ihn hinten an
der Jacke gepackt und zerrte ihn rücklings fort.
»Was ist los?«, fragte Harry und sah bestürzt in ihr weißes,
verängstigtes Gesicht.
»Es ist das Dunkle Mal, Harry!«, keuchte Hermine und
zerrte ihn mit aller Kraft fort. »Das Zeichen von Du-weißt-
schon-wem!«
»Voldemorts –?«
»Harry, komm schon!«
Harry wandte sich jetzt um – Ron packte hastig seinen
kleinen Krum ein – und die drei machten sich auf den Weg
138
über die Lichtung – doch nach nur wenigen hastigen Schrit-
ten verriet ihnen ein leises Plopp nach dem anderen, dass
zwanzig Zauberer aus dem Nichts aufgetaucht waren und sie
umzingelten.
Harry wirbelte herum, und im Bruchteil einer Sekunde er-
kannte er eines: Jeder dieser Zauberer hatte seinen Zauber-
stab gezückt, und die Zauberstäbe waren auf ihn, Ron und
Hermine gerichtet. Ohne weiter nachzudenken schrie er:
»Deckung!«, packte die anderen beiden und riss sie zu Boden.
»Stupor!«, donnerten zwanzig Stimmen – es gab ein blen-
dendes Blitzgeprassel und Harry spürte, wie sich das Haar auf
seinem Kopf kräuselte, als ob ein kräftiger Wind über die
Lichtung fegte. Er hob den Kopf nur wenige Zentimeter und
sah rote Feuerstöße aus den Stäben der Zauberer über sie
hinwegflammen, sich kreuzen, von Baumstämmen ab-
prallen und sich in der Dunkelheit verlieren –
»Aufhören!«, schrie eine Stimme, die er kannte. »Stopp!
Das ist mein Sohn!«
Der Wind, der Harrys Haar zerzaust hatte, legte sich. Er hob
den Kopf ein wenig höher. Der Zauberer vor ihm hatte seinen
Stab gesenkt. Harry setzte sich auf und sah Mr Weas-
ley mit entsetztem Gesicht auf sie zugehen.
»Ron – Harry –«, seine Stimme zitterte, »- Hermine -seid ihr
verletzt?«
»Aus dem Weg, Arthur«, herrschte ihn eine kalte Stimme
an.
Es war Mr Crouch. Er und die anderen Ministeriumszau-
berer zogen den Kreis um sie enger. Harry stand auf, um sich
ihnen entgegenzustellen. Mr Crouchs Gesicht war wutver-
zerrt.
»Wer von Ihnen hat es getan?«, bellte er, und seine schar-
fen Augen blitzten zwischen ihnen hin und her. »Wer von
Ihnen hat das Dunkle Mal heraufbeschworen?«
139
»Das waren wir nicht!«, sagte Harry und deutete mit der
Hand hoch zum Schädel.
»Wir haben überhaupt nichts getan!«, sagte Ron, rieb sich
den Ellbogen und sah entrüstet seinen Vater an. »Warum habt
ihr uns angegriffen?«
»Lügen Sie nicht, Sir!«, rief Mr Crouch. Sein Zauberstab
war immer noch direkt auf Ron gerichtet und seine Augen
quollen hervor – so wirkte er leicht übergeschnappt. »Sie sind
am Tatort entdeckt worden!«
»Barty«, flüsterte eine Hexe in einem langen wollenen
Morgenrock, »das sind doch noch Kinder, Barty, die wären
doch nie in der Lage –«
»Wo kam denn das Mal her, ihr drei?«, warf Mr Weasley
rasch ein.
»Von da drüben«, sagte Hermine zitternd und deutete auf
die dunkle Stelle, wo die Stimme hergekommen war, »da war
jemand hinter den Bäumen ... er hat laut gesprochen -eine
Beschwörung –«
»Oh, stand also da drüben, nicht wahr?«, sagte Mr Crouch
und wandte seine hervorquellenden Augen Hermine zu; dass
er ihr nicht glaubte, stand ihm im Gesicht geschrieben. »Hat
eine Beschwörung gesprochen, soso? Sie scheinen sehr gut zu
wissen, wie das Mal aufgerufen wird, Fräulein –«
Doch keiner der Ministeriumszauberer außer Mr Crouch
schien es überhaupt für denkbar zu halten, dass Harry, Ron
oder Hermine den Schädel heraufbeschworen hatte; im Ge-
genteil, bei Hermines Worten hoben sie alle wieder ihre
Zauberstäbe, spähten durch die Nacht und richteten sie auf die
besagte Stelle.
»Zu spät«, sagte die Hexe in dem wollenen Morgenrock
kopfschüttelnd. »Die sind bestimmt schon disappariert.«
»Da bin ich anderer Meinung«, sagte ein Zauberer mit
stoppligem braunem Bart. Es war Amos Diggory, Cedrics Va-
140
ter. »Unsere Schocker sind doch direkt durch diese Bäume
geflogen ... vielleicht haben wir sie sogar erwischt ...«
»Sei vorsichtig, Amos!«, warnten einige Umstehende, als
Mr Diggory die Schultern straffte, den Zauberstab ausstreckte
und die Lichtung überquerte. Die Hände an den Mund ge-
presst sah Hermine ihn in den Schatten verschwinden.
Sekunden später hörten sie Mr Diggory rufen.
»Ja! Wir haben sie! Hier ist jemand! Bewusstlos! Es ist -
aber – du meine Güte ...«
»Sie haben jemanden?«, rief Mr Crouch mit zweifelndem
Unterton. »Wen? Wer ist es?«
Sie hörten Zweige knacken und Blätter rascheln und dann
die knirschenden Schritte Mr Diggorys, der wieder zwi-
schen den Bäumen auftauchte. Er trug eine kleine, schlaffe
Gestalt in den Armen. Harry erkannte sofort das Geschirr-
tuch. Es war Winky.
Mr Crouch schien zu Eis gefroren, als ihm Mr Diggory die
Elfe vor die Füße legte. Die anderen Ministeriumszau-
berer starrten allesamt Mr Crouch an. Ein paar Sekunden lang
blieb er wie gebannt stehen, die lodernden Augen auf die am
Boden liegende Winky gerichtet.
»Das – kann – nicht – sein«, stieß er abgehackt hervor.
»Nein –«
Plötzlich ging er schnell um Mr Diggory herum und mar-
schierte auf die Stelle zu, wo dieser Winky gefunden hatte.
»Hat keinen Zweck, Mr Crouch«, rief ihm Mr Diggory
nach. »Mehr sind nicht da.«
Doch Mr Crouch schien ihm nicht glauben zu wollen. Sie
konnten ihn blätterraschelnd zwischen den Büschen umher-
suchen hören.
»Ziemlich peinlich«, sagte Mr Diggory verbissen und sah
hinunter auf die reglose Gestalt Winkys. »Barty Crouchs
Hauselfe ... schon ein starkes Stück ...«
141
»Reg dich ab, Amos«, sagte Mr Weasley leise, »du glaubst
doch nicht allen Ernstes, dass es die Elfe war? Das Dunkle
Mal ist das Zeichen eines Zauberers. Dazu ist ein Zauberstab
nötig.«
»Tja«, sagte Mr Diggory, »sie hatte einen Zauberstab.«
»Wie bitte?«, sagte Mr Weasley.
»Hier, schau.« Mr Diggory hob den Zauberstab und zeigte
ihn Mr Weasley. »Hatte ihn in der Hand. Da hätten wir also
schon mal einen Verstoß gegen Artikel drei des Gesetzes zum
Gebrauch des Zauberstabs: Kein nichtmenschliches Wesen darf
einen Zauberstab tragen oder gebrauchen.«
In diesem Augenblick gab es ein erneutes Plopp und Ludo
Bagman apparierte direkt neben Mr Weasley. Erschöpft und
verwirrt drehte er sich im Kreis und spähte kichernd zu dem
smaragdgrünen Schädel hoch.
»Das Dunkle Mal!«, keuchte er und hätte um ein Haar
Winky zertrampelt. Mit fragender Miene wandte er sich an
seine Kollegen. »Wer war das? Habt ihr sie? Barty! Was geht
hier vor?«
Mr Crouch war mit leeren Händen zurückgekehrt. Sein
Gesicht war immer noch gespenstisch weiß und seine Hände
und sein Oberlippenbärtchen zuckten.
»Wo warst du, Barty?«, sagte Bagman. »Warum warst du
nicht beim Spiel? Deine Elfe hat dir doch einen Platz besetzt -
würgende Wasserspeier!« Bagmans Blick war auf Winky zu
Crouchs Füßen gefallen. »Was ist denn mit der passiert?«
»Ich hatte vorhin zu tun, Ludo«, antwortete ihm Mr Crouch,
der immer noch am ganzen Leib zuckte und die Lippen kaum
bewegte. »Und meine Elfe wurde betäubt.«
»Betäubt? Von euch hier, soll das heißen? Aber warum –?«
Plötzlich dämmerte es auf Bagmans rundem, glänzendem
Gesicht; er blickte hoch zu dem Schädel, hinab auf Winky und
fixierte dann Mr Crouch.
142
»Nein!«, sagte er. »Winky? Hat das Dunkle Mal heraufbe-
schworen? Die weiß doch nie und nimmer, wie das geht! Und
erst einmal brauchte sie einen Zauberstab!«
»Sie hatte einen«, sagte Mr Diggory. »Als ich sie fand, hatte
sie einen in der Hand, Ludo. Wenn Sie einverstanden sind, Mr
Crouch, sollten wir hören, was sie selbst dazu zu sa-
gen hat.«
Crouch ließ nicht erkennen, ob er Mr Diggory überhaupt
verstanden hatte, doch Mr Diggory schien sein Schweigen für
Zustimmung zu halten. Er hob seinen eigenen Zauber-
stab, richtete ihn auf Winky und sagte: »Enervate!«
Winky regte sich ein wenig. Ihre großen braunen Augen
öffneten sich und sie blinzelte ein paar Mal recht verwirrt.
Unter den stummen Blicken der Zauberer setzte sie sich zit-
ternd auf den Hintern. Dann bemerkte sie Mr Diggorys Füße
und sah langsam und bebend zu ihm auf; noch langsamer
schließlich hob sie ihren Kopf zum Himmel. Harry sah den
Schädel zweifach in ihren Augen gespiegelt. Sie keuchte, ließ
den Blick verstört über die Lichtung voller Zauberer huschen
und brach dann in angsterfülltes Schluchzen aus.
»Elfe!«, sagte Mr Diggory barsch. »Weißt du, wer ich bin?
Ich bin ein Mitglied der Abteilung zur Führung und Auf-
sicht Magischer Geschöpfe!«
Winky, in kurzen Stößen atmend, begann nun mit dem
Oberkörper hin und her zu wippen. Sie erinnerte Harry
deutlich an Dobby in seinen Momenten ängstlichen Unge-
horsams.
»Wie du siehst, Elfe, wurde hier vor kurzem das Dunkle
Mal heraufbeschworen«, sagte Mr Diggory. »Und du wur-
dest wenig später entdeckt, direkt darunter! Eine Erklärung,
wenn ich bitten darf!«
»Ich – ich – ich hab nichts getan, Sir!«, keuchte Winky. »Ich
weiß doch nicht, wie, Sir!«
143
»Du wurdest mit einem Zauberstab in der Hand gefun-
den!«, blaffte sie Mr Diggory an und fuchtelte mit dem Stab
vor ihrem Gesicht herum. Und als das grüne Licht, das die
Lichtung vom Schädel am Himmel her erfüllte, auf den
Zauberstab fiel, traf Harry fast der Schlag.
»Hee – das ist meiner!«, sagte er.
Alle auf der Lichtung starrten ihn an.
»Wie bitte?«, sagte Mr Diggory ungläubig.
»Das ist mein Zauberstab!«, sagte Harry. »Ich hab ihn ver-
loren!«
»Du hast ihn verloren?«, wiederholte Mr Diggory zwei-
felnd. »Ist das ein Geständnis? Du hast ihn fortgeworfen,
nachdem du das Dunkle Mal heraufbeschworen hattest?«
»Amos, bedenk doch, mit wem du sprichst«, sagte Mr
Weasley erzürnt. »Glaubst du vielleicht, Harry Potter würde
das Dunkle Mal heraufbeschwören?«
»Hmmh – natürlich nicht«, murmelte Mr Diggory. »Ver-
zeihung ... hab mich gehen lassen ...«
»Ich hab ihn ohnehin nicht dort drüben fallen lassen«, sagte
Harry und wies mit dem Daumen hinüber zu den Bäumen
unter dem Schädel. »Ich hab ihn schon vermisst, gleich
nachdem wir im Wald waren.«
»Nun gut«, sagte Mr Diggory und wandte sich mit kalten
Augen erneut an Winky, die zu seinen Füßen kauerte. »Du
hast also diesen Zauberstab gefunden, Elfe? Und du hast ihn
aufgehoben und dachtest, du könntest ein paar Spaße damit
treiben, nicht wahr?«
»Ich hab keinen Zauber damit gemacht, Sir!«, piepste
Winky, und Tränen kullerten jetzt an ihrer eingedellten Ku-
gelnase herunter. »Ich hab ... ich hab ... ich hab ihn nur auf-
gehoben, Sir! Ich hab nicht das Dunkle Mal gemacht, Sir, ich
weiß nicht, wie!«
»Sie war es nicht!«, sagte Hermine. Vor all diesen Ministe-
144
riumszauberern zu sprechen schien sie nervös zu machen,
doch sie ließ sich nicht beirren. »Winky hat eine leise Pieps-
stimme und die Stimme, die wir bei der Beschwörung ge-
hört haben, war viel tiefer!« Sie wandte sich Hilfe suchend an
Harry und Ron. »Sie klang nicht wie Winky, oder?«
»Nein«, sagte Harry und schüttelte den Kopf. »Die Stimme
klang bestimmt nicht nach der Elfe.«
»Ja, es war eine menschliche Stimme«, sagte Ron. »Nun,
wir werden ja gleich sehen«, knurrte Mr Diggory mit
unbeeindruckter Miene. »Es gibt eine einfache Möglich-
keit, den letzten Zauber eines Zauberstabs festzustellen,
wusstest du das, Elfe?«
Winky zitterte und schüttelte verzweifelt und ohren-
schlackernd den Kopf. Mr Diggory hob erneut seinen Zau-
berstab und berührte mit ihm die Spitze von Harrys Zauber-
stab.
»Prior Incantado!«, rief er mit donnernder Stimme. Harry
hörte Hermine vor Entsetzen aufkeuchen, als ein gewaltiger
Schädel mit Schlangenzunge genau dort hervor-
brach, wo sich die Spitzen der beiden Stäbe berührten, doch
diesmal war es nur ein Schatten des grünen Schädels hoch
über ihnen, der aussah, als bestünde er aus dichtem grünem
Rauch: der Geist eines Zaubers.
»Deletrius!«, rief Mr Diggory, und der Schädel aus Rauch
verpuffte zu einem Wölkchen.
»So«, sagte Mr Diggory, als hätte er einen grausamen Sieg
errungen, und sah hinab auf Winky, die immer noch am
ganzen Leib bebte.
»Ich hab's nicht getan!«, piepste sie und rollte entsetzt mit
den Augen. »Ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich weiß nicht,
wie! Ich bin doch eine gute Elfe, ich mache nichts mit dem
Zauberstab, ich weiß nicht, wie!«
»Du bist auffrischer Tat ertappt worden, Elfe!«, polterte
145
Mr Diggory. »Ertappt mit dem Tatwerkzeug, dem Zauber-
stab, in der Hand!«
»Amos«, sagte Mr Weasley laut, »überleg doch mal ...
herzlich wenig Zauberer wissen, wie man diesen Zauber
ausübt ... wo sollte sie das gelernt haben?«
»Womöglich will Amos behaupten«, sagte Mr Crouch mit
kalter Wut in jeder Silbe, »dass ich meinen Dienstboten re-
gelmäßig beibringe, das Dunkle Mal zu beschwören?«
Ein zutiefst peinliches Schweigen trat ein.
Amos Diggory schien entsetzt. »Mr Crouch ... nein ... nein,
keineswegs ...«
»Und Sie hätten um ein Haar ausgerechnet die zwei Per-
sonen auf dieser Lichtung beschuldigt, die gewiss am wenigs-
ten mit dem Dunklen Mal zu tun haben wollen!«, bellte Mr
Crouch. »Harry Potter – und mich! Ich nehme an, Sie ken-
nen die Geschichte des Jungen, Amos?«
»Natürlich – jeder kennt sie –«, murmelte Mr Diggory und
schien sich in seiner Haut höchst unwohl zu fühlen.
»Und ich denke, Sie wissen bestimmt auch noch, wie oft ich
in meiner langen Laufbahn bewiesen habe, dass ich die
dunklen Künste und jene, die sie ausüben, hasse und ver-
achte?«, rief Mr Crouch, und erneut quollen ihm die Augen
aus den Höhlen.
»Mr Crouch – ich – ich habe nie auch nur eine Andeu-
tung gemacht, dass Sie irgendetwas damit zu tun hätten!«,
murmelte Amos Diggory unter seinem braunen Stoppelbart
errötend.
»Wenn Sie meine Elfe beschuldigen, dann beschuldigen Sie
mich, Diggory!«, rief Mr Crouch. »Wo sonst soll sie ge-
lernt haben, das Mal zu beschwören?«
»Sie – sie könnte es überall mitgekriegt haben –«
»Genau, Amos«, sagte Mr Weasley. »Sie hätte es überall
mitkriegen können ... Winky?«, sagte er freundlich und
146
wandte sich der Elfe zu, doch sie zuckte zusammen, als ob
auch er sie angeschrien hätte. »Wo genau hast du Harrys
Zauberstab gefunden?«
Winky zwirbelte so hartnäckig an der Spitze ihres Ge-
schirrtuchs, dass es zwischen ihren Fingern ausfranste.
»Ich – ich hab ihn gefunden – gefunden dort, Sir ...«,
flüsterte sie, »dort ... unter den Bäumen, Sir ...«
»Siehst du, Amos«, sagte Mr Weasley. »Wer immer das
Mal heraufbeschworen hat, könnte sofort danach ver-
schwunden sein und Harrys Zauberstab zurückgelassen ha-
ben. Ein gerissener Schachzug, nicht den eigenen Zauber-
stab zu nehmen, der ihn hätte verraten können. Und Winky
hier hatte das Pech, nur Augenblicke später auf den Zauber-
stab zu stoßen und ihn aufzuheben.«
»Aber dann wäre sie nur ein paar Meter vom wirklichen
Schurken entfernt gewesen!«, sagte Mr Diggory ungeduldig.
»Elfe? Hast du jemanden gesehen?«
Winky schüttelte es am ganzen Leib. Ihre Riesenaugen
flackerten von Mr Diggory zu Ludo Bagman und weiter zu Mr
Crouch.
Dann würgte sie hervor: »Ich hab niemanden gesehen, Sir ...
niemanden nicht ...«
»Amos«, sagte Mr Crouch schroff. »Natürlich würden Sie
Winky normalerweise zum Verhör ins Büro mitnehmen. Ich
bitte Sie jedoch, mir zu gestatten, selbst mit ihr abzu-
rechnen.«
Mr Diggory schien von diesem Vorschlag nicht besonders
angetan, doch Harry war klar, dass Mr Crouch ein so hohes
Tier im Ministerium war, dass er nicht wagte, den Vorschlag
abzulehnen.
»Sie können sicher sein, dass sie bestraft wird«, fügte Mr
Crouch kühl hinzu.
»M-M-Meister ...«, stammelte Winky und sah mit trä-
147
nenverquollenen Augen zu Mr Crouch auf. »M-M-Meister,
b-b-bitte ...«
Mr Crouch starrte sie an, seine Züge schienen noch schär-
fer, jede Falte auf seinem Gesicht tiefer geworden zu sein. In
seinem Blick lag kein Erbarmen.
»Winky hat sich heute Nacht auf eine Weise benommen, die
ich nicht für möglich gehalten hätte«, sagte er langsam. »Ich
habe sie angewiesen, im Zelt zu bleiben. Ich habe sie
angewiesen, dort zu bleiben, während ich unterwegs war, um
dem Aufruhr Einhalt zu gebieten. Und ich stelle fest, dass sie
mir nicht gehorcht hat. Das bedeutet Kleidung.«
»Nein!«, kreischte Winky und warf sich zu Mr Crouchs
Füßen auf die Erde. »Nein, Meister! Nicht Kleidung, nicht
Kleidung!«
Harry wusste, dass die einzige Möglichkeit, einen Hausel-
fen in die Freiheit zu entlassen, darin bestand, ihm richtige
Kleider zu schenken. Es war ein Jammer mit anzusehen, wie
Winky, das Geschirrtuch fest umklammernd, Tränen über Mr
Crouchs Schuhe vergoss.
»Sie hatte doch Angst!«, stieß Hermine zornig hervor und
starrte Mr Crouch verächtlich an. »Ihre Elfe hat Höhenangst
und diese maskierten Zauberer ließen Leute in der Luft
schweben! Sie können ihr nicht vorwerfen, dass sie das Weite
suchen wollte!«
Mr Crouch schüttelte die Elfe ab, trat einen Schritt zurück
und musterte sie, als ob sie etwas Schmutziges und Ekliges
wäre, das seine polierten Schuhe besudle.
»Ich kann keine Hauselfe gebrauchen, die mir nicht ge-
horcht«, sagte er kalt und sah zu Hermine auf. »Ich kann keine
Dienerin gebrauchen, die vergisst, was sie ihrem Meis-
ter und seinem Ruf schuldig ist.«
Winky weinte so heftig, dass ihr Schluchzen auf der gan-
zen Lichtung widerhallte.
148
Ein sehr unangenehmes Schweigen trat ein, das von Mr
Weasley mit leisen Worten beendet wurde: »Nun, ich denke,
ich nehme die Meinen zurück zum Zelt, wenn keiner etwas
dagegen hat. Amos, dieser Zauberstab hat uns alles gesagt,
was er kann – könnte Harry ihn bitte wieder zurückhaben –«
Mr Diggory reichte Harry den Zauberstab und Harry ließ
ihn in die Tasche gleiten.
»Na, dann kommt, ihr drei«, sagte Mr Weasley leise. Doch
Hermine schien keinen Schritt gehen zu wollen; ihr Blick
ruhte immer noch auf der schluchzenden Elfe. »Hermine!«,
sagte Mr Weasley etwas eindringlicher. Sie wandte sich um
und folgte Harry und Ron über die Lichtung und hinein in den
Wald.
»Was geschieht mit Winky?«, fragte Hermine, sobald sie die
Lichtung hinter sich gelassen hatten.
»Ich weiß es nicht«, sagte Mr Weasley.
»Unglaublich, wie sie behandelt wird!«, sagte Hermine
zornig. »Mr Diggory nennt sie die ganze Zeit > Elfe< ... und erst
Mr Crouch! Er weiß, dass sie es nicht getan hat, und trotzdem
wirft er sie raus! Es war ihm doch gleich, dass sie furchtbare
Angst hatte und ganz aus der Fassung war – als ob sie nicht
mal ein Mensch wäre!«
»Nun ja, ist sie auch nicht«, sagte Ron.
Hermine sah ihn wutentbrannt an. »Das heißt noch lange
nicht, dass sie keine Gefühle hat, Ron, es ist abscheu-
lich, wie –«
»Hermine, du hast ja Recht«, warf Mr Weasley rasch ein
und winkte sie weiter, »aber jetzt ist nicht die Zeit, über El-
fenrechte zu diskutieren. Ich möchte so rasch wie möglich
zum Zelt zurück. Was ist mit den anderen passiert?«
»Wir haben sie in der Dunkelheit verloren«, sagte Ron.
»Dad, warum regen sich denn alle so furchtbar über diesen
Schädel da oben auf?«
149
»Das erkläre ich dir, wenn wir wieder im Zelt sind«, sagte
Mr Weasley angespannt.
Doch am Waldrand wurden sie aufgehalten.
Eine große Schar verängstigt aussehender Hexen und
Zauberer hatte sich dort versammelt, und als sie Mr Weasley
näher kommen sahen, hasteten ihm viele entgegen. »Was geht
dort drin vor?« – »Wer hat das Mal heraufbeschwo-
ren?« – »Arthur – doch nicht etwa – er selbst?«
»Natürlich nicht«, sagte Mr Weasley ungehalten. »Wer es
war, wissen wir nicht, und er ist verschwunden. Und jetzt
entschuldigt mich bitte, ich will schlafen gehen.«
Er bahnte Harry, Ron und Hermine einen Weg durch die
Menge und schließlich gelangten sie zum Zeltplatz. Ruhe war
eingekehrt; von den maskierten Zauberern war nichts mehr zu
sehen, doch noch immer kokelten ein paar abge-
brannte Zelte.
Charlie steckte den Kopf aus dem Jungenzelt.
»Dad, was ist los?«, rief er durch die Dunkelheit. »Fred,
George und Ginny sind hier, ihnen ist nichts passiert, aber die
anderen –«
»Die hab ich mitgebracht«, sagte Mr Weasley, bückte sich
und schlüpfte ins Zelt. Harry, Ron und Hermine folgten ihm.
Bill saß an dem kleinen Küchentisch und drückte sich ein
Leintuch auf den Arm, der stark blutete. Charlie hatte einen
langen Riss im Hemd und Percy konnte eine blutige Nase
vorzeigen. Fred, George und Ginny schienen nicht verletzt,
jedoch arg mitgenommen.
»Hast du ihn gekriegt, Dad?«, sagte Bill scharf. »Den, der
das Mal heraufbeschworen hat?«
»Nein«, sagte Mr Weasley. »Wir haben Barty Crouchs Elfe
mit Harrys Zauberstab in der Hand gefunden, aber das sagt uns
noch lange nicht, wer wirklich das Mal heraufbe-
schworen hat.«
150
»Was?«, sagten Bill, Charlie und Percy wie aus einem
Mund.
»Harrys Zauberstab?«, sagte Fred.
»Mr Crouchs Elfe?«, sagte Percy wie vom Donner ge-
rührt.
Mit ein paar ergänzenden Worten von Harry, Ron und
Hermine schilderte Mr Weasley, was im Wald geschehen
war. Als er geendet hatte, warf sich Percy entrüstet in die
Brust.
»Natürlich hat Mr Crouch vollkommen Recht, eine
solche Elfe davonzujagen!«, sagte er. »Läuft einfach da-
von, wo er ihr doch ausdrücklich gesagt hat ... wie peinlich
für ihn und das Ministerium ... wie hätte das denn ausge-
sehen, wenn man sie vor der Abteilung zur Führung und
Aufsicht ...«
»Sie hat nichts getan – sie war nur zur falschen Zeit am
falschen Ort«, fauchte Hermine den völlig perplexen Percy
an. Hermine war immer recht gut mit Percy ausgekommen –
im Grunde besser als die anderen.
»Hermine, ein Zauberer in Mr Crouchs Position kann
sich keine Hauselfe leisten, die mit einem Zauberstab Amok
läuft!«, sagte Percy mit gewichtiger Miene, nachdem er sich
gefasst hatte.
»Sie ist nicht Amok gelaufen!«, rief Hermine. »Sie hat ihn
nur von der Erde aufgelesen!«
»Hört mal, kann mir jemand erklären, was es mit diesem
Schädel auf sich hat?«, sagte Ron ungeduldig. »Er hat doch
keinem was getan ... warum dann dieser ganze Aufstand?«
»Ich hab dir doch erklärt, es ist das Symbol von Du-weißt-
schon-wem, Ron«, sagte Hermine, bevor irgendjemand
sonst antworten konnte. »Hab ich in Aufstieg und Fall der
dunklen Künste gelesen.«
»Und der Schädel wurde dreizehn Jahre lang nicht gese-
151
hen«, sagte Mr Weasley leise. »Natürlich hat er die Leute in
Angst und Schrecken versetzt ... es war ja fast, als würden sie
Du-weißt-schon-wen wieder sehen.«
»Ich versteh's trotzdem nicht«, sagte Ron stirnrunzelnd. »Ich
meine ... es ist nur ein Zeichen am Himmel ...«
»Ron, Du-weißt-schon-wer und seine Anhänger haben das
Dunkle Mal immer dann aufsteigen lassen, wenn sie ge-
mordet haben«, sagte Mr Weasley. »Du hast ja keine Ah-
nung ... welches Grauen es auslöste. Stell dir vor, du kommst
nach Hause und findest das Dunkle Mal über dei-
nem Haus schweben und du weißt genau, was du drin vor-
finden wirst ... das Schlimmste ...«
Eine kurze Stille trat ein.
Schließlich nahm Bill seinen Verband ab, um sich seine
Wunde am Arm anzusehen, und sagte: »Jedenfalls hat uns der
Schädel heute Nacht nicht geholfen, wer immer ihn he-
raufbeschworen hat. Die Todesser hat er sofort in panische
Angst versetzt. Sie sind alle disappariert, bevor wir nahe ge-
nug dran waren, um auch nur einem von ihnen die Maske
abzureißen. Wenigstens konnten wir die Familie Roberts noch
auffangen, bevor sie auf der Erde aufschlugen. Im Mo-
ment werden ihre Gedächtnisse verändert.«
»Todesser?«, sagte Harry. »Was sind Todesser?«
»So nannten sich die Anhänger von Du-weißt-schon-wem«,
sagte Bill. »Ich glaube, heute Nacht haben sich die
versprengten Überreste dieser Leute wieder zusammenge-
funden – die zumindest, die es geschafft haben, sich vor As-
kaban zu retten.«
»Wir können nicht beweisen, dass sie es waren, Bill«, sagte
Mr Weasley. »Obwohl du wahrscheinlich Recht hast«, fügte er
erbittert hinzu.
»Ja, darauf wette ich«, sagte Ron plötzlich. »Dad, wir ha-
ben Draco Malfoy im Wald getroffen, und er hat durchbli-
152
cken lassen, dass sein Vater einer dieser Hirnis mit den
Masken war! Und wir wissen alle, dass die Malfoys mit Du-
weißt-schon-wem unter einer Decke steckten!«
»Aber das waren doch Anhänger Voldemorts –«, warf Harry
ein. Die anderen zuckten zusammen – wie die meis-
ten in der Zaubererwelt vermieden es die Weasleys, Volde-
mort beim Namen zu nennen. »Verzeihung«, sagte Harry
rasch. »Warum eigentlich sollten diese Anhänger von Du-
weißt-schon-wem Muggel in der Luft schweben lassen? Was
war denn der Sinn des Ganzen?«
»Der Sinn?«, sagte Mr Weasley mit einem hohlen Lachen.
»Harry, das verstehen diese Leute unter Spaß. Die Hälfte der
Morde an Muggeln in der Zeit, als Du-weißt-schon-wer an der
Macht war, wurden aus reinem Vergnügen begangen. Ich
nehme an, sie hatten am Abend einiges getrunken und konnten
dann einfach der Lust nicht widerstehen, uns daran zu
erinnern, dass viele von ihnen immer noch auf freiem Fuß
sind. Für die war es ein nettes kleines Wiedersehens-
fest«, schloss er angewidert.
»Aber wenn sie wirklich Todesser waren, warum sind sie
dann disappariert, als sie das Dunkle Mal sahen?«, sagte Ron.
»Eigentlich hätten sie sich doch freuen müssen, oder?«
»Ron, benutz doch mal deinen Grips«, sagte Bill. »Wenn sie
wirklich Todesser waren, dann haben sie alles daran-
gesetzt, nicht nach Askaban zu kommen, als Du-weißt-schon-
wer die Macht verlor, und alle möglichen Lügenge-
schichten aufgetischt, von wegen er hätte sie gezwungen,
Menschen zu töten und zu foltern. Ich wette, sie haben noch
mehr Angst als wir anderen, dass er zurückkommt. Als er die
Macht verloren hatte, bestritten sie doch, dass sie jemals
wirklich etwas mit ihm zu tun hatten, und lebten weiter, als ob
nichts gewesen wäre ... Ich schätze, er wäre nicht beson-
ders angetan von ihnen, oder?«
153
»Also ... wer immer das Dunkle Mal heraufbeschworen
hat ...«, sagte Hermine langsam, »hatte er das Ziel, die Tod-
esser anzufeuern oder ihnen Angst einzujagen und sie zu
verscheuchen?«
»Wir können das auch nicht besser beurteilen als du, Her-
mine«, sagte Mr Weasley. »Ich kann dir nur eines sagen ...
einzig und allein die Todesser wussten, wie man es he-
raufbeschwor. Ich wäre sehr überrascht, wenn dahinter nicht
ein früherer Todesser stecken würde, auch wenn er es jetzt
nicht mehr ist ... Übrigens, es ist sehr spät, und wenn eure
Mutter erfährt, was passiert ist, wird sie keine ruhige Minute
mehr haben. Wir brauchen jetzt noch ein paar Stunden Schlaf
und dann versuchen wir einen der ersten Portschlüs-
sel von hier weg zu kriegen.«
Harry legte sich mit schwirrendem Kopf in die Koje. Er
wusste, dass er eigentlich erschöpft war – es war fast drei Uhr
morgens -, doch er fühlte sich hellwach – und voll dunkler
Ahnungen.
Vor drei Tagen – es schien viel länger her zu sein, doch es
waren nur drei Tage – war er mit brennenden Schmerzen auf
der Stirn aufgewacht. Und heute Nacht war zum ersten Mal
seit dreizehn Jahren Lord Voldemorts Zeichen am Him-
mel erschienen. Was sollten diese Dinge bedeuten?
Er dachte an den Brief, den er noch vom Ligusterweg aus an
Sirius geschrieben hatte. Hatte Sirius ihn schon erhalten?
Würde er bald antworten? Harry lag da und starrte auf die
Zeltplane, doch keine Träumereien vom Fliegen wiegten ihn
nun in den Schlaf, und erst lange nachdem Bills Schnar-
chen das Zelt erzittern ließ, döste Harry endlich ein.
154
Wirbel im Ministerium
Sie hatten nur wenige Stunden geschlafen, als Mr Weasley sie
weckte. Die Zelte verpackten sich an diesem Morgen von
allein und hastig verließen sie den Campingplatz. Mr Ro-
berts stand am Tor bei seinem Haus. Er sah sie mit einem
seltsamen, leicht abwesenden Blick an und nuschelte zum
Abschied »Fröhliche Weihnachten«.
»Er wird schon wieder«, sagte Mr Weasley gedämpft, wäh-
rend sie über das Moor gingen. »Bei solchen Gedächtnisver-
änderungen kommt es manchmal vor, dass die Leute für kurze
Zeit etwas verwirrt sind ... und diesmal war es sicher ein
schweres Stück Arbeit, bei dem, was er erlebt hat ...«
Schon von weitem hörten sie hektisches Stimmengewirr,
und als sie zu der Stelle kamen, wo die Portschlüssel lagen,
sahen sie eine große Schar Hexen und Zauberer, die Basil, den
Hüter der Portschlüssel, bedrängten und lautstark den
nächstmöglichen Transport verlangten. Mr Weasley sprach ein
paar eindringliche Worte mit Basil, dann reihten sie sich in die
Schlange ein und erwischten tatsächlich noch vor Son-
nenaufgang einen alten Gummireifen zurück zum Wiesel-
kopf. In der Morgendämmerung wanderten sie über Ottery St.
Catchpole zum Fuchsbau zurück, recht schweigsam, denn sie
waren erschöpft und dachten sehnsüchtig an das Frühstück.
Als sie um eine Biegung gingen und der Fuchs-
bau in Sicht kam, hallte ihnen auf dem feuchten Weg ein
Schrei entgegen.
»Oh, Gott sei Dank, Gott sei Dank!«
155
Mrs Weasley, die offensichtlich vor dem Haus auf sie ge-
wartet hatte, kam, die Pantoffeln noch an den Füßen, auf sie
zugerannt, mit bleichem, angespanntem Gesicht und einem
zusammengeknüllten Tagespropheten in der Hand. »Arthur –
ich hab mir ja solche Sorgen gemacht – fürchter-
liche Sorgen –«
Sie warf Mr Weasley die Arme um den Hals und der Ta-
gesprophet fiel aus ihrer erschlafften Hand. Harry sah zu Bo-
den und las die Schlagzeile: Szenen des Grauens bei der
Quidditch-Weltmeisterschaft, dazu ein funkelndes Schwarz-
weißbild des Dunklen Mals über den Baumspitzen.
»Ihr seid alle wohlauf«, murmelte Mrs Weasley ein wenig
abwesend, ließ Mr Weasley los und sah sie mit geröteten
Augen an, »ihr lebt noch ... o meine Jungs ...«
Und zur Überraschung aller zog sie Fred und George an sich
und herzte sie so heftig, dass ihre Köpfe gegeneinander
schlugen.
»Autsch! Mum – du erwürgst uns noch –«
»Ich hab mit euch geschimpft, bevor ihr fort seid!«, sagte
Mrs Weasley und begann zu schluchzen. »Daran musste ich
die ganze Zeit denken! Was wäre gewesen, wenn Du-weißt-
schon-wer euch gekriegt hätte, und das Letzte, was ich euch
gesagt hätte, wäre gewesen, dass ihr nicht genug ZAGs ge-
schafft habt? O Fred ... o George ...«
»Nun ist aber gut, Molly, wir sind alle kerngesund«, sagte
Mr Weasley beschwichtigend, zog sie sachte von den Zwil-
lingen weg und führte sie zum Haus. »Bill«, fügte er in ge-
dämpftem Ton hinzu, »heb doch bitte die Zeitung auf, mal
sehen, was sie schreiben ...«
Schließlich saßen sie alle eng aneinander gedrängt in der
kleinen Küche. Hermine kochte Mrs Weasley eine Tasse
sehr starken Tee, in die Mr Weasley unbedingt noch einen
Schuss Ogdens Alten Feuerwhisky kippen wollte, und Bill
156
reichte seinem Vater die Zeitung. Mr Weasley überflog die
Titelseite, Percy las über seine Schulter gebeugt mit.
»Ich habs doch gewusst«, sagte Mr Weasley mit schwerer
Stimme.
»Ministerium versagt ... Täter nicht gefasst ... laxe Sicher-
heitsvorkehrungen ... unkontrolliertes Treiben schwarzer
Magier ... Schande für das Land ...
Wer hat das geschrieben? Ach ... natürlich ... Rita Kimm-
korn ...«
»Diese Frau hat es aufs Zaubereiministerium abgesehen!«,
erzürnte sich Percy. »Letzte Woche schrieb sie, wir würden
mit unseren Haarspaltereien über Kesselbodendicke nur Zeit
verschwenden, wo wir doch Vampire erlegen sollten! Als ob
in Paragraf zwölf der Richtlinien für die Behandlung
nichtmagischer Teilmenschen nicht ausdrücklich festgelegt
wäre, dass –«
»Tu uns 'nen Gefallen, Perce«, sagte Bill gähnend, »und halt
die Klappe.«
»Mich erwähnt sie auch«, sagte Mr Weasley, und die Au-
gen hinter seiner Brille weiteten sich, als er den Schluss des
Berichts im Tagespropheten las.
»Wo?«, prustete Mrs Weasley und verschluckte sich an ih-
rem Tee mit Whisky. »Wenn ich das gesehen hätte, hätte ich
gewusst, dass du am Leben bist!«
»Nicht namentlich«, sagte Mr Weasley. »Hört mal zu:
Sollten sich die zu Tode geängstigten Zauberer und Hexen, die
am Waldrand atemlos auf Nachrichten warteten, beru-
higende Worte vom Zaubereiministerium erhofft haben, dann
wurden sie zutiefst enttäuscht. Ein Vertreter des Minis-
teriums erschien einige Zeit nach dem Aufstieg des Dunklen
157
Mals und ließ verlauten, niemand sei verletzt worden, wei-
gerte sich jedoch, weitere Informationen zu geben. Ob diese
Stellungnahme ausreichen wird, um die Gerüchte zu zer-
streuen, wonach eine Stunde später mehrere Leichen aus dem
Wald getragen wurden, bleibt abzuwarten.
Nicht zu fassen«, sagte Mr Weasley empört und reichte die
Zeitung an Percy weiter. »Niemand wurde verletzt, was sollte
ich sonst sagen? > Gerüchte, wonach mehrere Leichen aus dem
Wald getragen wurden ...<, tja, jetzt, wo sie das ge-
schrieben hat, wird es natürlich Gerüchte geben.«
Er seufzte tief. »Molly, ich muss wohl gleich ins Büro, da
muss doch einiges klargestellt werden, damit sich die Gemü-
ter wieder beruhigen.«
»Ich komme mit, Vater«, sagte Percy mit schwellender
Brust. »Mr Crouch wird sicher alle verfügbaren Kräfte be-
nötigen. Und ich kann ihm meinen Kesselbericht persönlich
übergeben.« Er wuselte aus der Küche.
Mrs Weasley schien völlig aus dem Häuschen. »Arthur, du
bist im Urlaub! Das hat doch nichts mit deiner Abteilung zu
tun, die können das sicher ohne dich regeln?«
»Ich muss gehen, Molly«, sagte Mr Weasley, »ich hab alles
nur noch schlimmer gemacht. Ich zieh nur kurz meinen
Umhang an und dann bin ich weg ...«
Harry saß wie auf glühenden Kohlen. »Mrs Weasley«, warf
er ein, »Hedwig ist nicht zufällig mit einem Brief für mich
gekommen?«
»Hedwig, mein Lieber?«, sagte Mrs Weasley zerstreut.
»Nein ... nein, es ist überhaupt keine Post gekommen.«
Ron und Hermine sahen Harry neugierig an.
Er warf beiden einen viel sagenden Blick zu und fragte:
»Was dagegen, wenn ich nach oben gehe und mein Zeug bei
dir abstelle, Ron?«
158
»Ahm ... ich glaub, ich geh mit«, sagte Ron sofort. »Her-
mine?«
»Ja«, sagte sie rasch, und die drei marschierten aus der Kü-
che und die Treppe hoch.
»Was ist los, Harry?«, sagte Ron, kaum hatten sie die Tür
zur Dachkammer hinter sich geschlossen.
»Da ist noch etwas, das ich euch nicht erzählt habe«, sagte
Harry. »Als ich am Samstagmorgen aufgewacht bin, tat
meine Narbe wieder weh.«
Ron und Hermine reagierten darauf fast genauso, wie
Harry es sich in seinem Zimmer im Ligusterweg vorge-
stellt hatte. Hermine stockte der Atem und sie begann
Harry sofort Ratschläge zu erteilen, nannte das eine oder
andere Grundlagenwerk und die verschiedensten Namen,
von Albus Dumbledore bis zu Madam Pomfrey, der Kran-
kenschwester von Hogwarts. Ron hingegen schien ein-
fach der Schlag getroffen zu haben. »Aber – er war doch
nicht da, oder? Du-weißt-schon-wer? Ich meine – letztes
Mal, als deine Narbe wehtat, war er doch in Hogwarts,
oder?«
»Ich bin sicher, dass er nicht im Ligusterweg war«, sagte
Harry. »Aber ich hab von ihm geträumt ... und von Peter ... ihr
wisst schon, Wurmschwanz. Ich kann mich nicht mehr an alles
erinnern, aber sie haben sich verschworen ... jeman-
den zu töten.«
Einen Moment lang hatte ihm das Wörtchen »mich« auf der
Zunge gelegen, doch er brachte es nicht über sich, Her-
mine mit noch entsetzterer Miene zu sehen.
»Es war doch bloß ein Traum«, sagte Ron aufmunternd.
»Nur ein Alptraum.«
»Jaah, ich weiß nicht recht ...«, sagte Harry und wandte den
Blick nach draußen, wo sich der Himmel langsam er-
hellte. »Es ist doch komisch, oder? ... meine Narbe tut weh
159
und drei Tage später sind die Todesser auf dem Marsch und
Voldemorts Zeichen steht am Himmel.«
»Sag – seinen – Namen – nicht!«, zischte Ron mit zusam-
mengebissenen Zähnen.
»Und wisst ihr noch, was Professor Trelawney gesagt hat?«,
fuhr Harry fort, ohne auf Ron einzugehen. »Ende letzten
Jahres?«
Professor Trelawney war ihre Lehrerin für Wahrsagen in
Hogwarts.
Hermines Entsetzen wich einem hämischen Schnauben. »O
Harry, du wirst doch nicht auf irgendetwas hören, was diese
alte Schwindlerin sagt?«
»Du warst damals nicht dabei«, sagte Harry. »Du hast sie
nicht gehört. Beim letzten Mal war es anders. Ich hab dir doch
gesagt, sie ist in eine Trance gefallen – eine echte. Und sie
sagte, der dunkle Lord würde wieder an die Macht gelan-
gen > ... und schrecklicher herrschen denn je ... <, er würde es mit
Hilfe seines Dieners schaffen ... und in derselben Nacht noch
ist Wurmschwanz geflohen.«
Sie schwiegen; Ron fummelte zerstreut an einem Loch in
seiner Chudley-Cannons-Tagesdecke.
»Warum hast du gefragt, ob Hedwig gekommen sei,
Harry?«, fragte Hermine. »Erwartest du einen Brief?«
»Ich habe Sirius von meiner Narbe erzählt«, sagte Harry
achselzuckend. »Ich warte auf seine Antwort.«
»Gute Idee!«, sagte Ron, und seine Miene hellte sich auf.
»Ich wette, Sirius weiß, was du tun kannst.«
»Ich hatte ja gehofft, er würde rasch antworten«, sagte
Harry.
»Aber wer weiß, wo er steckt ... er kann in Afrika sein oder
sonst wo«, sagte Hermine nachdenklich. »Für eine sol-
che Reise braucht Hedwig schon mehr als ein paar Tage.«
»Ja, ich weiß«, sagte Harry, doch als er nach draußen auf
160
den hedwiglosen Himmel sah, da spürte er eine bleierne
Schwere im Magen.
»Los, komm, wir spielen 'ne Partie Quidditch im Obstgar-
ten, Harry«, sagte Ron. »Komm schon – drei gegen drei, Bill
und Charlie und Fred und George spielen alle – du kannst den
Wronski-Bluff ausprobieren ...«
»Ron«, sagte Hermine in ihrem Sei-doch-mal-vernünftig-
Tonfall, »Harry will im Augenblick nicht Quidditch spielen ...
er macht sich Sorgen und er ist müde ... und wir alle brauchen
jetzt Schlaf ...«
»Doch, ich will jetzt Quidditch spielen«, sagte Harry plötz-
lich. »Wartet, ich hol nur eben schnell mal meinen
Feuerblitz.«
Hermine ging hinaus, etwas murmelnd, das deutlich nach
»Jungs« klang.
Mr Weasley und Percy waren in der folgenden Woche kaum
zu Hause. Beide gingen frühmorgens, bevor die anderen auf-
standen, und kamen erst lange nach dem Abendessen wieder
zurück.
»Im Büro herrscht praktisch Krieg«, verkündete Percy mit
gewichtiger Miene am Sonntagabend vor ihrer Rückkehr nach
Hogwarts. »Ich spiele schon die ganze Woche Feuer-
wehr. Die Leute schicken uns einen Heuler nach dem ande-
ren, und wenn man einen Heuler nicht auf der Stelle öffnet,
explodiert er. Mein Schreibtisch ist voller Brandflecken und
von meinem besten Federkiel ist nur noch ein Häufchen Asche
übrig.«
»Warum schicken sie denn Heuler?«, fragte Ginny, die auf
dem Flickenteppich vor dem Wohnzimmerkamin saß und ihr
aus dem Leim gegangenes Exemplar von Tausend magische
Krauter und Pilze mit Zauberband klebte.
»Sie beschweren sich über Sicherheitsmängel bei der Welt-
meisterschaft«, sagte Percy. »Wollen Schadenersatz für ihr
161
zerstörtes Eigentum. Mundungus Fletcher beantragt Entschä-
digung für ein Zwölf-Zimmer-Zelt mit eingebautem Whirl-
pool. Aber solche Späßchen treibt er nicht mit mir. Zufällig
weiß ich genau, dass er unter einem an Holzpflöcke genagel-
ten Umhang geschlafen hat.«
Mrs Weasley warf einen Blick auf die Standuhr in der Ecke.
Harry mochte diese Uhr. Sie war vollkommen nutzlos, wenn
man wissen wollte, wie spät es war, doch ansonsten sehr aus-
kunftsfreudig. Sie hatte neun goldene Zeiger, und auf jedem
war der Name eines Mitglieds der Weasley-Familie eingra-
viert. Auf dem Zifferblatt waren keine Ziffern, vielmehr stand
hier, wo das jeweilige Familienmitglied gerade steckte. »Zu
Hause«, »Schule« und »Arbeit« hieß es da, doch auch »Verirrt«,
»Krankenhaus«, »Gefängnis«, und dort, wo sich auf einer ge-
wöhnlichen Uhr die Ziffer Zwölf befindet, stand »Tödliche
Gefahr«. Acht Zeiger deuteten gerade auf »Zu Hause«, doch
der längste Zeiger, der von Mr Weasley, wies immer noch auf
»Arbeit«. Mrs Weasley seufzte. »Euer Vater musste seit den
Tagen von Du-weißt-schon-wem nicht mehr an den Wochen-
enden ins Büro«, sagte sie. »Sie nehmen ihn zu hart ran. Sein
Abendessen wird ungenießbar, wenn er nicht bald nach Hause
kommt.«
»Vater hat das Gefühl, dass er seinen Fehler bei der Meis-
terschaft wieder gutmachen muss«, sagte Percy. »Um ehrlich
zu sein, es war ein klein wenig dumm von ihm, eine öffent-
liche Stellungnahme abzugeben, ohne sie zuvor mit seinem
Vorgesetzten abzusprechen –«
Mrs Weasley ging sofort an die Decke. »Jetzt gibst du auch
noch deinem Vater die Schuld für das, was diese Kimmkorn-
Ziege geschrieben hat!«, rief sie.
»Wenn Dad gar nichts gesagt hätte, dann hätte die olle Rita
geschrieben, es sei eine Schande, dass sich niemand aus dem
Ministerium zu einer Äußerung bereit gefunden hätte«, sagte
162
Bill, der mit Ron Schach spielte. »Rita Kimmkorn lässt ohne-
hin an niemandem ein gutes Haar. Wisst ihr noch, einmal hat
sie alle Fluchbrecher von Gringotts interviewt und mich einen
langhaarigen Bruder Leichtfuß< genannt?«
»Ehrlich gesagt, dein Haar ist tatsächlich ein bisschen lang,
Schatz«, sagte Mrs Weasley sanft. »Wenn du mich nur mal
kurz –«
»Nein, Mum.«
Regen peitschte gegen das Wohnzimmerfenster. Hermine
war ins Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 4, vertieft, das Mrs Weas-
ley für sie, Harry und Ron in der Winkelgasse besorgt hatte.
Charlie stopfte einen feuersicheren Kopfschützer. Harry hatte
das Besenpflege-Set, das ihm Hermine zum dreizehnten Ge-
burtstag geschenkt hatte, zu seinen Füßen liegen und polierte
seinen Feuerblitz. Fred und George saßen hinten in der Ecke,
unterhielten sich flüsternd und beugten sich mit gezückten
Federkielen über ein Blatt Pergament.
»Was heckt ihr beiden da wieder aus?«, sagte Mrs Weasley
streng und sah ihre Zwillinge scharf an.
»Hausaufgaben«, murmelte Fred.
»Mach keine Witze, ihr habt doch noch Ferien«, sagte Mrs
Weasley.
»Ja, wir sind ein wenig spät dran«, sagte George.
»Ihr setzt nicht zufällig ein neues Bestellformular auf,
oder?«, sagte Mrs Weasley misstrauisch. »Ihr denkt nicht etwa
daran, Weasleys Zauberhafte Zauberscherze wieder auf die
Beine zu stellen?«
»Ich bitte dich, Mum«, sagte Fred und blickte mit einem ge-
quälten Gesichtsausdruck zu ihr auf. »Wenn der Hogwarts-Ex-
press morgen entgleisen würde und George und ich sterben
würden, wie würdest du dich bei dem Gedanken fühlen, dass
das Letzte, was wir von dir gehört haben, unbegründete An-
schuldigungen waren?«
163
Alle lachten, selbst Mrs Weasley.
»Da kommt euer Vater!«, sagte sie plötzlich mit einem Blick
zur Uhr.
Mr Weasleys Zeiger war auf einmal von »Arbeit« auf »un-
terwegs« gesprungen; eine Sekunde später dann rastete er
klappernd auf »Zu Hause« ein, wo die anderen Zeiger schon
standen, und schon hörten sie Mr Weasley aus der Küche
rufen.
»Ich komme, Arthur!«, antwortete Mrs Weasley und eilte
davon.
Augenblicke später kam Mr Weasley mit dem Abendessen
auf einem Tablett ins warme Wohnzimmer. Er sah vollkom-
men erschöpft aus.
»Tja, jetzt haben wir die Bescherung«, sagte er zu Mrs
Weasley und ließ sich in einen Sessel am Feuer fallen. Nicht
gerade begeistert stocherte er in seinem verschrumpelten Blu-
menkohl. »Rita Kimmkorn hat die ganze Woche bei uns im
Ministerium rumgeschnüffelt und nach weiteren Skandalge-
schichten gesucht. Jetzt ist sie auf die Sache mit der guten
Bertha gestoßen, die vermisst wird, und morgen ist das sicher
der Aufmacher im Tagespropheten. Ich hab Bagman doch gesagt,
er hätte schon längst jemanden auf ihre Spur setzen sollen.«
»Mr Crouch sagt das schon seit Wochen«, warf Percy rasch
ein.
»Crouch hat nun wirklich Dusel, dass Rita noch nicht von der
Geschichte mit Winky erfahren hat«, sagte Mr Weasley
verärgert. »Seine Hauselfe wird mit dem Zauberstab, der das
Dunkle Mal heraufbeschworen hat, ertappt – das gäbe Schlag-
zeilen für eine Woche.«
»Ich dachte, wir wären uns einig, dass diese Elfe zwar ver-
antwortungslos gehandelt, aber das Dunkle Mal tatsächlich
nicht heraufbeschworen hat?«, bemerkte Percy steif.
»Wenn du mich fragst, dann kann Mr Crouch froh sein, dass
164
keiner beim Tagespropheten weiß, wie übel er mit Hauselfen
umspringt!«, sagte Hermine zornig.
»Hör mal zu, Hermine!«, sagte Percy. »Ein hochrangiger
Ministerialbeamter wie Mr Crouch verdient unerschütter-
lichen Gehorsam von seiner Bediensteten –«
»Seiner Sklavin, meinst du wohl!«, sagte Hermine mit
schriller Stimme. »Denn er bezahlt Winky doch nicht, oder?«
»Ich denke, ihr geht jetzt alle nach oben und schaut nach,
ob ihr beim Packen nichts vergessen habt!«, unterbrach Mrs
Weasley den Streit. »Nun los, und zwar alle ...«
Harry räumte sein Besenpflege-Set zusammen, schulter-
te den Feuerblitz und ging mit Ron nach oben. Unter dem
Dach war der Regen noch lauter zu hören, begleitet vom
lauten Pfeifen und Stöhnen des Windes und nicht zu verges-
sen dem gelegentlichen Aufheulen des Ghuls, der unter dem
Dachfirst hauste. Pigwidgeon begann zwitschernd in
seinem Käfig herumzuflattern, als sie eintraten. Der Anblick
der halb gepackten Koffer schien ihn vor Aufregung rasend
zu machen.
»Wirf ihm ein paar Eulenkekse rein«, sagte Ron und warf
Harry eine Tüte zu, »vielleicht stopft ihm das den Schnabel.«
Harry steckte ein paar Eulenkekse durch die Käfigstangen
und wandte sich dann wieder seinem Koffer zu, neben dem der
immer noch leere Käfig von Hedwig stand.
»Sie ist schon über eine Woche weg«, sagte Harry und be-
trachtete Hedwigs verlassene Vogelstange. »Ron, du glaubst
doch nicht, dass sie Sirius erwischt haben, oder?«
»Nein, das hätte doch im Tagespropheten gestanden«, entgeg-
nete Ron. »Das Ministerium hätte sicher zeigen wollen, dass
ihnen zumindest ein Fang gelungen ist.«
»Jaah, schon möglich ...«
»Sieh mal, hier sind die Sachen, die dir Mum aus der Win-
kelgasse mitgebracht hat. Und außerdem hat sie noch etwas
165
Geld aus deinem Verlies geholt ... und all deine Socken gewa-
schen.«
Er lüpfte einen Stapel Pakete auf Harrys Feldbett und legte
den Geldbeutel und einen Haufen Socken daneben. Harry
machte sich ans Auspacken. Außer dem Lehrbuch der Zauber-
sprüche, Band 4, von Miranda Habicht waren da noch eine
Hand voll neuer Federkiele, ein Dutzend Pergamentrollen und
Nachfüllpackungen für seinen Zaubertrankkasten – Lö-
wenfischgräten und Belladonna-Essenz waren in letzter Zeit
knapp geworden. Gerade stopfte er Unterwäsche in seinen
Kessel, als Ron hinter ihm ein lautes »Uääh« vernehmen ließ.
»Was soll das denn sein?«
Er hielt etwas in die Höhe, das aussah wie ein langes, kas-
tanienbraunes Samtkleid. Es hatte einen verschlissenen Rü-
schenkragen und dazu passende Spitzensäume an den Ärmeln.
Es klopfte und Mrs Weasley trat mit einem Arm voll frisch
gewaschener Hogwarts-Umhänge ein.
»Bitte sehr«, sagte sie und verteilte sie zwischen den beiden.
»Und jetzt passt auf, dass ihr sie richtig einpackt, damit sie
nicht knittern.«
»Mum, du hast mir Ginnys neues Kleid gegeben«, sagte
Ron und hielt seiner Mutter das Samtkleid hin.
»Wie kommst du darauf«, sagte Mrs Weasley. »Das ist für
dich. Dein Festumhang.«
»Mein was?«, sagte Ron wie vom Donner gerührt.
»Dein Festumhang!«, wiederholte Mrs Weasley. »Auf der
Schulliste heißt es, ihr braucht dieses Jahr einen Umhang ...
for festliche Anlässe.«
»Du machst Witze«, sagte Ron ungläubig. »Das Teil zieh
ich nie und nimmer an.«
»Alle tragen so was, Ron!«, sagte Mrs Weasley verdrossen.
»Die sehen nun mal so aus! Dein Vater hat welche für schicke
Partys!«
166
»Bevor ich so was anziehe, geh ich lieber splitternackt«,
sagte Ron verbissen.
»Stell dich nicht so an«, sagte Mrs Weasley, »du brauchst un-
bedingt einen Festumhang, das steht auf der Liste! Für Harry
hab ich auch einen ... zeig ihn mal, Harry ...«
Mit leise bebender Hand öffnete Harry das letzte Paket auf
seinem Feldbett. Es war jedoch nicht so übel, wie er befürchtet
hatte; sein Festumhang hatte keine Rüschen; tatsächlich sah er
ungefähr so aus wie seine Schulumhänge, nur war er nicht
schwarz, sondern grün.
»Ich dachte, der bringt deine Augenfarbe gut zur Geltung,
mein Lieber«, sagte Mrs Weasley vergnügt.
»Na also, der ist in Ordnung!«, sagte Ron und musterte zor-
nig Harrys Umhang. »Warum hab ich nicht auch so einen
gekriegt?«
»Weil ... na ja, ich musste deinen im Secondhandladen be-
sorgen, und da hatten sie nicht so viel Auswahl«, sagte Mrs
Weasley errötend.
Harry starrte auf seine Füße. Liebend gern hätte er all sein
Geld im Gringotts-Verlies mit den Weasleys geteilt, doch er
wusste, sie würden es niemals annehmen.
»Den zieh ich nicht an«, sagte Ron hartnäckig. »Nie und
nimmer.«
»Schön«, fauchte Mrs Weasley. »Dann geh nackt. Und
Harry, pass auf, dass du ein Foto von ihm machst. Damit ich
mal was zu lachen hab, meine Güte aber auch.«
Sie ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Vom Fens-
ter her kam ein merkwürdiges Spotzen und Keuchen. Pig-
widgeon würgte an einem Eulenkeks, der zu groß für seinen
Hals war.
»Warum hab ich eigentlich immer nur Schrott?«, sagte Ron
zornig und ging hinüber, um Pigwidgeons Schnabel zu ent-
rümpeln.
167
Im Hogwarts-Express
Düstere Stimmung lag in der Luft, als Harry am nächsten
Morgen erwachte, denn die Sommerferien waren nun end-
gültig vorbei. Der Regen klatschte noch immer schwer gegen
die Scheiben, während er in Jeans und Sweatshirt schlüpfte -
die Umhänge wollten sie erst im Hogwarts-Express anziehen.
Er machte sich mit Ron, Fred und George auf den Weg nach
unten zum Frühstück und hatte gerade den Treppenabsatz im
ersten Stock erreicht, als Mrs Weasley mit gequälter Miene am
Fuß der Treppe erschien.
»Arthur!«, rief sie durchs Treppenhaus. »Arthur! Dringende
Nachricht vom Ministerium!«
Mr Weasley erschien, den Umhang verkehrt herum an,
trippelte an Harry vorbei, der sich an die Wand drücken
musste, und verschwand unten in der Küche. Als sie kurz da-
nach hinzukamen, fanden sie Mrs Weasley aufgeregt in den
Schubladen des Geschirrschranks wühlen – »Hier hatte ich
doch irgendwo 'ne Feder liegen!« -, während sich Mr Weas-
ley über das Feuer gebeugt mit jemandem unterhielt –
Harry schloss die Augen und öffnete sie wieder, denn er war
sich nicht sicher, ob er richtig sah.
Inmitten der Flammen saß ein großes bärtiges Ei, und dieses
Ei war Amos Diggory. Das Ei redete hastig auf Mr Weasley
ein, ohne sich von den umherstiebenden Funken und den um
seine Ohren züngelnden Flammen auch nur im Geringsten
stören zu lassen.
»... Muggelnachbarn haben Lärm und Schreie gehört und
168
deshalb diese, wie heißen sie noch mal – Blitzisten gerufen.
Arthur, du musst da unbedingt hin!«
»Hier, bitte!«, keuchte Mrs Weasley und drückte ihrem
Mann ein Blatt Pergament, ein Fläschchen Tinte und eine
zerzauste Feder in die Hand.
»– wir können wirklich von Glück reden, dass ich davon
gehört hab«, sagte Mr Diggorys Kopf. »Ich musste heute recht
früh ins Büro, um ein paar Eulen wegzuschicken, und da hab
ich all diese Leute von Missbrauch der Magie losfliegen se-
hen – wenn Rita Kimmkorn Wind davon kriegt, Arthur –«
»Was hat Mad-Eye denn nun genau gesehen?«, fragte Mr
Weasley, schraubte das Tintenfläschchen auf und füllte seine
Feder, um sich Notizen zu machen.
Mr Diggory rollte mit den Augen. »Jemand habe sich in
seinem Hof rumgetrieben, sagte er. Er sei auf sein Haus zuge-
schlichen, doch seine Mülleimer hätten sich auf ihn gestürzt.«
»Was haben die Mülleimer gemacht?«, fragte Mr Weasley
eifrig kritzelnd.
»Einen Höllenlärm und den ganzen Müll durch die Ge-
gend gepfeffert, soviel ich weiß«, sagte Mr Diggory. »Als
dann die Blitzisten auftauchten, ist offenbar immer noch einer um-
hergetorkelt –«
Mr Weasley stöhnte auf. »Und was ist mit dem Eindring-
ling?«
»Arthur, du kennst doch Mad-Eye«, sagte Mr Diggorys
Kopf unter erneutem Augenrollen. »Jemand, der sich mitten in
der Nacht in seinen Hof schleicht? Wahrscheinlich läuft ir-
gendwo eine zu Tode erschreckte Katze herum, dekoriert mit
Kartoffelschalen. Aber sobald Mad-Eye den Leuten von der
Missbrauchsbekämpfung in die Hände fällt, ist er erledigt -
denk mal an seine Vorstrafen – wir müssen ihm irgendeine
Kleinigkeit anhängen, etwas aus deiner Abteilung – was kriegt
man für explodierende Mülleimer?«
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»Eine Verwarnung wär drin«, sagte Mr Weasley stirnrun-
zelnd und schrieb immer noch hastig. »Mad-Eye hat seinen
Zauberstab nicht benutzt? Er selbst hat niemanden ange-
griffen?«
»Ich wette, er ist aus dem Bett gesprungen und hat angefan-
gen, alles zu verhexen, was er vom Fenster aus erreichen
konnte«, sagte Mr Diggory, »aber die werden Schwierigkeiten
haben, das zu beweisen; Verletzte gibt es nämlich nicht.«
»Gut, ich muss los«, sagte Mr Weasley, stopfte das Pergament
mit den Notizen in die Tasche und huschte aus der Küche.
Mr Diggorys Kopf wandte sich Mrs Weasley zu.
»Tut mir Leid, Molly«, sagte er etwas ruhiger, »dass ich
euch heute so früh stören musste ... aber Arthur ist nun mal der
Einzige, der Mad-Eye da raushauen kann, und Mad-Eye sollte
heute eigentlich seine neue Stelle antreten. Warum er
ausgerechnet letzte Nacht ...«
»Schon gut, Amos«, sagte Mrs Weasley. »Magst du nicht
ein wenig Toast mit Butter, bevor du gehst?«
»O danke, da sag ich nicht nein.«
Mrs Weasley nahm ein Stück gebutterten Toast von einem
Stapel auf dem Küchentisch, steckte es in die Feuer-
zange und schob es Mr Diggory in den Mund.
»Manke«, schmatzte Mr Diggory und verschwand mit
einem leisen Plopp.
Harry hörte, wie sich Mr Weasley hastig von Bill, Charlie,
Percy und den Mädchen verabschiedete. Fünf Minuten später
tauchte er wieder in der Küche auf, sich hastig kämmend, den
Umhang jedoch richtig herum an.
»Ich muss mich beeilen – ein gutes Schuljahr wünsch ich
euch, Jungs«, rief er Harry, Ron und den Zwillingen zu, warf
sich einen weiteren Umhang über die Schulter und machte
Anstalten zu disapparieren. »Molly, macht es dir was aus, die
Kinder nach King's Cross zu bringen?«
170
»Ist schon gut«, sagte Mrs Weasley. »Kümmere du dich um
Mad-Eye, wir kommen schon klar.«
Kaum war Mr Weasley verschwunden, traten Bill und
Charlie in die Küche. »Hat hier jemand was von Mad-Eye ge-
sagt?«, fragte Bill. »Was hat er jetzt schon wieder ausge-
fressen?«
»Er behauptet, jemand habe versucht, letzte Nacht in sein
Haus einzubrechen«, sagte Mrs Weasley.
»Mad-Eye Moody?«, sagte George nachdenklich, während
er seinen Toast mit Marmelade bestrick »Ist das nicht dieser
durchgeknallte –«
»Dein Vater hält sehr viel von Mad-Eye Moody«, unter-
brach ihn Mrs Weasley steif.
»Jaah, nun, Dad sammelt auch Stecker, oder?«, sagte Fred
leise, als Mrs Weasley hinausging. »Seelenverwandtschaft ...«
»Moody war zu seiner Zeit ein großer Zauberer«, sagte Bill.
»Er ist doch ein alter Freund von Dumbledore?«, meinte
Charlie.
»Auch Dumbledore ist ja nicht gerade das, was man nor-
mal nennen würde«, sagte Fred. »Sicher, er ist ein Genie und
alles ...«
»Wer ist denn nun Mad-Eye?«, fragte Harry.
»Früher hat er fürs Ministerium gearbeitet, heute ist er im
Ruhestand«, sagte Charlie. »Ich hab ihn mal getroffen, als Dad
mich zur Arbeit mitnahm. Er war ein Auror – einer der bes-
ten ... ein Jäger schwarzer Magier«, fügte er mit einem Blick
auf den fragend dreinblickenden Harry hinzu. »Zu seiner Zeit
hat er praktisch die Hälfte der Zellen in Askaban gefüllt. Hat
sich dabei allerdings eine Menge Feinde gemacht ... vor allem
die Familien von Leuten, die er gefangen hat ... und wie ich
höre, hat ihn auf seine alten Tage noch der Verfolgungswahn
gepackt. Traut keinem mehr über den Weg. Sieht an jeder
Ecke schwarze Magier.«
171
Bill und Charlie kamen überein, die anderen nach King's
Cross zu begleiten und sich dort zu verabschieden. Percy
jedoch entschuldigte sich wortreich, weil er unbedingt zur
Arbeit müsse.
»Ich kann es einfach nicht verantworten, noch länger frei-
zunehmen«, verkündete er. »Mr Crouch verlässt sich inzwi-
schen ganz und gar auf mich.«
»Ja, und weißt du was, Percy?«, sagte George mit erns-
ter Miene. »Ich denke, bald wird er sogar deinen Namen
kennen.«
Mrs Weasley hatte sich ans Telefon im Dorfpostamt gewagt
und drei gewöhnliche Muggeltaxis bestellt, die sie nach Lon-
don fahren sollten.
»Arthur hat versucht Wagen aus dem Ministerium zu be-
sorgen«, flüsterte Mrs Weasley Harry zu, als sie auf dem re-
gennassen Hof standen und zusahen, wie die Taxifahrer sechs
schwere Hogwarts-Schrankkoffer in ihre Autos luden. »Aber
sie konnten keinen erübrigen ... meine Güte, die sehen nicht
gerade fröhlich aus, oder?«
Harry mochte Mrs Weasley ungern sagen, dass Muggel-
taxifahrer selten überdrehte Eulen transportierten, und Pig-
widgeon machte einen trommelfellzerfetzenden Lärm. Auch
war es nicht besonders hilfreich, dass Freds Koffer aufsprang
und überraschend eine Anzahl Dr. Filibusters hitzefreier,
nass zündender Feuerwerksknaller losging. Woraufhin der
Fahrer, dem Krummbein in Panik auch noch die Krallen
in die Waden schlug, vor Schreck und Schmerz laut auf-
schrie.
Mitsamt ihren Koffern auf die Rückbänke der Taxis ge-
quetscht, hatten sie eine unbequeme Fahrt. Krummbein
brauchte eine ganze Weile, um sich von den Knallern zu er-
holen, und als sie endlich London erreichten, waren Harry,
Ron und Hermine furchtbar zerkratzt. Erleichtert aufatmend
172
stiegen sie vor King's Cross aus, auch wenn es jetzt aus Kü-
beln goss und sie pitschnass wurden, als sie ihre Koffer über
die belebte Straße in den Bahnhof trugen.
Harry fand es inzwischen recht einfach, auf Gleis neundrei-
viertel zu gelangen. Man musste nur ganz lässig durch die
scheinbar solide Absperrung zwischen den Gleisen neun und
zehn gehen. Das einzig Schwierige war, möglichst nicht auf-
zufallen, damit die Muggel nicht misstrauisch wurden.
Heute gingen sie in Gruppen; Harry, Ron und Hermine (die
Auffälligsten, da sie Pigwidgeon und Krummbein bei sich
hatten) waren als Erste dran; kaum hatten sie sich ganz ent-
spannt und munter schwatzend gegen die Absperrung ge-
lehnt, als sie auch schon seitlich hindurchglitten ... und Gleis
neundreiviertel vor ihren Augen auftauchte.
Der Hogwarts-Express mit seiner scharlachrot leuchtenden
Dampflok stand schon bereit, und im Nebel der Dampf-
schwaden, die aus dem Schornstein zischten, wirkten die vie-
len Hogwarts-Schüler und ihre Eltern auf dem Bahnsteig wie
dahingleitende Schatten. Pigwidgeon erwiderte die vielstim-
migen Eulenschreie, die durch den Nebel drangen, mit be-
sonders lautem und schrillem Gelärme. Harry, Ron und Her-
mine machten sich auf die Suche nach Sitzplätzen und konnten
ihr Gepäck auch bald in einem Abteil ungefähr in der Mitte
des Zuges verstauen. Dann sprangen sie noch ein-
mal auf den Bahnsteig, um Mrs Weasley, Bill und Charlie auf
Wiedersehen zu sagen.
»Vielleicht seht ihr mich schneller wieder, als ihr denkt«,
grinste Charlie, während er Ginny zum Abschied umarmte.
»Warum?«, fragte Fred neugierig.
»Ihr werdet ja sehen«, sagte Charlie. »Aber sagt bloß Percy
nicht, dass ich was erwähnt hab ... es ist ja > eine geheime Infor-
mation, bis das Ministerium beschließt, sie freizugeben<.«
»Ja, ich wünschte, ich könnte dieses Jahr noch mal in Hog-
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warts sein«, sagte Bill, der mit den Händen in den Taschen da-
stand und beinahe neidisch den Zug betrachtete.
»Warum?«, fragte George ungeduldig.
»Ihr werdet jedenfalls ein spannendes Jahr erleben«, sagte
Bill augenzwinkernd. »Vielleicht nehm ich mir sogar mal frei,
um es mir selbst kurz anzuschauen ...«
»Was denn?«, fragte Ron.
Doch in diesem Moment hörten sie einen gellenden Pfiff
und Mrs Weasley schubste sie zur Waggontür.
Sie stiegen ein, schlössen die Tür und lehnten sich aus dem
Fenster. »Danke, dass wir bei Ihnen wohnen durften«, sagte
Hermine.
»Es war mir ein Vergnügen, meine Lieben«, entgegnete Mrs
Weasley. »Ich würde euch ja gerne zu Weihnachten ein-
laden, aber ... nun, ich denke, ihr wollt sicher alle in Hog-
warts bleiben, wo doch so viel los sein wird ...«
»Mum!«, sagte Ron gereizt. »Nun sagt uns schon, worum es
geht!«
»Das werdet ihr wohl heute Abend erfahren«, sagte Mrs
Weasley lächelnd. »Es wird sicher ganz spannend – ihr wisstja
nicht, wie froh ich bin, dass sie die Regeln geändert haben –«
»Welche Regeln?«, kam es von Harry, Ron, Fred und
George wie aus einem Munde.
Doch jetzt begannen die Kolben laut zu zischen und der Zug
setzte sich in Bewegung.
»Sag uns, was in Hogwarts passieren soll!«, schrie Fred aus
dem Fenster, doch Mrs Weasley, Bill und Charlie entfernten
sich rasch. »Welche Regeln haben sie denn geändert?«
Aber Mrs Weasley lächelte nur und winkte. Noch bevor der
Zug um die Kurve gebogen war, war sie mit Bill und Charlie
disappariert.
Harry, Ron und Hermine gingen zurück in ihr Abteil.
Dichter Regen klatschte gegen das Fenster und draußen war
174
kaum etwas zu sehen. Ron öffnete seinen Koffer, zog seinen
kastanienbraunen Festumhang hervor und warf ihn über Pig-
widgeons Käfig, um sein Geschrei zu dämpfen.
»Bagman wollte uns verraten, was in Hogwarts passiert«,
grummelte er und setzte sich neben Harry. »Bei der Weltmeis-
terschaft, weißt du noch? Aber meine Mutter, meine eigene
Mutter will es mir nicht sagen. Ich frag mich, was –«
»Schhh!«, flüsterte Hermine plötzlich, drückte einen Fin-
ger auf die Lippen und deutete auf das Nachbarabteil. Harry
und Ron lauschten und hörten durch die offene Tür eine ver-
traute schnarrende Stimme.
»... Vater hat tatsächlich überlegt, ob er mich nach Durm-
strang schicken soll und nicht nach Hogwarts. Er kennt näm-
lich den Schulleiter dort. Tja, ihr wisst ja, was er über Dum-
bledore denkt – der Kerl ist ein unglaublicher Liebhaber von
Schlammblütern – und Durmstrang nimmt solches Gesindel
gar nicht erst auf. Aber Mutter wollte nicht, dass ich so weit
weg in die Schule gehe. Vater sagt, in Durmstrang haben sie
eine viel vernünftigere Einstellung zu den dunklen Künsten als
in Hogwarts. Durmstrang-Schüler lernen sie sogar und uns
bringen sie nur diesen Verteidigungskram bei ...«
Hermine stand auf, ging auf Zehenspitzen zur Abteiltür und
schob sie zu; Malfoy war jetzt nicht mehr zu hören.
»Also denkt er, Durmstrang hätte besser zu ihm gepasst«,
sagte sie wütend. »Ich wünschte, er wäre tatsächlich dorthin
gegangen, dann müssten wir uns nicht mit ihm rumschlagen.«
»Durmstrang ist auch eine Zaubererschule?«, fragte Harry.
»Ja«, sagte Hermine naserümpfend, »und sie hat einen
fürchterlichen Ruf. Dem Handbuch der europäischen Magieraus-
bildung zufolge legen sie dort großen Wert auf die dunklen
Künste.«
»Ich glaub, ich hab schon davon gehört«, sagte Ron ver-
schwommen. »Wo ist sie? In welchem Land?«
175
»Tja, das weiß keiner, ist doch klar«, sagte Hermine und
hob die Augenbrauen.
»Hmm – wieso?«, fragte Harry.
»Es gibt seit jeher viel Rivalität zwischen den Zauberer-
schulen. Durmstrang und Beauxbatons ziehen es vor, sich zu
verbergen, damit niemand ihre Geheimnisse stehlen kann«,
sagte Hermine, als sei dies das Natürlichste von der Welt.
»Hör auf«, sagte Ron und fing an zu lachen. »Durmstrang
muss ungefähr so groß sein wie Hogwarts, und wie willst du
denn so ein irre großes Schloss verstecken?«
»Aber Hogwarts ist auch versteckt«, entgegnete Hermine
überrascht, »jeder weiß es ... nun ja, jeder, der die Geschichte
von Hogwarts gelesen hat.«
»Also nur du«, sagte Ron. »Dann erklär mir mal – wie ver-
steckt man ein Schloss wie Hogwarts?«
»Es ist verhext«, sagte Hermine. »Wenn die Muggel es an-
schauen, dann sehen sie nur eine vermoderte alte Ruine mit
einem Schild über dem Eingang, auf dem steht: ACHTUNG,
REIN ZUTRITT, EINSTURZGEFAHR.«
»Und Durmstrang sieht dann für Außenstehende auch aus
wie eine Ruine?«
»Vielleicht«, sagte Hermine achselzuckend, »oder es hat
Muggelabwehr-Zauber an den Mauern, wie das Weltmeis-
terschaftsstadion. Und damit fremde Zauberer es nicht fin-
den, haben sie es sicher unortbar gemacht –«
»Wie bitte?«
»Nun, man kann ein Gebäude so verzaubern, dass es auf
einer Karte nicht zu orten ist, oder?«
»Ähm – wenn du meinst«, sagte Harry.
»Aber ich glaube, Durmstrang muss irgendwo im hohen
Norden sein«, sagte Hermine nachdenklich. »Wo es ganz kalt
ist – bei denen gehören nämlich Pelzmützen zur Schuluni-
form.«
176
»Aah, denkt doch mal an die Möglichkeiten«, sagte Ron
träumerisch. »Es wäre so einfach gewesen, Malfoy von
einem Gletscher zu stoßen und die Sache wie einen Unfall
aussehen zu lassen ... jammerschade, dass seine Mutter ihn
mag ...«
Weiter nach Norden fuhr der Zug und der Regen wurde
immer stärker. Der Himmel war dunkel und die Fenster wa-
ren beschlagen und deshalb gingen bereits gegen Mittag die
Lampen an. Der Karren mit Speisen und Getränken kam den
Gang entlanggerattert und Harry kaufte einen großen Stapel
Kesselkuchen für alle.
Einige ihrer Freunde schauten im Laufe des Nachmittags bei
ihnen vorbei, darunter Seamus Finnigan, Dean Thomas und
Neville Longbottom, ein rundgesichtiger Junge, der von seiner
Großmutter, einer stattlichen Hexe, erzogen worden und für
seine Vergesslichkeit berüchtigt war. Seamus trug im-
mer noch seine Irland-Rosette. Ihr Zauber schien nun ein we-
nig nachzulassen; zwar piepste sie noch »Troy! Mullet! Mo-
ran!«, doch es klang recht schwachbrüstig und erschöpft. Nach
einer guten halben Stunde hatte Hermine das endlose
Quidditch-Gerede satt, sie vergrub sich in das Lehrbuch der
Zaubersprüche, Band 4, und versuchte sich einen Sammelzauber
beizubringen.
Neville lauschte neiderfüllt, wie die anderen das Endspiel
noch einmal Zug um Zug durchsprachen.
»Oma wollte nicht hingehen«, sagte er niedergeschlagen.
»Und hat mir keine Karte gekauft. Klingt aber toll, was ihr er-
zählt.«
»War es auch«, sagte Ron. »Schau dir das an, Neville ...«
Er stöberte in seinem Koffer auf der Gepäckablage und zog
die kleine Nachbildung von Viktor Krum hervor.
»Wahnsinn«, sagte Neville neidisch, als Ron Krum einen
kleinen Klaps auf den dicken Kopf gab.
177
»Wir haben ihn ganz aus der Nähe gesehen«, sagte Ron.
»Wir waren in der Ehrenloge.«
»Zum ersten und letzten Mal in deinem Leben, Weasley.«
Draco Malfoy war in der Tür erschienen. Hinter ihm stan-
den Crabbe und Goyle, seine fiesen bulligen Kumpels, die
beide im Sommer offenbar um mehr als einen Kopf gewach-
sen waren. Wie es schien, hatten sie das Gespräch durch die
Abteiltür, die Dean und Seamus offen gelassen hatten, be-
lauscht.
»Ich erinnere mich nicht, dich eingeladen zu haben, Mal-
foy«, sagte Harry kühl.
»Hör mal, Weasley ... was ist das denn?«, sagte Malfoy und
deutete auf Pigwidgeons Käfig. Ein Ärmel von Rons Festum-
hang, der darüber hing, schwang im Fahrtrhythmus des Zuges
hin und her, so dass der vergammelte Spitzenbesatz gut zur
Geltung kam.
Ron wollte den Umhang rasch verschwinden lassen, doch
Malfoy war schneller; er packte den Ärmel und zog ihn an
sich.
»Seht euch das an!«, rief er ganz entzückt und hob Rons
Festumhang hoch, damit Crabbe und Goyle ihn begutachten
konnten. »Weasley, du hast doch nicht etwa die Absicht, den
wirklich zu tragen? Immerhin – um 1890 herum war es sicher
der letzte Schrei ...«
»Friss Mist, Malfoy!«, sagte Ron, und sein Gesicht hatte, als
er ihn Malfoy entriss, längst die Farbe des Umhangs ange-
nommen. Malfoy wieherte hämisch und Crabbe und Goyle
glotzten blöde.
»Aha ... du willst dich also bewerben, Weasley? Willst den
Namen deiner Familie mit ein wenig Ruhm bekleckern? Geld
ist auch im Spiel, du weißt ja ... könntest dir ein paar an-
ständige Umhänge leisten, wenn du gewinnen würdest ...«
»Wovon redest du eigentlich?«, fuhr ihn Ron an.
178
»Machst du mit?«, wiederholte Malfoy. »Du, Potter, auf je-
den Fall, schätze ich. Du lässt doch keine Gelegenheit aus, um
den Angeber zu markieren, oder?«
»Entweder du erklärst, wovon du redest, oder du ver-
schwindest, Malfoy«, sagte Hermine gereizt über den Rand
ihres Lehrbuchs der Zaubersprüche hinweg.
Ein hämisches Grinsen breitete sich auf Malfoys Gesicht aus.
»Erzähl mir bloß nicht, dass du keine Ahnung hast, Weas-
ley?«, höhnte er genüsslich. »Du hast einen Vater und einen
Bruder im Ministerium und du weißt es nicht mal? Hör mal,
mein Vater hat es mir schon vor einer Ewigkeit erzählt ... hat
es von Cornelius Fudge erfahren. So ist es eben, Vater hat im-
mer mit den Topleuten im Ministerium zu tun ... vielleicht ist
deiner ein zu kleines Licht und darf es überhaupt nicht wissen,
Weasley ... tja ... wenn er in der Nähe ist, reden sie
wahrscheinlich nicht über wichtige Dinge ...«
Malfoy lachte laut auf, nickte Crabbe und Goyle zu, und die
drei verschwanden.
Ron erhob sich und knallte die Schiebetür des Abteils so
wütend zu, dass die Scheibe zu Bruch ging.
»Ron!«, sagte Hermine vorwurfsvoll, zückte ihren Zauber-
stab und murmelte »Reparo!«; die Scherben flogen zu einer
Scheibe zusammen, die sich wieder in die Tür einfügte.
»Das Aas ... tut so, als ob er alles wüsste und wir nicht ...«,
knurrte Ron. > Vater hat immer mit den Topleuten im Ministerium
zu tun. < ... Mein Dad hätte sich jederzeit beför-
dern lassen können ... ihm gefällt eben die Arbeit, die er jetzt
macht ...«
»Natürlich, das wissen wir«, sagte Hermine beschwichti-
gend. »Lass dich doch nicht von Malfoy ärgern, Ron –«
»Er! Und mich ärgern! Schwachsinn!«, sagte Ron, packte
einen der noch übrig gebliebenen Kesselkuchen und zer-
drückte ihn zu Matsch.
179
Rons schlechte Laune hielt die restliche Fahrt über an. Er
sprach nicht viel, als sie ihre Umhänge anzogen, und blickte
immer noch finster, als der Hogwarts-Express endlich brems-
te und schließlich in pechschwarzer Dunkelheit am Bahnhof
von Hogsmeade Halt machte.
Kaum waren die Waggontüren aufgegangen, hörten sie über
sich ein Donnergrollen. Hermine wickelte Krummbein in ihren
Umhang und Ron ließ seinen Festumhang über Pig-widgeons
Käfig hängen. Mit gesenkten Köpfen, nur hin und wieder nach
vorne blinzelnd, kämpften sie sich durch den Wolkenbruch. Es
regnete so heftig, als würden Eimer um Eimer eiskalten
Wassers über ihren Köpfen ausgeschüttet.
»Hallo, Hagrid!«, rief Harry; am Ende des Bahnsteigs hatte
er eine hünenhafte Gestalt erspäht.
»Alles klar, Harry?«, brüllte Hagrid und winkte ihnen zu.
»Sehn uns beim Festessen, falls wir vorher nicht absaufen!«
Wie es der Brauch war, fuhren die neuen Schüler mit Boo-
ten über den See hinüber nach Hogwarts.
»Uuuuuh, bei diesem Wetter hätt ich keine Lust, über den
See zu fahren«, sagte Hermine und schüttelte sich ausgiebig.
Inmitten der Schülerschar gelangten sie nur mühsam über den
Bahnsteig und nach draußen vor den Bahnhof, wo bereits
hundert pferdelose Kutschen auf sie warteten. Harry, Ron,
Hermine und Neville stiegen erleichtert in einen der Wagen,
die Tür schlug zu und wenige Augenblicke später setzte sich
die lange Kutschenprozession mit einem kräftigen Ruck in
Bewegung. Ratternd und Wasser zu allen Seiten verspritzend
fuhren sie den Weg zum Schloss Hogwarts empor.
180
Das Trimagische Turnier
Die Kutschen rollten durch das von geflügelten Steinebern
bewachte Schlosstor und kamen jetzt gefährlich ins Schlin-
gern, denn aus dem Wind war ein Sturm geworden. Harry
hatte den Kopf ans Fenster gelehnt und sah Hogwarts mit
seinen vielen erleuchteten Fenstern, die verschwommen durch
den dichten Regenschleier schimmerten, allmählich
näher kommen. Blitze jagten sich am Himmel, als ihr Wa-
gen an der steinernen Treppe anhielt, die zu dem großen
Eichenportal hinaufführte. Ihre Mitschüler, die vor ihnen
angekommen waren, stürmten bereits die Stufen zum
Schloss empor; auch Harry, Ron, Hermine und Neville
sprangen aus ihrer Kutsche und hasteten die Treppe hoch, und
erst als sie endlich in der gewölbten, fackelbeleuchteten
Eingangshalle mit ihrer beeindruckenden Marmortreppe
standen, sahen sie auf.
»Oje«, sagte Ron, schüttelte den Kopf und spritzte Wasser
auf die Umstehenden, »wenn das so weitergeht, läuft der See
noch über. Ich bin pitsch ... – AAARRH!«
Ein großer, roter, mit Wasser gefüllter Ballon war von der
Decke herab auf Rons Kopf gefallen und geplatzt. Durchnässt
und prustend stolperte Ron zur Seite und rempelte Harry an,
und genau in diesem Moment fiel die zweite Bombe – sie
verfehlte nur knapp Hermine, platzte vor Harrys Füßen, und
eine Welle eiskalten Wassers ergoss sich über seine Turn-
schuhe und durchweichte seine Socken. Die Umstehenden
flohen kreischend und sich gegenseitig schubsend aus der
181
Schusslinie – Harry hob den Kopf und erkannte, sieben Meter
über ihnen schwebend, Peeves, den Poltergeist, einen kleinen
Mann mit glockenförmigem Hut und orangeroter Fliege, der
sie jetzt, das breite, heimtückische Gesicht vor Anspannung
verzogen, erneut aufs Korn nahm.
»Peeves!«, rief eine zornige Stimme. »Peeves, kommen
Sie runter, und zwar sofort!«
Professor McGonagall, die stellvertretende Direktorin
und Leiterin des Hauses Gryffindor, kam aus der Großen
Halle gestürmt, rutschte jedoch auf dem nassen Steinboden
aus und konnte sich nur vor einem Sturz bewahren, indem
sie sich an Hermines Hals festklammerte.
»Autsch – Verzeihung, Miss Granger –«
»Macht nichts, Professor!«, würgte Hermine und rieb sich
die Kehle.
»Peeves, runter jetzt, sofort!«, bellte Professor McGona-
gall, rückte ihren Spitzhut zurecht und starrte durch ihre
quadratischen Brillengläser zornig zur Decke.
»Tu doch gar nichts«, gackerte Peeves und warf mit gro-
ßem Schwung eine Wasserbombe gegen eine Gruppe von
Fünftklässlerinnen, die schreiend in die Große Halle weg-
tauchten. »Sind doch eh schon nass, oder? Die kleinen Ra-
cker! Uuuiiiiiii!« Und mit einer weiteren Bombe nahm er
ein paar Zweitklässler aufs Korn, die gerade angekommen
waren.
»Ich rufe den Schulleiter!«, rief Professor McGonagall.
»Ich warne Sie, Peeves –«
Peeves streckte ihr die Zunge heraus, warf seine letzte
Wasserbombe hoch in die Luft und rauschte unter irrem Ki-
chern über die Marmortreppe hinweg davon.
»Also weiter jetzt«, sagte Professor McGonagall mit einer
gewissen Schärfe in der Stimme zu der durchnässten Menge.
»In die Große Halle, Beeilung!«
182
Ron wischte sich das tropfnasse Haar unter wütendem
Gemurmel aus dem Gesicht, und die drei schlitterten und
rutschten durch die Eingangshalle und wandten sich dann nach
rechts zur Flügeltür.
Wie immer zum Fest der Neuen war die Große Halle
herrlich geschmückt. Im Licht unzähliger Kerzen, die über den
Tischen schwebten, schimmerten goldene Teller und Kelche.
An den vier langen Haustischen saßen dicht an dicht eifrig
schwatzende Schüler; etwas erhöht an der Stirnseite der Halle
saßen die Lehrer, den Schülern zugewandt, ent-
lang einer fünften Tafel. Hier in der Großen Halle war es
warm. Harry, Ron und Hermine gingen an den Slytherins, den
Ravenclaws und den Hufflepuffs vorbei und setzten sich zu
den Gryffindors auf der anderen Seite der Halle, neben den
Fast Kopflosen Nick, das Gespenst von Gryffindor. Perl-
weiß und halb durchsichtig, trug Nick heute Abend sein üb-
liches Wams, diesmal mit einer ungewöhnlich breiten Hals-
krause, die zum einen besonders festlich aussehen sollte und
zum anderen dafür sorgte, dass sein Kopf auf dem fast
durchtrennten Hals nicht über Gebühr eierte.
»Guten Abend«, sagte er und strahlte sie an.
»Schön war's«, sagte Harry. Er zog seine Turnschuhe aus
und schüttete das Wasser aus. »Hoffentlich beeilen sie sich bei
der Auswahl. Ich verhungere gleich.«
Zu Beginn jedes Schuljahres wurden die Neuen auf die vier
Häuser von Hogwarts verteilt, doch durch eine un-
glückliche Fügung der Umstände war Harry seit seinem
eigenen ersten Tag nie mehr bei einer Auswahl dabei gewe-
sen. Im Grunde freute er sich darauf.
In diesem Moment rief jemand weiter oben am Tisch ganz
aufgeregt und atemlos: »Holla, Harry!«
Es war Colin Creevey, ein Drittklässler, für den Harry eine
Art Held war.
183
»Hallo, Colin«, sagte Harry verhalten.
»Harry, rat mal, was heute los ist? Rat mal, Harry! Heute
fängt mein Bruder an! Mein Bruder Dennis!«
»Hmmh – ist ja toll«, sagte Harry.
»Er ist furchtbar aufgeregt!«, rief Colin und hopste auf sei-
nem Stuhl hin und her. »Ich hoffe, er kommt nach Gryffin-
dor! Drück ihm die Daumen, ja, Harry?«
»Ähm – ja, mach ich!«, sagte Harry und wandte sich wie-
der Hermine, Ron und dem Fast Kopflosen Nick zu. »Ge-
schwister kommen normalerweise zusammen in ein Haus,
stimmt doch?«, fragte er. Er dachte an die Weasleys, die alle
sieben nach Gryffindor gekommen waren.
»O nein, nicht unbedingt«, sagte Hermine. »Parvati Patils
Zwillingsschwester ist in Ravenclaw und die beiden sind nicht
zu unterscheiden. Da würdest du doch denken, sie ge-
hörten auch hier zusammen, oder?«
Harry sah hoch zum Lehrertisch. Mehr Stühle als sonst
schienen leer zu sein. Hagrid kämpfte sich natürlich immer
noch mit den Erstklässlern über den See; Professor McGo-
nagall überwachte vermutlich das Aufwischen in der Ein-
gangshalle, doch da war noch ein leerer Stuhl, und er kam
nicht darauf, wer noch fehlen könnte.
»Wo ist der neue Lehrer für Verteidigung gegen die dunk-
len Künste?«, fragte Hermine, die ebenfalls zum Lehrertisch
hochsah.
Sie hatten noch nie einen Lehrer in diesem Fach gehabt, der
länger als ein Schuljahr geblieben war. Harrys mit Ab-
stand liebster Lehrer war Professor Lupin gewesen, der letz-
tes Jahr aufgegeben hatte. Er ließ den Blick am Lehrertisch
entlangwandern. Eindeutig kein neues Gesicht.
»Vielleicht haben sie keinen gekriegt!«, sagte Hermine mit
besorgter Miene.
Noch einmal musterte Harry alle, die dort oben saßen.
184
Der winzig kleine Professor Flitwick, Lehrer für Zauber-
kunst, saß auf einem großen Stapel Kissen neben Professor
Sprout, der Lehrerin für Kräuterkunde, deren Hut schräg auf
ihrem grauen Flatterhaar saß. Sie sprach gerade mit Pro-
fessor Sinistra vom Fach Astrologie. Zur anderen Seite von
Professor Sinistra saß der fahlgesichtige, fetthaarige Lehrer für
Zaubertränke, Snape – den Harry am wenigsten von al-
len in Hogwarts ausstehen konnte. Harrys Hass auf Snape
wurde nur von Snapes Hass auf Harry übertroffen, ein Hass,
der sich letztes Jahr wohl noch gesteigert hatte, als Harry Si-
rius geholfen hatte, direkt unter Snapes übergroßer Nase zu
entkommen – Snape und Sirius waren seit ihrer eigenen
Schulzeit miteinander verfeindet.
Auf Snapes anderer Seite war ein leerer Stuhl, der sicher
Professor McGonagall gehörte. Daneben, in der Mitte des
Tisches, saß Professor Dumbledore, der Schulleiter. Sein we-
hendes Silberhaar und sein üppiger Bart schimmerten im
Kerzenlicht und sein herrlicher dunkelgrüner Umhang war
über und über mit Sternen und Monden bestickt. Professor
Dumbledores Kinn ruhte auf den zusammengelegten Spit-
zen seiner langen dünnen Finger und er blickte offenbar ge-
dankenversunken durch die Halbmondgläser seiner Brille hoch
zur Decke. Auch Harry warf einen Blick zur Decke. Sie war
verzaubert und sah aus wie der Himmel draußen, den er noch
nie so sturmzerzaust gesehen hatte. Schwarze und purpurne
Wolken wirbelten über den Himmel, und als es draußen einen
erneuten Donnerschlag gab, erhellte ihn für einige Sekunden
ein weit verästelter Blitz.
»Mensch, beeilt euch«, stöhnte Ron. »Ich könnte einen
Hippogreif verspeisen.« Er hatte kaum den Mund zuge-
macht, da öffneten sich die Flügeltüren der Großen Halle.
Alle verstummten. Professor McGonagall erschien an der
Spitze einer langen Reihe von Erstklässlern und führte sie an
185
die Stirnseite der Halle. Harry, Ron und Hermine waren zwar
ziemlich nass, doch das war nichts gegen die Neuen. Sie
schienen nicht über den See gefahren, sondern ge-
schwommen zu sein. Alle zitterten vor Kälte und Aufre-
gung, als sie am Lehrertisch entlanggingen und sich in einer
Reihe vor den älteren Schülern aufstellten – alle, nur der
Kleinste von ihnen nicht, ein Junge mit mausgrauem Haar,
der, wie Harry erkannte, in Hagrids Maulwurfmantel ge-
wickelt war. Der viel zu große Mantel wirkte, als wäre der
Junge in eine schwarze Pelzmarkise gehüllt. Sein kleines
Gesicht lugte aus dem Kragen hervor und zeigte, dass er vor
Aufregung fast Qualen litt. Als er sich bei seinen verängstigt
umherblickenden Mitschülern eingereiht hatte, fing er Co-
lin Creeveys Blick auf, reckte beide Daumen in die Höhe und
formte mit den Lippen die Worte: »Ich bin in den See
gefallen!« Darüber war er offensichtlich entzückt.
Professor McGonagall kam mit einem dreibeinigen Stuhl
in der Hand und stellte ihn vor den Neuen ab. Auf dem
Stuhl lag ein steinalter, schmutziger, geflickter Zaubererhut.
Die Neuen starrten ihn an. Und alle anderen auch. Einen
Moment lang herrschte Schweigen. Dann öffnete sich ein
Riss gleich über der Krempe, ein Mund bildete sich, und der
Hut begann zu singen:
Eintausend Jahr und mehr ist's her,
seit mich genäht ein Schneiderer.
Da lebten vier Zaubrer wohl angesehn;
ihre Namen werden nie vergehn.
Von wilder Heide der kühne Gryffindor,
der schöne Ravenclaw den höchsten Fels erkor.
Der gute Hufflepuff aus sanftem Tal,
der schlaue Slytherin aus Sümpfen fahl.
Sie teilten einen Wunsch und Traum,
186
einen kühnen Plan, ihr glaubt es kaum
junge Zauberer gut zu erziehn,
das war von Hogwarts der Beginn.
Es waren unserer Gründer vier,
die schufen diese Häuser hier
und jeder schätzte eine andere Tugend
bei der von ihm belehrten Jugend.
Die Mutigsten zog Gryffindor
bei weitem allen ändern vor;
für Ravenclaw die Klügsten waren
alleine wert der Lehrerqualen.
Und jedem, der da eifrig lernte,
bescherte Hufflepuff reiche Ernte.
Bei Slytherin der Ehrgeiz nur
stillte den Machttrieb seiner Natur.
Es ist vor langer Zeit gewesen,
da konnten sie noch selbst verlesen,
doch was sollte später dann geschehen,
denn sie würden ja nicht ewig leben.
's war Gryffindor, des Rates gewiss,
der mich sogleich vom Kopfe riss.
Die Gründer sollten mir verleihn
von ihrem Grips 'nen Teil ganz klein.
So kann ich jetzt an ihrer statt,
sagen, wer wohin zu gehen hat.
Nun setzt mich rasch auf eure Schöpfe,
damit ich euch dann vor mir knöpfe.
Falsch gewählt hab ich noch nie,
weil ich in eure Herzen seh.
Nun wollen wir nicht weiter rechten,
ich sag, wohin ihr passt am besten.
187
Der Sprechende Hut verstummte und in der Großen Halle
brandete Beifall auf.
»Das ist doch nicht das Lied, das er damals für uns gesun-
gen hat«, sagte Harry und klatschte ebenfalls.
»Er singt jedes Jahr ein neues«, sagte Ron. »Muss ein
ziemlich langweiliges Leben sein für diesen Hut, meint ihr
nicht? Sicher verbringt er das ganze Jahr damit, ein neues Lied
zu dichten.«
Professor McGonagall entrollte ein langes Pergament.
»Wenn ich euren Namen rufe, zieht ihr den Hut über den
Kopf und setzt euch auf den Stuhl«, erklärte sie den Neuen.
»Wenn der Hut euer Haus ausruft, geht ihr zum richtigen
Tisch und setzt euch dorthin.
Ackerly, Stewart!«
Ein Junge, sichtlich am ganzen Leib zitternd, trat vor, nahm
den Sprechenden Hut in die Hand, setzte ihn auf und ließ sich
auf dem Stuhl nieder.
»Ravenclaw!«, rief der Hut.
Stewart Ackerly nahm den Hut ab und hastete zu einem
Platz am Tisch der Ravenclaws, die ihn begeistert klatschend
empfingen. Harry erhaschte einen kurzen Blick auf Cho, die
Sucherin der Ravenclaws, die Stewart Ackerly herzlich be-
grüßte. Einen flüchtigen Moment lang hatte er das merk-
würdige Gefühl, sich ebenfalls zu den Ravenclaws setzen zu
wollen.
»Baddock, Malcolm!«
»Slytherin!«
Am Tisch auf der anderen Seite der Halle brach Jubel aus;
Harry konnte Malfoy klatschen sehen, als Baddock sich den
Slytherins anschloss. Harry fragte sich, ob Baddock wusste,
dass das Haus Slytherin mehr schwarze Hexen und Magier
hervorgebracht hatte als alle anderen Häuser. Fred und George
pfiffen Malcolm Baddock aus, als er sich setzte.
188
»Branstone, Eleanor!«
»Hufflepuff!«
»Cauldwell, Owen!«
»Hufflepuff!«
»Creevey, Dennis!«
Der winzige Dennis Creevey trat über Hagrids Maul-
wurfmantel stolpernd vor, und in genau diesem Moment glitt
Hagrid selbst durch eine Tür hinter dem Lehrertisch in die
Halle. Hagrid, etwa doppelt so groß wie ein normal
gewachsener Mann und mindestens dreimal so breit, sah mit
seinem langen, wilden und zerzausten schwarzen Haar und
seinem Bart ein wenig beängstigend aus – ein falscher
Eindruck, wie Harry, Ron und Hermine wussten, denn Hagrid
war von ausgesprochen freundlichem Gemüt. Er zwinkerte
ihnen zu, setzte sich ans Ende des Lehrer-
tisches und sah Dennis Creevey zu, der jetzt den Sprechen-
den Hut aufsetzte. Der Riss über der Krempe öffnete sich
weit –
»Gryffindor!«, rief der Hut.
Hagrid stimmte in den Applaus der Gryffindors ein, und
Dennis, übers ganze Gesicht strahlend, nahm den Hut ab, legte
ihn auf den Stuhl und rannte zum Gryffindor-Tisch, wo sein
Bruder ihn empfing.
»Colin, ich bin in den See gefallen!«, kreischte er und
hopste auf einen freien Platz. »Es war toll! Und da war etwas
im Wasser, das hat mich gepackt und ins Boot zurückgewor-
fen!«
»Cool!«, sagte Colin, nicht minder begeistert. »Das war si-
cher der Riesenkrake, Dennis!«
»Irre!«, sagte Dennis, als wäre es die Erfüllung der sehn-
lichsten Träume, in einen sturmgepeitschten, unergründ-
lichen See zu fallen und von einem gewaltigen Seemonster
wieder herausgefischt zu werden.
189
»Dennis! Dennis! Siehst du den Jungen dort drüben? Den
mit dem schwarzen Haar und der Brille? Siehst du ihn? Weißt
du, wer das ist, Dennis?«
Harry wandte den Kopf zur Seite und starrte angestrengt
hinüber zum Sprechenden Hut, der gerade Emma Dobbs'
Haus ausrief.
So ging es weiter mit der Aufteilung der Schüler; Jungen
und Mädchen, alle mit mehr oder weniger ängstlichen Ge-
sichtern, traten der Reihe nach vor den dreibeinigen Stuhl,
und die Schlange der Wartenden war schon um einiges kür-
zer, als Professor McGonagall zum Buchstaben L kam.
»Aah, beeilt euch«, sagte Ron und massierte sich den
Bauch.
»Ich bitte dich, Ron, die Auswahl ist viel wichtiger als das
Essen«, sagte der Fast Kopflose Nick, als »Madley, Laura«,
gerade zu einer Hufflepuff ernannt wurde.
»Natürlich, wenn man schon tot ist«, knurrte Ron.
»Ich hoffe inständig, dass die neuen Gryffindors erste Sahne
sind«, sagte der Fast Kopflose Nick, während er
»McDonald, Natalie« beklatschte, die jetzt zum Gryffindor-
Tisch kam. »Wir wollen doch unsere Siegesserie fortsetzen,
nicht wahr?«
Gryffindor hatte die Hausmeisterschaft die letzten drei Jahre
in Folge gewonnen.
»Pritchard, Graham!«
»Slytherin!«
»Quirke, Orla!«
»Ravenclaw!«
Und endlich, nach »Whitby, Kevin!« (»Hufflepuff!«) ver-
stummte der Sprechende Hut. Professor McGonagall nahm
Hut und Stuhl hoch und trug sie davon.
»Wird allmählich Zeit«, sagte Ron, packte Messer und Ga-
bel und blickte erwartungsvoll auf seinen goldenen Teller.
190
Professor Dumbledore hatte sich erhoben. Lächelnd sah er
in die Runde und breitete die Arme zu einer Geste des
Willkommens aus.
»Ich habe euch nur zwei Worte zu sagen«, verkündete er,
und seine tiefe Stimme hallte von den Wänden wider. »Haut
rein.«
»Hört, hört!«, sagten Harry und Ron laut, und schon füll-
ten sich die leeren Schüsseln unter ihren Augen von Zauber-
hand mit Speisen.
Der Fast Kopflose Nick sah traurig zu, wie Harry, Ron und
Hermine ihre Teller beluden.
»Mmmh, schom bescher«, sagte Ron, den Mund voll Kar-
toffelbrei.
»Ihr habt Glück, dass es heute Abend überhaupt ein Fest-
essen gibt«, sagte der Fast Kopflose Nick. »Vorhin gab's näm-
lich Ärger in der Küche.«
»Warum? Wa'n paschiert?«, schmatzte Harry mit einem
mächtigen Stück Steak im Mund.
»Peeves, natürlich«, sagte der Fast Kopflose Nick und
schüttelte den Kopf, der dabei gefährlich ins Trudeln geriet. Er
zog seine Halskrause ein wenig höher. »Der übliche Streit, ihr
wisst schon. Wollte beim Essen dabei sein – und das kommt
überhaupt nicht in Frage, ihr kennt ihn ja, unge-
hobelter Kerl, er kann keinen Teller mit Essen sehen, ohne ihn
durch die Gegend zu werfen. Wir haben Geisterrat ge-
halten – der Fette Mönch wollte ihm unbedingt eine Chance
geben – aber der Blutige Baron war strikt dagegen, völlig zu
Recht, wenn ihr mich fragt.«
Der Blutige Baron war der Geist von Slytherin, ein ausge-
mergeltes und stummes Gespenst, das mit silbrigen Blut-
flecken bespritzt war. Als Einziger in Hogwarts hatte er
Peeves wirklich im Griff.
»Ja, wir haben mitgekriegt, dass Peeves aus irgendeinem
191
Grund völlig von der Rolle war«, sagte Ron stirnrunzelnd.
»Also, was hat er in der Küche angestellt?«
»Ooch, das Übliche«, sagte der Fast Kopflose Nick achsel-
zuckend. »Verwüstung und Chaos. Überall lagen Töpfe und
Pfannen herum. Die ganze Küche schwamm in Suppe. Hat die
Hauselfen fast zu Tode erschreckt –«
Klang. Hermine hatte ihren goldenen Trinkbecher umge-
stoßen. Der Kürbissaft breitete sich unaufhaltsam über das
Tischtuch aus und ließ ein paar Meter weißen Linnens oran-
gerot anlaufen, doch Hermine war das schnuppe.
»Hier gibt es Hauselfen?«, sagte sie und sah den Fast
Kopflosen Nick starr vor Entsetzen an. »Hier in Hogwarts?«
»Natürlich«, sagte der Fast Kopflose Nick, völlig über-
rascht von der Wirkung seiner Worte. »Mehr als in jedem
anderen Hause Britanniens, glaube ich. Über hundert.«
»Ich hab noch nie welche gesehen!«, sagte Hermine.
»Natürlich nicht, sie verlassen tagsüber kaum die Küche«,
sagte der Fast Kopflose Nick. »Nachts kommen sie raus, um
ein wenig sauber zu machen ... nach den Feuern zu schauen
und so weiter ... außerdem soll man sie ja auch gar nicht se-
hen. Zeichnet es nicht gerade einen guten Hauselfen aus, dass
man ihn überhaupt nicht bemerkt?«
Hermine starrte ihn an.
»Aber sie werden doch bezahlt?«, fragte sie. »Sie kriegen
Urlaub, oder nicht? Und – sie sind krankenversichert und
bekommen eine Rente?«
Der Fast Kopflose Nick gluckste so heftig, dass ihm die
Halskrause herunterrutschte. Sein Kopf fiel zur Seite und blieb
baumelnd an dem Fingerbreit Gespensterhaut und Muskelfaser
hängen, der ihn noch mit dem Hals ver-
band.
»Krankenversicherung und Rente?«, sagte er, setzte sei-
nen Kopf zurück auf den Hals und befestigte ihn wieder mit
192
der Krause. »Hauselfen wollen sich nicht krankschreiben
lassen und auch nicht in Rente gehen!«
Hermine warf einen Blick auf ihr kaum berührtes Essen,
legte Messer und Gabel auf den Teller und schob ihn von sich
weg.
»Ey, 'ör mal, 'Ermine«, sagte Ron und besprühte Harry
versehentlich mit Stückchen seines Yorkshire-Puddings.
»Uuhps – Verzeihung, 'Arry –« Er schluckte den Bissen hi-
nunter. »Selbst wenn du dich zu Tode hungerst, kriegen sie
keinen Urlaub!«
»Sklavenarbeit«, sagte Hermine und atmete schwer durch
die Nase. »Das steckt hinter diesem Abendessen. Sklaven-
arbeit.«
Und sie weigerte sich, einen weiteren Bissen zu sich zu
nehmen.
Noch immer trommelte der Regen hart gegen die hohen,
dunklen Fenster. Wieder ließ ein Donnergrollen die Schei-
ben klirren, am sturmgepeitschten Himmel blitzte es, und die
goldenen Teller erstrahlten kurz, während die Reste des ersten
Ganges verschwanden und sofort der Nachtisch er-
schien.
»Siruptorte, Hermine!«, sagte Ron und fächelte mit der
Hand den Duft der Torte zu ihr hinüber. »Rosinenpudding,
sieh mal! Und Schokoladenkuchen!«
Doch Hermine versetzte ihm einen Blick, der dem Profes-
sor McGonagalls um nichts nachstand, und Ron gab klein bei.
Als auch der Nachtisch verschlungen war, die letzten Krü-
mel von den Tellern gefegt und diese wieder blitzblank wa-
ren, erhob sich noch einmal Albus Dumbledore. Das Ge-
summe und Geschnatter, das die Große Halle erfüllte,
verstummte jäh, und nur noch das Heulen des Windes und das
Trommeln des Regens waren zu hören.
»So!«, sagte Dumbledore und lächelte in die Runde.
193
»Nun, da wir alle gefüttert und gewässert sind (»Hmfff!«,
machte Hermine), muss ich noch mal um eure Aufmerk-
samkeit bitten und euch einige Dinge mitteilen.
Mr Filch, der Hausmeister, hat mich gebeten, euch zu sa-
gen, dass die Liste der verbotenen Gegenstände in den Mau-
ern des Schlosses für dieses Jahr erweitert wurde und nun auch
Jaulende Jo-Jos, Fangzähnige Frisbees und Bissige Bu-
merangs enthält. Die vollständige Liste zählt, soviel ich weiß,
etwa vierhundertundsiebenunddreißig Gegenstände auf und
kann in Mr Filchs Büro eingesehen werden, falls je-
mand sie zu Rate ziehen will.«
Dumbledores Mundwinkel zuckten.
»Wie immer«, fuhr er fort, »möchte ich euch daran erin-
nern, dass der Wald auf dem Schlossgelände für Schüler ver-
boten ist, wie auch das Dorf Hogsmeade für alle Schüler der
ersten und zweiten Klasse.
Ich habe zudem die schmerzliche Pflicht, euch mitzutei-
len, dass der Quidditch-Wettbewerb zwischen den Häusern
dieses Jahr nicht stattfinden wird.«
»Was?«, keuchte Harry. Er sah sich nach Fred und George
um, seinen Mitspielern im Quidditch-Team. Sie waren of-
fenbar zu entsetzt, um einen Ton hervorzubringen, und von
ihren Lippen war nur ein stummes Flehen in Richtung
Dumbledore abzulesen.
»Der Grund ist eine Veranstaltung, die im Oktober be-
ginnt«, fuhr Dumbledore fort, »und den Lehrern das ganze
restliche Schuljahr viel Zeit und Kraft abverlangen wird -doch
ich bin sicher, ihr werdet alle viel Spaß dabei haben. Mit
größtem Vergnügen möchte ich ankündigen, dass dieses Jahr
in Hogwarts –«
Doch in diesem Moment gab es ein ohrenbetäubendes
Donnergrollen und die Flügeltüren der Großen Halle schlu-
gen krachend auf.
194
Ein Mann, auf einen langen Stock gestützt und in einen
schwarzen Reiseumhang gehüllt, stand am Eingang. Jeder
Kopf in der Großen Halle wirbelte zu dem Fremden herum,
den ein spinnbeiniger Blitz am Himmel jäh ins Licht
tauchte. Er nahm seine Kappe ab, befreite mit einem Kopf-
schütteln seine lange, grauweiße Haarmähne und wandte seine
Schritte dem Lehrertisch zu.
Ein dumpfes Klonk wummerte bei jedem zweiten Schritt
durch die Große Halle. Er bestieg das Podium, wandte sich
nach rechts und humpelte auf Dumbledore zu. Erneut
schoss ein Blitz über den Himmel. Hermine hielt den Atem
an.
Der Blitz hatte ihnen das Gesicht des Mannes als scharfes
Relief gezeigt, und es war ein Gesicht, wie Harry noch nie
eines gesehn hatte. Es wirke, als wäre es aus einem Stück
verwitterten Holzes geschnitzt, von jemandem, der nur eine
ganz dunkle Ahnung von einem menschlichen Gesicht hatte
und nicht allzu kunstfertig mit dem Breitel umgehen konnte.
Jeder Zentimeter seiner Haut schien vernarbt zu sein, Der
Mund war eine klaffende Wunde, die sich schräg über das
Gesicht zog, und ein großes Stück der Nase fehlte. Doch es
waren die Augen des Mannes, die einem wirklich Angst ein-
jagten.
Das eine war eine kleine, dunkle Perle. Das andere war
groß, rund wie eine Münze und von einem leuchtend stäh-
lernen Blau. Das blaue Auge bewegte sich unablässig, ohne
Lidschlag, rollte nach oben, nach unten, zur Seite, ganz un-
abhängig vom normalen Auge – und dann drehte es sich ganz
nach hinten und blickte in den Kopf des Mannes hinein, so
dass sie nur noch das Weiße des Augapfels sehen konnten.
Der Fremde trat nun vor Dumbledore. Er streckte die
Hand aus, die genauso schwer vernarbt war wie sein Ge-
sicht, Dumbledore schüttelte sie und murmelte ein paar
195
Worte, die Harry nicht verstand. Er schien den Fremden
nach etwas zu fragen, der jetzt ohne ein Lächeln den Kopf
schüttelte und mit gedämpfter Stimme antwortete. Dum-
bledore nickte und bot dem Mann den leeren Platz neben
sich an.
Der Fremde setzte sich, warf die grauweißen Haare aus
dem Gesicht, zog einen Teller Würste zu sich her, hob sie
zum Rest seiner Nase hoch und beschnüffelte sie. Dann zog
er ein kleines Messer aus der Tasche, spießte damit eine
Wurst auf und begann zu essen. Sein normales Auge ruhte
auf den Würsten, doch das blaue Auge huschte immer noch
ruhelos in seiner Höhle umher und musterte die Halle und die
Schüler.
»Ich möchte euch euren neuen Lehrer für Verteidigung
gegen die dunklen Künste vorstellen«, sagte Dumbledore
strahlend in das Schweigen hinein. »Professor Moody.«
Normalerweise wurden neue Lehrer mit Beifall begrüßt,
doch kein Lehrer und auch kein Schüler rührte die Hand, mit
Ausnahme von Dumbledore und Hagrid. Beide klatsch-
ten, doch in der Stille klang es kläglich, und sie hörten schnell
wieder auf. Alle anderen schienen so gebannt von Moodys
außergewöhnlicher Erscheinung, dass sie ihn nur anstarren
konnten.
»Moody?«, wisperte Harry Ron zu. »Mad-Eye Moody?
Dem dein Dad heute Morgen zu Hilfe gekommen ist?«
»Das muss er sein«, sagte Ron mit leiser, beeindruckter
Stimme.
»Was ist denn mit dem los?«, flüsterte Hermine. »Was ist
mit seinem Gesicht passiert?«
»Keine Ahnung«, flüsterte Ron, der Moody immer noch
fasziniert anstarrte.
Moody schien sein wenig überschwänglicher Empfang
nicht im Mindesten zu stören. Ohne den Krug mit Kürbis-
196
saft vor sich zu beachten, steckte er die Hand abermals in
seinen Reiseumhang, zog einen Flachmann heraus und
nahm einen kräftigen Schluck. Als er den Arm hob, um
zu trinken, verrutschte sein Umhang ein wenig, und Harry
sah unter dem Tisch einige Zentimeter seines geschnitzten
Holzbeines, das in einem Klauenfuß endete. Dumbledore
räusperte sich erneut.
»Wie ich eben erwähnte«, sagte er und lächelte dem Meer
von Schülern zu, die immer noch gebannt Mad-Eye Moody
anstarrten, »werden wir in den kommenden Monaten die
Ehre haben, Gastgeber einer sehr spannenden Veranstaltung
zu sein, eines Ereignisses, das seit über einem Jahrhundert
nicht mehr stattgefunden hat. Mit allergrößtem Vergnügen
teile ich euch mit, dass dieses Jahr in Hogwarts das Trimagi-
sche Turnier stattfinden wird.«
»Sie machen Witze!«, sagte Fred Weasley laut.
Die Spannung, welche die Halle seit Moodys Ankunft er-
füllt hatte, entlud sich mit einem Schlag. Fast alle lachten und
Dumbledore gluckste zufrieden.
»Ich mache keine Witze, Mr Weasley«, sagte er, »obwohl,
da fällt mir ein, im Sommer habe ich einen köstlichen Witz
gehört; ein Troll, eine Vettel und ein irischer Kobold gehen
zusammen in die Kneipe –«
Professor McGonagall räusperte sich vernehmlich.
»Ähm – aber vielleicht ein andermal ... nein ...«, sagte
Dumbledore. »Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, das Tri-
magische Turnier ... nun, einige von euch werden nicht
wissen, worum es bei diesem Turnier geht, und ich hoffe, dass
die anderen mir verzeihen, wenn ich es kurz erkläre, sie
können ja inzwischen weghören.
Das Trimagische Turnier fand erstmals vor etwa sieben-
hundert Jahren statt, als freundschaftlicher Wettstreit zwi-
schen den drei größten europäischen Zaubererschulen –
197
Hogwarts, Beauxbatons und Durmstrang. Jede Schule wählte
einen Champion aus, der sie vertrat, und diese drei mussten im
Wettbewerb drei magische Aufgaben lösen. Die Schulen
wechselten sich alle fünf Jahre als Gastgeber des Turniers ab,
und alle fanden, dies sei der beste Weg, persönliche Bande
zwischen jungen Hexen und Magiern verschiedener Länder zu
knüpfen – bis allerdings die Todesrate so stark zunahm, dass
das Turnier eingestellt wurde.«
»Todesrate?«, flüsterte Hermine mit alarmierter Miene.
Doch ihre Beklemmung schien von der Mehrheit der Schü-
ler in der Halle nicht geteilt zu werden; viele von ihnen tu-
schelten aufgeregt miteinander, und auch Harry wartete ge-
spannt darauf, mehr über das Turnier zu hören, und hatte keine
Lust, sich über Hunderte von Jahren zurückliegende
Todesfälle Gedanken zu machen.
»Es gab im Laufe der Jahrhunderte mehrere Versuche, das
Turnier wieder einzuführen«, fuhr Dumbledore fort, »doch
keiner davon war sehr erfolgreich. Nun allerdings hat unsere
Abteilung für Magische Spiele und Sportarten beschlossen,
dass die Zeit reif ist für einen neuen Versuch. Den ganzen
Sommer über haben wir uns alle Mühe gegeben, dafür zu
sorgen, dass diesmal kein Champion in tödliche Gefahr ge-
raten kann.
Die Schulleiter von Beauxbatons und Durmstrang wer-
den mit ihren Kandidaten engerer Wahl im Oktober hier
eintreffen und der Ausscheidungskampf für die drei Cham-
pions wird an Halloween stattfinden. Ein unparteiischer
Richter wird entscheiden, welche Schüler geeignet sind, im
Trimagischen Turnier für den Ruhm ihrer Schule anzutre-
ten und das ausgesetzte Preisgeld von tausend Galleonen zu
gewinnen.«
»Ich mach mit!«, zischte Fred Weasley, so dass es alle am
Tisch hörten, und er strahlte schon begeistert bei der Vor-
198
Stellung so viel Ruhm und Reichtum ernten zu können. Er war
offenbar nicht der Einzige, der sich bereits als Hog-warts-
Champion sah. An jedem Haustisch sah Harry Schü-
ler, die entweder traumverloren Dumbledore anstarrten oder
fieberhaft mit ihren Nachbarn flüsterten. Doch dann erhob
Dumbledore erneut die Stimme, und die Halle ver-
stummte.
»Zwar weiß ich, wie begierig ihr alle darauf seid, den Tri-
magischen Pokal für Hogwarts zu holen«, sagte er, »doch die
Leiter der teilnehmenden Schulen haben gemeinsam mit dem
Zaubereiministerium beschlossen, in diesem Jahr eine
Altersbegrenzung für die Bewerber festzusetzen. Nur Schü-
ler, die volljährig sind – das heißt siebzehn Jahre oder älter -,
erhalten die Erlaubnis, sich am Wettbewerb zu beteiligen. Dies
ist ein Schritt« – und Dumbledore sprach ein wenig lauter,
denn bei diesen Worten hatten einige Schüler empört
aufgeschrien und die Weasley-Zwillinge schienen plötzlich
mächtig zornig zu sein – »dies ist ein Schritt, den wir für
notwendig halten, denn die Turnieraufgaben sind schwierig
und trotz aller Vorkehrungen nur unter Gefahr zu lösen, und es
ist höchst unwahrscheinlich, dass Schüler unter-
halb der sechsten Klassenstufe damit zurechtkommen. Ich
persönlich werde dafür sorgen, dass kein minderjähriger
Schüler unseren unparteiischen Schiedsrichter hinters Licht
führt, um Hogwarts-Champion zu werden.« Seine hell-
blauen Augen huschten zwinkernd über Freds und Georges
rebellische Mienen. »Ich bitte euch daher, eure Zeit nicht mit
einer Bewerbung zu verschwenden, wenn ihr noch nicht
siebzehn seid.
Die Abordnungen aus Beauxbatons und Durmstrang wer-
den im Oktober eintreffen und den größten Teil des Jahres bei
uns bleiben. Ich weiß, dass ihr unsere ausländischen Gäste
mit größter Herzlichkeit empfangen und den Hogwarts-
199
Champion mit Leib und Seele unterstützen werdet, sobald er
oder sie ausgewählt ist. Und nun ist es spät und ich weiß, wie
wichtig es ist, dass ihr alle wach und ausgeruht seid, wenn ihr
morgen in die Klassen geht. Schlafenszeit! Husch, husch!«
Dumbledore setzte sich und begann mit Mad-Eye Moody zu
sprechen. Unter lautem Stuhlbeinscharren und Tische-
rücken erhoben sich die Schüler und schwärmten auf die
Flügeltüren der Eingangshalle zu.
»Das können sie nicht machen!«, sagte George Weasley, der
sich dem Strom zur Tür nicht angeschlossen hatte, son-
dern nur da stand und Zornfunkelnd zu Dumbledore hoch-
starrte. »Im April werden wir siebzehn, warum dürfen wir es
nicht probieren?«
»Ich trete jedenfalls an, daran werden die mich nicht hin-
dern«, sagte Fred verbissen und starrte ebenfalls mit finsterer
Miene in Richtung Dumbledore. »Der Champion darf si-
cher alles Mögliche anstellen, was wir sonst nie tun dürfen.
Und tausend Galleonen Preisgeld!«
»Jaah!«, sagte Ron mit abwesendem Blick. »Jaah, tausend
Galleonen ...«
»Kommt jetzt«, sagte Hermine, »sonst sind wir noch die
Letzten hier.«
Harry, Ron, Hermine, Fred und George machten sich auf
den Weg hinaus in die Eingangshalle, und Fred und George
überlegten laut, wie Dumbledore es schaffen könnte, die unter
Siebzehnjährigen vom Turnier fern zu halten.
»Wer ist dieser unparteiische Richter, der über die Cham-
pions entscheidet?«, fragte Harry.
»Keine Ahnung«, sagte Fred, »aber den müssen wir auf je-
den Fall austricksen. Ich denke mal, ein paar Tropfen Alte-
rungstrank werden genügen, George ...«
»Aber Dumbledore weiß doch, dass ihr nicht alt genug
seid«, sagte Ron.
200
»Schon, aber er entscheidet ja nicht, wer Champion wird,
oder?«, sagte Fred mit hinterlistigem Lächeln. »Ich glaube,
sobald dieser Richter weiß, wer mitkämpfen will, wählt er von
jeder Schule den Besten aus, ohne dass er groß aufs Al-
ter achtet. Dumbledore will doch nur verhindern, dass wir uns
bewerben.«
»Aber es sind schon Leute dabei umgekommen!«, sagte
Hermine mit besorgter Stimme, während sie durch eine hinter
einem Wandvorhang verborgene Tür gingen und dann eine
schmale Treppe erklommen.
»Tjaah«, sagte Fred lässig, »aber das ist doch schon ewig
her. Und außerdem, wo bleibt der Spaß, wenn nicht ein biss-
chen Prickeln dabei ist? Hey, Ron, wie war's, wenn wir
Dumbledore reinlegen? Hast du Lust mitzumachen?«
»Was meinst du?«, fragte Ron Harry. »Mitmachen wäre
cool, oder? Aber ich glaube, die brauchen jemand Älteren ...
weiß nicht, ob wir schon genug gelernt haben ...«
»Ich jedenfalls nicht«, ertönte Nevilles verzagte Stimme
hinter Fred und George. »Aber Oma würde sicher wollen, dass
ich mitmache, immer redet sie davon, dass ich die Fa-
milienehre verteidigen soll. Ich muss nur – uuuhps ...«
Nevilles Fuß war geradewegs durch eine Stufe in der Mitte
der Treppe gesunken. Von diesen Trickstufen gab es viele in
Hogwarts; die meisten der älteren Schüler über-
sprangen sie bereits im Schlaf, doch Neville war berüchtigt für
sein schwaches Gedächtnis. Harry und Ron packten ihn unter
den Achseln und zogen ihn hoch, unter dem Krei-
schen und Klappern und pfeifenden Lachen einer Rüstung
oben am Treppenabsatz.
»Klappe«, sagte Ron und knallte der Rüstung im Vorbei-
gehen das Visier zu. Schließlich gelangten sie zum Eingang
des Gryffindor-Turms, der hinter dem großen Porträt einer
fetten Dame in einem rosa Seidenkleid verborgen war.
201
»Passwort?«, sagte sie, als sie näher kamen.
»Quatsch«, sagte George, »hat mir ein Vertrauensschüler
unten verraten.«
Das Gemälde klappte zur Seite und gab ein Loch in der
Wand frei, durch das sie kletterten. Ein knisterndes Feuer
wärmte den runden Gemeinschaftsraum, der voller Tische und
weicher Sessel war. Hermine warf den ausgelassen tan-
zenden Flammen einen düsteren Blick zu und Harry hörte
sie deutlich »Sklavenarbeit« murmeln, bevor sie ihnen gute
Nacht wünschte und durch die Tür zum Mädchenschlaf-
raum verschwand.
Harry, Ron und Neville kletterten die letzte Treppe hoch,
die sich spiralförmig nach oben wand, und gelangten
schließlich in ihren eigenen Schlafsaal in der Turmspitze. Fünf
Himmelbetten mit scharlachroten Vorhängen stan-
den an den Wänden und davor lagen bereits ihre Schulkof-
fer. Dean und Seamus machten sich schon zum Schlafen fer-
tig; Seamus hatte seine Irland-Rosette an das Kopfbrett
des Bettes gepinnt und Dean hatte mit Reißzwecken ein Poster
von Viktor Krum über seinem Nachttisch befestigt. Sein
altes Poster der Mannschaft von West Ham hing gleich da-
neben.
»Verrückt«, seufzte Ron und schüttelte den Kopf ange-
sichts der völlig unbeweglichen Fußballspieler.
Harry, Ron und Neville schlüpften in ihre Pyjamas und
legten sich hin. Irgendjemand – zweifellos ein Hauself –
hatte Wärmflaschen unter ihre Decken gesteckt, und so
konnten sie höchst behaglich dem Wüten des Sturmes um
das Schloss lauschen.
»Könnte schon sein, dass ich mitmache, weißt du«, sagte
Ron schlaftrunken in die Dunkelheit, »wenn Fred und
George herausfinden, wie ... das Turnier ... man weiß nie,
oder?«
202
»Hast wohl Recht ...«, murmelte Harry und rollte sich auf
die Seite. Vor seinem geistigen Auge spielte sich Wunderba-
res ab ... er hatte den unparteiischen Richter glauben ge-
macht, er sei siebzehn ... er war Champion von Hogwarts
geworden ... er stand draußen auf dem Gelände, die Arme in
Siegerpose erhoben, und alle, alle aus seiner Schule klatschten
und kreischten ... er hatte gerade das Trimagische Turnier
gewonnen ... und aus der verschwommenen Menge hob sich
deutlich Chos Gesicht hervor, das ihn be-
wundernd anstrahlte ...
Harry grinste in sein Kissen hinein, für diesmal äußerst froh,
dass Ron nicht sehen konnte, was er sah.
203
Mad-Eye Moody
Am nächsten Morgen hatte sich der Sturm gelegt, doch
die Decke der Großen Halle war immer noch dunkel verhan-
gen und schwere, zinngraue Wolken wirbelten über den
Himmel. Harry, Ron und Hermine saßen beim Frühstück
und begutachteten ihre neuen Stundenpläne. Ein paar
Plätze weiter fachsimpelten Fred, George und Lee Jordan
eifrig über magische Alterungsmittel und diskutierten ihre
Chancen, sich trotz allem ins Trimagische Turnier zu
schmuggeln.
»Gar nicht übel, heute ... wir sind den ganzen Vormittag
draußen«, sagte Ron und fuhr mit dem Finger über die Spalte
seines Stundenplans, »Kräuterkunde mit den Huffle-
puffs und Pflege magischer Geschöpfe ... verflucht, immer
noch mit diesen Slytherins ...«
»Heute Nachmittag dann 'ne ganze Doppelstunde Wahr-
sagen«, ächzte Harry und ließ den Kopf hängen. Einmal ab-
gesehen vom Zaubertrankunterricht mochte er Wahrsagen am
wenigsten. Professor Trelawney sagte andauernd seinen Tod
voraus, was Harry äußerst lästig fand.
»Du hättest den Krempel hinschmeißen sollen, genau wie
ich«, sagte Hermine frisch und munter und butterte sich ein
Stück Toast. »Dann könntest du was Vernünftiges lernen wie
zum Beispiel Arithmantik.«
»Du isst ja wieder«, sagte Ron und sah zu, wie Hermine
ihren Buttertoast großzügig mit Marmelade belud.
»Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es bessere Wege
204
gibt, für die Elfenrechte einzutreten«, sagte Hermine und
reckte das Kinn.
»Sicher ... und außerdem hattest du Hunger«, erwiderte Ron
grinsend.
Über ihren Köpfen hörten sie plötzlich lautes Geraschel; an
die hundert Eulen kamen mit der morgendlichen Post in den
Krallen durch die offenen Fenster geflogen. Harry sah
instinktiv auf, doch in dem dichten braunen und grauen Eu-
lengeflatter konnte er keine weiße Feder erkennen. Die Eulen
zogen Kreise über den Tischen, auf der Suche nach den
Schülern, für die ihre Briefe und Päckchen bestimmt waren.
Ein großer Waldkauz stürzte hinunter zu Neville Longbottom
und warf ihm ein Paket in den Schoß – Neville vergaß beim
Packen fast immer irgendwas. Drüben auf der anderen Seite
der Halle ließ sich Draco Malfoys Uhu auf sei-
ner Schulter nieder, offenbar mit dem üblichen Nachschub an
Süßigkeiten und Kuchen von zu Hause. Harry versuchte nicht
auf das flaue Gefühl in seinem Magen zu achten und wandte
sich wieder seinem Haferbrei zu. War Hedwig wo-
möglich etwas passiert und hatte Sirius seinen Brief gar nicht
erhalten?
Während sie auf dem sumpfigen Weg zwischen den Ge-
müsebeeten hinüber zum Gewächshaus drei gingen, ließen
Harry die Sorgen nicht los. Doch dann lenkte ihn Professor
Sprout ab, die der Klasse die hässlichsten Pflanzen zeigte, die
Harry je gesehen hatte. Tatsächlich ähnelten sie weniger
Pflanzen als dicken schwarzen Riesenschnecken, die, sich
leicht krümmend und windend, senkrecht aus dem Boden
ragten. An den Stängeln hatten sie einige große, glänzende
Geschwülste, die offenbar mit Flüssigkeit gefüllt waren.
»Bubotubler«, erklärte ihnen Professor Sprout putzmun-
ter. »Die müssen ausgequetscht werden. Dann sammelt ihr den
Eiter –«
205
»Den was?«, sagte Seamus Finnigan angewidert. »Den
Eiter, Finnigan, den Eiter«, sagte Professor Sprout, »und er ist
äußerst wertvoll, also verschüttet ihn nicht. Ihr sammelt also
den Eiter, und zwar in diesen Flaschen. Zieht eure
Drachenhauthandschuhe über, dieser Bubotubler-Eiter kann,
wenn er unverdünnt ist, die lustigsten Dinge mit der Haut
anstellen.«
Die Bubotubler auszupressen war eine eklige und doch
eigenartig befriedigende Arbeit. Aus jeder Geschwulst, die sie
ausdrückten, quoll eine große Menge gelblich grüner
Flüssigkeit, die stark nach Benzin roch. Sie fingen sie in Fla-
schen auf, wie Professor Sprout gesagt hatte, und am Ende der
Stunde hatten sie einige Liter beisammen.
»Madam Pomfrey wird ganz entzückt sein«, sagte Profes-
sor Sprout und stöpselte die letzte Flasche mit einem Kor-
ken zu. »Ein hervorragendes Mittel gegen die hartnäckige-
ren Formen der Akne, dieser Bubotubler-Eiter. Sollte einige
von euch, die ihre Pickel loswerden wollen, von Verzweif-
lungstaten abhalten.«
»Wie die arme Eloise Midgen«, sagte Hannah Abbott, eine
Hufflepuff, mit schüchterner Stimme. »Sie hat versucht ihre
Pickel wegzufluchen.«
»Dummes Mädchen«, sagte Professor Sprout kopfschüt-
telnd. »Aber Madam Pomfrey hat ihr die Nase dann wieder
ordentlich anwachsen lassen.«
Vom Schloss jenseits der regennassen Wiesen wehte ein-
dringliches Glockengeläut herüber und verkündete das Ende
der Stunde. Die Schüler trennten sich; die Hufflepuffs stiegen
die Steintreppe zum Verwandlungsunterricht hoch, die
Gryffindors gingen in die andere Richtung, den sanft ab-
fallenden Rasen hinunter zu Hagrids kleiner Holzhütte am
Rand des Verbotenen Waldes.
Hagrid erwartete sie bereits an der Tür, die eine Hand am
206
Halsband seines riesigen schwarzen Saurüden Fang. Um ihn
herum lagen mehrere offene Holzkisten, und der winselnde
Fang, offenbar ganz scharf darauf, ihren Inhalt genauer in
Augenschein zu nehmen, zog und zerrte an seinem Hals-
band. Als sie näher kamen, drang ein merkwürdiges Rasseln
an ihre Ohren, offenbar durchsetzt mit kleineren Explo-
sionen.
»Moin!«, sagte Hagrid und grinste Harry, Ron und Her-
mine an. »Wir warten besser auf die Slytherins, die wollen das
sicher nicht verpassen, die Knallrümpfigen Kröter!«
»Wie bitte?«, sagte Ron.
Hagrid deutete auf die Kisten.
»Uuärrh!« würgte Lavender Brown hervor und sprang einen
Schritt zurück.
»Uuärrh« war aus Harrys Sicht eine ziemlich treffende
Beschreibung der Knallrümpfigen Kröter. Sie sahen aus wie
missgestaltete, schalenlose Hummer, scheußlich fahl und
schleimig, mit Beinen, die an allen möglichen und unmög-
lichen Stellen aus dem Körper ragten, während Köpfe nicht zu
erkennen waren. Injeder Kiste lagen etwa hundert dieser
Geschöpfe, jedes um die fünfzehn Zentimeter lang, sie krab-
belten blind durcheinander und stießen gegen die Kisten-
wände. Ein sehr starker Gestank nach verfaultem Fisch ging
von ihnen aus. Hin und wieder stoben Funken aus dem Rumpf
eines der Kröter und schleuderten ihn mit einem lei-
sen ffhhht ein paar Zentimeter weiter.
»Frisch ausgebrütet«, sagte Hagrid stolz, »jetzt könnt ihr sie
selbst großziehn! Dachte, wir machen so was wie 'n Pro-
jekt draus!«
»Und warum eigentlich sollen wir die großziehen?«, sagte
eine kalte Stimme. Die Slytherins waren angekommen. Wer
sprach, war Draco Malfoy. Crabbe und Goyle taten gluck-
send ihren Beifall für seine Worte kund.
207
Die Frage schien Hagrid in Verlegenheit zu stürzen. »Ich
meine, wozu sind die denn nütze?«, fragte Malfoy. »Was ist
der Witz dabei?«
Hagrid öffnete den Mund, offenbar angestrengt nachden-
kend; ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann sagte er
barsch: »In'ner nächsten Stunde, Malfoy. Heut füttert ihr sie
nur. Probiert doch mal 'n paar verschiedene Sachen aus – ich
hab sie noch nie gehabt, weiß nich, was sie lecker finden -hab
Ameiseneier und Froschlebern und 'n Stück Ringelnat-
ter – nehmt einfach von allem etwas.«
»Erst Eiter und jetzt das hier«, murrte Seamus. Einzig und
allein ihre tiefe Zuneigung zu Hagrid brachte Harry, Ron und
Hermine dazu, glitschige Froschlebern in die Hände zu
nehmen und sie in die Kisten gleiten zu lassen, um die
Knallrümpfigen Kröter zum Essen zu verführen. Harry konnte
den Verdacht nicht unterdrücken, dass das Ganze vollkommen
sinnlos war, denn die Knallrümpfigen Kröter schienen keine
Mäuler zu haben.
»Autsch!«, schrie Dean Thomas nach etwa zehn Minuten.
»Mich hat's erwischt!«
Hagrid eilte mit besorgtem Blick zu ihm hinüber. »Sein
Rumpf ist explodiert!«, sagte Dean säuerlich und zeigte
Hagrid eine Brandblase an seiner Hand.
»Hmh, ja, kann passieren, wenn sie losknallen«, nickte
Hagrid.
»Uuärrh!«, kam es erneut von Lavender Brown. »Uuärrh,
Hagrid, was ist das für ein spitzes Ding auf dem da?«
»Hmh, ja, 'n paar von denen ha'm Stacheln«, sagte Hagrid
begeistert (Lavender zog rasch die Hand aus der Kiste). »Ich
glaub, das sind die Männchen ... die Weibchen haben so was
wie 'n Saugnapf am Bauch ... ich glaub, das könnte zum
Blutsaugen sein.«
»Schön, jetzt weiß ich, warum wir sie unbedingt hätscheln
208
sollten«, sagte Malfoy trocken. »Wer will nicht ein Haustier,
das brennen, stechen und Blut saugen zugleich kann?«
»Nur weil sie nicht hübsch sind, heißt das noch lange nicht,
dass sie nicht nützlich sind«, stieß Hermine hervor.
»Drachenblut hat sagenhafte magische Wirkungen, aber
einen Drachen als Haustier willst du trotzdem nicht,
oder?«
Harry und Ron grinsten Hagrid zu, der hinter seinem bu-
schigen Bart flüchtig zurücklächelte. Hagrid hätte nur zu gerne
einen Drachen als Haustier gehalten, wie Harry, Ron und
Hermine sehr genau wussten – er hatte in ihrem ersten Jahr für
kurze Zeit einen Drachen gehabt, einen angriffslus-
tigen Norwegischen Stachelbuckel namens Norbert. Hagrid
liebte einfach Monster – je tödlicher, desto besser.
»Na, wenigstens sind diese Kröter klein«, sagte Ron eine
Stunde später auf dem Weg zum Mittagessen ins Schloss.
»Das sind sie jetzt noch«, sagte Hermine verärgert, »aber
sobald Hagrid rausgefunden hat, was sie fressen, werden sie
sicher zwei Meter lang.«
»Na und, das macht doch nichts, wenn sie am Ende die
Seekrankheit oder so was heilen können!«, sagte Ron und
grinste sie schlaumeierisch an.
»Du weißt ganz genau, dass ich das nur gesagt habe, um
Malfoy abzuwürgen«, sagte Hermine. »In Wahrheit denke ich,
dass er Recht hat. Das Beste wäre, die alle totzutreten, bevor
sie anfangen, über uns herzufallen.«
Sie setzten sich an den Gryffindor-Tisch und taten sich
Lammkoteletts mit Kartoffeln auf. Hermine begann so schnell
zu essen, dass Harry und Ron sie mit offenem Mund
anstarrten.
»Ähem – ist das dein neuer Feldzug für die Elfenrechte?«,
sagte Ron. »Dass du futterst bis zum Erbrechen?«
»Nein«, sagte Hermine so würdevoll, wie es mit einem
209
Mund voll Rosenkohl gerade noch ging, »ich will nur schnell
in die Bibliothek kommen.«
»Wie bitte?«, sagte Ron ungläubig. »Hermine – wir sind
gerade mal den ersten Tag hier! Wir haben noch nicht mal
Hausaufgaben!«
Hermine zuckte die Achseln und spachtelte munter wei-
ter, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen. Dann sprang sie
auf, sagte: »Bis zum Abendessen!«, und entschwand in
höchster Eile.
Als die Glocke zum Nachmittagsunterricht läutete, mach-
ten sich Harry und Ron auf den Weg zum Nordturm. Am
oberen Ende einer engen und schmalen Wendeltreppe führte
eine silberne Trittleiter an die Decke und zu einer runden
Falltür, hinter der Professor Trelawney lebte.
Nachdem sie die Trittleiter erklommen hatten, drang ih-
nen ein vertrauter süßlicher Parfümduft vom Feuer her in die
Nasen. Wie immer waren alle Vorhänge zugezogen; die vielen
mit Seidentüchern und Schals drapierten Lampen tauchten das
Zimmer in ein mattes rötliches Licht. Harry und Ron
schlängelten sich durch das dichte Gewirr bereits besetzter
Chintz-Stühle und Sitzpolster und ließen sich an einem kleinen
runden Tisch nieder.
»Guten Tag.« Die rauchige Stimme Professor Trelaw-
neys ertönte direkt hinter Harry und ließ ihn zusammen-
zucken.
Professor Trelawney, eine sehr dünne Frau mit riesiger
Brille, die ihre Augen über die Maßen groß erscheinen ließ,
musterte Harry von oben herab, mit jener tragischen Miene,
die sie bei seinem Anblick immer aufsetzte. Im Licht des
Feuers glitzerte die übliche Menge an Perlen, Kettchen und
Ringen an Hals, Armen und Fingern.
»Du bist in Sorge, mein Lieber«, sagte sie mit trauer-
schwerer Stimme zu Harry. »Mein inneres Auge sieht durch
210
dein mutiges Antlitz hindurch auf die geplagte Seele in dir.
Und ich muss dir leider sagen, dass deine Sorgen nicht völlig
grundlos sind. Ich sehe leider, leider schwere Zeiten auf dich
zukommen ... die schwersten ... ich fürchte, wovor dir graut,
wird tatsächlich eintreten ... und schneller vielleicht, als du
denkst ...«
Sie senkte ihre Stimme und flüsterte jetzt beinahe. Ron sah
Harry an und rollte mit den Augen, doch Harry blickte mit
steinerner Miene zurück.
Professor Trelawney schwebte an ihnen vorbei und setzte
sich, der Klasse zugewandt, in einen großen geflügelten
Lehnstuhl am Feuer. Lavender Brown und Parvati Patil, die
Professor Trelawney zutiefst bewunderten, saßen auf Pols-
tern zu ihren Füßen.
»Meine Lieben, es ist an der Zeit, dass wir uns den Sternen
zuwenden«, sagte sie. »Den Bewegungen der Planeten und
den geheimnisvollen Botschaften, die sie nur jenen entber-gen,
welche die Schritte des Sternentanzes zu deuten wissen. Das
Schicksal der Menschen kann mit Hilfe der Planeten-
strahlen entziffert werden, die sich kreuzen ...«
Doch Harrys Gedanken waren abgeschweift. Das parfü-
mierte Feuer machte ihn immer schläfrig und ein wenig be-
dröppelt, und Professor Trelawneys weitschweifige Reden
über die Wahrsagerei schlugen ihn nie so richtig in Bann -
obwohl er unweigerlich daran denken musste, was sie ihm
eben gesagt hatte. »Ich fürchte, wovor dir graut, wird tatsächlich
eintreten ...«
Doch Hermine hatte Recht, dachte Harry ärgerlich, Pro-
fessor Trelawney war tatsächlich eine alte Schwindlerin. Im
Moment hatte er vor nichts Angst ... nun ja, wenn er von den
Befürchtungen absah, dass Sirius gefangen war ... doch was
wusste Professor Trelawney? Er war schon lange zu dem
Schluss gekommen, dass sie als Wahrsagerin im Grunde nur
211
so lange herumrätselte, bis sie einen Treffer landete, und dies
dann noch mit Geheimnistuerei garnierte.
Eine Ausnahme war natürlich jenes letzte Treffen am Ende
des vorigen Schuljahrs gewesen, als sie vorausge-
sagt hatte, dass Voldemort wieder an die Macht gelangen
würde ... Dumbledore selbst, dem Harry ihre Trance be-
schrieben hatte, hatte gemeint, sie sei wohl nicht gespielt
gewesen ...
»Harry!«, murmelte Ron.
»Was denn?«
Harry sah sich um; die ganze Klasse starrte ihn an und er
setzte sich kerzengerade hin. Fast wäre er eingedöst, versun-
ken in der Wärme und verloren in seinen Gedanken.
»Ich sagte soeben, mein Lieber, dass du offenbar unter dem
unheilvollen Einfluss des Saturns geboren bist«, sagte
Professor Trelawney mit einem Hauch von Widerwillen in der
Stimme, weil Harry offensichtlich nicht an ihren Lippen
gehangen hatte.
»Geboren unter – Verzeihung, wem bitte?«, fragte Harry.
»Saturn, mein Lieber, Saturn!«, sagte Professor Trelaw-
ney und klang nun, da ihn diese Neuigkeit nicht vom Stuhl
riss, offenkundig verärgert. »Ich sagte, Saturn war sicher in
einer machtvollen Position am Himmel zur Stunde deiner
Geburt ... dein dunkles Haar ... deine mickrige Statur ...
tragische Verluste schon so früh im Leben ... ich denke, ich
liege richtig, wenn ich sage, mein Lieber, dass du mitten im
Winter geboren bist?«
»Nein«, sagte Harry, »ich bin im Juli geboren.«
Ron konnte gerade noch ein Lachen abwürgen, das zu einem
trockenen Hüsteln gerann.
Eine halbe Stunde später saßen sie vor komplizierten
kreisrunden Karten, auf denen sie die Position der Planeten
im Augenblick ihrer Geburt einzeichnen sollten. Es war
212
ein stinklangweiliges Geschäft, denn ständig mussten sie
irgendwelche Tabellen zu Rate ziehen und Winkel berech-
nen.
»Ich habe hier zwei Neptune«, sagte Harry nach einer Weile
und besah sich stirnrunzelnd sein Pergamentblatt, »das kann
nicht stimmen, oder?«
»Aaaah«, sagte Ron, Professor Trelawneys geheimnisvoll
waberndes Flüstern nachahmend, »wenn zwei Neptune am
Himmel erscheinen, ist dies ein sicheres Zeichen, dass ein
Zwerg mit Brille geboren wird, Harry ...«
Seamus und Dean, die am Nebentisch arbeiteten, wieher-
ten laut, wenn auch nicht laut genug, um das aufgeregte
Kreischen Lavender Browns zu übertönen – »O Professor,
sehen Sie! Ich glaube, ich habe einen aspektlosen Planeten!
Uuuuh, welcher ist das, Professor?«
»Der Uranus, meine Liebe«, sagte Professor Trelawney mit
einem Blick auf die Karte.
»Kann ich Uranus auch mal sehen, Lavender?«, fragte
Ron.
Unglücklicherweise hörte ihn Professor Trelawney, und
vielleicht war dies der Grund, dass sie ihnen am Ende der
Stunde so viele Hausaufgaben gab.
»Eine genaue Untersuchung der Frage, auf welche Weise
die Planetenbewegungen des kommenden Monats euch be-
treffen werden, mit Verweis auf eure persönliche Karte«,
fauchte sie und klang dabei eher nach Professor McGonagall
als nach ihrem üblichen windig-duftigen Selbst.
»Abgabe ist nächsten Montag, und keine Ausreden!«
»Biestige alte Fledermaus«, sagte Ron erbittert, als sie sich
in die Scharen einreihten, die die Treppen hinunter in die
Große Halle zum Abendessen strömten. »Das wird uns das
ganze Wochenende kosten, sag ich dir ...«
»'ne Menge Hausaufgaben?«, strahlte Hermine, die sie ge-
213
rade eingeholt hatte. »Professor Vektor hat uns jedenfalls
überhaupt keine gegeben!«
»Ist ja ganz toll von Professor Vektor«, sagte Ron missge-
launt.
Sie gelangten in die Eingangshalle, wo sich schon eine lange
Schlange für das Abendessen gebildet hatte. Sie hatten sich
gerade angestellt, als hinter ihnen eine laute Stimme er-
tönte.
»Weasley! Hey, Weasley!«
Harry, Ron und Hermine wandten sich um. Hinter ihnen
standen Malfoy, Crabbe und Goyle und schienen sich präch-
tig über etwas zu amüsieren.
»Was gibt's?«, sagte Ron schroff.
»Dein Dad steht in der Zeitung, Weasley!«, sagte Malfoy
und wedelte mit einem Tagespropheten. »Hör dir das an!«, ver-
kündete er so laut, dass es alle in der brechend vollen Ein-
gangshalle hören konnten.
Weitere Pannen im Zaubereiministerium
Es scheint, als sei die Pannenserie im Zaubereiministerium
noch längst nicht zu Ende. Das Ministerium, erst jüngst hefti-
ger Kritik ausgesetzt wegen der mangelhaften Kontrolle der
Besucher während der Quidditch-Weltmeisterschaft und im-
mer noch nicht in der Lage, das Verschwinden einer seiner
Hexen zu erklären, wurde gestern in neue Verlegenheit ge-
stürzt durch das merkwürdige Gebaren von Arnold Weasley
vom Amt gegen den Missbrauch von Muggelartefakten.
Malfoy blickte auf.
»Stell dir vor, die haben nicht mal seinen Namen richtig
geschrieben, Weasley, als ob er eine komplette Null wäre«,
krähte er.
214
Die ganze Eingangshalle hörte jetzt zu. Malfoy glättete
genüsslich das Blatt und las weiter:
Arnold Weasley, der vor zwei Jahren wegen des Besitzes eines
fliegenden Autos angezeigt wurde, war gestern in eine
Rangelei mit mehreren Gesetzeshütern der Muggel
(»Polizisten«) verwickelt. Der Grund waren einige höchst
angriffslustige Mülleimer. Mr Weasley war offenbar einem
gewissen »Mad-Eye« Moody zu Hilfe geeilt, einem in die
Jahre gekommenen Ex-Auroren, den das Ministerium in den
Ruhestand versetzt hatte, als er den Unterschied zwi-
schen einem Händedruck und einem Mordversuch nicht mehr
zu erkennen vermochte. Es wird niemanden überra-
schen, dass Mr Weasley bei seiner Ankunft in Mr Moodys
schwer bewachtem Haus feststellte, dass Mr Moody wieder
einmal falschen Alarm geschlagen hatte. Mr Weasley war
gezwungen, mehrere Gedächtnisse zu verändern, weigerte sich
jedoch, auf die Frage des Tagespropheten zu antworten, warum
er das Ministerium in ein so würdeloses und mög-
licherweise peinliches Geschehen verwickelt hatte.
»Und hier ist ein Bild, Weasley!«, sagte Malfoy, schlug das
Blatt um und hob die Zeitung in die Höhe. »Ein Bild deiner
Eltern vor ihrem Haus – wenn man das überhaupt Haus
nennen kann! Deine Mutter könnte auch ein paar Pfunde
weniger vertragen!«
Ron schüttelte es vor Zorn. Alle starrten ihn an.
»Verpiss dich, Malfoy«, sagte Harry. »Wir gehen, Ron ...«
»Ach ja, du warst doch im Sommer zu Besuch bei denen,
oder, Potter?«, höhnte Malfoy. »Also sag mal, ist seine
Mutter wirklich so fett oder sieht es auf dem Bild nur so
aus?«
»Und was ist mit deiner Mutter, Malfoy?«, zischte Harry –
215
er und Hermine hatten Ron hinten am Umhang gepackt,
damit er sich nicht auf Malfoy stürzte – »Warum macht sie
ständig ein Gesicht, als ob sie Mist unter der Nase hätte? Hat
sie immer schon so ausgesehen, oder ist es erst, seit es dich
gibt?«
Malfoys bleiches Gesicht lief leicht rosa an. »Wag es bloß
nicht, meine Mutter zu beleidigen, Potter.«
»Dann halt dein dreckiges Maul«, sagte Harry und wandte
sich ab.
PENG!
Einige schrien auf – Harry fühlte etwas glühend Heißes an
seinem Gesicht vorbeisirren – blitzschnell langte er in die
Tasche nach seinem Zauberstab, doch bevor er ihn auch nur
berührt hatte, hörte er ein zweites lautes PENG und ein Kra-
chen, das die Eingangshalle erschütterte.
»O nein, das machst du nicht, Freundchen!«
Harry wirbelte herum. Professor Moody hinkte die Mar-
mortreppe hinunter. Er hatte den Zauberstab gezückt und
deutete unverwandt auf ein strahlend weißes Frettchen, das
zitternd auf dem steingepflasterten Boden lag, genau dort, wo
Malfoy gestanden hatte.
In der Eingangshalle herrschte schreckerfüllte Stille. Kei-
ner außer Moody rührte auch nur einen Finger. Moody wandte
sich um und sah Harry an – zumindest sein norma-
les Auge sah Harry an; das andere war in seinen Kopf hi-
neingedreht.
»Hat er dich erwischt?«, sagte Moody leise knirschend.
»Nein«, sagte Harry, »ging daneben.«
»Lass es liegen!«, bellte Moody.
»Was denn?«, fragte Harry verdutzt.
»Nicht du – er!«, knurrte Moody und warf die Hand kurz
über die Schulter in Richtung Crabbe, der sich zu dem wei-
ßen Frettchen hinuntergebeugt hatte und jetzt erstarrte. Of-
216
fenbar war Moodys rollendes Auge magisch und konnte auch
aus seinem Hinterkopf hinaussehen.
Moody hinkte jetzt auf Crabbe, Goyle und das Frettchen zu,
das ein verängstigtes Kreischen hören ließ und in Rich-
tung Kerker davonflitzte.
»Hier geblieben!«, donnerte Moody und richtete den Zau-
berstab erneut auf das Frettchen – es flog drei Meter hoch in
die Luft, klatschte wieder auf den Boden und schnellte dann
erneut in die Höhe.
»Ich mag Leute, die angreifen, wenn ihnen der Gegner den
Rücken zukehrt, überhaupt nicht«, knurrte Moody, wäh-
rend er das vor Schmerz kreischende Frettchen immer höher in
die Luft schleuderte. »Widerlich, feige, gemein ist das ...«
Das Frettchen flog wehrlos strampelnd und mit dem
Schwanz schlackernd durch die Luft.
»Tu – das – nie – wieder –«, sagte Moody, und bei jedem
Wort schlug das Frettchen auf den Steinboden und schleu-
derte wieder empor.
»Professor Moody!«, ertönte eine entsetzte Stimme.
Professor McGonagall kam mit den Armen voller Bücher
die Marmortreppe herunter.
»Hallo, Professor McGonagall«, sagte Moody gelassen und
ließ das Frettchen noch höher schleudern.
»Was ... was tun Sie da?«, fragte Professor McGonagall und
verfolgte mit den Augen das Auf und Ab des Frettchens.
»Unterrichten«, sagte Moody.
»Unter ... , Moody, ist das ein Schüler?«, kreischte Profes-
sor McGonagall und die Bücher fielen ihr aus den Armen.
»Jep«, sagte Moody.
»Nein!«, schrie Professor McGonagall; sie rannte die letz-
ten Stufen hinunter und zog ihren Zauberstab; mit einem
lauten Knall erschien Draco Malfoy, in sich zusammenge-
sunken auf dem Boden liegend, das glattseidene Blondhaar
217
über sein leuchtend rosarotes Gesicht gebreitet. Wimmernd
rappelte er sich wieder hoch.
»Moody, wir setzen Verwandlungen niemals zur Bestra-
fung ein!«, sagte Professor McGonagall ermattet. »Das hat
Ihnen Professor Dumbledore doch sicher gesagt?«
»Hat er vielleicht mal erwähnt, ja«, sagte Moody und kratzte
sich ungerührt am Kinn, »aber ich dachte, ein kurzer Schock,
der richtig wehtut –«
»Wir geben Strafarbeiten, Moody! Oder sprechen mit
dem Leiter des Hauses, dem der Missetäter angehört!«
»Das werd ich schon noch tun«, sagte Moody und starrte
Malfoy mit größter Abneigung an.
Malfoy, dessen blasse Augen immer noch vor Schmerz
und Scham tränten, sah voller Hass zu Moody auf und mur-
melte etwas, aus dem die Wörter »mein Vater« herauszuhö-
ren waren.
»Ach ja?«, sagte Moody leise und humpelte ein paar
Schritte vor, wobei das dumpfe Klonk seines Holzbeins von
den Wänden widerhallte. »Gut, ich kenn deinen Vater schon
sehr lange, Junge ... sag ihm, dass Moody seinen Sohn
jetzt scharf im Auge behält ... sag ihm das von mir ... und
euer Hauslehrer ist sicher Snape?«
»Ja«, grollte Malfoy.
»Noch ein alter Freund«, knurrte Moody. »Ich freu mich
schon die ganze Zeit auf ein Pläuschchen mit Snape ... komm
mit, du ...« Er packte Malfoy am Oberarm und schleifte ihn in
Richtung Kerker fort.
Professor McGonagall starrte ihnen einen Augenblick
lang mit bangem Blick nach, dann ließ sie mit einem
Schwung ihres Zauberstabs die auf dem Boden liegenden
Bücher zurück in ihre Arme flattern.
»Im Augenblick will ich kein Wort von euch hören«, flüs-
terte Ron Harry und Hermine zu, als sie sich ein paar Minu-
218
ten später an den Gryffindor-Tisch setzten, inmitten von
aufgeregtem Getuschel über das eben Geschehene.
»Warum nicht?«, fragte Hermine überrascht.
»Weil ich das für immer in mein Gedächtnis einbrennen
will«, sagte Ron mit geschlossenen Augen und einem Aus-
druck von ungetrübter Glückseligkeit auf dem Gesicht.
»Draco Malfoy, das sagenhafte hopsende Frettchen ...«
Hermine und Harry lachten und Hermine tat allen dreien
Rinderschmorbratenscheiben auf die Teller.
»Dabei hätte er Malfoy ernsthaft verletzen können«, sagte
sie. »Eigentlich war es gut, dass Professor McGonagall ein-
geschritten ist –«
»Hermine«, sagte Ron zornig und öffnete die Augen wie-
der. »Du zerstörst gerade den schönsten Moment meines
Lebens!«
Hermine murmelte etwas Unwirsches und begann schon
wieder mit unglaublicher Geschwindigkeit zu essen.
»Erklär mir ja nicht, du willst heute Abend wieder in die
Bibliothek?«, sagte Harry mit prüfendem Blick.
»Allerdings«, mampfte Hermine, »'ne Menge zu tun.«
»Aber du hast uns doch gesagt, Professor Vektor –«
»Es geht nicht um Hausaufgaben«, sagte sie. Fünf Minu-
ten später hatte sie ihren Teller leer geputzt und war ver-
schwunden.
Kaum war sie weg, als Fred Weasley auch schon ihren
Platz einnahm.
»Moody!«, sagte er. »Wie cool ist er?«
»Ultracool«, sagte George und setzte sich Fred gegenüber.
»Supercool«, sagte der beste Freund der Zwillinge,
Lee Jordan, und rutschte auf den Stuhl neben George.
»Wir hatten ihn heute Nachmittag«, erklärte er Harry und Ron.
»Und wie war's?«, sagte Harry neugierig.
219
Fred, George und Lee tauschten bedeutungsschwere
Blicke.
»So 'ne Stunde hab ich noch nie erlebt«, sagte Fred.
»Er weiß es, Mann«, sagte Lee.
»Weiß was?«, fragte Ron und beugte sich vor.
»Weiß, wie es ist, dort draußen zu sein und es zu tun«, sagte
George eindringlich.
»Was zu tun?«, fragte Harry.
»Gegen die schwarzen Magier zu kämpfen«, sagte Fred.
»Er hat alles erlebt«, sagte George.
»Irre«, sagte Lee.
Ron stöberte in seiner Tasche nach dem Stundenplan.
»Wir haben ihn erst am Donnerstag!«, sagte er enttäuscht.
220
Die Unverzeihlichen Flüche
Die nächsten beiden Tage vergingen ohne größere Zwi-
schenfälle, abgesehen davon, dass Neville in Zaubertränke
bereits seinen sechsten Kessel zum Schmelzen brachte. Pro-
fessor Snape, der im Sommer offenbar neue Höhen der Ge-
meinheit erklommen hatte, ließ ihn nachsitzen, und von dieser
Stunde, in der er einen Bottich gehörnter Kröten hatte
ausnehmen müssen, kehrte Neville als komplettes
Nervenbündel zurück.
»Dir ist doch klar, warum Snape derart übellaunig ist,
oder?«, sagte Ron zu Harry, während sie Hermine zusahen, die
Neville gerade einen Putzzauber beibrachte, damit er die
Froschinnereien unter seinen Fingernägeln loswurde.
»Jaah«, sagte Harry. »Moody.«
Es war kein Geheimnis, dass Snape in Wahrheit selbst Leh-
rer für Verteidigung gegen die dunklen Künste sein wollte,
und jetzt hatte er es auch im vierten Jahr nicht geschafft.
Snape hatte keinen ihrer bisherigen Lehrer in diesem Fach
ausstehen können und daraus auch keinen Hehl gemacht -doch
merkwürdigerweise schien er gegen Mad-Eye Moody lieber
keine offene Abneigung zeigen zu wollen. Im Gegen-
teil, immer wenn Harry die beiden zusammen sah – beim Es-
sen oder wenn sie sich auf dem Gang begegneten -, hatte er
den deutlichen Eindruck, dass Snape Moodys Blick auswich,
ob nun dem magischen oder dem normalen Auge.
»Ich glaube, Snape hat ein wenig Schiss vor ihm«, sagte
Harry nachdenklich.
221
»Stell dir vor, Moody würde Snape in eine gehörnte Kröte
verwandeln«, sagte Ron mit verschleiertem Blick, »und würde
ihn zwischen den Mauern seines Kerkers hin und her klatschen
lassen ...«
Die Viertklässler von Gryffindor waren so gespannt auf
Moodys erste Stunde, dass sie am Donnerstag nach dem
Mittagessen viel zu früh vor dem Klassenzimmer erschienen
und davor Schlange standen.
Wer fehlte, war Hermine, die schließlich erst in letzter Se-
kunde auftauchte.
»War in der –«
»- Bibliothek«, ergänzte Harry. »Komm schnell, die bes-
ten Plätze sind gleich weg.«
Sie stürzten sich auf drei Stühle direkt vor dem Lehrer-
tisch, nahmen Die dunklen Kräfte – Eine Anleitung zur Selbstver-
teidigung heraus und warteten ungewöhnlich leise auf das
Kommende. Es dauerte gar nicht lange, dann hörten sie
dumpfe, pochende Schritte den Gang entlanghallen, und schon
kam Moody, unheimlich und Furcht erregend wie er war, zur
Tür herein. Den hölzernen Klauenfuß konnten sie eben noch
unter seinem Umhang hervorlugen sehen.
»Die könnt ihr wieder wegstecken«, knurrte er, humpelte zu
seinem Tisch und setzte sich, »diese Bücher. Die braucht ihr
nicht.«
Sie räumten die Bücher wieder in ihre Taschen und vor al-
lem Ron schien davon schwer beeindruckt.
Moody zog eine Liste hervor, schüttelte seine lange grau-
weiße Haarmähne aus dem zerfurchten und vernarbten Ge-
sicht und begann ihre Namen aufzurufen, wobei sein nor-
males Auge langsam die Liste entlangwanderte, während das
magische Auge umherhuschte und jeden Schüler, der sich
meldete, scharf ansah.
»Gut denn«, sagte er, nachdem er den Letzten aufgerufen
222
hatte. »Ich habe hier einen Bericht von Professor Lupin über
den Wissensstand der Klasse. Sieht aus, als hättet ihr eine
recht gründliche Ausbildung im Umgang mit schwarzen
Kreaturen – ihr habt Irrwichte, Rotkappen, Hinkepanks,
Grindelohs, Kappas und Werwölfe durchgenommen, stimmt
das?«
Allseits zustimmendes Murmeln.
»Aber ihr liegt zurück – weit zurück – im Umgang mit
Flüchen«, sagte Moody. »Daher will ich euch mal ausführ-
lich beibringen, was Zauberer sich gegenseitig antun kön-
nen. Ich habe ein Jahr, um euch zu lehren, wie man mit den
dunklen –«
»Was, Sie bleiben nicht länger?«, platzte Ron heraus.
Moodys magisches Auge flutschte herum und starrte Ron
an; Ron schien aufs Äußerste gespannt, doch einen Moment
später breitete sich ein Lächeln auf Moodys Gesicht aus – wie
Harry es noch nie bei ihm gesehen hatte. Sein vernarbtes Ge-
sicht erschien dadurch nur noch zerfurchter und verzerrter, und
dennoch war es eine Erleichterung zu sehen, dass er auch zu
so etwas Freundlichem wie einem Lächeln fähig war. Ron
wirkte, als wäre ihm ein Stein vom Herzen gefallen.
»Du bist doch Arthur Weasleys Sohn, he?«, sagte Moody.
»Dein Vater hat mich vor ein paar Tagen aus einer ganz üblen
Klemme rausgeholt ... ja, ich bleibe nur dieses eine Jahr hier.
Und das auch nur, um Dumbledore einen Gefallen zu tun ...
ein Jahr, und dann kehre ich wieder in den Frieden meines
Ruhestands zurück.«
Er lachte rau und schlug die knochigen Hände zusammen.
»Also, legen wir gleich los. Flüche. Es gibt sie in vielen
Stärken und Gestalten. Dem Zaubereiministerium zufolge soll
ich euch Gegenflüche lehren und es dabei belassen.
Eigentlich darf ich euch die verbotenen schwarzen Flüche
erst zeigen, wenn ihr in der sechsten Klasse seid. Vorher seid
223
ihr angeblich noch zu jung, um damit fertig zu werden. Aber
Professor Dumbledore hält mehr von eurem Nervenkos-
tüm, er denkt, ihr schafft es, und ich sage, je früher ihr wisst,
wogegen ihr antretet, desto besser. Wie sollt ihr euch denn
gegen etwas verteidigen, was ihr nie gesehen habt? Ein Zau-
berer, der euch mit einem verbotenen Fluch verhext, wird euch
nicht sagen, was er vorhat. Er wird euch dabei ins Ge-
sicht lächeln. Ihr müsst darauf vorbereitet sein. Ihr müsst
wachsam sein und ständig auf der Hut. Das sollten Sie las-
sen, während ich rede, Miss Brown.«
Lavender zuckte zusammen und wurde knallrot. Sie hatte
Parvati unter dem Tisch ihr fertiges Horoskop gezeigt. Of-
fenbar konnte Moodys magisches Auge auch durch eine
Holzplatte sehen, nicht nur durch seinen Hinterkopf.
»Also ... weiß jemand von euch, welche Flüche vom Zau-
bereigesetz mit den schwersten Strafen belegt werden?«
Ein paar hoben vorsichtig die Hände, darunter auch Ron und
Hermine. Moody deutete auf Ron, doch sein magisches Auge
fixierte immer noch Lavender.
»Ähm«, sagte Ron zögernd, »mein Dad hat mir von einem
erzählt ... heißt er Imperius-Fluch oder so?«
»Ah ja«, sagte Moody anerkennend. »Den kennt dein Va-
ter natürlich. Hat dem Ministerium schon mal heftiges
Kopfzerbrechen bereitet, dieser Imperius-Fluch.«
Moody stellte sich schwer atmend auf seine ungleichen
Füße, öffnete die Schublade seines Tisches und nahm ein
Einmachglas heraus. Drei große schwarze Spinnen krabbel-
ten darin herum. Harry spürte, wie Ron neben ihm leicht
zurückwich – Ron verabscheute Spinnen.
Moody langte in das Glas, fing eine Spinne ein und legte sie
auf seinen Handballen, so dass alle sie sehen konnten.
Dann richtete er seinen Zauberstab auf sie und murmelte:
»Imperio!«
224
Die Spinne schwang sich an einem dünnen Faden von
Moodys Hand und begann hin- und herzuschwingen wie an
einem Trapez. Sie streckte die Beine aus, legte einen Salto
rückwärts ein, riss den Faden durch, landete auf dem Tisch
und begann im Kreis Rad zu schlagen. Moody schwang sei-
nen Zauberstab, und die Spinne stellte sich auf zwei Hinter-
beine und legte, wie es aussah, einen Stepptanz hin.
Alle lachten – alle außer Moody.
»Lustig, nicht wahr?«, knurrte er. »Würdet ihr es auch lus-
tig finden, wenn ich das mit euch machen würde?«
Das Lachen erstarb mit einem Schlag.
»Vollkommene Unterwerfung«, sagte Moody leise, wäh-
rend die Spinne sich zusammenrollte und über den Tisch
kugelte. »Ich könnte sie dazu bringen, aus dem Fenster zu
hüpfen, sich zu ersäufen, sich in einen von euren offenen
Mündern zu stürzen ...«
Ron erschauderte unwillkürlich.
»Vor einigen Jahren gab es eine Menge Hexen und Zau-
berer, die vom Imperius-Fluch beherrscht waren«, sagte
Moody, und Harry wusste, dass er über die Tage sprach, in
denen Voldemort auf dem Höhepunkt seiner Macht war.
»War keine leichte Aufgabe fürs Ministerium herauszu-
finden, wer unterworfen war und wer aus seinem freien Willen
heraus handelte.
Der Imperius-Fluch kann bekämpft werden, und ich werde
euch beibringen, wie. Doch das verlangt wirkliche
Charakterstärke und nicht alle besitzen die. Passt lieber auf,
dass ihr nicht zum Opfer dieses Fluchs werdet. IMMER
WACHSAM!«, bellte er, und alle zuckten zusammen.
Moody hob die Purzelbäume schlagende Spinne hoch und
warf sie wieder in das Glas. »Weiß noch jemand einen? Einen
verbotenen Fluch?«
Hermines Hand schoss erneut in die Höhe und auch, zu
225
Harrys gelinder Überraschung, die Nevilles. Der einzige
Unterricht, in dem Neville freiwillig etwas zum Besten gab,
war Kräuterkunde, mit Abstand sein stärkstes Fach. Neville
schien von seinem eigenen Wagemut überrascht.
»Ja?«, sagte Moody, und sein magisches Auge machte eine
halbe Drehung und fixierte Neville.
»Es gibt noch den ... den Cruciatus-Fluch«, sagte Neville
leise, aber deutlich.
Moody sah Neville sehr aufmerksam an, diesmal mit bei-
den Augen.
»Dein Name ist Longbottom?«, sagte er, und sein magi-
sches Auge stieß nach unten, um noch einmal die Liste zu
prüfen.
Neville nickte nervös, doch Moody fragte nicht weiter nach.
Er wandte sich wieder der Klasse zu, steckte die Hand in das
Glas, zog die nächste Spinne heraus und legte sie auf den
Tisch, wo sie reglos stehen blieb, offenbar starr vor Angst.
»Der Cruciatus-Fluch«, sagte Moody. »Die muss ein we-
nig größer werden, damit ihr euch eine Vorstellung davon
machen könnt.« Er richtete den Zauberstab auf die Spinne.
»Engorgio!«
Die Spinne schwoll an. Sie war jetzt größer als eine Taran-
tel. Alle falsche Gelassenheit fiel von Ron ab und er schob
seinen Stuhl, so weit er konnte, von Moodys Tisch weg.
Moody hob erneut seinen Zauberstab und richtete ihn ge-
gen die Spinne, dann murmelte er: »Crucio!«
Sofort falteten sich die Beine der Spinne über ihrem Kör-
per zusammen; sie rollte auf den Rücken und begann unter
fürchterlichen Krämpfen hin und her zu wippen. Sie gab
keinen Laut von sich, doch Harry wusste, wenn sie eine
Stimme gehabt hätte, dann hätte sie geschrien. Moody zog
seinen Zauberstab nicht zurück und die Spinne begann jetzt
noch heftiger zu zittern und zu zucken –
226
»Aufhören!«, kreischte Hermine.
Harry wandte sich zu ihr um. Hermines Blick galt nicht der
Spinne, sondern Neville, und Harry sah jetzt, dass Ne-
ville die Hände an die Tischplatte geklammert hatte, die
Knöchel weiß, die weit aufgerissenen Augen von Grauen er-
füllt.
Moody hob den Zauberstab. Die Beine der Spinne er-
schlafften, doch sie hörte nicht auf zu zucken.
»Reducio«, murmelte Moody und die Spinne schrumpfte
wieder auf ihre normale Größe zusammen. Er steckte sie zu-
rück in das Glas.
»Schmerz«, sagte Moody leise. »Man braucht keine Dau-
menschrauben oder Messer, um jemanden zu foltern, wenn
man den Cruciatus-Fluch beherrscht ... auch dieser war einst
sehr beliebt. Schön ... kennt jemand noch einen?«
Harry sah sich um. Den Gesichtern seiner Mitschüler nach
zu schließen fragten sie sich alle, was mit der letzten Spinne
geschehen würde. Hermines Hand zitterte leicht, als sie sich
zum dritten Mal meldete.
»Ja?«, sagte Moody und sah sie an.
»Avada Kedavra«, flüsterte Hermine.
Einige Schüler, darunter auch Ron, wandten sich voll Un-
behagen zu ihr um.
»Aah«, sagte Moody, und ein weiteres leises Lächeln ließ
seinen schräg sitzenden Mund zucken. »Ja, der letzte und
schlimmste. Avada Kedavra ... der tödliche Fluch.«
Er steckte die Hand in das Glas, und als wüsste sie, was ihr
bevorstand, krabbelte die dritte Spinne panisch auf dem Bo-
den herum und versuchte Moodys Fingern zu entkommen,
doch er schnappte sie und legte sie auf den Tisch, wo sie ver-
zweifelt hin und her lief.
Moody hob den Zauberstab und Harry spürte das jähe
Kribbeln einer bösen Vorahnung.
227
»Avada Kedavra«, donnerte Moody.
Ein gleißend heller grüner Lichtstrahl, ein scharfes Sirren,
als ob ein mächtiges, unsichtbares Etwas durch die Luft ras-
te – und im selben Augenblick kullerte die Spinne auf den
Rücken, unverletzt, doch offensichtlich tot. Einige Mädchen
stießen erstickte Schreie aus; Ron hatte sich nach hinten ge-
worfen und wäre fast vom Stuhl gefallen, als die Spinne auf
ihn zu rollte.
Moody wischte die tote Spinne vom Tisch.
»Nicht nett«, sagte er gelassen. »Nicht angenehm. Und es
gibt keinen Gegenfluch. Man kann ihn nicht abwehren. Wir
kennen bislang nur einen Menschen, der ihn überlebt hat, und
der sitzt hier vor mir.«
Harry spürte, wie er rot anlief, als Moodys Augen (dies-
mal beide) in die seinen blickten. Auch die Blicke aller an-
deren spürte er im Nacken. Harry starrte die leere Tafel an, als
ob sie besonders spannend wäre, doch im Grunde sah er sie
gar nicht ...
So also waren seine Eltern gestorben ... genau wie diese
Spinne. Waren auch sie ohne die Spur einer Verletzung ge-
blieben? Hatten sie einfach nur den grünen Lichtstrahl gese-
hen und das Sirren des rasenden Todes gehört, bevor ihr Le-
ben ausgelöscht wurde?
Seit drei Jahren schon stellte sich Harry den Tod seiner El-
tern immer wieder vor, seit er herausgefunden hatte, dass sie
ermordet worden waren, und wusste, was in jener Nacht ge-
schehen war: dass Wurmschwanz das Versteck seiner Eltern
an Voldemort verraten hatte, der sie daraufhin in dem Haus
aufgespürt hatte. Dass Voldemort zuerst Harrys Vater getö-
tet hatte. Dass James Potter versucht hatte, ihn aufzuhalten,
und seiner Frau zugerufen hatte, Harry an sich zu reißen und
zu fliehen ... doch Voldemort war auf Lily Potter zuge-
gangen und hatte ihr befohlen, beiseite zu treten, damit er
228
Harry töten konnte ... sie hatte ihn angefleht, sie an Harrys
statt zu töten, hatte sich geweigert, Harry preiszugeben ... und
so hatte Voldemort auch sie ermordet und dann den
Zauberstab gegen Harry gerichtet ...
Harry kannte diese Einzelheiten, weil er die Stimmen sei-
ner Eltern gehört hatte, als er letztes Jahr gegen die Demen-
toren kämpfte – denn dies war die schreckliche Gabe der
Dementoren: sie zwangen ihre Opfer, die schlimmsten Er-
innerungen ihres Lebens noch einmal zu durchleiden und
wehrlos in ihrer Verzweiflung zu ertrinken ...
Moody begann erneut zu sprechen, doch für Harry klang es
wie aus weiter Ferne. Mit äußerster Kraft riss er sich in die
Gegenwart zurück, um Moodys Worten zu lauschen.
»Avada Kedavra ist ein Fluch, hinter dem ein mächtiges
Stück Magie stehen muss – ihr könntet hier und jetzt eure
Zauberstäbe hervorholen, sie auf mich richten und die Worte
sagen, und ich würde mir vermutlich nicht mal eine blutige
Nase holen. Aber das spielt keine Rolle. Ich bin nicht hier, um
euch beizubringen, wie der Fluch funktio-
niert.
Wenn es keinen Gegenzauber gibt, warum zeige ich euch
dann den Fluch? Weil ihr ihn kennen müsst! Ihr müsst das
Schlimmste mit eigenen Augen gesehen haben. Ihr wollt euch
doch nicht in eine Lage bringen, in der ihr es mit ihm zu tun
bekommt. IMMER WACHSAM!«, polterte er und wieder
zuckte die ganze Klasse zusammen.
»Nun ... diese drei Flüche – Avada Kedavra, Imperius und
Cruciatus – nennen wir die Unverzeihlichen Flüche. Wer auch
nur einen von ihnen gegen einen Mitmenschen richtet, handelt
sich einen lebenslangen Aufenthalt in Aska-
ban ein. Dagegen steht ihr. Den Kampf gegen diese Flüche
muss ich euch beibringen. Ihr müsst euch vorbereiten. Ihr
müsst euch wappnen. Doch vor allem müsst ihr lernen, in
229
eurer Wachsamkeit niemals nachzulassen. Holt eure Federn
raus ... und schreibt mit ...«
Den Rest der Stunde verbrachten sie damit, sich zu jedem
der Unverzeihlichen Flüche Notizen zu machen. Keiner
sprach, bis es läutete – doch als Moody sie entlassen hatte und
sie draußen vor dem Klassenzimmer standen, brach ein
Schwall von Worten aus ihnen heraus. Die meisten redeten mit
ängstlicher Stimme über die Flüche – »Hast du gesehen, wie
sie gezuckt hat?« – »... und dann hat er sie getötet – ein-
fach so!«
Sie sprachen über die Stunde, fand Harry, als ob sie eine
atemberaubende Show gewesen wäre, doch er hatte sie nicht
besonders unterhaltsam gefunden – und wie es schien, auch
Hermine nicht.
»Beeilt euch«, sagte sie in angespanntem Ton zu Harry und
Ron.
»Nicht schon wieder die blöde Bibliothek?«, sagte Ron.
»Nein«, sagte Hermine schroff und deutete in einen Sei-
tengang. »Neville.«
Neville stand allein in der Mitte des Ganges und starrte auf
die steinerne Wand gegenüber – mit denselben weit auf-
gerissenen, grauenerfüllten Augen wie vorhin, als Moody den
Cruciatus-Fluch gezeigt hatte.
»Neville?«, sagte Hermine mit sanfter Stimme.
Neville wandte sich um.
»Oh, hallo«, sagte er mit ungewöhnlich hoher Stimme.
»Interessante Stunde, nicht wahr? Bin gespannt, was es zu
essen gibt, ich ... ich verhungere gleich, du auch?«
»Neville, geht's dir gut?«, fragte Hermine.
»O ja, mir geht's blendend«, plapperte Neville immer noch
mit unnatürlich hoher Stimme. »Sehr interessant, das
Abendessen – der Unterricht, meine ich – was gibt's zu es-
sen?«
230
Ron warf Harry einen verdutzten Blick zu.
»Neville ... was –?«
Doch ein merkwürdig dumpfes Pochen ertönte hinter ih-
nen, sie wandten sich um und sahen Professor Moody auf sie
zu hinken. Alle vier verstummten und sahen ihn beklom-
men an, doch so leise und sanft wie jetzt hatten sie ihn noch
nicht sprechen gehört.
»Ist schon gut, Kleiner«, sagte er zu Neville. »Willst du
nicht kurz mit mir hoch ins Büro kommen? Keine Sorge ...
wir trinken zusammen ein Tässchen Tee ...«
Die Aussicht auf eine Tasse Tee mit Moody schien Neville
noch mehr Angst einzujagen. Er blieb stumm und rührte
sich nicht vom Fleck.
Moody ließ sein magisches Auge auf Harry ruhen. »Dir
geht's gut, nicht wahr, Potter?«
»Ja«, sagte Harry, fast herausfordernd.
Moodys blaues Auge zitterte leicht in seiner Höhle, wäh-
rend er Harry mit prüfendem Blick ansah.
»Du musst es erfahren«, sagte er schließlich. »Es kommt
dir vielleicht hart vor, aber du musst es erfahren. Hat keinen
Sinn sich was vorzumachen ... nun denn ... komm mit,
Longbottom, ich hab da ein paar Bücher, die dich interessie-
ren werden.«
Neville warf den drei Freunden einen flehenden Blick zu,
doch sie sagten kein Wort, und so hatte er keine Wahl, als
sich, eine von Moodys knöchernen Händen auf der Schulter,
mit sanfter Gewalt fortführen zu lassen.
»Was sollte das jetzt wieder?«, sagte Ron, als Neville und
Moody um die Ecke verschwunden waren.
»Keine Ahnung«, sagte Hermine mit nachdenklicher
Miene.
»Bestimmt 'ne Lektion für uns, oder?«, sagte Ron zu
Harry auf dem Weg zur Großen Halle. »Fred und George
231
hatten Recht, siehst du? Er kennt sich wirklich aus, dieser
Moody. Wie er Avada Kedavra gebracht hat und diese Spinne
dann tot umgefallen ist, so einfach den Löffel abge-
geben hat –«
Doch Ron verstummte, als er den Ausdruck auf Harrys
Gesicht sah, und sprach erst wieder, als sie in die Große Halle
gelangten, wo er vorschlug, am Abend schon mal mit den
Voraussagen für Professor Trelawney anzufangen, da sie
sicher Stunden dafür brauchen würden.
Hermine hielt sich aus dem Gespräch zwischen Harry
und Ron heraus, putzte in aller Hast ihren Teller leer und
stürzte dann wieder in Richtung Bibliothek davon. Harry
und Ron schlenderten zurück in den Gryffindor-Turm, und
Harry, der beim Essen an nichts anderes gedacht hatte,
sprach jetzt selbst die Sache mit den Unverzeihlichen Flü-
chen an.
»Würden Moody und Dumbledore nicht Schwierigkeiten
mit dem Ministerium kriegen, wenn die erfahren, dass wir die
Flüche gesehen haben?«, fragte Harry, als sie auf die fette
Dame zugingen.
»Jaah, ziemlich sicher«, sagte Ron. »Aber Dumbledore hat
immer seinen eigenen Kopf durchgesetzt, und Moody hat,
glaube ich, schon seit Jahren Schwierigkeiten mit denen.
Greift erst an und stellt dann Fragen – denk nur an seine
Mülleimer. Quatsch.«
Die fette Dame klappte zur Seite und gab das Eingangs-
loch frei, und sie kletterten in den Gemeinschaftsraum der
Gryffindors, der heute Abend überfüllt und lärmig war.
»Also, wie war's mit dem Wahrsagekram?«, sagte Harry.
»Muss wohl sein«, stöhnte Ron.
Sie gingen hoch in den Schlafsaal, um ihre Bücher und
Karten zu holen, und fanden dort Neville allein auf dem
Bett sitzend und lesend. Er sah um einiges ruhiger aus als
232
nach Moodys Unterricht, wenn auch noch nicht ganz bei-
sammen. Seine Augen waren noch ziemlich rot.
»Geht's dir gut, Neville?«, fragte Harry.
»Ja, ja«, sagte Neville, »mir geht's gut, danke. Ich lese ge-
rade dieses Buch, das mir Professor Moody geliehen hat ...«
Er hielt das Buch hoch: Magische Wasserpflanzen des Mittel-
meeres und ihre Wirkungen.
»Professor Sprout hat nämlich Professor Moody erzählt,
dass ich in Kräuterkunde wirklich gut bin«, sagte Neville. In
seiner Stimme lag ein Hauch von Stolz, den Harry bei ihm
kaum einmal wahrgenommen hatte. »Er dachte, dieses Buch
würde mir gefallen.«
Neville zu sagen, was Professor Sprout berichtet hatte, war
eine sehr taktvolle Art, ihn aufzumuntern, fand Harry, denn
Neville bekam sehr selten zu hören, dass er in irgend-
etwas gut sei. Auf diese Weise hätte es auch Professor Lupin
versucht.
Harry und Ron nahmen ihre Exemplare von Entnebelung der
Zukunft mit nach unten, suchten sich einen freien Tisch und
machten sich an ihre Vorhersagen für den kommenden Monat.
Eine Stunde später war ihr Tisch zwar übersät mit
Pergamentblättern voll Zahlen und Symbolen, und Harrys
Kopf war vernebelt, als wäre er gefüllt mit den Ausdünstun-
gen von Professor Trelawneys Feuer, doch eigentlich waren
sie kaum vorangekommen.
»Ich hab keinen Schimmer, was dieses Zeug hier bedeu-
ten soll«, sagte er und starrte auf eine lange Liste mit Zahlen
und Formeln.
»Weißt du was«, sagte Ron, dem die Haare zu Berge stan-
den, weil er vor Ärger ständig mit den Fingern durch seinen
Schöpf fuhr, »ich glaube, wir probieren es mal wieder mit
unserer alten Wahrsagekrücke.«
»Wie bitte – das Ganze erfinden?«
233
»Ja«, sagte Ron, wischte das Gewirr bekritzelter Perga-
mente vom Tisch, stippte seine Feder ins Tintenfass und be-
gann zu schreiben.
»Am nächsten Montag«, sagte er eifrig kritzelnd, »werd ich
wahrscheinlich einen Schnupfen kriegen, und zwar weil Mars
und Jupiter ganz ungünstig zueinander stehen.« Er sah zu
Harry auf. »Du kennst sie doch – misch 'ne hübsche Por-
tion Elend rein, und sie leckt es dir aus der Hand.«
»Stimmt«, sagte Harry, knüllte seinen ersten Versuch zu-
sammen und warf den Pergamentball über die Köpfe einiger
schnatternder Erstklässler hinweg ins Feuer. »Gut ... am
Montag gerate ich in Gefahr – ähm – mich zu verbrennen.«
»Da kannst du Gift drauf nehmen«, sagte Ron mit finste-
rem Blick, »am Montag sehen wir die Kröter wieder. Schön,
am Dienstag werd ich dann ... ähm ...«
»Etwas verlieren, das dir lieb und teuer ist«, sagte Harry, der
auf der Suche nach Anregungen durch Entnebelung der Zukunft
blätterte.
»Gute Idee«, sagte Ron und schrieb sie auf. »Wegen ... ähm
... Merkur. Wie war's, wenn dir jemand, den du für einen
Freund gehalten hast, ein Messer in den Rücken stößt?«
»Jaah ... cool ...«, sagte Harry und ließ die Feder kratzen,
»weil ... Venus im zwölften Haus steht.«
»Und am Mittwoch, glaub ich, krieg ich bei einer Prügelei
was auf die Nase.«
»Aaah, eigentlich wollte ich mich prügeln. Gut, dann ver-
lier ich eine Wette.«
»Ja, du wettest, dass ich die Prügelei gewinne ...«
So strickten sie noch eine Stunde weiter an ihren Vorher-
sagen (die immer tragischer wurden), während die anderen
allmählich schlafen gingen.
Krummbein kam zu ihnen herübergeschlenzt, sprang
leichtfüßig auf einen leeren Stuhl und starrte Harry mit un-
234
ergründlichen Augen an, ganz so, wie Hermine schauen
würde, wenn sie gewusst hätte, dass sie ihre Hausaufgaben
nicht ordentlich erledigten.
Harry ließ den Blick durch das Zimmer schweifen und
versuchte sich ein Unglück einfallen zu lassen, das er noch
nicht aufgebraucht hatte, da sah er Fred und George an der
Wand gegenüber sitzen, die Köpfe zusammengesteckt und
mit gezückten Federn über einem Pergament brütend. Man
sah die beiden nur ganz selten in einer Ecke versteckt und
stumm bei der Arbeit; meist liebten sie den Trubel und wa-
ren dann auch der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wie
sie da gemeinsam an ihrem Pergament arbeiteten, hatten sie
etwas Geheimnistuerisches an sich, und Harry fiel ein, dass sie
schon im Fuchsbau zusammengesessen und etwas ge-
schrieben hatten. Damals hatte er gedacht, es ginge um ein
neues Bestellformular für Weasleys Zauberhafte Zauber-
scherze, doch diesmal sah es nicht danach aus, denn sonst
hätten sie gewiss Lee Jordan an dem Spaß beteiligt. Er fragte
sich, ob es etwas mit dem Versuch zu tun hatte, am Trima-
gischen Turnier teilzunehmen.
Harry sah jetzt, wie George den Kopf schüttelte, mit sei-
ner Feder etwas durchstrich und mit ganz leiser Stimme, die
dennoch durch den fast leeren Raum herüberwehte, zu Fred
sagte: »Nein – das klingt, als würden wir ihn beschuldigen.
Wir müssen vorsichtig sein ...«
Dann sah George auf und bemerkte, dass Harry sie be-
obachtete. Harry grinste und wandte sich rasch wieder sei-
nen Vorhersagen zu – er wollte nicht, dass George dachte,
er würde lauschen. Kurz danach rollten die Zwillinge ihr
Pergament zusammen, sagten gute Nacht und gingen zu
Bett.
Die beiden waren gerade zehn Minuten fort, als das Por-
trätloch aufging und Hermine in den Gemeinschaftsraum
235
kletterte, in der einen Hand ein Blatt Pergament und in der
anderen ein Kästchen mit schepperndem Inhalt.
Krummbein machte einen Buckel und schnurrte.
»Hallo«, sagte sie, »ich bin gerade fertig geworden!«
»Ich auch!«, sagte Ron ausgelassen und warf seine Feder
hin.
Hermine setzte sich, legte ihre Sachen auf einen lee-
ren Sessel und zog das Blatt mit Rons Voraussagen zu sich
her.
»Wird kein besonders guter Monat für dich, oder?«, sagte
sie mit schrägem Lächeln, während Krummbein es sich auf
ihrem Schoß gemütlich machte.
»Tjaah, wenigstens bin ich vorgewarnt«, gähnte Ron.
»Sieht aus, als ob du zweimal ertrinkst«, sagte Hermine.
»Ach nein, wirklich?«, sagte Ron und warf einen Blick auf
seine Vorhersagen. »Dann ändere ich das eine lieber in Zer-
trampeltwerden von einem wild gewordenen Hippogreif.«
»Meinst du nicht, jeder merkt, dass ihr alles erfunden
habt?«, fragte Hermine.
»Wie kannst du nur so etwas sagen!«, rief Ron mit gespiel-
ter Entrüstung. »Wir haben hier geschuftet wie die Haus-
elfen!«
Hermine hob die Brauen.
»Ist doch nur so 'ne Redewendung«, sagte Ron hastig.
Auch Harry legte jetzt seine Feder weg, nachdem er zum
guten Schluss seinen Tod durch Enthauptung vorausgesagt
hatte.
»Was ist dadrin?«, fragte er und deutete auf das Kästchen.
»So 'n Zufall, dass du fragst«, sagte Hermine und warf Ron
einen garstigen Blick zu. Sie hob den Deckel des Käst-
chens ab.
Darin lagen etwa fünfzig Anstecker in verschiedenen Far-
ben, doch alle mit derselben Aufschrift: B.ELFE.R.
236
»Belfer?«, sagte Harry, nahm einen Anstecker und be-
trachtete ihn. »Was ist das?«
»Nicht Belfer«, sagte Hermine höchst ungehalten. »Es heißt
B-ELFE-R, Bund für ELFEnRechte.«
»Nie davon gehört«, sagte Ron.
»Natürlich nicht«, fauchte Hermine, »ich hab ihn eben erst
gegründet.«
»Achja?«, sagte Ron milde überrascht. »Wie viele Mitglie-
der hat er?«
»Na ja – wenn ihr mitmacht – drei«, sagte Hermine.
»Und du glaubst im Ernst, wir wollen mit Ansteckern
rumlaufen, auf denen > Belfer< steht?«
»B-ELFE-R!«, zürnte Hermine. »Zuerst hatte ich > Stoppt
die schändliche Misshandlung unserer magischen Mitge-
schöpfe – Bewegung zur Stärkung der Elfenrechte<, aber das
hat nicht draufgepasst. Dafür ist es jetzt der Titel unseres
Manifests.«
Sie wedelte mit dem Pergament unter ihren Nasen. »Ich hab
in der Bibliothek gründlich nachgeforscht. Die Elfen-
versklavung reicht schon Jahrhunderte zurück. Ich kann ein-
fach nicht fassen, dass bisher niemand was dagegen unter-
nommen hat.«
»Hermine – nun hör mal gut zu«, sagte Ron laut. »Sie.
Mögen. Es. Sie mögen es, versklavt zu sein!«
»Unser kurzfristiges Ziel«, sagte Hermine, noch lauter sogar
als Ron und scheinbar ohne ein Wort gehört zu haben, »ist die
Durchsetzung fairer Löhne und Arbeitsbedingun-
gen. Zu unseren langfristigen Zielen gehört die Änderung des
Gesetzes über den Nichtgebrauch von Zauberstäben und der
Versuch, eine Elfe in die Abteilung zur Führung und Aufsicht
Magischer Geschöpfe zu bringen, denn dort sind sie skandalös
schlecht vertreten.«
»Und wie stellen wir das an?«, fragte Harry.
237
»Zuerst mal werben wir Mitglieder an«, sagte Hermine
munter. »Ich dachte an zwei Sickel für die Mitgliedschaft –
dafür gibt es einen Anstecker – und mit dem Erlös können
wir unsere Flugblattkampagne bezahlen. Du bist der Schatz-
meister, Ron – oben hab ich für dich eine Sammelbüchse –,
und Harry, du bist der Sekretär, also wär's am besten, wenn
du alles mitschreibst, was ich jetzt sage, um unser erstes
Treffen festzuhalten.«
Eine Pause trat ein, in der Hermine die beiden anstrahlte
und Harry nur dasaß, hin- und hergerissen zwischen Ärger
über Hermine und Belustigung über Rons Miene. Nicht
Ron brach das Schweigen, der ohnehin aussah, als hätte es
ihm zeitweilig die Sprache verschlagen, sondern ein leises
tok, tok am Fenster. Harry spähte durch den inzwischen lee-
ren Gemeinschaftsraum und sah eine ins Mondlicht ge-
tauchte Schneeeule auf dem Fenstersims hocken.
»Hedwig!«, rief er, sprang aus dem Sessel, stürmte hinüber
und riss das Fenster auf.
Hedwig flog herein, schwebte durch den Raum und ließ sich
auf dem Tisch mit Harrys Vorhersagen nieder.
»Wird langsam Zeit!«, sagte Harry und rannte ihr nach.
»Sie hat eine Antwort!«, sagte Ron aufgeregt und deutete
auf das schmuddelige Stück Pergament, das an Hedwigs Bein
gebunden war. Hastig knüpfte Harry das Pergament los und
setzte sich, um es zu lesen, woraufhin Hedwig ihm aufs Knie
flatterte und leise schuhuhte.
»Was schreibt er?«, fragte Hermine atemlos.
Der Brief war sehr kurz und sah aus, als wäre er in großer
Hast hingekritzelt worden. Harry las ihn laut vor:
Harry,
ich fliege sofort nach Norden. Diese Neuigkeit über deine
Narbe ist nur das letzte Glied in einer Kette merkwürdiger
238
Gerüchte, die mir hier zu Ohren gekommen sind. Wenn sie
wieder anfängt zu schmerzen, geh unverzüglich zu Dum-
bledore – es heißt, er habe Mad-Eye aus dem Ruhestand zu-
rückgeholt, was bedeutet, dass wenigstens er, wenn auch
sonst keiner, die Zeichen liest.
Ich melde mich bald. Meine besten Wünsche an Ron und
Hermine. Halt die Augen offen, Harry.
Sirius
Harry sah zu Ron und Hermine auf, die ihn mit großen Au-
gen anstarrten.
»Er fliegt nach Norden?«, flüsterte Hermine. »Er kommt
zurück?«
»Was sind das für Zeichen, die Dumbledore liest?«, fragte
Ron vollkommen perplex. »Harry, was ist los mit dir?«
Harry hatte sich gerade mit der Faust gegen die Stirn ge-
schlagen und Hedwig aus seinem Schoß geworfen.
»Ich hätt's ihm nicht sagen sollen!«, rief er wütend.
»Wovon redest du eigentlich?«, sagte Ron verdutzt.
»Jetzt denkt er, er muss zurückkommen!«, sagte Harry
und donnerte seine Faust so heftig auf den Tisch, dass Hed-
wig auf Rons Stuhllehne flatterte und entrüstet grummelte.
»Zurückkommen, weil er glaubt, ich sei in Schwierigkeiten!
Aber mir geht's doch gut! Und für dich hab ich nichts«,
fauchte er Hedwig an, die erwartungsvoll mit dem Schnabel
klackerte, »da musst du schon hoch in die Eulerei, wenn du
was zu fressen willst.«
Hedwig warf ihm einen zutiefst beleidigten Blick zu, er-
wischte ihn mit ausgebreitetem Flügel unsanft am Kopf und
flog zum offenen Fenster hinaus.
»Harry –«, setzte Hermine beschwichtigend an.
»Ich geh schlafen«, sagte Harry barsch. »Bis morgen früh
dann.«
239
Oben im Schlafsaal zog er seinen Pyjama an und legte sich
ins Himmelbett, doch er spürte nicht die geringste Müdig-
keit.
Wenn Sirius zurückkäme und gefasst würde, wäre es seine,
Harrys, Schuld. Warum hatte er nicht den Mund ge-
halten? Ein paar Sekunden Schmerz und er musste gleich
losjammern ... hätte er nur kühlen Kopf bewahrt und alles für
sich behalten ...
Kurze Zeit später hörte er Ron in den Schlafsaal kommen,
doch er sprach ihn nicht an. Lange lag Harry wach und
starrte auf den dunklen Baldachin über seinem Bett. Im
Schlafsaal herrschte vollkommene Stille, und wäre Harry
nicht so tief in Gedanken versunken gewesen, wäre ihm auf-
gefallen, dass Neville nicht wie üblich schnarchte und er da-
her nicht der Einzige war, der keinen Schlaf fand.
240
Beauxbatons und Durmstrang
Als hätte Harrys Kopf im Schlaf unermüdlich gearbeitet, er-
wachte er früh am nächsten Morgen mit einem glasklaren Plan
im Sinn. Er stand auf, zog sich im blassen Dämmerlicht an und
ging dann ohne Ron zu wecken hinunter in den ver-
lassenen Gemeinschaftsraum. Er nahm ein Blatt Pergament
vom Tisch, auf dem noch seine Hausaufgaben für Wahrsa-
gen lagen, und schrieb den folgenden Brief:
Lieber Sirius,
ich glaube, ich habe mir nur eingebildet, dass meine Narbe
wehtat, ich war noch ziemlich verpennt, als ich dir diesen
Brief schrieb. Es hat keinen Zweck, dass du zurückkommst,
hier ist alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen um mich,
mein Kopf fühlt sich ganz normal an.
Harry
Dann kletterte er aus dem Porträtloch, stieg die Treppen des
noch im Schlaf liegenden Schlosses hoch (nur ganz kurz von
Peeves aufgehalten, der ihm in einem Korridor im vierten
Stock eine große Vase über den Kopf stülpen wollte), bis er
schließlich in die Eulerei in der Spitze des Westturms ge-
langte. Die Eulerei war ein kreisrunder Raum mit steiner-
nen Wänden, und da die Fenster keine Scheiben hatten, war er
recht kalt und zugig. Der strohbedeckte Boden war über-
sät mit Eulenmist und ausgewürgten Knochen von Mäusen
und Maulwürfen. Hunderte von Eulen jeder erdenklichen
241
Art hockten hier auf den Stangen, die sich bis hoch zum
Turmgebälk zogen, und fast alle schliefen, auch wenn hie und
da ein rundes Bernsteinauge Harry mit scharfem Blick folgte.
Jetzt sah er auch Hedwig behaglich zwischen einer
Schleiereule und einem Waldkauz schlafen, und er ging has-
tig zu ihr hinüber, wobei er fast auf dem mit Vogelkot über-
säten Boden ausgerutscht wäre. Es dauerte eine Weile, bis er
sie dazu bringen konnte, aufzuwachen und ihn überhaupt
anzusehen, denn zunächst trippelte sie auf ihrer Stange um-
her und zeigte ihm nur den Schwanz. Offensichtlich war sie
immer noch gekränkt wegen seiner undankbaren Art am
Abend zuvor. Am Ende schaffte es Harry dann doch, sie zu
überzeugen, indem er laut überlegte, dass sie wohl zu müde
sei und er Ron bitten würde, ihm Pigwidgeon zu leihen;
daraufhin streckte sie ein Bein aus und ließ ihn den Brief
daran festbinden.
»Du findest ihn, nicht wahr?«, sagte Harry und streichelte
ihr übers Gefieder, während er sie auf dem Arm zu einer der
Mauerluken trug. »Bevor die Dementoren ihn finden.«
Sie kniff ihm in den Finger, vielleicht ein wenig kräftiger als
sonst, schuhuhte jedoch leise, als wollte sie ihn trotz allem be-
ruhigen. Dann breitete sie ihre Flügel aus und flatterte in den
Sonnenaufgang hinein. Harry sah ihr mit dem schon vertrau-
ten flauen Gefühl im Magen nach, bis sie verschwunden war.
Er war sich so sicher gewesen, dass Sirius' Antwort seine Sor-
gen lindern und nicht noch steigern würde.
»Das war eine Lüge, Harry«, sagte Hermine in scharfem Ton
beim Frühstück, als er ihr und Ron von seinem Brief erzählt
hatte. »Du hast dir nicht bloß eingebildet, dass deine Narbe
wehtat, das weißt du genau.«
»Na und?«, sagte Harry. »Meinetwegen soll er jedenfalls
nicht wieder in Askaban landen.«
242
»Lass stecken«, fuhr Ron Hermine an, als sie den Mund
öffnete, um noch ein wenig weiterzustreiten; und aus-
nahmsweise folgte ihm Hermine und verstummte.
Während der nächsten Wochen mühte sich Harry nach
Kräften, sich keine Sorgen über Sirius zu machen. Gewiss,
er konnte es einfach nicht lassen, mit bangem Gefühl auf-
zusehen, wenn am Morgen die Posteulen ankamen, noch
konnte er verhindern, dass spät am Abend, bevor er ein-
schlief, grauenhafte Bilder an seinem inneren Auge vorbei-
zogen, Bilder von Sirius, wie er in irgendeiner dunklen Lon-
doner Straße von Dementoren in die Enge getrieben wurde.
Doch ansonsten gab er sich Mühe, nicht an seinen Paten zu
denken. Könnte er doch nur Quidditch spielen, um sich ab-
zulenken; nichts hätte seinem aufgewühlten Gemüt so gut
getan wie eine harte, fetzige Trainingsstunde. Andererseits
war der Unterricht jetzt so anspruchsvoll und schwierig wie
nie zuvor, besonders in Verteidigung gegen die dunklen
Künste.
Zu ihrer Überraschung hatte Professor Moody angekün-
digt, dass er jeden Einzelnen von ihnen mit dem Imperius-
Fluch belegen würde, um dessen Macht zu zeigen und zu
prüfen, ob sie sich gegen seine Wirkungen zur Wehr setzen
konnten.
»Aber, Sie sagten doch, er sei verboten, Professor«, sagte
Hermine verunsichert, als Moody mit einem Schwung sei-
nes Zauberstabs die Tische fortrücken ließ und sich einen
großen freien Platz in der Mitte des Raumes verschaffte. »Sie
sagten – ihn gegen einen anderen Menschen einzuset-
zen, sei –«
»Dumbledore will, dass ich euch beibringe, wie es sich an-
fühlt«, sagte Moody, und sein magisches Auge schwamm zu
Hermine hin und fixierte sie mit schaurigem Blick, ohne ein
einziges Mal zu blinzeln. »Wenn du es lieber auf die harte
243
Tour lernen willst – wenn dich jemand damit überrascht und
dich vollkommen unterwirft – mir soll es recht sein. Du bist
entschuldigt. Da geht's raus.«
Er wies mit seinem knochigen Finger zur Tür. Hermine lief
rosa an und murmelte etwas von wegen, das hätte sie so nicht
gemeint. Harry und Ron grinsten sich zu. Sie wussten, dass
Hermine lieber Bubotubler-Eiter schlürfen würde als eine so
wichtige Unterrichtsstunde zu verpassen.
Moody ließ sie der Reihe nach vortreten und belegte sie mit
dem Imperius-Fluch. Harry beobachtete, wie seine Mit-
schüler unter Moodys Einfluss die erstaunlichsten Dinge
vollführten. Dean Thomas hüpfte dreimal im Kreis durchs
Zimmer und sang dabei die Nationalhymne. Lavender Brown
ahmte ein Eichhörnchen nach. Neville zeigte eine Reihe ganz
verblüffender Gymnastikübungen, bei denen er ansonsten
sicher zusammengeklappt wäre. Nicht einer von ihnen schien
fähig zu sein, den Fluch abzuwehren, und alle erholten sich
erst, als Moody ihn wieder aufhob.
»Potter«, knurrte Moody, »du bist dran.«
Harry trat vor in die Mitte des Klassenzimmers, wo Moody
Platz geschaffen hatte. Moody hob den Zauberstab, richtete
ihn auf Harry und sagte: »Imperio.« Es war ein höchst
wundersames Gefühl. Harry glaubte zu schweben, jeder Ge-
danke, alle Sorgen, die ihn Umtrieben, waren wie von sanfter
Hand weggewischt, und zurück blieb nur ein vages, uner-
gründliches Glücksgefühl. Da stand er, unendlich entspannt,
nur leise ahnend, dass alle ihn ansahen. Und dann hörte er
Mad-Eye Moodys Stimme in einer fernen Kammer seines
leeren Kopfes widerhallen: »Spring auf den Tisch ... spring auf
den Tisch ...« Harry ging folgsam in die Knie und setzte zum
Sprung an.
»Spring auf den Tisch ...«
Warum eigentlich?
244
Eine andere Stimme, weit hinten in seinem Kopf, war er-
wacht. »Wär doch ziemlich bescheuert, das zu tun«, sagte die
Stimme.
»Spring auf den Tisch ...«
»Nein, das werd ich lieber nicht tun, danke«, sagte die andere
Stimme, ein wenig fester ... »Nein, ich will nicht wirklich ...«
»Spring! Sofort.«
Was Harry als Nächstes spürte, war ein heftiger Schmerz.
Er war gesprungen und hatte zugleich versucht sich davon
abzuhalten – woraufhin er mit dem Kopf auf den Tisch ge-
schlagen war, ihn umgeworfen hatte und sich, nach dem Ge-
fühl in seinen Beinen zu schließen, auch noch beide Knie-
scheiben zertrümmert hatte.
»Nun, das war doch schon mal was!«, hörte er Moodys
knurrende Stimme, und plötzlich spürte Harry, wie das leere,
hallende Gefühl in seinem Kopf verschwand. Er erin-
nerte sich genau daran, was passiert war, und der Schmerz in
seinen Knien schien sich noch zu verdoppeln.
»Schaut euch das an, ihr Rasselbande ... Potter hat ge-
kämpft! Er hat gegen den Fluch angekämpft und ihn ver-
dammt noch mal fast gebrochen! Wir versuchend noch mal,
Potter, und die anderen passen gut auf – schaut ihm in die
Augen, da seht ihr's – sehr gut, Potter, wirklich sehr gut! Die
werden Schwierigkeiten haben, dich zu unterwerfen!«
»So, wie er redet«, murmelte Harry, als er eine Stunde
später aus dem Klassenzimmer humpelte (Moody hatte da-
rauf bestanden, Harry viermal in Folge an seine Grenzen ge-
hen zu lassen, bis er schließlich den Fluch vollkommen ab-
schütteln konnte), »so, wie er redet, sollte man meinen, wir
könnten jeden Augenblick angegriffen werden.«
»Ja, ich weiß«, sagte Ron, der immer noch bei jedem
zweiten Schritt hüpfte. Er hatte viel mehr Probleme mit dem
Fluch gehabt als Harry, doch Moody versicherte ihm,
245
die Wirkung würde bis zum Mittagessen abklingen. »Wenn
wir schon beim Verfolgungswahn sind ...«, Ron sah nervös
über die Schulter, ob Moody auch ja außer Hörweite war, und
fuhr fort: »Kein Wunder, dass sie im Ministerium froh waren,
ihn loszuwerden. Hast du gehört, wie er Seamus er-
zählt hat, was er mit dieser Hexe angestellt hat, die am ersten
April hinter seinem Rücken > Buuh< gerufen hat? Und wann
sollen wir denn alles über den Widerstand gegen den Impe-
rius-Fluch nachlesen, wenn wir ohnehin so viel zu tun ha-
ben?«
Allen Viertklässlern war aufgefallen, dass sie dieses Jahr
eine ganze Menge mehr arbeiten mussten. Professor McGo-
nagall erklärte ihnen auch, warum, als die Klasse in Ver-
wandlung mit besonders lautem Stöhnen und Ächzen auf eine
neue Ladung Hausaufgaben reagiert hatte.
»Für Sie beginnt jetzt eine besonders wichtige Zeit in Ihrer
Ausbildung als Zauberer!«, verkündete sie und die Augen
hinter ihren quadratischen Brillengläsern glitzerten gefährlich.
»Ihre Prüfungen für die ZAGs stehen bevor –«
»Wir kriegen die ZAGs doch erst im fünften Jahr!«, sagte
Dean Thomas entrüstet.
»Das mag sein, Thomas, aber glauben Sie mir, Sie brau-
chen alle Vorbereitung, die Sie bekommen können! Miss
Granger ist bis heute die Einzige in der Klasse, die es schafft,
einen Igel in ein gewöhnliches Nadelkissen zu verwandeln. Ich
darf Sie daran erinnern, Thomas, dass Ihr Kissen immer noch
vor Angst zusammenschrumpft, wenn sich jemand mit einer
Nadel nähert!«
Hermine war wieder einmal rosa angelaufen und schien sich
zu bemühen, nicht allzu geschmeichelt auszusehen.
Harry und Ron amüsierten sich köstlich, als Professor
Trelawney in der nächsten Wahrsagestunde verkündete,
sie hätten für ihre Vorhersagen Spitzennoten bekommen. Sie
246
las ausgiebig aus ihren Arbeiten vor und lobte sie für ihren
unerschrockenen Blick auf die Schrecken, die ihnen ins Haus
standen – weniger erfreut waren sie jedoch, als Profes-
sor Trelawney ihnen aufgab, das Gleiche noch einmal für den
übernächsten Monat zu machen; allmählich gingen den beiden
die Ideen aus.
Unterdessen ließ sie Professor Binns, der Geist, der Ge-
schichte der Zauberei lehrte, jede Woche einen Aufsatz über
die Kobold-Aufstände im achtzehnten Jahrhundert schrei-
ben. Professor Snape zwang sie, Gegengifte zu erforschen.
Das nahmen sie sehr ernst, denn er deutete an, er könnte ja
einen von ihnen noch vor Weihnachten vergiften, um fest-
zustellen, ob das Gegengift wirke. Professor Flitwick ver-
langte von ihnen, zur Vorbereitung auf den Unterricht über
Aufrufe- und Sammelzauber noch drei weitere Bücher ne-
benher zu lesen.
Selbst Hagrid bürdete ihnen zusätzliche Lasten auf. Die
Knallrümpfigen Kröter wuchsen erstaunlich schnell, wenn
man bedachte, dass noch keiner herausgefunden hatte, was sie
fraßen. Hagrid war es eine Wonne und er schlug »im Rahmen
ihres Projekts« vor, sie sollten doch jeden zweiten Abend zu
seiner Hütte herunterkommen, um die Kröter zu beobachten
und sich Notizen über ihr eigenartiges Verhal-
ten zu machen.
»Ich jedenfalls nicht«, sagte Draco Malfoy lustlos, nach-
dem Hagrid ihnen diesen Vorschlag mit der Miene eines
Weihnachtsmannes gemacht hatte, der ein besonders großes
Päckchen aus dem Sack zieht. »Ich seh im Unterricht genug
von diesen widerlichen Dingern, danke.«
Hagrids Lächeln erstarb.
»Du tust, was man dir sagt«, knurrte er, »oder ich red mal
ein Wörtchen mit Professor Moody ... hab gehört, du gibst 'n
niedliches Frettchen ab, Malfoy.«
247
Die Gryffindors lachten schallend. Malfoy errötete vor
Zorn, doch offenbar war die Erinnerung an die Bestrafung
durch Moody immer noch schmerzhaft genug, um ihm den
Mund zu versiegeln. Harry, Ron und Hermine kehrten nach
dem Unterricht bestens gelaunt in das Schloss zurück; zu er-
leben, wie Hagrid Malfoy in die Schranken wies, war eine
Genugtuung gewesen, vor allem, da Malfoy sich im letzten
Jahr nach Kräften bemüht hatte, Hagrid aus der Schule wer-
fen zu lassen.
In der Eingangshalle gerieten sie in ein dichtes Gewühle
von Mitschülern, die sich alle um ein großes Schild drängel-
ten, das am Fuß der Marmortreppe aufgestellt worden war.
Ron, der Längste der drei, lugte auf Zehenspitzen stehend über
die Köpfe hinweg und las den anderen beiden vor, was auf
dem Schild stand.
Trimagisches Turnier
Die Abordnungen aus Beauxbatons und Durmstrang kom-
men am Freitag, den 30. Oktober, um sechs Uhr nachmit-
tags an. Der Unterricht endet eine halbe Stunde früher.
»Toll!«, sagte Harry. »In der letzten Stunde am Freitag haben
wir Zaubertränke! Dann hat Snape wenigstens keine Zeit
mehr, uns alle zu vergiften!«
Die Schüler werden gebeten, Taschen und Bücher in die
Schlafräume zu bringen und sich vor dem Schloss zu ver-
sammeln, um unsere Gäste vor dem Willkommensfest zu
begrüßen.
»Nur noch eine Woche!«, sagte Ernie McMillan von den
Hufflepuffs, der mit glänzenden Augen aus der Menge auf-
248
tauchte. »Ob Cedric das schon weiß? Ich glaub, ich geh und
sag's ihm ...«
»Cedric?«, sagte Ron mit ahnungslosem Gesicht, als Ernie
davonrannte.
»Diggory«, sagte Harry. »Er wird sicher am Turnier teil-
nehmen.«
»Dieser Idiot soll Hogwarts-Champion werden?«, sagte
Ron, während sie sich durch die plappernde Menge zur Treppe
schoben.
»Er ist kein Idiot, du kannst ihn nur nicht ausstehen, weil er
Gryffindor im Quidditch geschlagen hat«, sagte Hermine. »Ich
hab gehört, er sei richtig gut im Unterricht – und er ist
Vertrauensschüler.«
Sie sprach, als ob die Angelegenheit damit erledigt wäre.
»Du magst ihn doch nur, weil er hübsch ist«, sagte Ron
spöttisch.
»Entschuldige mal, ich mag niemanden, nur weil er hübsch
ist!«, sagte Hermine entrüstet.
Ron ließ ein falsches Hüsteln hören, das merkwürdiger-
weise wie »Lockhart!« klang.
Das Schild in der Eingangshalle hatte erstaunliche Wir-
kung auf die Bewohner des Schlosses. In der folgenden Wo-
che schien es, gleich, wo Harry hinkam, nur ein Thema zu
geben: das Trimagische Turnier. Gerüchte flogen von Schü-
ler zu Schüler wie ansteckende Bazillen: Wer würde für
Hogwarts ins Rennen gehen, welche Turnieraufgaben war-
teten auf ihn oder sie, waren die Schüler von Beauxbatons und
Durmstrang anders als die von Hogwarts? Harry bemerk-
te auch, dass im Schloss besonders gründlich geputzt wurde.
Mehrere rußüberzogene Gemälde wurden geschrubbt, zum
großen Missvergnügen der Abgebildeten, die in ihren Rah-
men kauerten und zusammenzuckten, wenn sie ihre frisch
gewaschenen rosa Gesichter berührten. Die Rüstungen glänz-
249
ten auf einmal und kreischten nicht bei jeder Bewegung, und
Argus Filch, der Hausmeister, bekamjedes Mal, wennjemand
vergaß, sich die Schuhe abzuputzen, einen derartigen Wut-
anfall, dass zwei Mädchen aus der ersten Klasse vor Angst
Schreikrämpfe bekamen. Auch die Mitglieder des Lehrkör-
pers schienen merkwürdig angespannt.
»Longbottom, seien Sie so nett und zeigen Sie den Leuten
von Durmstrang ja nicht, dass Sie nicht einmal einen einfa-
chen Verwandlungszauber beherrschen!«, blaffte Professor
McGonagall Neville am Ende einer besonders schwierigen
Stunde an, während deren er versehentlich seine eigenen
Ohren auf einen Kaktus verpflanzt hatte.
Als sie am Morgen des dreißigsten Oktober zum Früh-
stück hinuntergingen, stellten sie fest, dass die Große Halle
über Nacht geschmückt worden war. Riesige seidene Ban-
ner hingen an den Wänden, eines für jedes Hogwarts-Haus -
ein goldener Löwe auf rotem Grund für Gryffindor, ein
bronzener Adler auf Rot für Ravenclaw, ein schwarzer Dachs
auf Gelb für Hufflepuff und eine silberne Schlange auf grünem
Grund für Slytherin. Hinter dem Lehrertisch prangte auf dem
größten Banner das Wappen von Hog-
warts: Löwe, Adler, Dachs und Schlange um den großen
Buchstaben »H«.
Harry, Ron und Hermine sahen schon vom Eingang aus
Fred und George am Gryffindor-Tisch sitzen. Wieder ein-
mal und ganz ungewohnt saßen sie abseits von den anderen
und unterhielten sich flüsternd. Ron ging den anderen vo-
raus auf sie zu.
»Es ist ein Reinfall, zugegeben«, sagte George mit trübse-
liger Miene zu Fred. »Aber wenn er nicht persönlich mit uns
sprechen will, müssen wir ihm doch den Brief schicken. Oder
wir drücken ihn ihm in die Hand, er kann uns ja nicht ewig aus
dem Weg gehen.«
250
»Wer geht euch aus dem Weg?«, fragte Ron und setzte sich
zu ihnen.
»Ich wünschte, du«, sagte Fred, verärgert über die Unter-
brechung.
»Was ist ein Reinfall?«, fragte Ron George.
»'nen naseweisen Kerl wie dich als Bruder zu haben«, sagte
George.
»Habt ihr beide schon irgendwelche Ideen, was ihr beim
Trimagischen Turnier anfangen wollt?«, fragte Harry. »Habt
ihr darüber nachgedacht, ob ihr doch noch teilnehmt?«
»Ich hab McGonagall gefragt, wie die Champions ausge-
wählt werden, aber sie hat nichts verraten«, sagte George er-
bittert. »Sie meinte nur, ich solle den Mund halten und end-
lich meinen Waschbären verwandeln.«
»Was das wohl für Aufgaben sein werden?«, sagte Ron
nachdenklich. »Harry, ich wette, wir könnten es schaffen, mit
gefährlichen Dingen kennen wir uns doch aus ...«
»Wer sind die Schiedsrichter?«, fragte Harry.
»Jedenfalls sind die Leiter der teilnehmenden Schulen im-
mer mit in der Jury«, sagte Hermine, und alle drehten sich
erstaunt zu ihr um. »Das weiß ich, weil alle drei beim Tur-
nier von 1792 verletzt wurden, als ein Basilisk, den die
Champions eigentlich fangen sollten, auf Nahrungssuche
ging.«
Es entging ihr nicht, dass alle sie ansahen, und da niemand
außer ihr all die Bücher gelesen hatte, sagte sie wie üblich et-
was hochnäsig: »Steht alles in der Geschichte von Hogwarts.
Natürlich ist dieses Werk nicht ganz zuverlässig. Eine umge-
schriebene Geschichte von Hogwarts wäre zutreffender. Oder Eine
höchst einseitige und zensierte Geschichte von Hogwarts, welche die
hässlicheren Seiten der Schule übertüncht.«
»Worauf willst du raus?«, sagte Ron, während Harry zu
wissen glaubte, was jetzt kam.
251
»Hauselfen!«, sagte Hermine laut und bestätigte Harrys
Ahnung. »Nicht ein einziges Mal auf über tausend Seiten er-
wähnt die Geschichte von Hogwarts, dass wir alle bei der Un-
terdrückung von hundert Sklaven mitwirken!«
Kopfschüttelnd machte sich Harry über sein Rührei her. Die
mangelnde Begeisterung, die er und Ron zeigten, hatte
Hermines Eifer, mit dem sie Gerechtigkeit für die Hauselfen
erkämpfen wollte, nicht im Mindesten gedämpft. Gewiss, sie
beide hatten zwei Sickel für den B.ELFE.R-Anstecker be-
zahlt, doch nur, um sie zu beschwichtigen. Ihr Geld hatte je-
doch nichts genutzt, Hermine war eher noch eifriger gewor-
den und hatte Harry und Ron seither ständig in den Ohren
gelegen. Zunächst einmal sollten sie ihre Anstecker auch tra-
gen, dann sollten sie auch andere dazu überreden, und zu-
dem hatte Hermine es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden
Abend im Gemeinschaftsraum der Gryffindors umherzutin-
geln, ihre Mitschüler in die Enge zu treiben und mit der
Sammelbüchse unter ihren Nasen zu klappern.
»Ihr wisst doch genau, dass eure Bettwäsche gewechselt,
eure Feuer angezündet, eure Klassenzimmer geputzt und eure
Mahlzeiten gekocht werden von einer Gruppe magi-
scher Geschöpfe, die unbezahlt und versklavt sind?«, pflegte
sie mit wütendem Blick zu sagen.
Manche, wie Neville, hatten bezahlt, nur damit Hermine sie
nicht mehr finster ansah. Einige schienen oberflächlich
interessiert an dem, was sie zu sagen hatte, zögerten jedoch,
tatkräftiger für die Bewegung zu arbeiten. Viele hielten das
Ganze für einen Scherz.
Ron ließ den Blick zur Decke schweifen, die sie alle in
herbstliches Sonnenlicht tauchte, und Fred wandte sich mit
enormem Interesse seinem Schinken zu (die Zwillinge hat-
ten sich geweigert, einen B.ELFE.R-Anstecker zu kaufen).
George jedoch beugte sich zu Hermine hinüber.
252
»Hör mal zu, Hermine, bist du jemals unten in den Kü-
chen gewesen?«
»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Hermine schroff, »ich
glaube kaum, dass Schüler dort unten was –«
»Aber wir beide schon«, sagte George und deutete auf Fred,
»und zwar öfters, um Essen zu klauen. Wir haben sie
getroffen, und ich sag dir, sie sind glücklich. Sie glauben, sie
haben die besten Jobs der Welt –«
»Weil sie ungebildet sind und eine Gehirnwäsche verpasst
bekamen!«, unterbrach ihn Hermine erhitzt, doch ihre
nächsten Worte gingen in dem plötzlichen Rauschen über
ihren Köpfen unter, das die Ankunft der Posteulen verkün-
dete. Harry blickte sofort auf und sah Hedwig auf sich zu-
schweben. Hermine verstummte jäh; sie und Ron verfolgten
mit bangem Blick, wie Hedwig sich auf Harrys Schulter nie-
derließ, ihre Flügel einzog und ermattet das Bein aus-
streckte.
Harry zog Sirius' Antwort von Hedwigs Bein und bot ihr die
Speckschwarten seines Schinkens an, die sie dankbar auf-
fraß. Dann, nachdem er sich mit einem Blick zu Fred und
George vergewissert hatte, dass sie erneut im Gespräch über
das Trimagische Turnier vertieft waren, las Harry Ron und
Hermine im Flüsterton Sirius' Brief vor.
Netter Versuch, Harry,
ich bin wieder im Land und gut versteckt. Ich möchte, dass
du mich über alles, was in Hogwarts vor sich geht, per Brief
auf dem Laufenden hältst. Nimm nicht mehr Hedwig,
wechsle ständig die Eulen und mach dir keine Sorgen um
mich, pass nur auf dich selbst auf. Vergiss nicht, was ich über
deine Narbe gesagt habe.
Sirius
253
»Warum sollst du ständig die Eulen wechseln?«, fragte Ron
mit gedämpfter Stimme.
»Hedwig zieht zu viel Aufmerksamkeit auf sich«, erwi-
derte Hermine sofort. »Sie fällt auf. Eine Schneeeule, die
ständig zu seinem Versteck fliegt ... sie ist jedenfalls kein
einheimischer Vogel, verstehst du?«
Harry rollte den Brief zusammen und steckte ihn in den
Umhang. Ihm war nicht ganz klar, ob er sich jetzt mehr oder
weniger Sorgen machen sollte. Dass Sirius es geschafft hatte,
zurückzukommen ohne gefasst zu werden, war immerhin
etwas. Außerdem konnte er nicht leugnen, dass es ihn beru-
higte, Sirius in seiner Nähe zu wissen; wenigstens würde er
jetzt nicht mehr so lange auf eine Antwort warten müssen,
wenn er ihm schrieb.
»Danke, Hedwig«, sagte er und streichelte sie. Sie schu-
huhte schläfrig, tauchte den Schnabel kürz in seinen Becher
mit Orangensaft und flatterte davon, offensichtlich mit dem
dringenden Bedürfnis, sich in der Eulerei so richtig auszu-
schlafen.
An diesem Tag lag eine angenehm erwartungsvolle
Stimmung in der Luft. Im Unterricht passte niemand so recht
auf, vielmehr waren alle gespannt auf die abendliche Ankunft
der Delegationen aus Beauxbatons und Durm-strang; selbst
Zaubertränke war erträglicher als sonst, denn der Unterricht
war eine halbe Stunde kürzer. Als es dann früh läutete, rannten
Harry, Ron und Hermine nach oben in den Gryffindor-Turm,
legten ihre Taschen und Bü-
cher ab, wie man sie geheißen hatte, zogen ihre warmen
Umhänge an und eilten dann wieder hinunter in die Ein-
gangshalle.
Die Hauslehrer wiesen ihre Schüler an, sich in Reihen
aufzustellen.
»Weasley, richten Sie Ihren Hut gerade«, herrschte Profes-
254
sor McGonagall Ron an. »Miss Patil, nehmen Sie dieses lä-
cherliche Ding da aus den Haaren.«
Parvati sah sie finster an und zog eine große Schmetter-
lingsspange von ihrer Zopfspitze.
»Folgen Sie mir, bitte«, sagte Professor McGonagall, »die
Erstklässler vornean ... und kein Gedrängel ...«
Sie gingen im Gänsemarsch die Vortreppe hinunter und
reihten sich vor dem Schloss auf. Es war ein kalter, klarer
Abend; die Dämmerung brach an und der Mond, blass und
durchsichtig wirkend, war bereits über dem Verbotenen
Wald aufgegangen. Harry, der zwischen Ron und Hermine
in der vierten Reihe stand, sah, wie es Dennis Creevey vorn
bei den Erstklässlern vor gespannter Erwartung geradezu
schüttelte.
»Fast sechs«, sagte Ron mit einem Blick auf seine Uhr und
spähte dann ungeduldig die Auffahrt hinunter, die nach vorn
zum Schlosstor führte. »Wie, glaubst du, werden sie kom-
men? Mit dem Zug?«
»Wohl kaum«, sagte Hermine.
»Wie dann? Auf Besen?«, überlegte Harry und blickte hoch
zum sternbedeckten Himmel.
»Glaub ich auch nicht ... wenn sie von so weit her kom-
men ...«
»Mit einem Portschlüssel?«, rätselte Ron. »Oder sie könn-
ten apparieren –«
»Du kannst nicht aufs Gelände von Hogwarts apparieren,
wie oft soll ich dir das noch sagen?«, flüsterte Hermine un-
wirsch.
Aufgeregt suchten sie die Ländereien des Schlosses ab,
über die jetzt die Nacht hereinbrach, doch nichts rührte
sich; alles war friedlich, still und eigentlich wie immer.
Harry wurde allmählich kalt. Wenn sie sich nur beeilen
würden ... vielleicht bereiteten die ausländischen Schüler
255
einen dramatischen Auftritt vor ... ihm fiel ein, was Mr
Weasley im Zeltlager vor der Quidditch-Weltmeisterschaft
gesagt hatte – »Immer dasselbe, wir können es einfach nicht lassen,
ein wenig zu prahlen, wenn wir zusammenkommen ...«
Und dann rief Dumbledore aus der hinteren Reihe, wo er
mit den anderen Lehrern stand – »Aha! Wenn ich mich
nicht sehr täusche, nähert sich die Delegation aus Beauxba-
tons!«
»Dort!«, schrie ein Sechstklässler und deutete hinüber
zum Wald.
Etwas Großes, viel größer als ein Besen – oder auch hun-
dert Besen -, kam in sanften Wellen über den tiefblauen
Himmel auf das Schloss zugeflogen.
»Ein Drache!«, kreischte eine Fünftklässlerin und geriet
völlig aus dem Häuschen.
»Blödsinn ... es ist ein fliegendes Haus!«, sagte Dennis
Creevey.
Dennis war mit seiner Vermutung schon näher dran ... Als
die gigantische schwarze Gestalt über die Baumspitzen des
Verbotenen Waldes strich und ins Licht der Schlossfens-
ter glitt, sahen sie, dass es eine riesige graublaue Kutsche war,
groß wie ein stattliches Haus, die auf sie zurauschte, durch die
Lüfte gezogen von einem Dutzend geflügelter Pferde, allesamt
Palominos, jedoch so groß wie Elefanten.
Die ersten drei Schülerreihen wichen zurück, als die Kut-
sche sich neigte und mit ungeheurer Geschwindigkeit zum
Landen ansetzte – dann, mit einem alles erschütternden
Krachen, das Neville rückwärts auf den Fuß eines Slytherin-
Fünftklässlers springen ließ, schlugen die Pferdehufe auf fes-
tem Grund auf. Eine Sekunde später landete auch die Kut-
sche und federte auf ihren riesigen Rädern auf und ab, wäh-
rend die goldenen Pferde ihre riesigen Köpfe zurückwarfen
und mit ihren großen feuerroten Augen rollten.
256
Harry konnte gerade noch erkennen, dass auf der Kut-
schentür ein Wappen prangte (zwei gekreuzte goldene Zau-
berstäbe, aus denen jeweils drei Funken stoben), als auch
schon die Tür aufging.
Ein Junge in blassblauem Umhang sprang aus der Kut-
sche, bückte sich, machte sich einen Moment lang auf dem
Kutschboden zu schaffen, zog dann eine ausklappbare gol-
dene Treppe heraus und sprang respektvoll einen Schritt zu-
rück. Harry sah einen hochhackigen, schimmernd schwar-
zen Schuh aus der Kutsche auftauchen – ein Schuh von der
Größe eines Kinderschlittens -, dem sogleich die größte Frau
folgte, die er je gesehen hatte. Das erklärte natürlich die Größe
der Kutsche und der Pferde. Einigen Umstehen-
den stockte der Atem.
Harry hatte bisher nur einen Menschen gesehen, der so groß
war wie diese Frau, und das war Hagrid; er war sich nicht
sicher, ob Hagrid auch nur um einen Zentimeter grö-
ßer war. Doch irgendwie – vielleicht nur, weil er an Hagrid
gewöhnt war – schien diese Frau (die sich jetzt am Fuß der
Treppe zu der mit aufgerissenen Augen wartenden Menge
umsah) von noch unnatürlicherer Größe zu sein. Als sie in das
Licht trat, das aus der Eingangshalle flutete, zeigte sich, dass
sie ein hübsches, olivfarbenes Gesicht hatte, große, schwarze,
feucht schimmernde Augen und eine schnabel-
ähnliche Nase. Ihr Haar war im Nacken zu einem glänzen-
den Knoten zusammengebunden. Sie war von Kopf bis Fuß in
schwarzen Satin gekleidet und an Hals und Händen glit-
zerten viel prächtige Opale.
Dumbledore fing an zu klatschen; ihm folgend brachen auch
die Schüler in Applaus aus, und viele stellten sich auf die
Zehenspitzen, um diese Frau besser sehen zu können.
Die Anspannung in ihrem Gesicht wich einem dankbaren
Lächeln und sie schritt auf Dumbledore zu und streckte ihm
257
ihre funkelnde Hand entgegen. Dumbledore, der selbst nicht
gerade klein war, musste sich ein wenig recken, um sie zu
küssen.
»Meine liebe Madame Maxime«, sagte er. »Willkommen in
Hogwarts.«
»Dumbly-dorr«, sagte Madame Maxime mit tiefer Stimme.
»Isch 'offe, Sie befinden sisch wohl?«
»In exzellenter Verfassung, danke, Madame«, sagte Dum-
bledore.
»Meine Schüler«, sagte Madame Maxime und wies mit
ihrer riesigen Hand lässig nach hinten.
Harry, der wie gebannt auf Madame Maxime gestarrt hatte,
sah jetzt, dass etwa ein Dutzend Jungen und Mäd-
chen – offenbar alle ältere Teenager – aus der Kutsche ge-
klettert waren und sich nun hinter Madame Maxime auf-
stellten. Sie bibberten, was angesichts ihrer feinseidenen
Umhänge nicht überraschte. Einen Reiseumhang trug kei-
ner von ihnen, ein paar jedoch hatten Tücher und Schals um
die Köpfe geschlungen. Nach dem, was Harry von ihren Ge-
sichtern erkennen konnte (sie standen im mächtigen Schat-
ten Madame Maximes), sahen sie mit bangem Blick hinauf
nach Hogwarts.
»Ist Karkaroff schon angekommen?«, fragte Madame Ma-
xime.
»Er sollte jeden Moment eintreffen«, sagte Dumbledore.
»Möchten Sie vielleicht hier warten und ihn begrüßen oder
würden Sie lieber hineingehen und sich ein wenig aufwär-
men?«
»Aufwärmen, würde isch sagen«, sagte Madame Maxime.
»Aber die 'ferde –«
»Unser Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe wird
sich mit Vergnügen um sie kümmern«, sagte Dumbledore,
»sobald er sich von einem kleinen Notfall lösen kann, der
258
sich bei einem seiner – ähm – anderen Schützlinge einge-
stellt hat.«
»Kröter«, murmelte Ron Harry ins Ohr und fing an zu
grinsen.
»Meine Rosse verlangen – ahm – eine 'arte 'and«, sagte
Madame Maxime mit einer Miene, als bezweifelte sie, dass
der zuständige Lehrer in Hogwarts der richtige Mann dafür
sei. »Sie sind serr stark ...«
»Ich versichere Ihnen, dass Hagrid dieser Aufgabe voll-
kommen gewachsen ist«, sagte Dumbledore lächelnd.
»Serr gutt«, sagte Madame Maxime mit einer leichten
Verbeugung, »würden Sie bitte diesem 'Agrid mitteilen, dass
die 'ferde nur Single Malt Whisky saufen?«
»Dafür wird selbstverständlich gesorgt, Madame«, sagte
Dumbledore ebenfalls mit einer Verbeugung.
»Kommt«, sagte Madame Maxime gebieterisch zu ihren
Schülern, und das versammelte Hogwarts teilte sich, um ihr
und ihrem Gefolge einen Weg die steinerne Treppe hinauf zu
öffnen.
»Wie groß, glaubt ihr, werden die Pferde von Durmstrang
sein?«, sagte Seamus Finnigan, der sich um Lavender und
Parvati herumbeugte und Harry und Ron ansah.
»Tja, wenn sie noch größer sind als die hier, kann selbst
Hagrid sie nicht mehr im Zaum halten«, sagte Harry. »Wo-
möglich haben ihn die Kröter inzwischen schon verspeist. Was
dahinten wohl los ist?«
»Vielleicht sind sie abgehauen«, sagte Ron hoffnungs-
voll.
»Sag bloß nicht so was«, sagte Hermine schaudernd. »Stell
dir vor, dieses Gekröse krabbelt auf den Ländereien rum ...«
Sie standen jetzt bibbernd da und warteten auf die An-
kunft der Schüler aus Durmstrang. Die meisten ließen die
Blicke hoffnungsvoll über den Himmel schweifen. Ein paar
259
Minuten lang wurde die Stille nur durch das Schnauben und
Stampfen von Madame Maximes Pferden unterbrochen. Doch
dann – »Kannst du was hören?«, sagte Ron plötzlich.
Harry lauschte; ein lautes, ganz und gar unvertrautes,
schauriges Geräusch kam aus der Dunkelheit; ein gedämpf-
tes Pochen und ein Saugen, als ob ein riesiger Staubsauger ein
Flussbett entlangrauschte ...
»Der See!«, rief Lee Jordan und deutete hinüber aufs Was-
ser. »Seht euch den See an!«
Dort, wo sie standen, oben auf der begrünten Anhöhe mit
Blick über die Ländereien, konnten sie die glatte schwarze
Wasseroberfläche gut sehen – nur dass diese Oberfläche
plötzlich nicht mehr glatt war. Tief unten in der Mitte des Sees
musste sich etwas regen; große Blaseri drangen nach oben,
Wellen spülten über die sumpfigen Uferbänke – und dann
bildete sich mitten im See ein gewaltiger Strudel, als
wäre soeben ein riesiger Stöpsel aus dem Seegrund gezogen
worden ...
Etwas wie ein langer schwarzer Pfahl begann nun langsam
aus dem Herzen des Strudels emporzusteigen ... und dann sah
Harry die Takelage ...
»Es ist ein Mast!«, sagte er zu Ron und Hermine.
Langsam und majestätisch erhob sich das Schiff aus dem
Wasser und schimmerte im Mondlicht. Es hatte etwas merk-
würdig Gerippehaftes an sich, als wäre es ein geborgenes
Wrack, und die trüben, verschwommenen Lichter, die aus
seinen Bullaugen schimmerten, sahen aus wie Geisteraugen.
Endlich, mit einem gewaltigen Schmatzen und Schwap-
pen, tauchte das Schiff zur Gänze auf, tänzelte über das auf-
gewühlte Wasser und glitt auf das Ufer zu.
Nun gingen Leute von Bord; ihre Umrisse waren vor den
Lichtern der Bullaugen zu sehen. Sie alle, fiel Harry auf,
schienen ungefähr die Statur von Crabbe und Goyle zu ha-
260
ben ... doch dann, als sie den Hang herauf näher kamen und
das Licht der Eingangshalle auf sie fiel, sah er, dass ihre Ge-
stalten deshalb so massig wirkten, weil sie Mäntel aus einer
Art zottigem, verfilztem Pelz trugen. Doch der Mann, der sie
hoch zum Schloss führte, trug einen ganz anderen Pelz: seidig
und glänzend wie sein Haar.
»Dumbledore!«, rief er mit Inbrunst, als er die Anhöhe er-
reicht hatte, »wie geht's Ihnen, altes Haus, wie geht's?«
»Glänzend, danke, Professor Karkaroff«, erwiderte Dum-
bledore.
Karkaroff hatte eine sonore, ölige Stimme; als er in das
Licht trat, das aus dem Schlossportal fiel, sahen sie, dass er
groß und schlank war wie Dumbledore, doch sein weißes Haar
war kurz und sein Spitzbart (der in einem kleinen Ge-kräusel
endete) konnte sein fliehendes Kinn nicht ganz ver-
bergen. Er ging auf Dumbledore zu und streckte ihm beide
Hände entgegen.
»Das gute alte Hogwarts«, sagte er und sah lächelnd hoch
zum Schloss; seine Zähne waren ziemlich gelb und Harry fiel
auf, dass sein Lächeln sich nicht auf seine Augen er-
streckte, deren Blick kalt und scharf blieb. »Wie schön, wie-
der hier zu sein, wie schön ... Viktor, komm rein in die Wärme
... Sie haben nichts dagegen, Dumbledore? Viktor hat einen
leichten Schnupfen ...«
Karkaroff winkte einem seiner Schüler. Als der Junge vor-
beiging, erhaschte Harry einen Blick auf eine markante Ad-
lernase und dichte schwarze Brauen. Er brauchte nicht erst
Ron, der ihm einen Schlag auf den Arm versetzte, oder das
Zischen in seinem Ohr, um dieses Profil zu erkennen.
»Harry – das ist Krum!«
261
Der Feuerkelch
»Nicht zu fassen!«, sagte Ron völlig entgeistert. Sie reihten
sich jetzt mit den anderen Hogwarts-Schülern hinter den
Durmstrangs ein und folgten ihnen die Treppe hoch zum If
Schloss. »Krum, Harry! Viktor Krum!«
»Um Himmels willen, Ron, er ist doch nur ein Quid-
ditch-Spieler«, sagte Hermine.
»Nur ein Quidditch-Spieler?« Ron sah sie an, als hätte er
sich verhört. »Hermine – er ist einer der besten Sucher der
Welt! Ich hatte keine Ahnung, dass er noch zur Schule
geht!«
Auf dem Weg durch die Eingangshalle hinüber zur Gro-
ßen Halle sah Harry, wie Lee Jordan immer wieder in die
Luft sprang, um wenigstens einen Blick auf Viktor Krum zu
erhäschen. Einige Mädchen aus der sechsten Klasse stöber-
ten unterdessen hektisch in ihren Taschen – »O nein, bin ich
bescheuert, ich hab nicht mal 'ne Feder mit ...« – »Glaubst
du, er schreibt mir mit Lippenstift ein Autogramm auf den
Hut?«
»Also wirklich«, sagte Hermine naserümpfend, als sie an
den Mädchen vorbeigingen, die sich jetzt wegen des Lip-
penstifts kabbelten.
»Ich jedenfalls hol mir auch ein Autogramm, wenn's
geht«, sagte Ron, »du hast nicht zufällig 'ne Feder dabei,
Harry?«
»Nö, die sind oben in meiner Tasche«, erwiderte Harry.
Sie gingen hinüber zum Gryffindor-Tisch. Ron setzte sich
262
mit Bedacht so hin, dass er den Eingang im Auge behalten
konnte, da Krum und seine Mitschüler aus Durmstrang im-
mer noch an der Tür standen, offenbar nicht sicher, wo sie
Platz nehmen sollten. Die Schüler aus Beauxbatons hatten sich
an den Ravenclaw-Tisch gesetzt und sahen sich ver-
drießlich in der Großen Halle um. Drei von ihnen hatten auch
jetzt noch Schals und Tücher um die Köpfe geschlun-
gen.
»So kalt ist es doch auch wieder nicht«, sagte Hermine und
warf ihnen einen gereizten Blick zu. »Warum haben sie keine
dicken Umhänge mitgebracht?«
»Hierher! Kommt und setzt euch hierher!«, zischte Ron.
»Hierher! Hermine, rück auf und mach Platz –«
»Was?«
»Zu spät«, sagte Ron enttäuscht.
Viktor Krum und seine Mitschüler aus Durmstrang hat-
ten sich am Slytherin-Tisch niedergelassen. Harry sah Mal-
foy, Crabbe und Goyle in die Runde feixen. Jetzt beugte sich
Malfoy vor und sprach Krum an.
»Jaah, recht so, schleim dich nur bei ihm ein, Malfoy«,
höhnte Ron. »Aber ich wette, Krum durchschaut ihn so-
fort ... der hat doch ständig Leute, die um ihn rumschar-
wenzeln ... wo, glaubst du, schlafen die eigentlich? Wir
könnten ihm einen Platz in unserem Schlafsaal anbieten, Harry
... mir würd's nichts ausmachen, ihm mein Bett zu geben, ich
könnte auf einem Feldbett pennen.«
Hermine schnaubte.
»Sie sehen um einiges glücklicher aus als die anderen aus
Beauxbatons«, sagte Harry.
Die Durmstrangs zogen ihre schweren Pelze aus und sa-
hen mit interessierten Mienen zum Sternengewölbe hoch;
einige nahmen die goldenen Teller und Schalen in die Hände
und musterten sie offenbar recht beeindruckt.
263
Oben am Lehrertisch trug Filch, der Hausmeister, zusätz-
liche Stühle herbei. Zu dieser festlichen Gelegenheit trug er
seinen muffigen alten Frack. Überrascht stellte Harry fest, dass
er vier Stühle dazustellte, je zwei zur Linken und zur Rechten
Dumbledores.
»Aber es sind doch nur zwei Leute dazugekommen«, sagte
Harry. »Warum bringt Filch dann vier Stühle? Wer kommt
denn noch?«
»Hmh?«, mummelte Ron. Noch immer starrte er voll Be-
geisterung auf Krum.
Als alle Schüler hereingekommen waren und ihre Plätze
gefunden hatten, traten die Lehrer ein, gingen in einer Reihe
hoch zu ihrem Tisch und setzten sich. Den Schluss bildeten
Professor Dumbledore, Professor Karkaroff und Madame
Maxime. Die Gäste aus Beauxbatons sprangen auf, sobald sie
ihre Schulleiterin sahen. Einige Hogwarts-Schüler lachten.
Den Beauxbatons schien es jedoch keineswegs peinlich, und
sie nahmen ihre Plätze erst wieder ein, als sich Madame
Maxime links von Dumbledore niedergelassen hatte.
Dumbledore jedoch blieb stehen und die Große Halle
verstummte.
»Guten Abend, meine Damen und Herren, Geister und -vor
allem – Gäste«, sagte Dumbledore, sah in die Runde und
strahlte die ausländischen Schüler an. »Ich habe das große
Vergnügen, Sie alle in Hogwarts willkommen zu heißen. Ich
bin sicher, dass Sie eine angenehme und vergnügliche Zeit an
unserer Schule verbringen werden.«
Eines der Mädchen aus Beauxbatons, das immer noch einen
Schal um den Kopf geschlungen hatte, lachte unver-
hohlen spöttisch.
»Keiner zwingt dich, hier zu sein!«, zischelte Hermine und
warf ihr einen zornfunkelnden Blick zu.
»Das Turnier wird nach dem Festessen offiziell eröffnet«,
264
sagte Dumbledore. »Nun lade ich alle ein, zu essen, zu trin-
ken und sich wie zu Hause zu fühlen!« Er setzte sich, und
Harry sah, wie Karkaroff sich sofort zu ihm neigte und ihn in
ein Gespräch verwickelte.
Die Schüsseln und Teller vor ihnen füllten sich wie immer
mit Speisen. Die Hauselfen in der Küche schienen alle Re-
gister ihres Könnens gezogen zu haben; noch nie hatte Harry
so viele verschiedene Gerichte vor sich gesehen, da-
runter auch einige, die ganz eindeutig aus fremden Ländern
stammten.
»Was ist das denn?«, sagte Ron und deutete auf eine große
Schüssel mit einer Art Muscheleintopf, die neben einer
mächtigen Beefsteak-und-Nieren-Pastete stand.
»Bouillabaisse«, sagte Hermine.
»Wenn wir dich nicht hätten«, sagte Ron.
»Es ist ein französisches Gericht«, sagte Hermine. »Ich hab
es vorletzten Sommer in den Ferien gegessen, schmeckt ganz
gut.«
»Das glaub ich dir aufs Wort«, sagte Ron und tat sich eine
Portion Blutwurst auf.
In der Großen Halle schien viel mehr los zu sein als sonst,
obwohl kaum zwanzig Gastschüler hier waren; vielleicht
entstand der Eindruck, weil ihre farbigen Schuluniformen sich
so auffällig von den schwarzen Umhängen der Hog-
warts-Schüler unterschieden. Nun, da die Durmstrangs ihre
Pelze abgelegt hatten, zeigte sich, dass sie Umhänge in sat-
tem Blutrot trugen.
Hagrid kam zwanzig Minuten nach Beginn des Festessens
durch eine Tür hinter dem Lehrertisch gehuscht. Er glitt auf
einen Platz am Ende der Tafel und winkte Harry, Ron und
Hermine mit einer dick bandagierten Hand zu.
»Die Kröter gedeihen, Hagrid?«, rief Harry.
»Prächtig«, erwiderte Hagrid glücklich.
265
»Tja, da kannst du Gift drauf nehmen«, sagte Ron leise.
»Sieht ganz so aus, als hätten sie endlich rausgefunden, was
sie fressen mögen. Hagrids Finger.«
In diesem Augenblick sagte eine Stimme: »Versei'ung,
möchten Sie noch von dieser Bouillabaisse essen?«
Es war das Mädchen von Beauxbatons, das während
Dumbledores Rede gelacht hatte. Sie hatte nun doch ihren
Schal abgelegt. Ihr langer, silbrig blonder Haarschopf fiel ihr
fast bis zur Taille. Sie hatte große, dunkelblaue Augen und
ebenmäßige, makellos weiße Zähne.
Ron lief purpurrot an. Er starrte zu ihr hoch, öffnete den
Mund, um zu antworten, doch er brachte nur ein schwäch-
liches Gegurgel heraus.
»Nein, bitte sehr«, sagte Harry und schob dem Mädchen die
Schüssel hin.
»Sie sind damit fertig?«
»Jaah«, hauchte Ron. »Jaah, wirklich ganz hervorragend.«
Sie nahm die Schüssel und trug sie umsichtig hinüber zum
Ravenclaw-Tisch. Ron glotzte dem Mädchen nach, als hätte er
noch nie eines gesehen. Harry fing an zu lachen, was Ron
offenbar zur Besinnung brachte.
»Sie ist eine Veela!«, stieß er mit heiserer Stimme her-
vor.
»Natürlich nicht!«, sagte Hermine bissig. »Ich seh sonst
keinen, der sie wie ein Idiot anglubscht!«
Doch damit hatte sie nicht ganz Recht. Als das Mädchen
die Halle durchquerte, wandten sich viele Jungenköpfe nach
ihr um, und einigen schien es ganz wie Ron die Sprache zu
verschlagen.
»Ich sag euch, das ist kein normales Mädchen!«, sagte Run
und lehnte sich zur Seite, damit er sie im Blick behalten
konnte. »So was findest du in Hogwarts nicht!«
»Findest du wohl«, sagte Harry unwillkürlich. Zufällig saß
266
Cho Chang nur ein paar Plätze von dem Mädchen mit dem
Silberhaar entfernt.
»Wenn ihr beide eure Augen wieder eingesetzt habt«,
sagte Hermine schroff, »dann schaut mal, wer gerade ge-
kommen ist.«
Sie deutete hoch zum Lehrertisch. Die beiden vorhin noch
leeren Plätze waren nun besetzt. Zur anderen Seite von
Professor Karkaroff saß Ludo Bagman und neben Ma-
dame Maxime saß Percys Chef, Mr Crouch.
»Was tun die denn hier?«, fragte Harry überrascht.
»Sie haben doch das Trimagische Turnier organisiert«,
sagte Hermine. »Ich vermute mal, sie wollten bei der Eröff-
nung dabei sein.«
Der Nachtisch kam, und auch hier waren, wie ihnen auf-
fiel, eine Reihe unbekannter Speisen dabei. Ron nahm eine
Art blassweißen Käse näher in Augenschein, dann schob er
ihn ein wenig zur Seite, damit er vom Ravenclaw-Tisch aus
gut zu sehen war. Das Mädchen, das wie eine Veela aussah,
schien jedoch genug gegessen zu haben und kam nicht he-
rüber, um den Nachtisch zu holen.
Sobald die goldenen Teller leer geputzt waren, erhob sich
Dumbledore von neuem. Die Halle war nun von angeneh-
mer Spannung erfüllt. Harry fragte sich, was wohl kommen
würde, und spürte ein leises, erwartungsvolles Kribbeln.
Weiter unten am Tisch beugten sich Fred und George vor
und spähten mit größter Konzentration zu Dumbledore
hinüber.
»Der Augenblick ist gekommen«, sagte Dumbledore und
lächelte in das Meer der ihm zugewandten Gesichter. »Das
Trimagische Turnier kann nun beginnen. Ich möchte einige
erläuternde Worte sagen, bevor wir die Truhe hereinbrin-
gen –«
»Die was?«, murmelte Harry.
267
Ron zuckte die Achseln.
»- nur um unser diesjähriges Verfahren zu erklären. Doch
jenen, die sie noch nicht kennen, möchte ich zunächst Mr
Bartemius Crouch vorstellen, Leiter der Abteilung für Inter-
nationale Magische Zusammenarbeit« – hier und da hob sich
ein Händepaar zu höflichem Applaus – »und Mr Ludo
Bagman, den Leiter der Abteilung für Magische Spiele und
Sportarten.«
Für Bagman gab es deutlich mehr Beifall als für Crouch,
vielleicht weil er als Quidditch-Treiber berühmt war oder
einfach deshalb, weil er so viel sympathischer wirkte. Er be-
dankte sich mit freundlichem Winken.
Bartemius Crouch jedoch lächelte nicht, noch hob er die
Hand, als er vorgestellt wurde. Harry, der ihn in seinem ta-
dellosen Anzug von der Quidditch-Weltmeisterschaft her in
Erinnerung hatte, fand, dass ihm ein Zaubererumhang nicht so
richtig stand. Sein Oberlippenbärtchen und der strenge
Scheitel wirkten neben Dumbledores langem weißem Haar
und Bart ganz unpassend.
»Mr Bagman und Mr Crouch haben in den vergangenen
Monaten unermüdlich für die Vorbereitung des Trimagi-schen
Turniers gearbeitet«, fuhr Dumbledore fort, »und sie werden
neben mir, Professor Karkaroff und Madame Ma-
xime die Jury bilden, die über die Leistungen der Champi-
ons befindet.«
Bei der Erwähnung der Champions schien das Publikum
plötzlich aufzumerken.
Dumbledore war offenbar nicht entgangen, dass mit einem
Schlag Stille eingetreten war, denn mit einem Lä-
cheln sagte er: »Wenn ich bitten darf, Mr Filch, die Truhe.«
Filch, der bisher in einer dunklen Ecke der Halle herum-
gestanden hatte, trat auf Dumbledore zu, in den Händen
eine große, mit Juwelen besetzte Holztruhe. Sie wirkte un-
268
geheuer alt. Die Schüler begannen aufgeregt und neugierig zu
murmeln und zu tuscheln; Dennis Creevey stellte sich
tatsächlich auf seinen Stuhl, um alles sehen zu können, doch
da er so klein war, ragte sein Kopf kaum über die der ande-
ren hinaus.
»Mr Crouch und Mr Bagman haben die Aufgaben, die die
Champions dieses Jahr lösen müssen, bereits geprüft«, sagte
Dumbledore, während Filch die Truhe vorsichtig auf den
Tisch stellte, »und sie haben die notwendigen Vorbereitun-
gen für diese Herausforderungen getroffen. Wir haben drei
Aufgaben über das ganze Schuljahr verteilt, die das Können
der Champions auf unterschiedliche Weise auf die Probe
stellen ... ihr magisches Können – ihre Kühnheit – ihre Fä-
higkeit zum logischen Denken – und natürlich ihre Ge-
wandtheit im Umgang mit Gefahren.«
Bei den letzten Worten legte sich wieder Stille über die
Halle, so vollkommen, als würden alle auf einmal den Atem
anhalten.
»Wie ihr wisst, kämpfen im Turnier drei Champions ge-
geneinander«, fuhr Dumbledore gelassen fort, »von jeder
teilnehmenden Schule einer. Wir werden benoten, wie gut sie
die einzelnen Aufgaben lösen, und der Champion mit der
höchsten Punktzahl nach drei Aufgaben gewinnt den
Trimagischen Pokal. Ein unparteiischer Richter wird die
Champions auswählen ... der Feuerkelch.«
Dumbledore zog seinen Zauberstab und schlug dreimal
sachte auf den Deckel der Truhe. Langsam und knarrend
öffnete er sich. Dumbledore steckte die Hand hinein und zog
einen großen, grob geschnitzten Holzkelch heraus. Er selbst
war nicht weiter bemerkenswert, doch er war bis an den Rand
gefüllt mit tänzelnden blauweißen Flammen.
Dumbledore schloss die Truhe und stellte den Kelch vor-
sichtig auf den Deckel, wo ihn alle sehen konnten.
269
»Jeder, der sich als Champion bewerben will, muss seinen
Namen und seine Schule in klarer Schrift auf einen Perga-
mentzettel schreiben und ihn in den Kelch werfen«, sagte
Dumbledore. »Wer mitmachen will, hat vierundzwanzig
Stunden Zeit, um seinen Namen einzuwerfen. Morgen Nacht,
an Halloween, wird der Kelch die Namen jener drei
preisgeben, die nach seinem Urteil die würdigsten Vertreter
ihrer Schulen sind. Der Kelch wird noch heute Abend in der
Eingangshalle aufgestellt, wo er für alle, die teilnehmen wol-
len, frei zugänglich ist.
Um sicherzustellen, dass keine minderjährigen Schüler der
Versuchung erliegen«, ergänzte Dumbledore, »werde ich eine
Alterslinie um den Feuerkelch ziehen, sobald er in der
Eingangshalle aufgestellt ist. Niemand unter siebzehn wird
diese Linie überschreiten können.
Schließlich möchte ich allen, die teilnehmen wollen, ein-
dringlich nahe legen, mit ihrer Entscheidung nicht leichtfer-
tig umzugehen. Sobald der Feuerkelch einen Champion be-
stimmt hat, wird er oder sie das Turnier bis zum Ende
durchstehen müssen. Wenn ihr euren Namen in den Kelch
werft, schließt ihr einen bindenden magischen Vertrag. Wenn
ihr einmal Champion seid, könnt ihr euch nicht plötzlich
anders besinnen. Überlegt daher genau, ob ihr von ganzem
Herzen zum Spiel bereit seid, bevor ihr euren Zettel in den
Kelch werft. Nun, denke ich, ist es Zeit schlafen zu gehen.
Gute Nacht euch allen.«
»Eine Alterslinie!«, sagte Fred Weasley mit glänzenden
Augen, während sie die Halle in Richtung Tür durchquer-
ten. »Die kann man doch sicher mit einem Alterungstrank
austricksen? Und wenn dein Name einmal in diesem Kelch ist,
hast du gut lachen – er kann doch nicht wissen, ob wir
siebzehn sind oder nicht!«
»Aber ich glaube nicht, dass jemand unter siebzehn eine
270
Chance hat«, sagte Hermine, »wir haben einfach noch nicht
genug gelernt ...«
»Du kannst nur von dir reden«, sagte George unwirsch.
»Aber du, Harry, du probierst es doch sicher?«
Harry dachte kurz an Dumbledores Mahnung, niemand
unter siebzehn dürfe seinen Namen einwerfen, doch dann
überkam ihn erneut die herrliche Vorstellung, er selbst würde
das Trimagische Turnier gewinnen ... er fragte sich, wie sauer
Dumbledore sein würde, wennjemand unter sieb-
zehn tatsächlich eine Möglichkeit fand, über die Alterslinie zu
kommen ...
»Wo ist er?«, sagte Ron, der bisher kein Wort mitbekom-
men hatte, weil er andauernd nach Krum Ausschau gehalten
hatte. »Dumbledore hat nicht gesagt, wo die Durmstrangs
schlafen, oder?«
Die Antwort auf diese Frage ließ nicht lange auf sich war-
ten. Als sie am Tisch der Slytherins vorbeigingen, kam Kar-
karoff gerade zu seinen Schülern herübergehastet.
»Zurück zum Schiff, Leute«, sagte er. »Viktor, wie fühlst du
dich? Hast du genug gegessen? Soll ich dir ein Glas Glüh-
wein aus der Küche bringen lassen?«
Harry sah, wie Krum den Kopf schüttelte, während er sich
den Pelz überzog.
»Professor, ich hätte gerrn etwas Vein«, sagte ein anderer
Durmstrang-Junge hoffnungsvoll.
»Dich habe ich nicht gefragt, Poliakoff«, herrschte ihn Kar-
karoff an, und von seiner warmen väterlichen Art war plötz-
lich nichts mehr zu spüren. »Ich sehe, du hast wieder deinen
ganzen Umhang mit Essen bekleckert, das ist ja widerlich –«
Karkaroff wandte sich um, ging seinen Schülern voran zur
Tür und erreichte sie genau im selben Moment wie Harry, Ron
und Hermine. Harry blieb stehen, um ihm den Vortritt zu
lassen.
271
»Danke«, sagte Karkaroff gleichgültig und warf ihm im
Vorbeirauschen einen Blick zu.
Und dann erstarrte Karkaroff. Er wandte sich zu Harry
um und sah ihn an, als würde er seinen Augen nicht trauen.
Hinter ihrem Direktor stauten sich die Schüler aus Durm-
strang. Karkaroffs Blick wanderte langsam hoch zu Harrys
Stirn und blieb an seiner Narbe hängen. Auch die Durm-
strangs musterten Harry neugierig. Aus den Augenwinkeln
nahm Harry wahr, wie es einigen von ihnen allmählich däm-
merte. Der Junge mit der bekleckerten Robe kniff dem
Mädchen neben ihm in den Arm und deutete unverhohlen auf
Harrys Stirn.
»Ja, das ist Harry Potter«, knurrte eine Stimme hinter
ihnen.
Professor Karkaroff wirbelte herum. Hinter ihm stand Mad-
Eye Moody, schwer auf seinen Stock gestützt; sein ma-
gisches Auge starrte den Durmstrang-Direktor finster und
unverwandt an.
Harry sah, wie die Farbe aus Karkaroffs Gesicht wich und
es zu einer zorn- und angsterfüllten Grimasse wurde.
»Sie!«, sagte er und starrte Moody an, als wäre er nicht si-
cher, ihn wirklich zu sehen.
»Ich«, sagte Moody grimmig. »Und wenn Sie Potter nichts
zu sagen haben, Karkaroff, dann gehen Sie bitte schön weiter.
Sie blockieren die Tür.«
Das stimmte; die halbe Halle wartete schon hinter ihnen und
die Schüler lugten auf Zehenspitzen stehend zur Tür, um den
Grund für den Stau auszumachen.
Ohne ein weiteres Wort winkte Professor Karkaroff sei-
nen Schülern und führte sie davon. Moody sah ihm nach,
das magische Auge unbewegt auf seinen Rücken gerichtet
und mit einem Ausdruck lodernden Abscheus auf dem ent-
stellten Gesicht.
272
Da der nächste Tag ein Samstag war, gingen die meisten
Schüler spät zum Frühstück. Harry, Ron und Hermine je-
doch waren nicht die Einzigen, die früher als sonst am Wo-
chenende aufstanden. Als sie in die Eingangshalle hinunter-
kamen, sahen sie etwa zwanzig ihrer Mitschüler, einige noch
an ihrem Toast kauend, im Kreis um den Feuerkelch herum-
stehen. Er war in der Mitte der Halle aufgestellt, auf dem
Stuhl, der sonst immer den Sprechenden Hut trug. Auf dem
Boden zog sich eine schmale goldene Linie in gut drei Meter
Abstand um den Kelch herum.
»Hat schon jemand seinen Namenszettel eingeworfen?«,
fragte Ron neugierig ein Mädchen aus der dritten Klasse.
»Der ganze Haufen aus Durmstrang«, erwiderte sie.
»Aber aus Hogwarts hab ich noch keinen gesehen.«
»Ich wette, ein paar von uns haben ihre Zettel letzte
Nacht eingeworfen, als wir alle schon im Bett waren«,
sagte Harry. »Jedenfalls hätte ich es so gemacht ... hätte
keine Lust darauf gehabt, dass alle zusehen. Was wäre zum
Beispiel, wenn der Kelch dich gleich wieder ausspucken
würde?«
Hinter ihm hörte er Gelächter. Er wandte sich um und sah
Fred, George und Lee Jordan die Treppe herunterstürmen,
alle drei offenbar in größter Aufregung.
»Das war's«, flüsterte Fred mit Siegermiene Harry, Ron und
Hermine zu. »Wir haben ihn geschluckt.«
»Wen denn?«, fragte Ron.
»Den Alterungstrank, ihr Dumpfbeutel«, sagte Fred.
»Jeder einen Tropfen«, sagte George und rieb sich feixend
die Hände. »Wir müssen ja nur ein paar Monate älter wer-
den.«
»Wenn einer von uns gewinnt, teilen wir die tausend Gal-
leonen zwischen uns auf«, sagte Lee mit breitem Grinsen.
»Ich an eurer Stelle wär mir nicht so sicher, dass es
273
klappt«, warnte Hermine. »Dumbledore hat das sicher
schon bedacht.«
Fred, George und Lee würdigten sie keines Blickes.
»Fertig?«, sagte Fred zitternd vor Aufregung zu den ande-
ren beiden. »Also dann – ich geh voraus –«
Harry sah gespannt zu, wie Fred einen Pergamentfetzen aus
der Tasche zog, auf dem »Fred Weasley – Hogwarts« stand.
Er trat genau bis an die Linie und stand da wie ein Taucher,
der zu einem Sprung aus zwanzig Meter Höhe an-
setzt. Dann, aller Augen in der Halle auf sich gerichtet, holte
er tief Luft und trat über die Linie.
Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Harry, Fred hätte es
geschafft – George jedenfalls war sich dessen sicher, denn mit
einem Triumphschrei sprang er Fred nach -, doch schon war
ein lautes Zischen zu hören, und die Zwillinge flogen aus dem
goldenen Kreis, als wären sie von einem unsichtbaren
Kugelstoßer hinausgeschleudert worden. Sie schlugen schwer
auf dem kalten Steinboden auf, vier Meter vom Kreis ent-
fernt, und um alles noch schlimmer zu machen, ertönte ein
lauter Knall und aus den Gesichtern der beiden sprossen lange,
weiße und vollkommen gleich aussehende Barte.
Ihre Mitschüler brüllten vor Lachen, und selbst Fred und
George stimmten mit ein, sobald sie sich aufgerappelt und ihre
Barte ausgiebig begutachtet hatten.
»Ich habe euch gewarnt«, sagte eine tiefe, vergnügte
Stimme, und alle wandten sich zu Professor Dumbledore um,
der aus der Großen Halle kam. Er musterte Fred und George
augenzwinkernd. »Ich schlage vor, ihr beide geht hoch zu
Madam Pomfrey. Sie kümmert sich bereits um Miss Fawcett
von Ravenclaw und Mr Summers von Hufflepuff, die
ebenfalls auf die Idee kamen, sich ein wenig älter zu ma-
chen. Allerdings muss ich sagen, dass ihre Barte bei weitem
nicht so schön geworden sind wie eure.«
274
Fred und George machten sich auf den Weg in den Kran-
kenflügel, begleitet von Lee, der sich vor Lachen kaum auf
den Beinen halten konnte, während Harry, Ron und Her-
mine kichernd zum Frühstück gingen.
Die Große Halle war am Morgen umgestaltet worden. Da
Halloween war, flatterte eine Wolke echter Fledermäuse an
der verzauberten Decke umher, und aus den Ecken heraus
schielten und grinsten Hunderte ausgeschnitzter Kürbisse.
Harry führte sie hinüber zu Dean und Seamus, die sich da-
rüber unterhielten, welche volljährigen Hogwarts-Schüler sich
wohl bewerben würden.
»Hier geht das Gerücht um, Warrington sei früh aufge-
standen und habe seinen Namen eingeworfen«, berichtete
Dean. »Dieser große Kerl von Slytherin, der aussieht wie ein
Faultier.«
Harry, der Quidditch gegen Warrington gespielt hatte,
schüttelte angewidert den Kopf. »Bloß keinen Slytherin-
Champion!«
»Und alle Hufflepuffs reden von Diggory«, sagte Seamus
verächtlich. »Aber ich hätte nicht gedacht, dass er sein gutes
Aussehen riskieren würde.«
»Hört mal!«, sagte Hermine plötzlich.
Aus der Eingangshalle drang Jubelgeschrei herein. Sie
wirbelten auf ihren Stühlen herum und sahen Angelina
Johnson, ein wenig verlegen grinsend, durch die Tür kom-
men. Angelina war ein großes schwarzes Mädchen, das Jäge-
rin für das Gryffindor-Team spielte; sie kam zu ihnen he-
rüber, setzte sich und sagte: »Tja, ich hab's getan. Ich hab
gerade meinen Namen eingeworfen!«
»Du machst Witze!«, sagte Ron, sahjedoch beeindruckt aus.
»Du bist also schon siebzehn?«, fragte Harry.
»Was fragst du noch? Siehst du 'nen Bart bei ihr oder
was?«, sagte Ron.
275
»Ich hatte letzte Woche Geburtstag«, sagte Angelina.
»Mensch, bin ich froh, dass jemand aus Gryffindor teil-
nimmt«, sagte Hermine. »Ich drück dir die Daumen, dass du
gewinnst, Angelina!«
»Danke, Hermine«, sagte Angelina und lächelte ihr zu.
»Ja, besser du als dieser Schönling Diggory«, sagte Sea-
mus, woraufhin einige vorbeigehende Hufflepuffs ihn fins-
ter ansahen.
»Und was fangen wir mit dem Rest des Tages an?«, fragte
Ron, als sie nach dem Frühstück die Große Halle verließen.
»Wir haben Hagrid noch gar nicht besucht«, sagte Harry.
»Gut«, sagte Ron, »solange er uns nicht bittet, den Krö-
tern ein paar Finger zu opfern.«
Auf Hermines Gesicht breitete sich plötzlich helle Begeis-
terung aus. »Da fällt mir ein – ich hab Hagrid noch nicht ge-
fragt, ob er bei B-ELFE-R mitmachen will!«, strahlte sie.
»Wartet auf mich, bitte, ich renn nur mal kurz hoch und hol
die Anstecker!«
»Was ist bloß in sie gefahren?«, sagte Ron halb verzwei-
felt, während Hermine die Marmortreppe hochstürmte.
»Hey, Ron«, sagte Harry plötzlich. »Da ist deine Freun-
din ...«
Die Schüler aus Beauxbatons, unter ihnen das Veela-Mäd-
chen, kamen gerade von draußen herein. Die Schar, die sich
um den Feuerkelch versammelt hatte, wich zurück und machte
ihnen unter neugierigen Blicken Platz.
Madame Maxime, die zuletzt hereingekommen war, wies
ihre Schützlinge an, sich in einer Reihe aufzustellen. Dann
traten die Beauxbatons nacheinander über die Linie und
warfen ihre Pergamentzettel in die blauweißen Flammen. Kurz
bevor sie im Feuer verschwanden, flammte der Na-
menszug rot auf und stob Funken aus.
»Was, glaubst du, geschieht mit denen, die nicht ausge-
276
wählt werden?«, murmelte Ron Harry zu, als das Veela-
Mädchen sein Pergament in den Feuerkelch warf. »Meinst du,
sie gehen zurück in ihre Schule, oder bleiben sie hier und
sehen sich das Turnier an?«
»Weiß nicht«, sagte Harry. »Sie bleiben hier, nehm ich mal
an ... Madame Maxime jedenfalls ist doch Schiedsrichterin,
oder?«
Als alle Beauxbatons ihre Namen eingeworfen hatten, führte
Madame Maxime sie wieder hinaus ins Freie.
»Wo schlafen die wohl?«, fragte Ron, bewegte sich auf den
Ausgang zu und starrte ihnen nach.
Ein lautes Scheppern hinter ihnen kündigte Hermine an, die
mit ihrem Kästchen voll B.ELFE.R-Ansteckern zurück-
kehrte.
»Na schön, beeilen wir uns«, sagte Ron und rannte die
steinerne Vortreppe hinunter, den Blick unverwandt auf dem
Rücken des Veela-Mädchens, das in Madame Maximes
Gefolge den Rasen schon halb überquert hatte.
Als sie sich Hagrids Hütte am Rande des Verbotenen Wal-
des näherten, löste sich auch das Rätsel, wo die Beauxbatons
schliefen. Die gigantische graublaue Kutsche, in der sie an-
gekommen waren, war keine zweihundert Meter von Ha-
grids Hütte entfernt abgestellt, und die Schüler stiegen ge-
rade wieder hinein. Die elefantösen fliegenden Pferde, die die
Kutsche gezogen hatten, grasten nebenan auf einer ei-
lends umzäunten Koppel. Harry klopfte an Hagrids Tür, und
sofort antwortete Fang mit freudigem Kläffen.
»Wird allmählich Zeit!«, sagte Hagrid, als er die Tür auf-
riss und sah, wer gekommen war. »Dachte, ihr Rasselbande
hättet vergessen, wo ich wohne!«
»Wir hatten irre viel zu tun, Hag–«, begann Hermine, doch
als sie Hagrid sah, verschlug es ihr die Sprache.
Hagrid trug seinen allerbesten (und ganz fürchterlichen)
277
Braunhaar-Anzug und eine gelb-orange karierte Krawatte.
Doch das war noch nicht das Schlimmste; er hatte offenbar
versucht, seine Haarpracht zu zähmen, und zwar, wie es
schien, mit einer gewaltigen Menge Schmierfett. Es fiel nun in
zwei glitschigen Bündeln herunter – vielleicht hatte er es mit
einem Pferdeschwanz versucht wie Bill einen hatte, doch
festgestellt, dass er zu viel Haare besaß. Dieser neue Aufzug
stand Hagrid gar nicht gut. Einen Moment lang be-
trachtete ihn Hermine mit großen Augen, dann kam sie of-
fenbar zu dem Schluss, lieber nichts sagen zu wollen, und
fragte nur: »Ähm – wo sind die Kröter?«
»Draußen beim Kürbisbeet«, sagte Hagrid vergnügt. »Die
nehm'n allmählich richtig zu, müssen inzwischen mindes-
tens 'n Meter lang sein. Das Problem ist nur, sie haben ange-
fangen sich gegenseitig umzubringen.«
»Ach was, wirklich?«, sagte Hermine und warf Ron einen
strengen Blick zu, der die ganze Zeit auf Hagrids neue Frisur
geglotzt hatte und gerade den Mund aufmachte, um eine
Bemerkung loszuwerden.
»Jaah«, sagte Hagrid traurig. »Ist schon wieder gut jetzt, ich
hab sie in verschiedene Kisten gesperrt. Hab noch unge-
fähr zwanzig.«
»Na, was für ein Glück«, sagte Ron. Hagrid entging der
spöttische Unterton.
Seine Hütte bestand aus einem einzigen Raum, in dessen
einer Ecke ein gigantisches Bett mit einer Flickendecke
stand. Ein ähnlich gewaltiger Tisch und Stühle standen vor
dem Feuer, unter der Wolke aus geräucherten Schinken und
toten Vögeln, die von der Decke hingen. Sie setzten sich an
den Tisch, während Hagrid Tee kochte, und bald waren sie
von neuem in ein Gespräch über das Trimagische Turnier
vertieft. Hagrid schien nicht weniger begeistert zu sein als
sie.
278
»Wartet's ab«, sagte er grinsend. »Wartet nur ab. Ich zeig
euch gleich was, das habt ihr noch nie gesehn. Erste Auf-
gabe ... aah, aber ich darf's ja nicht sagen.«
»Nur weiter, Hagrid!«, drängten ihn Harry, Ron und Her-
mine, doch er schüttelte nur den Kopf und grinste.
»Will euch ja nich die Spannung vermiesen«, sagte er.
»Aber 's wird 'n Höllenspaß, sag ich euch. Diese Schämpions
werden's ganz schön schwer haben. Hätt nie gedacht, dass
ich je ein Trimagisches Turnier sehen würd!«
Sie blieben schließlich zum Essen, auch wenn sie nicht ge-
rade herzhaft zulangten – Hagrid tischte seinen eigenen
Worten zufolge Rinderbraten auf, doch nachdem Hermine
eine große Kralle aus ihrem Stück gezogen hatte, verging
den dreien ein wenig der Appetit. Sie machten sich stattdes-
sen einen Spaß daraus, Hagrid die Aufgaben des Trimagi-
schen Turniers zu entlocken, und überlegten wild hin und
her, welche Bewerber es wohl zum Champion schaffen
würden und ob Fred und George inzwischen schon bartlos
waren.
Gegen Nachmittag setzte leichter Regen ein; behaglich
saßen sie am Feuer, lauschten dem sanften Getrommel am
Fenster und sahen Hagrid zu, wie er seine Socken stopfte
und mit Hermine über die Hauselfen stritt – sie hatte ihm
nämlich die Anstecker gezeigt, doch er weigerte sich strikt, bei
B.ELFE.R mitzumachen.
»Da tät man ihnen keinen Gefallen mit, Hermine«, sagte
er mit ernster Miene und fädelte einen dicken gelben Garn-
faden in eine massige Knochennadel ein. »'s liegt in ihrer
Natur, sich um Menschen zu kümmern, das mögen sie, ver-
stehst du? Du würdest sie unglücklich machen, wenn du ih-
nen die Arbeit nimmst, und wenn du sie bezahlst, sind sie
beleidigt.«
»Aber Harry hat Dobby befreit und der war überglück-
279
lieh!«, sagte Hermine, »außerdem haben wir gehört, dass er
jetzt für seine Arbeit Lohn verlangt!«
»Ja nu, Spinner gibt's überall. Ich sag ja nich, dass es nich
den einen oder ändern Elf gibt, der sich befreien lässt, aber die
meisten kriegst du nicht dazu – nö, da ist nichts zu ma-
chen, Hermine.«
Hermine war ziemlich sauer und steckte ihr Kästchen zu-
rück in die Umhangtasche.
Gegen halb fünf wurde es dunkel, und Harry, Ron und
Hermine fanden es an der Zeit, zum Halloween-Fest hoch ins
Schloss zu gehen – zumal da heute Abend verkündet wurde,
wer die Schul-Champions sein sollten.
»Ich komm mit«, sagte Hagrid und legte sein Nähzeug weg.
»'ne Sekunde noch.«
Hagrid stand auf, ging hinüber zur Kommode neben sei-
nem Bett und begann nach etwas zu suchen. Sie achteten nicht
sonderlich auf ihn, bis ein wahrhaft fürchterlicher Ge-
ruch in ihre Nasen drang.
»Hagrid, was ist das denn?«, hüstelte Ron.
»Hmh?«, sagte Hagrid und wandte sich mit einer großen
Flasche in der Hand um. »Mögt ihr's nicht?«
»Ist das Rasierwasser?«, sagte Hermine mit halb erstickter
Stimme.
»Ähm – Kölnischwasser«, murmelte Hagrid. Er lief rot an.
»Vielleicht 'n bisschen viel«, sagte er unsicher. »Ich mach's
wieder ab, wartet kurz ...«
Er stapfte aus der Hütte und sie sahen, wie er sich am
Wassertrog vor dem Fenster ungestüm wusch.
»Kölnischwasser?«, sagte Hermine verdutzt. »Hagrid?«
»Und was ist mit dem Haar und dem Anzug?«, setzte Harry
viel sagend hinzu.
»Seht mal!«, sagte Ron plötzlich und deutete aus dem
Fenster.
280
Hagrid hatte sich aufgerichtet und wandte sich um. Wenn er
vorher rot geworden war, dann war dies nichts im Ver-
gleich zu dem, was ihm jetzt passierte. Harry, Ron und Her-
mine waren so leise wie möglich aufgestanden, damit Ha-
grid sie nicht bemerkte, und sahen jetzt, durchs Fenster
spähend, Madame Maxime und ihre Schüler aus der Kut-
sche steigen, offenbar ebenfalls auf dem Weg zum Fest. Sie
konnten nicht hören, was Hagrid zu Madame Maxime sagte,
doch sein Blick hatte sich verschleiert und sein Gesicht hatte
einen Ausdruck der Verzückung angenommen, wie Harry ihn
bei Hagrid nur einmal beobachtet hatte – als er den Ba-
bydrachen Norbert betrachtet hatte.
»Er geht mit ihr zusammen hoch zum Schloss!«, sagte
Hermine entrüstet. »Ich dachte, wir sollten auf ihn warten!«
Hagrid warf nicht einmal einen kurzen Blick zurück zur
Hütte, sondern stapfte an Madame Maximes Seite die An-
höhe zum Schloss hoch, in ihrem Gefolge die Schüler von
Beauxbatons, die im Laufschritt gingen, um mithalten zu
können.
»Er steht auf sie!«, sagte Ron ungläubig. »Na ja, wenn
sie dann noch Kinder kriegen, stellen sie einen Weltrekord
auf – ich wette, ein Baby von denen würde über 'ne Tonne
wiegen.«
Sie verließen die Hütte und schlössen die Tür. Draußen
war es schon überraschend dunkel. Sie wickelten sich fest in
ihre Umhänge und machten sich auf den Weg hoch zum
Schloss.
»Uuh, schaut mal, da sind die anderen!«, flüsterte Her-
mine.
Die Durmstrangs kamen vom See her zum Schloss hoch.
Viktor Krum ging an der Seite Karkaroffs, die anderen trot-
teten hinter ihnen her. Ron verfolgte Krum mit aufgeregten
Blicken, doch Krum erreichte das Portal ein wenig vor
281
Harry, Ron und Hermine und betrat, ohne sich noch einmal
umzuschauen, das Schloss.
In der kerzenerleuchteten Großen Halle gab es schon fast
keine freien Stühle mehr. Der Feuerkelch hatte einen ande-
ren Platz bekommen; er stand jetzt vor Dumbledores lee-
rem Stuhl am Lehrertisch. Fred und George – von ihren Barten
befreit – schienen ihre Enttäuschung ziemlich gut verkraftet zu
haben.
»Ich hoffe, es wird Angelina«, sagte Fred, als Harry, Ron
und Hermine sich setzten.
»Ich auch!«, sagte Hermine. »Na, wir werden es ja gleich
erfahren!«
Das Halloween-Festessen schien viel länger zu dauern als
üblich. Vielleicht weil es sein zweites Festmahl in zwei Ta-
gen war, konnte Harry sich nicht mehr so heftig für die raf-
finiert zubereiteten Speisen begeistern. Wie alle anderen in der
Halle – jedenfalls angesichts der ungeduldigen Mienen, des
allgemeinen Gezappels, der sich ständig reckenden Hälse und
neugierigen Blicke, ob Dumbledore endlich auf-
gegessen hatte -, wie alle anderen wollte Harry nur, dass sich
die Teller leerten, und dann endlich hören, wer Champion
geworden war.
Endlich kehrten die goldenen Teller in ihren ursprüng-
lichen makellosen Zustand zurück; der Lärm in der Halle
schwoll rasch an und erstarb dann wieder, kaum dass Dum-
bledore aufgestanden war. Professor Karkaroff und Madame
Maxime zu seinen Seiten wirkten nicht weniger gespannt und
erwartungsvoll als alle anderen. Ludo Bagman strahlte und
zwinkerte dieser undjener Schülerin zu. Mr Crouchje-doch
schien recht wenig interessiert, ja fast gelangweilt.
»Nun, der Kelch ist gleich bereit, seine Entscheidung zu
fällen«, sagte Dumbledore. »Ich schätze, er braucht noch
eine Minute. Wenn die Namen der Champions ausgerufen
282
werden, bitte ich sie, hier aufs Podium zu kommen und am
Lehrertisch vorbei in diese Kammer dort zu gehen –«, er
deutete auf die Tür hinter dem Lehrertisch, »- wo sie dann ihre
ersten Anweisungen erhalten.«
Er zückte den Zauberstab und schwang ihn ausladend durch
die Luft; sofort erloschen alle Kerzen, nur in den ge-
schnitzten Kürbissen flackerten sie noch, so dass nun alles im
Halbdunkel lag. Der Feuerkelch leuchtete jetzt heller als alles
andere in der Halle, das gleißende, blauweiß funkelnde Licht
der Flammen stach sogar ein wenig in die Augen. Alle starrten
auf den Kelch und warteten ... hie und da blickte je-
mand auf die Uhr ...
»Gleich geht's los«, flüsterte Lee Jordan zwei Plätze neben
Harry.
Die Flammen im Kelch färbten sich plötzlich wieder rot.
Funken sprühten aus der Glut. Im nächsten Augenblick schoss
eine Flammenzunge in die Luft, ein verkohltes Stück
Pergament flatterte heraus – und die ganze Halle hielt den
Atem an.
Dumbledore fing das Pergament auf und hielt es mit ge-
strecktem Arm von sich, damit er es im Licht des Feuers le-
sen konnte, das nun wieder blauweiß war.
»Der Champion für Durmstrang«, las er mit klarer und
kräftiger Stimme, »ist Viktor Krum.«
»Keine Überraschung!«, rief Ron, während Beifall und Ju-
bel durch die Halle wogten. Harry sah Viktor Krum vom
Slytherin-Tisch aufstehen und zu Dumbledore hochschlur-
fen; er wandte sich nach rechts, ging am Lehrertisch vorbei
und verschwand durch die Tür in der Kammer dahinter.
»Bravo, Viktor!«, polterte Karkaroff so laut, dass er den
Beifall übertönte. »Wusste doch, du hast es in den Kno-
chen!«
Das Plappern und Schnattern erstarb. Nun richteten sich
283
alle Augen wieder auf den Kelch, dessen Flammen sich so-
gleich wieder rot färbten. Ein zweites Pergament flog, hoch-
geschleudert von der Hitze, aus der Glut.
»Champion für Beauxbatons«, sagte Dumbledore, »ist Fleur
Delacour!«
»Das ist sie, Ron!«, rief Harry, als das Mädchen, das einer
Veela so ähnlich sah, sich anmutig erhob, seinen silbrig blon-
den Haarschopf zurückwarf und zwischen den Tischen der
Ravenclaws und Hufflepuffs hindurchglitt.
»Oh, schau mal, die sind alle enttäuscht«, rief Hermine
durch den Lärm und nickte zu den anderen Beauxbatons
hinüber. »Enttäuscht« war ein wenig untertrieben, fand Harry.
Zwei der Mädchen, die es nicht geschafft hatten, zer-
flossen in Tränen und vergruben schluchzend die Köpfe in den
Händen.
Als auch Fleur Delacour in der Kammer verschwunden war,
legte sich erneut Stille über die Halle, doch diesmal war es
eine Stille, die so starr vor Anspannung war, dass man sie fast
schmecken konnte. Jetzt kam der Name des Hogwarts-
Champions ...
Und das Feuer des Kelches färbte sich wiederum rot; Fun-
ken sprühten aus der Glut; eine Flamme züngelte hoch und aus
ihrer Spitze zog Dumbledore das dritte Stück Perga-
ment.
»Der Hogwarts-Champion«, rief er, »ist Cedric Diggory!«
»Nein!«, sagte Ron laut, doch keiner außer Harry hörte ihn;
der Tumult am Nachbartisch war zu gewaltig. Aus-
nahmslos alle Hufflepuffs waren aufgesprungen, schrien und
stampften mit den Füßen, während Cedric mit breitem Grinsen
an ihnen vorbei auf die Kammer hinter dem Leh-
rertisch zuging. Tatsächlich hielt der Beifall für Cedric so
lange an, dass Dumbledore einige Zeit brauchte, um sich
wieder Gehör zu verschaffen.
284
»Bestens!«, rief Dumbledore glücklich, als der Aufruhr sich
endlich legte.
»Schön, wir haben nun drei Champions. Ich bin sicher, ich
kann mich darauf verlassen, dass ihr alle, auch die nicht aus-
gewählten Schüler aus Beauxbatons und Durmstrang, euren
Champion mit äußerster Kraft unterstützt. Indem ihr euren
Champion anfeuert, könnt ihr durchaus dazu beitragen –«
Doch Dumbledore verstummte plötzlich und es entging
keinem, was ihn ablenkte.
Das Feuer des Kelches hatte sich abermals rot verfärbt. Eine
lange Flamme schoss jäh in die Höhe und mit sich trug sie
wiederum ein Pergament. Wie in Trance, so schien es, streckte
Dumbledore seinen langen Arm aus und griff nach dem Blatt.
Er hielt es von sich und las stumm den Namen, der
daraufgeschrieben stand. Eine lange Pause trat ein, wäh-
rend deren Dumbledore auf das Blatt in seiner Hand starrte
und alle anderen Dumbledore anstarrten. Und dann räus-perte
sich Dumbledore und las laut –
»Harry Potter.«
285
Die vier Champions
Harry saß da und wusste genau, dass jedes Augenpaar in der
Großen Halle auf ihn gerichtet war. Er war geschockt. Er war
gelähmt. Er musste träumen. Er hatte nicht richtig gehört.
Niemand klatschte. Plötzlich kam ein Summen wie von
einem Schwärm wütender Bienen in der Halle auf und wurde
immer lauter; einige standen auf, um Harry besser sehen zu
können, wie er da vollkommen starr auf seinem Platz hockte.
Oben am Lehrertisch war Professor McGonagall aufge-
standen und an Ludo Bagman und Professor Karkaroff vorbei
zu Professor Dumbledore gerauscht, der ihr mit leichtem
Stirnrunzeln das Ohr zuneigte.
Harry wandte sich zu Ron und Hermine um; hinter ihnen
saßen die anderen Gryffindors in langer Reihe an der Tafel
und starrten ihn mit offenen Mündern an.
»Ich hab meinen Namen nicht eingeworfen«, sagte Harry
fassungslos. »Das wisst ihr doch.«
Die beiden sahen ihn nicht minder fassungslos an.
Am Lehrertisch nickte Professor Dumbledore seiner Kolle-
gin zu und stand dann auf.
»Harry Potter!«, rief er. »Harry! Nach oben, wenn ich bit-
ten darf!«
»Geh schon«, flüsterte Hermine und versetzte Harry einen
kleinen Schubs.
Harry stand auf, verhedderte sich im Saum seines Umhangs
und geriet kurz ins Stolpern. Der Weg zwischen den Tischen
der Gryffindors und Hufflepuffs hindurch kam ihm vor wie ein
286
ungeheuer langer Marsch; der Lehrertisch wollte und wollte
nicht näher kommen und ihm war, als würden ihm die vielen
hundert Augen wie Suchscheinwerfer Schritt für Schritt folgen.
Das Summen schwoll weiter an. Dann endlich, es musste eine
Stunde vergangen sein, stand er vor Dumbledore und jetzt
spürte er die Blicke sämtlicher Lehrer auf sich gerichtet.
»Nun ... durch die Tür, Harry«, sagte Dumbledore. Er
lächelte nicht.
Harry ging am Lehrertisch entlang. Ganz am Ende saß
Hagrid. Er zwinkerte Harry nicht zu, winkte auch nicht und
hob auch nicht wie sonst immer die Hand zum Gruß. Er sah
vollkommen verdattert aus und starrte, wie all die anderen
auch, den vorbeigehenden Harry an. Harry ging durch die Tür
und befand sich nun in einem kleineren Raum, an dessen
Wänden Gemälde von Hexen und Zauberern hingen. Ein
stattliches Feuer prasselte hinten im Kamin.
Kaum war er eingetreten, wandten sich ihm die Gesichter
auf den Gemälden zu. Eine verhutzelte Hexe huschte aus
ihrem Bilderrahmen, tauchte im nächsten, bei einem Zaube-
rer mit Walrossschnurrbart, wieder auf und begann ihm ins
Ohr zu flüstern.
Viktor Kram, Cedric Diggory und Fleur Delacour saßen am
Kamin. Vor dem flackernden Feuer wirkten ihre Profile
ungewöhnlich beeindruckend. Kram, ein wenig abseits von
den anderen, lehnte in sich versunken an der Kamineinfas-
sung. Cedric hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und
stierte ins Feuer. Fleur Delacour wandte sich um, als Harry
eintrat, und warf mit einer raschen Kopfbewegung ihr langes
üppiges Silberhaar in den Nacken.
»Was ist los?«, sagte sie. »Sollen wir zurück in die 'alle?«
Sie dachte, Harry sei mit einer Nachricht gekommen. Harry
wusste nicht, wie er erklären sollte, was soeben gesche-
hen war. Er stand einfach da und sah die drei Champions an.
287
Jetzt auf einmal fiel ihm auf, wie groß sie alle waren. Hinter
sich hörte er hastige Schritte, dann trat Ludo Bagman ein. Er
packte Harry am Arm und zog ihn beiseite.
»Unglaublich!«, murmelte er und drückte Harrys Arm.
»Absolut unglaublich! Meine Herren ... meine Dame«, er-
gänzte er und ging auf die anderen am Kamin zu. »Darf ich
Ihnen – so unfasslich es klingen mag – den vierten Champion
unseres Turniers vorstellen?«
Viktor Krum richtete sich auf. Er sah Harry scharf an und
sein mürrisches Gesicht verdüsterte sich noch mehr. Cedric
schien vollkommen aus der Fassung geraten. Sein Blick wan-
derte von Bagman zu Harry und wieder zurück, als wäre er
sich sicher, dass er Bagman soeben missverstanden hatte.
Fleur Delacour jedoch warf ihr Haar in den Nacken und sagte
lächelnd: »Oh, sehr lustiger Wids, Miester Bagman.«
»Witz?«, echote Bagman verdutzt. »Nein, nein, keineswegs!
Der Feuerkelch hat gerade Harrys Namen ausgegeben!«
Krams dichte schwarze Brauen zogen sich unmerklich zu-
sammen. Cedric schien noch immer um Fassung zu ringen.
Fleur ranzelte die Stirn. »Aber offensischtlisch ist das ein
Fehler«, sagte sie verächtlich in Richtung Bagman. »Är kann
nischt teilnehmen. Är ist zu jung.«
»Nun ja ... es ist höchst erstaunlich«, sagte Bagman. Er rieb
sich das glatte Kinn und lächelte zu Harry hinunter. »Doch wie
Sie wissen, wurde die Altersbegrenzung erst dieses Jahr
eingeführt, als zusätzliche Sicherheitsvorkehrung. Und da der
Kelch seinen Namen ausgegeben hat ... es ist nun einmal so
weit gekommen, und ich denke, dann darf man sich nicht
drücken ... es steht in den Regeln, er ist verpflichtet ... Harry
muss ganz einfach tun, was in seinen Kräften –«
Die Tür hinter ihm ging auf und eine größere Gruppe kam
herein: Professor Dumbledore, dicht gefolgt von Mr Crouch,
Professor Karkaroff, Madame Maxime, Professor McGona-
288
gall und Professor Snape. Harry hörte das Gesumme seiner
Mitschüler hereindringen, bis Professor McGonagall die Tür
schloss.
»Madame Maxime!«, rief Fleur und ging mit großen Schrit-
ten hinüber zu ihrer Lehrerin. »Man sagt, dass dieser kleine
Junge 'ier ebenfalls teilnehmen soll!«
Irgendwo unter seiner Benommenheit und Ratlosigkeit
spürte Harry einen zornigen Stich. Kleiner Junge?
Madame Maxime richtete sich zu ihrer stattlichen Größe
auf. Mit ihrem schönen Kopf streifte sie den kerzenbesetzten
Kronleuchter, und ihre mächtige, in schwarzen Satin gehüllte
Brust hob sich.
»Was 'at das zu bedeuten, Dumbly-dorr?«, sagte sie in ge-
bieterischem Ton.
»Das würde auch ich gerne wissen, Dumbledore«, sagte
Professor Karkaroff. Er hatte ein stählernes Lächeln aufgesetzt
und seine blauen Augen wirkten wie Eissplitter. »Zwei
Champions für Hogwarts? Mir jedenfalls hat keiner gesagt,
dass für die gastgebende Schule zwei Champions antreten
dürfen – oder habe ich die Regeln nicht sorgfältig genug ge-
lesen?« Er lachte kurz und gehässig auf.
»C'est impossible«, sagte Madame Maxime, deren gewal-
tige Hände mit ihren vielen herrlichen Opalen auf Fleurs
Schulter ruhten. »'Ogwarts kann keine zwei Champions 'aben.
Das ist 'öchst ungerescht.«
»Wir hatten darauf vertraut, dass ihre Alterslinie jüngere
Bewerber fern halten würde, Dumbledore«, sagte Karkaroff
noch immer stählern lächelnd, während seine Augen noch
kälter wurden. »Denn sonst hätten wir natürlich eine grö-
ßere Auswahl an Kandidaten aus unseren Schulen mitge-
bracht.«
»Dafür trägt einzig und allein Potter die Schuld, Karkaroff«,
sagte Snape leise. Seine schwarzen Augen glühten heimtü-
289
ckisch. »Stellen Sie Dumbledore nicht an den Pranger, nur
weil Potter so entschlossen ist, die Regeln zu brechen. Seit er
an dieser Schule ist, übertritt er ständig Grenzen –«
»Danke, Severus«, sagte Dumbledore mit fester Stimme,
und Snape verstummte, auch wenn seine Augen immer noch
gehässig durch den Vorhang fettigen schwarzen Haares schim-
merten.
Professor Dumbledore sah zu Harry hinunter, der ihm ge-
radewegs in die Augen hinter den Halbmondgläsern schaute
und versuchte, ihren Ausdruck zu entschlüsseln.
»Hast du den Zettel mit deinem Namen in den Feuerkelch
geworfen, Harry?«, fragte Dumbledore ruhig.
»Nein«, sagte Harry. Er wusste, dass ihn alle scharf be-
obachteten. Snape ließ aus dem Hintergrund ein leises, unwil-
liges und ungläubiges Schnauben hören.
»Hast du einen älteren Schüler gebeten, deinen Namen für
dich in den Feuerkelch zu werfen?«, fragte Professor Dum-
bledore ohne auf Snape zu achten.
»Nein«, sagte Harry nachdrücklich.
»Aah, aber natürlisch lügt er!«, rief Madame Maxime.
Snape schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf.
»Er wäre nicht über die Alterslinie gekommen«, sagte Pro-
fessor McGonagall schneidend. »Ich bin sicher, wir stimmen
alle darin überein –«
»Dumbly-dorr muss einen Fehler bei der Linie gemacht
'aben«, sagte Madame Maxime achselzuckend.
»Das ist natürlich möglich«, entgegnete Dumbledore höf-
lich.
»Dumbledore, Sie wissen genau, dass Sie keinen Fehler
gemacht haben!«, sagte Professor McGonagall aufgebracht.
»Nun aber wirklich, was für ein Unsinn! Harry hätte die Linie
nicht selbst übertreten können, und wenn Professor
Dumbledore ihm glaubt, dass er keinen älteren Mitschüler
290
dazu angestiftet hat, dann möchte ich doch hoffen, dass Sie
alle damit zufrieden sind!«
Sie warf Professor Snape einen sehr zornigen Blick zu.
»Mr Crouch ... Mr Bagman«, sagte Karkaroff nun mit sal-
bungsvoller Stimme, »Sie sind unsere – ähm – unparteiischen
Richter. Sie stimmen sicher mit mir überein, dass es sich hier
um eine offene Regelverletzung handelt?«
Bagman wischte sich mit dem Taschentuch über das runde,
jungenhafte Gesicht und sah Mr Crouch an, der außerhalb des
Feuerscheins stand, das Gesicht halb im Schatten verbor-
gen. Er sah ein wenig schaurig aus, das Halbdunkel machte
ihn viel älter und verlieh ihm ein fast totenkopfartiges Ausse-
hen. Er sprach jedoch in seinem üblichen barschen Ton. »Wir
müssen die Regeln befolgen und in den Regeln heißt es klar,
dass die Schüler, deren Namen der Feuerkelch ausgibt, ver-
pflichtet sind, am Turnier teilzunehmen.«
»Tja, Barty kennt das Regelwerk praktisch auswendig«,
strahlte Bagman und wandte sich wieder Karkaroff und
Madame Maxime zu, als ob die Sache damit entschieden
wäre.
»Ich bestehe darauf, noch einmal die Namen meiner übri-
gen Schüler einzuwerfen«, sagte Karkaroff. Der salbungsvolle
Ton und das Lächeln waren von ihm abgefallen. Dafür hatte
sein Gesicht einen ungemein hässlichen Ausdruck angenom-
men. »Sie werden den Feuerkelch noch einmal aufstellen, und
wir werfen weitere Namen, ein, bis jede Schule zwei
Champions hat. Das ist nur fair, Dumbledore.«
»Aber Karkaroff, das wird nicht möglich sein«, sagte Bag-
man. »Der Feuerkelch ist soeben, erloschen – er wird sich erst
wieder zu Beginn des nächsten Turniers entzünden –«
»- an dem Durmstrang ganz sicher nicht teilnehmen wird!«,
warf Karkaroff zornig ein. »Nach all unseren Treffen und
gemeinsamen Absprachen Hätte ich nicht erwartet, dass
291
so etwas passieren könnte! Ich behalte mir vor, Hogwarts so-
fort zu verlassen!«
»Leere Drohung, Karkaroff«, knurrte eine Stimme an der
Tür. »Sie können Ihren Champion jetzt nicht im Stich lassen.
Er muss kämpfen. Sie alle müssen kämpfen. Es ist ein binden-
der magischer Vertrag, wie Dumbledore gesagt hat. Das passt
Ihnen doch, oder?«
Moody war gerade hereingekommen. Er hinkte auf das
Feuer zu und jedes Mal, wenn er den rechten Fuß aufsetzte,
gab es ein lautes Klonk.
»Das soll mir passen?«, sagte Karkaroff. »Ich fürchte, ich
verstehe Sie nicht, Moody.«
Harry spürte, dass er eigentlich verächtlich klingen wollte,
als wären Moodys Worte eine Entgegnung überhaupt nicht
wert, doch seine Hände verrieten ihn; er hatte sie zu Fäusten
geballt.
»Nicht?«, sagte Moody leise. »Es ist ganz einfach, Karka-
roff. Jemand hat Potters Namen in den Kelch geworfen, und
dieser Jemand wusste genau, dass Harry teilnehmen muss,
wenn der Kelch ihn erwählt.«
»Offensischtlisch jemand, der wollte, dass 'Ogwarts zwei
Chancen bekommt!«, sagte Madame Maxime.
»Sie haben vollkommen Recht, Madame Maxime«, sagte
Karkaroff und verneigte sich vor ihr. »Ich werde Beschwerde
beim Zaubereiministerium sowie bei der Internationalen
Zauberervereinigung einreichen –«
»Wenn hier jemand Grund hat sich zu beschweren, dann ist
es Potter«, knurrte Moody, »aber ... komisch ... von ihm höre
ich kein Wort ...«
»Warum sollte er sisch beschweren?«, platzte Fleur Dela-
cour los und stampfte mit dem Fuß auf. »Er 'at die Chance
teilzunehmen, nischt wahr? Wir anderen 'aben wochenlang
darauf ge'offt! Die Ehre für unsere Schulen! Eintausend
292
Galleonen Preisgeld – für diese Chance würden viele sogar
sterben!«
»Vielleicht hofft jemand, dass Potter tatsächlich dafür
stirbt«, sagte Moody mit kaum noch merklichem Knurren.
Diesen Worten folgte ein äußerst gespanntes Schweigen.
Ludo Bagman trippelte nervös hin und her und entgegnete
beklommen: »Moody, altes Haus ... was sagen Sie denn da!«
»Wir alle wissen, dass Professor Moody den Morgen für
verschwendet hält, wenn er nicht vor dem Mittagessen sechs
Mordverschwörungen gegen sich aufdeckt«, sagte Karkaroff
laut. »Offenbar bringt er jetzt auch seinen Schülern die Angst
vor einem Attentat bei. Ein merkwürdiger Zug bei einem
Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, Dumble-
dore, aber Sie hatten bestimmt ihre Gründe, ihn kommen zu
lassen.«
»Ich bilde mir Dinge ein, tatsächlich?«, knurrte Moody.
»Ich sehe schon Gespenster, oder? Es war eine fähige Hexe
oder ein Zauberer, der den Namen dieses Jungen in den Kelch
geworfen hat ...«
»Aah, wo sind die Beweise dafür?«, sagte Madame Maxime
und ihre riesigen Hände ruderten durch die Luft.
»Hier wurde ein kraftvoller magischer Gegenstand ausge-
trickst!«, sagte Moody. »Ein ungewöhnlich starker Verwechs-
lungszauber war nötig, damit dieser Kelch vergisst, dass nur
drei Schulen am Turnier teilnehmen ... Ich vermute, dass
Potters Name für eine vierte Schule eingeworfen wurde, denn
dann galt er als deren einziger Kandidat ...«
»Sie scheinen ja ausgiebig darüber nachgedacht zu haben,
Moody«, entgegnete Karkaroff kühl, »und das ist natürlich eine
ausgefuchste Theorie – allerdings ist mir zu Ohren gekommen,
dass Sie jüngst die fixe Idee hatten, eines Ihrer Geburtstagsge-
schenke sei ein raffiniert getarntes Basiliskenei. Sie schleuder-
ten es deshalb gegen die Wand und mussten dann leider erken-
293
nen, dass es nur ein Resiewecker war. Sie müssen dahre
verstehen, dass wir Sie nicht ganz ernst nehmen können...«
»Ich denke an gewisse Leute, die harmlose Veranstaltungen
für ihre Zwecke ins Gegenteil verkehren«, entgegnete Moody
in drohendem Tonfall. »Wie Sie eigentlich wissen sollten,
Karkaroff, ist es meine Aufgabe, mich in das Denken schar-
zer Magier einzufühlen ...«
»Alastor!«, sagte Dumbledore mahnen. Harry wunderte
sich einen Momen lang, wen er damit meinte, doch dann
wurde ihm klar, dass »Mad-Eye« wohl kaum Moodys richti-
ger Vorname sein konnte. Moody verstummte, beobachtete
Karkaroff jedoch immer noch voll Genugtuung – und Karka-
roffs Gesicht glühte.
»Wir wissen nicht, wie wir in diese Lage geraten sind«,
sagte Dumbledore in die Runde. »Ich denke jedoch, wir haben
wohl keine andere Wahl, als das Beste daraus zu machen. So-
wohl Cedric als auch Harry wurden zu Teilnehmern des Tur-
niers bestimmt. Daher werden sie auch ...«
»Ah, aber Dumbly-dorr –«
»Meine liebe Madame Maxime, wenn Sie einen anderen
Vorschlag haben, wäre ich erfreut ihn zu hören.«
Dumbledore wartete, doch Madame Maxime schwieg und
sah ihn nur zornfunkelnd an. Und sie war nicht die Einzige.
Auch Snape sah wütend aus; Karkaroff schien vor Zorn zu ko-
chen. Bagman jedoch machte den Eindruck, als sei er vor Be-
geisterung ganz aus dem Häuschen.
»Nun, wie steht's, legen wir los?«, sagte er, rieb sich die
Hände und lächtelte in die Runde. »Wir müssen unseren
Champions doch sagen, um was es geht. Barty, ich erteile dir
das Wort.«
Mr Crouch schien aus tiefer Nachdenklichkeit zu erwachen.
»Ja«, sagte er langsam, »die Anweisungen. Ja ... die erste
Aufgabe ...«
294
Er trat ins Licht des Feuers. Von nahem, fand Harry, sah er
krank aus. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen und
seine runzlige Haut wirkte, ganz anders als bei der Weltmeis-
terschaft, dünn und papieren.
»Die erste Aufgabe dient dazu, Ihren Mut auf die Probe zu
stellen«, verkündete er Harry, Cedric, Fleur und Krum, »und
deshalb sagen wir Ihnen nicht, um was es geht. Kühnheit an-
gesichts der überraschenden Gefahr ist ein sehr wichtiger
Charakterzug von Zauberern ... sehr wichtig ...
Die erste Aufgabe werden wir Ihnen am vierundzwanzigs-
ten November stellen, vor all Ihren Mitschülern und den
Schiedsrichtern.
Den Champions ist es nicht gestattet, von ihren Lehrern
Hilfe irgendwelcher Art zu erbitten oder anzunehmen, damit
sie die Aufgaben lösen können. Sie werden sich der ersten
Herausforderung nur mit ihrem Zauberstab bewaffnet stellen
müssen. Wenn die erste bewältigt ist, erhalten sie Auskunft
über die zweite Aufgabe. Da das Turnier äußerste Kraft und
viel Zeit verlangt, sind die Champions von den Jahresab-
schlussprüfungen freigestellt.«
Mr Crouch wandte sich an Dumbledore. »Ich glaube, das ist
alles, Albus?«
»Ich denke auch«, sagte Dumbledore und sah Mr Crouch ein
wenig besorgt an. »Sind Sie sicher, dass Sie heute Nacht nicht
in Hogwarts bleiben wollen, Barty?«
»Ja, Dumbledore, ich muss zurück ins Ministerium«, sagte
Mr Crouch. »Wir haben im Moment eine schwierige und ar-
beitsreiche Zeit ... ich habe dem jungen Weatherby die Ver-
antwortung überlassen, solange ich weg bin ... sehr eifrig ...
ein wenig übereifrig, um die Wahrheit zu sagen ...«
»Bevor Sie gehen, schauen Sie doch auf ein Gläschen bei
mir vorbei?«, sagte Dumbledore.
»Jetzt komm schon, Barty, ich bleibe auch hier!«, sagte Bag-
295
man ausgelassen. »Hier in Hogwarts spielt jetzt die Musik, das
ist doch viel spannender als das Büroleben!«
»Das glaube ich nicht, Ludo«, sagte Crouch mit einem An-
flug seiner früheren Ungeduld.
»Professor Karkaroff – Madame Maxime – noch einen
Schlummertrunk?«, fragte Dumbledore.
Doch Madame Maxime hatte bereits ihren Arm um Fleurs
Schultern gelegt und führte sie rasch hinaus. Harry hörte, wie
sie sich draußen in der Halle sehr schnell auf Französisch un-
terhielten. Karkaroff winkte Krum zu und auch sie gingen
hinaus, allerdings schweigend.
»Harry, Cedric, ich schlage vor, ihr geht jetzt nach oben«,
sagte Dumbledore und lächelte beiden zu. »Ich bin sicher, die
Gryffindors und Hufflepuffs warten nur darauf, mit euch zu
feiern, und es wäre jammerschade, sie dieses trefflichen
Vorwandes zu berauben, eine Menge Müll und Lärm zu
machen.«
Harry warf Cedric einen Blick zu, Cedric nickte, und sie
gingen zusammen hinaus.
Die Große Halle lag jetzt verlassen da; die Kerzen waren
heruntergebrannt und das schartige und flackernde Grinsen der
Kürbisse hatte etwas Unheimliches angenommen.
»So ist das also«, sagte Cedric mit einem halben Lächeln.
»Wir spielen schon wieder gegeneinander!«
»Sieht so aus«, sagte Harry. Etwas Besseres fiel ihm einfach
nicht ein. In seinem Kopf schien alles durcheinander gewir-
belt zu sein, als hätte ihn jemand kräftig geschüttelt.
»Dann ... verrat mir mal eines ...«, sagte Cedric in der Ein-
gangshalle, die jetzt, da der Feuerkelch verschwunden war, nur
noch im Licht der Fackeln dalag. »Wie hast du deinen Namen
da reingebracht?«
»Hab ich nicht«, sagte Harry und sah zu ihm hoch. »Ich hab
ihn nicht eingeworfen. Ich sag die Wahrheit.«
296
»Ah ... na gut«, sagte Cedric. Harry wusste, dass er ihm
nicht glaubte. »Na ja ... wir sehen uns.«
Cedric nahm nicht die Marmortreppe, sondern ging rechts
an ihr vorbei auf eine Tür zu. Harry blieb stehen und lauschte,
wie Cedric eine steinerne Treppe hinunterstieg, dann ging er
langsam die Marmortreppe hoch.
Würde irgendjemand außer Ron und Hermine ihm glau-
ben, oder würden sie alle denken, er selbst hätte seinen Na-
menszettel in den Kelch geworfen? Doch wie konnte jemand
so etwas glauben, wo doch seine Konkurrenten drei Jahre län-
ger Zaubern gelernt hatten – und zudem musste er nicht nur
diese Aufgaben bewältigen, die so richtig nach Gefahr rochen,
sondern es würden auch noch Hunderte von Menschen dabei
sein und ihm zusehen. Ja, er hatte daran gedacht ... er hatte mit
dem Gedanken gespielt ... er hatte davon geträumt ... doch im
Grunde war es ein Witz gewesen, der keine Folgen haben
sollte ... er hatte nie und nimmer ernsthaft vorgehabt
teilzunehmen ...
Doch jemand anderes hatte es getan ... jemand wollte, dass
er am Turnier teilnahm, und hatte dafür gesorgt, dass sein
Name ins Spiel gebracht wurde. Warum? Um ihm einen Ge-
fallen zu tun? Das konnte er kaum glauben ...
Um zu sehen, wie er sich zum Narren machte? In diesem
Fall würde der Wunsch wohl in Erfüllung gehen ...
Doch um ihn sterben zu sehen? Litt Moody nur wieder an
seinem üblichen Verfolgungswahn? War es nicht möglich,
dass jemand seinen Namen in den Kelch geworfen hatte, um
sich einen Scherz zu erlauben, um ihn zu triezen? Wollte
wirklich jemand, dass er starb?
Diese Frage konnte Harry sofort beantworten. Ja, jemand
wollte ihn tot sehen, jemand wünschte ihm den Tod, seit er
ein Jahr alt gewesen war ... Lord Voldemort. Doch wie hätte
es Voldemort bewerkstelligen sollen, seinen Namen in den
297
Feuerkelch zu werfen? Voldemort war angeblich weit weg, in
einem fernen Land, und versteckte sich, einsam und allein ...
entkräftet und machtlos ...
Doch in jenem Traum, aus dem er mit schmerzender Narbe
hochgeschreckt war, war Voldemort nicht allein gewe-
sen ... er hatte mit Wurmschwanz gesprochen ... und mit ihm
den Mord an Harry ausgeheckt ...
Harry erschrak, denn er stand plötzlich vor der fetten Dame.
Er hatte kaum wahrgenommen, wohin ihn seine Füße trugen.
Eine Überraschung war auch, dass sie nicht allein in ihrem
Rahmen war. Die verhutzelte Hexe, die in das Ge-
mälde ihres Nachbarn huschte, als er vorhin in den kleinen
Raum gekommen war, saß nun mit blasierter Miene neben der
fetten Dame. Sie musste durch jedes Bild entlang der sie-
ben Treppen gehastet sein, nur um vor ihm hier anzukom-
men. Die Hexe und die fette Dame sahen ihn höchst interes-
siert von oben herab an.
»Schön, schön, schön«, sagte die fette Dame. »Violet hat
mir soeben alles erzählt. Wer ist nun also gerade zum Schul-
champion bestimmt worden?«
»Quatsch«, sagte Harry dumpf.
»Das ist es ganz sicher nicht«, sagte die Hutzelhexe ent-
rüstet.
»Nein, nein, Vi, es ist das Passwort«, beschwichtigte sie die
fette Dame, und sie schwang an ihren Angeln hängend zur
Seite, um Harry einzulassen.
Der Lärmschwall, der durch das Porträtloch an Harrys Oh-
ren drang, riss ihn beinahe von den Füßen. Dann wusste er nur
noch, dass ein Dutzend Händepaare ihn in den Gemein-
schaftsraum zerrte, wo ganz Gryffindor schreiend, klatschend
und pfeifend auf ihn wartete.
»Du hättest uns was sagen sollen!«, brüllte Fred halb verär-
gert, doch auch schwer beeindruckt.
298
»Wie hast du es geschafft, ohne dass dir ein Bart gewachsen
ist? Genial!«, polterte Fred.
»Hab ich nicht«, sagte Harry. »Ich weiß nicht, wie –«
Doch Angelina hatte sich nun seiner angenommen. »Tja,
wenn nicht ich, dann wenigstens ein anderer Gryffindor –«
»Jetzt kannst du es Diggory für das letzte Quidditch-Spiel
heimzahlen!«, kreischte Katie Bell, ebenfalls eine Gryffindor-
Jägerin.
»Wir haben was zu essen, Harry, komm, hau rein –«
»Ich hab keinen Hunger, wirklich, ich hab beim Fest genug
gegessen –«
Doch niemand wollte hören, dass er keinen Hunger hatte;
niemand wollte hören, dass nicht er selbst seinen Namen in
den Feuerkelch geworfen hatte; nicht ein Einziger von ihnen
schien zu merken, dass er überhaupt nicht in Feierstimmung
war ... Lee Jordan hatte irgendwo ein Gryffindor-Banner aus-
gegraben und er ließ sich nicht davon abbringen, es wie eine
Toga um Harry zu wickeln. Kein Entkommen für Harry; wann
immer er versuchte sich zur Schlafsaaltreppe zu ver-
drücken, schloss sich die Schar um ihn und drängte ihm noch
ein Butterbier auf, drückte ihm Kartoffelchips und Erdnüsse in
die Hände ... alle wollten sie wissen, wie er es geschafft hatte,
Dumbledores Alterslinie auszutricksen und seinen Na-
menszettel in den Kelch zu werfen ...
»Ich war's nicht«, sagte er immer und immer wieder. »Ich
weiß nicht, was passiert ist.«
Doch er hätte genauso gut den Mund halten können, so
wenig hörten sie ihm zu.
»Ich bin müde!«, brüllte er schließlich, nach fast einer hal-
ben Stunde. »Nein, im Ernst, George, ich geh zu Bett –«
Er wünschte sich nichts sehnlicher, als mit Ron und Her-
mine zu sprechen und wieder ein wenig zu sich zu kommen,
aber keiner von beiden schien hier zu sein. Noch einmal rief
299
er, dass er Schlaf brauche, und trat fast die kleinen Creevey-
Brüder platt, die ihm am Fuß der Treppe auflauerten. Doch
dann gelang es ihm, alle abzuschütteln, und er hastete, so
schnell er konnte, die Treppe hoch zum Schlafsaal.
Zu seiner großen Erleichterung fand er Ron noch angezo-
gen auf dem Bett im sonst leeren Schlafsaal liegen. Dieser hob
den Kopf, als Harry die Tür hinter sich schloss.
»Wo warst du?«, fragte Harry.
»Ach, hallooh«, sagte Ron.
Er grinste, doch es war ein sehr merkwürdiges, gezwunge-
nes Grinsen. Harry wurde plötzlich klar, dass er immer noch
das scharlachrote Gryffindor-Banner trug, das Lee ihm um-
gebunden hatte. Rasch wollte er es losschnüren, doch es war
sehr fest verknotet. Ron lag reglos auf dem Bett und sah Harry
zu, wie er verzweifelt versuchte das Tuch loszuwerden.
»Na denn«, sagte er, als sich Harry endlich von dem Banner
befreit und es in eine Ecke gepfeffert hatte. »Gratuliere.«
»Was soll das denn heißen, gratuliere?«, sagte Harry und
sah Ron finster an. Etwas stimmte offensichtlich nicht mit
Rons Lächeln; es war eher eine Grimasse.
»Na ja ... keiner sonst ist über die Alterslinie gekommen«,
sagte Ron. »Nicht mal Fred und George. Wie hast du's ge-
macht – mit dem Tarnurnhang?«
»Mit dem Tarnurnhang wäre ich nicht über diese Linie ge-
kommen«, sagte Harry langsam.
»Na gut«, sagte Ron. »Ich dachte nur, du hättest es mir sa-
gen können, wenn es der Umhang gewesen wäre ... da hätten
wir immerhin beide druntergepasst, oder? Aber du hast was
anderes gefunden?«
»Hör zu«, sagte Harry, »ich hab meinen Namen nicht in
diesen Kelch geworfen. Jemand anderes muss es getan
haben.«
Ron hob die Brauen. »Warum sollte jemand das tun?«
300
»Weiß ich nicht«, sagte Harry. Er hatte das Gefühl, es
würde auf peinliche Art schaurig klingen, wenn er sagen
würde, »um mich zu töten«.
Ron zog die Augenbrauen so weit hoch, dass sie unter sei-
nen Haaren zu verschwinden schienen.
»Es ist schon in Ordnung, mir jedenfalls kannst du die
Wahrheit erzählen«, sagte er. »Wenn du nicht willst, dass es
alle erfahren, schön, aber ich weiß nicht, warum du auch noch
anfängst zu lügen, du hast ja nicht einmal Ärger gekriegt,
oder? Diese Freundin der fetten Dame, Violet, hat uns schon
alles erzählt. Dumbledore lässt dich teilnehmen. Tausend
Galleonen Preisgeld, aber hallo. Und von den Prüfungen bist
du auch befreit ...«
»Ich hab meinen Namen nicht in diesen Kelch geworfen!«,
sagte Harry mit einem Anflug von Ärger.
»Jaah, schon gut«, erwiderte Ron und klang dabei genau-
so ungläubig wie Cedric. »Aber du hast doch heute Morgen
gesagt, du hättest es in der Nacht getan, damit dich keiner sieht
... ich bin nicht blöd, weißt du.«
»Aber den Blödmann spielst du ziemlich gut«, blaffte ihn
Harry an.
»Jaah?«, sagte Ron, und jetzt war keine Spur eines Grin-
sens, ob echt oder falsch, auf seinem Gesicht. »Du willst jetzt
sicher schlafen, Harry, ich denke, du musst morgen früh raus,
für einen Fototermin oder so was.«
Ron zog die Vorhänge seines Himmelbetts zu, und Harry
stand an der Tür und starrte auf den dunkelroten Stoff, der nun
einen der wenigen Menschen verbarg, von denen er überzeugt
gewesen war, dass sie ihm glauben würden.
301
Die Eichung der Zauberstäbe
Als Harry am Sonntagmorgen erwachte, wusste er zunächst
nicht, warum er sich so besorgt und niedergeschlagen fühlte.
Dann überkam ihn die Erinnerung an den Abend zuvor. Er
setzte sich auf und riss die Bettvorhänge zur Seite, um auf der
Stelle mit Ron zu sprechen, denn Ron musste ihm jetzt einfach
glauben – doch dann sah er, dass Rons Bett leer war; offenbar
war er schon unten beim Frühstück.
Harry zog sich an und stieg die Wendeltreppe in den Ge-
meinschaftsraum hinunter. Kaum war er eingetreten, fingen
seine Mitschüler, die schon gefrühstückt hatten, erneut an zu
klatschen. Die Aussicht, in die Große Halle zu gehen und dort
den anderen Gryffindors zu begegnen, die ihn ebenfalls wie
einen Helden feiern würden, war nicht besonders ver-
lockend; doch sollte er hier bleiben und sich von den Cree-
vey-Brüdern in die Zange nehmen lassen, die ihn begeistert zu
sich herüberwinkten? Entschlossen ging er zum Porträt-
loch, kletterte hinaus und sah sich plötzlich Hermine gegen-
über.
»Hallo«, sagte sie. In der Hand hatte sie ein paar in Ser-
vietten gewickelte Toastbrote. »Das hier ist für dich ... hast du
vielleicht Lust auf einen Spaziergang?«
»Gute Idee«, sagte Harry dankbar.
Sie gingen hinunter, durchquerten rasch die Eingangs-
halle, gingen hinaus und schlenderten über den Rasen zum
See hinüber, wo das am Ufer vertäute Schiff der Durm-
strangs sich schwarz im Wasser spiegelte. Es war ein kalter
302
Morgen, und während sie im Gehen ihre Brote aßen, schil-
derte Harry ganz genau, was am Abend zuvor, nachdem er den
Gryffindor-Tisch verlassen hatte, geschehen war. Als er
merkte, dass Hermine ihm seine Geschichte ohne wei-
tere Nachfragen glaubte, fiel ihm ein schwerer Stein vom
Herzen.
»Hör mal, natürlich war mir klar, dass du dich nicht selbst
ins Spiel gebracht hast«, sagte sie, nachdem er ihr geschildert
hatte, was in dem Raum hinter dem Lehrertisch geschehen
war. »Du hättest dein Gesicht sehen sollen, als Dumbledore
deinen Namen ausgerufen hat! Die Frage ist nur, wer hat den
Zettel wirklich eingeworfen? Denn Moody hat Recht, Harry ...
ich glaube nicht, dass es ein Schüler getan hat ... keiner von
uns hätte es geschafft, den Kelch zu täuschen oder über
Dumbledores Linie –«
»Hast du Ron gesehen?«, warf Harry ein.
Hermine zögerte.
»Ähm ... ja ... er war beim Frühstück«, sagte sie.
»Glaubt er immer noch, dass ich meinen Namenszettel
selbst eingeworfen habe?«
»Hmh ... nein, ich denke nicht ... nicht wirklich«, sagte
Hermine verlegen.
»Was soll das heißen, nicht wirklich?«
»Oh, Harry, ist das nicht klar?«, sagte Hermine verzwei-
felt. »Er ist neidisch!«
»Neidisch?«, sagte Harry ungläubig. »Neidisch auf was?
Will er sich vielleicht vor der ganzen Schule zum Deppen
machen?«
»Sieh mal«, sagte Hermine geduldig, »immer bist du es, der
alle Aufmerksamkeit bekommt, das weißt du doch. Na-
türlich, du kannst nichts dafür«, fügte sie rasch hinzu, denn
Harry riss empört den Mund auf. »Mir ist klar, du legst es
nicht darauf an ... aber – na ja – Ron hat so viele Brüder, mit
303
denen er sich zu Hause messen muss, und du bist sein bester
Freund und bist richtig berühmt – wenn Leute auf dich zu-
kommen, wird er immer beiseite gedrängt, und er steckt es
weg und sagt nie ein Wort, aber ich glaube, das war ihm nun
doch zu viel ...«
»Großartig«, sagte Harry erbittert. »Wirklich großartig.
Richte ihm von mir aus, dass ich jederzeit mit ihm tausche. Du
kannst ihm ja sagen, er darf es gerne mal selbst auspro-
bieren ... wo ich auch hinkomme, ständig glotzen mir die
Leute auf die Stirn ...«
»Ich richte ihm gar nichts aus«, sagte Hermine kurz ange-
bunden. »Sag es ihm selbst, nur so könnt ihr die Sache zwi-
schen euch klären.«
»Ich lauf ihm doch nicht nach und helf ihm, erwachsen zu
werden!«, sagte Harry so laut, dass einige Eulen in einem na-
hen Baum erschrocken aufflatterten. »Vielleicht glaubt er mir
erst dann, dass ich es nicht zum Spaß mache, wenn ich mir den
Hals breche oder –«
»Das ist nicht komisch«, sagte Hermine leise. »Das ist
überhaupt nicht komisch.« Sie schien zutiefst beunruhigt.
»Harry, ich habe nachgedacht – du weißt, was wir tun müs-
sen, sobald wir wieder im Schloss sind?«
»Allerdings, Ron einen saftigen Tritt in den –«
»An Sirius schreiben. Du musst ihm sagen, was passiert ist.
Er hat dich gebeten, ihn über alles, was in Hogwarts ge-
schieht, auf dem Laufenden zu halten ... mir kommt es vor, als
hätte er beinahe erwartet, dass so etwas passiert. Hier, ich hab
ein Blatt Pergament und eine Feder mitgebracht –«
»Nun beruhige dich doch«, sagte Harry und sah sich um, ob
jemand lauschte, doch außer ihnen war niemand hier draußen.
»Er ist wieder ins Land gekommen, nur weil meine
Narbe geziept hat. Wahrscheinlich kommt er gleich mit
Riesenkaracho ins Schloss gerauscht, wenn ich ihm sage,
304
dass mich jemand ins Trimagische Turnier geschmuggelt
hat –«
»Das würde er sicher von dir erfahren wollen«, sagte Her-
mine beharrlich. »Und er wird es ohnehin rausfinden –«
»Wie?«
»Harry, das wird doch kein Geheimnis bleiben«, sagte
Hermine mit großem Ernst. »Dieses Turnier ist berühmt,
und du bist berühmt, ich wäre wirklich überrascht, wenn
der Tagesprophet nichts darüber bringen würde, dass du teil-
nimmst ... du stehst doch schon in jedem zweiten Buch
über Du-weißt-schon-wen ... und Sirius würde es lieber von
dir selbst erfahren, da bin ich mir sicher.«
»Schon gut, ich schreib ihm«, sagte Harry und warf sein
letztes Stück Toast in den See. Sie warteten eine Weile und
beobachteten, wie es zunächst auf dem Wasser trieb, bis ein
mächtiger Greifarm aus der Tiefe heraufstieß und es mit sich
hinunterriss. Dann kehrten sie zum Schloss zurück.
»Wessen Eule soll ich denn losschicken?«, sagte Harry, als
sie die Treppen hochstiegen. »Er hat doch geschrieben, ich
solle Hedwig nicht mehr nehmen.«
»Frag doch Ron, ob er dir nicht –«
»Ich frag Ron gar nichts«, sagte Harry lustlos.
»Dann leih dir eine von den Schuleulen, die sind für alle
da«, sagte Hermine.
Sie stiegen hoch in die Eulerei. Hermine reichte Harry ein
Stück Pergament, eine Feder und ein Tintenfass, und Harry
setzte sich an die Wand und schrieb seinen Brief.
Lieber Sirius,
du hast mir geschrieben, ich solle dich über das, was in Hog-
warts passiert, auf dem Laufenden halten, also los geht's: Ich
weiß nicht, ob du es schon gehört hast, jedenfalls findet die-
ses Jahr das Trimagische Turnier statt und am Samstagabend
305
wurde ich zum vierten Champion gewählt. Ich weiß nicht,
wer meinen Namen in den Feuerkelch geworfen hat, ich je-
denfalls war es nicht. Der andere Hogwarts-Champion ist
Cedric Diggory von den Hufflepuffs.
An dieser Stelle hielt er inne und überlegte. Es drängte ihn,
über seine Angst zu schreiben, die seit letzter Nacht wie ein
riesiger Knoten in seiner Brust saß, doch ihm fiel nicht ein,
wie er dies in Worte fassen sollte, und so tauchte er die Fe-
der wieder ins Tintenfass und schrieb nur:
Ich hoffe, dir geht es gut und Seidenschnabel auch.
Harry
»Fertig«, sagte er zu Hermine, stand auf und klopfte sich das
Stroh vom Umhang. Sofort kam Hedwig auf seine Schulter
geflattert und streckte ein Bein aus.
»Ich kann dich nicht nehmen«, erklärte ihr Harry und sah
sich nach den Schuleulen um. »Ich muss eine von deinen
Kolleginnen schicken ...«
Hedwig stieß einen lauten Schrei aus und flatterte so ab-
rupt los, dass ihre Krallen in seine Schulter schnitten. Wäh-
rend Harry seinen Brief an das Bein einer großen Schleier-
eule band, kehrte sie ihm beharrlich den Rücken zu. Als die
Schleiereule dann losgeflogen war, streckte Harry die Hand
aus, um Hedwig zu streicheln, doch sie klackerte nur zornig
mit dem Schnabel und flatterte ins Dachgerüst davon.
»Erst Ron und dann auch noch du«, sagte Harry wütend.
»Ich kann doch nichts dafür.«
Harry hatte die leise Hoffnung gehegt, es würde ihm besser
gehen, sobald alle sich an den Gedanken gewöhnt hatten,
dass er Champion war, doch der Tag darauf zeigte ihm, wie
306
falsch er damit lag. Er konnte den anderen Mitschülern nicht
länger aus dem Weg gehen, da er jetzt wieder Unterricht
hatte – und es war klar, dass die Schüler der anderen Häuser,
genau wie die Gryffindors, dachten, er hätte sich selbst für
das Turnier beworben. Im Gegensatz zu den Gryffindors je-
doch schienen sie nicht beeindruckt.
Die Hufflepuffs, die normalerweise glänzend mit ihnen
auskamen, zeigten sich erstaunlich abweisend gegen alle
Gryffindors. Eine Stunde Kräuterkunde reichte, um ihnen das
klarzumachen. Es war offensichtlich, dass die Huffle-
puffs dachten, Harry hätte ihrem Champion die Schau ge-
stohlen; vielleicht setzte sich dieser Gedanke bei ihnen um-so
stärker fest, als die Hufflepuffs bislang nur wenig Ruhm
geerntet hatten und Cedric, der einst Gryffindor im Quid-
ditch geschlagen hatte, einer der wenigen war, die je Lorbee-
ren für das Haus geholt hatten. Ernie Macmillan und Justin
Finch-Fletchley, mit denen Harry sich sonst gut verstand, re-
deten nicht mehr mit ihm, obwohl sie am selben Setzkasten
standen und Springende Knollen umtopften. Dafür lachten sie
spöttisch, als sich eine der Springenden Knollen Harrys Griff
entwand und ihm knallhart ins Gesicht schlug. Auch Ron
sprach nicht mehr mit Harry. Hermine saß zwischen ihnen und
machte sehr gezwungene Konversation. Doch während beide
ihr ganz wie immer antworteten, vermieden sie es, sich
gegenseitig in die Augen zu sehen. Harry hatte das Gefühl,
sogar Professor Sprout sei nicht gut auf ihn zu sprechen –
schließlich war sie die Leiterin des Hauses Huf-
flepuff.
Unter gewöhnlichen Umständen hätte er sich darauf ge-
freut, Hagrid zu treffen, doch Pflege magischer Geschöpfe
hieß auch, dass sie auf die Slytherins trafen – das erste Mal
seit seiner Wahl zum Champion hatte er wieder mit ihnen
zu tun.
307
Wie abzusehen kam Malfoy mit jenem hämischen Grin-
sen, das bereits mit ihm verwachsen war, auf Hagrids Hütte
zu.
»Aaah, seht her, Jungs, der Champion persönlich«, sagte er
zu Crabbe und Goyle, sobald sie nah genug waren, dass Harry
ihn hören konnte. »Habt ihr eure Autogrammbücher dabei?
Dann holt euch besser gleich eine Unterschrift, ich bin mir
nicht sicher, ob er noch lange unter uns weilt ... die Hälfte der
Turnier-Champions ist umgekommen ... wie lange, glaubst du,
hältst du es aus, Potter? Zehn Minuten in der ersten Runde,
schätze ich.«
Crabbe und Goyle johlten kriecherisch, doch Malfoy ver-
stummte plötzlich, denn Hagrid kam hinter seiner Hütte
hervor, in den Armen einen wackligen Stapel Holzkisten, die
jeweils einen prächtig gediehenen Knallrümpfigen Krö-
ter enthielten. Zum Entsetzen der Klasse verkündete Hag-
rid, der Grund, warum die Kröter sich gegenseitig umbräch-
ten, sei ganz einfach zu viel angestaute Energie, und die
Therapie bestehe darin, dass sich jeder von ihnen einen Krö-
ter nehme, eine Leine an ihm befestige und einen kleinen
Spaziergang mit ihm mache. Das einzig Gute an Hagrids
Ausführungen war, dass sie Malfoy auf andere Gedanken
brachten.
»Diese Viecher spazieren führen?«, sagte er angewidert und
starrte in eine der Kisten. »Und wo genau sollen wir die Leine
befestigen? Um den Stachel, den Knallrumpf oder den
Saugnapf?«
»Um die Mitte«, sagte Hagrid und machte es sogleich vor.
»Ähm – vielleicht zieht ihr eure Drachenhauthandschuhe über,
nur so zur Vorsicht, nich. Harry – komm doch mal her und hilf
mir mit diesem Großen da ...«
In Wahrheit wollte Hagrid ein wenig abseits von der Klasse
ein Wort mit Harry wechseln.
308
Er wartete, bis die anderen mit ihren Krötern losmar-
schiert waren, dann wandte er sich Harry zu und sagte mit
ernster Miene: »Also – du kämpfst mit, Harry. Im Turnier.
Schul-Schämpion.«
»Einer der Champions«, berichtigte ihn Harry.
Hagrids käferschwarze Augen sahen sehr beunruhigt un-
ter seinen wilden Brauen hervor. »Keine Ahnung, wer dich da
reingebracht hat, Harry?«
»Du glaubst mir also, dass ich es nicht war?«, sagte Harry
und konnte kaum verbergen, wie unendlich dankbar er für
Hagrids Worte war.
»Natürlich«, grummelte Hagrid. »Du sagst, du warst es
nich, und ich glaub dir – und Dumbledore glaubt dir näm-
lich auch.«
»Wenn ich nur wüsste, wer es wirklich war«, sagte Harry
erbittert.
Sie sahen hinüber auf den Rasen; Harrys Mitschüler hatten
sich weit über das Gelände verteilt und alle hatten enorme
Schwierigkeiten mit den Krötern. Sie waren inzwischen über
einen Meter lang und hatten gewaltige Kräfte entwickelt. Auch
waren sie nicht mehr schalen- und farblos, sondern hat-
ten eine Art dicken, gräulich glänzenden Panzer ausgebildet.
Sie sahen aus wie eine Kreuzung zwischen einem Riesen-
skorpion und einer langen Krabbe – doch Köpfe oder Augen
waren immer noch nicht zu erkennen. Wegen ihrer ungeheu-
ren Kräfte waren sie kaum noch zu bändigen.
»Sieht ganz danach aus, als hätten sie Spaß dabei, oder?«,
sagte Hagrid munter. Harry nahm an, dass er die Kröter
meinte, denn seine Mitschüler hatten mit Sicherheit keinen
Spaß; hin und wieder explodierte einer der Kröterrümpfe mit
einem erschreckend lauten Knall, und das Geschöpf
schleuderte ein paar Meter nach vorn. Nicht wenige Schüler
rutschten, die Leine in der Hand, bäuchlings über den Rasen
309
und versuchten verzweifelt, wieder auf die Beine zu kom-
men.
»Ach, ich weiß nicht, Harry«, seufzte Hagrid plötzlich
und sah ihn mit besorgter Miene an. »Schul-Schämpion ...
dir scheint auch alles in den Schoß zu fallen, oder?«
Harry antwortete nicht. Ja, alles schien ihm in den Schoß
zu fallen ... das war ungefähr das, was Hermine bei ihrem
Spaziergang um den See gesagt hatte, und das war ihr zu-
folge der Grund, warum Ron nicht mehr mit ihm sprach.
Die nächsten Tage gehörten zu den schlimmsten, die Harry in
Hogwarts je erlebt hatte. Ganz ähnlich war es ihm schon
einmal während jener Monate ergangen, als fast alle in Hog-
warts ihn verdächtigt hatten, seine Mitschüler anzugreifen.
Doch damals hatte Ron auf seiner Seite gestanden. Harry hatte
das Gefühl, wenn Ron nur wieder sein Freund wäre, könnte er
das Verhalten der anderen leichter ertragen, doch auf keinen
Fall wollte er versuchen, wieder mit Ron zu spre-
chen, wenn Ron selbst es nicht wollte. So blieb er einsam und
bekam die Abneigung der anderen täglich zu spüren.
Die Hufflepuffs konnte er verstehen, auch wenn er es nicht
gut fand, wie sie sich aufführten; immerhin hatten sie ihren
eigenen Champion, den sie unterstützen mussten. Von den
Slytherins erwartete er ohnehin nichts anderes als fiese
Beleidigungen – dort war er seit langem verhasst, da er bei den
Gryffindors oft tatkräftig mitgeholfen hatte, die Slythe-
rins zu besiegen, sowohl im Quidditch als auch im Schul-
wettkampf der Häuser. Doch er hatte daraufgesetzt, dass we-
nigstens die Ravenclaws sich dazu durchringen würden, ihn
ebenso eifrig zu unterstützen wie Cedric. Und darin hatte er
sich geirrt. Die meisten Ravenclaws schienen zu glauben, er
sei nur darauf aus, noch mehr Ruhm zu ernten, und habe
deshalb dem Kelch seinen Namen untergeschoben.
310
Hinzu kam, dass Cedric einen viel besser aussehenden
Champion hergab als Harry. Cedric war mit seiner geraden
Nase, seinem dunklen Haar und seinen grauen Augen unge-
wöhnlich hübsch, und es war schwer zu sagen, wer dieser
Tage mehr Aufmerksamkeit bekam, Cedric oder Viktor Krum.
Tatsächlich beobachtete Harry eines Tages beim Mit-
tagessen dieselben Mädchen aus der sechsten Klasse, die so
scharf auf Krums Autogramm gewesen waren, wie sie Ced-
ric anflehten, seinen Namenszug auf ihre Schultaschen zu
schreiben.
Unterdessen wartete er immer noch auf eine Antwort von
Sirius. Hedwig weigerte sich, auch nur in seine Nähe zu
kommen, Professor Trelawney sagte seinen Tod mit noch
größerer Bestimmtheit als sonst voraus, und bei Professor
Flitwick war er so schlecht im Aufrufezaubern, dass er noch
eine Extraportion Hausaufgaben bekam – als Einziger, abge-
sehen von Neville.
»Im Grunde ist es gar nicht so schwer«, versuchte ihn
Hermine aufzumuntern, als sie nach Flitwicks Unterricht
hinausgingen – während der ganzen Stunde hatte sie irgend-
welche Gegenstände durchs Zimmer und in ihre Hände flie-
gen lassen, als wäre sie ein merkwürdiger Magnet für Tafel-
schwämme, Papierkörbe und Lunaskope. »Du hast dich
einfach nicht richtig konzentriert –«
»Und warum wohl?«, sagte Harry niedergeschlagen. Und in
diesem Augenblick ging Cedric Diggory vorbei, umringt von
einer Schar geziert lächelnder Mädchen, die Harry an-
sahen, als ob er ein besonders großer Knallrümpfiger Kröter
wäre. »Na ja – ist doch egal, oder? Ich kann michja auf heute
Nachmittag freuen, Doppelstunde Zaubertränke ...«
Die Doppelstunde Zaubertränke war immer ein schreck-
liches Erlebnis, doch jetzt war es die reine Folter. Anderthalb
Stunden lang mit Snape und den Slytherins in einen Kerker
311
gesperrt zu sein, die alle entschlossen schienen, Harry so
schwer wie möglich zu bestrafen, weil er es gewagt hatte,
Schul-Champion zu werden, das war so ziemlich das Unan-
genehmste, was Harry sich vorstellen konnte. Einen Freitag
hatte er schon durchgestanden, mit Hermine an seiner Seite,
die ihm ständig »Scher dich nicht drum, lass sie reden« zu-
murmelte, und er wusste nicht, warum es ihm heute besser
ergehen sollte.
Als er nach dem Mittagessen mit Hermine vor Snapes
Kerker ankam, warteten die Slytherins bereits an der Tür, und
ausnahmslos alle trugen große Anstecker an den Um-
hängen. Einen überdrehten Moment lang dachte Harry, es
seien B.ELFE.R-Anstecker – dann sah er, dass alle dieselbe
Aufschrift in roten Leuchtbuchstaben trugen, die durch das
Dämmerlicht des Kellergangs strahlten:
Ich bin für CEDRIC DIGGORY –
den WAHREN Hogwarts-Champion!
»Gefällt's dir, Potter?«, sagte Malfoy laut, als Harry näher
trat. »Und das ist nicht alles – sieh mal!«
Er drückte mit dem Finger auf den Anstecker, die Schrift
verschwand und dann erschienen leuchtend grüne Lettern:
POTTER STINKT
Die Slytherins brüllten vor Lachen. Nun drückten auch die
anderen auf ihre Anstecker und schließlich leuchtete im gan-
zen Umkreis die Botschaft POTTER STINKT. Harry spürte,
wie Hitze in ihm aufwallte und in Hals und Gesicht stieg.
»Unglaublich witzig«, sagte Hermine trocken zu Pansy
Parkinson und ihrer Bande Slytherin-Mädchen, die sich be-
sonders amüsierten, »wirklich sehr einfallsreich.«
312
Ron stand mit Dean und Seamus an der Wand. Er lachte
nicht, doch er sprang Harry auch nicht bei.
»Willst du einen, Granger?«, sagte Malfoy und hielt ihr ei-
nen Anstecker hin. »Ich hab sie kistenweise. Aber berühr bloß
nicht meine Hand. Ich hab sie gerade gewaschen und ich will
nicht, dass eine Schlammblüterin sie einschleimt.«
Es war, als ob der Zorn, den Harry nun seit Tagen mit sich
herumtrug, einen Damm in seiner Brust durchbrach. Er hatte
seinen Zauberstab in der Hand, bevor er recht wusste, was er
tat. Einige Umstehende stürzten sofort in den Keller-
gang davon.
»Harry!«, warnte ihn Hermine.
»Jetzt mach schon, Potter«, sagte Malfoy leise und zog
ebenfalls seinen Zauberstab. »Moody ist nicht hier, um dich
auf den Schoß zu nehmen – tu's doch, wenn du den Mumm
dazu hast –«
Den Bruchteil einer Sekunde lang sahen sie sich in die Au-
gen, und dann, in genau demselben Moment, griffen sie an.
»Furnunculus!«, rief Harry.
»Densaugeo!«, schrie Malfoy.
Lichtblitze schössen aus beiden Zauberstäben, trafen sich in
der Luft und schleuderten sich aus der Bahn – Harrys
Blitzstrahl traf Goyle im Gesicht, der Malfoys traf Hermine.
Goyle jaulte auf und schlug die Hände auf seine Nase, wo
große, hässliche Blasen aufquollen – Hermine, panisch wim-
mernd, presste die Hände auf den Mund.
»Hermine!« Ron stürmte herbei, um zu sehen, was ihr
passiert war.
Harry wandte sich um und sah, wie Ron Hermines Hände
von ihrem Gesicht zog. Es war kein schöner Anblick. Her-
mines Vorderzähne – ohnehin schon überdurchschnittlich
lang – wuchsen mit alarmierender Geschwindigkeit; mehr
und mehr nahm sie das Aussehen eines Bibers an und ihre
313
Zähne wuchsen weiter, über ihre Unterlippe hinaus, auf ihr
Kinn zu – in ihrer Panik tastete sie danach und schrie von
Grauen gepackt auf.
»Was soll dieser Krach hier?«, sagte eine leise, eiskalte
Stimme. Snape war gekommen.
Die Slytherins redeten laut durcheinander, um ihre Sicht der
Dinge loszuwerden. Snape deutete mit einem langen gelben
Finger auf Malfoy und sagte: »Erkläre.«
»Potter hat mich angegriffen, Sir –«
»Wir haben uns gleichzeitig angegriffen!«, rief Harry.
»– und er hat Goyle getroffen – sehen Sie –«
Snape musterte Goyles Gesicht, das nun nach etwas aus-
sah, das in ein Buch über Giftpilze gehörte.
»Krankenflügel, Goyle«, sagte Snape ruhig.
»Malfoy hat Hermine getroffen!«, sagte Ron. »Sehen Sie!«
Er zwang Hermine, Snape ihre Zähne zu zeigen – sie tat ihr
Bestes, um sie mit den Händen zu verbergen, was jedoch
schwierig war, denn jetzt waren sie schon an ihrem Kragen
vorbeigewachsen. Pansy Parkinson und die anderen Slythe-
rin-Mädchen waren hinter Snapes Rücken in die Hocke ge-
gangen, kicherten verdruckst und deuteten mit den Fingern auf
Hermine.
Snape sah Hermine kalt an, dann sagte er: »Ich sehe kei-
nen Unterschied.«
Hermine ließ ein Wimmern hören; ihre Augen füllten sich
mit Tränen, sie drehte sich auf den Fersen um und rannte,
rannte in den Kellergang hinein und verschwand.
Vielleicht war es ein Glück, dass Harry und Ron gleich-
zeitig begannen Snape anzuschreien; ein Glück, dass ihr Ge-
schrei an den steinernen Kellerwänden widerhallte, denn aus
dem lauten Stimmengewirr konnte Snape nicht genau
heraushören, als was sie ihn alles beschimpften. Das Wesent-
liche allerdings bekam er mit.
314
»Schauen wir mal«, sagte er, ölig wie noch nie. »Fünfzig
Punkte Abzug für Gryffindor und Nachsitzen für Potter und
Weasley. Jetzt aber rein oder ihr bleibt eine Woche im
Keller.«
In Harrys Ohren rauschte es. So ungerecht war das alles,
dass er Snape am liebsten in tausend schleimige Stücke zer-
flucht hätte. Er ging an Snape vorbei und an Rons Seite in den
hinteren Teil des Kerkers, wo er seine Tasche auf einen Tisch
knallte. Auch Ron bebte vor Zorn – einen Moment lang hatte
Harry das Gefühl, alles sei wieder wie früher, doch dann
wandte sich Ron ab, ließ ihn allein am Tisch zu-
rück und setzte sich zu Dean und Seamus. Vorn in der ersten
Reihe drehte Malfoy Snape den Rücken zu, grinste und
drückte auf seinen Anstecker. POTTER STINKT flammte
durch den Kerker.
Harry saß da und starrte Snape an, der zu reden begonnen
hatte, und er stellte sich vor, dass Snape schreckliche Dinge
zustießen ... wenn er nur wüsste, wie dieser Cruciatus-Fluch
funktionierte ... er würde Snape flach auf den Rücken legen
wie diese Spinne und zucken und zappeln lassen ...
»Gegengifte!«, sagte Snape und sah sie mit bedrohlich
funkelnden kalten schwarzen Augen an. »Ihr solltet inzwi-
schen eure Rezepte vorbereitet haben. Ihr werdet jetzt mit aller
Sorgfalt eure Tinkturen zubereiten, und dann werden wir
jemanden aussuchen, an dem wir eine davon ausprobie-
ren ...«
Snape suchte Harrys Blick, und Harry wusste genau, was
ihm bevorstand. Snape würde ihn vergiften. Harry sah sich
schon seinen Kessel packen, nach vorn spurten und ihn über
Snapes fettigen Kopf stülpen –
Und dann riss ihn ein Klopfen an der Tür aus den Ge-
danken.
Es war Colin Creevey; er streckte den Kopf durch den
315
Türspalt, strahlte in Harrys Richtung und ging nach vorn zu
Snapes Tisch.
»Ja?«, sagte Snape schroff.
»Bitte, Sir, ich soll Harry Potter nach oben bringen.«
Snape sah an seiner Hakennase entlang hinunter auf Co-
lin, dem das Lächeln auf dem begeisterten Gesicht sofort ge-
fror.
»Potter hat hier noch eine Stunde Zaubertränke abzusit-
zen«, sagte Snape kalt. »Er wird nach oben kommen, wenn der
Unterricht zu Ende ist.«
Colin lief rosa an.
»Sir – Sir, Mr Bagman will ihn sprechen«, sagte er aufge-
regt. »Alle Champions müssen kommen, ich glaube, sie wol-
len Fotos von ihnen machen ...«
Harry hätte alles gegeben, was er besaß, wenn Colin nur
nicht die letzten Worte ausgesprochen hätte. Aus den Au-
genwinkeln sah er zu Ron hinüber, doch Ron starrte verbis-
sen an die Decke.
»Von mir aus«, fauchte Snape. »Potter, lass deine Sachen
hier, du kommst so schnell wie möglich zurück, ich will dein
Gegengift testen.«
»Bitte, Sir, er muss seine Sachen mitnehmen«, piepste Co-
lin. »Alle Champions –«
»Schon gut!«, blaffte Snape. »Potter, nimm deine Tasche
und verschwinde hier!«
Harry warf sich die Tasche über die Schulter, stand auf und
ging eilig auf die Tür zu. Als er zwischen den Tischen der
Slytherins hindurchging, blinkte ihn von allen Seiten POTTER
STINKT an.
»Ist das nicht toll, Harry?«, sagte Colin, kaum hatte Harry
die Kerkertür hinter sich geschlossen. »Oder, Harry? Dass du
Champion bist!«
»Ja, echt toll«, sagte Harry matt, während sie die Stufen
316
zur Eingangshalle hochgingen. »Wozu brauchen sie Fotos,
Colin?«
»Für den Tagespropheten, glaub ich!«
»Großartig«, sagte Harry lahm. »Genau das, was mir fehlt.
Noch mehr Rummel.«
»Viel Glück!«, sagte Colin, als sie vor dem Raum standen.
Harry klopfte und trat ein.
Es war ein recht kleines Klassenzimmer; die meisten Ti-
sche waren nach hinten an die Wand gerückt worden, um in
der Mitte viel Platz zu schaffen; drei Tische jedoch waren
längs der Tafel aufgestellt und mit einem langen samtenen
Tuch bedeckt. Fünf Stühle standen hinter diesen Tischen und
auf einem davon saß Ludo Bagman und unterhielt sich mit
einer Hexe in magentarotem Umhang. Harry hatte sie noch nie
gesehen. Viktor Krum stand wie immer missge-
launt in einer Ecke und sprach mit niemandem. Cedric und
Fleur unterhielten sich. Fleur sah um einiges glücklicher aus,
als Harry sie bisher gesehen hatte; immer wieder, wenn sie den
Kopf zurückwarf, leuchtete ihr langes Silberhaar im Licht auf.
Ein dickbauchiger Mann mit einer großen schwar-
zen Kamera in der Hand, aus der es ein wenig rauchte, be-
obachtete Fleur aus den Augenwinkeln.
Bagman, der plötzlich bemerkt hatte, dass Harry eingetre-
ten war, sprang auf und kam beschwingt auf ihn zu. »Aah, da
ist er ja! Unser Champion Nummer vier! Komm herein, Harry,
immer rein mit dir ... keine Sorge, es geht nur um die Eichung
der Zauberstäbe, die anderen Schiedsrichter wer-
den gleich da sein –«
»Eichung der Zauberstäbe?«, fragte Harry nervös.
»Wir müssen prüfen, ob eure Zauberstäbe in Ordnung sind
und keine Probleme machen, da sie doch die wichtigs-
ten Werkzeuge für die kommenden Aufgaben sind«, sagte
Bagman. »Der Fachmann ist gerade oben bei Dumbledore.
317
Und dann gibt es noch einen kleinen Fototermin. Darf ich
vorstellen, Rita Kimmkorn«, fügte er hinzu und wies auf die
Hexe mit dem magentaroten Umhang, »sie schreibt für den
Tagespropheten einen kleinen Artikel über das Turnier ...«
»Vielleicht nicht ganz so klein, Ludo«, sagte Rita Kimm-
korn, die Augen auf Harry gerichtet.
Sie hatte eine kunstvolle und auffällig steife Lockenfrisur,
die überhaupt nicht zu ihrem schwerkiefrigen Gesicht pas-
sen wollte, und trug eine juwelenbesetzte Brille. Ihre dicken
Finger, die den Griff einer Krokodillederhandtasche um-
klammerten, endeten in fünf Zentimeter langen, karmesin-
rot lackierten Fingernägeln.
»Wäre es vielleicht möglich, dass ich rasch ein Wort mit
Harry wechsle, bevor wir anfangen?«, fragte sie Bagman,
ohne den Blick von Harry abzuwenden. »Der jüngste
Champion, Sie wissen schon ... damit das Ganze ein wenig
Pep kriegt?«
»Natürlich!«, rief Bagman. »Das heißt – wenn Harry keine
Einwände hat?«
»Ähm –«, sagte Harry.
»Wunderbar«, sagte Rita Kimmkorn, und schon hatten ihre
knallroten Krallenfinger Harry überraschend fest am Oberarm
gepackt. Sie bugsierte ihn hinaus auf den Gang und öffnete
eine Tür nebenan.
»Dort drin ist es doch viel zu laut für uns«, sagte sie. »Se-
hen wir mal ... ah ja, hier ist es nett und gemütlich.«
Es war ein Besenschrank. Harry starrte sie an.
»Komm mit, mein Lieber – so ist es recht – wunderbar«,
sagte Rita Kimmkorn, ließ sich vorsichtig auf einem umge-
kippten Eimer nieder, drückte Harry hinunter auf einen
Pappkarton und schloss die Tür. Es war stockdunkel. »Wol-
len mal sehen ...«
Sie ließ ihre Krokodillederhandtasche aufschnappen und
318
zog eine Hand voll Kerzen heraus, die sie mit einem Schlen-
ker ihres Zauberstabs entzündete und in der Luft schweben
ließ, so dass sie sehen konnten, was sie taten.
»Du hast doch nichts dagegen, Harry, wenn ich eine Flot-
te-Schreibe-Feder benutze? Dann kann ich in aller Ruhe mit
dir reden ...«
»Eine was?«
Rita Kimmkorns Lächeln wurde immer breiter. Harry zählte
drei Goldzähne. Sie steckte die Hand erneut in die
Krokodilledertasche und zog eine lange giftgrüne Feder und
eine Rolle Pergament hervor, die sie auf einer Lattenkiste mit
Mrs Skowers Magischem Allzweckreiniger zwischen ihr und
Harry ausrollte. Sie nahm die Spitze der grünen Feder in den
Mund, saugte kurz mit offensichtlichem Genuss daran, dann
stellte sie die Feder senkrecht auf das Perga-
ment, wo sie zitternd auf der Spitze stehen blieb.
»Probe ... mein Name ist Rita Kimmkorn, Reporterin des
Tagespropheten.«
Harry sah rasch hinunter auf die Feder. Kaum hatte Rita
Kimmkorn den Mund zugemacht, begann die grüne Feder
schwungvoll über das Pergament zu fliegen:
Die attraktive Rita Kimmkorn (43), deren feurige Feder manch einen
aufgeblähten Ruf durchlöchert hat –
»Wunderbar«, sagte Rita Kimmkorn erneut, riss das be-
schriebene Stück Pergament ab, zerknüllte es und steckte es in
ihre Handtasche. Dann beugte sie sich zu Harry hinüber und
sagte: »Nun, Harry ... warum hast du dich entschlossen, am
Trimagischen Turnier teilzunehmen?«
»Ähm –«, sagte Harry, doch die Feder lenkte ihn ab. Ob-
wohl er gar nichts sagte, flitzte sie über das Pergament und
hinterließ als Spur einen frischen Satz:
319
Eine hässliche Narbe, Erinnerung an seine tragische Vergangenheit, ent-
stellt den ansonsten durchaus reizenden Harry Potter, dessen Augen –
»Achte nicht auf die Feder, Harry«, sagte Rita Kimmkorn
gebieterisch. Zögernd sah Harry zu ihr auf. »Nun – warum
hast du beschlossen, am Turnier teilzunehmen, Harry?«
»Das hab ich nicht«, sagte Harry. »Ich weiß nicht, wie
mein Name in den Feuerkelch geraten ist. Ich hab ihn je-
denfalls nicht eingeworfen.«
Rita Kimmkorn hob eine mit kräftigem Stift nachgezo-
gene Augenbraue. »Komm schon, Harry, du brauchst keine
Angst zu haben, dass du Schwierigkeiten bekommst. Wir
wissen alle, dass du dich eigentlich gar nicht hättest bewer-
ben dürfen. Aber mach dir darüber keine Gedanken. Unsere
Leser stehen auf Rebellen.«
»Aber ich habe mich wirklich nicht beworben«, wieder-
holte Harry. »Ich weiß nicht, wer –«
»Welches Gefühl hast du, wenn du an die kommenden
Aufgaben denkst?«, fragte Rita Kimmkorn. »Bist du aufge-
regt? Nervös?«
»Im Grunde hab ich noch nicht darüber nachgedacht ... Jaah,
nervös vielleicht schon«, sagte Harry. Sein Magen ver-
krampfte sich schmerzhaft, während er sprach.
»Es sind schon Champions gestorben!«, sagte Rita Kimm-
korn munter. »Hast du überhaupt schon daran gedacht?«
»Na ja ... sie sagen, es sei dieses Jahr viel sicherer«, sagte
Harry.
Die Feder sauste über das Pergament zwischen ihnen, vor
und zurück, als würde sie Schlittschuh laufen.
»Natürlich hast du dem Tod schon einmal ins Angesicht
geblickt, nicht?«, sagte Rita Kimmkorn und musterte ihn
scharf. »Wie, würdest du sagen, hat dich das persönlich be-
troffen gemacht?«
320
»Ähm«, sagte Harry noch einmal.
»Glaubst du, dass dich das Trauma deiner Kindheit dazu
führt, dich immer von neuem beweisen zu wollen? Deinem
Namen alle Ehre zu machen? Bist du vielleicht der Versu-
chung erlegen, am Trimagischen Turnier teilzunehmen,
weil –«
»Ich hab mich nicht beworben!«, sagte Harry und spürte,
wie Zorn in ihm hochkochte.
»Kannst du dich überhaupt an deine Eltern erinnern?«,
fragte Rita Kimmkorn, ohne auf ihn einzugehen.
»Nein«, sagte Harry.
»Wie, glaubst du, würden deine Eltern sich fühlen, wenn sie
wüssten, dass du am Trimagischen Turnier teilnimmst? Stolz?
Besorgt? Wütend?«
Jetzt ging sie Harry entschieden auf die Nerven. Woher um
Himmels willen sollte er wissen, wie sich seine Eltern fühlen
würden, wenn sie noch lebten? Er spürte, dass ihn Rita
Kimmkorn scharf beobachtete. Er runzelte die Stirn, mied
ihren Blick und sah hinunter auf das, was die Feder ge-
rade geschrieben hatte:
Tränen erfüllen diese verblüffend grünen Augen, sobald unser Ge-
spräch sich den Eltern zuwendet, an die er sich kaum noch erinnern
kann.
»Ich habe KEINE Tränen in den Augen!«, sagte Harry laut.
Bevor Rita Kimmkorn ein Wort sagen konnte, ging die Tür
des Besenschranks auf. Harry drehte sich um und blin-
zelte gegen das helle Licht. Draußen stand Albus Dumble-
dore und sah hinunter auf sie beide, wie sie da im Besen-
schrank eingepfercht saßen.
»Dumbledore!«, rief Rita Kimmkorn, allem Anschein nach
höchst erfreut – doch Harry bemerkte, dass Feder und
321
Pergament auf einmal von der Kiste mit dem Magischen
Allzweckreiniger verschwunden waren und Ritas Klauen-
finger den Verschluss ihrer Krokodilledertasche hastig zu-
klicken ließen. »Wie geht es Ihnen?«, sagte sie, stand auf und
streckte Dumbledore eine ihrer großen, männlichen Hände
entgegen. »Ich hoffe, Sie haben im Sommer meinen Artikel
über die Konferenz der Internationalen Zauberervereini-
gung gelesen?«
»Bezaubernd gehässig«, sagte Dumbledore mit funkeln-
den Augen. »Besonders gefallen hat mir Ihre Beschreibung
meiner Person als eines in die Jahre gekommenen, altmo-
dischen Narren.«
Rita Kimmkorn schien es nicht im Entferntesten peinlich zu
sein. »Ich wollte eigentlich nur sagen, dass manche Ihrer
Vorstellungen ein wenig veraltet sind, Dumbledore, und
dass viele Zauberer, die man so auf der Straße trifft –«
»Mit Vergnügen würde ich mir die Gründe für diese Ge-
meinheit anhören, Rita«, sagte Dumbledore lächelnd und
verbeugte sich höflich, »aber ich fürchte, wir müssen diese
Dinge auf später verschieben. Die Eichung beginnt gleich,
und wir können nicht anfangen, solange einer der Cham-
pions in einem Besenschrank versteckt ist.«
Erleichtert, endlich von Rita Kimmkorn loszukommen,
ging Harry eilig zurück in das Klassenzimmer. Die anderen
Champions hatten inzwischen auf Stühlen in der Nähe der
Tür Platz genommen und er setzte sich rasch neben Cedric.
Drüben an den samtbedeckten Tischen saßen jetzt vier der
fünf Richter – Professor Karkaroff, Madame Maxime, Mr
Crouch und Ludo Bagman. Rita Kimmkorn ließ sich in
einer Ecke nieder; Harry sah, wie sie das Pergament hastig
wieder aus der Tasche holte, es auf ihren Knien ausbreitete,
an der Spitze der Flotte-Schreibe-Feder nuckelte und sie
dann auf das Pergament stellte.
322
»Darf ich Ihnen Mr Ollivander vorstellen?«, wandte sich
Dumbledore an die Champions, als er seinen Platz am
Schiedsrichtertisch einnahm. »Er wird Ihre Zauberstäbe
prüfen, um sicherzustellen, dass sie vor dem Turnier in gu-
tem Zustand sind.«
Harry wandte den Blick und zuckte überrascht zusam-
men, als er einen alten Zauberer mit großen, blassen Augen
schweigend am Fenster stehen sah. Er hatte Mr Ollivander
schon einmal getroffen – er war der Zauberstabmacher aus der
Winkelgasse, bei dem Harry vor über drei Jahren seinen
Zauberstab gekauft hatte.
»Mademoiselle Delacour, dürfen wir Sie als Erste nach vorn
bitten?«, sagte Mr Ollivander und schritt auf den freien Platz
in der Mitte des Zimmers zu.
Fleur Delacour schwebte hinüber zu Mr Ollivander und
reichte ihm ihren Zauberstab.
»Hmmm ...«, sagte er.
Er wirbelte den Zauberstab durch die Finger wie einen
Taktstock und ein paar rosa und goldene Funken sprühten aus
seiner Spitze hervor. Dann hob er ihn dicht an die Augen und
untersuchte ihn sorgfältig.
»Ja«, sagte er leise, »neuneinhalb Zoll ... unbiegsam ...
Rosenholz ... und er enthält ... meine Güte ...«
»Ein 'aar vom Kopf einer Veela«, sagte Fleur. »Eine meiner
Großmütter.«
Also war Fleur doch eine Art Veela, dachte Harry und nahm
sich fest vor, es gleich nachher Ron zu erzählen ... dann fiel
ihm ein, dass Ron ja nicht mehr mit ihm sprach.
»Ja«, sagte Mr Ollivander, »ja, ich persönlich habe natür-
lich nie Veela-Haare verwendet. Ich finde, das ergibt doch
recht eigenwillige Zauberstäbe ... nun, für jeden gibt's den
richtigen, und wenn er zu Ihnen passt ...«
Mr Ollivander fuhr mit dem Finger über den Zauberstab,
323
offenbar auf der Suche nach Kratzern oder Höckern; dann
murmelte er »Orchideus!« und ein Strauß Blumen brach aus der
Stabspitze hervor.
»Sehr schön, sehr schön, zum Arbeiten völlig geeignet«,
sagte Mr Ollivander, bündelte die Blumen zu einem Strauß
und überreichte ihn Fleur zusammen mit ihrem Zauberstab.
»Mr Diggory, Sie sind dran.«
Fleur schwebte zu ihrem Platz zurück, nicht ohne Cedric im
Vorbeigehen ein Lächeln zu schenken.
»Ah, das ist einer von mir, nicht wahr?«, sagte Mr Ollivan-
der mit deutlich größerer Begeisterung, als ihm Cedric den
Zauberstab reichte. »Ja, ich erinnere mich noch gut daran. Er
enthält ein einziges Schwanzhaar eines besonders gut ge-
wachsenen Einhorns ... muss an die siebzehn Handbreit lang
gewesen sein; hat mich mit seinem Horn fast noch auf-
gespießt, nachdem ich an seinem Schwanz gezupft hatte.
Zwölfeinviertel Zoll ... Esche ... federt ganz hübsch. Ist ja in
bestem Zustand ... du pflegst ihn regelmäßig?«
»Hab ihn gestern Abend noch poliert«, sagte Cedric grin-
send.
Harry sah auf seinen eigenen Zauberstab hinab. Überall
waren Fingerabdrücke zu sehen. Er hob den Saum seines
Umhangs vom Knie, ballte ihn zusammen und versuchte den
Zauberstab möglichst unauffällig zu putzen. Einige
Goldfunken schössen aus seiner Spitze hervor. Fleur Dela-
cour versetzte ihm einen recht mitleidigen Blick und da-
raufhin ließ er es bleiben.
Mr Ollivander ließ einen Strom silberner Rauchringe aus der
Spitze von Cedrics Zauberstab durchs Zimmer schwe-
ben, erklärte sich zufrieden und sagte dann: »Mr Krum, wenn
ich bitten darf.«
Viktor Krum stand auf und schlurfte plattfüßig und mit
hängenden Schultern zu Mr Ollivander hinüber. Er riss sei-
324
nen Zaubcrstab hervor, steckte die Hände in die Taschen und
wartete mit finsterem Blick.
»Hmm«, sagte Mr Ollivander, »das ist doch einer von
Gregorowitsch, wenn ich mich nicht irre? Ein guter Zau-
berstabmacher, auch wenn mir die Gestaltung nicht immer
ganz ... allerdings ...«
Er hob den Zauberstab an die Augen und drehte ihn einige
Male mit prüfendem Blick.
»Ja ... Weißbuche und Drachenherzfaser?«, sagte er dann
plötzlich, und Krum nickte. »Doch um einiges dicker, als man
ihn sonst zu sehen bekommt ... recht steif ... zehnein-viertel
Zoll ... Avis!«
Der Weißbuchenstab knallte wie ein Gewehr, und ein paar
kleine Vögel flogen zwitschernd aus seiner Spitze her-
vor und durch das offene Fenster hinauf in den wolkenver-
hangenen Himmel.
»Gut«, sagte Mr Ollivander und gab Krum den Zauber-
stab zurück. »Jetzt bleibt nur noch ... Mr Potter.«
Harry stand auf und ging an Krum vorbei zu Mr Ollivan-
der. Er reichte ihm seinen Zauberstab.
»Aaaah, ja«, sagte Mr Ollivander, und seine blassen Augen
begannen plötzlich zu leuchten. »Ja, ja, ja. Wie gut ich mich
noch erinnere.«
Auch Harry erinnerte sich noch. Er sah es vor sich, als wäre
es gestern gewesen ...
Vor vier Sommern, an seinem elften Geburtstag, war er
zusammen mit Hagrid in Mr Ollivanders Laden gekom-
men, um einen Zauberstab zu kaufen. Mr Ollivander hatte
seine Maße genommen und ihm dann einige Zauberstäbe zum
Ausprobieren gegeben. Harry hatte, wie es ihm vor-
kam, jeden einzelnen Zauberstab im Laden geschwungen, bis
er endlich den gefunden hatte, der zu ihm passte – dieser
hier, der aus dem Holz einer Stechpalme gefertigt war und
325
eine einzige Feder vom Schwanz eines Phönix enthielt. Mr
Ollivander war sehr überrascht gewesen, dass Harry so gut zu
diesem Zauberstab passte. »Sehr seltsam«, hatte er gesagt,
»... seltsam«, und erst als Harry fragte, was denn so seltsam
sei, hatte Mr Ollivander erklärt, dass die Phönixfeder vom
selben Vogel stammte, von dem auch die Feder des Zauber-
stabs von Lord Voldemort kam.
Harry hatte dieses Wissen nie mit jemandem geteilt. Ihm
gefiel sein Zauberstab sehr gut, und was ihn anging, war
seine Beziehung zu Lord Voldemorts Zauberstab etwas, für
das er nichts konnte – genauso, wie er nichts für seine Ver-
wandtschaft mit Tante Petunia konnte. Allerdings hoffte er
inständig, dass Mr Ollivander nicht gleich allen verkünden
würde, was es mit dem Zauberstab auf sich hatte. Er hatte
das komische Gefühl, Rita Kimmkorns Flotte-Schreibe-
Feder würde sich dann vor Begeisterung geradezu selbst
zerfleddern.
Mr Ollivander wendete für Harrys Zauberstab viel mehr Zeit
auf als für die anderen. Schließlich jedoch ließ er eine
Weinfontäne daraus hervorsprudeln und gab ihn Harry mit
der Bemerkung zurück, er sei immer noch in tadellosem
Zustand.
»Ich danke allen«, sagte Dumbledore am Richtertisch und
erhob sich. »Sie können jetzt wieder in den Unterricht zu-
rück – oder vielleicht wäre es besser, wenn Sie gleich runter
zum Essen gehen, da es ohnehin bald Zeit ist –«
Harry, der das Gefühl hatte, dass heute wenigstens einmal
etwas gut gelaufen war, erhob sich und wollte gerade hi-
nausgehen, als der Mann mit der schwarzen Kamera auf-
sprang und sich räusperte.
»Fotos, Dumbledore, Fotos!«, rief Bagman aufgeregt.
»Alle Richter und Champions. Was halten Sie davon, Rita?«
»Ähm – ja, erst das Gruppenfoto«, sagte Rita Kimmkorn,
326
den Blick erneut auf Harry gerichtet. »Und dann vielleicht ein
paar Einzelaufnahmen.«
Die Aufnahmen kosteten viel Zeit. Madame Maxime, wo
immer sie auch stand, stellte alle anderen in den Schatten, und
der Fotograf bekam sie nicht ganz aufs Bild, weil er beim
Zurückgehen hinten an die Wand stieß; schließlich musste sie
sich setzen, während sich die anderen um sie herum
aufstellten; Karkaroff wickelte ständig seinen Spitz-
bart um die Finger, um ihm einen zusätzlichen Kringel zu
verpassen; Krum, von dem Harry gedacht hatte, er müsse an
solche Auftritte gewöhnt sein, drückte sich halb verdeckt im
Hintergrund herum. Der Fotograf schien vor allem erpicht
darauf, Fleur im Vordergrund zu haben, doch Rita Kimm-
korn rannte ständig herbei und zerrte Harry nach vorn, da-
mit er besser ins Bild kam. Dann bestand sie auf Einzelfotos
aller Champions. Und endlich konnten sie gehen.
Harry ging hinunter zum Mittagessen. Hermine war nicht
da – er nahm an, dass sie immer noch im Krankenflü-
gel war und sich die Zähne wieder in Ordnung bringen ließ. Er
aß für sich allein am Tischende, dann kehrte er zum Gryf-
findor-Turm zurück, in Gedanken bei all den zusätzlichen
Arbeiten, die er für die Aufrufezauber erledigen musste. Oben
im Schlafsaal stieß er auf Ron.
»Du hast eine Eule«, sagte Ron brüsk, sobald Harry he-
reinkam. Er deutete auf Harrys Kissen. Dort wartete die
Schleiereule der Schule auf ihn.
»Oh – gut«, sagte Harry.
»Und wir müssen morgen Abend nachsitzen, in Snapes
Kerker«, sagte Ron.
Dann ging er hinaus, ohne Harry auch nur eines weiteren
Blickes zu würdigen. Einen Moment lang wollte Harry ihm
nachlaufen – er war sich nicht sicher, ob er mit ihm reden
oder ihm eine reinhauen sollte, beides schien seine Reize zu
327
haben -, doch der Drang, Sirius' Antwort zu lesen, war zu
stark. Harry ging hinüber zu der Schleiereule, nahm ihr den
Brief vom Bein und rollte ihn auf.
Harry,
ich kann in einem Brief nicht alles sagen, was ich möchte, es
ist zu riskant, falls die Eule abgefangen wird – wir müssen
unter vier Augen miteinander reden. Kannst du dafür sor-
gen, dass du am 22. November um ein Uhr morgens allein
am Kamin im Gryffindor-Turm bist?
Ich weiß besser als alle anderen, dass du auf dich selbst auf-
passen kannst, und solange Dumbledore und Moody in dei-
ner Nähe sind, glaube ich nicht, dass dir einer was antun
kann. Doch genau daraufscheint sich jemand mit allen Mit-
teln vorzubereiten. Dich ins Turnier zu schmuggeln, und
dazu noch unter Dumbledores Nase, muss sehr gefährlich
gewesen sein.
Sei auf der Hut, Harry. Ich möchte weiterhin über alles
Ungewöhnliche unterrichtet werden. Lass mir wegen des
22. November so rasch wie möglich eine Nachricht zu-
kommen.
Sirius
328
Der Ungarische Hornschwanz
Die Aussicht, bald mit Sirius sprechen zu können, war alles,
was Harry während der nächsten zwei Wochen bei Laune
hielt, es war der einzige helle Fleck an einem Horizont, der so
dunkel war wie noch nie. Den Schock, plötzlich Schul-
Champion zu sein, hatte er inzwischen halbwegs verkraftet,
doch allmählich kroch die Angst vor dem Kommenden in ihm
hoch. Der Tag der ersten Aufgabe rückte immer näher; er hatte
das Gefühl, ein widerliches Monster würde auf ihn zukrauchen
und ihm den Weg versperren. Wie ihm jetzt die Nerven
flatterten, war überhaupt nicht mit dem zu verglei-
chen, was er vor irgendeinem Quidditch-Spiel durchge-
macht hatte, nicht einmal vor seinem letzten gegen die Sly-
therins, bei dem es um den Pokal gegangen war. Harry fiel es
schwer, überhaupt an die Zukunft zu denken, er hatte das
Gefühl, sein ganzes Leben wäre geradewegs auf diese erste
Aufgabe zugelaufen und würde mit ihr auch enden ...
Wie er sich eingestand, hatte er keine Ahnung, wie Sirius
ihn eigentlich aufmuntern sollte, da er doch vor Hunderten von
Zuschauern einen unbekannten, schwierigen und ge-
fährlichen Zauber bewältigen musste, doch der bloße An-
blick eines freundlichen Gesichts war immerhin schon et-
was. Harry antwortete Sirius, er würde zur vorgeschlagenen
Zeit am Kamin des Gemeinschaftsraums sein, und er über-
legte mit Hermine lange hin und her, wie sie es anstellen
könnten, in dieser Nacht etwaige Trödler zu vertreiben.
Wenn alles andere schief gehen sollte, würden sie es mit
329
einem Sack voll Stinkbomben versuchen, doch sie hofften, das
würde ihnen erspart bleiben – Filch würde sie bei leben-
digem Leibe häuten.
Unterdessen wurde das Leben in den Mauern des Schlos-
ses noch schwerer für Harry, denn Rita Kimmkorn hatte ihren
Bericht über das Trimagische Turnier veröffentlicht, und wie
sich herausstellte, war es weniger ein Bericht über das Turnier
als eine in grellen Farben gemalte Lebensge-
schichte Harrys. Ein Foto von Harry nahm einen großen Teil
der Titelseite ein; der Artikel (fortgesetzt auf den Seiten zwei,
sechs und sieben) drehte sich einzig und allein um Harry, die
Namen der Champions von Beauxbatons und Durmstrang (alle
falsch geschrieben) waren in die letzte Zeile gequetscht
worden und Cedric wurde überhaupt nicht erwähnt.
Der Artikel war vor zehn Tagen erschienen, und noch im-
mer brannte Harry vor Scham der Magen, wenn er daran
dachte. Rita Kimmkorn zufolge hatte er dies und das und jenes
gesagt, doch er konnte sich nicht erinnern, solche Worte
jemals im Leben gebraucht zu haben, und schon gar nicht in
diesem Besenschrank.
»Ich glaube, es sind meine Eltern, die mir Kraft geben, ich
weiß, sie würden sehr stolz auf mich sein, wenn sie mich jetzt
sehen könnten ... ja, nachts weine ich manchmal noch, wenn
ich an sie denke, ich schäme mich nicht, das zuzu-
geben ... Ich weiß, dass mir im Turnier nichts zustoßen
kann, denn sie wachen über mich ...«
Doch Rita Kimmkorn hatte nicht nur seine »Ähms« in lange,
Übelkeit erregende Sätze verwandelt: Sie hatte auch andere
über ihn ausgefragt:
330
Harry hat in Hogwarts endlich die Liebe gefunden. Sein en-
ger Freund, Colin Creevey, berichtet, dass Harry fast ständig
in Begleitung Hermine Grangers zu sehen ist, eines umwer-
fend hübschen muggelstämmigen Mädchens, das wie Harry zu
den besten Schülern des Internats gehört.
Kaum war der Artikel erschienen, musste es Harry über sich
ergehen lassen, dass seine Mitschüler – vor allem Slytherins -
lauthals Sätze daraus vorlasen, wenn er an ihnen vorbeiging,
und dazu noch ihre hämischen Kommentare abgaben.
»Willst vielleicht 'n Taschentuch, Harry, falls du in Ver-
wandlung zu heulen anfängst?«
»Seit wann bist du einer der Spitzenschüler des Internats,
Potter? Oder soll das eine Schule sein, die du zusammen mit
Longbottom gegründet hast?«
»Hallo – Harry!«, rief jemand im Korridor.
»Ja, ist schon gut«, schrie Harry plötzlich zu seiner eigenen
Überraschung und wirbelte herum. Er hatte es jetzt satt. »Ich
hab mir gerade die Augen ausgeheult wegen meiner toten
Mama und will jetzt gleich noch ein wenig weiterweinen ...«
»Nein – ich meinte doch nur – du hast deine Feder ver-
loren.«
Es war Cho. Harry spürte, wie er rot anlief.
»Oh – danke – tut mir Leid«, nuschelte er und hob die Fe-
der auf.
»Hmmh ... und viel Glück am Dienstag«, sagte sie. »Ich
drück dir die Daumen, dass es gut geht.«
Und Harry stand ziemlich bedröppelt da.
Auch Hermine war nicht zu kurz gekommen und hatte
einiges an Gemeinheiten schlucken müssen, doch noch war es
nicht so weit, dass sie völlig unbeteiligte Zuschauer an-
schrie; Harry bewunderte sie in Wahrheit zutiefst für ihre Art,
mit der schwierigen Situation umzugehen.
331
»Umwerfend hübsch? Die?«, hatte Pansy Parkinson ge-
kreischt, als sie Hermine nach dem Erscheinen von Rita
Kimmkorns Artikel zum ersten Mal begegnet war. »Im Ver-
gleich zu was denn – einem Eichhörnchen?«
»Einfach nicht beachten«, sagte Hermine kühl, reckte das
Kinn und stapfte an den giggelnden Slytherin-Mädchen vor-
bei, als wäre sie taub für deren Worte. »Ist doch schnuppe,
Harry.«
Doch Harry war es nicht schnuppe. Ron hatte kein Wort
mehr mit ihm geredet, seit er ihm gesagt hatte, wann sie bei
Snape nachsitzen mussten. Harry hatte schon halb gehofft,
dass sie in den zwei Stunden, in denen sie in Snapes Keller
Rattenhirne einpökeln mussten, ihren Streit aus der Welt
schaffen würden, doch an diesem Tag war Ritas Artikel er-
schienen und er schien Rons Glaube bestärkt zu haben, dass
Harry all die Aufmerksamkeit so richtig genoss.
Hermine war wütend auf sie beide; sie ging vom einen zum
anderen und versuchte sie zu zwingen, wieder mitei-
nander zu reden, doch Harry wollte nicht nachgeben: Er würde
erst dann wieder mit Ron reden, wenn Ron zugab, dass Harry
seinen Namenszettel nicht in den Feuerkelch ge-
worfen hatte, und sich dafür entschuldigte, dass er ihn einen
Lügner genannt hatte.
»Ich hab ja nicht damit angefangen«, sagte Harry eisern.
»Das ist sein Problem.«
»Du vermisst ihn doch!«, sagte Hermine ungeduldig. »Und
ich weiß, dass er dich vermisst –«
»Ich und ihn vermissen?«, sagte Harry. »Ich vermisse ihn
überhaupt nicht ...«
Doch das war schlicht gelogen. Harry mochte Hermine sehr,
doch mit Ron war es einfach anders. Mit Hermine statt Ron als
bestem Freund gab es viel weniger zu lachen und sie
saßen viel länger in der Bibliothek herum. Harry beherrschte
332
die Aufrufezauber immer noch nicht, etwas in ihm schien sich
sogar dagegen zu sperren, und Hermine beteuerte unab-
lässig, die Anleitungen in den Büchern würden ihm bestimmt
helfen. So verbrachten sie fast die ganzen Mittagspausen da-
mit, in der Bibliothek über Wälzern zu brüten.
Auch Viktor Krum war auffällig oft in der Bibliothek, und
Harry fragte sich, was er im Sinn hatte. Lernte er oder suchte
er nach einem Buch, das ihm bei der ersten Aufgabe helfen
würde? Hermine beklagte sich häufig, wenn Krum da war -
nicht etwa, weil er sie je gestört hätte, sondern weil immer
wieder Scharen kichernder Mädchen auftauchten und ihn
hinter Bücherregalen versteckt beobachteten, und Hermine
fand den ganzen Rummel einfach lästig.
»Er sieht nicht mal gut aus!«, zischelte sie und warf Krums
Profil einen finsteren Blick zu. »Sie stehen doch nur auf ihn,
weil er berühmt ist! Sie würden ihn doch keines Blickes
würdigen, wenn er nicht diesen Wanzki-Stuss beherrschen
würde –«
»Wronski-Bluff«, sagte Harry zähneknirschend. Ganz ab-
gesehen davon, dass er Wert darauf legte, sorgfältig mit
Quidditch-Begriffen umzugehen, gab ihm auch der Ge-
danke einen Stich, was für ein Gesicht Ron wohl machen
würde, wenn er Hermine vom Wanzki-Stuss reden hörte.
Es ist merkwürdig, doch wenn man schreckliche Angst vor
etwas hat und alles dafür geben würde, den Lauf der Zeit zu
verlangsamen, hat dieses Etwas die lästige Gewohnheit, noch
schneller zu kommen. Die Tage bis zur ersten Aufgabe glitten
dahin, als ob sich jemand an den Uhren zu schaffen gemacht
hätte und diese jetzt doppelt so schnell liefen. Wo-
hin er auch ging, Harry ließ das Gefühl kaum beherrschter
Panik nicht los, es begleitete ihn genauso hartnäckig wie der
Spott über den Artikel im Tagespropheten.
333
An dem Samstag vor der ersten Aufgabe durften alle
Schüler ab der dritten Klasse das Dorf Hogsmeade besu-
chen. Hermine erklärte Harry, es würde ihm gut tun, für eine
Weile aus dem Schloss zu kommen, und Harry ließ sich nicht
lange bitten.
»Aber was ist mit Ron?«, sagte er. »Willst du nicht mit ihm
gehen?«
»Oh ... na ja ...« Hermine lief rosa an. »Ich dachte, wir
könnten uns mit ihm in den Drei Besen treffen ...«
»Nein«, sagte Harry nur.
»Ach, Harry, das ist doch bescheuert –«
»Ich komm mit, aber mit Ron treffe ich mich nicht, und ich
trage meinen Tarnurnhang.«
»Na gut, von mir aus ...«, fauchte Hermine, »aber ich kann
es nicht ausstehen, mit dir zu reden, wenn du in die-
sem Umhang steckst, wo ich doch nie weiß, ob ich dich jetzt
ansehe oder nicht.«
Also zog Harry im Schlafsaal seinen Tarnurnhang an, ging
wieder nach unten und machte sich zusammen mit Her-
mine auf den Weg nach Hogsmeade.
Unter diesem Umhang fühlte sich Harry wunderbar frei; er
beobachtete, wie die anderen Schüler an ihnen vorbei ins Dorf
gingen, die meisten mit CEDRIC DIGGORY-Anste-
ckern auf der Brust, doch zur Abwechslung musste er sich
keine hämischen Bemerkungen anhören und niemand las aus
diesem fürchterlichen Artikel vor.
»Mich starren die Leute jetzt ständig an«, sagte Hermine
missgelaunt, als sie aus dem Honigtopf kamen und sich über
die großen sahnegefüllten Schokoriegel hermachten. »Sie
glauben, ich führe Selbstgespräche.«
»Dann beweg eben deine Lippen nicht.«
»Hör mal zu, ich bitte dich, nimm doch für eine Weile
diesen Umhang ab. Hier belästigt dich doch keiner.«
334
»Ach ja?«, sagte Harry. »Dann dreh dich mal um.«
Rita Kimmkorn und ihr Freund, der Fotograf, hatten ge-
rade den Pub Drei Besen verlassen. In ein gedämpftes Ge-
spräch vertieft, gingen sie direkt an Hermine vorbei ohne sie
eines Blickes zu würdigen. Harry drückte sich an die Haus-
mauer des Honigtopfes, denn er sah es schon kommen, dass
ihm Rita Kimmkorn mit ihrer Krokodilledertasche eins
überzog.
Als sie vorbei waren, sagte Harry: »Sie hat sich hier im Dorf
ein Zimmer genommen. Ich wette, sie sieht sich das Turnier
an.«
Noch während er sprach, durchflutete die Angst seinen
Magen wie ein Strom heißer Lava. Er sagte Hermine kein
Wort davon; sie hatten kaum darüber gesprochen, was in der
ersten Aufgabe wohl auf ihn zukommen würde; er hatte den
Eindruck, dass sie nicht darüber nachdenken wollte.
»Sie ist weg«, sagte Hermine und spähte durch Harry hin-
durch zum Ende der Hauptstraße. »Wie war's, wenn wir in den
Drei Besen ein Butterbier trinken? Es ist doch ziemlich frisch
hier draußen, oder? Und du musst ja nicht mit Ron re-
den!«, fügte sie, sein Schweigen richtig deutend, verärgert
hinzu.
Die Drei Besen waren brechend voll, vor allem mit Hog-
warts-Schülern, die ihren freien Nachmittag feierten, doch
auch mit einem Typ von magischen Menschen, wie sie Harry
anderswo kaum zu Gesicht bekam. Da Hogsmeade das einzige
nur von Zauberern und Hexen bewohnte Dorf in
Großbritannien war, vermutete Harry, dass es eine Art
Zuflucht war für Geschöpfe wie die Sabberhexen, die sich
nicht so geschickt tarnen konnten wie Zauberer.
Es war gar nicht einfach, sich mit dem Tarnurnhang durch
die Menge zu bewegen, denn wenn man zufällig jemandem
auf die Füße trat, führte dies meist zu peinlichen Fragen.
335
Harry schlängelte sich vorsichtig zu einem freien Tisch in der
Ecke durch, während Hermine an der Theke etwas zu trinken
holte. Auf dem Weg nach hinten sah Harry Ron an einem
Tisch mit Fred, George und Lee Jordan sitzen. Er hatte große
Lust, Ron einen deftigen Klaps auf den Hinter-
kopf zu versetzen, ließ es dann aber doch lieber sein. Endlich
schaffte er es zu seinem Tisch und setzte sich.
Hermine kam einen Augenblick später und schob ihm
unauffällig ein Butterbier unter den Tarnurnhang.
»Die halten mich sicher für bescheuert, hier ganz allein
rumzusitzen«, murmelte sie. »Ein Glück, dass ich was zum
Arbeiten mitgebracht habe.«
Sie zog ein Notizbuch heraus, in dem sie eine Liste der
B.ELFE.R-Mitglieder führte. Harry sah seinen und Rons Na-
men ganz oben auf der sehr kurzen Liste stehen. Es schien so
furchtbar lange her zu sein, dass er mit Ron zusammen an den
Prophezeiungen gebastelt hatte, bis dann Hermine auf-
getaucht war und sie zu Sekretär und Schatzmeister ernannt
hatte.
»Weißt du, vielleicht sollte ich einfach mal versuchen, ein
paar von den Dorfleuten für B-ELFE-R zu gewinnen«, sagte
Hermine nachdenklich und sah sich im Pub um.
»Ja, schon gut«, sagte Harry. Er trank einen Schluck But-
terbier unter seinem Tarnurnhang. »Hermine, wann gibst du
diesen Belfer-Kram endlich auf?«
»Wenn die Hauselfen anständige Löhne und Arbeitsbe-
dingungen haben!«, zischelte sie zurück. »Allmählich glaube
ich, es ist an der Zeit, etwas Handfestes zu unternehmen.
Weißt du zufällig, wie man in die Schulküche kommt?«
»Keine Ahnung, frag doch Fred und George«, sagte Harry.
Hermine verfiel in nachdenkliches Schweigen; Harry trank
sein Butterbier und beobachtete die Leute im Pub.
Alle wirkten gut gelaunt und entspannt. Ernie Macmillan
336
und Hannah Abbott, beide mit CEDRIC DIGGORY-An-
steckern auf den Umhängen, tauschten an einem Nachbar-
tisch Schokofrosch-Karten. Drüben an der Tür sah er Cho und
eine größere Schar ihrer Freunde aus Ravenclaw. Einen
CEDRIC DIGGORY-Anstecker trug sie allerdings nicht ...
und das munterte Harry ein wenig auf ...
Was hätte er nicht alles gegeben, um zu ihnen zu gehören,
die da saßen und lachten und sich unterhielten und keine
größeren Sorgen kannten als die Erledigung ihrer Hausauf-
gaben! Er stellte sich vor, wie er sich hier fühlen würde, wenn
der Feuerkelch nicht seinen Namen ausgespuckt hätte.
Zunächst einmal würde er keinen Tarnurnhang tra-
gen. Ron würde bei ihm sitzen. Alle drei würden sie wahr-
scheinlich ganz ausgelassen darüber nachdenken, welche
Aufgabe die Schul-Champions am Dienstag unter Todes-
gefahr zu lösen haben würden. Wie er sich darauf freuen
würde, ihnen zuzusehen ... ungefährdet irgendwo hinten auf
den Rängen zu sitzen und Cedric anzufeuern ...
Er fragte sich, wie sich die anderen Champions fühlten.
Jedes Mal, wenn er Cedric in letzter Zeit gesehen hatte, war er
von Bewunderern umringt gewesen und hatte zwar ner-
vös, aber auch freudig erregt ausgesehen. Fleur Delacour hatte
Harry hin und wieder kurz im Vorbeigehen gesehen; sie wirkte
so wie immer, hochmütig und nicht die Spur ner-
vös. Und Krum saß die ganze Zeit in der Bibliothek und
brütete über irgendwelchen Büchern.
Harry dachte an Sirius und der festgezurrte Knoten in sei-
ner Brust schien sich ein wenig zu lockern. In gut zwölf
Stunden würde er mit ihm sprechen können, denn heute Nacht
wollten sie sich am Kamin des Gemeinschaftsraums treffen –
vorausgesetzt, dass nichts schief ging, wo doch in letzter Zeit
alles schief gegangen war ...
»Sieh mal, da ist Hagrid!«, sagte Hermine.
337
Hagrids gewaltiger zottiger Hinterkopf – die beiden Zöpfe
hatte er dankenswerterweise wieder aufgelöst -tauchte über der
Menge auf. Harry fragte sich, warum er ihn nicht gleich
gesehen hatte, da Hagrid so groß war; doch als er vorsichtig
aufstand, sah er, dass Hagrid sich hinunterge-
beugt und mit Professor Moody gesprochen hatte. Hagrid hatte
seinen üblichen mächtigen Humpen vor sich, doch Moody
trank aus seinem Flachmann. Madam Rosmerta, die hübsche
Wirtin, schien davon nicht viel zu halten; als sie die Gläser
von den umstehenden Tischen einsammelte, warf sie Moody
einen scheelen Blick zu. Vielleicht dachte sie, Moody würde
ihren heißen Met verschmähen, doch Harry wusste es besser.
Moody hatte ihnen in der letzten Stunde Verteidigung gegen
die dunklen Künste erzählt, dass er es vorzog, sich sein Essen
und seine Getränke immer selbst zu bereiten, da es für einen
schwarzen Magier so einfach war, einen unbewachten Becher
zu vergiften. Harry sah jetzt, wie Hagrid und Moody Anstalten
machten zu gehen. Er winkte ihnen, dann fiel ihm ein, dass
Hagrid ihn ja gar nicht sehen konnte. Moody jedoch hielt inne,
das magische Auge auf die Ecke gerichtet, in der Harry stand.
Er stupste Hagrid ins Kreuz (seine Schulter konnte er ja nicht
erreichen), mur-
melte etwas und die beiden kamen durch den Pub auf Har-
rys und Hermines Tisch zu.
»Alles klar, Hermine?«, sagte Hagrid laut.
»Hallo«, sagte Hermine und lächelte ihn an.
Moody hinkte um den Tisch herum und beugte sich vor;
Harry dachte, er würde das B.ELFE.R-Notizbuch lesen, bis
Moody murmelte: »Hübscher Umhang, Potter.«
Harry starrte ihn verdutzt an. Moodys Nase mit dem gro-
ßen fehlenden Stück war im Abstand von einigen Zentime-
tern besonders eindrucksvoll. Moody grinste.
»Kann Ihr Auge – ich meine, können Sie –?«
338
»Ja, ich kann durch Tarnumhänge sehen«, sagte Moody
gedämpft. »Und das war schon einige Male recht nützlich,
kann ich dir sagen.«
Auch Hagrid strahlte zu Harry hinunter. Harry wusste, dass
Hagrid ihn nicht sehen konnte, doch Moody hatte ihm
offenbar erzählt, dass er hier saß. Hagrid beugte sich jetzt über
den Tisch, tat so, als würde auch er das B.ELFE.R-No-tizbuch
lesen, und flüsterte dann so leise, dass nur Harry ihn hören
konnte: »Harry, komm heut um Mitternacht runter zu meiner
Hütte. Trag diesen Umhang.«
Dann richtete er sich auf und sagte laut: »War nett, dich zu
sehen, Hermine«, zwinkerte und ging davon. Moody folgte
ihm.
»Warum will er, dass ich ihn um Mitternacht treffe?«, fragte
Harry vollkommen überrascht.
»Keine Ahnung, was er vorhat«, sagte Hermine ebenfalls
verdutzt. »Und ich weiß auch nicht, ob du gehen solltest,
Harry ...« Sie sah sich nervös um und zischte: »Denn dann
verpasst du vielleicht Sirius.«
Sie hatte Recht. Hagrid um Mitternacht zu treffen, hieß, dass
es für die Zusammenkunft mit Sirius ganz schön knapp wurde;
Hermine schlug vor, sie sollten Hedwig schicken, um Hagrid
abzusagen – immer vorausgesetzt, sie würde sich dazu
herablassen -, doch Harry hielt es für besser, Hagrid kurz
anzuhören und dann rasch wieder zu verschwinden. Er war
sehr neugierig, was es sein könnte; noch nie hatte Hag-
rid ihn gebeten, so spät noch zu kommen.
Um halb zwölf nachts zog Harry, der verkündet hatte, er wolle
heute früh schlafen gehen, den Tarnurnhang erneut an, ging
hinunter und schlich sich durch den Gemeinschafts-
raum. Es waren durchaus noch einige Mitschüler da. Die
Creevey-Brüder hatten es geschafft, einen Stapel »Ich bin für
339
CEDRIC DIGGORY«-Anstecker in die Finger zu bekom-
men, und versuchten sie jetzt zu verhexen, damit es stattdes-
sen »Ich bin für HARRY POTTER« hieß. Bislang jedoch war
es ihnen nur gelungen, die erste Aufschrift zu löschen, so dass
jetzt nur noch POTTER STINKT angezeigt wurde. Harry
drückte sich an ihnen vorbei zum Porträtloch und wartete, die
Augen auf die Uhr gerichtet, gut eine Minute. Dann öffnete
Hermine von der anderen Seite die fette Dame, wie sie es ab-
gemacht hatten. Er glitt mit einem geflüsterten »Danke!« an
ihr vorbei und machte sich auf den Weg durch das Schloss.
Draußen auf den Ländereien war es stockfinster. Harry lief
über das Gras auf die Lichter von Hagrids Hütte zu. Auch die
riesige Beauxbatons-Kutsche war hell erleuchtet; Harry konnte
Madame Maxime drinnen reden hören, als er an Hagrids Tür
klopfte.
»Bist du das, Harry?«, flüsterte Hagrid, öffnete die Tür und
spähte umher.
»Ja«, sagte Harry, huschte hinein und zog sich den Um-
hang vom Kopf. »Was gibt's?«
»Will dir nur was zeigen«, sagte Hagrid.
Hagrid machte einen ungeheuer aufgeregten Eindruck. Er
trug eine Blume im Knopfloch, die einer übergroßen Ar-
tischocke ähnelte. Es schien, als würde er inzwischen auf
Schmierfett verzichten, doch er hatte offensichtlich versucht
sich zu kämmen – ein paar abgebrochene Kammzähne wa-
ren in die Haare verknotet.
»Um was geht es denn?«, sagte Harry lustlos und fragte
sich, ob die Kröter vielleicht Eier gelegt hatten oder ob Hag-
rid es wieder einmal geschafft hatte, einem Wildfremden in
der Kneipe einen dreiköpfigen Riesenhund abzukaufen.
»Sei leise, versteck dich unter deinem Umhang und komm
mit«, sagte Hagrid. »Fang lassen wir hier, dem wird es nicht
gefallen ...«
340
»Hör mal, Hagrid, ich kann nicht lange bleiben ... ich muss
um ein Uhr wieder im Schloss oben sein –«
Doch Hagrid hörte nicht zu; er öffnete die Hüttentür und
marschierte hinaus in die Dunkelheit. Harry beeilte sich, mit
ihm Schritt zu halten, und stellte überrascht fest, dass Hagrid
ihn zur Kutsche der Beauxbatons führte.
»Hagrid, was –?«
»Schhh!«, machte Hagrid und klopfte dreimal gegen die Tür
mit den gekreuzten goldenen Zauberstäben.
Madame Maxime öffnete. Sie hatte einen Seidenschal um
ihre massigen Schultern geschlungen und lächelte, als sie
Hagrid sah. »Aa, 'Agrid ... ist es schon Sseit?«
»Bong-soar«, sagte Hagrid und strahlte sie an, dann reichte
er ihr die Hand und half ihr die goldenen Stufen hi-
nunter.
Madame Maxime schloss die Tür hinter sich, Hagrid bot ihr
den Arm an und sie machten sich auf den Weg um die Koppel
mit Madame Maximes geflügelten Riesenpferden. Harry,
vollkommen perplex, musste rennen, um Schritt zu halten.
Hatte Hagrid ihm nur Madame Maxime zeigen wol-
len? Er konnte sie doch jederzeit sehen ... sie war ja nicht
gerade schwer zu verfehlen ...
Doch offenbar hatte Hagrid Madame Maxime ebenfalls zu
diesem Ausflug eingeladen, denn nach einer Weile sagte sie
neckisch: »Wo führen Sie misch denn 'in, 'Agrid?«
»Verrat ich nicht«, sagte Hagrid ruppig. »Wird Ihnen ge-
fallen, das kann ich versprechen. Aber – sagen Sie keinem was
davon, ja? Denn eigentlich dürfen Sie es gar nicht se-
hen.«
»Natürlisch nischt«, sagte Madame Maxime und klim-
perte mit ihren langen schwarzen Wimpern.
Und sie gingen weiter. Harry ärgerte sich immer mehr,
dass er überhaupt hinter den beiden hertrabte, und sah stän-
341
dig auf die Uhr. Hagrid musste irgendetwas Hirnrissiges
vorhaben und deshalb würde er vielleicht auch noch Sirius
verpassen. Wenn sie nicht bald da waren, würde er einfach
kehrtmachen und ins Schloss zurücklaufen. Hagrid konnte
dann seinen Mondscheinspaziergang mit Madame Maxime
alleine genießen ...
Doch dann – sie waren schon so weit am Wald entlangge-
laufen, dass Schloss und See nicht mehr zu sehen waren -hörte
Harry etwas. In einiger Entfernung von ihnen riefen und
schrien Männer durcheinander ... dann hörte er ein
markerschütterndes, tromnielfellzerfetzendes Brüllen ...
Hagrid führte Madame Maxime um eine dichte Baum-
gruppe herum und blieb stehen. Harry hastete ihnen nach und
stellte sich neben sie. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte
er einige große Erntefeuer zu erkennen und Män-
ner, die um sie herumrannten – doch dann klappte ihm der
Mund auf.
Drachen.
In einem mit schweren Holzplanken umgrenzten Ge-
hege standen vier ausgewachsene, gewaltige, bösartig ausse-
hende Drachen brüllend und schnaubend auf den Hinter-
beinen – aus ihren weit aufgerissenen, mit Fangzähnen
gespickten Mäulern, fünfzehn Meter hoch auf den gereck-
ten Hälsen, schössen lange Stichflammen in die Nacht. Da war
ein blaugrauer Drache mit langen, spitzen Hörnern, der
fauchend nach den Zauberern am Boden schnappte; ein
glattschuppiger grüner Drache schlängelte und wand sich mit
aller Kraft und schlug mit dem Schwanz wild um sich; ein
roter Drache mit einem merkwürdigen Kranz aus schar-
fen Goldzacken um das Gesicht spie pilzförmige Feuerwol-
ken in die Luft, und ganz in der Nähe stand ein gigantischer
schwarzer Drache, der viel mehr als die anderen einer Rie-
senechse ähnelte.
342
Mindestens dreißig Zauberer, sieben oder acht für jeden
Drachen, versuchten sie zu bändigen, sie zogen und rissen an
Ketten, die an schweren Lederriemen um Hälse und Lei-
ber der Drachen befestigt waren. Wie in Trance hob Harry den
Kopf und sah hoch über sich die Augen des schwarzen
Drachen mit senkrecht stehenden Katzenpupillen aus ihren
Höhlen quellen, rasend vor Angst oder Wut, Harry wusste es
nicht ... das Heulen und Kreischen und Brüllen des Dra-
chen war grauenhaft anzuhören ...
»Bleib ja dahinten stehen, Hagrid!«, rief ein Zauberer am
Gehege und zerrte an der Kette in seiner Hand. »Sie können
im Umkreis von sieben Metern Feuer speien! Und ich hab
gesehen, wie dieser Hornschwanz es doppelt so weit ge-
schafft hat!«
»Sind sie nicht schön?«, sagte Hagrid leise.
»So kommen wir nicht weiter!«, rief ein anderer Zauberer.
»Schockzauber, ich zähle bis drei!«
Harry sah, wie die Drachenwärter ihre Zauberstäbe zo-
gen.
»Stupor!«, riefen alle wie aus einem Mund, und die
Schockzauber rasten durch die Dunkelheit wie die Feuer-
schweife von Raketen und schlugen Funken stiebend gegen
die Schuppenpanzer der Drachen –
Harry sah, wie der Drache in ihrer Nähe auf seinen Hin-
terbeinen ins Wanken geriet; jäh riss er seinen Rachen zu
einem stummen Heulen auf; seine Nüstern waren plötzlich
erloschen, auch wenn sie noch rauchten. Dann, ganz lang-
sam, kippte er hintenüber, und mehrere Tonnen zähes,
schuppiges schwarzes Drachenfleisch krachten mit einem
Rums zu Boden, der, wie Harry geschworen hätte, die Bäume
hinter ihm erzittern ließ.
Die Drachenwärter senkten ihre Zauberstäbe und gingen
auf ihre niedergestreckten Schützlinge zu, jeder so groß wie
343
ein kleiner Hügel. Hastig zogen sie die Ketten enger und
banden sie an eisernen Stangen fest, die sie mit ihren Zau-
berstäben tief in die Erde trieben.
»Woll'n wir näher rangehn?«, fragte Hagrid Madame Ma-
xime mit begeisterter Miene. Die beiden gingen vor bis zur
Einfriedung und Harry folgte ihnen. Der Zauberer, der
Hagrid ermahnt hatte, nicht näher zu kommen, wandte sich
um und erst jetzt erkannte ihn Harry – es war Charlie
Weasley.
»Wie geht's, Hagrid?«, keuchte er und kam auf ein paar
Worte herüber. »Jetzt müssten sie sich langsam beruhigt ha-
ben – wir hatten ihnen für den Weg hierher ein Schlafelixier
verpasst und dachten, es wäre besser für sie, wenn sie nachts
und in aller Ruhe aufwachen – aber wie du gesehen hast,
waren sie nicht glücklich, überhaupt nicht glücklich –«
»Welche Arten hast du denn hier, Charlie?«, fragte Hagrid
und starrte den in der Nähe liegenden Drachen – es war der
schwarze – mit beinahe ehrfürchtiger Miene an. Die Augen
des Drachen waren nur noch einen Schlitz breit offen. Un-
ter seinem runzligen schwarzen Augenlid konnte Harry einen
gelb glühenden Streifen sehen.
»Das ist ein Ungarischer Hornschwanz«, sagte Charlie.
»Dort drüben ist ein Gemeiner Walisischer Grünling, der
kleine da – dieser blaugraue – ist ein Schwedischer Kurz-
schnäuzler und der rote dort ist ein Chinesischer Feuerball.«
Charlie wandte sich um; Madame Maxime hatte sich ent-
fernt und schlenderte, die betäubt daliegenden Drachen
musternd, an der Einfriedung des Geheges entlang.
»Ich wusste nicht, dass du sie mitbringen würdest, Hag-
rid«, sagte Charlie stirnrunzelnd. »Die Champions sollen nicht
wissen, was sie erwartet – sie erzählt es sicher ihrer Schülerin,
oder?«
»Dachte mir nur, sie würd sie gern sehen«, sagte Hagrid
344
achselzuckend, ohne jedoch seinen träumerischen Blick von
den Drachen abzuwenden.
»Wirklich 'ne romantische Verabredung, Hagrid«, sagte
Charlie kopfschüttelnd.
»Vier ...«, sagte Hagrid, »also einen für jeden Champion?
Was müssen sie tun – gegen sie kämpfen?«
»Nur an ihnen vorbeikommen, glaub ich«, sagte Charlie.
»Wir sind dabei, falls es ernst werden sollte, und halten die
Feuerlöschzauber ständig bereit. Sie wollten brütende
Weibchen haben, ich weiß nicht, warum ... aber ich sag dir,
wer es mit dem Hornschwanz zu tun kriegt, der ist nicht zu
beneiden. Bösartiges Vieh. Sein Hinterteil ist genauso ge-
fährlich wie die Schnauze, sieh nur.«
Charlie deutete auf das Hinterteil des Hornschwanzes, und
Harry konnte erkennen, dass der Schwanz des Drachen über
und über mit bronzenen Stacheln gespickt war.
In diesem Moment wankten fünf von Charlies Wärter-
kollegen auf den Hornschwanz zu, die zwischen sich ein Tuch
aufgespannt hielten, auf dem ein Gelege aus mäch-
tigen granitgrauen Eiern lag. Sie legten die Eier vorsichtig an
den Bauch des Hornschwanzes. Hagrid stöhnte sehnsuchts-
voll auf.
»Ich hab sie zählen lassen, Hagrid«, sagte Charlie streng.
»Wie geht's eigentlich Harry?«
»Gut«, sagte Hagrid. Seine Augen ruhten immer noch auf
den Eiern.
»Ich hoffe nur, es geht ihm auch noch gut, nachdem er sich
mit dieser Meute hier herumgeschlagen hat«, sagte Charlie
grimmig und ließ den Blick über die Drachenkop-
pel schweifen. »Ich hab mich nicht mal getraut, Mum zu
sagen, was er bei der ersten Aufgabe tun muss, sie kriegt
ohnehin Zustände, wenn sie an ihn denkt ...« Charlie ahmte
jetzt die besorgte Stimme seiner Mutter nach. »> Wie konnten
345
sie es nur zulassen, dass er an diesem Turnier teilnimmt, er ist noch
viel zu jung! Ich dachte, sie wären davor sicher, es gab doch eine Al-
tersbegrenzung! < Nachdem sie diesen Artikel über ihn im Ta-
gespropheten gelesen hatte, war sie vollkommen aufgelöst. > Er
weint immer noch wegen seiner Eltern! Oh, der Arme, wenn ich das
gewusst hätte!<«
Harry hatte es jetzt satt. Hagrid hatte immerhin vier leib-
haftige Drachen und Madame Maxime, denen er seine Auf-
merksamkeit schenken konnte, und so würde er Harry sicher
nicht vermissen. Er drehte sich geräuschlos um und machte
sich auf den Rückweg zum Schloss.
Er wusste nicht, ob er froh sein sollte, gesehen zu haben,
was auf ihn zukam. Vielleicht war es besser so. Den ersten
Schreck hatte er schon überstanden. Wenn er die Drachen am
Dienstag zum ersten Mal gesehen hätte, dann wäre er
womöglich vor aller Augen ohnmächtig geworden ... viel-
leicht jedoch würde ihm das ohnehin passieren ... er würde mit
seinem Zauberstab bewaffnet – der jetzt, wenn er daran
dachte, nur ein dünnes Stück Holz war – gegen einen fünf-
zehn Meter hohen, schuppigen, stachelbewehrten, Feuer
speienden Drachen antreten. Und er musste an ihm vorbei-
kommen. Unter den Augen aller. Wie?
Harry ging am Waldrand entlang und beschleunigte jetzt
seine Schritte; er hatte nur noch fünfzehn Minuten, um zum
Kamin zu gelangen und mit Sirius zu sprechen. Und er konnte
sich nicht erinnern, sich jemals so danach gesehnt zu haben,
mit jemandem zu reden – und dann stieß er urplötz-
lich gegen etwas Festes und fiel rücklings auf die Erde.
Seine Brille baumelte nur noch an einem Ohr und er zog den
Tarnurnhang fest um sich. Dann hörte er, ganz nahe, eine
Stimme: »Autsch! Wer da!«
Harry prüfte hastig, ob ihn der Tarnumhang ganz ver-
hüllte, blieb reglos liegen und sah hinauf zu dem schwarzen
346
Umriss des Zauberers, mit dem er soeben zusammengesto-
ßen war. Er erkannte den Spitzbart ... es war Karkaroff.
»Wer ist da?«, sagte Karkaroff erneut argwöhnisch und
spähte in der Dunkelheit umher. Harry rührte sich nicht und
gab keine Antwort. Nach ungefähr einer Minute schien
Karkaroff zu dem Schluss gekommen zu sein, dass irgendein
Tier ihn angefallen habe; er sah auf Hüfthöhe um sich her, als
ob er erwartete, einen Hund zu sehen. Dann schlich er zurück
in den Schutz der Bäume und stahl sich weiter zum
Drachengehege vor.
Langsam und umsichtig stand Harry auf und ging dann, so
schnell er konnte, ohne allzu viel Geräusche zu machen, weiter
in Richtung Schloss.
Harry wusste genau, was Karkaroff im Schilde führte. Er
hatte sich von seinem Schiff geschlichen und wollte aus-
kundschaften, worin die erste Aufgabe bestand. Vielleicht
hatte er sogar Hagrid und Madame Maxime zusammen am
Wald entlanggehen sehen ... und nun musste Karkaroff nur
ihren Stimmen folgen, dann würde auch er, wie schon Ma-
dame Maxime, genau wissen, was die Champions erwartete.
So, wie es jetzt aussah, würde Cedric am Dienstag der Ein-
zige sein, der nicht wusste, was auf ihn zukam.
Harry erreichte das Schloss, glitt durchs Portal und stieg die
Marmortreppe hoch; er atmete schwer, doch er wagte es nicht,
ein wenig langsamer zu gehen ... er hatte nur noch fünf
Minuten, um nach oben zum Kamin zu kommen ...
»Quatsch!«, keuchte er vor der fetten Dame, die in ihrem
Bild vor dem Porträtloch döste.
»Wenn du meinst«, murmelte sie schläfrig, und ohne die
Augen zu öffnen, ließ sie das Bild zur Seite schwingen und
gab den Weg frei. Harry kletterte hinein. Der Gemein-
schaftsraum war menschenleer, und da es hier wie immer
roch, hatte Hermine offenbar keine Stinkbomben werfen
347
müssen, um ihm und Sirius ein Gespräch unter vier Augen
zu ermöglichen.
Harry zog sich den Tarnurnhang vom Kopf und warf sich
in einen Sessel vor dem Feuer. Der Raum lag im Halbdun-
kel; nur die Flammen gaben ein wenig Licht. Auf einem
Tisch in der Nähe glommen die Lettern der Anstecker.
Doch jetzt war etwas anderes zu lesen. POTTER STINKT
WIRKLICH. Harry sah wieder ins Feuer und zuckte zusam-
men.
Sirius' Kopf saß mitten in den Flammen. Wenn Harry
nicht vor einiger Zeit bei den Weasleys Mr Diggory in genau
derselben Haltung gesehen hätte, dann wäre er zu Tode er-
schrocken. Stattdessen breitete sich auf seinem Gesicht das
erste Lächeln seit Tagen aus, er rappelte sich aus dem Sessel
und kauerte sich am Kamin nieder. »Sirius – wie geht's dir?«
Sirius sah anders aus, als Harry ihn in Erinnerung hatte.
Als sie sich verabschiedet hatten, war sein Gesicht noch aus-
gemergelt und hohlwangig gewesen, umwachsen von einer
langen mattschwarzen Haarmähne – doch nun war sein
Haar kurz und sauber, sein Gesicht voller und er sah jünger
aus, viel eher wie auf dem einzigen Foto, das Harry von ihm
besaß und das bei der Hochzeit der Potters aufgenommen
worden war.
»Wie's mir geht, ist nicht so wichtig, wie geht's dir?«, sagte
Sirius ernst.
»Mir geht's –« Einen Moment lang versuchte Harry »gut«
zu sagen. Doch er schaffte es nicht. Bevor er recht wusste,
wie ihm geschah, hatte er mehr geredet als während der
ganzen letzten Tage zusammen – er erzählte, wie er gegen
seinen Willen ins Turnier gelangt war, dass Rita Kimmkorn
im Tagespropheten Lügen über ihn verbreitet hatte, dass er
keinen Flur entlanggehen konnte, ohne sich hämische Be-
merkungen anhören zu müssen – und er redete über Ron,
348
über Ron, der ihm nicht glaubte, der eifersüchtig war ... »Und
gerade vorhin hat Hagrid mir gezeigt, was sie in der ersten
Runde bringen, nämlich Drachen, Sirius, und jetzt bin ich
erledigt«, schloss er verzweifelt.
Sirius sah ihn voller Sorge an, mit Augen, die noch nicht
ganz den Ausdruck verloren hatten, den ihnen Askaban ein-
gebrannt hatte – diesen abgestumpften und gehetzten Blick. Er
hatte Harry ohne Unterbrechung reden lassen, bis dieser
erschöpft war, doch jetzt sagte er: »Mit Drachen werden wir
schon fertig, Harry, aber dazu gleich – ich kann nicht lange
bleiben ... ich bin in ein Zaubererhaus eingebrochen, um den
Kamin zu benutzen, aber die können jeden Augenblick
zurückkommen. Ich muss dich vor jemandem warnen.«
»Vor wem denn?«, fragte Harry, und auch der letzte Rest
seiner Zuversicht begann zu schwinden ... was konnte denn
noch Schlimmeres kommen als die Drachen?
»Karkaroff«, sagte Sirius. »Harry, er war ein Todesser. Du
weißt, was Todesser sind?«
»Ja – was – war mit ihm?«
»Er wurde gefasst, er war mit mir in Askaban, doch sie ha-
ben ihn freigelassen. Ich wette, das ist der Grund, warum
Dumbledore dieses Jahr einen Auroren in Hogwarts haben
wollte – damit er ein Auge auf ihn wirft. Es war Moody, der
Karkaroff damals gefasst hat. Er hat ihn überhaupt erst nach
Askaban gebracht.«
»Karkaroff wurde freigelassen?«, sagte Harry langsam -sein
Gehirn schien Mühe zu haben, auch noch diese er-
schreckende Neuigkeit aufzunehmen. »Warum haben sie ihn
freigelassen?«
»Er hat mit dem Zaubereiministerium ein Geschäft ge-
macht«, sagte Sirius erbittert. »Er sagte, er hätte seine Irrtü-
mer eingesehen, und dann nannte er Namen ... hat statt sei-
ner eine Menge anderer Leute nach Askaban gebracht ...
349
dort drin ist er nicht gerade beliebt, kann ich dir sagen. Und
seit er draußen ist, hat er, soweit ich weiß, jedem Schüler, den
er in seiner Schule ausbildet, die dunklen Künste beige-
bracht. Also nimm dich auch vor dem Durmstrang-Cham-
pion in Acht.«
»Gut«, sagte Harry nachdenklich. »Aber ... willst du da-
mit sagen, dass Karkaroff meinen Namen in den Kelch ge-
worfen hat? Denn dann wäre er ein wirklich guter Schau-
spieler. Er schien doch so wütend darüber zu sein. Er wollte
mich überhaupt nicht im Turnier haben.«
»Wir wissen, dass er ein guter Schauspieler ist«, sagte
Sirius, »denn er hat immerhin das Zaubereiministerium da-
von überzeugt, er könne freigelassen werden, oder? Harry, ich
habe in letzter Zeit den Tagespropheten verfolgt –«
»Du und der Rest der Welt«, sagte Harry erbittert.
»– und wenn ich den Bericht von dieser Kimmkorn letz-
ten Monat zwischen den Zeilen lese, dann wird mir klar, dass
Moody in der Nacht, bevor er in Hogwarts antrat, an-
gegriffen wurde. Ja, ich weiß, sie behauptet, es sei wieder mal
falscher Alarm gewesen«, setzte Sirius hastig hinzu, da Harry
schon den Mund aufmachte, »aber ich kann das nicht so recht
glauben. Ich denke, dass jemand versucht hat, ihn daran zu
hindern, nach Hogwarts zu kommen. Jemand muss gewusst
haben, dass es viel schwieriger sein würde, etwas zu erledigen,
wenn Moody in der Nähe ist. Und keiner wird sich ernsthaft
um den Vorfall kümmern, weil Mad-Eye im Lauf der Zeit
schlicht ein wenig zu viele Eindringlinge ge-
hört haben will. Doch das heißt nicht, dass er eine wirkliche
Gefahr nicht mehr wittern kann. Moody war immerhin der
beste Auror, den das Ministerium je hatte.«
»Also ... was willst du damit sagen«, erwiderte Harry
langsam. »Dass Karkaroff mich umbringen will? Aber -
warum?«
350
Sirius zögerte.
»Mir sind einige sehr merkwürdige Dinge zu Ohren ge-
kommen«, sagte er nachdenklich. »Die Todesser scheinen in
letzter Zeit ein wenig umtriebiger geworden zu sein. Bei der
Quidditch-Weltmeisterschaft sind sie offen aufgetreten. Je-
mand hat das Dunkle Mal an den Himmel beschworen ... und
außerdem – hast du von dieser Ministeriumshexe ge-
hört, die vermisst wird?«
»Bertha Jorkins?«, fragte Harry.
»Genau ... sie ist in Albanien verschwunden, und ausge-
rechnet dort soll sich, wenn man den Gerüchten glaubt, Vol-
demort in letzter Zeit aufgehalten haben ... und Bertha muss
gewusst haben, dass das Trimagische Turnier geplant war.«
»Ja, aber ... es ist doch unwahrscheinlich, dass sie Volde-
mort einfach so über den Weg gelaufen ist, oder?«
»Hör zu, ich kannte Bertha Jorkins«, sagte Sirius grimmig.
»Sie war damals mit uns zusammen in Hogwarts, ein paar
Klassen über mir und deinem Dad. Und sie war schlichtweg
doof. Furchtbar neugierig, aber von Grips keine Spur. Keine
gute Mischung, Harry. Ich würde sagen, es wäre ein Leich-
tes, sie in die Falle zu locken.«
»Also ... hätte Voldemort von dem Turnier erfahren kön-
nen?«, sagte Harry. »Ist es das, was du mir sagen willst? Du
denkst, Karkaroff könnte auf seinen Befehl hin hier sein?«
»Ich bin mir nicht sicher«, entgegnete Sirius zögernd. »Ich
weiß es einfach nicht ... Karkaroff kommt mir nicht vor wie
der Typ, der zu Voldemort zurückkehrt, wenn er sich nicht
sicher ist, dass Voldemort mächtig genug ist, um ihn zu
schützen. Aber wer auch immer deinen Namen in diesen
Kelch geworfen hat, er hatte einen guten Grund. Und ich
werde den Gedanken nicht los, dass das Turnier eine glän-
zende Möglichkeit bietet, dich anzugreifen und es wie einen
Unfall aussehen zu lassen.«
351
»Sieht wie ein wirklich guter Plan aus, bei dem, was mir
jetzt bevorsteht«, sagte Harry trübselig. »Sie müssen nur die
Hände in den Schoß legen und die Drachen erledigen den
Rest.«
»Genau – die Drachen«, sagte Sirius, plötzlich sehr in Eile.
»Es gibt eine Möglichkeit, Harry. Versuch es bloß nicht mit
einem Schockzauber – Drachen sind zu stark und als magi-
sche Wesen viel zu mächtig, um von einem einzigen Scho-
cker ausgeschaltet zu werden. Um einen Drachen zu erledi-
gen, braucht es mindestens ein halbes Dutzend Zauberer –«
»Tja, das weiß ich, ich hab's gerade gesehen«, meinte Harry.
»Aber du kannst es ganz alleine schaffen«, sagte Sirius. »Es
gibt eine Möglichkeit mit nur einem einfachen Zauber. Und
zwar –«
Doch Harry hob die Hand, damit er verstummte, und sein
Herz pochte plötzlich, als wolle es platzen. Er hörte Schritte
die Wendeltreppe hinter sich herunterkommen.
»Geh!«, zischte er Sirius zu. »Geh! Da kommt jemand!«
Harry rappelte sich hoch und stellte sich aufrecht vor das
Feuer – wenn jemand Sirius' Gesicht in den Mauern von
Hogwarts sah, dann gäbe es einen unglaublichen Aufruhr -das
Ministerium würde alarmiert – sie würden ihn ins Gebet
nehmen und fragen, wo Sirius stecke –
Harry hörte ein leises Plopp im Feuer hinter seinem Rü-
cken und wusste, dass Sirius verschwunden war. Er fasste die
letzten Stufen der Wendeltreppe ins Auge – wer hatte be-
schlossen, um ein Uhr nachts noch einen kleinen Spazier-
gang zu machen, und hinderte Sirius daran, ihm zu sagen, wie
er an einem Drachen vorbeikam?
Es war Ron. In seinem kastanienbraunen Pyjama mit Pais-
leymuster. Er erstarrte, als er Harry drüben am Kamin sah, und
blickte sich um.
»Mit wem hast du gesprochen?«, fragte er.
352
»Was geht dich das an?«, raunzte Harry. »Was hast du
eigentlich mitten in der Nacht hier unten zu suchen?«
»Ich hab mich nur gefragt, wo du –« Ron brach schulter-
zuckend ab. »Nichts. Ich geh wieder ins Bett.«
»Wolltest einfach mal rumschnüffeln, oder?«, rief Harry. Er
wusste, dass Ron keine Ahnung hatte, wen er da ver-
scheucht hatte, wusste auch, dass er es nicht absichtlich getan
hatte, doch es war ihm egal – in diesem Augenblick hasste er
alles an Ron, bis hinunter zu dem Stück nackten Schien-
beins, das sich unter dem Saum seiner Schlafanzughose zeigte.
»O Verzeihung«, sagte Ron, und sein Gesicht wurde zorn-
rot. »Hätte wissen müssen, dass du nicht gestört werden willst.
Ich lass dich jetzt in aller Ruhe für dein nächstes In-
terview üben.«
Harry packte einen der POTTER STINKT WIRKLICH-
Anstecker, die auf dem Tisch lagen, und schleuderte ihn mit
aller Kraft durchs Zimmer. Das Blech traf Rons Stirn und fiel
scheppernd zu Boden.
»Na bitte«, sagte Harry. »Das kannst du am Dienstag tra-
gen. Wenn du Glück hast, gibt es sogar eine Narbe ... das ist es
doch, was du willst, oder?« Er marschierte durchs Zimmer auf
die Treppe zu; halb rechnete er damit, dass Ron ihn auf-
halten würde, er wäre sogar froh gewesen, wenn Ron sich mit
ihm geprügelt hätte. Doch Ron stand einfach da in seinem
Hochwasserpyjama und rührte sich nicht. Harry stürmte nach
oben und lag noch lange kochend vor Zorn im Bett. Er hörte
nicht einmal, dass Ron hereinkam.
353
Die erste Aufgabe
Harry war am Sonntagmorgen beim Anziehen so zerstreut,
dass es eine Weile dauerte, bis ihm auffiel, dass er seinen
Zauberhut statt einer Socke über den Fuß ziehen wollte.
Endlich waren alle Kleidungsstücke am richtigen Platz, und er
eilte los, um Hermine zu suchen. Er fand sie in der Großen
Halle am Gryffindor-Tisch, wo sie mit Ginny früh-
stückte. Harry, dem gar nicht nach Essen zumute war, war-
tete, bis Hermine ihren letzten Löffel Haferschleim ge-
schluckt hatte, dann schleppte er sie sofort hinaus auf die
Ländereien. Bei einem langen Spaziergang um den See er-
zählte er ihr alles über die Drachen und sein Gespräch mit
Sirius.
Hermine beunruhigten zwar Sirius' Warnungen vor Kar-
karoff, doch fand sie, die Drachen seien das drängendere
Problem.
»Wir müssen unbedingt alles daransetzen, dass du den
Dienstag überlebst«, sagte sie verzweifelt, »und dann kön-
nen wir uns über Karkaroff Gedanken machen.«
Dreimal umrundeten sie den See und überlegten ange-
strengt, wie es möglich sein sollte, mit Hilfe eines einfachen
Zaubers einen Drachen zu bändigen. Doch es fiel ihnen nichts
ein, und schließlich suchten sie die Lösung in der Bib-
liothek. Harry zog jedes Buch über Drachen aus den Rega-
len, das er finden konnte, dann nahmen sie sich gemeinsam
den großen Bücherstapel vor.
»Krallenschneiden mit Zauberkraft ... Behandlung von Schup-
354
penßechte ... bringt nichts, das ist eher was für Spinner wie
Hagrid, die diese Viecher auch noch aufpäppeln wollen ...«
»> Drachen sind äußerst schwer zu erlegen aufgrund der
uralten magischen Kräfte, mit denen ihre dicken Häute
durchdrungen sind, und nur die mächtigsten Zauberer kön-
nen sie brechen ...< Aber Sirius hat gesagt, ein ganz simpler
Zauber würde genügen ...«
»Versuchen wir es eben mit einfachen Zauberbüchern«,
sagte Harry und pfefferte Männer, die Drachen zu sehr lieben
beiseite.
Er kam mit einem Stapel Zauberbücher zum Tisch zu-
rück, legte sie ab und begann eins nach dem anderen durch-
zublättern. Hermine saß an seinen Ellbogen gedrängt und
flüsterte ihm unablässig zu. »Gut, es gibt Verwandlungszau-
ber ... aber wozu sind die nütze? Außer du verwandelst seine
Fangzähne in Weingummis oder so was, das würde ihn ein
wenig kuscheliger machen ... das Problem ist nur, wie es in
dem anderen Buch stand, es gibt nicht viel, was durch diese
Drachenhaut dringt ... ich würde sagen, verwandle ihn, aber
bei etwas so Großem hast du eigentlich keine Chance, ich
glaube, nicht mal Professor McGonagall ... oder wie war's,
wenn du einen Zauber auf dich selbst anwendest? Um dir
zusätzliche Kräfte zu verschaffen? Aber das sind je-
denfalls keine einfachen Zauber, und außerdem haben wir sie
noch nicht im Unterricht gehabt, ich weiß das zufällig, weil
ich schon mal ein paar ZAG-Übungsblätter durchgear-
beitet hab ...«
»Hermine«, sagte Harry zähneknirschend, »–würdest du
bitte für einen Moment den Mund halten? Ich versuch mich zu
konzentrieren.«
Doch alles, was passierte, als Hermine verstummte, war,
dass in Harrys Kopf ein monotones Summen anhob, das ihm
einfach keine Chance ließ, genau nachzudenken. Hoffnungs-
355
los starrte er auf das Stichwortverzeichnis von Zaubern für
Dummies: da war zum Beispiel Sofortskalpieren ... aber Drachen
hatten keine Haare ... Pfefferatem ... das würde die Feuerkraft
eines Drachen wahrscheinlich noch steigern ... Hornzunge ...
genau, was er brauchte – dem Biest noch eine Waffe geben ...
»O nein, da ist er schon wieder! Warum kann er nicht auf
seinem blöden Schiff lesen?«, sagte Hermine gereizt, denn
Viktor Krum schlurfte herein, warf ihnen einen verdrieß-
lichen Blick zu und ließ sich mit einem Stapel Bücher hinten
in einer Ecke nieder. »Komm, Harry, wir gehen nach oben in
den Gemeinschaftsraum ... sein Fanclub wird gleich hier sein
und sich begeiern ...«
Und tatsächlich, als sie die Bibliothek verließen, kam ih-
nen eine Horde Mädchen auf Zehenspitzen entgegen, von
denen eines einen Bulgarien-Schal um die Hüfte geschlun-
gen hatte.
Harry tat in dieser Nacht kaum ein Auge zu. Als er am Mon-
tagmorgen erwachte, dachte er zum ersten Mal und ernst-
haft daran, einfach abzuhauen. Doch als er beim Frühstück den
Blick durch die Große Halle wandern ließ und sich aus-
malte, was dies bedeuten würde, wurde ihm klar, dass er das
Schloss nicht verlassen konnte. Hogwarts war der einzige Ort,
an dem er jemals glücklich gewesen war ... natürlich, er
musste wohl auch bei seinen Eltern glücklich gewesen sein,
doch daran konnte er sich nicht mehr erinnern.
Trotz allem war es gut, das sichere Gefühl zu haben, viel
lieber hier zu sein und sich einem Drachen entgegenzustel-
len als sich im Ligusterweg mit Dudley herumzuschlagen;
dieser Gedanke beruhigte ihn ein wenig. Er aß mit Mühe
seinen Schinken auf (mit dem Schlucken hatte er Schwierig-
keiten), und als er dann mit Hermine aufstand, sah er Cedric
Diggory den Hufflepuff-Tisch verlassen.
356
Cedric wusste noch nichts von den Drachen ... er war der
einzige Champion, der keine Ahnung hatte, denn sicher
hatten Madame Maxime und Karkaroff es ihren Schützlin-
gen Fleur und Krum gesagt ...
»Hermine, wir sehen uns dann im Gewächshaus«, sagte
Harry, der Cedric mit den Augen gefolgt war und dann sei-
nen Entschluss gefasst hatte. »Geh schon mal vor, ich komm
dann nach.«
»Harry, du kommst zu spät, es läutet gleich –«
»Ich komm dann nach, okay?«
Harry hatte eben den Fuß der Marmortreppe erreicht, als
Cedric schon oben angekommen war. Er war mit seinen
Freunden aus der sechsten Klasse unterwegs, vor denen Harry
nicht mit ihm reden wollte. Sie gehörten zu den Leu-
ten, die ihm jedes Mal, wenn er in ihre Nähe gekommen war,
Rita Kimmkorns Artikel um die Ohren gehauen hat-
ten. Er folgte ihnen in einigem Abstand, bis er feststellte, dass
sie zu dem Klassenzimmer gingen, in dem sie Zauber-
kunst hatten. Das brachte ihn auf eine Idee. Er blieb in eini-
ger Entfernung von ihnen stehen, zog den Zauberstab und
zielte sorgfältig.
»Diffindo!«
Cedrics Tasche riss auf, Pergamentblätter, Federn und Bü-
cher fielen zu Boden und ein paar Tintenfässer zerbrachen.
»Ich mach das schon, danke«, sagte Cedric genervt, als
seine Freunde sich bückten, um ihm zu helfen. »Geht schon
mal vor und sagt Flitwick, dass ich nachkomme ...«
Genau darauf hatte Harry gewartet. Er steckte den Zau-
berstab wieder ein, wartete, bis Cedrics Freunde in ihr Klas-
senzimmer gegangen waren, und rannte dann den Gang
entlang, in dem jetzt außer ihm und Cedric keiner mehr
war.
»Hallo«, sagte Cedric und hob sein mit Tinte bespritztes
357
Lehrbuch der Verwandlung für Fortgeschrittene auf. »Meine
Tasche ist gerade kaputtgegangen ... brandneu, stell dir vor ...«
»Cedric«, sagte Harry, »in der ersten Aufgabe kommen
Drachen.«
»Wie bitte?«, sagte Cedric und sah auf.
»Drachen«, sagte Harry hastig, denn er befürchtete, Pro-
fessor Flitwick könnte herauskommen, um nachzusehen, wo
Cedric abgeblieben war. »Sie haben vier, für jeden von uns
einen, und wir müssen an ihnen vorbeikommen.«
Cedric starrte ihn an. Harry sah ein wenig von jener Furcht,
die er selbst seit Samstagnacht spürte, in Cedrics grauen
Augen aufflackern.
»Bist du dir ganz sicher?«, fragte Cedric mit gedämpfter
Stimme.
»Todsicher«, sagte Harry. »Ich hab sie gesehen.«
»Aber wie hast du das rausgekriegt? Wir dürfen es doch
nicht wissen ...«
»Ist doch egal«, sagte Harry rasch – Hagrid würde Schwie-
rigkeiten bekommen, wenn er die Wahrheit erzählte. »Aber
ich bin nicht der Einzige, der davon weiß. Fleur und Krum
werden es inzwischen auch wissen – Maxime und Karkaroff
haben die Drachen auch gesehen.«
Cedric richtete sich auf, die Arme voll tintenverschmier-
ter Federn, Pergamentrollen und Bücher, die aufgerissene
Tasche baumelte von seiner Schulter. Er starrte Harry an und
ein verwirrter, beinahe misstrauischer Ausdruck trat in seine
Augen.
»Warum sagst du mir das?«, fragte er.
Harry sah ihn ungläubig an. Er war sich sicher, dass Cedric
nicht gefragt hätte, wenn er die Drachen selbst gesehen hätte.
Harry hätte es selbst seinem schlimmsten Feind nicht gegönnt,
unvorbereitet diesen Drachen zu begegnen – na ja, vielleicht
Malfoy oder Snape ...
358
»Es ist einfach ... fair, oder?«, sagte er. »Jetzt wissen wir es
alle ... wir haben die gleichen Chancen.«
Cedric stand immer noch da und sah ihn mit einer Spur
Misstrauen an, als Harry hinter sich ein vertrautes Pochen
hörte. Er wandte sich um und sah Mad-Eye Moody aus einem
der umliegenden Klassenzimmer kommen.
»Komm mit, Potter«, knurrte er. »Diggory, du kannst
gehen.«
Harry starrte Mad-Eye Moody gespannt an. Hatte er sie
zufällig belauscht?
»Ähm – Professor, ich sollte eigentlich in Kräuterkunde –«
»Vergiss das mal, Potter. In mein Büro, bitte ...«
Harry folgte ihm voll dunkler Vorahnungen. Was, wenn
Moody wissen wollte, wie er von den Drachen erfahren hatte?
Würde Moody zu Dumbledore gehen und Hagrid auffliegen
lassen, oder würde er Harry nur in ein Frettchen verwandeln?
Es wäre vielleicht einfacher, an einem Drachen
vorbeizukommen, wenn er ein Frettchen war, überlegte Harry
dumpf, er war dann kleiner und aus einer Höhe von fünfzehn
Metern viel schwerer zu erkennen ...
Er folgte Moody ins Büro. Moody schloss die Tür hinter
ihnen und wandte sich dann Harry zu, das magische Auge und
auch das normale scharf auf ihn gerichtet.
»Was du da gerade getan hast, war sehr anständig von dir,
Potter«, sagte Moody leise.
Harry wusste nicht, was er sagen sollte; er hatte alles er-
wartet, nur das nicht.
»Setz dich«, sagte Moody, Harry setzte sich und sah sich um.
In diesem Büro hatte er schon die zwei Vorgänger Moo-dys
erlebt. In Professor Lockharts Tagen waren die Wände mit
strahlenden, zwinkernden Bildern von Professor Lock-
hart persönlich gepflastert gewesen. Zu Zeiten Lupins war
man hier eher auf ein neues Exemplar eines faszinierenden
359
schwarzen Geschöpfes gestoßen, das er für sie beschafft hatte,
damit sie es im Unterricht untersuchen konnten. Nun jedoch
war das Büro voll gestopft mit einer Reihe äu-
ßerst merkwürdiger Gegenstände, die Moody, wie Harry
vermutete, in seiner Zeit als Auror benutzt haben musste.
Auf dem Schreibtisch stand etwas, das wie ein kaputter
großer gläserner Kreisel aussah; Harry erkannte sofort, dass es
ein Spickoskop war, weil er selbst eins besaß, wenn auch ein
viel kleineres. Auf einem Tisch in der Ecke stand etwas, das
aussah wie eine extra verschnörkelte goldene Zimmer-
antenne. Das Ding summte leise. An der Wand gegenüber von
Harry hing eine Art Spiegel, doch er spiegelte nichts.
Schattenhafte Gestalten bewegten sich darin, keine davon war
klar zu sehen.
»Gefallen dir meine Antiobskuranten?«, sagte Moody und
beobachtete Harry scharf.
»Was ist das denn?«, fragte Harry und deutete auf die ver-
schnörkelte Fernsehantenne.
»Geheimnis-Detektor. Vibriert, wenn er Heimlichkeiten und
Lügen entdeckt ... hier ist er natürlich nutzlos, zu starke
Überlagerungen, überall im Schloss erzählen sie ständig Lü-
genmärchen, warum sie ihre Hausaufgaben nicht geschafft
haben. Das Ding summt ununterbrochen, seit ich hier bin. Und
mein Spickoskop musste ich abstellen, weil es einfach nicht
aufhören wollte zu pfeifen. Es ist hyperempfindlich und kriegt
alles mit, was in einer Meile Umkreis passiert. Natürlich
könnte es auch mehr als Kinderkram aufspüren«, fügte er
knurrig hinzu.
»Und wozu ist der Spiegel?«
»Das ist mein Feindglas. Siehst du sie da draußen miese-
petrig rumhängen? Ich bin erst wirklich in Schwierigkeiten,
wenn ich das Weiße in ihren Augen sehe. Dann öffne ich
meinen Koffer.«
360
Er lachte kurz und knirschend, dann deutete er auf einen
großen Koffer unter dem Fenster. Er hatte sieben Schlüssel-
löcher in einer Reihe. Harry überlegte, was wohl drin sein
könnte, bis ihn Moodys nächste Frage plötzlich aus seinen
Gedanken riss. »Soso ... hast also die Sache mit den Drachen
rausgefunden?«
Harry zögerte. Genau davor hatte er sich gefürchtet -doch er
hatte Cedric nicht gesagt und würde es bestimmt auch Moody
nicht verraten, dass Hagrid die Regeln gebro-
chen hatte.
»Ist schon gut«, sagte Moody, setzte sich und streckte
grunzend sein Holzbein aus. »Schummeln ist beim Trimagi-
schen Turnier alte Tradition.«
»Ich hab nicht geschummelt«, sagte Harry scharf. »Es war –
so was wie ein Zufall, dass ich es erfahren habe.«
Moody grinste. »Ich hab dir keinen Vorwurf gemacht,
Junge. Ich hab Dumbledore von Anfang an gesagt, er könne
von mir aus noch so edel gesinnt sein, aber der alte Karkaroff
und Maxime würden sicher mit gezinkten Karten spielen. Die
werden ihren Champions inzwischen alles gesagt ha-
ben, was sie wissen. Die wollen gewinnen. Sie wollen Dum-
bledore schlagen. Sie möchten beweisen, dass er auch nur ein
Mensch ist.«
Moody lachte knirschend und sein magisches Auge
schwamm so schnell umher, dass Harry vom Zusehen fast
schwindelig wurde.
»Also ... hast du schon irgendeine Idee, wie du um deinen
Drachen herumkommen kannst?«, fragte Moody.
»Nein«, sagte Harry.
»Nun denn, ich werd's dir sagen«, brummte Moody. »Ich
will ja niemanden begünstigen. Ich geb dir nur ein paar gute,
allgemeine Ratschläge. Und der erste ist: Setz auf deine
Stärken.«
361
»Ich hab keine«, platzte es aus Harry heraus, bevor er rich-
tig überlegt hatte.
»Entschuldige mal«, knurrte Moody, »wenn ich sage, du
hast Stärken, dann hast du auch welche. Denk nach. Worin bist
du am besten?«
Harry versuchte seine Gedanken zu sammeln. Ja, worin war
er am besten? Nun, das war im Grunde einfach –
»Quidditch«, flüsterte er dumpf, »aber das hilft mir ja auch
n ...«
»Stimmt«, sagte Moody und sah ihn mit seinem magi-
schen Auge, das er kaum bewegte, durchdringend an. »Du bist
ein verdammt guter Flieger, wie ich höre.«
»Jaah, aber ...«, Harry starrte ihn an. »Ich darf keinen Be-
sen benutzen, ich hab nur meinen Zauberstab –«
»Mein zweiter allgemeiner Ratschlag«, unterbrach ihn
Moody mit erhobener Stimme, »verwende einen schlichten
kleinen Zauber, mit dem du bekommst, was du brauchst.«
Harry sah ihn mit großen Augen an. Was meinte er da-
mit?
»Komm schon, Junge ...«, flüsterte Moody. »Zähl zwei und
zwei zusammen ... so schwierig ist es nicht ...«
Und der Groschen fiel. Am besten war er im Fliegen. Er
musste in der Luft an dem Drachen vorbeikommen. Dafür
brauchte er seinen Feuerblitz. Und für seinen Feuerblitz
brauchte er –
»Hermine«, flüsterte Harry, nachdem er drei Minuten später
ins Gewächshaus gestürmt war und Professor Sprout im
Vorbeigehen rasch eine Entschuldigung zugemurmelt hatte.
»Hermine, ich brauche deine Hilfe.«
»Was glaubst du eigentlich, worüber ich die ganze Zeit
nachdenke?«, flüsterte sie mit großen, sorgenvollen Augen
über den zitternden Ginsterbusch hinweg, den sie gerade
beschnitt.
362
»Hermine, ich muss den Aufrufezauber richtig beherr-
schen, und zwar bis morgen Nachmittag.«
Also übten sie. Sie gingen nicht zum Mittagessen, sondern in
ein freies Klassenzimmer, wo Harry mühsam versuchte, ver-
schiedene Gegenstände durch den Raum auf sich zufliegen zu
lassen. Noch immer hatte er damit Schwierigkeiten. Je-
des Mal verloren die Bücher und Federkiele auf halbem Weg
die Lust und fielen wie Steine zu Boden.
»Konzentrier dich, Harry, konzentrier dich ...«
»Was glaubst du eigentlich, was ich hier mache?«, sagte
Harry zornig. »Mir schwirrt ständig ein ätzender Riesendra-
che im Kopf rum, ich weiß auch nicht, wieso ... gut, noch
mal ...«
Er wollte Wahrsagen schwänzen, um weiterzuüben, doch
Hermine weigerte sich strikt, Arithmantik sausen zu lassen,
und ohne Hermine hatte es keinen Sinn. So musste er über
eine Stunde lang Professor Trelawney über sich ergehen las-
sen, die die meiste Zeit damit verbrachte, ihnen zu erklären,
dass die gegenwärtige Position des Mars in Konstellation zu
der des Saturn zur Folge habe, dass im Juli geborene Men-
schen in großer Gefahr seien, eines plötzlichen und gewalt-
samen Todes zu sterben.
»Schön, warum nicht«, rief Harry, dem der Geduldsfaden
riss, »wenigstens zieht es sich dann nicht so ewig hin, ich will
nicht lange leiden.«
Ron sah einen Moment lang aus, als wolle er lachen; es war
sicher das erste Mal seit Tagen, dass er Harry in die Au-
gen sah, doch Harry war immer noch so sauer auf ihn, dass es
ihn nicht rührte. Während der restlichen Stunde ver-
suchte er mit dem Zauberstab unter dem Tisch kleine Ge-
genstände zu sich heranzuziehen. Er schaffte es auch tat-
sächlich, eine Fliege direkt in seine Hand summen zu lassen,
363
doch er war sich nicht ganz sicher, ob das seiner Stärke im
Aufrufezaubern zu verdanken war – oder ob die Fliege ein-
fach nur dumm war.
Nach Wahrsagen würgte er ein wenig vom Mittagessen
hinunter, dann warf er sich und Hermine den Tarnurnhang
über, damit sie vor den Blicken der Lehrer sicher waren, und
sie kehrten in das leere Klassenzimmer zurück. Bis nach
Mitternacht übten sie weiter und wären sogar noch länger
geblieben, wenn Peeves nicht aufgetaucht wäre. Peeves
verstand Harry absichtlich falsch, nämlich so, als wolle Harry
nichts lieber als mit Gegenständen beworfen zu werden, und
so machte er sich einen Spaß daraus, Stühle durchs Zimmer zu
schleudern. Harry und Hermine ergrif-
fen die Flucht, bevor der Lärm Filch auf den Plan rief, und
liefen zurück in den Gemeinschaftsraum, der nun glück-
licherweise leer war.
Um zwei Uhr morgens stand Harry am Kamin, inmitten
eines Haufens von Büchern, Federn, umgestürzten Stühlen,
einem alten Koboldsteinspiel und Nevilles Kröte Trevor. Erst
in der letzten Stunde hatte er den Dreh rausgekriegt.
»Schon besser, Harry, das wird schon«, sagte Hermine er-
schöpft, aber zufrieden.
»Tja, jetzt wissen wir, was du das nächste Mal tun musst,
wenn ich einen Zauber nicht beherrsche«, sagte Harry und
warf Hermine ein Runenwörterbuch zu, um den Aufrufe-
zauber ein letztes Mal zu proben. »Du setzt mir einen Dra-
chen vor die Nase. Fertig ...« Noch einmal hob er den Zau-
berstab: »Accio Wörterbuch!«
Der schwere Wälzer flog aus Hermines Hand, flatterte
durchs Zimmer und landete in Harrys Armen.
»Harry, ich glaube, du hast es raus!«, sagte Hermine er-
leichtert.
»Morgen jedenfalls muss es klappen«, sagte Harry. »Der
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Feuerblitz ist dann viel weiter weg als die Sachen hier, näm-
lich im Schloss, und ich bin draußen auf dem Gelände.«
»Das spielt keine Rolle«, sagte Hermine zuversichtlich.
»Wenn du dich wirklich ganz fest darauf konzentrierst, dann
kommt er. Wir gehen jetzt lieber noch ein wenig schlafen ...
du wirst es brauchen.«
Harry hatte an diesem Abend so angestrengt versucht, den
Aufrufezauber zu lernen, dass seine blinde Panik ein wenig
nachgelassen hatte. Am nächsten Morgen überkam sie ihn
jedoch wieder mit ganzer Wucht. In der Schule herrschte
eine sehr gespannte und aufgeregte Atmosphäre. Der Un-
terricht sollte um die Mittagszeit enden, damit alle Schüler
die Möglichkeit hatten, hinunter zum Drachengehege zu
gehen – doch wussten sie natürlich noch nicht, was sie dort
erwartete.
Harry fühlte sich merkwürdig fern von allen Menschen um
ihn herum, ob sie ihm nun viel Glück wünschten oder ihm im
Vorbeigehen nur zuzischten: »Wir bringen dir dann 'ne
Packung Taschentücher, Potter.« Seine Nervosität hatte sich so
breit gemacht, dass er fürchtete, schlicht und einfach den Kopf
zu verlieren, wenn sie ihn zum Drachen hinaus-
führen wollten und er dann auch noch versuchen würde, al-
les in seiner Umgebung zu verhexen.
Die Zeit verging auf ganz eigenartige Weise. Große
Klumpen auf einmal brachen von ihr ab; im einen Moment
ließ er sich zur ersten Stunde, Geschichte der Magie, nieder,
und im nächsten schon zum Mittagessen ... und dann (wo war
der Morgen geblieben? Die letzten drachenfreien Stun-
den?) kam Professor McGonagall in der Großen Halle zu ihm
herübergeeilt.
»Potter, die Champions müssenjetzt hinaus aufs Gelände.
Sie müssen sich für die erste Aufgabe bereitmachen.«
365
»Gut«, sagte Harry und stand auf. Seine Gabel fiel klir-
rend auf den Teller.
»Viel Glück, Harry«, flüsterte Hermine. »Du schaffst es
schon!«
»Ja«, sagte Harry mit einer Stimme, die er von sich gar nicht
kannte.
Er ging mit Professor McGonagall hinaus. Auch sie schien
nicht mehr sie selbst zu sein; tatsächlich sah sie fast so be-
sorgt aus wie Hermine. Sie ging mit ihm die Steintreppe
hinunter, hinaus in den kalten Novembernachmittag, und
legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Nur jetzt nicht die Nerven verlieren«, sagte sie, »einfach
kühlen Kopf bewahren ... wir haben Zauberer, die bereitste-
hen und eingreifen, wenn die Sache außer Kontrolle gerät ...
Hauptsache, Sie geben Ihr Bestes, dann wird keiner schlecht
von Ihnen denken ... alles in Ordnung?«
»Ja«, hörte sich Harry sagen. »Mir geht's gut.«
Sie führte ihn am Waldrand entlang auf das Drachenge-
hege zu, doch als sie die dichte Baumgruppe erreichten, von
der aus er die Drachen gesehen hatte, stellte Harry fest, dass
nun ein Zelt, das zu ihrer Seite hin geöffnet war, die Sicht
versperrte.
»Dort müssen Sie mit den anderen Champions rein«, sagte
Professor McGonagall mit recht zittriger Stimme, »und
warten, bis Sie dran sind, Potter. Mr Bagman erwartet Sie ... er
wird das ... das Verfahren erklären ... viel Glück.«
»Danke«, sagte Harry mit tonloser, weit entfernter
Stimme. Sie verließ ihn am Zelteingang und Harry trat
ein.
Auf einem Holzschemel in der Ecke saß Fleur Delacour. Sie
wirkte nicht annähernd so gefasst wie sonst, eher bleich und
eingeschüchtert. Viktor Krum blickte noch miesepet-
riger drein als sonst, und Harry überlegte, ob dies seine Art
366
war, Nerven zu zeigen. Cedric schritt im Zelt auf und ab und
lächelte ihm kurz zu, und als Harry zurücklächelte, spürte er,
dass sich seine Gesichtsmuskeln arg anstrengen mussten, ganz
als ob sie vergessen hätten, wie Lächeln ging.
»Harry! Ach schön!«, sagte Bagman vergnügt und wandte
sich ihm zu. »Komm rein, komm rein und fühl dich wie zu
Hause.«
Bagman sah unter all den blassgesichtigen Champions fast
aus wie eine etwas zu knallig geratene Comicfigur. Heute trug
er wieder seinen alten Wespenumhang.
»Schön, jetzt, da wir alle hier sind, ist es Zeit, euch aufzu-
klären!«, strahlte Bagman. »Wenn sich alle Zuschauer einge-
funden haben, werde ich euch der Reihe nach diesen Beutel
reichen«, er hielt ein kleines, purpurnes Seidensäckchen hoch
und schüttelte es, »aus dem ihr jeweils ein kleines Mo-
dell dessen, mit dem ihr es zu tun bekommt, herauszieht. Es
gibt verschiedene – ähm – Arten, versteht ihr. Und ich muss
euch auch noch etwas anderes sagen ... hmh, ja ... eure Auf-
gabe ist es, das goldene Ei zu holen!«
Harry sah sich um. Cedric hatte kurz genickt, um zu zei-
gen, dass er Bagmans Worte verstanden hatte, und ging jetzt
wieder im Zelt auf und ab; er schien ein wenig grün ange-
laufen zu sein. Fleur Delacour und Krum hatten überhaupt
nicht reagiert. Vielleicht fürchteten sie, sich übergeben zu
müssen, wenn sie den Mund aufmachten; so jedenfalls fühlte
sich Harry. Doch sie hatten sich wenigstens freiwillig für
dieses Turnier gemeldet ...
Nur wenige Minuten waren vergangen, als sie auch schon
Hunderte und Aberhunderte von Füßen am Zelt vorbei-
trampeln hörten, mit ihren aufgeregt redenden, lachenden,
Witze reißenden Besitzern ... Harry fühlte sich der Menge so
fremd, als würde es sich dabei um eine andere Gattung
von Lebewesen handeln. Und dann – Harry kam es vor, als
367
ob nur eine Sekunde vergangen wäre – öffnete Bagman den
Bund seines purpurnen Seidensäckchens.
»Ladies first«, sagte er und hielt das Säckchen Fleur Dela-
cour hin.
Sie steckte ihre zitternde Hand hinein und zog ein winzi-
ges, aber tadelloses Modell eines Drachen heraus – des Wa-
lisischen Grünlings. Er trug die Nummer »2« um den Hals.
Und da Fleur nicht die Spur überrascht schien, wusste Harry
nun, dass er Recht gehabt hatte: Madame Maxime hatte ihr
erzählt, was kommen würde.
Dasselbe galt für Krum. Er zog den scharlachroten Chine-
sischen Feuerball. Der kleine Drache trug die Nummer »3« um
den Hals. Krum zuckte nicht einmal mit der Wimper und
starrte weiter stur zu Boden.
Cedric steckte die Hand in das Säckchen und zog den
blaugrauen Schwedischen Kurzschnäuzler heraus, der die »l«
um den Hals trug. Harry wusste, welcher noch übrig war,
steckte die Hand in den Seidenbeutel und zog den Ungarischen
Hornschwanz, die Nummer »4«, heraus. Er spannte die Flügel,
als Harry ihn betrachtete, und zeigte seine winzigen
Fangzähne.
»Schön, das war's!«, sagte Bagman. »Mit den Drachen, die
ihr gezogen habt, bekommt ihr es jetzt zu tun, und die
Nummern geben an, in welcher Reihenfolge ihr antretet. Alles
klar? Gut. Ich muss euch gleich allein lassen, weil ich das
Turnier kommentieren werde. Mr Diggory, Sie sind als Erster
dran, wenn Sie eine Pfeife hören, gehen Sie einfach hinaus ins
Gehege, verstanden? Ach ... Harry ... könnte ich kurz mit dir
sprechen? Draußen?«
»Ähm ... ja«, sagte Harry tonlos, stand auf und ging mit
Bagman aus dem Zelt, der ihn einige Schritte fort bis unter die
Bäume führte und ihn dann mit väterlicher Miene an-
sah.
368
»Fühlst du dich wohl, Harry? Kann ich dir irgendwas be-
sorgen?«
»Was?«, sagte Harry. »Ich – nein, nichts.«
»Hast du einen Plan?«, sagte Bagman und senkte ver-
schwörerisch die Stimme. »Mir macht es nämlich nichts aus,
dir ein paar Tipps zu geben, nur wenn du willst, versteht sich.«
Dann fuhr er mit noch leiserer Stimme fort: »Hör mal, du bist
der Außenseiter hier, Harry ... wenn ich dir irgend-
wie helfen kann ...«
»Nein«, sagte Harry rasch, und er wusste genau, dass er
unhöflich klang, »nein – ich – ich hab schon entschieden, was
ich tun will, danke.«
»Niemand würde es erfahren, Harry«, sagte Bagman au-
genzwinkernd.
»Nein, mir geht's gut«, sagte Harry und fragte sich gleich-
zeitig, warum er den Leuten das ständig erzählte und ob er
sich jemals schlechter gefühlt hatte. »Ich hab mir einen Plan
gemacht, ich –«
Von irgendwoher kam ein Pfiff.
»Meine Güte, ich muss mich beeilen!«, sagte Bagman er-
schrocken und rannte davon.
Harry ging zum Zelt zurück und sah, wie Cedric, inzwi-
schen noch grüner im Gesicht, herauskam. Harry wollte ihm
im Vorbeigehen Glück wünschen, doch alles, was aus seinem
Mund kam, war ein heiseres Gurgeln.
Harry ging hinein zu Fleur und Krum. Sekunden später
hörten sie den Aufschrei der Menge. Cedric hatte also das
Gehege betreten und stand nun dem lebendigen Vorbild sei-
nes Modells von Angesicht zu Angesicht gegenüber ... Nur
dazusitzen und zu lauschen war schlimmer, als Harry es sich je
hätte vorstellen können. Die Menge kreischte ... schrie ...
stöhnte wie ein einziges vielköpfiges Wesen, während Ced-
ric was auch immer unternahm, um an dem Schwedischen
369
Kurzschnäuzler vorbeizukommen. Krum stierte immer noch
zu Boden. Fleur tat es nun Cedric gleich und schritt unablässig
im Kreis durch das Zelt. Und Bagmans Kommen-
tar machte alles noch viel, viel schlimmer ... furchtbare Bil-
der nahmen in Harrys Kopf Gestalt an, während er lauschte:
»Oooh, da hat er ihn knapp verfehlt, ganz knapp ... Er geht ja
volles Risiko, der Junge! ... clevere Finte – schade, dass es
nichts genutzt hat!«
Und dann, nach ungefähr fünfzehn Minuten, hörte Harry das
ohrenbetäubende Brüllen, das nur eines bedeuten konnte:
Cedric war an seinem Drachen vorbeigekommen und hatte das
goldene Ei geholt.
»Wirklich sehr gut!«, rief Bagman. »Und nun die Noten der
Jury!«
Doch er las die Noten nicht laut vor; Harry vermutete, dass
die Richter sie für das Publikum hochhielten.
»Einer ist durch, drei haben wir noch!«, rief Bagman, und
wieder gellte der Pfiff. »Miss Delacour, bitte!«
Fleur zitterte am ganzen Leib, und als sie mit erhobenem
Kopf, den Zauberstab fest umklammert, aus dem Zelt ging,
spürte Harry sogar ein wenig mehr Herzlichkeit für sie als
bisher. Er und Krum saßen sich jetzt allein gegenüber und
vermieden es sorgfältig, sich in die Augen zu schauen.
Die ganze Geschichte ging von vorn los ... »Oh, ich bin mir
nicht sicher, ob das klug war!«, konnten sie Bagman
schadenfroh rufen hören. »Oh ... beinahe! Jetzt aber Vor-
sicht ... du meine Güte, ich dachte schon, sie wäre erledigt!«
Zehn Minuten später hörte Harry, wie die Menge erneut in
Beifall ausbrach. Auch Fleur musste es geschafft haben. Eine
Pause, während deren Fleurs Noten gezeigt wurden ... noch
mehr Beifall ... und dann, zum dritten Mal, der Pfiff.
»Und hier kommt Mr Krum!«, rief Bagman. Krum schlurfte
hinaus und ließ Harry allein zurück.
370
Er spürte jetzt seinen Körper viel stärker als sonst; er war
sich deutlich bewusst, dass sein Herz rasend pochte und
seine Finger vor Angst zitterten ... doch zugleich schien er
außerhalb seiner selbst zu stehen, die Wände des Zeltes zu
sehen und die Menge zu hören, wie aus ganz, ganz weiter
Ferne ...
»Sehr gewagt!«, rief Bagman, und Harry hörte, wie der
Chinesische Feuerball einen grauenhaften, kreischenden
Schrei ausstieß und die Menge auf einen Schlag den Atem
anhielt. »Er hat ganz schön Nerven, muss man sagen – und –
ja, er hat das Ei!«
Beifall durchzitterte die kalte Luft wie das Geräusch zer-
brechenden Glases; Krum hatte es geschafft – jeden Augen-
blick war Harry selbst dran.
Er stand auf und nahm verschwommen wahr, dass seine
Beine aus Gummi zu bestehen schienen. Er wartete. Und dann
hörte er den Pfiff. Als er hinausging, überschwemmte ihn die
Panik wie eine eiskalte Welle. Er ging an den Bäu-
men vorbei und durch eine Öffnung in der Umfriedung.
Er sah alles vor sich wie in einem grellbunten Traum. Viele
hundert Gesichter sahen von den Tribünen, die sie in-
zwischen herbeigezaubert hatten, auf ihn herab. Und da war
das Hornschwanz-Weibchen, am anderen Ende der Koppel,
gedrungen über ihrem Gelege kauernd, die Flügel halb ein-
gezogen, die bösartigen gelben Augen auf ihn gerichtet –
eine monströse, schuppige schwarze Echse, die mit ihrem
dornenbesetzten Schwanz auf den Boden peitschte und me-
terlange Furchen in die Erde schlug. Die Zuschauer machten
einigen Lärm, doch ob sie ihn anfeuerten oder ausbuhten, es
war Harry nun gleich. Jetzt war es an der Zeit zu tun, was er
tun musste ... ausschließlich und mit aller Kraft an das zu
denken, was seine einzige Chance war ... Er hob den Zau-
berstab.
371
»Accio Feuerblitz!«, rief er.
Er wartete, und jede Faser seines Körpers hoffte, flehte ...
vielleicht war es misslungen ... vielleicht kam er nicht ... er sah
alles wie durch eine schimmernde, durchsichtige Mauer, durch
einen Hitzeschleier, der das Gehege und die Hun-
derte von Gesichtern um ihn her merkwürdig verschwim-
men ließ ...
Und dann hörte er ihn. Hinter ihm rauschte er durch die
Luft. Harry drehte sich um und sah den Feuerblitz am
Waldrand entlang auf ihn zuschwirren, er schoss in das Ge-
hege und kam in Hüfthöhe neben ihm zum Halt, bereit, von
Harry bestiegen zu werden. Die Menge tobte jetzt ... Bag-man
rief irgendetwas ... doch es erreichte Harrys Ohren nicht ...
Zuhören war unwichtig ...
Er schwang ein Bein über den Besen und stieß sich vom
Boden ab. Und eine Sekunde später geschah etwas Wunder-
sames ...
Als er in die Höhe schoss, als der Wind durch sein Haar
blies und die Gesichter der Menge zu bloßen fleischfarbe-
nen Stecknadelköpfen wurden und der Hornschwanz auf die
Größe eines Hundes schrumpfte, da wurde ihm klar, dass er
nicht nur den Erdboden hinter sich gelassen hatte, sondern
auch seine Angst ... er war wieder da, wo er hin-
gehörte ...
Dies hier war nur ein Quidditch-Spiel, ganz einfach ... nur
noch ein Quidditch-Spiel, und der Hornschwanz war nichts
weiter als eine dieser gemeinen gegnerischen Mann-
schaften ...
Er spähte hinunter auf das Gelege und sah das goldene Ei,
das sich schimmernd von den zementfarbenen Eiern abhob,
geborgen zwischen den Vorderbeinen des Drachen. »Gut«,
sagte sich Harry, »Ablenkungstaktik ... los geht's ...«
Er schoss senkrecht Richtung Erde. Der Kopf des Horn-
372
Schwanzes folgte ihm; er wusste, was der Drache tun würde,
und riss sich im letzten Augenblick aus dem Sturzflug; ein
Feuerstoß hatte die Luft verbrannt, genau dort, wo er gewe-
sen wäre ... doch Harry war es gleich ... das war nichts an-
deres als einem Klatscher auszuweichen ...
»Meine Güte, der kann fliegen!«, rief Bagman durch das
Kreischen und Seufzen der Menge. »Sehen Sie das, Mr
Krum?«
Harry zog sich wie auf einer weiten Spirale nach oben; der
Hornschwanz folgte ihm mit den Augen, sein Kopf ro-
tierte auf dem langen Hals – wenn er das durchhielt, würde es
dem Drachen ganz schön schwindelig werden -, doch sollte er
es besser nicht zu weit treiben, sonst würde das Biest wieder
Feuer speien.
Harry stürzte sich genau in dem Moment in die Tiefe, als
der Hornschwanz das Maul aufriss, doch diesmal hatte er
weniger Glück – er entging zwar den Flammen, doch der
Schwanz peitschte nach ihm, und als er seitlich ausbrach,
streifte ein langer Dorn seine Schulter und zerfetzte seinen
Umhang.
Er spürte einen stechenden Schmerz, er hörte die Schreie
und das Stöhnen der Menge, doch der Riss schien nicht be-
sonders tief zu sein ... er schwirrte über dem Rücken des
Hornschwanzes herum, und da fiel ihm etwas ein ...
Der Hornschwanz schien offenbar nicht fliegen zu wol-
len, das Drachenweibchen sorgte sich zu sehr um seine Brut.
Es zuckte zwar und wand sich, spannte die Flügel und rollte
sie wieder ein und verfolgte Harry unablässig mit den Furcht
erregenden gelben Augen, doch hatte es Angst, sich zu weit
von seinen Eiern zu entfernen ... aber genau dazu musste er
den Drachen unbedingt bringen, oder er würde nie an das
Gelege herankommen ... der Witz war, es ganz vorsichtig,
ganz allmählich zu tun ...
373
Er flog vor dem Kopf des Drachen hin und her, weit ge-
nug entfernt, damit er kein Feuer spie, um ihn zu verjagen,
doch immer noch als dräuende Gefahr, die er nicht aus den
Augen lassen durfte. Den Kopf hin- und herschwenkend
verfolgte er ihn mit den Augen, beobachtete ihn aus seinen
senkrechten Pupillen, die Fangzähne gebleckt ...
Er stieg höher. Der Drache reckte den Hals, bis es nicht
mehr ging, und noch immer schwenkte er den Kopf hin und
her wie eine Schlange vor ihrem Beschwörer ...
Harry stieg noch ein paar Meter höher, und der Drache
brüllte wütend auf. Für ihn war er wie eine Fliege, eine Fliege,
die er in rasendem Zorn totklatschen wollte; wieder schlug er
mit dem Schwanz aus, doch jetzt konnte er ihn nicht mehr
erreichen ... er spie einen Feuerball nach Harry, doch Harry
wich ihm aus ... das Maul öffnete sich weit ...
»Komm schon«, zischte Harry und drehte Kreise über dem
Drachenkopf, um ihn noch weiter zu reizen, »komm nur,
schnapp mich doch ... steh auf, mach schon ...«
Und dann bäumte sich der Drache auf, spannte endlich seine
großen schwarzen ledrigen Flügel, lang wie die eines kleinen
Flugzeugs – und Harry stürzte sich hinab. Bevor der Drache
wusste, was Harry getan hatte oder wohin er ver-
schwunden war, raste Harry, so schnell er konnte, auf die Erde
und auf die Eier zu, die jetzt nicht mehr von den klau-
enbesetzten Pranken beschützt waren – er nahm die Hände
vom Feuerblitz – und packte das goldene Ei –
Und mit einem gewaltigen Spurt floh er, raste über die
Tribünen hinweg, das schwere Ei sicher unter den unver-
letzten Arm geklemmt. Und in diesem Augenblick schien
jemand die Lautstärke hoch gedreht zu haben – zum ersten
Mal wurde ihm klar bewusst, welchen Lärm die Zuschauer
machten, die so laut wie die irischen Anhänger bei der Welt-
meisterschaft schrien und klatschten –
374
»Schaut euch das an!«, rief Bagman. »Da schaut euch das
mal an! Unser jüngster Champion hat sein Ei am schnellsten
geholt! Damit stehen die Chancen für Mr Potter nun ganz
anders!«
Harry sah die Drachenwärter herbeilaufen, um den
Hornschwanz zu beruhigen, und drüben, am Eingang des
Geheges, fanden sich eilends Professor McGonagall, Profes-
sor Moody und Hagrid ein, um ihn zu empfangen; alle
winkten ihm zu, und schon von weitem sah er sie lächeln.
Er flog über die Tribünen hinweg zurück, das Toben der
Menge pochte in seinen Ohren, und er landete weich auf
der Erde. Seit Wochen war ihm nicht mehr so leicht ums
Herz gewesen ... er hatte die erste Aufgabe geschafft, er
hatte überlebt ...
»Das war wirklich eine Glanzleistung, Potter!«, rief Profes-
sor McGonagall, als er von seinem Feuerblitz stieg – und aus
ihrem Munde war dies ein wahrhaft unerhörtes Lob. Er sah,
dass ihre Hand zitterte, als sie auf seine Schulter deutete. »Sie
müssen erst einmal zu Madam Pomfrey, bevor die Richter Ihre
Punktzahl bekannt geben ... dort drüben, sie musste auch
schon Diggory zusammenflicken ...«
»Du hast's gepackt, Harry!«, sagte Hagrid heiser. »Du hast
es gepackt! Und sogar gegen das Hornschwanz-Weibchen.
Charlie meinte, die sei die Schlimmste –«
»Danke, Hagrid«, sagte Harry laut, damit Hagrid nicht
weiterplapperte und verriet, dass er ihm die Drachen zuvor
gezeigt hatte.
Auch Professor Moody sah sehr zufrieden aus; das magi-
sche Auge tanzte in seiner Höhle.
»Schlicht und einfach, das war der Trick dabei, Potter«,
knurrte er.
»Nun aber los, Potter, zum Erste-Hilfe-Zelt, wenn ich bit-
ten darf ...«, sagte Professor McGonagall.
375
Immer noch keuchend verließ Harry das Gehege und sah
jetzt Madam Pomfrey, die mit besorgtem Blick am Eingang
des zweiten Zeltes stand.
»Drachen!«, sagte sie angewidert und zog Harry ins Zelt. Es
war in kleine Räume abgeteilt; er konnte Cedrics Schat-
ten an der Stoffwand sehen, doch er schien nicht schwer ver-
letzt; zumindest saß er aufrecht. Madam Pomfrey unter-
suchte Harrys Schulter und ließ ihrem Ärger freien Lauf.
»Letztes Jahr Dementoren, dieses Jahr Drachen, was werden
sie nächstes Jahr in diese Schule schleppen? Da hast du noch
mal Glück gehabt ... die Wunde ist nicht tief ... aber bevor
ich sie verheilen lasse, muss ich sie reinigen ...«
Sie säuberte den Riss mit einem Tropfen purpurroter
Flüssigkeit, die rauchte und auf der Haut brannte, doch dann
gab sie ihm mit dem Zauberstab einen Klaps auf die Schul-
ter, und er spürte, wie die Wunde in Sekundenschnelle
heilte.
»Schön, und jetzt bleib eine Minute ruhig sitzen – bleib
sitzen! Dann kannst du gehen und dir deine Punkte ab-
holen.«
Sie wackelte hinaus und er hörte, wie sie nebenan sagte:
»Wie geht's uns jetzt, Diggory?«
Harry wollte nicht ruhig sitzen bleiben; noch rauschte es zu
sehr in seinen Adern. Er stand auf, um nachzusehen, was
draußen los war, doch bevor er den Zelteingang erreicht hatte,
waren zwei von draußen hereingestürzt – Hermine, dicht
gefolgt von Ron.
»Harry, du warst einfach klasse!«, jubilierte Hermine. Dort,
wo sie sich vor Angst die Finger ins Gesicht gekrallt hatte,
waren die Spuren ihrer Fingernägel zu sehen. »Du warst
einfach unglaublich! Wirklich unglaublich!«
Doch Harrys Blick galt Ron, der ganz weiß im Gesicht war
und Harry anstarrte, als wäre er ein Gespenst.
376
»Harry«, sagte er ernst, »wer immer deinen Namen in
diesen Kelch geworfen hat – ich – ich wette, die wollten dich
erledigen!«
Es war, als ob die letzten Wochen nie gewesen wären – als
ob Harry Ron zum ersten Mal sehen würde, nachdem er
Champion geworden war.
»Hast es kapiert, oder?«, sagte Harry kühl. »Hast ja lange
genug gebraucht.«
Hermine stand zwischen den beiden und blickte ganz
hibbelig von einem zum anderen. Ron, unsicher geworden,
öffnete den Mund. Harry wusste, dass er sich entschuldigen
wollte, und plötzlich hatte er das Gefühl, er müsse es gar nicht
hören.
»Ist schon gut«, sagte er, bevor Ron ein Wort heraus-
brachte. »Vergiss es.«
»Nein«, sagte Ron, »ich hätte nicht –«
»Vergiss es«, sagte Harry.
Ron grinste ihn nervös an und Harry grinste zurück.
Hermine brach in Tränen aus.
»Da gibt's doch nichts zu weinen«, sagte Harry verwirrt.
»Ihr beiden seid so doof!«, schrie sie und stampfte mit dem
Fuß auf. Tränen fielen auf ihren Umhang. Dann, bevor einer
von ihnen sie daran hindern konnte, umarmte sie beide und
rauschte, nun erst richtig heulend, davon.
»Vollkommen übergeschnappt«, sagte Ron kopfschüt-
telnd. »Harry, komm mit, gleich gibt es deine Punkte ...«
Harry, der es vor einer Stunde noch nicht für möglich ge-
halten hätte, dass er jetzt vor Glück schwebte, nahm das gol-
dene Ei und den Feuerblitz und schlüpfte mit Ron, der wie ein
Wasserfall redete, aus dem Zelt.
»Du warst übrigens der Beste, und zwar konkurrenzlos.
Cedric hat ein merkwürdiges Ding gedreht und einen Fels-
brocken auf dem Boden verwandelt ... und zwar in einen
377
Hund ... damit der Drache auf den Hund statt auf ihn los-
ging. Na ja, als Verwandlungsstück war das ziemlich cool, und
es hat auch irgendwie geklappt, weil er das Ei gekriegt hat,
aber verbrannt hat er sich auch – der Drache hat es sich
nämlich zwischendurch anders überlegt und wollte lieber
Cedric als den Labrador grillen, er ist gerade noch entkom-
men. Und diese Fleur hat es mit einem Zauber versucht, ich
glaub, sie wollte ihn in Trance versetzen – schön, das hat auch
geklappt, er ist ganz schläfrig geworden, aber dann hat er
angefangen zu schnarchen und eine große Stich-
flamme ist ihm aus der Schnauze geschossen und ihr Rock hat
Feuer gefangen – sie hat ihn mit Wasser aus ihrem Zau-
berstab gelöscht. Und Krum – du wirst es nicht glauben, aber
er ist nicht mal auf die Idee gekommen zu fliegen! Trotzdem
war er nach dir sicher der Zweitbeste. Er hat ihm einen Fluch
mitten ins Auge geschossen. Pech war nur, dass der Drache
vor Schmerz anfing herumzutrampeln und die Hälfte der
echten Eier zerquetscht hat – dafür haben sie ihm Punkte
abgezogen, denn sie durften ja nicht beschä-
digt werden.«
Sie erreichten den Rand des Geheges und Ron legte eine
kleine Pause ein. Nun, da sie den Hornschwanz fortgebracht
hatten, konnte Harry sehen, wo die fünf Richter saßen – ge-
genüber auf der anderen Seite, auf einem Podium mit gold-
bespannten Stühlen.
»Jeder kann höchstens zehn Punkte vergeben«, sagte Ron,
und Harry spähte über das Feld und sah den ersten Richter -
Madame Maxime – den Zauberstab heben. Ein langer Sil-
berfaden flog aus der Spitze hervor und verschlängelte sich zu
einer großen Acht.
»Nicht schlecht!«, rief Ron, und das Publikum klatschte.
»Ich vermute, sie hat dir wegen deiner Schulter Punkte ab-
gezogen.«
378
Mr Crouch war der Nächste. Er ließ die Ziffer Neun in die
Luft schießen.
»Sieht gut aus!«, rief Ron und klatschte Harry auf den
Rücken.
Jetzt kam Dumbledore. Auch er ließ eine Neun erstehen.
Die Menge jubelte noch lauter.
Ludo Bagman – eine Zehn.
»Zehn?«, sagte Harry ungläubig. »Aber ... ich wurde ver-
letzt ... worauf hat der es abgesehen?«
»Harry, jetzt beklag dich nicht!«, rief Ron begeistert.
Und nun erhob Karkaroff seinen Zauberstab. Er zögerte
einen Moment, und dann schoss auch aus seinem Zauber-
stab eine Ziffer – Vier.
»Wie bitte?«, brüllte Ron zornig. »Vier? Du lausiger par-
teiischer Schleimbeutel, du hast Krum eine Zehn gegeben!«
Doch Harry war es egal, und es wäre ihm auch egal gewe-
sen, wenn Karkaroff ihm zehn Punkte gegeben hätte; dass Ron
sich für ihn so entrüstete, war ihm hundert Punkte wert. Davon
sagte er Ron natürlich nichts, doch als er sich umwandte und
aus dem Gehege ging, war ihm das Herz leichter als eine
Feder. Und es war nicht nur Ron ... die dort im Publikum
jubelten, waren nicht nur Gryffindors. Als es darauf ankam,
als sie gesehen hatten, was ihm bevorstand, waren die meisten
seiner Mitschüler auf seiner Seite gewe-
sen, wie zuvor auf Cedrics ... die Slytherins kümmerten ihn
nicht – was immer sie ihm noch vorwerfen würden, es würde
an ihm abprallen.
»Du bist auf dem ersten Platz, Harry, zusammen mit
Krum!«, sagte Charlie Weasley, der ihnen nachgerannt kam,
als sie sich auf den Weg zur Schule machten. »Hör mal, ich
muss mich beeilen, weil ich Mum unbedingt eine Eule schi-
cken muss, ich hab ihr geschworen, alles haarklein zu be-
schreiben – aber das war unglaublich! Ach ja – und ich soll
379
dir ausrichten, dass du noch ein paar Minuten hier bleiben
sollst ... Bagman will mit dir sprechen, im Champions-Zelt.«
Ron wollte warten, und Harry ging ins Zelt, das ihm jetzt
ganz anders, freundlich und einladend, vorkam.
Er dachte daran, wie er sich gefühlt hatte, während er den
Hornschwanz austrickste, und dann an die lange Wartezeit,
bis es so weit gewesen war ... kein Vergleich, das Warten
war unendlich viel schlimmer gewesen. Fleur, Cedric und
Krum kamen ebenfalls herein.
Eine Seite von Cedrics Gesicht war mit einer dicken oran-
geroten Paste bestrichen, die wohl seine Verbrennung heilen
sollte. Er grinste Harry zu, als er ihn sah. »Gut gemacht,
Harry.«
»Du auch«, sagte Harry und grinste ebenfalls.
»Ihr alle habt's gut gemacht!«, sagte Ludo Bagman, der
ins Zelt gestürmt kam und so vergnügt aussah, als ob er
selbst gerade an einem Drachen vorbeigekommen wäre.
»Ich wollte nur kurz mit euch sprechen. Vor der nächsten
Runde habt ihr eine schöne lange Pause. Sie wird am vier-
undzwanzigsten Februar um halb zehn morgens stattfin-
den – aber für die Zwischenzeit geben wir euch was zum
Knobeln! Wenn ihr euch diese goldenen Eier in euren Hän-
den anschaut, dann seht ihr, dass sie sich öffnen lassen ...
seht ihr die kleinen Scharniere? Im Ei steckt ein Rätsel, das
ihr lösen müsst – es wird euch verraten, worin die zweite
Aufgabe besteht und wie ihr euch darauf vorbereiten könnt.
Alles klar? Keine Fragen? Nun, dann marsch zurück in die
Schule!«
Harry verließ das Zelt und ging mit Ron am Waldrand
entlang zurück. Sie unterhielten sich während des ganzen
Wegs; Harry wollte genauer wissen, wie es den anderen
Champions ergangen war. Dann, als sie die dichte Baum-
gruppe umrundeten, hinter der Harry die Drachen erstmals
380
hatte brüllen hören, sprang hinter ihnen eine Hexe zwi-
schen den Bäumen hervor.
Es war Rita Kimmkorn. Heute trug sie einen giftgrünen
Umhang; die Flotte-Schreibe-Feder in ihrer Hand passte ta-
dellos dazu.
»Gratuliere, Harry!«, sagte sie und strahlte die beiden an.
»Dürfte ich euch auf ein Wort unterbrechen? Harry, wie war
es für dich, gegen den Drachen zu kämpfen? Was hältst du
vom Urteil der Schiedsrichter?«
»Ja, Sie dürfen uns auf ein Wort unterbrechen«, sagte Harry
wütend. »Tschüss!«
Und zusammen mit Ron ging er davon.
381
Die Hauselfen-Befreiungsfront
Harry, Ron und Hermine gingen an diesem Abend hoch in die
Eulerei, um nach Pigwidgeon zu suchen, den sie mit einem
Brief zu Sirius schicken wollten. Harry hatte ihm ge-
schrieben, dass er unverletzt an dem Drachen vorbeigekom-
men war. Auf dem Weg nach oben erzählte er Ron alles, was
Sirius ihm über Karkaroff gesagt hatte. Ron erschrak zuerst,
als er hörte, dass Karkaroff ein Todesser gewesen war, doch
als sie die Eulerei betraten, sagte er, sie hätten ihn von An-
fang an verdächtigen sollen.
»Das passt doch alles zusammen«, sagte er. »Weißt du noch,
was Malfoy im Zug gesagt hat? Dass sein Dad mit Kar-
karoff befreundet sei? Jetzt wissen wir, wo sie sich kennen
gelernt haben. Wahrscheinlich sind sie bei der Weltmeister-
schaft zusammen in diesen Masken rumgelaufen ... aber ich
sag dir eines, Harry, wenn es tatsächlich Karkaroff war, der
deinen Namenszettel in den Kelch geworfen hat, wird er sich
jetzt ziemlich dumm vorkommen. Es hat doch nicht ge-
klappt, oder? Du hast nur einen Kratzer abgekriegt! Komm,
gib her, ich mach schon –«
Pigwidgeon war so aus dem Häuschen, weil er einen Brief
zustellen durfte, dass er ununterbrochen kreischend um
Harrys Kopf herumflog. Ron schnappte ihn mitten im Flug
und hielt ihn fest, während ihm Harry den Brief ans Bein
band.
»Die anderen Aufgaben können doch unmöglich so ge-
fährlich sein, oder?«, fuhr Ron fort, während er Pigwidgeon
382
zum Fenster trug. »Weißt du was? Ich glaube sogar, du könn-
test dieses Turnier gewinnen, und das meine ich ernst.«
Das sagte Ron nur, um sein unmögliches Verhalten
von letzter Woche wieder gutzumachen, fand Harry, und
trotzdem hörte er es gerne. Hermine jedoch lehnte sich ge-
gen eine Mauer, verschränkte die Arme und sah Ron fins-
ter an.
»Harry hat einen langen Weg vor sich, bis er dieses Tur-
nier abschließen kann«, sagte sie ernst. »Wenn das die erste
Aufgabe war, möchte ich lieber nicht daran denken, was das
nächste Mal drankommt.«
»Immer ein aufmunterndes Wort auf den Lippen, nicht
wahr, Hermine?«, sagte Ron. »Du und Professor Trelawney,
ihr solltet euch mal zusammensetzen.«
Er schleuderte den kleinen Kauz aus dem Fenster. Pigwid-
geon sackte erst einmal vier Meter in die Tiefe, bis er sich
fangen und in die Höhe steigen konnte; der Brief an seinem
Bein war viel länger und schwerer als sonst; Harry hatte es
nicht lassen können, Sirius jedes einzelne Flugmanöver zu
beschreiben, mit dem er den Hornschwanz umkreist, ge-
reizt und ausgetrickst hatte.
Sie warteten, bis Pigwidgeon in der Dunkelheit ver-
schwunden war, dann sagte Ron: »Hör zu, Harry, unten gibt's
'ne Überraschungsparty für dich – Fred und George haben
inzwischen bestimmt genug zu futtern aus der Küche
geklaut.«
Und tatsächlich, als sie den Gemeinschaftsraum der Gryf-
findors betraten, jubelten und klatschten ihre Mitschüler, dass
die Wände wackelten. Sämtliche Tische und Fenster-
bänke trugen Berge von Kuchen und Krüge voll Kürbissaft
und Butterbier; Lee Jordan hatte ein paar von Dr. Filibusters
famosen hitzefreien und nass zündenden Knallern losgelas-
sen, so dass sie vor Funken und Sternennebel kaum noch et-
383
was sehen konnten; Dean Thomas, der im Zeichnen ganz gut
war, hatte ein paar eindrucksvolle neue Banner entwor-
fen. Meist war Harry darauf zu sehen, wie er den Kopf des
Hornschwanzes umschwirrte, hin und wieder auch Cedric mit
seinem brennenden Haarschopf.
Harry nahm sich etwas zu essen und setzte sich zu Ron und
Hermine; er hatte beinahe vergessen, wie es war, richtig
hungrig zu sein. Er konnte es immer noch nicht begreifen, dass
er sich so glücklich fühlte; Ron war wieder an seiner Seite, er
hatte die erste Aufgabe geschafft und die nächste kam ja erst
in drei Monaten dran.
»Uff, ist das Ding schwer«, sagte Lee Jordan, der das gol-
dene Ei, das Harry auf den Tisch gelegt hatte, hochhob und in
den Händen wog. »Mach es auf, Harry, na los! Lass uns
einfach mal nachschauen, was drin ist!«
»Er soll das Rätsel doch ganz allein lösen«, warf Hermine
rasch ein. »Das steht in den Turnierregeln ...«
»Ich sollte auch allein rausfinden, wie ich am Drachen
vorbeikomme«, murmelte Harry so leise, dass nur sie ihn
hören konnte, worauf sie recht schuldbewusst grinste.
»Ja, los, Harry, mach es auf!«, riefen einige der Umste-
henden.
Lee reichte Harry das Ei, Harry steckte die Fingernägel in
die Rille, die sich um den Bauch des Eis zog, und öffnete es.
Das Ei war hohl und ganz leer – doch kaum hatte Harry es
aufgeklappt, drang ihnen ein grässlich lautes und kreischen-
des Gejammer in die Ohren. Harry hatte nur einmal etwas
Ähnliches gehört, nämlich das Geisterorchester auf der To-
destagsfeier des Fast Kopflosen Nick, als alle Mann hoch die
Musiksäge gespielt hatten.
»Mach's zu!«, brüllte Fred, die Hände an die Ohren ge-
presst.
»Was war das?«, fragte Seamus Finnigan und starrte das Ei
384
an, als Harry es wieder zugeklappt hatte. »Klang ja wie eine
Banshee ... vielleicht musst du das nächste Mal an einer von
diesen Todesfeen vorbeikommen, Harry!«
»Es klang wie jemand, der gefoltert wird«, sagte Neville,
der käsebleich geworden war und sein Wurstbrötchen fal-
len gelassen hatte. »Du musst gegen den Cruciatus-Fluch
kämpfen!«
»Red keinen Stuss, Neville, der ist doch verboten«, sagte
George. »Den Cruciatus-Fluch lassen sie bestimmt nicht auf
die Champions los. Ich dachte, es klang eher ein wenig, als
würde Percy singen ... vielleicht musst du ihn angreifen,
während er unter der Dusche steht, Harry.«
»Willst du ein Stück Biskuittorte, Hermine?«, fragte Fred.
Hermine beäugte misstrauisch den Teller, den er ihr an-
bot. Fred grinste.
»Ist schon gut«, sagte er. »Ich hab nichts daran gedreht. Bei
den Eierkremschnitten musst du aufpassen –«
Neville, der sich gerade einen Bissen Eierkremschnitte ge-
nehmigt hatte, würgte und spickte ihn aus.
Fred lachte. »War nur 'n Witz, Neville ...«
Hermine nahm sich ein Stück Biskuittorte.
»Hast du die ganzen Sachen aus der Küche, Fred?«, fragte
sie.
»Jep«, sagte Fred und grinste. Dann ahmte er mit ho-
her, piepsender Stimme einen Hauselfen nach. »> Alles, was
Sie wünschen, Sir, alles, was Sie wünschen!< Die sind ja so
unglaublich hilfsbereit ... die würden dir einen gegrill-
ten Ochsen bringen, wenn du sagst, du hast 'nen Mords-
hunger.«
»Und wie kommst du da rein?«, fragte Hermine in un-
schuldig beiläufigem Tonfall.
»Ganz einfach«, sagte Fred, »hinter einem Gemälde mit
einer Obstschale ist eine Geheimtür. Du kitzelst einfach die
385
Birne, sie kichert und –« Er brach ab und sah sie misstrauisch
an. »Warum?«
»Nur so«, sagte Hermine rasch.
»Willst du diese Hauselfen etwa in den Streik führen?«,
sagte George. »Gibst du diesen Flugblattkram auf und ver-
suchst jetzt, sie zur Rebellion anzustacheln?«
Einige der Umstehenden gackerten. Hermine antwortete
nicht.
»Hetz sie bloß nicht auf und sag ihnen, sie hätten ein Recht
auf Kleidung und Bezahlung!«, warnte Fred. »Das hält sie nur
vom Kochen ab!«
In diesem Augenblick sorgte Neville für eine kleine Ab-
lenkung, indem er sich in einen Kanarienvogel verwandelte.
»O Verzeihung, Neville!«, rief Fred durch das allgemeine
Gelächter. »Hab ich doch glatt vergessen – es war doch die
Eierkrem, die wir verhext haben –«
Es dauerte jedoch nur eine Minute, dann verlor Neville
seine Federn, und als die letzte ausgefallen war, erschien er
wieder gesund und munter und stimmte sogar selbst in das
Gelächter ein.
»Kanarienkremschnitten!«, verkündete Fred laut der auf-
geregten Schülerschar. »Haben George und ich erfunden -
sieben Sickel das Stück, ein echtes Schnäppchen!«
Es war fast ein Uhr morgens, als Harry schließlich mit Ron,
Neville, Seamus und Dean in den Schlafsaal hochstieg. Bevor
er zu Bett ging, legte er das kleine Modell des Unga-
rischen Hornschwanzes auf seinen Nachttisch, wo es gähnte,
sich einkringelte und die Augen schloss. Wirklich, dachte
Harry, als er die Vorhänge um sein Bett zuzog, Hagrid hatte
irgendwie Recht ... eigentlich sind sie ganz in Ordnung,
diese Drachen ...
386
Der Dezemberanfang brachte Stürme und Graupelschauer
nach Hogwarts. Zwar war das Schloss im Winter zugig wie
immer, doch Harry dachte mit Erleichterung an die Feuer in
den Kaminen und an die dicken Mauern, wenn er draußen am
See wieder einmal am Schiff der Durmstrangs vorbeikam, das
in den Windböen taumelte und dessen schwarze Segel sich ge-
gen den dunklen Himmel bauschten. Auch im Beauxbatons-
Wohnwagen musste es ziemlich kalt sein. Wie ihm auffiel,
versorgte Hagrid Madame Maximes Pferde großzügig mit ih-
rem Lieblingsgetränk, Single Malt Whisky, und die Dämpfe,
die vom Trog in einer Ecke ihrer Koppel herüberwehten,
reichten aus, um die ganze Pflege-magischer-Geschöpfe-
Klasse beschwipst zu machen. Das war nicht besonders hilf-
reich, denn sie päppelten immer noch diese grässlichen Kröter
auf und dafür brauchten sie einen klaren Kopf.
»Ich weiß nicht, ob sie 'nen Winterschlaf halten«, verkün-
dete Hagrid in der nächsten Stunde der bibbernden Klasse im
windigen Kürbisbeet. »Dachte, wir probieren mal aus, ob sie 'n
Nickerchen mögen ... Legen wir sie doch einfach mal in diese
Kisten hier ...«
Inzwischen waren nur noch zehn Kröter übrig; offenbar war
ihnen die Lust, sich gegenseitig umzubringen, durch die
sportliche Betätigung nicht ausgetrieben worden. Die Vie-
cher waren nun schon fast zwei Meter lang. Ihr dicker grauer
Panzer, ihre kräftigen, flinken Beine, ihre Funken sprühenden
Rümpfe, ihre Stacheln und Saugnäpfe – das alles machte die
Kröter zu den widerlichsten Kreaturen, die Harry je gesehen
hatte. Die Klasse besah sich missmutig die riesigen Kisten, die
Hagrid herausgebracht und allesamt mit Kissen und flaumigen
Decken ausgepolstert hatte.
»Wir führen sie einfach da rein«, sagte Hagrid, »und ma-
chen die Deckel zu, dann sehen wir ja, was passiert.«
Doch die Kröter, so viel wurde ihnen klar, hielten keinen
387
Winterschlaf und schätzten es nicht, in die kissengepolster-
ten Kisten gezwängt und dann eingenagelt zu werden. Kurze
Zeit später marodierten die Kröter im Kürbisfeld, das mit den
schwelenden Bruchstücken ihrer Kisten übersät war, und
Hagrid rief: »Keine Panik jetzt, immer mit der Ruhe!« Der
größte Teil der Klasse – Malfoy, Crabbe und Goyle als Erste –
war durch die Hintertür in Hagrids Hütte geflohen und hatte
sich verbarrikadiert; Harry, Ron und Hermine jedoch gehörten
zu jenen, die draußen blieben und versuchten Hagrid zu
helfen. Gemeinsam schafften sie es, neun Kröter zu
überwältigen und festzubinden, wenn auch um den Preis
zahlreicher Brandblasen und Schnitte; am Ende war nur noch
ein Kröter übrig.
»Jetzt erschreckt ihn bloß nicht!«, schrie Hagrid, als Ron
und Harry ihre Zauberstäbe nahmen und den Kröter, der, den
zitternden Stachel über den Rücken gebogen, auf sie
zukrabbelte, mit einer spotzenden Funkenwolke beschos-
sen. »Versucht einfach, die Leine um seinen Stachel zu
schlingen, damit er die anderen nicht verletzt!«
»Ja natürlich, das wäre ganz furchtbar!«, schrie Ron zor-
nig, während er und Harry gegen die Wand von Hagrids Hütte
zurückwichen und sich den Kröter mit ihren Funken
sprühenden Zauberstäben vom Leib hielten.
»Schön, schön, schön ... das scheint ja richtig Spaß zu
machen.«
Rita Kimmkorn lehnte lässig an Hagrids Gartenzaun und
begutachtete den Kampf. Heute trug sie einen schweren
magentaroten Mantel mit einem purpurroten Pelzkragen; die
Krokodillederhandtasche baumelte an ihrem Arm. Hag-
rid warf sich auf den Rücken des Kröters, der Harry und Hon
zu Leibe rückte, und drückte ihn platt; eine Stich-
flamme schoss aus seinem Rumpfund versengte die Kürbis-
pflanzen im Umkreis.
388
»Wer sind Sie?«, fragte Hagrid an Rita Kimmkorn ge-
wandt, während er eine Seilschlinge um den Stachel des
Kröters warf und sie festzurrte.
»Rita Kimmkorn, Reporterin für den Tagespropheten«, er-
widerte Rita und strahlte ihn an. Ihre Goldzähne blitzten.
»Mir ist doch, als hätte Dumbledore gesagt, Sie hätten in der
Schule nichts mehr verloren?«, sagte Hagrid und legte die
Stirn in Falten. Er stand auf und zog den leicht lädierten
Kröter hinüber zu seinen Artgenossen.
Rita tat, als hätte sie seine Worte nicht gehört.
»Wie heißen diese faszinierenden Geschöpfe eigentlich?«,
fragte sie und strahlte ihn noch breiter an.
»Knallrümpfige Kröter«, brummte Hagrid.
»Wirklich?«, sagte Rita, scheinbar brennend interessiert.
»Ich hab noch nie von ihnen gehört ... woher kommen die
denn?«
Harry sah, wie Hagrid unter seinem wilden schwarzen
Bart dunkelrot anlief, und das Herz sank ihm in die Hose.
Genau, wo zum Teufel hatte Hagrid die Kröter her?
Hermine, die sich Ähnliches zu fragen schien, warf rasch
ein: »Sie sind sehr interessant, oder? Oder, Harry?«
»Was? O ja ... autsch ... interessant«, sagte Harry, nach-
dem sie ihm auf den Fuß getreten war.
Rita Kimmkorn wandte sich zu ihnen um. »Ah, du bist
hier, Harry!«, sagte sie. »Also gefällt dir Pflege magischer Ge-
schöpfe? Eins deiner Lieblingsfächer?«
»Ja«, sagte Harry wacker. Hagrid strahlte ihn an.
»Wunderbar«, sagte Rita. »Wirklich wunderbar. Unter-
richten Sie schon lange?«, fügte sie zu Hagrid gewandt
hinzu.
Harry bemerkte, wie sie den Blick schweifen ließ – über
Dean (der eine unschöne Schnittwunde an der Wange
hatte), Lavender (deren Umhang stark versengt war), Sea-
389
mus (der mehrere verbrannte Finger leckte) und dann hi-
nüber zum Hüttenfenster, wo der große Rest der Klasse sich
die Nasen an der Scheibe platt drückte und wartete, bis die
Luft rein war.
»Das ist erst mein zweites Jahr«, sagte Hagrid.
»Wunderbar ... wären Sie vielleicht bereit, mir ein Inter-
view zu geben? Ein wenig von Ihren Erfahrungen mit magi-
schen Geschöpfen zu erzählen? Der Tagesprophet hat jeden
Mittwoch eine Heimtierseite, wie Sie sicher wissen. Wir
könnten was über diese – ähm – Knallsüchtigen Tröter
bringen.«
»Knallrümpfige Kröter«, sagte Hagrid beflissen. »Ähm – ja,
warum nicht?«
Harry schwante gar nichts Gutes, doch er konnte sich
Hagrid nicht bemerkbar machen, ohne dass es Rita Kimm-
korn mitbekam, und so musste er schweigend zusehen, wie
Hagrid und Rita sich für Ende der Woche zu einem richtig
ausführlichen Interview in den Drei Besen verabredeten. Dann
läutete oben im Schloss die Glocke und verkündete das Ende
der Stunde.
»Gut denn, auf Wiedersehen, Harry!«, rief ihm Rita
Kimmkorn vergnügt zu, als er sich mit Ron und Hermine auf
den Weg machte. »Bis Freitagabend dann, Hagrid!«
»Sie wird ihm die Worte im Mund umdrehen«, sagte Harry
mit gedämpfter Stimme.
»Hoffentlich hat er diese Kröter nicht unrechtmäßig ein-
geführt oder so etwas«, sagte Hermine missvergnügt. Ihre
Blicke trafen sich – genau das sah Hagrid nämlich ähnlich.
»Hagrid hat doch schon eine Menge Ärger gehabt und
Dumbledore hat ihn nie rausgeworfen«, beschwichtigte Ron
die beiden. »Das Schlimmste, was ihm passieren kann, ist,
dass er die Kröter loswerden muss. Verzeihung ... hab ich
gesagt, das Schlimmste? Ich meine, das Beste.«
390
Harry und Hermine lachten und gingen ein wenig besser
gelaunt zum Mittagessen.
An diesem Nachmittag machte Harry die Doppelstunde
Wahrsagen ausgesprochen Spaß; noch immer ging es um
Himmelskarten und Prophezeiungen, doch nun, da er und Ron
wieder Freunde waren, fanden sie die ganze Sache er-
neut recht komisch. Professor Trelawney, die so zufrieden mit
den beiden gewesen war, als sie ihre eigenen grauenhaf-
ten Tode vorausgesagt hatten, wurde zunehmend gereizter, als
Harry und Ron während ihrer Ausführungen über die
verschiedenen Möglichkeiten, wie Pluto das tägliche Leben
stören konnte, ununterbrochen kicherten.
»Ich würde doch meinen«, flüsterte sie geheimnisvoll, ohne
jedoch ihren Ärger verbergen zu können, »dass einige von
uns« – und sie sah Harry viel sagend an – »vielleicht ein
wenig nachdenklicher wären, wenn sie gesehen hätten, was ich
gestern Nacht bei meiner Suche in der Kristallkugel ent-
deckt habe. Als ich gestern so dasaß, völlig versunken in
meine Strickarbeit, überwältigte mich plötzlich der Drang, die
Kugel zu Rate zu ziehen. Ich erhob mich, ich ließ mich vor ihr
nieder und ich spähte in ihre kristallinen Tiefen ... und wer,
glaubt ihr, starrte mich da an?«
»Eine hässliche alte Fledermaus mit übergroßer Brille?«,
flüsterte Ron.
Harry mühte sich, seine Unschuldsmiene zu bewahren.
»Der Tod, meine Lieben.«
Parvati und Lavender schlugen mit entsetzten Blicken die
Hände vor den Mund.
»Ja«, sagte Professor Trelawney und nickte eindringlich, »er
kommt immer näher, er zieht Kreise wie ein Geier, im-
mer tiefer ... immer tiefer über dem Schloss ...«
Sie starrte Harry, der unverhohlen und herzhaft gähnte,
durchdringend an.
391
»Es wäre ein wenig eindrucksvoller, wenn sie es nicht schon
ungefähr achtzigmal gesagt hätte«, meinte er, als sie im
Treppenhaus unter Professor Trelawneys Zimmer end-
lich wieder frische Luft schnappen konnten. »Aber wenn ich
jedes Mal, wenn sie es sagte, tot umgefallen wäre, dann wäre
ich ein medizinisches Wunder.«
»Du wärst sozusagen ein ganz hochprozentiger Geist«,
gluckste Ron, als sie dem Blutigen Baron begegneten, der sie
mit aufgerissenen, bösen Augen ansah. »Wenigstens haben wir
keine Hausaufgaben. Ich hoffe, Professor Vektor hat Hermine
eine Menge aufgehalst, ich genieße es, nichts zu tun, während
sie arbeitet ...«
Doch Hermine war weder beim Abendessen noch in der
Bibliothek, wo sie später nach ihr suchten. Der Einzige hier
war Viktor Krum. Ron und Harry trieben sich eine Weile
hinter den Bücherregalen herum und beobachteten Krum,
wobei sie sich flüsternd darüber unterhielten, ob Ron ihn
vielleicht um ein Autogramm bitten sollte – doch dann ent-
deckte Ron, dass sechs oder sieben Mädchen hinter der
nächsten Regalreihe lauerten und genau dasselbe berat-
schlagten, und seine Begeisterung für die Idee schwand.
Sie gingen zurück in den Gryffindor-Turm. »Wo sie wohl
steckt?«, fragte Ron.
»Keine Ahnung ... Quatsch.«
Doch die fette Dame war kaum zur Seite geklappt, als
hektisches Fußgetrappel hinter ihnen Hermines Ankunft
verkündete.
»Harry!«, keuchte sie und bremste schlitternd vor ihnen ab
(die fette Dame sah sie mit Stirnrunzeln von oben herab an).
»Harry, du musst mitkommen – du musst unbedingt mit-
kommen, da passiert etwas absolut Unglaubliches – bitte!«
Sie packte Harry am Arm und versuchte ihn mit sich zu
zerren.
392
»Was ist denn los?«, fragte Harry.
»Ich zeig's dir, wenn wir da sind – komm schon, schnell –«
Harry wandte sich zu Ron um, doch Ron schien neugierig
geworden zu sein.
»Na gut«, sagte Harry und ging mit Hermine den Gang
entlang zurück, während Ron sich beeilte, mit ihnen Schritt zu
halten.
»Oh, keine Ursache!«, rief ihnen die fette Dame entrüstet
nach. »Ihr braucht euch doch nicht zu entschuldigen, nur weil
ihr mich gestört habt! Ich hänge hier einfach weiter rum,
sperrangelweit offen, bis ihr wiederkommt, einverstanden?«
»Ja, danke«, rief Ron über die Schulter zurück.
»Hermine, wo gehen wir hin?«, fragte Ron, als Hermine die
beiden durch sechs Stockwerke geführt hatte und nun über die
Marmortreppe hinunter in die Eingangshalle wollte.
»Das seht ihr gleich, nur Geduld!«, sagte Hermine auf-
geregt.
Sie wandte sich am Fuß der Treppe nach links und hastete
zu der Tür, durch die Cedric Diggory an jenem Abend ge-
gangen war, als der Feuerkelch seinen und Harrys Namen
ausgeworfen hatte. Durch diese Tür ging Harry zum ersten
Mal. Sie folgten Hermine eine steinerne Treppenflucht in die
Tiefe, doch anstatt in einen düsteren unterirdischen Gang zu
gelangen, fanden sie sich in einem breiten steiner-
nen Korridor wieder, der von Fackeln hell erleuchtet und mit
heiteren Gemälden geschmückt war, die vorwiegend Essbares
zeigten.
»Oh, wart mal ...«, sagte Harry zögernd auf halbem Weg
den Korridor entlang. »Wart doch kurz, Hermine ...«
»Was ist?« Sie wandte sich zu ihm um und er sah, dass die
Spannung ihr ins Gesicht geschrieben stand.
»Ich weiß, was du vorhast«, sagte Harry.
Er knuffte Ron in die Seite und deutete auf das Gemälde di-
393
rekt hinter Hermine. Es zeigte eine ausladende silberne Obst-
schale.
»Hermine!«, sagte Ron, bei dem der Groschen gefallen war.
»Du willst uns wieder in diesen Belfer-Kram verwickeln!«
»Nein, nein, will ich nicht!«, entgegnete sie hastig. »Und es
heißt nicht Belfer, Ron –«
»Dann hast du den Namen geändert?«, sagte Ron und sah
sie stirnrunzelnd an. »Was sind wir denn jetzt, vielleicht die
Hauselfen-Befreiungsfront? Ich platze doch nicht in diese
Küche rein und versuche sie vom Arbeiten abzuhalten, nicht
mit mir –«
»Das verlange ich auch gar nicht!«, sagte Hermine ungedul-
dig. »Ich bin erst vorhin hier runtergekommen, um mit ihnen
zu reden, und wen hab ich da getroffen – oh, komm schon,
Harry, das musst du sehen!«
Sie packte ihn erneut am Arm, zog ihn vor das Bild mit der
riesigen Obstschale, streckte ihren Zeigefinger aus und kit-
zelte die prächtige grüne Birne. Sie begann sich zu winden,
fing an zu kichern und verwandelte sich plötzlich in einen
großen grünen Türgriff. Hermine ergriff ihn, zog die Tür auf
und stieß Harry mit einem unsanften Schlag in den Rücken
hinein.
Harry erhaschte nur einen kurzen Eindruck des weitläufi-
gen, hohen Gewölbes, das so groß war wie die Große Halle
darüber, mit seinen Stapeln schimmernder Kupfertöpfe und
Messingpfannen an den steinernen Wänden und seinem
mächtigen, mit Ziegelsteinen eingefassten Herd am anderen
Ende – da wuselte etwas Kleines aus der Mitte des Raums auf
ihn zu und piepste: »Harry Potter, Sir! Harry Potter!«
Und schon im nächsten Moment schnappte er nach Luft,
denn der piepsende Elf hatte den Kopf in seiner Magengrube
versenkt und herzte ihn so stürmisch, dass Harry fürchtete,
sich die Rippen zu brechen.
394
»D-Dobby?«, japste Harry.
»Es ist Dobby, Sir, er ist es!«, piepste die Stimme in seiner
Nabelgegend. »Dobby hat so fest gehofft, Harry Potter wie-
der zu sehen, Sir, und Harry Potter ist gekommen, um ihn zu
besuchen, Sir!«
Dobby ließ ihn los, trat ein paar Schritte zurück und strahlte
Harry von unten herauf an. Aus seinen riesigen grünen, ten-
nisballförmigen Augen quollen Tränen des Glücks. Er sah fast
genauso aus, wie Harry ihn in Erinnerung hatte; die bleistift-
dünne Nase, die fledermausähnlichen Ohren, die langen Fin-
ger und Füße – nur war er diesmal ganz anders angezogen.
Als Dobby für die Malfoys gearbeitet hatte, hatte er immer
denselben schmutzigen alten Kissenüberzug getragen. Nun
jedoch trug er die merkwürdigste Auswahl an Kleidern, die
Harry je gesehen hatte; es war ihm sogar gelungen, sich noch
schlechter anzuziehen als die Zauberer bei der Weltmeister-
schaft. Er trug einen Teewärmer als Hut, an den er ein paar
leuchtende Sticker gepinnt hatte; auf der nackten Brust trug er
eine Krawatte mit Hufeisenmuster, darunter so etwas wie eine
kurze Kinderfußballhose und zwei verschiedenfarbige Socken.
Eine davon, fiel Harry auf, war jene, die er sich einst selbst
ausgezogen hatte, um Mr Malfoy zu überlisten, der sie Dobby
weitergab und ihn damit befreite.
»Dobby, was tust du hier?«, sagte Harry verblüfft.
»Dobby ist gekommen, um in Hogwarts zu arbeiten, Harry
Potter, Sir!«, quiekte Dobby aufgeregt. »Professor Dumble-
dore hat Dobby und Winky Arbeit gegeben, Sir!«
»Winky?«, sagte Harry. »Ist sie auch hier?«
»Ja, Sir, ja!«, sagte Dobby, packte Harrys Hand und zog ihn
weiter in die Mitte der Küche, wo vier lange Holztische stan-
den. Jeder dieser Tische, fiel Harry auf, stand genau unter den
vier Haustischen in der Großen Halle. Im Augenblick waren
keine Speisen zu sehen, das Abendessen war beendet, doch er
395
vermutete, dass die Tische noch vor einer Stunde voller Teller
gewesen waren, die dann durch die Decke zu ihren Gegen-
stücken hinaufgeschickt wurden.
Mindestens hundert kleine Elfen standen in der Küche
herum, sie strahlten und verbeugten sich und machten
Knickse, als Dobby Harry an ihnen vorbeiführte. Sie alle tru-
gen dieselbe Uniform: ein Geschirrtuch, das mit dem Hog-
warts-Wappen bedruckt und wie bei Winky als Toga gewi-
ckelt war. Dobby hielt vor dem backsteinernen Herd an und
streckte die Hand aus.
»Winky, Sir!«, sagte er.
Winky saß auf einem Stuhl am Herd. Offensichtlich hatte
sie im Gegensatz zu Dobby ihre Kleider nicht blindlings zu-
sammengeworfen. Sie trug einen hübschen kleinen Rock und
eine Bluse und passend dazu einen blauen Hut, der Löcher für
ihre großen Ohren hatte. Während allerdings jedes Stück von
Dobbys merkwürdiger Kleidersammlung so sauber und gut
gepflegt war, dass es brandneu wirkte, achtete Winky of-
fensichtlich überhaupt nicht auf ihre Sachen. Ihre Bluse war
voller Suppenflecken und ihr Rock hatte ein Brandloch.
»Hallo, Winky«, sagte Harry.
Winkys Lippen zitterten. Dann brach sie in Tränen aus, die
in rascher Folge aus ihren großen braunen Augen quollen und
ihre Bluse benetzten, genau wie damals bei der Weltmeister-
schaft.
»O du liebe Güte«, sagte Hermine. Sie und Ron waren
Harry und Dobby in die Küche hinein gefolgt. »Winky, bitte
nicht weinen, bitte nicht ...«
Doch Winky schluchzte nun noch heftiger. Dobby jedoch
strahlte zu Harry empor.
»Möchte Harry Potter eine Tasse Tee?«, quiekte er laut über
Winkys Schluchzen hinweg.
»Ähm – ja, danke«, sagte Harry.
396
Im selben Augenblick trippelten sechs Hauselfen mit einem
großen Silbertablett auf ihn zu, das beladen war mit einer
Teekanne und Tassen für Harry, Ron und Hermine, einem
Milchkrug und einem großen Teller mit Keksen.
»Guter Service!«, sagte Ron beeindruckt. Hermine sah ihn
streng an, doch die Elfen schienen geschmeichelt; sie ver-
beugten sich tief und zogen sich dann zurück.
»Wie lange bist du schon hier, Dobby?«, fragte Harry, wäh-
rend Dobby den Tee ausschenkte.
»Seit einer Woche, Harry Potter, Sir!«, sagte Dobby glück-
lich. »Dobby ist zu Professor Dumbledore gegangen, Sir. Wis-
sen Sie, Sir, es ist sehr schwierig für einen Hauselfen, der ent-
lassen wurde, eine neue Stellung zu finden, Sir, wirklich sehr
schwierig –«
Bei diesen Worten heulte Winky noch lauter, aus ihrer ge-
quetschten Tomatennase tropfte es nur so auf ihre Bluse, doch
sie mühte sich nicht, die Flut einzudämmen.
»Dobby ist zwei lange Jahre durch das Land gereist, Sir, und
hat versucht Arbeit zu finden«, quiekte Dobby. »Aber Dobby
hat keine Arbeit gefunden, Sir, weil Dobby jetzt bezahlt wer-
den will!«
Die Hauselfen in der ganzen Küche, die interessiert zuge-
sehen und gelauscht hatten, schauten bei diesen Worten be-
treten zu Boden, als ob Dobby etwas Unanständiges und
Peinliches gesagt hätte.
Hermine jedoch sagte: »Gut für dich, Dobby!«
»Vielen Dank, Miss!«, sagte Dobby und grinste sie zähne-
bleckend an. »Aber die meisten Zauberer wollen keinen Haus-
elfen, der bezahlt werden möchte, Miss. > Das gehört sich nicht
für Hauselfen<, sagen sie dann, und sie schlagen die Tür vor
Dobbys Nase zu! Dobby mag arbeiten, aber er will auch was
zum Anziehen und er will Lohn für seine Arbeit, Harry Potter
... Dobby ist gerne frei!«
397
Die Hauselfen von Hogwarts hatten inzwischen begonnen,
vor Dobby zurückzuweichen, als ob er eine ansteckende
Krankheit hätte. Winkyjedoch blieb, wo sie war, begann aber
noch lauter zu weinen.
»Und dann, Harry Potter, geht Dobby Winky besuchen und
findet heraus, dass Winky auch freigekommen ist, Sir!«, sagte
Dobby vergnügt.
Bei diesen Worten warf sich Winky kopfüber vom Stuhl,
knallte mit dem Gesicht auf den steingepflasterten Boden,
trommelte mit ihren Fäustchen darauf ein und schrie sich das
Elend aus dem Leib. Hermine kniete schnell neben ihr nieder
und versuchte sie zu trösten, doch was sie auch sagte, es half
nicht im Mindesten.
Dobby übertönte mit schriller Stimme Winkys Schreie und
fuhr mit seiner Geschichte fort. »Und dann hatte Dobby die
Idee, Harry Potter, Sir! > Warum gehen Dobby und Winky
nicht zusammen auf Arbeitssuche?<, sagt Dobby. > Wo gibt es
denn genug Arbeit für zwei Hauselfen? <, sagt Winky. Und
Dobby überlegt, und da fällt es ihm ein, Sir! Hogwarts! Also
gehen Dobby und Winky zu Professor Dumbledore, Sir, und
Professor Dumbledore hat uns genommen!«
Dobby strahlte übers ganze Gesicht und wieder traten
Glückstränen in seine Augen.
»Und Professor Dumbledore sagt, er will Dobby bezahlen,
Sir, wenn Dobby Lohn will! Und so ist Dobby ein freier Elf,
Sir, und Dobby bekommt eine Galleone die Woche und einen
freien Tag im Monat!«
»Das ist nicht gerade viel!«, rief Hermine entrüstet vom
Fußboden hoch, während Winky immer noch schrie und mit
den Fäusten trommelte.
»Professor Dumbledore hat Dobby zehn Galleonen die
Woche angeboten und freie Wochenenden«, sagte Dobby, den
plötzlich ein leiser Schauder überkam, als ob die Aussicht
398
auf so viel Muße und Reichtum erschreckend wäre, »aber
Dobby hat es abgelehnt, Miss ... Dobby mag die Freiheit,
Miss, aber er will nicht zu viel, Miss, er mag lieber arbeiten.«
»Wie viel bezahlt Professor Dumbledore dir, Winky?«,
fragte Hermine freundlich.
Wenn sie geglaubt hatte, dies würde Winky aufmuntern,
hatte sie sich schwer geirrt. Winky hörte auf zu heulen, doch
als sie sich aufsetzte, starrte sie Hermine mit wässrigen brau-
nen Augen finster an, das ganze Gesicht klitschnass und plötz-
lich hell erzürnt.
»Winky ist eine Elfe in Schande, aber Winky wird nicht be-
zahlt!«, quiekte sie. »So tief ist Winky nicht gesunken! Winky
schämt sich richtig, frei zu sein!«
»Du schämst dich?«, sagte Hermine verdutzt. »Aber -
Winky, nun hör mal! Wer sich schämen sollte, ist Mr Crouch,
nicht du! Du hast nichts Falsches getan, er hat sich dir gegen-
über fürchterlich benommen –«
Doch bei diesen Worten klatschte Winky die Hände auf die
Löcher in ihrem Hut und hielt sich die Ohren zu, um dann zu
kreischen: »Sie dürfen nicht meinen Meister belei-
digen, Miss! Sie beleidigen nicht Mr Crouch! Mr Crouch ist
ein guter Zauberer, Miss! Mr Croüch hatte Recht, die böse
Winky fortzujagen!«
»Winky hat noch ein wenig Schwierigkeiten, sich zurecht-
zufinden, Harry Potter«, quiekte Dobby vertraulich. »Winky
vergisst, dass sie nicht mehr an Mr Crouch gefesselt ist; sie
darf jetzt alles sagen, was sie denkt, aber sie will es nicht.«
»Dürfen Hauselfen also nicht frei über ihre Meister re-
den?«, fragte Harry.
»O nein, Sir, nein«, sagte Dobby plötzlich mit ernster
Miene. »Das steht uns als Sklaven nicht zu, Sir. Wir bewahren
ihre Geheimnisse und brechen nie unser Schweigen, Sir, wir
halten die Ehre der Familie aufrecht und wir sprechen nie
399
schlecht von ihr – auch wenn Professor Dumbledore Dobby
gesagt hat, das sei ihm nicht so wichtig. Professor Dumble-
dore hat gesagt, wir dürfen freimütig –«
Dobby schien plötzlich nervös und winkte Harry näher.
Harry beugte sich zu ihm hinunter.
»Er hat gesagt«, flüsterte Dobby, »wenn wir wollen, dürfen
wir ihn einen – einen bekloppten alten Kauz nennen, Sir!«
Dobby ließ ein ängstliches Kichern hören.
»Aber Dobby will nicht, Harry Potter«, sagte er jetzt wie-
der lauter und schüttelte den Kopf, dass ihm die Ohren
schlackerten. »Dobby hat Professor Dumbledore sehr gern,
Sir, und er ist stolz, seine Geheimnisse zu bewahren.«
»Aber über die Malfoys kannst du jetzt sagen, was du
willst?«, fragte Harry grinsend.
Ein Anflug von Furcht trat in Dobbys riesige Augen.
»Dobby – Dobby könnte«, sagte er zweifelnd. Er reckte
seine kleinen Schultern. »Dobby könnte Harry Potter sagen,
seine alten Meister waren – waren – böse schwarze Magier!«
Dobby stand einen Moment lang am ganzen Leib zitternd
da, zu Tode erschrocken über seine eigene Kühnheit – dann
rannte er hinüber zum nächsten Tisch und begann seinen Kopf
schnell und heftig gegen das Tischbein zu schlagen. »Böser
Dobby! Böser Dobby!«
Harry packte Dobby an der Krawattenschlaufe und zerrte
ihn vom Tisch weg.
»Danke, Harry Potter, danke«, japste Dobby und rieb sich
den Kopf.
»Du brauchst nur noch ein wenig Übung«, sagte Harry.
»Übung!«, piepste Winky zornig. »Du, du solltest dich
schämen vor dir selbst, Dobby, so über deine Meister zu
reden!«
»Sie sind nicht mehr meine Meister!«, sagte Dobby trotzig.
»Dobby schert sich nicht mehr darum, was sie denken!«
400
»Du bist ein böser Elf, Dobby!«, stöhnte Winky und wie-
der rannen ihr die Tränen übers Gesicht. »Mein armer Mr
Crouch, was macht er nur ohne Winky? Er braucht mich, er
braucht meine Hilfe! Ich hab mein ganzes Leben lang für die
Familie Crouch gesorgt, und meine Mutter vor mir und mei-
ne Großmutter vor ihr ... oh, was würden sie nur sagen, wenn
sie wüssten, dass Winky frei ist? Oh, welche Schande, welche
Schande!« Sie vergrub das Gesicht in ihren Rock und heulte
erneut los.
»Winky«, sagte Hermine eindringlich. »Ich bin ziemlich
sicher, dass Mr Crouch auch ohne dich sehr gut zurecht-
kommt. Wir haben ihn gesehen, weißt du –«
»Sie haben meinen Meister gesehen?«, hauchte Winky, hob
das tränenverschmierte Gesicht aus ihrem Rock und glubschte
Hermine an. »Sie haben ihn gesehen, hier in Hog-
warts?«
»Ja«, sagte Hermine. »Er und Mr Bagman sind Richter im
Trimagischen Turnier.«
»Mr Bagman ist auch da?«, piepste Winky, und zu Harrys
großer Überraschung (und nach ihren Gesichtern zu schlie-
ßen ging es Ron und Hermine genauso) sah sie plötzlich wie-
der zornig aus. »Mr Bagman ist ein böser Zauberer! Ein sehr
böser Zauberer! Mein Meister mag ihn gar nicht, o nein,
überhaupt nicht!«
»Bagman – soll böse sein?«, sagte Harry.
»O ja«, sagte Winky und nickte eifrig mit dem Kopf.
»Mein Meister hat Winky ein paar Dinge erzählt! Aber
Winky verrät es nicht ... Winky bewahrt die Geheimnisse
ihres Meisters ...«
Wieder brach sie in Tränen aus und schluchzte erstickt in
ihren Rock. »Armer Meister, armer Meister, keine Winky
mehr da, um ihm zu helfen!«
Sie brachten aus Winky kein vernünftiges Wort mehr he-
401
raus. Sie überließen sie ihren Tränen, tranken ihren Tee und
unterhielten sich mit Dobby, der glücklich über sein Leben als
freier Elf plauderte und ihnen erzählte, was er alles mit sei-
nem ersten Geld anfangen wollte.
»Dobby kauft als Erstes einen Pullover, Harry Potter!«,
sagte er ausgelassen und deutete auf seine nackte Brust.
»Ich mach dir 'nen Vorschlag, Dobby«, sagte Ron, der den
Elfen offenbar richtig ins Herz geschlossen hatte, »ich schenk
dir den Pulli, den mir meine Mutter zu Weihnachten strickt,
ich bekomme immer einen von ihr. Du hast doch nichts ge-
gen Kastanienbraun?«
Dobby war entzückt.
»Für dich müssen wir ihn vielleicht ein wenig einlaufen las-
sen«, erklärte Ron, »aber zusammen mit deinem Teewärmer
steht er dir sicher gut.«
Als sie Anstalten machten zu gehen, scharten sich plötzlich
viele der Küchenelfen um sie und boten ihnen Leckereien zum
Mitnehmen an. Hermine lehnte ab, mit peinlich berühr-
tem Blick auf die sich verbeugenden und knicksenden Elfen,
doch Harry und Ron stopften ihre Taschen mit Kremschnit-
ten und Pasteten voll.
»Vielen Dank«, sagte Harry zu den Elfen, die sich allesamt
an der Tür versammelt hatten, um gute Nacht zu sagen. »Bis
bald, Dobby!«
»Harry Potter ... darf Dobby Sie mal besuchen kommen,
Sir?«, fragte Dobby schüchtern.
»Natürlich darfst du«, sagte Harry, und Dobby strahlte.
»Wisst ihr was?«, sagte Ron, als sie die Küche verlassen hat-
ten und die Treppe hoch zurück in die Eingangshalle stiegen.
»All die Jahre war ich ganz beeindruckt von Fred und George,
wie sie ständig Essen aus der Küche geklaut haben – tja, es ist
ja nicht besonders schwierig, oder? Die werfen es einem ja
nach!«
402
»Ich glaube, das ist das Beste, was diesen Elfen passieren
konnte«, sagte Hermine und betrat als Erste die Marmor-
treppe nach oben. »Dass Dobby hierher kam, um zu arbeiten,
meine ich. Die anderen Elfen werden sehen, wie glücklich er
in Freiheit ist, und allmählich wird ihnen dämmern, dass sie
auch frei sein wollen!«
»Hoffentlich sehen sie sich Winky nicht allzu genau an«,
sagte Harry.
»Ach, die wird sich schon wieder fangen«, entgegnete Her-
mine, klang jedoch ein wenig unsicher. »Sobald sie den
Schock überwunden und sich an Hogwarts gewöhnt hat, wird
sie sehen, wie viel besser es ihr geht ohne diesen Widerling
von Crouch.«
»Sie scheint ihn ja zu lieben«, mampfte Ron (er hatte ge-
rade in eine Kremschnitte gebissen).
»Hält aber nicht viel von Bagman, oder?«, sagte Harry. »Ich
frag mich, was Crouch zu Hause so über ihn erzählt hat.«
»Wahrscheinlich, dass er kein besonders guter Abteilungs-
leiter ist«, sagte Hermine, »und ehrlich gesagt ... da ist was
dran, meint ihr nicht?«
»Ich würde trotzdem lieber für ihn als für den ollen Crouch
arbeiten«, sagte Ron. »Ludo Bagman hat wenigstens Sinn für
Humor.«
»Lass das bloß nicht Percy hören«, sagte Hermine milde
lächelnd.
»Natürlich, Percy würde für keinen arbeiten wollen, der
Sinn für Humor hat«, sagte Ron und machte sich über ein
Schoko-Eclair her. »Percy würde einen Witz nicht mal erken-
nen, wenn er nackt und mit Dobbys Teewärmer auf dem Kopf
vor ihm herumtanzen würde.«
403
Die unerwartete Aufgabe
»Potter! Weasley! Werden Sie wohl zuhören?«
Professor McGonagalls gereizte Stimme knallte wie ein
Peitschenhieb durch den Verwandlungsunterricht. Harry und
Ron zuckten zusammen und sahen auf.
Die Dienstagsstunde war fast zu Ende; sie hatten ihre Sa-
chen zusammengeräumt, und die Perlhühner, die sie in
Meerschweinchen verwandelt hatten, steckten nun in einem
großen Käfig auf Professor McGonagalls Schreibtisch (Ne-
villes Meerschweinchen hatte allerdings noch Federn); auch
ihre Hausaufgaben hatten sie von der Tafel abgeschrieben
(»Erläutern Sie anhand von Beispielen, wie der Verwand-
lungszauber aussehen muss, wenn Sie zwischen verschiede-
nen Tiergattungen wechseln wollen«). Jeden Moment musste
es läuten, und Harry und Ron, die sich hinten in der letzten
Reihe einen Schwertkampf mit Freds und Georges Juxzau-
berstäben geliefert hatten, blinzelten jetzt verdutzt; Ron hielt
einen blechernen Papagei, Harry einen Gummikabeljau in der
Hand.
»Nun, Potter und Weasley waren so nett uns zu zeigen, wie
erwachsen sie schon sind«, sagte Professor McGonagall und
warf den beiden einen zornigen Blick zu.
Der Kopf von Harrys Kabeljau – den Rons Papagei soeben
mit dem Schnabel glatt abgetrennt hatte – kullerte geräusch-
los zu Boden.
»Ich habe eine Ankündigung für Sie alle. Der Weihnachts-
ball rückt näher – er gehört traditionell zum Trimagischen
404
Turnier und bietet uns die Gelegenheit, unsere ausländi-
schen Gäste ein wenig näher kennen zu lernen. An diesem Ball
dürfen alle ab der vierten Klasse teilnehmen – doch wenn Sie
möchten, dürfen Sie auch einenjüngeren Mitschü-
ler einladen –«
Lavender Brown brach in schrilles Giggeln aus. Parvati Patil
stieß ihr unsanft in die Rippen, doch auch ihrem Gesicht war
die unendliche Mühe anzusehen, mit der sie einen Kicheranfall
bekämpfte. Beide wandten sich zu Harry um. Professor McGo-
nagall achtete nicht auf sie, was Harry als ausgesprochen unfair
empfand, wo sie doch soeben ihn und Ron gerüffelt hatte.
»Sie werden Ihre Festumhänge tragen«, fuhr Professor
McGonagall fort, »und der Ball wird am ersten Weihnachts-
feiertag um acht Uhr abends in der Großen Halle beginnen und
um Mitternacht enden. Nun denn –«
Professor McGonagall ging mit bedächtigen Schritten durch
die Reihen.
»Der Weihnachtsball gibt uns allen natürlich die Gelegen-
heit, uns – ähm – ein wenig lockerer zu geben«, sagte sie mit
missbilligendem Unterton.
Lavender giggelte noch heftiger und presste die Hand auf
den Mund, um den Anfall zu ersticken. Diesmal begriff Harry,
was denn so komisch sein sollte: Professor McGona-
gall, das Haar zu einem festen Knoten gebunden, sah aus, als
hätte sie sich noch nie locker gegeben.
»Aber das heißt NICHT«, fuhr sie fort, »dass wir die Be-
nimmregeln lockern, denen ein Hogwarts-Schüler zu folgen
hat. Ich wäre höchst unangenehm berührt, sollte ein Gryffin-
dor-Schüler ganz Hogwarts auf irgendeine Weise in Verruf
bringen.«
Es läutete, und wie immer gab es ein kleines Durcheinan-
der, denn alle packten ihre Taschen, warfen sie über die Schul-
tern und stürmten los.
405
»Potter – ich möchte gerne ein Wort mit Ihnen reden«, rief
Professor McGonagall durch den Trubel.
Harry, der annahm, dass es um den kopflosen Gummi-
kabeljau ging, trottete in trister Stimmung nach vorn zum
Lehrertisch.
Professor McGonagall wartete, bis die anderen verschwun-
den waren, dann sagte sie: »Potter, die Champions und ihre
Partner –«
»Welche Partner?«, fragte Harry.
Professor McGonagall sah ihn argwöhnisch an, als ob er
sich über sie lustig machen wollte.
»Ihre Partner für den Weihnachtsball, Potter«, sagte sie
kühl. »Ihre Tanzpartner.«
Harrys Eingeweide schienen sich einzurollen und zusam-
menzuschrumpfen. »Tanzpartner?« Er spürte, wie er rot an-
lief. »Ich tanze nicht«, sagte er rasch.
»O doch, das tun Sie«, sagte Professor McGonagall verär-
gert. »Wenn ich es Ihnen sage. Der Tradition gemäß eröffnen
die Champions und ihre Partner den Ball.«
Harry hatte plötzlich ein Bild von sich vor Augen, in Frack
und Zylinder, begleitet von einem Mädchen in einem Rü-
schenkleid, wie es Tante Petunia immer zu Onkel Vernons
Betriebsfeiern trug.
»Ich tanze nicht«, sagte er.
»Es ist so Tradition«, sagte Professor McGonagall entschie-
den. »Sie sind Hogwarts-Champion und Sie werden tun, was
man von Ihnen als Vertreter Ihrer Schule erwartet. Also sor-
gen Sie dafür, dass Sie eine Partnerin haben, Potter.«
»Aber – ich kann nicht –«
»Sie haben gehört, was ich gesagt habe, Potter«, sagte Pro-
fessor McGonagall, und es klang unmissverständlich nach
dem Ende des Gesprächs.
406
Eine Woche zuvor noch hätte Harry gesagt, eine Partnerin für
einen Tanzabend zu finden wäre ein Kinderspiel im Vergleich
zum Kampf gegen einen Ungarischen Hornschwanz. Doch
nun, da er diesen Kampf bestanden hatte und vor der Aufgabe
stand, ein Mädchen zum Ball zu bitten, hatte er das Gefühl, er
würde es lieber noch einmal mit dem Hornschwanz auf-
nehmen.
Harry hatte noch nie erlebt, dass sich so viele seiner Mit-
schüler auf der Liste derer eintrugen, die über Weihnachten in
Hogwarts bleiben wollten; er selbst blieb natürlich immer in
der Schule, denn die einzige andere Möglichkeit war ja, dass
er in den Ligusterweg zurückkehrte. Doch während er in den
letzten Jahren fast allein im Schloss geblieben war, schien es
nun, als wollten alle Schüler ab der vierten Klasse dableiben
und als hätten sie nur noch den Ball im Kopf- zumindest die
Mädchen, und es war ganz erstaunlich, wie viele Mädchen auf
einmal Hogwarts bevölkerten; bisher war ihm das noch nicht
so richtig aufgefallen. Mädchen, die in den Gängen ki-
cherten und tuschelten, Mädchen, die lachten und kreischten,
wenn Jungen an ihnen vorbeigingen, Mädchen, die ganz auf-
geregt Zettel verglichen, auf denen stand, was sie am Weih-
nachtsabend tragen wollten ...
»Warum müssen die sich immer in Rudeln bewegen?«,
fragte Harry Ron, als ein gutes Dutzend Mädchen, giggelnd
und Harry anstarrend, an ihnen vorbeiging. »Wie soll man da
mal eine allein treffen, um sie zu fragen?«
»Wie war's, wenn du eine mit dem Lasso fängst?«, schlug
Ron vor. »Hast du schon 'ne Ahnung, wen du fragen willst?«
Harry gab keine Antwort. Er wusste ganz genau, wen er
gern fragen würde, aber den Mumm dafür aufzubringen war
gar nicht so einfach ... Cho war ein Jahr älter als er; sie war
sehr hübsch; sie war eine sehr gute Quidditch-Spielerin und sie
war auch sehr beliebt.
407
Ron schien zu wissen, was in Harrys Kopf vor sich ging.
»Hör zu, du wirst sicher keine Schwierigkeiten haben. Du
bist ein Champion. Du hast gerade den Ungarischen Horn-
schwanz geschlagen. Ich wette, sie stehen Schlange, um mit
dir zu diesem Ball zu gehen.«
Aus Achtung vor ihrer gerade erst wieder eingerenkten
Freundschaft hatte Ron die Bitterkeit aus seiner Stimme bis
auf eine winzige Spur verbannt. Und außerdem zeigte sich,
wie Harry verblüfft feststellte, dass er Recht hatte. Ein lo-
ckiges Hufflepuff-Mädchen, mit dem Harry noch nie ein Wort
gesprochen hatte, fragte ihn schon am nächsten Tag, ob er
nicht mit ihr zum Ball gehen wolle. Harry war so verdutzt,
dass er nein sagte, bevor er ernsthaft nachgedacht hatte. Das
Mädchen ging mit ziemlich verletzter Miene davon und Harry
musste während der ganzen Geschichtsstunde Deans, Seamus'
und Rons Spötteleien über sich ergehen lassen. Am nächsten
Tag fragten ihn noch zwei Mädchen, eine Zweit-klässlerin und
(zu seinem Entsetzen) eine Fünftklässlerin, die den Eindruck
machte, als würde sie ihn zu Boden strecken, wenn er
ablehnte.
»Sah aber ziemlich gut aus«, sagte Ron offenherzig, nach-
dem er sich von seinem Lachanfall erholt hatte.
»Sie war über einen Kopf größer als ich«, sagte Harry,
immer noch genervt. »Stell dir vor, wie ich aussähe, wenn ich
versuchen würde mit ihr zu tanzen.«
Hermines Worte über Krum gingen ihm immer wieder
durch den Kopf. »Sie stehen ja nur auf ihn, weil er berühmt ist!«
Harry bezweifelte stark, dass eines der Mädchen, die ihn ge-
fragt hatten, auch dann mit ihm zum Ball gehen wollte, wenn
er nicht der Schul-Champion wäre. Dann fragte er sich, ob ihn
das stören würde, wenn Cho ihn bitten würde.
Alles in allem musste sich Harry eingestehen, dass es ihm
trotz der peinigenden Aussicht, den Ball eröffnen zu müssen,
408
wieder besser ging, seit er die erste Aufgabe geschafft hatte.
Wenn er durch das Schloss lief, musste er sich kaum noch
Spötteleien anhören, und er vermutete, dass vor allem Cedric
dahinter steckte – Harry ahnte vage, dass Cedric, weil er ihm
für seine Drachenwarnung dankbar war, den Hufflepuffs
gesagt hatte, sie sollten ihn in Ruhe lassen. Auch kam es ihm
vor, als würde er immer weniger »Ich bin für CEDRIC
DIGGORY«-Anstecker zu sehen bekommen. Draco Malfoy
zitierte natürlich immer noch bei jeder möglichen Gelegen-
heit lautstark Rita Kimmkorns Artikel, doch er erntete immer
spärlichere Lacher – und wie um Harrys Laune noch zu ver-
bessern, erschien auch kein Artikel über Hagrid im Tages-
propheten.
»Die fand magische Geschöpfe wohl nicht so spannend,
kann ich dir nur sagen«, erklärte Hagrid, als Harry, Ron und.
Hermine ihn in der letzten Stunde Pflege magischer Ge-
schöpfe vor Weihnachten fragten, wie sein Interview mit Rita
Kimmkorn gelaufen war. Zu ihrer gewaltigen Erleichte-
rung ersparte ihnen Hagrid jetzt den direkten Umgang mit den
Krötern, und so hockten sie heute nur hinten im Schutz des
Hüttendachs an einem Klapptisch und bereiteten ein fri-
sches Menü zu, mit dem sie die Kröter in Versuchung führen
wollten.
»Sie wollte, dass ich über dich rede, Harry«, fuhr Hagrid mit
gedämpfter Stimme fort. »Na ja, ich hab ihr gesagt, wir sind
Freunde, seit ich dich von den Dursleys weggeholt hab. > Und
in vier Jahren mussten Sie nie ein Donnerwetter veran-
stalten? < hat sie gesagt. > Er hat Sie im Unterricht nie auf die
Schippe genommen?< – > Nee<, hab ich gesagt, und da war sie
überhaupt nich zufrieden. Hätte fast gedacht, sie wollte, dass
ich sage, du bist 'n furchtbarer Kerl, Harry!«
»Natürlich wollte sie das«, sagte Harry, warf Drachenleber-
stücke in eine große Blechschüssel und nahm sein Messer zur
409
Hand, um noch eine weitere Leber zu schneiden. »Sie kann
nicht die ganze Zeit schreiben, was für ein tragischer kleiner
Held ich bin, das wird doch langweilig.«
»Sie will eben hinter die Kulissen sehen, Hagrid«, sagte Ron
weise und pellte ein weiteres Salamanderei. »Du hättest sagen
sollen, Harry ist ein verrückter Unruhestifter!«
»Das ist er aber nicht!«, sagte Hagrid und schien aufrichtig
schockiert.
»Sie hätte Snape interviewen sollen«, sagte Harry grim-
mig. »Er wird bestimmt eines Tages so richtig über mich
auspacken. > Seit er an dieser Schule ist, übertritt er ständig
Grenzen ...<«
»Das hat er gesagt, ne?«, sagte Hagrid unter dem Gelächter
von Ron und Hermine. »Tja, du hast vielleicht 'n paar Regeln
strapaziert, Harry, aber im Grunde bist du 'n anständiger Kerl,
oder?«
»Schon gut, Hagrid«, sagte Harry grinsend. »Kommst du
eigentlich zu diesem komischen Ball an Weihnachten,
Hagrid?«, fragte Ron.
»Dachte, ich könnt mal vorbeischauen, ja«, sagte Hagrid
brummig. »Könnt ganz lustig werden, denk ich mal. Du er-
öffnest den Ball, nicht wahr, Harry? Wen nimmst du mit?«
»Hab noch keine«, sagte Harry und merkte, wie er schon
wieder rot anlief.
Hagrid drang nicht weiter in ihn ein.
In der letzten Woche vor den Weihnachtsferien ging es im-
mer turbulenter zu. Durch das ganze Schloss schwirrten Ge-
rüchte über den Weihnachtsball, doch Harry glaubte nicht die
Hälfte davon – zum Beispiel hieß es, Dumbledore hätte bei
Madam Rosmerta achthundert Fässer eingelegtes Fleisch ge-
kauft. Es schien jedoch zu stimmen, dass er die Schwestern
des Schicksals gebucht hatte. Wer genau diese Schwestern
waren, wusste Harry nicht, da er nie eines dieser Zauberradios
410
besessen hatte, doch aus der wilden Begeisterung jener, die
mit den Klängen des Magischen Rundfunks (MRF) aufge-
wachsen waren, schloss er, dass sie eine sehr berühmte Musik-
gruppe sein mussten.
Einige Lehrer, etwa der kleine Professor Flitwick, gaben es
ganz auf, sie zu unterrichten, da sie mit den Gedanken doch
ständig woanders waren; in seiner Stunde am Dienstag durften
sie spielen, und er selbst saß die meiste Zeit bei Harry und
sprach mit ihm über seinen tadellos gelungenen Aufrufezauber
bei der ersten Turnierrunde. Andere Lehrer waren nicht so
großzügig. Nichts würde zum Beispiel Pro-
fessor Binns davon abhalten, seine Aufzeichnungen über die
Kobold-Aufstände durchzuwälzen – da Binns sich nicht ein-
mal durch seinen eigenen Tod vom Unterricht hatte abhal-
ten lassen, vermuteten sie, dass eine Kleinigkeit wie Weih-
nachten ihn auch nicht aus der Bahn werfen würde. Es war
erstaunlich, wie es Binns gelang, selbst die blutigen und las-
terhaften Zeiten der Kobold-Unruhen so langweilig klingen zu
lassen wie Percys Kesselgutachten. Auch die Professoren
McGonagall und Moody hielten sie bis zur letzten Minute des
Unterrichts auf Trab, und Snape dachte natürlich ge-
nauso wenig daran, sie im Unterricht spielen zu lassen, wie
Harry zu adoptieren. Er starrte gehässig in die Runde und teilte
ihnen mit, dass er sie in der letzten Stunde zum Thema
Gegengifte prüfen würde.
»So ein Armleuchter«, sagte Ron erbittert, als sie an die-
sem Abend im Gemeinschaftsraum der Gryffindors saßen.
»Am allerletzten Tag kommt er uns noch mit einem Test.
Ruiniert die letzte Woche mit einer Unmenge Büffelei.«
»Mmm ... du überanstrengst dich auch nicht gerade, oder?«,
sagte Hermine und schaute ihn über den Rand ihrer
Zaubertranknotizen hinweg an. Ron war damit beschäftigt,
ein Kartenschloss aus seinen explosiven Mau-Mau-Karten
411
zu bauen, mit denen sie immer Snape explodiert gespielt
hatten – und mit diesen Karten war es viel prickelnder als mit
Muggelkarten, weil das Ganze ja jederzeit in die Luft fliegen
konnte.
»Es ist Weihnachten, Hermine«, sagte Harry träge; er fläzte
sich in einem Sessel am Feuer und las jetzt zum zehnten Mal
Fliegen mit den Cannons.
Hermine versetzte auch ihm einen strengen Blick. »Ich hätte
gedacht, du tust was Nützliches, Harry, wenn du schon deine
Gegengifte nicht lernen willst!«
»Was zum Beispiel?«, fragte Harry und sah zu, wie Joey
Jenkins von den Cannons einen Klatscher gegen einen Jäger
der Flammenden Fledermäuse knallte. »Dieses Ei!«, zischte
Hermine.
»Nun ist aber gut, Hermine, ich hab doch noch Zeit bis zum
vierundzwanzigsten Februar«, sagte Harry.
Er hatte das goldene Ei oben in seinen Koffer gelegt und es
seit der Siegesfete nach der ersten Runde nicht mehr geöffnet.
Schließlich musste er erst in zweieinhalb Monaten wissen, was
es mit diesem kreischenden Gejammer auf sich hatte.
»Aber vielleicht brauchst du Wochen, um es rauszufin-
den!«, sagte Hermine. »Dann stehst du wirklich da wie ein
Idiot, wenn alle anderen die nächste Aufgabe schon kennen
und du nicht!«
»Lass ihn in Ruhe, Hermine, er hat sich eine kleine Pause
verdient«, sagte Ron. Er stellte die letzten zwei Karten auf die
Spitze seines Turms und das ganze Kartenhaus explodierte
und versengte ihm die Augenbrauen.
»Siehst ja hübsch aus, Ron ... passt sicher gut zu deinem
Festumhang.«
Es waren Fred und George. Sie setzten sich an den Tisch zu
Harry, Ron und Hermine, während Ron mit den Fingern den
Brandschaden in seinem Gesicht betastete.
412
»Ron, können wir uns Pigwidgeon ausleihen?«, fragte
George.
»Nein, er ist mit einem Brief unterwegs«, sagte Ron.
»Warum?«
»Weil George ihn zum Ball einladen will«, sagte Fred
trocken.
»Weil wir einen Brief verschicken wollen, du Riesenrind-
vieh«, setzte George hinzu.
»An wen schreibt ihr da eigentlich die ganze Zeit?«, fragte
Ron.
»Steck deine Nase nicht in unsere Angelegenheiten, oder ich
verbrenn sie dir auch noch«, sagte Fred und fuchtelte be-
drohlich mit dem Zauberstab. »Wie steht's ... habt ihr schon
eure Mädchen für den Ball?«
»Nee«, sagte Ron.
»Tja, ihr solltet euch besser beeilen, sonst sind die besten
weg«, sagte Fred.
»Und mit wem gehst du?«, fragte Ron.
»Angelina«, sagte Fred wie aus der Pistole geschossen und
ohne eine Spur Verlegenheit.
»Wie bitte?«, sagte Ron verdutzt. »Hast du sie schon ge-
fragt?«
»Gut, dass du's sagst«, meinte Fred. Er wandte den Kopf
und rief durch den Gemeinschaftsraum: »Hey! Angelina!«
Angelina, die sich am Kamin mit Alicia Spinnet unterhalten
hatte, sah zu ihm herüber.
»Was gibt's?«, rief sie.
»Willst du mit mir zum Ball gehen?«
Angelina musterte Fred einen Augenblick lang abschätzend.
»Na gut«, sagte sie und wandte sich dann verhalten grin-
send wieder Alicia und ihrer Unterhaltung zu.
»Na bitte«, sagte Fred zu Harry und Ron, »nichts leichter
als das.«
413
Er stand auf und gähnte: »Dann nehmen wir eben 'ne
Schuleule. George, komm mit ...«
Sie gingen hinaus. Ron ließ jetzt seine Augenbrauen in
Ruhe und sah über die schwelende Ruine seines Kartenhauses
hinweg Harry an.
»Wir sollten tatsächlich was unternehmen ... einfach je-
manden fragen. Er hat Recht. Wir wollen ja schließlich nicht
mit einem Paar Trollinnen aufkreuzen.«
Hermine prustete entrüstet los. »Einem Paar ... was bitte?«
»Na ja – du weißt schon«, sagte Ron achselzuckend. »Ich
würd lieber allein gehen als zum Beispiel mit – Eloise
Midgeon.«
»Mit ihren Pickeln ist es in letzter Zeit viel besser gewor-
den – und sie ist wirklich nett!«
»Ihre Nase ist verrutscht«, sagte Ron.
»Oh, verstehe«, köchelte Hermine. »Kurz und gut, du
nimmst das bestaussehende Mädchen, das mit dir gehen will,
selbst wenn sie ganz unausstehlich ist?« <
»Ähm – ja, so ungefähr«, sagte Ron.
»Ich geh schlafen«, fauchte Hermine und rauschte ohne ein
weiteres Wort zur Mädchentreppe davon.
Die Lehrerschaft von Hogwarts, ganz offensichtlich von dem
Wunsch beseelt, die Gäste aus Beauxbatons und Durmstrang
zu beeindrucken, schien entschlossen, die Schule dieses
Weihnachten von ihrer besten Seite zu präsentieren. Sie wurde
nun festlich geschmückt, und Harry musste feststellen, dass er
das Schloss noch nie in so verblüffendem Gewand ge-
sehen hatte. An den Geländern der Marmortreppe hingen
ewige Eiszapfen; die üblichen zwölf Christbäume in der Gro-
ßen Halle waren mit allem Erdenklichen geschmückt, von
leuchtenden Holunderbeeren bis zu echten, schuhuhenden
Goldeulen; die Rüstungen waren allesamt verhext und san-
414
gen Weihnachtslieder, wenn man an ihnen vorbeiging. Es war
schon beeindruckend, einen leeren Helm, der die Hälfte des
Textes vergessen hatte, »Ihr Kinderlein kommet« singen zu
hören. Filch, der Hausmeister, musste wiederholt Peeves aus
den Rüstungen zerren, wo er sich gerne versteckte und die
Lücken in den Liedern mit selbst gebastelten und allesamt sehr
unanständigen Reimen füllte.
Harry hatte Cho noch immer nicht gefragt, ob sie mit ihm
zum Ball gehen wollte. Er und Ron wurden allmählich ner-
vös, doch Harry meinte, Ron würde ohne Partnerin bei wei-
tem nicht so dumm dastehen wie er; immerhin sollten Harry
und die anderen Champions den Ball eröffnen.
»Es gibt ja immer noch die Maulende Myrte«, sagte er trüb-
selig, in Gedanken bei dem Geist, der im Mädchenklo im
zweiten Stock spukte.
»Harry – wir müssen die Zähne zusammenbeißen und es
einfach tun«, sagte Ron am Freitagmorgen in einem Ton, als
ob es darum ginge, eine uneinnehmbare Festung zu stürmen.
»Wenn wir uns heute Abend im Gemeinschaftsraum treffen,
haben wir beide eine Partnerin – abgemacht?«
»Ähm – einverstanden«, sagte Harry.
Doch jedes Mal, wenn er Cho an diesem Tag sah – in der
Pause und dann beim Mittagessen und später wieder auf dem
Weg zu Geschichte der Magie -, war sie von einer Traube
Freundinnen umgeben. Ging sie denn nie irgendwo allein hin?
Sollte er vielleicht warten und dann auf sie losstürmen, wenn
sie aufs Klo ging? Aber nein – selbst aufs Klo schien sie mit
einem Geleitzug aus vier oder fünf Mädchen zu gehen. Doch
wenn er es nicht bald tat, würde ihm sicher ein anderer
zuvorkommen.
Er konnte bei Snapes Gegengiftprüfung kaum einen ver-
nünftigen Gedanken fassen, vergaß dann auch die wichtigste
Zutat – einen Gallenstein – und bekam prompt eine mise-
415
rable Note. Doch es war ihm egal; er war ausschließlich damit
beschäftigt, seinen Mumm für das zusammenzukratzen, was er
gleich vorhatte. Als es läutete, packte er seine Tasche und
hastete zur Kerkertür.
»Wir sehen uns beim Abendessen«, rief er Ron und Her-
mine zu und sprintete die Treppe hoch.
Er musste Cho doch nur um ein Wort unter vier Augen bit-
ten, das war alles ... auf der Suche nach ihr hastete er durch die
rappelvollen Gänge und dann (immerhin früher als er-
wartet) fand er sie, als sie gerade aus Verteidigung gegen die
dunklen Künste kam.
»Ähm – Cho? Könnte ich dich kurz sprechen?«
Kichern sollte verboten werden, dachte Harry zornig, als
alle Mädchen um Cho herum damit anfingen. Sie allerdings
nicht. Sie sagte »gut« und folgte ihm außer Hörweite ihrer
Klassenkameradinnen.
Harry wandte sich zu ihr um und sein Magen tat einen
merkwürdigen Hüpfer, als ob er beim Treppabgehen eine
Stufe verpasst hätte.
»Ähm«, sagte er.
Er konnte sie nicht fragen. Er konnte es einfach nicht. Doch
er musste. Cho stand da und sah ihn verwirrt an.
Die Worte kamen heraus, bevor Harry seine Zunge richtig
um sie geschlungen hatte.
»Willuballmimir?«
»Wie bitte?«, sagte Cho.
»Willst du – willst du mit mir zum Ball gehen?«, sagte
Harry.
Warum musste er jetzt rot werden? Warum?
»Oh!«, sagte Cho und auch sie wurde rot. »Oh, Harry, tut
mir wirklich Leid«, und sie sah tatsächlich danach aus. »Ich
bin schon mit jemand anderem verabredet.«
»Oh«, sagte Harry.
416
Es war doch komisch; noch vor einem Augenblick hatten
sich seine Eingeweide gewunden wie ein Haufen Schlangen,
doch plötzlich schien er überhaupt keine Eingeweide mehr zu
haben.
»Oh, schon gut«, sagte er, »kein Problem.«
»Tut mir wirklich Leid«, sagte sie noch mal.
»Schon gut«, sagte Harry.
Sie standen da und sahen sich an, dann sagte Cho: »Nun –«
»Ja«, sagte Harry.
»Gut, bis dann«, sagte Cho, immer noch ziemlich rot, und
ging davon.
Dann, bevor er wusste, was er tat, rief Harry ihr nach:
»Mit wem gehst du denn?«
»Oh – mit Cedric«, sagte sie. »Cedric Diggory.«
»Oh, verstehe«, sagte Harry.
Seine Eingeweide waren wieder da. Allerdings fühlten sie
sich jetzt an, als wären sie zwischenzeitlich mit Blei gefüllt
worden.
Das Abendessen hatte Harry völlig vergessen und langsam
stieg er die Treppen zum Gryffidor-Turm hoch. Chos Stimme
klang ihm bei jedem Schritt in den Ohren. > Cedric -Cedric
Diggorys In letzter Zeit hatte er eigentlich begonnen, Cedric zu
mögen – und war schon bereit gewesen zu verges-
sen, dass er ihn einmal im Quidditch geschlagen hatte und dass
er hübsch war und beliebt und der Lieblingschampion von fast
allen. Doch nun war ihm plötzlich klar, dass Cedric ein
nichtsnutziger Schönling war, dessen gesammelter Grips nicht
mal einen Eierbecher füllte.
»Lichterfee«, sagte er dumpf zu der fetten Dame – das Pass-
wort war tags zuvor geändert worden.
»Ja, in der Tat, mein Lieber!«, trällerte sie, zupfte ihr neues
Lametta-Haarband zurecht und schwang beiseite, um ihn
einzulassen.
417
Harry trat in den Geineinschaftsraum und sah sich um. Zu
seiner Überraschung sah er Ron mit aschgrauem Gesicht an
einem Tisch weit hinten sitzen. Bei ihm saß Ginny, die offen-
bar mit leiser, tröstender Stimme auf ihn einredete.
»Was gibt's, Ron?«, sagte Harry und setzte sich dazu.
Ron hob den Kopf und sah Harry mit einem Ausdruck
blinden Entsetzens an. »Warum hab ich das nur getan?«, stieß
er wütend hervor. »Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist!«
»Was denn?«, sagte Harry.
»Er – ähm – er hat eben Fleur Delacour gefragt, ob sie mit
ihm zum Ball gehen will«, sagte Ginny. Sie sah aus, als würde
sie ein Lächeln unterdrücken, tätschelte jedoch weiterhin
mitfühlend Rons Arm.
»Du hast was?«, sagte Harry.
»Ich weiß nicht, was mich da geritten hat!«, keuchte Ron.
»Was war mit mir los? Da waren Leute – überall – ich muss
verrückt geworden sein – und alle haben zugesehen! Es war in
der Eingangshalle, sie stand da und unterhielt sich mit Dig-
gory, und ich bin nur so an ihr vorbeigegangen – da hat es
mich irgendwie gepackt – und ich hab sie gefragt!«
Ron stöhnte und schlug die Hände vors Gesicht. Er sprach
weiter, doch seine Worte waren kaum zu verstehen. »Sie hat
mich angeschaut, als wär ich eine Meeresschnecke oder so
was. Hat nicht geantwortet. Und dann – ich weiß nicht -, dann
bin ich wohl wieder zu mir gekommen und bin abge-
hauen.«
»Sie hat was von einer Veela«, sagte Harry. »Du hattest
Recht – ihre Großmutter war eine. Es war nicht dein Fehler,
ich wette, du bist in dem Moment an ihr vorbeigegangen, als
sie Diggory mit ihrem unheimlichen Charme besprühte, und
du hast was davon abbekommen – aber das hat ihr nichts ge-
nutzt. Er geht mit Cho Chang.«
Ron sah auf.
418
»Ich hab sie eben noch gefragt, ob sie mit mir kommen
will«, sagte Harry traurig, »und sie hat es mir erzählt.«
Ginny hatte plötzlich aufgehört zu lächeln.
»Das ist doch verrückt«, sagte Ron, »jetzt sind wir die Ein-
zigen, die niemanden haben – na ja, außer Neville. Hey – rat
mal, wen er gefragt hat! Hermine!«
»Wie bitte?« Harry war durch diese verblüffende Neuig-
keit ganz von den eigenen Sorgen abgelenkt.
»Ja, stimmt!«, sagte Ron und fing an zu lachen, was ihm
wieder ein wenig Farbe ins Gesicht trieb. »Er hat es mir nach
Zaubertränke gesagt! Sie sei ja immer so nett zu ihm gewesen,
hätte ihm bei den Hausaufgaben geholfen und alles – aber sie
hätte gesagt, sie sei schon verabredet. Ha! Denkste! Sie wollte
nur nicht mit Neville ... na ja, ich meine, wer will das schon?«
»Hört auf!«, sagte Ginny gereizt. »Lacht nicht –«
In diesem Augenblick kletterte Hermine durch das Porträt-
loch.
»Warum wart ihr beide nicht beim Abendessen?«, fragte sie
und kam an ihren Tisch.
»Weil – seid still, ihr beiden -, weil sie gerade eben Körbe
von zwei Mädchen gekriegt haben!«, antwortete Ginny.
Das ließ Harry und Ron verstummen.
»Wie nett von dir, Ginny«, sagte Ron säuerlich.
»Alle gut Aussehenden sind schon weg, Ron?«, sagte Her-
mine schnippisch. »Eloise Midgeon sieht allmählich immer
hübscher aus, oder? Nun, ich bin sicher, irgendwo findet ihr
irgendeine, die euch haben will.«
Doch Ron starrte Hermine an, als würde er sie plötzlich in
einem ganz anderen Licht sehen. »Hermine, Neville hat
Recht – du bist tatsächlich ein Mädchen ...«
»Oh, gut beobachtet«, sagte sie bissig.
»Nun ja – du kannst mit einem von uns gehen!«
»Nein, kann ich nicht«, fauchte Hermine.
419
»Ach, nun hab dich nicht so«, sagte Ron ungeduldig, »wir
brauchen Partnerinnen, wie stehen wir denn da, wenn wir
keine haben, alle anderen haben welche ...«
»Ich kann nicht mit euch gehen«, sagte Hermine errötend,
»weil ich schon jemanden habe.«
»Nein, hast du nicht!«, entgegnete Ron. »Das hast du nur
gesagt, um Neville loszuwerden!«
»Aach, wie genau du das weißt!«, sagte Hermine und ihre
Augen blitzten gefährlich. »Nur weil ihr drei Jahre gebraucht
habt, Ron, heißt das noch lange nicht, dass kein anderer be-
merkt hat, dass ich ein Mädchen bin!«
Ron starrte sie an. Dann begann er wieder zu grinsen.
»Schon gut, schon gut, wir wissen, dass du ein Mädchen
bist«, sagte er. »Ist es jetzt gut? Kommst du nun mit oder
nicht?«
»Ich hab's dir doch gesagt!«, fauchte Hermine zornig. »Ich
geh mit einem anderen!«
Und sie stürmte in Richtung Mädchenschlafsaal davon.
Ron sah ihr nach. »Sie lügt«, sagte er matt.
»Tut sie nicht«, flüsterte Ginny.
»Und wer soll es denn sein?«, fragte Ron scharf.
»Das erzähl ich dir nicht, es ist ihre Angelegenheit«, sagte
Ginny.
»Na schön«, sagte Ron, der höchst missgelaunt aussah, »das
wird mir allmählich zu dumm. Ginny, du kannst mit Harry
gehen, und ich werd einfach –«
»Das geht nicht«, sagte Ginny und nun lief auch sie schar-
lachrot an. »Ich gehe mit – mit Neville. Er hat mich gefragt,
als Hermine nein gesagt hat, und ich dachte ... wisst ihr ... ich
würde sonst nicht mitkommen können, ich bin doch noch nicht
in der vierten Klasse.« Sie sah ganz elend aus. »Ich glaub, ich
geh mal runter zum Abendessen«, sagte sie, stand mit hän-
gendem Kopf auf und kletterte durch das Porträtloch.
420
Ron sah Harry mit hervorquellenden Augen an.
»Was ist bloß in die beiden gefahren?«, fragte er.
Doch Harry hatte gerade Parvati und Lavender durch das
Porträtloch hereinkommen sehen. Die Zeit war reif für einen
Befreiungsschlag.
»Warte hier«, sagte er zu Ron, stand auf und ging gerade-
wegs auf Parvati zu.
»Parvati? Möchtest du nicht mit mir zum Ball kommen?«
Parvati überkam ein Kicherkrampf. Harry wartete mit in der
Tasche gekreuzten Fingern, bis sie sich beruhigt hatte.
»Ja, eigentlich schon«, sagte sie endlich und wurde feuerrot.
»Danke«, sagte Harry erleichtert. »Lavender – möchtest du
mit Ron gehen?«
»Sie geht schon mit Seamus«, sagte Parvati und die beiden
fingen noch heftiger an zu kichern.
Harry seufzte.
»Wisst ihr vielleicht ein Mädchen, das mit Ron gehen
würde?«, sagte er mit gedämpfter Stimme, damit Ron nichts
hörte.
»Was ist mit Hermine Granger?«, sagte Parvati.
»Sie hat schon jemanden.«
Parvati schien verblüfft.
»Oooooh – wen?«, fragte sie spitz.
Harry zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Also, was ist mit
Ron?«
»Na ja ...«, sagte Parvati langsam, »ich glaube, meine
Schwester würde vielleicht ... Padma, weißt du ... in Raven-
claw. Ich frag sie, wenn du möchtest.«
»Ja, das wär klasse«, sagte Harry. »Und sag mir Bescheid,
ja?«
Er ging mit dem Gefühl zu Ron zurück, so viel Mühe wäre
dieser Ball doch nicht wert. Hoffentlich saß Padma Patils Nase
genau in der Mitte.
421
Der Weihnachtsball
Zwar hatten die Viertklässler eine Unmenge Hausaufgaben mit
in die Ferien bekommen, doch während der ersten freien Tage
hatte Harry einfach keine Lust zu arbeiten und ließ es sich in
den Vorweihnachtstagen, wie alle anderen auch, möglichst gut
gehen. Im Gryffindor-Turm sah man kaum weniger Schüler
als während der Unterrichtszeit, und es schien sogar ein wenig
enger geworden zu sein, denn die Dagebliebenen machten viel
mehr Radau als sonst. Fred und George hatten mit ihren
Kanarienkremschnitten einen gro-
ßen Erfolg gelandet, und während der ersten Ferientage
passierte es andauernd, dass einem der Schüler plötzlich ein
Federkleid wuchs. Doch es dauerte nicht lange, bis die Gryf-
findors alles, was ihnen zu essen angeboten wurde, mit äu-
ßerster Vorsicht genossen, denn es konnte ja Kanarienkrem
drin sein, und George teilte Harry ganz im Vertrauen mit, dass
sie mit einer Neuentwicklung beschäftigt waren. Harry nahm
sich fest vor, von Fred und George in Zukunft nicht einmal
mehr einen Kartoffelchip anzunehmen. Dudley und sein
Würgzungen-Toffee hatte er nämlich noch in guter Er-
innerung.
Dichter Schnee fiel auf das Schloss und die Ländereien. Die
blassblaue Beauxbatons-Kutsche sah neben dem glasier-
ten Lebkuchenhäuschen, in das sich Hagrids Hütte verwan-
delt hatte, wie ein großer, in Eiswasser getauchter Kürbis
aus, und auch die Bullaugen des Durmstrang-Schiffes waren
vereist, die Masten und Leinen kristallweiß gepudert. Die
422
Hauselfen unten in der Küche übertrafen sich selbst mit einer
Folge reichhaltiger, wärmender Eintöpfe und pikanter
Nachspeisen, und nur Fleur Delacour schien immer etwas
zu finden, über das sie sich beschweren konnte.
»Es ist zu schwer, dieses Essen in 'Ogwarts«, hörten sie
Fleur eines Abends murren, als sie hinter ihr die Große
Halle verließen. (Ron ging geduckt hinter Harry, damit sie
ihn ja nicht sehen konnte.) »Isch werde nischt in mein
Abendkleid passen!«
»Ooooh, was für eine Tragödie«, feixte Hermine, wäh-
rend Fleur nach draußen ging. »Ganz schön eingebildet, un-
sere Mademoiselle.«
»Hermine – mit wem gehst du zum Ball?«, fragte Ron.
Fortwährend plagte er sie mit dieser Frage, in der Hoff-
nung, sie einmal zu überrumpeln und eine Antwort aus ihr
rauszuschütteln. Hermine hob jedoch nur die Brauen und
meinte: »Ich sag es dir nicht, sonst machst du dich nur über
mich lustig.«
»Machst du Witze, Weasley?«, tönte Malfoy hinter ihnen.
»Du willst mir doch nicht erzählen, jemand habe das hier
zum Ball eingeladen? Doch nicht das Schlammblut mit den
langen Hauern?«
Harry und Ron wirbelten herum, doch Hermine blickte
über Malfoys Schulter, winkte und rief: »Hallo, Professor
Moody!«
Malfoy erbleichte, sprang erschrocken einen Schritt zu-
rück und sah sich hektisch um, doch Moody saß immer noch
am Lehrertisch und verspeiste den Rest seines Eintopfs.
»Was für ein verschrecktes kleines Frettchen du doch bist,
Malfoy«, höhnte Hermine und schritt laut lachend mit Ron
und Harry auf die Marmortreppe zu.
»Hermine«, sagte Ron und sah sie plötzlich stirnrunzelnd
von der Seite her an, »deine Zähne ...«
423
»Was ist damit?«, fragte sie.
»Na ja, sie sind anders ... fällt mir gerade auf ...«
»Natürlich – hast du geglaubt, ich behalte diese Beißer, die
mir Malfoy verpasst hat?«
»Nein, ich meine, sie sehen auch anders aus, als sie waren,
bevor er dich mit diesem Fluch belegt hat ... sie sind alle ...
regelmäßig und – nicht mehr zu groß.«
Hermine lächelte auf einmal hinterlistig, und auch Harry fiel
es jetzt auf: Es war ein ganz anderes Lächeln, als er es von ihr
kannte.
»Das war so ... ich bin nach oben gegangen zu Madam
Pomfrey, um die Zähne schrumpfen zu lassen, und sie hat mir
einen Spiegel vors Gesicht gehalten und gemeint, ich solle
Halt sagen, wenn sie wieder so sind wie früher. Und ich hab
sie einfach ... ein wenig weiterzaubern lassen.« Hermi-
nes Lächeln war noch eine Spur breiter geworden. »Mum und
Dad wird das gar nicht gefallen. Ich hab ewig lang ver-
sucht sie zu überreden, dass ich sie schrumpfen lassen darf,
aber sie wollten unbedingt, dass ich meine Klammer weiter
trage. Du weißt doch, sie sind Zahnärzte, sie halten einfach
nichts davon, wenn Zähne und Zauberei – ach, sieh mal!
Pigwidgeon ist wieder da!«
Rons winziger Steinkauz saß mit einer Pergamentrolle am
Bein auf dem eiszapfenschweren Treppengeländer und
zwitscherte wie verrückt. Im Vorbeigehen deuteten ein paar
Schüler auf ihn und lachten und eine Gruppe Drittklässle-
rinnen blieb stehen. »Oh, schaut euch mal diese Winzeule an!
Ist sie nicht niedlich?«
»Dummes kleines fedriges Biest!«, zischte Ron, nahm ein
paar Stufen auf einmal nach oben, packte Pigwidgeon und
schloss ihn in die Faust. »Das nächste Mal bringst du den
Brief gleich zum Empfänger! Ohne zu trödeln und dich
wichtig zu machen!«
424
Pigwidgeon quetschte den Kopf aus Rons Faust hervor
und schuhuhte vergnügt. Die Drittklässlerinnen machten
erschrockene Mienen.
»Verschwindet!«, fauchte Ron sie an und fuchtelte mit der
Faust, und Pigwidgeon schuhuhte noch ausgelassener, als er so
rasch durch die Luft geschleudert wurde. »Hier – nimm du
das, Harry«, fügte Ron gedämpft hinzu, und die Dritt-
klässlerinnen trotteten mit empörten Blicken davon. Ron zog
Sirius' Antwortbrief vorsichtig von Pigwidgeons Bein, Harry
steckte ihn in die Tasche, und sie hasteten nach oben in den
Gryffindor-Turm, um den Brief zu lesen.
Im Gemeinschaftsraum waren alle immer noch so sehr
damit beschäftigt, Feriendampf abzulassen, dass keiner groß
darauf achtete, was um ihn her vor sich ging. Die drei setz-
ten sich ein wenig abseits von den anderen an ein fast schon
zugeschneites Fenster, und Harry las vor:
Lieber Harry,
meinen Glückwunsch, dass du an diesem Hornschwanz vor-
beigekommen bist. Wer auch immer deinen Namen in den
Kelch geworfen hat, wird jetzt nicht sonderlich glücklich sein!
Ich wollte dir eigentlich einen Bindehautentzündungs-Fluch
vorschlagen, da die Augen die schwächste Stelle eines
Drachen sind –
»Genau das, was Krum gemacht hat!«, flüsterte Hermine.
– aber deine List war besser, Hut ab.
Jetzt ruh dich aber nicht auf deinen Lorbeeren aus, Harry. Du
hast erst eine Aufgabe geschafft; wer immer dich ins Turnier
gebracht hat, wird noch genug Gelegenheit ha-
ben, dir etwas anzutun. Halt die Augen offen – besonders
wenn der, von dem wir gesprochen haben, in der Nähe
425
ist – und achte vor allem darauf, dir keinen Ärger einzu-
handeln.
Schreib mir wieder; ich möchte auch weiterhin von allen
ungewöhnlichen Vorkommnissen erfahren.
Sirius
»Er hört sich genauso an wie Moody«, sagte Harry leise und
steckte den Brief zurück in den Umhang. » > Immer wachsam!<
Man könnte meinen, ich laufe blind in der Gegend herum
und krache ständig gegen Wände ...«
»Aber er hat Recht, Harry«, sagte Hermine, »du hast tat-
sächlich noch zwei Aufgaben vor dir. Du solltest dir dieses Ei
wirklich mal genauer ansehen und allmählich herausfinden,
was es zu bedeuten hat ...«
»Ja, schon gut, schon gut«, brummte Harry. Dann sah er
den Ausdruck auf Hermines Gesicht und sagte: »Und wie
bitte soll ich mich konzentrieren bei diesem Lärm? Bei dem
Radau, den die Meute hier macht, kann ich das Ei ja nicht
mal hören.«
»Wenn du meinst«, seufzte sie, ließ sich in ihren Sessel zu-
rücksinken und sah den beiden beim Schachspiel zu, das
Ron mit einem tollen Schachmatt beendete, bei dem ein
paar todesmutige Bauern und ein sehr brutaler Läufer die
Hauptrollen spielten.
Am Weihnachtsmorgen erwachte Harry ganz plötzlich. Ver-
wundert, was ihn aus dem Schlaf gerissen hatte, öffnete er
die Augen. Ein Wesen starrte ihn mit riesigen, grünen Tel-
leraugen aus der Dunkelheit heraus an, und es war ihm so
nahe, dass es fast seine Nasenspitze berührte.
»Dobby!«, rief Harry und krabbelte so hastig weg von
dem Elfen, dass er fast aus dem Bett fiel. »Was soll denn
das?«
426
»Dobby bittet um Verzeihung, Sir!«, quiekte Dobby ver-
schüchtert, presste die langen Finger auf den Mund und
trampelte rückwärts über die Decke. »Dobby will Harry Potter
nur frohe Weihnachten wünschen und ihm ein Ge-
schenk bringen, Sir!«
»Ist schon gut«, sagte Harry, noch immer ein wenig kurz-
atmig, während sein Herzschlag sich wieder beruhigt hatte.
»Das nächste Mal – stups mich meinetwegen, aber beug dich
bloß nicht so über mein Gesicht wie vorhin ...«
Harry zog die Vorhänge des Himmelbetts zurück, nahm die
Brille vom Nachttisch und setzte sie auf. Sein Schrei hatte
Ron, Seamus, Dean und Neville geweckt. Alle blinzel-
ten mit verquollenen Augen und zerzausten Haaren zwi-
schen ihren Vorhängen hindurch.
»Hat dich jemand angegriffen, Harry?«, fragte Seamus
schläfrig.
»Nein, es ist nur Dobby«, murmelte Harry. »Du kannst
weiterschlafen.«
»Nöh ... Geschenke!«, sagte Seamus, dem jetzt ein Berg von
Päckchen am Fußende seines Bettes aufgefallen war. Auch
Ron, Dean und Neville fanden, da sie nun schon einmal wach
waren, könnten sie sich ja auch gleich ans
Geschenkeauspacken machen. Harry wandte sich wieder
Dobby zu, der jetzt hibbelig an Harrys Bett stand und im-
mer noch schuldbewusst dreinsah, weil er ihn erschreckt hatte.
An der Schlaufe seines Teewärmers baumelte eine
Christbaumkugel.
»Darf Dobby Harry Potter sein Geschenk geben?«, quiekte
er schüchtern.
»Natürlich«, sagte Harry. »Ähm ... ich hab auch was für
dich.«
Das war eine Lüge; er hatte überhaupt nichts für Dobby
gekauft, dennoch öffnete er rasch seinen Koffer und zog ein
427
besonders schlabberiges verknäultes Paar Socken heraus. Sie
waren seine ältesten und widerlichsten, von senfgelber Farbe,
und hatten einst Onkel Vernon gehört. Besonders schlabberig
waren sie, weil Harry sie nun schon seit einem Jahr über sein
Spickoskop zog. Er nahm das Spickoskop he-
raus, reichte Dobby die Socken und sagte: »Tut mir ja Leid,
hab vergessen sie zu verpacken ...«
Doch Dobby war maßlos entzückt.
»Socken sind Dobbys liebste, liebste Kleidungsstücke,
Sir!«, sagte er, riss sich seine zwei verschiedenfarbigen von
den Füßen und zog Onkel Vernons Socken an.
»Ich hab siebenjetzt, Sir ... aber Sir ...«, sagte er und seine
Augen weiteten sich nun, da er die Socken, so weit es ging,
hochgezogen hatte, und sie reichten bis zum Saum seiner
Shorts, »im Laden haben sie einen Fehler gemacht und Harry
Potter zwei gleiche Socken gegeben!«
»O nein, Harry, wie konnte dir das nur passieren!«, sagte
Ron und grinste von seinem mit Packpapierknäueln übersä-
ten Bett herüber. »Ich mach dir 'n Vorschlag, Dobby – bitte -
nimm diese beiden, dann kannst du sie richtig mischen. Und
hier ist dein Pulli.«
Er warf Dobby ein Paar frisch ausgepackte violette Socken
zu sowie den selbst gestrickten Pulli, den ihm seine Mutter
geschickt hatte.
Dobby war vor Freude vollkommen aus dem Häuschen.
»Sir, das ist sehr lieb von Ihnen!«, quiekte er, und wieder
standen Tränen in seinen Augen. Er machte eine tiefe Ver-
beugung vor Ron. »Dobby wusste schon, dass Sir ein großer
Zauberer sein muss, denn er ist Harry Potters bester Freund,
aber Dobby wusste nicht, dass er auch so großmütig, so edel,
so selbstlos ...«
»Es sind doch nur Socken«, sagte Ron, der um die Ohren
herum leicht rosa angelaufen war, aber gleichwohl ziemlich
428
geschmeichelt aussah. »Irre, Harry –« Er hatte soeben Harrys
Geschenk ausgewickelt, einen Hut in den Farben der Chudley
Cannons. »Cool!« Er stülpte ihn über den Kopf, wo er sich
fürchterlich mit seinem roten Haar biss.
Dobby reichte Harry jetzt ein kleines Päckchen, und he-
raus kamen – Socken.
»Dobby hat sie selbst gestrickt, Sir!«, sagte der Elf glück-
lich. »Er hat die Wolle von seinem Lohn gekauft, Sir!«
Die linke Socke hatte ein Besenmuster auf Hellrot, die
rechte Socke war grün und hatte kleine Knubbel.
»Die sind ... wirklich ... ja, vielen Dank, Dobby«, sagte
Harry und zog sie an, was wiederum Glückstränen aus Dob-
bys Augen rollen ließ.
»Dobby muss jetzt gehen, Sir, in der Küche kochen wir
schon das Weihnachtsessen!«, sagte Dobby, winkte Ron und
den anderen zum Abschied zu und trippelte aus dem Schlaf-
saal.
Harrys andere Geschenke waren doch etwas brauchbarer als
Dobbys ungleiches Sockenpaar – ausgenommen natür-
lich das der Dursleys, das aus einem einzigen Papiertaschen-
tuch bestand, ein Rekord an Gemeinheit.
Harry vermutete, dass auch sie das Würgzungen-Toffee
nicht vergessen hatten. Hermine hatte Harry ein Buch ge-
schenkt, Quidditch-Mannschaften Großbritanniens und Irlands;
von Ron bekam er eine prall gefüllte Tüte Stinkbomben, von
Sirius ein praktisches Taschenmesser mit vielfältigem
Zubehör, um jedes Schloss und jeden Knoten zu öffnen; und
Hagrid schenkte ihm eine Riesenschachtel Süßigkeiten mit all
seinen Lieblingsleckereien – Bertie Botts Bohnen jeder
Geschmacksrichtung, Schokofrösche, Bubbels Bester Blas-
kaugummi und zischende Zauberdrops. Natürlich war wie
immer Mrs Weasleys Päckchen mit dem neuesten Pulli an-
gekommen (grün mit aufgesticktem Drachen – Harry ver-
429
mutete, dass Charlie ihr alles über den Hornschwanz erzählt
hatte) und einer Unmenge selbst gemachter Pasteten.
Harry und Ron trafen sich im Gemeinschaftsraum mit
Hermine und gingen hinunter zum Frühstück. Danach ver-
brachten sie fast den ganzen Morgen im Gryffindor-Turm,
wo sich alle mit ihren Geschenken amüsierten, dann kehr-
ten sie zu einem herrlichen Mittagessen in die Große Halle
zurück, bei dem es mindestens hundert Truthähne und
Plumpuddings und bergeweise Kribbels Zauberkräcker gab.
Am Nachmittag gingen sie hinaus aufs Schlossgelände; der
Schnee war noch unberührt, nur die Durmstrangs und
Beauxbatons hatten auf ihren Wegen zum Schloss tiefe Grä-
ben in der Schneedecke hinterlassen. Hermine schaute bei
der Schneeballschlacht, die sich Ron und Harry gegen die
beiden anderen Weasleys lieferten, lieber nur zu und ver-
kündete dann gegen fünf, sie wolle jetzt nach oben gehen
und sich auf den Ball vorbereiten.
»Wie bitte, du brauchst drei Stunden?«, fragte Ron und sah
sie verdutzt an, was er prompt büßen musste, denn ein
großer Schneeball von George traf ihn hart am Ohr. »Mit
wem gehst du eigentlich?«, rief er Hermine nach, doch sie
winkte nur von der Steintreppe her und verschwand im
Schloss.
Heute gab es keinen Weihnachtstee, da zum Ball ein Fest-
mahl gehörte, und um sieben Uhr, als sie ohnehin kaum noch
etwas sehen konnten, gaben sie ihre Schneeball-
schlacht auf und stapften zurück in den Gemeinschaftsraum.
Die fette Dame saß mit ihrer Freundin Violet aus dem
Erdgeschoss beisammen, beide schon ziemlich beschwipst,
was bei den leeren Schnapspralinen-Schachteln, die über den
Boden verstreut lagen, nicht weiter verwunderlich war.
»Fichterleen, so isses!«, kiekste sie auf das Passwort hin und
schwang zur Seite, um sie einzulassen.
430
Harry, Ron, Seamus und Neville zogen oben im Schlafsaal
ihre Festumhänge an und guckten dabei allesamt recht ver-
legen aus der Wäsche, doch keiner litt solche Qualen wie Ron,
der sich im hohen Spiegel in der Ecke entsetzt an-
starrte. Es ließ sich einfach nicht leugnen, dass sein Umhang
peinliche Ähnlichkeit mit einem Kleid hatte. In einem ver-
zweifelten Versuch, es mehr nach Männermode aussehen zu
lassen, machte er sich mit einem Abtrennzauber über Rü-
schenkragen und Spitzensäume her. Es gelang ihm auch
halbwegs, denn zumindest war der Umhang jetzt rüschen-
frei, doch auf dem Weg nach unten war dann doch deutlich zu
sehen, dass Kragen und Ärmelsäume fürchterlich ausge-
franst waren.
»Ich begreif immer noch nicht, wie ihr zwei die beiden
bestaussehenden Mädchen der ganzen Klassenstufe abkrie-
gen konntet«, grummelte Dean.
»Tierischer Magnetismus«, sagte Ron mit düsterer Miene
und zog wieder mal einen losen Faden aus dem Ärmelsaum.
Der Gemeinschaftsraum bot einen ganz ungewöhnlichen
Anblick: es war heute nicht das übliche schwarze Gewusel,
sondern er war voller Schüler, die in den verschiedensten
Farben gekleidet waren. Parvati erwartete Harry am Fuß der
Treppe. Mit ihrem knallroten Umhang, dem mit goldenen
Strähnen durchflochtenen langen schwarzen Zopf und den
goldenen Armspangen, die an ihren Handgelenken schim-
merten, sah sie unbestreitbar hübsch aus. Harry stellte er-
leichtert fest, dass sie nicht giggelte.
»Du -, ähm – siehst nett aus«, sagte er verlegen.
»Danke«, erwiderte sie. »Padma erwartet dich in der Ein-
gangshalle«, fügte sie zu Ron gewandt hinzu.
»Gut«, sagte Ron und sah sich um. »Wo steckt Hermine?«
Parvati zuckte die Achseln. »Wie steht's, Harry, wollen wir
gehen?«
431
»Einverstanden«, sagte Harry und wäre doch am liebsten im
Gemeinschaftsraum geblieben. Fred zwinkerte Harry auf dem
Weg zum Porträtloch zu.
Auch in der Eingangshalle wimmelte es von Leuten, die sich
gegenseitig auf die Füße traten und warteten, dass es endlich
acht Uhr wurde und die Flügeltüren zur Großen Halle
aufgingen. Wer mit einem Partner aus einem anderen Haus
verabredet war, drängte sich mit verzweifelt suchen-
dem Blick durch die Menge. Parvati fand ihre Schwester
Padma und führte sie hinüber zu Harry und Ron.
»Hallo«, sagte Padma, die in ihrem helltürkisen Umhang
nicht weniger hübsch aussah als Parvati. Allerdings schien sie
nicht übermäßig begeistert, Ron als Partner zu haben. Als sie
ihn von Kopf bis Fuß musterte, blieben ihre dunklen Augen an
dem ausgefransten Kragen und den Ärmeln seines Fest-
umhangs haften.
»Hallo«, sagte Ron, sah sie jedoch überhaupt nicht an,
sondern ließ den Blick hastig durch die Menge schweifen. »O
nein ...«
Er ging in die Knie, um sich hinter Harrys Rücken zu ver-
stecken, denn in diesem Augenblick schwebte Fleur Dela-cour
vorbei, begleitet vom Quidditch-Kapitän der Raven-
claws, Roger Davies. In ihrem silbergrauen Satinumhang sah
Fleur einfach umwerfend aus. Als sie verschwunden waren,
richtete sich Ron wieder auf und lugte über die Köpfe der
Menge hinweg.
»Wo steckt bloß Hermine?«, fragte er zum wiederholten
Mal.
Eine Gruppe Slytherins kam die Treppe von ihrem Ge-
meinschaftsraum unten in den Kerkern herauf. Malfoy führte
sie an; er trug einen Festumhang aus schwarzem Satin mit
einem Stehkragen, und Harry fand, dass er aussah wie ein
Priester. An Malfoys Arm klammerte sich Pansy Parkin-
432
son in einem stark berüschten blassrosa Umhang. Crabbe und
Goyle trugen beide Grün; sie ähnelten moosbewachse-
nen Geröllblöcken, und wie Harry befriedigt feststellte, war es
keinem von beiden gelungen, eine Partnerin zu finden.
Das Eichenportal öffnete sich und alle wandten sich um. Die
Schüler aus Durmstrang betraten die Halle, angeführt von
Professor Karkaroff. Mit an der Spitze ging Krum, be-
gleitet von einem hübschen Mädchen in blauem Umhang, das
Harry nicht kannte. Er spähte über ihre Köpfe hinweg und sah,
dass sie draußen direkt vor dem Schloss ein Stück Rasen in
eine Art Grotte voller Lichterfeen verwandelt hat-
ten – Hunderte von echten Feen saßen dort in Rosenbü-
schen oder flatterten über einem steinernen Weihnachts-
mann mit Rentier.
Jetzt ertönte Professor McGonagalls kräftige Stimme: »Die
Champions hierher, bitte!«
Parvati, die übers ganze Gesicht strahlte, rückte ihre Ket-
ten und Spangen zurecht; »bis gleich«, sagten sie zu Ron und
Padma. Die schwatzende Menge teilte sich vor ihnen und sie
gingen nach vorn. Professor McGonagall, die einen Festum-
hang aus rotem Schottentuch trug und einen ziemlich häss-
lichen Distelkranz auf die Krempe ihres Huts gelegt hatte,
wies sie an, rechts von der Tür zu warten, während die an-
deren schon hineingingen und sich auf ihre Plätze setzten; erst
dann sollten sie in einem feierlichen Zug die Große Halle
durchqueren. Fleur Delacour und Roger Davies stell-
ten sich gleich neben der Tür auf; Davies schien von seinem
Glück, Fleur als Partnerin abbekommen zu haben, so über-
wältigt, dass er kaum den Blick von ihr wenden konnte. Auch
Cedric und Cho standen in Harrys Nähe; er sah an-
derswohin, damit er nicht mit ihnen sprechen musste. So fiel
sein Blick auf das Mädchen neben Krum. Und der Mund
klappte ihm auf.
433
Es war Hermine.
Aber sie sah überhaupt nicht aus wie Hermine. Offenbar
hatte sie etwas mit ihrem Haar angestellt; es war nicht mehr
buschig, sondern geschmeidig und glänzend und verschlang
sich in ihrem Nacken zu einem eleganten Knoten. Sie trug
einen Umhang aus fließendem, immergrün-blauem Stoff, und
sie bewegte sich auch irgendwie anders; doch vielleicht nur
deshalb, weil die zwei Dutzend Bücher fehlten, die sie auf
dem Rücken mit sich zu schleppen pflegte. Außerdem lächelte
sie – ziemlich nervös, und nun fiel deutlich auf, dass ihre
Vorderzähne geschrumpft waren. Harry begriff nicht, warum
er es nicht schon längst bemerkt hatte.
»Hallo, Harry!«, sagte sie. »Hallo, Parvati!«
Parvati starrte Hermine mit unverhohlener Bestürzung an.
Und sie war nicht die Einzige; als sich die Türen der Großen
Halle öffneten, stakste Krums Fanclub aus der Bib-
liothek vorbei und warf Hermine Blicke voll abgrundtiefer
Verachtung zu. Pansy Parkinson, an Malfoys Arm, lief mit
offenem Mund an ihr vorbei, und selbst Malfoy schien um
eine Beleidigung verlegen, die er ihr an den Kopf werfen
konnte. Ron jedoch lief schnurstracks an Hermine vorbei,
ohne sie eines Blickes zu würdigen.
Sobald drinnen alle ihre Plätze gefunden hatten, wies
Professor McGonagall die Champions an, sich zu zweit mit
Partner oder Partnerin zusammenzutun und ihr der Reihe nach
zu folgen. Unter allgemeinem Beifall betraten sie die Große
Halle und machten sich auf den Weg hinauf zu einem großen
runden Tisch auf dem Podium, wo die Rich-
ter saßen.
Die Wände der Halle waren mit funkelnden Eiskristallen
geschmückt und Hunderte von Girlanden aus Mistelzwei-
gen und Efeu überwucherten die gestirnte schwarze Decke.
Die Haustische waren verschwunden; an ihrer Stelle fanden
434
sich gut hundert kleinere Tische mit Lampen, an denen je-
weils ein Dutzend Schüler saßen.
Harry achtete vor allem darauf, nicht zu stolpern. Parvati
schien sich blendend zu amüsieren; sie sah strahlend in die
Menge und bugsierte Harry so energisch herum, dass er sich
vorkam wie ein dressiertes Hündchen, das sie Kunststücke
aufführen lassen wollte. Als er sich dem runden Tisch nä-
herte, erhaschte er einen kurzen Blick auf Ron und Padma.
Rons Augen verengten sich zu Schlitzen, als Hermine an ihm
vorbeiging. Padma schien ein wenig zu schmollen.
Vom Podiumstisch aus lächelte Dumbledore den Cham-
pions glücklich entgegen. Karkaroffs Miene hingegen ähnelte
der von Ron, als er Krum und Hermine näher kommen sah.
Ludo Bagman, heute Abend in hellpurpurnem Umhang mit
großen gelben Sternen, klatschte nicht weniger begeistert als
die Schüler unten; auch Madame Maxime, die ihre übliche
Uniform aus schwarzem Satin gegen ein fließendes Gewand
aus lavendelfarbener Seide eingetauscht hatte, klatschte ihnen
höflich zu. Harry fiel plötzlich auf, dass Mr Crouch nicht da
war. Auf dem fünften Platz saß Percy Weasley.
Als die Champions und ihre Partner den Tisch erreichten,
zog Percy den leeren Stuhl neben sich vor und sah Harry
eindringlich an. Harry folgte dem Wink und setzte sich ne-
ben Percy, der einen brandneuen marineblauen Umhang trug
und eine ungeheuer blasierte Miene aufgesetzt hatte.
»Ich bin befördert worden«, sagte Percy, bevor Harry
überhaupt fragen konnte, und nach seinem Ton zu schlie-
ßen, hätte er genauso gut zum Herrscher des Universums
gewählt worden sein können. »Ich bin jetzt Mr Crouchs
persönlicher Assistent und als sein Vertreter hier.«
»Warum kann er nicht selbst kommen?«, fragte Harry. Er
freute sich nicht gerade darauf, während des ganzen Abend-
essens über Kesselböden belehrt zu werden.
435
»Ich muss leider sagen, dass Mr Crouch sich nicht wohl
befindet, überhaupt nicht wohl. Seit der Weltmeisterschaft ist
er etwas leidend. Das wundert einen natürlich nicht -
Überarbeitung. Er ist nicht mehr der Jüngste – selbstver-
ständlich immer noch brillant, immer noch ein großartiger
Kopf. Doch die Weltmeisterschaft war ein Fiasko für das
ganze Ministerium, und dann hat das Fehlverhalten seiner
Hauselfe, Blinky oder wie sie hieß, Mr Crouch auch noch
persönlich schwer getroffen. Natürlich hat er sie sofort da-
nach verstoßen, aber – nun ja, wie gesagt, er kommt schon
zurecht, braucht jedoch Hilfe im Haushalt, und ich fürchte, seit
sie fort ist, hat er es zu Hause doch deutlich schwerer. Und
dann mussten wir auch noch das Turnier organisieren und die
Folgen der Weltmeisterschaft bewältigen – diese
unverschämte Kimmkorn hat überall rumgeschnüffelt -, nein,
der arme Mann hat nun seine wohlverdienten ruhigen
Weihnachten. Jedenfalls weiß er, da ist jemand, auf den er sich
verlassen kann und der ihn vertritt, und darüber bin ich einfach
froh.«
Harry lag die Frage auf der Zunge, ob Mr Crouch schon
aufgehört hatte, Percy »Weatherby« zu nennen, doch er wi-
derstand der Versuchung.
Noch war auf den schimmernden Goldtellern kein Essen,
doch alle hatten kleine Speisekarten vor sich liegen. Unsi-
cher nahm Harry seine Karte in die Hand und sah sich um -
Bedienungen waren nicht in Sicht. Dumbledore jedoch stu-
dierte aufmerksam seine Karte, dann sagte er klar und deut-
lich zu seinem Teller: »Schweinekoteletts!«
Und Schweinekoteletts erschienen. Die anderen am Tisch
begriffen und bestellten ebenfalls bei ihren Tellern. Harry
wandte den Kopf zu Hermine, um zu sehen, wie sie sich bei
dieser neuen und komplizierten Weise, zu Abend zu essen,
fühlen mochte – gewiss bedeutete dies viel zusätzliche Pla-
436
ckerei für die Hauselfen? -, doch endlich einmal schien Her-
mine nicht an B.ELFE.R zu denken. Sie war in ein Gespräch
mit Viktor Krum vertieft und nahm offenbar kaum wahr, was
sie überhaupt aß.
Mit einem Mal fiel Harry auf, dass er Krum bisher noch gar
nicht wirklich hatte reden hören, doch jetzt sprach er
ausgiebig, und dazu noch sehr begeistert.
»Wir habe auch eine Schloss, nicht so groß wie diese hier
und auch nicht so bequem, möchte ich meine«, erklärte er
Hermine. »Wir habe nur vier Stockwerke und die Feuer
brenne nur für magische Swecke. Aber wir habe viele grö-
ßere Land als ihr, aber in Winter wir habe wenig Licht und wir
habe nichts davon. Doch in Sommer fliege wir jede Tag, über
die Seen und die Berge –«
»Nun aber, Viktor!«, sagte Karkaroff mit einem Lachen und
einem kalten Blick. »Bloß nicht alles verraten, sonst wird
unsere reizende Freundin gleich ganz genau wissen, wo wir zu
finden sind!«
Dumbledore lächelte und seine Augen funkelten. »Igor, all
die Geheimniskrämerei ... man könnte fast meinen, Sie wollten
gar keinen Besuch haben.«
»Wissen Sie, Dumbledore«, sagte Karkaroff und zeigte
seine gelben Zähne in ihrer ganzen Pracht, »wir schützen doch
alle unser eigenes Reich, nicht wahr? Bewachen wir nicht
eifersüchtig die Tempel der Gelehrsamkeit, die uns an-
vertraut sind? Sind wir nicht zu Recht stolz darauf, dass nur
wir alleine die Geheimnisse unserer Schulen kennen und sie
auch schützen?«
»Oh, nie im Traum würde ich mir einbilden, alle Ge-
heimnisse von Hogwarts zu kennen, Igor«, sagte Dumble-
dore freundlich. »Erst heute Morgen zum Beispiel habe ich auf
dem Weg ins Bad die falsche Tür geöffnet und fand mich
plötzlich in einem herrlich gestalteten Raum, den ich noch
437
nie zuvor gesehen hatte und der eine ganz erstaunliche
Sammlung von Nachttöpfen enthielt. Als ich dann später zu-
rückkam, um mir die Sache näher anzusehen, war der Raum
verschwunden. Aber ich muss die Augen nach ihm offen
halten. Vielleicht ist er nur um halb sechs Uhr morgens zu-
gänglich. Oder er erscheint nur bei Viertelmond – oder wenn
der Suchende eine außergewöhnlich volle Blase hat.«
Harry prustete in seinen Gulaschteller. Percy runzelte die
Stirn, doch Harry hätte schwören können, dass Dumbledore
ihm ganz kurz zugezwinkert hatte.
Unterdessen äußerte sich Fleur Delacour gegenüber Ro-
ger Davies ausgesprochen abfällig über das weihnachtlich
geschmückte Hogwarts.
»Das ist nischts«, sagte sie geringschätzig und ließ den
Blick über die funkelnden Wände der Großen Halle schwei-
fen. »Im Palast von Beauxbatons 'aben wir an Weihnachten
Eisskulpturen überall im Speisesaal. Sie schmelsen natürlisch
nischt ... sie sind wie riesige Statuen aus Diamant und glit-sern
dursch den ganzen Saal. Und das Essen ist einfach sü-
perb. Und wir 'aben Chöre aus Waldnymphen, die uns beim
Essen mit ihren Gesängen begleiten. Wir 'aben keine sol-sche
'ässlischen Rüstungen in den 'allen, und wenn ein Pol-
tergeist je in Beauxbatons eindringen würde, dann würden wir
ihn – sakk – einfach rauswerfen.« Sie klatschte unwirsch mit
der Hand auf den Tisch.
Roger Davies hing mit glasigem Blick an ihren Lippen und
verfehlte mit der Gabel andauernd seinen Mund. Harry hatte
den Eindruck, dass Davies zu sehr damit beschäftigt war, sie
anzustarren, als dass er auch nur ein Wort von ihr verstanden
hätte.
»Vollkommen richtig«, sagte er eilig und schlug nun selbst
mit der Hand auf den Tisch. »Zack und weg. Genau.«
Harry ließ den Blick durch die Halle wandern. Hagrid saß
438
an einem der anderen Lehrertische; er hatte wieder einmal
seinen fürchterlichen Braunhaar-Anzug an und spähte hi-
nauf zum Podiumstisch. Harry bemerkte, wie er jemandem
kurz zuwinkte, folgte seinem Blick und sah Madame Ma-
xime, deren Opale im Kerzenlicht glitzerten, zurückwinken.
Hermine war gerade dabei, Kram zu belehren, wie ihr Name
richtig ausgesprochen wurde; andauernd nannte er sie
»Erminne«.
»Her – mie – ne«, sagte sie langsam und deutlich.
»Her – minne.«
»Wird schon«, sagte sie, fing Harrys Blick auf und grinste.
Als sie aufgegessen hatten, erhob sich Dumbledore und bat
die Schüler ebenfalls aufzustehen. Dann, mit einem Schlenker
seines Zauberstabs, bewegten sich die Tische fort und reihten
sich an den Wänden auf, so dass in der Mitte viel Platz war.
Dann beschwor er an der rechten Wand eine Bühne herauf. Er
stattete sie mit einem Schlagzeug, mehre-
ren Gitarren, einer Laute, einem Cello und einigen Dudel-
säcken aus.
Unter wild begeistertem Klatschen stürmten die Schwes-
tern des Schicksals die Bühne; alle hatten sie besonders wilde
Mähnen und waren in schwarze Umhänge gekleidet, die
kunstvoll zerrissen und aufgeschlitzt waren. Sie nahmen ihre
Instramente auf, und Harry, der sie so gespannt be-
obachtet hatte, dass er fast vergessen hatte, was auf ihn zu-
kam, erkannte plötzlich, dass die Lampen auf den Tischen
ringsum ausgegangen waren und sich die anderen Cham-
pions und ihre Partner erhoben.
»Komm mit!«, zischte Parvati. »Wir sollen doch tanzen!«
Harry verhedderte sich beim Aufstehen in seinem Fest-
umhang. Die Schwestern des Schicksals stimmten eine lang-
same, traurige Melodie an; Harry, ganz darauf bedacht, ja
niemanden anzusehen, schritt auf die hell erleuchtete Tanz-
439
fläche (aus den Augenwinkeln sah er, dass Seamus und Dean
ihm zuwinkten und kicherten), und schon hatte Parvati ihn an
den Händen gefasst, legte eine um ihre Hüfte und hielt die
andere fest in der eigenen.
Könnte schlimmer sein, dachte Harry und drehte sich
langsam auf der Stelle (Parvati führte). Er sah stur über die
Köpfe des Publikums hinweg, und schon bald waren viele
Mitschüler auf die Tanzfläche gekommen, so dass die
Champions nicht mehr im Mittelpunkt der Aufmerksam-
keit standen. Neville und Ginny tanzten ganz in der Nähe –
er konnte Ginny immer wieder das Gesicht verziehen se-
hen, wenn ihr Neville auf die Füße tappte -, während Dum-
bledore mit Madame Maxime einen Walzer hinlegte. Sie
war so viel größer als er, dass die Spitze seines Hutes gerade
mal ihr Kinn kitzelte; sie jedoch bewegte sich für eine so
große Frau ausgesprochen graziös. Mad-Eye Moody tanzte
einen äußerst unbeholfenen Twostep mit Professor Sinistra,
die immer wieder nervös seinem Holzbein auswich.
»Hübsche Socken, Potter«, knurrte Moody im Vorbeitan-
zen und starrte mit dem magischen Auge durch Harrys Um-
hang hindurch.
»Oh – ja, Dobby, der Hauself, hat sie für mich gestrickt«,
erwiderte Harry grinsend.
»Er ist ja so gruslig!«, flüsterte Parvati, als Moody davon-
geklonkt war. »So ein Auge gehört verboten!«
Der Dudelsack gab einen letzten zittrigen Ton von sich
und Harry hörte es mit Erleichterung. Die Schwestern
des Schicksals beendeten ihr Stück, Beifall brauste auf
und Harry ließ Parvati sofort los. »Wollen wir uns nicht
setzen?«
»Och, aber – das hier ist wirklich gut!«, sagte Parvati, als
die Schwestern mit dem nächsten, viel schnelleren Lied be-
gannen.
440
»Nein, nicht mein Fall«, log Harry und führte sie von der
Tanzfläche – vorbei an Fred und Angelina, die so ausgelas-
sen tanzten, dass die Leute um sie her ängstlich zurückwi-
chen, um sich nicht zu verletzen – und hinüber zum Tisch, wo
Ron und Padma saßen.
»Wie läuft's?«, fragte Harry Ron, setzte sich und öffnete
eine Flasche Butterbier.
Ron gab keine Antwort. Er starrte finster zu Hermine und
Krum hinüber, die ganz in der Nähe tanzten. Padma hatte die
Arme verschränkt und die Beine übereinander geschlagen und
wippte mit dem Fuß im Takt der Musik. Hin und wieder
versetzte sie Ron, der sie völlig ignorierte, einen beleidigten
Blick.
Parvati setzte sich neben Harry, kreuzte ebenfalls Arme und
Beine und wurde nach wenigen Minuten von einem Jungen
aus Beauxbatons zum Tanz aufgefordert.
»Du erlaubst doch, Harry?«, sagte Parvati.
»Wie bitte?«, sagte Harry, der gedankenversunken Cho und
Cedric beobachtete.
»Oh, schon gut«, fauchte Parvati und ging mit dem Jun-
gen aus Beauxbatons davon. Am Ende des Stücks kehrte sie
nicht zurück.
Dafür kam Hermine zum Tisch und setzte sich auf Parva-tis
leeren Stuhl. Das Tanzen hatte ihr einen Hauch Rosa ins
Gesicht getrieben.
»Hallo«, sagte Harry.
Ron sagte kein Wort.
»Heiß hier drin, nicht wahr?«, sagte Hermine und fächelte
sich mit der Hand Luft zu. »Viktor holt uns eben was zu
trinken.«
Ron warf ihr einen vernichtenden Blick zu.
»Viktor?«, sagte er. »Darfst du ihn noch nicht Vicky nen-
nen?«
441
Hermine sah ihn verdutzt an.
»Was ist los mit dir?«, fragte sie.
»Wenn du das nicht weißt«, fauchte Ron, »dann sag ich's dir
auch nicht.«
Hermine starrte erst ihn an, dann Harry, der die Achseln
zuckte. »Ron, was –?«
»Er ist aus Durmstrang!«, zischte Ron. »Er kämpft gegen
Harry! Gegen Hogwarts! Du – du –« Ron suchte offenbar nach
Worten, die stark genug waren für Hermines Verbre-
chen, »du verbrüderst dich mit dem Feind, das ist es!«
Hermine klappte der Mund auf.
»Du hast sie doch nicht mehr alle!«, erwiderte sie nach
kurzer Besinnung. »Mit dem Feind! Jetzt mach aber mal
halblang – wer war denn so aufgeregt, als Krum hier ankam?
Wer wollte unbedingt ein Autogramm von ihm? Wer hat ein
Krum-Püppchen oben im Schlafsaal?«
Ron zog es vor, darauf nicht einzugehen. »Ich nehm an, er
hat dich gefragt, ob du mit ihm zum Ball gehen willst, als ihr
oben in der Bibliothek alleine wart?«
»Ja, allerdings«, sagte Hermine, und die rosa Flecken auf
ihren Wangen glühten nun. »Na und?«
»Und wie ist es passiert – hast wohl versucht, ihn auf Bel-
fer heiß zu machen?«
»Nein, hab ich nicht! Wenn du's wirklich wissen willst -er
sagte, er wäre jeden Tag in die Bibliothek gekommen, um mal
mit mir zu sprechen, und dann hätte er immer den Mut
verloren!«
Hermine hatte sehr schnell gesprochen und wurde jetzt so
knallrot wie Parvatis Umhang.
»Ja – schön, das hat er dir erzählt«, sagte Ron gehässig.
»Und was soll das wieder heißen?«
»Ist doch klar, oder? Er ist der Schüler von Karkaroff. Er
weiß, mit wem du so oft zusammen bist ... er versucht doch
442
nur, näher an Harry heranzukommen – einiges über ihn zu
erfahren – oder ihm so nahe zu kommen, dass er ihn verhe-
xen kann –«
Hermine sah aus, als hätte Ron ihr eine Ohrfeige verpasst.
Sie antwortete mit zitternder Stimme. »Nur um das zu klä-
ren, er hat mir nicht eine einzige Frage zu Harry gestellt, nicht
eine –«
Mit Lichtgeschwindigkeit wechselte Ron die Spur. »Dann
hofft er, dass du ihm hilfst, sein Eierrätsel zu lösen! Sicher
habt ihr bei diesen traulichen kleinen Bibliothekstreffen die
Köpfe zusammengesteckt –«
»Ich würde ihm nie und nimmer helfen, das Eierrätsel zu
lösen!«, sagte Hermine empört. »Niemals. Wie kannst du nur
so etwas sagen – ich will, dass Harry das Turnier ge-
winnt. Das weißt du doch, Harry, oder?«
»Komische Art, das zu zeigen«, höhnte Ron.
»Der Sinn dieses ganzen Turniers soll es doch sein, Zau-
berer aus anderen Ländern kennen zu lernen und Freund-
schaften zu schließen!«, sagte Hermine schrill.
»Nein, Blödsinn!«, rief Ron. »Es geht allein ums Gewin-
nen!«
Einige Leute schauten nun zu ihnen rüber.
»Ron«, sagte Harry leise, »mir macht es nichts aus, dass
Hermine mit Krum gekommen ist –«
Doch Ron ignorierte auch Harry.
»Warum läufst du Vicky nicht nach, er sucht dich sicher
schon«, sagte er.
»Und nenn ihn nicht Vicky!« Hermine sprang auf, stürmte
auf die Tanzfläche und verschwand in der Menge.
Ron sah ihr mit einer Mischung aus Zorn und Genugtu-
ung nach.
»Bittest du mich heute Abend eigentlich mal zum Tanz?«,
fragte ihn Padma.
443
»Nein«, sagte Ron und schaute weiter finster in die
Menge.
»Schön«, zischte Padma, erhob sich und ging hinüber zu
Parvati und dem Jungen aus Beauxbatons, der so schnell einen
seiner Freunde auftrieb, dass Harry geschworen hätte, das sei
nur mit einem Aufrufezauber möglich gewesen.
»Wo ist Her-minne?«, sagte eine Stimme.
Krum war soeben mit zwei Butterbieren in den Händen an
ihren Tisch getreten.
»Keine Ahnung«, sagte Ron mit steifer Miene und blickte
zu ihm hoch. »Hast sie verloren, was?«
Krum sah schon wieder mürrisch drein.
»Gutt, wenn ihr sie seht, sagt ihr, ich hab was zu trinke«,
sagte er und schlurfte davon.
»Hast dich mit Viktor Krum angefreundet, Ron?«
Percy war herbeigewuselt, rieb sich die Hände und machte
eine ungemein wichtige Miene. »Ganz exzellent! Genau
darum geht es nämlich – internationale magische Zu-
sammenarbeit!«
Zu Harrys Ärger nahm Percy prompt Padmas verlassenen
Platz ein. Der Tisch auf dem Podium war jetzt leer; Profes-
sor Dumbledore tanzte mit Professor Sprout; Ludo Bagman
mit Professor McGonagall; Madame Maxime und Hagrid
walzten eine breite Schneise durch die Tanzenden, und Kar-
karoff war spurlos verschwunden. In der nächsten Musik-
pause gab es wieder allseits Beifall, und Harry sah, wie Ludo
Bagman Professor McGonagall die Hand küsste und sich
durch die Menge zu seinem Platz zurückschlängelte. In die-
sem Augenblick sprachen ihn Fred und George an.
»Was glauben die eigentlich, was sie da tun, belästigen
auch noch hochrangige Ministeriumsvertreter!«, zischte
Percy und beäugte Fred und George argwöhnisch, »so was
von respektlos.«
444
Ludo Bagman wimmelte Fred und George jedoch ziem-
lich schnell ab, entdeckte Harry, winkte und kam zu ihrem
Tisch herüber.
»Ich hoffe, meine Brüder haben Sie nicht belästigt, Mr
Bagman?«, sagte Percy beflissen.
»Wie bitte? O nein, überhaupt nicht!«, sagte Bagman.
»Nein, sie haben mir nur ein wenig mehr über ihre falschen
Zauberstäbe erzählt. Ob ich nicht einen Rat wüsste, wie sie zu
vermarkten wären. Ich hab versprochen, sie mit ein paar
Geschäftsfreunden von mir in Zonkos Zauberscherzladen
bekannt zu machen ...«
. Percy schien keineswegs begeistert, und Harry hätte wet-
ten können, dass er es Mrs Weasley verraten würde, sobald er
heimkam. Offenbar hatten Fred und George in letzter Zeit
recht ehrgeizige Pläne entwickelt, wenn sie jetzt schon
vorhatten, ihre Zauberstäbe zu verkaufen.
Bagman öffnete den Mund, um Harry etwas zu fragen, doch
Percy unterbrach ihn. »Wie, finden Sie, läuft das Tur-
nier, Mr Bagman? Unsere Abteilung jedenfalls ist recht zu-
frieden – natürlich war diese kleine Panne mit dem Feuer-
kelch« – er warf Harry einen Blick zu – »ein wenig
bedauerlich, doch bisher scheint doch alles glatt zu laufen,
meinen Sie nicht auch?«
»O ja«, sagte Bagman vergnügt, »war alles ein Riesenspaß.
Wie geht's dem guten Barty? Ein Jammer, dass er nicht kom-
men konnte.«
»Oh, ich bin sicher, Mr Crouch wird im Nu wieder auf den
Beinen sein«, sagte Percy mit wichtiger Miene, »doch bis
dahin bin ich natürlich gern bereit, für ihn einzusprin-
gen. Selbstverständlich geht es nicht darum, sich auf Bällen
rumzutreiben« – er lachte überheblich – »o nein, ganz im
Gegenteil. Ich muss mich ja um alles kümmern, was wäh-
rend seiner Abwesenheit so anfällt – Sie haben doch gehört,
445
dass man Ali Bashir festgesetzt hat, weil er eine Sendung
fliegender Teppiche ins Land schmuggeln wollte? Und dann
versuchen wir die Transsilvanier davon zu überzeugen, end-
lich das Internationale Duellverbotsabkommen zu unter-
zeichnen. Zu Jahresbeginn hab ich ein Treffen mit ihrem
Abteilungsleiter für magische Zusammenarbeit –«
»Lass uns kurz mal frische Luft schnappen«, murmelte Ron
Harry zu, »damit wir Percy loswerden ...«
Unter dem Vorwand, Getränke holen zu gehen, standen sie
auf und drängelten sich an der Tanzfläche entlang hinaus in
die Eingangshalle. Das Portal stand offen, und die flattern-
den Lichterfeen im Rosengarten zwinkerten und funkelten, als
sie die Vortreppe hinuntergingen. Unten ging es auf von
Büschen eingefassten Pfaden weiter, die sich in kunstvollen
Windungen an großen steinernen Statuen entlang dahin-
schlängelten. Harry konnte Wasser plätschern hören und es
klang wie ein Brunnen. Sie folgten einem der gewundenen,
von Rosenbüschen bestandenen Wege, waren allerdings noch
nicht weit gekommen, als sie eine unangenehm ver-
traute Stimme hörten.
»... verstehe nicht, was es da noch zu reden gibt, Igor.«
»Severus, du kannst nicht so tun, als würde das nicht pas-
sieren!« Karkaroffs Stimme klang besorgt und gedämpft, als
wollte er auf keinen Fall belauscht werden. »Das wird doch
schon seit Monaten immer deutlicher, ich mach mir allmäh-
lich ernsthaft Sorgen, das muss ich zugeben –«
»Dann flieh«, entgegnete Snape barsch. »Flieh, ich werde
eine Ausrede für dich finden. Ichjedoch bleibe in Hogwarts.«
Snape und Karkaroff bogen um eine Hecke. Snape hatte
seinen Zauberstab gezückt und zerfledderte mit äußerst
miesepetriger Miene die Rosenbüsche am Wegrand in tau-
send Stücke. Aus den Büschen drangen Schreie und dunkle
Schatten stürzten hervor.
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»Zehn Punkte Abzug für Hufflepuff, Fawcett!«, raunzte
Snape ein Mädchen an, das an ihm vorbeirannte. »Und auch
zehn Punkte minus für Ravenclaw, Stebbins!«, als ein Junge
ihr nachstürmte. »Und was tut ihr zwei hier?«, fügte er hinzu,
als er Harry und Ron ein Stück vor sich auf dem Pfad er-
kannte.
Karkaroff, fiel Harry auf, schien bei ihrem Anblick beinahe
die Fassung zu verlieren. Seine Hand fuhr nervös zum Spitz-
bart und er zwirbelte ihn um den Finger.
»Wir gehen spazieren«, antwortete Ron knapp. »Nicht ver-
boten, oder?«
»Dann geht gefälligst schnell weiter!«, raunzte Snape und
rauschte mit gebauschtem schwarzem Umhang an ihnen vor-
bei. Karkaroff folgte ihm hastig. Harry und Ron gingen weiter
den Pfad entlang.
»Wovor fürchtet sich Karkaroff wohl?«, murmelte Ron.
»Und seit wann duzen sich er und Snape?«, sagte Harry
langsam.
Sie waren jetzt bei einem großen steinernen Rentier ange-
langt, über dem sie die hohen Fontänen eines Springbrunnens
funkeln sahen. Auf einer Steinbank waren die schattenhaften
Umrisse zweier riesiger Menschen zu erkennen, und offen-
bar sahen sie im Mondlicht dem Tanz der Fontänen zu.
Dann hörte Harry Hagrid sprechen.
»Ich hab Sie nur einmal ansehn brauchen, da wusst ich's«,
sagte er mit seltsam rauer Stimme.
Harry und Ron erstarrten. Das klang irgendwie nicht da-
nach, als sollten sie dazwischenplatzen ... Harry blickte sich
um und sah Fleur Delacour und Roger Davies ganz in der
Nähe, halb verdeckt in einem Rosenbusch. Er tippte Ron auf
die Schulter und nickte zu den beiden hinüber, um ihm zu
bedeuten, dass sie auf diesem Weg leicht unbemerkt entkom-
men konnten (denn Fleur und Davies kamen Harry sehr be-
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schäftigt vor). Doch Rons Augen weiteten sich vor Schreck
beim Anblick von Fleur, er schüttelte heftig den Kopf und zog
Harry tief in die Schatten hinter dem Rentier.
»Was 'aben Sie gewusst, 'Agrid?«, sagte Madame Maxime
mit einem deutlichen Schnurren in ihrer leisen Stimme.
Hier wollte Harry ganz bestimmt nicht zuhören; er wusste,
Hagrid wäre es peinlich, in dieser Situation belauscht zu wer-
den (ihm selbst würde es sicher so gehen) – und wenn es
möglich gewesen wäre, hätte Harry sich Finger in die Ohren
gesteckt und laut gesummt, doch das ging nun wirklich nicht.
Stattdessen versuchte er sich für einen Käfer zu begeistern, der
über den Rücken des steinernen Rentiers krabbelte, doch er
war einfach nicht interessant genug, um Hagrids nächste
Worte untergehen zu lassen.
»Ich wusst es gleich ... Sie sind wie ich ... war's die Mutter
oder der Vater?«
»Isch – isch weiß nischt, was Sie meinen, 'Agrid ...«
»Bei mir war's die Mutter«, sagte Hagrid leise. »Sie war
eine der Letzten in Britannien. Natürlich kann ich mich nich
mehr gut an sie erinnern ... sie ist fortgegangen. Als ich un-
gefähr drei war. War nich so der mütterliche Typ. Tja ... liegt
eben nich in ihrer Natur, nich. Keine Ahnung, was aus ihr ge-
worden ist ... vielleicht ist sie gestorben ...«
Madame Maxime sagte kein Wort. Harry konnte der Ver-
lockung nicht widerstehen, wandte den Blick von dem Käfer
ab und spähte mit gespitzten Ohren über das Geweih des
Rentiers zu den beiden hinüber ... noch nie hatte er Hagrid
über seine Kindheit sprechen gehört.
»Dass sie fortging, hat meinem Dad das Herz gebrochen.
Winziger kleiner Kerl, mein Dad. Als ich sechs war, konnte
ich ihn hochheben und ihn auf den Küchenschrank setzen,
wenn er mich geärgert hat. Dann hat er immer gelacht ...«
Hagrids tiefe Stimme brach ab. Madame Maxime lauschte
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ihm reglos, ihr Blick schien auf den silbrigen Fontänen zu ru-
hen. »Dad hat mich großgezogen ... aber dann ist er natürlich
gestorben, gerade als ich in die Schule gekommen bin. Da-
nach musste ich mich mehr schlecht als recht selbst durch-
schlagen. Dumbledore hat mir wirklich geholfen. War sehr
freundlich zu mir, muss ich sagen ...«
Hagrid zog ein großes, gepunktetes seidenes Taschentuch
hervor und schnäuzte sich markerschütternd. »Tja ... wie auch
immer ... das war's von mir. Und wie steht's mit Ihnen? Von
wem haben Sie's?«
Doch Madame Maxime war plötzlich aufgestanden.
»Mir ist kalt«, sagte sie. Doch so kalt es hier draußen auch
immer war, es war nicht annähernd so eisig wie ihre Stimme.
»Isch möschte wieder reinge'en.«
»Was?«, sagte Hagrid verdutzt. »Nein, gehen Sie nicht! Ich
-ich hab noch nie eine andere getroffen!«
»Eine andere was denn, genau?«, fragte Madame Maxime
kalt.
Harry hätte Hagrid am liebsten gesagt, er solle jetzt bloß den
Mund halten. Da stand er im Schatten verborgen, biss die
Zähne zusammen und hoffte auf das Unmögliche – doch es
hatte keinen Zweck.
»Eine zweite Halbriesin, natürlich«, sagte Hagrid.
»Wie können Sie es wagen!«, kreischte Madame Maxime.
Ihre Stimme gellte wie ein Nebelhorn durch die friedliche
Nacht; Harry hörte, wie Fleur und Roger hinter ihm aus ihrem
Rosenbusch stürzten. »Man 'at misch nie im Leben dermaßen
beleidigt! 'albriese? Moi? Isch 'abe – isch 'abe große
Knochen!«
Sie stürmte davon; große, vielfarbene Feenschwärme flat-
terten auf, als sie sich wütend durch die Büsche schlug. Hagrid
saß immer noch auf der Bank und starrte ihr nach. Es war viel
zu dunkel, um sein Gesicht sehen zu können. Dann, nach
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etwa einer Minute, stand er auf und schritt davon, nicht zu-
rück zum Schloss, sondern hinaus auf das dunkle Land und
hinüber zu seiner Hütte.
»Komm«, sagte Harry sehr leise zu Ron. »Gehen wir ...«
Doch Ron rührte sich nicht.
»Was ist los?«, fragte Harry und sah ihn an.
Ron wandte sich mit todernster Miene Harry zu.
»Hast du das gewusst?«, wisperte er. »Dass Hagrid ein
Halbriese ist?«
»Nein«, sagte Harry achselzuckend. »Na und?«
Ron sah ihn an und Harry wusste sofort, dass er wieder ein-
mal seine Unwissenheit über die Zaubererwelt kundgetan
hatte. Er war bei den Dursleys aufgewachsen, und daher war
vieles, was die Zauberer für selbstverständlich hielten, überra-
schend neu für Harry. Im Laufe seiner Schulzeit hatte er im-
mer weniger von diesen Schnitzern begangen, nun jedoch
spürte er, dass die meisten Zauberer nicht »na und?« sagen
würden, wenn sie herausfänden, dass einer ihrer Freunde ein
Halbriese war.
»Ich erklär's dir drin«, sagte Ron leise. »Komm mit ...«
Fleur und Roger Davies waren verschwunden, vermutlich
weiter ins Buschwerk hinein, wo sie ungestört sein konnten.
Harry und Ron kehrten in die Große Halle zurück. Parvati und
Padma saßen nun an einem Tisch im Hintergrund, umgeben
von einer ganzen Traube von Beauxbatons-Jungen, und Her-
mine tanzte schon wieder mit Krum. Harry und Ron setzten
sich an einen Tisch in sicherer Entfernung von der Tanzfläche.
»Also?«, bohrte Harry nach. »Was soll denn schon sein mit
den Riesen?«
»Also, sie sind ... sie sind ...«, Ron rang nach Worten, »nicht
besonders nett«, endete er lahm.
»Wen stört das?«, sagte Harry. »Hagrid ist doch völlig in
Ordnung!«
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»Das weiß ich auch, aber ... verdammt noch mal, kein
Wunder, dass er den Mund hält«, sagte Ron kopfschüttelnd.
»Ich dachte immer, er sei als Kind in einen vermasselten Ver-
schlingungszauber reingestolpert oder etwas in der Art. Hatte
keine Lust, darüber zu sprechen ...«
»Aber was ist denn schon dabei, wenn seine Mutter eine
Riesin ist?«, fragte Harry.
»Na ja ... keiner, der ihn kennt, wird sich darum scheren,
weil wir wissen, dass er nicht gefährlich ist«, sagte Ron lang-
sam. »Aber ... Harry, die Riesen sind nun einmal bösartig. Wie
Hagrid selbst gesagt hat, es liegt in ihrer Natur, sie sind wie
Trolle ... sie mögen einfach töten, das weiß jeder. Aber in
Großbritannien gibt es keine mehr.« »Was ist mit ihnen
passiert?«
»Sie waren ohnehin am Aussterben und dann haben die
Auroren viele von ihnen umgebracht. In anderen Ländern soll
es aber noch Riesen geben ... sie leben meist versteckt in den
Bergen ...«
»Ich weiß nicht, wen die Maxime eigentlich täuschen will«,
sagte Harry und sah hinüber zu ihr, die allein und mit sehr be-
trübter Miene am Richtertisch saß. »Wenn Hagrid ein Halb-
riese ist, dann ist sie es eindeutig auch. Von wegen große Kno-
chen ... das Einzige, was größere Knochen hat als sie, ist ein
Dinosaurier.«
Harry und Ron verbrachten den restlichen Ballabend da-
mit, in einer Ecke zu sitzen und über Riesen zu fachsimpeln;
keiner von beiden hatte Lust zu tanzen. Harry mied mög-
lichst jeden Blick auf Cho und Cedric, und wenn er sie dann
doch sah, hätte er am liebsten gegen das Tischbein getreten.
Als die Schwestern des Schicksals um Mitternacht zu spie-
len aufhörten, bekamen sie von allen noch eine letzte Runde
Applaus, dann tröpfelten die Gäste allmählich hinaus in die
Eingangshalle. Viele sagten, am liebsten hätten sie weiterge-
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feiert, doch Harry war es nur recht, dass er endlich zu Bett ge-
hen konnte; was ihn anging, war der Abend nicht besonders
lustig gewesen.
Draußen in der Eingangshalle sahen Harry und Ron, wie
Hermine Krum, der auf dem Weg zurück zum Durmstrang-
Schiff war, gute Nacht wünschte. Sie versetzte Ron einen sehr
kühlen Blick und rauschte ohne ein Wort an ihm vorbei und
die Marmortreppe hoch. Harry und Ron folgten ihr, doch auf
halber Treppe hörte Harry, wie ihn jemand rief.
»Hey – Harry!«
Es war Cedric Diggory. Harry sah, dass Cho unten in der
Halle auf ihn wartete.
»Ja?«, sagte Harry kurz, und Cedric kam zu ihm hochge-
stürmt.
Er sah ganz so aus, als wollte er vor Ron lieber nicht den
Mund aufmachen. Ron zuckte die Achseln, schaute genervt
und ging weiter die Treppe hinauf.
»Hör mal ...«, sagte Cedric mit gedämpfter Stimme, als Ron
verschwunden war. »Ich schulde dir 'nen Gefallen für diese
Drachengeschichte. Was ist mit deinem goldenen Ei? Jammert
es auch, wenn du es aufmachst?«
»Ja«, sagte Harry.
»Nun ... nimm ein Bad, verstanden?«
»Was?«
»Nimm ein Bad und – ähm – nimm das Ei mit und – hmh -
denk im heißen Wasser einfach mal drüber nach. Das wird dir
helfen ... glaub mir.«
Harry starrte ihn an.
»Und noch was«, sagte Cedric. »Nimm das Badezimmer der
Vertrauensschüler. Im fünften Stock, vierte Tür links von
dieser Statue von Boris dem Bekloppten. Das Passwort ist
Pinienfrisch. Muss mich jetzt sputen – will ihr noch gute
Nacht sagen –«
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Er grinste Harry zu und stürzte hastig zum Fuß der Treppe
hinunter, wo Cho auf ihn wartete.
Harry stieg allein hoch in den Gryffindor-Turm. Das war ein
äußerst merkwürdiger Ratschlag. Warum sollte ihm ein Bad
helfen, herauszufinden, was es mit diesem kreischenden Ei auf
sich hatte? Wollte Cedric ihn verulken? Versuchte er, Harry
wie einen Dummkopf dastehen zu lassen, um bei Cho noch
besser abzuschneiden?
Die fette Dame und ihre Freundin Vi dösten in ihrem Bild
über dem Porträtloch. Harry musste »Lichterfeen!« schreien,
damit sie endlich aufwachten, und dann waren sie auch noch
höchst verärgert. Er kletterte in den Gemeinschaftsraum und
geriet mitten in einen heißen Streit zwischen Ron und Her-
mine. Sie standen drei Meter voneinander entfernt und brüll-
ten sich mit scharlachroten Gesichtern an.
»Na schön, wenn du es nicht leiden kannst, dann weißt du
ja, was du zu tun hast, oder?«, schrie Hermine; ihr Haar löste
sich allmählich aus dem eleganten Knoten und ihr Gesicht war
wutverzerrt.
»Ach ja?«, schrie Ron zurück. »Was denn bitte?« »Wenn
das nächste Mal ein Ball ist, dann frag mich doch gleich, und
nicht als letzte Rettung!«
Ron mummelte stumme Worte wie ein Goldfisch und
Hermine wandte sich auf dem Absatz um und stürmte die
Treppe hoch in ihren Schlafsaal.
Ron schien wie vom Blitz getroffen. »Pff«, prustete er, »tss
-das zeigt doch, dass sie überhaupt nicht begriffen hat, worum
es ging –«
Harry sagte nichts dazu. Es gefiel ihm einfach zu gut, wie-
der mit Ron reden zu können, als dass er ihm seine Meinung
hätte sagen können – doch er konnte den Gedanken nicht ab-
schütteln, dass Hermine viel besser als Ron begriffen hatte,
worum es ging.
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Rita Kimmkorns Riesenknüller
Am zweiten Weihnachtstag standen alle spät auf. Im Gemein-
schaftsraum der Gryffindors war es so ruhig wie schon lange
nicht mehr und viel Gegähne durchzog die lahmen Unterhal-
tungen. Hermine hatte nun wieder buschiges Haar; Harry ge-
stand sie, dass sie vor dem Ball Riesenmengen Seidenglatts
Haargel genommen hatte, »aber für jeden Tag wär mir das
entschieden zu viel Aufwand«, sagte sie nüchtern und kraulte
Krummbein hinter den Ohren.
Ron und Hermine schienen stillschweigend übereinge-
kommen zu sein, ihren Streit zu begraben. Sie gingen betont
freundlich miteinander um, allerdings merkwürdig steif. Ron
und Harry warteten nicht lange, bis sie Hermine von dem
Gespräch zwischen Madame Maxime und Hagrid erzählten,
das sie belauscht hatten. Doch Hermine schien die Neuigkeit,
dass Hagrid ein Halbriese war, nicht annähernd so schockie-
rend zu finden wie Ron.
»Nun ja, ich hab's mir schon gedacht«, sagte sie achselzu-
ckend. »Ich wusste, dass er kein ausgewachsener Riese sein
kann, denn die sind ja um die sieben Meter groß. Aber ehrlich
gesagt, was soll diese ganze Aufregung um die Riesen. Sie
können doch nicht alle schrecklich sein ... gegen die Wer-
wölfe gibt es genau dieselben Vorurteile ... die Leute sind ein-
fach viel zu engstirnig!«
Ron sah aus, als ob er ihr am liebsten höhnisch über den
Mund gefahren wäre, doch vielleicht wollte er nicht schon
wieder Streit anfangen, denn er beschränkte sich darauf, un-
454
gläubig den Kopf zu schütteln, als Hermine gerade woanders
hinsah.
Es wurde allmählich Zeit, an die Hausaufgaben zu denken,
die sie in der ersten Ferienwoche vernachlässigt hatten. Jetzt,
da Weihnachten vorbei war, schienen alle ein wenig matt und
lahm – alle außer Harry, der (wieder mal) ziemlich nervös
wurde.
Das Problem war, dass der vierundzwanzigste Februar mit
Weihnachten im Rücken viel näher gekommen zu sein schien,
und noch immer hatte er nichts unternommen, um das Rätsel
des goldenen Eis zu lösen. So fing er an, das Ei jedes Mal,
wenn er in den Schlafsaal ging, aus dem Koffer zu holen, es zu
öffnen und ihm aufmerksam zu lauschen, immer in der
Hoffnung, es würde ihm endlich ein Licht aufgehen. Er zer-
marterte sich den Kopf darüber, woran ihn der Lärm erin-
nerte, aber einmal abgesehen von dreißig Musiksägen hatte er
so etwas noch nie gehört. Er schloss das Ei, schüttelte es ener-
gisch und öffnete es wieder, um zu hören, ob sich der Ton
verändert hatte, doch nein. Er versuchte, gegen das Wehkla-
gen anbrüllend, dem Ei Fragen zu stellen, doch nichts ge-
schah. Er warf das Ei sogar durch den Saal, doch es brachte
nichts, und eigentlich hatte er auch nicht daran geglaubt.
Harry hatte den Hinweis von Cedric nicht vergessen, aber da
er im Augenblick nicht allzu freundschaftliche Gefühle für
Cedric hegte, wollte er möglichst ohne seine Hilfe auskom-
men. Und wenn Cedric ihm wirklich einen heißen Tipp hätte
geben wollen, dann hätte er mehr mit der Sprache rausrücken
müssen. Er selbst hatte Cedric genau gesagt, was bei der ers-
ten Aufgabe drankam, aber Cedrics Vorstellung von einem
fairen Tausch war wohl, ihm zu sagen, er solle ein Bad neh-
men. Nein, solche Krücken brauchte er nicht – und schon gar
nicht von jemandem, der mit Cho Händchen haltend durch die
Schule spazierte. Und so kam der erste Tag nach den Fe-
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rien, Harry ging wie immer beladen mit Büchern, Pergamen-
ten und Federn zum Unterricht, doch das Ei lag ihm so
schwer im Magen, als ob er es ständig mit sich herumtragen
würde.
Noch immer lag hoher Schnee, und die Fenster des Ge-
wächshauses waren so dicht beschlagen, dass sie in Kräuter-
kunde nicht einmal nach draußen sehen konnten. Bei so einem
Wetter freute sich niemand auf Pflege magischer Geschöpfe,
obwohl Ron meinte, die Kröter würden ihnen sicher ganz
schön einheizen, denn entweder müssten sie hin-
ter ihnen herjagen, oder sie würden so stark explodieren, dass
Hagrids Hütte Feuer fing.
Drüben vor der Hütte sahen sie jedoch nur eine ältere Hexe
mit kurz geschorenem grauem Haar und einem ener-
gisch spitzen Kinn vor der Tür stehen.
»Nun beeilt euch mal, es hat schon vor fünf Minuten ge-
läutet«, blaffte sie die Klasse an, die durch den Schnee auf sie
zustapfte.
»Wer sind Sie?«, fragte Ron und starrte sie an. »Wo ist
Hagrid?«
»Mein Name ist Professor Raue-Pritsche«, sagte sie barsch,
»ich bin eure Vertretung in Pflege magischer Geschöpfe.«
»Wo ist Hagrid?«, wiederholte Harry laut.
»Er fühlt sich nicht wohl«, sagte Professor Raue-Pritsche
knapp.
Leises, unangenehmes Lachen drang an Harrys Ohren. Er
wandte sich um; Draco Malfoy und die anderen Slytherins
waren hinzugestoßen. Ihnen allen stand die Schadenfreude ins
Gesicht geschrieben, und keiner schien überrascht, Profes-
sor Raue-Pritsche hier zu sehen.
»Hier lang, bitte«, sagte Professor Raue-Pritsche und ging
mit schnellen Schritten an der Koppel entlang, auf der die rie-
sigen Beauxbatons-Pferde zitterten.
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Harry, Ron und Hermine folgten ihr und warfen hin und
wieder Blicke über die Schulter zu Hagrids Hütte. Alle Vor-
hänge waren zugezogen. War Hagrid dort drin, krank und
allein?
»Was fehlt Hagrid denn?«, fragte Harry und beeilte sich, mit
Professor Raue-Pritsche Schritt zu halten.
»Das geht dich nichts an«, sagte sie, als hielte sie ihn für
einen naseweisen Bengel.
»Tut es allerdings«, sagte Harry gereizt. »Was ist los mit
ihm?«
Professor Raue-Pritsche tat so, als ob sie ihn nicht hören
würde. Sie führte sie an der Koppel vorbei, wo sich die
Beauxbatons-Pferde jetzt zum Schutz gegen die Kälte anei-
nander geschmiegt hatten, und auf einen Baum am Waldrand
zu. An den Baum gebunden war ein großes, schönes Einhorn.
Viele Mädchen »uuuhten« bei diesem Anblick.
»Oooh, ist es nicht wunderschön?«, flüsterte Lavender
Brown. »Wie hat sie es gefangen? Das soll ja unglaublich
schwer sein!«
Das Einhorn war so gleißend weiß, dass der Schnee um es
herum grau schien. Es stampfte nervös mit seinen goldenen
Hufen und warf seinen gehörnten Kopf zurück.
»Jungen zurückbleiben!«, bellte Professor Raue-Pritsche,
und ihr ausgestreckter Arm traf Harry hart an der Brust. »Sie
ziehen die Hand einer Frau vor, diese Einhörner. Mädchen
nach vorn, und vorsichtig annähern. Kommt schon, ganz lo-
cker bleiben ...«
Sie ging mit den Mädchen langsam auf das Einhorn zu,
während die Jungen am Koppelzaun stehen blieben und zu-
sahen.
Sobald Professor Raue-Pritsche außer Hörweite war, drehte
sich Harry zu Ron um. »Was, meinst du, ist los mit ihm? Hat
ihn vielleicht ein Kröter –?«
457
»Oh, er wurde nicht angegriffen, Potter, wenn du das
meinst«, sagte Malfoy leise. »Nein, er schämt sich nur zu sehr,
sein großes hässliches Gesicht zu zeigen.«
»Was meinst du damit?«, fragte Harry scharf.
Malfoy steckte die Hand in den Umhang und zog eine zu-
sammengefaltete Zeitungsseite heraus.
»Hier, lies«, sagte er. »Tut mir ja unendlich Leid, dass du es
erfahren musst, Potter ...«
Er grinste höhnisch, während Harry ihm das Zeitungsblatt
aus der Hand riss, es auffaltete und zusammen mit Ron,
Seamus, Dean und Neville, die ihm über die Schulter lugten,
durchlas. Es war ein Artikel mit einem Bild von Hagrid, auf
dem er äußerst verschlagen aussah.
Dumbledores Riesenfehler
Albus Dumbledore, der exzentrische Direktor von Hogwarts,
der Schule für Zauberei und Hexerei, hat sich noch nie ge-
scheut, Stellen mit umstrittenen Personen zu besetzen. Im
September dieses Jahres stellte er Alastor »Mad-Eye« Moody
ein, den berüchtigten, schockzauberfreudigen Ex-Auroren, und
zwar als Lehrer zur Verteidigung gegen die dunklen Künste.
Diese Entscheidung hat im Zaubereiministerium einiges
Kopfschütteln ausgelöst, da Moody durchaus bekannt dafür
ist, dass er gewohnheitsmäßig jeden angreift, der in sei-
nem Umkreis auch nur eine plötzliche Bewegung macht. Mad-
Eye Moody jedoch kommt einem ganz vernünftig und
freundlich vor, wenn man ihn mit dem Halbmenschen ver-
gleicht, den Dumbledore Pflege magischer Geschöpfe unter-
richten lässt.
Rubeus Hagrid, der zugibt, dass er in seinem dritten Schul-
jahr von Hogwarts geflogen ist, hat seither die Stelle eines
Wildhüters an der Schule inne, eine Arbeit, die ihm Dumble-
458
dore besorgt hat. Letztes Jahr allerdings hat Hagrid seinen un-
heilvollen Einfluss auf Dumbledore dazu eingesetzt, sich zu-
sätzlich die Stelle eines Lehrers für die Pflege magischer
Geschöpfe unter den Nagel zu reißen, ohne Rücksicht auf
viele besser ausgebildete Kandidaten.
Hagrid, ein beängstigend großer und wild aussehender
Mann, nutzt seitdem seine neu gewonnene Autorität, um die
ihm anvertrauten Schüler mit einer Reihe grauenhafter
Kreaturen in Angst und Schrecken zu versetzen. Während
Dumbledore beide Augen zudrückte, hat Hagrid in einigen
seiner Unterrichtsstunden, die viele als »sehr beängstigend«
beschreiben, dafür gesorgt, dass mehrere Schüler schwer
verletzt wurden.
»Ich wurde von einem Hippogreif angegriffen und mein
Freund Vincent Crabbe ist von einem Flubberwurm ganz
schlimm gebissen worden«, berichtet der Viertklässler Draco
Malfoy. »Wir alle hassen Hagrid, aber wir haben zu viel
Angst, um etwas zu sagen.«
Hagrid hat freilich nicht die Absicht, seine Einschüchte-
rungskampagne zu beenden. Im Gespräch mit einer Repor-
terin des Tagespropheten gab er letzten Monat zu, dass er Ge-
schöpfe gezüchtet habe, die er »Knallrümpfige Kröter« nennt,
eine höchst gefährliche Kreuzung zwischen Heuschrecke und
Feuerkrabbe. Die Züchtung neuer Kreuzungen magi-
scher Geschöpfe steht natürlich unter der strengen Kontrolle
der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Ge-
schöpfe. Hagrid jedoch scheint sich über solch kleinliche Be-
schränkungen erhaben zu fühlen.
»Es hat mir einfach Spaß gemacht«, sagte er, um dann
hastig das Thema zu wechseln.
Als ob dies nicht genug wäre, hat der Tagesprophet inzwi-
schen Beweise dafür gefunden, dass Hagrid kein – wie er im-
mer vorgab – reinblütiger Zauberer ist. Er ist in Wahrheit
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nicht einmal ganz Mensch. Seine Mutter, so können wir jetzt
exklusiv berichten, ist keine andere als die Riesin Fridwulfa,
deren Aufenthalt gegenwärtig unbekannt ist.
Blutrünstig und gewalttätig wie sie sind, brachten sich die
Riesen im Laufe des vergangenen Jahrhunderts durch Kriege
untereinander selbst an den Rand des Aussterbens. Die weni-
gen, die übrig geblieben waren, schlössen sich den Reihen von
Du-weißt-schon-wem an und verübten während seiner
Schreckensherrschaft einige der bestialischsten Massenmorde
an Muggeln. Zwar wurden viele Riesen, die Du-weißt-schon-
wem dienten, von Auroren im Kampf gegen die dunklen
Kräfte getötet, doch Fridwulfa entkam. Es ist möglich, dass sie
Zuflucht in einem der Riesen-Dörfer gefunden hat, die es in
Bergregionen anderer Länder noch immer gibt. Nach seinem
Gebaren als Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe zu
schließen hat Fridwulfas Sohn jedoch offensichtlich ihr ge-
walttätiges Wesen geerbt.
Eine makabre Seite dieser Geschichte ist nun, dass Hagrid,
wie zu hören ist, eine enge Freundschaft zu dem Jungen auf-
gebaut hat, der den Sturz des Unnennbaren herbeiführte -und
damit Hagrids Mutter und die übrig gebliebenen Anhän-
ger des Unnennbaren in den Untergrund getrieben hat. Viel-
leicht kennt Harry Potter die unangenehme Wahrheit über
seinen großen Freund gar nicht – doch Albus Dumbledore hat
gewiss die Pflicht, dafür zu sorgen, dass Harry Potter und
seine Mitschüler vor den Gefahren, die ihnen beim Umgang
mit Halbriesen drohen, gewarnt werden.
Rita Kimmkorn
Als Harry zu Ende gelesen hatte, blickte er zu Ron auf, dessen
Mund offen stand.
»Wie hat sie das rausgefunden?«, wisperte er.
Das war es allerdings nicht, was Harry umtrieb.
460
»Was soll das heißen, >Wir alle hassen Hagrid«, blaffte er
Malfoy an. »Was soll der Mist, von wegen der hier« – und er
deutete auf Crabbe – »hätte einen üblen Biss von einem Flub-
berwurm abbekommen? Die haben doch nicht mal Zähne!«
Crabbe kicherte, offenbar höchst zufrieden mit sich.
»Tja, ich vermute mal, das wird die Lehrerlaufbahn dieses
Idioten beenden«, sagte Malfoy mit fiebrigen Augen. »Halb-
riese ... und ich hab doch tatsächlich geglaubt, er hätte als
Kind 'ne ganze Flasche Skele-Wachs ausgetrunken ... die
Mamis und Papis werden das überhaupt nicht gerne hö-
ren ... Sie werden Angst bekommen, dass er ihre Kleinen
frisst, har, har ...«
»Du –«
»Hört ihr da drüben eigentlich zu?«
Professor Raue-Pritsches Stimme wehte zu den Jungen
herüber. Die Mädchen standen eng um das Einhorn gedrängt
und streichelten es. Harry war so zornig, dass die Seite aus
dem Tagespropheten in seiner Hand zitterte, als er sich um-
drehte und mit leerem Blick hinüber zu dem Einhorn starrte,
dessen magische Eigenschaften Professor Raue-Pritsche jetzt
mit lauter Stimme aufzählte, damit auch die Jungen etwas
mitbekamen.
»Ich kann nur hoffen, dass diese Frau bleibt!«, sagte Parvati
Patil nach dem Ende der Stunde, als sie zum Mittagessen ins
Schloss zurückgingen. »Genau so hab ich mir Pflege magi-
scher Geschöpfe immer vorgestellt ... richtige Tiere wie die-
ses Einhorn, keine Monster ...«
»Und was ist mit Hagrid?«, sagte Harry wütend, als sie die
Treppe hochgingen.
»Was soll mit ihm sein?«, sagte Parvati mit harter Stimme.
»Er kann doch immer noch den Wildhüter machen, oder?«
Seit dem Ball war Parvati gegenüber Harry ziemlich kühl.
Ihm war klar, dass er ihr vielleicht ein wenig mehr Aufmerk-
461
samkeit hätte schenken sollen, doch sie schien sich trotz allem
gut amüsiert zu haben. Jedenfalls erzählte sie allen, die es hö-
ren wollten, dass sie sich für den nächsten Wochenendausflug
nach Hogsmeade mit dem Jungen von Beauxbatons verabre-
det hatte.
»Das war nun wirklich mal eine gute Unterrichtsstunde«,
sagte Hermine, als sie die Große Halle betraten. »Ich hätte
nicht mal die Hälfte von dem gewusst, was uns Professor
Raue-Pritsche über Ein–«
»Schau dir das an!«, knurrte Harry und hielt ihr den Artikel
des Tagespropheten unter die Nase.
Hermine ging beim Lesen langsam der Mund auf. Sie rea-
gierte genau wie Ron. »Wie hat diese fürchterliche Kimm-
korn das rausbekommen? Du glaubst doch nicht, Hagrid selbst
hat es ihr erzählt?«
»Nein«, sagte Harry, ging voraus zum Gryffindor-Tisch und
ließ sich zornig auf einen Stuhl fallen. »Er hat es doch nicht
mal uns erzählt, oder? Ich schätze, sie war sauer, weil er ihr
keine Horrorgeschichten über mich erzählt hat, und hat dann
rumgeschnüffelt, um es ihm heimzuzahlen.«
»Vielleicht hat sie gehört, wie er es am Ballabend Madame
Maxime erzählt hat«, sagte Hermine leise.
»Dann hätten wir sie draußen im Garten sehen müssen!«,
sagte Ron. »Außerdem darf sie sich in der Schule ja gar nicht
mehr blicken lassen, Hagrid meinte, Dumbledore hätte ihr
Hausverbot erteilt ...«
»Vielleicht hat sie einen Tarnurnhang«, sagte Harry und
schöpfte sich so wütend Hühnerfrikassee auf den Teller, dass
er es nach allen Seiten verspritzte.
»Das sieht ihr ähnlich, sich in Büschen zu verstecken und
Leute zu belauschen.«
»Wie du und Ron, willst du sagen«, entgegnete Hermine.
»Wir wollten ihn ja gar nicht belauschen!«, sagte Ron
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entrüstet. »Wir hatten keine andere Wahl! Der Trottel plau-
dert über seine Riesenmutter, wo ihn doch jeder hätte hören
können!«
»Wir müssen zu ihm und sehen, wie es ihm geht«, sagte
Harry. »Heute Abend, nach Wahrsagen. Ihm sagen, dass wir
ihn wiederhaben wollen ... Du willst ihn doch auch wieder?«,
fragte er mit wütendem Blick zu Hermine gewandt.
»Ich – nun ja, ich will nicht so tun, als wär es keine schöne
Abwechslung gewesen, mal eine richtige Stunde Pflege magi-
scher Geschöpfe –« Unter Harrys wütendem Blick gab sie je-
doch klein bei und setzte rasch hinzu: »– aber natürlich will
ich Hagrid wiederhaben!«
Und so gingen die drei nach dem Abendessen noch einmal
aus dem Schloss und über den gefrorenen Abhang hinunter zu
Hagrids Hütte. Sie klopften und Fang antwortete mit freu-
digem Gebelle.
»Hagrid, wir sind's!«, rief Harry und trommelte gegen die
Tür.
Er gab keine Antwort. Sie hörten Fang an der Tür kratzen
und winseln, doch er machte nicht auf. Zehn Minuten lang
hämmerten sie gegen die Tür; Ron ging sogar um die Ecke
und klopfte an ein Fenster, aber nichts rührte sich.
»Warum will er uns nicht sehen?«, fragte Hermine, als sie
schließlich aufgegeben hatten und zurück zum Schloss gin-
gen. »Er denkt doch nicht etwa, es würde uns was ausmachen,
dass er ein Halbriese ist?«
Doch es hatte ganz den Anschein, als würde es Hagrid selbst
etwas ausmachen. Die ganze Woche war keine Spur von ihm
zu sehen. Er erschien nicht zum Essen am Leh-
rertisch, er ging offenbar auch nicht seinen Pflichten als
Wildhüter auf den Ländereien nach, und Pflege magischer
Geschöpfe hatten sie auch weiterhin bei Professor Raue-
Pritsche. Malfoy feixte bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
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»Sehnst dich wohl nach deinem Mischlingskumpel?«, wis-
perte er ständig Harry zu, wenn ein Lehrer in der Nähe war,
um vor Harrys Vergeltung sicher zu sein. »Sehnst dich nach
dem Elefantenmenschen?«
Mitte Januar war wieder ein Besuch in Hogsmeade angesagt.
Hermine war sehr überrascht, dass Harry mitkommen wollte.
»Ich dachte eigentlich, du würdest die Gelegenheit ver-
nünftig nutzen, wo es doch im Gemeinschaftsraum ausnahms-
weise mal ruhig ist«, sagte sie. »Du musst dich endlich um die-
ses Ei kümmern.«
»Oh, ich – ich glaub, ich weiß schon ziemlich genau, um
was es geht«, log Harry.
»Ach wirklich?«, sagte Hermine, offensichtlich beeindruckt.
»Nicht schlecht!«
Harrys Eingeweide verkrampften sich schuldbewusst, doch
er achtete nicht auf sie. Schließlich hatte er immer noch fünf
Wochen, um die Sache mit dem Ei zu klären, und das reichte
doch ewig ... und wenn er nach Hogsmeade ging, würde er
vielleicht zufällig Hagrid treffen und könnte ihn zur Rück-
kehr bewegen.
Am Sonntag verließ er mit Ron und Hermine das Schloss
und sie machten sich auf den Weg durch die nasskalten Wie-
sen hinüber zum Tor. Als sie am Durnistrang-Schiff vorbeika-
men, das immer noch am Seeufer vertäut lag, sahen sie Viktor
Krum mit nichts als einer Badehose bekleidet an Deck kom-
men. Er war sehr hager, doch offenbar viel zäher, als er aussah,
denn er stieg auf die Reling des Schiffes, streckte die Arme vor
und sprang kopfüber in den See.
»Er muss verrückt sein!«, sagte Harry und sah gebannt zu,
wie Krums dunkler Schöpf mitten im See wieder auftauchte.
»Das Wasser muss eiskalt sein, wir haben doch Januar!«
»Da, wo er herkommt, ist es viel kälter«, sagte Hermine.
»Ich schätze, für ihn fühlt es sich ziemlich warm an.«
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»Jaah, aber da ist auch noch der Riesenkrake«, sagte Ron.
Er klang nicht besorgt – wenn man genau hinhörte, klang er
hoffnungsvoll. Hermine entging dieser Unterton nicht und sie
runzelte die Stirn.
»Er ist wirklich nett, weißt du«, sagte sie. »Überhaupt nicht
so, wie du denkst, nur weil er aus Durmstrang kommt. Hier
gefällt es ihm viel besser, hat er mir gesagt.«
Ron sagte nichts. Seit dem Ball hatte er Viktor Krum nicht
mehr erwähnt. Harry hatte jedoch am zweiten Feiertag unter
seinem Bett einen kleinen Arm gefunden, der sehr danach
aussah, als wäre er von einer kleinen Modellfigur mit bulga-
rischem Quidditch-Umhang abgerissen worden.
Harry hielt den ganzen Weg die matschige Hauptstraße
entlang Ausschau nach einem Zeichen von Hagrid, und als er
sich vergewissert hatte, dass Hagrid in keinem der Läden war,
schlug er vor, einen kleinen Abstecher in die Drei Besen zu
machen.
Der Pub war wie immer gut besucht, doch er brauchte den
Blick nur kurz über die Tische schweifen zu lassen, um fest-
zustellen, dass Hagrid nicht da war. Harry wurde schwer ums
Herz und er ging mit Ron und Hermine zur Bar und bestellte
bei Madam Rosmerta drei Butterbier. Trübselig ging ihm
durch den Kopf, dass er vielleicht besser im Schloss geblieben
wäre und dem Wehklagen des Eis gelauscht hätte.
»Geht der eigentlich nie ins Büro?«, flüsterte Hermine
plötzlich. »Seht mal!«
Sie deutete auf den Spiegel hinter der Bar und im Spiegel-
bild sah Harry Ludo Bagman mit einer Schar Kobolde in einer
dunklen Ecke sitzen. Bagman redete schnell und leise auf die
Kobolde ein, die alle die Arme verschränkt hatten und recht
bedrohlich aussahen.
Tatsächlich merkwürdig, dachte Harry, dass Bagman hier in
den Drei Besen saß, an einem Wochenende ohne Turnier, wo
465
er als Richter nicht benötigt wurde. Er beobachtete Bagman im
Spiegel. Wieder wirkte er angespannt, nicht weniger als
damals im nächtlichen Wald, bevor das Dunkle Mal erschie-
nen war. Doch in diesem Moment warf Bagman einen Blick
zur Bar, erkannte Harry und stand auf.
»Bin gleich wieder da, einen Moment nur!«, hörte ihn Harry
barsch zu den Kobolden sagen, dann hastete Bagman durch
den Pub auf Harry zu, nun wieder jungenhaft grinsend.
»Harry!«, sagte er. »Wie geht's dir? Hatte gehofft, dich zu
treffen! Läuft alles gut?«
»Ja, danke«, sagte Harry.
»Könnte ich dich vielleicht kurz unter vier Augen spre-
chen, Harry?«, drängte Bagman. »Ihr zwei würdet uns doch
kurz mal allein lassen, nicht wahr?«
»Ähm – okay«, sagte Ron, und er und Hermine gingen da-
von, um einen freien Tisch zu suchen.
Bagman führte Harry ganz ans Ende der Bar, so weit wie
möglich weg von Madam Rosmerta.
»Ich dachte, ich könnte dir noch mal zu deiner glänzenden
Leistung gegen diesen Hornschwanz gratulieren, Harry«, sagte
Bagman. »Wirklich hervorragend.«
»Danke«, sagte Harry, doch er wusste, das konnte nicht alles
sein, was Bagman sagen wollte, denn er hätte ihm auch vor
Ron und Hermine gratulieren können. Bagman schien es
jedoch nicht allzu eilig zu haben, mit der Sprache rauszurü-
cken. Harry bemerkte, wie er im Spiegel zu den Kobolden
hinübersah, die ihn und Harry mit ihren dunklen, schrägen
Augen beobachteten.
»Ein Alptraum, sag ich dir«, murmelte Bagman Harry zu,
als er bemerkt hatte, dass auch Harry die Kobolde beobach-
tete. »Ihr Englisch ist nicht allzu gut ... als ob ich mich wieder
mit diesen Bulgaren bei der Weltmeisterschaft rumschlagen
müsste ... aber die haben wenigstens eine Zeichensprache
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benutzt, die ein normaler Mensch entziffern kann. Diese
Bande da quasselt ständig in Koboldogack ... und ich kenne
nur ein Wort in Koboldogack. Bladwack. Das bedeutet
> Spitzhacke<. Sag ich natürlich nicht, sonst meinen die noch,
ich würde sie bedrohen.« Er lachte kurz und dröhnend auf.
»Was wollen die?«, fragte Harry, dem auffiel, dass die Ko-
bolde Bagman immer noch scharf im Visier hatten.
»Ähm – nun ja ...«, sagte Bagman und schien plötzlich ner-
vös geworden. »Sie ... ähm ... sie suchen nach Barty Crouch.«
»Und warum ausgerechnet hier?«, sagte Harry. »Er ist doch
in Lond9n im Ministerium?«
Ȁhm ... ehrlich gesagt, ich hab keine Ahnung, wo er
steckt«, sagte Bagman. »Er hat gewissermaßen ... aufgehört zu
arbeiten. Taucht schon seit einigen Wochen nicht mehr auf.
Der junge Percy, sein Assistent, behauptet, er sei krank.
Offenbar hat er vor kurzem per Eulenpost Anweisungen
geschickt. Aber das bleibt doch unter uns, Harry? Rita Kimm-
korn schnüffelt nämlich immer noch überall rum, und ich
wette, sie bläst Bartys Krankheit zu irgendeiner üblen Ge-
schichte auf. Dann heißt es wahrscheinlich noch, er werde
vermisst, wie Bertha Jorkins.«
»Haben Sie etwas von Bertha Jorkins gehört?«, fragte
Harry.
»Nein«, sagte Bagman, und wieder schien er angespannt.
»Ich hab natürlich ein paar Leute auf die Suche geschickt ...«,
(Wurde allmählich auch Zeit, dachte Harry), »doch das ist al-
les sehr merkwürdig. Wir wissen jetzt, dass sie in Albanien
angekommen ist, weil sie dort ihren Cousin zweiten Grades
getroffen hat. Und dann hat sie das Haus ihres Cousins in
Richtung Süden verlassen, um eine Tante zu besuchen ... aber
unterwegs ist sie offenbar spurlos verschwunden. Ver-
dammt, wenn ich nur wüsste, wo sie steckt ... sie scheint
jedenfalls nicht der Typ zu sein, der einfach durchbrennt ...
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aber was soll's ... was reden wir hier überhaupt von Kobolden
und Bertha Jorkins? Ich wollte dich was ganz anderes fra-
gen« – er senkte die Stimme – »wie kommst du mit dem gol-
denen Ei voran?«
»Ähm ... nicht schlecht«, schwindelte Harry.
Bagman schien zu wissen, dass er nicht die Wahrheit sagte.
»Hör zu, Harry«, sagte er (immer noch mit gedämpfter
Stimme), »ich komme mir bei dieser ganzen Sache ziemlich
schlecht vor ... du bist einfach ins Turnier reingerasselt, du
hast dich nicht freiwillig gemeldet ... und wenn (er sprach jetzt
so leise, dass Harry ihm das Ohr zuneigen musste, um ihn zu
verstehen) ... wenn ich dir irgendwie helfen kann ... ein kleiner
Tipp, wo's langgehen könnte ... weißt du, irgend-
wie mag ich dich ... und wie du an diesem Drachen vorbei-
gekommen bist ... Also, du brauchst nur ein Wort zu sagen.«
Harry blickte auf und sah in Bagmans rundes, rosiges Ge-
sicht und die geweiteten, babyblauen Augen.
»Wir sollen doch das Rätsel allein lösen, oder?«, sagte er,
darauf bedacht, lässig zu klingen und nicht so, als ob er den
Chef der Abteilung für Magische Spiele beschuldigen würde,
die Regeln zu brechen.
»Ja, schon richtig«, sagte Bagman ungeduldig, »aber – nun
stell dich nicht so an, Harry, wir wollen doch alle einen Sieger
aus Hogwarts, oder?«
»Haben Sie Cedric auch Hilfe angeboten?«, fragte Harry.
Auf Bagmans glattem Gesicht erschienen sehr feine Run-
zeln.
»Nein, hab ich nicht«, sagte er. »Ich – nun, wie gesagt, ich
mag dich inzwischen ganz gern. Dachte eben, ich könnte dir
ein wenig unter die Arme ...«
»Nett von Ihnen«, sagte Harry, »aber ich glaube, ich hab
dieses Eierrätsel fast gelöst ... brauch vielleicht nur noch ein
paar Tage.«
468
Er war sich nicht ganz sicher, warum er Bagmans Hilfe ab-
lehnte, er wusste nur, dass er Bagman eigentlich gar nicht
kannte, und wenn er seine Hilfe annehmen würde, hätte er viel
eher das Gefühl, er würde mogeln, als wenn er Ron, Her-
mine oder Sirius um Rat fragte.
Bagman sah fast beleidigt aus, aber er konnte nichts wei-
ter sagen, weil in diesem Augenblick Fred und George auf-
tauchten.
»Hallo, Mr Bagman«, sagte Fred und lächelte breit. »Dür-
fen wir Sie zu einem Drink einladen?«
»Ähm ... nein«, sagte Bagman mit einem letzten, ent-
täuschten Blick auf Harry, »nein danke, Jungs ...«
Fred und George schienen nicht weniger enttäuscht als Mr
Bagman, der Harry musterte, als hätte er ihn ganz übel im
Stich gelassen.
»Jetzt muss ich mich aber sputen«, sagte er. »War schön,
euch zu sehen. Viel Glück, Harry.«
Er eilte hinaus. Die Kobolde rutschten von ihren Stühlen
und folgten ihm vor die Tür. Harry ging hinüber zu Ron und
Hermine.
»Was wollte er?«, fragte Ron, kaum hatte Harry sich ge-
setzt.
»Er hat mir Hilfe für das goldene Ei angeboten«, antwortete
Harry.
»Das darf er eigentlich nicht!«, sagte Hermine schockiert.
»Er ist einer der Richter! Und außerdem hast du es doch schon
gelöst, oder?«
»Ähemm ... fast«, sagte Harry.
»Ich glaube nicht, dass Dumbledore erfreut wäre, wenn er
wüsste, dass Bagman dich zum Mogeln anstiften will!«, sagte
Hermine mit einem noch immer zutiefst missbilligenden
Blick. »Ich hoffe, er versucht auch Cedric zu helfen!«
»Tut er nicht. Ich hab ihn gefragt«, sagte Harry.
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»Wen kümmert es, ob Diggory Hilfe kriegt?«, meinte Ron.
Harry gab ihm stillschweigend Recht.
»Diese Kobolde sahen nicht gerade freundlich aus«, sagte
Hermine und nippte an ihrem Butterbier. »Was hatten die hier
verloren?«
»Bagman behauptet, sie suchen nach Crouch«, entgegnete
Harry. »Er ist immer noch krank. Erscheint nicht zur Arbeit.«
»Vielleicht ist Percy dabei, ihn zu vergiften«, sagte Ron.
»Denkt wahrscheinlich, wenn Crouch abnippelt, wird er zum
Chef der Abteilung für Internationale Magische Zusammen-
arbeit ernannt.«
Hermine versetzte Ron einen Darüber-macht-man-keine-
Witze-Blick und sagte: »Merkwürdig, Kobolde, die nach Mr
Crouch suchen ... normalerweise haben sie mit der Abteilung
zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe zu tun.«
»Crouch beherrscht übrigens eine Menge verschiedener
Sprachen«, sagte Harry. »Vielleicht brauchen sie einen Über-
setzer.«
»Jetzt sorgst du dich auch noch um die süßen kleinen Ko-
bolde, nicht wahr?«, fragte Ron Hermine. »Willst du viel-
leicht so was wie BLÖK gründen? Befreit die Lümmelhaften
Öden Kobolde?«
»Ha, ha, ha«, lachte Hermine trocken. »Kobolde brauchen
keinen Schutz. Habt ihr nicht gehört, was uns Professor Binns
über die Kobold-Aufstände erzählt hat?«
»Nein«, sagten Harry und Ron wie aus einem Munde.
»Sie sind durchaus fähig, es mit Zauberern aufzunehmen«,
sagte Hermine und nippte an ihrem Butterbier. »Sie sind
ziemlich klug. Ganz anders als die Hauselfen, die nie für ihre
Sache eingetreten sind.«
»O nein«, sagte Ron und blickte zur Tür.
Rita Kimmkorn war gerade eingetreten. Heute trug sie einen
bananengelben Umhang; ihre langen Fingernägel wa-
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ren knallrosa lackiert, und begleitet wurde sie von ihrem dick-
bauchigen Fotografen. Sie holten Getränke an der Bar, dann
drängten sie sich durch die Menge, und zwar, wie Harry, Ron
und Hermine mit finsteren Blicken feststellten, zu einem Tisch
in ihrer Nähe. Rita Kimmkorn redete sehr schnell und offenbar
voller Genugtuung.
»... schien nicht besonders scharf darauf, mit uns zu reden,
oder, Bozo? Was glaubst du, warum? Und was tut er eigent-
lich mit einer Bande Kobolde im Schlepptau? Zeigt ihnen die
Sehenswürdigkeiten ... was für ein Blödsinn ... er war immer
schon ein schlechter Lügner. Denkst du, da ist was im Busch?
Sollen wir vielleicht ein wenig Staub aufwirbeln? In Ungnade
gefallener Ex-Chef der Sportabteilung, Ludo Bagman ... packender
Satzanfang, Bozo – wir brauchen nur noch 'ne Story, die dazu
passt –«
»Wieder mal dabei, jemandes Leben zu ruinieren?«, fragte
Harry laut.
Einige Köpfe wandten sich um. Rita Kimmkorns Augen
hinter der juwelenbesetzten Brille weiteten sich, als sie er-
kannte, wer gesprochen hatte.
»Harry!«, rief sie und setzte ein strahlendes Lächeln auf.
»Wie wunderbar! Willst du dich nicht zu uns –?«
»Ich würde nicht mal mit einem Dreimeterbesen in Ihre
Nähe kommen«, sagte Harry erhitzt. »Warum haben Sie das
Hagrid angetan?«
Rita Kimmkorn hob ihre stark nachgezogenen Brauen.
»Unsere Leser haben das Recht, die Wahrheit zu erfahren,
Harry, ich tue nur meine –«
»Wen schert es, dass er ein Halbriese ist?«, rief Harry. »Er
ist völlig in Ordnung!«
Der ganze Pub war verstummt. Madam Rosmerta stand
hinter der Bar und starrte herüber, ohne zu merken, dass der
Krug, den sie mit Met füllte, schon überlief.
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Rita Kimmkorns Lächeln flackerte kaum merklich, doch sie
festigte es sofort wieder; sie ließ ihre Krokodillederhandtasche
aufschnappen, zog ihre Flotte-Schreibe-Feder heraus und sag-
te: »Wie war's mit einem Interview über Hagrid, wie du ihn
kennst, Harry? Der Mann hinter den Muskeln? Eure doch sehr
verwunderliche Freundschaft und die Gründe, die dahin-
ter stecken. Würdest du ihn als Vaterersatz bezeichnen?«
Hermine stand abrupt auf und umklammerte das Butter-
bierglas, als wäre es eine Granate.
»Sie entsetzliche Frau«, sagte sie zähneknirschend, »Ihnen
ist alles gleich, nicht wahr, Hauptsache, Sie haben eine Story
und jeder kann dafür den Kopf hinhalten, nicht wahr? Selbst
Ludo Bagman –«
»Setz dich, du dummes kleines Gör, und red nicht über
Dinge, von denen du nichts verstehst«, sagte Rita Kimmkorn
kühl und musterte Hermine mit einem harten Ausdruck in den
Augen. »Ich weiß Dinge über Ludo Bagman, die dir die Haare
zu Berge stehen ließen ... Nicht dass das nötig wäre –«, fügte
sie mit einem Blick auf Hermines buschigen Haar-schopf
hinzu.
»Gehen wir«, sagte Hermine. »Kommt, Harry – Ron ...«
Sie gingen zur Tür; viele Gäste starrten ihnen nach, und
Harry warf von der Tür her einen Blick zurück. Rita Kimm-
korns Flotte-Schreibe-Feder war nicht mehr zu halten; sie flog
wie besessen über ein Blatt Pergament auf dem Tisch, vor und
zurück, vor und zurück.
»Dich nimmt sie als Nächste aufs Korn, Hermine«, sagte
Ron mit leiser, besorgter Stimme, während sie rasch die Straße
hinuntergingen.
»Lasst sie nur machen!«, sagte Hermine schrill; sie zitterte
vor Wut. »Ich werd's ihr schon zeigen! 'ne dumme Göre bin
ich also? Oh, das werd ich ihr heimzahlen, erst Harry, dann
Hagrid ...«
472
»Du willst doch nicht etwa Rita Kimmkorn in die Quere
schießen«, sagte Ron nervös. »Ich mein es ernst, Hermine,
dann wird sie irgendwas über dich ausgraben –«
»Meine Eltern lesen den Tagespropheten nicht, mich bringt
sie nicht zum Kuschen!«, sagte Hermine und schritt so ener-
gisch aus, dass Harry und Ron Mühe hatten, ihr zu folgen. Das
letzte Mal, dass Harry sie so wütend gesehen hatte, hatte sie
Draco Malfoy ein paar saftige Ohrfeigen verpasst. »Und
Hagrid kommt jetzt aus seinem Versteck! Er hätte sich von so
einer niederträchtigen Kreatur nie und nimmer einschüch-
tern lassen dürfen! Kommt mit!«
Sie rannte ihnen voran den ganzen Weg zurück, durch das
von Ebern flankierte Tor und über das Schlossgelände zu
Hagrids Hütte.
Die Vorhänge waren immer noch zugezogen, und als sie
näher kamen, hörten sie Fang kläffen.
»Hagrid!«, rief Hermine und pochte gegen die Tür. »Hag-
rid, jetzt reicht's aber! Wir wissen, dass du dadrin bist! Es küm-
mert doch keinen, dass deine Mum eine Riesin war, Hagrid!
Du kannst doch nicht zulassen, dass diese miese Kimmkorn
dir das antut! Hagrid, komm jetzt raus, sei doch nicht so –«
Die Tür ging auf. Hermine sagte: »Wird auch Z-!«, doch jäh
brach sie ab, denn nicht Hagrid sah ihr ins Gesicht, son-
dern Albus Dumbledore.
»Guten Tag«, sagte er freundlich und lächelte auf sie herab.
»Wir – ähem – wir wollten eigentlich Hagrid besuchen«,
sagte Hermine nun etwas kleinlaut.
»Ja, so viel hab ich verstanden«, sagte Dumbledore. »Wollt
ihr nicht reinkommen?«
»Oh – ähm – gut«, sagte Hermine.
Die drei betraten die Hütte; sofort stürzte sich Fang wie
verrückt bellend auf Harry und versuchte ihm die Ohren zu
lecken. Harry wimmelte ihn ab und sah sich um.
473
Hagrid saß an seinem Tisch, auf dem zwei große Becher
Tee standen. Er sah ungeheuer elend aus. Sein Gesicht war
fleckig, die Augen waren geschwollen, und was sein Haar
anging, so hatte er es jetzt ins andere Extrem getrieben; es war
nicht im Mindesten gezähmt, sondern sah aus wie eine Pe-
rücke aus verknoteter Drahtwolle.
»Hallo, Hagrid«, sagte Harry.
Hagrid sah auf.
»'lo«, sagte er mit sehr heiserer Stimme.
»Noch ein wenig Tee, nehm ich an«, sagte Dumbledore,
schloss die Tür hinter den dreien, zückte den Zauberstab und
ließ ihn kurz im Kreis wirbeln; mitten in der Luft erschien ein
sich drehendes Tablett, mit Teetassen und einem Teller voller
Kekse. Dumbledore zauberte das Tablett auf den Tisch und
alle setzten sich. Ein kurzes Schweigen trat ein, dann sagte
Dumbledore: »Hast du zufällig verstanden, was Miss Granger
da gerufen hat, Hagrid?«
Hermines Wangen verfärbten sich, doch Dumbledore lä-
chelte sie an und fuhr fort: »Hermine, Harry und Ron wollen
offenbar immer noch etwas mit dir zu tun haben, wenn man
bedenkt, dass sie fast die Tür eingeschlagen hätten.«
»Natürlich wollen wir das!«, sagte Harry und sah Hagrid
eindringlich an. »Du glaubst doch nicht etwa, dass irgend-
etwas von dieser Kimmkorn-Kuh – Verzeihung, Professor«,
fügte er rasch hinzu und sah Dumbledore an.
»Ich bin vorübergehend taub und hab keine Ahnung, was du
gesagt hast, Harry«, sagte Dumbledore, drehte Däumchen und
starrte an die Decke.
»Ähm – gut«, sagte Harry verlegen. »Ich wollte nur sagen -
Hagrid, wie konntest du nur glauben, wir würden uns darum
scheren, was diese – Person – über dich geschrieben hat?«
Zwei dicke Tränen traten aus Hagrids käferschwarzen
Augen und kullerten langsam durch seinen wirren Bart.
474
»Das ist der lebendige Beweis dessen, was ich dir gesagt
habe, Hagrid«, sagte Dumbledore und starrte vorsorglich im-
mer noch zur Decke. »Ich hab dir die Briefe von zahllosen
Eltern gezeigt, die dich noch aus ihrer eigenen Schulzeit ken-
nen und mir unmissverständlich schreiben, sollte ich dich
feuern, dann hätten sie ein Wörtchen mit mir zu reden –«
»Nich alle«, sagte Hagrid heiser. »Nich alle woll'n, dass ich
bleib.«
»Ich bitte dich, Hagrid, wenn du von allen geliebt werden
willst, dann, fürchte ich, musst du sehr lange in dieser Hütte
hocken bleiben«, sagte Dumbledore und schaute Hagrid nun
streng über den Rand seiner Halbmondgläser hinweg an. »Seit
ich Direktor bin, ist noch keine Woche vergangen, in der ich
nicht mindestens eine Eule bekommen habe mit einer
Beschwerde über meine Art, diese Schule zu leiten. Aber was
soll ich machen? Mich in meinem Studierzimmer verbarrika-
dieren und mich weigern, mit irgendjemandem zu reden?«
»Sie – Sie sind ja auch kein Halbriese!«, krächzte Hagrid.
»Hagrid, sieh dir doch mal meine Verwandten an!«, sagte
Harry aufgebracht. »Schau dir die Dursleys an!«
»Eine hervorragende Idee«, sagte Professor Dumbledore.
»Mein eigener Bruder, Aberforth, wurde wegen Ausübung
unpassender Zauberstücke an einer Ziege verklagt. Es stand in
allen Zeitungen, aber meinst du, Aberforth hätte sich ver-
steckt? Von wegen! Er hielt die Ohren steif und ging seinen
Geschäften nach, als wäre nichts gewesen! Natürlich bin ich
mir nicht ganz sicher, ob er lesen kann, daher mag es nicht nur
Tapferkeit gewesen sein ...«
»Komm zurück und unterrichte wieder, Hagrid«, sagte
Hermine leise, »bitte komm zurück, wir vermissen dich sehr.«
Hagrid schluckte schwer. Noch mehr Tränen kullerten ihm
aus den Augen, liefen die Wangen hinunter und verschwan-
den in dem wirren Bart.
475
Dumbledore erhob sich.
»Ich weigere mich, deine Kündigung anzunehmen, Hagrid,
und erwarte dich am Montag wieder zur Arbeit«, sagte er. »Du
frühstückst um halb neun mit mir in der Großen Halle. Und
keine Widerrede. Schönen Nachmittag euch allen noch.«
Dumbledore verließ die Hütte, nicht ohne vorher noch kurz
Fangs Ohren gekrault zu haben. Als die Tür hinter ihm
zugegangen war, begann Hagrid in seine mülleimer-
deckelgroßen Hände zu schluchzen. Hermine tätschelte ihm
den Arm, und endlich hob Hagrid den Kopf, sah sie mit
brennend roten Augen an und sagte: »Großartiger Mann,
Dumbledore ... großartiger Mann ...«
»Ja, das ist er«, sagte Ron. »Kann ich einen von diesen Kek-
sen haben, Hagrid?«
»Schlag zu«, sagte Hagrid und wischte sich mit dem Hand-
rücken über die Augen. »Aahr, 'türlich hat er Recht – ihr habt
alle Recht ... war dumm von mir ... mein alter Dad hätt sich
geschämt für mich ...« Wieder rollten Tränen über seine
Wangen, doch jetzt wischte er sie energisch weg und sagte:
»Hab euch noch nich mal 'n Bild von meinem alten Dad
gezeigt, nich? Hier ...«
Hagrid stand auf, ging hinüber zu seiner Kommode, öff-
nete eine Schublade und zog ein Bild von einem kleinen Zau-
berer heraus, der Hagrids runzlige schwarze Augen hatte und
mit strahlendem Gesicht auf Hagrids Schulter saß. Hagrid war
nach dem Apfelbaum neben ihm zu schließen gut zwei-
einhalb Meter groß, doch sein Gesicht war bartlos jung, rund
und glatt – er wirkte kaum älter als elf Jahre.
»Das war, kurz nachdem sie mich in Hogwarts aufgenom-
men ham«, krächzte Hagrid. »Dad war so was von froh ...
dachte, ich wär vielleicht kein Zauberer, wisst ihr, weil meine
Mum ... na, wie auch immer, 'türlich war ich nie der große
Magier, stimmt schon ... aber wenigstens hat er nich erlebt,
476
wie sie mich rausgeworfen haben. Ist nämlich schon in mei-
nem zweiten Schuljahr gestorben ...
Dumbledore war der Einzige, der sich nach dem Tod von
meinem Dad für mich eingesetzt hat. Hat mir diese Wild-
hüterstelle besorgt ... vertraut einfach Leuten, ist doch wahr.
Gibt ihnen noch 'ne zweite Schangse ... ganz anders als die
anderen Schulleiter, wisst ihr. Er nimmt jeden auf in Hog-
warts, wenn er nur begabt ist. Weiß, dass was Gutes aus den
Leuten werden kann, auch wenn ihre Familien ... wie sagt man
... nicht so respektierlich war'n. Aber manche verstehn das
einfach nich, 's gibt welche, die halten dir das immer wie-
der vor ... manche von unserem Schlag tun sogar so, als hät-
ten sie nur große Knochen, statt den Mund aufzumachen und
zu sagen – ich bin, was ich bin, und ich schäm mich nich da-
für. > Schäm dich nie<, hat mein alter Dad immer gesagt, > 's
gibt immer welche, die's dir vorwerfen, aber mit denen
brauchst du dich gar nich abzugeben. < Und er hat Recht
gehabt. Ich war 'n Idiot. Mit der geb ich mich nich mehr ab,
das versprech ich euch. Große Knochen ... erzählt mir was von
wegen große Knochen.«
Harry, Ron und Hermine warfen sich nervöse Blicke zu;
Harry wäre eher mit fünfzig Knallrümpfigen Krötern spazie-
ren gegangen als Hagrid zu gestehen, dass er ihn bei seiner
Unterhaltung mit Madame Maxime belauscht hatte, doch
Hagrid redete weiter, offenbar nicht ahnend, was er ausge-
plaudert hatte.
»Weißt du was, Harry?«, sagte er und sah mit leuchtenden
Augen vom Foto seines Vaters auf. »Als ich dich kenn gelernt
hab, hast du mich ein bisschen an mich selbst erinnert. Mum
und Dad nicht mehr da, und du hattest das Gefühl, dass du gar
nicht nach Hogwarts passt, weißt du noch? Warst nicht sicher,
ob du es überhaupt schaffst ... und nu schau dich mal an,
Harry! Schul-Schämpion!«
477
Sein Blick verweilte einen Moment lang auf Harry, dann
sagte er tiefernst: »Weißt du, was ich wirklich gut finden
würd, Harry? Ich fand's wirklich gut, wenn du gewinnst, sag
ich dir. Dann hättest du's allen gezeigt ... du brauchst nicht
reinblütig zu sein, um es zu schaffen. Du brauchst dich nicht
zu schämen, weil du so bist, wie du bist. Dann würden sie
sehen, dass es Dumbledore ist, der Recht hat und alle auf-
nimmt, wenn sie nur zaubern können. Wie steht's eigentlich
mit dem Ei, Harry?«
»Großartig«, sagte Harry. »Wirklich großartig.«
Auf Hagrids verweintem Gesicht brach sich ein breites,
feuchtes Lächeln Bahn. »Gut gemacht, Junge ... Du zeigst es
denen, Harry, du zeigst es denen. Schlägst sie alle.«
Hagrid anzulügen war nicht ganz dasselbe, wie irgendje-
manden anzulügen. Später am Nachmittag, als Harry mit Ron
und Hermine zum Schloss zurückging, konnte er das Bild von
Hagrids bartumwuchertem Gesicht nicht aus seinen Ge-
danken verbannen, das so glücklich ausgesehen hatte bei der
Vorstellung, Harry würde das Turnier gewinnen. Das rätsel-
hafte Ei lastete an diesem Abend schwer auf Harrys Gewissen,
und als er im Bett lag, hatte er seinen Entschluss schon ge-
fasst – es war an der Zeit, seinen Stolz zu vergessen und he-
rauszufinden, ob Cedrics rätselhafter Hinweis irgendetwas
taugte.
478
Das Ei und das Auge
Da Harry keine Ahnung hatte, wie lange er baden musste,
um das Geheimnis des goldenen Eis zu lüften, beschloss er,
nachts zu gehen, wenn er sich so viel Zeit nehmen konnte,
wie er brauchte. Es widerstrebte ihm zwar, einem weiteren
Ratschlag von Cedric zu folgen, doch er entschied sich, das
Bad der Vertrauensschüler zu benutzen. Nur wenige durf-
ten dort rein und so würde er eher ungestört bleilben.
Harry plante seine Unternehmung mit Sorgfalt, denn schon
einmal hatte ihn Filch, der Hausmeister, mitten in der Nacht
aufgegriffen, als er sich verbotenerweise im Schloss
herumgetrieben hatte, und er hatte nicht das Bedürfnis, dies
noch einmal zu erleben. Natürlich würde der Tarnurnhang
entscheidend sein, und als zusätzliche Vorkehrung wollte er
die Karte des Rumtreibers mitnehmen, die neben dem Um-
hang das nützlichste Werkzeug fürs Regelbrechen war, das
Harry besaß. Die Karte zeigte ganz Hogwarts, auch die vie-
len Abkürzungen und Geheimgänge, und vor allem zeigte sie
die Leute im Schloss als winzige, beschriftete Punkte, die sich
durch die Gänge bewegten, so dass Harry gewarnt sein würde,
wenn sich jemand dem Badezimmer näherte.
Am Dienstagabend stahl sich Harry hoch in den Schlaf-
saal, warf sich den Tarnurnhang über, schlich mach unten und
wartete, wie in jener Nacht, als Hagrid ihn zu den Dra-
chen geführt hatte, bis sich das Porträtloch öffnete. Diesmal
war es Ron, mit dem er sich abgesprochen hatte; er stand auf
der anderen Seite des Porträtlochs, sagte der fetten Dame
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das Passwort (»Bananeneis«), stieg in den Gemeinschafts-
raum, murmelte Harry »viel Glück« zu, und Harry schlüpfte
hinaus.
Heute Abend fiel es ihm schwer, sich mit dem Tarnurn-
hang zu bewegen, denn er trug das schwere Ei unter dem einen
Arm und hielt sich mit dem anderen die Karte vor die Augen.
Die mondbcschicnencn Gänge waren jedoch ausge-
storben und still, und indem Harry gelegentlich anhielt und die
Karte vorsorglich prüfte, gelang es ihm, unliebsame Be-
gegnungen zu vermeiden. Als er die Statue von Boris dem
Bekloppten erreichte, einem ratlos in die Gegend schauen-
den Zauberer mit Handschuhen, bei denen er links und rechts
verwechselt hatte, sah er die richtige Tür, neigte sich zu ihr
und murmelte das Passwort »Pinienfrisch«, wie Cedric ihm
gesagt hatte.
Knarrend öffnete sich die Tür. Harry glitt hinein, schob den
Riegel vor, zog den Tarnurnhang vom Kopf und sah sich um.
Sein erster Eindruck war, dass es sich durchaus lohnen
würde, Vertrauensschüler zu werden, nur um dieses Bade-
zimmer benutzen zu dürfen. Ein stattlicher kerzenbestück-
ter Kronleuchter tauchte das Bad in sein warmes Licht. Es war
ganz aus Marmor, auch das in der Mitte des Raums ein-
gelassene rechteckige Becken, das eher wie ein leerer Swim-
mingpool aussah. Rund hundert goldene Wasserhähne rag-
ten aus den Seitenwänden des Beckens und in jedem
Drehknopf war ein andersfarbener Juwel eingelassen. Auch
ein Sprungbrett gab es hier. An den Fenstern hingen lange,
weiße Leinenvorhänge; in einer Ecke fand sich ein großer
Stapel flaumig weicher weißer Badetücher, und an der Wand
hing ein einzelnes, goldgerahmtes Gemälde. Darauf war eine
blonde Meerjungfrau zu sehen, die tief schlafend auf einem
Felsen lag und deren langes Haar bei jedem Schnarcher über
ihr Gesicht flatterte.
480
Harry legte seinen Umhang, das Ei und die Karte auf den
Boden und ging, sich umsehend, auf das Becken zu, wobei
seine Schritte von den Wänden widerhallten. Gewiss, dieses
Bad war herrlich – und er hatte große Lust, ein paar von die-
sen Wasserhähnen auszuprobieren -, doch nun, da er hier war,
kam ihm der unangenehme Gedanke, dass Cedric ihn
vielleicht auf den Arm genommen hatte. Wie um alles in der
Welt sollte ihm dieses Bad helfen, das Geheimnis des Eis zu
lösen? Trotz allem legte er eines der flaumigen Tücher an den
Rand des swimmingpoolgroßen Beckens, legte den Umhang,
die Karte und das Ei dazu, kniete sich nieder und drehte ein
paar Wasserhähne auf.
Sofort war ihm klar, dass jeder Wasserstrahl eine andere
Sorte Schaumbad enthielt, aber es war Schaumbad, wie Harry
es noch nie erlebt hatte. Aus einem Hahn blubberten rosa und
blaue Blasen von Fußballgröße, aus einem anderen quoll
eisweißer Schaum, so dicht und fest, dass Harry sicher war, er
würde ihn über das Wasser tragen; aus einem dritten Hahn
sprühten schwer parfümierte purpurne Wolken, die über dem
Wasser schweben blieben. Harry drehte eine Weile nach Lust
und Laune an den Hähnen, und besonders einer gefiel ihm,
dessen Strahl auf der Wasseroberfläche ab-
prallte und in großen Bögen darüber hinweghüpfte. Als das
tiefe Becken mit heißem Wasser, feinem Schaum und mäch-
tigen Blasen gefüllt war (was bei seiner Größe doch schnell
gegangen war), drehte Harry alle Hähne zu, zog Morgen-
rock, Pyjama und Badeschlappen aus und ließ sich ins Was-
ser gleiten.
Es war so tief, dass seine Füße kaum den Boden berühr-
ten, und so schwamm er tatsächlich ein paar Runden, dann
lehnte er sich an den Beckenrand, planschte ein wenig im
Wasser und nahm das Ei unter die Lupe. So toll es auch war,
im heißen und schaumigen Wasser durch wabernde bunte
481
Dampfwolken zu schwimmen, es hatte ihn kein Geistesblitz
getroffen, noch war ihm plötzlich etwas wie Schuppen von
den Augen gefallen.
Harry streckte die Arme aus, hob das Ei mit nassen Hän-
den hoch und öffnete es. Das klagende, kreischende Lärmen
erfüllte das Bad und hallte zitternd von den Marmorwänden
wider, doch es klang so unbegreiflich wie immer, und im
Gewirr der Echos vielleicht noch rätselhafter. Aus Sorge, der
Lärm könnte Filch auf den Plan rufen, wie es Cedric viel-
leicht sogar beabsichtigt hatte, ließ er das Ei wieder zu-
schnappen – und dann schrak er so heftig zusammen, dass er
das Ei fallen ließ. Scheppernd rollte es über den Marmorbo-
den davon. Jemand sprach.
»Ich würde es einfach mal ins Wasser legen, wenn ich du
wäre.«
Harry hatte vor Schreck eine beträchtliche Menge Seifen-
blasen geschluckt. Prustend richtete er sich auf und sah den
Geist eines sehr verdrossen aussehenden Mädchens mit über-
geschlagenen Beinen auf einem der Wasserhähne sitzen. Es
war die Maulende Myrte, die man normalerweise im Ab-
flussrohr eines Klos drei Stockwerke weiter unten schluch-
zen hören konnte.
»Myrte!«, sagte Harry empört. »Ich – ich hab überhaupt
nichts an!«
Der Schaum war so dicht, dass es kaum eine Rolle spielte,
aber er hatte das unangenehme Gefühl, dass Myrte ihn aus
einem der Hähne heraus beobachtet hatte, schon seit er he-
reingekommen war.
»Ich hab die Augen geschlossen, als du reinkamst«, sagte
sie und blinzelte ihn durch ihre dicken Brillengläser an. »Du
hast mich schon ewig nicht mehr besucht.«
»Jaah ... nun ...«, sagte Harry und ging ein wenig in die
Knie, nur um vollkommen sicher zu sein, dass Myrte nichts
482
als seinen Kopf sehen konnte, »ich darf doch eigentlich gar
nicht in dein Klo. Es ist doch nur für Mädchen.«
»Früher hat dich das nicht gestört«, schmollte Myrte.
»Früher bist du ständig gekommen.«
Das stimmte, allerdings nur, weil Harry, Ron und Her-
mine festgestellt hatten, dass Myrtes kaputtes Klo der beste
Platz war, um insgeheim einen Vielsaft-Trank zu brauen -
einen verbotenen Zaubertrank, der Harry und Ron für eine
Stunde in lebende Abbilder von Crabbe und Goyle verwan-
delt hatte, als die sie sich dann in den Gemeinschaftsraum der
Slytherins schmuggeln konnten.
»Ich hab Ärger gekriegt, weil ich dort rein bin«, sagte
Harry, was nur die halbe Wahrheit war; nur Percy hatte ihn
einmal erwischt, wie er aus Myrtes Klo kam. »Danach dachte
ich, ich lass es lieber bleiben.«
»Oh ... verstehe ...«, sagte Myrte und fingerte mit gräm-
licher Miene an einem dunklen Punkt auf ihrem Kinn herum.
»Ja ... wie auch immer ... ich würde das Ei mal ins Wasser
legen. Das hat Cedric Diggory nämlich getan.«
»Hast du den auch schon bespitzelt?«, sagte Harry entrüs-
tet. »Was treibst du hier eigentlich – schleichst dich abends
einfach rein und siehst zu, wie die Vertrauensschüler baden?«
»Manchmal«, sagte Myrte verschmitzt, »aber bisher bin ich
noch nie aus dem Versteck gekommen, um mit jeman-
dem zu sprechen.«
»Das ehrt mich aber«, sagte Harry mit finsterer Miene.
»Halt dir jetzt bloß die Augen zu!«
Er vergewisserte sich, dass Myrte ihre Brille gut verdeckt
hatte, bevor er sich aus dem Wasser zog, das Badetuch fest
um sich wickelte und dann das Ei holen ging.
Sobald er wieder im Wasser war, spähte Myrte durch ihre
Finger hindurch und sagte: »Nun mach schon ... öffne es
unter Wasser.«
483
Harry drückte das Ei unter die schaumige Wasseroberflä-
che und öffnete es ... und diesmal war kein Klagen zu hö-
ren. Ein gegurgeltes Lied ertönte, ein Lied, dessen Text er
durch das Wasser nicht verstehen konnte.
»Du musst mit dem Kopf untertauchen«, sagte Myrte, die
es offensichtlich zutiefst genoss, ihn herumkommandieren
zu können. »Mach schon!«
Harry holte tief Atem und tauchte unter – undjetzt, da er
auf dem marmornen Boden des schaumgefüllten Bades saß,
hörte er einen Chor schauriger Stimmen, der aus dem offe-
nen Ei in seinen Händen heraus ein Lied für ihn sang:
Komm, such, wo unsere Stimmen klingen,
denn über dem Grund können wir nicht singen.
Und während du suchst, überlege jenes:
Wir nahmen, wonach du dich schmerzlich sehnest.
In einer Stunde musst du es finden
und es uns dann auch wieder entwinden.
Doch brauchst du länger, fehlt dir das Glück,
zu spät, 's ist fort und kommt nicht zurück.
Harry ließ sich nach oben treiben, stieß mit dem Kopf durch
die Seifenblasen und schüttelte sich das Haar aus dem Ge-
sicht.
»Hast du es gehört?«, fragte Myrte.
»Ja ... > Komm, such, wo unsere Stimmen klingen ...< Und
wenn ich mich bitten lasse? ... Warte, ich muss es noch mal
hören ...« Wieder tauchte er unter. Harry musste sich das
Unterwasserlied noch dreimal anhören, bis er es endlich
auswendig konnte; dann dachte er eine Weile im Wasser
planschend angestrengt nach, während Myrte dasaß und ihn
beobachtete.
»Ich muss wohl nach Leuten Ausschau halten, die ihre
484
Stimmen über dem Wasser nicht benutzen können ...«, sagte er
langsam. »Hmh ... wer könnte das sein?«
»Bist einer von den Langsamen, nicht?«
Er hatte die Maulende Myrte noch nie so gut gelaunt ge-
sehen, außer an dem Tag, als sich Hermine mit einer Dosis
Vielsaft-Trank ein haariges Gesicht und einen Katzen-
schwanz verpasst hatte.
Harry sah sich nachdenklich im Badezimmer um ... wenn
die Stimmen nur unter Wasser zu hören waren, dann muss-
ten es Wassergeschöpfe sein. Er stellte seine Überlegung
Myrte vor, die ihn nur geziert anlächelte.
»Tja, das hat Diggory auch gedacht«, sagte sie. »Da lag er
und hat ewig lang mit sich selbst gesprochen. Kam einfach
nicht zum Schluss ... fast alle Seifenblasen waren weg ...«
»Unter Wasser ...«, sagte Harry langsam. »Myrte ... was lebt
eigentlich im See, außer dem Riesenkraken?«
»Oh, dies und das«, sagte sie. »Manchmal komm ich dort
runter ... es geht einfach nicht anders, wenn jemand überra-
schend mein Klo spült ...«
Harry versuchte sich lieber nicht vorzustellen, wie es war,
wenn die Maulende Myrte mit dem Inhalt eines Klos durch ein
Rohr in den See rauschte, und sagte: »Hat denn etwas dort im
See eine menschliche Stimme? Wart mal –«
Sein Blick war auf das Bild der schnarchenden Nixe an der
Wand gefallen. »Myrte, dort drin leben doch nicht etwa
Wassermenschen?«
»Ooh, sehr gut«, sagte sie und ihre dicken Brillengläser
funkelten. »Diggory hat viel länger gebraucht! Und die dort
war sogar wach« – Myrte zuckte mit dem Kopf angewidert in
Richtung Nixe – »und hat gekichert und sich rausgeputzt und
mit ihrer Flosse gespielt ...«
»Das ist es!«, sagte Harry aufgeregt. »Die zweite Aufgabe
ist, die Wassermenschen im See aufzusuchen und ... und ...«
485
Doch plötzlich wurde ihm klar, was er eben gesagt hatte,
und die Freude über seine Entdeckung wurde aus ihm he-
rausgesogen, als ob jemand einen Stöpsel aus seinem Magen
gezogen hätte. Er war kein sehr guter Schwimmer; viel ge-
übt hatte er nie. Dudley hatte, als er noch kleiner war, Un-
terricht bekommen, doch Tante Petunia und Onkel Vernon
hatten sich nie darum gekümmert, dass Harry schwimmen
lernte, zweifellos in der Hoffnung, Harry würde eines Tages
ersaufen. Ein paar Längen dieses Beckens, schön und gut,
doch dieser See war sehr groß und sehr tief ... und die Was-
sermenschen lebten sicher auf dem Grund des Sees ...
»Myrte«, sagte Harry langsam, »wie soll ich dort unten at-
men?«
Bei diesen Worten füllten sich Myrtes Augen plötzlich mit
Tränen. »Wie taktlos von dir!«, murrte sie und stöberte in
ihrem Umhang nach einem Taschentuch.
»Was ist taktlos?«, fragte Harry verwirrt.
»Vor mir vom Atmen zu sprechen!«, sagte sie schrill, und
ihre Stimme hallte laut im Badezimmer wider. »Wo ich doch
... schon so lange ... nicht mehr ... kann ...« Sie ver-
grub das Gesicht in ihrem Taschentuch und schniefte laut.
Harry fiel ein, wie empfindlich Myrte schon immer gewe-
sen war, weil sie tot war, doch kein anderer Geist, den er
kannte, machte ein solches Drama daraus.
»Verzeihung«, sagte er ungeduldig. »Ich hab's nicht so ge-
meint – ist mir ganz entfallen ...«
»O ja, es ist so leicht, Myrtes Tod zu vergessen«,
schluchzte Myrte und sah ihn mit verquollenen Augen an.
»Keiner hat mich vermisst, selbst als ich noch am Leben war.
Stundenlang haben sie gebraucht, um meine Leiche zu fin-
den – ich weiß es noch, ich saß ja da und hab auf sie gewar-
tet. Olive Hornby kam in mein Klo – > Steckst du schon
wieder hier drin und schmollst, Myrte? <, hat sie gesagt. > Pro-
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fessor Dippet hat mich nämlich gebeten, nach dir zu su-
chen -< Und dann hat sie meine Leiche gesehen ... ooooh, das
hat sie bis an ihr Lebensende nicht vergessen, dafür hab ich
schon gesorgt ... ich bin ihr nämlich ständig gefolgt und hab
sie dran erinnert, ich weiß noch, bei der Hochzeit ihres
Bruders –«
Doch Harry hörte ihr nicht zu; er dachte wieder über das
Lied der Wassermenschen nach. »Wir nahmen, wonach du dich
schmerzlich sehnest.« Das klang ganz danach, als würden sie
ihm etwas stehlen, etwas, das er zurückholen musste. Was
sollte das sein?
»– und dann ist sie natürlich vors Zaubereiministerium
gezogen, damit ich ihr nicht mehr nachspuke, deshalb musste
ich wieder hierher kommen und in meinem Klo le-
ben.«
»Gut«, sagte Harry verschwommen. »Schön, ich bin jetzt
viel weiter als vorher ... schließ doch noch mal die Augen, ich
komm raus.«
Er holte das Ei vom Beckenboden herauf, kletterte heraus,
trocknete sich ab und zog Pyjama und Morgenrock an.
»Kommst du mich mal wieder in meinem Klo besu-
chen?«, fragte die Maulende Myrte mit trauriger Stimme, als
Harry den Tarnurnhang aufhob.
»Ähm ... ich versuch's«, sagte Harry, obwohl er im Stillen
dachte, er würde nur dann noch einmal in Myrtes Klo vor-
beischauen, wenn alle anderen Klos im Schloss verstopft wä-
ren. »Bis dann, Myrte ... danke für deine Hilfe.«
»Adieu, adieu«, sagte sie schwermütig, und als sich Harry
den Tarnurnhang wieder anzog, sah er, wie sie in einem der
Wasserhähne verschwand.
Draußen im dunklen Korridor warf Harry einen Blick auf
die Karte des Rumtreibers, um zu prüfen, ob die Luft noch
rein war. Ja, die Punkte für Filch und Mrs Norris waren
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immer noch eindeutig in seinem Büro ... niemand außer
Peeves schien sich zu bewegen, der ein Stockwerk über
Harry im Pokalzimmer auf- und abhüpfte ... schon war er
den ersten Schritt zurück in den Gryffindor-Turm gegan-
gen, als ihm etwas anderes ins Auge fiel ... etwas äußerst
Merkwürdiges.
Peeves war nicht der Einzige, der sich bewegte. Ein ande-
rer Punkt flitzte in einem Zimmer in der linken unteren
Ecke umher – in Snapes Büro. Doch der Punkt war nicht
mit »Severus Snape« beschriftet ... es war Bartemius
Crouch.
Harry starrte auf den Punkt. Mr Crouch war doch angeb-
lich zu krank, um zur Arbeit oder zum Weihnachtsball zu
kommen – also warum hatte er sich um ein Uhr morgens in
Hogwarts eingeschlichen? Harry sah gespannt zu, wie der
Punkt sich unablässig im Zimmer auf und ab bewegte und nur
hie und da kurz innehielt ...
Harry zögerte, überlegte ... und dann gewann seine Neu-
gier die Oberhand. Er drehte sich um und lief in die andere
Richtung, bis zur nächsten Treppe. Er würde schon heraus-
finden, was Crouch hier zu suchen hatte.
Harry ging, so leise er konnte, treppab, dennoch wandten
sich die Köpfe in den Gemälden beim Knarzen eines Die-
lenbrettes oder bei dem Rascheln seines Pyjamas neugierig
um. Er schlich den Korridor einen Stock tiefer entlang, schob
auf halbem Weg einen Wandteppich zur Seite und ging eine
schmalere Treppe hinunter, eine Abkürzung, die ihn gleich
zwei Stockwerke tiefer bringen würde. Immer wieder warf er
einen Blick auf die Karte und wunderte sich ... es schien
einfach nicht zu diesem korrekten, gesetzestreuen Charak-
ter von Mr Crouch zu passen, so spät in der Nacht in einem
fremden Büro herumzuschnüffeln ...
Und dann, auf halber Treppe, als er nicht mehr auf seine
488
Schritte achtete und ganz in Gedanken über das seltsame
Gebaren von Mr Crouch vertieft war, sank Harrys Bein
plötzlich geradewegs durch die Trickstufe, die Neville dau-
ernd zu überspringen vergaß. Er begann unbeholfen zu
schwanken, und das goldene Ei, noch feucht vom Badewas-
ser, glitt ihm aus dem Arm. Er ließ sich nach vorn fallen, um
es aufzufangen, doch zu spät; das Ei kullerte die lange Treppe
hinunter und ließ auf jeder Stufe einen Schlag wie von einer
Basstrommel hören. Der Tarnurnhang rutschte ihm vom Kopf
und Harry konnte ihn gerade noch packen, da flatterte ihm die
Karte des Rumtreibers aus der Hand und segelte sechs Stufen
hinunter, wo er sie, bis übers Knie in die Stufe versunken,
nicht erreichen konnte.
Das goldene Ei kullerte durch den Wandteppich am Fuß der
Treppe, schlug scheppernd im Korridor unten auf und begann
mit seinem lauten Wehklagen. Harry zog den Zau-
berstab und mühte sich verzweifelt, die Karte des Rumtrei-
bers zu berühren und sie zu löschen, doch er konnte sie nicht
erreichen.
Er zog sich den Umhang wieder über den Kopf, richtete sich
auf und lauschte angestrengt, die Augen vor Angst zu
Schlitzen verengt – und es dauerte nur einen Augenblick –
»PEEVES!«
Das war unmissverständlich der Jagdruf von Filch, dem
Hausmeister. Harry konnte deutlich seine hastig schlurfen-
den Schritte näher und näher kommen und seine keuchende
Stimme vor Wut schrill werden hören.
»Was soll dieser Höllenlärm? Du weckst noch das ganze
Schloss! Ich krieg dich, Peeves, ich krieg dich, du wirst ... und
was ist das?«
Filch war offenbar stehen geblieben; es gab ein Klingen von
Metall auf Metall und das Wehklagen erstarb. Filch hatte das
Ei aufgehoben und es geschlossen. Harry stand reglos da, das
489
eine Bein immer noch fest in der magischen Stufe verklemmt,
und lauschte gebannt. Jeden Moment würde Filch den Gobe-
lin zur Seite ziehen und nach Peeves Ausschau halten ... und
da würde kein Peeves sein ... doch wenn er die Treppe hoch-
stieg, würde er die Karte des Rumtreibers entdecken ... und
diese Karte würde, mit oder ohne Tarnumhang, »Harry Pot-
ter« genau da anzeigen, wo er stand.
»Ei?«, sagte Filch leise am Fuß der Treppe. »Meine Süße!«
– offenbar war Mrs Norris bei ihm – »Das ist ein Tri-
magischer Schlüssel! Er gehört einem Schul-Champion!«
Harry wurde schlecht; sein Herz hämmerte rasend schnell –
»PEEVES!«, donnerte Filch voll Schadenfreude. »Du hast
gestohlen!«
Er riss den Wandteppich unten zur Seite, und Harry sah sein
fürchterliches Sackgesicht und die hervorquellenden fahlen
Augen, die die dunkle und (für Filch) völlig ausge-
storbene Treppe hochstarrten.
»Versteckst dich, was?«, sagte er leise. »Ich werd dich
schon kriegen, Peeves ... du hast doch tatsächlich einen Tri-
magischen Schlüssel gestohlen, Peeves ... dafür wird dich
Dumbledore endlich rausschmeißen, du mieser kleiner Dieb
von Poltergeist ...«
Filch stieg die ersten Stufen hoch, dicht gefolgt von einer
dürren, staubfarbenen Katze. Mrs Norris' lampenartige Au-
gen, die denen ihres Herrn so sehr ähnelten, hatten gerade-
wegs Harry ins Visier genommen. Schon einmal hatte er sich
fragen müssen, ob der Tarnurnhang auch bei Katzen wirkte ...
sein Magen verkrampfte sich vor Anspannung, während er
Filch in seinem alten Flanellmorgenmantel im-
mer näher kommen sah – verzweifelt mühte er sich, sein
eingeklemmtes Bein zu befreien, doch es sank nur noch ein
paar weitere Zentimeter ein – und Filch musste nun jede Se-
kunde die Karte entdecken oder direkt in ihn hineinlaufen –
490
»Filch? Was ist hier los?«
Filch hielt ein paar Stufen unterhalb von Harry inne und
wandte sich um. Am Fuß der Treppe stand der Einzige, der
Harrys Lage nur noch verschlimmern konnte – Snape. Er
trug ein langes graues Nachthemd und schien vor Zorn zu
rasen.
»Es ist Peeves, Professor«, wisperte Filch bösartig. »Er hat
dieses Ei die Treppe runtergeworfen.«
Rasch nahm Snape die Stufen bis hinauf zu Filch. Harry
biss die Zähne zusammen, überzeugt, dass sein laut pochen-
des Herz ihn jede Sekunde verraten musste ...
»Peeves?«, sagte Snape leise und starrte das Ei in Filchs
Hand an. »Aber Peeves konnte nicht in mein Büro ...«
»Dieses Ei war in Ihrem Büro, Professor?«
»Natürlich nicht«, fuhr ihn Snape an, »ich hab Gepolter und
Gejammer gehört –«
»Ja, Professor, das war das Ei –«
»– und wollte kurz nachsehen, was los ist –«
»Peeves hat es runtergeworfen, Professor –«
»– und als ich an meinem Büro vorbeikam, sah ich, dass die
Fackeln brannten und eine Schranktür offen stand! Je-
mand hat es durchsucht!«
»Aber Peeves konnte nicht –«
»Das weiß ich auch, Filch!«, bellte Snape. »Ich versiegle
mein Büro mit einem Fluch, den nur ein Zauberer brechen
kann!« Snape sah die Treppe hoch, durch Harry hindurch, und
dann hinunter auf den Korridor. »Ich möchte, dass Sie mir bei
der Suche nach dem Eindringling helfen, Filch.«
»Ich – ja, Professor – aber –«
Filch blickte sehnsüchtig die Treppe hoch, und Harry ent-
ging nicht, dass er nur widerwillig die Chance sausen ließ,
Peeves in die Enge zu treiben. Geh, flehte ihn Harry stumm
an, geh mit Snape ... geh ... Mrs Norris lugte hinter Filchs Bei-
491
nen hervor ... Harry hatte den deutlichen Eindruck, dass sie
ihn riechen konnte ... warum nur hatte er das Bad mit so viel
Duftschaum gefüllt?
»Die Sache ist die, Professor«, sagte Filch mit wehleidiger
Stimme, »diesmal wird der Direktor auf mich hören müs-
sen, Peeves hat einen Schüler bestohlen, das wäre meine
Chance, ihn ein für alle Mal aus dem Schloss werfen zu lassen
–«
»Filch, dieser vermaledeite Poltergeist ist mir verdammt
noch mal völlig egal, ich muss mich um mein Büro –«
Klonk. Klonk. Klonk.
Snape verstummte mit einem Schlag. Er und Filch späh-
ten hinunter zum Fuß der Treppe. Harry sah Mad-Eye Moody
humpelnd in der schmalen Lücke zwischen ihren Köpfen
auftauchen. Moody trug seinen alten Reiseumhang über dem
Nachthemd und stützte sich wie immer auf sei-
nen Stock.
»Was haben wir denn hier, 'ne Pyjama-Party?«, knurrte er
die Treppe hoch.
»Professor Snape und ich haben Lärm gehört, Professor«,
antwortete Filch überstürzt. »Peeves, der Poltergeist, hat mal
wieder Sachen durch die Gegend geworfen – und dann hat
Professor Snape entdeckt, dass jemand in sein Büro eingeb–«
»Mund halten!«, zischte Snape.
Moody trat einen weiteren Schritt auf die Treppe zu. Harry
sah, wie sein magisches Auge über Snape wanderte und dann,
er war sich sicher, auf ihm ruhen blieb.
Harrys Herz tat einen ganz fürchterlichen Schlag: Moody
konnte durch Tarnumhänge sehen ... für ihn allein offen-
barte sich die ganze Seltsamkeit dieses Schauspiels auf der
Treppe ... Snape im Nachthemd, Filch mit dem Ei unter dem
Arm, und er, Harry, über ihnen in eine Stufe einge-
klemmt. Moodys schräg klaffende Wunde von Mund öff-
492
nete sich überrascht. Einige Sekunden lang starrten sich er und
Harry an. Dann machte Moody den Mund zu und ließ sein
blaues Auge zu Snape wandern.
»Hab ich richtig gehört, Snape?«, fragte er langsam. »Je-
mand ist in Ihr Büro eingebrochen?«
»Das ist unwichtig«, sagte Snape kalt.
»Im Gegenteil«, knurrte Moody, »es ist sehr wichtig. Wer
sollte denn in Ihr Büro einbrechen wollen?«
»Ein Schüler, würde ich vermuten«, sagte Snape. Harry
konnte eine Ader auf Snapes fettiger Stirn fürchterlich zu-
cken sehen. »Das ist schon öfter vorgekommen. Zauber-
trankzutaten sind aus meinem persönlichen Vorratsschrank
verschwunden ... Schüler, die verbotene Mixturen auspro-
bieren, mit Sicherheit ...«
»Die waren also auf Trankzutaten aus?«, fragte Moody.
»Sie verstecken nicht zufällig etwas in Ihrem Büro?«
Harry sah von der Seite, wie Snapes fahles Gesicht häss-
lich ziegelrot anlief und die Ader auf seiner Stirn noch
schneller pulste.
»Sie wissen, dass ich nichts verstecke, Moody«, sagte er
mit leiser und drohender Stimme, »da Sie mein Büro ja selbst
recht gründlich durchsucht haben.«
Moodys Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. »Das Vor-
recht des Auroren, Snape. Dumbledore nieinte, ich solle ein
Auge auf–«
»Dumbledore vertraut mir«, sagte Snape zähneknir-
schend. »Ich weigere mich zu glauben, dass er Sie angewie-
sen hat, mein Büro zu durchsuchen!«
»Natürlich traut Dumbledore Ihnen«, knurrte Moody.
»Verliert nie den Glauben an das Gute im Zauberer, nicht
wahr? Gibt jedem 'ne zweite Chance. Ich aber – ich sage, es
gibt Flecken, die gehen nicht mehr raus, Snape. Flecken, die
nie mehr rausgehen, Sie wissen, wovon ich rede?«
493
Snape tat plötzlich etwas sehr Seltsames. Er packte seinen
linken Unterarm krampfartig mit der rechten Hand, als ob
er heftig schmerzen würde.
Moody lachte. »Gehen Sie wieder schlafen, Snape.«
»Sie sind nicht befugt, mich herumzukommandieren!«,
zischte Snape und ließ seinen Arm los, als würde er sich über
sich selbst ärgern. »Ich habe genauso das Recht wie Sie, nach
Einbruch der Dunkelheit in dieser Schule Wache zu gehen!«
»Dann wachen Sie woanders«, sagte Moody, doch in sei-
ner Stimme lag etwas sehr Bedrohliches. »Ich freu mich
darauf, Sie eines Nachts in einem dunklen Korridor zu tref-
fen ... übrigens, Sie haben was verloren ...«
Mit einem stummen Schrei des Entsetzens sah Harry, wie
Moody auf die Karte des Rumtreibers deutete, die noch im-
mer sechs Stufen unter ihm lag. Snape und Filch wandten
die Köpfe. Und in diesem Augenblick ließ Harry alle Vor-
sicht fahren; er hob unter seinem Tarnurnhang die Arme,
winkte verzweifelt, um Moodys Blick auf sich zu ziehen,
und formte mit den Lippen die Worte: »Das ist meine!
Meine!«
Schon hatte Snape, dem die dämmernde Erkenntnis als
fürchterliche Grimasse ins Gesicht geschrieben stand, die
Hand nach der Karte ausgestreckt –
»Accio Pergament!«
Die Karte flog hoch, raschelte durch Snapes ausgestreckte
Finger und flatterte die Stufen hinunter direkt in Moodys
Hand.
»Mein Fehler«, sagte Moody gelassen. »Die gehört mir –
muss sie vorhin fallen gelassen haben –«
Doch Snapes schwarze Augen blitzten vom Ei in Filchs
Armen hinüber zur Karte in Moodys Hand, und Harry war
klar, dass er zwei und zwei zusammenzählte, wie nur Snape
es konnte ...
494
»Potter«, flüsterte er.
»Wie bitte?«, sagte Moody gleichmütig, faltete die Karte
zusammen und steckte sie ein.
»Potter!«, raunzte Snape, und tatsächlich wandte er den
Kopf und starrte genau auf die Stelle, wo Harry stand, als ob
er ihn plötzlich sehen könnte. »Dieses Ei gehört Potter. Die-
ses Pergament gehört auch Potter. Ich hab es schon einmal
gesehen, ich erkenne es wieder. Potter ist hier! Potter, in sei-
nem Tarnurnhang!«
Snape streckte die Hände aus wie ein Blinder und begann
die Stufen hinaufzusteigen; Harry hätte schwören können, dass
seine übergroßen Nüstern sich weiteten und er ver-
suchte, Harry zu erschnüffeln – in der Falle festsitzend beugte
sich Harry nach hinten, um Snapes Fingerspitzen zu entgehen,
doch er musste ihn jeden Moment –
»Da gibt's nichts zu suchen, Snape!«, bellte Moody. »Aber
ich werde umgehend dem Schulleiter berichten, wie schnell
Sie an Harry Potter gedacht haben!«
»Was soll das heißen?«, raunzte Snape und wandte den
Kopf, die ausgestreckten Hände immer noch Zentimeter von
Harrys Brust entfernt, zu Moody um.
»Das soll heißen, dass Dumbledore sehr erpicht darauf ist zu
erfahren, wer es auf den Jungen abgesehen hat!«, sagte Moody
und hinkte noch einen Schritt näher zum Fuß der Treppe.
»Und das gilt auch für mich, Snape, da bin ich sehr
neugierig.« Das Fackellicht flackerte über sein zerstörtes
Gesicht, so dass die Narben und die Stelle, an der ein Stück
seiner Nase fehlte, noch tiefer und dunkler wirkten.
Snape sah auf Moody hinunter und Harry konnte sein Ge-
sicht nicht sehen. Einen Moment lang herrschte vollkom-
mene Stille, niemand rührte sich oder sprach. Dann ließ Snape
langsam die Hände sinken.
»Ich dachte nur«, sagte Snape mit gezwungen ruhiger
495
Stimme, »wenn Potter sich schon wieder zu nachtschlafen-
der Zeit im Schloss rumtreibt ... das ist eine bedauerliche
Angewohnheit von ihm ... dann sollte man ihm Einhalt ge-
bieten. Zu – zu seiner eigenen Sicherheit.«
»Ah, verstehe«, sagte Moody leise. »Ihnen liegt nur Pot-
ters Wohl am Herzen.«
Stille trat ein. Snape und Moody sahen sich immer noch an.
Mrs Norris ließ ein lautes Miauen hören und spähte im-
mer noch hinter Filchs Beinen hervor, auf der Suche nach der
Quelle des Schaumbaddufts.
»Ich werd mich jetzt wohl wieder hinlegen«, sagte Snape
barsch.
»Die beste Idee, die Sie heute Nacht hatten«, sagte Moody.
»Filch, wenn Sie mir jetzt bitte dieses Ei geben –«
»Nein!«, sagte Filch und umklammerte das Ei, als wäre es
sein erstgeborener Sohn. »Professor Moody, das ist der Be-
weis für Peeves' Verrat!«
»Es ist das Eigentum des Champions, dem er es gestohlen
hat!«, sagte Moody. »Geben Sie es mir, sofort.«
Snape rauschte die Treppe hinunter und lief ohne ein Wort
an Moody vorbei. Filch schnalzte Mrs Norris zu, die noch ein
paar Sekunden lang unverwandt Harry anstarrte, sich dann
umdrehte und ihrem Herrn folgte. Harry, der immer noch
schnell atmete, hörte, wie Snape sich auf dem Korridor ent-
fernte; Filch übergab Moody das Ei und verschwand nun
ebenfalls, wobei er Mrs Norris zumurmelte: »Macht nichts,
meine Süße ... wir sehen Dumbledore morgen früh ... dann
sagen wir ihm schon, was Peeves angestellt hat ...«
Eine Tür fiel zu. Harry stand jetzt alleine auf der Treppe und
sah hinunter zu Moody, der seinen Stock auf die erste Stufe
stellte und begann, unter großer Mühsal und mit einem
dumpfen Klonk auf jeder Stufe die Treppe zu ihm
hochzusteigen.
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»Das war knapp, Potter«, murmelte er.
»Jaah ... ich – ähm ... danke«, sagte Harry matt.
»Was hat es damit auf sich?«, sagte Moody, zog die Karte
des Rumtreibers aus der Tasche und entfaltete sie.
»Karte von Hogwarts«, sagte Harry und hoffte, Moody
würde ihn endlich aus seiner Treppenstufe ziehen; das Bein tat
ihm inzwischen richtig weh.
»Beim Barte des Merlin«, hauchte Moody, sein magisches
Auge schien angesichts der Karte völlig verrückt zu spielen.
»Das ... das ist ja 'ne sagenhafte Karte, Potter!«
»Jaah, sie ist ... recht nützlich«, sagte Harry. Ihm tränten
allmählich die Augen vor Schmerz. »Ähm – Professor Moody,
vielleicht könnten Sie mir kurz helfen –?«
»Was? Oh! Ja ... ja natürlich ...«
Moody umklammerte Harrys Arme und zog ihn nach oben;
Harrys Bein löste sich aus der Trickstufe und er setzte es auf
die Stufe darüber.
Moody starrte immer noch auf die Karte. »Potter ...«, sagte
er langsam, »du hast nicht zufällig gesehen, wer in Snapes
Büro eingebrochen ist? Auf dieser Karte, meine ich?«
»Ähm ... ja, hab ich ...«, gab Harry zu. »Es war Mr Crouch.«
Moodys magisches Auge huschte prüfend über die Karte.
Plötzlich schien er alarmiert.
»Crouch?«, fragte er. »Bist du – bist du dir sicher, Potter?«
»Absolut«, sagte Harry.
»Jedenfalls ist er nicht mehr da«, sagte Moody, dessen Au-
gen beständig über die Karte flogen. »Crouch ... das ist sehr –
sehr interessant ...«
Fast eine Minute lang schwieg er und starrte nur auf die
Karte. Harry war klar, dass ihm diese Neuigkeit etwas gesagt
hatte, und wollte sehnlichst wissen, was es war. Er überlegte,
ob er es wagen sollte zu fragen. Moody jagte ihm ein wenig
497
Angst ein ... doch Moody hatte ihm gerade geholfen, einer
Menge Ärger aus dem Weg zu gehen.
Ȁhm ... Professor Moody ... warum, glauben Sie, wollte
sich Mr Crouch in Snapes Büro umsehen?«
Moodys magisches Auge löste sich von der Karte und fi-
xierte nun zitternd Harry. Es war ein durchdringender Blick,
und Harry hatte den Eindruck, dass Moody ihn taxierte, nicht
sicher, ob er antworten sollte oder nicht, oder wie viel er ihm
erzählen sollte.
»Lass es mich so sagen, Potter«, murmelte Moody endlich,
»es heißt, der alte Mad-Eye sei ganz besessen davon,
schwarze Magier zu fassen ... aber Mad-Eye ist nichts -nichts
– im Vergleich zu Barty Crouch.«
Erneut starrte er auf die Karte. Harry brannte darauf, mehr
zu erfahren.
»Professor Moody«, sagte er noch einmal. »Glauben Sie,
könnte dies damit zu tun haben ... dass Mr Crouch viel-
leicht denkt, es sei irgendwas im Busch ...«
»Zum Beispiel?«, fragte Moody scharf.
Harry überlegte, wie viel er zu sagen wagen sollte. Moody
sollte nicht auf den Gedanken kommen, dass er eine Quelle
außerhalb von Hogwarts hatte; das würde womöglich zu
peinlichen Fragen über Sirius führen.
»Ich weiß nicht«, murmelte Harry, »in letzter Zeit sind ein
paar merkwürdige Sachen passiert. Es stand ja im Tages-
propheten ... das Dunkle Mal bei der Weltmeisterschaft und die
Todesser und alles ...«
Die beiden so verschiedenen Augen Moodys weiteten
sich.
»Du bist ein schlauer Junge, Potter«, sagte er. Sein magi-
sches Auge wanderte nun wieder zur Karte des Rumtrei-
bers. »So was könnte tatsächlich in Crouchs Kopf vor sich
gehen«, sagte er langsam. »Sehr gut möglich ... in letzter
498
Zeit sind einige seltsame Gerüchte umhergeschwirrt – mit
tatkräftiger Unterstützung von Rita Kimmkorn, natürlich. Das
macht einige Leute nervös, vermute ich.« Ein grimmi-jges
Lächeln zerrte an seinem schrägen Mund. »Oh, wenn es eins
gibt, das ich hasse«, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu
Harry gewandt, und sein magisches Auge fixierte die Einke
untere Ecke der Karte, »dann ist es ein Todesser, der
(entkommen ist und frei herumläuft ...«
Harry starrte ihn an. Konnte Moody tatsächlich das mei-
nen, was Harry vermutete?
»Und jetzt möchte ich dir eine Frage stellen, Potter«, sagte
Moody nun wieder in nüchternem Ton.
Harry wurde schwer ums Herz; er hatte schon darauf ge-
wartet. Moody würde ihn fragen, woher er die Karte, die-
sen recht zweifelhaften magischen Gegenstand, eigentlich
hatte – und die Geschichte, wie sie ihm in die Hände gefal-
len war, würde nicht nur ihn belasten, sondern seinen eige-
nen Vater, Fred und George Weasley sowie Professor Lupin,
ihren letzten Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen
Künste. Moody wedelte mit der Karte vor Harrys Nase herum
und Harry machte sich auf das Schlimmste gefasst –
»Kann ich mir die ausleihen?«
»Oh!«, sagte Harry. Er hatte viel Freude an seiner Karte,
doch andererseits war er ungeheuer erleichtert, dass Moody
nicht fragte, wo er sie herhatte, und zweifellos schuldete er
ähm auch einen Gefallen. »Ja, klar.«
»Guter Junge«, knurrte Moody. »Die kann ich wirklich gut
gebrauchen ... das ist vielleicht genau das, wonach ich gesucht
habe ... schön, nun aber ins Bett, Potter, komm mit ...«
Sie stiegen zusammen die Treppe hoch, und auch im Ge-
hen untersuchte Moody die Karte wie einen Schatz, von (dem
er nicht zu träumen gewagt hatte. Schweigend gingen sie
bis zur Tür von Moodys Büro, wo er stehen blieb und zu
499
Harry hinuntersah. »Hast du jemals daran gedacht, ein Au-ror
zu werden, Potter?«
»Nein«, sagte Harry völlig perplex.
»Dann Überleg's dir doch mal«, sagte Moody, nickte mit
dem Kopf und musterte Harry nachdenklich. »Ja, aller-
dings ... und übrigens ... ich vermute mal, du bist mit die-
sem Ei heute Nacht nicht einfach so spazieren gegangen?«
»Ähm – nein«, sagte Harry grinsend. »Ich hab das Rätsel
gelöst.«
Moody sah ihn zwinkernd an, und wieder spielte sein ma-
gisches Auge verrückt. »Gibt nichts Besseres als einen klei-
nen Mondscheinspaziergang, um auf Ideen zu kommen, Potter
... wir sehen uns morgen früh ...« Er betrat sein Büro, den
Blick schon wieder auf der Karte des Rumtreibers, und schloss
die Tür hinter sich.
Langsam ging Harry zurück in den Gryffindor-Turm, ganz
in Gedanken an Snape und Crouch versunken, und rät-
selte, was das alles zu bedeuten hatte ... Warum schützte
Crouch vor, krank zu sein, wenn er es dann doch schaffte,
nach Hogwarts zu kommen? Und was, vermutete er, sei in
Snapes Büro versteckt?
Dann hatte Moody auch noch vorgeschlagen, er, Harry,
sollte Auror werden! Interessanter Vorschlag ... doch als Harry
vier Minuten später Ei und Tarnurnhang sicher in sei-
nem Koffer verstaut hatte und leise in sein Bett stieg, kam ihm
doch noch der Gedanke, dass er zunächst mal sehen wollte,
wie vernarbt die anderen Auroren waren, bevor er sich für
diesen Beruf entschied.
500
Die zweite Aufgabe
»Du hast doch gesagt, du hättest das Eierrätsel schon ge-
löst!«, entrüstete sich Hermine.
»Sprich doch leiser!«, erwiderte Harry ärgerlich. »Ich
muss es nur noch ein wenig – ausfeilen, verstehst du?«
Sie hatten sich im Zauberkunstunterricht zu dritt an einen
Tisch in der hinteren Reihe gesetzt. Heute war das Gegen-
teil des Aufrufezaubers dran – der Verscheuchezauber. Pro-
fessor Flitwick, wohl wissend, was für hässliche Unfälle pas-
sieren konnten, wenn ständig irgendwelche Gegenstände
durch das Zimmer flogen, hatte jedem Schüler einen Stapel
Kissen zum Üben gegeben. Der Gedanke dahinter war, dass
niemand verletzt würde, wenn die Kissen ihr Ziel verfehl-
ten. Als Idee sehr gut, taugte er in der Praxis nicht allzu viel.
Neville peilte so schlecht, dass nicht nur die leichten Kissen
durchs Zimmer flogen, sondern zum Beispiel auch Professor
Flitwick.
»Vergiss doch einfach mal für 'ne Weile dieses Ei!«, zischte
Harry, während Professor Flitwick mit einem Ausdruck
stummen Leidens auf dem Gesicht an ihnen vorbeischwebte
und auf einem großen Schrank landete. »Ich will dir doch
nur diese Geschichte von Snape und Moody erzählen ...«
Dieser Unterricht bot die beste Deckung für ein vertrau-
liches Gespräch, da all ihre Mitschüler viel zu viel Spaß hat-
ten, um groß auf die drei zu achten. Harry erzählte nun schon
seit einer halben Stunde in geflüsterten Fortsetzungen
von seinen Abenteuern in der vorigen Nacht.
501
»Snape sagte, auch Moody hätte sein Büro durchsucht?«,
wisperte Ron, die Augen vor Neugier flackernd, während er
gleichzeitig mit einem Schwung des Zauberstabs ein Kissen
fortjagte (es sauste durch die Luft und schlug Parvati den Hut
vom Kopf). »Was glaubst du ... ist Moody hier in der Schule,
um nicht nur Karkaroff, sondern auch Snape im Auge zu
behalten?«
»Keine Ahnung, ob Dumbledore ihn darum gebeten hat, auf
jeden Fall tut er genau das«, sagte Harry und wedelte achtlos
mit dem Zauberstab, woraufhin sein Kissen eine ver-
korkste Bauchlandung auf dem Boden hinlegte. »Moody
meinte, Dumbledore behalte Snape nur hier, weil er ihm eine
zweite Chance oder so was geben will ...«
»Was?«, sagte Ron und riss die Augen auf. Sein nächstes
Kissen trudelte hoch in die Luft, prallte gegen den Kron-
leuchter und schlug klatschend auf Professor Flitwicks Tisch
auf. »Harry ... vielleicht glaubt Moody, Snape habe deinen
Namen in den Feuerkelch geworfen!«
»Ach, Ron«, sagte Hermine und schüttelte ungläubig den
Kopf. »Wir haben schon einmal gedacht, Snape wolle Harry
umbringen, und dann stellte sich raus, dass er ihm das Leben
gerettet hat, weißt du noch?«
Sie verscheuchte ein Kissen, es flog quer durchs Zimmer
und landete in der Kiste, genau da, wo es sollte. Harry sah
Hermine nachdenklich an ... es stimmte, Snape hatte ihm
einmal das Leben gerettet, doch das Merkwürdige war, dass
Snape ihn entschieden hasste, genauso, wie er Harrys Vater
gehasst hatte, als sie zusammen auf der Schule waren. Snape
bereitete es Genuss, Harry Punkte abzuziehen, und er ließ
gewiss nie eine Gelegenheit aus, ihm Strafen zu verpassen
oder sogar vorzuschlagen, er solle von der Schule verwiesen
werden.
»Mir ist egal, was Moody sagt«, fuhr Hermine fort,
502
»Dumbledore ist nicht dumm. Er hatte Recht, Hagrid und
Professor Lupin zu vertrauen, auch wenn eine Menge Leute
ihnen keine Arbeit gegeben hätten. Warum sollte er sich dann
in Snape täuschen, selbst wenn Snape ein wenig –«
»– bösartig ist«, ergänzte Ron schlagartig. »Nun hör mal,
Hermine, warum sollte dann ein Schwarzmagierfänger sein
Büro durchsuchen?«
»Warum hat Mr Crouch so getan, als sei er krank?«, fragte
Hermine, ohne auf Ron einzugehen. »Schon ein wenig ko-
misch, oder, dass er es nicht schafft, zum Weihnachtsball zu
kommen, aber mitten in der Nacht hier rumschleichen kann,
wie es ihm passt?«
»Du kannst Crouch einfach nicht leiden, und zwar wegen
dieser Winky, seiner Elfe«, sagte Ron und ließ ein Kissen ge-
gen das Fenster klatschen.
»Und du hast dir in den Kopf gesetzt, dass Snape irgend-
was ausheckt«, sagte Hermine und ließ ihr Kissen tadellos in
die Kiste fliegen.
»Ich will nur wissen, was Snape mit seiner ersten Chance
angefangen hat, wenn das jetzt seine zweite ist«, sagte Harry
grimmig, und zu seiner größten Überraschung flog sein Kis-
sen schnurgerade durchs Zimmer und landete auf dem Her-
mines
Harry folgte dem Wunsch von Sirius, über alle merkwürdi-gen
Geschehnisse in Hogwarts unterrichtet zu werden, und
schickte ihm noch in dieser Nach einen Brief per Wald-
kauz, in dem er ihm alles über Mr Crouchs Einbruch in Snapes
Büro und Moodys und Snapes Zusammenstoß be-richtete.
Dann wandte er seine Aufmerksamkeit ernsthaft dem
dringendsten Problem zu, vor dem er stand. Wie sollte
er am vierundzwanzigsten Februar eine Stunde lang unter
Wasser bleiben?
503
Ron gefiel die Idee ganz gut, noch einmal den Aufrufezau-
ber zu benutzen – Harry hatte ihm erklärt, dass es in der Mug-
gelwelt Atmungsgeräte gab, und Ron wollte partout nicht ein-
sehen, warum Harry nicht ein solches Gerät aus der nächsten
Muggelstadt zu sich rufen sollte. Hermine machte diesen Plan
zunichte, indem sie verkündete, dass Harry wohl kaum inner-
halb der gesetzten Zeit von einer Stunde lernen würde, mit ei-
ner Taucherlunge umzugehen, und selbst dann würde er so-
fort disqualifiziert, weil er den Internationalen Kodex zur
Geheimhaltung der Magie gebrochen hätte. Es war einfach
unsinnig zu hoffen, dass kein Muggel eine Taucherlunge be-
merken würde, die über das Land auf Hogwarts zuflog.
»Die beste Lösung wäre natürlich, wenn du dich in ein U-
Boot oder so was verwandeln könntest«, sagte sie. »Wenn wir
nur schon Verwandlung für Menschen gehabt hätten! Aber ich
glaub nicht, dass wir vor der sechsten Klasse damit anfangen,
und es kann ganz übel ausgehen, wenn du nicht genau weißt,
was du tust ...«
»Allerdings, ich hab keine Lust, mit einem Sehrohr im Kopf
durch die Gegend zu laufen«, sagte Harry. »Vielleicht sollte
ich einfach jemanden direkt vor Moodys Augen an-
greifen, dann erledigt er es sicher für mich ...«
»Er lässt dich nicht selbst wählen, in was er dich verwan-
delt«, entgegnete Hermine nüchtern. »Nein, ich denke, die
beste Möglichkeit wäre irgendein Zauber.«
Und so vergrub Harry sich abermals in der Bibliothek, auf
der Suche nach einem Zauber, der ihm helfen würde, ohne
Sauerstoff zu überleben, auch wenn er allmählich das Ge-
fühl hatte, für den Rest seines Lebens von den staubigen
Bänden genug zu haben. Doch obwohl die drei ihre Mittags-
pausen, die Abende und die Wochenenden mit der Suche
verbrachten – und obwohl Harry Professor McGonagall um
eine Bescheinigung bat, damit er auch die Verbotene Abtei-
504
lung benutzen durfte, und sogar die reizbare, geierartige
Bibliothekarin Madam Pince um Hilfe fragte -, sie fanden trotz
allem nichts, was es Harry ermöglicht hätte, eine Stunde unter
Wasser zu verbringen und danach seine Ge-
schichte auch noch erzählen zu können.
Anflüge von Panik, wie Harry sie schon kannte, begannen
ihn nun wieder zu quälen, und wieder einmal fiel es ihm
schwer, im Unterricht seine Gedanken beisammenzuhalten.
Der See, der für Harry immer wie selbstverständlich zum
Schlossgelände gehört hatte, zog fortwährend seinen Blick
an, wenn er in der Nähe eines Klassenzimmerfensters saß,
diese große, eisengraue Masse kalten Wassers, dessen dunkle
und eisige Tiefen ihm allmählich so fern schienen wie der
Mond.
Genau wie damals, bevor er es mit dem Hornschwanz
aufnehmen musste, glitt die Zeit davon, als ob jemand die
Uhren verhext hätte und sie jetzt besonders schnell liefen.
Noch eine Woche war es bis zum vierundzwanzigsten Feb-
ruar (also immer noch Zeit) ... dann waren es fünf Tage
(wurde nun allmählich Zeit, dass er etwas fand) ... noch drei
Tage (bitte lass mich was finden ... bitte).
Noch zwei Tage, und Harry verlor wieder einmal den Ap-
petit. Das einzig Gute beim Frühstück am Montag war die
Rückkehr des Waldkauzes, den er Sirius geschickt hatte. Er
nahm ihm das Pergament vom Bein, glättete es und hatte den
kürzesten Brief vor Augen, den Sirius ihm je geschrie-
ben hatte.
Schick mir das Datum des nächsten Hogsmeade-Wochenen-
des eulenwendend zurück.
Harry drehte das Pergament um, denn vielleicht stand ja et-
was auf der Rückseite, doch sie war leer.
505
»Übernächstes Wochenende«, flüsterte Hermine, die über
Harrys Schulter mitgelesen hatte. »Hier, nimm meine Feder
und schick die Eule sofort zurück.«
Harry kritzelte das Datum auf die Rückseite von Sirius'
Brief, band ihn wieder an das Bein des Waldkauzes und sah
zu, wie der Vogel zum Rückflug ansetzte. Was hatte er er-
wartet? Einen Ratschlag, wie er unter Wasser überleben
konnte? Er war so erpicht darauf gewesen, Sirius alles über
Snape und Moody zu erzählen, dass er völlig vergessen hatte,
das Eierrätsel zu erwähnen.
»Weshalb will er denn wissen, wann wir das nächste Mal in
Hogsmeade sind?«, fragte Ron.
»Keine Ahnung«, sagte Harry dumpf. Das kurze Glücks-
gefühl angesichts des Waldkauzes war schon wieder verflo-
gen. »Beeil dich ... wir haben Pflege magischer Geschöpfe.«
Ob Hagrid sie nun für die Knallrümpfigen Kröter ent-
schädigen wollte, oder weil nur noch zwei davon übrig wa-
ren, oder weil er beweisen wollte, dass er alles konnte, was
Professor Raue-Pritsche konnte – Harry wusste es nicht, doch
seit Hagrid wieder arbeitete, hatte er den Unterricht über
Einhörner fortgesetzt. Es stellte sich heraus, dass Hag-
rid genausoviel über Einhörner wusste wie über Monster, aber
es war klar, dass ihn die Einhörner ein wenig enttäusch-
ten, da sie ja keine Giftzähne hatten.
Er hatte es geschafft, zwei Einhorn-Fohlen zu fangen. Im
Gegensatz zu ausgewachsenen Einhörnern waren sie von Kopf
bis Schwanz von reiner goldener Farbe. Parvati und Lavender
waren ganz hingerissen von diesem Anblick, und selbst Pansy
Parkinson hatte Mühe zu verbergen, wie sehr sie die Tiere
mochte.
»Leichter zu erkennen als die Alten«, erklärte Hagrid der
Klasse. »Sie wer'n silbern, wenn sie etwa zwei Jahre alt sind,
und mit vier Jahren wächst ihnen das Horn. Erst wenn sie
506
ausgewachsen sind, mit etwa sieben, wer'n sie ganz weiß. Als
Babys sind sie 'n wenig zutraulicher ... haben nicht so viel
gegen Jungs ... nur zu, ein wenig näher ran, ihr könnt sie
streicheln, wenn ihr wollt ... gebt ihnen 'n paar von die-
sen Zuckerstückchen ... Alles in Ordnung mit dir?«, mur-
melte Hagrid und zog Harry ein wenig beiseite, während die
meisten anderen um die Baby-Einhörner herum-
schwärmten.
»Jaah«, sagte Harry.
»Bloß 'n bisschen nervös, nich?«, sagte Hagrid.
»Bisschen«, murmelte Harry.
»Harry«, sagte Hagrid und gab ihm mit seiner massigen
Hand einen solchen Klaps auf die Schulter, dass Harrys Knie
unter der Wucht einknickten, »ich hab mir ja Sorgen ge-
macht, bevor ich gesehn hab, wie du's mit diesem Horn-
schwanz aufgenommen hast, aber jetzt weiß ich, du schaffst
alles, was du dir inn Kopf setzt. Ich mach mir jedenfalls keine
Gedanken mehr drüber. Du kriegst das schon hin. Dein Rätsel
hast du doch schon gelöst, nich?«
Harry nickte, doch noch während er dies tat, überkam ihn
ein verrückter Drang zu gestehen, dass er keine Ahnung hatte,
wie er eine Stunde lang am Grund des Sees überleben sollte.
Er sah zu Hagrid auf – vielleicht hatte er schon ein paar Mal
in den See steigen müssen, weil er sich um dessen Geschöpfe
kümmern musste? Schließlich pflegte er auch alle anderen
Wesen der Ländereien –
»Du gewinnst«, knurrte Hagrid und klatschte erneut mit
solcher Wucht auf Harrys Schulter, dass er buchstäblich ein
paar Zentimeter in den sumpfigen Boden sank. »Das weiß
ich. Hab ich im Gespür. Du gewinnst, Harry.«
Harry brachte es einfach nicht über sich, das glückliche,
zuversichtliche Lächeln auf Hagrids Gesicht zu Eis gefrieren
zu lassen. Er zwang sich ebenfalls zu einem Lächeln, trat
507
scheinbar ganz interessiert zu den jungen Einhörnern und
begann, seinen Mitschülern gleich, sie zu streicheln.
Am Abend vor der zweiten Aufgabe fühlte sich Harry in ei-
nem Alptraum gefangen. Selbst wenn er wie durch ein Wun-
der einen brauchbaren Zauber fand, so war ihm doch voll-
kommen klar, dass es ungeheuer schwer sein würde, ihn über
Nacht noch zu erlernen. Wie hatte er es so weit kommen las-
sen können? Warum hatte er sich nicht früher an das Eierrät-
sel gesetzt? Wieso war er im Unterricht so oft mit den Gedan-
ken woanders gewesen – was, wenn ein Lehrer einmal zufällig
erwähnt hätte, wie man unter Wasser atmen konnte?
Während draußen die Sonne unterging, saßen Harry, Ron
und Hermine in der Bibliothek, voreinander durch mäch-
tige Stapel Zauberbücher verborgen, und blätterten fieber-
haft Seite um Seite um. Harry zuckte jedes Mal heftig zu-
sammen, wenn er das Wort »Wasser« auf einer Buchseite sah,
doch meist hieß es da nur: »Man nehme einen Liter Wasser,
ein halbes Pfund geschnittene Alraunenblätter und einen
Molch ...«
»Ich glaub, es geht einfach nicht«, hörte er Rons matte
Stimme von der anderen Seite des Tisches her. »Nichts zu
finden. Nichts. Was am ehesten noch ginge, wäre dieser Dreh,
um Pfützen und Tümpel auszutrocknen, dieser Dür-
rezauber, aber der ist nie und nimmer mächtig genug, um
diesen See trocken zu legen.«
»Es muss doch etwas geben«, murmelte Hermine und zog
eine Kerze näher zu sich heran. Das Brüten über Alte und
vergessene Hexereien und Zaubereien in dieser winzigen Schrift
hatte ihre Augen so ermüdet, dass sie mit der Nasenspitze fast
die Seiten berührte. »Sie würden doch nie eine Aufgabe
stellen, die nicht zu lösen ist.«
»Haben sie aber«, sagte Ron. »Harry, du gehst morgen
508
einfach runter zum See, steckst deinen Kopf ins Wasser und
rufst nach den Wassermenschen, sie sollen dir bitteschön das
zurückgeben, was sie dir gestohlen haben, und einfach raus-
werfen. Mehr kannst du schlicht nicht machen, Alter.«
»Es gibt eine Möglichkeit!«, sagte Hermine. »Es muss doch
eine geben!« Dass sich in der Bibliothek nichts Brauch-
bares finden ließ, schien sie als persönliche Beleidigung auf-
zufassen; nie zuvor hatten sie die Bücher im Stich gelassen.
»Ich weiß, was ich hätte tun sollen«, sagte Harry, der die
Wange auf Scharfe Tricks für scharfe Typen gelegt hatte. »Ich
hätte mich zum Animagus ausbilden lassen sollen, so wie Si-
rius.«
»Genau, dann hättest du dich jederzeit in einen Goldfisch
verwandeln können!«, sagte Ron.
»Oder einen Frosch«, gähnte Harry. Er war erschöpft.
»Es dauert Jahre, bis man ein Animagus wird, und dann
musst du dich auch noch anmelden und so weiter«, sagte
Hermine unwirsch. Sie hatte in/wischen das Stichwortver-
zeichnis von Tausend knifflige Zauberrätsel überflogen. »Wisst
ihr das nicht mehr, Professor McGonagall hat es uns doch
gesagt ... du musst dich dann beim Amt gegen den Miss-
brauch der Magie eintragen lassen ... welches Tier du wer-
den willst, und deine besonderen Kennzeichen, damit du
keinen Unsinn anstellst ...«
»War doch nur 'n Witz, Hermine«, sagte Harry müde. »Ich
weiß, ich habe keine Chance, mich bis morgen Abend in
einen Frosch zu verwandeln ...«
»Ach, das bringt doch überhaupt nichts«, sagte Hermine
und klappte Tausend knifflige Zauberrätsel zu. »Wer um Him-
mels willen möchte schon, dass seine Nasenhaare als Ringel-
löckchen wachsen?«
»Fand ich nicht schlecht«, ertönte Fred Weasleys Stimme.
»Könnte man mal drüber reden, oder?«
509
Harry, Ron und Hermine sahen auf. Fred und George wa-
ren gerade hinter einem Bücherregal hervorgetreten.
»Was treibt ihr zwei denn hier?«, fragte Ron.
»Wir suchen euch«, sagte George. »McGonagall will dich
sprechen, Ron. Und dich auch, Hermine.«
»Warum?«, fragte Hermine verdutzt.
»Keine Ahnung ... jedenfalls sah sie ziemlich angespannt
aus«, sagte Fred.
»Wir sollen euch zu ihr ins Büro runterbringen«, sagte
George.
Ron und Hermine starrten Harry an, dem sich der Magen
zusammenzog. Wollte Professor McGonagall den beiden eine
Strafpredigt halten? Vielleicht war ihr aufgefallen, wie viel sie
ihm halfen, wo er doch allein herausfinden sollte, wie die
Aufgabe zu lösen war?
»Wir treffen uns dann im Gemeinschaftsraum«, sagte
Hermine und erhob sich zusammen mit Ron – beide schie-
nen ziemlich beunruhigt. »Und bring möglichst viele von
diesen Büchern mit, ja?«
»Gut«, sagte Harry bedrückt.
Um Punkt acht löschte Madam Pince alle Lampen und
scheuchte Harry aus der Bibliothek. Er nahm so viele Bü-
cher mit, wie er tragen konnte, und schwankte mit seiner Last
zurück in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, wo er sich
einen Tisch beiseite zog und seine Suche fortsetzte. In
Magische Mätzchen für tumbe Zauberer war nichts ... und auch
nicht im Führer durch die mittelalterliche Hexenkunst ... nicht ein
Wort über Unterwasserausflüge in Eine Anthologie der Zauberei
des achtzehnten Jahrhunderts oder in Grausige Wesen der Tiefe und
auch nicht in Kräfte Ihres Innern, von denen Sie nie wussten, und
was Sie jetzt damit anfangen.
Krummbein krabbelte auf Harrys Schoß und kuschelte
sich sonor schnurrend darin ein. Allmählich wurde es um
510
Harry herum leer. Manche wünschten ihm viel Glück für den
nächsten Morgen und klangen dabei so fröhlich und zu-
versichtlich wie Hagrid. Offenbar waren sie alle überzeugt, er
würde, wie schon bei der ersten Aufgabe, erneut einen
verblüffenden Auftritt hinlegen. Harry konnte ihnen nicht
antworten, er hatte das Gefühl, ein Golfball stecke ihm in der
Kehle, und so nickte er nur. Er hatte alle mitgebrachten
Bücher durchstöbert und Ron und Hermine waren noch immer
nicht zurück. Es ist aus, sagte er sich. Du schaffst es nicht. Du
musst eben morgen früh runter zum See und es den Richtern
ganz klar sagen ...
Er sah sich schon gestehen, dass er die Aufgabe nicht lösen
konnte. Er stellte sich Bagmans rundäugige Überraschung
vor, Karkaroffs zufriedenes, gelbzähniges Lächeln. Er hörte
beinahe schon, wie Fleur Delacour sagte: »Isch 'ab es gewusst,
er ist doch nur ein kleiner Junge.« Er sah Malfoy mit seinem
POTTER STINKT-Anstecker vor dem Publikum herumtän-
zeln, sah Hagrids enttäuschtes, ungläubiges Gesicht ...
Harry stand urplötzlich auf, und da er ganz vergessen hatte,
dass Krummbein auf seinem Schoß lag, landete der Kater auf
dem Boden. Er fauchte zornig, versetzte Harry einen
angewiderten Blick und stolzierte mit hoch aufgerich-
tetem Flaschenbürstenschwanz davon. Doch Harry stürmte
bereits die Wendeltreppe zum Schlafsaal hoch ... er wollte
sich den Tarnurnhang schnappen und in die Bibliothek zu-
rückkehren, und dort würde er die ganze Nacht bleiben, wenn
es sein musste ...
»Lumos«, flüsterte Harry fünfzehn Minuten später, als er
die Tür zur Bibliothek öffnete.
Mit leuchtender Zauberstabspitze schlich er an den Rega-
len entlang und zog Bücher heraus – noch mehr Bücher
über Hexerei und Zauberei, Bücher über Wassermenschen
und Wassermonster, Bücher über berühmte Hexen und
511
Zauberer, über magische Erfindungen, Bücher über einfach
alles, in denen vielleicht auch nur beiläufig erwähnt war, wie
man unter Wasser überleben konnte. Er trug den Stapel hi-
nüber zu einem Tisch und machte sich an die Arbeit. Im
schmalen Lichtstrahl seines Zauberstabs blätterte er Seite um
Seite um, hin und wieder sah er auf die Uhr ...
Ein Uhr ... zwei Uhr ... um sich anzuspornen, blieb ihm nur,
sich selbst einzureden: Im nächsten Buch ... im nächs-
ten ... im nächsten ...
Die Nixe auf dem Gemälde im Badezimmer der Vertrau-
ensschüler lachte und lachte. Harry trieb wie ein Korken auf
dem schaumigen Wasser um ihren Fels, während sie den
Feuerblitz über seinem Kopf ausgestreckt hielt.
»Komm und hol ihn dir!«, giggelte sie hämisch. »Los,
spring schon!«
»Ich kann nicht«, keuchte Harry, schnappte nach dem
Feuerblitz und strampelte verzweifelt, um nicht unterzuge-
hen. »Gib ihn her!«
Doch sie stieß ihm nur die Besenspitze schmerzhaft in die
Seite und lachte ihn aus.
»Das tut weh – lass das sein – autsch –«
»Harry Potter muss aufwachen, Sir!«
»Hör auf mich zu stupsen –«
»Dobby muss Harry Potter stupsen, Sir, er muss aufwa-
chen!«
Harry öffnete die Augen. Er war immer noch in der
Bibliothek; der Tarnurnhang war ihm im Schlaf vom Kopf
gerutscht und er lag mit der Wange auf dem Großen Selbst-
hilfebuch für Zauberer. Er setzte sich auf, rückte seine Brille
zurecht und blinzelte ins helle Tageslicht.
»Harry Potter muss sich beeilen!«, quiekte Dobby. »Die
zweite Runde beginnt in zehn Minuten, und Harry Potter –«
512
»Zehn Minuten?«, krächzte Harry. »Zehn – zehn Mi-
nuten?«
Er blickte auf seine Uhr. Dobby hatte Recht. Es war zwan-
zig nach neun. Ein großes schweres Gewicht schien ihm durch
die Brust in den Magen zu fallen.
»Beeilung, Harry Potter!«, quiekte Dobby und zupfte ihn am
Ärmel. »Sie sollten längst unten am See bei den anderen
Champions sein, Sir!«
»Es ist zu spät, Dobby«, sagte Harry mit hoffnungsloser
Stimme. »Ich werde nicht antreten, ich weiß nicht, wie –«
»Harry Potter wird diese Aufgabe lösen!«, quiekte der Elf.
»Dobby wusste, dass Harry nicht das richtige Buch gefunden
hat, also hat Dobby es für ihn getan!«
»Was?«, sagte Harry. »Aber du weißt doch gar nicht, was
in der zweiten Aufgabe drankommt –«
»Dobby weiß es sehr wohl, Sir! Harry Potter muss in den
See hinein und seinen Wheezy finden –« »Meinen was
finden?«
»– und seinen Wheezy von den Wassermenschen zurück-
holen!«
»Was ist ein Wheezy?«
»Ihren Wheezy, Sir, Ihren Wheezy – Wheezy, der Dobby
seinen Pulli geschenkt hat!«
Dobby zupfte an dem geschrumpften kastanienbraunen
Pulli, den er jetzt über seinen Shorts trug.
»Was?«, keuchte Harry. »Sie haben ... sie haben Ron?«
»Das, was Harry Potter am meisten vermissen wird,
Sir!«, quiekte Dobby. »Und nach einer Stunde –«
»> - fehlt dir das Glück<«, zitierte Harry und sah den Elfen
an, »> zu spät, 's ist fort und kommt nicht zurück.< Dobby – was
muss ich tun?«
»Sie müssen essen, Sir!«, quiekte der Elf, steckte die Hand
in die Tasche seiner Shorts und zog etwas heraus, das aussah
513
wie eine Kugel aus schmierigen, graugrünen Rattenschwän-
zen. »Kurz bevor Sie in den See gehen, Sir – Dianthus-
kraut!«
»Was bewirkt das?«, fragte Harry und starrte die Krautku-
gel an.
»Es macht, dass Harry Potter unter Wasser atmen kann,
Sir!«
»Dobby«, sagte Harry aufgebracht, »hör zu – bist du dir si-
cher?«
Er konnte nicht ganz vergessen, dass er das letzte Mal, als
Dobby versucht hatte, ihm zu »helfen«, am Ende ohne Kno-
chen in seinem rechten Arm im Krankenflügel gelandet war.
»Dobby ist sich ganz, ganz sicher, Sir!«, sagte der Elf mit
ernster Miene. »Dobby hört dies und das, Sir, er ist ein Haus-
elf, er geht im ganzen Schloss herum und macht Feuer und
wischt die Böden, Dobby hat Professor McGonagall und
Professor Moody im Lehrerzimmer gehört, wie sie über die
nächste Aufgabe gesprochen haben ... Dobby kann nicht zu-
lassen, dass Harry Potter seinen Wheezy verliert!«
Harrys Zweifel schwanden. Er sprang auf und riss sich den
Tarnurnhang herunter, stopfte ihn in seine Schultasche,
packte die Dianthuskraut-Kugel und steckte sie in seinen
Umhang, dann hetzte er mit Dobby auf den Fersen aus der
Bibliothek.
»Dobby muss zurück in die Küche, Sir!«, quiekte Dobby,
als sie in den Korridor stürzten. »Man wird Dobby vermis-
sen – viel Glück, Harry Potter, Sir, viel Glück!«
»Bis später dann, Dobby!«, rief Harry, sprintete den Kor-
ridor entlang und nahm drei Stufen auf einmal die Treppen
hinunter.
In der Eingangshalle traf er auf ein paar Nachzügler aus der
Großen Halle, die durch das Eichenportal hinausgingen, um
sich die zweite Runde anzusehen. Mit aufgerissenen Au-
514
gen sahen sie Harry vorbeiflitzen, die steinerne Treppe hi-
nunterrasen und, beinahe Colin und Dennis Creevey um-
rempelnd, hinaus aufs Gelände und in den sonnigen, kalten
Tag spurten. Während er den grasbewachsenen Abhang hi-
nunterjagte, sah er, dass die Tribünen, die im November das
Drachengehege umgeben hatten, am anderen Ufer aufge-
baut waren und sich im See darunter spiegelten; eine Sitz-
reihe über der anderen war bis auf den letzten Platz besetzt.
Das aufgeregte Geschnatter und Getuschel der Menge hallte
als merkwürdiges Summen über das Wasser, während Harry,
inzwischen völlig außer Atem, am Ufer entlang auf die Richter
zurannte, die wieder an einem golddrapierten Tisch direkt am
Wasser saßen. Cedric, Fleur und Krum stan-
den neben dem Richtertisch und sahen ihm entgegen.
»Ich ... ich bin ... da ...«, keuchte Harry, bremste schlit-
ternd ab und bespritzte Fleur versehentlich mit Ufer-
schlamm.
»Wo hast du gesteckt?«, sagte eine herrische, missbilli-
gende Stimme. »Wir haben schon gewartet!«
Harry wandte sich um. Percy Weasley saß am Richter-
tisch – Mr Crouch war wieder einmal nicht erschienen.
»Schon gut, Percy!«, sagte Ludo Bagman, der ungeheuer
erleichtert schien, Harry zu sehen. »Lassen Sie ihn doch erst
mal Luft holen!«
Dumbledore lächelte Harry zu, doch Karkaroff und Ma-
dame Maxime schienen keineswegs erfreut, ihn zu sehen -
nach ihren Mienen zu schließen hatten sie offenbar ge-
glaubt, er würde nicht mehr auftauchen.
Harry stützte die Hände auf die Knie und rang nach Luft; er
hatte solches Seitenstechen, dass es ihm vorkam, als hätte er
ein Messer zwischen den Rippen. Aber er hatte nicht die Zeit,
es ausklingen zu lassen; Ludo Bagman trat nun zwi-
schen die Champions und stellte sie in drei Meter Abstand
515
am Ufer entlang auf. Harry stand ganz am Ende der Reihe,
neben Krum, der eine Badehose trug und seinen Zauberstab
bereithielt.
»Alles klar, Harry?«, wisperte Bagman und zog Harry ein
paar Schritte weiter von Krum fort. »Du weißt, wie du es an-
stellst?«
»Ja«, keuchte Harry und massierte sich die Rippen.
Bagman kniff ihm kurz in die Schulter und kehrte zum
Richtertisch zurück; er richtete den Zauberstab, wie schon bei
der Weltmeisterschaft, auf seine Kehle, sagte »Sonorus!« und
ließ seine Stimme über das Wasser hinüber zu den Tri-
bünen dröhnen.
»Es ist so weit, unsere Champions sind bereit für die nächs-
te Aufgabe, die auf meinen Pfiff hin beginnt. Sie haben genau
eine Stunde, um das zurückzuholen, was ihnen genommen
wurde. Ich zähle also bis drei. Eins ... zwei ... drei!«
Der Pfiff hallte in der kalten, windstillen Luft schrill wi-
der; auf den Tribünen brach Jubel und Beifall los; ohne sich
darum zu kümmern, was die anderen Champions taten, zog
Harry Schuhe und Socken aus, zog die Hand voll Dianthus-
kraut aus der Tasche, stopfte sich die Kugel in den Mund und
watete hinaus in den See.
Das Wasser war so kalt, dass die Haut auf seinen Beinen
brannte, als würde er durch ein Feuer und nicht durch eisiges
Wasser gehen. Sein durchweichter Umhang hing ihm immer
schwerer von den Schultern, während er tiefer hineinwatete.
Das Wasser stand ihm über den Knien und seine rasch ertau-
benden Füße rutschten über Schlick und flache, glitschige
Steine. Er kaute das Dianthuskraut, so kraftvoll und schnell er
konnte; es fühlte sich unangenehm schleimig und gummi-
artig an wie die Greifarme eines Tintenfischs. Hüfthoch im
eisigen Wasser hielt er inne, schluckte und wartete darauf,
dass etwas passierte.
516
Er konnte Gelächter aus dem Publikum hören und wusste,
dass er bescheuert aussehen musste, wie er da im See
herumtapste ohne auch nur ein Anzeichen für magische
Kräfte. Was noch trocken an ihm war, war Gänsehaut, und bis
zur Brust im kalten Wasser stehend blies nun auch noch eine
grausame Brise durch sein Haar, und es begann ihn vor Kälte
heftig zu schütteln. Er mied den Blick hinüber zu den
Tribünen; das Gelächter wurde lauter und die Slytherins be-
gannen zu buhen und zu höhnen ...
Dann, ganz plötzlich, fühlte sich Harry, als würde ihm ein
unsichtbares Kissen auf Mund und Nase gedrückt. Er ver-
suchte Luft zu holen, doch es drehte sich alles in seinem Kopf;
seine Lungen waren leer und er spürte plötzlich einen
stechenden Schmerz zu beiden Seiten seines Halses –
Harry klammerte die Hände um den Hals und spürte zwei
große, gelippte Schlitze gleich unter den Ohren, die in der
kalten Luft flatterten ... er hatte Kiemen. Ohne weiter nach-
zudenken, tat er das Einzige, was Sinn hatte – er warf sich
bäuchlings ins Wasser.
Der erste Zug eisigen Wassers kam ihm vor wie das le-
bensrettende Atemholen. Der Wirbel in seinem Kopf legte
sich; er nahm einen weiteren kräftigen Zug Wasser und spürte,
wie es sanft durch seine Kiemen floss und Sauerstoff in sein
Gehirn schickte. Er streckte die Hände vor sich aus und
betrachtete sie. Unter Wasser wirkten sie gespenstisch grün
und zwischen den Fingern hatten sich Schwimmhäut-
chen gebildet. Er neigte den Kopf nach unten und musterte
seine nackten Füße – sie waren länger geworden, und auch
zwischen seinen Zehen waren nun Schwimmhäutchen; es sah
aus, als wären ihm Flossen gewachsen.
Das Wasser schien ihm nun auch nicht mehr eisig ... im
Gegenteil, er fühlte sich angenehm, kühl und sehr leicht.
Harry machte noch einen Schwimmzug und freute sich, wie
517
schnell und weit seine Flossenfüße ihn durchs Wasser trie-
ben, freute sich, wie klar er jetzt sehen konnte und dass er
nicht mehr zu blinzeln brauchte. Bald war er so weit in den
See hineingeschwommen, dass er den Grund nicht mehr se-
hen konnte. Er senkte den Kopf und stieß sich hinunter in die
Tiefen.
Stille drückte auf seine Ohren, während er über eine fremde,
dunkle, neblige Landschaft schwebte. Er hatte nur drei Meter
Sicht, und während er rasch durchs Wasser glitt, tauchten
plötzlich immer neue Landschaften aus der Dun-
kelheit auf: Wälder aus wimmelndem schwarzem Tang, weite,
mit matt schimmernden Steinen übersäte Schlickebe-
nen. Tiefer hinunter schwamm er, und weit hinaus in die Mitte
des Sees, mit aufgerissenen Augen durch das schauer-
lich graue Licht starrend, auf die Schatten um ihn her, die er
nicht durchdringen konnte.
Kleine Fische flitzten an ihm vorbei wie Silberpfeile. Das
eine oder andere Mal glaubte er etwas Großes vor sich zu er-
kennen, doch wenn er näher kam, entdeckte er, dass es nur ein
dicker, geschwärzter Baumstamm war oder ein dichtes
Tanggeflecht. Von den anderen Champions, von Wasser-
menschen, von Ron war keine Spur zu entdecken – und
glücklicherweise auch nicht von dem Riesenkraken.
Hellgrüner Tang erstreckte sich vor ihm, so weit sein Blick
reichte, meterhoch, wie eine wild verwucherte Wiese. Harry
spähte ohne zu blinzeln in die Tiefen und versuchte in dem
düsteren Licht Gestalten zu erkennen ... und dann, ohne
Vorwarnung, packte ihn etwas am Knöchel.
Harry wirbelte herum und sah einen Grindeloh, einen
kleinen, gehörnten Wasserdämon, den Kopf aus dem Tang
strecken, die langen Finger fest um Harrys Bein geklammert
und die spitzen Vorderzähne gebleckt – rasch steckte Harry
seine mit Schwimmhäutchen bewachsene Hand in die Ta-
518
sche und tastete nach seinem Zauberstab – aber bis er ihn in
den Fingern hatte, waren zwei weitere Grindelohs aus dem
Tang aufgetaucht, hatten sich an seinem Umhang festge-
klammert und versuchten ihn in die Tiefe zu ziehen.
»Relaschio!«, rief Harry, doch kein Laut kam aus seinem
Mund ... nur eine große Blase, und sein Zauberstab schoss
auch keinen Funkenstrom gegen die Grindelohs, sondern
einen Strahl offenbar kochend heißen Wassers, denn da, wo er
sie traf, flammten rote Flecken auf ihrer grünen Haut auf.
Harry entwand sein Bein dem Griff der Grindelohs und
schwamm, so schnell er konnte, davon; hin und wieder jagte
er einen weiteren heißen Wasserstrahl blindlings über die
Schultern, denn ihm war, als ob ein Grindeloh noch immer
nach seinem Fuß schnappte. Dann stieß er heftig nach hin-
ten aus, und endlich spürte er, wie sein Fuß einen gehörnten
Schädel traf, und als er einen Blick zurückwarf, sah er den
benommenen Grindeloh mit schielendem Blick davontrei-ben,
während seine Mitdämonen wütend die Faust gegen ihn
reckten und sich in ihren Tang zurücksinken ließen.
Harry ging es nun ein wenig langsamer an, steckte den
Zauberstab in den Umhang und blickte lauschend umher,
während er einen großen Kreis im Wasser schwamm. Die
Stille lastete nun noch schwerer auf seinen Trommelfellen. Er
wusste, dass er tief unten im See sein musste, doch nichts
außer dem wimmelnden Tang bewegte sich. »Wie kommst du
so voran?«
Harry war einem Herzanfall nahe. Er wirbelte herum und
sah die Maulende Myrte im nebligen Licht vor sich schwim-
men und ihn durch ihre dicke Perlmuttbrille anstarren.
»Myrte!«, versuchte Harry zu rufen, doch wiederum kam
nichts als eine große Blase aus seinem Mund. Doch der
Maulenden Myrte gelang es zu kichern.
»Vielleicht probierst du es mal dort drüben!«, sagte sie und
519
deutete ins Trübe. »Ich komm nicht mit ... ich mag sie nicht
besonders, sie jagen mich immer, wenn ich ihnen zu nahe
komme ...«
Harry bedankte sich mit nach oben gerecktem Daumen
und schwamm erneut los, darauf bedacht, etwas höher über
dem Tang zu bleiben, um den Grindelohs, die vielleicht
noch auf ihn lauerten, zu entgehen.
Er schwamm, wie es ihm vorkam, mindestens zwanzig
Minuten lang. Weite Ebenen schwarzen Schlamms, von sei-
nen Flossen trüb aufgewirbelt, zogen unter ihm hinweg.
Dann endlich hörte er einen Fetzenjenes Wassermenschen-
liedes, das er nicht mehr vergessen würde:
»In einer Stunde musst du es finden
und es uns dann auch wieder entwinden ...«
Nach ein paar raschen Zügen sah Harry vor sich einen
großen Fels aus dem trüben Wasser auftauchen. Auf den
Stein waren Wassermenschen gemalt; sie trugen Speere und
waren offenbar auf der Jagd nach Riesenkraken. Harry
schwamm weiter, am Fels vorbei, und folgte dem Wasser-
menschenlied.
»... die Zeit ist halb um, so zaudre nicht,
sonst sieht, was du suchst, nie mehr das Licht.«
Aus der Dunkelheit ragten plötzlich einige primitive und mit
Algen bewachsene steinerne Behausungen ins trübe Licht.
Durch die dunklen Fenster sah Harry hie und da ein paar
Gesichter ... Gesichter, die nicht entfernt der Nixe auf jenem
Badezimmergemälde ähnelten ...
Die Wassermenschen hatten gräuliche Haut und langes,
wildes, dunkelgrünes Haar. Ihre Augen waren gelb, wie ihre
splittrigen Zähne, und sie trugen dicke Perlenschnüre um
den Hals. Mit scheelen Blicken verfolgten sie grinsend, wie
Harry vorbeischwamm; einige wenige kamen aus ihren
Höhlen, um ihn besser betrachten zu können; sie trugen
520
Speere in den Händen und durchpeitschten das Wasser mit
ihren kräftigen silbernen Schwanzflossen.
Harry schwamm rasch weiter, spähte umher und sah bald
noch weitere Behausungen auftauchen; um. manche davon
waren Tanggärten angelegt, und vor einer Tür, an einem Pfahl
angeleint, sah er sogar einen Hausgrindeloh. Von allen Seiten
erschienen jetzt Wassermenschen und betrachteten ihn
neugierig, deuteten auf seine Flossenhände und Kie-
men und tuschelten hinter vorgehaltenen Händen miteinan-
der. Schnell bog Harry um einen Felsen, doch dahinter tat sich
ein sonderbares Schauspiel vor ihm auf. Eine ganze Schar
Wassermenschen schwebte vor einer Häuserreihe, die eine Art
Dorfplatz bildete, nur dass dieser Platz unter Wasser errichtet
war. Ein Wassermenschenchor in der Mitte des Platzes sang
jenes Lied, das die Champions anlo-
cken sollte, und hinter dem Chor ragte eine Statue auf: ein
gigantischer Wassermensch, mit groben Schlägen aus einem
mächtigen Geröllblock gehauen. An die Schwanzflosse des
steinernen Wassermenschen waren vier Menschen gefes-
selt.
Ron hatten sie zwischen Hermine und Cho Chang ange-
bunden. Mit dabei war auch ein Mädchen, das nicht älter als
acht schien. Die silbrige Haarwolke, die um es her im Was-
ser schwebte, ließ Harry sicher sein, dass es Fleur Delacours
Schwester war. Alle vier schienen in einen sehr tiefen Schlaf
versunken. Die Köpfe hingen schlaff herunter und Ströme
feiner Blasen quollen aus ihren Mündern.
Harry schwamm mit raschen Zügen auf die Geiseln zu, in
der Furcht, dass die Wassermenschen ihre Speere senken und
gegen ihn schleudern würden, doch nichts geschah. Die
Gefangenen waren mit dicken, glibberigen und sehr zähen
Tangschlingen an die Statue gefesselt. Einen kurzen Augen-
blick lang dachte er an das Messer, das ihm Sirius zu Weih-
521
nachten geschenkt hatte – aber es lag sicher verwahrt und
völlig nutzlos in seinem Koffer im Schloss.
Er sah sich um. Viele der Wassermenschen, die ihn und die
vier Geiseln umkreisten, trugen Speere. Er schwamm auf
einen über zwei Meter großen Wassermann mit langem
grauem Bart und einer Halskette aus Haifischzähnen zu und
versuchte ihm grimassierend und fuchtelnd verständlich zu
machen, dass er sich seinen Speer ausleihen wolle. Der Was-
sermann lachte und schüttelte den Kopf. »Wir helfen nicht«,
sagte er mit knirschender und krächzender Stimme.
»Nun mach schon!«, sagte Harry wütend (doch nur Bla-
sen kamen aus seinem Mund) und versuchte dem Wasser-
mann den Speer zu entwinden, doch er riss ihn an sich,
schüttelte wieder den Kopf und lachte.
Harry wirbelte herum und blickte umher. Etwas Scharfes ...
irgendetwas ... Auf dem Boden des Sees lagen Steine ver-
streut. Er schwamm hinab, holte sich einen besonders scharf
gezackten Stein und kehrte zu der Statue zurück. Dann be-
gann er auf die Taue einzuhacken, mit denen Ron gefesselt
war, und nach einigen Minuten harter Arbeit rissen sie. Ron
blieb bewusstlos ein paar Zentimeter über dem Seegrund
schweben und dümpelte langsam dahin.
Harry sah sich um. Von den anderen Champions war keine
Spur zu sehen. Worauf warteten sie? Warum beeilten sie sich
nicht? Er wandte sich nun Hermine zu, hob den gezackten
Stein und begann auch auf ihre Fesseln einzuhacken –
Doch schon packten ihn mehrere Paar starker grauer Hände.
Ein halbes Dutzend Wassermänner schüttelten die
grünhaarigen Köpfe und zogen ihn lachend von Hermine fort.
»Du nimmst deine eigene Geisel«, sagte einer der Wasser-
männer. »Lass die anderen hier ...«
»Unmöglich!«, wollte Harry aufgebracht schreien – doch
seinem Mund entwichen nur zwei große Blasen.
522
»Deine Aufgabe ist es, deinen Freund zurückzuholen ... lass
die anderen hier ...«
»Mit ihr bin ich auch befreundet!«, rief Harry und gesti-
kulierte zu Hermine hinüber, wobei ihm eine riesige sil-
berne Blase geräuschlos aus dem Mund trat. »Und die ande-
ren sollen auch nicht sterben!«
Chos Kopf lag auf Hermines Schulter; das kleine silber-
haarige Mädchen war gespenstisch grün und fahl. Harry mühte
sich verzweifelt, die Wassermänner abzuschütteln, doch sie
lachten nur noch lauter und hielten ihn fest. Harry blickte
hektisch um sich. Wo blieben die anderen Champi-
ons? Hatte er noch Zeit, Ron nach oben zu bringen und
dann zurückzukommen, um Hermine und die anderen zu
holen? Würde er sie dann wieder finden? Er sah auf die Uhr,
um zu prüfen, wie viel Zeit ihm noch blieb – aber sie war
stehen geblieben. Nun jedoch deuteten die Wassermänner
um ihn her auf etwas über seinem Kopf. Harry blickte auf
und sah Cedric auf sich zuschwimmen. Sein Kopf steckte in
einer mächtigen Blase, die seine Züge merkwürdig weitete und
spannte.
»Hab mich verirrt!«, formte er mit den Lippen, die Augen
voller Panik. »Fleur und Krum kommen gleich!«
Harry fiel ein Stein vom Herzen, und er beobachtete, wie
Cedric ein Messer aus der Tasche zog und Chos Fesseln
durchschnitt. Er zog sie in die Höhe und verschwand mit ihr.
Harry sah sich angespannt um. Wo blieben Fleur und
Krum? Die Zeit wurde allmählich knapp, und dem Lied zu-
folge waren die Geiseln nach einer Stunde verloren ...
Die Wassermenschen kreischten erregt. Jene, die Harry
festhielten, lockerten ihren Griff und schauten über die
Schultern. Auch Harry wandte sich um und sah etwas Mons-
tröses durch das Wasser furchen: ein menschlicher Körper in
Badehosen mit dem Kopf eines Hais ... es war Krum. Er
523
schien sich selbst verwandelt zu haben – allerdings nicht be-
sonders gut.
Der Hai-Mann schwamm geradewegs auf Hermine zu und
begann an ihren Fesseln zu reißen und zu beißen: Das Problem
war nur, dass Krums neue Zähne wenig dazu geeig-
net waren, etwas Kleineres als einen Delphin zu zerbeißen,
und Harry sah es schon kommen, dass Krum, wenn er nicht
vorsichtig war, Hermine in zwei Teile reißen würde. Er schoss
auf ihn zu, schlug ihm hart auf die Schulter und hielt den
gezackten Stein in die Höhe. Krum packte den Stein und
begann Hermine freizuhacken. Nach Sekunden schon war es
ihm gelungen; er schlang den Arm um Hermines Taille und
schwamm ohne einen Blick zurück davon.
Was jetzt?, dachte Harry verzweifelt. Wenn er nur sicher
wüsste, dass Fleur auf dem Weg war ... noch war nichts von
ihr zu sehen. Es blieb ihm nichts anderes übrig ...
Er holte den Stein vom Grund, den Krum hatte fallen las-
sen, doch die Wassermänner kamen näher, bildeten nun ei-
nen Kreis um Ron und das kleine Mädchen und schüttelten die
Köpfe.
Harry zog seinen Zauberstab. »Aus dem Weg!«
Nur Blasen sprudelten ihm aus dem Mund, aber er war sich
sicher, dass die Wassermänner ihn verstanden hatten, denn
plötzlich hörten sie auf zu lachen. Mit ihren gelblichen Augen
blickten sie gebannt und verängstigt auf Harrys Zau-
berstab. Harry war allein und sie waren viele, doch nach ihren
Mienen zu schließen konnten sie genauso wenig zau-
bern wie der Riesenkrake.
»Ich zähle bis drei!«, rief Harry; ein langer Strom aus Bla-
sen quoll aus seinem Mund, doch er hielt drei Finger in die
Höhe, damit sie die Botschaft auch sicher verstanden.
»Eins ...« (er zog einen Finger ein) – »zwei ...« (er zog den
zweiten Finger ein) –
524
Sie wichen zurück. Harry schoss auf das kleine Mädchen zu
und hieb mit dem Stein auf das Tau ein, mit dem es an die Sta-
tue gefesselt war; und endlich war auch sie befreit. Er schlang
den Arm um die Taille des Mädchens, packte Ron hinten am
Umhang und stieß mit seinen Beinen durchs Wasser.
Er kam nur langsam und mühsam voran. Seine Schwimm-
hände konnte er nicht mehr benutzen, um sich anzutreiben; er
ruderte verzweifelt mit seinen Beinen, doch Ron und Fleurs
Schwester waren wie Säcke voll Kartoffeln, die ihn
hinabzogen ... er wandte das Gesicht nach oben, obwohl das
Wasser über ihm noch dunkel war und er wusste, dass er noch
tief unten sein musste ...
Auch Wassermenschen stiegen mit ihm hoch. Sie schlän-
gelten völlig mühelos um ihn herum und beobachteten, wie er
sich durch das Wasser kämpfte ... würden sie ihn zurück in die
Tiefe ziehen, wenn die Zeit um war? Fraßen sie viel-
leicht sogar Menschen? Harrys Beine verkrampften sich vor
Anstrengung; seine Schultern schmerzten furchtbar unter der
Last Rons und des Mädchens, die sie nach oben ziehen
mussten ...
Das Luftholen war nun unerträglich schwer geworden.
Wieder spürte er Schmerzen an beiden Seiten seines Halses ...
jetzt wurde ihm auch bewusst, dass sein Mund voll Wasser
war ... aber die Dunkelheit war jetzt nicht mehr so undurch-
dringlich ... über sich konnte er das Tageslicht sehen ...
Er stieß mit den Beinen kräftig nach unten und entdeckte,
dass er wieder ganz normale Füße hatte ... Wasser drang ihm
durch den Mund in die Lungen ... er fühlte sich schwindlig
und benommen, doch er wusste, dass nur drei Meter über ihm
Licht und Luft waren ... er musste es bis oben schaffen ... er
musste einfach ...
Harry ruderte so verzweifelt mit seinen Beinen, dass es
sich anfühlte, als würden seine Muskeln vor Empörung
525
schreien; sogar sein Kopf schien voll Wasser, er konnte nicht
atmen, er brauchte Sauerstoff, er musste weitermachen, er
durfte nicht aufhören –
Und dann spürte er, wie sein Kopf durch die Wasserober-
fläche stieß; wunderbare, kalte, klare Luft stach ihm ins nasse
Gesicht; er sog sie in mächtigen Zügen ein, und es schien ihm,
als hätte er in seinem Leben noch nie richtig geatmet.
Keuchend zog er Ron und das kleine Mädchen hoch an die
Luft. Überall um ihn her tauchten wilde, grünbehaarte Köpfe
aus dem Wasser und lächelten ihm zu.
Die Menge auf der Tribüne machte einigen Lärm; alle
waren aufgesprungen und riefen und schrien; Harry hatte den
Eindruck, dass sie Ron und das Mädchen für tot hielten, doch
sie irrten sich ... beide hatten die Augen geöffnet; das
Mädchen sah ängstlich und verwirrt aus und Ron spuckte nur
einen großen Wasserstrahl aus, blinzelte im hellen Licht,
wandte sich Harry zu und sagte: »Nass, oder?« Dann erkannte
er Fleurs Schwester. »Warum hast du die mitge-
bracht?«
»Fleur ist nicht gekommen. Ich konnte sie nicht da unten
lassen«, keuchte Harry.
»Harry, du Trottel!«, sagte Ron, »du hast dieses Lied doch
nicht etwa ernst genommen? Dumbledore hätte doch kei-
nen von uns im Stich gelassen!«
»Aber in dem Lied heißt es –«
»Nur damit ihr auch ja innerhalb der Zeit wieder zurück-
kommt!«, sagte Ron. »Ich hoffe, du hast da unten nicht deine
Zeit verplempert und den Helden gespielt!«
Harry kam sich dumm vor und war zugleich verärgert. Ron
hatte gut reden; er hatte ja geschlafen, er hatte nicht er-
lebt, wie schaurig es dort unten im See gewesen war, um-
kreist von speertragenden Wassermännern, die durchaus zum
Töten bereit schienen.
526
»Komm her«, sagte er schroff, »hilf mir mit dem Mäd-
chen, ich glaub nicht, dass sie allzu gut schwimmen kann.«
Sie zogen Fleurs Schwester durch das Wasser, hinüber zum
Ufer, wo die Richter standen und sie beobachteten. Be-
gleitet wurden sie von einer Art Ehrengarde aus zwanzig
Wassermenschen, die ihre fürchterlich kreischigen Lieder
sangen.
Harry sah, wie Madam Pomfrey um Hermine, Krum, Ced-
ric und Cho herumwirbelte, die allesamt in dicke Decken
eingewickelt waren. Dumbledore und Ludo Bagman stan-
den da und strahlten Harry und Ron entgegen, die jetzt auf das
Ufer zuschwammen, doch Percy, der sehr blass und
merkwürdig jünger aussah als sonst, kam ins Wasser ge-
patscht, um sie zu begrüßen.
Unterdessen versuchte Madame Maxime Fleur zu bändi-
gen, die vollkommen aufgelöst schien und sich mit Zähnen
und Klauen kämpfend zurück ins Wasser stürzen wollte.
»Gabrielle! Gabrielle! Lebt sie noch! Ist sie verletzt?«
»Ihr geht's gut!«, wollte Harry ihr zurufen, doch er war so
erschöpft, dass er kaum sprechen und schon gar nicht laut
rufen konnte.
Percy schnappte sich Ron und zerrte ihn ans Ufer (»Hau ab,
Percy, mir geht's gut!«); Dumbledore und Bagman zogen
Harry auf die Beine; Fleur hatte sich Madame Maximes Griff
entwunden und umarmte ihre Schwester.
»Es waren die Grindelohs ... sie 'aben misch angegrif-
fen ... oh, Gabrielle, isch dachte schon ... isch dachte ...«
»Komm hierher zu mir, Junge«, sagte Madam Pomfrey; sie
packte Harry am Arm, zog ihn hinüber zu Hermine und den
anderen, wickelte ihn so fest in eine Decke, dass er sich
vorkam wie in einer Zwangsjacke, und flößte ihm resolut
einen Löffel sehr heißen Zaubertranks ein. Dampf stob ihm
aus den Ohren.
527
»Gut gemacht, Harry!«, rief Hermine. »Du hast es ge-
schafft, du hast es ganz allein rausgefunden!«
»Na ja –«, sagte Harry. Er hätte ihr gerne von Dobby er-
zählt, doch soeben war ihm aufgefallen, dass Karkaroff ihn
beobachtete. Er war der einzige Richter, der den Tisch nicht
verlassen hatte; der einzige Richter, der nicht erfreut und er-
leichtert schien, dass Harry, Ron und Fleurs Schwester
wohlbehalten zurück waren. »Ja, stimmt schon«, sagte Harry
und hob ein wenig die Stimme, damit Karkaroff ihn hören
konnte.
»Du hast eine Wasserkäfer in deine Haar, Erminne«, sagte
Krum.
Harry hatte den Eindruck, dass Krum versuchte, ihre Auf-
merksamkeit wiederzugewinnen, vielleicht um sie daran zu
erinnern, dass er sie gerade aus dem See gerettet hatte, doch
Hermine wischte den Wasserkäfer unwirsch weg und sagte:
»Aber du hast die Zeit weit überschritten, Harry ... hast du so
lange gebraucht, um uns zu finden?«
»Nein ... gefunden hatte ich euch schon lange ...«
Harry kam sich allmählich ziemlich belämmert vor. Nun,
wieder auf dem Trockenen, war er sich sicher, dass Dumble-
dore keine Geisel hätte sterben lassen, nur weil ihr Cham-
pion nicht zu ihr durchkam. Warum hatte er sich nicht ein-
fach Ron geschnappt und war verschwunden? Er wäre der
Erste gewesen ... Cedric und Krum hatten keine Zeit damit
verschwendet, sich um irgendjemanden zu kümmern; sie
hatten das Wasserlied nicht ernst genommen ...
Dumbledore kauerte am Ufer, vertieft in ein Gespräch mit
einem Wassermenschen, offenbar der Anführerin, einer
besonders wild und grimmig aussehenden Nixe. Dumble-
dore machte genau jene Geräusche, die die Wassermen-
schen von sich gaben, wenn sie an der Oberfläche waren;
offensichtlich konnte er Meerisch sprechen. Schließlich
528
richtete er sich auf, wandte sich seinen Richterkollegen zu und
sagte: »Ich denke, wir sollten uns beraten, bevor wir die Noten
vergeben.«
Die Richter scharten sich eng zusammen. Madam Pom-
frey ging hinüber, um Ron aus Percys Klammergriff zu lö-
sen; sie führte ihn zu Harry und den anderen, gab ihm eine
Decke und ein wenig Aufpäppel-Trank, dann ging sie Fleur
und ihre Schwester holen. Fleur hatte viele Schnittwunden auf
Gesicht und Armen und ihr Umhang war zerfetzt, doch es
schien sie nicht zu kümmern, und sie gestattete Madam
Pomfrey nicht einmal, die Wunden zu reinigen.
»Kümmern Sie sisch um Gabrielle«, sagte sie und wandte
sich Harry zu. »Du 'ast sie gerettet«, keuchte sie. »Obwohl sie
nischt deine Geisel war.«
»Ja-ah«, sagte Harry, der inzwischen zutiefst bereute,
nicht alle drei Mädchen in Fesseln an der Statue gelassen zu
haben.
Fleur stürzte sich nun auch auf ihn und gab ihm einen Kuss.
Hermine machte ein zorniges Gesicht, doch in diesem
Augenblick dröhnte Ludo Bagmans magisch verstärkte
Stimme neben ihnen hinaus auf den See, sie zuckten zusam-
men und die Menge auf der Tribüne wurde ganz still.
»Meine Damen und Herren, wir haben unsere Entschei-
dung getroffen. Seehäuptlingin Murcus hat uns genau ge-
schildert, was auf dem Grund des Sees geschehen ist, und wir
haben daher beschlossen, die Champions bei fünfzig
möglichen Punkten wie folgt zu benoten ...
Miss Fleur Delacour hat zwar gezeigt, dass sie hervorra-
gend mit dem Kopfblasenzauber umgehen kann, doch sie
wurde von Grindelohs angegriffen, als sie sich ihrem Ziel
näherte, und hat es nicht geschafft, ihre Geisel zu befreien.
Wir erteilen ihr fünfundzwanzig Punkte.«
Applaus von der Tribüne.
529
»Isch 'ab eigentlisch keinen verdient«, krächzte Fleur und
schüttelte ihren herrlichen Kopf.
»Mr Cedric Diggory, der ebenfalls den Kopfblasenzauber
verwendet hat, kam als Erster mit seiner Geisel zurück, al-
lerdings nach der gesetzten Zeit von einer Stunde.« Gewal-
tiger Jubel von den Hufflepuffs im Publikum; Harry sah, wie
Cho Cedric einen glühenden Blick schenkte. »Deshalb geben
wir ihm siebenundvierzig Punkte.«
Harry wurde schwer ums Herz. Wenn Cedric die Zeit
überschritten hatte, was war dann erst mit ihm?
»Mr Viktor Krum hat eine unvollständige Verwandlung
benutzt, die dennoch sehr wirksam war, und ist als Zweiter
mit seiner Geisel zurückgekehrt. Wir geben ihm vierzig
Punkte.«
Karkaroff klatschte besonders laut und mit überlegenem
Mienenspiel.
»Mr Harry Potter hat mit bester Wirkung Dianthuskraut
genommen«, fuhr Bagman fort. »Er kehrte als Letzter zu-
rück und weit über dem Zeitlimit von einer Stunde. Wie uns
die Seehäuptlingin allerdings mitteilt, hat Mr Potter die
Geiseln als Erster erreicht, und die Verspätung bei seiner
Rückkehr war seiner Entschlossenheit geschuldet, alle Gei-
seln, nicht nur die seine, in Sicherheit zu bringen.«
Ron und Hermine warfen Harry halb aufgebrachte, halb
mitleidige Blicke zu.
»Die Mehrzahl der Richter« – und an dieser Stelle ver-
setzte Bagman Karkaroff einen sehr bissigen Blick – »sind der
Überzeugung, dass dies moralisches Rückgrat beweist und mit
der vollen Punktzahl belohnt werden sollte. Den-
noch ... Mr Potters Ergebnis lautet fünfundvierzig Punkte.«
Harrys Magen sprang ihm in die Kehle – jetzt war er mit
Cedric zusammen auf dem ersten Platz. Ron und Hermine, auf
dem falschen Fuß erwischt, sahen Harry mit großen Au-
530
gen an und begannen dann wie die anderen wild zu klat-
schen.
»Da hast du es, Harry!«, rief Ron durch den Trubel. »Du
warst überhaupt nicht blöde – du hast moralisches Rückgrat
bewiesen!«
Auch Fleur klatschte begeistert, während Krum über-
haupt nicht glücklich schien. Wieder versuchte er, Hermine in
ein Gespräch zu verwickeln, doch sie war zu sehr damit
beschäftigt, Harry zu bejubeln, um hinzuhören.
»Die dritte und letzte Runde des Turniers findet am vier-
undzwanzigsten Juni bei Einbruch der Dunkelheit statt«, fuhr
Bagman fort. »Wir werden den Champions genau einen
Monat vorher mitteilen, was auf sie zukommt. Dank an alle
für die Unterstützung ihrer Champions.«
Es ist vorbei, dachte Harry benommen, und schon bug-
sierte Madam Pomfrey die Champions und ihre Geiseln zu-
rück ins Schloss, wo sie trockene Kleider anziehen sollten Es
war vorbei, er war durchgekommen ... er musste sich jetzt bis
zum vierundzwanzigsten Juni um gar nichts mehr sorgen ...
Das nächste Mal, wenn ich nach Hogsmeade komme, so
beschloss er, als er die Steinstufen zum Schloss hochging, das
nächste Mal kaufe ich Dobby für jeden Tag des Jahres ein
Paar Socken.
531
Tatzes Rückkehr
Der ganze Trubel nach der zweiten Runde, als alle unbe-
dingt hören wollten, was denn genau auf dem Grund des
Sees geschehen war, hatte vor allem ein Gutes: Ron stand
wenigstens einmal gemeinsam mit Harry im Rampenlicht.
Harry fiel auf, dass Ron seine Geschichte jedes Mal ein we-
nig anders erzählte. Die erste Darstellung schien durchaus
noch der Wahrheit zu entsprechen; sie stimmte jedenfalls
mit dem überein, was Hermine berichtete: Dumbledore
hatte in Professor McGonagalls Büro die Geiseln in einen
Zauberschlaf versetzt, nachdem er ihnen versichert hatte,
ihnen würde nichts geschehen und sie würden erst wieder
aufwachen, wenn sie an Land seien. Eine Woche später je-
doch erzählte Ron die nervenzerfetzende Geschichte
einer Entführung, bei der er allein gegen fünfzig schwer
bewaffnete Wassermenschen gekämpft habe, die ihn erst
hätten zusammenschlagen müssen, um ihn fesseln zu
können.
»Aber ich hatte meinen Zauberstab im Ärmel versteckt«,
beteuerte er Padma Patil, die nun, da Ron so viel Beachtung
fand, offenbar viel schärfer auf ihn war und jedes Mal, wenn
sie ihm im Korridor begegnete, unter großem Hallo unbe-
dingt mit ihm sprechen wollte. »Diese Wasseridioten hätt ich
jederzeit erledigen können.«
»Und wie bitte hättest du das angestellt, wolltest du sie
vielleicht anschnarchen?«, giftete Hermine. Sie hatte sich
viele Sticheleien anhören müssen, weil sie es war, die Viktor
532
Krum am meisten vermisste, und war in ziemlich gereizter
Stimmung.
Ron wurde rot um die Ohren und kehrte von Stund an zu der
Geschichte mit dem Zauberschlaf zurück.
Anfang März wurde das Wetter trockener, aber wenn sie
draußen auf dem Land waren, röteten ihnen furchtbare
Winde die Hände und Gesichter. Ihre Briefe kamen verspä-
tet an, denn die Stürme bliesen die Eulen aus ihren Flugbah-
nen. Der Waldkauz, den Harry Sirius mit dem Datum des
Hogsmeade-Wochenendes geschickt hatte, tauchte eines
Freitagmorgens beim Frühstück auf, und die Hälfte seiner
Federn war in die falsche Richtung gebürstet; kaum hatte
Harry Sirius' Antwort von seinem Bein gerissen, flatterte er
wieder davon, offensichtlich aus Furcht, er würde gleich
wieder in die Lüfte geschickt.
Sirius' Brief war fast so kurz wie sein voriger.
Komm Samstagnachmittag um zwei zu dem Gatter an der
Straße, die aus Hogsmeade herausführt (an Derwisch und
Banges vorbei). Bring so viel Essbares mit, wie du tragen
kannst.
»Er ist doch nicht etwa wieder in Hogsmeade?«, sagte Ron
ungläubig.
»Sieht ganz danach aus«, meinte Hermine.
»Das kann er doch nicht machen«, sagte Harry mit ange-
spannter Stimme. »Wenn sie ihn fassen ...«
»Bis hierher ist er jedenfalls durchgekommen«, sagte Ron.
»Und in diesem Kaff wird sich jetzt wohl kein Dementor
mehr rumtreiben.«
Nachdenklich faltete Harry den Brief zusammen. Wenn er
ehrlich zu sich war, wollte er Sirius wirklich gern wieder
sehen. In die letzte Doppelstunde an diesem Nachmittag –
533
Zaubertränke – ging er jedenfalls viel besser gelaunt als sonst,
wenn er die Treppen zu den Kerkern hinunterstieg.
Malfoy, Crabbe und Goyle standen vor der Klassenzim-
mertür und hatten die Köpfe mit einigen Slytherin-Mäd-
chen aus Pansy Parkinsons Bande zusammengesteckt. Sie
kicherten ausgelassen über etwas, das Harry nicht sehen
konnte. Als die drei näher kamen, lugte Pansys aufgeregtes
Mopsgesicht hinter Goyles breitem Rücken hervor.
»Da sind sie ja, da sind sie!«, giggelte sie, und die Slythe-
rin-Traube stob auseinander. Harry sah, dass Pansy eine Illus-
trierte in der Hand hielt – die Hexenwoche. Das bewegte Ti-
telbild zeigte eine lockenhaarige Hexe, die zähneblitzend
lächelte und mit dem Zauberstab auf einen großen Biskuit-
kuchen deutete.
»Da steht was drin, das dich sicher interessieren wird,
Granger!«, rief Pansy und warf die Illustrierte Hermine zu, die
sie verdutzt auffing. In diesem Augenblick öffnete sich die
Kerkertür und Snape winkte sie herein.
Harry, Ron und Hermine gingen wie immer schnur-
stracks auf einen Tisch ganz hinten zu. Sobald Snape ihnen
den Rücken gekehrt hatte, um die Zutaten des heutigen Tranks
an die Tafel zu schreiben, blätterte Hermine unter dem Tisch
hastig das Heft durch. Im mittleren Teil fand sie schließlich,
wonach sie suchten. Harry und Ron beugten sich tiefer über
die Seiten. Ein Farbfoto von Harry prangte über einem kurzen
Artikel mit der Überschrift
Harry Potters stummes Herzeleid
Ein Junge wie kein anderer, könnte man meinen – doch auch
ein Junge, der die ganz gewöhnlichen Qualen des He-
ranwachsenden durchleidet. Seit dem tragischen Ableben
seiner Eltern der Liebe beraubt, glaubte der vierzehnjährige
534
Harry Potter, endlich Trost bei seiner festen Freundin in
Hogwarts, Hermine Granger, gefunden zu haben. Doch er
ahnte nicht, dass seine Seele in diesem ohnehin von persön-
lichen Verlusten geprägten Leben bald erneut einen schwe-
ren Schlag erleiden würde.
Miss Granger, ein äußerlich unscheinbares, aber ehrgeizi-
ges Mädchen, hegt offenbar eine Vorliebe für berühmte
Zauberer, die Harry allein nicht befriedigen kann. Seit Vik-
tor Krum, der bulgarische Sucher und Held der letzten
Quidditch-Weltmeisterschaft, in Hogwarts weilt, spielt Miss
Granger mit den Gefühlen beider Jungen. Krum, der von der
tückischen Miss Granger offensichtlich hingerissen ist, hat sie
bereits eingeladen, ihn während der Sommerferien in
Bulgarien zu besuchen, und versichert, er habe »solche Ge-
fühle noch für kein anderes Mädchen empfunden«.
Allerdings sind es womöglich gar nicht die zweifelhaften
natürlichen Reize Miss Grangers, denen diese beiden un-
glücklichen Jungen verfallen sind.
»Im Grunde ist sie hässlich«, meint Pansy Parkinson, eine
hübsche und lebhafte Viertklässlerin, »aber dass sie einen
Liebestrank zusammenbraut, traue ich ihr durchaus zu, sie
hat ja ziemlich viel Grips. Ich bin sicher, damit schafft
sie es.«
Natürlich sind Liebestränke in Hogwarts verboten und
zweifellos sollte Albus Dumbledore diesen Behauptungen
nachgehen. In der Zwischenzeit können alle, die sich um das
Wohl Harry Potters sorgen, nur hoffen, dass er sein Herz das
nächste Mal einer würdigeren Kandidatin schenkt.
Rita Kimmkorn
»Ich hab's dir doch gesagt!«, zischelte Ron Hermine zu, die
mit offenem Mund das Blatt anstarrte. »Ich hab dir doch ge-
sagt, du sollst diese Rita Kimmkorn nicht ärgern! Jetzt hat
535
sie dich auf dem Kieker und macht aus dir so eine – eine Le-
bedame!«
Hermines verblüffte Miene löste sich in schnaubendes
Gelächter auf. »Lebedame?«, wiederholte sie, wandte sich
Ron zu und zitterte verhalten kichernd.
»So nennt es jedenfalls meine Mum«, murmelte Ron und
wieder lief er um die Ohren herum rot an.
»Wenn das alles ist, was Rita zustande bringt, dann wird sie
allmählich langweilig«, sagte Hermine und warf die He-
xenwoche immer noch kichernd auf den leeren Stuhl neben ihr.
»Das ist doch nichts als ein Haufen Müll.«
Sie sah hinüber zu den Slytherins, die gespannt beobach-
teten, ob es ihnen gelungen war, sie und Harry mit dem Ar-
tikel zu ärgern. Hermine schenkte ihnen ein herablassendes
Lächeln und einen lässigen Wink mit der Hand, dann pack-
ten die drei die Zutaten aus, die sie für ihren Gripsschär-fungs-
Trank brauchten.
»Eins ist schon komisch daran«, sagte Hermine zehn Mi-
nuten später und hielt die Mörserkeule über eine Schale
Skarabäuskäfer. »Wie hat Rita Kimmkorn das nur rausge-
funden ...?«
»Was rausgefunden?«, fragte Ron sofort. »Du hast doch
nicht etwa Liebestränke gebraut?«
»Sei doch nicht albern«, zischte Hermine und begann ihre
Käfer zu zerstampfen. »Nein, es ist nur ... wie hat sie erfah-
ren, dass Viktor mich eingeladen hat, ihn im Sommer zu be-
suchen?« Hermine lief bei diesen Worten scharlachrot an und
vermied entschieden Rons Blick.
»Was?« Ron ließ seinen Stößel mit einem lauten Klonk
fallen.
»Er hat mich gefragt, gleich nachdem er mich aus dem See
gezogen hatte«, murmelte Hermine. »Nachdem er seinen
Haikopf losgeworden ist. Madam Pomfrey hat uns Decken
536
gegeben, dann hat er mich von den Richtern weggezogen,
damit sie nichts mitbekamen, und gefragt, ob ich im Som-
mer schon was vorhätte und ob ich nicht Lust hätte –«
»Und was hast du geantwortet?«, warf Ron ein und häm-
merte, die Augen unverwandt auf Hermine gerichtet, gut
eine Armlänge von der Schale entfernt mit dem Stößel auf
den Tisch.
»Und er hat wirklich gesagt, dass er noch nie solche Ge-
fühle für jemanden empfunden hätte«, fuhr Hermine fort und
wurde so rot, dass Harry die Hitze, die in ihr aufstieg, fast
spüren konnte. »Aber wie könnte Rita Kimmkorn uns
belauscht haben? Sie war nicht da ... oder doch? Vielleicht hat
sie einen Tarnumhang und hat sich aufs Gelände geschli-
chen, um sich die zweite Runde anzusehen ...«
»Und was hast du geantwortet?«, wiederholte Ron und hieb
mit dem Stößel so heftig auf den Tisch, dass eine Delle im
Holz zurückblieb.
»Mich hat nur interessiert, ob es dir und Harry gut geht
und –«
»So faszinierend Ihr gesellschaftliches Leben zweifellos ist,
Miss Granger«, sagte eine eisige Stimme direkt hinter ih-
nen, »ich muss Sie doch ermahnen, es nicht im Unterricht
zu erörtern. Zehn Punkte Abzug für Gryffindor.«
Snape war zu ihrem Tisch herübergeglitten, während sie
gesprochen hatten. Die ganze Klasse drehte nun die Köpfe
um; Malfoy nutzte die Gelegenheit und ließ POTTER
STINKT durch den Kerker zu Harry hinüberblitzen.
»Ah ... und man liest auch noch Heftchen unter dem
Tisch?«, setzte Snape hinzu und schnappte sich die Hexenwo-
che. »Noch einmal zehn Punkte Abzug für Gryffindor ... oh,
verstehe ...« Snapes schwarze Augen stürzten sich gierig auf
Rita Kimmkorns Artikel. »Potter muss natürlich erfahren,
was die Presse über ihn schreibt ...«
537
Der Kerker erzitterte unter dem Gelächter der Slytherins
und ein unangenehmes Lächeln kräuselte Snapes dünne
Lippen. Harry trieb es die Zornesröte ins Gesicht, als Snape
auch noch begann, den Artikel laut vorzulesen.
»Harry Potters stummes Herzeleid ... meine Güte, Potter, was
hast du nun wieder für ein Wehwehchen? Ein Junge wie kein
anderer, könnte man meinen ...«
Harrys Gesicht brannte. Snape legte am Ende jedes Satzes
eine kleine Pause ein, um den Slytherins einen ausgiebigen
Lacher zu gönnen. Von Snape vorgelesen, klang der Artikel
noch zehnmal schlimmer.
»... können alle, die sich um das Wohl Harry Potters sorgen, nur
hoffen, dass er sein Herz das nächste Mal einer würdigeren Kandida-
tin schenkt. Wie unglaublich rührend«, höhnte Snape und rollte
das Heft unter dem anhaltenden Gelächter der Slythe-
rins zusammen. »Es ist wohl am besten, wenn ich euch drei
voneinander trenne, damit ihr euch Gedanken über Zauber-
tränke statt über euer Liebesleben macht. Weasley, du bleibst
hier. Miss Granger, dort rüber, neben Miss Parkinson. Potter,
an den Tisch vor meinem Pult. Beweg dich. Sofort.«
Harry warf die Zutaten und die Schultasche wütend in
seinen Kessel und zog ihn nach vorn zu dem freien Tisch.
Snape folgte ihm, setzte sich an das Pult und sah zu, wie Harry
seine Sachen aus dem Kessel packte. Entschlossen, Snape
keines Blickes zu würdigen, begann Harry erneut seine
Skarabäuskäfer zu zerstampfen, und jeder einzelne da-
von, so schien es ihm, hatte Snapes Gesicht.
»Dieser ganze Presserummel scheint deinen ohnehin schon
übergroßen Kopf noch mehr aufgeblasen zu haben, Potter«,
sagte Snape leise, sobald der Rest der Klasse sich wieder
beruhigt hatte.
Harry antwortete nicht. Er wusste, dass Snape ihn provo-
zieren wollte; das kannte er bereits von ihm. Zweifellos war
538
er darauf aus, einen Grund zu finden, um Gryffindor noch vor
Ende der Stunde satte fünfzig Punkte abzuziehen.
»Du leidest vielleicht unter der Wahnvorstellung, dass die
ganze Zaubererwelt von dir beeindruckt ist«, fuhr Snape so
leise fort, dass ihn niemand sonst hören konnte (Harry hieb
weiter auf seine Skarabäuskäfer ein, obwohl er sie bereits zu
einem ganz feinen Pulver zerstampft hatte), »aber mir ist es
völlig gleich, wie oft dein Bild in der Zeitung erscheint. Für
mich, Potter, bist du nichts als ein ungezogener kleiner Ben-
gel, der Vorschriften für unter seiner Würde hält.«
Harry schüttete die zerstäubten Käfer in seinen Kessel und
begann seine Ingwerwurzeln klein zu schneiden. Ihm bebten
die Hände vor Wut, aber er hielt den Blick gesenkt, als könne
er nicht hören, was Snape sagte.
»Also lass dir das eine Warnung sein, Potter«, fuhr Snape
noch leiser und bedrohlicher klingend fort, »winzige Be-
rühmtheit oder nicht – wenn ich dich noch einmal dabei er-
wische, wie du in mein Büro einbrichst –«
»Ich war nicht mal in der Nähe Ihres Büros!«, entgegnete
Harry zornig und vergaß dabei völlig seine vorgeschützte
Taubheit.
»Lüg mich nicht an!«, zischte Snape, und seine unergründ-
lichen schwarzen Augen bohrten sich in die Harrys. »Baum-
schlangenhaut. Dianthuskraut. Beide stammen aus meinen
persönlichen Vorräten, und ich weiß, wer sie gestohlen hat.«
Harry hielt Snapes Blick stand, entschlossen, nicht zu blin-
zeln oder schuldbewusst auszusehen. In Wahrheit hatte er
Snape weder das eine noch das andere gestohlen. Hermine
hatte die Baumschlangenhaut in ihrem zweiten Schuljahr
geklaut – die hatten sie für den Vielsaft-Trank gebraucht -und
damals hatte Snape Harry zwar verdächtigt, doch er hatte es
nie beweisen können. Und das Dianthuskraut hatte natürlich
Dobby gestohlen.
539
»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, log Harry kühl.
»Du bist im Schloss umhergeschlichen in der Nacht, als bei
mir eingebrochen wurde!«, zischte Snape. »Mach mir nichts
vor, Potter! Schön, Mad-Eye hat sich vielleicht deinem
Fanclub angeschlossen, ich aber werde diese Umtriebe nicht
dulden! Wenn du dich noch einmal in mein Büro schleichst,
Potter, dann bezahlst du dafür!«
»In Ordnung«, sagte Harry gelassen und wandte sich wie-
der seinen Ingwerwurzeln zu, »ich denk dran, wenn ich je den
Drang verspüren sollte, da reinzugehen.«
Snapes Augen blitzten. Er steckte die Hand ins Innere sei-
nes schwarzen Umhangs. Einen verwirrten Moment lang
dachte Harry, Snape würde seinen Zauberstab ziehen und ihm
einen Fluch auf den Hals jagen – doch dann sah er, dass Snape
eine kleine Kristallflasche mit einer vollkommen kla-
ren Flüssigkeit herauszog. Harry starrte das Fläschchen an.
»Weißt du, was das ist, Potter?«, fragte Snape, und wieder
glitzerten seine Augen gefährlich.
»Nein«, entgegnete Harry, diesmal völlig aufrichtig.
»Das ist ein Veritaserum – ein Wahrheitselixier, das so
mächtig ist, dass drei Tropfen genügen, damit du vor der
ganzen Klasse deine tiefsten Geheimnisse ausplauderst«, sagte
Snape mit tückischer Miene. »Allerdings unterliegt der
Gebrauch dieses Elixiers sehr strengen Richtlinien des Mi-
nisteriums. Doch wenn du dich nicht vorsiehst, könnte es
passieren, dass meine Hand versehentlich –« er schüttelte
lässig das Kristallfläschchen »– über deinem abendlichen
Kürbissaft ausrutscht. Und dann, Potter ... dann wird sich
erweisen, ob du in meinem Büro warst oder nicht.«
Harry sagte kein Wort. Er nahm das Messer zur Hand,
wandte sich wieder den Ingwerwurzeln zu und begann sie in
Scheiben zu schneiden. Die Sache mit dem Wahrheitseli-
xier hörte sich überhaupt nicht gut an, und er würde es
540
Snape durchaus zutrauen, ihm ein paar Tropfen unterzuju-
beln. Er unterdrückte ein Schaudern bei dem Gedanken,
was ihm dann aus dem Mund sprudeln würde ... ganz abge-
sehen davon, dass dann auch einige andere Ärger bekom-
men würden – vor allem Hermine und Dobby – und dann
waren da all die anderen Geschichten, die er geheim hielt ...
zum Beispiel, dass er Verbindung zu Sirius hatte ... und –
seine Eingeweide verknäulten sich — was er für Cho emp-
fand ... Er schüttete nun auch die Ingwerwurzeln in den
Kessel und fragte sich, ob er sich an Moody ein Beispiel neh-
men und nur noch aus seiner persönlichen Taschenflasche
trinken sollte.
An der Kerkertür klopfte es.
»Herein«, sagte Snape mit seiner gewöhnlichen Stimme.
Die Tür ging auf und die Klasse wandte die Köpfe. Profes-
sor Karkaroff trat ein. Unter aller Augen ging er auf Snapes
Tisch zu. Er wirkte aufgewühlt und wickelte schon wieder
seinen Ziegenbart um den Finger.
»Ich muss Sie sprechen«, sagte Karkaroff unvermittelt, als
er vor Snape stand. Er öffnete kaum den Mund, offenbar
entschlossen, niemand außer Snape solle ihn hören, und
wirkte dabei wie ein schlechter Bauchredner. Harry wandte
die Augen nicht von den Ingwerwurzeln und spitzte die
Ohren.
»Ich spreche nach dem Unterricht mit Ihnen, Karkaroff–«,
murmelte Snape, doch Karkaroff unterbrach ihn.
»Ich will jetzt mit dir sprechen; von hier kannst du nicht
einfach verschwinden, Severus. Du bist mir die letzte Zeit
dauernd aus dem Weg gegangen.«
»Nach der Stunde«, zischte Snape.
Wie um zu prüfen, ob er genug Gürteltiergalle eingegos-
sen hatte, hielt Harry einen Messbecher in die Höhe und
warf bei dieser Gelegenheit einen Seitenblick auf die bei-
541
den. Karkaroff schien äußerst beunruhigt, Snape dagegen
wütend.
Karkaroff vertrat sich für den Rest der Doppelstunde die
Beine hinter Snapes Rücken. Er schien ihn unbedingt daran
hindern zu wollen, am Ende der Stunde einfach zu entwi-
schen. Harry, ganz neugierig darauf, was Karkaroff sagen
wollte, stieß zwei Minuten vor dem Läuten absichtlich seine
Flasche Gürteltiergalle um, ein guter Grund, sie anschlie-
ßend hinter seinen Kessel gebückt aufzuwischen, während der
Rest der Klasse lärmend hinausging.
»Was ist denn so dringend?«, hörte er Snape zischen.
»Das hier«, sagte Karkaroff, und Harry sah, als er über den
Rand seines Kessels lugte, wie Karkaroff den linken Ärmel
seines Umhangs hochzog und Snape etwas auf der Innen-
seite seines Unterarms zeigte.
»Nun?«, sagte Karkaroff, immer noch bemüht, nicht die
Lippen zu bewegen. »Siehst du? Es war noch nie so deutlich,
noch nie seit –«
»Weg damit!«, raunzte Snape und ließ die schwarzen Au-
gen durch das Klassenzimmer schweifen.
»Aber du musst doch bemerkt haben –«, setzte Karkaroff
mit erregter Stimme an.
»Wir können später darüber sprechen, Karkaroff!«, bellte
Snape. »Potter! Was machst du hier?«
»Ich wische meine Gürteltiergalle auf, Professor«, sagte
Harry mit argloser Stimme, richtete sich auf und zeigte Snape
den nassen Lumpen in seiner Hand.
Karkaroff drehte sich auf dem Absatz um und marschierte
hinaus, offenbar verschreckt und wütend zugleich. Mit dem
maßlos aufgebrachten Snape wollte Harry auf keinen Fall al-
lein bleiben; er stopfte seine Bücher und Zutaten in die Ta-
sche und machte sich überstürzt davon, um Ron und Her-
mine zu erzählen, was er soeben gehört hatte.
542
Am nächsten Tag gingen sie um die Mittagszeit aus dem
Schloss, hinaus in das noch schwache silberne Sonnenlicht. So
mild war es in diesem Jahr noch nicht gewesen, und als sie in
Hogsmeade angekommen waren, hatten sie längst ihre
Umhänge ausgezogen und über die Schultern geworfen. Das
Essen, das sie für Sirius mitbringen sollten, trug Harry in der
Tasche mit sich; sie hatten ein Dutzend Hühnerbeine, einen
Laib Brot und eine Flasche Kürbissaft vom Mittags-
tisch geklaut.
Sie gingen in den Besenknecht, um ein Geschenk für Dobby
zu kaufen, und machten sich einen Spaß daraus, die
grässlichsten Socken auszusuchen, darunter auch welche, die
mit blitzenden Gold- und Silbersternen geschmückt wa-
ren, und solche, die laut schrien, wenn sie zu stinkig wurden.
Um halb zwei dann machten sie sich auf den Weg die
Hauptstraße entlang, an Derwisch und Banges vorbei zum Dorf
hinaus.
In diese Richtung war Harry noch nie gegangen. Die ge-
wundene Straße führte sie hinaus in die wilde Landschaft um
Hogsmeade. Hier gab es nur noch vereinzelte Landhäu-
ser mit großen Gärten; die Straße führte zunächst auf den Berg
zu, in dessen Schatten Hogsmeade lag. Dann machte sie eine
Biegung und sie konnten am Ende der Straße ein Gatter sehen.
Dort wartete, die Vorderpfoten auf der obers-
ten Stange, ein sehr großer, zottiger schwarzer Hund, der ei-
nen Packen Zeitungen im Maul trug und ihnen sehr bekannt
vorkam ...
»Hallo, Sirius«, sagte Harry, als sie ihn erreicht hatten.
Der schwarze Hund schnüffelte begierig an Harrys Ta-
sche, wedelte kurz mit dem Schwanz, drehte sich dann um und
trottete über das struppige Grasland davon, das bis zum
felsigen Fuß des Berges anstieg. Die drei kletterten über das
Gatter und folgten ihm.
543
Sirius führte sie bis zum Fuß des Berges, wo der Boden mit
Geröllblöcken und Steinen übersät war. Mit seinen vier Hun-
debeinen kam er leicht voran; bei Harry, Ron und Hermine
dauerte es nicht lange, bis sie außer Puste waren. Doch sie
folgten Sirius weiter; nun ging es steil den Berg hoch. Die
Gurte von Harrys Tasche schnitten ihm in die Schultern, und
alle drei gerieten unter der Sonne ins Schwitzen, während sie
eine halbe Stunde lang Sirius' wedelndem Schwanz folgten
und einen gewundenen und steinigen Pfad emporkletterten.
Dann war es so weit. Sirius verschwand plötzlich, und als
sie die Stelle erreichten, wo sie ihn zuletzt gesehen hatten,
standen sie vor einem schmalen Spalt im Fels. Sie drängten
sich hindurch und standen in einer kühlen, schwach er-
leuchteten Höhle. Im hinteren Teil der Höhle, angeleint an
einen großen Stein, stand Seidenschnabel, der Hippogreif,
halb graues Pferd, halb Adler. Seine wilden Augen blitzten
auf, als er sie erkannte. Alle drei verbeugten sich tief vor ihm,
und nachdem er sie einen Moment lang gemustert hatte wie
ein Gebieter, knickte er die schuppigen Vorder-
beine ein und erlaubte es Hermine, rasch hinüberzugehen und
seinen fedrigen Hals zu streicheln. Harry jedoch sah ge-
bannt auf den schwarzen Hund, der sich gerade in seinen
Paten verwandelte.
Sirius trug einen zerlumpten grauen Umhang; er hatte ihn
schon getragen, als er aus Askaban geflohen war. Seit er mit
Harry im Kamin gesprochen hatte, war sein schwarzes Haar
länger geworden und nun wieder stumpf und zerzaust. Er sah
abgemagert aus.
»Hühnchen!«, sagte er mit rauer Stimme, nachdem er die
alten Tagespropheten aus dem Mund genommen und zu Bo-
den geworfen hatte.
Harry öffnete seine Tasche und reichte Sirius das Bündel
mit Hühnerbeinen und Brot.
544
»Danke«, sagte Sirius, wickelte es auf, packte einen Schle-
gel, setzte sich auf den Höhlenboden und riss mit den Zäh-
nen ein großes Stück Fleisch ab. »Hab die letzte Zeit meist
von Ratten gelebt. Darf in Hogsmeade nicht zu viel Essen
stehlen; die würden sonst auf mich aufmerksam werden.«
Er grinste zu Harry hoch, doch Harry grinste nur wider-
willig zurück.
»Was treibst du hier, Sirius?«, fragte er.
»Ich erfülle meine Pflicht als Pate«, antwortete Sirius und
nagte hundemäßig an dem Hühnerknochen herum. »Mach dir
keine Sorgen um mich, für die Leute bin ich nur ein sü-
ßer kleiner Streuner.«
Noch immer grinste er, doch als er Harrys besorgte Miene
sah, sagte er mit ernster Stimme: »Ich will in der Nähe sein,
für alle Fälle. Dein letzter Brief ... sagen wir ein-
fach, allmählich ist was faul. Immer wenn jemand die Zei-
tung wegwirft, schnappe ich sie mir, und wie es aussieht, bin
ich mittlerweile nicht mehr der Einzige, der sich Sorgen
macht.«
Er nickte zu den zwei vergilbenden Tagespropheten auf dem
Höhlenboden hinüber. Ron bückte sich danach und schlug
eine Zeitung auf.
Harry sah jedoch unverwandt Sirius an. »Was ist, wenn sie
dich erkennen? Was ist, wenn sie dich fangen?«
»Ihr drei und Dumbledore seid die Einzigen hier in der
Gegend, die wissen, dass ich ein Animagus bin«, sagte Sirius
achselzuckend und wandte sich wieder mit mächtigem Ap-
petit seinem Hühnerbein zu.
Ron stieß Harry in die Rippen und reichte ihm die Tages-
propheten. Es waren zwei Ausgaben; die erste trug die Schlag-
zeile: Mysteriöse Erkrankung von Bartemius Crouch, die
zweite: Ministeriumshexe noch immer vermisst – Zauberei-
minister erklärt den Fall zur Chefsache.
545
Harry überflog den Artikel über Crouch. Auf einigen Sät-
zen blieb sein Blick hängen:
... ist seit November nicht mehr in der Öffentlichkeit gese-
hen worden ... sein Haus scheint leer zu stehen ... St.-Mun-go-
Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen lehnt
jede Stellungnahme ab ... das Ministerium will Ge-
rüchte über eine schwere Erkrankung nicht bestätigen ...
»Das klingt ja, als würde er im Sterben liegen«, sagte Harry
langsam. »Aber so krank kann er nicht sein, wenn er es ge-
schafft hat, hier hochzukommen ...«
»Mein Bruder ist Crouchs persönlicher Assistent«, sagte
Ron zu Sirius gewandt. »Er behauptet, Crouch sei einfach
überarbeitet.«
»Er hat wirklich ziemlich krank ausgesehen, als ich ihn das
letzte Mal aus der Nähe gesehen hab«, sagte Harry. »An dem
Abend, als der Kelch meinen Namen ausgegeben hat ...«
»Ist doch nur die wohlverdiente Strafe dafür, dass er Winky
entlassen hat«, sagte Hermine kühl. Sie streichelte
Seidenschnabel, während dieser knirschend einen Hühner-
knochen zermalmte. »Ich wette, er bereut es inzwischen -und
spürt mal am eigenen Leib, wie es ist, wenn sie nicht da ist
und ihn betüttelt.«
»Hermine hat sich wegen dieser Hauselfen in irgendwas
reingesteigert«, murmelte Ron Sirius zu, wobei er Hermine
einen finsteren Blick zuwarf.
Sirius jedoch schien aufzumerken. »Crouch hat seine
Hauselfe rausgeworfen?«
»Ja, bei der Quidditch-Weltmeisterschaft«, sagte Harry und
erzählte hastig vom Erscheinen des Dunklen Mals, von
Winky, die mit Harrys Zauberstab in der Hand aufgefunden
wurde, und von Mr Crouchs großem Zorn deswegen.
546
Als Harry geendet hatte, war Sirius wieder auf den Beinen
und schritt die Höhle auf und ab. »Wie war das noch mal?«,
sagte er nach einer Weile und wedelte mit einem Hühner-
bein. »Ihr habt die Elfe zunächst in der Ehrenloge gesehen. Sie
hat für Mr Crouch einen Platz besetzt?«
»Richtig«, sagten Harry, Ron und Hermine wie aus einem
Mund.
»Aber Mr Crouch ist zu dem Spiel gar nicht aufgetaucht?«
»Nein«, sagte Harry. »Später meinte er, er sei zu beschäf-
tigt gewesen.«
Ohne ein Wort zu sagen schritt Sirius an der Höhlenwand
entlang. Dann wandte er sich Harry zu: »Hast du nachgese-
hen, ob dein Zauberstab noch in der Tasche war, als du die
Ehrenloge verlassen hast?«
»Ähm ...« Harry dachte angestrengt nach. »Nein«, sagte er
schließlich. »Bis wir in den Wald kamen, hab ich ihn ja nicht
gebraucht. Und als ich dann die Hand in die Tasche steckte,
fand ich nur mein Omniglas.« Er sah Sirius mit gro-
ßen Augen an. »Willst du etwa sagen, wer immer dieses Mal
beschworen hat, der hat auch in der Ehrenloge meinen Zau-
berstab gestohlen?«
»Schon möglich«, erwiderte Sirius.
»Winky hat diesen Zauberstab nicht gestohlen!«, sagte
Hermine schrill.
»Die Elfe war ja nicht alleine in der Ehrenloge«, sagte Si-
rius stirnrunzelnd und war schon wieder dabei, in der Höhle
auf und ab zu schreiten. »Wer saß sonst noch hinter dir?«
»Eine Menge Leute«, sagte Harry. »Ein paar bulgarische
Minister ... Cornelius Fudge ... die Malfoys ...«
»Die Malfoys!«, rief Ron plötzlich so laut, dass seine
Stimme an den Höhlenwänden widerhallte und Seiden-
schnabel nervös seinen Kopf zurückwarf. »Ich wette, es war
Lucius Malfoy!«
547
»Sonst noch jemand?«, sagte Sirius.
»Nein, niemand«, sagte Harry.
»Doch, noch jemand, und zwar Ludo Bagman«, erinnerte
ihn Hermine.
»Achja ...«
»Ich weiß nichts über Bagman, außer dass er früher Trei-
ber bei den Wimbourner Wespen war«, sagte Sirius und ging
immer noch auf und ab. »Was ist er für ein Mann?«
»Er ist schon in Ordnung«, sagte Harry. »Er bietet mir an-
dauernd seine Hilfe für das Trimagische Turnier an.«
»Ach, tut er das?«, sagte Sirius und legte die Stirn in noch
tiefere Falten. »Ich frag mich, warum eigentlich?«
»Er meint, er könne mich ganz gut leiden«, sagte Harry.
»Hmmh«, brummte Sirius nachdenklich.
»Wir haben ihn im Wald gesehen, kurz bevor das Dunkle
Mal erschienen ist«, sagte Hermine. »Wisst ihr noch?«,
wandte sie sich fragend an Harry und Ron.
»Ja, aber er ist doch nicht im Wald geblieben«, sagte Ron.
»Kaum hatten wir ihm von dem Aufruhr erzählt, ist er Rich-
tung Zeltplatz verschwunden.«
»Woher willst du das wissen?«, warf Hermine ein. »Woher
willst du wissen, wohin er disappariert ist?«
»Nun hör aber auf«, entgegnete Ron verwundert, »willst du
etwa sagen, du hältst es für möglich, dass Ludo Bagman das
Dunkle Mal heraufbeschworen hat?«
»Jedenfalls ist es ihm eher zuzutrauen als Winky«, sagte
Hermine stur.
»Hab's dir ja gesagt«, wandte sich Ron mit viel sagendem
Blick an Sirius, »sie hat sich da in was reingesteigert wegen
dieser Haus–«
Doch Sirius hob die Hand, um Ron Schweigen zu gebieten.
»Als das Dunkle Mal am Himmel war und die Elfe mit Har-
rys Zauberstab entdeckt wurde, was hat Crouch da getan?«
548
»Er ging ins Gebüsch, um noch einmal nachzusehen«, sagte
Harry, »aber er hat niemanden gefunden.«
»Natürlich«, murmelte Sirius auf und ab gehend, »natür-
lich wollte er es unbedingt jemand anderem an den Hals
hängen, wo doch seine Elfe beschuldigt wurde ... und dann hat
er sie rausgeworfen?«
»Ja«, regte sich Hermine auf. »Er hat sie rausgeworfen, nur
weil sie nicht im Zelt geblieben ist und sich hat niedertram-
peln lassen –«
»Hermine, nun hör doch mal auf mit dieser Elfe!«, sagte
Ron.
Doch Sirius schüttelte den Kopf. »Sie hat Crouch besser
durchschaut als du, Ron. Wenn du wissen willst, wie ein
Mensch ist, dann sieh dir genau an, wie er seine Untergebe-
nen behandelt, nicht die Gleichrangigen.«
Er fuhr sich mit der Hand über das stoppelige Gesicht, of-
fenbar angestrengt nachdenkend. »Dieser Barty Crouch lässt
sich so selten blicken ... da befiehlt er eigens seiner Hauselfe,
ihm einen Platz bei der Quidditch-Weltmeisterschaft zu beset-
zen, und dann kommt er nicht mal, um sich das Spiel anzuse-
hen. Er trägt mit viel Mühe dazu bei, dass das Trimagische
Turnier wieder stattfinden kann, und dann erscheint er auch
dazu nicht ... das sieht Crouch gar nicht ähnlich. Wenn er vor
dieser ganzen Geschichte auch nur einen Tag wegen Krank-
heit freigenommen hat, dann verspeise ich Seidenschnabel.«
»Du kennst Crouch also?«, fragte Harry.
Sirius' Miene verdüsterte sich. Plötzlich sah er so bedroh-
lich aus wie in der Nacht, als Harry ihn zum ersten Mal ge-
sehen hatte, in jener Nacht, als er noch geglaubt hatte, Sirius
wäre ein Mörder.
»Oh, natürlich kenne ich Crouch«, sagte er leise. »Er war es,
der den Befehl gab, mich nach Askaban zu bringen -ohne
Gerichtsverhandlung.«
549
»Was?«, sagten Ron und Hermine im selben Moment.
»Du machst Witze!«, sagte Harry.
»Nein, überhaupt nicht«, sagte Sirius und biss ein großes
Stück Hühnchen ab. »Crouch war früher Chef der Abtei-
lung für Magische Strafverfolgung, habt ihr das nicht ge-
wusst?«
Die drei schüttelten die Köpfe.
»Er war als nächster Zaubereiminister im Gespräch«, sagte
Sirius. »Ein großartiger Zauberer, dieser Barty Crouch, mit
starken magischen Kräften und machthungrig – übrigens nie
ein Anhänger Voldemorts«, setzte er hinzu und beantwortete
damit die Frage, die in Harrys Gesicht geschrieben stand.
»Nein, Barty Crouch hat sich immer klar und deutlich gegen
die dunkle Seite gewandt. Allerdings wurden mit der Zeit viele
Leute, die gegen die dunkle Seite kämpften ... nun, das würdet
ihr nicht verstehen ... ihr seid noch zu jung ...«
»Das hat mein Dad bei der Weltmeisterschaft auch ge-
sagt«, erwiderte Ron mit einer Spur Ärger in der Stimme.
»Warum stellst du uns denn nicht mal auf die Probe?«
Ein Grinsen blitzte über Sirius' hageres Gesicht. »Gut, ich
versuch's mal ...«
Er schritt davon in den hinteren Teil der Höhle, kehrte
wieder zurück und sagte: »Stellt euch vor, Voldemort ist ge-
rade sehr mächtig. Ihr wisst nicht, wer seine Anhänger sind,
ihr wisst nicht, wer für ihn arbeitet und wer nicht; ihr wisst,
dass er sich Menschen Untertan machen kann, die dann
schreckliche Dinge tun, ohne dass sie sich selbst Einhalt ge-
bieten können. Ihr habt Angst um euer eigenes Leben, um eure
Familie, eure Freunde. Jede Woche gibt es Meldungen von
neuen Morden, von Verschwundenen, von Folter ... im
Zaubereiministerium herrscht völliges Durcheinander, sie
wissen nicht, was sie tun sollen, sie versuchen, alles vor den
Muggeln zu verbergen, doch unterdessen sterben auch
550
Muggel. Allenthalben herrscht Schrecken ... Angst ... Chaos ...
so war es damals.
Solche Zeiten bringen bei manchen Menschen das Beste
zum Vorschein, bei anderen das Schlimmste. Crouchs
Grundsätze mögen zu Anfang gut gewesen sein – ich weiß es
nicht. Er stieg im Ministerium rasch auf und begann harte
Maßnahmen gegen Voldemorts Anhänger zu befeh-
len. Den Auroren erteilte er weitgehende Machtbefug-
nisse – zum Beispiel die Erlaubnis zu töten, statt Gefangene zu
machen. Und ich war nicht der Einzige, den sie ohne Prozess
sofort den Dementoren ausgeliefert haben. Crouch hat Gewalt
mit Gewalt bekämpft und den Einsatz der Un-
verzeihlichen Flüche gegen Verdächtige erlaubt. Ich würde
sagen, er wurde so gefühllos und grausam wie viele von der
dunklen Seite. Er hatte natürlich seine Anhänger – eine Menge
Leute dachten, er würde die Probleme richtig an-
packen, und viele Hexen und Zauberer waren von der Vor-
stellung ganz begeistert, er könnte Zaubereiminister wer-
den. Als Voldemort verschwand, sah es so aus, als wäre es nur
noch eine Frage der Zeit, bis Crouch den Ministerpos-
ten übernehmen würde. Doch dann geschah etwas Pein-
liches ...« Sirius lächelte grimmig. »Crouchs eigener Sohn
wurde zusammen mit einer Gruppe von Todessern gefasst, die
es dank ihrer Lügenmärchen geschafft hatten, dass man sie aus
Askaban entlassen hatte. Offenbar versuchten sie da-
mals, Voldemort zu finden und ihn an die Macht zurückzu-
bringen.«
»Crouchs Sohn wurde gefasst?«, keuchte Hermine.
»Ja«, sagte Sirius, warf Seidenschnabel einen Hühnerkno-
chen zu, bückte sich, hob das am Boden liegende Brot auf
und brach es in zwei Teile. »Hässlicher kleiner Schock für
den guten Barty, könnte ich mir vorstellen. Hätte vielleicht
hin und wieder früher aus dem Büro gehen und ein wenig
551
mehr Zeit zu Hause bei seiner Familie verbringen sollen ...
dann hätte er seinen eigenen Sohn kennen gelernt.«
Er begann große Stücke Brot zu verschlingen.
»War sein Sohn tatsächlich ein Todesser?«, fragte Harry.
»Keine Ahnung«, sagte Sirius und stopfte sich weiter Brot
in den Mund. »Ich selbst war bereits in Askaban, als sie ihn
eingeliefert haben. Das meiste hab ich erst erfahren, seit ich
raus bin. Der Junge wurde jedenfalls in Begleitung von Leu-
ten geschnappt, die, da wette ich mein Leben drum, Tod-
esser waren – aber er hätte natürlich auch zufällig zur fal-
schen Zeit am falschen Ort sein können, genau wie die
Hauselfe.«
»Hat Crouch versucht, seinen Sohn da rauszuhauen?«,
flüsterte Hermine.
Sirius ließ ein Lachen hören, das eher wie ein Bellen
klang. »Crouch und seinen Sohn raushauen? Ich dachte, du
hättest ihn durchschaut, Hermine? Alles, was seinen Ruf zu
gefährden drohte, musste beseitigt werden, er hatte sein gan-
zes Leben dem Ziel gewidmet, Zaubereiminister zu werden.
Du hast doch gesehen, wie er eine treue Hauselfe rausge-
worfen hat, weil sie mit dem Dunklen Mal in Verbindung
gebracht wurde – das zeigt dir doch, wie er ist? Crouchs vä-
terliche Zuneigung ging nur so weit, dass er dafür sorgte,
dass seinem Sohn der Prozess gemacht wurde, und nach
allem, was man hört, war dieser Prozess nicht viel mehr
als eine gute Gelegenheit für Crouch, zu zeigen, wie sehr er
seinen Sohn hasste ... danach schickte er ihn direkt nach
Askaban.«
»Er hat seinen eigenen Sohn den Dementoren ausgelie-
fert?«, fragte Harry leise.
»Ja, allerdings«, sagte Sirius und wirkte nun keineswegs
mehr amüsiert. »Ich hab gesehen, wie ihn die Dementoren
reinbrachten, ich hab sie durch die Gitter meiner Zellentür
552
genau beobachtet. Er konnte nicht älter als neunzehn gewe-
sen sein. Sie steckten ihn in eine Zelle in der Nähe von mei-
ner. Als es Nacht wurde, schrie er nach seiner Mutter. Nach
ein paar Tagen allerdings wurde er ruhiger ... irgendwann
sind sie alle verstummt ... nur hin und wieder schrien sie im
Schlaf ...«
Für kurze Zeit war die Abgestumpftheit in Sirius' Blick
deutlich wie nie zu sehen, so als hätten sich Stahltüren hinter
seinen Augen geschlossen.
»Also ist er immer noch in Askaban?«, sagte Harry. »Nein«,
sagte Sirius matt. »Nein, er ist nicht mehr dort. Er starb,
ungefähr ein Jahr nachdem sie ihn eingeliefert hatten.« »Er ist
gestorben?«
»Er war nicht der Einzige«, sagte Sirius bitter. »Die meis-
ten dort drin werden wahnsinnig und viele hören schließlich
einfach auf zu essen. Sie verlieren ihren Lebenswillen. Man
wusste immer, wann einer sterben würde, denn die Demen-
toren spürten es und wurden erregt. Dieser Junge sah schon
recht kränklich aus, als er eingeliefert wurde. Da Crouch ein
wichtiger Mann im Ministerium war, durften er und seine Frau
ihn am Totenbett besuchen. Das war das letzte Mal, dass ich
Barty Crouch gesehen hab; er musste seine Frau praktisch an
meiner Zelle vorbeitragen. Offenbar ist sie dann auch
gestorben, kurz danach. Verzweiflung. Sie ist da-
hingesiecht, genau wir ihr Junge. Crouch hat die Leiche sei-
nes Sohnes nicht einmal abgeholt. Die Dementoren haben ihn
draußen vor der Festung begraben, ich hab sie dabei be-
obachtet.«
Sirius warf das Brotstück, das er gerade zum Mund geho-
ben hatte, beiseite, setzte die Flasche Kürbissaft an die Lip-
pen und leerte sie in schnellen Zügen.
»Der alte Crouch hat also alles verloren, genau in dem
Augenblick, da er glaubte, es endlich geschafft zu haben«,
553
fuhr er fort und wischte sich mit dem Handrücken über den
Mund. »Da ist er ein Held, drauf und dran, Zaubereiminister
zu werden ... kurz darauf stirbt sein Sohn, stirbt seine Frau, der
gute Name gerät in Verruf, und wie ich seit meiner Flucht
gehört habe, hat auch seine Beliebtheit rapide abge-
nommen. Als der Junge schließlich tot war, empfanden die
Leute ein wenig mehr Mitgefühl für ihn und fingen an zu
fragen, wie ein junger Bursche aus einer angesehenen Fami-
lie auf solche Abwege geraten konnte. So konnte Cornelius
Fudge den Chefposten erobern und Crouch hat man in die
Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit ab-
geschoben.«
Ein langes Schweigen trat ein. Harry rief sich in Erinne-
rung, wie Crouchs Augen hervorgequollen waren, als er
auf seine ungehorsame Hauselfe hinabgesehen hatte. Das
musste der Grund sein, weshalb Crouch so überzogen
streng reagiert hatte, nachdem sie Winky im Wald unter
dem Dunklen Mal gefunden hatten. Der Vorfall hatte ihn an
seinen Sohn erinnert, an den alten Skandal und seinen Ge-
sichtsverlust im Ministerium.
»Moody behauptet, Crouch sei davon besessen, schwarze
Magier zu fangen«, bemerkte Harry.
»Ja, wie ich höre, ist es bei ihm fast ein Wahn geworden«,
sagte Sirius. »Wenn du mich fragst, glaubt er immer noch, er
könnte seine frühere Beliebtheit bei den Leuten zurückge-
winnen, wenn er nur wieder einen Todesser fängt.«
»Und er hat sich in Hogwarts eingeschlichen und Snapes
Büro durchsucht!«, sagte Ron und versetzte Hermine einen
triumphierenden Blick.
»Ja, und das ergibt überhaupt keinen Sinn«, entgegnete Si-
rius.
»Tut es sehr wohl!«, sagte Ron aufgeregt.
Doch Sirius schüttelte den Kopf. »Hör zu, wenn Crouch
554
Snape nachspüren will, warum kommt er dann nicht als
Richter zum Turnier? Das wäre doch die beste Begründung
dafür, Hogwarts regelmäßige Besuche abzustatten und ihn im
Auge zu behalten.«
»Dann glaubst du auch, dass Snape irgendwas ausheckt?«,
fragte Harry, doch Hermine redete dazwischen.
»Hör mal, egal was du sagst, Dumbledore jedenfalls ver-
traut Snape –«
»Nun lass das doch, Hermine«, sagte Ron ungeduldig.
»Natürlich weiß ich, dass Dumbledore ein brillanter Kopf ist
und so weiter, aber das heißt nicht, dass ein wirklich gerisse-
ner schwarzer Magier ihn nicht täuschen könnte –«
»Und warum hat dann Snape Harry im ersten Schuljahr das
Leben gerettet? Warum hat er ihn nicht einfach sterben
lassen?«
»Keine Ahnung – vielleicht dachte er, Dumbledore würde
ihn rauswerfen –«
»Was meinst du, Sirius?«, sagte Harry laut. Ron und Her-
mine hörten auf sich zu kabbeln und lauschten.
»Bei dem, was ihr beide sagt, ist wohl jeweils was Wahres
dran«, sagte Sirius und sah Ron und Hermine nachdenklich an.
»Seit ich rausgefunden habe, dass Snape hier unterrich-
tet, frage ich mich, warum Dumbledore ihn eingestellt hat. Die
dunklen Künste haben Snape immer schon fasziniert, in der
Schule wusste das jeder. Ein schleimiger, öliger, fetthaa-
riger Bengel war er«, fügte Sirius hinzu, und Harry und Ron
grinsten sich an. »Als Snape in die Schule kam, beherrschte er
mehr Flüche als die Hälfte der Schüler im siebten Jahr, und er
gehörte zu einer Bande von Slytherins, die sich später fast alle
als Todesser erwiesen.«
Sirius hielt die Finger in die Höhe und begann Namen ab-
zuzählen. »Rosier und Wilkes – beide wurden ein Jahr vor
Voldemorts Sturz von Auroren getötet. Die Lestranges – ein
555
Ehepaar – sitzen in Askaban. Avery – wie ich höre, hat er sich
aus der Schlinge gezogen, indem er behauptete, er habe unter
dem Einfluss des Imperius-Fluchs gehandelt – er ist noch auf
freiem Fuß. Doch soweit ich weiß, wurde Snape nie
beschuldigt, ein Todesser zu sein – aber das heißt natür-
lich nicht viel. Viele von ihnen wurden nie gefasst. Und Snape
ist sicher klug und gerissen genug, nicht in irgendwel-
che Schwierigkeiten hineinzutappen.«
»Snape kennt Karkaroff ziemlich gut, aber das will er un-
ter der Decke halten«, sagte Ron.
»Jaah, du hättest Snapes Gesicht sehen sollen, als er ges-
tern in Zaubertränke aufgetaucht ist!«, fügte Harry rasch
hinzu. »Karkaroff wollte mit Snape reden, er behauptete,
Snape sei ihm aus dem Weg gegangen. Er sah jedenfalls
ziemlich panisch aus. Dann hat er Snape etwas auf seinem
Arm gezeigt, aber ich konnte nicht sehen, was es war.«
»Er hat Snape etwas auf seinem Arm gezeigt?«, fragte Si-
rius offensichtlich verblüfft. Nachdenklich fuhr er sich mit den
Fingern durch sein verschmutztes Haar, dann zuckte er die
Achseln. »Ich hab keine Ahnung, was das bedeuten soll ...
aber wenn Karkaroff aufrichtig besorgt ist und er zu Snape
geht, um sich Rat zu holen ...«
Sirius starrte auf die Höhlenwand, dann zog er eine ver-
drießliche Grimasse. »Es bleibt dabei, Dumbledore vertraut
Snape, und ich weiß, dass Dumbledore noch vertrauensselig
ist, wo andere längst misstrauisch sind, aber ich kann mir
einfach nicht vorstellen, dass er Snape in Hogwarts unter-
richten ließe, wenn Snape je für Voldemort gearbeitet
hätte.«
»Warum sind Moody und Crouch dann so scharf darauf,
Snapes Büro zu durchsuchen?«, bohrte Ron nach.
»Na ja«, sagte Sirius bedächtig, »ich würde es Mad-Eye
durchaus zutrauen, dass er sämtliche Lehrerbüros durch-
556
sucht hat, als er nach Hogwarts kam. Er nimmt die Verteidi-
gung gegen die dunklen Künste schon sehr ernst, der gute
Moody. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er überhaupt jeman-
dem vertraut, und nach allem, was er erlebt hat, wundert mich
das nicht. Eins halte ich Moody jedoch zugute, er hat nie
getötet, wenn es sich vermeiden ließ. Hat die Leute im-
mer lebend abgeliefert. Er war hart, aber er hat nie die Mit-
tel der Todesser angewandt. Crouch jedoch ... ist ein ande-
rer Typ ... ist er wirklich krank? Wenn das stimmt, warum hat
er sich dann aufgerafft und sich in Snapes Büro ge-
schleppt? Und wenn nicht ... was hat er vor? Was war denn so
wichtig, dass er bei der Weltmeisterschaft nicht in die Eh-
renloge kommen konnte? Was hat er getrieben, während er als
Richter beim Turnier gebraucht wurde?«
Sirius, den Blick immer noch starr auf die Höhlenwand
gerichtet, verfiel in Schweigen. Seidenschnabel scharrte auf
dem steinigen Boden nach Knochen, die er vielleicht über-
sehen hatte.
Schließlich blickte Sirius zu Ron auf. »Du sagst, dein Bru-
der ist Crouchs persönlicher Assistent? Vielleicht könntest du
ihn fragen, ob er Crouch in letzter Zeit gesehen hat?«
»Ich kann's versuchen«, sagte Ron mit zweifelnder Miene.
»Sollte aber möglichst nicht so klingen, als würde ich ver-
muten, Crouch würde irgendein faules Ei ausbrüten. Percy
liegt Crouch zu Füßen.«
»Und wenn du schon dabei bist, könntest du versuchen
herauszufinden, ob sie irgendeine Spur von Bertha Jorkins
gefunden haben«, setzte Sirius hinzu und deutete auf die an-
dere Ausgabe des Tagespropheten.
»Bagman hat mir gesagt, dass sie immer noch im Dunkeln
tappen«, sagte Harry.
»Ja, er wird in diesem Artikel hier zitiert«, sagte Sirius mit
einem Kopfnicken zur Zeitung hin. »Lästert über Berthas
557
schlechtes Gedächtnis. Vielleicht hat sie sich seit damals ver-
ändert, aber die Bertha, die ich kannte, war überhaupt nicht
vergesslich – ganz im Gegenteil. Sie war kein großes Licht,
aber sie hatte ein glänzendes Gedächtnis für Klatsch und
Tratsch. Hat sich damals regelmäßig in große Schwierigkei-
ten gebracht, weil sie nie wusste, wann es besser war, den
Mund zu halten. Ich könnte mir vorstellen, dass sie für das
Zaubereiministerium eine ziemliche Belastung war ... viel-
leicht hat sich Bagman deshalb so lange nicht darum ge-
schert, sie suchen zu lassen ...«
Sirius ließ einen mächtigen Seufzer hören und rieb sich die
dunkel umringten Augen. »Wie spät ist es?«
Harry sah auf die Uhr, dann fiel ihm ein, dass sie nicht mehr
ging, seit sie eine Stunde unter Wasser gewesen war. »Es ist
halb vier«, sagte Hermine.
»Ihr geht jetzt am besten zurück in die Schule«, sagte Si-
rius und erhob sich. »Und hört mal ...«, er sah Harry beson-
ders eindringlich an – »ich will nicht, dass ihr euch allzu oft
aus der Schule schleicht, um mich zu besuchen, verstanden?
Schickt mir einfach Nachrichten hier hoch. Ich will weiter-
hin von allen merkwürdigen Vorfällen erfahren. Aber ihr
solltet Hogwarts nicht ohne Erlaubnis verlassen, das wäre die
beste Gelegenheit für jemanden, euch anzugreifen.«
»Bisher hat keiner versucht mich anzugreifen, außer einem
Drachen und einer Hand voll Grindelohs«, sagte Harry.
Doch Sirius sah ihn stirnrunzelnd an. »Das hat nichts zu
sagen ... ich werd erst aufatmen können, wenn dieses Tur-
nier vorbei ist, und das ist erst im Juni. Und übrigens, wenn
ihr unter euch über mich redet, dann nennt mich Schnuffel,
ja?«
Er reichte Harry das leere Serviettenbündel und die Fla-
sche und ging nach hinten, um sich mit einem Tätscheln von
Seidenschnabel zu verabschieden. »Ich lauf mit euch bis
558
zum Dorfrand«, sagte Sirius, »mal sehen, ob ich noch 'ne
Zeitung abstauben kann.«
Bevor sie die Höhle verließen, verwandelte er sich in den
großen schwarzen Hund, und sie stiegen mit ihm zusam-
men den Berghang hinunter, durchquerten das geröllüber-
säte Grasland und erreichten schließlich das Gatter. Hier ließ
er sich von jedem kurz den Kopf kraulen, dann rannte er, einen
gBogen um die Ausläufer des Dorfes einschlagend, davon.
Harry, Ron und Hermine machten sich auf den Weg zu-
rück nach Hogsmeade und hoch nach Hogwarts.
»Ich frag mich, ob Percy all diese Geschichten über Crouch
kennt«, sagte Ron, während sie den Torweg zum Schloss
entlanggingen. »Aber vielleicht ist es ihm völlig egal ... er
würde Crouch dann womöglich nur noch mehr bewundern. Ja,
Percy ist vernarrt in Vorschriften. Er würde einfach sagen,
Crouch habe sich geweigert, sie für seinen eigenen Sohn zu
brechen.«
»Percy würde nie jemanden aus seiner eigenen Familie den
Dementoren ausliefern«, sagte Hermine streng.
»Ich weiß nicht recht«, sagte Ron. »Wenn er glaubte, wir
würden seiner Karriere im Weg stehen ... Percy ist richtig
ehrgeizig, weißt du ...«
Sie gingen die steinernen Stufen zur Eingangshalle hoch, wo
ihnen schon die köstlichen Düfte aus der Großen Halle
entgegenwehten.
»Armer alter Schnuffel«, sagte Ron genüsslich einatmend.
»Er muss dich wirklich mögen, Harry ... stell dir vor, du
müsstest von Ratten leben.«
559
Mr Crouchs Wahn
Harry, Ron und Hermine stiegen nach dem Frühstück am
Sonntagmorgen hoch in die Eulerei. Wie von Sirius vorge-
schlagen, hatten sie einen Brief an Percy dabei, in dem sie ihn
fragten, ob er in letzter Zeit Mr Crouch gesehen habe. Weil
Hedwig schon lange keinen Auftrag mehr bekommen hatte,
gaben sie ihr den Brief mit. Vom Eulereifenster aus
beobachteten sie, wie Hedwig davonflog, dann gingen sie
hinunter in die Küche, um Dobby die neuen Socken zu
schenken.
Die Hauselfen begrüßten sie mit freudigem Hallo, sie ver-
beugten sich, machten Knickse und wuselten dann gleich
wieder davon, um Tee zu kochen. Dobby war hin und weg
von seinem Geschenk.
»Harry Potter ist viel zu gut zu Dobby!«, quiekte er und
wischte sich große Tränen aus seinen gewaltigen Augen.
»Du hast mir mit diesem Dianthuskraut das Leben geret-
tet, Dobby, und das meine ich ernst«, sagte Harry.
»Habt ihr vielleicht noch ein Eclair übrig?«, sagte Ron zu
den strahlenden und sich verbeugenden Hauselfen.
»Du hast doch eben erst gefrühstückt!«, entrüstete sich
Hermine, doch schon schwebte, getragen von vier Elfen, eine
große silberne Platte mit Eclairs auf sie zu.
»Wir brauchen auch noch was zu futtern für Schnuffel«,
murmelte Harry.
»Gute Idee«, sagte Ron. »Dann hat Pig wenigstens was zu
tun. Habt ihr vielleicht noch was zum Mitnehmen für uns?«,
560
sagte er zu den umstehenden Hauselfen, und wieder ver-
neigten sie sich belustigt und eilten davon.
»Dobby, wo steckt Winky?«, sagte Hermine und sah sich in
der Küche um.
»Winky ist dort drüben beim Herd, Miss«, sagte Dobby
leise und ließ ein wenig die Ohren hängen.
»Meine Güte«, sagte Hermine, als sie Winky erkannte.
Auch Harry sah hinüber zum Herd. Winky saß auf dem-
selben Stuhl wie letztes Mal, doch sie war so herunterge-
kommen und schmutzig, dass sie vor den rauchgeschwärz-
ten Ziegelsteinen nicht auf den ersten Blick zu erkennen war.
Ihre Kleider waren zerlumpt und voll gekleckert. Sie
umklammerte eine Flasche Butterbier und stierte, ein wenig
auf ihrem Stuhl schwankend, unverwandt ins Feuer. Und in
diesem Moment packte sie ein offenbar heftiger Schluckauf.
»Winky ist inzwischen bei sechs Flaschen am Tag«, wis-
perte Dobby Harry zu.
»Na ja, das Zeug ist nicht besonders stark«, sagte Harry.
Aber Dobby schüttelte den Kopf. »Für einen Hauselfen ist
es stark, Sir.«
Winky hickste erneut. Die Elfen, die die Eclairs gebracht
hatten und jetzt wieder an die Arbeit zurückkehrten, ver-
setzten ihr missbilligende Blicke.
»Winky hat Sehnsucht, Harry Potter«, flüsterte Dobby
traurig. »Winky will nach Hause. Winky glaubt immer noch,
dass Mr Crouch ihr Meister ist, Sir, und Dobby kann sagen,
was er will, sie wird nie Professor Dumbledore als ih-
ren neuen Meister annehmen.«
»Hey, Winky«, sagte Harry, dem plötzlich eine Idee ge-
kommen war. Er ging hinüber und beugte sich zu ihr hinun-
ter. »Du weißt nicht zufällig, wie es Mr Crouch geht? Er lässt
sich nämlich als Richter beim Trimagischen Turnier nicht
blicken.«
561
Winkys Augen flackerten. Ihre riesigen Pupillen stellten
sich auf Harry scharf. Sie schwankte noch ein wenig, dann
lallte sie: »M-meister kommt – hicks – nicht mehr?«
»Nein«, sagte Harry, »wir haben ihn seit der ersten Runde
nicht mehr gesehen. Der Tagesprophet schreibt, er sei krank.«
Winky schwankte ein wenig heftiger und sah Harry mit
trüben Augen an. »Meister – hicks – krank?«
Ihre Unterlippe begann zu zittern.
»Aber wir sind nicht sicher, ob das stimmt«, sagte Her-
mine rasch.
»Meister braucht seine – hicks – Winky!«, wimmerte die
Elfe. »Meister kann nicht – hicks – alles – hicks – allein
schaffen ...«
»Andere Leute schaffen es sehr wohl, ihre Hausarbeit selbst
zu erledigen, Winky«, belehrte sie Hermine.
»Winky – hicks – ist nicht die Einzige – hicks – die im
Haus von Mr Crouch arbeitet!«, piepste Winky entrüstet,
begann nun gefährlich zu schwanken und verschüttete But-
terbier über ihre ohnehin schon sehr fleckige Bluse. »Meis-
ter – hicks – vertraut Winky – hicks – das Wichtigste -hicks –
das Geheimste an –«
»Was denn?«, sagte Harry.
Doch Winky schüttelte ganz energisch den Kopf und be-
spritzte sich erneut mit Butterbier.
»Winky bewahrt – hicks – die Geheimnisse ihres Meis-
ters«, sagte sie trotzig und sah jetzt unter halsbrecherischem
Schwanken und mit finster gekreuztem Blick zu Harry hoch.
»Du – hicks – du willst spionieren, du.«
»So darf Winky nicht zu Harry Potter sprechen!«, sagte
Dobby erzürnt. »Harry Potter ist edel und tapfer und Harry
Potter spioniert nicht!«
»Er will – hicks – das ganz geheime Geheimnis – hicks –
meines Meisters – hicks – ausspionieren – hicks – Winky ist
562
eine gute Hauselfe – hicks – Winky ist stumm wie ein Fisch –
hicks – wenn jemand kommt und – hicks – stöbert und
schnüffelt – hicks –« Winkys Augenlider klappten plötzlich
zu, sie glitt von ihrem Stuhl herunter, blieb vor dem Herd lie-
gen und begann laut zu schnarchen. Die leere Flasche Butter-
bier rollte über den steingefliesten Boden davon.
Ein halbes Dutzend Hauselfen kam mit angewiderten
Blicken herbeigeeilt. Einer hob die Flasche auf, die anderen
deckten Winky mit einem großen karierten Tischtuch zu und
stopften es fest unter ihren Körper, so dass sie nicht mehr zu
sehen war.
»Verzeihung bitte, dass Sie so etwas mit ansehen mussten,
Sirs und Miss!«, quiekte einer der Elfen und schüttelte mit tief
beschämter Miene den Kopf. »Wir hoffen, dass Sie uns nicht
nach Winky beurteilen, Sirs und Miss!«
»Sie ist unglücklich!«, sagte Hermine aufgebracht. »Wa-
rum deckt ihr sie einfach zu und versucht nicht mal, sie auf-
zumuntern?«
»Ich bitte um Verzeihung, Miss«, piepste der Hauself mit
einer tiefen Verbeugung, »aber Hauselfen haben kein Recht,
unglücklich zu sein, wenn Arbeit zu tun ist und ihre Meister
bedient werden müssen.«
»Oh, um Himmels willen!«, sagte Hermine wütend. »Hört
mir mal gut zu, ihr alle! Ihr habt genauso gut das Recht wie
Zauberer, unglücklich zu sein! Ihr habt ein Recht auf
Bezahlung und Urlaub und richtige Kleidung, ihr müsst nicht
alles tun, was man euch sagt – schaut euch Dobby an!«
»Miss, bitte halten Sie Dobby da raus«, murmelte Dobby
mit ängstlicher Miene. Das fröhliche Lächeln war von den
Gesichtern der Hauselfen ringsum verschwunden. Plötzlich
sahen sie Hermine an, als wäre sie verrückt und gefährlich.
»Hier ist noch viel mehr zu essen!«, quiekte eine Elfe an
Harrys Ellbogen und stemmte ihm ein Dutzend Kuchen-
563
stücke, ein paar Äpfel und Birnen und; einen großen Schin-
ken in die Arme. »Auf Wiedersehen!«
Die Hauselfen scharten sich jetzt dicht um Harry, Ron und
Hermine, drückten ihnen viele kleine Hände ins Kreuz und
begannen sie aus der Küche zu schubsen.
»Danke für die Socken, Harry Potter!«, rief Dobby nieder-
geschlagen vom Herd herüber, wo er neben der in das zer-
schlissene Tischtuch gewickelten Winky stand.
»Hättest du nicht wenigstens einmal den Mund halten
können, Hermine?«, sagte Ron zornig, als die Küchentür
hinter ihnen zugeschlagen war. »Die wollen uns sicher nie
wieder hier unten sehen! Wir hätten vielleicht noch mehr über
Crouch aus Winky rauskitzeln können!«
»Oh, als ob dich das kümmern würde!«, feixte Hermine.
»Du kommst doch nur wegen des Essens hier runter!«
Den Rest des Tages herrschte eine! eigentümlich gereizte
Stimmung. Harry war es so leid, dass sich Ron und Hermine
bei den Hausaufgaben im Gemeinschaftsraum ständig angif-
teten, dass er an diesem Abend allein mit Sirius' Esspaket in
die Eulerei hochstieg.
Pigwidgeon war viel zu klein, um einen ganzen Schinken
allein den Berg hochfliegen zu können, deshalb verpflich-
tete Harry zusätzlich noch zwei Häbichtskäuze der Schule. Als
das sehr merkwürdige Trio mit dem großen Paket unter sich in
die Dämmerung hineingeflogen war, lehnte sich Harry aus
dem Fenster und ließ den Blick über das Land schweifen, über
die dunklen, rauschenden Baumspitzen des Verbotenen
Waldes und die sich im Wind kräuselnden Se-
gel des Schiffs von Durmstrang. Ein Uhu flog durch den
Rauchfaden, der sich aus Hagrids Kamin emporkringelte; er
segelte auf das Schloss zu, um did Eulerei herum und ver-
schwand. Harry schaute hinunter und sah Hagrid vor seiner
Hütte mit kräftigen Schlägen der Hacke ein Stück Erde um-
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graben; offenbar wollte er ein neues Gemüsebeet anlegen.
Jetzt konnte er beobachten, wie Madame Maxime aus ihrer
Kutsche stieg und zu Hagrid hinüberging. Es sah so aus, als
wollte sie ihn in ein Gespräch verwickeln. Hagrid stützte sich
auf seine Hacke, schien jedoch nicht erpicht, sich länger mit
ihr zu unterhalten, denn Madame Maxime kehrte nach kurzer
Zeit zu ihrer Kutsche zurück.
Harry hatte keine Lust, in den Gryffindor-Turm zu ge-
hen und zu hören, wie sich Ron und Hermine gegenseitig
anfauchten, und so sah er Hagrid eine Weile beim Umgra-
ben zu, bis ihn die Dunkelheit verschluckte und die Eulen
ringsum allmählich erwachten und an Harry vorbei in die
Nacht flatterten.
Beim Frühstück am nächsten Tag war die schlechte Laune
von Ron und Hermine endgültig verflogen, und Rons düs-
tere Prophezeiung, die Hauselfen würden jetzt nur noch mi-
serables Essen an den Gryffindor-Tisch schicken, weil Her-
mine sie gekränkt hatte, erwies sich als falsch; Schinken, Eier
und Lachs waren genauso gut wie immer.
Als die Eulen kamen, sah Hermine auf, offenbar erwartete
sie Post.
»Percy wird noch keine Zeit gehabt haben zu antworten«,
sagte Ron. »Wir haben Hedwig doch erst gestern losge-
schickt.«
»Nein, das ist es nicht«, sagte Hermine. »Ich hab den Ta-
gespropheten abonniert, weil es mir langsam stinkt, dass wir al-
les von den Slytherins erfahren müssen.«
»Gute Idee!«, sagte Harry und sah nun ebenfalls hoch zu
den Eulen. »Hey, Hermine, ich glaub, du hast Glück –«
Ein Steinkauz segelte auf Hermine zu.
»Der hat aber keine Zeitung«, sagte sie mit enttäuschter
Miene. »Er –«
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Doch zu ihrer Verblüffung landete der Steinkauz vor ihrem
Teller, dicht gefolgt von vier Schleiereulen, einer
Sumpfohreule und einem Waldkauz.
»Wie viele Abos hast du eigentlich bestellt?«, fragte Harry
und griff nach Hermines Becher, bevor er von der flügel-
schlagenden Eulenschar umgeworfen wurde, die alle auf
Hermine zudrängelten, weil jede ihren Brief als Erste ablie-
fern wollte.
»Was um Himmels willen –?«, sagte Hermine, nahm dem
Steinkauz den Brief ab, öffnete ihn und begann zu lesen. »Was
soll das denn!«, stieß sie hervor und lief rot an.
»Was ist?«, fragte Ron.
»Das ist – nein, wie lächerlich –«, sie klatschte Harry den
Brief in die Hand, der nun sah, dass er nicht handgeschrie-
ben, sondern mit ausgeschnittenen Buchstaben, offenbar aus
dem Tagespropheten, zusammengeklebt war.
Du bist ein BösEs MädchEN, HaRRy PottEr verDienT eine
BesserE.
VerSchwinde daHin wo du herKommst mUggel.
»Die sind alle so!«, sagte Hermine verzweifelt und öffnete
einen Brief nach dem anderen. »> Du hast Harry Potter nicht
verdient ...< – > Dich sollte man in Froschlaich kochen ...<
Autsch!«
Sie hatte den letzten Brief geöffnet und gelblich grüne
Flüssigkeit, die stark nach Benzin roch, spritzte ihr über die
Hände, auf denen sofort große gelbe Blasen aufquollen.
»Unverdünnter Bubotubler-Eiter!«, sagte Ron, hob mit
spitzen Fingern den Umschlag auf und roch daran.
»Au!«, wimmerte Hermine, und ihre Augen füllten sich mit
Tränen, während sie versuchte, den Eiter mit einer Ser-
viette von ihren Händen zu wischen, doch ihre Finger wa-
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ren nun so dicht mit schmerzhaften Geschwülsten bedeckt,
dass es aussah, als trage sie ein Paar dicke, ausgebeulte Hand-
schuhe.
»Du gehst am besten in den Krankenflügel«, sagte Harry,
während die Eulen um Hermine eine nach der anderen da-
vonflogen, »wir sagen dann Professor Sprout, wo du abge-
blieben bist ...«
»Ich hab sie gewarnt!«, sagte Ron, als Hermine, die Hände
schützend unter dem Umhang versteckt, aus der Großen Halle
eilte. »Ich hab ihr gesagt, sie soll Rita Kimm-
korn nicht ärgern! Sieh dir den hier an ...« Er nahm einen der
Briefe, die Hermine zurückgelassen hatte, und las ihn vor:
»> In der Hexenwoche hab ich gelesen, was für ein fal-
sches Spiel du mit Harry Potter treibst, und dieser Junge hat es
doch schwer genug gehabt, und ich werde dir mit der nächsten
Post einen Fluch schicken, sobald ich einen Um-
schlag finde, der groß genug ist.< Zum Teufel, sie sollte gut
auf sich aufpassen.«
Hermine erschien nicht zu Kräuterkunde. Als Harry und
Ron das Gewächshaus verließen und sich auf den Weg zu
Pflege magischer Geschöpfe machten, sahen sie Malfoy,
Crabbe und Goyle die Steintreppe vor dem Schloss herun-
terkommen. Hinter ihnen wisperte und giggelte Pansy Par-
kinson mit ihrer Bande Slytherin-Mädchen. Als Pansy Harry
erkannte, rief sie: »Potter, hast du dich von deiner Liebsten
getrennt? Warum war sie denn beim Frühstück so durch den
Wind?«
Harry würdigte sie keines Blickes; er wollte ihr nicht auch
noch die Genugtuung gönnen zu erfahren, wie viel Ärger der
Artikel in der Hexenwoche verursacht hatte.
Hagrid, der ihnen in der letzten Stunde verkündet hatte, dass
sie mit den Einhörnern fertig seien, erwartete sie vor der
Hütte mit einer neuen Sammlung offener Kisten zu sei-
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nen Füßen. Harrys Laune verschlechterte sich beim Anblick
der Kisten noch mehr – das war doch nicht etwa eine frische
Kröterbrut? Doch als er nahe genug war, konnte er in den
Kisten flaumige schwarze Geschöpfe mit langen Schnauzen
erkennen. Ihre Vorderpfoten waren eigentümlich flach, wie
Spaten, und als sie zu der Schülerschar hochblinzelten, wirk-
ten sie ob all dieser Aufmerksamkeit milde verdutzt.
»Das sind Niffler«, verkündete Hagrid, als sich die Klasse
im Kreis aufgestellt hatte. »Man findet sie meist unten in
Bergwerksstollen. Sie stehn auf Glitzerzeug ... da seht ihr's.
schon.«
Ein Niffler war plötzlich hochgeschnellt, umklammerte
Pansy Parkinsons Arm und versuchte ihr die Uhr vom
Handgelenk zu beißen. Kreischend stolperte sie ein paar
Schritte zurück.
»Nützliche kleine Schatzsucher«, sagte Hagrid glücklich.
»Dachte, wir machen uns heut 'nen lustigen Vormittag mit
denen. Seht ihr das dort drüben?« Er deutete auf das große
Stück frisch umgegrabener Erde, auf dem ihn Harry vom
Eulereifenster aus hatte arbeiten sehen. »Ich hab dort 'n
paar Goldmünzen vergraben. Wessen Niffler nachher die
meisten Goldmünzen ausgräbt, kriegt von mir 'nen Preis.
Ihr müsst nur eure Wertsachen ablegen, dann sucht ihr
euch 'nen Niffler aus und macht euch bereit, sie loszu-
lassen.«
Harry nahm seine Uhr ab, die er nur noch aus Gewohn-
heit trug, und steckte sie in die Tasche. Dann hob er einen
Niffler aus der Kiste. Der Niffler steckte seine lange Schnauze
in Harrys Ohr und schnüffelte begeistert. Ein wirklich
kuscheliges Geschöpf.
»Wartet mal«, sagte Hagrid und sah hinunter in die Kiste,
»da ist noch 'n Niffler übrig ... wer fehlt hier? Wo ist Her-
mine?«
568
»Sie muss sich verarzten lassen«, sagte Ron. »Erklären wir
dir später«, murmelte Harry; Pansy Parkin-
son hatte die Ohren gespitzt.
So viel Spaß hatten sie in Pflege magischer Geschöpfe mit
Abstand noch nicht gehabt. Die Niffler tauchten in das Stück
Erde ein und wieder daraus auf, als ob es ein Teich wäre, dann
trippelte jeder zu dem Schüler zurück, der ihn losgelassen
hatte, und spuckte ihm Gold in die Hände. Rons Niffler war
besonders tüchtig; bald hatte er seinen ganzen Schoß mit
Goldmünzen gefüllt.
»Kann man die auch als Haustiere kaufen, Hagrid?«, meinte
er begeistert, während der Niffler sich schon wieder in die
Erde stürzte und Rons Umhang mit Dreck bespritzte. »Da wär
deine Mum aber nich so glücklich, Ron«, grinste Hagrid, »die
bringen ganze Häuser zum Einsturz, diese Niffler. Ich schätze,
sie haben jetzt fast alle«, fügte er hinzu und ging um das
Stück Erde herum, während die Niffler eif-
rig weitertauchten. »Ich hab doch nur hundert Münzen ver-
graben. Oh, da bist du ja, Hermine!«
Hermine kam über den Rasen auf sie zu. Ihre Hände wa-
ren rundum bandagiert und sie sah elend aus. Pansy Parkin-
son beobachtete sie mit glänzenden Knopfaugen.
»Gut, schauen wir mal, wie ihr abgeschnitten habt!«, sagte
Hagrid. »Zählt eure Münzen! Und es hat keinen Zweck zu
stehlen, Goyle«, fügte er hinzu, die käferschwarzen Augen zu
Schlitzen verengt. »Das ist Leprechan-Gold. Löst sich nach 'n
paar Stunden auf.«
Mit mürrisch verzogenem Mund leerte Goyle seine Ta-
schen. Wie sich herausstellte, war Rons Niffler der Tüch-
tigste gewesen, und Hagrid überreichte ihm als Preis einen
Riesenriegel Schokolade aus dem Honigtopf. Glockengeläut
wehte über das Land und rief sie zum Mittagessen; Harry,
Ron und Hermine blieben noch kurz da, um Hagrid zu hel-
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fen, die Niffler in die Kisten zu stecken, während der Rest der
Klasse zum Schloss ging. Harry fiel auf, dass Madame
Maxime sie von ihrem Kutschenfenster aus beobachtete.
»Was hast du mit deinen Händen gemacht, Hermine?«,
fragte Hagrid besorgt.
Hermine erzählte ihm von der Hasspost, die sie am Mor-
gen bekommen hatte, und von dem Umschlag voller Bubo-
tubler-Eiter.
»Aaach, mach dir keine Sorgen«, sagte Hagrid und sah sie
freundlich lächelnd an. »Nach dem, was diese Rita Kimm-
korn über meine Mutter geschrieben hat, hab ich auch 'n paar
von diesen Briefen gekriegt. > Du bist ein Monster und man
sollte dich erlegen. < – > Deine Mutter hat unschuldige
Menschen getötet, und wenn du nur einen Funken Anstand
hättest, würdest du in den See springen. <«
»Nein!«, rief Hermine entsetzt.
»Ja«, bestätigte Hagrid und trug die Niffler-Kisten hi-
nüber zur Hüttenwand. »Sind doch nur Spinner, Hermine.
Wenn du noch mehr von diesen Briefen kriegst, mach sie bloß
nicht auf. Wirf sie einfach ins Feuer.«
»Da hast du mal eine wirklich gute Unterrichtsstunde ver-
passt«, meinte Harry auf dem Rückweg zu Hermine ge-
wandt. »Sind doch toll, diese Niffler, oder, Ron?«
Ron jedoch stierte mit finsterem Blick auf die Schokolade,
die Hagrid ihm geschenkt hatte. Aus irgendeinem Grund
schien er schwer sauer zu sein.
»Was ist los?«, sagte Harry. »Stimmt was nicht mit der
Schokolade?«
»Nein«, sagte Ron brüsk. »Warum hast du mir nichts von
dem Gold erzählt?«
»Welchem Gold?«, fragte Harry.
»Von dem Gold, das ich dir bei der Quidditch-Weltmeis-
terschaft gegeben hab«, sagte Ron. »Dem Leprechan-Gold
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für mein Omniglas. In der Ehrenloge. Warum hast du mir
nicht gesagt, dass es sich aufgelöst hat?«
Harry musste einen Augenblick nachdenken, bis er be-
griff, wovon Ron eigentlich redete.
»Oh ...«, sagte er, als er sich endlich erinnerte. »Keine Ah-
nung ... hab gar nicht bemerkt, dass es verschwunden ist. Ich
hab mir eher Sorgen um meinen Zauberstab gemacht, ver-
stehst du?«
Sie stiegen die Treppe zum Schloss hoch und gingen in die
Große Halle zum Mittagessen.
»Muss schön sein«, sagte Ron unvermittelt, als sie sich
gesetzt hatten und ihre Teller mit Roastbeef und Yorkshire-
Pudding beluden. »So viel Geld zu haben, dass du nicht ein-
mal merkst, wenn eine Tasche voll Galleonen einfach ver-
schwindet.«
»Hör zu, ich hatte in dieser Nacht andere Dinge im Kopf!«,
sagte Harry ungeduldig. »Wir alle, weißt du noch?«
»Ich wusste nicht, dass sich Leprechan-Gold auflöst«,
murmelte Ron. »Ich dachte, ich hätte bezahlt, was ich dir ge-
schuldet hab. Du hättest mir diesen Chudley-Cannons-Hut
nicht zu Weihnachten schenken sollen.«
»Vergiss es, ja?«, sagte Harry.
Ron spießte mit der Gabel eine Bratkartoffel auf und
starrte sie missmutig an. Dann sagte er: »Ich hasse es, arm zu
sein.«
Harry und Hermine sahen sich an. Sie wussten beide nicht
recht, was sie darauf sagen sollten.
»Alles Unsinn«, sagte Ron und starrte immer noch seine
Kartoffel an. »Ich mach Fred und George jedenfalls keinen
Vorwurf, weil sie versuchen, nebenher ein wenig Geld zu
verdienen. Wenn ich's nur selbst könnte. Wenn ich nur ei-
nen Niffler hätte.«
»Schön, dann wissen wir ja, was wir dir das nächste Mal zu
571
Weihnachten schenken«, sagte Hermine mit einem breiten
Lächeln. Doch als Ron weiterhin eine triste Miene machte,
fügte sie hinzu: »Komm schon, Ron, dir geht's nicht
schlecht. Wenigstens sind deine Finger nicht voller Eiter.«
Hermine hatte einige Schwierigkeiten, mit Messer und Ga-
bel zu hantieren, da ihre Finger stocksteif und geschwollen
waren. »Ich hasse diese Kimmkorn-Tante!«, brach es zornig
aus ihr hervor. »Das zahl ich ihr heim, und wenn es das
Letzte ist, was ich tue!«
Auch in der Woche darauf bekam Hermine immer wieder
Hasspost. Zwar befolgte sie Hagrids Ratschlag und öffnete
sie nicht mehr, doch einige der Hermine-Hasser schickten
ihr Heuler, die am Gryffindor-Tisch explodierten und sie,
für alle hörbar, mit schrillen Beschimpfungen überhäuften.
Selbst wer nicht die Hexenwoche las, erfuhr jetzt alles über
die angebliche Dreiecksgeschichte Harry-Krum-Hermine.
Harry war schon völlig entnervt, weil er den Leuten ständig
erklären musste, dass er mit Hermine nur befreundet war und
nichts weiter.
»Glaub mir, das wird sich legen«, versicherte er Hermine,
»wenn wir einfach drüber hinweggehen ... was sie das letzte
Mal über mich geschrieben hat, fanden die Leute mit der Zeit
auch langweilig –«
»Ich will aber wissen, wie sie vertrauliche Gespräche be-
lauschen kann, wo sie doch angeblich Hausverbot hat!«,
fauchte Hermine zornig.
Nach der nächsten Stunde Verteidigung gegen die dunk-
len Künste blieb sie noch kurz im Klassenzimmer zurück,
um Professor Moody etwas zu fragen. Die anderen machten,
dass sie wegkamen; Moody hatte sie in Zauberabwehr so
scharf geprüft, dass viele von ihnen an kleinen Rissen und
Stichen auf ihren Armen nuckelten. Harry litt unter einem
572
so schweren Fall von Ohrenzucken, dass er die Hände gegen
die Ohren pressen musste, als er nach draußen ging.
»Also, Rita benutzt jedenfalls keinen Tarnumhang!«,
keuchte Hermine fünf Minuten später, als sie Harry und Ron
am Fuß der Marmortreppe eingeholt und Harrys Hand von
einem zuckenden Ohr weggezogen hatte. »Moody sagt, er
habe sie bei der zweiten Runde nirgendwo in der Nähe des
Richtertischs gesehen und auch nirgendwo am See!«
»Hermine, hat es noch irgendeinen Sinn, dir zu sagen, dass
du die Sache endlich aufgeben sollst?«, sagte Ron.
»Nein!«, sagte Hermine stur. »Ich will wissen, wie sie mich
und Viktor belauscht hat! Und wie sie von Hagrids Mutter
erfahren hat!«
»Vielleicht hat sie dich verwanzt«, sagte Harry.
»Verwanzt?«, sagte Ron verdutzt. »Wie meinst du ... Flöhe auf
sie angesetzt oder so was?«
Harry begann ihm etwas von versteckten Mikrofonen und
Tonbändern zu erzählen.
Ron fand es ungeheuer spannend, doch Hermine unter-
brach sie. »Wollt ihr beide denn nie Eine Geschichte von Hog-
warts lesen?«
»Wozu denn?«, erwiderte Ron. »Du kennst das Buch doch
auswendig, wir müssen dich nur fragen.«
»All die Sachen, die die Muggel als Ersatz für Zauberei be-
nutzen – Elektrizität und Computer und Radar und so wei-
ter -, die spielen in der Nähe von Hogwarts alle verrückt, es
liegt einfach zu viel Magie in der Luft. Nein, Rita gebraucht
einen Zauber, um uns abzuhören, sie muss ... wenn ich nur
rausfinden könnte, was es ist ... und wehe, es ist gesetzwid-
rig, dann werd ich sie ...«
»Haben wir denn sonst keine Sorgen?«, fragte Ron. »Müs-
sen wir auch noch einen Rachefeldzug gegen Rita Kimm-
korn starten?«
573
»Dich hab ich doch gar nicht um Hilfe gebeten!«, fauchte
Hermine. »Ich mach es allein!«
Ohne einen Blick zurück stolzierte sie die Marmortreppe
hoch. Harry war sich ziemlich sicher, dass sie in die Biblio-
thek ging.
»Wetten, sie kommt mit einer Schachtel > Ich hasse Rita
Kimmkorn<-Anstecker wieder?«, sagte Ron.
Hermine bat Harry und Ron tatsächlich nicht um Hilfe für
ihren Rachefeldzug gegen Rita Kimmkorn, wofür sie beide
dankbar waren, denn in den Wochen vor den Oster-ferien
stöhnten sie immer lauter unter einem wachsenden Berg von
Arbeit. Harry bewunderte unverhohlen, wie Her-
mine sich über magische Abhörverfahren kundig machen
konnte und dann auch noch alles andere nebenher erledigte. Er
hatte allein mit den Hausaufgaben mehr als genug zu tun, auch
wenn er nie vergaß, regelmäßig Esspakete hoch zu Si-
rius in die Berghöhle zu schicken; seit dem letzten Sommer
hatte er nicht vergessen, wie es war, ständig hungrig zu sein.
Er steckte Zettel für Sirius dazu, auf denen er schrieb, dass
nichts Ungewöhnliches passiert sei und dass sie immer noch
auf Antwort von Percy warteten.
Hedwig kam erst am Ende der Osterferien zurück. Percys
Brief lag in einem Päckchen mit Ostereiern, die Mrs Weas-
ley geschickt hatte. Die für Harry und Ron waren groß wie
Dracheneier und gefüllt mit hausgemachter Karamellkrem.
Hermines Ei hingegen war nicht größer als das eines Hühn-
chens. Ihre Züge erschlafften, als sie es sah.
»Deine Mum liest nicht zufällig die Hexenwoche, Ron?«,
fragte sie leise.
»Doch«, sagte Ron mit dem Mund voll Karamellkrem.
»Aber nur wegen der Rezepte.«
Hermine betrachtete traurig ihr kleines Ei.
»Willst du nicht wissen, was Percy geschrieben hat?«,
574
fragte Harry eilig. Percys Brief war knapp und in gereiztem
Ton gehalten.
Wie ich dem Tagespropheten andauernd mitteile, gönnt sich Mr
Crouch eine wohlverdiente Ruhepause. Er schickt mir
regelmäßig Eulen mit seinen Anweisungen. Nein, ich habe ihn
tatsächlich nicht gesehen, aber ich denke, man wird mir
zutrauen, dass ich die Handschrift meines eigenen Vorge-
setzten kenne. Im Moment habe ich zu viel zu tun, um auch
noch diese lächerlichen Gerüchte aus der Welt schaffen zu
können. Bitte belästigt mich nicht mehr, außer wenn etwas
Wichtiges anliegt. Frohe Ostern.
Wenn es nach Ostern auf den Sommer zuging, begann Harry
normalerweise hart für das letzte Quidditch-Spiel der Saison
zu trainieren. Dieses Jahr jedoch musste er sich auf die dritte
und letzte Aufgabe des Trimagischen Turniers vorbereiten,
doch er wusste immer noch nicht, was da auf ihn zukam.
Endlich, in der letzten Maiwoche, nahm ihn Professor
McGonagall nach Verwandlung kurz beiseite.
»Sie gehen heute Abend um neun hinunter zum Quid-
ditch-Feld, Potter«, verkündete sie ihm. »Dort wird MrBag-
man allen Champions die dritte Aufgabe erläutern.«
Und so ließ Harry um halb neun Ron und Hermine im
Gryffindor-Turm zurück und ging nach unten. Er durch-
querte gerade die Eingangshalle, als Cedric vom Gemein-
schaftsraum der Hufflepuffs hochkam.
»Was, schätzt du, kommt diesmal dran?«, fragte er Harry,
während sie zusammen die Steintreppe hinunter und in die
bewölkte Nacht hinausgingen. »Fleur quasselt ständig von un-
terirdischen Gängen und glaubt, wir müssten einen Schatz
finden.«
»Das wär ja gar nicht so übel«, sagte Harry, denn dann
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könnte er einfach Hagrid um einen Niffler bitten, der die
Arbeit für ihn erledigen würde.
Sie liefen den Rasenabhang zum Quidditch-Stadion hi-
nunter und nahmen einen schmalen Durchgang zwischen den
Tribünen hinaus aufs Feld.
»Was haben sie damit angestellt?«, sagte Cedric entrüstet
und blieb wie angewurzelt stehen.
Das Quidditch-Feld war keine ebene Rasenfläche mehr.
Es sah aus, als hätte jemand lange, niedrige Mauern darüber
gezogen, die sich kreuz und quer und in engen Windungen
über das ganze Feld erstreckten.
»Das sind Hecken!«, sagte Harry und beugte sich vor, um
eine der Pflanzen unter die Lupe zu nehmen.
»Hallo, ihr da!«, rief eine fröhliche Stimme.
Ludo Bagman stand mit Krum und Fleur in der Mitte des
Feldes. Harry und Cedric kletterten über die Hecken zu ih-
nen hinüber. Fleur strahlte Harry entgegen. Seit er ihre
Schwester aus dem See gezogen hatte, war sie ihm gegen-
über völlig verändert.
»Nun, was haltet ihr davon?«, sagte Bagman launig, als
Harry und Cedric über die letzte Hecke gestiegen und bei den
dreien angelangt waren. »Die wachsen doch ganz hübsch?
Noch einen Monat und Hagrid hat sie sieben Me-
ter hochgezogen. Und macht euch keine Sorgen«, fügte er
grinsend hinzu, als er die nicht allzu glücklichen Mienen
Harrys und Cedrics sah, »ihr bekommt euer Quidditch-Feld
genauso wieder, wie es war, wenn die letzte Runde vorbei
ist! Nun, ihr könnt sicher erraten, was wir hier wachsen
lassen?«
Einen Moment lang schwiegen alle. Dann –
»Irrgarten«, knurrte Krum.
»Richtig!«, sagte Bagman. »Einen Irrgarten. Die dritte
Aufgabe ist wirklich einfach. Der Trimagische Pokal wird in
576
der Mitte des Labyrinths aufgestellt. Der erste Champion, der
ihn berührt, erhält die volle Punktzahl.«
»Wir müssen nur dursch den Irrgarten kommen?«, fragte
Fleur.
»Für Hindernisse garantieren wir«, sagte Bagman ausge-
lassen und wiegte sich auf den Fußballen. »Hagrid wird uns
eine Reihe von Kreaturen zur Verfügung stellen ... dann
gibt es Zauber, die gebrochen werden müssen ... alles, was
wir so haben, ihr wisst ja. Die Champions, die nach Punk-
ten führen, werden als Erste in den Irfgarten starten kön-
nen.« Bagman grinste Harry und Cedric an. »Dann kommt
Mr Krum ... und nach ihm Fleur Delacour. Aber ihr alle
habt 'ne faire Chance, ihr müsst euch nur wacker an den
Hindernissen vorbeikämpfen. Wird doch Spaß machen, meint
ihr nicht?«
Harry, der nur zu gut wusste, was für Kreaturen Hagrid für
ein solches Ereignis wohl herbeischaffen würde, war sich
überhaupt nicht sicher, wo hier der Spaß stecken sollte. Doch
wie die anderen Champions nickte er höflich.
»Sehr schön ... wenn ihr jetzt keine Fragen mehr habt, ge-
hen wir nach oben ins Schloss, es ist doch ein wenig frisch
hier ...«
Sie schlängelten sich aus dem noch wachsenden Irrgarten,
und Bagman schloss mit raschen Schritten zu Harry auf. Harry
ahnte schon, dass Bagman ihm gleich wieder seine Hilfe
anbieten würde, doch in diesem Moment tippte ihm Krum auf
die Schulter.
»Könnt ich eine Wort mit dir sprecken?«
»Ja, natürlich«, sagte Harry ziemlich überrascht.
»Gehen wir zusammen ein wenig?«
»Klar«, sagte Harry neugierig.
Bagman schien leicht irritiert. »Ich warte auf dich, Harry,
oder nicht?«
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»Nein, ist schon gut, Mr Bagman«, sagte Harry und unter-
drückte ein Lächeln, »ich denke, ich finde das Schloss schon
allein, danke.«
Harry und Krum verließen zusammen das Stadion, aber
Krum wandte seine Schritte nicht hinüber zum Durm-strang-
Schiff. Vielmehr ging er auf den Wald zu.
»Warum gehen wir hier lang?«, fragte Harry, als sie an
Hagrids Hütte und der erleuchteten Beauxbatons-Kutsche
vorbeikamen.
»Will nicht, dass uns jemand hört«, sagte Krum knapp.
Als sie endlich, nicht weit von der Koppel der Beauxba-
tons-Pferde, ein abgeschiedenes Fleckchen Land erreicht
hatten, blieb Krum im Schatten der Bäume stehen und sah
Harry ins Gesicht.
»Ich will wissen«, sagte er mit finsterem Blick, »was zwi-
schen dir und Her-minne ist.«
Harry, der wegen Krums Geheimnistuerei schon etwas
Ernsteres erwartet hatte, starrte verblüfft zu ihm hoch.
»Nichts«, sagte er. Doch Krum sah ihn weiter böse an, und
Harry, dem noch einmal schlagartig bewusst wurde, wie groß
Krum war, ließ sich zu ein paar mehr Worten herbei. »Wir
sind befreundet. Wir gehen nicht zusammen, wie du meinst.
Diese Kimmkorn hat das alles nur erfunden.«
»Her-minne sprickt sehr oft von dir«, sagte Krum und sah
Harry misstrauisch an.
»Ja, selbstverständlich«, sagte Harry, »immerhin sind wir
Freunde.«
Er konnte es nicht fassen, dieses Gespräch mit Viktor Krum,
dem berühmten internationalen Quidditch-Spieler. Es war, als
ob der achtzehnjährige Krum glaubte, er, Harry, sei ihm
ebenbürtig – sei ein echter Rivale –
»Ihr habt nie ... ihr seid nie ...«
»Nein«, sagte Harry sehr bestimmt.
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Krum sah ein wenig zufriedener aus. Er blickte Harry ein
paar Sekunden lang unverwandt an, dann sagte er: »Du fliegst
serr gutt. Ich hab dich gesehn bei erste Aufgabe.«
»Danke«, sagte Harry mit einem breiten Lächeln und fühlte
sich mit einem Mal viel größer. »Ich hab dich bei der
Quidditch-Weltmeisterschaft gesehen. Dein Wronski-Bluff,
ich muss schon sagen –«
Doch hinter Krum, zwischen den Bäumen, bewegte sich
etwas, und Harry, der am eigenen Leib erfahren hatte, was in
diesem Wald alles auf einen lauern konnte, packte Krum
instinktiv am Arm und zog ihn beiseite.
»Was ist los?«
Harry schüttelte den Kopf und spähte durch die Bäume
hinüber zu der Stelle, wo er etwas gesehen hatte. Er schob die
Hand in den Umhang und griff nach seinem Zauberstab.
In diesem Augenblick stolperte ein Mann hinter einer ho-
hen Eiche hervor. Einen Moment lang kam er Harry fremd
vor ... dann erkannte er Mr Crouch. Er sah aus, als wäre er seit
Tagen unterwegs. An den Knien war sein Umhang zer-
rissen und blutig; sein Gesicht war zerkratzt; er war unra-
siert und aschgrau vor Erschöpfung. Sein sonst immer ge-
schniegeltes Haar und sein Schnurrbart hatten Wasser und
Schere dringend nötig. Mr Crouchs merkwürdige äußere
Erscheinung war jedoch nichts im Vergleich zu seinem Ge-
baren. Murmelnd und gestikulierend schien er mit jeman-
dem zu sprechen, den nur er allein sehen konnte. Er erin-
nerte Harry lebhaft an einen alten Landstreicher, den er
einmal gesehen hatte, als er mit den Dursleys einkaufen ge-
gangen war. Auch dieser Mann hatte sich wild fuchtelnd mit
einem Luftgespinst unterhalten; Tante Petunia hatte Dudley
an der Hand genommen und ihn über die Straße gezogen, um
nicht an ihm vorbeigehen zu müssen; danach hatte On-
kel Vernon der Familie einen langen Sermon darüber gehal-
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ten, was er am liebsten mit Bettlern und Vagabunden anstel-
len würde.
»Warr er nicht ein Richter?«, sagte Krum und starrte Mr
Crouch mit großen Augen an. »Ist er nicht aus eure Ministe-
rium?«
Harry nickte, zögerte einen Moment lang, dann trat er
langsam auf Mr Crouch zu, der ihn nicht ansah, sondern
weiter mit einem Baum in der Nähe sprach:
»... und wenn Sie das erledigt haben, Weatherby, schi-
cken Sie eine Eule zu Dumbledore und bestätigen Sie ihm die
Zahl der Durmstrang-Schüler, die am Turnier teilneh-
men, Karkaroff hat soeben mitgeteilt, dass es zwölf sein
werden ...«
»Mr Crouch?«, sagte Harry behutsam.
»... und schicken Sie eine weitere Eule an Madame Ma-
xime, denn vielleicht möchte sie die Zahl der Schüler, die sie
mitbringt, aufstocken, da jetzt Karkaroff ein rundes Dut-
zend veranschlagt ... tun Sie das, Weatherby, hören Sie? Hö-
ren Sie? Hören ...« Mr Crouchs Augen quollen hervor. Da
stand er, den Blick auf den Baum gerichtet, und murmelte
stumm zu ihm hin. Dann stolperte er seitlich weg und fiel auf
die Knie.
»Mr Crouch?«, sagte Harry laut. »Was ist mit Ihnen?«
Crouchs Augen rollten in ihren Höhlen. Harry sah sich nach
Krum um, der ihm zwischen die Bäume gefolgt war und mit
alarmiertem Blick auf Mr Crouch hinuntersah.
»Was fehlt ihm denn?«
»Keine Ahnung«, murmelte Harry. »Hör zu, du gehst am
besten jemanden holen –«
»Dumbledore!«, keuchte Mr Crouch. Er streckte die Hand
aus, packte Harrys Umhang und zog ihn zu sich her, aber seine
Augen stierten immer noch über Harrys Kopf hinweg. »Ich
muss ... Dumbledore ... sprechen ...«
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»Gut«, sagte Harry, »wenn Sie aufstehen würden, Mr
Crouch, dann können wir hoch zum –«
»Ich hab ... Dummheit ... gemacht«, hauchte Mr Crouch. Er
machte den Eindruck eines vollkommen Wahnsinnigen. Seine
Augen rollten und traten hervor und ein Rinnsal aus Speichel
lief ihm über das Kinn. »Muss es ... Dumble-
dore ... sagen.«
»Stehen Sie auf, Mr Crouch«, sagte Harry laut und deut-
lich. »Stehen Sie auf, ich bringe Sie zu Dumbledore!«
Mr Crouchs Blick kippte in Harrys Richtung.
»Wer ... du?«, wisperte er.
»Ich bin ein Schüler aus dem Schloss«, sagte Harry und sah
sich Hilfe suchend nach Krum um, doch Krum, offenbar
höchst nervös, hielt sich im Schatten.
»Du bist nicht ... seiner?«, flüsterte Crouch, und der Un-
terkiefer fiel ihm herab.
»Nein«, sagte Harry ohne die geringste Ahnung, wovon
Crouch überhaupt redete.
»Dumbledores?«
»Ja, stimmt«, sagte Harry.
Crouch zog ihn näher an sein Gesicht; Harry versuchte
Crouchs Klammergriff an seinem Umhang zu lockern, doch er
war zu kräftig.
»Warne ... Dumbledore ...«
»Ich hole Dumbledore, wenn Sie mich loslassen«, sagte
Harry. »Lassen Sie mich einfach los, Mr Crouch, und ich hole
ihn ...«
»Danke, Weatherby, und wenn Sie das erledigt haben, hätte
ich gerne eine Tasse Tee. Meine Frau und mein Sohn werden
in Kürze eintreffen und heute Abend gehen wir mit Mr und
Mrs Fudge ins Konzert.« Crouch sprach nun wieder eifrig
mit einem Baum und schien Harrys Anwesenheit völ-
lig vergessen zu haben, was Harry so bestürzte, dass er gar
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nicht merkte, dass Crouch ihn losgelassen hatte. »Ja, mein
Sohn hat jüngst zwölf ZAGs erworben, äußerst zufrieden
stellend, ja, danke Ihnen, ja, wirklich sehr stolz. Nun, wenn
Sie mir bitte das Schreiben des andorranischen Zaubereimi-
nisters bringen würden, ich denke, ich habe noch Zeit, eine
Antwort aufzusetzen ...«
»Du bleibst hier bei ihm!«, sagte Harry zu Krum gewandt.
»Ich hole Dumbledore, das geht schneller, weil ich weiß, wo
sein Büro ist –«
»Er ist wahnsinnig«, sagte Krum mit zweifelnder Stimme
und starrte hinunter auf Crouch, der immer noch den Baum
anplapperte, offenbar überzeugt, er sei Percy.
»Pass kurz auf ihn auf«, sagte Harry und hatte sich schon
halb erhoben, doch das schien einen erneuten plötzlichen
Wandel in Mr Crouchs Gedanken auszulösen; er schlang den
Arm fest um Harrys Knie und zog ihn wieder zu Boden.
»Lass ... mich ... nicht allein!«, flüsterte er, und wieder
traten ihm die Augen aus den Höhlen. »Ich ... bin ent-
kommen ... muss es Dumbledore ... sagen ... warnen ... meine
Schuld ... alles meine Schuld ... Bertha ... tot ... alles meine
Schuld ... mein Sohn ... meine Schuld ... sag Dum-
bledore ... Harry Potter ... der dunkle Lord ... stärker ... Harry
Potter ...«
»Ich hol Dumbledore, wenn Sie mich loslassen, Mr
Crouch!« Er sah sich wütend nach Krum um. »Hilf mir doch
endlich!«
Krum trat mit äußerst widerwilliger Miene näher und hockte
sich neben Mr Crouch auf die Erde.
»Pass einfach auf, dass er hier liegen bleibt«, sagte Harry
und befreite sich aus Mr Crouchs Umklammerung. »Ich komm
gleich mit Dumbledore zurück.«
»Beeil dich, ja!?«, rief Krum ihm vom Waldrand aus nach,
als Harry losspurtete und über das dunkle Schlossgelände
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davonjagte. Kein Mensch war zu sehen; Bagman, Cedric und
Fleur waren verschwunden. Harry rannte die Stein-
treppe hoch, durch das eichene Portal und über die Mar-
mortreppe nach oben in den zweiten Stock.
Fünf Minuten später stürzte er auf einen steinernen Was-
serspeier in der Mitte eines verlassenen Korridors zu.
»Scherbert Zitrone!«, japste er ihm entgegen.
Dies war das Passwort für die verborgene Treppe zu
Dumbledores Büro – zumindest hatte es vor zwei Jahren noch
so gelautet. Doch offenbar war das Passwort geändert worden,
denn der steinerne Wasserspeier erwachte nicht zum Leben
und sprang auch nicht zur Seite, sondern stand nur steinern da
und sah Harry feindselig an.
»Beweg dich!«, schrie ihn Harry an. »Mach schon!«
Doch in Hogwarts hatte sich noch nie etwas bewegt, nur
weil er es angeschrien hatte; er wusste, dass es nichts nützte.
Er spähte nach links und rechts den dunklen Korridor ent-
lang. Vielleicht war Dumbledore im Lehrerzimmer? Er be-
gann, so schnell er konnte, auf die Treppe zuzurennen –
»POTTER!«
Harry geriet ins Schlittern, blieb stehen und drehte sich
um.
Aus einem verborgenen Treppenaufgang hinter dem stei-
nernem Wasserspeier war Snape herausgekommen. Wäh-
rend sich die Öffnung in der Wand hinter ihm schloss,
winkte er Harry zu sich her. »Was tust du hier, Potter?«
»Ich muss Professor Dumbledore sprechen!«, sagte Harry,
rannte auf Snape zu und bremste rutschend vor ihm ab. »Es
geht um Mr Crouch ... ich hab ihn gerade entdeckt ... er ist
im Wald ... er fragt nach –«
»Was soll der Unsinn?«, sagte Snape mit glitzernden
schwarzen Augen. »Wovon redest du überhaupt?«
»Mr Crouch!«, rief Harr. »Aus dem Ministerium! Er ist
583
krank oder so was – er ist im Wald, er will Dumbledore se-
hen! Geben Sie mir doch das Passwort nach oben –«
»Der Direktor ist beschäftigt, Potter«, sagte Snape, und sein
dünner Mund kräuselte sich zu einem gehässigen Lächeln.
»Ich muss es Dumbledore sagen!«, schrie Harry.
»Hast du mich nicht verstanden, Potter?«
Harry spürte, dass Snape es in tiefen Zügen genoss, Harry in
all seiner Panik genau das zu verweigern, was er brauchte.
»Hören Sie«, sagte Harry zornig, »Crouch geht es nicht
gut – er – ist nicht richtig beisammen – er will – vor etwas
warnen –«
Die steinerne Wand hinter Snape teilte sich. In der Öff-
nung stand Dumbledore in seinem langen grünen Umhang und
mit belustigt neugieriger Miene.
»Gibt es ein Problem?«, sagte er und sah abwechselnd
Harry und Snape an.
»Professor!«, sagte Harry und duckte sich an Snape vorbei,
bevor dieser den Mund aufmachen konnte. »Mr Crouch ist
hier – unten im Wald, er will mit Ihnen sprechen!«
Harry hätte erwartet, dass Dumbledore erst einmal Fra-
gen stellen würde, doch zu seiner Erleichterung tat er nichts
dergleichen. »Bring mich dorthin«, sagte er prompt und
rauschte hinter Harry den Korridor entlang, während Snape
am Wasserspeier stehen blieb und einen bislang unerreicht
garstigen Anblick bot.
»Was hat Mr Crouch gesagt, Harry?«, fragte Dumbledore,
während sie hastig die Marmortreppe hinunterstiegen.
»Er meinte, er wolle Sie warnen ... er habe etwas Schreck-
liches getan ... hat was von seinem Sohn gesagt ... und Bertha
Jorkins ... und – und Voldemort ... etwas von wegen
Voldemort würde stärker werden ...«
»Tatsächlich«, sagte Dumbledore und beschleunigte seine
Schritte hinaus in die rabenschwarze Nacht.
584
»Er benimmt sich ganz merkwürdig«, sagte Harry, als er
an Dumbledores Seite dahinhastete. »Er weiß offenbar
nicht, wo er ist. Ständig redet er, als ob er glauben würde,
Percy Weasley sei bei ihm, und dann macht er plötzlich
einen Gedankensprung und sagt, er müsse Sie sehen ... Ich hab
Viktor Krum bei ihm gelassen.«
»Ach ja?«, sagte Dumbledore scharf und schritt nun noch
zügiger voran, so dass Harry rennen musste, um Schritt zu
halten. »Weißt du, ob sonst noch jemand Mr Crouch gese-
hen hat?«
»Nein«, sagte Harry. »Krum und ich haben uns unterhal-
ten, Mr Bagman hatte uns gerade die dritte Aufgabe erklärt,
wir sind hinter den anderen zurückgeblieben, und dann ha-
ben wir Mr Crouch aus dem Wald kommen sehen –«
»Wo sind sie?«, sagte Dumbledore, als die Beauxbatons-
Kutsche aus der Dunkelheit auftauchte.
»Dort drüben«, sagte Harry und lief jetzt Dumbledore
voraus den Weg durch die Bäume entlang. Er konnte
Crouchs Stimme nicht mehr hören, doch er wusste, wo er
hinwollte; es war nicht weit von der Beauxbatons-Kutsche
entfernt gewesen ... irgendwo hier ...
»Viktor?«, rief Harry.
Keine Antwort.
»Sie waren hier«, sagte Harry zu Dumbledore. »Sie waren
ganz bestimmt irgendwo hier ...«
»Lumos«, sagte Dumbledore. Aus seinem Zauberstab fiel ein
Lichtstrahl und er hob ihn in die Höhe.
Der dünne Strahl wanderte über die schwarzen Baum-
stämme und erhellte den Waldboden. Und dann fiel er auf ein
Paar Füße.
Harry und Dumbledore stürzten darauf zu. Krum lag alle
viere von sich gestreckt auf dem Waldboden. Offenbar war
er bewusstlos. Von Mr Crouch war keine Spur zu sehen.
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Dumbledore beugte sich über Krum und hob sachte eines
seiner Augenlider an.
»Schockzauber«, sagte er leise. Seine Halbmondgläser
glitzerten im Licht des Zauberstabs, während er den Boden
zwischen den umstehenden Bäumen absuchte.
»Soll ich jemanden holen gehen?«, sagte Harry. »Madam
Pomfrey?«
»Nein«, sagte Dumbledore rasch. »Bleib hier.«
Er hob den Zauberstab hoch und richtete ihn mit ausge-
strecktem Arm auf Hagrids Hütte. Harry sah, wie etwas Sil-
bernes aus der Spitze hervorschoss und wie ein Geistervogel
zwischen den Bäumen hindurchflog. Dann beugte sich
Dumbledore erneut über Krum, richtete den Zauberstab auf
ihn und murmelte: »Enervate.«
Krum öffnete die Augen. Er wirkte benommen. Als er
Dumbledore erkannte, versuchte er sich aufzurichten, doch
Dumbledore legte ihm die Hand auf die Schulter und be-
deutete ihm, ruhig liegen zu bleiben.
»Er hat mich angegriffen!«, murmelte Krum und fuhr mit
der Hand zur Stirn. »Der alte Irre hat mich angegriffen! Ich
habe nur nachsehe wollen, wo Potter steckt, und da hat er
mich von hinte angegriffen!«
»Bleib noch einen Moment ruhig liegen«, sagte Dumble-
dore.
Das Geräusch donnernder Schritte drang zu ihnen he-
rüber und Hagrid trat mit Fang auf den Fersen in den Licht-
schein. Er trug seine Armbrust.
»Professor Dumbledore!«, sagte er und seine Augen wei-
teten sich. »Harry – was zum –?«
»Hagrid, ich möchte, dass du Professor Karkaroff holen
gehst«, sagte Dumbledore. »Sein Schüler wurde angegriffen.
Und danach alarmiere bitte Professor Moody –«
»Nicht nötig, Dumbledore«, ertönte ein heiseres Knur-
586
ren, »ich bin schon da.« Auf den Stock gestützt und mit
leuchtendem Zauberstab hinkte Moody auf sie zu.
»Verfluchtes Bein«, sagte er aufgebracht. »Wär sonst
schneller hier gewesen ... was ist passiert? Snape sagte was
von wegen Mr Crouch –«
»Crouch?«, sagte Hagrid verdutzt.
»Karkaroff, bitte, Hagrid!«, sagte Dumbledore scharf.
»O ja ... 'türlich, Professor ...«, sagte Hagrid, machte kehrt
und verschwand mit Fang im Schlepptau in der Dun-
kelheit.
»Ich weiß nicht, wo Barty Crouch steckt«, sagte Dumble-
dore zu Moody gewandt, »aber wir müssen ihn unbedingt
finden.«
»Bin schon unterwegs«, knurrte Moody, richtete seinen
Zauberstab auf und humpelte in den Wald hinein davon.
Weder Harry noch Dumbledore sprachen ein Wort, bis
unmissverständlich zu hören war, dass Hagrid und Fang zu-
rückkehrten. Ihnen nach hastete Karkaroff. Er trug seinen
silbrig-seidenen Pelzmantel und wirkte bleich und erregt.
»Was hat das zu bedeuten?«, rief er, als er Krum am Boden
liegen und Dumbledore und Harry neben ihm knien sah. »Was
geht hier vor?«
»Ich wurde angegriffen!«, sagte Krum, setzte sich jetzt auf
und rieb sich die Stirn. »Mr Crouch oder wie diese Mann
heißt –«
»Crouch hat dich angegriffen? Crouch hat dich angegrif-
fen? Der Trimagische Richter?«
»Igor«, setzte Dumbledore an, doch Karkaroff hatte sich
aufgerichtet und krallte, offenbar rasend vor Zorn, die Fin-
ger in seinen Pelz.
»Verrat!«, brüllte er und deutete auf Dumbledore. »Es
ist eine Verschwörung! Sie und Ihr Zaubereiminister haben
mich unter fadenscheinigen Vorwänden hierher gelockt,
587
Dumbledore! Dies ist kein fairer Wettkampf! Zuerst
schmuggeln Sie Potter in das Turnier, obwohl er zu jung ist!
Nun versucht einer Ihrer Kumpane im Ministerium, meinen
Champion zu erledigen! Ich wittere Betrug und Bestechung in
dieser ganzen Angelegenheit, und Sie, Dumbledore, Sie mit
Ihrem Gerede über engere internationale Zaubererbe-
ziehungen, über den Wiederaufbau alter Partnerschaften, über
das Begraben alter Konflikte – hier ist, was ich von Ih-
nen halte!«
Karkaroff spuckte Dumbledore vor die Füße. Mit einer
blitzschnellen Bewegung packte Hagrid Karkaroff am Pelz-
kragen, hob ihn in die Luft und schmetterte ihn gegen einen
nahen Baum.
»Entschuldige dich«, fauchte Hagrid, die massige Faust an
Karkaroffs Kehle, der mit baumelnden Füßen in der Luft hing
und nach Atem rang.
»Hagrid, hör auf!«, rief Dumbledore mit blitzenden Augen.
Hagrid zog die Hand zurück, mit der er Karkaroff gegen den
Baum gedrückt hatte, und Karkaroff rutschte am Baum-
stamm hinunter und sackte am Wurzelansatz zu einem
Häufchen zusammen; ein paar Zweige und Blätter regneten
ihm auf den Kopf.
»Sei bitte so freundlich und begleite Harry hoch zum
Schloss, Hagrid«, sagte Dumbledore scharf.
Schwer atmend versetzte Hagrid Karkaroff einen drohen-
den Blick. »Vielleicht sollte ich besser hier bleiben, Direk-
tor ...«
»Du bringst Harry zurück in die Schule, Hagrid«, wieder-
holte Dumbledore barsch. »Bring ihn gleich hoch in den
Gryffindor-Turm. Und, Harry – ich möchte, dass du dort oben
bleibst. Alles, was dir so zu tun einfällt – vielleicht die eine
oder andere Eule fortzuschicken -, kann bis morgen warten,
hast du mich verstanden?«
588
»Ähm – ja«, sagte Harry und starrte ihn an. Woher wusste
Dumbledore, dass er genau in diesem Moment daran ge-
dacht hatte, Pigwidgeon sofort zu Sirius zu schicken, um
ihm zu berichten, was geschehen war?
»Ich lass Fang bei Ihnen, Direktor«, sagte Hagrid und starrte
weiterhin drohend Karkaroff an, der noch immer am Fuß des
Baumes zusammengesunken lag, verknäuelt in sei-
nen Pelz und die Baumwurzeln.
»Hier geblieben, Fang. Komm mit, Harry.«
Sie marschierten schweigend an der Beauxbatons-Kut-
sche vorbei hinauf zum Schloss.
»Wie kann der das wagen«, knurrte Hagrid, als sie am See
entlanggingen. »Wie kann der es wagen, Dumbledore zu
beschuldigen. Als ob Dumbledore so was tun würde. Als ob
Dumbledore ausgerechnet dich im Turnier haben wollte.
Was für Sorgen er sich macht! Ich weiß nich, wann ich
Dumbledore je so besorgt gesehen hab wie in letzter Zeit.
Und du!«, sagte Hagrid plötzlich mit zorniger Stimme
zu Harry, der verdutzt zu ihm aufsah. »Was hast du da unten
zu suchen mit diesem krummen Kram? Er ist aus Durm-
strang, Harry! Hätte dir gleich da unten 'nen Zauber ver-
passen können! Haste denn nichts gelernt bei Moody!
Wenn ich mir vorstell, dass er dich allein da runtergelockt
hat –«
»Krum ist schon in Ordnung!«, sagte Harry, als sie die Stu-
fen zur Eingangshalle hochstiegen. »Er hat nicht versucht, mir
einen Zauber aufzuhalsen, er wollte nur über Hermine
sprechen –«
»Mit der werd ich auch noch 'n Wörtchen reden, da
kannst du Gift drauf nehmen«, sagte Hagrid und stapfte
grimmig die Stufen empor. »Je weniger ihr drei mit diesen
Ausländern zu tun habt, desto besser für euch. Da kann man
doch keinem von trauen.«
589
»Mit Madame Maxime bist du aber ganz gut ausgekom-
men«, sagte Harry gereizt.
»Hör mir bloß auf mit der!«, sagte Hagrid und einen Mo-
ment lang sah er durchaus bedrohlich aus. »Der'n Masche
kenn ich jetzt! Will sich nur wieder bei mir einschmeicheln
und aus mir rauskitzeln, was in der dritten Aufgabe dran-
kommt. Ha! Trau bloß keinem von denen!«
Hagrid war so schlechter Laune, dass Harry ganz froh war,
sich vor der fetten Dame von ihm verabschieden zu können. Er
kletterte durch das Porträtloch in den Gemeinschafts-
raum und eilte gleich auf die Ecke zu, in der Ron und Her-
mine saßen, um ihnen alles zu erzählen.
590
Der Traum
»Es gibt nur zwei Möglichkeiten«, sagte Hermine und rieb
sich die Stirn. »Entweder hat Mr Crouch Viktor angegriffen
oder jemand anderer hat beide aus dem Hinterhalt über-
fallen.«
»Es war sicher Crouch selbst«, warf Ron ein. »Darum war
er verschwunden, als Harry und Dumbledore hinzukamen.
Hat sich schnell aus dem Staub gemacht.«
»Das glaub ich nicht«, entgegnete Harry kopfschüttelnd.
»Mir kam er tatsächlich schwach vor – sah nicht so aus, als
hätte er disapparieren können.«
»Man kann auf dem Hogwarts-Gelände nicht disapparie-
ren, wie oft soll ich euch das denn noch erklären?«, sagte
Hermine.
»Okay ... und wie war's mit meiner Theorie«, sagte Ron
erhitzt. »Krum hat Crouch angegriffen – nein, lass mich aus-
reden – und sich dann selbst einen Schockzauber verpasst!«
»Und Mr Crouch hat sich in Luft aufgelöst, ja?«, entgeg-
nete Hermine kühl.
»Ähm, jaah ...«
Der Tag brach an. Harry, Ron und Hermine hatten sich in
aller Frühe aus ihren Schlafsälen geschlichen und waren in die
Eulerei hochgehastet, um Sirius eine Nachricht zu schi-
cken. Nun standen sie oben am Fenster und sahen hinaus auf
das nebelverhangene Land. Alle drei waren blass und hatten
geschwollene Augen, weil sie noch bis spät in die Nacht hi-
nein über die Sache mit Mr Crouch gesprochen hatten.
591
»Lass uns das Ganze noch mal durchgehen, Harry«, sagte
Hermine. »Was genau hat er gesagt?«
»Ich hab's dir doch schon erzählt, es war viel wirres Zeugs
darunter«, erwiderte Harry. »Er wollte Dumbledore vor et-
was warnen. Jedenfalls hat er von Bertha Jorkins gesprochen
und schien sie für tot zu halten. Immer wieder hat er gesagt, es
sei seine Schuld gewesen ... und seinen Sohn hat er auch
erwähnt.«
»Ja, das war allerdings wirklich seine Schuld«, sagte Her-
mine gereizt.
»Er war vollkommen durcheinander«, fuhr Harry fort. »Mir
kam's immer wieder so vor, als glaube er, seine Frau und sein
Sohn seien noch am Leben, und dauernd hat er mit einem
eingebildeten Percy geredet und ihm irgendwelche
Anweisungen für die Arbeit erteilt.«
»Und ... was hat er noch mal über Du-weißt-schon-wen
gesagt?«, fragte Ron argwöhnisch.
»Hab ich doch schon gesagt«, erwiderte Harry matt. »Er sei
stärker geworden.«
Stille trat ein.
Dann meldete sich Ron zu Wort, doch sein zuversicht-
licher Tonfall klang nicht ganz echt: »Aber du sagst doch
selbst, dass er völlig durcheinander war, und die halbe Zeit hat
er wahrscheinlich nur rumgesponnen ...«
»Er klang am klarsten, als er von Voldemort gesprochen
hat«, sagte Harry, ohne auf Rons erschrockenes Zucken zu
achten. »Sonst ist es ihm recht schwer gefallen, seine Gedan-
ken auf die Reihe zu bringen, aber bei Voldemort schien er zu
wissen, wovon er redete und was er wollte. Er sagte im-
mer wieder, er wolle Dumbledore sehen.«
Harry wandte sich vom Fenster ab und spähte hoch
ins Dachgebälk. Die Hälfte der vielen Vogelstangen war
leer; dann und wann kam eine Eule mit einer Maus im
592
Schnabel von der nächtlichen Jagd durch eines der Fenster
gesegelt.
»Wenn Snape mich nur nicht aufgehalten hätte«, sagte
Harry erbittert, »dann wären wir vielleicht noch rechtzei-
tig gekommen. > Der Direktor ist beschäftigt, Potter ... was soll
dieser Unsinn, Potter?< Warum konnte er nicht einfach ver-
duften?«
»Vielleicht wollte er gar nicht, dass du dorthin zurück-
gehst!«, sagte Ron hastig. »Vielleicht – wart mal kurz – wie
schnell, glaubst du, hätte er in den Wald kommen kön-
nen? Denkst du, er hätte es vor dir und Dumbledore ge-
schafft?«
»Nur dann, wenn er sich in eine Fledermaus verwandeln
konnte«, sagte Harry.
»Das würd ich ihm glatt zutrauen«, brummte Ron.
»Wir müssen zu Professor Moody«, schlug Hermine vor,
»und ihn fragen, ob er Mr Crouch gefunden hat.«
»Wenn er die Karte des Rumtreibers mithatte, war es si-
cher einfach«, sagte Harry.
»Oder Crouch war schon außerhalb des Geländes«, sagte
Ron, »weil sie ja nur bis zur Grenze –«
»Schhh!«, machte Hermine plötzlich.
Jemand stieg die Treppe zur Eulerei hoch. Harry konnte
zwei streitende Stimmen hören, die immer näher kamen.
»– das ist Erpressung, sag ich dir, das kann uns 'ne Menge
Ärger einbringen –«
»– wir haben es lange genug auf die nette Tour versucht,
wird allmählich Zeit, dass wir die harte Gangart einschlagen,
tut er ja auch. Es wäre ihm sicher unangenehm, wenn man im
Zaubereiministerium erfährt, was er getan hat –«
»Ich sag dir, wenn du das schreibst, ist es Erpressung!«
»Jaah, und ausgerechnet du wirst dich beklagen, wenn 'ne
hübsche Summe dabei rausspringt?«
593
Die Eulereitür schlug auf. Fred und George traten über die
Schwelle und blieben beim Anblick von Harry, Ron und
Hermine wie angewurzelt stehen.
»Was macht ihr denn hier?«, fragten Ron und Fred gleich-
zeitig.
»Post verschicken«, antworteten Harry und George wie auf
Kommando.
»Wie, so früh?«, sagten Hermine und Fred.
Fred grinste. »Schön – wir fragen euch nicht, was ihr hier zu
suchen habt, wenn ihr uns nicht fragt, was wir hier trei-
ben«, sagte er.
Er hielt einen versiegelten Umschlag in der Hand. Harry
warf einen Blick darauf, doch Fred, ob zufällig oder absicht-
lich, verschob die Hand, so dass der Namenszug nicht mehr zu
lesen war.
»Lasst euch von uns nicht aufhalten«, sagte er und deutete
mit einer übertriebenen Verbeugung zur Tür.
Ron rührte sich nicht vom Fleck. »Wen wollt ihr erpres-
sen?«, fragte er.
Das Grinsen auf Freds Gesicht erstarb. George warf Fred
einen kurzen Blick zu, dann lächelte er Ron an.
»Mach dich nicht lächerlich, ich hab nur Witze gemacht«,
sagte er gelassen.
»Klang aber gar nicht danach«, sagte Ron.
Fred und George wechselten einen Blick.
Dann sagte Fred barsch: »Ich hab's dir doch schon mal
gesagt, Ron, steck deine Nase nicht da rein, wenn du sie
hübsch findest, so wie sie ist. Weiß zwar nicht, warum das so
sein sollte, aber ...«
»Es ist auch meine Angelegenheit, wenn ihr jemanden er-
presst«, sagte Ron. »George hat Recht, ihr könntet ernsthaft
Ärger kriegen.«
»Ich hab dir doch gesagt, dass ich einen Witz gemacht
594
hab«, entgegnete George. Er ging auf Fred zu, nahm ihm den
Brief aus der Hand und band ihn an das Bein der nächst-
besten Schleiereule. »Du klingst allmählich wie unser lieber
älterer Bruder, muss ich sagen. Mach so weiter, und sie er-
nennen dich noch zum Schulsprecher.«
»Was für ein Blödsinn«, sagte Ron entrüstet.
George trug die Schleiereule hinüber zum Fenster und ließ
sie davonflattern. Dann wandte er sich grinsend zu Ron um.
»Na dann hör auf, den Leuten vorzuschreiben, was sie tun
sollen. Bis später.«
Die beiden verschwanden Harry. Ron und Hermine starrten
sich verdutzt an.
»Ihr glaubt doch nicht, dass sie etwas von alldem mitbe-
kommen haben?«, flüsterte Hermine. »Von Crouch und so
weiter?«
»Nein«, sagte Harry. »Wenn es etwas so Ernstes wäre, dann
würden sie es jemandem sagen. Zumindest Dumble-
dore.«
Ron jedoch schien sich in seiner Haut nicht recht wohl zu
fühlen.
»Was ist los mit dir?«, fragte Hermine.
»Na ja ...«, setzte Ron an, »ich bin mir da nicht so sicher.
Sie ... sie sind in letzter Zeit ganz scharf darauf, Geld zu ma-
chen, das ist mir aufgefallen, als ich öfter mit ihnen rumge-
hangen bin, – als – ihr wisst schon –«
»Als wir nicht miteinander redeten«, beendete Harry den
Satz für ihn. »Sicher, aber Erpressung ...«
»Sie haben sich diese Sache mit dem Zauberscherzladen in
den Kopf gesetzt«, sagte Ron. »Ich dachte zuerst, sie woll-
ten damit nur Mum ärgern, aber sie meinen es ernst, sie wollen
einen Laden aufmachen. Sie haben nur noch ein Jahr in
Hogwarts, ständig reden sie davon, es sei an der Zeit, über die
Zukunft nachzudenken, und dass Dad ihnen nicht hel-
595
fen könne und dass sie Gold brauchten, um überhaupt an-
fangen zu können.«
Jetzt schien sich Hermine unbehaglich zu fühlen. »Schon,
aber ... sie würden nichts Ungesetzliches tun, oder doch?«
»Oder doch?«, wiederholte Ron mit skeptischer Miene.
»Keine Ahnung ... jedenfalls haben sie keine großen Prob-
leme damit, Regeln zu verletzen.«
»Ja, aber hier geht's um das Gesetz«, sagte Hermine mit
besorgtem Blick. »Und nicht um eine alberne Vorschrift in der
Hausordnung ... bei Erpressung kommen sie mit Nach-
sitzen nicht davon! Ron ... vielleicht solltest du es Percy sagen
...«
»Bist du verrückt?«, entgegnete Ron. »Percy? Er würde
wahrscheinlich einen auf Crouch machen und sie einbuch-
ten lassen!« Er starrte zum Fenster hinaus, durch das die Eule
von Fred und George verschwunden war, dann sagte er:
»Kommt, lasst uns was frühstücken.«
»Glaubt ihr, es ist noch zu früh, um zu Professor Moody zu
gehen?«, fragte Hermine, während sie die Wendeltreppe
hinunterstiegen.
»Ja«, sagte Harry. »Wenn wir ihn im Morgengrauen we-
cken, wird er wahrscheinlich glauben, wir wollten ihn an-
greifen, und dann sprengt er uns glattweg durch die Tür.
Warten wir lieber bis zur großen Pause.«
Geschichte der Zauberei war lange nicht mehr so furcht-
bar zäh dahingeflossen. Harry sah andauernd auf Rons Uhr, da
er seine eigene nun doch weggeworfen hatte, aber Rons ging
so langsam, dass er gewettet hätte, auch die sei kaputt. Alle
drei waren dermaßen müde, dass sie am liebsten die Köpfe auf
den Tisch gelegt und geschlafen hätten; selbst Hermine
machte sich ausnahmsweise keine Notizen, son-
dern saß da, den Kopf auf die Hände gestützt, und sah Pro-
fessor Binns mit trüben Augen an.
596
Als es endlich läutete, hasteten sie hinaus in den Gang und
hinüber zum Klassenraum, in dem sie Verteidigung gegen die
dunklen Künste hatten; Moody kam gerade aus der Tür. Er sah
so müde aus, wie sie sich fühlten. Das Lid seines nor-
malen Auges hing schlaff herab und verlieh seinem Gesicht
einen noch schieferen Ausdruck als sonst.
»Professor Moody?«, rief Harry, und sie drängelten sich
durch die Scharen auf dem Korridor zu ihm hinüber.
»Hallo, Potter«, knurrte Moody. Sein magisches Auge
folgte ein paar vorbeigehenden Erstklässlern, die verängstigt
ihre Schritte beschleunigten; es kippte zurück ins Innere sei-
nes Kopfes und beobachtete, wie sie um die Ecke ver-
schwanden, bevor er wieder ein Wort sagte. »Kommt hier
rein.«
Er trat zur Seite, ließ sie in sein leeres Klassenzimmer tre-
ten, hinkte ihnen nach und schloss die Tür.
»Haben Sie ihn gefunden?«, fragte Harry ohne Um-
schweife. »Mr Crouch?«
»Nein«, sagte Moody. Er humpelte hinüber zu seinem
Tisch, setzte sich, streckte leise grunzend das Holzbein aus
und zog seinen Flachmann hervor.
»Haben Sie die Karte benutzt?«, sagte Harry.
»Natürlich«, entgegnete Moody und genehmigte sich einen
Schluck aus der Flasche. »Hab mir ein Beispiel an dir ge-
nommen, Potter. Hab sie aus meinem Büro in den Wald
gerufen. Auf der Karte war er jedenfalls nicht.«
»Also ist er tatsächlich disappariert?«, fragte Ron.
»Du kannst auf dem Gelände nicht disapparieren, Ron!«,
entgegnete Hermine. »Es gibt andere Wege, auf denen er
hätte verschwinden können, nicht wahr, Professor Moody?«
Moodys magisches Auge blieb leicht zitternd auf Her-
mine ruhen.
»Du bist auch so eine, die mal über eine Laufbahn als Au-
597
ror nachdenken sollte«, erklärte er. »Tickst genau richtig da-
für, Granger.«
Hermine lief vor Stolz rosarot an.
»Jedenfalls war er nicht unsichtbar«, sagte Harry. »Die
Karte zeigt auch Unsichtbare. Also muss er das Gelände ver-
lassen haben.«
»Aber aus eigener Kraft?«, sagte Hermine eifrig. »Oder
weil ihn jemand gezwungen hat?«
»Ja, jemand hätte – hätte ihn auf einen Besen zerren und mit
ihm fortfliegen können, oder?«, sagte Ron hastig und
sah Moody hoffnungsvoll an, ganz als ob auch er hören
wollte, dass er das Zeug zum Auroren habe.
»Auch eine Entführung können wir nicht ausschließen«,
brummte Moody.
»Und?«, fragte Ron, »vermuten Sie, dass er irgendwo in
Hogsmeade ist?«
»Könnte überall sein«, sagte Moody kopfschüttelnd. »Si-
cher wissen wir nur, dass er nicht hier ist.«
Er gähnte so ausgiebig, dass sich seine Narben spannten und
sein schräger Mund einige Zahnlücken offenbarte.
Dann sagte er: »Nun, Dumbledore meint zwar, ihr drei
spielt gern Detektive, aber für Crouch könnt ihr nichts tun.
Das Ministerium wird inzwischen nach ihm suchen, Dum-
bledore hat sie unterrichtet. Potter, du musst jetzt über die
dritte Aufgabe nachdenken.«
»Wie bitte?«, sagte Harry. »Ach ja ...«
Er hatte keinen einzigen Gedanken an den Irrgarten ver-
schwendet, seit er ihn letzte Nacht mit Krum verlassen
hatte.
»Sollte dir diesmal wirklich liegen«, sagte Moody, sah zu
Harry auf und kratzte sein vernarbtes und stoppliges Kinn.
»Dumbledore meint jedenfalls, dass du schon einschlägig
bewandert bist. Hast im ersten Schuljahr ein paar Hinder-
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nisse auf dem Weg zum Stein der Weisen abgeräumt, nicht
wahr?«
»Wir haben ihm dabei geholfen«, warf Ron hastig ein. »Ich
und Hermine haben ihm geholfen.«
Moody grinste. »Schön, wenn ihr ihm auch helft, sich auf
diese Runde vorzubereiten, dann würd's mich sehr überra-
schen, wenn er nicht gewinnt«, sagte er. »Und bis dahin ... im-
mer wachsam, Potter. Immer wachsam.« Er nahm noch einen
kräftigen Zug aus seinem Flachmann und ließ sein magisches
Auge zum Fenster hinüberschwenken. Von seinem Platz aus
war die oberste Spiere des Durmstrang-Schiffes zu sehen.
»Ihr beide« – sein normales Auge musterte Ron und Her-
mine – »ihr passt auf Potter auf, klar? Ich behalt zwar im
Auge, was hier so vorgeht, aber trotzdem ... man kann nie
genug Augen offen haben.«
Sirius schickte ihre Eule schon am nächsten Morgen zurück.
Sie flatterte vor Harry auf den Tisch, genau in dem Moment,
als ein Waldkauz mit einem Tagespropheten im Schnabel vor
Hermine landete. Sie nahm ihm die Zeitung ab, überflog die
ersten Seiten, sagte: »Ha! Sie hat nichts von Crouch erfah-
ren!«, und beugte sich dann zu Ron und Harry hinüber, die
lasen, was Sirius über die mysteriösen Ereignisse der vorletz-
ten Nacht zu sagen hatte.
Harry – wie konntest du dich darauf einlassen, mit Viktor
Krum in den Wald zu gehen? Schwöre mir bitte eulenwen-
dend, dass du mit niemandem mehr nachts spazieren gehst. In
Hogwarts ist jemand, der höchst gefährlich ist. Für mich ist
offensichtlich, dass sie nicht wollten, dass Crouch mit
Dumbledore spricht, und sie waren vermutlich nur ein paar
Meter von dir entfernt in der Dunkelheit. Sie hätten dich
umbringen können.
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Dein Name ist nicht zufällig in den Feuerkelch geraten.
Wenn dich jemand angreifen will, dann hat er jetzt seine
letzte Chance. Bleib immer in der Nähe von Ron und Her-
mine, verlass abends nicht mehr den Gryffindor-Turm und
wappne dich für die dritte Aufgabe. Übe Schockzaubern und
Entwaffnen. Ein paar Hexereien können auch nicht schaden.
In dieser Crouch-Sache kannst du nichts tun. Halt dich be-
deckt und pass auf dich auf. Ich erwarte deinen Brief mit dem
Versprechen, dass du dich nicht wieder draußen rumtreibst.
Sirius
»Ausgerechnet er will mir was erzählen von wegen draußen
rumtreiben?«, entrüstete sich Harry mild, faltete Sirius' Brief
zusammen und steckte ihn in den Umhang. »Nach all dem,
was er selbst damals in der Schule getrieben hat!«
»Er macht sich Sorgen um dich!«, sagte Hermine scharf.
»Genau wie Moody und Hagrid! Also hör auf ihn!«
»Das ganze Jahr über hat keiner versucht, mich anzugrei-
fen«, sagte Harry. »Niemand hat mir auch nur ein Haar ge-
krümmt –«
»Außer, dass jemand deinen Namen in den Feuerkelch
geworfen hat«, unterbrach ihn Hermine. »Und der oder die
müssen das aus einem bestimmten Grund getan haben, Harry.
Schnuffel hat Recht. Vielleicht haben sie nur abge-
wartet. Vielleicht ist es genau diese Runde, bei der sie dich
kriegen wollen.«
»Pass auf«, sagte Harry ungeduldig, »nehmen wir an,
Schnuffel hat Recht und jemand hat Krum einen Schocker
verpasst und Crouch entführt. Gut, dann wären sie doch
irgendwo hinter den Bäumen um uns her gewesen? Aber sie
haben gewartet, bis ich fort war, und dann erst angegriffen.
Also sieht's nicht danach aus, als ob sie es auf mich abgese-
hen hätten!«
600
»Sie hätten es nicht nach einem Unfall aussehen lassen
können, wenn sie dich im Wald ermordet hätten!«, entgeg-
nete Hermine. »Aber wenn du während einer Turnierrunde
stirbst –«
»Aber Krum haben sie doch einfach angegriffen«, sagte
Harry. »Warum haben sie mich dann nicht auch gleich weg-
geputzt? Sie hätten es zum Beispiel so aussehen lassen kön-
nen, als ob Krum und ich uns duelliert hätten.«
»Harry, ich versteh's ja auch nicht«, sagte Hermine ver-
zweifelt. »Ich weiß nur, dass eine Menge merkwürdiger Dinge
passieren, und mir gefällt das überhaupt nicht ... Moody hat
Recht – Schnuffel hat Recht – du musst endlich für die dritte
Runde trainieren, und zwar sofort. Und vergiss ja nicht,
Schnuffel zu antworten und ihm zu versprechen, dass du dich
nicht mehr alleine rumtreibst.«
Das Schlossgelände draußen wirkte immer dann unge-
heuer verlockend auf Harry, wenn er nicht rauskonnte.
Während der nächsten Tage verbrachte er seine ganze Freizeit
entweder in der Bibliothek, wo er zusammen mit Hermine und
Ron nach brauchbaren Zaubern suchte, oder in leeren
Klassenzimmern, in die sie sich schlichen, um in Ruhe zu
üben. Harry nahm sich vor allem den Schockzau-
ber vor, den er noch nie angewandt hatte. Das Problem war
nur, dass Ron und Hermine dafür gewisse Opfer bringen
mussten.
»Können wir nicht Mrs Norris kidnappen?«, schlug Ron am
Montag in der Mittagspause vor, als er mitten im Zau-
berkunstklassenzimmer flach auf dem Rücken lag, soeben
zum fünften Mal in Folge von Harry geschockt und wieder
belebt. »Schocken wir doch die mal zur Abwechslung. Oder
du könntest Dobby nehmen, Harry, ich wette, er würde alles
tun, um dir zu helfen. Ich will mich ja nicht beklagen oder
601
so« – er stand ächzend auf und rieb sich den Hintern – »aber
mir tut schon alles weh ...«
»Wenn du auch andauernd neben die Kissen fällst!«, sagte
Hermine unwirsch und warf die Kissen, die sie schon für den
Verscheuchezauber benutzt hatten, auf einen Haufen.
»Versuch doch einfach mal gerade nach hinten zu fallen!«
»Wenn du geschockt bist, geht das nicht mehr, Hermine!«,
sagte Ron wütend. »Warum probierst du es nicht selbst?«
»Ach weißt du, ich glaube, Harry hat es jetzt ohnehin raus«,
erwiderte Hermine hastig. »Und wegen Entwaffnung müssen
wir uns keine Sorgen machen, das kann er ja schon ewig ...
ich denke, heute Abend sollten wir mit ein paar von diesen
Hexereien anfangen.«
Sie überflog die Liste, die sie in der Bibliothek aufgestellt
hatten.
»Der hier gefällt mir«, sagte sie, »dieser Lähmfluch. Soll
alles verlangsamen, was dich angreifen will, Harry. Mit dem
fangen wir an.«
Die Glocke läutete. Eilends stopften sie die Kissen in Flit-
wicks Schrank zurück und schlüpften aus dem Klassen-
zimmer.
»Wir sehen uns beim Abendessen!«, sagte Hermine und
machte sich auf den Weg zu Arithmantik, während Harry und
Ron zu Wahrsagen in den Nordturm gingen. Durch die hohen
Fenster fielen breite Streifen gleißend goldenen Son-
nenlichts auf den Gang. Der Himmel war von einem leuch-
tenden, wie in Email gemalten Blau.
»In Trelawneys Zimmer wird's kochend heiß sein, die
macht ihr Feuer doch nie aus«, sagte Ron, als sie die Treppe
zur silbernen Leiter und zur Falltür hochgingen.
Er hatte völlig Recht. In dem matt erleuchteten Zimmer
herrschte brütende Hitze. Und die schwer parfümierten
Rauchschwaden aus dem Kamin machten alles noch uner-
602
fraglicher. Harry wurde ganz schwummrig im Kopf und er
ging hinüber zu einem der verhängten Fenster. Als Professor
Trelawney ihren Schal von einer Lampe abwickelte und ge-
rade nicht hinsah, öffnete er das Fenster einen Spaltbreit und
ließ sich dann in einen Chintz-Sessel sinken. Eine sanfte Brise
umspielte jetzt sein Gesicht. Es war unendlich angenehm.
»Meine Lieben«, sagte Professor Trelawney, setzte sich in
ihren geflügelten Lehnstuhl vor die Klasse und sah sie reih-
um mit ihren merkwürdig vergrößerten Augen an, »wir haben
unsere Arbeiten zur Weisheit der Planeten fast abge-
schlossen. Heute jedoch bietet sich eine exzellente Gelegen-
heit, die Wirkungen des Mars zu studieren, denn gegenwär-
tig steht er in höchst interessanter Konstellation. Wenn ihr
bitte alle hierher schauen würdet, ich dämpfe das Licht ...«
Sie schwang ihren Zauberstab und die Lampen erloschen.
Das Feuer war jetzt die einzige Lichtquelle. Professor Tre-
lawney bückte sich, langte unter ihren Stuhl und hob ein
kleines, unter einer Glaskuppel geborgenes Modell des Son-
nensystems hoch. Es war ein schönes Stück; um die neun
Planeten drehten sich schimmernde Monde, beschienen von
der feurigen Sonne, und alle wurden von unsichtbarer Hand
unter dem Glas gehalten. Harry sah träge hin, wäh-
rend Professor Trelawney erklärte, in welch faszinierendem
Winkel Mars jetzt zu Neptun stehe. Die schwer parfümier-
ten Schwaden waberten über ihn hinweg und die Brise vom
Fenster her kühlte ein wenig sein Gesicht. Irgendwo hinter
dem Vorhang hörte er ein Insekt leise summen. Seine Lider
wurden schwer ...
Er flog jetzt auf dem Rücken eines Uhus, schwebte am
klaren blauen Himmel auf ein altes, mit Efeu überwuchertes
Haus hoch oben auf einem Hügel zu. Jetzt neigten sie sich in
die Tiefe, und der Wind blies Harry angenehm ins Gesicht,
bis sie ein dunkles, kaputtes Fenster im oberen Stockwerk
603
erreichten und hineinflogen. Nun ging es einen düsteren
Korridor entlang, zu einem Zimmer ganz am Ende ... durch die
Tür, hinein in das dunkle Zimmer, dessen Fenster mit Brettern
vernagelt waren ...
Harry war vom Rücken des Uhus gestiegen ... er sah ihm
nach, wie er durch das Zimmer flatterte, auf einen Stuhl,
dessen Rückenlehne ihm zugekehrt war, und sein Bein je-
mandem entgegenstreckte ... auf dem Boden neben dem
Lehnstuhl waren zwei dunkle Gestalten zu sehen ... beide
bewegten sich ...
Die eine war eine riesige Schlange ... die andere war ein
Mann ... ein kleiner Mann mit schütterem Haar, wässrigen
Augen und spitzer Nase ... er keuchte und schluchzte auf dem
Kaminvorleger ...
»Du hast Glück gehabt, Wurmschwanz«, sagte eine kalte,
hohe Stimme aus den Tiefen des Lehnstuhls, auf dem die Eule
gelandet war. »Wirklich viel Glück. Dein dummer Feh-
ler hat nicht alles ruiniert. Er ist tot.«
»Herr!«, keuchte der Mann auf dem Boden. »Herr, ich bin
... ich bin hocherfreut ... und bedaure das sehr ...«
»Nagini«, sagte die kalte Stimme, »du hast heute kein
Glück. Ich werde dir Wurmschwanz doch nicht zum Fraß
vorwerfen ... aber reg dich nicht auf, bleib ruhig ... es gibt ja
immer noch Harry Potter ...«
Die Schlange zischelte. Harry konnte ihre Zunge flattern
sehen.
»Na, Wurmschwanz«, sagte die kalte Stimme, »vielleicht
noch eine kleine Erinnerung, warum ich nicht noch einen
Fehler deinerseits hinnehmen werde ...«
»Herr ... nein ... ich bitte Euch ...«
Aus der Kuhle des Lehnstuhls tauchte die Spitze eines
Zauberstabs auf. Sie richtete sich auf Wurmschwanz. »Cru-
cio«, sagte die kalte Stimme.
604
Wurmschwanz schrie, schrie, als ob jeder Nerv seines
Körpers brennen würde, das Schreien erfüllte Harrys Oh-
ren, und die Narbe auf seiner Stirn entflammte vor rasen-
dem Schmerz; auch Harry schrie jetzt laut ... Voldemort würde
ihn hören, würde wissen, dass er da war ...
»Harry! Harry!«
Harry öffnete die Augen. Er lag, die Hände aufs Gesicht
gepresst, auf dem Boden von Professor Trelawneys Zimmer.
Seine Narbe brannte immer noch so fürchterlich, dass ihm die
Augen tränten. Der Schmerz war kein Phantom gewe-
sen. Die ganze Klasse stand um ihn herum und Ron kniete mit
entsetztem Gesicht neben ihm.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte er.
»Natürlich nicht!«, sagte Professor Trelawney mit überaus
erregter Miene. Ihre großen Augen schwebten lauernd über
Harry. »Was war es, Potter? Eine Vorahnung? Eine Erschei-
nung? Was haben Sie gesehen?«
»Nichts«, log Harry. Er setzte sich auf. Sein Körper bebte.
Er konnte nicht anders, er musste sich einfach umdrehen und
in die Schatten hinter sich spähen; Voldemorts Stimme hatte
sich so nah angehört ...
»Sie hatten die Hand auf Ihre Narbe gepresst!«, sagte Pro-
fessor Trelawney. »Sie haben sich auf dem Boden gewälzt,
mit der Hand auf der Narbe! Kommen Sie schon, Potter, ich
habe Erfahrung mit solchen Dingen!«
Harry sah zu ihr auf.
»Ich glaube, ich muss in den Krankenflügel«, sagte er.
»Üble Kopfschmerzen.«
»Mein Lieber, Sie wurden ohne Zweifel durch die außer-
ordentlich klarsichtigen Schwingungen meines Zimmers sti-
muliert!«, sagte Professor Trelawney. »Wenn Sie jetzt gehen,
verlieren Sie vielleicht die Möglichkeit, weiter denn je in die
Zukunft zu sehen –«
605
»Ich möchte nichts weiter sehen als ein Kopfschmerzmit-
tel«, sagte Harry.
Er stand auf. Die Klasse wich zurück. Alle sahen erschüt-
tert aus.
»Bis später dann«, murmelte Harry Ron zu, nahm seine
Tasche und ging auf die Falltür zu, ohne auf Professor Tre-
lawney zu achten, die ein fürchterlich enttäuschtes Gesicht
machte, ganz als ob ihr ein richtiger Leckerbissen durch die
Lappen gegangen wäre.
Als Harry jedoch unten am Fuß der Leiter ankam, wandte er
seine Schritte nicht zum Krankenflügel. Er hatte keinen
Moment vorgehabt, dort hinzugehen. Sirius hatte ihm ge-
sagt, was er tun solle, wenn seine Narbe wieder zu schmer-
zen anfing, und Harry wollte seinem Ratschlag folgen: Er
würde geradewegs in Dumbledores Büro gehen. Während er
durch die Flure lief, überlegte er, was er soeben im Traum
gesehen hatte ... er war ebenso klar und deutlich gewesen wie
jener Traum, der ihn im Ligusterweg aus dem Schlaf ge-
rissen hatte ... noch einmal führte er sich die Einzelheiten vor
Augen, um sich später gut daran erinnern zu können ... er hatte
gehört, wie Voldemort Wurmschwanz beschul-
digte, einen dummen Fehler gemacht zu haben ... doch der
Uhu hatte gute Nachrichten gebracht, der Fehler war ausge-
merzt, jemand war tot ... deshalb sollte Wurmschwanz nicht
an die Schlange verfüttert werden ... statt seiner würde er,
Harry, ihr zum Fraß vorgeworfen ...
Gedankenversunken war Harry an dem steinernen Was-
serspeier, der den Eingang zu Dumbledores Büro bewachte,
einfach vorbeigegangen. Er blinzelte, sah sich um, erkannte,
wo er war, lief zurück und blieb vor dem Wasserspeier ste-
hen. Dann fiel ihm ein, dass er das Passwort ja gar nicht
kannte.
»Scherbert Zitrone?« Ein Versuch konnte ja nicht schaden.
606
Der Wasserspeier rührte sich nicht.
»Okay«, sagte Harry und starrte ihn an. »Birnenbrandpra-
line. Ähm – Lakritzzauberstab. Zischende Zauberdrops.
Bubbels Bester Blaskaugummi. Bertie Botts Bohnen je-
der Geschmacksrichtung ... o nein, die mag er doch nicht,
oder? ... Nun komm schon, mach einfach auf!«, sagte er wü-
tend. »Ich muss ihn unbedingt sprechen, es ist dringend.«
Der Wasserspeier ließ sich nicht erweichen.
Harry stieß mit dem Fuß dagegen, doch dafür bekam er
nichts als einen höllischen Schmerz im großen Zeh.
»Schokofrosch!«, schrie er zornig, auf einem Bein hüp-
fend. »Zuckerfederkiel! Kakerlakenschwarm!«
Der Wasserspeier erwachte zum Leben und sprang zur
Seite. Harry blinzelte. »Kakerlakenschwarm?«, sagte er ver-
dutzt. »War doch nur 'n Scherz ...«
Er hastete durch den Spalt in der Wand, der sich lautlos
hinter ihm schloss, betrat eine steinerne Wendeltreppe, die
sich langsam nach oben drehte und ihn vor eine polierte
Eichentür mit einem bronzenen Türklopfer brachte. Aus dem
Büro drangen Stimmen. Er sprang von der Treppe, zö-
gerte einen Moment und lauschte.
»Dumbledore, ich fürchte, ich kann den Zusammenhang
überhaupt nicht erkennen!« Es war die Stimme des Zaube-
reiministers, Cornelius Fudge.
»Ludo meint, Bertha wäre es durchaus zuzutrauen, dass sie
sich verirrt. Zugegeben, wir hatten gehofft, sie zwischen-
zeitlich zu finden, und dennoch haben wir keinen Beweis für
irgendein faules Spiel, Dumbledore, nicht den gerings-
ten. Von wegen, ihr Verschwinden hinge mit dem von Barty
Crouch zusammen!«
»Und was, glauben Sie, ist mit Barty Crouch passiert, Mi-
nister?«, ertönte Moodys knurrende Stimme.
»Ich sehe da zwei Möglichkeiten, Alastor«, sagte Fudge.
607
»Entweder ist Crouch, wenn man seine persönliche Ge-
schichte bedenkt, jetzt vollkommen übergeschnappt – hat sich
geistig umnachtet vom Acker gemacht und treibt sich
irgendwo rum –«
»In diesem Fall hat er sich sehr schnell vom Acker ge-
macht, Cornelius«, sagte Dumbledore ruhig.
»Oder aber – nun ...« Fudge klang verlegen. »Ich will nicht
urteilen, bevor ich nicht die Stelle gesehen habe, an der er
gefunden wurde, aber Sie sagen, es war nicht weit von der
Beauxbatons-Kutsche? Dumbledore, wissen Sie, was diese
Frau ist?«
»Ich halte sie für eine sehr fähige Schulleiterin – und eine
exzellente Tänzerin«, sagte Dumbledore leise.
»Dumbledore, nun kommen Sie!«, sagte Fudge aufge-
bracht. »Meinen Sie nicht, Sie sehen sie wegen Hagrid durch
eine rosarote Brille? Die erweisen sich nicht alle als harm-
los – wenn Sie Hagrid überhaupt als harmlos bezeichnen
können, mit seinem ganzen Monsterfimmel –«
»Ich verdächtige Madame Maxime genauso wenig wie
Hagrid«, sagte Dumbledore weiterhin gelassen. »Ich denke, es
ist möglich, dass Sie da Vorurteile haben, Cornelius.«
»Können wir diese Diskussion nun vielleicht beenden?«,
knurrte Moody.
»Ja, ja, gehen wir also runter aufs Gelände«, sagte Fudge
ungeduldig.
»Nein, das meinte ich nicht«, sagte Moody, »ich wollte nur
bemerken, dass Potter Sie sprechen will, Dumbledore. Er steht
vor der Tür.«
608
Das Denkarium
Die Bürotür öffnete sich.
»Hallo, Potter«, sagte Moody. »Na, dann komm mal rein.«
Harry trat ein. Schon einmal war er in Dumbledores Büro
gewesen; es war ein schönes, kreisrundes Zimmer, ringsum
behangen mit Bildern ehemaliger Schulleiter, Männer und
Frauen, allesamt tief schlafend.
Cornelius Fudge stand neben Dumbledores Schreibtisch, er
trug den üblichen Nadelstreifenumhang und hielt seinen
limonengrünen Bowler in der Hand.
»Harry!«, sagte Fudge und trat mit einladender Geste auf
ihn zu. »Wie geht es dir?«
»Gut«, log Harry.
»Wir sprachen eben über die Nacht, in der Mr Crouch auf
dem Schlossgelände aufgetaucht ist«, sagte Fudge. »Du hast
ihn doch entdeckt?«
»Ja«, sagte Harry. Dann beschloss er, es sei zwecklos so zu
tun, als ob er ihr Gespräch nicht mitgehört hatte, und fügte
hinzu: »Aber Madame Maxime habe ich nirgends gesehen,
und für sie wäre es sicher nicht so einfach gewesen, sich zu
verstecken?«
Hinter Fudges Rücken lächelte ihm Dumbledore mit fun-
kelnden Augen zu.
»Nun, wie dem auch sei«, meinte Fudge mit verlegener
Miene, »wir wollten eben aufbrechen und uns die Stelle mal
ansehen ... vielleicht gehst du einfach in den Unterricht
zurück –«
609
»Ich wollte mit Ihnen sprechen, Professor«, wandte sich
Harry rasch zu Dumbledore, der ihm einen kurzen, for-
schenden Blick zuwarf.
»Warte hier auf mich, Harry«, sagte er. »Unsere kleine Ex-
pedition wird nicht lange dauern.«
Wortlos gingen sie an ihm vorbei aus dem Zimmer und
schlössen die Tür. Nach gut einer Minute erstarb das Klop-
fen von Moodys Holzbein unten im Korridor. Harry sah sich
um.
»Hallo, Fawkes«, sagte er.
Fawkes, Professor Dumbledores Phönix, hockte auf sei-
ner goldenen Stange neben der Tür. Der Vogel von der Größe
eines Schwans, mit herrlich scharlachrotem und gol-
denem Gefieder, raschelte mit seinem langen Schweif und
blinzelte Harry freundlich an.
Harry setzte sich auf einen Stuhl vor Dumbledores
Schreibtisch. Einige Minuten lang hockte er da, sah den ehe-
maligen Schulleitern beim Schlummern zu, dachte über das
eben Gehörte nach und betastete mit dem Finger seine Narbe.
Sie schmerzte jetzt nicht mehr.
Hier in diesem Büro, mit der Aussicht, Dumbledore gleich
von dem Traum erzählen zu können, fühlte Harry sich schon
viel ruhiger. Er ließ den Blick über die Wand hin-
ter dem Schreibtisch wandern. Der Sprechende Hut, zer-
schlissen und geflickt, lag auf einem Wandbord. Neben ihm
stand eine Glasvitrine mit einem prachtvollen silbernen
Schwert, in dessen Griff große Rubine eingelassen waren, und
Harry erkannte, dass es das Schwert war, das er selbst im
zweiten Jahr aus dem Sprechenden Hut gezogen hatte. Einst
hatte es Godric Gryffindor gehört, dem Begründer des Hau-
ses, zu dem Harry gehörte. Er ließ den Blick darauf ruhen und
erinnerte sich gerade lebhaft, wie es ihm damals, als er schon
alle Hoffnung aufgegeben hatte, zu Hilfe gekommen
610
war, da bemerkte er einen silbrig schimmernden Lichtfleck,
der auf dem Glas der Vitrine tanzte. Er wandte den Kopf und
sah, dass aus einem schwarzen Schrank, dessen Tür nicht ganz
geschlossen war, ein schmaler Streifen Licht he-
rausfiel. Harry zögerte, warf Fawkes einen Blick zu, stand
auf, ging hinüber und zog die Schranktür auf.
Im Schrank stand eine flache steinerne Schale mit merk-
würdigen Gravuren entlang des Rands; Runen und Sym-
bole, die Harry nicht entziffern konnte. Das silbrige Licht kam
aus dem Inneren der Schale und stammte von etwas,
das Harry noch nie gesehen hatte. Er konnte nicht erken-
nen, ob die Substanz eine Flüssigkeit oder ein Gas war.
Sie war hell, silbrig weiß, und bewegte sich unablässig;
ihre Oberfläche kräuselte sich wie Wasser, über das ein
Wind streicht, dann wiederum teilte sie sich auf in sanft
wirbelnde Wolken. Es war wie flüssiges Licht oder wie
Wind, der greifbare Gestalt angenommen hatte – Harry
war ratlos.
Er wollte die Substanz berühren, herausfinden, wie sie
sich anfühlte, doch nach fast vier Jahren Erfahrung mit der
magischen Welt wusste er, dass es sehr dumm wäre, einfach
die Hand in eine Schale mit einer unbekannten Substanz zu
tauchen. Daher zog er den Zauberstab aus dem Umhang,
ließ den Blick nervös durch das Büro huschen, wandte sich
erneut der Schale zu und rührte ihren Inhalt ganz kurz mit
der Spitze des Zauberstabs um. An der Oberfläche der silb-
rigen Substanz begann es sehr schnell zu wirbeln.
Harry beugte sich tiefer über die Schale und steckte mit
dem Kopf bereits mitten im Schrank. Die silbrige Substanz
war durchsichtig geworden; sie wirkte wie Glas. Er sah von
oben in sie hinein und erwartete den steinernen Boden der
Schale zu sehen – doch stattdessen erblickte er unter der
Oberfläche der geheimnisvollen Substanz einen riesigen
611
Raum, in den er wie durch ein rundes Fenster in der Decke
hinuntersehen konnte.
Der Raum war schwach erleuchtet; vielleicht war er sogar
unterirdisch, denn es gab keine Fenster, nur Fackeln an den
Mauern, wie er sie schon von Hogwarts kannte. Er bückte sich
noch tiefer, so dass seine Nase nur noch wenige Zenti-
meter von der glasigen Substanz entfernt war, und nun sah er,
dass an den Wänden entlang Sitzbänke errichtet waren, die
sich stufenweise nach oben zogen und bis auf den letzten Platz
besetzt waren mit Hexen und Zauberern. Genau in der Mitte
des Raumes stand ein leerer Stuhl. Etwas an diesem Stuhl
erweckte eine dunkle Vorahnung in ihm. An den Armlehnen
hingen Ketten, als ob man die dort Sitzenden an den Stuhl zu
fesseln pflegte. Wo befand sich dieser Ort? Si-
cher nicht in Hogwarts; einen solchen Raum hatte er im
Schloss noch nicht gesehen. Zudem gab es in diesem ge-
heimnisvollen Saal nur Erwachsene, und Harry wusste, dass es
nicht annähernd so viele Lehrer in Hogwarts gab. Sie scheinen
auf etwas zu warten, überlegte er; zwar konnte er von oben
nur auf ihre Spitzhüte sehen, doch sie alle blickten offenbar in
eine Richtung und sprachen nicht miteinander.
Da die Schale rund war und der Raum, den Harry be-
obachtete, quadratisch, konnte er nicht erkennen, was in den
Ecken passierte. Doch er wollte noch mehr sehen und neigte
den Kopf noch tiefer ...
Seine Nasenspitze berührte die seltsame Substanz, in die er
geblickt hatte. Dumbledores Büro tat einen übermäch-
tigen Ruck – Harry warf es nach vorn und er stürzte kopf-
über in die Substanz der Schale –
Doch sein Kopf schlug nicht auf dem steinernen Boden auf.
Er fiel durch etwas Eiskaltes und Schwarzes; es war, als würde
er in einen dunklen Malstrom gesogen –
Und plötzlich saß er auf einer Bank an der Mauer des
612
Raumes in der Schale, einer Bank hoch über den anderen. Er
blickte zur steinernen Decke auf und erwartete, dort das runde
Fenster zu sehen, durch das er eben gespäht hatte, doch da war
nichts als dunkler, fester Stein.
Schwer und schnell atmend blickte sich Harry um. Keine
einzige Hexe, kein Zauberer in diesem Raum achtete auf ihn
(und es waren mindestens zweihundert von ihnen da).
Niemand schien bemerkt zu haben, dass ein vierzehnjähri-
ger Junge soeben von der Decke herunter in ihre Mitte ge-
fallen war. Harry wandte sich dem Zauberer zu, der neben ihm
auf der Bank saß, und stieß vor Überraschung einen lauten
Schrei aus, der in dem stillen Raum widerhallte.
Ihm zur Seite saß Albus Dumbledore.
»Professor!«, sagte Harry mit einer Art ersticktem Flüs-
tern. »Verzeihung – das war keine Absicht – ich wollte mir
nur diese Schale in Ihrem Schrank ansehen – ich – wo sind
wir?«
Doch Dumbledore rührte sich nicht und sagte kein Wort.
Er achtete überhaupt nicht auf Harry. Wie alle anderen Zau-
berer auf den Bänken schaute er in die gegenüberliegende
Ecke des Raumes, wo eine Tür war.
Harry starrte Dumbledore verdutzt an, ließ den Blick über
die schweigend und gespannt wartende Menge schwei-
fen und wandte sich erneut Dumbledore zu. Und dann fiel es
ihm wie Schuppen von den Augen ...
Schon einmal hatte Harry sich an einem Ort befunden, an
dem ihn niemand sehen oder hören konnte. Damals war er
durch die Blätter eines verzauberten Taschenkalenders ge-
fallen, mitten hinein in das Gedächtnis eines Anderen ... und
wenn er sich nicht sehr irrte, war etwas Ähnliches auch jetzt
geschehen ...
Harry hob die rechte Hand, zögerte kurz und wedelte dann
energisch vor Dumbledores Gesicht hin und her.
613
Dumbledore rührte sich nicht, zuckte nicht einmal mit der
Wimper. Damit war für Harry die Sache klar. Er war im In-
nern eines Gedächtnisses, und dies war nicht der Dumble-
dore der Gegenwart. Doch allzu lange konnte es nicht her sein
... der Dumbledore, der jetzt neben ihm saß, hatte sil-
bernes Haar, genau wie der heutige Dumbledore. Doch was
war dies für ein Ort? Worauf warteten all diese Zauberer?
Harry sah sich jetzt etwas aufmerksamer um. Es war, wie er
von oben aus schon vermutet hatte, fast sicher ein unterir-
discher Raum – eine Art Kerker, befand er. Der Ort hatte et-
was Düsteres, ja Bedrohliches an sich; an den Wänden hingen
keine Bilder, es gab überhaupt keinen Schmuck; nur diese
dicht geschlossenen Bankreihen, die sich an den Wänden des
Raums emporzogen, so dass alle Zuschauer ungehinderten
Blick auf den Stuhl mit den Ketten an den Armlehnen hatten.
Harry überlegte noch, wozu dieser Raum dienen sollte, als
er Schritte hörte. Die Tür in der Ecke des Kerkers öffnete sich
und drei Gestalten traten ein – genau gesagt ein Mann,
flankiert von zwei Dementoren.
Harrys Eingeweide gefroren. Die Dementoren, große Ge-
stalten mit Kapuzen, die ihre Gesichter verhüllten, glitten
langsam auf den Stuhl in der Mitte zu. Sie hatten mit ihren
verwesenden und modrigen Händen die Arme des Mannes
gepackt. Der Mann in ihrer Mitte machte den Eindruck, als
würde er gleich ohnmächtig werden, und Harry konnte es
durchaus nachfühlen ... er wusste, dass ihm die Dementoren
im Innern eines Gedächtnisses nichts anhaben konnten, doch
er erinnerte sich nur zu gut an ihre Kräfte. Ein leises
Schaudern lief durch die Zuschauerreihen, während die De-
mentoren den Mann zu dem Kettenstuhl führten und dann
hinausglitten. Die Tür schwang hinter ihnen zu.
Harry sah hinunter auf den Mann, der jetzt auf dem Stuhl
saß, und erkannte Karkaroff.
614
Im Gegensatz zu Dumbledore sah Karkaroff hier viel jün-
ger aus; Haare und Ziegenbart waren schwarz. Er hatte kei-
nen glattseidenen Pelz an, sondern einen dünnen und schä-
bigen Umhang. Er zitterte am ganzen Leib. Noch während ihn
Harry beobachtete, erglühten die Ketten an den Arm-
lehnen plötzlich golden, schlangen sich an seinen Armen hoch
und zurrten sie fest.
»Igor Karkaroff«, sagte eine barsche Stimme links von
Harry. Harry wandte sich um und sah, wie sich in der Mitte
seiner Sitzbank Mr Crouch erhob. Crouchs Haar war dunkel,
sein Gesicht hatte viel weniger Falten, er wirkte kräftig und
wachsam. »Sie wurden aus Askaban hierher gebracht, um vor
dem Zaubereiministerium auszusagen. Sie gaben uns zu ver-
stehen, dass Sie wichtige Informationen für uns hätten.«
Karkaroff, fest an den Stuhl gebunden, richtete sich, so gut
er konnte, auf.
»Das habe ich, Sir«, sagte er, und obwohl seine Stimme
ängstlich klang, hörte Harry den vertrauten öligen Ton he-
raus. »Ich möchte dem Ministerium dienlich sein. Ich will
helfen. Ich – ich weiß, dass das Ministerium versucht – auch
noch die letzten Anhänger des dunklen Lords zu stellen. Ich
werde alles tun, um dabei zu helfen ...«
Von den Bänken kam Gemurmel. Einige der Zauberer und
Hexen musterten Karkaroff gespannt, andere offen miss-
trauisch. Dann hörte Harry von der anderen Seite Dumble-
dores her ganz deutlich eine vertraute knurrende Stimme:
»Dreck.«
Harry beugte sich vor und wandte den Kopf. Dort, rechts
neben Dumbledore, saß Mad-Eye Moody – mit einem ge-
waltigen Unterschied zu dem Moody, den er kannte. Dieser
Moody hatte kein magisches Auge, sondern zwei normale.
Beide sahen hinab auf Karkaroff, und beide waren, von glü-
hendem Abscheu erfüllt, zu Schlitzen verengt.
615
»Crouch wird ihn laufen lassen«, flüsterte er Dumbledore
zu. »Hat sich auf einen Tauschhandel mit ihm eingelassen.
Sechs Monate hab ich gebraucht, bis ich ihn endlich in die
Finger bekommen hab, und Crouch lässt ihn einfach laufen,
wenn er genug neue Namen von ihm kriegt. Nehmen wir
seine Informationen, würd ich sagen, und werfen ihn gleich
wieder den Dementoren vor.«
Aus Dumbledores langer Adlernase kam ein leises, miss-
billigendes Schnauben.
»Ach ja, hab ich ganz vergessen ... du magst ja diese De-
mentoren nicht, Albus?«, sagte Moody mit maskenhaftem
Lächeln.
»Nein«, sagte Dumbledore leise, »ich fürchte, nein. Ich war
schon immer der Meinung, das Ministerium sollte mit diesen
Kreaturen nicht gemeinsame Sache machen ...«
»Aber bei Dreckskerlen wie diesem hier ...«, sagte Moody
leise.
»Sie sagen, Sie hätten Namen für uns, Karkaroff«, meldete
sich jetzt wieder Mr Crouch. »Bitte, wir hören.«
»Sie müssen verstehen«, sagte Karkaroff hastig, »dass er,
dessen Name nicht genannt werden darf, immer unter
strengster Geheimhaltung gearbeitet hat ... er zog es vor, dass
wir – das heißt seine Anhänger – und ich bedaure heute
zutiefst, dass ich mich je zu ihnen zählte –«
»Raus mit der Sprache«, höhnte Moody.
»– wir wussten nie die Namen all unserer Gefährten – nur er
wusste genau, wer alles dazugehörte –«
»Ein durchaus kluger Schachzug, nicht wahr, Karkaroff,
damit ein Kerl wie du sie nicht alle verpfeifen kann«, mur-
melte Moody.
»Und doch behaupten Sie, Sie hätten ein paar Namen für
uns?«, sagte Mr Crouch.
»Ja – das habe ich«, erwiderte Karkaroff atemlos. »Und
616
das waren, beachten Sie, wichtige Gefolgsleute. Leute, die ich
mit eigenen Augen seinen Willen habe ausführen sehen. Ich
gebe diese Namen preis zum Zeichen, dass ich ihm ganz und
gar abschwöre und so tief bereue, dass ich kaum –«
»Diese Namen lauten?«, sagte Mr Crouch scharf.
Karkaroff holte tief Luft.
»Einer war Antonin Dolohow«, sagte er. »Ich – ich sah ihn
unzählige Muggel foltern und – und Gegner des dunklen
Lords.«
»Und hast ihm dabei geholfen«, brummte Moody.
»Wir haben Dolohow bereits gefasst«, sagte Crouch. »Er
wurde kurz nach Ihnen aufgegriffen.«
»Tatsächlich?«, sagte Karkaroff und seine Augen weiteten
sich. »Es – es freut mich, dies zu hören.«
Doch er sah nicht danach aus. Harry spürte, dass diese
Neuigkeit Karkaroff einen schweren Schlag versetzt hatte.
Einer seiner Namen war wertlos geworden.
»Weitere Namen?«, fragte Crouch kalt.
»Natürlich, ja ... da war Rosier«, sagte Karkaroff hastig.
»Evan Rosier.«
»Rosier ist tot«, sagte Crouch. »Auch er wurde kurz nach
Ihnen gefasst. Er zog es vor zu kämpfen, statt ruhig mitzu-
kommen, und wurde im Kampf getötet.«
»Hat dabei aber noch ein Stück von mir mitgenommen«,
flüsterte Moody.
Harry wandte sich zu ihm um und sah, wie er Dumble-
dore das große Loch in seiner Nase zeigte.
»Das – das hat er auch verdient!«, sagte Karkaroff mit
einem deutlichen Anflug von Panik in der Stimme. Harry sah,
dass er sich allmählich Sorgen machte, ob überhaupt eine
seiner Informationen dem Ministerium nützen würde.
Karkaroffs Augen huschten zur Tür an der Ecke, hinter der
zweifellos noch die Dementoren lauerten.
617
»Weitere Namen?«, sagte Crouch.
»Ja!«, stieß Karkaroff hervor. »Da war Travers – er half
mit, die McKinnons zu ermorden! Mulciber – er war auf
den Imperius-Fluch spezialisiert und hat zahllose Leute ge-
zwungen, schreckliche Dinge zu tun! Rookwood, ein Spion,
hat dem Unnennbaren nützliche Informationen aus dem in-
neren Kreis des Ministeriums geliefert!«
Harry spürte, dass Karkaroff diesmal auf eine Goldader
gestoßen war. Die Zuschauer fingen an zu tuscheln.
»Rookwood?«, fragte Mr Crouch mit einem Kopfnicken
zu einer vor ihm sitzenden Hexe, die auf ihr Pergamentblatt
zu kritzeln begann. »Augustus Rookwood von der Myste-
riumsabteilung?«
»Ja, genau der«, sagte Karkaroff beflissen. »Ich glaube,
er nutzte ein Netz gut platzierter Zauberer innerhalb wie
außerhalb des Ministeriums, um wichtige Informationen zu
sammeln –«
»Aber Travers und Mulciber haben wir«, sagte Mr Crouch.
»Nun gut, Karkaroff, wenn das alles ist, werden Sie nach
Askaban zurückgebracht, während wir entscheiden –«
»Noch nicht!«, schrie Karkaroff in heller Verzweiflung.
»Warten Sie, ich habe noch mehr!«
Harry sah ihn im Licht der Fackeln schwitzen, die weiße
Haut scharf abgehoben gegen das Schwarz von Haar und
Bart.
»Snape!«, rief er. »Severus Snape!«
»Snape wurde vor diesem Rat bereits entlastet«, sagte
Crouch kühl. »Albus Dumbledore hat sich für ihn ver-
bürgt.«
»Nein!«, rief Karkaroff und zerrte an den Ketten, die ihn an
den Stuhl fesselten. »Ich versichere Ihnen, Severus Snape
ist ein Todesser!«
Dumbledore hatte sich erhoben. »Ich habe in dieser An-
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gelegenheit bereits ausgesagt«, erklärte er ruhig. »Severus
Snape war in der Tat ein Todesser, doch er hat sich schon vor
Lord Voldemorts Sturz wieder unseren Reihen angeschlos-
sen und als Spion für uns gearbeitet, unter größter Gefahr für
sein eigenes Leben. Er ist heute genauso wenig ein Tod-
esser, wie ich es bin.«
Harry wandte den Kopf Mad-Eye Moody zu. Da saß er,
hinter Dumbledores Rücken, und machte ein Gesicht, in dem
tiefe Zweifel geschrieben standen.
»Nun gut, Karkaroff«, sagte Crouch kühl, »Sie waren hilf-
reich. Ich werde Ihren Fall noch einmal prüfen. In der Zwi-
schenzeit werden Sie nach Askaban verbracht ...«
Mr Crouchs Stimme erstarb. Harry sah sich um; der Ker-
ker löste sich auf, als wäre er aus Rauch; alles verblasste, er
konnte nur noch seinen eigenen Körper sehen, alles andere
waren wirbelnde Schatten ...
Und dann kehrte der Kerker zurück. Harry saß auf einem
anderen Platz; noch immer auf der höchsten Bank, doch jetzt
links von Mr Crouch. Die Stimmung war ganz anders;
entspannt, fast fröhlich. Die hier versammelten Hexen und
Zauberer unterhielten sich miteinander, als wären sie bei einer
Sportveranstaltung. Eine Hexe auf halber Höhe gegen-
über fing Harrys Blick auf. Sie hatte kurzes blondes Haar,
trug einen magentaroten Umhang und nuckelte an der Spitze
eines giftgrünen Federkiels. Es war, unverkennbar, die
jüngere Rita Kimmkorn. Harry sah sich um; wieder saß
Dumbledore neben ihm, diesmal in einem anderen Um-
hang. Mr Crouch wirkte müder, auch irgendwie grimmiger
und hagerer ... Harry begriff. Es war eine andere Erinne-
rung, ein anderer Tag ... ein anderer Prozess.
Die Tür in der Ecke öffnete sich und Ludo Bagman schritt
herein.
Dies war jedoch nicht der ein wenig aus dem Leim gegan-
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gene Ludo Bagman, sondern ein Bagman, der offensichtlich
auf der Höhe seiner Kraft als Quidditch-Spieler war. Seine
Nase war noch nicht gebrochen; er war groß, schlank und
muskulös. Bagman wirkte nervös, als er sich auf den Ketten-
stuhl setzte, doch der Stuhl fesselte ihn nicht wie zuvor Kar-
karoff, und Bagman, dadurch vielleicht ermutigt, ließ den
Blick über die Zuschauermenge schweifen, winkte einigen
von ihnen und schaffte sogar den Anflug eines Lächelns.
»Ludo Bagman, Sie sind hier vor dem Rat für das Magi-
sche Gesetz, um sich zu Anschuldigungen im Zusammen-
hang mit den Umtrieben von Todessern zu äußern«, sagte Mr
Crouch. »Wir haben gehört, was gegen Sie vorliegt, und
kommen nun zum Urteil. Haben Sie Ihrer Aussage noch etwas
hinzuzufügen, bevor wir das Urteil verkünden?«
Harry traute seinen Ohren nicht. Ludo Bagman, ein
Todesser?
»Nur«, sagte Bagman verlegen lächelnd, »nur – dass mir
klar ist, dass ich ein ziemlicher Dummkopf war –«
Einige Zauberer und Hexen auf den umliegenden Plätzen
lächelten nachsichtig. Mr Crouch schien ihre Gefühle nicht zu
teilen. Er starrte mit einem Ausdruck größter Abneigung und
Strenge auf Ludo Bagman hinunter.
»Da sagst du mal ein wahres Wort, Bursche.« Jemand hin-
ter Harry hatte das in trockenem Ton Dumbledore zuge-
murmelt. Harry drehte sich um, und wieder war es Moody, der
da auf der Bank saß. »Wenn ich nicht gewusst hätte, dass er
noch nie 'ne große Leuchte war, hätt ich gesagt, dass diese
Klatscher sein Hirn dauerhaft in Mitleidenschaft gezogen
haben ...«
»Ludo Bagman, Sie wurden dabei ertappt, wie Sie Infor-
mationen an die Gefolgsleute Lord Voldemorts weiterga-
ben«, sagte Mr Crouch. »Dafür beantrage ich eine Haftstrafe
in Askaban von nicht weniger als –«
620
Doch von den Bänken im Umkreis kam ein zorniger Auf-
schrei. Einige der Hexen und Zauberer, die an der Mauer sa-
ßen, standen auf, sahen Mr Crouch kopfschüttelnd an und
drohten sogar mit Fäusten.
»Aber ich hab Ihnen doch schon gesagt, ich hatte keine
Ahnung!«, rief Bagman mit ernster Miene über das Ge-
tuschel der Menge hinweg. Ȇberhaupt keine! Der alte
Rookwood war ein Freund meines Dads ... ich hätte mir
nie träumen lassen, dass er mit Du-weißt-schon-wem un-
ter einer Decke steckte! Ich dachte, er würde Informatio-
nen für unsere Seite sammeln. Und Rookwood hat ständig
davon geredet, er wolle mir später eine Stelle im Ministe-
rium besorgen ... wenn meine Quidditch-Karriere been-
det ist, wissen Sie ... ich meine, ich kann mich doch nicht
für den Rest meiner Tage von Klatschern beballern lassen,
oder?«
Einige Zuschauer kicherten verhalten.
»Ich lasse darüber abstimmen«, sagte Mr Crouch kalt. Er
wandte sich an eine Gruppe, die an der rechten Seite des
Verlieses saß. »Ich bitte die Jury um Handzeichen ... wer ist
für eine Haftstrafe ...?«
Harry wandte den Blick nach rechts. Keine einzige Hand
hob sich. Viele Hexen und Zauberer ringsum begannen zu
klatschen. Eine der Hexen aus der Jury erhob sich.
»Ja?«, bellte Crouch.
»Wir möchten die Gelegenheit nutzen und Mr Bagman zu
seiner glänzenden Leistung für England im Quidditch-Spiel
gegen die Türkei letzten Samstag gratulieren«, sagte die Hexe
atemlos.
Mr Crouch schien wütend. Donnernder Beifall erschüt-
terte den Kerker. Bagman stand auf und verbeugte sich mit
strahlendem Lächeln.
»Ungeheuerlich«, fauchte Mr Crouch Dumbledore zu
621
und setzte sich, während Bagman hinausging. »Rookwood
wollte ihm tatsächlich eine Stelle bei uns besorgen ... der Tag,
an dem Ludo Bagman kommt, wird ein sehr trauriger Tag für
das Ministerium sein ...«
Und wieder löste sich der Kerker auf. Nach einer Weile
festigte er sich, und Harry sah sich um. Er und Dumbledore
saßen immer noch neben Mr Crouch, doch die Stimmung
konnte nicht gegensätzlicher sein. Es herrschte vollkom-
mene Stille, unterbrochen einzig vom trockenen Schluch-
zen einer verhärmten und abgemagerten Hexe, die neben Mr
Crouch saß. Mit zitternden Händen presste sie ein Ta-
schentuch an die Lippen. Harry sah zu Mr Crouch auf, der
noch hagerer und grauer als zuvor wirkte. Auf seiner Schläfe
zuckte ein Nerv.
»Bringt sie rein«, sagte er, und seine Stimme hallte in dem
stillen Kerker wider.
Die Tür in der Ecke öffnete sich. Diesmal kamen sechs
Dementoren herein, die vier Menschen mit sich führten. Harry
fiel auf, dass die Zuschauer sich umdrehten und Mr Crouch
verstohlene Blicke zuwarfen. Einige flüsterten jetzt
miteinander.
Die Dementoren führten die vier in die Mitte des Ker-
kers, wo für jeden ein Stuhl mit kettenbewehrten Armleh-
nen bereitstand. Einer der Gefangenen war ein untersetzter
Mann, der mit leerem Blick zu Mr Crouch hochstarrte; ein
anderer, schlanker und fahriger wirkend, ließ den Blick über
die Menge huschen; eine Frau mit dichtem, glänzend schwar-
zem Haar und dunkel umschatteten Augen saß auf ihrem
Kettenstuhl, als wäre er ein Thron; und schließlich war da ein
Junge, noch keine zwanzig Jahre alt, dessen Miene buch-
stäblich versteinert war. Zitternd saß er da, Strähnen von
strohblondem Haar im sommersprossigen, milchig weißen
Gesicht. Die schmächtige kleine Hexe neben Crouch be-
622
gann auf ihrem Platz vor- und zurückzuwippen und in ihr
Taschentuch zu wimmern.
Crouch stand auf. Er sah auf die vier vor ihm hinunter und
in seinem Gesicht stand der blanke Hass.
»Sie wurden hierher vor den Rat für das Magische Gesetz
gebracht«, sagte er mit klarer Stimme, »damit wir Sie für ein
Verbrechen verurteilen, so abscheulich ...«
»Vater«, sagte der Junge mit dem strohblonden Haar. »Va-
ter ... bitte ...«
»– so abscheulich, wie wir es in den Mauern dieses Ge-
richts selten zu Ohren bekommen ...«, sagte Crouch mit er-
hobener Stimme, die die seines Sohnes erstickte. »Wir ha-
ben gehört, welche Beweise gegen Sie vorliegen. Sie sind
angeklagt, einen Auroren – Frank Longbottom – überwäl-
tigt und ihn dem Cruciatus-Fluch unterworfen zu haben, weil
Sie glaubten, er kenne den Aufenthaltsort Ihres geflo-
henen Herrn, dessen Name nicht genannt werden darf–«
»Vater, ich war es nicht!«, schrie der Junge in Ketten. »Ich
war es nicht, ich schwöre es, Vater, schick mich nicht zu den
Dementoren zurück –«
»Sie sind weiterhin angeklagt«, bellte Mr Crouch, »den
Cruciatus-Fluch gegen Frank Longbottoms Frau gerichtet zu
haben, weil er selbst nichts preisgegeben hatte. Sie hatten die
Absicht, ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, wieder
an die Macht zu verhelfen und die Welt erneut mit Gewalt zu
überziehen, wie Sie es vermutlich schon taten, als er noch
stark war –«
»Mutter!«, schrie der Junge, und die verhärmte kleine Hexe
neben Crouch begann zu schluchzen und heftig mit dem
Oberkörper zu wippen. »Mutter, sag ihm, er soll auf-
hören, Mutter, ich hab es nicht getan, ich war es nicht!«
»Ich fordere nun die Mitglieder der Jury auf«, rief Mr
Crouch, »die Hand zu heben, wenn sie mit mir der Mei-
623
nung sind, dass für diese Verbrechen eine lebenslängliche
Strafe in Askaban angemessen ist.«
Die Hexen und Zauberer an der rechten Seite des Kerkers
hoben einstimmig die Hände. Die Zuschauer auf den Bän-
ken begannen zu klatschen, wie sie es schon für Bagman
getan hatten, doch diesmal waren ihre Gesichter erfüllt
von zorniger Genugtuung. Wieder begann der Junge zu
schreien.
»Nein! Mutter, nein! Ich hab es nicht getan, ich war nicht
dabei, ich wusste es nicht! Schick mich nicht dorthin, lass es
nicht zu!«
Die Dementoren glitten herein. Die drei Mitangeklag-
ten des Jungen erhoben sich schweigend von ihren Stühlen;
die Frau mit den schweren, dunklen Augenlidern sah zu
Crouch auf und rief: »Der dunkle Lord wird wiederkom-
men, Crouch! Begrab uns ruhig in Askaban, wir werden
warten! Er wird wieder aufsteigen und uns von dort erlösen, er
wird uns fürstlicher belohnen als alle seine anderen An-
hänger! Wir allein waren ihm treu! Wir allein haben ver-
sucht, ihn zu finden!«
Der Junge allerdings versuchte die Dementoren abzu-
wehren, doch Harry sah, wie ihre kalte, Leben aussaugende
Kraft ihn allmählich erlahmen ließ. Die Menge jubelte,
manche Zuschauer waren aufgesprungen, und während die
Frau rasch aus dem Kerker gegangen war, wehrte sich der
Junge immer noch verbissen.
»Ich bin dein Sohn!«, schrie er zu Crouch hoch. »Ich bin
dein Sohn!«
»Du bist nicht mein Sohn!«, bellte Crouch, und seine Augen
traten plötzlich hervor. »Ich habe keinen Sohn!«
Die verhärmte Hexe neben ihm schluchzte laut auf und
brach auf ihrem Platz zusammen. Sie war ohnmächtig. Crouch
schien es nicht bemerkt zu haben.
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»Bringt sie fort!«, donnerte Crouch den Dementoren ent-
gegen, und Speicheltropfen flogen ihm aus dem Mund.
»Bringt sie fort und lasst sie dort verrotten!«
»Vater! Vater, ich war nicht dabei! Nein! Nein! Vater,
bitte!«
»Ich denke, Harry, es ist Zeit, in mein Büro zurückzukeh-
ren«, sagte eine ruhige Stimme in Harrys Ohr.
Harry zuckte zusammen. Er wandte sich zur einen Seite um.
Dann zur anderen Seite.
Zu seiner Rechten saß ein Albus Dumbledore, der be-
obachtete, wie die Dementoren Crouchs Sohn mit sich fort-
zerrten – und zu seiner Linken saß ein Albus Dumbledore, der
ihm direkt in die Augen sah.
»Komm mit«, sagte dieser Dumbledore und schob die Hand
unter Harrys Ellbogen. Harry hatte das Gefühl, in die Luft zu
steigen; der Kerker um ihn her löste sich auf; einen Moment
lang herrschte vollkommene Schwärze, dann kam es ihm vor,
als hätte er einen Salto in Zeitlupe gemacht, und er landete
plötzlich glatt auf den Füßen, mitten in Dumble-
dores Büro, im gleißenden Licht der Sonne, die durch die
Fenster schien. Sein Blick fiel auf die steinerne Schale im
Schrank und neben ihm stand Albus Dumbledore.
»Professor«, keuchte Harry, »ich weiß, ich hätte nicht -ich
wollte eigentlich nicht – die Schranktür war sozusagen offen
und –«
»Ich verstehe vollkommen«, sagte Dumbledore. Er hob die
Schale hoch, trug sie zu seinem Schreibtisch, stellte sie auf
die polierte Tischplatte und setzte sich auf seinen Stuhl. Mit
einer Handbewegung forderte er Harry auf, ihm gegen-
über Platz zu nehmen.
Harry setzte sich, ohne die steinerne Schale aus den Au-
gen zu lassen. Ihr Inhalt war jetzt wieder silbrig weiß und
begann unter seinem Blick zu wirbeln und sich zu kräuseln.
625
»Was ist das?«, fragte Harry zitternd.
»Das? Man nennt es ein Denkarium«, sagte Dumbledore.
»Mir kommt es manchmal so vor, und sicher kennst du das
Gefühl, dass mein Kopf einfach mit zu vielen Gedanken und
Erinnerungen voll gestopft ist.«
»Ähm«, sagte Harry, der nicht aufrichtig sagen konnte, dass
er sich je so gefühlt hätte.
»Dann ist es an der Zeit für mich«, sagte Dumbledore und
deutete auf die Steinschale, »das Denkarium zu benutzen.
Man saugt einfach die überschüssigen Gedanken aus seinem
Kopf, versenkt sie in der Schale und schaut sie sich je nach
Laune wieder an. Es wird dann leichter, Muster und Ver-
knüpfungen zu erkennen, wenn sie in dieser Gestalt aufbe-
wahrt sind, verstehst du.«
»Sie meinen ... dieses Zeug hier, das sind Ihre Gedan-
ken?«, fragte Harry und starrte auf die wirbelnde weiße Sub-
stanz in der Schale.
»Natürlich«, sagte Dumbledore. »Ich zeig's dir.«
Er zog den Zauberstab aus dem Umhang und legte dessen
Spitze an seinen silbernen Haarschopf nahe der Schläfe. Als er
den Zauberstab wegzog, schienen seine Haare daran zu kleben
– doch dann sah Harry, dass es in Wahrheit ein glit-
zernder Faden ebenjener merkwürdigen, silbrig weißen
Substanz im Denkarium war. Dumbledore fügte seinen
frischen Gedanken der Schale hinzu, und Harry sah ver-
blüfft sein eigenes Gesicht auf der Oberfläche der Substanz
schwimmen.
Dumbledore legte seine schlanken Hände zu beiden Sei-
ten auf die Schale und versetzte ihr einen kleinen Dreh, ein
wenig wie ein Goldgräber, der in seiner Wasserschüssel nach
Goldklümpchen sucht ... und Harry sah, wie sein Gesicht
ganz sanft in das von Snape überging, der den Mund öffnete
und zur Decke sprach, mit leise widerhallender Stimme. »Es
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kommt zurück ... das von Karkaroff auch ... stärker und
deutlicher denn je ...«
»Ein Zusammenhang, auf den ich auch ohne Hilfe hätte
kommen können«, seufzte Dumbledore, »aber sei's drum.« Er
sah Harry über seine Halbmondgläser hinweg an, der wie-
derum mit offenem Mund Snapes Gesicht anstarrte, das im-
mer noch in der Schale umherwirbelte. »Ich hatte das Denka-
rium gerade benutzt, als Mr Fudge zu unserer Besprechung
eintraf, und es dann recht hastig weggestellt. Zweifellos habe
ich die Schranktür nicht richtig zugemacht. Kein Wunder, dass
es dann deine Aufmerksamkeit angezogen hat.«
»Tut mir Leid«, murmelte Harry.
Dumbledore schüttelte den Kopf.
»Neugier ist keine Sünde«, sagte er. »Aber wir sollten sie
mit Umsicht walten lassen ... ja, in der Tat ...«
Die Stirn in sanfte Falten gelegt, rührte er mit der Spitze
seines Zauberstabs die Gedanken in der Schale ein wenig
durch. Nicht lange, und eine Gestalt erhob sich daraus, die
eines plumpen, missmutig blickenden Mädchens um die
sechzehn. Die Füße noch in der Schale, begann sie sich lang-
sam zu drehen. Von Harry oder Professor Dumbledore nahm
sie keinerlei Notiz. Nun sprach sie, und ihre Stimme hallte wie
die Snapes im Raum wider, als ob sie aus der Tiefe eines
steinernen Beckens dringen würde. »Er hat mich ver-
hext, Professor Dumbledore, und ich wollte ihn doch nur ein
wenig ärgern, Sir, ich hab doch nur gesagt, ich hätte ihn
letzten Donnerstag gesehen, wie er mit Florence hinter den
Gewächshäusern geknutscht hat ...«
»Aber warum, Bertha«, sagte Dumbledore traurig und sah
zu dem sich still um sich selbst drehenden Mädchen hoch,
»warum musstest du ihm überhaupt nachschleichen?«
»Bertha?«, flüsterte Harry und sah zu ihr auf. »Ist das -war
das Bertha Jorkins?«
627
»Ja«, sagte Dumbledore und rührte noch einmal durch die
Gedanken in der Schale; Bertha versank in ihnen und sie
wurden erneut silbern und undurchsichtig. »Das war die
Bertha, wie sie mir als Schülerin in Erinnerung ist.«
Das Silberlicht aus dem Denkarium erhellte Dumble-
dores Gesicht, und plötzlich fiel Harry auf, wie alt er aussah.
Er wusste natürlich, dass Dumbledore allmählich in die Jahre
kam, doch irgendwie hatte er sich ihn nie als alten Mann
vorgestellt.
»Nun, Harry«, sagte Dumbledore leise. »Bevor du dich in
meinen Gedanken verloren hast, wolltest du mir etwas sa-
gen.«
»Ja«, sagte Harry. »Professor – ich war vorhin in Wahr-
sagen und – ähm – bin da eingeschlafen.«
Er zögerte, unsicher, ob Dumbledore ihn tadeln würde, doch
Dumbledore sagte nur: »Durchaus verständlich. Erzähl
weiter.«
»Ich hatte einen Traum«, sagte Harry. »Einen Traum von
Lord Voldemort. Er hat Wurmschwanz gefoltert ... Sie ken-
nen Wurmschwanz –«
»Ja, allerdings«, antwortete Dumbledore rasch. »Bitte fahr
fort.«
»Eine Eule hatte Voldemort einen Brief überbracht. Er sagte
etwas von wegen, Wurmschwanz' Fehler sei ausge-
merzt. Jemand sei tot. Und er würde Wurmschwanz nicht der
Schlange zum Fraß vorwerfen – da war eine Schlange neben
seinem Stuhl. Er sagte – er sagte, er würde mich an seiner
Stelle an die Schlange verfüttern. Dann hat er Wurm-
schwanz den Cruciatus-Fluch aufgehalst – und meine Narbe
hat plötzlich geschmerzt. Das hat mich aufgeweckt, es tat so
übel weh.«
Dumbledore sah ihn wortlos an.
»Hmmh – das ist alles«, sagte Harry.
628
»Verstehe«, sagte Dumbledore leise. »Verstehe. Nun, hat
deine Narbe noch öfter wehgetan, außer jetzt und letztem
Sommer?«
»Nein, ich – woher wissen Sie, dass sie mich letzten Som-
mer geweckt hat?«, fragte Harry verblüfft.
»Du bist nicht der Einzige, dem Sirius Briefe schreibt«,
sagte Dumbledore. »Auch ich stehe mit ihm in Verbin-
dung, seit er letztes Jahr Hogwarts verlassen hat. Ich war es,
der die Berghöhle als sichersten Ort für ihn vorgeschlagen
hat.«
Dumbledore stand auf und begann hinter seinem Schreib-
tisch auf und ab zu gehen. Hin und wieder berührte er mit der
Spitze des Zauberstabs seine Schläfe, zog einen silbrig
leuchtenden Gedanken heraus und fügte ihn dem Denka-rium
hinzu. Die Gedanken in der Schale begannen so schnell zu
wirbeln, dass Harry nichts klar erkennen konnte; es war nur
noch ein Strudel verschwommener Farben.
»Professor?«, sagte er nach ein paar Minuten.
Dumbledore blieb stehen und sah Harry an.
»Entschuldige bitte«, murmelte er leise. Er setzte sich wie-
der an seinen Schreibtisch.
»Wissen – wissen Sie, warum meine Narbe schmerzt?«
Dumbledore sah Harry einen Moment durchdringend an,
dann sagte er: »Ich habe eine Theorie, nicht mehr ... Ich bin
der Auffassung, deine Narbe schmerzt sowohl, wenn Lord
Voldemort in deiner Nähe ist, als auch, wenn ihn eine be-
sonders starke Woge des Hasses überkommt.«
»Aber ... warum?«
»Weil du und er durch den Fluch, der gescheitert ist, mit-
einander verbunden seid«, sagte Dumbledore. »Das ist keine
gewöhnliche Narbe.«
»Also glauben Sie ... dieser Traum ... ist es wirklich ge-
schehen?«
629
»Durchaus möglich«, sagte Dumbledore. »Ich würde sa-
gen – wahrscheinlich. Harry – hast du Voldemort gesehen?«
»Nein«, sagte Harry. »Nur die Stuhllehne. Aber – da wäre
doch gar nichts zu sehen, oder? Ich meine, er hat doch kei-
nen Körper? Aber ... aber wie sonst hätte er dann den Zau-
berstab halten können?«, sagte Harry langsam.
»Ja, wie sonst?«, murmelte Dumbledore. »Wie sonst ...«
Eine ganze Weile sagten weder Dumbledore noch Harry ein
Wort. Dumbledore starrte auf die Wand gegenüber, legte hin
und wieder seinen Zauberstab an die Schläfe und fügte dem
Denkarium einen weiteren silbrig glänzenden Gedanken
hinzu.
»Professor«, sagte Harry schließlich, »glauben Sie, dass er
stärker wird?«
»Voldemort?«, fragte Dumbledore und sah Harry über das
Denkarium hinweg an. Es war der typische, durchdringende
Blick, mit dem ihn Dumbledore schon einige Male angese-
hen hatte, und bei dem Harry immer das Gefühl hatte, er
würde ihn auf eine Weise durchschauen, wie es selbst Moo-
dys magisches Auge nicht vermochte. »Noch einmal, Harry,
ich kann dir nur sagen, was ich vermute.«
Dumbledore seufzte erneut und sah jetzt älter und müder
aus denn je.
»Während der Jahre, in denen Voldemorts Macht immer
größer wurde«, sagte er, »sind immer wieder Menschen ver-
schwunden. Bertha Jorkins ist dort spurlos verschwunden, wo
Voldemort mit Sicherheit zum letzten Mal war. Auch Mr
Crouch ist verschwunden ... und das auch noch auf unserem
Gelände. Und jemand Drittes ist verschwunden, ein Fall, den
das Ministerium, wie ich leider sagen muss, für unwich-
tig hält, denn es geht um einen Muggel. Sein Name war Frank
Bryce, er lebte in dem Dorf, in dem Voldemorts Vater
aufwuchs, und er wurde seit August letzten Jahres nicht
630
mehr gesehen. Du siehst, ich lese die Muggelzeitungen, im
Gegensatz zu den meisten unserer Freunde im Ministe-
rium.«
Dumbledore sah Harry mit sehr ernster Miene an. »Diese
Fälle von verschwundenen Personen scheinen miteinander in
Verbindung zu stehen. Das Ministerium ist da anderer
Meinung – wie du vielleicht gehört hast, als du draußen vor
dem Büro gewartet hast.«
Harry nickte. Wieder verfielen beide in Schweigen und
Dumbledore zog sich gelegentlich einen Gedanken aus dem
Kopf. Harry hatte das Gefühl, es sei Zeit für ihn zu gehen,
doch seine Neugier hielt ihn auf dem Stuhl.
»Professor?«, sagte er erneut.
»Ja, Harry?«, sagte Dumbledore.
»Ähm ... könnte ich Sie etwas zu dieser ... dieser Ge-
richtsverhandlung fragen, bei der ich war ... im Denka-
rium?«
»Ja, du könntest«, erwiderte Dumbledore mit träger
Stimme. »Ich war oft im Gericht, aber manche Prozesse sind
mir viel deutlicher in Erinnerung als andere ... besonders
jetzt ...«
»Sie wissen – Sie wissen, in welchem Prozess Sie mich ge-
funden haben? Dem mit Crouchs Sohn? Da wurde über Ne-
villes Eltern gesprochen ...«
Dumbledore versetzte Harry einen sehr scharfen Blick.
»Hat Neville dir nie gesagt, warum er bei seiner Groß-
mutter aufgewachsen ist?«, sagte er.
Harry schüttelte den Kopf und fragte sich im gleichen
Moment, warum er Neville in den ganzen vier Jahren, die er
ihn nun kannte, nie gefragt hatte.
»Ja, es ging um Nevilles Eltern«, sagte Dumbledore. »Sein
Vater, Frank Longbottom, war ein Auror wie Professor
Moody. Er und seine Frau wurden gefoltert, wie du gehört
631
hast, um ihnen abzupressen, wo sich Voldemort nach seinem
Sturz aufhielt.«
»Also sind sie tot?«, sagte Harry leise.
»Nein«, erwiderte Dumbledore, und seine Stimme war
erfüllt von einer Bitterkeit, wie sie Harry von ihm nicht
kannte. »Sie sind geistig zerrüttet. Beide sind im St.-Mungo-
Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen. Ich
glaube, Neville besucht sie immer während der Ferien zu-
sammen mit seiner Großmutter. Sie erkennen ihn nicht.«
Harry erstarrte vor Entsetzen. Er hatte keine Ahnung ge-
habt ... in den ganzen vier Jahren hatte er Neville nicht ein-
mal danach gefragt ...
»Die Longbottoms waren sehr beliebt«, sagte Dumble-
dore. »Die Angriffe gegen sie kamen erst nach dem Sturz
Voldemorts, als alle dachten, sie wären sicher. Diese Atta-
cken haben eine Welle des Zorns ausgelöst, wie ich sie noch
nie erlebt hatte. Das Ministerium stand unter großem Druck,
die Täter zu fassen. Leider waren die Aussagen der
Longbottoms – angesichts ihres Zustands – nicht besonders
zuverlässig.«
»Dann war Mr Crouchs Sohn vielleicht tatsächlich nicht
dabei?«, fragte Harry langsam.
Dumbledore schüttelte den Kopf. »Was das betrifft, habe ich
keine Ahnung.«
Harry verstummte und betrachtete eine Weile die wir-
belnde Substanz im Denkarium. Da waren noch zwei Fra-
gen, die ihm auf der Zunge brannten ... doch sie drehten sich
um die Schuld Lebender ...
»Ähm«, sagte er, »Mr Bagman ...«
»... wurde seither nie mehr irgendwelcher schwarzer
Umtriebe beschuldigt«, antwortete Dumbledore leise.
»Gut«, sagte Harry eilig und starrte erneut auf den Wirbel
im Denkarium, der sich jetzt verlangsamt hatte, da Dumble-
632
dore keine Gedanken mehr hinzufügte. »Und ... ähm ...
und ...«
Doch das Denkarium schien die Frage an seiner statt zu
stellen. Snapes Gesicht schwamm erneut auf der Oberflä-
che. Dumbledore sah darauf hinab und dann hoch zu Harry.
»Und auch Professor Snape nicht«, sagte er.
Harry sah in Dumbledores hellblaue Augen, und das, was
ihm wirklich auf der Zunge lag, sprudelte aus seinem Mund,
bevor er wusste, was geschah. »Was, Professor, hat Sie davon
überzeugt, dass er kein Anhänger Voldemorts mehr ist?«
Dumbledore hielt Harrys Blick für einige Sekunden, dann
sagte er: »Das, Harry, ist eine Angelegenheit zwischen Pro-
fessor Snape und mir.«
Harry wusste, dass das Gespräch zu Ende war; Dumble-
dore schien zwar nicht verärgert, doch es war etwas Ab-
schließendes in seinem Tonfall, das Harry sagte, dass es Zeit
war zu gehen. Er stand auf und auch Dumbledore erhob sich.
»Harry«, sagte er, als Harry die Tür erreicht hatte. »Bitte
sprich mit niemand anderem über Nevilles Eltern. Er hat das
Recht, es den Leuten selbst zu sagen, sobald er dazu bereit
ist.«
»Ja, Professor«, sagte Harry und wandte sich zum Gehen.
»Und –«
Harry blickte zurück.
Dumbledore stand über das Denkarium gebeugt, und sein
Gesicht, von unten durch die silbrigen Lichtstrahlen erhellt,
wirkte nun noch älter. Er sah Harry einen Moment lang an,
dann sagte er: »Viel Glück bei der dritten Aufgabe.«
633
Die dritte Aufgabe
»Sogar Dumbledore glaubt, dass Du-weißt-schon-wer stär-
ker wird?«, flüsterte Ron.
Alles, was Harry im Denkarium gesehen, beinahe alles, was
ihm Dumbledore gesagt und schließlich gezeigt hatte, hatte er
inzwischen Ron und Hermine erzählt – und kaum war er aus
Dumbledores Büro gekommen, hatte er auch Sirius eine Eule
geschickt. Die drei saßen an diesem Abend wieder einmal bis
tief in die Nacht im Gemeinschaftsraum und gingen alles noch
einmal durch, bis Harry der Kopf zu schwirren begann und er
verstand, was Dumbledore gemeint hatte, als er sagte, ein
Kopf könne so überfüllt sein, dass es eine Erleichterung wäre,
die Gedanken einfach abzusaugen.
Ron starrte ins Kaminfeuer. Harry glaubte ihn leicht zit-
tern zu sehen, obwohl es ein warmer Abend war.
»Und er vertraut Snape?«, fragte Ron. »Er vertraut Snape
tatsächlich, obwohl er weiß, dass er ein Todesser war?«
»Ja«, erwiderte Harry.
Hermine hatte seit zehn Minuten kein Wort mehr gesagt. Sie
saß da, die Hände an die Stirn gepresst, und starrte auf ihre
Knie. Auch sie sieht aus, als könnte sie ein Denkarium ganz
gut gebrauchen, dachte Harry.
»Rita Kimmkorn«, murmelte sie schließlich vor sich hin.
»Wie kannst du dich ausgerechnet jetzt über die aufre-
gen?«, sagte Ron verdutzt.
»Ich reg mich nicht über sie auf«, sagte Hermine zu ihren
Knien. »Ich überleg nur ... wisst ihr noch, was sie mir in den
634
Drei Besen gesagt hat? > Ich weiß Dinge über Ludo Bagman, da
würden dir die Haare zu Berge stehen. < Jetzt wissen wir, was sie
gemeint hat, oder? Sie hat damals über seinen Prozess
berichtet, sie weiß, dass er Informationen an die Todesser
weitergegeben hat. Und Winky auch ... erinnert euch ...
> MrBagman ist ein böserZauberer. < Mr Crouch hat es sicher ra-
send gemacht, dass Bagman davonkam, und hat dann zu
Hause von ihm gesprochen.«
»Stimmt schon, aber Bagman hat die Informationen doch
nicht absichtlich weitergegeben?«
Hermine zuckte die Achseln.
»Und Fudge vermutet, Madame Maxime hätte Crouch
angegriffen?«, sagte Ron und wandte sich erneut Harry zu.
»Ja«, entgegnete Harry, »aber das sagt er nur, weil Crouch
in der Nähe der Beauxbatons-Kutsche verschwunden ist.«
»An sie haben wir noch gar nicht gedacht«, sagte Ron
langsam. Ȇberlegt mal, sie hat eindeutig Riesen-Blut und will
es nicht zugeben –«
»Natürlich nicht«, erwiderte Hermine scharf und hob den
Kopf. »Sieh dir doch an, was Hagrid passiert ist, als Rita raus-
fand, wer seine Mutter ist. Und überleg mal, wie schnell
Fudge Madame Maxime verdächtigt, nur weil sie etwas von
einer Riesin hat. Wer braucht diese Vorurteile? Wahrschein-
lich würd ich selbst behaupten, ich hätte große Knochen, wenn
ich wüsste, was ich mir einhandle, wenn ich die Wahr-
heit sage.«
Hermine sah auf die Uhr.
»Wir haben noch nicht trainiert!«, setzte sie erschrocken
hinzu. »Wir wollten doch den Lähmzauber üben! Morgen
müssen wir aber wirklich ran! Ins Bett, Harry, du brauchst
deinen Schlaf.«
Harry und Ron gingen langsam nach oben in den Schlaf-
saal. Während Harry seinen Pyjama anzog, warf er einen
635
Blick hinüber zu Nevilles Bett. Wie Dumbledore verspro-
chen, hatte er Ron und Hermine nichts von Nevilles Eltern
erzählt. Er nahm die Brille ab und stieg ins Bett. Während er
dalag, fragt er sich, wie er sich fühlen würde, wenn seine El-
tern noch leben würden, ihn jedoch nicht erkennen könn-
ten. Er erntete häufig Mitgefühl von Fremden, weil er eine
Waise war, doch während er Nevilles Schnarchen lauschte,
überlegte er, dass Neville dieses Mitgefühl eher verdient hätte
als er. Wie er so dalag in der Dunkelheit, spürte er plötzlich
Zorn und Hass in sich aufsteigen gegen jene, die Mr und Mrs
Longbottom gefoltert hatten ... er erinnerte sich, wie die
Menge gejubelt hatte, als Crouchs Sohn und seine Gefährten
von den Dementoren aus dem Gericht ge-
zerrt wurden ... er konnte es ihnen nachfühlen ... und dann
erinnerte er sich an das milchig weiße Gesicht des schreien-
den Jungen und mit jähem Schreck fiel ihm ein, dass dieser
Junge ein Jahr später gestorben war ...
Es war Voldemort, dachte Harry und starrte durch die Dun-
kelheit auf den Baldachin seines Bettes; hinter alldem steckte
Voldemort ... er war es, der diese Familien auseinander geris-
sen hatte, er war es, der all diese Leben zerstört hatte ...
Ron und Hermine hätten eigentlich für ihre Prüfungen ler-
nen sollen – die letzten standen am Tag der dritten Runde an -,
doch den größten Teil ihrer Kräfte verwandten sie da-
rauf, Harry bei der Vorbereitung für die letzte Aufgabe zu
helfen.
»Mach dir deswegen keine Gedanken«, sagte Hermine
brüsk, als Harry sie darauf ansprach und meinte, er könne
durchaus mal eine Weile für sich allein üben. »Wenigstens
kriegen wir dann Spitzennoten in Verteidigung gegen die
dunklen Künste, im Unterricht hätten wir nie so viel über diese
Hexereien rausgefunden.«
636
»Gutes Training für später, wenn wir mal alle Auroren
sind«, sagte Ron begeistert und erprobte den Lähmzauber an
einer Wespe, die ins Zimmer gesummt war und nun mit-
ten in der Luft erstarrte.
In den ersten Junitagen breitete sich erneut eine ge-
spannte und erregte Stimmung im Schloss aus. Alle freuten
sich auf die dritte Runde, die eine Woche vor Ende des
Schuljahrs stattfinden würde. Harry übte in jedem freien
Augenblick magische Verwünschungen. Vor dieser dritten
Runde fühlte er sich zuversichtlicher als vor den ersten bei-
den Aufgaben. Zwar würde sie mit Sicherheit gefährlich und
schwierig sein, doch Moody hatte Recht: Harry hatte es schon
einige Male zuvor mit monströsen Geschöpfen und
verzauberten Hindernissen aufgenommen, und diesmal war er
zumindest vorgewarnt und hatte eine Chance, sich für das
Kommende zu wappnen.
Professor McGonagall war es leid, die drei andauernd in den
Fluren üben zu sehen, und erlaubte es Harry, über die
Mittagszeit das leere Verwandlungs-Klassenzimmer zu be-
nutzen. Harry hatte den Lähmzauber bald im Griff, ein Fluch,
der Angreifer behinderte und erlahmen ließ, außer-
dem den Reduktor-Fluch, mit dem er feste Gegenstände aus
dem Weg schießen konnte, und schließlich, eine nützliche
Entdeckung Hermines, den Vier-Punkte-Zauber, der seinen
Zauberstab nach Norden ausrichtete und es ihm ermög-
lichen würde zu prüfen, ob er im Irrgarten in die richtige
Richtung ging. Einige Schwierigkeiten hatte er jedoch im-
mer noch mit dem Schild-Zauber. Er sollte vorübergehend
eine unsichtbare Mauer um ihn hochziehen, die schwächere
Flüche abprallen ließ; Hermine schaffte es, die Mauer mit
einem gut gezielten Wabbelbein-Fluch bersten zu lassen. Zehn
Minuten lang eierte Harry durchs Zimmer, bis sie end-
lich einen Gegenfluch nachgeschlagen hatte.
637
»Läuft trotzdem ganz gut bei dir«, ermutigte ihn Her-
mine, blickte auf ihre Liste und strich die Zauber durch, die
sie schon gelernt hatten. »Ein paar von denen sind sicher ganz
nützlich.«
»Kommt und seht euch das an«, sagte Ron vom Fenster her.
Er schaute hinunter aufs Gelände. »Was treibt Malfoy denn
da?«
Harry und Hermine traten zu Ron und sahen hinunter.
Malfoy, Crabbe und Goyle standen unten im Schatten eines
Baumes. Crabbe und Goyle schienen nach etwas Ausschau zu
halten; beide feixten. Malfoy redete hinter vorgehaltener Hand
mit ihnen.
»Sieht aus, als würde er ein Handy benutzen«, sagte Harry
neugierig.
»Unmöglich«, entgegnete Hermine, »ich hab dir doch ge-
sagt, diese Dinger funktionieren in und um Hogwarts nicht.
Nun komm schon, Harry«, fügte sie ungeduldig hinzu, wandte
sich vom Fenster ab und ging zurück in die Mitte des
Zimmers, »probieren wir mal diesen Schild-Zauber.«
Sirius schickte inzwischen täglich eine Eule. Wie Hermine
schien er seine Kräfte ganz darauf verwenden zu wollen,
Harry heil durch die letzte Runde zu bringen, alles andere
konnte warten. In jedem Brief ermahnte er Harry, alles, was
außerhalb der Mauern von Hogwarts vor sich gehe, brauche
ihn nicht zu beschäftigen, und schon gar nicht liege es in sei-
ner Macht, diese Dinge zu beeinflussen. Er schrieb Harry:
Wenn Voldemort wirklich wieder stärker wird, dann ist es
mir am wichtigsten, für deine Sicherheit zu sorgen. Er kann
nicht hoffen, dich in die Hände zu kriegen, während du
unter Dumbledores Schutz stehst, und dennoch, riskiere
nichts: Konzentriere dich darauf, sicher durch dieses Laby-
638
rinth zu kommen, dann erst können wir unsere Aufmerk-
samkeit anderen Dingen zuwenden.
Der vierundzwanzigste Juni rückte immer näher, und Har-
rys Nerven spannten sich allmählich, doch sie flatterten nicht
so schlimm wie vor der ersten und zweiten Aufgabe.
Zum einen hatte er das gute Gefühl, diesmal wirklich alles in
seinen Kräften Stehende getan zu haben, um sich auf die
Aufgabe vorzubereiten. Zum anderen war dies die letzte
Hürde, und wie gut oder schlecht er auch immer abschnei-
den mochte, das Turnier würde endlich vorbei sein, und das
allein schon war eine gewaltige Erleichterung.
Am Morgen der dritten Runde war das Frühstück am Gryf-
findor-Tisch eine recht lärmige Angelegenheit. Die Post-
eulen erschienen und brachten Harry eine Karte mit den besten
Wünschen von Sirius. Es war nur ein Stück Perga-
ment, zusammengefaltet und mit einer schlammigen Hun-
depfote gestempelt, doch Harry freute sich gleichwohl da-
rüber. Eine Schleiereule ließ sich vor Hermine nieder, wie
üblich mit der morgendlichen Ausgabe des Tagespropheten.
Hermine entrollte die Zeitung, warf einen Blick auf die
Titelseite und spritzte einen Mund voll Kürbissaft darüber.
»Was ist los?«, fragten Harry und Ron gleichzeitig und
starrten sie an.
»Nichts«, sagte Hermine rasch und versuchte das Blatt un-
ter ihren Umhang zu stecken, doch Ron schnappte es ihr aus
den Fingern.
Er starrte auf die Schlagzeile und sagte: »Nicht zu fassen.
Ausgerechnet heute. Diese blöde Kuh.«
»Wie?«, sagte Harry. »Schon wieder Rita Kimmkorn?«
»Nein«, entgegnete Ron, und genau wie Hermine wollte er
die Zeitung verschwinden lassen.
639
»Es geht um mich, ja?«, sagte Harry.
»Nein«, sagte Ron in keineswegs überzeugendem Ton.
Doch bevor Harry energisch verlangen konnte, das Blatt zu
sehen, rief Draco Malfoy vom Slytherin-Tisch her durch die
Große Halle:
»Hey, Potter! Potter! Wie geht's deinem Kopf? Noch alle
Tassen im Schrank? Oder gehst du gleich auf uns los wie ein
Berserker?«
Malfoy hielt den Tagespropheten hoch. Die Slytherins am
ganzen Tisch begannen zu kichern und wandten die Köpfe,
um zu sehen, wie Harry reagieren würde.
»Lass mich sehen«, sagte Harry zu Ron. »Gib her.«
Höchst widerwillig reichte ihm Ron die Zeitung. Harry
drehte sie um und sah in sein eigenes Gesicht, und darüber las
er die Schlagzeile:
Harry Potter »gestört und gefahrlich«
Der Junge, der den Unnennbaren besiegte, ist labil und mög-
licherweise gefährlich. Beunruhigende Tatsachen über Harry
Potters seltsames Verhalten sind jetzt ans Licht gekommen,
und sie wecken Zweifel, ob er geeignet ist, an einem kräfte-
zehrenden Wettkampf wie dem Trimagischen Turnier teil-
zunehmen oder auch nur die Hogwarts-Schule zu besuchen.
Wie der Tagesprophet heute exklusiv enthüllen kann, bricht
Potter in der Schule des Öfteren zusammen und klagt häufig
über Schmerzen, die ihm seine Stirnnarbe bereitet (Über-
bleibsel des Fluches, mit dem Du-weißt-schon-wer ver-
suchte ihn zu töten). Letzten Montag, mitten im Wahrsage-
unterricht, wurde Ihr Tagesprophet-Reporter Zeuge, wie Potter
aus dem Klassenzimmer stürzte und behauptete, er habe so
heftige Narbenschmerzen, dass er nicht weiter am Unterricht
teilnehmen könne.
640
Topspezialisten am St.-Mungo-Hospital für Magische
Krankheiten und Verletzungen halten es für durchaus mög-
lich, dass Potters Gehirn durch den Angriff des Unnennba-
ren nachhaltig geschädigt wurde und dass seine Behauptung,
die Narbe schmerze noch immer, Ausdruck einer tief sitzen-
den Störung ist.
»Gut möglich, dass er alles vortäuscht«, meint ein Spezia-
list, »es könnte ein Schrei nach Zuwendung sein.«
Der Tagesprophet hat jedoch alarmierende Fakten über Harry
Potter ans Licht gebracht, die Albus Dumbledore, Schulleiter
von Hogwarts, vor der Zaubereröffentlichkeit sorgfältig
verborgen hat.
»Potter beherrscht Parsel«, enthüllt Draco Malfoy, ein
Viertklässler in Hogwarts. »Vor ein paar Jahren gab es viele
Angriffe auf Schüler, und die meisten vermuteten Potter da-
hinter, nachdem sie gesehen hatten, wie er in einem Duel-
lierklub die Nerven verlor und eine Schlange auf einen
anderen Jungen hetzte. Aber es wurde alles vertuscht. Au-
ßerdem hat er sich auch noch mit Werwölfen und Riesen
angefreundet. Wir glauben, dass er für ein bisschen Macht
alles tun würde.«
Parsel, die Fähigkeit mit Schlangen zu sprechen, wurde
lange als eine dunkle Kunst betrachtet. Tatsächlich ist der
berühmteste Parselmund unserer Zeit kein anderer als Du-
weißt-schon-wer persönlich. Ein Mitglied der Liga zur Ver-
teidigung gegen die dunkle Kraft, das ungenannt bleiben will,
stellte fest, jeder Zauberer, der Parsel spreche, solle sei-
ner Meinung nach »einmal gründlich durchleuchtet werden.
Ich persönlich würde jedem mit größtem Misstrauen begeg-
nen, der mit Schlangen sprechen kann, denn diese Tiere
werden oft bei den schlimmsten schwarzmagischen Prak-
tiken eingesetzt und wurden im Laufe der Jahrhunderte im-
mer wieder mit Schurken in Verbindung gebracht.« Desglei-
641
chen gelte für alle, »welche die Nähe solch heimtückischer
Kreaturen wie Werwölfe und Riesen suchten, dass sie sich
offensichtlich an der Gewalt ergötzen«.
Albus Dumbledore sollte unbedingt darüber nachdenken,
ob ein solcher Junge am Trimagischen Turnier teilnehmen
darf. Manche befürchten, Potter könnte sein Heil in den
dunklen Künsten suchen, um das Turnier zu gewinnen, des-
sen dritte Runde heute Abend stattfindet.
Von unserer Sonderkorrespondentin Rita Kimmkorn
»Sieht aus, als hätt ich's mir mit ihr verscherzt«, sagte Harry
gelassen und faltete die Zeitung zusammen.
Malfoy, Crabbe und Goyle saßen lachend drüben am Sly-
therin-Tisch, zeigten ihm den Vogel, zogen abstruse Fratzen
und ließen ihre Zungen flattern wie Schlangen.
»Woher wusste sie, dass deine Narbe in Wahrsagen weh-
tat?«, fragte Ron. »Sie konnte unmöglich dabei gewesen sein,
sie kann es unmöglich selbst gehört haben –«
»Das Fenster war offen«, sagte Harry. »Ich hab's aufge-
macht, um frische Luft zu kriegen.«
»Du warst hoch oben im Nordturm!«, meinte Hermine.
»Deine Stimme hätte nie bis ganz nach unten wehen kön-
nen!«
»Na, du bist doch diejenige, die magische Methoden der
Verwanzung erforscht!«, sagte Harry. »Sag mir doch, wie sie
es geschafft hat!«
»Ich hab's ja versucht!«, sagte Hermine. »Aber ich ...
aber ...«
Ein seltsam träumerischer Ausdruck trat plötzlich auf
Hermines Gesicht. Sie hob langsam die Hand und fuhr sich
mit den Fingern durchs Haar.
»Alles in Ordnung mit dir?«, sagte Ron und sah sie stirn-
runzelnd an.
642
»Ja«, hauchte Hermine. Wieder strich sie sich mit den
Fingern durchs Haar, dann hielt sie die Hand an die Wange,
als würde sie in ein unsichtbares Handy sprechen. Harry und
Ron sahen sich mit großen Augen an.
»Ich hab 'ne Idee«, sagte Hermine ins Leere starrend. »Ich
glaub, ich weiß es ... denn dann hätte es keiner gesehen ...
nicht mal Moody ... und sie hätte auf den Fenstersims kom-
men können ... aber das darf sie nicht ... das ist eindeutig
verboten ... ich glaub, wir haben sie! Gebt mir 'ne Sekunde in
der Bibliothek – nur um sicherzugehen!«
Und schon packte Hermine ihre Schultasche und stürzte aus
der Großen Halle.
»Hey!«, rief ihr Ron nach. »In zehn Minuten haben wir
Geschichtsprüfung! Unglaublich«, sagte er dann zu Harry
gewandt, »sie muss diese Kimmkorn wirklich hassen, wenn
sie's riskiert, den Anfang einer Prüfung zu verpassen. Was
machst du eigentlich gleich bei Binns – wieder mal die ganze
Zeit lesen?«
Harry, der von den Prüfungen entbunden war, hatte bis-
her Stunde um Stunde in der hinteren Reihe gesessen und
nach neuen Hexereien für die dritte Aufgabe gesucht.
»Denk schon«, sagte Harry; doch in diesem Augenblick
kam Professor McGonagall am Gryffindor-Tisch entlang auf
ihn zugeschritten.
»Potter, die Champions finden sich nach dem Frühstück im
Raum hinter der Halle ein«, sagte sie.
»Aber das Turnier ist doch erst heute Abend!«, sagte Harry,
und vor Schreck, er hätte sich in der Zeit geirrt, be-
kleckerte er sich mit Rührei.
»Das weiß ich wohl, Potter«, sagte sie. »Die Familien der
Champions sind eingeladen, bei der dritten Runde zu-
zuschauen. Eine sehr gute Gelegenheit für Sie, sie zu be-
grüßen.«
643
Sie entfernte sich. Harry sah ihr mit offenem Mund nach.
»Sie glaubt doch nicht etwa, dass die Dursleys hier auftau-
chen?«, fragte er Ron verdutzt.
»Keine Ahnung«, sagte Ron. »Harry, ich muss mich be-
eilen, sonst komm ich zu spät zu Binns. Bis dann.«
Harry aß sein Frühstück auf, während sich die Große Halle
allmählich leerte. Er sah, wie Fleur Delacour am Ra-
venclaw-Tisch aufstand und sich Cedric anschloss, der auf die
Tür zum Nebenraum zuging und eintrat. Auch Krum schlurfte
kurze Zeit später dort hinein. Harry blieb, wo er war. Er hatte
überhaupt keine Lust, in die Kammer zu ge-
hen. Er hatte keine Eltern – jedenfalls keine Familie, die hier
aufkreuzen und zusehen würde, wie er sein Leben riskierte.
Doch gerade als er aufstehen wollte und überlegte, in die
Bibliothek zu gehen und auf die Schnelle noch ein paar
Hexereien zu büffeln, öffnete sich die Tür des Nebenraums
und Cedric streckte den Kopf heraus.
»Harry, komm schon, sie warten auf dich!«
Vollkommen perplex stand Harry auf. Die Dursleys konn-
ten doch nicht etwa da sein? Er durchquerte die Halle und
öffnete die Tür zur Kammer.
Cedric und seine Eltern standen gleich bei der Tür. Viktor
Krum stand drüben in einer Ecke und unterhielt sich in
schnellem Bulgarisch mit seinen Eltern. Er hatte die Haken-
nase seines Vaters geerbt. Auf der anderen Seite parlierte
Fleur mit ihrer Mutter. Fleurs kleine Schwester Gabrielle hielt
sich an der Hand der Mutter fest. Sie winkte Harry und er
winkte zurück. Dann fiel sein Blick auf Mrs Weasley und Bill,
die vor dem Kamin standen und ihn anstrahlten.
»Überraschung!«, trällerte Mrs Weasley aufgeregt, als Harry
breit lächelnd zu ihnen trat. »Dachten, wir könnten kommen
und dir zusehen, Harry!« Sie beugte sich zu ihm hinunter und
küsste ihn auf die Wange.
644
»Alles okay mit dir?«, fragte Bill und schüttelte Harry
grinsend die Hand.
»Charlie wollte auch kommen, aber er hat nicht freige-
kriegt. Er meinte, du hättest gegen diesen Hornschwanz einen
unglaublichen Kampf hingelegt.«
Fleur Delacour, fiel Harry auf, musterte Bill über die
Schulter ihrer Mutter mit unverhohlenem Interesse. Harry war
sofort klar, dass sie überhaupt nichts gegen lange Haare oder
Ohrringe mit Giftzähnen einzuwenden hatte.
»Das ist wirklich nett von euch«, murmelte Harry Mrs
Weasley zu. »Ich dachte schon – die Dursleys –«
»Hmm«, sagte Mrs Weasley und spitzte die Lippen. Sie
hatte sich vor Harry mit Kritik an den Dursleys immer zu-
rückgehalten, doch ihre Augen blitzten jedes Mal auf, wenn er
sie erwähnte.
»Toll, wieder mal hier zu sein«, sagte Bill und sah sich in
der Kammer um. (Violet, die Freundin der fetten Dame, zwin-
kerte ihm aus ihrem Rahmen heraus zu.) »Hab Hogwarts seit
fünf Jahren nicht mehr gesehen. Gibt es eigentlich noch die-
ses Gemälde von dem verrückten Ritter, Sir Cadogan?«
»Aber klar«, sagte Harry, der im letzten Jahr Bekannt-
schaft mit Sir Cadogan gemacht hatte.
»Und die fette Dame?«, fragte Bill.
»Die war schon zu meiner Zeit hier«, sagte Mrs Weasley.
»Eines Nachts, ich bin um vier Uhr heimgekommen, hat sie
mir eine solche Gardinenpredigt gehalten –«
»Was hattest du um vier Uhr morgens draußen zu su-
chen?« Bill schaute seine Mutter erstaunt an.
Mrs Weasley lächelte und ihre Augen funkelten.
»Dein Vater und ich hatten einen kleinen Nachtspazier-
gang unternommen«, sagte sie. »Ihn hat dann Apollyon
Pringle erwischt – damals der Hausmeister – und die blauen
Flecke hat dein Vater praktisch immer noch.«
645
»Hättest du Lust, uns ein wenig durchs Schloss zu führen,
Harry?«, sagte Bill.
»Ja, gern«, erwiderte Harry, und sie wandten sich zum
Gehen.
Amos Diggory blickte auf, als sie an ihm vorbeikamen.
»Na, da bist du ja«, sagte er und sah Harry abschätzig an.
»Wette, du fühlst dich nicht mehr ganz so wie 'n toller Hecht,
jetzt, wo Cedric dich eingeholt hat?«
»Was?«, fragte Harry.
»Hör nicht auf ihn«, sagte Cedric mit leiser Stimme zu
Harry und sah seinen Vater stirnrunzelnd an. »Er ist sauer, seit
er diesen Kimmkorn-Artikel übers Turnier gelesen hat -du
weißt doch, wo sie so tat, als wärst du der einzige Hog-
warts- Champion.«
»Hat sich aber nicht die Mühe gemacht, ihr mal die Mei-
nung zu sagen, oder?«, sagte Amos Diggory so laut, dass
Harry, der mit Mrs Weasley und Bill zur Tür hinausging, es
nicht überhören konnte. »Was soll's ... du wirst es ihm zei-
gen, Ced. Hast ihn doch schon mal geschlagen!«
»Rita Kimmkorn tut alles, was sie kann, um Ärger zu pro-
vozieren, Amos!«, sagte Mrs Weasley aufgebracht. »Das
müsstest du eigentlich wissen, wo du doch im Ministerium
arbeitest!«
Mr Diggory öffnete entrüstet den Mund, doch seine Frau
legte ihm die Hand auf den Arm und er zuckte nur die
Schultern und wandte sich ab.
Harry genoss es an diesem Morgen, mit Bill und Mrs
Weasley über das Schlossgelände zu flanieren und ihnen die
Beauxbatons-Kutsche und das Durmstrang-Schiff zu zeigen.
Mrs Weasley war ganz begeistert von der Peitschenden Weide,
die erst nach ihrer Schulzeit gepflanzt worden war, und
schwelgte in Erinnerungen an Hagrids Vorgänger als
Wildhüter, einen Mann namens Ogg.
646
»Wie geht's Percy?«, fragte Harry beim Gang durch die
Gewächshäuser.
»Nicht gut«, sagte Bill.
»Er regt sich furchtbar auf«, sagte Mrs Weasley mit ge-
dämpfter Stimme und sah sich argwöhnisch um. »Das Minis-
terium will Mr Crouchs Verschwinden vertraulich behan-
deln, aber Percy haben sie wegen der Anweisungen, die Mr
Crouch geschickt hat, hart ins Gebet genommen. Sieht so aus,
als hielten sie es für möglich, dass jemand seine Hand-
schrift gefälscht hat. Percy steht ziemlich unter Druck. Heute
Abend darf er nicht für Mr Crouch als fünfter Richter
einspringen. Cornelius Fudge wird dabei sein.«
Sie kehrten zum Mittagessen ins Schloss zurück.
»Mum – Bill!«, sagte Ron vollkommen verdutzt, als er zum
Gryffindor-Tisch kam. »Was macht ihr denn hier?«
»Wir schauen Harry bei der letzten Aufgabe zu!«, strahlte
Mrs Weasley. »Und ich muss sagen, es ist zur Abwechslung
mal ganz schön, nicht selbst kochen zu müssen. Wie war
deine Prüfung?«
»Oh ... es ging«, sagte Ron. »Mir sind nicht alle Namen
von diesen Koboldrebellen eingefallen, also hab ich ein paar
erfunden. Wird schon werden.« Mrs Weasley sah ihn spitz
an, doch er tat sich eine Blätterteigpastete auf und fuhr fort:
»Die heißen doch alle Bodrod der Bärtige oder Urg der Un-
saubere oder so, war jedenfalls nicht schwierig.«
Auch Fred, George und Ginny kamen und setzten sich
dazu, und Harry machte die Unterhaltung so viel Spaß, dass
er sich beinahe fühlte, als wäre er wieder im Fuchsbau; er
vergaß völlig, sich über die abendliche Aufgabe Sorgen zu
machen, und erst als Hermine auftauchte, nachdem die an-
deren schon halb aufgegessen hatten, fiel ihm wieder ein,
dass sie ja einen Geistesblitz gehabt hatte, mit dem sie das
Rätsel um Rita Kimmkorn lösen wollte.
647
»Erzählst du uns jetzt –?«
Hermine warf Mrs Weasley einen Blick zu und schüttelte
warnend den Kopf.
»Hallo, Hermine«, sagte Mrs Weasley, viel steifer, als es
sonst ihre Art war.
»Hallo«, sagte Hermine und ihr Lächeln erstarb ange-
sichts des kühlen Ausdrucks auf Mrs Weasleys Gesicht.
Harry sah die beiden abwechselnd an, dann sagte er: »Mrs
Weasley, Sie glauben doch nicht etwa diesen Mist, den Rita
Kimmkorn in der Hexenwoche geschrieben hat? Hermine und
ich haben nämlich nichts miteinander.«
»Oh!«, sagte Mrs Weasley. »Nein – natürlich nicht!«
Und danach verhielt sie sich Hermine gegenüber um einiges
herzlicher.
Harry, Bill und Mrs Weasley vertrieben sich den Nach-
mittag mit einem langen Spaziergang ums Schloss und
kehrten erst zum abendlichen Festessen in die Große
Halle zurück. Auch Ludo Bagman und Cornelius Fudge
waren inzwischen eingetroffen und saßen am Lehrertisch.
Bagman war offenbar in aufgeräumter Stimmung, doch
Cornelius Fudge, der neben Madame Maxime saß, machte
eine ernste Miene und sprach kein Wort. Madame Ma-
xime, deren Augen Harry gerötet vorkamen, konzen-
trierte sich auf ihren Teller. Von der anderen Seite des
Tisches warf Hagrid ihr immer wieder einen Blick zu. Es
gab mehr Gänge als sonst, doch Harry, der sich allmählich
wieder ausgesprochen nervös fühlte, aß nur wenig. Als das
Blau der verzauberten Hallendecke einem dunklen Pur-
pur wich, erhob sich Dumbledore, und Stille senkte sich
über die Halle.
»Meine Damen und Herren, noch fünf Minuten, und ich
werde Sie bitten, sich auf den Weg zum Quidditch-Feld zu
begeben, zur dritten und letzten Aufgabe des Trimagischen
648
Turniers. Die Champions folgen bitte jetzt schon Mr Bag-
man hinunter zum Stadion.«
Harry stand auf. Die Gryffindors tischauf, tischab klatsch-
ten ihm Beifall; die Weasleys und Hermine wünschten ihm
viel Glück, und gemeinsam mit Cedric, Fleur und Krum
verließ er die Große Halle.
»Wie steht's mit dir, Harry?«, fragte Bagman, während sie
draußen die Steintreppe hinunterstiegen. »Traust du es dir
zu?«
»Ich fühl mich ganz okay«, sagte Harry. Das stimmte auch
halbwegs; er war nervös, doch er ging im Kopf noch einmal
alle Hexereien und Zauberflüche durch, die er geübt hatte, und
da er feststellte, dass er nichts vergessen hatte, war er recht
zuversichtlich gestimmt.
Sie betraten das Quidditch-Feld, das inzwischen nicht
mehr wiederzuerkennen war. Eine sieben Meter hohe Hecke
war um das ganze Spielfeld herum gewachsen. Di-
rekt vor ihnen lag eine Öffnung; der Eingang zu dem weit-
läufigen Irrgarten. Der Weg hinein verlor sich in beklem-
mender Dunkelheit.
Fünf Minuten später füllten sich die Ränge; die Luft war
erfüllt vom aufgeregten Stimmengewirr ihrer Mitschüler und
von dem Getrappel Hunderter von Füßen. Der Him-
mel hatte ein tiefes, klares Blau angenommen und jetzt er-
schienen auch die ersten Sterne. Hagrid, Professor Moody,
Professor McGonagall und Professor Flitwick kamen ins
Stadion und gingen auf Bagman und die Champions zu. Sie
trugen große, leuchtend rote Sterne an den Hüten, nur
Hagrids Stern prangte auf dem Rücken seiner Maulwurffell-
Weste.
»Wir werden um den Irrgarten herum Wache gehen«,
sagte Professor McGonagall zu den Champions. »Wenn Sie
in Schwierigkeiten stecken und gerettet werden wollen,
649
sprühen Sie rote Funken in die Luft, und einer von uns wird
Sie da rausholen, haben Sie verstanden?«
Die Champions nickten.
»Na dann mal los!«, sagte Bagman und strahlte die Laby-
rinthpatrouille an.
»Viel Glück, Harry«, flüsterte Hagrid, und die vier Lehrer
trennten sich und gingen davon, um ihre Posten im Umkreis
des Irrgartens einzunehmen.
Bagman richtete den Zauberstab auf seine Kehle, mur-
melte »Sonorus«, und seine magisch verstärkte Stimme hallte
auf den Tribünen wider.
»Meine Damen und Herren, gleich beginnt die dritte und
letzte Runde des Trimagischen Turniers! Zu Ihrer Erinne-
rung noch einmal der gegenwärtige Punktestand! Mit je-
weils fünfundachtzig Punkten zusammen auf dem ersten Platz
– Mr Cedric Diggory und Mr Harry Potter, beide von der
Hogwarts-Schule!« Jubelschreie und Applaus ließen einige
Vögel aus dem Verbotenen Wald in den abendlichen Himmel
flattern. »Auf dem zweiten Platz, mit achtzig Punk-
ten – Mr Viktor Krum vom Durmstrang-Institut!« Ebenfalls
Applaus. »Und auf dem dritten Platz – Miss Fleur Delacour
von der Beauxbatons-Akademie!«
Harry konnte gerade noch erkennen, wie Mrs Weasley, Bill,
Ron und Hermine auf halber Höhe der Tribüne Fleur höflich
Beifall spendeten. Er winkte zu ihnen hoch und sie winkten
mit strahlenden Gesichtern zurück.
»Nun ... auf meinen Pfiff, Harry und Cedric!«, sagte Bag-
man. »Drei – zwei – eins –«
Er blies kurz und kräftig in seine Trillerpfeife und Harry
und Cedric liefen in den Irrgarten hinein.
Die hoch aufragenden Hecken warfen schwarze Schatten
über den Weg, und war es nun, weil sie so hoch und dicht
gewachsen oder weil sie verzaubert waren, jedenfalls erstarb
650
der Lärm der Menge, kaum hatten sie den Irrgarten betre-
ten. Harry kam es fast so vor, als wäre er wieder unter Was-
ser. Er zog seinen Zauberstab, murmelte »Lumos« und hörte,
wie Cedric dicht hinter ihm das Gleiche tat.
Nach gut vierzig Metern gelangten sie zu einer Gabelung.
Sie sahen sich an. »Bis später«, sagte Harry und wandte sich
nach links, während Cedric den rechten Weg nahm.
Harry hörte Bagman zum zweiten Mal pfeifen. Nun hat-
te Krum den Irrgarten betreten. Harry beschleunigte seine
Schritte. Der Weg, den er gewählt hatte, schien völlig ausge-
storben. Er wandte sich nach rechts, hastete weiter und hielt
den Zauberstab hoch über seinem Kopf, um so weit wie
möglich sehen zu können. Noch immer war nichts Bedroh-
liches zu entdecken.
In der Ferne gellte zum dritten Mal Bagmans Pfeife. Jetzt
waren alle Champions im Irrgarten.
Harry warf immer wieder einen Blick zurück. Das altbe-
kannte Gefühl, beobachtet zu werden, hatte erneut von ihm
Besitz ergriffen. Der Himmel hoch oben färbte sich allmäh-
lich königsblau und mit jeder Minute wurde es dunkler im
Irrgarten. Er stieß auf eine zweite Gabelung.
»Weise mir die Richtung«, flüsterte er seinem Zauberstab zu
und legte ihn auf seine flache Hand.
Der Zauberstab drehte sich einmal im Kreis und wies dann
mit der Spitze nach rechts in die undurchdringliche Hecke. Da
war also Norden, und Harry wusste, dass er nach Nordwesten
gehen musste, um die Mitte des Irrgartens zu erreichen. Das
Beste war, den linken Abzweig zu nehmen und so bald wie
möglich wieder nach rechts zu gehen.
Auch dieser Weg lag wie ausgestorben da, und als Harry
einer Biegung nach rechts gefolgt war, fand er den Weg wie-
derum frei. Er wusste nicht, warum, aber das Fehlen von
Hindernissen ließ seine Nerven flattern. Er hätte inzwi-
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sehen doch sicher auf irgendetwas stoßen müssen? Es war, als
ob der Irrgarten ihn verführen wollte, sich in einem fal-
schen Gefühl der Sicherheit zu wiegen. Dann hörte er, wie
sich direkt hinter ihm etwas bewegte. Er streckte den Zau-
berstab aus, doch es war Cedric, der gerade von rechts her aus
einem Pfad gestürzt kam. Er sah schwer mitgenommen aus.
Ein Ärmel seines Umhangs rauchte.
»Hagrids Knallrümpfige Kröter!«, fauchte er. »Die sind
riesig geworden – hätten mich fast umgebracht!«
Kopfschüttelnd tauchte er in die Dunkelheit eines ande-
ren Pfades ein. Auch Harry war an einer Begegnung mit den
Krötern überhaupt nicht interessiert und er hastete davon.
Dann, nach einer Biegung –
Ein Dementor glitt auf ihn zu. Vier Meter groß, das Ge-
sicht von der Kapuze verborgen, die verwesenden, schor-
figen Hände ausgestreckt, drang er vor, blindlings den Weg zu
Harry erspürend. Harry konnte seinen rasselnden Atem hören;
klamme Kälte kroch ihm über die Haut, doch er wusste, was
er zu tun hatte ...
Er stellte sich das glücklichste Ereignis vor, das ihm einfiel,
und konzentrierte sich mit aller Kraft auf die Vorstellung, aus
dem Irrgarten zu kommen und mit Ron und Hermine zu
feiern. Zugleich hob er den Zauberstab und schrie: »Ex-
pecto patronum!«
Ein silberner Hirsch brach aus der Spitze seines Zauber-
stabs hervor und galoppierte auf den Dementor zu, der
überstürzt zurückwich und über den Saum seines Umhangs
stolperte ... Harry hatte einen Dementor noch nie stolpern
sehen.
»Wart mal!«, rief er und drang im Schutz seines silbrigen
Patronus vor, »du bist ein Irrwicht! Riddikulus!«
Es gab einen lauten Knall und der Gestaltwechsler ver-
puffte zu einem Rauchwölkchen. Der silbrige Hirsch ver-
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schwamm und löste sich auf. Harry wünschte, er wäre ge-
blieben, einen Gefährten hätte er gut gebrauchen können ...
doch er ging, so schnell und leise er konnte, weiter, lauschte
angestrengt und hielt den Zauberstab hoch über sich.
Links ... rechts ... wieder links ... zweimal stand er vor der
Heckenwand einer Sackgasse. Wieder holte er sich Rat beim
Vier-Punkte-Zauber und stellte fest, dass er zu weit nach
Osten gegangen war. Er drehte um, nahm eine Bie-
gung nach rechts und sah einen merkwürdigen goldenen
Nebelschleier vor sich schweben.
Harry näherte sich vorsichtig, die Spitze des Zauberstabs
auf den Nebel gerichtet. Mit Sicherheit war er verwunschen.
Vielleicht konnte er ihn ja aus dem Weg blasen.
»Reductio!«, sagte er.
Der Fluch schoss geradewegs durch den Nebel, ohne den
kleinsten Wirbel zu hinterlassen. Das hätte er eigentlich
wissen müssen, überlegte er; der Reduktor-Fluch wirkte nur
bei festen Gegenständen. Was würde geschehen, wenn er
durch den Nebel liefe? Sollte er es darauf ankommen las-
sen oder lieber kehrtmachen?
Er zögerte noch, als ein Schrei die Stille durchbrach.
»Fleur?«, rief Harry.
Wieder Stille. Er spähte umher. Was war ihr zugestoßen?
Ihr Schrei schien von vorn gekommen zu sein. Er holte tief
Luft und stürzte sich in den verwunschenen Nebel.
Die Welt kippte auf den Kopf. Harry hing vom Erdboden
herab, mit gesträubten Haaren, die Brille am Ohr baumelnd,
drauf und dran, in die unendliche Tiefe des Himmels zu
stürzen. Er drückte sich die Brille auf die Nase. Starr vor
Schreck hing er da, und es fühlte sich ganz so an, als wären
seine Schuhsohlen an das Gras geklebt, das nun zur irdenen
Decke geworden war. Unter ihm erstreckte sich die endlose
Weite des dunklen, sternfunkelnden Himmels. Er fürchtete,
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wenn er auch nur einen Fuß bewegte, würde er für immer von
der Erde fallen.
Denk nach, sagte er sich, und alles Blut rauschte ihm in den
Kopf, denk ... Doch keiner der Zauber, die er geübt hatte,
taugte dazu, eine solche Verkehrung von Himmel und Erde zu
bekämpfen. Sollte er es wagen, einen Fuß zu bewegen? Das
Blut pochte ihm in den Ohren. Er hatte nur zwei Mög-
lichkeiten – es doch versuchen und sich bewegen oder rote
Funken sprühen; die Lehrer würden ihn retten und dann war
das Turnier für ihn gelaufen.
Er schloss die Augen, weil er den endlosen Raum unter sich
nicht sehen wollte, und zog seinen rechten Fuß mit aller Kraft
vom Gras weg.
Sofort kippte die Welt wieder ins Lot. Harry fiel mit den
Knien auf den wunderbar festen Boden. Einige Augenblicke
war er gelähmt vor Schreck. Er atmete tief durch, um sich zu
beruhigen, dann stand er auf und rannte weiter, hinaus aus
dem goldenen Nebel, der ihn, als er einen Blick über die
Schulter warf, im Mondlicht unschuldig anglitzerte.
An einer Wegkreuzung blieb er stehen und sah sich nach
einem Zeichen von Fleur um. Er war sich sicher, dass sie es
gewesen war, die geschrien hatte. Was war ihr begegnet? War
sie verletzt? Rote Funken waren nirgends zu sehen -hatte sie
sich nun aus der Gefahr befreit oder saß sie in der Falle und
konnte ihren Zauberstab nicht erreichen? Mit einem Gefühl
wachsenden Unbehagens nahm Harry den rechten Abzweig ...
doch zugleich wurde er den Gedanken nicht los, dass ein
Champion raus war ...
Der Pokal musste jetzt irgendwo in der Nähe sein und of-
fenbar war Fleur nicht mehr im Rennen. War er nicht doch
ziemlich weit gekommen? Was, wenn er es tatsächlich
schaffte zu gewinnen? Zum ersten Mal, seit er überraschend
Champion geworden war, sah er sich selbst, ganz flüchtig,
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wie er vor der ganzen Schule den Trimagischen Pokal in die
Höhe hielt.
Die nächsten zehn Minuten traf er auf nichts, außer auf die
Heckenmauern von Sackgassen. Zweimal nahm er dieselbe
falsche Abzweigung. Schließlich fand er eine neue Strecke,
auf der er entlangtrabte, wobei der zittrige Lichtstrahl aus dem
Zauberstab seinen Schatten in grotesken Gestalten über die
Heckenwände huschen ließ. Wieder bog er um eine Ecke –
und stand vor einem Knallrümpfigen Kröter.
Cedric hatte Recht – er war tatsächlich gigantisch. Über drei
Meter lang, sah er am ehesten aus wie ein Riesenskor-
pion. Der lange Stachel war drohend über den Rücken ge-
bogen. Der dicke Panzer schimmerte im Licht des Zauber-
stabs, den Harry auf ihn gerichtet hatte.
»Stupor!«
Der Fluch schlug gegen den Panzer des Kröters und prallte
zurück; Harry duckte sich gerade noch rechtzeitig, doch schon
roch es nach verbranntem Haar; der Fluch hatte ihm den
Schöpf versengt. Der Kröter ließ einen Feuerstoß aus sei-
nem Rumpf knallen und schleuderte auf Harry zu.
»Impedimenta!«, rief Harry. Wieder traf der Fluch den
Panzer des Kröters und prallte schräg weg; Harry stolperte ein
paar Schritte rückwärts und fiel rücklings zu Boden.
»IMPEDIMENTA!«
Nur noch Zentimeter von Harry entfernt erstarrte der Kröter
– Harry hatte es geschafft, ihn in den panzerlosen, fleischigen
Bauch zu treffen. Keuchend stemmte er sich von dem Vieh
weg und rannte, so schnell er konnte, in die an-
dere Richtung – der Lähmzauber hielt nicht lange vor, der
Kröter würde jeden Augenblick seine Beine wieder benut-
zen können.
Er nahm einen Weg nach links und stieß auf eine Hecken-
mauer, nach rechts, und wieder war es eine Sackgasse; mit
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hämmerndem Herzen zwang er sich stehen zu bleiben, ließ
erneut den Vier-Punkte-Zauber sprechen, machte kehrt und
wählte einen Pfad in nordwestliche Richtung.
Auf diesem neuen Weg war er ein paar Minuten lang ge-
gangen, als er etwas auf dem parallel verlaufenden Pfad hör-
te, das ihn erstarren ließ.
»Was tust du da?«, hörte er Cedric schreien. »Was zum
Teufel machst du da?«
Und dann hörte er Krums Stimme.
»Crucio!«
Die Luft war erfüllt von Cedrics Schreien. Entsetzt rannte
Harry los, auf der Suche nach einer Lücke hinüber zu Ced-
ric. Da er keine fand, versuchte er es noch einmal mit dem
Reduktor-Fluch. Er war nicht sonderlich wirksam, doch er
brannte ein kleines Loch in die Hecke; Harry steckte seinen
Fuß hinein und stieß gegen das dichte Gestrüpp aus Zwei-
gen und Dornen, bis er endlich zur anderen Seite durchge-
brochen war; er zwängte sich durch das Loch, wobei ihm die
Dornen den Umhang zerrissen. Nach rechts blickend sah er
Cedric zuckend und zappelnd auf dem Boden liegen. Über
ihm stand Krum.
Harry rappelte sich hoch und richtete seinen Zauberstab
auf Krum, genau in dem Moment, da dieser aufblickte.
Krum wirbelte herum und rannte davon.
»Stupor!«, rief Harry.
Der Fluch traf Krum in den Rücken; er erstarrte mitten
im Lauf, fiel mit dem Gesicht ins Gras und blieb reglos lie-
gen. Harry stürzte auf Cedric zu. Er zuckte nicht mehr und
lag nur noch keuchend, mit den Händen auf dem Gesicht
da.
»Bist du verletzt?«, fragte Harry hastig und packte Cedric
am Arm.
»Nein«, keuchte Cedric. »Nein ... ich glaub's einfach
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nicht ... er hat sich hinter meinem Rücken angeschlichen ... ich
hab ihn gehört, hab mich umgedreht, und da hatte er schon den
Zauberstab auf mich gerichtet ...«
Cedric stand auf. Er zitterte immer noch. Die beiden sa-
hen hinunter auf Krum.
»Ich kann's einfach nicht fassen ... ich dachte, er wäre in
Ordnung«, sagte Harry mit starrem Blick auf Krum.
»Ich auch«, sagte Cedric.
»Hast du vorhin Fleur schreien gehört?«, fragte Harry.
»Ja«, sagte Cedric. »Glaubst du, Krum hat auch sie über-
fallen?«
»Ich weiß nicht.«
»Sollen wir ihn hier lassen?«, murmelte Cedric.
»Nein«, sagte Harry. »Ich schätze, wir sollten rote Funken
versprühen. Dann kommt jemand und holt ihn ... andern-
falls frisst ihn wahrscheinlich ein Kröter.«
»Verdient hätt er's ja«, murmelte Cedric, dennoch hob er
den Zauberstab und ließ einen Schauer roter Funken in die
Luft sprühen, die hoch über Krum schweben blieben und die
Stelle markierten, wo er lag.
Harry und Cedric standen einen Moment lang in der
Dunkelheit und sahen sich um. Dann sagte Cedric: »Tja ... ich
glaub, wir sollten besser weitergehen ...«
»Wie?«, sagte Harry. »Ach ... ja ... stimmt ...«
Es war ein merkwürdiger Moment. Er und Cedric waren
gegen Krum für kurze Zeit verbündet gewesen – und nun fiel
ihnen beiden wieder ein, dass sie eigentlich Gegner wa-
ren. Schweigend gingen sie den dunklen Pfad entlang, dann
wandte sich Harry nach links und Cedric nach rechts. Seine
Schritte erstarben bald in der Ferne.
Harry ging weiter und vergewisserte sich gelegentlich mit
dem Vier-Punkte-Zauber, dass er die richtige Richtung ein-
geschlagen hatte. Nun würde der Kampf zwischen ihm und
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Cedric entschieden. Der Wunsch, den Pokal als Erster zu er-
reichen, brannte nun stärker denn je in ihm, doch noch im-
mer konnte er nicht fassen, was er Krum soeben hatte tun
sehen. Einen Unverzeihlichen Fluch gegen einen Mitmen-
schen zu richten, hieß, sich eine lebenslange Strafe in Aska-
ban einzuhandeln, das hatte Moody ihnen erklärt. Das konnte
Krum der Trimagische Pokal doch wohl nicht wert sein ...
Harry beschleunigte seine Schritte.
Immer wieder geriet er in Sackgassen, doch weil es um ihn
zunehmend dunkel wurde, war er sich sicher, dem Herzen des
Irrgartens ganz nahe zu sein. Dann, einen geraden Weg
entlanggehend, sah er erneut, wie sich etwas bewegte, und der
Strahl seines Zauberstabs traf ein erstaunliches Geschöpf, wie
er es nur von einem Bild im Monsterbuch der Monster kannte.
Es war eine Sphinx. Sie hatte den Körper eines über-
großen Löwen, mächtige, klauenbewehrte Tatzen und einen
langen, gelblichen Schwanz, der in einem braunen Haarbü-
schel endete. Der Kopf jedoch war der einer Frau. Harry trat
näher, und sie wandte den Kopf und ließ ihre langen Mandel-
augen auf ihm ruhen. Er hob seinen Zauberstab, zögerte je-
doch. Sie duckte sich nicht, als wolle sie zum Sprung
ansetzen, sondern trottete quer über den Pfad und versperrte
ihm so den Weg.
Dann sprach sie mit tiefer, heiserer Stimme: »Du bist dei-
nem Ziel sehr nahe. Der schnellste Weg führt an mir vor-
bei.«
»Also ... würdest du mich bitte vorbeilassen?«, sagte Harry
und wusste doch schon die Antwort darauf.
»Nein«, sagte sie und trottete weiter hin und her. »Erst wenn
du mein Rätsel gelöst hast. Antworte richtig beim ers-
ten Versuch – und ich lass dich vorbei. Antworte falsch -und
ich werde angreifen. Schweig – und ich werde dich un-
versehrt zurückweichen lassen.«
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Harrys Magen versuchte es mit einem Salto. Das war
eigentlich etwas für Hermine, nicht für ihn. Er wog seine
Chancen ab. Wenn das Rätsel zu schwer war, konnte er im-
mer noch schweigen, sich unverletzt zurückziehen und
einen anderen Weg in die Mitte des Irrgartens suchen.
»Gut«, sagte er. »Kann ich das Rätsel hören?«
Die Sphinx ließ sich mitten auf dem Weg auf die Hinter-
beine nieder und sprach:
»Erst denk an den Menschen, der immer lügt,
der Geheimnisse sucht und damit betrügt.
Doch um das Ganze nicht zu verwässern,
nimm von dem Wort nur die ersten drei Lettern.
Nun denk an das Doppelte des Gewinns,
den Anfang von nichts und die Mitte des Sinns.
Und schließlich ein Laut, ein Wörtchen nicht ganz,
das du auch jetzt von dir selbst hören kannst.
Nun füg sie zusammen, denn dann wirst du wissen,
welches Geschöpf du niemals willst küssen.«
Harry starrte sie mit offenem Mund an.
»Könnte ich es noch mal hören ... ein wenig langsamer?«,
fragte er zaghaft.
Sie blinzelte ihn an, lächelte und wiederholte das Gedicht.
»Wenn ich alles löse, bekomm ich am Schluss den Namen
eines Geschöpfs, das ich niemals küssen will?«
Sie lächelte nur ihr geheimnisvolles Lächeln. Harry deu-
tete es als »Ja«. Er überlegte hin und her. Es gab eine Menge
Tiere, die er nicht küssen wollte; als Erstes fiel ihm ein
Knallrümpfiger Kröter ein, aber irgendetwas ließ ihn ahnen,
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dass dies nicht die Lösung war. Er musste es versuchen und
die einzelnen Teile des Rätsels lösen ...
»Ein Mensch, der immer lügt«, murmelte Harry und
starrte die Sphinx an, »der Geheimnisse sucht ... ähm ...
vielleicht ein Agent. Ne, wart mal! Ein Spion? Und nur die
ersten drei Buchstaben? Ich komm darauf zurück ... könn-
test du mir bitte noch einmal das nächste Rätsel aufsagen?«
Sie wiederholte den zweiten Teil des Gedichts.
»Das Doppelte des Gewinns«, murmelte Harry. »Hmh ...
keine Ahnung ... der Anfang von nichts ... ne ... könnt ich
den letzten Teil noch mal hören?«
Sie sagte ihm die letzten vier Verse auf.
»Ein Laut, ein Wörtchen nicht ganz, das du auch jetzt von
dir selbst hören kannst«, sagte Harry. »Hmm ... ne, das
müsste ... ne ... wart mal – > ne Ne< ist ein Laut!«
Die Sphinx lächelte ihn an.
»Spi ... ähm ... ne«, sagte Harry, den Weg auf und ab
schreitend. »Ein Geschöpf, das ich nicht küssen möchte ...
eine Spinne!«
Die Sphinx schenkte ihm ein breites Lächeln. Sie erhob
sich, streckte die Vorderbeine aus und wich dann zur Seite,
um ihn vorbeizulassen.
»Danke!«, sagte Harry und hastete weiter, noch immer
verblüfft von seiner Glanzleistung.
Er musste jetzt ganz nah dran sein, das war sicher ... sein
Zauberstab sagte ihm, dass er genau auf Kurs war; wenn er
jetzt nicht auf irgendetwas allzu Schreckliches stieß, dann
hatte er durchaus eine Chance ...
Vor ihm gabelte sich der Weg erneut. »Weise mir die Rich-
tung!«, flüsterte er seinem Zauberstab zu, und der Stab wir-
belte herum und deutete mit der Spitze auf den rechten Ab-
zweig. Er stürzte sich hinein und jetzt sah er vor sich ein
Licht.
660
Keine hundert Meter entfernt, auf einer Säule, schim-
merte ihm der Trimagische Pokal entgegen. Harry hatte ge-
rade zum Spurt angesetzt, als eine dunkle Gestalt vor ihm auf
den Weg sprang.
Cedric würde als Erster da sein. Cedric rannte, so schnell er
konnte, auf den Pokal zu, und Harry wusste, er würde ihn
nicht mehr einholen können, Cedric war viel größer als er und
hatte längere Beine –
Dann sah er, über einer Hecke links von ihm, etwas unge-
heuer Großes, das sich rasch auf einem Pfad bewegte, der den
ihrigen kreuzte, und Cedric, der nur noch den Pokal im Auge
hatte, würde blindlings in dieses Ungeheuer hineinlaufen –
.»Cedric!«, brüllte Harry. »Pass auf – da links!«
Cedric wandte gerade noch rechtzeitig den Kopf. Er
hechtete an dem Wesen vorbei und konnte einen Zusam-
menprall vermeiden, doch in seiner Hast stolperte er. Harry
sah, wie ihm der Zauberstab wegflog und er stürzte, und nun
erschien eine gigantische Spinne auf dem Weg und richtete
sich drohend über Cedric auf.
»Stupor!«, schrie Harry; der Fluch traf den riesigen, haa-
rigen Körper der Spinne, doch er hätte sie genauso gut mit
einem Stein bewerfen können, so wenig richtete er aus; die
Spinne zuckte, drehte sich blitzschnell um und ging nun auf
Harry los.
»Stupor! Impedimental! Stupor!«
Doch es nützte alles nichts – die Spinne war entweder zu
groß oder so magisch, dass Flüche sie nur noch rasender
machten – einen schrecklichen Augenblick lang sah Harry
acht glimmende schwarze Augen und rasiermesserscharfe
Greifscheren, dann war sie über ihm.
Sie zwängte ihn zwischen ihre Vorderbeine und hob ihn
hoch; in verzweifelter Anstrengung schlug er mit den Füßen
um sich; doch er stieß mit dem Bein gegen eine Greifschere,
661
und ein unerträglicher, schneidender Schmerz durchdrang ihn
– er hörte noch, wie auch Cedric »Stupor!« rief, doch sein
Fluch richtete nicht mehr aus als der Harrys – die Spinne
öffnete erneut ihre Greifzangen; Harry hob den Zauberstab
und rief: »Expelliarmus!«
Der Entwaffnungszauber wirkte – die Spinne ließ ihn los,
doch das hieß, dass er vier Meter tief auf sein schon verletz-
tes Bein fiel und es unter sich begrub. Ohne weiter zu über-
legen zielte er nach oben auf den Bauch der Spinne, wie schon
bei dem Kröter, und rief »Stupor!« – im selben Augen-
blick wie Cedric.
Die beiden Flüche bewirkten zusammen, was mit einem
allein nicht zu schaffen war – die Spinne knickte seitlich ein
und rollte auf den Rücken, walzte dabei eine Hecke nieder
und versperrte den Weg mit einem Gewirr haariger Beine.
»Harry!«, hörte er Cedric rufen. »Bist du verletzt? Ist das
Vieh auf dich gefallen?«
»Nein«, japste Harry. Er besah sich sein Bein. Es blutete
heftig. Sein zerfetzter Umhang war mit einem zähen, kleb-
rigen Sekret verschmiert. Er versuchte aufzustehen, doch sein
Bein zitterte fürchterlich und wollte seine Last nicht tragen.
Nach Luft schnappend lehnte er sich gegen die Hecke und sah
sich um.
Cedric stand keine paar Meter vom Trimagischen Pokal
entfernt, der hinter ihm schimmerte.
»Nun nimm ihn schon«, keuchte Harry. »Los, beeil dich,
nimm ihn. Du stehst doch davor.«
Doch Cedric rührte sich nicht. Er stand nur da und mus-
terte Harry. Dann drehte er sich um und sah den Pokal an. Im
goldenen Licht der Trophäe konnte Harry den sehnsüch-
tigen Ausdruck in Cedrics Gesicht erkennen. Er drehte sich
wieder zu Harry um, der sich inzwischen an die Hecke
klammerte, um nicht einzuknicken.
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Cedric holte tief Luft. »Nimm du ihn. Du solltest gewin-
nen. Du hast mir hier drin zweimal den Hals gerettet.«
»Darum geht es hier aber nicht«, sagte Harry. Er spürte
Zorn in sich hochkochen; die Wunde an seinem Bein
schmerzte, und alle Knochen im Leib taten ihm weh von dem
Versuch, sich der Spinne zu entwinden. Und nach all dieser
Mühsal war ihm Cedric auch noch zuvorgekommen, wie
schon bei Cho, die er als Erster zum Ball gebeten hatte. »Wer
den Pokal zuerst erreicht, kriegt die Punkte. Und das bist du.
Ich kann nur sagen, dass ich mit meinem Bein jeden-
falls kein Wettrennen gewinnen kann.«
Cedric ging ein paar Schritte weg vom Pokal auf die ge-
lähmte Spinne zu und schüttelte den Kopf.
»Nein«, sagte er.
»Hör auf, so verdammt edelmütig zu sein«, sagte Harry
gereizt. »Nimm ihn einfach, dann kommen wir endlich hier
raus.«
Cedric sah stumm zu, wie Harry sich verzweifelt an der
Hecke festklammerte, um nicht hinzufallen.
»Du hast mir von den Drachen erzählt«, sagte Cedric. »Ich
wär schon in der ersten Runde untergegangen, wenn du mir
nicht gesagt hättest, was drankommt.«
»Da hat mir auch jemand geholfen«, fauchte Harry und
mühte sich, sein blutüberströmtes Bein mit dem Umhang
abzuwischen. »Du hast mir bei diesem Ei geholfen – wir sind
quitt.«
»Bei diesem Ei hat mir zuallererst jemand geholfen«, sagte
Cedric.
»Trotzdem sind wir quitt«, sagte Harry und versuchte be-
hutsam sein Bein zu belasten; es zitterte heftig, als er damit
auftrat; beim Sturz von der Spinne hatte er sich den Knöchel
verstaucht.
»Du hättest für die zweite Aufgabe mehr Punkte bekom-
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men sollen«, sagte Cedric störrisch. »Du bist da unten ge-
blieben und wolltest alle Geiseln mitnehmen. Das hätte ich
auch tun sollen.«
»Ich war der Einzige, der so blöd war, dieses Lied ernst zu
nehmen!«, sagte Harry erbittert. »Jetzt nimm schon diesen
Pokal!«
»Nein«, sagte Cedric.
Er stieg über das Gewirr der Spinnenbeine herüber zu
Harry, der ihn sprachlos anstarrte. Cedric meinte es ernst. Er
verzichtete auf eine Ruhmestat, wie sie seit Jahrhunderten
keinem aus dem Haus Hufflepuff mehr gelungen war.
»Geh schon«, sagte Cedric. Er sah aus, als würde ihn dies
alle Entschlusskraft kosten, die er aufbringen konnte, doch mit
seiner festen Miene und den verschränkten Armen wirkte er
unerschütterlich.
Harry ließ den Blick von Cedric zum Pokal wandern.
Einen schimmernden Moment lang sah er sich, den Pokal in
Händen, aus dem Irrgarten auftauchen. Er sah sich den Tri-
magischen Pokal in die Höhe halten, hörte das Toben der
Menge, sah Chos leuchtendes Gesicht, voll Bewunderung
ihm zugewandt, sah es deutlicher als je zuvor ... und dann
verblasste das Bild und er starrte nur noch in Cedrics abge-
schattetes, stures Gesicht.
»Wir beide?«, fragte Harry.
»Was?«
»Wir nehmen ihn gleichzeitig. Dann ist es auch ein Sieg für
Hogwarts. Wir teilen ihn uns.«
Cedric starrte Harry an. Seine Arme lösten sich aus der
Verschränkung. »Das – das meinst du ernst?«
»Ja«, sagte Harry. »Ja ... wir haben uns gegenseitig gehol-
fen, oder nicht? Wir sind beide so weit gekommen. Dann
nehmen wir ihn eben gemeinsam.«
Einen Moment lang sah Cedric aus, als wolle er seinen
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Ohren nicht trauen; doch dann trat ein breites Lächeln auf sein
Gesicht.
»Einverstanden«, sagte er. »Komm mit.«
Er packte Harry unter der Achsel und half ihm, auf die
Säule mit dem Pokal zuzuhumpeln. Als sie davor standen,
hielt jeder die Hand über einen der schimmernden Henkel des
Pokals.
»Bei drei, ja?«, sagte Harry. »Eins – zwei – drei –«
Beide packten zu.
Im selben Moment spürte Harry irgendwo hinter seinem
Nabel ein Reißen. Er verlor den Boden unter den Füßen. Er
konnte seinen Griff um den Trimagischen Pokal nicht lo-
ckern, der ihn mit sich riss und Cedric an seiner Seite, hinein
in einen zornig wirbelnden Sturm aus Farben.
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Fleisch, Blut und Knochen
Harry spürte, wie seine Füße auf die Erde schlugen; sein ver-
letztes Bein knickte ein und er stürzte zu Boden; endlich
konnte er seine Hand vom Trimagischen Pokal lösen. Er
hob den Kopf.
»Wo sind wir?«, fragte er.
Cedric schüttelte den Kopf. Er stand auf und zog Harry
auf die Beine. Sie blickten sich um.
Hier mussten sie fern von Hogwarts sein; offenbar waren sie
viele, vielleicht sogar Hunderte von Kilometern gereist, denn
selbst die Berge der Umgebung von Hogwarts waren nicht
mehr zu sehen. Sie standen auf einem dunklen, überwucher-
ten Friedhof; hinter einer großen Eibe war der schwarze Um-
riss einer kleinen Kirche zu erkennen. Zu ihrer Linken ragte
ein Hügel auf. Harry konnte eben noch die Umrisse eines
stattlichen alten Hauses hoch oben auf der Kuppe erkennen.
Cedric warf einen Blick auf den Trimagischen Pokal am
Boden und sah dann zu Harry auf.
»Hat dir jemand gesagt, dass der Pokal ein Portschlüssel
ist?«, fragte er.
»Ne«, sagte Harry. Er ließ die Augen über den Friedhof
wandern. Es war vollkommen still hier und ein wenig un-
heimlich. »Soll das hier vielleicht zur Aufgabe gehören?«
»Keine Ahnung«, antwortete Cedric. Er klang leicht ner-
vös. »Zauberstäbe raus, meinst du nicht?«
»Ja«, sagte Harry, froh, dass Cedric den Vorschlag gemacht
hatte und nicht er.
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Sie zogen ihre Zauberstäbe. Harry schaute umher. Wieder
einmal hatte er das merkwürdige Gefühl, beobachtet zu
werden.
»Da kommt jemand«, sagte er plötzlich.
Angestrengt durch die Dunkelheit spähend, sahen sie eine
Gestalt, die zwischen den Gräbern hindurch geradewegs auf
sie zukam. Harry konnte ihr Gesicht nicht erkennen; doch
nach dem Gang und der Haltung der Arme zu schließen,
musste die Gestalt etwas mit sich tragen. Wer immer es war, er
war klein und hatte die Kapuze des Umhangs tief über den
Kopf gezogen, um das Gesicht zu verbergen. Die Ge-
stalt war nun schon deutlicher zu erkennen und kam immer
noch näher – und jetzt erkannte Harry, dass das, was die Ge-
stalt in den Armen trug, wie ein Baby aussah ... oder war es
nur ein zusammengerollter Umhang?
Harry ließ den Zauberstab sinken und sah Cedric aus den
Augenwinkeln an.
Cedric versetzte ihm einen kurzen, ratlosen Blick. Dann
wandten sie sich wieder der näher kommenden Gestalt zu.
Sie blieb neben einem übermannshohen marmornen
Grabstein stehen, nur zwei Meter von ihnen entfernt. Eine
Sekunde lang sahen sich Harry, Cedric und die kleine Ge-
stalt an.
Und dann, ohne Vorwarnung, loderte Harrys Narbe vor
Schmerz auf. Eine solche Höllenqual hatte er noch nie
durchlitten; der Zauberstab glitt Harry aus den Fingern und er
schlug die Hände vors Gesicht; seine Knie gaben nach, er
stürzte zu Boden, schwarze Nacht umhüllte ihn, und sein
Kopf schien im nächsten Augenblick platzen zu wollen.
Von weit oben hörte er eine hohe, kalte Stimme: »Töte den
Überflüssigen.«
Harry hörte ein Sirren, und eine zweite Stimme kreischte in
die Nacht: »Avada Kedavra!«
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Ein gleißender Strahl grünen Lichts drang durch Harrys
Augenlider und er hörte etwas Schweres neben sich zu Bo-
den stürzen; der Schmerz seiner Narbe wurde so unerträg-
lich, dass er würgen musste, und dann ließ er nach; es graute
ihm vor dem, was er gleich sehen würde, und er öffnete seine
schmerzenden Augen.
Cedric lag neben ihm auf der Erde, Arme und Beine von
sich gestreckt. Er war tot.
Eine Sekunde, die eine Ewigkeit umfasste, starrte Harry in
Cedrics Gesicht, in seine offenen grauen Augen, leer und
ausdruckslos wie die Fenster eines verlassenen Hauses, auf
Cedrics wie in leichter Überraschung geöffneten Mund. Und
dann, noch bevor Harry aufgenommen hatte, was er da sah,
bevor er mehr fühlen konnte als dumpfes Erstaunen, spürte er,
wie er auf die Beine gezogen wurde.
Der kleine Mann mit dem Kapuzenumhang hatte sein
Stoffbündel auf die Erde gelegt, seinen Zauberstab erstrah-
len lassen und schleifte Harry jetzt auf den marmornen
Grabstein zu. Im flackernden Licht des Zauberstabs sah Harry
den Namen auf dem Stein, dann wurde er herumge-zerrt und
mit dem Rücken gegen den Stein geschmettert.
TOM RIDDLE
Der Mann im Kapuzenmantel beschwor Seile herauf, die
Harry vom Hals bis zu den Fußgelenken an den Grabstein
zurrten. Harry hörte flache, schnelle Atemzüge aus der Tiefe
der Kapuze; er zerrte und zog an seinen Fesseln, und der Mann
schlug ihn – schlug ihn mit einer Hand, an der ein Finger
fehlte. Jetzt wusste Harry, wer sich unter der Kapuze verbarg.
Es war Wurmschwanz.
»Du!«, keuchte er.
Doch Wurmschwanz antwortete nicht; er prüfte jetzt, ob
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die Seile straff genug saßen. Mit fahrig zitternden Fingern
betastete er die Knoten. Als er sich vergewissert hatte, dass
Harry so straff an den Grabstein gefesselt war, dass er sich
nicht mehr rühren konnte, zog er ein Stück schwarzen Stof-
fes aus dem Umhang und stopfte es grob in Harrys Mund;
dann, ohne ein Wort zu sagen, wandte er sich ab und eilte
davon. Harry brachte keinen Laut hervor, noch konnte er se-
hen, wo Wurmschwanz hingegangen war; er konnte den Kopf
nicht drehen und hinter den Grabstein blicken; er sah nur, was
direkt vor ihm war.
Einige Meter von ihm entfernt lag Cedrics Leiche. Nicht
weit dahinter leuchtete der Trimagische Pokal im Sternen-
licht. Harrys Zauberstab lag auf der Erde zu seinen Füßen. Das
Umhangbündel, das Harry für ein Baby gehalten hatte, lag
ganz in der Nähe, am Fuß des Grabes. Etwas regte sich darin,
gereizt und ungeduldig, wie es schien. Noch während Harry es
beobachtete, jagte erneut der brennende Schmerz durch seine
Narbe ... und plötzlich wusste er: Er wollte nicht sehen, was in
diesem Umhang war ... er wollte nicht, dass sich das Bündel
öffnete ...
Zu seinen Füßen raschelte es. Er blickte hinunter und sah
eine riesige Schlange durch das Gras gleiten und einen Kreis
um den Grabstein ziehen, an den er gefesselt war. Wieder
drang Wurmschwanz' hastiges, pfeifendes Atmen an seine
Ohren. Es klang, als würde er etwas Schweres über den Bo-
den schleifen. Er tauchte in Harrys Gesichtskreis auf, und nun
sah Harry, dass er einen Kessel an den Fuß des Grabes schob.
Er schien mit Wasser gefüllt zu sein – Harry konnte es
schwappen hören – und war größer als irgendein Kessel, den
Harry je benutzt hatte; das bauchig ausladende Gefäß war so
groß, dass ein Mann darin sitzen konnte.
Das Etwas in dem Umhangbündel regte sich nun heftiger,
als wollte es sich daraus befreien. Wurmschwanz machte
669
sich jetzt mit dem Zauberstab am Fuß des Kessels zu schaf-
fen. Plötzlich züngelten knisternde Flammen vom Kessel-
boden her auf. Die große Schlange glitt in die Dunkelheit
davon.
Das Wasser im Kessel schien rasch heiß zu werden. An der
Oberfläche begann es zu brodeln, und prasselnde Fun-
ken stoben in die Höhe, als ob der ganze Kessel in Flammen
stünde. Dichter Dampf wallte auf und ließ Wurmschwanz'
über das Feuer gebeugte Gestalt verschwimmen. Das Etwas
unter dem Umhang schien erregt zu zappeln. Und wieder hörte
Harry die hohe, kalte Stimme.
»Beeil dich!«
Das Wasser leuchtete im Licht der Funken, als wäre die
ganze Oberfläche mit Diamanten gesprenkelt.
»Es ist bereit, Meister.«
»Nun ...«, sagte die kalte Stimme.
Wurmschwanz bückte sich nach dem Bündel auf der Erde
und begann es aufzuwickeln, enthüllte, was in ihm ver-
borgen war. Harry stieß einen Schrei aus, der in dem Stoff-
fetzen in seinem Mund erstickte.
Es war, als hätte Wurmschwanz einen Stein umgedreht;
etwas Hässliches, Schleimiges und Blindes war zum Vor-
schein gekommen – doch schlimmer noch, hundertmal
schlimmer. Was Wurmschwanz mit sich getragen hatte,
hatte die Gestalt eines zusammengekauerten menschlichen
Kindes, allerdings hatte er noch nie etwas gesehen, das
einem Kind so Wenig ähnelte. Es hatte keine Haare und
seine Haut schien geschuppt und von einem dunklen,
schrundigen Rotschwarz. Die Arme und Beine waren dünn
und zerbrechlich, und das Gesicht – kein lebendes Kind
hatte je so ein Gesicht gehabt – war flach und schlangen-
gleich, mit rot schimmernden Augen.
Das Wesen schien fast gänzlich hilflos; es hob seine dür-
670
ren Arme, schlang sie um Wurmschwanz' Hals, und Wurm-
schwanz hob es hoch. Dabei rutschte ihm die Kapuze vom
Kopf, und Harry sah im Licht des Feuers den Ausdruck des
Abscheus in seinem schlaffen, bleichen Gesicht, als er das
Geschöpf zum Kesselrand trug. Einen Moment lang sah Harry
das böse, flache Gesicht des Wesens im Licht der Fun-
ken, die über dem Gebrodel tanzten. Und dann tauchte
Wurmschwanz das Geschöpf in den Kessel ein; ein Zischen,
und es versank; Harry hörte den zerbrechlichen Körper leise
und dumpf auf dem Kesselboden aufschlagen.
Wenn es doch ersaufen würde, dachte Harry, und seine
Narbe brannte fast unerträglich, bitte ... wenn es doch er-
saufen würde ...
Wurmschwanz sprach. Seine Stimme bebte, die Angst
schien ihn um den Verstand zu bringen. Er hob den Zauber-
stab, schloss die Augen und sprach in die Nacht hinein:
»Knochen des Vaters, unwissentlich gegeben, Au wirst deinen Sohn
erneuern!«
Die Grabplatte unter Harrys Füßen knackte. Von Grauen
erfüllt sah Harry, wie ein schmaler Staubwirbel auf Wurm-
schwanz' Befehl hin aus dem Grab aufstieg und dann sanft in
den Kessel fiel. Die diamantene Oberfläche des Wassers teilte
sich unter scharfem Zischen; Funken stoben kreuz und quer
aus dem Kessel und nahmen ein lebhaftes, giftig wir-
kendes Blau an.
Und jetzt konnte er Wurmschwanz wimmern hören. Er zog
einen langen, silbern schimmernden Dolch aus seinem Mantel.
Seine Stimme war ein abgehacktes, vor Angst ver-
steinertes Schluchzen. »Fleisch – des Dieners – w-willentlich ge-
geben – du wirst – deinen Meister – wieder beleben.«
Er streckte die rechte Hand aus – die Hand mit dem feh-
lenden Finger. Er packte den Dolch fest mit der Linken und
schwang ihn nach oben.
671
Harry wurde erst in letzter Sekunde klar, was Wurm-
schwanz da tat – er schloss die Augen, so fest er konnte, doch
den Schrei, der die nächtliche Stille zerriss, musste er hören,
und er durchstach Harry, als ob der Dolch in ihn eingedrun-
gen wäre. Er hörte etwas zu Boden fallen, hörte das angstge-
quälte Keuchen von Wurmschwanz, dann ein Brechreiz er-
regendes Platschen von etwas, das in den Kessel fiel. Harry
konnte es nicht ertragen hinzusehen ... doch das Gebräu hatte
ein brennendes Rot angenommen, so hell, dass es durch
Harrys geschlossene Augenlider leuchtete ...
Wurmschwanz keuchte und stöhnte unter seinen Qua-
len. Erst als Harry seinen angsterfüllten Atem auf seinem
Gesicht spürte, wurde ihm jäh bewusst, dass er direkt vor ihm
stand.
»B-Blut des Feindes – mit Gewalt genommen – du wirst – deinen
Gegner wieder erstarken lassen.«
Harry konnte nichts tun, um es zu verhindern, die Seile
waren zu straff um ihn gespannt ... er blickte hinunter, sträubte
sich verzweifelt gegen die Fesseln, und dann sah er den
silbernen Dolch in Wurmschwanz' verbliebener Hand zittern.
Er spürte, wie sich die Spitze durch die Beuge seines rechten
Armes bohrte und Blut den Ärmel seines zerrisse-
nen Umhangs hinabsickerte. Wurmschwanz, vor Schmerz
immer noch keuchend, stöberte in seiner Tasche nach einer
Phiole und hielt sie unter Harrys Wunde; ein dünnes Blut-
rinnsal tröpfelte in das Glas.
Mit Harrys Blut stolperte Wurmschwanz zurück zum
Kessel. Er schüttete es hinein. Sofort nahm das Gebräu im
Kessel ein blendend helles Weiß an. Nun, da er seine Arbeit
getan hatte, fiel Wurmschwanz neben dem Kessel auf die
Knie, sackte zur Seite und blieb auf der Erde liegen, keu-
chend und schluchzend, und verbarg den blutenden Arm-
stumpf unter seinem Körper.
672
Der Kessel brodelte und versprühte seine diamantenen
Funken so blendend hell, dass alles andere in samtene Dun-
kelheit getaucht wurde. Nichts geschah ...
Lass es ertrunken sein, dachte Harry, lass es misslungen
sein ...
Und dann, ganz plötzlich, erlosch das Funkengestiebe über
dem Kessel. Weißer Dampf quoll in dicken Schwaden aus
dem Kessel und tauchte alles vor Harry in weißes Nichts, so
dass er weder Wurmschwanz noch Cedric noch sonst etwas
sehen konnte, nur den Dampf, der in der Luft hing ... es ist
fehlgeschlagen, dachte er ... es ist ertrunken ... bitte ... bitte,
lass es tot sein ...
Doch dann – und eine eisige Woge des Grauens über-
kam ihn -, dann sah er durch den Nebel hindurch, wie der
dunkle Umriss eines Mannes, groß und dürr wie ein Skelett,
langsam aus dem Innern des Kessels aufstieg.
»Meinen Umhang«, sagte die hohe, kalte Stimme hin-
ter der Nebelwand, und Wurmschwanz, schluchzend und
wimmernd, den verstümmelten Arm noch immer schüt-
zend an den Leib gepresst, stolperte hinüber und griff nach
dem schwarzen Umhang auf der Erde, richtete sich auf,
streckte seine verbliebene Hand aus und zog den Umhang über
die Schultern seines Gebieters.
Der dürre Mann stieg langsam aus dem Kessel und starrte
Harry an ... und Harry starrte zurück in dieses Gesicht, das ihn
drei Jahre lang in seinen Alpträumen verfolgt hatte. Wei-
ßer als ein Schädel, mit weiten, scharlachrot lodernden Augen
und einer Nase, die so platt war wie die einer Schlan-
ge, mit Schlitzen als Nüstern ...
Lord Voldemort war wieder erstanden.
673
Die Todesser
Voldemort wandte die Augen von Harry ab und begann sei-
nen Körper zu untersuchen. Seine Hände waren wie große,
bleiche Spinnen; mit den langen Fingern streichelte er seine
Brust, die Arme, das Gesicht; die roten Pupillen, katzen-
gleich zu Schlitzen verengt, glommen noch heller durch die
Nacht. Er hob die Hände hoch und krümmte mit verzückt
triumphierendem Blick die Finger. Von Wurmschwanz, der
zuckend und blutend am Boden lag, nahm er nicht die ge-
ringste Notiz, noch von der großen Schlange, die herbeige-
glitten war und erneut ihren zischelnden Kreis um Harry
zog. Voldemort schob eine der unnatürlich langfingrigen
Hände tief in die Tasche und zog einen Zauberstab hervor.
Auch ihn streichelte er sanft; und dann richtete er ihn auf
Wurmschwanz, der in die Höhe gerissen und gegen den
Grabstein geschleudert wurde, an den Harry gefesselt war;
Wurmschwanz fiel zurück auf die Erde und blieb zusam-
mengekrümmt und weinend am Fuß des Grabsteins liegen.
Voldemort wandte seine scharlachroten Augen wieder
Harry zu und ließ sein hohes, kaltes, freudloses Lachen
hören.
Wurmschwanz' Umhang glänzte vor Blut; er hatte seinen
Armstumpf darin eingewickelt. »Herr ...«, würgte er hervor,
»Herr ... Ihr habt versprochen ... Ihr habt versprochen ...«
»Streck deinen Arm aus«, sagte Voldemort träge.
»Oh, Herr ... ich danke Euch, Herr ...«
Er schob den blutigen Stumpf unter seinem Körper her-
674
vor, doch Voldemort lachte nur. »Den anderen Arm, Wurm-
schwanz.«
»Herr, bitte ... bitte ...«
Voldemort bückte sich und zog Wurmschwanz' linken Arm
unter ihm hervor; dann schob er den Ärmel des Um-
hangs über Wurmschwanz' Ellbogen, und Harry konnte jetzt
etwas auf der Haut des Unterarms erkennen, das aus-
sah wie eine brennend rote Tätowierung – ein Totenschä-
del, aus dessen Mund eine Schlange drang –, das Zeichen, das
bei der Quidditch-Weltmeisterschaft am Himmel er-
schienen war: das Dunkle Mal. Voldemort untersuchte es
sorgfältig, ohne auf Wurmschwanz' krampfartiges Schluch-
zen zu achten.
»Es ist wieder da«, sagte er leise, »sie werden es alle be-
merkt haben ... und jetzt werden wir sehen ... jetzt werden wir
erfahren ...«
Er drückte seinen langen weißen Zeigefinger auf das
Brandmal an Wurmschwanz' Arm.
Erneut loderte ein brennender Schmerz durch Harrys
Stirnnarbe, und Wurmschwanz stieß einen markerschüt-
ternden Schrei aus. Voldemort löste den Finger von Wurm-
schwanz' Mal, und Harry sah, dass es sich pechschwarz ver-
färbt hatte.
Mit einem Ausdruck grausamer Genugtuung richtete sich
Voldemort auf, warf den Kopf zurück und blickte auf dem
dunklen Friedhof umher.
»Wie viele werden wohl den Mut haben zurückzukeh-
ren, wenn sie es spüren?«, flüsterte er, die glimmenden roten
Augen auf die Sterne gerichtet. »Und wie viele werden dumm
genug sein, nicht zu kommen?«
Er begann vor Harry und Wurmschwanz auf und ab zu
schreiten, während er mit den Augen wachsam den Friedhof
absuchte. Nach etwa einer Minute sah er auf Harry hinab,
675
und ein grausames Lächeln spielte über sein schlangenarti-
ges Gesicht.
»Harry Potter, du stehst auf den sterblichen Überresten
meines Vaters«, zischte er leise. »Ein Muggel und ein Tor ...
deiner lieben Mutter sehr ähnlich. Doch beide waren sie von
Nutzen, nicht wahr? Deine Mutter starb, um dich, ihr Kind,
zu schützen ... und ich tötete meinen Vater, doch sieh nur, wie
nützlich er sich noch im Tod erwiesen hat ...«
Erneut lachte Voldemort auf. Er schritt auf und ab, wach-
same Blicke über den Friedhof werfend, und die Schlange zog
ihre Kreise im Gras.
»Siehst du das Haus dort oben auf dem Hügel, Potter? Dort
lebte mein Vater. Meine Mutter, eine Hexe, die hier in diesem
Dorf lebte, verliebte sich in ihn. Doch er verließ sie, als sie
ihm sagte, was sie war ... er mochte keine Zauberei, mein
Vater ...
Er ließ sie im Stich und kehrte zu seinen Muggeleltern
zurück, noch bevor ich überhaupt geboren war, Potter, und sie
starb bei meiner Geburt, so dass man mich in einem Wai-
senhaus der Muggel großzog ... doch ich schwor mir, ihn zu
finden ... ich rächte mich an ihm, an diesem Dummkopf, der
mir seinen Namen gab ... Tom Riddle ...«
Noch immer schritt er auf und ab und die roten Augen
huschten von Grab zu Grab.
»Höre, wie ich noch einmal die Geschichte meiner Fami-
lie durchlebe ...«, sagte er leise. »Aber ich werde nicht noch
rührselig werden ... Doch sieh, Harry! Meine wahre Familie
kehrt zurück ...«
Plötzlich war die Luft erfüllt vom Rascheln und Rauschen
vieler Umhänge. Zwischen den Gräbern, hinter der Eibe, tief
in den Schatten, apparierten Zauberer. Alle waren maskiert
und trugen Kapuzen. Und einer nach dem anderen kam auf sie
zu ... langsam, vorsichtig, als würden sie ihren Augen kaum
676
trauen. Voldemort stand schweigend da und erwartete sie.
Dann sank einer der Todesser auf die Knie, rutschte auf Vol-
demort zu und küsste den Saum seines schwarzen Umhangs.
»Herr ... Herr ...«, murmelte er.
Die Todesser hinter ihm taten es ihm nach; einer nach dem
anderen näherte sich Voldemort auf Knien und küsste ihm den
Umhang, wich dann zurück und erhob sich. Alle zusammen
bildeten sie einen stummen Kreis um Tom Riddles Grab, um
Harry, Voldemort und den schluchzenden und zuckenden
Haufen, der Wurmschwanz war. Doch sie ließen Lücken im
Kreis, als warteten sie auf noch Kom-
mende. Voldemort jedoch schien keinen mehr zu erwarten. Er
sah reihum in die maskierten Gesichter, und obwohl es
windstill war, schien ein Rascheln durch den Kreis zu laufen,
als ob er zitterte.
»Willkommen, Todesser«, sagte Voldemort leise. »Vier-
zehn Jahre ... vierzehn Jahre seit unserer letzten Zusam-
menkunft ... so sind wir denn noch immer vereint unter dem
Dunklen Mal! Oder nicht?«
Er reckte sein schreckliches Gesicht in die Luft und
schnüffelte und seine schlitzartigen Nüstern weiteten sich.
»Ich rieche Schuld«, sagte er. »Der Gestank von Schuld
liegt in der Luft.«
Erneut lief ein Schaudern durch den Kreis, als ob jeder der
Versammelten sich danach sehnte, doch es nicht wagte, vor
ihm zurückzuweichen.
»Ich sehe euch hier versammelt, gesund und unversehrt, auf
der Höhe eurer Zauberkraft – welch promptes Erschei-
nen! -, und ich frage mich ... warum ist diese Bande von
Zauberern ihrem Herrn, dem sie ewige Treue geschworen
hatte, nie zu Hilfe geeilt?«
Keiner sprach. Keiner rührte sich außer Wurmschwanz, der
schluchzend über seinen Arm gebeugt auf der Erde lag.
677
»Und ich antworte mir selbst«, flüsterte Voldemort. »Sie
müssen geglaubt haben, ich sei gebrochen, sie glaubten, ich
sei vernichtet. Sie schlichen sich wieder unter meine Feinde
und verkündeten, sie seien unschuldig, sie hätten nichts ge-
wusst, sie seien meinem Zauber unterworfen gewesen ...
Und dann frage ich mich, weshalb nur konnten sie glau-
ben, ich würde nicht wieder erstehen? Sie, die die Schritte
kannten, die ich vor langer Zeit tat, um mich vor dem end-
gültigen Tod zu schützen? Sie, die mit eigenen Augen gese-
hen haben, wie weit meine Macht reichte in jener Zeit, da ich
mächtiger war als jeder lebende Zauberer?
Und ich sage mir, vielleicht glaubten sie, eine noch grö-
ßere Macht könne existieren, eine, die selbst Lord Volde-
mort besiegen könne ... vielleicht huldigen sie nun einem
anderen ... vielleicht diesem Fürsprecher der Gewöhn-
lichen, der Schlammblüter und Muggel, Albus Dumbledore.«
Bei der Erwähnung von Dumbledores Namen lief ein
nervöses Zittern durch den Kreis, einige begannen zu mur-
meln und schüttelten den Kopf.
Voldemort achtete nicht auf sie. »Es ist eine Enttäuschung
für mich ... ich bekenne, dass ich enttäuscht bin ...«
Plötzlich brach einer der Männer aus dem Kreis aus und
stürzte nach vorn. Am ganzen Leib zitternd brach er zu Vol-
demorts Füßen zusammen.
»Herr!«, kreischte er. »Herr, vergib mir! Vergib uns allen!«
Voldemort fing an zu lachen. Er richtete seinen Zauber-
stab auf ihn. »Crucio!« Der Todesser auf der Erde krümmte
sich und schrie; Harry war sich sicher, dass der Lärm zu den
Häusern in der Umgebung dringen würde ... ruft die Poli-
zei, dachte er verzweifelt ... wen auch immer ... tut irgend-
was ...
Voldemort hob des Zauberstab. Der gequälte Todesser
lag ausgestreckt und nach Luft ringend auf der Erde.
678
»Steh auf, Avery«, sagte Voldemort leise. »Steh auf. Du
bittest um Vergebung? Ich vergebe nicht. Ich vergesse nicht.
Vierzehn lange Jahre ... ich will vierzehn Jahre zurück-
bezahlt haben, bevor ich dir vergebe. Wurmschwanz hier hat
bereits einen Teil seiner Schuld beglichen, nicht wahr,
Wurmschwanz?«
Er sah auf Wurmschwanz hinab, der weiter schluchzte.
»Du bist zu mir zurückgekehrt, nicht aus Treue, sondern aus
Angst vor deinen alten Freunden. Du verdienst diesen
Schmerz, Wurmschwanz. Das weißt du doch?«
»Ja, Herr«, stöhnte Wurmschwanz, »bitte, Herr, bitte ...«
»Doch hast du geholfen, mir meinen Körper wiederzuge-
ben«, sagte Voldemort mit kaltem Blick auf den schluchzen-
den Wurmschwanz am Boden. »So wertlos und verräterisch
du auch bist, du hast mir geholfen ... und Lord Voldemort
belohnt seine Helfer ...«
Voldemort hob den Zauberstab und ließ ihn durch die Luft
wirbeln. Es schien, als würde die Spitze eine leuchtende
Schliere aus geschmolzenem Silber hinter sich lassen. Einen
Moment lang noch formlos, verschlang sie sich und nahm
dann Gestalt an, die schimmernde Nachbildung einer
menschlichen Hand, hell wie das Mondlicht. Sie flog zur Erde
und fügte sich an Wurmschwanz' blutendes Handge-
lenk an.
Wurmschwanz hörte schlagartig auf zu schluchzen. Ras-
selnd und stockend atmend hob er den Kopf und starrte un-
gläubig seine silberne Hand an, die sich jetzt nahtlos mit sei-
nem Arm verbunden hatte, so dass es schien, als würde er
einen silbern leuchtenden Handschuh tragen. Er krümmte die
schimmernden Finger, dann hob er zitternd einen klei-
nen Zweig von der Erde und zerrieb ihn zu Holzmehl.
»Herr«, flüsterte er. »Herr ... sie ist wunderbar ... ich danke
Euch ... ich danke Euch ...«
679
Er rutschte auf den Knien vor und küsste den Saum von
Voldemorts Umhang.
»Auf dass du nie mehr wanken mögest in deiner Treue,
Wurmschwanz«, sagte Voldemort.
»Nein, Herr ... niemals, Herr ...«
Wurmschwanz erhob sich und nahm seinen Platz in dem
Kreis ein, den Blick unablässig auf seine kräftige neue Hand
gerichtet, das Gesicht noch tränenverschmiert. Voldemort
näherte sich jetzt dem Mann rechts neben Wurmschwanz.
»Lucius, mein aalglatter Freund«, flüsterte er und blieb vor
ihm stehen. »Wie ich höre, hast du die alten Bräuche nicht
aufgegeben, auch wenn du der Welt ein Achtung heischendes
Gesicht zeigst. Du bist immer noch der Erste, wenn es darum
geht, die Muggel ein wenig zu quälen? Doch hast du nie ver-
sucht, mich zu finden, Lucius ... deine Großtaten bei der
Quidditch-Weltmeisterschaft waren vergnüglich, zugestan-
den ... doch hättest du deine Kräfte nicht besser darauf ver-
wandt, deinen Herrn zu finden und ihm zu helfen?«
»Herr, ich war immer bereit«, drang Lucius Malfoys
Stimme hastig unter der Kapuze hervor. »Hätte es irgendein
Zeichen von Euch gegeben, irgendein Geflüster, wo Ihr seid,
ich wäre sofort an Eurer Seite gewesen, nichts hätte mich
aufhalten können –«
»Und doch flohst du vor meinem Dunklen Mal, als ein
treuer Todesser es letzten Sommer gen Himmel schickte?«,
sagte Voldemort träge, und Malfoy verstummte schlagartig.
»Ja, ich weiß alles darüber, Lucius ... du hast mich sehr ent-
täuscht ... in Zukunft erwarte ich treuere Gefolgschaft.«
»Natürlich, Herr, natürlich ... Ihr seid gnädig, ich danke
Euch ...«
Voldemort ging ein paar Schritte weiter, hielt dann inne und
schaute auf den leeren Platz – breit genug für zwei -, der
Malfoy und den nächsten Mann trennte.
680
»Die Lestranges sollten hier stehen«, sagte Voldemort leise.
»Sie sind lebendig begraben in Askaban. Sie waren mir treu.
Sie gingen lieber nach Askaban, als mir abzu-
schwören ... wenn wir die Mauern von Askaban sprengen,
werden wir die Lestranges ehren, wie sie es nie zu träumen
wagten. Die Dementoren werden sich uns anschließen ... wir
werden die Riesen aus der Verbannung zurückrufen ... ich
werde all meine hingebungsvollen Diener wieder um mich
scharen, und auch ein Heer von Kreaturen, das alle fürchten
werden ...«
Er schritt weiter. An einigen Todessern ging er schwei-
gend vorbei, vor anderen blieb er stehen und sprach sie an.
»Macnair ... wie mir Wurmschwanz mitteilt, vernichtest du
jetzt gefährliche Biester im Dienst des Ministeriums? Du wirst
bald bessere Opfer bekommen, Macnair. Lord Volde-
mort wird dafür sorgen ...«
»Ich danke Euch, Herr ... danke ...«, murmelte Macnair.
»Und hier –«, Voldemort trat auf die beiden größten der
vermummten Gestalten zu, »hier haben wir Crabbe ... dies-
mal wirst du dich besser bewähren, nicht wahr, Crabbe? Auch
du, Goyle?«
Beide verneigten sich linkisch und murmelten dumpfe
Worte.
»Ja, Herr ...«
»Das werden wir. Herr ...«
»Dasselbe gilt für dich, Nott«, sagte Voldemort leise, als er
an einer gedrungenen Gestalt in Goyles Schatten vorbeiging.
»Herr, ich werfe mich vor Euch in den Staub, ich bin Euer
demütigster –«
»Das reicht«, sagte Voldemort.
Er kam zur größten Lücke zwischen den Gestalten und
suchte sie mit seinen leeren roten Augen ab, als könne er dort
jemanden stehen sehen.
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»Und hier haben wir sechs fehlende Todesser ... drei, ge-
tötet in meinen Diensten. Einer, zu feige, um zurückzukeh-
ren ... er wird dafür bezahlen. Einer, von dem ich glaube, dass
er mich für immer verlassen hat ... dafür wird er natür-
lich sterben ... und einer, der mein treuester Diener blieb und
bereits jetzt wieder in meinem Dienst steht.«
Ein Rascheln lief durch den Kreis der Todesser; Harry sah,
wie sie sich durch die Augenschlitze ihrer Masken verstoh-
lene Blicke zuwarfen.
»Er ist in Hogwarts, dieser treue Diener, und seinen Mü-
hen ist es zu verdanken, dass unser junger Freund heute
Abend hier sein kann ... Ja«, sagte Voldemort, und sein lip-
penloser Mund kräuselte sich zu einem Grinsen, während alle
Augen des Kreises in Harrys Richtung blitzten. »Harry Potter
war so freundlich, zu meiner Wiedergeburtsfeier zu kommen.
Man könnte sogar so weit gehen und ihn als mei-
nen Ehrengast bezeichnen.«
Alle schwiegen. Schließlich trat der Todesser rechts von
Wurmschwanz ein paar Schritte vor und durch die Maske
drang die Stimme von Lucius Malfoy.
»Herr, wir flehen Euch an ... wir bitten Euch inständig ... zu
erklären, wie Ihr dieses ... dieses Wunder vollbracht habt ...
wie Ihr es geschafft habt, zu uns zurückzukehren ...«
»Aah, welch eine Geschichte, Lucius«, sagte Voldemort.
»Und sie beginnt – und endet – mit unserem Freund hier.«
Er kam mit lässigen Schritten auf Harry zu und trat an seine
Seite, und aller Augen im Rund richteten sich auf sie. Die
Schlange zog weiter ihren Kreis.
»Ihr wisst natürlich, dass sie diesen Jungen als mein
Schicksal bezeichnet haben?«, sagte Voldemort leise, die ro-
ten Augen auf Harry gerichtet, dessen Narbe so rasend zu
brennen begann, dass er vor Qual fast geschrien hätte.
»Ihr alle wisst, dass ich in der Nacht, da ich meine Macht
682
und meinen Körper verlor, versucht hatte, ihn zu töten. Seine
Mutter starb, weil sie ihn retten wollte – und schützte
ihn damit unwissentlich auf eine Weise, die ich, zugegeben,
nicht vorausgesehen hatte ... ich konnte den Jungen nicht
berühren ...«
Voldemort hob einen seiner langen weißen Finger und
führte ihn ganz nahe an Harrys Wange heran. »Seine Mutter
hat die Spuren ihres Opfers auf ihm hinterlassen ... das ist
uralte Magie, ich hätte es wissen sollen, wie dumm von mir,
dies zu übersehen ... doch nun ist es gleich. Ich kann ihn jetzt
berühren.«
Harry spürte, wie ihn die Spitze des langen weißen Fin-
gers berührte, und dachte, sein Kopf müsse bersten vor
Schmerz.
Voldemort lachte ihm leise ins Ohr, dann nahm er den
Finger weg und fuhr an die Todesser gewandt fort: »Ich hatte
mich verschätzt, meine Freunde, zugegeben. Das tö-
richte Opfer dieser Frau hat meinen Fluch abprallen lassen
und er ist auf mich zurückgefallen. Aaah ... Schmerz, unvor-
stellbarer Schmerz, meine Freunde; nichts hätte mich dage-
gen wappnen können. Ich wurde aus meinem Körper geris-
sen, ich war weniger als ein Geist, weniger als das kläglichste
Gespenst ... und doch, ich lebte. Was ich war – nicht einmal
ich selbst weiß es ... Ich, der ich weiter als alle anderen ge-
gangen bin auf dem Weg, der zur Unsterblichkeit führt. Ihr
kennt mein Ziel – den Tod zu besiegen. Und nun wurde ich
geprüft, und es schien, als wäre das eine oder andere meiner
Experimente gelungen ... denn ich war nicht getötet wor-
den, obwohl der Fluch dies hätte bewirken müssen. Den-
noch war ich so kraftlos wie die schwächste lebende Kreatur
und der Mittel beraubt, mir selbst zu helfen ... denn ich hatte
keinen Körper, und jeder Zauber, der mir hätte helfen können,
verlangte einen Zauberstab ...
683
Ich weiß nur noch, dass ich mich schlaflos, endlos, Se-
kunde um Sekunde dazu zwang, nur zu existieren ... ich ließ
mich in einem fernen Land nieder, in einem Wald, und ich
wartete ... gewiss würde einer meiner getreuen Todesser auf
die Suche nach mir gehen ... einer würde kommen und den
Zauber über mich sprechen, den ich nicht sprechen konnte,
und mir meinen Körper zurückgeben ... doch ich wartete
vergeblich ...«
Erneut lief ein Schauder durch den Kreis der lauschenden
Todesser.
Voldemort wartete, bis die Stille eine fürchterliche Span-
nung angenommen hatte, dann fuhr er fort: »Nur ein Ver-
mögen war mir geblieben. Ich konnte mich der Körper
anderer bemächtigen. Doch ich wagte es nicht, dort hinzu-
gehen, wo sich viele Menschen aufhielten, denn ich wusste,
dass die Auroren immer noch in fremde Länder aus-
schwärmten und mich suchten. Manchmal bewohnte ich Tiere
– Schlangen mochte ich natürlich besonders -, doch erging es
mir in ihnen kaum besser denn als bloßer Geist, da ihre
Körper nicht dazu geeignet waren, Zauber auszufüh-
ren ... und dass ich von ihnen Besitz ergriffen hatte, ver-
kürzte ihr Leben; keines davon lebte lang ...
Dann ... vor vier Jahren ... schien meine Rückkehr greif-
bar nahe zu sein. Ein Zauberer – jung, töricht und leicht-
gläubig – lief mir in dem Wald, in dem ich hauste, über den
Weg. Oh, er schien genau die Chance zu bieten, von der ich
geträumt hatte ... denn er war ein Lehrer an Dumbledores
Schule ... es war ein Leichtes, ihn meinem Willen zu unter-
werfen ... er brachte mich zurück in dieses Land, und nach
einiger Zeit nahm ich von seinem Körper Besitz, um ihn streng
zu überwachen, wenn er meine Befehle ausführte. Doch
mein Plan scheiterte. Es gelang mir nicht, den Stein der
Weisen zu stehlen. Ich sollte mir nicht das ewige Leben
684
sichern können. Mein Vorhaben wurde durchkreuzt ...
abermals durchkreuzt von Harry Potter ...«
Wieder trat Stille ein; nichts regte sich, nicht einmal die
Blätter der Eibe. Die Todesser standen vollkommen reglos da,
die glitzernden Augen unter ihren Masken wie gebannt auf
Voldemort und Harry gerichtet.
»Der Diener starb, als ich seinen Körper verließ, und ich
blieb so schwach wie zuvor«, fuhr Voldemort fort. »Ich kehrte
in mein fernes Versteck zurück, und ich will euch nicht
verhehlen, dass ich damals fürchtete, meine Kräfte für immer
verloren zu haben ... ja, dies war meine dunkelste Stunde ...
ich konnte nicht hoffen, dass mir jemals wieder ein Zauberer
begegnen würde, von dem ich Besitz ergreifen konnte ...
und ich hatte nun die Hoffnung aufgegeben, dass irgendeiner
der Todesser sich darum kümmerte, was aus mir geworden
war ...«
Einige der maskierten Zauberer regten sich voll Unbeha-
gen, doch Voldemort achtete nicht auf sie.
»Und dann, es ist noch kein Jahr her, als ich die Hoffnung
fast aufgegeben hatte, geschah es endlich ... ein Diener kehrte
zu mir zurück: Wurmschwanz hier, der seinen eige-
nen Tod vorgetäuscht hatte, um einer Strafe zu entgehen,
wurde aus seinem Versteck getrieben von jenen, die er einst
zu seinen Freunden gezählt hatte, und er beschloss zu sei-
nem Herrn zurückzukehren. Er suchte mich in dem Land, wo
ich mich, wie das Gerücht schon lange ging, versteckt hatte ...
wobei ihm natürlich die Ratten, die er unterwegs traf,
tatkräftig halfen. Wurmschwanz hat eine seltsame Nei-
gung zu Ratten, nicht wahr, Wurmschwanz? Seine schmut-
zigen kleinen Freunde erzählten ihm, es gebe einen Ort, tief in
einem Wald Albaniens, den sie mieden, wo kleine Tiere wie
sie selbst den Tod gefunden hatten durch einen dunklen
Schatten, der von ihnen Besitz ergriff ...
685
Doch seine Reise zu mir verlief nicht so glatt, oder,
Wurmschwanz? Denn eines Nachts, am Rande des Waldes, in
dem er hoffte mich zu finden, betrat er, Dummkopf, der er
war, mit knurrendem Magen ein Gasthaus, um etwas zu essen
... und dort traf er ausgerechnet Bertha Jorkins, eine Hexe aus
dem Zaubereiministerium!
Nun seht, wie das Schicksal Lord Voldemort begünstigt.
Dies hätte durchaus das Ende von Wurmschwanz bedeuten
können und meiner letzten Hoffnung, wieder zu erstarken.
Doch Wurmschwanz – und hier bewies er eine Geistesge-
genwart, die ich ihm nie zugetraut hätte – überredete Bertha
Jorkins, ihn auf einem nächtlichen Spazier gang zu begleiten.
Er überwältigte sie ... er brachte sie zu mir. Und Bertha Jor-
kins, die alles hätte ruinieren können, erwies sich vielmehr als
ein Geschenk, das ich mir nie erträumt hätte ... denn sie wurde
für mich – mit ein klein wenig Nachhilfe – eine wahre
Goldgrube an nützlichem Wissen.
Sie sagte mir, dass in diesem Jahr das Trimagische Turnier
in Hogwarts stattfinden solle. Sie kenne einen treuen Tod-
esser, der bereit wäre, mir zu helfen, wenn ich nur Verbin-
dung mit ihm aufnehmen könnte. Sie erzählte mir vieles ...
doch die Mittel, die ich gebrauchte, um den Gedächtnis-
'zauber, dem sie unterlag, zu brechen, waren sehr drastisch,
und als ich ihr alle nützlichen Informationen abgepresst hatte,
waren ihr Körper und ihr Geist unrettbar beschädigt. Sie hatte
nun ihren Zweck erfüllt. Ich konnte nicht von ihr Besitz
ergreifen. Ich beseitigte sie.«
Voldemort lächelte sein schreckliches Lächeln, die Augen
rot und mitleidlos.
»Wurmschwanz' Körper war natürlich ebenfalls nicht
geeignet, in Besitz genommen zu werden, da alle ihn für tot
hielten und er zu viel Aufmerksamkeit erregen würde,
wenn man ihn sähe. Jedoch war er der körperlich gesunde
686
Diener, den ich brauchte, und obzwar ein schlechter Zaube-
rer, doch in der Lage, meine Anweisungen auszuführen, die
mir einen elementaren, ganz schwachen eigenen Körper
verschaffen sollten, einen Körper, den ich bewohnen konnte,
während ich auf die entscheidenden Zutaten für meine wahre
Wiedergeburt wartete ... ein oder zwei Zau-
ber, die ich selbst erfunden habe ... ein wenig Hilfe von mei-
ner lieben Nagini« – Voldemorts rote Augen senkten sich auf
die sich ständig im Kreis windende Schlange – »ein Eli-
xier, gebraut aus Einhornblut und dem Schlangengift, das
Nagini mir gab ... bald gewann ich eine fast menschliche
Gestalt zurück und war kräftig genug, um zu reisen.
Ich konnte nicht mehr hoffen, des Steins der Weisen hab-
haft zu werden, denn ich wusste, dass Dumbledore dafür ge-
sorgt hatte, dass er zerstört wurde. Doch mir sollte zunächst
einmal das sterbliche Leben genügen, bevor ich mich auf die
Jagd nach dem unsterblichen begab. Ich wollte mich be-
schränken ... ich wollte mich mit meinem alten Körper ab-
finden, und meiner alten Kraft.
Damit dies gelingen würde – dieses alte Kunststück
schwarzer Magie, dies Elixier, das mich heute wieder belebt
hat -, brauchte ich drei machtvolle Zutaten. Nun, eine da-
von war bereits zur Hand, nicht wahr, Wurmschwanz?
Fleisch, dargeboten von einem Diener ...
Knochen von meinem Vater bedeutete natürlich, dass wir
hierher kommen mussten, wo er begraben war. Doch das Blut
eines Feindes ... Wurmschwanz wollte, dass ich ir-
gendeinen Zauberer nehme, nicht wahr, Wurmschwanz?
Irgendeinen Zauberer, der mich hasste ... wie es noch im-
mer so viele tun. Doch ich kannte jenen, den ich brauchte,
wenn ich wieder aufsteigen wollte, mächtiger werden wollte
als vor meinem Sturz. Ich wollte Harry Potters Blut. Ich
wollte das Blut dessen, der mich vor vierzehn Jahren meiner
687
Macht beraubt hatte, denn dann würde jener dauerhafte
Schutz, den ihm seine Mutter geschenkt hatte, auch in mei-
nen Adern fließen ...
Doch wie an Harry Potter herankommen? Denn er war
besser geschützt, als er selbst wohl wusste, geschützt auf vie-
lerlei Weise, wie es Dumbledore vor langer Zeit schon ge-
plant hatte, als ihm die Pflicht zufiel, für die Zukunft des
Jungen zu sorgen. Dumbledore rief einen alten Zauber auf,
um den Jungen zu schützen, solange er in der Obhut seiner
Verwandten ist. Nicht einmal ich kann ihm dort etwas anha-
ben ... dann, natürlich, gab es die Quidditch-Weltmeister-
schaft ... ich glaubte, sein Schutz wäre dort, fern von seinen
Verwandten und Dumbledore, schwächer, doch ich war noch
nicht stark genug, um eine Entführung aus der Mitte einer
Horde von Ministeriumszauberern wagen zu können. Und
danach würde der Junge nach Hogwarts zurückkehren, wo er
sich von morgens bis nachts unter der krummen Nase dieses
Muggel liebenden Narren befindet. Wie also konnte es mir
gelingen?
Nun ... natürlich indem ich nutzte, was Bertha Jorkins mir
gesagt hatte. Ich musste meinen getreuen Todesser, pos-
tiert in Hogwarts, in Dienst nehmen und dafür sorgen, dass der
Name des Jungen in den Feuerkelch geworfen wurde. Mein
Todesser musste gewährleisten, dass der Junge das Turnier
gewann – dass er als Erster den Trimagischen Pokal berührte –
den Pokal, den mein Todesser in einen Port-
schlüssel verwandelt hatte. Der Portschlüssel würde ihn
hierher bringen, wo Dumbledore ihm nicht mehr helfen, wo er
ihn nicht mehr schützen könnte, hierher in meine wartenden
Arme. Und hier ist er ...«
Voldemort trat langsam vor und wandte das Gesicht Harry
zu. Er hob den Zauberstab. »Crucio!«
Es war ein Schmerz, der alles übertraf, was Harry je erlit-
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ten hatte; seine Knochen standen buchstäblich in Flammen;
sein Kopf, fürchtete er, würde jeden Moment entlang der
Narbe aufplatzen; die Augen überschlugen sich in seinem
Kopf, er wollte, dass es aufhörte ... ohnmächtig werden ...
sterben ...
Und dann war es vorbei. Er hing matt in den Seilen, die ihn
an den Grabstein von Voldemorts Vater fesselten, und sah
durch eine Art Nebel hoch in jene hellroten Augen. Das
Gelächter der Todesser dröhnte durch die Nacht.
»Ihr seht, denke ich, wie töricht es war zu glauben, dass
dieser Junge jemals stärker sein könnte als ich«, sagte Volde-
mort. »Doch ich möchte nicht, dass sich ein Irrtum in euren
Köpfen festsetzt. Harry Potter entkam mir durch eine für ihn
glückliche Fügung. Und ich werde nun meine Macht
beweisen, indem ich ihn töte, hier und jetzt, vor euch allen,
nun, da kein Dumbledore da ist, um ihm zu helfen, und keine
Mutter, um für ihn zu sterben. Ich werde ihm seine Chance
geben. Ich werde ihm erlauben zu kämpfen, und ihr werdet
später keinen Zweifel haben, wer von uns der Stär-
kere war. Nur noch ein wenig Geduld, Nagini«, flüsterte er,
und die Schlange glitt durchs Gras davon, hinüber zum Kreis
der wartenden Todesser.
»Nun löse seine Fesseln, Wurmschwanz, und gib ihm sei-
nen Zauberstab zurück.«
689
Priori Incantatem
Wurmschwanz kam auf Harry zu, der sich hastig mühte, auf
die Beine zu kommen, bevor die Fesseln fielen. Wurm-
schwanz hob seine neue silberne Hand, zog den Knebel aus
Harrys Mund und schnitt dann mit einem Hieb des Zauber-
stabs die Seile entzwei, die Harry an den Grabstein fesselten.
Den Bruchteil einer Sekunde lang mochte Harry überlegt
haben, ob er nicht einfach losrennen sollte, doch nun, da er
wieder auf dem überwucherten Grab stand, zitterte sein ver-
letztes Bein unter der Last seines Körpers, und die Todesser
rückten zusammen und zogen ihren Kreis um ihn und Vol-
demort enger, sie schlössen auch die Lücken, die sie vor-
hin noch offen gelassen hatten. Wurmschwanz verließ den
Kreis und ging hinüber zu der Stelle, wo der tote Cedric lag; er
kehrte mit Harrys Zauberstab zurück und drückte ihn Harry
ohne aufzublicken in die Hand. Dann nahm er seinen Platz im
Kreis der lauernden Todesser ein.
»Man hat dir das Duellieren beigebracht, Harry Potter?«,
sagte Voldemort leise, und seine Augen schimmerten rot in
der Dunkelheit.
Bei diesen Worten erinnerte sich Harry, als wäre es in
einem früheren Leben gewesen, an den Duellierklub in
Hogwarts, den er vor zwei Jahren für kurze Zeit besucht
hatte ... alles, was er dort gelernt hatte, war der Entwaff-
nungszauber, Expelliarmus ... und selbst wenn es ihm gelingen
sollte, Voldemort den Zauberstab zu entreißen, was würde es
ihm nützen, wo er doch von Todessern umringt und dreißig-
690
fach unterlegen war? Nie hatte er etwas gelernt, das ihm in
einer solchen Lage helfen konnte. Er wusste, dass ihm genau
das bevorstand, wovor ihn Moody immer gewarnt hatte ...
der unabwehrbare Fluch Avada Kedavra – und Voldemort
hatte Recht – diesmal war seine Mutter nicht da, um für ihn
sterben zu können ... er war völlig schutzlos ...
»Wir verneigen uns voreinander, Harry«, sagte Voldemort
und neigte sich leicht vor, das Schlangengesicht jedoch auf-
gerichtet und Harry zugewandt. »Komm, die Gepflogenhei-
ten müssen beachtet werden ... Dumbledore würde sicher
wollen, dass du Manieren zeigst ... verneige dich vor dem
Tod, Harry ...«
Die Todesser lachten. Voldemorts lippenloser Mund
lächelte. Harry verneigte sich nicht. Er würde nicht zum
Spielball Voldemorts werden, bevor Voldemort ihn tötete ...
diese Genugtuung wollte er ihm nicht verschaffen ...
»Ich sagte, verneige dich«, sagte Voldemort und hob den Zau-
berstab – und Harry spürte, wie sich sein Rückgrat krümmte,
als ob eine riesige unsichtbare Hand ihn gnadenlos zur Erde
drückte, und jetzt lachten die Todesser noch lauter.
»Sehr gut«, flüsterte Voldemort und senkte den Zauber-
stab; der Druck auf Harrys Rücken ließ nach. »Jetzt tritt mir
entgegen wie ein Mann ... aufrecht und stolz, so wie dein
Vater starb ...
Und nun – duellieren wir uns.«
Voldemort hob den Zauberstab, und bevor Harry etwas
tun konnte, um sich zu verteidigen, bevor er sich auch nur
rühren konnte, hatte ihn der Cruciatus-Fluch erneut nieder-
geworfen. Der Schmerz war so stark, so allumfassend, dass
er vergaß, wo er war ... weiß glühende Messer durchbohr-
ten jeden Zentimeter seiner Haut, sein Kopf würde vor
Schmerz gleich platzen; er schrie lauter, als er je im Leben
geschrien hatte –
691
Und dann hörte es auf. Harry drehte sich zur Seite und
rappelte sich auf; es schüttelte ihn so heftig wie Wurm-
schwanz, als er sich die Hand abgeschnitten hatte; er stol-
perte zur Seite, hinein in die Mauer der lauernden Todesser,
und sie stießen ihn weg, zurück zu Voldemort.
»Eine kleine Pause«, sagte Voldemort, und seine schlitz-
artigen Nüstern weiteten sich vor Erregung, »eine kleine
Pause ... das tat weh, nicht, Harry? Du willst nicht, dass ich
das noch mal tue, oder?«
Harry antwortete nicht. Er würde sterben wie Cedric, diese
erbarmungslosen roten Augen sagten es ihm ... er würde
sterben, und es gab nichts, was er dagegen tun konn-
te ... doch er würde nicht mitspielen. Er würde Voldemort
nicht gehorchen ... er würde nicht um sein Leben betteln ...
»Ich hab dich gefragt, ob ich das noch einmal tun soll«,
sagte Voldemort leise. »Antworte mir! Imperio!«
Und Harry hatte zum dritten Mal in seinem Leben das
Gefühl, alle Gedanken würden aus seinem Kopf gefegt ... ah,
es war eine Wonne, nicht mehr denken zu müssen, es war, als
ob er schwebte, träumte ... »antworte einfach > nein < ... sag doch
> nein <, sag einfach > nein < ...«
»Ich will nicht«, sagte eine stärkere Stimme in seinem
Hinterkopf, »ich werde nicht antworten ...«
»Sag einfach > nein < ...«
»Ich will es nicht, ich will es nicht sagen ...«
»Sag einfach > nein < ,..«
»DAS WERDE ICH NICHT!«
Und diese Worte platzten aus Harrys Mund; sie hallten auf
dem Friedhof wider, und er wurde aus seinem Traum geris-
sen, als hätte ihn jemand mit kaltem Wasser bespritzt – zu-
rück strömten die Schmerzen, die der Cruciatus-Fluch auf
seinem ganzen Körper hinterlassen hatte – zurück strömte das
Wissen, wo er war und wem er gegenüberstand ...
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»Du willst nicht?«, sagte Voldemort leise, und die Tod-
esser lachten diesmal nicht. »Du willst nicht > nein< sagen?
Harry, Gehorsam ist eine Tugend, die ich dir beibringen muss,
bevor du stirbst ... wie war's mit einer weiteren klei-
nen Kostprobe Schmerz?«
Voldemort hob den Zauberstab, aber diesmal war Harry
bereit; reflexartig, wie er es sich beim Quidditch antrainiert
hatte, warf er sich seitlich zu Boden und rollte hinter den
Grabstein von Voldemorts Vater; im selben Augenblick
krachte der Fluch gegen den Grabstein.
»Wir spielen hier nicht Verstecken, Harry«, sagte Volde-
mort leise, und die kalte Stimme näherte sich, während die
Todesser erneut auflachten. »Du kannst dich nicht vor mir
verstecken. Heißt das, du bist des Duellierens müde? Heißt
das, du ziehst es vor, dass ich es auf der Stelle beende? Komm
vor, Harry ... komm vor und spiel mit ... es wird schnell gehen
... vielleicht sogar schmerzlos ... ich kann es nicht wissen ...
ich bin nie gestorben ...«
Harry kauerte hinter dem Grabstein und wusste, dass das
Ende gekommen war. Alle Hoffnung war verloren ... nie-
mand würde ihm helfen können. Und während er lauschte, wie
Voldemort immer näher kam, war er sich, weit jenseits von
Angst oder Vernunft, in einem sicher – er wollte hier nicht
sterben wie ein Kind, das Versteck spielte; er wollte nicht zu
Voldemorts Füßen kniend sterben ... er würde auf-
recht sterben wie sein Vater, und er würde im Sterben versu-
chen, sich zu verteidigen, selbst wenn es aussichtslos war ...
Noch bevor Voldemort mit seinem Schlangengesicht um
den Grabstein schauen konnte, war Harry aufgestanden ... er
packte mit fester Hand seinen Zauberstab, hielt ihn vor sich
und warf sich vor den Grabstein, Voldemort entgegen.
Voldemort war bereit. Harry rief: »Expelliarmus!«, Volde-
mort schrie: »Avada Kedavra!«
693
Ein grüner Lichtblitz schoss aus Voldemorts Zauberstab,
und im selben Augenblick knallte ein roter Lichtblitz aus
Harrys Zauberstab – sie trafen sich in der Luft – und plötz-
lich begann Harrys Zauberstab zu vibrieren, als stünde er
unter elektrischer Spannung; seine Hand hatte sich eisern um
den Stab geklammert; er hätte nicht loslassen können, auch
wenn er gewollt hätte – und jetzt verband ein dünner
Lichtstrahl die beiden Zauberstäbe, weder rot noch grün,
sondern hell und sattgolden -, und Harry, der dem Strahl mit
verblüfftem Blick folgte, sah, dass auch Voldemorts lange
bleiche Finger einen zitternden und bebenden Zau-
berstab umklammerten.
Und dann geschah etwas, auf das ihn nichts hätte vorbe-
reiten können: Harry spürte, wie er den Boden unter den
Füßen verlor. Etwas hob ihn in die Luft, und Voldemort ge-
nauso, während ihre Zauberstäbe durch den schimmernden
Faden aus goldenem Licht verbunden blieben. Sie schweb-
ten weg von dem Grabstein und sanken dann wieder zu Bo-
den, auf ein gräberloses, ebenes Stück Erde ... Die Todesser
riefen und schrien durcheinander und flehten Voldemort an,
ihnen Befehle zu erteilen; jetzt kamen sie zu ihnen, die
Schlange glitt ihnen nach, und sie bildeten erneut einen
Kreis um Harry und Voldemort, und einige zückten den
Zauberstab –
Der goldene Faden, der Harry und Voldemort verband,
faserte sich jetzt auf: Zwar blieben die Zauberstäbe verbun-
den, doch tausend neue Lichtfäden entstanden und wölbten
sich über Harry und Voldemort, schössen kreuz und quer über
sie, bis sie unter einem goldenen, kupp eiförmigen Netz
eingeschlossen waren, einem Käfig aus Licht, jenseits dessen
die Todesser, deren Schreie nun merkwürdig erstickt klangen,
wie Schakale im Kreis herumhuschten ...
»Tut nichts!«, kreischte Voldemort den Todessern zu, und
694
Harry sah, wie sich seine roten Augen beim Anblick dessen,
was um ihn her geschah, verblüfft weiteten, sah, wie er sich
mühte, den Lichtfaden zu zerreißen, der immer noch seinen
und Harrys Zauberstab verband; Harry packte den Zauber-
stab noch fester, umklammerte ihn nun mit beiden Händen,
und der goldene Faden blieb unversehrt. »Tut nichts ohne
meinen Befehl!«, schrie Voldemort den Todessern zu.
Und dann erfüllte ein überirdisch schöner Klang die
Luft ... er drang aus jedem Faden des Lichtgewebes über
ihnen und ließ die Luft um Harry und Voldemort erzittern.
Es war ein Klang, den Harry wieder erkannte, obwohl er
ihn erst einmal im Leben gehört hatte ... es war der Gesang
des Phönix ...
Für Harry war er die reine Hoffnung ... das Schönste, das
Willkommenste, das er je gehört hatte ... er hatte das Ge-
fühl, der Gesang sei nicht nur um ihn her, sondern in ihm ... es
war der Klang, den er mit Dumbledore verband, und es war
fast, als würde ein Freund ihm ins Ohr sprechen ...
»Löse die Verbindung nicht.«
Ich weiß, antwortete Harry der Musik, ich weiß, ich darf es
nicht geschehen lassen ... doch kaum hatte er es gedacht,
wurde es viel schwerer, sein Zauberstab zitterte viel stärker als
zuvor ... und nun veränderte sich der Strahl zwischen ihm und
Voldemort ... es war, als ob große Lichtperlen an dem Faden
zwischen den beiden Zauberstäben entlangglit-
ten – Harry spürte den Zauberstab in seiner Hand erneut heftig
zittern, während die Lichtperlen langsam und stetig auf ihn
zuglitten ... die Kraft des Lichtstrahls war nun gegen ihn
gerichtet und ging von Voldemort aus, und Harry spürte, wie
sein Zauberstab zornig bebte ...
Die vordere Lichtperle kam der Spitze seines Zauberstabs
immer näher, das Holz zwischen seinen Fingern wurde so
heiß, dass er fürchtete, es würde entflammen. Je näher die
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Lichtperle kam, desto heftiger bebte Harrys Zauberstab; ge-
wiss würde der Zauberstab die Berührung mit der Perle nicht
überstehen; er fühlte sich an, als würde er im nächsten
Moment zwischen seinen Fingern zerbersten –
Mit jeder Faser seines Gehirns konzentrierte er sich da-
rauf, die Perle zu Voldemort zurückzudrängen, die Ohren
erfüllt vom Gesang des Phönix, die Augen lodernd, gebannt
auf die Perle blickend ... und langsam, ganz langsam, kamen
die Perlen zitternd zum Stillstand, und dann, ebenso lang-
sam, begannen sie in die andere Richtung zu gleiten ... und es
war Voldemorts Zauberstab, der nun gefährlich zitterte ... und
es war Voldemort, dem das Erstaunen, ja, die Angst in den
Augen stand ...
Eine der Lichtperlen zitterte jetzt nur Zentimeter vor
Voldemorts Zauberstab. Harry wusste nicht, warum er es tat,
wusste nicht, was er damit erreichen könnte ... doch er dachte
mit allerletzter Kraft nur noch daran, dass er diese Lichtperle
zurückzwingen musste, hinein in Voldemorts Zauberstab ...
und langsam ... sehr langsam ... schwebte sie an dem goldenen
Faden entlang ... erbebte einen Moment lang ... und dann
berührte sie Voldemorts Zauberstab ...
Im selben Augenblick drangen laut hallende Schmerzens-
schreie daraus hervor ... und dann – Voldemorts rote Augen
weiteten sich vor Schreck – flog eine Hand aus dickem Rauch
aus der Spitze heraus und verschwand – der Geist der Hand,
die er für Wurmschwanz erschaffen hatte ... wieder
Schmerzensschreie ... und dann erblühte etwas viel Grö-
ßeres aus der Spitze von Voldemorts Zauberstab, ein großes,
graues Etwas, das aussah, als wäre es aus greifbar dickem
Rauch ... es war ein Kopf ... nun eine Brust und Arme ... der
Oberkörper von Cedric.
Dieses eine Mal hätte Harry vor Schreck fast seinen Zau-
berstab losgelassen, doch instinktiv umklammerte er ihn wei-
696
ter, und der goldene Lichtfaden blieb erhalten, während nun
der rauchgraue Geist von Cedric Diggory (war es denn ein
Geist? Er wirkte greifbar fest) zur Gänze aus Voldemorts Zau-
berstab drang, als ob er sich aus einem sehr engen Tunnel
herauszwängte ... und der Schatten von Cedric richtete sich
auf, sah an dem goldenen Lichtfaden entlang und sprach:
»Halte aus, Harry.«
Seine Stimme hallte von fern her. Harry sah zu Volde-
mort ... dessen rote Augen vor Schreck immer noch gewei-
tet waren ... was hier geschah, hatte er genauso wenig er-
wartet wie Harry ... und nun hörte Harry, stark gedämpft, die
angsterfüllten Rufe der Todesser, die lauernd um den Rand
des goldenen Käfigs schlichen ...
Wieder drangen Schmerzensschreie aus dem Zauber-
stab ... und dann quoll erneut etwas aus der Spitze her-
vor ... der dichte Schatten eines zweiten Kopfes, rasch ge-
folgt von Armen und Oberkörper ... ein alter Mann, den Harry
einmal im Traum gesehen hatte, stieß sich jetzt he-
raus, genau wie Cedric es getan hatte ... und sein Geist oder
sein Schatten, oder was immer es war, fiel neben den Cedrics,
erhob sich und musterte auf seinen Gehstock gestützt Harry
und Voldemort und das goldene Netz und die verbundenen
Zauberstäbe ...
»Er ist also ein echter Zauberer?«, sagte der alte Mann, die
Augen auf Voldemort gerichtet. »Hat mich getötet, der hier ...
kämpfe gegen ihn, Junge ...«
Doch schon tauchte ein weiterer Kopf auf ... und dieser
Kopf, grau wie eine Plastik aus Rauch, war der einer Frau ...
Harry, dem jetzt beide Arme zitterten vor Anstrengung, den
Zauberstab ruhig zu halten, sah, wie sie den anderen gleich zu
Boden fiel, sich aufrichtete und umherblickte ...
Der Schatten Bertha Jorkins' bestaunte mit großen Augen
den Kampf, der sich vor ihr abspielte.
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»Lass jetzt bloß nicht los!«, schrie sie, und auch ihre
Stimme hallte, wie die Cedrics, wie von fern her. »Er darf dich
nicht kriegen, Harry – lass nicht los!«
Sie und die anderen beiden schattenhaften Gestalten be-
gannen an der Innenwand des goldenen Netzes entlangzu-
schreiten, während die Todesser auf der anderen Seite um-
herhuschten ... und Voldemorts tote Opfer flüsterten, während
sie die Duellanten umkreisten, flüsterten ermuti-
gende Worte für Harry und zischten Voldemort Worte zu, die
Harry nicht verstand.
Und wieder erschien ein Kopf an der Spitze von Volde-
morts Zauberstab ... und Harry wusste auf den ersten Blick,
wer es sein würde ... er wusste es, als hätte er es von dem
Moment an erwartet, als Cedric dort erschienen war ... er
wusste es, denn der Mensch, der jetzt erschien, war der, an
den er an diesem Abend öfter als an jeden anderen gedacht
hatte ...
Der rauchige Schatten eines großen Mannes mit zerzaus-
tem Haar fiel zu Boden, wie vor ihm Bertha, richtete sich auf
und sah Harry an ... und Harry, dessen Arme jetzt un-
bändig zitterten, erwiderte den Blick und sah in das geister-
hafte Gesicht seines Vaters.
»Deine Mutter kommt ...«, sagte er leise. »Sie will dich
sehen ... es wird gut gehen ... halt durch ...«
Und sie kam ... erst ihr Kopf, dann ihr Körper ... eine junge
Frau mit langem Haar, die rauchig schattenhafte Ge-
stalt Lily Potters, erblühte aus der Spitze von Voldemorts
Zauberstab, fiel zu Boden und erhob sich. Sie ging auf Harry
zu, sah auf ihn hinab und sprach mit derselben fernen, hal-
lenden Stimme wie die anderen, doch leise, so dass Volde-
mort es nicht hören konnte, dessen Gesicht nun, da seine
Opfer um ihn herumstreiften, vor Angst wild zuckte ...
»Wenn die Verbindung abbricht, werden wir nur noch
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wenige Augenblicke bleiben können ... doch wir werden
dir Zeit verschaffen ... du musst den Portschlüssel erreichen, er
wird dich nach Hogwarts zurückbringen ... verstehst du
mich, Harry?«
»Ja«, keuchte Harry, er mühte sich verzweifelt, den Zau-
berstab festzuhalten, der ihm jetzt durch die Finger rutschte
und zu entgleiten drohte.
»Harry ...«, flüsterte die Gestalt Cedrics, »bitte nimm
meinen toten Körper mit zurück. Bring meine Leiche zu-
rück zu meinen Eltern ...«
»Das werde ich«, sagte Harry, und sein Gesicht verzerrte
sich vor Anstrengung, den Zauberstab zu halten.
»Tu es jetzt«, flüsterte die Stimme seines Vaters. »Mach
dich bereit ... tu es jetzt ...«
»JETZT!«, schrie Harry; ich hätte ohnehin keine Sekunde
länger durchhalten können, dachte er – und mit allerletzter
Kraft zog er seinen Zauberstab in die Höhe und der goldene
Faden riss; der Lichtkäfig löste sich auf, der Gesang des Phö-
nix erstarb – doch die schattenhaften Gestalten der Opfer
Voldemorts verschwanden nicht – sie gingen im Kreis auf
Voldemort zu und schirmten Harry vor seinem Blick ab –
Und Harry rannte, wie er nie in seinem Leben gerannt war,
warf zwei vor Schreck erstarrte Todesser um, lief im Zickzack
zwischen den Gräbern hindurch, spürte schon, wie ihre
Flüche ihm nachjagten, hörte, wie sie gegen Grabsteine
prallten – er wich Flüchen und Gräbern aus, stürzte auf
Cedrics Körper zu, den Schmerz in seinem Bein nicht
mehr spürend, sein ganzes Sein auf das konzentriert, was
er tun musste –
»Schockt ihn!«, hörte er Voldemort schreien.
Noch drei Meter von Cedric entfernt tauchte Harry hin-
ter einem Marmorengel ab, um den Blitzen aus rotem Licht
zu entgehen, und sah, wie die Spitze des marmornen Flügels
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unter dem Aufprall der Flüche absplitterte. Er packte seinen
Zauberstab noch fester und hechtete hinter dem Engel her-
vor – »Impedimenta!«, brüllte er und fuchtelte mit dem Zau-
berstab über die Schulter, den ihm folgenden Todessern ent-
gegen.
Er hörte einen erstickten Schrei und glaubte, wenigstens
einen von ihnen erwischt zu haben, doch er hatte keine Zeit,
sich umzudrehen und nachzusehen; er sprang über den Po-
kal, hörte es hinter sich erneut prasseln und knallen und zog
den Kopf ein; wieder flogen Lichtblitze über ihn hinweg, er
ließ sich fallen, streckte die Hand aus und packte Cedrics
Arm –
»Beiseite! Ich werde ihn töten! Er gehört mir!«, kreischte
Voldemort.
Harrys Hand umschloss Cedrics Oberarm; ein Grabstein
stand zwischen ihm und Voldemort, doch mit sich tragen
konnte er Cedric nicht, und der Pokal war außer Reichweite –
Voldemorts rote Augen flammten in der Dunkelheit auf.
Harry sah, wie sich sein Mund zu einem Grinsen verzerrte,
sah, wie er den Zauberstab hob.
»Accio!«, rief Harry und deutete auf den Trimagischen Pokal.
Der Pokal flog hoch in die Luft und sirrte auf ihn zu -Harry
packte ihn am Henkel –
Er hörte Voldemorts Wutschrei im selben Moment, da er
das Reißen hinter seinem Nabel spürte, und er wusste, dass
der Portschlüssel seine Arbeit tat – er flog mit ihm davon in
einen Strudel aus Wind und Farben, und Cedric war bei
ihm ... sie kehrten zurück ...
700
Veritaserum
Harry schlug bäuchlings auf, sein Gesicht drückte sich in die
Erde; Grasgeruch stieg ihm in die Nase. Er hatte die Augen
geschlossen gehalten, während der Portschlüssel ihn getragen
hatte, und tat es auch weiterhin. Er rührte sich nicht. Alle Luft
schien aus ihm herausgepresst zu sein; der Kopf schwirrte ihm
so heftig, als schwankte die Erde unter ihm wie das Deck eines
Schiffes. Um den Schwindel zu lindern, umklammerte er das,
was er in Händen hielt, noch fester – den glatten, kal-
ten Henkel des Trimagischen Pokals und Cedrics leblosen
Arm. Wenn er sie loslassen würde, so fürchtete er, würde er
sofort wieder in die Dunkelheit hinabsinken, die vom Rand
seines Bewusstseins her auf ihn zukroch. Schock und Er-
schöpfung hielten ihn am Boden, er atmete den Geruch des
Grases ein und wartete ... wartete darauf, dass jemand etwas
unternahm ... dass etwas geschah ... und die ganze Zeit über
spürte er noch dumpf die Narbe auf seiner Stirn brennen ...
Eine Springflut aus ohrenbetäubendem Lärm verwirrte ihn,
überall waren Stimmen, Fußgetrappel, Schreie ... er blieb, wo
er war, die Nase ins Gras gedrückt, als wäre dies ein
Alptraum, der vorübergehen würde ...
Ein Paar Hände packte ihn grob und drehte ihn um.
»Harry! Harry!«
Er öffnete die Augen.
Er sah den sternübersäten Himmel und Albus Dumble-
dore, der sich über ihn gebeugt hatte. Die dunklen Schatten
einer vielköpfigen Menge schoben und drängten sich auf sie
701
zu; Harry spürte im Nacken, wie die Erde unter ihrem Fuß-
getrappel erzitterte.
Er war am Rand des Irrgartens gelandet. Über sich sah er
die Tribünen in die Höhe ragen, die menschlichen Gestal-
ten, die sich auf ihnen bewegten, die Sterne am Himmel.
Harry ließ den Pokal los, doch Cedrics Arm klammerte er
umso fester an sich. Er hob seine freie Hand und packte
Dumbledore, dessen Gesicht vor seinen Augen immer wie-
der verschwamm, am Handgelenk.
»Er ist zurück«, flüsterte Harry. »Er ist zurück. Volde-
mort.«
»Was sagst du da? Was ist geschehen?«
Das Gesicht von Cornelius Fudge erschien verkehrt he-
rum über Harry; es war weiß, starr vor Entsetzen.
»Mein Gott – Diggory!«, flüsterte er. »Dumbledore – er
ist tot!«
Jemand wiederholte die Worte, die Schattengestalten, die
auf sie zudrängten, keuchten sie den Umstehenden zu ... und
andere schließlich schrien – kreischten – die Worte in die
Nacht hinaus – »Er ist tot! Er ist tot!« – »Cedric Diggory! Tot!«
»Lass ihn los, Harry«, hörte er Fudges Stimme sagen, und
er spürte Finger, die versuchten, seine Hand von Cedrics
leblosem Arm zu lösen, doch Harry umklammerte ihn nur
noch fester.
Dumbledores Gesicht, noch immer verschwommen wie
hinter einem Dunstschleier, kam jetzt näher. »Harry, du
kannst ihm jetzt nicht mehr helfen. Es ist vorbei. Lass los.«
»Er wollte, dass ich ihn zurückbringe«, murmelte Harry -es
schien ihm wichtig, dies zu erklären. »Er hat mich gebe-
ten, ihn zu seinen Eltern zurückzubringen ...«
»Das ist schon richtig, Harry ... nun lass einfach los ...«
Dumbledore bückte sich zu ihm hinunter, und mit einer
für einen so alten und dünnen Mann erstaunlichen Kraft
702
hob er Harry vom Boden und stellte ihn auf die Füße. Harry
wankte. In seinem Kopf hämmerte es. Sein verletztes Bein
wollte ihn nicht mehr tragen. Die Umstehenden rempelten sich
an, drängten mit dunklen Mienen auf ihn zu – »Was ist
passiert?« – »Was fehlt ihm?«
»Diggory ist tot!«
»Er muss in den Krankenflügel!«, verkündete Fudge laut.
»Er ist krank, er ist verletzt – Dumbledore, Diggorys Eltern,
sie sind hier, sie sind auf der Tribüne ...«
»Ich nehme Harry mit, Dumbledore, ich nehm ihn
schon –«
»Nein, es wäre besser –«
»Dumbledore, dort läuft Amos Diggory ... er kommt hier
rüber ... meinen Sie nicht, Sie sollten es ihm sagen ... bevor er
ihn sieht –?«
»Harry, bleib hier –«
Mädchen schrien, schluchzten hysterisch ... die Szenerie vor
Harrys Augen begann merkwürdig zu flackern ...
»Ist schon gut, Junge, ich bin bei dir ... komm mit ...
Krankenflügel ...«
»Nein, Dumbledore hat gesagt, ich soll bleiben«, nu-
schelte Harry, und in seiner Stirnnarbe hämmerte es so stark,
dass er sich gleich übergeben würde; noch trüber wurde es
ihm jetzt vor Augen.
»Du musst dich hinlegen ... komm jetzt mit ...«
Eine Gestalt, größer und stärker als Harry, zog ihn halb, trug
ihn halb durch die verängstigte Menge; Harry hörte die Leute
keuchen, schreien und rufen, während der Mann, der ihn
stützte, sich einen Weg durch das Gedränge bahnte und ihn
hinüber zum Schloss führte, über den Rasen, vorbei am See
und am Schiff der Durmstrangs; Harry hörte nichts als das
schwere Atmen des Mannes, der ihm gehen half.
»Was ist passiert, Harry?«, fragte der Mann schließlich,
703
während er Harry die Steintreppe hinauftrug. Klonk. Klonk.
Klonk. Es war Mad-Eye Moody.
»Pokal war 'n Portschlüssel«, sagte Harry, als sie die Ein-
gangshalle durchquerten. »Hat mich und Cedric auf einen
Friedhof gebracht ... und da war Voldemort ... Lord Volde-
mort ...«
Klonk. Klonk. Klonk. Die Marmortreppe hoch ...
»Der dunkle Lord war da? Was ist dann passiert?«
»Cedric getötet ... sie haben Cedric getötet ...«
»Und dann?«
Klonk. Klonk. Klonk. Den Korridor entlang ...
»Hat ein Elixier gebraut ... hat seinen Körper wieder ...«
»Der dunkle Lord hat seinen Körper wieder? Er ist zu-
rückgekehrt?«
»Und die Todesser kamen ... und dann haben wir uns
duelliert ...«
»Du hast dich mit dem dunklen Lord duelliert?«
»Bin davongekommen ... mein Zauberstab ... hat was
Komisches gemacht ... ich hab Mum und Dad gesehen ...
sie kamen aus dem Zauberstab ...«
»Hier rein, Harry ... hier rein, und dann setz dich ... es
geht dir gleich besser ... trink das hier ...«
Harry hörte einen Schlüssel in einem Schloss scharren und
spürte, wie ihm eine Tasse in die Hände gedrückt wurde.
»Trink das ... dann geht's dir besser ... komm schon, Harry,
ich muss ganz genau wissen, was passiert ist ...«
Moody flößte ihm das Getränk ein; Harry hustete, etwas
mit pfefferartigem Geschmack brannte ihm in der Kehle.
Moodys Büro nahm nun klarere Umrisse an, und auch
Moody selbst ... er wirkte so weiß wie schon Fudge, und
beide Augen waren starr und ohne Lidschlag auf Harry ge-
richtet.
704
»Voldemort ist zurückgekehrt, Harry? Bist du dir sicher?
Wie hat er es geschafft?«
»Er hat etwas aus dem Grab seines Vaters genommen und
etwas von Wurmschwanz – und von mir«, sagte Harry. Sein
Kopf war jetzt klarer; seine Narbe schmerzte nicht mehr so
stark; er konnte Moodys Gesicht deutlicher sehen, obwohl
es im Büro dunkel war. Vom fernen Quidditch-Feld her
hörte er immer noch Rufe und Schreie.
»Was hat der dunkle Lord von dir genommen?«, fragte
Moody.
»Blut«, sagte Harry und hob den Arm. Wo Wurmschwanz'
Dolch den Ärmel aufgeschlitzt hatte, war jetzt ein großer Riss.
Moody atmete mit lang anhaltendem, leisem Pfeifen aus.
»Und die Todesser? Sind auch sie zurückgekehrt?«
»Ja«, sagte Harry. »Ungeheuer viele ...«
»Wie hat er sie behandelt?«, fragte Moody leise. »Hat er
ihnen verziehen?«
Doch jetzt fiel es Harry plötzlich wieder ein. Er hätte es
Dumbledore sagen sollen, er hätte es ihm doch gleich sagen
müssen – »In Hogwarts ist ein Todesser! Ein Todesser ist
hier – er hat meinen Namen in den Feuerkelch getan, er hat
dafür gesorgt, dass ich bis zum Schluss durchgehalten
hab –«
Harry wollte aufstehen, doch Moody drückte ihn auf den
Stuhl zurück.
»Ich weiß, wer dieser Todesser ist«, sagte er leise.
»Karkaroff?«, sagte Harry wild umherblickend. »Wo ist
er? Haben Sie ihn gefasst? Ist er eingesperrt?«
»Karkaroff?«, sagte Moody mit einem seltsamen Lachen.
»Karkaroffist heute Abend geflohen, als er das Dunkle Mal
auf seinem Arm brennen spürte. Er hat zu viele treue An-
hänger des dunklen Lords verraten und will ihm lieber nicht
begegnen ... aber er wird wohl nicht weit kommen. Der
705
dunkle Lord hat Mittel und Wege, seine Feinde aufzuspü-
ren.«
»Karkaroffist fort? Er ist geflohen? Aber dann – dann hat
er meinen Namen nicht in den Kelch geworfen?«
»Nein«, sagte Moody langsam. »Nein, er war es nicht. Ich
habe es getan.«
Harry hörte es, doch er konnte es nicht glauben.
»Nein, das haben Sie nicht«, sagte er. »Nein, Sie waren es
nicht ... das können Sie nicht getan haben ...«
»Ich versichere dir, ich habe es getan«, sagte Moody, und
sein magisches Auge schwang herum und blieb auf der Tür
ruhen, und Harry wusste, er vergewisserte sich, dass nie-
mand draußen stand. Zugleich zückte Moody seinen Zau-
berstab und richtete ihn auf Harry.
»Er hat ihnen also verziehen?«, sagte er. »Den Todessern,
die nicht bestraft wurden? Die Askaban entkommen sind?«
»Was?«, sagte Harry.
Er blickte auf den Zauberstab, den Moody auf ihn gerich-
tet hielt. Das war ein schlechter Scherz, unmöglich konnte es
anders sein.
»Ich hab dich gefragt«, sagte Moody leise, »ob er diesem
Abschaum verziehen hat, der nicht einmal versucht hat, ihn zu
finden. Diesen verräterischen Feiglingen, die für ihn nicht
einmal Askaban auf sich nehmen wollten. Diesen treu-
losen, wertlosen Dreckskerlen, die mutig genug waren, bei der
Quidditch-Weltmeisterschaft maskiert durch die Ge-
gend zu laufen, aber beim Anblick des Dunklen Mals, das ich
an den Himmel schoss, schleunigst geflohen sind.«
»Sie haben ... was reden Sie da ...?«
»Ich hab's dir gesagt, Harry ... ich hab's dir gesagt. Wenn
es jemanden gibt, den ich mehr als alle anderen hasse, dann
ist es ein Todesser, der davongekommen ist. Sie haben sich
von meinem Herrn abgekehrt, als er sie am nötigsten
706
brauchte. Ich hatte erwartet, dass er sie bestraft. Ich hatte er-
wartet, dass er sie foltert. Sag mir, dass er sie gequält hat,
Harry ...«
Plötzlich erschien ein irres Lächeln auf Moodys Gesicht.
»Sag mir, dass er ihnen verkündet hat, dass ich allein ihm
treu geblieben bin ... dass ich bereit war, alles zu riskieren,
um ihm den zu bringen, den er vor allen anderen wollte ...
dich.«
»Sie haben doch nicht ... Sie – Sie können nicht sein ...«
»Wer hat deinen Namen in den Feuerkelch geworfen, als
Teilnehmer für eine andere Schule? Das war ich. Wer hat je-
dem Angst und Schrecken eingejagt, der dir womöglich
etwas antun konnte oder dich daran gehindert hätte, das
Turnier zu gewinnen? Das war ich. Wer hat Hagrid ange-
stiftet, dir die Drachen zu zeigen? Das war ich. Wer hat dir
geholfen herauszufinden, aufweiche Weise du den Drachen
schlagen kannst? Das war ich.«
Moodys magisches Auge hatte sich nun von der Tür abge-
wandt. Es ruhte auf Harry. Sein schiefer Mund grinste schrä-
ger denn je. »Es war nicht einfach, Harry, dich durch diese
Aufgaben zu führen, ohne Misstrauen zu wecken. Ich
musste höllisch schlau sein, damit unter deinem Erfolg nicht
meine Handschrift durchschimmerte. Dumbledore wäre
schnell argwöhnisch geworden, wenn du die Aufgaben zu
leicht gemeistert hättest. Ich musste unbedingt erreichen,
dass du in den Irrgarten kamst, am besten mit einem ordent-
lichen Vorsprung – dann, das wusste ich, hatte ich eine
Chance, die anderen Champions loszuwerden und dir freie
Bahn zu verschaffen. Aber ich musste auch noch gegen
deine Dummheit ankämpfen. Die zweite Aufgabe ... da
dachte ich schon, wir würden scheitern. Ich behielt dich im
Auge, Potter. Ich wusste, du hattest dieses Eierrätsel nicht
gelöst, also musste ich dir einen weiteren Hinweis liefern –«
707
»Das haben Sie nicht«, sagte Harry mit heiserer Stimme.
»Cedric hat mich auf die Spur gebracht –«
»Wer hat Cedric gesagt, er solle das Ei unter Wasser öff-
nen? Das war ich. Ich war mir ziemlich sicher, dass er die-
ses Wissen mit dir teilen würde. Anständige Leute sind so
einfach hinters Licht zu führen, Potter. Ich war mir sicher,
Cedric würde sich wegen der Drachen bei dir revanchieren
wollen, und das hat er auch getan. Doch selbst dann noch,
Potter, selbst dann noch wärst du um Haaresbreite geschei-
tert. Ich habe dich ständig beobachtet ... all die Stunden, die
du in der Bibliothek verbracht hast. Hast du nicht be-
merkt, dass das Buch, das du brauchtest, die ganze Zeit über
in deinem Schlafsaal war? Ich hab es früh genug dort-
hin verpflanzt, ich hab es diesem Longbottom gegeben,
erinnerst du dich? Magische Wasserpflanzen des Mittelmeers und
ihre Wirkungen. Das hätte dir alles Nötige über das Dian-
thuskraut verraten. Ich hätte erwartet, dass du die halbe Welt
um Hilfe fragst. Longbottom hätte es dir sofort sagen können.
Aber das hast du nicht ... das hast du nicht ... du hast einen
stolzen Zug an dir, willst alles allein machen, und hättest fast
alles ruiniert.
Was also konnte ich tun? Dich mit Wissen aus einer anderen
unverdächtigen Quelle füttern. Du hast mir beim
Weihnachtsball gesagt, ein Hauselfnamens Dobby hätte dir
etwas geschenkt. Ich rief den Elfen ins Lehrerzimmer, er solle
ein paar Umhänge zum Waschen abholen. Als er da war,
begann ich ein lautes Gespräch mit Professor McGona-
gall über die Geiseln und ob Potter wohl darauf kommen
würde, Dianthuskraut zu benutzen. Und dein kleiner Elfen-
freund ist schnurstracks zu Snapes Vorratsschrank gelaufen
und dann eilends zu dir ...«
Moodys Zauberstab war immer noch drohend auf Harrys
Herz gerichtet. Über seiner Schulter bewegten sich nebel-
708
hafte Gestalten im Feindglas an der Wand. »Du warst so lange
in diesem See, Potter, dass ich schon dachte, du wärst
ertrunken. Doch zum Glück hat Dumbledore deine Dumm-
heit mit Edelmut verwechselt und dir viele Punkte dafür
verpasst. Da konnte ich wieder aufatmen.
In diesem Irrgarten heute Abend hast du es natürlich viel
einfacher gehabt als vorgesehen«, fuhr Moody fort. »Ich ging
außen herum Wache und beobachtete euch durch die äußeren
Hecken. So konnte ich dir viele Hindernisse aus dem Weg
fluchen. Als dann Fleur Delacour vorbeikam, ver-
passte ich ihr einen Schocker. Krum jagte ich den Imperius-
Fluch auf den Hals, damit er Diggory erledigt und dir den Weg
zum Pokal freiräumt.«
Harry starrte Moody ins Gesicht. Er begriff einfach nicht,
wie das möglich war ... Dumbledores Freund, der berühmte
Auror ... der Mann, der so viele Todesser gefangen hatte ... es
ergab keinen Sinn ... überhaupt keinen Sinn ... Die ne-
belhaften Gestalten im Feindglas nahmen schärfere Umrisse
an und waren nun deutlicher zu unterscheiden. Über Moo-dys
Schulter blickend konnte Harry drei Personen ausma-
chen, die immer näher kamen. Doch Moody achtete nicht auf
sie. Sein magisches Auge ruhte auf Harry.
»Der dunkle Lord hat es nicht geschafft, dich zu töten, Pot-
ter, und er hat sich so sehr danach gesehnt«, flüsterte Moody.
»Stell dir vor, wie er mich belohnen wird, wenn er erfährt,
dass ich es für ihn getan habe. Zuerst liefere ich ihm Harry
Potter aus – du warst es nämlich, den er unbedingt brauchte,
um wieder zu Kräften zu kommen – und dann töte ich ihn
auch noch für ihn. Er wird mich ehren, höher als alle anderen
Todesser. Von all seinen Gefolgsleuten wird er mich am höchs-
ten schätzen ... ich werde ihm näher sein als ein Sohn ...«
Moodys normales Auge quoll hervor, das magische Auge
blieb auf Harry ruhen. Die Tür war verriegelt, und Harry
709
wusste, dass er niemals schnell genug an seinen Zauberstab
herankommen würde ...
»Der dunkle Lord und ich«, sagte Moody, und wie er über
Harry aufragte und schräg grinsend auf ihn hinabstarrte, nahm
sein Gesicht die Züge abgrundtiefen Wahnsinns an, »der
dunkle Lord und ich haben viel miteinander gemein. So hatten
wir beide sehr enttäuschende Väter ... wirklich sehr
enttäuschend. Wir beide litten unter der Schmach, nach diesen
Vätern benannt zu werden. Und wir beide hatten auch das
Vergnügen ... das ungeheure Vergnügen ... unsere Väter zu
töten, um den weiteren Aufstieg des Schwarzen Ordens zu
sichern!«
»Sie sind wahnsinnig«, sagte Harry – und es brach aus ihm
hervor – »Sie sind wahnsinnig!«
»Wahnsinnig bin ich?«, sagte Moody mit jähzornig lauter
Stimme. »Wir werden ja sehen! Wir werden sehen, wer
wahnsinnig ist, nun, da der dunkle Lord zurückgekehrt ist, mit
mir an seiner Seite! Er ist zurück, Harry Potter, du hast ihn
nicht besiegt – und nun – besiege ich dich!«
Moody hob den Zauberstab, öffnete den Mund, Harry schob
rasch die Hand in den Umhang –
»Stupor!« Ein blendend roter Lichtblitz flammte durchs
Zimmer und unter lautem Splittern und Krachen zerbarst die
Tür von Moodys Büro –
Moody schmetterte es rücklings auf den Fußboden. Harry,
der immer noch auf die Stelle starrte, wo Moodys Gesicht
gewesen war, sah jetzt, dass ihm aus dem Feindglas heraus
Albus Dumbledore, Professor Snape und Professor
McGonagall entgegenblickten. Er wandte sich um und sah die
drei im Türrahmen stehen, Dumbledore mit ausge-
strecktem Zauberstab an der Spitze.
In diesem Augenblick verstand Harry zum ersten Mal
wirklich, warum es hieß, Dumbledore sei der einzige Zau-
710
berer, den Voldemort je gefürchtet habe. Der Ausdruck auf
Dumbledores Gesicht, als er auf die bewusstlose Gestalt Mad-
Eye Moodys hinabblickte, war schrecklicher, als Harry es sich
je hätte vorstellen können. Kein gütiges Lächeln war zu sehen,
kein Funkeln in den Augen hinter der Brille. In jeder Furche
seines alten Gesichts stand die kalte Wut ge-
schrieben; die Macht, die von Dumbledore ausging, war
körperlich zu spüren, als strahlte er sengende Hitze ab.
Er trat ins Büro, schob einen Fuß unter den wie leblos
daliegenden Moody und stieß ihn auf den Rücken, so dass
sein Gesicht zu sehen war. Snape folgte ihm und blickte in das
Feindglas, wo er sein eigenes Antlitz sehen konnte, das finster
ins Zimmer spähte.
Professor McGonagall ging geradewegs auf Harry zu.
»Kommen Sie mit, Potter«, flüsterte sie. Die schmale Linie
ihres Mundes zuckte, als würde sie gleich losweinen.
»Kommen Sie mit ... Krankenflügel ...«
»Nein«, sagte Dumbledore scharf.
»Dumbledore, er sollte – schauen Sie ihn doch an – er hat
heute Abend genug durchgemacht –«
»Er bleibt hier, Minerva, weil er verstehen muss«, sagte
Dumbledore knapp. »Verstehen ist der erste Schritt, um etwas
anzunehmen, und nur wenn er es angenommen hat, kann er
sich erholen. Er muss wissen, wer ihm diese Qualen auferlegt
hat, die er heute durchlitten hat, und warum.«
»Moody«, sagte Harry. Noch immer konnte er es nicht
glauben. »Wie kann es denn Moody gewesen sein?«
»Dies ist nicht Alastor Moody«, sagte Dumbledore leise.
»Du hast Alastor Moody nie kennen gelernt. Der wahre
Moody hätte dich nicht aus meiner Nähe verschleppt, nach
allem, was heute Abend geschehen ist. In dem Moment, da er
dich mitnahm, ging mir ein Licht auf – und ich bin ihm
gefolgt.«
711
Dumbledore beugte sich über den erschlafft daliegenden
Moody und schob die Hand in seinen Umhang. Er zog
Moodys Flachmann und ein Schlüsselbund hervor. Dann
wandte er sich an Professor McGonagall und Snape.
»Severus, bitte besorgen Sie mir das stärkste Wahrheits-
elixier, das Sie haben, und dann gehen Sie hinunter in die
Küche und bringen eine Hauselfe namens Winky hier hoch.
Minerva, seien Sie so freundlich und gehen Sie hinunter zu
Hagrids Haus, wo Sie einen großen schwarzen Hund im
Kürbisbeet sitzen sehen werden. Bringen Sie den Hund hoch
in mein Büro, sagen Sie ihm, ich werde in Kürze bei ihm sein,
und dann kommen Sie zurück.«
Snape oder McGonagall mochten diese Anweisungen
merkwürdig finden, sie verbargen ihre Verwunderung jeden-
falls gut. Sie wandten sich unverzüglich um und verließen
das Büro. Dumbledore ging hinüber zu dem großen Koffer
mit den sieben Schlössern, steckte den ersten Schlüssel in
eines der Schlüssellöcher und öffnete den Deckel. Der Koffer
enthielt einen Haufen Zauberbücher. Dumbledore schloss den
Deckel, steckte den zweiten Schlüssel ins zweite Loch
und öffnete den Koffer erneut. Die Zauberbücher waren ver-
schwunden; diesmal kamen eine Reihe kaputter Spickoskope
zum Vorschein, ein paar Pergamentblätter und Federkiele und
etwas, das ganz nach einem silbrig schimmernden Tarn-
urnhang aussah. Harry sah verdutzt zu, wie Dumbledore den
dritten, vierten, fünften und sechsten Schlüssel in die zugehö-
rigen Schlösser steckte, den Koffer jedes Mal erneut öffnete
und immer etwas anderes zum Vorschein brachte. Dann
steckte er den siebten Schlüssel ins Schloss, schlug den Deckel
auf, und Harry schrie vor Entsetzen.
Er sah hinunter in eine Art Grube, einen unterirdischen
Raum, und dort, drei Meter tief unten, offenbar tief schlafend,
dürr und ausgemergelt, lag der wahre Mad-Eye Moody. Sein
712
Holzbein war verschwunden, die Augenhöhle, in der sich das
magische Auge hätte befinden sollen, wirkte leer unter dem
eingefallenen Lid, und ganze Büschel seines grauweißen
Haars waren abgeschnitten. Halb gelähmt vor Schreck mus-
terte Harry abwechselnd den schlafenden Moody im Koffer
und den ohnmächtigen Moody auf dem Fußboden.
Dumbledore kletterte in den Koffer, ließ sich in die Grube
hinabfallen und landete leichtfüßig auf dem Boden neben dem
schlafenden Moody. Er beugte sich über ihn.
»Unter Schock – und in der Gewalt des Imperius-Fluchs -
sehr schwach«, sagte er. »Natürlich musste er ihn am Leben
halten. Harry, wirf mir den Mantel dieses Doppelgängers
herunter, Alastor fühlt sich eiskalt an. Madam Pomfrey wird
sich um ihn kümmern müssen, aber er scheint nicht unmit-
telbar in Gefahr zu sein.«
Harry tat, wie ihm geheißen; Dumbledore deckte Moody
mit dem Mantel zu und kletterte aus dem Koffer. Dann
griff er nach dem Flachmann, schraubte den Deckel auf und
kippte die Flasche um. Eine dicke, klebrige Flüssigkeit er-
goss sich auf den Fußboden.
»Vielsaft-Trank, Harry«, sagte Dumbledore. »Du siehst,
wie einfach es war, und zugleich genial. Denn Moody trinkt
tatsächlich immer nur aus seinem Flachmann, dafür ist er
bekannt. Der Doppelgänger musste den echten Moody na-
türlich in der Nähe behalten, damit er den Trank nach-
brauen konnte. Du siehst ja sein Haar ...«
Dumbledore blickte hinunter auf den Moody im Koffer.
»Der Doppelgänger hat das ganze Jahr über immer wieder
etwas davon abgeschnitten, du siehst, wo die Büschel fehlen.
Aber ich würde vermuten, bei all der Aufregung heute Abend
hat unser falscher Moody womöglich vergessen, den Trank so
regelmäßig wie nötig zu schlucken ... stündlich ... und zur
vollen Stunde ... wir werden sehen.«
713
Dumbledore zog den Stuhl unter dem Schreibtisch hervor
und setzte sich, die Augen auf den bewusstlosen Moody auf
dem Boden gerichtet. Auch Harry starrte ihn an. Minuten-
lang sprachen sie kein Wort ...
Dann begann sich das Gesicht des Mannes auf dem Boden
vor Harrys Augen zu verändern. Die Narben verschwanden,
die Haut glättete sich; die verstümmelte Nase heilte aus und
begann zu schrumpfen. Die lange Mähne weißgrauen Haares
zog sich in die Kopfhaut zurück und nahm die Farbe von
Stroh an. Plötzlich und mit einem lauten Klonk fiel das Holz-
bein vom Körper ab und an seiner Stelle wuchs ein normales
Bein unter dem Umhang hervor; und schon war auch der
magische Augapfel aus dem Gesicht des Mannes gehüpft und
ein echtes Auge war an seine Stelle getreten; das magische
Auge kullerte wild kreiselnd über den Fußboden davon.
Harry sah einen Mann vor sich liegen, mit bleicher Haut,
einigen Sommersprossen und einem Schöpf hellen Haares. Er
wusste, wer dies war. Er hatte den Mann in Dumbledores
Denkarium gesehen, hatte beobachtet, wie die Dementoren
ihn aus dem Gerichtssaal geführt hatten, während er sich noch
verzweifelt bemüht hatte, Mr Crouch davon zu über-
zeugen, dass er unschuldig sei ... jetzt lagen dunkle Schatten
um seine Augen und er sah viel älter aus ...
Draußen auf dem Korridor ertönten hastige Schritte. Snape
kam zurück, mit Winky auf den Fersen. Professor
McGonagall folgte ihm einen Augenblick später.
»Crouch!«, sagte Snape und blieb wie angewurzelt im
Türrahmen stehen. »Barty Crouch!«
»Du meine Güte«, sagte Professor McGonagall, und auch
sie erstarrte und sah hinunter zu dem Mann auf dem Fuß-
boden.
Winky, schmutzig und zerzaust, lugte hinter Snapes Bei-
nen hervor. Ihr Mund öffnete sich weit und sie stieß einen
714
spitzen Schrei aus. »Meister Barty, Meister Barty, was ma-
chen Sie denn hier?«
Sie stürzte vor und warf sich auf die Brust des jungen
Mannes. »Ihr habt ihn totgemacht! Ihr habt ihn totgemacht. Ihr
habt den Sohn vom Meister totgemacht!«
»Er ist nur geschockt, Winky«, sagte Dumbledore. »Bitte
tritt zur Seite. Severus, haben Sie das Elixier?«
Snape reichte Dumbledore ein Glasfläschchen mit einer
vollkommen klaren Flüssigkeit: das Veritaserum, mit dem er
Harry im Unterricht gedroht hatte. Dumbledore stand auf,
beugte sich über den Mann auf dem Boden, schleifte ihn
hinüber zur Wand unter dem Feindglas, aus dem heraus die
Spiegelbilder von Dumbledore, Snape und McGonagall im-
mer noch finster auf sie alle herabsahen, und lehnte ihn mit
dem Rücken aufrecht an die Mauer. Winky blieb zitternd, das
Gesicht in den Händen, auf ihren Knien sitzen. Dumble-
dore zwängte den Mund des Mannes auf und träufelte ihm drei
Tropfen ein. Dann richtete er den Zauberstab auf die Brust des
Mannes und sagte: »Enervate.« Crouchs Sohn öff-
nete die Augen. Sein Gesicht war schlaff und er schielte.
Dumbledore kniete sich vor ihm nieder, so dass ihre Gesich-
ter auf gleicher Höhe waren.
»Können Sie mich hören?«, fragte Dumbledore ruhig.
Die Lider des Mannes zuckten.
»Ja«, murmelte er.
»Ich möchte, dass Sie uns erzählen, wie Sie hierher ge-
kommen sind«, sagte Dumbledore leise. »Wie sind Sie aus
Askaban entkommen?«
Crouch holte tief und bebend Luft, dann begann er mit
matter, ausdrucksloser Stimme zu sprechen. »Meine Mutter
hat mich gerettet. Sie wusste, dass sie todkrank war. Sie hat
meinen Vater überredet, ihr einen letzten Wunsch zu erfül-
len und mich zu retten. Er liebte sie, wie er mich nie geliebt
715
hatte. Er willigte ein. Sie kamen mich besuchen. Sie gaben
mir einen Schluck Vielsaft-Trank, der ein Haar meiner Mut-
ter enthielt. Sie nahm einen Schluck Vielsaft-Trank mit einem
Haar von mir. Und so nahmen wir die Gestalt des jeweils
anderen an.«
Die zitternde Winky schüttelte den Kopf. »Reden Sie nicht
weiter, Meister Barty, reden Sie nicht weiter, Sie ma-
chen Ihrem Vater noch Ärger!«
Doch Crouch holte erneut tief Luft und fuhr mit dersel-
ben matten Stimme fort: »Die Dementoren sind blind. Sie
spürten, wie ein gesunder und ein sterbender Mensch in die
Mauern von Askaban kamen. Und sie spürten, dass ein ge-
sunder und ein sterbender Mensch Askaban wieder verlie-
ßen. Mein Vater schmuggelte mich hinaus, ich hatte die Ge-
stalt meiner Mutter angenommen für den Fall, dass uns ein
Gefangener durch die Gitter seiner Zellentür beobachtete.
Meine Mutter starb kurz danach in Askaban. Sie achtete
sorgfältig darauf, bis zum Ende regelmäßig den Vielsaft-
Trank einzunehmen. Sie wurde unter meinem Namen und in
meiner Gestalt begraben. Alle glaubten, sie sei ich.«
Die Lider des Mannes zuckten.
»Und was tat Ihr Vater mit Ihnen, als er Sie bei sich zu
Hause hatte?«, fragte Dumbledore leise.
»Er tat so, als wäre meine Mutter gestorben. Ein stilles Be-
gräbnis im kleinsten Kreis. Das Grab ist leer. Die Hauselfe
hatte mich wieder aufgepäppelt. Dann musste mein Vater mich
verstecken. Er musste mich überwachen. Er musste mich mit
einigen Flüchen belegen, um mich gefügig zu ma-
chen. Als ich meine Kräfte wiedergewonnen hatte, dachte ich
nur noch daran, meinen Herrn zu suchen ... und wieder in
seine Dienste zu treten.«
»Wie hat Ihr Vater Sie gefügig gemacht?«, fragte Dumble-
dore weiter.
716
»Mit dem Imperius-Fluch«, sagte Crouch. »Ich stand unter
der Herrschaft meines Vaters. Er zwang mich, Tag und Nacht
den Tarnurnhang zu tragen. Ich war immer mit der Hauselfe
zusammen. Sie war meine Wärterin und meine Pflegerin. Sie
hatte Mitleid mit mir. Sie überredete meinen Vater, mir hin
und wieder etwas Gutes zu tun. Als Belohnung für mein gutes
Betragen.«
»Meister Barty, Meister Barty«, schluchzte die Hauselfe
durch ihre Hände. »Sie dürfen es denen nie nicht sagen, wir
kriegen Ärger ...«
»Hat irgendjemand einmal entdeckt, dass Sie noch am Le-
ben waren?«, fragte Dumbledore leise. »Wusste es jemand,
außer Ihrem Vater und der Hauselfe?«
»Ja«, sagte Crouch und wieder zuckten seine Augenlider.
»Eine Hexe im Büro meines Vaters. Bertha Jorkins. Sie kam
eines Tages mit Papieren zu uns, die mein Vater unterschrei-
ben sollte. Er war noch nicht zu Hause. Winky ließ sie eintre-
ten und kam dann zu mir in die Küche zurück. Aber Bertha
Jorkins hörte, dass Winky mit mir redete. Sie lauschte an der
Tür und hörte genug, um zu erraten, wer sich unter dem
Tarnurnhang verbarg. Dann kam mein Vater heim. Sie sagte
ihm freimütig, was sie entdeckt hatte. Er belegte sie mit einem
sehr starken Gedächtniszauber, damit sie es vergaß. Der
Zauber war zu stark. Mein Vater glaubte, er habe ihr
Gedächtnis auf Dauer geschädigt.«
»Warum kommt sie auch und schnüffelt bei meinem Meis-
ter rum?«, schluchzte Winky. »Warum lässt sie uns nicht in
Ruhe?«
»Erzählen Sie mir, was sich bei der Quidditch-Weltmeister-
schaft abgespielt hat«, sagte Dumbledore.
»Winky hatte meinen Vater dazu überredet«, sagte Crouch,
weiterhin mit gleichförmiger Stimme. »Dazu hatte sie Mo-
nate gebraucht. Ich hatte das Haus jahrelang nicht verlassen.
717
Quidditch hatte ich immer geliebt. > Lassen Sie ihn gehen<,
sagte sie. > Er ist ja unter dem Tarnurnhang. Er kann doch zu-
sehen. Lassen Sie ihn doch einmal frische Luft schnappen. < Sie
sagte, meine Mutter hätte es so gewollt. Meine Mutter sei ge-
storben, um mir die Freiheit zu schenken. Sie habe mich nicht
gerettet, damit ich für den Rest meines Lebens eingesperrt
bleiben müsste. Schließlich sagte er ja.
Alles war sorgfältig geplant. Mein Vater führte mich und
Winky schon früh am Morgen nach oben in die Ehrenloge.
Winky sollte sagen, sie würde einen Platz für meinen Vater
besetzen. Ich sollte neben ihr sitzen, unsichtbar. Wir sollten
warten, bis alle fort waren, und dann das Stadion verlassen.
Keiner würde es je erfahren.
Aber Winky wusste nicht, dass ich allmählich stärker wurde.
Ich begann gegen den Imperius-Fluch meines Vaters
anzukämpfen. Es gab Zeiten, in denen ich fast wieder der Alte
war. Manchmal spürte ich, dass ich mich seiner Herrschaft
vollkommen entzogen hatte. Und so war es auch dort, in der
Ehrenloge. Es war, als würde ich aus einem tiefen Schlaf
erwachen. Ich fand mich draußen in der Öffentlichkeit, es war
mitten im Spiel, und ich sah einen Zauberstab aus der Tasche
eines Jungen vor mir ragen. Seit der Zeit vor Askaban hatte
ich keinen Zauberstab mehr in die Hand nehmen dür-
fen. Ich stahl ihn. Winky hat es nicht mitbekommen. Winky
hat Höhenangst. Sie hatte ihr Gesicht verborgen.«
»Meister Barty, böser Junge!«, wisperte Winky, und Tränen
sickerten durch ihre Finger.
»Sie haben also den Zauberstab genommen«, sagte Dumble-
dore, »und was haben Sie damit gemacht?«
»Wir gingen zurück in unser Zelt«, sagte Crouch. »Dann
hörten wir sie. Wir hörten die Todesser. Jene, die nie in As-
kaban saßen. Jene, die nie für meinen Herrn gelitten haben.
Sie hatten sich von ihm abgewandt. Sie waren nicht versklavt,
718
wie ich es war. Sie waren frei, ihn zu suchen, doch sie taten es
nicht. Sie trieben nur ihre Spaße mit den Muggeln. Ihr Ge-
schrei weckte mich. Mein Kopf war seit Jahren nicht mehr so
klar gewesen. Ich war zornig. Ich hatte den Zauberstab. Ich
wollte sie angreifen, weil sie meinem Herrn untreu waren.
Mein Vater war aus dem Zelt gegangen, um die Muggel zu
befreien. Winky bekam Angst, als sie mich so zornig sah. Sie
benutzte ihre eigene Art von Zauber, um mich an sie zu fes-
seln. Sie zog mich aus dem Zelt, hinein in den Wald, weg von
den Todessern. Ich versuchte sie aufzuhalten. Ich wollte zu-
rück zum Zeltplatz. Ich wollte diesen Todessern zeigen, was
Treue zum dunklen Lord bedeutet, und sie für ihre Treulosig-
keit bestrafen. Ich nahm den gestohlenen Zauberstab und
brannte das Dunkle Mal an den Himmel.
Dann kamen die Ministeriumszauberer. Sie schossen durch
den Wald. Einer der Schockzauber kam durch die Bäume ge-
flogen, unter denen Winky und ich standen. Das Band, das uns
verknüpfte, zerriss. Wir beide wurden geschockt. Als sie
Winky entdeckt hatten, wusste mein Vater, dass ich in der
Nähe sein musste. Er durchstöberte das Gebüsch, in dem man
Winky gefunden hatte, und ertastete mich, der ich dort lag. Er
wartete, bis die anderen Ministeriumsleute den Wald verlas-
sen hatten. Dann belegte er mich erneut mit dem Imperius-
Fluch und nahm mich mit nach Hause. Er verstieß Winky. Sie
hatte ihn enttäuscht. Sie hatte es zugelassen, dass ich mir einen
Zauberstab verschaffte. Sie hatte mich beinahe entkommen
lassen.«
Winky stieß einen verzweifelten Klageschrei aus.
»Nun waren nur noch Vater und ich da, allein in unserem
Haus. Und dann ... und dann ...« Crouch wiegte seinen Kopf
hin und her und das Grinsen eines Irren breitete sich auf
seinem Gesicht aus. »Dann kam mein Meister, um mich zu
holen.
719
Er kam eines Nachts, sehr spät, in unser Haus, in den Ar-
men seines Dieners Wurmschwanz. Mein Meister hatte he-
rausgefunden, dass ich noch am Leben war. Er hatte Bertha
Jorkins in Albanien entführt. Er hatte sie gefoltert. Sie berich-
tete ihm eine Menge. Sie erzählte ihm vom Trimagischen
Turnier. Sie sagte ihm, der alte Auror Moody werde bald in
Hogwarts unterrichten. Er folterte sie, bis er durch den Ge-
dächtniszauber brach, mit dem mein Vater sie belegt hatte. Sie
sagte ihm, ich sei aus Askaban entkommen. Mein Vater halte
mich gefangen, damit ich mich nicht auf die Suche nach mei-
nem Herrn machen könne. Und so erfuhr mein Herr, dass ich
immer noch sein treuer Diener war – vielleicht der treueste
von allen. Mein Herr entwarf einen Plan, der auf dem Wissen
beruhte, das er Bertha abgepresst hatte. Er brauchte mich. Er
kam gegen Mitternacht zu unserem Haus. Mein Vater öffnete
die Tür.«
Das Lächeln auf Crouchs Gesicht wurde noch breiter, als
würde er sich an die schönste Begebenheit seines Lebens er-
innern. Winkys angsterfüllte braune Augen lugten zwischen
ihren Fingern hindurch. Sie schien zu entsetzt, um sprechen zu
können.
»Es ging sehr schnell. Mein Herr unterwarf meinen Vater
mit dem Imperius-Fluch. Nun war es mein Vater, der gefan-
gen war und gehorchen musste. Mein Herr zwang ihn, wie
üblich seiner Arbeit nachzugehen, so zu tun, als wäre nichts
geschehen. Und ich wurde befreit. Ich erwachte. Ich war wie-
der ich selbst, ich lebte, wie ich seit Jahren nicht mehr gelebt
hatte.«
»Und was hat Lord Voldemort von Ihnen verlangt?«, wollte
Dumbledore wissen.
»Er fragte mich, ob ich bereit sei, alles für ihn aufs Spiel zu
setzen. Ich war bereit. Es war mein Traum, mein höchstes
Ziel, ihm zu dienen, mich ihm zu beweisen. Er sagte, er
720
müsse einen treuen Diener nach Hogwarts einschleusen. Einen
Diener, der Harry Potter ganz unauffällig durch das
Trimagische Turnier geleiten sollte. Einen Diener, der Harry
Potter bewachen sollte. Der dafür sorgen müsse, dass er den
Trimagischen Pokal erreicht. Der den Pokal in einen Port-
schlüssel verwandelt, welcher den Ersten, der ihn berührt, zu
meinem Herrn bringen würde. Doch zuerst –«
»Brauchten Sie Alastor Moody«, unterbrach ihn Dumble-
dore. In seinen blauen Augen loderte es, doch seine Stimme
blieb ruhig.
»Das waren Wurmschwanz und ich. Wir hatten den Viel-
saft-Trank schon vorbereitet. Wir reisten zu seinem Haus.
Moody wehrte sich mit Zähnen und Klauen. Es gab ein
Durcheinander. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig, ihn
zu bändigen. Wir zwängten ihn in ein Fach seines eigenen
magischen Koffers. Nahmen ein paar von seinen Haaren und
fügten sie dem Gebräu hinzu. Ich trank davon und wurde
Moodys Doppelgänger. Ich nahm ihm das Bein und das Auge.
Ich war bereit, Arthur Weasley entgegenzutreten, als er kam,
um das Gedächtnis der Muggel zu bearbeiten, die Lärm ge-
hört hatten. Ich ließ die Mülleimer im ganzen Hof herumrol-
len. Ich sagte Arthur Weasley, ich hätte Eindringlinge auf mei-
nem Hof gehört, und ihretwegen seien auch die Mülleimer
losgegangen. Dann packte ich Moodys Kleider zusammen und
machte mich auf den Weg nach Hogwarts. Ich hielt ihn am
Leben, dem Imperius-Fluch unterworfen. Ich wollte ihn noch
ausfragen. Wollte von seiner Vergangenheit erfahren, seine
Gewohnheiten erlernen, damit ich sogar Dumbledore täuschen
konnte. Ich brauchte auch sein Haar, um den Viel-
saft-Trank zu brauen. Die anderen Zutaten waren einfach zu
beschaffen. Die Baumschlangenhaut stahl ich aus dem Ker-
ker. Als der Lehrer für Zaubertränke mich in seinem Büro er-
tappte, sagte ich, ich hätte Anweisung, es zu durchsuchen.«
721
»Und was wurde aus Wurmschwanz, nachdem Sie Moody
angegriffen hatten?«, fragte Dumbledore.
»Wurmschwanz kehrte ins Haus meines Vaters zurück, um
für meinen Herrn zu sorgen und meinen Vater zu be-
wachen.«
»Aber Ihr Vater ist entkommen«, sagte Dumbledore.
»Ja. Nach einer Weile begann er gegen den Imperius-Fluch
anzukämpfen, genau wie ich es getan hatte. Es gab Zeiten, in
denen er wusste, was vor sich ging. Mein Herr befand, es wäre
nicht mehr sicher, wenn mein Vater das Haus verließe.
Stattdessen zwang er ihn, Briefe an das Ministerium zu schrei-
ben. Er gebot ihm zu schreiben, er sei krank. Aber Wurm-
schwanz vernachlässigte seine Pflichten. Er war nicht wach-
sam genug. Mein Vater entkam. Mein Herr vermutete, dass er
sich nach Hogwarts durchschlagen würde. Mein Vater würde
Dumbledore alles sagen, ihm alles gestehen. Er würde zuge-
ben, dass er mich aus Askaban herausgeschmuggelt hatte.
Mein Herr benachrichtigte mich von der Flucht meines
Vaters. Er wies mich an, ihn um jeden Preis aufzuhalten. So
wartete ich und hielt Ausschau. Ich benutzte die Karte, die ich
Harry Potter abgenommen hatte. Die Karte, die fast alles rui-
niert hätte.«
»Karte?«, warf Dumbledore ein. »Welche Karte denn?«
»Potters Karte von Hogwarts. Potter hatte mich daraufge-
sehen. Er sah mich, als ich eines Nachts weitere Zutaten aus
Snapes Büro stahl. Er dachte, ich wäre mein Vater, da wir den-
selben Vornamen tragen. Noch in dieser Nacht nahm ich Pot-
ter die Karte ab. Ich sagte ihm, mein Vater hasse schwarze
Magier. Potter glaubte, mein Vater sei hinter Snape her.
Eine Woche lang wartete ich darauf, dass mein Vater in
Hogwarts ankam. Endlich, eines Abends, zeigte mir die Kar-
te, dass er das Gelände betreten hatte. Ich warf mir den Tarn-
umhang über und ging hinunter, um ihn zu stellen. Er lief am
722
Waldrand entlang. Dann kamen Potter und Krum. Ich war-
tete. Ich konnte Potter nichts antun, mein Herr brauchte ihn.
Potter rannte davon, um Dumbledore zu holen. Ich schockte
Krum. Ich tötete meinen Vater.«
»Neeiiiin!«, jammerte Winky. »Meister Barty, Meister
Barty, was sagen Sie da?«
»Sie töteten Ihren Vater«, sagte Dumbledore immer noch
mit ruhiger Stimme. »Was haben Sie mit der Leiche getan?«
»Ich trug sie in den Wald. Bedeckte sie mit dem Tarnurn-
hang. Ich hatte die Karte bei mir. Ich verfolgte, wie Potter ins
Schloss rannte. Er traf auf Snape. Dumbledore kam hinzu. Ich
sah, dass Potter Dumbledore aus dem Schloss mitbrachte. Ich
verließ den Wald, schlug einen Bogen und ließ sie vorbeige-
hen, dann kam ich hinzu. Ich sagte Dumbledore, Snape hätte
mir gesagt, wohin ich gehen solle.
Dumbledore gab mir den Auftrag, nach meinem Vater zu
suchen. Ich ging zurück zur Leiche meines Vaters. Beobach-
tete die Karte. Als alle fort waren, verwandelte ich die Leiche
meines Vaters. Er wurde ein Knochen ... ich zog den Tarn-
urnhang über und begrub den Knochen in der frisch umge-
grabenen Erde vor Hagrids Hütte.«
Vollkommene Stille trat ein, durchbrochen nur von Win-kys
Schluchzern.
Dann sagte Dumbledore: »Und heute Abend ...«
»Vor dem Abendessen erbot ich mich, den Trimagischen
Pokal in den Irrgarten zu tragen«, wisperte Barty Crouch.
»Verwandelte ihn in einen Portschlüssel. Der Plan meines
Meisters gelang. Er ist wieder an die Macht gekommen und er
wird mich ehren, wie es ein Zauberer nie zu träumen wagte.«
Das irrsinnige Lächeln erhellte noch einmal seine Züge,
dann sank ihm unter dem Wehklagen und Schluchzen Win-
kys der Kopf auf die Schulter.
723
Die Wege trennen sich
Dumbledore stand auf. Einen Moment lang sah er mit ange-
widertem Gesicht auf Barty Crouch hinunter. Dann hob er den
Zauberstab. Seile flogen aus der Spitze des Stabs hervor,
schlangen sich um Barty Crouch und fesselten ihn straff.
Er wandte sich an Professor McGonagall. »Minerva, wür-
den Sie bitte Crouch bewachen, während ich Harry nach
oben bringe?«
»Natürlich«, sagte Professor McGonagall. Ihr schien ein
wenig übel zu sein, als hätte sie gerade gesehen, wie sich je-
mand erbrach. Doch als sie den Zauberstab herauszog und
ihn auf Barty Crouch richtete, war ihre Hand vollkommen
ruhig.
»Severus«, sagte Dumbledore zu Snape gewandt, »weisen
Sie bitte Madam Pomfrey an, nach oben zu kommen. Wir
müssen Alastor Moody in den Krankenflügel schaffen.
Dann gehen Sie hinunter aufs Gelände, suchen Cornelius
Fudge und bringen ihn ebenfalls hoch in dieses Büro. Zwei-
fellos wird er Crouch persönlich verhören wollen. Sagen Sie
ihm, er kann mich in einer halben Stunde im Krankenflügel
finden, falls er mich braucht.«
Snape nickte stumm und rauschte hinaus.
»Harry?«, sagte Dumbledore freundlich.
Harry stand auf und geriet erneut ins Wanken; der
Schmerz in seinem Bein, den er, während er Crouch zuge-
hört hatte, überhaupt nicht mehr wahrgenommen hatte,
kehrte jetzt mit aller Macht zurück. Er merkte auch, dass er
724
am ganzen Leib zitterte. Dumbledore nahm ihn am Arm
und half ihm hinaus auf den dunklen Korridor.
»Ich möchte, dass du zunächst einmal mit in mein Büro
kommst«, flüsterte er, während sie über den Gang liefen.
»Sirius erwartet uns dort.«
Harry nickte. Eine Art Benommenheit und das Gefühl,
dies alles sei ganz unwirklich, hatten von ihm Besitz ergrif-
fen, doch es kümmerte ihn nicht; er war sogar froh darüber. Er
wollte nicht über irgendetwas nachdenken müssen, das
passiert war, seit er den Trimagischen Pokal zum ersten Mal
berührt hatte. Er wollte sich nicht in die Erinnerungen ver-
tiefen, die frisch und scharf wie Fotos ständig an seinem
geistigen Auge vorbeizogen. Mad-Eye Moody in diesem
großen Koffer. Wurmschwanz, auf der Erde kauernd, schüt-
zend über seinen Armstumpf gebeugt. Voldemort, der dem
dampfenden Kessel entstieg. Cedric ... tot ... Cedric, der ihn
bat, ihn zu seinen Eltern zurückzubringen ...
»Professor«, murmelte Harry, »wo sind Mr und Mrs Dig-
gory?«
»Sie sind bei Professor Sprout«, sagte Dumbledore. Seine
Stimme, die während der Befragung von Barty Crouch so
ruhig gewesen war, zitterte jetzt erstmals ein wenig. »Sie
ist die Leiterin von Cedrics Haus und sie kannte ihn am
besten.«
Sie hatten den steinernen Wasserspeier erreicht. Dumble-
dore nannte das Passwort, der Wasserspeier sprang beiseite,
und Harry folgte Dumbledore die Wendeltreppe hoch bis vor
die Eichentür. Dumbledore stieß sie auf.
Drinnen stand Sirius. Sein Gesicht war weiß und ausge-
mergelt, wie damals, als er Askaban entkommen war. Er
brauchte nur einen Moment, um das Zimmer zu durchque-
ren. »Harry, wie geht es dir? Ich wusste es – ich wusste, so
etwas würde – was ist geschehen?«
725
Mit zitternden Händen half er Harry auf einen Stuhl vor
dem Schreibtisch.
»Was ist geschehen?«, fragt er nun drängender.
Dumbledore begann ihm alles zu berichten, was Barty
Crouch gesagt hatte. Harry hörte nur mit halbem Ohr zu. Er
war so müde und jeder Knochen im Leib tat ihm weh, dass
er nichts weiter wollte, als hier zu sitzen, ungestört, Stunde
um Stunde, bis er einschlief und nicht mehr denken und
fühlen musste.
Er hörte ein leises Flügelschlagen. Fawkes, der Phönix,
hatte seine Vogelstange verlassen, war durchs Büro geflogen
und hatte sich auf Harrys Knie niedergelassen.
»'lo, Fawkes«, sagte Harry leise. Er streichelte das wunder-
schöne scharlachrote und goldene Federkleid des Phönix.
Fawkes blinzelte ihn freundlich an. Etwas Tröstliches ging
von diesem warmen Vogelleib aus.
Dumbledore hatte aufgehört zu sprechen. Er saß hinter
seinem Schreibtisch, Harry gegenüber. Er sah Harry an,
doch Harry mied seinen Blick. Dumbledore würde ihn
befragen. Dann würde er alles noch einmal durchleben
müssen.
»Ich muss wissen, was geschehen ist, nachdem du den
Portschlüssel im Irrgarten berührt hattest, Harry«, sagte
Dumbledore.
»Können wir das nicht auf morgen verschieben, Dumble-
dore?«, fragte Sirius schroff. Er hatte eine Hand auf Harrys
Schulter gelegt. »Lass ihn die Nacht darüber schlafen. Lass
ihn ausruhen.«
Harry spürte eine jähe Anwandlung von Dankbarkeit für
Sirius, doch Dumbledore achtete nicht auf dessen Worte. Er
beugte sich zu Harry vor. Widerwillig hob Harry den Kopf
und sah in diese blauen Augen.
»Wenn ich glaubte, ich könnte dir helfen«, sagte Dumble-
726
dore sanft, »indem ich dich in einen Zauberschlaf versetze und
es dir erlaube, den Zeitpunkt zu verschieben, an dem du daran
denken musst, was heute Abend geschehen ist – dann würde
ich es tun. Aber ich weiß, es hilft nicht. Den Schmerz für eine
Weile zu betäuben, heißt nur, dass er noch schlim-
mer ist, wenn du ihn schließlich doch spürst. Du hast mehr
Tapferkeit bewiesen, als ich je von dir hätte erwarten kön-
nen. Ich bitte dich, deinen Mut noch einmal zu beweisen.
Ich bitte dich, uns zu schildern, was geschehen ist.«
Der Phönix gab einen leisen, tremolierenden Ton von
sich. Der Ton schwebte durch die Luft, und Harry hatte das
Gefühl, ein Tropfen heißer Flüssigkeit wäre ihm die Kehle
hinunter in den Magen geflossen und wärmte und kräftigte
ihn.
Er holte tief Luft und begann zu erzählen. Beim Sprechen
stiegen Bilder all dessen, was an diesem Abend geschehen
war, vor seinen Augen auf; er sah die funkelnde Oberfläche
des Elixiers, das Voldemort wieder belebt hatte; er sah die
Todesser zwischen den Gräbern im Umkreis apparieren;
und er sah Cedrics Leiche auf der Erde neben dem Pokal
liegen.
Das eine oder andere Mal machte Sirius, dessen Hand im-
mer noch auf Harrys Schulter ruhte, ein Geräusch, als wolle er
etwas sagen, doch Dumbledore hob die Hand und ließ ihn
verstummen, und Harry war froh darüber, denn nun, da er
einmal angefangen hatte, war es einfacher, ohne Unter-
brechung weiterzuerzählen. Er fühlte sich sogar erleich-
tert; fast war es, als würde etwas Giftiges aus ihm herausge-
sogen; es kostete ihn alle Willensstärke weiterzureden, doch er
spürte, am Ende würde er sich besser fühlen.
Als Harry jedoch berichtete, wie Wurmschwanz ihm den
Arm mit einem Dolch aufgeritzt hatte, stieß Sirius einen
entsetzten Schrei aus, und Dumbledore sprang so schnell
727
auf, dass Harry zusammenzuckte. Er kam um den Schreib-
tisch herum und bat Harry, den Arm auszustrecken. Harry
zeigte den beiden die Stelle, an der sein Umhang aufge-
schlitzt war, und den Schnitt in der Haut darunter.
»Er sagte, mein Blut würde ihn stärker machen als das
Blut irgendeines anderen«, berichtete Harry. »Er sagte, der
Schutz, den – den meine Mutter mir hinterlassen hat – er
würde ihn nun auch besitzen. Und er hatte Recht – er
konnte mich anfassen, ohne sich zu verletzen, er hat mein
Gesicht berührt.«
Einen flüchtigen Moment lang glaubte Harry, etwas wie
Triumph in Dumbledores Augen aufglimmen zu sehen. Doch
im nächsten Augenblick war er sich gewiss, dass er sich das
nur eingebildet hatte, denn als Dumbledore zu sei-
nem Stuhl hinter dem Schreibtisch zurückgekehrt war, wirkte
er erneut ungewohnt alt und müde.
»Nun denn«, sagte er und setzte sich. »Voldemort hat die-
ses eigentümliche Hindernis überwunden. Fahr bitte fort,
Harry.«
Harry erzählte weiter; er schilderte, wie Voldemort dem
Kessel entstiegen war, und alles, was er von Voldemorts Rede
an die Todesser noch im Kopf hatte. Dann berichtete er, dass
Wurmschwanz ihm die Fesseln gelöst und den Zauberstab
zurückgegeben und Voldemort ihn zum Duell aufgefordert
hatte. Doch als es dann daranging zu erzählen, wie der gol-
dene Lichtstrahl die beiden Zauberstäbe verbunden hatte,
schnürte es ihm die Kehle zu. Er versuchte weiterzureden,
doch die Erinnerungen an das, was aus Voldemorts Zauber-
stab gedrungen war, überfluteten sein Denken. Ganz deutlich
sah er vor sich, wie Cedric erschien, der alte Mann, Bertha
Jorkins ... seine Mutter ... sein Vater ...
Er war froh, dass Sirius die Stille durchbrach.
»Die Zauberstäbe verbanden sich miteinander?«, sagte er
728
und ließ den Blick von Harry zu Dumbledore wandern.
»Warum?«
Harry sah zu Dumbledore auf, dessen Gesichtszüge starr
geworden waren.
»Priori Incantatem«, murmelte er.
Seine Augen blickten unverwandt in die Harrys, und fast
war es, als verbänden sie sich plötzlich durch einen unsicht-
baren Strahl des Verstehens.
»Der Fluchumkehr-Effekt?«, fragte Sirius scharf.
»Genau«, sagte Dumbledore. »Harrys und Voldemorts
Zauberstäbe sind im Kern gleich. Jeder enthält eine Feder
vom Schweif desselben Phönix. Von diesem Phönix, um es
klar zu sagen«, fügte er hinzu und deutete auf den rotgol-
denen Vogel, der friedlich in Harrys Schoß kauerte.
»Die Feder meines Zauberstabs stammt von Fawkes?«,
fragte Harry verblüfft.
»Ja«, sagte Dumbledore. »Sobald du vor vier Jahren den
Laden verlassen hattest, schrieb mir Mr Ollivander, du hät-
test den zweiten Zauberstab gekauft.«
»Und was geschieht, wenn ein Zauberstab auf seinen Bru-
der trifft?«, fragte Sirius.
»Gegeneinander wirken sie nicht wie sonst«, sagte Dum-
bledore. »Wenn die Besitzer jedoch ihre Zauberstäbe zwin-
gen, gegeneinander zu kämpfen ... dann kommt es zu einer
sehr seltenen Erscheinung.
Einer der Zauberstäbe zwingt den anderen, die Flüche, die
er ausgeübt hat, noch einmal gleichsam auszuspeien -. und
zwar in umgekehrter Reihenfolge. Den letzten Fluch zuerst ...
und dann die anderen, die ihm vorausgingen ...«
Er sah Harry fragend an und Harry nickte.
»Das heißt«, fuhr Dumbledore langsam und mit unver-
wandtem Blick auf Harry fort, »Cedric muss in irgendeiner
Gestalt wieder erschienen sein.«
729
Harry nickte erneut.
»Diggory ist also ins Leben zurückgekehrt?«, sagte Sirius
scharf.
»Kein Zauber kann die Toten wieder erwecken«, sagte
Dumbledore mit belegter Stimme. »Alles, was geschehen
konnte, war eine Art Echo des Vergangenen. Ein Schatten des
lebenden Cedric muss aus dem Zauberstab ausgetreten sein ...
stimmt das, Harry?«
»Er hat zu mir gesprochen«, sagte Harry. Plötzlich zitterte
er wieder. »Der ... der Geist von Cedric oder was es war, hat
gesprochen.«
»Ein Echo«, sagte Dumbledore, »das Cedrics Erscheinung
und Wesen in sich barg. Ich vermute, es sind noch mehr der-
artige Gestalten erschienen ... frühere Opfer von Volde-
morts Zauberstab ...«
»Ein alter Mann«, sagte Harry, und immer noch war ihm
die Kehle wie zugeschnürt. »Bertha Jorkins. Und ...«
»Deine Eltern?«, sagte Dumbledore leise.
»Ja«, sagte Harry.
Sirius' Finger klammerten sich in diesem Moment so fest in
Harrys Schulter, dass es wehtat.
»Die letzten Morde des Zauberstabs«, sagte Dumbledore
kopfnickend. »In umgekehrter Reihenfolge. Natürlich wä-
ren noch mehr erschienen, wenn du die Verbindung gehal-
ten hättest. Nun gut, Harry, diese Echos, diese Schatten ... was
taten sie?«
Harry erzählte, dass die Gestalten aus dem Zauberstab am
Rand des goldenen Netzes entlang Wache gegangen waren,
dass Voldemort offensichtlich Angst vor ihnen gehabt hatte,
dass der Schatten seines Vaters ihm gesagt hatte, was er tun
solle, und Cedric seine letzte Bitte ausgesprochen hatte.
An diesem Punkt angelangt, konnte Harry nicht mehr
weitersprechen. Er wandte sich zu Sirius um, der das Gesicht
730
in den Händen verborgen hatte. Dann bemerkte Harry
plötzlich, dass Fawkes nicht mehr auf seinem Schoß saß. Der
Phönix war zu Boden geflattert. Er schmiegte seinen schö-
nen Kopf an Harrys verletztes Bein, und dicke, perlene Trä-
nen fielen aus seinen Augen auf die Wunde vom Kampf mit
der Spinne. Der Schmerz ließ nach. Die Haut heilte zu. Sein
Bein war wieder gesund.
»Ich muss es noch einmal wiederholen«, sagte Dumble-
dore, während der Phönix in die Luft stieg und sich wieder auf
der Stange neben der Tür niederließ. »Du hast heute Abend
mehr Tapferkeit bewiesen, als ich je von dir hätte er-
warten können, Harry. Du hast die gleiche Tapferkeit bewie-
sen wie jene, die im Kampf gegen Voldemort auf dem Höhe-
punkt seiner Macht gestorben sind. Du hast die Last eines
erwachsenen Zauberers geschultert und bewiesen, dass du sie
tragen kannst – und nun hast du uns auch alles gegeben, was
wir zu Recht von dir erwarten konnten. Wir gehen jetzt zu-
sammen in den Krankenflügel. Ich möchte nicht, dass du heute
Nacht in den Schlafsaal gehst. Ein Schlaftrunk, ein we-
nig Ruhe ... Sirius, würdest du gerne bei ihm bleiben?«
Sirius nickte und stand auf. Er verwandelte sich in den
großen schwarzen Hund zurück, verließ mit Harry und
Dumbledore das Büro und begleitete sie eine Treppenflucht
hinunter in den Krankenflügel.
Als Dumbledore die Tür aufstieß, sah Harry, dass sich Mrs
Weasley, Bill, Ron und Hermine um die zermürbt wirkende
Madam Pomfrey geschart hatten. Offenbar bestürmten sie sie
mit Fragen, wo Harry stecke und was ihm passiert sei.
Sie alle wirbelten herum, als Harry, Dumbledore und der
schwarze Hund eintraten, und Mrs Weasley stieß einen er-
stickten Schrei aus. »Harry! O Harry!«
Sie wollte schon auf ihn loshasten, doch Dumbledore trat
zwischen die beiden.
731
»Molly«, sagte er und hob die Hand, »bitte hören Sie mir
einen Augenblick zu. Harry hat heute Abend Schreckliches
durchlitten. Und er musste es eben für mich noch einmal in
allen Einzelheiten schildern. Was er jetzt braucht, ist Schlaf,
Ruhe und Frieden. Wenn er möchte, dass ihr alle bei ihm
bleibt«, fügte er mit Blick auf Ron, Hermine und Bill hinzu,
»dann tut es. Aber ich will, dass ihr ihm erst Fragen stellt,
wenn er bereit ist zu reden, und gewiss nicht mehr heute
Abend.«
Mrs Weasley nickte. Sie war schneeweiß.
Sie wandte sich Ron, Hermine und Bill zu und zischte, als
würden sie einen Höllenlärm machen: »Habt ihr nicht ge-
hört? Er braucht Ruhe!«
»Direktor«, sagte Madam Pomfrey mit starrem Blick auf
den großen schwarzen Hund, »darf ich fragen, was –?«
»Dieser Hund wird eine Weile bei Harry bleiben«, sagte
Dumbledore knapp. »Ich versichere Ihnen, er ist sehr gut
erzogen. Harry – ich warte so lange, bis du im Bett bist.«
Harry empfand Dumbledore gegenüber ein unaussprech-
liches Gefühl der Dankbarkeit, weil er die anderen gebeten
hatte, ihm keine Fragen zu stellen. Gewiss, er wollte sie um
sich haben, doch die Vorstellung, alles noch einmal erklären,
alles noch einmal durchleben zu müssen, war einfach uner-
träglich.
»Ich komme noch einmal zurück, Harry, sobald ich mit
Fudge gesprochen habe«, sagte Dumbledore. »Morgen werde
ich ein Wort an alle Schüler von Hogwarts richten, und bis
dahin möchte ich, dass du hier bleibst.« Er ging hinaus.
Madam Pomfrey führte Harry zu einem in der Nähe ste-
henden Bett, und dabei erhaschte er einen Blick auf den
wahren Moody, der reglos in einem Bett am anderen Ende des
Saals lag. Sein Holzbein und sein magisches Auge lagen auf
dem Nachttisch.
732
»Wie geht es ihm?«, fragte Harry.
»Er wird schon wieder zu Kräften kommen«, sagte Ma-
dam Pomfrey, reichte Harry einen Pyjama und zog einen
Wandschirm um sein Bett. Er entkleidete sich, zog den Py-
jama an und legte sich hin. Ron, Hermine, Bill, Mrs Weasley
und der schwarze Hund kamen um den Wandschirm herum
und setzten sich auf Stühle zu beiden Seiten seines Bettes.
Ron und Hermine sahen ihn fast argwöhnisch an, als hätten
sie Angst vor ihm.
»Mir geht's schon besser«, sagte er. »Bin nur müde.«
Mrs Weasley strich völlig überflüssigerweise die Bett-
decke glatt und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Madam Pomfrey, die hinüber in ihr Büro gewackelt war,
kam mit einer Schale und einer kleinen Flasche mit einem
purpurnen Trank zurück.
»Das musst du ganz austrinken, Harry«, sagte sie. »Es ist
ein Trank für einen traumlosen Schlaf.«
Harry ergriff die Schale und nahm ein paar Schlucke. So-
fort wurde ihm schläfrig zumute. Alles um ihn her versank
in Nebel; die Lampen im Krankensaal schienen ihm durch
den Wandschirm um sein Bett freundlich zuzublinken; ihm
war, als würde er immer tiefer in die Wärme des Federbettes
sinken. Bevor er das Elixier ganz ausgetrunken hatte, bevor
er noch ein Wort sagen konnte, hatte ihn die Erschöpfung in
den Schlaf gleiten lassen.
Harry wachte auf, und ihm war so behaglich, er war so
schlaftrunken, dass er die Augen nicht öffnete und lieber in
den Schlaf zurücksinken wollte. Der Saal war immer noch
schwach beleuchtet; er war sich sicher, dass es noch Nacht
war, und hatte den Eindruck, nicht lange geschlafen zu
haben.
Dann hörte er Geflüster um sich her.
733
»Die wecken ihn noch auf, wenn sie nicht endlich still
sind!«
»Was gibt es denn da zu schreien? Es kann doch nicht
schon wieder was passiert sein!«
Schlaftrunken öffnete Harry die Augen. Jemand hatte ihm
die Brille abgenommen. Er konnte die verschwommenen
Gestalten von Mrs Weasley und Bill neben sich erkennen.
Mrs Weasley hatte sich erhoben.
»Das ist die Stimme von Fudge«, wisperte sie. »Und das ist
Minerva McGonagall, nicht wahr? Aber worüber streiten die
sich?«
Jetzt konnte auch Harry es hören: aufgebrachte Stimmen
und das Geräusch von Schritten, die sich dem Krankensaal
näherten.
»Bedauerlich zwar, gleichwohl, Minerva –«, sagte Corne-
lius Fudge laut.
»Sie hätten es niemals ins Schloss bringen dürfen!«, rief
Professor McGonagall. »Wenn Dumbledore das erfährt –«
Harry hörte, wie die Tür zum Krankensaal aufschlug. Bill
hatte den Wandschirm beiseite geschoben, und alle, die um
Harrys Bett saßen, starrten jetzt zur Tür. Harry setzte sich
unbemerkt auf und nahm seine Brille vom Nachttisch.
Fudge kam zügig durch den Saal geschritten. Die Profes-
soren McGonagall und Snape folgten ihm auf den Fersen.
»Wo ist Dumbledore?«, fragte Fudge Mrs Weasley.
»Er ist nicht hier«, antwortete Mrs Weasley erzürnt. »Dies
ist ein Krankensaal, Minister, denken Sie nicht, es wäre
besser –«
Doch jetzt ging die Tür auf und Dumbledore kam herein-
gerauscht.
»Was ist passiert?«, fragte er in scharfem Ton und blickte
abwechselnd Fudge und Professor McGonagall an. »Wa-
rum stören Sie die Ruhe? Minerva, ich bin überrascht, Sie
734
hier zu sehen – ich hatte Sie gebeten, Barty Crouch zu
bewachen –«
»Es ist nicht mehr nötig, ihn zu bewachen, Dumbledore!«,
entgegnete sie schrill. »Dafür hat der Minister gesorgt!«
Harry hatte Professor McGonagall noch nie so außer sich
gesehen. Flammend rote Flecken traten auf ihre Wangen, sie
ballte die Hände zu Fäusten und bebte vor Zorn.
»Als wir Mr Fudge mitteilten, wir hätten den Todesser ge-
fangen, der für die Geschehnisse dieser Nacht verantwort-
lich war«, sagte Snape in gedämpftem Ton, »da glaubte er
offenbar, seine eigene Sicherheit sei gefährdet. Er bestand
darauf, einen Dementor zu rufen, der ihn zum Schloss be-
gleitete. Er brachte ihn mit in das Büro, in dem Barty
Crouch –«
»Ich hatte ihm laut und deutlich gesagt, dass Sie nicht da-
mit einverstanden seien, Dumbledore!«, brauste Professor
McGonagall auf. »Ich hatte ihm gesagt, Sie würden es niemals
erlauben, dass Dementoren das Schloss betreten, aber –«
»Meine Verehrteste!«, dröhnte Fudge, der ebenfalls zorni-
ger wirkte, als Harry ihn je erlebt hatte. »Als Zaubereiminis-
ter steht mir allein die Entscheidung zu, ob ich jemanden zu
meinem Schutz mitbringe, wenn ich einen möglicherweise
gefährlichen –«
Doch Professor McGonagalls Stimme ließ die von Fudge
untergehen. »Kaum hatte dieses – dieses Etwas das Büro be-
treten«, schrie sie und deutete am ganzen Leib bebend auf
Fudge, »da stürzte es sich auf Crouch und – und –«
Harry spürte, wie ihm die Eingeweide gefroren, während
Professor McGonagall nach Worten rang, um zu beschrei-
ben, was geschehen war. Seinetwegen brauchte sie ihren Satz
jedenfalls nicht zu beenden. Ihm war klar, was der Demen-
tor getan haben musste. Er hatte Barty Crouch einen töd-
lichen Kuss gegeben. Er hatte ihm die Seele durch den Mund
735
ausgesogen. Crouch erging es jetzt schlimmer, als wenn er
gestorben wäre.
»Nach allem, was wir wissen, ist er sicher kein großer Ver-
lust!«, polterte Fudge. »Offenbar war er für mehrere Morde
verantwortlich!«
»Aber jetzt kann er nicht mehr aussagen, Cornelius«, sagte
Dumbledore. Er sah Fudge scharf an, als könne er ihn zum
ersten Mal klar erkennen. »Er kann uns jetzt nicht mehr sagen,
warum er diese Menschen getötet hat.«
»Warum er sie getötet hat? Da braucht man doch nicht
lange zu rätseln!«, polterte Fudge. »Er war ein durchgeknall-
ter Irrer! Laut Minerva und Severus glaubte er offenbar, er
hätte das alles auf Anweisung von Du-weißt-schon-wem
getan!«
»Lord Voldemort hat ihm tatsächlich Anweisungen erteilt,
Cornelius«, sagte Dumbledore. »All diese Morde geschahen
im Zuge eines Plans, Voldemort seine alten Kräfte zurück-
zugeben. Dieses Vorhaben ist gelungen. Voldemort hat sei-
nen Körper wieder.«
Fudge sah aus, als hätte ihm soeben jemand einen Faust-
schlag verpasst. Benommen und mit glasigem Blick stierte er
Dumbledore an, als könne er einfach nicht glauben, was er
gerade gehört hatte.
»Du-weiß-schon-wer ... ist zurück?«, stammelte er schließ-
lich und starrte Dumbledore unverwandt an. »Lächerlich. Nun
hören Sie, Dumbledore ...«
»Wie Minerva und Severus Ihnen zweifellos gesagt haben«,
entgegnete Dumbledore, »hat Crouch vor uns ein Geständ-
nis abgelegt. Unter dem Einfluss von Veritaserum schilderte er
uns, wie er aus Askaban herausgeschmuggelt wurde und wie
Voldemort – der über Bertha Jorkins von Crouchs Fort-
leben erfahren hatte – kam, um ihn aus den Händen seines
Vaters zu befreien, und ihn dann einsetzte, um Harry in die
736
Fänge zu bekommen. Und dieser Plan ist gelungen, muss ich
Ihnen sagen. Crouch hat Voldemort geholfen zurückzu-
kehren.«
»Hören Sie, Dumbledore«, sagte Fudge, und zu Harrys
Erstaunen regte sich ein mildes Lächeln auf seinem Ge-
sicht, »Sie – Sie können das doch nicht im Ernst glauben. Du-
weißt-schon-wer – ist zurück? Kommen Sie, kommen Sie ...
gewiss, Crouch selbst hat womöglich geglaubt, er würde auf
Befehl des Unnennbaren handeln – aber das Wort eines
solchen Verrückten auch für bare Münze zu nehmen,
Dumbledore ...«
»Als Harry vor einigen Stunden den Trimagischen Pokal
berührte, hat er ihn direkt zu Voldemort transportiert«, fuhr
Dumbledore unbeeindruckt fort. »Er hat die Wiedergeburt
Lord Voldemorts mit eigenen Augen gesehen. Ich erkläre
Ihnen alles, wenn Sie in mein Büro hochkommen.«
Dumbledore wandte sich Harry zu und sah, dass er wach
war, doch dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Ich fürchte,
ich kann es Ihnen nicht gestatten, Harry heute Nacht noch zu
befragen.«
Fudges eigenartiges Lächeln blieb auf seinem Gesicht
haften.
Auch er warf einen Blick zu Harry hinüber, dann wandte er
sich wieder an Dumbledore: »Sie sind – ähm – bereit, Harrys
Wort in dieser Sache zu glauben, nicht wahr, Dum-
bledore?«
Für kurze Zeit trat Stille ein, doch dann meldete sich Sirius.
Zähnefletschend und mit gesträubten Rückenhaaren begann er
Fudge anzuknurren.
»Natürlich glaube ich Harry«, sagte Dumbledore. In sei-
nen Augen loderte es. »Ich habe Crouchs Geständnis gehört
und Harrys Schilderung dessen, was geschah, nachdem er den
Trimagischen Pokal berührt hatte; die beiden Geschich-
737
ten passen zusammen und erklären alles, was seit Bertha
Jorkins' Verschwinden letzten Sommer passiert ist.«
Das merkwürdige Lächeln auf Fudges Gesicht wollte nicht
verschwinden. Erneut versetzte er Harry einen Blick, bevor er
antwortete: »Sie sind bereit zu glauben, dass Lord Voldemort
zurückgekehrt ist, aufgrund der Aussage eines irren Mörders
und eines Jungen, der ... nun ...«
Wieder blickte Fudge zu Harry hinüber und plötzlich
begriff Harry.
»Sie haben Rita Kimmkorn gelesen, Mr Fudge«, sagte er
leise.
Ron, Hermine, Mrs Weasley und Bill zuckten zusammen.
Keiner von ihnen hatte bemerkt, dass Harry wach war.
Fudge errötete leicht, doch ein sturer, widerwilliger Zug trat
nun auf sein Gesicht.
»Und wenn schon«, sagte er mit Blick auf Dumbledore.
»Was, wenn ich herausgefunden habe, dass Sie gewisse Tatsa-
chen über den Jungen unter der Decke halten? Ein Parsel-
mund, ja? Und ständig irgendwelche merkwürdigen Anfälle –«
»Ich nehme an, Sie meinen die Narbenschmerzen Har-
rys?«, entgegnete Dumbledore kühl.
»Sie geben also zu, dass er Schmerzen hat?«, sagte Fudge
rasch. »Kopfschmerzen? Alpträume? Womöglich auch – Hal-
luzinationen?«
»Hören Sie, Cornelius«, sagte. Dumbledore und tat einen
Schritt auf Fudge zu; wieder schien er jene unbestimmbare
Aura der Macht auszustrahlen, die Harry gespürt hatte,
nachdem Dumbledore den jungen Crouch in den Schock-
schlaf versetzt hatte. »Harry ist so gesund wie Sie und ich.
Diese Narbe auf seiner Stirn hat ihm nicht den Verstand ver-
wirrt. Ich vermute, sie schmerzt, wenn Lord Voldemort in der
Nähe ist oder sich besonders mordlustig fühlt.«
Fudge war einen halben Schritt vor Dumbledore zurück-
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gewichen, doch er wirkte nicht minder stur. »Sie werden mir
verzeihen, Dumbledore, auch ich habe schon von Fällen
gehört, bei denen eine Fluchnarbe als Alarmglocke gewirkt
hat ...«
»Hören Sie doch, ich habe gesehen, dass Voldemort zu-
rückkam!«, rief Harry. Wieder versuchte er aus dem Bett zu
steigen, doch Mrs Weasley hielt ihn mit sanfter Gewalt zu-
rück. »Ich habe die Todesser gesehen! Ich kann Ihnen die
Namen nennen! Lucius Malfoy –«
Snape machte eine jähe Bewegung, doch als Harry ihn
ansah, huschten Snapes Augen zurück zu Fudge.
»Malfoy wurde entlastet!«, sagte Fudge sichtlich entrüstet.
»Eine hoch angesehene Familie – Spenden für wohltätige
Zwecke –«
»Mcnair!«, fuhr Harry fort.
»Ebenfalls entlastet! Arbeitet jetzt für das Ministerium!«
»Avery – Nott – Crabbe – Goyle –«
»Du wiederholst nur die Namen jener, die vor vierzehn
Jahren von der Anklage, Todesser zu sein, freigesprochen
wurden!«, sagte Fudge zornig. »Du hättest diese Namen in
alten Berichten über die Prozesse finden können! Um Him-
mels willen, Dumbledore – Ende letzten Jahres hat der Junge
auch ständig irgendeine wahnwitzige Geschichte zum Besten
gegeben – seine Fabeln werden allmählich immer dreister, und
Sie schlucken sie immer noch – der Junge kann mit Schlangen
sprechen, Dumbledore, und Sie halten ihn dennoch für
glaubwürdig?«
»Sie Dummkopf!«, schrie Professor McGonagall. »Cedric
Diggory! Mr Crouch! Diese Morde sind nicht die zufälligen
Taten eines Verrückten!«
»Ich sehe keinen Beweis für das Gegenteil!«, rief Fudge
nicht weniger zornig und mit scharlachrot angelaufenem
Gesicht. »Mir scheint, als wären Sie alle entschlossen, eine
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Panik auszulösen, die all das ins Wanken bringen soll, was wir
in den letzten vierzehn Jahren aufgebaut haben!«
Harry konnte nicht glauben, was er da hörte. Er hatte Fudge
immer für einen liebenswürdigen Kerl gehalten, ein wenig
aufbrausend, ein bisschen wichtigtuerisch, doch im Grunde
gutmütig. Doch nun stand ein kleiner zorniger Zau-
berer vor ihm, der sich schlichtweg weigerte, dem drohen-
den Zusammenbruch seiner gemütlichen und wohl geord-
neten Welt ins Auge zu sehen – der nicht glauben wollte, dass
Voldemort wieder zu Kräften gekommen war.
»Voldemort ist zurück«, wiederholte Dumbledore. »Wenn
Sie diese Tatsache unverzüglich zur Kenntnis nähmen, Fudge,
und die notwendigen Schritte einleiteten, könnten wir die
Lage immer noch meistern. Der erste und wichtigste Schritt
ist, Askaban der Kontrolle der Dementoren zu ent-
ziehen –«
»Lächerlich!«, rief Fudge erneut. »Die Dementoren ab-
ziehen! Man würde mich aus dem Amt werfen, wenn ich so
etwas vorschlagen würde! Viele von uns können nachts doch
nur deshalb ruhig schlafen, weil sie wissen, dass die Demen-
toren in Askaban Wache halten!«
»Wir anderen schlafen nicht so ruhig, Cornelius«, entgeg-
nete Dumbledore, »denn wir wissen, dass Sie die gefährlichs-
ten Anhänger Lord Voldemorts unter die Obhut von Krea-
turen gestellt haben, die sich ihm anschließen werden, sobald
er sie dazu auffordert! Die Dementoren werden Ihnen nicht
treu bleiben, Fudge! Voldemort kann diesen Kreaturen mehr
Bewegungsfreiheit für ihre Kräfte und Gelüste bieten als Sie!
Sobald er die Dementoren für sich gewonnen und seine alten
Anhänger um sich geschart hat, werden Sie die größte Mühe
haben, ihn auf seinem Eroberungsfeldzug zurück zu eben-
jener Macht aufzuhalten, die er zuletzt vor vierzehn Jahren
innegehabt hat!«
740
Fudge öffnete und schloss den Mund, als gäbe es keine
Worte, die seinem Zorn Ausdruck verleihen könnten.
»Der zweite Schritt, den Sie tun müssten – und zwar so-
fort«, drängte Dumbledore weiter, »bestünde darin, Gesandte
zu den Riesen zu schicken.«
»Gesandte zu den Riesen?«, kreischte Fudge, der nun of-
fenbar seine Sprache wiedergefunden hatte. »Was soll dieser
Irrsinn?«
»Bieten Sie ihnen die Hand der Freundschaft an, und zwar
jetzt, bevor es zu spät ist«, sagte Dumbledore, »oder
Voldemort wird ihnen wie damals einreden, er sei der ein-
zige Zauberer, der ihnen ihre Rechte und Freiheiten geben
würde!«
»Sie – Sie können das doch nicht ernst meinen?«, keuchte
Fudge kopfschüttelnd und wich ein paar Schritte weiter vor
Dumbledore zurück. »Wenn die magische Gemeinschaft
davon Wind bekommt, dass ich auf die Riesen zugehe – die
Leute hassen sie, Dumbledore – Ende meiner Karriere –«
»Sie sind mit Blindheit geschlagen«, sagte Dumbledore mit
erhobener Stimme und glühenden Augen, und die Aura der
Macht, die ihn umgab, war nun fast greifbar. »Geblendet
durch Ihren Ehrgeiz, Cornelius! Wie immer legen Sie zu viel
Wert auf die so genannte Reinheit des Blutes! Sie sehen
einfach nicht, dass es nicht darauf ankommt, als was jemand
geboren ist, sondern darauf, was aus ihm wird! Ihr Demen-
tor hat soeben den letzten Spross einer unserer ältesten rein-
blütigen Familien zerstört – und sehen Sie doch, was er wil-
lentlich aus seinem Leben gemacht hat! Ich sage es Ihnen
noch einmal – tun Sie, was ich Ihnen vorgeschlagen habe, und
in Ihrem Ministerium und draußen in der Zaubererwelt wird
man Sie als einen unserer kühnsten und größten Zau-
bereiminister in Erinnerung behalten. Legen Sie die Hände in
den Schoß – dann werden Sie in die Geschichte eingehen
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als der Mann, der beiseite trat und Voldemort eine zweite
Möglichkeit bot, die Welt zu vernichten, die wir wieder auf-
zubauen versuchten!«
»Verrückt«, flüsterte Fudge und wich zurück. »Wahn-
sinnig ...«
Und dann trat Stille ein. Madam Pomfrey stand erstarrt,
die Hände auf den Mund gepresst, am Fußende von Harrys
Bett. Mrs Weasley war immer noch über Harry gebeugt und
hatte die Hände auf seine Schultern gelegt, um ihn zu be-
schwichtigen. Bill, Ron und Hermine starrten Fudge an.
»Wenn Ihr Wille, die Augen zu verschließen, Sie so weit
bringt, Cornelius«, sagte Dumbledore, »dann trennen sich
nun unsere Wege. Sie müssen tun, was Sie für richtig halten.
Und ich – ich werde tun, was ich für richtig halte.«
In Dumbledores Stimme lag nicht die Spur einer Dro-
hung; was er sagte, klang eher wie eine Feststellung, doch
Fudge brauste auf, als wäre Dumbledore mit dem Zauber-
stab auf ihn losgegangen.
»Jetzt reicht es aber, Dumbledore«, sagte er und fuchtelte
drohend mit dem Zeigefinger, »ich habe Ihnen immer freie
Hand gelassen. Ich hatte eine Menge Hochachtung vor Ihnen.
Ich war vielleicht mit einigen Ihrer Entscheidungen
nicht einverstanden, doch ich habe den Mund gehalten. So
ohne weiteres hätte kein anderer Ihnen erlaubt, Werwölfe
einzustellen oder Hagrid zu behalten oder selbst zu ent-
scheiden, was Sie Ihren Schülern beibringen, ohne Rück-
sprache mit dem Ministerium. Doch wenn Sie jetzt gegen
mich arbeiten wollen –«
»Der Einzige, gegen den ich zu arbeiten gedenke«, ent-
gegnete Dumbledore, »ist Lord Voldemort. Wenn Sie ge-
gen ihn sind, Cornelius, dann bleiben wir auf derselben
Seite.«
Offenbar fiel Fudge darauf keine Antwort ein. Er wippte
742
eine Weile auf seinen kleinen Füßen und drehte den Bowler in
den Händen.
Als er schließlich den Mund aufmachte, lag etwas Flehen-
des in seiner Stimme: »Er kann nicht zurück sein, Dumble-
dore, das ist unmöglich ...«
Snape trat vor, ging an Dumbledore vorbei und krempelte
seinen rechten Ärmel hoch. Er streckte seinen Unterarm aus
und zeigte ihn dem zurückschreckenden Fudge.
»Hier, sehen Sie«, sagte Snape barsch. »Hier. Das Dunkle
Mal. Es ist nicht mehr so deutlich, wie es vor gut einer Stunde
war, als es dunkelrot glühte, aber Sie können es noch immer
sehen. Der dunkle Lord hatte jedem Todesser dieses Zeichen
eingebrannt. Es diente uns als Erkennungszeichen und er be-
nutzte es auch, um uns zu sich zu rufen. Wenn er das Mal
irgendeines Todessers berührte, mussten wir sofort an seiner
Seite apparieren. Dieses Zeichen hier ist das ganze Jahr über
deutlicher geworden. Wie auch das von Karkaroff. Warum,
glauben Sie, ist Karkaroff heute Nacht geflohen? Wir beide
spürten das Mal brennen. Wir beide wussten, dass er zurück-
gekehrt war. Karkaroff fürchtet die Rache des dunklen Lords.
Er hat zu viele seiner Gefolgsleute verraten und weiß, dass sie
ihn nicht mit offenen Armen empfangen werden.«
Fudge wich jetzt auch vor Snape zurück. Er schüttelte den
Kopf. Offenbar hatte er kein Wort dessen, was Snape gesagt
hatte, wirklich aufgenommen. Er starrte sichtlich angewidert
das hässliche Mal auf Snapes Arm an, dann sah er zu Dumble-
dore hoch und flüsterte: »Ich weiß nicht, worauf Sie und Ihre
Lehrer es angelegt haben, Dumbledore, aber ich habe genug
gehört. Meinen Worten habe ich nichts mehr hinzuzufügen.
Morgen werde ich Verbindung mit Ihnen aufnehmen, Dum-
bledore, und mit Ihnen über die künftige Führung dieser
Schule sprechen. Ich muss zurück ins Ministerium.«
Er war schon fast an der Tür, als er innehielt. Er wandte
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sich um, kam wieder durch den Saal geschritten und blieb vor
Harrys Bett stehen.
»Dein Gewinn«, sagte er knapp, zog einen großen Gold-
beutel aus der Tasche und ließ ihn auf Harrys Nachttisch fal-
len. »Eintausend Galleonen. Eine feierliche Preisverleihung
war vorgesehen, aber unter diesen Umständen ...«
Er drückte sich den Bowler auf den Kopf, marschierte
hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Sobald er ver-
schwunden war, wandte sich Dumbledore der Gruppe um
Harrys Bett zu.
»Es gibt einiges zu tun«, sagte er. »Molly ... ich glaube
wohl zu Recht, dass ich auf Sie und Arthur zählen kann?«
»Natürlich können Sie das«, sagte Mrs Weasley. Sie war
kreidebleich, wirkte jedoch entschlossen. »Er weiß, was
Fudge für einer ist. Weil Arthur so viel für die Muggel übrig
hat, legen sie ihm im Ministerium seit Jahren schon Steine in
den Weg. Fudge meint, es fehle ihm an Zaubererstolz.«
»Dann muss ich Arthur eine Botschaft schicken«, sagte
Dumbledore. »Alle, die wir von der Wahrheit überzeugen
können, müssen sofort benachrichtigt werden, und Arthur hat
den richtigen Posten, um mit den Leuten im Ministe-
rium Verbindung aufzunehmen, die nicht so kurzsichtig sind
wie Cornelius.«
»Ich gehe zu Dad«, sagte Bill und stand auf. »Und zwar
sofort.«
»Bestens«, sagte Dumbledore. »Sagen Sie ihm, was gesche-
hen ist. Sagen Sie, ich werde bald direkt mit ihm Kontakt auf-
nehmen. Wir müssen allerdings verschwiegen sein. Wenn
Fudge denkt, ich würde mich im Ministerium einmischen –«
»Überlassen Sie das mir«, sagte Bill.
Er gab Harry einen Klaps auf die Schulter, küsste seine
Mutter auf die Wange, zog den Umhang über und ging mit
raschen Schritten hinaus.
744
»Minerva«, sagte Dumbledore und wandte sich an Profes-
sor McGonagall, »ich möchte, dass Hagrid so schnell wie
möglich in meinem Büro erscheint. Und auch – sofern sie
einverstanden ist – Madame Maxime.«
Professor McGonagall nickte und ging ohne ein Wort zu
verlieren hinaus.
»Poppy«, sagte er zu Madam Pomfrey, »seien Sie so nett
und gehen Sie hinunter in Professor Moodys Büro, wo Sie,
wie ich vermute, eine recht aufgelöste Hauselfe namens
Winky finden. Tun Sie für die Elfe, was in Ihren Kräften steht,
und geleiten Sie sie dann zurück in die Küche. Ich denke,
Dobby wird uns den Gefallen tun und sich um sie kümmern.«
»Ja – natürlich«, sagte Madam Pomfrey verdutzt, und auch
sie ging hinaus.
Dumbledore vergewisserte sich, dass die Tür geschlossen
war und Madam Pomfreys Schritte sich entfernt hatten, dann
erst hob er erneut die Stimme.
»Und nun«, sagte er, »ist es an der Zeit, dass zwei der hier
Anwesenden erfahren, wer der jeweils andere ist. Sirius ...
bitte nimm deine gewöhnliche Gestalt an.«
Der große schwarze Hund sah zu Dumbledore auf, dann
verwandelte er sich in Sekundenschnelle in einen ausge-
wachsenen Mann.
Mrs Weasley schrie auf und sprang vom Bett zurück.
»Sirius Black!«, kreischte sie und deutete mit dem Finger
auf ihn.
»Mum, beruhige dich!«, rief Ron. »Es ist alles in Ord-
nung!«
Snape hatte nicht geschrien und war auch nicht zurückge-
wichen, aber auf seinem Gesicht war eine Mischung aus Zorn
und Entsetzen zu sehen.
»Der!«, raunzte er und starrte Sirius an, dem nicht weniger
Abscheu im Gesicht geschrieben stand. »Was tut der hier!«
745
»Er ist meiner Einladung gefolgt«, sagte Dumbledore und
sah die beiden abwechselnd an, »wie auch Sie, Severus. Ich
vertraue euch beiden. Es ist an der Zeit, dass ihr die alten
Streitigkeiten begrabt und euch gegenseitig vertraut.«
Harry fand, dass Dumbledore fast ein Wunder verlangte.
Sirius und Snape beäugten sich mit allergrößtem Abscheu.
»Fürs Erste«, sagte Dumbledore mit einer Spur Ungeduld in
der Stimme, »gebe ich mich auch mit dem Verzicht auf offene
Feindseligkeiten zufrieden. Ihr werdet euch jetzt die Hände
reichen. Ihr seid jetzt auf derselben Seite. Die Zeit ist knapp,
und wenn die wenigen von uns, die die Wahrheit kennen,
nicht zusammenhalten, gibt es für keinen von uns Hoffnung.«
Ganz langsam – doch immer noch mit bösen Blicken, als ob
jeder dem anderen das Schlimmste an den Hals wünschte –
bewegten Sirius und Snape die Hände aufeinan-
der zu und überwanden sich zu einem Händedruck. Wie von
der Tarantel gestochen ließen sie gleich wieder los.
»Das wird fürs Erste genügen«, sagte Dumbledore und trat
erneut zwischen sie. »Nun habe ich Aufträge für euch beide.
Fudges Haltung, wiewohl nicht unerwartet, ändert alles. Sirius,
ich muss dich bitten, sofort abzureisen. Du musst Remus
Lupin, Arabella Figg und Mundungus Fletcher alar-
mieren – die alten Kämpfer. Tauch eine Weile bei Lupin unter,
ich werde dort Verbindung mit dir aufnehmen.«
»Aber –«, sagte Harry.
Er wollte nicht, dass Sirius ging. Er mochte sich nicht schon
wieder so schnell von ihm trennen.
»Wir werden uns sehr bald wieder sehen«, sagte Sirius zu
Harry gewandt. »Das versprech ich dir. Aber ich muss tun,
was in meinen Kräften steht, das verstehst du doch?«
»Jaah«, sagte Harry. »Jaah ... natürlich.«
Sirius nahm kurz seine Hand, nickte Dumbledore zu, ver-
wandelte sich wieder in den schwarzen Hund und rannte
746
durch den Saal zur Tür, deren Klinke er mit der Pfote hi-
nunterdrückte. Dann war er verschwunden.
»Severus«, sagte Dumbledore an Snape gewandt, »Sie wis-
sen, was ich von Ihnen verlangen muss. Wenn Sie willens sind
... wenn Sie bereit sind ...«
»Das bin ich«, sagte Snape.
Er sah ein wenig bleicher aus als sonst und seine kalten
schwarzen Augen glitzerten eigenartig.
»Viel Glück«, sagte Dumbledore. Mit einem Anflug von
Besorgnis auf dem Gesicht sah er Snape nach, der ohne ein
weiteres Wort Sirius hinaus zur Tür folgte.
Es vergingen einige Minuten, bis Dumbledore wieder
sprach.
»Ich muss nach unten«, sagte er endlich. »Ich muss mit den
Diggorys reden. Harry – nimm den Rest deines Schlaf-
tranks. Wir treffen uns alle später.«
Dumbledore verschwand und Harry ließ sich in die Kis-
sen zurücksinken. Hermine, Ron und Mrs Weasley sahen ihn
an. Lange Zeit sprach niemand ein Wort.
»Du musst den Rest deines Tranks nehmen, Harry«, sagte
Mrs Weasley schließlich. Als sie nach der Flasche und der
Trinkschale langte, stieß sie mit der Hand an den Goldbeutel
auf dem Nachttisch. »Du brauchst jetzt einen schönen lan-
gen Schlaf. Versuch mal eine Zeit lang an etwas anderes zu
denken ... denk daran, was du dir mit deinem Gewinn kau-
fen kannst!«
»Ich will dieses Gold nicht«, sagte Harry mit ausdruckslo-
ser Stimme. »Nehmen Sie es. Oder irgendwer. Ich hätte es
nicht gewinnen dürfen. Es stand eigentlich Cedric zu.«
Das, wogegen er immer wieder angekämpft hatte, seit er aus
dem Irrgarten aufgetaucht war, drohte ihn nun zu über-
wältigen. An seinen inneren Augenwinkeln spürte er ein
Stechen und Brennen. Blinzelnd starrte er zur Decke hoch.
747
»Es war nicht deine Schuld, Harry«, flüsterte Mrs Weas-
ley sanft.
»Ich wollte, dass wir den Pokal zusammen gewinnen«,
sagte Harry.
Nun war das Brennen auch in seiner Kehle. Er wünschte
sich, Ron würde wegsehen.
Mrs Weasley stellte den Trank zurück auf den Nachttisch,
beugte sich über Harry und nahm ihn in die Arme. Er konnte
sich nicht erinnern, jemals so umarmt worden zu sein, umarmt
wie von einer Mutter. Nun, da ihn Mrs Weas-
ley so fest hielt, schien all das, was er gesehen hatte, mit
Macht auf ihn einzudringen. Das Gesicht seiner Mutter, die
Stimme seines Vaters, der Anblick Cedrics, tot auf der Erde
liegend, all das begann nun in seinem Kopf zu wirbeln, bis er
es kaum noch ertragen konnte und sein Gesicht verzerrte
wider den Verzweiflungsschrei, der sich aus ihm heraus-
kämpfte.
Es tat einen lauten Schlag und Mrs Weasley richtete sich
erschrocken auf. Hermine stand am Fenster. Sie hielt etwas in
der geschlossenen Hand.
»Verzeihung«, flüsterte sie.
»Dein Trank, Harry«, sagte Mrs Weasley rasch und wischte
sich mit dem Handrücken über die Augen.
Harry nahm ihn in einem Zug. Die Wirkung trat augen-
blicklich ein. Schwere, mächtige Wellen traumlosen Schlafes
brachen sich über ihm, er fiel zurück in die Kissen und dachte
an nichts mehr.
748
Der Anfang
Im Rückblick stellte Harry fest, dass er sich auch einen Monat
später kaum an die Tage erinnern konnte, die auf diese Nacht
folgten. Vielleicht hatte er nach allem, was er durchgemacht
hatte, einfach nichts mehr aufnehmen kön-
nen. Und die wenigen Erinnerungen, die er hatte, waren sehr
bittere. Das Schlimmste war wohl das Treffen mit den
Diggorys am nächsten Morgen gewesen.
Sie gaben ihm keine Schuld für das, was geschehen war; im
Gegenteil, beide dankten ihm, dass er ihren toten Sohn
zurückgebracht hatte. Mr Diggory schluchzte während des
Gesprächs immer wieder auf, während Mrs Diggory ihrer
Trauer offenbar nicht einmal mehr mit Tränen Ausdruck
verleihen konnte.
»Dann hat er nicht lange gelitten«, sagte sie, nachdem
Harry geschildert hatte, wie Cedric gestorben war. »Und
überleg mal, Amos, er starb in dem Moment, als er das Tur-
nier gewonnen hatte. Er muss glücklich gewesen sein.«
Als die beiden sich schon erhoben hatten, wandte sich Mrs
Diggory noch einmal Harry zu. »Pass jetzt gut auf dich auf«,
sagte sie.
Harry nahm den Beutel mit Gold vom Nachttisch.
»Nehmen Sie das«, murmelte er. »Cedric hätte es ver-
dient, er war vor mir da, nehmen Sie es –«
Doch Mrs Diggory wich hastig zurück. »O nein, es ist
deins, mein Junge, wir könnten es nicht ... behalt du es.«
Am Abend noch kehrte Harry in den Gryffindor-Turm
749
zurück. Hermine und Ron hatten ihm erzählt, dass Dumble-
dore beim Frühstück ein paar Worte an alle Schüler gerichtet
hatte. Er hatte sie nur um eines gebeten, nämlich Harry in
Ruhe zu lassen und ihn nicht mit Fragen darüber zu löchern,
was im Irrgarten geschehen war. Auf den Korridoren, so fiel
ihm auf, gingen ihm die meisten seiner Mitschüler aus dem
Weg und mieden seinen Blick. Manche flüsterten hinter vor-
gehaltener Hand miteinander, wenn er vorbeiging. Sicher
schenkten viele von ihnen Rita Kimmkorns Behauptungen
Glauben, er sei gestört und womöglich auch gefährlich. Viel-
leicht stoppelten sie sich auch ihre eigenen Vermutungen
über den Tod Cedrics zusammen. Harry scherte sich wenig
darum. Ohnehin war er am liebsten mit Ron und Hermine
zusammen, und dann redeten sie über andere Dinge, oder
die beiden ließen ihn schweigend dabeisitzen, während sie
Schach spielten. Er hatte das Gefühl, sie alle drei waren zu
einem stillschweigenden Einverständnis gelangt; sie warte-
ten jeder für sich auf einen Hinweis, ein Wort darüber, was
außerhalb von Hogwarts vor sich ging – und es war sinnlos,
lange hin und her zu überlegen, was in nächster Zeit gesche-
hen würde, solange sie nichts Genaues erfuhren. Nur einmal
streiften sie das Thema, als Ron Harry von einem Treffen
Mrs Weasleys mit Dumbledore vor ihrer Heimreise erzählte.
»Sie wollte ihn fragen, ob du diesen Sommer gleich zu uns
kommen könntest«, erklärte Ron. »Aber Dumbledore möchte,
dass du zu den Dursleys zurückgehst, wenigstens für die erste
Zeit.«
»Warum?«, fragte Harry.
»Sie meinte, Dumbledore hätte seine Gründe«, sagte Ron
und schüttelte mit düsterer Miene den Kopf. »Bleibt uns wohl
nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen.«
Der Einzige außer Ron und Hermine, mit dem Harry, sich
überhaupt in der Lage fühlte zu sprechen, war Hagrid. Da es
750
keinen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste
mehr gab, hatten sie in diesen Stunden frei. Am Donners-
tagnachmittag nutzten sie die Gelegenheit und gingen hi-
nunter, um ihn in seiner Hütte zu besuchen. Es war ein heller,
sonniger Tag; Fang kam aus der offenen Tür gejagt und nahm
sie bellend und wie verrückt mit dem Schwanz wedelnd in
Empfang.
»Wer da?«, rief Hagrid und kam zur Tür. »Harry!«
Mit großen Schritten kam er ihnen entgegen, drückte Harry
mit einem Arm an sich, zerzauste sich mit der ande-
ren Hand das Haar noch mehr und sagte: »Lässt dich endlich
wieder blicken, Kumpel. Schön dich zu sehn.«
Sie betraten die Hütte. Auf dem Holztisch vor dem Ka-
min standen ein paar eimergroße Tassen und Teller.
»Hab mit Olympe 'n Tässchen Tee getrunken«, sagte
Hagrid. »Ist eben gegangen.«
»Mit wem?«, fragte Ron verwundert.
»Madame Maxime natürlich!«, sagte Hagrid.
»Habt euch wohl wieder versöhnt, ihr beiden?«, sagte Ron.
»Keine Ahnung, was du meinst«, sagte Hagrid lässig und
holte frische Tassen aus dem Geschirrschrank. Als er Tee ge-
kocht und ihnen einen Teller teigiger Kekse angeboten hatte,
lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und nahm Harry mit
seinen käferschwarzen Augen scharf unter die Lupe.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte er ruppig.
»Jaah«, sagte Harry.
»Nein, ist es nicht«, sagte Hagrid. »Natürlich nicht. Aber
wird schon.«
Harry schwieg.
»Wusste, dass er eines Tages zurückkommt«, sagte Hagrid,
und alle drei sahen erschrocken zu ihm auf. »Wusste es seit
Jahren, Harry. Wusste, dass er irgendwo da draußen war und
gewartet hat, bis seine Zeit kam. Musste passieren. Und jetzt
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ist es passiert, und wir müssen damit klarkommen. Wir wer-
den kämpfen. Vielleicht können wir ihn stoppen, bevor er
richtig Fuß fasst. Das jedenfalls hat Dumbledore vor. Groß-
artiger Mann, Dumbledore. Solange wir ihn haben, mach ich
mir nicht allzu viel Sorgen.«
Hagrid sah die ungläubigen Mienen der drei und hob seine
buschigen Augenbrauen.
»Hat kein Zweck, dazuhocken und sich Sorgen zu ma-
chen«, sagte er. »Was kommen muss, wird kommen, und
wenn es da ist, nehmen wir den Kampf auf. Dumbledore hat
mir gesagt, was du getan hast, Harry.«
Hagrid schwoll die Brust, während er Harry ansah. »Du
hast so viel getan, wie dein Vater getan hätte, und das ist das
größte Lob, das ich für dich hab.«
Harry lächelte. Es war das erste Mal seit Tagen, dass er
lächelte.
»Worum hat dich Dumbledore gebeten, Hagrid?«, fragte er.
»Er hat Professor McGonagall geschickt, um dich und
Madame Maxime zu sich zu holen ... noch in der Nacht.«
»Hatte 'nen kleinen Auftrag für mich übern Sommer«, sagte
Hagrid. »Ist aber geheim. Darf nich drüber reden, nich mal
mit euch Rasselbande. Olympe – für euch Madame Ma-
xime – kommt vielleicht mit. Denk eigentlich schon. Glaub,
ich hab sie überredet.«
»Hat es mit Voldemort zu tun?«
Hagrid zuckte beim Klang dieses Namens zusammen.
»Könnt sein«, wich er aus. »Aber ... wie war's, wenn wir zu-
sammen den letzten Kröter besuchen? War nur 'n Witz – nur 'n
Witz!«, setzte er beim Anblick ihrer Gesichter hastig hinzu.
Am Abend vor der Rückreise in den Ligusterweg packte
Harry oben im Schlafsaal schweren Herzens seinen Koffer.
Ihm graute vor dem Abschiedsessen, das sonst immer ein
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richtiges Fest war, bei dem der Sieger des Hauswettbewerbs
ausgerufen wurde. Seit er aus dem Krankenflügel entlassen
war, hatte er, um den neugierigen Blicken seiner Mitschüler zu
entgehen, einen Bogen um die Große Halle gemacht, wenn sie
voll besetzt war, und lieber dann gegessen, wenn kaum noch
jemand da war.
Als sie die Halle betraten, fiel den dreien als Erstes auf, dass
sie nicht wie sonst festlich geschmückt war. Normaler-
weise prangte die Halle beim Abschiedsessen in den Farben
des siegreichen Hauses. Heute Abend jedoch hingen schwarze
Tücher an der Wand hinter dem Lehrertisch. Harry wusste,
dass dies zu Ehren Cedrics geschehen war.
Der wirkliche Mad-Eye Moody saß am Lehrertisch, mit-
samt Holzbein und magischem Auge. Äußerst schreckhaft
zuckte er jedes Mal zusammen, wenn ihn jemand ansprach.
Harry konnte es ihm nicht verdenken; Moodys Angst vor
Angriffen war nach der zehnmonatigen Gefangenschaft in
seinem eigenen Koffer natürlich noch gewachsen. Professor
Karkaroffs Stuhl war leer. Als Harry sich zu den anderen
Gryffindors setzte, fragte er sich, wo Karkaroff jetzt wohl
steckte; hatte ihn Voldemort vielleicht schon aufgespürt?
Madame Maxime war noch da. Sie saß neben Hagrid und
unterhielt sich leise mit ihm. Ein paar Plätze weiter, neben
Professor McGonagall, saß Snape. Ihre Blicke trafen sich
kurz. Snapes Miene war schwer zu entziffern. Er wirkte so
verbittert und abweisend wie eh und je. Harry beobachtete ihn
noch lange, nachdem Snape wieder weggeschaut hatte.
Was genau hatte Snape auf Dumbledores Anweisung hin in
der Nacht getan, als Voldemort zurückkam? Und warum ...
warum ... war Dumbledore so überzeugt, dass Snape auf sei-
ner Seite war? Er war ihr Spion gewesen, Dumbledore hatte
es im Denkarium gesagt. Snape hatte sich als Spion gegen Vol-
demort gewandt, »unter größter Gefahr für sein eigenes
753
Leben«. Hatte er erneut einen solchen Auftrag übernom-
men? Hatte er vielleicht schon Verbindung mit den Tod-
essern aufgenommen? Hatte er so getan, als wäre er nie wirk-
lich zu Dumbledore übergelaufen und hätte wie Voldemort
selbst nur den richtigen Augenblick abgewartet?
Am Lehrertisch erhob sich Professor Dumbledore und
beendete Harrys Grübeleien. In der Großen Halle, wo es
ohnehin schon viel leiser war als sonst beim Abschiedsessen,
wurde es sehr still.
»Wieder einmal«, sagte Dumbledore und sah in die Ge-
sichter rundum, »wieder einmal geht ein Jahr zu Ende.«
Er hielt inne und sein Blick fiel auf den Tisch der Huffle-
puffs. Bevor er aufgestanden war, hatte dort die gedrückteste
Stimmung geherrscht, und dort sah man auch die blassesten
und traurigsten Gesichter in der Halle.
»Es gibt viel, was ich euch heute Abend sagen möchte«,
fuhr Dumbledore fort, »doch will ich zuerst daran erinnern,
dass wir einen großartigen Menschen verloren haben, der hier
unter uns sitzen und das Essen mit uns genießen sollte.« Er
wies zu den Hufflepuffs hinüber. »Ich möchte euch bit-
ten, aufzustehen und die Gläser zu Ehren Cedric Diggorys zu
erheben.«
Sie taten es, ohne Ausnahme; Stuhlbeine kratzten über den
Boden, dann hatten sich alle erhoben, und eine Stimme, laut
und tief wie fernes Donnerrollen, erklang in der Halle:
»Cedric Diggory.«
Durch eine Lücke in der Menge erhaschte Harry einen Blick
auf Cho. Stumme Tränen rannen ihr übers Gesicht. Sie setzten
sich wieder und Harry senkte den Blick.
»Cedric war ein Mensch, der viele der Tugenden, welche
das Haus Hufflepuff auszeichnen, in sich vereinte«, fuhr
Dumbledore fort. »Er war ein guter und treuer Freund, ein
fleißiger Schüler, ein Mensch, der das Fairplay schätzte. Sein
754
Tod hat euch alle berührt, ob ihr ihn gut kanntet oder nicht.
Deshalb glaube ich, dass ihr das Recht habt, genau zu erfah-
ren, wie es dazu kam.«
Harry hob den Kopf und starrte Dumbledore an.
»Cedric Diggory wurde von Lord Voldemort ermordet.«
Ein panisches Flüstern erhob sich in der Großen Halle.
Viele starrten Dumbledore ungläubig, ja entsetzt an. Er schien
jedoch vollkommen ruhig und wartete geduldig, bis sich das
Gemurmel wieder gelegt hatte.
»Das Zaubereiministerium wünscht nicht«, erklärte Dum-
bledore, »dass ich euch dies sage. Vielleicht werden manche
eurer Eltern entsetzt darüber sein – entweder weil sie nicht
glauben wollen, dass Lord Voldemort zurückgekehrt ist, oder
weil sie meinen, ich sollte es euch nicht sagen, weil ihr noch
zu jung seid. Es ist jedoch meine Überzeugung, dass die
Wahrheit immer der Lüge vorzuziehen ist und dass jeder
Versuch, so zu tun, als wäre Cedric durch einen Unfall
gestorben oder durch einen eigenen Fehler, eine Beleidi-
gung seines Andenkens ist.«
Bestürzt und verängstigt war nun jedes Gesicht in der
Halle Dumbledore zugewandt ... fast jedes. Drüben am
Slytherin-Tisch sah Harry Draco Malfoy mit Crabbe und
Goyle flüstern. Ein heißer, Brechreiz erregender Wut-
schwall stieg ihm die Kehle hoch. Er zwang sich, den Blick
erneut auf Dumbledore zu richten.
»Und noch jemand muss im Zusammenhang mit Cedrics
Tod erwähnt werden«, sagte Dumbledore. »Ich spreche
natürlich von Harry Potter.«
Eine Welle durchlief die Halle, es waren die Köpfe, die sich
zu Harry umdrehten, um sich dann rasch wieder Dumbledore
zuzuwenden.
»Harry Potter ist es gelungen, Lord Voldemort zu ent-
kommen«, sagte Dumbledore. »Er hat sein Leben aufs Spiel
755
gesetzt, um den toten Cedric nach Hogwarts zurückzubrin-
gen. Er hat Tapferkeit in jeder Hinsicht bewiesen, wie sie
bislang nur wenige Zauberer im Angesicht von Lord Volde-
mort gezeigt haben, und dafür ehre ich ihn.«
Dumbledore wandte sich mit ernstem Gesicht Harry zu und
hob erneut seinen Trinkkelch. Fast alle taten es ihm nach. Sie
murmelten seinen Namen, wie zuvor den Cedrics, und
tranken auf sein Wohl. Durch eine Lücke in der Menge sah
Harry jedoch, dass Malfoy, Crabbe, Goyle und viele an-
dere Slytherins trotzig sitzen geblieben waren und ihre Kel-
che nicht angerührt hatten. Dumbledore, der schließlich kein
magisches Auge hatte, konnte sie nicht sehen.
Sie nahmen ihre Plätze wieder ein und Dumbledore fuhr
fort: »Ziel des Trimagischen Turniers war es, das gegensei-
tige Verständnis unter den Magiern verschiedener Länder zu
fördern. Im Lichte dessen, was geschehen ist – der Rück-
kehr Lord Voldemorts -, sind partnerschaftliche Bande wich-
tiger denn je.«
Dumbledore sah zu Madame Maxime und Hagrid hi-
nüber, zu Fleur Delacour und ihren Mitschülern aus Beaux-
batons, und zu Viktor Krum und den Durmstrangs am Tisch
der Slytherins. Krum, so stellte Harry fest, wirkte argwöh-
nisch, fast verängstigt, als fürchtete er, Dumbledore würde
gleich etwas sehr Harsches sagen.
»Jeder Gast in der Halle«, sagte Dumbledore, und sein
Blick verweilte auf den Durmstrang-Schülern, »sollte er
oder sie uns wieder einmal besuchen wollen, ist hier jeder-
zeit willkommen. Ich sage es euch noch einmal – angesichts
der Rückkehr Lord Voldemorts sind wir so stark, wie wir
einig, und so schwach, wie wir gespalten sind.
Lord Voldemort besitzt ein großes Talent, Zwietracht und
Feindseligkeit zu verbreiten. Dem können wir nur entge-
gentreten, wenn wir ein nicht minder starkes Band der
756
Freundschaft und des Vertrauens knüpfen. Unterschiede in
Lebensweise und Sprache werden uns nicht im Geringsten
stören, wenn unsere Ziele die gleichen sind und wir den an-
deren mit offenen Herzen begegnen.
Es ist meine Überzeugung – und noch nie habe ich so sehr
gehofft, mich zu irren -, dass auf uns alle dunkle und schwere
Zeiten zukommen. Manche von euch hier haben bereits
spürbar unter der Hand Lord Voldemorts gelitten. Viele eurer
Familien wurden entzweigerissen. Vor einer Woche wurde ein
Schüler aus unserer Mitte genommen.
Denkt an Cedric. Erinnert euch an ihn, wenn einmal die Zeit
kommt, da ihr euch entscheiden müsst zwischen dem, was
richtig ist, und dem, was bequem ist. Denkt daran, was einem
Jungen, der gut und freundlich und mutig war, ge-
schah, nur weil er Lord Voldemort in die Quere kam. Erin-
nert euch an Cedric Diggory.«
Harrys Koffer war gepackt, obenauf thronte Hedwig in
ihrem Käfig.
Zusammen mit den anderen Viertklässlern warteten Harry,
Ron und Hermine in der überfüllten Eingangshalle auf die
Kutschen, die sie zum Bahnhof Hogsmeade bringen sollten.
Wieder war es ein herrlicher Sommertag. Wenn er am Abend
ankam, überlegte Harry, würde es heiß sein im Liguster-
weg, die Gärten üppig grün, die Blumenbeete ein Rausch von
Farben. Doch der Gedanke machte ihm überhaupt keine
Freude.
»'Arry!«
Er wandte sich um. Fleur Delacour kam die Steintreppe zum
Schloss hochgerannt. Hinter ihr, in weiter Entfernung, konnte
er erkennen, wie Hagrid Madame Maxime behilf-
lich war, zwei ihrer Riesenpferde anzuschirren. Die Beaux-
batons-Kutsche würde bald in die Lüfte steigen.
757
»Wir se'en uns wieder, 'offe isch«, sagte Fleur, als sie vor
ihm stand und ihm die Hand darbot. »Isch 'offe, isch be-
komme einen Job 'ier, damit isch mein Englisch aufbessern
kann.«
»Es ist doch schon sehr gut«, sagte Ron mit merkwürdig
erstickter Stimme.
Fleur schenkte ihm ein Lächeln; Hermine blickte finster
drein.
»Auf Wiedersehen, 'Arry«, sagte Fleur und wandte sich
zum Gehen. »Es war mir ein Vergnügen, disch kennen zu
lernen!«
Harrys Laune konnte einfach nicht anders, als sich ein we-
nig zu bessern; er sah Fleur nach, wie sie mit wehendem
Haar ins Sonnenlicht tauchte und zu Madame Maxime hi-
nübereilte.
»Wie kommen eigentlich die Durmstrangs zurück?«,
fragte Ron. »Glaubst du, die können dieses Schiff ohne Kar-
karoff steuern?«
»Karkaroff hat nicht gesteuert«, sagte eine ruppige
Stimme. »Er lag die ganze Zeit in seine Kabine und hat
uns die Arbeit mache lasse.« Krum war gekommen, um sich
von Hermine zu verabschieden. »Kann ich kurz mit dir
sprecke?«, fragte er.
»Oh ... ja ... natürlich«, sagte Hermine, offensichtlich ein
wenig geschmeichelt, und verschwand mit Krum in der
Menge.
»Beeil dich aber!«, rief ihr Ron nach. »Die Kutschen sind
bestimmt gleich da!«
Allerdings ließ er Harry nach den Kutschen Ausschau hal-
ten und reckte minutenlang den Kopf über die Menge, um
zu sehen, was Krum und Hermine wohl miteinander trie-
ben. Sie kehrten jedoch bald zurück. Ron starrte Hermine
an, doch ihre Miene blieb unbewegt.
758
»Ich mochte Diggory«, sagte Krum unvermittelt zu Harry.
»Er war immer höflich zu mir. Immer. Obwohl ich aus
Durmstrang kam – mit Karkaroff«, fügte er mit finsterem
Blick hinzu.
»Habt ihr schon einen neuen Schulleiter?«, fragte Harry.
Krum zuckte die Achseln. Wie schon Fleur bot er ihnen die
Hand an und verabschiedete sich erst von Harry, dann von
Ron.
Ron sah ganz danach aus, als würde er unter Qualen mit sich
selbst ringen. Schon hatte sich Krum ein paar Schritte entfernt,
als es aus ihm herausplatzte: »Kann ich ein Auto-
gramm von dir haben?«
Hermine wandte sich ab und sah mit einem Lächeln zu, wie
die pferdelosen Kutschen die Zufahrt heraufrollten, während
Krum, überrascht zwar, doch nicht ohne Genugtu-
ung, für Ron seinen Namen auf einen Fetzen Pergament
schrieb.
Das Wetter auf ihrer Rückreise nach King's Cross war um
Welten besser als bei ihrer Fahrt nach Hogwarts im vorigen
September. Keine einzige Wolke war am Himmel zu sehen.
Harry, Ron und Hermine hatten es geschafft, ein Abteil für
sich zu ergattern. Pigwidgeon war wieder einmal unter Rons
Festumhang verborgen, damit er nicht endlos schu-huhte;
Hedwig hatte den Kopf unter einen Flügel gesteckt und war
am Dösen, und Krummbein hatte sich auf einem freien Sitz
eingekringelt und sah wie ein großes, rötlich gelbes Pelzkissen
aus. Während der Zug sie schnell nach Süden trug,
unterhielten sich die drei so ausgiebig und frei-
mütig wie seit einer Woche nicht mehr. Harry hatte das
Gefühl, Dumbledores Worte beim Abschiedsessen hätten
etwas in ihm gelöst. Es war keine solche Qual mehr, darüber
zu reden, was geschehen war. Sie überlegten hin und her,
759
was Dumbledore wohl gerade unternahm, um Voldemorts
Marsch aufzuhalten, und verstummten erst, als der Imbiss-
wagen kam.
Als Hermine mit ihrem Essen ins Abteil zurückkehrte und
ihren Geldbeutel wieder in die Schultasche steckte, zog sie
eine Ausgabe des Tagespropheten heraus, die sie mitgenom-
men hatte.
Harry warf einen Blick darauf, nicht sicher, ob er wirklich
wissen wollte, was sie wohl geschrieben hatten, doch Her-
mine folgte seinem Blick und sagte leise: »Da steht nichts
drin. Du kannst selber nachsehen, aber sie bringen über-
haupt nichts. Ich hab jeden Tag geschaut. Nur eine kleine
Meldung am Tag nach der dritten Runde, dass du das Tur-
nier gewonnen hättest. Cedric haben sie nicht einmal er-
wähnt. Nichts von der ganzen Geschichte. Wenn du mich
fragst, zwingt Fudge sie dazu, Stillschweigen zu bewahren.«
»Der wird doch Rita nie zum Schweigen bringen«, sagte
Harry. »Nicht, wenn es um eine solche Geschichte geht.«
»Oh, Rita hat seit der dritten Runde nichts mehr geschrie-
ben«, sagte Hermine in merkwürdig verhaltenem Ton. »Es ist
nämlich so«, fügte sie mit leisem Zittern in der Stimme hinzu,
»dass Rita Kimmkorn eine ganze Weile lang gar nichts mehr
schreiben wird. Außer sie will, dass ich über sie auspacke.«
»Wovon redest du überhaupt?«, sagte Ron.
»Ich hab rausgefunden, wie sie unsere privaten Gespräche
belauscht hat, obwohl sie eigentlich nicht aufs Schlossge-
lände durfte«, kam es hastig aus Hermines Mund.
Harry hatte den Eindruck, dass Hermine ihnen das schon
tagelang unbedingt hatte erzählen wollen, es sich aber we-
gen all der anderen Geschehnisse verkniffen hatte.
»Und wie hat sie es angestellt?«, fragte Harry rasch.
»Wie hast du es rausgefunden?«, setzte Ron hinzu und
starrte sie an.
760
»Na ja, eigentlich warst du es, der mich auf die Idee ge-
bracht hat, Harry«, sagte sie.
»Tatsächlich?«, entgegnete Harry verdutzt. »Wie denn?«
»Wanzen«, sagte Hermine ausgelassen.
»Aber du hast doch gesagt, sie funktionieren nicht –«
»O nein, keine elektronischen Wanzen«, sagte Hermine.
»Nein, wisst ihr ... Rita Kimmkorn« – in Hermines Stimme
zitterte verhaltener Triumph – »ist ein nicht gemeldeter
Animagus. Sie kann sich –«, Hermine zog ein kleines versie-
geltes Einmachglas aus ihrer Tasche, »– in einen Käfer ver-
wandeln.«
»Du machst Witze«, sagte Ron. »Du hast doch nicht ... sie
ist nicht etwa ...«
»O doch, genau das ist sie«, juchzte Hermine und fuch-
telte mit dem Glas vor ihren Augen herum.
Drin waren ein paar Zweige und Blätter und ein großer,
fetter Käfer.
»Das ist doch nie und nimmer – du willst uns auf den Arm
nehmen –«, flüsterte Ron und hob das Glas an die Augen.
»Nein, will ich nicht«, strahlte Hermine. »Ich hab sie auf der
Fensterbank im Krankensaal gefangen. Schaut euch den Käfer
genau an, dann seht ihr, die Muster auf ihrem Fühler sind
genau die gleichen wie auf dieser bescheuerten Brille, die sie
immer trägt.«
Harry nahm den Käfer unter die Lupe und stellte fest, dass
sie vollkommen Recht hatte. Und jetzt fiel ihm auch etwas ein.
»An dem Abend, als wir hörten, wie Hagrid Madame Maxime
von seiner Mutter erzählte – da war ein Käfer auf dieser
Statue!«
»Genau«, sagte Hermine. »Und Viktor hat einen Käfer aus
meinen Haaren gezogen, nachdem wir am See mitei-
nander gesprochen hatten. Und wenn ich mich nicht gewal-
tig irre, hockte Rita Kimmkorn genau an dem Tag bei Wahr-
761
sagen auf dem Fenstersims, als deine Narbe geschmerzt hat.
Das ganze Jahr über ist sie auf der Suche nach irgendwel-
chen Geschichten herumgeschwirrt.«
»Als wir Malfoy unter diesem Baum gesehen haben ...«,
sagte Ron langsam.
»Er hat mit ihr gesprochen, sie war auf seiner Hand«, sagte
Hermine. »Natürlich hat er es gewusst. So hat sie all diese
netten kleinen Interviews mit den Slytherins bekommen.
Denen war egal, dass sie etwas Ungesetzliches tat, solan-
ge sie ihr diese fürchterlichen Geschichten über uns und
Hagrid verbraten konnten.«
Hermine nahm das Glas aus Rons Hand und sah lächelnd
zu, wie der Käfer zornig gegen das Glas brummte.
»Ich hab ihr gesagt, ich lass sie raus, wenn wir in London
sind«, sagte sie. »Das Glas hab ich unzerbrechlich gehext,
deshalb kann sie sich nicht verwandeln. Und ich hab ihr
gesagt, sie solle ihre flotte Feder ein Jahr lang stecken lassen.
Mal sehen, ob sie von dieser Gewohnheit runterkommt,
schreckliche Lügen über die Leute zu verbreiten.«
Erhaben lächelnd steckte Hermine das Glas zurück in ihre
Schultasche.
Die Abteiltür glitt auf.
»Oberschlau, Granger«, sagte Draco Malfoy.
Crabbe und Goyle standen hinter ihm. Alle drei sa-
hen selbstzufriedener, arroganter und bedrohlicher aus, als
Harry sie je erlebt hatte.
»Schön«, sagte Malfoy langsam, tat einen Schritt ins Abteil
und sah sie mit hämisch gekräuselten Lippen an. »Ihr habt
eine erbärmliche Reporterin gefangen, und Potter ist wieder
mal Dumbledores Liebling. Ganz toll.«
Sein Grinsen verbreiterte sich. Crabbe und Goyle standen da
und schielten.
»Wollt euch ein wenig ablenken, oder?«, sagte Malfoy
762
leise und sah alle drei abwechselnd an. »Versucht so zu tun,
als ob es nicht passiert wäre?«
»Raus hier«, sagte Harry.
Er war nicht mehr in Malfoys Nähe gewesen, seit er be-
obachtet hatte, wie er während Dumbledores Rede mit Crabbe
und Goyle getuschelt hatte. Ihm war, als klingelte ihm etwas
in den Ohren. Unter dem Umhang packte er sei-
nen Zauberstab.
»Du hast dich für die Verlierer entschieden, Potter! Ich hab
dich gewarnt! Ich hab dir gesagt, du solltest besser darauf ach-
ten, mit wem du dich abgibst. Erinnerst du dich? Als wir uns
im Zug trafen, auf der ersten Fahrt nach Hogwarts? Ich hab dir
gesagt, du sollst dich nicht mit so einem Pack abgeben!« Sein
Kopf zuckte in Richtung Ron und Hermine. »Zu spät, Potter!
Die sind die Ersten, die verschwinden, jetzt, wo der dunkle
Lord zurück ist! Schlammblüter und Muggelfreunde zuerst!
Und – zweitens – Diggory war der ver–«
Es war, als würde eine Kiste Feuerwerkskracher im Abteil
explodieren. Geblendet von gleißenden Flüchen aus allen
Richtungen, betäubt von einer Serie lauter Schläge, sah Harry
blinzelnd zu Boden.
Malfoy, Crabbe und Goyle lagen bewusstlos da, halb auf
dem Gang, halb im Abteil. Harry, Ron und Hermine waren
aufgesprungen, und alle drei hatten sie verschiedene Flüche
losgelassen. Und sie waren nicht die Einzigen.
»Dachten, wir schauen mal nach, was diese drei so vorha-
ben«, sagte Fred lässig und stieg über Goyle hinweg ins
Abteil. Er hatte den Zauberstab gezückt, wie auch George, der
mit großer Umsicht auf Malfoy trat, als er Fred folgte.
»Interessante Wirkung«, sagte George und sah auf Crabbe
hinunter. »Wer hat den Furunkulus-Fluch genommen?«
»Ich«, sagte Harry.
»Seltsam«, schmunzelte George. »Ich hab Wabbelbein ge-
763
nommen. Sieht aus, als sollte man die beiden nicht mischen.
Dem sprießenja kleine Tentakel aus dem Gesicht. Und hört
mal, wir wollen sie nicht hier drilllassen, die passen doch
nicht zum Ambiente.«
Ron, Harry und George kickten, schoben und wälzten
Malfoy, Crabbe und Goyle – der Fluchwirrwarr hatte ihrem
Teint gar nicht gut getan – hinaus auf den Gang, kehrten zu-
rück ins Abteil und schoben die Tür zu.
»Jemand Lust auf Snape explodiert?«, fragte Fred und zog
einen Packen Spielkarten aus der Tasche.
Sie waren mitten im fünften Spiel, als Harry beschloss, die
beiden zu fragen.
»Wie steht's, George, rückst du endlich mit der Sprache
raus?«, sagte er. »Wen habt ihr erpresst?«
»Ooh«, murmelte George. »Das.«
»Vergiss es«, sagte Fred und schüttelte ungeduldig den
Kopf. »Es war nichts Wichtiges. Vielleicht später mal.«
»Wir haben's ohnehin aufgegeben«, sagte George achsel-
zuckend.
Doch Harry, Ron und Hermine ließen nicht locker und
endlich meinte Fred:
»Schon gut, schon gut, wenn ihr's unbedingt wissen wollt ...
es war Ludo Bagman.«
»Bagman?«, sagte Harry überrascht. »Willst du sagen, er
hatte mit –«
»Nöh«, sagte George mit umwölkter Miene. »Damit hatte er
nichts zu tun. Ist 'n Dummbeutel. Hätte nicht den Grips dazu
gehabt.«
»Na und, um was ging's dann?«, fragte Ron.
Fred zögerte, dann sagte er: »Ihr wisst doch noch, dass wir
bei ihm eine Wette platziert lütten, bei der Quidditch-
Weltmeisterschaft? Dass Irland gewinnen, aber Krum den
Schnatz fangen würde?«
764
»Jaah«, sagten Harry und Ron langsam.
»Na ja, der Schlaumeier hat uns mit dem Leprechan-Gold
bezahlt, das diese irischen Maskottchen vor dem Spiel run-
terregnen ließen.«
»Und?«
»Und?«, sagte Fred ungeduldig. »Es hat sich natürlich auf-
gelöst! Am nächsten Morgen war es weg!«
»Aber – das muss doch ein Versehen gewesen sein?«, warf
Hermine ein.
George lachte bitter. »Ja, das haben wir zuerst auch ge-
glaubt. Wir dachten, wenn wir ihm einfach schreiben, dass er
einen Fehler gemacht hat, würde er die Kohle rausrücken.
Aber denkste. Hat unseren Brief einfach ignoriert. In Hog-
warts dann haben wir andauernd versucht mit ihm zu reden,
aber er hat immer irgendeine Ausrede gefunden, um uns zu
entwischen.«
»Schließlich ist er ziemlich fies geworden«, sagte Fred.
»Meinte, wir seien zu jung zum Spielen, und er würde uns
überhaupt nichts geben.«
»Also haben wir unser Geld eben zurückverlangt«, sagte
George mit finsterem Blick.
»Er hat doch nicht etwa abgelehnt!«, keuchte Hermine.
»Volltreffer«, sagte Fred.
»Aber das waren eure ganzen Ersparnisse!«, rief Ron.
»Wem sagst du das«, erwiderte George. »Natürlich haben
wir irgendwann rausgefunden, was eigentlich los war. Auch
Lee Jordans Vater hatte einige Schwierigkeiten, sein Geld von
Bagman zu kriegen. Wie sich rausgestellt hat, hat er gro-
ßen Ärger mit den Kobolden. Hat sich Unmengen Gold
von ihnen geliehen. Eine Bande von denen ist ihm nach der
Weltmeisterschaft im Wald auf die Pelle gerückt und hat
ihm alles Gold abgenommen, das er bei sich hatte, und es
war immer noch nicht genug, um die Schulden zu beglei-
765
chen. Dann sind sie ihm bis nach Hogwarts gefolgt, um ihn
im Auge zu behalten. Er hat alles beim Glücksspiel verloren.
Kann sich nicht mal mehr 'ne Tasse Tee leisten. Und wisst ihr,
wie der Idiot die Kobolde bezahlen wollte?«
»Wie?«, sagte Harry.
»Er hat auf dich gewettet, Alter«, sagte Fred. »Hat 'nen
großen Betrag darauf gesetzt, dass du das Turnier gewinnst.
Und die Kobolde haben dagegengehalten.«
»Darum also wollte er mir ständig gewinnen helfen!«, sagte
Harry. »Aber – ich hab doch gewonnen. Also kann er euch
das Gold zurückzahlen!«
»Von wegen«, sagte George kopfschüttelnd. »Die Ko-
bolde spielen genauso 'n dreckiges Spiel wie er. Die sagen
jetzt, du hättest dir den ersten Platz mit Diggory geteilt, und
Bagman hat ja gewettet, dass du allein gewinnst. Also musste
Bagman abhauen. Und das hat er gleich nach der dritten
Runde getan.«
George seufzte tief und begann die Karten neu auszuteilen.
Die restliche Reise war ein wahres Vergnügen; Harry
wünschte sich sogar, sie würde den ganzen Sommer dauern,
ohne dass sie je in King's Cross ankämen ... doch wie er die-
ses Jahr auf die harte Tour hatte lernen müssen, verlangsamt
sich der Lauf der Zeit nicht, wenn etwas Unangenehmes auf
einen zukommt, und allzu schnell war es so weit und der
Hogwarts-Express lief auf Gleis neundreiviertel ein. Wie
üblich machte sich beim Aussteigen ein lärmiges Durchei-
nander auf den Gängen breit. Ron und Hermine kämpften sich
mit ihren schweren Koffern an Malfoy, Crabbe und Goyle
vorbei.
Harry jedoch blieb sitzen. »Fred – George – einen Mo-
ment noch.«
Die Zwillinge kamen zurück. Harry öffnete den Koffer und
holte seinen Trimagischen Gewinn hervor.
766
»Für euch«, sagte er und drückte George den Goldbeutel in
die Hand.
»Wie bitte?« Fred war völlig perplex.
»Für euch«, wiederholte Harry bestimmt. »Ich will es
nicht.«
»Du bist verrückt geworden«, sagte George und versuchte
den Beutel Harry wieder aufzudrängen.
»Nein, bin ich nicht«, sagte Harry. »Nehmt das Gold und
macht euch ans Erfinden. Es ist für den Scherzladen.«
»Er ist tatsächlich verrückt geworden«, sagte Fred mit bei-
nahe furchtsamer Stimme.
»Hört zu«, sagte Harry entschlossen. »Wenn ihr's nicht
nehmt, werf ich's in den Gully. Ich will es nicht und ich
brauch es nicht. Aber ich könnte ein paar Lacher vertragen.
Wir alle könnten ein paar Lacher vertragen. Und ich hab da
so 'ne Ahnung, dass wir sie bald mehr als sonst brauchen
werden.«
»Harry«, sagte George matt und wog den Geldsack in den
Händen, »dadrin müssen mindestens tausend Galleonen
sein.«
»Jaah«, grinste Harry. »Überlegt mal, wie viel Kanarien-
krem das gibt.«
Die Zwillinge starrten ihn an.
»Aber sagt eurer Mum nicht, woher ihr es habt ... ob-
wohl, wenn man's bedenkt, sie ist jetzt sicher nicht mehr so
scharf darauf, dass ihr im Ministerium anfangt ...«
»Harry«, setzte Fred an, doch Harry zückte seinen Zau-
berstab.
»Passt auf«, sagte er kurz angebunden, »nehmt es oder ich
jag euch einen Fluch auf den Hals. Ich kenn inzwischen ein
paar gute. Aber tut mir einen Gefallen, ja? Kauft Ron einen
anderen Festumhang und sagt, er sei von euch.«
Er verließ das Abteil, bevor sie den Mund aufmachen
767
konnten, und stieg über Malfoy, Crabbe und Goyle hinweg,
die immer noch mit Fluchmalen überwuchert auf dem Gang
lagen.
Onkel Vernon wartete auf der anderen Seite der Absper-
rung. Mrs Weasley stand ganz in seiner Nähe. Sie kam Harry
entgegen, umarmte ihn herzlich und flüsterte ihm ins Ohr:
»Ich glaube, Dumbledore lässt dich später im Sommer zu uns
kommen. Lass was von dir hören, Harry.«
»Bis dann, Harry«, sagte Ron und gab ihm einen Klaps auf
den Rücken.
»Ciao, Harry!«, sagte Hermine und tat etwas, das sie noch
nie getan hatte: Sie küsste ihn auf die Wange.
»Harry – danke«, murmelte George, und Fred an seiner
Seite nickte eifrig.
Harry zwinkerte ihnen zu, wandte sich zu Onkel Vernon um
und folgte ihm schweigend aus dem Bahnhof. Noch hat es
keinen Sinn, sich Sorgen zu machen, dachte er, als er hin-
ten in den Wagen der Dursleys stieg. Wie Hagrid gesagt hatte,
was kommen musste, würde kommen ... und wenn es da war,
würde er den Kampf aufnehmen müssen.
Joanne Kathleen Rowling
Harry Potter
und der Orden des Phönix
Kapitel 1 - Dudleys Wahnsinn
Der bisher heißeste Tag des Sommers ging zu Ende und eine einschläfernde Stille lag über den großen, viereckigen
Häusern des Liguster Weges. Autos, die üblicherweise glänzten, standen staubig in ihren Auffahrten und Rasen, die
einst Smaragdgrün waren, dörrten aus und färbten sich gelb, da die Verwendung von Rasensprengern aufgrund der
Dürre verboten worden war. Dem Verfolgen ihres üblichen Auto waschens und Rasenmähens vorenthalten, hatten
sich die Einwohner des Liguster Weges in den Schatten ihrer kühlen Häuser zurückgezogen, die Fenster weit
aufgeworfen in der Hoffnung auf eine nicht existente Brise. Die einzige Person, die sich im Freien aufhielt, war ein
Junge im Teenageralter, der flach auf seinem Rücken in einem Blumenbeet außerhalb von Nummer Vier lag.
Er war ein magerer, schwarzhaariger, bebrillter Junge, der den gedrückten, ein bißchen ungesunden Anblick von
jemandem hatte, der in einer viel zu kurzen Zeitspanne gewachsen war. Seine Jeans waren schmutzig und
eingerissen, sein T-Shirt ausgebeult und verblichen, und die Sohlen seiner Sportschuhe lösten sich vom Oberstoff
ab. Harry Potters Erscheinung machte ihn bei den Nachbarn nicht beliebt, die die Art von Leuten waren, die dachten,
diese Art von Nachlässigkeit sollte per Gesetz strafbar sein, aber nachdem er sich an diesem Abend hinter einem
großen Hortensien-Busch versteckt hatte, war er für vorbeikommende Passanten quasi unsichtbar. In der Tat war er
nur zu entdecken, falls Onkel Vernon oder Tante Petunia ihre Köpfe aus dem Wohnzimmerfenster stecken und
geradewegs nach unten in das Blumenbeet sehen würden.
Im Großen und Ganzen, dachte sich Harry, konnte er sich nur zu der Idee gratulieren, sich hier zu verstecken. Es war
vielleicht nicht sehr bequem auf der heißen, harten Erde zu liegen, aber andererseits starrte niemand ihn an, der seine
Zähne so laut mahlte, daß er die Nachrichten nicht hören könnte, oder ihn mit unangenehmen Fragen bombardierte,
wie es jedesmal passierte, als er versuchte hatte, sich im Wohnzimmer hinzusetzten und mit seinem Onkel und seiner
Tante fernsehen wollte.
Als ob sein Gedanke durch das offene Fenster geflattert wäre, begann Vernon Dursley, Harrys Onkel, plötzlich zu
sprechen.
„Ich bin froh zu sehen, das der Junge aufgehört hat, sich einzumischen. Nebenbei bemerkt, wo ist er gerade?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Tante Petunia unbekümmert. „Nicht im Haus.“
Onkel Vernon grunzte.
„Die Nachrichten sehen …“ sagte er bissig. „Ich möchte wissen, was er wirklich will. Als ob ein normaler Junge sich
darum kümmert, was in den Nachrichten los ist - Dudley hat keine Ahnung worum es geht; bezweifle, das er
überhaupt weiß, wer der Premierminister ist! Jedenfalls ist es nicht so, als ob es etwas über seine Art in unseren
Nachrichten kommen würde - „
„Vernon, shh!“ sagte Tante Petunia. „Das Fenster ist offen!“
„Oh - ja - entschuldige, Teuerste.
Die Dursleys wurden still. Harry hörte sich einen Werbespot über Frucht&Kleie-Frühstücksflocken an, während er
Frau Figg, eine verrückte, Katzen liebende, alte Dame vom nahegelegenem Wisteria Walk zusah, wie sie langsam
vorbei schlenderte. Sie blickte mißfallend und murrte zu sich selbst. Harry war sehr zufrieden, daß er hinter dem
Busch verborgen war, da Frau Figg kürzlich dazu übergegangen war, ihn wann auch immer sie ihn sah, zum Tee
einzuladen. Sie bog um die Ecke und war ausser Sicht, bevor Onkel Vernons Stimme sich erneut aus dem Fenster
ergoß.
„Dudders ist raus zu einem Tee?“
„Bei den Polkisses,“ sagte Tante Petunia liebevoll. „Er hat so viele kleine Freunde gemacht, er ist so beliebt!“
Harry unterdrückte ein Schnauben nur mit Schwierigkeit. Die Dursleys waren wirklich erstaunlich dumm, wenn es
um ihren Sohn Dudley ging. Sie hatten ihm alle seine schwachen Lügen über das Teetrinken, bei den verschiedenen
Mitgliedern seiner Bande an jedem Abend der Sommerferien, abgenommen. Harry wußte nur zu genau, das Dudley
noch nie auch nur irgendwo zum Tee gewesen war, er und seine Bande verbrachten jeden Abend damit, den
Spielplatz zu beschädigen, an Straßenecken zu rauchen und Steine auf vorüberfahrende Autos und Kinder zu werfen.
Harry hatte sie dabei während seiner Abendspaziergänge durch Little Whinging gesehen; er hatte die meiste Zeit
seines Urlaubs mit dem durchwandern von Straßen verbracht, unterwegs die Zeitungen der Mülleimer
ausschlachtend.
Die Eröffnungsmusik, die die sieben Uhr Nachrichten ankündigte, erreichte Harrys Ohren und sein Magen wurde
flau. Vielleicht heute nacht - nach einem Monat des Wartens - wäre die Nacht.
„Zahlreiche gestrandete Urlauber füllten die Flughäfen, während der Streik der spanischen Gepäckführer in die
zweite Woche geht -“
„Ich würde Sie“n Leben lang Mittagsschlaf machen lassen, ,“ knurrte Onkel Vernon über das Ende des Satzes des
Nachrichtensprechers, aber egal: im Blumenbeet außerhalb, schien Harrys Magen sich zu entspannen. Wenn
irgendetwas geschehen wäre, wäre es sicherlich das Erste in den Nachrichten gewesen; Tod und Zerstörung waren
wichtiger als gestrandete Urlauber.
Er ließ einen langen, langsamen Atemzug heraus und starrte hinauf in den brillanten blauen Himmel. Jeden Tag
dieses Sommer war gleich: die Spannung, die Erwartung, die vorübergehende Erleichterung, und dann stieg wieder
die Spannung… und immer nachdrücklicher während all der Zeit wurde die Frage, warum noch nichts geschehen
war.
Er hielt inne, um zu hören, ob es irgendeinen klitzekleinen Anhaltspunkt gab, - ein unerklärliches Verschwinden
möglicherweise oder irgendeinen merkwürdigen Unfall... aber der Streik der Gepäckarbeiter wurden von den
Nachrichten über die Dürre im Südosten abgelöst.
„Ich hoffe, das hört er nebenan!,“ brüllte Onkel Vernon. „Der mit seinen nachts um drei Uhr laufenden
Rasensprengern!,“ dann ein Hubschrauber, der fast auf Gebiet nahe Surrey abgestürzt wäre, dann die Scheidung
einer berühmten Schauspielerin von ihrem berühmten Ehemann („Als, wenn wir an ihren schäbigen Angelegenheiten
interessiert wären,“ seufzte Tante Petunia, die den Fall exzessiv in jeder Zeitschrift, die Sie in ihre knöchernen
Hände bekam, verfolgte).
Harry schloß seine Augen gegen den jetzt rotflammenden Abendhimmel, während der Nachrichtensprecher sagte, „-
und schließlich, hat Bungy der Wellensittich eine neue Methode zum Abkühlen in diesem Sommer gefunden. Bungy,
der in den „Fünf Federn“ in Barnsley lebt, hat gelernt, Wasserski zu fahren! Mary Dorkins hat mehr darüber
herausgefunden.“
Harry öffnete seine Augen. Wenn sie schon wasserskifahrende Wellensittiche bringen, würde es nichts geben, für
das sich das Zuhören noch lohnen würde. Er rollte vorsichtig zur Seite, erhob sich auf seine Knie und Ellenbogen
und bereitete sich darauf vor, unter dem Fenster hervor zu kriechen.
Er hatte sich ungefähr 5 cm erhoben, als einige Dinge in sehr schneller Reihenfolge geschahen.
Ein lauter, widerhallender Knall durchbrach die schlafende Stille wie ein Pistolenschuß; eine Katze schoß unter
einem geparkten Auto hervor und floh aus seinem Blickfeld; ein Schrei, ein gebrüllter Fluch und der Ton des
Berstens von Porzellan kamen aus dem Wohnzimmer der Dursleys, und als ob dies das Signal wäre, auf das Harry
gewartet hatte, sprang er auf die Füße und zog gleichzeitig vom Gürtel seiner Jeans einen dünnen hölzernen
Zauberstab, als ob er ein Schwert ziehen wollte - aber, bevor er sich bis zur vollen Höhe aufrichten konnte, stieß die
Oberseite seines Kopfes mit dem von den Dursleys geöffneten Fenster zusammen. Der dadurch entstehende Rumms
ließ Tante Petunia aufschreien.
Harry glaubte, sein Kopf wäre in zwei Teile gespalten worden. Er versuchte seinen Blick auf die Straße zu
fokussieren, die Quelle der Geräusche ausmachend, aber er hatte sich kaum wieder aufgerichtet, als zwei große
purpurrote Hände durch das geöffnete Fenster schossen und sich fest um seine Kehle schlossen.
„ Steck - das - weg!,“ keuchte Onkel Vernon in Harrys Ohr . „ Jetzt! Bevor“s - jemand - sieht!,“
„Las - mich - los!,“ keuchte Harry.
Sie kämpften einige Sekunden lang, Harry zog mit seiner linken Hand an den wurstähnlichen Fingern seines Onkels,
hielt mit seiner rechten Hand den Zauberstab fest im Griff; dann, als der Schmerz am Oberende von Harrys Kopf
besonders ekelhaft pochte, jaulte Onkel Vernon auf und lies Harry frei, als hätte er einen elektrischen Schlag
bekommen. Eine unsichtbare Kraft schien durch seinen Neffen gelaufen zu sein, die es ihm unmöglich machte ihn
festzuhalten.
Nach Luft schnappend, fiel Harry über den Hortensien-Busch, richtete sich auf und schaute sich um. Es gab kein
Zeichen davon auszumachen, was die lauten knackenden Geräusche verursacht hatte, aber dafür sahen einige
Gesichter durch verschiedene nahe gelegene Fenster. Harry stopfte seinen Zauberstab hastig in seine Jeans zurück
und versuchte unschuldig auszuschauen.
„Reizender Abend!,“ rief Onkel Vernon, winkte zu der Dame aus Nummer Sieben, die von wütend hinter ihren
Vorhängen herüberstarrte. „Haben Sie auch die Fehlzündung des Autos gehört. Ließ Petunia und mich auch
zusammenfahren!“
Er grinste weiter auf eine scheußliche, manische Art und Weise, bis all die neugierigen Nachbarn von ihren
verschiedenen Fenstern verschwunden waren, dann wurde das Grinsen zu einer Grimasse des Zorns, als er Harry zu
sich winkte.
Harry kam ein paar Schritte näher, sorgsam darauf bedacht, sich dem Punkt fernzuhalten, an dem Onkel Vernons
Hände ausgestreckte Hände ihn weiter hätten würgen können.
„Was zum Teufel sollte das bedeuten, Junge?,“ fragte Onkel Vernon mit einer krächzenden Stimme, die vor Wut
zitterte.
„Was hat was zu bedeuten“ sagte Harry kalt. Er sah weitere die Straße links und rechts herauf, immer noch hoffend
die Person zu erblicken, die dieses krachende Geräusch gemacht hatte.
„Einen Lärm zu veranstalten wie eine startende Gewehrkugel, direkt vor unserem - „
„Ich habe dieses Geräusch nicht gemacht“ sagte Harry standhaft.
Tante Petunia“s dünnes Pferdegesicht erschien jetzt neben Onkel Vernons breitem purpurfarbenem. Sie sah
fuchsteufelswild aus.
„Warum hast Du unter unserem Fenster gelauert?“
„Ja - ja, guter Punkt, Petunia! Was hast Du unter unter unserem Fenster gemacht, Junge?“
„Die Nachrichten gehört,“ sagte Harry mit resignierter Stimme.
Seine Tante und Onkel tauschten empörte Blicke aus.
„Nachrichten gehört! Schon wieder?“
„Nun, sie ändern sich halt jeden Tag, wißt ihr?“ sagte Harry.
„Versuch nicht, mich für dumm zu verkaufen, Junge! Ich will wissen, was Du wirklich Wahrheit wolltest - und
erzähl mir nicht von diesem die Nachrichten hören Mist! Du weißt sehr wohl, daß eurer Haufen -“
„Vorsichtig, Vernon!“ flüsterte Tante Petunia und Onkel Vernon senkte seine Stimme, so daß Harry ihn kaum
verstehen konnte, „- daß euer Haufen nicht in unseren Nachrichten kommt!“
„Das meinst Du,“ sagte Harry.
Die Dursleys starrten ihn für ein paar Sekunden an, dann sagte Tante Petunia „Du bist ein kleiner frecher Lügner.
Was sollen alle diese - „ dann senkte sie ebenfalls ihre Stimme „ - Eulen denn sonst tun, außer Dir Nachrichten zu
bringen.“
„Aha“ whisperte Onkel Vernon triumphierend „Versuch Dich da mal rauszureden. Als ob wir nicht wüssten, daß Du
alle Deine Nachrichten von diesen verdammten Vögeln bekommst!“
Harry zögerte einen Moment. Es kostete ihn einige Überwindung, um dieses Mal die Wahrheit zu sagen, obwohl
seine Tante und sein Onkel unmöglich wissen konnten, wie schlecht er sich fühlte, als er es zugab.
„Die Eulen…bringen mir keine Nachrichten,“ sagte er tonlos.
„Ich glaube es nicht,“ sagte Tante Petunia sofort.
„Genau wie ich,“ sagte Onkel Vernon eindringlich.
„Wir wissen, daß du dir einen Spaß erlaubst,“ sagte Tante Petunia.
„Wir sind ja nicht dumm,“ sagte Onkel Vernon.
„Wirklich, das mir neu,“ sagte Harry, sein Zorn steigend und bevor ihn die Dursleys zurück rufen konnten, hatte er
sich umgedreht, den Vorgarten überquert, war über die niedrige Gartenmauer gestiegen und lief die Straße hinauf.
Er war jetzt in Schwierigkeiten und er wußte das. Er würde sich später seiner Tante und seinem Onkel stellen und
den Preis für seinen Ungehorsam zahlen müssen, aber das interessierte ihn in diesem Moment nicht; er dachte über
wichtigere Dinge nach.
Harry war sicher, daß der knallende Lärm von jemandem gemacht worden war, der apparierte oder disapparierte. Es
war genau das Geräusch, das Dobby der Hauself machte, wenn er sich in Luft auflöste. War es möglich, daß Dobby
hier im Ligusterweg war? Konnte Dobby ihm in genau diesem Moment folgen? Als ihm dieser Gedanke durch den
Kopf ging, drehte er sich um und starrte den Ligusterweg hinunter, aber er schien völlig allein zu sein und Harry war
sicher, daß Dobby nicht wußte, wie er sich unsichtbar machen könnte.
Er ging weiter, genau wissend welchen Weg er nahm, da er diese Straßen in letzter Zeit so oft entlang gegangen war,
daß ihn seine Füße automatisch zu seinen Lieblingsorten trugen. Alle paar Schritte sah er zurück über seine Schulter.
Etwas Magisches war in seiner Nähe gewesen, als er unter den sterbenden Begonien Tante Petunias lag, dessen war
er sich sicher. Warum hatten sie nicht mit ihm gesprochen, warum hatten sie keinen Kontakt zugelassen, warum
versteckten sie sich jetzt?
Und dann, als sein Gefühl der Frustration den Höchststand erreichte, verschwand seine Gewissheit.
Vielleicht war es doch kein magisches Geräusch gewesen. Vielleicht wartete er so dringend auf das kleinste Zeichen
von Kontakt aus der Welt, zu der er gehörte, daß er schon bei gewöhnlichen Geräuschen übertrieben reagierte.
Konnte er sicher sein, daß es nicht der Klang von etwas gewesen war, das im Haus eines Nachbars zerbrach?
Harry fühlte eine langweilige, sinkende Empfindung in seinem Magen und bevor er es erkannte, das Gefühl der
Hoffnungslosigkeit, das ihn den ganzen Sommer geplagt hatte, überrollte es ihn noch einmal.
Morgen früh würde ihn der Wecker um fünf Uhr aufwecken, so daß er die Eule bezahlen konnte, die den
Tagespropheten lieferte - aber gab es irgendeinen Grund, ihn weiterhin zu nehmen? Harry sah lediglich kurz die
Titelseite an, bevor er ihn beiseite warf; als diese Idioten, die die Zeitung herausbrachten, schließlich merkten, daß
Voldemort zurück war, würde es die Schlagzeile sein und das war das einzige, für das Harry sich interessierte.
Wenn er Glück hatte, kämen auch Eulen mit Briefen von seinen besten Freunden Ron und Hermine, obwohl alle
Erwartungen, ihre Briefe würden ihm lang ersehnte Nachrichten bringen schon längst verflogen waren. Wir können
nicht viel über Du-Weißt-Was sagen, leider… Uns wurde verboten Wichtiges zu erzählen, falls unsere Briefe
verloren gehen… Wir sind ziemlich beschäftigt, aber können dir hier nichts genaueres verraten… Es ist eine Menge
los, wir sagen dir alles, wenn wir dich sehen…
Aber wann würden sie ihn sehen? Niemand schien ein genaues Datum nennen zu können. Hermine hatte noch in
seine Geburtstagskarte gekritzelt:“Ich glaube, daß wir uns schon bald wiedersehen werden,“ aber wie bald war bald?
Soweit Harry es von den vagen Hinweisen in ihren Briefen sagen konnte, waren Hermine und Ron an demselben
Ort, vermutlich im Haus von Rons Eltern. Er konnte es kaum ertragen, an die beiden zu denken, wie sie zusammen
Spaß im Fuchsbau hatten, während er im Ligusterweg festsaß. In der Tat war er so wütend auf sie, daß er die zwei
Schachteln Honeydukes Schokolade ungeöffnet weggeworfen hatte, die sie ihm zu seinem Geburtstag geschickt
hatten. Er hatte es später bedauert, nachdem er den verwelkten Salat Tante Petunias gesehen hatte, den sie an
selbigem Tag als Abendessen zubereitete.
Und womit waren Ron und Hermine beschäftigt? Warum hatte er, Harry, nichts zu tun? Hatte er nicht oft genug
bewiesen, daß er selbst dazu in der Lage war, viel mehr zu bewältigen, als die beiden? Hatten sie alle vergessen, was
er getan hatte? War nicht er es gewesen, der diesen Friedhof betreten und beobachtet hatte, daß Cedric ermordet
wurde und er an diesen Grabstein gebunden worden war und beinahe getötet wurde?
Denk nicht darüber nach, sagte Harry streng zu sich, wie er es schon hundert mal diesen Sommer getan hatte. Es
war schlimm genug, daß er den Friedhof in seinen Alpträumen wieder und wieder besuchte, ohne dort zu verweilen,
da mußte er sich nicht auch noch tagsüber damit belasten.
Er bog um eine Ecke in den Magnolia Crescent; auf halber Strecke passierte er einen engen Durchgang neben einer
Garage, wo er seinen Paten zum ersten mal gesehen hatte. Sirius schien wenigstens zu verstehen, wie Harry sich
fühlte. Zugegeben, seine Briefe waren was Neuigkeiten anging so leer wie die von Ron und Hermine, aber
wenigstens enthielten sie warnende und tröstende Worte, statt mit ihn mit Hinweise neugierig zu machen:
Ich weiß, daß dies für dich frustrierend sein muß… Halte deine Nase aus anderen Angelegenheiten raus und dir kann
nichts passieren… Pass auf diech auf und tu nichts unvernünftiges…
Nun, dachte Harry, als er den Magnolia Crescent überquerte, in die Magnolia Road wechselte und in Richtung des
dunkel werdenden Spielparks ging, wie es Sirius (lang und breit) geraten hatte. Er hatte wenigstens der Versuchung
widerstanden, seinen Koffer an seinen Besen zu binden und sich auf eigene Faust auf den Weg zum Fuchsbau zu
machen. In der Tat glaubte Harry ein durchaus akzeptables Benehmen an den Tag zu legen, wenn man bedachte, wie
frustriert und wütend er sich fühlte, weil er so lange im Ligusterweg bleiben mußte, darauf beschränkt, sich in
Blumenbeeten zu verstecken, um etwas zu hören, das auf Lord Voldemort zeigen könnte. Dennoch, war es ziemlich
ärgerlich von jemanden aufgefordert zu werden nicht voreilig zu sein, der zwölf Jahre im Zauberer Gefängnis
Askaban gesessen hatte, ausgebrochen war, in erster Linie versuchte die Morde zu rächen, für die er verantwortlich
gemacht wurde und mit einem gestohlenen Hippogreif floh.
Harry sprang über das verriegelte Parktor und landete auf dem ausgetrockneten Gras. Der Park war genauso leer wie
die umliegenden Straßen. Als er die Schaukeln erreichte, sank er auf die einzige, die Dudley und seine Freunde noch
nicht zerbrechen konnten, wickelte einen Arm um die Kette und starrte mürrisch den Boden an. Er könnte sich nicht
noch einmal im Blumenbeet der Dursleys verstecken. Morgen würde er sich irgenetwas neues einfallen lassen
müssen, um die Nachrichten zu verfolgen. Inzwischen hatte er nichts worauf er sich freuen konnte, außer auf eine
weitere schlaflose Nacht. Selbst wenn er den Alpträumen über Cedric entkam, verfolgten ihn Träume über lange
dunkle Korridore, die alle in Sackgassen und verriegelten Türen endeten, von denen er annahm, daß sie etwas mit
Gefühl zu tun hatten, das ihn plagte, wenn er wach war. Oft prickelte die alte Narbe auf seiner Stirn unangenehm,
aber er glaubte nicht, daß es Ron, Hermine oder Sirius weiterhin interessant finden würden. In der Vergangenheit
hatte ihn seine schmerzende Narbe gewarnt, daß Voldemort wieder stärker wurde, aber nun, da Voldemort zurück
war, würden sie ihn wahrscheinlich daran erinnern, daß die regelmäßigen Schmerzen zu erwarten waren…nichts
beunruhigendes…alte Nachrichten…
Die Ungerechtigkeit, die er darin sah, ließ alles in ihm hochkommen, so daß er vor Wut schreien wollte. Wenn es
ihm nicht passiert wäre, hätte niemand gewusst, daß Voldemort zurück war! Und seine Belohnung war, daß er ganze
vier Wochen in KleinWhinging bleiben mußte, völlig von der magischen Welt abgeschnitten, darauf beschränkt,
unter sterbenden Begonien zu hocken, so daß er von Wasserskilaufwellensittichen hören konnte! Wie konnte
Dumbledore ihn so einfach vergessen? Warum hatten sich Ron und Hermine getroffen, ohne ihn auch einzuladen?
Wie viel länger müsste er noch dulden, daß Sirius ihn aufforderte, ruhig zu bleiben und ein guter Junge zu sein; oder
der Versuchung wiederstehen zu müssen, an den dummen Daily Prophet zu schreiben und darauf hin zu weisen, daß
Voldemort längst zurückgekehrt war? Diese wütenden Gedanken wirbelten in Harrys Kopf umher und sein Innerstes
wand sich vor Ärger, als sich die schwüle, samtige Nacht um ihn legte. Die Luft roch nach dem warmen, trockenen
Gras und das einzige was man hören konnte, war das Murren des Verkehrs auf der Straße, das über die Parkzäune
klang.
Er wußte nicht wie lange er auf der Schaukel gesessen hatte, als der Klang von Stimmen sein Grübeln unterbrach
und er aufsah. Die Straßenlaternen der umliegenden Straßen spendeten ein nebliges Glühen, gerade stark genug, um
die Silhouette einer Gruppe von Menschen zu erkennen, die sich durch den Park bewegten. Einer von ihnen sang laut
und schief ein Lied. Die anderen lachten. Ein leises Tickgeräusch kam von einigen teuren Rennrädern, die sie neben
sich her rollten.
Harry wußte wer diese Leute waren. Die Figur an der Spitze war unverkennbar sein Vetter Dudley Dursley, der sich
auf seinen Heimweg machte, begleitet von seiner getreuen Bande.
Dudley war so gewaltig wie immer, aber ein Jahr strenge Diät und die Entdeckung eines neuen Talents hatten seinen
Körperbau ziemlich verändert. Wie Onkel Vernon jedem der zuhörte erfreut mitteilte, war Dudley Junioren Meister
im Schulübergreifenden Schwergewicht Boxens des Südostens geworden. Der stattliche Sport, wie ihn Onkel
Vernon nannte, hatte Dudley noch furchteinflößender gemacht, als er Harry in ihren Grundschultagen schien, in
denen er Dudley als erster Punchball gedient hatte. Harry fürchtete sich nicht mehr im Entferntesten vor seinem
Vetter, aber er glaubte immer noch nicht, daß Dudley härtere und genauere Schläge lernte, um gefeiert zu werden.
Alle Nachbarschaftskinder erschraken vor ihm - sogar noch mehr, als vor „diesem Potter-Jungen,“ vor dem sie
gewarnt worden waren, er sei ein Rowdy und besuche das St.-Brutus-Sicherheits-Zentrum für unheilbar kriminelle
Jungen.
Harry beobachtete die dunklen Gestalten das Gras überqueren und fragte sich, wen sie heute Abend
zusammengeschlagen hatten. Dreh euch um, dachte Harry, während er sie beobachtete. Kommt schon… ich sitze
hierganz allein…kommt doch wenn ihr euch traut…
Wenn Dudleys Freunde ihn hier sitzen sahen, würden sie sicher schnurgerade auf ihn losgehen, und was würde
Dudley dann tun? Er würde sein Gesicht nicht vor der Bande verlieren wollen, aber er würde Angst haben, Harry zu
provozieren… es wäre wirklich lustig zu beobachten, Dudley in seinem Dilemma zu verspotten und ihn zu
beobachten, nicht in der Lage zu antworten… und wenn einige von den anderen versuchten Harry zu schlagen, war
er bereit. - er hatte seinen Zauberstab. Sie sollten es nur versuchen… er würde gerne etwas von seiner Wut an den
Jungen ablassen, die einst sein Leben zur Hölle machten.
Aber sie drehten sich nicht um, sie sahen ihn nicht, sie waren fast an den Zäunen. Harry widerstand dem Drang nach
ihnen zu rufen… einen Kampf zu suchen war kein netter Zug… er darf keine Zauberei verwenden… er würde
wieder riskieren ausgeschlossen zu werden.
Die Stimmen von Dudleys Bande legten sich; sie waren aus Sicht, geradewegs entlang der Magnolia Road.
Da siehst du“s, Sirius, dachte Harry leise. Nichts voreiliges. Hab meine Nase aus allem rausgehalten. Genau das
Gegenteil von dem, was du getan hättest.
Er stand auf und streckte sich. Tante Petunia und Onkel Vernon waren der Meinung, daß jedes Mal wenn Dudley
nach Hause kam auch die richtige Zeit für Harry war zu Hause zu sein und jede Minute danach war viel zu spät.
Onkel Vernon hatte gedroht, Harry unter der Treppe einzusperren, wenn er noch einmal nach Dudley zu Hause wäre.
Ein Gähnen unterdrückend und immer noch ein mürrisches Gesicht machend, ging Harry in Richtung des Parktors.
Die Magnolia Road war - wie auch der Ligusterweg - voll von großen, viereckigen Häusern mit perfekt gemähten
Vorgärten, alle im Besitz von großen, viereckigen Eigentümern, die sehr saubere Autos - ähnlich wie Onkel Vernon -
fuhren. Harry bevorzugte Klein Whinging bei Nacht, wenn die zugezogenen Fenster juwelenartig in der Dunkelheit
schimmerten und er sich kein Gemurmel über seine „rückständige“ Erscheinung anhören mußte, wenn er die
Wohnungsinhaber passierte. Er ging schnell, so daß er Dudleys Bande auf halber Strecke der Magnolia Road wieder
sehen konnte. Am Eingang zum Magnolia Crescent verabschiedeten sie sich. Harry trat in den Schatten eines großen
fliederfarbenen Baumes und wartete.
„… jammerte wie ein Schwein, nicht wahr?“ sagte Malcolm, begleitet vom schallenden Lachen der anderen.
„Netter rechter Haken, Big D,“ sagte Piers.
„Gleiche Zeit morgen?“ sagte Dudley.
„Bei mir, meine Eltern sind nicht da,“ sagte Gordon.
„Bis dann,“ sagte Dudley.
„Bye, Dud!“
„See ya, Big D!“
Harry wartete bis der Rest der Bande verschwunden war, bevor er weiterging. Als ihre Stimmen wieder erloschen
waren, bog er um die Ecke in den Magnolia Crescent und mit schnellen Schritten, hatte er Dudley bald eingeholt, der
versuchte locker zu gehen und unmelodisch murmelte.
„Hey, Big D!“
Dudley drehte sich um.
„Oh,“ grunzte er. „Du bist es.“
„Wie lange bist du denn schon „Big D“?“ sagte Harry.
„Halt den Mund,,“ knurrte Dudley, sich weg drehend.
„Cooler Name,“ sagte Harry, grinste und ging neben seinem Vetter her. „Aber für mich wirst du immer „Ickle
Diddykins“ sein“
„Ich sagte halt deinen Mund!“ sagte Dudley, dessen Schinkenähnliche Hande sich zu Fäusten zusammenrollten.
„Wissen die Jungen nicht, wie deine Mama dich nennt?“
„Halt“s Maul.“
„Du sagst ihr auch nicht, daß sie ihr Maul halten soll. Was ist mit „Popkin“ und „niedlichem Diddydums,“ kann ich
dich dann so nennen?“
Dudley sagte nichts. Die Bemühung, sich davon abzuhalten, Harry zu schlagen, schien all seine Konzentration zu
fordern.
„Und wen hast du heute Abend zusammengeschlagen?“ fragte Harry, sein Grinsen verblassend. „Noch einen
Zehnjährigen? Ich weiß, daß du Mark Evans vor zwei Nächten besiegt hast -“
„Er hat danach gebettelt,“ knurrte Dudley.
„Oh wirklich?“
„Er war frech zu mir“
„Wirklich? Sagte er, daß du wie ein Schwein aussiehst, dem beigebracht worden ist, auf seinen Hinterbeinen zu
laufen? Das wäre nicht frech gewesen, Dud, das ist die Wahrheit.“
Ein Muskel zuckte in Dudleys Kiefer. Es gefiel Harry ungemein zu wissen, wie wütend er Dudley machte; er fühlte
sich, als ob er seine eigene Wut an seinem Vetter abreagieren könnte, dem einzigen Auslass, den er hatte.
Sie gingen rechts hinunter zum engen Durchgang, wo Harry Sirius das erste Mal gesehen hatte und der eine
Abkürzung zwischen dem Magnolia Crescent und der Glyzinien Allee war. Er war leerer und viel dunkler als die
Straßen, die er verband, weil es keine Straßenlaterner gab. Ihre Schritte hallten zwischen Garagenwänden auf einer
Seite und einem hohen Zaun auf der anderen wider.
„Hältst dich wohl für einen besonders starken Mann mit diesem Ding, das du trägst, oder?“ sagte Dudley nach
einigen Sekunden.
„Welches Ding?“
„Dieses - dieses Ding, das du versteckst.“
Harry grinste wieder.
„Bist nicht so dumm, wie du ausschaust. Hab ich Recht Dud? Aber ich glaube wenn dem so wäre, wärest du auch
nicht in der Lage, gleichzeitig zu gehen und zu reden.“
Harry zog seinen Zauberstab heraus. Er sah, wie Dudley es von der Seite aus beobachtete.
„Es wurde dir verboten,“ sagte Dudley sofort. „Ich weiß, daß du es nicht darfst. Sie würden dich von dieser
verrückten Schule verweisen, auf die du gehst.“
„Wie kannst du dir sicher sein, daß sie die Regeln nicht geändert haben?“
„Haben sie nicht,“ sagte Dudley, obwohl er nicht völlig überzeugt klang.
Harry lachte leise.
„Du hast doch gar nicht genug Mumm in den Knochen, um dich ohne dieses Ding mit mir anzulegen, ist es nicht
so?“ knurrte Dudley.
„Während du nur vier Kameraden brauchst, die hinter dir stehen, um einen Zehnjährigen zusammenschlagen. Du
kennst doch diesen Boxer Titel mit dem du überall prahlst? Wie alt war dein Gegner? Sieben? Acht?“
„Er war sechzehn, zu deiner Information,“ erwiderte Dudley, „und er war für zwanzig Minuten kalt gestellt,
nachdem ich mit ihm fertig war und er war zweimal so schwer wie du. Warte nur, bis ich Dad sage, daß du dieses
Ding draußen hattest -“
„Jetzt läufst du zu deinem Papa, nicht wahr? Hat sich Ickle Box-Meister etwa vor bösem Harrys Zauberstab
erschrocken?“
„Nachts bist du nicht so tapfer wie jetzt.“ spottete Dudley.
„Wir haben jetzt Nacht, Diddykins. So nennen wir es jedenfalls, wenn alles dunkel wird wie jetzt gerade.“
„Ich meine, wenn du im Bett bist!“ knurrte Dudley.
Er hatte aufgehört weiterzugehen. Harry hielt ebenfalls und starrte seinen Vetter an.
Von dem wenigen, das er von Dudleys großem Gesicht sehen konnte, trug er einen sonderbar triumphalen Blick.
„Was damit, ich sei nicht tapfer, wenn ich im Bett bin?“ sagte Harry völlig verblüfft. „Wovor sollte ich mich
erschrecken, vor Kissen oder wovor sonst?“
„Ich hab dich letzte Nacht gehört,“ sagte Dudley atemlos. „Du hast im Schlaf geredet. Gestöhnt.“
„Was meinst du?“ sagte Harry nochmals, aber mit einem kalten, unguten Gefühl im Magen. In seinen Träumen hatte
er den Friedhof letzte Nacht wieder besucht.
Dudley gab ein starkes, bellendes Lachen von sich, dann imitierte er eine hohe winselnde Stimme.
„„Er darf Cedric nicht töten! Er darf Cedric nicht töten!“ Wer ist Cedric - dein Freund?“
„Ich - du lügst,“ sagte Harry automatisch. Aber sein Mund war trocken geworden. Er wußte, daß Dudley nicht
gelogen hatte - wie sonst würde er von Cedric wissen?
„„Dad! Hilf mir, Dad! Er will mich töten, Dad! Boo hoo!“„
„Halts Maul,“ sagte Harry ruhig. „Halts Maul Dudley, ich warne dich!“
„Komm und hilf mir, Dad! Mum, komm und hilf mir! Er hat Cedric getötet! Dad, hilf mir! Er hat vor -“ zeig nicht
mit diesem Ding auf mich!“
Dudley wich zurück an die Gassenwand. Harry zeigte mit dem Zauberstab direkt auf Dudleys Herz. Harry konnte
fühlen, wie vierzehn Jahre des Hasses auf Dudley durch seine Venen pochten - was würde er jetzt dafür geben,
Dudley so gründlich zu verhexen, daß er wie ein Insekt nach Hause kriechen müsste, besonders dumm, sprießende
Fühler…
„Wag es niemal wieder darüber zu reden,“ knurrte Harry. „Hast du mich verstanden?“
„Halt dieses Ding woanders hin!“
„Ich sagte, hast du mich verstanden?“
„Zeigen damit woanders hin!“
„HAST DU MICH VERSTANDEN?“
„NIMM DAS DING WEG VON MIR -“
Dudley fing an merkwürdig rüttelnd zu atmen, als ob er in eisiges Wasser getaucht worden wäre.
Etwas war mit der Nacht geschehen. Der sternenverstreute, indigofarbene Himmel war plötzlich schwarz und ohne
Licht - die Sterne, der Mond, die nebligen Straßenlaternen an beiden Enden der Gasse waren verschwunden. Das
entfernte Rumpeln von Autos und das Geflüster der Bäumen waren erloschen. Der erholsame Abend war plötzlich
stechend, beißend kalt. Sie wurden von totaler, undurchdringlicher, stiller Dunkelheit umgeben, als ob eine riesige
Hand einen dicken, eisigen Mantel über den ganzen Durchgang fallen gelassen hätte und sie blendete.
Für den bruchteil einer Sekunde dachte Harry, er hätte gezaubert, ohne es zu wollen, obwohl er versucht hatte so gut
er konnte zu widerstehen - dann fingen seine Sinne diese Möglichkeit wieder ein - er hatte nicht die Kraft die Sterne
verschwinden zu lassen. Er drehte seinen Kopf hin und her, in der Hoffnung etwas zu sehen, aber die Dunkelheit
drückte auf seine Augen wie ein schwereloser Schleier.
Dudleys erschreckte Stimme drang an Harrys Ohr.
„W-was t-tust du? H-hör auf d-damit!“
„Ich hab gar nichts gemacht! Halt den Mund und beweg dich nicht!“
„Ich k-kann nicht sehen! Ich bin b-blind geworden! Ich -“
„Ich sagte Schweig!“
Harry blieb wie angewurzelt stehen, sah mit seinen blinden Augen nach links und rechts. Die Kälte war so intensiv,
daß er am ganzen Körper zitterte. Gänsehaut war seine Arme hinauf gekrochen, und seine Nackenhaare streubten
sich - er öffnete seine Augen so weit er konnte, starrte verdutzt umher, nicht in der Lage etwas zu sehen.
Es war unmöglich… sie konnten nicht hier sein… nicht in Klein Whinging… er spitzte seine Ohren… er würde sie
hören, bevor er sie sah.
„Das w-werde ich alles Dad-sagen!“ winselte Dudley. „W-wo bist du? Was m-mach-?“
„Hällst du jetzt endlich mal die Klappe?“ zischte Harry, „Ich versuche etwas zu hö-“
Aber er wurde still. Er hatte gerade das gehört, was er befürchtet hatte.
Dort war außer ihnen beiden noch etwas anderes im Durchgang, etwas, das tief, heiser und rasselnd atmete. Harry
fühlte einen fürchterlichen Anflug von Furcht, als er weiterhin in der eiskalten Luft am Zitternd war.
„B-brich es ab! Hör damit auf! Ich werde dich sch-schlagen, ich schwöre, daß ich es tun werde!“
„Dudley, halts-“
BUMMS.
Die Seite von Harrys Kopf machte Bekanntschaft mit einer Faust, die ihn von seinen Füßen fegte. Kleine weiße
Lichter tanzten vor seinen Augen. Zum zweiten Mal in einer Stunde fühlte Harry sich, als ob sein Kopf in zwei
geteilt worden wäre; im nächsten Moment war er hart auf dem Boden gelandet, und sein Zauberstab war aus seiner
Hand geflogen.
„Du Schwachkopf, Dudley!“ schrie Harry, seine Augen, die tränten vor Schmerz, als er sich auf seine Hände und
Knie richtete, sich unwohl in der Schwärze fühlend. Er hörte, wie Dudley weg tappte, den Gassenzaun schlagend,
stolpernd.
„DUDLEY, KOMM ZURÜCK! DU LÄUFST DIREKT DARAUF ZU!“
Es gab einen fürchterlichen, jammernden Schrei und Dudleys Schritte hörten auf. In demselben Moment fühlte Harry
ein schleichendes frostiges Gefühl hinter sich, was nur Eines bedeuten konnte. Es gab mehr als einen.
„DUDLEY, HALT DEINEN MUND ZU! WAS AUCH IMMER DU TUST, HALTE DEINEN MUND ZU!
Zauberstab!“ murmelte Harry wild, währen seine Hände wie Spinnen über den Boden flogen. „Wo ist - Zauberstab -
mach schon - lumos!“
Er sagte den Zauberspruch automatisch, auf Licht hoffend, das ihm bei seiner Suche helfen würde - und zu seiner
Überraschung flackerte wenige Zentimeter von seiner rechten Hand entfernt ein Licht auf - die Spitze des
Zauberstabs hatte sich entzündet. Harry schnappte ihn, stellte sich auf seine Füße und wirbelte herum.
Ihm drehte sich der Magen.
Eine hochragende, zugedeckte Gestalt glitt - über dem Boden schwebend - direkt auf ihn zu. Weder Füße noch
Gesicht waren unter den Roben zu erkennen, die Nacht in sich aufsaugend, wie sie kam.
Rückwärts stolpernd, hob Harry seinen Zauberstab.
„Expecto patronum!“
Eine silbrige Strähne schoß aus der Spitze des Zauberstabs und der Dementor wurde langsamer, aber der
Zauberspruch hatte nicht richtig funktioniert; über seine eigenen Füßen stolpernd, zog sich Harry weiter zurück als
der Dementor auf ihn hinab starrte. Panik machte sich in seinem Kopf breit - konzentrier dich -
Ein Paar graue, schleimige, verschorfte Hände gleiteten aus der Robe des Dementors, die nach ihm griffen. Ein
hektisches Geräusch füllte Harrys Ohren.
„Expecto patronum!“
Seine Stimme klang gedämpft und entfernt. Eine weitere Strähne silbernen Rauches, schwächer als die Letzte,
entwich dem Zauberstab - er brachte es nicht mehr fertig, er bekam den Spruch nicht hin.
In seinem eigenen Kopf hörte er Gelächter, schrilles, hohes Gelächter…er konnte den verwesten, todeskalten Atem
des Dementors riechen und wie der Atem seine eigenen Lungen füllte, ihn ertränkend - denk… an etwas Schönes.“
Aber er konnte an nichts schönes denken… die eisigen Finger des Dementors schlossen sich um seinen Hals - das
hohe Gelächter wurde lauter und lauter und eine Stimme sprach in seinem Kopf: „Beuge dich vor dem Tod, Harry…
es könnte sogar schmerzlos sein… ich weiß es nicht… ich bin nie gestorben.“
Er würde Ron und Hermine nie wieder sehen - Und ihre Gesichter drangen deutlich in seinen Verstand, als er um
Atem kämpfte.
„EXPECTO PATRONUM!“
Ein enorm großer silberner Hirsch schoss aus der Spitze von Harrys Zauberstab; seine Geweihstangen trafen den
Dementor an der Stelle, wo das Herz hätte sein sollen; er wurde zurückgeworfen, schwerelos wie die Dunkelheit und
als der Hirsch zustieß, rannte der Dementor weg, geschlagen und besiegt.
„HIER ENTLANG!“ schrie Harry dem Hirsch zu. Sich herumwerfend, sprintete er den Gang hinunter und hielt den
angezündeten Zauberstab hoch. „DUDLEY? DUDLEY!“
Er hatte kaum ein Dutzend Schritte gemacht, als er sie erreichte: Dudley war auf den Boden gerollt, seine Arme fest
über sein Gesicht geklemmt. Ein zweiter Dementor beugte sich tief über ihn und packte seine Handgelenke mit
seinen schleimigen Händen, sie langsam, fast liebevoll auseinander ziehend, seinen zugedeckten Kopf in Richtung
Dudleys Gesichts senkend, um ihm den Todeskuss zu geben.
„SCHNAPP IHN DIR!“ brüllte Harry und mit hastend, brüllendem Geräusch kam der silberne Hirsch, den er
gezaubert hatte, an ihm vorbei galoppiert. Das augenlose Gesicht des Dementors war kaum ein Zentimeter von
Dudley entfernt, als ihn die silbernen Geweihstangen trafen. Der Dementor wurde in die Luft geworfen und wie
zuvor der andere entfernte es sich und wurde ein Teil der Dunkelheit. Der Hirsch lief zum Ende des Durchgangs und
löste sich in silbernen Dunst auf.
Mond, Sterne und straßenlaternen kehrten zurück. Eine warme Brise fegte durch den Gang. Bäume raschelten in den
Nachbargärten und das banale Rumpeln von Autos im Magnolia Crescent füllte wieder die Luft. Harry blieb ganz
ruhig stehen, all seine Sinne vibrierten, kehrten abrupt zur Normalität zurück. Nach einem Moment merkte er, daß
sein T-Shirt an ihm klebte; er war von Schweiß durchnässt.
Er konnte nicht glauben, was gerade geschehen war. Dementoren hier in Klein Whinging.
Dudley lag zusammengerollt auf dem Boden, winselnd und zitternd. Harry sah nach, ob er in der Lage war
aufzustehen, aber dann hörte er laute, rennende Schritte hinter sich. Seinen Zauberstab instinktiv wieder anhebend,
bereitete er sich auf das Kommende vor.
Frau Figg, ihre verrückte alte Nachbarin, kam schnaufend in Sicht. Ihr ergrautes Haar wand sich aus ihrem Haarnetz.
Eine klirrende Einkaufstasche schwang an ihrem Handgelenk und ihre Füße waren halb aus ihren
Schottenteppichpantoffeln heraus geschlüpft. Hastig versuchte Harry seinen Zauberstab außer Sicht zu bringen, aber
-
„Steck ihn doch nicht weg, dummer Junge!“ kreischte sie. „Was ist, wenn mehr von ihnen in der Nähe sind? Oh ich
werde Mundungus Fletcher töten!“
Kapitel 2 - Ein Schwarm Eulen
„Was?“ sagte Harry ausdruckslos?.
„Er ist weg!“ antwortete Frau Frigg und wrang ihre Hände. Er ist gegangen, um jemanden wegen einer Ladung
Kessel zu treffen, die von der Ladefläche eines Besens gefallen sind. Ich habe ihm gesagt, daß ich ihm das Fell bei
lebendigem Leib über die Ohren ziehen würde, wenn er gehen würde. Und nun schau dir das an! Dementoren! Es
war pures Glück, daß ich Mr. Tibbles in die Tasche gesteckt habe. Aber wir haben keine Zeit, hier herumzustehen.
Beeil dich! Wir müssen dich zurückbringen. Oh, der ganze Ärger, den das bereitet. Ich werde ihn umbringen!“
„Aber ..“ Die Offenbarung, daß seine verrückte alte, von Katzen besessene Nachbarin wußte, was Dementoren sind,
war für Harry ein fast genauso großer Schock wie die Tatsache, daß er zwei von ihnen unten in der Gasse getroffen
hatte. „Sind Sie - sind Sie eine Hexe?“
„Ich bin ein Squib, und das wußte Mundungus ganz genau. Also warum um alles in der Welt sollte ich dir helfen,
die Dementoren abzuwehren? Er hat dich ohne jeden Schutz zurückgelassen, als ich ihn gewarnt habe...“
„Dieser Mundungus ist mir gefolgt? Einen Augenblick mal - er war es! Es ist vor meinem Haus erschienen!“
Ja, ja, ja, aber zum Glück habe ich Mr. Tibbles unter einem Auto platziert - nur für den Fall - und Mr. Tibbles ist
gekommen und hat mich gewarnt. Aber als ich bei deinem Haus war, warst du schon weg - und jetzt - oh, was wird
Dumbledore bloß sagen? - Du!“ kreischte sie Dudley an, der immer noch im Hausflur lag. „Heb deinen fetten
Hintern vom Boden, los schnell!“
„Sie kennen Dumbledore?“ fragte Harry und starrte sie an.
„Natürlich kenne ich Dumbledore. Wer kennt Dumbledore nicht? Aber komm schon - ich werde keine große Hilfe
sein, wenn sie zurückkommen, ich habe noch nie mehr zustande gebracht, als einen Teebeutel umzuwandeln. Sie
bückte sich herunter, nahm einen von Dudleys massiven Armen in ihre runzligen Hände und zerrte daran. „Steh auf,
du nutzloser Kloß! Steh auf!“
Aber entweder konnte Dudley sich nicht bewegen oder er wollte nicht. Er blieb auf dem Boden, zitternd und aschfahl
im Gesicht, seinen Mund zusammengekniffen.
„Ich mache das.“ Harry griff nach Dudleys Arm und hob ihn hoch. Mit einem enormen Kraftaufwand gelang es ihm,
ihn auf die Füße zu stellen. Dudley schien am Rand einer Ohnmacht zu sein. Seine kleinen Augen rollten in ihren
Höhlen und Schweiß lief über sein Gesicht; in dem Moment, als Harry ihn losließ, schwankte er bedrohlich.
„Beeil dich!“ rief Frau Figg hysterisch.
Harry legte einen von Dudleys massiven Armen um seine eigene Schulter und schleppte ihn in Richtung Straße
leicht zusammengesunken unter dem Gewicht. Frau Figg torkelte vor ihnen entlang und spähte ängstlich um die
Ecke.
„Halte deinen Stab gezogen,“ sagte sie zu Harry, als sie den Glyzinienweg betraten. „Denk jetzt nicht an das Gesetz
der Geheimhaltung. Wir werden sowieso verdammt viel dafür bezahlen müssen, wir können genauso gut für einen
Drachen wie für ein Ei gehängt werden.. Nimm nur die Angemessene Einschränkung von Zauberei Minderjähriger -
das ist genau das, wovor Dumbledore Angst hatte - Was ist das da am Ende der Straße? Oh, das ist nur Mr. Prentice
... stecke deinen Zauberstab nicht weg Junge, sage ich dir nicht andauernd, daß ich zu nichts nütze bin?“
Es war nicht leicht, den Zauberstab bereit zu halten und gleichzeitig Dudley hinter sich her zu zerren. Harry gab
seinem Cousin einen ungeduldigen Stoß in die Rippen, aber Dudley schien jedes Bestreben zur selbständigen
Bewegung verloren zu haben. Er lehnte zusammengesackt an Harrys Schulter, seine großen Füße den Boden entlang
schleppend.
„Warum haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie ein Squib sind, Frau Figg?“ fragte Harry keuchend wegen der
Anstrengung weiterzulaufen. „Die ganze Zeit, wenn ich in Ihr Haus gekommen bin - warum haben Sie nichts
gesagt?“
„Anweisung von Dumbledore. Ich sollte ein Auge auf dich haben aber nichts sagen, du warst zu jung. Es tut mir leid,
daß ich dich so schlecht behandelt habe, Harry, aber die Dursleys hätten dich niemals kommen lassen, wenn sie
angenommen hätten, daß es dir gefällt. Es war nicht leicht, weißt du, aber - oh je, wenn Dumbledore das erfährt. Wie
konnte Mundungus weggehen. Er sollte Dienst bis Mitternacht haben - wo ist er? Wie erkläre ich Dumbledore bloß,
was passiert ist? Ich kann ja nicht Apparieren.“
„Ich habe eine Eule, ich kann Sie Ihnen borgen.“ Harry stöhnte und überlegte, ob seine Wirbelsäule unter Dudleys
Gewicht brechen würde.
„Harry, du verstehst das nicht! Dumbledore muß so schnell wie möglich reagieren, das Ministerium hat seine
eigenen Wege, um Zauberei Minderjähriger aufzuspüren. Die wissen das bereits, denk an meine Worte.“
„Aber ich mußte die Dementoren loswerden. Ich mußte Zauberei anwenden - die werden doch sicher mehr besorgt
darüber sein, was die Dementoren gemacht haben, als sie im Glyzinienweg herumgewandert sind?“
„Ach, mein Lieber, ich wünschte, es wäre so. MUNDUNGUS FLETCHER, ICH WERDE DICH UMBRINGEN!“
Es gab ein lautes Krachen und ein strenger Geruch nach Alkohol vermischt mit abgestandenem Tabak füllte die Luft,
als ein gedrungener, unrasierter Mann in einem zerfetzten Mantel sich genau vor ihnen materialisierte. Er hatte kurze
O-Beine, langes, zottiges, rotes Haar und blutunterlaufene schlaffe Augen, die ihm den traurigen Anblick eines
Basset Jagdhundes gaben. Er hielt ebenfalls ein silbriges Bündel fest, das Harry sofort als einen Tarnumhang
identifizierte.
„Was ist los, Figgy?,“ fragte er und starrte von Frau Figg zu Harry und Dudley. „Was ist passiert, um sich so
versteckt zu halten?“
„Ich verstecke dich gleich,“ schrie Frau Figg. „Dementoren, du nutzloser, blau machender Langfinger!“
„Dementoren? wiederholte Mundungus entgeistert. „Dementoren, hier?“
„Ja, hier, du wertloses Stück Fledermausscheiße. Hier!“ schrie Frau Figg. „Dementoren haben den Jungen
angegriffen, den du bewachen solltest.“
„Verflucht,“ sagte Mundungus schwach und schaute von Frau Figg zu Harry und wieder zurück. „Verflucht, ich ...“
„Und du gehst los, um gestohlene Kessel zu kaufen. Habe ich dir nicht gesagt, du sollst nicht gehen? Habe ich das
nicht gesagt?“
„Ich- weißt du, ich...“ Mundungus schaute sehr unbehaglich. „Ich - es war eine sehr gute Geschäftsmöglichkeit, sieh
mal...“
Frau Figg riss den Arm hoch, an dem ihr Einkaufsbeutel baumelte und schlug ihn Mundungus um Gesicht und Hals.
Nach dem klirrenden Geräusch zu urteilen, das er machte, war er voller Katzenfutter.
„Au, du verrückte alte Fledermaus! Jemand muß es Dumbledore sagen!“
„Ja - jemand - muß - das - tun!“ schrie Frau Figg und schlug den Beutel mit Katzenfutter auf jeden Teil von
Mundungus, den sie erreichen konnte. „Und - das - solltest - besser - du sein - und - du - kannst - ihm - sagen -
warum - du - nicht - da - warst - um - zu - helfen.“
„Verlier dein Haarnetz nicht!,“ sagte Mundungus hockend, seine Arme über dem Kopf. „Ich gehe, ich gehe!“
Und mit einem weiteren lauten Knall verschwand er.
„Ich hoffe, Dumbledore bringt ihn um!“ sagte Frau Figg wütend. „Jetzt komm, Harry. Worauf wartest du?“
Harry beschloss, seinen verbliebenen Atem nicht dafür zu verschwenden, darauf hinzuweisen, daß er unter Dudleys
Masse kaum laufen konnte. Er gab dem halb ohnmächtigen Dudley einen Stoß und schwankte weiter.
„Ich bringe dich bis zur Tür,“ sagte Frau Figg, als sie in den Ligusterweg einbogen. „Nur für den Fall daß sich noch
mehr von ihnen hier herumtreiben ... oh je, was für eine Katastrophe ... und du mußt sie allein bekämpfen ... und
Dumbledore hat gesagt, wir müssten dich um jeden Preis daran hindern, Magie anzuwenden ... nun ich denke, es hat
keinen Sinn, über einen umgeschütteten Zaubertrank zu jammern ... aber die Katze ist jetzt zwischen den Elfen.“
„Also,“ keuchte Harry, „Dumbledore ... hat mich … verfolgen lassen?”
„Natürlich hat er das!“ sagte Frau Figg ungeduldig. „Hast du erwartet, daß er dich alleine herumlaufen lässt, nach
dem, was im Juni passiert ist? Guter Lord, Junge, sie haben mir gesagt, du wärst intelligent ... Gut, geh hinein und
bleib dort,“ sagte sie als sie Nummer 4 erreicht hatten. „Ich erwarte, daß schnell genug jemand mit dir Kontakt
aufnimmt.“
„Was machen Sie jetzt? fragte Harry schnell.
„Ich gehe geradewegs nach Hause“ sagte Frau Figg und starrte schauernd in der dunklen Straße umher. „Ich muß auf
weitere Anweisungen warten. Bleib einfach im Haus. Gute Nacht.“
„Halt, warten Sie! Gehen Sie noch nicht! Ich will wissen -“
Doch Frau Figg war schon losgegangen in ihrem Trott, mit klappernden Hausschuhen und klirrendem
Einkaufsbeutel.
„Warten Sie!“ schrie Harry ihr hinterher. Er hatte eine Million Fragen an jeden, der Kontakt mit Dumbledore hatte;
aber innerhalb von Sekunden war Frau Figg von der Dunkelheit verschluckt. Finster blickend rückte Harry Dudley
auf seiner Schulter zurecht und machte sich auf seinen langsamen schmerzhaften Weg hinauf zum Garten weg von
Nummer vier.
Das Licht in der Diele war an. Harry steckte seinen Zauberstab zurück in den Bund seiner Jeans, klingelte und
beobachtete, wie Tante Petunias Umriss größer und größer wurde, seltsam verzerrt durch das geriffelte Glas in der
Hautür.
„Diddy! Das wird aber auch Zeit! Ich war schon ziemlich - ziemlich - Diddy, was ist denn los?“
Harry blickte seitlich zu Dudley und duckte sich zur gleichen Zeit unter seinem Arm weg.
Dudley schaukelte einen Moment, sein Gesicht wurde blassgrün... dann öffnete er seinen Mund und übergab sich vor
dem Fußabtreter.
„DIDDY? Diddy, was ist den los mit dir? Vernon? VERNON!“
Harry“s Onkel kam aus dem Wohnzimmer getapst, seine Walrossschnurbart flog hin und her, wie er es immer tat,
wenn er aufgeregt war. Er eilte heran, um Tante Petunia zu helfen, den knieweichen Dudley über die Türschwelle zu
bringen, wobei er es vermied, in das Erbrochene zu treten.
„Er ist krank, Vernon!“
„Was ist, mein Sohn? Was ist passiert? Hat dir Frau Polkiss dir irgendwas ausländisches zum Tee gegeben?,“ fragte
Onkel Vernon.
„Warum bist du denn überall so schmutzig, Darling? Hast du etwa auf dem Boden gelegen?“
„Moment mal! Du bist doch nicht überfallen worden, oder, mein Sohn?
Tante Petunia schrie:
„Ruf die Polizei an, Vernon! Ruf die Polizei! Diddy, Liebling, rede mit Mami! Was haben sie dir angetan?“
In all dem Lärm und der Aufregung schien niemand Harry wahrgenommen zu haben, was ihm sehr gelegen kam. Er
schaffte es, hineinzuschlüpfen, bevor Onkel Vernon die Tür zuknallte. Während die Dursley“s sich lautstark die
Diele entlang in Richtung Küche bewegten, schlich Harry leise und vorsichtig auf die Treppe zu.
„Wer war es, Sohn? Nenn uns die Namen. Wir werden sie kriegen, hab“ keine Angst.“
„Psst! Er versucht uns etwas zu sagen, Vernon! Was ist es, Diddy? Sag“s Mami!“
Harry stand auf der untersten Stufe der Treppe, als Dudley seine Stimme wiederfand.
„Er.“
Harry erstarrte, den Fuß auf der Treppe, verzog er sein Gesicht, bereit für den Ausbruch.
„JUNGE! KOMM HER!“
Mit einem Gefühl zwischen Angst und Zorn nahm Harry vorsichtig seinen Fuß von der Treppe und drehte sich um,
um den Dursleys zu folgen.
Die peinlich saubere Küche glitzete, im kontrast zu der Dunkelheit vor der Tür, auf eine seltsame Weiße. Tante
Petunia drückte Dudley sanft in einen Stuhl; er war immernoch sehr grün im Gesicht und sein Gesicht war
verschwitzt.. Onkel Vernon stand vor dem Abwaschbecken und funkelte Harry durch seine zusammengekniffenen
Augen an.
„Was hast du mit meinem Sohn gemacht?“ sagte er in einem bedrohnlichen grollen.
„Gar nichts,“ sagte Harry und wußte ganz genau, das Onkel Vernon ihm nicht glauben würde.
„Was hat er dir angetan, Diddy?“ fragte Tante Petunia mit zitternder Stimme und sah nun , Im Gegensatz zu Dudley
sehr viel kränklicher aus. „War er - war es du-weißt-schon-was, Liebling? Hat er- dieses Ding benutzt?“
Langsam und ängstlich nickte Dudley.
„Habe ich nicht!“ sagte Harry scharf als Tante Petunia ein Heulen hören lies und Onkel Vernon seine Faust hob. „
Ich habe ihm nichts getan, ich war es nicht, es war -“
Aber in diesem bewegendem Moment schoß eine kreischende Eule durch das Küchenfenster. Nur knapp verfehlte sie
Onkel Vernons Kopf, zischte einmal durch die Küche, ließ den großen Pergamentumschlag, den sie im Schnabel
hatte auf Harrys Fuß fallen, drehte graziös um, die Spitzen ihrer Flügel striffen den Kühlschrank, schoß wieder nach
draußen und flog durch den Garten.
„EULEN!“ brüllte Onkel Vernon, die auffällige Vene an seiner Schläfe pulsierte ärgerlich, als er er das Küchefenster
zuschlug. „SCHON WIEDER EULEN! ICH WILL NIE WIEDER AUCH NUR EINE EINZIGE EULE IN
MEINEM HAUS SEHEN!“
Aber Harry war schon dabei den Umschlag zu öffnen und den Brief in seinem inneren rauszuholen, er spürte sein
Herz irgendwo in der Region seines Adam Apfels schlagen.
Sehr geeherter Mr. Potter,
Wir haben zur Kentniss genommen, daß Sie den Patronus Zauber um dreiundzwanzig minuten nach neun an diesem
Abend in einer muggelbevölkerten Umgebung in der Gegenwart eines Muggels angewendet haben.
Dieser Bruch der Verordung zur Einschränkung der Zauberei von Minderjährigen hat den Ausschluß von der
Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei zur Folge. Ein Ministeriumsvertreter wird in kürze ihren Aufenthaltsort
aufsuchen, um Ihren Zauberstab zu zerbrechen.
Wir teilten Ihnen schon, als Sie das letzte Mal eine Verwarnung wegen eines offentlichen Angriffes unter Paragraph
13 der Internatoinalen Vereinigung zur Geheimhaltung der Zauberei, das Sie am zwölfen August zu einer Anhörung
im Zaubereiministerium erscheinen müssen.
Hoffend, daß es Ihnen gut geht,
hochachtungsvoll,
Mafalda Hopkirk,
Abteilung für Unangemessenen Gebrauch von Magie
Zaubereiministerium
Harry mußte den Brief zweimal lesen. Er war sich nur vage bewußte, daß Onkel Vernon und Tante Petunia redeten.
In seinem Kopf war alles kalt und taub. Eine Sache hatte ihn so getroffen, als ob ihn ein Dartpfeil durchbohren
würde. Er wurde von Hogwarts geschmissen. Nun war alles vorbei. Er würde nie wieder zurück gehen.
Er blickte auf zu den Dursleys Onkel Vernons Hesicht war purpurn angelaufen, seine Schläfe pulsierte immer noch;
Tante Petuina hatte eine Arm um Dudley gelegt, der sich wieder erbrechen mußte.
Harry“s zeitweilig ausgefallenes Hrin, fin wieder an zu arbeiten.Ein Ministeriumsvertreter wird in kürze ihren
Aufenthaltsort aufsuchen, um Ihren Zauberstab zu zerbrechen. Es gab nur einen Ausweg. Er mußte weglaufen - und
zwar jetzt. Wo er hingehen sollt, wußte Harry nicht, aber er war sich einer Sache sehr bewußte; in Hogwarts und um
es herum, brauchte er seinen Zauberstab. In einer fast mechanischen Bewegung, holt seinen Zauberstab raus, und
drehte sich um, um die Küche zu verlassen.
„Was denkst du dir dabei jetzt wegzugehen?“ schimpfte Onkel Vernon. Als Harry nicht reagierte, stampfte er durch
die Küche um den Weg in den Flur zu versperren. „Ich bin noch nicht fertig mit dir, Junge!“
„Geh mir aus dem Weg.“ sagte Harry ruhig.
„Du bleibst hier und erklärst mir, wie mein Sohn -“
„Wenn du nicht aus dem Weg gehst, werde ich dich verfluchen“ sagte Harry und hob den Zauberstab.
„Du kannst das nicht gegen mich anwenden!“ knurrte Onkel Vernon. „Ich weiß das du es nicht außerhalb diesem
Verrücktenhaus, das du Schule nennst benutzen darfst!“
„Das Verrücktenhaus hat mich rausgeschmissen,“ sagte Harry. „Jetzt kann ich machen was ich will. Du hast drei
Sekunden. Eins - zwei - „
Ein gewaltiges CRACK erfüllte die Küche. Tante Pertunia schrie auf. Onkel Vernon brüllte auf und duckte sich, aber
für das dritte mal an diesem Abend suchte Harry nach dem Ursrung dieser Störung. Er sah es sofort: eine verwirrte
und angeschlangene Schleiereule saß an der Außenseite des Fensters, das immer noch geschlossen war, und mit dem
sie allem Anschein nach kollidiert war.
Onkel Vernons verzweifelten schrei „EULEN!“ ignorierend rannte Harry durch die Küche und riss das Fenster auf.
Die Eule streckte ihr Bein aus an dem eine kleine Rolle Pergament befestigt war, schüttelte ihre Federn aus und flog
wieder davon, als Harry den Brief nahm. Harry öffnete die zweite Nachricht, die er an diesem Abend bekommen
hatte und die hastig und unleserlich mit schwarzer Tinte geschrieben war.
Harry -
Dumbledore ist eben im Ministerium angekommen und versucht dich da raus zu hauen. VERLASSE NICHT DAS
HAUS DEINES ONKELS UND DEINER TANTE! BETREIBE KEINE MAGIE MEHR! GIB NIEMANDEN DEINEN
ZAUBERSTAB!
Arthur Weasley
Dumbledore war dabei, ihn aus der ganzen Geschichte rauszuhauen... was meinte er damit? Hatte Dumbledore die
mach, das Zaubereiministerium umzustimmen? War da eine Chance, wieder von Hogwarts aufgenommen zu
werden? Ein kleiner Funken Hoffnung bildetet sich in Harry, aber wurde gleich wieder durch Panik abgelöst - wie
sollte er sich weigern, jemanden seine Zauberstab zu geben, ohne Magie auszuüben? Er müstte sich mit dem
Ministeriumsvertreter duelieren, und wenn er das getan hatte, könnt er noch froh sein, wenn er nach Askaban
kommen würde.
Sein Verstand raste... er könnte weglaufen und riskieren vom Ministerium geschnappt zu werden, oder ienfach hier
bleiben und warten bis sie hier aufkreuzten. Ihm gefiel die erste Variante viel besser, aber er wußte, das Mr. Weasley
nur das beste für ihn wollte..und außerdem hatte Dumbledore schon viel schlimmere Sachen im Ministerium
klargestellt, als dieses hier.
„Ok,! sagte Harry. „ich habe es mir anders überlegt. Ich bleibe hier.“
Er setzte sich an den Küchentisch und beobachtete Dudley und Tante Petunia. Die Dursleys waren sehr verblüfft
über diesen plötzlichen Meinungswechsel. Tante Petunia sah Onkel Vernon verwirrt an. Seine Vene pochte wie
immer.
„Woher kommen diese verdammten Eulen?“ grollte er.
„Die erst kam vom Zaubereiministerium um mich rauszuwerfen.“ sagte Harry langsam. Er spitze seine Ohren um
irgendwelche Geräusche von drauße aufzufangen falls der Ministeriumsvertreten apperieren sollte, denn es war
einfach Onkel Vernon die Sache so zu erklären, als wenn er wütend wäre. „ Der zweite war von dem Vater meines
Freundes Ron der im Zaubereiministerium arbeitet.“
„Zauberreiministerium?“ bellte Onkel Vernon. „Leute wie du haben ein Ministerium!? Oh, das erklärt alles, alles,
kein Wunder das dieses Land vor die Hunde geht.“
Als Harry darauf nichts sagte, starrte Onkel Vernon eine zeit lang an bis er fragte: „Und warum bist du
rausgeflogen?“
„Weil ich gezaubert habe.“
„AHA!“ rief Onkel Vernon aus, schlug die geballte Faust auf den Kühlschrank, die aufsprang; ein Teil von Dudleys
Snacks mit wenig Fett fielen raus und verteilten sich auf dem Boden. „Also gibst du es zu! Was hast du mit Dudley
gemacht?“
„Nichts.“ sagte Harry verzweifelt. „ Das war nicht ich- „
„Argh,“ unterbrach sie Dudley, und Onkel Vernon und Tante Petunia machten gestekulierende Bewegungen in
Harrys Richtung währenddem sich beide über Dudley beugten.
„Komm schon, Sohn,“sagte Onkel Vernon. „Was hat er getan?“
„Sag es und, Liebling.“ flüsterte Tante Petunia.
„Er richtete seinen Zauberstab auf mich.“ murmelte Dudley.
„Ja habe ich, aber ich habe es nicht benutzt - „ fing Harry ärgerlich an aber-
„HALT DEN MUND!“ sagten Onkel Vernon und Tante Petunia wie aus einem Munde.
„Erzähl weiter, Sohn, sagte Onkel Vernon ruhiger.
„Alles wurde dunkel,“ sagte Dudley und find an zu zittern.“ Alles dunkel. Und dann h-hörte ich...Sachen. In meinem
Kopf.“
Onkel Vernon und Tante Petunia stand der blanke Horror im Gesicht.
Wenn es was schlimmeres gab für sie als die Magie - gleich gefolgt von Nachbarn die mehr im Garten taten als sie.
waren es Leute die Stimmen hörten.
„Was für Dinge hast du gehört, Popkin.?“ hauchte Tante Petunia die sehr blaß war und Tränen in ihren hatte..
Aber Dudley war nicht in der lage, zu sprechen. Er fing wieder an zu zittern und schüttelte seinen blonden Kopf, er
geflektierte die Benommenheit wieder, die auch Harry seit der ersten Eule verspührte. Dementoren verleiten einen
dazu, die schlimmsten Dinge wieder zu erleben. Was war wohl in Dudleys schlimmstes Erlebnis gewesen?
„Was hast du gespürt, Sohn?“ sagte Onkel Vernon mit einer verstellten Stimme, gleich der eines Besuchers an einem
Krankenbett.
„A-Aufgelöst“ sagte Dudley immer noch zitternd „Und dann -“
Es schüttelt ihn am ganzen Körper. Harry verstand. Dudley dachte an diese entsätzliche Kälte die die Lungen füllte
als ob die Hoffnung und die Freude aus ihnen gezogen würde.
„ Fürchterlich,“ krächste Dudley. „Kalt. Richtig kalt.“
„OK,“ sagte Onkel Vernon im beruhigenden Ton, währendem Tante Petunia ihre Hand auf Dudley“s Strin legte um
seine Temperatur zu überprüfen. „Was passierte dann, Dudders?“
„Ich fühle...fühlte...fühlte....fühlte mich als ob...“
„Als ob du nie wieder glücklich werden würdest.“ vollendetete Harry seinen Satz.
„Ja.“ flüsterte Dudley.
„So.“ sagte Onkel Vernon und hob seine Stimme wieder zu ihrer normalen, lauten Lautstärke an. „Du hast einen
Flcuh auf meinen Sohn gejagt, der ihn denken lies er hätte Stimmen gehört und denken lassen, daß er nir wieder
glücklich sein würde oder sowas, nicht war?“
„Wo oft soll ich es dir denn noch sagen?“ sagte Harry ärgerlich und erhob auch seinerseits die Stimme. „Ich WAR es
nicht! Es war eine Gruppe Dementoren.“
„Eine Gruppe - was soll der Blödsinn?“
„De - men- to-ren ,“ sagte Harry langsam und deutlich. „Und zwar zwei.“
„Und was zur verdammten Hölle sind Dementoren?“
„Die Wächter des Zauberergefängnisses, Askaban.“ sagte Tante Petunia.
Diesen Worten folgten zwei Sekunden plötzlicher Stille bevor Tante Petunia die Hand vor den Mund schlug als ob
ihr so eben ein ekeliges Schimpfwort herausgerutscht wäre. Onkel Vernon glotzte sie an. In Harrys Kopf drehte sich
alles. Mrs Figg war eine Sache - aber Tante Petunia?
„Woher weißt du das?“ fragte er erstaunt.
Aunt Petunia schien sich über sich selbst zu ärgern. Sie blickte Onkel Vernon mit einer ängstlichen Entschuldigung
in den Augen an, dann senkte sie ihre Hand ein wenig und entblößte ihre Pferdegebiss.
„Ich hab gehört wie - dieser fürchterliche Junge - ihr vor Jahren -davon erzählt hat.“ Sagte sie unbeholfen.
„Wenn du meinen Vater und meine Mutter meinst, warum benutzt du dann nicht ihre Namen?“ sagte Harry laut, aber
Tante Petunia ignorierte ihn. Sie schien schrecklich verwirrt.
Harry war verblüfft. Mit Ausnahme von einem Ausbruch vor ein paar Jahren, in dem Tante Petunia geschrieen hatte
das seine Mutter eine Missgeburt gewesen war, hatte Harry sie niemals ihre Schwester erwähnen hören. Es
verwunderte ihn, daß sie sich an diesen Fetzen Information über die Magische Welt noch immer erinnern konnte, wo
sie doch sonst ihre ganze Kraft daran setzte so zutun, als gäbe es sie nicht.
Onkel Vernon öffnete seinen Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn noch einmal, schloss ihn, und dann, als er sich
anscheinend wieder daran erinnern konnte wie man redete. Öffnete er ihn zum dritten Mal und krächzte, „Also - sie-
eh- existieren als - eh- wirklich, diese - eh - Demento-dinger?“
Tante Petunia nickte.
Onkel Vernon schaute von Tante Petunia zu Dudley zu Harry als ob er hoffte, daß jemand „April, April“ rufen
würde. Als das niemand tat öffnete er erneut seinen Mund, aber die Suche nach Worten wurde ihm erspart als die
dritte Eule des Abends ankam. Sie schoss durch das immer noch offene Fenster wie eine gefiederte Kanonenkugel
und landete mit einem Krachen auf dem Küchentisch, was alle drei Dursleys dazu brachte erschrocken zur Seite zu
springen. Harry zog einen zweiten offiziell-aussehenden Umschlag aus dem Schnabel und riss ihn auf, als die Eule
sich wieder in die Nacht stürzte.
„Genug- verdammte- Eulen,“ murmelte Onkel Vernon angelenkt, stolperte zum Fenster hinüber und schloss es.
Sehr geehrter Mr Potter,
Ferner hat das Ministerium im Bezug auf den Brief, den sie vor etwa 22 Minuten erhalten haben seine
Entscheidung, ihren Zauberstab zu zerstören vorerst revidiert. Sie dürfen ihren Zauberstand bis zur Disziplinar-
Anhörung am 12. August behalten, wo dann eine offizielle Entscheidung gefällt wird.
Infolge der Diskussionen mit dem Schulleiter von Hogwarts- Schule für Hexerei und Zauberei, hat das Ministerium
zugestimmt, daß dort auch die Frage ihres Schulverweises behandelt wird. Aufgrund dieser Umstände sollten sie
sich bis zur Prüfung ihres Falles von der Schule suspendiert sehen.
Mit besten Wünschen
Ihre
Mafalda Hopkirk
Abteilung für Unangemessenen Gebrauch von Magie
Ministerium für Magie
Harry las sich den Brief schnell dreimal hintereinander durch. Der elende Knoten in seiner Brust löste sich leicht vor
Erleichterung, daß er noch nicht endgültig der Schule verwiesen war, obwohl seine Ängste keineswegs vertrieben
waren. Alles schien von dieser Anhörung am 12. August abzuhängen.
„Und?“ sagte Onkel Vernon, worauf Harry sich wieder seiner Umgebung bewusst wurde.
„Was ist jetzt? Haben sie dich für etwas bestraft? Gibt es bei euch die die Todesstrafe?“ fügte er seinen hoffenden
Gedanken nachträglichen hinzu.
„Ich muß zu einer Anhörung.“ Sagte Harry.
„Und sie werden dich da bestrafen?“
„Ich denke schon.“
„Dann gebe ich die Hoffnung noch nicht auf.“ Sagte Onkel Vernon gehässig.
„Also, wenn das alles ist,“ sagte Harry und stand auf. Er wollte unbedingt allein sein, um nachzudenken, und
vielleicht einen Brief an Ron, Hermine oder Sirius zu schicken.
„NEIN, DAS IST VERDAMMT NOCH MAL NICHT ALLES!“ grölte Onkel Vernon. „SETZ DICH WIEDER
HIN!“
„Was denn jetzt?“ sagte Harry ungeduldig.
„DUDLEY!“ brüllte Onkel Vernon. „Ich will genau wissen was mit meinem Sohn passiert ist!“
„IN ORDNUNG!“ schrie Harry, und vor Wut sprühten rote und goldene Funken aus dem Ende seines Zauberstabes,
denn er immer noch fest umklammert hielt. Alle drei Dursley wichen erschrocken zurück.
„Dudley und ich waren in der Gasse zwischen Magnolia Crescent und Wisteria Walk,“ sagte Harry, er sprach schnell
während er versuchte, seine Wut zu zügeln. „Dudley dachte, er könne sich über mich lustig machen, ich nahm
meinen Zauberstab raus aber hab ihn nicht benutzt. Dann tauchten diese zwei Dementoren auf -“
„Aber was SIND Dementoiden?“ fragte Onkel Vernon zornig. „Was TUN sie?“
„Ich habs euch doch gesagt - sie saugen all das Glück aus einem,“ sagte Harry, „und wenn sie die Möglichkeit haben
küssen sie dich-“
„Küssen dich?“ sagte Onkel Vernon, und seine Augen traten leicht hervor. „Küssen dich?“
„So nennen sie es wenn sie dir die Seele über den Mund heraus saugen.“
Tante Petunia entfuhr ein leiser Schrei.
„Seine Seele? - Sie haben ihm doch nicht - er hat doch noch -“
Sie packte Dudley an den Schultern und schüttelte ihn, als ob sie feststellen wollte ob man seine Seele drinnen
rasseln hören konnte oder nicht.
„Natürlich haben sie seine Seele nicht gekriegt, ihr könntet es sehen wenn sie es getan hätten,“ sagte Harry entnervt.
„Hast sie alle bekämpft, was, Sohn?“ sagte Onkel Vernon sehr laut, mit dem Erscheinungsbild eines Mannes der
krampfhaft versuchte die Unterhaltung wieder auf eine Ebene zu bringen die er verstehen konnte. „Hast ihm eine
rechts-links gegeben, oder?“
„Du kannst einem Dementor nicht eine rechts-links geben,“ sagte Harry durch zusammen gepresste Zähne.
„Und warum ist er dann in Ordnung?“ tobte Onkel Vernon. „Warum ist er dann nicht ganz leer?“
„Weil ich den Patronus benutzt habe-“
WUSCH. Mit einem Klappern, einem Geschwirre von Flügeln und einem leichten Staubfall kam eine vierte Eule aus
dem Kamin in der Küche geschossen.
„UM HIMMELS WILLEN!“ brüllte Onkel Vernon und riss sich große Klumpen Haare aus seinem Schnauzbart,
etwas, zu dem er schon seit langer Zeit nicht mehr getrieben worden war. „HIER WIRD ES KEINE EULEN MEHR
GEBEN! ICH WERDE DAS NICHT DULDEN, ICH SAGS DIR!“
Aber Harry war schon dabei, eine Rolle Pergament vom Bein der Eule zu nehmen. Er war so überzeugt daß dieser
Brief von Dumbledore war in dem er alles erklären würde - die Dementoren, Mrs Figg, was das Ministerium
vorhatte, und wie er, Dumbledore, vorhatte alles in Reine zu bringen - daß er zum ersten Mal in seinem Leben
enttäuscht war Sirius Handschrift zu sehen. Onkel Vernons immer noch andauernde Beschwerde über Eulen
ignorierend und seine Augen gegen eine zweite Staubwolke verengend, als die Eule wieder im Kamin verschwand,
las Harry Sirius“ Nachricht.
Arthur hat mir grade erzählt was passiert ist. Verlaß das Haus nicht noch einmal, was auch immer du tust.
Harry fand das eine so unangemessene Antwort auf alles, was heute Nacht passiert war, daß er das Stück Pergament
umdrehte und nach dem Rest des Briefes suchte, aber da war nichts anderes mehr.
Und jetzt kam wieder die Wut in ihm hoch. Würde denn niemand „gut gemacht wie du die beiden Dementoren ganz
alleine bekämpft hast“ sagen?“ Mrs Weasley und Sirius taten beide so, als ob er sich falsch benommen hatte, und
sich die Standpauken für den Moment aufbewahrten an dem sie einschätzen konnten, wie groß der Schaden war.
„…ein Haufen, ich meine einen Haufen Eulen, die in mein Haus ein -und ausfliegen, ich werde das nicht dulden,
Junge, ich werde-“
„Ich kann die Eulen nicht davon abhalten, hier aufzutauchen,“ schnappte Harry, und zerknüllte Sirius“ Brief in seiner
Faust.
„Ich will die Wahrheit über das was heute Nacht passiert ist!“ bellte Onkel Vernonm. „Wenn es Dementen waren die
Dudley verletzt haben, wie kommt es dann, daß du rausgeflogen bist? Du hast du-weißt-schon-was getan, du hast es
zugegeben!“
Harry nahm einen tiefen, ruhigen Atemzug. Sein Kopf begann wieder zu schmerzen. Mehr als alles andere wollte er
aus der Küche und von den Dursleys raus.
„Ich habe den Patronus Zauber benutzt um die Dementoren loszuwerden,“ sagte er und zwang sich, ruhig zu bleiben.
„Es ist das einzige, was gegen sie hilft.“
„Aber was haben die Dementoiden in Little Whinging getan?“ sagte Onkel Vernon in einem aufgebrachten Tonfall.
„Ich kann“s dir nicht sagen.“ Sagte Harry müde. „Ich habe keine Ahnung.“
Sein Kopf pochte nun im grellen Schein der Leuchtstoffröhren. Sein Zorn ebbte ab. Er fühlte sich verbraucht und
erschöpft. Die Dursleys starrten ihn an.
„Es liegt an dir,“ sagte Onkel Vernon mit Nachdruck, „Es hat etwas mit dir zu tun, Junge, ich weiß es. Warum
sollten sie sonst hier auftauchen? Warum sollten sie sonst in der Gasse sein? Du bist wahrscheinlich der einzige -“
offenbar konnte er sich nicht dazu durchringen „Zauberer“ zu sagen.“ „Der einzige du-weißt-schon-was weit und
breit.“
„Ich weiß nicht warum sie hier waren“
Aber während Onkel Vernons Worten hatte Harrys erschöpftes Gehirn wieder angefangen, zu arbeiten. Warum
waren die Dementoren nach Little Whinging gekommen? Wie konnte es ein Zufall sein, daß sie genau in derselben
Gasse angekommen waren in der Harry gewesen war? Waren sie geschickt worden? Hatte das Ministerium für
Magie die Kontrolle über die Dementoren verloren? Hatten sie Askaban zurückgelassen und waren Voldemordt
beigetreten, wie Dumbledore es vorrausgesagt hatte?
„Diese Dementen bewachen irgendein Spinner -Gefängnis?“ fragte Onkel Vernon, Harrys Gedankengang folgend.
„Ja,“ sagte Harry.
Wenn doch nur sein Kopf aufhören würde, weh zu tun, wenn er doch nur die Küche verlassen und in sein dunkles
Schlafzimmer gehen könnte und nachdenken …
„Oho! Sie kamen um dich festzunehmen!“ sagte Onkel Vernon, mit dem triumphierenden Gesichtsausdruck eines
Mannes der so eben zu einer unangreifbaren Schlussfolgerung gelangt war. „Das ist es, nicht wahr, Junge? Du bist
auf der Flucht vor dem Gesetz!“
„Natürlich bin ich das nicht.“ Sagte Harry und schüttelte den Kopf, als ob er eine Fliege verscheuchen wolle, seine
Gedanken schwirrten jetzt geradezu.
„Warum dann -?“
„Er muß sie geschickt haben,“ sagte Harry leise, mehr zu sich selbst als zu Onkel Vernon.
„Wer? Wer muß sie geschickt haben?“
„Lord Voldemordt.“ Sagte Harry.
Schwach registrierte er, wie merkwürdig es war, daß die Dursleys, die zurückzuckten und leise aufschrieen, wenn sie
Worte wie Zauberer, Magie oder Zauberstab hörten, sich den Namen des bösesten Zauberers aller Zeiten ohne die
kleinste Regnung anhören konnten.
„Lord - warte kurz,“ sagte Onkel Vernon, sein Gesicht verzog sich, ein Verstehen erschien in seinen
Schweinchenaugen. „Ich habe diesen Namen schon mal gehört.. das ist der, der..“
„Meine Eltern getötet hat, ja,“ sagte Harry matt.
„Aber er ist weg,“ sagte Onkel Vernon ungeduldig, ohne auch nur den geringsten Hinweis darauf, daß der Mord an
Harry Eltern ein schmerzvolles Thema sein könnte. „Der riesige Kerl hat das gesagt. Er ist verschwunden.“
„Er ist zurück,“ sagte Harry schwer.
Es fühlte sich merkwürdig an, hier in Tante Petunias steriler Küche zu stehen, neben dem high-end Kühlschrank und
dem Großbildfernseher, und ruhig mit Onkel Vernon über Lord Voldemort zu reden. Die Ankunft der Dementoren in
Little Whinging schien die große, unsichtbare Mauer, die die unmagische Welt im Ligusterweg und der Welt
dahinter trennte, zerbrochen zu haben. Harrys zwei Leben waren irgendwie verschmolzen und alles hatte sich auf
den Kopf gestellt; die Dursleys fragen nach Details aus der magischen Welt
und Frau Figg kannte Albus Dumbledore; Dementoren schwärmten durch Little Whinging und er könnte
möglicherweise nie wieder nach Hogwarts zurückkehren. Harrys Kopf hämmerte noch schmerzhafter.
„Zurück?,“ flüsterte Tante Petunia.
Sie schaute Harry an, als hätte sie ihn nie zuvor gesehen. Und plötzlich, zum ersten Mal in seinem Leben, wußte
Harry zu schätzen, daß Tante Petunia die Schwester seine Mutter war. Er hätte nicht sagen können, was ihn in
diesem Moment so getroffen hatte. Alles was er wußte war, daß er nicht die einzige Person im Raum war, die eine
dunkle Ahnung davon hatte, was es heißen könnte, das Voldemort zurück war. Tante Petunia hatte ihn noch nie
vorher in ihrem Leben so angesehen. Ihre großen, blassen Augen (so anders als die ihrer Schwester) waren nicht in
Hass oder Abneigung zusammengekniffen, sie waren weit und ängstlich. Die wilde Behauptung, die Tante Petunia
während Harrys ganzen Leben aufrechterhalten hatte, daß es keine Magie gab und keine andere Welt als die, die sie
mit Onkel Vernon bewohnte, schien verschwunden zu sein.
„Ja,“ sage Harry, nun sprach er direkt mit Tante Petunia. „Er kam vor einem Monat zurück. Ich habe ihn gesehen.“
Ihre Hände fanden Dudleys massive in Leder gekleidete Schultern und umklammerten sie.
„Warte,“ sagte Onkel Vernon und schaute von seiner Frau zu Harry und zurück, offensichtlich benommen und
verwirrt von dem noch nie dagewesenen Verständnis, das zwischen ihnen aufgetaucht zu sein schien. „Warte. Dieser
Lord Voldydings ist zurück hast Du gesagt?“
„Ja.“
„Der, der deine Elter getötet hat?“
„Ja.“
„Und jetzt schickt er diese Dismentoren hinter dir her?“
„Sieht so aus,“ sagte Harry.
„Ich verstehe,“ sagte Onkel Vernon, der von seiner weißgesichtigen Frau zu Harry schaute und seine Hose hochzog.
Er schien anzuschwellen, sein großes hochrotes Gesicht dehnte sich vor Harrys Augen. „In Ordnung, das entschiedet
es,“ sagte er, sei Hemd spannte sich, als er sich selbst aufpustete, „du kannst aus diesem Haus verschwinden, Junge!“
„Was?“ sagte Harry“
„Du hast mich gehört - RAUS!“ schrei Onkel Vernon und sogar Tante Petunia und Dudley sprangen. „RAUS!
RAUS! Ich hätte das schon vor Jahren tun sollen! Eulen, die das Haus als Pflegeheim benutzen, explodierende
Nachtische, das halbe Wohnzimmer zerstört, Marge schwebt an der Decke und dieser fliegende Ford Anglia -
RAUS! RAUS! Das war“s! Du bist Geschichte! Du bleibst nicht hier wohnen, wenn irgendein Verrückter hinter dir
her ist, du bringst nicht meine Frau und meinen Sohn in Gefahr, du bringst uns nicht in Schwierigkeiten! Wenn du
den gleichen Weg gehen willst wie deine nutzlosen Eltern! Es reicht mir! RAUS!“
Harry stand da wie verwurzelt. Die Briefe vom Ministerium, Mr. Weasley und Sirius waren alle zerknüllt in seiner
Hand. Verlasse das Haus nicht mehr, was auch immer du machst. VERLASSE NICHT DAS HAUS DEINES
ONKELS UND DEINER TANTE.
„Du hast mich gehört!“ sagte Onkel Vernon, nun lehnte er sich nach vorne, sein enormes hochrotes Gesicht kam nun
so nah an Harrys, daß dieser Spritzer von Spucke sein Gesicht treffen spürte. „Setz dich in Bewegung“ Vor einer
halben Stunde warst du heiß darauf, hier wegzugehen. Ich bin direkt hinter dir. Verschwinde und wirf nie wieder
deinen Schatten auf unsere Schwelle! Ich weiß gar nicht, warum wir dich überhaupt behalten haben, Marge hatte
recht, es hätte das Waisenhaus sein sollen. Wir waren viel zu nett, dachten, wir könnten es dir austreiben, dich
normal machen, aber du warst von Anfang an verdorben und ich habe genug - Eulen!“
Die fünfte Eule surrte durch den Schornstein, so schnell, daß sie auf den Boden aufschlug, bevor sie mit einem lauten
Schrei wieder in die Luft aufstieg. Harry hob seine Hand, um den Brief zu nehmen, der in einem scharlachroten
Umschlag steckte, aber die Eule stieg auf über seinen Kopf hinweg und flog direkt zu Tante Petunia, die einen lauten
Schrei ausstieß und sich mit den Armen über ihrem Gesicht duckte. Die Eule ließ den roten Briefumschlag auf ihren
Kopf fallen, drehte sich um und flog den Schornstein direkt wieder hinauf.
Harry machte einen Satz nach vorne, um den Brief aufzuheben, aber Tante Petunia war schneller.
„Du kannst ihn öffnen, wenn du willst,“ sagte Harry, „aber du wirst so oder so hören, was er sagt. Das ist ein
Heuler.“
„Laß es los, Petunia!“ brüllte Onkel Vernon. „Fass es nicht an, es könnte gefährlich sein!“
„Es ist an mich adressiert,“ sagte Tante Petunia mit zitternder Stimme. „Er ist an mich adressiert, Vernon, schau!
Frau Petunia Dursley, Die Küche, Ligusterweg 4 -“
Sie schnappte erschrocken nach Luft. Der rote Umschlag hatte angefangen zu qualmen.
„Öffne ihn!“ drängte Harry sie. „Bring es hinter dich. Es wird sowieso passieren.“
„Nein.“
Tante Petunias Hand zitterte. Wild schaute sie in der Küche umher, als würde sie nach einem Fluchtweg suchen, aber
es war zu spät - der Umschlag ging in Flammen auf. Tante Petunia schrie und ließ ihn fallen.
Eine schreckliche Stimme füllte die Küche, hallte in der begrenzten Raum wider, aus dem brennenden Brief auf dem
Tisch kommend.
„Erinnere dich an meinen letzten, Petunia.“
Tante Petunia sah aus, als könne sie in Ohnmacht fallen. Sie sank auf dem Stuhl neben Dudley nieder, ihr Gesicht in
ihren Händen. Die Reste des Umschlages zerfielen leise auf dem Tisch zu Asche.
„Was war das?“ sagte Onkel Vernon mit heiserer Stimme. „Was - ich kann nicht - Petunia?“
Tante Petunia sagte nichts. Dudley starrte seine Mutter dümmlich an, sein Mund hing offen. Die Stille war
schrecklich. Harry schaute seine Tante an, total verwirrt, sein Kopf schmerzte, als würde er zerplatzen.
„Petunia, Liebling?“ sagte Onkel Vernon scheu. „P-Petunia?“
Sie hob ihren Kopf. Immer noch zitterte sie. Sie schluckte.
„Der Junge - der Junge wird bleiben müssen, Vernon.“ sagte sie schwach.
„W-was?“
„Er bleibt,“ sagte sie. Sie schaute Harry nicht an. Sie erhob sich wieder.
„Er ... aber Petunia ...“
„Wenn wir ihn rauswerfen, dann werden die Nachbarn reden,“ sagte sie. Schnell gewann sie ihre gewöhnliche
forsche, schnippische Art zurück, auch wenn sie immer noch sehr blaß war. „Sie werden komische Fragen stellen, sie
werden wissen wollen, wo er hin ist. Wir müssen ihn behalten.“
Aus Onkel Vernon entwich die Luft, wie aus einem alten Reifen.
„Aber Petunia, Liebling -“
Tante Petunia ignorierte ihn. Sie drehte sich zu Harry.
„Du bleibst ihn deinem Zimmer,“ sagte sie. „Du wirst das Haus nicht verlassen. Und nun geh ins Bett.“
Harry bewegte sich nicht.
„Von wem war der Heuler?“
„Stelle keine Fragen,“ bellte Tante Petunia.
„Stehst du in Kontakt mit Zauberern?“
„Ich habe dir gesagt, du sollst ins Bett gehen!“
„Was hieß das? Erinnere dich an den letzten was?“
„Geh ins Bett!“
„Wie kommt es -?“
„DU HAST DEINE TANTE GEHÖRT UND JETZT GEH NACH OBEN IN DEIN BETT!“
Kapitel 3 - Der Geleitschutz
Ich wurde von Dementoren angegriffen und ich werde vielleicht aus Hogwarts hinausgeworfen. Ich will endlich
wissen, was los ist - und wenn ich hier rausgescmissen werde.
Harry schrieb diese Worte auf drei einzelne Pergamentblätter, sofort als er den Schreibtisch in seinem dunklen
Schlafzimmer erreichte. Den ersten adressierte er an Sirius den zweiten an Ron und den dritten an Hermine. Seine
Eule, Hedwig, war gerade jagen - ihr Käfig stand leer auf dem Schreibtisch. Harry lief im Schlafzimmer auf und ab,
während er auf Hedwig wartete, sein Herz hämmerte, er war zu beschäftigt, als schlafen zu können, obwohl seine
Augen vor Müdigkeit brannten. Sein Rücken schmerzte von Dudleys Schlägen, und die beiden Beulen an seinem
Kopf ebenfalls - Dudley hatte ihn sehr schmerzvoll getroffen.
Er ging auf und ab, voller Wut und Frustration, er knirschte mit den Zähnen und ballte seine Fäuste, jedes Mal, wenn
er an dem Fenster vorbei kam, warf finstere Blicke in den Himmel voller Sterne. Dementoren wurden gesandt, um
ihn zu holen, Mrs Figg und Mundungus Fletcher beschatteten ihn heimlich, dann die Suspendierung von Hogwarts
und eine Anhörung vor dem Ministerium der Zauberei - und immer noch sagte ihm keiner, was überhaupt los ist.
Und worüber, worüber, war der Heuler? Wessen Stimme war so grausam, so durchdringend durch die Küche
geschallt.
Warum wandert er immer noch durch das Zimmer ohne irgendwelche Informationen? Warum behandelt ihn jeder
wie ein ungezogenes Kind? Zauber nicht mehr, bleib im Haus..
Er trat gegen seinen Schulkoffer, aber anstatt daß er Erleichterung von seiner Wut empfand, fühlte er sich nur noch
schlechter - nun hatte er noch einen starken Schmerz in seinem großen Zeh zusammen mit dem gesamten anderen
Schmerz in seinem Körper.
Als er wieder aus dem Fenster sah, segelte Hedwig mit leisem Flügelschlag wie ein kleiner Geist herbei. „Wurde ja
auch Zeit“ knurrte Harry, als Hedwig vorsichtig auf ihrem Käfig landete. „Du kannst das gleich ablegen, ich habe
Arbeit für dich!“
Hedwigs großen runden Augen blinzelten ihn an, während sie in einen toten Frosch in ihrem Schnabel hielt.
„Komm her“ sagte Harry, nahm die drei kleinen Pergamentrollen und ein Lederband und befestigte sie an ihrem
Bein. „Flieg hiermit schnell zu Sirius, Ron und Hermine und komm nicht zurück ohne gute lange Antworten. Hack
sie solange, bis sie dir die Antworten geben. Verstehst du mich?“
Hedwig heulte leise, ihren Schnabel immer noch voll Frosch. „Flieg los“ sagte Harry. Sie flog davon. In dem
Moment, wo Hedwig weg war, warf sich Harry, ohne sich Umzuziehen, auf sein Bett und starrte an die dunkel
Decke. Zusammen mit den anderen schlechten Gefühlen fühlte er sich noch schlechter, denn er hatte sich Hedwig
falsch gegenüber verhalten - mit ihr hatte er seinen einzigen Freund in der Picket Drive Nr.4 fortgeschickt. Aber er
würde es wieder gut machen, wenn sie mit den Antworten von Sirius, Ron und Hermine zurückkehrte.
Sie mußten schnell zurückschreiben; sie konnten unmöglich eine Dementorenattacke ignorieren. Er würde morgen
sicherlich drei dicke Briefe voller Sympathie und Plänen für seine Rückkehr in den Fuchsbau erhalten. Und mit
diesen Gedanken überrollte ihn der Schlaf, unterdrückte seine weiteren Gedanken.
Aber Hedwig kam nicht am nächsten Morgen. Harry verbrachte den ganzen Tag in seinem Zimmer, verließ es nur,
um ins Badezimmer zu gehen. Dreimal schubste seine Tante Petunia ihm das Essen durch die Katzenklappe in seiner
Tür, die Onkel Vernon vor drei Jahren dort angebracht hatte. Jedes Mal, wenn Harry sie hörte, versuchte er sie über
den Heuler auszufragen, doch er hätte auch immer nur den Türknauf verhören können - er bekam keine Antworten.
Ansonsten mieden die Dursleys sein Zimmer.
So vergingen drei Tage. Harry hatte keine Energie mehr und das machte es ihm unmöglich, irgendetwas zu tun.
Während er durch sein Zimmer ging, war er wütend auf die anderen, daß sie ihn in dieser Lage alleine gelassen
haben und da seine Lustlosigkeit nur noch stärker wurde, lag er nur auf seinem Bett und starrte in die Luft, immer
mit den Gedanken an die Anhörung vor dem Ministerium.
Was wäre, wenn sie wirklich gegen ihn einschreiten? Was wäre, wenn er wirklich von der Schule fliegt und sein
Zauberstab in zwei Hälften zerbrochen wird? Was würde er tun, wohin würde er gehen? Er würde es nicht schaffen,
sein komplettes Leben bei den Dursleys zu verbringen - nicht nachdem er die andere Welt kennen gelernt hat, die
Welt, in die er wirklich gehörte. Vielleicht könnte er in Sirius Haus ziehen, was Sirius vor einem Jahr vorgeschlagen
hatte, bevor er vor dem Ministerium fliehen mußte? Ob Harry da wohl wohnen dufte, obwohl er noch nicht
erwachsen war?
Oder hatte ihm die Zauberei sogar einen Platz in einer Zelle in Askaban eingebracht? Immer wieder wenn ihm
dieser Gedanken kam, stand er vom Bett auf und begann wieder, auf und ab zu gehen.
In der vierten Nacht nach Hedwigs Abflug starrte Harry in einer apathischen Phase mal wieder an die Decke, als
plötzlich sein Onkel sein Schlafzimmer betrat. Harry sah ihn an. Onkel Vernon trug seinen besten Anzug und sah
enorm beeindruckend aus.
„Wir gehen heute abend aus!“ sagt er
„Bitte, was?“
„Wir - deine Tante, Dudley und ich - gehen heute abend aus.“
„Schön“ sagte Harry benommen und blickte wieder zur Decke.
„Du verlässt dein Schlafzimmer nicht, während wir weg sind.“
„OK“
„Du fässt den Fernseher nicht an, die Stereoanlage oder irgendein anderen Besitz von uns.“
„Richtig.“
„Und du stiehlst kein Essen aus dem Eisschrank.“
„Okay.“
„Ich werde deine Tür abschließen.“
„Mach das.“
Onkel Vernon sah Harry wütend und zweifelnd an, verunsichert durch Harrys Verhalten, dann stampfte er aus dem
Raum und schloss die Tür hinter ihm. Harry hörte, wie sich zunächst der Schlüssel im Schloss drehte und dann
Onkel Vernon die Treppenstufen schwer hinunter ging.
Ein paar Minuten später hörte er die Autotüren schlagen, den Motor anspringen und das unverkennbare Geräusch
eines wegfahrenden Autos.
Harry empfand nichts besonders, als die Dursleys das Haus verließen, es war ihm egal, ob sie da waren oder nicht. Er
konnte sich nicht aufraffen, aufzustehen und das Licht in seinem Schlafzimmer anzumachen. Der Raum wurde
immer dunkler und er hörte liegend die Geräusche der Nacht durch das Fenster, welches die ganze Zeit offen stand,
wartend auf Hedwigs Rückkehr.
Das leere Haus knarrte um ihn herum, die Rohre gurgelten. Harry lag auf dem Bett, versunken in Elend.
Dann, sehr leise, hörte er ein Klirren unten in der Küche. Er saß aufrecht und lauschte gespannt. Die Dursleys
konnten noch nicht zurück sein - das wäre zu früh gewesen und er hatte auch nicht ihr Auto gehört.
Es war still für einige Sekunden, dann hörte er Stimmen.
Einbrecher, dachte er, und er rutsche aus dem Bett auf seine Füße - aber eine halbe Sekunde später wurde ihm klar,
daß Einbrecher aufpassen würden, daß sie nicht so laut sprechen würden und leise war das, was sich in der Küche
bewegte, nun wirklich nicht.
Er nahm seinen Zauberstab von dem Nachttisch und stand hinter seiner Schlafzimmertür, hörte mit seiner ganzen
Kraft. Im nächsten Moment gab das Schloss einen lauten Klick von sich und die Tür schwang vor Harry auf.
Bewegungslos stand Harry in der Tür und spitzte die Ohren, ob er noch weitere Geräusche hören würde. Aber es
kam nichts. Er scheute einen Moment, dann schlich er zum Treppenanfang.
Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Da standen Leute in der schattigen Halle, Schatten schimmerten durch die
Glastür. Es waren acht oder neun und alle guckten ihn an.
„Nimm deinen Zauberstab herunter, Junge, bevor du jemandem das Auge herauszauberst!“ sagte eine tiefe,
grummelige Stimme.
Harrys Herz schlug unkontrolliert. Er kannte die Stimme, aber er wollte den Zauberstab nicht hinunter nehmen.
„Professor Moody?“ fragte er vorsichtig.
„Komm runter, wir wollen dich ganz sehen.“
Harry nahm seinen Stab hinunter, aber er war immer noch vorsichtig. Er hatte wirklich gute Gründe, vorsichtig zu
sein. Er hatte schließlich neun Monate damit verbracht, heraus zu finden, daß es nicht Moody war sondern ein
Betrüger, welcher versucht hatte, unmaskiert Harry umzubringen. Doch bevor er sich überlegen konnte, was er nun
tun sollte, kam eine leise beruhigende Stimme von unten herauf:
„Es ist alles okay Harry. Wir sind gekommen, ob dich hier wegzubringen.“
Harrys Herz stockte. Er kannte diese Stimme ebenfalls, obwohl er sie über ein Jahr nicht gehört hatte.
„P-Professor Lupin?“ fragte er misstrauisch. „Sind sie das?“
„Warum stehen wir alle hier überhaupt im Dunkeln?“ sagte eine dritte weibliche Stimme. „Lumos.“
Einen Zauberstabschwung später wurde die Halle von magischem Licht erfüllt. Harry blinzelte. Die Leute standen
am Fuß der Treppe und blickten zu ihm hinauf.
Remus Lupin stand am nächsten zu ihm. Obwohl er noch jung war, sah Lupin müde und krank aus. Er hat mehr
graue Haare bekommen, seitdem Harry ihn zuletzt gesehen hatte und sein Umhang sah noch schäbiger aus.
Nichtsdestotrotz lächelte er Harry an und Harry versuchte trotz seines Schocks zurückzulächeln.
„Ohh. Er sieht genau so aus wie ich es mir dachte!“ sagte die Hexe, die den Licht-Zauberstab in der Hand hielt. Sie
war die jüngste in der Halle, sie hatte ein rotgefärbtes Gesicht, dunkle blinkende Augen und kurzes stachliges Haar,
welches einen violetten Schimmer hatte.
„Guck dir Harry an!“
„Ja, ich weiss was du meinst, Remus.“ Sagte ein anderer schwarzer Zauberer, der am weitesten entfernt stand - er
hatte eine tiefe, langsame Stimme und trug einen einzelnen goldenen Ring in seinem Ohr. „Er sieht genau so wie
James aus!.“
„Besonders die Augen..“ sagte ein Zauberer mit silbernen Haaren leise aus dem Hintergrund. „Lilys Augen.“
Mad - Eye Moody, der langes ergrautes Haar hatte, und dem ein großes Stück seiner Nase fehlte, schielte Harry
argwöhnisch mit seinen nicht zusammenpassenden Augen an. Ein Auge war klein, dunkel und aufmerksam, das
andere groß, leuchtend blau - das magische Auge, welches durch Wände, Türen und Moodys eigenen Hinterkopf
sehen konnte.
„Bist du dir wirklich sicher, daß er es ist, Lupin?“ knurrte er. „Es wäre eine schöne Aussicht, falls wir irgendsoeinen
Todesser, der ihn verkörpert, zurückbringen. Wir müssen ihn etwas fragen, daß nur der echte Potter wissen würde.
Außer es hat irgendjemand etwas Veritasserum dabei?“
„Harry, welche Form nimmt dein Patronus an?“ fragte Lupin.
„Die eines Hirsches.“
„Das ist er, Mad-Eye,“ sagte Lupin.
Harry steig die Treppe hinunter, wobei er sich sehr bewusst war, daß ihn jeder beobachtete, und verstaute seinen
Zauberstab in der Hintertasche seiner Jeans, während er kam.
„Steck deinen Zauberstab nicht dort hin!“ brüllte Moody. „Was ist, wenn er zündet? Stell dir vor, es haben schon
bessere Zauberer als du ihren Hintern verloren.“
„Wer, den du kennst, hat seinen Hintern verloren?“ fragte die Frau mit den violetten Haaren Mad - Eye interessiert.
„Macht nichts, du lässt einfach deinen Zauberstab aus deiner Hintertasche!“ knurrte Moody. „Elementarer
Zauberstab - Schutz, keiner schert sich mehr darum.“ Er stapfte zur Küche. „Und das habe ich gesehen,“ fügte er
hinzu, als die Frau ihre Augen gegen die Decke rollte.
Lupin streckte seine Hand aus und schüttelte Harrys.
„Wie geht es dir?“ fragte er, und sah Harry genau an.
„G - gut...“
Harry konnte kaum glauben, daß dies wahr war. Vier Wochen ohne alles, nicht das kleinste Anzeichen eines Planes,
ihn aus dem Ligusterweg zu entfernen, und plötzlich stand ein ganzer Haufen von Zauberern tatsächlich im Haus, als
ob dies ein seit langem feststehendes Arrangement gewesen sei. Er warf einen Blick auf die Leute, die um Lupin
herumstanden; sie sahen ihn immer noch begeistert an. Er war sich der Tatsache, daß er sein Haar seit vier Tagen
nicht gekämmt hatte, sehr bewusst.
„Ich bin - ihr habt wirklich Glück, daß die Dursleys weg sind...“ nuschelte er.
„Glück gehabt - ha!“ sagte die Frau mit den violetten Haaren.
„Ich habe sie aus dem Weg gelockt. Habe per Muggelpost einen Brief geschickt, daß sie im Bester Gepflegter
Vorstädtischer Rasen In Ganz England Wettbewerb in die engere Auswahl aufgenommen worden sind. Sie sind
momentan auf dem Weg zur Preisverleihung... oder zumindest denken sie das.“
Harry hatte eine flüchtige Vorstellung von Onkel Vernons Gesicht, wenn er herausfand, daß es gar keinen Bester
Gepflegter Vorstädtischer Rasen In Ganz England Wettbewerb gab.
„Wir gehen, oder?“ fragte er. „Bald?“
„Fast sofort,“ sagte Lupin, „wir warten bloß auf die offizielle Erlaubnis.“
„Wo gehen wir hin? Zum Fuchsbau?“ fragte Harry hoffnungsvoll.
„Nein, nicht zum Fuchsbau,“ erwiderte Lupin, der Harry bedeutete in die Küche zu gehen; der kleine Pulk von
Zauberern folgte, und alle beäugten Harry noch immer neugierig. „Zu riskant. Wir haben unser Hauptquartier
woanders unauffindlich aufgebaut. Es hat eine Weile gedauert...“
Mad - Eye Moody saß nun am Küchentisch, nahm Züge aus einem Flachmann, sein magisches Auge drehte sich in
alle Richtungen, und erfasste die vielen arbeitssparenden Geräte der Dursleys.
„Das ist Alastor Moody, Harry,“ fuhr Lupin fort, und zeigte auf Moody.
„Ja, ich weiß,“ sagte Harry unbehaglich. Es fühlte sich seltsam an, jemandem vorgestellt zu werden, den er seit
einem Jahr zu kennen glaubte.
„Und dies ist Nymphadora -”
„Nenn mich nicht Nymphadora, Remus,“ sagte die junge Hexe mit einem Schaudern, „ es heißt Tonks.“
„Nymphadora Tonks, die es vorzieht, nur unter ihrem Nachnamen bekannt zu sein,“ beendete Lupin.
„Das würdest du auch tun, falls dich deine Närrin von Mutter Nymphadora genannt hätte,“ murmelte Tonks.
„Und dies ist Kingsley Shacklebolt.“ Er deutete auf den großen schwarzen Zauberer, der sich verbeugte. „Elphias
Doge.“ Der piepsstimmige Zauberer nickte. „Dädalus Diggel -”
„Wir sind uns vorher schon einmal begegnet,“ quietschte der leicht erregbare Diggel, der seinen violettfarbenen
Zylinderhut fallen liess.
„Emmeline Vance.“ Eine stattlich aussehende Hexe in einem smaragdgrünen Schultertuch neigte ihren Kopf.
„Sturgis Podmore.“ Ein Zauberer mit einem eckigen Kinn und dickem strohblondem Haar blinzelte. „Und Hestia
Jones.“ Eine rotbäckige, schwarzhaarige Hexe winkte neben dem Toaster.
Harry neigte unbeholfen seinen Kopf zu jedem von ihnen, als sie vorgestellt wurden. Er wünschte, daß sie auf etwas
anderes blicken würden, als auf ihn; es war so, als ob Harry auf die Bühne geleitet worden wäre. Er fragte sich
außerdem, warum so viele von ihnen hier waren.
„Eine überraschend große Anzahl hat sich freiwillig gemeldet, zu kommen, und dich zu holen.“ sagte Lupin, als ob
er Harrys Gedanken gelesen hätte, seine Mundwinkel zuckten leicht.
„Ja, je mehr, desto besser,“ sagte Moody düster. Wir sind deine Wache, Potter.“
„Wir warten nur auf das Signal, daß uns sagt, ob es sicher ist, aufzubrechen,“ sagte Lupin, während er aus dem
Küchenfenster blickte. „Wir haben noch etwa fünfzehn Minuten.“
„Sehr sauber, diese Muggel, nicht wahr?“ sagte die Hexe namens Tonks, die sich mit großem Interesse in der Küche
umsah.
„Mein Dad ist ein Muggelgeborener und er ist ein richtiges altes Schwein. Ich vermute, daß variiert genauso wie bei
Zauberern?“
„Ähm - ja,“ sagte Harry. „Sagen Sie mal-” er wandte sich wieder zu Lupin, „was geht hier vor, ich habe von
niemandem irgendetwas gehört, was macht Vol-?“
Einige der Hexen und Zauberer machten seltsame Zischlaute, Dädalus Diggel ließ wieder seinen Hut fallen, und
Moody knurrte, „Halt den Mund!“
„Was?“ sagte Harry
„Wir besprechen hier nichts, es ist zu riskant,“ sagte Moody, der sich mit seinem normalen Auge zu Harry wandte.
Sein magisches Auge blieb weiterhin auf die Zimmerdecke gerichtet. „Verdammt,“ fügte er ärgerlich hinzu und
führte eine Hand zu seinem magischen Auge, „es bleibt immer hängen - seitdem es dieser Abschaum getragen hat.“
Und mit einem hässlichen, quatschenden Geräusch, sehr ähnlich dem eines Plungerkolbens, der aus einer Spüle
gezogen wird, schob er sein Auge hervor.
„Mad - Eye, du weißt schon, daß das ekelhaft ist, oder?“ sagte Tonks gesprächig.
„Würdest du mir ein Glas Wasser geben?“ verlangte Moody.
Harry ging zur Spülmaschine hinüber, nahm ein sauberes Glas heraus, und füllte es an der Spüle mit Wasser, wobei
er immer noch von der Gruppe Zauberer beobachtet wurde. Ihr schonungsloses Starren begann ihn aufzuregen.
„Zum Wohl,“ sagte Moody, als ihm Harry das Glas reichte. Er warf das magische Auge in Wasser, und stieß es auf
und nieder; das Auge schoss nach unten und starrte sie alle reihum an. „Ich möchte auf der Rückreise 360 Grad
Sehkraft haben.“
„Wie kommen wir hin - wohin wir gehen?“ fragte Harry.
„Besen,“ sagte Lupin. „Einzige Möglichkeit. Du bist zu jung zum Apparieren, sie werden das Kaminnetzwerk
beobachten, und es kostet uns mehr als unser Leben wert ist, einen nicht autorisierten Portschlüssel aufzustellen.“
„Remus sagt, daß du ein guter Flieger bist,“ sagte Kingsley Shacklebolt mit seiner tiefen Stimme.
„Er ist exzellent,“ sagte Lupin, der auf seine Armbanduhr sah. „Egal, du gehst jetzt besser packen, Harry, wir wollen
startklar sein, wenn das Signal kommt.“
„Ich komme und helfe dir,“ sagte Tonks gutgelaunt.
Sie folgte Harry zurück in den Flur und die Treppe hinauf, wobei sie sich mit viel Neugierde und Interesse umsah.
„Seltsamer Ort,“ sagte sie, „es ist ein bißchen zu sauber, weißt du, was ich meine? Bißchen unnatürlich. Oh, das ist
besser,“ fügte sie hinzu, als sie Harrys Zimmer betraten, und er das Licht anmachte.
Sein Zimmer war mit Sicherheit sehr viel schmutziger als der Rest des Hauses. Da er vier Tage lang mit einer sehr
schlechten Laune dort eingesperrt gewesen war, hatte sich Harry nicht darum gekümmert, seine Sachen
aufzuräumen.
Die meisten Bücher, die er besaß, waren auf dem Boden verstreut, wo er sich mit jedem der Reihe nach hatte
ablenken wollen und es zu Seite geworfen hatte; Hedwigs Käfig mußte saubergemacht werden und begann schon zu
riechen; und seine Truhe war offen, was den Blick auf eine durcheinandergeworfene Mischung von Muggelkleidung
und Zaubererroben freigab, die sich auf dem Boden um sie herum verteilt hatte.
Harry begann damit Bücher aufzuheben und sie hastig in seine Truhe zu werfen. Tonks blieb an seinem offenen
Kleiderschrank stehen, um sich selbst im Spiegel an der Innenseite der Türe anzusehen.
„Weißt du, ich glaube, violett ist nicht wirklich meine Farbe,“ sagte sie nachdenklich und zog an einer Locke
stachligen Haares. „Meinst es lässt mich etwas angeschlagen aussehen?“
„Ähm -” sagte Harry, der zu ihr über den Rand von Die Quidditchteams Britanniens und Irlands aufsah.
„Ja, lässt es,“ bemerkte Tonks entschieden. Sie kniff ihre Augen in einer angestrengten Weise zusammen, als ob sie
Mühe hätte sich an etwas zu erinnern. Einen Moment später war ihr Haar knallpink.
„Wie hast du das gemacht?“ fragte Harry, der sie mit offenem Mund anstarrte, als sie wider die Augen öffnete.
„Ich bin ein Metamorphmagus,“ sagte sie, während sie ihre Reflektion ansah, und ihren Kopf drehte, damit sie ihr
Haar von allen Seiten betrachten konnte. „E s bedeutet, daß ich mein Aussehen durch Willenskraft verändern kann,“
fügte sie hinzu, als sie Harrys Gesichtsausdruck im Spiegel hinter sich sah. „Ich wurde als einer geboren. Ich habe
während der Aurorausbildung Spitzennoten im Verbergen und Tarnen bekommen, ohne irgendetwas lernen zu
müssen, das war großartig.“
„Du bist ein Auror?“ fragte Harry beeindruckt.
Ein Dunkle - Zauberer - Fänger war die einzige Karriere, die er nach Hogwarts in Betracht gezogen hatte.
„Ja,“ sagte Tonks, sieh sah stolz aus. „Kingsley ist auch einer, er steht aber ein bißchen höher als ich. Ich habe
meinen Abschluss erst voriges Jahr gemacht. Bin fast bei Diebstahl und Verfolgung durchgefallen, hast du gehört,
wie ich den Teller zerbrochen habe, als wir angekommen sind?“
„Kann man lernen, ein Metamorphmagus zu sein?“ fagte Harry sie, er richtete sich auf und vergaß das Packen völlig.
Tonks lachte leise.
„Wette, es würde dir nichts ausmachen, diese Narbe manchmal zu verstecken, hmm?“
Ihre Augen fanden die blitzförmige Narbe auf Harrys Stirn.
„nein, es würde mir nichts ausmachen,“ murmelte Harry und drehte sich um. Er mochte es nicht, wenn Leute auf
seine Narbe starrten.
„Nun, ich fürchte, du wirst es auf die harte Tour lernen müssen,“ erwiderte Tonks. „Metamorphmagi sind wirklich
selten, sie werden geboren, nicht gemacht. Die meisten Zauberer brauchen einen Zauberstab, oder Zaubertränke, um
ihr Aussehen zu verändern. Aber wir müssen uns beeilen, Harry, wir sollen packen,“ fügte sie schuldbewusst hinzu,
und blickte auf all die Unordnung auf dem Boden.
„Oh - ja,“ sagte Harry und griff sich noch ein paar Bücher.
„Sei nicht dumm, es geht schneller, wenn ich - packe!“ rief Tonks und schwang ihren Zauberstab mit einer langen,
weitreichenden Bewegung über den Boden. Bücher, Kleidung, das Teleskop und die Waage stiegen alle in die Luft
und flogen durcheinander in die Truhe.
„Nun ja... hast du den Zauberstab noch in der Jeans? Und trotzdem noch beide Pobacken dran? Ok, dann los!
Locomotor Trunk“
Harrys Koffer erhob sich ein paar Inches in die Luft. Ihren Zauberstab wie einen Taktstock haltend, ließ Tonks den
Koffer durch den Raum schweben und dann aus der Tür vor ihnen.Hedwigs Käfig trug sie in der linken Hand. Harry
trug seinen Besen hinter ihr her die Treppe runter.
Zurück in der Küche, hatte Moody sein Auge wieder eingesetzt, das sich aber nach der Reinigung so schnell drehte,
daß Harry vom Zugucken fast schlecht wurde.Kingsley Shacklebolt und Sturgis Podmore untersuchten die
Mikrowelle und Hestia Jones lachte über einen Kartoffelschäler, den sie beim durchforsten der Schubladen gefunden
hatte. Lupin versiegelte einen an die Dursleys adressierten Brief.
„Exzellent.,“ sagte Lupin, zu Tonks und Harry aufschauend.“Wir haben noch ungefähr eine Minute, denke ich. Wir
sollten wohl raus in den Garten gehen, damit wir startklar sind. Harry, ich habe einen Brief für deine Tante und
deinen Onkel hinterlassen, damit sie sich keine Sorgen machen -“
„Werden sie nicht,“ sagte Harry
„Daß du in Sicherheit bist“
„Das wird sie höchstens deprimieren“
„Und daß du sie nächsten Sommer wiedersehen wirst.“
„Muß ich das?“
Lupin lächelte, aber antwortete nicht.
„Komm her, Junge“ sagte Moody schroff und winkte Harry mit seinem Zauberstab zu sich heran. „Ich muß dich
Disillusionieren.“
„Du mußt was?“ sagte Harry nervös.
„Disillusions-Zauber,“ sagte Moody und erhob seinen Zauberstab.“Lupin hat gesagt, du hast einen
Unsichtbarkeitsmantel, aber der wird nicht halten, wenn wir fliegen. Das hier wird dich besser tarnen. Los geht“s - „
Er klopfte ihm hart auf den Kopf und Harry fühlte sich seltsam, als hätte Moody dort gerade ein Ei zerschlagen; kalte
Schauer schienen seinen Körper von der Stelle hinabzulaufen, wo Moodys Zauberstab ihn getroffen hatte.
„Gut gemacht, Mad-Eye,“ sagte Tonks bewundernd und starrte auf Harrys Taille.
Harry schaute an seinem Körper hinab oder mehr an dem, was sein Körper gewesen war, denn es sah ganz und gar
nicht mehr so aus. Es war nicht unsichtbar, es hatte einfach exakt die Farbe und Beschaffenheit der Küchenschränke
hinter ihm angenommen. Er schien ein menschliches Kamäleön geworden zu sein.
„Auf geht“s,“ sagte Moody und öffnete die Hintertür mit seinem Zauberstab. Sie betraten alle Onkel Vernons
sorgfältig gepflegten Rasen.
„Eine klare Nacht,“ grunzte Moody und sein magisches Auge untersuchte eingehend den Himmel. „Wir hätten ein
paar mehr Wolken als Tarnung gebrauchen können. Gut, du,“ bellte er Harry an,“ wir werden in einer engen
Anordnung fliegen. Tonks wird genau vor dir sein, bleib ihr dicht auf den Fersen. Lupin wird dich von unten
abdecken. Ich werde hinter dir sein. Der Rest wird uns umkreisen. Wir tanzen für nichts aus der Reihe. Wenn einer
von uns getötet wird -“
„Ist das wahrscheinlich?“ fragte Harry besorgt, aber Moody ignorierte ihn.
„- werden die anderen weiterfliegen, nicht anhalten, nicht aus der Reihe tanzen. Wenn sei uns alle ausschalten und du
überlebst, Harry, steht die Nachhut bereit zu übernehmen, flieg einfach weiter nach Osten und sie werden mit dir
zusammentreffen.
„Nun sei doch nicht so fröhlich, Mad_eye, er glaubt uns doch bald nicht mehr, daß wir das hier ernst nehmen,“ sagte
Tronks und zurrte Harrys Koffer und Hedwigs Käfig in einem Netz unter ihrem Besen fest.
„Ich sage dem Jungen doch nur den Plan“ grummelte Moody „Unsere Aufgabe ist es, ihn sicher im Hauptquartier
abzuliefern und wenn wir bei dem Versuch sterben -“
„Niemand wird sterben“ sagte Kingsley Shacklebolt mit seiner tiefen, beruhigenden Stimme.
„Besteigt eure Besen, das ist das erste Signal!“ sagte Lupin scharf und zeigte in den Himmel.
Weit, weit über ihnen war ein Schauer roter Funken zwischen den Sternen aufgeföackert. Harry erkannte sie sofort
als Zauberstab Funken. Er schwang sein rechtes BEin über den Feuerblitz, umfasst den Griff fest und fühlte den
Besen leicht vibrieren, als wenn er scharf darauf war, mal wieder in der Luft zu sein.
„Das zweite Signal, los geht“s!“ sagte Lupin laut, als mehr Funken, grüne diesmal, hoch über ihnen explodierten.
Harry stieß sich hart vom Boden ab. Die kühle Nachtluft fuhr durch sein Haar während die ordentlichen Vorgärten
des Ligusterwegs sich entfernten und schnell zu einem Patchwork von dunklem Grün und Schwarz schrumpften und
jeder Gedanke an die Anhörung vor dem Ministerium schwand aus seinen Gedanken als wenn die frische Brise sie
aus seinem Kopf geweht hätte. Er fühlte sich, als würde sein Herz vor Freude explodieren, endlich flog er wieder,
flog fort vom Ligusterweg, wie er es sich den ganzen Sommer ausgemalt hatte, er war auf dem Weg nach hause... für
ein paar glorreiche Momente schienen all seine Probleme nichtig, unscheinbar im weiten, sternengespickten Himmel.
„Hart links, hart links, ein Muggle sieht zu uns auf!“ schrie Moody hinter ihm. Tonks schwenkte ab und Harry folgte
ihr und betrachtete dabei seinen Koffer, der wild unter ihrem Besen hin und herschwang „Wir brauchen mehr Höhe,
eine weiter Viertelmeile nach oben!“
Harrys Augen tränten vor Kälte als sie weiter hochstiegen, er konnte nun unter sich nichts mehr sehen außer kleinen
Stecknadelköpfen von Licht, die Autoscheinwerfer und Straßenlampen waren. Zwei dieser kleinen Lichter mochten
zu Onkel Vernons Auto gehören...die Dursleys würden jetzt zu ihrem leeren Haus zurückfahren, voller Wut über den
nicht existenten Rasen-Wettbewerb... und Harry lachet laut bei dem Gedanken daran, auch wenn seine Stimme vom
flatternden Geräusch der Gewänder der anderen, dem Quietschen des Netzes umd seinen Koffer und den Käfig und
dem Rauschen des Windes in ihren Ohren erstickt wurde. Er hatte sich seit einem Monat nicht so lebendig gefühlt -
und nicht so glücklich.
„Haltet nach Süden“ schrei Moody „Stadt voraus!“
Sie flogen nach rechts, um nicht über das glitzernde Spinnennetz von Lichtern unter ihnen zu fliegen.
„Weiter südöstlich und steigt weiter auf, da ist eine Wolke vor uns, wir könnten uns darin verlieren“ rief Moody.
„Wir fliegen nicht durch Wolken“ schrie Tonks wütend“ „davon würden wir alle klitschnass werden, Mad-Eye!“
Harry war erleichtert, sie dies sagen zu hören, seine Hände am Griff des Feuerblitzes wurden taub. Er wünschte, er
hätte einen MAntel angezogen, er begann zu zittern.
Sie änderten ihren Kurs ab und an auf Moodys Anweisungen hin. Harry hatte seine Augen wegen des eiskalten
Windes zusammengekniffen und seine Ohren begannen zu schmerzen. Er konnte sich daran erinnern, schon einmal
so gefroren zu haben, während eines Quidditch-Spiels gegen Hufflepuff in seinem 3. Schuljahr, das während eines
Sturms stattfand.
Er fragte sich, wie lange sie schon flogen, es kam ihm wie mindestens eine Stunde vor.
„Dreht nach Südwesten!“ schrie Moody, „wir wollen der Autobahn ausweichen!“
Harrys fror jetzt so sehr, daß er sehnsüchtig an die gemütlichen, trockenen Innenräume der Autos unter ihnen dachte
und noch sehnsüchtiger daran, per Floo Powder zu reisen. es mochte unbequem sein, in Kaminen herumzuwirbeln,
aber wenigstens war es in den Flammen warm...
Kingsley Shacklebolt schwang an seine Seite, seine Glatze und sein Ohrring schimmerten leicht im Mondlicht... nun
Emmeline Vance zu seiner Rechten, ihren Zauberstab in der Hand blickte sie nach links und rechts... dann schwenkte
sie ab über ihn und wurde von Sturgis Podmore ersetzt.
„Wir sollten uns für eine Zeit zurückfallen lassen, um sicher zu sein, daß usn niemand folgt!“ rief Moody
„BIST DU VERRÜCKT, MAD-EYE?“ kreischte Tonks von vorne, „Wir sind alle an unseren Besen festgefroren,
wenn wir weiter von der Strecke abweichen, kommen wir nicht vo nächster Woche an! Außerdem sind wir schon
fast da!“
„Zeit den Abstieg zu starten“ war Lupins Stimme zu hören, „Folge Tonks, Harry!“
Harry folgte der abtauchenden Tonks. Sie hielten auf die größte Ansammlung von Licht zu, die er je gesehen hatte,
eine riesige, sich ausbreitende Masse, glitzernde Linien und Gitter, unterbrochen von Flecken von tiefstem Schwarz.
Sie flogen niedriger und niedriger, bis Harry einzelne Lichter ausmachen konnte, Straßenlampen, Schornsteine und
Fernsehantennen. Er wollte jetzt endlich wieder Boden unter den Füßen spüren und war sich sicher, daß man ihn von
seinem Besen loseisen müssen würde.
„Hier entlang“ rief Tonks und Sekunden später war sie gelandet.
Harry setzte gleich hinter ihr auf und stieg ab auf einen schäbigen Flecken Gras in mitten eines kleinen Platzes.
Harry sah sich um. Die umstehenden Häuser sahen nicht gerade einladend aus.Einige Fenster waren eingeschlagen
und glitzerten im Licht der Straßenlampen, von vielen Türen blätterte die Farbe ab und Müllhaufen lagen vor einigen
Eingangstüren.
„Wo sind wir?“ fragte Harry aber Lupin sagte leise „In einer Minute“
Moody wühlte in seinem Mantel, seine verkrümmten Finger waren staar vor Kälte. „Hab’s gefunden“ murmelte er,
hob etwas in die Höhe, das wie ein silberner Zigarettenanzünder aussah und klickte es.
Die nächste Straßenlampe erlosch mit einem „pop.“ Er klickte den Ausschalter wieder, die nächste Lampe erlosch; er
klickte weiter bis jede Lampe auf dem Platz aus war und das einzige Licht aus den Fenstern und vom Mond über
ihnen kam.
„Hab ich mir von Dumbledore geborgt“ grummelte Moody und steckte den Aus-Schalter wieder ein „Das wird für
alle Muggles sorgen, die vielleicht aus dem Fenster gucken, wißt ihr? Nun kommt, schnell!“
Er fasste Harry am Arm und führte ihn vom Rasen über die Straße auf den Bürgersteig, Lupin und Tonks folgten, sie
trugen gemeinsam Harrys Koffer, und der Rest der Truppe flankierte sie, alle hatten die Zauberstäbe in der Hand.
Die gedämpften Beats einer Stereoanlage drangen aus einem oberen Fenster des nächsten Hauses. Ein stechender
Duft verrottenden Mülls drang aus einem Stapel Mülltüten hinter einem zerbrochenen Hoftor. „Hier“ flüsterte
Moody und drückte Harry ein Stück Papier in dessen disillusionierte Hand. Er hielt seinen leuchtenden Zauberstab
nahe heran, als wollte er das Papier beleuchten. „Lies schnell und lerne es auswendig“ Harry sah auf den Zettel. Die
enge Handschrift erschien ihm bekannt. Dort stand:
„Das Hauptquartier vom Orden des Phönix ist zu finden unter Nummer Zwölf, Grimmauld Place, London.“
Kapitel 4 - Nummer Zwölf, Grimmauld Place
„Was ist der Orden des -?“ begann Harry.
„Nicht hier, Junge!“ knurrte Moody. „Warte bis wir drin sind!“ Er zog ein Stück Pergament aus Harry“ s Hand und
setzte es mit seiner Zauberstabspitze in Flammen. Als sich die Nachricht in Flammen kräuselte und zu Boden glitt,
betrachtete Harry wieder die Häuser um sich herum. Sie standen vor Hausnummer Elf; er sah nach links und sah
Nummer Zehn; rechts jedoch war Nummer Dreizehn.
„ Aber wo ist -?“
„Denke an das, was du dir ins Gedächtnis eingeprägt hast,“ sagte Lupin leise.
Harry dachte nach, und nicht eher erreichte er den Teil über Nummer Zwölf, Grimmauld Place, denn dann tauchte
eine abgenutzte Tür zwischen Nummer elf und dreizehn wie aus dem Nichts auf, schnell gefolgt von schmutzigen
Wänden und Ruß geschwärzten Fenstern.
Es war jedoch, als wenn sich ein Extrahaus aufgeblasen hatte und es sich auf seine Weise herausdrückte. Harry
gaffte es an. Die Stereoanlage in Hausnummer Elf dröhnte auf. Offenbar fühlten die Muggel nichts.
„Los, Beeilung,“ brummte Moody und stupste Harry in den Rücken. Harry ging die abgenutzte Steintreppe hinauf
und starrte die eben erschienene Tür an. Ihre schwarze Farbe war abgeblättert und zerkratzt. Der silberne Türknauf
hatte die Form einer verdrehten Schlange. Es gab kein Schlüsselloch oder einen Briefschlitz.
Lupin zog seinen Zauberstab und tippte die Tür einmal an. Harry hörte viele laute Klicke, die sich anhörten wie das
Geklapper einer Kette. Knarrend öffnete sich die Tür.
„Geh schnell hinein, Harry,“ flüsterte Lupin „aber geh nicht soweit ins Innere und fass nichts an.“ Harry trat über die
Schwelle in einen vollkommen dunklen Flur. Er konnte Feuchtigkeit, Staub und einen süßlich verfaulten Geruch
schmecken; der Ort machte einen heruntergekommenen Eindruck. Er blickte über seine Schulter und sah die anderen
sich hinter ihm einordnen, Lupin und Tonks trugen seinen Koffer und Hedwig“ s Käfig. Moody stand auf der
obersten Stufe und gab die Lichtkugeln frei, die der Abschalter gestohlen hatte; sie flogen zurück zu ihren
Glühbirnen und das Quadrat glühte für einen Moment auf bevor Moody hinein hinkte und die Eingangstür schloss,
so daß der Flur in vollkommene Dunkelheit gehüllt wurde.
„Hier-,“
Er klopfte hart mit seinem Zauberstab über Harrys Kopf; Harry fühlte aber jetzt etwas heißes seinen Rücken
hinunterrieseln und wußte, daß der Desillusionierungszauber aufgehoben wurde.
„Jetzt sollte jeder stillstehen, ich werde uns ein bißchen Licht machen,“ flüsterte Moody.
Die anderen gedämpften Stimmen gaben Harry ein sonderbares Gefühl der Vorahnung; es war als hätten sie gerade
das Haus einer sterbenden Person betreten. Er hörte ein sanft rauschendes Geräusch und dann sprudelten altmodische
Gaslampen entlang den Wänden ins Leben, die ein flackerndes, kraftloses Licht über die sich ablösende Tapete und
den abgenutzten Teppich entlang des düsteren Flures warfen, an dem Spinnengewebe am Kronleuchter über ihm und
altersgeschwärzte Bilder schief an den Wänden hingen. Harry hörte etwas hinter der Scheuerleiste krabbeln. Der
Kronleuchter und der Tafelleuchter auf dem klapperigen Tisch waren wie Schlangen geformt.
Da waren eilige Schritte und Ron“ s Mutter, Mrs. Weasley, tauchte aus einer Tür am Ende des Flures auf. Sie strahlte
einladend als sie ihnen eilig entgegenkam, aber Harry bemerkte daß sie eher dünner und blasser aussah als das letzte
mal wie sie sich trafen.
„Oh, Harry, ich freue mich so dich zu sehen,“ flüsterte sie, nahm ihn in eine Rippen brechende Umarmung, bevor sie
ihn eine Armlänge entfernt festhielt und ihn kritisch beäugte. „Du siehst knochig aus; du brauchst etwas zu Essen,
aber du mußt noch etwas auf das Abendessen warten, ich bin besorgt.“
Sie drehte sich zu der Gruppe Zauberer hinter ihm und flüsterte dringend:“ Er ist gerade angekommen, das Treffen
kann anfangen.“
Die Zauberer hinter ihm machten interessierte und aufgeregte Geräusche und fingen an sich hinter ihm in Richtung
der Tür einzuordnen, aus der Mrs. Weasley gerade gekommen war. Harry wollte Lupin folgen, aber Mrs. Weasley
hielt ihn zurück.
„Nein, Harry, das Treffen ist nur für die Mitglieder des Orden. Ron und Hermine sind die Treppe hinauf, du kannst
mit ihnen zusammen warten bis das Treffen zu ende ist, dann gibt es Abendessen. Und sei nicht so laut im Flur,“
fügte sie in dringlichem Flüstern hinzu.
„Warum?“
„Ich will nicht, daß etwas aufwacht.“
„Was wollen Sie-?“
„Ich werde es dir später erklären, ich bin in Eile, ich möchte an dem Treffen teilnehmen - ich werde dir nur noch
zeigen wo du schlafen wirst.“
Mit dem Finger auf den Lippen führte sie ihn auf Zehenspitzen an ein paar langen, mottenzerfressenen Vorhängen
vorbei, hinter denen wie Harry annahm eine weitere Tür lag, und sie gingen an einen großen Schirm vorbei, der
aussah als wäre er aus einem abgetrennten Trollbein gemacht, die dunkle Treppe hinauf, vorbei an einer Reihe
geschrumpfter Köpfe, die befestigt waren an einer Platte an der Wand. Ein näherer Blick zeigte Harry, daß diese
Köpfe zu Hauselfen gehörten. Alle hatten ungefähr die gleiche schnauzen ähnliche Nase.
Harry“ s Verwirrung vertiefte sich mit jedem Schritt den er tat. Was in aller Welt machten sie in einem Haus, daß
aussah als würde es dem dunkelsten aller Zauberer gehören.
„Mrs. Weasley, warum-?“
„Ron und Hermine werden dir alles erklären, mein Lieber, ich muß wirklich gleich weiter rasen.“ Flüsterte Mrs.
Weasley abgelenkt. „ Sie-,“ sie erreichten den zweiten Treppenabsatz, „- du mußt in Tür zur Rechten. Ich werde dich
rufen, wenn es vorbei ist.“
Und sie eilte die Treppen wieder hinunter.
Er überquerte den schäbigen Treppenabsatz, drehte den Schlafzimmertürknauf, der geformt war wie ein
Schlangenkopf, und öffnete die Tür. Er erhaschte einen kurzen flüchtigen Blick auf das hoch deckige
Zweibettzimmer; dann war da ein laut zwitscherndes Geräusch, gefolgt von einem noch lauterem Kreischen und
seine Sicht wurde durch eine Menge buschiger Harre verdunkelt. Hermine umarmte Harry so stürmisch, daß sie
beide auf den Boden flogen, während Ron“ s winzige Eule, Pigwidgeon, über ihren Köpfen aufgeregt umher
schwirrte.
„HARRY! Ron, er ist hier, Harry ist hier! Wir haben nicht gehört, daß du angekommen bist! Oh, wie geht es dir? Ist
alles in Ordnung? Bist du wütend auf uns? Ich wette du bist es, ich weiß, unsere Briefe waren sinnlos - aber wir
durften dir nichts erzählen, wir mußten Dumbledore schwören, daß wir es nicht tun, oh, wir müssen dir so viel
erzählen, du mußt uns viel erzählen - die Dementoren! Als wir hörte - und diese Ministeriumsanhörung - es ist
einfach unverschämt, ich habe überall nachgeschlagen, sie können dich nicht ausschließen, es gibt eine Verordnung
in der Beschlussfassung für die sinnvolle Beschränkung minderjähriger Zauberei für den Gebrauch der Magie in
lebesbedrohlichen Situationen -“
„Laß in atmen, Hermine,“ sagte Ron grinsend als er die Tür hinter Harry schloss. Er schien in dem Monat den sie
getrennt waren mehrere Zentimeter gewachsen zu sein, sie machten ihn größer und schlacksiger wie früher, aber die
lange Nase, die glänzenden roten Haare und die Sommersprossen waren die selben.
Immer noch strahlend, ließ Hermine Harry los, aber bevor sie noch ein Wort sagen konnte, hörte er sanftes
zischendes Geräusch und etwas weißes segelte von der Spitze des dunklen Kleiderschranks und landete sachte auf
Harry“ s Schulter.
„Hedwig!“
Die Schneeeule klickte mit ihrem Schnabel und knabberte liebevoll an seinem Ohr, als Harry ihre Federn streichelte.
„Sie ist in einem recht guten Zustand,“ sagte Ron. „Pickte uns halb tot als sie deinen letzten Brief brachte, schau dir
das an -“
Er zeigte Harry den Zeigefinger seiner rechten Hand, welcher einen halbverheilten, aber einen deutlich tiefen Schnitt
sehen ließ.
„Oh, ja,“ sagte Harry. „Es tut mir leid, aber ich habe mir Antworten gewünscht, weißt du -“
„Wir wollten sie dir geben, Kumpel,“ sagte Ron. „ Hermine hat sich ziemlich aufgeregt, sie sagte, du würdest etwas
dummes tun, wenn du alleine ohne Nachrichten irgendwo festsitzt, aber Dumbledore nahm uns -“
„- das Versprechen ab, mir nichts zu erzählen,“ sagte Harry. „Ja, Hermine sagte es bereits.“
Das warme Glühen das beim ersten Anblick seiner beiden Freunde erschien, wurde abgelöscht als etwas eisiges seine
Magengrube durchflutete. Auf einmal - nach der Sehnsucht, die er sie einen festen Monat nicht sehen konnte - fühlte
er sich, wie wenn Ron und Hermine ihn eher alleine lassen.
Es gab eine belastende Ruhe, in der Harry Hedwig wie automatisch streichelte, ohne einen der beiden anderen
anzusehen.
„Es erschien ihm das Beste,“ sagte Hermine eher atemlos. „Dumbledore, meine ich.“
„Richtig,“ sagte Harry. Er bemerkte, das ihre Hände Kratzer von Hedwig“ s Schnabel aushalten mußten und es tat
ihm nicht wirklich leid.
„Ich nehme an, er dachte du wärst bei den Muggeln am sichersten -“ begann Ron.
„Ja?“ sagte Harry seine Augebrauen anhebend. „Wurde einer von euch beiden diesen Sommer von Dementoren
attackiert?“
„Also, nein - aber deshalb hat er dich doch die ganze Zeit von Mitgliedern des Phönixordens beschatten lassen -“
Harry fühlte einen großen Schock in seinen Därmen, als würde er eine Treppenstufe abwärts verfehlen. Also wußte
jeder, daß er verfolgt wurde, nur er nicht.
„Es hat ja toll funktioniert, nicht?“ fragte Harry, der alles versuchte, um seine Stimme ruhig zu halten. „Mich zu
überwachen nach allem, was passiert ist?“
„Er war so wütend,“ sagte Hermine mit einer fast ergriffenen Stimme. „Wir haben Dumbledore gesehen, als er
herausfand, daß Mundungus gegangen war, bevor er seine Schicht beendet hatte. Er war unheimlich.“
„Nun, ich bin froh, daß er gegangen ist,“ sagte Harry kalt, „wenn er nicht gegangen wäre, hätte ich nicht gezaubert,
und Dumbledore hätte mich wahrscheinlich den ganzen Sommer im Ligusterweg gelassen.“
„Bist du ...? Bist du nicht über die Anhörung im Zaubereiministerium besorgt?“ fragte Hermine leise.
„Nein,“ schwindelte Harry. Er ging durch den Raum und sah sich um, wobei sich Hedwig zufrieden an seine
Schulter schmiegte. Aber das Zimmer war nicht dazu angetan, seine Stimmung zu heben. Es war dunkel und feucht.
Eine leere Leinwand in einem prunkvollen Bilderrahmen war alles, was die kahlen Wände verdeckte und als Harry
daran vorbeiging, meinte er jemanden kichern zu hören, der außer Sicht lauerte.
„Also, warum war Dumbledore so scharf darauf, mich im Dunkeln tappen zu lassen?“ fragte Harry, wobei er sich
immer noch anstrengte, seine Stimme lässig klingen zu lassen. „Habt ihr - er - zwei ihn überhaupt gefragt?“
Er sah gerade rechtzeitig auf, um zu bemerken, wie sie einen Blick tauschten, der ihm sagte, daß er sich nun so
benahm, wie sie befürchtet hatten. Das verbesserte seine Stimmung auch nicht gerade.
„Wir haben Dumbledore gesagt, daß wir dir erzählen wollen, was los ist,“ sagte Ron. „Wir haben, Harry. Aber er ist
jetzt wirklich beschäftigt, wir haben ihn nur zweimal gesehen seit wir hier sind und er hatte nicht viel Zeit. Er ließ
uns nur schwören, daß wir dir keine wichtigen Informationen mitteilen, wenn wir dir schreiben. Er sagte, daß man
die Eulen abfangen könnte.“
„Dumbledore hätte mich trotzdem informieren können, wenn er gewollt hätte,“ sagte Harry. „Erzählt mir bloß nicht,
daß Dumbledore keine Wege kennt, Nachrichten ohne Eulen zu versenden.“
Hermine sah kurz Ron an und sagte: „Das dachte ich auch, aber er wollte nicht, daß du irgendetwas weißt.“
„Vielleicht denkt er ja, daß man mir nicht vertrauen kann,“ sagte Harry, während er sie beobachtete.
„Sei vernünftig,“ sagte Ron und sah sehr verstört aus.
„Oder, daß ich nicht selbst auf mich aufpassen kann.“
„Das denkt er natürlich nicht!,“ sagte Hermine besorgt.
„So? Wie kommt es dann, daß ich bei den Dursleys bleiben muß, während ihr zwei in alles eingeweiht werdet, was
hier passiert?,“ sagte Harry, wobei sich sie Worte überstürzten und seine Stimme mit jedem Wort lauter wurde. „Wie
kommt es, daß euch zweien erlaubt ist, alles zu erfahren?“
„Wir wissen nicht alles!“ unterbrach ihn Ron. „Mom lässt uns nicht an den Besprechungen teilnehmen. Sie sagt wir
sind zu jung.“
Bevor es ihm gewahr wurde, schrie Harry.
„SO, IHR WART NICHT IN DEN BESPRECHUNGEN? GROASSARTIG! IHR SEID DIE GANZE ZEIT HIER
GEWESEN ODER NICHT? IHR WART IMMER ZUSAMMEN! UND ICH? ICH STECKTE EINEN MONAT
BEI DEN DURSLEYS! UND DABEI HABE ICH MEHR GETAN, ALS IHR JEMALS KÖNNTET UND
DUMBLEDORE WEISS DAS. - WER HAT DEN STEIN DER WEISEN GERETTET? WER HAT DAS RÄTSEL
UM TOM RIDDLE GELÖST? WER HAT EUCH BEIDE VOR DEN DEMENTOREN GERETTET?“
Jeder bittere und ärgerliche Gedanke, den Harry im vergangenen Monat gehabt hatte, strömte aus ihm heraus: seine
Frustration aufgrund des Nachrichtenmangels, der Schmerz, daß sie alle ohne ihn zusammen waren, seine Wut
darüber, daß er überwacht wurde und nicht Bescheid wußte - all die Gefühle, von denen er halb beschämt war,
sprengten am Ende ihre Grenzen. Hedwig erschrak sich wegen des Lärms und flog auf den Garderobenständer;
Pigwidgeon zwitscherte alarmiert und flog schneller um ihre Köpfe.
„WER MUßTE LETZTES JAHR GEGEN DRACHEN ; SPHINXEN UND DIE GANZEN ANDEREN ÜBLEN
KREATUREN KÄMPFEN? WER SAH IHN ZURÜCKKOMMEN? WER MUßTE VOR IHM FLIEHEN? ICH!“
Ron stand da mit halb offenem Mund, eindeutig betäubt und wortlos, während Hermine Tränen in den Augen hatte.
„ABER WARUM SOLLTE ICH WISSEN, WAS LOS IST? WARUM SOLLTE ES IRGENDJEMAND
KÜMMERN; MIR ZU SAGEN WAS LOS IST?“
„Harry, wir wollten es dir sagen, wir wollten es wirklich -“ begann Hermine.
„ERWARTE ICH ZUVIEL? IHR HÄTTET MIR EINE EULE SCHICKEN KÖNNEN, ABER DUMBLEDORE
LIESS EUCH SCHWÖREN -“
„Ja, das hat er getan -“
„VIER WOCHEN STECKTE ICH IM LIGUSTERWEG UND HABE ZETTEL AUS PAPIERKÖRBEN
GEKLAUBT UM HERRAUSZUFINDEN; WAS LOS IST -“
„Wir wollten -“
„ICH NEHME AN, IHR FINDET ES IST EIN GROSSER LACHER EUCH HIER ALLE ZUSAMMEN ZU
VERKRIECHEN -“
„Nein, ehrlich -“
„Harry, es tut uns wirklich leid!“ sagte Hermine verzweifelt. Ihre Augen waren jetzt voll von Tränen. „Du hast
absolut Recht, Harry - An deiner Stelle wäre ich genauso wütend!“
Harry starrte sie an, während er tief ein- und ausatmete. Dann drehte er sich um und ging im Zimmer auf und ab.
Hedwig schrie niedergeschlagen von der Garderobe herab und es gab eine lange Pause, die nur vom Quietschen der
Dielen unterbrochen wurde.
„Was ist das hier überhaupt für ein Ort?“ fragte er Ron und Hermine.
„Das ist das Hauptquartier des Orden des Phönix,“ antwortete Ron sofort.
„Möchte mir einer von euch sagen, was der Orden des Phönix ist?“
„Der Orden des Phönix ist eine geheime Gesellschaft,“ sagte Hermine schnell. „Dumbledore hat ihn ins Leben
gerufen. Er besteht aus den Zauberern und Hexen, die vor 15 Jahren gegen Du-Weißt-Schon-Wen gekämpft haben.“
„Wer ist dabei?,“ fragte Harry, mit den Händen in der Hosentasche.
„Ziemlich viele Leute!“
„Wir haben etwa zwanzig von ihnen getroffen,“ sagte Ron, „aber wir denken, daß es mehr sind.“
Harry starrte sie an.
„Nun?“ sagte Harry, von einem zum anderen schauend.
„Äh,“ sagte Ron. „Nun was?“
„Voldemort!“ sagte Harry wütend, so daß Ron und Hermine zusammenzuckten. „Was ist los? Was macht er? Wo ist
er? Was tun wir, um ihn aufzuhalten?.“
„Wir haben dir gesagt, daß der Orden uns nicht an den Besprechungen teilnehmen lässt,“ sagte Hermine nervös.
„Also wir wissen keine Details - aber wir haben eine ungefähre Vorstellung,“ fügte sie hastig hinzu, als sie den
Ausdruck auf Harrys Gesicht sah.
„Fred und George haben „Ausdehnbare Ohren“ erfunden,“ sagte Ron. „Sie sind wirklich nützlich.“
„Ausdehnbare-?“
„Ohren ja. Aber wir mußten in letzter Zeit leider aufhören, sie zu benutzen, weil Mom es herausgefunden hat und
wütend wurde. Fred und George mußten sie alle verstecken, um Mom davon abzuhalten sie wegzuwerfen. Aber wir
haben einiges erfahren, bevor Mom merkte, was los war. Wir wissen, daß manche Mitglieder des Ordens bekannten
Todesessern folgen und sie im Auge behalten, weißt du? -“
„Manche von ihnen arbeiten daran, mehr Leute zum Orden zu rekrutieren -“ sagte Hermine.
„Und manche von ihnen wachen über etwas,“ sagte Ron. „Sie reden immer über einen Wachdienst.“
„Der wachte nicht zufällig über mich?“ fragte Harry sarkastisch.
„Oh ja,“ sagte Ron mit einem Blick von dämmerndem Verständnis.
Harry prustete. Er ging wieder im Zimmer herum, wobei er überall hinsah, außer zu Ron und Hermine. „Also, was
habt ihr zwei gemacht, wenn Besprechungen waren?“ fragte er. „Ihr sagtet, daß ihr beschäftigt wart.“
„Wir haben,“ sagte Hermine schnell. „Wir haben dieses Haus gesäubert, es stand jahrelang leer und das Ungeziefer
hat sich hier unglaublich vermehrt. Wir haben die Küche gesäubert, die meisten Schlafzimmer gereinigt, und ich
denke, daß das Wohnzimmer morgen dran - AARGH!“
Mit zwei lauten Knallen materialisierten Fred und George, Rons ältere Zwillingsbrüder, inmitten des Zimmers.
Pigwidgeon zwitscherte wilder als vorher und flog zu Hedwig auf den Garderobenständer.
„Lasst das!,“ sagte Hermine schwach zu den Zwillingen, die genauso leuchtend rotes Haar wie Ron hatten, aber
stämmiger und etwas kleiner waren.
„Hallo, Harry,“ sagte George strahlend. „Wir dachten, wir würden deine wohlklingenden Stimme hören.“
„Du solltest deinen Ärger nicht so aufstauen, Harry, laß alles raus,“ sagte Fred ebenso strahlend. „Es könnte da in 80
km Entfernung ein paar Leute geben, die dich noch nicht gehört haben.“
„Ihr habt also eure Apparations-Tests bestanden?“ fragte Harry mürrisch.
„Mit Auszeichnung,“ sagte Fred, der etwas in der Hand hielt, das wie ein Stück sehr lange, fleischfarbene Schnur
aussah.
„Es hätte euch nur dreißig Sekunden gekostet, wenn ihr die Treppe hinuntergegangen wärt,“ sagte Ron.
„Zeit ist Galleonen, kleiner Bruder,“ antwortete Fred. „Dennoch, Harry, du störst den Empfang! Ausdehnbare
Ohren,“ fügte er als Antwort auf Harrys erhobene Augenbrauen hinzu und hielt die Schnur hoch, und Harry
bemerkte, daß sie jetzt bis zum Boden reichte. „Wir versuchen, zu hören, was unten besprochen wird.“
„Seid vorsichtig,“ sagte Ron, während er das Ohr anstarrte, „wenn Mom noch eins von den Dingern sieht, ...“
„Es ist das Risiko wert. Das ist eine wichtige Besprechung, die unten stattfindet,“ sagte Fred.
Die Tür öffnete sich und eine lange Mähne roten Haares erschien.
„Oh, hallo Harry“! sagte Rons jüngere Schwester, Ginny, fröhlich. „Ich glaubte, daß ich Deine Stimme hörte.“
Sich zu Fred und George drehend, sagte sie, „ Es geht nicht mehr mit den Ausdehnbare Ohren, sie ist gegangen und
legt einen Unerschütterlichen Bann auf die Küchentür.“
„Woher weißt du“n das?“ sagte George, geknickt aussehend.
„Tonks erzählte mir, wie man es herausfindet“ sagte Ginny. „Man schmeißt irgendein Zeug gegen die Türe und
wenn es zu keinem Kontakt mit der Tür kommt, ist sie Unerschütterlich. Ich habe Stinkbomben von der Spitze der
Treppe aus dagegen geschnippt und sie sind geradewegs davon weggesegelt, also gibt’s keine Möglichkeit mehr, wie
man mit Ausdehnbare Ohren durch einen Spalt etwas hören könnte.“
Fred erhob einen Stoßseufzer.
„Schande. Ich wollte wirklich herausfinden, was der alte Snape unternommen hat.“
„Snape!“ sagte Harry schnell. „Ist er hier?“
„Jo,“ sagte George, vorsichtig die Tür schließend und sich auf eines der Betten setzend; Fred und Ginny folgten.
„Gibt einen Bericht. Streng geheim.“
„Mistk …,“ sagte Fred träge.
„Er ist jetzt auf unserer Seite,“ sagte Herimne tadelnd.
Ron schnaubte. „Hält ihn nicht davon ab, ein Mistkerl zu sein. Die Art, wie er uns ansieht, wenn er uns sieht.“
„Bill mag ihn auch nicht,“ sagte Ginny, als ob das die Angelegenheit begründete.
Harry war sich nicht sicher, daß sein Zorn bereits nachgelassen hatte; aber sein Durst nach Informationen überkam
nun seinen Drang weiter zu brüllen. Er sank auf das Bett gegenüber den anderen.
„Ist Bill hier?“ fragte er. „Ich dachte, er würde in Ägypten arbeiten?“
„Er beantragte einen Schreibtischjob, so konnte er nach Hause kommen und für den Orden arbeiten,“ sagte Fred. „Er
sagt, er vermißt die Grabstätten, but,“ er grinste, „es gibt Entschädigungen.“
„Was meinst du?“
„Erinnerst du dich an die gute, alte Fleur Delacour?“ sagte George. „Sie hat einen Job bei Gringotts, um ich
Ängliesch su verbeesern -“
„Und Bill gibt ihr eine Menge Privatstunden,“ kicherte Fred.
„Charlie ist auch im Orden,“ sagte George, „aber er ist weiterhin in Rumänien. Dumbledore will so viele
ausländische Zauberer wie möglich drinhaben, also versucht Charlie so viele Kontakte wie möglich in diesen Tagen
zu knüpfen.“
„Könnte Perce das nicht tun?“ fragte Harry. Das Letze, was er gehört hatte war, das der dritte Weasley-Bruder für
die Abteilung Internationaler Magischer Zusammenarbeit im Zaubereiministerium arbeitete.
Bei Harrys Worten tauschten alles Weasleys und Hermine dunkle, bedeutende Blicke aus.
„Was immer du auch tust, erwähne Percy nicht in Gegenwart von Mom oder Dad,“ mahnte Ron Harry mit einer
angespannten Stimme.
„Warum nicht?“
„Weil jedes mal, wenn Percys Name erwähnt wird, zerbricht Dad, was er gerade in Händen hält und Mom fängt an
zu weinen,“ sagte. Fred.
„Ich denke, es war ein echter Seitenhieb von ihm,“ sagte George, mit einem für ihn uncharacteristischen,
angewiderten Gesichtsausdruck.
„Was ist geschehen?“ sagte Harry.
„Percy und Dad hatten Krach miteinander,“ sagte Fred. „ich habe noch niemals gesehen, das Dad einen solchen
Krach mit irgendjemandem hatte. Normalerweise ist es Mom, die brüllt.“
„Es war die erste Woche, als wir zurück waren, nach dem Ende des Schuljahres,“ sagte Ron. „Wir sollten gerade
dem Orden beitreten. Percy kam nach hause und sagte uns, das er befördert worden war.“
„Du machst wohl Witze?“ sagte Harry.
Obwohl er nur zu gut wußte, wie ehrgeizig Percy sein konnte, so war es doch Harrys Eindruck, das Percy nicht
gerade viel Erfolg mit seiner ersten Aufgabe im Zaubereiministerium hatte. Percy hatte sich den groben Schnitzer
geleistet, zu übersehen, daß sein Boss von Lord Voldemort gesteuert wurde (nicht daß das Ministerium das geglaubt
hätte - sie alle dachten, Mr. Crouch wäre verrückt geworden).
„Ja waren wir alle völlig überrascht,“ sagte George, „weil Percy eine Menge Ärger wegen Crouch bekam, es gab
eine Anhörung und alles. Sie sagten, daß Percy bemerkt haben müßte, das Crouch übergeschnappt war und seine
Vorgesetzen informieren solen. Aber du kennst Percy, Crouch überließ ihm die Verantwortung, er wollte sich nicht
beklagen.“
„Wie kommt es dann, das sie ihn beförderten?“
„Das ist genau das, worüber wir uns wunderten,“ sagte Ron, der sich schwer zurückhielt, um das Gespräch normal
weiterzuführen, jetzt wo Harry aufgehört hatte zu brüllen. „Er kam sehr selbstzufrieden mit sich nach Hause - noch
viel zufriedener als gewöhnlich, wenn du dir das vorstellen kannst - und erzählte Dad, das man ihm eine Stelle in
Fudge“s eigenem Büro angeboten habe. Eine wirklich großartige für jemanden, der erst seit einem Jahr aus Hogwarts
raus war: Zweiter Assistent des Ministers. Er erwartete von Dad, daß er beeindruckt hätte sein müssen, denke ich.“
„Nur Dad war“s nicht,“ sagte Fred grimmig.
„Warum nicht?“ sagte Harry.
„Nun, wie es scheint ist Fudge durch das Ministerium gewütet, um sicher zu sein, das Niemand mehr Kontakt zu
Dumbledore hat,“ sagte George.
„Dumbledore ist dieser Tage erledigt im Zaubereiministerium, weißt du,“ sagte Fred. „Sie alle denken, er macht nur
Ärger, zu sagen Du-Weißt-Schon-Wer sei zurück.“
„Dad sagt Fudge hätte klargemacht, das jederman, der mit Dumbledore unter einer Decke stecke, seine Schreibtisch
räumen könne,“ sagte George.
„Die Schwierigkeit ist, Fudge verdächtigt Dad, er weiß, das er zu Dumbledore freundlich ist, und er hat Dad bereits
immer für einen irren Typen gehalten, wegen seiner Besessenheit für die Muggle.“
„Aber was hat das mit Percy zu tun?“ fragte Harry verwirrt.
„Dazu komme ich jetzt. Dad ist der Meinung, Fudge wolle Percy nur in seinem Büro, weil er ihn als Spion gegen
unsere Familie - und Dumbledore - benutzen möchte.“
Harry stieß einen Pfiff aus.
„Wette, Percy liebt das.“
Ron lachte auf eine hohle Art.
„Er war absolut rasend. Er sagte - nun, er sagte eine Menge schrecklicher Sachen. Er sagte das er gegen Dad“s
lausigen Ruf ankämpfen müsse, seid er sich dem Ministerium anschloß und das Dad keinerlei Ehrgeiz hätte und das
der Grund wäre, warum wir immer - du weißt - wir hatten nie viel Geld, meine ich -“
„Was?“ sagte Harry ungläubig, als Ginny ein Geräusch wie eine verängstigte Katze machte.
„Ich weiß,“ sagte Ron mit leiser Stimme. „Und es wurde noch schlimmer. Er sagte, Dad wäre ein Idiot, hinter
Dumbledore herzulaufen, das Dumbledore auf eine Menge Ärger zusteuerte und Dad zusammen mit ihm untergehen
würde, und das er - Percy - wüßte, wem gegenüber er loyal sein müsse und zwar dem Ministerium gegenüber. Und
wenn Mom and Dud zu Verrätern gegenüber dem Ministerium werden würden, dann würde er sicherstellen, das
jederman wüßte, er würde nicht mehr zu unserer Familie gehören. Und dann packte er seine Koffer und verließ uns
in derselben Nacht. Er lebt jetzt hier in London.“
Harry fluchte unter seinem Atem. Er hatte Percy immer am wenigsten von allen Brüdern Ron“s gemocht, aber er
hätte niemals geglaubt, er würde solche Dinge zu Mr. Weasley sagen.
„Mom war ganz aus dem Häuschen,“ sagte Ron schwerfällig. „Du weißt - weinen und so“n Zeug. Sie kam nach
London um mit Percy zu reden, aber er schlug ihr die Tür vor der Nase zu. Ich weiß“ nicht,“ was er tut wenn er Dad
auf der Arbeit trifft - ihn ignorieren, denk“ ich.“
„Aber Percy muß doch wissen, das Voldemort zurück ist,“ sagte Harry langsam. „Er ist nicht dumm, er muß wissen,
das eurer Mom und euer Dad nicht ohne Beweise alles riskieren würden.“
„Jo, nun, dein Name wurde in den Dreck gezogen,“ sagte Ron, Harry einen verstohlenen blick zuwerfend. „Percy
sagte, der einzige Beweis wäre dein Wort und … ich weiß“ nich“ .. er denkt, daß das nicht gut genug wäre.“
„Percy nimmt den Tagespropheten ernst,“ sagte Hermine scharf, und die anderen nickten alle.
„Wovon redet ihr?“ fragte Harry, und sah sie alle an. Sie waren ihm gegenüber behutsam.
„Hast du - hast du den Tagespropheten nicht bekommen?“ fragte Hermine nervös.
„Doch, habe ich!“ sagte Harry.
„Hast du ihn - ähm - sorgfältig gelesen?“ fragte Hermine, jetzt noch besorgter.
„Nicht von Anfang bis Ende,“ sagte Harry abwehrend. „Wenn sie etwas über Voldemort geschrieben hätten, wäre es
doch in den Schlagzeilen erschienen, nicht wahr?“
Die anderen zuckten beim Klang des Namens zusammen. Hermine fuhr eilig fort, „Nun, du hättest ihn von Anfang
bis Ende lesen sollen, um es aufzunehmen, aber sie - öhm - sie haben dich ein paarmal die Woche erwähnt.“
„Aber ich hätte doch gesehen -“
„Nicht, wenn du nur die Vorderseite gelesen hättest, oder,“ sagte Hermine, ihren Kopf schüttelnd. „Ich rede nicht
von großen Artikeln. Sie haben dich nur kurz eingebracht, wie einen laufenden Witz.“
„Was willst du -?“
„Es ist sehr unangenehm,“ sagte Hermine mit erzwungen ruhiger Stimme. „Sie bauen einfach auf Ritas Zeug auf.“
„Aber sie schreibt doch nicht mehr für die, oder?“
„Oh, nein, sie hat ihr Versprechen gehalten - nicht das sie eine Wahl gehabt hätte,“ fügte Hermine voller
Befriedigung hinzu. „Aber sie hat die Grundlage gelegt für das, was sie jetzt tun.“
„Welche wäre?“ sagte Harry ungeduldig.
„Okay, du weißt, sie schrieb du wärst vollständig zusammengebrochen und sagtest, deine Narbe würde schmerzen
und all“ das?“
„Jau,“ sagte Harry, der die Geschichten von Rita Kimmkorn über ihn bestimmt nicht so schnell vergessen würde.
„Nun, die schreiben über dich, als wärst du diese aufmerksamkeitsheischende Person, die glaubt, sie wäre ein großer
tragischer Held, oder so etwas,“ sagte Hermine, sehr schnell, als ob es weniger unangenehm für Harry wäre, diese
Fakten schneller zu hören. „Sie bringen immer wieder diese abfälligen Kommentare über dich hinein. Wenn
irgendeine weit hergeholte Story auftaucht, sagen sie etwas wie, „Eine Harry Potter würdige Geschichte,“ und wenn
jemand einen seltsamen Unfall oder so etwas hatte, „ Hoffentlich hat er keine Narbe auf seiner Stirn oder wir sollen
ihn bald auch verehren“ -“
„Ich will nicht, das mich irgend jemand-“ begann Harry hitzig.
„Ich weiß, daß du das nicht willst,“ sagte Hermine schnell, ängstlich dreinschauend.
„Ich weiß, Harry. Aber verstehst du nicht, was die tun? Sie versuchen dich zu jemandem zu machen, dem niemand
glauben wird. Da steckt Fudge hinter, da wette ich drauf. Die wollen, daß die Zauberer auf der Straße denken, daß du
nur ein dummer Junge bist, ein Witz, der sich wichtig macht, weil er gerne berühmt ist und es auch bleiben will.“
„Ich hab nicht darum gebeten - Ich wollte nicht - Voldemort hat meine Eltern getötet!“ stieß Harry hervor. „Ich
wurde berühmt, weil er meine Familien ermordete, aber er konnte mich nicht töten! Wer will schon dafür berühmt
sein? Glauben die nicht, das es mir lieber wäre, wenn es niemals -“
„Wir wissen das, Harry,“ sagte Ginny ernst.
„Und natürlich haben sie nicht über die Dementoren berichtet, die dich angegriffen haben,“ sagte Hermine. „Jemand
hat ihnen befohlen, das nicht zu erwähnen. Das wäre eine wirklich große Story geworden, Dementoren außer
Kontrolle. Sie haben nicht einmal berichtet, daß du das Internationale Gesetz zur Geheimhaltung gebrochen hast.
Wir hatten gedacht, sie würden, es würde so gut hineineinpassen in dieses Bild von dir als dummer Angeber. Wir
denken, sie warten ab, bis du rausgeworfen wirst, dann legen sie richtig los - Ich meine, falls du rausgeworfen wirst,
natürlich,“ sagte sie hastig. „Du solltest eigentlich nicht, jedenfalls nicht, wenn sie sich an ihre eigenen Gesetze
halten, da spricht nichts gegen dich.“
Sie waren wieder bei der Anhörung/Verhandlung und Harry wollte nicht darüber nachdenken. Er überlegte, wie er
das Thema wechseln könne, aber das wurde ihm abgenommen durch das Geräusch von Fußtritten, die die Treppe
hinaufkamen.
„Oh oh.“
Fred zog heftig an den Ausdehnbare Ohren, es gab einen weiteren lauten Knall und er und George verschwanden.
Sekunden später erschien Mrs Weasley in der Schlafzimmertür.
„Das Treffen ist vorbei, ihr könnt jetzt herunterkommen und zu Abend essen. Alle wollen dich unbedingt sehen,
Harry. Und wer hat die ganzen Stinkbomben draußen vor der Küche liegen gelassen?“
„Krumbein,“ sagte Ginny ohne rot zu werden. „ Er spielt so gerne damit.“
„Oh,“ sagte Mrs Weasley, „Ich dachte es wäre Kreacher gewesen, er macht ständig solche seltsamen Sachen. Und
jetzt vergesst nicht, im Flur leise zu sein. Ginny, deine Hände sind dreckig, was hast du gemacht? Geh und wasche
sie bitte vor dem Essen.“
Ginny schnitt eine Grimasse und folgte ihrer Mutter aus dem Zimmer und ließ Harry alleine mit Ron und Hermine.
Beide schauten ihn besorgt an als ob sie Angst hätten, daß er nun wieder anfangen würde herum zu brüllen, jetzt wo
alle anderen wieder weg waren. Beide schauten so nervös, das sich Harry bei ihrem Anblick etwas schämte.
„Seht mal...“ murmelte er, aber Ron schüttelte den Kopf und Hermine sagte ruhig, „Wir wußten, daß du verärgert
sein würdest, wir werfen dir nichts vor, aber du mußt verstehen, daß wir wirklich versucht haben, Dumbledore zu
überreden -“
„Ja, ich weiß,“ sagte Harry kurz.
Er suchte nach einem Thema, das nichts mit dem Schulleiter zu tun hatte, weil genau dieser Gedanke seinen Ärger
wieder zum brodeln brachte.
„Wer ist Kreacher?“ fragte er.
„Der Hauself, der hier wohnt,“ sagte Ron. „Ein Verrückter. Hab“ nie jemanden wie ihn getroffen.“
Hermine runzelte die Stirn bei diesen Worten.
„Er ist nicht verrückt, Ron.“
„Sein Lebensziel ist es seinen Kopf abgeschnitten zu bekommen damit er auf einer Gedenktafel befestigt werden
kann, genau wie der seiner Mutter,“ sagte Ron gereizt. „Ist das normal, Hermine?“
„Hm - hm, wenn er etwas seltsam ist, ist es nicht seine Schuld.“
Ron rollte seine Augen so daß Harry es sehen konnte
„Hermine hat immer noch nicht BelfeR aufgegeben.“
„Es heißt nicht BelfeR!“ sagte Hermine hitzig. „Das ist der „Bund für Elfen Rechte“ Und nicht nur ich, sondern auch
Dumbledore sagt, daß wir nett zu Kreacher sein sollen.“
„Ja, ja,“ sagte Ron. „Los, kommt, ich verhungere.“
Er ging als erster aus der Tür und auf die Balustrade, aber bevor er die Treppen herunter gehen konnte -
„Wartet!“ flüsterte Ron und hielt schnell den Arm heraus, um Harry und Hermine am weitergehen zu hindern. „Sie
sind immer noch in der Eingangshalle, vielleicht können wir noch etwas hören.“
Die drei schauten vorsichtig über das Treppengeländer. Die düstere Eingangshalle unter ihnen war voll mit Hexen
und Zauberern, einschließlich derer, die auf Harry aufgepasst hatten. Sie flüsterten aufgeregt miteinander. In der
Mitte der Gruppe sah Harry den mit fettigen, dunklen Haaren bedeckten Kopf und die auffällige Nase seines
ungeliebtesten Lehrers in Hogwarts, Professor Snape. Harry lehnte sich weiter über das Geländer. Er war sehr
interessiert, was Snape für den Orden des Phönix tat...
Ein dünnes, fleischfarbenes Stück Schnur wurde vor Harrys Augen heruntergelassen. Als er aufschaute, sah er Fred
und George auf der Balustrade über ihnen, wie sie vorsichtig die Ausdehnbare Ohren in Richtung der dunklen
Ansammlung von Menschen herabließen. Einen Moment später jedoch begannen sich alle zur Tür und außer
Sichtweite zu begeben.
„Verdammt,“ hörte Harry Fred flüstern als er die Ausdehnbare Ohren wieder hochzog.
Sie hörten, wie sich die Haustür öffnete und wieder schloss.
„Snape isst nie hier,“ sagte Ron Harry leise. „Gott sei Dank. Los komm.“
„Und vergiss nicht in der Eingangshalle leise zu sein, Harry,“ flüsterte Hermine.
Als sie an der Reihe mit den Köpfen der Hauselfen an der Wand vorbei gingen, sahen sie Lupin, Mrs Weasley und
Tonks die Haustür mit ihren vielen Schlössern und Riegeln magisch hinter denen versiegeln, die gerade gegangen
waren.
„Wir essen unten in der Küche,“ flüsterte Mrs Weasley, die unten an der Treppe auf sie wartete. „Harry, mein
Lieber, geh bitte auf Zehenspitzen durch die Halle durch die Tür da hinten -“
KRACH.
„Tonks!“ rief Mrs Weasley aufgebracht hinter sich schauend.
„Es tut mir leid!“ jammerte Tonks, die auf dem Fußboden lag. „Es ist dieser dumme Regenschirmständer, das ist das
zweite Mal, das ich drüber gefallen bin -“
Aber der Rest ihrer Worte ging in einem schrecklichen, markerschütternden Schrei unter.
Die Mottenzerfressenen Samtvorhänge, an denen Harry vorher vorbeigegangen war, waren auseinandergeflogen,
aber da war keine Tür hinter ihnen. Für einen Augenblick dachte Harry, daß er durch ein Fenster sähe, ein Fenster
hinter dem eine alte Frau in einem Schwarzen Umhang schrie und schrie als ob sie gefoltert würde - dann bemerkte
er, daß es einfach ein Portrait in Lebensgröße war, aber das realistischste und unangenehmste, das er je in seinem
Leben gesehen hatte.
Die alte Frau geiferte, ihre Augen rollten, die gelbe Haut ihres Gesichts war gespannt als sie schrie; und an der
ganzen Wand hinter ihnen wachten die anderen Portraits auf und begannen auch zu schreien, so daß Harry die Augen
bei dem Lärm verdrehte und sich mit den Händen die Ohren zu hielt.
Lupin und Mrs Weasley sprangen nach vorne und versuchten die Vorhänge wieder vor die alte Frau zu ziehen, aber
sie ließen sich nicht schließen und sie kreischte lauter als vorher, ihre klauenförmigen Hände nach ihnen schwingend
als ob sie versuchte ihre Gesichter zu zerfetzen.
„Schmutz! Abschaum! Nebenprodukt von Schmutz und Schändlichkeit! Mischlinge, Mutanten, Mißgeburten, hinfort
von diesem Ort! Wie könnt ihr es wagen das Haus meiner Väter zu besudeln -“
Tonks entschuldigte sich immer und immer wieder, während sie versuchte das riesige schwere Trollbein vom Boden
aufzuheben; Mrs Weasley hörte auf zu versuchen die Vorhänge zu schließen und lief die Halle hoch und runter um
die Portraits mit ihrem Zauberstab zu betäuben; und ein Mann mit langen schwarzen Haaren kam aus einer Tür
gerannt, die Harry gegenüber lag.
„Halt die Klappe, du schreckliches altes Weib, HALT DIE KLAPPE!“ schrie er und zerrte an dem Vorhang den Mrs
Weasly verlassen hatte.
Das Gesicht der alten Frau erbleichte
„Duuuuuuuu!“ heulte sie, mit Augen die aus dem Kopf quollen, als sie den Mann sah. „Blutverräter,
Abscheulichkeit, Schande meines Fleisches!“
„Ich sagte - halt - die - KLAPPE!“ brüllte der Man und mit einer erstaunlichen Anstrengung schafften Lupin und er
es, mit Gewalt die Vorhänge zu schließen.
Das Kreischen der alten Frau ebbte ab und eine unheimliche Stille breitete sich aus.
Er war etwas außer Atem und während er sich das lange dunkle Haar aus den Augen strich, drehte sich Harrys Pate
Sirius um, um ihn anzusehen.
„Hallo Harry,“ sagte er grimmig, „wie ich sehe, hast du meine Mutter kennengelernt.“
Kapitel 5 - Der Orden des Phönix
„Deine - ?“
„Meine liebe alte Mutter, ja“ , sagte Sirius. „Wir haben einen Monat lang versucht, sie herunterzubekommen, aber
wir vermuten, sie hat einen Dauerklebzauber auf der Rückseite der Leinwand angebracht. Laß uns runtergehen,
schnell, bevor sie alle aufwachen.“
„Aber was macht ein Porträt deiner Mutter hier?“ fragte Harry verwundert als sie durch die Tür der Halle traten und
eine Unzahl von Steinstufen abwärts gingen, die anderen hinter ihnen.
„Hat es dir niemand erzählt? Das war das Haus meiner Eltern,“ sagte Sirius. „ Doch ich bin der letzte der Blacks,
darum gehört es jetzt mir. Ich habe es Dumbledore als Hauptquartier angeboten - das war wohl alles Nützliche , was
ich tun konnte.“
Harry, der einen herzlicheren Empfang erwartet hatte, bemerkte wie hart und verbittert Sirius“ Stimme klang. Er
folge seinem Paten die Stufen hinunter und durch eine Tür, die in die Küche im Erdgeschoss führte. Sie war kaum
weniger düster als die Halle im oberen Stock, ein höhlenähnlicher Raum mit groben Steinmauern. Das meiste Licht
kam von einem großen Feuer am anderen Ende des Raumes. Eine Wolke Pfeifenrauch hing in der Luft wie
Pulverdampf, in dem sich die bedrohlichen Umrisse schwerer Eisenkessel und Pfannen , die von der dunklen Decke
hingen , abzeichneten.. Viele Stühle waren für das Treffen in den Raum geschoben worden und ein langer hölzerner
Tisch stand in der Mitte, übersät mit Pergamentrollen, Kelchen , leeren Weinflaschen und einem Haufen, der
scheinbar aus Lumpen bestand. Mr.Weasley und sein ältester Sohn Bill waren, die Köpfe einander zugewendet, ins
Gespräch vertieft. Mrs. Weasley räusperte sich. Ihr Ehemann, ein dünner rothaariger Mann mit beginnender Glatze
und einer Hornbrille, drehte sich um und sprang auf. „Harry!“ sagte Mr. Weasley, während er nach vor eilte, um
Harry zu begrüßen und seine Hand zu schütteln. „Wie gut dich zu sehen!“ Über seine Schultern sah Harry Bill, der
seine Haare immer noch als Pferdeschwanz trug, wie er das Pergament auf dem Tisch hastig zusammenrollte. „ War
die Reise okay, Harry?,“ rief Bill und versuchte zwölf Pergamentrollen auf einmal aufzunehmen. „ Hat Mad - Eye
dich also nicht über Grönland herkommen lassen?“
„Versucht hat er“s“ , sagte Tonks , während sie mit großen Schritten auf Bill zu ging und sofort eine Kerze auf die
letzte Seite des Pergaments kippte. „ O nein, Entschuldigung - „
„So, meine Liebe,“ sagte Mrs. Weasley mit ärgerlicher Stimme, und sie löschte das Pergament mit einem Wink ihres
Zauberstabs. Im Schein des Lichtes, den Mrs. Weasleys Zauber erzeugte, erhaschte Harry einen Schimmer von
etwas, das aussah wie der Plan eines Gebäudes.
Mrs. Weasley hatte seinen Blick gesehen.
Sie schob den Plan vom Tisch und stopfte ihn auch noch in Bills schon überladene Arme.
„Dieses Zeugs sollte nach dem Ende solcher Treffen sofort weggeräumt werden,“ schnappte sie, bevor sie zu einem
Geschirrschrank rauschte und anfing Teller, herauszunehmen . Bill nahm seinen Zauberstab , murmelte „Evanesco!“
und die Papierrollen verschwanden. „Setz dich, Harry“ , sagte Sirius. „Du hast Mundungus bereits getroffen, nicht
wahr?“
Das Ding, von dem Harry angenommen hatte, es sei ein Haufen Lumpen, gab einen langgezogenen grunzenden
Schnarcher von sich und fuhr dann aus dem Schlaf.
„Hat jem“nd mein“„ Nam“ gesagt?“ murmelte Mundungus schläfrig. „Sirius hat Recht...“Er streckte eine ziemlich
schmuddelige Hand in die Luft wie bei einer Abstimmung, seine blutunterlaufenen, versunkenen Augen wanderten
hin und her. Ginny kicherte. „Das Treffen ist vorbei, Dung,“ sagte Sirius , während sie sich alle rund um ihn setzten.
„Harry ist da.“ „Eh?“ sagte Mundungus, Harry unheilvoll durch sein struppiges Haar durch anfunkelnd. „Schande,
ist er. Jaah.. bist du okay, „Arry?“
„ Ja,“ sagte Harry.
Mundungus fingerte nervös in seinen Taschen herum, immer noch auf Harry starrend, und nahm eine rußschwarze
Pfeife heraus. Er steckte sie in seinen Mund, zündete ihr Ende mit seinem Zauberstab an und nahm einen tiefen Zug
daraus. Große Türme aus Wolken grünlichen Rauchs verdeckten ihn in Sekunden. „Bin dir „ne „ntschuldigung
schuldig,“ grunzte eine Stimme aus der Rauchwolke heraus. „Zum letzten Mal, Mundungus,“ rief Mrs. Weasley, „
wirst du bitte dieses Ding nicht in der Küche rauchen, besonders nicht, wenn wir uns ans Essen machen!“
„Ah“; sagte Mundungus. „Ruhig. Tut mir leid, Molly.“
Die Rauchwolke verschwand, als Mundungus seine Pfeife in die Tasche zurück stopfte, aber der beißende Geruch
nach verbrannten Socken hielt sich im Zimmer.
„Und falls ihr das Abendessen noch vor Mitternacht wollt, werde ich Hilfe brauchen,“ sagte FrauWeasley in den
Raum hinein. „Nein, nicht du, Harry, du bleibst, wo du bist, du hast eine lange Reise gehabt.“
„Wie kann ich dir helfen, Molly?“ fragte Tonks ,überschwänglich aufspringend.
Mrs. Weasley zögerte und schaute besorgt. „Äh - nein,ist okay, Tonks, mach auch Pause, du hast heute genug getan.“
„Nein, nein, ich will helfen!“ sagte Tonks fröhlich und warf einen Stuhl um, während sie zum Geschirrschrank lief,
aus dem Ginny Besteck herausnahm. Bald schnitt eine Reihe schwerer Messer von allein Fleisch und Gemüse,
überwacht von Mr. Weasley, während Mrs. Weasley einen Kessel, der über dem Feuer hing, umrührte und die
anderen Teller ,
sowie mehrere Kelche und Essen aus der Vorratskammer herausholten..
Harry war am Tisch zurückgeblieben, mit Sirius und Mundungus , der ihn immer noch düster anschaute. „Den alten
Figg gesehen seitdem?“ fragte er. „Nein,“ sagte Harry, „Ich habe niemanden gesehen.“
„Schau, ich wär“ nicht gegangen“ , sagte Mundungus und lehnte sich nach vorne , mit bittendem Ton in der Stimme,
„aber Geschäfte riefen
Haben mich gerufen-“
Harry fühlte etwas um seine Knie streichen und erschrak, aber es war nur Krummbein, Hermines bewegliche rote
Katze , die sich um Harrys Beine schlängelte und schnurrte und dann auf Sirius“ Schoß sprang und sich
zusammenrollte. Sirius kraulte sie geistesabwesend zwischen den Ohren und drehte sich , immer noch mit
grimmigem Gesicht, zu Harry um. „Hattest du soweit einen guten Sommer?“
„Nein , er war lausig,“ sagte Harry. Zum ersten Mal huschte der Schimmer eines Grinsens über Sirius“ Gesicht. „Ich
weiß ja nicht, worüber du dich beklagst.“
„Was?,“ fragte Harry ungläubig. „Ich für meinen Teil hätte mich über den Angriff eines Dementoren gefreut. Ein
tödlicher Kampf für meine Seele hätte die Langeweile verjagt. Du denkst, du hast es schwer gehabt, wenigstens
kanntest du raus, deine Beine bewegen, ein paar Kämpfe bestehen... Ich stecke hier seit einem Monat fest.“
„Warum?“ , fragte Harry stirnrunzelnd. „Weil das Zauberministerium immer noch hinter mir her ist und Voldemort
wird mittlerweile auch wissen, daß ich ein Animagus bin, Wurmschwanz hat ihn sicher informiert, jetzt ist meine
tolle Täuschung nutzlos. Es gibt für mich nicht viel zu tun für den Orden des Phönix... denkt jedenfalls
Dumbledore.“ Da war ein schwacher Unterton in Sirius“ Stimme ,als er Dumbledores Namen erwähnte, der Harry
sagte, daß auch Sirius mit dem Schulleiter nicht zufrieden war. Harry spürte eine Aufwallung von Zuneigung zu
seinem Paten. „Wenigstens bekommst du mit, was vorgeht,“ sagte er besänftigend. „Oh, ja,“ sagte Sirius sarkastisch.
„Indem ich Snapes Berichte anhöre, seine Seitenhiebe einstecken muß , daß er da draußen sein Leben riskieren muß,
während ich auf meinem Hintern sitze und es mir gemütlich mache... und er fragt mich wie es mit dem
Saubermachen voran geht- „
„Welches Saubermachen?“ fragte Harry.
„Saubermachen für menschliche Bewohnung“ , sagte Sirius, mit einer Hand auf die düstere Küche weisend. „Seit 10
Jahren hat hier niemand mehr gewohnt, nicht seit meine Mutter gestorben ist, außer du zählst ihren alten Hauself mit,
und der hat sich verzogen, schon seit Jahrzehnten hat er nichts mehr sauber gemacht!“
„Sirius,“ sagte Mundungus, der scheinbar dem Gespräch nur zugehört hatte, aber einen leeren Kelch genau
inspizierte:“Ist das massives Silber, Freundchen?“
„Ja,“ sagte Sirius, ihn mit Ekel musternd. „Feinstes von Kobolden bearbeitetes Silber aus dem 15. Jahrhundert,
geschmückt mit dem Wappen der Familie Black.“
„Das könnte man herunter nehmen,“ murmelte Mundungus, indem er es mit seinem Ärmel polierte.
„Fred- George- nein, tragt sie einfach!“ zischte FrauWeasley.
Harry, Sirius und Mundungus schauten sich um, und sprangen dann im Bruchteil einer Sekunde vom Tisch weg.
Fred und George hatten einen großen Kessel mit Eintopf, einen Zinnkrug mit Butterbier sowie ein schweres
Holzbrett, komplett mit Messer , verzaubert, sodaß alles durch die Luft sauste. Der Eintopf rutschte die ganze Länge
des Tisches entlang und kam genau am Ende zu stehen, eine schwarze Schmauchspur blieb auf der Oberfläche des
Tisches zurück, der Krug Butterbier fiel krachend um, sein Inhalt spritzte überall herum;das Brotmesser glitt vom
Holzbrett und landete, nach unten zeigend gefährlich schwankend, genau dort , wo sich Sekunden zuvor noch Sirius
Hand befunden hatte.
„UM HIMMELS WILLEN!“ schrie Mrs. Weasley. „ES GAB KEINEN GRUND DAFÜR- ICH HAB GENUG
DAVON - NUR WEIL IHR JETZT EURE ZAUBERSTÄBE BENUTZEN DÜRFT, HEIßT DAS NICHT, DAß IHR
DAS JETZT BEI JEDER KLEINIGKEIT TUN MÜSST!“
„Wir wollten nur ein bißchen Zeit sparen!“ sagte Fred und eilte vor, um das Brotmesser aus dem Tisch zu ziehen.
„Tut mir leid, Sirius, mein Freund- das wollte ich nicht-“
Harry und Sirius lachten beide; Mundungus, der rückwärts mit dem Stuhl umgekippt war, fluchte, als er sich
aufrichtete. Krumbein hatte einen zornigen Zisch von sich gegeben und war unter den Geschirrschrank geschossen,
von dort unten sah man seine gelben Augen in der Dunkelheit glühen.
„Jungs,“ sagte Mr.Weasley , und schob den Eintopf zur Mitte des Tisches zurück , „ eure Mutter hat Recht, ihr solltet
etwas mehr Verantwortung an den Tag legen, jetzt wo ihr so groß seid-“
„Von euren Brüdern hat keiner solchen Ärger gemacht!“ kreischte Mrs. Weasley die Zwillinge an, als sie einen
frischen Krug Butterbier auf den Tisch knallte und fast so viel wie vorher verschüttete. „Bill zauberte nicht auf
Schritt und Tritt! Charlie belegte nicht jeden den er traf mit Zaubern! Percy-“
Sie hielt inne, ihr Atmen stockte, als sie ihren Ehemann ängstlich anschaute, dessen Gesichtsausdruck plötzlich
versteinert war.
„Lasst uns essen,“ sagte Bill schnell.
„Schaut wunderbar aus, Molly,“ sagte Lupin, während er Eintopf auf einen Teller lud und an ihren Platz schob.“
Für ein paar Minuten wurde es still bis auf die Geräusche von Tellern und Besteck und dem Kratzen der Stühle, als
alle zum Essen Platz nahmen.
Dann wandte sich Mrs Weasley an Sirius. „Ich dachte, ich hätte Dir erzählt, daß irgendetwas in dem Schreibtisch
im Zeichensaal eingeschlossen ist; es raschelt und wackelt immer noch. Natürlich könnte es lediglich ein Irrwicht
sein, aber ich dachte, wir sollten Alastor bitten, einen Blick darauf zu werfen, bevor wir es herauslassen.“
„Wie Du meinst,“ sagte Sirius unverbindlich.
„Und die Vorhänge sind voller Zahnfeen,“ fuhr Mrs Weasley fort. „Ich denke, wir sollten morgen versuchen, sie
einzufangen.“
„Das kann ich kaum erwarten,“ sagte Sirius. Harry hörte Sarkasmus in seiner Stimme war sich aber nicht sicher, ob
die anderen es auch bemerkten. Gegenüber von Harry war Tonks dabei Hermine und Ginny zu unterhalten, indem
sie zwischen zwei Bissen ständig ihre Nase verwandelte. Jedesmal kniff sie ihre Augen mit dem gleichen
schmerzerfüllten Ausdruck zusammen, den sie in Harrys Schlafzimmer getragen hatte. Ihre Nase schwoll an zu
einem schnabelähnlichen Auswuchs, der an Snapes Nase erinnerte, schrumpfte wieder zusammen auf die Grösse
eines Pilzkopfes und dann sprossen eine gehörige Anzahl von Haaren aus jedem Nasenloch. Offenbar war dies eine
gelungene Unterhaltung zur Mahlzeit, denn schon bald wünschten sich Hermine und Ginny ihre Lieblingsnasen.
„Jetzt wieder die Schweineschnauze, Tonks.“
Tonks erfüllte den Wunsch und Harry, der gerade aufschaute, hatte den flüchtigen Eindruck, ein weiblicher Dudley
würde ihn über den Tisch hinweg angrinsen. Mr Weasley, Bill und Lupin diskutierten intensiv über Kobolde.
„Sie haben bisher noch nichts verraten,“ sagte Bill. „Ich kann noch nicht erkennen, ob sie daran glauben, daß er
zurückgekehrt ist, oder nicht. Natürlich kann es sein, daß sie überhaupt keine Position beziehen wollen. Halten sich
heraus.“
„Ich bin sicher, sie würden nie auf die Seite von Du-weisst-schon-wem wechseln,“ meinte Mr Weasley und
schüttelte seinen Kopf. „Sie haben ebenfalls Verluste erlitten; erinnert Ihr Euch an die Koboldfamilie, die er
letztesmal irgendwo in der Nähe von Nottingham ermordet hat?“
„Ich denke, es hängt davon ab, was ihnen angeboten wird,“ entgegnete Lupin. „Und ich rede jetzt nicht von Gold.
Wenn ihnen die Freiheiten versprochen werden, die wir ihnen seit Jahrhunderten verwehren, werden sie in
Versuchung geraten. Hast Du noch kein Glück mit Ragnok gehabt, Bill?“
„Er ist derzeit nicht gut auf die Zauberer zu sprechen,“ sagte Bill, „Er ist immer noch wütend über das Geschäft mit
Bagman, argwöhnt, daß das Ministerium die Sache vertuscht. Die Kobolde haben ihr Gold niemals bekommen,
müsst Ihr wissen -“
Ein Sturm aus Gelächter von der Tischmitte erstickte Bills restliche Worte. Fred, George, Ron und Mundungus
kringelten sich in ihren Stühlen.
„- und dann,“ keuchte Mundungus, während ihm die Tränen über das Gesicht flossen, „und dann fragt er mich, ihr
werdet es nicht glauben, er fragt mich „Woher hast du denn die vielen Kröten? Ein paar Hundesöhne haben mir
meine alle geklaut!“ Und ich entgegne „Haben alle Deine Kröten geklaut, Will. Und was jetzt? Willst Du jetzt
wieder ein paar neue haben?“ Und ob Ihr“s glaubt oder nicht, Jungs, dieser dämliche Wasserspeier kauft alle seine
Kröten von mir zurück für deutlich mehr Geld, als er ursprünglich bezahlt hat -“ „Ich denke, wir haben genug von
Deinen Geschäften gehört, vielen Dank, Mundungus,“ unterbrach Mrs Weasley scharf, als Ron unter brüllendem
Gelächter vornüber auf den Tisch kippte.
„Bitte vielmals um Verzeihung, Molly,“ erwiderte Mundungus sofort während er sich die Augen wischte und Harry
zuwinkte. „Aber Du mußt wissen, Will hat zuvor Warty Harris beklaut, so daß ich wirklich nichts Unrechtes getan
habe.“
„Ich weiß nicht, wo Du zwischen Gut und Böse unterscheiden gelernt hast, Mundungus, aber es hat den Anschein,
daß du einige grundlegende Lektionen versäumt hast,“ sagte Mrs Weasley kalt.
Fred und George verbargen ihre Gesichter hinter ihren Butterbierkelchen; George hatte Schluckauf. Aus irgendeinem
Grund bedachte Mrs Weasley Sirius mit einem bösen Blick, bevor sie aufstand um einen großen Rhabarberpudding
zu holen.
Harry schaute zu seinem Paten hinüber.
„Molly ist nicht begeistert von Mundungus,“ flüsterte Sirius.
„Wie kommt er in den Orden?,“ fragte Harry ganz leise.
„Er ist nützlich,“ murmelte Sirius. „Kennt alle Gauner - na ja, er ist selbst einer.
Aber er ist auch sehr loyal zu Dumbledore, der ihm einmal aus einer Klemme heraus geholfen hat. Es zahlt sich aus,
jemanden wie Dung dabei zu haben; er hört Dinge, die wir nicht hören. Aber Molly denkt, ihn zum Abendessen
einzuladen ging zu weit. Sie hat ihm nicht verziehen, daß er seine Pflichten vernachlässigt hat, als er dich
überwachen sollte.“
Nach drei Portionen Rhabarber- und Vanillepudding fühlte sich der Hosenbund an Harrys Jeans unangenehm eng an
(was durchaus erwähnenswert ist, da die Jeanshose früher Dudley gehörte). Als er seinen Löffel beiseite legte, war
eine Gesprächspause entstanden:
Mr Weasley lehnte sich in seinem Stuhl zurück und machte einen vollgestopften aber entspannten Eindruck; Tonks
gähnte ausgiebig, ihre Nase wieder im Normalzustand; und Ginny, die Krumbein unter der Anrichte hervorgelockt
hatte, saß mit übereinander geschlagenen Beinen auf dem Fußboden und versuchte, ihn mit Butterbierkorken zu
verjagen.
„Bald Zeit zum Schlafengehen, denke ich,“ sagte Mrs Weasley mit einem Gähnen.
„Noch nicht, Molly,“ warf Sirius ein, schob seinen leeren Teller von sich und drehte sich zu Harry um. „Weißt Du,
ich bin überrascht. Ich dachte, du würdest, kaum daß Du hier bist, alle möglichen Fragen über Voldemort stellen.“
Die Athmosphäre im Raum änderte sich so schnell, als ob Dementoren aufgetaucht wären. Wo eben noch eine
schläfrige Entspanntheit herrschte, schrillte nun Alarm, war alles gespannt.
Ein Schaudern lief rund um den Tisch bei der Erwähnung von Voldemorts Namen. Lupin, der gerade an seinem
Wein nippen wollte, senkte langsam sein Glas und blickte wachsam auf.
„Hab ich doch!,“ fuhr Harry entrüstet auf. „Ich habe Ron und Hermine gefragt, aber sie sagten, wir seien nicht
zugelassen für den Orden, so -“
„Und damit hatten sie auch Recht,“ unterbrach Mrs Weasley. „Ihr seid viel zu jung.“
Sie saß kerzengerade auf ihrem Stuhl, ihre Hände umklammerten die Armlehnen, jede Spur von Schläfrigkeit war
verflogen.
„Seit wann muß jemand Mitglied im Orden des Phönix sein, um Fragen stellen zu dürfen?,“ fragte Sirius. „Harry war
einen Monat lang in diesem Muggelhaus eingesperrt. Er hat ein Recht darauf zu erfahren, was passiert -“
„Einen Moment mal!“ unterbrach ihn George lautstark. „Wieso erhält Harry Antworten auf seine Fragen?“ warf
Fred zornig ein. „Wir haben einen ganzen Monat lang versucht, etwas aus Dir herauszubekommen und du hast uns
nicht ein einziges, verdammtes Wort erzählt!,“ polterte George.
„„Ihr seid zu jung, Ihr gehört nicht zum Orden“,“ rief Fred mit einer hohen Stimme, die auf unheimliche Weise der
seiner Mutter glich. „Harry ist noch nicht einmal volljährig!“ Seite 84 „Es ist nicht meine Schuld, daß Du nichts
über die Tätigkeit des Ordens weißt.,“ sagte Sirius ruhig. „Das war die Entscheidung Deiner Eltern. Harry, auf der
anderen Seite -“
„Es liegt nicht an Dir, zu entscheiden, was gut ist für Harry!,“ sagte Mrs Weasley scharf.
Der Ausdruck in ihrem sonst freundlichen Gesicht sah gefährlich aus. „Ich nehme doch an, Du hast nicht vergessen,
was Dumbledore sagte?“
„Was denn?,“ fragte Sirius höflich, aber mit der Miene eines Mannes, der sich auf einen Kampf vorbereitet.
„Harry nicht mehr zu erzählen, als er unbedingt wissen muß,“ sagte Mrs Weasley, die letzten drei Worte stark
betonend.
Die Köpfe von Ron, Hermine, Fred und George drehten sich von Sirius zu Mrs Weasley, als würden sie einen
Ballwechsel im Tennis verfolgen. Ginny kniete inmitten eines Haufens weggeworfener Butterbierkorken und
beobachtete die Unterhaltung mit leicht geöffnetem Mund. Lupins Blick verfolgte Sirius.
„Ich habe nicht die Absicht, ihm mehr zu erzählen als er unbedingt wissen muß, Molly,“ sagte Sirius. „Aber da er
derjenige ist, der Voldemorts Rückkehr sah“ - wieder lief ein kollektiver Schauder um den Tisch als der Name
ausgesprochen wurde - „hat er mehr Anrecht, als die meisten anderen, zu -“
„Er ist kein Mitglied im Orden des Phönix!,“ sagte Mrs Weasley. „Er ist erst fünfzehn und -“
„Und er hat sich genausoviel mit der Sache beschäftigt, wie die meisten im Orden,“ sagte Sirius, „und sogar mehr
noch als manch ein anderer.“
„Niemand streitet seine Leistungen ab!,“ sagte Mrs Weasley mit lauter werdender Stimme, ihre Fäuste zitternd auf
den Stuhllehnen. „Aber er ist noch -“
„Er ist kein Kind mehr!,“ sagte Sirius ungeduldig.
„Er ist aber auch noch nicht erwachsen!,“ rief Mrs Weasley mit errötenden Wangen. „Er ist nicht James, Sirius!“
„Danke Molly, aber ich weiß genau, wer er ist,“ erwiderte Sirius kalt.
„Dessen bin ich mir gar nicht so sicher!,“ sagte Mrs Weasley. „Die Art, wie Du manchmal über ihn redest, erweckt
den Eindruck, Du denkst, Du hättest Deinen besten Freund wieder zurückbekommen!“
„Was ist daran verkehrt?,“ fragte Harry.
„Verkehrt daran ist, daß Du nicht Dein Vater bist, Harry, auch wenn Du ihm noch so ähnlich bist!,“ sagte Mrs
Weasley, deren Augen immer noch Sirius anstarrten.
Seite 85 „Du gehst noch zur Schule, und das sollten diejenigen Erwachsenen, die verantwortlich für Dich sind,
nicht vergessen!“
„Willst Du damit sagen, ich sei ein verantwortungsloser Patenonkel?,“ fragte Sirius mit erhobener Stimme.
„Ich will damit sagen, daß du für dein voreiliges Handeln bekannt bist, Sirius, und deswegen ermahnt dich
Dumbledore auch ständig, zu Hause zu bleiben und -“
„Die Anweisungen, die ich von Dumbledore erhielt, sollten hier außen vor bleiben, wenn“s recht ist!,“ protestierte
Sirius lautstark.
„Arthur!,“ wandte sich Mrs Weasley an ihren Mann. „Arthur, bitte unterstütze mich!“
Mr Weasley entgegnete nicht sofort. Er nahm seine Brille ab und reinigte sie langsam an seinem Umhang ohne
dabei seine Frau anzusehen. Erst als er sie sorgfältig wieder auf seine Nase aufgesetzt hatte, antwortete er.
„Dumbledore weiß, daß sich die Situation verändert hat, Molly. Er ist damit einverstanden, daß Harry bis zu einem
gewissen Grad ins Bild gesetzt wird, jetzt, wo er sich im Hauptquartier aufhält.“
„Ja, aber das bedeutet noch nicht, ihn zu ermuntern, alles zu fragen was er möchte!“
„Ich persönlich denke,“ sagte Lupin ruhig, der endlich den Blick von Sirius löste, während sich Mrs Weasley ihm
rasch zuwandte in der Hoffnung, endlich einen Verbündeten zu finden, „es ist besser, Harry erfährt die Fakten - nicht
alle, Molly, aber in groben Zügen - von uns, als eine verfälschte Version von - von anderen.“
Sein Ausdruck war sanft, aber Harry spürte, daß zumindest Lupin bemerkte, wie Mrs Weasley grosse Ohren bekam.
„Nun,“ sprach Mrs Weasley, holte tief Luft und schaute rund um den Tisch nach Unterstützung, die jedoch nicht
kam, „Nun - ich sehe, mein Einwand wird abgewiesen. Ich sage nur soviel: Dumbledore hatte seine Gründe, nicht zu
wollen, daß Harry zu viel erfährt und er verhält sich wie jemand, dem Harrys Wohlergehen am Herzen liegt -“
„Er ist nicht Dein Sohn,“ erinnerte Sirius ruhig.
„Aber so gut, wie,“ schrie Mrs Weasley wütend. „Wen hat er denn sonst gehabt?“
„Er hatte mich!“
„Ja,“ entgegnete Mrs Weasley und kräuselte die Lippen, „die Sache ist nur so, daß es für Dich ziemlich schwierig
war, Dich um ihn zu kümmern, während Du in Askaban eingesperrt warst, oder?“
Sirius machte Anstalten, von seinem Stuhl hochzufahren.
„Molly, du bist nicht die einzige hier am Tisch, die sich Gedanken um Harry macht,“ sagte Lupin scharf. „Sirius, setz
dich“
Mrs Weasleys Unterlippe zitterte. Sirius sank langsam zurück auf seinen Stuhl, sein Gesicht war sehr blass.
„Ich denke, Harry sollte hierbei Mitspracherecht haben dürfen,“ fuhr Lupin fort, „er ist alt genug, selbst zu
entscheiden.“
„Ich will wissen, was los ist,“ sagte Harry sofort.
Er sah Mrs Weasley nicht an. Er war gerührt gewesen, als sie sagte, er sei so gut wie ein Sohn, aber ihre
Verhätschelung machte ihn auch ungeduldig. Sirius hatte Recht, er war kein Kind.
„Na schön,“ sagte Mrs Weasley mit brüchiger Stimme. „Ginny - Ron - Hermine - Fred - George - raus aus der
Küche. Jetzt.“
Sofort brach Aufruhr aus.
„Wir sind volljährig!“ brüllten Fred und George gleichzeitig.
„Wenn Harry darf, warum ich dann nicht?“ rief Ron.
„Ma, ich will es auch hören!“ jammerte Ginny.
„NEIN!“ schrie Mrs Weasley und stand mit funkelnden Augen auf. „Ich verbiete absolut - „
„Molly, du kannst es Fred und George nicht verbieten,“ sagte Mr Weasley müde. „Sie sind volljährig.“
„Sie gehen noch zur Schule“
„Aber vor dem Gesetz sind sie jetzt Erwachsene,“ sagte Mr Weasley, mit der gleichen müden Stimme.
Mrs Weasleys Gesicht war inzwischen dunkelrot.
„Ich - oh, na gut, Fred und George können bleiben, aber Ron - „
„Harry wird mir und Hermine sowieso alles erzählen, was ihr sagt!“ sagte Ron hitzig. „Oder - oder nicht?“ fügte er
unsicher hinzu, als er Harrys Blick traf.
Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte Harry, Ron zu antworten, daß er ihm nicht ein einziges Wort sage würde,
daß er eine Kostprobe davon bekommen könne, im Unklaren gelassen zu werden, und sehen, wie es ihm gefiel. Aber
der gemeine Impuls verschwand, als sie sich ansahen.
„Klar werde ich,“ sagte Harry.
Ron und Hermine strahlten.
„Gut“ rief Mrs Weasley. „Gut! Ginny - INS BETT!“
Ginny ging nicht ohne Protest. Sie konnten hören, wie sie den ganzen Weg die Treppen hoch gegen ihre Mutter
wetterte und tobte, und als sie die Diele erreichten, ergänzten Mrs Blacks ohrenbetäubende Schreie das Getöse.
Lupin eilte zu dem Bild, um wieder Ruhe herzustellen. Erst, als er zurückgekommen war, die Küchentür hinter sich
geschlossen hatte und wieder an seinem Platz am Tisch saß, sprach Sirius.
„OK, Harry... was willst du wissen?“
Harry holte tief Luft und stellte die Frage, von der er im letzten Monat besessen gewesen war.
„Wo ist Voldemort?“ fragte er und ignorierte das erneuten Schaudern und Zusammenfahren, als er den Namen
aussprach. „Was macht er? Ich habe versucht, bei den Muggels die Nachrichten zu sehen, und da war nichts, was
nach ihm aussah, keine komischen Todesfälle oder sonst was.“
„Das liegt daran, daß es bis jetzt keine komischen Todesfälle gab,“ sagte Sirius, „wenigstens nicht, soweit wir wissen
... und wir wissen eine ganze Menge.“
„Jedenfalls mehr als er glaubt,“ sagte Lupin.
„Wie kommt es, daß er keine Menschen mehr tötet?“ fragte Harry. Er wußte, daß Voldemort allein im letzten Jahr
mehr als einmal gemordet hatte.
„Weil er keine Aufmerksamkeit auf sich lenken will,“ sagte Sirius.
„Es wäre gefährlich für ihn. Seine Rückkehr ist nicht ganz so gelaufen, wie er es wollte, wie du weißt. Er hat es sich
verdorben.“
„Oder eher, du hast es für ihn verdorben,“ sagte Lupin mit einem zufriedenen Lächeln.
„Wie?“ fragte Harry verblüfft.
„Du solltest nicht überleben!“ sagte Sirius. „Niemand außer seinen Todessern sollte wissen, daß er zurückgekehrt ist.
Aber du hast überlebt und kannst es bezeugen.“
„Und der allerletzte Mensch, den er direkt in dem Moment seiner Ankunft vor ihm gewarnt haben wollte, war
Dumbledore,“ sagte Lupin. „Und du hast dafür gesorgt, daß Dumbledore sofort Bescheid wußte.“
„Wie konnte das helfen?“ fragte Harry.
„Machst du Witze?“ sagte Bill ungläubig. „Dumbledore war der einzige, vor dem Du-Weißt-Schon-Wer jemals
Angst hatte!“
„Dank deiner Hilfe konnte Dumbledore den Orden des Phönix eine Stunde nach Voldemorts Rückkehr wieder
einberufen,“ sagte Sirius.
„Also, was macht der Orden?“ sagte Harry und schaute in die Runde.
„So hart arbeiten wie wir können, um sicherzugehen, daß Voldemort seine Pläne nicht ausführen kann,“ sagte Sirius.
„Woher wißt ihr, was seine Pläne sind?“ fragte Harry schnell.
„Dumbledore hatte ein bestimmtes Gefühl,“ sagte Lupin, „und Dumbledores bestimmte Gefühle stellen sich
normalerweise als zutreffend heraus.“
„Und was glaubt Dumbledore, was er plant?“
„Also, zum einen will er seine Armee wieder aufbauen,“ sagte Sirius. „Früher gehorchten unglaublich viele seinem
Kommando: Hexen und Zauberer, die er so unter Druck gesetzt oder verhext hatte, daß sie ihm folgten, seine treuen
Todesser, viele verschiedene Dunkle Kreaturen. Du hast gehört, wie er plante, die Riesen anzuheuern; tja, sie werden
nur eine von den Gruppen sein, auf die er es abgesehen hat. Er wird ganz sicher nicht versuchen, das
Zaubereiministerium mit nur einem Dutzend Todesser zu erobern.“
„Also versucht ihr zu verhindern, daß er mehr Anhänger bekommt?!“
„Wir tun unser Bestes,“ sagte Lupin.
„Wie?“
„Nun, das Wichtigstes ist der Versuch, so viele Menschen wie möglich davon zu überzeugen, daß Du-Weißt-Schon-
Wer wirklich zurückgekehrt ist, sie wachsam zu machen,“ sagte Bill. „Das stellt sich jetzt aber als schwierig heraus.“
„Warum?“
„Wegen der Haltung des Ministeriums,“ sagte Tonks. „Du hast Cornelius Fudge gesehen, nachdem Du-Weißt-
Schon-Wer zurückkam, Harry. Also, er hat seine Haltung überhaupt nicht geändert. Er weigert sich hartnäckig zu
glauben, daß es geschehen ist.“
„Aber warum?“ sagte Harry verzweifelt. „Warum ist er so dumm? Wenn Dumbledore - „
„Ah, so, und genau da hast du das Problem,“ sagte Mr Weasley mit einem ironischen Lächeln. „Dumbledore.“
„Fudge hat Angst vor ihm, weißt du,“ sagte Tonks traurig.
„Angst vor Dumbledore?“ sagte Harry ungläubig.
„Angst vor dem, was er vorhat,“ sagte Mr Weasley. „Fudge denkt, Dumbledore plant eine Verschwörung, um ihn zu
stürzen. Er denkt, Dumbledore will Zaubereiminister werden.“
„Aber Dumbledore will nicht - „
„Natürlich will er nicht,“ sagte Mr Weasley. „Er wollte nie das Amt des Ministers haben, obwohl einige Leute
wollten, daß er es übernimmt, als Millicent Bagnold sich zur Ruhe gesetzt hat. Fudge kam statt dessen an die Macht,
aber er hat nie wirklich vergessen, wie viel öffentliche Unterstützung Dumbledore hatte, selbst ohne sich jemals für
die Stelle beworben zu haben.“
„Im Grunde weiß Fudge, daß Dumbledore viel klüger als er selbst ist, ein viel mächtigerer Zauberer, und in den
Anfangstagen seines Amtes hat er Dumbledore ständig um Hilfe und Rat gebeten,“ sagte Lupin. „Aber anscheinend
mag er inzwischen die Macht und ist viel sicherer geworden. Er ist liebend gern Zaubereiminister und hat es
geschafft, sich selbst einzureden, daß er der Schlaue ist und Dumbledore einfach nur spaßeshalber für
Schwierigkeiten sorgt.“
„Wie kann er das glauben?“ fragte Harry zornig. „Wie kann er glauben, daß Dumbledore alles nur erfinden würde -
daß ich alles nur erfinden würde?“
„Wenn er akzeptieren würde, daß Voldemort zurück ist, würde das Schwierigkeiten bedeuten, mit denen das
Ministerium seit fast vierzehn Jahren nicht mehr fertig werden mußte, deshalb,“ sagte Sirius bitter. „Fudge kann sich
nicht überwinden, diesen Tatsachen ins Auge zu sehen. Es ist ja so viel bequemer, sich einzureden, daß Dumbledore
lügt, um seine Position zu schwächen.“
„Du siehst das Problem,“ sagte Lupin. „Solange das Ministerium darauf besteht, daß von Voldemort nichts zu
befürchten ist, ist es schwer, die Menschen von seiner Rückkehr zu überzeugen, vor allen Dingen, weil sie es
wirklich nicht glauben wollen. Außerdem übt das Ministerium auf den Tagesprophet Druck aus, damit er nichts von
dem druckt, was sie als Dumbledores Gerüchteküche bezeichnen, also ist dem Großteil der Zauberer-Bevölkerung
überhaupt nicht bekannt, daß irgendetwas passiert ist, womit sie für die Todesser leichtes Ziel werden, wenn sie den
Imperius-Fluch benutzen.“
„Aber ihr sagt es doch den Leuten, oder?“ sagte Harry, und schaute auf Mr Weasley, Sirius, Bill, Mundungus, Lupin
und Tonks. „Ihr sagt den Menschen, daß er zurück ist?“
Alle lächelten freudlos.
„Also, wo jeder glaubt, daß ich ein Massenmörder bin und das Ministerium zehntausend Gallonen Kopfgeld auf
mich ausgesetzt hat, kann ich kaum die Straße entlang schlendern und anfangen, Flugblätter zu verteilen, oder?“
sagte Sirius unruhig.
„Und ich bin für die meisten kein besonders beliebter Gast zum Abendessen,“ sagte Lupin. „Das gehört zu den
Berufsrisiken von Werwölfen.“
„Tonks und Arthur würden ihre Arbeitsplätze beim Ministerium verlieren, wenn sie anfangen würden zu erzählen,“
sagte Sirius, „und für uns ist es sehr wichtig, Spione im Ministerium zu haben, weil du darauf wetten kannst, daß
Voldemort sie auch hat.“
„Aber wir haben es geschafft, einige Leute zu überzeugen,“ sagte Mr Weasley. „Tonks hier zum einen - sie ist zu
jung, um schon beim letzten Mal im Orden des Phönix gewesen zu sein, und Auroren auf unserer Seite zu haben, ist
ein großer Vorteil - Kingsley Shacklebolt war auch ein wirklicher Gewinn; er ist zuständig für die Suche nach Sirius,
also hat er das Ministerium mit Informationen versorgt, daß Sirius in Tibet ist.“
„Aber wenn keiner von euch die Nachricht verbreitet, daß Voldemort zurück ist - „ fing Harry an.
„Wer sagt, daß keiner von uns die Nachricht verbreitet?“ sagte Sirius. „Was glaubst du, warum Dumbledore in
solchen Schwierigkeiten ist?“
„Was meinst du?“ fragte Harry
„Sie versuchen, ihn in Verruf zu bringen,“ sagte Lupin. „Hast du letzte Woche nicht den Tagespropheten gelesen?
Sie haben berichtet, daß er abgewählt wurde als Vorsitzender des Internationalen Bundes von Zauberern, weil er alt
wird und die Dinge nicht mehr im Griff hat, aber das ist nicht wahr; er wurde von Zauberern des Ministeriums
abgewählt, nachdem er eine Rede hielt, in der er Voldemorts Rückkehr verkündete. Sie haben ihn zurückgestuft als
Oberster Zauberer(?) im Hohen Rat der Zauberer - was das Oberste Gericht der Zauberer ist - und überlegen nun,
ihm den Erlaß des Merlins, Erste Klasse, (?) abzunehmen.
„Aber Dumbledore sagt, es ist ihm egal, was sie machen, solange sie ihn nicht von den Schokoladen-Frosch-Karten
verbannen,“ sagte Bill grinsend.
„Das ist nicht zum Lachen,“ sagte Mr Weasley scharf. „Wenn er sich weiterhin dem Ministerium so widersetzt,
könnte er in Askaban enden, und das Letzte, was wir wollen, ist Dumbledore hinter Gittern. Solange Du-Weißt-
Schon-Wer weiß, daß Dumbledore da draußen ist und weiß, was er vorhat, wird er vorsichtig sein. Wenn
Dumbledore aus dem Weg ist - nun, dann wird Du-Weißt-Schon-Wer freie Bahn haben.“
„Aber wenn Voldemort versucht, mehr Todesser für sein Gefolge zu finden, muß es doch herauskommen, daß er
wieder da ist, oder?“ fragte Harry verzweifelt.
„Voldemort wandert nicht los zu den Häusern der Leute und klopft laut an ihre Türen, Harry,“ sagte Sirius. „Er
trickst sie aus, verhext und erpresst sie. Er hat Übung damit, im Verborgenen zu arbeiten. Auf jeden Fall ist das
Versammeln von Anhängern nur eine Sache, die er vorhat. Er hat auch noch andere Pläne, Pläne, deren Ausübung er
sehr unauffällig anfangen kann, und auf die konzentriert er sich zur Zeit.“
„Was will er noch außer Anhängern?“ fragte Harry schnell. Er glaube, daß er Sirius und Lupin einen sehr flüchtigen
Blick tauschen sah, bevor Sirius antwortete.
„Sachen, die er nur durch Diebstahl bekommen kann.“
Als Harry immer noch verwirrt aussah, sagte Sirius „Wie eine Waffe. Etwas, das er letztes Mal nicht hatte.“
„Als er schon einmal an der Macht war?“
„Ja.“
„Was für eine Waffe?“ fragte Harry. „Etwas Schlimmeres als den Avada Kedavra - ?“
„Das reicht jetzt!“
Mrs Weasley Stimme kam aus dem Schatten neben der Tür. Harry hatte nicht bemerkt, daß sie zurück war und
Ginny hinaufgebracht hatte. Sie hatte ihre Arme verschränkt und sah aufgebracht aus.
„Ihr geht jetzt ins Bett. Alle,“ fügte sie hinzu und sah sich zu Fred, George, Ron und Hermine um.
„Du kannst uns nicht herum - „ fing Fred an.
„Laß es drauf ankommen,“ knurrte Mrs Weasley. Sie zitterte leicht, als sie zu Sirius schaute. „Du hast Harry
reichlich Informationen gegeben. Noch ein paar, und du kannst ihn genauso gut direkt in den Orden einführen.“
„Warum nicht?“ fragte Harry schnell. „Ich trete bei, ich will beitreten, ich will kämpfen.“
„Nein.“
Dieses Mal sprach nicht Mrs Weasley, sondern Lupin.
„Der Orden besteht nur aus volljährigen Zauberern,“ sagte er. „Zauberer, die die Schule hinter sich haben,“ ergänzte
er, als Fred und George den Mund öffneten. „Es geht um Gefahren, von denen ihr keine Vorstellung haben könnt,
keiner von euch. Ich denke, Molly hat recht, Sirius. Wir haben genug gesagt.“
Sirius zuckte knapp die Schultern, aber machte keine Einwände. Mrs Weasley winkte befehlend zu ihren Söhnen und
Hermine hinüber. Einer nach dem anderen stand auf, und Harry, der die Niederlage einsah, folgte direkt.
Kapitel 6 - Das noble und uralte Haus derer von Black
Mrs Weasley folgte ihnen mit grimmiger Miene nach oben.
„Ihr geht alle schnurstracks ins Bett, keine langen Gespräche mehr,“ sagte sie,als sie den ersten Treppenabsatz
erreichten, „wir haben morgen einen arbeitsreichen Tag vor uns. Ich nehme an, Ginny schläft,“ fügte sie an Hermine
gewandt hinzu, „also versuch, sie nicht aufzuwecken.“
„Schläft schon, na klar,“ flüsterte Fred, nachdem Hermine ihnen gute Nacht gewünscht hatte und sie zum nächsten
Stockwerk hinaufstiegen. „Wenn Ginny nicht wachliegt und darauf wartet, daß Hermine ihr alles erzählt was sie
unten gesagt haben, dann bin ich ein Flubberwurm...“
„Also, Ron, Harry,“ sagte Mrs Weasley auf dem zweiten Treppenabsatz. „Ins Bett mit euch.“
„Nacht,“ sagten Harry und Ron zu den Zwillingen.
„Schlaft schön,“ sagte Fred und zwinkerte.
Mrs Weasley schloss die Tür hinter Harry mit einem scharfen Knallen. Das Schlafzimmer sah auf den zweiten Blick
sogar noch feuchter und düsterer aus.
Das leere Bild an der Wand atmete nun tief und langsam, als sei sein unsichtbarer Bewohner eingeschlafen. Harry
zog seinen Schlafanzug an, nahm seine Brille ab und kletterte in sein klammes Bett, während Ron Eulen-Leckerli auf
den Schrank warf um Hedwig und Pigwidgeon zu beruhigen, die umherhüpften und unruhig mit den Flügeln
schlugen.
„Wir können sie nicht jede Nacht zum Jagen rauslassen,“ erklärte Ron und schlüpfte in seinen kastanienbraunen
Schlafanzug. „Dumbledore will nicht, daß dauernd Eulen über dem Platz herumschweben, der findet, es würde
verdächtig aussehen. Hey...ich hab was vergessen...“
Er ging zur Tür hinüber und verriegelte sie.
„Warum machst du das?“
„Kreacher,“ sagte Ron und machte das Licht aus. „In der ersten Nacht, wo ich hier war, kam er morgens um drei hier
reinspaziert. Glaub mir, aufwachen und den im Zimmer herumschnüffeln zu sehen. Wie auch immer...“ er stieg in
sein Bett, verkroch sich in die Decken und drehte sich dann im Dunkeln zu Harry um. Im Mondlicht, daß durch das
schmutzige Fenster fiel, konnte Harry seinen Umriss erkennen.
„Was hältst du davon?“
Harry mußte nicht fragen was Ron meinte.
„Naja, sie haben uns nicht viel erzählt, was wir nicht selber erraten hätten, oder?“ sagte er und dachte an alles, was
unten gesagt worden war. „Ich meine, alles was sie wirklich gesagt haben ist, daß der Orden versucht, Leute dran zu
hindern, sich Vol...“
Ron sog scharf die Luft ein.
..“.demort,“ sagte Harry fest. „Wann fängst du mal an, seinen Namen zu auszusprechen? Sirius und Lupin tun es.“
Ron ignorierte diesen letzten Kommentar.
„Ja, du hast recht,“ sagte er, „wir wußten schon fast alles, was sie uns gesagt haben, wegen der verlängerten Ohren.
Das einzig Neue war...“
Krach
„AUTSCH!“
„Sei leise, Ron, oder Mum kommt wieder rauf!“
„Ihr zwei seid gerade auf meinen Knien appariert!“
„Je, nun, im Dunkeln ist es schwerer.“
Harry sah die verschwommenen Umrisse von Fred und George, die von Ron“s Bett sprangen. Die Bettfedern
stöhnten und Harrys Matratze sank ein paar Zentimeter, als George sich neben seine Füsse setzte.
„So, seid ihr schon dabei?“ fragte George eifrig.
„Bei der Waffe, die Sirius erwähnt hat? sagte Harry.
„Hat durchsickern lassen, das trifft“s eher,“ sagte Fred mit Befriedigung und sass nun neben Ron. „Davon haben wir
noch nichts gehört, mit den ollen Verlängerten, was?
„Was meint ihr, was ist es?“ fragte Harry.
„Könnte alles mögliche sein,“ sagte Fred.
Aber es kann doch nichts Schlimmeres geben als den Avada Kedavra Fluch, oder?“ fragte Ron? „Was ist schlimmer
als der Tod?“
„Vielleicht ist es etwas, das jede Menge Leute auf einmal töten kann,“ schlug George vor.
„Vielleicht ist es eine besonders schmerzhafte Art und Weise, Menschen umzubringen,“ sagte Ron ängstlich.
„Er hat den Cruciatus-Fluch um Leuten Schmerz zuzufügen,“ sagte Harry, „er braucht nichts Wirkungsvolleres als
das.“
Es gab eine Pause und Harry wußte, daß die anderen, so wie er selbst, sich fragten, was für schreckliche Dinge diese
Waffe anstellen konnte.
„Also, was meint ihr, wer hat sie jetzt?“ fragte George.
„Ich hoffe, das Ding ist auf unserer Seite,“ sagte Ron und klang ein wenig nervös.
„Wenn ja, dann wird wahrscheinlich Dumbledore sie haben.“ sagte Fred.
„Wo denn?“ sagte Ron schnell. „In Hogwarts?“
„Ich wette, das ist es!“ sagte George. „Da hat er den Stein der Weisen auch versteckt.“
„Aber eine Waffe wäre viel größer als der Stein, oder?“ sagte Ron.
„Nicht unbedingt,“ sagte Fred.
„Ja, Größe sagt nichts über Kraft aus,“ sagte George. „Schaut euch Ginny an.“
„Was meinst du?“ fragte Harry.
„Du hast noch nie einen von ihren Fledermauspopel-Flüchen abgekriegt, was?“
„Pssst!“ sagte Fred und rutschte halb vom Bett. „Hört mal!“
Sie waren mucksmäuschenstill. Schritte kamen die Treppe herauf.
„Mum,“ sagte George und ohne jegliche Ankündigung gab es einen lauten Knall. Harry fühlte, wie das Gewicht vom
Ende des Bettes verschwand. Ein paar Sekunden später hörten sie vor ihrer Tür eine Diele knarren. Offensichtlich
lauschte Mrs Weasley an Tür, ob sie noch miteinander sprachen.
Hedwig und Pigwidgeon schuhuten klagend. Die Diele knarrte wieder und sie hörten, wie sie hinaufging um bei Fred
und George zu horchen.
„Sie traut uns überhaupt nicht, weißt du,“ sagte Ron bedauernd.
Harry war sich sicher, daß er es nicht schaffen würde, einzuschlafen; der Abend war so vollgestopft gewesen mit
Dingen, über die er nachdenken mußte, daß er sicher war, daß er noch stundenlang wachliegen und darüber
nachgrübeln würde. Er wollte sich weiter mit Ron unterhalten, aber Mrs Weasley tappte knarrend nach unten und als
sie weg war, hörte er deutlich andere nach oben steigen...tatsächlich, vielbeinige Geschöpfe trabten leise den Flur
hinter der Schlafzimmertür auf und ab, und Hagrid, der Lehrer für Hege und Pflege magischer Wesen sagte: „Kleene
Schönheiten, wa,, Harry? Dieset Jahr nehmwa Waffen durch...“ und Harry sah, daß die Wesen Kanonen als Köpfe
hatten und sich zu ihm umdrehten... er duckte sich...
Das nächste, was er wußte, war, daß er unter der Decke zu einem kuschelig-warmen Ball zusammengerollt war und
Georges laute Stimme den Raum erfüllte.
„Mum sagt, ihr sollt aufstehen, euer Frühstück ist in der Küche und dann braucht sie euch im Salon, da sind noch
viel mehr Zahnfeen als sie dachte und sie hat ein Nest mit toten Plusterbällchen unter dem Sofa gefunden.“
Eine halbe Stunde später hatten Harry und Ron sich schnell angezogen und gefrühstückt und betraten den Salon,
einen langen Saal im ersten Stock, mit hoher Decke und olivgrünen Wänden, an denen schmutzige Wandteppiche
hingen. Aus dem Teppich stiegen bei jedem Schritt Staubwolken auf und in den langen, moosgrünen Samtvorhängen
brummte es, als wäre darin ein Schwarm unsichtbarer Bienen verborgen. Mrs Weasley, Hermine, Ginny, Fred und
George standen davor und sahen dabei sehr merkwürdig aus, denn jeder hat sich ein Tuch über Mund und Nase
gebunden. Jeder hatte ausserdem eine große Flasche voll schwarzer Flüssigkeit mit einer Sprühdüse am Deckel in
der Hand.
„Bedeckt eure Gesichter und fangt an zu sprühen,“ sagte Mrs Weasley zu Harry und Ron, kaum daß sie sie erblickt
hatte und zeigte auf zwei weitere Flaschen mit schwarzer Flüssigkeit, die auf einem spinnenbeinigen Tischchen
standen. „Es ist Zahnfeentod. Ich habe noch nie einen so schlimmen Befall gesehen - was hat dieser Hauself bloß in
den letzten zehn Jahren gemacht...?“
Hermines Gesicht war von einem Geschirrtuch halb verdeckt, aber Harry konnte deutlich den vorwurfsvollen Blick
sehen, den sie Mrs Weasley zuwarf.
„Kreacher ist so alt, er hat es wahrscheinlich einfach nicht mehr geschafft...“
„Du wärst überrascht, was Kreacher alles schaffen kann, wenn er nur will, Hermine,“ sagte Sirius, der gerade den
Raum betreten hatte, eine blutfleckige Tasche über der Schulter, die offenbar tote Ratten enthielt. „Ich habe gerade
Schnäbelchen gefüttert,“ fügte er hinzu, als er Harrys fragenden Blick sah. „Den habe ich oben im Schlafzimmer
meiner Mutter einquartiert. Jedenfalls...dieser Schreibtisch...“
Er lie die Tasche mit den Ratten auf einen Sessel fallen und bückte sich, um das verschlossene Schränkchen
anzusehen. Harry fiel erst jetzt auf, daß es leicht zitterte.
„Also, Molly, ich bin ziemlich sicher, das ist ein Boggart,“ sagte Sirius und spähte durch das Schlüsselloch, „ aber
vielleicht sollten wir Mad-Eye einen Blick drauf werfen lassen, bevor wir ihn rauslassen, so wie ich meine Mutter
kenne, könnte es auch etwas viel Schlimmeres sein.
„Du hast völlig recht, Sirius,“ sagte Mrs Weasley.
Sie sprachen beide ein einem bemüht leichten, höflichen Tonfall, der Harry überdeutlich wissen ließ, daß keiner der
beiden ihre Auseinandersetzung von letzter Nacht vergessen hatten.
Eine laute, scheppernde Glocke erklang von unten, gefolgt von einem Strom aus Geschrei und Schluchzern, wie er
letzte Nacht von Tonks ausgelöst worden war, als sie den Schirmständer umgestoßen hatte.
„Ich sag“s ihnen immer wieder, sie sollen nicht an der Tür läuten!“ sagte Sirius entnervt und eilte aus dem Raum. Sie
hörten ihn die Treppe hinunterjagen, während Mrs Blacks Kreischen aufs Neue durch das Haus gellte.
„Schandflecke, dreckige Mischlinge, Verräter unseres Blutes, Kinder des Abschaums...“
„Mach bitte die Tür zu, Harry,“ sagte Mrs Weasley.
Harry ließ sich beim Schließen der Tür so viel Zeit, wie er sich getraute; er wollte zuhören, was unten geschah. Sirius
hatte es offenbar geschafft, die Vorhänge vor dem Portrait zu schliessen, denn sie hatte aufgehört zu schreien. Er
hörte wie Sirius die Eingangshalle entlang ging, das Klappern der Kette an der Eingangstür und dann eine tiefe
Stimme, die er als die von Kingsley Shacklebolt erkannte. „Hestia hat mich gerade abgelöst, also hat sie jetzt
Moodys Mantel, dachte mir, ich hinterlasse einen Bericht für Dumbledore...“
Harry fühlte den Blick von Mrs Weasley im Nacken und schloss widerwillig die Salontür, um sich wieder der
Zahnfeejagd anzuschließen.
Mrs Weasley beugte sich über Gilderoy Lockharts Handbuch der Haushaltsschädlinge, das auf dem Sofa lag, um die
Seite über Zahnfeen nachzulesen.
„Also, Kinder, ihr müsst euch vorsehen, Zahnfeen beissen und ihre Zähne sind giftig. Ich habe eine Flasche mit
einem Gegenmittel da, aber mir wäre es lieber, keiner würde es brauchen.
„Hallo Kreacher,“ sagte Fred ziemlich laut und schlug die Tür zu.
Der Haus-Elf blieb wie angewurzelt stehen, hörte auf vor sich hin zu murmeln und überraschte mit einer sehr
betonten aber um so weniger überzeugenden Begrüßung.
„Kreacher hat den jungen Herrn nicht gesehen,“ sagte er sich umdrehend und vor Fred verbeugend. Noch immer zum
Teppich gewandt fügte er, sehr gut zu verstehen, hinzu: „Das garstige kleine Balg eines Verräters ist er.“
„Entschuldigung?“ sagte George. „Ich hab den Rest nicht verstanden.“
„Kreacher hat nichts gesagt,“ erwiderte der Elf mit einer weiteren Verbeugung zu George und fügte mit einem
abschätzigen Unterton hinzu: „und da ist sein Zwillingsbruder, unnatürliche kleine Bestien sind sie.“
Harry wußte nicht ob er lachen sollte oder nicht. Der Elf richtete sich sie alle missgünstig anblickend auf und fuhr
fort zu murmeln, da er offensichtlich davon überzeugt war daß sie ihn nicht hören konnten.
..“.und da ist das Schlammblut, unverschämt steht es herum, oh, wenn die Herrin wüsste, oh, wie sei weinen würde,
und da ist ein neuer Junge, Kreacher kennt seinen Namen nicht. Was tut er hier? Kreacher weiss es nicht...“
„Das ist Harry, Kreacher,“ sagte Hermine freundlich, „Harry Potter.“
Kreachers blasse Auge weiteten sich und er murmelte schneller und wütender als je zu
zuvor.
„Das Schlammblut spricht mit Kreacher als ob sie mein Freund wäre, wenn Kreachers Herrin ihn in solcher
Gesellschaft sähe, oh, was würde sie sagen-“
„Nenn sie nicht Schlammblut!“ sagten Ron und Ginny im Chor, äußerst verärgert.
„Das macht nichts,“ flüsterte Hermine, „Er ist nicht ganz richtig im Kopf, er weiss nicht-“
„Mach dich nicht lächerlich, Hermine, er weiss ganz genau was er sagt,“ sagte Fred, Kreacher mit großem
Widerwillen betrachtend.
Kreacher babbelte immer noch vor sich hin, seine Augen auf Harry gerichtet.
„Ist es wahr? Ist es Harry Potter? Kreacher kann die Narbe sehen, es muß also wahr sein, daß ist der Junge der den
Dunklen Lord gestoppt hat, Kreacher fragt sich, wie er das angestellt hat-“
„Tun wir das nicht alle Kreacher?“ wollte Fred wissen.
„Was willst du überhaupt hier?“ fragte George.
„Kreacher putzt“ antwortete er ausweichend.
„Eine sehr wahrscheinliche Geschichte,“ sagte eine Stimme hinter Harry.
Sirius war zurück gekehrt; er betrachtete den Elfen finster aus dem Türbogen. Der Lärm in der Halle war versiegt;
vielleicht hatte Mrs Weasley und Mundungus ihren Streit runter in die Küche verlegt.
Als er Sirius erblickte warf Kreacher sich in eine lächerlich tiefe Verbeugung und seine schnauzengleiche Nase
wurde auf den Fussboden gepresst.
„Stell dich grade hin,“ sagte Sirius ungeduldig. „Nun, was hast du also vor?“
„ Kreacher putzt,“ antwortete der Elf. „Kreacher lebt um dem Edlen Haus der Blacks-“
„Und es wird von Tag zu Tag schwärzer, es ist schmutzig“ sagte Sirius.
„Der Herr mochte diesen kleinen Witz schon immer,“ sagte Kreacher, sich wiederum verbeugend, und fuhr in einem
Unterton fort: „Der Herr war ein garstiges undankbares Schwein der das Herz seiner Mutter gebrochen hat-“
„Meine Mutter hatte kein Herz, Kreacher,“ versetzte Sirius. „Sie hielt sich nur durch pure Bosheit am Leben.
Kreacher verbeugte sich wieder während er sprach.
„Was auch immer der Herr sagt,“ murmelte er aufgebracht. „Der Herr ist es nicht wert Schleim von den Stiefeln
seiner Mutter zu wischen, oh, meine arme Herrin, wenn sie sähe daß Kreacher ihm dient, wie sie ihn gehasst hat, was
er für eine Enttäuschung gewesen ist-“
„Ich habe dich gefragt, was du vor hattest,“ sagte Sirius kalt. „Jedes Mal wenn du dich zeigst und so tust, als ob du
putzt, schmuggelst du irgendwas auf dein Zimmer damit wir es nicht rausschmeißen können.“
„Kreacher würde nie etwas von seinem angestammten Platz im Haus seines Meisters bewegen,“ sagte der Elf,
murmelte dann sehr schnell: „Die Herrin würde Kreacher nie vergeben wenn der Wandteppich runtergerissen würde,
er ist seit sieben Jahrhunderten im Familienbesitz, Kreacher muß ihn retten, Kreacher wird nicht zulassen, daß der
Herr, die Blutverräter und die Balgen ihn zerstören-“
„Ich dachte mir schon daß es das sein könnte,“ sagte Sirius, einen verachtenden Blick auf die gegenüberliegende
Wand werfend. „Sie wird seine Rückseite mit einem weiteren Permanenten Anklebe Zauber belegt haben, da habe
ich keine Zweifel, aber wenn ich ihn irgendwie loswerden kann tue ich das auch. Und jetzt verzieh dich, Kreacher.“
Es schien so als würde Kreacher es nicht wagen einem direkten Befehl nicht zu gehorchen; trotzdem war der Blick,
den er Sirius zuwarf als er an ihm vorbei aus dem Raum schlurfte voll von tiefster Abscheu und er murmelte auf dem
ganzen Weg aus dem Raum:
„-kommt zurück aus Askaban und scheucht Kreacher herum, oh, meine arme Herrin, was würde sie sagen wenn sie
ihr Haus jetzt sähe, Abschaum darin lebend, ihre Schätze herausgeworfen, sie hat geschworen daß er nicht ihr Sohn
sei und er ist zurück, sie sagen sogar das er ein Mörder ist-“
„Murre nur weiter und ich werde zum Mörder!“ erwiderte Sirius reizbar als er die Tür hinter dem Elfen zuknallte.
„Sirius, er ist nicht ganz richtig im Kopf,“ verteidigte ihn Hermine, „Ich glaube nicht daß er versteht, daß wir ihn
hören können.“
„Er war zulange allein,“ antwortete Sirius, „bekam verrückte Befehle vom Portrait meiner Mutter und sprach mit
sich selbst, aber er war schon immer ein fauler kleiner-“
„Aber wenn du ihn freilassen würdest,“ sagte Hermine hoffnungsvoll, „vielleicht-“
„Wir können ihn nicht freilassen, er weiss zu viel über den Orden,“ entgegnete Sirius kurz angebunden. „Und
überhaupt, der Schock würde ihn töten. Schlag du ihm vor das Haus zu verlassen, mal sehen wie er es verkraftet.“
Sirius durchquerte das Zimmer dorthin wo der Wandteppich, den Kreacher zu verteidigen versucht hatte, die Wand
bedeckte. Harry und die anderen folgten ihm.
Der Teppich sah sehr alt aus; er war verblichen und sah aus als ob Zahnfeen ihn angenagt hätten. Wie auch immer,
der goldene Faden, mit der er bestickt war funkelte immer noch hell genug um ihnen einen ausgedehnten
Stammbaum zu zeigen, der (soweit Harry zu sehen vermochte) bis ins Mittelalter zurück reichte. Große Worte am
oberen Ende des Teppich lasen
Das Edle und Altehrwürdige Haus derer von Black
„Toujours pur“
„Du bist hier nicht drauf!“ stellte Harry fest, nachdem er das Ende des Stammbaums genau betrachtet hatte.
„Ich war früher dort,“ sagte Sirius, während er auf ein kleines, rundes, angesengtes Loch deutete, das eher wie ein
Brandfleck von einer Zigarette aussah. „Meine süße, alte Mutter hat mich ausgebrannt nachdem ich von Zuhause
weggelaufen bin - Kreacher liebt es die Geschichte vor sich hin murmelnd rum zu erzählen.
„Du bist von Zuhause ausgerissen?“
„Als ich ungefähr sechzehn war,“ antwortete Sirius. „Ich hatte genug.“
„Wo bist du hingegangen?“ fragte Harry, der Sirius anstarrte.
„Zu deinem Vater,“ sagte Sirius. „Deine Großeltern war mir sehr wohl gesonnen; sie haben mich sozusagen als
zweiten Sohn adoptiert. Ja, ich hab die Schulferien bei deinem Vater verbracht, und als ich siebzehn war, hab ich mir
etwas Eigenes zugelegt. Mein Onkel Alphard hat mir ein ordentliches Bißchen Gold hinterlassen - er ist hier auch
ausradiert worden, das ist vermutlich der Grund - wie auch immer, danach hab ich mich um mich selbst gekümmert.
Aber ich war trotzdem immer bei Mr und Mrs Potter zum Sonntagsessen willkommen.
„Aber...warum bist du...?“
„Fortgegangen?“ Sirius lächelte bitter und strich sich mit den Fingern durch seine langen, ungekämmten
Haare. „Weil ich die ganze Bande gehasst habe: Meine Eltern, mit ihrer Reinblüter-Manie, überzeugt davon daß ein
Black zu sein einen praktisch königlich machte... meinen idiotischen Bruder, der weich genug war ihnen zu
glauben... das ist er.“
Sirius stieß einen Finger ganz am Ende des Stammbaums, auf den Namen „Regulus Black.“ Ein Todesdatum (vor
ungefähr fünfzehn Jahren) folgte dem Geburtsdatum.
„Er war jünger als ich,“ sagte Sirius, „und ein wesentlich besserer Sohn wie man mich immer wieder erinnerte.“
„Aber er starb.“ sagte Harry.
„Ja,“ erwiderte Sirius, „dämlicher Idiot... er wurde ein Todesser.“
„Du machst Witze!“
„Komm schon Harry, hast du noch nicht genug von diesem Haus gesehen um sagen zu können was für eine Sorte
Zauberer wir waren?“ fragte Sirius gereizt.
„Waren- waren deine Eltern auch Todesser?“
„Nein, nein, aber glaub mir, sie dachten schon das Voldemort die richtige Idee hatte, sie waren völlig für die
Reinhaltung der Zaubererrasse, menschlich Geborene loswerden und Reinblüter an die Macht. Sie waren damit auch
nicht allein, es gab ziemlich viele Leute, die dachten das Voldemort den richtigen Ansatz hatte, bevor er seine waren
Absichten zeigte...sie haben aber kalte Füsse bekommen als sie sahen, was er bereit war zu tun um an die Macht zu
gelangen. Aber meine Eltern dachten am Anfang das Regulus ein kleiner Held war weil er Mitglied wurde.“
„Wurde er von einem Auror getötet?“ fragte Harry erregt.
„Oh nein,“ antwortete Sirius. „Nein, Voldemort hat ihn umgebracht. Oder eher auf Voldemorts Befehl; ich
bezweifle, daß Regulus jemals wichtig genug war um von Voldemort persönlich getötet zu werden. Nach dem was
ich nach seinem Tod herausgefunden habe, kam er rein, bekam dann Panik vor dem was er tun sollte und versuchte
wieder herauszukommen.
Du kannst bei Voldemort nicht einfach deine Kündigung einreichen. Das ist lebenslange Dienerschaft oder Tod.“
„Mittagessen,“ sagte Mrs Weasleys Stimme.
Sie hielt ihren Zauberstab hoch vor sich, auf seiner Spitze ein großes Tablett balancierend, das mit Sandwiches und
Kuchen beladen war. Ihr Gesicht war sehr rot und sie blickte noch immer ärgerlich drein. Die anderen gingen zu ihr,
begierig nach dem Essen, aber Harry blieb bei Sirius, der sich zu dem Gobelin vorgebeugt hatte.
„Ich habe das schon seit Jahren nicht mehr angesehen … Da ist Phineas Nigellus … mein Ur-Ur-Großvater, weißt
du? … unbeliebtester Schulleiter, den Hogwarts je hatte … und Araminta Meliflua … Cousine meiner Mutter …
versuchte ein Ministeriums-Gesetz zu erzwingen, das die Muggel-Jagd legalisieren sollte … und die liebe Tante
Elladora … sie begann mit der Tradition Hauselfen zu enthaupten, wenn sie zu alt wurden um den Teewagen zu
schieben … aber natürlich, jedes mal wenn die Familie einen halbwegs Anständigen hervorbrachte, wurde er
ausgestoßen. Wie ich sehe ist Tonks hier nicht drauf. Vielleicht nimmt Kreacher deshalb keine Befehle von ihr
entgegen - er ist dazu verpflichtet, jedem Mitglied unserer Familie seine Wünsche zu erfüllen, was immer von ihm
verlangt wird -“
„Du und Tonks seid verwandt?,“ fragte Harry, überrascht.
„Oh, ja, ihre Mutter Andromeda war meine leibliche Cousine,“ sagte Sirius, und betrachtete den Gobelin genau.
„Nein, Andromeda ist auch nicht hier, schau -“
Er zeigte auf einen anderen kleinen runden Brandfleck zwischen zwei Namen, Bellatrix und Narzissa.
„Andromedas Schwestern sind noch hier, weil sie nette, respektable Reinblut-Heiraten machten, aber Andromeda
heiratete einen Muggel-Geborenen, Ted Tonks, deshalb -“
Sirius mimte mit einem Zauberstab den Gobelin zu sprengen und lachte bitter. Harry jedoch lachte nicht; er war zu
beschäftigt damit, die Namen zur Rechten von Andromedas Brandfleck zu betrachten. Eine doppelte Stickerei
verband Narzissa Black mit Lucius Malfoy, und eine einzelne vertikale goldene Linie von ihren Namen führte zum
Namen Draco.
„Du bist mit den Malfoys verwandt!“
„Die Reinblut-Familien sind alle miteinander verwandt,“ sagte Sirius. „Wenn du deine Söhne und Töchter nur
Reinblütige heiraten lässt, ist deine Auswahl sehr beschränkt; es gibt fast keine von uns mehr. Molly und ich sind
Cousine und Cousin durch Heirat, und Arthur ist irgendetwas wie Kind eines Cousins zweiten Grades. Aber es macht
keinen Sinn hier nach ihnen zu suchen - wenn es je einen Verein von Blut-Verrätern gab, dann waren es die
Weasleys.“
Aber Harry schaute jetzt auf einen Namen links von Andromedas Fleck: Bellatrix Black, die mit einer doppelten
Line mit Rodolphus Lestrange verbunden war.
„Lestrange …,“ sagte Harry laut. Der Name hatte etwas in seiner Erinnerung wachgerufen; er kannte ihn von
irgendwoher, doch einen Moment lang konnte er nicht denken von wo, obwohl es ihm ein merkwürdiges, gruseliges
Gefühl in der Magengrube gab.
„Sie sind in Askaban,“ sagte Sirius kurz angebunden.
Harry schaute ihn neugierig an.
„Bellatrix und ihr Mann Rodolphus kamen mit Barty Crouch junior,“ sagte Sirius, in derselben schroffen Stimme.
„Rodolphus“ Bruder Rabastan war auch bei ihnen.“
Dann erinnerte sich Harry. Er hatte Bellatrix Lestrange in Dumbledores Denkarium gesehen, der merkwürdigen
Erfindung in der Gedanken und Erinnerungen aufbewahrt werden konnten: eine große, dunkle Frau mit schweren
Augenlidern, die bei ihrer Verhandlung gestanden und ihre weiter bestehende Treue zu Lord Voldemort
kundgegeben hatte, ihren Stolz daß sie versuchte ihn nach seinem Fall zu finden und ihre Überzeugung eines Tages
für ihre Loyalität belohnt zu werden.
„Du hast nie gesagt, daß sie deine -“
„Ist es wichtig, daß sie meine Cousine ist?,“ schnauzte Sirius. „Soweit ich betroffen bin, sind sie nicht meine
Familie. Sie ist sicher nicht meine Familie. Ich habe sie nicht mehr gesehen, seit ich so alt war wie du, außer wenn
man einen flüchtigen Blick zählt, als sie nach Askaban kam. Glaubst du, ich bin stolz mit jemandem wie ihr
verwandt zu sein?“
„„Tschuldigung,“ sagte Harry schnell, „Ich wollte nicht - ich war nur überrascht, das ist alles -“Es ist egal,
entschuldige dich nicht,“ murmelte Sirius. Er wandte sich vom Gobelin ab, die Hände tief in die Taschen gesteckt.
„Ich mag es nicht, wieder hier zu sein,“ sagte er, durch den Salon blickend. „Ich habe nie geglaubt, daß ich wieder in
diesem Haus festsitzen würde.“
Harry verstand ihn vollkommen. Er wußte wie er sich fühlen würde, wenn er erwachsen wäre und glaubte, er wäre
von diesem Platz für immer frei, zurückkehren und in Nummer vier im Ligusterweg leben müsste.
„Natürlich ist es ideal für das Hauptquartier,“ sagte Sirius. „Mein Vater legte jede Sicherheitsmaßnahme, die
Zauberern bekannt waren, auf es als er hier lebte. Es ist unortbar, so daß es Muggels niemals kommen und besuchen
könnten - als wollten sie überhaupt - und jetzt, da Dumbledore seinen Schutz hinzugefügt hat, wäre es sehr schwer
irgendwo ein sichereres Haus zu finden. Dumbledore ist der Geheimniswahrer des Orden, weißt du - keiner kann das
Hauptquartier finden, außer er sagt ihm persönlich wo es liegt - der Zettel, den dir Moody letzte Nacht zeigte, der
war von Dumbledore …“ Sirius lachte kurz und bellend. „Wenn meine Eltern sehen könnten, zu was ihr Haus jetzt
verwendet wird … na ja, das Portrait meiner Mutter sollte dir einen Eindruck davon geben …“
Er machte ein finsteres Gesicht, seufzte dann.
„Es würde mir nichts ausmachen, wenn ich nur gelegentlich hinaus könnte, und etwas Nützliches tun könnte. Ich
habe Dumbledore gefragt, ob ich zu deiner Anhörung mitkommen könnte - als Schnuffel, natürlich - damit ich dir
ein bißchen moralische Unterstützung geben kann, was meinst du?“
Harry fühlte sich, als ob sein Magen durch den staubigen Teppich gesunken wäre. Er hatte seit dem Abendessen am
vorherigen Abend nicht mehr an die Anhörung gedacht; in der Aufregung mit den Menschen zusammen zu sein, die
er am meisten mochte, und alles zu hören, was vor sich ging, war es vollständig aus seinem Gedächtnis geflogen. Mit
Sirius“ Worten jedoch kam das vernichtende Gefühl großer Angst zurückgekehrt. Er starrte auf Hermine und die
Weasleys, die alle bei den Sandwiches zulangten, und dachte darüber nach, wie er sich fühlen würde wenn sie ohne
ihn nach Hogwarts zurückgehen würden.
„Mach dir keine Sorgen,“ sagte Sirius. Harry schaute auf und bemerkte, daß Sirius ihn beobachtet hatte. „Ich bin mir
sicher, sie werden dich freisprechen, es gibt bestimmt irgendetwas im Internationalen Gesetz der Geheimhaltung
darüber, daß man Magie gebrauchen darf, um sein Leben zu retten.“
„Aber wenn sie mich hinauswerfen,“ sagte Harry leise, „kann ich zurückkommen und hier mit dir leben?“
Sirius lächelte traurig.
„Wir werden sehen.“
„Ich würde mich viel besser bei der Anhörung fühlen, wenn ich wüsste, daß ich nicht zu den Dursleys zurück muß,“
drängte Harry.
„Sie müssen schlimm sein, wenn du diesen Ort bevorzugst,“ sagte Sirius düster.
„Beeilt euch, ihr zwei, oder es gibt nichts mehr zu essen,“ rief Mrs Weasley.
Sirius stieß einen weiteren großen Seufzer aus und warf dem Gobelin einen dunklen Blick zu. Dann gingen er und
Harry zu den anderen.
Harry versuchte hart nicht über die Anhörung nachzudenken, während sie die Vitrinen am Nachmittag leerten.
Glücklicherweise für ihn brauchte diese Arbeit eine Menge Konzentration, da viele der Objekte dort drinnen die
staubigen Bretter nur widerwillig zu verlassen schienen. Sirius erlitt einen schweren Biss von einer silbernen
Schnupfdose; in wenigen Sekunden entwickelte sich auf der gebissenen Hand ein krustiger Überzug, wie ein harter,
brauner Handschuh.
„Es ist OK,“ sagte er, die hand mit Interesse untersuchend, bevor er sie leicht mit dem Zauberstab antippte und seine
Haut wieder normal wurde, „da muß Wartcap Pulver drinnen sein.“
Er warf die Schachtel beiseite in den Sack, in den sie die Trümmer aus den Vitrinen ablegten; Harry sah George
Augenblicke später, die Hand sorgfältig in sein Gewand gewickelt, die Dose in die bereits Zahnfee-gefüllte Tasche
schleichen.
Sie fanden ein unangenehm aussehendes silbernes Werkzeug, das wie eine Art Pinzette mit vielen Beinen aussah.
Als Harry es aufhob, krabbelte es wie eine Spinne an seinem Arm empor und versuchte, ihn zu stechen. Sirius packte
es und zerschmetterte es mit einem dicken Buch mit dem Titel Die Würde der Schöpfung: Abstammungslehre für
Zauberer. Es gab eine Spieldose, die eine etwas unheimliche, hell erklingende Melodie spielte, wenn man sie aufzog,
und sie alle fühlten sich zunehmend schwächer und schläfriger, bis Ginny geistesgegenwärtig ihren Deckel zuschlug;
einen schweren Kasten, den keiner von ihnen aufbekam; eine beträchtliche Anzahl alter Siegel; und - in einer
verstaubten Schachtel - einen Orden des Merlin, erster Klasse, der Sirius“ Großvater aufgrund von „Verdiensten um
das Ministerium“ verliehen worden war.
„Das bedeutet, daß er ihnen eine Menge Gold gegeben hat,“ sagte Sirius voller Verachtung und warf die Medaille in
den Müllsack.
Mehrere Male schlich sich Keacher ins Zimmer, versuchte, Gegenstände unter seinem Lendentuch nach draußen zu
schmuggeln und gab fürchterliche Flüche von sich, wenn sie ihn dabei ertappten. Als Sirius ihm einen riesigen
Goldring entriss, in den das Wappen der Blacks eingraviert war, brach Kreacher sogar in Tränen der Wut aus, verließ
leise schluchzend den Raum und belegte Sirius dabei mit Schimpfworten, die Harry noch nie zuvor gehört hatte.
„Der hat meinem Vater gehört,“ sagte Sirius, als er den Ring in den Müllsack warf. „Kreacher war ihm nicht ganz so
sehr verbunden wie meiner Mutter, aber trotzdem habe ich ihn letzte Woche dabei erwischt, wie er eine seiner alten
Hosen geküsst hat.“
*
Mrs. Weasley ließ sie die nächsten Tage über hart arbeiten. Es dauerte drei Tage, bis sie den Salon dekontaminiert
hatten. Schließlich blieben an unliebsamen Gegenständen nur noch der Stammbaum der Blacks, der all ihren
Versuchen, ihn von der Wand zu entfernen, widerstanden hatte, und der klappernde Sekretär übrig. Moody war noch
nicht in ihrem Hauptquartier vorbeigekommen, so daß sie sich nicht sicher sein konnten, was sich darin befand.
Nach dem Salon nahmen sie sich ein Esszimmer im Erdgeschoss vor, wo sie Spinnen in der Größe von Untertassen
in der Anrichte vorfanden (Ron verließ das Zimmer hastig, um sich eine Tasse Tee zu machen und kehrte erst nach
eineinhalb Stunden wieder zurück). Das Geschirr, auf dem das Wappen und der Wahlspruch der Familie Black
abgebildet waren, wurde von Sirius ohne langes Zögern in den Müllsack verfrachtet, und das gleiche Schicksal
ereilte einige alte Fotografien in angelaufenen Silberrahmen, deren Bewohner laut schrieen, als das Glas, das sie
bedeckte, zerbrach.
Snape bezeichnete ihre Arbeit vielleicht als „Saubermachen,“ doch Harrys Meinung nach führten sie eher einen
Krieg gegen das Haus, das sich heftig zur Wehr setzte und dabei von Kreacher unterstützt und aufgehetzt wurde. Der
Hauself tauchte ständig dort auf, wo sie versammelt waren, und sein Gemurmel wurde zunehmend beleidigender,
während er versuchte, alles, was er erwischen konnte, wieder aus den Müllsäcken zu entnehmen. Sirius ging sogar so
weit, ihm mit Kleidung zu drohen, doch Kreacher fixierte ihn aus seinen wässrigen Augen und murmelte sehr laut:
„Meister muß tun, was Meister wünscht,“ bevor er sich abwandte und absolut vernehmlich flüsterte: „Aber Meister
wird Kreacher nicht gehen lassen, nein, denn Kreacher weiß, was sie vorhaben, oh ja, er schmiedet Ränke gegen den
Dunklen Lord, ja, mit diesen Schlammblütern und Verrätern und diesem Abschaum....“
Woraufhin Sirius, ohne Hermines Proteste zu beachten, Kreacher am Rückenteil seines Lendentuchs packte und ihn
höchstpersönlich aus dem Zimmer warf.
Die Türglocke erklang mehrmals am Tage, was für Sirius“ Mutter immer wieder der Anlaß war, loszukreischen, und
für Harry und die anderen, zu versuchen, den Besucher zu belauschen, obwohl sie den flüchtigen Blicken und den
Bruchstücken der Unterhaltung, die sie aufschnappten, bevor Mrs. Weasley sie wieder an ihre Pflichten rief, nur
wenig entnehmen konnten.
Snape tauchte noch mehrfach in dem Haus auf und verschwand wieder, obwohl sie sich zu Harrys Erleichterung
niemals von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden; Harry erblickte auch seine Lehrerin für Verwandlungen,
Professor McGonagall, die in ihrem Muggelkostüm einen ungewöhnlichen Anblick bot, und auch sie schien zu
beschäftigt zu sein, um sich länger aufzuhalten. Manchmal jedoch blieben die Besucher da, um zu helfen. An einem
denkwürdigen Nachmittag gesellte sich Tonks zu ihnen und sie entdeckten einen blutdürstigen alten Ghoul, der in
einer Toilette im Obergeschoss lauerte, und Lupin, der gemeinsam mit Sirius im Haus wohnte, aber oft lange Zeit
wegblieb, um geheimnisvolle Aufträge für den Orden zu übernehmen, half ihnen, eine alte Standuhr zu reparieren,
die die unangenehme Gewohnheit besaß, Vorbeigehende mit schweren Schrauben zu beschießen. Mundungus fand
ein bißchen mehr Gnade vor Mrs. Weasleys Augen, als er Ron vor ein paar purpurroten Umhängen rettete, die
versucht hatten, ihn zu erwürgen, als er sie aus dem Schrank nehmen wollte.
Abgesehen davon, daß er immer noch schlecht schlief, immer noch Träume von dunklen Korridoren und
verschlossenen Türen hatte, bei denen seine Narbe prickelte, gelang es Harry zum ersten Mal in diesem Sommer,
Spaß zu haben. So lange er sich beschäftigen konnte, war er glücklich; wenn es jedoch ruhiger wurde, immer wenn
er nicht aufpasste, oder erschöpft um Bett lag und zusah, wie nebelhafte Schatten über die Zimmerdecke wanderten,
rückte der Gedanke an die Anhörung des Ministeriums bedrohlich näher. Die Furcht prickelte in seinem Inneren,
schmerzte wie Nadelstiche, als er sich fragte, was mit ihm geschehen würde, wenn er von der Schule verwiesen
wurde. Der Gedanke war so schrecklich, daß er es nicht wagte, ihn laut auszusprechen, noch nicht einmal Ron und
Hermine gegenüber, die - obwohl er häufig sah, daß sie zusammen flüsterten und besorgte Blicke in seine Richtung
warfen - seinem Beispiel folgten und die Angelegenheit nicht erwähnten. Manchmal trat ihm unwillkürlich das Bild
eines gesichtslosen Ministerialbeamten vor Augen, der seinen Zauberstab entzweibrach und ihn zu den Dursleys
zurückschickte.... doch er würde nicht zurückgehen. Diesbezüglich war er fest entschlossen. Er würde hierher, an den
Grimauld Place zurückkehren und bei Sirius leben.
Er fühlte sich, als läge ein zentnerschweres Gewicht in seinem Magen, als Mrs. Weasley sich während des
Abendessens an ihn wandte und leise sagte: „Ich habe deine besten Sachen für morgen früh gebügelt, Harry, und ich
möchte, daß du dir heute Abend auch die Haare wäschst. Ein guter erster Eindruck kann Wunder bewirken.“
Ron, Hermine, Fred, George und Ginny hörten auf, sich zu unterhalten, und sahen zu ihm hinüber. Harry nickte und
versuchte, sein Kotelett weiterzuessen, doch sein Mund war so trocken geworden, daß er nicht kauen konnte.
„Wie komme ich dorthin?,“ fragte er Mrs. Weasley, und versuchte, möglichst unbeteiligt zu klingen.
„Arthur nimmt dich mit, wenn er zur Arbeit geht,“ erwiderte Mrs. Weasley sanft. Mr. Weasley schenkte Harry über
den Tisch hinweg ein ermutigendes Lächeln.
„Du kannst in meinem Büro bleiben, bis es Zeit für die Anhörung ist,“ sagte er.
Harry sah zu Sirius hinüber, doch bevor er seine Frage stellen konnte, hatte Mrs. Weasley sie bereits beantwortet.
„Professor Dumbledore hält es für keine besonders gute Idee, daß Sirius dich begleitet, und ich muß sagen, ich -- „
„ - denke, daß er damit vollkommen Recht hat,“ vervollständigte Sirius ihren Satz mit zusammengebissenen Zähnen.
Mrs. Weasley schürzte die Lippen.
„Wann hat Dumbledore das gesagt?,“ fragte Harry und starrte Sirius an.
„Er kam letzten Abend vorbei, als du schon im Bett warst,“ sagte Mr. Weasley.
Sirius piekste mit seiner Gabel übellaunig nach einer Kartoffel. Harry senkte seinen Blick auf seinen Teller. Die
Vorstellung, daß Dumbledore am Vorabend seiner Anhörung im Haus gewesen war und nicht darum gebeten hatte,
ihn sehen zu dürfen, bewirkte, daß er sich, sofern das möglich war, noch schlechter fühlte.
Kapitel 7 - Das Zaubereiministerium
Harry wachte am nächsten Morgen um halb sechs so abrupt und vollständig auf, als hätte ihm jemand ins Ohr
gebrüllt. Einige Minuten lang lag er unbeweglich, da die Aussicht auf eine disziplinarische Anhörung jeden Partikel
seines Gehirns ausfüllte, dann, als es unerträglich wurde, sprang er aus dem Bett und setzte seine Brille auf. Mrs.
Weasley hatte eine frisch gewaschene Jeans und ein T-Shirt am Fußende seines Bettes bereitgelegt. Harry zwängte
sich in sie hinein. Das leere Bild an der Wand kicherte.
Ron lag ausgestreckt auf seinem Rücken, mit weit offenem Mund, schlafend. Er rührte sich nicht als Harry den
Raum durchquerte, draußen auf den Treppenabsatz trat und die Türe leise hinter sich schloß. Er versuchte nicht daran
zu denken, wann er wohl das nächste mal Ron wiedersehen würde, wenn sie vielleicht keine Schulkameraden mehr
auf Hogwarts wären. Harry stieg leise die Treppe hinab, vorbei an den Köpfen von Kreachers Vorfahren und hinein
die Küche.
Er hatte erwartet, das sie leer wäre, doch als er die Türe erreichte, hörte er das leise Grollen von Stimmen auf der
anderen Seite. Er öffnete sie und sah Mr. und Mrs. Weasley, Sirius, Lupin und Tonks dort sitzen, als ob sie ihn
bereits erwartet hätten. Alle waren vollständig bekleidet, mit Ausnahme von Mrs. Weasley, die in eine purpurrote
Steprobe gekleidet war. Sie sprang in dem Moment auf ihre Füße, als Harry eintrat.
„Frühstück,“ sagte sie während sie ihren Zauberstab hervorzog und zum Feuer hinübereilte.
„M - m - morgen, Harry“ gähnte Tonks. Ihr Haar war blond und lockig an diesem Morgen. „Gut geschlafen?“
„Jau,“ sagte Harry.
„Ich w - w - wahr die ganze Nacht über wach,“ sagte sie, während sie ein zweites Mal schaudernd gähnte. „Komm
und setz“ dich …“
Sie zog einen Stuhl hervor, während sie den daneben stehnenden dabei umwarf.
„Was möchtest du Harry?“ rief Mrs. Weasley. „Haferbrei? Muffins? Räucherheringe? Speck? Eier? Toast?“
„Nur - nur Toast, danke,“ sagte Harry.
Lupin blickte Harry flüchtig an, dann sagte er zu Tonks, „Was wolltest du über Scrimgeour sagen?“
„Oh … ja … nun, wir müssen ein wenig vorsichtiger sein, er hat hat Kingsley und mir sonderbare Fragen gestellt …“
Harry fühlte sich vage dankbar, das er nicht benötigt wurde, um an dem Gespräch teilzunehmen. Sein Innerstes war
sich am winden. Mrs. Weasley platzierte einige Stücke Toast und Orangenmarmelade vor ihm hin; er versuchte zu
essen, doch war es, als würde er Teppich kauen. Mrs. Weasley setzte sich auf seine andere Seite und kümmerte sich
um sein T-shirt, steckte das Etikett nach innen und glättete die Falten über seinen Schultern. Er wünschte, sie würde
es nicht tun.
„… und ich muß Dumbledore bescheid geben, das ich morgen keinen Nachtdienst machen kann, ich bin zu müde,“
beendete Tonks, wieder mit einem riesengroßen Gähnen.
„Ich werde das für dich übernehmen,“ sagte Mr. Weasley. „Ich bin okay, ich muß sowieso noch einen Bericht zu
Ende bringen.“
Mr. Weasley trug keine Zaubererkleidung, stattdessen hatte er eine Nadelstreifenhose an und eine alte Bomberjacke.
Er wandte sich von Tonks an Harry.
„Wie fühlst du dich?“
Harry zuckte die Schultern.
„Es wird bald alles vorbei sein,“ sagte Mr. Weasley steif. „In ein paar Stunden wirst du frei sein.“
Harry sagte nichts.
„Die Anhörung ist auf meiner Etage, in Amelia Bones Büro. Sie ist die Leiterin der Abteilung für magische
Rechtsdurchsetzung, und diejenige, die dir die Fragen stellen wird.“
„Amelia Bones ist in Ordnung, Harry“ sagte Tonks ernsthaft. „Sie ist anständig, sie wird dir zuhören.“
Harry nickte, immer noch unfähig an irgendwas zu denken, was er sagen konnte.
„Verlier“ nicht deine Beherschung,“ sagte Sirius schroff. „Sei höflich und bleib bei den Fakten.“
Harry nickte wieder.
„Das Gesetz ist auf deiner Seite,“ sagte Lupin ruhig. „Selbst minderjährigen Zauberern ist es erlaubt Magie in
lebensgefährlichen Situationen anzuwenden.“
Etwas sehr kaltes rieselte Harry“s Nacken herunter; für einen Moment dachte er, jemand würde einen
Desillusionierungszauber auf ihn sprechen, aber dann bemerkte er, das sich Mrs. Weasley mit einem nassen Kamm
bewaffnet seinen Haaren stellte. Sie presste ihn hart gegen seinen Kopf.
„Liegt es denn niemals flach?“ sagte sie verzweifelt.
Harry schüttelte seinen Kopf.
Mr. Weasley überprüfte seine Armbanduhr und sah dann Harry an.
„Ich denke, wir sollten jetzt gehen,“ sagte er. „Wir sind ein wenig früh, aber ich denke, du bist besser schon einmal
im Ministerium, als das du hier herumhängen mußt.“
„Okay,“ sagte Harry automatisch, ließ sein Toast fallen und kam auf die Beine.
„Du wirst schon sehen, alles wird gut, Harry,“ sagte Tonks, und tätschelte ihm den Arm.
„Viel Glück,“ sagte Lupin. „Ich bin sicher, es wird alles glatt gehen.“
„Und wenn nicht,“ sagte Sirius grimmig, „werde ich für dich nach Amelia Bones sehen …“
Harry lächelte schwach. Mrs. Weasley umarmte ihn.
„Wir werden alle unsere Finger kreuzen,“ sagte sie.
„In Ordnung,“ sagte Harry. „Gut … wir sehen uns dann.“
Er folgte Mr. Weasley die Treppe hinauf und die Halle entlang. Er konnte Sirius Mutter grunzen hören, in ihrem
Schlaf hinter ihren Vorhängen. Mr. Weasley entriegelte die Türe und sie traten hinaus in die kalte, graue
Morgendämmerung.
„Normalerweise gehen sie nicht zu Fuß zur Arbeit, oder?“ fragte Harry ihn, als sie flott einen öffentlichen Platz
überquerten.
„Nein, für gewöhnlich Appariere ich,“ sagte Mr. Weasley, „aber offensichtlich kannst du das nicht, und ich denke, es
ist das beste, wenn wir in gründlich nichtmagischer Kleidung erscheinen … macht einen besseren Eindruck, bedenkt
man, warum du diszipliniert werden sollst…“
Mr. Weasley ließ seine Hand in der Jacke als sie so gingen. Harry wußte, sie war zusammengepresst um seinen
Zauberstab. Die Straße hinab herrschte noch gähnende Leere, doch als sie die klägliche, kleine U-Bahn-Station
erreichten, trafen sie auf die ersten frühmorgendlichen Pendler. Wie immer, wenn er sich in großer Nähe zu Muggeln
befand, die ihren täglichen Geschäften nachgingen, war es Mr. Weasley nur schwer möglich, seinen Enthusiasmus zu
zügeln.
„Einfach fabelhaft,“ flüsterte er, auf die automatischen Ticketmachinen deutend. „Wundervoll raffiniert.“
„Sie sind kaputt,“ sagte Harry, wobei er auf ein Schild deutete.
„Ja, aber trotzdem …“ sagte Mr. Weasley, der sie verträumt anstrahlte.
Sie kauften ihre Tickets statt dessen von einem schläfrig aussehenden Zugbegleiter (Harry führte die Transaktion
durch, da Mr. Weasley nicht sehr gut war im Umgang mit Muggelgeld) und fünf Minuten später bestiegen sie eine
U-Bahn die sich ratternd in Richtung des Zentrums von London in Bewegung setzte. Mr. Weasly prüfte und
überprüfte immer wieder die U-Bahn-Karte über dem Fenster.
„Noch vier Haltestellen, Harry … Jetzt sind noch drei über … Nur noch zwei Haltestellen, Harry …“
Sie verließen sie an einem Bahnhof im Herzen Londons, und sie wurden von einer Welle aus anzugtragenden
Männern und Frauen mit Aktentaschen von der Bahn fortgetragen. Sie fuhren die Rolltreppe hinauf, passierten die
Fahrkartenschranke (Mr. Weasley war entzückt von der Art des Zaunritts, der sein Ticket schluckte), und tauchten
auf einer breiten Straße auf, in der viele beeindruckend aussehende Häuser sich aneinander reihten und die voller
Verkehr war.
„Wo sind wir?“ sagte Mr. Weasley verdutzt, und für den Augenblick eines Herzschlags dachte Harry, sie wären an
der falschen Haltestelle ausgestiegen, trotz Mr. Weasleys kontinuierlicher Überprüfung der Karte; aber einen
Augenblick später sagte er, „Ah, ja … hier entlang, Harry,“ and führte ihn eine Seitenstraße hinunter.
„Entschuldige,“ sagte er, „aber ich komme nie per Bahn und es sieht alles so anders aus, aus der Muggelperspektive.
Tatsächlich habe ich noch niemals zuvor den Besuchereingang benutzt.“
Je weiter sie gingen, um so kleiner und weniger beeindruckend wurden die Gebäude, bis sie schließlich eine Straße
erreichten, die verschiedene schäbig aussehnde Bürohäuser, eine Kneipe und eine überlaufende Müllkippe
beherrbergte. Harry hatte einen beeindruckenderen Standort für das Zaubereiministerium erwartet.
„Da sind wir,“ sagte Mr. Weasley heiter, deutete auf eine alte, rote Telefonzelle, der bereits mehrere Fensterscheiben
fehlten und die vor einer heftig Graffitiverschmierten Wand stand. „Nach dir, Harry.“
Er öffnete die Türe der Telefonzelle.
Harry schritt hinein, wunderte sich, was auch immer das werden sollte. Mr. Weasley quetschte sich neben Harry
hinein und schloß die Türe. Es passte gerade so; Harry wurde gegen den Telefonapparat gequetscht, der trügerisch
von der Wand hing, als hätte ein Vandale versucht ihn abzureissen. Mr. Weasley griff hinter Harry nach dem Hörer.
„Mr. Weasley, ich denke, der dürfte auch defekt sein,“ sagte Harry.
„Nein, nein, ich bin mir sicher, er ist in Ordnung,“ sagte Mr. Weasley, hielt den Hörer über seinen Kopf und
betrachtete die Wählscheibe. „Las mal sehen … sechs …“ er wählte eine Nummer, „zwei … vier …. und nochmal
vier … und nochmal zwei …“
Als die Wählscheibe sich langsam zurückdrehte, erklang auf einmal eine weibliche Stimme in der Telefonzelle, nicht
aus dem Hörer in Mr. Weasleys Hand, aber so laut und klar, als würde eine unsichtbare Frau hier direkt zwischen
ihnen stehen.
„Willkommen im Zaubereiministerium. Bitte nennen Sie Ihren Namen und Ihr Anliegen.“
„Ähm …“ sagte Mr. Weasley, vollkommen unsicher darüber ob er in den Hörer antworten mußte oder nicht. Er fand
einen Kompromiss, indem er das Mundstück über sein Ohr hielt, „Arthur Weasley, Büro über den Mißbrauch von
Muggleartefakten, ich bringe Harry Potter, der gebeten wurde, bei einer disziplinarischen Anhörung zu
erscheinen…“
„Vielen Dank,“ sagte die kühle weibliche Stimme. „Besucher, bitte nehmen Sie die Plakette und befestigen Sie sie an
der Vorderseite Ihrer Robe.“
Da war ein klicken und klappern, und Harry sah etwas die Metallrutsche hinab und in den Behälter fallen, in den
normalerweise die restlichen Münzen fielen. Er nahm es auf: es war ein viereckiger silberner Anstecker mit Harry
Potter, Disziplinarische Anhörung darauf. Er steckte es an die Vorderseite seines T-Shirts, als die weibliche Stimme
wieder zu sprechen anfing.
„Besucher des Ministeriums, sie werden benötigt um eine Suche zu unterstützen und bringen bitte Ihren Zauberstab
zur Registrierung an den Sicherheitsschalter, der sich am entfernten Ende des Atriums befindet.“
Der Boden der Telefonzelle erschauderte. Sie sanken langsam in den Boden. Harry beobachtete besorgt, wie der
Bürgersteig sich über die Glasscheiben der Telefonzelle erhob und sich die Dunkelheit über ihren Köpfen schloß.
Dann konnte er nichts mehr sehen; er konnte nur schwache, knirschende Geräusche hören, als die Telefonzelle ihren
Weg durch die Erde nach unten nahm. Nach einer Minute, für Harry hatte es sich viel länger angefühlt, erleuchtete
ein Spalt goldenen Lichts seine Füße, verbreitete sich, stieg an seinem Körper hinauf, bis er ihn im Gesicht traf und
er blinzelte mußte, damit seine Augen aufhörten zu tränen.
„Das Zaubereiministerium wünscht Ihnen einen angenehmen Tag,“ sagte die Frauenstimme.
Die Türe der Telefonzelle sprang auf und Mr. Weasley trat heraus, gefolgt von Harry, dessen Mund nun offenstand.
Sie standen am Ende einer sehr prächtigen Halle, mit hochpolierten, dunklen Holzfußboden. In die pfauenblaue
Decke waren glühende, goldene Symbole eingearbeitet, die sich bewegten und veränderten, so als wäre sie eine
enorme, himmliche Notiztafel. Die Wände zu beiden Seiten waren getäfelt mit glänzendem, dunklen Holz und
verfügten über viele vergoldete Kamine. Alle paar Sekunden kam eine Hexe oder ein Zauberer mit einem
gedämpften Wusch aus einem der linksseitigen Kamine. Auf der rechten Seite hatten sich kleine Warteschlangen vor
jedem Kamin gebildet, wartend auf die Abreise.
Auf halbem Wege die Halle hinunter war ein Springbrunnen. Eine Gruppe goldener, überlebensgroßer Statuen stand
in der Mitte des kreisförmigen Beckens. Am größten von allen war ein nobel aussehender Zauberer, der mit seinem
Zauberstab direkt in den Himmel hinein zu zeigen schien. Um ihn herum angeordnet waren eine wunderschöne
Hexe, ein Zentaur, ein Kobold und ein Hauself. Die letzten drei sahen so aus, als würden sie die Hexe und den
Zauberer anbeten. Glitzernde Wasserstrahlen entsprangen den Enden ihrer Zauberstäbe, der Spitze des
Zentaurenpfeils, dem Zipfel des Koboldhuts und aus jedem Ohr des Hauselfen, so daß das klirrende Zischen
fallenden Wassers sich zu den platz- und knallgeräuschen der Apparierenden hinzugesellte, und dem Geklapper von
Hunderten von Hexen und Zauberern, vielen von ihnen trugen bedrückte, frühmorgendliche Blicke, schritten mit
grossen Schritten auf ein paar goldener Tore am entfernten Ende der Halle zu.
„Hier entlang,“ sagte Mr. Weasley.
Sie schlossen sich der Menschenmenge an, die sich ihren Weg an den Ministeriumsmitarbeitern vorbei suchte, einige
von ihnen truen Stapel von Pergamenten, andere verbeulte Aktentaschen; wiederum andere lasen den
Tagespropheten während sie gingen. Als sie den Brunnen passiert hatten, sah Harry Sickle und Knuts auf dem Boden
des Beckens glitzern. Auf einem kleinen verschmierten Schild war zu lesen:
ALLE ERTRÄGE AUS DEM BRUNNEN DER MAGISCHEN BRUDERSCHAFT WERDEN DEM ST. MUNGO“S KRANKENHAUS
FÜR MAGISCHE KRANKHEITEN UND VERLETZUNGEN GEGEBEN.
Wenn ich nicht von Hogwarts ausgeschlossen werde, dann werde ich zehn Galleonen hineinwerfen, dachte Harry
verzweifelt bei sich.
„Hier rüber, Harry,“ sagte Mr. Weasley, and dann traten sie aus dem Strom der Ministeriumsmitarbeiter heraus die
sich auf die goldenen Tore zubewegten. Sitzend an einem Schreibtisch zu ihrer Linken, neben einem Schild mir der
Aufschrift Sicherheit, saß ein schlecht rasierter Zauberer in einer pfauenblauen Robe und sah auf als sie sich
näherten und nahm seinen Tagespropheten herunter.
„Ich eskortiere einen Besucher,“ sagte Mr. Weasley, auf Harry deutend.
„Komm“ hier herüber,“ sagte der Zauberer mit einer gelangweilten Stimme.
Harry ging näher auf ihn zu und der Zauberer hielt einen langen goldenen Stab hoch, dünn und flexibel wie eine
Autoantenne, und strich damit mehrfach vor Harrys Vorder- und Rückseite hoch und wieder runter.
„Zauberstab,“ grunzte der Sicherheitszauberer Harry an, nahm das goldene Instrument herunter und hielt seine
ausgestreckte Hand hin.
Harry zog seinen Zauberstab heraus. Der Zauberer legte ihn auf ein seltsames Messinginstrument, das aussah wie
eine Waage, aber mir nur einer flachen Schüssel. Es begann zu vibrieren. Ein schmaler Streifen Pergament kam aus
einem Schlitz an seinem Fuß heraus. Der Zauberer riß es auf und las was darauf geschrieben stand.
„Elf Zoll, Phönixfeder Kern, wird seit vier Jahren genutzt. Ist das korrekt?“
„Ja,“ sagte Harry nervös.
„Ich behalte das,“ sagte der Zauberer, und steckte das Pergament auf eine dünne Messingspitze. „Du erhältst den hier
zurück,“ fügte er hinzu, und schob den Zauberstab Harry zu.
„Danke sehr.“
„Stehenbleiben…“ sagte der Zauberer langsam.
Seine Augen hatten den Namen auf der silbernen Besucherplakette ausgemacht und wanderten von da aus über
Harrys Brust hin zu seiner Stirn.
„Danke, Eric,“ sagte Mr. Weasley förmlich, und packte Harry an der Schulter, dann steuerte er ihn weg vom
Schreibtisch und zurück in dem Strom der Hexen und Zauberer, der auf die goldenen Tore zuführte.
Geringfügig von der Menge gedrängelt, folgte Harry Mr. Weasley in die kleinere Halle jenseits der Pforten, wo
wenigstens zwanzig Lifts sich hinter handgedrehten goldenen Gittern befanden. Harry und Mr. Weasley schlossen
sich der Menge um einen herum an. In der Nähe stand ein langbärtiger Zauberer, der eine große Pappschachtel hielt,
die kratzende Geräusche von sich gab.
„Alles klar, Arthur?“ sagte der Zauberer, zu Mr. Weasley nickend.
„Was hast du da, Bob?“ fragte Mr. Weasley, der die Schachtel betrachtete.
„Wir sind nicht sicher,“ sagte der Zauberer ernsthaft. „Wir dachten es wäre ein gewöhnliches Sumpfhuhn, bis es
anfing Feuer zu spucken. Für mich sieht es wie eine schwere Verletzung des Verbots experimentellen Brütens aus.“
Unter großen klirren und klappern stieg ein Lieft vor ihnen herunter; das goldene Gitter fuhr zurück und Harry und
Mr. Weasley schritten in den Lift, zusammen mit dem Rest der Menge und Harry fand sich selbst eingequetscht
gegen die Rückseite der Wand. Einige Hexen und Zauberer betrachteten ihn neugierig; er starrte auf seine Füße, um
deren Blicken auszuweichen, was seinen Pony flacher erschienen ließ. Die Gitter schlossen sich mit einem krachen
und der Lift stieg langsam auf, Ketten rasselten, während dieselbe kalte Frauenstimme, die Harry bereits zuvor in der
Telefonzelle gehört hatte, erklang.
„Siebter Stock, Abteilung für Magische Spiele und Sport, enthält die Britischen und Irischen Quidditsch-Liga
Hauptquartiere, den Offiziellen Gobstone Club und Ludicrous Patentamt.“
Die Aufzugtüren öffneten sich. Harry erhielt einen flüchtigen Blick auf einen unordentlich aussehenden Gang, mit
verschiedenen Postern von Quidditch-Mannschaften die mit der Oberseite an die Wände geheftet waren. Einer der
Zauberer im Aufzug, der die Arme voller Besen trug, wand sich unter Mühen heraus und verschwand den Korridor
hinunter. Die Türen schlossen sich, der Aufzug ruckelte weiter nach oben und die Frauenstimme kündigte an:
„Sechster Stock, Abteilung für Magische Transporte, enthält die Floh-Netzwerk-Behörde, die Besen
Kontrollbehörde, das Portschlüssel-Büro und das Apparierung-Testzentrum.“
Wieder einmal öffneten sich die Aufzugtüren und vier oder fünf Hexen und Zauberer gingen hinaus; zur selben Zeit
fielen ein paar Papierflugzeuge über den Aufzug her. Harry starrte zu ihnen hinauf, wie sie nutzlos um ihre Köpfe
herum flatterten; sie hatten eine fahle, violette Farbe und man konnte Zaubereiministerium am Rande ihrer Flügel
entlang gestempelt lesen.
„Nur hausinterne Memos,“ murmelte Mr. Weasley ihm zu. „Zuvor haben wir Eulen genutzt, aber der Schmutz war
unglaublich … überall, auf den Schreibtischen …“
Als sie wieder weiter nach oben klapperten, flatterten die Memos um die Lampe herum, die unter der Decke des
Aufzugs schwankte.
„Fünfter Stock, Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit, enthält die Internationale Magische
Handelskörperschaft, das Internationale Magische Büro für Recht und das Internationale Bündnis der Zauberer,
Britischer Sitz.“
Als sich die Türen öffneten, sausten zwei der Memos samt einiger weniger Hexen und Zauberer heraus, aber einige
Memos mehr sausten herein, so daß das Licht der Lampe über ihnen flackerte und aufleuchtete, als sie sich darum
bewegten.
„Vierter Stock, Abteilung zur Regulierung und Kontrolle der Magischen Kreaturen, enthält die Biester, Sein und
Geister Abteilung, das Amt für Kobold Angelegenheiten und das Schädlings Beratungs Büro.“
„Tschuldigung,“ sagte der Zauberer der das Feuer atmende Huhn trug und verließ den Aufzug verfolgt durch einen
kleinen Schwarm von Memos. Die Türen schlossen sich erneut klirrend.
„Dritter Stock, Abteilung für Magische Unfälle und Katastrophen, enthält das Geschwader zur Umkehrung
Magischer Unfälle, das Obliviator Hauptquartier und das Muggel-würdige Entschuldigungskommitee.“
Jederman verließ den Aufzug auf dieser Etage, bis auf Mr. Weasley, Harry und eine Hexe die ein extrem langes
Pergamentstück am lesen war, welches über den Boden schleifte. Die verbleibenden Memos fuhren damit fort um
die Lampe herum zu schwirren, als der Lift weiter nach oben ruckelte, dann öffneten sich die Türen und die Stimme
machte ihre Ansage.
„Zweiter Stock, Abteilung für Magische Rechtsdurchsetzung, enthält das Amt gegen Mißbrauch von Magie, das
Auroren Hauptquartier und die Wizengamot Verwaltungsdienste.“
„Das sind wir, Harry,“ sagte Mr. Weasley, und sie folgten der Hexe aus dem Aufzug heraus in einen Gang mit
Reihen voller Türen. „Mein Büro ist auf der andere Seite des Flurs.“
„Mr. Weasley“ sagte Harry, als sie ein Fenster passierten, durch das Sonnenlicht hereinströmte, „sind wir nicht
immer noch unterirdisch?“
„Ja, sind wir,“ sagte Mr. Weasley. „Das sind verzauberte Fenster. Die Magische Instandhaltung entscheided welches
Wetter wir jeden Tag erhalten. Wir hatten zwei Monate lang Wirbelstürme, als sie letztens um eine Gehaltserhöhung
kämpften … Jetzt hier herum, Harry.“
Sie gingen um eine Ecke, wanderten durch ein paar schwerer Eichentüren und tauchten in einer zerklüffteten offenen
Ebene auf, die in Kabinen aufgeteilt war, die mir Gesprächen und Gelächter gefüllt war. Memos sausten hinein und
heraus aus den Kabinen, wie Miniaturraketen. Auf einem herabhängenden Schild an der nächsten Kabine stand:
Auroren Hauptquartier.
Harry schaute neugierig durch die Türöffnungen, als sie sie passierten. Die Auroren hatten ihre Kabinenwände mit
allem behangen, vom Bild eines gesuchten Zauberers, über Fotografien ihrer Familien, bis hin zu den Postern ihrer
bevorzugten Quidditch-Mannschaften und Artikeln aus dem Tagespropheten. Ein Mann mit einem scharlachroten
Mantel und einem Pferdeschwanz der länger war als Bill seiner, saß mit den die Füßen auf dem Schreibtisch, einen
Bericht an seinen Federkiel diktierend. Etwas weiter den Gang hinunter sprach eine Hexe mit einer Augenklappe
über die Kabinenwand hinüber mit Kingsley Shacklebolt.
„Morgen, Weasley,“ sagte Kingsley unbesorgt, als sie näher kamen. „Ich wollte mit ihnen sprechen, haben sie eine
Sekunde?“
„Ja, wenn es wirklich nur eine Sekunde ist,“ sagte Mr. Weasley, „Ich bin wirklich in Eile.“
Sie sprachen so miteinander, als ob sie einander kaum kannten und als Harry den Mund öffnen wollte um Kingsley
zu begrüßen, trat Mr. Weasley auf seinen Fuß. Sie folgten Kingsley die Reihe entlang und in die letzte Kabine
hinein.
Harry erhielt einen leichten Schock. Sirius Gesicht blinzelte ihn aus allen Richtungen an. Zeitungsausschnitte und
alte Fotografien - sogar das von Serius als Trauzeuge bei der Hochzeit der Potters, tapezierten die Wände. Der
einzige Siriusfreie Platz war eine Karte der Welt, in der kleine rote Nadeln wie Juwelen glühten.
„Hier“ sagte Kingsley schroff zu Mr Weasley, und drückte ihm ein Bündel Pergament in die Hand. „Ich brauche so
viele Informationen wie möglich über diese fliegenden Muggel-Fahrzeuge, die in den letzten zwölf Monaten
gesichtet wurden. Wir haben Informationen erhalten, daß Black immer noch sein altes Motorrad benutzen könnte.“
Kingsley zwinkerte Harry zu und flüsterte: „Gib ihm das Magazin, er findet es sicher interessant.“ Dann sagte er im
normalen Tonfall „Und nicht zu lange brauchen, Weasley, die Verzögerung bei diesem „Waffeln“ - Bericht hat
unsere Recherchen einen Monat lang aufgehalten.“
„Wenn Sie meinen Bericht gelesen hätten, wüssten Sie, daß der Begriff „Waffen“heisst,“ sagte Mr Weasley gelassen.
„Und ich fürchte, Sie müssen auf die Informationen über Motorräder ein wenig warten, wir haben sehr viel zu tun.“
Er senkte seine Stimme und sagte „Wenn du vor sieben Uhr loskommst... Molly macht Fleischklösschen!“
Er winkte Harry heran und führte ihn aus Kingsleys Kabine heraus, durch eine zweite Reihe von Eichentüren, in
einen anderen Korridor. Sie bogen nach links, marschierten durch einen weiteren Gang, bogen nach rechts in einen
schummrig erleuchteten, merklich verwahrlosten Korridor, und erreichten schliesslich eine Sackgasse, wo auf der
linken Seite eine Tür angelehnt war, die einen Besenschrank offenbarte, und an der rechten Tür war auf einer
Messingbeschlagenen Platte zu lesen: „Missbrauch von Muggel-Artefakten“:
Mr Weasley“s schäbiges Büro schien ein Bißchen kleiner als der Besenschrank zu sein. Zwei Schreibtische waren
hineingestopft, und es war kaum Platz, um sie herumzuwandern, wegen der überquellenden Aktenschränke, die die
Wände verkleideten, mit Haufen wackelnder Akten obenauf.
Der wenige freie Platz an der Wand legte Zeugnis ab über Mr Weasley“s Leidenschaften: Mehrere Poster von Autos,
eins davon zeigte einen ausgebauten Motor. Zwei Illustrationen mit Briefkästen, die er wohl aus einem Muggel-
Kinderbuch ausgeschnitten hatte. Ein Schaubild zeigte, wie man einen Stecker verkabelt.
Oben auf Mr Weasley“s Posteingangskorb lag ein Toaster, der einen untröstlichen Schluckauf hatte, und ein Paar
leerer Lederhandschuhe, die Däumchen drehten.
Neben dem Eingangskorb stand ein Foto der Weasley“s. Harry bemerkte, daß Percy anscheinend herausgewandert
war.
„Wir haben kein Fenster“ sagte Mr Weasley entschuldigend, zog seine Bomberjacke aus, und hängte sie über die
Stuhllehne. „Wir haben eins beantragt, aber sie scheinen nicht zu denken, daß wir eins brauchen. Setz dich hin,
Harry, es sieht nicht so aus, als ob Perkins schon da wäre.“
Harry quetschte sich in den Stuhl hinter Perkin“s Schreibtisch, während Mr Weasley durch das Pergamentbündel,
das Kingsley ihm gegeben hatte, blätterte.
„Ah!“ sagte er grinsend, als er ein Exemplar eines Magazins mit dem Titel „Der Haarspalter“ aus der Mitte
herauszog. „Ja...“ er blätterte es durch. „ Ja, er hat recht, ich bin sicher, Sirius wird es amüsant finden - oh je, was ist
das jetzt?“
Ein Memo war gerade durch die offene Tür hereingeflogen, und machte flatternd eine Pause auf dem hicksenden
Toaster. Mr Weasley entfaltete es, und las laut:
„Dritte erbrechende öffentliche Toilette in Bethnal Green ermittelt, sofort vorsichtige Nachforschungen anstellen.“ ...
Das wird mittlerweile echt lächerlich... „
„Eine kotzende Toilette?“
„Anti-Muggel Streiche,“ sagte Mr Weasley stirnrunzelnd. „Wir hatten zwei davon letzte Woche, einen in
Wimbledon, einen in Elephant and Castle. Muggel betätigen die Spülung, und anstatt daß alles verschwindet... naja,
du kannst es dir vorstellen. Die armen Dinger rufen immer diese .... Camper .... denke ich, heissen sie - du weisst
schon, die die Rohre reparieren und so etwas.“
„Klempner?“
„Ja, genau, aber natürlich sind die total verblüfft. Ich hoffe nur, wir fangen die, wer auch immer das getan hat.“
„Werden die Auroren sie fangen?“
„Nein, nein, das ist zu trivial für Auroren, das wird die gewöhnliche „Streife zur Durchsetzung magischen Rechts“
erledigen - Ah, Harry, das ist Perkins.“
Ein gebeugter, schüchtern aussehender alter Zauberer mit flaumigem, weissen Haar hatte gerade den Raum betreten,
nach Luft ringend.
„Oh, Arthur“ sagte er verzweifelt, ohne Harry zu beachten. „Gottseidank, ich wußte nicht, was ich tun sollte, hier auf
dich warten, oder nicht. Ich habe dir gerade eine Eule nach Hause geschickt, aber offensichtlich hast du sie verpasst -
eine dringende Nachricht kam vor zehn Minuten - „
„Ich weiss das schon von der kotzenden Toilette,“ sagte Mr Weasley.
„Nein, nein, es geht nicht um die Toilette, es geht um die Anhörung des Potter-Jungen - sie haben die Zeit und den
Ort geändert- es beginnt jetzt um acht Uhr, unten im alten Gerichtssaal zehn.“
„Unten im... - aber sie haben mir gesagt.... - bei Merlin“s Bart!“
Mr Weasley schaute auf seine Uhr, schrie kurz auf, und sprang von seinem Stuhl hoch. „Schnell, Harry, wir hätten
vor fünf Minuten da sein sollen!“
Perkins drückte sich gegen die Aktenschränke, als Mr Weasly das Büro rennend verliess, Harry dicht auf den Fersen.
„Warum haben sie die Zeit geändert?“ keuchte Harry atemlos, als sie an den Auror-Kabinen vorbeirasten. Leute
streckten ihre Köpfe heraus und glotzten, als sie vorbeistriffen. Harry fühlte sich, als hätte er all seine Innereien auf
Perkin“s Schreibtisch zurückgelassen.
„Ich weiss es nicht, aber Gottseidank waren wir so früh hier, wenn du die Sitzung verpasst hättest, das wäre eine
Katastrophe gewesen!“
Mr Weasley kam rutschend neben den Fahrstühlen zum Stehen und schlug ungeduldig auf den Knopf mit dem Pfeil
nach unten.
„Komm schon!“
Der Fahrstuhl kam klappernd in Sichtweite, und sie eilten hinein.
Jedesmal, wenn er anhielt, fluchte Mr Weasley wütend, und schlug auf den Knopf mit der Nummer neun. „Diese
Gerichtssäle sind jahrelang nicht benutzt worden,“ sagte Mr Weasly wütend, „ich kann mir nicht vorstellen, warum
sie es dort unten machen - ausser - aber nein- „
Eine fette Hexe, die einen rauchenden Kelch trug, betrat den Lift in diesem Moment, und Mr Weasley führte den
Satz nicht mehr weiter aus.
„Das Atrium“ sagte eine kühle weibliche Stimme, und die goldenen Gitter glitten auf, und ermöglichten Harry einen
kurzen Blick auf die goldenen Statuen im Springbrunnen. Die fette Hexe stieg aus, und ein blasser Zauberer mit sehr
traurigem Gesicht betrat den Fahrstuhl. „Morgen, Arthur!“ sagte er mit Grabesstimme, als der Lift begann,
abzusteigen. „Man sieht dich nicht oft hier unten!“ „Wichtige Geschäfte, Bode.,“ sagte Mr Weasley, der auf seinen
Fussballen hüpfte, und Harry besorgte Blicke zuwarf.
„Ah, ja,“ sagte Bode, Harry inspizierend, „natürlich.“ Harry hatte kein Gefühl zu verschwenden für Bode, aber
dessen unbeugsames Starren bereitete ihm kein angenehmes Gefühl.
„Mysterienabteilung“ sagte die kühle Frauenstimme, und beliess es dabei.
„Schnell, Harry,“ sagte Mr Weasly, als die Fahrstuhltüren rasselnd aufgingen,
und sie rasten einen Korridor hinunter, der sich ziemlich von den oberen unterschied. Die Wände waren kahl; es gab
keine Fenster und keine Türen, ausser die eine, am Ende des Gangs. Harry erwartete, daß sie hindurchgingen, aber
stattdessen packte ihn Mr Weasley am Arm und zerrte ihn nach links, wo eine Öffnung zu einer Treppenflucht
führte.
„Hier runter, hier runter,“ keuchte Mr Weasley, zwei Stufen auf einmal nehmend. „Der Fahrstuhl kommt nicht mal
so weit runter ... warum machen sie das da unten- Ich ...“
Sie erreichten das untere Ende der Treppe und rannten einen weiteren Korridor entlang, der eine grosse Ähnlichkeit
aufwies mit dem, der zu Snape’s Verlies in Hogwarts führte, mit rauhen Steinwände und Fackeln in Halterungen.
Die Türen, an denen sie vorbeikamen, hatten eiserne Klinken und Schlüssellöcher.
„Gerichtssaal zehn.. ich denke.... wir sind gleich da...... Ja!“
Mr Weasley blieb stolpernd vor einer russgeschwärzten Tür mit einem riesigen eisernem Schloss stehen, sank gegen
die Wand und hielt sich dje stechende Brust.
„Komm schon,“ keuchte Mr Weasly, mit dem Finger auf die Tür zeigend. „Geh da rein!“
„Kommen....kommen Sie nicht mit?“
„Nein,nein, ich darf nicht. Viel Glück!“
„Harrys Herz schlug ihm heftig pulsierend bis zum Hals.
Er schluckte, betätigte die Türklinke, und betrat den Gerichtssaal.
Kapitel 8 - Die Anhörung
Harry keuchte; er konnte sich nicht helfen. Das große Verlies, das er betreten hatte, war ihm so furchtbar vertraut. Er
hatte es zuvor nicht nur gesehen, er war zuvor hier gewesen. Dies war der Platz, den er innerhalb von Dumbledores
Kammer besucht hatte, der Ort, wo er die Lestranges gesehen hatte, die zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe in
Askaban verurteilt wurden.
Die Wände waren aus dunklem Stein, schwach erleuchtet von Fackeln. Leere Bänke befanden sich an seinen Seiten,
aber vorn, auf den höchsten Bänken waren viele schattenhafte Gestalten. Sie sprachen mit abgesenkter Stimme, aber
als die schwere Tür hinter Harry zufiel, trat hinten eine unheilvolle Stille ein.
Eine kalte männliche Stimme klang durch den Gerichtssaal.
„Sie kommen zu spät.“
„Es tut mir leid,“ sagte Harry nervös. „Ich - ich wußte nicht, daß die Zeit umgestelllt worden ist „
„Das ist nicht die Schuld der Wizengamots,“ sagte die Stimme. „Eine Eule wurde heute Morgen an Sie gesandt.
Nehmen Sie Platz.“
Harry ließ seinen Blick zum Stuhl in der Mitte des Raumes schweifen, dessen Armlehnen von Ketten bedeckt waren.
Er hatte gesehen, wie jene Ketten zum Leben erwachten und jeden anketteten, der zwischen ihnen saß. Seine Schritte
hallten laut, als er über den Steinboden ging. Wenn er vorsichtig auf der Kante des Stuhles saß, ließen die Ketten ein
drohendes Klirren vernehmen, aber banden nicht ihn. Sich ziemlich krank fühlend, sah er auf die Leute, die oben auf
der Bank saßen.
Es gab etwa fünfzig von ihnen, alle, soweit er sehen konnte, bekleidet mit pflaumenfarbenen Roben, mit einem
eingearbeiteten silbernen W auf der linken Seite der Brust, mit ihren Nasen ganz fixiert auf ihn, einige mit einem
sehr strengen Ausdruck, anderen schauten mit offener Neugier.
Genau in der Mitte der vorderen Reihe saß Cornelius Fudge, der Minister für Zauberei. Fudge war ein beleibter
Mann, der oft einen limonengrünen Bowlingspielerhut trug, doch heute hatte er auf ihn verzichtet; er hatte auch auf
das nachsichtige Lächeln verzichtet, das er einmal getragen hatte, als er mit Harry sprach. Eine dicke, breitgesichtige
Hexe mit sehr kurzem grauem Haar saß auf Fudge“s linker Seite; sie trug ein Monokel und sah abstoßrend aus.
Rechts von Fudge war noch eine andere Hexe, aber sie saß so weit hinten auf der Bank, daß ihr Gesicht im Schatten
lag.
„Sehr gut,“ sagte Fudge. „Die Angeklagten sind anwesend - schließlich - lassen Sie uns beginnen. Sind Sie bereit?“
rief er in die Reihe hinunter.
„Ja, Sir“ sagte eine eifrige Stimme, die Harry kannte. Rons Bruder Percey saß am Ende des Präsidiums. Harry sah
auf Percy und erwartete ein Zeichen des Wiedererkennens, aber es kam keines. Percys Augen waren hinter seiner
Hornbrille auf sein Pergament gerichtet, eine Schreibfeder ruhte in seiner Hand.
„Disziplinaranhörung vom zwölften August,“ sagte Fudge mit seiner wohlklingenden Stimme, und Percy begann
sofort Notizen zu machen, „wegen begangener Verstöße gegen die Verordnung über die vernünftige Einschränkung
von unerlaubter Hexerei und gegen das Internationale Statut der Verschwiegenheit durch Harry James Potter,
Bewohner von Nummer 4, Ligusterweg, Little Whinging, Surrey.“
„Vernehmungsbeamte: Cornelius Oswald Fudge, Minister für Zauberei; Amelia Susan Bones, Vorsitzende der
Abteilung für die Durchsetzung magischer Gesetze; Dolores Jane Umbridge, Senior parlamentarische
Staatssekretärin des Ministers. Gerichtsschreiber, Percy Ignatius Weasley- „
„Zeuge der Verteidigung, Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore,“ sagte eine ruhige Stimme hinter Harry, der
seinen Kopf so schnell drehte, daß er sich den Hals verrenkte.
Dumbledore schritt gelassen durch den Raum, gekleidet in eine lange, mitternachtsblaue Robe, einen vollkommen
ruhigen Ausdruck im Gesicht. Sein langer silberner Bart und das Haar schimmerten im Fackelschein, als er auf
Harrys Höhe war und durch die Brille mit halbmondförmigen Gläsern, die weit unten auf seiner sehr gebogenen
Nase ruhte, nach oben zu Fudge blickte.
Die Mitglieder des Wizengamot murmelten. Alle Augen waren nun bei Dumbledore. Einige blickten verärgert,
andere leicht erschreckt; zwei ältliche Hexen aus der hintersten Reihe jedoch erhoben ihre Hände und winkten zur
Begrüßung.
Beim Anblick von Dumbledore war in Harrys Brust ein starkes Gefühl aufgestiegen, ein ermutigendes,
hoffnungsvolles Gefühl, daß ihn an jenes vom Lied des Phönix erinnerte. Er wollte Dumbledores Blick begegnen,
aber Dumbledore sah woanders hin; er blickte weiterhin nach oben zu dem offensichtlich verwirrten Fudge.
„Ah,“ sagte Fudge, der vollkommen verwirrt aussah. „Dumbledore. Ja. Sie - äh - haben unsere - äh - Nachricht, daß
die Zeit und - äh -der Ort der Anhörung geändert wurden, ja?“
„Ich muß sie verpaßt haben,“ sagte Dumbledore freundlich. „Jedoch, wegen eines glücklichen Fehlers kam ich heute
drei Stunden zu früh ins Ministerium, so ist kein Schaden entstanden.“
„Ja - gut - ich nehme an, wir werden einen weiteren Stuhl brauchen - ich - Weasley, könntest du?“
„Mühen sie sich nicht, mühen sie sich nicht,“ sagte Dumbledore liebenswürdig; er zog seinen Zaubestab hervor, gab
ihm einen leichten Schlag, und ein weicher Sessel aus Chintz erschien neben Harry aus dem Nichts. Dumbledore
setzte sich, legte die Spitzen seiner sehr langen Finger gegeneinander und blickte Fudge über ihnen mit einem
Ausdruck höflichen Interesses an. Die Wizengamot murmelten noch immer und zappelten ruhelos herum; erst als
Fudge wieder sprach, kamen sie ur Ruhe.
„Ja,“ sagte Fudge wieder,indem er in seinen Notizen kramte. „Gut, dann. So. Die Anklagepunkte. Ja.“
Er zog ein Blatt Pergament aus dem Stapel vor sich, nahm einen tiefen Atemzug und las vor,
Die Anklagepunkte gegen den Beschuldigten lauten wie folgt:
Daß er wissentlich und absichtlich und bei vollem Bewußtsein der Unrechtmäßigkeit seiner Handlungen, nachdem er
eine zuvor vom Zaubereiministerium geschriebene Warnung in ähnlicher Sache erhalten hatte, einen Patronus-
Dementorenabwehrzauber in einem von Muggeln bewohnten Gebiet erzeugt hatte, in Gegenwart eines Muggels, am
zweiten August um 23 Minuten nach Neun, was eine Verletzung von Paragraph C des Gesetzes zur vernünftigen
Einschränkung der Zauberei Minderjähriger, von 1875, und auch des Abschnitts 13 des Statuts der Geheimhaltung
des Internationalen Bündnisses der Zaubererschaft darstellt.
„Du bist Harry James Potter, Ligusterweg 4, Little Whinging, Surrey,“ sagte Fudge indem er Harry über das
Pergament hinweg ansah.
„Ja”, sagte Harry.
„Du hast vor drei Jahren eine offizielle Warnung vom Ministerium wegen der Nutzung illegalen Zaubers erhalten,
richtig?“
„Ja, aber -“
„Und doch hast du einen Patronus in der Nacht vom zweiten August erzeugt?,“ sagte Fudge.
„Ja,“ sagte Harry „aber-“
„Wissend, daß du keinen Zauber ausserhalb der Schule benutzen darfst, weil du noch nicht 17 bist?“
„Ja, aber -“
„Wissend, daß du in einem Gebiet voller Muggel warst?“
„Ja, aber -“
„Das du in unmittelbarer Nähe von mehreren Muggeln warst?“
„Ja,“ sagte Harry ärgerlich „aber ich habe ihn nur benutzt weil wir -“
Die Hexe mit dem Monokel fiel ihm mit einer dröhnenden Stimme ins Wort.
„Du hast einen voll-entwickelten Patronus hergestellt?“
„Ja,“ sagte Harry,“weil -“
„Einen corporealen Patronus?“
„Einen - was?” sagte Harry.
„Der Patronus hatte eine klar erkennbare Form? Ich will sagen, war es mehr als Dampf oder Rauch?“
„Ja,“ sagte Harry und fühlte sich sowohl ungeduldig und auch leicht verzweifelt „es ist ein Hirsch, es ist immer ein
Hirsch“
„Immer?,“ donnerte Madame Bones. „Du hast bevor jetzt schon einmal einen Patronus hergestellt?“
„Ja,“ sagte Harry, „Ich mache ihm schon seit über einem Jahr“
„Und du bist fünfzehn Jahre alt?“
„Ja, und -“
„Du hast das in der Schule gelernt?“
„Ja, Professor Lupin hat es mir in meinem dritten Jahr beigebracht, wegen der -“
„Beeindruckend,“ sagte Madame Bones und staunte auf Harry herab, „einen echten Patronus in diesem Alter...
wirklich sehr beeindruckend.“
Einige der Zauberer und der Hexen um sie herum murmelten wieder; ein paar nickten, aber andere runzelten ihre
Stirn und schüttelten den Kopf. „Es geht nicht darum, wie beeindruckend die Zauberei war,“ sagte Fudge mit
unwirscher Stimme, „je eindrucksvoller sie war, umso schlechter ist es. Ich würde meinen, daß es der Junge einfach
in Anbetracht eines Muggles gemacht hat.“
Jene, die die Stirn gerunzelt hatten, murmelten übereinstimmend, aber es war das ungläubige, scheinheilige Nicken
von Percy, das Harry wütend machte.
„Ich machte es wegen der Dementoren,“ sagte Harry aufgebracht, bevor in wieder jemand unterbrach.
Harry hatte wieder Gemurmel erwartet, aber es wurde ganz still, was Harry noch schlimmer fand. „Dementoren?“
fragte Madam Bones nach einem Moment mit weit aufgerissenen Augen. „Was meinst du damit, Junge?“
„Ich meine damit, daß in dieser Gasse 2 Dementoren waren, die auf mich und meinen Vetter zukamen.“ „Ah,“ sagte
Fudge und sah sich grinsend um, als ob er darauf wartete, daß die anderen den Witz verstünden. „Ja, ja, ich habe mir
schon gedacht, daß wir so was hören werden.“
„Dementoren in Little Whinging?“ sagte Madame Bones überrascht. „Ich verstehe das nicht.“
..“..nicht?“ fragte Fudge, immer noch grinsend. „Lasst es mich erklären.“ Er dachte nochmals darüber nach und kam
zum Ergebnis, daß Dementoren eine nette kleine Titelgeschichte abgeben würden. „Aber Muggles können
Dementoren nicht sehen, stimmt doch, oder?“
„Stimmt ganz genau! Und außerdem haben wir nur dein Wort und keine Zeugen.“
„Ich lüge nicht,“ erwiderte Harry aufgebracht, nachdem es wieder zu neuen Tuscheleien unter den Anwesenden kam.
„Außerdem haben tatsächlich einen Zeugen, der die Anwesenheit der zwei Dementoren in dieser Gasse bestätigen
kann. Außer Dudley natürlich,“ sagte Dumbledore. Fudges“ Gesicht schien kleiner zu werden, als ob ihm jemand die
Luft herausgelassen hätte. Er starrte einen Moment auf Dumbledore hinunter und sagte dann: „Ach kommen Sie
Dumbledore. Ich fürchte wir habe keine Zeit mehr, um uns solche irrsinnigen Geschichten anzuhören.“
„Aber ist das nicht die Politik der Abteilung für magische Gesetze, Madame Bones?“ fragte er , seinen Blick fest auf
Madame Bones gerichtet. „Vielleicht liege ich falsch,“ sagte Dumbledore ruhig, „aber ich bin mir sicher, daß vor
Gericht der Angeklagte das Recht hat, daß Zeugen in seinem Fall anwesend sind.“
„Stimmt,“ sagte Madame Bones, „stimmt genau.“ „Ok, ok, ok,“ sagte Fude wütend. Wo ist diese Person?“
„Ich habe sie mitgebracht,“ sagte Dumbledore. „Sie steht vor der Türe. Soll ich sie...?“
„Nein, Weasly, sie gehen!“ fuhr Fudge Percy an....der sofort aufstand, die steinigen Treppen hinabstieg und an Harry
und Dumbledore vorbei eilte, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Einen Moment später kehrte Percy, gefolgt von
Misses Figg, in den Saal zurück. Sie sah ängstlicher und gestresster aus als jemals zuvor. Harry wünschte sich, daß
sie wenigstens daran gedacht hätte, ihre aus Teppichboden hergestellten Pantoffeln auszuziehen.
Dum bledore stand auf, gab Misses Figg seinen Stuhl und zauberte Sekunden später einen neunen Stuhl für sich.
„Voller Name?“ fragte Fudge laut, als sich MIsses Figg nervös auf die äußerste Kante ihres Stuhles gesetzt hatte.
„Arabella Doreen Figg,“ antwortete sie in ihrer quackigen Stimme. „Und wer sind Sie genau?“ sagte Fudge in einer
gelangweilten, hochnäsigen Stimme. „Ich wohne in Little Whinging, fast genau dort wo Harry Potter lebt,“
antwortete Misses Figg. „Wir haben keine Daten von einer Hexe oder einem Zauberer, außer Harry Potter, von
denen wir wissen, daß sie in Little Whinging leben,“ sagte Madame Bones sofort.
„Ich bin ein Squib,“ sagte Misses Figg. „Deshalb haben sie keine Informationen über mich.“ „Ach, ein Squib,“
bemerkte Fudge, die Augen zu Schlitzen verengt. „Das werden wir überprüfen.“
„Geben Sie meinem Assistenten Percy Informationen über Ihre Herkunft! Übrigens, können Squibs überhaupt
Dementoren sehen?,“ fügte er hinzu und schaute sich fragend links und rechts um. „Natürlich können wir!“
antwortete Misses Figg entrüstet. Fudge schaute mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihr herunter. „Na gut. Erzählen
Sie uns Ihre Geschichte.“
„Ich bin hinausgegangen, um Katzenfutter im Tante-Emma-Laden am Ende des Ligusterwegs zu kaufen. Es war
etwa 9.00 Uhr abends am 2. August,“ sagte Misses Figg sofort, als ob sie es auswendig gelernt hätte.
„Plötzlich hörte ich Geräusche unten in der Gasse zwischen Magnolien- und Ligusterweg. Ich bin sofort
hingegangen und sah einen Dementoren, der davonrannte.“ „Der rannte?“ entgegnete Madam Bones überrascht.
„Dementoren rennen nicht, sie schweben.“ „Ja, das ist es, was ich sagen will“ erwiderte Misses Figg schnell, als ihre
verrunzelten Wangen rosarot anliefen.
„Sie schwebten durch die Gasse auf etwas zu, das wie zwei Jungs aussah.“ „Wie sahen diese Jungs aus?,“ fragte
Madame Bones mit zu Schlitzen verengten Augen.
„Nun, der eine war ziemlich groß und der andere sehr schmal.“
„Nein, nein,“ sagte Madam Bones ungeduldig. „Ich meine die Dementoren, können Sie sie beschreiben?“
„Oh,“ antwortete Misses Figg mit deutlich erkennbarem Rosa auf ihren Wangen, „sie waren groß und hatten Mäntel
an.“ Harry fühlte sich, als hätte er einen Schlag in die Magengrube erhalten.
Was Misses Figg sagte, hörte sich so an, als hätte sie bestenfalls ein Bild von einem Dementoren gesehen. Aber ein
Bild kann nicht die Wahrheit dieser schrecklichen Wesen vermitteln, diese unheimliche Art, wie sie sich bewegen
oder der nach Verwesung stinkende Geruch, der von ihnen ausgeht und erst recht nicht der rasselnde Atem, wenn sie
Luft einsaugen.
In der zweiten Reihe lehnte sich ein Zauberer mit einem schwarzen Schnurrbart zu seinem Nebensitzer hinüber und
flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der grinste und nickte.
„Sie waren groß und hatten Mäntel an,“ wiederholte Madam Bones kühl, während Fudge spöttisch prustete. „Ok,
sonst noch etwas?“
„Ja,“ fuhr Misses Figg fort. „Ich habe sie gefühlt. Obwohl es eine warme Sommernacht war, wurde plötzlich alles
eiskalt. Als ob das ganze Glück der Welt plötzlich weg wäre. Ich erinnerte mich an schreckliche Dinge.....“ Ihre
Stimme zitterte und verstummte. Madam Bone“s Augen weiteten sich leicht. „Was haben die Dementoren
gemacht?,“ fragte sie und Harry spürte, wie Hoffnung in ihm aufkam.
„Sie bewegten sich auf die Jungs zu“ sagte Misses Figg mit stärkerer Stimme als je zuvor. Das Rosa in ihrem Gesicht
war wie weggeblasen.“ Einer der beiden Jungs war hingefallen, der andere wich zurück und versuchte, die
Dementoren aufzuhalten. Das war Harry. Er versucht es zweimal, erzeugte aber nur silbernen Dampf. Beim dritten
Versuch erzeugte er dann einen Patronus, der zuerst den ersten, dann den zweiten Dementor verjagte. Und das, das
ist, was geschehen ist,“ sagte Misses Figg.
Während Madame Bones ruhig auf Misses Figg herunterschaute, beachtete Fugde sie überhaupt nicht, sondern
spielte mit seinen Papieren. Schließlich erhob er sich und bemerkte in einem aggressiven Ton: „Ist das alles, was Sie
gesehen haben?“
„Das ist es, was passiert ist“ wiederholte Misses Figg. „Sehr gut, Sie können gehen.“
Misses Figg schaute ängstlich zwischen Fudge und Dumbledore hin und her, erhob sich dann, ging zur Tür und
verließ den Saal.
„Ein nicht sehr überzeugender Zeuge,“ meinte Fudge hochnäsig. „Na ja, ich weiß nicht“ ,erwiderte Madam Bones.
„Sie beschrieb die Wirkung eines Dementoren sehr genau und ich kann mir keinen Grund vorstellen, warum sie
lügen sollte.“
„Aber warum kommen Dementoren in einen Muggle-Vorort!!? Das müsste doch ein riesiger Zufall gewesen sein“
überlegte Fudge. „Oh, ich glaube, keiner von uns hier denkt, daß die Dementoren dort zufällig waren,“ entgegnete
Dumbledore.
Die Hexe mit dem Monokel schnitt ihm mit dröhnender Stimme das Wort ab.
„Du hast einen ausgewachsenen Patronus hervorgebracht?“
„Ja,“ sagte Harry, „weil-“
„Einen körperlichen Patronus?“
„Einen... was?“ sagte Harry.
„Dein Patronus hatte eine klar abgegrenzte Form? Was ich sagen will, war er mehr als Dampf und Rauch?“
„Ja,“ sagte Harry, der sich sowohl ungeduldig als auch verzweifelt fühlte, es ist ein Hirsch, es ist immer ein Hirsch.“
„Immer?“ fragte Madam Bones. „Du hast schon vorher einen Patronus hervorgebracht?“
„Ja,“ sagte Harry. „Ich mache es schon seit über einem Jahr.“
„Und Du bist fünfzehn Jahre alt?“
„Ja, und -“
„Du hast das in der Schule gelernt?“
„Ja, Professor Lupin hat es mich im dritten Jahr gelehrt, wegen der - „
„Beeindruckend,“ sagte Madam Bones, die auf ihn herunter starrte, „ein echter Patronus in seinem Alter... wahrhaftig
sehr beeindruckend.“
Einige der Zauberer und Hexen um sie herum begannen wieder zu murmeln; ein paar nickten, aber andere runzelten
die Stirn und schüttelten den Kopf.
„Die Frage ist nicht, wie beeindruckend die Magie war,“ sagte Fudge mit gereizter Stimme, „es ist sogar umso
schlimmer, je beeindruckender es war, würde ich denken, da der Junge es im offensichtlichen Beisein von Muggeln
tat!“
Die, die bisher die Stirn gerunzelt hatten, murmelten jetzt Zustimmung, aber es war ein Blick auf Percys
scheinheiliges Nicken, das Harry dazu brachte, die Stimme zu erheben.
„Ich habe es wegen der Dementoren getan,“ sagte er laut, bevor ihn jemand unterbrechen konnte.
Er hatte weiteres Getuschel erwartet, aber das Schweigen, das daraufhin entstand wirkte dichter als vorher.
„Dementoren?“ sagte Madam Bones nach einem Augenblick, und ihre buschigen Augenbrauen erhoben sich soweit,
daß das Monokel herunterzufallen drohte.
„Was meinst Du, Junge?“
„Ich meine, in der Gasse waren zwei Dementoren, und sie waren hinter mir und meinem Cousin her!“
„Aha,“ sagte Fudge erneut, unerfreulich grinsend, während er im Wizengamot umherschaute, als wollte er sie
einladen, den Witz mit ihm zu teilen. „Ja, ja. Ich dachte doch, daß wir etwas in dieser Richtung hören würden.“
„Dementoren in Little Whinging?“ fragte Madam Bones mit einer Stimme, die zeigte, wie überrascht sie war. „Ich
verstehe nicht -“
„Wirklich nicht, Amelia?“ fragte Fudge, immer noch grinsend. „Laß es mich erklären. Er hat es sich durchdacht und
hielt Dementoren für eine gute Idee, seine Geschichte zu decken, wirklich eine nette Geschichte. Muggels können
keine Dementoren sehen, oder doch, Junge? Überaus praktisch, überaus praktisch... Also gibt es nur Dein Wort, aber
keine Zeugen...“
„Ich lüge nicht!,“ rief Harry laut, um das erneut aufkommende Gemurmel des Gerichts zu übertönen. „Es waren zwei
von ihnen, die von beiden Enden der Gasse kamen, alles wurde dunkel und kalt und als mein Cousin sie spürte,
rannte er los -“
„Genug, genug!“ sagte Fudge, mit einem sehr hochmütigen Ausdruck im Gesicht. „Es tut mir leid, eine Geschichte
zu unterbrechen, die wahrscheinlich sehr sorgfältig einstudiert wurde -“
Dumbledore räusperte sich. Das Wizengamot wurde wieder still.
„Wir haben durchaus einen Zeugen für die Anwesenheit von Dementoren in jener Gasse,“ sagte er, „abgesehen von
Dudley Dursley natürlich.“
Fudges pralles Gesicht schien zu erschlaffen, als ob jemand die Luft herausgelassen hätte. Für einen Augenblick oder
zwei starrte er auf Dumbledore herunter, dann sagte er, mit dem Ausdruck eines Mannes, der sich zusammenreißt,
„ich bedaure, Dumbledore, wir haben leider keine Zeit, uns weiteren Schnickschnack anzuhören. Ich möchte diese
Sache schnell hinter mich bringen -“
„Ich kann mir irren,“ sagte Dumbledore freundlich, „aber ich bin mir sicher, daß in den Statuten des Wizengamot
dem oder der Angeklagten das Recht zugestanden wird, Zeugen zu benennen? Ist das nicht das Verfahren der
Abteilung für die Durchführung Magischer Gesetze, Madam Bones?,“ fuhr er fort, die Hexe mit dem Monokel
ansprechend.
„Wahr,“ sagte Madam Bones, „das entspricht der Wahrheit.“
„In Ordnung, sehr schön, sehr schön,“ knurrte Fudge. „Wo ist diese Person?“
„Ich habe sie mitgebracht,“ sagte Dumbledore, „sie steht draußen vor der Tür. Soll ich sie holen? - „
„Nein - Weasley, Sie gehen,“ bellte Fudge zu Percy, der sofort aufsprang, die Treppen von der Empore des Gerichts
herunterrannte und an Dumbledore und Harry vorbeihastete ohne sie eines Blicke zu würdigen.
Einen Augenblick später kam Percy zurück, gefolgt von Frau Figg. Sie sah verängstigt aus und noch weniger bei
Trost als sonst. Harry wünschte, sie hätte daran gedacht, statt der Hausschuhe etwas anderes anzuziehen.
Dumbledore stand auf und bot Ihr seinen Platz an, bevor er sich einen zweiten Stuhl herzauberte.
„Vollständiger Name?“ fragte Fudge laut, nachdem Frau Figg sich nervös am der äußersten Kante der Sitzfläche
niedergelassen hatte.
„Arabella Doreen Figg,“ antwortete sie mit ihrer zittrigen Stimme.
„Und wer genau sind Sie?“ fragte Fudge gelangweilt und hochmütig.
„Ich wohne in Little Whinging, in der Nähe von Harry Potter.“ sagte Frau Figg.
„Wir haben keine amtlichen Dokumente irgendeiner Hexe oder eines Zauberer in Little Whinging, mit Ausnahme
von Harry Potter,“ sagte Madam Bones sofort.
„Dieser Zustand wurde immer penibel überwacht, seit... seit es diese Vorkommnisse gab.“
„Ich bin ein Squib,“ sagte Frau Figg, „also würden Sie über mich keine amtlichen Dokumente führen, nicht wahr?“
„Eine Squib, soso?“ fragte Fudge und betrachtete sie genau. „Wir werden das überprüfen. Sie werden Einzelheiten
über ihre Eltern meinem Assistenten Weasley mitteilen. Nebenbei gefragt, können Squibs Dementoren sehen?“
schob er nach, dabei nach links und rechts zu den anderen schauend.
„Ja, das können wir,“ rief Frau Figg empört.
Fudge schaute auf sie mit hochgezogenen Augenbrauen herab. „Also schön,“ fragte er, „was ist Ihre Geschichte?“
„Ich bin aus dem Haus gegangen, um Katzenfutter vom Eckladen am Ende des Wisteria Walk zu kaufen, es war so
gegen neun Uhr am Abend des zweiten August,“ plapperte Frau Figgs sofort los, als ob sie auswendig gelernt hätte,
was sie sagen wollte, „als ich plötzlich einen Aufruhr in der Gasse zwischen Magnolia Crescent und Wisteria Walk
hörte. Als ich zum Anfang der Gasse kam, sah ich zwei Dementoren rennen -“
„Rennen?“ fragte Madam Bones scharf. „Dementoren rennen nicht, sie gleiten.“
„Das ist genau, was ich sagen wollte,“ sagte Frau Figgs schnell, und ihre ausgetrockneten Wangen wurden rot. „Sie
glitten die Gasse entlang auf etwas zu, was aussah wie zwei Jungen.“
„Wie sahen die beiden aus?“ fragte Madam Bones, und ihre Augen wurden dabei so schmal, daß die Ränder ihres
Monokel unter der Haut verschwanden.
„Nun, einer war sehr groß, und der andere war sehr schmal-“
Madam Bones rief ungeduldig „Nein, nein. Beschreiben Sie die Dementoren.“
„Oh,“ sagte Frau Figgs, und die Röte stieg ihr bis ins Genick. „Sie waren groß. Groß, und trugen Umhang.“
Harry spürte ein furchtbares Sinken im Bauch. Was auch immer sie sagte, für ihn klang es so, als ob sie höchstens
mal ein Bild von Dementoren gesehen hätte, und ein Bild konnte niemals die Wahrheit über diese Wesen deutlich
machen: ihre unheimliche Art sich zu bewegen, Zentimeter über dem Boden zu schweben; oder ihren verrotteten
Gestank; oder das furchtbare Geräusch das sie machten wenn sie die umgebende Lust einsaugten...
In der zweiten Reihe lehnte sich ein untersetzter Zauberer mit einem großen schwarzen Schnurrbart zu seiner
Nachbarin, und flüsterte der Hexe mit dem gekräuselten etwas ins Ohr. Sie grinste und nickte.
„Groß, und trugen Umhang“ wiederholte Madam Bones nüchtern, während Fudge verächtlich durch die Nase zog.
„Ich verstehe. Sonst noch was?“
„Ja,“ sagte Frau Figgs. „Ich habe sie gespürt. Alles wurde kalt, und immerhin war es eine sehr warme Sommernacht,
ist klar. Und ich spürte... als ob die ganze Fröhlichkeit aus der Welt gegangen wäre... und ich erinnerte mich an...
abscheuliche Dinge...“
Ihre Stimme zitterte und verstummte.
Madam Bones Augen weiteten sich ein wenig. Harry sah rote Spuren unter den Augenbrauen, wo das Monokel sich
eingegraben hatte.
„Was haben die Dementoren getan?“ fragte sie, und Harry spürte einen Funken Hoffnung.
„Sie waren hinter den Jungs her,“ begann Frau Figgs wieder, und ihre Stimme war stärker und voller
Selbstvertrauen, die Röte verschwand aus ihrem Gesicht. „Einer war hingefallen. Der andere schritt zurück und
versuchte die Dementoren abzuwehren. Das war Harry. Er hat es zweimal probiert und erzeugte nur silbernen
Dampf. Beim dritten Versuch brachte er einen Patronus hervor, der dem ersten Dementor nachstellte und, auf seine
Aufforderung hin, den zweiten Dementor von seinem Cousin vertrieb. Und das... das ist was passierte.“ endete Frau
Figgs lahm.
Schweigsam schaute Madam Bone auf Frau Figgs. Fudge schaute sie überhaupt nicht an, sondern blätterte in seinen
Papieren. Endlich schaute er auf und fragte, mit aggressiver Stimme, „Ist das, was Sie gesehen haben?“
Frau Figgs wiederholte „das ist, was passierte.“
„Sehr schön, Sie können jetzt gehen.“ sagte Fudge.
Frau Figg warf einen ängstlichen Blick auf Fudge und Dumbledore, stand dann auf und schlurfte zur Tür. Harry
hörte die Tür hinter ihr schließen.
Hochnäsig sagte Fudge „Das war keine sehr überzeugte Zeugin.“
Madam Bones antwortete mit dröhnender Stimme: „Oh, ich weiß nicht. Sie hat die Ereignisse eines
Dementorenangriffs sehr genau beschrieben. Und ich kann mir nicht vorstellen, warum sie sagen würde, daß sie da
waren wenn sie gar nicht da waren.“
„Aber Dementoren die in ein Wohngebiet von Muggeln gehen und zufällig auf einen Magier stoßen?“ höhnte Fudge.
„Die Wahrscheinlichkeit dürfte doch wohl sehr sehr gering sein. Sogar Bagman hätte nicht gewettet...“
Dumbledore warf beiläufig ein „Oh, ich glaube nicht, daß irgendwer von uns der Meinung ist, die Dementoren wären
zufällig dort gewesen.“
Die Hexe die zur Rechten von Fudge saß und ihr Gesicht im Schatten verbarg, bewegte sich ein wenig. Alle anderen
saßen leise und ruhig.
Eiskalt fragte Fudge „Und was soll das bedeuten?“
„Das bedeutet, daß ich glaube, daß sie dorthin kommandiert wurden“ sagte Dumbledore.
„Ich denke wie würden eine Aufzeichnung darüber haben wenn jemand sie kommandiert.“
Dann hörte das Flüstern auf. Harry wollte die Richter ansehen, aber fand, das es wirklich viel, viel leichter war, auch
weiterhin die Fliesen anzustarren.
„Diejenigen, die den Angeklagten von allen Anschuldigen freisprechen?“ sagte Madame Bones donnernde Stimme.
Harrys Kopf zuckte nach oben. Da wären Hände in der Luft, viele davon … mehr als die Hälfte! Sehr stark atmend,
versuchte er sie zu zählen, aber bevor er damit fertig wurde, hatte Madame Bones bereits gesaagt, „Und jene die
einen Schuldspruch befürworten?“
Fudge hob seine Hand; so taten es ihm auch ein halbes Dutzend andere nach, einschließlich der Hexe zu seiner
Rechten und der Zauberer mit dem riesenhaften Schnurrbart und die kraushaarige Hexe in der zweiten Reihe.
Fudge warf ihnen allen einen flüchtigen Blcik zu, es sah aus, als würde etwas großes in seiner Kehle festsitzen, dann
ließ er seine Hand sinken. Er nahm zwei tiefe Atemzüge und sagte, mit einer Stimme voll unterdrückter Wut, „Nun
gut, nun gut … frei von allen Anschuldigungen.“
„Ausgezeichnet,“ sagte Dumbledore lebhaft, auf seinen Füßen federnd, zog seinen Zauberstab hervor und ließ die
beiden buntbedruckten Armlehnen verschwinden. „Nun, ich muß leider weiter. Guten Tag, euch allen.“
Und ohne Harry einmal anzuschauen, hatte er den Kerker verlassen.
Kapitel 9 - Der Kummer Mrs. Weasleys
Harry war völlig überrascht von Dumbledores plötzlichem Aufbruch. Er blieb wie angewurzelt in dem Kettenstuhl
sitzen, schockiert und erleichtert zugleich. Die Mitglieder des Wizengamot erhoben sich, unterhielten sich,
sammelten ihre Papiere ein und packten sie weg. Harry stand auf. Niemand schien ihn mehr zu beachten, außer der
krötenähnlichen Hexe zu Fudge“s Rechten, die nun nicht mehr auf Dumbledore sondern auf ihn herunterstarrte. Er
ignorierte sie und versuchte einen Blick von Fudge oder Madam Bone zu erhaschen. Er fragte sich, ob er denn jetzt
gehen könne, aber es schien, daß Fudge entschlossen war Harry nicht zu bemerken, und Madame Bone war mit
ihrem Aktenkoffer beschäftigt. Also tastete er sich vorsichtig Richtung Ausgang vor, und als niemand ihn zurückrief
beschleunigte er seine Schritte.
Die letzten Stufen sprang er hinunter, stieß die Tür auf und wäre fast gegen Mr. Weasly geprallt, der bleich und
besorgt direkt hinter der Tür stand.
„Dumbledore hat nicht gesagt, ob Du - „
„Freigesprochen,“ sagte Harry, während er die Tür hinter sich zuzog, „in allen Anklagepunkten!“
Strahlend packte Mr. Weasly Harry bei den Schultern.
„Harry, das ist ja großartig! Nun, natürlich hätten sie dich gar nicht verurteilen können, nicht mit den Beweisen, aber
dennoch kann ich nicht behaupten ich wäre nicht - „
Mr. Weasley hörte auf zu sprechen als die Gerichtstür sich wieder öffnete. Das Wizengamot verließ gerade den Saal.
„Bei Merlins Bart!“ stieß Mr. Weasley erstaunt aus, und zog Harry zur Seite um sie vorbeizulassen. „Das komplette
Gericht hat Deinen Fall verhandelt?“
„Ich glaube ja,“ sagte Harry leise.
Ein paar Zauberer, wie Madame Bones, nickten Harry im Vorbeigehen zu und sagten, „Morgen, Arthur,“ aber die
meisten vermieden es ihnen in die Augen zu sehen. Cornelius Fudge und krötenhafte Hexe waren die vorletzten, die
den Kerker verließen. Fudge tat als seien Mr. Weasley und Harry Luft, aber sie schaute Harry wieder musternd an,
während sie vorbeiging. Percy kam als letzter. Genauso wie Fudge ignorierte er Harry und seinen Vater völlig; er
schritt an ihnen vorbei, eine große Rolle Pergament und eine Hand voll Federn fest umklammert. Die Falten um Mr.
Weasleys Mund vertieften sich, aber sonst ließ er sich nicht anmerkern, daß gerade sein dritten Sohn an ihm
vorbeigegangen war.
„Ich werde Dich sofort zurückbringen, damit Du den anderen die gute Nachricht erzählen kannst,“ sagte er und
bedeutet Harry mit einem Kopfnicken vorauszugehen, als Percys Absätze die Stufen hinauf zur neunten Etage
verschwunden waren. „Ich setze Dich auf meinem Weg zu dieser Toilette in Bethnal Green ab. Komm...“
„Was werden Sie mit der Toilette machen?“ fragte Harry grinsend. Alles schien auf einmal fünfmal so lustig wie
sonst.
Langsam begriff er: er war freigesprochen, und er würde nach Hogwarts zurückkehren.
„Ach, nur ein kleiner Gegenfluch,“ sagte Mr. Weasley als sie die Stufen hinaufkletterten, „aber es geht ja gar nicht
darum den Schaden zu beheben, sondern vielmehr um die Gesinnung, die hinter diesem Vandalismus steckt, Harry.
Muggles jagen mag zwar einigen Zauberern lustig erscheinen, aber es ist der Ausdruck von etwas viel tieferem,
abscheulicherem, und ich für meine Teil - „
Mr. Weasley stoppte in der Mitte des Satzes. Sie hatten gerade die neunte Etage erreicht und da stand Cornelius
Fudge, nur ein paar Meter entfernt, in eine leise Unterhaltung vertieft mit einem Mann, der glattes blondes Haar und
ein spitzes, blasses Gesicht hatte.
„So, so, so ... Patronus Potter,“ sagte Lucius Malfoy in unterkühltem Ton. Harry fühlte sich als wäre er gegen eine
Betonwand gelaufen. Diese kalten grauen Augen hatte er zuletzt unter der Kapuze eines Todesfressers gesehen, und
die Stimme auf einem dunklen Friedhof johlen gehört, während Lord Voldemort ihn folterte. Harry konnte nicht
glauben, daß Lucius Malfoy sich erdreisstete ihm ins Gesicht zu schauen; er konnte nicht glauben, daß er hier war,
im Magieministerium, und noch viel weniger, daß Cornelius Fudge sich mit ihm unterhielt. Und daß, obwohl Harry
Fudge vor nur wenigen Wochen erzählt hatte, daß Malfoy ein Todesfresser ist.
„Der Minister erzählte mir gerade von deinem glücklichen Entkommen, Potter,“ sagte Malfoy in seiner schleppenden
Art. „Ziemlich erstaunlich, wie Du Dich immer wieder durch die kleinsten Löcher schlängelst ... wirklich
schlangenhaft.“
Mr. Weasley griff warnend Harrys Schulter.
„Nicht war,” sagte Harry, „ ich bin wirklich gut im Entkommen.”
Lucius Malfoy hob seine Augen und blickte Mr. Waesley an.
„Und da ist ja auch Arthur! Was machst Du denn hier, Arthur?“
„Ich arbeite hier,“ erwiderte Mr Weasley knapp.
„Aber doch sicherlich nicht hier?“ sagte Mr Malfoy mit erhobenen Augenbrauen und blickte flüchtig auf die Tür
hinter Mr Weasley. „Ich dachte Du wärst oben auf der zweiten Etage ... machst Du nicht irgendwas daß mit Muggle
Artefacten stibitzen zu tun hat, die Du dann zu Hause behext?“
„Nein,“ blaffte Mr Weasley zurück. Seine Finger gruben sich nun krampfhaft in Harrys Schulter.
„Was tun Sie überhaupt hier?“ fragte Harry.
„Ich glaube nicht daß Dich die privaten Angelegenheiten zwischen dem Minster und mir etwas angehen, Potter,“
sagte Malfoy und glättete die Vorderseite seines Gewands. Harry vernahm das leise Klingen von etwas, das sich
merklich wie ein voller Beutel mit Gold anhörte.
„Nur weil Du Dumbledores Liebling bist, mußt Du nicht von allen anderen die gleiche Hingabe erwarten... sollen wir
uns in Ihr Büro zurückziehen, Minister?“
„Aber natürlich,“ sagte Fudge und wandte Harry und Mr Weasley den Rücken zu. „Hier entlang, Lucius.“
Sie stiefelten davon während sie sich mit gedämpften Stimmen weiter unterhielten. Mr Weasley ließ Harrys Schulter
nicht los, bevor die beiden im Aufzug verschwunden waren.
„Warum hat er denn nicht vor Fudges Büro gewartet, wenn sie geschäftlich miteinander verabredet waren?“ platze
Harry verärgert heraus. „Was wollte er hier unten?“
„Wenn Du mich fragst, der hat versucht sich in den Gerichtssaal zu schleichen,“ sagte Mr Weasley, der jetzt sehr
aufgewühlt aussah und immer wieder über seine Schulter sah, um sicher zu gehen, daß niemand lauschte. Er wollte
wissen, ob sie Dich rausgeschmissen haben. Ich werde Dumbledore eine Nachricht hinterlassen, wenn ich Dich
absetze. Er sollte wissen, daß Malfoy wieder mit Fudge redet.“
„Was für private Angelegenheiten meinte er denn?“
„Gold, würde ich mal vermuten,“ sagte Mr Weasley wütend. „Malfoy spendet schon seit Jahren großzügig für alle
möglichen Sachen ... verschafft sich so Kontakte zu den richtigen Leuten ... die kann er dann um Gefallen bitten ...
Gesetze zu verzögern, die nicht durchkommen sollen ... oh, ja er hat hervorragende Verbindungen dieser Lucius
Malfoy.“
Der Aufzug hielt; bis auf eine Schar von Memos, die um Mr Weasleys Kopf flatterten, als er den Knopf für das
Atrium drückte. Die Aufzugtüre schepperte zu. Mr Weasley war gereizt und schlug nach den Memos.
„Mr Weasley,“ sagte Harry langsam, „wenn Fudge sich mit einem Todesfresser wie Malfoy trifft, wenn er ihn
alleine trifft, woher wissen wir dann, daß sie ihn nicht mit dem Imperius Fluch belegt haben?“
„Glaub nicht, daß wir daran nicht auch schon gedacht haben, Harry,“ sagte Mr Weasley leise. „Aber Dumbledore
denkt, daß Fudge im Moment aus eigenem Antrieb handelt - was, so meint Dumbledore, nicht weniger beunruhigend
ist. Aber es wäre besser jetzt nicht weiter darüber zu reden, Harry.“
Der Aufzug öffnete sich und sie traten in das leere Atrium. Eric, der Wachzauberer, hatte sich wieder hinter seinem
Daily Prophet vergraben. Sie waren schon an dem goldenen Brunnen vorbeigelaufen, als Harry sich erinnerte.
„Warten Sie...“ rief er hinter Mr Weasley her, zog seinen Geldbeutel aus der Hosentaschen und ging zurück zum
Brunnen.
Er schaute hinauf zu dem stattlichen Zauberergesicht, aber von nahem, fand Harry, sah es eher schwach und ein
bißchen dümmlich aus. Die Hexe trug ein Lächeln so fad wie das der Teilnehmerin eines Schönheitswettbewerbs,
und nach allem was Harry über Goblins und Zentauren wußte würden sie niemals irgendeinen Menschen mit solch
einem rührseligen Ausdruck anschauen. Nur die Kreacherische Unterwürfigkeit des Elfen konnte Harry überzeugen.
Mit einem Grinsen daran, was Hermine wohl sagen würde, wenn sie diese Elfenstatue sehen könnte stülpte Harry
seinen Geldbeutel um und schüttet nicht nur zehn Gallonen, sondern den gesamten Inhalt in das Becken.
*
„Ich weiß es!“ schrie Ron in die Luft schlagend. „Du bist immer mit dem Zeug weggegangen!“
„Es wird Zeit dich aufzuklären,“ Sagte Hermine, die Harry mit einem überaus besorgten Blick ansah, als er die
Küche betrat und nun mit der Hand vor ihren Augen wedelte. „es war nichts gegen dich, wirklich nicht.“
„Jeder glaubt das, während ihr alle darüber nachdenkt, das ich freigesprochen wurde.“ Sagte Harry lächelnd.
Während Mrs Weasley sich ihr Gesicht an ihrem Ärmel abwischte und Fred, George und Ginny eine Art Kriegstanz
zu einem Takt der „Er ist frei, er ist frei, er ist frei...“ ging vollführten.
„Das reicht! Setzt euch!“ rief Mrs Weasley, aber auch sie lächelte. „Hör mal, Sirius, Lucius Malfoy war im
Ministerium...“
„Was?“ fragte Sirius scharf.
„Er ist frei, er ist frei, er ist frei...“
„Seit ruhig ihr drei! Ja, wir sahen ihn mit Fudge reden, auf der neunten Etage...dann gingen sie zusammen in Fudges
Büro. Dumbledore sollte das wissen.“
„Absolut.“ Sagte Sirius. „Wir werden es ihm sagen, mach dir darüber keine Sorgen.“
„Nun, ich sollte besser gehen, da ist eine sich übergebende Toilette, die auf mich in Bethnal Green wartet. Molly, es
könnte spät werden. Ich begleite Tonks, aber Kingsley müsste zum Essen hier sein.“
„Er ist frei, er ist frei, er ist frei....“
„Das reicht - Fred - George - Ginny!“ sagte Mrs Weasley als Mr Weasley die Küche verlassen hatte. „Harry Schatz,
komm und setz dich, ist etwas zum Mittag, du hast so früh gefrühstückt.“
Ron und Hermine setzten sich Harry gegenüber hin und guckten glücklicher denn je, seit er neulich in der
Grimmauld Straße eintraf. Und Harry fühlte sich schwindelig, als er an sein Treffen mit Lucius Malfoy dachte,
wurde es wieder schlimmer. Das düstere Haus wirkte plötzlich wärmer und freundlicher als zuvor. Nur Kreacher sah
weiter häßlich aus, als er seine Rüsselähnliche Nase in die Küche hielt, um nach der Stimmung zu gucken. „Als
Dumbeldore an deiner Seite auftauchte, war da eigentlich kein Grund mehr sich sorgen zu machen, das sie dich
verbannen würden...“ sagte Ron glücklich, jedem einen großen Berg zermatschte Kartoffeln auf den Teller häufend.
„Yeah, er hat es für mich gedeichselt,“ sagte Harry. Er fühlte, das es wirklich undankbar war, wenn nicht sogar
beleidigend, zu sagen „Ich wünschte er hätte mit mir auch gesprochen. Oder mich wenigstens angesehen.“ Und
während er das dachte, brannte seine Narbe so sehr, das er seine Hand auf sie legte.
„Was ist los?“ fragte Hermine alarmiert.
„Narbe“ murmelte Harry. „Aber es ist nichts...es passiert öfters in letzter Zeit...“
Keiner von den anderen hatte etwas mitbekommen, alle waren damit beschäftigt sich gegenseitig Essen auf den
Teller zu tun, als auf Harry zu achten. Fred, George und Ginny sangen immer noch. Hermine guckte weiterhin
besorgt, aber bevor sie etwas sagen konnte, sagte Ron fröhlich „Ich hoffe Dumbledore kommt diesen Nachmittag
zurück um mit uns zu feiern, weißt du.“
„Ich fürchte er wird nicht können, Ron.“ Sagte Mrs Weasley, während sie eine Platte mit gerösteten Hähnchen vor
Harry abstellte. „Er ist momentan sehr beschäftigt.“
„ER IST FREI, ER IST FREI, ER IST FREI....“
„SEIT RUHIG!“ brüllte Mrs Weasley.
Die nächsten Tage kam Harry nicht umher, zu registrieren daß da eine Person im Grimmauld Place 12 war, die nicht
sehr fröhlich darüber war, das er nach Hogwarts zurückkehren würde. Sirius hatte eine gute Show abgezogen, das er
sich wirklich für ihn freute, als er die Nachricht das erste Mal hörte, er hatte Harrys Hand gedrückt und genauso wie
die anderen gestrahlt. Nun war er noch launischer als vorher, redete mit jeden anderen, außer Harry und schloß sich
immer häufiger mit Seidenschnabel in dem Raum seiner Mutter ein.
„Fühl dich nicht mies!“ sagte Hermine sanft, nachdem Harry ihr und Ron seine Gefühle mitgeteilt hatte, während sie
ein drekiges Regal auf dem dritten Flur ein paar Tage später schrubbten. „Du gehörst nach Hogwarts und Sirius weiß
das. Ich persönlich denke, er ist egoistisch.“
„Das ist eine harte Anschuldigung, Hermine“ sagte Ron, während er etwas Matsch, welcher sich um seinen Finger
gewickelt hatte, entfernte. „du wirst krank in diesem Haus ohne Gesellschaft.“
„Aber er wird Gesellschaft haben!“ sagte Hermine. „Es ist das Hauptquartier des Phönixordens, oder? Er hat nur
seine Hoffnung aufgegeben, das Harry hier mit ihm leben würde.“
„Ich glaube nicht, daß das stimmt.“ Sagte Harry, während er seine Sachen auswrang. „Er gab mir keine direkte
Antwort, als ich ihn fragte, ob ich das könnte.“
„Er wollte nur seine eigenen Hoffnungen nicht noch einmal aufgeben.“ Sagte Hermine weise. „Und er fühlt sich
vielleicht auch ein bißchen Schuldig, weil ein Teil von ihm wirklich hoffte, das du von der Schule verwiesen wist.“
„Hör auf damit!“ sagten Harry und Ron gleichzeitig, aber Hermine fuhr fort. „Hört selber damit auf! Aber manchmal
denke ich, das Rons Mutter recht hat und Sirius verwirrt darüber ist, ob du du bist oder dein Vater, Harry.“
„Du denkst er wird verrückt?“ sagte Harry besorgt.
„Nein, ich denke nur, das er für eine sehr lange Zeit alleine war.“ Sagte Hermine einfach.
An diesem Punkt kam Mrs Weasley in den SchlaFraum hinter ihnen. „Noch nicht fertig?“ fragte sie, ihren Kopf in
den Schrank steckend. „Und ich dachte du wärst hier um uns zu sagen, das wir eine Pause machen sollen!“ sagte Ron
bitter. „Weißt du eigentlich, wieviel Staub wir gewischt haben, seit wir hier sind?“
„So bist du in der Lage dem Orden zu helfen,“ antwortete Mrs Weasley „du kannst deinen Teil dazu beitragen, daß
Hauptquartier bewohnbar wird.“
„Ich fühle mich wie ein Hauself“ grummelte Ron.
„Nun, dann verstehst du, was für ein schreckliches Leben sie führen und vielleicht verbringst du etwas mehr Zeit in
SPEW!“ erklärte Hermine hoffnungsvoll, als Mrs Weasley sie verließ. „Weißt du, vielleicht ist es gar keine schlechte
Idee, den Leuten genau zu zeigen wie schrecklich es ist die ganze Zeit zu putzen - wir könnten eine Veranstaltung im
Gryffindor Gemeinschaftsraum machen, um alle über SPEW zu informieren. Es würde helfen!“
„Ich helfe dir dabei nicht mehr über SPEW zu reden.“ flüsterte Ron stur, aber so, das nur Harry ihn hören konnte.
Harry ertappte sich bei immer mehr Tagträumen von Hogwarts, während das Ende der Ferien näher kam. Er konnte
es nicht abwarten Hagrid wieder zu sehen, Quidditch zu spielen, oder durch die Reihen des Gewächshauses zu
streunen. Alles war besser, als dieses dreckige Haus zu verlassen, wo die Hälfte der Schränke geschlossen war und
Kreacher aus den Schatten heraus kam, wenn man gerade vorbeiging, dachte Harry. Aber er war so umsichtig das
nicht zu sagen, wenn Sirius ihn hören konnte.
Der Fakt war, das es nicht so interessant war, im Hauptquartier einer Anti-Voldemort-Bewegung zu leben, wie Harry
es erst gedacht hatte. Sicher, die Mitglieder des Orden des Phönixes kamen und gingen regelmäßig, manchmal
blieben sie zum essen, manchmal nur um einige Minuten eine flüsternde Unterhaltung zu führen. Mrs Weasley
achtete darauf, das Harry und die anderen immer außer Hörweite waren (ob nun mit Lauschern oder so) und
niemand, nicht einmal Sirius, war der Meinung, das Harry mehr wissen müsste, als er in der Nacht erfahren hatte, als
er ankam. In den letzten Ferientagen, holte Harry gerade Hedwigs Eulenkekse von der Garderobe, als Ron mit
einigen Umschlägen herein kam.
„Die Einkaufslisten sind da“ sagte er und reichte einen der Umschläge Harry, der auf einem Stuhl stand. „Genau zur
Zeit, ich dachte sie hätten uns vergessen, normalerweise kommen sie früher...“
Harry packte die letzten Kekse in einen Plastiktüte und warf die Tasche über Rons Kopf in einem Müllkorb in Flur,
welcher schwankte und laut schepperte. Er hatte seinen Brief geöffnet. Es beinhaltete zwei Blätter Pergament: Das
übliche Pergament, welches daran erinnerte, das die Schule am ersten September begann, und das andere, welches
ihm sagte, welche Bücher er für das kommende Jahr brauchte. „Nur zwei Neue.“ Sagte er, seine Liste lesend. „Das
Standartbuch der Zaubersprüche, Klasse fünf von Miranda Gosahwk und die Theroie der Verteidigung von Wilbert
Slinkhard.“
Krach.
Fred und George apparierten direkt neben Harry. Er hatte sich jetzt schon so daran gewöhnt das er noch nicht mal
von seinem Stuhl fiel.
„Wir haben uns gerade gewundert wer das Buch von Slinkhard verlangt“ sagte Fred gesprächig.
„Denn das bedeutet das Dumeldore einen neuen DK Lehrer gefunden hätte“ sagte Georg
„Das wurde aber auch Zeit“ sagte Fred.
„Wieso, was meinst du?“ fragte Harry und sprang direkt neben sie.
„Vor ein paar Wochen belauschten wir über die ausziehbaren Ohren Mum und Dad“ erzählte Fred Harry „und so wie
es sich anhörte hat Dumbledore ziemlich große Probleme irgendjemand für den Job zu finden.“
„Es ist aber auch nicht wirklich überraschend, oder, wenn du siehst was in den letzten vier Jahren passiert ist.“ sagte
George.
Einer eingesperrt, einer tot, einem das Gedächtnis gelöscht und einer eingesperrt in einem Koffer für neun Monate“
sagte Harry während er sie mit den Fingern abzählte. „Ja ich verstehe was du meinst.“
„Was ist los mit dir, Ron?“ fragte Fred
Ron gab keine Antwort, Harry schaute sich um. Ron stand sehr still, sein Mund war leicht offen und er starrte auf
seinen Brief von Hogwarts.
„Was gibst?“ fragte Fred ungeduldig, stellte sich hinter Ron und schaute über dessen Schulter auf das Pergament.
Fred“s Mund klappte auch auf.
„Vertrauensschüler?“ sagte er, und starrte ungläubig auf den Brief „Vertrauensschüler?“
George stürzte nach vorne und riss Ron den Umschlag aus der anderen Hand und drehte ihn um. Harry sah
irgendetwas rotes und goldenes in Georgs Hand fallen.
„Das gibt es nicht“ sagte Georg mit leiser Stimme.
„Das muß ein Missverständnis sein“ sagte Fred und nahm Ron den Brief aus der Hand und hielt ihn gegen das Licht
um das Wasserzeichen zu überprüfen. „Niemand der ganz richtig im Kopf ist würde Ron zu einem Vertrauensschüler
machen.“
Die Köpfe der Zwillinge drehten sich gleichzeitig und beide starrten Harry an.
Wir dachten du wärst es sicher!“ sagte Fred in einem Ton der vermittelte das Harry sie irgendwie ausgetrickst hatte.
„Wir dachten Dumbledore wäre verpflichtet dich auszusuchen“ sagte Georg empört
„Du hast das Trimagisches Tunier gewonnen und das alles“ sagte Fred
„Ich vermute all das verrückte Zeug muß gegen ihn gesprochen haben“ sagte Georg zu Fred.
„Ja“ sagte Fred langsam „ja, du hast zu viel Trubel verursacht, Kumpel. Naja, wenigsten einer von euch weiß seine
Prioritäten richtig zu setzen.“
Er schritt zu Harry hinüber und klopfte ihm auf die Schulter während er Ron einen vernichtenden Blick zuwarf.
„Vertrauensschüler.. Ronnie der Vertrauensschüler“
„Ohh, Mum wird ausflippen“ stöhnte George, und drückte das Vertrauensschüler Abzeichen in Ron“s Hand als
dachte er, er könnte sich anstecken.
Ron, der noch immer kein Wort gesagt hatte, nahm das Abzeichen und starrte es für einen Moment an, dann hielt er
es zu Harry als ob er um stumme Bestätigung bitten würde, das es auch wirklich echt ist. Harry nahm es. Ein großes
V war auf den Gryffindor Löwen gelegt. Er hatte genau das gleiche an Percy“s Brust gesehen, an seinem ersten Tag
in Hogwarts.
Die Türe sprang auf. Hermine kam in den Raum gestürzt, die Backen rot und die Harre wehend. Ein Umschlag war
in ihrer Hand.
„Hast du es - hast du es - ?“
Sie sah das Abzeichen in Harry“s Hand und ließ einen Schrei los.
„Ich wußte es!“ sagte sie aufgeregt, und wedelte mit ihrem Brief. „Ich auch, Harry, ich auch!“
„Nein“ sagte Harry schnell, und gab das Abzeichen zurück in Ron“s Hand.
„Es ist Ron, nicht ich“
„ Ist - was?“
„Ron ist Vertrauensschüler, nicht ich“ sagte Harry.
„Ron?“ sagte Hermine, ihr Kiefer klappte nach unten. „Aber… bist du sicher? Ich meine -“
Sie wurde rot als Ron mit einem trotzigen Gesichtsausdruck zu ihr herüberschaute.
„Es ist mein Name in dem Brief“ sagte dieser.
„Ich…“ sagte Hermine, und schaute wirklich verwirrt. „Ich… na ja…wow! Gut gemacht, Ron! Das ist wirklich -“
„Unerwartet“ sagte Georg, nickend
„Nein“ sagte Hermine noch mehr errötend als sie sowieso schon war. „Nein ist nicht… Ron hat wirklich viel… er ist
wirklich….“
Die Türe hinter ihr öffnete sich noch ein bißchen mehr und Mrs. Weasley kam in das Zimmer und trug einen Stapel
frisch gewaschener Roben.
„Ginny sagte die Bücherliste ist endlich gekommen“ sagte sie und schaute auf all die Umschläge als die ihren Weg
zum Bett machte und begann die Roben in zwei Stapel zu sortieren.
„Wenn ihr mir die Listen gebt, nehme ich sie heute Nachmittag mit zur Winkelgasse und besorge euch die Bücher
während ihr packt. Ron, du brauchst noch mehr Pyjamas, diese sind dir mindestens 6 inches zu kurz, ich kann nicht
glauben wie schnell du wächst… welche Farbe möchtest du denn?“
„Kauf ihm Rot und Gold damit sie zu seinem Abzeichen passen“ sagte Georg grinsend
„Passend zu was?“ fragte Mrs. Weasley abwesend, rollte ein Paar Socken zusammen und legte sie auf Ron“s Stapel.
„Sein Abzeichen“ sagte Fred, der das schlimmste schnell hinter sich haben wollte. „Sein liebliches, schimmerndes
neues Vertrauensschüler Abzeichen.“
Es dauerte einen Moment bis Freds Worte zu Mrs. Weasley, die mit den Pyjamas beschäftigt war, durchgedrungen
waren.
„Seine… aber… Ron, du bist nicht… ?“
Ron hielt sein Abzeichen hoch.
Mrs. Weasley ließ, wie Hermionie zuvor, einen Schrei los.
„Ich kann es nicht glauben, ich kann es nicht glauben. Oh, Ron, wie wunderschön! Ein Vertrauensschüler! So wie
jeder in der Familie!“
„Was sind Fred und ich, Nachbarn?“ sagte George entrüstet, als seine Mutter ihn zur Seite schubste und ihre Arme
um ihren jüngsten Sohn schlang.
„Warte bis das dein Vater hört! Ron, ich bin so stolz auf dich, welch wunderbare Neuigkeiten, du könntest auch ein
Head Boy werden genau wie Bill und Percy, das ist der erste Schritt. Ich bin so aufgeregt, daß so etwas passiert,
zwischen diesen ganzen Sorgen. Oh Ronnie -“
Fred und George machten beide laute würgende Geräusche hinter ihrem Rücken, aber Mrs. Weasley bemerkte es
nicht; die Arme fest um Ron“s Genick, küsste sie ihn über sein ganzes Gesicht welches knallrot geworden war. Röter
als sein Abzeichen.
„Mom…nicht… Mom reiß dich zusammen….“ murmelte er und versuchte sie wegzuschieben.
Sie ließ ihn los und sagte atemlos, „Was soll es sein? Percy hat eine Eule bekommen, aber du hast ja schon eine“
„W-was meinst du?“ fragte Ron, er sah aus als wenn er seinen Ohren nicht trauen würde.
„Du bekommst eine Belohnung dafür“ sagte Mrs Weasley zärtlich.
„Was hältst du von einer neuen Festrobe?“
„Wir haben ihm schon eine neue gekauft“ sagte Fred sauer, der aussah als wenn er das wirklich bereuen würde.
„Oder einen neuen Kessel, Charlie“s alter rostet schon durch, oder eine neue Ratte, du mochtest Krätze -“
„Mom“ sagte Ron hoffnungsvoll „kann ich einen neuen Besen haben?“
Mrs Weasleys Gesicht fiel bemerkbar, Besen waren sehr teuer.
„Keinen wirklich guten“ fügte Ron hastig hinzu „Nur - nur einen neueren…“
Mrs. Weasley zögerte und dann sagte sie lächelnd.
„Natürlich kannst du … na ja ich werde jetzt wohl besser gehen wenn ich auch noch einen neuen Besen kaufen muß.
Ich sehe euch alle später….mein kleiner Ronnie, ein Vertrauensschüler! Und vergesst nicht eure Koffer zu
packen…ein Vertrauensschüler… oh, ich bin ganz daneben!”
Sie gab Ron noch einen Kuss auf die Backe, sniefte laut und huschte aus dem Raum.
Fred und Georg tauschten einen Blick aus
„Es stört dich nicht, wenn wir dich nicht küssen oder Ron?“ sagte Fred mit falscher besorgter Stimme.
„Wir könnten dich verhexten wenn du möchtest“ sagte George
„Oh, haltet die Klappe“ knurrte Ron
„Oder was?“ sagte Fred, ein fieses Grinsen breitete sich über sein Gesicht aus. „Willst du uns Nachsitzen lassen?“
„Ich liebe es ihn zu sehen wie er das versucht“ kicherte George
„Er könnte wenn ihr nicht aufpasst“ sagte Hermine ärgerlich.
Fred und George prusteten los, und Ron murmelte „laß es, Hermine“
„Wir müssen jetzt aufpassen, George“ sagte Fred und tat so als ob er zitterte. „mit diesen Beiden auf unseren
Fersen….“
„Ja, es sieht so aus als ob unsere gesetzbrechenden Zeiten jetzt vorbei wären“ sagte George und schüttelte den Kopf.
Und mit einen weiteren lauten crack, die Zwillinge disappierten.
„Diese beiden“ sagte Hermionie sauer, schaute nach oben zur Decke wo sie nun Fred und Georg brüllen hörten vor
Lachen in ihrem Räumen überhalb.
„Hör nicht auf die, Ron, die sind nur eifersüchtig“
„Ich glaube nicht daß sie das sind“ sagte Ron zweifelnd und schaute auch nach oben „Sie sagten immer nur Streber
werden Vertrauensschüler… aber“ fügte er fröhlicher hinzu „sie hatten nie neue Besen. Ich wünschte ich könnte mit
Mum gehen und mir einen aussuchen… sie wird mir nie einen Nimbus kaufen können, aber der neue Cleansweept ist
rausgekommen, der wäre großartig… ja, ich denke ich werde zu ihr gehen und ihr sagen das ich den Cleansweept
möchte, nur das sie es weiß.
Er stürzte, Harry und Hermine alleine lassend, aus dem Raum. Aus irgendeinem Grund fand Harry, daß er Hermine
nicht angucken wollte. Er ging zu seinem Bett, hob den Stapel mit sauberen Umhängen, den Mrs. Weasley darauf
gelegt hatte, und durchquerte den Raum zu seinem Koffer.
„Harry?“ fragte Hermine versuchsweise.
„Gut gemacht, Hermine,“ antwortete Harry, so herzlich, daß es überhaupt nicht wie seine Stimme klang, und, sie
immer noch nicht anguckend, „Brilliant. Vertrauensschüler. Großartig..“
„Danke,“ sagte Hermine. „Ähm - Harry - könnte ich mir Hedwig ausleihen um es Mum und Dad zu erzählen? Sie
werden wirklich dankbar sein - ich mein Vertrauensschüler ist etwas das sie verstehen können.“
„Ja, kein Problem,“ antwortete Harry, immer noch in der schrecklich herzlichen Stimme die nicht zu ihm gehörte.
„Nimm sie dir!“
Er lehnte sich über seinen Koffer, legte die Umhänge auf seinen Boden, und tat so als würde er ihn nach etwas
durchsuchen, während Hermine zu Garderobe ging und Hedwig hinunterrief. Ein paar Momente vergingen; Harry
hörte wie die Tür geschlossen wurde aber blieb wie er war, hellhörend; das einzige Geräusch das er hören konnte,
war wie das weiße Bild an der Wand wieder kicherte und der Altpapierkorb in der Ecke vor Eulendreck hustend.
Er richtete sich auf und guckte hinter sich. Hermine und Hedwig hatten den Raum verlassen. Harry eilte durch den
Raum, schloss die Tür, kehrte langsam zu seinem Bett zurück und ließ sich - blind auf den Fuß der Garderobe
starrend - darauf fallen.
Er hatte komplett vergessen, daß Vertrauensschüler im fünften Schuljahr ausgewählt werden. Er war zu besorgt
gewesen, er könnte von Hogwarts verwiesen werden, um auch nur einen Gedanken für die Tatsache übrig zu haben,
daß die Abzeichen ihren Weg zu bestimmten Leuten finden. Aber wenn er sich daran erinnert hätte … wenn er daran
gedacht hätte … was hätte er erwartet?
Nicht das, sagte eine leise und wahrheitsvolle Stimme in seinem Kopf.
Harry verdrehte sein Gesicht und verdeckte es mit seinen Händen. Er konnte sich nicht selbst anlügen; wenn er
gewusst hätte, daß das Vertrauensschülerabzeichen auf seinem Weg war, hätte er erwartet daß es zu ihm gekommen
wäre, nicht zu Ron. Machte ihn daß so Arrogant wie Draco Malfoy? Glaubte er sich selbst besser als alle anderen?
Dachte er wirklich er wäre besser als Ron?
Nein, sagte die Leise Stimme aufsässig.
War das wahr?, fragte sich Harry, besorgt seine eigenen Gefühle erforschend.
Ich bin besser in Quidditch, sagte die Stimme. Aber ich bin in nix anderem besser.
Das war auf jeden Fall wahr, dachte Harry; er war in der Schule nicht besser als Ron. Aber was ist mit außerhalb der
Schule? Was ist mit den Abenteuern die Ron, Hermine und er zusammen erlebt hatten, seid ihrem Start an Hogwarts,
oft viel gefährlicher als die Ausscheidung?
Also, Ron und Hermine waren die meiste Zeit bei dir, sagte die Stimme in Harrys Kopf.
Nicht die ganze Zeit, trotzdem, erörterte Harry sich selbst. Sieh hatten nicht mit mir gegen Quirrell gekämpft. Sie
haben Tom Riddle und den Basilisk nicht mit auf sich genommen. Sie befreiten sich nicht von all den Dementoren,
in der Nacht als Sirius zurückkam. Sie waren nicht mit mit mir auf dem Friedhof, in der Nacht als Voldemort wieder
kehrte.
Und das gleiche Gefühl von Krank sein daß ihn in der Nacht überwältigt hat in der er wieder aufgestiegen war. Ich
hab auf jeden Fall mehr getan, dachte Harry entrüstet. Ich hab mehr getan als alle Beide!
Aber vielleicht, sagte die leise Stimme richtig, vielleicht wählt Dumbledore nicht Vertrauensschüler, weil sie sich
selbst in viele gefährliche Situationen gebracht haben … vielleicht wählt er sie aus anderen Gründen … Ron muß
etwas haben, das du nicht hast …
Harry öffnete seine Augen und starrte durch seine Finger auf den zerkratzten Fuß der Garderobe, sich daran
errindernd, was Fred gesagt hatte: „Niemand würde Ron mit guten Absichten zum Vertrauensschüler machen …“
Harry gab ein kleines Gelächter von sich. Eine Sekunde später fühlte er sich von sich selbst angewiedert.
Ron hatte Dumbledore nicht darum gebeten, ihm das Vertrauensschülerabzeichen zu verabreichen. Das war nicht
Rons Fehler. Wollte er, Harry, Rons bester Freund auf der Welt, zu schmollen anfangen, weil er kein Abzeichen
hatte, mit den Zwillingen hinter Rons Rücken lachen, das für Ron zerstören, weil er Harry zum ersten mal in etwas
geschlagen hatte?
An diesem Punkte hörte Harry wieder Rons Schritte auf der Treppe. Seine Brille ausgerichtet stand er auf, und setzte
ein Grinsen auf sein Gesicht als Ron von der Tür zurückprallte.
„Grad noch erwischt!,“ sagte er glücklich. „Sie sagt, daß sie den Sauberwisch bekommen wird wenn sie kann.“
„Cool,“ sagte Harry und er war erleichtert zu hören daß seine Stimme aufgehört hatte herzlich zu klingen. „Hör zu -
Ron - gut gemacht, Alter.“
Das lächeln auf Rons Gesicht verblasste.
„Ich dachte nie, daß ich es sein würde!,“ sagte er den Kopf schüttelnd. „Ich dachte du wärst es!“
„Nein, ich hab zu viel Ärger verursacht,“ sagte Harry Fred wiederholend.
„Ja,“ sagte Ron, „ja, vermutlich … also, wir sollten besser unsere Koffer packen, oder?“
Es war merkwürdig, wie weit ihre Besitzungen sie zerstreut zu haben scheinen seit sie angekommen waren. Sie
brauchten die meiste Zeit des Nachmittags, um ihre Bücher und Eigentümer von überall aus dem Haus zusammen zu
suchen und sie wieder in ihren Schulkoffern zu verstauen. Harry bemerkte, daß Ron sein Vertrauensschülerabzeichen
ständig woanders hin stellte, zuerst auf seinem Nachtisch platzierte, dann in seine Hosentasche steckte, und
schließlich herausnahm und auf seinen gefalteten Umhang legte, als ob er sehen wollte, wie das rote auf dem
schwarz wirkt. Nur wenn Fred und George es wegnahmen und anboten es mit einem dauerklebenden Zauberspruch
an seiner Stirn anzubringen, packte er es zärtlich in seine kastanienbraunen Socken und schloss es in seinen Koffer.
Mrs Weasley kehrte ungefähr sechs Uhr aus der Winkelgasse zurück, beladen mit Büchern und ein langes in dickes
braunes Papier gewickeltes Packet tragend, daß Ron ihr mit einem sehnsüchtigen Stöhnen abnahm.
„Denk nicht dran es jetzt auszupacken, es kommen Leute zum essen, ich möchte daß ihr dann alle unten seid,“ sagte
sie, aber in dem Moment als sie außer Sicht war, riss Ron wie ihm Wahnsinn das Papier ab und begutachtete jeden
Zentimeter seines neuen Besens mit einem verzückten Ausdruck im Gesicht.
Unten im Keller hatte Mrs Weasley ein scharlachrotes Banner über dem schwer beladenem Esstisch aufgehängt, auf
dem zu lesen war:
HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH
RON UND HERMINE
NEUE VERTRAUENSSCHÜLER
Sie hatte eine bessere Laune als Harry sie in den ganzen Ferien gesehen hatte.
„Ich dachte wir hätten eine kleine Party und nicht ein Verschnaufessen,“ erzählte sie Harry, Ron, Hermine, Fred,
George und Ginny, als sie den Raum betraten. „Dein Vater und Bill sind auf dem Weg, Ron. Ich hab ihnen beiden
Eulen gesendet und sie sind begeistert,“ fügte sie strahlend hinzu.
Fred rollte mit seinen Augen.
Sirius, Lupin, Tonks und Kingsley Shacklebolt waren schon da und Mad-Eye Moody kam bald herein, nachdem
Harry sich ein Butterbier genommen hatte.
„Oh, Alastor, ich bin froh daß du hier bist,“ sagte Mrs Weasley fröhlich, als Mad-Eye seinen Reiseumhang ablegte.
„Wir wollten dich schon vor Ewigkeiten fragen - kannst du dir mal das schreibende Pult im Zeichenraum angucken
und uns sagen was da drin ist? Wir wollten es nicht öffnen falls etwas wirklich hässliches sein könnte.“
„Kein Problem, Molly …“
Moodys magisches Auge drehte sich nach oben und starrte unbeweglich durch die Decke der Küche.
„Zeichenraum …,“ knurrte er, als seine Pupille sich verengte. „Schreibtisch in der Ecke? Ja, ich sehe es … ja, es ist
ein Irrwicht … willst du daß ich hoch gehe und ihn davon befreie, Molly?“
„Nein, nein, ich werde es später selbst machen,“ strahlte Mrs Weasley, „du hast deinen Getränk. Wir haben eine
kleine Fete, im Moment …“
Sie zeigte mit einer Geste auf das scharlachrote Banner. „Vierter Vertrauensschüler in der Familie!,“ sagte sie
liebevoll Rons Haare sträubend.
„Vertrauensschüler, ja?,“ knurrte Moody, sein normales Auge auf Ron und sein magisches Auge herumschwenkend,
in die Seite seines Kopfes guckend. Harry hatte das sehr unangenehme Gefühle, daß es ihn anguckte, und ging weg
in Richtung Sirius und Lupin.
„Also, Herzlichen Glückwunsch,“ sagte Moody, sein normales Auge immer noch auf Ron gerichtet, „Autoritäre
Menschen ziehen oft Ärger an, aber ich nehme an Dumbledore denkt, daß du die meisten großen Flüche aushalten
kannst, oder er hätte dich nicht bestimmt …“
Ron guckte ziemlich erschrocken aus diesem Punkte gesehen aber ihm wurde der Ärger des Antwortens von der
Ankunft seines Vaters und seines ältesten Bruders erspart. Mrs Weasley war in einer guten Laune sie beschwerte
sich auch nicht darüber, daß sie Mundungus mitgebracht hatten; er trug einen langen Überzieher was auf seltsame
Weise an unwahrscheinlichen Plätzen lumpig schien, lehnte das Angebot ab, ihn zu entfernen, und tat es zu Moodys
Reiseumhang.
„Also, ich denke ein Toast ist in Bestellung,“ sagte Mr Weasley, als jeder etwas zu trinken hatte. Er errichtete den
Kelch. „Für Ron und Hermine, die neuen Gryffindor Vertrauensschüler!“
Ron und Hermine strahlten als jeder mit ihnen trank und dann applaudierte.
Harry nahm die Fotografie. Eine Ansammlung von Menschen sah zu ihm hoch, einige winkten ihm, andere rückten
ihre Brillen zurecht.
„Da bin ich“ sagte Moody, überflüssigerweise auf sich deutend. Der Moody auf dem Foto war nicht zu verkennen,
obwohl sein Haar etwas weniger grau war und seine Nase intakt. „Und da ist Dumbledore neben mir, Dädalus
Diggel auf der anderen Seite…das ist Marlene McKinnon, sie wurde, zwei Wochen nachdem die Aufnahme gemacht
wurde, getötet, ihre ganze Familie wurde ausgelöscht. Das sind Frank und Alice Longbottom-“
Harrys Magen, bereits vorher unruhig, zog sich zusammen, als er Alice Longbottom ansah; ihr rundes, freundliches
Gesicht war ihm sehr vertraut, obwohl er ihr nie begegnet war,denn sie war das Ebenbild ihres Sohnes, Neville.
„- arme Teufel,“ knurrte Moody. „Besser tot zu sein, als so, wie es ihnen erging… und das ist Emmeline Vance, du
hast sie kennengelernt, und das dort ist Lupin, offensichtlich… Jenjy Fenwick, er hatte ein böses Schicksal, wir
haben nur Teile von ihm gefunden…geht mal beiseite,“ fügte er hinzu, das Foto berührend, und die kleinen
Menschen auf der Fotografie bewegten sich seitwärts, so daß jene, die zum Teil rückwärts verborgen waren, ins Bild
kamen.
„Das ist Edgar Bones… Bruder von Amelia Bones, auch ihn und seine Familie haben sie erwischt, er war ein toller
Zauberer… Sturgis Podmore, verdammt, der sieht noch jung aus… Caradoc Dearborn, verschwand sechs Monate
später, wir haben seinen Körper nie gefunden… Hagrid, natürlich, sieht genauso aus wie immer… Elphias Doge, du
hast ihn gesehen, ich hatte vergessen, daß er diesen merkwürdigen Hut trug… Gideon Prewett, es brauchte fünf
Todesser, um ihn und seinen Bruder Fabian zu töten, sie haben gekämpft wie Helden… geht weiter, geht weiter….“
Die kleinen Menschen auf dem Foto drängelten sich gegenseitig weiter und jene, die noch rechts hinten verborgen
waren, erschienen an der Vorderansicht des Bildes.
„Das ist Dumbledores Bruder Aberforth, das einzige Mal, daß ich ihn getroffen habe, merkwürdiger Kerl … das ist
Dorcas Meadowes, Voldemort tötete sie eigenhändig … Sirius, als er noch kurzes Haar hatte …und … da sind sie,
dachte, das würde dich interessieren!“
Harrys Herz machte einen Sprung. Seine Mutter und sein Vater strahlten freudig zu ihm hoch, zu beiden Seiten eines
kleinen Mannes mit wässrigen Augen sitzend, den Harry sofort als jenen Wurmschwanz erkannte, der Voldemort
den Aufenthaltsort seiner Eltern verraten hatte und auf diese Weise geholfen hatte, sie zu töten.
„Na?,“ sagte Moody.
Harry blickte hoch in das stark vernarbte und gekerbte Gesicht von Moody. Zweifellos hatte Moody den Eindruck,
daß er Harry gerade eben einen kleinen Genuss verschafft hätte.
„Ja, also,“ sagte Harry, noch einmal ein Grinsen vorgebend. „Ja…hör mal, ich hab mich gerade erinnert: ich hab
mein Dingsbums noch nicht eingepackt.“
Er sah sich mit dem Problem konfrontiert, einen Gegenstand zu erfinden, den er noch nicht gepackt hätte. Sirius hatte
gerade eben gemeint: „Was hast du da, Mad-Eye?,“ und Moody hatte sich zu ihm umgedreht. Harry durchquerte die
Küche, schlüpfte durch die Tür und lief die Treppe hoch, ehe irgendjemand ihn zurückrufen konnte.
Er wußte nicht, warum es solch ein Schock gewesen war; er hatte Fotos von seinen Eltern schon früher gesehen, und
er hatte Wurmschwanz getroffen…aber als sie ihm so plötzlich ins Gesicht sahen, als er es am wenigsten erwartet
hätte…niemand würde sich darüber freuen, dachte er wütend…
Und dann, sie umgeben zu sehen von all diesen glücklichen Gesichtern… Genjy Fenwick, den man nur mehr in
Teilen gefunden hatte, und Gideon Prewett, der als Held gestorben war, und die Longbottoms, die in den Wahnsinn
gefoltert worden waren… alle winkten sie glücklich aus dem Foto heraus, nicht wissend, daß sie dem Untergang
geweiht waren… also, Moody fand das vielleicht interessant… er, Harry, fand das höchst verstörend…
Harry lief auf Zehenspitzen die Stiegen aus der Halle hinauf, vorbei an den ausgestopften Elfenköpfen, erleichtert,
wieder ganz für sich zu sein, doch als er beinahe den ersten Stock erreichte, hörte er Geräusche. Jemand schluchzte
im Salon.
„Hallo?,“ sagte Harry.
Es gab keine Antwort, aber das Schluchzen dauerte fort. Er stieg die verbleibenden Stufen hinauf, zwei auf einmal
nehmend, durchquerte das Stockwerk und öffnete die Tür zum Salon.
Jemand kauerte gegen die dunkle Wand gekehrt, den Zauberstab in ihrer Hand, der ganze Körper vom Schluchzen
geschüttelt. Ausgestreckt auf dem schmutzigen alten Teppich in einem Streifen Mondlicht, offensichtlich tot, lag
Ron.
Die Luft schien aus Harrys Lungen zu weichen; er fühlte sich, als würde er durch den Boden sinken; sein Hirn wurde
eiskalt - Ron tot, nein, das konnte nicht sein -
Einen Moment, das konnte nicht sein - Ron war unten -
„Mrs. Weasley?,“ krächzte Ron.
„R-r-riddikulus!,“schluchzte Mrs. Weasley, mit ihrem bebenden Zauberstab auf Rons Körper deutend.
Krack.
Rons Körper verwandelte sich in den von Bill, Arme und Beine von sich gestreckt auf dem Rücken, seine Augen
weit offen und leer. Mrs. Weasley schluchzte lauter als zuvor.
„R-riddikulus!,“ schluchzte sie erneut.
Krack..
Mr. Weasleys Körper ersetzte den von Bill, seine Brille beiseite, Blutspritzer, die über sein Gesicht liefen.
„Nein!,“ stöhnte Mrs. Weasley. „Nein…riddikulus! Riddikulus! RIDDIKULUS!“
Krack. Tote Zwillinge. Krack. Toter Percy. Krack. Toter Harry…
„Mrs. Weasley, verlassen sie einfach den Raum!,“ schrie Harry, auf seinen toten Körper am Boden starrend. „Lassen
Sie jemand anders - „
„Was ist los?“
Lupin kam in den Raum geschossen, dicht gefolgt von Sirius, ein stampfender Moody hinter ihnen. Lupin blickte
von Mrs. Weasley zum toten Harry auf dem Boden und schien im Bruchteil einer Sekunde zu verstehen. Seinen
eigenen Zauberstab ziehend, sagte er, sehr klar und deutlich:
„Riddikulus!“
Harrys Körper verschwand. Eine silbernde Scheibe hing in der Luft über jenem Punkt, wo er gewesen war. Lupin
bewegte seinen Zauberstab noch einmal und die Scheibe verschwand in einem Wölkchen aus Rauch.
„Oh - oh - oh!,“ gurgelte Mrs. Weasley, in Tränen ausbrechend, ihr Gesicht in den Händen.
„Molly,“ sagte Lupin rauh, auf sie zu gehend. „Molly, nicht…“ Im nächsten Moment schluchzte sie an seiner
Schulter.
„Molly, es war nur ein Irrwicht,“ sagte er besänftigend, ihren Kopf tätschelnd. „Nur ein dummer Irrwicht…“
„Ich sehe sie die ganze Zeit über t-t-tot!,“ stöhnte sie an seiner Schulter. „Die ganze Z-Z-Zeit! Ich t-t-träume
davon…“
Sirius starrte auf den Bereich des Teppichs, wo der Irrwicht gelegen hatte, vorgebend Harry zu sein. Moody sah
Harry an, der seinen Blick vermied. Er hatte das merkwürdige Gefühl, Moodys magisches Auge sei ihm den ganzen
Weg aus der Küche gefolgt.
„E-e-erzählt es nicht Arthur,“ schluckte Mrs. Weasley jetzt, während sie ihre Augen hektisch mit ihren
Handgelenken abwischte. „Ich möchte n-n-nicht , daß er weiß…dumm verhalte…“
Lupin gab ihr ein Taschentuch und sie schnäuzte sich.
„Harry, es tut mir so leid. Was mußt du von mir denken?,“ sagte sie zitternd. „Nicht mal fähig, einen Irrwicht zu
vertreiben…“
„Seien Sie nicht dumm,“ sagte Harry in einem Versuch zu lächeln.
„Ich hab bloß s-s-solche Angst,“ sagte sie, wieder rannen Tränen aus ihren Augen. „die halbe Familie im Orden, es
w-w-wäre ein Wunder, wenn alle davon kämen… und P-P-Percy spricht nicht mehr mit uns… was, wenn etwas S-S-
Schreckliches passiert und wir nie wieder mit ihm z-z-zusammen kommen? Und was passiert, wenn Arthur und ich
getötet werden, wer w-w-wird sich um Ron und Ginny kümmern?“
„Molly, jetzt ist es aber genug,“ sagte Lupin fest. „Es ist nicht wie letztes Mal. Der Orden ist besser vorbereitet, wir
hatten einen guten Start, wir wissen, was Voldemort will -“
Mrs Weasley ließ beim Klang des Namens einen kleinen Angstschrei hören.
„Oh, Molly, komm schon, es wird Zeit, daß du dich daran gewöhnst, seinen Namen zu hören - schau, ich kann dir
nicht versprechen, daß niemand verletzt wird, niemand kann das, aber wir sind viel besser dran als das letzte Mal. Du
warst damals nicht im Orden, du verstehst das nicht. Letztes Mal kamen zwanzig Todesser auf einen von uns und sie
nahmen sich uns einzeln vor…“
Harry dachte erneut an die Fotografie, an die strahlenden Gesichter seiner Eltern. Er wußte, daß Moody ihn noch
immer beobachtete.
„Mach dir keine Gedanken um Percy,“ sagte Sirius abrupt. „Er wird auf unsere Seite kommen. Es ist nur eine Frage
der Zeit, bevor Voldemort auf der Bildfläche erscheint; und wenn er das tut, wird das ganze Ministerium uns
anbetteln, ihnen zu vergeben. Und ich bin nicht sicher, ob ich ihre Entschuldigung annehmen werde,“ fügte er bitter
hinzu.
„Und wenn es darum geht, wer sich um Ron und Ginny kümmern wird, falls du und Arthur sterben solltet,“ sagte
Lupin, heiter lächelnd, „was glaubst du, was wir tun würden, sie verhungen lassen?“
Mrs. Weasley lächelte zitternd.
„Bin so dumm,“ murmelte sie nochmals, über ihre Augen wischend.
Aber Harry, seine Schlafzimmertür etwa zehn Minuten später hinter sich schließend, konnte sich nicht vorstellen,
daß es dumm von Mrs. Weasley gewesen war. Er sah noch immer seine ihn von der ramponierten alten Fotografie
anstrahlenden Eltern, nicht wissend, daß ihr Leben, wie so viele andere der sie umgebenden Menschen, dem Tode
bereits nahe war. Das Bildnis des Irrwichts, die Körper jedes einzelnen Weasleys darstellend, flimmerte noch immer
vor seinen Augen.
Ohne Warnung brannte die Narbe auf seiner Stirn schmerzhaft und sein Magen verkrampfte sich ganz schrecklich.
„Weg damit,“ sagte er fest, über die Narbe reibend, als der Schmerz nachließ. „Erste Anzeichen von Verrücktheit,
wenn du mit deinem eigenen Kopf sprichst,“ sagte eine schlaue Stimme aus dem leeren Bildnis an der Wand.
Harry ignorierte sie. Er fühlte sich älter als je zuvor, und es erschien ihm höchst erstaunlich, daß er kaum eine Stunde
zuvor, über einen Scherz-Laden nachgedacht hatte, und darüber, wer das Abzeichen eines Vertrauensschülers
erhalten hatte.
Die kleinen Leute in dem Foto schubsten sich untereinander und jene, die im Hintergrund versteckt waren,
erschienen im Vordergrund des Bildes.
„Das ist Dubledore“s Bruder Aberforth, nur einmal hab ich ihn getroffen, komischer Kauz … das ist Dorcas
Meadowes, Voldemort tötete sie persönlich … Sirius, als er noch kurze Haare hatte … und … hier, dachte das würde
dich interessieren!.“
Harrys Herz überschlug sich. Seine Mutter und Vater strahlten zu ihm empor, die auf beiden Seiten eines kleinen
Mannes mit wässrigen Augen saßen, den Harry sofort als Wurmschwanz wiedererkannte. Als denjenigen, der den
Aufenthaltsort seiner Eltern an Voldemort verriet und so half sie zu Tode zu bringen.
„Äh?,“ sagte Moody.
Harry schaute in Moodys schwer zerfurchtes und mit Narben überzogenes Gesicht auf. Offensichtlich hatte Moody
den Eindruck, Harry gerade eine besondere Freude zu machen.
„Ja,“ sagte Harry, der wieder einmal versuchte zu grinsen. „Ähm … hört mal, mir fällt gerade ein, daß ich bisher
noch nicht gepackt habe, mein …“
Es bereitete ihm Mühe, sich etwas einfallen zu lassen, das er noch nicht gepackt hatte. Sirius sagte gerade: „Was ist
das was du da hast, Mad-Eye?,“ und Moody drehte sich nach ihm um. Harry ging quer durch die Küche, schlich
durch die Tür und die Treppen hoch, bevor ihn jemand zurückrufen konnte.
Er wußte nicht warum es solch ein Schock für ihn gewesen war; nach all dem hatte er schon zuvor Bilder von seinen
Eltern gesehen, und er hatte Wurmschwanz getroffen … aber zu sehen, wie sie sich auf so auf ihn stürzen wie in
diesem Fall, wo er es am wenigsten erwartet hatte … keinem hätte das gefallen, dachte er verärgert …
Und außerdem sie von all den anderen fröhlichen Gesichtern umringt zu sehen … Benjy Fenwick, der in Stückchen
gefunden wurde, und Gideon Prewett, der als ein Held starb, und die Longbottoms, die in den Wahnsinn gefoltert
wurden … für alle Zeiten fröhlich aus dem Foto zu winken, ohne zu wissen, daß sie verdammt seien … gut, Moody
mochte dies interessant finden … er, Harry, fand es beängstigend …
Harry ging auf Zehenspitzen an den ausgestopften Elf-Köpfen vorbei die Halle hinauf, froh wieder alleine zu sein,
als er sich dem ersten Treppenabsatz näherte und Geräusche hörte. Jemand schluchzte im Wohnzimmer.
„Hallo?,“ sagte Harry.
Es kam keine Antwort, stattdessen hielt das Schluchzen an. Er stieg die restlichen Stufen - immer zwei auf einmal -
hinauf, überquerte den Treppenabsatz und öffnete die Wohnzimmertür.
Jemand kauerte an der dunklen Wand, sieh hielt einen Zauberstab in der Hand und ihr ganzer Körper wurde von
Schluchzern r durchschüttelt. In einem Flecken Mondlicht auf dem staubigen alten Teppich lag Ron, alle Viere von
sich gestreckt und zweifellos tot.
Die ganze Luft aus Harrys Lunge schien zu verschwinden; er fühlte sich, als ob er durch den Boden fallen würde;
sein Gehirn war wie eingefroren - Ron tot, nein, das konnte nicht sein -
Doch einen Moment, es konnte nicht sein - Ron war unten -
„Mrs Weasley? ,“ krächzte Harry
„R - r - riddikulus!,“ schluchzte Mrs Weasley, die ihren zitternden Zauberstab auf Rons Körper richtete.
Knall
Rons Körper verwandelte sich in den von Bills, Arme und Beine von sich gestreckt, auf dem Rücken liegend und mit
weit aufgerissen, leeren Augen. Mrs Weasley schluchzte stärker als zuvor.
„R - riddikulus!,“ schluchzte sie wieder.
Knall
Mr Weasleys Körper erschien an Bills Stelle, die Brille schief im Gesicht und ein Rinnsal Blut lief ihm das Gesicht
runter.
„Nein!,“ jammerte Mrs Weasley. „Nein … riddikulus! Riddikulus! RIDDIKULUS! „
Knall. Tote Zwillinge. Knall. Toter Percy. Knall. Toter Harry …
„Mrs Weasley, kommen Sie da einfach heraus!”, brüllte Harry, der auf seinen eigenen am Boden liegenden, toten
Körper starrte. „Lassen Sie das jemand anderes - „
„ Was geht hier vor?“
Lupin war in den Raum gerannt gekommen, dicht gefolgt von Sirius und Moody, der ihnen hinterher stampfte. Lupin
schaute von Mrs Weasley zu dem toten Harry auf dem Boden und schien sofort zu verstehen. Er zog seinen
Zauberstab heraus und sagte fest und deutlich:
„Riddikulus!“
Harrys Körper verschwand. Über der Stelle wo er lag, hing eine silbrige Kugel in der Luft. Lupin schwang seinen
Zauberstab erneut und die Kugel verschwand in einer Rauchwolke.
„Oh - oh - oh,“ schnappte Mrs Weasley nach Luft, und sie brach in Tränen aus, ihr Gesicht in ihren Händen.
„Molly,“ sagte Lupin düster, als er zu ihr hinüberging. „Molly, nicht …“
In der nächsten Sekunde schluchzte sie an Lupins Schulter ihr Herz aus.
„Molly, es war nur ein Wicht ,“ sagte er besänftigend, während er ihr den Kopf tätschelte. „Nur ein dummer Wicht
…“
„Ich sehe sie t - t - tot, die ganze Zeit!,“ seufzte Mrs Weasley in seine Schulter. „Die ganze Z - z - Zeit! Ich t - t -
träume davon …“
Sirius starrte auf den Flecken Teppich wo der Wicht lag, als er vorgab Harry zu sein. Moody schaute auf Harry, der
seinem Blick auswich. Er hatte das seltsame Gefühl, daß Moodys magisches Auge ihm den ganzen Weg aus der
Küche heraus gefolgt war.
„S-s-sagt Arthur nichts davon,“ schluckte Mrs Weasley nun, und wischte sich hektisch ihre Augen mit ihrem
Ärmelaufschlägen ab. „Ich mö-mö-möchte nicht, daß er“s erfährt … wie dumm …“
Lupin reichte ihr ein Taschentuch und sie putzte sich ihre Nase.
„Harry, es tut mir leid. Was mußt du wohl von mir halten?,“ sagte sie zittrig. „Wird“ nicht einmal mit einen Wichtel
fertig …“
„Seien Sie nicht albern,“ sagte Harry und versuchte zu lächeln.
„Ich bin einfach so b - b - besorgt,“ sagte sie, während ihr wieder Tränen aus den Augen strömten. „Die Halbe F - F -
Familie ist im Orden, ein W - W - Wunder, wenn wir da alle heil rauskommen … und P - P - Percy spricht nicht mit
uns … was wenn ihm etwas f - f - furchtbares zustößt und wir uns nie mit ihm v - v - versöhnen? Und was soll
passieren wenn Arthur und ich getötet werden, wer w - w - wird auf Ron und Ginny aufpassen?“
„Molly, das reicht,“ sagte Lupin hart. „Dies hier ist nicht wie beim letzten Mal. Der Orden ist besser vorbereitet, wir
haben einen Vorsprung, wir wissen worauf Voldemort aus ist -“
Bei dem Klang des Namens gab Mrs Weasley ein Quieken der Angst von sich.
„Oh, Molly, komm schon, so langsam müsstest du dran gewöhnt sein, den Namen zu hören - schau, ich kann nicht
versprechen, daß niemand verletzt wird, niemand kann dies versprechen, aber wir sind besser dran als wir es letztes
Mal waren. Beim letztem Mal waren wir den Todesser zahlenmäßig unterlegen und sie haben uns einen nach dem
anderen niedergemetzelt …“
Harry dachte wieder an das Foto, an seine strahlenden Eltern. Er wußte, daß Moody ihn immer noch anschaute.
„Mach dir keine Sorgen um Percy,“ sagte Sirius kurz angebunden. „Er wird schon rumkommen. Es ist nur eine Frage
der Zeit bis Voldemort sich ins Freie wagt; wenn er das tut, wird uns das gesamte Ministerium anflehen ihnen zu
verzeihen. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich ihre Entschuldigung akzeptieren werde,“ fügte er verbittert hinzu.
„Und überhaupt, wer auf Ron und Ginny aufpasst, sollten du und Arthur sterben,“ sagte Lupin mit einem leichten
Lächeln, „Was glaubst du würden wir tun, sie verhungern lassen?“
Mrs Weasley lächelte zitternd.
„Dumm von mir,“ murmelte sie erneut, während sie sich über die Augen wischte.
Aber Harry, der seine Schlafzimmertür einige zehn Minuten hinter sich schloss, hielt Mrs Weasley nicht für dumm.
Er konnte immer noch seine Eltern sehen, die ihn von dem Foto aus anstrahlen, ohne zu wissen, daß ihr Leben, wie
das vieler um sie herum, sich ihrem Ende neigte. Das Bild des Wichtels, der sich nacheinander als Leichnam jedes
Familienmitgliedes von Mrs Weasley verwandelte, blitzte weiter vor seinen Augen auf.
Ohne Vorwarnung brannte wieder seine Narbe auf seiner Stirn vor Schmerz und sein Magen drehte sich fürchterlich.
„Stell es ab,“ sagte er bestimmt und rieb sich die Narbe, während der Schmerz nachließ.
„Erste Anzeichen von Wahnsinn, wenn du mit deinem eigenen Kopf redest,“ sagte eine schlaue Stimme aus einem
leeren Bilderrahmen an der Wand.
Harry ignorierte sie. Er fühlte sich älter als er sich je in seinem Leben gefühlt hatte und dies schien außergewöhnlich
für ihn, wo er sich vor etwa einer Stunde noch über einen Scherzartikel-Laden und wer eine
Vertrauensschülerabzeichen bekam gesorgt hatte.
Kapitel 10 - Luna Lovegood
Harry hatte des Nachts einen unruhigen Schlaf. Seine Eltern schlängelten sich hinein und heraus aus seinen
Träumen, niemals sprechend; Mrs. Weasley schluchzte über Kreachers totem Körper, beobachtet von Ron und
Hermine die Kronen trugen, und wieder fand Harry sich einen Korridor hinunter gehen, der vor einer verschlossenen
Türe endete. Er erwachte abrupt mit kribbelnder Narbe, und fand Ron vor, der sich bereits anzog und zu ihm sprach.
„… beeil dich lieber, Mom dreht bald durch, sie sagt, wir werden noch die Straßenbahn verpassen.“
Es gab ein großes Durcheinander im Haus. Von dem was er hörte, als er sich mit Höchstgeschwindigkeit anzog,
schloß Harry, daß Fred und George ihre Kisten verzaubert hatten, die Treppe herunterzufliegen, um sich die Mühe zu
ersparen, sie tragen zu müssen, mit dem Ergebnis, das sie auf Ginny zugerast waren und sie überfuhren, so daß sie
zwei Treppen tief in die Halle flog; Frau Black und Mrs. Weasley schrien in den höchsten Tönen.
„- HÄTTE SICH SCHWER VERLETZEN KÖNNEN; IHR IDIOTEN -“
„- SCHMUTZIGE HALBBRUT, BESCHMUTZEN DAS HAUS MEINER VÄTER -“
Hermine kam, nervös dreinblickend, in den Raum geeilt, als Harry gerade damit beschäftigt war, seine Turnschuhe
anzuziehen. Hedwig schwankte auf ihrer Schulter, und sie trug einen sich windenden Krumbein in ihren Armen.
„Mom und Dad haben gerade Hedwig zurückgeschickt.“ Die Eule flatterte gefällig zu ihrem Käfig hinüber und setzte
sich obenauf. „Seid ihr bereits fertig?“
„Beinah. Ist Ginny schon fertig?“ fragte Harry, seine Brille zurechtrückend.
„Mrs. Weasley hat sie zusammengeflickt,“ sagte Hermine. „Aber jetzt beklagt Mad-eye sich, daß wir nicht los
können, bis Sturgis Podmores hier ist, sonst hätten wir einen zu wenig in der Wache.
„Wache?“ sagte Harry. „Wir müssen nach Kings Cross mit einer Wache?“
„Du mußt nach Kings Cross mit einer Wache,“ korrigierte Hermine ihn.
„Warum? sagte Harry gereizt. „Ich dacht, Voldemort wäre mit anderen Dingen beschäftigt, oder wollt ihr mir
erzählen, er würde hinter einer Mülltonne hervorspringen und versuchen mich hineinzustopfen?“
„Ich weiß es nicht, es ist nur was Mad-eye gerade gesagt hat,“ sagte Hermine beunruhigt, ihre Armbanduhr
betrachtend, „aber wenn wir nicht bald hier weg sind, werden wir definitiv den Zug verpassen…“
„WÜRDET IHR HAUFEN BITTE JETZT HIER HERUNTERKOMMEN! „ brüllte Mrs. Weasley und Hermine
sprang, auf als hätte sie sich verbrüht und eilte aus dem Raum. Harry ergriff Hedwig, stopfte sie kurzerhand in ihren
Käfig, und eilte die Treppen hinunter hinter Hermine her, seinen Schrankkoffer hinter sich her ziehend.
Frau Blacks Bildnis heulte voller Wut, aber niemand kümmerte darum, die Vorhänge über ihr zu schließen;
jedweder Lärm in der Halle hätte sie sowieso wieder wachgerüttelt.
„Harry, du kommst mit mir und Tonks,“ rief Mrs. Weasley - über das wiederholte Gekreische von
„SCHLAMMBLÜTER! ABSCHAUM! KREATUREN DES SCHMUTZES!“ hinweg - „Laß deine Kiste und deine
Eule zurück, Alastro wird sich mit dem Gepäck befassen … oh, um Gottes Willen, Dumbledore sagte Nein!“
Ein bärengleicher, schwarzer Hund war an Harry“s Seite erschienen, als er über die verschiedenen Kisten kletterte,
die in der Halle herumstanden, um zu Mrs. Weasley zu gelangen.
„Also wirklich …“ sagte Mrs. Weasley verzweifelt. „Nun, es ist dein Kopf!“
Sie öffnete die Haustür mit einem Ruck und trat in das schwache September Sonnenlicht heraus. Harry und der Hund
folgtenihr. Die Tür schlug hinter ihnen zu und Frau Blacks Schreie wurden sofort abgeschnitten.
„Wo ist Tonks?“ sagte Harry, der sich umsah, als sie die steinernen Stufen von Nummer zwölf hinabstiegen, die in
dem Moment verschwanden, als sie den Bürgersteig erreichten.
„Sie wartet hier bereits auf uns,“ sagte Mrs. Weasley steif, ihre Augen von dem zotteligen, schwarzen Hund neben
Harry abwendend.
Eine alte Frau grüßte sie an der Ecke. Sie hatte dichtes, graues, aufgewickeltes Haar und trug einen purpurnen, wie
eine Schweinefleischpastete geformten, Hut.
„Gib acht, Harry,“ sagte sie, zwinkernd. „Beeilen wir uns lieber, nicht wahr, Molly?“ fügte sie hinzu, ihre
Armbanduhr prüfend.
„Ich weiß, ich weiß,“ stöhnte Mrs. Weasley, ihren Schritt verlängernd, „aber Mad-eye, wollte auf Sturgis warten …
wenn doch nur Arthur uns wieder hätte Autos vom Ministerium besorgen können … Aber Fude würde ihm
heutzutage nicht einmal ein leeres Tintenfaß borgen … wie können es Muggle nur fertigbringen, ohne Magie zu
reisen? „
Aber der große schwarze Hund gab ein freudiges Gebell und hüpfte um sie herum, schnappte nach Tauben und jagte
seinen eigenen Schwanz. Harry konnte sich nicht helfen und mußte lachen. Sirius war eine lange Zeit drinne
gefangen gewesen. Mrs. Weasley zog ihre Lippen auf eine Tante-Petunia-Weise zusammen.
Sie brauchten zwanzig Minuten, um King“s Cross zu Fuß zu erreichen und nichts ereignisreiches passierte während
dieser Zeit, als das Sirius ein paar Katzen zu Harrys Unterhaltung verscheuchte. Sobald sie im Bahnhof waren,
verweilten sie ungezwungen jenseits der Barriere zwischen Gleis neun und zehn, bis die Luft rein war, dann lehnte
sich einer nach dem anderen gegen sie und fiel sachte hindurch zu Gleis Neundreiviertel, wor der Hogwarts Express
stand, schwärzlichen Dampf über das mit abreisenden Schülern und ihren Familien gefüllte Gleis ausstoßend. Harry
atmete den vertrauten Geruch ein und fühlte wie sich sein Geist belebte .. er würde wirklich zurückkehren …
„Ich hoffe, die anderen schaffen es rechtzeitig,“ sagte Mrs. Weasley besorgt, den hinter ihr stehenden,
gleisüberspannenden Bogen aus gedrehtem Eisen anstarrend, durch den die Neuankömmlinge eintrafen.
„Netter Hund, Harry!“ meinte ein großer Junge mit Dreadlocks.
„Danke, Lee“ sagte Harry grinsend, während Sirius wie rasend mit seinem Schwanz wedelte.
„Oh gut,“ sagte daß Mrs. Weasley, erleichtert klingend, „hier kommt Alastor mir dem Gepäck, sieh … „
Die Mütze eines Portiers tief über seine ungleichen Augen gezogen, kam Moody durch den Bogengang hinkend, der
einen Gepäckwagen mit ihren Koffern vor sich her schiebend.
„Alles Okay,“ murrte er zu Mrs. Weasley und Tonks, „glauben nicht, daß wir verfolgt wurden …“
Sekunden später, tauchte Mr. Weasley mit Ron und Hermine auf dem Gleis auf. Sie hatten bereits fast Moodys
Gepäckwagen mit den Koffern entladen, als Fred, George und Ginny zusammen mit Lupin auftauchten.
„Kein Ärger?“ knurrte Moody.
„Nichts,“ sagte Lupin.
„Muß Dumbledore noch von Sturgis berichten,“ sagte Moody, „ist das das zweite Mal, das er in dieser Woche nicht
aufgetaucht ist. Wird genauso unzuverlässig, wie Mundungus.“
„Nun, passt gut auf euch auf,“ sagte Lupin, alle die Hände schüttelnd. Zuletzt reichte er sie Harry und gab ihm einen
Klaps auf die Schulter. „Du auch, Harry. Sei vorsichtig.“
„Jau, halt den Kopf unten und die Augen offen,“ sagte Moody, der nun auch Harrys Hand schüttelte. „Und vergesst
nicht, ihr alle - seid vorsichtig mit dem, was ihr schreibt. Wenn ihr Zweifel habt, schreibt es nicht in einem Brief.“
„Es war großartig, euch alle zu treffen,“ sagte Tonks, Hermine und Ginny umarmend. „Nun, wir sehen uns bald
wieder, denke ich.
Ein warnender Pfeifton erklang; die Schüler, die sich noch auf dem Bahnsteig befanden, beeilten sich damit den Zug
zu besteigen.
„Schnell, schnell,“ sagte Mrs. Weasley beunruhigt, sie umarmend, wie sie ihr zufällig unterkamen, wobei sie Harry
zweimal erwischte. „Schreibt … seid artig … wenn ihr etwas vergessen habt, senden wir es euch nach … in den Zug
mit euch, jetzt, beeilt euch …“
Für einen kurzen Moment bäumte sich der große, schwarze Hund auf seine Hinterbeinen und lege seine
Vorderpfoten auf Harrys Schultern, aber Mrs. Weasley schubste Harry fort in Richtung Zugtür, zischend „um Gottes
Willen, verhalte dich mehr wie ein Hund, Sirius“ zischend!
„Bis dann!“ rief Harry aus dem offenen Fenster, als der Zug sich in Bewegung setzte, während Ron, Hermine und
Ginny neben ihm winkten. Die Gestalten von Tonks, Lupin, Moody und Mr. und Mrs. Weasley schrumpften rasch,
aber der schwarze Hund sprang neben dem Fenster her, mit seinem Schwanz wedelnd; verschwommen aussehende
Leute auf dem Bahnsteig lachten, als sie ihn den Zug jagen sahen, dann umrundeten sie eine Biegung, und Sirius war
verschwunden.
„Er hätte nicht mit uns kommen sollen,“ sagte Hermine mit einer besorgten Stimme.
„Ach, nimm“s leicht,“ sagte Ron, „er hat seit Monaten nicht das Tageslicht gesehen, armer Kerl. „
„Nun,“ sagte Fred, die Hände zusammen klatschend, „können nicht den Ganzen Tag herumstehen und plaudern, wir
müssen unsere Geschäfte mit Lee besprechen. Wir sehen uns später,“ und er und George verschwanden den Korridor
hinunter nach rechts.
Der Zug nahm immer noch Geschwindigkeit auf, so daß die Häuser außerhalb des Fensters vorbeirauschten, und sie
schwankten wo sie standen.
„Sollen wir losgehen und ein Abteil finden?“ fragte Harry.
Ron und Hermine tauschten Blicke aus.
„Er,“ sagte Ron.
„ Wir sind - nun - von Ron und mir wird erwartet, das wir uns in den Wagen für die Vertrauensschüler begeben,“
sagte Hermine unbeholfen.
Ron sah Harry nicht an, er schien sich brennend für die Fingernägel seiner linken Hand zu interessieren.
„Oh,“ sagte Harry. „Richtig. Nett.“
„Ich denke nicht daß wir die ganze Reise dort bleiben müssen,“ sagte Hermine schnell. „in unseren Briefen stand
nur daß wir Anweidungen von den Schulsprechern holen sollen und ab und zu die Korridore überwachen sollen.“
„Gut,“ sagte Harry wieder. „Na ja, ich - ich sehe euch dann später.“
„Ja, definitiv,“ sagte Ron während er Harry kurz verstohlen und besorgt ansah.
„Es ist eine Belastung da jetzt hingehen zu müssen. Ich würde lieber - aber wir müssen - ich meine, mir macht das
keinen Spaß, ich bin nicht Percy, „ beendete er bestimmt.
„Das weiß daß du das nicht bist,“ sagte Harry und grinste. Aber als Ron und Hermine ihre Koffer, Krumbein und den
Käfig mit Pigwideon in Richtung Lok davontrugen fühlte er sich merkwürdig verloren. Er war noch nie ohne Ron
mit dem Hogwarts-Express gefahren.
„Komm mit,“ rief ihm Ginny zu, „wenn wir jetzt losgehen können wir ihnen Plätze reservieren.“
„Richtig,“ sagte Harry und nahm Hedwigs Käfig in die eine und seinen Koffer in die andere Hand. Langsam gingen
sie den Korridor hinunter, während sie immer wieder durch Glastüren in die vorbei ziehenden Abteile schauten, die
aber zumeist schon voll waren. Harry konnte nicht umhin zu bemerken wie viele Leute ihn mit großem Interesse
anstarrten und mehrere ihre Nachbarn anstießen und mit dem Finger auf ihn zeigten. Nachdem er dieses Verhalten in
fünf aufeinander folgenden Wagen gesehen hatte, fiel ihm wieder ein, daß der „Tagesprophet“ seinen Lesern den
ganzen Sommer mitgeteilt hatte was für ein Lügner sei, der immer im Mittelpunkt stehen müsse. Er wunderte sich
trübe ob die Leute die ihn anstarrten und flüsterten die Geschichten geglaubt hatten.
Im allerletzten Wagen trafen sie Neville Longbottom, Harrys Klassenkameraden im fünften Jahr bei Gryffindor, sein
Gesicht glänzend vor Anstrengung, weil er versuchte seinen Koffer zu ziehen und gleichzeitig seine zappelnde Kröte
Trevor mit einer Hand festzuhalten.
„Hi, Harry,“ keuchte er. „Hi, Ginny... der ganze Zug ist voll... ich finde nirgends einen Sitzplatz...“
„Rede kein dummes Zeug!,“ sagte Ginny, die sich an Neville vorbei gequetscht hatte um in das Abteil hinter ihm zu
schauen. „Hier sind doch noch Plätze frei, nur Loony Lovegood ist hier -“
Neville murmelte irgendwas darüber, daß er niemanden stören wolle.
„Stell dich nicht so an,“ sagte Ginny lachend, „sie ist in Ordnung.“
Sie schob die Tür auf und zerrte ihren Koffer hinein. Harry und Neville folgten.
„Hi Luna,“ sagte Ginny, „geht es in Ordnung, wenn wir die Sitze hier nehmen?“
Das Mädchen neben dem Fenster blickte auf. Sie hatte widerspenstige dreckige blonde Haare, die ihr bis zur Hüfte
reichten, sehr bleiche Augenbrauen und hervorstehende Augen, was ihr einen dauerhaften Ausdruck von
Überraschung auf ihrem Gesicht bescherte. Harry wußte sofort, warum Neville nicht in dieses Abteil wollte. Das
Mädchen gab eine Aura von tiefer Verwirrtheit ab. Vielleicht lag es an der Tatsache, daß sie ihren Zauberstab zur
Sicherheit hinter ihr linkes Ohr geklemmt hatte, oder das sie beschlossen hatte eine Halskette aus Butterbier-Korken
zu tragen, oder soeben eine Zeitschrift verkehrt herum las. Ihre Augen wanderten über Neville und kamen bei Harry
zum stehen. Sie nickte.
„Danke,“ sagte Ginny lächelnd zu ihr.
Harry und Neville verstauten die drei Koffer und Hedwigs Käfig im Gepäckhalter und setzen sich. Luna beobachtete
sie über ihre umgedrehte Zeitschrift, die den Titel Der Wortklauber hatte. Sie schien nicht so oft zwinkern zu müssen
wie normale Menschen. Sie starrte andauernd zu Harry, der den Sitz ihr gegenüber genommen hatte und sich jetzt
wünschte es nicht getan zu haben.
„Hattest du einen schönen Sommer, Luna?,“ fragte Ginny.
„Ja,“ sagte Luna verträumt, ohne ihre Augen von Harry abzuwenden. „Ja, es war ziemlich erfreulich, weißt du. Du
bist Harry Potter,“ fügte sie hinzu.
„Ist mir klar, daß ich der bin,“ sagte Harry.
Neville grinste. Luna wandte ihre blassen Augen nun ihm zu.
„Aber ich weiß nicht wer du bist.“
„Ich bin niemand,“ sagte Neville schnell.
„Nein bist du nicht,“ sagte Ginny spitz. „Neville Longbottom - Luna Lovegood. Luna ist im selben Jahr wie ich, nur
in Ravenclaw.“
„Grenzenlose Weisheit ist der größte Schatz des Menschen,“ sagte Luna in einer eintönigen Stimme.
Sie hob ihre umgedrehte Zeitschrift hoch genug, um ihr Gesicht zu verstecken, und wurde still. Harry und Neville
schauten sich gegenseitig mit gehobenen Augenbrauen an. Ginny unterdrückte ein Lachen.
Der Zug ratterte vorwärts und trug sie hinaus in die offene Landschaft. Es war ein seltsamer, unbeständiger Tag, im
einen Moment war der Waggon geflutet mit Sonnenlicht und im nächsten fuhren sie unter ominösen dunklen Wolken
hindurch.
„Ratet mal was ich zum Geburtstag bekommen habe?“ sagte Neville.
„Noch ein Erinnermich?“ sagte Harry, der sich an das murmelähnliche Gerät erinnerte, daß ihm seine Großmutter
geschickt hatte um sein schwaches Gedächtnis etwas aufzubessern.
„Nein,“ sagte Neville. „Eins war genug, obwohl ich das alte schon vor Ewigkeiten verloren habe… nein, schaut euch
das hier an…“
Er kramte mit der Hand, mit der er nicht versuchte, Trevor festzuhalten, in seiner Schultasche. Nach einigem stöbern
zog er etwas heraus, das sich als kleiner grauer Kaktus in einem Topf erwies, außer, daß er mit etwas überzogen war,
was eher wie Beulen anstatt Stacheln aussah.
Mimbulus mimbletonia, erklärte er stolz.
Harry starrte es an. Es pulsierte leicht, was ihm den schauerlichen Anblick eines kranken inneren Organs verlieh.
„Sie ist sehr, sehr selten,“ sagte Neville strahlend. „Ich weiß nicht einmal ob es eine im Gewächshaus von Hogwarts
gibt. Ich kann es gar nicht erwarten sie Professor Sprout zu zeigen. Mein Großonkel Algie hat sie für mich aus
Assyria besorgt. Mal sehen ob ich Ableger davon züchten kann.“
Harry wußte, daß Nevilles Lieblingsfach Kräuterkunde war, aber konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen,
was Neville mit einer verkrüppelten Pflanze anfangen sollte.
„Macht es - ähm - irgendwas?“ fragte er.
„Ungeheuer viel sogar!“ sagte Neville stolz. „Es hat einen faszinierenden Abwehrmechanismus. Hier, halte Trevor
für mich …“
Er ließ Trevor in Harrys Schoß fallen und zog eine Feder aus seiner Schultasche. Luna Lovegood“s hervorstehende
Augen erschienen wieder über ihrer umgedrehten Zeitschrift um zu sehen was Neville vorhatte.
Neville hielt den Mimbulus mimbletonia nun auf Augenhöhe. Mit der Zunge zwischen den Zähnen zielte er und gab
ihr einen heftigen Stich mit der Spitze seiner Feder.
Eine stinkende, zähe, dunkle Flüssigkeit spritzte in dicken dunklen Fontänen aus jeder einzelnen Beule der Pflanze.
Sie trafen die Decke, die Fenster und bespritzten Luna Lovegoods Zeitschrift. Ginny, die ihre Arme rechtzeitig vor
ihr Gesicht geworfen hatte, sah lediglich so aus, als würde sie einen schleimigen grünen Hut tragen, aber Harry,
dessen Hände damit beschäftigt waren Trevors Flucht zu verhindern, erwischte es voll im Gesicht. Es roch wie
ranziger Dünger.
Neville, dessen Gesicht und Körper ebenfalls vollgespritzt waren, schüttelte seinen Kopf um das schlimmste aus
seinen Augen zu bekommen.
„Tsch- Tschuldigung,“ keuchte er. „Ich hab das noch nie vorher probiert… dachte nicht es würde so… aber keine
Panik, Stinksaft ist nicht giftig,“ fügte er nervös hinzu, als Harry einen Mundvoll Schleim auf den Boden spuckte.
Genau in diesem Moment ging die Tür ihres Abteils auf.
„Oh… hallo Harry, „ sagte eine nervöse Stimme. „Ähm… störe ich?“
Harry wischte sich die Brillengläser mit seiner freien Hand.
Eine sehr hübsches Mädchen mit langen glänzenden schwarzen Haaren stand in der Türöffnung und lächelte ihn an:
Cho Chang, der Sucher im Ravenclaw Quidditch Team.
„Oh… hi,“ sagte Harry ausdruckslos.
„Ähm…“ sagte Cho. „Naja… ich dachte nur ich sag mal hallo… bis dann.“
Mit errötetem Gesicht schloss sie die Tür und verschwand. Harry ließ sich wieder in seinen Sitz fallen und stöhnte.
Er hätte es lieber gehabt, wenn Cho ihn mit einer Gruppe von sehr coolen Leuten angetroffen hätte, die sich gerade
über einen seiner Witze totlachten. Harry hätte es sich nicht ausgesucht, triefend voll Stinksaft hier neben Neville
und Loony Lovegood zu sitzen, während er eine Kröte festhielt.
„Kein Problem,“ sagte Ginny ermutigend. „Schau, wir können das Zeug ganz einfach loswerden.“ Sie zog ihren
Zauberstab heraus. „Scourgify!“
Der Stinksaft verschwand.
„Tschuldigung,“ sagte Neville nochmals, in einer leisen Stimme.
Ron und Hermine tauchten fast eine ganze Stunde lang nicht auf, erst zu der Zeit als der Essens-Wagen schon wieder
weg war. Harry, Ginny und Neville hatten gerade ihre Kürbispasteten aufgegessen und waren dabei ihre
Schokoladenfrosch-Karten zu tauschen, als die Abteiltür aufging und Harry und Hermine hereinkamen, begleitet von
Krumbein und dem schrill johlenden Pigwidgeon in seinem Käfig.
„Ich verhungere,“ sagte Ron während er Pigwidgeon neben Hedwig stellte. Er schnappte sich einen
Schokoladenfrosch von Harry, warf sich auf den Sitz neben ihm, riss die Verpackung auf, biss den Kopf des
Frosches ab und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück, als ob er einen sehr anstrengenden Vormittag
verbracht hatte.
„Nun ja, es gibt zwei Vertrauensschüleren aus der fünften Klasse von jedem Haus,“ sagte Hermine, die total
verstimmt dreinblickte, als sie sich in ihren Sitz setze.
„Ein Mädchen und ein Junge von jedem.“
„Und ratet mal wer Slytherins Vertrauensschüler ist?“ sagte Ron, mit immer noch geschlossenen Augen.
„Malfoy,“ antwortete Harry sofort, denn er war sich sicher, daß seine schreckliche Vermutung bestätigt werden
würde.
„Genau,“ sagte Ron bitter und schob sich den Rest des Frosches in seinen Mund, worauf er gleich einen neuen nahm.
„Und diese blöde Kuh Pansy Parkinson,“ zischte Hermine.
„Wie konnte sie nur Vertrauensschüler werden? Die ist doch fetter als ein dummer Troll…“
„Wer sind Hufflepuffs Vertrauensschülere?“ fragte Harry.
„Ernie Macmillan und Hannah Abbott,“ antwortete Ron.
„Und Anthony Goldstein und Padma Patil für Ravenclaw,“ sagte Hermine.
„Du gingst zum Weihnachtsball mit Padma Patil,“ sagte eine undeutliche Stimme.
Alle drehten sich zu Luna Lovegood um, die Ron ohne zu zwinkern über ihren Wortklauber anstarrte. Ron schluckte
seinen Frosch hinunter.
„Klar, ich weiß,“ sagte er etwas überrascht.
„Es gefiel ihr nicht so besonders,“ informierte ihn Luna. „Sie glaubt nicht, daß du sie besonders gut behandelt hast,
weil du nicht mit ihr tanzen wolltest. Mir hätte es nichts ausgemacht.“ fügte sie nachdenklich hinzu, „Ich tanze nicht
so gerne.“
Sie zog sich wieder hinter ihren Wortklauber zurück. Ron starrte einige Sekunden mit offenem Mund auf das Cover,
dann schaute er zu Ginny für eine Art Erklärung, aber Ginny stopfte sich ihre Fingerknöchel in den Mund um ein
Lachen zu unterdrücken. Ron schüttelte verwirrt den Kopf, dann schaute er auf seine Uhr.
„Wir sollten die Korridore immer mal wieder kontrollieren,“ sagte er zu Harry und Neville, „und wir können Strafen
austeilen wenn sich die Leute falsch verhalten. Ich kann es gar nicht erwarten Crabbe und Goyle für irgendwas
dranzukriegen …“
„Du sollst deine Position nicht ausnutzen, Ron!“ sagte Hermine scharf.
„Nein, ich geh nur sicher, daß ich seine Kumpel drankriege, bevor er meine kriegt.“
„Du lässt dich also auf seinen Level herab?“
„Nein, ich gehe nur sicher, daß ich seine Kumpels drankriege, bevor er meine kriegt.“
„Um Himmels Willen, Ron -“
„Ich laß Goyle Sätze schreiben, das wird ihn umbringen, er hasst es zu schreiben,“ sagte Ron glücklich. Er senkte
seine Stimme zu Goyle“s tiefem Grunzen und verzerrte sein Gesicht zu einem Ausdruck von schmerzhafter
Konzentration während er in der Luft schrieb. „Ich… darf… nicht… aussehen… wie… ein… Pavian… Arsch.“
Jeder lachte, aber keiner lachte lauter wie Luna Lovegood. Sie stieß einen Schrei von Freude aus, der Hedwig dazu
brachte aufzuwachen und empört mit den Flügeln zu schlagen und Krumbein zischend in den Gepäckhalter springen
lies. Luna lachte so laut, daß ihr ihr Magazin aus der Hand fiel und über ihre Beine auf den Boden glitt.
„Das war lustig!“
Ihre hervorstehenden Augen schwammen in Tränen und sie schnappte nach Luft, während sie Ron anstarrte. Total
verblüfft schaute Ron in die Runde. Alle lachten nun über den Gesichtsausdruck von Ron und dem lächerlich
überzogenen Gelächter von Luna Lovegood, die vor und zurück schaukelte und sich den Bauch hielt vor lachen.
„Verarschst du mich?“ sagte Ron, während er sie düster ansah.
„Pavian… Arsch!“ gluckste sie und hielt sich ihre Rippen.
Jeder andere sah Luna zu, wie sie lachte, doch Harry blickte des Magazin auf dem Fußboden an, bemerkte etwas,
was ihn danach greifen ließ. Umgekehrt war es schwierig gewesen, zusagen, was das Bild auf der Titelseite war, aber
jetzt hatte Harry es als eine ziemlich schlecht gezeichnette Karrikatur über Cornelius Fudge erkannt; Harry erkannte
ihn nur wegen der lindgrünen Melone. Eine von Fudges händen hielt eine Tasche voller Gold fest; mit der anderen
würgte er einen Kobold. Der Karrikatur war mit einer Legende versehen: Wie weit wird Fudge gehen, um an die
Reichtümer von Gringotts zu gelangen?
Darunter waren die Titel von anderen Artikeln der Zeitschrift aufgelistet.
Korruption in der Quidditch Liga
Wie die Tornados die Führung übernehmen
Geheimnisse der alten Runen enthüllt
Sirius Black: Schurke oder Opfer?
„Kann ich einen Blick rein werfen?“ fragte Harry Luna gespannt.
Sie nickte, immer noch Ron anstarrend, atemlos vor Lachen.
Harry schlug die Zeitschrift auf und überflog das Inhaltsverzeichnis. Bis zu diesem Moment hatte er die Zeitschrift
völlig vergessen, die Kingsley an Mr. Weasley gereicht hatte, damit dieser sie Sirius geben sollte, aber es muß diese
Ausgabe des Der Wortklauber gewesen sein.
Er fand die Seite, und wandte sich aufgeregt dem Artikel zu.
Dieser wurde ebenso mit einer ziemlich schlechten Karrikatur veranschaulicht; Harry hätte in der Tat nicht gewußt,
das es Sirius sein sollte, wäre sie nicht mit einer Legende versehen worden. Sirius stand auf einem Stapel
menschlicher Gebeine, seinen Zauberstab gezückt. Die Schlagzeile zu diesem Artikel lautete:
SIRIUS - BLACK WIE ER ANGEMALT IST?
Notorischer Massenmörder oder unschuldige, singende Sensation?
Harry mußte den ersten Satz ein paar mal lesen, bevor er davon überzeugt wurde, das er ihn nicht mißverstanden
hatte. Seit wann war Sirius ein Gesangstalent?
Seit vierzehn Jahren glaubte man Sirius Black sei schuldig des Massenmordes an zwölf unschuldigen Müggeln und
einem Zauberer. Black“s dreiste Flucht aus Askaben vor zwei jahren hat zur größten, jemals vom
Zaubereiministerium geleiteten, Menschenjagd geführt. Niemand von uns hat jemals bezweifelt, daß er es verdienen
würde, wieder eingefangen und den erneut den Dementoren übergeben zu werden.
ABER TUT ER ES?
Überraschende neue Beweise sind erst kürzlich aufgetaucht, die es unmöglich erscheinen lassen, das Sirius Black die
Verbrechen verübt hat, für die er nach Askaban gesandt wurde. Tatsache ist, sagt Doris Purkiss, von Bärenklau Weg
18, Little Norton, Black sei nicht zugegen gewesen, während der Morde.
„Was die Leute nicht erkennen ist, das Sirius Black ein falscher name ist,“ sagte Frau Purkiss. „Der Mann, von dem
die Leute glauben, er sei Sirius Black, ist in Wahrheit Stubby Boardman, Leadsänger der populären Gesangsband
The Hobgoblins, der sich aus der Öffentlichkeit zurückzogen hat, nachdem sich ein Schlag mit einer Rübe auf sein
Ohr vor fünfzehn Jahren in der Kirche von Little Norton ereignete. Ich erinnerte mich seiner in dem Moment, als ich
sein Bild in der Zeitung sah. Nun, Stubby könnte möglicherweise die Verbrechen gar nicht verübt haben, da er am
fraglichen Tag ein romantisches Abendessen im Schein der Kerzen mit mir zusammen verbrachte. Ich habe dem
Zaubereiminister geschrieben und erwarte täglich, das er sich bei Stubby, alias Sirius, vollständig entschuldigt.“
Harry hatte zu Ende gelesen und starrte die Seite ungläubig an. Vielleicht war es ein Witz, dachte er, vielleicht
druckte die Zeitschrift des öfteren ausgemachten Schwindel ab. Er blätterte ein paar Seiten zurück und fand das
Stück mit Fudge.
Cornelius Fudge, der Zaubereiminister, leugnete, daß er irgendwelche Pläne hatte, die laufenden Geschäfte der
Zaubererbank, Gringotts, zu übernehmen, als er vor fünf Jahren zum Zaubereiminister gewählt wurde. Fudge hat
stets darauf bestanden, das er sich nichts mehr wünscht, als eine friedliche Zusammenarbeit mit den Wächtern
unseres Goldes.
ABER TUT ER ES?
Dem Minister nahestehende Quellen haben kürzlich aufgedeckt, daß es Fudge“s größter Wunsch ist, die Kontrolle
über die Koboldgoldversorgung zu übernehmen und das er nicht zögern wird, diesen Notfalls mit Gewalt zu
erreichen.
„Es wäre auch nicht das erste Mal,“ sagte ein Ministeriumsinsider. „Cornelius Kobolquetscher Fudge, so nennen
ihn seine Freunde. Wenn sie ihn hören könnten, wenn er denkt niemand würde ihn hören, oh, redet er immerzu über
die Kobolde, denen er etwas angetan hat; er hat sie ertränken lassen, er hat sie von Gebäuden fallen lassen, er hat
sie vergiften lassen, er hat sie als Pasteten kochen lassen …“
Harry las nicht mehr weiter. Fudge mochte viele Fehler haben, aber Harry fand es sehr schwer sich vorzustellen, wie
er es anordnete, Kobolde als Pasteten zubereiten zu lassen. Er überflog den Rest der Zeitschrift. Alle paar Seiten hielt
er an und las: ein Vorwurf, daß die Tutshill-Tornados die Quidditsch-Liga mit einer Mischung aus Erpressung,
illegaler Besenmanipulation und Folter gewannen; ein Interview mit einem Zauberer, der darauf bestand, auf einem
Cleansweep Six zum Mond geflogen zu sein und eine Tasche von Mondfröschen mit zurückgebracht zu haben, um
es zu beweisen; und ein Artikel über uralte Runen, der die Erklärung dafür war, warum Luna den Wortklauber
umgekehrt gelesen hatte. Entsprechend der Zeitschrift, enthüllten die Runen einen Zauberspruch, wenn man diese
auf den Kopf stellte, die die Ohren deiner Feinde in Kumquats verwandelten. In der Tat, verglichen mit dem Rest der
Artikel im Wortklauber, schien der Vorschlag, das Sirius der Leadsänger der The Hobgoblins sein könnte, wirklich
vernünftig.
„Irgendwas gutes da drin?“ fragte Ron als Harry die Zeitschrift zuklappte.
„Natürlich nicht,“ sagte Hermine bissig, bevor Harry antworten konnte. „Der Wortklauber ist Mist, das weiß doch
jeder.“
„Entschuldige,“ sagte Luna; ihre Stimme hatte plötzlich jegliche traumhafte Qualität verloren. „Mein Vater ist der
Herausgeber.“
„Ich - oh,“ sagte Hermine, betreten aussehend. „Nun … er hat eine interessante … ich meine, er ist sehr …“
„Darf ich es zurückhaben, danke,“ sagte Luna kalt, und vornüber gebeugt, riss sie es aus Harrys Händen. Sie blätterte
vor bis Seite siebenundfünfzig, dann drehte sie ihn entschlossen um und verschwand wieder dahinter, gerade als sich
die Abteiltüre zum dritten Mal öffnete.
Harry sah sich um; er hatte es erwartet, aber das machte den Anblick des ihn angrinsenden Draco Malfoy, der
zwischen seinen beiden Kumpanen, Crabbe und Goyle, stand, nicht angenehmer.
„Was?“ sagte er aggressiv, bevor Malfoy den Mund aufmachen konnte.
„Sachte, Potter, oder ich werde dich Nachsitzen lassen,“ sprach Malfoy gedehnt, dessen glattes, blondes Haar und
spitzes Kinn, wie das seines Vaters war. „Du siehst, ich, im Gegensatz zu dir, wurde zum Vertrauensschüler
gemacht, das bedeutet, daß ich, im Gegensatz zu dir, die Macht habe, Strafen auszuteilen.“
„Jo,“ sagte Harry, aber du, im Gegensatz zu mir, bist ein Witz, also geh raus und laß uns alleine.“
Ron, Hermine, Ginny und Neville lachten. Malfoy schürzte die Lippen.
„Sag mir, wie es sich anfühlt, wenn man der Zweitbeste nach Weasley ist, Potter?“ fragte er.
„Halt den Mund, Malfoy,“ sagte Hermine scharf.
„Ich scheinen einen Nerv getroffen zu haben,“ sagte Malfoy grinsend. „Nun, paß auf dich auf, Potter, denn ich werde
jedem deiner Schritte wie ein Bluthund folgen , für den Fall das du aus der Reihe tanzt.“
„Raus mit dir!“ sagte Hermine im aufstehen.
Kichernd warf Malfoy Harry einen letzten böswilligen Blick zu und verschwand, Crabbe und Goyle trampelten
weiter in seinem Kielwasser. Hermine schlug die Abteiltür hinter ihnen zu und drehte sich um, um Harry
anzuschauen, der sofort wußte, daß sie, wie er, sofort registriert hatte, was Malfoy gesagt hatte und davon genauso
entmutigt gewesen war.
„Wirf uns einen weiteren Frosch rüber“ sagte Ron, der augenscheinlich nichts bemerkt hatte.
Harry konnte nicht frei in Gegenwart von Neville und Luna sprechen. Er tauschte nervöse Blicke mit Hermine aus,
dann starrte er zum Fenster heraus.
Er hatte geglaubt, daß Sirius, der ihn zum Bahnhof begleitet hatte, ihn ein wenig zum Lachen brachte, aber plötzlich
schien es bedeutungslos geworden zu sein, wenn nicht sogar hundertprozentig gefährlich … Hermine hatte recht …
Sirius hätte nicht mitkommen sollen. Was, wenn Mr. Malfoy den schwarzen Hund bemerkt und es Draco erzählt
hatte? Was, wenn er daraus gefolgert hätte, das die Weasleys, Lupin, Tonks und Moody wußten, wo sich Sirius
versteckte? Oder hatte Malfoys Verwendung des Wortes Bluthund ein reiner Zufall?
Das Wetter blieb unbeständig, als sie weiter und weiter nach Norden reisten. Regen bespritzte die Fenster auf halbem
Wege, dann trat die Sonne als matte Erscheinung hervor, und einmal mehr wurde sie von den vorbeiziehenden
Wolken verdeckt. Als die Dunkelheit einbrach und die Lampen innerhalb der Abteile entflammten, rollte Luna den
Wortklauber zusammen, steckte ihn sorgfältig in ihre Tasche zurück und begann stattdessen alle im Abteil
anzustarren.
Harry saß, die Stirn gegen das Zugfenster gepresst, im Versuch einen ersten entfernten Blick auf Hogwarts zu
erhaschen, aber es war eine mondlose Nacht und die Regenstreifen verschmutzten das Fenster.
„Wir sollten uns besser umziehen“ sagte Hermine endlich, und alle öffneten ihre Truhen unter Schwierigkeiten und
zogen ihre Schulroben an. Sie und Ron hefteten ihre Vertrauensschülerabzeichen vorsichtig auf ihren Brustkörben
fest. Harry sah, wie Ron sein Spiegelbild im schwarzen Fenster überprüfte.
Der Regen begann schließlich, sich abzuschwächen und sie hörten den gewöhnlichen Lärm, als jeder sich bemühte,
zu seinem Gepäck und seinem Tier zu gelangen, bereit, den Zug zu verlassen. Da Ron und Hermine dies alles zu
beaufsichtigen hatten, verschwanden sie wieder aus dem Wagen, wobei sie Harry und die anderen zurückließen, um
nach Krumbein und Pigwidgeon zu schauen.
„Ich trage die Eule, wenn du möchtest,“ sagte Luna zu Harry. Sie streckte ihre Hand nach Pigwidgeon aus, als
Neville Trevor vorsichtig in einer Innentasche verstaute.
„Oh - äh - danke,“ sagte Harry, als er ihr den Käfig gab und Hedwig weiter hoch in seine Arme hob.
Sie schlürften aus dem Abteil. Sie fühlten das erste Stechen der Nachtluft in ihren Gesichtern, als sie sich der Menge
auf einem Gang anschlossen. Sie bewegten sich langsam auf die Tür zu. Harry roch Kiefern, die entland dem Pfad,
der zum See hinunterführte, standen. Er betrat den Bahnsteig und schaute sich um, wobei er auf den bekannten Ruf
„Erstklässler, hier her ... Erstklässer ...“ hörte.
Aber er kam nicht. Stattdessen rief eine andere Stimme, eine muntere weibliche, „Erstklässler, hier aufreihen, bitte!
Alle Erstklässler zu mir!“
Eine Laterne kam schwingend auf Harry zu, in ihrem Licht sah Harry das hervorstehende Kinn und den strengen
Haarschnitt von Professor Rauhe-Pritsche, die Hexe, die den Unterricht für die Pflege magischer Geschöpfe im
vorherigen Jahr für eine Weile übernommen hatte.
„Wo ist Hagrid,“ rief er.
„Ich weiß es nicht,“ sagte Ginny. „Aber wir sollten lieber aus dem Weg gehen, wir blockieren die Tür.“
„Oh, ja ...“
Harry und Ginny wurden getrennt, als sie weiter liefen, am Bahnsteig entlang und hinaus über den Bahnhof.
Während er von der Menge angerempelt wurde, schielte Harry durch die Dunkelheit, um Hagrid zu erspähen. Er
mußte hier sein, Harry hatte sich darauf verlassen - Hagrid wieder zu sehen, war eines der Dinge, auf die Harry sich
am meisten gefreut hatte. Aber es gab kein Zeichen von ihm.
Er kann nicht gegangen sein, sagte sich Harry, als er langsam mit dem Rest der Menge durch einen schmalen
Durchgang, auf die Straße hinaus, schlurfte. Er hat nur eine Erkältung oder so was ...
Er sah sich nach Ron oder Hermine um, da er wissen wollte, was sie von Professor Rauhe-Pritsches
Wiedererscheinen hielten. Aber keiner von beiden war bei ihm, weshalb er sich vorwärts auf die regennasse Straße
außerhalb des Hogsmeade-Bahnhofs schieben ließ.
Hier standen die etwa hundert pferdelosen Postkutschen, die immer die Schüler oberhalb der ersten Klasse hoch zum
Schloss brachten. Harry warf ihnen einen flüchtigen Blick zu, drehte sich weg, um Ausschau nach Ron oder Hermine
zu halten und schaute verblüfft zurück zu den Kutschen.
Die Kutschen waren nicht länger pferdelos. Dort standen Kreaturen zwischen den Schäften der Kutschen. Wenn er
ihnen hätte Namen geben sollen, so glaubte er, hätte er sie Pferde genannt, obwohl sie auch etwas von einem Reptil
hatten. Sie waren komplett fleischlos, ihre schwarze Haut lag auf ihrem Skelett, von dem jeder Knochen sichtbar
war. Ihre Köpfe sahen wie die von Drachen aus und ihre Augen waren weiß, ohne Pupille und starrten. Flügel waren
an jeder Seite - riesige schwarze Flügel, die aussahen, als ob sie zu riesigen Fledermäusen gehören sollten. Die
Kreaturen, die immer noch in der Dunkelheit standen, sahen schaurig und unheimlich aus. Harry konnte nicht
verstehen, warum die Kutschen von solch schrecklichen Pferden gezogen wurden, wenn sie doch fähig waren, sich
alleine fortzubewegen.
„Wo ist Pig?,“ sagte Rons Stimme gleich hinter Harry.
„Diese Luna hat ihn getragen,“ sagte Harry. Er drehte sich schnell zu Ron, um ihn wegen Hagrid zu fragen. „Wo,
glaubst du -“
„ - ist Hagrid? Keine Ahnung,“ sagte Ron, wobei er besorgt klang. „Er sollte besser in Ordnung sein ...“
In einer kurzen Entfernung war Draco Malfoy, gefolgt von seine Kumpanen, darunter Crabbe, Goyle und Pansy
Parkinson, gerade dabei, einige ängstlich aussehende Zweitklässler aus dem Weg zu räumen, so daß er und seine
Freunde eine Kutsche für sich haben konnten. Sekunden später erschien Hermine hechelnd aus der Menge.
„Malfoy hat sich dort hinten einem Erstklässler gegenüber absolut gemein benommen. Ich schwöre, daß ich über ihn
Bericht erstatten werde. Er hat sein Abzeichen gerade erst drei Minuten und benutzt es, um die Leute schlimmer als
jemals zuvor zu ärgern ... Wo ist Krumbein?“
„Ginny hat ihn,“ sagte Harry. „Da ist sie ...“
Ginny war gerade aus der Menge aufgetaucht, einen sich windenden Krumbein umklammernd.
„Danke,“ sagte Hermine, Ginny die Katze abnehmend. „Los kommt, nehmen wir uns eine Kutsche, bevor sie alle
voll sind …“
„Ich habe Pig bis jetzt noch nicht bekommen!“ sagte Ron, aber Hermine schritt bereits auf die nächste leer stehende
Kutsche zu. sagte, aber Hermine schnitt schon gegen den nächsten leeren Trainer ab. Harry blieb mit Ron zurück.
„Was sind das für Dinger, schätzt du?“ fragte er Ron, nickend zu den schrecklichen Pferden, während die anderen
Schüler an ihnen vorbei wogten.
„Welche Dinger?“
„Diese Pferde -“
Luna erschien, den Käfig von Pigwidgeon in ihren Armen halten; die kleine Eule zwitscherte, wie gewöhnlich,
aufgeregt.
„Da seid ihr,“ sagte sie. „Er ist eine süße kleine Eule, nicht wahr?“
„Ähm … jau … er ist in Ordnung,“ sagte Ron barsch. „Nun, dann komm, laß uns reingehen .. was sagst du Harry?“
„Ich sagte, was sind diese Pferdedinger?“ sagte Harry, als er, Ron und Luna sich gerade auf die Kutsche zubewegten,
in der Hermine und Ginny bereits saßen.
„Welche Pferdedinger?“
Die Pferdedinger, die die Kutschen ziehen!“ sagte Harry ungeduldig. Sie waren etwa einen Meter vom nächsten
entfernt; es sah sie mit leeren weißen Augen an. Ron allerdings sah Harry verwirrt an.
„Wovon redest du?“
„Ich spreche über - seht!“
Harry ergriff Ron“s Arm und drehte ihn soweit, das er Auge in Auge vor dem geflügelten Pferd stand. Ron starrte für
eine Sekunde geradeaus, dann blickte er zurück zu Harry.
„Was soll ich mir ansehen?“
„An der - dort, zwischen den Deichseln! Angeschirrt vor der Kutsche! Es ist direkt davor - „
Aber, da Ron fortfuhr, verwirrt auszusehen, kam ein seltsamer Gedanke in Harry auf.
„Könnt ihr … könnt ihr es nicht sehen?
„Was sehen?“
„Könnt ihr nicht sehen, was die Wagen zieht?“
Ron sah jetzt ernsthaft beunruhigt aus.
„Fühlst du dich wohl, Harry?“
„J… jau…“
Harry fühlte sich völlig verwirrt. Das Pferd war direkt vor ihm, fest in dem Dämmerlicht glänzend, das von den
Bahnhofsfenstern hinter ihnen kam, Dampf entstieg seinen Nüstern in der kühlen, nächtlichen Luft. Dennoch, auch
wenn Ron es vortäuschte - und es war ein sehr schwacher Scherz, wenn es einer war - Ron konnte es überhaupt nicht
sehen.
„Sollen wir dann einsteigen?“ sagte Ron unsicher, Harry anschauend, obgleich er sich Sorgen über ihn machte.
„Jau,“ sagte Harry. „Jau, los weiter …“
„Es ist in Ordnung,“ sagte eine verträumte Stimme neben Harry, da Ron in das dunkle Innere der Kutsche
verschwand. „Du bist nicht verrückt oder sowas. Ich kann sie auch sehen.“
„Kannst du?“ sagte Harry verzweifelt, sich zu Luna drehend. Er könnte die mit Fledermausflügeln versehenen Pferde
sich in ihren silbernen Augen spiegeln sehen.
„Oh ja,“ sagte Lune, „Ich konnte sie schon immer sehen, seit meinem ersten Tag hier. Sie haben schon immer die
Kutschen gezogen. Seid unbesorgt. Sie sind genauso geistig gesund, wie ich es bin. „
Mit einem leichten Lächeln, stieg sie hinter Ron in das muffige Innere der Kutsche. Ganz und gar nicht beruhigt,
folgte Harry ihr.
Kapitel 11 - Das neue Lied des Sortierenden Huts
Harry wollte den anderen nicht erzählen, das er und Luna dieselbe Halluzination hatten, wenn es das war, darum
sagte er nicht mehr über die Pferde als er sich in die Kutsche setzte und die Tür hinter sich zuschlug.
Nichtsdestoweniger, er konnte nicht damit aufhören, die Silhouetten der Pferde jenseits des Fensters zu beobachten.
„Habt ihr alle Professor Rauhe-Pritsche gesehen?“ fragte Ginny. „Was tut sie wieder hier? Hagrid ist doch nicht weg,
oder?“
„Ich wäre glücklich, wenn er es wäre,“ sagte Luna, „er ist doch kein sehr guter Lehrer, oder?“
„Doch ist er!“ sagten Harry, Ron und Ginny verärgert.
Harry funkelte Hermine an. Sie räusperte sich schnell und sagte, „ähm … doch … er ist sehr gut. „
„Tja, wir in Ravenclaw denken, daß er ein ein Witz ist,“ sagte Luna, unumwunden.
„Dann habt ihr einen beschissenen Sinn für Humor,“ schnappte Ron, während die Räder unter sich knarrend in
Bewegung setzten.
Luna schien durch Rons Grobheit nicht beunruhigt zu sein; im Gegenteil, sie bertrachtete ihn einfach eine Zeit lang,
als wäre er ein milde interessantes Fernsehprogramm.
Klappernd und schwankend, bewegten sich die Kutschen im Konvoy die Fahrbahn hinauf. Als sie zwischen den
großen Steinpfeilern mit geflügelten Ebern darauf hindurchfuhren, lehnte sich Harry nach vorne um zu sehen, ob er
Licht in Hagrids Hütte nahe des Verbotenen Waldes sehen konnte, aber das Gebiet war in vollkommene Dunkelheit
getaucht. Das Schloss von Hogwarts jedoch, bedrohlicher als sonst näher, seine Türmchen ragten pechschwarz gegen
den dunklen Himmel, hier und dort glühte feurig hell ein Fenster über ihnen.
Die Wagen kamen klirrend zum Halten nahe den steinernen Stufen, die hinauf zu den Eichenhaustüren führten, und
Harry verließ die Kutsche als erster. Er drehte sich noch einmal um und hielt Ausschau nach beleuchteten Fenstern
unten nahe des Waldes, aber es gab definitiv kein Lebenszeichen innerhalb von Hagrids Hütte. Widerwillig, da er
gehoffte hatte, sie wären verschwunden, wandte er seinen Blick stattdessen den fremdartigen, Skelettkreaturen zu,
die ruhig in der kühlen Nachtluft standen, ihre leeren, weißen Augen glühten.
Harry hatte bereits zuvor schon einmal die Erfahrung gemacht, das er etwas sehen konnte, das Ron nicht sah, aber es
war nur der Wiederschein in einem Spiegel, etwas weitaus weniger körperloses als eine Hundertschaft sehr fest
aussehender Biester, die stark genug waren, um eine Flotte von Kutschen zu ziehen. Wenn er Luna glauben konnte,
waren die Biester immer schon dagewesen, allerdings unsichtbar. Warum konnte Harry sie dann aber sehen, und
warum konnte Ron es nicht?
„Kommst du, oder was“? sagte Ron neben ihm.
„Oh… ja,“ sagte Harry schnell und sie stiessen zu der Menge, die die Steinstufen hinauf ins Schloss eilte.
Die Eingangshalle war in den Schein von Fackeln gehüllt und Schritte halten überall, während die Schüler über die
Bodenfliessen zur Doppeltüre rechts von ihnen gingen, die in die Große Halle und zum Beginn-des-Semesters Festes
führten.
Die vier langen Haustische in der Großen Halle füllten sich unter der sternenlosen, schwarzen Decke, die so aussah
wie der Himmel den man durch die hohen Fenster erblicken konnte. Kerzen schwebten über allen Tischen in der
Luft, erleuchteten die silbernen Gespenster, die über die ganze Halle verteilt waren, und die Gesichter der Schüler
die begierig untereinander die Nachrichten des Sommers austauschten, Freunden von anderen Häusern Grüße
zuriefen, und die neuen Haarschnitte und Roben der anderen beäugten. Wieder stellte Harry fest, das die Leute ihre
Köpfe zusammensteckten und flüsterten, wenn er an ihnen vorbei ging; er biß die Zähne zusammen und tat so, als
würde er es weder merken noch sich darum kümmern.
Luna trieb von ihnen fort zum Ravenclaw-Tisch. Der Moment, in dem sie die Gryffindors erreichten, wurde Ginny
von einigen Viertklässlern begrüßt und eingeladen, sich zu ihnen zu setzen; Harry, Ron, Hermine und Neville fanden
vier Sitze nebeneinander, auf halbem Wege den Tisch hinunter zwischen dem Fast-Kopflosen-Nick, dem Hausgeist
von Gryffindor, und Parvati Patil und Lavender Brown, den beiden letzten, die Harry überspannt, überfreundlich
begrüßten, so daß er sicher sein konnte, das sie erst Sekunden zuvor aufgehört hatten, über ihn zu reden. Es gab
wichtigere Dinge, über die er sich den Kopf zerbrechen konnte. Er sah über die Köpfe der Schüler zum Lehrertisch,
der am Kopfende der halle entlang lief.
„Er ist nicht da.“
Ron und Hermine überflogen ebenfalls den Lehrertisch, auch wenn es dazu keinen wirklichen Grund gab; Hagrids
Größe machte ihn sofort innerhalb jeder Schlange sichtbar.
„Er kann nicht weg sein,“ sagte Ron, leicht besorgt klingend.
„Natürlich nicht,“ sagte Harry bestimmt.
„Du denkst aber nicht, das er … verletzt ist, oder so?“ sagte Hermine unsicher.
„Nein,“ sagte Harry sofort.
„Aber wo ist er dann?“
Es gab eine Pause, dann sagte Harry sehr leise, so daß Neville, Parvati und Lavender nichts hören konnten,
„Vielleicht ist er noch nicht zurück. Ihr wißt schon - von seiner Mission - die Sache, die er den Sommer über für
Dumbledore erledigen sollte.“
„Jau … ja, das wird“s sein,“ sagte Ron beruhigt, aber Hermine biß sich auf die Lippe, sah den Lehrertisch hinab und
heraus als hoffte sie darauf, eine überzeugende Erklärung für Hagrids Abwesenheit zu finden.
„Wer ist das“?“ sagte sie scharf, auf die Mitte des Lehretischs deutend.
Harrys Augen folgten ihren. Zuerst betrachteten Sie Professor Dumbledore, der in seinem hochlehnigen, goldenen
Sessel in der Mitte des Lehrertischs saß, eine tief-purpurne Robe die mit silbernen Sternen gesprenkelt war und einen
passenden Hut tragend. Dumbledores Kopf war der Frau direkt neben ihm zugewandt, die in sein Ohr sprach. Sie sah
aus, dachte Harry, wie jemand unverheirateter: kauernd, mit kurzen, krausen, mausbraunem Haar, in denen sie ein
schreckliches rosanes Elsenband befestigt hatte, das zu der flaumigen rosanen Strickjacke passte, die sie über ihrer
Robe trug. Dann drehte sie langsam ihr Gesicht um an ihrem Kelch zu nippen und er sah, mit dem Schock des
Erkennens, ein farbloses, pilzhaftes Gesicht mit einem Paar hervorspringender Augen.
„Es ist diese Umbridge-Frau!“
„Wer? „ sagte Hermine.
„Sie war bei meiner Anhörung, sie arbeitet für Fudge!“
„Schöne Strickjacke,“ sagte Ron, grinsend.
„Sie arbeitet für Fudge!“ sagte Hermine stirnrunzelnd. „Was in aller Welt tut sie dann hier?“
„Weiss nich“…“
Hermine überflog den Lehrertisch, ihre Augen verengten sich.
„Nein,“ murmelte sie, „Nein, sicherlich nicht …“
Harry verstand nicht, wovon sie sprach, aber er fragte sie auch nicht; seine Aufmerksamkeit war gefangenommen
von Proffessor Rauhe-Pritsche, die gerade hinter dem Lehrertisch erschienen war; sie arbeitete sich zum anderen
Ende des Tisches durch und nahm an der Stelle Platz, wo sonst immer Hagrid gesessen hatte. Das bedeutete, das die
Erstklässler nun den See überquert und das Schloss erreicht hatten, und tatsächlich, ein paar Sekunden später
öffneten sich die Türen der Eingangshalle. Eine lange Reihe von erschreckt dreinblickenden Erstklässlern trat ein,
angeführt von Professor McGonagall, die einen Schemel trug, auf dem der uralte Zaubererhut saß, schwer geflickt
und mit einem breiten Riß nahe der fransigen Krempe.
Das Summen der Gespräche in der Großen Halle ebbte ab. Die Erstklässler stellten sich in einer Reihe vor dem
Lehrertisch auf, die Gesichter den Mitschülern zugewandt, und Professor McGonagall stelte den Schemel vorsichtig
vor ihnen hin, dann nahm sie Abstand.
Die Gesichter der Erstklässler glühtem blaß im Kerzenlicht. Ein kleiner Junge, rechts in der Mitte, sah aus als würde
er zittern. Harry erinnerte sich flüchtig, wie verängstigt er war, als er dort gestanden hatte, wartend auf die
unbekannte Prüfung, die bestimmen würde, zu welchem Haus er gehören würde.
Die ganze Schule wartete mit angehaltenem Atem. Dann öffnete sich der Riß nahe der Krempe des Hutes, breit wie
ein offener Mund, und aus dem Sortierenden Hut erklang ein Lied:
In alten Zeiten, als ich noch neu,
und Hogwarts gerade begann
Die Gründer unserer edlen Schule
dachten niemals an Trennung dann:
Vereint von einem gemeinsamen Ziel,
Hatten Sie das gleiche Verlangen,
Die beste magische Schule der Welt zu sein
Und ihre Lehren weiter zu reichen.
„Zusammen werden wir aufbauen und unterrichten!“
Die vier guten Freunde entschieden
Und niemals träumten sie davon
Das sie eines Tages sich teilten,
Gab es jemals solche Freunde irgendwo
Wie Slytherin und Gryffindor?
Außer wenn es das zweite Paar war
von Hufflepuff und Ravenclaw?
Wie hat es nur so falsch laufen können?
Wie konnte solch Freundschaft versiegen?
Warum, ich war dar und kann euch erzählen
Die ganze, traurige, betrübte Mär.
Slytherin sprach, „Wir unterrichten jene, deren
Abstammung ist am reinsten.“
Ravenclaw sprach, „Wir unterrichten jene, deren
Intelligenz am sichersten ist.“
Gryffindor sprach, „Wir unterrichten all jene
mit mutigen Taten in ihrem Namen.“
Hufflepuff sprach, „Wir unterrichten die Masse
und behandeln sie genau gleich.“
Diese Unterschiede verursachten wenig Streit
Als sie zuerst ans Tageslicht kamen,
Denn jeder der vier Gründer hatte
ein Haus in das sie konnten nehmen
jene, die sie nur wollten, daher,
zum Beispiel, Slytherin
nahm nur reinblüt“ge Zaub“rer
Von großer Schlauheit, so wie er,
Und nur jene des schärfsten Verstandes
Wurden von Ravenclaw unterrichtet
Während die tapfersten und mutigsten
sich verwegen an Gryffindor wandten.
Gute Hufflepuff, sie nahm den Rest,
Und lehrte sie alles, was sie wußte,
So daß die Häuser und ihre Gründer
ihre Freundschaften fest und wahr behielten.
So arbeitete Hogwarts in Harmonie
Für einige glückliche Jahre,
Aber dann kroch Mißklang unter uns
Unsere Schuld und unsere Ängste nährend.
Die Häuser die, wie Säulen vier,
einst unsere Schule trugen,
Wandten sich nun gegeneinander, und
aufgeteilt, versuchten zu herrschen.
Und für eine kurze Zeit schien die Schule
ein frühes Ende zu nehmen,
Was mit Duellen und Kämpfen begann,
und dem Zusammenstoß von Freund auf Freund
Doch zuletzt kam dann ein Morgen,
Als der alte Slytherin abreiste
Und so starben dann die Kämpfe aus
Er verließ uns wahrhaft niedergeschlagen.
Und niemals seit der Gründer vier
wurden hinab auf drei verringert
Haben die Häuser sich einander vereint
Wie sie“s derzeit einst hätten sollen.
Und jetzt ist der Sortierende Hut hier
Und ihr alle sollt Bescheid wissen:
Ich sortiere euch in die Häuser
Weil es das ist, wozu es mich gibt,
Aber diese Jahr werde ich weitergehen,
Drum hört nun auf mein Lied:
Obwohl ich verurteilt bin euch zu teilen
Mach“ ich mir Sorgen, es ist falsch,
Obwohl ich meine Pflicht erfüllen muß
Und euch in vier teile jedes Jahr
Frag“ ich mich ob nicht sortieren,
Bringt das Ende das ich fürcht.
Oh, erkennt die Gefahren, lest die Zeichen,
Der Geschichte Warnung zeigt,
Das unser Hogwarts in Gefahr ist
vor äußeren, tödlichen Feinden.
Und wir müssen uns in ihr verein“gen
Oder von Innen werden wir zerbröckeln.
Ich habe es euch gesagt, ich habe euch gewarnt …
Nun laßt uns mit dem Sortieren beginnen.
Der Hut wurde wieder bewegungslos; Applaus brach aus, doch zum ersten Mal in Harrys Erinnerungen wurde er von
Tuscheleien und Flüstern unterbrochen. Überall in der großen Halle wurden Bemerkungen mit den Nachbarn
ausgetauscht und Harry, der ebenso mit allen klatschte, wußte genau über was sie sprachen.
„Fällt etwas aus der Regel, dieses Jahr, nicht wahr?“ sagte Ron mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Zu Recht ist es so,“ sagte Harry.
Der Sortierende Hut beschränkt sich normalerweise darauf nach den verschiedenen Qualitäten jedes einzelnen der
vier Häuser auszusuchen und seine eigene Rolle beim Auswählen.
„Ich möchte wissen ob er schon einmal Warnungen von sich gegeben hat?“ sagte eine sich besorgt anhörende
Hermine.
„Ja, es gab sie tatsächlich,“ sagte der Fast-Kopflose Nick wissend, während er sich durch Neville hindurch zu ihr
herüber beugte. (Neville zuckte zurück; es war nicht gerade gemütlich wie ein Geist sich durch einen hindurch
lehnte). „Der Hut nimmt es als seine Ehrenpflicht der Schule kommende Warnungen zu geben, wenn er etwas fühlt -
„
Aber Professor McGonagall, die darauf wartete die Namen des ersten Jahrgangs von der Liste zu lesen, schickte den
Tuschelnden einen giftigen Blick. Daneben presste der Fast-Kopflose Nick einen durchsichtigen Finger an seine
Lippen und setzte sich auf einmal aufrecht hin als das Tuscheln aufhörte. Mit einem letzten eisigen Blick, der über
die Vier Haustische flog, senkte sie ihre Augen auf ihre lange Rolle Pergament und rief die ersten Namen aus.
„Abercombie, Euan.“
Der verschreckt aussehende Junge, den Harry schon zuvor bemerkt hatte, stolperte vorwärts und setzte sich den
Sortierenden Hut auf seinen Kopf; dieser wurde nur von seinen sehr herausragenden Ohren davon abgehalten auf
seine Schultern zu fallen. Der Hut überlegte einen Moment, dann öffnete sich der Schlitz nahe dem Rand wieder und
rief:
„Gryffindor!“
Harry klatschte wie wild mit dem Rest des Hauses Gryffindor als Euan Abercrombie auf ihren Tisch zu wankte und
sich hinsetzte, er sah aus als würde er viel lieber in einem Loch versinken und nie wieder gesehen werden wollen.
Langsam wurde die lange Reihe der Erstklässler weniger. In den Pausen zwischen den Namen und den
Entscheidungen des Sortierenden Huts, konnte Harry hören, daß Rons Magen sehr laut knurrte. Schließlich wurde
„Zeller, Rose“ nach Hufflepuff gewählt und Professor McGonagall hob den Hut vom Stuhl auf und ging mit ihm auf
die Seite als Dumbledore aufstand.
Was auch immer seine früheren bitteren Gefühle gegen seinen Schulleiter gewesen waren, war Harry aber jemand,
der beruhigt war Dumbledore vor allen andere dort zu sehen. Zwischen der Abwesenheit von Hagrid und dem
Auftauchen der Drachenpferde, fühlte er, daß seine so heiß ersehnte Rückkehr nach Hogwarts voll war von
Überraschungen wie Stellen in einem bekannten Lied. Aber dies war schließlich immer wie es sein sollte: ihr
Schulleiter stand auf um alle zu willkommen zu heißen vor dem Begrüßungsfest.
„An unsere Neuankömmlinge,“ sagte Dumbledore mit einer singenden Stimme; seine Arme waren weit ausgestreckt
und ein gewinnendes Lächeln auf seinen Lippen, „willkommen! An unsere älteren - willkommen zurück! Es gibt
Zeit zum Redenhalten, aber die ist jetzt nicht. Haut rein!“
Da war ein dankbares Lachen und Applaus brach aus als Dumbledore sich wieder hinsetzte und er warf seinen
langen Bart in einer Weise über seine Schulter, so als ob er ihn aus dem Weg vor seinem Teller haben wollte - Essen
erschien aus dem Nirgendwo, so daß die lebenslangen Tische unter den Häppchen und Stücken und Tellern mit
Gemüse, Brot und Soßen und Kannen voller Kürbissaft ächzten.
„Genau richtig,“ sagte Ron mit einem langen Stöhnen und er langte nach der am nähesten stehenden Platte mit
Koteletts und begann sie auf seinen Teller unter den strengen Augen des Fast Kopflosen Nicks zu häufen.
„Was haben sie vor der Auswahlzeremonie gesagt?“ Hermine fragte den Geist. „Daß der Hut Warnungen gibt?“
„Oh, ja,“ sagte Nick, der glücklich über einen Grund zu sein schien sic von Ron, der nun Bratkartoffeln mit fast
unanständiger Begeisterung aß, wegzudrehen. „Ja, ich habe gehört, daß der Hut schon zuvor mehrere Warnungen
gegeben hat, immer in Zeiten, wenn es Zeiten großer Gefahr für die Schule betraf. Und natürlich immer war sein Rat
der selbe: zusammenstehen, stark von innen sein.“
„Wie w0w kunnit nofe skusin danger ifzat?” sagte Ron.
Harry dachte, daß es für ihn fast eine Anstrengung war überhaupt ein Geräusch zu machen, da sein Mund so voll
war.
„Verzeihung. Wie bitte?” sagte der Fast Kopflose Nick höflich, während Hermine geziert schaute. Ron gab einen
ernomen Rülpser von sich und sagte:
„Wie kann er wissen, ob die Schule in Gefahr ist, wenn es ein Hut ist?”
„Ich habe keine Ahnung,” sagte der Fast Kopflose Nick. „Natürlich, ist er normalerweise in Dumbledore“s Büro und
so würde ich sagen, daß er Dinge von dort mitnimmt.”
„Und er will alle Häuser als seine Freunde haben?” sagte Harry, der hinüber zum Slytherin Tisch sah, wo Draco
Malfoy „Gericht” hielt. „Große Chance”
„Nun, jetzt denke ich solltest du nicht diese Angewohneit übernehmen,“ sagter Nick tadelnd. „Friedliche
Zusammenarbeit. Das ist der Schlüssel. Wir Geister, trotz dessen daß wir verschiedenen Häusern zugehören, haben
auch freundschaftliche Verbindungen aufrechterhalten. Trotz des Wettbewerbs zwischen Gryffindor und Slytherin
würde ich nie davon träumen eine Auseinandersetzung mit dem Blutigen Baron zu haben.“
„Auch nur deshalb, weil sie sich vor ihm fürchten,“ sagte Ron.
Der Fast Kopflose Nick sah tief beleidigt aus.
„Fürchten? Ich hoffe, Sir Nicholas de Mimsy-Porpngton, war bisher niemals der Feigheit schuldig geblieben in
meinem Leben! Das edle Blut, daß in meinen Venen läuft.
„Was für ein Blut?“ fragte Ron. „Ich bin sicher, sie haben immer noch ..?“
„Es ist eine Redensart!“ sagte der Fast Kopflose Nick, der jetzt so verärgert war, daß sein Kopf im Gesamten auf
seinem teilweise noch erhaltenen Nacken zittert. „Ich vermute, daß es mir immer noch erlaubt ist die Worte zu
wählen, die ich benutze. Ich möchte es, auch wenn das Vergnügen des Essens und des Trinkens mir nicht möglich
sind! Aber ich bin fast gewöhnt, daß die Schüler sich einen Spaß aus meinem Tod machen, ich versichere, „sie“!“
„Nick, er wollte sie nicht auslachen!“ sagte Hermine, die einen spitzen Blick zu Ron hinüber warf.
Unglücklicherweise war Rons Mund bis zum Platzen voll und alles was er sagen konnte war: „Node iddum eentup
sechew,“ das Nick nicht als passende Entschuldigung aufnahm. Indem er in die Luft aufstieg setzte er sich seinen
federnbesetzten Hut auf und schwebte weg von ihnen zu dem anderen Ende des Tisches und kam zwischen die
Creeveys Brüder, Colin und Dennis zur Ruhe.
„Toll gemacht, Ron,“ schnappte Hermine.
„Was?“ sagte Ron unschuldig, er hatte es mittlerweile auf die Reihe gebracht, sein Essen hinunterzuschlucken. „Ist
es mir etwa nicht erlaubt, eine einfache Frage zu stellen?“
„Oh, vergiss es,“ sagte Hermine irritiert und sie beide verbrachten den Rest des Males in einer drückenden Stille.
Harry war an ihre Sticheleien viel zu gewohnt, als daß er versuchte Versöhnung zu stiften; er dachte, daß es besser
sich seinem Essen zu zuwidmen und sich dabei zu den Steaks und dem Nierenstück durchzuessen und danach einen
großen Teller voll von seiner Lieblingssirup Torte zu verdrücken.
Als alle Schüler mit dem Essen fertig waren und der Geräuschpegel in der Halle wieder anfing sich bemerkbar zu
machen, stand Dumbledore wieder auf. Das Sprechen verstummte plötzlich als alle ihr Gesicht dem Schulleiter
zuwandten. Harry fühlte sich nun angenehm schläfrig. Sein „four-poster“ Bett wartet irgendwo oben, wundervoll
warm und weich.
„Nun, da wir alle ein wiederum tolles Fest verdauen, möchte ich für ein paar Momente eure Aufmerksamkeit für die
gewöhnlichen Schuljahresanfangs Nachrichten haben,“ sagte Dumbledore.
„Erstklässler sollten wissen, daß der Wald auf dem Gelände für die Schüler verboten ist - und ein paar der älteren
Schüler sollten es auch von jetzt an wissen.“ (Harry, Ron und Hermine tauschten Grimassen aus.)
„Mr. Flich, der Hausmeister, bat mich zu sagen: die Vierhundertundsechzigste Regel ist um euch alle zu erinnern,
daß Zauberei nicht auf den Korridoren zwischen den Klassen erlaubt ist. Weiter auch eine Zahl anderer Dinge, die
alle auf der Liste, die an Mr.Flichs Bürotür aushängt eingesehen werden können.
„Wir haben dieses Jahr zwei Wechsel auf den Lehrerpostionen. Wir möchten unseren Professor Rauhe-Pritsche,
wieder willkommen heißen. Er wird die Pflege magischer Tiere Stunden übernehmen; wir sind ebenso erfreut
Professor Umbridge vorzustellen, unseren neuen Lehrer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste.“
Es gab in der ganzen Runde höflichen aber verhalteten Beifall, während der Harry, Ron und Hermine leicht nervöse
Blicke austauschten; Dumbledore hatte nicht gesagt, wie lange Rauhe-Pritsche unterrichten würde.
Dumbledore fuhr fort, „Probespiele für die Quidditch Mannschaften der Häuser finden statt am -“
Er brach ab, Professor Umbridge fragend ansehend. Das sie stehend nicht viel größer als sitzend war, gab es einen
Augenblick, in dem niemand verstand, warum Dumbledore aufgehört hatte zu sprechen, aber dann räusperte sich
Professor Umbridge, „Hem, hem,“ und dann wurde es allen bewußt, das sie aufgestanden war und eine Rede halten
wollte.
Dumbledore schaute nur einen Moment überrascht, setzte sich dann aber höfflich und sah Professor
Umbridge aufmerksam an, als ob er nichts lieber tun würde als ihrer Ansprache zu zuhören. Die anderen
Lehrer waren weniger Begabt darin ihre Überraschung zu verbergen. Professor Sprout“s Augenbrauen
verschwanden in ihren herunter hängenden Haaren und Professor McGonnagall“s Mund war dünner als
Harry ihn je gesehen hatte. Kein neuer Lehrer, zuvor hatte Dumbledore je unterbrochen. Viele der Schüler
grinsten; diese Frau wußte offensichtlich nicht wie die Dinge in Hogwarts liefen.
„Danke, Schulleiter,“ lächelte Professor Umbridge, „für die netten Willkommensworte.“
Ihre Stimme war sehr hoch Mädchenhaft, und Harry überkam erneut eine Welle der Abneigung, die er sich nicht
erklären konnte. Das einzige was er wußte, daß er alles an ihr verabscheute, angefangen von ihrer dummen Stimme,
bis hin zu ihrer plüschigen rosa Strickjacke. Sie ließ erneut ein Räuspern hören („hem, hem“) und fuhr fort.
„Ich muß sagen, es ist reizend wieder in Hogwarts zu sein.“ Lächelte sie, und ließ deutlich ihre Zähne aufblitzen,
„und so viele, solch fröhlicher Gesichter, die zu mir hinauf schauen!“
Harry sah sich um. Keines der Gesichter, daß er sah, schaute fröhlich. Andererseits sahen alle so sprachlos aus, von
den Worten, die an sie gerichtet waren.
„Ich freue mich sehr darauf, sie alle kennen zu lernen und ich bin mir sicher wir werden sehr gute Freunde werden!“
Die Schüler tauschten daraufhin Blicke aus und einige konnten kaum ihr grinsen verstecken.
„Ich werde ihre Freundin, solange ich mir nicht diese Strickjacke borgen muß.“ Flüsterte Parvati Lavender zu und
beide fingen an still zu kichern.
Professor Umbridge räusperte sich erneut („hem, hem“) als sie weiter sprach war die Tonlosigkeit aus ihrer Stimme
verschwunden. Sie klang jetzt viel geschäftlicher und ihre Worte schienen völlig dumpf.
„Das Zauberministerium hat die Ausbildung junger Hexen und Zauberer, immer für eine der wichtigsten
Dinge gehallten. Aus der seltenen Gabe, mit der sie geboren wurden, wird Nichts, wenn sie nicht bei einer
sorgfältigen Ausbildung, genährt und feingeschliffen wird. Die alten Fähigkeiten sind einmalig, in der
Zauberergesellschaft und müssen überliefert werden, an die kommenden Generationen, damit wir sie nicht
für immer verlieren. Der Schatz an magischem Wissen, welches von unseren Ahnen gesammelt wurde,
muß beschützt, ergänzt und poliert werden, von jenen, die den edlen Beruf des Lehrens ausführen.“
Professor Umbridge hielt hier inne und machte eine kleine Verbeugung, zu ihren Kollegen gewannt, aber keiner
erwiderte dies. Professor McGonnagalls dunkle Augenbrauen hatte sie so stark zusammen gezogen, daß sie eindeutig
adlerähnlich aussahen, und Harry sah sie deutlich einen vielsagenden Blick mit Professor Sprout austauschen, als
Umbridge ein erneutes „hem, hem“ verlauten ließ und mit ihrer Ansprache fort setzte.
„Jeder Schulleiter und Schulleiterin von Hogwarts brachte etwas neues, zu den schweren Aufgaben, diese historische
Schule zu verwalten, und so sollte es sein, denn ohne Fortschritte wird es zur Stagnation und Verfall kommen. Hier
muß abgeraten werden, einen Fortschritt zu erzwingen, nur damit man einen Fortschritt vollbracht hat, für unsere
erprobte und getestete Tradition, erfordert es oft kein herumpfuschen. Ein Gleichgewicht zwischen alt und neu,
zwischen Beständigkeit und Wechsel, zwischen Tradition und Innovation...“
Harrys Aufmerksamkeit sank, als ob sein Gehirn in dem Klang hin und her rutschte. Die Stille die sonst, wenn
Dumbledore sprach die Halle fühlte, löste sich auf als die Schüler anfingen zu flüstern und zu kichern. Drüben, am
Ravenclawtisch schwatzte Cho Chang, aufgeregt mit ihrer Freundin. Einige Plätze weiter von Cho, hatte Luna
Lovegood „Der Wortklauber“ wieder hervor geholt. In der zwischen Zeit, war Ernie Mcmillan am Hufflepufftisch,
einer der Einzigen, der Professor Umbridge still zu zuhören schien und anstarrte, aber seine Augen waren recht
wässrig, und Harry war sich sicher, er versuchte lediglich vorzutäuschen, daß er zuhörte um sein glänzendes
Vertrauensschüler Abzeichen auf seiner Brust besser zeigen zu können.
Professor Umbridge schien die Unruhe ihrer Zuhörer nicht wahrzunehmen. Harry hatte den Eindruck, vor ihren
Augen hätte ein riesen Krawall losbrechen können, und sie wäre mit ihrer Ansprache fort gefahren. Die Lehrer
jedoch, hörten ihr aufmerksam zu, und Hermine schien in jedem Wort, das Umbridge sprach zu versinken, obwohl
nach ihrem Gesichtsausdruck, passten sie ihr überhaupt nicht.
..“.da einige Veränderungen besser sind, während andere sein müssen, sind es dennoch Fehler des Urteils.
Inzwischen werden einige alte Angewohnheiten behalten, und richtig so, wohingegen andere, altmodische und
abgenutzte, abgeschafft werden müssen. Lasst uns vorwärts gehen, in eine neue Ära von Offenheit, Wirksamkeit und
Verantwortlichkeit, mit der Absicht, das zu erhalten, was erhalten werden sollte, zu vervollkommnen was
vervollkommnet werden muß, und einzugreifen wo immer wir Übungen finden, die verboten werden sollten.“
Sie setzte sich hin. Dumbledore begann zu klatschen. Die Lehrer folgten dem, obwohl Harry Festellen mußte, das
etliche nur ein oder zwei mal die Hände zusammen schlugen, bevor sie aufhörten. Einige Schüler taten es ihnen
gleich, aber die meisten eher unbewusst, da sie von der Rede nur einige Worte mitbekommen hatten, und bevor sie
wirklich applaudieren konnten, war auch schon Dumbledore wieder aufgestanden.
„Haben sie vielen Dank, Professor Umbridge es war sehr aufschlussreich.“ Sagte er und verbeugte sich kurz. „Nun,
ich sagte das Quidditchtraining wird stattfinden...“
„Ja, es war sicher aufschlussreich,“ sagte Hermine mit gedämpfter Stimme.
„Erzähl mir nicht du hast dich daran erfreut?“ Warf Ron schnell ein, und drehte sich mit glasigen Augen zu Hermine.
„Das war die langweiligste Rede, die ich je gehört habe, und ich wuchs mit Percy auf.“
„Ich sagte aufschlussreich, nicht erfreulich,“ sagte Hermine. „Es erklärt eine ganze Menge.“
„Tut es?“ Fragte Harry überrascht. „Klingt für mich eher wie eine Menge Schwachsinn.“
„Es waren einige wichtige Dinge, in diesem Schwachsinn versteckt.“ Sagte Hermine grimmig.
„Waren dort?“ meinte Ron
„Was ist mit diesem: „es muß abgeraten werden, einen Fortschritt zu erzwingen, nur damit man einen Fortschritt
vollbracht hat,“ oder „einzugreifen wo immer wir Übungen finden, die verboten werden sollten“?“
„Gut und was soll das heißen?“ Sagte Ron ungeduldig.
„Ich werde die sagen, was das heißt,“ sagte Hermine durch ihre zusammen gebissenen Zähne. „Es bedeutet, das
Ministerium wird sich in Hogwarts einmischen.“
Es gab ein heftiges Schleifen und Klappern überall. Dumbledore hatte offensichtlich die Schüler gehen lassen, da
alle aufgestanden und dabei waren, die Halle zu verlassen. Hermine sprang auf und sah nervös aus.
„Ron, wir sollen den Erstklässlern den Weg zeigen!“
„Achja,“ sagte Ron, der es völlig vergessen zu haben schien. „Hey -hey, ihr da! Knirpse!“
„Ron!“
„Hm, aber sie sind, sie sind doch winzig...“
„Ich weiß, aber du kannst sie nicht Knirpse nennen! -Erstklässler!“ Rief Hermine den Tisch entlang. „Hier entlang,
bitte!“
Eine Gruppe von neuen Schülern lief schüchtern, in der Lücke zwischen den Gryffindor und Hufflepufftischen
entlang, und versuchte die Gruppe nicht zu verlieren. Sie sahen wirklich sehr klein aus; Harry war sich sicher nicht
so jung ausgesehen zu haben als er hier ankam. Er grinste sie an. Ein blonder junge neben Euan Abercrombie sah
wie versteinert aus. Er stupste Euan an und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Euan Abercrombie sah genauso verängstigt
aus und schaute dann Harry kurz entsetzt an, dem das Grinsen aus dem Gesicht glitt wie eine Stinkbombe.
„Bis nachher,“ sagte er dumpf zu Ron und Hermine, und ging allein aus der Großen Halle, und tat alles um das
Flüstern, Starren und auf ihn zeigen, zu ignorieren, als er vorbei ging. Er blickte nur geradeaus, als er sich den Weg
durch die Menge, in die Eingangs Halle bahnte, beeilte er sich dann die Marmortreppe hoch zu kommen, und sah
noch ein paar versteckte Blicke und hatte dann die größere Menge hinter sich gelassen.
Er war dumm gewesen, daß nicht erwartet zu haben, dachte er sich verärgert, als er den oberen Korridor entlang lief,
der viel leerer war. Natürlich starrte ihn jeder an. Er war von dem Trimagischem Tunier entkommen vor zwei
Monaten, den toten Körper eines Mitschülers umklammernd und behauptete er habe gesehen, wie Lord Voldemort
seine Kraft wieder erlangt hat. Es war kaum Zeit gewesen es ihm Selbst zu erklären, bevor sie alle nachhause
gefahren waren - nicht mal wenn er sich in der Lage gefühlt hätte den ganzen detaillierten Bericht, von den
schrecklichen Ereignissen auf dem Friedhof, zu erzählen.
Harry hatte das Ende des Korridors zum Gryffindor-Gemeinschaftsraum erreicht und kam vor dem Porträt der Fetten
Dame zum Stehen, als er bemerkte, daß er das neue Passwort nicht kannte. „Ähm....,“ sagte er mürrisch, und starrte
die Fette Dame an, die die Falten ihres pinkfarbenen Satinkleides glatt strich und ihn streng anschaute. „Kein
Passwort, kein Durchkommen,“ sagte sie trocken. „Harry, ich weiß es!,“ keuchte jemand hinter ihm. Er drehte sich
um und sah Neville auf ihn zu laufen. „Rate mal, was es ist? Diesmal kann sogar ich es mir ausnahmsweise einmal
merken.“ Er schwang den verkrüppelten kleinen Kaktus, den er ihnen im Zug gezeigt hatte. „Mimbulus
Mimbletonia!“
„Korrekt,“ sagte die Fette Dame, und ihr Porträt schwang in ihre Richtung auf wie eine Tür, ein rundes Loch in der
Wand dahinter freigebend, durch das Harry und Neville nun kletterten.
Der Gryffindor-Gemeinschaftsraum sah einladend wie immer aus, ein gemütliches, rundes Turmzimmer voll mit
altersschwachen, weichen Sesseln und wackligen alten Tischen. Im Kamin knisterte ein Feuer fröhlich vor sich hin,
und einige Leute wärmten sie noch die Hände daran, bevor sie in ihre Schlafsäle gingen. Auf der anderen Seite des
Raumes hefteten Fred und George Weasley etwas an das Schwarze Brett. Harry winkte ihnen ein „Gute Nacht“ zu
und steuerte geradewegs auf die Tür zum Jungs-Schlafsaal zu; ihm war nicht nach reden im Moment. Neville folgte
ihm.
Dean Thomas und Seamus Finnigan waren schon im Schlafzimmer und waren gerade dabei, die Wände neben ihren
Betten mit Postern und Bildern zu dekorieren. Sie hatten geredet, als Harry die Tür aufmachte, doch in dem Moment,
als sie ihn sahen, hörten sie plötzlich auf damit. Harry fragte sich zuerst, ob sie wohl über ihn geredet hatten, und
dann, ob er paranoid war.
„Hi,“ sagte er, ging hinüber zu seinem Koffer und öffnete ihn.
„Hey, Harry,“ sagte Dean, der gerade einen Schlafanzug in den Farben von West Ham anzog. „Gute Ferien gehabt?“
„Nicht schlecht,“ murmelte Harry, da eine ehrliche Antwort zu seinen Ferien fast die ganze Nacht gedauert hätte und
er das nicht durchgehalten hätte. „Und du?“
„Ja, war okay,“ kicherte Dean. „Besser als Seamus seine auf jeden Fall, hat er mir grad erzählt.“
„Warum, was ist passiert, Seamus?,“ fragte Neville, als er seinen Mimbulus Mimbletonia vorsichtig auf seinen
Nachttisch stellte.
Seamus antwortete nicht sofort; er gab sich auffällig Mühe, sicher zu gehen, daß sein Poster vom Kenmare Kestrels
Quidditch-Team gerade hing. Dann sagte er, immer noch den Rücken zu Harry gedreht: „Meine Mutter wollte nicht,
daß ich zurück gehe.“
„Was?,“ sagte Harry, und hielt beim Ausziehen seines Gewands inne. „Sie wollte nicht, daß ich zurück nach
Hogwarts gehe.“ Seamus wandte sich von seinen Postern ab und zog seinen Schlafanzug aus seinem Koffer, er
schaute Harry immer noch nicht an.
„Aber - warum?,“ sagte Harry verwundert. Er wußte, daß Seamus“ Mutter eine Hexe war und verstand deshalb nicht,
wie sie auf so etwas Dursley-Mäßiges hatte kommen können.
Seamus antwortete nicht, bis er mit dem Zuknöpfen seines Schlafanzuges fertig war.
„Na ja,“ sagte er mit gepresster Stimme, „ich glaube ... wegen dir.“
„Was meinst du damit?,“ sagte Harry schnell. Sein Herz schlug ziemlich schnell jetzt, und er fühlte sich, als ob ihn
etwas umzingeln würde.
„Na ja,“ sagte Seamus wieder, immer noch Harrys Blick ausweichend, „sie ... ähm .... na ja, es ist nicht nur wegen
dir, auch wegen Dumbledore...“
„Sie glaubt dem Tagespropheten?,“ sagte Harry. „Sie glaubt, ich wäre ein Lügner und Dumbledore ein alter Narr?“
Seamus sah ihn an. „Ja, so was in die Richtung.“
Harry sagte nichts. Er schmiss seinen Zauberstab auf den Tisch neben seinem Bett, zog sein Gewand aus, stopfte es
ärgerlich in seinen Koffer und streifte seinen Schlafanzug über. Er hatte es satt; satt, die Person zu sein, die die ganze
Zeit angestarrt und über die ständig geredet wurde. Wenn nur einer von ihnen wüsste, wenn nur einer von ihnen die
leiseste Ahnung davon hätte, wie es war, immer dieser eine zu sein, dem das alles passierte... Frau Finnigan hatte
keine Ahnung, diese alberne Frau, dachte er wütend.
Er ging in sein Bett und wollte gerade die Vorhänge drumherum zuziehen, doch bevor er das tun konnte, fragte
Seamus ihn: „Weißt du ... was IST denn nun genau passiert in dieser Nacht, als ... du weißt schon, als ... das mit
Cedric Diggory und allem?“
Seamus klang nervös und neugierig gleichzeitig.
Dean, der sich über seinen Koffer gebeugt hatte und versuchte, einen Pantoffel zu finden, wurde seltsam leise und
Harry wußte, daß er genau zuhörte.
„Wozu fragst du mich?,“ erwiderte Harry scharf. „Lies doch einfach den Tagespropheten wie deine Mutter, nicht?
Der wird dir alles sagen, was du wissen mußt.“
„Mach meine Mutter nicht an,“ schnauzte Seamus ihn an.
„Ich mache jeden an, der mich einen Lügner nennt,“ erwiderte Harry.
„Sprich nicht so mit mir!“
„Ich sprech“ mit dir wie ich will,“ sagte Harry, und wurde schnell so wütend, daß er seinen Zauberstab wieder vom
Tisch riss. „Wenn du ein Problem damit hast, ein Schlafzimmer mit mir zu teilen, geh und frag McGonagall, ob du
umziehen darfst ... damit sich deine Mutter keine Sorgen mehr machen muß.“
„Laß meine Mutter da raus, Potter!“
„Was ist hier los?“ Ron war im Eingang erschienen. Seine erstaunt aufgerissenen Augen wanderten von Harry, der
auf seinem Bett kniete und den Zauberstab auf Seamus gerichtet hielt, zu Seamus, der mit erhobenen Fäusten dort
stand.
„Er beleidigt meine Mutter!,“ schrie Seamus.
„Was?,“ sagt Ron. „Harry würde das nie tun, wir haben deine Mutter doch mal getroffen, wir mochten sie...“
„Das war, bevor sie jedes Wort glaubte, was der verdammte Tagesprophet über mich schreibt!“ sagte Harry mit
lauter Stimme.
„Oh,“ sagte Ron, und auf seinem sommersprossigen Gesicht machte sich der Ausdruck des Verstehens breit. „Oh ....
okay.“
„Weißt du was?,“ sagte Seamus hitzig, Harry einen giftigen Blick zuwerfend. „Er hat Recht, ich will kein
Schlafzimmer mehr mit ihm teilen. Er ist verrückt.“
„Das ist bescheuert, Seamus,“ sagte Ron, und seine Ohren begannen, rot zu glühen, was immer ein Zeichen für
Gefahr war.
„Bescheuert bin ich also?,“ brüllte Seamus, der, im Gegensatz zu Ron, blaß wurde. „Du glaubst all den Unsinn, den
er über Du-Weißt-Schon-Wer erzählt, oder was? Denkst du, er sagt die Wahrheit?“
„Ja, tu ich.,“ erwiderte Ron ärgerlich.
„Dann bist du auch verrückt,“ sagte Seamus angewidert.
„Ach so? Tja, unglücklicherweise für dich, mein Freund, bin ich auch Vertrauensschüler!“ sagte Ron, und tippte sich
mit einem Finger gegen seine Brust. „Und wenn du keine Strafarbeit willst, solltest du besser aufpassen, was du
sagst!“
Seamus schaute für ein paar Sekunden so, als hielte er eine Strafarbeit für einen angemessenen Preis, zu sagen, was
ihm gerade durch den Kopf ging. Doch dann drehte er sich mit einem verachtenden Grunzen auf dem Absatz um,
schwang sich in sein Bett und zog die Vorhänge mit so viel Gewalt zu, daß sie vom Bett gerissen wurden und in
einem staubigen Haufen zu Boden fielen.
Ron starrte ihn wütend an, und schaute dann zu Dean und Neville.
„Haben noch irgendwelche anderen Eltern ein Problem mit Harry?,“ sagte er aggressiv.
„Meine Eltern sind Muggel, man,“ sagte Dean schulterzuckend. „Die wissen nichts über irgendwelche Morde in
Hogwarts. Ich bin nämlich nicht so doof, ihnen davon zu erzählen.“
„Du kennst meine Mutter, die kriegt aus jedem alles raus,“ blaffte Seamus ihn an. „Aber klar, deine Eltern kriegen
den Tagespropheten nicht. Die wissen nicht, daß unser Schulleiter vom Wizengamot und vom Internationalen
Bündnis der Zauberer gefeuert wurde, weil er dabei ist, den Verstand zu verlieren...“
„Meine Omi sagt, das ist Quatsch,“ meldete sich Neville zu Wort. „Sie sagt, daß es mit dem Tagespropheten abwärts
geht, nicht mit Dumbledore. Sie hat unser Abo gekündigt. Wir glauben Harry,“ sagt Neville bestimmt. Er kletterte
ins Bett und zog die Bettdecke bis zum Kinn, nicht ohne noch einen Seitenblick auf Seamus zu werfen. „Meine Omi
hat immer gesagt, daß Du-Weißt-Schon-Wer eines Tages zurück kommen würde. Sie meint, wenn Dumbledore sagt,
daß er zurück ist, dann ist er zurück.“
Harry fühlte eine Woge der Dankbarkeit gegenüber Neville in sich. Niemand anderes sagte etwas. Seamus nahm
seinen Zauberstab, reparierte seine Bettvorhänge und verschwand hinter ihnen. Dean ging ins Bett, drehte sich um
und wurde still. Neville, der so aussah, als hätte er auch nichts mehr zu sagen, starrte liebevoll auf seinen Kaktus, den
der Mond beleuchtete.
Harry lehnte sich an sein Kopfkissen, während Ron am nächsten Bett noch herumwuselte und Sachen wegpackte. Er
fühlte sich aufgewühlt von dem Streit mit Seamus, den er immer sehr gemocht hatte. Wie viele andere Leute würden
noch behaupten, daß er log, oder gar austickte? Hatte Dumbledore genauso gelitten diesen Sommer, als zuerst das
Wizengamot und dann das Internationale Bündnis der Zauberer ihn aus ihren Reihen warf? War es vielleicht Wut auf
Harry, die Dumbledore die ganze Zeit davon abgehalten hatte, mit ihm Kontakt aufzunehmen? Immerhin steckten sie
beide in dieser Angelegenheit drin. Dumbledore hatte Harry geglaubt, und seine Version der Ereignisse zuerst der
ganzen Schule und dann der restlichen Zauberwelt verkündet. Jeder, der Harry für einen Lügner hielt, mußte auch
Dumbledore für einen halten, oder aber denken, daß Dumbledore hereingelegt wurde...
Am Ende werden sie wissen, daß wir Recht haben, dachte Harry unglücklich, als Ron in sein Bett stieg und die letzte
Kerze im Schlafzimmer ausmachte. Doch er überlegte, wie viele Angriffe wie den von Seamus er wohl noch
durchstehen mußte, bevor dieser Zeitpunkt kommen würde.
Kapitel 12 - Professor Umbridge
Seamus zog sich am nächsten Morgen in Höchstgeschwindigkeit an und verließ den Schlafsaal, bevor Harry auch
nur seine Socken anziehen konnte.
„Glaubt er wohl, daß er verrückt wird, wenn er zu lange mit mir in einem Raum bleibt?,“ fragte Harry laut, als der
Saum von Seamus Mantel aus Sichtweite verschwand.
„Mach dir nichts draus,“ murmelte Dean, während er seine Schultasche aufsetzte. „Er ist eben...“ Aber scheinbar es
ihm unmöglich, exakt auszudrücken, was Seamus war, und nach einer kurzen peinlichen Pause folgte er ihm und
verlies das Zimmer.
Neville und Ron warfen beide Harry einen Blick der Art „Das ist sein Problem, nicht deins!“ zu, aber Harry war
wenig beruhigt. Was würde er noch alles in dieser Art zu ertragen haben?
„Was ist los,“ fragte Hermine fünf Minuten später, als sie Ron und Harry auf halben Weg im Gemeinschaftsraum
einholte, den sie auf dem Weg zum Frühstück durchquerten. „Du siehst wirklich - oh, um Himmels Willen!“
Sie starrte auf das Schwarze Brett, an dem ein großer neuer Zettel hing.
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„Das ist doch die Höhe,“ sagte Hermine grimmig, während sie den Zettel abnahm, den Fred und George über ein
Plakat gepinnt hatten, das das Datum des ersten Wochenendes in Hogsmeade bekannt gab, das im Oktober
stattfinden sollte.
„Wir müssen mit ihnen reden, Ron.“
Ron sah äußerst beunruhigt aus.
„Warum?“
„Weil wir Vertrauensschüler sind,“ sagte Hermine, als sie durch das Portraitloch herauskletterten. „Es ist unsere
Aufgabe, solche Dinge zu unterbinden.“ Ron sagte nichts; Harry konnte an seinem verdrießlichen Gesicht ablesen,
daß er die Aussicht nicht gerade einladend fand, Fred und George von ihrem Vorhaben abzubringen. Die beiden
taten genau das, was sie am liebsten machten.
„Trotzdem, was ist los, Harry?,“ fuhr Hermine fort, als sie die von Portraits von alten Hexen und Zauberern
eingerahmten Treppen hinunterstiegen. Keines der Portraits beachtete sie, da sie selbst ins Gespräch vertieft waren.
„Die siehst aus, als hättest durch dich über irgendetwas geärgert.“
„Seamus vermutet, das Harry über Du-Weißt-Schon-Wer lügt,“ sagte Ron knapp, als Harry nicht reagierte. Hermine,
von der Harry erwartete hätte, daß sie wie er ärgerlich reagieren würde, seufzte. „Ja, auch Lavender denkt so,“ sagte
sie bedrückt. „Du hattest wohl eine nette kleine Unterhaltung mit ihr ob ich wohl lüge oder nicht. Sensationslüsternes
Pack!,“ sagte Harry laut. „Nein,“ sagte Hermine ruhig, „ich habe ihr nur gesagt, sie soll großes Mundwerk über dich
halten. Und es wäre richtig nett von dir, wenn du aufhören würdest, uns an die Gurgel zu springen, Harry. Für den
Fall, daß du es noch nicht bemerkt hast, Ron und ich sind auf deiner Seite.“
Es entstand eine kurze Pause.
„Tut mir leid,“ sagte Harry mit leiser Stimme.
„Das ist schon in Ordnung“ sagte Hermine würdevoll. Dann schüttelte sie ihren Kopf. „Erinnerst du dich nicht daran,
was Dumbledore beim letzten Schuljahrabschlussfest gesagt hat?“
Harry und Ron schauten sie beide verblüfft an und Hermine seufzte erneut.
„Über Du-Weißt-Schon-Wer. Er sagte, „er besitzt ein großes Talent, Zwietracht und Feindseligkeit zu verbreiten.
Dem können wir nur entgegentreten, wenn wir ein nicht minder starkes Band der Freundschaft und des Vertrauens
knüpfen.““
„Wie kannst du dich nur an so ein Zeug erinnern?,“ fragte Ron und schaute sie bewundernd an.
„Ich höre zu, Ron,“ sagte Hermine mit einem Anflug von Strenge.
„Das mache ich ja auch, aber ich könnte dir nicht genau sagen, was ...“
„Der Punkt ist,“ hob Hermine lautstark hervor, „daß Dumbledore genau von diesen Dingen gesprochen hat. Du-
Weißt-Schon-Wer ist gerade mal zwei Monate zurück und schon haben wir angefangen, miteinander zu streiten. Und
die Warnung des Sortierenden Hutes ging in die gleich Richtung: haltet zusammen, seid eins.“
„Und Harry hat es letzte Nacht richtig abgekriegt!,“ erwiderte Ron. „Wenn das bedeutet, daß von uns erwartet wird,
daß wir uns mit den Slytherins verbrüdern - das ist aussichtslos.“
„Nun, ich denke, das ist ein Jammer, daß wir nicht versuchen, wenigsten ein bißchen Gemeinschaft zwischen den
Häusern zu haben.,“ sagte Hermine gereizt.
Sie waren gerade am Fuß der Marmortreppe angekommen. Eine Reihe von Ravenclaws im vierten Jahr durchquerte
die Eingangshalle; als sie Harry entdeckten, beeilten sie sich enger zusammenzurücken, als ob sie fürchteten, er
würde Nachzügler angreifen.
„Oh ja, wir sollten wirklich versuchen, Freundschaft mit solchen Leuten zu schließen,“ sagte Harry sarkastisch.
Sie folgten den Ravenclaws in die Große Halle. Alle schauten instinktiv zum Lehrertisch als sie eintraten. Professor
Rauhe-Pritsche unterhielt sich mit Professor Sinistra, der Astronomie-Lehrerin, und Hagrid glänzte wieder einmal
durch Abwesenheit. Das verzauberte Deckengewölbe spiegelte Harrys Stimmung wider. Es war ein erbärmliches
regenwolkengrau.
„Dumbledore hat nicht mal erwähnt, wie lange diese Rauhe-Pritsche bleibt,“ sagte er, als sie zum Tisch der
Gryffindors hinübergingen.
„Vielleicht...,“ sagte Hermine gedankenvoll.
„Was?,“ sagten beide Harry und Ron gleichzeitig.
„Na ja ... vielleicht wollte er die Aufmerksamkeit nicht auf Hagrids Abwesenheit lenken.“
„Was meinst du mit „Aufmerksamkeit lenken?,“ sagte Ron verschmitzt.
„Wie sollten wir das nicht bemerken?“
Bevor Hermine antworten konnte, kam ein hoch aufgeschossenes Mädchen mit schwarzem, geflochtenem Haar auf
Harry zu.
„Hi, Angelina.“
„Hi,“ sagte sie munter, „guten Sommer gehabt?“ Und ohne die Antwort abzuwarten, „Stell dir vor, ich bin zum
Gryffindor Quidditch Kapitän ernannt worden.
„Super,“ sage Harry und grinste ihr zu; er vermutete, daß Angelinas Motivationsreden nicht so langatmig sein
würden, wie die von Oliver Wood. Das konnte nur eine Verbesserung sein.
„Ja, gut. Wir brauchen einen neuen Hüter, nachdem Oliver weg ist. Probetraining ist am Freitag um fünf Uhr und ich
möchte, daß das ganze Team da ist, in Ordnung? Dann können wir sehen wie der Neue reinpasst.“
„OK,“ sagte Harry.
Angelina lächelte ihm zu und ging weiter.
„Ich hatte ganz vergessen, daß Wood seine Abschluss gemacht hat,“ sagte Hermine, als sie sich neben Ron setzte
und den Toastteller zu sich her zog. „Ich vermute, daß das einige Veränderungen ins Team bringen wird?“
„Ja, denke ich auch,“ sagte Harry sich auf die gegenüberliegende Bank setzend. „Er war ein guter Hüter ...“
„Trotzdem wird es nicht schaden, etwas frisches Blut reinzubringen, oder?,“ sagte Ron.
Mit Getöse und Geflatter kamen Hunderte von Eulen durch die oberen Fenster geflogen. Über die ganze Halle
verteilt gingen sie nieder, um Briefe und Päckchen für die Empfänger zu bringen. Dabei duschten sie die
Frühstückenden mit Wassertropfen; es mußte draußen heftig regnen. Hedwig war nirgends zu sehen, aber Harry war
wenig überrascht, sein einziger Briefpartner war Sirius, und er zweifelte, daß Sirius ihm irgendwelche Neuigkeiten
zu erzählen haben könnte, nachdem gerade mal vierundzwanzig Stunden vergangen waren. Jedoch Hermine mußte
schnell ihren Orangensaft zur Seite schieben, um für eine feuchte Schleiereule, die einen durchweichten
Tagespropheten im Schnabel hatte.
„Wozu beziehst du den immer noch?,“ sagte Harry gereizt und dachte dabei an Seamus, während Hermine einen
Knut in den Lederbeutel am Fuß der Eule steckte. Die Eule startete wieder. „Ich möchte mich damit nicht
herumschlagen ... eine Menge Müll.“
„Es ist das beste, um zu erfahren, was der Feind von sich gibt,“ sagte Hermine düster, faltete die Zeitung
auseinander, verschwand dahinter und kam erst wieder zum Vorschein, als Harry und Ron fertig gegessen hatten.
„Nichts,“ sagte sie nur, rollte die Zeitung zusammen und legte sie auf ihren Teller. „Nichts über dich oder
Dumbledore und sonst irgendetwas.
Professor McGonagall ging nun die Tische entlang und verteilte Stundenpläne.
„Schau mal heute!“ stöhnte Ron. „Geschichte der Zauberei, zweimal Zaubertränke, Wahrsagen und zweimal
Verteidigung gegen die Dunklen Künste... Binns, Snape, Trelawney und diese Umbridge Frau, alle an einem Tag!
Ich wünschte, Fred und George würden sich beeilen und diese Blaumacher Imbissschachteln hinbekommen ...“
„Täuschen mich meine Ohren?“ sagte Fred, mit George kommend und sich auf die Bank neben Harry quetschend.
„Hogwarts Vertrauensschüler wünscht sicher kein Schwänzen von Unterricht?“
„Sieh, was wir heute bekommen haben,“ sagte Ron mürrisch, seinen Stundenplan unter Freds Nase haltend. „das ist
der schlimmste Montag, den ich je gesehen habe.“
„Klare Sache, kleiner Bruder,“ sagte Fred, die Spalte musternd. Du kannst ein bißchen Nasenbluten Nougat billig
haben, wenn du möchtest.
„Warum ist es billig?“ fragte Ron misstrauisch.
„Weil du weiter bluten wirst, bis du alt und grau bist. Wir haben noch kein Gegengift,“ sagte George.
Gut gelaunt packte Ron seinen Stundenplan ein und sagte „Ich denke, ich werde den Unterricht besuchen.“
„Und um auf die Blaumacher Imbissschachteln zurückzukommen,“ sagte Hermine, Fred und George durchdringend
anschauend, „die kannst du nicht an Gryffindors Wandtafel für Tester anpreisen.“
„Sagt wer?“ fragte George erstaunt.
„Sage ich“ sagte Hermine „und Ron.“
„Laß mich da bitte raus“ erwiderte Ron hastig.
Hermine starrte ihn an. Fred und George kicherten.
„Du wirst noch früh genug einen anderen Ton anstimmen, Hermine,“ sagte Fred, ein Brot dick mit Butter
bestreichend. „Du beginnst dein fünftes Jahr, du wirst uns noch früh genug um eine Imbissschachtel anbetteln.“
„Und warum sollte der Beginn des fünften Jahres bedeuten, daß ich eine blaumachende Imbissschachtel wünschte?“
fragte Hermine.
„Das fünfte Jahr ist das Jahr der Eule“ sagte George.
„So?“
„Ihr werdet eure Examen ablegen, nicht wahr? Sie werden eure Nasen so fest an dem Schleifstein halten, daß sie
wund gerieben werden“ sagte Fred voller Zufriedenheit.
„Um zu den Zaubergraden zurückzukommen: nach der Hälfte des Jahres hatten wir kleine Zusammenbrüche“ sagte
George fröhlich. „Risse und Tantrums ... Patricia Stimpson blieb schwach zurück...
„Kenneth Tawler bekam Blutgeschwüre, erinnerst du dich?“ sagte Fred erinnernd.
„Das war, weil du ihm Bulbadox Puder in den Pyjama gestreut hast“ sagte George.
„Oh ja“ sagte Fred grinsend. „Ich hatte es vergessen ... es war einige male schwer, den Faden nicht zu verlieren,
nicht wahr?“
„Irgendwie ist es ein Alptraum des Jahres, des fünften.“ Sagte George. „Wenn ihr euch in irgendeiner Weise für die
Examensresultate interessiert“ Fred und ich managten es, sie irgendwie aufzubewahren.
„Ja ... hast du, was war es? Je drei Examen?“ fragte Ron.
„Yep“ sagte Fred desinteressiert, aber wir spüren unsere zukunft weit entfernt von akademischen Leistungen liegen.“
„Wir überlegten ernsthaft, ob wir beide zu unserem siebten Jahr zurückkommen würden“ sagte Fred freudig
strahlend „und nun sind wir wieder hier -.“
Er wandte sich von Harrys warnendem Blick ab, der wußte, daß George drauf und dran war, den Triumpf mit dem
Trimagisches Turnier zu erwähnen, den er ihnen gegeben hatte.
„ - nun haben wir unsere Zaubergrade“ sagte George hastig.
„Ich meine, müssen wir wirklich Unheimlich Tolle Zauberer werden? Aber wir glaubten nicht daran, daß Mutter uns
genehmigen würde, die Schule früher zu verlassen. Nicht nachdem Percy dabei ist, der Welt bester Prahler zu
werden.“
„Wir werden unser letztes Jahr hier nicht vergeuden“ sagte Fred, wehmütig durch die Große Halle blickend. „Wir
werden es nutzen, um Marktforschung zu betreiben, exakt herausfinden, was der durchschnittliche Hogwarts Schüler
aus einem Scherzartikelgeschäft so braucht, die Resultate unserer Forschung sorgfältig auswerten und dann Produkte
herstellen, die den Bedarf decken.“
„Aber woher wollt Ihr das Gold nehmen, um ein Scherzartikelgeschäft zu eröffnen?“ fragte Hermine skeptisch. „Ihr
werdet alle Bestandteile und Materialien benötigen - und Räume ebenfalls, vermute ich.“
Harry sah nicht auf die Zwillinge. Sein Gesicht fühlte sich heiß an. Er ließ seine Gabel vorsichtig fallen und bückte
sich, um sie wieder aufzuheben. Er hörte Fred über seinem Kopf sagen: „Stell uns keine Fragen, und wir werden dir
keine Lügen erzählen“ Hermine. C“mon.
George, wenn wir sie rechtzeitig bekommen, könnten wir vor noch Kräuterkunde ein paar Ausdehnbare Ohren
verkaufen.“
Harry tauchte unter dem Tisch hervor, um Fred und George weggehen zu sehen, jeder einen Stapel Toasts mit sich
nehmend.
„Was hat das zu bedeuten?“ fragte Hermine, von Harry zu Ron schauend. „Stell uns keine Fragen...“ Bedeutet es,
daß sie bereits Gold haben, um ein Scherzartikelgeschäft zu eröffnen?“
„Du weißt, daß ich mich darüber bereits gewundert habe“ sagt Ron die Augenbrauen runzelnd. „Sie kauften mir
diesen Sommer eine neue Ausstattung an Kleidung und ich konnte nicht verstehen, woher sie die Galleonen
nahmen.“
Harry beschloss, die Konversation aus diesen gefährlichen Gefilden herauszuführen.
„Glaubt ihr, daß es stimmt, daß dieses Jahr so schwer wird, wegen der Examen?“
„Oh ja,“ sagte Ron „sehr schwer sogar. Die Zaubergrade sind wirklich wichtig. Sie beeinflussen für welche Jobs du
dich bewerben kannst und alles. Wir bekommen auch Bewerbungsberatung später in diesem Jahr, sagte Bill. So
kannst du auswählen, welche UTZs du nächstes Jahr machen willst.“
„Wißt ihr schon, was ihr nach Hogwarts machen wollt?“ fragte Harry die anderen beiden als sie die Große Halle
rückwärts verließen und auf ihren Klassenraum für Geschichte der Zauberei zusteuerten.
„Nicht wirklich“ sagte Ron langsam. „Ausser...gut...“
Er schaute etwas verlegen.
„Was?“ drängte ihn Harry.
„Gut, es wäre cool, ein Auror zu sein“ sagte Ron die Hand vor den Mund haltend.
„Ja, wäre es“ sagte Harry leidenschaftlich.
„Aber sie sind wie eine Elite“ sagte Ron „du mußt sehr gut sein. Was ist mit dir, Hermine?“
„Ich weiss nicht, sagte sie.“ Ich denke, ich würde gern etwas wirklich lohnenswertes machen.“
„Ein Auror ist lohnenswert“ sagte Harry.
„Ja, ist es. Aber es ist nicht die einzige lohnenswerte Sache“ sagte Hermine nachdenklich. „Ich meine, wenn ich
später zum Bund für Elfenrechte gehen könnte...“
Harry und Ron vermieden es vorsichtig, sich einander anzusehen.
Geschichte der Zauberei war für gewöhnlich das langweiligste Fach der Zauberei. Prof. Binns, ihr Gastlehrer, hatte
eine dröhnende eintönige Stimme, was immer eine Garantie dafür war, binnen 10 Minuten eine feine Schläfrigkeit zu
erzeugen, bei warmem Wetter in fünf Minuten. Er variierte die Form seiner Unterrichtsstunden nie, lektorierte ohne
Pause, während sie Notizen machten oder treffender, schläfrig in den Raum blickten. So hatten Harry und Ron schon
lange für sich beschlossen, Notizen für dieses Fach lediglich vor Examen auf Kopien von Hermines Aufzeichnungen
zu beschränken, sie allein schien der einschläfernden Macht von Binn“s Stimme standhalten zu können.
Heute litten sie eineinhalb Stunden unter dem Brummeln über gigantische Kriege. Harry hörte bereits in den ersten
zehn Minuten genug, um wage einschätzen zu können, daß dieses Fach bei einem anderen Lehrer hätte interessant
sein können, doch dann verlor sich seine Aufmerksamkeit völlig und er verbrachte die übrige Stunde und zwanzig
Minuten mit dem Spielen von Henker mit Ron auf einer Ecke seines Pergaments während Hermine ihnen böse
Blicke aus ihren Augenwinkeln zuwarf.
„Wie wäre es,“ fragte sie sie kühl als sie das Klassenzimmer zur Pause verließen (Binns trieb es durch die Tafel fort)
wenn ich euch dieses Jahr meine Notizen nicht ausleihen würde?“
„Wir würden durch unser Examen fallen“ sagte Ron, „wenn du das mit deinem Gewissen vereinbaren kannst,
Hermine...“
„Ja, das hättet ihr auch verdient,“ erwiderte sie, „ihr versucht gar nicht, ihm zuzuhören, stimmts?“
„Wir versuchen es“ sagte Ron. „Wir haben nur nicht dein Gehirn oder dein Gedächtnis oder dein Konzentration. - du
bist eben cleverer als wir - ist es interessant, ihm zu folgen?“
„Oh, erzählt mir nicht so einen Blödsinn.“ sagte Hermine, aber sie schaute etwas erleichtert, als sie den Weg hinaus
in den feuchten Hof anführte.
Ein feiner, dunstiger Nieselregen fiel herunter, so daß die Menschen zusammgedrängt in den Hofecken standen,
verschwommen auf die Ecken sehend. Harry, Ron und Hermine wählten eine abgelegene Ecke unter einem
tropfenden Balkon die Kragen ihrer Roben hochschlagend gegen die kalte Septemberluft und sprachen darüber, was
Snape ihnen gewöhnlich in der ersten Stunde des Hahres vorbrachte. Sie stimmten dem zu, daß es für gewöhnlich
etwas extrem schweres war, gerade um sie aufzuwecken nach zwei Monaten Ferien. Da kam jemand um die Ecke
auf sie zu.
„Hallo, Harry!“
Es war Cho Chang und, was noch wichtiger war, sie war wieder alleine. Dies war höchst ungewöhnlich: Cho war
meistens umgeben von einer Bande kirchernder Mädchen; Harry erinnerte sich an die Höllenqualen, als er versuchte,
sie zu fragen, ob sie ihn zum Weihachtsball begleiten würde.
„Hi,“ sagte Harry, sein Gesicht fühlte sich heisser werdend an. Wenigstens bist du diesmal nicht mit Stinksaft
bedeckt, sagte er zu sich selbst. Cho schien denselben Gedanken zu haben.
„Du bist das Zeug also los geworden?“
„Jau,“ sagte Harry, der versuchte zu grinsen, so als ob der Gedanke an ihre letztes Treffen ihn erheiterte, statt ihn zu
kränken. „Also, hast du … ähm … einen schönen Sommer gehabt?“
Einen Moment, nachdem er das gesagt hatte, wünschte er sich, er hätte es nicht getan - Cedric war Chos Freund
gewesen und die Erinnerung an seinen Tod muß ihre Ferien fast so schlecht beeinflußt haben, wie er auf Harrys
Einfluß genommen hatte. Es war schien ihr Gesicht zu straffen, aber sie sagte: „Oh, es war in Ordnung, weißt du …“
„Ist das ein Tornados-Abzeichen?“ wollte Ron plötzlich wissen, auf die Vorderseite von Cho“s Robe deutend, wo
ein himmelblaues Abzeichen geschmückt mit einem doppelten, goldenen T festgeheftet war. „Du unterstützt sie
nicht, oder?“
„Doch, das tue ich,“ sagte Cho.
„Hast du sie immer schon unterstützt, oder erst seit sie damit anfingen, die Liga zu gewinnen?“ sagte Ron, mit einer,
wie Harry es empfand, unnötig anklagenden Stimme.
„Ich habe sie unterstützt, seit ich sechs war,“ sagte Cho kühl. „Wie auch immer … bis dann, Harry.“
Sie ging fort. Hermine wartete, bis sie den Hof zur Hälfte überquert hatte, bevor sie sich Ron zuwandte.
„Du bist so taktlos!“
„Was? Ich habe sie doch nur gefragt -“
„Hättest du“s dir nicht verkneifen könne, vielleicht wollte sie nur allein mit Harry sprechen?“
„So? Hätte sie doch gekonnt, ich habe sie nicht unterbrochen -“
„Warum um aller Welt mußtest du sie wegen ihrer Quidditch Mannschaft angreifen?“
„Angreifen? Ich habe sie nicht angegriffen, ich wollte nur -“
„Wer kümmert sich darum, ob sie die Tornados unterstützt?“
„Oh, komm schon, die Hälfte aller Leute die du mit ihrem Abzeichen rumlaufen siehst, haben es sich erst in der
letzten Saison gekauft -“
„Aber war hat das schon zu bedeuten!“
„Es bedeutet, das sie keine wahren Fans sind, sie springen nur auf den fahrenden Zug auf -“
„Das ist die Glocke,“ sagte Harry dump, weil Ron und Hermine sich zu laut zankten, um es zu hören. Sie hörten
nicht einmal auf dem Weg hinunter in Snapes Verließ auf zu diskutieren, wodurch Harry einen Menge Zeit dazu
hatte, sich die Sache mit Neville und Ron noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Er könnte sich glücklich
schätzen, wenn er doch nur einmal auf ein Gespräch von zwei Minuten mit Cho hätte, ohne sofort das Land verlassen
zu wollen.
Und dennoch glaubte er, als er sich der Schlange außerhalb der Türe von Snapes Klassenzimmer anschloß, das sie es
vorgezogen hatte zu Harry zu kommen und mit ihm zu reden, oder? Sie war Cedric“s Freundin; sie hätte Harry leicht
dafür hassen könne, das er das Trimagische Labyrinth lebendig verlassen hatte, während Cedric gestorben war, aber
sie sprach mit ihm auf eine vollkommen freundliche Art, nicht so, als würde sie ihn für verrückt halten, oder für
einen Lügner, oder auf eine schreckliche Art und Weise verantwortlich für Cedrics Tod … ja, sie hatte sich wirklich
dafür entschieden, zu ihm zu kommen und mit ihm zu sprechen, und das zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen
… und dieser Gedanke beflügelte Harrys Geist. Selbst der bedrohliche Klang der knarrend öffnenden Kerkertüre
Snapes konnte kein Loch in die kleine, hoffnungsvolle Blase stechen, die in Harrys Brustkorb zu schwellen schien.
Er ordnete sich im Klassenzimmer hinter Ron und Hermine ein und folgte ihnen zu ihrem üblichen Tisch an der
Rückseite, wo er sich zwischen Ron und Hermine setzte und die empfindlichen, gereizten Geräusche ignorierte, die
beide nun von sich gaben.
„Hinsetzen,“ sagte Snape kalt, die Türe hinter sich schließend.
Es bestand keine wirklich Notwendigkeit für einen Ordnungsruf, in dem Moment, als die Klasse die sich schließende
Türe wahrnahm, wir sie in Stille versunken und alles zappeln hörte auf. Allein Snapes Anwesenheit war ausreichend
genug, um das Schweigen der Klasse sicherzustellen.
„Bevor wir mit der heutigen Unterrichtsstunde anfangen,“ sagte Snape, kehrte zu seinem Tisch zurück und starrte sie
alle an, „finde ich es passend sie daran zu erinnern, daß im nächsten Juni eine wichtige Prüfung haben werden,
während der sie unter Beweis stellen müssen, wieviel sie über die Zubereitung und Verwendung von magischen
Tränken gelernt haben. Schwachsinnig, wie einige in dieser Klasse ohne Zweifel sind, erwarte ich daß sie ein
„Annehmbar“ in ihrem ZAK abschminken, oder meine .. Mißgunst erleiden.
Sein Blick verweilte diesmal bei Neville, der schluckte.
„Nachdem viele von Ihnen dieses Jahr natürlich aufhören werden, mit mir zu studieren,“ ging Snape weiter, „werde
ich nur die besten in meine ZAK Klasse nehmen, was bedeutet, das sicherlich einige von uns auf Wiedersehen sagen
werden.“
Seine Augen ruhten auf Harry und er rollte seine Lippe ein. Harry funkelte zurück, eine grimmige Zufriedenheit
dabei empfindend, das es ihm nach dem fünften Jahr gestattet war, Zaubertränke aufgeben zu können.
„Aber wir haben noch ein weiteres Jahr, vor jenem glücklichen Moment des Abschieds,“ sagte Snape weich, „also,
egal ob sie den ZAK angehen oder nicht, rate ich ihnen allen, sich darauf zu konzentrieren, die hohe Zugangsstufe zu
erreichen, die ich von meinen ZAK Schülern erwarte. Heute werden wir einen Trank mischen, der oft bei Zauberern
der gewöhnlichen Stufe zur Diskussion kommt: der Schluck des Friedens, ein Trank um Ängste zu stillen und
Unruhen zu beschwichtigen. Seien sie gewarnt: wenn sie zu unbeholfen mit den Zutaten umgehen, kann der
Trinkende in einen schweren, manchmal umumkehrbaren Schlaf versinken, daher sollten sie genau darauf acht
geben, was sie tun.“
Zu Harrys Linker saß Hermine ein wenig aufrechter, ihr Ausdruck größter Aufmerksamkeit.
„Die Zutaten und das Verfahren -“ Snape ließ seinen Stab vorschnellen „- stehen an der Tafel“ (sie erschienen dort)
„- sie finden alles, was sie benötigen -“ wieder schnellte sein Stab vor“- im Geschäftsschrank -“ (die Tür des
besagten Schranks sprang auf) „- sie haben anderhalb Stunden … anfangen.“
Wie Harry, Ron und Hermine es vorausgesehen hatten, hätte Snape sie kaum einen schwierigeren, friesierten Trank
herstellen lassen können. Die Zutaten mußten dem Kessel in genau der richtigen Reihenfolge und Menge zugeführt
werden; die Mixtur mußte genau entsprechend der vorgegebenen Zahl umgerührt werden, zuert im Uhrzeigersinn,
dann entgegen des Uhrzeigersinns; die Hitze der Flamme, auf der sie siedete, mußte nach genau der richtigen Anzahl
von Minuten gesenkt werden, bevor die letzte Zutat hinzugefügt wurde.
„Ein leichter Silberdunst sollte ihrem Trank nun entsteigen,“ sagte Snape als noch zehn Minuten verblieben.
Harry, der freigiebig schwitzte, sah sich verzweifelt im Verließ um. Sein eigener Kessel gab reichliche Mengen eines
dunkelgrauen Dampfs von sich; Ron“s spri grüne Funken. Seamus ließ fieberhaft die Flammen unter dem Boden
seines Kessels mit der Zauberstab auflodern, das sie ihm auszugehen drohten. Die Oberfläche von Hermines Trank,
wie auch immer, war ein schimmernder Nebel aus Silberdunst, und als Snape heranfegte, blickte er ohne Kommentar
an seiner Hakennase hinunter, was bedeutete, das er nichts zum kritisieren finden konnte.
An Harrys Kessel allerdings blieb Snape stehen, and sah auf ihn, mit einem schrecklichen Grinsen auf dem Gesicht,
herunter.
„Potter, was soll dies angeblich sein?“
Die Slytherins im Vorderteil der Klasse sahen alle gespannt auf; sie liebten es Snape zuzuhören, wie er Harry
verspottete.
„Der Schluck des Friedens,“ sagte Harry angespannt.
„Sag mir, Potter,“ sagte Snape weich, „kannst du lesen?“
Draco Malfoy lachte.
„Ja, kann ich,“ sagte Harry, seine Finger legten sich fest um seinen Stab.
„Lesen sie mir die dritte Zeile der Anweisungen vor, Potter.“
Harry schielte zur Tafel; es war nicht leicht, die Anweisungen durch den Dunstschleier der vielfarbigen Dämpfe, die
jetzt den Kerker erfüllten, auszumachen.
„Fügen sie gemahlenes Mondgestein hinzu, rühren sie dreimal gegen Uhrzeigersinn, lassen sie es nun sieben
Minuten lang sieden, dann fügen sie zwei, dann fügen sie zwei Tropfen des Sirups einer Nieswurz hinzu.“
Sein Herz sank. Er hatte den Sirup einer Nieswurz nicht hinzugefügt, sondern war direkt zur vierten Zeile der
Anweisungen übergegangen, nachdem er seinem Trank erlaubt hatte, für sieben Minuten zu sieden.
„Taten sie alles, was auf der dritten Zeile steht, Potter?“
„Nein,“ sagte Harry leise.
„Ich bitte um Verzeihung?“
„Nein,“ sagte Harry lauter, „ich vergaß die Nieswurz.“
„Ich weiß, daß sie das taten, Potter, was bedeutet, daß dieser Wust ausgesprochen wertlos ist. Evanesce.“
Der Inhalt aus Harrys Kessel verschwand; er wurde töricht neben einem leeren Kessel stehengelassen.
„Jene von euch, die es vollbrachten die Anweisungen zu lesen, füllen bitte einen Krug mit einer Probe ihres Trankes,
ettiketieren sie es deutlich mir Ihrem Namen und bringen sie es zur Überprüfung an meinen Schreibtisch.“ sagte
Snape. „Hausaufgabe: zwölf Zoll Pergament über die Eigenschaften des Mondgesteins und seines Gebrauchs bei der
Zubereitung von Tränken, abzugeben am Donnerstag.“
Während jeder um ihn herum seinen Krug füllte, räumte Harry seine Sachen weg, vor Wut kochend. Sein Trank war
nicht schlechter als der Ron“s gewesen, der jetzt einen üblen Geruch nach faulen Eiern verbreitete; oder Neville“s,
der die Konsistenz von frisch gemixten Zement angenommen hatte, den Neville jetzt aus seinem Kessel meißeln
mußte; dennoch war es Harry, der keine Punkte für die Arbeit des Tages bekommen würde. Er stopfte seinen Stab
zurück in seine Tasche und sack auf seinen Sitz nieder, allen anderen dabei zusehend, wie sie zu Snapes Schreibtisch
marschierten, mit ihren gefüllten und verkorkten Krügen. Als endlich die Glocke erklang, war Harry als erster aus
dem Verließ und hatte mit seinem Mittagessen bereits begonnen, als Ron und Hermine sich in der Großen Halle zu
ihm gesellten. Die Decke zeigte sich jetzt noch viel trüber, als beim Morgengrauen. Regen peitschte gegen die hohen
Fenster.
„Das war wirklich unfair,“ sagte Hermine tröstend, während sie sich neben Harry setzte und sich vom Auflauf nahm.
„Dein Trank war nicht annähernd so miserabel wie der von Goyle; als der ihn in seine Flasche gefüllt hat, ist das
ganze Teil zersprungen und hat seine Kleider in Brand gesteckt.“
„Tja, naja,“ sagte Harry und sah finster auf seinen Teller, „wann war Snape schon jemals fair zu mir?“
Keiner der anderen antwortete; sie wußten alle drei, daß Snapes und Harrys gegenseitige Feindschaft vollkommen
gewesen war von dem Moment an, wo Harry seinen Fuß nach Hogwarts gesetzt hatte.
„Ich hatte gedacht, er würde sich vielleicht dieses Jahr etwas bessern,“ sagte Hermine, und ihre Stimme klang
enttäuscht. „Ich meine ... naja ...“ sie sah sich vorsichtig um; rechts und links von ihnen waren jeweils ein halbes
Dutzend Plätze frei und niemand ging am Tisch vorbei „jetzt, wo er im Orden ist und so.“
„Giftpilze wechseln niemals den Standort,“ sagte Ron weise. „Überhaupt habe ich schon immer gedacht, daß
Dumbledore verrückt war, Snape zu vertrauen. Wo ist denn der Beweis dafür, daß er jemals wirklich aufgehört hat,
für Du-weißt-schon-Wen zu arbeiten?“
„Ich denke mir, daß Dumbledore wahrscheinlich genug Beweise hat, auch wenn er sie nicht mit dir durchspricht,
Ron,“ blaffte Hermine.
„Oh, haltet die Klappe, alle beide,“ sagte Harry barsch, als Ron den Mund öffnete, um dagegenzuhalten. Hermine
und Ron hielten inne, mit ärgerlichen und gekränkten Gesichtern. „Könnt ihr nicht mal Pause machen?“ sagte Harry;
„Ständig geht ihr aufeinander los, das macht mich wahnsinnig.“ Und damit ließ er seinen Auflauf stehen, schwang
sich seine Schultasche wieder über die Schulter und ließ die beiden am Tisch zurück.
Er lief die marmorne Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, vorbei an den vielen Schülern, die zum
Mittagessen eilten. Die Wut, die so unerwartet aufgeflammt war, loderte noch immer in ihm, und der Gedanke an
Rons und Hermines bestürzte Gesichter bot ihm ein Gefühl tiefer Befriedigung. Geschieht ihnen Recht, dachte er,
warum können sie nicht mal Pause machen ... immer dieses Gezanke ... da würde jeder die Wände hochgehen...
Auf einem Treppenabsatz kam er an dem großen Bild von Sir Cadogan vorbei, dem Ritter; Sir Cadogan zog sein
Schwert und schwang es heftig gegen Harry, der ihn ignorierte.
„Räudiger Hund, komm Er zurück! Steht fest und kämpft!“ rief Sir Cadogan mit gedämpfter Stimme hinter seinem
Visier hervor, aber Harry ging einfach weiter, und als Sir Cadogan versuchte, ihm zu folgen, indem er in ein
benachbartes Bild lief, wurde er von dessen Bewohner, einem großen und gereizt aussehenden Wolfshund, schroff
abgewiesen.
Harry verbrachte den Rest der Mittagspause, indem er alleine unter der Falltür oben im Nordturm saß. Als es
klingelte war er folglich der erste, der die silberne Leiter erklomm, die zu Sybill Trelawneys Klassenraum führte.
Nach Zaubertränke war Weissagung das Fach, das Harry am wenigsten mochte, was hauptsächlich an Professor
Trelawneys Angewohnheit lag, alle paar Unterrichtsstunden Harrys frühzeitigen Tod vorauszusagen. Sie war eine
dünne Frau, übermäßig mit Tüchern behängt und glitzernd vor Perlenschnüren und erinnerte Harry immer an
irgendein Insekt, mit ihrer Brille, die ihre Augen so enorm vergrößerten. Als Harry den Raum betrat, war sie gerade
damit beschäftigt, ramponierte Exemplare eines ledergebundenen Buches auf den zierlichen kleinen Tischen zu
verteilen, mit denen ihr Raum übersät war - das Licht aus den mit Tüchern abgehängten Lampen und vom
heruntergebrannten, widerlich parfümierten Feuer war so trübe, daß sie Harry nicht zu bemerken schien, als er sich
im Halbdunkel einen Platz suchte. Der Rest der Klasse kam im Verlauf der folgenden fünf Minuten dazu. Ron
tauchte aus der Falltür auf, sah sich sorgfältig um, entdeckte Harry und ging direkt auf ihn zu, oder so direkt er
konnte, während er sich zwischen Tischen, Stühlen und harten Sitzkissen einen Weg bahnte.
„Hermine und ich haben aufgehört zu streiten,“ sagte er, als er sich neben Harry setzte.
„Gut,“ grunzte Harry.
„Aber Hermine sagt, sie fände es nett, wenn du aufhören würdest, deine schlechte Laune an uns auszulassen,“ sagte
Ron.
„Ich lasse gar nicht-“
„Ich gebe nur die Nachricht weiter,“ unterbrach ihn Ron. „Aber ich finde, sie hat recht. Es ist nicht unsere Schuld,
wie Seamus und Snape dich behandeln.“
„Ich habe nie gesagt -“
„Guten Tag,“ sagte Professor Trelawny in ihrer üblichen verschleierten, träumerischen Stimme, und Harry
unterbrach sich, wieder einmal ärgerlich und beschämt zugleich. „Und willkommen zurück zu Weissagungen.
Selbstverständlich habe ich über die Ferien euer Geschick mit größter Sorgfalt verfolgt, und ich bin froh zu sehen,
daß ihr alle sicher zurück in Hogwarts seid - was ich selbstredend vorher schon wußte.
Ihr werdet auf den Tischen vor euch Ausgaben von Das Traum-Orakel von Inigo Imago sehen. Traumdeutung ist ein
äußerst wichtiges Mittel der Weissagung, und dazu eines, das sehr wahrscheinlich in eurem OWL geprüft wird.
Nicht, daß ich der Meinung wäre, das Bestehen oder Nichtbestehen von Prüfungen hätte auch nur den geringsten
Belang, wenn es um die geheiligte Kunst der Weissagung geht. Wenn ihr das Sehende Auge habt, haben Zeugnisse
und Noten sehr wenig Bedeutung. Der Schulleiter jedoch möchte, daß ihr diese Prüfung ablegt, also...“
Ihre Stimme schwand dezent dahin und ließ sie alle in der Gewißheit, daß Professor Trelawny ihr Fach als etwas
ansah, was über so schmutzigen Dingen wie Prüfungen stand.
„Bitte schlagt die Einleitung auf und lest nach, was Imago über die Materie der Traumdeutung zu sagen hat. Dann
bildet Paare. Verwendet Das Traum-Orakel, um gegenseitig eure letzten Träume zu deuten. Fangt an.“
Das einzig Gute, was man über diese Stunde sagen konnte, war, daß sie keine Doppelstunde war. Als sie endlich alle
die Einleitung des Buchs gelesen hatten, blieben ihnen kaum noch zehn Minuten für die Traumdeutung. Am Tisch
neben Harry und Ron hatte sich Dean mit Neville zusammengetan, der sofort zu der weitschweifigen Erläuterung
eines Alptraums ansetzte, in dem es um eine Schere ging, die den besten Hut seiner Großmutter trug; Harry und Ron
sahen einander nur mißmutig an.
„Ich erinnere mich nie an meine Träume,“ sagte Ron, „erzähl du.“
„Du mußt dich doch an einen erinnern können,“ sagte Harry ungeduldig.
Er würde niemandem seine Träume schildern. Er wußte ganz genau, was sein ständiger Traum von einem Friedhof
bedeutete, das mußten Ron oder Professor Trelawny oder das dumme Traum-Orakel ihm nicht erzählen.
„Also, neulich Nacht hab ich geträumt, daß ich Quidditch spiele,“ sagte Ron und verzog das Gesicht in der
Anstrengung, sich zu erinnern. „Was meinst du, was das bedeutet?“
„Vielleicht, daß du von einem riesigen Marshmallow gefressen wirst oder so,“ sagte Harry und blätterte lustlos im
Traum-Orakel. Es war langweilig, Traumfetzen im Orakel nachzuschlagen, und Harrys Laune besserte sich nicht, als
Professor Trelawny ihnen als Hausarbeit die Aufgabe stellte, einen Monat lang ein Traumtagebuch zu führen. Als es
klingelte, stieg er mit Ron als erster die Leiter hinab, wobei Ron laut murrte.
„Ist dir klar, wieviele Hausaufgaben wir jetzt schon haben? Für Binns einen ein Meter langen Aufsatz über die
Riesen-Kriege, Snape will einen halben Meter über den Gebrauch von Mondstein, und jetzt kriegen wir noch einen
Monat Traumtagebuch von Trelawny! Fred und George hatten recht mit dem OWL-Jahr, was? Diese Umbridge-
Trulle sollte uns besser nichts aufgeben...“
Als sie den Verteidigung-gegen-die-Dunklen-Künste-Klassenraum betraten, saß Professor Umbridge bereits am
Lehrerpult und trug die flauschige rosa Strickjacke vom Vorabend und die schwarze Samtschleife auf dem Kopf.
Wieder fühlte sich Harry stark an eine große Fliege erinnert, die sich unklugerweise auf einer noch größeren Kröte
niedergelassen hatte.
Die Klasse war ruhig, als sie den Raum betrat; Professor Umbridge war noch eine unbekannte Größe und niemand
wußte, wie strikt sie möglicherweise auf Disziplin achten würde.
„Also, guten Tag!“ sagte sie, als schließlich die ganze Klasse Platz genommen hatte.
Ein paar Leute murmelten „guten Tag.“
„Tss, tss,“ machte Professor Umbridge. „Das reicht aber nicht, oder? Ich möchte bitte gerne, daß ihr antwortet:
„Guten Tag, Professor Umbridge.“ Also bitte noch einmal. Guten Tag, Kinder!“
„Guten Tag, Professor Umbridge,“ antworteten sie im Chor.
„Na, also,“ sagte Professor Umbridge süß. „Das war doch nicht allzu schwierig, nicht? Zauberstäbe weg und Federn
raus, bitte.“
Viele in der Klasse tauschten düstere Blicke; auf den Befehl „Zauberstäbe weg“ war bislang noch nie eine Stunde
gefolgt, die sie interessant gefunden hätten. Harry schob seinen Zauberstab zurück in seine Tasche und holte Feder,
Tinte und Pergament hervor. Professor Umbridge öffnete ihre Handtasche, zog ihren eigenen Zauberstab heraus, der
ungewöhnlich kurz war, und klopfte damit scharf auf die Tafel; sofort erschienen die Worte:
Verteidigung gegen die Dunklen Künste
Eine Rückkehr zu grundlegenden Prinzipien
„Nun gut, euer Unterricht in diesem Fach wurde etwas unterbrochen und fragmentiert, nicht wahr?“ stellte Professor
Umbridge fest, drehte ihr Gesicht der Klasse zu, die Hände vor sich gefaltet. „Der ständige Wechsel an Lehrern,
viele von ihnen scheinen keinem vom Ministerium anerkannten Lehrplan gefolgt zu sein, hat bedauerlicherweise
dazu geführt, das ihr weit hinter dem Standard liegt, den wir von euch in eurem ZAK-Jahr erwarten.
„Allerdings, wird es euch sicher freuen zu wissen, daß diese Probleme jetzt beseitigt worden sind. Wir werden dieses
Jahr einem sorgsam strukturierten, Theorie gewichteten, Ministeriums geprüften Unterricht in defensiver Magie
folgen. Bitte schreiben sie folgendes ab.“
Sie klopfte erneut auf die Tafel; die erste Nachricht verschwand und wurde durch die „Kurs-Ziele“ ersetzt.
1 Die grundlegenden Prinzipien defensiver Magie verstehen.
2 Lernen, Situationen zu erkennen, in denen defensive Magie gesetzlich benutzt werden darf.
3 Die Verwendung von defensiver Magie in einen Zusammenhang mit seiner praktischen Verwendung
bringen.
Für ein paar Minuten war der Raum erfüllt von dem kratzenden Geräusch von Federn auf Pergament. Als jeder
Professors Umbridge drei Kurs Ziele abgeschrieben hatte fragte sie: „Hat jeder ein Exemplar von Magische Theorie
zur Verteidigung, von Wilbert Slinkhard?“
Darauf folgte ein teilnahmsloses Murmeln von Zustimmungen von der Klasse. „Ich denke wir versuchen es noch
mal,“ sagte Professor Umbridge. „Wenn ich euch eine Frage stelle, möchte ich gerne daß ihr sagt, „Ja, Professor
Umbridge,“ oder „Nein, Professor Umbridge.“ Also: Hat jeder ein Exemplar von Magische Theorie zur Verteidigung
von Wilbert Slinkhard?“
„Ja, Professor Umbridge,“ schallte es durch den Raum. „Gut,“ sagte Professor Umbridge. I möchte gerne daß ihr
Seite fünf aufschlägt und „Kapitel Eins, Grundlage für Anfänger“ lest.“ Es wird nicht geredet“
Professor Umbridge verließ die Tafel und setzte sich auf den Sessel hinter dem Lehrerisch, wobei sie alle genau mit
ihren Kröten Augen beobachtete. Harry blätterte zur Seite Fünf von seinem Buch und begann zu lesen. Es war
hoffnungslos langweilig, gleich als würde man Professor Binns zuhören. Er fühlte daß seine Konzentration nachließ;
bald hatte er die gleiche Zeile ein halbes dutzend Mal gelesen ohne auch nur die ersten Wörter aufzunehmen. Einige
stille Minuten vergingen. Neben ihm, spielte Ron geistesabwesend mit seiner Feder und starrte immer an die gleiche
Stelle der Seite. Harry blickte nach rechts und die Überraschung schüttelte ihm aus seiner Trägheit. Hermine hatte ihr
Buch noch nicht mal geöffnet. Sie blickte mit der Hand in der Luft zu Professor Umbridge. Harry konnte sich nicht
erinnern, daß Hermine jemals eine Aufforderung zu lesen missachtet hat, oder daß sie nicht einmal ein Buch öffnete
das ihr unter die Nase kam. Er schaute sie verwundert an aber sie schüttelte sacht den Kopf um zu zeigen daß sie
keine Fragen beantwortete und begann wieder Professor Umbridge anzustarren, die aber in eine andere Richtung
schaute.
Als ein paar Minuten vergingen war Harry nicht mehr der einzige der zu Hermine blickte. Das Kapitel das sie zu
lesen begonnen hatten war so uninteressant
daß immer mehr Schüler Hermines Bemühungen Professor Umbridge“s Aufmerksamkeit zu erregen mit ansahen.
Als mehr als die Hälfte der Klasse zu Hermine starrten, schien es als hatte Professor Umbridge es sich überlegt daß
sie die Situation nicht mehr länger ignorieren konnte.
„Möchtest du mich gerne etwas über das Kapitel fragen, Liebes?“ fragte sie Hermine, als wäre sie die einzige die
Hermine wahrnahm. „Nicht über das Kapitel, nein,“ sagte Hermine.
„Gut, wir lesen jetzt aber,“ sagte Professor Umbridge,. „Wenn du andere Probleme hast können wir sie am Ende der
Stunde bereden.“ „Ich habe Frage über ihre Kurs Ziele,“ sagte Hermine. Professor Umbridge hob ihre Augenbrauen.
„Wie heißen sie?“
„Hermine Granger,“ sagte Hermine.
„Gut Miss Granger, Ich glaube die Kurs Ziele sind klar wenn man sie genau gelesen hat,“ sagte Professor Umbridge
mit zuckersüßer Stimme.
„Aber, ich nicht,“ sagte Hermine stumpf. „ Da ist nichts geschrieben über das benützen der Verteidigungszauber.“ Es
folgte eine kurze Stille in welcher viele Mitglieder der Klasse ihren Kopf der Tafel zuwandten um die drei Kurs Ziele
noch mal durchzulesen. „Benützung der Verteidigungszauber?“ wiederholte Professor Umbridge mit einen kleinen
Lachen. „Warum, ich kann mit keine Situation in meiner Klasse vorstellen wo man einen Verteidigungszauber
bracht, Miss Granger. Sie werden sicher nicht erwarten daß sie jemand während der Stunde angreift?“
„Wir werden keinen Magie benützen?“ schrie Ron laut heraus.
„Schüler haben aufzuzeigen wenn sie in meiner Klasse zu sprechen wünschen, Mr -?“
„Weasley,“ sagte Ron, streckte seinen Arm in die Luft.
Professor Umbridge, lächelte noch immer, drehte sich um. Sofort streckten Harry und Hermine ihre Hände in die
Luft. Professor Umbridge musterten Harry für eine Moment bevor sie Hermine fragte.
„Ja, Miss Granger? Sie wollen etwas anderes fragen?“
„Ja,“ sagte Hermine. „Eindeutig ist der ganze Punkt von Verteidigung gegen die Dunklen Künste um
Verteidigungszauber zu lernen?“
„Sind sie ein ausgebildeter Experte, Miss Granger?“ fragte Professor Umbridge mit ihrer falschen süßen Stimme.
„Nein, aber -“
„Gut also, I fürchte sie sind nicht qualifiziert um zu entscheiden was der „ganze Punkt“ von jeder Klasse ist.
Zauberer die viel älter und gelehrter sind als sie haben ein neues Lernprogramm entwickelt. Ihr werdet alles über
Verteidigungszauber lernen über einen Gefahren-freien Weg -“
„Was für eine Benützung ist das?“ sagte Harry laut. „Wenn wir attackiert werden ist es sicher nicht in einer -“
„Aufzeigen, Mr Potter!“ sang Professor Umbridge.
Harry steckte seine Faust in die Höhe. Wieder, wandte sich Professor Umbridge von ihm weg, aber nun hatten einige
andere Schüler ihre Hände in der Höhe.
„Und wie heißen sie?“ Sagte Professor Umbridge zu Dean.
„Dean Thomas“
„Ja, Mr Thomas?“
„Also, es ist wie Harry es sagte, oder?“ sagte Dean. „Wenn wir attackiert werden wird es nicht Risiko Frei sein.“
„Ich wiederhole,“ sagte Professor Umbridge, während sie irritiert zu Dean lächelte, „glaubst du wirklich du wirst in
meiner Klasse attackiert?“
„Nein, aber -“
Professor Umbridge sagte zu ihn. „Ich wünsche nicht daß ihr die Stunden an dieser Schule kritisiert,“ sagte sie mit
einem unüberzeugenden lächeln, „aber ihr hattet ein paar sehr unverantwortliche Zauberer in dieser Klasse, sehr
unverantwortliche, in der Tat - nicht z bestreiten,“ sie lachte dreckig „Extrem gefährliche Halb-Tiere.“
Falls sie Professor Lupin meinen,“ sagte Dean wütend, „er war der beste den wir jemals -“
„Aufzeigen, Mr Thomas! Ihr habt Zaubersprüche gelernt die zu schwierig für euer alter sind. Ihr befürchtet daß ich
jeden Tag von schwarzen Magiern angegriffen werdet -“
„Nein haben wir nicht,“ sagte Hermine, „wir -“
Sie zeigen nicht auf, Miss Granger“
Hermine streckte ihre Hand in die Höhe. Professor Umbridge drehte sich von ihr weg.
„Verstehe ich richtig, nicht nur daß er euch illegale Flüche gezeigt hat, er vollführte sie auch an ihnen?“
„Nun ja, er entpumpte sich als Verrückter, oder?“ sagte Dean entzürnt. „Denken sie, wir lernten eine Menge von
ihm.“
„Ihre Hand is nicht oben, Mr Thomas!“ schrie Professor Umbridge. „Jetzt ,will es das Ministerium daß ihr
teorethisches Wissen erlangt, um bei euren Prüfungen erfolg zu haben. Ihr sollt so lernen wie es an einer normalen
Schule üblich ist. Und ihr Name ist?“
„Parvati Patil, und ist da nicht ein praktischer Teil in unseren Verteidigung gegen die Dunklen Künste ZAG? Müssen
wir nicht zeigen daß wir Gegenflüche und andere Sachen können?“
„Wenn ihr die Theorie lang genug studiert habt wird es kein Problem sein daß ihr die Flüche unter genauer Kontrolle
durchführen könnt“
„Ohne das wir sie jemals vorher praktiziert haben?“ fragte Parvati. „ Sie erzählen uns daß das erste mal wenn wir
Flüche praktizieren wird während unserer Prüfung sein?“
„Ich wiederhole, wenn ihr die Flüche lang und hart genug studiert habt -“
„Und was hilft uns das in der wirklichen Welt?“ sagte Harry laut, seine Faust wieder in der Luft.
Professor Umbridge schaute auf.
„Wir sind hier in der Schule, Mr Potter, nicht in der wirklichen Welt, „sagte sie sanft.
„Wir werden also nicht darauf vorbereitet auf das was uns draußen erwartet?“
„Da ist nichts das draußen auf sie wartet Mr Potter.“
„Ach wirklich?“ sagte Harry. Sein Temperament, welches sowieso schon sehr gereizt war, erreichte seinen siedenden
Punkt.
„Wer, glauben sie, könnte versuchen Kinder wie sie zu attackieren?“ entgegnete Professor Umbridge in einer
honigsüßen Stimme.
„Hmm, lassen sie mich nachdenken...“ sagte Harry in einer nachdenklichen Stimme. „Vielleicht ... Lord
Voldemort?“
Ron keuchte; Lavender Brown schrie leise; Neville fiel seitwärts von seinem Stuhl. Professor Umbridge, wie auch
immer, machte keinen Zucker. Sie starrte auf Harry mit einem grimmigen sadistischen Ausdruck auf dem Gesicht.
„Zehn Punkte von Gryffindor, Mr Potter.“
Die Klasse war leise und ruhig. Jeder starrte entweder auf Umbridge oder Harry.
„Jetzt, lassen sie mich ein paar Dinge klarstellen.“
Professor Umbridge stand auf und lehnte sich vor zu ihnen.
„Sie haben erzählt daß ein gewisser Dunkler Zauberer von den toten auferstanden ist -“
„Er war nicht tot“ sagte Harry wütend, „aber ja, er ist zurück!“
„Mr-Potter-sie-haben-schon-zehn-Punkte-verloren-machen-sie-es-nicht-noch-schlimmer ,“ sagte Professor Umbridge
in einem Atemzug ohne in anzuschauen. „Als ich sagte, sie haben uns erzählt daß ein gewisser Dunkler Zauberer ist
gleich mächtig als vorher. Das ist eine Lüge.“
„Es ist KEINE Lüge!“ sagte Harry. „Ich sah ihn, Ich kämpfte gegen ihm!“
„Strafarbeit, Mr Potter!“ sagte Professor Umbridge triumphierend.
„Morgen Abend. Fünf Uhr. Mein Büro. Ich wiederhole, das ist ein Lüge. Das Ministerium der Zauberei garantiert
daß ihr nicht in Gefahr seid von irgendeinen Dunklen Zauberer. Wenn ihr noch immer besorgt seid, ich stehe euch
immer außerhalb der Klasse zur Verfügung. Falls sie irgendwer über zurück gekommene Zauberer informiert,
möchte ich es gern hören. Ich bin hier zu helfen. Ich bin euer Freund. Und würdet ihr jetzt bitte so freundlich sein
und euer lesen fortsetzen. Seite Fünf, „ Grundlage für Anfänger.““
Professor Umbridge setzte sich wieder hinter ihren Tisch. Harry, Stand auf. Jeder starrte auf ihn; Seamus schaute
halb-ängstlich, halb-fasziniert.
„Harry, nein!“ flüsterte Hermine mit einer warnenden Stimme, an seinem Ärmel ziehend, aber Harry zog seinen Arm
aus ihrer Reichweite.
„So, Cedric Diggory starb an seiner eigenen Schuld, tat er?“ fragte Harry mit brechender Stimme.
Jeder in der Klasse hielt den Atem an, keiner von ihnen, außer Ron und Hermine, hat Harry jemals darüber sprechen
gehört was in der nacht geschah als Cedric starb. Sie schaute auf Harry und Professor Umbridge, die ihre Augen weit
aufschlug und ihn anstarrte ohne auch nur ein falsches lächeln im Gesicht.
„Cedrics Tot war ein tragischer Unfall,“ sagte sie kühl.
„Es war Mord,“ sagte Harry. Er kämpfte mit sich selbst. Er hatte letztes Jahr sehr hart über dies gesprochen, nun tat
er es vor allen dreißig Mitschüler. „Voldemort tötete ihn und sie wissen es auch.“
Professor Umbridge wurde weiß im Gesicht. Für einen Moment dachte Harry sie würde anfangen zu schreien. Dann
aber sagte sie:“ Kommen sie her, Mr Potter .“
Er stand auf ging um Ron und Hermine herum vor zum Lehrertisch. Er konnte fühlen das der Rest der Klasse die
Luft anhielt. Er war so wütend das es ihm egal war was weiter passierte.
Professor Umbridge zog eine schmale Rolle pinkfarbenes Pergament aus ihrer Handtasche, breitete es auf dem Tisch
aus, tauchte ihre Feder in eine Flasche Tinte und fing an zu schreiben, das Paper so hochgezogen, daß Harry nicht
sehen konnte, was. Niemand sprach. Nach etwa einer Minute rollte sie das Pergament zusammen und tippte es mit
ihrem Zauberstab an, sodaß es sich nahtlos versiegelte und Harry es nicht öffnen konnte.
„Bring das zu Professor McGonagall, mein Lieber,“ sagte Professor Umbridge und reichte ihm die Rolle.
Wortlos nahm er das Papier entgegen, drehte sich um und verließ den Raum. Ohne auch nur zu Ron und Hermine
zurückzuschauen, knallte er die Klassenzimmertür hinter sich zu und eilte den Korridor entlang. Die Nachricht für
McGonagall hielt er fest in der Hand. Als er um eine Ecke bog, lief er geradewegs in Peeves den Poltergeist, einen
großmäuligen kleinen Mann der in der Luft schwebend mit mehreren Tintenfässchen jonglierte.
„Seht, es ist der kleine Potter,“ gackerte Peeves und ließ zwei Tintenfässchen zu Boden fallen, wo sie zerschellten
und die Wände mit Tinte bespritzten. Harry sprang rückwärts aus dem Weg und knurrte: „Hau ab, Peeves.“
„Oooh, die Knallerbse ist schlecht gelaunt,“ sagte Peeves und verfolgte Harry den Korridor entlang. „Was ist es
dieses Mal, mein kleiner feiner Potterfreund? Hörst du Stimmen? Hast du Visionen? Sprichst du - Peeves blies sich
zu eine gigantische Himbeere auf - komische Sprachen?“
„Ich sagte, du sollst mich allein lassen,“ schrie Harry und rannte die nächste Treppe hinunter aber Peeves rutschte
ihm rücklings auf dem Treppengeländer nach.
„Oh, manche denken, er sei schlecht gelaunt, der winzig kleine Potterfreund,
Aber andere sind freundlicher und denken, daß er nur traurig ist,
Doch Peeves weiß es besser und sagt, er ist verrückt - „
„HALTS MAUL!“
Zu seiner Linken wurde eine Tür geöffnet und Professor McGonagall trat mürrisch aus ihrem Büro.
„Warum in aller Welt schreien Sie denn so, Mr Potter?,“ sagte sie bissig, als Peeves fröhlich gackernd davon sauste.
„Warum sind Sie nicht in Ihrer Klasse?“
„Ich wurde zu Ihnen geschickt,“ sagte Harry dumpf.
„Geschickt? Was meinen Sie mit, geschickt?“
Er reichte ihr Professor Umbrigdes Nachricht. Professor McGonagall nahm sie stirnrunzelnd entgegen, öffnete sie
mit einem kurzen antippen ihres Zauberstabes, faltete sie auf und fing an zu lesen. Ihre Augen huschten hinter den
quadratischen Brillengläsern von einer Seite zur anderen und wurden mit jeder Zeile schmäler, als sie las, was
Professor Umbridge ihr geschrieben hatte.
„Kommen Sie herein, Potter.“
Er folgte ihr ins Büro. Die Tür schloss sich automatisch hinter ihnen.
„Nun?,“ sagte Professor McGonagall. Ist das wahr?“
„Ist was wahr?,“ fragte Harry wütender als beabsichtigt. „Professor?,“ fügte er hinzu, um höflicher zu klingen.
„Ist es wahr, daß Sie Professor Umbridge angeschrieen haben?“
„Ja,“ sagte Harry.
„Sie nannten sie eine Lügnerin?“
„Ja.“
„Sie sagten ihr, daß der, dessen Namen nicht genannt werden darf zurück ist?“
„Ja.“
Professor McGonagall nahm hinter ihrem Schreibtisch platz und musterte Harry. Dann sagte sie: „Wollen Sie einen
Keks, Potter?“
„Einen - was?“
„Einen Keks,“ wiederholte sie ungeduldig und deutete auf eine karierte Blechdose, die auf einem der Papierstapel
auf dem Tisch lag. „Und setzten Sie sich.“
Es hatte einst eine ähnliche Situation gegeben und zwar als Harry, der gedacht hatte er würde von Professor
McGonagall aus der Schule verwiesen werden, stattdessen von ihr aber für das Gryffindor Quidditch Team
vorgeschlagen wurde. Er ließ sich in einen Stuhl gegenüber von ihr sinken und nahm sich einen Ginger ZAK. Er
fühlte sich genauso verwirrt und auf dem falschen Fuß erwischt, wie damals.
Professor McGonagall legte Professor Umbrigdes Nachricht zur Seite und schaute Harry ernst an.
„Potter, Sie müssen vorsichtig sein.“
Harry schluckte den Bissen Ginger ZAK hinunter und starrte sie an. Ihrer Stimme klang nicht im Geringsten so, wie
sonst immer. Nicht lebhaft, frisch und streng, sondern gedämpft und ängstlich und irgendwie menschlicher als
gewohnt.
„Fehlverhalten in Dolores Umbrigdes Unterricht könnte Ihnen mehr einbringen als Punkteabzug von Ihrem Haus und
einer Strafe.“
„Was meinen Sie - ?“
„Potter, benützen Sie doch Ihren Verstand,“ zischte Professor McGonagall mit einem sofortigen Wandel zu ihrer
üblichen Art. „Sie wissen doch woher sie kommt und wem sie alles berichtet.“
Die Klingel läutete das Ende der Stunde an. Von überallher waren die elefantenartigen Geräusche von hunderten
Schülern in Bewegung zu hören.
„Hier steht, daß sie Ihnen für die Abende dieser Woche Nachsitzen erteilt hat; beginnend mit dem morgigen,“ sagte
Professor McGonagall, die sich nun Umbridges Nachricht noch einmal anschaute.
„Jeden Abend dieser Woche!,“ wiederholte Harry geschockt. „Aber, Professor könnten Sie nicht - ?“
„Nein, kann ich nicht,“ sagte Professor McGonagall matt.
„Aber - „
„Sie ist Ihre Lehrerin und hat sehr wohl das Recht, Ihnen eine Strafe zu erteilen. Sie werden morgen um fünf Uhr
zum ersten Mal in ihrem Büro erscheinen. Denken Sie daran: seien Sie vorsichtig in ihrer Gegenwart.“
„Aber ich sagte die Wahrheit!,“ verteidigte sich Harry empört. „Voldemort ist zurück. Sie wissen, daß er es ist;
Professor Dumbledore weiß es auch.“
„Um Himmels Willen, Potter!,“ sagte Professor McGonagall und rückte sich wütend die Brille zurecht (Sie ist
entsetzt zusammengezuckt, als Harry Voldemorts Namen aussprach). „Denken Sie wirklich, es geht hier um
Wahrheit oder Lüge? Es geht darum, daß Sie ihren Kopf gesenkt und Ihr Temperament unter Kontrolle halten
sollten.“
Sie erhob sich. Ihr Mund war schmal und die Nasenlöcher weit. Harry stand ebenfalls auf.
„Wollen Sie noch einen Keks?,“ sagte sie gereizt und hielt ihm die Blechdose entgegen.
„Nein, danke,“ sagte Harry kalt.
„Machen Sie sich doch nicht lächerlich,“ fauchte sie.
Er nahm einen.
„Danke,“ sagte er widerwillig.
„Haben Sie Dolores Umbridges Rede beim Fest am Schulbeginn nicht verfolgt, Potter?“
„Jaah,“ sagte Harry. „Ja … sie sagte … Fortschritte werden verhindert oder … nun, das bedeutet, daß … daß sich das
Zauberministerium in Hogwarts einzumischen versucht.“
Professor McGonagall beäugte ihn für einen Moment streng, dann schnaubte sie, lief um ihren Tisch herum und
öffnete die Tür für ihn.
„Nun. Ich bin froh, daß sie auf Hermine Granger hören. In welcher Hinsicht auch immer,“ sagte sie und wies ihn aus
dem Büro.
Kapitel 13 - Abendessen in der Großen Halle
An diesem Abend war das Abendessen in der Großen Halle eine unangenehme Angelegenheit für Harry. Die
Nachricht über seinen lautstarken Streit mit Umbridge hatte sich sogar für Hogwarts Standards ungewöhnlich schnell
herumgesprochen. Er saß zwischen Ron und Hermine und hörte die anderen Schüler um sich herum tuscheln.
Seltsamerweise schien es sie nicht im Geringsten zu stören, daß Harry ihnen zuhören konnte. Es war im Gegenteil
eher so, als ob sie im Stillen hofften, daß er in Rage geraten würde und sich der Streit wiederholen würde, so daß sie
seine Geschichte aus erster Hand hören könnten.
„Er hat gesagt, er hätte gesehen, wie Cedric Diggory ermordet wurde…“
„Er hat behauptet, er hätte sich mit Du-Weißt-Schon-Wer ein Duell geliefert…“
„Jetzt mach mal halblang…“
„Was glaubt der eigentlich, wenn er hier für dumm verkauft?“
„Also bitte….“
„Ich verstehe einfach nicht,“ sagte Harry mit zusammengebissenen Zähnen und legte Messer und Gabel zur Seite
(seine Hände zitterten zu sehr um sie still zu halten), „warum vor zwei Monaten alle die Geschichte geglaubt haben,
die Dumbledore ihnen erzählt hat…“
„Die Sache ist die, Harry, ich bin mir nicht sicher, ob sie das getan haben,“ sagt Hermine grimmig. „Kommt, lasst
uns von hier verschwinden.“
Sie knallte ihr Besteck auf den Tisch; Ron schaute sehnsüchtig auf seinen halbfertigen Apfelkuchen, kam jedoch
eilends mit. Auf dem kompletten Weg durch die Halle wurden sie von den Leuten angestarrt.
„Was meinst Du mit, Du bist Dir nicht sicher, ob die anderen Dumbledore geglaubt haben?“ fragte Harry Hermine
als sie den ersten Treppenabsatz erreicht hatten.
„Schau, Du weißt nicht wie es war, nachdem es passiert ist,“ sagte Hermine leise. „Du kamst zurück, mitten auf dem
Rasen, Cedrics toten Körper fest umklammert … niemand von uns hat gesehen, was im Labyrinth vor sich gegangen
ist … wir hatten nur Dumbledores Wort, daß Du-Weißt-Schon-Wer zurückgekommen, Cedric gekillt und mit Dir
gekämpft hat.“
„Was die reine Wahrheit ist!“ sagte Harry laut.
„Ich weiß, Harry, jetzt reiß mir bitte nicht den Kopf ab.“ sagte Hermine müde. „Es ist nur so, daß sie über den
Sommer nach Hause gefahren sind, bevor sich die Nachricht setzen konnte. Dort haben sie die letzten zwei Monate
damit verbracht zu lesen, daß Du ein Spinner bist und Dumbledore langsam senil wird!“
Regen prasselte gegen die Fensterscheiben, als sie mit großen Schritten durch die leeren Korridore zurück zum
Gryffindorturm gingen. Harry fühlte sich, als ob der erste Tag Wochen gedauert hätte, aber er hatte immer noch
einen Berg Hausaufgaben zu erledigen, bevor er ins Bett gehen konnte. Ein dumpfer Schmerz begann über seinem
rechten Auge zu pochen. Als sie in den Korridor der Fetten Dame bogen, blickte er aus dem regennassen Fenster auf
das dunkle Gelände. In Hagrids Hütte war immer noch kein Licht zu sehen.
„Mimbulus mimbletonia,“ antwortete Hermine, bevor die Fette Dame fragen konnte. Das Porträt schwang auf, um
die dahinter liegende Öffnung freizugeben und die drei kletterten hindurch.
Der Gemeinschaftsraum war ziemlich leer; fast alle waren noch unten beim Abendessen. Krumbein erhob sich von
einem Sessel und kam ihnen laut schnurrend entgegen. Nachdem sich Harry, Ron und Hermine auf ihre drei
Lieblingsstühle am offenen Kamin gesetzt hatten, sprang er leichtfüßig auf Hermines Schoß und rollte sich dort
zusammen, so daß er wie ein rötliches Kissen aussah. Harry blickte in die Flammen; er fühlte sich ausgelaugt und
erschöpft.
„Wie kann es Dumbledore nur zulassen, daß solche Dinge passieren?“ rief Hermine plötzlich und ließ Harry und
Ron durch ihren Ausruf zusammenfahren; Krumbein sprang gekränkt von ihrem Schoß. Wütend hämmerte sie auf
ihre Armlehnen, so daß Teile der Polsterung durch die Löcher kamen. „Wie kann er die fürchterliche Frau
unterrichten lassen? Und das auch noch in unserem ZAG-Jahr!“
„Tja, wir hatten nie besondere Lehrer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste, nicht?“ sagte Harry. „Du weißt
doch, wie es ist, Hagrid hat uns gesagt, niemand will die Stelle; es wird erzählt, sie wäre verhext.“
„Ja, aber jemanden einzustellen, der sich weigert, uns Zaubern zu lassen! Was hat Dumbledore nur vor?“
„Und sie versucht die Leute dazu zu bekommen, für sie zu spionieren,“ sagte Ron düster. „Erinnert ihr euch, daß sie
gesagt hat, wir sollten zu ihr kommen, wenn wir hören, daß jemand erzählt, Du-Weißt-Schon-Wer sei
zurückgekommen?“
„Natürlich, sie ist hier um uns alle auszuspionieren, das ist offensichtlich. Warum hätte Fudge sie sonst hierher
geschickt?“ fauchte Hermine.
„Fangt nicht schon wieder an zu streiten“ meinte Harry müde, als Ron den Mund öffnete um zu kontern. „Können
wir nicht einfach … lasst uns einfach die Hausaufgaben machen, dann sind sie die schon mal erledigt…“
Sie holten ihre Schultaschen aus einer Ecke und gingen zurück zu ihren Stühlen beim Feuer. Mittlerweile kamen die
anderen Schüler vom Abendessen zurück. Harry hielt seinen Kopf vom Porträteingang abgewendet, konnte jedoch
trotzdem die Blicke fühlen, die er auf sich zog.
„Sollen wir zuerst Snapes Aufgaben erledigen?“ fragte Ron und tunkte seine Feder in die Tinte. „„Die Eigenschaften
… von Mondstein … und seine Anwendungen … beim Zubereiten von Zaubertränken …“„ murmelte er während er
die Worte an den Anfang seiner Pergamentrolle schrieb. „So.“ Er unterstrich den Titel und schaute dann
erwartungsvoll zu Hermine.
„Also, was sind die Eigenschaften von Mondstein und seine Anwendungen beim Zubereiten von Zaubertränken?“
Aber Hermine hörte ihm nicht zu; sie blickte vielmehr in die entfernteste Ecke des Raums, wo Fred, George und Lee
Jordan im Zentrum einer Reihe von unbedarft aussehenden Erstklässlern saßen, die alle etwas kauten, das aus einer
großen Papiertüte zu kommen schien, die Fred in den Armen hielt.
„Nein, das tut mir leid, jetzt gehen sie zu weit,“ sagte sie, fürchterlich wütend aussehend, und stand auf. „Komm
schon, Ron.“
„Ich - was?“ fragte Ron, eindeutig auf Zeit spielend. „Nein - komm schon, Hermine - wir können ihnen keine
Standpauke halten, nur weil sie Süßigkeiten verteilen.“
„Du weißt ganz genau: das sind Nasenblutnougats oder - oder Kotzpastillen oder -“
„Ohnmachtskekse?“ schlug Harry leise vor.
Ein Erstklässler nach dem anderen sackte ohnmächtig auf seinem Platz zusammen, gerade so, als ob ihnen jemand
mit einem unsichtbaren Hammer eins über den Schädel gegeben hätte; einige glitten auf den Boden, andere hingen
nur über den Armlehnen ihrer Stühle, allen guckte die Zunge aus dem Mund. Die meisten der Zuschauer lachten;
Hermine jedoch straffte ihre Schultern und marschierte direkt zu Fred und George, die mit Clipboards in der Hand
aufmerksam die bewusstlosen Erstklässler studierten. Ron erhob sich halb aus seinem Sessel, verharrte einen
Moment unschlüssig in der Luft und murmelte dann zu Harry. „Sie hat es unter Kontrolle,“ bevor er, so tief es seine
schlaksige Gestalt zuließ, in seinem Stuhl versank.
„Das reicht!“ sagte Hermine energisch zu Fred und George, die beide leicht erstaunt aufsahen.
„Ja, das stimmt,“ nickte George, „diese Dosierung scheint stark genug zu sein, nicht wahr?“
„Ich habe euch heute Morgen gesagt, daß ihr diesen Müll nicht an Schülern testen könnt!“
„Wir zahlen sie!“ sagte Fred entrüstet.
„Ist mir egal, das könnte gefährlich für sie sein!“
„Unsinn,“ sagte Fred.
„Ganz ruhig, Hermine, ihnen geht“s gut!“ sagte Lee beruhigend, als er von Erstklässler zu Erstklässler ging und
ihnen lila Süßigkeiten in die offenen Münder steckte.
„Ja, schau, sie kommen wieder zu Bewusstsein,“ sagte George.
Einige der Erstklässler bewegten sich wirklich. Viele sahen so geschockt aus, als sie sich auf dem Boden liegend
oder von den Stühlen hängend wiederfanden, daß Harry sicher war: Fred und George hatten sie nicht über die
Wirkung der Kekse aufgeklärt.
„Alles ok?“ fragte George freundlich das kleine dunkelhaarige Mädchen, das zu seinen Füßen lag.
„Ich - ich denke ja,“ sagte sie mit zittriger Stimme.
„Hervorragend,“ sagte Fred glücklich, aber in der nächsten Sekunde hatte Hermine ihm das Clipboard und die
Papiertüte mit den Ohnmachtskekse aus den Händen gerissen.
„Nichts ist hervorragend!“
„Natürlich ist es, sie leben noch, siehst du“s nicht?“ antwortete Fred wütend.
„Das könnt ihr nicht machen, was wäre passiert, wenn einer von dem Zeug ernsthaft krank geworden wäre?“
„Unsere Sachen machen nicht krank, wir haben sie alle an uns selbst ausprobiert. Wir machen das nur um zu sehen,
ob jeder gleich darauf reagiert -“
„Wenn ihr nicht sofort damit aufhört, dann werde ich -“
„Uns nachsitzen lassen?“ fragte Fred, in einer würde-gern-sehen-wie-du-das-versuchst Stimme.
„Uns Strafarbeiten aufgeben?“ fragte George grinsend.
Schaulustige im ganzen Raum begannen zu Lachen. Hermine richtete sich zu ihrer vollen Größe auf; ihre Augen
waren zusammengekniffen und ihre buschigen Haare schienen vor Elektrizität zu knistern.
„Nein,“ sagte sie mit vor Wut zitternder Stimme, „aber ich werde es eurer Mutter schreiben.“
„Würdest du nicht,“ sagte George entsetzt und wich einen Schritt zurück.
„Doch, würde ich,“ sagte Hermine grimmig. „Ich kann euch nicht davon abhalten, das Zeug selbst zu essen, aber ihr
werdet es nicht an Erstklässlern testen.“
Fred und George sahen wie vom Donner gerührt aus. Es war klar, daß ihrer Meinung nach Hermines Drohung unter
die Gürtellinie ging. Hermine warf den Zwillingen einen letzten drohenden Blick zu, drückte Fred Clipboard und
Papiertüte wieder in die Hand und stolzierte zurück zu ihrem Stuhl am Feuer.
Ron war mittlerweile so tief in seinem Stuhl versunken, daß sich seine Nase ungefähr auf Kniehöhe befand.
„Danke für Deine Unterstützung, Ron,“ sagte Hermine bissig.
„Das hast Du prima selbst hinbekommen,“ murmelte Ron.
Hermine starrte einige Sekunden auf ihre leere Pergamentrolle und sagte dann gereizt, „Ach, es hat keinen Zweck,
ich kann mich nicht konzentrieren. Ich gehe ins Bett.“
Sie riss ihre Tasche auf; Harry dachte, sie wollte ihre Bücher wegpacken, an Stelle dessen zog sie jedoch zwei
unförmige Objekte aus Wolle hervor, legte sie sorgfältig auf einen Tisch beim Kamin, bedeckte sie mit ein paar
zusammengeknüllten Pergamentrollen und einer zerbrochenen Schreibfeder und ging ein Stück zurück, um ihr Werk
zu begutachten.
„Was in Merlins Namen machst du?“ fragte Ron und schaute sie an, als ob er um ihren Verstand fürchtete.
„Das sind Kappen für Hauselfen,“ sagte sie forsch und stopfte jetzt ihre Bücher in die Tasche. „Ich habe sie während
der Sommerferien gemacht. Ohne Zaubern bin ich sehr langsam, aber jetzt, wo ich zurück in Hogwarts bin, kann ich
bestimmt viel mehr davon stricken.“
„Du lässt sie hier liegen für die Hauselfen?“ fragte Ron langsam. „Und Du bedeckst sie zuerst mit Abfall?“
„Ja,“ sagte Hermine aufsässig und schwang die Tasche auf ihren Rücken.
„Das läuft hier nicht,“ sagte Ron wütend. „Du versuchst, sie durch einen Trick dazu zu bringen, die Kappen zu
nehmen. Du befreist sie, selbst wenn sie gar nicht frei sein wollen.“
„Natürlich wollen sie frei sein!“ sagte Hermine sofort, errötete jedoch. „Wage es nicht, diese Kappen anzurühren,
Ron!“
Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging. Ron wartete, bis sie hinter der Tür zum Mädchenschlafsaal
verschwunden war, dann entfernte er den Abfall von den Wollkappen.
„Sie sollten wenigstens sehen, was sie aufheben,“ sagte er entschieden. „Wie auch immer ...,“ er rollte das Pergament
zusammen auf dem er den Titel des Aufsatzes für Snape geschrieben hatte, „es hat keinen Sinn zu versuchen es jetzt
zu Ende zu bringen, ich kann es nicht ohne Hermine. Ich habe keinen blassen Schimmer davon, was man mit
Mondsteinen machen kann, Du vielleicht?.“
Harry schüttelte den Kopf, wobei ihm auffiel das seine rechte Schläfe dadurch nur noch mehr schmerzte. Unter
scharf stechenden Schmerzen, dachte er an den langen Aufsatz über die Gigantenkriege. Er wußte, er würde es am
nächsten morgen bedauern, wenn er seine Hausaufgaben heute nacht nicht schaffte, packte aber seine Bücher zurück
in seine Tasche.
„Ich gehe auch ins Bett.“
Auf seinem Weg zur Tür zum Schlafsaal kam er an Seamus vorbei, aber er sah nicht zu ihm hin. Harry hatte den
flüchtigen Eindruck, als ob Seamus seinen Mund geöffnet hatte, um etwas zu sagen, aber er ging schneller und
erreichte die friedliche Ruhe an der steinernden Wendeltreppe ohne noch mehr Provokationen ertragen zu müssen.
Der folgende Tag brach genauso bleiern und regnerisch an, wie der vorherige. Beim Frühstück war Hagrid immer
noch nicht am Lehrertisch.
„Erfreulich immerhin, heute kein Snape,“ sagte Ron angeregt. Hermine gähnte ausgiebig und goß sich etwas Kaffee
ein. Sie sah leicht erfreut aus über irgend etwas, und als Ron sie fragte, was es war, sagte sie einfach, „Die Mützen
sind weg. Es scheint, die Hauselfen wollen doch die Freiheit.“
„Darauf würde ich nicht wetten,“ sagte Ron spitz zu ihr. „Vielleicht gehen sie gar nicht als Kleidung durch. Für mich
sahen sie überhaupt nicht aus wie Mützen, eher wie Blasen aus Wolle.“
Hermine sprach den ganzen morgen nicht mit ihm.
Auf eine Doppelstunde Zaubersprüche folgte einer Doppelstunde Verwandlung.
Professor Flitwick und Professor McGonagall verwendeten beide die ersten fünfzehn Minuten darauf, der Klasse
einen Vortrag über die Wichtigkeit der ZAGs zu halten.
„Woran sie immer denken müssen,“ sagte der kleine Professor Flitwick piepsig, wie immer auf einem Haufen
Bücher hockend, um über den Schreibtisch gucken zu können,“ist, das diese Abschlussprüfungen ihre Zukunft für
viele Jahre beeinflussen können! Wenn Sie sich bis jetzt noch keine ernsthaften Gedanken über Ihren Werdegang
gemacht haben, jetzt ist die Zeit dafür gekommen. Und in der Zwischenzeit, befürchte ich, werden wir härter arbeiten
müssen, als je zuvor, um sicher zu gehen, das sie alle sich selbst gerecht werden!“
Sie verbrachten dann über eine Stunde damit Herbeirufe-Zauber zu wiederholen, die Professor Flitwick zufolge
bestimmt bei den ZAG drankämen. Die Stunde wurde sodann mit den wohl umfangreichsten Zauberspruch-
Hausaufgaben abgerundet, die sie je auf bekommen hatten.
In Verwandlung war es genauso, wenn nicht schlimmer.
„Sie können nicht durch einen ZAG kommen,“ sagte Professor McGonagall mit grimmiger Mine, „ohne ernsthaften
Fleiss, ohne zu üben und zu lernen. Ich sehe keinen Grund, warum nicht jeder in dieser Klasse einen ZAG in
Verwandlung erreichen sollte, solange sie dafür etwas tun.“ Neville ließ ein trauriges kleines Geräusch von
Ungläubigkeit vernehmen. „Ja, Sie ebenso, Longbottom,“ sagte Professor McGonagall. „An ihrer Arbeit gibt es nicht
auszusetzen, Sie brauchen nur mehr Selbstvertrauen. So ... heute fangen wir mit Verschwinde-Zaubern an. Sie sind
einfacher als die Beschwörungs-Zauber, die Sie für gewöhnlich nicht vor der ZAK-Stufe versuchen sollten, aber sie
gehören immer noch zu der schwierigsten Zauberei, über die Sie während der ZAG-Prüfungen geprüft werden.
Sie hatte ziemlich recht. Harry fand die Verschwinde-Zauber höllisch schwer. Am Ende der Doppelstunde hatten
weder er noch Ron es geschafft die Schnecken verschwinden zu lassen, an denen sie übten, obwohl Ron voller
Hoffnung mitteilte, er dächte seine sähen ein wenig blasser aus. Hermine, andererseits, ließ ihre Schnecke beim
dritten Versuch verschwinden, was ihr einen zehn Punkte Bonus für Gryffindor von Professor McGonall einbrachte.
Sie war die einzige, die keine Hausaufgaben auf bekam. Alle anderen wurde aufgetragen den Zauberspruch über
Nacht zu üben, um für einen erneuten Versuch am folgenden Nachmittag vorbereitet zu sein.
In leichter Panik ob des Umfangs der Hausaufgaben, die sie machen mußten, verbrachten Harry und Ron die
Mittagspause in der Bibliothek, um etwas über den Gebrauch von Mondsteinen bei dem Zubereiten von
Zaubertränken nachzuschlagen.
Hermine gesellte sich nicht zu ihnen, da sie immer noch wütend wegen Rons beleidigenden Äußerungen über ihre
Wollmützen war.
Am Nachmittag, als sie Pflege magischer Geschöpfe erreicht hatten, hatte Harry wieder Kopfschmerzen.
Es war kühl und windig geworden, und als sie runter über den abfallenden Rasen in Richtung Hagrids Hütte gingen,
die sich am Rand des verbotenen Waldes befand, fühlten sie gelegentliche Regentropfen auf ihren Gesichtern.
Professor Rauhe-Pritsche stand etwa zehn Meter for Hagrids Haustür entfernt und wartete auf die Klasse. Vor ihr
stand ein langer aufgebockter Tisch, der mit Zweigen beladen war. Als Harry und Ron sie erreicht hatten, erklang
lautes Gelächter hinter ihnen. Als sie sich umdrehten, sahen sie Draco Malfoy mit großen Schritten auf sie
zukommen, umgeben von seiner üblichen Bande von Slytherins. Er hatte offenbar gerade etwas sehr lustiges von
sich gegeben, denn Crabbe, Goyle, Pansy Parkinson und der Rest kicherten immer noch herzlich, als sie sich um den
Tisch scharten. Danach zu urteilen wie sie alle auf Harry blickten, konnte er sich das Thema des Witzes ohne große
Schwierigkeit ausmalen.
„Sind alle da?,“ bellte Professor Rauhe-Pritsche, als alle Slytherins und Gryffindors angekommen waren. „Dann lasst
uns loslegen. Wer kann mir sagen, wie man diese Dinger hier nennt?.“
Sie zeigte auf den Haufen Zweige vor ihr. Hermines Hand schoss in die Luft. Hinter ihrem Rücken machte Malfoy
sie nach, indem er mit vorstehenden Zähnen eifrig auf und ab sprang, um eine Frage zu beantworten. Pansi Parkinson
stieß ein schrilles Lachen aus, das jedoch fast sofort in einen Schrei überging, als die Zweige in die Luft sprangen
und sich selbst als etwas offenbarten, das so aussah wie kleine koboldartige Geschöpfe aus Holz, jedes mit knorrigen
braunen Armen und Beinen, zwei zweigengleiche Finger am Ende jeder Hand und ein lustiges flaches rindenhaftes
Gesicht, in dem ein Paar von käfer-braunen Augen funkelten.
„Oooooh!,“ sagten Parvati and Lavender, die Harry sehr ärgerlich machten.
Jeder würde nun denken, Hagrid hätte ihnen nie beeindruckende Geschöpfe gezeigt.
Zugegeben, die Schüttelwürmer waren ein wenig lahm, aber die Salamander und die Hippogreife waren interessant,
und die knallrümpfigen Kröter wohl etwas zu interessant.
„Würdet Ihr bitte Eure Stimmen etwas senken, Mädchen!,“ sagte Professor Rauhe-Pritsche scharf, wobei sie eine
Handvoll von etwas das aussah wie brauner Reis unter den Zweig-Geschöpfen verstreute, die sich sofort auf das
Futter stürzten.
„Nun, weiß irgend jemand die Namen für diese Geschöpfe? Miss Granger?.“
„Kleinbäumler,“ sagte Hermine. „Sie sind Baumwächter, für gewöhnlich leben sie in Zauberstab-Bäumen.“
„Fünf Punkte für Gryffindor,“ sagte Professor Rauhe-Pritsche. „Ja, dies sind Kleinbäumler, und wie Miss Granger
richtig gesagt hat, leben sie hauptsächlich in Bäumen, deren Holz Zauberstabqualität hat. Weiß jemand wovon sie
sich ernähren?.“
„Holzläuse,“ sagte Hermine sofort, was erklärte, warum sich das, was Harry für braune Reiskörner gehalten hatte,
bewegte. „Aber Feeneier, wenn sie sie bekommen können..“
„Gut, Mädchen, hier hast Du nochmal fünf Punkte. Nun, immer wenn ihr Blätter oder Holz von einem Baum
braucht, in dem ein Kleinbäumler lebt, ist es weise Holzläuse als Geschenk bereit zu halten, um ihn abzulenken oder
zu besänftigen. Sie sehen vielleicht nicht gefährlich aus, aber, wenn sie verärgert sind, werden sie versuchen nach
menschlichen Augen mit ihren Fingern zu bohren, welche, wie Sie sehen können, sehr scharf sind, so daß sie sich
niemand nahe der Augäpfel wünscht. Nun, wenn sie näher herankommen möchten, nehmen sie sich ein paar
Holzläuse und einen Kleinbäumler - Ich habe genug, daß drei von ihnen je einen bekommen können. Sie können sie
dann näher betrachten. Am Ende der Stunde möchte ich von jedem eine Skizze mit allen Körperteilen beschriftet.
Die Klasse drängelte vorwärts um den Tisch herum. Harry ging absichtlich um den Tisch herum, um schliesslich
neben Professor Rauhe-Pritsche zu stehen.
„Wo ist Hagrid?,“ fragte er sie, als sich die anderen Kleinbäumler aussuchten.
„Kümmere Dich nicht darum.,“ sagte Professor Rauhe-Pritsche zurückhaltend, genauso wie sie das letzte Mal
reagiert hatte, als Hagrid nicht gekommen war, um zu unterrichten. Über sein ganzes spitzes Gesicht grinsend lehnte
sich Draco Malfoy hinüber zu Harry und packte den größten Kleinbäumler.
„Vielleicht,“ sagte Malfoy mit gedämpfter Stimme, so das nur Harry ihn hören konnte, „hat sich der große dumme
Trampel selbst schwer verletzt.“
„Vielleicht wirst Du das, wenn nicht die Klappe hältst,“ sagte Harry aus dem Mundwinkel.
„Vielleicht hat er auch mit Zeug herumgemacht, das zu groß für ihn war, wenn Du verstehst, was ich meine.“
Malfoy ging weg, grinste Harry über seine Schulter an, der sich plötzlich schlecht fühlte. Wußte Malfoy etwas? Sein
Vater war noch immer ein Todesser; was, wenn er Informationen über Hagrids Schicksal hatte, hatte er schon was
von dem Auftrag gehört? Er ging zurück, um den Tisch, zu Ron und Hermine, die etwas weiter entfernt im Gras
hockten und versuchten, einen Baumgeist zu überzeugen, noch etwas länger zubleiben, damit sie ihn zeichnen
konnten. Harry zog ein Pergament und eine Feder heraus, hockte sich neben die anderen und erzählte ihnen
flüsternd, was Malfoy gesagt hatte.
„Dumbledore würde wissen, wenn etwas mit Hagrid passiert ist,“ sagte Hermine sofort. „Es ist richtig Malfoy in die
Hände zuspielen und besorgt zugucken; es sagt ihm, da? Wir nicht genau wissen, was los ist. Wie müssen ihn
einfach ignorieren, Harry. Hier, halte mal den Baumgeist für einen Moment, damit ich sein Gesicht zeichnen kann
…“
„Ja,“ kam das freie gedehnte Sprechen von Malfoy, von einer Gruppe in ihrer nähe. „Vater sprach vor ein Paar
Tagen mit dem Minister, wißt ihr, und es klingt als wenn das Ministerium diesmal entschlossen sei, bei
unterdurchschnittlichem Lehren hart durchzugreifen. Also, sogar wenn dieser zu groß gewachsene Idiot wieder
auftaucht, wird er wahrscheinlich gleich wieder zum Teufel gejagt.“
„OUCH!“
Harry hatten den Baumgeist so stark gegriffen. Er schlug Harry mit seinen scharfen Fingern auf die Hand, um sich an
ihm zurächen, sie hinterließen zwei, lange, tiefe Schnitte. Harry ließ es fallen. Crabbe und Goyle, die schon beim
Gedanken, daß Hagrid gefeuert werden könnte, in lautes Gelächter ausgebrochen waren, lachten noch lauter, als der
Baumgeist, so schnell er konnte, in den Wald rannte, ein kleines Strichmännchen, das bald von den Baumwurzeln
verschluckt wurde. Als die Klingel über das Gelände läutete, rollte Harry sein blutbeflecktes Baumgeistbild ein und
ging zum Kräuterkundeunterricht. Seine Hand hatte er in Hermines Taschentuch eingewickelt und Malfoys
höhnisches Gelächter klang leise in seinen Ohren.
„Wenn er Hagrid nochmal einen Idioten nennt …“ sagte Harry durch die zusammengebissenen Zähne.
„Harry, such keinen Streit mir Malfoy, vergiss nicht, er ist jetzt Vertrauensschüler und kann dir das Leben schwer
machen …“
„Wow, ich frage mich, wie ist es ein schweres Leben zuhaben?“ sagte Harry sarkastisch. Ron lacht, aber Hermine
runzelt die Stirn. Zusammen schlendern sie über das Gemüsebeet. Der Himmel sah noch nicht imstande aus, seinen
Verstand zu bilden, ob es regnen sollte oder nicht.
„Ich wünschte Hagrid würde sich beeilen und kommt zurück, das ist alles,“ sagte Harry in einer niedrigen Stimme,
da sie die Gewächshäuser erreichen. „Und sagt nicht, daß Rauhe-Pritsche Frauen besser unterrichten!“ fügte er
drohend hinzu.
„Ich werde es nicht machen,“ sagte Hermine ruhig.
„Weil sie nie so gut wie Hagrid sein wird,“ sagt harry entschlossen, völlig bewusst und verärgert darüber, daß er
gerade eine vorbildliche Lektion in Pflege Magischer Geschöpfe erhalten hatte.
Die Tür von dem dichtesten Gewächshaus wurde geöffnet und einige Viertklässler kamen raus, inklusive Ginny.
„Hi,“ sagte sie strahlend als sie vorbeigingen. Wenige Sekunden später, kam Luna Lovegood zum Vorschein, die
sich hinter dem Rest der Klasse herschleppte, ein Schmutzfleck, aus Erde, auf ihrer Nase hatte und ihre Haare zu
einen Knoten gebunden hatte. Als sie Harry sah, schwellten ihre vorstehenden Augen vor Aufregung an und sie ging
geradewegs auf ihn zu. Viele von seinen Klassenkameraden wendeten sich neugierig um und schauten zu. Luna
nahm noch einen großen Atem und sagte dann, nicht viel als ein vorbereitetes hall, „Ich glaube Der Dessen Namen
Man Nicht Sargen Darf ist zurück und ich glaube du wirst gegen ihn kämpfen und entkommst ihm.“
„Äh - richtig,“ sagte Harry linkisch. Luna trug Ohrringe, die aussahen wie ein Paar orange Rettiche. Eine Tatsache,
die Parvati und Lavender beachtet hatten, da sie kichernd auf ihre Ohrläppchen zeigten.
”Lacht ruhig” sagte Luna und erhob ihre Stimme, offenbar hatte sie den Eindruck, daß Parvati und Lavender darüber
lachten, was sie gesagt hatte und nicht darüber, was sie trug, „aber früher dachten die Menschen wirklich, daß es so
was wie irres verrücktes Plappermaul oder Schrumpelhörniger Schnarchsack gar nicht gibt!“
„Nun, sie hatten recht, nicht wahr?“ sagte Hermine ungeduldig.
„Es gab keine irres verrücktes Plappermaul oder Schrumpelhörnige Schnarchsäcke.“
Luna guckte sie vernichtend an und stolzierte weg, die Rettiche schaukelten wie wild. Parvati und Lavender waren
nicht die einzigen, die jetzt schreiend lachten.
„Würde es dir was ausmachen, die Leute in Ruhe zulassen, die mir glauben?“ fragte Harry Hermine als sie auf dem
Weg ins Klassenzimmer waren.
„Oh, um Himmels willen, Harry, du hast was besseres verdient,“ sagte Hermine. „Ginny hat mir alles über sie
erzählt; wie es scheint, glaubt sie jeden haben zu können. Nun gut, ich hätte nichts anderes erwartet von jemanden,
dessen Vater die Hexenwoche herausgibt.
Harry dachte an die geflügelten Pferde, die er in der Nacht gesehen hatte und wie Luna sagte, sie könnte sie auch
sehen. Seine inneren Vorstellungen gingen etwas unter. Hat sie gelogen? Aber, bevor er seine Gedanken den
Angelegenheiten widmen konnte, kam Ernie Macmillan zu ihm hochgestiegen.
„Du sollst wissen, Potter,“ sagte er mit lauter und tragender Stimme, „daß es nicht nur Verrückte sind, die dich
unterstützen. Ich persönlich glaube dir hundertprozentig. Meine Familie hat immer hinter Dumbledore gestanden,
und somit auch ich.
„Äh - vielen Dank, Ernie,“ sagte Harry bestürzt, aber erfreut. Ernie konnte bei einer Gelegenheit wie diese,
wichtigtuerisch sein, aber Harry war in einer Stimmung, eine vertraute Stimme von jemanden tief zu schätzen, dem
keine Rettiche von den Ohren hingen. Ernies Wörter waren zweifellos und wischte das Lächeln von Lavender
Browns Gesicht. Er drehte sich um, um mit Ron und Hermine zureden. Harry sah Seamus verwirrten und
herausfordernden Ausdruck.
Um niemanden zu überraschen, startete Professor Sprout ihre Stunde mit einem Vortrag über die Wichtigkeit des
ZAGs. Harry wünschte sich, daß die Lehrer damit aufhörten, es machte ihm schon bange, jedes Mal, wenn er sich
erinnerte wie viele Hausaufgaben er noch machen mußte, drehte sich ihm der Magen um. Ein Gefühl das schlechter
wurde, als Professor Sprout ihnen am Ende der Stunde noch einen anderen Vortrag hielt. Müde und nach Drachenkot
stinkend, Professor Sprouts Lieblings Düngmittel, gingen die Gryffindors eineinhalb Stunden später zum Schloss
zurück. Keiner von ihnen sprach viel, denn es war ein anderer langer Tag gewesen.
Weil Harry fast verhungerte, und seine erste Strafarbeit bei Umbridge um fünf uhr war, ging er sofort zum Essen
ohne seine Tasche hoch in den Gryffindorturm zu bringen, damit er noch etwas hinunterschlingen konnte, bevor er
das, was sie für ihn vorbereitet hatte, machen mußte. Er hatte den Eingang der Großen Halle erreicht, als jedoch eine
laute und verärgerte Stimme „Oi, Potter!“ rief.
„Was is?“ murmelte er träge, drehte sein Gesicht zu Angelina Johnson, die aussah, als ob sie sehr gereizt wäre.
„Ich erzähle dir was ist,“ sagte sie, marschierte zu ihm und stieß ihn mit ihren Fingern in den Brustkorb. „Wie hast
du es geschafft, daß du am Freitag am fünf #Uhr nachsitzen mußt?“
„Was?“ sagt Harry. „Warum … Oh yeah, Hüterauswahl!“
„Jetzt erinnert er sich!“ knurrte Angelina wütend. „Habe ich dir nicht gesagt, daß ich die Auswahl mit der ganzen
Mannschaft machen wollte, damit es jedem passt? Habe ich dir nicht gesagt, daß ich extra das Quidditchfeld gebucht
habe? Und jetzt hast du entschieden, das du nicht dahin kommst!“
„Ich habe nicht entschieden, das ich nicht dahin komme kann!“ sagte Harry brennend, wegen der Ungerechten
Wörter. „Ich bekam gerade von der Umbridge Frau Nachsitzen, weil ich ihr die Wahrheit über Du-Weißt-Schon-
Wen gesagt habe.
„Gut, dann gehe direkt zu ihr und frage sie ob sie dich am Freitag weg lässt,“ sagte Angelina scharf, „und es ist mir
egal wie du das machst. „Erzähl ihr, daß Du-Weißt-Schon-Wer eine deiner Phantasien ist, wenn du willst,
Hauptsache du bist da!“
Sie dreht sich auf den Fersen um und stürmte weg.
„Wißt ihr was?“ sagte Harry zu Ron und Hermine als sie in die Große Halle gingen. „Ich denke wir sollten mal bei
Puddlemere United nachfragen, ob Oliver Woods wohl beim Training ums Leben gekommen ist, es scheint als
würde sein Geist durch Angelina sprechen.“
„Wie groß, glaubst du, sind deine Chancen, daß die Umbridge dir am Freitag das Nachsitzen erlässt?“ sagte Ron
skeptisch, als sie sich an den Gryffindortisch setzten.
„Weniger als Null,“ sagte Harry niedergeschlagen, häufte sich Lammkoteletts auf seinen Teller und aß sie.
„Versuchen sollte ich es, oder? Ich kann ihr ja zweimal Nachsitzen anbieten oder so was, ich weiß nicht ….“ Er aß
ein Stück Kartoffel und fügte noch hinzu, „Ich hoffe, das sie mich heute Abend nicht solange festhält. „Du bist dir
doch klar, daß wir noch drei Aufsätze schreiben, die Verschwindungszauber für McGonagall üben, einen
Gegenzauber für Flitwick ausarbeiten, die Zeichnung vom Baumgeist fertig machen und dieses blöde
Traumtagebuch für Trelawney beginnen müssen?“
Ron stöhnte und blickte aus irgendeinem Grund flüchtig an die Decke.
„Und es sieht aus, als wird es bald regnen.“
„Was hat das mit unseren Hausaufgaben zutun?“ sagte Hermine, sie zog die Augenbrauen hoch.
„Nichts,“ sagte Ron sofort, seine Ohren erröteten.
Um fünf Minuten vor fünf verabschiedete sich Harry von den anderen beiden und begab sich zu Umbridges Büro im
dritten Stock. Als er an die Tür klopfe, rief sie mit zuckersüßer Stimme: „Komm herein.“ Er trat vorsichtig ein und
schaute sich um.
Er kannte das Büro unter seinen drei vorigen Bewohnern. In den Tagen, in denen Gilderoy Lockhart hier lebte, war
es mit strahlenden Porträts von ihm selbst gepflastert. Als Lupin es besetzte, war es eher, als wenn man ein
faszinierendes dunkles Wesen in seinem Käfig oder Aquarium besuchen würde, wenn man einer Aufforderung
folgte. In den Tagen des Betrügers Moody war es mit verschiedenen Instrumenten und Artefakten zum Entdecken
von Falschheit und Verborgenheit vollgestopft.
Jetzt jedoch war es überhaupt nicht wieder zu erkennen. Alle Flächen waren mit Spitzendecken und Tüchern
bedeckt. Einige Vasen mit getrockneten Blumen, jede auf ihrem eigenen Deckchen thronend standen herum, und an
einer Wand hing eine Sammlung Ziehrrahmen, jeder geschmückt mit einem großen Kätzchen in Technicolor mit
verschiedenfarbigen Schleifen um den Hals. Sie waren so abscheulich, daß Harry sie unbeweglich anstarrte, bis
Professor Umbridge wieder sprach.
„Guten Abend, Potter.“
Harry fuhr auf und schaute sich um. Er hatte sie zuerst nicht bemerkt, weil sie ein grell geblümtes Kostüm trug, das
nur zu gut mit der Tischdecke auf dem Schreibtisch hinter ihr verschmolz.
„Abend, Professor Umbridge,“ sagte Harry steif.
„Nun, setz dich,“ sagte sie und zeigte auf einen kleinen Tisch mit Spitzendecke, vor den sie einen gradlehnigen Stuhl
geschoben hatte. Ein Stück leeres Pergament lag auf dem Tisch, offensichtlich auf ihn wartend.
„Ähm,“ sagte Harry, ohne sich zu bewegen. „Professor Umbridge. Äh, bevor wir anfangen, Ich - ich wollte sie um ...
um einen Gefallen bitten.“
Ihre hervortretenden Augen verengten sich.
„Oh ja?“
„Nun, ich ... ich bin im Gryffindor Quidditch Team. Und ich soll bei den Probespielen für die neuen Hüter um fünf
Uhr am Freitag anwesend sein und ich habe - habe mich gefragt ob ich den Arrest an diesem Abend nicht
verschieben und ihn - ihn an einem anderen Abend absitzen könnte ... stattdessen ...
Lange vor dem Ende seines Satzes wußte er, daß es nicht gut war.
„Oh nein,“ sagte Umbridge, und lächelte so breit, daß sie aussah, als habe sie gerade eine besonders saftige Fliege
verschluckt. „Oh nein nein nein. Dies ist deine Strafe für das Verbreiten von bösen, abstoßenden, Aufmerksamkeit
heischenden Geschichten, Potter, und Strafen können sicherlich nicht so zurecht gerückt werden, daß sie in die
Bequemlichkeit des Schuldigen passen. Nein, du wirst morgen um fünf Uhr hierher kommen, und übermorgen, und
am Freitag auch, du wirst deinen Arrest wie geplant absitzen. Ich finde es eher gut, daß du etwas versäumst, das du
wirklich gerne tust. Es sollte die Lektion die ich dich lehren will verstärken.
Harry fühlte das Blut in seinen Kopf steigen und hörte ein pochendes Geräusch in seinen Ohren. Er erzählte also
„böse, abstoßende, Aufmerksamkeit heischende Geschichten?“
Sie beobachtete ihn mit leicht seitlich gelegtem Kopf, immer noch breit lächeld, als ob sie genau wüsste, was er
dächte, und abwartend, ob er wieder anfangen würde zu schreien. Mit einer enormen Anstrengung schaute Harry von
ihr weg, legte seine Schultasche neben den geradlehnigen Stuhl und setzte sich.
„Aha,“ sagte Umbridge süß, „wir werden besser in der Kontrolle unseres Temperaments, nicht wahr? Jetzt wirst du
etwas für mich schreiben, Potter. Nein, nicht mit deiner Feder,“ fügte sie hinzu, als Harry sich niederbeugte, um
seine Tasche zu öffnen. „Du wirst eine ganz besondere von mir benutzen. Hier ist sie.“
Sie übergab ihm eine lange, dünne, schwarze Feder mit einer ungewöhnlich scharfen Spitze.
„Ich möchte, daß du schreibst: Ich darf keine Lügen erzählen, teilte sie ihm sanft mit.
„Wie oft?“ fragte Harry, mit einer glaubwürdigen Imitation von Höflichkeit.
„Oh, so lange es braucht, bis die Botschaft eingedrungen ist,“ sagte Umbridge süß. „Nun fang an.“
Sie ging zu ihrem Schreibtisch, setzte sich und beugte sich über einen Stapel Pergamente, der aussah wie ein Stoß zu
korrigierender Aufsätze. Harry ergriff die scharfe schwarze Feder, dann merkte er was fehlte.
„Sie haben mir keine Tinte gegeben,“ sagte er.
„Dur wirst keine Tinte brauchen,“ sagte Professor Umbridge, mit der unschuldigsten Andeutung eines Lachens in
ihrer Stimme.
Harry setzte die Spitze der Feder auf das Papier und schrieb: Ich darf keine Lügen erzählen.
Er stieß ein schmerzliches Keuchen aus. Die Wörter erschienen auf dem Pergament in einer Farbe, die rote Tinte zu
sein schien. Zur selben Zeit erschienen sie auf Harrys rechter Hand, in seine Haut eingeschnitten als seien sie dort
von einem Skalpell mitverfolgt worden - doch während er noch auf den leuchtenden Schnitt starrte heilte die Haut
schon wieder, den Fleck an dem sie gestanden hatte ein wenig röter zurücklassend als zuvor, jedoch ganz glatt.
Harry schaute auf Umbridge. Sie beobachtete ihn, ihren breiten krötenartigen Mund zog ein Lächeln breit.
„Ja?“
„Nichts,“ sagte Harry ruhig.
Er blickte zurück auf das Pergament, setzte die Feder noch einmal auf, schrieb Ich darf keine Lügen erzählen und
fühlte den brennenden Schmerz auf seinem Handrücken zum zweiten Mal; die Worte wurden ein zweites Mal in
seine Haut geschnitten und verheilten Sekunden später.
Und es ging immer so weiter. Wieder und wieder schrieb Harry die Worte auf das Pergament, und zwar nicht mit
Tinte, wie er bald erkannte, sondern mit seinem eigenen Blut. Und wieder und wieder wurden die Worte in seinen
Handrücken eingeschnitten, verheilten und erschienen erneut, wenn er das nächste Mal die Feder auf das Pergament
setzte.
Vor Umbridge“s Fenster senkte sich die Dunkelheit nieder. Harry fragte nicht, wann er aufhören dürfe. Er schaute
nicht einmal auf seine Uhr. Er wußte, sie beobachtete ihn auf Zeichen von Schwäche und er würde keines zeigen,
nicht einmal wenn er die ganze Nacht hier sitzen müsste, seine eigene Hand mit dieser Feder aufschneidend ...
„Komm her,“ sagte sie, wie es schien nach Stunden.
Er stand auf. Seine Hand brannte schmerzhaft. Als er sie ansah, bemerkte er, daß die Schnitte verheilt waren, aber
die Haut war an dieser Stelle rot und wund.
„Deine Hand,“ sagte sie.
Er streckte sie aus. Sie nahm sie in ihre eigene. Harry unterdrückte einen Schauder, als sie ihn mit ihren dicken,
stummeligen Fingern, an denen sie eine Anzahl häßlicher alter Ringe trug, berührte.
„Ts, ts, ich scheine noch keinen großen Eindruck gemacht zu haben,“ sagte sie lächelnd. „Nun gut, wir müssen es
eben morgen Abend noch einmal versuchen, nicht wahr? Du kannst gehen.“
Harry verließ ihr Büro ohne ein Wort. Die Schule war völlig verlassen; es war sicherlich nach Mitternacht. Er
spazierte langsam den Korridor entlang, und, nachdem er um die Ecke war und sicher, daß sie ihn nicht mehr hörte,
verfiel er ins Rennen.
*
Er hatte keine Zeit gehab, den Verschwinde-Zauber zu üben, keinen einzigen Traum in sein Traumtagebuch
geschrieben und die Zeichnung des Bowtruckle (BogenKreacher) nicht beendet, noch hatte er seine Aufsätze
geschrieben. Er ließ das Frühstück am nächsten Morgen sausen um ein paar erfundene Träume für Wahrsagen, ihrer
ersten Stunde, hin zu schmieren, und war überrascht, einen zerzausten Ron vorzufinden, der ihm Gesellschaft
leistete.
„Wie kommt es daß du das nicht gestern Abend gemacht hast?“ fragte Harry, während Ron im Gemeinschftsraum
planlos nach einer Eingebung herumstierte. Ron, der fest geschlafen hatte, als Harry in den Schlafsaal zurückkehrte,
murmelte etwas von „hatte anderes zu tun,“ beugte sich tief über sein Pergament und kritzelte ein paar Worte.
„So werde ich“s machen,“ sagte er und knallte sein Tagebuch zu. „Ich habe gesagt, ich träumte ich kaufe ein Paar
neue Schuhe, sie kann daraus nicht irgendetwas Gruseliges machen, nicht wahr?“
Sie eilten zusammen zum Nordturm.
„Wie war jedenfalls der Arrest bei Umbridge? Was mußtest du tun?“
Harry zögerte für einen Sekundenbruchteil, dann sagte er: „Strafarbeit schreiben.“
„Das ist nicht zu schlimm, was?“ sagte Ron.
„Nein,“ sagte Harry.
„Hey, ich vergaß, läßt sie dich nächsten Freitag gehen?“
„Nein,“ sagte Harry.
Ron stöhnte mitfühlend.
Es war der nächste schlechte Tag für Harry, er war einer der Schlechtesten in Verwandlungskunde, und hatte nicht
einmal den Verschwinde-Zauber geübt. Er mußte seine Mittagspause drangeben um das Bild vom Bowtruckle
fertigzustellen, und mittlerweile hatten ihnen die Professoren McGonagall, Rauhe-Pritsche und Sinistra noch mehr
Hausaufgaben aufgegeben, für die es wegen seines zweiten Arrest bei Umbridge keine Aussicht gab, daß er sie an
diesen Abend fertigstellen könnte. Um der Sache die Krone aufzusetzen, spürte ihn Angelina Johnson nach dem
Abendessen wieder auf, und sagte ihm, nachdem sie erfahren hatte daß er die Hüter-Probespiele am Freitag nicht
besuchen könne, sie sei von seiner Haltung nicht besonders beeindruckt und sie erwarte von Mitspielern, die im
Team bleiben wollten, das Training vor ihre anderen Verpflichtungen zu stellen.
„Ich habe Arrest!“ schrie Harry ihr nach, als sie davonstolzierte. „Meinst du, ich steckte lieber mit dieser alten Kröte
in einem Raum als Quidditch zu spielen?“
„Jedenfalls ist es nur Schreiben,“ sagte Hermine tröstend, als Harry in seine Bank zurücksank und auf sein Steak und
die Nierenpastete herabsah, an denen er nun nicht mehr viel Gefallen fand. „Es ist nicht so, als wäre es eine wirklich
schreckliche Strafe ...
Harry öffnete seinen Mund, schloß ihn wieder und nickte. Er war nicht ganz sicher, warum er Ron und Hermine
nicht genau erzählte was in Umbridge“s Zimmer geschah: Er wußte nur, daß er ihre Schreckensblicke nicht sehen
wollte; das würde alles noch schlimmer erscheinen lassen und damit schwerer zu ertragen. Er fühlte auch dunkel, daß
dies eine Sache zwischen ihm und Umbridge war, eine private Schlacht des Willens, und er würde ihr nicht die
Befriedigung geben zu hören, daß er sich darüber beklagt hatte.
„Ich kann nicht glauben, wieviel Hausaufgaben wir aufhaben,“ sagte Ron bedrückt.
„Warum hast du gestern Abend keine gemacht?“ fragte ihn Hermine. „Wo warst du übrigens?“
„Ich war ... ich habe einen Spaziergang genossen,“ sagte Ron verschlagen.
Harry hatte den bestimmten Eindruck, daß er im Moment nicht der einzige war, der Dinge verbarg.
*
Der zweite Arrest war genauso übel wie der vorherige. Die Haut von Harrys Handrücken wurde jetzt noch schneller
gereizt, bald war sie rot und entzündet. Harry dachte, es sei unwahrscheinlich, daß eine Ausheilung längerfristig
wirkungsvoll wäre. Bald würde der Schnitt in seiner Hand eingegraben sein und die Umbridge wäre vielleicht
befriedigt. Es entfuhr ihm jedoch nicht der geringste Ausdruck von Schmerz. Vom Beginn seines Eintretens in das
Zimmer bis zum Augenblick seiner Entlassung sagte er nichts ausser „guten Abend“ und „gute Nacht.“
Seine Hausaufgabensituation aber war jetzt zum Verzweifeln. Als er zum Gemeinschaftssaal von Gryffindor
zurückkehrte, ging er nicht, obwohl er erschöpft war, zu Bett, sondern holte seine Bücher hervor und begann mit
Snapes Mondsteinessay.
Es war gegen zwei Uhr dreissig, als er ihn beendet hatte. Er wußte, daß er es nicht besonders gut gemacht hatte, aber
es half nichts. Ansonsten würde er als nächstes bei Snape nachsitzen müssen. Dann stürzte er sich auf die
Beantwortung der Fragen, die Professorin McGonagall ihnen gestellt hatte, stückelte etwas zusammen über den
richtigen Umgang mit BogenKreachern für Professorin Rauhe-Pritsche. Dann taumelte er hoch ins Bett, wo er
angezogen auf die Bettdecke fiel und sofort einschlief.
*
Der Donnerstag ging in einem Dunst von Müdigkeit vorüber. Ron schien ebenfalls sehr schläfrig, obwohl Harry
keinen Grund erkennen konnte, warum er es sein sollte. Harrys dritter Arrest auf die gleiche Art und Weise vorüber
wie die vorangegangenen zwei, ausser daß nach zwei Stunden die Worte „ich darf keine Lügen erzählen“ auf Harrys
Handrücken nicht verblassten, sondern eingeritzt blieben und Bluttröpfchen heraus quollen.
„Ah,“ sagte sie sanft, um ihren Schreibtisch herumgehend und die Hand selbst zu untersuchen. „Schön. Das sollte dir
als Erinnerung helfen, nicht wahr? Für heute Nacht darfst du gehen.“
„Muß ich morgen wieder kommen?“ fragte Harry, während er seinen Schulranzen r mit der linken anstatt mit der
schmerzenden rechten Hand hochhob.
„Oh ja,“ sagte Professorin Umbridge genauso weitlächelnd wie zuvor. „Ja, ich denke wir können die Botschaft in
einer weiteren Abendsitzung noch ein wenig vertiefen.“
Harry hatte nie die Möglichkeit in Betracht gezogen, daß er in dieser Welt einen anderen Lehrer mehr als Snape
hassen könnte, aber als er Richtung Gryffindor-Turm ging, mußte er feststellen, daß er einen starken Herausforderer
gefunden hatte.
Sie ist teuflisch, dachte er, als er das Treppenhaus zum siebten Stock hochging, sie ist eine Teufelin,
verquert,verrückt alt -
„Ron?“
Er hatte das Ende der Treppe erreicht, drehte sich nach rechts und wäre fast in Ron hineingelaufen. Ron, der sich
hinter eine Statue von Lachlan dem Schlaksigen schlich, hielt seinen Besen fest. Er machte vor Überraschung einen
grossen Satz und versuchte, seinen neuen Sauberwisch elf hinter seinem Rücken zu verbergen.
„Was machst du da?“
Harry schaute ihn stirnrunzelnd an.
„Eh - nichts. Und du?“
„Komm,“ erzähle mir nichts! Vor wem versteckst du dich hier?“
„Ich - ich verstecke mich vor Fred und George, wenn du es wissen willst,“ sagte Ron.
„Sie kamen gerade mit einem Haufen vom ersten Jahrgang vorbei, ich wette, sie testen ihr Zeug wieder an ihnen. Ich
meine, sie können das nicht im Gemeinschaftssaal testen, nicht mit Hermine.“
Er sprach auf eine schnelle, fieberhafte Art und Weise.
„Aber was hast du mit deinem Besen vor. Du bist nicht geflogen, oder?“ fragte Harry.
„Ich - also - nun, ok, ich werde es dir sagen, aber lach“ nicht, in Ordnung?“ Ron sagte verteidigend, wobei er mit
jeder Sekunde mehr errötete. „Ich - ich dachte, ich trainiere als Gryffindor Torhüter, jetzt wo ich den anständigen
Besen habe. So, weiter. Lache.“
„Ich lache nicht,“ antwortete Harry. Ron blinzelte. „ Das ist eine brillante Idee! Es wäre wirklich cool, wenn du zum
Team kämst. Ich habe dich nie als Keeper spielen sehen, bist du gut?“
„Ich bin nicht schlecht,“ sagte Ron, den Harrys Verhalten enorm beeindruckte. „Charlie, Fred und George machten
mich zum Keeper, wenn sie während der Freien trainierten.“
„Deshalb hast du nachts geübt?“
„Seit Dienstag jeden Abend … nur für mich. Ich habe versucht, die Quaffels, die auf mich zufliegen, zu verhexen.
Aber es ist nicht leicht gewesen und ich weiss nicht, wie viel Übung man braucht.“ Ron blickte nervös und ängstlich
umher. „Fred und George
würden sich dumm und dämlich lachen bei meinen Übungen. Sie haben nicht aufgehört, mich aufzuziehen, seit ich
zum Vertrauensschüler ernannt worden bin.“
„Ich wünschte, ich wäre nicht hier,“ sagte Harry bitter, als sie sich zusammen Richtung Gemeinschaftssaal
aufmachten.
„Ja, so geht es mir auch - Harry, was ist mit deinem Handrücken?“
Harry, der sich mit seiner freien rechten Hand seine Nase gekratzt hatte, versuchte, sie zu verstecken. Aber er hatte
damit genauso wenig Erfolg wie Ron mit seinem Sauberwisch.
„Es ist nur ein Schnitt - es ist nichts - es ist - „
Aber Ron hatte Harrys Unterarm gegriffen und zog Harrys Handrücken vor seine Augen. Während er auf die in die
Haut eingeritzten Worte starrte, entstand eine Pause. Übelkeit stieg in ihm auf, er ließ Harry los.
„Ich dachte, du sagtest, sie liesse dich nur schreiben?“
Harry zögerte, aber schliesslich, weil Ron ehrlich zu ihm gewesen war, erzählte er Ron die Wahrheit über die
Stunden, die er in Umbridges Büro verbracht hatte.
„Diese alte Hexe!“ sagte Ron in empörten Raunen, als sie vor der fetten Dame kamen zum Stehen, die friedlich,
ihren Kopf an den Bilderrahmen gelehnt, döste. „Die ist krank! Geh“zu McGonnagall, sag“ etwas!“
„Nein,“ sagte Harry sofort, „ich werde ihr nicht die Genugtuung geben, daß sie weiss, daß sie mich geschafft hat:“
„Dich geschafft hat? Du kannst ihr das nicht durchgehen lassen!“
„Ich weiss nicht, wieviel Einfuss McGonagall ihr gegenüber hat,“ sagte Harry.
„Dumbledore, dann erzähle es Dumbledore!“
„Nein!“ sagte Harry kategorisch.
„Warum nicht?“
„Er hat genug um die Ohren,“ sagte Harry, aber das war nicht der wahre Grund. Er würde Dumbledore nicht um
Hilfe bitten, nachdem Dumbledore seit Juni nicht mehr mit ihm gesprochen hatte.
„Nun, ich vermute du solltest - „begann Ron, aber er wurde von der fetten Dame unterbrochen, die sie schläfrig
beobachtete und aus der es nun herausbrach: „Wollt ihr mir jetzt das Passwort geben oder muß ich die ganze Nacht
wach bleiben, bis ihr euer Gespräch beendet habt?.“
*
Der anbrechende Freitag war genauso verdrießlich und durchnässt wie der Rest der Woche. Obwohl Harry beim
Betreten der großen Halle automatisch zum Lehrertisch hinüberblickte, war er ohne wirkliche Hoffnung, Hagrid zu
sehen, und so konzentrierte er sich umgehend auf die drängenden Probleme, wie der gewaltige Berg von
Hausaufgaben, der zu erledigen war, sowie die Aussicht auf ein weiteres Nachsitzen mit Umbridge.
Zwei Dinge hielten Harry an diesem Tag aufrecht. Einmal die Aussicht auf das Wochenende; und zum Anderen, daß
er beim letzten Nachsitzen mit Umbridge - das sicher furchtbar werden wird -vom dortigen Fenster einen guten
Überblick über das Quidditch-Feld haben wird, so daß er mit etwas Glück einige von Rons Übungen sehen wird. Das
waren zwar wirklich nur schwache Lichtstrahlen, das war klar, aber Harry war dankbar für alles, was seine
gegenwärtige Dunkelheit aufhellen konnte, er hatte noch nie so eine erste beschissene Aufenthaltswoche in Hogwarts
gehabt.
Um fünf Uhr Abends klopfte er in der Hoffnung, daß es das letzte Mal war, an Professor Umbridges Bürotür, und
wurde hereingerufen. Das unbeschriebene Pergament lag für ihn auf dem mit Borten verzierten Tisch bereit, die
gespitzte schwarze Feder gleich daneben.
„Sie wissen, was zu tun ist, Mr. Potter“ sagte Umbridge mit einem freundlichen Lächeln.
Harry nahm die Feder und blickte durchs Fenster. Wenn er seinen Stuhl nur ein paar Zentimeter nach rechts schieben
würde ... unter dem Vorwand, näher am Tisch sitzen zu können, würde es gehen. Nun hatte er einen guten Überblick
auf das Quidditch-Team von Gryffindor, das kreuz und quer über das Feld emporschwebte, während ein halbes
Dutzend dunkler Figuren am Fuße der drei hohen Torpfosten stand, und auf seinen Einsatz wartete. Aus der
Entfernung war es unmöglich, Ron zu erkennen.
Ich darf nicht lügen, schrieb Harry. Der Schnitt an seinem rechten Handrücken brach auf und begann wieder zu
bluten.
Ich darf nicht lügen. Der Schnitt riss tiefer ein, er brannte und schmerzte.
Ich darf nicht lügen. Blut tropfte von seinem Handgelenk.
Er wagte einen weiteren Blick aus dem Fenster. Wer auch immer gerade die Torpfosten bewachte, hatte wirklich
einen schlechten Job erwischt. In den paar Sekunden, in denen sich Harry hinzusehen traute, traf Katie Bell zwei
Mal. In der großen Hoffnung, daß der Torwart nicht Ron war, ließ er seine Augen wieder zurück auf das
blutbefleckte Pergament fallen.
Ich darf nicht lügen.
Ich darf nicht lügen.
Er schaute immer dann auf, wenn er dachte, er könne es riskieren; wenn er etwa das Kratzen von Umbridges Feder
hörte, oder das Öffnen einer Tischschublade. Die dritte Person, die es versuchte, war wirklich gut, die vierte war
schrecklich, die fünfte wich einem Bludger grandios aus, versiebte dann aber einen einfachen Ball. Der Himmel
wurde dunkler, und Harry glaubte nicht mehr, daß er den sechsten und siebten Spieler noch sehen könnte.
Ich darf nicht lügen.
Ich darf nicht lügen.
Das Pergament war mittlerweile mit Blutstropfen aus seinem Handrücken befleckt, wobei dieser nun schmerzvoll
trocknete. Als er das nächste Mal aufsah, war die Nacht hereingebrochen, und das Quidditch-Feld war nicht mehr zu
sehen.
„Laß uns sehen, ob Du die Botschaft inzwischen verstanden hast, sollen wir?“ fragte Umbridges ruhige Stimme eine
halbe Stunde später.
Sie kam zu ihm herüber, und streckte ihre kurzen, beringten Finger nach seinem Arm aus. Und als sie ihn festhielt,
um die jetzt in seine Haut geritzten Worte zu untersuchen, brannte der Schmerz, nicht an seinem Handrücken,
sondern an der Narbe auf seiner Stirn. Gleichzeitig hatte er ein sehr eigentümliches Gefühl irgendwo in der
Magengegend.
Er riss seinen Arm aus ihrem Griff, sprang auf die Beine und starrte sie an. Sie blickte zurück, ein Lächeln lag auf
ihrem weiten, offenen Mund.
„Das tut weh, was?“ sagte sie ruhig.
Er antwortete nicht. Sein Herz klopfte schwer und schnell. Sprach sie über seine Hand, oder wußte sie, was er gerade
in seiner Stirn gefühlt hatte?
„Nun, ich denke mir reicht es, Mr. Potter. Sie können gehen.“
Er nahm seine Schultasche und verließ den Raum so schnell er konnte.
Bleib ruhig, sagte er zu sich, als er die Treppen hinauslief. Bleib ruhig, es muß nicht unbedingt das bedeuten, was du
meinst, was es ist ...
„Mimbulus mimbletonia!“ keuchte er zur Fetten Alten Dame, die sich sogleich nach vorne öffnete.
Ein tosendes Gebrüll empfing ihn. Ron kam zu ihm hinüber gerannt, strahlte über das ganze Gesicht, während er sich
mit Butterbier bekleckerte, das aus dem Pokal in seinen Händen schwappte.
„Harry, ich habs geschafft, ich bin drin, ich bin Keeper!“
„Was? Grandios!“ sagte Harry, und versuchte unbekümmert zu lächeln, während sein Herz immer noch raste, und
seine Hand pochend blutete.
„Hier, ein Butterbier,“ Ron drückte ihm eine Flasche in die Hand. „Ich kanns immer noch nicht glauben - wo ist
eigentlich Hermine?“
„Dort,“ sagte Fred, der ebenfalls Butterbier hinunterstürzte, und deutete auf einen Sessel am Kamin. Dort
schlummerte Hermine, das Getränk in ihrer Hand vollführte dabei gefährliche Bewegungen.
„Also, sie hat sich sehr gefreut, als ich es ihr erzählt habe,“ sagte Ron, und sah dabei leicht verwirrt aus.
„Laß sie schlafen,“ rief George hastig. Nur wenige Augenblicke später erkannte Harry, daß einige der
umherstehenden Erstklässler eindeutige Zeichen von frischem Nasenbluten trugen.
„Komm her Ron, wir schauen, ob Dir Olivers altes Trikot passt,“ rief Katie Bell; „wir können den Namen abmachen,
und stattdessen Deinen anbringen ...“
Als Ron sich entfernte, schritt Angelina auf Harry zu.
„Tschuldige, ich war vorhin etwas kurz angebunden zu Dir, Potter,“ sagte sie abrupt. „Dieser Manager-Spaß ist ganz
schön stressig, weißt Du; langsam glaube ich, ich habe Wood manchmal ein bißchen Unrecht getan.“ Sie beobachtete
Ron über den Rand ihres Bechers mit einem leichten Stirnrunzeln.
„Schau, ich weiß, daß er Dein bester Kumpel ist, aber ihm fehlt noch „was,“ sagte sie offen. „Aber ich denke, mit ein
bißchen Training wird das schon klappen. Er kommt aus einer Familie mit guten Quidditch-Spielern. Um ehrlich zu
sein, ich wette, es stellt sich raus, daß er mehr Talent hat, als er uns heute gezeigt hat. Vicky Frobisher und Geoffrey
Hooper sind heute Abend zwar beide besser geflogen, aber Hooper ist ein richtiger Jammerlappen, er klagt
andauernd über dieses oder jenes, und Vicky ist beschäftigt mit allen möglichen Gemeinschaften. So sagte sie
wörtlich, daß wenn das Training mit ihrem Charms-Club zeitlich kollidieren würde, dann würde sie ihren Club
vorziehen. Wie auch immer, wir haben morgen um zwei Uhr eine Praxis-Sitzung, also sieh zu, daß Du da bist. Und
tue mir einen Gefallen und unterstütze Ron soviel Du kannst, in Ordnung?“
Er nickte, und Angelina schlenderte zurück zu Alicia Spinnet. Harry ging in Richtung Hermine, um sich neben sie zu
setzen, sie wachte in dem Moment mit einem Ruck auf, als er seine Tasche absetzte.
„Oh, Harry, du bist“s ... toll, das mit Ron, nicht?” fragte sie benommen. „Ich bin so - so - so müde,“ gähnte sie. „Ich
bin seit ein Uhr auf den Beinen um Hüte zu machen, Sie gehen weg wie verrückt!“
Und wirklich, als er hinsah, konnte er unübersichtlich im ganzen Raum verteilte Wollhüte erkennen, überall dort, wo
unvorsichtige Elfen diese zufällig aufheben könnten.
„Super,“ sagte Harry ablenkend; wenn er nicht gleich etwas loswerden könnte, würde er platzen. „Hör zu, Hermine,
ich war doch gerade in Umbridges Büro, dann berührte sie meinen Arm ....“
Hermine hörte aufmerksam zu. Als Harry aufgehört hatte, fragte sie langsam, „Du befürchtest, daß Du-Weißt-Schon-
Wer sie genauso steuert, wie seinerzeit bei Quirell?“
„Nun,“ sagte Harry, und senkte die Stimme; „ist doch möglich, oder?“
„Ich glaube ja,“ erwiderte Hermine, obwohl sie nicht sehr überzeugt klang. „Aber ich glaube nicht, daß er sie
genauso beherrscht, wie er es bei Quirell getan hat, ich meine, er ist inzwischen wieder am Leben, er hat seinen
eigenen Körper, und braucht ihn nicht mit einem anderen Körper teilen. Er könnte sie mit dem Imperius-Fluch belegt
haben, ich glaube ...“
Harry sah einen Moment zu Fred, George und Lee Jordan hinüber, wie sie mit leeren Butterbier-Flaschen jonglierten.
Dann fuhr Hermine fort, „aber im letzten Jahr, als Deine Narbe auch ohne Berührung schmerzte, hatte da
Dumbledore nicht gesagt, daß das mit dem zusammenhängt, was Du-Weißt-Schon-Wer gerade fühlt? Ich meine,
vielleicht hat das gar nichts mit Umbridge zu tun, vielleicht passierte es zufällig, während Du bei ihr wahrst.“
„Sie ist echt übel,“ sagte Harry matt. „Merkwürdig.“
„Ja, sie ist schrecklich, aber ... Harry, ich glaube, Du solltest Dumbledore erzählen, daß Deine Narbe schmerzt.“
Das war nun das zweite Mal in zwei Tagen, daß ihm jemand vorschreiben wollte, zu Dumbledore zu gehen, und
seine Antwort an Hermine war die gleiche, wie an Ron.
„Ich belästige ihn nicht mit so etwas. Wie Du schon sagtest, es ist nicht der Rede wert. Der Schmerz kommt und geht
den ganzen Sommer über - es war nur ein bißchen schlimmer heute Nacht, das ist alles -“
„Harry, ich bin überzeugt, daß Dumbledore genau damit belästigt werden will -“
„Ja,“ erwiderte Harry, und war nicht mehr zu stoppen, „das ist das einzige Teil an mir, um das sich Dumbledore
kümmert, ist es das nicht, die Narbe?“
„Du weißt, daß das nicht stimmt!“
„Ich denke, ich werde Sirius schreiben, und ihm alles erzählen, mal sehen, was er denkt -“
„Harry, Du kannst das doch nicht in einem Brief mitteilen!“ rief sie, und sah beunruhigt aus. „Erinnerst Du Dich
nicht, Moody hat uns gelehrt, sorgfältig zu sein, bei dem, was wir schreiben. Keiner kann uns garantieren, daß Eulen
nicht abgefangen werden!“
„Alles klar, alles klar, dann werde ich es ihm eben nicht erzählen!“ sagte Harry irritiert. Er erhob sich. „Ich gehe ins
Bett. Kannst Du es Ron für mich erzählen?“
„Bloß nicht,“ antwortete Hermine mit entspannter Mine, „wenn Du so überzeugt bist, bin ich es auch, ohne unhöflich
sein zu wollen. Ich bin völlig fertig und ich möchte morgen noch ein paar zusätzliche Hüte erstellen. Hör zu, Du
kannst mir gerne helfen, wenn Du möchtest, es macht echt Spaß. Ich werde immer besser. Ich kann schon
verschiedene Muster und all solche Dinge.“
Harry schaute in ihr glückliches Gesicht, und versuchte so auszusehen, als ob er sich von diesem Angebot verlocken
lassen würde.
„Also ... nein, ich glaube, ich will nicht, danke,“ sagte er. „Ähm - nicht morgen. Ich habe eine Menge Hausaufgaben
zu tun ...“
Und er latschte raus zu den Jungen-Treppen, und ließ sie leicht enttäuscht zurück.
Kapitel 14 - Percy und Padfoot
Harry war der erste, der am nächsten Morgen in seinem Schlafsaal erwachte. Einen Moment lang blieb beobachtete
er liegend, wie Staub in dem Sonnenstrahl wirbelte, der durch einen Spalt in den Vorhängen des Himmelbetts kam,
dabei genoß er dem Gedanken, daß Samstag war. Die erste Schulwoche schien sich endlos hingezogen zu haben, wie
eine einzige riesige Unterrichtsstunde in Geschichte der .Zauberei.
Nach der schläfrigen Ruhe und dem hellgrauen Aussehen des Sonnenstrahls zu schließen war der Tage gerade erst
angebrochen. Er zog die Vorhänge um des Bett auf, stand auf und begann, sich anzuziehen. Das einzige Geräusch
außer dem entfernten Zwitschern von Vögeln war das langsame, tiefe Atmen seiner Gryffindor - Kameraden. Er
öffnete seine Schultasche vorsichtig, zog Pergament und Feder heraus und ging vom Schlafsaal in den
Gemeinschaftsraum.
Indem er direkt auf seinen bevorzugten zerknautschten alten Armlehnensessel neben dem jetzt erloschenen Feuer
zusteuerte, ließ sich Harry bequem nieder und entrollte sein Pergament, während er sich im Raum umsah. Das
Durcheinander von zerknüllten Pergamentfetzen, alten Gobsteinen, entleerten Gläsern und Bonbonpapier, das
normalerweise am Ende eines jeden Tages den Boden bedeckte, war fort, ebenso alle Elfenhüte von Hermine.
Halbherzig darüber nachdenkend, wie viele Elfen jetzt wohl frei waren, ob sie es wollten oder nicht, entkorkte Harry
sein Tintenfaß und tauchte seine Feder ein, dann hielt er kurz vor dem Aufsetzen aufs Pergament inne und dachte
angestrengt nach ... aber nach einer guten Minute bemerkte er, wie er auf den leeren Feuerrost starrte und absolut
nicht wußte, was er schreiben sollte.
Jetzt konnte er verstehen, wie hart es für Ron und Hermine gewesen war, ihm im Sommer Briefe zu schreiben. Wie
konnte er Sirius alles erzählen, was in der vergangenen Woche geschehen war und wie all die Fragen stellen, die er
brennend gern stellen wollte, ohne möglichen Briefdieben seine Menge von Informationen zu geben, die sie nicht
haben sollten?
Eine Weile saß er ziemlich bewegungslos da und starrte in den Kamin, dann tauchte er entschlossen seine Feder
wieder in das Tintenfaß und setzte sie entschlossen auf das Pergament.
Lieber Schnuffel,
Ich hoffe, dir geht es gut; die erste Woche hier war schrecklich. Ich bin wirklich froh, daß Wochenende ist.
Wir haben eine neue Lehrerin in Verteidigung gegen die Dunklen Künste, Professor Umbridge. Sie ist beinahe so
nett wie deine Mutter. Ich schreibe dir, wie das, worüber ich dir letzten Sommer schrieb, gestern Abend wieder
passiert ist, als ich Strafarbeit bei Umbridge hatte.
Wir alle vermissen unseren größten Freund und hoffen, daß er bald zurück ist.
Bitte schreibe schnell zurück.
Grüße,
Harry
Harry las den Brief einige Male durch und versuchte dabei, als Außenstehender zu verstehen. Er konnte nicht
erkennen, wie sie wissen konnten, worüber - oder mit wem - er sprach, wenn sie nur diesen Brief hatten. Er hoffte,
daß Sirius die Andeutung über Hagrid verstehen würde und ihnen erzählen würde, wann er zurück sei. Harry mochte
nicht direkt fragen, um nicht direkt auf das aufmerksam zu machen, was Hagrid wohl machte solange er nicht in
Hogwarts war.
Wenn man bedachte, daß es ein sehr kurzer Brief war, hatte das Schreiben eine lange Zeit gedauert; das Sonnenlicht
hatte während der Arbeit schon halb den Raum durchquert und er konnte jetzt entfernte Geräusche von Bewegungen
aus den Schlafsälen oben wahrnehmen. Nachdem er das Pergament sorgfältig versiegelt hatte, kletterte Harry durch
das Porträtloch und ging Richtung Eulerei.
„Ich würde nicht diesen Weg gehen, wenn ich du wäre“ sagte der fast kopflose Nick, der gerade vor Harry durch
eine Wand schwebte, als dieser den Gang entlanglief. „Peeves plant einen amüsanten Streich mit dem nächsten
Passanten, der an der Paracelsusbüste vorbeikommt, die in der Mitte des Korridors steht.“
„Beinhaltet das zufällig auch, daß Paracelsus auf den Kopf dieses Passanten fällt?“ fragte Harry.
„Komisch, genau das!“ sagte der fast kopflose Nick mit gelangweilter Stimme. „Feinsinnigkeit war noch niemals
Peeves“ Stärke. Ich ziehe los und suche den blutigen Baron ... vielleicht kann er das beenden ... man sieht sich,
Harry...“
„Ja, tschüss“ sagte Harry und ging nach linkst statt nach rechts, wodurch er einen längeren, aber sichereren Weg
hoch zur Eulerei nahm. Seine Laune wurde mit jedem Fenster, an dem er vorbeikam und das einen strahlend blauen
Himmel zeigte, besser; er hatte nachher noch Training, endlich würde er wieder auf dem Qidditchfeld sein.
Etwas fegte an seinen Fersen vorbei. Er blickte hinunter und sah die skelettartige graue Katze des Hausmeinsters,
Mrs. Norris, an sich vorbei schleichen. Sie richtete einen Moment lang ihre lampenartigen gelben Augen auf ihn,
bevor sie hinter einer Statue von Wilfred dem Wehmütigen verschwand.
„Ich tue nichts Verbotenes hier!“ rief Harry hinter ihr her. Sie machte unmissverständlich den Eindruck einer Katze,
die auf dem Weg war, ihrem Boss Bescheid zu geben, aber Harry konnte nicht sehen warum; er war absolut
berechtigt, an diesem Sonnabend Morgen zur Eulerei hochzugehen.
Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel und als Harry in die Eulerei eintrat blendeten die glaslosen Fenster seine
Augen, dicke silberne Sonnenstrahlen kreuzten den Raum, in dem hunderte von Eulen in den Dachsparren nisteten,
es herrschte die Unruhe des frühen Morgens, denn einige waren offensichtlich gerade von der Jagd zurück. Der
strohbedeckte Boden knisterte etwas, als er über kleine Tierknochen trat während er den Hals reckte, um nach
Hedwig Ausschau zu halten.
„Da bist du ja“ sagte er, als er sie irgendwo in der Nähe des höchsten Punktes der gewölbten Decke sah, „ komm
runter, ich habe einen Brief für dich.“ Mit einm kleinen Pfiff streckte sie ihre großen weißen Schwingen aus und
schwang sich auf seine Schulter herunter.
Er gab ihr den Brief zum halten in den Schnabel. „Also, hier auf dem Umschlag steht Schnuffel“ erklärte er ihr, und
fuhr daraufhin, ohne selbst zu wissen warum, nur flüsternd fort „aber er ist für Sirius, OK?“
Sie zwinkerte einmal mit ihren Bernsteinaugen und er nahm das als Antwort, daß sie verstanden hatte.
„Guten Flug dann“ sagte Harry, als er sie zu einem der Fenster trug, mit einem kurzen Druck auf seinen Arm erhob
sich Hedwig in den blendend hellen Himmel. Er beobachtete sie, bis sie ein kleiner Schwarzer Punkt wurde und
verschwand, dann schwenkte er seinen Blick zu Hagrids Hütte, die von diesem Fenster aus klar zu sehen war und
genauso klar unbewohnt war, der Schornstein rauchlos, die Vorhänge zugezogen.
Die Wipfel des Verbotenen Waldes schwankten in einer leichten Brise. Harry beobachtete sie; er genoß die frische
Luft an seinem Gesicht und dachte an das Quiddich nachher ... dann sah er es: ein großes Pferd mit Reptilienflügeln,
genauso wie die, die die Hogwartskutschen gezogen hatten, erhob sich mit ledernen schwarzen Schwingen, die wie
bei einem Pterodactylus weit gespreizt waren, aus den Bäumen wie ein grotesker riesiger Vogel. Es erhob sich in
einem großen Kreis, dann fiel es in die Bäume zurück. Das Ganze war so schnell geschehen daß Harry kaum glauben
konnte, was er gesehen hatte, nur daß sein Herz wie verrückt schlug.
Die Türe der Eulerei öffnete sich hinter ihm. Er hielt angespannt inne, und als er sich schnell umdrehte sah er Cho
Chang, die einen Brief und ein Päckchen in ihren Händen hielt.
„Hallo,“ sagte Harry automatisch.
„Oh... Hallo,“ sagte sie atemlos. „Ich hätte nicht gedacht, daß so früh schon jemand hier oben ist... Mir ist vor fünf
Minuten erst eingefallen, daß meine Mutter heute Geburtstag hat.“
Sie hielt das Päckchen hoch.
„Ach so,“ sagte Harry. Sein Gehirn fühlte sich an, als ob es Ladehemmungen hätte. Er wollte etwas lustiges und
interessantes sagen, aber die Erinnerung an das furchtbare, geflügelte Pferd ließ seine Gedanken nicht los.
„Schöner Tag heute,“ sagte er auf die Fenster zeigend. Seine Innereien schienen sich aus Peinlichkeit
zusammenzuziehen. Das Wetter. Er redete über das Wetter...
„Ja,“ sagte Cho während sie sich nach einer geeigneten Eule umsah. „Gute Quidditch Voraussetzungen. Ich bin die
ganze Woche noch nicht draußen gewesen, und Du?“
„Nein,“ sagte Harry.
Cho hatte sich eine von den Schuleulen ausgesucht. Sie redete ihr gut zu, bis diese auf ihren Arm kletterte um wie
üblich ein Bein auszustrecken, so daß sie das Päckchen befestigen konnte.
„Hey, hat Gryffindor eigentlich schon einen neuen Hüter?“ fragte sie.
„Ja.“ antwortete Harry.“Es ist mein Freund Ron Weasley, kennst Du ihn?“
„Der Tornados-Hasser?“ fragte Cho ziemlich kühl. „Taugt er was?“
„Ja,“ sagte Harry „ich denke schon. Obwohl ich sein Training nicht gesehen habe, weil ich Nachsitzen mußte.“
Cho blickte nach oben, das Päckchen nur halb am Bein der Eule angebunden.
„Diese Person von Umbridge ist gemein. Dich zum Nachsitzen zu schicken nur weil Du die Wahrheit darüber gesagt
hast wie - wie - wie er gestorben ist. Jeder wußte darüber Bescheid, es ging durch die ganze Schule. Es war wirklich
mutig wie Du dich ihr gegenüber behauptet hast.“
Harrys Innereien bliesen sich so schnell wieder auf, daß es sich anfühlte, als ob er ein paar Zentimeter über dem mit
Stroh übersäten Boden schweben könnte. Wen kümmerte schon ein fliegendes Pferd; Cho war der Meinung, er wäre
echt mutig gewesen. Für einen Moment dachte er darüber nach ihr rein zufällig seinen Schnitt an der Hand zu zeigen,
während er ihr beim Anbringen des Päckchens an ihre Eule half. Aber in dem Moment in dem er diesen genialen
Gedanken in die Tat umsetzen wollte, öffnete sich die Türe der Eulerei erneut.
Filch der Hausmeister kam keuchend in den Raum. Er hatte puterrote Flecken auf seinen eingefallenen, mit Adern
überzogenen Wangen. Seine Backen waren glänzend und sein dünnes graues Haar zerzaust. Offenbar war er gerannt.
Mrs Norris trabte hinter ihm her, starrte auf die Eulen über ihr und miaute hungrig. Unruhiges Flügelschlagen kam
auf und eine große braune Eule schnappte drohend mit ihrem Schnabel.
„Aha!“ sagte Filch, während er einen plattfüßigen Schritt auf Harry zumachte, die bauschigen Backen vor Wut
zitternd. „Ich habe einen Wink bekommen, daß Du vorhast, massenweise Stinkbomben zu bestellen!“
Harry verschränkte die Arme und starrte den Hausmeister an.
„Wer hat Ihnen erzählt, ich würde Stinkbomben bestellen?“
Cho blickte finster dreinschauend von Harry zu Filch. Die Schuleule auf ihrem Arm, schon müde vom Stehen auf
einem Bein, gab ein ermahnendes Pfeifen von sich das sie aber ignorierte.
„Ich habe meine Quellen.“ zischte Filch von sich selbst überzeugt. „Und jetzt gibst Du es mir, ganz egal was es ist
das Du verschicken willst.“
Überaus dankbar darüber, daß er beim Verschicken des Briefes nicht getrödelt hatte, sagte Harry: „Kann ich nicht, es
ist weg.“
„Weg?“ fragte Filch mit wutverzerrtem Gesicht.
„Weg“ antwortete Harry ruhig. Filch öffnete wütend seinen Mund, japste ein paar Sekunden und suchte dann Harrys
Umhang mit seinen Augen ab.
„Woher soll ich wissen, daß Du es nicht in deiner Tasche hast?“
„Weil -“
„Ich habe gesehen, wie er es abgeschickt hat,“ sagte Cho säuerlich.
Filch drehte sich zu ihr.
„Du hast ihn gesehen?“
„Ja, das stimmt. Ich habe ihn gesehen,“ antwortete sie grimmig.
Ein Moment war Stille, in der Filch Cho wütend anstarrte und Cho starrte wütend zurück. Der Hausmeister drehte
sich auf dem Absatz um und schlurfte zurück in Richtung Türe. Er hielt mit der Türklinke in der Hand inne und
schaute zurück zu Harry.
„Wenn ich auch nur den kleinsten Hauch einer Stinkbombe erahne...“
Er stampfte davon, die Treppe herunter. Mrs Norris schielte noch ein letztes mal nach den Eulen und folgte ihm
dann. Harry und Cho schauten sich an.
„Danke,“ sagte Harry.
„Kein Problem,“ sagte Cho mit leicht gerötetem Gesicht während sie das Päckchen nun endlich am anderen Fuß der
braunen Schuleule festmachte.
„Du hast keine Stinkbomben bestellt, stimmt“s?“
„Nein,“ sagte Harry.
„Dann frage ich mich allerdings, wie er darauf kommt,“ sagte sie während sie die Eule zum Fenster trug.
Harry zuckte mit den Schultern. Er war genauso verwundert darüber wie sie, obgleich es ihn seltsamerweise in
diesem Moment kaum kümmerte.
Sie verließen die Eulerei gemeinsam. Am Eingang zu einem Korridor, der in den westlichen Flügel des Schlosses
führte sagte Cho: „Ich gehe hier entlang. Also, ich... ich seh dich dann, Harry.“
„Ja... bis dann.“
Sie lächelte ihn an und ging fort. Harry ging bester Stimmung weiter. Er hatte es geschafft eine richtige Unterhaltung
mit ihr zu führen ohne sich auch nur ein einziges mal zu blamieren... es war wirklich mutig, wie Du dich ihr
gegenüber behauptet hast... Cho hatte ihn mutig genannt... sie hasste ihn nicht dafür, daß er am Leben war.
Natürlich, sie hatte Cedric bevorzugt, er wußte das... aber wenn er sie auf den Ball eingeladen hätte, bevor Cedric es
getan hatte, hätte alles anders kommen können... sie hat so gewirkt, als ob es ihr ehrlich leid getan hatte, daß sie
Harrys Einladung ablehnen mußte, als er sie gefragt hat.
„Morgen,“ sagte Harry strahlend zu Ron und Hermine als er sie am Gryffindor Tisch in der Großen Halle traf.
„Weswegen schaust Du denn so zufrieden aus?“ fragte Ron, der ihn erstaunt ansah.
„Ähm... Quidditch nachher,“ sagte Harry glücklich während er sich eine große Platte mit Schinken und Eiern
heranzog.
„Oh... natürlich... ,“ sagte Ron.
Er legte den Toast ab den er gerade aß und nahm einen großen Schluck Kürbissaft. Dann sagte er: „Hör mal... hast
Du nicht Lust nachher ein bißchen früher mit mir raus zu gehen, ja? Nur um - äh - ein bißchen mit mir zu üben vor
dem Training. Dann kann ich ein bißchen Gefühl dafür bekommen.“
„Ja, in Ordnung,“ sagte Harry.
„Hört mal, ich denke ihr solltet das nicht tun,“ sagte Hermine ernsthaft. „Ihr seid alle beide ziemlich hinterher was
Hausaufgaben anbelangt...“
Aber sie brach ihren Vortrag ab; die Morgenpost kam und wie immer segelte der Tagesprophet im Schnabel einer
schreienden Eule auf sie zu. Die Eule landete gefährlich nahe bei der Zuckerdose und streckte ein Bein aus. Hermine
steckte einen Knut in ihren Lederbeutel, nahm die Zeitung und durchsah kritisch die Titelseite während die Eule
abflog.
„Irgendwas interessantes?“ fragte Ron.
Harry grinste da er wußte, daß Ron erpicht darauf war sie vom Thema Hausaufgaben abzubringen.
„Nein,“ seufzte sie, „nur so eine lächerliche Geschichte über den Bass-Gitarristen der Weird Sisters der heiraten
wird.“ Hermine öffnete die Zeitung und verschwand hinter ihr. Harry gab sich einer weiteren Portion Eier mit
Schinken hin. Ron starrte auf die hohen Fenster hinauf, er sah ein bißchen gedankenverloren aus.
„Einen Moment mal,“ sagte Hermine plötzlich. „Oh nein... Sirius!“
„Was ist passiert?“ fragte Harry und schnappte so ungestüm nach der Zeitung, daß sie in der Mitte auseinander riss
und er und Hermine jeweils eine Hälfte in der Hand hielten.
„Das Zaubereiministerium hat einen Tipp aus sicherer Quelle bekommen, daß sich der berüchtigte Massenmörder
Sirius Black... bla bla bla... in diesem Moment in London versteckt hält!“ Hermine las ängstlich flüsternd aus ihrer
Zeitungshälfte.
„Lucius Malfoy, da wette ich mein letztes Hemd,“ sagte Harry mit leiser aufgebrachter Stimme. „Er hat Sirius auf
dem Treppenabsatz erkannt...“
„Was?“ Ron blickte sich ängstlich um. „Du hast nicht gesagt - „
„Pst...“ zischten die beiden anderen.
..“. „Ministerium weist die gesamte Zaubererschaft darauf hin, daß Black außerordentlich gefährlich ist... dreizehn
Menschen getötet... aus Askaban ausgebrochen ist...“ der übliche Unsinn,“ endete Hermine.
Sie lag auf ihrer Hälfte der Zeitung und sah ängstlich zu Ron und Harry hinauf.
„Na ja, er wird nur das Haus nicht mehr verlassen können, das ist alles,“ flüsterte sie. „Dumbledore hat ihm geraten
es nicht zu tun.“
Harry schaut leicht bedrückt hinunter auf das Stück des Propheten, das er abgerissen hatte. Der größte Teil der Seite
war einer Anzeige für Madam Malkins Roben für alle Angelegenheiten gewidmet, bei der es zur Zeit einen
Ausverkauf gab.
„Hey!“ sagte er, strich sie glatt, so das Hermine und Ron sehen konnten. „Schaut euch das an!“
„Ich habe alle Roben, die ich wollte,“ sagte Ron.
„Nein,“ sagte Harry. „Schaut … dieses kleine Stück hier …“
Ron und Hermine beugten sich näher um es zu lesen; es war etwa drei Zentimeter lang und rechts an der Unterseite
eine Spalte platziert. Es hatte die Überschrift:
ÜBERGRIFF AM MINISTERIUM
Sturgis Podmore, 38, von Nummer Zwei, Goldregen-Gärten, Clapham, wurde dem Wizengamot vorgeführt,
beschuldigt des unbefugten Eindringens und versuchten Raubes am Zaubereiministerium am 31. August. Podmore
wurde von Wachzauberer des Zaubereiministeriums Eric Munch festgenommen, der ihn dabei ertappte, wie er um
ein Uhr Morgens versuchte, eine streng geheime Tür aufzubrechen. Podmore, der sich weigerte zu seiner eigenen
Verteidigung auszusagen, wurde in beiden Fällen für schuldig befunden und zu einer sechsmonatigen Haft in
Askaban verurteilt.
„Sturgis Podmore?“ sagte Ron langsam. „Das ist doch der Kerl, dessen Kopf aussieht wie ein Strohdach, oder? Er
gehört doch zum Ord -“
„Ron, shh!“ sagte Hermine, die einen erschreckten Blick um sie herum warf.
„Sechs Monate in Askaban“ flüsterte Harry schockiert. „Nur weil er versucht hat, durch eine Tür zu kommen!“
„Sei nicht albern, es ist nicht nur, weil er versucht hat, die blöde Tür aufzubrechen. Was in aller Welt hatte er nur um
ein Uhr nachts im Zaubereiministerium zu suchen?“ sagte Hermine in einem Atemzug.
„Erinnert ihr euch, was er für den Orden tun sollte?“ murrte Ron.
„Wartet einen Augenblick …“ sagte Harry langsam. „Sturgis hätte doch kommen und uns verabschieden sollten,
erinnert ihr euch?“
Die anderen zwei sahen ihn an.
„Jau, er sollte Teil unserer Beschützer sein, die uns nach King“s Cross brachten, erinnert ihr euch? Und Moody war
absolut verärgert darüber, weil er nicht erschienen war; daher konnte er die Aufgabe nicht übernehmen, oder?“
„Nun, vielleicht hatte sie nicht erwartet, das man ihn fangen würde,“ sagte Hermine.
„Es könnte ein Komplott sein!“ wetterte Ron aufgeregt. „Nein - hört mal!“ ging er weiter, seine Stimme sank
drohend und er schaute Hermine ins Gesicht. Das Ministerium vermutet, er würde zum Haufen um Dumbledore
gehören - warum weiß“ ich nicht - sie haben ihm im Ministerium aufgelauert, und er versuchte durch die Türe
abzuhauen! Vielleicht haben sie irgendwas erfunden, um ihn zu bekommen!“
Es entstand eine Pause, während Harry und Hermine darüber nachdachten. Harry hielt den Gedanken für zu weit
hergeholt. Hermine, andererseits, sah ziemlich beeindruckt aus.
„Wißt ihr, es würde mich nicht überraschen, wenn das wahr wäre.“
Sie faltete ihre Hälfte der Zeitung sorgsam zusammen. Als Harry sein Messer und die Gabel niederlegte, schien sie
aus ihren Träumereien herauszukommen.
„Richtig, nun, wir sollten nun zuerst den Aufsatz für Sprout über selbstentzündende Sträucher in Angriff nehmen
und wenn wir Glück haben, können wir mit McGonagall“s Inanimatus Conjurus Zauber vor dem Mittagessen
anfangen…“
Harry fühlte ein kurzes Stechen der Schuld bei dem Gedanken an den Stapel von Hausarbeit, die ihn oben erwartete,
aber der Himmel war klar, erfrischend Blau, und er hat seit einer Woche nicht auf seinem Firebolt gesessen …
„Ich meine, wir können es heute Abend tun,“ sagte Ron, als er und Harry den abfallenden Rasen zum Quidditch
Platz hinabschritten, die Besen auf ihren Schultern ruhend, und mit Hermines schrecklichen Warnungen in den
Ohren, sie könnten bei all ihren ZAKs versagen. „Und wir haben noch Morgen. Sie ist zu beschäftigt mit den
Hausaufgaben, das ist ihr Problem …“ Es gab eine Pause, dann fügte er in einem ein bißchen mehr besorgtem Ton
hinzu, „Glaubst du, sie meinte es ernst, als sie sagte, wir dürfen nicht von ihr abschreiben?“
„Jau, denk“ schon,“ sagte Harry. „Natürlich, das ist auch wichtig, aber wir müssen üben, wenn wir in der Quidditch
Mannschaft bleiben wollen …“
„Jo, das is“ richtig,“ sagte Ron, in einem ermutigten Tonfall. „Und wir haben eine Menge Zeit, um alles zu erledigen
…“
Als sie sich dem Quidditch Spielfeld näherten, warf Harry einen Blick hinüber zu den Bäumen des Verbotenen
Waldes zu ihrer Rechten, wie sie im dunklen schwankten. Nichts flog aus ihnen heraus; der Himmel war leer, aber in
der Ferne flatterten Eulen um den Turm der Eulerei. Er hatte genug, worüber er sich sorgen machen konnte, die
Flugpferde fügten ihm keinen Schaden zu; so verdrängte er sie aus seinem Geist.
Sie holten Bälle aus dem Umkleideraum und begaben sich an die Arbeit, Ron bewachte die drei großen Torpfosten,
Harry spielte den Jäger und versuchte den Quaffle hinter Ron einzulochen, wobei er immer besser wurde, während
sie miteinander übten. Nach einigen Stunden kehrten sie zum Mittagessen ins Schloß zurück - während dessen
Hermine ihne versuchte klar zu machen, wie verantwortungslos sie doch handeln würden - dann kehrten sie zum
Quidditch Spielfeld zurück um am richtigen Quidditch Training teilzunehmen. All“ ihre Mannschaftskameraden,
außer Angelina, waren bereits im Umkleideraum, als sie eintraten.
„Alles klar, Ron?“ sagte George, ihm zuzwinkernd.
„Jau,“ sagte Ron, der auf dem Weg zum Spielfeld immer stiller geworden war.
„Bereit, uns alle in Verlegenheit zu bringen, Ickle Vertauensschüler““ sagte Fred, der mit zerzaustern Haaren aus
dem Halsloch seiner Quidditch-Robe sah, ein leicht böswilliges Grinsen im Gesicht.
„Halt“s Maul,“ sagte Ron mit steinernem Blick, seine Mannschaftsrobe zum ersten Mal am anziehen. Sie passte ihm
ausgezeichnet, in Anbetracht dessen, das sie vorher Oliver Wood trug, der ein wenig breiter in den Schultern war.
„Okay, ihr alle,“ sagte Angelina, die aus dem Büro des Käpt“ns kam, bereits umgezogen. „Laßt es uns angehen;
Alicia und Fred, wenn ihr bitte die Ballkiste für uns nach draußen bringen könntet. Oh, und es sind eine Menge Leute
draußen, die uns beobachten, aber ich möchte, das ihr sie einfach ignoriert, in Ordnung?“
Etwas in ihrer ungezwungen klingenden Stimme glaubte Harry wissen zu lassen, das sie die ungeladenen Zuschauer
kannten, und tatsächlich, als sie den Umkleideraum verließen, und in das strahlendhelle Sonnenlicht auf das
Spielfeld traten, ertönte eine Flut von Buhrufen und Spot von der Quidditch Mannschaft der Slytherins und ihrer
Anhänger, die sich in halber Höhe auf den leeren Rängen des Stadiums eingefunden hatten, und deren Stimmen laut
durch das Stadion schallten.
„Worauf reitet denn dieser Weasley?“ rief Malfoy in gedehntem Spot. „Warum sollte irgendwer einen
Flugverzauberung auf einen schimmligen, alten Baumstamm wie diesen sprechen?“
Crabbe, Goyle und Pansy Parkinson wieherten und schrieen vor Lachen. Ron setzte sich auf seinen Besen und stieß
sich vom Boden ab und Harry folgte ihm, beobachtend wie seine Ohren von hinten rot wurden.
„Ignorieren Sie sie,“ er sagte,, uns beschleunigend, um Ron einzuholen, „werden wir sehen, wer lacht, nachdem wir
them… spielen“
„Genau die Haltung, die ich wollte, Harry,“ sagte Angelina zustimmend, sie beim hochfliegen umrundend, den
Quaffle unter dem Arm und dann langsam auf der Stelle schwebend, vor den Augen ihrer fliegenden Mannschaft.
„Okay, ihr alle, wir fangen mit ein paar Pässen zum aufwärmen an, das ganze Team bitte -“
„Hey, Johnson, was ist mit deiner Frisur?“ kreischte Pansy Parkinson von unten. „Warum sollte jemand so aussehen
wollen, als würden Würmer aus seinem Haar kommen?“
Angelina fegte ihr langes, geflochtenes Haar aus ihrem Gesicht und machte ruhig weiter, „Verteilt euch, dann, und
laßt uns sehen, was wir tun können …“
Harry wandte sich von den anderen ab und hin zur weit entfernten Seite des Spielfelds. Ron fiel zurück in Richtung
des gegnerischen Tors. Angelina hob den Quaffle mit einer Hand und warf ihn hart zu Fred, der ihn zu George
passte, der ihn zu Harry passte, der ihn zu Ron passte, der ihn fallen ließ.
Die Slytherins, von Malfoy angeführt, donnerten und schrien vor Lachen. Ron, der dem Boden entgegenstürzte, um
ihn aufzufangen bevor er den Boden berührte, brach den Sturzflug unordentlich ab, so daß er seitwärts auf seinem
Besen rutschte, und zur Spielhöhe zurückkehrte, errötend. Harry sah Fred und George Blicke austauschen, aber
vollkommen untypisch sagte keiner von ihnen auch nur ein Wort, worüber er dankbar war.
„Gib ihn weiter, Ron,“ rief Angelina, als trotzdem nichts passierte.
Ron warf den Quaffel zu Alicia, die ihn zu Harry und er ihn weiter zu Goerge warf...
„Hey, Potter, wie geht“ s deiner Narbe?“ rief Malfoy. „Bist du sicher, daß du dich nicht ausruhen willst? Ist doch
schon eine ganze Woche her, seit du im Krankenflügel warst, ist ein Rekord für dich, oder?“
George spielte weiter zu Angelina; sie spielte zurück zu Harry, der das nicht erwartet hatte und ihn nur in die
Fingerspitzen bekam, um ihn schnell an Ron weiterzugeben, der nach ihm langte und ihn um Zentimeter verfehlte.
„Komm schon, Ron,“ sagte Angelina böse, als sie Richtung Boden hinabtauchte, um den Quaffel zu verfolgen. „Pass
besser auf.“
Man konnte nicht sagen wer scharlachroter war, der Quaffel oder Ron, der wieder hochstieg zum weiter spielen.
Malfoy und der Rest des Slytherinteams johlten lachend.
Beim dritten Versuch fing Ron den Quaffel; vielleicht aus Erleichterung, warf er ihn so enthusiastisch weiter, daß er
durch Katie“ s ausgestreckten Händen hochstieg und sie hart im Gesicht traf.
„Entschuldige,“ grummelte er und flog vorwärts, um zu sehen was er angerichtet hatte.
„Geh zurück in deine Position, es geht ihr gut!“ bellte Angelina. „Wenn du zu einem Teamkameraden weiterspielst,
solltest du nicht versuchen, ihn vom Besen zu hauen, oder willst du das? Dafür gibt es Klatscher.“
Katie“ s Nase blutete. Unten stampften die Slytherins mit den Füssen und spotteten. Fred und George versammelten
sich um Katie.
„Hier, nimm das,“ sagte Fred ihr und überreichte ihr etwas kleines purpurnes aus seiner Tasche, „das macht alles im
nu wieder sauber.“
„Alles Klar,“ rief Angelina, „Fred, George, geht und holt eure Schläger und einen Klatscher. Ron flieg hoch zu den
Torpfosten. Harry, laß den Schnatz frei, wenn ich“ s dir sage. Wir werden natürlich auf Ron“ s Tor zielen.“
Harry flog steil nach den Zwillingen hinab, um den Schnatz zu holen.
„Ron macht sich ziemlich Schweineohren mit den Dingen, oder nicht?“ murmelte George, als die drei bei der Kiste,
die die Bälle enthielt, landeten, diese öffneten, um einen Klatscher und den Schnatz zu befreien.
„Er ist nur nervös,“ sagte Harry, „er war gut, als ich heute Morgen mit ihm geübt habe.“
„Ja, gut, ich hoffe, er kommt nicht zu spät an die Spitze,“ sagte Fred trübsinnig.
Sie flogen zurück in die Luft. Als Angelina in die Pfeife blies, befreite Harry den Schnatz und Fred und George
ließen den Klatscher fliegen. Von diesem Moment an wurde sich Harry nur knapp bewusst was die anderen taten.
Sein Job war es den kleinen flatternden Ball einzufangen, der für das Team des Suchers 150 Punkte Wert war und für
das man enorme Geschwindigkeiten und gutes Geschick brauchte. Er beschleunigte, rollte sich und wich zwischen
seinen Verfolgern aus, der warme Herbstwind peitschte in seinem Gesicht und die entfernten Schreie der Slytherins
waren ein bedeutungsloses Röhren in seinen Ohren ... aber schon bald hielt ihn ein pfeifen wieder auf.
„Stop - Stopp - STOP!“ schrie Angelina. „Ron - du hütest nicht den mittleren Pfosten!”
Harry sah sich nach Ron um, der vor dem linksseitigem Ring schwebte und die anderen zwei komplett ungeschützt
ließ.
„Oh ... Entschuldigung ...“
„Du mußt dich um sie herum bewegen, während du die Verfolger beobachtest!“ sagte Angelina. „Entweder du
bleibst in der Mitte bis du dich bewegen mußt, um einen der Ringe zu verteidigen oder du umkreist die Ringe, aber
drifte nicht vage auf einer Seite, so hast du die letzten drei Tore reingelassen!“
„Entschuldigung ...“ wiederholte Ron, dessen Gesicht im strahlendblauen Himmel so rot wie Schinken schien.
„Und Katie, kannst du nicht irgendwas gegen das Nasenbluten machen?“
„Es ist etwas schlimmer geworden,“ sagte Katie voll dabei die Flut mit ihrem Ärmel versuchend zu stoppen.
Harry blickte zu Fred, der ängstlich dreinblickte und seine Taschen durchsuchte. Er sah Fred etwas purpurnes
herausziehen und für einen Moment überprüfen und sah dann zu Katie, zweifelsohne entsetzt.
„Gut, lasst es uns noch mal versuchen,“ sagte Angelina. Sie ignorierte, daß die Slytherins anfingen im Chor
Gryffindors sind Verlierer, Gryffindors sind Verlierer zu singen, aber es war trotzdem eine bestimmte Stränge von
ihrem Besensitz zu spüren.
Sie flogen knapp drei Minuten, als Angelinas Pfeife ertönte. Harry, der gerade den Schnatz gegenüber der Torpfosten
kreisen sah, fühlte sich ziemlich ungerecht behandelt.
„Was ist jetzt?“ sagte er ungeduldig zu Alicia, die ihm am nächsten war.
„Katie,“ sagte sie kurz.
Harry drehte sich um und sah Angelina, Fred und George, die so schnell sie konnten in Richtung Katie flogen. Harry
und Alicia eilten ihr ebenfalls entgegen. Angelina hatte genau im richtigen Moment das Training gestoppt; Katie war
jetzt weiß wie Kreide und mit Blut überdeckt.
„Wir müssen sie in den Krankenflügel bringen,“ sagte Angelina.
„Wir bringen sie,“ sagte Fred. „Sie - ähm - hat wohl versehentlich einen Blutblasenbonbon verschluckt -“
„Gut, es hat wohl keinen Sinn weiterzuspielen, wenn Schläger und Verfolger gegangen sind,“ sagte Angelina
trübsinnig, während Fred und George Katie zwischen sich stützend zum Schloss hochzogen. „Los kommt, lasst uns
umziehen gehen.“
Die Slytherins sangen weiter als sie in die Umkleideräume gingen.
„Wie war das Training?“ fragte Hermine eher gelassen, als Harry und Ron eine halbe Stunde später durch das
Portraitloch in den Gemeinschaftsraum kletterten.
„Es war -“ begann Harry.
„Total schlecht,“ sagte Ron mit leerer Stimme, als er in einen Sessel neben Hermine sank. Sie sah Ron an und ihre
Kälte schien zu schmelzen.
„Nun, es war doch erst dein erstes Training,“ sagte sie tröstend, „Es braucht Zeit, um -“
„Wer sagt, daß ich es schlecht gemacht habe?“ schnappte Ron.
„Niemand,“ sagte Hermine, bestürzt schauend, „ich dachte -“
„Du dachtest, ich beschränke mich auf Blödsinn?“
„Nein, natürlich nicht! Sieh mal, du sagtest es war schlecht, also hab ich -“
„Ich werde anfangen Hausaufgaben zu machen,“ sagte Ron böse und stapfte die Treppe hinauf in den
Jungenschlafsaal und verschwand aus ihrer Sicht. Hermine drehte sich zu Harry.
„War er schlecht?“
„Nein,“ sagte Harry loyal.
Hermine zog die Augenbrauen hoch.
„Gut, ich dachte, er spielt besser,“ murmelte Harry, „aber es war erst die erste Trainingsstunde, wie du es gesagt
hast...“
Weder Harry noch Ron schienen diese Nacht große Fortschritte mit ihren Hausaufgaben zu machen. Harry wußte,
daß Ron zu sehr in Gedanken mit seinem schlechten Quidditchtraining war und er konnte den Gryffindors sind
Verlier Gesang nicht aus seinem Kopf bekommen.
Sie verbrachten den ganzen Sonntag im Gemeinschaftsraum mit ihren Büchern beschäftigt, während sich der Raum
um sie herum füllte und wieder leerte. Es war ein klarer, schöner Tag und die meisten ihrer Gryffindorkameraden
verbrachten den Tag auf dem Gelände und genossen das, was man am besten beim letzten Sonnenschein des Jahres
machte. Am Abend fühlte sich Harry, als hätte jemand sein Gehirn gegen den Schädel gehauen.
„Du weißt, daß wir versuchen sollten mehr Hausaufgaben während der Woche zu machen,“ murmelte Harry zu Ron,
als er seinen fertigen, langen Aufsatz über den Wiederbelebungszauber für Professor McGonagall zur Seite legte und
sich trist den ebenso langen und schweren Aufsatz von Professor Sinistra über Jupiter“ s Monde zuwand.
„Jaah,“ sagte Ron und rieb sich seine ein wenig blutunterlaufenden Augen und warf das fünfte ruinierte Stück
Pergament ins Feuer neben ihnen. „Hör mal... wir werden einfach Hermine fragen, ob wir einen Blick in ihre werfen
dürfen.“
Harry blickte zu ihr rüber; sie saß mit Krumbein auf dem Schoß und unterhielt sich fröhlich mit Ginny, als ein paar
Stricknadeln vor ihr mitten in der Luft blitzten und jetzt ein paar formlose Elfensocken strickten.
„Nein,“ sagte er schwer, „du weißt, sie würde uns nicht lassen.“
Und so arbeiteten sie während der Himmel draußen stetig dunkler wurde. Langsam wurde das Gedränge im
Gemeinschaftsraum weniger. Um halb elf wanderte Hermine gähnend zu ihnen rüber.
„Seid ihr fast fertig?“
„Nein,“ sagte Ron kurz.
„Jupiter“ s größter Mond ist Ganymed, nicht Callisto,“ sagte sie und zeigte über Ron“ s Schulter auf eine Linie in
seinem Astronomieaufsatz „und auf Io sind die Vulkane.“
„Danke,“ knurrte Ron, beleidigt über die verletzenden Sätze.
„Entschuldige, ich wollte dir nur -“
„Jaah, gut, wenn du nur gekommen bist, um uns zu kritisieren -“
„Ron -“
„Ich habe nicht die Zeit deiner Predigt zu zuhören, alles klar, Hermine. Ich stecke bis zum Hals hier drin -“
„Nein - schau!“
Hermine zeigte auf das am nächsten liegende Fenster. Harry und Ron schauten beide rüber. Eine stattliche,
kreischende Eule stand auf dem Fenstersims und starrte Ron durch den Raum an.
„Ist das nicht Hermes?“ sagte Hermine verblüfft.
„Ich werd“ verrückt, er ist es!“ sagte Ron leise, warf seinen Federkiel hin und sprang auf die Füße. „Was will Percy
von mir?“
Er durchquerte den Raum zum Fenster und öffnete es; Hermes flog hinein, landete auf Ron“ s Aufsatz und streckte
sein Bein aus, an dem ein Brief angebracht war. Ron nahm den Brief ab und die Eule reiste sofort ab und hinterließ
Tintenfußabdrücke auf Ron“ s Zeichnung vom Mond Io.
„Es ist tatsächlich Percy“ s Handschrift,“ sagte Ron, sank zurück in seinen Stuhl und starrte auf die Worte auf der
Schriftrolle: Ronald Weasley, Gryffindor Haus, Hogwarts. Er zu den anderen beiden hoch. „Womit rechnet ihr?“
„Mach“ ihn auf!,“ sagte Hermine eifrig und Harry nickte.
Ron öffnete die Schriftrolle und begann zu lesen. Je weiter er mit seinen Augen über das Pergament wanderte, desto
finsterer wurde sein Gesichtsausdruck. Als er mit dem Lesen fertig war, sah er empört aus. Er gab den Brief an Harry
und Hermine weiter, die sich aneinander lehnten und den Brief gemeinsam lasen.
Lieber Ron,
ich habe gerade erfahren (von niemand geringerem als dem Zaubereiminister selbst, der es von deiner neuen
Lehrerin Professor Umbridge weiss), daß du ein Hogwarts-Vertrauensschüler geworden bist.
Ich war auf das Angenehmste überrascht, als ich diese Neuigkeit erfuhr und muß dir als erstes meinen
Glückwunsch aussprechen. Ich muß gestehen, daß ich immer befürchtet habe, daß du eher den Weg, den wir
vielleicht „die Fred-und-George-Route“ nennen können, einschlagen würdest, als in meine Fussstapfen zu treten.
Deshalb kannst du dir bestimmt meine Gefühle vorstellen als ich hörte, daß du damit aufgehört hast die Autorität zu
mißachten und dich dazu entschieden hast wirklich Verantwortung zu übernehmen.
Aber ich möchte dir noch mehr als Glückwünsche senden, Ron, ich möchte dir einen Rat geben, weshalb ich dir
den Brief auch in der Nacht schicke und nicht mit der üblichen Morgenpost. Ich hoffe, daß du die Möglichkeit hast
ihn außerhalb von neugierigen Blicken zu lesen und unangenehme Fragen vermeiden kannst.
Als der Minister mir erzählte, daß du jetzt ein Vertrauensschüler bist, schnappte ich auf, daß du immernoch viel
Zeit mit Harry Potter verbringst. Ich muß dir sagen, Ron, daß dich nichts mehr in Gefahr bringt dein Abzeichen zu
verlieren als dich weiter mit diesem Jungen zu verbrüdern. Ja, ich bin mir sicher, daß du überrascht bist das zu
hören - zweifellos wirst du sagen, daß Potter immer Dumbledores Liebling war - aber ich fühle mich verpflichtet dir
mitzuteilen, daß Dumbledore wahrscheinlich nicht mehr lange für Hogwarts verantwortlich ist und das die Leute, die
wirklich wichtig sind eine komplett andere - und wahrscheinlich viel bessere - Sichtweise auf Potters Verhalten
haben. Ich sollte hier nicht mehr sagen, aber wenn du morgen in den Tagespropheten schaust, wirst du eine
Vorstellung davon bekommen, aus welcher Richtung der Wind weht - und sehen, ob du deine als die richtige
identifizieren kannst!
Ernsthaft, Ron, du willst nicht über den gleichen Kamm geschoren werden wie Potter, es könnte sehr schädlich für
deine Zukunftsaussichten sein, und ich rede hier auch vom Leben nach der Schule. Wie du wissen mußt, hat unser
Vater ihn zum Gericht begleitet, Potter hatte nämlich eine disziplinarische Anhörung vor dem gesamten
Zaubereigericht und er kam nicht sehr gut aus dieser Sache raus. Er entging der Sache bloß aufgrund einer
Formalität wenn du mich fragst und viele andere mit denen ich gesprochen habe sind noch immer von seiner Schuld
überzeugt.
Es kann sein, daß du dich davor fürchtest die Verbindung zu Potter zu trennen - ich weiss, daß er unausgeglichen
und gewalttätig sein kann - aber wenn du irgendwelche Bedenken diesbezüglich hast oder etwas anderes in Potters
Verhalten entdeckst, was dich in Schwierigkeiten bringt, bitte ich dich innigst mit Dolores Umbridge zu sprechen,
eine wirklich angenehme Dame, die, wie ich weiss, dich nur zu gerne beraten wird.
Dies führt mich zu meiner anderen Bitte. Wie ich bereits oben andeutete, ist Dumbledores Herrschaft über
Hogwarts wohl bald vorüber. Deine Loyalität, Ron, sollte nicht ihm gelten, wohl aber der Schule und dem
Ministerium. Es tut mir wirklich sehr leid zu hören, daß Professor Umbridge bisher auf so wenig Mitarbeit im
Kollegium getroffen ist, um die notwendigen Änderungen in Hogwarts durchzuführen, die das Ministerium so
unbedingt wünscht (obwohl es für Sie ab der nächsten Woche wohl einfacher wird - wiedermal, schau morgen in den
Tagespropheten!). Ich möchte nur soviel sagen - ein Schüler, der sich jetzt gegenüber Professor Umbridge hilfsbereit
zeigt, hat sehr gute Chancen auf den Schulsprecherposten in ein paar Jahren!
Es tut mir leid, daß ich dich während des Sommers nicht öfter sehen konnte. Es schmerzt mich, daß ich unsere
Eltern kritisieren muß, aber ich fürchte ich kann nicht mehr länger mit Ihnen unter einem Dach wohnen, während sie
Umgang mit den gefährlichen Leuten um Dumbledore haben. (Falls du Mutter irgendwann schreiben solltest,
könntest du ihr villeicht mitteilen, daß ein gewisser Sturgis Podmore, der ein guter Freund von Dumbledore ist,
kürzlich nach Askaban wegen unbefugtem Eindringen in das Ministerium, geschickt wurde. Vielleicht öffnet ihr das
die Augen mit welchen Kleinkriminellen sie momentan zu tun hat.) Ich schätze mich sehr glücklich, daß ich dieser
schändlichen Verbindung mit solchen Leuten entfliehen konnte - selbst der Minister könnte nicht gnädiger zu mir
sein - und ich hoffe, Ron, daß auch du der Familienbande nicht erlauben wirst dich über die fehlgeleitete Natur des
Denkens und Handelns unserer Eltern zu blenden. Ich hoffe wirklich, daß sie in Kürze bemerken werden, wie sie sich
irrten und ich werde selbstverständlich bereit sein, wenn der Tag kommt ihre vollständige Entschuldigung zu
akzeptieren.
Bitte überdenke die Dinge, die ich der gesagt habe sehr sorgfältig, vor allem den Teil mit Harry Potter, und
nochmals herzlichste Glückwünsche zur Wahl zum Vertrauensschüler.
Dein Bruder,
Percy
Harry schaute zu Ron.
„Nun,“ sagte er, mit dem Versuch zu klingen als wäre das ganze ein Scherz, „wenn du möchtest - ähm - was war das
noch?“ - er sah in Percys Brief nach - „Oh ja - „die Verbindung mit mir trennen willst,“ schwöre ich dir, daß ich
nicht gewalttätig werde.“
„Gib ihn mir zurück,“ sagte Ron und streckte die Hand nach ihm aus. „Er ist -“ sagte Ron zähneknirschend, zerriss
Percys Brief in zwei Hälften „der Welt -“ er teilte ihn in Viertel „größter -“ er zerriss ihn in Achtel „- Idiot.“ Er warf
die Schnipsel ins Feuer.
„Komm, wir müssen das noch vor dem Sonnenaufgang beenden,“ sagte er rasch zu Harry und nahm Professor
Sinistras Arbeit zurück an sich.
Hermine sah Ron mit einem seltsamen Ausdruck auf ihrem Gesicht an.
„Oh, gib es rüber,“ sagte sie plötzlich.
„Was?“ sagte Ron.
„Gib sie mir, ich werde sie durchsehen und korrigieren,“ sagte sie.
„Ist das dein Ernst? Ah, Hermine, du bist eine Lebensretterin,“ sagte Ron, „was kann ich -?“
„Was du sagen kannst ist, „Wir versprechen, daß wir nie mehr unsere Hausaufgaben so lange liegen lassen,“„ sagte
sie, streckte beide Hände nach den Aufsätzen aus, schaute aber auch leicht amüsiert.
„Tausend dank, Hermine,“ sagte Harry müde, reichte ihr die Aufsätze rüber, lies sich in seinen Sessel zurücksinken
und rieb sich die Augen.
Es war jetzt nach Mitternacht und der Gemeinschaftsraum war bis auf die drei und Krumbein verlassen. Das einzige
Geräusch, das zu hören war, war Hermines Feder, die hier und da Bemerkungen an ihre Aufsätze schrieb und das
Rascheln der Seiten in den Büchern, die über den Tisch verstreut lagen und in denen sie verschiedene Punkte
nachprüfte. Harry war erschöpft. Ausserdem bemerkte er ein seltsames, krankes, leeres Gefühl in seinem Bauch, das
nichts mit der Müdigkeit zu tun hatte, sondern mit dem Brief, der sich nun schwarz im Feuers kräuselte.
Er wußte, daß die Hälfte der Leute in Hogwarts ihn für seltsam oder sogar verrückt hielten; er wußte, daß der
Tagesprophet falsche Anspielungen über ihn seit Monaten brachte, aber es war etwas anderes es niedergeschrieben
wie in Percys Brief zu sehen und zu wissen, daß Percy Ron auffordert ihn fallen zu lassen und Umbridge sogar
Geschichten zu erzählen; das machte die Situation so real für hin wie nichts anderes es konnte. Er kannte Percy seit
vier Jahren, wohnte in seinem Haus während der Sommerferien, teilte ein Zelt mit ihm während der Quidditch
Weltmeisterschaft, bekam von ihm sogar die volle Punktzahl in der zweiten Prüfung des Trimagischen Turniers im
letzten Jahr, und jetzt, Percy hält ihn für unausgeglichen und möglicherweise gewalttätig.
Und mit einer Welle der Sympathie für seinen Paten dachte Harry, daß Sirius wohl der einzige ist den er kennt, der
verstehen kann, wie er sich gerade fühlt, weil Sirius sich in der gleichen Situation befand. Fast jeder in der
magischen Welt denkt, daß Sirius ein gefährlicher Mörder und wichtiger Helfer von Voldemort ist und er muß mit
diesem Wissen seit vierzehn Jahren leben.
Harry blinzelte. Er sah gerade etwas im Feuer, was nicht dasein konnte. Es blitze in seinen Blick und verschwand
sofort wieder. Nein ... es konnte nicht sein ... er hat es sich eingebildet, weil er an Sirius gedacht hat ...
„OK, schreib das auf,“ sagte Hermine zu Ron und gab ihm seinen Aufsatz und ein Blatt mit ihren Notizen zurück,
„dann ergänze die Folgerung, die ich dir aufgeschrieben habe.“
„Hermine, du bist ehrlich die wunderbarste Person, die ich je getroffen habe,“ sagte Ron müde, „und sollte ich
jemals wieder unhöflich zu dir sein -“
„- Ich weiss, daß du wieder in Ordnung bist, „ sagte Hermine. „Harry, deiner ist ok bis auf das bißchen am Ende, ich
denke, daß du Professor Sinistra falsch verstanden hast, Europa ist von Eis bedeckt, nicht von Reis [Anm.: Ich würde
hier wegen des Wortspiel „Reis“ der tatsächlichen Übersetzung „Mäusen“ vorziehen] - Harry?“
Harry war von seinem Stuhl herab in die Hocke geglitten und kauerte nun, in die Flammen starrend, auf dem
versengten und abgenutzen Kaminvorleger.
„Äh - Harry?“ sagte Ron unsicher. „Was machst Du da unten?“
„Ich habe gerade Sirius“ Kopf im Feuer gesehen“ sagte Harry.
Er blieb ziemlich gelassen; immerhin hatte er Sirius“ Kopf schon im letzten Schuljahr in genau dem gleichen Feuer
entdeckt und sich mit ihm unterhalten; dennoch konnte er nicht sicher sein, daß er ihn jetzt wieder gesehen hatte.... er
war sofort wieder verschwunden.
„Sirius“ Kopf?“ wiederholte Hermine. „Du meint wie damals als er während des Trimagischen Turniers mit dir
reden wollte? Aber das würde er sich jetzt niemals wagen, es wäre zu - Sirius!“
Sie starrte erschrocken ins Feuer; Ron ließ seine Schreibfeder fallen. Mitten aus den tanzenden Flammen grinste
ihnen, umrahmt von seinem langen dunklen Haar, der Kopf von Sirius entgegen.
„Ich dachte schon, Ihr geht zu Bett, bevor alle anderen verschwunden sind,“ sagte er. „Ich habe stündlich
nachgeschaut.“
„Du bist jede Stunde ins Feuer gegangen?“ sagte Harry, halb lachend.
„Nur für ein paar Sekunden um zu sehen, ob die Luft rein ist“
„Und was, wenn man dich gesehen hätte?,“ sagte Hermine unruhig.
„Ein Mädchen - dem Aussehen nach erstes Jahr - könnte vorhin einen flüchtigen Blick erhascht haben, aber keine
Sorge,“ sagte Sirius schnell, als Hermine die Hand vor den Mund schlug. „Im nächsten Moment war ich schon
wieder verschwunden als sie nochmals schaute und ich bin mir sicher, das sie mich für einen seltsam geformten
Holzscheit oder so gehalten hat.“
„Aber Sirius, du gehst ein großes Risiko ein - „ fing Hermine an.
„Du klingst wie Molly,“ sagte Sirius. „Das war der einzige Weg, Harrys Nachricht zu beantworten, ohne einen
Geheimcode zu benutzen - und ein Code kann geknackt werden.“
Als Harrys Brief erwähnt wurde, drehten sich Hermine und Ron zu ihm um und starrten ihn an.
„Du hast uns nicht erzählt, daß du Sirius geschrieben hast!“ sagte Hermine vorwurfsvoll.
„Ich hab’s vergessen,“ antwortete Harry. Das war nicht gelogen; sein Zusammentreffen mit Cho in der Eulerei hatte
alles aus seinen Gedanken vertrieben.
„Nun schau mich so an, Hermine. Niemand hatte eine Chance an die versteckten Informationen zu kommen, nicht
wahr, Sirius?“
„Ja, sehr gut gemacht,“ lächelte Sirius. „Aber wir beeilen uns besser, falls wir gestört werden - deine Narbe.“
„Was ist damit -?,“ fing Ron an.
„Erzählen wir dir später. Mach weiter, Sirius.“
„Ich weiß, es ist kein Vergnüngen, wenn sie schmerzt, aber wir glauben nicht das du dir deshalb Sorgen machen
mußt. Sie hat auch letztes Jahr ständig gebrannt, oder?“
„Ja, und Dumbledore sagte es passierte immer dann, wenn Voldemort starken Gefühle ausgesetzt war.“ antwortete
Harry, Rons und Hermines Zusammenzucken wie üblich ignorierend.
„Ich weiß nicht, vielleicht war er nur besonders verärgert oder so in der Nacht, als ich Nachsitzen mußte.“
„Jetzt wo er zurück ist, wird sie wohl öfters schmerzen.“ sagte Sirius.
„Du glaubst also nicht, daß es mit Umbridges Berührung zu tun hat, als ich bei Ihr zum Nachsitzen war?, fragte
Harry.
„Ich bezweifle das,“ sagte Sirius. „Sie hat einen guten Ruf und ich bin sicher sie ist kein Todesser -“
„Sie ist schlecht genug, um einer zu sein,“ sagte Harry düster und Ron und Hermine stimmten lebhaft nickend zu.
„Ja, aber die Welt ist nicht nur in gute Menschen und Todesser eingeteilt,“ sagte Sirius mit schwachem Lächeln.
„Ich weiß, daß sie trotzdem ein schwieriger Brocken ist - ihr solltet mal hören, was Remus über sie sagt.“
„Lupin kennt sie?,“ fragte Harry schnell. Er dachte an Umbridges Bemerkungen über gefährliche Mischlinge in ihrer
ersten Stunde.
„Nein,“ sagte Sirius, „aber sie vor zwei Jahren ein Art Anti-Werwolf-Gesetz durchgesetzt, das es ihm beinahe
unmöglich macht, eine Arbeit zu finden.“
Harry erinnerte sich, wie heruntergekommen Lupin dieser Tage aussah und seine Abneigung gegenüber Umbridge
wurde nur noch größer.
„Was hat sie gegen Werwölfe?“ sagte Hermine aufgebracht.
„Angst vor ihnen, nehme ich an,“ antwortete Sirius, über ihre Empörung schmunzelnd. „Offensichtlich verabscheut
sie Halbmenschen; letztes Jahr startete sie eine Kampagne zur Registrierung aller Meermenschen. Stellt euch vor ihr
verschwendet Eure Kraft und Zeit damit, Meermenschen zu verfolgen, während kleine Miststücke wie Kreacher frei
herum laufen.“
Ron lachte, doch Hermine war verärgert.
„Sirius!“ sagte sie vorwurfsvoll. „Ehrlich, wenn du dir ein bißchem mehr Mühe mit Kreacher geben würdest, bin ich
sicher, er würde darauf ansprechen. Schließlich bist du das einzige Familienmitglied das er noch hat und Professor
Dumbledore hat geagt -“
„Wie ist denn der Unterricht bei Umbridge?“ unterbrach Sirius. „Bringt sie euch bei alle Halbmenschen zu töten?“
„Nein,“ sagte Harry und ignorierte Hermines beleidigten Blick darüber, unterbochen worden zu sein, als sie
Kreacher in Schutz zu nehmen versuchte. „Sie verbietet uns jede Anwendung von Magie.“
„In diesem dämlichen Buch lesen ist alles, was wir machen,“ sagte Ron.
„Ja, das paßt,“ sagte Sirius. „Nach unseren Informationen aus dem Ministerium will Fudge keinesfalls, daß ihr zum
Kämpfen ausgebildet werdet.“
„Zum Kämpfen ausgebildet,“ wiederholte Harry ungläubig. „Was glaubt er wohl, was wir hier machen. Eine Art
Zaubererarmee aufstellen?“
„Das ist exakt das, was er von euch glaubt,“ sagte Sirius, „oder besser - er hat Angst davor, daß Dumbledore eine
eigene Privatarmee rekrutiert mit der er in der Lage sein wird, das Ministerium für Magie zu übernehmen.“
Nach einer Pause sagte Ron: „Das ist der größte Quatsch den ich je gehört habe, das Zeug, das Luna Lovegood so
von sich gibt mit eingeschlossen.“
„Wir werden also davon abgehalten Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu lernen, weil Fudge Angst hat, wir
könnten unsere Zaubersprüche gegen das Ministerium richten?“ rief Hermine wütend
„Ja,“ antwortete Sirius. „Fudge geht davon aus, daß Dumbledore sich unter keinen Umständen davon abhalten laasen
wird, die Macht zu ergreifen. Er wird jeden Tag paranoider bezüglich Dumbledore. Es ist nur eine Frage der Zeit bis
er ihn mit irgendeiner erfundenen Anklage hinter Gitter bringt.“
Harry fiel Percys Brief wieder ein.
„Weißt du, ob morgen etwas über Dumbledore im Tagesproheten erscheint? Rons Bruder Percy vermutet das.“
„Keine Ahnung,“ sagte Sirius. „Ich habe das ganze Wochenende mit keinem aus dem Orden gesprochen, sie haben
alle viel zu tun. Nur Kreacher und ich sind hier...“
Ein Hauch Verbitterung lag deutlich in seiner Stimme.
„Dann hast du auch keine Neuigkeiten von Hagrid?“
„Äh...“ sagte Sirius, „nun, er sollte eigentlich zurück sein inzwischen, niemand kann sagen, was geschehen ist.“ Als
er ihre kummervollen Gesichter sah, fügte er schnell hinzu: „Aber Dumbledore macht sich keine Sorgen, also
beruhigt euch ihr drei; ich bin sicher, Hagrid geht es gut.“
„Aber er hätte längst zurück sein müssen...“ sagte Hermine leise mit ängstlicher Stimme.
„Madame Maxime war bei ihm. Wir hatten Kontakt zu ihr und sie sagt, sie wurden während ihrer Heimreise
gertrennt - aber es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß er verletzt wurde oder... - also, jedenfalls keinen Grund
zu glauben, er wäre nicht völlig in Ordnung.“
Wenig überzeugt tauschten Harry, Ron und Hermine besorgte Blicke aus.
„Hört mal, fragt nicht zu viel nach Hagrid,“ sagte Sirius schnell. „Das lenkt die Aufmerksamkeit nur noch mehr
darauf, daß er noch nicht zurück ist und ich weiss, daß Dumbledore das nicht will. Hagrid ist robust, er wird es
schaffen.“ Da sie das auch nicht aufzumuntern schien, fügte er hinzu: „Wann ist eigentlich euer nächstes
Hogsmeade-Wochenende? Ich dachte mir, wo die Tarnung als Hund auf dem Bahnhof so gut funktioniert hat, könnte
ich doch -“
„NEIN!“ riefen Harry und Hermine lauthals wie aus einem Mund.
„Sirius, hast Du den Tagesproheten nicht gelesen?,“ sage Hermine unbehaglich.
„Ach, das,“ grinste Sirius. „Sie rätseln ständig, wo ich sein könnte, sie haben wirklich keine Ahnung -“
„Wir fürchten, diesmal wissen sie es,“ sagte Harry. „Malfoy erwähnte etwas im Zug was uns vermuten läßt, das er
dich erkannt hat. Und sein Vater war auch auf dem Bahnsteig, Sirius - Lucius Malfoy, wie du weißt - also was auch
immer du planst, komm“ auf keinen Fall hierher. Wenn Malfoy dich wieder erkennt -“
„Okay, ich hab“ es verstanden,“ sagte Sirius unzufrieden. „Es war nur so eine Idee. Ich dachte euch würde ein
Treffen gefallen.“
„Würde es auch, aber ich möchte nicht, daß du wieder in den Kerker von Askaban geworfen wirst.,“ antwortete
Harry.
Es enstand eine Pause. Sirius schaute Harry entäuscht aus dem Feuer heraus an, eine Falte zwischen den Augen.
„Du kommst weniger nach deinem Vater als ich dachte,“ sagte er schließlich mit spürbarer kalter Stimme. „Das
Risiko dabei hätte für den James erst den Spaß ausgemacht.“
„Schau -“
„Ich verschwinde jetzt besser. Ich höre Kreacher die Treppe herunter kommen.“ sagte Sirius, aber Harry war sich
sicher, das er log. „Ich schreibe dir dann, zu welcher Zeit ich wieder das Feuer benutzen werde. Soll ich? Kannst Du
das Risiko ertragen?“
Ein leises Plop war zu hören, und an der Stelle, wo gerade noch sein Kopf gewesen war, flackerten wieder die
Flammen.
Kapitel 15 - Der Hochinquisitor von Hogwarts
Sie hatten vor, Hermines Daily Prophet am nächsten Morgen sorgfältig nach dem Artikel zu durchkämmen, den
Percy in seinen Brief erwähnt hatte. Wie auch immer, die Eule hatte nach der Auslieferung kaum begonnen, die
Milchkanne zu leeren als Hermoine einen lauten Schnaufer tat und die Zeitung glattstrich um ein großes Foto von
Dolores Umbridge, breit lächelnd und langsam unter der Schlagzeile blinkend, zu enthüllen.
MINISTERIUM STREBT ERZIEHUNGS-REFORM AN
DOLORES UMBR1DGE ZUM ERSTEN HOCHINQUISITOR ERNANNT
„Umbridge - „Hochinquisitor“?,“ sagte Harry düster und sein halb gegessener Toast glitt ihm aus den Fingern. „Was
soll das bedeuten?“
Hermine las laut:
„Überraschenderweise beschloß das Zaubereiministerium gestern nacht neue Gesetze, die ihm selbst eine
beispiellose Kontrolle über die Hogwarts Schule für Zauberei und Hexerei geben.
„Der Minister hat sich einige Zeit widerwillig angeschaut, was in Hogwarts vorging,“ sagte der Zweiter Assistent
des Ministers, Percy Weasley. „Er kommt nun den Belangen der besorgten Eltern entgegen, welche fühlten, daß die
Schule sich in eine Richtung bewegt, die sie nicht billigen.“
Das ist nicht das erste Mal in den vergangenen Wochen, daß der Minister, Cornelius Fudge, neue Gesetze bemüht
hat, um Neuerungen in der Zaubererschule einzuführen. Bereits am 30. August wurde die Pädagogischer Erlaß
Nummer zweiundzwanzig erlassen, welches besagt, falls der aktuelle Schulleiter für eine Lehrtätigkeit keinen
passenden Kandidaten benennen kann, sollte das Ministerium eine geeignete Person dazu aussuchen. „So wurde
Dolores Umbridge in den Lehrkörper von Hogwarts berufen,“ sagte Weasley letzte Nacht. „Dumbledore konnte
niemanden finden, so hat der Minister Umbridge gewählt und natürlich ist sie ein unmittelbarer Erfolg gewesen.
„Sie war WAS?,“ sagte Harry laut. „Warte, es kommt noch mehr,“ entgegnete Hermine grimmig.
„- ein unmittelbarer Erfolg gewesen, revolutionäre neue Methoden, Verteidigung gegen die dunklen Mächte zu
lehren und ein direkter Informationskanal für den Minister über das, was wirklich in Hogwarts passiert.
Diese letze Aufgabe ist es, die das Ministerium nun formal formuliert hat, indem die Pädagogischer Erlaß Nummer
dreiundzwanzig erlassen wurde, welche die neue Position eines Hogwarts Hochinquisitors einrichtet.
„Das ist eine aufregende neue Phase im Plan des Ministers, mit etwas zurecht zu kommen, was einige sinkende
Standards in Hogwarts nennen,“ sagte Weasley. „Der Inquisitor hat die Macht, seine Lehrerkollegen zu überprüfen
und sicherzustellen, daß diese bei der Stange bleiben. Professor Umbridge wurde diese Position zusätzlich zu ihrer
Lehrtätigkeit angeboten und wir sind froh, sagen zu können, daß sie angenommen hat.“
Die neuen Aktionen des Ministerium wurden seitens der Eltern von Hogwartsschülern enthusiastisch begrüßt.
„Ich fühle mich viel leichter um mein Herz jetzt, wo ich weiß, daß Dumbledore zu einer fairen und objektiven
Beurteilung angehalten wird,“ sagte Mr. Lucius Malfoy, 41, als er letzte Nacht von seinem Wiltshire Mansion mit
uns sprach. „Viele von uns mit den besten Wünschen für unsere Kinder auf dem Herzen haben sich über einige von
Dumbledores exzentrischen Entscheidungen in den letzten paar Jahren gewundert und sind froh, daß das
Ministerium nun ein Auge auf diese Situation hält.“
Zu diesen exzentrischen Entscheidungen zählen zweifelsohne die umstrittenen Lehrer, über die wir früher bereits
geschrieben haben, unter anderem der Werwolf Remus Lupin, der Halb-Riese Hagrid und der wahnsinnige Ex-
Aurors „Mad-Eye“ Moody.
Es wimmelt natürlich von Gerüchten, daß Albus Dumbledore, einst Supreme Mugwump der International
Confederation of Wizards und Chief Warlock des Wizengamot, nicht mehr imstande ist, diese prestigereiche Schule
Hogwarts zu leiten.
„Ich glaube, die Berufung des Inquisitors ist ein erster Schritt, sicherzustellen, daß Hogwarts einen Schulleiter hat,
welchem wir unser Vertrauen schenken können,“ sagte ein Insider aus dem Ministerium letzte Nacht.
Die Ältesten des Wizengamot, Griselda Marchbanks und Tiberius Ogden, traten aus Protest gegen die Einführung
eines Inquisitors für Hogwarts zurück.
„Hogwarts ist eine Schule, keine Außenstelle von Cornelius Fudges Büro,“ sagte Madam Marchbanks. „Dies ist ein
weiterer widerlicher Versuch, Albus Dumbledore in Verruf zu bringen.“
(Für einen vollständigen Bericht von Madam Marchbankss angeblichen Verbindungen zu subversiven
Koboldgruppen blättern Sie bitte auf Seite siebzehn.)“
Hermine hörte auf zu lesen und schaute über den Tisch auf die beiden anderen.
„Nun wissen wir, woran wir mit Umbridge sind! Fudge erläßt seine „Pädagogischer Erlaßen“ und zwingt sie uns auf!
Und nun gibt er ihr die Macht, die anderen Lehrer zu überprüfen!“ Hermine atmete hastig und ihre Augen glänzten.
„Ich kann es nicht glauben. Es schreit zum Himmel!“
„Ich weiß,“ sagte Harry. Er betrachtete seine rechte Hand, verkrampft auf der Tischplatte, und sah die schwachen,
weißen Umrisse der Worte, die Umbridge ihn gezwungen hatte, in seine Haut zu ritzen.
Aber ein Grinsen breitete sich auf Rons Gesicht aus.
„Was?“ sagten Harry und Hermine gleichzeitig und starrten ihn an.
„Oh, ich kann es kaum abwarten, bis McGonagall überprüft wird,“ sagte Ron glücklich. „Umbridge wird nicht
wissen, was sie getroffen hat.“
„Dann kommt,“ sagte Hermine und sprang auf, „wir gehen besser, falls sie Binns“ Klasse überprüft, sollten wir nicht
zu spät kommen.“
Aber Professor Umbridge überprüfte weder ihre Geschichte-der-Zauberei-Stunde, welche so langweilig wie die
vorigen Montag war, which was just as dull as the previous Monday, noch war sie in Snapes Höhle, als sie für die
Doppelstunde Zaubertränke ankamen, wo Harrys Aufsatz über Mondsteine ihm mit einem großen, spitzen,
schwarzen „D“ in der oberen Ecke ausgehändigt wurde.
„Ich habe euch die Noten aufgeschrieben, die ihr erhalten hättet, wenn ihr diese Arbeit in euren OWL abgegeben
hättet,“ sagte Snape grinsend, als er zwischen ihnen durchfegte und die Hausaufgaben zurückgab. „Das sollte euch
einen realistischen Eindruck geben, was euch in der Prüfung erwartet.“
Snape kam vor der Klasse an und drehte sich auf dem Absatz um.
Das allgemeine Niveau dieser Hausaufgabe war miserabel. Wäre das eure Prüfung gewesen, wären die meisten von
euch durchgefallen. Ich erwarte eine erhebliche Besserung bei der Hausaufgabe für diese Woche: ein Aufsatz über
die verschiedenen Arten von Giften und Gegengiften, oder soll ich anfangen, den Dummköpfen mit einem „D“
Strafarbeiten auszuhändigen?“
Er grinste, als Malfoy kicherte und sagte in einem hörbaren Flüstern: „Einige haben ein „D“ bekommen? Ha!“
Harry merkte, daß Hermine zur Seite sah, um seine Note zu sehen. Er schob seinen Mondstein-Aufsatz so schnell
wie möglich zurück in seine Tasche, weil er diese Note lieber für sich behalten wollte.
Entschlossen, Snape keine Möglichkeit zu geben, ihm diese Stunde etwas vorzuhalten, las Harry jede Zeile der
Anleitungen auf der Tafel mindestens dreimal, bevor er diese ausführte. Sein Stärke-Trank war nicht von genau so
klarem türkis, wie Hermines, aber wenigstens war er mehr blau als pink, wie Nevilles und er lieferte am Ende der
Stunde mit einer Mischung aus Trotz und Erleichterung ein Fläschchen des Tranks an Snapes Tisch ab.
„Das war nicht so schlimm, wie letzte Woche, oder?“ fragte Hermine, als sie die Treppen aus der Höhle empor
stiegen und den Weg zur Eingangshalle einschlugen, um zum Mittagessen zu gehen. „Und die Hausaufgarben waren
auch nicht so schlecht, oder?“
Als weder Ron noch Harry antworteten, drängte sie: „Ich meine, ok, ich erwarte nicht die beste Note, nicht wenn er
den Standard für den OWL festlegt, aber ein Bestehen ist schon ermutigend in dieser Stufe, meint ihr nicht?“
Harry hüstelte unverbindlich.
„Klar, es kann noch viel passieren bis zu den Prüfungen, wir haben genug Zeit um uns zu verbessern, aber die Noten
die wir jetzt bekommen sind doch schon mal so was wie eine Richtlinie, oder? Etwas, worauf wir aufbauen
können…“
Sie setzten sich an den Gryffindortisch.
„Natürlich wäre ich vor Freude außer mir gewesen wenn ich ein „H“ bekommen hätte-“
„Hermine,“ sagte Ron scharf, „wenn du unsere Noten wissen willst, dann frag einfach.“
„Ich will nicht- es war nicht meine Absicht- na ja, falls ihr es mir sagen wollt-“
„Ich hab ein „S“„ sagte Ron, und schöpfte sich Suppe in seine Schüssel. „Freust du dich?“
„Nun, das ist nichts wofür man sich schämen müsste,“ sagte Fred, der grade mit George und Lee Jordan am Tisch
erschienen war und sich rechts von Harry gesetzt hatte. „Spricht nichts gegen ein gutes, altes „S.““
„Aber,“ sagte Hermine, „steht „S“ nicht für….“
„Schwach, ja.,““ sagte Lee Jordan. „Aber immer noch besser als ein „D,“ oder?“
„Durchgefallen?“
Harry fühlte wie sein Gesicht warm wurde und täuschte einen kleinen Hustenanfall wegen seinem Brötchen vor. Als
er damit fertig war mußte er zu seinem Leidwesen feststellen, daß Hermine immer noch in voller Fahrt wegen der
OWL Noten war.
„Also, besonders gute Noten sind „H“ für „Hervorragend,“ „ sagte sie, „ und dann gibt es „A“-“
„Nein, „E,““ korrigierte George sie, „„E“ für „Erwartungen Übertroffen.“ Und ich war immer der Ansicht daß Fred
und ich überall ein „E“ hätten bekommen sollen. Immerhin haben wir schon alle Erwartungen übertroffen indem wir
überhaupt zu den Prüfungen erschien sind.“
Sie alle lachten, mit Ausnahme von Hermine, die weiter bohrte. „Also nach „E“ kommt „A“ für „Annehmbar,“ und
das ist die letzte Note mit der man besteht, oder?“
„Yep.“ Sagte Fred und tauchte ein komplettes Brötchen in seine Suppe, führte es zum Mund und steckte es ganz rein.
„Dann kannst du noch „S“ für „Schwach“ bekommen,“ sagte Ron und hob in einer spöttischen Feierlichkeit die
Arme -“und „D“ für „Durchgefallen.““
„Und dann „T.““ erinnerte George ihn.
„„T“?“ fragte Hermine, entsetzt ausschauend. „Noch schlechter als ein „D“? Wofür um Himmels Willen steht „T“?“
„Troll.“ Sagte George prompt.
Harry lachte erneut, obwohl er sich nicht sicher war ob George bloß einen Spaß gemacht hatte oder nicht. Er
versuchte sich vorzustellen, wie er alle seine „T“s in seinen OWL“s vor Hermine verbarg und entschloss sich sofort,
von nun an härter zu arbeiten.
„Hattet ihr schon eine überprüfte Stunde?“ fragte Fred sie.
„Nein,“ sagte Hermine sofort, „hattet ihr Eine?“
„Grade eben vor dem Mittagessen,“ sagte George. „Zaubersprüche.“
„Und wie war es?“ fragten Harry und Hermine gleichzeitig.
Fred zuckte die Schultern.
„Nicht so schlimm. Umbridge hat nur in der Ecke gelauert und sich Notizen auf einem Klemmbrett gemacht. Ihr
wißt wie Flitwick ist, er hat sie wie einen Gast behandelt, sie hat ihn anscheinend gar nicht gestört. Sie hat nicht viel
gesagt.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, daß der alte Flitwick bemängelt wird,“ sagte George, „er bringt normalerweise jeden
heil durch die Prüfungen.“
„Wen habt ihr heute Nachmittag?“ fragte Fred Harry.
„Trelawney -“
„Ohne Zweifel ein „T“ -“
„- und Umbridge höchstpersönlich.“
„Nun, dann sei ein guter Junge und beherrsch dich heute bei Umbridge,“ sagte George. „Angelina wird total
ausflippen wenn du noch mal beim Quidditch Training fehlst.“
Aber Harry mußte gar nicht bis Verteidigung gegen die Dunklen Künste warten, bis er Professor Umbridge traf. Er
zog nahm grad sein Traumtagebuch in einem der hinteren Sitze in dem dunklen Wahrsagungsklassenraum heraus, als
Ron ihn mit dem Ellbogen in die Rippen stieß, und er Professor Umbrigde durch die Falltür im Boden auftauchen
sah. Die Klasse, die sich fröhlich unterhalten hatte, wurde sofort still. Der Abrupte Abfall des Lärmpegels brachte
Professor Trelawney, die Ausgaben von Das Traum Orakel verteilt hatte, dazu sich umzuschauen.
„Guten Nachmittag, Professor Trelawney.“ Sagte Professor Umbridge mit ihrem breiten Lächeln. „Ich vertraue
darauf, daß sie meine Nachricht erhalten haben? Mit Datum und Zeit meiner Inspektion?“
Professor Trelawney nickte kurz, wandte, sehr verstimmt aussehend, Professor Umbridge den Rücken zu und teilte
weiter Bücher aus. Immer noch lächelnd griff Professor Umbridge nach der Lehne des nächsten Armsessels und zog
ihn nach vorne, so daß er nur ein paar Inches hinter Professor Trelawney“s Sessel stand. Dann setzte sie sich hin,
nahm ihr Klemmbrett aus ihrer blumigen Tasche und sah erwartungsvoll hoch, darauf wartend, daß der Unterricht
begann.
Professor Trelawney zog ihre Schals mit leicht zitternden Händen fest um sich und beäugte die Klasse durch ihre
riesigen, alles vergrößernden Brillengläser.
„Wir werden uns heute weiter mit dem Studium von Prophetischen Träumen befassen.“ Sagte sie in dem tapferen
Versuch, wie gewöhnlich mystisch zu klingen, obwohl ihre Stimme leicht zitterte. „Teilt euch bitte in Paare auf und
untersucht mit Hilfe des Orakel gegenseitig eure Visionen der letzten Nacht.“
Sie wollte auf ihrem Sessel zurücksteuern, sah dann daß Professor Umbridge genau daneben saß, und drehte sofort
nach links zu Parvati und Lavender ab, die bereits in einer Diskussion über Parvatis letzten Traum vertieft waren.
Harry schlug seine Ausgabe von Das Traum Orakel auf, während er verstohlen Professor Umbridge beobachtete. Sie
war schon fleißig dabei, sich auf ihrem Klemmbrett Notizen zu machen. Nach ein paar Minuten erhob sie sich und
begann, in Trelawney“s Kielwasser durch den Raum zu schreiten, ihren Gesprächen mit den Schülern zu zuhören
und hier und da Fragen zu stellen. Harry beeilte sich, seinen Kopf über das Buch zu beugen.
„Denk dir schnell einen Traum aus,“ forderte er Ron auf, „für den Fall daß die alte Kröte hier vorbeikommt.“
„Ich hab das schon letztes Mal gemacht,“ protestierte Ron, „du bist dran, erzähl du mir einen.“
„Oh, ich hab keine Ahnung…“ sagte Harry verzweifelt, der sich nicht daran erinnern konnte in den letzten Tagen
geträumt zu haben. „Sagen wir einfach ich hab …. Snape in meinem Zauberkessel ertränkt … ja, das wird
genügen…“
Ron gluckste als er sein Traum Orakel öffnete.
„Okay, wir müssen dein Alter dem Datum, an dem du es geträumt hast, hinzufügen, die Anzahl der Buchstaben ….
Wäre das „Ertränken“ oder „Zauberkessel“ oder Snape“?“
„Ist ganz egal, nimm einfach irgendeins,“ sagte Harry und riskierte einen Blick nach hinten. Professor Umbridge
stand nun an Trelawneys Schulter und machte sich Notizen, während die Wahrsagungslehrerin Neville nach seinem
Traumtagebuch ausfragte.
„Welche Nacht war das noch wo du das geträumt hast?“ sagte Ron, in seine Berechnungen vertieft.
„Ich weiß nicht, letzte Nacht, wann du willst,“ erwiderte Harry während er versuchte zu hören, was Professor
Umbridge zu Professor Trelawney sagte. Sie waren jetzt nur noch einen Tisch von Ron und ihm entfernt. Professor
Umbridge machte sich eine weitere Notiz und Professor Trelawney sah sehr verstimmt aus.
„Nun,“ sagte Umbridge und sah hoch zu Trelawney, „Sie sind jetzt hier schon wie lange beschäftigt?“
Professor Trelawney starrte sie finster an, die Arme verschränkt und die Schultern zu einem Buckel verkrümmt, als
ob sie sich so gut wie möglich vor der Demütigung einer Inspektion schützen wollte. Nach einer kleinen Pause, in
der sie anscheinend entschieden hatte daß die Frage nicht so beleidigend war, als daß sie sie einfach ignorieren
konnte, sagte sie in einem dunklen, aufgebrachten Tonfall, „Fast 16 Jahre.“
„Schon eine ganze Weile,“ sagte Professor Umbridge und machte sich eine Notiz auf ihrem Klemmbrett. „Also war
es Dumbledore, der sie eingestellt hat?“
„Das stimmt.“ Sagte Professor Trelawney kurz.
Professor Umbridge machte sich eine weitere Notiz.
„Und sie sind die Ur-Ur-Urenkelin der gefeierten Seherin Cassandra Trelawney?“
„Ja.“ Sagte Professor Trelawney und hob den Kopf etwas höher.
Eine weitere Notiz auf dem Klemmbrett.
„Aber soweit ich weiß - korrigieren sie mich wenn ich mich irre - sind sie die erste in ihrer Familie seit Cassandra
die das Zweite Gesicht besitzt?“
„Solche Sachen überspringen oft - äh - drei Generationen.“ Sagte Professor Trelawney.
Professor Umbridges krötenartige Lächeln wurde breiter.
„Natürlich.“ Sagte sie süßlich, und machte sich noch eine Notiz. „Nun denn, wenn sie dann wohl etwas für mich
voraussagen könnten?“ Und sie sah auffordernd nach oben, immer noch lächelnd.
Professor Trelawney versteifte sich als ob sie nicht in der Lage war, ihren Ohren zu glauben. „Ich verstehe sie
nicht,“ sagte sie, während sie sich verkrampft an dem Schal, den sie um ihren dürren Hals trug, festklammerte.
„Ich hätte gerne, daß sie etwas für mich voraussagen.“ Sagte Professor Umbridge sehr deutlich.
Harry und Ron waren nun nicht mehr die Einzigen, die heimlich hinter ihren Büchern lauschten. Die Mehrheit der
Klasse starrte wie versteinert auf Professor Trelawney, als sie sich zu ihrer vollen Größe aufrichtete, ihre Perlen und
Armreife klirrend.
„Das Innere Auge kann nicht auf Kommando Sehen!“ sagte sie in einem verärgerten Ton.
„Ich verstehe,“ sagte Professor Umbridge sanft, und machte sich noch eine Notiz auf ihrem Klemmbrett.
„Ich - aber - aber… warten sie!“ sagte Professor Trelawney plötzlich, in dem Versuch ihre Stimme wie immer
ätherisch klingen zu lassen, obwohl der mystische Effekt durch das wütende Zittern darin ziemlich ruiniert wurde.
„Ich… ich denke ich sehe wirklich etwas … etwas, daß sie bedrückt …. Warum, ich spüre etwas ….etwas dunkles….
Lebensgefährliches….“
Professor Trelawney zeigte mit dem Finger zitternd auf Professor Umbridge, die sie weiterhin mit hochgezogenen
Augenbrauen gelangweilt anlächelte.
„Ich befürchte … ich befürchte sie sind in ernsthafter Gefahr!“ beendete Professor Trelawney dramatisch.
Es gab eine Pause. Professor Umbridge beäugte Professor Trelawney.
„Selbstverständlich,“ sagte sie milde, während sie noch einmal auf ihrem Klemmbrett kritzelte. „Nun denn, wenn
das das Beste ist was sie zu bieten haben…“
Sie wandte von Trelawney, die wie angewurzelt auf dem Fleck stand, ab und hob die Brust. Harry erhaschte Rons
Blick, und stellte fest, daß Ron genau das gleiche dachte wie er selber: beide wußten daß Professor Trelawney eine
alte Hochstaplerin war, aber sie verabscheuten Professor Umbridge so sehr, daß sie sich mehr auf Trelawneys Seite
fühlten - bis sie sich ein paar Sekunden später auf die Zwei herabstürzte.
„Na?“ sagte sie, und schnippte ihre langen Finger unter Harrys Nase, untypisch forsch. „Laß mich bitte dein
bisheriges Traumtagebuch sehen.“
Und nachdem sie Harrys Träume in voller Lautstärke interpretiert hatte (die alle, einschließlich seiner Träume über
das Essen von Porridge, einen grausamen und frühen Tod prophezeiten), hatte er weit aus weniger Mitleid mit ihr als
zuvor. Während der ganzen Zeit stand Professor Umbridge ein paar Fuß entfernt, machte sich auf dem Klemmbrett
Notizen, und als die Schulglocke läutete stieg sie die silberne Leiter als erste herunter und wartete 10 Minuten später
bereits auf sie, als sie für Verteidigung gegen die Dunklen Künste ankamen.
Sie summte und lächelte in sich hinein, als sie den Raum betraten. Harry und Ron erzählten Hermine, die in
Arithmantik gewesen war, genau, was in Wahrsagen passiert war, während sie alle ihre Ausgaben von Verteidigende
Magische Theorien (oder Magische Verteidigungstheorie?) herausholten, aber bevor Hermine irgendwelche
Fragen stellen konnte, hatte Professor Umbridge sie alle zur Ordnung gerufen und Ruhe trat ein.
„Zauberstäbe weg,“ wies sie sie alle mit einem Lächeln an, und die Leute die hoffnungsvoll genug gewesen waren,
die Zauberstäbe herauszuholen, steckten sie traurig in ihre Taschen zurück. „ Da wir Kapitel eins in der letzten
Stunde beendet haben, möchte ich, das Sie heute alle zu Seite Neunzehn blättern und mit „Kapitel Zwei, Allgemeine
verteidigende Theorien und ihre Herleitung“ beginnen . Es wird nicht nötig sein, zu reden.“
Immer noch ihr breites, selbstzufriedenes Lächeln auf den Lippen, setzte sich an ihrem Schreibtisch nieder. Die
Klasse gab ein hörbares Stöhnen von sich, als sie alle auf einmal Seite Neunzehn aufschlugen. Harry fragte sich
gelangweilt, ob es wohl genug Kapitel in dem Buch gab, um sie in allen Unterrichtstunden dieses Schuljahres lesen
zu lassen und war im Begriff die Seite mit der Inhaltsangabe zu prüfen, als er bemerkte, daß Hermine ihre Hand
schon wieder in der Luft hatte. Professor Umbridge hatte es auch bemerkt und dazu schien sie für genau solch eine
Eventualität eine Strategie ausgearbeitet zu haben.
Anstatt zu versuchen, vorzugeben, sie hätte Hermine nicht bemerkt, stand sie auf und ging um die erste Tischreihe
herum bis sie ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand, dann beugte sie sich herunter und flüsterte:“ Was ist
es diesmal, Miss Granger?“
„Ich habe Kapitel zwei schon gelesen,“ sagte Hermine. „Nun, dann fahren Sie mit Kapitel drei fort.“
„ Das habe ich auch schon gelesen. Ich habe das ganze Buch gelesen.“
Professor Umbridge blinzelte, aber nahm fast sofort wieder Haltung an.
„Nun, dann sollten Sie fähig sein, mir zu sagen, was Slinkhard in Kapitel Fünfzehn über Gegenflüche sagt.“
„Er sagt, das Gegenflüche unpassend benannt sind,“ sagte Hermine prompt.
„ Er sagt, „Gegenfluch“ ist nur eine Bezeichnung, die Menschen ihren Flüchen geben, wenn sie wollen, das sie sich
annehmbarer anhören.“
Professor Umbridge hob ihre Augenbrauen und Harry wußte, sie war wider Willens beeindruckt.
„Aber ich stimme nicht zu,“ fuhr Hermine fort.
Professor Umbridges Augenbrauen hoben sich noch ein bißchen höher und ihr Blick wurde merklich kalt. „Sie
stimmen nicht zu?“ wiederholte sie.
„Nein, tue ich nicht,“ sagte Hermine, die, im Gegensatz zu Umbridge, nicht flüsterte, sondern mit einer klaren,
getragenen Stimme sprach, die nun auch die Aufmerksamkeit der restlichen Klasse auf sich gezogen hatte.
„Mr Slinkhard mag keine Flüche, nicht? Aber ich denke, sie können sehr nützlich sein, wenn sie zur Verteidigung
gebraucht werden.“
„Oh, das denken Sie, nicht?,“ sagte Professor Umbridge, vergaß zu Flüstern und richtete sich auf. „Nun, ich fürchte,
es ist Mr Slinkhard“s Meinung und nicht Ihre die in diesem Klassenzimmer zählt, Miss Granger.“
„Aber-,“ begann Hermine.
„Das ist genug,“ sagte Professor Umbridge.
Sie schritt zurück vor die Klasse und stand vor ihnen, verschwunden war all die Unbeschwertheit, die sie zu Anfang
der Stunde gezeigt hatte.
„Miss Granger, ich werde Gryffindor 5 Punkte abziehen.“ Daraufhin brach Gemurmel aus.
„Weshalb?,“ sagte Harry wütend. „Misch Dich da nicht ein!“ flüsterte Hermine ihm eindringlich zu.
„Wegen Störens meines Unterrichts mit taktlosen Unterbrechungen,“ sagte Professor Umbridge ruhig.
„Ich bin hier um Sie eine Ministeriums-erprobte Methode zu lehren, die nicht beinhaltet, Schüler zu ermuntern, ihre
Meinung über Angelegenheiten zu äußern, von denen sie nur sehr wenig verstehen. Ihre vorherigen Lehrer in diesem
Fach mögen Ihnen mehr Zwanglosigkeit erlaubt haben, aber da keiner von ihnen - mit der möglichen Ausnahme von
Professor Quirrell, der zumindest so erschien, als hätte er sich auf altersangemessenen Themen beschränkt- einer
Ministeriums Inspektion standgehalten hätte-“
„Klar, Quirrell war ein großartiger Lehrer,“ sagte Harry laut, „der unbedeutende Nachteil an ihm war nur, daß er
Lord Voldemort aus seinem Hinterkopf hervorstehen hatte.“
Dieser Äußerung folgte eine der lautesten Stille die Harry je gehört hatte. Dann-
„Ich denke, eine zusätzliche Woche Nachsitzen würde Ihnen gut tun, Mr Potter,“ sagte Umbridge ölig.
*
Der Schnitt auf der Rückseite von Harry“s Hand war kaum geheilt und am nächsten Morgen blutete er wieder. Er
beklagte sich nicht während des abendlichen Nachsitzens; er war entschlossen, Umbridge diese Befriedigung nicht
zu geben; immer und immer wieder schrieb er Ich soll keine Lügen erzählen und kein Ton entkam seinen Lippen,
obwohl sich der Schnitt mit jedem Buchstaben vertiefte. Der allerschlimmste Teil dieser zweiten Woche Nachsitzen
war, genau wie George es vorhergesagt hatte, Angelina“s Reaktion.
In dem Moment, als er am Dienstag beim Frühstück am Tisch der Gryffindors ankam, trieb sie ihn in die Ecke und
schrie so laut, daß Professor McGonagall vom Lehrertisch auf sie hinuntergefegt kam.
„Miss Johnson, wie können Sie es wagen, so einen Aufstand in der Großen Halle zu machen! Fünf Punkte von
Gryffindor!“
„Aber Professor- er ist gegangen und ist schon wieder beim Nachsitzen gelandet-“
„Was ist das, Potter?“ , sagte Professor McGonagall scharf und drehte sich zu Harry um. „Nachsitzen? Von wem?“
„Von Professor Umbridge,“ murmelte Harry den Blick in Professor McGonagalls kleine, runde, genau gestaltete
Augen vermeidend.
„Wollen Sie mir erzählen,“ sagte sie, ihre Stimme dämpfend, so daß die Gruppe neugieriger Ravenclaws hinter ihnen
sie nicht hören konnte, „daß nach der Warnung die ich Ihnen letzten Montag gegeben hatte, Ihr Temperament in
Professor Umbridge“s Stunde schon wieder mit Ihnen durchgegangen ist ?“
„Ja,“ murmelte Harry, zum Boden sprechend.
„Potter, Sie müssen Sich in den Griff kriegen! Sie kommen in ernste Schwierigkeiten! Zusätzliche fünf Punkte von
Gryffindor!“
„Aber- was-? Professor, nein!,“ sagte Harry, erzürnt über diese Ungerechtigkeit,
„Ich bin schon von ihr bestraft worden, warum müssen Sie auch Punkte abziehen?“
„Weil Nachsitzen keinen Effekt auf Sie zu haben scheint, was-auch-immer !“ , sagte Professor McGonagall in
scharfem Ton.
„Nein, kein kein einziges Word der Beschwerde mehr, Potter! Und was Sie betrifft, Miss Johnson, Sie werden Ihre
Schreispiele zukünftig auf das Quidditchfeld beschränken oder Sie riskieren Ihre Position als Team-Kapitän!“
Professor McGonagall schritt zurück in Richtung des Lehrertisches. Angelina warf Harry einen Blick tiefsten Ekels
zu und stolzierte davon, woraufhin er sich vor Wut schäumend neben Ron auf die Bank schleuderte.
„Sie hat Gryffindor Punkte abgezogen, weil ich jede Nacht meine Hand aufgeschlitzt bekomme! Wie fair ist das,
wie?“
„Ich weiß, Kumpel,“ sagte Ron mitfühlend, Schinken auf Harry“s Teller kippend,“ sie hat nen Knall.“ Hermine
raschelte jedoch lediglich mit den Seiten ihres Tagespropheten und sagte nichts.
„Du denkst McGonagall hatte recht, nicht?,“ sagte Harry wütend zum Foto von Cornelius Fudge, das Hermine’s
Gesicht verdeckte.
„Ich wünschte, sie hätte dir keine Punkte abgezogen, aber ich denke, sie hat Recht dich zu warnen, dein
Temperament bei Umbridge zu zügeln,“ sagte Hermine’s Stimme, während Fudge von der Titelseite kräftig
gestikulierte, offensichtlich eine Art Rede haltend.
Harry sprach während dem gesamten Zaubersprüche- Unterricht nicht mit Hermine, aber als sie zu Verwandlung
hineingingen, vergaß er, daß er ärgerlich mit ihr war.
Professor Umbridge und ihr Notizblock saßen in einer Ecke und ihr Anblick vertrieb die Erinnerung an das
Frühstück sofort aus seinem Kopf.
„Ausgezeichnet,“ flüsterte Ron, als sie sich auf ihre üblichen Plätze setzten.
„Laßt uns sehen, wie Umbridge kriegt, was sie verdient.“
Professor McGonagall marschierte in den Raum ohne auch nur das geringste Anzeichen dafür zu geben, das sie
wußte, das Professor Umbridge da war.
„Genug,“ sagte sie und sofort war es ruhig.
„Mr Finnigan, kommen Sie freundlicherweise her und geben die Hausaufgaben zurück - Miss Brown, bitte nehmen
Sie diese Kiste Mäuse- seien Sie nicht dumm, Mädchen, sie werden Ihnen nichts tun- und geben Sie jedem Schüler
eine-“
„hem,hem,“ sagte Professor Umbridge, das selbe dumme, kleine Husten benutzend, mit dem sie auch Dumbledore
am ersten Abend des Schuljahrs unterbrochen hatte. Professor McGonagall ignorierte sie. Seamus händigte Harry
seinen Aufsatz aus, Harry nahm ihn ohne hinzugucken und sah, zu seiner Erleichterung, das er ein „A“ geschafft
hatte.
„In Ordnung, hören sie gut zu - Dean Thomas, wenn sie das noch einmal mit der Maus anstellen, dann werde ich
ihnen eine Strafarbeit geben müssen - die meisten von Ihnen haben es vollbracht, ihre Schnecken verschwinden zu
lassen, und auch jene, die noch eine gewisse Menge Schale übrig behielten, haben den wesentlichen Punkt in etwa
begriffen. Heute nun werden wir...
„Ähm, Ähm...“ sagte Professor Umbridge.
„Ja?“ sagte Professor McGonagall, sich umwendend. Ihre Augenbrauen schienen eine einzige lange, streng gezogene
Linie zu formen, so eng lagen sie beieinander.
„Ich fragte mich nur, Professor, ob sie mein Memo erhielten, in welchem ich ihnen Datum und Zeit ihrer Inspek...“
„Offensichtlich habe ich es erhalten, anderenfalls hätte ich sie gewiss gefragt, was sie in meinem Unterricht zu
suchen hätten.“ sagte Professor McGonagall, Professor Umbridge betont den Rücken zuwendend.
Viele der Schüler tauschten schadenfrohe Blicke.
„Wie ich sagte, werden wir heute das ungleich schwierigere Verschwinden von Mäusen üben. Nun, der
Verschwinde-Zauber...“
„Ähm, Ähm...“
„Ich frage mich,“ sagte Professor McGonagall in kalter Wut in Richtung Professor Umbridge, „wie sie
beabsichtigen, einen Einblick in meine üblichen Unterrichtsmethoden zu erhalten, wenn sie mich weiterhin
kontinuierlich unterbrechen? Wissen sie, gewöhnlich erlaube ich niemandem zur reden, so lange ich spreche.“
Professor Umbridge sah aus, als hätte man ihr eine Ohrfeige versetzt. Sie sagte kein Wort, glättete das Pergament auf
ihrem Clipboard und begann, wild Notizen abzufassen.
Völlig unbeeindruckt wandte sich Professor McGonnagall wieder der Klasse zu:
„Wie ich sagte: Der Verschwinde-Zauber wird schwieriger, je komplexer das zu verschwinden lassende Tier wird.
Die Schnecke als wirbelloses, bietet keine große Herausforderung, die Maus hingegen, als Säugetier, eine umso
größere. Dies ist also keine Magie, die sich bewerkstelligen lässt, während man in Gedanken schon beim Abendessen
weilt. So, sie kennen die Beschwörungsformel, wollen wir sehen, was sie tun können...“
„Wie kann sie mir nur einen Vortrag halten, gegenüber Umbridge nicht die Beherrschung zu verlieren?“ murmelte
Harry Ron zu, aber er grinste dabei. Seine Ärger über McGonagall war so gut wie verflogen.
Professor Umbridge folgte Professor McGonagall nicht beim Rundgang durch die Klasse, wie sie Professor
Trelawney gefolgt war, wahrscheinlich hatte sie erkannt, daß Professor McGonnagall dies nicht zugelassen hätte.
Dennoch erweiterte sie ihre Aufzeichnungen von ihrer Ecke aus um ein vielfaches, und als Professor McGonagall
ihre Schüler schließlich einpacken ließ, erhob sie sich mit einem grimmigen Ausdruck auf ihrem Gesicht.
„Nun, das ist ein Anfang,“ sagte Ron, der einen zappelnden Mäuseschwanz in der Hand hielt, den er schließlich in
die Kiste fallen ließ, die Lavender herum reichte.
Als sie den Klassenraum verließen, sah Harry Professor Umbridge sich dem Lehrerpult nähern. Er stieß Ron an, der
im Gegenzug Hermine anstieß, und die drei ließen sich absichtlich zurückfallen, um zu lauschen.
„Wie lange unterrichten sie schon in Hogwarts?“ fragte Professor Umbridge.
„Neununddreißig Jahre in diesem Dezember.“ antwortete Professor McGonagall schroff und ließ ihre Tasche
zuschnappen.
Professor Umbridge notierte.
„Nun gut.“ sagte sie. „Sie werden das Ergebnis ihrer Inspektion in zehn Tagen erhalten.“
„Ich kann es kaum erwarten“ sagte Professor Mc Gonegall, in einer kalten unbeteiligten Stimme, und setzte ihre
Schritte in Richtung der Tür. „Beeilung, ihr drei“ fügte sie hinzu, Harry, Ron und Hermine vor sich her treibend.
Harry konnte es sich nicht verkneifen, ihr ein mattes Lächeln zu schicken, und er hätte schwören können, eins zurück
erhalten zu haben.
Er hatte erwartet, daß er Umbridge erst während seiner Strafarbeit am Abend wiedersehen würde, aber er hatte sich
getäuscht. Als sie die Wiesen in Richtung des Waldes zu „Pflege Magischer Geschöpfe“ hinuntergingen, warteten sie
und ihr Clipboard neben Professor Rauhe-Pritsche bereits auf sie.
„Sie unterrichten diese Klasse nicht regelmäßig, ist das richtig?“ hörte Harry sie fragen als sie den Tapeziertisch (!?)
erreichten, worauf eine Gruppe gefangener Bowtruckles (BogenKreacher? BeugKreacher?) wie lebende Zweige auf
der Suche nach Holzläusen herumkrabbelten.
„In der Tat.“ sagte Professor Rauhe-Pritsche, ihre Hände hinter dem Rücken verschränkt und auf den Fußballen
wippend. „Ich bin die Vertretungslehrerin für Professor Hagrid.“
Harry tauschte unbehagliche Blicke mit Ron und Hermine. Malfoy flüsterte mit Crabbe und Goyle. Er würde die
Gelgenheit sicher nicht verstreichen lassen, einem Mitglied des Ministeriums Geschichten über Hagrid aufzutischen.
„Hmmm“ sagte Professor Umbridge, leiser werdend, auch wenn Harry sie auch weiterhin klar verstehen konnte, „Ich
frage mich - der Schulleiter verweigert mir seltsamerweise jegliche Information diese Angelegenheit betreffend -
können sie mir sagen, was der Grund für Professor Hagrids andauernde Beurlaubung ist?“
Harry sah, daß Malfoy eifrig den Kopf hob und Umbridge und Rauhe-Pritsche genau beobachtete.
„Fürchte, das kann ich nicht.“ sagte Professor Rauhe-Pritsche leicht dahin. „Weiß nicht mehr, als sie darüber wissen.
Hab eine Eule von Dumbledor bekommen, ob ich nicht ein paar Wochen unterrichten wolle. Ich hab angenommen.
Das ist das, was ich weiß. Soll ich...ähm... jetzt anfangen?“
„Ja, tun sie das bitte:“ sagte Professor Umbridge, auf ihrem Clipboard herumkritzelnd.
Umbridge ging in diesem Unterricht anders vor, bewegte sich zwischen den Schülern und stellte ihnen Fragen zu
Magischen Geschöpfen. Die meisten konnten befriedigend Auskunft geben und Harrys Stimmung hob sich etwas.
Zumindest ließ die Klasse Hagrid nicht hängen.
„Alles in allem“ wandte sich Professor Umbridge wieder Professor Rauhe-Pritsche zu, nachdem sie Dean Thomas
längere Zeut verhört hatte, „wie finden sie, als vorübergehendes Mitglied des Lehrkörpers - als objektiver
Außenstehender, könnte man sagen - wie finden sie Hogwarts? Fühlen sie sich von der Schulleitung genügend
unterstützt?“
„Oh ja, Dumbledore ist großartig.“ sagte Professor Rauhe-Pritsche herzlich. „Ja, ich bin sehr glücklich mit der
Vorgehensweise hier, sehr glücklich, wirklich.“
Mit freundlich ungläubigem Gesichtsausdruck notierte Umbridge etwas auf ihrem Clipboard und fuhr fort: „Und was
planen sie mit dieser Klasse in diesem Jahr durchzunehmen - vorausgesetzt Professor Hagrid kehrt nicht zurück?“
„Oh, ich werd mich auf die Geschöpfe konzentireren, die am häufigsten in den OWLs abgefragt werden.“ antwortete
Professor Rauhe-Pritsche. „Nicht mehr viel zu tun. Sie hatten Einhörner und Niffler. Ich dachte, ich nehme Porlocks
und Kneazel durch und stelle sicher, daß sie Crumps von Knarls unterscheiden können...“
„Nun, SIE scheinen ja auf jeden Fall zu wissen, was sie tun.“ sagte Professor Umbridge, indem sie einen
offensichtlichen Hackein auf ihrem Clipboard machte. Harry mochte die Betonung nicht, die sie auf „sie“ gelegt
hatte und noch weniger mochte er, daß sie nun ihre nächste Frage an Goyle richtete.
„Nun, ich hörte, es hätte in dieser Klasse Verletzte gegeben?“
Goyle grinste blödsinnig. Malfoy sprang sofort herbei, die Frage zu beantworten.
„Das war ich“ sagte er, „Ich wurde von einem Hippgreif aufgeschlitzt.“
„Ein Hippogreif?“ sagte Professor Umbridge, nun wild kritzelnd.
„Nur, weil er zu blöd war, den Anweisungen Hagrids zu folgen.“ setzte Harry wütend hinzu.
Ron und Hermine stöhnten. Langsam wandte Professor Umbridge den Kopf in Harrys Richtung.
„Ein weiterer Abend Strafarbeit, denke ich.“ sagte sie samtweich. „Nun, danke vielmals, Professor Rauhe-Pritsche.
Ich denke, das ist alles, was ich hier benötige. Sie werden das Ergebnis ihrer Inspektion innerhalb von 10 Tagen
erhalten. „
„Wunderbar“ sagte Professor Rauhe-Pritsche und Professor Umbridge machte sich auf den Weg über die Wiesen
zurück zum Schloß.
Es war fast Mitternacht als Harry diese Nacht Umbridge“s Büro verließ, seine Hand blutete nun so heftig, daß sie das
Tuch durchdrang, mit dem er sie verbunden hatte. Er dachte der Gemeinschaftsraum wäre leer wenn er zurückkam,
aber Ron und Hermine warteten dort auf ihn. Er freute sich sie zu sehen, besonders da Hermine eher mitfühlend als
kritisch erschien.
„Hier,“ sagte sie besorgt und hielt ihm eine kleine Schüssel mit gelber Flüssigkeit hin, „leg deine Hand da hinein, es
ist eine Mischung aus gespannten und eingelegten Murtlap Tentakeln, daß sollte helfen.“
Harry legte seine blutende, schmerzende Hand in die Schüssel und verspürte sofort eine Erleichterung. Krumbein
strich um seine Beine, schnurrte laut, dann sprang er ihm auf den Schoß und rollte sich ein.
„Danke,“ sagte er dankbar und kraulte Krumbein mit der linken Hand hinter den Ohren.
„Ich denke du solltest dich darüber beschweren,“ sagte Ron mit leiser Stimme.
„Nein,“ sagte Harry rundweg.
„McGonagall würde ausflippen, wenn sie wüsste ...“
„Ja würde sie vermutlich,“ erwiederte Harry ausdruckslos. „Und wie lange schätzt du würde es dauern bis Umbridge
eine andere Verordnung verhängt, die besagt, daß jeder sofort gefeuert wird der sich über die Untersuchungsbeamtin
beschwert?“
Ron öffnete den Mund um zu wiedersprechen aber nach einem Moment schloss er ihn wieder, ohne etwas zu sagen.
„Sie ist eine schreckliche Frau,“ sagte Hermine leise. „Schrecklich. Weisst du ich sagte gerade zu Ron als du
hereinkamst ... wir müssen etwas gegen sie tun.“
„Ich habe Gift vorgeschlagen,“ sagte Ron grimmig.
„Nein ... ich meine darüber, daß sie eine grässliche Lehrerin ist und wir nichts von ihr über Verteidigung lernen,“
sagte Hermine.
„Und was können wir dagegen tun?“ fragte Ron gähnend. „Es ist zu spät wißt, oder? Sie hat den Job und sie bleibt
hier. Fudge wird dafür sorgen.“
„Nun,“ sagte Hermine zögernd. „Wißt ihr ich habe heute nachgedacht ...“ Sie warf Harry einen leicht nervösen Blick
zu und fuhr fort, „Ich dachte, daß ... vielleicht ist die Zeit gekommen, daß wir es selbst tun.“
„Was selbst tun?“ fragte Harry misstrauisch während er seine Hand weiter in der Essenz badete.
„Nun ... Verteidigung gegen die Dunklen Künste selbst lernen,“ antwortete Hermine.
„Ach was,“ stöhnte Ron. „Du willst, daß wir extra Arbeit machen? Ist dir aufgefallen, daß Harry und ich wieder mit
unseren Hausaufgaben zu spät dran sind und es ist gerade mal die zweite Woche?“
„Aber das ist wichtiger als Hausaufgaben!“ rief Hermine.
Harry und Ron starrten sie an.
„Ich dachte nichts in diesem Universum ist wichtiger als Hausaufgaben!“ sagte Ron.
„Red keinen Unsinn, natürlich gibt es wichtigeres,“ sagte Hermine und Harry sah beunruhigt, daß ihr Gesicht sich
plötzlich mit demselben Eifer aufhellte, der sie normalerweise bei BELFER erfasste. „Es geht darum, uns darauf
vorzubereiten was uns dort draussen erwartet, wie Harry in Umbridge“s erster Stunde sagte. Es sorgt dafür, daß wir
uns wirklich verteidigen können. Wenn wir ein ganzes Jahr nichts lernen ...“
„Wir können nicht viel selbst tun,“ sagte Ron niedergeschlagen. „Ich meine wir können Flüche in der Bibliothek
nachschlagen und sie ausprobieren, denke ich ...“
„Nein, ich meine wir müssen hinter die Kulisse wo wir Dinge lernen können, die nicht in den Büchern stehen, „ sagte
Hermine. „Wir brauchen einen geeigneten Lehrer, der uns zeigt wie wir die Flüche einsetzen und uns korrigiert wenn
wir es falsch machen.“
„Wenn du Lupin meinst ...“ fing Harry an.
„Nein ich rede nicht von Lupin,“ sagte Hermine. „Er ist zu beschäftigt mit dem Orden und wir können ihn höchstens
an den Hogsmeade-Wochenenden sehen und das ist nicht annähernd oft genug.“
„Wen denn dann?“ fragte Harry stirnrunzelnd.
Hermine seufzte tief.
„Ist das nicht offensichtlich?“ fragte sie. „Ich rede von dir, Harry.“
Es war einen Moment still. Ein leichter Wind rüttelte am Fenster hinter Ron und das Feuer flackerte.
„Und was soll ich tun?“ fragte Harry.
„Ich rede davon, daß du uns Verteidigung gegen die Dunklen Künste beibringst.“
Harry starrte sie an. Dann drehte er sich zu Ron um mit ihm einen genervten Blick auszutauschen, was sie manchmal
taten wenn Hermine weit hergeholte Pläne wie für BELFER ausklügelte. Zu Harrys Überraschung sah Ron nicht
genervt aus..
Er hatte die Stirn etwas gerunzelt und dachte offensichtlich nach. Dann sagte er, „Das ist eine Idee.“
„Was ist eine Idee?“ fragte Harry.
„Daß du es uns beibringst,“ antwortete Ron.
„Aber ...“
Harry grinste nun, sicher, daß die beiden sich einen Spaß mit ihm erlaubten.
„Aber ich bin kein Lehrer, ich kann nicht ...“
„Harry du bist der beste des Jahres gegen Verteidigung gegen die Dunklen Künste,“ sagte Hermine.
„Ich?“ fragte Harry und grinste noch breiter. „Nein bin ich nicht. Du hast mich in jedem Test geschlagen ...“
„Eigentlich nein,“ sagte Hermine gelassen. „Du hast mich im dritten Jahr geschlagen - Im einzigen Jahr in dem wir
beide den Test machten und einen Lehrer hatten, der wußte worum es geht. Aber ich rede nicht von Testergebnissen,
Harry. Denk daran was du getan hast.“
„Wie meinst du das?“
„Weisst du was? Ich bin nicht sicher ob ich jemand so dummes als Lehrer haben möchte,“ sagte Ron grinsend zu
Hermine. Er drehte sich zu Harry.
„Laß mal nachdenken,“ sage er und zog ein Gesicht wie Goyle, wenn er versucht nachzudenken. „Uh ... Erstes Jahr -
Du hast den Stein der Weisen vor Du-weisst-schon-wem gerettet.“
„Aber das war Glück,“ sagte Harry. „Es war kein Können ...“
„Zweites Jahr,“ unterbrach Ron. „Du hast den Basilik getötet und Riddle zerstört.“
„Ja, aber wenn Fawkes nicht aufgetaucht wäre, ich ...“
„Drittes Jahr,“ sagte Ron lauter. „Dein Kampf mit an die 100 Dementoren zugleich ...“
„Du weisst, daß es nur ein Glücksfall war. Wenn der Zeitwandler nicht ....“
„Letztes Jahr,“ rief Ron laut, „ Du hast wieder gegen Du-weisst-schon-wen gekämpft ...“
„Hör mir zu!“ rief Harry ärgerlich, weil Ron und Hermine nun beide grinsten. „Hört einfach zu ok? Es hört sich toll
an wenn du das so sagst, aber all das war Glück - Ich wußte die halbe Zeit nicht was ich tat, ich habe nichts geplant,
ich habe nur getan was mir einfiel und fast immer hatte ich Hilfe ...“
Ron und Hermine grinsten weiter und Harry wurde wütend; Er war sich nicht sicher warum er sich so verärgert
fühlte.
„Sitzt nicht da rum und grinst als wüsstet ihr es besser als ich, ich war dort,“ rief er erregt. „Ich weiss was passiert ist,
klar? Und ich kam nicht durch all das weil ich so brilliant in Verteidigung gegen die Dunklen Künste bin. Ich kam da
durch weil ... weil zur rechten Zeit Hilfe kam oder ich hab das Richtige erraten - Aber ich bin da einfach
hineingeraten, ich hab keine Ahnung was ich tat - HÖRT AUF ZU LACHEN!“
Die Schüssel Murtlap Extrakt fiel zu Boden und zerbrach. Er merkte, daß er stand aber er konnte sich nicht erinnern
aufgestanden zu sein. Krumbein verschwand unter einem Sofa. Ron und Hermine’s Lächeln war verschwunden.
„Ihr wißt nicht wie es ist! Ihr - keiner von euch - habt ihm nie gegenübergestanden, oder? Ihr denkt es ist nur das
Auswendiglernen und entgegenschleudern von einem Bündel Flüche als wäret ihr in der Schule oder so? Die ganze
Zeit bist du dir sicher, du weisst das nichts zwischen dir und dem Tod steht ausser dir selbst - Dein eigenes Hirn oder
das Gute oder was auch immer - wie ordentlich du auch denken kannst wenn du weisst daß du nur eine nanosekunde
vom Tod entfernt bist, oder Folter, oder du deine Freunde sterben siehst - Solche Dinge - und ihr zwei sitzt hier und
stellt es so hin, als wäre ich der kluge kleine Junge, der lebend hier steht, während Diggory dumm war, als wäre er
total blöd - ihr habt es nicht begriffen, daß es genausogut ich hätte sein können, es wäre passiert wenn Voldemort
mich nicht gebraucht hätte ... „
„Wir haben nichts derartiges gesagt, Kumpel,“ sagte Ron bestürzt. „Wir haben nichts über Diggory gesagt, wir haben
nicht ... du hast das falsch verstanden ...“
Er sah hilflos zu Hermine, die wie vom Donner gerührt aussah.
„Harry,“ sagte sie ängstlich. „Siehst du nicht? Das .... genau das ist es weshalb wir dich brauchen. Wir müssen
wissen wie es wirklich ist ... ihm gegenüberzustehen ... V-Voldemort gegenüberzustehen.“
Es war das erste Mal überhaupt, daß sie Voldemort’s Namen aussprach und das war es, mehr als alles andere, was
Harry beruhigte. Immer noch heftig atmend sank er in seinen Stuhl zurück und wurde sich bewusst, daß seine Hand
furchtbar pochte. Er wünschte er hätte die Schüssel mit dem Murtlap Extrakt nicht zerbrochen.
„Also .... denk darüber nach,“ flüsterte Hermine. „Bitte?“
Harry wußte nicht was er sagen sollte. Er schämte sich wegen seines Ausbruches. Er nickte und war sich sehr
bewusst darüber zu was er zustimmte.
Hermine stand auf.
„Also ich gehe ins Bett,“ sagte sie und versuchte möglichst natürlich zu klingen. „Öhm ... Gute nacht.“
Ron war ebenfalls aufgestanden.
„Kommst du?“ fragte er unbeholfen.
„Ja,“ sagte Harry. „In ... in einer Minute. Ich räum das hier noch auf.“
Er deutete auf die zerbrochene Schüssel auf dem Boden. Ron nickte und ging.
„Reparo,“ murmelte Harry und zeigte mit seinem Zauberstab auf die Stücke. Sie fügten sich zusammen wie neu, aber
die Essenz kam leider nicht zurück.
Er war auf einmal so müde, daß er in Versuchung kam in seinem Stuhl zu schlafen, aber stattdessen zwang er sich
dazu Ron die Treppe hoch zu folgen. Seine restliche Nacht war einmal mehr von Träumen über lange Korridoren
und verschlossene Türen durchzogen und er erwachte am morgen mit einer wieder schmerzenden Narbe.
Kapitel 16 - Im Eberkopf
Zwei ganze Wochen nach ihrem ursprünglichen Vorschlag erwähnte Hermine Harry gegenüber nichts mehr davon,
daß er Verteidigung gegen die Dunklen Künste Stunden geben sollte. Harrys Nachsitzen bei Prof. Umbridge war
endgültig vorbei (er hatte Zweifel, ob die Wörter, die jetzt in die Rückseite seiner Hand geätzte waren, jemals ganz
verblassen würden). Ron hatte weitere 4 mal am Quidditch Training teilgenommen und während der letzten beiden
Male nicht geschrieen; und alle drei hatten es in Verwandlungen geschafft, Ihre Mause verschwinden zu lassen
(Hermine war sogar bis zum Verschwindenden lassen von Kätzchen gekommen), bevor das Fach wieder
abgebrochen wurde, an einem wilden, stürmischen Abend Ende September saßen die drei in der Bibliothek auf der
Suche nach Zaubertrankzutaten für Snape.
„Ich frage mich,“ sagte Hermine plötzlich, „ob du weiter über Verteidigung gegen die Dunklen Künste nachgedacht
hast, Harry.“
„Natürlich habe ich,“ sagte Harry grantig. „Ich kann es nicht vergessen, kann man es denn, bei dieser Hexe, die uns
unterrichtet?“
„Ich meinte die Idee, die Ron und ich hatten“ - Ron warf ihr einen alarmierten, bedrohlichen Blick zu. Sie schaute
missbilligend zu ihm, - „Oh, natürlich, die Idee, die ich hatte, daß du uns unterrichtest“
Harry antwortete nicht sofort. Er gab vor eine Seite über asiatische Antigifte zu prüfen, weil er seine Meinung nicht
sagen wollte.
Er hatte die letzten 14 Tage sehr viel über diese Angelegenheit nachgedacht. Manchmal schien es eine wahnsinnige
Idee, gerade so wie in der Nacht, als Hermine es vorgeschlagen hatte, aber dann ertappte er sich dabei, wie er über
die Zaubersprüche nachdachte, die ihm bei seinen verschiedenen Begegnungen mit dunklen Kreaturen und
Todessern am meisten geholfen hatten. - ertappte sich tatsächlich dabei, wie er im Unterbewusstsein Stunden plante.
„Gut,“ sagte er langsam, als ob er asiatische Antigifte nicht mehr so interessant fand, „ja, ich - ich habe ein bißchen
darüber nachgedacht.“
„Und?,“ sagte Hermine begierig.
„Ich weiß nicht“ sagte Harry und versuchte Zeit zu schinden. Er schaute zu Ron.
„Ich dachte von Anfang an, daß es eine gute Idee war,“ sagte Ron, der sich jetzt, wo er sicher war, daß Harry nicht
wieder beginnen würde zu schreien, in das Gespräch einmischte.
Harry rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum.
„Du hast gehört, was ich gesagt habe, über die Belastung glücklich zu sein, nicht wahr.“
„Ja, Harry,“ sagte Hermine sanft, „aber ganz egal, es gibt keinen Grund zu behaupten, daß du nicht gut bist in
Verteidigung gegen die Dunklen Künste, denn du bist es. Du warst im letzten Jahr der Einzige, der sich ganz gegen
den Imperius Fluch wehren konnte, du kannst einen Patronus erscheinen lassen, du kannst all diese Dinge, die
erwachsene Zauberer nicht können, sagte Viktor immer -.“
Ron schaute sich so schnell zu ihr um, daß er sich fast den Hals verrenkte. Er rieb sich den Hals und sagte: „Ja, was
sagte Vicky?“
„Ha, Ha,“ meinte Hermine gelangweilt. „Er sagte, Harry kann Dinge, die noch nicht einmal er kann, und er war im
letzten Jahr in Durmstrang.“
Ron schaute Hermine verdächtig an.
„Du hast nicht immer noch Kontakt zu ihm, oder?“
„Und was wäre wenn?“ erwiderte Hermine kühl, doch ihr Gesicht war ein bißchen rosa. „Ich kann einen Brieffreund
haben wenn ich -“
„Er will nicht nur dein Brieffreund sein,“ antwortete Ron anklagend.
Hermine schüttelte ihren Kopf und ignorierte Ron, der sie weiter ansah. Sie sagte zu Harry, „gut, was denkst du?
Wirst du uns unterrichten?“
„Nur dich und Ron, ja?“
„Gut,“ sagte Hermine und sah wieder aus wie eine ängstliche Milbe. „Gut ... nun, werde jetzt nicht wieder wütend,
Harry, bitte .... aber ich denke wirklich, du solltest jeden unterrichten, der es lernen will. Ich meine, wir reden
darüber, uns selbst gegen V-Voldemort zu verteidigen. Oh, sei nicht pathetisch, Ron. Es ist nicht fair, wenn wir die
Chance nicht auch anderen Leuten bieten.“
Harry dachte einen Augenblick nach. Dann sagte er, „Ja, aber ich habe Zweifel, daß außer euch beiden jemand von
mir unterrichtet werden möchte. Ich bin ein Verrückter, erinnert ihr euch?“
„Ich glaube, du wirst überrascht sein, wie viele Leute Interesse habe zu hören, was du zu sagen hast,“ sagte Hermine
ernsthaft. „Schau,“ sie beugte sich zu ihm - Ron, der sie gerade mit einem Stirnrunzeln ansah, beugte sich nach vorn
um auch zuzuhören - „du weißt, das erste Wochenende im Oktober ist ein Hogsmeade Wochenende? Wie wäre es,
wenn wir allen sagen die interessiert sind sagen, daß wir uns im Dorf treffen und darüber reden?“
„Warum müssen wir es außerhalb der Schule machen?“ fragte Ron.
„Weil,“ antwortete Hermine und kehrte zu dem Diagramm von Chinesischem Kaukohl zurück, das sie gerade
kopierte, „ich nicht glaube, daß Prof. Umbridge erfreut wäre, wenn sie herausfindet, was wir vorhaben.
*
Harry freute sich auf das Wochenende in Hogsmeade, aber es gab eine Sache, die ihn beunruhigte. Sirius hüllte sich
in steinernes Schweigen, seit er Anfang September im Feuer erschienen war. Harry wußte, daß sie ihm Vorwürfe
gemacht hatten. Sie wollten nicht, daß er kommt - aber er war von zeitweise immer noch besorgt, daß Sirius alle
Vorsicht außer Acht lassen und trotzdem erscheinen würde. Was sollten sie tun, wenn der große schwarze Hund in
Hogsmeade auf der Straße auf sie zugesprungen käme, vielleicht vor den Augen von Draco Malfoy?
„Du kannst ihn nicht dafür verantwortlich machen, wenn er mal rauskommen möchte,“ sagte Ron, als Harry seine
Ängste mit ihm und Hermine besprach. „Ich meine, er ist seit über 2 Jahren auf der Flucht und ich glaube, das ist
kein Spaß, aber wenigstens war er frei, oder? Und jetzt ist er die ganze Zeit eingesperrt mit diesem garstigen Elf.“
Hermine schaute Ron mürrisch an, ignorierte aber die Beleidigung von Kreacher.
„Die Schwierigkeit ist,“ sagte sie zu Harry, „bis V-Voldemort - oh, um Himmels willen, Ron - hervorkommt (an die
Öffentlichkeit kommt), muß Sirius versteckt bleiben. Ich meine, das dumme Ministerium merkt nicht, daß Sirius
unschuldig ist, bis sie akzeptieren, daß Dumbledore die ganze Zeit die Wahrheit über ihn sagt. Und sobald die Narren
wieder anfangen, richtige Todesser zu fangen, wird es offensichtlich sein, daß Sirius keiner ist .... ich meine, er hat
zum Beispiel das Zeichen nicht.
„Ich glaube nicht, daß er so dumm ist zu erscheinen,“ meinte Ron scharf. „Dumbledore würde verrückt werden,
wenn er es täte und Sirius hört auf Dumbledore, selbst wenn es ihm nicht gefällt was er hört.“
Als Harry weiterhin sorgenvoll schaute, sagte Hermine , „Hör zu, Ron und ich haben die Leute gefragt, von denen
wir meinten, daß sie richtige Verteidigung gegen die Dunklen Künste lernen wollen und es sind eine Menge, die
Interesse zeigten. Wir haben ihnen gesagt, daß sie uns in Hogsmeade treffen gezwungen sein.“
„Richtig,“ meinte Harry unschlüssig. Er war mit seinen Gedanken immer noch bei Sirius.
„Mach dir keine Sorgen, Harry,“ sagte Hermine beruhigend, „du hast schon genug im Kopf, auch ohne Sirius.“
Sie hatte natürlich recht, er konnte kaum Schritt halten mit seinen Hausarbeiten, obwohl es schon besser ging,
nachdem er nicht länger jeden Abend bei Prof. Umbridge nachsitzen mußte. Ron war noch weiter zurück mit seiner
Arbeit als Harry, weil sie beide 2 mal die Woche Quidditch Training hatten. Ron hatte auch seine Pflichten als
Vertrauensschüler. Wie auch immer, Hermine, die mehr Fächer hatte, als jeder von ihnen, hatte nicht nur ihre
gesamten Hausaufgaben fertig, sie fand auch noch Zeit, Kleidung für die Elfen zu stricken und Harry mußte
zugeben, daß es immer besser wurde. Man konnte jetzt schon zwischen Hüten und Socken unterscheiden.
Der Morgen des Hogsmeade Besuches dämmerte heiter aber windig. Nach dem Frühstück reihten sie sich vor Filch
auf, der ihre Namen mit der langen Liste von Schülern verglich, die die Erlaubnis von ihren Eltern oder ihrem
Vormund hatten, das Dorf zu besuchen. Mit einem leicht unguten Gefühl erinnerte sich Harry daran, daß er nicht
gegangen wäre, wenn es nicht für Sirius wäre. Als Harry Filch erreichte, schnüffelte der Hausmeister als ob er
versuchte, etwas von Harry wahrzunehmen, dann nickte er und Harry ging weiter über die Steintreppe in den kalten,
sonnigen Tag.
„Äh - warum hat Filch an dir geschnüffelt?“ fragte Ron, als er, Harry und Hermine flott den breiten Weg zum Tor
entlanggingen.
„Ich hoffe, er war auf der Suche nach dem Geruch von Stinkbomben,“ sagte Harry mit einem kleinen Lachen. „Ich
vergaß es euch zu erzählen .....“
Und er erzählte die Geschichte, wie er den Brief an Sirius schickte und Filch Sekunden später hereinplatze und den
Brief zu sehen verlangte. Zu seiner Verwunderung fand Hermine diese Geschichte höchst interessant viel mehr als er
es selbst tat.
„Er sagte, jemand gab ihm den Tipp daß Du Stinkbomben bestellst? Aber wer gab den Tipp?“
„Weiss nich““ sagte Harry, achselzuckend. „Vielleicht Malfoy, er würde denken es ist ein Witz.“
Sie gingen zwischen den großen Steinsäulen die mit geflügelten Ebern besetzt waren und bogen nach links in die
Straße zum Dorf. Der Wind blies ihnen die Haare in Augen.
„Malfoy?“ sagte Hermine skeptisch „Mh ... ja ... vielleicht“
Und sie blieb tief in Gedanken auf dem ganzen Weg in die Randgebiete von Hogsmead.
„Wo gehen wir überhaupt hin?“ fragte Harry „In Drei Besenstile?“
„Oh - Nein?“ sagte Hermine, während sie wieder erwachte, „nein es ist immer voll und ziemlich laut. Ich habe den
anderen gesagt sie sollen uns in Eberkopf treffen. Der anderen Kneipe, Du kennst sie, sie ist nicht auf der
Hauptstraße. Ich denke sie ist ein bißchen, ... tja ... sonderbar ... aber Schüler gehen da normalerweise nicht hin.
Deshalb denke ich nicht, daß wir belauscht werden.“
Sie gingen die Hauptstraße vorbei an Zonkos“ Zauber-Scherzartikelladen und waren nicht überrascht dort Fred
George und Lee zu sehen. Vorbei am Postamt, von dem aus in regelmäßigen Abständen Eulen ausgestellt wurden
und kamen zu eine Seitenstraße an deren Ende sich ein kleines Gasthaus befand. Ein mitgenommenes Holzschild
hing von einem rostigen Halter über der Tür, mit einem Bild des abgetrennten Kopfes eines wilden Eber darauf,
auslaufendes Blut auf das weiße Tuch darum. Das Schild quietschte im Wind als sie sich näherten. Alle drei zögerten
vor der Tür.
„Na kommt schon“ sagte Hermine, etwas nervös. Harry führte sie hinein.
Es war ganz und gar nicht wie Drei Besenstile, dessen große Bar einen Eindruck von schimmernder Wärme und
Sauberkeit vermittelte. Die Wirtshaus Zum Eberkopf bestand aus einem kleinen, schäbigen und sehr schmutzigen
Raum, der stark nach Ziege roch. Die Erkerfenster waren so verkrustet mit Schmutz daß nur wenig Tageslicht in den
Raum drang, der anstelle dessen mit Kerzenstummeln auf rauen Holztischen beleuchtet wurde. Der Fußboden schien
zu erst aus gepresster Erde zu bestehen, doch als Harry darauf trat wurde ihm bewusst, daß sich Stein unter ihm
befand der Dreck über Jahrzehnte angesammelt hatte.
Harry erinnerte sich, daß Hagrid diese Kneipe in seinem ersten Jahr erwähnt hatte: „Triffst ne ganze Menge lustige
Leute in Eberkopf,“ hatte er gesagt, als er erklärte, wie er das Drachenei von einem Fremden unter eine Kapuze
gewonnen hatte. Zu dieser Zeit hatte sich Harry gewundert, warum Hagrid es nicht seltsam gefunden hatte, daß der
Fremde das ganze Treffen vermummt blieb. Nun sah er das es wohl eine Art Mode in Eberkopf war, sein Gesicht zu
verbergen. Ein Mann saß an der Bar, dessen ganzer Kopf in schmutzige, graue Bandagen gewickelt war, dennoch
gelang es ihm, endlose Gläser einer rauchenden, feurigen Substanz durch einen Schlitz über seinem Mund zu
schlucken. Zwei Figuren mit Kapuzen verhüllt saßen an einem Tisch an einem der Fenster. Harry könnte gedacht
haben es seinen Dementoren, wenn sie nicht in starkem Yorkshire Akzent gesprochen hätten und in einer dunklen
Ecke neben dem Feuer saß eine Hexe mit einem dicken, schwarzen Schleier der bis zu ihren Zähen fiel. Sie konnten
nur ihre Nasenspitze sehen, da der Schleier ein wenig herausragte.
„Ich weiss nicht, Hermine“ murmelte Harry, als sie an der Bar vorbeigingen. Er betrachtete besonders die
verschleierte Hexe. „Ist Dir in den Sinn gekommen, das darunter Umbridge sein könnte?“
Hermine warf ein abwägendes Auge auf die verhüllte Figur.
„Umbridge ist kleiner als die Dame“ sagte sie ruhig „Und überhaupt, selbst wenn Umbridge wirklich hier aufkreuzt
kann sie nichts tun um uns aufzuhalten, Harry, denn ich habe die Schulregeln zwei und dreifach überprüft. Wir
brechen keine. Ich habe ausdrücklich Professor Flitwick gefragt, ob es Schüler erlaubt ist, in den Eberkopf zu gehen
und er sagte ja. Aber es hat mir stark geraten eigene Gläser mitzubringen. Und ich habe alles nachgeschaut was mir
eingefallen ist über Lern- und Hausaufgabengruppen und sie sind definitiv erlaubt. Ich glaube nur nicht, daß es eine
gute Idee ist es herauszuposaunen was wir tun.“
„Nein“ sagte Harry, „besonders da es nicht wirklich eine Hausaufgabengruppe ist die Du planst, oder?“
Der Barmann kam zu Ihnen aus dem Hinterzimmer. Er war ein mürrisch aussehender alter Mann mit vielen langen
grauen Haaren und Bart. Er war groß und dünn und kam Harry vage bekannt vor.
„Was?“ brummte er.
„Drei Butterbier, bitte“ sagte Hermine.
Der Mann griff unter den Tresen und holte drei sehr staubige, sehr dreckige Flaschen hervor, die er auf die Bar
knallte.
„Sechs Sickels,“ sagte er.
„Ich mach das“ sagte Harry schnell und gab ihm das Silber. Die Augen des Barmanns wanderten über Harry und
blieben für den Bruchteil einer Sekunde bei seiner Narbe stehen. Dann wandte er sich ab und legte Harrys Geld in
eine alte hölzerne Kasse, dessen Schublade sich automatisch öffnete um es entgegen zu nehmen. Harry, Ron und
Hermine zogen sich zum Tisch zurück, der am weitesten von der Bar weg war, setzten sich und sahen sich um. Der
Mann in den dreckigen grauen Bandagen klopfte auf dem Tresen mit seinen Knöcheln und bekam ein weiteres
rauchendes Getränk vom Barmann.
„Wißt Ihr was?“ murmelte Ron und sah mit Enthusiasmus rüber zu Bar „Wir könnten hier alles bestellen was wir
wollen. Ich schätze der Typ würde uns alles verkaufen und sich nicht drum scheren. Ich wollte schon immer
Feuerwhisky probieren - „
„Du bist - Vertrauensschüler“ knurrte Hermine.
„Oh“ sagte Ron und das Lächeln verschwand von seinem Gesicht. „Jaaa ....“
„So, wer hast Du gesagt soll sich mit uns treffen?“ fragte Harry, öffnete den Kopf seines Butterbieres und nahm
einen Schluck.
„Nur ein paar Leute“ wiederholte Hermine, prüfte ihre Uhr und blickte ängstlich zur Tür. „Ich habe ihnen gesagt,
jetzt hier zu sein und ich bin sicher alle wissen wo es ist. Oh, schaut, das könnten sie sein.“
Die Tür der Kneipe hatte sich geöffnet. Ein dickes Band von staubigem Sonnenlicht teilte den Raum in zwei Teile
für einen Moment und verschwand, versperrt durch die hereinströmende Gruppe von Leuten.
Zu erst kamen Neville mit Dean und Lavender, gefolgt von Parvati und Padma Patil mit (Harry“s Magen machte
einen Salto - Rückwärts) Cho und eine von ihren normalerweise-giggelnden Freundinnen, danach (alleine und so
verträumt, daß sie vielleicht in einen Unfall hätte laufen können) Luna Lovegood, dann Katie Bell, Alicia Spinnet
und Angelina Johnson, Colin und Dennis Creevey, Ernie Macmillan, Justin Finch-Fletchley, Hannah Abott, ein
Huffelpuff Mädchen mit einem langen Zopf bis zum Rücken, dessen Namen Harry nicht kannte. Drei andere
Ravenclaw Jungs, er war ziemlich sicher daß sie Anthony Goldstein, Michael Corner und Terry Boot hießen, Ginny,
dicht gefolgt von einem großen, knochigem, blonden Jungen mit einer erhobenen Nase, den Harry vage als ein
Mitglied des Huffelpuff Quidditch Team erkannte und ganz zum Schluss, Fred und George Weasley mit ihrem
Freund Lee Jordan. Alle drei trugen große Papiertüten voll mit Zonko“s Waren.
„Nur ein paar Leute?“ sagte Harry heiser zu Hermine, „ein paar Leute?“
„Ja, nun, die Idee war ziemlich beliebt.“ Sagte Hermine freudig, „Ron, magst Du nicht ein paar mehr Stühle holen?“
Der Barmann stand auf einmal wie gefroren da, als er gerade dabei ein Glas mit einem Lappen abzutrocknen, der so
schmutzig aussah als sei er noch nicht gewaschen worden. Vielleicht hatte er noch nie zuvor so viele Leute in seiner
Kneipe gesehen.
„Hi“ sagte Fred und erreichte die Bar als erster, während er schnell seine Begleiter zählte, „könnten wir ...
fünfundzwanzig Butterbier haben, bitte?“
Der Barmann starrte ihn für einen Moment an, ließ dann irritiert seinen Lappen fallen als sei er von etwas sehr
wichtigem gestört worden. Er fing an Butterbier von unter der Bar hervorzuholen.
„Cheers, „ sagte Fred, als er sie austeilte. „Rückt die Knete raus, ich hab nicht genug Gold für alle ...“
Harry betrachtete wie betäubt wie die große Gruppe schwatzend die Biere von Fred nahmen und in ihren Roben nach
Geldstücken wühlten. Er konnte sich nicht vorstellen warum alle diese Leute gekommen waren, bis ihm der
furchtbar Gedanke kam, daß sie vielleicht eine Art Rede erwarteten und wandte sich zu Hermine.
„Was hast Du den Leuten gesagt“ er sagte leiser, „was erwarten sie?“
„Ich habe Dir gesagt, sie wollen nur hören, was Du zu sagen hast.“ antwortete Hermine beruhigend; doch Harry sah
sie weiterhin wütend an so daß sie schnell hinzufügte, „Du mußt noch nichts tun, ich rede erst mal mit ihnen.“
„Hi, Harry,“ sagte Neville, strahlend und nahm einen Stuhl ihm gegenüber.
Harry versuchte zurück zu lächeln aber er sprach nicht. Sein Mund war ungewöhnlich trocken, Cho hatte ihn gerade
angelächelt und sich zu Ron“s Rechten gesetzt. Ihre Freundin, die lockige rot-blonde Haare hatte, lächelte nicht, aber
gab Harry einen tiefen, misstrauischen Blick, der ihm klar sagte, wenn es nach ihr ginge, würde sie lieber gar nicht
hier sein.
*
Es gab ein Gemurmel von allgemeiner Zustimmung. Zacharias verschränkte seine Arme und sagte nichts, vielleicht,
weil er zu beschäftig war, ein Auge auf das Instrument in Freds Hand zu werfen.
„Gut,“ sagte Hermine, erleichtert, daß etwas abgemacht wurde. „Also, die nächste Frage ist wie oft wir es machen.
Ich denke wirklich nicht, es macht irgendeinen Sinn sich weniger als einmal die Woche zu treffen-“
„Warte eben,“ sagte Angelina, „wie müssen sichergehen, daß dies nicht mit unserem Quidditch Training
zusammenfällt.“
„Nein,“ sagte Cho, „auch nicht mit unserem.“
„Oder unserem,“ fügte Zacharias Smith hinzu.
„Ich bin sicher, wir finden einen Abend, an dem es allen passt,“ sagte Hermine ein bißchen ungeduldig, „aber dies ist
ziemlich wichtig, wir reden darüber uns gegen V-Voldemorts Todesser zu verteidigen-“
„Richtig!“ schnauzte Ernie Macmillan, von dem Harry es schon viel früher erwartet hätte zu reden. „Ich persönlich
denke, dies ist wirklich wichtig, möglicherweise wichtiger als alles andere was wir dieses Jahr machen, sogar als die
bevorstehenden ZAGs!“
Er schaute sich imposant um, als ob er darauf wartete, daß die anderen „Ganz bestimmt nicht!“ schrieen. Als
niemand etwas sagte, fuhr er fort, „Ich persönlich weiß weder ein noch aus warum das Ministerium uns so einen
nutzlosen Lehrer in dieser kritischen Zeit aufhalst. Sie leugnen ja die Rückkehr von Ihr-Wißt-Schon-Wer, aber uns
einen Lehrer zu geben, der uns aktiv versucht daran zu hindern Verteidigungssprüche zu lernen-“
„Wir denken, der Grund warum Umbridge nicht will, daß wir Verteidigung gegen die Dunklen Künste üben,“ sagte
Hermine, „ist der, daß sie eine... eine kranke Idee hat, daß Dumbledore die Schüler als eine Art private Armee
gebrauchen könnte. Sie denkt, er würde uns gegen das Ministerium mobilisieren.“
Fast alle sahen wie gelähmt von dieser Nachricht aus; alle außer Luna Lovegood, die flötete, „Ja, das macht
Sinn. Schließlich hat Cornelius Fudge seine eigene private Armee.“
„Was?“ sagte Harry, völlig umgeworfen von dieser unerwarteten Information.
„Ja, er hat eine Armee von Heliopathen,“ sagte Luna feierlich.
„Nein, hat er nicht,“ erwiderte Hermine schnippisch.
„Doch, hat er,“ sagte Luna.
„Was sind Heliopathen?“ fragte Neville verdutzt.
„Das sind Geister des Feuers,“ sagte Luna, ihre hervorstehenden Augen wurden größer, sodaß sie verrückter als je
zuvor aussah, „große, brennende Kreaturen, die über den Boden galoppieren und dabei alles vor sich verbrenn-“
„Die existieren nicht, Neville,“ sagte Hermine scharf.
„Oh doch, die gibt’s!“ sagte Luna sauer.
„Entschuldige, aber kannst du das beweisen?“ schnappte Hermine.
„Es gibt viele Augenzeugenberichte. Nur weil du so engstirnig bist und alles unter deiner Nase haben mußt, bevor
du es-“
„Ähm, Ähm,“ sagte Ginny, und imitierte dabei Professor Umbridge so gut, daß sich mehre Leute erschreckt
umguckten und dann lachten. „Waren wir nicht dabei zu entscheiden wie oft wir uns für die Verteidigungsstunden
treffen wollen?“
„Ja,“ sagte Hermine plötzlich, „ja, waren wir, du hast Recht, Ginny.“
„Also, einmal die Woche hört sich cool an,“ sagte Lee Jordan.
„So lange-“ fing Angelina an.
„Ja, ja, wir wissen bescheid wegen Quidditch,“ sagte Hermine angespannt. „Ok, was wir noch entscheiden müssen
ist wo wir uns treffen...“
Dies war etwas schwerer; die ganz Gruppe schwieg.
„Bücherei?“ schlug Katie Bell nach einiger Zeit vor.
„Ich kann mir nicht vorstellen, daß Madam Pince sehr froh darüber wäre, wenn wir Zaubersprüche in der Bücherei
üben würden,“ sagte Harry.
„Vielleicht ein leerstehender Klassenraum?“ sagte Dean.
„Ja,“ sagte Ron, „McGonagall lässt uns vielleicht ihren benutzen, sie tat es als Harry für das Trimagische Turnier
übte.“
Aber Harry war sich ziemlich sicher, daß McGonagall diesmal nicht so entgegenkommend sein würde. Bei all dem,
was Hermine über erlaubte Lern- und Hausaufgabengruppen gesagt hatte, hatte er das eindeutige Gefühl, daß diese
viel rebellischer erscheinen würde.
„Gut, also wir werden versuchen etwas zu finden,“ sagte Hermine. „Wir werden eine Nachricht zu jedem schicken,
wenn wir eine Zeit und Ort für das erste Treffen haben.“
Sie wühlte in ihrer Tasche und holte Pergament und Feder hervor, zögerte dann, als ob sie sich überwinden müsste,
etwas zu sagen.
„Ich - ich denke, jeder sollte seinen Namen aufschreiben, nur daß wir wissen wer hier war. Aber ich denke auch,“ sie
atmete tief ein, „daß wir alle einwilligen sollten, nicht rum zu erzählen was wir machen. Also, wenn ihr
unterschreibt, willigt ihr ein, nichts Umbridge oder irgendjemandem über unsere Pläne zu sagen.
Fred griff nach dem Pergament und unterschrieb es heiter, aber Harry bemerkte plötzlich, daß einige Leute bei dem
Gedanken, ihren Namen auf die Liste zu setzen, weniger als glücklich aussahen.
„Ehm...“sagte Zacharias langsam und nahm nicht das Pergament, das George versuchte an ihn weiterzugeben.
„Also...ich bin sicher, Ernie wird mir sagen, wann das Treffen ist.“
Aber Ernie sah auch eher zögerlich was das Unterschreiben anging aus. Hermine hob ihre Augenbrauen und sah ihn
an.
„Ich - nun, wir sind Vertrauensschüler,“ sprudelte es aus Ernie hervor. „Und wenn diese Liste gefunden wird ... nun,
ich will sagen ... du hast selbst gesagt, falls Umbridge es herausfindet-“
„Du hast gerade gesagt, diese Gruppe wäre das Wichtigste, was du dieses Jahr machst,“ erinnerte Harry ihn.
„Ich - ja,“ sagte Ernie, „ja, ich glaube das ja auch, es ist nur-“
„Ernie, denkst du wirklich, daß ich diese Liste herumliegen lassen würde?“ sagte Hermine gereizt.
„Nein. Nein, natürlich nicht,“ sagte Ernie und sah nicht mehr ganz so besorgt aus. „Ich - ja, natürlich unterschreib
ich“s.“
Niemand hatte irgendwelche Einwände nach Ernie, Harry sah allerdings, daß Chos Freundin ihr einen ziemlich
vorwurfsvollen Blick zuwarf bevor sie ihren Namen auf die Liste setzte. Nachdem die letzte Person -Zacharias-
unterschrieben hatte, nahm Hermine das Pergament und ließ es vorsichtig in ihre Tasche sinken. In der Gruppe war
nun eine seltsame Stimmung. Es war als ob sie gerade eine Art Vertrag unterschrieben hatten.
„Es wird Zeit,“ sagte Fred lebhaft und stand auf. „George, Lee und ich müssen Dinge vernünftiger Natur verkaufen,
bis später.“
Der Rest der Gruppe ging nun auch zu zweit oder dritt. Cho brauchte ziemlich lange, um den Träger ihrer Tasche
festzumachen bevor sie ging. Ihre langen dunklen Haaren fielen dabei in ihr Gesicht, aber ihre Freundin stand mit
verschränkten Armen neben ihr, und schnalzte mit der Zunge, so daß Cho nichts anderes übrig blieb als mit ihr zu
gehen. Als ihre Freundin sie durch die Tür schob, blickte Cho sich um und winkte Harry zu.
„Also, ich finde, das lief ganz gut,“ sagte Hermine fröhlich als sie, Harry und Ron aus dem Eberkopf in das helle
Sonnenlicht traten. Harry und Ron hielten ihre Flaschen Butterbier in der Hand.
„Dieser Zacharias Kerl ist eine Warze,“ sagte Ron als er Smiths Silhouette, die man gerade noch erkennen konnte,
böse hinterher schaute.
„Ich mag ihn auch nicht sonderlich,“ gab Hermine zu, „aber er hat zufällig mitgehört als ich mit Ernie und Hanna am
Hufflepuff Tisch redete und er schien ziemlich daran interessiert zu sein zu kommen, was hätte ich denn sagen
können? Aber je mehr Leute, desto besser - ich meine, Michael Corner und seine Freunde wären nicht gekommen,
wenn er nicht mit Ginny zusammen wäre-“
Ron, der gerade die letzten Tropfen aus seiner Butterbier Flasche getrunken hatte, würgte und spuckte Butterbier auf
sich.
„Er ist WAS?“ stotterte Ron schockiert, seine Ohren hatten nun die Farbe von rohem Fleisch. „Sie ist mit - meine
Schwester ist - was meinst du, Michael Corner?“
„Nun, deswegen sind er und seine Freunde gekommen, denke ich - also, sie sind ja offensichtlich daran interessiert,
Verteidigung zu lernen, aber wenn Ginny Michael nicht gesagt hätte, was los ist - „
„Seid wann sind - wann haben sie sich -?“
„Sie haben sich beim Weihnachtsball kennen gelernt und sind Ende letzten Jahres zusammengekommen,“ sagte
Hermine gelassen. Sie waren in die Hauptstrasse eingebogen und sie blieb vor Scrivenshafts Federladen stehen, wo
eine schöne Ausstellung von Fasanfederfüller im Schaufenster war. „Hmm ... ich könnte eine neue Feder
gebrauchen.“
Sie ging in den Laden. Harry und Ron folgten ihr.
„Welcher war Michael Corner?,“ wollte Ron sauer wissen.
„Der dunkle,“ sagte Hermine.
„Ich mochte ihn nicht,“ sagte Ron sofort.
„Große Überraschung,“ sagte Hermine leise.
„Aber,“ sagte Ron, und folgte Hermine an einer Reihe von Federn in Kupfertöpfen vorbei, „ich dachte, Ginny mag
Harry!“
Hermine sah ihn fast mitleidig an und schüttelte ihren Kopf.
„Ginny mochte Harry, aber sie hat ihn vor Monaten aufgegeben. Nicht, daß sie dich nicht leiden kann natürlich,“
sagte sie freundlich zu Harry während sie eine lange, schwarz-goldene Feder begutachtete.
Harry, dessen Kopf noch immer voll von Chos Abschiedsgruß war, fand dieses Thema nicht ganz so interessant wie
Ron, der vor Entrüstung bebte, aber es wurde ihm etwas klar, das er bis jetzt nicht wirklich gemerkt hatte.
„Ach deswegen redet sie jetzt?“ fragte er Hermine. „Sie hat sonst nie vor mir geredet.“
„Genau,“ sagte Hermine. „Ja, ich denke, ich nehme diese ...“
Sie ging zur Kasse und bezahlte fünfzehn Sickel und zwei Knuts, während Ron ihr immer noch im Nacken hing.
„Ron,“ sagte sie ernst als sie sich umdrehte und ihm auf den Fuß trat, „dies ist genau der Grund, warum dir Ginny
nicht erzählt hat, daß sie mit Michael Corner zusammen ist, sie wußte, du würdest es schlecht aufnehmen. Also, jetzt
reite nicht darauf rum, in Gottes Namen.“
„Was meinst du? Wer nimmt was schlecht auf? Ich werde auf nichts herumreiten...“ Ron fuhr fort laut zu atmen den
ganzen Weg die Straße herab.
Hermine verdrehte ihre Augen zu Harry und sagte mit gedämpfter Stimme, während Ron noch immer
Verwünschungen über Michael Corner vor sich hin murmelte, „wo wir gerade über Michael und Ginny reden ... was
ist denn mit Cho und dir?
„Was meinst du?“ fragte Harry schnell.
Es war als ob kochendes Wasser schnell in ihm aufstieg; ein brennendes Gefühl brachte sein Gesicht dazu in der
Kälte glühen - war er so offensichtlich gewesen?
„Nun,“ sagte Hermine, leicht lächelnd, „sie konnte einfach nicht ihre Augen von dir lassen, oder?“
Harry hatte noch nie zuvor bemerkt wie schön das Dorf Hogsmeade doch war.
Kapitel 17 - Pädagogischer Erlaß Nummer vierundzwanzig
Für den Rest des Wochenendes fühlte sich Harry besser, als bisher in diesem Schuljahr. Er und Ron verbrachten den
größten Teil des Sonntages damit ihre Hausaufgaben nachzuholen und das, obwohl das nur schwer als Spaß
bezeichnet werden konnte. Da die letzte Herbstsonne schien, arbeiteten sie lieber draußen im Schatten einer großen
Buche am Rand des Sees, anstatt an den Tischen im stickigen Gemeinschaftsraum über den Büchern zu brüten.
Hermine, die natürlich mit allen Aufgaben fertig war, nahm Wolle mit nach draußen und verhexte die Stricknadeln
so, daß sie kurz vor ihr schwebend, mit einem leisen Klackern noch mehr Mützen und Schals produzierten.
Zu wissen, daß sie etwas taten, um sich Umbridge und dem Ministerium zu widersetzen, und daß er die Hauptrolle
in einer Rebellion hatte, gab Harry ein enormes Gefühl der Genugtuung. Er führte sich das samstägige Treffen noch
einmal vor Augen: alle diese Leute, gekommen um von ihm die Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu lernen
… und der Ausdruck auf ihren Gesichtern, als sie von einigen Dingen erfuhren, die er getan hatte … und Cho hatte
ihn für sein Auftritt beim Trimagischen Turnier gelobt - zu wissen, daß alle diese Leute ihn nicht für einen lügenden
Spinner hielten, vielmehr für jemand Bewundernswertes, gab ihm so viel Auftrieb, daß er immer noch am
Montagmorgen gut gelaunt war, und das mit der Aussicht auf alle seine ungeliebten Fächer.
Während er und Ron von dem Schlafsaal zum Gemeinschafsraum hinabstiegen, unterhielten sie sich über Angelinas
Idee, an diesem Abend an einem neuen Flugmanöver, genannt die Sloth Grip Roll, zu arbeiten, doch erst als sie halb
durch den sonnigen Gemeinschaftraum gegangen waren, bemerkten sie die Veränderung, die bereits die
Aufmerksamkeit einer kleinen Gruppe von Gyffindors aus sich gezogen hatte.
Ein großes Schild war am Schwarzen Brett von Gryffindor angebracht worden; so groß, daß es alles andere darauf
verdeckte - die Liste der gerauchten Zauberbücher, die regelmäßigen Erinnerungen an die Schulregeln von Argus
Filch, der Trainingsplan des Quidditchteam, die Tauschangebote für gewisse Schokofroschkarten, die neuste
Announce der Weasley Zwillinge für Tester, die Daten der Hogmead Wochenenden und die „verloren“ und
„gefunden“ Zettel. Das neue Schild war in großen schwarzen Buchstaben gedruckt und hatte ein außerordentlich
offiziell aussehendes Siegel neben einer ordentlichen und kurvigen Unterschrift.
ANORDNUNG DES GROßINQUISIORS VON HOGWARTS
Alle Schülerorganisationen, Verbindungen, Mannschaften, Gruppen und Klubs sind ab so fort aufgelöst.
Als Schülerorganisation, Verbindung, Mannschaft, Gruppe oder Klub ist hiermit jedes regelmäßige Treffen von drei
oder mehr Schülern definiert.
Die Genehmigung zur Wieder-Gründung kann vom Hochinquisitor (Prof. Umbridge) erlangt werden.
Keine Schülerorganisation, Verbindung, Mannschaft, Gruppe oder Klub darf ohne Wissen und Genehmigung des
Hochinquisitors bestehen.
Jeder Schüler, der eine Organisation, Verbindung, Mannschaft, Gruppe oder Klub, die nicht vom Hochinquisitor
anerkannt ist, gründet oder einer solchen angehört wird der Schule verwiesen.
Obiges ergeht in Übereinstimmung mit dem Erziehungserlaß Nummer 24
Gez. Dolores Jane Umbridge, Hochinquisitor
Harry und Ron lasen die Notiz über die Köpfe einiger ängstlich aussehenden Zweitklässler hinweg. „Heißt das, daß
sie Gobstones Club schließen?“ fragte einer von ihnen seinen Freund. „Ich denke, mit den Gobstones werdet ihr
keine Schwierigkeiten haben,“ sagte Ron dumpf und veranlasste den Zweitklässler damit zu einem Lufsprung. „Ich
fürchte, wir werden nicht so viel Glück haben, oder?“ fragte er Harry, während der Zweitklässler davon eilte. Harry
las die Notiz noch einmal durch. Die Glückseeligkeit, die ihn seit Samstag erfüllt hatte war verschwunden. Sein
Innerste raste vor Zorn.
„Das ist kein Zufall, „ sagt er und ballte seine Hände zu Fäusten. „Sie weiß Bescheid.“
„Unmöglich,“ sagte Ron sofort. „Da haben Leute in der Kneip gelauscht. Und, realistisch betrachtet, haben wir keine
Ahnung, wie vielen der Leute, die erschienen sind, wir trauen können … jeder von ihnen hätte zu Umbridge gerannt
sein können und gepetzt haben …“
Und er war überzeugt, daß sie ihm geglaubt, ja, ihn bewundert hatten …
„Zacharias Smith!“ sagte Ron sofort und hieb sich mit der Faust in die andere Hand:“
„Oder - ich fand, daß auch Michael Corner ziemlich verschlagen aussah.“
„Ob Hermine das schon gesehen hat?“ sagte Harry während er zur Tür der Mädchenschlafsäle blickte. „Laß es uns
ihr erzählen.“ sagte Ron. Er stürzte nach vorne, riss die Tür auf und begann, die Wendeltreppe hinauf zu eilen.
Er befand sich auf der sechsten Stufe, als ein lautes klagendes Hupen und die Stufen in einander verschmolzen und
so holterdiepolter eine glatte Steinrutschbahn entstand. Für einen kurzen Augenblick versuchte er weiter hinauf zu
renne, seine Arme ruderten wie Windmühlenflügel, aber dann viel er rückwärts, rutschte die neu entstandene
Rutschbahn hinab und stoppte zu Harris Füßen auf dem Rücken.
„Ähm - ich glaube wir dürfen nicht in die Mädchenschlafsäle, sagte Harry und zog Ron auf seine Füße und
unterdruckte sein Lachen.
Zwei Viertklässlerinnen kamen schadenfroh die Rutschbahn heruntergerutscht.
„Oh, wer hat den da versucht, nach oben zu gehen?“ giggelten sie glücklich, sprangen auf ihre Füße und betrachteten
Harry und Ron. „Ich,“ sagte Ron, der immer noch ein bißchen zerzaust aussah. „Mir war nicht klar, daß das
passieren würde. Es ist nicht fair!“ fügte er hinzu als die Mädchen, immer noch verrückt giggelnd, sich zum
Portraitloch aufmachten.
„Hermine darf doch in unsere Schlafsäle, warum dürfen wir nicht-?“
Es ist halt eine altmodische Regel,“ sagte Hermine, die gerade elegant auf einem Teppich vor sie gerutscht war und
im Begriff war, aufzustehen. „ Aber es heißt in Der Geschichte von Hogwarts, daß die Gründer glaubten, daß Jungen
weniger vertrauenswürdig sind, als Mädchen. Egal, warum habt ihr versucht, hier hereinzukommen?“
„Um dich zu holen - schau dir das an! „ sagte Ron und zog sie um schwarzen Brett. Rasch über flog Hermine den
Aushang. Ihre Gesichtszüge versteinerten.
„Irgendeiner muß geplappert haben!“ sagte Ron ärgerlich.
„Das ist unmöglich,“ sagte Hermine leise.
„Du bist so naiv,“ sagte Ron,“ du glaubst nur weil du völlig ehrenhaft und vertrauenswürdig bist - „
„ Nein, das kann deshalb nicht sein, weil ich das Pergament, das wir alle unterschrieben haben verhext habe,“ sagte
Hermine grimmig. „Glaub mir, wenn irgendeiner zu Umbridge rennt und petzt werden wir genau wissen wer es war
und der- oder diejenige wird es wirklich bereuen.“
„Was wird ihnen zustoßen?“ fragte Ron neugierig.
„Also, laß es mich so ausdrücken,“ sagte Hermine.“ Eloise Midgeons Akne sieht im Vergleich dazu aus, wie ein paar
süße Sommersprossen. Los, laß uns frühstücken gehen und sehen, was die anderen meinen … ob das wohl in allen
Häusern häng?“
Als sie die große Halle betraten, war sofort klar, daß Umbridges Erlaß nicht nur im Gryffindorturm ausgehängt
worden war. Eine gewisse Spannung und eine besondere Bewegung ging die Tischreihen in der Halle, wo überall
besprochen wurde, was die Schüler besprochen hatten. Harry, Ron und Hermine hatten sich kaum hingesetzt, als
Neville, Dean, Fred, George und Ginny sie umringten.
„Habt ihr es schon gesehen?“
„Glaubt ihr sie weiß?“
„Was sollen wir tun?“
Alle blickten Harry an. Er schaute sich um, um sich zu vergewissern, daß keine Lehrer in der Nähe waren.
„Wir werden es natürlich trotzdem tun,“ sagte er mit ruhiger Stimme.
„Ich hab’s gewusst,“ sagte George strahlend und knuffte Harrys Arm.
„ Auch die Vertrauensschüler?“ Fred blickte fragend auf Ron und Hermine.
„ Natürlich,“ erwiderte Hermine kühl.
„ Da kommen Ernie und Hannah Abbott,“ sagte Ron und blickte über seine Schulter.
„Die Ravenclaws und Smith…und keiner hat irgendeinen Ausschlag.
Hermine schien beunruhigt.
„Vergiss den Ausschlag, die Idioten können jetzt nicht einfach hier rüber kommen, daß würde wirklich verdächtig
aussehen - setzt euch!“ fuhr sie Ernie und Hannah an und gestikulierte sie wild an den Hufflepufftisch.
„Später! Wir - reden - später!“
„Ich werde es Michael sagen,“ sagte Ginny ungeduldig und rutschte von der Bank,“ dieser Dummkopf, ehrlich…“
Sie rannte zum Tisch der Ravenclaws; Harry sah ihr nach. Cho saß nicht allzu weit entfernt und redete mit ihrer
lockenköpfigen Freundin, die sie mit nach Eberkopf gebracht hatte. Würde Umbridges Erlaß sie davon abhalten sich
wieder zu treffen?
Aber die vollen Auswirkungen des Erlasses fühlten sie erst als sie die große Halle verließen, um zu Geschichte der
Zauberei zu gehen.
„Harry! Ron! „
Eine völlig verzweifelt aussehende Angelina rannte auf sie zu.
„Ist schon gut,“ sagte Harry beruhigend, als sie nahe genug war ihn verstehen zu können.
„Wir werden immer noch - „
„Ist dir klar, daß damit Quidditch auch eingeschlossen ist?“
Angelina beugte sich zu ihm vor.
„Wir müssen hingehen und um Erlaubnis bittern, die Gryffindormannschaft wieder-gründen zu dürfen!“
„Was,“ fragte Harry.
„Ausgeschlossen,“ sagte Ron entsetzt.
„Du hast doch den Erlaß gelesen, auch Mannschaften sind eingeschlossen! Also hör zu Harry…ich sage das zum
letzten Mal… bitte, bitte verlier nicht wieder die Beherrschung mit Umbridge, oder sie lässt uns nie wieder spielen!“
„OK, OK“ sagte Harry, denn Angelina sah so aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.
„Mach dir keine Sorgen, ich nehme mich zusammen…“
„Wetten, daß Umbridge in Geschichte der Zauberei ist,“ sagte Ron grimmig, als sie in die Unterrichtsstunde von
Professor Binns aufbrachen.
„sie hat Binns noch nicht inspiziert… wetten, daß sie kommt…“
Aber er irrte sich, der einzige Lehrer, der zugegen war als sie eintraten war Professor Binns, der wie gewöhnlich
einige Inches über seinem Stuhl schwebte und sich darauf vorbereitete sein monotones Brummen über die großen
Kriege fortzusetzen. Harry versuchte nicht einmal dem zu folgen was er heute sagte; er kritzelte gelangweilt auf
seinem Pergament herum, wobei er Hermines wilde Blicke und leichte Rippenstöße ignorierte, bis ein besonders
schmerzhafter Knuff in seine Rippen ihn ärgerlich aufblicken ließ.
„Was“
Sie zeigte auf das Fenster. Harry schaute um sich. Hedwig hatte sich auf dem schmalen Fenstersims niedergelassen,
starrte durch das dicke Glas auf ihn. An ihrem Bein war ein Brief festgebunden. Harry konnte das nicht verstehen.
Sie waren gerade beim Frühstück gewesen, warum in aller Welt hatte sie nicht da - wie sonst auch - den Brief
ausgeliefert? Viele seiner Klassenkameraden war Hedwig auch aufgefallen.
„Oh, ich habe diese Eule schon immer geliebt, sie ist so schön“ Hörte Harry Lavender Parvati zuflüstern.
Er warf einen Blick auf Professor Binns, der immer weiter aus seinen Notizen vorlas und es gar nicht wahr nahm,
daß die Aufmerksamkeit seiner Klasse noch geringer als sonst auf ihn gerichtet war. Harry erhob sich still aus
seinem Stuhl, duckte sich und kroch der Reihe entlang zum Fenster, wo er die Klinke herunter drückte und es ganz
langsam öffnete.
Er hatte erwartet, daß Hedwig ihm ihr Bein hinhalten würde, damit er den Brief lösen und dann zum Eulengehege
fliegen würde., aber im dem Moment, als das Fenster weit genug offen war, hüpfte sie traurig heulend herein. Er
schloss das Fenster mit einem ängstlichen Blick auf Professor Binns, duckte sich wieder herunter und beeilte sich mit
Hedwig auf seiner Schulter, zurück zu seinem Platz zu kommen. Er erklomm seinen Sitz, beförderte Hedwig auf
seinen Schoß und wollte den Brief, der um ihren Fuß gebunden war abnehmen.
Da fiel ihm auf, daß Hedwigs Federn merkwürdig gerupft aussahen. Einige zeigten in die falsche Richtung und sie
hielt einen ihrer Flügel in einem merkwürdigem Winkel.
„Sie ist verletzt“ flüsterte Henry und beugte seinen Kopf über sie. Hermine und Ron kamen etwas näher. Hermine
hielt ihre Schwanzfedern herunter „Schau, da stimmt etwas nicht mit ihren Flügeln.“
Hedwig zitterte, als Harry ihren Flügel berührte, machte sie einen kleinen Hüpfer. Ihr Gefieder blähte sich auf und
sie schaute ihn vorwurfsvoll an.
„Professor Binn“ rief Harry laut und jeder in der Klasse drehte sich nach ihm um .“Mir ist schlecht“ Professor Binns
löste die Augen von seinen Notizen und schaute hoch - wie immer erstaunt darüber, daß der Raum um ihn herum
voller Leute war.
„Geht es Dir nicht gut“ fraghte er verwirrt. „Nicht wirklich“ entgegnete Harry entschlossen während er aufstand und
Hedwig hinter seinem Rücken verbarg. „Ich glaube ich muß in den Krankenflügel.“ „Ja stimmte Professor Binns
offensichtlich sehr verwirrt zu „Ja .. ja Krankenzimmer, ja geh nur Perkins...“
Nun außerhalb des Klassenzimmers setzte Harry Hedwig zurück auf seine Schulter. Er blieb außerhalb der
Sichtweite von Binns Tür kurz stehen um nachzudenken. Wenn er jemanden suchte um Hedwig zu kurieren wäre
seine erste Wahl natürlich auf Hagrid gefallen. Aber er hatte keine Ahnung wo dieser sich aufhielt. Die einzig
verbleibende Möglichkeit wäre nun Professor Rauhe-Pritsche zu finden und zu hoffen, daß sie helfen könne.
Er spähte aus dem Fenster Da gab es keine Spur von ihr irgendwo in der Nähe von Hagrids Haus. , wenn sie gerade
keinen Unterricht gab, war sie vielleicht im Lehrerzimmer. Er ging nach unten, Hedwig heulte als sie auf seiner
Schulter schwankte.
Zwei Stein Gargoylen flankierten das Lehrerzimmer. Als Harry erschien krächzte einer von ihnen: „Du gehörst ins
Klassenzimmer, mein Schatz“
„es ist dringend“ sagte Harry kurz
„Ach, dringend“ sagte der andere Gargoyle „Nun das verweißt uns wohl auf unseren Platz.
Harry klopfte. Er hörte Schritte dann öffnete sich die Tür und er sah sich Professor McGonagall gegenüber.
„Du hast doch wohl nicht schon wieder Arrest verpasst bekommen“ fragte sie während ihre eckigen Brillengläser
alarmiert blinkten.
„Nein Professor“ antwortete Harry hastig
„Nun denn, warum bist du nicht in deinem Klassenraum?“
„Es ist anscheined dringend“ sagte der zweite Stein Gargoyle ironisch
„Ich suche Professor Rauhe-Pritsche“ erklärte Harry, „ es ist wegen meiner Eule, sie ist verletzt“
„Eine verletzt Eule sagst du“
Professor Grubbly Plank erschien an Professor McGonagalls Seite eine Pfeife rauchend und eine Ausgabe des „Daily
Prophet in der Hand.
„Ja“ bestätigte Harry und nahm Hedwig vorsichtig von seiner Schulter „sie kam nach den anderen Posteulen an und
ihre Flügel sehen so merkwürdig aus“
Professor Grubbly_Plank steckte die Pfeife fest zwischen ihre Zähne und nahm Hedwig entgegen während sie von
Professor McGonagall beobachtet wurde.
„Hmm“ sagte Professor Rauhe-Pritsche ihre Pfeife wippte leicht während sie sprach. „Es sieht aus, als sei sie von
jemandem angegriffen worden. Wenngleich ich mir nicht vorstellen kann, wer so etwas getan haben könnte.
Thestrals greifen natürlich manchmal Vögel an , aber Hagrid hat Hogwarts Thestrals darauf trainiert keine Eulen zu
attackieren..
Harry war es völlig egal was Thestral waren oder was sie taten. Er wollte einzig und allein wissen, daß es Hedwig
bald besser gehen würde. Professor McGonagall aber betrachtet Harry mit scharfem Blick und fragte: „Weißt du
wieweit Deine Eule geflogen ist, Potter“
„Tja“ erwiderte Harry „Sie kam von London - glaube ich“
Er begegnete tapfer ihren Augen und wußte durch die Art wir ihre Augenbrauen in der Mitte zusammenstießen, das
sie verstand London hieße Grimmauld Place Nummer 12.
Professor Grubbly Plank kramte ein Monokel aus den Taschen ihres Gewandes und platzierte es in ihrem Auge um
Hedwigs Flügel von nahem zu untersuchen. „Ich kriege das wieder hin, wenn du sie bei mir lässt, Potter“ sagte sie „
in jedem Fall sollte sie einige Tage lang keine größeren Strecken fliegen“
„Ja - in Ordnung - vielen Dank“ sagte Harry gerade als die Pausenglocke ertönte.
„Kein Problem“ entgegnete Professor Grully-Plank schroff und wendete sich zurück ins Lehrerzimmer.
„Nur einen kleinem ;Moment, Wilhelmina“ rief Professor McGonnagal „Potters Brief“
„Ach ja“ fiel Harry ein, der kurzfristig den Brief vergessen hatte, der an Hedwigs Bein festgemacht war. Professor
Grubbly Blank reichte ihn herüber und verschwand dann im Lehrerzimmer. Sie trug Hedwig mit sich, die zurück zu
Harry starrte als könne sie es nicht glauben, daß Harry sie so einfach herausgab.
Mit ein paar Schuldgefühlen drehte er sich um zu gehen, doch Professor MCGonagall rief ihn zurück:
„Potter“
„Ja, Professor“
Sie schaute den Korridor rauf und runter, wo Schüler aus beiden Richtungen kamen.
Gehe sorgsam damit um“ riet sie ihm ruhig und schnell, mit dem Blick auf die Rolle in seiner Hand. „Die
_Kommunikationskanäle außer und innerhalb Hogwarts könntet überwacht werden
„Ja aber..“ Die Menge der Schüler auf dem Korridor hatte sie fast erreicht .Professor MCGonnagal nickte ihm kurz
zum Abschied und kehrte ins Lehrerzimmer zurück. Harry wurde von der Menge der Schüler auf den Hof
mitgerissen. Er entdeckte Hermine und Ron, die bereits in einer geschützten Ecke standen, ihre Mäntelkrägen waren
vom Wind hochgestellt.. Harry öffnete die Briefolle während e auf sie zulief - er fand fünf Worte in Srius
Handschrift: Heute - selbe zeit - selber Ort.“
„Geht es Hedwig gut“ fragte Hermine in dem Moment, in dem er in Hörweite war
„Wo hast du sie hingebracht“ fragte Ron.
„Zu Rauhe-Pritsche“ antwortete Harry „Und ich habe McGonnagal getroffen .. Hört zu..“
Er berichtete ihnen was Professor McGonnagal ihm erzählt hatte. Zu seiner Überraschung war keiner von ihnen sehr
schockiert. Im Gegenteil, sie tauschten bedeutende Blicke miteinander aus.
„Was“ fragte Harry als er hin und her zu Ron und Hermine sah
„Tja, Ich habe gerade zu Ron gesagt, Was wäre wenn jemand versucht hätte Hedwig aufzuhalten. Ich meine, sie ist
doch noch nie auf einem Flug verletzt worden, oder?
„Übrigens, von wem ist denn der Brief“ erkundigte sich Ron, während er Harry den Zettel aus der Hand
nahm.“snuffles“ antewortetet Harry leise.
„Gleich Zeit, gleicher Ort“
„Meint er den Kamin im Versammlungsraum?“
Offensichtlich stimmte Hermine zu. Die die Notiz jetzt auch gelesen hatte. Sie schaute betrübt: „Ich hoffe nur, daß
kein anderer das auch gelesen hat..“
„Aber der Brief war immer noch versiegelt und so“ gab Harry zurück in dem Versuch sie und sich selbst zu
beruhigen „und es würde doch wohl auch keiner verstehen, was es bedeutet, weil keiner weiß wo wir mit ihm
gesprochen haben, oder nicht?“
„Ich weiß es nicht“ gab Hermine ängstlich zurück, während sie ihren Rucksack auf die Schultern setzte als es
klingelte. „es wäre nicht besonders schwierig den Brief magisch wieder zu versiegeln .. und wenn irgendjemand Floo
network beobachtet.. .. aber ich weiß wirklich nicht, wie wir ihn davor warnen können zu kommen ohne das hier
auch zu verhindern“
Sie stapften die Steintreppen zu den Kerkern hinunter zu Zaubertränke, alle drei in Gedanken versunken. Aber als sie
den Fuß der Treppe erreichten, wurden sie von der Stimme von Draco Malfoy aus ihren Überlegungen gerissen. Er
stand vor der Tür zu Snapes Klassenzimmer, wedelte mit einem offiziell aussehenden Stück Pergament herum und
sprach viel lauter als nötig, so das sie jedes Wort hören konnten:
„Ja, Umbridge hat dem Slytherin Quidditch-Team die Erlaubnis gegeben, sofort weiterzuspielen, ich bin gleich heute
morgen als erstes hingegangen, um sie zu fragen. Na ja, es ging ziemlich automatisch. Ich meine, sie kennt meinen
Vater ziemlich gut, er geht im Ministerium ständig ein und aus...wird interessant sein zu sehen, ob die Gryffindors
weiterspielen dürfen, nicht?“
„Regt euch nicht auf,“ flüsterte Hermine Harry und Ron beschwörend zu, die beide Malfoy mit angespannten
Gesichtern und geballten Fäusten ansahen. „Genau das will er doch.“
„Ich meine, sagte Malfoy noch etwas lauter, während seine Augen feindselig in Harrys und Rons Richtung funkelten,
„wenn es eine Frage des Einflusses im Ministerium ist, glaube ich nicht, daß sie eine große Chance haben...nach
dem, was mein Vater sagt, suchen sie seit Jahren nach einem Grund, Arthur Weasley rauszuschmeißen...und was
Potter betrifft, mein Vater sagt, es ist eine Frage der Zeit, bis das Ministerium ihn nach St. Mungo bringen lässt.
Anscheinend haben sie da eine spezielle Station für Leute, deren Gehirn durch Zauberei einen Schaden gekriegt hat.“
Malfoy verzog sein Gesicht, ließ den Mund herabhängen und rollte die Augen. Crabbe und Goyle gaben wie üblich
grunzende Lacher von sich; Pansy Parkinson kicherte ausgelassen. Etwas stieß hart gegen Harrys Schulter und
schubste ihn zur Seite. Sekundenbruchteile später bemerkte er, daß Neville an ihm vorbeigestürzt war und direkt auf
Malfoy losging.
„Neville, nein!“
Harry sprang vor und griff nach Nevilles Umhang; Neville kämpfte wütend, fuchtelte mit den Fäusten und versuchte
verzweifelt, zu Malfoy zu kommen, der für einen Moment ausgesprochen schockiert wirkte.
„Hilf mir!“ Harry drehte sich zu Ron und schaffte es, einen Arm um Nevilles Hals zu bekommen und ihn von den
Slytherins weg zu ziehen.
Crabbe und Goyle spannten ihre Armmuskeln an, während sie sich kampfbereit vor Malfoy stellten. Ron griff nach
Nevilles Armen und zusammen mit Harry schaffte er es, Neville zurück zu den Gryffindors zu ziehen. Nevilles
Gesicht war scharlachrot; der Druck, den Harry auf einen Hals ausübte, machte seine Stimme ganz unverständlich,
aber einige merkwürdige Worte tröpfelten aus seinem Mund:
„Nicht...lustig...mach nicht...Mungos...zeig“s ..ihm...“
Die Kerkertür ging auf. Snape erschien. Seine schwarzen Augen glitten zu den Gryffindors bis dahin, wo Harry und
Ron mit Neville rangen.
„Sie kämpfen, Potter, Weasley, Longbottom?“ sagte Snape mit einer kalten, höhnischen Stimme. „Zehn Punkte
Abzug für Gryffindor. Lassen Sie Longbottom los, oder es gibt Nachsitzen. Herein mit Ihnen allen.“
Harry ließ Neville los, der japsend dastand und ihn ansah. „Ich mußte dich aufhalten,“ keuchte Harry und hob seine
Tasche auf. „Crabbe und Goyle hätten dich zerfetzt.“
Neville sagte nichts; er schnappte nur seine eigene Tasche und stakste in den Kerker.
„Worum im Namen Merlins,“ sagte Ron langsam, als sie Neville folgten, „ging es denn da?“
Harry antwortete nicht. Er wußte genau, warum das Thema „Leute, die in St. Mungo waren, weil ihr Gehirn durch
Zauberei beschädigt war,“ für Neville so schmerzhaft war, aber er hatte Dumbledore geschworen, daß er niemanden
Nevilles Geheimnis verraten würde. Nicht einmal Neville wußte, daß Harry es kannte.
Harry, Ron und Hermine gingen zu ihren üblichen Plätzen hinten im Klassenraum und zogen Pergament, Federn und
ihre Exemplare von „Tausend magische Kräuter und Pilze“ hervor. Die Schüler um sie herum flüsterten über das,
was Neville gerade getan hatte, aber als Snape die Kerkertür mit einem hallenden Knall schloss, wurden alle sofort
still.
„Sie werden merken,“ sagte Snape mit seiner leisen, spöttischen Stimme, „daß wir heute einen Gast bei uns haben.“
Er gestikulierte in Richtung der düsteren Ecke des Kerkers, und Harry sah Professor Umbridge dort mit dem
Klemmbrett auf den Knien sitzen. Er warf mit hochgezogenen Augenbrauen einen Blick zu Ron und Hermine
hinüber.
Snape und Umbridge, die beiden Lehrer, die er am meisten hasste. Es war schwer, zu entscheiden, wen er über den
anderen triumphieren sehen wollte.
Wir machen heute mit dem Stärkungstrank weiter. Sie werden Ihre Mixturen so vorfinden, wie sie sie in der letzten
Stunde verlassen haben; Wenn Sie sie richtig gemacht haben, sollten sie übers Wochenende gut gereift sein -
Anweisung-“ er schwang seinen Zauberstab noch einmal - „an der Tafel. Fahren Sie fort.“
Professor Umbridge verbrachte die erste halbe Stunde damit, in ihrer Ecke Notizen zu machen. Harry war daran
interessiert, zu hören, wie sie Snape befragte; so interessiert, daß er wieder unvorsichtig mit seinem Zaubertrank
wurde.
„Salamanderblut, Harry,“ stöhnte Hermine und packte sein Handgelenk, um ihn zum dritten mal daran zu hindern,
die falsche Zutat hinzuzufügen, „nicht Granatapfelsaft.“
„Richtig,“ sagte Harry unbestimmt, stellte die Flasche wieder hin und schaute weiter in die Ecke. Umbridge war
gerade aufgestanden. „Ha,“ sagte er leise, als sie zwischen zwei Tischreihen zu Snape schritt, der sich gerade über
den Kessel von Dean Thomas beugte.
„Nun, die Klasse scheint für ihren Jahrgang ziemlich weit fortgeschritten zu sein,“ sagte sie energisch. „Allerdings
frage ich mich, ob es ratsam ist, ihnen einen Trank wie den Stärkungstrank beizubringen. Ich denke, das Ministerium
würde es begrüßen, wenn er vom Lehrplan gestrichen würde.“
Snape richtete sich langsam auf und drehte sich um, um sie anzusehen. „Nun...wie lange unterrichten Sie schon in
Hogwarts?“ fragte sie, mit der Feder über dem Klemmbrett.
„Vierzehn Jahre,“ antwortete Snape. Seine Mine war unergründlich. Harry betrachtete ihn genau und fügte seinem
Zaubertrank gleichzeitig ein paar Tropfen hinzu; der zischte bedrohlich und wechselte die Farbe von türkis zu
orange.
„Sie haben sich zuerst als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste beworben, glaube ich?“ fragte
Professor Umbridge Snape.
„Ja,“ sagte Snape ruhig.
„Aber Sie waren erfolglos?“
Snape schürzte die Lippen.
„Offensichtlich.“
„Und sie haben sich regelmäßig wieder für die Verteidigung gegen die Dunklen Künste beworben, seit Sie hier an
die Schule kamen, glaube ich?“
„Ja,“ sagte Snape ruhig, fast ohne die Lippen zu bewegen. Er sah sehr wütend aus.
„Haben Sie eine Idee, warum Dumbledore es immer wieder ablehnte, sie dafür einzustellen?“ fragte Umbridge.
„Ich schlage vor, Sie fragen ihn.“ sagte Snape abgehackt.
„Oh, das werde ich,“ sagte Professor Umbridge mit einem süßlichen Lächeln.
„Ich nehme an, daß das von Bedeutung ist?“ fragte Snape, und seine schwarzen Augen verengten sich.
„Oh ja,“ sagte Prof. Umbridge, „ja, das Ministerium möchte ein eingehendes Wissen über die - äh - Hintergründe
der Lehrer.“
Sie drehte sich weg, ging hinüber zu Pansy Parkinson und begann, sie über den Unterricht zu befragen. Snape sah
herüber zu Harry und ihre Augen trafen sich für einen Moment. Harry wandte seinen Blick hastig seinem
Zaubertrank zu, der jetzt widerlich stinkend erstarrte und stark nach verbranntem Gummi roch.
„Also wieder null Punkte, Potter,“ sagte Snape boshaft, indem er Harrys Kessel mit einem Schwung seines
Zauberstabs leerte. „Sie schreiben mir einen Aufsatz über die richtige Zubereitung dieses Zaubertranks, in dem Sie
aufzeigen, was schief gegangen ist und warum, zur nächsten Stunde, verstehen Sie?“
„Ja,“ sagte Harry wütend. Snape hatte ihnen schon Hausaufgaben gegeben und an diesem Abend hatte er Quidditch-
Training; das würde wieder ein paar schlaflose Nächte bedeuten. Es schien ihm unmöglich, daß er sich an diesem
Morgen beim Aufwachen so glücklich gefühlt hatte. Alles, was er jetzt spürte, war der brennende Wunsch, daß
dieser Tag zu Ende ginge.
„Vielleicht schwänze ich Wahrsagen,“ sagte er niedergeschlagen, als sie nach dem Mittagessen im Hof standen und
der Wind an den Säumen ihrer Umhänge und an den Rändern der Hüte riss. Ich werde so tun, als sei ich krank und
werde stattdessen Snapes Aufsatz schreiben, dann muß ich nicht die halbe Nacht aufbleiben.“
„Du kannst Wahrsagen nicht schwänzen,“ sagte Hermine streng.
„Schau, wer da spricht, du bist aus Wahrsagen davongelaufen, du hasst Trelawney,“ sagte Ron empört.
„Ich hasse sie nicht,“ sagte Hermine hochmütig, ich finde nur, daß sie eine entsetzliche Lehrerin und eine richtige
alte Schwindlerin ist. Aber Harry hat schon Geschichte der Zauberei verpasst und ich glaube nicht, daß er heute noch
etwas verpassen sollte.“
Darin war einfach zu viel Wahrheit, um es zu ignorieren, und so nahm Harry eine halbe Stunde später in der heißen,
parfümgeschwängerten Atmosphäre des Wahrsagen-Klassenzimmers Platz und ärgerte sich über jeden.
Professor Trelawney teilte wieder einmal Exemplare von Das Traum-Orakel aus. Harry dachte, daß er zweifellos mit
Snapes Strafarbeit besser beschäftigt wäre, als hier zu sitzen und die Bedeutung einer Menge erfundener Träume
herauszufinden.
Er war aber, so schien es, nicht die einzige Person in Wahrsagen, die wütend war.
Professor Trelawney knallte ein Exemplar des Orakels auf den Tisch zwischen Harry und Ron und rauschte mit
gespitzten Lippen davon; sie schleuderte das nächste Exemplar zu Seamus und Dean und verfehlte dabei nur knapp
Seamus“ Kopf, und schließlich stieß sie eines mit solcher Wucht in Nevilles Brustkorb, daß er von seinem Sitz
rutschte.
„So, macht weiter!,“ sagte Professor Trelawney laut - ihre Stimme war schrill und etwas hysterisch - „Ihr wißt, was
ihr zu tun habt! Oder bin ich ein dermaßen unzulänglicher Lehrer, daß ihr nie gelernt habt, wie man ein Buch
öffnet?“
Die Klasse starrte perplex erst zu ihr und dann zueinander. Harry aber glaubt zu wissen, worum es hier ging. Als
Professor Trelawney - ihre vergrößerten Augen voll zorniger Tränen - zu ihrem Lehrersessel mit hoher Lehne
zurückstolzierte, neigte er seinen Kopf zu Rons und murmelte: „Ich glaube, sie hat die Ergebnisse ihrer Überprüfung
zurückbekommen.“
„Professor?,“ sagte Parvati Patil mit gedämpfter Stimme (sie und Lavender hatten Professor Trelawney stets ziemlich
bewundert) „Professor, ist irgendwas - äh - verkehrt?“
„Verkehrt!,“ schrie Professor Trelawney mit vor Aufregung bebender Stimme. „Bestimmt nicht! Ich bin beleidigt
worden, gewiss...Anspielungen wurden gegen mich gemacht...haltlose Anschuldigungen erhoben...aber nein, es ist
nichts verkehrt, bestimmt nicht!“
Sie holte tief, schlotternd Luft und schaute von Parvati weg, Tränen quollen unter ihrer Brille hervor.
„Ich sage ja nichts,“ sie schluckte, „von sechzehn Jahren ergebenen Dienstes...er ist vergangen, und das offenbar
unbemerkt...Aber ich lasse mich nicht beleidigen! Nein, ich lasse mich nicht!“
„Aber, Professor, wer beleidigt sie denn?,“ fragte Parvati schüchtern.
„Das Establishment!“ , sagte Professor Trelawney mit tiefer, dramatischer und bebender Stimme. „Ja, genau jene,
deren Augen durch irdische Dinge zu sehr getrübt sind, um zu Sehen wie ich Sehe, um zu Wissen wie ich
Weiß...aber natürlich, wir Seher sind schon immer gefürchtet worden, immer verfolgt...es ist - ach - unser
Verhängnis.“
Sie schluckte, betupfte ihre feuchten Wangen mit dem Ende ihres Schals, zog dann ein kleines, besticktes
Taschentuch aus dem Ärmel und putzte sich heftig die Nase mit einem Geräusch, das wie Peeves“ verächtliches
Schnauben klang.
Ron kicherte. Lavender warf ihm einen empörten Blick zu.
„Professor,“ sagte Parvati, „wollen Sie sagen, es hat etwas mit Professor Umbridge -?“
„Sprich mit mir nicht über diese Frau!,“ kreischte Professor Trelawney aufspringend, ihre Perlenkette klapperte und
ihre Brillengläser blitzten.
„Würdet ihr dann bitte mit eurer Arbeit fortfahren!“
Und sie verbrachte den Rest der Stunde damit, zwischen ihnen hindurchzuschreiten, während immer noch Tränen
hinter ihrer Brille hervortropften, wobei sie etwas murmelte, was sich fast wie geflüsterte Drohungen anhörte.
„Vielleicht ist es besser zu gehen...diese Demütung...auf Bewährung...wir werden ja sehen...ob sie das wagt...“
„Du hast mit Umbridge etwas gemeinsam,“ flüsterte Harry zu Hermine, als sie sich in Verteidigung gegen die
Dunklen Künste wieder trafen. „Auch sie hält offenbar Trelawney für eine alte Schwindlerin...Es sieht so aus, als ob
sie sie auf Bewährung gesetzt hätte.“
Während er sprach, betrat Umbridge das Zimmer. Sie trug ihre schwarze Samtschärpe und einen Gesichtsausdruck
großer Selbstgefälligkeit.
„Guten Tag die Klasse.“
„Guten Tag, Professor Umbridge,“ antworteten sie lustlos im Chor.
„Bitte die Zauberstäbe weg!“
Aber diesmal gab es keine hektische Betriebsamkeit als Reaktion darauf, denn niemand hatte sie veranlasst, ihre
Zauberstäbe herauszuholen.
„Geht bitte auf Seite vierunddreißig der Magischen Verteidigungstheorie und lest das 3. Kapitel unter der Überschrift
„Der Fall für nicht-offensive Reaktionen auf magische Angriffe“ Da gibt es - ”
„- keinen Grund drüber zu erzählen,“ flüsterten Harry, Ron und Hermine zueinander.
*
„Kein Quidditch-Training,“ sagte Angelina dumpf, als Harry, Ron und Hermine in dieser Nacht nach dem
Abendessen in den Gemeinschaftsraum kamen.
„Aber ich habe mich zusammengerissen!,“ sagte Harry erschrocken, „Ich habe ihr nichts gesagt, Angelina, ich
schwöre, ich - „
„Ich weiß, ich weiß,“ sagte Angelina unglücklich. „sie hat gerade gesagt, daß sie noch etwas Zeit zum Überlegen
braucht.“
„Was überlegen?,“ sagte Ron wütend. „Sie hat den Slytherins die Erlaubnis gegeben, wieso nicht uns?“
Harry aber konnte sich vorstellen, wie sehr Umbridge es geniesen mußte, die Drohung, es könnte kein Gryffindor-
Quidditch-Team geben, über ihren Köpfen zu halten und konnte gut verstehen, weshalb sie auf diese Waffe nicht zu
früh verzichten wollte.
„Gut,“ sagte Hermine, „sieh es mal positiv - wenigstens hast du nun Zeit für Snapes Aufsatz!“
„Und das soll was Positives sein?,“ blaffte Harry, während Ron ungläubig zu Hermine starrte.
„Kein Quidditch-Training und besonders viel Zaubertränke?”
Harry ließ sich in einen Sessel fallen, zog schweren Herzens seinen Zaubertränke-Aufsatz aus der Tasche und
machte sich an die Arbeit. Es war ziemlich schwierig, sich zu konzentrieren; obwohl er wußte, daß Sirius erst viel
später im Feuer erscheinen würde, kam er nicht umhin, alle paar Minuten einen Blick in die Flammen zu werfen.
Außerdem herrschte im Zimmer ein unglaublicher Lärm. Fred und George verkündeten, endlich eine Art
Blaumacher-Brotbüchse entwickelt zu haben, die sie abwechselnd einer jubelnden und johlenden Menge vorführten.
Als Erster würde Fred ein Stück vom orangen Ende eines Kaugummis abbeißen, woraufhin er spektakulär in einen
vor ihm aufgestellten Eimer erbrechen würde. Dann würde er sich das purpurne Ende des Kaugummis
hineinzwingen, woraufhin das Erbrechen unvermittelt enden würde.
Lee Jordan, der bei der Vorführung assistierte, ließ das Erbrochene in regelmäßigen Abständen mit dem gleichen
Zauberspruch verschwinden, den Snape gewöhnlich bei Harrys Zaubertränken benutzte.
Zusammen mit den regelmäßigen Speigeräuschen, dem Anfeuern und dem Lärm von Fred und George, wenn sie aus
der Menge Vorbestellungen annahmen, war es für Harry außerordentlich schwierig, sich auf die richtige Herstellung
von Stärkungslösung zu konzentrieren.
Hermine war keine Hilfe.
Das Johlen und das Geräusch des auf den Boden von Freds und Georges Eimer platschenden Erbrochenen wurde von
ihrem geräuschvollen und missbilligenden Naserümpfen unterbrochen, welches für Harry womöglich noch
ablenkender war.
„Dann geh doch endlich, und laß sie aufhören,“ sagte er gereizt, nachdem er zum vierten Mal das falsche Gewicht
für pulverisierte Greifenklaue durchgestrichen hatte.
„Ich kann nicht, sie machen im Grunde ja nichts Falsches,“ sagte Hermine mit zusammengebissenen Zähnen. „Sie
sind voll im Recht, wenn sie das üble Zeug selbst essen, und ich kann keine Regel finden, die besagt, daß die anderen
Idioten nicht berechtigt sind, es zu kaufen, nicht einmal wenn nachgewiesen ist, daß es irgendwie schädlich ist, und
es sieht nicht so aus, als ob es das wäre.“
Sie, Harry und Ron beobachteten, wie George geschossartig in den Eimer erbrach, den Rest des Kaugummis
herunterschluckte und sich dann mit weit ausgebreiteten Armen wieder aufrichtete, um den Applaus zu verlängern.
„Weißt du, ich kann nicht verstehen, warum Fred und George jeder nur 3 ZAGs bekommen haben,“ sagte Harry,
während Fred, George und Lee Gold von der begierigen Menge einsammelten. „Die kennen sich wirklich aus.“
„Oh, sie können nur Angeberzeug, das für niemanden einen echten Nutzen hat.,“ sagte Hermine abschätzig.
„Keinen echten Nutzen?,“ sagte Ron mit verzerrter Stimme. „Hermine, die haben schon über sechsundzwanzig
Galleonen eingenommen!“
Es dauerte eine Weile bis das Gedränge um die Weasly-Zwillinge verschwand; bis Fred, Lee und George fertig
waren ihre Einnahmen zu zählen noch länger. So war es bereits deutlich nach Mitternacht als Harry, Ron und
Hermine den Gemeinschaftsraum endlich für sich alleine hatten. Endlich hatte Fred die Tür zu den Jungenschlafsälen
hinter sich geschlossen, prahlerisch mit seiner Kiste voll Galleonen klappernd, sodaß Hermine finster aufblickte.
Harry, der nur sehr geringe Fortschritte mit seinem Zaubertrankaufsatz gemacht hatte, entschied sich für diese Nacht
aufzugeben. Ron, der in einem Sessel eingenickt war, gab einen gedämpften Grunzer von sich, erwachte und schaute
verschlafen ins Feuer.
„Sirius!,“ sagte er.
Harry wirbelte herum. Sirius“ wirrer dunkler Kopf saß wieder im Feuer.
„Hallo,“ sagte er grinsend.
„Hallo,“ sagten Harry, Ron und Hermine im Chor und knieten sich alle drei auf den Kaminvorleger. Krumbein
schnurrte laut und nährte sich dem Feuer, bemüht, trotz der Hitze, sein Gesicht Sirius“ zu nähern.
„Wie läuft“s?,“ fragte Sirius.
„Nicht so gut,“ antwortete Harry, während Hermine Krumbein zurückzog, damit er sich nicht weiter die Barthaare
versengte. „Das Ministerium hat einen neuen Beschluss durchgesetzt, der besagt, daß es uns nicht erlaubt ist
Quidditch-Teams zu haben - „
„Oder geheime Verteidigung-gegen-die-dunklen-Künste-Gruppen?“ Sagte Sirius.
Es gab eine kurze Pause.
„Woher weißt du davon?,“ fragte Harry nach.
„Du solltest die Orte für eure Treffen sorgfältiger aussuchen.,“ sagte Sirius noch etwas breiter grinsend, „Der
Eberkopf, ich bitte dich.“
„Immer noch besser als die drei Besen,“ sagte Hermine verteidigend, „Da ist es immer brechend voll - „
„Was bedeutet, daß ihr dort schwerer zu belauschen seid.,“ sagte Sirius „Du mußt noch viel lernen Hermine.“
„Wer hat uns belauscht?,“ fragte Harry nach.
„Mundungus natürlich,“ sagte Sirius, und als sie ihn alle verwirrt ansagen, lachte er: „Er war die Hexe unter dem
Schleier.“
„Das war Mundungus?,“ fragte Harry verblüfft, „Was hat er im Eberkopf gemacht?“
„Was meinst du wohl was er dort gemacht hat?,“ sagte Sirius ungeduldig: „Dich im Auge behalten natürlich.“
„Ich werde immer noch verfolgt?,“ sagte Harry zornig.
„Ja, wirst du,“ sagte Sirius, „auch dann, wenn das erst das du während deines Wochenend-Ausgangs tust die
Gründung einer verbotenen Verteidigungs-Gruppe ist, nicht wahr?“
Aber er sah weder böse noch besorgt aus. Im Gegenteil er blickte auf Harry mit deutlich erkennbarem Stolz.
„Warum hat sich „Dung vor uns versteckt?,“ fragte Ron, und klang enttäuscht, „Wir hätten uns gefreut ihn zu
sehen.“
„Er bekam vor 20 Jahren Hausverbot im Eberkopf,“ sagte Sirius, „Und der Wirt dort hat ein gutes Gedächtnis. Wir
haben Moody“s Tarnumhang verloren als Sturgis verhaftet wurde, also kleidet sich „Dung seit einiger Zeit wie eine
Hexe ...egal... zuerst einmal, Ron - ich habe deiner Mutter geschworen, dir eine Nachricht von ihr zu überbringen.“
„Oh, tatsächlich?,“ sagte Ron und klang besorgt.
„Sie sagte du sollst dich unter keinen Umständen auch nur irgendwie an einer verbotenen geheimen Verteidigungs-
Gruppe beteiligen. Sie sagte du würdest mit Sicherheit von der Schule verwiesen und deine Zukunft währe ruiniert.
Sie sagte es kämen später noch genug Gelegenheiten zu lernen, wie du dich verteidigst und du bist noch zu jung dich
jetzt schon um dererlei Dinge zu sorgen. Außerdem (Sirius“ Augen richteten sich auf die anderen beiden) rät sie auch
Harry und Hermine mit der Gruppe nicht weiter zu machen. Ihr ist zwar klar, daß sie über keinen von beiden
bestimmen kann, bittet aber, sie mögen sich daran erinnern, daß sie immer nur das Beste für die beiden im Sinn hat.
Sie hätte euch dies alles schreiben können, aber wenn die Eule abgefangen würde, wärt ihr in echten
Schwierigkeiten, und sie konnte es euch nicht selbst sagen, weil Sie heute Nacht anderweitig beschäftigt ist.“
„Beschäftigt womit?,“ sagte Ron sofort.
„Das ist nicht eure Angelegenheit, irgendetwas für den Orden,“ sagte Sirius, „Daher mußte ich den Boten spielen.
Sagt ihr unbedingt, daß ich euch alles weitergegeben habe, denn ich glaube nicht, daß sie mir wirklich vertraut.“
Es gab erneut eine Pause. Krumbein miaute und versuchte mit der Pfote an Sirius“ Gesicht zu kommen und Ron
fummelte an einem Loch im Kaminvorleger.
„Also möchtest du mir damit sagen, ich soll nicht Mitglied in der Verteidigungs-Gruppe werden?,“ murrte er
schließlich.
„Ich? Sicher nicht!,“ sagte Sirius mit überraschter Mine, „Ich denke, das ist eine hervorragende Idee!“
„Denkst du das wirklich?,“ sagte Harry mit pochendem Herzen.
„Absolut!,“ sagte Sirius. „Glaubst du wirklich, dein Vater und ich hätten sich zur Ruhe gelegt und die Anweisungen
einer alten Hexe wie Umbridge befolgt?“
„Aber - alles was ich letztes Schuljahr von dir zu hören bekam war, ich soll vorsichtig sein und keine Risiken
eingehen - „
„Letztes Jahr deuteten alle Hinweise darauf hin, daß es in Hogwarts jemanden gab, der dich töten wollte, Harry!,“
sagte Sirius ungeduldig. „Dieses Jahr wissen wir, daß es außerhalb von Hogwarts jemanden gibt, der uns alle töten
will. Deshalb denke ich es eine sehr gute Idee zu lernen wie man sich richtig verteidigt!“
„Und wenn wir von der Schule geworfen werden?,“ fragte Hermine mit einem eigenartigen Ausdruck im Gesicht.
„Hermine, das Ganze war deine Idee!,“ sagte Harry und starrte sie an.
„Ich weiß, ich wundere mich nur über Sirius“ Aussage,“ sagte sie achselzuckend.
„Gut, aber besser von der Schule verwiesen und in der Lage sich zu verteidigen, als sich in der Schule verkriechen
und keine Ahnung davon haben.,“ sagte Sirius.
„Da hörst du es!,“ sagten Harry und Ron begeistert.
„So,“ sagte Sirius, „wie wollt ihr die Gruppe organisieren? Wo wollt ihr euch treffen?“
„Tja, das ist zur Zeit ein kleines Problem,“ sagte Harry, „Weiß nicht welche Orte da noch in Frage kommen.“
„Wie wäre es mit der heulenden Hütte?,“ schlug Sirius vor.
„Hey, klasse Idee!,“ sagte Ron aufgeregt, aber Hermine seufzte misstrauisch und alle drei schauten sie an, Sirius
Kopf drehte sich in den Flammen.
„Also Sirius, in deiner Schulzeit waren es vier von euch, die sich in der heulenden Hütte getroffen haben,“ sagte
Hermine, „und ihr konntet euch alle vier in Tiere verwandeln. Außerdem vermute ich, daß ihr euch alle unter einen
Tarnumhang quetschen konntet wenn ihr wolltet. Aber jetzt sind es 28 von uns und keiner davon ist ein Animagus,
also bräuchten wir weniger einen Tarnumhang, als vielmehr ein Tarnzelt - „
„Da hast du recht,“ sagte Sirius und sah ein wenig niedergeschlagen aus. „Dennoch bin ich sicher, ihr werdet
irgendwo eine Möglichkeit finden. Eventuell eignet sich der nette geräumige Geheimgang hinter dem großen Spiegel
in vierten Stock. Ihr hättet dort wahrscheinlich genug Platz um Flüche zu üben.“
„Fred und George sagten mir er sei versperrt,“ sagte Harry kopfschüttelnd, „eingestürzt oder so.“
„Oh...,“ sagte Sirius finster, „Gut, ich muß darüber nachdenken und komme dann noch mal um - „
Er brach ab. Er sah plötzlich angespannt und alarmiert aus. Er drehte sich zur Seite und schaute jetzt scheinbar in die
solide Steinwand der Feuerstelle.
„Sirius?,“ sagte Harry unruhig.
Aber er war bereits verschwunden. Harry gaffte noch einen Moment in die Flammen, dann drehte er sich zu Ron und
Hermine um.
„Warum hat er - ?“
Hermine stieß einen Seufzer aus und sprang auf die Füße, immer noch ins Feuer starrend.
Eine Hand erschien zwischen den Flammen und tastete umher als wenn sie etwas einfangen wollte; eine untersetzte
Hand mit kurzen Fingern, die übersäht waren mit hässlichen altmodischen Ringen.
Alle drei rannten vor ihr davon. Von der Tür zu den Jungenschlafräumen aus, schaute Harry zurück. Umbridge“s
Hand machte immer noch schnappende Bewegungen zwischen den Flammen, als wenn sie genau wüsste wo Sirius“
Haare nur Momente vorher gewesen waren und entschlossen sei sie zu ergreifen.
Kapitel 18 - Dumbledores Armee
„Umbridge hat deine Post gelesen, Harry. Es gibt keine andere Erklärung.“
„Du denkst Umbridge attackierte Hedwig?“ sagte er verletzt.
„Ich bin mir ziemlich sicher,“ sagte Hermine ärgerlich. „Pass auf deinen Frosch auf, er flüchtet.“
Harry zeigte mit seinem Zauberstab auf den Ochsenfrosch, der hoffungsvoll über den Tisch sprang - „Accio“ - und
der Frosch flog mit düsterem Blick zurück in Harrys Hand.
Zaubersprüche war immer eine der besten Stunden in der man eine private Unterhaltung führen konnte; im
Allgemeinen herrschte jede Menge Bewegung und Aktivität, daß die Gefahr belauscht zu werden, sehr gering war.
Heute, mit dem Raum voll von quakenden Fröschen und krächzenden Raben, und mit dem stark fallendem Regen,
der gegen die Klassenzimmerfenster klapperte, blieb die leise Diskussion von Harry, Ron und Hermine über
Umbridge, die Sirius fast gefangen hätte, unbemerkt.
„Ich habe dies erwartete, seitdem Filch dich beschuldigt hat, Stinkbomben zu bestellen, denn dies war offensichtliche
eine dumme Lüge,“ flüsterte Hermine. „Ich meine, sobald dein Brief gelesen worden wäre, wäre es sofort klar
gewesen, daß du sie nicht bestellst, du wärst also nicht im Geringsten in Schwierigkeiten gewesen - es ist ein bißchen
wie ein schlechter Witz, oder? Aber dann habe ich erkannt, was ist wenn jemand nur eine Entschuldigung haben
wollte deine Post zu lesen? Dann wäre es ein perfekter Weg für Umbridge es so zu tarnen - überlässt Filch die
dreckige Arbeit den Brief zu konfiszieren, um den Brief dann entweder von ihm zu stehlen oder verlangen ihn zu
sehen - Ich denke nicht daß Filch etwas dagegen gehabt hätte, wann hat er sich jemals für die Schülerrechte
interessiert? Harry, du zerquetscht deinen Frosch.“
Harry schaute hinunter; er zerquetschte in der Tat seinen Ochsenfrosch so stark, daß dessen Augen hervorquollen; er
legte ihn schnell zurück auf den Tisch.
„Es war sehr, sehr knapp letzte Nacht,“ sagte Hermine. „Ich wüsste gerne ob Umbridge weiß wie knapp es war.
Silencio.“
Der Ochsenfrosch, an dem sie ihren Stummzauber übte, verstummte mitten in einem Quak und starrte sie
vorwurfsvoll an.
„Wenn sie Schnuffel geschnappt hätte -“
Harry beendete den Satz für sie.
„ - Er wäre vermutlich zurück in Askaban an diesem Morgen.“ Er schwenkte seinen Zauberstab ohne sich darauf zu
konzentrieren; sein Ochsenfrosch schwoll wie ein grüner Ballon an und machte einen hohen Pfeifton.
„ Silencio!“ sagte Hermine schnell, ihren Zauberstab auf Harrys Frosch gerichtet, welcher leise vor ihnen nach Luft
rang. „Nun er darf es nicht noch einmal machen, das ist alles. Ich weiß nur nicht, wie wir es ihn wissen lassen
könnten. Wir können ihm keine Eule schicken.“
„Ich denke er wird es nicht noch einmal riskieren,“ sagte Ron. „Er ist nicht blöd, er weiß, daß sie ihn beinahe
erwischt hatte. Silencio.“
Der große und hässliche Rabe vor ihm krächzte fürchterlich.
„Silencio. SILENCIO!“
Der Raben krächzte nur noch lauter.
„ Es liegt daran wie du deinen Zauberstab schwingst,“ sagte Hermine, die Ron kritisch beobachtete, „du schwingst
ihn nicht, es ist eher ein scharfes Ratsch.“
„Raben sind schwerer als Ochsenfrösche,“ sagte Ron mit zusammen gekniffenen Zähnen.
„Schön dann laß uns tauschen,“ antwortete Hermine und vertauschte Rons Raben mit ihrem dicken Ochsenfrosch.
„Silencio!“ Der Rabe öffnete seinen scharfen Schnabel und schloss ihn wieder und wieder, aber er machte keinen
Laut.
„Sehr gut, Miss Granger!“ sagte Professor Flitwick mit seiner quietschende kleine Stimme und ließ Harry, Ron und
Hermine hochschrecken. „ Jetzt, laß mich deinen Versuch sehen, Mr Weasly!“
„ Wa---s? Oh,---- oh, in Ordnung,“ sagte Ron sehr verwirrt. „Em - silencio!“ Er schwang seinen Zauberstab so feste
in die Luft in Richtung des Frosches, daß er den Zauberstab ins Auge bekam: der Forsch quakte und sprang vom
Tisch.
Es war keine Überraschung für die drei, daß Harry und Ron zusätzliche Übungen für den Stummzauber aufbekamen.
Den Schülern wurde erlaubt während der Pause drinnen zu bleiben, wegen des schlechten Wetters draußen. Sie
fanden Plätze in einem lauten und überfüllten Klassenzimmer im ersten Stock, wo Peeves träumerisch entlang flog
und gelegentlich Tintenladungen auf die Köpfe der Schüler warf. Sie wollten sich gerade hinsetzten, als Angelina,
die sich durch die Schülermassen kämpfte, auf sie zu kam.
„ Ich habe die Erlaubnis!“ rief sie. „Um das Quidditchteam wieder zubilden.
„Klasse!“ sagten Ron und Harry zusammen.
„Ja,“ antwortete Angelina strahlend. „Ich ging zu McGonagall und ich denke sie beschwerte sich bei Dumbledore.
Auf jeden Fall hat Umbridge nachgegeben. Ha! Also will ich euch um sieben Uhr heute Abend auf dem Feld sehen,
alles klar, schließlich müssen wir einiges nachholen. Ihr wißt ja, daß wir nur noch drei Wochen bis zu unserem ersten
Spiel haben, oder?“
Sie setzet ihren Weg fort ,quetschte sich durch die Schülergruppen und wurde beinahe von Peeves Tintenladung
getroffen, statt dessen traf es einen Erstklässler, dann verschwand sie aus der Sichtweite von Harry, Ron und
Hermine.
Rons Lächeln verschwand als er aus dem Fenster schaute, an dem der Regen mitlerweile hämmerte.
„Ich hoffe, daß es sich aufklart. Was ist mit dir, Hermine?“
Sie schaute ebenfalls zum Fenster, aber es schien als ob sie es gar nicht richtig sah. Ihre Augen starrten ins Leere und
sie runzelte ihre Stirn.
„Dachte gerade .....“ sagte sie, immer noch stirnrunzelnd aus dem Fenster starrend.
„Wegen Siri - Schnuffel?“ fragte Harry
„Nein ... nicht wirklich ...“ sagte Hermine langsam. „ Mehr ... weil ... ich war der Ansicht wir machen das richtige ....
ich meine .... machen wir doch, oder?“
Harry und Ron schauten sich an.
„Nun das erklärt alles,“ sagte Ron. „Es wäre wirklich sehr alarmierend, wenn du dich einmal verständlich
ausdrückst.“
Hermine starrte ihn an, als ob sie gerade erst realisiert hätte, daß er anwesend war.
„Ich überlegte gerade,“ sagte sie dieses Mal war ihre Stimme lauter, „ob es das Richtige ist die Gruppe für
Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu starten.“
„ WAS?“ riefen Harry und Ron zusammen.
„Hermine es war an erster Stelle dein Idee!“ sagte Ron empört.
„Ich weiß,“ antwortete Hermine während sie ihre Finger verdrehte. „Aber nachdem wir mit Schnuffel gesprochen
haben ...“
„Aber er ist dafür,“ sagte Harry
„Ja,“ sagte Hermine, die wieder aus dem Fenster starrte. „Ja, das machte mich nachdenklich, vielleicht ist es doch
nicht eine so gute Idee ...“
Peeves flog mit seinem Bauch über sie hinweg, angriffsbereit; automatisch hoben sie alle drei ihre Taschen über ihre
Köpfe, bis er vorbei geflogen war.
„Laß uns hier bleiben,“ sagte Harry ärgerlich, als sie ihre Taschen zurück auf den Boden stellen. „Sirius ist unserer
Meinung, also denkst du wir sollten es nicht mehr machen?“
Hermine sah blaß und miserabel aus. Während sie jetzt auf ihre eigenen Hände starrte, sagte sie, „Vertraust du
ehrlich seinem Urteil?“
„Ja, das mache ich.“ sagte Harry sofort. „Er hat uns immer gute Ratschläge gegeben!“
Ein Tintenstrahl fiel zwischen sie, ein andere geradewegs in Katie Bells Ohr. Hermine beobachtete Katies Sprung
auf die Füße und wie sie verschiedene Gegenstände nach Peeves warf; es passierte einen Moment bevor Hermine
wieder reden wollte. Jetzt klang so als ob sie jedes Wort sehr vorsichtig wählte.
„Du denkst nicht, daß er ein ... bißchen ... ruhelos ... geworden ist ... seit er in Grimmaulds Place eingesperrt ist? Du
denkst nicht er ... wünscht sich ... durch uns zu leben?“
„Was meinst du mit „durch uns zu leben“?“ erwiderte Harry.
„Ich meine ... nun, ich denke er würde es lieben eine geheime Verteidigung gegen die Dunklen Künste Vereinigung
zu gründen direkt unter der Nase des Zaubereiministeriums ... ich denke er ist wirklich frustriert, über das Wenige
was er machen kann, da wo er ist ... also denke ich, daß er scharf darauf ist ... ein Auge auf uns zu werfen.“
Ron sah äußert perplex aus.
„Sirius hatte recht,“ sagte er, „du klingst wirklich wie meine Mutter.“
Hermine biss sich auf ihre Lippen und antwortete nicht.
Die Glocke klingelte genau in dem Moment als Peeves über Katie hinwegflog und ein gesamtes Tintenfläschchen
über ihrem Kopf leerte.
*
Das Wetter wurde im Laufe des Tages nicht besser, so daß Harry und Ron, als sie an diesem Abend um sieben Uhr
zum Training runter zum Quidditch Feld liefen, innerhalb von Minuten so triefend nass waren, daß sie nur so über
das durchnässte Gras rutschten und schlitterten. Der Himmel war dunkel, gewittrig grau, und es war eine
Erleichterung in die Wärme und das Licht der Umkleidekabine zu kommen, auch wenn sie wußten, daß das nur von
kurzer Dauer war. Sie trafen Fred und George, die gerade darüber diskutierten, ob sie nun eins ihrer Blaumachersets
nutzen sollten, um nicht fliegen zu müssen.
..“.aber ich wette, sie würde draufkommen, was wir getan haben,“ sagte Fred aus seinem Mundwinkel heraus. „Wenn
ich ihr doch gestern nicht angeboten hätte, ihr einige Kotz-Kaubonbons zu verkaufen.“
„Wir könnten die Fieber-Schokolade probieren,“ brummelte George, „die hat bisher noch niemand gesehen-“
„Klappt das?,“ fragte Ron hoffnungsvoll, als das Hämmern des Regens auf dem Dach sich noch verstärkte und der
Wind um das Gebäude heulte.
„Nun, ja,“ sagte Fred, „deine Temperatur steigt sofort.“
„Aber Du bekommst auch diese riesigen Eiterbeulen,“ sagte George. „und wir haben bis jetzt noch nicht
herausgefunden, wie man die wieder los wird.“
„Ich kann keine Beulen sehen,“ sagte Ron, der die Zwillinge anstarrte.
„nein, nun ja, das würdest du auch nicht,“ sagte Fred geheimnisvoll, „sie sind nicht an einer Stelle, die du
gewöhnlich in der Öffentlichkeit zeigst.“
„Aber sie machen das Sitzen auf einem Besen zu einer ziemlich besch-“
„Alle mal hergehört,“ sagte Angelina laut, als sie aus dem Raum des Mannschaftskapitäns trat. „Ich weiß, das ist
nicht das ideale Wetter, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß wir unter diesen Bedingungen gegen Slytherin
spielen, also ist es eine gute Idee, daran zu arbeiten, damit umzugehen. Harry, hast du nicht irgendwas mit deiner
Brille gemacht, daß sie nicht beschlägt im Regen, als wir letztes Jahr gegen Hufflepuff in dem Sturm gespielt
haben?“
„Das war Hermine,“ sagte Harry. Er zog seinen Zauberstab heraus, tippte an seine Brille und sagte „Impervius!“
„Ich denke, daß wir das alle versuchen sollten,“ sagte Angelina. „Wenn wir den Regen wenigstens von unseren
Gesichtern fernhalten könnten, würde das die Sicht wirklich verbessern - also, alle zusammen - Impervius! OK. Auf
geht“s.“
Sie verstauten alle wieder ihre Zauberstäbe in den Innentaschen ihrer Mäntel, schulterten ihre Besen und folgten
Angelina aus den Umkleidekabinen heraus.
Sie patschten durch den tiefen Matsch zur Mitte des Feldes; die Sicht war immer noch recht schlecht, trotz des
Impervius-Zaubers; die Helligkeit nahm immer mehr ab und der Regen viel in dichten Vorhängen auf den Boden.
„Also, auf mein Kommando,“ rief Angelina.
Harry sprang vom Boden ab, spritzte Matsch in alle Richtungen und schoss nach oben, wobei der Wind ihn leicht
vom Kurs abbrachte.
Er hatte keine Ahnung wie er den Schnatz bei diesem Wetter entdecken sollte; es war schon schwer genug, den einen
Klatscher zu sehen, mit dem sie trainierten; nach nur einer Trainingsminute riss er ihn fast vom Besen und er mußte
die Faultierrolle anwenden, um dem zu entgehen. Unglücklicherweise hatte Angelina das nicht gesehen. In der Tat
sah es so aus, als würde sie gar nichts sehen können; keiner von ihnen hatte irgendeine Ahnung, was die anderen
gerade taten. Der Wind wurde stärker; sogar aus der Entfernung konnte er das Sausen und Klopfen des Regens auf
der Oberfläche des Sees hören.
Angelina ließ sie fast eine Stunde durchhalten bevor sie ihre Niederlage anerkannte. Sie führte ihr durchnässtes und
übel gelauntes Team zurück in die Umkleidekabine und bestand darauf, daß das Training keine Zeitverschwendung
war, wenn auch mit kaum wirklicher Überzeugung in ihrer Stimme. Fred und George sahen besonders genervt aus;
beide gingen gekrümmt und zuckten bei jeder Bewegung zusammen. Harry hörte sie sich leise beschweren, als sie
sich ihre Haare trockneten.
„Ich denke, ein paar von meinen sind aufgeplatzt“ sagte Fred mit hohler Stimme.
„Meine nicht,“ sagte George mit zusammengebissenen Zähnen, „ sie pochen wie verrückt....und fühlen sich noch
größer an.“
„AU!,“ sagte Harry.
Er presste das Handtuch auf sein Gesicht; die Umkleidekabine war ganz verschwommen, da er seine Brille nicht
trug, aber er konnte immer noch sehen, daß sich alle Gesichter zu ihm gedreht haben.
„Nichts,“ murmelte er, „Ich hab mir mit dem Finger ins Auge gestochen, das ist alles.“
Aber er warf Ron einen vielsagenden Blick zu, und die beiden blieben etwas zurück, als die anderen zurück nach
draußen gingen, eingemummelt in ihre Mäntel und die Hüte tief über die Ohren gezogen.
„Was ist passiert?“ sagte Ron, gleich in dem Moment, als Alicia durch die Tür verschwunden war. „War es deine
Narbe?.“
Harry nickte.
„Aber...“ ängstlich schauend schritt Ron zum Fenster rüber und starrte in den Regen, „er - er kann nicht in unserer
Nähe sein, oder?“
„Nein,“ murmelte Harry während er auf eine Bank sank und seine Stirn rieb. „Er ist wahrscheinlich meilenweit weg.
Sie tat weh weil.... er....wütend ist.“
Harry wollte das eigentlich gar nicht sagen, und hörte die Worte so, als hätte sie ein Fremder gesprochen - dennoch
wußte er sofort, daß es wahr war. Er wußte nicht, warum er es wußte, aber er tat es; Voldemort, wo immer er auch
war, was immer er auch gerade tat, hatte eine gewaltige Laune.
„Hast du ihn gesehen?“ fragte Ron voller Schrecken. „Hattest du.....eine Vision oder so?“
Harry saß ganz still, starrte auf seine Füße und erlaubte seinen Gedanken und Erinnerungen etwas Ruhe nach den
Schmerzen.
Ein konfuses Durcheinander von Formen, ein heulender Ansturm von Stimmen....
„Er will, daß etwas getan wird, aber es geht ihm nicht schnell genug,“ sagte er.
Und wieder war er überrascht, als er die Worte hörte, die aus seinem Mund kamen, und dennoch war er sich ganz
sicher, daß sie wahr waren.
„Aber...woher weißt du das?“ fragte Ron.
Harry schüttelte den Kopf und bedeckte die Augen mit seinen Händen, indem er sie mit seinen Handflächen darauf
presste. Kleine Sternchen erschienen vor seinen Augen. Er fühlte Ron neben sich auf der Bank sitzen, und wußte,
daß Ron ihn anstarrte.
„Ist es das gleiche wie beim letzten Mal?“ fragte Ron mit leiser Stimme.
„Als deine Narbe in Umbridges Büro weh tat? Du-Weißt-Schon-Wer war wütend?“
Harry schüttelte den Kopf.
„Was ist es dann?“
Harry versetzte sich in die Situation zurück. Er hatte Umbridge ins Gesicht gesehen ... seine Narbe hatte wehgetan ...
und er hatte das komische Gefühl im Bauch ... ein seltsames, ihn anspringendes Gefühl ... ein Glücksgefühl ... aber
natürlich hatte er nicht gemerkt worüber, da er sich selbst so miserabel gefühlt hat ...
„Das letzte Mal war er erfreut,“ sagte er. „Sehr erfreut. Er dachte ... , daß etwas gutes passieren wird. Und in der
Nacht bevor wir nach Hogwarts kamen ...“ er dachte an den Moment zurück, als seine Narbe in seinem und Rons
Zimmer im Haus am Grimmaulds Platz so wehtat ... „war er rasend vor Wut ...“
Er sah zu Ron, der ihn mit großen Augen anstarrte.
„Du könntest Trelawney ablösen, mein Freund,“ sagte er mit ehrfürchtiger Stimme.
„Ich mache keine Weissagungen,“ sagte Harry.
„Nein, aber weißt du denn was du da tust?“ fragte Ron ängstlich aber auch beeindruckt. „Harry, du liest die
Gedanken von Du-weißt-schon-wem!“
„Nein,“ sagte Harry und schüttelte den Kopf. „Es ist eher ... seine Stimmung, denke ich. Ich bekomme nur ein paar
Einblendungen von seinen Stimmungen. Dumbledore sagte, daß so was in der Art wohl auch letztes Jahr passiert ist.
Er sagte, daß ich feststellen könnte, wenn Voldemort in meiner Nähe wäre oder er Hassgefühle hätte. Na ja, jetzt
kann ich auch fühlen, wenn er erfreut ist ...“
Es gab eine kleine Pause. Wind und Regen peitschten um das Gebäude.
„Du mußt es jemandem erzählen,“ sagte Ron.
„Ich hab es Sirius das letzte Mal erzählt.“
„Na dann erzähl ihm auch von diesem Mal!“
„Das kann ich nicht, oder?“ sagte Harry grimmig. „Umbridge lässt die Eulen und die Feuer überwachen, vergessen?“
„Na dann erzähl es Dumbledore.“
„Ich hab dir doch grad gesagt, daß er es schon weiß,“ sagte Harry kurz angebunden, stand auf, nahm seinen Mantel
vom Haken und warf ihn um seine Schultern. „Es macht keinen Sinn, ihm noch mal davon zu erzählen.“
Ron knöpfte seinen Mantel zu und beobachtete Harry nachdenklich.
„Dumbledore würde es aber wohl gerne wissen,“ sagte er.
Harry zuckte mit den Schultern.
„Nun komm schon ... wir müssen immer noch Schweigezauber üben.“
Sie eilten zurück über die dunklen Felder, rutschend und stolpernd über die matschige Wiese, ohne zu sprechen.
Harry dachte angestrengt nach. Was wollte Voldemort erledigt haben, daß nicht schnell genug ging?
„ ... er hat andere Pläne ... Pläne, die er in aller Ruhe verwirklichen kann ... Dinge, die er nur in aller Heimlichkeit
bekommen kann ... wie ein Waffe etwa. Etwas, daß er beim letzten Mal nicht hatte.“
Harry hatte seit Wochen nicht über diese Worte nachgedacht; er war zu sehr einbezogen in die Dinge, die in
Hogwarts geschahen, zu beschäftigt, sich auf die andauernden Kämpfe mit Umbridge einzulassen, die
Ungerechtigkeiten der ganzen Einmischungen des Zaubereiministeriums... aber jetzt kamen sie ihm wieder in den
Sinn und verwunderten ihn ... Voldemorts Wut würde Sinn machen, wenn nicht näher an die Waffe herankommen
würde, was auch immer es sein mag. Hatte der Orden seine Pläne durchkreuzt, ihn gestoppt ranzukommen? Wo
wurde sie versteckt? Wer hatte sie jetzt?
„Mimbulus mimbletonia,“ erklang Rons Stimme und Harry kam gerade rechtzeitig aus seinen tiefen Gedanken
zurück um durch das Loch in den Gemeinschaftsraum zu klettern.
Es schien, daß Hermine früh zu Bett gegangen war, Krumbein eingerollt auf einem nahen Stuhl zurücklassend und
ein Sortiment knubbeliger, gestrickter Elfenhüte lagen auf dem Tisch nahe des Feuers. Harry war fast dankbar dafür,
das sie nicht in der Nähe war, da er nicht darüber sprechen wollte, das seine Narbe weh tat und er dazu genötigt
wurde, damit wieder zu Dumbledore zu gehen. Ron warf ihm weiterhin bange Blicke zu, aber Harry holte sein
Zaubereibücher hervor und machte sich an die Arbeit, seinen Aufsatz zu beenden, obwohl er nur vorgab, sich zu
konzentrieren und nach einer Weile, als Ron sagte, er würde ebenfalls hinauf und zu Bett gehen, hatte er kaum etwas
geschrieben.
Mitternacht kam und ging, während Harry immer wieder einen Abschnitt über die Verwendung von Skorbutgras,
Liebstöckel und Sumpfgarbe las und nicht ein Wort davon aufnahm.
Diese Pflanzen sind am wirksamsten gegen Entzündungen des Gehirns, und werden daher vielfach für Arzneitränke
gegen Verwirrung und Berauschtheit angewendet, wo es dem Zauberer verlangt Hitzköpfigkeit und
Rücksichtslosigkeit zu produzieren …
… Hermine sagte, das Sirius begann rücksichtslos zu werden, als er in Grimmauld Place eingepfercht wurde …
… am wirksamsten gegen Entzündungen des Gehirns, und werden daher vielfach für …
… der Tagesprophet würde denken, sein Gehirn wäre entzündet, wenn sie rausfänden das er wußte, was Voldemort
fühlte …
… daher vielfach für Arzneitränke gegen Verwirrung und Berauschtheit angewendet, wo es dem Zauberer verlangt
Hitzköpfigkeit und Rücksichtslosigkeit …
Verwirrung war das Wort, na schön; warum wußte er, was Voldemort fühlte? Was war das für eine verrückte
Verbindung zwischen ihnen, die Dumbledore niemals zufriedenstellend hatte erklären können?
… wo es dem Zauberer verlangt ...
… wie gerne hätte Harry geschlafen …
… Hitzköpfigkeit und Rücksichtslosigkeit zu produzieren …
… es war warm und bequem in seinem Lehnstuhl vor dem Feuer, mit dem Regen, der immer noch schwer gegen die
Fensterscheiben prasselte, Krumbein schnurrte, und das Prasseln der Flammen …
Das Buch rutschte aus Harrys schlaffem Griff und landete mit einem dumpfen Bums auf dem Kaminvorleger. Sein
Kopfe baumelte seitwärts …
Er ging einmal mehr einen fensterlosen Flur entlang, seine Schritte hallten in der Stille wieder. Als die Türe am Ende
des Korridors sich auftürmte, schlug sein Herz vor Aufregung schneller … wenn er sie nur öffnen könnte … sich
dahinter begeben könnte …
Er streckte seine Hand aus … seine Fingerspitzen waren nur noch Zentimeter davon entfernt …
„Harry Potter, Sir!“
Er wachte erschrocken auf. Die Kerzen im Gemeinschaftsraum waren alle erloschen, aber etwas bewegte sich in
seiner Nähe.
„Werissa?“ sagte Harry, aufrecht auf seinem Stuhl sitzend. Das Feuer war beinahe aus, der Raum sehr dunkel.
„Dobby hat Ihre Eule, Sir!“ sagte eine quieksende Stimme.
„Dobby?“ sagte Harry dumpf, durch die Dunkelheit nach der Quelle der Stimme spähend.
Dobby der Hauself stand neben dem Tisch, auf dem Hermine ein halbes Dutzend ihrer gestrickten Hütte hatte liegen
lassen. Seine großen, spitzen Ohren standen jetzt unter etwas hervor, was aussah wie alle Hüte, die Hermine jemals
gestrickt hatte; er trug sie einen über den anderen gestülpt, so daß sein Kopf um zwei bis drei Fuß verlängert zu sein
schien, und auf der obersten Quaste saß Hedwig, gelassen schreiend und offensichtlich geheilt.
„Dobby hat sich freiwillig erboten, Harry Potter“s Eule zurückzubringen,“ sagte der hauself quieksend, mit einem
Blick voll unumstößlicher Verehrung auf seinem Gesicht, „Professor Rauhe-Pritsche sagte, daß es ihr jetzt wieder
gut geht, Sir.“ Er sank in eine tiefe Verbeugung, so daß seine Bleistiftartige Nase die abgewetzte Oberfläche des
Kaminvorlegers leicht berührte und Hedwig gab einen empörten Laut von sich und flatterte dann auf die Lehne von
Harry“s Stuhl.
„Danke, Dobby!“ sagte Harry, streichelte Hedwigs Kopf und blinzelte schwerlich, versuchte sich vom Bild der Türe
in seinem Traum zu befreien … das sehr deutlich gewesen war. Dobby näher prüfend, bemerkte er, daß der Hauself
auch einige Halstücher und zunzählige Socken trug, so daß seine Füße viel zu groß für seinen Körper aussahen.
„Ähm … Du hast dir alle Kleidungsstücke genommen, die Hermine draußen gelassen hat?“
„Oh nein, Sir,“ sagte Dobby glücklich. „Dobby hat auch einige für Winky mitgenommen, Sir.“
„Ja, wie geht es Winky?“ fragte Harry.
Dobbys Ohren erschlafften leicht.
„Winky trinkt immer noch eine Menge, Sir,“ sagte er traurig, seine enorm runden, grünen Augen, groß wie
Tennisbälle, niedergeschlagen. „Kleidungsstücke sind ihr noch egal, Harry Potter. Auch die anderen Hauselfen
kümmern sich nicht drum. Keiner von ihnen wir noch einmal den Gryffindor-Turm reinigen, nicht mit all“ den Hüten
und Socken, die überall versteckt sind, sie finden es beleidigend, Sir. Dobby tut es alles selber, Sir, Dobby macht es
nichts aus, Sir, da er immer hofft, Harry Potter des nachts zu treffen, Sir, sein Wunsch wurde erfüllt!“ Dobby sank
erneut in eine tiefe Verbeugung. „Aber Harry Potter scheint nicht glücklich zu sein,“ fuhr Dobby fort, sich wieder
aufrichtend und Harry furchtsam anblickend. „Dobby hörte ihn in seinem Schlaf murmeln. Hatte Harry Potter
schlechte Träume?“
„Nicht wirklich schlecht,“ sagte Harry, gähnend und seine Augen reibend. „Ich hatte schon schlechtere.“
Der Hauself prüfte Harry aus seinen riesigen, kugelartigen Augen. Dann sagte er äußerst ernst, seine Ohren
erschlafften, „Dobby wünscht, er könnte Harry Potter helfen, denn Harry hat Dobby befreit und Dobby ist jetzt viel,
viel glücklicher.“
Harry lächelte.
„Du kannst mir nicht helfen, Dobby, aber danke für das Angebot.“
Er bückte sich und las sein Zaubertrankbuch auf. Er mußte es versuchen, den Aufsatz bis morgen zu beenden. Er
schloß das Buch und als er es tat, erleuchtete das feurige Licht die dünne weiße Narbe auf seinem Handrücken - das
Ergebnis seines Nachsitzens bei Umbridge …
„Warte einen Augenblick, es gibt etwas, was du für mich tun kannst, Dobby,“ sagte Harry langsam.
Der Hauself blickte sich um, strahlend.
„Nenne sie es, Harry Potter, Sir!“
„Ich muß einen Ort finden, an dem achtundzwanzig Leute den Schutz gegen die Dunklen Künste üben können, ohne
das sie von irgendeinem Lehrer entdeckt werden könnten. Insbesondere nicht,“ Harry ballte seine Hand fest um das
Buch, so daß seine Narbe perlmuttweiß leuchtete, „Professor Umbridge.“
Er erwartete, daß das Lächeln des Hauselfs verschwand, das seine Ohren erschlafften; er erwartete, daß er ihm sagen
würde, daß es unmöglich wäre, oder sonst daß er versuchen würde, einen solchen Ort zu finden, aber seine
Erwartungen waren nicht hoch. Was er nicht erwartet hatte, das Dobby ein wenig zu hüfen begann, seine Ohren
wackelten fröhlich und er schlug die Hände zusammen.
„Dobby kennt den perfekten Ort, Sir!“ sagte er glücklich. „Dobby hörte, wie die anderen Hauselfen davon erzählten,
als er nach Hogwarts kam, Sir. Er ist bei uns bekannt als Kommen und Gehen Raum, Sir, oder auch als Raum des
Bedürfnisses!“
„Warum?“ sagte Harry verwundert.
„Weil es ein Raum ist, die eine Person nur betreten kann,“ sagte Dobby ernsthaft, „wenn sie ihn wirklich dringend
benötigt. Manchmal ist er da, und manchmal ist er es nicht, aber wenn er erscheint, ist er immer mit dem ausgestattet,
was der Suchende benötigt. Dobby hat ihn benutzt, Sir,“ sagte der Elf, die Stimme senkend und schuldig aussehend,
„als Winky sehr betrunken war, hat er sie im Raum des Bedürfnisses versteckt und er fand Gegenmittel für
Butterbier dort, und ein nettes, elfengroßes Bett um sie drauf zu legen, während sie ausschlief, Sir … und Dobby
weiß, Mr. Filch hat dort zusätzliche Reinigungsmaterialien gefunden, als sie ihm ausgegangen waren, Sir, und - „
„Und wenn man dringend eine Toilette benötigte,“ sagte Harry, sich plötzlich an das erinnernd, was Dumbledore auf
dem Weihnachtsball vor Weihnachten gesagt hatte, „würde er sich mit Nachttöpfen füllen?“
„Dobby erwartet das, Sir“ sagte Dobby, ernstgemeint nickend. „Es ist ein zutiefst erstaunlicher Raum, Sir.“
„Wieviele Leute wissen davon?“ sagte Harry, sich gerade aufsetzend in seinem Stuhl.
„Sehr wenig, Sir. Zumeist stolpern die Leute darüber, wenn sie ihn brauchen, aber oftmals finden sie ihn nie wieder,
da sie nicht wissen, das er immer darauf wartet, ihnen zu Diensten zu sein, Sir.“
„Es klingt brilliant,“ sagte Harry, sein Herz raste. „Es klingt perfekt, Dobby. Wann kannst du mir zeigen, wo er ist?“
„Jederzeit, Harry Potter, Sir,“ sagte Dobby, hocherfreut über Harrys Begeisterung aussehend. „Wir können jetzt
gehen, wenn Sie wünschen!“
Für einen Moment war Harry versucht mit Dobby zu gehen. Er hatte sich halb aus seinem Sitz erhoben, und woltle
die Treppe hinaufeilen um seinen Unsichtbarkeitsmantel zu holen, als nicht zum ersten Mal, eine Stimme, die sehr an
Hermines erinnerte, in seine Ohren flüsterte: leichtsinnig. Es war, nach allem, sehr spät, er war erschöpft, und mußte
noch Snapes Aufsatz beenden.
„Nicht heute nacht, Dobby,“ sagte Harry widerstrebend, zurück in seinen Stuhl sinkend. Das ist wirklich wichtig …
ich möchte es nicht verfluchen, es benötigt richtiger Planung. Hör mal, kannst du mir genau beschreiben, wo der
Raum des Bedürfnisses ist, und wie man dorthin kommt?“
*
Ihre Roben wogten und wirbelten um sie herum, als sie durch die überfluteten Gemüsebeete zu einer Doppelstunde
Kräuterkunde wateten, wo sie kaum hören konnten, was Professor Sprout sagte, weil die Regentropfen wie
Hagelkörner auf das Dach des Gewächshaus hämmerten. Die Nachmittagsstunde in „Pflege magischer Geschöpfe“
mußte von den sturm-überfluteten Ländereien in ein freies Klassenzimmer im Erdgeschoss verlegt werden und, zu
ihrer gewaltigen Erleichterung, hatte Angelina ihr Team beim Mittagessen zusammen gesucht, um ihnen zu sagen,
daß das Quidditch-Training ausfallen würde.
„Gut,“ sagte Harry leise, als sie das sagte, „weil wir einen Ort für unser erstes „Verteidigungs“-Treffen gefunden
haben. Heute Abend acht Uhr, siebenter Stock gegenüber vom Wandteppich mit dem verrückten Barnabas, der von
diesen Trollen verprügelt wird. Kannst Du“s Katie und Alicia sagen?“
Sie sah ein wenig bestürzt aus, versprach aber, den anderen Bescheid zu sagen. Harry widmete sich wieder hungrig
seinen Würsten und dem Kartoffelbrei. Als er aufsah, um einen Schluck Kürbissaft zu nehmen, sah er, daß Hermine
ihn beobachtete.
„Was? mampfte er.
„Na ja ... es ist nur, daß Dobbys Pläne nicht immer so sicher sind. Hast du schon vergessen, wie du alle Knochen in
deinem Arm verloren hast?“
„Dieser Raum ist aber keine verrückte Idee von Dobby; Dumbledore kennt ihn auch, er hat ihn mir gegenüber beim
Weihnachtsball erwähnt.“
Hermines Ausdruck wurde freundlicher.
„Dumbledore hat dir davon erzählt?“
„Nur so nebenbei,“ sagte Harry achselzuckend.
„Oh, na ja, dann ist es in Ordnung,“ sagte Hermine munter und erhob keine weiteren Einwände.
Gemeinsam mit Ron hatten sie den Großteil des Tages damit verbracht, alle Leute, die die Liste im „Schweinekopf“
unterschrieben haben, zu finden und ihnen Bescheid zu sagen, wo sie sich an diesem Abend treffen würden. Zu
Harrys Enttäuschung war es Ginny zuerst gelungen, Cho und ihre Freundin zu finden; wie auch immer, am Ende des
Abendessens war er sicher, daß die Neuigkeit jeden der achtundzwanzig Leute erreicht hatte, die im „Schweinekopf“
aufgetaucht waren.
Um halbacht verließen Harry, Ron und Hermine den Gryffindor Gemeinschaftsraum, Harry mit einem gewissen
uralten Stück Pergament in seiner Hand. Fünftklässern war es zwar erlaubt, sich bis neun Uhr sich in den Gängen
aufzuhalten, aber alle drei von ihnen blickten sich nervös um, bis sie den siebenten Stock erreicht hatten.
„Halt,“ sagte Harry warnend am Ende des letzten Treppenhauses, faltete das Pergament in seiner Hand auseinander,
berührte es sanft mit seinem Zauberstab und murmelte „Ich schwöre feierlich, daß ich ein Tunichtgut bin.“
Eine Karte von Hogwarts erschien auf der leeren Oberfläche des Pergaments. Kleine schwarze, sich bewegende
Tintenpunkte, jeder mit einem Namen versehen, zeigten, wo sich verschiedene Leute befanden.
„Filch ist im zweiten Stock,“ sagte Harry, die Karte näher an seine Augen haltend, „ und Mrs. Norris ist im vierten.“
„Und Umbrige?“ fragte Hermine ängstlich.
„In ihrem Büro,“ Harry zeigte auf einen der Punkte. „OK, gehen wir.“
Sie eilten über den Korridor zu dem Ort, den Dobby beschrieben hatte, eine leere Wand gegenüber des enormen
Wandbildes das den verrückten Barnabas darstellt und seinen närrischen Versuch, Trolle für das Ballet zu trainieren.
„OK,“ sagte Harry leise, während ein mottenzerfressener Troll innehielt, den Möchte-Gern-Ballet-Lehrer zu
verprügeln, um ihnen zuzusehen. „Dobby sagte, wir müssen dreimal an dieser Wand vorbeigehen und uns fest auf
das konzentrieren, was wir brauchen.
Genau das machten sie, jedes mal haarscharf am Fenster neben der leerend Wand umdrehend und an der
mannshohen Vase auf der anderen Seite. Ron verdrehte seine Augen voller Konzentration. Hermine wisperte etwas
mit gedämpfter Stimme. Harrys Fäuste waren geballt und er starrte geradeaus.
Wir brauchen einen Ort, an dem wir lernen können ... zu kämfen... dachte er. Einen Ort, um zu üben ... irgendetwas,
wo sie uns nicht finden ...
„Harry!“ rief Hermine schrill, als sie sich zum dritten mal umdrehten.
Eine hochglanzpolierte Tür war mitten in der Wand erschienen. Etwas misstrauisch starrte Ron die Türe an. Harry
streckte seine Hand aus, ergriff den Messinggriff, zog die Türe auf und ging als erster in ein geräumiges Zimmer
beleuchtet vom flackernden Licht ebensolcher Fackeln, die die Verliese acht Stockwerke tiefer beleuchteten.
An den Wänden waren hölzerne Bücherschränke aufgestellt und anstelle von Stühlen lagen große seidene Kissen am
Boden. Eine Reihe von Regalen am anderen Ende des Raumes enthielt ein Sortiment an Instrumenten wie
Spickoskope, Geheimnis-Detektoren und ein großes zersprungenes Feindglas, das - Harry war sich sicher - letztes
Jahr im Büro vom falschen Moody hing.
„Die werden nützlich sein, wenn wir Schockzauber üben,“ sagte Ron enthusiastisch und schubste ein Kissen mit
seinem Fuß.
„Und seht Euch nur diese Bücher an!“ Hermine lief ganz aufgeregt mit einem Finger über die Buchrücken der
großen ledergebundenen Bände. „Ein Kompendium von gebräuchlichen Flüchen und ihren Gegenflüchen ... Die
Dunklen Künste überlistet ... Selbstverteidigungs-Zaubertechniken ... wow ...“
Sie drehte sich zu Harry um, ihr Gesicht glühte und er konnte sehen, daß das Vorhandensein von Hunderten von
Büchern Hermine letztendlich doch davon überzeugt hatte, daß sie das Richtige taten. „Harry, das ist wundervoll,
hier gibt’s alles, was wir brauchen.“
Und ohne weiteres Getue nahm sie Hexerei für die Verhexten aus dem Regal, ließ sich am nächste Kissen nieder und
begann zu lesen.
Es gab ein leichtes Klopfen an der Türe. Harry sah sich um. Ginny, Neville, Lavender, Parvati and Dean waren
eingetroffen.
„Whoa,“ sagte Dean, und sah sich beeindruckt um. „Was ist das für ein Ort?“
Harry begann alles zu erklären, aber bevor er fertig war kamen mehr Leute und er mußte wieder von vorne anfangen.
Als es acht Uhr wurde, waren alle Kissen okkupiert. Harry ging zur Türe und drehte den Schlüssel, der im Schloss
steckte. Es machte Klick, auf eine zufriedenstellend laute Art und Weise und alle wurden still und sahen ihn an.
Hermine markierte sorgfältig ihre Seite in Hexerei für die Verhexten und legte das Buch beiseite.
„Nun,“ sagte Harry leicht nervös. „Das ist der Ort, den wir für unsere Übungsstunden gefunden haben und ihr - ähm
- findet ihn offensichtlich auch OK.“
„Er ist fantastisch!“ sagte Cho und einige Leute murmelten ihre Zustimmung.
„Es ist bizarr,“ sagte Fred stirnrunzelnd. „Wir haben uns einmal vor Filch hier versteckt, kannst du dich erinnern,
George? Aber damals war es nur ein Besenschrank.“
„Hey Harry, was ist das für ein Zeugs?“ fragte Dean von der Rückseite des Raumes, auf die Spickoskope und das
Feindglas deutend.
„Geheimnis-Detektoren,“ sagte Harry, zwischen den Kissen durchschreitend, um sie zu erreichen. „Im Grunde
zeigen sie alle, wenn Schwarze Magier oder Feinde in der Nähe sind, aber ihr solltet euch nicht zu sehr darauf
verlassen, sie können getäuscht werden ...“
Er starrte für einen Moment in das zersprungene Feindglas; schattenhafte Figuren bewegten sich darin, obwohl keine
genau zu erkennen war. Dann drehte er dem Feindglas den Rücken zu.
„Nun, Ich habe mir überlegt, womit wir zu allererst beginnen sollten und - ähm“ Er bemerkte eine erhobene Hand -
„Was, Hermine?“
„Ich denke, wir sollten einen Anführer wählen,“ sagte Hermine.
„Harry ist der Anführer,“ sagte Cho sofort und sah Hermine an, als ob sie verrückt wäre.
Harrys Magen machte einen weiteren Rückwärtssalto.
„Ja, aber ich dachte wir sollten richtig wählen,“ sagte Hermine unbeirrt. „Es macht die Sache formell und gibt ihm
Autorität. Also - Jeder, der denkt, daß Harry unser Anführer sein soll?“
Jeder einzelne erhob die Hand, sogar Zacharias Smith, obwohl er es sehr halbherzig tat.
„Ähm - gut, danke,“ sagte Harry, der fühlen konnte, wie sein Gesicht brannte.
„Und - was, Hermine?“
„Ich denke außerdem, wir sollten einen Namen haben,“ sagte sie strahlend, ihre Hand immer noch in der Höhe. „Es
würde das Gefühl von Teamgeist und Einigkeit fördern, denkt Ihr nicht?“
„Können wir die Anti-Umbridge Liga sein?“ sagte Angelina hoffnungsvoll.
„Oder die im Zaubereiministerium sind Schwachköpfe Gruppe? schlug Fred vor.
„Ich dachte mehr,“ sagte Hermine missbilligend zu Fred sehend, „an einen Namen, der nicht jedem sagt, was wir
hier vorhaben, so daß wir ihn sicher auch außerhalb unserer Treffen verwenden können.“
„Defence Association? sagte Cho. „kurzgesagt DA, damit wird niemand wissen, worüber wir reden?“
„Ja, DA ist gut,“ sagte Ginny. „Nur lassen wir es für Dumbledores Armee stehen, weil das genau das ist, wovor sich
das Ministerium am meisten fürchtet, meint ihr nicht?“
Daraufhin setzte eine Menge zustimmendes Gemurmel und Gelächter ein.
„Alle für DA?“ sagte Hermine kommandierend, sich auf ihrem Kissen aufrichtend, um zu zählen. „Das ist eine
Mehrheit - Antrag bewilligt!“
Sie steckte das Pergament mit allen Unterschriften an die Wand und schrieb ganz oben in großen Buchstaben:
DUMBLEDORES ARMEE
„Gut,“ sagte Harry, als sie sich wieder gesetzt hatte. „Wollen wir dann anfangen zu üben? Ich denke, der erste
Spruch den wir trainieren sollten ist „Expelliarmus,“ ihr wißt schon, der Entwaffnungszauber. Ich bin mir bewusst,
daß das so ziemlich zu den Grundlagen gehört, aber ich fand ihn wirklich nützlich…“
„Oh, bewaffnet, bitte“ sagte Zacharias Smith mit den Augen rollend und die Arme über der Brust verschränkend.
„Ich glaube nicht, daß Expelliarmus genau das ist, was uns gegen Du-weißt-schon-wen helfen könnte - meinst du das
etwa?“
„Ich habe diesen Spruch gegen ihn angewendet.“ entgegnete Harry ruhig. „Das hat mir im Juni das Leben gerettet.“
Smith öffnete sprachlos den Mund. Alle anderen im Raum waren sehr still. „Aber wenn du denkst, das ist unter
deiner Würde, dann kannst du gehen.“ sagte Harry.
Smith ging nicht. Es ging auch kein anderer.
„OK,“ sagte Harry, sein Mund war etwas trockener als normal, jetzt wo all diese Blicke auf ihn gerichtet waren. „Ich
halte es für das Beste, wenn wir uns in Paare aufteilen und üben.“ Es fühlte sich merkwürdig an Anweisungen zu
geben, doch nicht annähernd so sonderbar wie dabei zuzusehen als alle den Anweisungen folgten. Jeder stand erst
einmal auf und dann teilte sich die Gruppe auf. Wie vorauszusehen war, blieb Neville ohne Partner.
„Du kannst mit mir üben.“ Erklärte Harry ihm. „Gut so, dann auf Drei - Eins, Zwei, Drei.“
Der Raum tönte kurz darauf von „Expelliarmus“-Rufen wieder. Zauberstäbe flogen in alle Richtungen,
fehlgegangene Zaubersprüche traf auf Bücher in den Regalen und sorgten dafür, daß sie durch die Luft flogen. Harry
war zu schnell für Neville, dessen Zauberstab sich aus seiner Hand zu drehen begann, in einem Funkenregen an die
Decke stieß und mit einem Klappern oben auf einem der Bücherregale landete von wo Harry ihn mit einem
Aufrufzauber zurückholte.
Umherblickend dachte Harry bei sich, daß er gut daran getan hatte, vorzuschlagen zuerst die Grundlagen zu üben,
denn es flogen eine Menge falscher Zaubersprüche umher, viele waren nicht erfolgreich darin ihr Gegenüber zu
entwaffnen, sondern veranlassten sie bloß ein paar Schritte zurückzuspringen oder zusammenzuzucken als ihre
kläglichen Zaubersprüche über sie hinwegzischten.
„Expelliarmus!“ sagte Neville und Harry, den das unerwartet traf, fühlte, wie sein Zauberstab aus seiner Hand flog.
„ICH HABE ES GESCHAFFT!“ sagte Neville fröhlich „Ich habe das noch nie vorher geschafft . ICH HABE ES
GESCHAFFT!“
„Gut gemacht!“ sagte Harry aufmunternd und entschied nicht darauf hinzuweisen, daß es sehr unwahrscheinlich war,
daß Nevilles Gegner in einem wirklichen Duell in die entgegengesetzte Richtung schaute, den Zauberstab lose an der
Seite haltend. „Hör zu, Neville, könntest du für ein paar Minuten im Wechsel mit Ron und Hermine üben, damit ich
mal umhergehen und schauen kann was der Rest macht?“
Harry ging in die Mitte des Raumes. Etwas ziemlich seltsames geschah Zacharias Smith. Jedes Mal wenn er seinen
Mund öffnete um Anthony Goldstein zu entwaffnen wollte ihm sein eigener Zauberstab aus der Hand fliegen, doch
Anthony erweckte nicht den Anschein als ob er einen Ton sagen würde. Harry mußte nicht weit schauen um das
Rätsel zu lösen: Fred und George standen einige Meter von Smith entfernt und wechselten einander dabei ab, ihre
Zauberstäbe auf seinen Rücken zu richten.
„Entschuldigung, Harry,“ sagte George hastig als Harry seinem Blick begegnete. „Ich konnte nicht widerstehen.“
Harry ging um die anderen Paare herum, versuchte diejenigen zu berichtigen, die den Spruck falsch ausführten.
Ginnys Partner war Michael Corner; sie machte es sehr gut, während Michael entweder sehr schlecht oder nicht
Willens war sie zu verhexen. Ernie Macmillan wedelte unnötig schwungvoll mit seinem Zauberstab herum und gab
seinem Partner Zeit ihn unter Kontrolle zu bekommen; die Creevybrüder waren enthusiastisch, aber fahrig und zum
größten Teil für die aus den umstehenden Regalen gesprungenen Bücher verantwortlich.; Luna Lovegood war
ähnlich unausgewogen. Gelegentlich schaffte sie es, daß sich Justin Finch-Fletchleys Zauberstab aus dessen Hand
drehte, zu anderer Zeit schaffte sie es bloß, daß ihm die Haare zu Berge standen.
„OK, Stopp!“ brüllte Harry. „Stopp! STOPP!“
Ich brauche eine Pfeife, dachte er und sofort entdeckte er eine, die auf dem nächsten Bücherbrett lag. Er nahm sie
und blies laut hinein. Alle senkten ihre Zauberstäbe.
„Das war nicht schlecht.“ erklärte Harry, „aber es gibt eindeutig noch Spielraum zur Verbesserung.“ Zacharias Smith
funkelte ihn an. „Laß es uns noch mal machen.“
Harry ging im Raum umher, hier und da anhaltend um Ratschläge zu geben. Langsam verbesserte sich die
allgemeine Leistung.
Er vermied es nahe an Cho und ihrer Freundin vorbeizugehen, doch nachdem schon jeweils zweimal bei jeden
anderen Paar gewesen war, merkte er, daß er sie nicht länger ignorieren konnte.
„Oh nein,“ sagte Cho ziemlich wild als er sich näherte. „Expelliarmious! Ich meine, Expellimellius! Ich - oh,
entschuldige Marietta!“
Der Ärmel ihrer lockenköpfigen Freundin hatte Feuer gefangen. Marietta löschte es mit ihrem eigenen Zauberstab
und funkelte Harry an als glaube sie es wäre seine Schuld gewesen.
„Du hast mich nervös gemacht. Bis eben habe ich alles richtig gemacht!“ erzählte Cho harry kläglich.
„Das war ziemlich gut.“ log Harry, doch als sie ihre Augenbrauen hob sagte er: „Na gut, es war lausig, aber ich weiß,
du kannst es richtig. Ich habe dir von dort oben zugesehen.“
Sie lachte. Marietta schaute sie ziemlich säuerlich an und wandte sich ab.
„Beachte sie gar nicht.“ murmelte Cho. „Sie will eigentlich gar nicht hier sein, aber ich habe sie überredet mit mir
mitzukommen. Ihre Eltern haben ihr verboten irgendwas zu tun, das Umbridge verärgern könnte. Siehst du, ihre
Mama arbeitet für das Ministerium.“
„Was ist mit deinen Eltern?“ fragte Harry.
„Nun, sie haben mir auch verboten mich auf die falsche Seite zu stellen - gegen Umbridge.“ erklärte Cho stolz.
„Aber wenn sie glauben ich würde nicht gegen „Du-weißt-schon-wen kämpfen, nach dem was mit Cedric…“
Sie brach ab, ziemlich verwirrt aussehend. Eine peinliche Stille machte sich zwischen ihnen breit. Terry Boots
Zauberstab ging zischend an Harrys Ohr vorbei und traf Alicia Spinnet hart auf die Nase.
„Nun, mein Vater unterstützt Aktionen gegen das Ministerium sehr!“ sagte Luna Lovegood ausgerechnet hinter
Harry stolz. Offenbar hatte sie seiner Unterhaltung gelauscht, während Justin Finch-Fletchley versuchte sich selbst
aus seinem Umhang zu entwirren, der ihm über den Kopf geflogen war. „Er sagt immer, er glaubt Fudge nichts. Ich
meine, die Anzahl der Kobolde, die Fudge hat umbringen lassen! Und natürlich benutzt er die Mysterienabteilung
um fürchterliche Gifte zu entwickeln die er heimlich jedem unter das Essen mischt der nicht mit ihm einer Meinung
ist. Und dann ist da sein Umgulbular Slashkilter.
„Frag nicht.“ murmelte Harry Cho zu als sie verdutzt guckend ihren Mund öffnete. Sie kicherte.
„Hey, Harry,“ rief Hermine vom anderen Ende des Raumes. „Hast du auf die Zeit geachtet?“
Er schaute auf seine Armbanduhr hinunter und war geschockt als er sah, daß es bereits zehn nach neun war, was
bedeutete, daß sie unverzüglich in ihre Gemeinschaftsräume zurückkehren mußten oder riskierten von Filch für
dieses Ausgehen erwischt und bestraft zu werden. Er blies die Pfeife, jeder hörte auf „Expelliarmus“ zu schreien und
die letzten paar Zauberstäbe fielen klappernd zu Boden.
„Nun, das war ziemlich gut,“ sagte Harry, „Aber wir haben überzogen, wir sollten es für heute hierbei belassen. Die
selbe Zeit, der selbe Ort nächste Woche?“
„Früher!“ sagte Dean Thomas eifrig und viele der Anwesenden nickten zustimmend.
Angelina sagte jedoch schnell: „Die Quidditch Saison beginnt bald, wir brauchen auch Übungen für das Team!“
„Sagen wir dann also nächsten Mittwochabend.“ erklärte Harry. „Dann können wir über weitere Treffen entscheiden.
Kommt jetzt, wir machen uns jetzt besser auf den Weg.“
Er zog die Karte des Rumtreibers abermals heraus und prüfte sie sorgfältig auf Zeichen von Lehrern auf dem siebten
Flur. Er ließ sie alle in Dreier- oder Vierergruppen hinaus, ihre kleinen Punkte ängstlich beobachtend um zu sehen,
daß sie sicher in ihre Schlafräume gelangten: Die Hufflepuffs zum Korridor im Erdgeschoss von dem aus es auch zu
den Küchen ging, die Ravenclaws zu einem Turm an der Westseite des Schlosses und die Gryffindors entlang des
Korridors zum Bild mit der dicken Dame.
„Das war wirklich, wahrhaftig gut, Harry.“ sagte Hermine, als zum Schluss nur noch sie, Harry und Ron
zurückgeblieben waren.
„Klar das war es!“ sagte Ron enthusiastisch als sie aus der Tür schlüpften und sahen, wie sie in dem schwarzen Stein
hinter ihnen verschwand. „Hast du gesehen wie ich Hermine entwaffnet habe, Harry?“
„Nur einmal,“ sagte Hermine stichelnd. „Ich habe dich häufiger dran gekriegt als du mich…“
„Ich habe dich nicht nur einmal erwischt, ich habe dich mindestens drei Mal erwischt…“
„Nun, wenn du das eine mal mitzählst als du über deine eigenen Füße gestolpert bist und mir den Zauberstab aus der
Hand geschlagen hast…“
Sie erörterten das während des Rückweges zum Gemeinschaftsraum, doch Harry hörte ihnen nicht zu. Er hatte ein
Auge auf der Karte des Rumtreibers, aber er dachte auch darüber nach, daß Cho gesagt hatte er mache sie nervös.
Kapitel 19 - Der Löwe und die Schlange
Harry fühlte sich, als trüge er eine Art von Talisman innerhalb seiner Brust in den folgenden zwei Wochen, ein
brennendes Geheimnis, das ihn während Umbridge“s Unterricht unterstütze und es ihm sogar möglich machte, milde
zu lächeln, während er in ihre schrecklich hervorquellenden Augen sah. Er und das DA widerstanden ihr unter ihrer
außerordentlichen Nase, jene Dinge tuend, die sie und das Ministerium am meisten fürchteten, und wann immer man
von ihm erwartete, Wilbert Slinkhard“s Buch während ihrer Unterrichtsstunden zu lesen, schwelgte er stattdessen in
Erinnerungen an ihre jüngste Versammlung, erinnerte sich daran, wie Neville Hermine höchste erfolgreich
entwaffnet hatte, wie Colin Creevey den Impedimentus Zauber nach drei Versammlungen schwierigster
Anstrengungen gemeistert hatte, wie Parvati Patil einen dermaßen guten Reductor Fluch erzeugte hatte, daß sie den
Tisch samt aller Sneakoscope, die er getragen hatte, zu Staub verkleinerte.
Er fand es fast unmöglich, eine reguläre Nacht der Woche für die DK-Versammlung festzulegen, da sie sich den
Trainingsplänen dreier separater Quidditch Mannschaften anpassen mußten, die oft aufgrund des schlechten Wetters
umgeordnet werden mußten; aber Harry tat es nicht leid; er hatte das Gefühl, das es vielleicht besser war, den
Zeitpunkt ihrer Versammlungen nicht vorhersehbar zu halten. Wenn irgendjemand sie beobachtete, wäre es
schwierig, ein Muster darin zu erkennen.
Hermine ersann bald eine sehr geschickte Methode, allen Mitgliedern die Zeit und das Datum der nächsten
Versammlung mitzuteilen, für den Fall daß sie es kurzfristig ändern mußten, da es verdächtig aussehen würde, wenn
Leute von verschiedenen Häusern oft dabei beobachtet wurden, wie sie die Große Halle durchquerten, um auch
miteinander zu reden. Sie gab jedem der Mitglieder des DA eine gefälschte Galleone (Ron war sehr aufgeregt, als er
zuerst den Korb sah und mußte überzeugt werden, daß sie all“ das Gold verteilen wollte).
„Ihr seht die Zahlen um den Rand der Münzen?“ sagte Hermine, eines zur Prüfung am Ende ihrer vierten
Versammlung hochhaltend. Die Münze glänzte fett und gelb im Licht der Fackeln. „Auf echten Galleonen ist es nur
eine Seriennummer, die auf den Kobold verweist, der die Münze geschaffen hat. Die Münzen werden sich erhitzen,
wenn sich das Datum ändert, wenn ihr sie also in euren Taschen trägt, werdet ihr es fühlen können. Jeder wird eine
nehmen, und und wenn Harry das Datum des nächsten Treffens auf seiner Münze ändert, und weil ich einen Protean
Zauber darauf gewirkt habe, werden alle anderen dies nachahmen.“
Eine unbeschreibliche Stille folgte Hermines Worten. Sie sah sich um in alle Gesichter, die sich ihr zugewandt
hatten, ziemlich beunruhigt.
„Nun - ich dachte, es wäre eine gute Idee,“ sagte sie unsicher, „Ich meine, selbst wenn Umbridge uns bittet unserer
Taschen auszuleeren, wäre nichts faul daran, wenn wir eine Galeone bei uns trügen, nicht wahr? Aber … gut, wenn
ihr sie nicht benutzen wollt -“
„Du kannst einen Protean Zauber wirken“ sagte Terry Boot.
„Ja,“ sagte Hermine.
„Aber das ist … das ist ZAK Niveau, darum geht“s,“ sagte er schwach.
„Oh,“ sagte Hermine, die versuchte bescheiden auszusehen. „Oh … nun … ja, nehme ich an, daß es das ist.“
„Wie kommt es, daß du nicht in Ravenclaw bist?“ wollte er wissen, sah er Hermine verwundert an. „Mit einem
Gehirn wie dem deinigen?“
„Nun, der Sortierungs Hut wollte mich wirklich in Ravenclaw habe, während meiner Auswahl,“ sagte Hermine
strahlend, „aber er entschied sich am Ende für Gryffindor. Bedeutet das also, wir benutzen die Galleonen?“
Es erhob sich ein Murmeln der Zustimmung und jeder bewegte sich vorwärts und sammelte eine Münze aus dem
Korb heraus. Harry blickte seitlich zu Hermine.
„Weißt du, woran mich das erinnert?“
„Nein, woran denn?“
„Das Dunkle Mal der Todesser. Voldemort berührt seines, und all“ ihre Mal brennen, und sie wissen, das sie zu ihm
eilen sollen.“
„Nun … ja,“ sagte Hermine ruhig, „daher habe ich ja die Idee … aber wie du bemerkst, habe ich mich dafür
entschieden, das Datum in Metall zu gravieren, statt auf der Haut unserer Mitglieder.“
„Ja … ich bevorzuge deinen Weg,“ sagte Harry grinsend, als er seine Galleone in die Tasche gleiten ließ. „Ich denke,
die einzige Gefahr besteht darin, das wir sie versehentlich ausgeben könnten.“
„Fette Chance,“ sagte Ron, der seine eigene gefälschte Galleone mit einem traurigen Seufzer überprüfte, „ich habe
nicht einmal eine echte Galleone, um sie damit zu vergleichen.“
Das das erste Quidditch-Spiel der Saison, Gryffindor gegen Slytherin, näher kam, würden ihre DA-Versammlungen
auf Eis gelegt, weil Angeline fast täglich auf Übungen bestand. Die Tatsache, das die Quidditch-Meisterschaft so
lange nicht ausgetragen worden war, weckte bei allen besonderes Interesse und Erregung, die mit dem Spiel zu tun
hatten; die Ravenclaws und Hufflepuffs hatten lebhaftes Interesse am Ergebnis, da natürlich auch sie im Laufe des
nächsten Jahres gegen beide Mannschaften antreten würden; und die Leiter der Häuser der Konkurenzmannschaften
wurden veranlaßt, obwohl sie es unter dem Deckmantel der Fairneß verschleierten, ihre eigene Seite siegreich
anzusehen. Harry realisierte, wie sehr Professor McGonagall daran interessiert war, das sie Slytherin schlugen, das
sie in der Woche vor dem Spiel Abstand davon nahm, ihnen Hausaufgaben aufzugeben.
„Ich denke, ihr habt ihm Moment damit genug zu tun,“ sagte sie erhaben. Niemand konnte seinen Ohren trauen, bis
sie ihn direkt Harry und Ron anblickte und grimmig sagte, „ich habe mich daran gewöhnt, den Quidditch-Pokal in
meinem Studierzimmer zu haben, Jungs, und ich möchte ihn nur wirklich ungern an Professor Snape weiterreichen,
als nutzt die gewonnene Zeit zum üben, würdet ihr das tun?“
Snape war nicht weniger offensichtlich parteiisch, er hatte so oft wie möglich das Quidditch-Spielfeld für Slytherin
Übungenn gebucht, so daß die Gryffindors Schwierigkeiten hat, es zu betreten um darauf zu spielen. Er hatte auch
taube Ohren gegenüber den vielen Berichten über Versuche der Slytherins, die Spieler der Gryffindors auf den
Korridoren zu verhexen. Als Alicia Spinnet im Krankenflügel auftauchte, mit so dick und schnell
zusammenwachsenden Augenbrauen, das sie ihre Sicht beeinträchtigen und ihren Mund beim Sprechen behinderten,
bestand Snape darauf, daß sie einen Haar-Verdickungs-Zauber an sich selbst erprobt haben müsse und sich
geweigert, den vierzehn Augenzeugen zuzuhören, die darauf bestanden, das der Slytherin-Hüter, Miles Bletchley, sie
von hinten mit einem Zauber belegt hätte, während sie in der Bibliothek arbeitete.
Harry fühlte sich optimistisch bezüglich der Chancen für Gryffindor; sie hatten, nach allem, noch nie gegen Malfoys
Mannschaft verloren. Zugegebenermaßen, Ron brachte noch nicht die Leistung auf Woods Niveau, aber er arbeitete
extrem hart daran, sich zu verbessern. Seine größte Schwäche war die Neigung dazu, sein Selbstvertrauen zu
verlieren, nachdem er einen Fehlgriff gemacht hatte; wenn er ein Tor reinließ, wurde er aufgeregt und daher wurde
es noch wahrscheinlicher, das er auch ein weiteres zuließ. Andererseits hatte Harry Ron einige wirklich spektakuläre
Bälle abwehren sehen, als er in Form war, während eines denkwürdigen Trainings hatte er einhändig unter seinem
Besen gehangen und so den Quaffle so vom Torring weggetreten, das er der Länge nach über das Spielfeld flog und
durch das mittlere Toreisen am anderen Ende des Platzes flog; der Rest der Mannschaft fand, das die Ballabwehr mit
der von Barry Ryan, dem Irischen Nationaltorhüter, im Spiel gegen Polens Spitzenjäger, Ladislaw Zamojski,
verglichen werden konnte. Selbst Fred hatte gesagt, das Rohn ihn und George stolz gemacht hätte, und das sie
ernsthaft überlegten, ob er zu ihnen gehören solle, etwas von dem sie leugneten, es seit vier Jahren getan zu haben.
Das einzige, worüber sich Harry Sorgen machte, war es, wie sehr Ron es der Taktik der Slytherin Mannschaft
erlauben würde, ihn aufzuregen, noch bevor sie das Spielfeld betreten würden. Harry, natürlich, hatte ihre
schneidenden Bemerkungen seit vier Jahren über sich ergehen lassen, solche Einflüsterungen wie „Hey, Potty, ich
hörte Warrington hätte geschworen, dich am Samstag vom Besen zu holen,“ war weit davon entfernt, sein Blut in
Wallung zu bringen, und ließ ihn auflachen. „Warringtons Ziele sind so traurig, ich wäre beunruhigter, wenn er auf
die Person neben mir zielen würde,“ hielt er dagegen, was Ron und Hermine zum Lachen brachte und Pansy
Parkinson das Lächeln aus dem Gesicht trieb.
Aber Ron hatte niemals eine unnachgiebe Kampagne von Beleidigungen, Spot und Einschüchterungen ausgehalten.
Als die Slytherins, einige von ihnen Siebzehnjährig und weitaus größer als er, in ihren Bart murmelten, als sie an
ihnen vorbeigingen, „Hast du dein Bett im Krankenhausflügel gebucht, Weasley?“ lachte er nicht, sondern lief in
einem fahlen Grünton an. Als Draco Malfoy nachahmte, wie Ron den Quaffle fallen ließ (was er jedesmal tat, als sie
in Sichtweite kamen), liefen Ron“s Ohren Rot an und seine Hände zitterten so schlimm, das er alles fallen ließ, was
er gerade zu der Zeit in Händen hielt.
*
Der Oktober verabschiedete sich mit heulendem Sturmgebraus und peitschendem Regen und machte einem
froststarrenden [cold as frozen iron: von eisen- oder stahlhart gefrorenem Boden könnte man auch im Deutschen
sprechen, aber nicht von einem „eisenkalten“ Monat] November Platz, dessen Morgende mit hartem Frost
daherkamen und dessen eisige Windböen mit schneidender Kälte über ungeschützte Hände und Gesichter streiften.
Der Himmel und die Decke der Großen Halle [Great Hall: einheitliche Übersetzung? Großer Saal?] hatten die Farbe
eines bleichen, schimmernden [pearly] Graus angenommen, Schnee bedeckte die Berggipfel um Hogwarts, und die
Temperatur in den Innenräumen des Schlosses [castle à vereinheitlichen ... vielleicht ja auch „Burg“] war so tief
abgefallen, daß viele Schüler ihre dicken Schutzhandschuhe aus Drachenhaut zwischen den Schulstunden auf den
Gängen trugen.
Der Morgen des Spiels war klar und kalt. Als Harry aufwachte, schaute er zu Rons Bett herüber und sah ihn dort
kerzengerade aufgerichtet sitzen [sitting bolt upright, his arms around his knees: schon mal versucht, mit geradem
Rücken zu sitzen und gleichzeitig mit den Armen die Knie zu umfassen? Entweder sitzt er aufgerichtet oder
zusammengekrümmt da ... beides zusammen geht nicht. „His arms around his knees“ habe ich deshalb weggelassen,
da das „bolt upright“ besser zum starren Blick passt] und mit starrem Blick in den Raum schauen.
„Bist du in Ordnung?“ fragte Harry.
Ron nickte, aber antwortete nicht. Harry wurde eindringlich an die Situation erinnert, als Ron aus Versehen auf sich
selbst einen Zauber angewendet hatte, der ihn Schnecken spucken ließ; jedenfalls sah er jetzt genauso blaß und
verschwitzt aus wie damals, mal ganz von dem Widerwillen abgesehen, den Mund zu öffnen.
„Ach, du brauchst einfach was zum Frühstücken,“ sagte Harry aufmunternd. „Komm mit!“
Die Große Halle füllte sich schnell, als sie dort ankamen. Die Gespräche waren lauter, die Stimmung
überschwenglicher als sonst. Als sie am Tisch der Slytherins vorbeikamen, schwoll der Lärm noch weiter an. Harry
schaute zurück und bemerkte, daß jeder von ihnen neben den üblichen grünen und silbernen Schals und Hüten
zusätzlich ein silbernes Abzeichen trug, dessen Form einer Krone ähnelte. Aus irgendeinem Grund winkten viele
Ron zu und lachten dabei schallend. Harry versuchte die Inschrift auf den Abzeichen im Vorübergehen zu lesen, aber
es gelang ihm nicht, sich genug Zeit dafür zu nehmen, während er sich darum bemühte, Ron möglichst schnell an
den Slytherins vorbei zu führen.
Am Gryffindortisch wurden sie mit tosendem Applaus in den Farben Rot und Gold empfangen, aber anstatt daß die
Jubelrufe Rons Laune aufbesserten, schienen sie vielmehr den Rest Kampfgeist, den er noch besaß,
niederzuschmettern; er sackte auf der nächstgelegenen Bank zusammen und sah aus wie jemand, der seine
Henkersmahlzeit erwartete.
„Ich muß verrückt gewesen sein, als ich mich hierfür gemeldet habe,“ flüsterte er mit einem Krächzen. „Wirklich
verrückt.“
„Stell dich nicht so blöd an,“ antwortete Harry mit fester Stimme und schob ihm eine Portion Müsli herüber, „du
wirst das gut über die Bühne bringen. Nervös sein ist ganz normal.“
„Ich bin miserabel,“ krächzte Ron. „Einfach nur schlecht. Ich könnte selbst dann nicht spielen, wenn mein Leben
davon abhing. Was habe ich mir nur dabei gedacht?“
„Krieg dich wieder ein,“ sagte Harry streng. „Denk doch mal an deine Glanzparade mit deinem Fuß von neulich,
selbst Fred und George waren der Meinung, daß das Klasse gewesen war.“
Ron schaute Harry mit gequälter Miene an.
„Das war nur ein Zufall,“ flüsterte er traurig. „Ich hatte das gar nicht beabsichtigt - als niemand von euch
hingeschaut hatte, bin ich von meinem Besen gerutscht, und als ich versuchte, mich wieder aufzusetzen, habe ich den
Quaffle zufällig weggetreten.“
„Nun ja,“ sagte Harry, der diese unangenehme Überraschung schnell überwunden hatte, „ein paar mehr solcher
Zufälle wie dieser, und wir haben das Spiel in der Tasche, oder?“
Hermine und Ginny, mit Schals, Handschuhen und Rosetten [rosette: ??] in Rot und Gold bekleidet, setzten sich
ihnen gegenüber nieder.
„Wie fühlst du dich?“ fragte Ginny Ron, der jetzt die letzten Tropfen Milch auf dem Boden seiner leeren Müslischale
anstarrte, als ob er ernsthaft einen Versuch erwägte, sich darin zu ertränken.
„Er ist nur nervös,“ sagte Harry.
„Oh, das ist ein gutes Zeichen ... ich war schon immer der Meinung, daß du nie besser in einer Prüfung abschneidest,
als wenn du ein wenig nervös bist,“ antwortete Hermine fröhlich.
„Hallo,“ sagte eine undeutliche und verträumte Stimme hinter ihnen. Harry schaute auf und erblickte Luna
Lovegood, die vom Ravenclawtisch herübergekommen war. Viele Leute starrten sie an, einige lachten sogar laut und
zeigten auf sie: sie hatte es geschafft, sich einen Hut in der Form eines lebensgroßen Löwenkopfes zu besorgen, der
bedenklich schwankend auf ihrem Kopf saß.
„Ich bin für Gryffindor,“ sagte Luna und zeigte dabei unnötigerweise auf ihren Hut. „Schaut mal, was er macht ...“
Sie hob ihren Zauberstab hoch und berührte damit den Hut. Dieser öffnete weit sein Maul und gab ein extrem
realistisches Brüllen von sich, daß jeden in der unmittelbaren Umgebung aufspringen ließ.
„Toll, nicht?“ sagte Luna fröhlich. „Eigentlich wollte ich ihn noch eine Schlange, die Slytherin darstellen soll,
zerbeißen lassen, aber dazu hatte ich keine Zeit mehr. Ach, übrigens ... viel Glück, Ronald!“
Dann entfernte sie sich wieder. Kaum hatten sie sich von dem Schock, den Lunas Hut ausgelöst hatte, erholt, da kam
Angelina in Begleitung von Katie und Alicia auf sie zugestürmt. Ihre Augenbrauen waren dank Madam Pomfrey
glücklicherweise wieder normal.
„Wenn ihr fertig seid,“ sagte sie, „gehen wir sofort zum Spielfeld hinunter, testen die Spielbedingungen und ziehen
uns dann um.“
„Wir werden gleich da sein,“ versicherte Harry ihr. „Ron frühstückt nur gerade zu Ende.“
Doch nach zehn Minuten wurde klar, daß Ron nicht mehr in der Lage war, noch mehr zu essen und Harry hielt es für
das Beste, ihn zu den Umkleideräumen hinab zu führen. Als sie sich vom Tisch erhoben, stand auch Hermine auf,
fasste Harry am Arm und nahm in an die Seite.
„Laß Ron bloß nicht das lesen, was auf den Abzeichen der Slytherins steht,“ flüsterte sie eindringlich.
Harry schaute sie neugierig an, aber sie schüttelte warnend den Kopf; Ron war gerade zu ihnen herübergewandert
und sah ziemlich verloren und verzweifelt aus.
„Viel Glück, Ron,“ sagte Hermine, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange. „Und dir auch,
Harry ...“
Ron schien ein wenig zu sich zu kommen, als sie die Große Halle durchschritten. Er berührte die Stelle auf seinem
Gesicht, auf die ihn Hermine geküsst hatte, mit einem Ausdruck von Verwunderung, als ob er noch nicht so recht
wußte, was ihm da gerade geschehen war. Er wirkte zu gedankenversunken, als daß er viel um sich herum
mitbekommen hätte, aber Harry ließ es sich nicht nehmen, einen neugierigen Blick auf die kronenförmigen
Abzeichen zu werfen, als sie am Slytherintisch vorbei kamen, und diesmal nahm er die Worte wahr, die dort
eingraviert waren:
Weasley ist unser König.
Eine unangenehme Vorahnung, daß dies nichts Gutes bedeuten konnte, überkam ihn; dann eilte er Ron durch die
Eingangshalle nach und sprang die Steinstufen hinab in die eisige Luft hinaus.
Unter ihren Füßen knirschte das gefrorene Gras, als sie über die abfallenden Rasenflächen zum Stadion
hinunterliefen. Es war völlig windstill, und der Himmel war von einem gleichförmigen schimmernden Weiß,
welches eine gute Sicht versprach, ohne daß direktes Sonnenlicht in den Augen blenden würde. Diese ermutigenden
Umstände hob Harry hervor, während er an Rons Seite ging, aber er war sich nicht sicher, ob Ron ihm überhaupt
zuhörte.
Angelina hatte sich schon umgezogen und hielt eine Ansprache an den Rest des Teams, als sie die Umkleideräume
betraten [as they entered: „Umkleideräume“ kann man hier durchaus ergänzen]. Harry und Ron zogen ihre Roben an,
wobei Ron einige Minuten lang versuchte, sie sich falsch herum überzustreifen, bis sich schließlich Alicia sich seiner
erbarmte und ihm half. Dann ließen auch sie sich nieder, um sich die Ansprache vor dem Spiel anzuhören, während
das Gemurmel der Stimmen draußen immer lauter wurde, als die Zuschauermenge aus dem Schloss zum Spielfeld
herunterströmte.
„OK, ich habe gerade die endgültige Aufstellung der Slytherinmannschaft erfahren,“ sagte Angelina und schaute
dabei auf ein Stück Pergament. „Die Treiber von letztem Jahr, Derrick und Bole, haben die Schule verlassen [ich
hoffe, das ist mit „left“ gemeint, sonst gäbe es keine großen Gründe], aber es sieht so aus, als habe Montague sie
durch die üblichen Gorillas ersetzt, anstatt jemanden zu nehmen, der besonders gut fliegen kann. Die Kerle heißen
Crabbe und Goyle, viel mehr weiß ich nicht über sie ...“
„Wir schon,“ riefen Harry und Ron gleichzeitig.
„Nun, sie sehen nicht so aus, als ob sie ein Besenende vom anderen unterscheiden könnten,“ sagte Angelina und
steckte das Pergament in die Tasche, „aber es hat mich auch immer wieder überrascht, wie Derrick und Bole ihren
Weg auf das Spielfeld ohne Hinweisschilder finden konnten.“
„Crabbe und Goyle gehören zum selben Schlag,“ versicherte ihr Harry.
Jetzt konnten sie hunderte von Schritten hören, die zu den Bankreihen [banked benches] der Zuschauertribünen
führten. Einige Leute waren am Singen, aber Harry konnte die Worte nicht verstehen. Auch er begann sich nervös zu
fühlen, aber er wußte, daß die Schmetterlinge, die in seinem Bauch rumorten, nichts im Vergleich zu Rons Gefühlen
waren, dessen Gesicht aschfahl war; mit starrem Blick und zusammengekniffenem Mund griff er sich an den Magen.
„Es ist soweit,“ sagte Angelina leise und schaute auf ihre Armbanduhr [sowas haben die Zauberer und Hexen
tatsächlich?]. „Also los ... und viel Glück!“
Das Team erhob sich, schulterte seine Besen und marschierte im Gänsemarsch aus den Umkleidekabinen in das
blendende Sonnenlicht hinaus [muß sich das Wetter doch noch geändert haben ... das sind ja gerade die
Bedingungen, die nach Harrys Einschätzung weiter oben nicht eintreten sollten]. In dem brausenden Lärm, der sie
empfing, konnte Harry zwischen all dem Jubeln und Pfeifen immer noch gedämpft das Singen wahrnehmen.
Vor ihnen stand das Slytherinteam und erwartete sie. Alle Mitglieder trugen ebenfalls die silbernen, kronenförmigen
Abzeichen. Ihr neuer Kapitän, Montague, ähnelte in seinem Körperbau Dudley Dursley und seine massiven
Unterarme sahen aus wie behaarte Schinkenkeulen. Hinter ihm zeichneten sich drohend die Gestalten von Crabbe
und Goyle ab, fast genauso groß wie er; sie blinzelten einfältig ins Sonnenlicht und schwangen ihre neuen Beater
[Beater] - Schläger. Malfoy stand an der Seite; das Sonnenlicht glänzte auf seinem weißblonden Kopf. Er fing
Harrys Blick auf und grinste dann, als er auf das kronenförmige Abzeichen auf seiner Brust klopfte.
„Kapitäne, gebt euch die Hand,“ befahl die Schiedsrichterin Madam Hooch, als Angelina und Montague gegenseitig
die Hände ausstreckten. Harry sah, wie Montague versuchte, Angelinas Finger zu zerquetschen, aber sie zuckte nicht
zurück. „Steigt auf eure Besen ...“
Madam Hooch steckte ihre Pfeife in den Mund und blies.
Als die Bälle freigelassen wurden, schossen die vierzehn Spieler nach oben. Aus dem Augenwinkel heraus sah Harry
Ron auf die Torringe zuzischen. Harry sauste weiter nach oben, wich einem Klatscher aus, und begann dann eine
groß angelegte Runde um das Feld zu drehen, während er nach dem goldglänzenden Schimmer Ausschau hielt. Auf
der anderen Seite tat Draco Malfoy genau dasselbe.
„Und es ist Johnson - Johnson mit dem Quaffel, welche eine Spielerin dieses Mädchen ist, ich sag“s schon seit
Jahren, aber sie will immer noch nicht mit mir ausgehen -“
„JORDAN!“ schrie Professor McGonagall.
„ - nur eine lustige Tatsache, Professor, fügt etwas wenig interessiert hinzu - und sie ist vor Warrington abgetaucht,
sie fliegt an Mantague vorbei, sie - AUTSCH - von hinten durch einen Klatscher von Crabbe getroffen worden …
Montague fängt den Quaffel, Montague eilt das Feld entlang zurück und - schöner Klatscher von George Weaseley,
das war ein Klatscher auf den Kopf von Montague, er lässt den Quaffel fallen, gefangen von Katie Bell, Katie Bell
von Gryffindor mit einem Rückpass auf Alicia Spinnet und Spinnet ist davon -“
Lee Jordan“s Kommentare schallten durch das Stadium und Harry lauschte so gut er konnte durch das Pfeifen des
Windes in seinen Ohren und den Lärm der vielen Leute, die alle schrieen und buuhten und sangen.
„- weicht Warrington aus, umgeht einen Klatscher - knappe Sache [??? Close call], Alicia - und Menge liebt dies,
grad“ denen mal zuhören, was die singen?“
Und als Lee innehielt um zuzuhören, stieg das Leid laut und klar von dem Meer an Grün und Silber in der Slytherin
Tribünenabschnitt empor:
„Weasley kann das Ding nicht fangen
Er kann keinen einzelnen Ring blocken
Darum singen alle Slytherin
Weasley ist unser König
„Weasley wurde in einer Mülltonne geboren
Er lässt jeden Quaffel rein
Weasley garantiert, daß wir gewinnen
Weasley ist unser König“
„ - und Alicia gibt zurück zu Angelina!,“ rief Lee, und als Harry einen Schlenker machte, seine Eingeweiden
brodelten wegen dem was er gerade hörte, wußte er, daß Lee versuchte den Wortlaut des Liedes zu ertränken. „Jetzt
komm schon - Angelina - sieht aus als müsste sie nur den Hüter [??? Keeper = Torhüter oder Ringhüter] schlagen! -
SIE SCHIESST - SIE - aaaah …“
Bletchley, der Hüter der Slytherin, hatte den Schuss abgewehrt; er warf den Quaffel zu Warrington, der damit
davonbrauste, im Zick-Zack zwischen Alica und Katie durch; der Gesang von unten wurde lauter und lauter als er
Ron näher und näher kam.
„Weasley ist unser König
Weasley ist unser König
Er lässt jeden Quaffel rein
Weasley ist unser König“
Harry konnte sich nicht helfen: seine Suche nach dem Schnatz [??? Schnatz] aufgebend machte er kehrt um Ron zu
beobachten, eine einzelne Gestalt am fernen Ende des Spielfeldes, die vor den drei Ringpfosten [???Torpfosten]
schwebte, während der kräftige Warrington auf ihn zuraste.
„ - und es ist Warrington mit dem Quaffel, Warrington steuert auf“s Tor [??? Ringe] zu, er ist außer Klatscher-
Reichweite mit einzig dem Hüter voraus -“
Eine große Woge des Liedes erhob sich von den Slytherin-Rängen unterhalb:
„Weasley kann das Ding nicht fangen
Er kann keinen einzelnen Ring blocken …“
„ - so ist es der erste Test für unseren neuen Gryffindor Hüter Weasley, Bruder der Treiber [??? Schläger] Fred und
George, und ein viel versprechendes neues Talent für die Mannschaft - komm schon, Ron!“
Doch die Freudenschreie kamen von der Seite der Syltherin: Ron hatte einen wilden Sturzflug gemacht, seine Arme
weit ausgestreckt, und der Quaffel war zwischen denen hindurch durch Ron“s mittleren Ring gerauscht.
„Tor für Syltherin!,“ erklang Lee“s Stimme umgeben von den Jubelrufen und Boohen der Menge, „so steht“s zehn
zu null für Slytherin - Pech gehabt, Ron.“
Die Slytherin sangen noch lauter:
„WEASLEY WURDE IN EINER MÜLLTONNE GEBOREN
ER LÄSST JEDEN QUAFFEL REIN …
„ - und Girffindor zurück in Ballbesitz und es ist Katie Bell, die sich das Feld hinauf kämpft [??? Tank = Pnazer ] -“
schrie Lee kühn, obwohl der Gesang nun so ohrenbetäubend war, daß er sich kaum selber hören konnte.
„WEASLEY GARANTIERT, DAß WIR GEWINNEN
WEASLEY IST UNSER KÖNIG“
„Harry, WAS MACHST DU?“ schrie Angelina an ihm vorbeirauschend, um mit Katie mitzuhalten. „LEG LOS!“
Harry bemerkte, daß er für über eine Minute still mitten in der Luft stand, den Verlauf des Spiels zu betrachten ohne
einen Gedanken über den Verbleib des Schnatzes [??? Schnatzes] zu machen; entsetzt ging er in einen Sturzflug und
begann wieder das Feld zu umkreisen, herumzuschauen und den Refrain versuchen zu ignorieren, der nun durch das
Stadion donnerte:
„WEASLEY IST UNSER KÖNIG,
WEASLEY IST UNSER KÖNIG… „
Es gab kein Anzeichen des Schnatz [??? Schnatz] wohin er auch schaute; Malfoy kreiste nach wie vor genau wie er
im Stadium herum. Sie flogen aneinander vorbei auf halbem Weg um das Spielfeld, in entgegengesetzte Richtungen
fliegend, und Harry konnte Malfoy laut singen hören:
„WEASLEY WURDE IN EINER MÜLLTONNE GEBOREN …“
„ - und es ist wieder Warrington,“ brüllte Lee, „ der weitergibt zu Pucey, Pucey ist an Spinnet vorbei [???], jetzt
komm schon, Angelina, du kannst ihn dir schnappen - stellt sich heraus du kannst nicht - aber schöner Klatscher von
Fred Weasley, ich meine, George Weasley, oh, wen interessiert“s, jedenfalls einer der beiden, und Warringtion lässt
den Quaffel fallen und Katie Bell - äh - lässt ihn auch fallen - so hat Montague den Quaffel, Slytherin Kapitän
Montague nimmt den Quaffel und ab das Spielfeld hinauf, komm schon, Gryffindor, block ihn!“
Harry sauste um das Ende des Stadions hinter den Torstangen [??? Torringen] der Slytherin herum, sich selber
zwingend nicht auf das zu schauen, was an Ron“s Ende vor sich ging. Als er an dem Hüter der Slytherin
vorbeisauste, hörte er Bletchly mit der Menge unterndrunter mitsingen:
„WEASLEY KANN DAS DING NICHT FANGEN …“
„- und Pucey weicht Alicia wieder aus und er steuert direkt auf die Ringe [??? Tor] zu, stopp ihn, Ron!“
Harry mußte nicht hinschauen um verstehen was passiert war: Es kam ein fürchterliches Stöhnen von dem
Gryffindor Ende, gepaart mit frischen Schreien und Applaus von Slytherin. Beim Heruntersehen sah Harry die
mopsgesichtige Pansy Parkinson direkt an der Vorderseite der Ränge, mit dem Rücken zum Spielfeld und dirigierte
die Anhänger der Slytherin, die brüllten:
„DAS IST ES WARUM WIR ALLE SINGEN
WEASLEY IST UNSER KÖNIG.“
Aber zwanzig zu null war nichts, es war noch genug Zeit um gleichzuziehen für Gryffindor oder um den Schnatz
[??? Schnatz] zu fangen. Ein paar Tore und sie würde wie gewöhnlich in Führung gehen, versicherte sich Harry
selber, sich durch die anderen Spieler hindurch wiegend und schlängelnd auf der Jagd nach etwas glänzendem was
sich als Montagoue“s Uhrarmband entpuppte.
Aber Ron ließ noch zwei weitere Tore hinein. Harry war nun am Rand der Panik den Schnatz [??? Schnatz] jetzt zu
finden. Wenn er ihn einfach bald kriegen könnte und das Spiel schnell beenden.
„- und Katie Bell von Gryffindor weicht Pucey aus, taucht unter Montague durch, schöner Schlenker, Katie, und sie
wirft zu Johnson, Angelina Johnson nimmt den Quaffel, sie ist vorbei an Warrington, sie geht auf“s Tor [??? Ziel]
zu, komm schon Angelina - TOR FÜR GRYFFINDOR! Es steht vierzig zu zehn, vierzig zu zehn für Slytherin und
Pucey hat den Quaffel …“
Harry konnte Luna“s lächerlichen Löwenhut unter den Jubelrufen der Gryffindor brüllen hören und fühlte sich
ermutig; nur dreißig Punkte zurück, das war gar nichts, sie könnten mit Leichtigkeit gleichziehen. Harry wich einem
Klatscher aus, den Crabbe wie eine Rakete in seine Richtung geschickt hatte und setzte sein verzweifeltes Absuchen
des Spielfeldes nach dem Schnatz [??? Schnatz] fort, aber immer ein Auge auf Malfoy haltend für den Fall, daß er
Anzeichen machte, ihn entdeckt zu haben, aber Malfoy rauschte weiterhin wie er im Stadion herum, erfolglos
suchend …
„ - Pucey wirft zu Warrington, Warrington weiter zu Montague, Montague zurück zu Pucey - Johnson dazwischen,
Johnson nimmt den Quaffel, Johnson zu Bell, das sieht gut aus - ich meine, schlecht - Bell wird von einem Klatscher
von Slytherins Goyle getroffen, und nun ist Pucey wieder in Ballbesitz...“
„WEASLEY WURDE IN EINER MÜLLTONNE GEBOREN,
ER LÄSST IMMER DEN QUAFFEL REIN,
WEASLEY SORGT DAFÜR, DAß WIR GEWINNEN“
Aber Harry hatte ihn endlich gesehen: der winzige, flatternde goldene Schnatz schwebte knapp über dem Boden in
Slytherins Ecke am Ende des Feldes.
Er stürzte sich hinab...
Nur Sekunden später schoss auch Malfoy links von Harry hinunter, ein grün-silbernes Etwas, das flach auf seinem
Besen lag...
Der Schnatz wich einer der Torstangen aus und raste auf die Tribüne gegenüber zu; dieser Richtungswechsel behagte
Malfoy, der näher dran war; Harry riss seinen Feuerblitz herum und er und Malfoy waren nun gleichauf...
Zentimeter über dem Boden streckte Harry seine Hand nach dem Schnatz aus... rechts von ihm kam Malfoys Arm
immer näher, greifend...
Innerhalb von zwei atemlosen, verzweifelten Sekunden war alles vorbei - Harrys Finger schlossen sich um den
kleinen sich wehrenden Ball - Malfoys Fingernägel zerkratzten Harrys Handrücken ohne Erfolg - Harry zog seinen
Besen nach oben, den kämpfenden Ball in seiner Hand haltend, und die Gryffindors schrien und klatschen...
Sie waren gerettet, es machte nichts, daß Ron die Tore nicht verhindert hatte, niemand würde sich mehr daran
erinnern, denn Gryffindor hatte gewonnen.
KLATSCH.
Ein Klatscher traf Harry genau auf den Rücken und er flog von seinem Besen nach vorn. Glücklicherweise befand er
sich nur ein oder zwei Meter über dem Boden, weil er so weit herunter geflogen war um den Schnatz zu fangen, aber
er krümmte sich trotzdem als er mit seinem Hinterteil auf dem gefrorenen Spielfeld aufschlug. Er hörte Madam
Hoochs schrille Pfeife, Aufschreie auf der Tribüne begleitet von Buhrufen, ärgerlichen Schreien und höhnischem
Gelächter, ein dumpfes Geräusch und dann Angelinas aufgeregte Stimme:
„Bist du in Ordnung?“
„Natürlich,“ sagte Harry grimmig, nahm ihre Hand und ließ sich von ihr auf die Beine stellen. Madam Hooch
bewegte sich auf einen der Slytherin Spieler über ihm zu, aber er konnte nicht sehen, zu wem.
„Es war dieser Schläger Crabbe,“ sagte Angelina wütend „er warf den Klatscher nach dir in dem Moment als er sah,
daß du den Schnatz gefangen hast - aber wir haben gewonnen Harry, wir haben gewonnen!“
Harry hörte ein verächtliches Schnauben hinter sich und drehte sich um, den Schnatz immer noch fest in der Hand
haltend: Draco Malfoy war in der Nähe gelandet. Sein Gesicht war weiß vor Rage aber er war immer noch in der
Lage, höhnisch zu grinsen.
„Hast Weasley Hals gerettet, nicht wahr Potter?,“ sagte er zu Harry. „Ich hab noch nie einen schlechteren Torhüter
gesehen... aber egal, er ist ja in einer MÜLLTONNE geboren... gefallen dir meine Texte, Potter?“
Harry antwortete nicht. Er drehte sich um um den Rest des Teams zu treffen, das nun einer nach dem anderen
landete. Sie kreischten und boxten in die Luft als Zeichen ihres Sieges; alle außer Ron, der hinten bei den Torpfosten
von seinem Besen abgestiegen war. Es sah so aus als wollte er allein langsam in die Umkleidekabine gehen.
„Wir wollten noch ein paar weitere Verse dichten!,“ rief Malfoy als Katie und Angelina Harry umarmten. „Aber wir
konnten nichts finden, das sich auf fett und hässlich reimt - weißt du, wir wollten über seine Mutter singen - „
„Interessiert keinen,“ sagte Angelina und warf Malfoy einen angeekelten Blick zu.
„Nutzlos konnten wir auch nicht unterbringen - für seinen Vater“
Fred und George hatten mitbekommen, worüber Malfoy sprach. Gerade dabei Harry die Hand zu schütteln, erstarrten
sie und schauten sich nach Malfoy um.
„Lasst ihn!,“ sagte Angelina sofort und nahm Freds Arm. „Laß es, Fred, laß ihn schreien soviel er will, er ist nur
sauer, weil er verloren hat, das aufgeblasene kleine - „
„- aber du magst die Weasleys doch, nicht wahr Potter?,“ sagte Malfoy grinsend. „Verbringst deine Ferien dort und
so weiter, stimmt“s? Ich versteh nicht wie du den Gestank aushälst, aber ich schätze, weil du von Muggeln
aufgezogen wurdest, riecht sogar Weasleys Loch ganz okay“
Harry hielt George fest. Inzwischen bedurfte es den gemeinsamen Anstrengungen von Angelina, Alicia und Katie
Fred davon abzuhalten sich auf Malfoy zu stürzen, der schallend lachte. Harry schaute sich nach Madam Hooch um,
aber sie stritt sich immer noch mit Crabbe wegen seiner illegalen Klatscherattacke.
„Oder vielleicht,“ sagte Malfoy boshaft als er sich zurück drehte „kannst du dich daran erinnern wie das Haus deiner
Mutter gestunken hat, Potter, und Weasleys Schweinestall erinnert dich daran“
Harry war sich nicht bewusst, daß er George losließ. Alles was er mitbekam war, daß sie beide eine Sekunde später
auf Malfoy zusprinteten. Er hatte vollkommen vergessen, daß alle Lehrer zuschauten; alles was er wollte, war
Malfoy soviel Schmerz wie nur möglich zu bereiten; er hatte keine Zeit seinen Zauberstab herauszuholen, er holte
einfach mit der Faust, die den Schnatz noch umklammerte, aus und hieb sie so hart wie möglich in Malfoys Magen -
„Harry! HARRY! GEORGE! NEIN!“
Er hörte Mädchenstimmen schreien, Malfoy brüllen, George fluchen, Pfeiftöne und die laute Menge um ihn herum,
aber es interessierte ihn nicht. Nicht bis jemand in seiner Nähe rief „Impedimentia“ und er durch die Kraft dieses
Zauberspruches zurückgeworfen wurde. Er gab den Versuch auf, jeden Zentimeter von Malfoy, den er erreichen
konnte, zu verprügeln.
„Was denken Sie, tun Sie da?,“ kreischte Madam Hooch, nachdem Harry wieder auf den Beinen war. Es schien als
hätte sie ihn mit dem Hinderungszauber getroffen; sie hielt ihre Pfeife in der einen Hand und ihren Zauberstab in der
anderen; ihr Besen lag verlassen einige Meter weit weg. Malfoy lag gekrümmt am Boden, wimmernd und stöhnend
und mit blutiger Nase; George zeigte eine geschwollene Lippe; Fred wurde immer noch mit Gewalt von den drei
Treiberinnen zurückgehalten, und Crabbe gackerte im Hintergrund. „Ich habe noch nie ein derartiges Verhalten
gesehen - zurück zum Schloss alle beide, und gleich ins Büro Ihrer Hausvorsteherin! Sofort!“
Harry und George machten kehrt und marschierten beide keuchend vom Feld. Keiner sagte ein Wort zum anderen.
Die jaulende und spöttische Menge wurde leiser und leiser, und schließlich erreichten sie die Eingangshalle, in
welcher sie nichts weiter hörten als den Hall ihrer eigenen Schritte. Harry bemerkte, daß etwas sich immer noch in
seiner rechten Hand, deren Knöchel von Malfoys Klaue zerkratzt worden waren, wehrte. Als er herunter schaute, sah
er die silbernen Flügel des Schnatzes, die um Freiheit kämpften, zwischen seinen Fingern hervorschauen.
Sie hatten kaum die Tür von Professor McGanagalls Büro erreicht als sie den Korridor hinter ihnen entlang
marschierte. Sie trug einen Gryffindor Schal, nahm ihn aber mir zitternden Händen von ihrem Hals als sie auf sie
zuschritt und schaute fuchsteufelswild.
„Hinein!“ sagte sie wütend und zeigte auf die Tür. Harry und George betraten den Raum. Sie ging hinter ihren
Schreibtisch und schaute sie wutschnaubend an als sie den Gryffindor Schal neben sich auf den Boden warf.
„Nun?“ sagte sie. „Ich habe noch nie eine so schändliche Vorstellung gesehen. Zwei gegen einen! Erklären Sie!“
„Malfoy hat uns provoziert,“ sagte Harry steif.
„Sie provoziert?,“ rief Professor McGonagall und hieb ihre Faust so sehr auf ihren Schreibtisch, daß ihre
Blechbüchse mit dem Schottenmuster zur Seite rutschte, sich öffnete und den Boden mit Ingwerbonbons bedeckte.
„Er hatte gerade verloren, nicht wahr? Natürlich wollte er Sie provozieren! Aber was um alles in der Welt kann er
schon gesagt haben, daß rechtfertigen würde, daß Sie beide -“
„Er hat meine Eltern beleidigt,“ knurrte George. „Und Harrys Mutter.“
„Aber anstatt die Sache Madam Hooch zu überlassen, haben Sie beide sich entschieden eine Vorführung in Muggle
Kampfkunst zu geben?,“ bellte Professor McGonagall zurück. „Haben Sie auch nur annähernd eine Vorstellung, was
Sie - „
„Hem, hem.“
Harry und George wirbelten herum. Dolores Umbridge stand im Türrahmen, sie trug einen grünen Tweedumhang,
der ihr das Aussehen einer riesigen Kröte gab und lächelte auf diese fürchterliche, krankhafte und ominöse Weise,
die Harry mit drohendem Unheil verband.
„Kann ich Ihnen helfen, Professor McGonagall?“ fragte Professor Umbridge mit ihrer bittersüßen Stimme.
Blut schoss Professor McGonagall ins Gesicht.
„Helfen?“ wiederholte sie mit mechanischer Stimme. „Was meinen Sie mit helfen?“
Professor Umbrigde betrat das Büro, immer noch ihr krankhaftes Lächeln zeigend.
„Nun, ich dachte, Sie wären dankbar über etwas zusätzliche Autorität.“
Harry wäre nicht überrascht gewesen, Funken aus Professor McGonagalls Nasenlöchern sprühen zu sehen.
„Da haben Sie falsch gedacht“ sagte sie und drehte Umbridge den Rücken zu.
„Also, ihr beide hättet besser sorgfältig zugehört. Es interessiert mich nicht, wie Malfoy dich provoziert hat. Es
interessiert mich auch nicht, ob er jedes Familienmitglied, daß sie besitzen, beleidigt hat, ihr Benehmen war
widerlich und jeder von ihnen wird eine Woche nachsitzen. Schauen sie mich nicht so an, Potter, sie haben es
verdient. Und wenn einer von ihnen jemals -“
„Hm, Hm“
Professor McGonagall schloss ihre Augen als würde sie um Geduld beten, als sie ihr Gesicht wieder zu Umbridge
wandte.
„Ja?“
„Ich denke, sie verdienen mehr als Nachsitzen,“ erwiderte Umbridge noch breiter lächelnd.
Professor McGonagalls Augen öffneten sich schnell.
„Aber leider,“ sagte sie und versuchte das Lächeln zu erwidern, was ihr ein Aussehen verlieh, als hätte sie einen
Wundstarrkrampf, „es zählt was ich denke, da sie in meinem Haus sind, Dolores.“
„Ach, tatsächlich, Minerva,“ säuselte Professor Umbridge, „Ich denke, sie werden auch meinen, es zählt was ich
denke. Jetzt, wo ist es? Cornelius hat es mir gerade geschickt ... Ich meine,“ sie lächelte falsch, während sie in ihrer
Handtasche wühlte, „der Minister schickte es gerade ..... ah, ja ......“
Sie zog ein Pergament hervor und faltete es auseinander und räusperte sich, bevor sie mit dem Lesen begann.
„Hm, Hm, Erziehungsverordnung Nummer 25,“ „Nicht schon wieder!“ schimpfte Professor McGonagall heftig.
„Also,“ sagte Umbridge weiter lächelnd. „Es ist eine Tatsache, Minerva, sie waren es, die mich überzeugten, daß wir
eine weitere Ergänzung benötigen ... erinnern sie sich, wie sie mich überredet haben, als ich nicht wollte, daß die
Gryffindor Quidditch Mannschaft umgestellt wurde. Wie sie den Fall zu Dumbledore brachten, der erlaubte, daß die
Mannschaft spielen darf? Nun, ich wollte das nicht. Ich nahm sofort Kontakt zum Minister auf und er war mit mir
einer Meinung, daß der oberste Untersuchungsbeamte die Macht haben muß, Schülern Privilegien zu entziehen,
oder er - das heißt ich - sollte weniger Autorität haben, als gewöhnliche Lehrer. Und jetzt sehen sie es, Minverva,
wie recht ich hatte mit dem Versuch die Umbildung der Gryffindor Mannschaft zu stoppen. Schlechte Laune ....
trotzdem, ich lese aus unserer Ergänzung vor .... hm, hm, der oberste Untersuchungsbeamte hat ab sofort oberste
Autorität über alle Strafen, Sanktionen und die Entziehung von Privilegien, die die Schüler von Hogwarts betreffen
und die Macht, Strafen, Sanktionen und die Entziehung von Privilegien zu ändern, die von anderen Mitgliedern des
Kollegiums angeordnet werden. Unterschrieben Cornelius Fudge, Minister für Magie, Orden des Merlin 1. Klasse
usw. usw.“
Sie rollte das Pergament zusammen und verstaute es wieder in ihrer Handtasche, dabei lächelte sie immer noch.
„Ich denke wirklich, daß ich diesen beiden verbieten werde, jemals wieder Quidditch zu spielen,“ sagte sie und
schaute dabei von Harry zu George und zurück.
Harry fühlte den wie verrückt flatternden Schnatz in seiner Hand.
„Uns ausschließen,“ fragte er und seine Stimme klang sonderbar fern. „Vom Spielen, für immer?“
„Ja, Mr. Potter, ich denke ein lebenslanger Ausschluss sollte es für dieses Kunststück sein,“ sagte Umbridge und
lächelte immer breiter während sie beobachtete, wie er langsam verstand was sie gesagt hatte. „Sie und Mr. Weasley
hier. Und ich bin sicher, der Zwillingsbruder dieses jungen Mannes sollte auch gestoppt werden. Ich bin überzeugt,
wenn seine Teamkollegen ihn nicht zurückgehalten hätten, hätte er den jungen Malfoy auch attackiert. Ich werde ihre
Besen selbstverständlich beschlagnahmen, um sicherzugehen, daß sie nicht gegen mein Verbot verstoßen. Aber ich
bin nicht unvernünftig, Professor McGonagall,“ fuhr sie fort und drehte sich zurück zu Prof. McGonagoll, die immer
noch dastand, als wäre sie zu Eis erstarrt. „Der Rest vom Team kann weiterspielen. Ich habe keine Anzeichen von
Gewalttätigkeit bei einem anderen von ihnen gesehen. Also, ihnen einen schönen Nachmittag.“
Und mit einem Blick äußerster Zufriedenheit verließ Umbridge das Zimmer, in dem sie eine entsetzte Stille
hinterließ.
„Ausgeschlossen,“ fragte Angelina später an diesem Abend im Gemeinschaftsraum mit hohler Stimme,
„ausgeschlossen, kein Sucher und keine Treiber .... was um alles in der Welt sollen wir jetzt machen?“
Sie fühlten sich nicht, als ob sie das Match gewonnen hatten. Überall, wo Harry hinsah, sah er in untröstliche und
ärgerliche Gesichter. Die Mannschaft saß zusammengesunken ums Feuer, alle außer Ron seit dem Ende des Spiels
nicht mehr gesehen worden war.
„Es ist so unfair,“ sagte Alicia wie betäubt. „Ich meine, was ist mit Crabbe und diesem Bludger, er hat geschlagen,
nachdem gepfiffen wurde. Hat sie ihn ausgeschlossen?“
„Nein,“ sagte Ginny traurig. Sie und Hermine saßen jeweils an einer Seite von Harry. Er hat nur ein paar Zeilen (eine
kleine Strafarbeit) bekommen, ich habe gehört, wie Montague beim Essen“ darüber gelacht hat.
„Und Fred ausgeschlossen, obwohl er nichts getan hat,“ sagte Alicia wütend, sie trommelte mit ihrer Faust auf ihr
Knie.
„Es ist nicht meine Schuld, ich habe es nicht getan,“ meinte Fred mit einem sehr grässlichen Gesichtsausdruck. „Ich
hätte diesen Abschaum zu Brei geschlagen, wenn ihr drei mich nicht zurückgehalten hättet.“
Harry starrte traurig zum dunklen Fenster. Es fiel Schnee. Der Schnatz, den er zuvor gefangen hatte, raste jetzt im
Gemeinschaftsraum umher. Die Schüler beobachteten sein Treiben und Crookshanks sprang von Stuhl zu Stuhl und
versuchte ihn zu fangen.
„Ich gehe ins Bett,“ meinte Angelina und stand langsam auf. „Vielleicht stellt sich ja heraus, daß es alles ein
schlechter Traum war ..., vielleicht wache ich morgen auf und stelle fest, daß wir noch nicht gespielt haben...“
Alicia und Katie folgten ihr bald. Fred und George gingen einige Zeit später auch ins Bett, dabei schauten sie jeden,
an dem sie vorbeikamen, finster an. Auch Ginny ging nicht lange nach ihnen. Nur Harry und Hermine blieben beim
Feuer.
„Hast du Ron gesehen?“ fragte Hermine mit schwacher Stimme. Harry schüttelte seinen Kopf.
„Ich glaube er meidet uns,“ sagte Hermine. „Wo glaubst du ist er - ?“
Aber genau in diesem Augenblick gab es ein quietschendes Geräusch hinter ihnen, die fette Dame schwang auf und
Ron kletterte durch das Portraitloch. Er sah ziemlich blaß aus und in seinem Haar war Schnee. Als er Harry und
Hermine sah, blieb er regungslos stehen
„Wo warst du?“ fragte Hermine besorgt und sprang auf.
„Spazieren,“ murmelte Ron. Er trug noch immer seine Quidditchsachen.
„Du siehst verfroren aus,“ sagte Hermine. „Komm setz dich hin!“
Ron ging zum Feuer und sank in einen Stuhl weit von Harry entfernt. Er schaute ihn nicht an. Der gestohlene
Schnatz surrte über ihren Köpfen.
„Tschuldigung,“ murmelte Ron und schaute auf seine Füße.
„Wofür,“ fragte Harry.
„Dafür, daß ich gedacht habe, ich könnte Quidditch spielen,“ erwiderte Ron. „Das erste, was ich morgen machen
werde ist zurückzutreten.“
„Wenn du zurücktritts,“ sagte Harry unwirsch, „bleiben nur noch drei Spieler in unserer Mannschaft.“ Als Ron ihn
verblüfft anschaute fuhr er fort. „Ich habe eine lebenslange Sperre erhalten und Fred und George auch.“
„Was?“ jaulte Ron auf.
Hermine erzählte ihm die ganze Geschichte. Harry konnte es nicht ertragen, es noch einmal zu erzählen. Ron schaute
noch sorgenvoller als sonst.
„Das ist alles meine Schuld -“
„Du hast mir nicht gesagt, daß ich Malfoy schlagen soll,“ sagte Harry ärgerlich.
„Wenn ich nicht so schrecklich gewesen wäre beim Quidditch -“
„ - Das hat nichts damit zu tun.“
„- Es war dieses Lied, das mich verletzt hat -“
„ - Das würde jeden verletzen.“
Hermine stand auf und ging zum Fenster, weg von dem Streit und sah dem Schneetreiben gegen die Scheibe zu.
„Komm, laß es!“ brach es aus Harry heraus. „Es ist schlimm genug, auch ohne daß du dich vor allen blamierst.“
Ron sagte nichts. Er saß da und starrte auf den feuchten Saum seines Umhangs. Nach einer Weile sagte er mit
stumpfer Stimme, „Ich fühle mich so schlecht, wie noch nie in meinem Leben.
„Willkommen imClub,“ sagte Harry bitter.
„OK,“ sagte Hermine mit leicht zitternder Stimme. „Ich denke an eine Sache, die euch beide aufheitern könnte.“
„Ja?“ fragte Harry skeptisch.
„Ja,“ sagte Hermine und drehte sich vom schwarzen, schneebefleckten Fenster weg. Ein breites Lächeln zeigte sich
auf ihrem Gesicht. „Hagrid ist zurück.“
Kapitel 20 - Hagrids Erzählung
Harry rannte zu den Schlafsälen der Jungen hinauf, um den Tarnumhang und die Karte des Herumtreibers aus
seinem Koffer zu holen. Er war so schnell, daß Ron und er schon mindestens fünf Minuten bevor Hermine von den
Mädchenschlafräumen herunter geeilt kam, bereit zum Aufbruch waren. Sie trug einen Schal, Handschuhe und einen
ihrer knubbeligen Elfenhüte.
„Ganz schön kalt hier draußen!,“ sagte sie entschuldigend, als Ron ungeduldig mit der Zunge schnalzte.
Sie schlichen durch die Portrait-Öffnung und hüllten sich hastig in den Umhang - Ron war so groß geworden, daß er
sich nun ducken mußte, um zu verhindern, daß man seins Füße herausschauen sah. Dann bewegten sie sich langsam
und vorsichtig die vielen Treppen hinunter, nicht ohne regelmäßig anzuhalten und die Karte auf die Symbole von
Filch oder Mrs. Norris zu überprüfen. Sie hatten Glück; sie sahen niemanden außer dem beinahe kopflosen Nick, der
herumschwebte und selbstvergessen etwas summte, das erschreckend wie „Weasley ist unser König“ klang. Sie
schlichen durch die Eingangshalle und hinaus auf das stille, verschneite Gelände. Harrys Herz machte einen großen
Sprung als er die kleinen goldenen Vierecke in der Ferne leuchten sah, und den Rauch, der aus Hagrids Schornstein
emporstieg. Schnellen Schrittes ging er los, während die anderen beiden hinter ihm her stolperten und sich
gegenseitig stießen. Sie knirschten aufgeregt durch den immer tiefer werdenden Schnee, bis sie endlich die hölzerne
Haustür erreichten. Als Harry seine Faust hob und dreimal klopfte, begann drinnen ein Hund wie wildgeworden zu
bellen.
„Hagrid, wir sind es!“ rief Harry durch das Schlüsselloch.
„Hätt“ ich mir denken können,“ sagte eine schroffe Stimme.
Unter dem Umhang strahlten sie einander an. Hagrids Stimme verriet ihnen, das er sich freute.
„Seit drei Sekunden zuhause ... weg da Fang ... weg da, du dösiger Hund ... .“
Der Riegel wurde zurückgezogen, die Tür öffnete sich quietschend und Hagrids Kopf erschien in dem Spalt.
Hermine schrie auf.
„Bei Merlins Bart, sei leise!“ sagte Hagrid hastig, dabei starrte er wild über ihre Köpfe hinweg.
„Es tut mir leid.,“ stieß Hermine hervor, während die drei sich an Hagrid vorbei in das Haus quetschten und den
Umhang herunterzogen, so daß er sie sehen konnte. „Ich habe nur ... oh Hagrid!“
„Es ist nichts, es ist doch nichts!,“ sagte Hagrid hastig, während er die Tür hinter ihnen schloss und sich dann beeilte,
alle Vorhänge zu schließen. Aber Hermine starrte ihn immer weiter voller Entsetzen an.
Hagrids Haar war verfilzt mit geronnenem Blut und von seinem linken Auge war nur noch ein geschwollener Schlitz
in einer Masse von blau-schwarzer Schwellung übrig.
Viele Schnittwunden waren in seinem Gesicht und seinen Händen, einige bluteten noch, und er bewegte sich
vorsichtig, was Harry befürchten ließ, daß auch Rippen gebrochen waren. Es war offensichtlich, daß er gerade erst
nach Hause gekommen war; ein dicker Reisemantel lag über der Lehne eines Stuhles und ein Habersack, in den
mehrer kleine Kinder gepasst hätten, lehnte an der Wand neben der Tür.
Hagrid selbst, doppelt so groß wie ein normaler Mensch, hinkte zum Feuer, um einen Kupferkessel darüber zu
hängen.
„Was ist dir zugestoßen?,“ fragte Harry, während Fang um sie herumtänzelte und versuchte, ihre Gesichter
abzulecken.
„Ich sagte doch schon: nichts.,“ sagte Hagrid mit fester Stimme. „Wollt ihr „ne Tasse Tee?“
„Komm runter,“ sagte Ron „du bist ja total aufgelößt!“
„Ich sach“ doch, mir geht“s gut,“ sage Hagrid, richtete sich auf und wandte sich ihnen mit einem Strahlen zu, zuckte
dabei jedoch zusammen. „Verdammt, es ist gut euch drei wieder zu sehen - hattet einen netten Sommer, ja?“
„Hagrid, du bist angegriffen worden!,“ sagte Ron.
„Zum letzen Mal: Es ist nichts!“ sagte Hagrid mit Bestimmtheit.
„Würdest du das auch sagen, wenn einer von uns mit „nem Pfund Hackfleisch statt einem Gesicht auftauchen
würde?,“ fragte Ron.
„Du solltest zu Frau Pomfrey gehen, Hagrid,“ sagte Hermine besorgt, „ein paar dieser Wunden sehen wirklich
hässlich aus.“
„Ich komme klar, okay?,“ sagte Hagrid abweisend.
Er ging zu dem riesigen Holztisch hinüber, der in der Mitte seiner Hütte stand, und zog ein Küchenhandtuch beiseite,
das dort gelegen hatte. Darunter war ein rohes, blutiges, leicht grünliches Steak, etwas größer als ein
durchschnittlicher Autoreifen.
„Du willst das doch nicht etwa essen, Hagrid?,“ sagte Ron und beugte sich vor um besser sehen zu können, „es sieht
giftig aus.“
„Es muß so aussehen, es ist Drachenfleisch,“ sagte Hagrid. „Und ich hab“ es nicht zum Essen hier.“
Er schnappte sich das Steak und klatschte es sich über seine linke Gesichtshälfte. Er seufzte befriedigt, derweil
grünliches Blut in seinen Bart sickerte.
„Das ist besser. Es hilf gegen das Brennen, seht ihr?“
„Erzählst du uns jetzt endlich was dir passiert ist?,“ fragte Harry.
„Geht nicht. Streng geheim. Kein Wort, is“ mein Job mir wert.“
„Haben die Riesen dich so zugerichtet?“ fragte Hermine.
Das Steak glitt Hagrid durch die Finger und rutschte schwabbelig auf seine Brust.
„Riesen?“ fragte Hagrid, er fing das Steak gerade noch auf, bevor es seinen Gürtel erreichte und klatschte es sich
zurück ins Gesicht. „Wer hat irgendwas von Riesen gesagt? Mit wem habt ihr geredet? Wer hat euch gesagt was ...
wer hat gesagt ich wäre ...wie?“
„Wir haben geraten,“ sagte Hermine entschuldigend.
„Ach ja, habt ihr?,“ sagte Hagrid und betrachtete sie streng durch das nicht vom Steak verdeckte Auge.
„Es war ziemlich ... offensichtlich,“ sagte Ron. Harry nickte.
Hagrid starrte sie an, schnaubte, warf das Steak zurück auf den Tisch und wandte sich hinüber zum Wasserkessel,
der bereits pfiff.
„Noch nie erlebt - Kinder wie euch drei - wissen immer mehr als sie sollten.,“ grummelte er und schüttete
kochendes Wasser in drei seiner eimerförmigen Tassen. „Und das soll kein Kompliment sein, kapiert? Neugierig
könnte man sagen. Sich in alles einmischen.“
Aber sein Bart zuckte.
„Also warst du Riesen suchen?“ fragte Harry und setze sich grinsend an den Tisch.
Hagrid stellte allen Tee hin, setzte sich, nahm sich wieder das Steak und klatschte es sich noch einmal ins Gesicht.
„Ja, schon gut,“ grunzte er, „hab“ ich.“
„Und - du hast sie gefunden?,“ fragte Hermine mit unterdrückter Stimme.
„Naja, so schwierig sind sie nicht zu finden, um ehrlich zu sein.,“ sagte Hagrid. „Sind schließlich ziemlich groß.“
„Wo sind sie?,“ fragte Ron.
„Berge.,“ sagte Hagrid wenig hilfreich.
„Und warum sehen dann nicht die Muggles ... ?“
„Die sehen sie,“ sagte Hagrid finster. „Bloß gelten die ganzen Toten als „Bergunfälle““
Er rückte das Steak etwas zurecht, so daß es die schlimmste Schwellung überdeckte.
„Komm schon Hagrid, erzähl“ uns was du gemacht hast!,“ sagte Ron.
„Erzähl“ uns, wie dich die Riesen angegriffen haben und Harry kann dir vom Angriff der Dementoren erzählen ... .“
Hagrid verschluckte sich und ließ zugleich sein Steak fallen. Große Mengen von Spucke, Tee und Drachenblut
sprühten über den Tisch. Hagrid hustete, stotterte und das Steak rutschte mit einem leisen Platschen auf den Boden.
„Was soll das heißen, von Dementoren angegriffen?“ schnaubte Hagrid.
„Wußtest du das nicht?“ fragte Hermine mit großen Augen.
„Ich weiß überhaupt nix, was passiert ist, seit ich weg bin. Ich war auf geheimer Mission, ja, wollte nicht, daß mir
irgendwelche Eulen überall hin hinterherfliegen - verdammte Dementoren! - Das ist nicht eurer Ernst?“
„Doch, sie tauchten in Klein-Heulen auf und griffen meinen Vetter und mich an, und dann warf das
Zaubereiministerium mich „raus -“
„WAS?“
„- und ich mußte zu einer Anhörung und alles, aber erzähl“ uns erst von den Riesen.“
„Sie haben dich rausgeworfen?“
„Erzähle uns vom Angriff der Riesen, und Harry erzählt Dir vom Angriff der Dementoren -“
Hagrid würgte in seine Tasse und ließ gleichzeitig sein Steak fallen; eine große Menge Spucke, Tee und Drachenblut
verteilte sich über den Tisch, als Hagrid hustete und spukte und das Steak glitt, mit einem sanften „Platsch“ auf den
Boden.
„Was meinst Du, angegriffen von Dementoren?“ knurrte Hagrid.
„Weißt Du es nicht?“ fragte ihn Hermine mit großen Augen.
„Ich weiß überhaupt nichts von dem, was passiert ist, seitdem ich gegangen bin. Ich war auf einer geheimen Mission
und ich wollte nicht, daß mir Eulen überallhin folgen - verdammte Dementoren! Das ist doch nicht Euer Ernst?“
„Doch, das ist mein Ernst, sie tauchten in Little Whinging auf und griffen meinen Cousin und mich an, und das
Zaubereiministerium hat mich von der Schule verwiesen -“
„WAS?“
„ - und ich mußte zu einer Anhörung und allem Möglichen, aber erzähle uns zuerst von den Riesen.“
„Du wurdest von der Schule gewiesen?“
„Erzähle uns von Deinem Sommer, dann werde ich Dir von meinem erzählen.“
Hagrid starrte ihn mit seinem einen offenen Auge an. Harry starrte zurück, ein Ausdruck von unschuldiger
Entschlossenheit auf seinem Gesicht.
„Oh, okay,“ sagte Hagrid mit resignierender Stimme.
Er beugte sich hinunter und zerrte das Drachensteak aus Fang“s Maul.
„Oh Hagrid, nicht, das ist nicht hygienisch-“ begann Hermine, aber Hagrid hatte das Fleisch bereits wieder auf sein
geschwollenes Auge geklatscht.
Er nahm einen weiteren stärkenden Schluck Tee, sagte dann, „Gut, wir brachen direkt nach Semesterende auf -“
„Madame Maxime ging also mit Dir? warf Hermine ein.
„Ja, das stimmt,“ sagte Hagrid und ein weicher Ausdruck erschien auf den wenigen Quadratzentimetern seines
Gesichtes, die nicht unter Bart oder grünem Steak verborgen waren. „Ja, es waren nur wir zwei. Und ich sag“ euch
das, sie hat keine Angst vor der Primitivität, Olympe. Ihr wißt, sie ist eine elegante, gutangezogene Frau, und obwohl
sie wußte, wohin wir gehen würden, wunderte ich mich, wie sie sich dabei fühlte, über Felsen zu klettern und in
Höhlen zu schlafen, und so, aber sie hat sich nicht einmal beklagt.“
„Du wußtest, wohin ihr gehen müsst?“ wiederholte Harry. „Du wußtest, wo die Riesen waren?“
„Na ja, Dumbledore wußte es, und er hat es uns gesagt,“ sagte Hagrid.
„Sind sie versteckt? fragte Ron. „Ist es ein Geheimnis, wo sie sind?“
„Nicht wirklich,“ sagte Hagrid und schüttelte seinen struppigen Kopf. „Es ist nur so, daß es die meisten Zauberer
nicht interessiert, wo sie sind, solange es möglichst weit weg ist. Aber wo sie sind ist sehr schwer hinzukommen, für
Menschen sowieso, deshalb brauchten wir Dumbledore“s Anweisungen. Es hat etwa einen Monat gedauert, um da
hinzukommen-“
„Einen Monat?“ sagte Ron, als ob er noch nie von einer Reise gehört hätte, die eine so lächerlich lange Zeit
gebraucht hat. „Aber - warum konntet ihr nicht einfach einen Portschlüssel oder so was nehmen?“
Da war ein sonderbarer Ausdruck in Hagrid“s nicht verdecktem Auge, als er Ron musterte; es war alles in allem
mitleiderregend.
„Wir wurden beobachtet, Ron,“ sagte er barsch.
„Was meinst Du?“
„Das verstehst Du nicht,“ sagte Hagrid. „Das Ministerium hält ein Auge auf Dumbledore und jeden, den sie zu seiner
Kreis dazurechnen, und-“
„Deswegen konntet ihr keine Magie benutzen, um dorthin zu kommen? fragte Ron und schaute wie von Blitz
getroffen, „ihr mußtet Euch benehmen wie Muggels den ganzen Weg?“
„Na ja, nicht exakt den ganzen Weg,“ sagte Hagrid befangen. „Wir mußten nur vorsichtig sein, weil Olympe und ich,
wir überragen alle ein bißchen-“
Ron machte ein unterdrücktes Geräusch irgendwo zwischen einem Schnauben und einem Schniefen und nahm
schnell einen Schluck Tee.
„- so waren wir nicht schwer zu verfolgen. Wir gaben vor, zusammen in die Ferien zu gehen, so gingen wir nach
Frankreich und wir taten so, als würden wir dahin wollen, wo Olympe“s Schule ist, weil wir wußten, wir wurden von
jemandem vom Ministerium verfolgt. Wir mußten langsam gehen, weil man von mir nicht weiß, daß ich Magie
nutzen kann, und wir wußten, das Ministerium suchte nach einer Möglichkeit, uns auflaufen zu lassen. Aber wir
entkamen unserem Verfolger irgendwo in der Nähe von Dijon -“
„Oh, Dijon?“ sagte Hermine aufgeregt. „Ich war dort in Ferien, was hast Du gesehen... ?“
Nach einem Blick auf Ron“s Gesicht brach sie ab.
„Wir nutzten die Gelegenheit, danach ein wenig Magie zu benutzen und es war keine schlechte Reise. Wir trafen in
ein paar verrückte Trolle an der Polnischen Grenze und ich hatte eine leichte Unstimmigkeit mit einem Vampir in
einer Kneipe in Minsk, aber abgesehen davon konnte es nicht reibungsloser sein.“
„Und dann erreichten wir die Stelle, und wir begannen, die Berge hinauf zu klettern, immer nach Zeichen von ihnen
Ausschau haltend ...“
„Wir durften keine Magie mehr benutzen, nachdem wir in ihrer Nähe waren. Teilweise, weil sie keine Zauberer
mögen und weil wir sie nicht zu aufregen wollten, und teilweise, weil Dumbledore uns gewarnt hatte, daß Du-Weißt-
Schon-Wer hinter den Riesen her sei und so. Sagte, er würde darauf wetten, daß er bereits einen Boten zu ihnen
geschickt hätte. Sagte uns, wir sollten sehr vorsichtig sein, als wir näher kamen und ja keine Aufmerksamkeit auf uns
ziehen, für den Fall, daß Todesser in der Nähe seien.“
Hagrid unterbrach und nahm großen Schluck Tee.
„Weiter!“ sagte Harry dringend.
„Haben sie gefunden“ sagte Hagrid trocken. „Gingen in einer Nacht über einen Bergkamm und da war es,
ausgebreitet unterhalb von uns. Kleine Feuer brannten unten und große Schatten... es war, als ob wir Teile der Berge
sich bewegen sahen.“
„Wie groß sind sie?“ fragte Ron mit erstickter Stimme.
„Fast sieben Meter,“ sagte Hagrid gleichgültig. „Einige Größere können auch achteinhalb Meter groß sein.“
„Und wie viele waren da?“ fragte Harry.
„Ich schätze so siebzig oder achtzig,“ sagte Hagrid.
„Sind das alle?“ sagte Hermine.
„Ja,“ sagte Hagrid traurig, „achtzig sind übrig, und es gab einmal jede Menge, es muß hundert verschiedene Stämme
überall in der Welt gegeben haben. Aber sie sterben seit Jahrhunderten aus. Zauberer haben ein paar umgebracht,
natürlich, aber meistens haben sie sich gegenseitig umgebracht, und jetzt sterben sie schneller aus, als jemals zuvor.
Sie sind nicht dazu gemacht, so wie jetzt auf einem Haufen zusammen zu leben. Dumbledore sagt, es sei unser
Fehler, es waren die Zauberer, die sie dazu gezwungen haben zu gehen und möglichst weit weg von uns zu leben und
so hatten sie keine andere Wahl, als zu ihrem eigenen Schutz zusammen zu halten.“
„Also,“ sagte Harry, „ihr saht sie und dann was?“
„Gut, wir warteten bis zum Morgen, wir wollten uns nicht im Dunkeln an sie heran schleichen, nur für unsere eigene
Sicherheit,“ sagte Hagrid. „Gegen drei Uhr morgens schliefen sie ein, gerade da, wo sie saßen. Wir wagten nicht zu
schlafen. Erstens wollten wir sicher sein, keiner von denen würde aufwachen und dahin kommen, wo wir waren, zum
Anderen, die Schnarcherei war unglaublich. Hat kurz vor Sonnenaufgang eine Lawine ausgelöst.“
„Wie auch immer, als es hell wurde, gingen wir hinunter, um sie zu sehen.“
„Einfach so?“ sagte Ron mit einem ehrfürchtigen Blick. „Ihr seid einfach so in das Lager der Riesen gegangen?“
„Gut, Dumbledore sagte uns wie wir es machen sollten,“ sagte Hagrid. „Gebe dem Gurg Geschenke, zeige etwas
Respekt, Du weißt schon.“
„Gebt dem wem Geschenke?“ fragte Harry.
„Oh, dem Gurg - das bedeutet dem Chef.“
„Wie konntet ihr wissen, welcher der Gurg war?“ fragte Ron.
Hagrid brummte amüsiert.
„Kein Problem,“ sagte er. „Er war der Größte, der Hässlichste und der Faulste. Saß da, wartend, daß die anderen ihm
Essen brachten. Tote Ziegen und so was. Sein Name war Karkus. Ich schätze ihn so auf siebeneinhalb bis acht Meter,
und das Gewicht von mehreren Elefantenbullen. Und eine Haut wie ein Rhinozeros.“
„Und ihr seid einfach so zu ihm hingegangen?“ sagte Hermine atemlos.
„Ja... hinunter zu ihm, wo er in einem Tal lag. Das war so eine Senke zwischen vier ziemlich hohen Bergen, schau,
neben einem Bergsee, und Karkus lag neben dem See, brüllte die anderen an, ihm und seiner Frau was zu essen zu
bringen. Olympe und ich gingen den Berghang hinunter-“
„Aber haben sie nicht versucht, euch umzubringen, als sie euch gesehen haben?“ fragte Ron ungläubig.
„Das haben sich mache bestimmt überlegt,“ sagte Hagrid und zuckte mit den Schultern, „aber wir taten, was
Dumbledore sagte, was wir tun sollten, das wir unser Geschenk hochhalten und den Gurg anschauen sollten und die
anderen einfach ignorieren sollten. Und das haben wir getan. Und alle anderen wurden still und beobachteten, wie
wir vorbeigingen und wir kamen bis zu den Füßen von Karkus, verbeugten uns und legten unser Geschenk vor ihm
hin.“
„Was schenkt man einem Riesen?“ fragte Ron eifrig. „Essen?“
„Nein, er kann Essen jederzeit für sich bekommen,“ sagte Hagrid. „Wir brachten ihm Magie mit. Riesen mögen
Magie, sie mögen es nur nicht, wenn wir Magie gegen sie gebrauchen. Wie auch immer, am ersten Tag gaben wir
ihm einen Zweig mit Gubraithianischem Feuer.“
Hermine sagte sanft „Wow!,“ aber Harry und Ron runzelten verwirrt die Stirn.
„Ein Zweig mit -?“
„Immerwährendes Feuer,“ sagte Hermine irritiert, „das solltet ihr eigentlich langsam wissen. Professor Flitwick hat
es mindestens zweimal im Unterricht erwähnt!“
„Wie auch immer,“ sagte Hagrid schnell, und griff ein, bevor Ron antworten konnte. „Dumbledore verzauberte
diesen Zweig, damit er ewig brennt, das ist etwas, was nicht jeder Zauberer kann, und ich habe ihn in den Schnee vor
Karkus Füße gelegt und sagte, „Ein Geschenk an den Gurg der Riesen von Albus Dumbledore, der seine
respektvollen Grüße schickt.“
„Und was sagte Karkus?“ fragte Harry eifrig.
„Nichts,“ sagte Hagrid. „Er sprach kein Englisch.“
„Du machst Witze!“
„Das machte aber nichts,“ sagte Hagrid gelassen, „Dumbledore hat uns gewarnt, daß das passieren kann. Karkus
verstand aber genug, um nach einigen Riesen zu rufen, die unsere Sprache verstehen und die für uns übersetzten.“
„Und mochte er das Geschenk?“ fragte Ron.
„Oh ja, es war wie ein Sturm, als sie verstanden, was das ist,“ sagte Hagrid und drehte das Drachensteak, um die
kühlere Seite auf sein geschwollenes Auge zu drücken. „Sehr erfreut. Deshalb sagte ich dann: „Albus Dumbledore
bittet den Gurg, mit den Botschaftern zu sprechen, wenn sie morgen mit einem anderen Geschenk wiederkommen.“„
„Warum konntet ihr nicht an dem Tag mit ihnen sprechen?“ fragte Hermine.
„Dumbledore verlangte von uns, daß wir es sehr langsam angehen sollten,“ sagte Hagrid. „Lasst sie sehen, daß wir
unsere Versprechen halten. Wir kommen morgen mit einem anderen Geschenk zurück, und dann kommen wir zurück
mit einem anderen Geschenk - macht einen guten Eindruck, nicht wahr? Und das gibt ihnen Zeit, unser erstes
Geschenk auszuprobieren, und sie werden merken, daß es ein gutes Geschenk ist, und dann sind sie erpicht darauf,
weitere Geschenke zu bekommen. Auf jeden Fall, Riesen wie Karkus - wenn wir so einen mit Informationen
überladen, dann wird er uns umbringen, nur um die Sache zu vereinfachen. So verneigten wir uns und gingen weg,
und fanden eine nette Höhle, um darin die Nacht zu verbringen, und am nächsten Morgen gingen wir zurück und
dieses Mal fanden wir Karkus sitzend, er wartete auf uns und schaute ganz eifrig.“
„Und ihr spracht mit ihm?“
„Oh ja, Zuerst schenkten wir ihm einen netten kleinen Kampfhelm - von Goblins hergestellt und unzerstörbar, ihr
wißt - und wir setzten uns hin, und wir sprachen miteinander.“
„Was sagte er?“
„Nicht viel.,“ sagte Hagrid „Hab“ meistens zugehört. Aber es gab gute Zeichen. Er hatte vom alten Dumbledore
gehört, wie er gegen das Töten der letzten Riesen in England argumentiert hatte. Karkus war ziemlich daran
interessiert, was Dumbledore zu sagen hatte. Und ein paar andere, besonders die ein wenig Englisch sprechen
konnten, haben sich dazu gesetzt und auch zugehört. Wir waren voller Hoffnung als wir sie an dem Tag verließen.
Wir haben versprochen, daß wir am nächsten Tag mit einem weiteren Geschenk wieder kommen würden. Aber in
der Nacht ist alles schief gelaufen.“
„Was meinst du damit?“ sagte Ron schnell.
„Nun ja, wie ich schon sagte, Riesen sind nicht dazu gemacht, zusammen zu leben“ sagte Hagrid traurig. „Nicht in
solchen großen Gruppen. Sie können nichts dafür. Alle paar Wochen versuchten sie sich gegenseitig umzubringen.
Die Männer bekämpfen sich und die Frauen bekämpfen sich, wahrscheinlich die Überbleibsel alter Kämpfe
verschiedener Stämme, dabei geht es nicht einmal ums Essen oder Feuer oder einen Platz zum Schlafen. Wenn man
sich anschaut wie die Rasse der Riesen kurz vor dem Aussterben ist sollte man denken, daß sie irgendwann
voneinander lassen, aber …“
Hagrid seufzte tief.
„In der Nacht brach ein Kampf aus. Wir haben ihn von unserem Höhleneingang gesehen als wir in das Tal schauten.
Der Kampf dauerte Stunden, ihr würdet nicht glauben, wie laut es war. Und als die Sonne aufging war der Schnee
blutrot und sein Kopf lag auf dem Grund des Sees.“
„Wessen Kopf?“ Hermine war geschockt.
„Karkus““ sagte Hagrid traurig. „Jetzt gab es einen neuen Gurg: Golomath.“ Er holte tief Luft. „Na ja, wir hatten
nicht wirklich um einen neuen Gurg gebeten, nachdem das Treffen mit dem Ersten zwei Tage vorher freundlich
verlaufen war. Wir hatten das komische Gefühl, das Golomath nicht so freundlich zuhören würde. Aber wir mußten
es trotzdem probieren.“
„Ihr seid hin gegangen und habt mit ihm gesprochen?“ fragte Ron ungläubig. „Nach dem ihr gesehen habt, wie er
den Kopf eines anderen Riesen abgerissen hat?“
„Natürlich haben wir das gemacht,“ sagte Hagrid, „schließlich sind wir nicht den ganzen Weg gereist, um nach zwei
Tagen aufzugeben! Wir sind mit dem nächsten Geschenk herunter gegangen, das eigentlich für Karkus gedacht war.
Ich wußte, daß es nichts wird, bevor ich meinen Mund geöffnet hatte. Er saß da, mit Karkus“ Helm auf dem Kopf
und grinste uns an als wir näher kamen. Es ist wirklich groß, einer der größten in der Gruppe. Schwarze Haare und
dazu passende Zähne und eine Kette aus Knochen. Einige sahen aus wie Menschenknochen. Also habe ich es
versucht, ich habe ihm eine große Rolle mit Drachenhaut hingehalten und gesagt: „Ein Geschenk für den Gurg der
Riesen!“ Das nächste was ich weiß ist, daß ich an den Füßen in der Luft hing. Zwei seiner Kameraden hatten mich
gepackt.“
Hermine schlug ihre Hände vor ihr Gesicht.
„Wie bist du da wieder raus gekommen?,“ fragte Harry.
„Hätte es nicht geschafft, wenn Olympe nicht da gewesen wäre.,“ sagte Hagrid, „Sie hat ihren Zauberstab genommen
und so schnell gezaubert, wie ich es selten gesehen habe. Einfach unglaublich. Hat die beiden, die mich gehalten
haben, mit Conjunctivitus Sprüchen genau in die Augen getroffen und die haben mich sofort fallen gelassen, aber
von dem Punkt an waren wir in echten Schwierigkeiten, weil wir Magie gegen sie eingesetzt hatten. Das ist das, was
Riesen an Zauberern am meisten hassen. Wir mußten da raus und wir wußten, daß es keinen Weg geben würde,
jemals wieder in das Lager zurück zu kommen.“
„Verdammt, Hagrid,“ sagte Ron leise.
„Also, warum hat es dann so lange gedauert wieder nach Hause zu kommen, wenn du doch nur für drei Tage da
warst?,“ frage Hermine.
„Wir waren nicht nur drei Tage da!,“ sagte Hagrid wütend, „Dumbledore hat auf uns vertraut!“
„Aber du sagtest doch, daß es keine Möglichkeit gäbe, zurück zu kehren!“
„Nicht bei Tageslicht, das ging nicht, keinesfalls. Wir mußten uns einen neuen Plan ausdenken. Wir blieben einige
Tage in der Höhle und haben uns alles angeschaut. Was wir gesehen haben war gar nicht gut.“
„Hat er noch mehr Köpfe abgerissen?,“ frage Hermine zimperlich.
„Nein,“ sagte Hagrid, „aber ich wünschte er hätte es getan.“
„Was meinst du damit?“
„Was ich meinte ist, daß er nicht gegen alle Zauberer etwas hat - nur gegen uns.“
„Todessers?,“ sagte Harry schnell.
„Ja,,“ sagte Hagrid düster, „ein paar von denen besuchten ihn jeden Tag und haben Geschenke für den Gurg
mitgebracht. Sie wurden nicht kopfüber aufgehängt.“
„Wie wußtest du, daß es Todesser waren?,“ fragte Ron.
„Weil ich einen von denen wieder erkannt habe,“ knurrte Hagrid, „Macnair, erinnert ihr euch an ihn? Der Typ den
sie geschickt haben um Schnäbelchen zu töten? Er ist verrückt. Er mag das Töten so wie Golomath, kein Wunder,
daß sie sich so gut verstanden haben.“
„Also hat Macnair die Riesen überredet Du-weißt-schon-wen zu unterstützen?,“ sagte Hermine verzweifelt.
„Ich habe euch Hippogreifen doch gesagt, daß ich mit meiner Geschichte noch nicht am Ende bin!,“ sagte Hagrid
entrüstet, der, wenn man bedenkt, daß er eigentlich gar nichts erzählen wollte, doch eher freudig bei der Sache war.
„Ich und Olyme haben darüber gesprochen und sind zu dem Schluss gekommen, daß nur deshalb, weil der Gurg
scheinbar Du-weißt-schon-wen bevorzugt, es noch lange nicht alle tun würden. Wir mußten es versuchen, einige der
anderen zu überzeugen, diejenigen die Golomath nicht als Gurg haben wollten.
„Woher wußtest du, welche das waren?,“ fragte Ron.
„Nun ja, es waren diejenigen, die zu Brei geschlagen waren, oder?,“ sagte Hagrid geduldig. „Alle die noch recht bei
Verstand waren hielten sich fern von Golomath und versteckten sich in den Höhlen rings um den Kanal, genau wie
wir. Also haben wir uns entschlossen das wir und nachts mal in den Höhlen umschauen und vielleicht ein paar von
ihnen überreden könnten.“
„Du hast dich nachts in den Höhlen nach Riesen umgeschaut?,“ fragte Ron, mit respektvoller Stimme.
„Nun ja, es waren nicht die Riesen, um die wir uns die meisten Sorgen gemacht haben,“ sagte Hagrid, „mehr dachten
wir an die Todesser. Dumbledore hatte uns gesagt, daß wir uns bei ihnen auf keinen Fall einmischen sollten, wenn
wir es irgendwie verhindern können. Das Problem war, daß sie wußten, daß wir da waren, wahrscheinlich hat
Golomath es ihnen erzählt. Nachts, als wir um die Höhlen schlichen und uns nach den Riesen umgeschaut haben,
schauten sich Macnair und die anderen in den Bergen nach uns um. Es war schwer für mich Olympe aufzuhalten,
sich auf sie zu stürzen.,“ sagte Hagrid, und seine Mundwinkel hoben seinen wilden Bart an, „Sei wollte sie unbedingt
angreifen … es ist schon etwas, wenn sie aufgeregt ist, die Olympe … angriffslustig, wißt ihr …. Wahrscheinlich ist
es der französische Einfluss in ihr …“
Hagrid schaute verträumt ins Feuer. Harry ließ ihm dreißig Sekunden um zur Ruhe zu kommen, bevor er sich laut
räusperte.
„Also, was ist passiert? Bist du überhaupt an einen der anderen Riesen heran gekommen?“
„Was? Ach .. .ja, das sind wir. Ja, in der dritten Nacht nachdem Karkus getötet worden war, sind wir aus der Höhle
gekrochen, in der wir uns versteckt hatten, und sind Richtung Kanal aufgebrochen, immer auf der Wacht nach den
Todessern. Wir haben ein paar Höhlen untersucht, aber ohne Glück, dann, in der sechsten Höhle hatten sich drei
Riesen versteckt.“
„Da war wohl nicht mehr viel Platz.,“ sagte Ron.
„Nicht genug Platz für einen Kneazel.,“ sagte Hagrid.
„Haben sie euch nicht angegriffen, als sie euch gesehen haben?,“ fragte Hermine.
„Das hätten sie wahrscheinlich gemacht, wenn sie dazu in der Verfassung gewesen wären,“ sagte Hagrid, „aber sie
waren schwer zu verletzt, alle drei. Golomath“s Bande hatte sei bewusstlos geschlagen, und als sie aufgewachten
sind sie nur in den nächsten Unterschlupf gekrochen, den sie gefunden haben. Auf jeden Fall konnte einer von ihnen
ein wenig Englisch und hat für die anderen übersetzt und was wir ihnen erzählt haben kam auch ganz gut an. Wir
sind dann immer wieder gekommen und haben die Verwundeten besucht … ich glaube daß wir an einem Punkt sechs
oder sieben von ihnen überzeugt hatten.“
„Sechs oder sieben?,“ sagte Ron aufgeregt. „Das ist nicht schlecht. Werden sie hier her kommen und mit uns gegen
Du-weißt-schon-wen kämpfen?“
Aber Hermine sage: „Was meinst du mit „an einem Punkt,“ Hagrid?“
Hagrid schaute sie traurig an.
„Golomaths Bande hat die Höhlen durchkämmt. Danach wollten die Überlebenden mit uns nichts mehr zu tun haben.
„Also … es kommen keine Riesen?,“ sagte Ron, sichtlich enttäuscht.
„Nein,“ sagte Hagrid und seufzte tief als er das Steak drehte und die kühlere Seite auf sein Gesicht legte, „aber wir
haben getan was wir tun wollten, wir haben die Nachricht von Dumbledore übergeben und einige haben sie gehört
und ich bin überzeugt, daß sich einige an sie erinnern werden. Golomath wird irgendwann aus den Bergen fort
ziehen und vielleicht erinnern sie sich, das Dumbledore ihnen freundlich gesinnt ist … vielleicht werden sie
kommen.“
Schnell legte sich jetzt auf das Fenster. Harry wurde sich bewusst, daß die Knie seines Umhangs nass waren: Fang
hatte seinen Kopf in seinen Schoß gelegt.
„Hagrid?,“ sagte Hermine nach einer Weile ruhig.
„Hmm?“
„Hast du … waren da irgendwelche Anzeichen … hast du irgendwas von deinen … deiner … Mutter gehört während
du da warst?“
Hagrids klares Auge schaute sie an and Hermine sah ängstlich aus.
„Es tut mir leid … Ich … vergesse es …“
„Tot.,“ grummelte Hagrid, „Vor Jahren gestorben. Sie haben es mir gesagt.“
„Oh, … ich … Es tut mir leid.,“ sagte Hermine leise. Hagrid zuckte mit seinen großen Schultern.
„Schon in Ordnung.,“ sagte er kurz angebunden. „Ich kann sie sowieso nicht genau erinnern. War keine gute
Mutter.“
Sie waren alle wieder still. Hermine schaute nervös zu Harry und Ron, sie wollte daß sie beiden etwas sagen.
„Aber du hast immer noch nicht erklärt woher die das hast, Hagrid,“ sagte Ron und zeigt dabei auf Hagrids mit Blut
überströmtes Gesicht.
„Oder warum du erst so spät wieder heimgekehrt bist,“ sagte Harry, „Sirius sagte daß Madame Maxime schon vor
einer Ewigkeit wieder zurück gekommen ist …“
„Wer hat dich angegriffen?,“ fragte Ron
„Ich wurde nicht angegriffen!,“ sagte Hagrid einfühlsam, „Ich …“
Aber der Rest seiner Worte ging im plötzlichen wilden Geklopfe an der Tür unter. Hermine erschrak, ihr Becher glitt
ihr durch die Finger und zerschellte am Boden, Fang bellte. Alle vier starrten auf das kleine Fenster neben dem
Eingang. Der Schatten einer kleinen, eckigen Person zeichnete sich auf dem dünnen Vorhang ab.
„Sie ist es!“; flüsterte Ron.
„Hier herunter!,“ sagte Harry schnell während er den Unsichtbarkeits-Umhang über sich und Hermine warf und Ron
um den Tisch lief und auch unter dem Umhang verschwand. Zusammen gepresst bewegten sie sich in eine Ecke des
Raumes. Fang bellte wie verrückt die Tür an. Hagrid sah ziemlich verwirrt aus.
„Hagrid, versteck unsere Becher!“
Hagrid nahm Harrys und Rons Becher und schob sie unter die Kissen in Fangs Korb. Fang sprang nun gegen die Tür,
Hagrid schob ihn mir seinem Fuß aus dem Weg und zog die Tür auf.
Professor Umbridge stand im Eingang, ihren grünen Tweed Mantel an und den dazu passend Hut mit Ohrenklappen.
Mit geschürzten Lippen lehnte sie sich zurück, um Hagrids Gesicht sehen zu können; sie reichte ihm kaum bis zu
seinem Nabel.
„So,“ sagte sie langsam und laut, wie wenn Sie zu jemand schwerhörigem sprechen würde. „Sie sind Hagrid, nicht
wahr?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, schlenderte sie in den Raum und ihre Glubschaugen rollten die in jede Richtung.
„Hau ab,“ keifte sie und schwang ihre Handtasche, als Fang an ihr hochgesprungen war und versuchte, ihr Gesicht zu
lecken.
„Äh - ich will nicht unhöflich sein,“ sagte Hagrid und starrte Sie an, „aber wer zum Teufel sind Sie?“
„Mein Name ist Dolores Umbridge.“
Ihre Augen schweiften durch die Hütte. Zweimal starrte sie direkt in die Ecke in der Harry zwischen Ron und
Hermine gequetscht stand.
„Dolores Umbridge?,“ sagte Hagrid und klang vollkommen verwirrt. „Ich dachte Sie seien eine aus dem Ministerium
- arbeiten Sie nicht mit Fudge zusammen?“
„Ich war leitende Generalsekretärin des Ministers, ja,“ sagte Umbridge, die jetzt in der Hütte herumlief und jedes
kleinste Detail darin aufnahm, von der Provianttasche an der Wand und dem abgelegten Reiseumhang. „Jetzt bin ich
die Lehrerin für die Verteidigung gegen die Dunklen Künste - „
„Das ist mutig von Ihnen,“ sagte Hagrid, „Es gibt nicht viele, die den Job jemals annehmen würden.“
„- und Hogwarts Hochinquisitor,“ sagte Umbridge, die sich nichts anmerken ließ, ihn gehört zu haben.
„Was ist das?,“ fragte Hagrid mit einem Stirnrunzeln.
„Genau was ich Sie fragen wollte,“ sagte Umbridge, die auf die Scherben des zerbrochenen Geschirrs auf dem
Boden zeigte, das Hermines Becher gewesen war.
„Oh,“ sagte Hagrid mit einem der hilflosesten Blicke nach der Ecke, in der Harry, Ron und Hermine versteckt
standen, „oh, das war … war Fang. Er hat einen Becher zerbrochen. So mußte ich stattdessen diese benutzen.“
Hagrid wies auf die Tasse, aus der er getrunken hatte, während eine Hand immer noch das Drachensteak auf sein
Auge presste. Umbringe stand ihm nun mit dem Gesicht gegenüber, während sie jede Kleinigkeit seines Aussehens
statt das der Hütte in Augenschein nahm.
„Ich hörte Stimme,“ sagte sie ruhig.
„Ich hab mit Fang geredet,“ sagte Hagrid beherzt.
„Und er hat Ihnen prompt geantwortet?“
„Also … in einer gewissen Weise,“ sagte Hagrid, der beunruhigt aussah. „Ich sag“ manchmal, daß Fang nah“ an
einem menschlichen -“
„Da sind drei Paar Fußabdrücke im Schnee, die vom Schloss her zu Ihrer Hütte führen,“ sagte Umbridge
schmeichlerisch.
Hermine keuchte; Harry klemmte ihr eine Hand über ihren Mund. Zum Glück schnüffelte Fang laut um den Saum
von Professor Umbridges Saum herum und sie schien es nicht gehört zu haben.
„Nun, ich bin gerade erst zurückgekommen,“ sagte Hagrid und schwenkte eine ungeheuer große Hand in Richtung
der Provianttasche. „Vielleicht kam jemand früh zu Besuch und ich hab sie verpasst.“
„Da sind keine Fußspuren, die von Ihrer Tür wegführen.“
„Also, Ich … ich weiß nicht, was das sein soll … ,“ sagte Hagrid, der sich nervös am Bart zupfte und wieder in die
Ecke blickte, wo Harry, Ron und Hermine standen, als ob er sie um Hilfe bitten wollte.
„Ähm …“
Umbridge drehte sich herum und schritt die Länge der Hütte entlang, sich sorgfältig umschauend. Sie bückte sich
und spähte unter das Bett. Sie öffnete Hagrids Küchenschränke. Sie ging fünf Zentimeter an der Stelle vorbei, wo
Harry, Ron und Hermine gegen die Wand gepresst standen; Harry zog es wahrlich den Magen zusammen, als sie
vorbeiging. Nachdem sie sorgfältig in Hagrids Kessel geschaut hatte, den Hagrid zum Kochen benutzte, drehte sich
wieder herum und sagte, „Was ist mit Ihnen passiert? Wie haben sie diese Verletzungen erlitten?“
Hastig nahm Hagrid das Drachensteak von seinem Gesicht, was in Harrys Meinung ein Fehler war, da die schwarzen
und violetten Blutergüsse und Prellungen um sein Auge herum nun deutlicher zu sehen waren, um nicht zu erwähnen
die Menge frisches und geronnenes Blut auf seinem Gesicht. „Oh, Ich … hatte eine Art Unfall,“ sagte er wie
gelähmt.
„Welche Art von Unfall?“
„Ich - ich bin gestolpert.“
„Sie sind gestolpert,“ wiederholte sie kühl.
„Ja, das stimmt. Über … über den Besen von einem Freund. Ich selber fliege nicht. Gut, schauen Sie meine Größe,
ich glaube nicht, daß es da einen Besen gibt, der mich halten könnte. Freund von mir züchtet Abraxan Pferde, ich
weiß nicht, ob Sie die jemals gesehen haben, große Biester, mit Flügeln, wissen Sie, ich hatte einen Ritt auf einem
gehabt und es war -“
„Wo sind Sie gewesen?,“ fragte Umbridge und schnitt kühl durch Hagrids Plapperei.
„Wo ich - ?“
„Gewesen bin,“ sagte sie. „Die Schule hat vor zwei Monaten begonnen. Andere Lehrer haben Ihren Unterricht
abdecken müssen. Keiner ihrer Kollegen war in der Lage mir Informationen über ihren Aufenthalt zu geben. Sie
hinterließen keine Adresse. Wo sind Sie gewesen?“
Es gab eine Pause, in der Hagrid sie mit seinem erst aufgedeckten Auge anstarrte. Harry konnte sein Hirn beinahe
wild arbeiten hören.
„Ich - ich war weg wegen meiner Gesundheit,“ sagte er.
„Wegen Ihrer Gesundheit,“ wiederholte Professor Umbridge. Ihre Augen wanderten über Hagrids verfärbtes und
geschwollenes Gesicht; Drachenblut tropfte leicht und still auf seine Weste. „Ich verstehe.“
„Ja,“ sagte Hagrid „etwas - etwas frische Luft, wissen Sie -“
„Ja, als Wildhüter muß es schwierig sein, an die frische Luft zu kommen,“ sagte Umbridge süßlich Die kleine Stelle
auf Hagrids Gesicht, die nicht schwarz oder violett war errötete.
„Nun - Tapetenwechsel, wissen Sie -“
„Bergpanorama?,“ sagte Umbridge flink.
Sie weiß es, dachte Harry verzweifelt.
„Berge?“ wiederholte Hagrid, eindeutig intensiv am Überlegen. „Nö, Süden von Frankreich. Etwas Sonne und …
und Meer.“
„Wirklich?,“ sagte Umbridge. „Sie haben nicht sehr viel Bräune.“
„Ja … also … empfindliche Haut,“ sagte Hagrid und versuchte schmeichlerisches Lächeln aufzusetzen. Harry
bemerkte, daß zwei seiner Zähne herausgeschlagen worden waren. Umbridge schaute ihn kühl an; sein Lächeln
schwand. Dann zog sie ihre Handtasche ein wenig höher in ihre Armbeuge und sagte: „Natürlich sollte ich den
Minister von Ihrer verspäteten Rückkehr berichten.“
„Klar,“ sagte Hagrid nickend.
„Sie sollten auch wissen, daß ich als Hochinquisitor die unglückliche aber notwendige Aufgabe habe, meine
Mitlehrer zu inspizieren. Es kann gut sein, daß wir bald wieder treffen werden.“
Sie drehte sich um und marschierte zur Tür zurück.
„Sie inspizieren uns?,“ wiederholte Hagrid ausdruckslos, während er ihr nachschaute.
„Oh, ja,“ sagte Umbridge weich, als sie zur Türklinke griff und sich nach ihm umschaute. „Das Ministerium ist
entschlossen nicht zufrieden stellende Lehrer auszusondern, Hagrid. Gute Nacht.“
Sie ging und schloss die Tür hinter sich mit einem Klicken. Harry wollte den Unsichtbarkeitumhang herunterziehen,
aber Hermine packte ihm am Handgelenk.
„Noch nicht,“ flüsterte sie ihm ins Ohr. „Sie könnte noch nicht fort sein.“
Hagrid schien das gleiche zu denken; er stampfte durch den Raum und zog den Vorhang ein wenig zurück.
„Sie geht zurück zum Schloss,“ sagte er in einer leisen Stimme. „Ich werd“ verrückt … sie inspiziert wirklich die
Leute?“
„Ja,“ sagte Harry und zog den Umhang herunter. „Trelawney ist schon auf Bewährung …“
„Ähm … was genau planst du denn mit uns im Unterricht durchzunehmen, Hagrid?,“ fragte Hermine.
„Oh, mach dir darüber keine Sorgen, ich hab ne riesige Menge Stunden geplant,“ sagte Hagrid begeistert, nahm sein
Drachensteak vom Tisch und klatschte es wieder über sein Auge. „Ich halte gerade ein paar Kreaturen für euer ZAG-
Jahr; wartet, sie sind etwas wirklich Besonderes.“
„Ähm … Besonderes in welcher Art?,“ fragte Hermine vorsichtig.
„Sag ich nicht,“ sagte Hagrid fröhlich. „Will euch die Überraschung nicht verderben.“
„Schau, Hagrid,“ sagte Hermine eindringlich, allen Schein ablegend, „Professor Umbridge wird ganz und gar nicht
erfreut drüber sein, wenn du irgendwas in den Unterricht bringst, das nebenbei gefährlich ist.“
„Gefährlich?,“ sagte Hagrid und schaute freundlich verwirrt drein. „Sei nicht albern, ich würde euch nie irgendwas
Gefährliches geben! Ich meine, ok, sie können auf sich selber aufpassen -“
„Hagrid, du mußt Umbridges Inspektion überstehen, und um das zu tun wäre es wesentlich besser, wenn sie sehen
würde, wie du uns zeigst, auf Porlock aufzupassen, wie man Knarls von Idel unterscheidet. Solche Sachen,“ sagte
Hermine mit ernstem Ton.
„Aber das ist nicht wirklich interessant, Hermine,“ sagte Hagrid. „Das Zeug was ich für euch habe ist viel
beeindruckender. Ich ziehe sie schon seit Jahren groß, vermutlich die einzige Herde in Britannien.“
„Hagrid … bitte …,“ sagte Hermine mit einer Spur echter Verzweiflung in ihrer Stimme. „Umbridge sucht nach
jeder Entschuldigung einen Lehrer los zu werden, bei denen sie eine zu große Nähe zu Dumbledore vermutet. Bitte,
Hagrid, unterrichte uns etwas langweiliges, was in unseren ZAG vorkommt soll.“
Aber Hagrid gähnte bloß weit und warf einen sehnsüchtigen ein-Auge Blick zu seinem riesigen Bett in der Ecke.
„Hört mal, es war ein langer Tag und es ist spät“; sagte er und klopfte Hermine sanft auf die Schulter, so daß ihre
Knie nachgaben und mit einem dumpfen Poltern auf den Boden schlugen. „Oh - tut mir leid -.“ Er zog sie am Kragen
ihres Umhangs wieder hoch. „Schaut, macht euch um mich keine Sorgen, ich verspreche euch, daß ich wirklich gutes
Zeug für eueren Unterricht geplant hab, wo ich wieder da bin … jetzt geht ihr Bande besser wieder zurück zum
Schloss, und vergesst nicht euere Fußabdrücke hinter euch zu verwischen!“
„Ich weiß nicht, ob du zu ihm durchgedrungen bist“; sagte Ron ein kurze Weile später, nachdem sie überprüft hatten,
ob die Luft rein war und wieder durch den dicker werdenden Schnee zum Schloss zurückgingen. Sie hinterließen
keine Spur wegen dem Auslöschungszauber, den Hermine ausführte während sie gingen.
„Dann werden wir morgen wieder hingehen,“ sagte Hermine entschlossen. „Ich werde seine Stunden für ihn planen,
wenn es sein muß. Ist mir egal, ob sie Trelawney rauswirft, aber Hagrid wird sie nicht abservieren!“
Kapitel 21 - Das Auge der Schlange
Am Sonntagmorgen bahnte Hermine sich ihren Weg zu Hagrids Hütte durch den hohen Schnee. Harry und Ron
wollten sie eigentlich begleiten, aber ihr Hausaufgabenberg hatte mal wieder eine alarmierende Höhe erreicht, so daß
sie widerwillig im Gemeinschaftsraum blieben. Dabei versuchten sie, das ausgelassene Geschrei zu ignorieren, das
von draußen zu ihnen drang, wo die übrigen Schüler auf dem gefrorenen See Schlittschuh liefen oder auf den Wiesen
rodelten und - am schlimmsten von allem - Schneebälle so verzauberten, daß sie auf den Gryffindorturm zielten und
hart gegen die Fenster schlugen.
„Jetzt reicht“s!“ brüllte Ron, als er schließlich die Geduld verlor und seinen Kopf zum Fenster hinausstreckte, „Ich
bin ein Vertrauensschüler, und wenn noch ein Schneeball dieses Fenster treffen sollte - AUA!“
Er zog seinen Kopf plötzlich zurück und sein Gesicht war weiß von Schnee.
„Es sind Fred und George,“ sagte er bitter während er das Fenster zuwarf. „Idioten...“
Den Mantel feucht bis zu den Knien und leicht fröstelnd, kam Hermine kurz vor dem Mittagessen zurück von
Hagrid.
Ron sah auf, als sie hereinkam: „Und? Hast du jetzt alle Unterrichtsstunden für ihn geplant?“
„Na ja, ich hab’s versucht,“ antwortete sie matt und ließ sich in einen Sessel neben Harry fallen. Sie holte ihren
Zauberstab aus der Tasche und vollführte eine komplizierte Wellenbewegung, mit dem Ergebnis, daß warme Luft
aus der Spitze des Stabes strömte, mit der sie auf ihren Umhang zielte, der dampfend zu trocknen begann. „Er war
noch nicht da, als ich ankam. Ich habe fast eine halbe Stunde lang geklopft. Und dann kam er aus dem Wald gestapft
- „
Harry ächzte. Der verbotene Wald strotzte nur so von der Art von Geschöpfen, für die Hagrid höchstwahrscheinlich
rausgeschmissen würde. „Was hat er da drin gemacht? Hat er irgendwas gesagt?,“ fragte er nach.
„Nein,“ antwortete Hermine kläglich. „Er sagt, sie sollen eine Überraschung sein. Ich hab“ versucht, ihm das mit
Umbridge zu erklären. Aber er versteht“s einfach nicht. Er meint weiterhin, daß niemand mit klarem Kopf lieber
Knarls als Chimären studieren würde - oh, ich glaube nicht, daß er eine Chimäre hat,“ ergänzte sie schnell, als sie die
entsetzten Gesichter von Harry und Ron sah, „aber das liegt nicht daran, daß er es nicht versucht hätte, nach dem was
er darüber erzählt, wie schwer es ist, an die Eier zu kommen. Ich weiß nicht, wie oft ich ihm gesagt habe, er soll
Rauhe-Pritsches Konzept folgen; aber ich glaube nicht, daß er auch nur die Hälfte davon mitbekommen hat. Er ist
irgendwie in einer komischen Stimmung und rückt immer noch nicht damit raus, woher er die ganzen Verletzungen
hat.“
Daß Hagrid am nächsten Morgen beim Frühstück wieder am Lehrertisch saß, rief nicht bei allen Schülern Freude
hervor. Manche, wie Fred, George und Lee, schrieen vor Freude und sprinteten den Gang zwischen den Tischen von
Gryffindor und Hufflepuff entlang, um Hagrids riesige Hand zu schütteln; andere, wie Parvati und Lavender,
tauschten düstere Blicke und schüttelten die Köpfe. Harry wußte, daß viele von ihnen Professor Rauhe-Pritsches
Stunden lieber mochten, und das Schlimmste daran war, daß ein sehr kleiner, unvoreingenommener Teil von ihm
wußte, daß sie nur zu gute Gründe dafür hatten: Rauhe-Pritsches Vorstellung von interessantem Unterricht war
keine, in der jemand Gefahr lief, den Kopf abgerissen zu bekommen.
Harry, Ron und Hermine spürten eine gewisse Beunruhigung, als sie - dick verpackt gegen die Kälte - am Dienstag
auf Hagrids Hütte zusteuerten. Harry war besorgt, nicht nur darüber, in was Hagrid sie nun unterrichten wollte,
sondern auch darüber wie der Rest der Klasse; insbesondere Malfoy und seine Kumpanen, sich verhalten würden,
wenn Umbridge sie beobachtete.
Doch der Hochinquisitor war nirgendwo zu sehen, als sie sich durch den Schnee zu Hagrid quälten, der am Rand des
Waldes auf sie wartete. Sein Anblick war nicht sehr beruhigend: Die Blutergüsse, die am Samstagabend noch lila
waren, hatten nun eine Spur von grün und gelb und manche seiner Schnitte schienen immer noch zu bluten. Harry
konnte das nicht verstehen: war Hagrid etwa von einer Kreatur angegriffen worden, deren Gift die zugefügten
Wunden daran hindert zu heilen? Und wie um das bedrohliche Bild zu vervollständigen hatte Hagrid etwas über
seiner Schulter hängen, das wie eine halbe tote Kuh aussah.
„Wir arbeiten heute hier drin!,“ rief Hagrid fröhlich den ankommenden Schülern entgegen und wies dabei mit dem
Kopf auf die dunklen Bäume hinter ihm. „„N bißchen besser geschützt da drin! Sie bevorzugen sowieso die
Dunkelheit.“
„Was bevorzugt die Dunkelheit?,“ hörte Harry Malfoy mit einem leichten Anflug von Panik in der Stimme zu
Crabbe und Goyle zischen. „Was hat er gesagt bevorzugt die Dunkelheit - habt ihr das gehört?“
Harry erinnerte sich jetzt wieder an das letzte und einzige Mal, als Malfoy den Wald betreten hatte; er war auch
damals nicht sehr mutig gewesen. Er fing an zu schmunzeln; nach dem letzten Quidditch-Spiel war Harry alles lieb,
was Malfoy Unbehagen bereitete.
„Bereit?,“ fragte Hagrid und sah dabei vergnügt in die Runde. „So, „hab noch „n Ausflug in den Wald für euch
Fünftklässler aufg“spart. Dachte, wir schau“n uns die Kreaturen mal in ihrem natürlichen Lebensraum an. Das, was
wir heut“ beobachten is“ ziemlich selten, schätze, bin der einzige in England, der“s geschafft hat, die abzurichten.“
Und Sie sind wirklich sicher, das die abgerichtet sind?,“ fragte Malfoy, aus dessen Stimme immer deutlicher Panik
klang. „Wäre ja nicht das erste Mal, daß Sie wildes Zeug mit in den Unterricht bringen, nicht wahr?“
Von den Slytherins war murmelnde Zustimmung zu vernehmen, aber auch ein paar Gryffindors konnte man ansehen,
daß sie mit Malfoy nicht uneins waren - zumindest dieses eine Mal.
„„Türlich sind sie abgerichtet,“ sagte Hagrid missmutig und hievte die tote Kuh ein bißchen höher seine Schulter
hinauf.
„Und was ist dann mit Ihrem Gesicht passiert?,“ bohrte Malfoy weiter.
„Kümmer“ dich um deine eigenen Angelegenheiten!,“ knurrte Hagrid ärgerlich. „Und kommt mit, wenn ihr alle
dummen Fragen gestellt habt!“
Damit drehte er sich um und ging mit großen Schritten geradewegs in den Wald. Keiner schien ihm folgen zu
wollen. Harry warf einen Blick auf Ron und Hermine, die beide seufzten, aber nickten. Und so machten sich die drei
daran, hinter Hagrid her zu laufen und der Rest der Klasse folgte ihnen.
Nachdem sie ungefähr zehn Minuten gegangen waren, erreichten sie eine Stelle, an der die Bäume so dicht
beieinander standen, daß es so dunkel wie in der Dämmerung war und kein Schnee auf dem Boden lag. Mit einem
Grunzen warf Hagrid seine Kuh auf den Boden, trat einen Schritt zurück und drehte sich zu seinen Schülern, von
denen die meisten immer noch von Baum zu Baum auf ihn zuschlichen und dabei nervös umher schielten, als ob sie
befürchteten, jeden Moment überfallen zu werden.
„Kommt zusammen, kommt zusammen,“ ermutigte Hagrid sie. „Jetzt werd“n sie vom Geruch des Fleisches
angelockt, werd“ sie aber trotzdem noch rufen; haben“s gern, wenn ich da bin.“
Er wandte ihnen wieder den Rücken zu, schüttelte das zottelige Haar aus seinem Gesicht und gab einen seltsamen,
schrillen Schrei von sich, dessen Echo durch den ganzen dunklen Wald hallte, wie der Ruf eines rieseigen Vogels.
Keiner lachte: Die meisten waren stumm vor Schreck.
Hagrid schrie noch einmal. Eine Minute ging vorbei, während der die Schüler nervös über ihre Schultern und in den
Wald starrten, um einen ersten Blick auf das, was kommen sollte zu erhaschen. Und dann, als Hagrid gerade sein
Haar zum dritten Mal in den Nacken warf und tief einatmete, stupste Harry Ron an und wies auf den schwarzen
Raum zwischen zwei knorrigen Eiben.
Ein Paar tiefe, weiße, glänzende Augen wuchsen aus den Schatten und einen Moment später erschien das
drachenartige Gesicht, der Hals und schließlich der skelettartige Körper eines schwarzen, geflügelten Pferdes. Es
musterte die Klasse kurz, während es mit dem Schwanz schlug und beugte dann seinen Kopf und begann mit seinen
scharfen Fängen Fleisch aus der toten Kuh zu reißen.
Eine Welle der Erleichterung überkam Harry. Hier war nun endlich der Beweis, daß er sich diese Kreaturen nicht
eingebildet hatte, es gab sie wirklich: Hagrid wußte auch von ihnen. Er sah Ron erwartungsvoll an, aber Ron schaute
sich immer noch um und flüsterte nach ein paar Sekunden: „Warum ruft Hagrid nicht nochmal?“
Die meisten der anderen schienen genau wie Ron verwirrt und voll nervöser Erwartung zu sein und starrten überall
hin, nur nicht auf das Pferd zwei Meter vor ihnen. Es schien nur zwei andere Schüler zu geben, die es auch sehen
konnten: ein sehniger Junge aus Slytherin direkt hinter Goyle, der das Pferd beim Fressen mit einem Ausdruck
größten Widerwillens betrachtete; und Neville, dessen Augen dem umherschlagenden, schwarzen Schwanz folgten.
„Oh, und hier kommt noch eins !“ Sagte Hagrid stolz, als ein zweites schwarzes Pferd aus den dunklen Bäumen
auftauchte, seine lederartigen Flügel dicht an seinen Körper faltete und seinen Kopf senkte, um gierig von dem
Fleisch zu fressen. „Jetzt....Hände hoch, wer kann sie sehen ?“
Harry freute sich enorm, denn er fühlte, daß er nun wenigstens das Geheimnis dieser Pferde verstehen würde. Er hob
seine Hand. Hagrid nickte ihm zu.
„Yeah...yeah, Ich wußte Du würdest das können Harry,“ sagte er ernsthaft. „Und du auch, Neville, nich ? Und -“
„Entschuldigung,“ sagte Malfoy mit spöttischer Stimme, „aber was genau sollten wir denn sehen können ?“
Als Antwort zeigte Hagrid auf den Kuhkadaver auf dem Boden.
Die ganze Klasse starrte einige Sekunden darauf, dann keuchten mehrere von ihnen, und Parvati quiekte. Harry
verstand warum : Fleischstücke, die sich wie von selbst von den Knochen lösten und dann im Nichts verschwanden,
mußten schon sehr merkwürdig aussehen.
„Was tut das ?“wollte Parvati mit ängstlicher Stimme wissen und zog sich hinter den nächsten Baum zurück.
„Wer ißt das ?“
„Thestrals“ sagte Hagrid stolz, und Hermine neben Harrys Schulter gab ein leises, verstehendes „Oh !“ von sich.
„Hogwarts hat „ne ganze Herde davon hier drinnen. Nun, wer weiß - ?“
„Aber sie sind wirklich, wirklich ungut“ unterbrach ihn Parvati, alarmiert aussehend. „Sie sollen den Menschen, die
sie sehen können, alle möglichen Arten von schrecklichem Unglück bringen. Professor Trelawney hat mir mal
erzählt - „
„Nein, nein, nein“ sagte Hagrid glucksend, „das ist bloß Aberglaube, so ist das, sie sind nicht ungut, sie sind verflixt
clever und nützlich ! Sicher, der Haufen hier kriegt nicht viel zu arbeiten, meistens ziehen sie nur die Schulkutschen,
es sei denn Dumbledore macht „ne lange Reise und will nicht apparieren - und hier sind noch mehr, seht hin - „
Zwei weitere Pferde kamen leise zwischen den Bäumen hervor, eines von ihnen zog sehr dicht an Parvati vorbei.
Die zitterte und drückte sich selbst noch dichter gegen den Baum, während sie sagte : „Ich denke ich habe etwas
gefühlt, ich glaube es ist bei mir in der Nähe !“
„Keine Sorge, es wird dir nix tun,“ sagte Hagrid geduldig. „Gut, wer kann mir sagen warum manche von euch sie
sehen können und manche nich ?“
Hermine hob ihre Hand.
„Dann mal los“ sagte Hagrid und strahlte sie an.
„Die einzigen Menschen, die in der Lage sind, Thestrals zu sehen“ sagte sie, „sind Menschen, die den Tod gesehen
haben.“
„Das stimmt genau“ sagte Hagrid feierlich, „10 Punkte für Gryffindor. Nun, Thestrals - „
„Hem, hem.“
Professor Umbridge war angekommen. Sie stand einige Meter von Harry entfernt, trug wieder ihren grünen Hut und
den Umhang und hielt ihr Klemmbrett bereit. Hagrid, der noch nie zuvor den gekünstelten Husten von Umbridge
gehört hatte, betrachtete leicht besorgt das ihm am nächsten stehende Thestral. Er hatte offensichtlich den Eindruck,
dieses hätte das Geräusch verursacht.
„Hem, hem.“
„Oh hallo !“ sagte Hagrid, lächelnd, weil er den Ursprung des Geräusches gefunden hatte.
„Sie haben die Nachricht erhalten, die ich ihnen heute Morgen in ihre Hütte geschickt habe ?“ sagte Umbridge mit
der selben lauten und langsamen Stimme, die sie ihm gegenüber schon früher benutzt hatte, so als würde sie zu
jemandem sprechen, der sowohl ausländisch ,als auch langsam im Denken war. „Die ihnen gesagt hat, daß ich ihre
Unterrichtsstunde inspizieren würde?“
„Oh, yeah,“ sagte Hagrid strahlend, „also wie sie sehen können. - oder, ich weiß nich - können sie ? Wir nehmen
heute Thestrals durch - „
„Verzeihung ?“ sagte Umbridge laut, legte ihre gewölbte Hand hinter ihr Ohr und runzelte die Stirn. „Was haben sie
gesagt ?“
Hagrid sah leicht irritiert aus.
„Äh - Thestrals !“ sagte er laut. „Große - äh - geflügelte Pferde, wissen sie.“
Er schlug hoffnungsvoll mit seinen riesigen Armen. Professor Umbridge zog die Augenbrauen hoch und murmelte,
während sie eine Notiz auf ihrem Klemmbrett machte, vor sich hin : „Muß ... Zuflucht ... zu ... simpler ... Zeichen ...
sprache ... nehmen.“
„Also... jedenfalls ... „ sagte Hagrid, drehte sich wieder zur Klasse zurück und sah etwas verwirrt aus, „ehm.... was
habe ich gerade gesagt ?“
„Scheint ... ein ... schlechtes ... Kurz ... zeit ... gedächnis ... zu ... haben,“ murmelte Umbridge , laut genug, so daß es
alle hören konnten. Draco Malfoy sah aus, als würde Weihnachten einen Monat früher stattfinden ; Hermine
andererseits war vor unterdrückter Wut scharlachrot angelaufen.
„Oh, yeah,“ sagte Hagrid und warf einen unbehaglichen Blick auf Umbridges Klemmbrett. Aber er zog es tapfer
weiter durch. „Yeah, ich wollte euch erzählen, wie es kommt, daß wir eine Herde haben. Yeah, also, wir haben mit
einem männlichen und fünf weiblichen angefangen. Der hier,“ er tätschelte das Pferd, das zuerst erschienen war,“
sein Name ist Tenebrus, er ist mein besonderer Liebling, der erste der hier im Wald geboren wurde - „
„Sind sie sich darüber im Klaren“ sagte Umbridge laut, ihn unterbrechend, „daß Thestrals vom
Zaubereiministerium als „gefährlich“ klassifiziert wurden ?“
Harrys Herz wurde schwer wie ein Stein, aber Hagrid gluckste nur.
„Thestrals sind nich gefährlich ! Na gut, vielleicht beißen sie ein Stück aus einem heraus, wenn man sie wirklich
ärgert -“
„Zeigt ... Anzeichen ... von ... Vergnügen ... bei ... dem ... Gedanken ... an ... Gewalt“ murmelte Umbridge, wieder auf
ihr Klemmbrett kritzelnd.
„Nein - kommen sie schon!“ sagte Hagrid, inzwischen ein wenig beunruhigt aussehend, „Ein Hund wird
zuschnappen wenn man ihm den Köder hinhält, oder nich ? - Thestrals haben bloß einen schlechten Ruf wegen
dieser Geschichte mit dem Tod - die Leute denken gewöhnlich, daß sie ein schlechtes Vorzeichen sind, nich wahr ?
Haben“s bloß nich verstanden, nich wahr ?“
Umbridge antwortete nicht; sie schrieb ihre letzte Notiz zu ende, dann sah sie zu Hagrid hoch und sagte, wieder sehr
laut und langsam : „Bitte unterrichten sie weiter wie gewöhnlich. Ich werde inzwischen herumgehen,“ sie tat so , als
würde sie laufen (Malfoy und Pansy Parkinson lachten still in sich hinein) „zwischen den Schülern“ (Sie zeigte
rundum auf einzelne Mitglieder der Klasse) „und werde sie befragen.“ Sie zeigte auf ihren Mund, um Sprechen
anzudeuten.
Hagrid starrte sie an. Es war offensichtlich, daß er nicht begreifen konnte, warum sie sich benahm, als sei er nicht in
der Lage, normales Englisch zu verstehen. Hermine standen jetzt Tränen der Wut in den Augen.
„Du altes Weib, du bösartiges altes Weib !“flüsterte sie, während Umbridge auf Pansy Parkinson zuging. „Ich weiß,
was du hier machst, du schreckliche, verdrehte, tückische -“
„Äh ... jedenfalls,“ sagte Hagrid, der offensichtlich darum kämpfte, seinen roten Faden wiederzufinden, „also -
Thestrals. Yeah. Nun, es gibt „ne Menge gute Sachen über sie ...“
„Findest du,“ sagte Professor Umbridge mit schriller Stimme zu Pansy Parkinson, „daß du in der Lage bist, Professor
Hagrid zu verstehen, wenn er spricht ?“
Wie Hermine, so hatte auch Pansy Parkinson Tränen in den Augen, aber das waren Lachtränen; ihre Antwort war
tatsächlich etwas zusammenhanglos, weil sie versuchte, ihr Kichern zu unterdrücken.
„Nein ... weil ... es klingt ... meistens ... wie Gegrunze ...“
Umbridge kritzelte auf ihrem Klemmbrett. Die wenigen unverletzten Teile von Hagrids Gesicht röteten sich, aber er
versuchte, so zu tun, als hätte er Pansy Parkinsons Antwort nicht gehört.
„Äh ... yeah ... gute Sachen über Thestrals. Also, wenn sie erst mal gezähmt sind, wie dieser Haufen, kann man nicht
mehr verloren gehen. Super Orientierungssinn, man muß ihnen nur sagen, wohin man will -“
„Vorausgesetzt, man nimmt an, daß sie einen verstehen können,“ sagte Malfoy laut, und Pansy Parkinson brach mit
einem erneuten Lachanfall zusammen. Professor Umbridge lächelte sie nachsichtig an und drehte sich zu Neville um.
„Du kannst die Thestrals sehen, Longbottom, nicht wahr ?“ fragte sie.
Neville nickte.
„Wen hast du sterben sehen ?“ fragte sie in gleichgültigem Ton.
„Meinen ... meinen Großvater,“ sagte Neville.
„Und was hältst du von ihnen ?“ sagte sie und wedelte mit ihrer plumpen Hand in Richtung der Pferde, die
inzwischen den Kadaver bis fast auf die Knochen abgefressen hatten.
„Ähm,“ sagte Neville nervös, mit einem Blick zu Hagrid. „Nun, sie sind ... äh ... OK ...“
„Schüler ... sind ... zu ... eingeschüchtert ... um ... zu ... sagen ... daß ... sie ... Angst ... haben,“ murmelte Umbridge,
während sie eine weitere Notiz auf ihrem Klemmbrett machte.
„Nein!“ Sagte Neville und sah bestürzt aus, „ich habe keine Angst vor ihnen!“
„Schon gut,“ sagte Umbridge. Sie tätschelte Neville die Schulter mit einem Lächeln, das wohl ein verständnisvolles
sein sollte, aber auf Harry wirkte es einfach fies. „Nun, Hagrid,“ sie drehte sich herum, um ihn wieder anzusehen,
und sprach wieder mit dieser lauten, langsamen Stimme, „ ich glaube, ich weiß jetzt genug, um klarzusehen. Sie
erhalten“ (sie tat so, als würde sie etwas aus der Luft vor sich nehmen) „die Ergebnisse ihrer Inspektion“ (sie zeigte
auf das Klemmbrett) „in 10 Tagen.“ Sie hielt 10 plumpe Finger hoch. Dann hastete sie, ihr Lächeln breiter und
krötenartiger als jemals zuvor unter ihrem grünen Hut, aus ihrer Mitte davon. Sie hinterließ Malfoy und Pansy
Parkinson vor Lachen geschüttelt, Hermine regelrecht zitternd vor Zorn, und Neville verwirrt und traurig aussehend.
„Dieser dreckige, lügende, verdrehte alte Wasserspeier !“ wütete Hermine eine halbe Stunde später, als sie durch die
Wege, die sie vorher in den Schnee getrampelt hatten, zum Schloß zurückgingen. „Seht ihr, was sie vorhat ?
Das ist wieder ihr Problem, das sie mit den Halbblütern hat, sie versucht, aus Hagrid eine Art dämlichen Troll zu
machen, nur weil er eine Riesin zur Mutter hatte - und oh, das ist nicht fair, das war überhaupt keine schlechte
Stunde - ich meine, na gut, wenn es wieder Knallrümpfige Kröter gewesen wären, aber Thestrals sind in Ordnung -
tatsächlich sind sie für Hagrid sogar richtig gut !“
„Umbridge hat gesagt, sie seien gefährlich,“ sagte Ron.
„Ach, es ist so wie Hagrid gesagt hat, sie können auf sich selbst aufpassen,“ sagte Hermine ungeduldig. „ Ich
vermute, eine Lehrerin wie Raue-Pritsche würde sie uns normalerweise nicht vor dem UTZ-level zeigen, aber, nun,
sie sind sehr interessant, oder? Die Art und Weise wie manche Menschen sie sehen können und andere nicht ! Ich
wünschte, ich könnte es .“
„Tust du das ?“ Fragte Harry sie leise.
Sie sah plötzlich geschockt aus.
„Oh, Harry, - es tut mir leid - nein, natürlich nicht - es war wirklich dumm von mir, das zu sagen.“
„Schon OK,“ sagte er rasch, „Keine Sorge.“
„Es überrascht mich, daß so viele Leute sie sehen konnten,“ sagte Ron. „Drei aus einer Klasse - „
„Yeah, Weasley, wir haben uns gerade etwas gefragt“ ertönte eine hämische Stimme. Keiner von ihnen hatte in dem
alles umhüllenden Schnee gehört, daß Malfoy, Crabbe und Goyle direkt hinter ihnen herliefen.
„Glaubst Du eigentlich, wenn Du jemanden beobachten würdest, der ihn abschnüffelt, daß du dann den Quaffel
besser sehen könntest ?“
Er, Crabbe und Goyle brüllten vor Lachen, während sie sich weiter durch den Schnee arbeiteten, dann begannen sie
im Chor zu singen „ Weasley ist unser König.“ Rons Ohren wurden scharlachrot.
„Ignorier sie, ignorier sie einfach,“ sagte Hermine, während sie ihren Zauberstab zückte und erneut den Spruch
anwendete, der heiße Luft produzierte, so daß sie ihnen einen einfacheren Weg in den unberührten Schnee zwischen
sich und den Gewächshäusern schmelzen konnte.
*
Es wurde Dezember, was mehr Schnee und eine richtige Lawine an Hausaufgaben für die Fünftklässler mit sich
brachte. Und auch Rons und Hermines Pflichten als Vertrauensschüler wurden immer mühsamer, als es auf
Weihnachten zuging. Sie hatten die Aufträge, das Dekorieren der Burg zu leiten („Versuch mal, Lametta
aufzuhängen, wenn Peeves das andere Ende hält und versucht, dich damit zu erwürgen,“ sagte Ron“), aufzupassen,
daß die Erst- und Zweitklässler ihre Pausen wegen der klirrenden Kälte im Gebäude verbrachten („Und sie sind
freche kleine Rotznasen, weißt du, wir waren ganz sicher nicht so unverschämt, als wir in der ersten Klasse waren,“
sagte Ron) und abwechselnd mit Argus Filch, der argwöhnte, daß sich die Ferienstimmung in einem Ausbruch von
Zauberer-Duellen äußern könnte, Kontrollgänge auf den Fluren zu machen („Er hat nur Stroh im Kopf, dieser Kerl,“
sagte Ron wütend). Sie hatten so viel zu tun, daß Hermine sogar aufhörte, Mützen für die Hauselfen zu stricken und
sich ärgerte, weil nur noch drei fehlten.
„All die armen Elfen, die ich noch nicht befreit habe, jetzt müssen sie über Weihnachten hier bleiben, weil es nicht
genug Hüte gibt!“
Harry, der es nicht übers Herz brachte, ihr zu sagen, daß Dobby alles einsammelte, was sie strickte, beugte sich tiefer
über seinen Aufsatz für Geschichte der Zauberei. Er wollte sowieso nicht über Weihnachten nachdenken. Zum ersten
Mal in seiner Schulzeit wünschte er sich, die Ferien nicht in Hogwarts zu verbringen. Mit seinem Quidditch-Verbot
und der Sorge darüber, ob Hagrid auf Bewährung gesetzt werden würde, nahm er diesem Ort zur Zeit einiges sehr
übel. Das einzige, worauf er sich wirklich freute, waren die DA-Treffen, aber sie würden in den Ferien ausfallen
müssen, weil fast jeder der DA die Zeit mit seiner Familie verbringen würde. Hermine würde mit ihren Eltern Ski
fahren, eine Tatsache, die Ron köstlich amüsierte, der noch nie davon gehört hatte, daß Muggel schmale Holzstücke
an ihre Füße banden, um damit Berge hinunter zu gleiten. Ron fuhr nach Hause zum Fuchsbau. Harry stand einige
Tage voller Neid durch, bis Ron als Antwort auf Harrys Frage, wie er Weihnachten nach Hause kommen wolle,
sagte: „Aber du kommst doch mit! Hab ich das nicht gesagt? Mam hat mir schon vor Wochen geschrieben und
gesagt, daß ich dich einladen soll!“
Hermine verdrehte die Augen, aber Harrys Laune stieg schlagartig: Der Gedanke, Weihnachten im Fuchsbau zu
verbringen, war einfach großartig, obwohl er etwas verdorben wurde von Harrys Schuldgefühlen, weil er die Ferien
nicht mit Sirius würde verbringen können. Er fragte sich, ob er möglicherweise Mrs Weasley überzeugen konnte,
seinen Patenonkel zu dem Fest einzuladen. Obwohl er bezweifelte, daß Dumbledore Sirius überhaupt erlauben
würde, Grimmauld Place zu verlassen, konnte er den Gedanken nicht verhindern, daß Mrs Weasley ihn vielleicht
nicht da haben wollen würde; sie lagen sich so oft in den Haaren. Sirius hatte seit seinem letzten Erscheinen im Feuer
überhaupt keinen Kontakt zu Harry aufgenommen, und obwohl Harry wußte, daß der Versuch, Verbindung mit ihm
aufzunehmen, nicht klug wäre, solange Umbridge ständig auf Lauer lag, gefiel ihm der Gedanke nicht, wie Sirius
allein in dem alten Haus seiner Mutter saß und sich vielleicht zusammen mit Kreacher ein einsames Knallbonbon
teilte.
Harry kam zum letzten DA-Treffen vor den Ferien zu früh im Raum für Bedarfsfälle an und war sehr froh darüber,
denn als die Fackeln sich entzündeten, sah er, daß Dobby es übernommen hatte, den Raum weihnachtlich zu
schmücken. Er wußte, daß es der Elf gewesen war, weil niemand sonst hundert goldene Kugeln an die Decke
gebunden hätte, von denen jede ein Bild von Harry trug und die Aufschrift: „HAVE A VERY HARRY
CHRISTMAS!“
Harry hatte es gerade geschafft, die letzten davon abzunehmen, als die Tür sich knarrend öffnete und Luna Lovegood
hereinkam, verträumt wie üblich aussehend.
„Hallo,“ sagte sie unbestimmt und schaute auf das, was von der Dekoration übrig war. „Die sind schön, hast du sie
aufgehängt?“
„Nein,“ sagte Harry, „Das war Dobby, der Hauself.“
„Mistelzweig,“ sagte Luna träumerisch und zeigte auf ein großes Büschel von weißen Beeren, das sich fast über
Harrys Kopf befand. Er sprang unter ihm fort. „Gut geschaltet,“ sagte Luna sehr ernsthaft. „Sie sind oft von Nargeln
befallen.“
Die Ankunft von Angelina, Katie und Alicia ersparte es Harry, fragen zu müssen, was Nargel sind. Alle drei waren
außer Atem und sahen halb erfroren aus.
„Also,“ sagte Angelina lustlos, „wir haben dich jetzt ersetzt.“
„Mich ersetzt?“ fragte Harry verständnislos.
„Dich und Fred und George,“ sagte sie ungeduldig. „Wir haben einen neuen Sucher!“
„Wen?“ fragte Harry schnell.
„Ginny Weasly,“ sagte Katie.
Harry starrte sie an.
„Ja, ich weiß,“ sagte Angelina, zog ihren Zauberstab hervor und machte Aufwärmübungen mit ihrem Arm, „aber sie
ist ziemlich gut. Nicht mit dir zu vergleichen, natürlich,“ sagte sie und warf ihm einen sehr garstigen Blick zu, „aber
da wir dich nicht haben können...“
Harry schluckte mühsam die Entgegnung herunter, die er gerne gegeben hätte: Glaubte sie eine Sekunde lang, daß er
seinen Ausschluss aus dem Team nicht hundertmal mehr bedauerte als sie?
„Und was ist mit den Treibern?“ fragte er und bemühte sich, seine Stimme ruhig klingen zu lassen.
„Andrew Kirke,“ sagte Angelina ohne Begeisterung, „und Jack Sloper. Keiner von beiden ist großartig, aber
verglichen mit den anderen Idioten, die aufgetaucht sind...“
Die Ankunft von Ron, Hermine und Neville beendete diese deprimierende Unterhaltung, und innerhalb von fünf
Minuten hatte sich der Raum derart gefüllt, daß Harry Angelinas stechende, vorwurfsvolle Blicke nicht mehr sehen
konnte.
„OK,“ sagte er und brachte alle zum Schweigen. „Ich dachte, daß wir heute Abend nur wiederholen, was wir bisher
gemacht haben, weil es das letzte Treffen vor den Ferien ist und es keinen Sinn macht, etwas Neues anzufangen
direkt vor einer dreiwöchigen Pause - „
„Wir machen nichts Neues?“ fragte Zacharias Smith, in einem verärgerten Flüstern, das laut genug war, um im
ganzen Raum gehört zu werden. „Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht gekommen.“
„Na, dann tut es uns allen furchtbar leid, daß Harry dir nicht Bescheid gesagt hat,“ sagte Fred laut.
Einige Leute kicherten. Harry sah, daß Cho lachte und fühlte das vertraute flatternde Gefühl in seinem Magen, als ob
er beim Treppabgehen eine Stufe übersehen hatte.
„ - wir können in Paaren üben,“ sagte Harry. „Wir fangen mit dem Impedimenta-Zauber an, zehn Minuten lang, und
dann können wir die Kissen vorholen und noch einmal Betäuben probieren.“
Alle teilten sich gehorsam auf; Harry nahm wie immer Neville als Partner. Schnell war der Raum erfüllt von in
Abständen erklingenden „Impedimenta!“-Rufen. Leute erstarrten für etwa eine Minute, während ihre Partner sich
ziellos im Raum umsahen und den anderen übenden Paaren zuschauten, die Starre löste sich wieder und sie
versuchten dann ihrerseits den Zauberspruch.
Neville war nicht wiederzuerkennen, so sehr hatte er sich verbessert. Nach einer Weile, als Harry drei Mal
hintereinander wieder aus der Starre aufgetaut war, ließ er Neville wieder mit Ron und Hermine üben, damit er durch
den Raum gehen konnte und die anderen kontrollieren. Als er an Cho vorbeiging, strahlte sie ihn an; er widerstand
der Versuchung, noch mehrere Male an ihr vorbeizugehen.
Nach zehn Minuten mit dem Impedimenta-Zauber verteilten sie auf dem ganzen Fußboden Kissen und fingen an,
noch einmal Betäuben zu üben. Der Raum war einfach zu klein, um alle auf einmal den Spruch üben zu lassen; die
Hälfte der Gruppe sah eine Weile den anderen zu, dann wurde getauscht.
Harry fühlte sich von Stolz erfüllt, als er ihnen allen zusah. Gut, Neville Betäubte eher Padma Patil als Dean, auf den
er gezielt hatte, aber es war ein viel knapperes Daneben als sonst, und alle anderen hatten gewaltige Fortschritte
gemacht.
Als eine Stunde vorbei war, stoppte Harry die Übungen.
„Ihr werdet richtig gut,“ sagte er und strahlte sie alle an. „Wenn wir aus den Ferien zurück sind, können wir mit den
schwierigen Sachen anfangen - vielleicht sogar Patronus.“
Es wurde aufgeregt gemurmelt. Das Zimmer leerte sich in den üblichen Zweier- und Dreiergrüppchen, die meisten
wünschten Harry frohe Weihnachten, als sie gingen. Fröhlich gestimmt sammelte er mit Ron und Hermine die
Kissen ein und räumte sie ordentlich weg. Ron und Hermine gingen vor ihm, er blieb ein wenig zurück, weil Cho
immer noch da war und er hoffte, auch von ihr ein „Frohe Weihnachten“ zu bekommen.
„Nein, geh du schon,“ hörte er sie zu ihrer Freundin Marietta sagen und sein Herz machte einen Sprung, daß es in die
Gegend seines Adamsapfels zu katapultieren schien.
Er tat so, als würde er den Stapel von Kissen in Ordnung bringen. Er war sich ziemlich sicher, daß sie jetzt allein
waren und wartete, daß sie etwas sagte. Statt dessen hörte er ein klägliches Schniefen.
Er drehte sich um und sah, daß Cho mitten im Raum stand und Tränen über ihr Gesicht strömten.
„Wa - ?“
Er wußte nicht, was er machen sollte. Sie stand einfach da und weinte lautlos.
„Was ist los?“ sagte er schwach.
Sie schüttelte den Kopf und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
„Es - tut mir Leid,“ sagte sie mit belegter Stimme. „Ich nehme an ... es ist nur ... all das zu lernen ... dabei frage ich
mich nur ... wenn er das alles gewusst hätte ... wäre er noch am Leben?“
Harrys Herz rutschte zurück, vorbei an seinem ursprünglichen Platz und ließ sich irgendwo in der Nabelgegend
nieder. Er hätte es wissen sollen. Sie wollte über Cedric reden.
„Er kannte das alles,“ sagte Harry schwer. „Er war wirklich gut darin, sonst hätte er es nie bis in die Mitte vom
Labyrinth geschafft. Aber wenn dich Voldemort wirklich töten will, hast du keine Chance.“
Sie machte hicks bei der Erwähnung von Voldemorts Namen, aber schaute Harry fest an, ohne mit der Wimper zu
zucken.
„Du hast überlebt, als du noch ein Baby warst,“ sagte sie still.
„Ja, stimmt,“ sagte Harry müde und ging auf die Tür zu, „ich weiß nicht warum, es weiß auch sonst keiner, also ist es
nichts, worauf ich stolz sein kann.“
„Oh, geh nicht!“ sagte Cho und klang wieder weinerlich. „Es tut mir wirklich leid, daß ich mich so aufrege ... Ich
wollte nicht ...“
Sie hickste wieder. Sie war sehr hübsch, sogar mit roten, verschwollenen Augen. Harry fühlte sich durch und durch
erbärmlich. Er wäre so glücklich gewesen mit einem einfachen „Frohe Weihnachten.“
„Ich weiß, es muß schrecklich sein für dich,“ sagte sie und wischte wieder mit dem Ärmel über ihre Augen. „Ich rede
über Cedric, wo du ihn doch sterben sehen hast ... Ich nehme an, du willst es einfach nur vergessen?“
Harry sagte nichts dazu; es war ziemlich richtig, aber es kam ihm herzlos vor, das zu sagen.
„Du bist ein w-wirklich guter Lehrer, weißt du,“ sagte Cho mit einem tränennassen Lächeln. „Ich habe es noch nie
geschafft, irgendetwas zu Betäuben.“
„Danke,“ sagte Harry unbeholfen.
Sie sahen sich einen langen Moment an. Harry spürte das brennende Verlangen, aus dem Zimmer zu rennen und war
gleichzeitig einfach nicht in der Lage, seine Füße zu bewegen.
„Mistelzweig,“ sagte Cho leise und zeigte an die Decke über ihn.
„Ja,“ sagte Harry. Sein Mund war sehr trocken. „Aber er ist wahrscheinlich voll von Nargeln.“
„Was sind Nargel?“
„Keine Ahnung,“ sagte Harry. Sie war näher gekommen. Sein Gehirn schien Betäubt worden zu sein. „Da müsstest
du Loony fragen. Luna, meine ich.“
Cho gab ein komisches Geräusch von sich, etwas zwischen Schluchzen und Lachen. Sie stand jetzt noch näher bei
ihm. Er hätte die Sommersprossen auf ihrer Nase zählen können.
„Ich mag dich wirklich gern, Harry.“
Er konnte nicht denken. Ein prickelndes Gefühl breitete sich in ihm aus und lähmte seine Arme, seine Beine und sein
Gehirn.
Sie war viel zu nah. Er konnte jede Träne an ihren Wimpern erkennen...
*
Eine halbe Stunde später kam Harry in den Gemeinschaftsraum zurück, Hermine und Ron hatten die besten Plätzen
beim Feuer belagert; fast alle anderen waren schon ins Bett gegangen. Hermine schrieb einen sehr langen Brief, sie
hatte bereits eine halbe Pergamentrolle vollgeschrieben, die von der Tischkante herunterbaumelte. Ron lag auf dem
Kaminvorleger und versuchte, seine Hausaufgaben für Verwandlungskünste fertig zu machen.
„Was hat Dich aufgehalten?“ fragte er, als Harry in einen Armlehnsessel neben Hermine sank.
Harry antwortete nicht. Er stand unter Schock. Eine Hälfte von ihm wollte Ron und Hermine erzählen, was gerade
passiert war, aber die andere Hälfte wollte das Geheimnis mit ins Grab nehmen.
„Bist Du in Ordnung, Harry?“ fragte Hermine, während sie über die Spitze Ihres Federkiels spähte.
Harry zuckte halbherzig mit den Schultern. In Wahrheit wußte er nämlich nicht, ob er in Ordnung war oder nicht.
„Was ist los?“ sagte Ron, während er sich auf seinen Ellbogen hochzog um Harry besser sehen zu können. „Was ist
passiert?“
Harry hatte keine Vorstellung, wie er es ihnen erzählen sollte und war sich immer noch nicht sicher, ob er überhaupt
wollte. Gerade als er sich entschieden hatte, nichts zu sagen, nahm Hermine ihm die Entscheidung aus der Hand.
„Ist es Cho?“ fragte sie ganz nüchtern. „Hat sie Dich nach dem Treffen in die Enge getrieben?“
Wie betäubt und überrascht nickte Harry. Ron kicherte, hörte aber auf, als Hermine in sein Blickfeld kam.
„So - em - was wollte Sie?“ fragte er mit vorgetäuschter Lässigkeit.
„Sie -“ begann Harry, ziemlich heiser; er räusperte sich und versuchte es wieder. „Sie - em - „
„Habt Ihr Euch geküßt?“ fragte Hermine munter.
Ron setzte sich so schnell auf, daß er seine Tintenflasche über den ganzen Vorleger kippte. Diese Tatsache völlig
ignorierend, starrte er Harry eifrig an.
„Nun?“ fragte er nach.
Harry schaute von Rons Gesichtsausdruck, der eine Mischung aus Neugier und Ausgelassenheit widerspiegelte, zu
Hermines leichtem Stirnrunzeln und nickte.
„HA!“
Ron machte eine triumphierende Geste mit seiner Faust und ließ eine Serie von heiseren Lachern los, die einige
schüchtern-aussehende Zweitklässler drüben neben dem Fenster hochschrecken ließ. Ein zögerliches Grinsen machte
sich auf Harrys Gesicht breit, als er zusah, wie Ron sich auf dem Kaminvorleger kugelte.
Hermine warf Ron einen Blick von tiefer Empörung zu und widmete sich wieder ihrem Brief.
„Nun?“ fragte Ron endlich und schaute zu Harry hoch. „Wie war es?“
Harry überlegte einen Moment.
„Naß“ sagte er wahrheitsgemäß.
Ron machte ein Geräusch, das entweder Jubel oder Empörung ausdrücken konnte, es war schwer zu sagen.
„Weil sie geweint hat,“ setzte Harry schwermütig fort.
„Oh,“ sagte Ron und sein Lächeln verschwand etwas. „Küßt Du so schlecht?“
„Weiß“ nicht,“ sagte Harry, der das noch gar nicht in Betracht gezogen hatte und sich sofort Sorgen machte.
„Vielleicht ist es so“
„Natürlich nicht,“ sagte Hermine abwesend, sie schrieb immer noch an ihrem Brief.
„Woher weißt Du das?“ sagte Ron sehr schneidend.
„Weil Cho in letzter Zeit die Hälfte ihrer Zeit mit heulen verbringt, „ sagte Hermine unsicher. „Sie tut es zur
Essenzeit, auf den Toiletten, überall.“
„Man sollte denken ein wenig küssen sollte sie aufmuntern,“ sagte Ron grinsend.
„Ron,“ sagte Hermine mit würdevoller Stimme, und tauchte die Spitze ihres Federkiels in ihre Tintenflasche, „Du
bist das unsensibelste Warzenschwein, von dem ich je das Unglück hatte, es zu treffen.“
„Was soll das denn heißen?“ sagte Ron entrüstet. „Welches Mädchen heult schon, während es gerade von jemandem
geküßt wird?“
„Ja,“ sagte Harry ein wenig verzweifelt, „wer macht das?“
Hermine schaute die beiden mit einem fast bedauernden Blick an.
„Versteht ihr nicht, wie Cho sich im Moment fühlt?“ fragte sie.
„Nein,“ sagten Harry und Ron gleichzeitig.
Hermine seufzte und legte ihren Federkiel beiseite.
„Nun, offensichtlich ist sie sehr traurig wegen Cedrics Tod. Dann nehme ich an, ist sie verwirrt, weil sie in Cedric
verliebt war und nun ist sie in Harry verliebt und sie ist sich nicht im Klaren, wen sie lieber mag. Dann wird sie sich
schuldig fühlen, sie wird denken, daß sie die Erinnerung an Cedric beschmutzt, weil sie Harry überhaupt geküßt hat
und sie wird sich Gedanken machen, was die anderen über sie sagen werden, wenn sie mit Harry geht. Und
wahrscheinlich kann sie sich ihrer Gefühle für Harry eh“ nicht klar werden, weil er derjenige ist, der bei Cedric war,
als er starb, also ist das alles sehr durcheinander und schmerzlich. Oh, und sie hat Angst, daß sie aus dem Ravenclaw
Quidditch-Team geworfen wird, weil sie so schlecht gespielt hat.
Eine leicht verblüffte Stille folgte dem Ende dieser Rede, dann sagte Ron, „Ein Mensch kann das alles gar nicht auf
einmal fühlen, er würde explodieren.“
„Nur weil du die emotionale Bandbreite eines Teelöffels hast, heißt das nicht, daß das bei allen so sein muß,“ sagte
Hermine garstig und nahm ihren Federkiel wieder auf.
„Sie war diejenige, die angefangen hat,“ sagte Harry. „Ich hätte nicht - sie kam sozusagen auf mich zu - und als
nächstes hängt sie an mir und heult - ich wußte nicht, was ich machen sollte - „
„Kann ich dir nicht verdenken, Kumpel,“ sagte Ron und sah beunruhigt aus von dem bloßen Gedanken daran.
„Du hättest nur nett zur ihr sein müssen,“ sagte Hermine und schaute unruhig zu ihm auf, „das warst Du doch, oder?“
„Nun,“ sagte Harry, während eine unangenehme Hitze in seinem Gesicht aufstieg, „Ich sozusagen - tätschelte ihren
Rücken ein bischen.“
Hermine sah aus, als könnte sie ein Augenrollen nur schwer unterdrücken.
„Nun, Ich nehme an, es hätte schlimmer sein können,,“ sagte sie. „Wirst Du sie wiedersehen?“
„Ich muß, oder?“ sagte Harry. „Wir haben DA-Treffen, oder nicht?“
„Du weißt was ich meine,“ sagte Hermine ungeduldig.
Harry sagte nichts. Hermines Worte eröffneten eine ganze Palette von neuen furchterregenden Möglichkeiten. Er
versuchte sich vorzustellen, wie er mit Cho irgendwo hinging - Hogsmeade, zum Beispiel - stundenlang mit ihr
alleine. Natürlich, sie hatte bestimmt erwartet, daß er sich mit ihr verabredet, nachdem was gerade passiert ist war …
der Gedanke ließ seinen Magen schmerzvoll zusammenkrampfen.
„Na ja,“ sagte Hermine abwesend, schon wieder in ihren Brief vertieft, „Du wirst noch genügend Möglichkeiten
haben, sie zu fragen.“
„Was ist, wenn er sie nicht fragen will?“ sagte Ron, der Harry mit einem ungewöhnlich gewitzten Ausdruck auf
seinem Gesicht beobachtet hatte.
„Sei nicht albern,“ sagte Hermine unsicher. „Harry ist seit Jahrzehnten in sie verliebt, oder Harry?“
Er antwortete nicht. Ja, er war seit Jahrzehnten in Cho verliebt, aber immer wenn er sich sie beide zusammen
vorgestellt hatte, war da immer eine Cho die Spaß hatte, entgegenstehend einer Cho, die unkontrolliert in seine
Schulter schluchzte.
„Wem schreibst Du überhaupt diesen Roman?“ fragte Ron Hermine und versuchte das Stück Pergament, das nun auf
dem Boden hing zu lesen. Hermine zog es hoch, außer Sichtweite.
„Viktor.“
„Krum?“
„Wie viele andere Viktors kennen wir?“
Ron sagte nichts, aber sah verärgert aus. Sie saßen in Stille für weitere zwanzig Minuten, Ron machte seinen
Verwandlungskünste-Aufsatz unter viel ungeduldigem Schnauben und ausstreichen fertig, Hermine schrieb
ununterbrochen bis zum Ende des Pergaments, rollte es vorsichtig auf und versiegelte es, und Harry starrte ins Feuer
und wünschte sich mehr als alles andere, daß Sirius“ Kopf darin erscheinen würde, um ihm einige Ratschläge über
Mädchen zu geben. Aber das Feuer knisterte und brannte nur runter und runter, bis die rotglühenden Holzstücke zu
Asche zerbröckelten und als er sich umschaute, sah Harry das sie mal wieder die letzten im Gemeinschaftsraum
waren.
„Nun, gute Nacht,“ sagte Hermine und gähnte heftig, als sie zur Treppe zum MädchenschlaFraum ging.
„Was sieht sie in Krum?“ fragte Ron nach, als er und Harry zum JungenschlaFraum hochstiegen.
„Nun,“ sagte Harry die Sache abwägend, „Ich denke, er ist älter, oder … und er ist ein internationaler Quidditch-
Spieler …“
„Ja, aber abgesehen davon,“ sagte Ron, gereizt klingend, „Ich meine, er ist ein griesgrämiger Blödmann, oder?“
„Ein bischen griesgrämig, ja,“ sagte Harry, dessen Gedanken noch immer bei Cho waren.
„Sie zogen in Stille ihre Umhänge aus und ihre Schlafanzüge an; Dean, Seamus und Neville schliefen bereits. Harry
legte seine Brille auf seinen Nachttisch und legte sich ins Bett, aber er zog die Vorhänge um sein Himmelbett nicht
zu, sondern starrte auf das Stückchen sternenklaren Himmel, das man durch das Fenster neben Nevilles Bett sehen
konnte. Hätte er letzte Nacht um diese Zeit gewußt, daß er 24 Stunden später Cho Chang geküßt haben würde …
„Nacht,“ brummte Ron, von irgendwo rechts neben ihm.
„Nacht,“ sagte Harry.
Vielleicht ist sie das nächstemal ... wenn es ein nächstes mal gibt ... ein wenig fröhlicher. Er hätte nachfragen sollen,
wahrscheinlich hatte sie das erwartet und war jetzt wirklich sauer auf ihn ... oder lag sie im Bett, immer noch über
Cedric weinend? Er wußte nicht was er glauben sollte. Hermines Erklärung hatte alles scheinbar nur noch
komplizierter und nicht einfacher zu verstehen gemacht.
Das sollten sie uns hier beibringen, dachte er , als er sich auf die Seite drehte, wie die Köpfe der Mädchen
funktionieren ... das währe irgendwie nützlicher als Weissagungen.
Neville schniefte im Schlaf.
Eine Eule heulte irgendwo draußen in der Nacht.
Harry träumte, daß er zurück im DA Raum war. Cho beschuldigte ihn, daß er sie unter einem falschen Vorwand hier
her gelockt habe; sie sagte er habe ihr einhunertfünfzig Schoko-Frosch-Karten versprochen, wenn sie kommen
würde.
Harry widersprach ... Cho schimpfte,“ Cedric hat mir einen Haufen Schoko-Frosch-Karten gegeben, schau!“ Sie zog
händeweise Karten aus dem inneren ihres Umhangs uns warf sie in die Luft. Dann verwandelte sie sich in Hermine,
die sagte,“ Du weißt, du hast es ihr versprochen, Harry. Ich denke du solltest ihr statt dessen besser etwas anderes
geben ... wie wäre es mit deinem Feuerblitz?“ Harry beteuerte, daß er Cho seinen Feuerblitz nicht geben könne, weil
Umbridge ihn habe, und wie dem auch sei die ganze Sache sei lächerlich, er sei nur zum DA Raum gegangen, um ein
paar Weihnachtkugeln aufzuhängen, die aussahen wie Dobbys Kopf ...
Der Traum veränderte sich ..
Sein Körper fühlte sich glatt, kraftvoll und beweglich an. Er glitt zwischen glänzenden metallenen Stäben, über
dunklen, kalten Stein ... er war flach am Boden, auf seinem Bauch schlängelnd ... es war dunkel, trotzdem konnte er
Dinge um sich herum wahrnehmen, die in kräftigen, vibrierenden Farben schimmerten ... er wendete seinen Kopf ...
beim ersten flüchtigen Blick war der Korridor leer ... aber jetzt ... ein Mann hockte vor ihm auf dem Boden, sein
Kinn hing herab auf seine Brust, seine Umrisse schimmerten in der Dunkelheit ... Harry fuhr seine Zunge aus ... er
schmeckte den Geruch des Mannes in der Luft ... er war am Leben, aber schläfrig ... er sass vor einer Tür am Ende
des Korridors ... Harry sehnte sich danach den Mann zu beißen ... aber er mußte den Impuls unterdrücken ... er hatte
eine wichtigere Aufgabe zu erledigen ...aber der Mann bewegte sich ... ein silberner Umhang fiel von seinen Beinen
als er Aufsprang; Harry sah seinen vibrierenden, verschwommenen Umriss sich über ihn erheben, er sah einen
Zauberstab der aus dem Gürtel gezogen wurde ... er hatte keine Wahl ... er erhob sich weit über den Boden und stieß
zu, einmal, zweimal, dreimal, versenkte seine Reißzähne tief in das Fleisch des Mannes, er fühlte dessen Knochen
brechen zwischen seinen Kiefern, fühlte den warmen Strom aus Blut ...
Der Mann schrie vor Schmerzen ... dann wurde er still ... er stürzte rückwärts gegen die Wand ... Blut spritzte auf den
Boden.
Seine Stirn tat schrecklich weh ... sie war kurz davor zu zerspringen ...
„Harry! HARRY!“
Er öffnete seine Augen. Jeder Zentimeter seines Körpers war bedeckt von kaltem Schweiß. Seine Bettdecke war um
ihn gewickelt wie eine Zwangsjacke; Er fühlte sich als würde ein weiß glühender Feuerhacken auf seiner Stirn
liegen.
„Harry!“
Ron stand über ihm schaute zutiefst erschrocken aus. Am Fußende von Harrys Bett waren noch mehr Leute. Er
schlug die Hände an den Kopf; er war blind vor Schmerz ... er rollte zur Seite und erbrach sich über den Rand seiner
Matratze.
„Er ist wirklich krank,“ sagte eine verängstigte Stimme. ASollen wir jemanden rufen?“
„Harry! Harry!“
Er mußte es Ron sagen, es war sehr wichtig, daß er es ihm erzählte ...
Tief Luft holend, zog er sich zurück ins Bett, mit dem festen Willen sich nicht noch einmal zu übergeben, der
Schmerz machte ihn halb blind.
„Dein Vater,“ er schnappte nach Luft und hob seinen Oberkörper. A Dein Vater ... wurde angegriffen ...“
„Was?“ was sagte Ron verwirrt.
„Dein Vater! er wurde gebissen, es ist wahr, da wahr überall Blut ...“
„Ich hol Hilfe,“ sagte die gleiche verängstigte Stimme und dann hörte Harry Schritte, die aus dem Schlafsaal
rannten.
„Harry, Kumpel,“ sagte Ron unsicher, A du ... du hast nur geträumt ...“
„Nein!“ sagte Harry wütend; es war entscheidend, daß Ron ihn verstand.
„Es war kein Traum ... kein gewöhnlicher Traum ... Ich war dort ... Ich hab es gesehen ...
... ich hab es getan ...!“
Er konnte hören, wie Seamus und Dean miteinander tuschelten, aber es kümmerte ihn nicht.
Die Schmerzen in seinem Kopf waren ein wenig leichter geworden, dennoch schwitzte er immer noch und ihn
überlief ein fiebriger Schauer. Er würgte wieder und Ron sprang rückwärts aus dem Weg.
„Harry, dir geht es nicht gut,“ sagte er zitternd.
„Neville holt gerade Hilfe.“
„Ich bin in Ordnung!“würgte Harry heraus und presste seinen Mund in den Schlafanzug, er zitterte unkontrolliert.
„Mit mir ist alles in Ordnung, über deinen Vater mußt du dir Sorgen machen - wir müssen herausfinden, wo er ist -
er blutet wie verrückt - Ich war - Es war eine riesige Schlange.“
Er versuchte aufzustehen, aber Ron drückte ihn zurück ins Bett; Dean und Seamus flüsterten immer noch irgendwo
in der nähe. Harry wußte nicht ob eine Minute vergangen war oder zehn;
er sass einfach nur da zitterte und fühlte wie ganz langsam der Schmerz aus seiner Narbe wich ... dann kamen eilige
Schritte die Treppe hoch und er hörte wieder Nevills stimme.
„Hier her, Professor.“
Professor McGonagall hastete ihn einer Robe mit Schottenmuster in den Schlafsaal, ihre Brille sass schief auf dem
Rücken ihrer knochigen Nase.
„Was ist los, Potter? Wo tut es weh?“
Er hatte sich noch nie so gefreut sie zu sehen; er brauchte jetzt ein Mitglied des Ordens des Phönix, nicht jemanden
der ein großes Getue um ihn machte und nutzlose Tränke verschrieb.
„Es ist Rons Vater,“ sagte er sich wieder aufsetzend.
„Er wurde von einer Schlange angegriffen und es ist wahr, ich hab gesehen, wie es passiert ist.“
„Was meinen sie damit, sie haben gesehen, wie es passiert ist?“ fragte Professor McGonagall und zog ihre
Augenbrauen zusammen.
„Ich weiß nicht ... Ich hab geschlafen und dann war ich dort ,,“
„Sie meinen sie haben das geträumt?“
„Nein!“sagte Harry zornig; wollte ihn den niemand verstehen?
„Zuerst habe ich von etwas völlig anderem geträumt, etwas dummes ... und dann wurde es unterbrochen. Mr Weasly
schlief auf dem Boden und er wurde von einer riesigen Schlange angegriffen, da war so viel Blut, er ist in Ohnmacht
gefallen, jemand muß herausfinden, wo er ist...“
Professor McGonagall starrte ihn durch ihre schiefe Brille an, als währe sie entsetzt über das was sie sah. AIch lüge
nicht und ich bin nicht verrückt“ sagte Harry zu ihr, er begann zu schreien.
AIch habe ihnen erzählt, ich habe gesehen wie es passiert ist!“
„Ich glaube ihnen, Potter, „ sagte Professor Mc Gonagall knapp. „
„Ziehen sie sich an - wir gehen zum Schulleiter!“
Kapitel 22 - St.-Mungo-Krankenhaus für Magische
Krankheiten und Verletzungen
Harry war so erleichtert, daß sie ihn ernst nahm, daß er nicht zögerte, sondern sofort aus seinem Bett sprang, seinen
Morgenmantel anzog und seine Brille auf setzte.
„Weasley, Sie sollten auch mitkommen.“ sagte Professor McGonagall.
Sie folgten Professor McGonagall vorbei an den schlafenden Gestalten von Neville, Dean und Seamus, hinaus aus
dem Schlafsaal, die Wendeltreppe hinunter in den Gemeinschaftsraum, durch das Portraitloch und weiter durch den
vom Mond beleuchteten Korridor der Dicken Dame. Harry fühlte sich, als ob die Panik in ihm jeden Moment
überquellen könnte; er wollte davonrennen um laut nach Dumbledore zu schreien; Mr Weasley blutete während sie
so ruhig dahergingen; und was, wenn diese Zähne (Harry gab sich große Mühe nicht zu denken: Meine Zähne) giftig
gewesen waren? Sie passierten Mrs Norris, die ihnen mit mit ihren lampenartigen Augen folgte und leise zischte,
doch Professor McGonagall sagte „Husch!“ Mrs Norris schlich zurück in die Schatten und ein paar Minuten später
erreichten sie den von einem steinernen Wasserspeier bewachten Eingang zu Dumbledores Arbeitszimmer.
„Zischende Sausebiene (Fizzing Whizzbee)“ sagte Professor McGonagall.
Der Wasserspeier wurde lebendig und sprang zur Seite, die Wand hinter ihm teilte sich in zwei Hälften und enthüllte
eine steinerne Treppe, die sich kontinuierlich aufwärts bewegte, wie ein spiralförmiger Aufzug. Die drei betraten die
sich bewegenden Stufen; die Wand schloss sich hinter ihnen mit einem dumpfen Schlag und sie bewegten sich in
engen Windungen aufwärts bis sie die auf Hochglanz polierte Eichentür mit dem als Greif gestalteten
Messingtürklopfer erreichten.
Obgleich es schon weit nach Mitternacht war, konnte man aus dem Raum ein munteres Geplapper von Stimmen
hören,. Es klang, als ob Dumbledore mindestens ein Dutzend Leute kurzweilig unterhielt.
Professor McGonnagall klopfte dreimal mit dem Messingtürklopfer in Form eines Greifs und die Stimmen
verstummten schlagartig, so als habe jemand den Ton abgeschaltet. Die Tür öffnete sich von allein und Professor
McGonagall führte Harry und Ron hinein.
Der Raum lag im Halbdunkel, die fremdartigen, auf Tischen stehenden, silbernen Apparate waren leise, oder eher
schwirrend und stießen kleine Rauchwölkchen aus - wie sie das normalerweise taten. Die alten Schulleiter und
Schulleiterinnen von Hogwarts, deren Portraits die Wände bedeckten, dösten in den Rahmen vor sich hin. Hinter der
Tür schlief ein prächtiger rot und goldfarbener Vogel in der Größe eines Schwans in seinem Käfig, den Kopf unter
den Flügel gesteckt.
„Oh, Sie sind es, Professor McGonagall… und … aha.“
Dumbledore saß in einem hochlehnigen Stuhl hinter seinem Schreibtisch. Er lehnte sich in vor und rückte so näher in
den Schein des Kerzenlichts, das die Papiere beschien, die vor ihm lagen. Er trug einen prachtvoll bestickten, gold
und purpurfarbenen Morgenmantel über einem schneeweißen Nachthemd, machte jedoch einen sehr wachen
Eindruck. Seine durchdringenden, hellen blauen Augen musterten aufmerksam Professor McGonagall.
„Professor Dumbledore, Potter hatte einen, nunja, einen Albtraum.“ Erklärte Professor McGonagall. „Er sagte…“
„Es war kein Alptraum,“ unterbrach Harry sie hastig.
Professor McGonagall blickte sich etwas missbilligend zu Harry um. „Nun gut denn, Potter, erzählen Sie dem
Schulleiter etwas darüber.“
„Ich… nun… ich habe geschlafen…“ begann Harry und gerade in seinem Schrecken und seiner Verzweiflung sich
Dumbledore verständlich zu machen, fühlte er sich leicht irritiert, weil der Schulleiter ihn nicht ansah, sondern
stattdessen seine eigenen ineinander verschränkten Finger betrachtete. „Aber es war kein gewöhnlicher Traum… es
war real… Ich sah, wie es passierte…“ Er holte tief Luft, „Rons Vater - Mr Weasley - ist von einer riesigen Schlange
angegriffen worden.“
Die Worte schienen in der Luft wiederzuhallen nachdem er sie ausgesprochen hatte, sie klangen etwas lächerlich,
sogar lustig. Es herrschte eine Weile Schweigen in der Dumbledore sich zurücklehnte und nachdenklich an die
Decke starrte. Ron schaute von Harry zu Dumbledore, blaß und bestürzt.
„Wie hast du das gesehen?“ fragte Dumbledore leise, Harry immer noch nicht anschauend. „Nun…, ich weiß nicht.“
erklärte Harry ziemlich ärgerlich. Was hatte das zu bedeuten? „In meinem Kopf nehme ich an.“
„Du hast mich falsch verstanden.“ erwiderte Dumbledore immer noch in demselben ruhigen Ton. „Ich meine …
kannst du dich erinnern - ähm - wo du in etwa gestanden hast also du gesehen hast wie dieser Angriff geschehen ist?
Hast du vielleicht neben dem Opfer gestanden, oder eventuell auf die Szene von irgendwo oben beobachtet?“ Dies
war eine derartig sonderbare Frage, daß Harry Dumbledore anstarrte. Es war beinahe als wisse er…
„Ich war die Schlange.“ sagte er. „Ich sah es alles aus dem Blickwinkel der Schlange.“
Für einen Moment sagte niemand etwas, dann fragte Dumbledore in einer neuen und schärferen Tonlage, während er
den nun wirklich bleichen Ron anschaute: „Ist Arthur schwer verletzt?“
„Ja.“ sagte Harry mitfühlend - wieso begriffen sie nur alle so langsam, begriffen sie nicht wie stark eine Person
blutete wenn Zähne der Länge sich in deren Seite bohrten?
Doch Dumbledore stand so schnell auf, daß Harry einen Sprung zur Seite machte, und wandte sich an eines der alten
Portraits, das nahe der Decke hing. „Everard?“ sagte er scharf, „Und du Dilys!“
Ein fahlgesichtiger Zauberer mit einem kurzen schwarzen Pony und eine ältliche Hexe mit langen silbernen
Ringellöckchen in dem Rahmen neben ihm, beide schienen tief zu schlafen, öffneten ihre Augen unverzüglich.
„Ihr habt zugehört?“ erkundigte Dumbledore sich.
Der Zauberer nickte, die Hexe sagte: Natürlich.“
„Der Mann hat rote Haare und eine Brille“ erklärte Dumbledore. „Everard, du wirst gebraucht um den Alarm
auszulösen, sorge dafür, daß er von den richtigen Leuten gefunden wird.“
Beide nickten und verschwanden seitlich aus ihren Rahmen, doch statt in den benachbarten Bildern aufzutauchen
(wie das in Hogwarts normalerweise geschah) erschien keiner der beiden. Ein Rahmen zeigte nun nichts weiter als
einen Hintergrund mit einem dunklen Vorhang, der andere einen hübschen Ledersessel. Harry bemerkte, daß viele
der anderen Schulleiter und -leiterinnen an den Wänden, obgleich sehr überzeugend schnarchend und sabbernd, ihm
unter halbgeschlossenen Augenlidern verstohlene Blicke zuwarfen und er verstand unversehens wer gesprochen
hatte als Professor McGonagall geklopft hatte.
„Everard und Dilys waren zwei der berühmtesten Leiter von Hogwarts.“ erklärte Dumbledore, der nun um Harry,
Ron und Professor McGonagall herumging um sich dem prächtigen schlafenden Vogel in seinem Käfig neben der
Tür zu nähern. „Ihr Ansehen ist derart, daß von beiden auch Bilder in bedeutenden Zauberer-Institutionen hängen.
Da sie sich zwischen ihren verschiedenen eigenen Portraits frei bewegen können, sind sie in der Lage uns zu
berichten was sich andernorts zugetragen haben mag…“
„Aber Mr. Weasley könnte überall sein!“ rief Harry“
„Bitte setzt euch, alle drei.“ sagte Dumbledore, so als habe Harry nicht gesprochen. „Everard und Dilys mögen für
einige Zeit nicht zurück sein. Professor McGonagall, wenn Sie ein paar weitere Stühle herbeirufen könnten.“
Professor McGonagall zog ihren Zauberstab aus der Tasche ihres Morgenmantels und schwang ihn. Drei Stühle
erschienen wie aus der Luft. Mit gerader Lehne und aus Holz, ganz anders also der bequeme chintzbezogene Sessel,
den Dumbledore bei Harrys Anhörung heraufbeschworen hatte. Harry setzte sich, Dumbledore über die Schulter
beobachtend. Dumbledore streichelte nun Fawkes gefiedertes goldenes Haupt mit einem Finger. Der Phönix
erwachte augenblicklich. Er streckte seinen schönen Kopf hoch und betrachtete Dumbledore durch seine glänzenden
dunklen Augen.
„Wir werden“ sagte Dumbledore sehr leise zu dem Vogel, „eine Warnung brauchen.“ Es gab einen Feuerblitz und
der Phönix war verschwunden.
Dumbledore griff nach unten auf eines der zerbrechlichen silbernen Apparate deren Funktion Harry nicht vertraut
war, trug es hinüber zu seinem Schreibtisch, setzte sich, betrachtete sie wieder und berührte es behutsam mit der
Spitze seines Zauberstabes.
Der Apparat klingelte alsbald mit rhythmisch klingenden Geräuschen als ob er zum Leben erwache. Winzige
Wölkchen hellgrünen Rauchs kamen aus dem winzigen silbernen Röhrchen am oberen Ende. Dumbledore
betrachtete den Rauch aufmerksam, mit hochgezogener Augenbraue. Nach ein paar Sekunden wurde aus den kleinen
Wölkchen ein stetiger Strom aus Rauch, der dicker wurde und sich in der Luft wand… ein Schlangenkopf wuchs aus
seinem Ende und öffnete das Maul weit. Harry wunderte sich, ob und wie dieser Apparat seine Geschichte bestätigen
konnte: Er schaute eifrig zu Dumbledore, wartete auf ein Zeichen, daß alles in Ordnung war, doch Dumbledore
blickte nicht auf.
„Selbstverständlich, natürlich!“ murmelte Dumbledore offensichtlich zu sich selbst, immer noch den Rauchstrom
aufmerksam, ohne das kleinste Zeichen der Überraschung, beobachtend. „Aber im Wesentlichen geteilt?“
Harry konnte sich keinen Reim auf diese Frage machen. Die Schlange aus Rauch jedoch teilte sich selbst sogleich in
zwei Schlangen, beide ineinander wellenförmig verwickelt in der dunklen Luft. Mit einem Blick voller grimmiger
Befriedigung gab Dumbledore dem Apparat einen weiteren leichten Schlag mit seinem Zauberstab. Das klingelnde
Geräusch wurde langsamer und verstummte und die Schlangen aus Rauch wurden matter, schließlich zu einem
formlosen Dunst und verschwanden.
Dumbledore stellte den Apparat auf den zierlichen kleinen Tisch zurück. Harry bemerkte, daß viele der alten
Schulleiter in den Portraits ihm mit ihren Augen folgten, doch dann, als sie merkten, daß Harry sie ansah, hastig
vorgaben wieder zu schlafen. Harry hätte gerne gefragt wozu der seltsame silberne Apparat gut war, doch bevor er
das tun konnte erklang ein Schrei vom oberen Ende der Wand zu ihrer Rechten; der Zauberer namens Everard war
leicht keuchend wieder in seinem Portrait aufgetaucht.
„Dumbledore!“
„Was gibt es Neues?“ erkundigte Dumbledore sich sofort.
„Ich habe geschrieen bis jemand angelaufen kam.“ sagte der Zauberer, der sich seine Augenbrauen in dem Vorhang
hinter sich abwischte. „habe gesagt, ich hätt“ was gehört, das sich treppabwärts bewegt hätte - die waren sich nicht
sicher wie weit sie mir glauben sollten, aber sie gingen hinunter um nachzusehen - Sie wissen ja, dort unten sind
keine Portraits von denen aus man etwas sehen könnte. Auf jeden Fall haben sie ihn ein paar Minuten später
hinaufgetragen. Er sah nicht gut aus. Er ist ganz mit Blut bedeckt, ich rannte voraus zu Elfrida Craggs Bild um eine
bessere Übersicht zu haben als sie weggingen.“
„Gut.“ meinte Dumbleedore als Ron eine verkrampfe Bewegung machte. „Ich denke, Dilys wird dann gesehen haben
wie er eingeliefert wird.“
Und kurze Zeit später erschien die silberlockige Hexe auch wieder in ihrem Bild. Sie sank hustend in ihren Sessel
und berichtete: „Ja, sie haben ihn in das St. Mungos gebracht, Dumbledore … sie trugen ihn an meinem Portrait
vorbei … er sieht sehr schlecht aus…“
„Danke sehr“ sagte Dumbledore. Er wandte sich zu Professor McGonagall um.
„Minerva, ich brauche Sie. Bitte gehen Sie und wecken Sie die anderen Weasley-Kinder.“
„Natürlich…“
Professor McGonagall stand auf und ging eilig zur Tür. Harry warf einen seitlichen Blick auf Ron, der erschrocken
aussah.
„Und Dumbledore - was ist mit Molly?“ sagte Professor McGonagall an der Tür wartend.
„Das wird eine Aufgabe für Fawkes sein wenn er Ausschau gehalten hat ob sich irgendwer nähert.“ sagte
Dumbledore. „Aber sie wird es bereits wissen … diese großartige Uhr, die sie besitzt…“
Harry wußte, die Uhr auf die Dumbledore sich bezog zeigte nicht die Zeit an, sondern die Aufenthaltsorte und die
jeweilige Verfassung der verschiedenen Mitglieder der Familie Weasley - und mit einem plötzlichen Schmerz dachte
er daran, daß Mr Weasleys Zeiger gerade jetzt auf „tödliche Gefahr“ zeigte. Doch es war sehr spät. Mrs Weasly
schlief wahrscheinlich und schaute nicht auf die Uhr. Harry fror als er daran dachte, daß Mrs Weasleys Irrwicht die
Gestalt von Mr. Weasleys leblosen Körper angenommen hatte - die Brille schief sitzend, Blut rann das Gesicht
hinab… doch Mr. Weasley würde sterben… er konnte einfach nicht…
Dumbledore war nun dabei in einem Schrank hinter Harry und Ron herumzustöbern. Er wandte sich von dem
Schrank ab und trug nun einen geschwärzten alten Kessel, den er vorsichtig auf seinen Schreibtisch stellte. Er zog
seinen Zauberstab und murmelte: „Portus!“ Für einen Moment erzitterte der Kessel und glühte in einem
merkwürdigen blauen Licht auf, dann hörte das Beben auf und der Kessel war solide schwarz wie immer.
Dumbledore ging hinüber zu einem weiteren Portrait, nun war es eines, das einen klug aussehenden Zauberer mit
Spitzbart zeigte, der die Farben von Slytherin, grün und Silber, tragend, gemalt worden war und scheinbar so tief
schlief, daß er Dumbledores Stimme nicht hörte als der ihn versuchte zu wecken.
„Phineas. Phineas.“
Die Schulleiter und Schulleiterinnen in den Gemälden ringsherum im Raum gaben nun nicht mehr vor tief zu
schlafen. Sie wanderten in ihren Rahmen herum um einen möglichst guten Blick auf das Geschehen zu erhaschen.
Als der klug aussehende Zauberer weiterhin so tat als schliefe er tief und fest, riefen einige ebenfalls seinen Namen.
„Phineas! Phineas! PHINEAS!“
Er konnte nun nicht länger den Schlafenden vortäuschen; er machte eine theatralische Aufwachbewegung und
öffnete seine Augen weit.
„Hat jemand nach mir gerufen?“
„Ich brauche dich, du mußt nochmals dein anderes Portrait aufsuchen, Phineas,“ sagte Dumbledore, „Ich habe eine
weitere Botschaft bekommen.“
„Mein anderes Portrait aufsuchen?“ erwiderte Phineas mit müder Stimme und brachte ein langes falsches Gähnen
zustande (seine Augen wanderten durch den Raum und konzentrierten sich auf Harry). „Och, nein, Dumbledore. Ich
bin heute Nacht viel zu müde dazu.“
Etwas an Phineas“ Stimme klang für Harry vertraut - wo hatte er sie nur schon mal gehört?? Doch bevor er darüber
nachdenken konnte, brachen die Portraits an den Wänden in einen Proteststurm aus.
„Gehorsamsverweigerung, Sir!“ brüllte ein beleibter, rotnasiger Zauberer fäusteschwingend. „Pflichtvergessenheit!“
„Wir sind bei unserer Ehre verpflichtet den jeweils amtierenden Schulleiter von Hogwarts zu unterstützen und zu
helfen!“ schrie ein gebrechlich aussehender alter Zauberer, den Harry als Dumbledores Vorgänger Armando Dippet
erkannte. „Schäme dich, Phineas!“
„Oh, ja, ist schon gut.“ sagte der Zauberer namens Phineas, seinen Zauberstab mit leiser Besorgnis betrachtend.
„obwohl es möglich ist, daß er mein Bild bereits zerstört hat, er hat ja mit dem größten Teil der Familie
gebrochen…“
„Sirius weiß, daß er dein Bild nicht zerstören darf.“ sagte Dumbledore und Harry fiel sofort ein, wo er Phineas“
Stimme zuvor schon einmal gehört hatte: Sie war aus dem scheinbar leeren Rahmen in seinem Schlafzimmer im
Haus am Grimmauld Platz gekommen. „Du überbringst ihm die Nachricht, daß Arthur Weasley ernsthaft verletzt
worden ist und daß seine Frau, seine Kinder und Harry Potter in Kürze in seinem Haus auftauchen werden. Hast du
das verstanden?“
„Arthur Weasley, verletzt, Frau und Kinder und Harry Potter kommen zum Verweilen.“ wiederholte Phineas mit
gelangweilter Stimme. „Ja, ja … ist schon gut…“ Er neigte sich seitwärts zum Rahmen seines Portraits und
verschwand aus dem Blick, gerade in dem Moment als die Tür des Arbeitszimmers sich erneut öffnete. Fred, George
und Ginny wurden von Professor McGonagall hereingeführt, alle drei sahen ziemlich mitgenommen und betroffen
aus und waren immer noch in ihre Schlafsachen gekleidet.
„Harry - was ist denn geschehen?“ fragte Ginny. Sie sah erschrocken aus. „Professor McGonagall sagt, du hast
gesehen wie Papa verletzt wurde…“
„Euer Vater ist in Erüllung seiner Arbeit für den Phönixorden verletzt worden.“ erklärte Dumbledore, bevor Harry
etwas dazu sagen konnte. „Er wurde in das St. Mungo“s Krankenhaus für Magische Krankheiten und Verletzungen
gebracht. Ich werde euch in Sirius Haus zurückschicken, denn von dort aus ist das Krankenhaus wesentlich
bequemer zu erreichen als vom Fuchsbau aus. Ihr werdet eure Mutter dort treffen.“
„Wie kommen wir dahin?“ fragte Fred und schüttelte sich. „Flohpulver?“
„Nein,“ sagte Dumbledore „Flohpulver ist momentan nicht sicher genug, das Flohpulvernetzwerk wird überwacht.
Ihr werdet einen Portschlüssel benutzen.“ Er wies auf den alten Kessel, der harmlos aussehend auf seinem
Schreibtisch lag. „Wir warten nur noch darauf, daß Phineas Nigellus Bericht erstattet… Ich möchte sicher sein, daß
die Luft rein ist, bevor ich euch losschicke…“
Es gab einen Feuerblitz, ziemlich in der Mitte des Arbeitszimmers, zurück blieb eine einzelne goldene Feder, die
langsam in der Luft kreisend zu Boden sank.
„Das ist eine Warnung von Fawkes.“ erklärte Professor Dumbledore die Feder in ihrem Fall auffangend. „Professor
Umbridge hat mitbekommen, daß ihr nicht mehr in euren Betten seid… Minerva, gehen Sie und halten Sie sie auf -
erzählen Sie ihr irgendeine Geschichte…“
Professor McGonagal war in einem Rascheln aus schottischem Karostoff hinausgegangen.
„Er sagt er wäre hocherfreut.“ Sagte eine gelangweilte Stimme hinter Dumbledore. Der Zauberer namens Phineasl
war wieder vor seiner Slytherinfahne aufgetaucht. „Mein Ur-Ur-Enkel hatte schon immer einen recht sonderbaren
Geschmack bezüglich seiner Hausgäste.“
„Kommt also hierher.“ Sagte Dumbledore zu Harry und den Weasleys. „Und macht schnell, bevor sich jemand zu
uns gesellt.“
Harry und die anderen stellten sich um Dumbledores Schreibtisch auf. „Ihr habt alle vorher schon einmal einen
Portschlüssel benutzt?“ erkundigte Dumbledore sich und sie nickten, alle eine Hand ausstreckend um irgendeine
Stelle an dem geschwärzten Kessel zu berühren. „Gut, ich zähle jetzt bis drei, also dann… eins, … zwei…“ Es
geschah im Bruchteil einer Sekunde, innerhalb des unendlich kleinen Innehaltens bevor Dumbledore „Drei“ sagte.
Harry sah ihn an. Sie standen nahe beieinander und Dumbledores klarer blauer Blick wanderte vom Portschlüssel zu
Harrys Gesicht.
Auf einmal brannte Harrys Narbe wie Feuer, so als würde die alte Wunde erneut wieder aufbrechen, und Harry
spürte, wie sich von ihm ungewollt und ungebeten ein gewaltiges Hassgefühl in seinem Inneren breit machte, daß er
sofort das Gefühl hatte er täte jetzt nichts lieber als anzugreifen - zu beißen - seine Reißzähne in die Gestalt des
Mannes der vor ihm stand zu schlagen…“
„…Drei.“
Harry fühlte einen starken Ruck an seinem Nabel, der Boden verschwand unter seinen Füßen, seine Hand klebte am
Kessel; er schlug gegen die anderen als sie vorwärts in einen Strudel von Farben rasten, der Kessel zog sie
vorwärts...bis seine Füße so heftig auf den Boden schlugen, daß seine Knie nachgaben, der Kessel fiel scheppern zu
Boden und jemand neben ihm sagte: „Die Blutverräter Bälger sind zurück. Stimmt es, daß ihr Vater stirbt?“
„Raus!,“ brüllte eine zweite Stimme.
Harry schaute sich um; sie waren in der Küche eines düsteren Untergeschosses angekommen, Grimmauld Place. Die
einzigen Lichtquellen waren das Feuer und eine flackernde Kerze, die die Reste eines Abendessens beleuchtete. Der
Hauself verschwand und tauchte in der Halle wieder auf. Er schaute boshaft zu ihnen, als er seinen Lendenschurz
festband Sirius beeilte sich zu ihnen zu kommen. Er war unrasiert und immer noch in seinen Sachen von vor einem
Tag, außerdem war da ein flüchtiger Mundungus artiger muffiger Geruch.
„Was ist los?,“ fragte er, während er seine Hand ausstreckte um Ginny hochzuhelfen. „Phines Niggelus sagt, daß
Arthur schwer verletzt wurde.“
„Frag“ Harry,“ sagte Fred.
„Ja, ich will es selbst hören,“ sagte George.
Die Zwillinge und Ginny starrten ihn an. Die Fußschritte vom Hauselfen stoppten draußen auf der Treppe.
„Es war...,“ begann Harry, es war genauso schlimm wie es McGonagall und Dumbledore zu erzählen. „Ich hatte eine
Art Vision...“
Und er erzählte ihnen alles, was er gesehen hatte, doch er änderte die Geschichte, sodaß es sich anhörte als ob er
beobachtete hätte wie die Schlange angriff, das war besser als zu erzählen, daß er alles durch die Augen der Schlange
gesehen hatte. Ron der immer noch sehr blaß war, warf ihm schnell einen Blick zu, sagte aber nichts. Als Harry
fertig war, starrten ihn Fred George und Ginny noch einen Moment an. Harry wußte nicht, ob er es sich einbildete,
aber er hatte das Gefühl, daß etwas Anklagendes in ihren Blicken lag. Wenn sie ihm die Schuld daran gaben, nur
weil er es gesehen hatte, war er froh, daß er ihnen nicht erzählt hatte, daß beim Angriff in der Schlange gewesen war.
„Ist Mum hier?,“ fragte Fred und drehte sich zu Sirius um.
„Sie weiß wahrscheinlich noch nicht was passiert ist,“ sagte Sirius. „Das wichtigste war euch in Sicherheit zu
bringen, bevor Umbridge stören konnte. Ich erwarte von Dumbledore, daß er es ihr jetzt erzählt.“
„Wir müssen zu St Mungo“s gehen,“ sagte Ginny eindringlich. Sie schaute ihre Brüder an, die natürlich immer noch
ihre Pyjamas trugen. „Sirius kannst du uns Umhänge oder so leihen?“
„Gib“s auf, du kannst nicht nach St Mungo“s aus reißen!,“ sagte Sirius.
„Sicher können wir nach St Mungo“s gehen , wenn wir wollen,“ sagte Fred mit einem sturen Gesichtsausdruck. „Er
ist unser Vater!“
„Und wie wollt ihr erklären, daß ihr wißt, daß Arthur angegriffen wurde, bevor seine Frau es erfahren hat?“
„Ist doch egal!,“ sagte Fred heftig.
„Es ist nicht egal, weil wir keine Aufmerksamkeit darauf ziehen wollen, daß Harry Visionen hat die sich hunderte
von Meilen entfernt ereignen!,“ sagte Sirius ärgerlich.
„Weißt du, was passieren würde, wenn das Ministerium das erfahren würde?“ Ron war schweigsam und hatte immer
noch ein aschfahles Gesicht.
„Jemand anders könnte es uns erzählt haben...wir könnten es von jemand anders als Harry gehört haben,“ sagte
Ginny.
„Wer zum Beispiel,“ fragte Sirius ungeduldig. - Hört zu, euer Vater ist verletzt worden, als er für den Orden arbeitete
und die Umstände sind schlimm genug ohne Kinder, die Sekunden nach dem es passiert ist, darüber bescheid wissen.
Außerdem könntet ihr ernsthaft dem Orden scha...“
„Uns interessiert der dumme Orden nicht!,“ schrie Fred.
„Es ist unser Vater, der stirbt!,“ brüllte George.
„Euer Vater wußte auf was er sich einließ und er wird sich nicht freuen, wenn ihr Angelegenheiten vom Orden
durcheinanderbringt!,“ sagte Sirius ebenso ärgerlich, „Es ist wie es ist - deshalb seid ihr nicht im Orden - ihr versteht
es nicht - es gibt Dinge, für die es sich lohnt zu sterben.“
„Einfach für dich zu sagen, wo du doch hier bist!,“ brüllte Fred. „Ich sehe nicht, wie du deinen Hals riskierst!“
Die wenige Farbe, die in Sirius“s Gesicht übrig geblieben war, wich nun völlig. Er sah einen Moment so au, als
würde er Fred gerne schlagen, aber als er sprach, war sein Stimme ruhig und bestimmt.
„Ich weiß, es ist schwer, aber wir müssen alle so tun, als wüssten wir nichts. Wir sollten uns wenigstens normal
verhalten, bis wir von eurer Mutter hören, OK?“ Fred und George sahen immer noch rebellisch aus. Ginny machte
ein paar Schritte zum nächsten Stuhl und sank darauf nieder.
Harry schaute zu Ron, der eine Merkwürdige Bewegung betsehend aus einem Nicken und einem Achselzucken
machte, dann setzten sie sich auch. Die Zwillinge starrten Sirius an, danach sie sich auch neben Ginny. „das ist
richtig,“ sagte Sirius ermutigend, „Na kommt schon, wir können...wir können ein Bier trinken, während wir warten.
Accio Butterbier!“
Er erhob seinen Zauberstab und schon kamen ein halbes Dutzend Flaschen aus der Speisekammer auf sie zugeflogen.
Sie schlitterten über den Tisch, durch die Reste von Sirius“s Essen, und stoppten ordentlich vor ihnen. Sie tranken
alle, für eine Weile hörte man nur das Knistern des Feuers und den dumpfen Schlag ihrer Flaschen auf dem Tisch.
Harry trank nur, um etwas in seiner Hand zu halten. Sein Magen war schrecklich heiß, voll von Schuldgefühlen. Sie
wären alle nicht hier, wenn es nicht für ihn wäre; sie würden alle noch in ihren Betten schlafen. Und es war nicht gut
sich selbst zu sagen, daß er sich vergewissert hatte, daß Mr Weasley gefunden wurde, bevor er jemanden alarmiert
hatte. Es wäre sicher gewesen, daß alle gedacht hätten, er hätte Mr Weasley angegriffen.
Sei nicht dumm du hast keine Giftzähne, sagte er zu sich selbst und versuchte ruhig zu bleiben. Die Hand, mit der er
sein Butterbier hielt, zitterte; du hast in deinem Bett gelegen, du konntest niemanden angreifen... Aber was ist in
Dumbledores Büro passiert? , fragte er sich. Ich fühlte mich so, als wollte ich auch Dumbledore angreifen... Er
stellte die Flasche etwas etwas härter ab, als er wollte und sie schwappte über auf den Tisch. Keiner bemerkte es.
Dann erleuchtete eine Stichflamme die dreckigen Teller vor ihnen. Sie schrieen alle auf und ein fiel mit einem
dumpfen Schlag auf de Tisch, in Begleitung einer einzigen goldenen Phönixfeder. „Fawkes,“ sagte Sirius und
schnappte nach dem Pergament. „das ist nicht Dumbledores Schrift - es muß von eurer Mutter sein - hier“ Er gab
George den Brief, der ihn aufriss und vorlas: „Dad lebt noch. Ich breche nach St Mungo“s auf. Bleibt dort, wo ihr
seid. Ich werde euch Neuigkeiten schicken, sobald ich kann. Mum.“ George schaute sich am Tisch um. „Noch am
Leben...,“ sagte er langsam. „Es hört sich so an als...“ Er brauchte den Satz nicht zu beenden.
Für hörte es sich an, als ob Mr Weasley sich irgendwo zwischen Leben und Tod befinde. Immer noch völlig bleich,
starrte Ron auf die Rückseite von dem Brief seiner Mutter, als ob vielleicht tröstende Worte sagen würde. Fred nahm
das Pergament aus Georges Hand und las es selbst, dann schaute er zu Harry, der wieder fühlte wie seine Hand mit
dem Butterbier zitterte und umfasste die Flasche fester um das Zittern zu stoppen. Harry konnte sich an keine Nacht
erinnern, die länger war als diese. Sirius schlug ohne Überzeugung vor, daß sie alle ins Bett gehen sollten, aber der
empörte Blick von den Weasleys war Antwort genug. Sie saßen fast die ganze Zeit still am Tisch und schauten zu,
wie die Kerze zu flüssigem Wachs schmolz. Gelegentlich führten sie die Flasche zu ihren Lippen und sprachen nur
um nach der Zeit zu fragen, zu fragen was bloß gerade passierte oder um sich gegenseitig davon zu überzeugen, daß
wenn es schlechte Neuigkeiten gebe sie es längst erfahren hätten. Fred döste ein, sein Kopf lag auf seiner Schulter.
Ginny hatte sich wie eine Katze auf ihrem Stuhl zusammen gerollt, aber ihre Augen waren offen. Harry konnte das
sich spiegelnde Feuer darin sehen. Ron hatte sein Gesicht hinter seinen Händen verborgen, es war nicht möglich zu
sagen, ob er schlief oder ob er wach war. Harry und Sirius schaute sich immer wieder an, sie störten die Trauer er
Weasleys wie Eindringlinge. Warten... warten...
Morgens um zehn nach fünf, nach Rons Uhr, schwang die Küchentür auf und Mrs Weasley trat ein, sie war extrem
bleich, aber als alle sie ansahen, Fred, George und Harry waren fast von ihren Stühlen aufgestanden, lächelte sie.
„Er wird wieder gesund werden,“ sagte sie, ihre Stimme war müde.
„Er schläft. Wir können alle später zu ihm gehen und ihn sehen. Bill sitzt jetzt bei ihm, er arbeitet heute morgen
nicht. Fred ließ sich, mit den Händen vor dem Gesicht, zurück auf seinen Stuhl fallen. George und Ginny standen
auf, liefen schnell zu ihrer Mutter und umarmten sie. Ron gab ein zittriges Lachen von sich und trank den Rest seines
Butterbiers in einem Zug.
„Frühstück,“ sagte Sirius laut und fr”hlich, dabei auf seine Füße springend. „Wo ist dieser verflixte Hauself“
Kreacher! KREACHER!“
Aber Kreacher antwortete nicht auf die Rufe.
„ Ach, vergiß es,“ murmelte Sirius, und zählte die Leute vor ihm. „So, Frühstück für - also - sieben... Schinken mit
Ei, denke ich und vielleicht noch etwas Tee und Toast - „
Harry sprang zum Herd hinüber, um zu helfen. Er wollte nicht die Erleichterung der Weasleys stören und und
fürchtete den Moment, wenn Mrs Weasley ihn bitten würde, seine Vision zu wiederholen. Doch kaum hatte er die
Teller aus dem Küchenschrank genommen, da nahm Mrs Weasley sie ihm schon wieder aus der Hand und umarmte
ihn.
„Ich weiß nicht, was geschehen wäre ohne dich,“ sagte sie mit gedämpfter Stimme, „sie hätten Arthur stundenlang
gesucht und dann wäre es zu spät gewesen, aber Dank dir lebt er und Dumbledore war in der Lage, sich eine gute
Geschichte auszudenken, warum Arthur dort war, du kannst dir nicht vorstellen in welchen Ärger er hätte
hineinschlittern k”nnen, denk an den armen Sturgis...“
Harry konnte ihre Dankbarkeit kaum ertragen, aber glücklicherweise ließ sie ihn bald los um zu Sirius zu gehen und
ihm für die Betreuung der Kinder in dieser Nacht zu danken. Sirius meinte, daß es ihm Freude gemacht hätte, helfen
zu k”nnen und er hoffe, daß sie solange bei ihm bleiben k”nnten wie Mr Weasley im Krankenhaus wäre.
„Oh, Sirius, ich bin ja so dankbar, ... sie denken er wird eine Weile bleiben müssen und etwas näher dran sein zu
können wäre wunderbar ... aber das würde heißen, daß wir Weihnachten hier wären. „
„Je mehr desto besser,“ sagte Sirius mit einer solchen Überzeugung, daß Mrs Weasley ihn mit einem
freudestrahlenden Blick bedachte, sich eine Schürze umband und beim Frühstück zubereiten half.
„Sirius,“ murmelte Harry, nicht mehr in der Lage es länger auszuhalten,“ Kann ich dich kurz sprechen“
„Äh - sofort“
Er ging in die dunkle Wäschekammer und Sirius folgte ihm. Ohne lange Vorrede erzählte Harry seinem Paten jedes
Detail seiner Vision, einschließlich der Tatsache, daß er selbst die Schlange gewesen war, welche Mr Weasley
angegriffenen hatte.
Als er unterbrach um Luft zu holen, sagte Sirius, „Hast du das Dumbledore erzählt“„
„Ja,“ sagte Harry ungeduldig, „ aber er sagte nicht, was es zu bedeuten hat. Eigentlich erzählt er mir gar nichts
mehr.“
„Ich bin sicher, er hätte dir gesagt, wenn es etwas wäre wovor man sich fürchten muß,“ sagte Sirius fest.
„Aber das ist noch nicht alles,“ flüsterte Harry ganz leise, „Sirius ich ... ich glaube, ich werde verrückt. Dort in
Dumbledores Zimmer, kurz bevor wir den Portschlüssel nahmen... für ein paar Sekunden glaubte ich eine Schlange
zu sein, ich fühlte wie eine ... meine Narbe brannte, als ich zu Dumbledore sah - Sirius, ich wollte Dumbledore
angreifen!“
Harry konnte nur einen Bruchteil von Siriusï Gesicht sehen, der Rest war in Dunkelheit versunken.
„Das müssen die Nachwirkungen deiner Vision gewesen sein, das ist alles,“ sagte Sirius. Du warst immer noch dabei
an deinen Traum, oder was immer es war, zu denken und - „
„Das war nicht so,“ schüttelte Harry den Kopf, „Das war, als würde etwas in mir wachsen, als wäre in mir eine
Schlange.“
„Du brauchst Schlaf,“ sagte Sirius ruhig. „Du wirst dein Frühstück essen, dann gehst du nach oben ins Bett und nach
dem Mittagessen kannst du mit den anderen mitgehen Arthur besuchen. Du hattest einen Schock, Harry; du fühlst
dich schuldig für etwas, daß du nur gesehen hast und glücklicherweise hast du es gesehen, sonst wäre Arthur jetzt
tot. Hör auf dich zu quälen.“
Er schlug Harry auf die Schulter und verließ die Kammer. Harry blieb allein im Dunkeln zurück.
*
Alle außer Harry schliefen den Rest des Vormittags. Er ging hinauf in das Schlafzimmer, welches er sich mit Ron
schon die ganzen letzten Wochen des Sommers geteilt hatte, doch während Ron ins Bett schlüpfte und in wenigen
Minuten eingeschlafen war, saß Harry voll bekleidet über die kalten Metallstangen des Bettgestells gebeugt und hielt
sich absichtlich unbequem, entschlossen nicht in einen Schlummer zu fallen. Er befürchtete, daß er sich im Schlaf
wieder in eine Schlange verwandelte und beim Aufwachen merken würde, daß er Ron angegriffen hatte, oder sich
durch das Haus geschlängelt hatte auf der Suche nach einem der anderen ä
Als Ron aufwachte, gab Harry vor, sich ebenfalls eines erfrischenden Schlafes erfreut zu haben. Ihre Koffer kamen
von Hogwarts, während sie Mittag aßen. und so konnten sie sich für ihren Weg nach St. Mungos wie Muggel
kleiden. Alle außer Harry waren ausgelassen, fröhlich und mitteilsam als sie ihre Roben mit Jeans und T-Shirt
tauschten. Und als Tonks und Mad-Eye sich aufmachten, um sie quer durch London zu begleiten, grüßten sie sie
heiter, lachten über die Melone welche Mad-Eye schief auf dem Kopf trug um sein magisches Auge zu verbergen.
Und versicherten ihm, daß Tonks mit ihren kurzen und pinken Haaren viel weniger Aufmerksamkeit in der U-Bahn
erregen würde.
Tonks war sehr an Harrys Vision des Angriffs auf Mr Weasley interessiert, etwas das Harry nicht im entferntesten
diskutieren wollte.
„Es gibt in deiner Familie nicht irgendwelches Seherblut,“ fragte sie neugierig, als sie im Zug Seite an Seite
Richtung Stadtzentrum fuhren.
„Nein,“ sagte Harry, dachte dabei an Professor Trelawney und fühlte sich beleidigt.
„Nein,“ grübelte Tonk, „nein, ich denke du machst keine richtigen Prophezeiungen. Ich meine, du siehst nicht
wirklich die Zukunft, du siehst die Gegenwart. Es ist eigenartig; nicht? Aber dennoch nützlich!“
Harry gab keine Antwort, und zum Glück stiegen sie an der nächsten Station aus und im Gedränge beim Verlassen
des Zuges konnte er es einrichten, daß Fred und Georg sich zwischen ihn und Tonks schoben, welche voraus ging.
Alle folgten ihr die Rolltreppe hinauf, Moody klirrte am Ende der Gruppe, seinen Hut tief ins Gesicht geschoben,
eine knorrige Hand steckte zwischen den Knöpfen seines Mantels, seinen Zauberstab fest gepackt haltend. Harry
dachte zu spüren, wie das magische Auge auf ihn starrte. Er versuchte, weitere Fragen nach seinem Traum zu
vermeiden, indem er Mad-Eye fragte, wo St. Mungos verborgen war.
„Nicht weit von hier,“ grummelte Moody, als sie hinaus in die winterliche Luft auf eine Ladenstraße voller
Menschen beim Weihnachtseinkauf traten. Er schob Harry ein Stückchen vor sich und stampfte genau hinter im
entlang; Harry wußte, daß das Auge sich nach allen Richtungen unter dem Hut drehte.
„War gar nicht so einfach, einen guten Platz für ein Krankenhaus zu finden. Nichts in der Winkelgasse war groß
genug und wir konnten es nicht im Untergrund haben wie das Zaubereiministerium, wäre nicht gesund. Schließlich
gelang es, hier ein Gebäude zu bekommen. Theoretisch sollten kranke Zauberer einfach kommen und gehen und mit
der Menschenmenge verschmelzen können.“
Er hielt Harrys Schulter um zu verhindern, daß sie durch die Einkaufenden getrennt wurden, welche nur in einen
Elektrowarenladen eintreten wollten.
„Hier sind wir,“ sagte Moody einen Moment später.
Sie standen vor einem großen, altertümlichen Warenhaus aus roten Ziegelsteinen, benannt Purge & Dowse Ltd. Der
Ort war schäbig, hatte schlechte Luft; die Fenster zeigten ein paar verdreht stehende Schaufensterpuppen mit
schiefen Haarteilen, v”llig durcheinander aufgestellt und bekleidet mit einer mindestens 10 Jahre alten Mode. Große
Buchstaben verkündeten auf allen Türen: „Geschlossen wegen Renovierung“ Harry hörte im Vorbeigehen eine mit
Einkaufstaschen voll gepackte Frau zu ihrer Freundin sagen: „Hier ist niemals geöffnet.“
„Okay,“ sagte Tonks, und winkte sie zu einem Fenster herüber, welches nichts außer einer sehr hässlichen
weiblichen Schaufensterpuppe zeigte. Die falschen Wimpern hingen herunter und sie war bekleidet mit einer grünen
Nylonschürze. „Sind alle bereit?“
Sie nickten. Moody gab Harry einen weiteren Schlag zwischen die Schultern, um ihn vorwärts zu schieben. Tonks
lehnte sich ganz nah an das Glas, sah zu der sehr hässlichen Puppe und ihr Atem beschlug die Scheibe. „Wärter,“
sagte sie, „wir möchten Arthur Weasley sehen.“
Harry dachte, wie absurd es sei, von Tonks zu glauben, die Schaufensterpuppe würde sie mit so leiser Stimme gegen
die Scheibe gesprochen hören, obwohl hinter ihr die Busse lärmten und der Krach der Einkäufer zu hören war.
Dann fiel ihm ein, daß Puppen sowieso nicht h”ren k”nnen. In der nächsten Sekunde ”ffnete sich sein Mund
geschockt darüber, daß die Schaufensterpuppe kurz nickte und mit den gegliederten Fingern winkte; Tonks packte
Ginny und Mrs Weasley an den Ellbogen, schritt geradewegs durchs Glas und war pl”tzlich verschwunden.
Fred, George und Ron gingen nach ihnen. Harry schaute über die lärmende Menge. Weder hatte einer von ihnen
auch nur einen flüchtigen Blick übrig für Fenster, die so hässlich wie diese von Purge&Dowse Ltd waren; noch
schien auch nur einer zu bemerken, daß sich gerade sechs Leute vor ihren Augen in Luft aufgel”st hatten.
„Na los,“ grummelte Moody, Harry einen weiteren Schlag in den Rücken verpassend und zusammen gingen sie
gerade durch etwas, daß sich anfühlte wie ein Blatt kaltes Wasser, sich aber auf der anderen Seite als warm und
trocken herausstellte.
Es gab kein Anzeichen der häßlichen Puppe oder des Raumes, wo sie gestanden hatte. Sie waren in einem, wie es
schien, überfülltem Empfangsbereich, wo Reihen von Zauberern auf wackeligen, hölzernen Stühlen saßen, einige
sahen vollkommen normal aus und lasen veraltete Ausgaben der Hexenwoche, andere protzten mit schaurigen
Verunstaltungen wie Elefantenrüsseln oder zusätzlichen Händen, die seitlich an ihrem Brustkorb saßen. Der Raum
war kaum weniger ruhig, als die Straße außerhalb, da viele Patienten sehr seltsame Geräusche machten; eine Hexe
mit einem verschwitzten Gesicht in der Mitte der ersten Reihe, die sich kräftig mit einer Ausgabe des
Tagespropheten Luft zufächelte, ließ ein hohes Pfeifen erklingen, als ihr Dampf aus ihrem Mund quoll; ein
schmuddelig aussehender Zauberer in der Ecke, erklang jedesmal wie eine Glocke, wenn er sich bewegte, mit jedem
Schlag begann sein Kopf furchtbar zu vibrieren, so daß er sich selbst an den Ohren festhalten mußte, um ihn stabil zu
halten.
Hexen und Zauberer in lindgrünen Roben gingen die Reihen hinauf und hinunter, stellten Fragen und machten
Notizen auf Klemmbrettern, wie dem von Umbridge. Harry bemerkte das gestickte Emblem über ihren Brustkörben:
ein Zauberstab und ein Knoche, gekreuzt.
„Sind das Ärzte?“ fragte er Ron leise.
„Ärzte?“ sagt Ron, erstaunt aussehend. „Die verrückten Muggle, die andere Leute aufschneiden? Neh, sie sind
Heiler.“
„Hier rüber!“ rief Mrs. Weasley über ein erneutes schallen des Zauberers in der Ecke, und sie folgten ihr zu der
Schlange for einer vollschlanken, blonden Hexe, die an einem Schreibtisch mit der Aufschrift Erkundigungen saß.
Die Wand hinter ihr war übersät mit Notizen und Plakaten, auf denen Sachen standen, wie: EIN-REINRE-KESSEL-
VERHINDERT-DAS-AUS-TRÄNKEN-GIFTE-WERDEN und GEGENGIFTE-SIND-GEGNERISCHE-GIFTE-
SOLANGE-SIE-NICHT-DURCH-EINEN-QUALIFIZIERTEN-HEILER-ÜBERPRÜFT-WURDEN. Ebenso hing da
auch das Bildnis einer Hexe mit langen, silbernen Ringellocken mit einem Schild darunter:
Dilys Derwent
St. Mungo Heilerin 1722 -
Schulleiterin von Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei 1741 -
Dilys betrachtete die Weasleys so eingehend, als würde sie sie zählen; als Harrys und ihr Blick sich trafen, zwinkerte
sie ihm zu, ging seitlich aus dem Bild und verschwand.
Inzwischen führte ein junger Zauberer, am Anfang der Schlange, einen Feiztanz auf und versuchte, zwischen
Schmerzensschreien, seine missliche Lage der Hexe hinter dem Schreibtisch zu erklären.
„Es sind diese - autsch - Schuhe, die mein Bruder mir gegeben hat - aua - sie fressen meine - AUTSCH - Füße, sehen
sie nur, es muß eine Art - AARGH - Verhexung auf ihnen liegen und ich kann sie nicht- AAAAAARGH -
ausziehen.“ Er hüpfte von einem auf den anderen Fuß, als würde er auf heißen Kohlen tanzen.
„Die Schuhe verhindern doch nicht, das sie lesen, oder?“ sagte die blonde Hexe, gereizt auf ein großes Schild links
von ihrem Schreibtisch deutend. „Sie müssen zu Spruchschäden, vierte Etage. So wie es auf dem Etagenführer steht.
Nächster!“
Als der Zauberer davonhumpelte und seitwärts aus dem Weg hüpfte, schritt die Weasley Gruppe ein paar Schritte
vorwärts und las den Etagenführer:
ARTEFAKT-UNFÄLLE … Erdgeschoß
Kessel-Explosionen, nach hinter losgegangene Zauberstäbe, Besenabstürze, usw.
KREATUR-HERBEIGEFÜHRTE VERLETZUNGEN … Erster Stock
Bisse, Stiche, Verbrennungen, eingebettete Dornen, usw.
MAGISCHE STÖRUNGEN … Zweite Etage
Ansteckende Krankheiten, z.B. Drachenpocken, Verschwindeübelkeit, Scrojungulus, usw.
TRANK-UND-PFLANZEN-VERGIFTUNGEN … Dritter Stock
Ausschläge, Erbrechen, Unbändigkeit, usw.
SPRUCH SCHÄDEN … Vierter Stock
Unaufhebbare Zauber, Verhexungen, falsch angewendete Zauber, usw.
BESUCHER TEEZIMMER / KRANKENHAUS KAUFLADEN … Fünfter Stock
WENN SIE UNSICHER SIND, WOHIN SIE GEHEN SOLLEN, DER NORMALEN SPRACHE UNFÄHIG SIND
ODER SICH NICHT MEHR DARAN ERINNERN KÖNNEN, WARUM SIE HIER SIND, UNSERE
EMPFANGSHEXEN WÜRDEN SICH FREUEN, IHNEN WEITERZUHELFEN.
Ein sehr alter, gebeugter Zauberer mit einer Hörtrompete war jetzt and den Anfang der Schlange geschlurft. „Ich bin
hier, um Broderick Bode zu sehen!“ atmete er pfeifend.
„Station neunundvierzig, aber ich befürchte, sie verschwenden ihre Zeit,“ sagte die Hexe abweisend. „Er ist
vollkommen verwirrt, wissen sie - denkt immer noch, er wäre eine Teekanne. Nächster!“
Ein gequält-aussehender Zauberer hielt seine kleine Tochter fest am Knöchel, während sie um seinen Kopf flatterte,
wobei sie die sehr großen, federigen Flügel benutzte, die aus dem Rücken ihres Strampelanzugs gesprossen waren.
„Vierter Stock,“ sagte die Hexe, mit einer gelangweilten Stimme, ohne zu fragen, und der Mann verschwand durch
die nächste Doppeltüre neben den Schreibtisch, seine Tochter wie einen seltsam geformten Ballon haltend.
„Nächster!“
Mrs. Weasley trat an den Schreibtisch heran.
„Hallo,“ sagte sie, „mein Ehemann, Arthur Weasley, wurde heute morgen auf eine andere Station verlegt, könnten
sie uns sagen -?“
„Arthur Weasley?“ sagte die Hexe, ließ ihren Finger eine lange Liste vor ihr herunterfahren. „Ja, erster Stock, zweite
Türe auf der rechten, Dai Llewellyn Station.“
„Danke sehr,“ sagte Mrs. Weasley. „Kommt mit, ihr alle.“
Sie folgten ihr durch die Doppeltüren und dahinter einem engen Korridor entlang, auf dem die Bilder vieler
berühmter Heiler aufgehangen waren und der beleuchtet wurde von Kristallkugeln voller Kerzen, die unter der
Decke hingen, aussehend wie riesige Seifenblasen. Mehre Hexen und Zauberer in lindgrünen Roben gingen hinein
und heraus aus Türen, an denen sie vorbeikamen; ein übelriechendes gelbes Gas wehte in den Gang als sie an einer
Türe vorbeigingen; und ab und zu hörten sie entferntes Klagen. Sie stiegen eine Treppenflucht hinauf und betraten
die Kreaturen-Herbeigeführter Schaden Korridor, bei dem über der zweiten Türe auf der rechten Seite die Wörter
standen: „Gefährlich“ Dai Llewellyn Station: Gefährliche Bisse. Darunter war eine Karte in einem Messinghalter,
auf der hangeschrieben zu lesen stand: Verantwortlicher Heiler: Hippocrates Smethwyck. Lernheiler: Augustus Pye.
„Wir werden draußen warten, Molly,“ sagte Tonks. „Arthur wird nicht zu viele Besucher auf einmal wollen … er
würde zuerst nur die Familie wollen.“
Mad-Eye knurrte seine Zustimmung zu dieser Idee und setzte sich mit seinem Rücken gegen die Korridorwand, sein
magisches Auge drehte sich in alle Richtungen. Harry zog sich ebenfalls zurück, aber Mrs. Weasley reicht ihm eine
Hand und stieß ihn durch die Türe, wobei sie sagte: „Sei nicht albern, Harry, Arthur möchte sich bei dir bedanken.“
Die Station war klein und ziemlich schmuddelig, da das einzige Fenster eng und sehr hoch in der Wand gegenüber
der Türe war. Das meiste Licht kann von einer Traube leuchtenderer Kristallblasen in der Mitte der Decke. Die
Wände waren aus getäfelter Eiche und es war das Bildnis eines ziemlich bösartig-blickenden Zauberers an der Wand,
auf dessen Legende stand: Urquhart Rackharrow, 1612-1697, Erfinder des Das-Inner-nach-außen-kehren Fluchs.
Es gab nur drei Patienten. Mr. Weasley bewohnte das Bett am weiten Ende der Station, neben dem kleinen Fenster.
Harry war erfreut und fühlte sich erleichtert zu sehen, daß er auf einigen Kopfkissen abgestütz wurde und den
Tagespropheten im Licht eines einzigen Strahls, der auf sein Bett fiel, las. Er sah auf, als sie eintraten und auf ihn
zugingen, sah nach, sah wer es war, strahlend.
„Hallo!“ rief er, den Propheten beiseite werfend. „Bill ist gerade gegangen, Molly, mußte zurück zur Arbeit, aber er
sagt, er würde später nochmal vorbeikommen.“
„Wie geht es dir, Arthur?“ fragte Mrs. Weasley, beugte sich hinab, um seine Wange zu küssen, und untersuchte
besorgt sein Gesicht. „Du siehst noch ein wenig mitgenommen aus.“
„Ich fühl mich vollkommen wohl,“ sagte Mr. Weasley fröhlich, seinen gesunden Arm ausstreckend um Ginny zum
umarmen. „Wenn sie mir doch nur die Verbände abnehmen würden, ich wäre schon wieder fit genug um nach Hause
zu gehen.“
„Warum können sie die nicht abnehmen, Dad?“ fragte Fred.
„Nun, ich fange an zu bluten wie verrückt, jedes mal wenn sie es versuchen,“ sagte Mr. Weasley fröhlich, griff nach
seinem Zauberstab, der auf seinem Bettschrank lag, und schwenkte ihn, so daß sechs zusätzliche Stühle an seinem
Bett erschienen, so das sie alle sitzen konnten. „Es scheint, das es einige ziemlich ungewöhnlich Arten von Gift in
den Fängen jener Schlange gab, die Wunden offen halten. Sie sind sicher, das sie ein Gegengift finden werden; sie
sagen, daß sie schon viel schlimmere Fälle gesehen hätten als meinen, und in der Zwischenzeit muß ich jede Stunden
einen Blutergänzungs-Trank zu mir nehmen. Aber jener Kerl da drüben,“ sagte er, die Stimme senkend und zum Bett
am anderen Ende des Raums nickend, in dem ein Mann lag, der grünlich und kränklich aussah und die Decke
anstarrte. „Von einem Werwolf gebissen, armer Kerl. Keine Heilung möglich.“
„Ein Werwolf?“ flüsterte Mrs. Weasley, beunruhigt aussehend. „Ist er sicher auf einer öffentlichen Station? Sollte er
nicht in einem Privatzimmer sein?“
„Es sind zwei Wochen bis Vollmond,“ erinnerte Mr. Weasley sie leise. „Sie haben heute Morgen mit ihm geredet,
die Heiler, weißt du, versuchten ihn davon zu überzeugen, daß er ein fast normales Leben führen können wird. Ich
sagte ihm - natürlich ohne Namen zu nennen - aber ich sagte, daß ich einen Werwolf persönlich kenne, sehr netter
Mann, der mit dem Zustand wirklich einfach zurechtkommt.“
„Was sagte er?“ fragte George.
„Sagte, er würde mir eine weiter Bißwunde verpassen, wenn ich nicht mein Maul halte,“ sagte Mr. Weasley traurig.
„Und die Frau da drüben,“ er wies auf das einzige andere belegte Bett, welches rechts neben der Türe stand, „will
den Heilern nicht erzählen, was sie gebissen hat, weshalb alle denken, das etwas sie gebissen haben muß, dessen
Haltung illegal ist. Was immer es auch war, es hat einen richtigen Klumpen Fleisch aus ihrem Bein gerissen, sehr
unangenehmer Geruch, wenn sie die Verbände abnehmen.“
„Also, wirst du uns erzählen, was passiert ist, Dad?“ fragte Fred, und zog seinen Stuhl näher ans Bett heran.
„Nun, ihr wißt es doch bereits, oder?“ sagte Mr. Weasley, mit einem vielsagenden Lächeln hin zu Harry. „Es ist
recht einfach - ich hatte einen sehr langen Tag, döste weg, etwas schlich sich an und hat mich gebissen.“
„Ist es im Propheten, das du angegriffen wurdest?“ fragte Fred, auf die Zeitung deutend, die Mr. Weasley zur Seite
gelegt hatte.
„Nein, natürlich nicht,“ sagte Mr. Weasley, mit einem leicht bitteren Lächeln, „das Ministerium möchte es nicht, das
jederman weiß, das eine schmutzige, große Schlange sich -“
„Arthur!“ warnte Mrs. Weasley ihn.
„ - mich bekommen hat”, sagte Mr. Weasley hastig, weshalb sich Harry sicher war, daß es nicht das war, was er
eigentlich hatte sagen wollen.
„Also, wo warst du, als es passierte, Dad?“ fragte George.
„Das ist meine Sache,“ sagte Mr. Weasley, obgleich mit einem kleinen Lächeln. Er griff nach dem Tagepropheten,
schlug ihn erneut auf und sagte, „ich war gerade am lesen, daß Willy Widdershin“s verhaftet wurde, als ihr kamt.
Wißt ihr noch, Willy war diesen Sommer hinter den auslaufenden Toiletten her? Einer seiner Zaubersprüche ging
nach hinten los, the Toilette explodierte und sie fanden ihn bewußtlos in den Trümmern, vom Kopf bis zum Fuß in -“
„Als du sagtest, du wärst beschäftigt,“ unterbrach ihn Fred mit leiser Stimme, „was tatest du da genau?“
„Du hast deinen Vater gehört,“ flüsterte Mrs. Weasley, „wir diskutieren das nicht hier! Mach weiter mit der Sache
über Willy Widdershins, Arthur.“
„Nun, fragt mich nicht wie, aber er ist jetzt aus der Toiletten-Verantwortung raus,“ sagte Mr. Weasley grimmig. „Ich
kann nur annehmen, das Gold die Hände gewechselt hat -“
„Du hast es beobachtet, nicht wahr?“ sagte George leise. „Die Waffe? Das Ding hinter dem Du-Weißt-Schon-Wer
her ist?“
„George, sei still!“ schnappte Mrs. Weasley.
„Jedenfalls”, sagte Mr. Weasley, mit erhobener Stimme, „diese mal wurde Willy gefangen, als er beissende Türgriffe
an Muggle verkaufte und ich denke nicht, das er sich da herauswinden kann, weil, entsprechend dem Artikel, zwei
Muggle ihre Finger verloren haben und jetzt hier im St. Mungo ein Notknochenwachstum und eine
Gedächtsnisveränderung erhalten. Denkt nur mal daran, Muggle im St. Mungo! Ich frage mich, auf welcher Station
sie wohl sind?“
Und er blickte gespannt umher, als würde er darauf hoffen, irgendeinen Hinweis zu sehen.
„Hast du nicht gesagt, Du-Weißt-Schon-Wer hätte eine Schlange, Harry?“ fragte Fred, seinen Vater nach einer
Reaktion ansehend. „Eine massige? Du sahst sie in der Nacht, als er zurückkehrte, nicht wahr?“
„Das ist genug,“ sagte Mrs. Weasley böse. „Mad-Eye und Tonks sind draußen, Arthur, sie wollten kommen und dich
sehen. Und ihr alle könnt draußen warten,“ fügte sie ihren Kindern und Harry gegenüber hinzu. „Du könnt nachher
nochmal reinkommen und auf Wiedersehen sagen. Jetzt los!“
Sie strömten zurück in den Korridor. Mad-Eye und Tonks gingen hinein und schlossen die Tür der Station hinter
sich. Fred hob seine Augenbrauen.
„Fein,“ sagte er kühl, in seinen Taschen herumstöbernd, „wie ihr wollt. Sagen uns nichts.“
„Suchst du diese?“ sagte George, etwas hinhaltend, was wie ein Gewirr aus fleischfarbenen Schnüren aussah.
„Du hast meine Gedanken gelesen,“ sagte Fred grinsend. „Laßt und sehen, ob das St. Mungos Unerschütterliche
Zauber auf seinen Stationstüren hat, sollen wir?“
Er und George entwirrten die Schnüre und trennten fünf Ausdehnbare Ohren voneinander ab. Fred und George
reichten sie herum. Harry zögerte, eins anzunehmen.
„Los, Harry, nimm es! Du hast Dad“s Leben gerettet. Wenn irgend jemand das Recht hat ihn zu belauschen, dann
du.“
Ärgerlich über sich selbst grinsend, nahm Harry das Ende der Schnur und führte es in sein Ohr ein, so wie die
Zwillinge es getan hatten.
„Okay, los!“ flüsterte Fred.
Die fleischfarbenen Schnüre wanden sich wie lange, magere Würmer unter der Türe hindurch. Zuerst konnte Harry
gar nichts hören, dann sprang er auf, als er Tonks Flüstern so klar und deutlich hören könnte, als stände sie direkt
rechts neben ihm.
„… sie haben das ganze Gebiet durchsucht, aber konnten die Schlange nirgendwo finden. Sie scheint direkt nach
dem Angriff auf dich verschwunden zu sein, Arthur … aber Du-Weißt-Schon-Wer kann doch nicht erwartet haben,
das eine Schlange es da reinschafft, oder?“
„Ich bin der Meinung, daß er sie als Beobachter gesandt hat,“ knurrte Moody, „weil er bisher kein Glück gehabt hat,
nicht wahr? Nein, ich bin der Meinung, das er versucht, ein klareres Bild davon bekommen möchte, worauf er es
abgesehen hat und wenn Arthur nicht dort gewesen wäre, dann hätte die Bestie viel mehr Zeit gehabt, sich
umzusehen. Also, Potter sagt, er sah was passiert ist?“
„Ja,“ sagte Mrs. Weasley. Sie klang ziemlich beunruhigt. „Ihr wißt, Dumbledore scheint fast darauf gewartet zu
haben, das Harry so etwas wie das hier sieht.“
„Jau, nun,“ sagte Moody, „etwas ist seltsam an diesem Potter-Gör, wir alle wissen das.“
„Dumbledore schien besorgt zu sein über Harry, als ich heute morgen mit ihm sprach,“ flüsterte Mrs. Weasley.
„Natürlich ist er beunruhigt,“ knurrte Moody. „Der Junge sieht Dinge von innerhalb Du-Weißt-Schon-Wer“s
Schlange. Offensichtlich realisiert Potter nicht, was das bedeutet, aber wenn Du-Weißt-Schon-Wer besitzt von ihm
ergreift -“
Harry zog die Ausdehnbaren Ohren aus den eigenen, sein Herz hämmerte sehr schnell und Hitze stieg sein Gesicht
hinauf. Er sah zwischen den anderen umher. Sie starrten ihn alle an, die Schnüre rankten immer noch aus ihren
Ohren heraus, plötzlich angsterfüllt dreinblickend.
Kapitel 23 - Weihnachten auf der geschlossenen Abteilung
War dies der Grund, weshalb Dumbledore Harry nicht mehr in die Augen sah ? Erwartete er, Voldemort aus ihnen
herausstarren zu sehen, hatte er vielleicht Angst, daß sich ihr klares Grün plötzlich in Scharlachrot verwandeln
würde, mit katzenartigen Schlitzen als Pupillen ? Harry erinnerte sich, wie sich Voldemorts schlangenartiges Gesicht
einst aus Professor Quirrels Hinterkopf herausgezwungen hatte, während er sich mit der Hand über seinen eigenen
Hinterkopf fuhr und sich fragte, wie es sich wohl anfühlte, wenn Voldemort aus seinem Schädel herausplatzte.
Er fühlte sich dreckig, beschmutzt, so als würde er eine Art tödlichen Keim in sich tragen, als sei er es nicht wert,
hier in der U-Bahn auf dem Rückweg vom Krankenhaus zu sitzen, zusammen mit unschuldigen, reinen Menschen,
deren Körper und Geist frei von Voldemorts Verdorbenheit waren ... er hatte die Schlange nicht einfach nur gesehen,
er war die Schlange gewesen, das wußte er jetzt ...
Dann kam ihm ein wirklich schrecklicher Gedanke, eine Erinnerung schoß an die Oberfläche seines Bewußtseins,
eine, die sein Inneres dazu brachte, sich zu krümmen und zu winden wie eine Schlange.
Hinter was ist er her, von Gefolgsleuten mal abgesehen ?
Etwas, das er nur durch Diebstahl bekommen kann .... wie eine Waffe. Etwas, das er das letzte Mal nicht gehabt hat.
Ich bin diese Waffe, dachte Harry, und es war als würde Gift durch seine Adern fließen, das ihn eiskalt werden ließ,
das ihm den Schweiß ausbrechen ließ während er mit dem Zug durch den dunklen Tunnel schwankte. Ich bin
derjenige, den Voldemort zu benutzen versucht, das ist der Grund warum mir Bewacher auf Schritt und Tritt folgen,
nicht zu meinem eigenen Schutz, sondern zum Schutz der anderen Leute, nur, daß es nicht funktioniert, sie können
nicht die ganze Zeit über jemanden hinter mir herschicken, während ich in Hogwarts bin ... ich habe Mr. Weasley
letzte Nacht angegriffen, das war ich. Voldemort hat mich dazu gebracht, und er könnte auch jetzt in mir sein,
gerade jetzt meine Gedanken belauschen -
„Geht“s dir gut, Harry, Schatz ?“ flüsterte Mrs. Weasley, sich über Ginny lehnend, um mit ihm zu sprechen, während
der Zug weiter durch seinen dunklen Tunnel ratterte. „Du siehst nicht gut aus, fühlst du dich krank ?“
Sie alle sahen ihn an. Er schüttelte heftig den Kopf und starrte nach oben, auf ein Werbeplakat für
Hausratversicherungen.
„Harry, Schatz, bist du sicher, daß du in Ordnung bist ?“ sagte Mrs Weasley mit besorgter Stimme, während sie um
den Flecken ungepflegten Grases in der Mitte von Grimmault Place herumgingen. „Du siehst furchtbar blaß aus ...
bist du sicher, daß du heute morgen geschlafen hast ? Wenn du gleich nach oben ins Bett gehst, dann kannst du noch
ein paar Stunden vor dem Abendessen schlafen, in Ordnung ?“
Er nickte; dies war eine gute, vorgefertigte Entschuldigung, um nicht mit den anderen reden zu müssen. Das war
ganz genau, was er wollte. Sobald sie die Vordertür öffnete, eilte er an dem Trollbein - Schirmständer vorbei, die
Stufen hinauf und in sein und Rons Schlafzimmer.
Hier angekommen, begann er auf und ab zu gehen, an den beiden Betten und Phineas Nigellus“ leerem Bilderrahmen
vorbei, während sein Gehirn vor Fragen und immer grauenhafteren Gedanken wimmelte und kochte.
Wie war er zur Schlange geworden ? Vielleicht war er ein Animagus ... nein, das konnte er nicht sein, das würde er
wissen ... vielleicht war Voldemort ein Animagus ... ja, dachte Harry, das würde passen, der würde sich natürlich in
eine Schlange verwandeln ... und während ich von ihm besessen bin, verwandeln wir uns beide ... aber das erklärt
immer noch nicht, wie ich in einem Zeitraum von 5 Minuten nach London und zurück in mein Bett gekommen bin
... aber immerhin ist Voldemort ungefähr der mächtigste Zauberer der Welt, von Dumbledore einmal abgesehen, es
ist vermutlich überhaupt kein Problem für ihn, jemanden auf diese Art zu transportieren.
Und dann dachte er, während ihm die Panik einen Stich versetzte : Aber das ist Wahnsinn - wenn ich von Voldemort
besessen bin, dann gebe ich ihm gerade jetzt freie Einsicht in das Hauptquartier des Ordens des Phöenix ! Er wird
wissen, wer zum Orden gehört und wo Sirius ist ... und ich habe eine Menge Dinge mit angehört, die ich nicht hätte
hören sollen, alles das, was mir Sirius in der ersten Nacht hier erzählt hat ...
Ihm blieb nur noch eine Möglichkeit : Er würde Grimmault Place sofort verlassen müssen. Er würde Weihnachten
ohne die anderen in Hogwarts verbringen, das würde sie wenigstens die Ferien über schützen ... aber nein, das würde
nicht ausreichen, es waren immer noch genug Leute in Hogwarts, die zu verstümmeln und zu verletzen waren. Was
wäre, wenn es das nächste Mal Seamus, Dean oder Neville wären ? Er stoppte seine Schritte und stand, auf Phineas
Nigellus“ leeren Bilderrahmen starrend. Ein bleiernes Gefühl setzte sich in seiner Magengrube fest. Er hatte keine
Alternative : Er würde in den Ligusterweg zurückkehren müssen, sich selbst vollständig von der Zaubererwelt
abschneiden.
Nun, wenn er das tun mußte, dachte er, hatte es keinen Sinn, hier noch weiter herumzuhängen. Während er mit aller
Gewalt versuchte, nicht daran zu denken, wie die Dursleys reagieren würden, wenn sie ihn 6 Monate früher als
erwartet auf ihrer Türschwelle fänden, schritt er zu seinem Koffer hinüber, knallte den Deckel zu und verschloß ihn.
Dann sah er sich automatisch nach Hedwig um bevor er sich erinnerte, daß sie noch in Hogwarts war - nun, ihr Käfig
war eine Sache weniger, die er tragen mußte - er ergriff ein Ende seines Koffers und hatte ihn halbwegs bis zur Tür
geschleppt, als eine abfällige Stimme sagte : „Wir sind am Weglaufen, was ?“
Er sah sich um. Phineas Nigellus war auf der Leinwand seines Portraits erschienen und lehnte sich gegen den
Rahmen, während er Harry mit einem amüsierten Ausdruck auf seinem Gesicht beobachtete.
„Nicht am Weglaufen, nein,“ sagte Harry kurz, während er seinen Koffer ein Stück weiter durch den Raum
schleppte.
„Ich dachte,“ sagte Phineas Nigellus, sich den Spitzbart streichend, „daß nach Gryffindor zu gehören bedeutet, tapfer
zu sein ? Für mich sieht es so aus, als wärst du in meinem eigenen Haus besser aufgehoben. Wir Slytherins sind
tapfer, ja, aber nicht dämlich. Wenn man uns zum Beispiel vor die Wahl stellen würde, würden wir uns immer dafür
entscheiden, unsere eigenen Hälse zu retten.“
„Es ist nicht mein eigener Hals, den ich rette,“ sagte Harry knapp, während er seinen Koffer über eine Stelle mit
besonders unebenem, mottenzerfressenem Teppich direkt vor der Tür zerrte.
„Oh, verstehe,“ sagte Phineas Nigellus , sich noch immer den Bart streichend, „das ist keine feige Flucht, sondern du
bist edel.“
Harry ignorierte ihn. Seine Hand lag auf dem Türknauf, als Phineas Nigellus träge sagte : „Ich habe eine Nachricht
für dich. Von Albus Dumbledore.“
Harry fuhr herum.
„Was ist es ?“
„Bleib,“ wo du bist.“
„Ich hab“ mich nicht bewegt!“ sagte Harry, die Hand noch auf dem Türknauf. „Also wie lautet die Nachricht ?“
„Die habe ich dir gerade überbracht, du Trottel. ,“ sagte Phineas Nigellus aalglatt. „Dumbledore sagt : „Bleib,
wo du bist.“„
„Warum ?“ fragte Harry begierig, während er das Ende seines Koffers fallenließ. „Warum will er, daß ich hierbleibe
? Was hat er noch gesagt ?“
„Nichts weiter,“ sagte Phineas Nigellus, eine dünnen schwarzen Augenbraue hochziehend, so als fände er Harry
unverschämt.
Harrys Temperament schoß hoch wie eine Schlange, die sich im Gras aufrichtet. Er war erschöpft, er war über alle
maßen durcheinander, er hatte in den letzten 12 Stunden Schrecken, Erleichterung und wieder Schrecken durchlebt,
und noch immer wollte Dumbledore nicht mit ihm sprechen!
„So ist das also, ja ?“ sagte er laut. „Bleib,“ wo du bist ?“ Das ist auch alles, was man mir sagen konnte, nachdem ich
von den Dementoren angegriffen wurde. Bleib einfach an Ort und Stelle, während die Erwachsenen versuchen, das
wieder hinzubiegen, Harry. Wir werden uns allerdings nicht die Mühe machen, dir etwas darüber zu erzählen, weil
dein winzigkleines Hirn damit vielleicht nicht fertig würde !“
„Weißt du,,“ sagte Phineas Nigellus noch lauter als Harry, „genau deshalb habe ich es verabscheut, Lehrer zu sein!
Junge Menschen sind so höllisch davon überzeugt, daß sie mit allem absolut Recht haben. Ist Dir nicht schon mal der
Gedanke gekommen, mein armer kleiner aufgeplusterter Quatschvogel, daß es vielleicht einen guten Grund gibt, daß
der Schulleiter von Hogwarts dir nicht jedes kleinste Detail seiner Pläne anvertraut ?
Hast du niemals beim sich-schlecht-behandelt-fühlen eine Pause gemacht, um zu erkennen, daß Dumbledores
Anweisungen dich noch nie ins Unglück geführt haben? Nein. Nein, genau wie alle jungen Menschen bist Du sicher,
daß nur du allein denkst und fühlst, daß nur du allein Gefahr erkennst, daß nur du allein der einzige bist, der clever
genug ist, zu erkennen ,was der dunkle Lord wohl plant -“
„Er plant also etwas, das mit mir zu tun hat ?“ sagte Harry schnell.
„Habe ich das gesagt ?“ sagte Phineas Nigellus, während er untätig seine Seidenhandschuhe betrachtete. „Wenn du
mich jetzt entschuldigst, ich habe besseres zu tun, als jugendlicher Selbstquälerei zuzuhören ... einen guten Tag
auch.“
Und er schlenderte zur Grenze seines Bilderrahmens und außer Sicht.
„Gut, dann geh!“ brüllte Harry in Richtung des leeren Rahmens. „Und sag Dumbledore danke für nichts!“
Die leere Leinwand blieb still. Wütend zog Harry seinen Koffer zurück zum Fuße seines Bettes, dann warf er sich
mit dem Gesicht nach unten auf den mottenzerfressenen Bezug, seine Augen geschlossen, sein Körper schwer und
schmerzend.
Er fühlte sich, als ob er viele Meilen gereist sei... es schien unmöglich, daß Cho Chang ihm noch vor weniger als
vierundzwanzig Stunden so nah war... er war so müde... er hatte Angst vor dem Schlaf... und er wußte nicht wie
lange er noch dagegen ankämpfen könnte... Dumbledore hatte ihn angewiesen zu bleiben... das hiess er dürfte
schlafen... aber er hatte Angst... was wenn es wieder passieren würde?
Er versank im Schatten...
Es war als ob ein Film in seinem Kopf auf den Start gewartet hätte. Er lief in einem leeren Korridor auf eine
schlichte schwarze Tür zu, vorbei an rauhen Steinwänden, Fackeln und einem offenen Durchgang zu einer Treppe
aus Steinstufen, die links nach unten führte...
Er erreichte die schwarze Tür, aber er konnte sie nicht öffnen... Er starrte sie an, verzweifelt ohne Einlass... etwas
was er von ganzem Herzen wünschte lag dahinter... ein Preis von dem er nicht zu träumen wagte... wenn nur seine
Narbe aufhören würde zu stechen... dann könnte er klarer denken...
„Harry,“ sagte Rons Stimme von ganz weit weg, „Mum sagt das Essen ist fertig, aber sie stellt Dir was zurück, wenn
Du im Bett bleiben willst.“
Harry öffnete die Augen, aber Ron hatte schon den Raum verlassen.
Er will nicht mit mir allein sein, dachte Harry, nicht nach das gehört hatte, was Moody gesagt hatte.
Er vermutete, daß keiner ihn mehr hier haben wollte, nun da sie jetzt wußten, was in ihm steckte.
Er würde nicht zum Essen runtergehen, er würde ihnen nicht seine Gesellschaft aufdrängen. Er drehte sich auf die
andere Seite und fiel nach einer Weile wieder in Schlaf. Viel später wachte er in den frühen Morgenstunden auf, sein
Magen schmerzte vor Hunger und Ron schnarchte in Nebenbett. Als er im Raum herumschielte, sah er die dunklen
Umrisse von Phineas Nigellus, der wieder in seinem Portrait stand und es kam Harry in den Sinn, daß Dumbledore
Phineas Nigellus eventuell gesandt hatte um ihn zu beobachten, für den Fall, daß er wieder jemand anderen angriff.
Das Gefühl unsauber zu sein nahm zu. Er wünschte halb, er hätte Dumbledore nicht gehorcht... wenn so sein Leben
von nun an im Grimmauld Place aussehen würde, wäre er vielleicht doch besser im Liguster Weg aufgehoben...
*
Alle anderen verbrachten den nächsten Morgen damit Weihnachtsdekorationen aufzuhängen. Harry konnte sich nicht
daran erinnern, Sirius je in einer solch guten Stimmung erlebt zu haben; er sang gerade Weihnachtslieder,
offensichtlich erleichtert, daß er über Weihnachten Gesellschaft hatte. Harry konnte seine Stimme durch den Flur bis
zu seinem kalten Zimmer hören, wo er alleine saß und den Himmel beobachtete, der außerhalb des Fensters durch
den herabfallenden Schnee immer weißer wurde, ständig mit der grausamen Freude, daß er den anderen die
Möglichkeit gab über ihn zu sprechen, was sie wohl auch nutzen würden. Als er zur Mittagszeit Mrs. Weasley hörte,
wie sie unten an der Treppe leise seinen Namen rief, zog er sich weiter nach oben zurück und ignorierte sie.
Etwa um sechs Uhr abends klingelte die Türglocke und Frau Black fing wieder an zu schreien. In der Annahme, daß
Mundungus oder ein anderes Ordensmitglied gekommen wäre, setzte sich Harry bloß etwas bequemer an die Wand
von Schnäbelchens Raum, wo er sich versteckte, und versuchte seinen Hunger zu ignorieren, als er tote Ratten an
den Hippogreif verfütterte. Er erschrak deswegen ein paar Minuten später, als jemand laut an die Tür klopfte.
„Ich weiss, daß Du da drin bist“ sprach Hermines Stimme. „bitte komm raus, ich möchte mit Dir reden.“
„Was machst Du denn hier?“ fragte Harry sie, als er die Tür öffnete. Schnäbelchen fing wieder an, auf dem
strohbedeckten Boden nach eventuell heruntergefallen Resten seiner Ratten zu scharren. „Ich dachte Du bist
skifahren mit deiner Mutter und deinem Vater?“
„Nun, um die Wahrheit zu sagen, Skifahren ist nicht wirklich mein Ding,“ sagte Hermine, „deswegen bin ich hier zu
Weihnachten.“ Schnee war in ihrem Haar und ihr Gesicht war rot vor Kälte. „Aber sags Ron nicht. Ich habe ihm
gesagt, daß Skifahren wirklich klasse ist, weil er so viel darüber gelacht hat. Mum und Dad sind ein bißchen
enttäuscht, aber ich habe ihnen gesagt, daß jeder, der die Examen ernst nimmt, zum Lernen in Hogwarts bleibt. Sie
wollen, daß ich gut bin, deswegen verstehen sie es. Aber,“ sagte sie munter, „laß uns in Dein Schlafzimmer gehen,
Rons Mutter hat ein Feuer angezündet und uns Sandwiches hochgebracht.“
Harry folgte ihr zurück in den zweiten Stock. Als er das Schlafzimmer betrat, war er etwas überrascht, daß sowohl
Ron als auch Ginny sie auf dem Bett sitzend erwarteten.
„Ich kam mit dem Fahrenden Ritter,“ sagte Hermine unbekümmert, als sie ihre Jacke auszog, bevor Harry Zeit zum
Sprechen hatte. „Dumbledore erzählte mir heute morgen als erstes, was passiert ist, aber ich mußte auf das offizielle
Ende der Schulzeit warten bevor ich loskonnte. Umbridge ist bereits blaß vor Wut, daß ihr alle direkt unter ihrer
Nase verschwunden seid, auch wenn Dumbledore ihr gesagt hat, daß Mr. Weasley in St. Mungo ist und er euch die
Besuchserlaubnis erteilt hat. Also...“
Sie setzte sich neben Ginny und die beiden Mädchen und Ron schauten alle Harry an.
„Wie fühlst Du dich?“ fragte Hermine.
„Gut,“ sagte Harry steif.
„Oh, lüg nicht, Harry,“ sagte sie ungeduldig, „Ron und Ginny sagen du versteckst dich vor allen seit du zurück aus
St. Mungo bist.“
„Ach wirklich, tun sie?“ sagte Harry und starrte Ron und Ginny an. Ron schaute hinunter zu seinen Schuhen, aber
Ginny schaute ihm unerschrocken an.
„Ja, tust du,“ sagte sie, „und du willst keinen von uns ansehen!“
„Ihr seit es, die nicht nach mir sehen!“ sagte Harry verärgert.
„Vielleicht wechselt ihr euch ab, euch nicht anzusehen,“ schlug Hermine vor, ihr Mundwinkel zuckten.
„Sehr witzig,“ schnauzte Harry und drehte sich weg.
„Oh hör auf, dich unverstanden zu fühlen,“ sagte Hermine scharf, „schau, die anderen haben mir gesagt, was du
gestern mit den dehnbaren Ohren mitgehört hast -“
„Ach ja?“ grunzte Harry, seine Hände tief in seinen Taschen als er draußen das Herabfallen der dichten
Schneeflocken beobachtete. „Ihr sprecht alle über mich, nicht wahr? Daran gewöhnt man sich.“
„Wir wollen mit Dir sprechen, Harry,“ sagte Ginny, „aber du versteckst dich ja seit wird zurück sind- „
„Ich möchte nicht, daß jemand mit mir spricht,“ sagte Harry, der sich mehr und mehr verärgert fühlte.
„Nun, das war etwas dumm von dir,“ sagte Ginny sauer, „du kennst doch niemanden außer mir, der von Du-weisst-
schon-wem besessen war und ich kann dir sagen wie man sich dabei fühlt.“
Harry blieb still als ihm die Bedeutung dieser Worte bewusst wurde. Dann drehte er sich um.
„Das habe ich vergessen,“ sagte er.
„Du glücklicher,“ sagte Ginny kühl.
„Tut mir leid,“ sagte Harry und meinte es so. „Also... also, denkst du, daß ich besessen war?“
„Nun, kannst du dich an alles erinnern, was du gemacht hast?“ fragte Ginny, „sind da große Erinnerungslücken, in
denen du nicht weisst, was du gemacht hast?“
Harry kramte in seinem Hirn.
„Nein,“ sagte er.
„Dann hat Du-weisst-schon-wer nie von dir Besitz ergriffen,“ sagte Ginny einfach, „als er das mit mir gemacht
hatte, konnte ich mich nicht daran erinnern, was ich über Stunden getan hatte. Ich habe mich irgendwo
wiedergefunden und wußte nicht, wie ich da hingekommen bin.“
Harry traue sich kaum ihr zu glauben, aber sein Herz wurde doch etwas leichter.
„Diesen Traum, den ich hatte über deinen Dad und die Schlange, aber -“
„Harry, du hattest diese Träume schon zuvor,“ sagte Hermine, „du hattest Blitze der Stimmungen die Voldemort
hatte letztes Jahr.“
„Das jetzt war anders,“ sagte Harry und schüttelte seinen Kopf, „ich war in der Schlange. Es war, als ob ich die
Schlange sei... was wenn Voldemort mich irgendwie nach London gebracht hatte?“
„Eines Tages,“ sagte Hermine mit genervter Stimme, „wirst du Hogwarts: eine Geschichte lesen und dich vielleicht
daran erinnern, daß man in Hogwarts nicht apparieren oder disapparieren kann. Sogar Voldemort kann dich nicht aus
dem SchlaFraum fliegen lassen, Harry.“
„Du hattest dein Bett nicht verlassen, Kumpel,“ sagte Ron, „ich hab dich im Schlaf herumschlagen sehen etwa eine
Minute lang bevor wir dich wecken konnten.“
Harry hatte wieder angefangen, beim Nachdenken im Raum auf- und abzugehen. Was sie alle sagten, war nicht nur
beruhigend, es machte Sinn... Ohne richtig nachzudenken nahm er ein Sandwich von der Platte auf dem Bett und
stopfte es hungrig in seinen Mund.
Nach alledem bin ich nicht die Waffe, dachte Harry. Sein Herz füllte sich mit Frohsinn und Erleichterung und er
wollte am Liebsten miteinstimmen, als er Sirius an ihrer Tür vorbeilaufen und „God Rest Ye, Merry Hippogreifs“ in
voller Lautstärke singen hörte.
Wie konnte er nur davon geträumt haben, an Weihnachten in den Privat Drive zurückkehren zu wollen? Sirius
Erleichterung, wieder ein volles Haus und speziell Harry zurückzuhaben, war ansteckend. Er war nicht mehr der
mürrische Gastgeber vom Sommer; nun war er entschlossen, daß sich jeder so gut es ging amüsierte, wenn nicht gar
mehr als in Hogwarts, und er arbeitete unermüdlich an den Vorbereitungen, machte sauber und dekorierte mit ihrer
Hilfe, so daß an Heiligabend zur Bettgehzeit das Haus kaum wiederzuerkennen war. Die angeschlagenen
Kronleuchter waren nicht länger voll mit Spinnweben sondern mit Girlanden aus Stechpalmblättern und goldenen
und silbernen Bändern; magischer Schnee glitzerte haufenweise auf den abgenutzten Teppichen; ein großer
Christbaum, den Mundungus beschafft und mit lebenden Feen verziert hatte, verbarg Sirius Stammbaum und sogar
die ausgestopften Elfenköpfe an der Wand hatten rote Mützen und Nikolausbärte auf.
Harry erwachte am Weihnachtsmorgen und fand einen Haufen von Geschenken vom Fußende seines Bettes und
Ron, der bereits die Hälfte seines wesentlich größeren Stapels geöffnet hatte.
„Guter Fang dieses Jahr,“ informierte er Harry durch eine Wolke von Papier. „Danke für den Besenkompass, der ist
exzellent; Besser als Hermines - sie hat mir einen Hausaufgabenplaner geschenkt-“
Harry schaute seine Geschenke durch und fand eines mit Hermines Handschrift drauf. Sie hatte ihm ebenfalls ein
Buch geschenkt, das einem Tagebuch ähnelte, außer daß es beim Öffnen einer Seite Sachen wie „mach es gleich,
sonst wirst du nicht reich“ laut ausrief.
Sirius und Lupin hatten Harry ein paar gute Bücher mit dem Titel Praktische Abwehrmagie und der Gebrauch gegen
dunkle Künste geschenkt, welche besonders gute, sich bewegende bunte Illustrationen der beschriebenen
Gegenflüche und Zaubersprüche enthielt. Harry blätterte eifrig durch den ersten Band; er erkannte, das es bestens für
seine Pläne in der DA geeignet wäre. Hagrid hatte ihm eine pelzige braune Geldbörse mit Fangarmen geschenkt, die
augenscheinlich als Diebstahlsicherung gedacht waren, aber unglücklicherweise Harry daran hinderten, auch nur ein
Geldstück hinein zu tun, ohne seine Finger abzureißen. Tonks Geschenk, war ein kleines, funktionsfähiges Modell
des Feuerblitzes, welches Harry beim Herumfliegen im Zimmer beobachtete, wünschend, er hätte doch noch die
lebensgroße Version; von Ron bekam er eine riesige Schachtel Bertie Bott’s Bohnen in allen
Geschmacksrichtungen, Mr. und Mrs. Weasley schenkten ihm den üblichen selbst gestrickten Pullover und etwas
Hackfleischpastete und Dobby eine wirklich schreckliche Zeichnung, daß Harry vermutete, vom Elfen selbst
gemacht. Er drehte es einfach herum, um zu sehen, ob es vielleicht besser aussehen würde; mit einem lauten Knall,
erschienen Fred und George am Fuß seines Bettes.
„Frohe Weihnachten,“ sagte George. „Geh für eine Weile nicht nach unten.“
„Warum nicht?“ sagte Ron.
„Mum weint schon wieder,“ sagte Fred schwer. „Percy hat seinen Weihnachtspullover zurückgeschickt.“
„Ohne Nachricht,“ fügte George hinzu. „Hat nicht gefragt wie es Dad geht oder besuchte ihn oder sonst was.“
„Wir versuchten sie zu trösten,“ sagte Fred, ging um das Bett herum um auf Harrys Porträt zu schauen. „Sagte ihr
Percy ist nichts als ein riesiger Stapel eines Ratenhaufens.“
„Klappte nicht,“ sagte George, sich selbst helfend, mit einem Schokoladenfrosch. „So übernahm Lupin. Am Besten,
wir lassen ihn sie aufmuntern, bevor wir zum Frühstücken heruntergehen, glaube ich.“
„Was soll es überhaupt sein?“ fragte Fred, auf das Bild schielend. „Sieht aus wie ein Gibbon mit zwei schwarzen
Augen.“
„Es ist Harry!“ sagte George, auf die Rückseite zeigend, „heißt so auf der Rückseite!“
„Gute Ähnlichkeit,“ sagte Fred grinsend. Harry warf seinen neuen Hausaufgabenkalender auf ihn; er schlug gegen
die Wand gegenüber und fiel auf den Boden, wo es fröhlich sagte: „Wenn du die „i“s punktiert hast und die „t“s
angekreuzt hast, dann darfst du alles tun was du willst!“
Sie standen auf und zogen sich um. Sie konnten die verschiedensten Bewohner des Hauses „Frohe Weihnachten“
hören. Auf ihrem Weg nach unten trafen sie Hermine.
„Danke für das Buch, Harry,“ sagte sie fröhlich. „Ich wollte das Buch Neue Theorie des Rechnens schon seit Jahren!
Und dieser Parfum ist echt ungewöhnlich, Ron.“
„Kein Problem,“ sagte Ron. „Wer ist das überhaupt?“ fügte er hinzu, nickend zum sauber eingepackten Geschenk,
das sie trug.
„Kreacher,“ sagte Hermine heiter.
„Es sollte besser nicht angezogen sein!“ warnte sie Ron. „Du weißt, was Sirius gesagt hat: Kreacher weiß zu viel, wir
können ihn nicht freilassen!“
„Es ist nicht angezogen,“ sagte Hermine, „wenn ich nach meinem Weg gehen sollte, hätte ich ihm ganz bestimmt
was zum Tragen gegeben oder diesen schmutzig alten Fetzen. Nein, es ist eine Patchwork-Decke, ich dachte es
würde sein Schlafzimmer aufheitern.“
„Welches Schlafzimmer?“ sagte Harry, seine Stimme niederlassend, während sie am Porträt Sirius“ Mutter
vorbeigingen.
„Nun, Sirius sagt, es sieht nicht so viel nach einem Schlafzimmer aus, mehr nach einer Art von - Höhle,“ sagte
Hermine. „Anscheinend schläft er unter dem Kessel in diesem Schrank in der Nähe von der Küche.“
Mrs. Weasley war die einzigste Person im Kellergeschoß als sie dort ankamen. Sie stand am Herd und klang als ob
sie einen kranken Kopf Kälte hätte, als sie ihnen „Frohe Weihnachten“ wünschte und sie alle ihre Augen
abwendeten.
„So, ist das Kreachers Schlafzimmer?“ sagte Ron, während er zur dreckigen Tür in der Ecke gegenüber der
Speisekammer herüberschlenderte. Harry hatte es noch nie geöffnet gesehen.
„Ja,“ sagte Hermine, nun etwas nervös klingend. „Eh … Ich denke, wir sollten besser anklopfen.“
Ron klopfte gegen die Tür mit seinen Fingerknöcheln, aber erhielt keine Antwort.
„Er muß sich oben herumschleichen,“ sagte er und öffnete ohne weiteren Lärm die Tür. „Urgh!“
Harry starrte herein. Die meisten Schränke waren angehoben durch einen sehr großen und altertümlichen Kessel,
aber am Ende des Raumes unterhalb der Röhren, machte Kreacher etwas für sich, das aussah wie ein Nest. In einer
Gemenge von vermischten Lumpen und stinkenden Decken, die auf dem Fußboden gestapelt waren und eine kleine
Beule in der Mitte davon zeigte wo Kreacher sich jede Nacht kringeln sollte um zu schlafen. Hier und dort zwischen
dem Material waren abgestandene Brotrinden und verschimmelte alte Stücke Käse. In einer entfernen Ecke glänzten
kleine Objekte und Münzen, die, Harry wettete, Kreacher gespart hatte, wie ein Elster, von Sirius Säuberung des
Hauses und er hatte auch geschafft die silberumrahmten Familienfotos wieder zu finden, die Sirius im Sommer
weggeworfen hatte. Ihr Glas konnte zerschlagen sein, aber die kleinen schwarzweißen Leute darin starrten immer
noch hochmütig zu ihm hoch, einschließlich - ihm fiel ein Schlag in den Magen - die dunkle, schwer-gekleidete Frau,
wessen Prozess er beim Dumbledores Denkarium Zeuge war: Bellatrix Lestrange. Beim Draufblicken, daß das, das
Lieblingsphoto von ihm war; er stellte es in den Vordergrund von allen anderen und reparierte seine Brille
ungeschickt mit dem Klebeband.
„Ich glaube ich werde seine Geschenk hier hinterlassen,“ sagte Hermine, während sie das Paket ordentlich in die
Mitte der Depression in die Lumpen und Decken legte und schloss leise die Tür. „Er wird es später winden, es wird
toll sein.“
„So weit darüber zu denken,“ sagte Sirius, aufgetaucht von der Speisekammer einen Truthahn tragend, während sie
die Tür des Schrankes schlossen, „Hat irgendjemand eigentlich Kreacher vor kurzen gesehen?“
„Ich habe ihn seit der Nacht als wir zurückkamen nicht mehr gesehen,“ sagte Harry. „Du hast ihm befohlen aus der
Küche zu gehen.“
„Yeah …“ sagte Sirius, die Stirn runzelnd. „Du weißt, Ich glaube das ist auch die letzte Zeit, daß ich ihn sah … er
muß irgendwo oben herumschleichen.“
„Er konnte doch nicht weggehen?“ sagte Harry. „Ich meine, wenn du „raus“ gesagt hast, dachte er vielleicht, du
würdest raus aus dem Haus meinen?“
„Nein, nein, Hauselfen können nicht weggehen, es sei denn sie bekommen Kleider. Sie sind zu ihrem Familienhaus
gebunden,“ sagte Sirius.
„Sie können das Haus verlassen wenn sie es wirklich wollen,“ widersprach ihm Harry. „Dobby hat es, er verlies die
Malfoys um mir Warnungen zu überbringen, vor zwei Jahren. Er bestrafte sich hinterher, aber er schaffte es immer
noch.“
Für einen Augenblick schaute er ein wenig entsetzt und sagte dann, „Ich gucke später nach ihm, ich glaube er weint
sich über meiner Mutters Schnitzer aus oder irgendwas. Natürlich, er könnte in einen fliegenden Schrank
geklettert haben und starb … aber ich darf meine Hoffnungen nicht aufgeben,“
Fred, George und Ron lachten; Hermine, jedoch guckte vorwurfsvoll. …
Nachdem sie ihr Weihnachtsessen verzehrt hatten, planten die Weasleys, Harry und Hermine, Mr. Weasley einen
weiteren Besuch abzustatten, begleitet von Mad-Eye und Lupin. Mundugus, der pünktlich zum Weihnachtspudding
erschien, hatte es geschafft, dafür einen Wagen zu „borgen,“ weil die Untergrundbahn am Weihnachtstag nicht
verkehrte. Der Wagen, bei dem Harry stark bezweifelte, daß er mit Einwilligung des Besitzers genommen worden
war, war mit einem Zauber vergrößert worden wie jenem von Weasleys altem Ford Anglia. Obwohl er von Außen
normal proportioniert aussah, paßten mit Mundugus, der fuhr, zehn Leute bequem hinein. Mrs. Weasley zögerte,
bevor sie einstieg - Harry wußte, daß ihre Mißbilligung von Mundugus mit ihrem Mißfallen für das Reisen ohne
Magie rang - aber schließlich triumphierte die Kälte draußen und das Flehen ihrer Kinder, und sie ließ sich auf dem
Rücksitz zwischen Fred und Bill nieder.
Die Reise zum St. Mungo“s war ziemlich kurz, weil auf den Straßen sehr wenig Verkehr herrschte. Ein dünner
Strom von Hexen und Zauberern schlich verstohlen die ansonsten verlassene Straße entlang, um das Spital
aufzusuchen. Harry und die anderen stiegen aus dem Auto, und Mundugus fuhr weiter um die Ecke um auf sie zu
warten. Sie schlenderten scheinbar zufällig zum Fenster, wo die Puppe im grünen Nylonkleid stand, dann schritten
sie einzeln durch das Glas.
Die Empfangsabteilung sah angenehm festlich aus; die kristallenen Kugeln, welche St. Mungo“s beleuchteten waren
rot und golden gefärbt worden und wurden damit zu gigantischen, glühenden Weihnachtskugeln; Palmzweige hingen
an jeder Türe; und weiß scheinende, mit magischem Schnee und Eiszapfen bedeckte Weihnachtsbäume glitzerten in
jeder Ecke, jeder von ihnen mit einem gold glänzenden Stern auf der Spitze. Es war weniger gedrängt als das letzte
Mal, als sie hier waren; dennoch wurde Harry auf halbem Weg durch den Raum von einer Hexe zur Seite gestoßen,
die eine Satsuma in ihrem linken Nasenloch verklemmt hatte.
„Familienkrach, eh?“ grinste die blonde Hexe hinter dem Pult. „Sie sind die Dritte, die ich heute gesehen habe ...
Zauberspruch-Schäden, vierte Etage.“
Sie fanden Mr. Weasley aufrecht im Bett sitzend, mit den Resten seines Truthahn Abendessens auf einem Tablett auf
seinem Schoß, und einem ausgesprochen verlegenen Ausdruck auf seinem Gesicht.
„Ist alles in Ordnung, Arthur?“ fragte Mrs. Weasley, nachdem sie alle Mr. Weasley begrüßt und ihre Geschenke
überreicht hatten.
„Ja, ja,“ sagte Mr. Weasley, ein wenig zu herzlich: „Du - ehm - hast nicht vielleicht Heiler Smethwyck gesehen?“
„Nein,“ sagte Mrs. Weasley mißtrauisch, „warum?“
„Nichts, nichts,“ sagte Mr. Weasley leichthin und begann, seinen Stapel von Geschenken auszupacken. „Also, haben
alle einen guten Tag gehabt? Was habt ihr alle zu Weihnachten bekommen? Oh Harry - das ist absolut wundervoll!“
Er öffnete gerade Harrys Geschenk: Zündungsdraht und Schraubenzieher.
Mrs. Weasley schien nicht ganz zufrieden mit Mr. Weasleys Antwort. Als ihr Gatte sich zu Harry herüber lehnte, um
ihm die Hand zu schütteln, spähte sie nach den Verbänden unter seinem Nachthemd.
„Arthur,“ sagte sie, ihre Stimme schnappte zu wie eine Mausefalle: „Du hast neue Verbände. Warum sind deine
Verbände einen Tag früher gewechselt wurden, Arthur? Sie haben mir gesagt, sie müßten es nicht vor morgen
machen.“
„Was?“ sagte Mr. Weasley; er sah ziemlich erschrocken aus und zog die Bettdecke hoch bis zur Brust. „Nein, nein -
es ist nichts - es - ich -“
Er schien die Luft anzuhalten unter ihrem durchdringenden Blick.
„Also - nun reg dich nicht auf, Molly, aber Augustus Pye hatte eine Idee ... er ist der Heiler in Ausbildung, weist du,
ein toller junger Kerl und sehr interessiert in ... ehm ... komplementäre Medizin .. Ich meine, einige dieser alten
Muggel-Heilmittel ... also, man nennt sie Stiche, Molly, und sie funktionieren sehr gut bei - bei Muggel-Wunden -“
Mrs. Weasley gab ein ominöses Geräusch von sich, irgendwo zwischen einem Schrei und einem Knurren. Lupin
schlenderte weg vom Bett und hinüber zum Werwolf, der keine Besucher hatte und ziemlich wehmütig zur Gruppe
um Mr. Weasley hinüber blickte; Bill murmelte, daß er sich eine Tasse Tee holen wolle und Fred und George
sprangen grinsend auf, um ihn zu begleiten.
„Du willst mir also erzählen,“ sagte Mrs. Weasley, während ihre Stimme bei jedem Wort lauter wurde, und offenbar
nicht bemerkend, daß ihre Mit-Besucher in Deckung huschten: „daß du mit Muggel-Heilmitteln herumgepfuscht
hast?“
„Nicht herumgepfuscht, Molly, Liebes,“ sagte Mr. Weasley hilfeflehend: „Es war nur - nur etwas, von dem Pye und
ich dachten, wir könnten es versuchen - nur, unglücklicherweise - also, bei dieser speziellen Art von Wunden -
scheint es nicht so gut zu wirken, wie wir gehofft haben -“
„Und das heißt?“
„Also --- also, ich weiß nicht, ob du weißt, was - was Stiche sind?“
„Es tönt, wie wenn du versucht hättest, deine Haut wieder zusammenzunähen,“ sagte Mrs. Weasley mit einem
Schnauben humorlosen Gelächters: „aber nicht einmal du, Arthur, wärst dermassen dumm -“
„Ich möchte auch eine Tasse Tee,“ sagte Harry und sprang auf.
Hermine, Ron und Ginny spurteten fast mit ihm zur Tür. Als sie hinter ihnen zufiel, hörten sie Mrs. Weasley
schreien: „Was meinst du damit, das ist die allgemeine Idee?“
„Typisch Dad,“ sagte Ginny und schüttelte den Kopf, als sie in den Korridor einbogen: „Stiche .. also bitte ...“
„Also, weißt du, sie funktionieren wirklich bei nicht-magischen Wunden,“ sagte Hermine gerechterweise: „ich
vermute, irgend etwas im Gift jener Schlange löst sie auf oder so. Ich frage mich, wo die Kantine ist.“
„Fünfte Etage,“ sagte Harry, sich an das Schild über dem Pult der Begrüssungshexe erinnernd.
Sie gingen den Korridor entlang, durch einige Doppeltüren und fanden ein wackliges Treppenhaus, das mit weiteren
Portraits grimmig blickender Heiler gesäumt war. Während sie hochstiegen, riefen die verschiedenen Heiler zu ihnen
hinaus, diagnostizierten alle möglichen, seltsamen Beschwerden und schlugen schreckliche Heilmittel vor. Ron war
tief beleidigt, als ein mittelalterlicher Zauberer ausrief, daß er eindeutig einen schweren Fall von Spattergrott habe.
„Und was soll das sein?“ fragte er verärgert, als ihn der Heiler durch sechs weitere Portraits verfolgte und deren
Bewohner aus dem Weg stieß.
„Das ist ein schmerzhaftes Hautleiden, junger Mann, das noch grauenhaftere Pockennarben hinterlassen wird, als Sie
jetzt schon haben -“
„Paß auf, wen du grauenhaft nennst!“ sagte Ron, während seine Ohren rot anliefen.
„- Das einzige Heilmittel besteht darin: Nehmen Sie die Leber einer Kröte, binden sie fest um ihre Kehle, dann
stehen Sie bei Vollmond nackt in ein Faß mit Aalaugen -“
„Ich habe keinen Spattergrott!“
„Aber die unansehnlichen Makel auf Ihrem Antlitz, junger Herr -“
„Das sind Sommersprossen!“ sagte Ron wütend: „jetzt verschwinde in dein eigenes Bild und laß mich allein!“
Er wandte sich den anderen zu, die alle erzwungen unbewegte Gesichter machten.
„Welche Etage ist das?“
„Ich glaube, es ist die fünfte,“ sagte Hermine.
„Nein, die vierte,“ sagte Harry: „noch eine -“
Aber als er auf den Absatz trat, stand er abrupt still und starrte durch das kleine Fenster in den Doppeltüren, die den
Anfang eines Korridors markierten, der mit ZAUBERSPRUCH-SCHÄDEN beschildert war. Ein Mann spähte zu
ihnen hinaus, seine Nase ans Glas gepreßt. Er hatte gewellte blonde Haare, strahlend blaue Augen und ein breites
ausdrucksloses Lächeln, bei dem er blendend weiße Zähne zeigte.
„Mensch!“ Sagte Ron und starrte ebenfalls den Mann an.
„Ach du meine Güte,“ sagte Hermine plötzlich und rang nach Luft: „Professor Lockhart!“
Ihr ehemaliger Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste drückte die Türen auf und kam auf sie zu. Er trug
einen langen lila Morgenmantel. „Hallo, ihr dort!“ sagte er: „ich nehme an, ihr möchtet ein Autogramm von mir,
nicht wahr?“
„Er hat sich nicht groß verändert,“ murmelte Harry zu Ginny, die grinste.
„Ehm - wie geht“s Ihnen, Professor?“ sagte Ron und klang etwas schuldbewußt. Es war in erster Linie Rons schlecht
funktionierender Zauberstab gewesen, der Professor Lockharts Gedächtnis so schwer beschädigt hatte, daß er im St.
Mungo“s gelandet war. Dennoch war Harrys Sympathie begrenzt, denn damals hatte Lockhart versucht, Harrys und
Rons Gedächtnis für immer zu löschen.
„Mir geht es wirklich sehr gut, danke schön!“ sagte Lockhart überschwänglich und zog einen ziemlich beschädigten
Pfauen-Federkiel aus seiner Tasche.
„Nun, wie viele Autogramme möchtet ihr? Ich kann jetzt vervielfacht schreiben, wißt ihr!“
„Ehm - wir wollen im Moment keine, danke,“ sagte Ron und schaute Harry mit hochgezogenen Augenbrauen an.
Harry fragte: „Professor, dürfen Sie in den Korridoren herumspazieren? Sollten Sie nicht auf einer Station sein?“
„Das Lächeln verschwand langsam von Lockharts Gesicht. Einige Momente starrte er Harry konzentriert an, dann
sagte er: „Haben wir uns nicht schon mal getroffen?“
„Ehm ... ja, wir haben,“ sagte Harry: „Sie unterrichteten in Hogwarts, erinnern Sie sich?“
„Unterrichten?“ wiederholte Lockhart zaghaft: „ich? tat ich das?“
Und dann erschien das Lächeln so plötzlich wieder auf seinem Gesicht, daß es fast beunruhigend war.
„Habe euch alles beigebracht was ihr wißt, nehme ich an, oder? Gut, wie ist es nun mit diesen Autogrammen? Sagen
wir ein rundes Dutzend? Ihr könnt sie dann all euren kleinen Freunden geben und niemand wird ausgelassen!“
Aber genau jetzt wurde ein Kopf aus einer Tür am anderen Ende des Korridors gesteckt und eine Stimme rief:
„Gilderoy, du böser Junge, wohin hast du dich davongemacht?
Eine mütterlich aussehende Heilerin mit einem Lamettakranz im Haar kam eilig den Korridor entlang und schenkte
Harry und den anderen ein warmes Lächeln.
„O Gilderoy, du hast Besuch! Wie lieb; und noch dazu am Weihnachtstag! Ihr müsst wissen, er bekommt nie
Besuch, das arme Kerlchen, und ich kann mir überhaupt nicht vorstellen warum, er ist so ein Süßer; das bist du doch,
oder?“
„Wir machen Autogramme!“ sagte Gilderoy der Heilerin mit einem glänzenden Lächeln. „Die wollen Massen davon
und wollen kein Nein als Antwort haben! Ich hoffe nur, daß wir genügend Fotos haben!“
„Hört ihn an,“ sagte die Heilerin, nahm Lockharts Arm und strahlte ihn liebevoll an, als wäre er ein zu groß geratener
Zweijähriger. „Vor einigen Jahren war er ziemlich bekannt; wir hoffen sehr, daß seine Vorliebe für das Autogramme
geben ein Zeichen dafür ist, daß sein Gedächtnis vielleicht anfängt zurück zu kehren. Würdet ihr bitte in diese
Richtung gehen. Er ist in einem geschlossenen Zimmer, wißt ihr, er muß hinausgeschlüpft sein, als ich die
Weihnachtsgeschenke hereinbrachte, normalerweise ist die Tür immer abgeschlossen … nicht das er gefährlich
wäre! Aber,“ sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern, „er ist eine gewisse Gefahr für sich selbst, ach Gott … er
weiß nicht wo er ist, versteht ihr, macht sich davon und kann sich dann nicht mehr daran erinnern wie er
zurückkommt … nett von euch, daß ihr gekommen seid um nach ihm zu sehen.“
„Ääh,“ sagte Ron, und wies mit einer schwachen Handbewegung nach oben, „eigentlich wollten wir gerade … äh
…“
Aber die Heilerin lächelte ihn erwartungsvoll an und Rons leise gemurmeltes „eine Tasse Tee trinken.“ löste sich in
Nichts auf. Sie sahen sich gegenseitig hilflos an, dann folgten sie Lockhart und seiner Heilerin den Gang entlang.
„Lasst uns nicht lange bleiben.“ sagte Ron leise.
Die Heilerin richtete ihren Zauberstab auf die Tür des Janus-Thickey-Zimmers und murmelte „Alohomora.“ Die Tür
ging auf und sie führte sie hinein, wobei sie Gilderoys Arm fest im Griff behielt bis sie ihn in einen Lehnstuhl neben
seinem Bett untergebracht hatte.
„Dies ist unser Zimmer für Langzeit-Patienten,“ informierte sie Harry, Ron, Hermine und Ginny mit leiser Stimme.
„Für dauerhafte Zauberspruch-Schäden, wißt ihr. Sicherlich, mit starken Heilzaubertränken und -sprüchen und ein
bißchen Glück können wir manche Besserung erreichen. Gilderoy scheint ein wenig Gefühl von sich selbst zurück zu
gewinnen; und wir haben bei Mr. Bode eine echte Besserung festgestellt, es sieht so aus, als ob er die Fähigkeit zu
Sprechen zurück gewinnt, obwohl er keine Sprache spricht, die wir bis jetzt erkennen könnten. So, ich muß
weitermachen, die Weihnachtsgeschenke zu verteilen. Ich gehe, damit ihr euch unterhalten könnt.“
Harry sah sich um. Dieses Krankenzimmer zeigte eindeutige, daß es ein ständiges Heim für seine Bewohner war. Sie
hatten viel mehr persönliche Dinge um ihre Betten herum als in Mr. Weasleys Zimmer; die Wand am Kopfende von
Gilderoys Bett, zum Beispiel, war mit Bildern von ihm selbst tapeziert. Alle strahlten mit breitem Lächeln und
winkten den Neuangekommen zu. Gilderoy hatte viele der Bilder auf kindliche, abgehackte Weise signiert. In dem
Moment, in dem er von der Heilerin in seinem Stuhl untergebracht war, zog sich Gilderoy einen neuen Stapel Fotos
heran, packte eine Feder und begann fieberhaft, sie zu unterschreiben.
„Du kannst sie in Umschläge stecken,“ sagte er zu Ginny indem er ihr die Bilder eins nach dem anderen, so wie er
sie fertig hatte, in den Schoß warf. „Ich bin nicht vergessen, wißt ihr, oh nein, ich bekomme immer noch einen sehr
großen Haufen Fanpost … Gladys Gudgeon schreibt wöchentlich … ich wünschte mir nur, ich wüsste warum … Er
unterbrach sich, sah etwas verwirrt aus, dann strahlte er wieder und wandte sich mit erneuter Energie dem Signieren
zu. „Ich nehme an, es ist einfach mein gutes Aussehen …“
Ein sorgenvoll aussehender Zauberer mit gelblicher Hautfarbe lag im nächsten Bett. Er starrte an die Decke,
murmelte etwas vor sich hin und schien sich seiner Umgebung überhaupt nicht bewusst zu sein. Zwei Betten weiter
lag eine Frau, deren gesamter Kopf mit Fell bedeckt war; Harry erinnerte sich, daß Hermine in ihrem zweiten Jahr
etwas Ähnliches passiert war, obwohl es in ihrem Fall glücklicherweise kein bleibender Schaden gewesen war. Am
anderen Ende des Zimmers waren geblümte Vorhänge um zwei Betten gezogen worden, um ihren Benutzern und
deren Besuchern etwas Privatsphäre zu gewähren.
„Das ist für dich, Agnes“ sagte die Heilerin strahlend zu der fellgesichtigen Frau und gab ihr einen kleinen Stapel
Weihnachtsgeschenke. „Du bist nicht vergessen, oder? Und dein Sohn hat eine Eule geschickt, um zu sagen, daß er
dich heute Abend besuchen wird, das ist doch nett, oder?“
Agnes bellte einige Male.
„Und schau, Broderick, jemand hat dir eine Topfpflanze und einen netten Kalender mit einem hübschen Hippogreif
für jeden Monat geschickt; so sieht alles gleich etwasfreundlicher aus, oder?“ sagte Heilerin, huschte zu dem
murmelnden Mann, stellte eine ziemlich hässliche Pflanze mit langen, herumschwingenden Tentakeln auf den
Nachttisch und befestigte den Kalender mit ihrem Zauberstab an der Wand. „Und - oh Frau Longbottom, sie wollen
schon gehen?“
Harry wirbelte herum. Die Vorhänge um die beiden Betten am anderen Ende des Zimmers waren zurückgezogen und
zwei Besucher gingen den Gang zwischen den Betten entlang: Eine beeindruckend aussehende alte Hexe mit einem
langen grünen Kleid, einem mottenzerfressenen Fuchspelz und einem spitzen Hut, unübersehbar verziert mit einem
ausgestopften Geier, und hinter ihr, absolut niedergedrückt aussehend - Neville.
Auf einen Schlag wurde Harry klar, wer die beiden in den letzten Betten sein mußten. Er suchte nach etwas um die
Aufmerksamkeit der anderen abzulenken, damit Neville ohne bemerkt und ausgefragt zu werden, das Zimmer
verlassen konnte, aber auch Ron hatte beim Klang des Namens „Longbottom“ aufgeblickt, und bevor Harry ihn
aufhalten konnte „Neville!“ gerufen.
Neville erschrak und duckte sich, als ob eine Kugel in knapp verfehlt hätte.
„Wir sind“s!“ sagte Ron grinsend und stand auf. „Hast du gesehen …? Lockhart ist hier! Wen hast du besucht?“
„Freunde von dir, Neville, Lieber?,“ sagte Nevilles Großmutter freundlich und beugte sich zu ihnen herunter.
Neville sah aus, als ob er an jedem Platz der Welt lieber wäre als hier. Eine tief purpurne Gesichtsfarbe trat in sein
rundliches Gesicht und er blickte keinen von ihnen an.
„Oh, ja.,“ sagte seine Großmutter, sah Harry genauer an und streckte ihm eine faltige, klauenartige Hand entgegen.
„Ja, ja, ich weiß wer du bist, sicher. Neville spricht in den höchsten Tönen von dir.“
„Äh - danke.,“ sagte Harry und schüttelte ihr die Hand. Neville schaute ihn nicht an, sondern beobachtete seine Füße,
während seine Gesichtsfarbe immer dunklere Töne annahm.
„Und ihr beide seid ganz klar Weasleys,“ fuhr Frau Longbottom fort und streckte Ron und Ginny nacheinander
freudig ihre Hand entgegen. „Ja, ich kenne eure Eltern - nicht besonders gut, sicher - aber sie sind gute Leute … und
du mußt Hermine Granger sein?“
Hermine machte einen ziemlich verdutzten Eindruck darüber, daß Mrs Longbottom ihren Namen kannte, schüttelte
ihr aber trotzdem die Hand.
„Ja, Neville hat mir alles von euch erzählt. Habt ihm aus ein paar kitzligen Situationen herausgeholfen, oder? Er ist
ein guter Junge,“ sagte sie und richtete einen abschätzenden Blick entlang ihrer ziemlich dürren Nase auf Neville,
„aber er hat nicht das Talent seines Vaters geerbt, ich muß es leider sagen.“ Und mit einer ruckartigen
Kopfbewegung wies sie in die Richtung der zwei Betten am Ende des Zimmers, so daß der ausgestopfte Geier auf
ihrem Hut gefährlich schwankte.
„Was?“ sagte Ron, und sah erstaunt aus. (Harry wollte Ron auf den Fuß treten, aber so etwas unbeobachtet zu
machen ist viel schwieriger wenn man Jeans anstatt eines Umhangs an hat.) „Ist das dein Vater da im letzten Bett,
Neville?“
„Was soll das?“ sagte Frau Longbottom mit scharfer Stimme. „Hast du deinen Freunden nichts über deine Eltern
erzählt, Neville?“
Neville holte tief Luft, blickte an die Decke und schüttelte den Kopf. Harry konnte sich nicht erinnern, daß ihm
jemals jemand so leid getan hätte, aber es fiel ihm kein Weg ein, Neville aus dieser Situation heraus zu helfen.
„Also, es ist nichts, über das man sich schämen müsste!“ sagte Frau Longbottom ärgerlich. „Du solltest stolz sein,
Neville, stolz! Sie haben ihre körperliche und geistige Gesundheit nicht geopfert, damit sich ihr einziger Sohn ihrer
schämt, weißt du!“
„Ich schäme mich nicht.“ sagte Neville sehr leise und schaute immer noch überall hin nur nicht zu Harry und zu den
anderen. Ron stand auf den Zehenspitzen um zu den Patienten in den beiden Betten hinüberzuschauen.
„Dann hast du einen seltsamen Weg gefunden, das zu zeigen!,“ sagte Frau Longbottom. „Mein Sohn und seine
Frau,“ sagte sie und wandte sich stolz zu Harry, Hermine, Ron und Ginny, „wurden von Anhängern von Ihr-wißt-
schon-wem bis zur geistigen Zerrüttung gefoltert.“
Hermine und Ginny schlugen beide die Hände vor den Mund. Ron hörte auf sich den Hals zu verrenken um einen
Blick auf Nevilles Eltern zu erhaschen und machte einen beschämten Eindruck.
„Sie waren Auroren, wißt ihr, und genossen hohen Respekt in der Zauberergemeinschaft,“ fuhr Frau Longbottom
fort. „Hoch begabt, alle beide. Ich … ja, Alice, Liebes, was gibt es?“
Nevilles Mutter schlurfte in ihrem Nachthemd langsam durch das Krankenzimmer auf sie zu. Sie hatte nicht mehr
das rundliche, fröhliche Gesicht, das Harry auf Moodys alter Photographie vom ersten Orden des Phönix gesehen
hatte. Ihr Gesicht war jetzt mager und verbraucht, ihre Augen erschienen übergroß und ihr Haar, das weiß geworden
war, war jetzt strähnig und leblos. Sie schien nicht sprechen zu wollen, vielleicht war sie dazu auch nicht in der
Lage, aber sie machte ganz leichte Bewegungen in Nevilles Richtung, dabei hielt sie etwas in ihrer ausgestreckten
Hand.
„Schon wieder?,“ sagte Frau Longbotttom, mit leicht erschöpft klingender Stimme. „Also gut, Alice, Liebes, also gut
- Neville, nimm es, was immer es ist.“
Aber Neville hatte bereits seine Hand ausgestreckt, in die seine Mutter ein leeres Einwickelpapier von Bubbels
Bestem Blaskaugummi fallen lies.
„Sehr nett, Liebes,“ sagte Nevilles Großmutter mit falschem Stolz in der Stimme und klopfte seiner Mutter auf die
Schulter.
Aber Neville sagte nur: „Danke, Mami.“
Seine Mutter stolperte davon, wieder in das Krankenzimmer hinein, und summte vor sich hin. Neville schaute zu den
anderen, bereit sich zu verteidigen, als ob er fürchtete sie würden lachen, aber Harry glaubte nicht, das er jemals in
seinem Leben etwas weniger zum Lachen gefunden hatte.
„So, wir sollten besser nach Hause gehen.,“ seufzte Frau Longbottom und zog sich lange grüne Handschuhe an. „Es
war sehr nett, euch zu treffen. Neville, wirf das Einwickelpapier in den Abfalleimer, sie muß dir genug davon
gegeben haben um dein Schlafzimmer zu tapezieren.“
Aber als sie gingen, war Harry sicher, daß Neville das Papier in die Tasche steckte.
Die Tür schloss sich hinter ihnen.
„Das habe ich nicht gewusst,“ sagte Hermine, die verheult aussah.
„Ich auch nicht,“ sagte Ron mit ziemlich rauer Stimme.
„Und ich auch nicht,“ flüsterte Ginny.
Sie alle schauten auf Harry.
„Ich schon,“ sagte er traurig. „Dumbledore sagte es mir, aber ich versprach, es niemandem zu erzählen … das ist es
wofür Bellatrix Lestrange nach Askaban geschickt wurde. Sie hat den Cruciatus-Fluch bei Nevilles Eltern benutzt,
bis sie den Verstand verloren.
„Bellatrix Lestrange hat das getan?“ flüsterte Hermine geschockt. „Die Frau, von der Kreacher ein Foto in seiner
Höhle hat?
Es gab eine lange Stille, unterbrochen von Lockharts ärgerlicher Stimme.
„Also - ich habe die Schreibschrift nicht umsonst gelernt, wißt ihr!
Kapitel 24 - Occlumantie
Kreacher, so stellte es sich heraus, hatte sich auf dem Dachboden rumgetrieben. Sirius sagte, er habe ihn völlig
verstaubt dort oben gefunden, höchstwahrscheinlich auf der Suche nach mehr Reliquien der Black Familie, die er in
seinem Schrank verstecken könne. Auch wenn Sirius mit dieser Geschichte zufrieden schien, fühlte Harry sich
unbehaglich. Bei seiner Rückkehr schien Kreacher besserer Laune zu sein, sein verbittertes Gemurmel war einwenig
abgeflaut und er reagierte sanftmütiger auf Anordnungen als normalerweise, aber ein- oder zweimal erwischte Harry
den Hauswelf, wie er ihn anstarrte, aber er schaute immer schnell weg, wenn er merkte, daß es Harry aufgefallen
war.
Harry sagte Sirius nichts über seine wagen Vermutungen, dessen Heiterkeit nun schnell verschwand, nachdem
Weihnachten vorbei war. Als der Tag ihrer Rückkehr nach Hogwarts näherrückte, neigte er mehr und mehr zu dem,
was Mr. Weasley „Anfälle von Missmut“ nannte, in diesen wurde er schweigsam und brummig, oft zog er sich für
Stunden in Schnäbelchens Zimmer zurück. Seine gedrückte Stimmung sank durch das Haus, quoll wie ein
schädliches Gas unter den Türen hindurch, so daß sie alle von ihr infiziert wurden.
Harry wollte Sirius nicht alleine lassen, nur mit Kreacher als Gesellschaft; für das erste Mal in seinem Leben freute
sich Harry nicht darauf, nach Hogwarts zurückzukehren. Zurück zur Schule zu gehen würde heißen, sich wieder
unter die Tyrannei Dolores Umbridges zu begeben, die es ohne Zweifel in ihrer Abwesenheitwieder geschafft hatte,
ein weiteres Dutzend Dekrete durchzusetzen; es gab kein Quidditch, auf das man sich freuen konnte, nun daß er
gesperrt worden war; da war die Wahrscheinlichkeit, daß die Last an Hausaufgaben wieder steigen würde, je näher
die Examen kamen; und Dumbledore blieb so fern wie immer. Tatsächlich, gäbe es nicht die DA, Harry hätte
vielleicht Sirius angebettelt, ihn Hogwarts verlassen zu lassen und in Grimmaulds Place zu bleiben.
Dann, am letzten Tag der Ferien, geschah etwas, daß Harry dazu brachte, seine Rückkehr zur Schule vollends zu
fürchten.
„Harry, Schatz,“ sagte Mrs. Weasley, als sie ihren Kopf in Rons und sein Schlafzimmer steckte, in dem die beiden
Zaubererschach spielten, während Hermine, Ginny und Krumbein sie beobachteten, „könntest du runter in die Küche
kommen? Professor Snape möchte mit dir reden.“
Harry registrierte erst nicht, was sie gesagt hatte, einer seiner Türme war gerade in einem aggressiven Kampf mit
einem von Rons Bauern verstrickt und er feuerte ihn enthusiastisch an.
„Zerschmetter ihn - zerschmetter ihn, er ist nur ein Bauer, du Idiot! Entschuldigung Mrs. Weasley, was haben sie
gesagt?“
„Professor Snape, Schatz. In der Küche. Er möchte mit dir reden.“
Entsetzt fiel Harry die Kinnlade herunter. Er sah Ron, Hermine und Ginny an, die ihn alle anstarrten. Krumbein, den
Hermine in der letzten Viertelstunde nur mit Mühe hatte zurückhalten können, sprang vergnügt auf den Tisch und
die Schachfiguren rannten auf der Suche nach Schutz kreischend davon.
„Snape?,“ sagte Harry nur.
„Professor Snape, Schatz,“ sagte Mrs. Weasley tadelnd. „Nun komm schon, schnell, er sagt, er könne nicht lange
bleiben.“
„Was will denn der von dir?“ sagte Ron genervt, als Mrs. Weasley aus dem Zimmer ging. „Du hast nichts angestellt,
oder?“
„Nein!“ sagte Harry entrüstet, er zerbrach sich den Kopf, um herauszufinden, was er angestellt haben könnte, das
Snape dazu bringen würde, ihn bis nach Grimmaulds Place zu verfolgen. Hatte er vielleicht ein „T“ in seiner letzten
Hausaufgabe bekommen?
Ein oder zwei Minuten später öffnete er die Küchentür und fand Sirius und Snape am Küchentisch sitzend, sie
starrten in unterschiedliche Richtungen. Das Schweigen zwischen ihnen war schwer von gegenseitiger Abneigung.
Vor Sirius lag ein geöffneter Brief auf dem Tisch.
„Ähm,“ sagte Harry, um seine Anwesenheit anzukündigen.
Snape drehte sich zu ihm um, sei Gesicht war eingerahmt von fettigem schwarzem Haar.
„Setzen sie sich, Potter.“
„Weißt Du,“ sagte Sirius laut und lehnte sich auf die Hinterbeine seines Stuhls zurück und sprach mit der Decke, „
ich denke, ich würde es bevorzugen, wenn du hier keine Befehle geben würdest, Snape. Dies ist mein Haus, weißt
du.“
Eine hässliche Röte stieg in Snapes fahles Gesicht. Harry setzte sich auf den Stuhl neben Sirius, gegenüber von
Snape.
„Ich sollte alleine mit dir sprechen, Potter,“ sagte Snape, das bekannte Lächeln umspielte seine Lippen, „aber Black -
“
„Ich bin sein Patenonkel,“ sagte Sirius, laute als zuvor.
„Ich bin in Dumbledores Auftrag hier,“ sagte Snape, dessen Stimme im Kontrast dazu immer giftiger wurde, „aber
wie dem auch sei Black, bleib hier, ich weiß, du fühlst dich ... beteiligt.“
„Was soll das denn heißen?“ sagte Sirius und ließ seinen Stuhl zurück auf alle viele fallen.
„Nur, daß ich sicher bin, daß du dich - ah - frustriert fühlen mußt, da du so gar nichts nützliches tun kannst.“ Snape
legte eine besondere Betonung auf die Worte „für den Orden.“
Nun war es an Sirius zu erröten. Snapes Lippe verzog sich mit Triumph, als er sich an Harry wandte.
„Potter, der Schulleiter hat mich geschickt, um ihnen mitzuteilen, daß es sein Wunsch ist, daß sie dieses Semester
Occlumantie lernen.“
„Was soll ich lernen?“ sagte Harry verständnislos.
Snapes spöttisches Lächeln wurde noch deutlicher.
„Occlumantie, Potter. Die magische Verteidigung des Geistes gegen Eindringen von Außen. Ein schwerer Zweig der
Magie, aber ein sehr nützlicher.“
Harrys Herz begann, schneller zu schlagen. Verteidigung gegen das Eindringen von Außen? Aber er war doch nicht
besessen, alle waren sich einig gewesen, daß ...
„Warum muß ich denn Occlu- dings belegen?“ platzte es aus ihm heraus.
„Weil der Schulleiter meint, daß es eine gute Idee ist,“ sagte Snape sanft. „Sie werden einmal in der Woche
Privatstunden bekommen, aber sie werden niemandem sagen, was sie machen, und am wenigsten Dolores Umbridge.
Verstehen sie?“
„Ja,“ sagte Harry. „Wer wird mich unterrichten?“
Snape zog eine Augenbraue hoch.
„Ich,“ sagte er.
Harry hatte das ungute Gefühl, daß sein Inneres schmelzen würde. Extrastunden bei Snape - was um alles in der Welt
hatte er getan, um das zu verdienen? Schnell sah er sich auf der Suche nach Hilfe zu Sirius um.
„Warum kann Dumbledore Harry nicht unterrichten?“ fragte Sirius ungestüm. „Warum du?“
„Ich vermute, es ist das Recht des Schulleiters, weniger erfreuliche Aufgaben weiter zu delegieren.“ sagte Snape
seidig. „Ich versichere dir, daß ich nicht um den Job gebeten habe.“ Er stand auf. „Ich erwarte sie am Montagabend
um 18 Uhr, Potter. Mein Büro. Wenn sie jemand fragt, sie haben Förderunterricht in Zaubertränke. Niemand, der sie
je in meinem Kurs gesehen hat würde sagen, daß sie diese nicht brauchen.“
Er drehte sich zum gehen, sein schwarzer Reiseumhang bauschte sich hinter ihm auf.
„Warte einen Moment,“ sagte Sirius und setzte sich aufrecht hin.
Snape drehte sich spöttisch zu ihnen zurück.
„Ich bin in Eile, Black. Im Gegensatz zu dir habe ich keine unbegrenzte Freizeit.“
„Dann komme ich zum Punkt,“ sagte Sirius und stand auf. Er war größer als Snape, der, wie Harry bemerkte, seine
Hand in seiner Umhangstasche zu einer Faust ballte. Harry war sicher, daß sich Snapes Zauberstab in der Tasche
befand. „Wenn ich höre, daß du diese Occlumantie Stunden dazu benutzt, um Harry die Zeit schwer zu machen,
dann wirst du dich mir rechtfertigen müssen.“
„Wie rührend,“ spottete Snape. „Aber du wirst sicherlich bemerkt haben, daß Harry sehr nach seinem Vater kommt.“
„Ja, das habe ich,“ sagte Sirius stolz.
„Na, dann solltest du wissen, daß er so arrogant ist, daß Kritik einfach von ihm abprallt,“ sagte Snape glatt.
Sirius schob seinen Stuhl beiseite, strebte um den Tisch herum auf Snape zu und zog seinen Zauberstab aus seiner
Tasche, während er ging. Snape zog rasch seinen eigenen heraus. Sie liefen direkt aufeinander zu. Sirius sah
fuchsteufelswild aus, Snape berechnend, seine Augen schnellten von Sirus Zauberstab zu seinem Gesicht.
„Sirius,“ sagte Harry lau, aber Sirius schien ihn nicht zu hören.
„Ich habe dich gewarnt, Snivellus,“ sagte Sirius, sein Gesicht kaum 30 cm von Snapes entfernt. „Es ist mir egal, ob
Dumbledore meint, du hättest dich geändert, ich weiß es besser -“
„Oh, warum sagst du es ihm dann nicht?“ flüsterte Snape. „Oder hast du Angst, daß er den Rat eines Mannes, der
sich seit einem halben Jahr im Haus seiner Mutter versteckt nicht ernst nehmen könnte?“
„Sag mal, wie geht es eigentlich Lucius Malfoy zur Zeit? Ich vermute, er ist erfreut, daß sein Schoßhündchen in
Hogwarts arbeitet, oder etwa nicht?“
„Wo wir gerade von Hunden sprechen,“ sagte Snape weich, „wußtest du, daß Lucius Malfoy dich gesehen hat, als du
letztes Mal eine kleine Spritztour gemacht hast? Clevere Idee Black, dich auf einem gesicherten Bahnsteig sehen zu
lasse ... hat dir einen bombensicheren Grund gegeben, dein Schlupfloch in der Zukunft nicht mehr zu verlassen, nicht
wahr?“
Sirius hob seinen Zauberstab.
„NEIN!“ schrie Harry, sprang über den Tisch und stellte sich zwischen sie. „Sirius, mach das nicht.“
„Nennst du mich einen Feigling?“ donnerte Sirius und versuchte, Harry aus dem Weg zu drängen, aber Harry rührte
sich nicht.
„Aber ja, ich vermute, das mache ich,“ sagte Snape.
„Harry - halte - dich - hier - raus!“ knurrte Sirius und schob ihn mit seiner freien Hand beiseite.
Die Küchentür öffnete sich und die komplette Weasley Familie und Hermine kamen herein, alle sahen sehr glücklich
aus und Mr. Weasley, gekleidet in einem gestreiften Schlafanzug, der von einem Regenmantel überdeckt wurde, ging
zwischen ihnen.
„Geheilt!“ verkündete er heiter in der Küche. „Komplett geheilt!“
Er und die anderen Weasleys erstarrten auf der Schwelle und starrten auf die Szene vor ihnen, die mitten in der
Aktion erstarrt war. Beide, Sirius und Snape schauten zu der Tür, ihre Zauberstäbe zeigten auf das Gesicht des
anderen und Harry stand unbewegt zwischen ihnen, zu jedem eine Hand ausgestreckt, mit dem Versucht, sie
auseinander zu halten.
„Merlins Bart,“ sagte Mr. Weasley, das Lächeln rutschte von seinem Gesicht, „was ist denn hier los?“
Sowohl Sirius, als auch Snape senkten ihre Zauberstäbe. Harry sah einen nach dem anderen an. Beide hatten einen
Ausdruck höchster Verachtung in ihren Augen, dennoch schien das unerwartete Erscheinen so vieler Zeugen sie
wieder zur Vernunft zu bringen. Snape steckte seinen Zauberstab in die Tasche, machte auf dem Absatz kehrt und
rauschte zurück durch die Küche, vorbei an den Weasleys, ohne irgendeinen Kommentar. An der Tür sah er zurück.
„Sechs Uhr, Montag Abend, Potter.“
Dann war er fort. Sirius starrte ihm wütend nach, den Zauberstab an seiner Seite.
„Was ist hier los?“ fragte Mr Weasley noch einmal.
„Nichts, Arthur, „ antwortete Sirius, der schwer atmete, als ob er einen Langstreckenlauf hinter sich gebracht hätte.
„Nur ein freundliches kleines Gespräch zwischen zwei alten Schulfreunden.“ Er lächelte, auch wenn es so aussah, als
ob es ihn eine enorme Anstrengung kostete. „So…du bist wieder gesund? Das sind tolle Nachrichten, wirklich toll.“
„Ja, nicht wahr?“ sagte Mrs Weasley, während sie ihren Ehemann zu einem Stuhl führte. „Heiler Smethwycks Magie
hat letztlich geholfen, er fand ein Gegenmittel zu dem, was auch immer die Schlange in ihren Fängen hatte und
Arthur hat seine Lektion über die Liebhaberei zur Muggle Medizin gelernt , nicht wahr Liebling?“ fügte sie fast
drohend hinzu.
„Ja, Molly, Schatz,“ sagte Mr Weasley kleinlaut.
Das Nachtmahl sollte eigentlich ein fröhliches sein, jetzt, wo Mr Weasley wieder bei ihnen war. Harry sah, daß
Sirius sich anstrengte es so zu machen, aber wenn sein Pate nicht gerade jedem etwas mehr zu essen anbot oder sich
dazu zwang, lauthals über Fred und Georges Witze zu lachen, fiel sein Gesicht in einen launischen, brütenden
Ausdruck. Harry saß getrennt von ihm durch Mundungus und Mad-Eye, die vorbeigeschaut hatten, um Mr Weasley
ihre Glückwünsche auszurichten. Er wollte mit Sirius sprechen, ihm sagen, daß er nicht auf ein einziges Wort hören
solle, das Snape zu ihm gesagt hatte, daß Snape ihn vorsätzlich anstachelt und daß der Rest von ihnen nicht denkt,
daß Sirius ein Feigling sei, daß zu tun, was Dumbledore ihm aufgetragen hatte, nämlich in Grimmauld Place zu
bleiben. Aber es gab keine Gelegenheit dazu und er fragte sich, nachdem er den bösen Gesichtsausdruck bei Sirius
gesehen hatte, ob er sich überhaupt getraut hätte etwas zu sagen, hätte er die Möglichkeit dazu gehabt. Stattdessen
erzählte er Ron und Hermine über seine zukünftigen Occlumantie Stunden mit Snape.
„Dumbledore möchte, daß du nicht mehr diese Träume über Voldemort hast,“ sagte Hermine sofort. „Also, du hast
doch nichts dagegen, wenn du sie nicht mehr hast, oder?“
„Zusätzliche Stunden mit Snape!“ sagte Ron entsetzt. „ich hätte lieber Alpträume!“
Am nächsten Tag sollten sie mit dem Fahrenden Ritter nach Hogwarts zurückkehren, ein weiteres mal begleitet von
Tonks und Lupin, die beide gerade ihr Frühstück einnahmen, als Harry, Ron und Hermine am nächsten Morgen in
die Küche kamen. Die Erwachsenen schienen gerade mitten in einer geflüsterten Unterhaltung zu sein, als Harry die
Tür öffnete; alle sahen sich ruckartig um und verstummten.
Nach einem hastigen Frühstück zogen alle ihre Jacken und Schals an, um sich gegen den kühlen, grauen
Januarmorgen zu schützen. Harry hatte ein bedrückendes Gefühl in seiner Brust; er wollte sich nicht von Sirius
verabschieden. Er hatte ein schlechtes Gefühl bei dieser Trennung; er wußte nicht, wann sie sich das nächste mal
wieder sehen würden und er fühlte sich, als wäre es seine Pflicht irgendetwas zu Sirius zu sagen, daß ihn davon
abhalten würde, etwas dummes zu unternehmen. - Harry hatte Angst, daß Snapes Beschuldigungen Sirius so
zugesetzt hatten, daß dieser vielleicht sogar irgendeinen unbedachten Ausflug jenseits von Grimmauld Place plante.
Bevor er sich überlegen konnte, was er sagen wollte, kam Sirius an seine Seite.
„Ich möchte, daß du dies hier nimmst, „ sagte er leise und drückte ihm ein schlecht eingepacktes Päckchen in die
Hand, ungefähr von der Größe eines Taschenbuchs.
„Was ist das?“ fragte Harry.
„Eine Möglichkeit mir mitzuteilen, ob Snape dir das Leben schwer macht. Nein, öffne es nicht hier!“ sagte Sirius,
einen wachsamen Blich auf Mrs Weasley werfend, die gerade versuchte die Zwillinge zu überreden, handgestrickte
Fäustlinge zu tragen. „Ich bezweifle, daß Molly damit einverstanden wäre - aber ich möchte, daß du es benutzt, wenn
du mich brauchst, in Ordnung?“
„OK,“ sagte Harry, während er das Paket in seiner Jackentasche verstaute, aber er wußte, daß er es niemals benutzen
würde, egal was es war. Es sollte nicht ausgerechnet er, Harry, sein, der Sirius aus seinem sicheren Versteck lockte,
egal wie fies Snape ihn in den herannahenden Occlumantie Stunden behandeln würde.
„Dann laß uns gehen,“ sagte Sirius, klopfte Harry auf die Schulter und lächelte verbittert. Bevor Harry irgendetwas
sagen konnte, liefen sie die Treppe hoch und stoppten vor der mit schweren Ketten behangenen und verriegelten Tür,
umgeben von Weasleys.
„Auf wieder sehen Harry, pass auf dich auf,“ sagte Mrs Weasley und umarmte ihn.
„Bis bald Harry und halt ein Auge auf die Schlangen für mich!“ sagte Mr Weasley und schüttelte ihm die Hand.
„In Ordnung - ja,“ sagte Harry abwesend; es war seine letzte Möglichkeit Sirius zu sagen, er solle vorsichtig sein; er
drehte sich um, sah in das Gesicht seines Paten und öffnete den Mund, um zu sprechen. Doch bevor er etwas sagen
konnte, gab Sirius ihm eine flüchtige einarmige Umarmung und sagte schroff, „Achte auf Dich, Harry.“ Im nächsten
Moment wurde Harry auch schon in die eisige Winterluft hinausgeschoben, mit Tonks (heute verkleidet als große,
formlose Frau mit stahlgrauen Haaren), die ihn die Treppe hinunter hetzte.
Die Tür von Nummer zwölf schlug hinter ihnen zu. Sie folgten Lupin die Vordertreppe hinunter. Als er den
Bürgersteig erreichte, sah Harry sich um. Nummer zwölf schrumpfte zügig, während die anderen Häuser, die sich
auf beiden Seiten davon befanden, sich seitlich streckten und es so aus dem Sichtfeld drückten. Einen
Wimpernschlag später war es verschwunden.
„Komm, je schneller wir den Bus erreichen, desto besser, „ sagte Tonks und Harry dachte, daß etwas Nervosität in
ihrem Blick mitschwang, den sie über die Kreuzung warf. Lupin streckte seinen Arm aus.
BANG.
Ein grell violetter trippel-decker Bus erschien aus dem Nichts direkt vor ihnen, knapp den linken Laternenpfahl
verfehlend, der rückwärts aus dem Weg sprang.
Ein dünner, pickeliger Jugendlicher mit abstehenden Ohren und in einer violetten Uniform hüpfte auf den
Bürgersteig und sagte, „Willkommen im - „
„Ja, ja, wir wissen es, danke, „ sagte Tonks rasch. „Rein, rein, geh rein - „
Und sie schob Harry vorwärts zu den Stufen, am Schaffner vorbei, der Harry anstarrte, als er vorbeiging.
„„ihr - es ist „Arry -!“
„Wenn du seinen Namen rufst, werde ich dich zum Vergessen verfluchen,“ murrte Tonks, die nun Ginny und
Hermine vorwärts schob.
„Ich wollte schon immer mal mit diesem Teil fahren,“ sagte Ron fröhlich, während er sich zu Harry gesellte und sich
umsah.
Das letzte mal war es Abend, als Harry mit dem Fahrenden Ritter gereist war und drei Decks waren voll von
Bettgestellen aus Messing gewesen. Jetzt, am frühen Morgen, war er vollgestopft mit einer Auswahl an nicht
zueinander passenden Stühlen, die planlos um die Fenster gruppiert waren. Einige schienen umgefallen zu sein, als
der Bus abrupt im Grimmauld Place stehen geblieben ist; ein paar Hexen und Zauberer waren immer noch nörgelnd
dabei wieder auf ihre Beine zu kommen und die Einkaufstasche von einem der Insassen hatte sich quer über den
ganzen Bus verteilt: eine unangenehme Mischung aus Froschlaich, Kakerlaken und Vanillesoße hatte sich über den
ganzen Boden ausgebreitet.
„Sieht so aus, als ob wir uns aufteilen müssen,“ sagte Tonks schnell, sich nach freien Plätzen umsehend. „Fred,
George und Ginny, wenn ihr einfach die Stühle hinten nehmt…Remus kann bei euch bleiben.“
Sie, Harry, Ron und Hermine gingen weiter bis zum allerhöchsten Deck, wo zwei unbesetzte Stühle ganz vorne und
zwei hinten standen. Stan Shunpike, der Schaffner, folge Harry eifrig nach hinten. Köpfe drehten sich um, als Harry
vorbeikam. Als er sich hinsetzte, sah er, wie alle Gesichter wieder nach vorne schnellten.
Als Harry und Ron je elf Sickles an Stan überreichten, fuhr der Bus wieder los, bedrohlich schwankend. Er donnerte
durch Grimmauld Place, ständig auf den Bürgersteig und wieder runter, dann, mit einem erneuten gewaltigen
BANG, wurden sie alle nach hinten geschleudert; Rons Stuhl fiel gleich um und Pigwidgeon, die auf seinem Schoß
war, sprang aus dem Käfig und flog wild zwitschernd zum vorderen Teil des Buses, um sich flatternd auf Hermines
Schulter niederzulassen. Harry, der einen Sturz gerade so verhindern konnte, indem er einen Kerzenhalter packte, sah
aus dem Fenster: sie jagten etwas hinunter, das wie eine Autobahn aussah.
„Gerade hinter Birmingham,“ sagte Stan fröhlich und beantwortete so Harrys ungefragte Frage, während Ron sich
wieder vom Boden aufbemühte. „Dir geht“s gut sonst, „Arry? Ich hab deinen Namen massenweise in den Zeitungen
gelesen über den Sommer, aber war nie besonders nett. Ich hab zu Ern gesagt, ich sagte, sah nich wie wie „n
Verrückter aus, als wir ihn getroffen haben, der nur angibt, oder?“
Er reichte ihnen die Tickets und starrte Harry weiter wie angefesselt an. Anscheinend war es Stan egal, wie verrückt
jemand war, wernn man nur berühmt genug war, um in der Zeitung zu stehen. Der Fahrenden Ritter schwankte
alarmierend, als er eine Reihe Autos auf der Innenseite überholte. Als er in den Vorderteil des Buses schaute, sah er,
daß Hermine ihre Augen mit den Händen zuhielt, während Pigwidgeon glücklich auf ihrer Schulter schwankte.
BANG.
Stühle rutschten wieder rückwärts, als der Fahrenden Ritter von der Autobahn auf eine ruhige Landstraße voller
Haarnadelkurven schwenkte. Heckenreihen an beiden Seiten der Straße sprangen aus dem Weg, während sie die
Seitenstreifen überfuhren. Von dort kamen sie zu einer Hauptstraße in der Mitte eines belebten Ortes, dann zu einem
Viadukt, umgeben von hohen Bergen, dann zu einer vom Wind gepeitschten Strasse zwischen zwei Hochhäusern,
jedes mal mit einem lauten BANG.
„Ich hab’s mir anders überlegt,“ murmelte Ron, während er sich zum sechsten Mal vom Boden erhob. „Mit diesem
Ding werde ich nie wieder fahren.“
„Aufgepasst, die nächste Haltestelle ist „Ogwarts,“ sagte Stan gut gelaunt, während er auf sie zuschwankte. „Diese
herrische Frau da vorn meint es gut mit euch, sie hat uns ein kleines Trinkgeld gegeben, damit wir euch etwas
vorziehen. Wir werden allerdings erst noch Madam Marsh absetzen,“ - von unten hörte man rülpsende Töne, gefolgt
von Spritzgeräuschen - „sie fühlt sich nicht ganz wohl.“
Ein paar Minuten später hielt der Bus kreischend vor einer kleinen Kneipe, die sich selbst etwas zusammenquetschte,
um einen Zusammenstoss zu vermeiden. Sie hörten Stan die unglückseelige Madam Marsh aus dem Bus geleiten und
das erleichterte Gemurmel der Mitreisenden auf dem zweiten Deck. Der Bus bewegte sich wieder, nahm Fahrt auf,
bis -
BANG
Sie rollten durch ein verschneites Hogsmeade. Harry warf einen kurzen Blick auf den Eberkopf unten in der
Seitenstrasse, dessen Schild mit dem abgetrennten Eberkopf im Winterwind knarrte. Schneegestöber schlug gegen
die große Frontscheibe des Busses. Schliesslich rollten sie vor den Toren von Hogwarts aus.
Lupin und Tonks halfen ihnen mit ihrem Gepäck aus dem Bus, dann stiegen sie aus um sich zu verabschieden. Harry
blickte die drei Decks des Fahrende Ritterses hoch und sah, daß alle Passagiere auf sie hinunter starrten, die Nasen
an den Fenstern plattgedrückt.
„Du bist in Sicherheit sobald du drinnen bist,“ sagte Tonks, während er aufmerksam die verlassene Straße im Blick
hatte. „Lass“ dir“s gutgehen, ja?“
„Gebt auf euch acht,“ sagte Lupin, der rundherum Hände geschüttelt hatte und schliesslich bei Harry ankam. „Und
hör zu...,“ er senkte seine Stimme, während die anderen noch ein paar Abschiedsworte mit Tonks sprachen, „Harry,
ich weiss daß du Snape nicht magst, aber er ist ein hervorragender Occlumant, und wir alle - einschliesslich Sirius -
wollen, daß du lernst, dich zu schützen, also arbeite daran mit aller Kraft, ist das klar?
„Ja, alles klar,“ sagte Harry bedrückt und schaute in Lupins vorzeitig von Falten gezeichnetes Gesicht. „Also bis
bald.“
Die sechsköpfige Gruppe kämpfte sich mit ihrem Gepäck die rutschige Auffahrt zum Schloss hinauf. Hermine
erzählte schon davon, daß sie ein paar Elfenkappen vor dem Einschlafen stricken wollte. Harry schaute zurück als sie
die Eichentür erreichten; der Fahrende Ritter war schon fort, und er wünschte sich fast, angesichts dessen, was am
nächsten Abend folgen würde, er wäre noch an Bord.
*
Harry verbrachte die meiste Zeit des nächsten Tages damit, den Abend zu fürchten. Seine morgendliche
Zaubertränke-Doppelstunde trug nichts dazu bei, sein Missgefühl zu zerstreuen, da Snape so unfreundlich war wie eh
und jeh. Seine Laune wurde noch weiter dadurch verschlechtert, daß die DA-Mitglieder auf den Fluren zwischen den
Klassen dauernd auf ihn zukamen und erwartungsvoll fragten, ob es ein Treffen in dieser Nacht geben würde.
„Ich werde Euch das auf dem üblichen Wege mitteilen, wenn“s das nächste mal soweit ist,“ sagte Harry immer
wieder, „aber heute nacht kann ich das nicht machen, denn ich muß noch zu Heiltränke.“
„Du belegst Heiltränke“?,“ fragte Zacharias Smith hochnäsig, nachdem er Harry nach dem Mittagessen in eine Ecke
der Eingangshalle gedrängt hatte. „Mein Gott, du mußt ja schrecklich drauf sein. Snape gibt normalerweise keine
Nachhilfestunden, oder?“
Als Smith auf ärgerlich schwungvolle Weise davonschritt, warf Ron ihm einen bösen Blick nach. „Soll ich ihn
verhexen? Ich kann ihn von hier immer noch kriegen,“ sagte er, erhob seinen Zauberstab und zielte zwischen Smith’s
Schulterblätter.
„Vergiss’ es,“ sagte Harry betrübt, „das denken doch alle, oder etwa nicht? Das ich wirklich däml--“
„Hallo Harry,“ erklang eine Stimme hinter ihm. Er drehte sich um und sah Cho dort stehen.
„Oh,“ sagte Harry und erspürte einen unbehaglichen Ruck in seinem Bauch. „Hallo.“
„Wir sind in der Bibliothek, Harry,“ sagte Hermine streng, packte Ron über dem Ellenbogen und zog ihn fort in
Richtung der Marmortreppe.
„War Weihnachten schön?,“ fragte Cho.
„Ja, nicht übel,“ sagte Harry.
„Bei mir war es ziemlich ruhig,“ sagte Cho. Aus irgendeinem Grund sah sie ziemlich verlegen aus.
„Äh ... im nächsten Monat gibt’s noch einen Ausflug nach Hogsmeade, hast Du den Aushang gesehen?“
„Wie? Ach, nein, ich habe das schwarze Brett noch nicht gelesen seit ich zurück bin.“
„Ja, am Valentinstag ...“
„Stimmt,“ sage Harry und er fragte sich, warum sie ihm das sagte. „Nun, vermutlich möchtest Du -?“
„Nur wenn Du möchtest,“ sagte sie eifrig.
Harry starrte sie an. Er hatte eigentlich sagen wollen „Vermutlich willst Du wissen wann das nächste DA-Treffen
ist,“ aber ihre Antwort schien darauf nicht zu passen.
„Ich - äh - ,“ sagte er.
„Ach ist schon in Ordnung wenn Du nicht willst,“ sagte sie beschämt. „Mach’ Dir keine Gedanken, wir treffen uns
schon irgendwo.“
Sie ging fort. Harry starrte ihr nach, sein Hirn arbeitete verzweifelt. Dann fiel der Groschen.
„Cho! Hey - CHO!“
Er rannte hinter ihr her und erreichte sie auf halber Höhe der Marmortreppe.
„Ähm - willste mit mir zusammen nach Hogsmeade, am Valentinstag?“
„Oooh, ja!“ sagte sie, wurde knallrot und strahlte ihn an.
„Gut ... nun ... das ist also abgemacht,“ sagte Harry, und mit dem Gefühl, daß der Tag doch nicht völlig vergebens
war, sprang er los zur Bibliothek, um Ron und Hermine vor ihrem Nachmittagsunterricht abzuholen.
Gegen sechs Uhr abends jedoch konnte selbst das Leuchten dieser erfolgreichen Verabredung mit Cho Chang nicht
seine unheilvollen Gefühle erhellen, die sich mit jedem Schritt verstärkten, den Harry auf Snapes Büro zuging.
Als er die Tür erreichte hielt er inne. Er wäre an fast jedem anderen Ort lieber gewesen als hier. Dann, nachdem er
einmal tief durchgeatmet hatte, trat er ein.
Der düstere Raum war umsäumt von Regalen, die hunderte von Einmachgläsern enthielten, in denen schleimige
Teile von Pflanzen und Tieren in verschiedenfarbigen Substanzen gelagert wurden. In einer Ecke stand der Schrank
voller Zutaten, von denen Snape - nicht ohne Grund - einmal behauptet hatte, daß Harry sie gestohlen hätte. Harrys
Aufmerksamkeit wurde jedoch in Richtung des Schreibtisch gelenkt, wo ein flaches Steinbecken mit eingravierten
Runen und Symbolen innerhalb einer Ansammlungen von leuchtenden Kerzen lag. Harry erkannte es sofort - es war
Dumbledors Denkarium. Verwundert darüber, was das hier zu suchen hatte, schreckte er auf, als Snapes kalte
Stimme aus der Dunkelheit kam.
„Schliess die Tür hinter Dir, Potter.“
Harry tat es wie befohlen, mit dem entsetzlichen Gefühl sich selbst einzusperren. Als er sich wieder zum Raum
drehte, hatte sich Snape ins Licht bewegt und zeigte wortlos auf den Stuhl gegenüber von seinem Schreibtisch. Harry
setzte sich, ebenso wie Snape es tat, der ihn mit seinen kalten schwarzen Augen fixierte ohne zu zwinkern, mit
Abneigung in jedem Gesichtszug.
„Nun, Potter, Du weisst warum Du hier bist,“ sagte er. „Der Schulleiter hat mich gebeten, dich in Occlumantie zu
unterrichten. Ich kann nur hoffen, daß du dir das besser aneignest als Zaubertränke.“
„Richtig,“ sagte Harry knapp.
„Das mag keine der üblichen Unterrichtsstunden sein, Potter,“ sagte Snape, seine Augen verschmälerten sich
boshaft, „aber ich bin immer noch Dein Lehrer und Du wirst mich daher immer mit „Sir“ oder „Professor“
ansprechen.“
„Ja ... Sir,“ sagte Harry.
Snape beobachtete ihn noch eine Weile mit zusammengekniffenen Augen, dann sprach er „Nun, Occlumantie. Wie
ich dir bereits in der Küche deines geschätzten Paten erklärt habe, versiegelt dieser Bereich der Magie den Geist
gegen magisches Eindringen und Einflussnahme.“
„Und warum denkt Professor Dumbledore, daß ich das brauche, Sir?,“ sagte Harry, blickte Snape direkt in die Augen
und fragte sich, ob Snape antworten würde.
Snape blickte ihn ebenfalls einen Moment lang an und sagte dann abschätzig: „Sicherlich hättest sogar du das
mittlerweile herausfinden können, Potter? Der dunkle Lord ist sehr geschickt in Legilimantie - „
„Was ist das? Sir?“
„Das ist die Fähigkeit, Gefühle und Erinnerungen aus dem Geist anderer Personen -“
„Er kann Gedanken lesen?,“ fragte Harry sofort, seine schlimmsten Befürchtungen schienen sich zu bestätigen.
„Du hast keinerlei Feingespür, Potter,“ sagte Snape, seine dunklen Augen funkelten. „Du erkennst keine feinen
Unterschiede. Das ist eine der Unzulänglichkeiten, die dich zu einem so kläglichen Zaubertrank-Brauer machen.“
Snape hielt einen Moment lang inne bevor er weitermachte, anscheinend um das Vergnügen zu genießen, Harry
beleidigt zu haben
„Nur Muggles reden von Gedankenlesen. Der Geist ist kein Buch, das man beliebig öffnen und in aller Ruhe
untersuchen kann. Gedanken sind nicht in die Innenseite des Schädels gezeichnet, damit sie von jedem Eindringling
durchgelesen werden können. Der Geist ist eine komplexe und vielschichtige Sache, Potter - zumindest ist das bei
den meisten so. Er grinste selbstgefällig. Es stimmt allerdings, daß diejenigen, die das Legilimantie beherrschen,
fähig sind, sich unter bestimmten Umständen in den Geist ihrer Opfer zu vertiefen und richtig zu interpretieren, was
sie dort erfahren haben. Der dunkle Lord zum Beispiel merkt fast immer, wenn jemand ihn belügt. Nur diejenigen,
die meisterhaft Occlumantie können, sind in der Lage, die Gefühle und Erinnerungen zu verschließen, die der Lüge
widersprechen, und können auf diese Weise in seiner Anwesenheit Falschheiten äußern ohne erkannt zu werden.“
Wie auch immer Snape es ausdrückte, Legilimantie hörte sich für Harry wie Gedankenlesen an, und er mochte das
überhaupt nicht.
„Also könnte er wissen, was wir jetzt gerade denken? Sir?“
„Der Dunkle Lord ist in weiter Ferne und die Mauern und Ländereien von Hogwarts werden von vielen uralten
Bannen und Zaubern beschützt, um die körperliche und geistige Sicherheit derjenigen zu sichern, die in ihnen
verweilen,“ sagte Snape. „Zeit und Raum bedeuten etwas in der Zauberei, Potter. Augenkontakt ist oft unerlässlich
für die Legilimantie.“
„Also warum muß ich dann Occlumantie lernen?“
Snape beäugte Harry, während er sich mit einem langen, dünnen Finger den Mund entlang fuhr.
„Die gebräuchlichen Regeln scheinen nicht auf dich anwendbar zu sein, Potter. Der Fluch, der fehlschlug dich zu
töten, scheint eine Art Verbindung zwischen dir und dem Dunklen Lord geschaffen zu haben. Die Anzeichen legen
das manchmal nahe, wenn dein Geist ganz entspannt und verwundbar ist - wenn du schläfst, zum Beispiel - dann
teilst du die Gedanken und Gefühle des Dunklen Lords. Der Schulleiter glaubt, daß es nicht ratsam ist, damit fort zu
fahren. Er bat mich dich zu unterrichten, wie du deinen Geist vor dem Dunklen Lord verschließen kannst.“
Harrys Herz schlug wieder schneller. Das ergab alles keinen Sinn.
„Aber warum möchte Professor Dumbledore, daß es aufhört?“ fragte er unvermittelt. „Ich mag es nicht besonders,
aber es war doch nützlich, nicht war? Ich meine... Ich sah die Schlange Mister Weasley angreifen und wenn ich es
nicht getan hätte, wäre Professor Dumbledore nicht in der Lage gewesen ihn zu retten, nicht wahr? Sir?“
Snape starrte Harry einen kurzen Moment lang an, immer noch seinen Mund mit dem Finger nachfahrend. Als er
wieder sprach, sprach er langsam und wohlüberlegt, als würde er jedes Wort abwägen.
„Es scheint so, als ob der Dunkle Lord sich bis vor kurzem nicht über die Verbindung zwischen dir und ihm selbst
bewusst war. Bis jetzt scheint es so, als ob du seine Gefühle erfahren hättest, und seine Gedanken geteilt hättest,
ohne das er etwas davon wußte. Wie auch immer, die Vision, die du kürzlich vor Weihnachten hattest -“
„Die, über die Schlange und Mister Weasley?“
„Unterbreche mich nicht, Potter,“ sagte Snape mit gefährlicher Stimme. „ Wie ich gerade sagte, die Vision, die du
kürzlich vor Weihnachten hattest, verkörpert so ein kraftvolles Eindringen in die Gedanken des Dunklen Lord -“
„Ich sah in den Schlangenkopf, nicht in seinen!“
„Ich dachte, ich hätte dir gesagt, daß du mich nicht unterbrechen sollst, Potter?“
Aber Harry kümmerte sich nicht darum, ob Snape wütend war; es schien zumindest so, als käme er endlich zum
Kern der Sache; ohne es zu bemerken, hatte er sich auf seinem Stuhl nach vorne gelehnt, hockte auf der äußersten
Kante, angespannt, als ob er bereit sei loszufliegen.
„Wie kommt es, daß ich durch die Augen der Schlange sah, wenn ich doch Voldemorts Gedanken teile?“
„Sag den Namen des Dunklen Lords nicht!“ fauchte Snape.
Es folgte ein boshaftes Schweigen. Sie starrten einander zornig über das Denkarium hinweg an.
„Professor Dumbledore sagt seinen Namen,“ sagte Harry ruhig.
„Dumbledore ist ein äußerst mächtiger Zauberer,“ murmelte Snape. „ Während er sich vielleicht sicher genug fühlt
seinen Namen auszusprechen ... der Rest von uns ...“ Er rieb seinen linken Unterarm, scheinbar unbewusst, an der
Stelle, von der Harry wußte, das an ihr das Dunkle Mal in seine Haut eingebrannt war.
„Ich wollte nur wissen,“ begann Harry erneut, seine Stimme zur Höflichkeit zwingend, „warum -“
„Du scheinst den Verstand der Schlange aufgesucht zu haben, weil dies der Ort war, an dem der Dunkle Lord in
genau diesem Moment war,“ knurrte Snape. „Er hatte die Schlange in diesem Moment in seinen Besitz genommen
und darum träumtest du, auch du wärst in ihr.“
„Und Vol - er - bemerkte, daß ich da war?“
„Es scheint so,“ sagte Snape gelassen.
„Woher wissen Sie das?“ fragte Harry eindringlich. „Ist es nur Professor Dumbledors Vermutung, oder -?“
„Ich sagte dir,“ sagte Snape, steif in seinem Stuhl, seine Augen zu Schlitzen zusammengepresst, „du sollst mich
„Sir“ nennen.“
„Ja, Sir,“ sagte Harry ungeduldig, „aber woher wußten sie -?“
„Es reicht, daß wir es wußten,“ sagte Snape abschließend. „Der springende Punkt ist, daß der Dunkle Lord nun
Kenntnis davon hat, daß du dir Zugang zu seinen Gedanken und Gefühlen verschaffen kannst. Er hat ferner
gefolgert, daß der Vorgang wahrscheinlich umkehrbar ist; das heißt, er hat erkannt, daß er umgekehrt vielleicht in
der Lage ist, Zugang zu deinen Gedanken und Gefühlen zu bekommen -“
„Und vielleicht versucht er es und lässt mich Dinge tun?“ fragte Harry. „Sir?“ fügte er hastig hinzu.
„Möglich,“ sagte Snape, kühl und gleichgültig klingend. „Was uns zur Occlumentation zurückbringt“
Snape zog seinen Zauberstab aus der Innentasche seines Umhanges und Harry verkrampfte sich in seinem Stuhl, aber
Snape hob vergnügt den Zauberstab an seine Schläfe und platzierte die Spitze an die fettigen Wurzeln seines Haares.
Als er ihn fortzog, löste sich eine silbrige Substanz, die sich wie ein dicker Spinnfaden von seiner Schläfe bis zu
seinem Zauberstab zog. Er zerriss, als er den Zauberstab von seiner Schläfe wegzog und fiel geschmeidig in das
Denkarium, wo er silbrig-weiß umherwirbelte, weder Gas noch Flüssigkeit. Noch zweimal erhob Snape seinen
Zauberstab an seine Schläfe und legte die silbrige Substanz in die Steinschale. Dann ohne eine Erklärung für sein
Verhalten anzubieten, nahm er das Denkarium vorsichtig hoch, stellte es auf ein Regal außerhalb ihrer Reichweite
und drehte sich wieder zu Harry um, seinen Zauberstab bereit haltend.
„Steh auf und nimm deinen Zauberstab heraus, Potter.“
Harry stand auf, er fühlte sich nervös. Mit dem Schreibtisch zwischen ihnen, sahen sie einander an.
„Du darfst deinen Zauberstab benutzen, um zu versuchen mich zu entwaffnen, oder dich auf jede andere Art zu
verteidigen, die du dir vorstellen kannst,“ sagte Snape.
„Und was werden Sie tun?“ fragte Harry, Snapes Zauberstab besorgt beobachtend.
„Ich werde versuchen in deinen Geist einzudringen,“ sagte Snape sanft. „Wir werden sehen, wie gut du dich
widersetzt, mir wurde gesagt, daß du bereits die Fähigkeit gezeigt hast, dem Imperius Fluch zu widerstehen. Du wirst
herausfinden, daß ähnliche Kräfte hierfür benötigt werden...versammle dich, jetzt. Legilimens!“
Snape hatte zugeschlagen, bevor Harry bereit war, bevor er auch nur begonnen hatte etwas Widerstandskraft
zusammen zu raffen. Das Büro verschwamm vor seinen Augen und verschwand; ein Bild nach dem anderen jagte
durch seinen Verstand, wie ein flimmernder Film, so lebendig, daß er ihn blind machte für seine Umgebung.
Er war fünf, beobachtete Dudley, wie er ein neues rotes Fahrrad fuhr, und sein Herz platzte vor Neid...er war neun,
und Ripper die Bulldogge jagte ihn einen Baum hinauf und die Dursleys standen lachend unter ihm auf dem
Rasen...er saß unter dem Sortierenden Hut, und er erzählte ihm, es würde ihm in Slytherin gut ergehen... Hermine lag
im Krankenflügel, ihr Gesicht bedeckt mit dickem, schwarzen Haar...hundert Dementoren umzingelten ihn neben
dem schwarzen See...Cho Chang rückte unter dem Mistelzweig näher an ihn heran....
Nein, sagte eine Stimme in Harrys Kopf, als die Erinnerung an Cho näher kam, das wirst du nicht sehen, du wirst es
nicht sehen, daß ist persönlich -
Er fühlte einen stechenden Schmerz in seinem Knie. Snapes Büro wurde wieder sichtbar und er erkannte, daß er auf
den Boden gefallen war; eines seiner Knie war schmerzhaft mit Snapes Schreibtischbein zusammengestoßen. Er sah
zu Snape auf, der seinen Zauberstab gesenkt hatte und sich das Handgelenk rieb. Er hatte dort eine schlimme
Strieme, wie ein Brandfleck.
„Hattest du vorgehabt den Stinging Zauber anzuwenden?“ fragte Snape gelassen.
„Nein,“ sagte Harry verbittert und stand vom Boden auf.
„Das dachte ich mir,“ sagte Snape, ihn genau beobachtend. „Du ließt mich viel zu weit hinein gelangen. Du hast die
Kontrolle verloren.“
„Haben Sie alles gesehen, was ich sah?“ fragte Harry, unsicher, ob er die Antwort wirklich hören wollte.
„Teile davon,“ sagte Snape mit gekräuselter Lippe. „Wem gehörte der Hund?“
„Meiner Tante Marge,“ murmelte Harry, Snape hassend.
„Nun, für den ersten Versuch war es nicht so schlecht, wie es hätte sein können,“ sagte Snape, und erhob seinen
Zauberstab wieder. „Du hast es schließlich geschafft mich zu stoppen, auch wenn du mit deinem Geschrei Zeit und
Kraft verschwendet hast. Du mußt konzentriert bleiben. Schlag mich mit deinem Verstand zurück und du wirst nicht
auf deinen Zauberstab zurückgreifen müssen.“
„Ich versuche es,“ sagte Harry zornig, „ aber Sie erzählen mir nicht wie!“
„Manieren, Potter,“ sagte Snape gefährlich. „Nun möchte ich, daß du deine Augen schließt.“
Harry bedachte ihn mit einem gemeinen Blick, bevor er tat, was von ihm verlangt wurde. Ihm gefiel die Vorstellung
nicht mit geschlossenen Augen da zu stehen, während Snape ihn, einen Zauberstab tragend, betrachtete.
„Machen Sie ihren Kopf frei, Potter,“ sprach Snapes kalte Stimme, „lassen Sie all ihre Gefühle los...“ Aber Harrys
Zorn auf Snape floss wie Gift durch seine Adern. Seinen Zorn vergessen? Genauso gut könnte Snape verlangen, daß
er seine Beine abschraubte.
„Sie schaffen es nicht, Potter... sie brauchen mehr Selbstbeherrschung ... konzentrieren Sie sich jetzt...“
Harry versuchte, seinen Kopf frei zu machen, versuchte, nicht zu denken, zu fühlen, sich an nicht zu erinnern.
„Nochmal, ... bei drei, ... eins - zwei - drei, Legilimens!“
Ein riesiger schwarzer Drache brüllte ihn an ... sein Vater und seine Mutter winkten ihm aus einem verzauberten
Spiegel zu ... Cedric Diggory lag am Boden und schaute ihn aus verblüfften Augen an....
„NEIIIIIN!“
Harry kniete am Boden, sein Gesicht in den Händen vergraben, sein Kopf schmerzte als hätte jemand versucht, ihm
das Gehirn aus dem Schädel zu reißen.
„Stehen Sie auf!“ sagte Snape scharf. „Stehen Sie auf! Sie versuchen es ja gar nicht, Sie strengen sich nicht an. Sie
ermöglichen mir den Zugriff auf die Erinnerungen, die Sie fürchten und geben mir damit Waffen in die Hand!“
Harry stand wieder auf, sein Herz schlug so wild als sei er gerade wirklich auf jenem Friedhof gewesen und hätte den
sterbenden Cedric gesehen. Snape sah blasser und zorniger als gewöhnlich aus, doch Harry war noch wütender.
„Ich - habe - mich - angestrengt,“ presste er zwischen seinen geschlossenen Zähnen hervor.
„Ich habe ihnen gesagt, Sie sollen sich von allen Gefühlen frei machen!“
„Ja; nun, ich finde das gerade ziemlich schwierig,“ knurrte Harry.
„Dann werden Sie eine leichte Beute für den dunklen Lord sein,“ sprach Snape gefühllos, „Narren, die ihre Herz
stolz zur Schau tragen, die ihre Gefühle nicht kontrollieren können, sich in ihren traurigen Erinnerungen wälzen und
sich leicht provozieren lassen - mit anderen Worten: Schwächlinge - haben keine Chance, seiner Macht zu
widerstehen! Er wird ihre Gedanken mit Leichtigkeit durchdringen, Potter!“
„Ich bin nicht schwach,“ erwiderte Harry leise, in ihm stieg eine Wut hoch, daß er Snape am liebsten sofort
angegriffen hätte.
„Dann beweisen Sie es! Beherrschen Sie sich!“ sprach Snape. „Kontrollieren Sie ihre Wut, beherrschen Sie ihre
Gedanken! Wir versuchen es noch einmal! Machen Sie sich bereit! Legilimens!“
Er sah Onkel Vernon, wie er den Briefkasten vernagelte ... hunderte Dementoren trieben über den See auf ihn zu ...
er rannte mit Mr. Weasley einen fensterlosen Gang entlang ... angezogen von einer glatten schwarzen Tür am Ende
des Korridors ... Harry glaubte, sie würden hindurch gehen ... aber Mr. Weasley führte ihn nach links ... eine Treppe
mit steinernen Stufen hinab ...
„ICH WEISS! ICH WEISS!“
Er lag wieder auf allen Vieren am Boden von Snapes Büro, seine Narbe schmerzte unangenehm, aber die Worte, die
gerade aus seinem Mund gekommen waren, klangen triumphierend. Er stand wieder auf. Snape hatte den Zauberstab
erhoben und starrte ihn an. Diesmal sah es so aus, als hätte er ihn erhoben, noch bevor Harry versucht hatte, sich zu
wehren.
„Was ist passiert, Potter?“ fragte er und musterte Harry aufmerksam.
„Ich sah - ich erinnerte mich an,“ keuchte Harry. „Ich habe gespürt...“
„Was gespürt?“ fragte Snape scharf.
Harry antwortete nicht sofort; er rieb sich die Stirn, er schmeckt noch den Augenblick der aufblitzenden Erkenntnis...
Seit Monaten hatte er von dem fensterlosen Korridor, der in der schwarzen verschlossenen Tür endete, geträumt,
ohne zu bemerken, daß es sich um einen realen Ort handelte. Nun, da er ihn in seiner Erinnerung noch einmal
gesehen hatte, wußte er, daß er die ganze Zeit von dem Korridor geträumt hatte, durch den er am 12. August
zusammen mit Mr. Weasley auf dem Weg zum Gerichtssaal im Ministerium gerannt war. Es war der Korridor, der
zur Abteilung der Mysterien führte. Dort befand sich Mr. Weasley in der Nacht als er von Voldemorts Schlange
angegriffen wurde.
Er sah zu Snape auf.
„Was befindet sich in der Abteilung der Mysterien?“
„Was haben Sie gesagt?“ fragte Snape leise, und mit tiefer Befriedigung bemerkte Harry, daß Snape nervös wurde.
„Ich sagte: Was befindet sich in der Abteilung der Mysterien, Sir?“ sprach Harry.
„Warum fragen Sie danach?“ gab Snape langsam zurück.
„Weil,“ sprach Harry und sah Snape direkt ins Gesicht, „dieser Gang, den ich gerade gesehen habe - ich habe
monatelang davon geträumt - jetzt habe ich es erkannt - er führt zur Abteilung der Mysterien ... und ich denke,
Voldemort will etwas - „
„Ich hatte Ihnen verboten, den Namen des Dunklen Lords auszusprechen!“
Sie starrten sich gegenseitig an. Harrys Narbe brannte wieder, aber er achtete nicht darauf. Snape sah verunsichert
aus; aber als er fortfuhr klang er, als wolle er kühl und unbeteiligt erscheinen.
„Es gibt viele Dinge in der Abteilung der Mysterien, Potter, wenige, von denen Sie etwas verstehen und keine, die
Sie etwas angehen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
„Ja,“ antwortete Harry, der immer noch seine stechende Narbe rieb, die ihn zusehends schmerzte.
„Ich möchte, daß du am Mittwoch wieder zur selben Zeit hier bist. Wir werden dann mit der Arbeit fortfahren.“
„Fein,“ sagte Harry. Er war zum Äußersten entschlossen, um aus Snape’s Büro rauszukommen und Ron und
Hermine zu finden.
„Du solltest jede Nacht vor dem Einschlafen deinen Geist von allen Emotionen freimachen; leere ihn, laß ihn leer
und ruhig werden, verstehst du?“
„Ja,“ sagte Harry, der kaum zuhörte.
„Und sei gewarnt, Potter … ich werde es wissen, wenn du nicht geübt hast.“
„Richtig,“ murmelte Harry. Er nahm seine Schultasche auf, schwang sie über seine Schulter und eilte auf die
Bürotüre zu. Als er sie öffnete, blickte er zu Snape zurück, der Harry seinen Rücken zugewandt hatte, und der seine
eigenen Gedanken mit der Spitze seines Zauberstabes aus dem Denkarium schöpfte und sie vorsichtig in seinem
Kopf ersetzte. Harry verließ ihn ohne ein weiteres Wort, dir türe sorgfältig hinter sich schließend, seine Narbe pochte
immer noch schmerzhaft.
*
Harry fand Ron und Hermine in der Bibliothek, wo sie an Umbridges neuestem Berg an Hausaufgaben arbeiteten.
Andere Schüler, fast alle von ihnen Fünftklässler, saßen an beleuchteten Tischen, die Nasen in den Büchern, und
kratzen fieberhaft mit ihren Federn, während der Himmel vor dem zweiflügeligen Fenstern immer dunkler wurde.
Das einzige andere Geräusch war das leise Quietschen von Madame Pinces Schuhen, wenn die Bibliothekarin
drohend in den Gängen herumschlich, um die zu verscheuchen (?), die ihre wertvollen Bücher berührten. Harry
fröstelte noch immer; seine Narbe schmerzte, er fühlte sich fast fiebrig. Als er sich gegenüber von Ron und Hermine
hinsetzte, sah er sein Spiegelbild im Fenster gegenüber; er war sehr blaß und seine Narbe schien stärker
hervorzutreten als sonst.
„Wie wars?“ flüsterte Hermine, und dann, besorgt: „Bist du Okay, Harry?“
„Ja … gut … ich weiß nicht,“ sagte Harry ungeduldig und zuckte zusammen, als Schmerz durch seine Narbe jagte.
„Hört mal … Mir ist gerade was eingefallen…“
Und er erzählte ihnen was er gerade gesehen und gefolgert hatte.
„Du … sagst also …“ flüsterte Ron, während Madam Pince leise quietschend an ihnen vorbei schlurfte, „daß die
Waffe - das Ding, das Du-Weißt-Schon-Wer haben will - im Zaubereiministerium ist?“
„Es muß in der Abteilung der Mysterien sein,“ flüsterte Harry. „Ich hab die Tür gesehen, als dein Vater mich bei
meiner Anhörung zu den Gerichtssälen hinunter Gebracht hat, und es ist ganz sicher dieselbe, die er bewacht hat als,
als die Schlange ihn gebissen hat.“
Hermine ließ einen langen Seufzer hören.
„Natürlich,“ stieß sie hervor.
„Natürlich was?“ fragte Ron ziemlich ungeduldig.
„Denk doch mal nach, Ron … Sturgis Podmore versuchte, durch eine Tür im Zaubereiministerium zu kommen … es
muß diese gewesen sein, es wäre ein zu großer Zufall!“
„Wieso hat Sturgis versucht, dort einzubrechen, wenn er auf unserer Seite ist?“ fragte Ron.
„Naja, ich weiß es nicht,“ gab Hermine zu, „das ist ein bißchen seltsam…“
„Also was ist denn in der Abteilung der Mysterien?“ fragte Harry Ron. „Hat dein Vater je was darüber erwähnt?“
„Ich weiß, daß sie die Leute, die dort arbeiten, die „Unsagbaren“ nennen,“ sagte Ron und runzelte die Stirn, „weil
anscheinend niemand weiß, was sie tun - Seltsamer Ort für eine Waffe.
„Das ist überhaupt nicht seltsam, es ist wunderbar nachvollziehbar. Es wird etwas streng Geheimes sein, das das
Ministerium entwickelt hat. Ich schätze … Harry, bist du sicher, daß es dir gut geht?“
Harry hatte nämlich gerade seine auf seine Hände auf die Stirn gepresst, als versuchte er, sie glatt zu pressen. [bügeln
hört sich im deutschen seltsam an..]
„Ja … alles klar …“ sagte er und ließ seine zitternden Hände sinken, „Ich fühl mich nur etwas … Ich mag
[Occlumantie] nicht besonders.“
„Ich denke jeder würde sich unwohl fühlen, nachdem sein Bewusstsein wieder und wieder angegriffen worden ist,“
sagte Hermine verständnisvoll. „Kommt, lasst uns zum Aufenthaltsraum zurückgehen, da haben wir es ein bißchen
gemütlicher.
Doch im Gemeinschaftsraum herrschte Aufregung und lautes Lachen; Fred und George demonstrierten ihre neuesten
Scherzartikel.
„Hauptlose Hüte“ schrie George, während Fred den zuschauenden Schülern einen spitzen Hut zeigte, der mit einer
weichen, rosa Feder geschmückt war.
„Jeder 2 Galleonen, schaut Fred an, jetzt!“
Fred setzte sich mit einem breiten Lächeln den Hut auf. Für einen Moment sah er nur ziemlich lächerlich aus; dann
verschwanden sowohl Kopf als auch Hut.
Einige Mädchen schrieen auf, doch sonst brach tosendes Gelächter aus.
„Und wieder runter!“ schrie George und Freds Hand tastete für einen Moment dort herum, wo sich anscheinend die
Luft über seinen Schultern befand; dann erschien sein Kopf wieder, während er den Hut mit der rosa Feder abnahm.
„Wie funktionieren diese Hüte denn?“ fragte Hermine, die von ihren Hausaufgaben abgelenkt wurde, und sah Fred
und George genau an, „ich meine, offensichtlich ist es eine Art Unsichtbarkeitsspruch, aber es ist ziemlich schlau,
den Unsichtbarkeitsbereich bis über die Grenzen des verzauberten Objekts auszudehnen … Trotzdem kann ich mir
vorstellen, daß der Zauber nicht lange anhält.
Harry antwortete nicht; er fühlte sich krank.
„Ich werd“ das Morgen machen müssen,“ murmelte er und packte die Bücher, die er gerade aus seiner Tasche
genommen hatte, wieder ein.
„OK, dann schreib es in deinen Hausaufgabenplaner!“ sagte Hermine aufmunternd. „Damit du es nicht vergisst!“
Harry und Ron tauschten einige Blicke aus während er in seine Tasche griff, den Planer herausnahm und ihn
[tentatively - voläufig/zeitweise??] öffnete.
„Was du heute kannst besorgen, daß verschiebe nicht auf Morgen!“ rügte das Buch als Harry Umbridges
Hausaufgabe hineinkritzelte. Hermine grinste es an.
„Ich denke, ich geh jetzt ins Bett,“ sagte Harry und stopfte den Hausaufgabenplaner wieder in seine Tasche; er nahm
sich vor, ihn bei der nächsten Gelegenheit ins Feuer zu werfen.
Er ging durch den Gemeinschaftsraum, wich George aus, der versuchte, ihm einen Hauptlosen Hut aufzusetzen, und
erreichte die Ruhe und [Kühle] der steinernen Treppe, die zu den Schlafräumen der Jungen führte. Ihm war wieder
schlecht, genau so wie in der Nacht, in der er die Vision von der Schlange gehabt hatte, doch er dachte, daß er sich
nur für eine Weile hinlegen müsste, um wieder auf die Beine zu kommen.
Er hatte gerade die Tür zu seinem SchlaFraum geöffnet, als ihn ein starker Schmerz durchfuhr, so daß er meinte,
jemand würde sich in seinen Schädel bohren. Er wußte nicht wo er war, ob er stand oder lag, er wußte nicht einmal
seinen eigenen Namen.
Ein wahnsinniges Lachen dröhnte in seinen Ohren … er war glücklicher, als er sehr lange Zeit gewesen war …
feiernd, entzückt, siegessicher … etwas Wundervolles, Wundervolles war passiert …
„Harry? HARRY!“
Jemand hatte ihm ins Gesicht geschlagen. Das wahnsinnige Lachen wurde durch einen Schmerzensschrei
unterbrochen. Die Fröhlichkeit verschwand aus ihm, doch das Lachen blieb…
Er öffnete seine Augen und nachdem er das getan hatte, fiel ihm auf, daß das unkontrollierbare Lachen aus seinem
eigenen Mund kam. Im Moment in dem er dies erkannte, hörte es auf; Harry lag keuchend auf dem Boden und starrte
an die Decke; seine Narbe pochte fürchterlich. Ron war über ihn gebeugt; er sah sehr besorgt aus.
„Was ist passiert?“ fragte er.
„Ich … weiß nicht …“ keuchte Harry und setzte sich wieder auf. „Er ist wirklich glücklich … wirklich glücklich …
„
„Wer? Du-Weißt-Schon-Wer?“
„Irgendwas Gutes ist passiert,“ murmelte Harry. Er zitterte wieder so stark, wie als er die Schlange gesehen hatte, die
Mr Weasley angegriffen hatte und fühlte sich sehr schlecht. „Etwas, auf das er gehofft hat.“
Die Worte kamen, wie damals in der Gryffindor Umkleidekabine, als würde ein Fremder durch Harrys Mund
sprechen, trotzdem wußte er, daß sie wahr waren.
Er atmete tief ein und versuchte, sich nicht über Ron zu übergeben. Er war froh, daß Dean und Seamus dieses mal
nicht zugesehen hatten.
„Hermine hat mir geraten mal nach dir zu sehen,“ sagte Ron mit leiser Stimme, während er Harry wieder auf die
Beine half. „Sie sagt, deine Verteidigung wird jetzt schwächer sein, nachdem Snape in deinem Gedächtnis
herumgespielt hat … trotzdem nehme ich an, daß es dir auf lange Sicht helfen wird, oder?“
Er sah Harry zweifelnd an, während er ihm zu seinem Bett half. Harry nickte ohne Überzeugung und ließ sich wieder
auf seine Kissen fallen; das viele auf den Boden fallen an diesem Abend verursachte Schmerzen; seine Narbe pochte
immer noch schmerzhaft. Er mußte einsehen, daß sein erster Ausflug in die Occlumantie seinen geistigen Widerstand
geschwächt anstatt gestärkt hatte und er fragte sich bestürzt, was passiert sein mußte, um Lord Voldemort so
glücklich zu machen wie seit 14 Jahren nicht mehr.
Kapitel 25 - Der Käfer am Lorbeer
Harrys Frage wurde am nächsten Morgen gleich beantwortet. Als Hermines Tagesprophet ankam, glättete sie ihn,
starrte für einen Moment auf die Frontseite und stieß einen schrillen Schrei aus, der jeden in ihrer Nähe dazu brachte,
sie anzustarren.
„Was?“ sagten Harry und Ron zusammen.
Als Antwort breitete sie die Zeitung vor ihnen auf dem Tisch aus und deutete auf zehn schwarz-weiß Photos, welche
die ganze vordere Seite füllten. Neun zeigten die Gesichter von Zauberern, und das zehnte Bild zeigte eine Hexe.
Einige der Leute auf den Photos schauten höhnisch, andere trommelten mit ihren Fingern auf den Bildrahmen, und
schauten unverschämt. Jedes Bild war überschrieben mit dem Namen und dem Verbrechen, weswegen die Person
nach Askaban geschickt worden war.
Antonin Dolohov, sagte die Erklärung unter einem Zauberer mit einem langen, verzerrtem Gesicht, der zu Harry
feixte, verurteilt wegen des brutalen Mordes an Gideon und Fabian Prewett.
Algernon Rookwood, sagte die Erklärung unter einem pockennarbigen Mann mit fettigem Haar, der gegen die Kante
seines Bildes lehnte und gelangweilt schaute, verurteilt wegen Geheimnisverrates aus dem Zaubereiministerium an
Du-weißt-schon-wen.
Aber Harrys Augen wurden vom Bild der Hexe angezogen. Ihr Gesicht war ihm ins Auge gesprungen, gleich als er
die Seite gesehen hatte. Sie hatte lange, dunkle Haare, die unordentlich und widerspenstig auf dem Bild aussahen,
obwohl er sie schon kräftig und glänzend gesehen hatte. Sie starrte ihn unter den schweren Augenlidern an, ein
arrogantes, verächtliches Lächeln spielte um ihren Mund. Wie Sirius, hatte sie die Überreste eines guten Aussehens
behalten, aber irgendetwas - möglicherweise Askaban - hat den größten Teil ihrer Schönheit genommen.
Bellatrix Lestrange, verurteilt wegen Folter und andauernder Invalidität von Frank und Alice Longbottom.
Hermine gab Harry einen Rippenstoß und zeigte auf die Überschrift über den Bildern, die Harry, der sich auf
Bellatrix konzentriert hatte, noch nicht gelesen hatte.
Massenausbruch aus Askaban
Das Ministerium fürchtet, daß Black der Sammelpunkt für alte Todesser ist.
„Black?“ sagte Harry laut. „Nicht -?“
„Psst!“ flüsterte Hermine verzweifelt. „Nicht so laut - aber lese es!“
Das Zaubereiministerium gab letzte Nacht bekannt, daß es einen Massenausbruch aus Askaban gegeben habe.
Cornelius Fudge, der Zaubereiminister, sprach in seinem privaten Büro zu Reportern und informierte sie, daß zehn
Hochsicherheitsgefangene in den frühen Stunden des gestrigen Abends ausgebrochen waren und daß er bereits den
Muggle-Premierminister von der Gefahr, die von diesen Personen ausgeht, informiert habe.
„Wir befinden uns, zu unserem Bedauern, in derselben Lage wie vor zweieinhalb Jahren, als der Mörder Sirius
Black entkam,“ sagte Fudge letzte Nacht. „Wir können nicht glauben, daß diese zwei Ausbrüche nicht
zusammenhängen sollten. Ein Ausbruch dieser Größenordnung lässt auf auswärtige Hilfe schließen, und wir müssen
uns daran erinnern, daß Black, die erste Person, die jemals aus Askaban ausbrach, ideal wäre, um anderen beim
Ausbruch zu helfen. Wir halten es für wahrscheinlich, daß diese Personen, dabei ist auch Blacks Cousine, Bellatrix
Lestrange, sich um Black als ihren Anführer gesammelt haben. Wie auch immer, wir tun alles, um diese Kriminellen
zu umzingeln, und wir bitten die magische Gemeinde, wachsam und vorsichtig zu bleiben. Auf keinen Fall sollte man
sich diesen Personen nähern.“
„Da hast Du es, Harry,“ sagte Ron und schaute ehrfürchtig. „Das ist der Grund, warum er letzte Nacht glücklich
war.“
„Ich glaube es nicht,“ stieß Harry hervor, „Fudge macht Sirius für den Ausbruch verantwortlich?“
„Welche anderen Möglichkeiten hat er?“ sagte Hermine bitter. „Er kann schwerlich sagen, „Entschuldigung,
Dumbledore hat mich gewarnt, daß das passieren könnte. Daß die Wachen von Askaban sich Lord Voldemort
angeschlossen haben“ - hör’ auf zu winseln, Ron - „und nun sind auch noch Voldemorts schlimmste Anhänger
ausgebrochen.“ Ich meine, er hat gut sechs Monate damit verbracht, jedem zu erzählen, daß Ihr, Du und
Dumbledore, Lügner seid, nicht wahr?“
Hermine riss die Zeitung auf und begann den Bericht innen drin zu lesen, während Harry sich in der großen Halle
umschaute. Er konnte nicht verstehen, daß seine Mitschüler nicht verängstigt aussahen oder zumindest diesen
fürchterlichen Teil der Nachrichten auf der ersten Seite diskutierten, aber nur wenige von ihnen hatten die Zeitung
jeden Tag bestellt, wie Hermine. Da waren sie alle, sprachen über Hausaufgaben und Quidditch und welchen Unsinn
auch immer, während außerhalb dieser Wände zehn Todesser mehr die Reihen von Voldemort vergrößert haben.
Er starrte zum Lehrertisch. Dort sah es ganz anders aus. Dumbledore und Professor McGonagall waren tief im
Gespräch versunken, und beide schauten sehr ernst. Professor Sprout hatte den Propheten an eine Ketchupflasche
gelehnt und las die Frontseite mit solcher Konzentration, daß sie nicht bemerkte, daß das Eigelb von ihrem, in der
Luft verharrendem Löffel, in ihren Schoß tropfte. Professor Umbridge hieb in eine Schüssel mit Haferbrei. Zum
erstenmal schweiften ihre krötenartigen, mit großen Tränensäcken verzierten Augen nicht durch die Große Halle, um
missliebige Schüler zu suchen. Sie schaute finster, als sie ihr Essen hinunterschluckte und immer wieder warf sie
einen feindseligen Blick den Tisch hinauf, wo Dumbledore und McGonagall so eifrig miteinander sprachen.
„Oh, mein-“ sagte Hermine verwundert, immer noch auf die Zeitung starrend.
„Was jetzt?“ sagte Harry schnell; er fühlte sich nervös.
„Es ist... fürchterlich,“ sagte Hermine und sah erschüttert aus. Sie blätterte die Zeitung zur Seite zehn zurück und gab
sie Harry und Ron.
Tragischer Tod eines Angestellten des Zaubereiministeriums
Das St-Mungo-Hospital versprach letzte Nacht eine vollständige Untersuchung des Falles, nachdem der Angestellte
des Zaubereiministeriums, Broderick Bode, 49, tot in seinem Bett aufgefunden wurde, erwürgt von einer Topfpflanze.
Die herbeigerufenen Heiler konnten Herrn Bode nicht wiederbeleben, der bei einem Arbeitsunfall einige Wochen vor
seinem Tod verletzt worden war.
Heilerin Miriam Strout, die zum Unfallzeitpunkt für die Krankenhausabteilung von Mr. Bode verantwortlich war,
wurde suspendiert und war für einen Kommentar gestern nicht erreichbar, aber ein Sprecher des Krankenhauses
sagte in einem Statement:
„St-Mungo bedauert den Tod von Herrn Bode tief, dessen Gesundheit sich seit seinem tragischen Unfall stetig
verbessert hatte.
Wir haben in unseren Abteilungen strikte Regeln, welche Dekoration erlaubt ist, aber es scheint, daß Heilerin Strout,
während der Weihnachtszeit sehr beschäftigt war und die Gefahren der Pflanze auf dem Nachttisch von Herrn Bode
übersehen hatte. Als sich seine Sprache und Beweglichkeit verbesserte, ermutigte Heilerin Strout Herrn Bode dazu,
sich selber um die Pflanze zu kümmern, sie war sich nicht darüber klar, daß es sich nicht um eine harmlose
Flatterblume, sondern ein Ableger der Teufelsschlinge, die durch die Berührung des Rekonvaleszenten Herrn Bode,
diesen sofort erdrosselte.
„St-Mungos ist bis jetzt nicht in der Lage, die Anwesenheit der Pflanze auf der Station zu erklären, und fragt jeden
Zauberer und jede Hexe sich mit Informationen an sie zu wenden.
„Bode... „ sagte Ron. „Bode. Da läutet bei mir eine Glocke... „
„Wir sahen ihn,“ flüsterte Hermine. „Im St-Mungos, erinnerst Du Dich?“ Er war im Bett gegenüber von Lockhart,
lag nur da und starrte an die Decke. Wir sahen, wie die Teufelsschlinge ankam. Sie - die Heilerin - sagte, es sei ein
Weihnachtsgeschenk.“
Harry schaute zurück auf die Geschichte. Ein Gefühl von Horror stieg wie Galle in seiner Kehle hoch.
„Wie kam es, daß wir die Teufelsschlinge nicht erkannten? Wir hatten sie vorher schon gesehen... wir hätten
verhindern können, daß das passierte.“
„Wer erwartet eine Teufelsschlinge in einer Klinik, getarnt als Topfpflanze?“ sagte Ron scharf. „Es ist nicht unser
Fehler, wer auch immer sie zu diesem Kerl geschickt hat, ist schuld! Das muß ein echter Idiot gewesen sein, warum
hat er nicht kontrolliert, was er da eingekauft hat?“
„Ach komm’ schon Ron!“ sagte Hermine zweifelnd. „Ich glaube nicht, daß irgendjemand eine Teufelsschlinge in
einen Topf pflanzen kann und nicht wüßte, daß sie jeden töten wird, der sie berührt? Das - das war Mord... und zwar
ein sehr schlauer Mord...,wenn die Pflanze anonym geschickt wurde, wer soll dann jemals herausfinden, wer es
getan hat?“
Harry dachte nicht an die Teufelsschlinge. Er erinnerte sich an den Tag seiner Anhörung, als er den Lift zur neunten
Etage im Ministerium nahm, und den Mann mit dem fahlen Gesicht der zur Vorhalle im Erdgeschoß ging.
„Ich begegnete Bode schon mal,“ sagte er langsam. „Ich sah ihn im Ministerium mit Deinem Vater.“
Rons Mund fiel nach unten.
„Ich habe gehört, daß Dad zu Hause über ihn gesprochen hat! Er war ein Unaussprechlicher - er arbeitete in der
Abteilung für Mysterien!“
Sie schauten sich für einen Moment gegenseitig an, dann zog Hermine die Zeitung zu sich, schloss sie, starrte für
einen Moment auf die Bilder der Gesichter der zehn entkommenen Todesser, dann sprang sie auf die Füße.
„Wohin gehst Du?“ sagte Ron bestürzt.
„Einen Brief verschicken,“ sagte Hermine und schwang sich ihre Tasche über die Schulter. „Es... gut, ich weiß nicht,
ob... aber es ist einen Versuch wert... und ich bin die einzige, die es tun kann.“
„Ich hasse es, wenn sie das tut,“ murrte Ron, als er und Harry vom Tisch aufstanden und bei weitem langsamer aus
der Großen Halle gingen. „Würde es sie umbringen, wenn sie uns einmal sagt, was sie vorhat? Es würde es sie nicht
mehr als 10 Sekunden kosten - hey, Hagrid!“
Hagrid stand neben den Türen zur Eingangshalle, und wartete darauf, daß eine Gruppe von Ravenclaws an ihm
vorbeiging. Er war immer noch so fürchterlich grün und blau geschlagen, wie an dem Tag, als er von seiner Mission
von den Riesen zurück kam, und da war ein neuer Schnitt gerade über seinen Nasenrücken.
„Alles okay, ihr beide?“ sagte er, versuchte ein Lächeln aufzubieten, schaffte es aber nur, eine Art von schmerzhafter
Grimasse zustande zu bringen.
„Bist Du okay, Hagrid?“ fragte Harry und folgte ihm, als er den Ravenclaws hinterher polterte.
„Gut, gut,“ sagte Hagrid und versuchte, Leichtigkeit vorzutäuschen. Er winkte mit einer Hand und verpasste nur um
Haaresbreite einen ängstlich schauenden Professor Vektor, der gerade vorbeiging. „Nur’m Stress, wißt ihr, das
übliche Zeug - Unt’rrichtsstund’n vorb’reit’n - mehrere Salamander hab’n Schuppenfäule - und ich bin auf
Bewährung“, murmelte er.
„Du bist auf Bewährung?“ sagte Ron sehr laut, so daß viele der vorbei kommenden Schüler sich verwundert
umschauten. „„Tschuldigung - ich meine - Du bist auf Bewährung?“ flüsterte er.
„Ja,“ sagte Hagrid. „Ich hab’s erwartet, um euch die Wahrheit zu sag’n. Ihr habt’s vielleicht nich’ mitbekomm’n,
aber diese Inspektion verlief nich’ allzu gut, wißt ihr ... wie auch immer,“ er seufzte tief. „Ich geh’ besser und reib’
ein bi’ch’n mehr Chilipulver auf die Salamander, oder ihre Schwänze wird’n das nächste Mal runter häng’n. Ich seh’
Euch, Harry ... Ron ...“
Er stampfte davon, aus der Eingangstüre heraus, die steinernen Stufen hinunter und über den feuchten Boden. Harry
beobachtete, wie er wegging und wunderte sich, wie viele schlechte Nachrichten er noch vertragen könnte.
*
Die Tatsachen, daß Hagrid jetzt in der Probezeit war, wurde in der Schule über die nächsten Tage allgemein bekannt,
aber zu Harrys Verärgerung schien sich kaum jemand daran zu stören; in der Tat, einige Schüler, Draco Malfoy
natürlich zu ihnen, schienen richtig schadenfroh zu sein. Und was den merkwürdigen Tod eines Mitarbeiters der
Mysteriumsabteilung in St. Mungos anging, schienen Harry, Ron und Hermine die einzigen zu sein, die es wußten
oder sich darum kümmerten. Es gab jetzt nur ein Gesprächstheme in den Korridoren: die zehn entflohenen Todesser,
deren Geschichte schließlich von den wenigen Leuten durch die Schule getragen wurde, die die Zeitung lasen.
Gerüchte gingen herum, daß einige der Gefangenen in Hogsmeade gesichtet worden waren, daß sie sich in der
heulenden Hütte versteckt halten sollten und daß sie planten, in Hogwarts einzubrechen, genau wie Sirius Black es
einst getan hatte.
Jene, die aus Zaubererfamilien stammten, waren damit aufgewachsen, daß sie die Namen dieser Todesser mit fast
genauso viel Furcht wie Voldemort’s ausgesprochen hörten; die Verbrechen, die sie begangen hatten, während der
Zeit von Voldemorts Schreckensherrschaft, waren legendär. Es gab Verwandte von Opfern unter den
Hogwartsschülern, die sich jetzt selbst als unfreiwilliges Objekt, als Teil einer grausigen Art von wiedergspiegeltem
Ruhm waren, wenn sie durch die Korridore liefen: Susan Bones, deren Onkel, Tante und Cousins alle durch die
Hand von einem der zehn gestorben waren, sagte während Kräuterkunde missmutig, daß sie nun eine gute
Vorstellung davon hatte, wie es sich anfühlte wie Harry zu sein.
„Und ich weiß nicht, wie du das aushältst - es ist schrecklich,“ sagte sie barsch und schüttete zu viel Drachendung
auf ihr Tablett mit Setzlingen einer fleischfressenden Pflanze, welche daraufhin begannen, sich vor Unbehagen zu
winden und zu quieken.
Es stimmte, daß Harry oftmals der Grund für erneutes Geflüster war und daß mit dem Finger auf ihn gezeigt wurde,
in diesen Tagen war;, dennoch, dachte er, er hätte einen leichten Unterschied im Ton der Flüsterer wahrgenommen.
Sie klangen jetzt eher neugierig als feindlich, und ein- oder zweimal war er sich sicher, daß er Teile eines Gespräches
belauscht hatte, welches sagte, daß die Sprecher nicht mit der Version des Tagespropheten, wie und warum zehn
Todesser es zustande gebracht hatten, aus Askaban zu fliehen. In ihrer Verwirrung und Angst, schienen diese
Zweifler sich nun der einzigen, anderen Erklärung zuzuwenden, die sie hatten: die eine, die Harry und Dumbledore
seit dem vergangenem Jahr erklärt hatten.
Es hatte sich nicht nur die Stimmung der Schüler verändert. Es war inzwischen nichts Ungewöhnliches mehr, in den
Korridoren auf zwei oder drei Lehrer zu treffen, die leise und eindringlich miteinander flüsterten und ihr Gespräch
sofort unterbrachen, wenn sie einen Schüler näherkommen sahen.
„Sie können offentsichtlich nicht mehr ungestört im Lehrerzimmer reden,“ sagte Hermine leise, als sie, Harry und
Ron eines Tages an den sich zusammendrängenden Professoren McGonagall, Flitwick und Sprout vorbeigingen.
„Nicht, wenn Umbridge da ist.“
„Glaubst du, sie wissen etwas neues ?“ fragte Ron und blickte über die Schulter zurück zu den Lehrern.
„Wenn sie etwas wissen, wreden wir es nicht erfahren, oder ?“ fragte Harry ärgerlich. „Nicht nach Erlass…..bei
welcher Nummer sind wir jetzt ?“
ERLAß DES HOCHINQUISITORSVON HOGWARTS
Lehrern ist es hiermit untersagt, Schülern jedwede Informationen zu geben, die nicht direkt mit den Fächern, die sie
unterrichten, in Verbindung stehen.
Grundlage hierfür ist der Pädagogische Erlaß Nr. 26.
Gezeichnet : Dolores Jane Umbridge, Hochinquisitor
Der letzte Erlaß war der Auslöser für eine große Anzahl an Scherzen unter den Schülern. Lee Jordan hatte Umbridge
darauf aufmerksam gemacht, daß es ihr nach der neuen Regel nicht erlaubt war, Fred und George zu sagen, daß sie
aufhören sollten, im hinteren Teil der Klasse „Snape explodiert“ zu spielen.
„Snape explodiert hat nichts mit Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu tun, Professor ! Das ist keine
Information, die zu Ihrem Unterricht gehört !“
Als Harry Lee das nächste Mal sah, blutete die Unterseite seiner Hand stark. Harry empfahl ihm Murtlapessenz.
Harry hatte gedacht, das Ausbrechen aus Askaban hätte Umbridge etwas kleinlaut werden lassen, daß sie sich wegen
dieser Katastrophe schämen würde, die genau unter der Nase ihres geliebten Fudge passiert war. Es schien jedoch,
als hätte sie dies nur inspiriert, jeden Aspekt des Lebens in Hogwarts unter ihre persönliche Kontrolle zu bringen. Sie
schien entschlossen, bei der kleinsten Kleinigkeit einen Rausschmiss zu verhängen und die einzige Frage war, ob es
Hagrid oder Trelawney war, der zuerst ging.
Jede einzelne Stunde Wahrsagerei oder Pflege magischer Geschöpfe wurde nun in der Anwesenheit von Umbridge
und ihrem Klammerbrett abgehalten. Sie lauerte am Feuer in dem schwer parfümierten Turmzimmer, unterbach
Professor Trelawneys immer hysterischere Reden mit schwierigen Fragen über die Vogelschau und Heptomologie,
darauf beharrend, daß sie die Antworten der Schüler vorhersagte, bevor diese sie gaben und daß sie ihr Können bei
der Kristallkugel, den Teeblättern und den Runensteine der Reihe nach zeigte.
Harry dachte, daß Professor Trelawney unter der Belastung bald zusammenbrechen müßte.
Einige Male traf er sie in den Korridoren - an sich ein sehr ungewöhnliches Vorkommen, da sie im allgemeinen in
ihrem Turmzimmer blieb - wild zu sich selbst murmelnd, die Hände zusammengepresst und flüchtige, drohende
Blicke über die Schulter werfend, und die ganze Zeit einen starken Geruch von gekochtem Sherry abgebend. Wenn
er sich nicht solche Sorgen um Hagrid gemacht hätte, hätte sie ihm leid getan, doch falls einer von beiden seinen Job
verlieren sollte, gab es nur eine Wahl für Harry, wer bleiben sollte.
Leider konnte Harry nicht sehen, daß Hagrid eine bessere Schau lieferte als Trelawney. Obwohl er Hermine’s Rat zu
folgen schien und ihnen nichts gefährlicheres als einen Crup gezeigt hatte, ein Geschöpf, das von einem Jack Russel
Terrier nicht zu unterscheiden ist, abgesehen von seinem gegabelten Schwanz. Seit Weihnachten schien auch er die
Nerven zu verlieren. Er war merkwürdig abgelenkt und nervös, er vergaß das Thema, über das er mit der Klasse
redete, beantwortete Fragen falsch und blickte immer verängstigt zu Umbridge. Er war auch weitaus distanzierter zu
Harry, Ron und Hermine jemals zuvor und hatte ihnen ausdrücklich verboten, ihn nach Einbruch der Dämmerung zu
besuchen.
„Wenn s’e euch erwischt, wird’s uns alle treff’n,“ erklärte er ihnen geradeheraus und ohne das Verlangen, etwas zu
tun, das seinen Job in Gefahr brachte und so nahmen sie Abstand davon, abends zu seiner Hütte zu laufen.
Es schien Harry, daß Umbrigde ihm ununterbrochen all das entzog, was sein Leben in Hogwarts lebenswert machte:
Besuche in Hagrids Hütte, Briefe von Sirius, sein Feuerblitz und Quidditch. Er revanchierte sich auf die einzige Art,
die er konnte - durch das Verdoppeln seiner Bemühungen für DA.
Harry war froh, daß alle von ihnen, sogar Zacharias Smith, von den Nachrichten, daß sich nun zehn weitere Todesser
auf der Flucht befanden, angespornt worden waren; aber bei niemandem war diese Verbesserung ausgeprägter als bei
Neville. Die Nachricht, daß die Angreifer seiner Eltern geflohen waren, hatte ein fremdes und sogar etwas
alarmierendes Gefühl in ihm ausgelöst. Er hatte sein Treffen mit Harry, Ron und Hermine in der geschlossenen
Abteilung des St. Mungos noch nicht erwähnt und sie hatten ebenfalls auf sein Zeichen hin Stillschweigen bewahrt,
noch hatte er irgendetwas zur Flucht von Bellatrix und ihrer Folterknechte gesagt. In der Tat, Neville sprach kaum
während der DA-Treffen, aber er arbeitete unbarmherzig an jedem neuen Zauber und Gegenfluch, die Harry ihnen
beibrachte, sein plumpes Gesicht war voll konzentriert, offensichtlich waren ihm Verletzungen oder Unfälle
gleichgültig und er arbeitete härter als irgendjemand sonst im Raum.. Er verbesserte sich so schnell, daß es wirklich
entnervend war, und als Harry sie den Schild-Zauber lehrte - ein Mittel zum Ablenken kleinerer Flüche, so daß sie
auf den Angreifer zurückgeworfen wurden, beherrschte nur Hermine den Zauber schneller als Neville.
Harry hätte viel dafür gegeben, um auch in Occlumantie solche Fortschritte zu machen wie Neville es während den
DA-Treffen tat. Harrys Stunden mit Snape, welche schlecht genug angefangen hatten, wurden nicht besser. Im
Gegenteil, Harry fühlte sich, als würde er sich mit jeder Stunde verschlechtern.
Bevor er mit dem Studium der Occlumantie anfing, hatte seine Narbe gelegentlich geschmerzt, normalerweise
während der Nacht, oder ansonten, wenn eine jener blitzartigen Gedanken oder Stimmungen Voldermorts auftrat, die
er hier und da erlebt, dies war immer begleitend mit einen besonderes schmerzvolle Welle von seiner Narbe. Er
hatte den schrecklichen Verdacht, das er sich langsam in eine Art Luftballon verwandelte, der den kleinsten
Schwankungen in Voldermorts Stimmungen unterworfen war, und er war sich sicher, daß die gesteigerte Sensitivität
mir seiner ersten Occlumantie Stunde mit Snape begann. Hinzu kam, das er seither fast jede Nacht von dem langen
Korridor träumte, der zum Eingang der Abteilung der Mysterien führte, Träume, deren Höhepunkt darin gipfelte, das
er lange vor der ebenen, schwarzen Türe stand.
„Vielleicht ist es ein wenig wie eine Krankheit,“ sagte Hermine mitfühlend, als Harry sich ihr und Ron anvertraute.
„Ein Fieber oder ähnliches. Es muß erst schlimmer werden, bevor es besser wird.“
„Die Stunden mit Snape machen es schlimmer,“ sagte Harry rundweg. „Ich werde krank von den Schmerzen meiner
Narbe und es ist langweilige, jede Nacht durch diesen Flur zu gehen.“ Er rieb sich ärgerlich seine Stirn. „Ich
wünschte nur, die Tür würde sich öffnen, ich bin es leid davor zu stehen und sie anzustarren -“
„Das ist nicht lustig,“ sagte Hermine scharf. „Dumbledore will nicht daß du von diesem Flur träumst, sonst hätte er
Snape nicht gefragt ob er dich Occlumantie lehrt. Du mußt dich einfach nur mehr anstregen in deinen Stunden.“
„Ich strenge mich an!“ sagte Harry verärgert. „Versuch du es doch mal - Snape versucht in deinen Kopf einzudringen
- das ist überhaupt nicht lustig, weißt du!“
„Vielleicht ...“ sagte Ron langsam.
„Vielleicht was?“ sagte Hermine ziemlich schnippisch.
„Vielleicht ist es nicht Harry Schuld, daß er seinen Geist nicht verschließen kann.“ sagte Ron düster.
„Wie meinst du das?“ fragte Hermine.
„Nun, vielleicht versucht Snape gar nicht, Harry zu helfen ...“
Harry und Hermine starrten ihn an. Ron blickte düster und bedeutungsvoll von einem zum anderen.
„Vielleicht,“ sagte er wieder, mit leiserer Stimme, „versucht er tatsächlich Harrys Geist weiter zu öffnen .. es
einfacher zu machen für Du-Weißt-“
„Halt’s Maul, Ron“ sagte Hermine zornig. „Wie viele Male hast du Snape verdächtigt, und wann hast du jemals
richtig gelegen? Dumbledore vertraut ihm, er arbeitet für den Orden, das sollte reichen.“
„Er war ein Todesser,“ sagte Ron störrisch. „Und wir haben niemals einen Beweis gesehen, daß er wirklich die
Seiten gewechselt hat.“
„Dumbledore vertraut ihm,“ wiederholte Hermine. „Und wenn wir Dumbledore nicht vertrauen können, können wir
niemandem vertrauen.“
*
Mit so vielen Sorgen und so vielem, das es zu erledigen galt - angefangen mit den Unmengen an Hausaufgaben, die
den fünften Jahrgang oftmals bis nach Mitternacht beschäftigte, geheime DA Sitzungen und regelmäßigem
Unterricht mit Snape - schien der Januar beunruhigend schnell zu verstreichen. Bevor Harry es wußte, war der
Februar gekommen, und mit ihm kam besseres und wärmeres Wetter und die Aussicht auf den zweiten Ausflug nach
Hogsmeade in diesem Jahr. Harry hatte sehr wenig Zeit für Unterhaltungen mit Cho gehabt, seit sie beschlossen
hatten, das Dorf zusammen zu besuchen, aber plötzlich fand er sich einem Valentinstag gegenüber, den er
außschließlich in ihrer Gesellschaft verbringen würde.
Am Morgen des vierzehnten zog er sich besonders sorgfältig an. Er und Ron kamen gerade rechtzeitig in die Große
Halle, um das Eintreffen der Eulen mitzuerleben.
Hedwig war nicht dabei - nicht das Harry sie erwartet hatte - allerdings entnahm Hermine einen Brief aus dem
Schnabel einer unbekannten, braunen Eule, als diese sich hinsetzte.
„Und gerade rechtzeitig! Wenn er heute nicht gekommen wäre ...“ sagte sie während sie begeistert den
Briefumschlag öffnete und ein kurzes Pergament herauszog. Ihre Augen rasten von links nach rechts und ein
grimmiger, zufriedener Ausdruck breitete sich in ihrem Gesicht aus.
„Hör zu, Harry,“ sagte sie, ihn anschauend, „ das ist wirklich wichtig. Denkst du, das wir uns gegen Mittag in den
Drei Besen treffen könnten?“
„Nun … weiß nich’“, sagte Harry unsicher. „Cho erwartet vielleicht von mir, daß ich den ganzen Tag mit ihr
verbringe. Wir haben niemals darüber gesprochen, was wir machen werden.“
„Nun, bring sie mit, wenn du mußt,“ sagte Hermine drängend. „Aber wirst du kommen?“
„Nun ... in Ordnung, aber warum?“
„Ich hab’ jetzt keine Zeit es dir zu erzählen, ich muß ihn schnell beantworten.“
Und sie eilte aus der Großen Halle, den Brief mit einer Hand festhaltend und ein Stück Toast in der anderen.
„Kommst du?“ fragte Harry Ron, aber Ron schüttelte den Kopf, niedergeschlagen blickend.
„Ich kann nicht mit nach Hogsmeade; Angelina will den ganzen Tag trainieren. Also ob das helfen würde; wir sind
das schlechteste Team, das ich jemals gesehen habe. Du solltest Sloper und Kirke sehen, sie sind mitleiderregend,
sogar schlechter als ich.“ Er stieß einen schweren Seufzer aus. „Ich weiß’ nich’, warum Angelina mich nicht
aufgeben läßt.“
„Es liegt daran, daß du gut bist, wenn du in Form bist, darum.“ sagte Harry gereizt.
Er fiel ihm schwer Sympathie mit Rons Lage zu entwickeln, denn er hätte fast alles getan um im bevorstehenden
Spiel gegen Hufflepuff mitzuspielen. Ron schien Harrys Tonart bemerkt zu haben, denn er erwähnte Quidditch nicht
noch einmal während des Frühstücks und es lag eine eisige Stimmung in der Art wie sich kurz danach
verabschiedeten. Ron verschwand in Richtung Quidditch Feld und Harry, nachdem er seine Haare flach gedrückt
hatte und mit der Rückseite eines Löffels gescheckt hatte, machte sich alleine auf den Weg in die Eingangshalle um
Cho zu treffen, er fühlte sich nervös und fragte sich über was zum Teufel sie sich unterhalten könnten.
Sie wartete auf ihm neben der Eichentür, sie sah wunderschön aus, mit ihrem zu einem Pferdeschwanz gebundenem
Haar. Harrys Füße schienen viel zu groß für seinen Körper zu sein, als er auf sie zu ging und ihm wurde plötzlich
schrecklich bewusst, wie dumm seine Arme hin und herschwangen.
„Hi,“ sagte Cho leicht atemlos.
„Hi,“ sagte Harry.
Sie starrten sich für einen Moment an, dann sagte Harry, „Nun - hm - sollen wir dann gehen?“
„Oh - ja ...“
Sie schlossen sich der Warteschlange von Schüler an, die von Filch ausgetragen wurden, gelegentlich in die Augen
des anderen schauend und scheu lächelnd, aber nicht miteinander redend. Harry war erleichtert als sie die frische
Luft erreichten, da er es einfacher fand schweigend spazieren zu gehen als nur zu stehen und unbeholfen auszusehen.
Es war ein frischer, leicht windiger Tag und als sie am Quidditchspielfeld vorbeikamen, erhaschte Harry einen Blick
auf Ron und Ginny, die erschöpft auf dem Feld standen und empfand einen schrecklichen Schmerz, nicht mehr dabei
sein zu dürfen.
„Du vermisst es sehr, oder?“ fragte Cho.
Er drehte sich um und sah, daß sie ihn beobachtete.
„Jo,“ sagte Harry lächelnd. „Du blocktest mich.“
„Und Wood sagte dir du sollst kein Gentlemen sein und mich vom Besen schubsen, wenn du mußt.“ sagte Cho sich
lachend erinnern. „Ich habe gehört, daß er bei Pride of Portree spielt, stimmt das?“
„Nee, er is’ bei Puddlemere United; ich habe ihn beim Weltcup letztes Jahr gesehen.“
„Oh, ich habe dich auch gesehen, erinnerst du dich? Wir waren auf dem gleichen Campingplatz. Es war wirklich gut,
oder?“
Das Thema über den Quidditch Weltcup begleitete sie den ganzen Weg zum Ausgang und durch das Tor hinaus.
Harry konnte es kaum glauben wie einfach es war mit ihr zu reden - tatsächlich nicht schwieriger als mit Ron oder
Hermine - und er fing gerade an es zu genießen, als sie auf eine große Gruppe von Slytherin Mädchen trafen, zu
denen auch Pansy Parkinson gehörte.
„Potter und Chang!“ kreischte Pansy begleitet von Gekicher. „Igitt, Chang, ich halte nicht viel von deinem
Geschmack ... Diggory sah wenigstens gut aus!“
Die Mädchen verschwanden unter Getratsche und Geschnatter, schauten sich immer wieder zu Harry und Cho um
und hinterließen eine unangenehme Stille. Harry wußte nicht was er noch über Quidditch sagen könnte und Cho,
sichtlich errötet, beobachtete ihre Füße.
„Also ... wo willst du hin?“ fragte Harry als sie in Hogsmeade ankamen. Die Hauptstraße war voll von Schülern, die
die Straße rauf und runter schlenderten, während sie in die Schaufenster blickten.
„Oh, ich weiß nicht,“ sagte Cho Schulter zuckend. „Ähm ... sollen wir uns ein bißchen in den Läden umsehen oder
so?“
Sie wanderten Richtung Dervish und Banges. Ein großes Plakat war im Schaufenster aufgehängt worden und ein
paar Leute aus Hogsmead betrachteten es. Sie wichen zur Seite, als Harry und Cho sich näherten und Harry fand sich
ein weiteres Mal wieder, wie er auf die Bilder der zehn entkommenen Todesser blickte. Ein Plakat mir der Aufschrift
„Im Auftrag des Zauerbereiministeriums“ bot eine Belohnung von 1000 Galleonen für die Hexe oder den Zauberer,
deren Informationen zur Ergreifung einer der abgebildeten Gefangenen führte.
„Das ist schon seltsam, oder?“ sagte Cho mit leiser Stimme und starrte die Bilder der Todesser an, „erinnest du dich
als Sirius Black geflüchtet ist und all diese Dementoren in Hogwarts nach ihm gesehen haben? Und nun sind zehn
Todesser auf freiem Fuß und kein Dementor weit und breit...“
„Klar,“ sagte Harry, der seine Augen von Bellatrix Lestranges Gesicht losriß und die Straße hoch und runter blickte.
„nun, das ist verrückt.“
Er war nicht böse, daß keine Dementoren in der Nähe waren, aber als er jetzt darüber nachdachte, erkannte er, daß
ihre Abwesenheit besonders signifikant war. Sie hatten nicht nur die Todesser entkommen lassen, sie beschäftigten
sich auch nicht mit der Suche nach ihnen... es sah so aus, als ob das Ministerium nun völlig die Kontrolle über sie
verloren hätte.
Die zehn entkommenen Todesser starrten sie aus jedem weiteren Schaufenster an, das er und Cho passierten. Es fing
an zu regnen als sie an Scrivenshafts Fenster vorbeigingen; kalte schwere Wassertropfen fielen auf Harrys Gesicht
und in seinen Kragen.
„Ähm... Möchtest du einen Kaffee trinken?“ sagte Cho zögernd, als es anfing heftiger zu regnen.
„Ja, klar,“ sagte Harry und schaute sich um. „Wo?“
„Oh, da gibt es einen wirklich netten Ort gerade dort oben; warst du noch nie bei Madam Puddifoot?“ sagte sie
fröhlich und führte ihn in einer Seitenstraße hin zu einem kleinen Teeladen, der Harry noch nie zuvor aufgefallen
war. Es war ein enger, dämpfiger kleiner Raum, in dem scheinbar alles mit Rüschen und Schleifen verziert war.
Harry wurde unfreiwillig an Umbridges Büro erinnert.
„Hübsch, nicht?“ sagte Cho glücklich.
„Äh... ja,“ sagte Harry unaufrichtig.
„Sieh mal, sie hat für den Valentinstag dekoriert!“ sagte Cho und zeigte auf die Auswahl von goldenen Engeln, die
über jedem der kleinen runden Tische schwebten und gelegentlich rosa Konfetti über die Gäste warfen.
„Aaah...“
Sie setzten sich an den letzten freien Tisch, der sich an dem beschlagenen Fenster befand. Roger Davies, der Kaptain
der Quidditch-Mannschaft aus Ravenclaw, saß etwa anderthalb Fuß von ihnen entfernt, mit einem hübschen blonden
Mädchen. Sie hielten Händchen. Dieser Anblick ließ Harry sich unbehaglich fühlen, besonders als er sich im
Teeladen umsah und erkannte, daß sich hier nur Pärchen aufhielten, die alle Händchen hielten. Vielleicht würde Cho
von ihm erwarten, daß er ihre Hand hielt.
„Was kann ich euch bringen, meine Lieben?“ sagte Madam Puddifoot, eine sehr beleibte Frau mit einem glänzenden
schwarzen Dutt, die sich zwischen ihrem und Roger Davies Tisch mit größten Schwierigkeiten durchquetschte.
„Zwei Kaffee bitte“ sagte Cho.
In der Zeit bis ihr Kaffee fertig wurde, hatten Roger Davies und seine Freundin angefangen, sich über ihre
Zuckerdose hinweg zu küssen. Harry wünschte, sie würden es nicht tun; er fühlte daß Davies gerade einen Standard
setzte, und daß Cho bald von ihm erwartete, daß er mit diesem mithielt. Er fühlte wie sein Gesicht heiß wurde und er
versuchte aus dem Fenster zu blicken, aber es war zu beschlagen, als daß er die Straße draußen hätte sehen können.
Um den Moment herauszuzögern, in dem er Cho ins Gesicht schauen mußte, starrte er auf die Decke als ob er den
Anstrich beobachtete und bekam prompt eine handvoll Konfetti von einem schwebenden Engel ins Gesicht.
Nach ein paar weiteren schmerzhaften Minuten erwähnte Cho Umbridge. Harry stürzte sich dankbar auf das Thema
und sie verbrachten ein paar glückliche Minuten, in denen sie sich über sie aufregten, aber das Thema wurde bereits
gründlich in den DA-Stunden durchgekaut, und so dauerte es nicht sehr lange. Wieder wurde es still. Harry war sich
der schmatzenden Geräusche an dem Tisch neben der Tür bewusst und suchte krampfhaft nach etwas anderem, über
daß er reden könnte.
„Äh... hör mal, möchtest du mit mir gegen Mittag in die Drei Besen kommen? Ich treffe mich mit Hermine Granger
dort.“
Cho hob ihre Augenbrauen.
„Du triffst dich mit Hermine Granger? Heute?“
„Ja, äh, sie bat mich darum, da dachte ich, ich komme. Willst du mit mir kommen? Sie sagt, es macht nichts, wenn
du mitkommst.“
„Oh... ja... das ist aber nett von ihr.“
Aber Cho hörte sich überhaupt nicht so an, als ob sie das nett fände. Im Gegenteil, ihr Ton war kalt und plötzlich sah
sie eher unfreundlich aus.
Ein paar weitere Minuten vergingen in völliger Stille, Harry trank seinen Kaffee so schnell, daß er bald eine neue
Tasse brauchen würde. Neben ihnen schienen Roger Davies und seine Freundin mit den Lippen zusammengeklebt zu
sein.
Chos Hand lag auf dem Tisch neben ihrer Kaffeetasse und Harry empfand einen steigenden Druck sie in seine Hand
zu nehmen. Mach es einfach, sagte er sich selbst, als eine Quelle aus Panik und Aufregung in seiner Brust aufstieg,
streck deine Hand aus und ergreif sie. Er war selbst überrascht darüber, daß es viel schwieriger war, seinen Arm
dreissig Zentimeter auszustrecken und ihre Hand zu berühren, als einen umherschwirrenden Schnatz mitten aus der
Luft zu fangen...
Aber gerade als er seine Hand ausstrecken wollte, nahm Cho ihre vom Tisch. Sie beobachtete nun Roger Davies mit
leicht interessiertem Blick, wie er seine Freundin küsste.
„Er hat mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehe,“ sagt sie mit leiser Stimme, „vor ein paar Wochen. Roger. Ich habe
ihm einen Korb gegeben.“
Harry, der die Zuckerdose als Rechtfertigung für seine plötzliche Bewegung auf dem Tisch gegriffen hatte, konnte
sich nicht denken, warum sie ihm das erzählte. Wenn sie sich wünschte, am Nebentisch zu sitzen und innige Küsse
mit Roger Davies auszutauschen, warum hatte sie dann zugestimmt mit ihm auszugehen?
Er sagte nichts. Ihr Engel warf eine weitere handvoll Konfetti über sie; ein bischen davon landete in dem letzten
kalten Schluck Kaffee, den Harry gerade trinken wollte.
„Ich war letztes Jahr mit Cedric hier“, sagte Cho.
Nachdem eine Sekunde vergangen war, in der er verstanden hatte, was sie gerade zu ihm gesagt hatte, wurde Harry
innerlich eiskalt. Er konnte es nicht fassen, daß sie ausgerechnet jetzt über Cedric sprechen wollte, wo sie von
küssenden Paaren umringt waren und ein Engel über ihren Köpfen schwebte.
Chos Stimme war ziemlich hoch, als sie wieder sprach.
„Ich wollte dich schon so lange fragen... hat Cedric - hat er - m - m - mich jemals erwähnt bevor er gestorben ist?“
Das war das allerletzte Thema, über das Harry reden wollte, und am wenigsten mit Cho.
„Also - nein -“ sagte er leise, „da - da war keine Zeit für ihn etwas zu sagen. Ähm... also... schaust du... schaust du
viel Quidditch in den Ferien? Du unterstützt die Tornados, richig?“
Seine Stimme klang unaufrichtig fröhlich und vergnügt. Zu seinem Erschrecken sah er, daß ihre Augen schon wieder
vor Tränen überquollen, genauso wie sie es nach dem DA Treffen vor Weihnachten getan hatten.
„Sieh mal,“ sagte er verzweifelt und lehnte sich vor, daß kein anderer sie hören konnte, „laß uns jetzt nicht über
Cedric sprechen... laß uns über was anderes sprechen... „
Aber das war offensichtlich das falscheste, was er hätte sagen können.
„Ich dachte,“ sagte sie und Tränen tropften auf den Tisch, „Ich dachte, du würdest das v - v - verstehen! Ich muß
darüber sprechen! Sicherlich m - mußt du auch darüber sprechen! Ich meine, du hast gesehen, wie es passiert ist -
nicht wahr?“
Alles ging alptraumhaft schief; Roger Davies Freundin hatte sich von seinen Lippen losgelöst und schaute Cho beim
Weinen zu.
„Also - ich habe darüber geredet,“ flüsterte Harry, „mit Ron und Hermine, aber- „
„Oh, du spricht darüber mit Hermine Granger!“ sagte sie schrill, ihr Gesicht nun feucht vor Tränen. Ein paar weitere
küssende Pärchen trennten sich um sie anzustarren. „Aber mit mir willst Du nicht reden! V - vielleicht wäre es das
beste, wenn wir einfach ... einfach bezahlen und du gehst und triffst dich mit Hermine G - Granger, was du
offensichtlich vorhattest!“
Harry starrte sie an, völlig bestürzt, als sie sich eine gefaltete Serviette schnappte und ihr feuchtes Gesicht abwischte.
„Cho?“ sagte er schwach und wünschte, Roger würde wieder seine Freundin zu sich ziehen und wieder mit dem
Küssen anfangen, damit sie ihn und Cho nicht mehr anstarrten.
„Geh weg, los!“ sagte sie und weinte nun in die Serviette, „Ich weiss nicht warum du mich zuerst gefragt hast, wenn
du weitere Abmachungen mit anderen Mädchen nach mir machst ... wieviele triffst du denn nach Hermine?“
„So ist das nicht!“ sagte Harry und er war so erleichtert, nun endlich zu verstehen warum sie sich so aufregte, daß er
lachte, was er eine Sekunde zu spät ebenfalls als Fehler erkannte.
Cho sprang auf die Füße. Der ganze Teeladen war still und alle sahen sie nun an.
„Ich seh’ dich dann, Harry,“ sagte sie dramatisch und raste mit leichtem Schluckauf zur Tür, riß sie auf und rannte in
den strömenden Regen hinaus.
„Cho!“ rief Harry ihr hinterher, aber die Tür war schon wieder mit einem harmonischen Klingeln hinter ihr
zugeschwungen.
Es herrschte Totenstille im Teeladen. Alle Augen lagen auf Harry. Er warf eine Galleone auf den Tisch, schüttelte
das rosa Konfetti aus dem Haar und folgte Cho aus dem Laden.
Es regnete nun sehr stark und sie war nirgendwo zu sehen. Er hatte einfach nicht verstanden was passiert war; vor
einer halben Stunde hatten sie sich noch prächtig verstanden.
„Frauen,“ murmelte er sauer, sauste die regennasse Straße hinunter, während er die Hände tief in den Taschen hatte.
„Warum wollte sie unbedingt über Cedric reden? Warum kommt sie immer auf ein Thema zu sprechen, was sie sich
wie einen menschlichen Gartenschlauch verhalten lässt?“
Er drehte sich nach rechts und fing an zu rennen, und binnen Minuten trat er durch die Tür der Drei Besen. Er wußte
es war zu früh, um Hermine zu treffen, aber er dachte, daß dort sicherlich jemand da wäre, mit dem er die
Zwischenzeit verbringen könnte. Er schüttelte seine nassen Haare aus dem Gesicht und schaute sich um. Hagrid saß
allein in einer Ecke und sah mürrisch aus.
„Hi, Hagrid,“ sagte er, als er sich zwischen den überladenen Tischen hindurch zwängte, und räumte einen Stuhl aus
dem Weg.
Hagrid sprang auf und sah zu Harry hinunter, als ob er ihn kaum erkenne. Harry sah, daß er zwei neue Wunden und
einige neue blaue Flecken in seinem Gesicht hatte.
„Ach, du bist’s, Harry,“ sagte Hagrid, „geht’s dir, gut?“
„Ja, mir geht’s gut,“ log Harry; aber in der Nähe dieses zerbeulten und traurig dreinblickenden Hagrid meinte er,
daß es nicht wirklich viel gab, worüber er sich hätte beschweren können. „Ähm - bist du ok?“
„Ich?,“ sagte Hagrid, „Ohh ja, mir geht’s prächt’g, Harry, prächt’g.“
Er starrte in die Tiefen seines zinnernen Bierhumpens, der die Größe eines großen Eimers hatte, und seufzte. Harry
wußte nicht, was er sagen sollte. Einen Moment lang saßen sie Seite an Seite schweigend da. Dann sagte Hagrid
abrupt: „Wir sitz’n’m selben Boot, du un’ ich, oder nich’, Harry?“
„Ähm -,“ sagte Harry.
„Ja ... sagte schon ... beide Außenseiter,“ sagte Hagrid weise nickend. „Un’ beide Waisen. Jawohl ... beide Waisen.“
Er nahm einen großen Schluck aus seinem Humpen.
„Es macht ’nen Unterschied, ’ne anständige Familie zu hab’n“, sagte er, „mein Vater war anständig. Un’ deine
Mutter un’ dein Vater war’n anständig. Wenn’s’e noch lebt’n, wär’s Leben anders, oder?“
„Ja .... ich denke schon,“ sagte Harry vorsichtig. Hagrid schien in einer äußerst seltsamen Stimmung zu sein.
„Familie ...,“ sagt Hagrid düster. „Was auch immer du sagst, ’s Blut’s wichtig ...“
Und er wischte sich einen Tropfen davon aus seinem Auge.
„Hagrid,“ sagte Harry, der es nicht mehr an sich halten konnte, „woher hast du all diese Verletzungen?“
„Hä?,“ machte Hagrid und schaute erschreckt drein. „Welche Verletzung’n?“
„Diese da!,“ sagte Harry und deutete auf Hagrids Gesicht.
„Ach ... das sin’ nur normale Beul’n un’ blaue Flecken, Harry,“ sagte Hagrid, die Frage abtuend. „Ich hab’ e’nen
hart’n Job.“
Er leerte seinen Humpen, stellte ihn zurück auf den Tisch und erhob sich.
„Wir seh’n uns, Harry ... pass auf dich auf.“
Und er schleppte sich elend aussehend aus dem Pub und verschwand im sintflutartigen Regen. Harry sah ihn gehen
und fühlte sich miserabel. Hagrid war unglücklich und er verschwieg etwas, aber er schien entschlossen, keine Hilfe
anzunehmen. Was ging hier vor sich? Aber bevor Harry weiter darüber nachdenken konnte, hörte er eine Stimme
seinen Namen rufen.
„Harry! Harry, hier drüben!”
Hermine winkte ihm von der anderen Seite des Raumes zu. Er erhob sich und bahnte sich durch den überfüllten Pub
einen Weg zu ihr. Er war noch ein paar Tische entfernt, als er bemerkte, daß Hermine nicht allein war. Sie saß an
einem Tisch mit dem schrecklichsten Paar von Trinkgesellen, die für ihn vorstellbar waren: Luna Lovegood und
niemand anderem als Rita Kimmkorn, Ex-Journalistin des Tagespropheten und eine der von Hermine meistgehassten
Personen auf der Welt.
„Du bist früh dran!,“ sagte Hermine, während sie etwas weiter rückte, um ihm Platz zum Sitzen zu schaffen. „Ich
dachte, du seiest mit Cho hier, ich hätte dich nicht vor einer Stunde hier erwartet!“
„Cho?,“ sagte Rita auf einmal. Sie drehte sich in ihrem Sitz herum, um Harry gierig anzustarren. „Ein Mädchen?“
Sie schnippte ihre Krokodilledertasche auf und griff hinein.
„Es geht Sie gar nichts an, auch wenn Harry mit hundert Mädels ausginge,“ sagte Hermine kühl zu Rita. „Sie
können das also jetzt wegstecken.“
Rita war dabei, eine leuchtend grüne Feder aus ihrer Tasche herauszukramen. Jetzt sah sie aus, als ob sie gezwungen
worden war, Stinksaft zu schlucken und ließ ihre Tasche wieder zuschnappen.
„Was macht ihr jetzt?,“ fragte Harry, der sich hingesetzt hatte und von Rita zu Luna und Hermine blickte.
„Fräulein Perfekt wollte es mir gerade erzählen, als du ankamst,“ sagte Rita, während sie einen großen Schluck ihres
Getränkes nahm. „Ich nehme an, ich darf mit ihm reden?,“ stichelte sie in Richtung Hermine.
„Ja, dürfen Sie,“ sagte Hermine kühl.
Die Arbeitslosigkeit stand Rita nicht gut zu Gesicht. Die Haare, die einst in sorgfältigen Locken geformt waren,
hingen jetzt glatt und ungekämmt in ihrem Gesicht herum. Der scharlachrote Lack auf ihren fünf Zentimeter langen
Fingernägeln war abgebröckelt und es fehlten eine Menge der falschen Juwelen auf ihrer Brille. Sie nahm noch einen
großen Schluck von ihrem Getränk und sagte durch die Zähne: „Hübsches Mädchen, nicht war, Harry?“
„Noch ein Wort über Harrys Liebesleben und unsere Abmachung ist zu Ende, ich versprech’s,“ sagte Hermine
reizbar.
„Welche Abmachung?,“ sagte Rita und wischte sich den Mund mit ihrem Handrücken ab. „Du hast noch keine
Abmachung erwähnt, Fräulein Etepetete, du hast mich nur aufgefordert, etwas ans Licht zu bringen. Oh, einer von
diesen Tagen ...“ Sie holte tief und schaudernd Luft.
„Jaja, an einem dieser Tage werden Sie noch mehr scheußliche Geschichten über Harry und mich schreiben.,“ sagte
Hermine gleichgültig. „Finden Sie doch jemanden, den das interessiert!“
„Sie haben dieses Jahr sehr viele scheußliche Geschichten über Harry auch ohne meine Hilfe geschrieben.,“ sagte
Rita und blickte über ihre Brille seitlich zu ihm hin. Flüsternd fügte sie hinzu: „Wie fühlst du dich dabei, Harry?
Verraten? Besorgt? Missverstanden?“
„Er ist natürlich wütend,“ sagte Hermine klar und deutlich. „Denn er hat dem Zaubereiminister die Wahrheit gesagt
und der Minister ist ein zu großer Idiot, um ihm zu glauben.“
„Ihr haltet also daran fest, das Du-Weißt-Schon-Wer zurückgekehrt ist?,“ fragte Rita, nahm ihre Brille ab und
unterzog Harry einem durchdringendem Blick, während ihr Finger sehnsüchtig zur Schnalle ihrer
Krokodilledertasche fuhr. „Du stehst zu all diesem Müll, den Dumbledore jedem erzählt von wegen Du-Weißt-
Schon-Wer sei zurück und du bist der einzige Zeuge?“
„Ich war nicht der einzige Zeuge,“ knurrte Harry. „Es waren auch einige Dutzend Todesser dort. Wollen Sie die
Namen wissen?“
„Ich würde liebend gerne,“ hauchte Rita, die jetzt noch einmal in ihrer Tasche herumfummelte und ihn anstarrte, als
ob er das Schönste sei, das sie je gesehen hatte.
„Eine große fette Überschrift: „Potter klagt an ...“ Ein Untertitel: „Harry Potter benennt Todesser, die noch immer
unter uns sind“ . Und dann, neben einem schnuckeligen großen Foto von dir, „Der gestörte, überlebende Teenager
des Angriffs von Du-weißt-schon-wem, Harry Potter (15), verursachte gestern Empörung, indem er mehrere ehrbare
und prominente Mitglieder der Zauberergesellschaft anklagte, Todesser zu sein ...“
Die Flotte-Schreibe-Feder war bereits in ihrer Hand und auf halbem Wege zu ihrem Mund, als der entzückte
Ausdruck in ihrem Gesicht erstarb.
„Aber natürlich,“ sagte sie, senkte die Feder und durchbohrte Hermine mit ihren Blicken, „Fräulein Perfekt würde
diese Story gar nicht gut finden, nicht wahr?“
„Tatsächlich,“ säuselte Hermine, „ist es genau das, was Fräulein Perfekt will.“
Rita starrte sie an. Harry ebenfalls. Luna jedoch sang verträumt und flüsternd „Weasley ist unser König“ und rührte
ihr Getränk mit einer Cocktailzwiebel an einem Stöckchen um.
„Du willst, daß ich berichte, was er über Du-Weißt-Schon-Wer sagt?,“ fragte Rita Hermine leise.
„Jawohl,“ sagte Hermine. „Die wahre Geschichte. Alle Fakten. Genau so, wie Harry sie berichtet. Er wird Ihnen alle
Details geben, er wird Ihnen die Namen der unentdeckten Todesser sagen, die er dort gesehen hat, er wird Ihnen
sagen, wie Voldemort jetzt aussieht - oh, bedienen Sie sich,“ fügte sie verächtlich hinzu und warf eine Serviette über
den Tisch, denn als Rita Voldemort’s Namen gehört hatte, war sie so erschreckt aufgesprungen, daß sie ihr halbes
Glaß Feuerwhisky über sich gekippt hatte.
Rita wischte auf ihrem schmuddeligen Regenmantel herum und starrte Hermine immer noch an. Dann sagte sie
knapp: „Der Tagesprophet würde es nicht drucken. Falls du es noch nicht bemerkt hast, niemand glaubt seiner
hanebüchenen Geschichte. Jeder glaubt, er sei wahnsinnig. Wenn ihr mich die Story von diesem Standpunkt aus
schreiben lasst -“
„Wir brauchen nicht noch eine Geschichte darüber, wie Harry seine Murmeln verliert!,“ sagte Hermine wütend. „Wir
hatten schon zu viele davon, danke sehr! Ich möchte, daß er die Möglichkeit bekommt, die Wahrheit zu sagen.“
„Es gibt keinen Markt für solch eine Story,“ sagte Rita kühl.
„Sie meinen, der Tagesprophet würde es nicht drucken, weil Fudge sie nicht ließe,“ sagte Hermine reizbar.
Rita sah Hermine lange und streng an. Dann lehnte sie sich vornüber über den Tisch und sagte in geschäftsmäßigem
Ton: „Ok, Fudge verlässt sich auf den Tagespropheten, aber es kommt auf dasselbe hinaus. Sie würden keine Story
drucken, die Harry in einem guten Licht dastehen lässt. Niemand will so etwas lesen. Das wäre gegen die öffentliche
Meinung. Dieser letzte Askaban-Ausbruch hat die Leute wirklich genug besorgt. Sie wollen einfach nicht glauben,
daß Du-Weißt-Schon-Wer zurück ist.“
„Also gibt es den Tagespropheten, damit er den Leuten sagt, was sie hören wollen,“ sagte Hermine spottend.
Sofort richtete sich Rita mit hochgezogenen Augenbrauchen noch einmal auf und leerte ihr Glas Feuerwhisky.
„Der Tagesprophet existiert, um sich zu verkaufen, du dummes Kind,“ sagte sie kalt.
„Mein Vater findet ihn schrecklich,“ sagte Luna, unerwartet in die Unterhaltung eintretend. Sie nuckelte an ihrer
Cocktailzwiebel und starrte Rita mit ihren großen, hervorstehenden, etwas verrückten Augen an. „Er veröffentlicht
wichtige Geschichten, von denen er meint, die Öffentlichkeit müsse sie wissen. Er kümmert sich nicht darum, Geld
zu verdienen.“
Rita sah Luna verächtlich an.
„Dein Vater arbeitet wohl bei einem kleinen dämlichen Kleinstadtblatt?,“ sagte sie. „Vielleicht Fünfundzwanzig
Wege, um sich unter Muggel zu mischen und die Daten der nächsten „Bring and Fly“-Aktion?“
„Nein,“ sagte Luna, während sie ihre Zwiebel wieder in ihr Gillywater dippte, „er ist der Herausgeber des
Wortklauber.“
Rita schnaubte so laut, daß einige Leute an einem naheliegenden Tisch zu ihr hinübersahen.
„Wichtige Geschichten, von denen er meint, die Öffentlichkeit müsse sie wissen, was?,“ sagte sie vernichtend. „ich
könnte meinen Garten mit dem Inhalt dieses Schundblattes düngen.“
„Nun ja, das ist Ihre Chance, das Niveau etwas zu heben, nicht wahr?,“ sagte Hermine freundlich. „Luna sagt, daß
ihr Vater sich wirklich freut, ein Interview mit Harry zu machen. Er wird es veröffentlichen.“
Rita starrte beide einen Moment lang an, dann lachte sie laut.
„Der Wortklauber!,“ sagte sie gackernd, „meinst du, daß die Leute ihn ernst nehmen, wenn seine Geschichte im
Wortklauber veröffentlicht wird?“
„Einige nicht,“ sagte Hermine mit ruhiger Stimme.
„Aber die Version des Tagespropheten über den Ausbruch aus Askaban hatte einige klaffende Löcher. Ich denke,
daß viele Leute sich fragen werden, ob es nicht eine bessere Erklärung für das gibt, was geschehen ist, und wenn eine
alternative Geschichte verfügbar ist, selbst wenn sie in einem -,“ sie blickte seitlich zu Luna, „in einem - nun ja,
einem unüblichen Magazin veröffentlicht wird - so werden sie es doch lesen.“
Rita sagte eine Weile nichts, aber sie beobachtete Hermine scharf, ihren Kopf leicht geneigt.
„Na gut, nehmen wir für einen Moment lang an, ich täte es,“ sagte sie abrupt, „Welche Art von Belohnung bekäme
ich?“
„Ich glaube, Papa bezahlt die Leute nicht dafür, daß sie für die Zeitung schreiben,“ sagte Luna verträumt. „Sie tun es,
weil es eine Ehre ist und natürlich, um ihre Namen gedruckt zu sehen.“
Rita Kimmkorn schaute drein, als ob der Geschmack des Stinksaftes immer noch stark in ihrem Mund wäre, als sie
Hermine ansprach.
„Ich soll das kostenlos machen?“
„Nun ja - eigentlich schon,“ sagte Hermine ruhig und nahm einen Schluck ihres Getränks. „Wie Sie sehr gut wissen,
werde ich ansonsten die Behörden informieren, daß Sie ein unregistrierter Animagus sind. Natürlich könnte der
Tagesprophet Ihnen mehr Geld für einen Insider-Bericht aus Askaban geben.“
Rita sah aus, als ob sie nichts lieber getan hätte, als den Papierregenschirm aus Hermines Getränk an sich zu reißen
und ihn ihr in die Nase zu rammen.
„Ich glaube nicht, daß ich eine Wahl habe?“, fragte Rita mit leicht zittriger Stimme. Sie öffnete noch einmal ihre
Krokodiltasche und holte ein Stück Pergament und ihre Flotte-Schreibe-Feder heraus.
„Papa wird erfreut sein,“ sagte Luna heiter. Ein Muskel zuckte an Ritas Mund.
„Alles klar, Harry?,“ fragte Hermine und drehte sich zu ihm um. „Bereit, der Öffentlichkeit die Wahrheit zu
erzählen?“
„Ich denke schon.,“ sagt Harry und sah Rita die Flotte-Schreibe-Feder auf dem Pergament zwischen ihnen bereit
machen.
„Also los, Rita,“ sagte Hermine gelassen und fischte eine Kirsche aus ihrem Glas.
Kapitel 26 - Gesehenes und Unvorhergesehenes
Luna sagte vage, daß sie nicht wußte, wie schnell Ritas Interview mit Harry im Wortklauber erscheinen würde, da ihr
Vater einen hübschen, langen Artikel über die kürzlichen Sichtungen von Crumple-Horned Snorkacks erwartete, „-
und das wird natürlich ein sehr wichtiger Bericht, also muß Harrys vielleicht bis zur folgenden Ausgabe warten,“
sagte Luna.
Harry hatte es nicht für eine einfache Erfahrung gehalten, über die Nacht zu reden, in der Voldemort zurückgekehrt
war. Rita hatte jedes kleine Detail aus ihm ausgepresst und er hatte ihr alles gegeben, woran er sich erinnern konnte,
da er wußte, daß dies seine einzige große Gelegenheit war, der Welt die Wahrheit zu erzählen. Er fragte sich, wie die
Leute auf die Geschichte reagieren würden. Er vermutete, daß sie viele Leute in ihrer Sicht bestätigen würde, daß er
vollkommen verrückt geworden war, nicht zuletzt da seine Geschichte neben totalem Unsinn über Crumple-Horned
Snorkacks erscheinen würde. Aber der Ausbruch von Bellatrix Lestrange und ihren Todesser-Freunden hatte in
Harry ein brennendes Verlangen geweckt, irgendetwas zu tun, egal ob es funktionierte oder nicht…
„Ich kann es kaum erwarten zu sehen, was Umbridge davon hält, daß du an die Öffentlichkeit gegangen bist,“ sagte
Dean ehrfürchtig beim Abendessen am Montag Abend. Seamus schlang auf der anderen Seite von Dean große
Mengen von Hühnchen und Schinkenpastete hinunter, aber Harry wußte, daß er zuhörte.
„Du tust das Richtige, Harry,“ sagte Neville, der ihm gegenüber saß. Er war ziemlich blaß, aber fuhr mit gedämpfter
Stimme fort, „ Es muß sehr… schwierig… gewesen sein, darüber zu reden… nicht war?“
„Ja,“ grummelte Harry, „aber die Leute müssen wissen, zu was Voldemort fähig ist, meinst du nicht?“
„Das stimmt,“ sagte Neville und nickte, „und seine Todesser auch… die Leute sollten das wissen…“
Neville ließ seinen Satz unbeendet und kehrte zu seiner gebackenen Kartoffel zurück.
Seamus sah auf, aber als er Harrys Blick begegnete, schaute er schnell zurück auf seinen Teller. Nach einer Weile
verließen Dean, Seamus und Neville die Halle in Richtung Gemeinschaftsraum und ließen Harry und Hermine am
Tisch auf Ron wartend zurück, der noch kein Abendessen gehabt hatte wegen dem Quidditch-Training.
Cho Chang betrat die Halle mit ihrer Freundin Marietta. Harrys Magen machte einen unangenehmen Ruck, aber sie
sah nicht herüber zum Gryffindor-Tisch und setzte sich mit ihrem Rücken zu ihm.
„Oh, ich habe vergessen dich zu fragen,“ sagte Hermine heiter, während sie zum Ravenclaw-Tisch hinüberblickte,
„was ist bei deiner Verabredung mit Cho passiert? Wie kommt es, daß du so früh zurück warst?“
„Ähm… naja, es war…“ sagte Harry, der einen Teller mit Rhabarber-Streuselkuchen zu sich herzog und sich dabei
ein paar Sekunden verschaffte, „ein totales Fiasko, jetzt da du es erwähnst.“
Und er erzählte ihr, was in Madam Puddifoots Teeladen geschehen war.
„… und dann,“ endete er mehrere Minuten später, als der letzte Bissen des Kuchens verschwunden war, „springt sie
einfach auf und sagt „Man sieht sich, Harry,“ und rennt davon!“ Er ließ seinen Löffel sinken und schaute zu
Hermine. „Ich meine, was soll das alles? Was war denn los?“
Hermine blickte zu Chos Hinterkopf hinüber und seufzte. „Oh, Harry,“ sagte sie traurig. „Nun, es tut mir leid aber du
warst ein bißchen taktlos.“
„Ich, taktlos?“ sagte Harry empört. „Im einen Moment war alles in Ordnung, und im nächsten hat sie mir erzählt, daß
Roger Davies mit ihr ausgegangen ist und wie sie Cedric in diesem blöden Teeladen abgeknutscht hat - was sollte ich
denn davon halten?“
„Naja, weißt du,“ sagte Hermine, mit der Geduld von jemandem, der einem überdrehtem Kleinkind erklärt, daß eins
plus eins zwei ergibt, „du hättest ihr nicht nach der Hälfte eurer Verabredung sagen sollen, daß du mich treffen
wolltest.“
„Aber, aber,“ stammelte Harry, „aber - du hast mir doch gesagt, daß ich dich um zwölf treffen und sie mitbringen
soll, wie hätte ich das denn machen sollen ohne es ihr zu sagen?“
„Du hättest es ihr anders sagen sollen,“ sagt Hermine, immer noch mit dieser unerträglichen Geduld. „Du hättest
sagen sollen, daß es wirklich ärgerlich ist, aber ich hätte dich dazu gezwungen in die Drei Besen zu kommen, und
daß du wirklich nicht hingehen wolltest, und du viel lieber den ganzen Tag nur mit ihr verbringen würdest, aber
unglücklicherweise hast du gedacht, du solltest mich wirklich treffen und ob sie bitte, bitte mit dir käme, und
hoffentlich könntest du schneller wieder entkommen. Und es wäre eine gute Idee gewesen, auch noch zu erwähnen,
für wie hässlich du mich hältst,“ fügte Hermine als nachträglichen Einfall hinzu.
„Aber ich halte dich nicht für hässlich,“ sagte Harry, verwirrt.
Hermine lachte.
„Harry, du bist schlimmer als Ron… gut, nein, bist du nicht,“ seufzte sie, als Ron selbst in die Halle gestampft kann,
vollgespritzt mit Dreck und mürrisch blickend. „ Schau - du hast Cho verärgert, als du gesagt hast, daß du mich
treffen würdest, also hat sie versucht, dich eifersüchtig zu machen. Es war ihre Art, um herauszufinden, wie sehr du
sie magst.“
„Das hat sie getan?“ sagte Harry, als Ron sich auf die Bank ihnen gegenüber fallen lies und jeden Teller in seiner
Reichweite zu sich hinzog. „Nun, wäre es nicht einfacher gewesen, mich zu fragen, ob ich sie lieber mag als dich?“
„Mädchen stellen nicht oft solche Fragen,“ sagte Hermine.
„Aber das sollten sie!“ sagte Harry mit Nachdruck. „Dann hätte ich ihr einfach sagen können, daß ich sie mag, und
sie hätte nicht mit Cedrics Tod anfangen müssen!“
„Ich habe nicht gesagt, daß das, was sie gemacht hat, besonders vernünftig war,“ sagte Hermine, als Ginny sich zu
ihnen setzte, die genau so schmutzig war wie Ron und genauso niedergeschlagen aussah. „Ich versuche nur, dir zu
zeigen wie sie sich dabei gefühlt hat.“
„Du solltest ein Buch schreiben,“ schlug Ron Hermine vor, während er seine Kartoffeln klein schnitt, „darüber, wie
man die verrückten Dinge die Mädchen tun übersetzt, damit Jungs sie verstehen können.“
„Ja,“ sagte Harry eifrig, während er zum Ravanclaw-Tisch hinübersah. Cho war gerade aufgestanden, und verließ,
ihn immer noch nicht anblickend, die große Halle. Sich ziemlich bedrückt fühlend sah er zurück zu Ron und Ginny.
„Wie war denn das Quidditch-Training?“
„Es war ein Alptraum,“ sagte Ron mit einer mürrischen Stimme.
„Ach komm schon,“ sagte Hermine, Ginny anblickend. „Ich bin mir sicher, es war nicht - „
„Doch, war es,“ sagte Ginny. „Es war fürchterlich. Angelina kamen am Ende beinahe die Tränen.“
Nach dem Abendessen gingen Ron und Ginny, um ein Bad zu nehmen; Harry und Hermine kehrten zum belebten
Gryffindor-Gemeinschaftsraum und ihrem üblichen Stapel an Hausaufgaben zurück. Harry hatte eine halbe Stunde
lang mit einer neuen Sternenkarte für Astronomie abgemüht, als Fred und George auftauchten.
„Sind Ron und Ginny nicht hier?“ fragte Fred, der sich umsah, während er einen Stuhl heranzog, und als Harry
seinen Kopf schüttelte, sagte er „Gut. Wir haben bei ihrem Training zugeschaut. Sie werden abgeschlachtet werden.
Sie sind totaler Müll ohne uns.“
„Komm schon, Ginny ist nicht schlecht,“ sagte George billigend, während er sich neben Fred setzte. „Wirklich, ich
weiß nicht, wie sie so gut geworden ist, wir haben sie nie mit uns spielen lassen.“
„Seit sie sechs Jahre alt war, ist sie in euren Besenschuppen im Garten eingebrochen und hat sich abwechelnd einen
eurer Besen genommen wenn ihr nicht hingeschaut habt,“ sagte Hermine hinter ihrem schwankenden Bücherstapel
über alte Runen.
„Oh,“ sagte George, ein wenig beeindruckt. „Tja - das erklärt alles!“
„Hat Ron inzwischen ein Tor gehalten?“ fragte Hermine, über den Rand von Magische Hieroglyphen und Symbole
spähend.
„Naja, er kann es, wenn er glaubt, daß ihn niemand beobachtet,“ sagte Fred und verdrehte die Augen. „Alles was wir
tun müssen, ist die Zuschauer am Samstag zu bitten, sich jedes Mal umzudrehen und sich untereinander zu
unterhalten, wenn sich der Quaffel seiner Seite nähert.“
Er stand wieder auf und ging ruhelos zum Fenster und sah über das dunkle Gelände.
„Wißt ihr, Quidditch war so ungefähr das einzige, das es wert war, deswegen hier zu bleiben.“
Hermine warf ihm einen strengen Blick zu.
„Ihr habt bald Abschlussprüfungen!“
„Ich hab dir doch schon gesagt, daß wir nicht wegen den UTZ besorgt sind,“ sagte Fred. „Die
[Brotzeit/Imbiss/Snack-Boxen/Dosen/Schachteln] sind bereit zum ausliefern, wir haben herausgefunden, wie man
diese Eiterbeulen loswird, einfach ein paar Tropfen Murtlap-Essenz lassen sie verschwinden [à sort?], Lee, hat uns
darauf gebracht.“
George gähnte breit [?]und schaute untröstlich hinaus auf den wolkigen Nachthimmel.
--- ich hab aus versehen ne seite zu viel übersetzt ;) ---
„Ich weiß nicht, ob ich beim Spiel überhaupt zuschauen will. Wenn Zacharias Smith uns schlägt, werde ich mich
vielleicht umbringen müssen.“
„Bring lieber ihn um,“ sagte Fred steif [?]
„Das ist das Problem an Quidditch,“ sagte Hermine abwesend, wieder über ihre Runenübersetzung gebeugt, „es
erzeugt all diese schlechte Stimmung und Spannungen zwischen den Häusern.“
Sie sah auf um ihre Ausgabe von Sprücheklopfers Silbensammlung [nur ein Vorschlag - Spellman“s syllabary] zu
suchen, und erwischte Fred, George und Harry, wie sie sie alle, mit einem gemischten Ausdruck von Empörung und
Ungläubigkeit auf ihren Gesichtern, anstarrten.
„Aber so ist es doch!“ sagte sie ungeduldig. „Es ist doch nur ein Spiel, oder?“
„Hermine,“ sagte Harry kopfschüttelnd, „du kennst dich mit Gefühlen und so einem Zeug gut aus, aber du verstehst
das mit Quidditch einfach nicht.“
„Vielleicht nicht,“ sagte sie düster, wieder zu ihrer Übersetzung zurückkehrend, „aber zumindest hängt meine gute
Laune nicht von Rons Fähigkeiten als Torhüter ab.“
Und obwohl Harry lieber vom Astronomie-Turm springen würde, statt ihr Recht zu geben, hätte er am nächsten
Samstag jede Menge Galleonen hergegeben, um sich ich ebenfalls nicht um Quidditch zu sorgen, zum Zeitpunkt als
er das Spiel gesehen hatte.
Beinahe das einzig gute, das man über das Spiel sagen konnte war, daß es kurz war; Die Gryffindor-Zuschauer
mußten nur zweiundzwanzig Minuten der Qual erleiden. Es war schwer zu sagen, was das Schlimmste war: Harry
fand, es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Rons vierzehntem misslungenen Versuch ein Tor zu verhindern,
Sloper wie er den Klatscher verfehlte, aber Angelina mit seinem Schläger in den Mund schlug, und Kirke, der
kreischend hinterrücks vom Besen fiel als Zacharias Smith auf ihn zuschoss, den Quaffel haltend. Das Wunder war,
daß Gryffindor nur mit zehn Punkten verlor: Ginny gelang es, den Schnatz gerade unter der Nase vom Hufflepuff-
Sucher Summerby zu fangen, so daß die endgültige Punktezahl zweihundertvierzig zu zweihundertdreißig betrug.
„Guter Fang,“ lobte Harry Ginny zurück im Gemeinschaftsraum, wo die Atmosphäre die einer besonders trostlosen
Trauerfeier entsprach.
„Ich hatte Glück,“ sie zuckte mit den Achseln. „Der Schnatz war nicht besonders schnell und Summerby hat eine
Erkältung, er hat geniest und hat seine Augen im genau falschen Moment geschlossen. Jedenfalls, sobald du zurück
im Team bist - „
„Ginny, ich habe eine lebenslange Sperre.“
„Du bist gesperrt, solange Umbridge hier in der Schule ist,“ berichtigte Ginny ihn. „Das ist ein Unterschied.“
„Ich weiß nicht, ob ich dieses Match wirklich sehen will. Wenn Zacharias Smith uns schlägt, bringe ich mich
wahrscheinlich selber um.“
„Töte ihn, das ist besser.“ sagte Fred entschlossen.
„Das ist das Problem mit Quidditch,“ sagte Hermine zerstreut, wiedereinmal über ihre Runenübersetzung gebeugt.
Es bringt diese ganzen schlimmen Gefühle und Einstellungen zwischen den Häusern.“
Sie sah auf, um nach ihrer Kopie von Spellman“ s Syllabary (?) zu sehen und erwischte Fred, George und Harry, die
alle ihr Gesicht ansahen, dessen Ausdruck vermischt war mit Empörung und Skepsis.
„Nun, das tut es!“ sagte sie ungeduldig. „Es ist nur ein Spiel, oder nicht?“
„Hermine,“ sagte Harry und schüttelte seinen Kopf, „du bist gut in Gefühlen und so ein Kram, aber du verstehst
überhaupt nichts von Quidditch.“
„Vielleicht nicht,“ sagte sie finster und drehte sich wieder ihrer Übersetzung zu. „aber wenigstens meine Fröhlichkeit
verlässt sich nicht auf Ron“ s Torhüterfähigkeiten.“
Und trotzdem würde er eher vom Astronomieturm springen als ihr recht zugeben, jetzt würde lieber jede Anzahl an
Galleonen geben, sich nicht für Quidditch zu interessieren.
Das beste das man über das Spiel sage konnte, war das es kurz war; die Gryffindor Zuschauer hatten nur 22 Minuten
der Qual zu ertragen. Es war schwer zu sagen, was das schlechteste war: Harry glaubte es war Ron“ s knapper
Wettstreit zwischen den vierzehn gescheiterten Fängen, Sloper verpasste den Klatscher, aber traf Angelina mit
seinem Schläger in den Mund, und Kirke schrie und fiel rückwärts von seinem Besen herunter, als Zacharias Smith
mit dem Quaffel auf ihn zuflog. Das Wunder war das Gryffindor nur mit zehn Punkten rückstand verlor: Ginny
meisterte es den Schnatz direkt unter Huffelpuffs Sucher Summerby“ s Nase zu schnappen, sodaß das Endergebnis
240 zu 230 war.
„Guter Fang,“ sagte Harry zu Ginny zurück im Gemeinschaftsraum, wo die Atmosphäre dem eines düsteren
Trauerzugs glich.
„Ich hatte Glück,“ sagte sie Schulter zuckend. „Es war kein sehr schneller Schnatz und Sommersby hat eine
Erkältung, er nieste und schloss seine Augen im falschen Moment. Egal, irgendwann bist du zurück im Team -“
„Ginny, ich habe ein lebenslanges Verbot.“
„Du hast so lange ein Verbot wie Umbridge an dieser Schule ist,“ Ginny korrigierte ihn. „Das ist ein Unterschied.
Egal, irgendwann bist du zurück, ich denke, ich werde mich als Jäger versuchen. Angelina und Alicia gehen nächstes
Jahr ab und ich bevorzuge Tore schießen dem Suchen.“
Harry sah rüber zu Ron, der in einer Ecke saß und einen Buckel machte, seine Knie anstarrte und eine Flasche
Butterbier in seiner Hand geklammert.
„Angelina will ihn immer noch nicht zurücktreten lassen,“ sagte Ginny, als könnte sie seine Gedanken lesen. „Sie
sagt, sie weiß was in ihm steckt.“
Harry mochte Angelina für das Vertrauen, daß sie in Ron steckte, aber zur selben Zeit dachte er, es wäre besser ihn
aus dem Team gehen zu lassen. Ron verließ das Spielfeld beim einem aufkommenden „Weasley ist unser King“
Gesangs-Chor mit großem Genuss der Slytherins, die nun die Favoriten auf den Quidditch - Cup waren.
Fred und George bummelten herüber.
„Ich habe nicht das Herz mich über ihn lustig zu machen,“ sagte Fred und sah zu Ron“ s zerknitterter Figur. „Denkst
du ... als er den vierzehnten verpasst hat -“
Er machte wilde Bewegungen mit den Armen, die ein senkrechtes Hündchenpaddeln darstellten.
„- nun, ich werde es mir für Partys aufheben, oder?“
Ron schleppte sich kurz nachdem hoch in sein Bett. Aus Respekt wartete Harry eine Weile bevor er nach oben in den
Schlafsaal ging, so konnte Ron vorgeben zu schlafen, wenn er wollte. Nachdem sich Harry sicher war, trat er in den
Raum, doch Ron schnarchte so laut, um vollständig glaubwürdig zu sein.
Harry ging ins Bett und dachte über das Spiel nach. Es war unglaublich frustrierend das ganze von der Seitenlinie
anzusehen. Er war beeindruckt von Ginny“ s Auftritt, aber er wußte er hätte den Schnatz früher gefangen... es gab
einen Moment wo er an Kirke“ s Knöchel flatterte; wenn Ginny nicht gezögert hätte, wäre es möglich gewesen einen
Sieg für Gryffindor zu erreichen.
Umbridge saß ein paar Reihen unterhalb von Harry und Hermine. Ein oder zweimal drehte sie sich auf ihren Sitz
kauernd um, um ihn anzusehen, ihr Kröten artiger Mund verzog sich zu einem hämischen Grinsen, wie er dachte.
Die Gedanken daran machten ihn zornig als er in der Dunkelheit lag. Nach einigen Minuten erinnerte er sich, daß er
seine Gedanken von allen Gefühlen leeren sollte bevor er einschlief, so wie es Snape an jedem Ende seines
Okklumantikunterrichts anwies.
Er versuchte es einen Moment oder zwei, aber der Gedanke an Snape toppte die Erinnerung an Umbridge mit
zunehmend empfindenden, grollenden Zorn und er ertappte sich selbst dabei, zu überlegen wen er von beiden am
meisten verabscheute. Langsam erstarb Ron“ s schnarchen und wurde ersetzt von einem tiefen, langsamen Atmen.
Harry brauchte wesentlich länger um einzuschlafen, sein Körper war müde, aber sein Gehirn brauchte lange um
abzuschalten.
Er träumte, daß Neville und Professor Sprout um den Raum der Bedingungen (?) tanzten, während Professor
McGonagall auf dem Dudelsack spielte. Er sah ihnen eine Weile zu und entschied sich dann zu gehen und fand die
anderen Mitglieder des DA.
Aber als er aus dem Raum ging, sah er sich selbst gegenüber stehen, nicht dem Wandteppich von Barnabas dem
Bekloppten, aber eine Fackel brannte in seinem Halter an der Steinwand. Er drehte seinen Kopf langsam nach links.
Dort, am entfernten Ende des fensterlosen Durchgangs, war eine hässliche, schwarze Tür.
Er ging vorwärts mit einem aufsteigendem Gefühl der Aufregung. Er hatte das merkwürdigste Gefühl, diesmal
Glücklich zu werden, und fand den Weg sie zu öffnen... er war wenige Schritte entfernt und sah mit einem Sprung
vor Aufregung das rechtsseitig ein Streifen schwachen blauen Lichts leuchtete ... die Tür war leicht geöffnet ... er
streckte die Hand aus, um die Tür weiter aufzudrücken und -
Ron gab einen lauten, rasselnden, offenherzigen Schnarcher von sich und Harry erwachte plötzlich mit
ausgestreckter rechter Hand in der Dunkelheit, um eine Tür zu öffnen die Hunderte von Meilen entfernt war. Er ließ
sie mit vermischten Gefühlen aus Enttäuschung und Schuld fallen. Er wußte, er sollte die Tür nicht sehen, aber zur
selben Zeit fühlte er sich so verbraucht, aber mit soviel Neugierde was hinter dieser Tür lag, das er nicht über Ron
verärgert sein konnte... wenn er nur seinen Schnarcher um einen Moment hätte verschieben können.
*
Sie betraten die Große Halle am Montag morgen im selben Augenblick wie die Posteulen. Hermine war nicht die
einzige die auf den Tagespropheten wartete; nahezu jeder war begierig darauf Neuigkeiten über die geflohenen
Todesser zu erfahren, die, trotz vieler berichteter Sichtungen, noch immer nicht gefangen waren. Sie gab der
Liefereule einen Knut und faltete die Zeitung eifrig auseinander während Harry sich einen Orangensaft einschenkte;
da er nur ein kurzes Schreiben während des gesamten Jahres empfangen hatte, war er sicher, als die erste Eule mit
einem dumpfen Aufschlag landete, daß sie einen Fehler gemacht hatte.
„Wer bist du denn?“ fragte er sie und nahm den Orangensaft unter ihren Schnabel weg und lehnte sich vor, um den
Empfänger und die Adresse lesen zu können:
Harry Potter
Große Halle
Hogwarts Schule
Die Stirn runzelnd, wollte er gerade den Brief von der Eule nehmen, aber bevor er das machen konnte, flatterten drei,
vier, fünf weitere Eulen neben der ersten und rangelten um den Platz, traten in die Butter und stoßen das Salz um und
jede versuchte ihren Brief als erstes abzugeben.
„Was geht den hier vor?“ fragte Ron mit Verwunderung, als der gesamte Gryffindortisch sich vorlehnte, um zu sehen
was vor sich ging und weitere sieben Eulen zwischen den ersten landeten und kreischten, schrieen und mit den
Flügeln flatterten.
„Harry!“ sagte Hermine atemlos, ihre Hände in die gefiederte Masse stürzend und eine schreiende Eule, die ein
langes, zylinderförmiges Paket trug, herausziehend. „Ich weiß, was das bedeutet - öffne das hier als erstes!“
Harry riss die braune Verpackung auf. Er entpackte eine fest eingerollte Kopie der Märzausgabe des Wortklaubers.
Er rollte sie auf und sah sein eigenes Gesicht von der Titelseite schüchtern grinsen. In großen roten Buchstaben
standen über dem Bild die Worte:
HARRY POTTER SPRACH ES SCHLIEßLICH AUS:
DIE WAHRHEIT ÜBER DU-WEIßT-SCHON-WEN
UND DIE NACHT, IN DER ICH IHN ZURÜCKKOMMEN SAH
„Das ist gut, oder nicht?“ sagte Luna, die zum Gryffindortisch herüber schlenderte und sich jetzt zwischen Fred und
Ron auf die Bank drängte. „Es kam gestern raus, ich fragte Dad, ob dir eine kostenlose Ausgabe zuschicken könnte.
Ich nehme an, das hier,“ sie schwang ihre Hand über die versammelten Eulen, die immer noch vor Harry auf dem
Tisch kämpften, „sind Briefe von Lesern.“
„Das ist es, wovon ich gedacht hatte, daß es passieren würde.“ sagte Hermine eifrig. „Harry, würde es dir etwas
ausmachen wenn wir - ?“
„Bedient euch“ sagte Harry ein wenig irritiert.
Ron und Hermine begannen beide Umschläge aufzureißen.
„Dieser hier ist von einem Kerl der meint du bist nicht ganz dicht.“ sagte Ron auf seinen Brief hinunterblickend.
„Ah, gut…“
„Diese Frau meint du solltest es mit einem guten Lehrgang über Schockzauber im St. Mungo Hospital probieren.“
sagte Hermine enttäuscht und sah für einen Moment zerknirscht aus.
„Dieser hier sieht jedoch OK aus.“ meinte Harry langsam, den langen Brief einer Hexe aus Paisley flüchtig
überfliegend. „Hey, sie sagt, sie glaubt mir!“
„Dieser ist zweigeteilter Meinung.“ meinte Fred, der sich dem Briefe öffnen mit großer Begeisterung angeschlossen
hatte. „Sagt, du wirkst auf andere nicht wie ein Verrückter, aber er will nicht wirklich glauben, daß Du-Weißt-Schon-
Wer zurückgekommen ist. Also weiß er nicht was er jetzt denken soll. Himmeldonnerwetter, was für eine
Vergeudung von Pergament.“
„Hier ist noch einer, den du überzeugt hast, Harry! rief Hermine aufgeregt. „Nachdem ich Ihre Seite der Geschichte
gelesen habe, komme ich zwingend zu dem Ergebnis, daß der Tagesprophet Sie sehr ungerecht behandelt hat… Ein
wenig möchte ich schon glauben, daß Er-der-nicht-genannt-werden-muß zurückgekehrt ist, ich sehe mich
gezwungen zu akzeptieren, daß Sie die Wahrheit sagen… Oh, das ist wundervoll!“
„Noch einer der denkt du redest Unsinn.“ sagte Ron, einen zerknüllten Brief über seine Schulter werfend. … „aber
diese meint, du habest es geschafft sie zu überzeugen und sie denkt jetzt, du bist ein wahrer Held - sie hat auch eine
Fotografie beigefügt - wow!
„Was geht denn hier vor sich?“ erkundigte sich eine falsche, süße mädchenhafte Stimme.
Harry schaute auf, die Hand voll mit Briefumschlägen. Professor Umbridge stand hinter Fred und Luna, ihre
wulstigen Krötenaugen überflogen flüchtig das Durcheinander aus Eulen und Briefen auf dem Tisch vor Harry.
Hinter ihr sah er viele Mitschüler, die alles eifrig beobachteten.“
„Warum haben Sie alle diese Briefe bekommen, Mr. Potter?“ fragte sie langsam. „Ist das neuerdings ein
Verbrechen?“ meinte Fred laut „Post bekommen?“
„Sein sie vorsichtig, Mr. Weasley, oder es wird nötig Sie nachsitzen zu lassen,“ sagte Professor Umbridge.“Nun, Mr.
Potter?“
Harry zögerte, doch er sah keinen Weg wie er das, was er getan hatte verheimlichen konnte; es war sicherlich nur
eine Frage der Zeit bevor eine Ausgabe des „Wortklaubers“ Professor Umbridges Aufmerksamkeit erregte.
„Mir haben Leute geschrieben weil ich ein Interview gegeben habe.“ erwiderte Harry, „über das, was mir im letzten
Juni passiert ist.“
Aus irgendeinem Grund blickte er zum Lehrertisch als er dieses sagte. Harry hatte das absonderlichste Gefühl, daß
Dumbledore ihn nur einen Augenblick vorher beobachtet hatte, doch als er zum Schulleiter schaute, schien dieser in
ein Gespräch mit Professor Flitwick vertieft zu sein. „Ein Interview?“ wiederholte Professor Umbridge. Ihre Stimme
war dünner und höher als sonst. „Was meinen Sie damit?“
„Ich meine damit, daß ein Reporter mir Fragen gestellt hat und ich sie beantwortet habe.“ sagte Harry. „Hier…“
Und er warf ihr die Ausgabe des „Wortklaubers“ zu. Sie fing sie auf und starrte auf das Titelblatt hinunter. Ihr
bleiches, teigiges Gesicht lief hässlich und ungleichmäßig violett an.
„Wann haben Sie das getan?“ fragte sie. Ihre Stimme zitterte leicht. „Am letzten Wochenende in Hogsmeade.“ sagte
Harry.
Sie sah ihn an, weiß glühend vor Wut, das Magazin in ihren Wurstfingern schüttelnd.
„Es wird für Sie keine Ausflüge nach Hogsmeade mehr geben, Mr. Potter.“ flüsterte sie. „Wie können Sie es
wagen?... Wie können sie nur…“ Sie atmete einmal tief ein. „ich habe immer und immer wieder versucht Ihnen
beizubringen keine Lügen zu erzählen. Diese Botschaft ist anscheinend noch nicht richtig eingedrungen. Fünfzig
Punkte Abzug für Gryffindor und eine weitere nachsitzenswerte Woche.“
Sie stolzierte davon, Das Magazin Der Wortklauber fest umfasst an ihren Oberkörper geklammert, verfolgt von den
Blicken vieler Schüler.
Am nächsten Vormittag waren in der ganzen Schule gewaltige Schilder aufgehängt worden, nicht nur an den
Schwarzen Brettern der Häuser, sondern auch in den Gängen und Klassenräumen.
AUF ANORDNUNG DER GROSSINQUISITORIN VON HOGWARTS
Jeder Schüler, der eine Ausgabe des Magazins „Der Wortklauber“ besitzt und damit angetroffen wird, wird der
Schule verwiesen.
Das Obige gilt in Übereinstimmung mit dem Bildungserlaß Nummer Siebenundzwanzig.
gezeichnet: Dolores Jane Umbridge, Hochinquisitorin
Aus irgendeinem Grund strahlte Hermine jedes Mal wenn sie einen Blick auf eines dieser Schilder erhaschte
vergnügt.
„Worüber genau bist du so glücklich?“ fragte Harry sie. „Oh, Harry, siehst du es denn nicht?“ hauchte Hermine
„Wenn sie irgendetwas machen konnte um absolut sicherzustellen, daß jede einzelne Person in dieser Schule dein
Interview lesen wird, dann ist es dieses zu verbieten!“
Und es schien, daß Hermine ziemlich richtig lag. Am Ende des Tages, obschon Harry nicht einmal irgendwo in der
Schule einen Schnipsel von „Der Wortklauber“ gesehen hatte, schien es als würden an diesem Ort alle zusammen
aus dem Interview zitieren. Harry hörte sie darüber flüstern als sie sich für den Unterricht draußen anstellten,
während des Mittagessens und in den Nachmittagsstunden darüber diskutieren, während Hermine gleich berichtete,
daß jede Besitzerin von einem der Schränke in den Mädchentoiletten darüber gesprochen hatte als sie vor „alte
Runen“ hereinschneite.
„Dann haben sie mich bemerkt und offensichtlich haben sie gewusst, daß ich dich kenne. So haben sie mich mit
Fragen bombardiert.“ erzählte Hermine Harry, ihre Augen glänzten. „Und Harry, ich denke, daß sie dir glauben, ich
tue das wirklich, ich glaube, du hast es letztendlich geschafft sie zu überzeugen!“
In der Zwischenzeit stolzierte Professor Umbridge durch die Schule, hielt auf Geratewohl Schüler an und verlangte
daß sie ihre Schulbücher auspackten und ihre Taschen leerten. Harry wußte, daß sie nach Ausgaben des Magazins
„Der Wortklauber“ suchte, doch die Studenten waren ihr meilenweit voraus. Die Seiten auf denen Harrys Interview
stand waren verzaubert worden damit sie Auszügen aus Büchern ähnelten wenn jemand anders als die betreffenden
Schüler es lesen wollten, oder die Seiten waren magisch wie leer gewischt bis man sie genauer durchsehen wollte.
Den Lehrern war es natürlich durch den Bildungserlaß Nummer sechsundzwanzig untersagt das Interview zu
erwähnen, doch sie fanden trotzdem andere Wege um ihren Gefühlen darüber Ausdruck zu verleihen. Professor
Sprout verteilte zwanzig Punkte als Harry ihr eine Gießkanne brachte, ein strahlender Professor Flitwick drängte ihm
am Ende der Zauberkunststunde eine Schachtel mit quiekenden Zuckermäusen auf, sagte: „Pst!“ und hastete davon
und Professor Trelawney brach während der Wahrsagestunde in hysterische Schluchzer aus und verkündete der
erschrockenen Klasse, und einer sehr missbilligenden Professor Umbridge, daß Harry nach allem keinen frühen Tod
erleiden würde, sondern ein hohes Alter erreichen, Zauberminister werden und zwölf Kinder haben würde.
Doch was Harry am glücklichsten machte, war, daß Cho am nächsten Tag zu ihm aufschloss als er sich beeilte zu
Verwandlungen zu kommen. Bevor er wußte wie ihm geschah, lag ihre Hand in seiner und sie hauchte ihm ins Ohr:
„Es tut mir wirklich, wahrhaftig, tatsächlich Leid. Dieses Interview war so tapfer… es hat mich zum Weinen
gebracht.“
Es tat ihm Leid, zu hören, daß sie darüber noch mehr Tränen vergossen hatte, doch sehr froh, daß sie wieder
miteinander sprachen, und noch viel erfreuter war er, als sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange gab und
wieder davoneilte. Und unglaublich, als er aus dem Verwandlungsunterricht nach draußen kam, nicht eher als sonst,
geschah etwas ebenso Erfreuliches: Seamus trat auf ihn zu um ihn anzusehen.
„Ich wollte dir nur sagen,“ murmelte er auf Harrys linkes Knie schielend, „Ich glaube dir. Und ich habe ein
Exemplar von dem Magazin an meine Mama geschickt.“ Hätte es noch irgendetwas Zusätzlichen bedurft um Harrys
Glück vollständig zu machen, dann war es die Reaktion die er von Malfoy, Crabbe und Goyle bekam. Er sah sie
später an dem Nachmittag in der Bibliothek, die Köpfe zusammengesteckt. Sie waren mit einem ungepflegt
aussehenden Jungen dort, der Theodore Nott hieß, wie Hermine ihm zuflüsterte.
Sie drehten sich zu Harry um als der die Regale nach dem für „teilweises Verschwinden“ benötigten Buch
durchstöberte: Goyle ließ seine Fingergelenke bedrohlich knacken und Malfoy wisperte etwas unzweifelhaft Übles
zu Crabe. Harry wußte sehr genau, wieso sie so handelten: Er hatte all ihre Väter als Todesser benannt.
„Und das Beste ist.“ flüsterte Hermine schadenfroh, „ist, daß sie dir nicht widersprechen können, weil sie nicht
eingestehen können, daß sie den Artikel gelesen haben!“
Zur Krönung des Ganzen erzählte Luna ihm während des Abendessens, daß noch nie eine Ausgabe von „Der
Wortklauber“ schneller ausverkauft worden war,
„Mein Vater druckt welche nach!“ erzählte sie Harry, ihre Augen leuchteten aufgeregt. „Er kann gar es gar nicht
glauben, er sagt die Leute scheinen daran sogar mehr interessiert zu sein als an Knitterhörnigen Schnarchern.“
In dieser Nacht war Harry der Held im Gryffindor-Gemeinschaftsraum. Fred und George hatten es gewagt, das
Cover des Wortklaubers mit einem Vergrößerungszauber zu belegen und es an die Wand zu hängen, so daß Harrys
riesiger Kopf auf die Geschehnisse herunterblickte und hin und wieder Dinge wie „Die im Ministerium sind
Schwachköpfe“ und „Friß Unrat, Umbridge!“ mit lauter Stimme sagte. Hermine fand dies nicht sonderlich lustig, sie
meinte, das störe sie in ihre Konzentration, und gereizt ging sie schließlich früh ins Bett. Harry mußte selber
zugeben, daß das Poster nach ein, zwei Stunden nicht mehr so lustig war, besonders, als der Sprachzauber begann
sich abzunutzen, und es zusammenhanglose Worte wie „Unrat“ und „Umbridge“ in immer häufigeren Abständen
und mit immer höherer Stimmerief. Tatsächlich begann sie, seinen Kopf schmerzen und seine Narbe wieder
unangenehm prickeln zu lassen. Zur Enttäuschung der Leute, die um ihn saßen und ihn baten, zum x-ten mal von
dem Interview zu erzählen, gab er bekannt, daß auch er früh ins Bett gehen wollte.
Der Schlafsaal war leer, als er ihn erreichte. Er lehnte seine Stirn einen Moment an das kühle Glas des Fensters
neben seinem Bett; das beruhigte seine Narbe. Dann zog er sich aus und ging ins Bett und wünschte sich, seine
Kopfschmerzen würden verschwinden. Ihm war auch ein wenig übel. Er rollte sich auf die Seite, schloß seine
AUgen und war beinahe sofort eingeschlafen...
Er stand in einem dunklen Raum mit Vorhängen, der lediglich von einem einzigen Leuchter mit Kerzen erhellt
wurde. Seine Hände lagen verkrampft auf der Lehne des Stuhles vor ihm. Sie waren langgliedrig und weiß, so als ob
sie jahrelang kein Sonnenlicht abbekommen hätten, und sahen gegen den dunklen Samt des Stuhles aus wie große,
blasse Spinnen.
Hinter dem Stuhl, in einem kleinen, von den Kerzen erleuchteten Bereich, kniete ein Mann in einem schwarzen
Umhang.
„Es scheint mir, als wäre ich schlecht beraten worden,“ sagte Harry mit einer hohen, kalten Stimme, die vor Ärger
bebte.
„Meister, ich bitte unterwürfig um Entschuldigung,“ krächzte der Mann auf dem Boden. Sein Hinterkopf schimmerte
im Kertenlicht, und er schien zu zittern.
„Ich geb dir nicht die Schuld, Rookwood,“ sagte Harry in der kalten, grausamen Stimme.
Er löste seinen Griff um die Stuhllehne und ging herum, näher zu dem Mann, der sich auf dem Boden kauerte, bis er
direkt vor ihm in der Dunkelheit stand, er sah von einer größeren Höhe als üblich auf ihn herab.
„Bist du dir deiner Fakten bewußt, Rookwood?“ fragte Harry.
„Ja, mein Lord, ja... Immerhin... immerhin habe ich mal gearbeitet... für die Abteilung für...“
„Avery hat mir berichtet, Bode würde es schaffen, es zu beseitigen.“
„Bode hätte es nie nehmen können, Meister... Bode muß gewußt haben, daß er es nicht konnte... Unbezweifelt, sonst
hätte er sich Malfoys Imperius-Fluch nicht so widersetzt...“
„Steh auf, Rookwood,“ wisperte Harry.
Der knieende Mann fiel in seiner Hast zu gehorchen beinahe vorne über. Sein Gesicht war pockennarbig; die Narben
wirkten im Kerzenlicht wie ein Relief. Er blieb etwas gebeugt stehen, beinahe, als würde er sich verbeugen, und warf
verängstigte Blicke hinauf in Harrys Gesicht.
„Es war gut von dir, mir das zu erzählen,“ sagte Harry, „sehr gut... Ich habe Monate mir fruchtlosen Plänen
verschwendet, scheint mir... Aber egal, wir fangen noch einmal an, jetzt... Du hast Lord Voldemorts
Erkenntlichkeit... Rookwood.“
„Mein Lord... ja, mein Lord,“ keuchte Rookwood, seine Stimme vor Erleichterung heiser.
„Ich werde deine Hilfe brauchen. Ich werde alle Informationen brauchen, die du liefern kannst.
„Natürlich, mein Lord, natürlich... alles...“
„Sehr gut... du darfst dich entfernen. Schick Avery zu mir.“
Rookwood schlurfte rückwärts, verbeugte sich, und verschwand durch eine Tür.
Alleingelassen in dem dunklen Raum drehte sich Harry zur Wand. Ein angestoßener, alter Spiegel hing dort an der
Mauer in den Schatten. Harry ging auf ihn zu. Seine reflektin wurde in der Dunkelheit größer und deutlicher... ein
gesicht, weißer als ein Schädel... rote Augen mit Schlitzen als Pupille...
„Neeeiiiiiiiiin“
„Was ist?“ schrie eine Stimme in der Nähe.
Harry schlug wie verrückt um sich, verhedderte sich in den Vorhängen und fiel aus dem Bett. Einige Sekunden lang
wußte er nicht, wo er war, er war davon überzeugt, daß er das weißen, skelettartige Gesicht ihn aus dem Dunkeln
sehen würde, doch dann sprach Rons Stimme zu ihm, ganz nah.
„Hörst du wühl auf, dich wie ein Verrückter aufzuführen, damit ich dich hier raushelfen kann?“
Ron zog an den Stoffbahnen des Himmelbettes, und Harry starrte ihn im Mondlicht an, flach auf seinem Rücken,
seine Narbe brannte schmerzhaft. Ron sah so aus, als hätte er sich gerade bettfertig gemacht, einen Arm hatte er aus
seinem Umhang gezogen.
„Ist wieder jemand angegriffen worden?“ fragte Ron und zerrte Harry grob auf die Füße. „Ist es Dad? Ist es diese
Schlange?“
„Nein - allen gehts gut -“ keuchte Harry, dessen Stirn sich so anfühlte, als würde sie unter Feuer stehen würden.
„naja... Avery... der ist in Schwierigkeiten... er hat ihm falsche Information gegeben... Voldemort ist wirklich
ärgerlich...“
Harry stöhnte und sank zitternd auf sein Bett und rieb seine Narbe.
„Aber Rookwood wird ihm jetzt helfen... er ist wieder auf der richtigen Spur.“
„Wovon redest du?“ sagte Ron, er klang dabei veränstigt. „Meinst du... du hast gerade Du-weißt-schon-wen
gesehen?“
„Ich *war* Du-Weißt-Schon-Wer,“ sagte Harry, und er streckte seine Hände in die Dunkelheit aus und hielt sie sich
vor das Gesicht, um nachzuprüfen, daß sie nicht mehr langfingrig und tötlich-weoß waren. „Er war mit Rookwood
zusammen, das ist einer der Todesser, die aus Askaban ausgebrochen sind, erinnerst du dich? Rookwood hat ihm
gerade erzählt, daß Bode es nicht geschafft hat.“
„Was nicht geschafft hat?“
„Irgendetwas herauszuholen... er sagte, Bode mußt gewußt haben, daß er es nicht tun konnte... Bode war unter dem
Imperius-Fluch... ich glaube, er sagte, Malfoys Dad hätte den Fluch gesprochen.“
„Bode war verzaubert, um etwas herauszuholen?“ sagte Ron, „Aber - Harry, das muß die...“
„Die Waffe sein,“ beendete Harry den Satz für ihn. „Ich weiß.“
Die Tür zum Schlafsaal öffnete sich, und Dean und Seamus kamen herein. Harrs schwang seine Beine zurück ins
Bett. Er wollte nicht so aussehen, als wäre eben etwas eigenartiges passiert, gerade, wo Seamus eben aufgehört hatte,
Harry für verrückt zu halten.
„Hast du gerade gesagt,“ murmelte Ron und kam mit seinem Kopf näher, er tst ao, als würde er sich von dem Wasser
aus dem Jrug auf dem Nachttisch nehmen, „daß du Du-Weißt-Schon-Wer *gewesen* bist?
„Ja,“ sagte Harry ruhig.
Ron nahm einen unnörig großen Schluck Wasser; Harry sah, wie es über sein Kinn auf seine Brust floß.
„Harry,“ sagte er, als Dean und Seamus laut herumräumten, sich ihre Umhänge auszogen und sich unterhielten,
„Erzähl das unbedingt...“
„Ich habe nichts zu erzählen,“ sagte Harry kurzangebunden, „Ich hätte gar nichts gesehen, wenn ich Occlumantie
könnte. Ich denke, ich sollte lernen, solch ein Zeug einfach auszusperren. Das ist das, was sie wollen.“
Mit „sie“ meinte er Dumbledore. Er ging zurück ins Bett und rollte sich auf die Seite, mit seinem Rücken zu Ron,
und nach einer Weile hörte er auch Rons Matratze quietschen, als er sich hinlegte. Harrys Narbe begann zu brennen,
er biß hart in sein Kissen, um sich davon abzuhalten, ein Geräusch zu machen. Irgendwo, so wußte er, wurde Avery
gerade bestraft.
*
Harry und Ron warteten bis zur Pause am nächsten Morgen, um Hermine genau zu erzählen, was passiert war; sie
wollten ganz sicher gehen, daß sie nicht belauscht werden konnten. Sie standen in ihrer gewohnten Ecke des kalten
und windigen Schulhofes, und Harry erzählte ihr jede Einzelheit des Traumes, an die er sich erinnerte. Ale er fertig
war, sagte sie einige Momente lang nichts, sondern starrte mit einer Art schmerzhaften Intensität zu Fred und George
auf der anderen Seite des Hofes hinüber. Sie beide waren kopflos und verkauften ihre magischen Hüte, die in ihren
Umhängen versteckt waren.
„Also deswegen haben sie ihn umgebracht,“ sagte sie leise und wandte ihren Blick schließlich von Fred und George
ab. „Als Bode versucht hat, die Waffe zu stehlen, passierte etwas komisches mit ihm. Ich denke, da müssen einige
Verteidigungdflüche drauf liegen, oder um sie herum sein, damit keiner sie anfassen kann. Darum war er in St.
Mungos, irgendwas in seinem Gehirn ist komisch geworden, und er konnte nicht sprechen. Aber erinnert ihr euch
daran, was der Heiler gesagt hat? Daß er sich erholte? Und sie konnten es nicht riskieren, daß es ihm besser ging,
oder? Ich meine, der Schreck über was auch immer passierte, als er die Waffe berührte, vielleicht hat es den
Imperius-Fluch aufgehoben. Wenn er erstmal seine Stimme zurückbekommen hätte, hätte er sicher erklärt, was er
getan hatte, oder? Sie hätten gewußt, daß er geschickt worden war, um die Waffe zu stehlen. Natürlich wäre es
einfach für Lucius Malfoy gewesen, den Fluch auf ihn zu legen. Er war doch nie aus dem
Ministeriumherausgegangen?“
„Er hing dort herum, an dem Tag, an dem ich meine Anhörung hatte,“ sagte Harry.
„Im... wartet mal, er war an dem Tag in der Abteilung für Mysterien! Dein Dad sagte, daß er sich vielleicht da
herunterschleichen wollte, um herauszufinden, was bei meiner Anhörung passierte, aber was, wenn...“
„Sturgis!“ keuchte Hermine und sah aus wie vom Donner gerührt.
„Bitte?“ sagte Ron und sah fassungslos aus.
„Sturgis Podmore-“ sagte Hermine atemlos, „eingesperrt, weil er versucht hatte, durch diese Tür zu gelangen. Lucius
Malfoy muß ihn auch dazu gebracht haben. Ich wette, er hat es an dem Tag verscuht, als du ihn da gesehen hattest,
Harry.
Sturgis hatte doch Moodys Tarnumhang, richtig? Also, was, wenn er an der Tür Wache gestanden hatte, und Malfoy
hatte gehört, wie er sich bewegt hatte - oder er hat einfach erraten, daß da jemand war - oder er hat den Imperius-
Fluch einfach auf Verdacht gesprochen, falls jemand da war? Also, wenn Sturgis das nächste mal die Gelegenheit
hatte - vielleicht, wenn er wieder dran war mit Wache stehen - hat er versucht, in die Abteilung hineinzukommen,
um für Voldemort die Waffe zu stehlen - Ron, sei ruhig - aber er wurde gefalß und nach Askaban geschickt...“
Sie starrte Harry an.
„Und jetzt hat Rockwood Voldemort gesagt, wie er an die Waffe kommt?“
„Ich habe nicht das ganze Gespräch mitbekommen, aber danach klang es,“ sagte Harry. „Rockwood arbeitet
normalerweise dort … vielleicht wird Voldemort Rockwood aussenden, es zu tun?“
Hermine nickte, anscheinend tief in Gedanken versunken. Dann, völlig abrupt, sagte sie, „Aber du hättest das
überhaupt nicht sehen sollen, Harry.“
„Was?“ sagte er verblüfft.
„Du solltest lernen, wie du deinen Geist vor solchen Dingen verschließen kannst,“ sagte Hermine plötzlich finster.
„Ich weiß, daß ich das soll,“ sagte Harry, „Aber -“
„Nun, ich denke wir sollten es einfach versuchen und vergessen, was du gesehen hast,“ sagte Hermine entschlossen.
„Und du solltest dich von jetzt an ein wenig mehr anstrengen bei deiner Occlumantie.“
Harry war so wütend auf sie, daß er für den Rest des Tages nicht mit ihr sprach, der sich als weiterer schlechter
herausstellte. Wenn die Leute nicht über den Ausbruch der Todesser auf den Fluren diskutierten, dann lachten sie
über Gryffindors bodenlos schlechte Leistung im Spiel gegen Hufllepuff; die Slytherins sangen Weasley ist unser
König so laut und häufig, daß Filch es vor Sonnenuntergang aus purer Verärgerung auf den Fluren verboten hatte.
Die Woche wurde nicht besser, je weiter sie voranschritt. Harry erhielt zwei weitere D“s in Zaubertränke; er saß
immer noch auf heißen Kohlen, das Hagrid an die Luft gesetzt werden könnte; und er konnte immer noch nicht
aufhören an den Traum zu denken, in dem er Voldemort gewesen war - wenngleich er es nicht mehr Ron und
Hermine gegenüber erwähnte; er wollte nicht schon wieder von Hermine Bescheid gestoßen bekommen. Er
wünschte sich sehr, daß er mit Sirius darüber hätte reden können, aber das war außer Frage, so versuchte er die Frage
in den hintersten Winkel seines Gedächtnisses zu verdrängen.
Unglücklicherweise, war der hinterste Winkel seines Geistes nicht mehr der sichere Ort, der er einstmals gewesen
war.
„Steh auf, Potter.“
Ein paar Wochen nach seinem Traum von Rockwood, befand sich Harry doch wieder auf dem Fußboden von Snapes
Büro kniend, versuchend, seinen Kopf zu klären. Er war gerade gezwungen worden, wieder einmal, einen Strom
seines sehr frühen Gedächtnisses wiederzubeleben, von dem er nicht einmal gewußt hatte, dß er ihn hatte, die
meisten davon waren Erniedrigungen die er durch Dudley und seine Bande erlitten hatte, als er noch zur
Grundschule ging.
„Diese letzte Erinnerung,“ sagte Snape. „Was war das?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Harry, der überdrüssig auf die Beine kam. Er fand es zunehmen schwieriger, einzelne
Erinnerungen aus dem Wust an Bildern und Klängen zu lösen, die Snape weiter hervorrief. „Sie meine die, wo mein
Cousin es versucht, mich in der Toilette stehen zu lassen?“
„Nein,“ sagte Snape weich. „ich meine die über den Mann, der in der Mitte eines trüben Raumes kniet …“
„Es ist … nichts,“ sagte Harry.
„Snapes dunkle Augen bohrten sich in Harrys. Sich daran erinnerd was Snape über Augenkontakt sagte, der
entscheidend für die Legilimantie war, blinzelte Harry und sah weg.
„Wie kommt es, das dieser Mann in dem Raum in deinem Kopf ist, Potter?“ sagte Snape.
„Es -“ sagte Harry, der überall hinsah, nur nicht zu Snape, „es war - nur ein Traum, den ich hatte.“
„Ein Traum?“ wiederholte Snape.
Es gab eine Pause, während der Harry starr ein paar großer toter Froschaugen in einem Glas mit purpurner
Flüssigkeit schwebten, ansah.
„Sie wissen, warum wir hier sind, nicht wahr, Potter?“ sagte Snape, mit einer leisen, gefährlichen Stimme. „Sie
wissen, warum ich meine Abende für diese lästige Sache aufgebe?“
„Ja,“ sagte Harry steif.
„Erinnern sie mich daran, warum wir hier sind, Potter.“
„Damit ich Occlumantie lernen kann,“ sagte Harry, der jetzt einen toten Aal anstarrte.
„Korrekt, Potter. Und du scheinst schwer von Begriff zu sein -“ Harry sah zu Snape zurück, voller Hass „- ich hätte
gedacht, daß du nach über zwei Monaten du Fortschritte mit den Übungen gemacht hättest. Wieviele Träume über
den Dunklen Lord hast du gehabt?“
„Nur diesen einen,“ log Harry.
„Vielleicht,“ sagte Snape, seine dunklen, kalten Augen verengten sich ein wenig, „vielleicht gefällt es dir ja, die
Visionen und Träume zu haben, Potter. Vielleicht geben sie dir das Gefühl etwas besonders zu sein - jemand
wichtiges?“
„Nein, das tun sie nicht,“ sagte Harry, den Kiefer zusammengepresst und seine Finger legten sich fester um den Griff
seines Zauberstabes.
„Das ist gut so, Potter,“ sagte Snape kalt, „weil du niemand besonderes oder wichtiges bist, und es ist nicht deine
Aufgabe, herauszufinden, was der Dunkle Lord seinen Todessern sagt.“
„Nein - das ist ihre Aufgabe, nicht wahr?“ sage Harry ihm mit einem Seitenhieb.
Er hatte es nicht so gemeint; es war aus ihm herausgeplatzt. Für einen langen Moment starrten sie einander an, Harry
war davon überzeugt, zu weit gegangen zu sein. Aber da war ein merkwürdiger, beinahe zufriedener Ausdruck auf
Snapes Gesicht, als er antwortete.
„Ja, Potter,“ sagte er, seine Augen schimmerten. „Das ist meine Aufgabe. Jetzt, wenn du soweit bist, werden wir
weitermachen.“
Er hob seinen Stab: „Eins - zwei - drei - Legilimens!“
Einhundert Dementoren bewegten sich über den See auf Harry zu … er verdrehte sein Gesicht in Konzentration …
sie kamen näher … er konnte die dunklen Löcher unter ihren Kapuzen sehen .. nun sah er auch Snape der vor ihm
stand, seine Augen auf Harrys Gesicht fixiert, leise im Flüsterton murmelnd … und irgendwie wurde Snape klarer,
und die Dementoren wurden zunehmen schwächer …
Harry hob seinen eigenen Zauberstab.
„Protego!“
Snape schwankte - sein Stab flog nach oben, fort von Harry - und plötzlich wimmelten Erinnerungen in Harrys Geist,
die nicht seine eigenen waren: ein hakennasiger Mann schrie eine niederkauernde Frau an, während ein kleiner,
dunkelhaariger Junge in einer Ecke weinter … ein fetthaariger Teenager saß alone in einem dunklen Schlafzimmer,
zielte mit seinem Stab an die Decke, schoß Fliegen herunter … ein Mädchen lachte über einen dürren Jungen, der
versuchte einen bockenden Besenstiel zu besteigen -
„GENUG!“
Harry fühlte sich, als hätte er einen harten Stoß gegen den Brustkorb erhallten; er trat einige Schritte zurück, traf
eines der Regale das Snapes Wände abdeckte und hörte etwas knacken. Snape zitterte ein wenig, und war sehr weiß
im Gesicht.
Der Rücken von Harrys Robe war feucht. Eins der Gläser hinter ihm war zerbrochen, als er dagegen fiel; das
gebeizte, schleimige Ding drain wirbelte in dem sich leerenden Trank.
„Reparo,“ zischte Snape, und das Glas versiegelte sich selbst sofort. „Nun, Potter … das war sicherlich ein
Fortschritt …“ ein wenig keuchend, bog Snape das Denkarium gerade, in dem er erneut einige seiner Gedanken
ausgelagert hatte, bevor sie mit der Stunde begannen, beinahe so, als würde er prüfen, ob sie noch das waren. „Ich
erinnere mich nicht daran, die erzählt zu haben, wie man einen Schild-Zauber genutzt … aber es besteht kein
Zweifel, daß er effektiv war …“
Harry sprach nicht; er fühlte das es gefährlich sein könnte, irgendwas zu sagen. Er war sich sicher, daß er gerade in
Snapes Erinnerungen eingebrochen war, daß er gerade Szenen aus Snapes Kindheit gesehen hatte. Es war
zermürbend daran zu denken, daß der kleine Junge, der am weinen war als seine Eltern schrien, eigentlich gerade vor
ihm stand mit solchem Ekel in seinen Augen.
„Laß es uns nochmal versuchen, sollen wir?“ sagte Snape.
Harry packte ein Schaudern; er würde für das bezahlen, was gerade geschehen war, dessen war er sich sicher. Sie
bewegten sich zurück in ihre Positionen mit dem Schreibtisch zwischen ihnen, Harry fand, daß es diesmal viel
schwieriger war, seine Gedanken zu leeren.
„Ich zähle dann bis drei,“ sagte Snape, seinen Stab erneut hebend. „Eins - zwei -“
Harry hatte keine Zeit sich zu sammeln und versuchte seinen Geist zu leeren, bevor Snape schrie, „Legilimens!“
Er raste den Flur im Zaubereiministerium entlang, an den leeren Steinmauern vorbei, an den Fackeln vorbei - die
schlichte, schwarze Tür wurde immer größer; er bewegte sich so schnell, daß er mit ihr zusammenstoßen mußte, er
war nur noch wenige Schritte entfernt und wieder konnte sah er das matte, blaue Leuchten durch den Spalt.
Die Tür war aufgeflogen! Er war endlich hindurch, innerhalb eines schwarzwandigen, schwarzbodigen
kreisförmigen Raums, erleuchtet von blau-flammenden Kerzen, und dort waren nun noch mehr Türen um ihn herum
- er mußte weitergehen - aber welche Türe sollte er nehmen -?
„POTTER!“
Harry öffnete seine Augen. Er lag flach auf dem Rücken, wieder ohne Erinnerung daran dort gewesen zu sein; er
keuchte auch, als wäre er der Länge nach über die Flure des Zaubereiministeriums gelaufen, wäre durch die
schwarze Türe gesprintet und hätte sich in einem kreisförmigen Raum befunden.
„Erkären sie sich!“ sagte Snape, der über ihm stand, wütend aussehend.
„Ich … weiß nich“ was geschehen ist,“ sagte Harry wahrheitsgemäß, aufstehend. Da war eine Beule an seinem
Hinterkopf, womit er auf den Boden aufgeschlagen war und er fühlte sich fiebrig an. „Ich habe so etwas noch
niemals zuvor gesehen. Ich meine, ich sagte ihnen, ich hätte von dieser Tür geträumt … aber sie hat sich niemals
zuvor geöffnet.“
„Du arbeitest nicht hart genug!“
Aus irgendeinem Grund schien Snape noch zorniger zu sein, als er es in den zwei Minuten davor war, als Harry
einen Blick in die Erinnerungen seines Lehrers geworfen hatte.
„Du bist faul und nachlässig, Potter, es ist ein kleines Wunder, daß der Dunkle Lord -“
„Wollen sie mir etwas mitteilen, Sir?“ feuerte Harry zufürck. „Warum nennen sie Voldemort den Dunklen Lord? Ich
habe nur von Todessern gehört, daß sie ihn so nennen.“
Snape öffnete knurrend seinen Mund - und eine Frau schrie von irgendwo außerhalb des Raums.
Snapes Kopf zuckte nach oben; er starrte zur Decke.
„Was zum -?“ murmelte er.
Harry konnte ein schwaches Durcheinander hören, das aus der Eingangshalle zu kommen schien.
„Hast du irgendwas ungewöhnliches auf deinem Weg nach hier unten gesehen, Potter?“
Harry schüttelte seinen Kopf. Irgendwo über ihnen, schrie die Frau erneut. Snape schritt zu seiner Bürotüre, seinen
Stab gezückt haltend, und fegte ausser Sicht. Harry zögerte einen Augenblick, dann folgte er.
Die Schreie kamen tatsächlich aus der Eingangshalle; sie wurden lauter, als Harry die Steinstufen hinauflief, die von
den Verliesen hinaufführten. Als er die Spitze erreichte, fand er die Eingangshalle vollgestopft; Schüler kamen aus
der Großen Halle hereingeströmt, wo das Abendessen noch im Gange war, um zu sehen was los war; andere hatten
sich auf der Marmortreppe zusammengedrängt. Harry drängte sich vorwärts durch einen Pulkt aus großen Slytherins
and sah, daß die Zuschauer einen großen Kreis gebildet hatten, einige von ihnen sahen schockiert aus, andere eher
verängstigt. Professor McGonagall war direkt gegenüber Harry auf der anderen Seite der Halle; sie sah aus, als
würde das was sie sah, sie krank machen.
Professor Trelawney stand in der Mitte der Eingangshalle mit ihrem Zauberstab in der einen Hand und einer leeren
Sherryflasche in der anderen, völlig verrückt aussehend. Ihr Haar stand hochkant, ihre Brille saß schieß, so daß ein
Auge übertrieben größer aussah als das andere; ihre unzähligen Schals und Halstücher flatterten willkührlich von
ihren Schultern, den Eindruck erweckend, daß sie aus allen Nähten fiel. Zwei große Truhen lagen auf dem Boden
neben ihr, eine von ihnen umgekehrt; es sah sehr danach auch, als wäre sie die Treppe hinunter geworfen worden.
Professor Trelawney starrte, augenscheinlich erschreckt, auf etwas das Harry nicht sehen konnte, was aber am Fuße
der Treppe zu stehen schien.
„Nein!“ schrie sie. „NEIN! Das kann nicht passiert sein … es kann nicht … ich weigere mich, es zu akzeptieren!“
„Sie sahen es nicht kommen?“ sagte eine hohe, mädchenhafte Stimme, gefühllos amüsiert klingend, und Harry, sich
ein wenig nach rechts bewegend, sah daß Trelawneys grauenerregende Vision nichts anderes war, als Professor
Umbridge. „Sie sind sogar zu unfähig dazu, das Wetter von morgen vorauszusagen, sie sollten eigentlich längst
erkannt haben, das ihre bedauerliche Aufführung während meiner Inspektion, und Mangels einer Verbesserung
seither, es unvermeidlich machten, sie zu entlassen?“
„Das k - können sie nicht!“ heulte Professor Trelawney, Tränen strömten ihr Gesicht von hinter ihren enormen
Linsen herunter, „sie k - können mich nicht entlassen! Ich b - bin hier, seit ich sechzehn Jahre alt war! H - Hogwarts
ist - mein Z - Zuhause!“
„Es war ihr Heim,“ sagte Professor Umbridge, und Harry mußte widerwillig zusehen, wie sich Vergnügen über ihr
pilzförmiges Gesicht ausbreitete, als sie Professor Trelawney, unkontrollierbar schluchzend, auf eine ihrer Truhen
zusammensinken sah, „bis vor einer Stunde, als der Zaubereiminister ihre Entlassung gegenzeichnete. Wenn sie sich
nun bitte so nett wären, sich aus der Halle zu entfernen. Sie bringen uns in Verlegenheit.“
Aber sie stand und beobachtete, mit einem Ausdruck schadenfrohen Genusses, wie Professor Trelawney schauderte
und jammerte, in Anfällen von Kummer auf ihrer Truhe vor und zurück schaukelte. Harry hörte ein schwaches
Schluchzen zu seiner Linken und sah sich um. Lavender und Parvati waren beide leise am weinen, ihre Arme
umeinander gelegt. Dann hörte er Schritte. Professor MacGonagall hatte sich von den Zuschauern gelöst, marschierte
direkt auf Professor Trelawney zu und klopfte ihr fest auf den Rücken, während sie ein großes Taschentuch aus ihrer
Robe hervorholte.
„Hier, hier, Sybill … beruhige dich … putz“ dir die Nase … es ist nicht so schlimm, wie du jetzt denkst … du wirst
Hogwarts nicht verlassen müssen …“
„Oh wirklich, Professor McGonagall?“ sagte Umbridge mit einer todbringenden Stimme, ein paar Schritte vorwärts
nehmend. „Und ihre Authorität der Aussage ist …?“
„Die wäre meine,“ sagte eine tiefe Stimme.
Die Eichenhaustüren waren aufgeschwungen. Die nebenstehenden Schüler trippelten aus dem Weg, da Dumbledore
im Eingang erschien. Was er draußen im Gelände getan hatte, konnte Harry sich nicht vorstellen, aber es war schon
eindrucksvoll, ihn zu sehen, wie er da im Türrahmen vor der seltsamen, dunstigen Nacht stand. Die Türen hinter sich
weit offen lassend, schritt er vorwärts durch den Kreis der Zuschauer auf Professor Trelawney zu, die tränenübersät
und zitternd auf ihrer Truhe saß, Professor McGonagall neben sich.
„Ihre, Professor Dumbledore?“ sagte Umbridge, mit einem einzelnen, unangenehmen kleinen Lachen. „Ich
befürchte, sie verstehen ihre Lage nicht. Ich habe hier -“ sie zog eine Pergamentrolle aus ihrer Robe „ein
Entlassungsschreiben, unterschrieben von mir und dem Zaubereiminister. Unter der Bedingung des Pädagogischen
Erlasses Nummer Dreiundzwanzig, hat der Hochinquisitor von Hogwarts die Macht, zu untersuchen, auf Bewährung
zu stellen und einen Lehrer zu entlassen - das besagt er, ich - Gefühle werden nicht benötigt nach den Standards des
Zaubereiministeriums. Ich habe entschieden, das Professor Trelawney nicht mehr auf der Höhe ist. Ich habe sie
entlassen.“
Zu Harrys sehr großer Überraschung, fuhr Dumbledore fort zu lächeln. Er sah auf Professor Trelawney, die noch
schluchzte und würgte auf ihrer Truhe, und sagte, „Sie haben natürlich recht, Professor Umbridge. Als
Hochinquisitor haben sie das Recht meine Lehrer zu entlassen. Sie haben allerdings nicht die Authorität, sie vom
Schloß fortzuschicken. Ich fürchte,“ fuhr er mit einer kleinen, höflichen Verbeugung fort, das die macht die hierzu
notwendig ist, weiterhin dem Schulleiter von Hogwarts innewohnt, und es ist mein Wunsch, daß Professor
Trelawney weiterhin bei uns in Hogwarts lebt.“
Zu diesem Zeitpunkt, gab Professor Trelawney ein wildes, kleines Lachen von sich, hinter dem sich kaum ein
Schluckauf verstecken mußte.
„Nein - nein, ich werde g - gehen, Dumbledore! Ich we - werde Hogwarts verlassen und - mein Glück anderswo
suchen -“
„Nein,“ sagte Dumbledore scharf. „Es ist mein Wunsch, das du bleibst, Sybill.“
Er wandte sich Professor McGonagall zu.
„Darf ich sie darum bitten, Sybill zurück nach oben zu geleiten, Professor McGonagall?“
„Natürlich,“ sagte McGonagall, „Stehen sie auf, Sybill …“
Professor Sprout eilte aus der Menge herbei und schnappte sich Professor Trelawney“s anderen Arm. Zusammen,
führten sie sie an Umbridge vorbei und die Marmotreppe hinauf. Professor Flitwick eilte ihnen trippelnd hinterher,
seinen Stab vor sich haltend; er quiekste „Locomotor Truhen!“ und Professor Trelawney“s Gepäck stieg in die Luft
und weiter das Treppenhaus hinter ihr hinauf, Professor Flitwick immer hinterdrein.
Professor Umbridge stand stockstill, starrte Dumbledore an, der fortfuhr gütig zu lächeln.
„Und was,“ sagte sie, in einem Flüstern das durch die ganze Eingangshalle getragen wurde, „wollen sie nun mit ihr
anfangen, nachdem ich einen neuen Wahrsage-Lehrer ernannt habe, der dringend eine Bleibe benötigt?“
„Oh, das wird kein Problem sein,“ sagte Dumbledore hocherfreut. „Sehen sie, ich habe bereits einen neuen
Wahrsage-Lehrer gefunden, und er wird es bevorzugen, im Erdgeschoß zu bleiben.
„Sie haben einen gefunden -?“ sagte Umbridge gellend. „Sie haben einen gefunden? Darf ich sie daran erinnern,
Dumbledore, das unter dem Pädagogischen Erlaß Nummber Zweiundzwanzig -“
„Das Ministerium hat das Recht, einen geeigneten Kandidaten zu ernennen, wenn - und nur wenn - der Schulleiter
unfähig ist, einen zu finden,“ sagte Dumbledore. „Ich bin froh, zu sagen, daß ich in dieser Angelegenheit erfolgreich
gewesen bin. Darf ich ihnen vorstellen?“
Er drehte sich zu den offenstehenden Eingangstüren um, durch die der Nachtnebel hereindrang. Harry hörte Hufe. Es
gab ein schockiertes Murmeln überall in der Halle und die der Tür am nächsten standen stolperten eilig einige
Schritte zurück, um den Weg für den Neuankömmling freizumachen.
Durch den Nebel kam ein Gesicht, daß Harry einmal zuvor in einer dunklen, gefährlichen Nacht im Verbotenen
Wald gesehen hatte: weißblonde Haare und erstaunlich blaue Augen; den Kopf und Oberkörper eines Mannes
zusammen mit dem Unterleib eines Pferdes.
„Das ist Firenze,“ sagte Dumbledore glücklich der wie vom Donner gerührten Umbridge. „Ich denke, sie werden ihn
geeignet finden.“
Kapitel 27 - Der Zentaur und der Leisetreter
„Ich wette du wünscht dir jetzt, du hättest Hellsehen nicht aufgegeben, nicht wahr Hermine?“ fragte Parvati grinsend.
Es war Frühstückszeit, zwei Tage nachdem Professor Trelawney rausgeschmissen worden war, und Parvati drehte
ihre Augenwimpern auf ihren Zauberstab auf und untersuchte den Effekt mit der Rückseite ihres Löffels. Sie sollten
an diesem Morgen ihre erste Stunde mit Firenze haben.
„Nicht wirklich“ sagte Hermine, die gerade den Tagespropheten las, unbeeindruckt. „Pferde habe ich nie wirklich
gemocht.“
Sie blätterte eine Seite der Zeitung um und überflog die Kolumnen. „Er ist kein Pferd, er ist ein Zentauer!“ sagte
Lavender in einem geschockten Tonfall.
„Ein prächtiger Zentauer ...“ seufzte Parvati.
„Wie auch immer, er hat trotzdem vier Beine“ sagte Hermine kühl. „Außerdem dachte ich ihr zwei wärt über
Trelawneys Weggang zutiefst getroffen?“
„Sind wir!“ versicherte ihr Lavender. „Wir sind hoch in ihr Büro gegangen um sie zu sehen; wir haben ihr ein paar
Narzissen gebracht - nicht die hupenden, die Sprout hat, hübsche.
„ Wie geht“s ihr?“ fragte Harry.
„Nicht sehr gut, der Armen,“ sagte Lavender mitfühlend. „Sie hat geweint und gesagt, daß sie das Schloß lieber für
immer verläßt, als bei der Umbridge zu bleiben und ich werfe ihr das nicht vor, die Umbridge war grausam zu ihr,
nicht wahr?“
„Ich habe das dumpfe Gefühl die Umbridge fängt gerade erst an grausam zu sein,“ sagte Hermine düster.
„Unmöglich,“ erwiderte Ron, der sich einen großen Teller mit Eiern und Speck schmecken ließ. „Sie kann keinen
Deut schlimmer werden als sie eh schon war.“
„Merk dir meine Worte, sie wird sich bei Dumbledore dafür rächen wollen, daß er einen neuen Lehrer eingestellt hat
ohne sie zu konsultieren,“ sagte Hermine und schloß die Zeitung. „Vor allem einen weiteren Halbmenschen. Du hast
ihren Gesichtsausdruck gesehen als sie Firenze sah.“
Nach dem Frühstück brach Hermine zu ihrer Arithmantik Klasse auf, während Harry und Ron Parvati und Lavender
in die Eingangshalle folgten, in Richtung Hellsehen.
„Gehen wir nicht in den Nordturm hoch?“ fragte Ron verwirrt, als Parvati an der Marmortreppe vorbeiging.
Parvati schaute ihn über ihre Schulter hinweg verächtlich an.
„Wie glaubst du wohl klettert Firenze diese Leiter hoch? Wir sind jetzt in Raum 11, das stand gestern am schwarzen
Brett.“
Raum 11 war im Erdgeschoß an dem Korridor, der von der Eingangshalle in die andere Richtung als die Großen
Halle führte.
Harry wußte, daß es eines der Klassenzimmer war, die nie regelmäßig genutzt wurden und deshalb den leicht
vernachlässigten Eindruck eines Schrankes oder eines Lagerraumes vermittelten. Als er direkt hinter Ron eintrat und
sich in der Mitte einer Waldlichtung wiederfand, war er deshalb einen Moment wie gelähmt.
„Was um - ?“
Der Boden des Klassenzimmers war frühlingshaft moosbedeckt und Bäume wuchsen daraus hervor; ihre belaubten
Blätter breiteten sich fächerartig über Decke und Fenster aus, so daß der Raum von Strahlen weichen, gesprenkelten,
grünen Lichts erfüllt war. Die Schüler, die schon da waren, saßen auf dem erdigen Boden, den Rücken gegen
Baumstümpfe oder Felsbrocken gelehnt, Arme um ihre Knie gelegt oder fest vor der Brust verschränkt und alle
blickten ziemlich nervös drein.
In der Mitte der Lichtung, dort wo keine Bäume standen, stand Firenze.
„Harry Potter,“ sagte er, seine Hand ausstreckend als Harry eintrat.
„Äh - hi,“ sagte Harry und schüttelte die Hand des Zentauers, der ihn ohne zu Lächeln unverwandt mit seinen
erstaunlich blauen Augen beobachtete. „ Äh - schön Sie zu sehen.“
„Ebenso,“ sagte der Zentauer, sein weißblondes Haupt neigend. „Es war vorhergesagt, daß wir uns wieder
begegnen.“
Harry bemerkte den Schatten eines hufförmigen Blutergusses auf Firenzes Brust. Als er sich umdrehte um sich dem
Rest der Klasse anzuschließen sah er, daß die anderen ihn mit Ehrfurcht betrachteten, offensichtlich tief beeindruckt
davon, daß er so vertraut mit Firenze war, der anscheinend einschüchternd auf sie wirkte.
Als die Tür geschlossen war und der letzte Schüler sich auf einen Baumstumpf neben dem Mülleimer gesetzt hatte,
zeigte Firenze durch den Raum.
„Professor Dumbledore hat uns freundlicherweise dieses Klassenzimmer hergerichtet,“ sagte Firenze, als sich alle
gesetzt hatten, „in Anlehnung an meine natürliche Heimat. Ich hätte euch lieber im Verbotenen Wald unterrichtet,
der - bis Montag - mein Zuhause war ... aber das geht nicht mehr.“
„Entschuldigen Sie bitte - äh - „ sagte Parvati atemlos und hob ihre Hand, - warum nicht? Wir waren mit Hagrid
drinnen, wir haben keine Angst!“
„Es ist keine Frage von Tapferkeit,“ sagte Firenze, „sondern von meiner Lage. Ich kann nicht in den Wald
zurückgehen. Meine Herde hat mich verstoßen.“
„Herde?“ sagte Lavender mit verwirrter Stimme und Harry wußte, daß sie an Kühe dachte. „ Was - oh!“
Ihr Gesicht zeigte, daß es ihr dämmerte. „Es gibt mehr von Ihrer Art?“ sagte sie erstaunt.
„Hat Hagrid euch gezüchtet, wie die Thestrals?“ fragte Dean eifrig.
Firenze wandte seinen Kopf sehr langsam Dean zu, der sofort zu erkennen schien, daß er etwas sehr Beleidigendes
gesagt hatte.
„ Ich wollte nicht - Ich meine - Entschuldigung.“ beendete er mit dünner Stimme.
„Zentauern sind nicht Diener oder Spielzeuge von Menschen“ sagte Firenze ruhig. Es gab eine Pause, dann hob
Parvati wieder ihre Hand.
„Entschuldigen Sie .. warum haben Sie die anderen Zentauren verstoßen?“
„Weil ich zugestimmt habe für Professor Dumbledore zu arbeiten,“ sagte Firenze. „Sie sehen darin einen Verrat an
unserer Rasse.“
Harry erinnerte sich wie vor fast vier Jahren der Zentauer Bane Firenze dafür zusammengestaucht hatte, daß er Harry
erlaubt hatte, auf seinem Rücken in Sicherheit zu reiten; er hatte ihn ein „gemeines Muli“ genannt. Er wunderte sich
ob es Bane gewesen war, der Firenze auf die Brust getreten hatte.
„Laßt uns anfangen,“ sagte Firenze. Er schlug mit seinem langen Palominoschwanz, hob seine Hand in Richtung
Blätterdach, senkte sie dann langsam und als er dies tat, wurde es im Zimmer dunkler, so daß sie nun in einer
dämmrigen Waldlichtung zu sitzen schienen und Sterne erschienen an der Decke. Es gab oohs und Seufzer und Ron
sagte hörbar, „Mensch!“
„Legt euch auf den Boden zurück,“ sagte Firenze in seiner ruhigen Stimme, „und beobachtet den Himmel. Dort steht
für die, die es sehen können, das Schicksal unserer Rassen geschrieben.“
Harry streckte seinen Rücken aus und starrte nach oben an die Decke. Ein blinkender roter Stern funkelte ihn von
dort oben an.
„Ich weiß, daß ihr die Namen der Planeten und ihrer Monde in Astronomie gelernt habt“ sagte Firenzes ruhige
Stimme, „und daß ihr den Wandel der Sterne durch den Himmel kartiert habt. Zentauern haben die Geheimnisse
dieser Bewegungen durch die Jahrhunderte entschlüsselt. Unsere Erkenntnisse lehren uns, daß man im Himmel über
uns einen Blick auf die Zukunft erhaschen kann - „
„Professor Trelawney hat mit uns Astrologie gemacht!“ Sagte Parvati erregt und streckte ihre Hand vor sich aus, so
daß sie in die Luft zeigte, da sie auf dem Rücken lag. „Mars verursacht Unfälle und Brände und so was und wenn er
im Winkel zu Saturn steht, wie gerade - „ sie zog einen rechten Winkel in die Luft über sich „- das bedeutet, daß die
Leute extra vorsichtig sein müssen, wenn sie mit heißen Dingen hantieren - „
„Das,“ sagte Firenze gelassen, „ist menschgemachter Unsinn.“
Parvatis Hand fiel schlaff herunter.
„Triviale Verletzungen, kleine menschliche Unfälle,“ sagte Firenze, während seine Hufe über den moosigen Boden
stampften. „Diese sind nicht wichtiger als das Herumwuseln von Ameisen für das weite Universum und sie werden
von Planetenbewegungen nicht beeinflußt.“
„Professor Trelawney - „ fing Parvati mit verletzter und entrüsteter Stimme an.
„- ist ein Mensch.“ sagte Firenze schlicht. „ Und daher engstirnig und durch die Einschränkungen eurer Art
gebunden.
Harry drehte seinen Kopf ganz leicht um Parvati anzusehen. Sie sah sehr beleidigt aus, wie auch einige der Leute um
sie herum.
„Sybill Trelawney könnte Gesehen haben, ich weiß es nicht,“ fuhr Firenze fort, und Harry hörte wieder das Schlagen
seines Schwanzes, als er vor ihnen auf und ab ging, „aber sie vergeudet ihre Zeit hauptsächlich mit dem
selbstschmeichlerischen Unsinn, den Menschen Zukunftsvorhersage nennen. Ich jedoch bin hier, um euch die
Weisheit der Zentauern zu erklären, die unpersönlich und unparteiisch ist. Wir durchforsten den Himmel nach
deutlichen Anzeichen des Bösen oder Veränderungen, die manchmal dort angezeigt werden. Es kann zehn Jahre
dauern sich darüber sicher zu sein, was wir sehen.“
Firenze zeigte auf den roten Stern direkt über Harry. „„Im vergangenen Jahrzehnt hat es Anzeichen dafür gegeben,
daß die magische Gemeinschaft zur Zeit nur in einer kurzen Ruhephase zwischen zwei Kriegen lebt. Mars - der
Kriegsbringer - glänzt hell über uns und deutet darauf hin, daß der Kampf bald wieder ausbrechen muß. Wie bald,
das können Zentauren versuchen vorherzusehen, indem sie bestimmte Kräuter und Blätter verbrennen und dabei den
Rauch und die Flammen beobachten ... .“
Es war die ungewöhnlichste Schulstunde, die Harry jemals miterlebt hatte. Sie verbrannten in der Tat Salbei und
Mädesüss auf dem Klassenzimmerboden, und Firenze hiess sie, auf bestimmte Formen und Symbole in dem
stechenden Rauch zu achten, aber es schien ihm absolut nichts auszumachen, daß nicht einer von ihnen irgendwelche
der von ihm beschriebenen Zeichen sehen konnte. Er erklärte ihnen, daß Menschen kaum jemals dazu in der Lage
seien, daß es auch Zentauren viele Jahre kostete, bis sie diese Kunst beherrschen und beendete seine Ausführungen
mit der Erklärung, daß es ohnehin dumm sei, zu sehr an solche Dinge zu glauben, weil sogar Zentauren sie
manchmal falsch deuten. Er war in keiner Weise irgendeinem menschlichen Lehrer ähnlich, den Harry jemals gehabt
hatte. Seine vorrangiges Bestreben schien nicht zu sein, ihnen beizubringen, was er wußte, sondern er versuchte
vielmehr, ihnen einzuprägen, daß nichts, nicht einmal das Wissen eines Zentauren, wirklich verlässlich war.
„Er ist in keiner Hinsicht wirklich eindeutig, oder?“ sagte Ron leise, als sie ihr Mädesüss-Feuer ausmachten. „Ich
meine, ich könnte ein paar Einzelheiten über diesen Krieg gebrauchen, der da vor uns liegen soll, was meinst du?“
Die Glocke schellte direkt vor der Klassenzimmertür und alle fuhren zusammen; Harry hatte vollkommen vergessen,
daß sie noch innerhalb des Schlosses waren und war überzeugt gewesen, daß er wirklich im Wald war. Die Klasse
verliess den Raum mit verwirrten Gesichtern.
Harry und Ron wollten gerade ebenfalls gehen, als Firenze rief, „Harry - Potter, auf ein Wort, bitte.“ Harry drehte
sich um. Der Zentauer bewegte sich ein wenig auf ihn zu. Ron zögerte. „Du kannst bleiben,“ sagte Firenze, „aber
schliess die Tür, bitte.“ Ron, beeilte sich zu gehorchen.
„Harry Potter, du bist ein Freund von Hagrid, nicht wahr?“ fragte der Zentauer. „Ja, „sagte Harry.
„Ich möchte, daß du ihm ein Warnung von mir überbringst. Sein Versuch funktioniert nicht. Er sollte es besser
aufgeben.“ „Sein Versuch funktioniert nicht?“ wiederholte Harry ausdruckslos.
„Und er sollte es besser aufgeben, „ sagte Firenze und nickte. „Ich würde Hagrid selbst warnen, aber ich bin verbannt
- es wäre unklug für mich, jetzt in die Nähe des Waldes zu gehen - Hagrid hat Sorgen genug, auch ohne eine
Zentaurenschlacht.“ „Aber - was versucht Hagrid zu tun?“ fragte Harry nervös. Firenze musterte Harry unbewegt.
„Hagrid hat mir vor kurzem einen großen Dienst erwiesen,“ sagte Firenze, „und er hat sich seit langem meinen
Respekt erworben für die Fürsorge, die er allen lebenden Geschöpfen entgegen bringt. Ich verrate sein Geheimnis
nicht. Aber er muß zur Vernunft gebracht werden. Sein Versuch funktioniert nicht. Sag ihm das, Harry Potter. Guten
Tag.“
*
Das Glücksgefühl, das Harry in der Folgezeit nach dem Quibbler-Interview empfunden hatte, war seit langem
verschwunden. Auf einen langweiligen März folgte übergangslos ein boeiger April, sein Leben schien aus einer
langen Folge von immer wiederkehrenden Problemen und Sorgen zu bestehen.
Umbridge nahm weiterhin an allen Schulstunden zur Pflege magischer Geschöpfe teil, daher stellte es sich als sehr
schwierig heraus, Hagrid Firenzes Warnung zu übermitteln. Schließlich gelang es Harry eines Tages doch, indem er
vorgab, daß er sein Schulbuch über „Fantastische Bestien und wo man sie finden kann“ verloren habe und nach der
Schulstunde nochmal zurückging, um es zu suchen. Als er Hagrid Firenzes Botschaft wiederholte, starrte ihn dieser
eine Zeitlang mit düsterem Blick aus verschwollenen Augen an; er war offensichtlich bestürzt, dann jedoch schien er
sich zusammenzureissen.
„Netter Kerl, Firenze,“ sagte er schroff, „„aber er weiß nich,“ wovon er redet. Der Versuch kommt gut voran.“
„Hagrid, was hast du vor?“ fragte Harry ernsthaft „weil, du mußt vorsichtig sein. Umbridge hat bereits Trelawney
entlassen und, wenn du mich fragst, sie ist auf ein weiteres Opfer aus. Wenn du irgendetwas machst, was du nicht
solltest, wirst du -“ „ „s gibt Sachen, die sind wichtiger als den Job zu behalten,“ sagte Hagrid, aber seine Hände
zitterten leicht, als er das sagte und eine Schüssel mit Knarz-Mist fiel scheppernd zu Boden. „Mach dir mal keine
Sorgen um mich, Harry, sei ein guter Junge und geh jetzt.“
Harry hatte keine andere Wahl als Hagrid allein zu lassen, der den überall auf dem Fussboden verstreuten Mist
aufwischte, aber er fühlte sich total entmutigt, während er zurück zum Schloss trottete.
Unterdessen fuhren sowohl die Lehrer als auch Hermine fort, ständig an die näherrückenden Zwischenprüfungen zu
erinnern. Alle Fünftklässler litten bis zu einem gewissen Grad unter diesem Druck, aber Hannah Abbott war die
erste, die einen Beruhigungstrank von Madame Pomfrey bekam, nachdem sie einen Heulkrampf in Kräuterkunde
hatte, wobei sie fortwährend schluchzte, sie wäre zu dumm für die Prüfungen und wollte jetzt lieber die Schule
verlassen.
Harry dachte, wenn es nicht die DA Übungsstunden gäbe, wäre er extrem unglücklich. Manchmal hatte er das
Gefühl, daß er nur für diese Stunden lebte, die er im Raum für den Bedarfsfall verbrachte, wo er hart arbeitete, sich
aber aber gleichzeitig ausserordentlich wohl fühlte und stolzgeschwellt seinen Gefährten bei DA bei ihren
Fortschritten zusah. In der Tat fragte sich Harry manchmal, wie Umbridge darauf reagieren würde, wenn alle
Mitglieder von Dumbledores Armee in den Zwischenprüfungen ein „hervorragend“ in der Verteidigung gegen die
Dunklen Künste bekommen würden.
Sie hatten schließlich die Arbeit am Patronus-Zauber begonnen, alle waren sehr gespannt darauf gewesen, diesen zu
üben, obwohl Harry sie daran erinnerte, daß es einen grossen Unterschied ausmachte, einen Patronus mitten in einem
hell erleuchteten Klassenzimmer zu produzieren oder im Vergleich dazu im Angesicht einer Bedrohung, wie
beispielsweise unter Konfrontation mit einem Dementor.
„Och, sei kein Spielverderber,“ sagte Cho fröhlich während der letzten Übungsstunde vor Ostern und beobachtete
ihren silbrigen, schwanförmigen Patronus aufsteigen und durch den Raum für den Bedarfsfall schweben. „Sie sind so
hübsch!“ „Sie sollen nicht hübsch sein, sie sollen dich beschützen,“ sagte Harry geduldig „was wir wirklich
bräuchten, wär ein Boggart; so habe ich das gelernt, ich mußte einen Patronus beschwören, während der Boggart
vortäuschte, ein Dementor zu sein -“
„Aber das wäre wirklich gruselig!“ sagte Lavender, die Wölkchen silbernen Dampfes aus dem Ende ihres
Zauberstabs heraus schiessen liess. „Und ich kriege das einfach nicht hin!“ fügte sie verärgert hinzu.
Neville hatte ebenfalls Mühe. Sein Gesicht war ganz verzerrt vor Konzentration, aber aus seinem Zauberstab kamen
nur schwache Büchel von silbernem Rauch.
„Du mußt an etwas erfreuliches denken, „ erinnerte ihn Harry. „Das versuche ich doch“ sagte Neville unglücklich,
und übte so angestrengt, daß sein rundes Gesicht vor Schweiß glänzte. „Harry, ich glaub ich kann es!“ schrie
Seamus, den Dean mitgebracht hatte zu seiner ersten DA Sitzung. „Guck - oh, jetzt ist er weg ... aber es war
definitiv etwas haariges, Harry!“ Hermines Patronus, ein glänzender silberner Otter, sprang um sie herum. „Sie sind
hübsch, nicht wahr?“ sagte sie und betrachtete ihn liebevoll.
Die Tür des Raumes für den Bedarfsfall wurde geöffnet und geschlossen. Harry schaute sich um, um zu sehen, wer
hereingekommen war, aber es schien als wäre dort niemand. Es dauerte einige Momente, bis er feststellte, daß die
Leute in der Nähe der Tür verstummt waren. Das nächste, was er bemerkte, war, daß jemand ihn auf Kniehöhe an
seinem Gewand zupfte. Er schaute nach unten und sah zu seinem sehr großen Erstaunen Dobby den Hauself, der von
unten unter seinen üblichen acht wolligen Hüten heraus an ihm hochblickte. „Hallo, Dobby!“ er sagte. „was ist mit
dir - ist was nicht in Ordnung?“ Die Augen des Elfs waren vor Schrecken geweitet und er zitterte. Die Mitglieder der
DA, die Harry am nächsten standen, waren verstummt; alle im Raum guckten auf Dobby. Die wenigen Patronusse,
die zu beschwören ihnen gelungen war, verblassten in silbernen Nebeln und den Raum wirkte auf einmal viel
dunkler als vorher. „Harry Potter, Sir... „ quiekte der Elf, und zitterte von Kopf bis Fuß, „Harry Potter, Sir... Dobby
ist gekommen, um Sie zu warnen..., aber die Hauselfen sind verwarnt worden, nichts zu sagen... „ Er rannte mit dem
Kopf voran gegen die Wand. Harry, der einige Erfahrung mit Dobbys Gewohnheit zur Selbstbestrafung hatte,
versuchte, ihn zu ergreifen, aber Dobby gepolstert durch seine acht Hüte prallte bloß vom Stein ab. Hermine und
einige der anderen Mädchen gaben Angst- und Sympathieschreie von sich. „Was ist passiert, Dobby?“ fragte Harry
und ergriff den kleinen Arm des Elfs um ihn davon abzuhalten sich weiter zu verletzen.
„Harry Potter ... sie ... sie ... „ Dobby schlug sich mit seiner freien Faust hart auf die Nase. Harry ergriff auch diese.
„Wer ist „sie,“ Dobby?“ Aber er war sicher, daß er wußte, nur eine „sie“ konnte solche Furcht in Dobby hervorrufen.
Der Elf schaute leicht schielend an ihm hoch und bewegte seine Lippen lautlos. „Umbridge?“ fragte Harry entsetzt.
Dobby nickte, dann versuchte er, seinen Kopf gegen Harrys Knie zu schlagen. Harry hielt ihn auf Armeslänge. „Was
ist mir ihr? Dobby - hat sie was rausgefunden - über uns - über die Dumbledore Armee?“ Er las die Antwort im
kummervollen Gesicht des Elfs. Während Harry ihm die Hände festhielt, versuchte der Elf sich zu treten, und fiel
dabei auf den Fußboden. „Ist sie unterwegs hierher?“ fragte Harry ruhig. Dobby stiess ein Heulen aus und fing an,
mit seinen bloßen Füßen hart auf den Fußboden zu schlagen. „Ja, Harry Potter, ja!“ Harry richtete sich auf und
schaute auf die anderen, die bewegungslos um ihn herumstanden und erschreckt den sich schlagenden Elf anstarrten.
„ WORAUF WARTET IHR?“ brüllte Harry. „RENNT!“
Alle warfen sich sofort zum Ausgang und bildeten ein Gedränge an der Tür, dann platzten sie hinaus. Harry konnte
sie die Korridore entlang sprinten hören, und er hoffte, sie hatten genug Verstand nicht zu versuchen, den ganzen
Weg bis in ihre Schlafräume zu kommen. Es war erst zehn Minuten vor Neun, wenn sie einfach Zuflucht in der
Bibliothek oder der Eulerei nähmen, die beide näher gelegen waren ...
„Harry, los, voran!“ kreischte Hermine inmitten des Knäuels aus Menschen, die darum kämpften hinauszukommen.
Er schnappte sich Dobby, der weiterhin versuchte sich ernsthaft zu verletzen, und lief mit dem Hauself in den Armen
zum Ende der Schlange.
„Dobby - das ist ein Befehl - geh hinunter in die Küche zu den anderen Hauselfen, und wenn sie dich fragt ob du
mich gewarnt hast, lüge und sag nein!“ sagte Harry.
„Und ich verbiete dir dich zu verletzen!“ fügte er hinzu, den Hauself absetzend, als er endlich über die Schwelle trat
und die Tür hinter sich zuschlug.
„Danke, Harry Potter!“ quiekte Dobby, und er strich davon. Harry warf einen schnellen Blick nach links und rechts,
die anderen rannten so schnell, daß er nur flüchtige Blicke von fliehenden Fersen an jedem Ende des Korridors
erhaschte bevor sie verschunden waren; er begann sich nach rechts zu wenden; es gab dort voraus ein Bad für
Jungen, er könnte vorgeben daß er die ganze Zeit über dort gewesen wäre wenn er es nur erst erreichen könnte -
„AAARGH!“
Etwas fasste ihn um die Knöchel und er fiel spektakulär, sechs Fuß auf seinem Bauch entlang schlitternd bevor er er
zum Stehen kam. Hinter ihm lachte jemand. Er rollte sich auf den Rücken und erblickte Malfoy, verborgen in einer
Nische neben einer häßlichen, wie ein Drache geformten Vase.
„Stolperzauber, Potter!“ sagte er. „He, Professor! Ich habe einen!“
Umbridge kam hektisch hinten um eine Ecke, atemlos, aber mit einem entzückten Lächeln.
„Es ist er!“ sagte sie jubilierend bei Harrys Anblick auf dem Fußboden. „Ausgezeichnet, Draco. Ausgezeichnet, oh,
sehr gut - fünfzig Punkte für Slytherin! Ich werde ihn mitnehmen ... steh auf, Potter!“
Harry kam auf die Füße, die beiden zornig anstarrend. Er hatte Umbidge nie so glücklich schauen gesehen. Sie
packte seinen Arm mit einem schraubstockartigen Griff und wandte sich, breit strahlend, zu Malfoy.
„Lauf und schau, ob du nicht noch mehr von ihnen zusammentreiben kannst, Draco,“ sagte sie. „Sag den anderen, sie
sollen in der Bibliothek nachsehen, - ob jemand außer Atem ist, prüft die Bäder, Parkinson kann die von den
Mädchen übernehmen - los jetzt - und du,“ fügte sie in ihrer sanftesten, gefährlichsten Stimme hinzu, während
Malfoy weg ging, „du kommst mit mir zum Büro des Schulleiters, Potter.“
In Minuten waren sie bei den steinernen Wasserspeiern. Harry fragte sich, wieviel von den anderen erwischt worden
waren. Er dachte an Ron - Mrs. Weasley würde ihn umbringen - und wie Hermine sich fühlen würde wenn sie
ausgeschlossen würde bevor sie die OWL“s machen konnte. Und Seamus war zu allerersten Mal da ... und Neville
war so gut geworden ...
„Fizzing Whizzbee,“ sang Umbridge, der steinerne Wasserspeier sprang beiseite, die Wand dahinter teilte sich, und
sie stiegen die sich bewegende Steintreppe hinauf. Sie erreichten die polierte Tür mit dem greifförmigen Klopfer,
aber Umbridge scherte sich nicht darum anzuklopfen, sie strich geradewegs hinein, Harry weiterhin festhaltend.
Das Büro war voller Menschen. Dumbledore saß mit heiterem Ausdruck hinter seinem Schreibtisch, seine
Fingespitzen aneinander gelegt. Professor McGonagall stand starr neben ihm, ihr Gesicht außerordentlich
angespannt. Cornelius Fudge, Minister für Zauberei, wippte neben dem Feuer auf seinen Füßen vor und zurück,
anscheinend mit der Situation ungeheuer zufrieden; Kingsley Shaklebolt und ein grob aussehender Zauberer mit sehr
kurzem drahtigem Haar, den Harry nicht kannte, standen wie Wachen beidseits der Tür, und die sommersprossige,
bebrillte Gestalt Percy Weasley“s schwebte entzückt neben der Wand, eine Feder und eine schwere Rolle Pergament
in Händen, offensichtlich bereit Notizen zu machen.
Die Bilder der alten Schulleiter und Schulleiterinnen gaben heute Nacht nicht vor zu schlafen. Alle waren wachsam
und ernst, beobachteten was unter ihnen geschah. Als Harry eintrat, flitzten ein paar in Nachbarbilder und wisperten
dringlich in die Ohren ihrer Nachbarn.
Harry befreite sich aus Umbridge“s Griff, als die Tür hinter ihnen zuschlug.
Cornelius Fudge blitze ihn mit einer Art bösartigen Befriedigung im Gesicht an.
„Nun,“ sagte er, „gut gut gut ....“
Harry erwiderte mit dem niederträchtigsten Blick, den er aufbringen konnte. Sein Herz trommelte wie verrückt in
ihm, aber sein Gehirn war merkwürdig kühl und klar.
„Er hastete zurück zum Gryffindor-Turm,“ sagte Umbridge. Es lag ein unanständiges Entzücken in ihrer Stimme, das
gleiche gefühllose Vergnügen, das Harry gehört hatte als sie zusah wie Professor Trelawney sich in der
Eingangshalle in Jammer auflöste.
„Der Malfoy hat ihn geschnappt.“
„Tat er das, tat er das?“ sagte Fudge anerkennend. „Ich darf nicht vergessen das Lucius zu erzählen. Nun, Potter ...
ich denke du weißt, warum du hier bist?“
Harry beabsichtigte voll mit einem trotzigen „Ja“ zu antworten: Sein Mund öffnete sich und das Wort war schon halb
heraus, als er einen Blick auf Dumbledor“s Gesicht erhaschte. Er schaute nicht direkt auf Harry, seine Augen waren
auf einen Punkt knapp oberhalb seiner Schulter fixiert - aber als Harry ihn anblickte, schüttelte er seinen Kopf den
Bruchteil eines Zoll zu jeder Seite.
Harry änderte mitten im Wort die Richtung.
„J-Nein.“
„Entschuldige?“ sagte Fudge.
„Nein,“ sagte Harry fest.
„Du weißt nicht warum du hier bist?“
„Nein, ich weiß es nicht,“ sagte Harry.
Fudge blickte ungläubig von Harry zu Professor Umbridge. Harry benutze den Vorteil seiner momentanen
Unaufmerksamkeit, um verstohlen einen weiteren schnellen Blick auf Dumbledor zu werfen, der dem Teppich ein
winziges Nicken und den Schatten eines Winks gab.
„Du hast also keine Idee,“ sagte Fudge, mit einer von Sarkasmus getränkten Stimme, „warum Professor Umbridge
dich in dieses Büro gebracht hat? Du bist dir nicht bewußt, gegen irgendeine Schulregel verstoßen zu haben?“
„Schulregel?“ sagte Harry. „Nein.“
„Oder ministerielle Erlasse?“ berichtigte Fudge ärgerlich.
„Nicht daß es mir bewußt wäre,“ sagte Harry höflich.
Sein Herz hämmerte immer noch sehr schnell. Es war es wenigstens wert, diese Lügen zu erzählen und zu
beobachten wie Fudge“s Blutdruck stieg, aber er konnte sich nicht vorstellen wie auf der Welt er damit davon
kommen könnte; wenn jemand Umbridge über DA einen Tipp gegeben hatte, dann würde er, der Leiter, sowieso
sofort seine Koffer packen.
„So, das sind also Neuigkeiten für dich, meinst du,“ sagte Fudge, seine Stimme jetzt voller Ärger, „daß eine
unerlaubte Studenten-Organisation in dieser Schule entdeckt wurde?“
„Ja, so ist es“ sagte Harry, einen wenig überzeugenden Ausdruck unschuldiger Überraschung auf sein Gesicht
ziehend.
„Ich denke, Minister,“ sagte Umbridge mit seidiger Stimme von der Seite, „wir werden bessere Fortschritte machen,
wenn ich unseren Informanten hole.“
„Ja, ja, machen sie das,“ sagte Fudge nickend, und er warf Dumbledore einen bösartigen Blick zu, als Umbridge den
Raum verließ. „Es geht nichts über einen guten Zeugen, nicht wahr, Dumbledore?“
„Absolut nicht, Cornelius,“ sagte Dumbledore ernsthaft und neigte seinen Kopf.
Es gab eine Wartezeit von mehreren Minuten, in denen niemand den anderen ansah, dann hörte Harry das Öffnen der
Tür hinter sich. Umbridge bewegte sich an ihm vorbei in den Raum und hatte Chos lockenhaarige Freundin Marietta
an der Schulter gepackt, die ihr Gesicht in den Händen verbarg. „Keine Panik, meine Liebe, hab keine Angst,“ sagte
Professor Umbridge sanft während sie ihr über den Rücken streichelte, „es ist jetzt alles vollkommen in Ordnung. Du
hast das richtige getan. Der Minister ist sehr zufrieden mit dir. Er wird deiner Mutter erzählen was für ein gutes
Mädchen du gewesen bist. Mariettas Mutter, Minister,“ fügte sie hinzu und sah zu Fudge auf, „ist Madam
Edgecombe von der Abteilung für Magisches Transportwesen, Floh-Netzwerk Büro - sie hat uns geholfen die Feuer
von Hogwarts zu überwachen, wissen Sie.“
„Sehr gut, sehr gut!“ sagte Fudge herzlich. „Wie die Mutter, so die Tochter, wie? Also, nun komm schon, Liebes,
schau nach oben, sei nicht schüchtern, laß hören was du zu - gallopierende Gargoyles!“
Als Marietta den Kopf hob, sprang Fudge erschrocken zurück und landete dabei beinahe im Feuer. Er fluchte und
stampfte auf den Saum seines Mantels, der zu rauchen begonnen hatte. Marietta jammerte und zog den Kragen ihres
Umhangs hoch bis direkt unter ihre Augen, aber nicht, bevor jeder gesehen hatte, daß ihr Gesicht fürchterlich durch
eine Reihe von dicht stehenden purpurfarbenen Pusteln entstellt war, die quer über ihre Nase und Wangen das Wort
„PETZE“ formten.
„Beachte die Punkte jetzt einfach nicht, Liebes,“ sagte Umbridge ungeduldig, „nimm einfach deinen Umhang vor
deinem Mund weg und erzähle dem Minister -“
Aber Marietta gab nur ein weiteres gedämpftes Jammern von sich und schüttelte heftig den Kopf.
„Oh, na gut, du törichtes Mädchen, ich werde es ihm erzählen,“ schnappte Umbridge. Sie zwang ihr widerliches
Lächeln wieder zurück in ihr Gesicht und sagte: „Also, Minister, Miss Edgecombe hier kam heute kurz nach dem
Abendessen zu meinem Büro und teilte mir mit, daß sie mir etwas erzählen habe. Sie sagte, daß ich, wenn ich zu
einem geheimen Raum ginge, der manchmal als der Raum des Bedarfs bezeichnet wird, würde ich etwas für mich
vorteilhaftes herausfinden. Ich befragte sie noch ein wenig weiter und sie gab zu, daß dort eine Art Treffen stattfinde.
Unglücklicherweise begann an diesem Punkt dieser Zauber“ sie deutete ungeduldig auf Mariettas verborgenes
Gesicht, „zu wirken und als sie ihr Gesicht in meinem Spiegel entdeckte, war das Mädchen zu besorgt, um mir noch
mehr zu berichten.“
„Also,“ sagte Fudge und fixierte Marietta mit dem, was er offensichtlich unter einen freundlichen und väterlichen
Blick vorstellte, „es ist sehr tapfer von dir, meine Liebe, zu Professor Umbridge zu kommen um ihr das mitzuteilen.
Du hast genau das richtige getan. Na, wirst du mir jetzt erzählen was bei diesem Treffen geschehen ist? Was war der
Zweck? Wer war dort?“
Aber Marietta redete nicht, sie schüttelte nur wieder mit großen und furchtsamen Augen den Kopf.
„Haben wir keinen Gegenzauber dafür?“ fragte Fudge Umbridge ungeduldig und gestikulierte zu Mariettas Gesicht.
„So daß sie frei sprechen kann?“
„Ich habe bis jetzt keinen finden können,“ gab Umbridge widerwillig zu, und Harry fühlte Welle des Stolzes auf
Hermines Zauberfähigkeiten. Aber es macht nichts, wenn sie nicht spricht, ich übernehme die Geschichte ab jetzt.
„Sie werden sich erinnern, Minister, daß ich Ihnen im Oktober einen Report darüber geschickt habe, daß Potter eine
Anzahl seiner Mitschüler im Eberkopf in Hogsmeade getroffen hat -“
„Und was ist Ihr Beweis dafür?“ fuhr Professor McGonagall dazwischen.
„Ich habe die Zeugenaussage von Willy Widdershins, Minerva, der zufällig zur gleichen Zeit in der Bar war. Er war
zwar stark bandagiert, aber sein Hörvermögen war unversehrt, sagte Umbridge selbstgefällig. „Er hat jedes Wort
gehört, daß Potter sagte und hastete direkt zur Schule um mir Bericht zu erstatten -“
„Oh, das ist also der Grund, warum er nicht dafür bestraft wurde, all diese sich übergebenden Toiletten aufgestellt zu
haben!“ sagte Professor McGonagall und zog die Augenbrauen hoch. „Was für ein interessanter Einblick in unser
Gerichtssystem!“
„Unverhohlene Korruption!,“ röhrte das Portrait des korpulenten, rotnasigen Zauberers an der Wand hinter
Dumbledores Schreibtisch. „Zu meiner Zeit hat das Ministerium keine Handel mit Kleinkriminellen abgeschlossen,
nein Sir, das haben sie nicht!“
„Danke, Fortesque, das wird reichen,“ sagte Dumbledore sanft.
„Der Grund für Potters Treffen mit diesen Schülern,“ fuhr Professor Umbridge fort, „war sie alle zu überzeugen,
einer illegalen Gesellschaft beizutreten, deren Ziel es war, Zaubersprüche und Flüche zu lernen, die das Ministerium
als für das Schulalter unangemessen eingestuft hatte -“
„Ich denke, Sie werden erkennen, das Sie hier unrecht haben, Dolores,“ sagte Dumbledore ruhig und spähte sie über
seine halbmondförmige Brille an, die er seine gekrümmte Nase halb hinunter geschoben hatte.
Harry starrte ihn an. Er konnte nicht erkennen, wie Dumbledore ihn aus dieser Sache wieder heraus reden wollte;
denn falls Willy Widdershins tatsächlich jedes Wort daß er im Eberkopf gesagt hatte, mitangehört hatte, gab es
einfach kein Entkommen.
„Oho!“ sagte Fudge, wieder auf den Füßen auf und nieder wippend. „Ja, lassen Sie uns die neueste absurde
Geschichte hören, die entwickelt wurde um Potter aus Ärger herauszuholen! Also, weiter, Dumbledore, weiter -
Willy Widdershins hat gelogen, nicht wahr? Oder war Potters eineiiger Zwilling an jenem Tag im Eberkopf? Oder ist
es die gewöhnliche einfache Geschichte, in der es um eine Zeitumkehr, einen toten Mann, der wieder lebendig wird
und ein paar unsichtbare Dementoren geht?“
Percy Weasley lachte herzlich.
„Oh, sehr gut, Minister, sehr gut!“
Harry hätte ihm am liebsten getreten. Dann sah er, zu seinem Erstaunen, daß Dumbledore ebenfalls wohl wollend
lächelte.
„Cornelius, ich bestreite gar nicht - und auch Harry nicht, da bin ich sicher- das er an diesem Tag im Eberkopf war,
noch daß er versucht hat, Schüler für eine Gruppe zur Verteidigung gegen die Dunklen Künste anzuwerben. Ich
stelle lediglich fest, daß Dolores mit ihrer Unterstellung, das die Bildung einer solchen Gruppe zu diesem Zeitpunkt
illegal war, völlig im Unrecht ist. Wenn sie sich erinnern, trat der Erlass, der alle studentischen Gruppen verbietet
erst zwei Tage nach Harrys Treffen in Hogsmeade in Kraft, also hat er im Eberkopf überhaupt keine Regeln
gebrochen.“
Percy sah aus, als hätte ihn gerade etwas sehr schweres im Gesicht getroffen. Fudge verharrte mit offenhängendem
Mund regungslos mitten im Wippen.
Umbridge erholte sich als erste.
„Das ist ja alles sehr schön, Schulleiter,“ sagte sie süß lächelnd, #Aber nun sind fast sechs Monate seit der
Einführung des Ausbildungserlasses Nummer Siebenundzwanzig vergangen. Falls das erste Treffen nicht illegal war,
so waren es doch ganz sicher alle die seit dem stattgefunden haben.“
„Nun,“ sagte Dumbledore und musterte sie mit höflichem Interesse über die Spitzen seiner verschränkten Finger
hinweg, „das wären sie sicher, wenn sie fortgeführt worden wären, nachdem der Erlaß wirksam wurde. Haben Sie
irgendeinen Beweis das solche Treffen fortgeführt wurden?“
Als Dumbledore sprach, hörte Harry ein Rascheln hinter sich und dachte, daß Kingsley etwas flüsterte. Er hätte auch
schwören können, daß ihn etwas leicht an der Seite berührte, ein kleines bißchen so wie ein Luftzug oder
Vogelflügel, doch als er nach unten sah, konnte er nichts entdecken.
„Aussage?,“ wiederholte Umbridge mit diesem grässlichen, breiten, krötengleichen Grinsen. „Haben Sie nicht
zugehört, Dumbledore? Warum meinen Sie ist Miss Edgecombe hier?“
„Oh, kann sie uns von sechs Monaten Treffen erzählen?,“ fragte Dumbledore und hob die Augenbrauen. „Ich hatte
den Eindruck, sie berichte bloß über ein Treffen heute Nacht.“
„Miss Edgecombe,“ sagte Umbridge auf einmal, „erzählen Sie uns, wie lange diese Treffen schon stattfinden, meine
Liebe. Sie brauchen nur ihren Kopf zu schütteln oder zu nicken, ich bin sicher, daß das die spots [kenne Kontext
nicht; könnten Hautmale sein, Stellen, blaue Flecken ... vielleicht durch eine Verhexung oder so? keine Ahnung. ]
nicht schlimmer macht. Waren diese Treffen regelmäßig in den letzten sechs Monaten?“
Harrys Bauch drehte sich. Das war es, sie hatten die Sackgasse der Aussage erreicht, die nicht einmal Dumbledore
wegschaffen konnte.
„Meine Liebe, Sie brauchen nur den Kopf zu schütteln oder zu nicken,“ sagte Umbridge möglichst überzeugend zu
Marietta, „kommen Sie jetzt, es wird die Verzauberung schon nicht wieder anregen.“
Jeder im Raum starrte auf den oberen Teil von Mariettas Kopf. Nur ihre Augen waren zwischen der hochgezogenen
Robe und ihrem gewellten Saum zu sehen. Vielleicht war es nur eine Täuschung durch das Feuer, doch ihre Augen
sahen seltsam ausdruckslos aus. Und dann - zu Harrys Verblüffung - schüttelte sie ihren Kopf.
Umbridge blickte schnell zu Fudge und dann zurück zu Marietta.
„Ich glaube nicht, daß Sie meine Frage verstanden haben., oder, meine Liebe? Ich hatte gefragt, ob Sie in den letzten
sechs Monaten zu den Treffen gegangen sind? Sie sind, oder?“
Marietta schüttelte noch einmal den Kopf.
„Was meinen Sie damit, wenn Sie den Kopf schütteln?,“ fragte Umbridge mit gereizter Stimme.
„Ich würde denken, Ihre Meinung ist relativ klar,“ sagte Professor McGonagall barsch, „es gab in den letzten sechs
Monaten keine geheimen Treffen. Ist das richtig, Miss Edgecombe?“
Marietta nickte.
„Aber es gab ein Treffen heute nacht!,“ sagte Umbridge wütend. „Es gab ein Treffen, Miss Edgecombe, Sie haben
mir davon erzählt, im Room of Requirement! Und Potter war der Anführer, oder nicht, Potter hat es organisiert,
Potter - warum schütteln Sie den Kopf, Mensch??“
„Nun ja, wenn eine Person den Kopf schüttelt,“ sagte McGonagall kalt, „dann meint sie normalerweise „Nein.“
Sofern Miss Edgecombe keine Zeichensprache benutzt, die den Menschen noch nicht bekannt ist -”
Professor Umbridge packte Marietta, drehte sie herum, um ihr ins Gesicht zu sehen und schüttelte sie heftig. Den
Bruchteil einer Sekunde später war Dumbledore mit erhobenem Zauberstab aufgestanden; Kingsley schoss vorwärts
und Umbridge ließ von Marietta ab und wedelte mit den Händen, als ob sie brannten.
„Ich kann Ihnen nicht erlauben, meine Schüler zu misshandeln, Dolores,“ sagte Dumbledore und sah zum ersten Mal
verärgert aus.
„Sie sollten sich beruhigen, Madam Umbridge,“ sagte Kingsley mit seiner tiefen, langsamen Stimme. „Sie wollen
sich doch jetzt nicht in Schwierigkeiten bringen.“
„Nein,“ sagte Umbridge atemlos und blickte zur gewaltigen Gestalt Kingsleys hinauf. „Ich meine, ja - sie haben
Recht, Shacklebolt - ich - ich habe mich vergessen.“
Marietta stand genau da, wo Umbridge sie freigegeben hatte. Sie schien sich weder an Umbridges plötzlicher
Attacke zu stören, noch schien sie erleichtert ob ihrer Freigabe; sie hielt noch immer ihre Robe über ihre seltsam
ausdruckslosen Augen und starrte nur geradeaus.
Eine plötzliche Ahnung, die mit Kingsleys Wispern und dem Ding, das er an sich vorbeischießen gefühlt hatte, kam
Harry in den Sinn.
„Dolores,“ sagte Fudge, der den Eindruck machte, als ob er etwas ein für alle Mal erledigen wollte, „dieses Treffen
heute nacht -von dem wir definitiv wissen, daß es stattgefunden hat-”
„Ja,“ sagte Umbridge und nahm sich zusammen, „ja ... nun ja, Miss Edgecombe gab mir einen Tip und ich ging,
begleitet von einigen vertrauenswürdigen Schülern sofort zum siebten Stockwerk, um die am Treffen teilnehmenden
in flagranti zu erwischen. Es scheint, daß sie vor meinem Erscheinen vorgewarnt worden waren, denn als wir im
siebten Stockwerk ankamen, rannten sie in jede Richtung davon. Das macht aber nichts. Ich habe alle ihre Namen
hier; Miss Parkinson war in den Room of Requirement, um für mich nachzusehen, ob sie etwas zurückgelassne
hatten. Wir brauchten Belege, und der Raum gab sie uns.“
Und zu Harrys Schrecken zog sie aus ihrer Tasche die Liste der Namen hervor, die an die Wand des Rooms of
Requirement gepinnt war, und gab sie Fudge.
„In dem Moment, wo ich Potters Namen auf der Liste sah, wußte ich, um was es sich handelt.,“ sagte sie sanft.
„Exzellent,“ sagte Fudge, auf dessen Gesicht sich ein Lächeln ausbreitete, „exzellent, Dolores. Und ... zum
Donnerwetter ...“
Er sah zu Dumbledore auf, der noch bei Marietta stand, seinen Zauberstab locker in der Hand.
„Sehen Sie, wie sie sich genannt haben?,“ fragte Fudge leise. „Dumbledores Armee.“
Dumbledore streckte seine Hand aus und nahm das Pergament. Er starrte auf die Überschrift, die von Hermine
Monate zuvor geschrieben worden war und schien für einen Moment nicht fähig zu sein, zu sprechen. Dann sah er
lächelnd auf.
„Na gut, das Spiel ist aus.,“ sagte er nur. „Möchten Sie ein schriftliches Geständnis von mir, Cornelius - oder reicht
eine Aussage vor diesen Zeugen aus?“
Harry sah, wie sich McGonagall und Kingsley ansahen. Es war nackte Angst in beiden Gesichtern. Er verstand nicht,
was vor sich ging, und Fudge augenscheinlich auch nicht.
„Aussage?,“ sagte Fudge langsam. „Was? Ich werde nicht - ?“
„Dumbledores Armee, Cornelius,“ sagte Dumbledore noch immer lächelnd und wedelte mit der Namensliste vor
Fudges Gesicht herum. „Nicht Potters Armee. Dumbledores Armee.“
„Aber - aber - ”
Da verstand Fudge auf einmal. Er tat einen entsetzten Schritt zurück, schrie und sprang wieder aus dem Feuer heraus.
„Sie?,“ wisperte er und stampfte noch einmal auf seinem qualmenden Mantel.
„Richtig,“ sagte Dumbledore freundlich.
„Sie haben das organisiert?“
„So ist es.,“ sagte Dumbledore.
„Sie haben diese Schüler für - für ihre Armee rekrutiert?“
„Heute nacht sollte das erste Treffen stattfinden,“ sagte Dumbledore und nickte. „Ich wollte nur sehen, ob sie
interessiert seien, mir zu helfen. Ich merke jetzt natürlich, daß es ein Fehler war, Miss Edgecombe einzuladen.“
Marietta nickte. Fudge sah von ihr zu Dumbledore, seine Brust schwoll an.
„Dann haben Sie gegen mich intrigiert!,“ schrie er.
„Das stimmt,“ sagte Dumbledore heiter.
„NEIN!,“ schrie Harry.
Kingsley warf ihm einen warnenden Blick zu, McGonagalls Augen weiteten sich bedrohlich, aber hatte Harry es
plötzlich gedämmert, was Dumbledore gerade tat und er konnte es nicht geschehen lassen.
„Nein - Professor Dumbledore -!“
„Sei still, Harry, oder du mußt leider mein Büro verlassen,“ sagte Dumbledore ruhig.
„Ja, sei still, Potter!,“ bellte Fudge, der Dumbledore noch immer mit einer Art entsetztem Entzücken ansah. „Gut,
gut, gut - Ich bin heute abend hier hergekommen in der Erwartung, Potter von der Schule zu verweisen, aber anstatt
dessen -“
„Anstatt dessen werden sie mich verhaften,“ sagte Dumbledore lächelnd. „Es ist, als ob man einen Knut verliert und
eine Galleone findet, nicht wahr?“
„Weasley!,“ kreischte Fudge, der jetzt vor Entzücken bibberte, „Weasley, haben Sie das alles mitgeschrieben, alles,
was er gesagt hat, sein Geständnis, haben Sie das?“
„Ja, Sir, ich denke schon, Sir!,“ sagte Percy eifrig, dessen Nase wegen des schnellen Mitschreibens mit Tinte
besprenkelt war.
„Wie er versucht hat, eine Armee gegen das Ministerium aufzustellen, wie er versucht hat, mich zu stürzen?“
„Jawohl, Sir, ich habe es, jawohl!,“ sagte Percy und betrachtete freudig seine Notizen.
„Sehr gut,“ sagte Fudge, jetzt vor Fröhlichkeit glänzend, „machen Sie eine Abschrift von ihren Notizen, Weasley,
und schicken Sie sofort eine Kopie zum Tagespropheten. Wenn wir eine schnelle Eule nehmen, sollten wir es zur
morgigen Ausgabe schaffen!“
Percy rannte aus dem Raum und schlug die Tür hinter sich zu und Fudge wandte sich wieder an Dumbledore: „Sie
werden jetzt zum Ministerium zurückeskortiert werden, wo Sie der Form gemäß angeklagt werden; danach werden
Sie nach Askaban gehen, um den Prozess zu erwarten.“
„Ah,“ sagte Dumbledore milde, „ja. Ja, ich dachte mir schon, daß wir um dieses Problemchen nicht herumkommen.“
„Problemchen?,“ sagte Fudge, dessen Stimme immer noch vor Freude zitterte, „Ich sehe kein Problemchen,
Dumbledore!“
„Naja,“ sagte Dumbledore rechtfertigend, „es tut mir durchaus leid, ich sehe eines.“
„Ach, tatsächlich?“
„Nun ja - es ist nur, daß Sie den Irrtum hegen, ich würde - wie sagt man? - stillschweigend folgen. Es tut mir leid,
daß ich überhaupt nicht stillschweigend folgen werde, Cornelius. Ich hege keinesfalls die Absicht, nach Askaban zu
gehen. Ich könnte natürlich ausbrechen - aber welch Zeitverschwendung das bedeutete, und offen gesagt kann ich
mir eine Menge andere Dinge vorstellen, die ich lieber tun würde.“
Umbridges Gesicht wurde ständig röter. Sie sah aus, als würde sie mit kochendem Wasser aufgefüllt. Fudge stierte
Dumbledore mit einem sehr dümmlichen Gesichtsausdruck an, als wäre er von einem plötzlichen Schlag betäubt und
könnte es nicht fassen, was geschah. Er machte ein leises unterdrücktes Geräusch, dann blickte er zu Kingsley und
dem Mann mit dem grauen kurzen Haar, der als einziger im Zimmer bisher ganz ruhig geblieben war. Der letztere
nickte Fudge bestätigend zu und bewegte sich ein wenig ein Stück von der Wand weg vorwärts. Harry sah, wie
seine Hand fast wie beiläufig in Richtung Tasche glitt.
„Sei nicht dumm, Dawlisch,“ sagte Dumbledore freundlich, „ich bin sicher, du bist ein hervorragender Auror - ich
glaube mich erinnern zu können, daß du ein „überragend“ in allen deinen UTZs erreicht hast - aber wenn du
versuchst, mich unter Druck zu setzen, werde ich dir weh tun.“
Der mit Dawlish angesprochene Mann blinzelte ziemlich verwirrt. Er blickte wieder zu Fudge, aber dieses Mal
schien er einen Hinweis zu erwarten, was er als nächstes tun sollte.
„So, Dumbledore,“ spottete Fudge und baute sich auf, „du beabsichtigst Dawlisch, Shaklebolt, Dolores und mich
selbst allein zu überwältigen?“
„Beim Barte Merlins, nein,“ antwortete Dumbledore lächelnd, „ausser ihr seid närrisch genug, mich anzugreifen.“
„Er wird nicht allein sein!“ sagte Professorin McGonagall laut und fuhr mit ihrer Hand unter ihren Umhang.
„O doch, Minerva, ich werde ,“ sagte Dumbledore scharf. „Hogwarts braucht dich!“
„Genug mit diesem Quatsch!“ sagte Fudge und zog seinen Zauberstab. „Dawlish, Shacklebolt! Schnappt ihn!“
Ein silberner Lichtstrahl blitzte durch das Zimmer, es knallte wie ein Gewehrschuss und der Fussboden bebte. Eine
Hand packte Harrys Genick und drückte ihn auf den Boden hinunter als ein zweiter silberner Lichtstrahl aufblitzte.
Einige der Porträts
stiessen Schreie aus, Fawkes kreischte und eine Wolke aus Staub hing in der Luft.
Während er wegen des Staubes hustete, sah Harry eine dunkle Figur vor sich auf den Boden krachen. Es folgte ein
schriller Schrei, ein dumpfes Geräusch, irgend- jemand kreischte „Nein!,“ dann zerberstendes Glas, verzweifelt
schlurfende Schritte, ein Stöhnen… und Stille.
Harry strengte sich an, zu sehen, wer ihn halb erwürgte und er erkannte Professorin McGonagall neben sich kauern.
Sie hatte ihn und Marietta mit Gewalt aus der Gefahrenzone heruntergezogen. Staub senkte sich sanft aus der Luft
auf sie herab. Während er wenig nach Luft schnappte, sah Harry eine grosse Figur auf sie zukommen.
„Seid ihr in Ordnung?“ fragte Dumbledore.
„Ja!“ antwortete Professorin McGonagall, wobei sie beim Aufstehen Harry und Marietta mit hochzog.
Der Staub verzog sich weiter. Die Trümmer des Büros zeichneten sich ab: Dumbledores Schreibtisch war
umgeworfen worden, alles war von den zierlichen Tischen auf den Fussboden geworfen worden, die silbernen
Instrumente waren in Stücke zerbrochen. Fudge, Umbridge, Kingsley und Dawlish lagen bewegungslos auf dem
Boden. Fawkes, der Phönix, zog leise singend weite Kreise in der Luft über ihnen.
„Unglücklicherweise mußte ich auch Kingsley niederwerfen, es hätte sonst sehr verdächtigt ausgesehen,“ sagte
Dumbledore mit belegter Stimme. „Er veränderte bemerkenswert schnell das Gedächtnis von Miss Edgecomb,
während alle nach einem anderen Weg schauten - würdest du dich für mich bei ihm bedanken, Minerva?“
„Nun, sie werden alle sehr bald aufwachen und es wird das Beste sein, sie wissen nicht, daß wir Zeit hatten,
miteinander zu reden. Du mußt es so darstellen, als ob sie lediglich zu Boden geschlagen worden wären, sie werden
sich nicht erinnern - .“
„Dumbledore, wohin wirst du gehen?“ flüsterte McGonagall, „Grimmauld Place?“
„Oh nein,“ antwortete mit einem grimmigen Lächeln, „ich werde mich nicht verstecken. Fudge wird sich bald
wünschen, er hätte mich nicht aus Hogwarts verstossen. Das verspreche ich dir.“
„Professor Dumbledore…“ begann Harry.
Er wußte nicht was er zuerst sagen sollte: an erster Stelle, wie leid es ihm tat, daß er mit diesem DA anfing und ihn
in all diese Schwierigkeiten stürzte, oder wie furchtbar er sich fühlte, als Dumbledore ihn vor der rettete? Aber
Dumbledore unterbrach ihn, bevor er ein weiteres Word sagen konnte.
„Harry, hör mir zu,“ sagte er eindringlich, „du mußt Okklumencie erlernen, so intensiv wie du kannst. Tu alles, was
Professor Snape von dir verlangt und übe es besonders jede Nacht vor dem Einschlafen, damit du deinen Geist gegen
die üblen Träume verschliessen kannst - du wirst bald verstehen warum, aber du mußt es mir versprechen - .“
Der Mann, der Dawlish genannt wurde, begann sich zu rühren. Dumbledore ergriff Harrys Handgelenk.
„Denke daran - verschliesse deinen Geist - .“
Als sich Dumbledores Finger um Harrys Haut schlossen, schoss ein Schmerz durch die Narbe auf seiner Stirn und er
fühlte wieder dieses furchtbare schlangenhafte Verlangen, Dumbledore anzugreifen, ihn zu beissen, ihn zu verletzen.
„ - du wirst verstehen,“ flüsterte Dumbledore.
Fawkes kreiste im Büro und glitt knapp über ihn. Dumbledore liess Harry los, hob seine Hand und griff nach den
goldenen Schwanzfedern des Phönix“ . Es folgte einen Feuerblitz und die beiden waren verschwunden.
„Wo ist er?“ brüllte Fudge und versuchte vom Boden aufzustehen „Wo ist er?“
„Ich weiss es nicht!“ rief Kingsley und versuchte ebenfalls auf die Füsse zu kommen.
„Also, er kann nicht disappariert haben!“ kreischte die Umbridge. „Man kann das nicht von innerhalb der Schule - „
„Die Treppe!,“ rief Dawlish, warf sich gegen die Tür, drückte sie auf und verschwand
gefolgt von Kingsley und der Umbridge. Fudge zögerte, dann kam er langsam auf die Füsse und klopfte sich den
Staub vorn aus den Kleidern. Es entstand einen lange und peinliche Stille.
„Nun, Minerva,“ sagte Fudge bösartig und überspielte sein Tränen hemdsärmelig,
„ich fürchte, das ist das Ende ihres Freundes Dumbledore.“
„So meinen sie, nicht wahr?“ bemerkte Professorin Dumbledore verächtlich.
Fudge schien ihr nicht zuzuhören. Er schaute in dem zertrümmerten Büro umher. Einige der Porträts zischten ihn an,
ein oder zwei zeigten ihm sogar beleidigende Handzeichen.
„Sie bringen diese zwei besser zu Bett,“ sagte Fudge und schaute zurück zu Professorin McGonagall mit einem
wegwerfenden Nicken Richtung Harry und Marietta.
Professorin McGonagall antwortete nichts, sondern ging mit Harry und Marietta zur Tür. Als sie hinter ihnen zufiel,
hörte Harry die Stimme von Phineas Nigellus
„Sie wissen, Minister, ich stimme in vielen Punkten nicht mit Dumbledore überein…,
aber sie können es nicht abstreiten: er hat Stil…“
Kapitel 28 - Snape’s übelste Erinnerung
AUF ANORDNUNG DES ZAUBEREIMINISTERIUMS
Dolores Janes Umbridge (Hochinquisitor) hat Albus Dumbldore als Schulleiter von Hogwarts, der Schule für
Hexerei und Zauberkraft, abgelöst.
Das Obenstehende steht in Übereinstimmung mit dem Bildungsdekret Nr. 28
Gezeichnet: Cornelius Oswald Fudge, Zaubereiminister
Die Mitteilung war über Nacht in der ganzen Schule herumgegangen, das erklärte aber nicht, woher jede einzelne
Person im Schloss zu wissen schien, daß Dumbledore zwei Auroren, den Hochinquisitor, den Zaubereiminister und
seinen persönlichen Assistenten überwältigt hatte und geflohen war. Egal, wo Harry auch hinging, das einzige
Gesprächsthema war Dumbledores Flucht und auch wenn einige Details in den Nacherzählungen verfälscht worden
waren (Harry hörte mit, wie eine Zweitklässlerin einer anderen versicherte, daß Fudge nun im St. Mungos lag, mit
einem Kürbis an Stelle des Kopfes), war es überraschend, wie zutreffend der Rest der Informationen war. Zum
Beispiel wußte jeder, daß Harry und Marietta die einzigen Schüler waren, die die Szene in Dumbledores Büro
miterlebt hatten, und nun, wo Marietta im Krankenflügel lag, wurde Harry immer wieder mit Bitten bedrängt, einen
Bericht aus erster Hand zu geben.
„Dumbledore wird schon bald zurück sein,“ sagte Ernie Macmillan zuversichtlich auf dem Rückweg aus dem
Pflanzenkunde-Unterricht, nachdem er aufmerksam Harrys Geschichte gehört hatte. „Sie konnten ihn in unserem
zweiten Jahr von der Schule fernhalten und sie werden es auch diesmal nicht schaffen. Der Fette Mönch sagte mir -“
er senkte verschwörerisch die Stimme, sodaß Harry, Ron und Hermine sich näher zu ihm herüberlehnen mußten um
ihn zu hören „- daß Umbridge es versucht hat, zurück in das Büro zu kommen, nachdem sie letzte Nacht das Schloss
und das Gelände nach ihm durchsucht hatten. Sie ist nicht an dem Wasserspeier vorbeigekommen. Das Büro des
Schulleiters hat sich gegen sie versiegelt.“ Ernie grinste. „Wie es scheint, hatte sie einen richtigen kleinen
Wutanfall.“
„Oh, ich wette, sie hat schon davon geträumt, dort in dem Schulleiter-Büro zu sitzen,“ sagte Hermine boshaft, als sie
die steinerne Treppe zur Eingangshalle hinaufgingen. „Sich als Herrin über alle anderen Lehrer aufspielend, diese
dumme, aufgeblasene, machtgierige alte -“
„Willst du diesen Satz jetzt wirklich zu Ende sprechen, Granger?“
Draco Malfoy war hinter der Tür hervorgekommen, gefolgt von Crabbe und Goyle. Sein bleiches, spitzes Gesicht
war von Bosheit erleuchtet.
„Ich fürchte, ich werde Gryffindor und Hufflepuff ein paar Punkte abziehen müssen.“ sagte er gedehnt.
„Nur Lehrer können den Häusern Punkte abziehen, Malfoy.“ sagte Ernie.
„Genau, und wir sind nur Vertrauensschüler, weißt du?“ fauchte Ron.
„Ich weiß, daß Vertrauensschüler keine Punkte abziehen können, Wiesel-König.“ grinste Malfoy höhnisch. Crabbe
und Goyle wieherten. „Aber Mitglieder der Inquisitionsmannschaft-“
„Der was?“ fragte Hermine scharf.
„Der Inquisitorialmannschaft, Granger,“ sagte Malfoy, auf das kleine „I“ auf seinem Umhang neben dem Abzeichen
der Vertrauensschüler deutend. „Eine ausgewählte Gruppe von Schülern, die das Zaubereiministerium unterstützen,
sorgfältig ausgewählt von Professor Umbridge. Wie auch immer, die Mitglieder der Inquisitorialmannschaft haben
das Recht Punkte abzuziehen... also, Granger, fünf Punkte Abzug für deine Unverschämtheit gegen unsere neue
Schulleiterin. Macmillan, fünf Punkte, weil du mir widersprochen hast. Fünf Punkte, weil ich dich nicht ausstehen
kann, Potter. Weasley, dein Hemd ist nicht ordentlich, dafür nochmal fünf Punkte. Oh und ich vergaß: du bist ein
Schlammblut, Granger, dafür zehn Punkte Abzug.“
Ron zog seinen Zauberstab heraus, aber Hermine schob ihn weg und flüsterte: „Tu das nicht!“
„Weise Entscheidung, Granger,“ atmete Malfoy auf. „Neue Schulleiterin, neue Zeiten... sei also brav, Potty...
Wiesel-König...“
Laut lachend ging er mit Crabbe und Goyle davon.
„Er blufft nur,“ sagte Ernie mit einem entsetzten Blick. „Es kann nicht sein, daß er Punkte abziehen darf... das ist
doch lächerlich... das würde das System der Vertrauensschüler völlig untergraben.“
Aber Harry, Ron und Hermine hatten sich gleich zu den riesigen Stundengläsern umgedreht, die in den Wandnischen
hinter ihnen angebracht waren und den Punktestand der Häuser anzeigten. Am Morgen war es noch ein Kopf-an-
Kopf-Rennen zwischen Gryffindor und Ravenclaw gewesen. Während sie noch hinsahen, verkleinerten sich die
Zahlen in den unteren Kugeln. Tatsächlich schien das einzige Glas, in dem sich die Punktezahl nicht verändert hatte,
das von Slytherin zu sein.
„Ihr habt es schon bemerkt, nicht wahr?“ erklang Freds Stimme.
Er und George waren gerade die Marmortreppe hinuntergekommen und gesellten sich zu Harry, Ron, Hermine und
Ernie an den Stundengläsern.
„Malfoy hat uns gerade um die fünfzig Punkte abgezogen,“ sagte Harry wütend, während sie einige Punkte mehr aus
dem Glas der Gryffindors verschwinden sahen.
„Ja, das hat Montague mit uns auch in der Pause versucht.“ sagte George.
„Was meinst du mit „versucht“?“ fragte Ron schnell.
„Er hat es nicht mal geschafft, die Worte ganz auszusprechen,“ sagte Fred „weil wir ihn kopfüber in diesen
Verschwinde-Schrank im ersten Stockwerk gesteckt haben.“
Hermine sah die beiden schockiert an.
„Aber ihr werdet ganz furchtbar in Schwierigkeiten kommen!“
„Nicht solange Montague verschwunden bleibt und bis er wieder auftaucht, können Wochen vergehen - keine
Ahnung wohin wir ihn geschickt haben,“ sagte Fred kühn. „Egal... wir haben beschlossen, uns nicht mehr darum zu
kümmern, ob wir Ärger bekommen.“
„Habt ihr das denn jemals getan?“ fragte Hermine.
„Natürlich haben wir das,“ sagte George. „Zumindest sind wir noch nicht von der Schule geflogen, nicht wahr?“
„Wir wußten immer, wo wir uns Grenzen setzen müssen.“ sagte Fred.
„Es könnte sein, daß wir schon mal kurz mit dem Gedanken gespielt haben.“ sagte George.
„Aber wir haben immer rechtzeitig aufgehört um kein völliges Chaos zu verursachen.“ sagte Fred.
„Und was ist jetzt?“ fragte Ron versichtig.
„Naja, jetzt -“ sagte George.
„- wo Dumbledore gegangen ist -“ sagte Fred.
„- denken wir, ein bißchen Chaos -“ sagte George.
„- ist genau das, was unsere neue Schulleiterin verdient.“ sagte Fred.
„Das dürft ihr nicht!“ flüsterte Hermine. „Ihr dürft es wirklich nicht! Sie sucht nur nach einem Grund um euch
rauszuwerfen!“
„Du hast es nicht kapiert, was, Hermine?“ sagte Fred und grinste sie an. „Es ist uns egal, ob wir bleiben oder nicht.
Wir würden sofort hier rausspazieren, wenn wir nicht fest entschlossen wären, unseren Beitrag für Dumbledore zu
leisten. So,“ Er sah auf die Uhr. „Phase eins beginnt bald. An eurer Stelle würde ich in die Große Halle zum
Mittagessen gehen, damit die Lehrer sehen, daß ihr nichts damit zu tun haben könnt.“
„Womit nichts zu tun haben?“ fragte Hermine ängstlich.
„Du wirst schon sehen,“ sagte George. „Jetzt haut schon ab.“
Fred und George wandten sich ab und verschwanden in der anschwellenden Menschenmenge, die die Treppe zum
Mittagessen hinuntereilte. Mit einem sehr beunruhigten Blick murmelte Ernie etwas von nicht erledigten
Hausaufgaben für Verwandlung und huschte davon.
„Ich denke, wir sollten wirklich von hier verschwinden, wißt ihr,“ sagte Hermine nervös. „Nur für den Fall...“
„Jaah, alles klar.“ Sagte Ron und die drei gingen zur Tür der Großen Halle, aber Harry hatte kaum einen flüchtigen
Blick auf die wolkenbedeckte Decke geworfen, als jemand ihn an die Schulter tippte, und er fand sich selbst fast
Nase an Nase mit dem Hausmeister Filch wieder. Hastig trat er ein paar Schritte zurück.
„Die Schulleiterin würde dich gerne sehen, Potter.“ Grinste Filch anzüglich.
„Ich habe es nicht getan,“ sagte Harry dümmlich, an das denkend, was Fred und George auch immer vorhaben
mochten. Filchs Kiefer schwabbelten vor leisem Gelächter.
„Schlechtes Gewissen, was?“ schnaubte er. „Komm mit.“
Harry warf einen Blick zurück auf Ron und Hermine, die sehr besorgt aussahen. Er zuckte die Schultern und folgte
Filch zurück in die Eingangshalle, gegen den Strom hungriger Schüler angehend.
Filch schien besonders gut gelaunt zu sein; er summte leise, als sie die Marmortreppe hinaufgingen. Als sie den
ersten Treppenabsatz erreichten, sagte er: „Die Dinge ändern sich hier, Potter.“
„Ich habe es mitbekommen.“ sagte Harry kühl.
„Ich habe Dumbledore jahrelang gesagt, er ist zu nachgiebig mit euch allen.“ sagte Filch mit einem gemeinen
Lachen. „Ihr dreckigen kleinen Biester hättet nie mit Stinkbomben herumgeworfen, wenn ihr gewusst hättet, daß ich
die Macht habe euch Bande auszupeitschen, nicht wahr? Niemand hätte je daran gedacht Beißende Frisbees durch
die Korridore zu werfen, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte euch dafür in meinem Büro an den Fußknöcheln
aufzuspannen, oder? Aber wenn das Bildungsdekret neunundzwanzig in Kraft tritt, Potter, wird es mir erlaubt sein,
genau das zu tun... und sie hat den Minister darum gebeten eine Verordnung zu unterzeichnen, daß man Peeves hier
rauswirft... oh ja, die Dinge werden ab jetzt ganz anders sein, wo sie doch die Schule leitet...“
Offensichtlich hatte Umbridge einige Zugeständnisse gemacht um Filch auf ihre Seite zu ziehen, überlegte Harry,
und das schlimmste daran war, daß er sich als ein wichtiger Informant erweisen würde. Seine Kenntnisse über die
Geheimgänge und Verstecke in der Schule wurden wohl nur von den Weasley-Zwillingen überboten.
„Da sind wir,“ sagte er, zu Harry schielend, als er drei Mal an die Tür zu Professor Umbridge“s Büro klopfte, „der
junge Potter ist hier für Sie, Frau Professor.“
Umbridge“s Büro, es war Harry wegen seiner vielen Aufenthalte sehr vertraut, sah aus wie immer - mit Ausnahme
eines des grossen Holzklotzes mit der Aufschrift SCHULLEITERIN in goldenen Lettern, der auf ihrem Schreibtisch
prangte. Er warf einen schmerzerfüllten Blick auf seinen Feuerblitz und Fred und George“s Sauberwischs, die mit
Ketten und Vorhängeschlössern an einem starken eisernen Haken an der Wand hinter dem Schreibtisch befestigt
waren.
Umbridge saß hinter ihrem Schreibtisch, kritzelte eifrig auf einem pinkfarbenen Pergament, schaute aber bei ihrem
Eintritt hoch und setzte ein breites Lächeln auf.
„Danke, Argus,“ sagte sie in zuckersüßem Tonfall.
„Nichts zu danken, Professor, nichts zu danken,“ sagte Filch, verbeugte sich so tief wie sein Rheuma es erlaubte und
verließ dabei rückwärts den Raum.
„Setz Dich,“ sagte Umbridge knapp und wies auf einen Stuhl. Harry setzte sich. Sie fuhr eine Weile mit ihrer
Kritzelei fort. Harry schaute einigen schmutzigen kleinen Kätzchen zu, die auf Gestellen über ihrem Kopf
herumsprangen und fragte sich dabei, was für neue Schrecken sie nun für ihn auf Lager hatte.
„Nun,“ sagte sie schließlich, legte ihre Feder zur Seite und schaute ihn mit der Selbstzufriedenheit einer Kröte an, die
gerade dabei ist, eine besonders kräftige Fliege zu verschlucken, „was willst Du trinken?“
„Was?,“ sagte Harry, ziemlich sicher, daß er sich verhört hatte.
„Trinken, Mr. Potter“ sagte sie mit einem noch breiteren Lächeln. „Tee, Kaffee, Kürbissaft?“
Mit jedem Getränk, das sie nannte wedelte sie mit ihrem Zauberstab und eine Tasse oder ein Glas erschien auf ihrem
Schreibtisch.
„Nichts, danke,“ sagte Harry.
„Ich wünsche, daß Du mit mir zusammen etwas trinkst,“ sagte sie und ihre Stimme wurde gefährlich süß. „Such Dir
eins aus!“
„Gut, ähh, ... dann nehme ich einen Tee“ antwortete Harry achselzuckend.
Sie stand auf und fügte umständlich Milch hinzu, während sie ihm den Rücken zuwandte. Dann eilte sie damit um
den Tisch herum, auf eine geradezu unheimliche süßliche Art und Weise.
„Nimm,“ sagte sie und reichte ihm die Tasse, „Trink bevor er kalt wird.“
„Nun, Mr. Potter,.....ich denke es wird Zeit für eine kleine Unterhaltung, nach diesen bedauerlichen Ereignissen der
letzten Nacht.“
Er sagte nichts. Sie ließ sich wieder an ihrem Schreibtisch nieder und wartete. Nach einigen langen Augenblicken
des Schweigens sagte sie unbekümmert „Du trinkst ja gar nicht!“
Er hob die Tasse und setze sie an seine Lippen und dann, ganz plötzlich, ließ er sie wieder sinken.
Eines der schrecklich gefärbten Kätzchen hinter Umbridge hatte große runde blaue Augen, so wie das magische
Auge von Mad-Eye Moody und Harry fragte sich, was Mad-Eye wohl dazu sagte wenn er jemals erfahren würde,
daß Harry etwas getrunken hätte das ein Feind ihm anbot.
„Was hast Du?,“ sagte Umbridge, die ihn immer noch genau beobachtete. „Möchtest Du Zucker?“
„Nein,“ sagte Harry.
Er hob die Tasse wieder an seine Lippen und tat so, als wenn er einen Schluck nehmen würde während er den Mund
fest verschlossen hielt. Umbridge“s Lächeln wurde noch breiter.
„Gut,“ flüsterte sie „sehr gut. Nun denn...“ Sie neigte sich ein wenig nach vorn. „Wo ist Albus Dumbledore?“
„Keine Ahnung,“ antwortete Harry prompt.
„Trink aus, trink aus,“ sagte sie, immer noch lächelnd.
„Nun, Mr. Potter, lassen Sie uns aufhören mit den kindischen Spielchen. Ich weiß, daß sie wissen, wohin er
verschwunden ist. Sie und Dumbledore waren von Anfang an zusammen. Bedenken Sie ihre Situation, Mr. Potter....“
„Ich weiß nicht, wo er ist,“ wiederholte Harry.
Er tat wieder so also würde er trinken. Sie beobachtete ihn dabei genau.
„Sehr gut,“ sagte sie, sah dabei aber sehr unzufrieden aus. „In diesem Fall wirst Du mir freundlicherweise den
Aufenthaltsort von Sirius Black mitteilen.“
Harry drehte sich der Magen um und seine Hand, die die Teetasse hielt, begann so heftig zu zittern, daß die Tasse auf
der Untertasse klapperte.
Er schwenkte die Tasse an den Mund, die Lippen fest zusammengepresst, so daß etwas von der heißen Flüssigkeit
auf seinen Umhang tropfte.
„Ich weiß es nicht,“ antwortete er ein wenig zu schnell.
„Mr. Potter,“ sagte Umbridge, „ich möchte Sie daran erinnern, daß ich es war, die den Verbrecher Black letzten
Oktober beinahe im Gryffindor Feuer gefangen hätte. Ich weiß ganz genau, daß er sich mit Ihnen getroffen hat und
wenn ich nur den geringsten Beweis dafür gehabt hätte, so würde heute keiner von Ihnen mehr auf freiem Fuß sein,
das kann ich Ihnen versichern. Noch einmal, Mr. Potter....wo ist Sirius Black?“
„Weiß ich nicht,“ antwortete er mit fester Stimme, „Hab“ nicht die geringste Ahnung.“
Sie starrten sich gegenseitig so lange an, daß Harrys Augen anfingen zu brennen. Dann erhob sich Umbridge.
„Sehr gut, Potter, Ich werde Ihnen dieses Mal noch glauben. Aber ich warne Sie: Ich habe die Macht des
Ministerium hinter mir. Alle Kommunikationskanäle in die Schule und aus der Schule heraus werden überwacht. Ein
Flohpulver-Netzwerk-Regulator überwacht jeden Kamin in Hogwarts - außer meinem eigenen natürlich. Meine
Inquisitionstruppe öffnet und liest die gesamte ein- und ausgehende Eulenpost. Und Mr. Filch überwacht alle
Geheimgänge innerhalb und außerhalb des Schlosses. Wenn ich auch nur die Spur eines Beweises finde...“
Bummmmmm!
Der ganze Fußboden des Büros erbebte. Umbridge rutschte seitlich aus und klammerte sich an ihren Schreibtisch und
warf Harry einen entsetzten Blick zu.
„Was war -?“
Sie blickte zur Tür. Harry nutzte die Gelegenheit und leerte seine noch fast volle Teetasse in die nächste Vase mit
Trockenblumen. Er konnte Menschen mehrere Stockwerke tiefer laufen und schreien hören.
„Sie gehen zum Mittagessen zurück, Potter!“ schrie Umbridge, hob ihren Zauberstab und stürzte aus dem Büro.
Harry gab ihr einige Sekunden Vorsprung und eilte ihr dann hinterher um zu sehen, was die Ursache für diesen
Aufruhr war.
Diese war nicht schwer zu finden. Ein Stockwerk tiefer herrschte wildes Durcheinander. Jemand (und Harry hatte
eine scharfsinnige Idee, wer) hatte eine ganze Kiste Zauberfeuerwerk angezündet.
Drachen, bestehend aus grünen und goldenen Funken flogen die Korridore rauf und runter, feuerspuckend und
verschwanden mit lautem Knall; knallig pinkfarbene Feuerräder mit 5 Fuß Durchmesser sausten gefährlich schnell
wie fliegende Untertassen durch die Luft; Raketen mit langem Schweif aus leuchtenden Silbersternen prallten von
den Wänden ab; Wunderkerzen schrieben Flüche von allein mitten in die Luft; Knallfrösche explodierten wie Minen,
wohin Harry auch schaute, und anstatt auszubrennen und schwächer zu werden schienen sie an Leuchtkraft und
Bewegungsenergie noch zuzunehmen je länger er hinschaute.
Umbridge und Filch standen auf dem Treppenabsatz vor Schreck wie angewurzelt da. Während Harry zusah schien
eines der Feuerräder entschieden zu haben, daß es mehr Platz zum manövrieren benötigte; es drehte mit einem
unheimlichen „wheeeeeeee“ auf Umbridge und Filch zu.
Mit gellenden Schreien duckten sich beide und das Feuerrad segelte haarscharf an ihnen vorbei und durch das
Fenster nach draußen. In der Zwischenzeit nutzten mehrere Drachen und eine riesige pinkfarbene und unheilvoll
qualmende Fledermaus die Gelegenheit und flohen durch die offene Tür am Ende des Korridors um in das zweite
Stockwerk zu gelangen.
„Schnell, Filch, schnell!“ kreischte Umbridge, „Sie verteilen sich über die ganze Schule, wenn wir nicht etwas
unternehmen - STUPOR!“
Ein Strahl aus rotem Licht schoß aus ihrem Zauberstab und traf eine der Raketen. Aber anstatt mitten in der Luft zu
erstarren explodierte sie mit einer solchen Wucht, daß sie ein Loch in ein Gemälde einer romantisch dreinblickenden
Hexe auf einer Wiese riss; sie floh gerade noch rechtzeitig, um Sekunden später wieder zu erscheinen und sich in das
benachbarte Gemälde zu quetschen, wo eine paar Karten spielende Zauberer hastig aufstanden um ihr Platz zu
machen.
„Versuch“ nicht, sie zu betäuben, Filch!“ brüllte sie wütend wie um allen vorzumachen, es sei sein Fluch gewesen.
„Sie haben Recht, Frau Schulleiterin,“ keuchte Filch, der als Squib sicher nicht in der Lage gewesen wäre, mehr von
dem Feuerwerk erstarren zu lassen als zu verschlucken.
Er stürzte zu einem Schrank in der Nähe, riss einen Besen heraus und begann auf das Feuerwerk mitten in der Luft
einzuschlagen; binnen Sekunden brannte der Besen lichterloh.
Harry hatte genug gesehen; lachend machte er sich klein, huschte ein kleines Stück den Korridor hinunter zu einer
Geheimtür die erhinter einem Wandteppich wußte, hindurch schlüpftend fand er Fred und George, die sich direkt
dahinter versteckten, den Rufen von Umbridge und Filch lauschten und sich das Lachen verbeißen mußten.
„Beeindruckend,“ sagte Harry leise und grinsend „sehr beeindruckend“ , ihr werdet noch „Dr. Filibuster“s“ in den
Ruin treiben...“
„Oh Mann,“ flüsterte George während er sich die Lachtränen aus den Augen wischte, „ich hoffe wirklich, sie
versucht als nächstes, sie hinwegzuzaubern... sie verzehnfachen sich bei jedem Versuch!“
Den ganzen Nachmittag über verteilten sich die Feuerwerkskörper immer weiter über das Schulgelände. Doch
obwohl sie eine Vielzahl von Störungen verursachten, besonders die Kanonenschläge, schienen sich die Lehrer nicht
sonderlich darüber aufzuregen.
„Nun denn,“ sagte Professor McGonagall mit einem schmalen Lächeln, als einer der Feuerdrachen unter lautem
Knallen und Flammen ausstoßend in ihrem Klassenraum umhersegelte, „Miss Brown, würden Sie bitte die
Schulleiterin darüber informieren, das wir einen herrenlosen Feuerwerkskörper in unserem Klassenzimmer
beherbergen?“
Am Ende verbrachte Professor Umbridge ihren ersten Nachmittag als Rektorin damit, durch die ganze Schule zu
hetzen und den Aufforderungen der Lehrern nachzukommen, von denen scheinbar keiner in der Lage war, die
Klassenzimmer ohne ihre Hilfe von den Feuerwerkskörpern zu befreien.
Als die letzte Stunde zu Ende war und sie mit ihren Taschen auf dem Weg zum Turm der Gryffindors waren, sah
Harry mit tiefer Befreidigung eine zerzauste, rußgeschwärzte Umbridge mit verschwitztem Gesicht aus dem
Klassenzimmer von Professer Flitwick taumeln.
„Meinen herzlichsten Dank, Professor!“ sagte Flitwick mit seiner leise quiekenden Stimme, „sicherlich wäre ich die
Wunderkerzen auch elleine losgeworden, doch ich war nicht sicher, ob ich auch die Befugnis dazu hätte...“
Von einem Ohr zum anderen grinsend schlug er ihr die Tür vor der Nase zu.
Fred und George waren in dieser Nacht im Gemeinschaftsraum die umjubelten Helden. Sogar Hermine bahnte sich
einen Weg durch die aufgeregte Menge um ihnen zu gratulieren.
„Das waren ein unglaublich gutes Feuerwerk,“ sagte sie bewundernd.
„Danke,“ sagte George sowohl überrascht als auch geschmeichelt, „„Weasley“s unglaubliche Knallparade.“ Leider
haben ist unser gesamtes Lager dabei draufgegangen, jetzt müssen wir wieder ganz von vorne anfangen.“
„Aber das ist es wert gewesen,“ sagte Fred während er Bestellungen von den lärmenden Gryffindors entgegennahm,
„du kannst Dich auf der Warteliste eintragen, Hermine, fünf Galeonen für das „Heulorgien-Starterpack“ und zwanzig
für den „Knallglanz-Deluxe.“..“
Hermine ging zum Tisch zurück, an dem Harry und Ron saßen und ihre Schultaschen ansarrten, als ob sie hofften,
die Schulaufgaben würden gleich herausspringen und sich von selbst erledigen.
„Also, warum gönnen wir uns nicht einen freien Abend,“ sagte sie heiter, während eine Weasley-Rakete mit
feurigem Silberschweif am Fenster vorbeizog. „Schließlich beginnen am Freitag die Osterferien, dann haben wir jede
Menge Zeit.“
„Geht es Dir gut?“ fragte Ron und starrte sie ungläubig an.
„Jetzt, wo Du es sagst...“ antwortete Hermine beschwingt, „weißt Du....ich Glaube.... ich fühle mich ein
bischen....aufmüpfig.“
Harry konnte immer noch die entfernten Geräusche explodierender Kracher hören als er mit Ron eine Stunde später
zum Schlafsaal hochstieg; als er ausgezogen war, flog ein Heuler am Turm vorbei, immer noch das Wort HUI
buchstabierend.
Gähnend ging er zu Bett. Ohne seine Brille wurden die gelegentlichen im Fenster sichtbaren Knallkörper zu
verschwommenen, glitzernden Wolken, die sich wunderschön und geheimnisvoll am nächtlichen Himmel
abzeichneten. Er drehte sich auf die Seite und fragte sich, wie Umbridge wohl über ihren ersten Tag als Dumbledores
Nachfolgerin dachte und was Fudge sagen würde, wenn er von diesem Schultag in völliger Unordnung hören würde.
Leise lächelnd schloß Harry die Augen....
Das zischen und knallen von verirrten Krachern auf den Ländereien schien sich in der Ferne zu verlieren....oder
vielleicht entfernte er sich auch von ihnen....
Er fiel direkt hinein in den Korridor der zur Abteilung der Mysterien führte. Er beschleunigte in Richtung der glatten,
schwarzen Tür... laß sie sich öffnen...laß sie sich öffnen...
Sie tat es. Der runde, von Türen umgebene Raum... er durchquerte ihn, legte seine Hand auf eine identische Tür am
entgegengesetzten Ende, sie öffnete sich....
Jetzt geriet er in einen langen, rechteckigen, von häßlichem mechanischem Klicken und Klappern erfüllten Raum. Er
sah tanzende Lichttupfer auf den Wänden, aber er nahm sich nicht die Zeit, die Ursache zu ergründen... er mußte
weiter...
Eine Tür am entfernten Ende das Raumes... auch sie öffnete sich auf den leichten Druck seiner Hand...
Und jetzt war ein einem dämmrigen Raum mit den Ausmaßen einer hohen und weiten Kirchenhalle, angefüllt mit
Reihen und Reihen von sich auftürmenden Regalen, ein jedes beladen mit kleinen, verstaubteb und von Spinnweben
überzogenen gläsernen Behältern.... Harry“s Herz schlug ihm bis zum Halse... er wußte jetzt, wo er war, wo er hin
mußte... er rannte doch seine Füße machten kein Geräusch in dieser riesigen menschenleeren Halle...
Da war etwas in diesem Raum, etwas, das er begehrte, mehr als alles andere...
Etwas, das er haben mußte... oder jemand anderes...
Seine Narbe schmerzte...
PENG!
Harry schreckt hoch, verwirrt und wütend. Lautes Lachen hallte durch den dunkeln Schlafsaal.
„Cool,“ sagte Seamus, dessen Umriß man gegen das Fenster erkennen konnte, gerade, „Ich glaube eines von diesen
Feuerrädern hat sich eben mit einer Rakete gepaart, schaut Euch das an!“
Harry hörte Ron und Dean aus den Betten klettern um besser sehen zu können. Er selbst lag stocksteif und
mucksmäuschenstill, während der Schmerz in seiner Narbe verebbte und Enttäuschung in ihm hochkroch.
Silbern und rosa glitzernde Ferkelchen zogen nun am Turm der Gryffindors vorbei. Harry lag da und lauschte den
anerkennenden „Ahs#s“ und „Oh#s“ der Gryffindors in den Schlafsälen unter ihnen. In seinem Magen bildete sich
ein kalter Klumpen, als er an die Stunde in Occlumantie am nächsten Abend dachte.
*
Harry verbrachte den ganzen nächsten Tag damit sich auszumalen, was Snape sagen würde, wenn er herausfand, um
wieviel weiter Harry in seinem letzten Traum in die „Abteilung der Mysterien“ eingedrungen war. Mit einer
Aufwallung von Schuld wurde er sich bewußt, das er **?Occlumantie?** seit der letzten Stunde nicht ein einziges
Mal geübt hatte: es war einfach zu viel passiert seit Dumbledore weg war; er war sicher, das er gar nicht in der Lage
gewesen wäre, seinen Geist zu entleeren, selbst wenn er es versucht haätte. Trotzdem bezweifelte er, das Snape diese
Ausrede akzeptieren würde.
Er unternahm einige letzte Versuche während der Unterrichtsstunden an diesem Tag, aber aber ihm wollte nichts
gelingen. Hermine fragte andauernd was mit ihm los sei, wenn er sich in sich selbst zurückzog um seinen Geist von
allen Gedanken und Gefühlen zu befreien; und außerdem ist es nicht der beste Moment, seinen Geist zu leeren,
während die Lehrer Prüfungsfragen auf die Klasse abschiessen.
Auf das schlimmste gefaßt machte sich Harry nach dem Abendessen auf den Weg zu Snape’s Büro. Doch auf
halbem Weg durch die Eingangshalle eilte ihm Cho entgegen.
„Hier herüber,“ rief Harry, dankbar für die Gelegenheit, sein Treffen mit Snape noch ein wenig hinauszuschieben,
und winkte sie hinüber zu der Ecke der Eingangshalle, in der die gigantischen Sanduhren standen. Die Uhr der
Gryffindors war nun nahezu leer.
„Bist du in Ordnung? Hat Umbridge dich nach dem **DA** gefragt?
„Nein, nein,“ antwortete Cho eilig, „nein, es ist nur... weißt du, ich wollte sagen... Harry, ich hätte niemals im Traum
daran gedacht, das Marietta plaudern würde...“
„Ja, sicher,“ erwiderte Harry übellaunig. Er war der Meinung, das Cho ihre Freunde sorgfältiger hätte aussuchen
sollen; es war nur ein schwacher Trost für ihn, das, soweit er wußte, Marietta immer noch im Krankenflügel lag und
Madam Pomfrey noch nicht den kleinsten Fortschritt bei der Entfernung ihrer Pickel gemacht hatte.
„Eigentlich ist sie wirklich sehr nett,“ sagt Cho unvermittelt, „sie hat halt einen Fehler gemacht -“
Harry schaute sie ungläubig an.
„Ein netter Mensch der einen Fehler gemacht hat? Sie hat uns alle verraten, dich eingeschlossen!“
„Aber... wir sind alle davongekommen, oder?“ sagte Cho bittend, „du weißt, das ihre Mutter für das Ministerium
arbeitet, es ist wirklich nicht leicht für sie -“
„Ron“s Vater arbeitet auch für das Ministerium,“ gab Harry wütend zurück, „und falls du es noch nicht bemerkt hast,
ihm steht nicht „Verräter“ auf der Stirn geschrieben -“
„Das war eine wirklich gemeine List von dieser Hermine Granger,“ zischte Cho scharf, „sie hätte uns warnen
müssen, das sie diese Liste verzaubert hat -“
„Ich fand es war eine brillante Idee,“ sagte Harry kalt. Cho lief rot an und ihre Augen blitzten.
„Ach ja, ich vergaß - natürlich, wenn es Schätzchen Hermines Idee war -“
„Fang nicht wieder an zu weinen,“ warnte Harry sie.
„Hatte ich nicht vor!“ schrie sie.
„Ja … na dann … gut, „ sagte er. „Ich muß mich im Augenblick schon mit genug Dingen herumschlagen.“
„Dann geh“ und schlag dich mal schön!“ sagte Cho wütend, macht auf dem Absatz kehrt und stolzierte davon.
Wutentbrannt ging Harry die Treppen zu Snapes Kerker hinab. Aus Erfahrung wußte er, daß Snape sehr viel leichter
in seine Gedanken eindringen können würde, wenn er derartig wütend und aufgebracht war. Trotzdem gelang es ihm
bis er die Kerkertür erreichte lediglich, sich noch ein paar Dinge auszudenken, die er Cho über Marietta hätte sagen
sollen.
„Du bist spät dran, Potter,“ sagte Snape kühl, als Harry die Tür hinter sich schloss.
Snape stand mit dem Rücken zu Harry und zog, wie üblich, einige seiner Gedanken aus seinem Kopf und tat sie
sorgfältig in Dumbledores Denkarium. Er ließ den letzten silbrigen Strang in das Steinbecken sinken und wandte
sich Harry zu.
„So,“ sagte er. „Hast du geübt?“
„Ja,“ log Harry, wobei er darauf achtete, auf eines der Beine von Snapes Schreibtisch zu blicken.
„Na, wir werden es bald herausfinden, nicht wahr?“ sagte Snape sanft. „Zauberstab heraus, Potter.“
Harry begab sich in seine gewohnte Haltung, Snape zugewandt, der Schreibtisch zwischen ihnen. Sein Herz schlug
schnell aus Ärger über Cho und Angst davor, wie viel Snape aus seinen Gedanken herausbekommen würde.
„Auf drei dann,“ sagte Snape leichthin. „Eins - zwei -“
Die Tür von Snapes Büro wurde mit einem Knall geöffnet und Malfoy stürmte herein.
„Professor Snape - oh - Entschuldigung -“
Malfoy sah Snape und Harry leicht überrascht an.
„Ist schon in Ordnung, Draco,“ sagte Snape und senkte seinen Zauberstab. „Potter nimmt ein wenig Nachhilfe in
Zaubertränke.“
Harry hatte Malfoy nicht so erfreut gesehen seit Umbridge aufgetaucht war, um Hagrid zu überprüfen.
„Das wußte ich nicht,“ sagte er, grinste Harry, der wußte daß sein Gesicht feuerrot war, hämisch an. Er hätte eine
Menge dafür gegeben, Malfoy die Wahrheit ins Gesicht sagen zu können - oder, noch besser, ihm einen anständigen
Fluch entgegenschleudern zu können.
„Also Draco, was gibt es?“ fragte Snape.
„Es geht um Professor Umbridge - sie braucht Ihre Hilfe, Professor,“ sagte Malfoy.
„Sie haben Montague gefunden, Professor, er ist eingesperrt in einer Toilette im vierten Stock aufgetaucht.“
„Wie ist er da hinein gekommen?“ wollte Snape wissen.
„Keine Ahnung, Professor, er ist ein wenig durcheinander.“
„Schön, schön. Potter, „ sagt Snape, „ wir werden diese Lektion morgen Abend wieder aufnehmen.“
Er drehte sich um und fegte aus seinem Büro. Hinter Snapes Rücken formte Malfoy mit seinen Lippen zu Harry
gewandt die Worte „Nachhilfe in Zaubertränke?,“ bevor er Snape folgte.
Kochend vor Wut steckte Harry seinen Zauberstab zurück in seinen Umhang und wandte sich zum gehen.
Zumindest hatte er vierundzwanzig weitere Stunden zum Üben; ihm war bewusst, daß er für sein knappes
Entkommen dankbar sein sollte, obwohl der Preis dafür mit Malfoy, der der ganzen Schule verkünden würde, daß er
Nachhilfe in Zaubertränke bekam, sehr hoch war.
Er war an der Bürotür, als er einen Flecken zitternden Lichts über den Türrahmen tanzen sah. Er hielt inne und
betrachtete ihn, er rief eine Erinnerung in ihm wach … dann war er sich sicher: er sah ein wenig so aus wie die
Lichter, die er letzte Nacht in seinem Traum gesehen hatte, die Lichter in dem zweiten Raum, durch den er bei
seinem Gang durch die Mysterienabteilung gekommen war.
Er drehte sich um. Das Licht kam aus dem Denkarium auf Snapes Schreibtisch. Der silber-weiße Inhalt waberte und
wirbelte darin umher. Snapes Gedanken … Dinge, von denen er nicht wollte, daß Harry sie sah, falls er
unbeabsichtigt Snapes Abwehr durchbrach …
Harry starrte das Denkarium an, Neugier durchströmte ihn … was wollte Snape so unbedingt vor Harry verbergen?
Die silbrigen Lichter zuckten über die Wand … Harry machte zwei Schritte auf den Schreibtisch zu, dachte
angestrengt nach. Könnte es sich möglicherweise um Wissen über die Mysterienabteilung handeln, das Snape ihm
unbedingt vorenthalten wollte?
Harry schaute über seine Schulter, sein Herz schlug stärker und schneller als je zuvor. Wie lange würde Snape
brauchen, um Montague aus seiner Toilette zu befreien? Käme er danach direkt in sein Büro zurück, oder würde er
Montague in den Krankenflügel begleiten? Bestimmt das Letztere … Montague war der Quidditch-
Mannschaftskapitän von Slytherin, also würde Snape bestimmt sicherstellen wollen, daß es ihm gut geht.
Harry ging die letzten paar Meter zum Denkarium, stand davor und blickte in seine Tiefen. Er zögerte, lauschte,
dann zog er seinen Zauberstab hervor. Das Büro und der Gang davor waren vollkommen still. Er gab dem Inhalt des
Denkariums mit der Spitze seines Zauberstabes einen kleinen Stubs.
Die silbrige Substanz begann sehr schnell zu wirbeln. Harry beugte sich darüber und sah, daß sie durchsichtig
geworden war. Er schaute, wieder einmal, wie durch ein kreisrundes Fenster in der Decke von oben in einen Raum
… und wenn er sich nicht sehr irrte, so blickte er in die Große Halle hinunter.
Sein Atem vernebelte die Oberfläche von Snapes Gedanken … sein Gehirn schien zu vergessen … es wäre verrückt,
das zu tun, was zu tun er so sehr versucht war … er schauderte … Snape konnte jeden Moment zurück sein … aber
Harry dachte an Chos Wut, an Malfoys hämischen Gesichtsausdruck und ein unbesonnener Wagemut packte ihn.
Er nahm einen tiefen Atemzug und tauchte sein Gesicht in die Oberfläche von Snapes Gedanken. Sofort ruckte der
Fußboden des Büros und schubste Harry kopfüber in das Denkarium …
Er fiel durch kalte Dunkelheit, drehte sich dabei wild um sich und dann -
Er stand in der Mitte der Großen Halle, aber die vier Haustische waren verschwunden. Stattdessen waren da mehr
als hundert kleinere Tische, die alle in die gleiche Richtung standen und an jedem saß ein Schüler mit gesenktem
Haupt und schrieb auf einem Stück Pergament. Das einzige Geräusch war das Kratzen der Federkiele und ein
gelegentliches Rascheln, wenn jemand sein Pergament zurechtrückte. Ohne Zweifel war das eine Prüfung.
Sonnenlicht flutete durch die hohen Fenster auf die gebeugten Köpfe, die in dem hellen Licht kastanien-, kupfer-
und goldfarben glänzten. Snape mußte hier irgendwo sein … es war ja seine Erinnerung …
Und da war er, an einem Tisch gleich hinter Harry. Harry glotzte. Snape-der-Teenager bot einen schmierigen,
bleichen Anblick, wie eine Pflanze, die im Dunkeln gehalten wurde. Sein Haar, das auf den Tisch fiel, war strähnig
und fettig, seine krumme Nase war beim Schreiben nur einen guten Zentimeter über dem Pergament. Harry ging um
Snape herum bis er hinter ihm stand und las die Überschrift auf dem Prüfungsbogen: VERTEIDIGUNG GEGEN
DIE DUNKLEN KÜNSTE - ZAUBERERGRAD.
Also mußte Snape jetzt fünfzehn oder sechzehn sein, ungefähr so alt wie Harry jetzt. Seine Hand flog über das
Pergament; er hatte mindestens dreißig Zentimeter mehr als seine nächsten Nachbarn geschrieben und das obwohl
seine Schrift klein und gedrängt war.
„Noch fünf Minuten!“
Die Stimme ließ Harry hochschrecken. Als er sich umblickte, sah er Professor Flitwicks Kopf zwischen den Tischen
in der Nähe umhergehen. Professor Flitwick kam an einem Jungen mit zerzaustem, schwarzem Haar vorbei … sehr
zerzaustem, schwarzem Haar …
Harry bewegte sich so schnell, daß, wäre er solide gewesen, er Tische umgerissen hätte. Stattdessen schien er zu
gleiten, wie im Traum, kreuzte dabei zwei Gänge und glitt einen dritten entlang. Von hinten näherte er sich dem
schwarzhaarigen Jungen und … er richtete sich auf, legte seinen Federkiel hin und zog die Pergamentrolle zu sich
heran, als wollte er sich noch einmal durchlesen, was er geschrieben hatte …
Vor dem Tisch hielt Harry inne und starrte auf seinen fünfzehn Jahre alten Vater.
Aufregung explodierte in seiner Magengrube: es war gerade so, als ob er sich selbst mit kleinen Fehlern sähe. James
Augen waren haselnussbraun, seine Nase etwas länger als Harrys und da war keine Narbe auf seiner Stirn, aber sie
hatten das gleiche schmale Gesicht, den gleichen Mund, die gleichen Augenbrauen; James Haar stand am
Hinterkopf genauso ab wie es Harrys tat, seine Hände hätten die Harrys sein können und Harry war sich sicher,
wenn James aufstünde wären sie bis auf wenige Zentimeter gleich groß.
James gähnte genüsslich und verstruppelte sein Haar, so daß es noch zerzauster als vorher war. Dann, mit einem
kurzen Blick zu Professor Flitwick, drehte er sich auf seinem Platz um und grinste einen Jungen vier Plätze hinter
sich an.
Mit einem weiteren Schock der Aufregung sah Harry das Sirius James das Daumen-aufwärts Zeichen gab. Sirius saß
vollkommen entspannt in seinem Stuhl und kippte ihn, sodaß er nur noch auf zwei Stützen stand. Er sah gut aus, sein
dunkles Haar fiel ihm mit einer lässigen Eleganz in die Augen, die weder James noch Harry jemals besitzen könnten.
Das Mädchen beobachtete ihn hoffnungsvoll, aber er schien es nicht zu bemerken. Zwei Sitze weiter von dem
Mädchen - Harrys“ Bauch zog sich vor Aufregung zusammen- saß Remus Lupin. Er sah eher blaß aus ( kam der
Vollmond näher?) und war in sein Examen vertieft : Als er die Antworten noch einmal las, kratzte er sich mit dem
Ende seiner Schreibfeder am Kinn und runzelte die Stirn. Also mußte Wurmschwanz auch hier irgendwo sein, ja
sicher, Harry entdeckte ihn innerhalb von Sekunden: einen kleinen, feinhaarigen Jungen mit einer spitzen Nase.
Wurmschwanz sah besorgt aus, er kaute an seinen Fingernägeln, starrte auf seine Unterlagen und scharrte mit den
Füßen in der Erde. Ab und zu ließ er einen hoffnungsvollen Blick zu den Papieren seines Nachbarn gleiten. Harry
starte für einen Moment auf Wurmschwanz, dann zurück zu James, der jetzt mit einem Stück Papier spielte. Er hatte
einen Snatch gemalt und umkreiste jetzt die Buchstaben L. E. . Für was standen sie?
,, Stifte weg, bitte! „„ quiekte Professor Flitwick. ,,das gilt auch für dich, Stebbins! Bleibt bitte sitzen währenddem
ich eure Arbeiten einsammele. Accio!“„
Über 100 Pergamentrollen erhoben sich in die Luft und schwirrten in Professor Flitwicks ausgestreckte Arme, sodaß
er hinfiel. Einige lachten. Eine Gruppe von Schülern aus der ersten Reihe aber griffen Professor Flitwick unter die
Ellenbogen und halfen ihn zurück auf die Füße.
,, Danke, Danke“„ keuchte Professor Flitwick . ,,OK, ihr könnt dann jetzt alle gehen!“„
Harry schaute herunter auf seinen Vater, der schnell das L. E. durchstrich, welches er gemalt hatte, aufsprang, und
seine Schreibfeder und Prüfungsunterlagen in seine Tasche stopfte. Er nahm den Ranzen, packte ihn sich auf den
Rücken und wartete auf Sirius. Harry guckte sich um und sah Snape nicht weit weg, der sich, immer noch, in die
Prüfungsunterlagen vertieft, durch die Tische auf die Türen der Eingangshalle zubewegte. Rundschuldrig und doch
kantig, ging er in einer Art, die dem Gang einer Spinne nahe kam, sein öliges Haar wippte um sein Gesicht. Eine
Gruppe von schnatternden Mädchen trennte Snape von James, Sirius und Lupin. Harry platzierte sich in ihrer Mitte
und konnte so Snape sehen währenddem er sich anstrengte um die Stimmen von James und seinen Freunden zu
hören. ,, Hast du Frage 10 gemocht, Moony ?“„ fragte Sirius als sie die große Halle betraten.
,, Ich liebte sie“„ sagte Lupin schnell, ,, Nenne 5 Merkmale die eine Werwolf identifizieren. Exzellente Frage. „„
,, Und, denkst du, daß du alle Zeichen hast?“„ sagte James in einem Ton von neckender Besorgnis.
,, Ja, ich denke schon“„ sagte Lupin ernst, als sie in der Schlange vor der Tür warteten um auf die sonnigen Wiesen
zu kommen. ,, 1. Er sitzt auf meinem Stuhl. 2. Er trägt meine Kleider. 3. Sein Name ist Remus Lupin. .““
Wurmschwanz war der einzigste der nicht lachte.
„„ Ich habe die Form der Schnauze, die Pupillen der Augen, den buschiegen Schweif“,“ sagte er besorgt, ,, aber ich
konnte mich an nichts anderes mehr erinnern...“„
,, Wie dumm bist du eigentlich, Wurmschwanz? „,“ sagte James ungeduldig, ,, du rennst einmal im Monat mit einem
rum... !“„
,, Sei leise !“„ warf Lupin ein. Harry sah besorgt hinter sich. Snape war noch nahe bei ihnen, aber immer noch in die
Prüfungsaufgaben vertieft - aber dies war Snapes Erinnerung, und wenn er beschließen sollte eine andere Richtung
einzuschlagen wenn sie draußen waren, war sich Harry sicher, daß es unmöglich war James weiterhin zu folgen. Zu
seiner großen Erleichterung jedoch folgte Snape, immer noch in den Unterlagen beschäftigt und ganz offenbar ohne
Idee wo genau er hinging, James und seinen Freunden als diese den Weg zum See hinuntergingen. Weil Harry etwas
vor ihm blieb, konnte er James und die anderen sehen.
,, Ja, ich fand das wirklich einfach, „„ hörte er Sirius sagen. ,, Ich wäre überrascht wenn ich kein Sehr gut
bekommen würde. „„
,, Ich auch“,“ sagte James beiläufig.
Er langte in seine Tasche und holte einen sich bewegenden Schnatz hervor.
,, Wo hast du den denn her?“„
,, Einfach mitgenommen“„ meinte James beiläufig. Er fang an mit dem Snatch zu spielen, ließ ihn ca. 30 cm
wegfliegen bevor er ihn wieder einfing. Seine Reflexe waren exzellent. Wurmschwanz beobachtete ihn ehrfürchtig.
Sie stoppten im Schatten des selben Baumes an der Ecke des Sees an dem Harry, Ron und Hermine einmal an einem
Sonntag ihre Hausaufgaben gemacht hatten. Sie setzten sich aufs Grass. Harry sah über seine Schulter und entdeckte
zu seiner Freude, daß Snape sich in den Schatten eines Busches gesetzt hatte. Er war immer noch in seine Unterlage
versunken, was es Harry ermöglichte sich zwischen Busch und Baum zu setzen und das Quartett zu beobachten. Die
Sonnenstrahlen tanzten auf der Oberfläche des Sees. Eine Gruppe von Mädchen, die gerade die Große Halle
verlassen hatten, zogen ihre Schuhe und Socken aus um sich die Füße im Wasser zu kühlen. Lupin hatte ein Buch
heraus genommen und las, Sirius beobachtete die Schüler auf der Wiese und sah dabei eher gelangweilt, aber auch
schön aus. James spielte immer noch mit den Snatch, ließ ihn immer weiter wegfliegen um ihn dann im letzten
Moment einzufangen. Wurmschwanz beobachtete ihn mit offenen Mund. Jede Mal wenn James einen besonders
schwierigen Fang machte, stöhnte Wurmschwanz und applaudierte. Nach 5 Minuten wunderte Harry sich, warum
James Wurmschwanz nicht sagte, daß er sich beherrschen sollte, aber James schien die Aufmerksamkeit zu
genießen. Harry fiel auf, daß sein Vater die Angewohnheit hatte sein Haar zu verwuscheln, damit es nie zu ordentlich
aussah. Er sah auch oft zu den Mädchen herüber.
,, Pack das jetzt weg!“„ sagte Sirius endlich, als James einen besonders guten Fang machte und Wurmschwanz
applaudierte, ,“bevor Wurmschwanz sich noch nass macht weil er so begeistert ist.“„
Wurmschwanz wurde etwas rot, aber James grinste.
,,Wenn es dich stört“,“ sagte er, als er den Snatch zurück in seine Tasche stopfte. Harry hatte den Eindruck das Sirius
der einzigste war, für den James aufgehört hätte. ,,Mir ist langweilig ,“„sagte Sirius, ,, ich wünschte es wäre
Vollmond.“„ ,, Das darfst du,“„ sagte Lupin dunkel hinter seinem Buch. ,, Wir haben immer noch Verwandlung,
wenn dir langwillig ist, kannst du mich ja testen. Hier...“„ und hielt sein Buch hin. Aber Sirius schnaubte. ,,Ich
brauch mir das nicht angucken, daß kann ich alles.“„ ,, Das hier wird dich aufheitern, Tatze, „„ sagte James leise. ,,
Schau wer da ist...“„ Sirius drehte sich um. Er wurde sehr still, wie ein Hund der ein Hase gesehen hat.
„Ausgezeichnet,“ sagte er weich. „Schniefelus.“
Harry drehte sich um, damit er sah wohin Sirius schaute.
Snape war wieder auf seinen Füßen und stopfte das ZAG-Papier wieder in seinen Rucksack. Als er den Schatten der
Büsche verließ und quer über das Gras lief, standen Sirius und James auf.
Lupin und Wurmschwanz blieben sitzen: Lupin starrte weiterhin auf sein Buch, aber seine Augen bewegten sich
nicht mehr und zwischen seinen Augen bildete sich eine steile Falte; Wurmschwanz schaute mit einem Ausdruck
alteingesessener Abneigung von Sirius und James zu Snape.
„Alles okay, Schniefelus?“ sagte James laut.
Snape reagierte so schnell als hätte er eine Attacke erwartet: sein Rucksack landete auf dem Boden und blitzschnell
tastete er in seiner Robe nach seinem Zauberstab der schon halb in der Luft war als James „Expelliarmus!“ rief.
Snapes Stab flog zwölf Fuß in die Luft und fiel mit einem dumpfen Geräusch in das Gras hinter ihm. Sirius lachte
bellend.
„Impedimenta!“ rief er und zeigte mit seinem Stab auf Snape der daraufhin das Gleichgewicht verlor und mit einem
Sturzflug nur etwas von seinem Stab entfernt im Gras landete.
Überall hatten sich Schüler umgedreht um zuzusehen. Einige von ihnen waren aufgestanden und kamen näher.
Manche sahen besorgt aus, andere belustigt.
Snape lag keuchend am Boden. James und Sirius kamen näher, die Zauberstäbe erhoben. James warf beim Gehen
einen Blick über seine Schulter zu den Mädchen am Rande des Sees. Wurmschwanz war aufgestanden, sah
sehnsüchtig zu, drängte sich an Lupin vorbei, um besser sehen zu können.
„Wie lief die Prüfung. Schnuffel?,“ sagte James. „Ich habe ihn beobachtet, seine Nase hat das Pergament berührt,“
sagte Sirius boshaft. „Es werden überall Fettflecken drauf sein, sie werden nicht in der Lage sein auch nur ein Wort
lesen zu können.“
Verschiedene Leute, die zusahen, lachten; Snape war ganz offensichtlich unbeliebt. Wurmschwanz kicherte heftig.
Snape versuchte aufzustehen, doch der Zauber lag noch immer auf ihm; er wandt sich, als sei er mit unsichtbaren
Seilen gefesselt.
„Ihr - wartet,“ keuchte er und starrte zu James mit einem Ausdruck von purer Abscheu hoch.
„Ihr - wartet“
„Warten auf was?,“ sagte Sirius kalt. „Was willst du machen, Schnuffel, dich bei uns ausheulen?“
Snape stieß einen Schwall von Flüchen und Zaubern aus, aber da sein Zauberstab drei Meter entfernt lag, passierte
nichts.
„Wasch deinen Mund aus,“ sagte James, „Scourgify!“
Rosa Seifenblasen strömten auf einmal aus Snapes Mund; der Schaum bedeckte seine Lippen, brachte ihn zum
Würgen, erwürgte ihn-
„Lasst ihn in RUHE!“
James und Sirius schauten sich um. James“ freie Hand fuhr sofort in sein Haar.
Es war eines der Mädchen vom Rande des Sees. Sie hatte dickes, dunkelrotes Haar, das ihr bis zu den Schultern fiel,
und verblüffend grüne, mandelförmige Augen - Harrys Augen.
Harrys Mutter.
„Alles klar, Evans?,“ fragte James und der Ton seiner Stimme war plötzlich freundlich, tiefer, reifer.
„Lasst ihn in Ruhe,“ wiederholte Lily. Sie schaute mit größter Abneigung auf James. „Was hat er dir getan?“
„Tja,“ sagte James und schien den Punkt zu überdenken, „es ist mehr die Tatsache, daß er existiert, wenn du weißt,
was ich meine…“
Viele der umstehenden Schüler lachten, Sirius und Wurmschwanz eingeschlossen, doch weder Lupin, der
anscheinend immer noch in sein Buch vertieft war, noch Lily lachten mit.
„Du denkst, du bist lustig,“ sagte sie kalt, „Aber du bist nur ein arroganter, andere schikanierender Arsch, Potter. Laß
ihn in Ruhe.“
„Ich tu es, wenn du mit mir ausgehst, Evans,“ sagte James schnell. „Na los…geh mit mir aus und ich werde nie
wieder meinen Zauberstab gegen den alten Schnuffel erheben.“
Hinter ihm ließ der Imperdiment Zauber nach. Snape begann sich stückchenweise zu seinem runtergefallenen
Zauberstab zu schieben, er spuckte Seifenschaum aus, während er kroch.
„ Ich würde nicht mal mit dir ausgehen, wenn ich die Wahl hätte zwischen dir und dem Riesenkraken,“ sagte Lily.
„Pech, Krone,“ sagte Sirius forsch und drehte sich wieder zu Snape um. „Oh.“
Doch zu spät; Snape hatte seinen Zauberstab direkt auf James gerichtet; es gab einen Lichtblitz und eine Wunde
erschien an der Seite von James“ Gesicht, die seinen Umhang mit Blut bespritzte. James drehte sich um: einen
zweiten Lichtblitz später hing Snape verkehrt herum in der Luft, sein Umhang fiel über seinen Kopf und enthüllte
magere, blasse Beine und eine ergraute Unterhose.
Viele Leute in der kleinen Menschenmenge jubelten. Sirius, James und Wurmschwanz brüllten vor Lachen.
Lily, deren wütender Gesichtsausdruck für einen Moment zuckte als wenn sie auch lächeln wollte, sagte: „ Lasst ihn
runter!“
„Sicher,“ sagte James und riss seinen Zauberstab ruckartig runter; Snape fiel und landete als zerknüllter Haufen auf
dem Boden. Sich selbst von seinem Umhang befreiend, kam er schnell wieder auf die Beine, erhob seinen
Zauberstab, doch Sirius sagte: „Petrificus Totalus“ und Snape kippte wieder um, starr wie ein Brett.
„LASST IHN IN RUHE!,“ rief Lily. Sie hatte nun ihren eigenen Zauberstab hervorgeholt. James und Sirius
beäugten sie argwöhnisch.
„Ähm, Evans, zwing mich nicht dich zu verhexen,“ sagte James ernst.
„Dann nimm den Fluch von ihm!“
James seufzte tief, dann drehte er sich zu Snape um und murmelte den Gegenfluch.
„Bitte,“ sagte er, als Snape sich hochrappelte, „du hast Glück gehabt, daß Evans hier war, Snivellus - „
„Ich brauche keine Hilfe von einem dreckigen, kleinen Schlammblut wie ihr!“
Lily blinzelte.
„Schön,“ sagte sie kalt, „ich werde mir in Zukunft keine Mühe mehr machen. Und ich würde meine Unterhose
waschen, wenn ich du wäre, Snivellus“
„Entschuldige dich bei Evans!,“ brüllte James Snape an, seinen Zauberstab drohend auf ihn gerichtet.
„Ich möchte nicht, daß du ihn zwingst sich zu entschuldigen,“ fuhr Lily James an, „du bist genauso schlecht wie er.“
„Was?,“ schrie James auf „Ich würde dich NIE ein Du-weißt-schon-was nennen!“
„Du machst dein Haar unordentlich, weil du denkst, daß es cool aussieht, als wärst du gerade von deinem Besen
gestiegen; du gibst an mit diesem dummen Schnatz; du läufst die Gänge entlang und verzauberst jeden, nur weil du
es kannst - ich bin überrascht, daß dein Besen vom Boden abheben kann mit dem geschwollenen Kopf, den du hast.
Du machst mich KRANK.“
Sie drehte sich um und eilte davon. „Evans!,“ rief James „Hey, EVANS!“
Aber sie schaute nicht zurück.
„Was hat sie?,“ fragte James, als wäre es eine belanglose Frage, ohne wirkliche Bedeutung für ihn.
„Zwischen den Zeilen gelesen, würde ich sagen, sie denkt, du seiest ein wenig eingebildet, Kumpel,“ sagte Sirius.
„Schön,“ sagte James, der nun wütend aussah „schön - .“
Dann gab es einen weiteren Lichtblitz und Snape hing ein weiteres Mal verkehrt herum in der Luft.
„Wer möchte sehen, wie ich Schnuffel die Unterhose ausziehe?“
Doch ob James Snape die Unterhose wirklich ausgezogen hat, fand Harry nie heraus. Eine Hand hatte sich eng, mit
zangenartigem Griff, um seinen Oberarm geschlossen.
Harry zuckte zusammen und drehte sich um, um zu sehen wer ihn festhielt und er sah mit einem Gefühl des
Entsetzens einen ausgewachsenen, volljährigen Snape neben sich stehen, weiß vor Zorn.
„Macht es Spaß?“
Harry fühlte wie er in die Luft stieg; der Sommertag verflüchtigte sich; er schwebte aufwärts durch vollkommene
Schwärze, Snapes Hand war immer noch um seinen Oberarm geschlossen. Dann, mit dem Gefühl als hätte er einen
Salto in Zeitlupe gemacht, berührten seine Füße den Boden von Snapes Kerker und er stand wieder vor dem
Denkarium auf Snapes Pult im heutigen, düsteren Arbeitszimmer des Zaubertrankmeisters.
„Also,“ sagte Snape, der Harrys Oberarm so fest gepackt hatte, daß Harrys Hand anfing taub zu werden. „Also…hast
du viel Spaß gehabt, Potter?“
„N-nein,“ sagte Harry und versuchte seinen Arm zu befreien.
Es war unheimlich: Snapes Lippen zitterten, sein Gesicht war weiß, seine Zähne entblößt.
„Dein Vater war ein amüsanter Mann, stimmt“s?,“ sagte Snape, der Harry so stark schüttelte, daß ihm die Brille von
der Nase rutschte.
„Ich - wollte - nicht“
Snape stieß Harry mit aller Gewalt weg. Harry schlug hart auf dem Kerkerboden auf.
„Du wirst niemandem erzählen, was du gesehen hast!,“ brüllte Snape.
„Nein,“ sagte Harry, der versuchte so schnell er konnte wieder auf die Beine zu kommen, „Nein, natürlich nicht - „
„Raus hier, raus hier, ich will dich hier in diesem Büro nie wieder sehen.“
Als Harry in Richtung Tür eilte, explodierte ein Glas mit toten Kakerlaken über seinem Kopf. Er riss die Tür auf,
floh den Gang entlang und hielt erst an, als er drei Etagen zwischen sich und Snape gebracht hatte. Dann lehnte er
sich gegen die Wand und rieb seinen zerquetschten Arm.
Er hatte weder das Verlangen so früh in den Gryffindorturm zurückzukehren, noch Ron und Hermine zu erzählen,
was er gesehen hatte. Das, was Harry so entsetzte und unglücklich machte, war nicht etwa, daß er angeschrieen
worden war oder daß ihm Gläser hinterher geworfen wurden; es war, daß er wußte, wie es sich anfühlte vor einem
Kreis von Zuschauern gedemütigt zu werden, genau zu wissen, wie sich Snape fühlte, als sein Vater ihn verspottete;
und Harry erlangte von dem, was er gerade gesehen hatte, die Erkenntnis, daß sein Vater genauso arrogant war, wie
Snape ihm immer gesagt hatte.
Kapitel 29 - Laufbahnvorschläge
„Aber warum gibt es keine Occlumantie Stunden mehr?“ sagte Hermine, die Stirn runzelnd.
„Ich hatte es dir gesagt. „ murmelte Harry.
„Snape meint, daß ich es jetzt selbst verfolgen kann, ich habe die Grundlagen.“
„So du hast aufgehört sonderbar zu träumen?,“ sagte Hermine skeptisch.
„Nicht sehr viel, „ sagte Harry, der sie nicht ansieht.
„Ich denke nicht, daß Snape aufhören sollte, bis wir absolut sicher sind, daß du es kontrollieren kannst !“ sagte
Hermine entrüstet.
„Harry, ich denke du solltest noch mal zu ihm gehen und fragen- „ „Nein ! „sagte Harry eindringlich.
„Laß es bloß sein, Hermine, OK ?
„Es war der erste Tag von den Osterferien und Hermine hatte, wie es üblich war, einen großen Teil des Tages
verbracht, Stundenpläne für die drei von ihnen herauszuarbeiten.
Harry und Ron hatten sie es tun lassen; es war leichter, als mit ihr zu diskutieren, und in jedem Fall könnten sie
nützlich sein.
Ron war erschreckt worden, da er entdeckt hat, daß es nur noch sechs Wochen bis zu den Prüfungen waren. „Wie
kann das ein Schock sein?“
Hermine färbte streng mit ihrem Zauberstab jedes Feld auf Rons Stundenplan entsprechend den Fächern in einer
anderen Farbe.
„Ich weiß nicht, „sagte Ron, „ dort geht eine Menge vor sich.“
„Nun, hier ist er , „ sagte sie „ und gab ihm seinen Zeitplan; wenn du ihn befolgst dann sollte es dir gut gehen.“
Ron sah ihn düster an, aber dann mit fröhlichem Gesicht.
„Du hast mir einen Abend von jeder Woche frei gegeben !
Der ist für Quidditch Übungen , „ sagte Hermine.
Das Lächeln verblasste von Rons Gesicht.
„Was ist der Punkt?“ sagte er schwach.
„Wir haben ebensoviel Chance den Quidditch Pokal dieses Jahr zu gewinnen, wie mein Vater Zaubereiminister
werden kann.“
Hermine sagte nichts; sie sah Harry an, der verdutzt die Wand gegenüber des Gemeinschaftsraumes anstarrte,
während Krumbein mit der Pfote die Hand berührte und versuchte seine Ohren zu zerkratzen. „
Was ist los mit dir, Harry?
Was?“ sagte er schnell. „Nichts.“ Er ergriff seine Kopie von „Defensive Magical Theory“ und gab vor, etwas im
Index nachzuschlagen.
Krumbein gab ihn als eine schlechte Stelle auf und schlich unter Hermines Stuhl davon.
„Ich sah Cho vorhin, „ sagte Hermine versuchsweise.
„Sie sah auch wirklich traurig aus. Hattet ihr zwei wieder einen Streit ?
Was? Oh, ja, wir hatten.“ sagte Harry, dankbar die Entschuldigung annehmend.
„Worüber?
„Diese Fieslingsfreundin von ihr, Marietta,“ sagte Harry.
„ Ja, nun verantwortlich mache ich Sie nicht! sagte Ron wütend, welcher sich auf den Zeitplan einstellte.
„Wenn es nicht für sie gewesen war...?“ Ron ging in einen Redensschwall über Marietta Edgecombe über, das Harry
hilfreich fand; alles, was er tun mußte, war böse zu blicken, zu nicken und „ja“ und du hast Recht „ zu sagen, jedes
Mal wenn Ron Atem holte, als es seinen Verstand frei verweilen ließ, eben mehr elend, als das, was er im
Denkarium gesehen hatte.
Er fühlte sich, als ob ihn die Erinnerung daran von innen aufessen würde.
Er war so sicher gewesen, daß seine Eltern wunderbare Leute waren, daß er nie geringe Schwierigkeiten im
Bezweifeln, der von Snape aufgestellten Verleumdungen über den Charater seines Vaters gehabt hatte.
Hatten Leute wie Hagrid und Sirius Harry nicht gesagt, wie wunderbar sein Vater gewesen war?
(Na ja, schau wie Sirius selbst war? sagte eine nörgelnde Stimme in seinem Kopf. Er war so böse, oder etwa nicht?)
Ja, er hatte Professor McGonnagall einmal zufällig sagen hören, daß sein Vater und Sirius Unruhestifter auf der
Schule gewesen waren, aber das sie sie als Vorläufer von den Weasley Zwillingen beschrieben hatte, daß konnte sich
Harry in seinem Kopf nicht vorstellen, und daß Fred und George für den ganzen Spaß jemanden verantwortlich
machen, nicht außer wenn sie ihn richtig verabscheuen , ...vielleicht Malfoy oder jemand, der es wirklich verdiente?
Harry versuchte, einen Grund dafür ausfindig zu machen, daß Snape verdient hat, was er an James“ Händen erlitten
hatte:
aber Lily hätte nicht gefragt , „Was hat er dir getan? Und hätte James nicht geantwortet, ist es mehr die Tatsache,
daß er existiert, wenn du weißt, was ich meine.“ Hatte James nicht damit einfach alles begonnen, weil Sirius gesagt
hatte, daß er gelangweilt war?
Harry erinnerte sich daran was Lupin am „Grimmauld Place“ sagte, daß Dumbledore ihn zum Vertrauensschüleren
gemacht hat, in der Hoffnung darauf, daß er in der Lage wäre, eine Kontrolle über James und Sirius zu bekommen, ...
aber im Denkarium als er dort gesessen hatte ließ er alles geschehen...
Harry fuhr fort, sich daran zu erinnern, daß Lily eingegriffen hatte; seine Mutter war anständig gewesen.
Doch, die Erinnerung an den Blick auf ihrem Gesicht als sie James angeschrieen hatte, störte ihn ebensoviel, wie
irgend etwas anderes; sie hatte James eindeutig verabscheut, und Harry konnte einfach nicht verstehen, wie sie
trotzdem in einer Heirat enden konnten.
Einmal oder zweimal fragte er sich sogar, ob James sie darin gezwungen hatte?
Fast fünf Jahre war der Gedanke an seinen Vater eine Quelle des Trosts von Inspiration gewesen.
Jedes Mal wenn jemand ihm gesagt hatte, daß er wie James war, hatte er mit Stolz drinnen geschienen. Und jetzt,
jetzt war ihm kalt und traurig beim Gedanken an ihn.
Das Wetter wurde unbekümmerter, heller und wärmer, wie die Osterferien vergingen, aber Harry, war weiter mit
dem Rest der Fünft- und Siebtklässler eingefangen, welche er überholte und zurück heraus zur Bibliothek latschte.
Harry gab vor, daß seine schlechte Stimmung keine andere Ursache , außer die sich nähernden Prüfungen hatte, und
da seine Gryffindorfreunde krank vom Lernen waren, wurde seine Entschuldigung nicht bestritten.
„Harry, ich rede mit dir, kannst du mich hören? Huh?“
er schaute.
Ginny Weasley, die sehr zerzaust aussah, hatte sich ihm an der Bibliothekstabelle angeschlossen, wo er allein
gesessen hatte.
Es war später Sonntagsabend:
Hermine war zum Gryffindor Turm zurückgegangen, um alte Runen zu überarbeiten, und Ron hatte Quidditch
Übung.
„Oh, Hallo, „ sagte Harry, seine Bücher zu sich ziehend.
„Wie kommt es, daß du nicht bei den Übungen bist? Es ist vorbei, „ sagte Ginny.
„Ron mußte Jack Slooper bis zum Krankenflügel nehmen.“
„Warum? So, wir sind nicht sicher, aber wir denken, daß er ihn mit seinem eigenen Schläger anstieß.“
Sie seufzte schwer.
„Dennoch...ein Paket kam gerade an, es wird nur gerade durch Umbridges Neuen Überprüfungsprozeß gehen.“
Sie hob einen in Packpapier eingewickelten Kasten weiter zum Tisch hoch; er war eindeutig ausgepackt und
unachtsam wieder eingewickelt worden.
Es gab eine gekritzelte Notiz auf ihn in roter Tinte und er las:
Kontrolliert und vorbeigegangen vom Hogwarts hohen Inquisitor.
„Es sind Ostereier von Mama. „ sagte Ginny.
Es gibt eins für dich ...nicht schlimm wenn du gehst.“
Sie gab ihm ein gutaussehendes Schokoladenei, welches dekoriert mit Kleinen glsierten Informanten war,
entsprechend der Verpackung, die eine Packung von sprudelndem Whizzbees enthält.
Harry sah es sich für einen Moment an, dann fühlte er zu seinem Entsetzen eine Klumpzunahme in seiner Kehle.
„Bist du OK, Harry?“ fragte Ginny still.
„Ja, es geht mir gut.“ sagte Harry barsch.
Der Klumpen in seiner Kehle war schmerzhaft.
Er verstand nicht, warum ihn ein Osterei dazu hätte bringen sollen, sich wie dies zu fühlen.
„Du siehst wirklich heruntergekommen aus in letzter Zeit, „ blieb Ginny bestehen.
„Du weißt, ich bin sicher, wenn du mit Cho redest... „ „Es ist nicht Cho ich wollen mit ihr reden „sagte Harry auf“
grobe Weise.
„Wer ist es dann“ fragte Ginny, ihn genau beobachtend.
„Ich...“ er schaute, herum um sicher zu gehen, daß niemand zuhörte.
Frau Pince war mehrere Regale weg und stempelte einen Stapel Bücher für eine rasend schauende Hannah Abbott.
„Ich wünsche mir, daß ich mit Sirius reden könnte, „ murmelte er.
„Aber ich weiß, daß ich es nicht kann.“
Ginny fuhr fort, ihn nachdenklich zu beobachten.
Mehr, um etwas zu tun, als daß er es wirklich wollte, packte Harry sein Osterei aus, brach ein großes Stück ab und
steckte es sich in den Mund.
„Nun,“ sagte Ginny langsam und nahm sich selbst auch ein Stück Ei, „wenn du wirklich mit Sirius reden möchtest,
vermute ich, daß wir einen Weg finden können, um es durchzuführen.“
„Komm schon,“ sagte Harry lustlos. „Während Umbridge die Feuer kontrolliert und alle unsere Post liest?“
„Die Tatsache mit Fred und George aufzuwachsen,“ sagte Ginny nachdenklich, „ist die, daß du zu denken anfängst,
daß alles möglich ist, wenn du die Nerven dazu hast.“
Harry sah zu ihr. Vielleicht war es die Wirkung der Schokolade - Lupin hatte immer dazu geraten, ein Stück davon
zu essen, wenn man Dementoren begegnet war - oder einfach nur, weil er den Wunsch, der seit einer Woche in ihm
gebrannt hatte, laut ausgesprochen hatte, doch er fühlte sich ein wenig mehr hoffnungsvoll.
„WAS DENKEN SIE,WAS SIE HIER TUN?“
„Oh, verdammt,“ flüsterte Ginny, die aufsprang, „Ich hab vergessen -”
Madam Pince stürzte auf sie zu, ihr schrumpeliges Gesicht vor Zorn verzogen.
„Schokolade in der Bibilothek!“ schrie sie. „Raus - raus - RAUS!“
Und indem sie ihren Zauberstab herauszog, verleitete sie Harrys Bücher, seine Tasche und sein Tintenfass ihn und
Ginny aus der Bibliothek zu jagen, wobei sie die Sachen wiederholt auf den Kopf schlugen, während sie rannten.
*
Als ob die Wichtigkeit ihrer bevorstehenden Prüfungen noch unterstrichen werden müsste, erschien kurz vor dem
Ende der Ferien ein Haufen Pamphlete, Handzettel und Anzeigen, die verschiedene Zauberkarrieren betrafen auf den
Tischen des Gryffindor Gemeinschaftsraumes, zusammen mit einem Anschlag auf dem Brett, die lautete
Laufbahnvorschläge
Es wird von allen Fünftklässlern erwartet, daß sie in der ersten Woche des Sommerhalbjahres an einem kurzen
Treffen mit ihren Hauslehrern teilnehmen, um ihre zukünftigen Laufbahnen zu besprechen. Die Zeiten der
individuellen Termine sind unten aufgelistet.
Harry sah auf die Liste herab und sah, daß er Montag um halb zwei in McGonagalls Büro erwartet wurde, was
bedeuten würde, daß er den größten Teil von Wahrsagen verpassen würde. Er und die anderen Fünftklässler
verbrachten einen beträchtlichen Teil des letzten Wochenendes der Osterferien damit, die Laufbahninformationen
durchzulesen, die dort zu ihrer Lektüre hingelegt worden waren.
„Nun, ich mag Heilen nicht,“ sagte Ron am letzten Abend der Ferien. Er war in einen Handzettel, der das gekreuzte
Knochen - und Zauberstab - Emblem von St. Mungo auf der Vorderseite trug, vertieft. „Hier steht, daß man
mindestens ein A im UTZ in Zaubertränke, Kräuterkunde, Verwandlung, Zauberkunst und Verteidigung gegen die
Dunklen Künste braucht. Ich meine... lieber Himmel... die wollen nicht viel,oder?“
„Nun, es ist ein sehr verantwortungsvoller Job, nicht wahr?“ sagte Hermine geistesabwesend.
Sie studierte einen hell pink- und orangefarbenen Handzettel, der mit „SIE DENKEN ALSO, DAß SIE GERNE MIT
MUGGELN ZUSAMMENARBEITEN WÜRDEN?“ überschrieben war. „Anscheinend brauchst du nicht viele
Qualifikationen um mit Muggeln zusammenzuarbeiten; alles was sie haben wollen, ist ein ZAG in Muggelkunde:
Viel wichtiger ist ihr Enthusiasmus, ihre Geduld und ihr guter Sinn für Humor.“
„Du brauchst mehr, als nur einen guten Sinn für Humor, um mit meinem Onkel zusammenzuarbeiten,“ sagte Harry
düster. „Mehr einen guten Sinn, wann du dich ducken solltest.“
Er war halbswegs durch ein Pamphlet über das Zaubererbankwesen. „Hört euch das mal an:
Suchen Sie eine herausfordernde Laufbahn, die Reisen, Abenteuer und beträchtliche, mit Gefahr verbundene
Schatzzulagen einschließt? Dann ziehen Sie eine Position bei der Gringotts Zaubererbank, die zur Zeit Fluchbrecher
für spannende auswärtige Tätigkeiten sucht, in Betracht... Sie wollen Arithmantik, das könntest du machen,
Hermine!“
„Ich mag das Bankwesen nicht so sehr,“ sagte Hermine vage, sie war nun in „HABEN SIE DAS ZEUG DAZU
SICHERHEITSTROLLE AUSZUBILDEN?“ vertieft.
„Hey,“ sagte eine Stimme in Harrys Ohr. Er blickte sich um; Fred und George waren zu ihnen herübergekommen.
„Ginny hat mit uns über dich gesprochen,“ sagte Fred, der die Beine auf den Tisch vor ihnen hochlegte und dadurch
einige Heftchen über eine Laufbahn im Zaubereiministerium veranlasste auf den Boden hinunterzurutschen. „Sie
sagte, du mußt mit Sirius sprechen?“
„Was?“ sagte Hermine scharf, ihre Hand blieb halbwegs in der Luft auf dem Weg um „LANDEN SIE EINEN
KNALLER IN DER ABTEILUNG FÜR MAGISCHE UNFÄLLE UND KATASTROPHEN.“ Aufzuheben.
„Ja...,“ sagte Harry, der versuchte lässig zu klingen, „ja, ich dachte, ich würde gerne -”
„Sei nicht so albern,“ sagte Hermine, die sich gerade hinsetzte und ihn ansah als ob sie ihren Augen nicht trauen
könne. „Wo sich Umbridge durch die Feuer laviert und alle Eulen filzt?“
„Nun, wir denken, daß wir einen Weg finden könnten, um das zu umgehen,“ sagte George, der sich streckte und
lächelte. „Es ist ganz einfach eine Ablenkung zu verursachen. Ihr dürftet jetzt bemerkt haben, daß wir in den
Osterferien an der Chaosfront reichlich ruhig gewesen sind?“
„Was für einen Sinn macht es, haben wir uns gefragt, die Freizeit zu unterbrechen?“ fuhr Fred fort. „Überhaupt
keinen, antworteten wir uns selbst Und natürlich hätte wir auch die Leute beim Wiederholen gestört, das wäre das
Allerletzte gewesen, was wir gewollt hätten.“
Er nickte Hermine mit einem kleinen, scheinheiligen Nicken zu. Sie sah über diese Rücksichtsnahme ziemlich
erstaunt aus.
„Aber ab morgen ist es wieder das übliche Geschäft,“ fuhr Fred fort. „Und wenn wir ein bißchen Aufruhr auslösen,
warum wollen wir das dann nicht so tun, so daß Harry seine kleine Unterhaltung mit Sirius führen kann?“
„Ja, aber trotzdem,“ sagte Hermine mit einer Miene als erkläre sie jemandem sehr Einfältigem etwas völlig Simples,
„selbst wenn ihr tatsächlich eine Ablenkung verursacht, wie soll Harry mit ihm sprechen?“
„Umbridges Büro,“ sagte Harry leise.
Er hatte diese Nacht lange darüber nachgedacht und er hatte keine Alternative gefunden. Umbridge hatte ihm selbst
erzählt, daß das einzige Feuer, welches nicht beobachtet wurde, ihr eigenes war.
„Bist - du - verrückt?“ fragte Hermine mit gedämpfter Stimme.
Ron hatte seinen Handzettel über Jobs im Handel Mit Kultivierten Pilzen sinken lassen und sah der Konversation
vorsichtig zu.
„Ich denke, nicht,“ antwortete Harry und zuckte mit den Schultern.
„Und wie willst du dort hineinkommen?“
Harry war für diese Frage gewappnet.
„Sirius“ Messer.“
„Entschuldigung?“
„Vorletzte Weihnachten hat Sirius mir ein Messer mit dem man jedes Schloss öffnen kann, geschenkt,“ sagte Harry.
„So, selbst wenn sie die Türe verzaubert hat, so daß Alohomora nicht funktionieren wird, wo drauf ich wette, daß sie
es getan hat...“
„Was denkst du darüber?“ verlangte Hermine von Ron und Harry fühlte sich bestechend an Mrs Weasley, die bei
Harrys erstem Abendessen in Grimmauld Place an Mr Weasley appeliert hatte, erinnert.
„Ich weiß nich“,“ sagte Ron, der alarmiert aussah, weil er gebeten worden war, seine Meinung zu sagen. „Falls Harry
es tun möchte, ist es seine Sache, oder?“
„Gesprochen wie ein wahrer Freund und Weasley,“ sagte Fred, der Ron fest auf den Rücken klopfte. „Nun dann. Wir
gedenken es gleich morgen nach dem Unterricht zu machen, denn es sollte die maximale Wirkung auslösen, wenn
jeder in den Korridoren ist - Harry, wir werden es irgendwo im Ostflügel loslassen, werden sie von ihrem eigenen
Büro weglotsen - ich vermute, daß wir in der Lage sein sollten, dir, wie viel, zwanzig Minuten garantieren?“ sagte er
und sah zu George.
„Leicht,“ sagte George.
„Was für eine Art Ablenkung ist es?“ fragte Ron.
„Du wirst schon sehen, kleines Brüderchen,“ sagte Fred, als er und George wieder aufstanden. „Zumindest wirst du
das, falls du morgen im Korridor von Gregorius dem Schmierigen herumtrottest.“
*
Harry erwachte sehr früh am nächsten Morgen, er war fast so nervös, wie am Morgen seines Disziplinarverhöres im
Zaubereiministerium. Es war nicht nur die Aussicht in Umbridges Büro einzubrechen und ihr Feuer zu benutzen um
mit Sirius zu sprechen, daß ihn nervös machte, doch das war sicherlich schlimm genug; heute war Harry auch das
erste Mal in nächster Nähe zu Snape seit Snape ihn aus seinem Büro geworfen hatte.
Nachdem er eine ganze Weile im Bet gelegen hatte und über den vor ihm liegenden Tag nachgedacht hatte, stand
Harry sehr leise auf und ging zu dem Fenster neben Nevilles Bett und starrte auf einen wahrhaft herrlichen Morgen.
Der Himmel war von einem klaren, nebligen, opalisierenden Blau. Direkt vor ihm sah Harry die hochaufragende
Birke unter der sein Vater einst Snape gequält hatte. Er war sich nicht sicher, was Sirius möglicherweise sagen
konnte, daß das, was er in dem Denkarium gesehen hatte, wieder gutmachen würde, aber er wollte unbedingt Sirius“
eigene Version von dem was geschehen war hören, um zu sehen, ob es dort einige mildernde Faktoren gegeben hatte,
irgendeine Entschuldigung für das Verhalten seines Vaters...
Etwas zog Harrys Aufmerksamkeit auf sich: eine Bewegung am Rande des Verbotenen Waldes. Harry blinzelte in
die Sonne und sah Hagrid zwischen den Bäumen hervortreten. Er schien zu humpeln. Wie Harry beobachtete,
taumelte Hagrid zur Türe seiner Hütte und verschwand nach drinnen. Harry blickte einige Minuten auf seine Hütte
herab. Hagrid trat nicht wieder heraus, jedoch kräuselte Rauch aus dem Schornstein, also konnte Hagrid nicht so
schlimm verwundet sein, daß er nicht in der Lage war, das Feuer zu unterhalten.
Harry drehte sich vom Fenster weg, ging zurück zu seinem Koffer und begann sich anzuziehen.
Durch das Vorhaben sich Eintritt in Umbridges Büro zu verschaffen, hatte Harry niemals erwartet, daß dieser Tag
ruhig verlaufen würde, aber er hatte auch nicht mit Hermines fast unaufhörlichen Versuchen gerechnet, ihm davon,
was er um fünf Uhr tun wollte, abzuraten. Zum allerersten Mal war sie in „Geschichte der Magie“ Professor Binns
gegenüber beinahe so unaufmerksam wie Harry und Ron, während ihr Strom geflüsterter Warnungen, die Harry
verzweifelt zu ignorieren versuchte, nicht abriss.
..“.und wenn sie dich dort erwischt - ganz abgesehen davon, daß du von der Schule fliegst, ist sie imstande und
vermutet, daß du mit Schnuffel gesprochen hast, und dieses Mal wird sie dich bestimmt zwingen Veritaserum zu
trinken und ihre Fragen zu beantworten...“
„Hermine,“ sagte Ron mit leiser und ungehaltener Stimme, „Wirst du aufhören Harry auszuschimpfen und dafür
Binns zuhören, oder muß ich mir selbst Notizen machen?“
„Du schreibst zur Abwechslung mal mit, es wird dich nicht umbringen!“
Bis sie die Verliese erreichten, sprachen weder Harry noch Ron mit Hermine. Sie ließ sich nicht abschrecken und
nutzte deren Schweigen, um mit ihrem ungebrochenen Schwall schrecklicher Warnungen fortzufahren, die sie unter
heftigem Zischen ausstieß, das Seamus dazu veranlasste, fünf ganze Minuten damit zu verschwenden, seinen Kessel
nach Löchern zu untersuchen.
Mittlerweile schien sich Snape dazu entschlossen zu haben so zu tun, als ob Harry unsichtbar wäre. Harry war
natürlich an diese Taktik gewöhnt, weil sie zu Onkel Vernons Lieblingsbeschäftigungen gehörte, und im Großen und
Ganzen war er dankbar, daß er nichts schlimmeres ertragen mußte. Und tatsächlich, verglichen mit dem, was er
gewöhnlich von Snape ertragen mußte, seinen Spott und die schneidenden Bemerkungen, hielt er die neue
Entwicklung für so etwas wie eine Verbesserung. Er freute sich zu entdecken, daß es für ihn, wenn man ihn in Ruhe
ließ, ganz einfach war, einen Stärkungstrank zu brauen. Am Ende der Stunde füllte er etwas von dem Trank in eine
Flasche, verkorkte sie und brachte sie zur Benotung an Snapes Schreibtisch. Er fühlte, daß er wenigstens eine 5
geschafft haben könnte.
Er hatte sich gerade weggedreht, als er ein schmetterndes Geräusch hörte. Malfoy gab ein schreiendes Lachen von
sich. Harry sprang herum. Seine Trankprobe lag in Einzelteilen auf dem Boden und Snape musterte ihn mit einem
Ausdruck hämischer Freude.
„Ups,“ sagte er sanft. „Eine weitere 6, Potter.“
Harry war zu aufgebracht um zu sprechen. Er schritt zurück zu seinem Kessel, mit der Absicht einen weiteren Flakon
zu füllen, sodaß Snape ihn benoten müsste, sah aber zu seinem Entsetzen, daß der Rest des Inhalts verschwunden
war.
„Es tut mir leid!“ sagte Hermine, die Hände über dem Mund. „Es tut mir wirklich leid, Harry. Ich dachte du seiest
fertig, darum habe ich sauber gemacht!“
Harry war nicht fähig zu antworten. Als es läutete, ging er rasch und ohne sich umzusehen aus dem Verlies und
sicherte sich zum Mittagessen einen Platz zwischen Neville und Seamus, damit Hermine nicht wieder davon
anfangen konnte ihn wegen Umbridges Büro zu nerven.
Er war in einer so schlechten Stimmung als er zu Weissagung ging, daß er die Verabredung zu seinem
Berufsberatungstermin mit Professor McGonagall ganz vergessen hatte. Es fiel ihm erst wieder ein, als Ron ihn
fragte, warum, er nicht in ihrem Büro sei. Er sauste zurück nach oben und kam, völlig außer Atem, nur ein paar
Minuten zu spät.
„Entschuldigung, Professor,“ keuchte er, als er die Tür schloss. „Ich habe es vergessen.“
„Schon gut, Potter,“ sagte sie munter, aber als sie sprach, rümpfte jemand anderes aus der Ecke die Nase. Harry
drehte sich um.
Professor Umbridge saß dort, mit einem Klemmbrett auf ihren Knien, einer übertriebenen kleinen Rüsche um ihren
Hals und einem dünnen, schrecklich selbstzufriedenen Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Setzen Sie sich, Potter,“ sagte Professor McGonagall knapp. Ihre Hände zitterten leicht, als sie die unzähligen
Broschüren, die über ihren Schreibtisch verstreut waren, zur Seite schob.
Harry setzte sich mit dem Rücken zu Umbridge und gab sein Bestes so zu tun, als könnte er das Kratzen ihres
Federkiels auf dem Klemmbrett nicht hören.
„Also, Potter, dieses Treffen ist dafür gedacht, über alle möglichen Berufspläne zu sprechen, die Sie haben könnten,
und Ihnen zu helfen sich zu entscheiden, welche Fächer Sie im sechsten und siebten Jahr weiterhin belegen sollten,“
sagte Professor McGonagall. „Haben Sie jemals darüber nachgedacht, was Sie nach dem Verlassen von Hogwarts
gerne tun würden?“
„Äh-“ sagte Harry.
Das kratzende Geräusch hinter ihm machte ihn wahnsinnig.
„Ja?“ Professor McGonagall trieb Harry an.
„Also, ich habe darüber nachgedacht, vielleicht Auror zu werden,“ murmelte Harry.
„Dafür würden Sie Spitzennoten brauchen,“ sagte Professor McGonagall, während sie ein kleines, dunkles Faltblatt
unter der Masse auf ihrem Schreibtisch hervorzog und öffnete. „Sie verlangen mindestens fünf ZAKs und
„Erwartungen übertreffend,“ wie ich sehe. Dann würde von Ihnen verlangt werden, sich einer Reihe strenger
Charakter- und Eignungstests zu unterziehen. Dies ist ein schwieriger Karrierepfad, Potter, sie nehmen nur die
Besten. Ich glaube nicht, daß in den letzten drei Jahren jemand aufgenommen worden ist.“
In diesem Moment gab Professor Umbridge ein winziges Hüsteln von sich, als ob sie herausfinden wollte, wie leise
sie dies könnte. Professor McGonagall ignorierte sie.
„Sie werden wissen wollen, welche Fächer Sie belegen sollten, vermute ich?“ fuhr sie ein wenig lauter als zuvor fort.
„Ja,“ sagte Harry. „Verteidigung gegen die Dunklen Künste, vermute ich?“
„Natürlich,“ sagte Professor McGonagall klar. „Ich würde außerdem empfehlen-“
Professor Umbridge hustete noch einmal, diesmal ein wenig lauter. Professor McGonagall schloss für einen Moment
die Augen, öffnete sie wieder und fuhr fort, als ob nichts gewesen wäre.
„Ich würde außerdem Verwandlung empfehlen, weil sich Auroren während ihrer Arbeit häufig verwandeln müssen.
Und ich sollte Ihnen jetzt sagen, Potter, daß ich keine Schüler für meine ZAK Klassen zulasse, bevor sie
„Erwartungen übertreffend“ oder mehr im Üblichen Zaubererlevel erlangt haben. Ich würde sagen, Sie erreichen
„akzeptabel“ zu diesem Augenblick, also werden Sie einiges an harter Arbeit in die Prüfungen investieren müssen,
um eine Chance zu haben weiterzumachen. Dann müssen Sie Zauberkunst belegen, immer nützlich, und
Zaubertränke. Ja, Potter, Zaubertränke,“ fügte sie hinzu, mit dem kaum merklichen Anflug eines Lächelns.
„Zaubertränke und Gegenmittel sind wesentliche Studien für Auroren. Und ich muß Ihnen sagen, daß Professor
Snape es absolut ablehnt Schüler anzunehmen, die irgendetwas anderes als „Hervorragend“ in ihren OWLs
bekommen, also-“
Professor Umbridge zeigte nun ihr entschiedenstes Husten.
„Darf ich dir ein Hustenbonbon anbieten, Dolores?“ fragte Professor McGonagall barsch, ohne Professor Umbidge
anzusehen.
„Oh nein, vielen Dank,“ sagte Umbridge mit diesem einfältigen Lächeln, das Harry so hasste. „Ich habe bloß
überlegt, ob ich dich unterbrechen dürfte, Minerva?“
„Ich glaube, du denkst, du kannst,“ sagte Professor McGonagall zähneknirschend.
„Ich dachte nur, ob Mr Potter gänzlich das richtige Temperament für einen Auroren besitzt?“ sagte Professor
Umbridge süßlich.
„Dachtest du?“ sagte Professor McGonagall hochmütig. „Also, Potter,“ fuhr sie fort, als ob es keine Unterbrechung
gegeben hätte, „wenn Sie ernsthaft diese Neigung haben, würde ich Ihnen empfehlen, sich fleißig darauf zu
konzentrieren, Ihre Verwandlung und Zaubertränke auf Vordermann zu bringen. Ich sehe, daß Professor Flitwick Sie
in den letzten beiden Jahren zwischen „akzeptabel“ und „Erwartungen übertreffend“ benotet hat, also scheinen Ihre
Zauberkünste zufriedenstellend zu sein. Das gleiche gilt für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, dort waren Ihre
Noten im allgemeinen hoch, insbesondere Professor Lupin dachte, Sie - bist du sicher, daß du kein Hustenbonbon
möchtest, Dolores?“
„Oh danke, kein Bedarf, Minerva,“ lächelte Professor Umbridge, die gerade ihr lautestes Husten hervorgebracht
hatte. „Ich war nur überzeugt, daß du Harrys jüngste Note in Verteidigung gegen die Dunklen Künste nicht vorliegen
haben könntest. Ich bin ziemlich sicher, daß ich eine Bemerkung dazwischen geworfen habe.“
„Was, dieses Ding?“ sagte Professor McGonagall mit umschwingendem Ton, als sie ein pinkes Blatt Pergament
zwischen den Blättern aus Harrys Mappe hervorzog. Sie blickte mit leicht hochgezogenen Augenbrauen darauf und
legte es ohne Kommentar in die Mappe zurück.
„Ja, wie gesagt, Potter, Professor Lupin dachte, Sie zeigten eine ausgesprochene Befähigung für dieses Fach, und
offensichtlich für einen Auroren-“
„Hast du meine Bemerkung nicht verstanden, Minerva?“ fragte Professor Umbridge honigsüß, während sie völlig
vergaß zu husten.
„Natürlich habe ich sie verstanden,“ sagte Professor McGonagall mit so fest zusammen gepressten Zähnen, daß die
Worte ein wenig gedämpft herauskamen.“
„Also, dann bin ich verwirrt... es tut mir leid, wenn ich nicht verstehe, warum du Mr Potter falsche Hoffnungen
machst, die-“
„Falsche Hoffnungen?“ wiederholte Professor McGonagall, die immer noch nicht zu Professor Umbridge
herüberschaute. „Er hat Spitzennoten in all seinen Verteidigung gegen die Dunklen Künste-Tests erreicht-“
„Es tut mir furchtbar leid, daß ich dir widersprechen muß, Minerva, aber wie du meiner Bemerkung entnehmen
kannst, hat Harry nur sehr armselige Ergebnisse in meiner Klasse erreicht-“
„Ich hätte mich klarer ausdrücken sollen,“ sagte Professor McGonagall, die sich endlich umdrehte um Umbridge
direkt in die Augen zu sehen. „Er hat Spitzennoten in allen Verteidigung gegen die Dunklen Künste-Tests erreicht,
die von einem kompetenten Lehrer entworfen wurden.“
Professor Umbridge“s Lächeln verschwand so plötzlich wie das Leuchten einer Glühlampe. Sie sackte auf ihren
Stuhl, legte ein Blatt Papier in ihr Klemmbrett und begann tatsächlich das zuletzt Besprochene aufzuschreiben, ihre
vorstehenden Augen rollten von einer Seite auf die andere. Professor McGonagall kehrte zu Harry zurück, ihre
kleinen Nasenlöcher waren erweitert, ihre Augen brannten.
„Irgendwelche Fragen, Potter?“
„Ja,“ sagte Harry. „Welche Art von Persönlichkeits- und Begabungstests führt das Ministerium durch, wenn man
genug UTZ hat ?
„Also, Sie werden unter Druck eine gute Reaktionsfähigkeit beweisen müssen und so weiter,“ sagte Professor
McGonagall, „Beharrlichkeit und Hingabe, weil das Auroren-Training mehr als drei Jahre dauert, nicht zu vergessen
sehr großen Fähigkeiten in praktischer Verteidigung. Das wird eine Menge mehr Lernen bedeuten, auch wenn Sie
die Schule verlassen haben, so gut Sie auch vorbereitet waren - „
„Ich denke, du wirst auch entdecken,“ sagte Umbridge, ihre Stimme klang nun sehr kalt, „daß das Ministerium die
Aufzeichnungen von denen, die sich als Auroren bewarben, untersucht. Ihre kriminellen Aufzeichnungen.“
„ - darauf vorbereitet waren, nach Hogwarts noch weitere Prüfungen abzulegen, du solltest wirklich nach einem
anderen - „
„Was bedeutet, daß die Chance, daß dieser Junge ein Auror wird, genauso groß ist wie jene, daß Dumbledore wieder
an diese Schule zurückkehrt.“
„Dann hat er eine sehr gute Chance,“ sagte Professor McGonagall.
„Potter hat ein Strafregister,“ sagte Umbridge laut.
„Potter hat alle Anklagepunkte aufgeklärt“ sagte McGonagall, noch etwas lauter.
Professor Umbridge stand auf. Sie war so unwirsch wie eh und je, aber ihre nervöse, einfältig-lächelnde Haltung
hatte einem großen Zorn Platz gemacht, der ihr breites, schlaffes Gesicht seltsam bösartig aussehen lies.
„Potter hat keine Chance ein Auror zu werden, was auch immer geschieht!“
Professor McGonagall erhob sich auf ihre Füße, und in ihrem Falle war dies eine sehr beeindruckende Bewegung;
sie überragte nun Professor Umbridge.
„Potter,“ sagte sie in einem lauten Ton, „Ich werde Ihnen behilflich sein, ein Auror zu werden, und wenn es das
Letzte ist, was ich tue! Und wenn ich Sie nachts trainieren muß, ich versichere Ihnen sie werden die geforderten
Ergebnisse erbringen!“
„Der Minister für Zauberei wird Harry Potter niemals einstellen!“ sagte Umbridge mit anschwellender Stimme.
„Wenn einmal ein neuer Minister für Zauberei da ist, wird Potter bereit sein!“ schrie Professor McGonagall.
„Aha!“ kreischte Professor Umbridge, und zeigte mit ihrem kurzen, gedrungen Finger auf McGonagall. „Ja! Ja, ja,
ja! Natürlich! Das ist es was Sie wollen, ist es nicht so, Minerva McGonagall? Sie wollen Cornelius Fudge durch
Albus Dumbledore ersetzen! Sie denken, Sie werden dann was ich bin Staatssekretärin des Ministers und
Schulleiterin dazu!“
„Sie reden irres Zeug,“ sagte Professor McGonagall äußerst verachtungsvoll. „Potter, unser Beratungsgespräch ist
damit beendet.“
Harry schwang seine Tasche über die Schulter und eilte aus dem Raum hinaus, wobei er sich nicht traute, Professor
Umbridge anzusehen. Er konnte sie und Professor McGonagall sich unaufhörlich weiter anschreien hören, wie auch
jeder andere auf dem ganzen Weg entlang des Korridors.
Professor Umbridge schnappte nach Luft, als ob sie gerade an einem Rennen teilgenommen hatte, als sie zu ihrer
Unterrichtsstunde in Verteidigung gegen die Dunklen Künste diesen Nachmittag erschien.
„Ich hoffe, du hast besser über deinen Plan nachgedacht, Harry,“ flüsterte Hermine, in dem Moment als sie ihre
Bücher „Keine Vergeltung und Verhandlung“ - Kapitel 34 - öffneten.
„Umbridge sieht aus als habe sie schon richtig schlechte Laune ...“
Ab und zu warf Umbridge finstere Blicke zu Harry, der seinen Kopf gesenkt hielt, starrend auf Theorien der
Verteidigungszauber, seine Augen ungerichtet, nachdenkend ...
Er konnte sich jetzt Professor McGonagall Reaktion vorstellen, wenn er gefasst würde beim unbefugten Betreten von
Professor Umbridge“s Büro nur Stunden nach dem sie sich für ihn verbürgt hatte ... es gab nichts, daß ihn daran
hintern könnte, einfach in den Gryffindorturm zurückzugehen und zu hoffen, daß er irgendwann während der
nächsten Sommerferien die Möglichkeit haben würde, Sirius nach den Vorgängen zu fragen die er im Denkarium
gesehen hatte ... nichts, abgesehen davon, daß schon der Gedanke daran, von seinem an sich vernünftigen Kurs
abzuweichen, ihm wie ein Stein im Magen lag ... und dann ist da die Sache mit Fred und George, deren
Ablenkungsmanöver schon geplant war, geschweige denn das Messer das Sirius ihm gegeben hat, welches zur Zeit
in der Schultasche ruhte, zusammen mit dem alten Tarnumhang seines Vaters.
Aber die Tatsache blieb, was wäre wenn er gefasst würde …
„Dumbledore hat sich selbst geopfert, damit du an der Schule bleibst, Harry!“ flüsterte Hermine, während sie ihr
Buch hob, um ihr Gesicht vor Umbridge zu verstecken. „Und wenn du heute hinausgeworfen wirst, wäre das alles
umsonst!“
Er konnte den Plan aufgeben und einfach lernen, mit der Erinnerung daran, was sein Vater eines Sommertages vor
mehr als zwanzig Jahren tat, zu leben.
Und dann erinnerte er sich an Sirius im Feuer im Obergeschoss des Gryffindor Gemeinschaftsraumes ...
Du bist weniger wie dein Vater als ich dachte ... das Risiko war es, daß James Spaß machte ...
Aber wollte er noch immer wie sein Vater sein?
„Harry, tu es nicht, bitte tu es nicht!“ Hermine sagte dies mit schmerzhafter Stimme als die Glocke zum Stundenende
läutete.
Er gab keine Antwort, er wußte nicht, was er tun sollte.
Ron schien entschlossen, weder seine Meinung noch seinen Rat kundzutun; er wollte Harry nicht ansehen, aber als
Hermine gerade ihren Mund öffnete, um ein weiteres Mal zu versuchen, Harry davon abzubringen, sagte er: „Gib es
auf, ok? Er kann tun, was er denkt.“
Harry“s Herz schlug sehr schnell, als er den Klassenraum verließ.
Er war auf halber Strecke des Korridors, als er die erwarteten Klänge des Ablenkungsmanövers in der Ferne hören
konnte. Da waren Schreie und Kreischen die von irgendwoher widerhallten; alle die mit Harry das Klassenzimmer
verlassen hatten blieben stehen und schauten sich um. Die Umbridge kam aus ihrem Klassenraum herausgestürzt, so
schnell es ihre kurzen Beine zuließen. Sie zog ihren Zauberstab und rannte in die entgegengesetzte Richtung los. Das
bedeutete: jetzt oder nie!
„Harry - bitte!”, flehte Hermine erschöpft.
Aber er setzte seine Gedanken in die Tat um. Er hängte seine Tasche sicher über seine Schulter und begann zu
rennen, den anderen Schülern ausweichend, die in die entgegengesetzte Richtung eilten um zu sehen, was gerade im
Ostflügel geschah.
Harry erreichte den Korridor zum Büro der Umbridge und fand das Büro verlassen vor. Er warf sich hinter eine
große Ritterrüstung deren Helm knarrte als schaue sie zu ihm, öffnete seine Tasche, ergriff Sirius“s Messer und warf
sich den Tarnumhang um. Dann schlich er langsam und sorgfältig hinter der Rüstung vor und entlang des Korridors,
bis er die Tür zur Umbridge“s Büro erreichte. Er steckte die Klinge des Zaubermessers in den Türspalt und bewegte
sie sanft auf und ab, dann zog er sie zurück. Es gab einen kleinen Klick, und die Tür schwang auf. Er duckte sich
innerhalb des Büros, schloss die Tür schnell hinter sich ab und sah sich um.
Nichts bewegte sich, mit Ausnahme der schrecklichen Kätzchen, die noch an den Wandplatten über den
konfiszierten Besenstielen herumtollten.
Harry nahm seinen Tarnumhang ab, ging hinüber zum Kamin und fand innerhalb weniger Sekunden was er suchte:
ein kleines Kästchen mit glitzerndem Flohpulver.
Er hockte sich vor der leeren Feuerstelle hin, seine Hände zitterten. Zwar hatte er dies noch nie zuvor getan, dennoch
glaubte er zu wissen was zu tun sei. Er steckte seinen Kopf in den Kamin, nahm ein wenig Pulver und tropfte es auf
die Holzscheite, die sauber aufgeschichtet waren. Es explodierte sofort mit smaragdgrünen Flammen.
„Nummer 12, Grimmauldplatz!” sagte Harry laut und klar.
Es war eines der seltsamsten Gefühle, welches er jemals verspürte. Er war auch früher schon mit Flohpulver verreist,
sicher, aber da war es immer sein ganzer Körper, der durch das Flohnetzwerk, welches das ganze Land überspannte,
flog. Dieses Mal blieben seine Knie auf dem kalten Fußboden im Büro der Umbridge und nur sein Kopf sauste durch
das smaragdgrüne Feuer …
Und dann, so abrupt wie es begann, hörte das Herumwirbeln auf. Sich ziemlich übel fühlend und als ob ein
ungewöhnlich heißer Schal um seinen Kopf geschlungen wäre, öffnete Harry seine Augen und fand was er suchte
außerhalb des Küchenkamins an einem langen Holztisch, wo ein Mann vertieft in das Studium eines Stückes
Pergament saß.
„Sirius?”
Der Mann sprang auf und schaute sich um. Es war nicht Sirius sondern Lupin.
„Harry!” sagte er, und sah gründlich schockiert aus. „Was machst du - was ist geschehen, ist alles in Ordnung?”
„Ja”, sagte Harry. „Ich wundere mich nur - Ich meine, Ich wollte eigentlich - mit Sirius sprechen.”
„Ich werde ihn rufen,“ sagte Lupin, stand auf, immer noch verblüfft aussehend, „er ging nach oben um Kreacher zu
suchen, der scheint sich wieder in der Dachstube zu verstecken…” Und Harry sah Lupin aus der Küche eilen.
Nun war er allein und sah nichts als den Stuhl und Tischbeine. Er wunderte sich warum Sirius nie erwähnte, wie
wenig komfortabel es ist aus dem Feuer zu sprechen; seine Knie schmerzten schon durch den langen Kontakt zum
harten Steinfußboden im Büro der Umbridge.
Lupin kehrte mit Sirius im Gefolge wenige Momente später zurück.
„Was ist?”, fragte Sirius eindringlich, fegte sein langes dunkles Haar aus seinen Augen und kam herunter ans Feuer,
so daß er und Harry auf einer Höhe waren. Lupin kniete sich ebenfalls hin, sehr besorgt aussehend fragte er: „Bist du
in Ordnung? Brauchst du Hilfe?“
„Nein,“ sagte Harry, „es ist nicht deswegen ... Ich wollte sprechen ... über meinen Vater.“
Sie tauschten überraschte Blicke aus, aber Harry hatte nicht die Zeit sich beschämt oder peinlich zu fühlen; seine
Knie schmerzten jede Sekunde mehr und er schätzte, daß seit Beginn des Ablenkungsmanövers etwa fünf Minuten
vergangen waren; George hatte ihm nur zwanzig garantiert. Er stürzte sich deshalb gleich in die Erzählung über das
was er im Denkarium gesehen hatte.
Als er zu Ende war, sprachen für einen Moment weder Sirius noch Lupin. Dann sagte Lupin leise, „Ich möchte nicht,
daß du deinen Vater beurteilst aufgrund dessen, was du da sahst, Harry. Er war nur fünfzehn ...“
„Ich bin fünfzehn!“ sagte Harry aufgeregt.
„Schau, Harry,“ sagte Sirius beschwichtigend, „James und Snape hassten sich gegenseitig von dem Augenblick an
als sie sich das erste Mal in die Augen sahen, es war eines dieser Dinge, du kannst das verstehen, oder kannst du es
nicht? Ich denke James war all das, was Snape sein wollte - er war beliebt, er war gut im Quidditch - gut in ziemliche
allem. Und Snape war halt dieser kleine komische Kauz, der nur mit den Dunklen Künsten beschäftigt war, und
James - wie es dir auch immer erschien, Harry - er hasste die Dunklen Künste.“
„Ja”, sagte Harry, „aber er griff Snape ohne guten Grund einfach an, bloß weil - ja, bloß weil du sagtest, dir wäre
langweilig,“ er endete mit einem Ton in seiner Stimme als wolle er sich dafür rechtfertigen.
„Ich bin nicht stolz darauf,“ sagte Sirius schnell.
Und Harry sah wie Lupin aus der Küche eilte. Nun blieb ihm nur, die Stuhl- und Tischbeine anzustarren. Er fragte
sich warum Sirius nie erwähnt hatte wie unbequem es war, durch das Feuer zu sprechen; seine Beine protestierten
bereits schmerzhaft gegen ihren dauernden Kontakt mit Umbridges hartem Steinboden.
Lupin kehrte einen Augenblick später zurück, mit Sirius hinter ihm.
„Was ist los“ fragte Sirius eindringlich, wischte sich sein langes dunkles Haar aus den Augen und fiel vor dem Feuer
auf die Knie, damit er und Harry auf einer Ebene waren. Lupin kniete sich ebenfalls hin und sah sehr besorgt aus.
„Geht“s dir gut? Brauchst du Hilfe?“
„Nein,“ sagte Harry, „gar nicht ... ich wollte nur mit dir reden ... über meinen Dad.“
Sie tauschten sehr erstaunte Blicke aus., aber Harry hatte nicht die Zeit Unsicherheit oder Scham zu empfinden; seine
Knie taten von Sekunde zu Sekunde mehr weh und er schätzte, daß fünf Minuten seit dem Beginn des
Ablenkungsmanövers vorüber waren; George hatte ihm nur zwanzig garantiert. Deshalb stürzte er sich sofort in die
Geschichte, die er im Denkarium gesehen hatte.
Als er zum Ende kam, blieben sowohl Lupin als auch Sirius einen Moment still. Dann sagte Lupin leise: „Ich würde
nach dem was du da gesehen hast kein Urteil über deinen Vater sprechen wollen. Er war erst fünfzehn...“
„Ich bin fünfzehn!“ sagte Harry hitzig.
„Schau mal, Harry,“ sagte Sirius beschwichtigend, „James und Snape haben sich gehasst, vom ersten Augenblick an,
so was gibt’s, das kannst du doch verstehen, oder? Ich glaube, James war alles was Snape sein wollte - er war
beliebt, er war gut im Quidditch - gut in eigentlich fast allem. Und Snape war dieser kleine Exzentriker, der bis über
beide Ohren in den Dunklen Künsten steckte und James - egal, wie er dir da vorgekommen ist - er hat die Dunklen
Künste immer gehasst.“
„Ja,“ sagte Harry, „aber er hat Snape einfach so angegriffen, ohne Grund, bloß - na ja, bloß weil du gesagt hast, dir
wär langweilig.“ fügte er mit einem entschuldigenden Tonfall hinzu.
„Da bin ich nicht stolz drauf,“ sagte Sirius schnell.
Lupin sah Sirius von der Seite an und sagte dann: „Schau mal, Harry, du mußt verstehen, daß dein Vater und Sirius
bei allem was sie taten, die Besten der Schule waren - alle dachten, sie wären absolut cool - und wenn sie drum
manchmal ein bischen übertrieben haben...“
„Du meinst, wenn wir manchmal arrogante, kleine Schnösel waren.“ sagte Sirius.
Lupin lächelte.
„Er hat sich dauernd das Haar verwuschelt,“ sagte Harry gequält.
Sirius und Lupin lachten.
„Ich hatte ganz vergessen, daß er das getan hat.“ sagte Sirius voller Zuneigung.
„Hat er mit dem Schnatz gespielt?“ fragte Lupin eifrig.
„Ja,“ sagte Harry und sah verständnislos, wie Sirius und Lupin strahlend in Erinnerungen schwelgten. „Also, ich
fand, er war ein ziemlicher Idiot.“
„Sicher war er ein ziemlicher Idiot.“ sagte Sirius fröhlich. „Wir waren alle Idioten! Naja... Moony nicht so,“ sagte er
und warf Lupin einen anerkennenden Blick zu.
Aber Lupin schüttelte den Kopf. „Habe ich euch jemals gesagt, ihr sollt Snape in Ruhe lassen?“ sagte er. „ Hatte ich
jemals den Mumm, euch zu sagen, daß ihr ziemlich daneben seid?“
„Nun, ja,“ sagte Sirius, „Manchmal hast du es geschafft, daß wir uns vor uns selber geschämt haben...das war schon
etwas...“
„Und,“ sagte Harry störrisch und entschlossen, alles zu erzählen, was ihm durch den Kopf ging, da er schon einmal
da war, „er hat immer zu den Mädchen am See hinübergesehen, in der Hoffnung, daß sie ihn anschauen.“
„Ach, ja, er hat sich immer zum Trottel gemacht, wenn Lily da war,“ sagte Sirius achselzuckend, „er konnte einfach
nicht mit dem Angeben aufhören, wenn er in ihrer Nähe war.“
„Wie kommt es, daß sie ihn geheiratet hat?“ fragte Harry unglücklich. „Sie hat ihn gehasst!“
„Ach was, hat sie nicht,“ sagte Sirius.
„Im siebten Jahr war sie dann mit ihm zusammen.“ sagte Lupin
„Da war James nicht mehr so aufgeblasen,“ sagte Sirius.
„Und hatte aufgehört, Leute nur so zum Spaß zu verhexen.“ sagte Lupin.
„Sogar Snape?“ fragte Harry.
„Naja,“ sagte Lupin langsam. „Snape war ein besonderer Fall. Ich meine, er hat nie eine Gelegenheit ausgelassen um
James ein Fluch hinterherzuschleudern, da kannst du nicht erwarten, daß James das so einfach hinnimmt, oder?“
„Und meine Mum fand das in Ordnung?“
„Davon wußte sie nicht so sehr viel, ehrlich gesagt.“ sagte Sirius. „Ich meine, James hat sich nicht mit ihr verabredet
und dann Snape mitgebracht um ihn vor ihren Augen zu verhexen, verstehst du?
Sirius runzelte die Stirn, denn Harry sah immer noch nicht überzeugt aus.
„Schau mal,“ sagte er, „dein Vater war der beste Freund, den ich je hatte und er war ein guter Mensch. Eine Menge
Leute sind Idioten, wenn sie fünfzehn sind. Er ist da herausgewachsen.“
„Ja, in Ordnung,“ sagte Harry schwerfällig. „Ich hätte bloß nie gedacht, daß mir Snape einmal leid tun würde.“
„Jetzt, wo du“s sagst,“ sagte Lupin, mit einer kleinen Falte zwischen den Augenbrauen, „wie hat Snape reagiert als
er merkte, daß du das alles gesehen hast?“
„Er hat gesagt, daß er mir nie wieder Occlumantie beibringt,“ sagte Harry gleichgültig. „als ob das eine große
Enttäu...“
„WAS?“ rief Sirius, daß Harry zusammenzuckte und einen Mundvoll Asche schluckte.
„Ist das dein Ernst, Harry?“ fragte Lupin schnell. „Er hat aufgehört, dir Unterricht zu geben?“
„Ja,“ sagte Harry überrascht, denn er hielt das für eine enorme Überreaktion.
„Aber das ist okay, mir ist es egal, ehrlich gesagt ist es eine ziemliche Erleichterung...“
„Ich komme da rauf und rede mit Snape!“ sagte Sirius bestimmt und schickte sich sogar an, aufzustehen, aber Lupin
zog ihn wieder nach unten.
„Wenn irgendjemand mit Snape redet, dann bin ich das!“ sagte er fest. „Aber, Harry, zuallererst gehst du wieder zu
Snape und sagst ihm daß er auf keinen Fall aufhören darf, dir Unterricht zu geben - wenn Dumbledore das hört...“
„Das kann ich ihm nicht sagen, er bringt mich um!“ sagte Harry empört. „Ihr habt ihn nicht gesehen, als wir aus dem
Denkarium herausgekommen sind!“
„Harry, es gibt nichts wichtigeres als das du Occlumantie lernst.“ sagte Lupin ernst. „Verstehst du mich? Nichts!“
„Okay, okay,“ sagte Harry völlig aus der Fassung, von seinem Ärger ganz zu schweigen. „Ich...ich versuche mal mit
ihm zu reden...aber ich werde mich nicht...“
Er schwieg. Er konnte ferne Schritte hören.
„Kommt dieser Kreacher die Treppe runter?“
„Nein,“ sagte Sirius und warf einen Blick über die Schulter. „Es muß jemand auf deiner Seite sein.“
Harrys Herz stolperte über mehrere Schläge.
„Ich geh besser!“ sagte er hastig und zog seinen Kopf rückwärts aus dem Feuer in Grimmauld Place. Für einen
Moment schien sein Kopf sich auf seinen Schultern zu drehen, dann fand er sich auf den Knien vor Umbridges
Kaminfeuer wieder, den Kopf wieder fest auf den Schultern. Er sah smaragdgrünen Flammen flackern und
verlöschen.
„Schnell, schnell!“ hörte eine keuchende Stimme direkt außerhalb der Bürotür murmeln. „Ah, sie hat sie
offengelassen...“
Harry griff nach dem Tarnumhang und hatte es gerade geschafft, ihn sich überzuwerfen, als Filch ins Büro
hereinplatzte. Er schien über irgendetwas unendlich entzückt zu sein und sprach wie im Fieber mit sich selbst,
während er das Zimmer durchquerte, eine Schublade an Umbridges Schreibtisch aufzog und die Papiere darin
durchwühlte.
„Genehmigung zum Auspeitschen...Genehmigung zum Auspeitschen...endlich kann ich...das hat ihnen immer
geblüht, schon seid Jahren...“
Er zog ein Stück Pergament hervor, küsste es und schlurfte dann schnell zur Tür hinaus, das Pergament an die Brust
gepresst.
Harry sprang auf und vergewisserte sich, daß er seine Tasche hatte und der Tarnumhang ihn völlig bedeckte. Dann
drückte er die Tür auf und eilte hinter Filch her, der schneller dahinhumpelte als Harry es je bei ihm erlebt hatte.
Einen Treppenabsatz unter Umbridges Büro fand Harry, es sei sicher, wieder sichtbar zu werden. Er zog den Mantel
aus, stopfte ihn in seine Tasche und eilte weiter. In der großen Halle war eine Menge Geschrei und Bewegung. Er
rannte die Marmortreppe hinab fand fast die gesamte Schule dort versammelt.
Es war genau wie in der Nacht als Trelawney entlassen worden war. Schüler standen ringsherum an den Wänden (
und manche, bemerkte Harry, waren mit einer Substanz bedeckt, die wie Stinksaft aussah); Lehrer und Geister waren
ebenfalls in der Menge. Aus der Menge der Zuschauer stachen die Mitglieder des Inquisitionskommandos hervor, die
alle höchst zufrieden mit sich aussahen und Peeves, der über ihren Köpfen schwebte, starrte auf Fred und George
hinab, die in der Mitte des Raums standen, mit dem untrüglichen Aussehen von zwei Menschen, die in gerade in die
Enge getrieben worden waren.
„So!“ sagte Umbridge triumphierend. Harry bemerkte, daß sie nur ein paar Stufen von ihm entfernt stand und auf
wieder einmal auf ihre Opfer herabblickte.
„So - Sie finden es also lustig, einen Schulkorridor in einen Sumpf zu verwandeln, nicht wahr?“
„Ziemlich lustig, ja,“ sagte Fred und sah zu ihr hinauf ohne das geringste Anzeichen von Angst.
Filch drängelte sich näher zu Umbridge, vor Freude fast den Tränen nahe.
„Ich habe das Formular, Frau Schulleiter,“ sagte er rau und wedelte mit dem Stück Pergament, daß Harry ihn gerade
aus ihrem Schreibtisch hatte holen sehen.
„Ich habe das Formular und ich habe die Peitschen bereit...Oh, lassen Sie mich es gleich machen...“
„Sehr gut, Argus,! sagte sie. „Ihr zwei,“ fuhr sie fort und blickte auf Fred und George hinab, „werdet jetzt lernen,
was in meiner Schule mit Übeltätern geschieht.“
„Weißt du was?“ sagte Fred, „das werden wir nicht, glaube ich.“
„George,“ sagte Fred, „ich denke, wir sind dem Schulunterricht entwachsen.“
„Ja, so ein Gefühl hatte ich auch,“ sagte George leichthin.
„Zeit, unsere Talente in der wirklichen Welt zu erproben, was meinst du?“ fragte Fred.
„Auf jeden Fall,“ sagte George.
Und bevor Umbridge ein Wort sagen konnte, hoben sie ihre Zauberstäbe und sagten zusammen:
„Accio, Besen!“
Harry hörte irgendwo in der Ferne ein lautes Gepolter. Er sah nach links und duckte sich gerade rechtzeitig. Fred und
Georges Besen, von denen einer noch die schwere Kette und den eisernen Haken, mit denen Umbridge sie an der
Wand befestigt hatte, mit sich schleppte, sausten durch den Korridor auf ihre Besitzer zu; sie bogen nach links,
flitzten die Treppe hinab und blieben vor den Zwillingen stehen, daß die schwere Kette laut über den Steinboden
rasselte.
„Auf Nichtwiedersehen,“ sagte Fred zu Professor Umbridge und schwang sein Bein über seinen Besenstiel.
„Ja, und melden Sie sich nicht mal“ sagte George und stieg auf seinen.
Fred blicke über die schweigende, aufmerksame Menge der Schüler.
„ Wenn jemand einen tragbaren Sumpf kaufen möchte, wie oben präsentiert, dann kommt in die Winkelgasse 93 -
Weasley“s Zauberhafte Zauberscherze!“ sagte er mit lauter Stimme. „Unsere neue Geschäftsadresse!“
„Besondere Rabatte für Hogwarts-Schüler, die schwören, daß sie unsere Produkte benutzen um diese alte Krähe
loszuwerden,“ fügte George hinzu und zeigte auf Professor Umbridge.
„HALTET SIE AUF!“ kreischte Umbridge, aber es war zu spät. Als das Inquisitionskommando sie einkreiste,
stiessen sich Fred und George vom Boden ab und schossen fünf Meter hoch in die Luft, daß der eiserne Haken unter
ihnen gefährlich herumschwang. Fred blickte durch die Halle zu dem Poltergeist, der über der Menge schwebte.
„Mach ihr die Hölle heiß, Peeves, in unserem Namen!“
Und Peeves, den Harry noch nie dabei erlebt hatte, wie er von einem Schüler Befehle annahm, riss seinen
glöckchenbedeckte Hut vom Kopf und salutierte, während Fred und George unter dem brandenden Applaus eine
Runde drehten und durch die offene Tür ins Freie sausten, hinein in den wunderbaren Sonnenuntergang.
Kapitel 30 - Grawp
Die Geschichte von Fred und George“s Flug in die Freiheit, wurde in den nächsten Tagen so häufig wiederholt, das
Harry der meinte, Sie würde in kürze in dem Buch „Die Geschichte von Hogwarts“ nach zu lesen sein: innerhalb
einer Woche, all die, welche Augenzeugen wurden, waren halb Überzeugt davon, gesehen zu haben, wie die
Zwillinge auf Ihren Besen im Sturzflug auf Umbridge zuflogen und sie mit Stinkbomben bewarfen, bevor sie aus der
Türe heraus verschwanden. In der direkten Zeit nach ihrem Abflug gab es eine große Welle von Gesprächen darüber,
es Ihnen gleich zu tun. Harry hörte häufig Schüler Dinge sagen, wie: „Ehrlich eines Tages werde ich auf meinen
Besen springen und diesen Ort hier verlassen“ oder auch „Eine weitere Unterrichtsstunde wie diese und ich werde es
den Weasleys gleich tun.“
Fred und George hatten sicher gestellt, das Niemand Sie so schnell vergessen wird. Für eine Sache hatten sie keine
Anweisungen zurückgelassen, wie man den Gestank entfernt, der jetzt den Flur im fünften Stock des Ostflügels
füllte. Umbridge und Filch waren beobachtet worden, wie Sie mit unterschiedliche Mitteln versuchten Ihn zu
Entfernen, dies aber ohne Erfolg. Schließlich wurde der Bereich abgesperrt, und Filch der wütend mit den Zähnen
knirschte, wurde die Aufgabe zugeteilt, die drängelnden Schüler zu ihren Klassenzimmern zu führen. Harry war
sicher, daß Lehrer wie McGonagall oder Flitwick den Gestank in einem Augenblick entfernt haben könnten, aber
gerade wie im Fall von Fred und Georges fliegenden Feuerknallern, schienen Sie es vorzuziehen, Umbridge bei
Ihrem Kampf zu beobachten.
Dann gab es die zwei großen Besenförmigen Löcher in Umbridges Bürotür, die durch Fred und Georges Besen
zertrümmert wurde, um sich mit Ihren Besitzer wieder zu vereinigen.
Filch setzte eine neue Tür ein und brachte Harrys Feuerblitz in den Kerker, in dem, den Gerüchten nach, Umbridge
ein bewaffnetet Sicherheitstroll, zum Schutz abgestellt hat.
Wie auch immer, Ihre Maßnahmen gingen weit über das Ziel hinaus.
Angespornt durch Fred und Georges Beispiel, wetteifern jetzt viele Schüler für die nun freie Position des leitenden
Störenfriedes. Trotz der neuen Tür, hatte jemand einen haarigen schnüffelnden Niffler in das Büro von Umbridges
gleiten lassen, der sofort das Büro auseinander nahm, auf seiner Suche nach glänzenden Gegenständen, sprang auf
Umbridge zu, als sie den Raum betrat, und versuchte die Ringe von ihren stämmigen Fingern zu nagen.
Stinkbomben und Gestank-Tabletten wurden so häufig in den Fluren geworfen, das es die neue Mode wurde, die
Schüler Luftblasenzauber auf sich selbst durchführten, bevor sie die Unterrichtsräume verließen, die ihnen einen
Vorrat an Frischluft sicherstellten, obwohl sie ihnen das eigenartige Aussehen gaben, als wenn Sie umgedrehten
Goldfischgläser über ihren Köpfen tragen würden.
Filch durchstreift die Flure mit einer einsatzbereiten Peitsche in seinen Händen, zum äußersten entschlossen, die
Missetäter zu fangen, aber das Problem war, das es jetzt so viele von ihnen gab, so das er nie Wuste, in welche
Richtung er sich wenden sollte. Die neugierige Gruppe versuchte ihm zu helfen, aber seltsame Dinge stießen den
Mitgliedern zu.
Warrington aus dem Quidditch Team der Slytherins wurde mit einem schlimmen Hautausschlag in den
Krankenflügel eingeliefert, die ihn aussehen ließ als wäre er mit Cornflakes bedeckt: Pansy Parkinson verpasste, zu
Hermines entzücken, in den folgenden Tagen alle ihre Unterrichtsstunden, da ihr ein Hirschgeweih gewachsen ist.
Unterdessen stellte sich heraus, wie viele verhexte Süßigkeitenpakete Fred und George geschafft hatten zu
verkaufen, bevor sie Hogwarts verließen.
Umbridge nur hatte, ihr Klassenzimmer für die Schüler zur Verfügung gestellt
kommen, die dort hingebracht wurden, um in Ohnmacht zu fallen, sich
zu erbrechen, hohes Fieber bekamen oder aus beiden Nasenlöchern bluteten.
Kreischend, vor Wut kochend und Frustriert, versuchte sie, die geheimnisvollen Symptome zu ihrer Quelle zu
verfolgen, aber die Schüler erklärten ihr hartnäckig, das sie unter Umbridgeitis
litten. Nachdem vier aufeinanderfolgende Klassen in Beugehaft genommen wurden ohne das Sie ihr Geheimnis
enthüllen konnte, gab Sie es auf und erlaubte den blutenden, in Ohnmacht fallenden und erbrechenden Schülern, ihre
Klassenräume in Scharen zu verlassen.
Aber nicht nur die Benutzer der Süßigkeitenpakete konkurrierten um den Titel des „Chef-Unruhestifters,“ auch
Peeves schien sich Freds Abschiedswörter sehr zu Herzen genommen zu haben. Verrückt gackernd, streifte er durch
die Schule, stürzte Tische um, und aus Tafeln heraus und zerdepperte Statuen und Vasen; zweimal schloss er Mrs
Norris in einer Rüstung ein, aus der sie laut jaulend, durch den wütenden Hausmeister gerettet wurde.
Peeves zertrümmerte Laternen und pustete Kerzen aus, jonglierte brennende Fackeln über den Köpfen der
schreienden Schüler, ordentlich Staplungsstapel des Pergaments verursacht,
um in Feuer oder aus Fenstern heraus zu stürzen; überschwemmte den zweiten Stock, als er alle Vorsprünge in den
Badezimmern hinabzog, fallengelassen einem Beutel von Taranteln mitten in der großen Halle während des
Frühstücks und, wann immer er einen Bruch, verbrauchte Stunden sich hintereinander, die entlang nach Umbridge
schwimmen und
durchbrennende laute Himbeeren vorstellte, jedes mal wenn sie sprach.
Keiner vom Personal, außer Filch schien sich zu rühren, um ihr zu helfen.
In der Tat, eine Woche nach Fred und Georges Abfahrt, wurde Harry Zeuge, wie Professor McGonagall an Peeves
vorbei ging, der entschlossen einen Kristallleuchter löste, und hätte schwören können, das er hörte, wie Sie dem
Poltergeisten aus den Mundwinkel heraus sagte, „es abschraubt andersherum.“ ((It unscrews the other way))
Um Angelegenheiten mit einer Kappe zu bedecken, ((To cap matters)) (ggf um die Angelegenheit abzuschließen)
hatte sich Montague noch nicht von seinem Aufenthalt in der Toilette erholt; er blieb konfus und verwirrt und seine
Eltern wurden einen Dienstag Morgen beobachtet, wie Sie die vordere Straße herauf kamen und extrem verärgert
ausschauten.
„Sollen wir etwas sagen?“ fragte Hermine mit besorgten Stimme, ihre Wange gegen das Zauberfenster drückend,
damit sie Herrn und Frau Montague sehen konnte, die grade eintraten.
„Über das, was mit ihm geschehen ist? Vielleicht hilft es Frau Pomfrey, ihn zu kurieren?“
„Besser nicht, er wird schon wieder gesund,“ sagte Ron gleichgültig.
„Jedenfalls ist es mehr Mühe für Umbridge, oder nicht?“ sagte Harry in einem befriedigtem Tonfall.
Er und Ron stießen mit ihren Teetassen an, die vermutlich mit ihren Zauberstäben verzaubert wurden. Harry“s
sprossen vier sehr kurze Beine, die den Schreibtisch nicht erreichen konnten und ziellos in der Luft herum wirbelten.
Ron“s wuchs vier sehr dünne Beine, welche die Tasse auf dem Schreibtisch unter großen Schwierigkeit anhoben, Sie
zitterten für einige Sekunden, knickten dann ein, so das die Tasse, in zwei brach.
„Reparo,,“ sagte Hermine schnell und reparierte Ron“s Tasse mit einem Schwung ihres Zauberstabes. „Das ist alles
sehr gut, aber was ist, wenn Montague“s Verletzungen dauerhaft bleiben?“
„Wen interessiert es?“ sagte Ron gereizt, während seine Teetasse wankend versuchte wieder auf zu stehen, heftig in
den Knien zitternd. „Montague hätte nicht versuchen sollen, alle die Punkte von Gryffindor zu stehlen, nicht wahr?
Wenn Du dich um jedermann sorgen möchtest
Hermine, Sorge dich um mich!“
„Um Dich,“ sagt Sie, ihre Teetasse wieder einfangend, die fröhlich auf ihren vier starken kleinen Weidegemusterten
Beinen über dem Schreibtisch hüpfte, und stelle Sie wieder vor sich hin. „Warum sollte ich um Dich besorgt sein?“
„Wenn Mum“s nächster Brief schließlich durch Umbridge“s Aussiebungprozeß gelangt”, sagte Ron verbittert und
hielt seine Tasse hoch, während deren schwache Beine versuchten ihr Gewicht zu tragen, „Werde ich großen Ärger
bekommen. Ich wäre nicht überrascht, wenn sie mir einen anderen Heuler schickt.“
„Aber-“
„Es wird meine Schuld sein, das Fred und George abgehauen sind, warte es ab,“ sagte
Ron dunkel. „Sie wird sagen, das ich sie hätte aufhalten sollen, ich hätte die Enden ihrer Besen ergreifen und mich
daran hängen sollen oder etwas in der Art ..., ja, es wird alles meine Schuld sein.“
„Gut, aber wenn sie das sagt, ist es sehr unfair, Du konntest nichts dagegen tun! Aber ich bin sicher, das sie dies
nicht tun wird, ich bin der Meinung, wenn es wirklich zutreffend ist, das sie einen Laden in der Winkelgasse haben,
müssen Sie dies schon seit Jahren geplant haben.“
Es war eine bedrückende Stille. Dann rutschte Hermines Teetasse über die rechte Tischecke und zerschellte auf dem
Boden.
„Nein, das hast Du nicht getan Harry!“ brach es aus ihr hervor.
„Und ob“ sagte Harry trotzig „und ich habe es nie bereut. Ich brauchte das Gold nicht und ihr Scherzartikelladen
wird großartig anlaufen.“
„Aber das ist ja großartig“ sagte Ron, erregt schauend. „Harry, dann war alles deine Schuld - Mama kann mich nun
nicht mehr für alles verantwortlich machen! Darf ich es Ihr erzählen?“
„Ja, ich glaube das ist besser,“ erwiderte Harry gelangweilt, „besonders weil sie glaubt daß sie mit gestohlenen
Kesseln und ähnlichem dealen.“
Hermine schwieg den Rest der Unterrichtsstunde, aber Harry war scharfsinnig genug um zu erkennen daß sie ihre
Selbstbeherrschung schon öfter verloren hatte. Einmal ganz bestimmt, sie hatten während einer Pause die Burg
verlassen, vielleicht zum Glück, denn sie war total niedergeschlagen.
Hermine beobachtete Harry aus kleinen Augen und stieß ihre angehaltene Luft dabei aus.
Harry unterbrach sie bevor sie meckern konnte.
„Bitte kritisiere mich nicht, es ist Vergangenheit“ sagte er entschlossen. „Fred und George haben das Gold
bekommen - und sie gaben einen Grossteil der Münzen für Scherzartikelzutaten aus - und ich kann und will es nicht
von ihnen zurückfordern. Also spar Dir die Mühe, Hermine.“
„Ich wollte nicht über Fred und George sprechen“ erklärte sie mit beleidigter Stimme.
Ron schnaubte ungläubig und Hermine warf ihm böse Blicke zu.
„Wollte Ich wirklich nicht!“ knurrte sie zornig. „Tatsächlich bin ich gekommen um Harry zu fragen wann er wohl zu
Snape zurück geht und sich nach seinen Strafarbeitsstunden erkundigt“
Harry lies seinen müden Kopf hängen. Erst haben sie über Fred und Georgs überraschende Abfahrt diskutiert, was
sicher mehrere Stunden in Anspruch genommen hatte. Anschließend wollten Ron und Hermine Neuigkeiten von
Sirius hören. Beim ersten Mal hatte Harry Ihnen nicht alles von seiner Unterhaltung mit Sirius mitgeteilt! Danach
war es umso schwerer, zuzugeben das Sirius Harry darum gebeten hatte, seine Strafarbeits-Stunden anzutreten.
Hermine erinnerte Ihn ständig daran, und hielt es ihm immer dann vor, wenn Harry es am wenigsten erwartete.
„Erzähl mir nicht, Deine sonderbaren Träume wären vorbei“ sagte jetzt Hermine, „denn Ron erzählte mir, daß du
letzte Nacht im Schlaf gemurmelt hast.“ Harry blickte Ron zornig an. Ron hatte eine Begabung dazu, sich im
schlechten Licht darzustellen. „Du hast nur ein bißchen gemurmelt“ nuschelte Ron entschuldigend „es war schwer
etwas davon zu verstehen.“
„Ich sah Dich in meinem Traum hervorragend Quidditch spielen und ich habe ganz verzweifelt versucht dir den
Quaffle zu entreißen.“ log Harry gemein. Rons Ohren wurden knallrot. Harry genoss seine süße Rache; er hatte
natürlich nichts derartiges geträumt.
Letzte Nacht hatte er wieder eine Reise durch die Korridore der „Regierungsbehörde der Geheimnisse“ gemacht. Er
ist an einem runden Raum vorbeigekommen, in dem es klickte und Lichter tanzten. Anschließend befand er sich in
einem höhlenartigen Raum wieder, dieser war voller Regale mit verstaubten Glassphären.
Er mußte sich beeilen um nach Reihe siebenundneunzig zu kommen, bog links ab und rannte das Regal entlang… er
mußte das wohl im Traum laut ausgesprochen haben… ein kleines bißchen eher… bevor ihm eine innere Stimme
befahl aufzuwachen… und bevor er das Ende des Regals erreichte. Er erwachte und fand sich selbst im Bett liegend,
das Baldachin seines Bettes anstarrend, wieder.
„Du versuchst Deine Gedanken zu verbergen, nicht wahr?“ fragte Hermine, und schaute Harry wachsam an. „Du
machst doch mit deinen Strafarbeiten weiter?“
„Aber natürlich mach ich das,“ versprach Harry, und versuchte seiner Stimme einen beleidigten Tonfall zu geben, so
als wenn ihn ihre Frage verletzt hätte. Gleichzeitig achtete er darauf ihr nicht in die Augen zu schauen. In
Wirklichkeit dachte er angestrengt darüber nach, was wohl in dem Raum mit den ganzen verstaubten Glaskugeln
versteckt ist. Er würde versuchen seinen Traum fortzusetzen.
Er hatte nur ein Problem. Die Prüfungen fanden in einem Monat statt und er widmete jede freie Minute um sich
weiterzubilden. Sein Verstand war so überfüllt mit Informationen daß er nachts nur schwer einschlafen konnte. Und
wenn er dann endlich schlief, gaukelte ihm sein überlastetes Gehirn fast jede Nacht nur blöde Prüfungsträume vor. Er
verdächtigte den Teil seines Verstandes, der schon oft mit Hermines Stimme gesprochen hatte, daran Schuld zu sein,
daß er immer dann aufwachte, wenn er eine schwarze Tür am Ende des Ganges sah, welche seine Reise
wahrscheinlich sein Reiseziel darstellte.
„Weißt Du“ sagte Ron, dessen Ohren immer noch rot glühten, „wenn Montague sich nicht erholt bevor Slytherin
gegen Hufflepuff antritt, dann haben wir die Chance den Pokal zu gewinnen.“
„Ja, ich glaube auch“ antwortete Harry glücklich über den Themenwechsel.
„Ich will damit sagen, wir haben ein Spiel gewonnen und eins verloren…- wenn Slytherin gegen Hufflepuff nächsten
Samstag verliert-“
„Ja, genau“ stimmte Harry zu, der froh darüber war, daß das andere Thema abgehakt war. Er sah Cho Chang doch
sie ist ihm ausweichend, schnurstracks über den Hof gelaufen.
*
Das letzte Spiel der Quidditch Saison, Gryffindor gegen Ravenclaw, sollte am letzten Maiwochenende stattfinden.
Obwohl Slytherin von Hufflepuff im letzten Spiel knapp besiegt wurde, glaubte keiner der Gryffindors an ihren Sieg.
Das lag hauptsächlich daran, (Obwohl es ihm natürlich keiner sagte) daß Ron sich den absoluten Minusrekord als
Torhüter erobert hatte. Er selbst schien aber vor neuem Optimismus nur so zu strotzen.
„Ich kann doch nur noch besser werden oder?“ meinte er grimmig zu Harry und Hermine, als sie am Morgen des
Spieles zum Frühstück gingen. „Wir haben dabei nichts zu verlieren oder?“
„Du weißt“ sprach Hermine, als sie gerade inmitten einer sehr gereizten Menge zum Spielfeld hinübergingen, „ich
denke das Ron ohne die ständige Überwachung von Fred und George viel selbstbewußter wäre.“
Luna Lovegood marschierte vorbei und auf ihrem Kopf hatte sie ein lebensecht aussehende Adlerfigur. „Oh Gott,
das hatte ich ja ganz vergessen! Cho wird spielen, Luna nicht“ entfuhr es Hermine, dem flügelschlagenden Adler auf
Luna nachschauend, die gerade an einer Gruppe gackernder Slytherins vorbeiging. Harry ächzte und grunzte, denn er
hatte das nicht vergessen.
Sie fanden Plätze in der obersten Sitzreihe. Es war ein schöner, wolkenloser Tag. Ron sich den Tag nicht schöner
vorstellen können. Harry war zuversichtlich das Ron die Slytherins nicht weiter ermutigen würde im Chor zu singen:
„Weasley ist unser König.“
Lee Jordan, der zu der Zeit als Fred und George ihn allein ließen sehr entmutigt war, kommentierte heute wie immer.
Die Teams schnellten vom Spielfeld in die Lüfte als er ihre Namen nein kleines bißchen weniger begeistert als sonst
aufrief. „ Bradley… Davies… Chang,“ rief er, und Harry fühlte wie sein Magen sich leicht überschlug, vielmehr ein
zaghaftes schlingern. Ihr glänzendes schwarzes Haar wehte in der schwachen Brise, als Cho auf das Spielfeld
hinausging. Er war sich nicht sicher ob er mehr von Ihr wollte, Aber er war sich sicher, daß er nicht die initiative
ergreifen würde. Daß sie sich mit Roger Davies angeregt unterhielt, bevor sie sich auf ihren Besen schwang, machte
ihn ein klein wenig Eifersüchtig.
„Und sie sind im Spiel!“ sagte Lee. „Und Davies bekommt sofort den Quaffle, Ravenclaws Kapitän Davies hat den
Quaffle, er entkommt Johnson, er weicht Bell aus, er umgeht Spinnet genauso gut… Er kommt in Wurfweite! Er
setzt zum Wurf an - und - und -“ Lee fluchte sehr laut. „und er Punktet.
Harry, Hermine und alle anderen aus Gryffindors stöhnten auf. Das Unheil war vorauszusehen, die Slytherins auf der
gegenüberliegenden Seite standen auf und sangen:
„Weasley kann das Tor nicht hüten… geschweige denn einen Ring nur schützen…“
„Harry“ flüsterte eine heisere Stimme in sein Ohr. „Hermine…“
Harry drehte den Kopf und sah in Hagrids, riesiges, behaartes Gesicht das zwischen den Stuhllehnen hervorschaute.
Manchmal sah Hagrid doppelt so besorgniserregend wie sonst aus, obwohl er gerade mal vier Fuß größer als alle
anderen war. Er ist von ganz unten angefangen, im ersten und zweiten Jahr war er nur für das Wild zuständig, und
nun hatte er seinen Weg gemacht.. „Hör mir zu,“ flüsterte er, „kannst Du mitkommen? Jetzt? Zurzeit schauen sich
alle das Spiel an!“
„Es… kann das nicht warten, Hagrid?“ fragte Harry. „Bis das Spiel vorüber ist?“
„Nein,“ sagte Hagrid. „Nein, Harry, es muß sofort sein… zurzeit schauen alle weg… bitte komm?“
Aus der Nase von Hagrid tropfte langsam Blut. Er hatte Ränder um seine Augen. Seit Harry zu dieser Schule ging
hatte er Hagrid noch nie so gesehen; er sah total niedergeschlagen aus.
„Natürlich,” sagte Harry umgehend, „Selbstverständlich werden wir kommen.“
Er und Hermine schoben sich aus Ihrer Sitzreihe heraus, was für viel Gemurre unter den Schülern sorgte, die
aufstehen mußten um sie durchzulassen.
Die Leute in Hagrids Reihe beschwerten sich nicht, sie versuchten lediglich, sich so schmal wie nur möglich zu
machen.
„Ich weiß das sehr zu schätzen, Ihr beiden, ja, das weiß ich wirklich,“ sagte Hagrid als sie die Stufen erreichten. Er
blickte sich auf dem ganzen Weg zum Rasen hinunter immer wieder nervös um. „Ich hoffe nur, daß sie nicht
bemerkt daß wir gehen.“
„Meinst Du Umbrigde?,“ sagte Harry. „ Sie wird nichts mitbekommen, sie hat ihr gesamtes „Forschungsteam“ um
sich versammelt, hast Du das nicht gesehen? Sie muß Unruhen beim Spiel erwarten.“
„Ja, nun, ein bißchen Ärger wäre gar nicht so schlimm,“ sagte Hagrid, der stehengeblieben war um einen Blick um
die Ecke der Tribünen zu werfen, um sicherzugehen daß der Rasenstreifen zwischen hier und seiner Hütte verlassen
ist. „Das würde uns mehr Zeit geben.“
„Worum geht es, Hagrid?, sagte Hermine, die ihn mit einem besorgten Gesichtsausdruck ansah, während sie über das
Gras zum Rand des Waldes eilten.
„Ihr- ihr werdet es bald sehen,“ sagte Hagrid, der sich gerade umsah als ein großes Getöse auf der Tribüne ausbrach.
„Hey, hat da gerade jemand gepunktet?
„Das wird wohl Rawenclaw gewesen sein,“ presste Harry hervor.
„Gut...... gut......“ sagte Hagrid gedankenverloren. „ Das ist gut.......“
Sie mußten joggen um mit ihm Schritt zu halten als er über den Rasen stiefelte und sich alle paar Schritte umblickte.
Als sie seine Hütte erreichten, drehte sich Hermine automatisch nach links, in Richtung der Eingangstür.
Hagrid aber ging geradewegs dran vorbei, hinein in die Schatten der Bäume am äußersten Ende des Waldes, wo er
eine Armbrust aufhob, die an einen Baum gelehnt war. Als er bemerkte, daß sie nicht mehr bei ihm waren, drehte er
sich um.
„Wir gehen hier hinein,“ sagte er, seinen zotteligen Kopf nach hinten werfend.
„In den Wald?,“ fragte eine verdutzte Hermine.
„Ja, sagte Hagrid, „ Und jetzt kommt, bevor wir entdeckt werden!“
Harry und Hermine schauten sich an, und duckten sich dann in den Schutz der Bäume hinter Hagrid, welcher bereits
von ihnen fort in die grüne Dunkelheit des Waldes schritt, seine Armbrust im Anschlag. Harry und Hermine rannten,
um ihn einzuholen.
„Hagrid, warum bist Du bewaffnet?“ fragte Harry.
„Reine Vorsichtsmaßnahme“ sagte Hagrid, der mit seinen Massiven Schultern zuckte.
„An dem Tag, an dem Du uns die Thestrals gezeigt hast, hattest Du Deine Armbrust aber nicht dabei!“ bemerkte
Hermine ängstlich.
„Nun, also, damals sind wir auch nicht so weit hineingegangen. Und überhaupt, das war noch, bevor Firenze den
Wald verlassen hat, oder?“ antwortete Hagrid.
„Warum macht es einen Unterschied, wenn Firenze den Wald verlässt?“ wollte Hermine neugierig wissen.
„Die anderen Zentauren sind gut und sauer auf mich, das ist der Unterschied,“ meinte Hagrid, der seinen Blick
umherschweifen ließ. „Sie waren für gewöhnlich, nun, man konnte nicht gerade sagen, freundlich, aber wir kamen
ganz gut miteinander aus. Sie blieben unter sich, aber sie kamen immer her wenn ich etwas mit ihnen zu besprechen
hatte. Nun ist das nicht mehr so.“
Harry stieß einen tiefen Seufzer aus.
„Firenze hat uns erzählt, daß sie sauer sind weil er gegangen ist, um für Dumbledore zu arbeiten.“ Meinte Harry, der
über eine vorstehende Wurzel stolperte weil er damit beschäftigt war, das Profil von Hagrids Gesicht im Auge zu
behalten.
„Ja, nun, sauer ist noch zu harmlos gesprochen. Verdammt außer sich vor Wut. Wäre ich nicht dazwischen
gegangen, hätten sie Firenze wahrscheinlich zu Tode getreten.“
„Sie haben ihn angegriffen?“ fragte eine geschockt klingende Hermine.
„Jep,“ antwortete Hagrid schroff, während er seinen schweren Weg durch mehrere tief hängende Äste vorantrieb.
„Die halbe Herde hatte ihn attackiert“
„Und Du hast sie gestoppt??? Ganz alleine???“ fragte Harry mit einem Ausdruck von Bewunderung und
Verblüffung.
„Natürlich habe ich sie gestoppt. Ich konnte ja nicht daneben stehen und zuschauen, wie sie ihn umbringen, oder?“
meinte Hagrid. „Es war wirklich Glück daß ich gerade vorbeigegangen bin..... Und ich hatte gedacht daß sich Firenze
vielleicht daran erinnert bevor er anfängt, mir dämliche Warnungen zu schreiben.“ Fügte er hitzig und unerwartet zu.
Harry und Hermine sahen sich erschrocken an, aber der missmutige Hagrid führte die Sache nicht näher aus.
„Jedenfalls,“ sagte er etwas mehr keuchend als sonst üblich, „seit diesem Ereignis sind die anderen Zentauren stinke
sauer auf mich. Und das Problem ist, daß sie einen großen Einfluss im Wald haben...... sie sind die klügsten
Lebewesen hier drinnen.“
„Ist das der Grund, warum wir hier sind, die Zentauren?“ wollte Hermine wissen.
„Oh, nein,“ erwiderte Hagrid mit einem verneinenden Kopfschütteln, „nein, um sie geht es nicht. Nun, es ist schon
so, daß sie das Problem noch verschlimmern könnten, ja.... aber ihr werdet bald sehen was ich meine.“
Nach dieser unverständlichen Mitteilung fiel er in Schweigen und setzte sich ein Stück nach vorne ab. Für jeden
Schritt von Hagrid mußten Harry und Hermine drei gehen, weshalb sie große Mühe hatten, mit ihm Schritt zu halten.
Der Pfad wurde zunehmend überwuchert, und die Bäume wuchsen immer dichter zusammen je weiter sie in den
Wald voranschritten, und bald war es so dunkel wie in der Dämmerung.
Bald waren sie schon weit von der Lichtung entfernt, auf der Hagrid ihnen die Thestrals gezeigt hatte. Dennoch
verspürte Harry kein Gefühl von Unbehagen, dies änderte sich aber als Hagrid unerwartet den Weg verließ und
begann, in Schlangenlinien um die Bäume immer weiter zum dunklen Herz des Waldes vorzudringen.
„Hagrid!“ sagte Harry, der sich seinen Weg durch dicht verknotetes Dornengebüsch kämpfte, über welches Hagrid
einfach drüberstieg. Harry erinnerte sich noch lebhaft an das, was ihm bei der anderen Gelegenheit passiert war, als
sie den Waldweg verlassen hatten. „Wo gehen wir hin?“
„Noch ein Stückchen weiter“ antwortete Hagrid über seine Schulter. „Komm schon, Harry, wir müssen jetzt
zusammen bleiben“
Es war ein großer Kampf mit Hagrid Schritt zu halten bei den ganzen Ästen und Dornengestrüppen durch welche
Hagrid so einfach durchmarschierte als handelte es sich um Spinnweben. Doch für Harry und Hermine waren es
Haken, die sich an ihren Gewändern verfingen. Sie waren regelmäßig so fest umschlungen, daß sie ein paar Minuten
pausieren mußten um sich wieder zu befreien.
Bald waren Harrys Arme und Beine übersäht mit kleinen Kratzern und Schnitten. Sie befanden sich nun so tief im
Wald, daß Harry in der Dunkelheit nicht mehr von Hagrid wahrnahm als einen massiven, dunklen Umriss vor ihm.
Jedes Geräusch erschien furchteinflößend in der gedämpften Stille.
Das Brechen eines Zweiges hallte laut und das winzigste Rascheln einer Bewegung, selbst wenn es nur von einem
unschuldigen Spatzen verursacht wurde, veranlasste Harry, die Dunkelheit nach dem Täter abzusuchen.
Es schien ihm, als wäre es ihm nie zuvor gelungen, so tief in den Wald vorzudringen ohne auf irgendeine Art von
Lebewesen zu stoßen; ihre Abwesenheit erschien im ziemlich bedrohlich.
„Hagrid, wäre es in Ordnung wenn wir unsere Zauberstäbe leuchten lassen?“ flüsterte Hermine.
„Öh, hm, in Ordnung“ flüsterte Hagrid.
„Eigentlich-“
Er stoppte abrupt und drehte sich um. Hermine lief geradewegs in ihn hinein und wurde nach hinten geworfen. Harry
fing sie gerade noch auf, bevor sie auf dem Waldboden aufschlug.
„Vielleicht wäre es am besten, wenn wir hier mal kurz anhalten und... ich euch einweihe“ sagte Hagrid, „bevor wir
da hingehen, also“
„Gut“ sagte Hermine, die gerade von Harry zurück auf ihr Beine gestellt wurde. Harry und Hermine murmelten
„Lumos!“ und die Spitzen ihrer Zauberstäbe entzündeten sich. Hagrids Gesicht schwebte in der Dunkelheit zwischen
den beiden wehenden Strahlen und Harry bemerkte wieder, daß er nervös und traurig aussah.
„Gut,“ begann Hagrid, „nun......also...... die Sache ist die.....“
Er atmete tief ein.
„Also, es ist sehr Wahrscheinlich daß ich meine Kündigung an einem der nächsten Tage bekomme.“
Harry und Hermine schauten sich an, dann blickten sie wieder auf Hagrid.
„Aber Du hast es schon so lange durchgehalten-“ brachte Hermine zögernd hervor, „warum denkst Du-“
„Umbridge vermutet, daß ich es war der ihr den Niffler ins Büro warf“
„Und, warst Du es?“ sprudelte es aus Harry heraus bevor er sich stoppen konnte.
„Nein, verflixt noch mal, ich war es nicht“ war Hagrids entrüstete Antwort. „Etwas braucht auch nur im Ansatz mit
magischen Lebewesen zu tun haben und sie denkt gleich, es hat auch etwas mit mir zu tun. Wißt ihr, sie sucht schon
nach einer Gelegenheit mich loszuwerden seit dem ersten Tag an dem ich wieder da bin. Selbstverständlich möchte
ich nicht gehen, aber wenn nicht die besonderen Umstände, die ich euch gerade erklären möchte, mich abhalten
würden, würde ich jetzt sofort gehen, bevor sie die Möglichkeit hat, mich vor der ganzen Schule rauszuwerfen, so
wie sie es mit Professor Trelawney getan hat.“
Harry und Hermine bekundeten ihren Protest durch Geräusche, doch Hagrid wischte den Widerspruch mit einem
Wink mit einer seiner enormen Hände weg.
„Es bedeutet nicht das Ende der Welt. Ich werde in der Lage sein, Dumbledore zu helfen wenn ich hier raus bin. Ich
kann dem Orden nützlich sein. Und Ihr Bande werdet Rauhe-Pritsche haben. Ihr-, ihr werdet gut durch eure
Prüfungen kommen.....“
Seine Stimme zitterte und erlosch schließlich.
„Macht euch um mich keine Sorgen,“ beeilte er sich hinzuzufügen, als Hermine gerade beginnen wollte, seinen Arm
zu streicheln. Er zog sein riesiges, fleckiges Taschentuch aus der Tasche seiner Weste und wischte seine Augen
damit ab.
„Schaut, ich würde euch das hier gar nicht erst zeigen wenn ich nicht müsste. Wißt ihr, wenn ich geh, nun, ich kann
nicht hier weg ohne, nun, ohne es jemandem gesagt zu haben.... weil ihr beiden, also, ihr müsst mir helfen. Und auch
Ron, wenn er möchte.“
„Selbstverständlich werden wir dir helfen“ schoss es aus Harry heraus. „Was sollen wir denn für Dich tun?“
Hagrid schniefte und versetzte Harry wortlos einen so starken Schlag auf die Schulter, daß dieser seitwärts gegen
einen Baum fiel.
„Ich wußte, daß du ja sagen würdest,“ sagte Hagrid in sein Taschentuch, „aber ich werde ... nie ... vergessen ... nun ja
... ach ... passt auf euch auf, da sind Brennnesseln ...“
Sie gingen schweigend weitere fünfzehn Minuten weiter. Harry hatte gerade den Mund geöffnet, um zu fragen, wie
weit sie noch gehen müssten, als Hagrid ihnen mit seinem rechten Arm signalisierte stehen zu bleiben.
„Wirklich einfach,“ sagte er leise, „seid ganz still ...“
Sie schlichen weiter und Harry sah, daß sie vor einem großen glatten Erdhügel standen, der fast so groß wie Hagrid
war. Harry dachte voller Furcht, daß dies sicherlich der Bau eines enorm großen Tieres sein müsse. Die Bäume rund
um den Hügel waren bis auf die Wurzeln herausgerissen, somit stand er auf einer blanken Stelle, die von Bergen von
Baumstämmen und Ästen umgeben waren, die eine Art Zaun oder Barrikade bildeten, hinter denen Harry, Hermine
und Hagrid nun standen.
„Er schläft,“ hauchte Hagrid.
Harry war sich sicher, daß er ein entferntes, rhythmisches Rumpeln hörte, das wie ein Paar enormer Lungen in
Aktion klang.
Er blickte Hermine an, die mit offenem Mund auf den Hügel starrte. Sie sah absolut erschrocken aus.
„Hagrid,“ flüsterte sie, kaum lauter als die schlafende Kreatur, „wo ist er?“
Harry fand diese Frage merkwürdig ... „Was ist das?“ war die Frage, die er stellen wollte.
„Hagrid, du hast uns erzählt ...,“ sagte Hermine - und in ihrer Hand zitterte ihr Zauberstab -, „du hast uns erzählt, daß
keiner von ihnen kommen wollte!“
Harrys Blick glitt von ihr zu Hagrid und dann, als er begriff, entsetzt nach Luft schnappend zurück zum Hügel.
Der große Erdhügel, auf dem er, Hermine und Hagrid hätten bequem stehen können, bewegte sich langsam zum
tiefen grunzenden Atem auf und ab. Es war überhaupt kein Hügel. Es war klar der gekrümmte Rücken eines -
„Nun - nein - er wollte nicht kommen,“ sagte Hagrid und klang verzweifelt. „Aber ich mußte ihn herbringen,
Hermine. Ich mußte es tun!“
„Warum?“ fragte Hermine, und es klang als wollte sie weinen.
„Warum - was - oh. Ich weiß, wenn ich ihn zurückbekomme,“ sagte Hagrid ebenfalls den Tränen nahe, „und - und
ich ihm ein paar Sachen beibringe - könnte ich ihn mit rausnehmen und jedem zeigen, daß er harmlos ist!“
„Harmlos!“ kreischte Hermine, und Hagrid gab ihr zu verstehen, daß sie leise sein sollte, als die enorme Kreatur vor
ihnen laut grunzte um weiterzuschlafen.
„Er hat dich immer verletzt, oder? Das ist der Grund für all deine Verletzungen!“
„Er kennt seine eigene Kraft nicht!“ sagte Hagrid aufrichtig. „Und er bessert sich, er kämpft nicht mehr so viel -“
„Darum hast du also zwei Monate gebraucht, um nach Hause zu kommen!” sagte Hermine abgelenkt. „Oh, Hagrid,
warum hast du ihn zurückgebracht, wenn er es doch nicht wollte? Wäre er bei seinen eigenen Leuten nicht
glücklicher?“
„Sie haben ihn alle schikaniert, weil er so klein ist, Hermine!“ erwiderte Hagrid.
„Klein?“ fragte Hermine. „Klein?“
„Hermine, ich konnte ihn nicht zurücklassen,“ sagte Hagrid, und Tränen rannen über sein lädiertes Gesicht in seinen
Bart. „Sieh - er ist mein Bruder!“
Hermine starrte ihn einfach nur mit offenem Mund an.
„Hagrid, wenn du „Bruder“ sagst,“ sagte Harry langsam, „meinst du dann -?“
„Nun, Halbbruder,“ berichtigte Hagrid. „Meine Mutter hatte meinen Vater verlassen und mit einem anderen Riesen
Grawp -“
„Grawp?“ sagte Harry.
„Ja ... nun, so klingt es, wenn er seinen Namen sagt,“ sagte Hagrid ängstlich. „Er spricht nicht viel Englisch ... ich
habe es versucht ihm beizubringen ... wie auch immer, sie hat ihn scheinbar nicht mehr gemocht als mich. Sieh, das
einzige was für Riesinnen wichtig ist, ist daß sie große Kinder in die Welt setzen. Er war mit seinen 16 Fuß immer
ein bißchen zu klein für einen Riesen.“
„Oh ja, winzig!“ sagte Hermine mit einem Anflug hysterischen Sarkasmus. „Absolut unbedeutend!“
„Er wurde von allen nur herumgeschubst, deshalb konnte ich ihn nicht zurücklassen.“
„Wollte Frau Maxime ihn zurückbringen?“ fragte Harry.
„Sie - nun, sie konnte sehen, daß es für mich sehr wichtig war,“ sagte Hagrid und verschränkte seine riesigen Hände.
„A... aber nach einer Weile war sie ihn leid, muß ich zugeben. Wir trennten uns auf dem Heimweg ... sie versprach,
niemandem etwas zu erzählen ...“
„Wie um alles in der Welt hast du ihn zurückbekommen, ohne daß irgendjemand etwas bemerkt hat?“ fragte Harry.
„Nun, genau das ist der Grund, warum es so lange gedauert hat,“ sagte Hagrid. „Wir konnten nur nachts und nur
fernab jeder Zivilisation reisen. Natürlich kann er recht schnell sein, wenn er will, aber wollte immer wieder zurück.“
„Oh, Hagrid, warum hast du ihn dann nicht gelassen?“ fragte Hermine, setzte sich auf einen ausgerissenen Baum und
verbarg ihr Gesicht mit ihren Händen. „Was denkst du, wirst du mit einem gefährlichen Riesen machen, der nicht
einmal hier sein möchte?“
„Nun, „gefährlich“ - das ist ein bißchen barsch,“ sagte Hagrid, der noch immer unruhig mit den Händen spielte. „Ich
gebe zu, daß er mir ein paar Schwinger verpasst hat, als er schlechte Laune hatte, aber es wird besser, um Längen
besser und legt sich.“
„Wofür sind dann diese Seile?“ fragte Harry.
Er bemerkte die baumdicken Seile, die sich von den Stämmen der größten umliegenden Bäume bis zu dem Platz
erstreckten, auf dem Grawp mit dem Rücken zu ihnen auf dem Boden lag.
„Du mußt ihn anbinden?“ fragte Hermine.
„Nun ... ja ...,“ sagte Hagrid und sah ängstlich aus. „Sieh, es ist wie ich sage, er kennt seine eigene Kraft nicht.“
Harry begriff langsam den Grund dafür, daß in diesem Teil des Waldes keine anderen Kreaturen anzutreffen waren.
„Was willst du also, was Harry, Ron und ich tun sollen?“ fragte Hermine besorgt.
„Schaut nach ihm,“ sagte Hagrid heiser, „wenn ich weg bin.“
Harry und Hermine tauschten vielsagende Blicke und Harry wurde unangenehm bewusst, daß er Hagrid bereits
versprochen hatte, für ihn zu tun worum auch immer er ihn bat.
„Was - was heißt das genau?“ fragte Hermine nach.
„Nicht füttern oder so was,“ sagte Hagrid. „Er kann ohne Probleme selbst für sein Essen sorgen. Vögel, Rehe und so.
Was er braucht ist nur ein bißchen Gesellschaft. Ich möchte nur, daß jemand weitermacht ihm ein bißchen zu helfen
und ihm etwas beizubringen, ihr wißt schon.“
Harry schwieg und drehte sich um, um den schlafenden Riesen vor ihnen anzusehen. Anders als Hagrid, der einfach
wie ein übergroßer Mensch aussah, sah Grawp seltsam missgebildet aus.
Was Harry für einen großen moosigen Felsbrocken links des Hügels hielt, entpuppte sich nun als Grawps Kopf. Im
Verhältnis zu seinem Körper war er viel größer als ein menschlicher Kopf, fast perfekt rund und dicht bewachsen mit
krausem farnfarbenem Haar.
Der Rand eines großen, fleischigen Ohrs war oben am Kopf sichtbar, der - fast wie bei Onkel Vernon - direkt ohne
Hals auf den Schultern zu sitzen schien. Der Rücken, der wie ein dreckiger brauner Kittel aus grob
zusammengenähten Tierhäuten aussah, war sehr breit. Da Grawp schlief, sah er aus als wären diese Nähte recht
strapaziert. Die Beine waren unter seinem Körper zusammengelegt. Harry konnte die Sohlen der enormen, filzigen,
nackten Füße, groß wie Schlitten, sehen, die übereinander auf dem Waldboden lagen.
„Du willst, daß wir ihn lehren,“ sagte Harry mit hohler Stimme. Er wußte nun, was Firenzes Warnung bedeutete.
Sein Versuch wird nicht gelingen. Er sollte ihn besser abbrechen. Sicherlich hatten die anderen Waldbewohner
Hagrids fruchtlose Versuche, Grawp Englisch beizubringen, gehört.
„Ja - wenn ihr nur ein bißchen mit ihm sprecht,“ sagte Hagrid hoffnungsvoll. „Ich denke, wenn er mit Leuten
sprechen kann, wird er eher verstehen, daß wir ihn alle mögen, und ich möchte doch, daß er bleibt.“
Harry sah Hermine an, die durch ihre Finger hindurch zurückblickte.
„Manchmal wünschst du dir, du hättest Norbert zurück, oder?“ sagte er und sie lachte schallen.
„Also macht ihr es?“ fragte Hagrid, der offenbar nicht verstanden hatte, was Harry gerade gesagt hatte.
„Werden wir ...,“ sagte Harry, der durch sein Versprechen gebunden war. „Wir werden es versuchen, Hagrid.“
„Ich wußte, ich kann auf euch zählen, Harry,“ sagte Hagrid, brach in Tränen aus und tupfte sich mit dem
Taschentuch erneut das Gesicht trocken. „Und ich möchte nicht, daß ihr euch zu sehr verausgabt, wie ... Ich weiß,
daß ihr Prüfungen habt ... Wenn ihr einfach mit dem Unsichtbarkeitsumhang hier vorbeischaut, vielleicht einmal die
Woche, und ein bißchen mit ihm plaudert. Ich werde ihn rasch aufwecken, um euch bekannt zu machen -“
„Was - nein!“ sagte Hermine und sprang auf. „Weck ihn nicht auf, Hagrid. Das ist wirklich nicht -“
Aber Hagrid war schon über den grossen Baumstamm, der vor ihnen lag, gestiegen und ging auf Grawp zu. Als er
sich ihm bis auf etwa 3 Meter genähert hatte, hob er einen langen abgebrochenen Ast vom Boden auf, lächelte Harry
und Hermine über die Schulter aufmunternd zu und stiess dann Grawp mit dem Ende des Asts mitten in den Rücken.
Der Riese brüllte so laut, daß es im stillen Forst widerhallte ; die Vögel in den Baumwipfeln über ihnen erhoben sich
zwitschernd und flogen weg. Inzwischen erhob sich der riesige Grawp vor Harry und Hermine vom Boden ; dieser
bebte, als er seine Hand aufstützte um sich auf die Knie hochzustemmen. Er drehte seinen Kopf, um zu sehen, wer
und was ihn gestört hatte.
„Alles in Ordnung Grawpy ?“ sagte Hagrid mit scheinbar fröhlicher Stimme, wobei er mit erhobenem Ast rückwärts
ging, bereit, Grawp erneut damit zu stossen. „Gut geschlafen, oder ?“
Harry und Hermine zogen sich so weit wie möglich zurück, während sie den Riesen weiterhin im Auge behielten.
Grawp kniete zwischen zwei Bäumen, die er entwurzelt hatte. Sie schauten in sein erstaunlich riesiges Gesicht, das
aussah wie ein grauer Vollmond, der im Zwielicht der Lichtung schwamm. Es schien als ob seine Gesichtszüge aus
einem grossen Steinball herausgemeisselt worden waren. Die Nase war knubblig und formlos, der Mund schräg und
voller schiefer gelber Zähne von der Grösse halber Ziegelsteine ; die Augen, für einen Riesen verhältnismässig klein
und noch halb verklebt von Schlaf, waren von einem schlammigen Graubraun. Grawp hob seine schmutzigen
Knöchel, von denen jeder so gross war wie ein Kricketball, rieb sich damit kräftig die Augen und sprang dann ohne
Vorwarnung erstaunlich schnell und beweglich auf die Füsse.
„„ O je !“ hörte Harry neben sich Hermine entsetzt kreischen.
Die Bäume, an denen die anderen Enden der um Grawps Handgelenke und Fussknöchel geschlungenen Stricke
befestigt waren, knarrten bedenklich. Er war, wie Hagrid gesagt hatte, mindestens 5 Meter hoch. Grawp schaute sich
verschwommen um während er mit einer Hand von der Grösse eines Sonnenschirms ein Vogelnest in den höchsten
Ästen einer turmhohen Kiefer ergriff und es mit einem Brüllen, das sein offensichtliches Missfallen darüber
ausdrückte daß sich darin kein Vogel befand, umdrehte. Eier flogen wie Granaten zu Boden und Hagrid hob
schützend die Arme über seinen Kopf.
„Jedenfalls, Grawpy,“ rief Hagrid und sah besorgt nach oben um zu sehen, ob da noch mehr fallende Eier waren,
„hab ich da ein paar Freunde mitgebracht, um dich zu besuchen. Erinnerste dich, hab dir gesagt, ich werd“s vielleicht
tun. Erinnerste dich, als ich gesagt hab ich müsste vielleicht auf ne kleine Reise gehen und du müsstest dich dann ne
Weile um sie kümmern ?Kannst dich dran erinnern, Grawpy ?
Aber Grawp gab nur einen weiteren leiseren Brüller los ; es war schwierig zu sagen, ob er Hagrid nun zuhörte oder
ob er überhaupt die Geräusche die Hagrid machte als Sprache erkannte. Er hatte jetzt den Wipfel der Kiefer gepackt
und zog ihn zu sich herunter, offensichtlich um des simplen Vergnügens willen, zu sehen wie weit er zurückfedern
würde, sobald er ihn losliesse.
„Nein, Grawpy, mach“s nicht“ rief Hagrid, „ so hast doch schon die anderen herausgezogen-“
Und Hagrid konnte in der tat sehen, wie die Erde um die Baumwurzeln herum aufzubrechen begann.
„Ich hab Gesellschaft für dich“ rief Hagrid. „Gesellschaft, siehste ! Sieh runter du Riesenclown, ich hab dir „n paar
Freunde mitgebracht !“
„O Hagrid, nicht“ stöhnte Hermine, aber Hagrid hatte schon den Ast wieder erhoben und stiess damit krâftig gegen
Grawps Knie.
Der Riese liess den Baumwipfel los, der daraufhin bedrohlich schwankte, und Hagrid mit einer wahren Flut von
Kiefernnadeln überschüttete, und sah nach unten.
„DAS“ sagte Hagrid, als er zu Harry und Hermine hinüberhastete, „ist Harry, Grawp ! Harry Potter ! Er kommt dich
vielleicht besuchen, wenn ich weg muß, verstehste ?
Der Riese hatte gerade erst die Anwesenheit von Harry und Hermine bemerkt. Sie sahen in grosser Aufregung zu,
wie er seinen riesigen Klotz von einem Kopf neigte, um sie verschwommen anzustarren.
„Und das ist Hermine, siehste ? Her-“ Hagrid zögerte. Zu Hermine gewendet sagte er „ Würde es dir was ausmachen,
wenn ich dich Hermy nenne, Hermine ? Ist nämlich sonst zu schwer für ihn, sich den Namen zu merken.
„Nein, überhaupt nicht,“ quietschte Hermine.
„Das ist Hermy, Grawp ! Und sie kommt auch und all das! Is das nicht toll ? Hä ? Zwei Freunde für die du -
GRAWPY, NEIN !
Grawps Hand war aus dem Nichts auf Hermine zugeschossen ; Harry packte sie und zog sie zurück hinter den Baum,
so daß Grawps Faust zuerst den Stamm entlang schrammte und sich dann aber um dünne Luft schloss.
„BÖSER JUNGE, GRAWPY ! hôrten sie Hagrid schreien, als Hermine sich zitternd und wimmernd hinter dem
Baum an Harry klammerte. „GANZ BÖSER JUNGE ! DU DARFST NICHT ZUSCHNAPPEN-- AUTSCH !
Harry steckte seinen Kopf hinter dem Baumstamm hervor und sah Hagrid auf dem Rücken liegen und sich die Nase
halten. Grawp, der offensichtlich das Interesse verlor, hatte sich aufgerichtet und war erneut dabei, die Kiefer so weit
wie möglich zurückzubiegen.
„Gut“ sagte Hagrid heiser, sich beim Aufstehen mit einer Hand die blutende Nase haltend und mit der anderen nach
seiner Armbrust greifend, „gut,…… da sin“ wir also,…. Hast ihn getroffen und - und jetzt kennt er dich, wenn du
zurückkommst. Tja… gut….“
Er sah zu Grawp auf, der nun mit einem Ausdruck grössten Vergnügens auf seinem felsähnlichen Gesicht den
Kiefernstamm zurückzog ; die Wurzeln krachten als er sie aus dem Boden riss.
„Gut, ich nehm an das reicht für heute“ meinte Hagrid. „Wir äh, wir gehen jetzt zurück, was meint ihr ?“
Harry und Hermine nickten. Hagrid schulterte wieder seine Armbrust und schlug, immer noch seine Nase haltend,
den Weg zurück zu den Bäumen ein.
Eine Zeitlang sagte niemand etwas, nicht einmal als sie das ferne Krachen hörten, das besagte, daß Grawp zuletzt
doch die Kiefer umgelegt hatte. Hermines Gesicht war blaß und starr. Harry wußte nicht was er sagen sollte. Was in
aller Welt würde los sein, wenn jemand herausfand, daß Hagrid Grawp im Verbotenen Forst versteckt hatte ? Und er
hatte versprochen, daß er, Ron und Hermine Hagrids absolut sinnlose Versuche, den Riesen zu zivilisieren fortsetzen
würden. Wie konnte Hagrid, selbst in seiner enormen Begabung zur Selbsttäuschung, daß reissende Monster
liebenswert harmlos seien, sich einbilden, daß Grawp je fähig sein würde, unter Menschen zu gehen ?
„Halt“ sagte Hagrid plötzlich, gerade als sich Harry und Hermine hinter ihm durch eine Stelle mit dichtem knotgrass
kämpften. Er zog einen Pfeil aus dem Köcher an seiner Schulter und legte ihn in die Armbrust ein. Harry und
Hermine hoben ihre Zauberstäbe ; jetzt, da sie stehengebleiben waren, konnten sie ebenfalls die Bewegung in ihrer
Nähe hören.
„ O verflixt,“ sagte Hagrid ruhig.
„ Ich dachte, wir hätten dir gesagt, Hagrid,“ sagte eine tiefe männliche Stimme, „daß du hier nicht länger
willkommen bist ?“
Ein nackter Männertorso schien einen Augenblick lang durch das scheckige grüne Zwielicht auf sie zuzuschweben ;
dann sahen sie daß seine Taille sich glatt in einen kastanienfarbenen Pferdekörper fügte. Dieser Zentaur hatte ein
stolzes Gesicht mit hohen Backenknochen und langes schwarzes Haar. Wie Hagrid war er bewaffnet ; ein Köcher
voll Pfeile und ein Langbogen waren um seine Schultern geschlungen.
«„Wie geht“s, Magorian ?“ sagte Hagrid wachsam.
Die Bäume hinter dem Zentauren raschelten und vier oder fünf weitere Zentauren atuchten hinter ihm auf. Harry
erkannte Bane ,mit Bart und schwarzem Körper, den er fast vier Jahre zuvor in der selben Nacht wie Firenze
getroffen hatte. Bane gab nicht zu erkennen, daß er Harry je zuvor gesehen hatte.
„Also,,“ sagte er mit einer hässlichen Betonung in der Stimme, bevor er sich unmittelbar zu Magorian umdrehte.
„Wir waren uns darüber einig, denke ich, was wir tun würden, wenn sich dieser Mensch je wieder in diesem Forst
sehen lassen würde ?“
„Dieser Mensch,“ bin wohl ich,“ sagte Hagrid pikiert. „Nur weil ich euch alle davon abgehalten hab,“ „nen Mord zu
begehn ?“
„Du hättest dich nicht einmischen sollen, Hagrid,“ sagte Magorian. „Unsere Methoden sind nicht dieselben wie
deine, genau wie unsere Gesetze. Firenze hat uns betrogen und entehrt“
„Ich weiss nicht, wie ihr das ausknobelt,“ sagte Hgrid ungeduldig. „Er hat nix getan, nix ausser Albus Dumbledore
zu helfen-“
„ Firenze ist auf die Sklaverei der Menschen eingegangen, „ sagte ein grauer Zentaur mit einem harten, tief linierten
Gesicht.
„ Sklaverei! „ sagte Hagrid vernichtend. „ Er tut Dumbledore einen Gefallen, ist alles... „
„ Er geht mit unserer Kenntnis und unseren Geheimnissen unter Menschen hausieren, „ sagte Magorian ruhig. „Es
kann keine Rückkehr von solcher Schande geben.“
„ Wenn Sie so sagen „ sagte Hagrid mit einem zucken, „ aber persönlich denke ich, daß Sie einen großen Fehler -“
„ Wie Sie sind, Mensch, „ sagte Bane, „ Zurückkommen in unseren Wald, als wir Sie -“
„ Jetzt höre Sie ich, „ sagte Hagrid verärgert.“ Ich werde weniger der, unser „ Wald haben, wenn das gleichviel von
ihnen ist. Das ist nicht ihres, wer kommt und hier -“
„ Nicht mehr ist es bis zu Ihnen, Hagrid „ sagte Magorian glatt.“ Ich werde Sie heute gehen lassen, weil Sie durch
Ihre junge - „ „ Sie sind nicht seine Begleiter!“ unterbrach Bane verachtungsvoll. „Studenten, Magorian, von der
Schule! Sie haben wahrscheinlich bereits vom Wissen des Verräters Firenze profitiert. „
„ Dennoch, „ sagte Magorian, „ ist das Schlachten von Fohlen ein schreckliches Verbrechen - berühren wir uns der
unschuldig nicht. Heute, Hagrid, gehen Sie. Bleiben Sie künftig diesem Platz fern. Sie verwirkten die Freundschaft
der Zentauren, als Sie Firenze halfen, uns zu entkommen. „
„ Ich werde mich der Wald durch ein Bündel von alten Maultieren wie Sie es sind nicht herausgehalten! „ Sagte
Hagrid laut.
„ Hagrid, „ sagte, daß Hermine in einer hohen und erschreckten Stimme, sowohl als Bane als auch der graue Zentaur
am Boden scharrten, „ Wir wollen, bitte gehen wir! „ Hagrid gedreht gehen und jedes Aussehen des Wunschs zu
Gehen gerade zurück Magorian gab. „ Sie werden ihn dulden, solange er hier ist, ist das soviel sein Wald wie Ihrer! „
Er brüllte, Harry und Hermine beider gestoßen mit ihrer ganzen Kraft gegen moleskin Weste von Hagrid in einer
Bemühung Verwüsten, ihn Vorwärtstreiben zu behalten. Noch finster blickend, sah er herab; sein Ausdruck änderte
zu milder Überraschung beim Anblick ihrer beides Stoßen er; er schien es nicht gefühlt zu haben.
„ Kommt tuner, Ihr zwei, „ sagte er, drehend, darauf spazierenzugehen, während sie entlang hinter ihm keuchten. „
verflixte alte Maultiere, dachten, wie! „ „ Hagrid, „ sagte, daß Hermine, atemlos den Flecken von Nesseln säumend,
die sie auf ihrem Weg dort hatten fallen lassen, denn die Zentauren Menschen wollen im Wald nicht, sieht es nicht
wirklich aus, als ob Harry und ich - „
„ Ah, Ihr habt gehört, was sie sagten, „ sagte Hagrid ablehnend, „ würden sie Fohlen nicht verletzen - meine ich,
Kinder. Jedenfalls, wir können nicht uns lassen durch dieses Grundstück herumgeschubst werden. „ „ Netter
Versuch, „murmelte Harry zu Hermine, die geknickt aussah. Schließlich schloßen sie sich an den Weg wieder an
und, nachdem weiteren zehn Minuten die drei zu dünn begannen; sie waren imstande, Flecken des freien blauen
Himmels wieder und, in Entfernung, die bestimmten Töne des Zujubelns und Schreiens zu sehen. „ War das ein
anderes Tor? „ Fragte Hagrid, im Schutz der Bäume Pause machend, wie das Quidditch Stadion in Ansicht eintrat. „
„Oder rechnet ihr damit, daß das Match zu Ende ist? „
„ Ich weiß nicht, „ sagte Hermine elend. Harry sah, daß sie viel schlechter für Tragen aussah; ihr Haar war mit Ruten
und Blättern voll, ihre Roben wurden in mehreren Plätzen gerissen und es gab zahlreiche Kratzer auf ihrem Gesicht
und Armen. Er wußte, daß er etwas besser ausschauen mußte. „ Ich rechne damit, daß das zu Ende ist, Wißt ihr!“
Sagte Hagrid, noch zum Stadion schielend. „ Achaut - dort sind Menschen, die bereits herauskommen - wenn ihr
zwei Hastet, dann seit ihr imstande mit der Menge zu gehen und keiner wird wissen, daß ihr nicht dort wart! „
„ Ich glaube ihm nicht, ,“ daß sagte Hermine in einer sehr unsicheren Stimme im Moment als sie außer Hörweite von
Hagrid waren. „ Ich glaube ihn nicht. Ich glaube ihn Wirklich nicht. „ „ Komm runter, „ sagte Harry. „ Herunter
kommen! „ sagte Sie Fieberhaft. „ Ein Riese! Ein Riese im Wald! Und wir sollen ihm englische Lektionen geben!
Immer Annehmen, selbstverständlich, können wir vorbei an der Herde von mörderischen Zentauren auf dem Weg
hin und her kommen! Ich - traue - ihm - nicht!“
„ Wir haben noch nichts zu tun! „ versucht Harry sie in einer ruhigen Stimme zu beruhigen, wie sie einen Wasserlauf
von jabbering Hufflepuffs Kopfstück zurück zum sastle verbanden. „ Er bittet uns nicht, etwas zu tun, wenn er
herausgeschmissen wird und das nicht sogar geschehen konnte. „ „ Oh, komm hör auf, Harry!! „ Sagte Hermine
verärgert, Apruppt in ihrem Schritt aufhörend, daß die Leute hinter ihr Ausweichbewegung machen mußten, um sie
„nich umzustoßen. „ Selbstverständlich ist er dabei, herausgeschmissen zu werden und, vollkommen, nach ehrlich zu
sein, was wir gerade gesehen haben, wer kann Umbrige verantwortlich machen? „
Es gab eine Pause, in der Harry, leuchtete an ihr, und ihre Augen gefüllt langsam mit Tränen. „ Du meinst das nicht,
„ sagte Harry ruhig. „ Nein ... gut ... ganz richtig ... tat ich nicht, „ sagte sie, ihre Augen verärgert wischend. „ Aber
warum muß er das Leben so schwierig für sich selbst - für uns machen? „ „ Ich weiß nicht - „
„Weasley ist unser Held
Weasley ist unser Held,
ER lässt den Quaffel nicht hinein,
Weasley ist unser Held…“
„ Und ich wünsche, daß sie aufhören würden, dieses dumme Lied zu singen! ,“ daß sagte Hermine elend „ haben sie
sich genug nicht geweidet?“ Große Massen von Schülern kamen über den schrägen Rasen vom Feld heran. „ Oh
wollen wir hineingehen, bevor wir die Slytherins treffen, „ sagte Hermine.
„Weasley schafft doch jedes Ding,
er nie verlässt „nen einzlelnen Ring,
Das ists, warum die Gryffindors singen:
Weasley ist unser Held!“
„ Hermine ... „ sagte Harry langsam. Das Lied wurde lauter, aber es gab nicht von einer Menge von green-and-silver-
slad Slytherins, aber von einer Masse des roten Goldbewegens langsam zum Schloß, Lager eine einsame Figur auf
vielen seinen Schultern aus.
„ Hermine ... „ sagte Harry langsam. Das Lied wurde lauter, aber es gab nicht einer in der Menge einen grünen und
silbernen slad Slytherins, aber von einer Masse des roten Goldbewegens langsam zum Schloss, lagerte eine einsame
Figur auf vielen seinen Schultern aus.
„Weasley ist unser Held
Weasley ist unser Held,
ER lässt den Quaffel nicht hinein,
Wasley ist unser Held…“
„ Nicht? „ sagte Hermine in einer lautlosen Stimme. „ JA! „ sagte Harry laut. „ HARRY! HERMINE! „ schrie Ron,
er schwenkte den Silbernen Quiddich Pokal in der Luft und ganz außerhalb sich selbst schauend. „ WIR TATEN ES!
WIR GEWANNEN!! „ Sie strahlten bis an ihm, wie er ging. Es gab einen scrum an der Tür des Schlosses, und
derKopf von Ron wurde auf dem Sturz eher schlecht gestoßen, aber niemand schien zu wollen ihn hinunterzulassen.
Noch immer singend die Menge drückte sich in die Eingangshalle und außer Sicht. Harry und Hermine sahen sie
gehen. Sie strahlten, und das letzte Widerhallen auf der Treppe „ Wasley ist unser Held „ ließ nach. Dann wandten
sie sich einander lächelnd zu.
„ Wir werden unsere Nachrichten bis zu morgen aufheben, oder? „ Sagte Harry. „ Ja, o.k. „ sagte Hermine träge . „
Ich bin nicht in Eile. „ Sie kletterten die Treppe zusammen hinauf. An den Vordertüren drehten sich beide instinktiv
um und schauten sich am Verbotenen Wald um. Harry war nicht sicherer ob es seine Phantasie war oder nicht , aber
er dachte eher, daß er eine kleine Wolke von Vögeln sah, die in die Luft über den Baum-Spitzen entfernt, fast als ob
der Baum ausbrechen in, welch sie genistet hatten, war gerade durch die Wurzeln angehalten worden.
Kapitel 31
Rons Euphorie darüber, daß er Gryffindor zum Gewinn des Quidditch-Pokals verholfen hatte war so groß, das er sich
am nächsten Tag mit nichts anderem befassen konnte. Das einzige was er wollte war über das Spiel zu reden,
wodurch Harry und Hermine große Schwierigkeiten hatten eine Lücke zu finden, in der sie Grawp erwähnen
konnten. Nicht das einer von ihnen es wirklich ernsthaft versucht hätte; keiner von ihnen war scharf darauf Ron in
die Realität zurück zu holen, und schon gar nicht auf so eine brutale Art und Weise. Da es wieder ein schöner,
warmer Tag war überredeten sie ihn mit zu kommen, um unter den Buchen am See ihre Aufzeichnungen noch mal
durch zu gehen und das an einer Ecke des Sees, wo die Gefahr belauscht zu werden geringer war als im
Gemeinschaftsraum. Ron war anfangs nicht besonders scharf auf diese Idee - er genoss durch und durch, daß ihm
jeder Gryffindor der an seinem Stuhl vorbei lief anerkennend auf den Rücken klopfte, ganz zu schweigen von den
gelegentlichen Ausrufen: „Weasly ist der Größte!“ - doch nach einer Weile stimmte er ihnen zu, daß ein wenig
frische Luft ihm gut tun könnte.
Sie breiteten Ihre Bücher im Schatten der Buchen aus und setzten sich während Ron von seiner ersten Glanzparade
in der Spiel erzählte, was ihnen vorkam wie das duzendste Mal.
„Okay, meine ich, ich schon diesen ersten Treffer von Davies durchgelassen, daher war ich etwas verunsichert, ich
weiß nicht wieso, aber als Bradley auf mich zukam, dacht ich aus irgendeinem Grund „du KANNST ES!“ und ich
hatte nur Sekunden um zu entscheiden in welche Richtung ich fliegen wollte. Er sah aus als hätte er den rechten
Torring im Visier - von mir aus gesehen rechts, für ihn natürlich links - aber ich hatte so ein komisches Gefühl im
Bauch, daß er mich täuschen wollte - und so nutzte ich meine Chance nach links zu fliegen - von ihm aus gesehen
rechts meine ich - und, na ja, ihr habe gesehen was passiert ist…,“ schloss er bescheiden.
Völlig unnötig sein Haar nach hinten streichend sodaß es aussah als währe es vom Wind zerzaust, blickte er umher
um nachzusehen, ob die Laute in der Nähe - ein Pulk von klatschenden Drittklässlern der Hufflepuffs - ihn gehört
hatten.
„Und dann, als etwa fünf Minuten Später Chambers ankam - was?,“ fragte Ron, der mitten im Satz abgebrochen
hatte und schaute in Harrys Gesicht.
„Warum grinst du?“
„Tu“ ich nicht,“ sagte Harry schnell und sah runter auf seine Notizen vom Verwandlungs-Unterricht - wobei er
versuchte das Grinsen zu unterdrücken.
Die Wahrheit war, daß Ron Harry gerade an einen anderen Gryffindor-Spieler erinnert hatte, der sich einst unter
diesem Baum die Haare gerauft hatte.
„Ich bin nur froh, daß wir gewonnen haben, das ist alles“
„Jaaa,“ sagte Ron langsam, wobei er jedes Wort auskostete, „wie haben gewonnen. Habt ihr Changs Gesicht
gesehen, als Ginny ihr den Schnatz vor der Nase weggeschnappt hat?“
„Ich denke, sie hat geweint, stimmt“s?,“ sagte Harry bitter.
„Ja natürlich - wohl mehr wegen ihres Temperaments als sonst irgendwas, dennoch….“ Ron runzelte die Stirn.
„Aber ihr habt ja gesehen, wie sie ihren Besen weggeschmissen hat, nachdem sie gelandet war, oder?“
„Ähh…,“ sagte Harry.
„Naja eigentlich… nicht, Ron,“ sagte Hermine mit einem schweren Seufzer, legte ihre Bücher zu Boden und sah Ron
entschuldigend an. „Tatsächlich haben Harry und ich von dem Spiel nur Davies erstes Tor gesehen“
Rons sorgfältig gekräuseltes Haar schien vor Enttäuschung zu verwelken. „Ihr habt nicht zugesehen,“ sagte er
schwach, vom einen zum anderen guckend.
„Ihr habt keine meiner Glanzparaden gesehen?“
„Naja - nein,“ sagte Hermine und streckte ihm beschwichtigend eine Hand entgegen. „Aber Ron… wir wollten nicht
gehen, wir mußten.“
„Ja?“ sagte Ron, dessen Gesicht ziemlich rot wurde, „warum?“
„Es war Hagrid,“ sagte Harry, „er hatte sich entschieden uns zu erzählen woher seine ständigen Verletzungen
kommen seit er von den Riesen zurück ist. Er wollte, daß wir mit ihm in den Wald kommen. Wir hatten keine Wahl,
du weißt ja wie er ist! Jedenfalls…“
Die Geschichte war in fünf Minuten erzählt. Am Ende war Rons Entrüstung gewichen. Stattdessen sah man ihm nun
deutlich an, daß er ihnen nicht glaubte.
„Er hat einen mitgebracht und ihn im Wald versteckt?“
„Genau,“ sagte Hermine grimmig.
„Nein…,“ sagte Ron als wenn das an der Wahrheit etwas ändern würde, „Nein, das kann er nicht getan haben.“
„Hat er aber,“ sagte Hermine fest, „Grawp ist etwa 16 Fuß groß, liebt er 20-Fuß-hohe Tannen auszureißen und kennt
mich“ - sie schnaubte - „als Hermy.“
Ron gab einen nervösen Lacher von sich.
„Und Hagrid möchte das wir…“
„ihm Englisch beibringen, genau!“ saget Harry.
„Er hat sein Gedächtnis verloren?“ sagte Ron mit schüchterner Stimme.
„Ja!,“ sagte Hermine gereizt, wobei sie eine Seite von „Verwandlungen - die Zwischenstufen“ umblätterte und
wütend eine Serien von Bildern betrachtete, die zeigten wie eine Eule langsam zu einem Opernglas wurde.
„Ja! Langsam denke ich, das hat er. Aber unglücklicher Weise, haben Harry und ich es versprochen“
„Okay, ihr müsst nicht weiter tun, als euer Versprechen zu brechen, das ist alles,“ sagte Ron bestimmt. „Ich meine,
nun kommt schon… wir haben Prüfungen und wir sind jetzt schon nur noch etwa so weit“ - er hob seine Hand um zu
zeigen, daß sein Daumen und sein Zeigefinger sich fast berührten - „davon entfernt, rausgeschmissen zu werden.
Und außerdem… erinnert ihr euch an Norbert? Und an Aragog? Was hat es uns jemals gebracht, wenn wir uns mit
einem von Hagrids Monster-Freunden eingelassen haben?“
„Ich weiß, es ist nur - wir haben es - versprochen,“ sagte Hermine mit dünner Stimme.
Ron strich noch einmal in Gedanken versunken sein Haar glatt. Er seufzte, „Hagrid ist bis jetzt nicht entlassen, oder?
Er hat bis jetzt gewartet, vielleicht kann er auch bis zum Ende des Schuljahres warten und müssen überhaupt nicht zu
Grawp gehen.“
*
Das Schlossgelände schimmerte im Sonnenlicht als währe es frisch gestrichen worden. Der wolkenlose Himmel
spiegelte sich in der glatten funkelnden Oberfläche des Sees. Der Satingrüne Rasen schlängelte sich gelegentlich in
einer leichten Brise. Der Juni war gekommen, aber die Fünfklässler hieß das nur eins: Die ZAGs standen an.
Die Lehrer gaben ihnen keine Hausaufgaben mehr; der Unterricht war der Wiederholung der Themen gewidmet, von
den die Lehrer glaubten, daß sie wahrscheinlich in den Prüfungen drankämen. Diese zielgerichtete, fieberhafte
Atmosphäre vertrieb fast alles andere, außer der ZAGs, aus Harrys Kopf, trotzdem fragte er sich manchmal während
des Zaubertrankunterrichtes ob Lupin Snape jemals gesagt hat, daß dieser ihn unbedingt weiterhin in Occlumantie
unterrichten muß. Wenn er das hatte, dann Snape Lupin genauso völlig ignoriert wie er jetzt Harry ignorierte. Das
passte Harry sehr gut; er war auch ohne Extraunterricht mit Snape beschäftigt und angespannt genug, und zu seiner
Erleichterung war Hermine in diesen Tagen viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt um ihn mit Occlumantie zu
belästigen. Sie verbrachte die meiste Zeit damit, vor sich hin zu murmeln und hatte sich seit Tagen nicht mehr mit
Elfenkram beschäftigt.
Sie war nicht die einzige, die sich seltsam verhielt, als die ZAGs stetig näher rückten. Ernie Macmillian hatte die
ärgerlich Angewohnheit entwickelt, die anderen über ihre Wiederholungsgewohnheiten auszufragen.
„Wie viel Stunden glaubt ihr, werdet ihr pro Tag machen?“ fragte er Harry und Ron als sie draußen in einer Reihe
auf Kräuterkunde warteten mit einem manischen glimmen in seinen Augen.
„Weiß“ nicht,“ sagte Ron, „einige.“
„Mehr oder weniger als acht?“
„Weniger denke ich,“ sagte Ron und sah leicht beunruhigt aus.
„Ich mache acht,“ sagte Ernie mit schwellender Brust. „Acht oder neun. Ich beginne täglich schon eine Stunde vor
dem Frühstück. Acht ist mein Durchschnitt. An einem guten Wochenendtag auch schon mal zehn. Am Montag
waren es neuneinhalb Stunden. Am Dienstag war ich nicht so gut - nur siebeneinviertel. Dann am Mittwoch - „
Harry war sehr dankbar, daß Professor Sproud sie in diesem Moment in Gewächshaus drei führte und damit Ernies
Vortrag unterbrach.
Inzwischen hatte Draco Melfoy einen anderen Weg gefunden Panik zu verbreiten.
„Natürlich kommt es nicht darauf an was du weißt - „ hörte man in Crabby und Goyle draußen vor Zaubertränke laut
erzählen, einige Tage bevor die Prüfungen beginnen sollten - „es kommt darauf an, wen du kennst. Nun, Vater ist
seit Jahren mit der Leiterin der Prüfungskommission - die alte Griselda Marchbanks - befreundet, wir hatten sie bei
uns zum Abendessen und alles…“
„Glaubt ihr, das stimmt?“ flüsterte Hermine höchst allarmiert Harry und Ron zu.
„Wir können nichts dagegen tun, wenn es so ist,“ sagte Ron finster.
„Ich glaube nicht, daß das Wahr ist“ sagte Neville leise von hinten. „Denn Griselda Marchbanks ist eine Freundin
meiner Großmutter und hat die Malfoys nie erwähnt.“
„Wie ist sie, Neville?“ fragte Hermine sofort. „Ist sie streng?“
„Ein bißchen wie meine Großmutter, ehrlich!,“ sagte Neville kleinlaut.
„Sie zu kennen wird deine Chance aber auch nicht mindern, oder?,“ sagte Ron ermutigend.
„Ohh! Ich glaube nicht, daß es irgendeinen Unterschied machen wird,“ sagte Neville noch elender, „meine Oma
erzählt Professor Marchbanks immer, ich wäre nicht so gut wie mein Vater… naja… ihr habt ja im St. Mungo
gesehen, wie sie ist.“
Neville sah starr zu Boden. Harry, Ron und Hermine sahen sich an, aber wußten nicht, was sie jetzt sagen sollten. Es
war das erste mal, daß Neville erwähnte, daß sie sich im Zaubererkrankenhaus getroffen hatten.
Inzwischen entbrannte ein florierender Schwarzmarkthandel zwischen den Fünft- und Siebtklässlern über
konzentrationsfordernde, Mittel die die mentale Agilität förderten und die Wachsamkeit stärkten. Harry und Ron
hatten es eine Flasche von Baruffio“s Gehirn Elixier angetan das Ihnen von dem Sechstklässler Eddie Carmichael
aus Ravenclaw angeboten hatte. Er schwor es das er es nur diesem Elixier zu verdanken hatte das er letzten Sommer
den neunten ZAG, „Zauberergrad,“ erlangt hatte und bot einen halben Lieter für nur ganze zwölf Galleonen an. Ron
beteuerte das er Harry für seine Hälfte entschädigen würde sobald er Hogwarts verlassen und einen guten Job
angenommen hätte. Aber bevor zwischen den beiden ein Handel zustande kommen konnte hatte Hermine die Flasche
von Carmichael konfisziert und den Inhalt in die Toilette geschüttet.
„Hermine, wir wollten das gerade kaufen!“ schrieh Ron.
„Sei doch nicht so dumm,“ knurrte sie. „Da könntest du ja gleich Harold Dingles pulverisierte Drachenklauen
nehmen und es damit versuchen.“
„Dingle hat pulverisierte Drachenklauen?,“ fragte Ron eifrig.
„Jetzt nicht mehr,“ knurrte Hermine. „Die habe ich auch konfisziert. Weisst du, keines dieser Mittelchen wirkt
tatsächlich.“
„Doch Drachenkrallen wirken!“ sagte Ron. „Es wird vermutet das es unmöglich ist die Gehirnfähigkeiten wirklich
zu verbessern, da kannst du mir noch stundenlang mit kommen - Hermine, bitte, gib mir doch bitte nur ein wenig,
los, es kann doch gar nicht schief gehen-“
„Mit diesem Zeug schon,“ sagte Hermine grimmig. „Ich hatte mir das Zeug angesehen und es enthält getrocknete
Exkremente von Prostituierten.
Diese Information nahm Harry und Ron das Interesse für Gehirnstimmulanzien.
Wärend der nächsten Stunde von Verwandlungen erhielten sie Ihren Stundenplan und Einzelheiten über die ZAG
tests.
Wie ihr sehen könnt,“ erklärte Professor McGonagall der Klasse als sie die Prüfungszeiten und -daten von der Tafel
abschrieben, „wurden die ZAG“s über zwei aufeinanderfolgende Wochen verteilt. Morgens werdet Ihr den
theoretischen Teil ausfüllen und Nachmittags kommt dann die Praxis. Eurer praktischer Astronomie-Test wird
natürlich in der Nacht stattfinden.“
„Und nun möchte ich Euch noch einmal Warnen das die stärksten anti-mogel Zauber über die Prüfungsunterlagen
ausgesprochen wurden. Selbstschreibende Federkiele sind in der Prüfungshalle strengstens untersagt, genauso wie
Erinnerdich, Abnehmbare Mogelmanschetten und Selbstverbessernde Tinte. Es ist fürchterlich das zu sagen, aber
jedes Jahr gibt es einen Schüler der meint er oder sie brauche sich nicht an die Zauberprüfungsregeln zu halten. Ich
kann nur hoffen das es dieses Jahr niemand aus Gryffindor ist. Unsere neue - Schulleiterin -“ Professor McGonagall
sprach das Wort mit dem gleichen Ausdruck auf ihrem Gesicht aus wie Tante Petunia, wann immer sie einen
besonders hartnäckigen Dreckfleck sah „- hatte die Hausleiter gebeten ihren Schülern zu erklären das Mogeln
strengstens bestraft wird - nun, der Grund ist das Ihre Prüfungsergebnisse den Führungsstil der neuen Schulleiterin
wiederspiegeln werden -“
Professor McGanagall gab ein leichtes Seufzen von sich; Harry sah das sich dabei die Nasenlöcher ihrer spitzen Nase
weiteten.
„- wie auch immer, das ist natürlich kein Grund für sie Ihr bestes zu geben. Allerdings haben sie alle Ihre eigene
Zukunft vor sich über die sie sich Gedanken machen sollten.“
„Bitte, Professor,“ sagte Hermine wärend sie mit Ihrer Hand in der Luft herumfuchtelte, „wann werden wir über
unsere Prüfungsergebnisse unterrichtet werden?“
„Es wird eine Eule, irgendwann im Juli, geschickt werden,“ sagte Professor McGonagall.
„Hervorragend,“ sagte Dean Thomas in einem hörbaren Flüstern, „dann brauchen wir uns keine Gedanken darüber
zu machen das die Ergebnisse uns die Ferien verderben.“
Harry stellte sich vor das er sechs Wochen lang auf die Ergebnisse im Liguster Weg warten müsse wärend er in
seinem Zimmer sitzen würde. Nun, dachte er stumpfsinnig, wenigstens wäre er sicher das er überhaupt von jemanden
einen kleinen Brief erhalten würde.
Ihre erste Prüfung, Verzaubern in der Theorie, war für Montag Morgen angesetzt.
Harry hatte Hermine versprochen das er sie nach dem Abendessen am Sonntag testen würde, bereute es aber, wie
immer, schon jetzt; sie war wie immer völlig aufgeregt und schnappte ihm das Buch aus der Hand um zu beweisen
das sie die einzig richtige Antwort gegeben hatte. Letztendlich schlug sie ihm dann wieder mit einer scharfen Ecke
des Buches Ausführungen von Verzauberungen auf die Nase.
„Warum machst du das nicht mal mit dir selber?“ sagte er kräftig, wärend er ihr das Buch zurückgab und sein Auge
zu tränen.
Wärenddessen las Ron seine Notizen von zwei Jahren Verzauberungen wärend er seine Finger in den Ohren stecken
hatte, seine Lippen geräuschlos bewegend. Seamus Finnigan lag flach mit dem Rücken auf dem Boden und rezitierte
die Definition des Wortes Verzauberungen wärend Dean das Buch Das Standartwerk über Sprüche, 5. Grad prüfte;
Pavati und Lavender, die sich an Grundlegenden Fortbewegungs Zaubern versuchten, ließen Ihre Federtaschen von
der einen zur anderen Ecke des Tisches jagen.
Abendessen war diese Nacht eine eher bedröngende Angelegenheit. Ron und Harry sprachen nicht sehr viel
miteinander, aßen jedoch mit voller Begeisterung, sie hatten ja auch den ganzen Tag hart studiert. Hermine
andererseits legte Messer und Gabel beiseite und tauchte unter den Tisch um ihre Tasche zu suchen aus der sie ein
Buch nehmen wollte in dem sie einige Tatsachen oder Symbole fesselten die sie noch einmal prüfen wollte. Ron
erzählte ihr gerade das sie lieber etwas anständiges essen sollte, sonst würde sie Nachts nicht richtig schlafen können,
als Ihre die Gabel aus den Fingern glitt und mit einem Lauten geklirre auf Ihrem Teller landete.
„Oh mein Gott,“ sagte sie schwach, wärend sie in die Eingangshalle starrte. „Sind sie das? Sind das die Prüfer?“
Harry und Ron drehten sich auf Ihrem Sitz zu ihnen um. Durch die Tore der großen Halle konnten sie Umbridge mit
einer kleinen Gruppe von alt aussehenden Hexen und Zauberern sehen. Soweit Harry erkennen konnte schien
Umbridge sehr nervös auszusehen.
„Sollten wir hingehen um sie genauer anzuschauen?“ fragte Ron.
Harry und Hermine nickten und sie hasteten zu der Doppeltür zur Eingangshalle, wurden langsamer und stoppten an
der Türschwelle um ruhig und gelassen hinter den Prüfern einzutreten. Harry dachte das Professor Marchbanks die
kleine, krumme Hexe sein mußte die so viele Falten im Gesicht hatte das man denken konnte es wäre mit
Spinnenweben drapiert. Umbridge sbrach ehrerbietig mit Ihr. Professor Marchbanks schien ein wenig Schwerhörig
zu sein da sie Professor Umbridge sehr laut antwortete obwohl sie dicht beieinander standen.
„Die Reise wahr ok, die Reise wahr ok, wie haben sie schon oft gemacht!,“ sagte sie ungeduldig. „Ich habe in letzter
Zeit gar nichts mehr von Dumbledore gehört!,“ fügte sie hinzu wärend sie sich in der Halle in der Hoffnung
umschaute er könnte vielleicht irgendwo auf einem Besen auftauchen. „Ich denke ihr wißt nicht wo er sich aufhält?“
„Das weiss niemand,“ sagte Umbridge, wärend sie böse Blicke zu Harry, Ron und Hermine schickte, die am Ende
der Treppe herumtrödelten als Ron sich überlegte seine Schnürsenkel neu zu binden. „Aber wage zu Bahaupten das
das Zauberreiministerium ihn schon noch früh genug fassen wird.“
„Das bezweifle ich,“ rief die kleine Proffessorin Marchbanks, „nicht wenn er sich nicht finden lassen will! Ich sollte
es wissen ... ich hatte ihn damals persönlich im Verwandeln und Verzaubern geprüft als er UHTs bekommen hatte.
Hatte damals Sachen mit seinem Zauberstab angestellt die ich noch nie gesehen hatte.“
„Ja..... Nun....,“ sagte Professer Umbridge als Harry, Ron und Hermine so langsam wie sie sich nur trauten die
Treppe hinaufstiegen, „lassen sie mich ihnen den Personalraum zeigen. Ich denke eine Tasse Tee wäre doch nach der
Reise ganz angenehm.“
Es war ein Abend von der unangenehmen Sorte. Jeder versucht noch im letzten Moment irgendwas zu lernen aber
keiner brachte es wirklich weit. Harry ging recht früh zu Bett, lag dann aber für Stunden wach. Er erinnerte sich an
seine Berufsberatung und McGonagalls furchtbare Klarstellung das sie Harry davon abhalten werde ein Auror zu
werden selbst wenn es das letzte sein würde das sie täte. Er wünschte sich er würde ehrgeiziger sein, jetzt wo die
Prüfungen an der Zeit waren. Er wußte das er nicht der einzigste war der wach dalag, aber keiner der anderen im
Schlafsaal sagte etwas und letztendlich überkam einen jeden, nach und nach, der Schlaf.
Am nächsten Tag sprach keiner der Fünftklässler viel wärend des Frühstücks: Pavati übte Beschwörungszauber unter
Ihrem Atem wärend das Salzfässchen vor Ihr zitterte; Hermine las Ausfühen von Verzauberungen so schnell das Ihre
Augen scheinbar verschwommen; und Neville ließ sein Messer und seine Gabel unaufhörlich auf dem
Marmeladenglas aufschlagen.
Als das Frühstück vorbei war bildeten die Fünft und Siebendklässler einen Kreis in der Eingangshalle wärend die
anderen Schüler in den Unterricht gingen. Dann, gegen halb Zehn, wurden sie Klasse für Klasse in die Große Halle
gerufen, die genau so umgestaltet wurde wie es Harry schon im Gedankenstein gesehen hatte; in der Erinnerung als
sein Vater, Sirius und Snape ihre ZAGs erhalten hatten. Die vier Tische waren verschwunden, dafür standen viele
kleine Tische herum, alle zum Ende der Halle in Richtung Lehrertisch gerichtet an dem Professer McGonagall stand
und sie anschaute. Als sie sich alle gesetzt hatten und es ruhig wurde sagte sie, „Es möge beginnen,“ und drehte ein
enormes Stundenglas auf dem Schreibtisch neben ihr um, auf dem ebenfalls Ersatz-Federkiele, Tintenfässe und
Pergamentrollen lagen.
Harry drehte sein Papier um; sein Herz pumpte schwer - drei Reihen zu seiner Rechten und vier Sitze weiter vorne
war Hermine schon eifrig am schreiben - als er seine Augen auf die Erste Frage senkte: a) Gebe den Zauberspruch an
und b) beschreibe die Zauberstabführung die benötigt wird um Gegenstände zum Schweben zu bewegen.
Harry überkam eine flüchtige Erinnerung an eine Keule die sich hoch in die Luft erhob und laut auf dem dicken
Kopf eines Trolles landete ... geringfügig lächelnd beugte er sich über das Pergament und begann zu schreiben.
*
„Also, das war gar nicht so schlimm, oder?“ fragte Hermine zwei Stunden später ängstlich in der Eingangshalle und
hatte immer noch das Examenspapier in den Händen. „Ich bin nicht sicher, ob ich meine Sache bei den
Aufheiterungssprüchen gut gemacht habe, da ist mir die Zeit ausgegangen. Habt ihr den Gegenzauber für Schluckauf
gewusst? Ich wußte nicht, ob ich sollte, das hat so schwierig ausgesehen- und bei Frage dreiundzwanzig - „
„Hermine,“ sagte Ron streng, „das hatten wir doch schon mal ... wir gehen nicht jedes Examen nochmal durch, es ist
schlimm genug sie einmal zu machen.“
Die Fünftklässler aßen Mittagessen mit dem Rest der Schule (die vier Haustische waren für die Mittagszeit wieder
aufgetaucht), dann strömten sie in die kleine Kammer neben der großen Halle, wo sie darauf warteten, einzeln zu
ihrer praktischen Prüfung aufgerufen zu werden. Während kleine Gruppen von Schülern in alphabetischer
Reihenfolge aufgerufen wurden, murmelten die Zurückgelassenen Zauberformeln und übten die Bewegungen mit
den Zauberstäben, dabei stachen sie sich gelegentlich aus Versehen in den Rücken oder ins Auge.
Hermines Name wurde aufgerufen. Zitternd verließ sie den Raum zusammen mit Anthony Goldstein, Gregory Goyle
und Daphne Greengrass. Die Schüler, die bereits geprüft wurden, kamen danach nicht wieder zurück, dadurch hatten
Harry und Ron keine Ahnung, wie es Hermine ergangen war.
„Sie macht das schon, erinnerst du dich daran, daß sie in einem der Tests in Zauberkunde einhunderzwölf Prozent
bekommen hat?“ sagte Ron.
Zehn Minuten später rief Professor Flitwick „Parkinson, Pansy - Padma, Patil - Padma, Parvati - Potter, Harry“
„Viel Glück,“ sagte Ron leise, Harry lief in die große Halle, er hielt seinen Zauberstab so fest, daß seine Hand
zitterte.
„Professor Tofti ist frei, Potter,“ quiekte Professor Flitwick, der an der Tür stand. Er wies zu dem wohl ältesten und
kahlsten Prüfer, der an einen kleinen Tisch in der hinteren Ecke saß, gar nicht weit weg von Professor Marchbanks,
die fast damit fertig war, Draco Malfoy zu prüfen.
„Potter, nicht wahr?“ sagte Professor Tofty, konsultierte seine Notizen und schaute Harry prüfend über seinen
Kneifer an, als dieser sich näherte. „Der berühmte Potter?“
Aus dem Augenwinkel sah Harry deutlich, wie Malfoy ihm einen vernichtenden Blick zuwarf; das Weinglas, daß
Malfoy gerade schweben ließ, fiel auf den Boden und zerschlug. Harry konnte ein Grinsen nicht unterdrücken;
Professor Tofty lächelte ihm ermunternd zu.
„Das wär“s“ sagte er mit zittriger alter Stimme, „es ist nicht nötig, aufgeregt zu sein. Nun nimm diesen Eierbecher
und laß ihn ein paar Räder schlagen.“
Im großen und ganzen dachte Harry, daß es ganz gut gelaufen sei. Sein Schwebezauber war zweifellos viel besser als
Malfoys, obwohl er sich wünschte, daß er den Farbveränderungszauber nicht mit dem Wachstumszauber verwechselt
hätte, so war die Ratte, die er orange färben sollte, entsetzlich angeschwollen und hatte die Größe eines Dachses,
bevor er seinen Fehler berichtigen konnte. Er war froh, daß Hermine zu diesem Zeitpunkt nicht in der Halle war und
versäumte es, hinterher davon zu erzählen. Aber er konnte es Ron erzählen; Ron hatte es geschafft, eine Essenstafel
in einen großen Pilz mutieren zu lassen und hatte keine Ahnung, wie das passiert war.
Diese Nacht hatten sie keine Zeit zum Ausruhen.; sie gingen nach dem Abendessen direkt in den Gemeinschaftsraum
und tauchten ein in die Wiederholung für Verwandlung am nächsten Tag; Harry ging ins Bett mit einem
schwirrenden Kopf, der voll war von komplexen Spruchmodellen und -theorien.
Er vergaß die Definition für Wechselzauber in seinem schriftlichen Test am nächsten Morgen, aber er dachte, daß
seine praktische Prüfung um einiges schlechter hätte sein können. Zumindest hatte er seinen Leguan komplett
verschwinden lassen, wogegen Hanna Abbott am Nachbartisch ihren kompletten Kopf verloren hatte und es
geschafft hatte, ihr Frettchen in eine Herde Flamingos zu vermehren, wodurch die Prüfung für zehn Minuten
unterbrochen werden mußte, in denen die Vögel gefangen und aus der Halle getragen werden mußten.
Sie hatten ihr Examen in Kräuterkunde am Mittwoch (außer einem kleinen Biß von einer Beißgeranie, hatte Harry
das Gefühl, daß er seine Sache ganz vernünftig gemacht hatte); und dann, am Donnerstag Verteidigung gegen die
Dunklen Künste. Hier hatte Harry zum ersten Mal das Gefühl, daß er bestanden hatte. Er hatte kein Problem mit
irgendeiner der schriftlichen Fragen und hatte besondere Freude während der praktischen Prüfung all die
Gegenflüche und Abwehrzauber direkt unter den Augen von Professor Umbridge auszuführen, die ihn kalt aus der
Nähe der Türen zu der Eingangshalle anblickte.
„Oh, bravo!“ schrie Professor Tofty, der Harry wieder prüfte, als Harry einen perfekten Boggard-Bannzauber
demonstrierte. „Das ist in der Tat sehr gut! Also, ich glaube das ist alles, Potter ... bis ...“
Er lehnte sich etwas vor.
„Ich habe gehört, von meinem guten Freund Tiberius Ogden, daß du einen Patronus erzeugen kannst? Für einen
Zusatzpunkt... ?“
Harry hob seinen Zauberstab, schaute direkt zu Umbridge und stellt sich vor, wie sie gefeuert würde.
„Expecto Patronum!“
Sein silberner Hirsch brach aus dem Ende seines Zauberstabs und galoppierte durch die gesamte Halle. Alle Prüfer
schauten sich um, um seinen Lauf zu beobachten und als er sich in silbernen Rauch auflöste klatschte Professor
Tofty enthusiastisch in seine knotigen Hände.
„Exzellent!“ sagte er, „sehr gut, Potter, du kannst gehen!“
Als Harry an Umbridge an der Tür vorbeiging, trafen sich ihre Blicke. Da war ein böses Lächeln um ihren weiten,
schlaffen Mund, aber es kümmerte ihn nicht. Wenn er nicht völlig falsch lag (und er plante nicht, es irgendjemand zu
sagen, für den Fall, daß doch), hatte er gerade ein „außergewöhnliches“ OWL erreicht.
Am Freitag hatten Harry und Ron einen Tag frei, während Hermine ihre Prüfung in „Alten Runen“ ablegte, und weil
sie das ganze Wochenende noch vor sich hatten, erlaubten sie sich eine Unterbrechung von der Wiederholung. Sie
gähnten und streckten sich vor dem offenen Fenster aus, durch das warme Sommerluft hereinwehte, und spielten
Zauberschach. Harry konnte Hagrid in weiter Entfernung sehen, wie er eine Klasse am Waldrand unterrichtete. Er
versuchte zu erraten, welche Geschöpfe sie behandelten - er vermutete, daß es Einhörner sein mußten, denn die
Jungen schienen ein bißchen zurückzustehen - als das große Bild zur Seite schwang und Hermine hineinkletterte und
durch und durch schlechtgelaunt aussah.
„Wie waren die Runen?“ sagte Ron, gähnte und streckte sich.
„Ich habe ehwaz falsch übersetzt,“ sagte Hermine grimmig, „es bedeutet Partnerschaft und nicht Verteidigung; Ich
habe es mit eihwaz verwechselt.“
„Ah, also,“ sagte Ron faul, „das ist nur ein Fehler, nicht wahr, du bekommst trotzdem -“
„Oh, sei still!“ sagte Hermine zornig, „das könnte der eine Fehler sein, der den Unterschied zwischen Bestehen und
Durchfallen ausmacht. Und darüber hinaus, jemand hat einen weiteren Niffler in Umbridges Büro gesteckt. Ich habe
keine Ahnung, wie sie ihn durch die neue Tür gebracht haben, aber ich bin gerade da vorbeigegangen und Umbridge
schreit sich die Seele aus dem Leib - dem Geräusch nach versuchte er ihr ein Stück aus dem Bein zu beißen -“
„Gut,“ sagten Harry und Ron zusammen.
„Das ist nicht gut!“ sagte Hermine hitzig, „sie denkt, daß Hagrid das macht, erinnert ihr euch? Und wir wollen nicht,
daß Hagrid rausgeschmissen wird!“
„Er unterrichtet in diesem Moment; sie kann ihm nichts vorwerfen,“ sagte Harry und deutete aus dem Fenster.
„Oh, du bist manchmal so naiv, Harry. Denkst du wirklich, daß Umbridge auf Beweise wartet?“ sagte Hermine, die
scheinbar in einer gewaltigen Stimmung festgefahren war, und sie fegte raus in Richtung der Mädchenschlafsäle und
knallte die Tür hinter ihr zu.
„Solch ein liebenswertes, gutgelauntes Mädchen,“ sagte Ron sehr leise, und schubste seine Königin vorwärts, um
einen von Harrys Springern zu schlagen.
Hermines schlechte Laune hielt fast das ganze Wochenende an, obwohl Harry und Ron das sehr einfach fanden zu
ignorieren, weil sie fast den ganzen Samstag und Sonntag mit der Wiederholung für Zaubertränke am Montag
verbrachten, das Examen, auf das Harry am Wenigsten gewartet hatte - und von dem er sicher war, daß es der
Untergang seines Ziels, ein Auror zu werden, sein würde. Tatsächlich fand er die schriftliche Prüfung schwer,
obwohl er das Gefühl hatte, daß er die volle Punktzahl bei der Frage nach dem Vielsafttrank erreicht hatte; er konnte
seine Auswirkungen sehr effektiv beschrieben, hatte er ihn doch einmal in seinem zweiten Schuljahr illegal
eingenommen.
Der praktische Teil am Nachmittag war nicht so schlimm wie er erwartet hatte. Er erkannte, daß er ohne Snapes
Anwesenheit beim Tränke zubereiten viel entspannter war als sonst. Neville, der sehr nahe bei Harry saß, sah auch
glücklicher aus als Harry ihn jemals während einer Zaubertränke Stunde erlebt hatte. Als Professor Marchbanks
sagte, „Tretet von euren Kesseln zurück, bitte sehr, die Prüfung ist vorbei,“ da korkte Harry seine Probenflasche mit
dem Gefühl zu, daß er vielleicht keine gute Note erhalten hatte, aber mit Glück nicht durchfallen würde.
„Nur noch vier Examen übrig,“ sagte Parvati Patil müde, als sie zurück zum Gryffindor Gemeinschaftsraum gingen.
„Nur!“ sagte Hermine bissig. „Ich habe Arithmantik und das ist wahrscheinlich das schwierigste Fach das es gibt!“
Keiner war dumm genug zurück zu schnauzen, so daß sie ihrem Ärger an keinem von ihnen Luft machen konnte und
so mußte sie einige Erstkläßler ausschimpfen, weil diese im Gemeinschaftsraum zu laut gekichert hatten.
Harry war entschlossen am Dienstag in der Prüfung in Pflege Magischer Kreaturen gut abzuschneiden um Hagrid
nicht hängen zu lassen. Die praktische Prüfung fand am Nachmittag auf dem Rasen am Rande des Verbotenen
Waldes statt, wo die Schüler einen Knarl richtig identifizieren mußten, der zwischen einem dutzend Igeln versteckt
war (der Trick war es ihnen der Reihe nach Milch anzubieten: Knarle, extrem mißtrauische Kreaturen, deren
Stacheln viele magische Eigenschaften hatten, drehten normalerweise durch, wenn sie das Gefühl hatten, daß man
sie zu vergiften trachtete); dann den korrekten Umgang mit einem Bowtruckle vorführen; eine Feuerkrabbe füttern
und ausmisten ohne ernsthafte Verbrennungen davonzutragen; und aus einem reichhaltigen Futterangebot die
Nahrung auswählen, die man einem kranken Einhorn geben würde.
Harry konnte sehen wie Hagrid ängstlich aus seinem Hüttenfenster schaute. Als Harry“s Prüfer, diesmal eine
plumpe, kleine Hexe, ihn anlächelte und ihm sagte, daß er gehen könne gab Harry Hagrid ein flüchtiges „Daumen
hoch“ Signal, bevor er zurück ins Schloß ging.
Die schriftliche Astronomiearbeit am Mittwochmorgen lief soweit gut. Harry war nicht überzeugt, daß er alle Namen
der Jupitermonde richtig hatte, aber er war sich immerhin sicher, daß keiner von ihnen von Mäusen bewohnt war. Sie
mußten bis zum Abend mit ihrer praktischen Astronomieprüfung warten; der Nachmittag war statt dessen dem
Hellsehen gewidmet.
Sogar für Harry“s niedrige Erwartungen bezüglich des Hellsehen, lief die Prüfung sehr schlecht. Er hätte genausogut
auf der Arbeitsfläche wie in der widerspenstigen, leeren Kristallkugel versucht haben können einen Film zu sehen.
Er verlor seinen Kopf während des Teesatz Lesens völlig und sagte Professor Marchbanks vorher, daß bald einen
runden, dunklen, triefnassen Fremden treffen würde und rundete das ganze Fiasko damit ab, daß er die Lebens- und
Kopflinien ihrer Hand verwechselte und sie darüber informierte, daß sie letzten Dienstag hätte sterben sollen.
„Nun, es war schon immer klar, daß wir da durchfallen würden,“ sagte Ron düster als sie die Marmortreppe hinauf
gingen. Er hatte gerade dafür gesorgt, daß es Harry besser ging indem er ihm erzählte, wie er dem Prüfer detailliert
über einen häßlichen Mann mit einer Warze auf der Nase in seiner Kristallkugel berichtet hatte, nur um aufzublicken
und festzustellen, daß er die Spiegelung seines Prüfers beschrieben hatte.
„Wir hätten das blöde Fach von Anfang an nicht nehmen sollen,“ sagte Harry.
„Immerhin können wir es jetzt endlich aufgeben.“
„Jau,“ sagte Harry. „Nie mehr vorgeben, daß es uns interessiert was passiert wenn Jupiter und Uranus sich
nahekommen.“
„Und von jetzt an kümmert es mich nicht mehr wenn mein Teesatz sagt stirb, Ron, stirb - ich schmeiße ihn in den
Mülleimer wo er hingehört.“
Harry lachte gerade dann, als Hermine hinter ihnen angerannt kam.
Er hörte sofort auf zu lachen, für den Fall, daß es sie verärgern sollte.
„Nun, Ich denke ich war ganz gut in Arithmanik,“ sagte sie, und Harry und Ron seufzten beide erleichtert. „Gerade
noch Zeit für einen schnellen Blick auf unsere Sternenkarten vor dem Abendessen, dann ...“
Als sie um elf Uhr die Spitze des Astronomieturms erreichten, fanden sie eine perfekte Nacht zum Sterne schauen
vor, wolkenlos und ruhig. Das Gelände war in silbriges Mondlicht getaucht und die Luft war etwas frisch. Jeder
einzelne baute sein Teleskop auf und fing, sobald Professor Marchbanks das Zeichen gab, an die leeren
Sternenkarten auszufüllen, die sie bekommen hatten.
Die Professoren Marchbanks und Tofty spazierten zwischen ihnen herum und schauten zu, wie sie die präzisen
Positionen der Sterne und Planeten eintrugen, die sie beobachteten. Alles war ruhig abgesehen vom Rascheln von
Pergament, dem gelegentlichen knacken eines Teleskops, während es auf dem Ständer justiert wurde und dem
kritzeln vieler Federn. Eine halbe Stunde verging, dann eine Stunde; die kleinen Vierecke reflektierten Goldes, die
auf dem Boden unten flackerten, begannen zu verschwinden, als Lichter im Schloß gelöscht wurden.
Während Harry die Konstellation Orions in seiner Karte vervollständigte, , öffneten sich jedoch die Vordertüren des
Schlosses direkt unter der Brüstung wo er stand, so daß sich Licht die Steintreppe herunter ein Stück über den Rasen
ergoß. Harry spickte hinunter als er eine kleine Veränderung in der Stellung seines Teleskops vornahm und sah fünf
oder sechs langgezogene Schatten sich über das hell erleuchtete Gras bewegen, bevor die Türen zuschwangen und
der Rasen wieder in einem Meer von Dunkelheit versank.
Harry preßte sein Auge wieder ans Teleskop und fokusierte es erneut, nun die Venus untersuchend. Er schaute auf
seine Karte hinunter um den Planeten dort einzutragen, aber etwas lenkte ihn ab; er pausierte, die Feder über dem
Pergament schwebend, schielte hinunter in das schattige Gelände und sah ein halbes Dutzend Gestalten über den
Rasen laufen. Wenn sie sich nicht bewegt hätten und das Mondlicht nicht die Spitzen ihrer Köpfe vergoldet hätte,
wären sie von dem dunklen Boden auf dem sie gingen nicht zu unterscheiden gewesen. Sogar auf diese Entfernung
hatte Harry das komische Gefühl er würde den Gang des gedrungendsten von ihnen erkennen, der die Gruppe
anzuführen schien.
Er konnte sich nicht vorstellen warum die Umbridge nach Mitternacht noch draußen herumwandern sollte, noch viel
weniger begleitet von fünf anderen. Dann hustete jemand hinter ihm und er erinnerte sich, daß er mitten in einer
Prüfung steckte. Venus“s Position hatte er komplett vergessen. Er rammte sein Auge ans Teleskop, fand sie wieder
und war bereits wieder dabei sie in seine Karte einzutragen, als er, wachsam gegenüber jedem seltsamen Geräusch,
ein entferntes Klopfen hörte, daß durch das verlassene Gelände hallte und sofort vom gedämpften Bellen eines
großen Hundes gefolgt wurde.
Er schaute auf, sein Herz hämmerte. Da war Licht in Hagrids Fenster und die Leute, die er dabei beobachtet hatte
wie sie den Rasen überquert hatten, zeichneten sich nun als Schatten davor ab. Die Tür öffnete sich und er sah
deutlich sechs scharf abgezeichnete Gestalten über die Schwelle treten. Die Tür schloß sich wieder und es war Ruhe.
Harry war sehr unbehaglich zumute. Er schaute sich um, ob Ron oder Hermine dasselbe wie er bemerkt hatten, aber
Professor Marchbanks lief in diesem Moment hinter ihm vorbei und, da er nicht wirken wollte, als würde er
versuchen bei jemand anderem abzuspicken, lehnte sich Harry hastig über seine Sternenkarte und tat so als ob er
Notizen darin machen würde, während er in Wirklichkeit über die Brüstung hinweg in Richtung Hagrids Hütte
starrte. Es bewegten sich jetzt Gestalten am Hüttenfenster vorbei, die zeitweise das Licht verdeckten.
Er konnte Professor Marchbanks“s Augen in seinem Nacken spüren und preßte sein Auge wieder ans Teleskop,
hinauf in den Mond starrend, obwohl er dessen Position schon vor einer Stunde vermerkt hatte, aber als Professor
Marchbanks weiterging hörte er aus der entfernten Hütte ein Brüllen, daß durch die Dunkelheit direkt bis zur Spitze
des Astronomieturms hallte. Etliche Leute um Harry herum tauchten hinter ihren Teleskopen auf und starrten statt
dessen in die Richtung von Hagrids Hütte.
Professor Tofty hustete noch einmal trocken.
„Versucht euch zu konzentrieren, kommt, Jungs und Mädchen,“ sagte er sanft.
Die meisten Leute kehrten zu ihren Teleskopen zurück. Harry schaute nach links. Hermine starrte gebannt zu
Hagrids Hütte.
„Ahem - noch zwanzig Minuten bis zum Abgeben,“ sagte Professor Tofty.
Hermine schrak auf und kehrte sofort zu ihrer Sternenkarte zurück; Harry schaute auf seine hinab und bemerkte, daß
er Venus und Mars vertauscht hatte. Er beugte sich hinunter um es zu korrigieren.
Vom Gelände her war ein lautes BANG zu hören. Einige Leute schrien „Ouch!“ als sie sich selbst das Ende ihres
Teleskops ins Gesicht stießen und sich beeilten zu sehen was unten vor sich ging.
Hagrids Tür war aufgesprungen und im aus der Hütte herausflutenden Licht sahen sie ihn ziemlich deutlich: eine
massive Gestalt brüllend und Fäuste schwingend, von sechs Leuten umringt, die alle zu versuchen schienen ihn zu
Lähmen, wenn man nach den kleinen Fäden roten Lichts ging, die diese in seine Richtung schleuderten.
„Nein!“ schrie Hermine.
„Meine Liebe!“ sagte Professor Tofty mit entrüsteter Stimme. „Das ist ein Prüfung!“
Aber niemand schenkte seiner Sternenkarte mehr die geringste Beachtung. Strahlen roten Lichts schossen immer
noch neben Hagrids Hütte herum, irgendwie schienen sie aber von ihm abzuprallen; er stand immer noch aufrecht
und war immer noch, soweit Harry das sehen konnte, am Kämpfen. Rufe und Schreie hallten über das Gelände; ein
Mann brüllte, „Sei doch vernünftig, Hagrid!“
Hagrid brüllte, „Verflixte Vernunft, so krigt ir mich nich, Dawlish!“
Harry konnte die dünnen Umrisse von Fang sehen, der Hagrid zu verteidigen versuchte und immer wieder die
Zauberer um sich herum ansprang bis ihn ein Lähmzauber erwischte und er auf den Boden stürzte. Hagrid heulte
wütend auf, hob den Übeltäter mit Gewalt vom Boden hoch und warf ihn; es sah so aus als ob der Mann 10 Fuß weit
flog und er stand nicht wieder auf. Hermine keuchte, beide Hände über ihrem Mund; Harry schaute sich nach Ron
um und sah das auch der verängstigt dreinschaute. Keiner von ihnen hatte Hagrid je wirklich wütend erlebt.
„Schau da“ schrie Parvati, der ueber der Bruestung lehnte und auf die geoeffneten Eingangstueren an Fusse (im
unteren Bereich) des Schlosses zeigte. Viel mehr Licht kroch nun ueber den duklen Rasen und ein einzelner , langer
schwarzer Schatten bewegte sich in Wellenlinien ueber den Rasen.
„Nun aber wirklich“ sagte Professor Tofty etwas aengstlich. „Ihr wißt, nur noch sechszehn Minuten“
Aber niemand achtete ernsthaft auf ihn: alle schauten auf die Gestalt die die sich in das Kampftgetuemmel neben
Hagrids Huette stuerzte.
„Wie kannst du es wagen“ rief die Gestalt im Laufen. „Wie kannst du es wagen !“
„Es ist McGonagall“ fluesterte Hermine.
„Laß ihn los , loslassen sage ich !“ forderte Professor McGonagalls Stimme durch die Dunkelheit. „ Warum greifst
du ihn an ? Er nichts getan, nichts was das rechtfertigen wuerde ....“
Hermine, Parvati und Lavender schrien laut auf. Die Gestalten rund um die Huette hatten nicht weniger als vier
Umwerfer auf Professir McGonagal abgeschossen. Auf halbem Weg zwischen Huette und schloss wurde sie von
Ihnen getroffen; einen Augenblick lang, schimmerte sie wie durchsichtig und gluehte in einem schaurigen rot, dann
hoben sich ihre Fuesse vom Boden ab, sie fiel hart auf den Ruecken und blieb leblos liegen.
„Galoppierende Wasserspeier“ rief Professor Tofty, der wie alle anderen die Pruefung komplett zu vergessen haben
schien, „ nicht mehr als eine Warnung! Unverschaemtes Benehmen !“
„Feiglinge“ bruellte Hagrid mit einer Stimme die bis zur Spitze des Turms schallte und mehr, die etliche Kerzen im
inneren des Schlosses zum Flackern brachte. „ Verdammte Feiglinge ! Ich habe da etwas fuer euch, dies hier - und
das - „
„Oh mein ...“ keuchte Hermine
Hagrid fuehrte zwei massive Attacken gegen seine an naechsten stehenden Gegner; ihrem ploetzlichen
Zusammenbruch nach zu urteilen, waren sie ausser Gefecht gesetzt. Harry achtet eganz genau auf Hagrid und dachte
ein Zauber haette ihn endgueltig ueberwaeltigt. Aber im Gegenteil, im neachsten Augenblick stand Hagrid wieder
auf seinen Beinen mit etwas auf seinem Ruecken. das aussah wie ein grober Sack - doch dann erkannte Harry das es
Fangs lebloser Koerper war, der auf seinen Schultern lag.
„Greif ihn dir, greif ihn dir !“ schrie Umbridge, aber ihr einziger verbliebener Helfer zoegerte sichtbar sich in die
Naehe Hagrids und seiner Faeuste zu begeben; und tatsaechlich, er wich so ungeschickt rueckwaerts aus, das er
ueber einen seiner ungluecklichen Genossen stolperte und auf ihn fiel. Hagrid hatte sich, mit Fang auf seinen
Schultern, umgedreht und fing an zu laufen. Umbridge schleuderte einen letzten Betaeubungszauber auf ihn ab, doch
der verfehlte sein Ziel und Hagrid rannte mit aller Kraft zu den entfernten Toren um in der Dunkelheit zu
entkommen.
Eine nicht endende Minute voll bebender Stille fuellte den Raum als alle in mit geoeffneten Mund in den Vorhof
schauten. Dann erklang Professor Toftys schwache Stimme und sagte „ Nun ... fuenf Minuten noch, fuer jedermann“
Weil er nur zwei Drittel seines Aufgabenblattes ausgefuellt hatte, war Harry verzweifelt ueber das nahende Ende der
Pruefung. Als die Pruefung zu Ende war, warfen er,Ron und Hermine ihr Teleskope achtlos in ihre Halter und stoben
ueber die Wendeltreppen zurueck nach unten. Keiner der Schueler ging schlafen;die diskutierten laut und aufgeregt
am Treppenaufgang ueber die Geschehnisse, deren Zeugen sie geworden waren.
„So eine ueble Frau“ keuchte Hermine, die vor Aufregung kaum sprechen konnte.“ Versucht sich an Hagrid im
Schutz der Dunkelheit heranzuschleichen!“
„ Sie wollte eindeutig eine aehnliche Geschichte wie Trelawneys verhindern“ bemerkte Ernie Macmillan altklug und
versuchte sich an sie heranzudruecken.
„Hagrid war grossartig, oder ?“ sagte Ron mehr beaengstigt als beeindruckt. „Wie konnte er all diese Zauber
abwehren ?“
„Ich denke es ist sein ganz besonderes Blut“ sagte Hermine auf ihren Beinen schwankend. „Es schwer einen Riesen
zu betaeuben, sie sind wie Trolle, wirklich stark... aber armer Professor McGonagall... vier Umwerfer direkt in die
Brust und sie ist nicht mehr die Juengste, oder ?
„Schrecklich schrecklich“ sagte Ernie mit betontem Kopfschuetteln. „Nun ja, ich muß ins Bett. Gute Nacht allerseits
!“
Die Gruppe um sie herum begann sie aufzuloesen, leise diskutierend was sie gerade gesehen hatten.
„Am Ende haben sie es nicht geschafft, Hagrid nach Askaban zu bringen“ sagte Ron.“ Ich denke er ist gegangen um
sich mit Dumbledore zu treffen, oder ?“
„ Ich vermute das „ sagte Hermine , die sehr traurig aussah. „ Oh, es ist wirklich schrecklich. Ich dachte wirklich,
Dumbledore waere laengst wieder da, stattdessen ist jetzt auch noch Hagrid weg.
Sie schlichen zurueck in Gryffindors Gemeinschaftsraum um ihn gefuellt vorzufinden.Die Ereignisse draussen hatten
einige aufgeweckt, die sich wiederum beeilt hatten ihre Freunde aufzuwecken. Seamus und Dean, die vor Harry,Ron
und Hermine angekommen waren, erzaehlten jedem was sie von der Spitze des Astronie Turmes aus gesehen und
gehoert hatten.
„Aber warum wird Hagrid jetzt rausgeschmissen ?“ fragte Angelina Johnson kopfschuettelnd. „Das ist nicht typisch
Trelawney; ausserdem unterrichtet er in diesem Jahr viel besser als sonst.“
„Umbridge hasst Mischlinge“ bemerkte Hermine bitter und liess sich in einen Armsessel fallen.. „ Sie wollte Hagrid
schon immer loswerden.“
„Und sie dachte Hagrid hat die Niffler in ihrem Buero versteckt“ floetete Katie Bell.
„Oh verdammt“ sagte Laid Jordan und hielt sich peinlich die Hand vor den Mund. „ Ich habe die Nifflers in ihr
Buero gebracht. Fred und Goerge haben mir einige ueberlassen. Ich habe sie durch ihr Fenster hineinschweben
lassen.“
„Sie haette ihn sowieso rausgeschmissen“ sagte Dean. „ Er und Dumbledore waren zu gute Freunde.“
„Das ist wahr“ und versank in einem Armsessel neben Hermines.
„Ich hoffe nur Professor McGonagall geht es wieder gut“ sagte Lavendar traurig.
„ wir haben durch das Fenster im Schlafsaal gesehen wie sie sie zurueck ins Schloss getragen haben,“ sagte Colin
Creevy.“sie sah nicht so gut aus.“
„Madame Pomfrey bekommt das schon wieder hin“ sagte Alicia Spinnet sehr ueberzeugt.“ Sie hat es noch immer
geschafft“
Es war fast vier Uhr morgens, als sich der Gemeinschaftsraum geleert hatte. Harry blieb weitgehend schlaflos; das
Bild wie Hagrid in die Dunkelheit fluechtete verfolgte ihn; er war so wuetend auf Umbridge, das er sich kaum eine
Bestrafung ausdenken konnte, die schlimm genug sein wuerde. Ron“s Vorschlag, sie an eine Gruppe verhungernder
Skrews zu verfuettern gefiel ihm aber. So schlief er ein, im Gedanken scheussliche Rache nehmend und erwachte nur
drei Stunden spaeter mit dem Gefuehl voellig unausgeschlafen zu sein.
Ihre letzte Prüfung, Geschichte der Zauberei, würde nicht vor dem Nachmittag stattfinden. Harry hätte viel lieber
nach dem Frühstück ins Bett zurück gehen wollen, aber er hatte auf den Morgen gezählt, um noch in letzter Minute
ein bißchen zu lernen, und so saß er statt dessen, den Kopf in die Hände gestützt, am Fenster des
Gemeinschaftsraums und versuchte nach Kräften nicht wegzudösen, während er sich einige der sich 3 ½ Fuß hoch
stapelnden Notizen durchlas, die Hermine ihm geliehen hatte.
Um zwei Uhr betraten die Fünftklässler die Große Halle und nahmen vor den umgedrehten Prüfungsblättern ihre
Plätze ein. Harry fühlte sich erschöpft. Sein einziger Wunsch war, daß das hier vorbei sein würde, damit er gehen
und schlafen könnte; und morgen dann würden er und Ron zum Quidditchfeld hinuntergehen - er würde einen Flug
auf Rons Besen unternehmen - und das Gefühl der Freiheit vom Lernen genießen.
„Drehen Sie Ihre Blätter um,“ sagte Professor Marchbanks, die vorne in der Halle stand und die riesige Sanduhr
umdrehte. „Sie können anfangen.“
Harry starrte unverwandt auf die erste Frage. Es dauerte einige Sekunden, bis ihm klar wurde, daß er kein Wort
davon verstanden hatte; eine Wespe surrte störend gegen eines der hohen Fenster. Langsam und umständlich begann
er zuletzt eine Antwort zu schreiben.
Er fand es sehr schwierig sich an Namen zu erinnern und verwirrende Daten zu behalten. Er übersprang einfach
Frage vier (Leistete die Zauberstab-Gesetzgebung Ihrer Meinung einen Beitrag oder führte sie zu einer besseren
Kontrolle von Koboldaufständen des 18. Jahrhunderts?) und dachte, daß er darauf zurückkommen würde, wenn er
am Ende Zeit hätte.
Er versuchte Frage fünf (Wie wurde die Statue der Geheimhaltung 1749 zerbrochen und welche Maßnahmen wurden
getroffen um einer Wiederholung vorzubeugen?), aber er hatte einen nagenden Verdacht, daß er einige wichtige
Punkte vergessen hatte; er hatte das Gefühl, daß irgendwo in die Geschichte Vampire hineingekommen waren.
Er hielt Ausschau nach einer Frage, die er eindeutig beantworten konnte und seine Augen leuchteten bei Frage 10
auf: Beschreiben Sie die Umstände, die zur Bildung der Internationalen Vereinigung der Zauberer führten und
erklären Sie, warum sich die Warlocks von Liechtenstein weigerten beizutreten.
Das weiß ich, dachte Harry, doch sein Gehirn fühlte sich müde und lasch an. Er konnte sich eine Überschrift in
Hermines Handschrift vorstellen: Die Bildung der Internationalen Vereinigung der Zauberer... er hatte diese Notizen
erst an diesem Morgen gelesen.
Er begann zu schreiben und sah hin und wieder auf um das große Stundenglas auf dem Tisch neben Professor
Marchbanks zu prüfen.
Er sah direkt hinter Parvati Patil, deren langes schwarzes Haar über ihren Stuhlrücken fiel. Ein- oder zweimal
ertappte er sich dabei, daß er auf die feinen goldenen Lichter starrte, die darin glitzerten, wenn sie ihren Kopf etwas
bewegte, und er mußte seinen Kopf selbst ein bißchen schütteln, um es zu verdrängen.
...der erste Höchste Vorsitzende der Internationalen Vereinigung der Zauberer war Pierre Bonaccord, doch seine
Ernennung wurde von der Zauberergemeinschaft von Liechtenstein angefochten, weil -
Rings um Harry kratzten Federn auf dem Papier wie huschende, grabende Ratten. Die Sonne brannte auf seinen
Hinterkopf. Was hatte Bonaccord getan, daß er die Zauberer aus Liechtenstein gekränkt hatte? Harry hatte ein
Gefühl, daß es etwas mit Trollen zu tun hatte... er starrte abermals ausdruckslos auf Parvatis Hinterkopf. Wenn er nur
Legilimantie anwenden und ein Fenster in ihrem Hinterkopf öffnen könnte, um zu sehen, was es mit den Trollen auf
sich hatte, die den Bruch zwischen Pierre Bonaccord und Liechtenstein verursacht hatten...
Harry schloss seine Augen und begrub sein Gesicht in seinen Händen, sodaß das leuchtende Rot seiner Augenlider
dunkel und kühl wurde. Bonaccord hatte Trolljagden verbieten und den Trollen Rechte zusprechen wollen... aber
Liechtenstein hatte Probleme mit einer Sippe teilweise bösartiger Bergtrolle... das war es.
Er öffnete die Augen; sie brannten und wässerten beim Anblick des leuchtend weißen Papiers. Langsam schrieb er
zwei Zeilen über die Hintergründe, dann las er durch, was er bisher zu Stande gebracht hatte. Es schien nicht sehr
informativ oder detailliert zu sein, ja er war sicher, daß Hermines Aufzeichnungen zur Zauberervereinigung noch
viele Seiten länger gewesen waren.
Er schloss die Augen wieder, im Versuch sie zu sehen, sich an sie zu erinnern... die Vereinigung hatte sich zum
ersten Mal in Frankreich getroffen, ja, das hatte er bereits geschrieben...
Kobolde hatten versucht, daran teilzunehmen und waren ausgeschlossen worden ... das hatte er auch schon
geschrieben...
Und niemand aus Liechtenstein hatte kommen wollen...
„Denk nach,“ befahl er sich selbst, das Gesicht in seinen Händen verborgen, während rings um ihn herum Federn nie
enden wollende Antworten hinkritzelten und der Sand durch die vorne stehende Uhr lief...
Er ging den kühlen, dunklen Korridor zur Abteilung der Geheimnisse entlang, mit starkem und entschlossenem
Schritt, plötzlich in einen Lauf verfallend, dazu bestimmt, letztendlich seinen Bestimmungsort zu erreichen... die
schwarze Tür schwang wie gewöhnlich für ihn auf, und hier war er im kreisförmigen Raum mit seinen vielen
Türen...
Geradewegs über den Steinflur und durch die zweite Tür... Flecken tanzenden Lichts auf den Wänden und dem
Boden und dieses merkwürdige mechanische Klicken, aber es war keine Zeit um es zu erforschen, er mußte sich
beeilen...
Er joggte die letzten Meter zur dritten Tür, die genau wie die anderen aufschwang...
Wieder einmal war er in dem kathedralenartigen Raum, der voll von Regalen und Glaskugeln war... sein Herz schlug
nun sehr schnell... dieses Mal würde er dorthin gelangen... als er Nummer 97 erreichte, drehte er sich nach links und
eilte den Gang zwischen den beiden Reihen entlang...
Aber da war eine schwarze Gestalt ganz am Ende des Flurs, eine schwarze Gestalt, die sich auf dem Boden bewegte
wie ein verwundetes Tier... Harrys Magen zog sich aus Furcht zusammen... aus Aufregung...
Eine Stimme entwich seinem eigenen Mund, eine hohe, kalte Stimme, die jeglicher Menschlichkeit entbehrte...
„Nimm es für mich... nimm es jetzt runter... ich kann es nicht berühren... aber du kannst es...”
Die schwarze Gestalt am Boden bewegte sich ein wenig. Harry sah eine langfingrige weiße Hand, die einen
Zauberstab packte, der sich am Ende seines eigenen Armes erhob... hörte die hohe, kalte Stimme sagen: „Crucio!”
Der Mann auf dem Flur ließ einen Schmerzensschrei ertönen, versuchte aufzustehen, aber fiel zurück und wand sich.
Er erhob seinen Zauberstab, der Fluch stieg auf und die Figur stöhnte und wurde bewegungslos.
„Lord Voldemort wartet...”
Sehr langsam, mit zitternden Armen, hob der Mann auf dem Boden seine Schultern um einige Zentimeter und erhob
seinen Kopf. Sein Gesicht war blutbefleckt und hager, verdreht vom Schmerz war er schon starr mit Trotz...
„Du wirst mich töten müssen”, wisperte Sirius.
„Zweifellos muß ich das zuletzt tun,“ sagte die kalte Stimme. „Aber du wirst es zuerst für mich holen, Black... du
denkst, du hast schon genug Schmerz gespürt? Überdenke es... wir haben Stunden vor uns und niemand hört dich
schreien...”
Aber jemand schrie, als Voldemort seinen Zauberstab wieder senkte; jemand kreischte und fiel seitlich von einem
heißen Tisch auf den kalten Steinboden; Harry erwachte, als er am Boden auftraf, immer noch brüllend, seine Narbe
brannte, als die Große Halle unvermittelt um ihn herum auftauchte.
Kapitel 32 - Aus dem Feuer
„Ich gehe nicht ... Ich brauche nicht in den Krankenhausflügel ... Ich will nicht ...“ Er plapperte unablässig, während
er versuchte, sich von Professor Tofty zu befreien. Dieser schaute Harry sehr besorgt an, nachdem er ihm heraus in
die Eingangshalle geholfen hatte, während sie von allen Schülern angestarrt wurden.
„Es ... es geht mir gut, Sir,“ stammelte Harry und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. „Wirklich, ich bin nur
eingeschlafen... Ich hatte einen Alptraum ...“
„Prüfungsstress!“ sagte der alte Zauberer freundlich und tätschelte Harry unsicher an der Schulter. „Das passiert,
junger Mann, das passiert. Jetzt ein kühles Glas Wasser und vielleicht bist du dann in der Lage, in die Große Halle
zurückzukehren? Die Prüfung ist fast vorbei aber du bist vielleicht in der Lage, deine letzte Antwort noch etwas
abzurunden?“
„Ja!“ sagte Harry wild. „Ich meine ... nein ... Ich habe alles getan, was ich konnte, ich denke...“
„Sehr schön, sehr schön,“ sagte der alte Zauberer sanft. „Ich sollte gehen und deine Prüfungsunterlagen einsammeln
und dir würde ich empfehlen daß du gehst und dich etwas hinlegst.“
„Das werde ich tun,“ sagte Harry und nickte energisch. „Haben Sie vielen Dank.“
In der Sekunde, als die Füße des alten Mannes über die Schwelle in die Große Halle hinein verschwunden waren,
rannte Harry die Marmortreppe hinauf und sauste so schnell die Korridore entlang, daß die Porträts, an denen er
vorbeilief, vorwurfsvoll murmelten. Er lief weiter Treppen hinauf und platzte schließlich wie ein Hurrikan durch die
Doppeltür des Krankenhausflügels. Madam Pomfrey, die gerade eine hellblaue Flüssigkeit in Montagues offenen
Mund löffelte, kreischte alarmiert auf.
„Potter, was glaubst du, tust du hier?“
„Ich muß Professor McGonagall sprechen,“ keuchte Harry und der Atem schien seine Lungen zu zerreißen. „Jetzt!
Es ist dringend!“
„Sie ist nicht hier, Potter,“ sagte Madam Pomfrey verärgert. „Sie wurde heute morgen nach St Mungo gebracht. Vier
Betäubungssprüche direkt auf die Brust und das in ihrem Alter? Es ist erstaunlich daß sie das nicht umgebracht hat.“
„Sie ... sie ist weg?“ fragte Harry schockiert?
Die Klingel war außerhalb des Schlafsaals zu hören und er hörte das übliche Poltern der Schüler, die herauseilten in
die Korridore über und unter ihnen. Er bleib sehr still und sah Madam Pomfrey an. Schrecken machte sich in ihm
breit.
Es war niemand mehr übrig, dem er es sagen konnte. Dumbledore war fort, Hagrid war fort, aber er hatte immer
erwartet, das Professor McGonagall da sein würde, jähzornig und unflexibel vielleicht aber immer verlässlich, mit
Sicherheit anwesend ...
Es erstaunt mich nicht, daß Sie schockiert sind, Potter,“ sagte Madam Pomfrey mit einem Anflug von grimmiger
Zustimmung im Gesicht. „Als ob einer von ihnen Minerva McGonagall von Angesicht zu Angesicht bei Tageslicht
betäuben könnte. Feigheit! Das war es! Jämmerliche Feigheit. Wenn ich mir nicht Sorgen darüber machen würde,
was ohne mich mit euch Schülern passiert, würde ich aus Protest kündigen.“
„Ja.“ sagte Harry leer.
Er drehte sich um und ging blind vom Krankenhausflügel weg in den pulsieren Korridor, wo er stand, geschubst von
der Menge. Panik machte sich in ihm breit wie ein Giftgas, so daß sein Kopf taub war und er nicht überlegen konnte,
was zu tun war.
Ron und Hermine, sagte eine Stimme in seinem Kopf.
Er begann wieder zu rennen , stieß Schüler aus dem Weg ungeachtet ihres Protestes. Er rannte wieder zwei Etagen
hinunter und war oben an der Marmortreppe, als er sie zu ihm eilen sah.
„Harry!“ rief Hermine sofort und sah sehr erschrocken aus. „Was ist passiert? Geht es dir gut?“ Bist du krank?“
„Wo warst du?“ wollte Ron wissen.
„Kommt mit!“ sagte Harry schnell. „Los kommt! Ich muß euch etwas erzählen!“
Er führte sie den Flur der ersten Etage entlang, spähte in die Eingänge und fand schließlich einen leeren
Klassenraum, in den er hineinging. Er schloss die Tür hinter Ron und Hermine, sobald sie drin waren, lehnte sich
dagegen und sah sie an.
„Voldemort hat Sirius!“
„Was?“
„Woher weißt ...?“
„Ich habe es gesehen. Gerade eben. Als ich bei der Prüfung eingeschlafen bin.“
„Aber ... aber wo? Und wie?“ fragte Hermine und ihr Gesicht war weiß.
„Ich weiß ich nicht, wie,“ erwiderte Harry. „Aber ich weiß genau, wo! Es gibt einen Raum im der Abteilung der
Mysterien voll mit Regalen, bedeckt mit diesen kleinen Glaskugeln und sie sind am Ende von Reihe 97 ... er
versucht, Sirius dazu zu benutzen, um zu bekommen, was immer er von dort will .. er foltert ihn ... er sagt, er wird
aufhören, wenn er ihn getötet hat.“
Harry fand, daß seine Stimme unsicher war, wie seine Knie. Er ging hinüber zu einem Schreibtisch, setzte sich
darauf und versuchte, sich zu beherrschen.
„Wie kommen wir dorthin?,“ fragte er dann.
Einen Moment lang war Ruhe. Dann fragte Ron: „D ...dorthin kommen?“
„In die Abteilung der Mysterien kommen, um Sirius zu retten.,“ sagte Harry laut.
„Aber - Harry ...,“ sagte Ron schwach.
„Was? Was?,“ rief Harry.
Er konnte überhaupt nicht verstehen, warum sie ihn beide angafften, so als ob er sie bat, irgendetwas unvernünftiges
zu tun.
„Harry!,“ sagte Hermine mit ziemlich erschreckter Stimme. „Wie ... wie konnte Voldemort in das Zauberei-
Ministerium gelangen , ohne daß jemand gemerkt hat, daß er da war.“
„Wie soll ich das wissen?,“ brüllte Harry. „Die Frage ist doch, wie wir hineingelangen!“
„Aber ... Harry, denk doch mal darüber nach,“ sagte Hermine und ging einen Schritt auf ihn zu. „Es ist fünf Uhr
nachmittags ... das Zauberei-Ministerium muß voll von Angestellten sein... Wie könnten Voldemort und Sirius
hineingelangt sein, ohne gesehen zu werden? Harry ... sie sind wahrscheinlich die zwei meistgesuchten Zauberer der
Welt ... glaubst du, könnten unbemerkt in ein Gebäude voller Auroren gelangen?“
„Ich weiß nicht, Voldemort hat vielleicht einen Tarnumhang benutzt oder so was!,“ schrie Harry.“ „Wie auch immer,
die Abteilung der Mysterien war immer völlig leer, wenn ich da war ...“
„Du warst niemals da, Harry,“ sagte Hermine ruhig. „Du hast von diesem Platz geträumt. Das ist alles.“
„Das sind keine normalen Träume!“ Harry schrie es ihr ins Gesicht, stand auf und ging einen Schritt weiter auf sie
zu. Er wollte sie schütteln. „Wie erklärst du Rons Vater dann , was das alles sollte, wie ich wissen konnte, was mit
ihm passiert ist.“
„Da hat er recht!,“ sagte Ron leise und schaute zu Hermine.
„Aber das ist ... so unwahrscheinlich!,“ sagte Hermine verzweifelt. „Harry! Wie zum Teufel konnte Voldemort Sirius
fangen, wenn er die ganze in Grimmauld Place war?“
„Sirius könnte mit den Nerven am Ende gewesen sein und er wollte nur etwas frische Lust,“ sagte Ron besorgt. „Er
wollte seit ewiger Zeit dringend aus diesem Haus herauskommen.“
„Aber warum,“ beharrte Hermine, „warum zum Teufel will Voldemort Sirius dazu nutzen, an die Waffen
herauszukommen oder was immer es auch ist?“
„Ich weiß es nicht, aber es könnte Tausende von Gründen dafür geben,“ schrie Harry sie an. „Vielleicht ist Sirius
einfach jemand, bei dem es Voldemort nichts ausmacht, ihm Schmerzen zuzufügen.“
„Weißt du, mir ist da gerade etwas eingefallen.,“ sagte Ron mit leiser Stimme. Sirius“ Bruder war ein Todesser, nicht
wahr? Vielleicht hat er Sirius das Geheimnis verraten, wie man an diese Waffe kommt.“
„Ja, und das ist genau der Grund, weshalb Dumbledore so scharf darauf war, Sirius für alle Zeit wegzuschließen!,“
sagte Harry.
„Also entschuldigt bitte,“ schrie Hermine, „aber weder macht irgendetwas vom dem, was ihr sagt einen Sinn, noch
gibt es irgendeinen Beweis dafür. Es gibt ja nicht einmal einen Beweis für die Tatsache, daß Voldemort und Sirius
überhaupt dort sind.“
„Hermine! Harry sieht sie!“ fuhr Ron sie an.
„OK,“ sagte sie ängstlich aber entschlossen. „Ich muß nur noch eins sagen ...“
„Was?“
„Du ... Ich will dich nicht kritisieren, Harry. Aber du bist so ... - denkst du nicht manchmal, du stehst unter einer Art
Rettungszwang?“
Er sah sie zornig an.
„Und was bitte soll das bedeuten: „Rettungszwang“?“
„Also, du ...“ Sie sah besorgter denn je aus. „Ich meine ... letztes Jahr zum Beispiel ... im See ... während des
Turniers ... du hättest nicht ... Ich meine, du mußtest nicht das kleine Delacour Mädchen retten ... du hast dich
einfach hinreißen lassen ...“
Eine Welle heißen, stechenden Zorns wallte durch Harrys Körper. Wie konnte sie ihn jetzt an diesen Fehler erinnern?
„Ich meine, es war ja wirklich toll von dir und so,“ sagte Hermine schnell und erstarrte schlechterdings vor Schreck
wegen Harrys Gesichtsausdruck, „jeder hat Gedacht, es wäre eine wundervolle Idee, das zu tun...“
„Das ist ja lustig,“ sagte Harry mit knirschenden Zähnen, „weil ich mich genau daran erinnern kann, wie Ron sagte,
ich würde meine Zeit damit verschwenden, den Held zu spielen. Das ist es doch, was du denkst, nicht? Du glaubst,
ich will schon wieder den Helden spielen.?“
„Nein, nein, nein!,“ sagte Hermine und schaute ihn entgeistert an. „Das meine ich überhaupt nicht!“
„Dann spuck aus, was du zu sagen hast, weil wir hier unsere Zeit verschwenden.,“ schrie Harry.
„Ich versuche zu sagen - Voldemort kennt dich, Harry! Er hat Ginny hinunter in die Kammer des Schreckens
gebracht, um dich dorthin zu locken. Du bist die Art Persönlichkeit, die Sirius helfen würde. Was, wenn er nur
versucht, dich in die Abteilung für Geheimnis ...?“
„Hermine, es spielt keine Rolle, ob er es getan hat, um mich dorthin zu locken. Sie haben McGonagall nach St
Mungos gebracht, es ist keiner mehr vom Orden in Hogwarts übrig geblieben, dem wir es erzählen können und wenn
wir nicht gehen, wird Sirius sterben.“
„Aber Harry, was wenn dein Traum nur genau das war - eben nur ein Traum“
„Du verstehst es einfach nicht!,“ schrie Harry sie an. „Ich habe keine Alpträume. Ich träume nicht einfach so! Wofür
glaubst du, waren die ganzen Occlumantie und warum glaubst du, wollte mich Dumbledore daran hindern, diese
Dinge zu sehen. Weil sie real sind, Hermine. Sirius ist gefangen, ich habe ihn gesehen. Voldemort hat ihn und
niemand sonst weiß es. Und daß bedeutet, daß wir die einzigen sind, die ihn retten können. Und wenn du nicht
willst, prima, aber ich gehe, verstehst du? Und wenn ich mich richtig erinnere, hattest du kein Problem mit meinem
„Rettungszwang,“ als ich dich vor den Dementoren gerettet habe, oder ...,“ er drehte sich herum zu Ron „als ich
deine Schwester vor dem Basilisken gerettet habe.“
„Ich habe nie gesagt, daß ich ein Problem damit habe!,“ sagte Ron erregt.
„Aber Harry, du hast es eben selbst gesagt,“ erwiderte Hermine wild. „Dumbledore wollte, daß du lernst, diese
Dinge aus deinem Geist auszuschließen. Wenn du Occlumantie richtig gemacht hättest, hättest du das niemals
gesehen.“
„WENN DU MIR SAGEN WILLST, ICH HANDLE NUR SO, OHNE, DAß ICH WAS GESEHEN HÄTTE...“
„Sirius hat dir gesagt, daß es nichts wichtigeres für doch gibt, als zu lernen, deinen Geist abzuschließen!“
„NUN, ICH WÜRDE DENKEN, DAß ER JETZT ETWAS ANDERES SAGEN WÜRDE, WENN ER WÜSSTE,
DAß ICH GERADE ...“
Die Tür des Klassenraums öffnete sich. Harry, Ron und Hermine fuhren herum. Ginny kam mit einem seltsamen
Gesichtsausdruck, dicht gefolgt von Luna, die wie gewöhnliche aussah, als ob sie versehentlich hier war.
„Hi!,“ sagte Ginny unbestimmt. Wir haben Harrys Stimme gehört. Worüber streitet ihr euch?“
„Das geht dich nichts an!,“ sagte Harry rau.
Ginny zog ihre Augenbrauen hoch.
„Es besteht keinerlei Notwendigkeit, in einem solchen Ton mit mir zu reden,“ sagte sie gelassen, „ich habe nur
überlegt, ob ich helfen kann.“
„Nun, das kannst du nicht!,“ erwiderte Harry kurz.
„Du bist ziemlich unverschämt, weißt du?,“ sagte Luna deutlich.
Harry drehte sich um und ging weg. Das letzte, was er jetzt brauchte, war eine Konversation mit Luna Lovegood.
„Warte!,“ sagte Hermine plötzlich. „Warte Harry, sie können helfen.“
Harry und Ron sahen sie an.
„Hör zu,“ sagte sie ungeduldig, „wie müssen feststellen, ob Sirius das Hauptquartier wirklich verlassen hat.“
„Ich habe dir gesagt, daß ich gesehen habe ...“
„Harry, ich bitte dich!,“ sagte Hermine verzweifelt. „Bitte laß uns einfach nachprüfen, ob Sirius wirklich nicht zu
Hause ist, bevor wir nach London aufbrechen. Wenn er nicht dort ist, dann schwöre ich dir, daß ich nicht mehr
versuchen werde, dich aufzuhalten. Ich komme mit. Ich tue, was immer für den Versuch notwendig ist, ihn zu
retten.“
„Sirius wird jetzt gerade gefoltert!,“ schrie Harry. „Wir haben keine Zeit zu verlieren.“
„Aber wenn es ein Trick von Voldemort ist, Harry. Wir müssen das prüfen, wir müssen!“
„Wie?, fragte Harry. „Wie prüfen wir das?“
„Wir müssen Umbridge“s Feuer benutzen. Und sehen, ob wir Kontakt mit ihm aufnehmen können.,“ sagte Hermine
sah wirklich erschrocken über diesen Einfall aus.
„Wir locken Umbridge noch mal weg, aber wir brauchen Wachposten und dafür können wir Ginny und Luna
nutzen.“
Obwohl sie sich immer noch bemühte, zu verstehen, was eigentlich los war, sagte Ginny sofort: „Klar, das machen
wir.“ Luna fragte; „Wenn ihr über Sirius sprecht, meint ihr dann Stubby Boardman?“
Niemand antwortete ihr.
„OK,“ sagte Harry aggressiv zu Hermine, „OK, wenn dir ein Weg einfällt, das schnell zu tun, mache ich mit.
Ansonsten gehe ich gleich jetzt zur Abteilung der Mysterien.“
„Zur Abteilung der Mysterien?,“ fragte Luna und sah ziemlich überrascht aus. „Aber wie willst du dahin kommen?“
Wiederum ignorierte Harry sie.
„Richtig,“ sagte Hermine, wrang ihre Hände ineinander und lief zwischen den Tischen auf und ab. „Gut, also einer
von uns muß Umbridge finden und sie in die falsche Richtung schicken, um sie von ihrem Büro fernzuhalten. Sie
könnten ihr sagen ... ich weiß nicht ... daß Peeves irgendwas schreckliches macht, wie gewöhnlich ...“
„Das mache ich!“ sagte Ron sofort. „Ich sage ihr, Peeves zertrümmert die Abteilung für Verwandlungen oder so was,
die ist Meilen von ihrem Büro entfernt. Und wenn ich es mir recht überlege, könnte ich wohlmöglich Peeves
überzeugen, genau das zu tun, falls ich ihn auf dem Weg treffe.“
Es war ein Zeichen für den Ernst der Situation, daß Hermine keine Einwände gegen die Zertrümmerung der
Abteilung für Verwandlungen erhob.
„Gut!,“ sagte sie und furchte die Stirn, währen sie weiter hin und her lief. „Jetzt müssen wir die Schüler vom Büro
fernhalten, während wir drin sind, damit nicht am Ende ein Slytherin sie zurückholt.“
„Luna und ich können an den beiden Enden des Korridors stehen,“ sagte Ginny sofort. Wir können die Leute davor
warnen, dorthin zu gehen, weil jemand Erstickungsgas freigegeben hat“ Hermine sah erstaunt aus über die
Schnelligkeit, mit der Ginny diese Lüge von sich gab. Ginny zuckte die Achseln und sagte:“ Fred und George
wollten so etwas machen, bevor ich gegangen bin.“
„Gut!,“ sagte Hermine. Nun gut, dann Harry, begeben wir uns unter den Tarnmantel und schleichen in das Büro. Und
du kannst mit Sirius reden.“
„Er ist nicht da, Hermine!“
„Ich meine ... du kannst nachprüfen, ob Sirius zu Hause ist oder nicht, während ich Wache halte. Ich denke, du
solltest da drin nicht allein sein. Lee hat schon nachgewiesen, daß die Fenster ein Schwachpunkt sind, als er die
Nifflers hindurch geschickt hat.
Selbst durch seinen Zorn und seine Ungeduld hindurch erkannte er Hermines Angebot, ihn in Umbridge“s Büro zu
begleiten als ein Zeichen von Solidarität und Loyalität.
„Ich, OK, danke!,“ murmelte er.
„Gut, auch wenn wir all das tun, glaube ich nicht, daß wir in der Lage sein werden, mehr als 5 Minuten zu
gewinnen,“ sagte Hermine und schaute erleichtert zu Harry, der ihren Plan akzeptiert zu haben schien, „nicht mit
Filch und der elenden Inquisitorialgruppe, die dort herumlaufen.“
„Fünf Minuten werden reichen,“ sagte Harry, „los, gehen wir ...“
„Jetzt?,“ fragte Hermine schockiert.
„Natürlich jetzt!,“ erwiderte Harry ärgerlich. „Was hast du gedacht? Daß wir bis nach dem Abendessen warten, oder
wie?“ Hermine, Sirius wird gefoltert! Gerade jetzt!“
„Ich, oh, ... na gut.,“ sagte Hermine verzweifelt. „Du gehst und holst den Tarnumhang und wir treffen uns am Ende
von Umbridge“s Korridor, OK?“
Harry antwortete nicht, stürzte aber aus dem Raum und bahnte sich seinen Weg durch das Gewühl draußen. Zwei
Etagen höher traf er Seamus und Dean, die ihn heiter herbeiwinkten und ihm erzählten, daß sie im
Gemeinschaftsraum eine Feier zum Prüfungsende von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen planten, Harry
hörte sie kaum. Er kletterte durch das Loch im Porträt, während sie immer noch darüber diskutierten, wie viel
Butterbier vom Schwarzmarkt brauchen würden und kletterte zurück, den Tarnumhang und Sirius“ Messer sicher in
seiner Tasche, bevor sie überhaupt merkten, daß er sie verlassen hatte.
„Harry, willst du dich an einem paar Gallonen beteiligen? Harold Dingle meint, er könnte uns Feuer-Whisky
besorgen ...“
Aber Harry hatte sich schon losgerissen und lief zurück den Gang entlang und ein paar Minuten später sprang er die
letzten Treppen empor, um sich zu Ron, Hermine, Ginny und Luna zu gesellen, die zusammengedrängt am Ende von
Umbridge“s Korridor standen.
„Ich hab’s,“ keuchte er. „Kann es losgehen?“
„Gut,“ flüsterte Hermine, als eine Gruppe von lauten Sechsklässlern an ihnen vorbeigingen. „Also Ron, du gehst und
lenkst Umbridge ab ... Ginny, Luna, wenn ihr anfangen könntet, die Leute vom Flur zu schaffen ... Harry und ich
legen den Umhang an und warten, bis die Luft rein ist ...“
Ron ging los, sein knallrotes Haar war bis zum Ende des Ganges zu sehen; inzwischen tauchte Ginny“s gleich
aussehender Kopf zwischen den rempelnden Schülern auf, die sie in die andere Richtung drängte begleitet durch
Luna“s Blondschopf.
„Komm hier herüber,“ murmelte Hermine, zerrte an Harrys Handgelenk und zog in zurück in eine Nische, wo der
hässliche steinerne Kopf eines mittelalterlichen Zauberers auf einer Säule stand und mit sich selbst murmelte. „Bist
du sicher, daß es dir gut geht, Harry? Du bist immer noch sehr blass.“
„Es geht mir gut,“ sagte er kurz und zerrte den Tarnumhang aus seiner Tasche. In Wahrheit schmerzte seine Narbe,
allerdings nicht so sehr, daß er annehmen mußte, Voldemort hätte Sirius ernsthaften Schaden zugefügt; es hatte
wesentlich mehr geschmerzt, als Voldemort Avery bestraft hatte ...
„Hier,“ sagte er; er warf den Tarnumhang um sie beide und sie standen und lauschten aufmerksam trotz des
lateinischen Gemurmels der Büste vor ihnen..
„Ihr könnt nicht hierher kommen!“ Ginny rief es in die Massen. „Nein, tut mir leid, ihr müsst herumgehen über die
drehenden Treppen, jemand hat hier Erstickungsgas freigesetzt ...“
Sie konnten hören, wie Leute sich beschwerten, eine feste Stimme sagte: „ich kann hier nirgendwo Gas sehen.“
„Das ist, weil es farblos ist!,“ sagte Ginny mit überzeugende verärgerter Stimme, „aber wenn du durchgehen
möchtest - mach nur - dann haben wir deinen Körper als Beweis für den nächsten Idioten, der uns nicht glaubt.“
Langsam wurde das Gewühl dünner. Die Neuigkeiten über das Erstickungsgas schien sich zu verbreiten; die Leute
kamen nicht mehr diesen Weg entlang. Als zumindest die Umgebung fast leer war, sagte Hermine leise, „Ich glaube,
das ist das beste, was wir kriegen können, Harry - los, tun wir es.“
Sie bewegten sich vorwärts, geschützt durch den Umhang. Luna stand mit dem Rücken zu ihnen am äußersten Ende
des Korridors. Als sie an Ginny vorbeikamen, flüsterte Hermine: „Gut gemacht! Vergiss das Signal nicht!“
„Was ist das Signal?“ murmelte Harry, als sie Umbridge“s Tür erreichten.
„Ein lauter Chor von „Weasly ist unser König,“ wenn sie Umbridge kommen sehen,“ antwortete Hermine, als Harry
die Klinge von Sirius“ Messer in den Spalt zwischen Wand und Tür klemmte. Das Schloss sprang auf und sie
betraten das Büro. Die knallbunten Kätzchen sonnten sich in der Spätnachmittagssonne, die ihre Teller erwärmte,
aber sonst war das Büro genauso still und unbesetzt, wie das letzte Mal. Hermine stieß einen Seufzer aus.
„Ich hatte befürchtet, sie hätte besondere Sicherheitsmaßnahmen eingerichtet, nach dem zweiten Niffler.“
Sie legten den Umhang ab. Hermine eilte hinüber zum Fenster und belieb außer Sichtweite stehen und spähte hinaus,
den Zauberstab in der Hand. Harry lief hinüber zum Kamin, nahm ein Päckchen mit Floh-Pulver und warf etwas auf
den Rost, was smaragdfarbene Flammen in ihm zum Leben erweckte. Er kniete sich schnell hin, steckte seinen Kopf
in die tanzenden Flammen und schrie: „Nummer 12, Grimmauld Place!“
Sein Kopf begann sich zu drehen , als ob er gerade von einem Jahrmarkts-Karussell gekommen wäre, wenngleich
seine Knie fest am kalten Boden des Büros blieben. Er behielt seine Augen geschlossen wegen der wirbelnden Asche
und als das Drehen stoppte, öffnete er sie und fand sich selbst in der langen, kalten Küche von Grimmauld Place.
Niemand war hier. Er hatte das erwartet. Nicht vorbereitet war er allerdings auf die Flutwelle aus Angst und Panik,
die durch seinen Magen zu brechen drohte, als er den menschenleeren Raum sah.
„Sirius?,“ rief er. „Sirius? Bist du da?“
Seine Stimme hallte im Raum, aber es kam keine Antwort außer einem leichten schlurfenden Geräusch rechts neben
dem Feuer.
„Wer ist da?,“ rief er, und überlegte, ob es vielleicht nur eine Maus wäre. Kreacher, der Haus-Elf schlich in seinen
Blickwinkel. Er sah völlig verzückt über etwas aus, auch wenn er vor kurzem eine böse Verletzung beider Hände
erlitten zu haben schien, die dick bandagiert hatte.
„Es ist der Kopf vom jungen Potter im Feuer.“ Kreacher informierte die leere Küche mit verstohlenem Blick und sah
Harry seltsam triumphierend an.
„Wo ist Sirius, Kreacher?“ wollte Harry wissen.
Der Haus-Elf gab ein keuchendes Glucksen von sich.
„Der Meister ist weggegangen, Harry Potter.“
„Wo ist er hingegangen? Wo ist er hingegangen, Kreacher?“
Kreacher kicherte nur.
„„Ich warne dich!,“ sagte Harry, obwohl er sich der Tatsache bewusst war, daß seine Möglichkeiten, Kreacher zu
bestrafen, in seiner Position fast Null waren. „Was ist mit Lupin, Mad-Eye? Einer von ihnen, sind sie nicht hier?“
„Keiner ist hier, außer Kreacher.,“ erwiderte der Elf fröhlich, und indem er sich von Harry wegdrehte, begann er
langsam zur Tür am Ende der Küche zu gehen. „Kreacher denkt, er wird jetzt einen kleinen Schwatz mit seiner Frau
halten, ja, er hatte für lange Zeit keine Chance. Kreachers Meister hat ihn von ihr ferngehalten ...“
„Wo ist Sirius hingegangen?“ Harry schrie dem Elf hinterher. „Kreacher, ist er in die Abteilung der Mysterien
gegangen?“ Kreacher stoppte seine Schritte. Harry konnte nur die Rückseite seines kahlen Kopfes zwischen einem
Wald von Stuhlbeinen vor sich sehen.
„Der Meister sagt dem armen Kreacher nicht, wohin er geht.,“ sagte der Elf leise.
„Aber du weißt es!,“ schrie Harry. Nicht wahr? Du weißt, wo er ist!“
Es gab einen Moment der Stille, dann stieß der Elf sein lautestes Kichern aus.
Der Meister wird nicht zurückkommen aus der Abteilung der Mysterien!,“ sagte er fröhlich. „Kreacher und seine
Frau sind jetzt wieder allein“
Und er hastete vorwärts und verschwand durch die Tür zur Halle.
„Du! ...“
Aber bevor er einen beleidigenden Fluch ausstoßen konnte, fühlte Harry einen heftigen Schmerz in seinem Kopf, er
atmete eine Menge Asche ein und wurde würgend zurück durch die Flammen gezogen, bevor er mit schrecklicher
Plötzlichkeit in das breite, blasse Geicht von Professor Umbridge starrte, die ihn an den Haaren zurück aus dem
Feuer gezogen hatte. Jetzt zog sie seinen Nacken zurück, soweit es ging, als ob sie seinen Hals durchbrechen wollte.
Sie zog seinen Kopf sogar noch weiter zurück, so daß er an die Decke schaute. „Du denkst, nach zwei Nifflers lasse
ich auch nur eine weitere, übel riechende, aasfressende Kreatur ohne mein Wissen in mein Büro? Ich habe heimlich
Sensoren-Sprüche überall rundum meine Türöffnung platziert, nachdem der letzte hineingekommen war, du törichter
Junge. Nimm seinen Zauberstab!,“ bellte sie zu jemandem, den er nicht sehen konnte und er fühlte, wie eine Hand in
seine Brustasche fuhr und seinen Stab herausnahm. „Ihren auch.“
Harry hörte ein Schlurfen drüben an der Tür und wußte, daß Hermine auch gerade ihr Stab weggenommen worden
war.
„Ich will wissen, warum du in meinem Büro warst,“ fragte Umbridge und schüttelte ihre Faust, mit der sie seine
Haare hielt, so daß er schwankte.
„Ich hab versucht, meinen Firebolt zu bekommen!,“ krächzte Harry.
„Lügner!“ Sie schüttelte wieder seinen Kopf. Dein Firebolt ist unter strenger Bewachung in den Kerkern, wie du
genau weißt, Potter. Du hattest deinen Kopf in meinem Feuer. Mit wem hast du gesprochen?“
„Mit niemandem,“ sagte Harry und versuchte sich von ihr loszureißen. Er fühlt, wie mehrere Haare aus seiner
Kopfhaut gerissen wurden.
„Lügner!,“ schrie Umbridge. Sie stieß ihn von sich weg und er knallte gegen den Schreibtisch. Jetzt konnte er
Hermine sehen, die von Millicent Bulstrode an die Wand gefesselt war. Malfoy lehnte am Fensterbrett und grinste
Harry an, während er mit einer Hand Harry Zauberstab in die Luft warf und wieder auffing.
Draußen war Aufregung und einige große Slytherin kamen herein und hatten Ron, Ginny, Luna und -zu Harrys
Überraschung - Neville gepackt, der in Crabbe“s Würgegriff gefangen war und so aussah, als ob er in unmittelbarer
Erstickungsgefahr war. Alle vier waren geknebelt.
„Wir haben sie alle,“ sagte Warrington und schob Ron roh vorwärts in den Raum. „Dieser hier,“ er zeigte mit dem
Finger auf Neville, „hat versucht, mich aufzuhalten, als ich sie festgenommen habe.“ Er zeigte auf Ginny, die
versuchte, in die Schienenbeine des großen Slytherin zu treten, der sie festhielt. „Also habe ich ihn auch
mitgebracht.“
„Gut, gut.,“ sagte Umbridge und beobachtete Ginnys Anstrengungen. „Nun, es sieht so aus, als ob Hogwarts bald
eine Weasley-freie Zone ist, nicht wahr?“
Malfoy lachte laut und Kreacherisch. Umbridge zeigte ihr breites selbstgefälliges Lächeln und setzte sich selbst in
einen mit Chintz bezogen Armsessel und funkelte ihre Gefangenen an wie eine Kröte in einem Blumenbeet.
„So, Potter!,“ sagte sie. „Du hast Wachposten um mein Büro herum positioniert und du hast diesen Witzbold hier
geschickt,“ sie nickte zu Ron und Malfoy lachte noch lauter, „um mir zu sagen, daß der Poltergeist in der Abteilung
für Verwandlungen Unheil treibt, während ich wußte, daß er ziemlich beschäftigt damit war, Tinte auf die Okulare
aller Schulteleskope zu schmieren - Mr. Filch hatte mich gerade informiert.
Offensichtlich war es sehr wichtig für dich, mit jemandem zu sprechen. War es Albus Dumbledore? Oder Hagrid?
Ich denke nicht, daß es Minerva McGonagall war, ich habe gehört, daß sie immer noch zu krank ist, um mit
jemandem zu reden.“
Malfoy und ein paar der anderen Mitglieder des Inquisitoren Kommandos lachten darüber noch etwas mehr. Harry
stellte fest, daß er so wütend und voller Hass war, daß er zitterte.
„Es geht Sie nichts an, mit wem ich reden wollte.,“ knurrte er.
Umbridge“s schlaffes Gesicht schien sich zusammenzuziehen.
„Na gut,“ sagte sie mit ihrer gefährlichsten und falsch-süßen Stimme. „Nun gut, Mr. Potter ... Ich habe Ihnen die
Chance gegeben, es mir freiwillig zu sagen. Sie haben das abgelehnt. Dann habe ich keine andere Alternative, als Sie
zu zwingen. Draco - hol Professor Snape.”
Malfoy steckte Harrys Zauberstab in seinen Umhang und verlies- blöde grinsend - den Raum. Harry bekam das
kaum mit. Ihm war gerade etwas eingefallen; er konnte nicht glauben, daß er so dumm gewesen war, es zu
vergessen. Er hatte gedacht, daß Mitglieder des Ordens, alle die ihm hätten helfen können, Sirius zu retten, fort
waren. Aber er hatte sich geirrt. Es gab immer noch ein Mitglied des Ordens des Phönix in Hogwarts - Snape.
Abgesehen von dem Herumfuchteln und Raufen der Slytherins durch ihre Bemühungen, Ron und die anderen unter
Kontrolle zu halten, war es still im Büro. Rons Lippe blutete auf Umbridge“s Teppich, während er gegen Warrington
kämpfte; Ginny versuchte immer noch, auf die Füße des Sechsklässler- Mädchen zu trampeln, die ihre beiden
Oberarme in einem festen Griff hatte. Neville wurde immer mehr lila im Gesicht während er an Crabbes Arm zerrte
und Hermine versuchte vergeblich, Millicent Bulstrode von sich wegzustoßen. Luna stand schlapp neben ihrem
Fänger und starrte unbestimmt aus dem Fenster als ob sie von dem Geschehen eher gelangweilt war.
Harry sah zurück zu Umbridge, die ich genau beobachtete. Er zeigte sein Gesicht bewusst ruhig und leer, als
Schritte draußen im Korridor zu hören waren und Draco Malfoy in den Raum kam, dicht gefolgt von Professor
Snape.
„Sie wollten mich sehen, Schulleiterin?“ fragte Snape und schaute mit einem Ausdruck völliger Gleichgültigkeit in
die Runde auf all die Schülerpärchen, die miteinander rangen.
„Ah, Professor Snape,“ sagte Umbridge, lächelte breit und stand wieder auf. „Ja, ich möchte gern eine weitere
Flasche Wahrheitsserum, so schnell, wie Sie können, bitte.“
„Sie haben meine letzte Flasche bekommen, um Potter zu befragen,“ sagte er und betrachtete sie gelassen durch die
fettigen Strähnen seines schwarzen Haares. „Sie haben doch sicher nicht alles genommen? Ich habe Ihnen doch
gesagt, daß drei Tropfen genügen.“
Umbridge wurde rot.
„Sie können doch aber mehr machen, oder?“ fragte sie und ihre Stimme wurde mehr süß und mädchenhaft, wie sie es
immer tat, wenn sie wütend war.
„Gewiss,“ sagte Snape und seine Lippen kräuselten sich. „Es braucht einen vollen Mond-Zyklus, um zu reifen. Ich
sollte es also in etwa einem Monat fertig haben.“
„Einen Monat?,“ quäkte Umbridge und schwoll an wie eine Kröte. „Einen Monat? Aber ich brauche es heute
Abend, Snape! Ich habe gerade Potter dabei erwischt, wie er mein Feuer dazu benutzt hat, mit einer oder mehreren
unbekannten Personen zu reden.“
„Tatsächlich?,“ fragte Snape und zeigte ein erstes schwaches Zeichen von Interesse, als er hinüber zu Harry schaute.
„Nun, das überrascht mich nicht. Potter hat niemals eine große Neigung gezeigt, die Schulregeln zu befolgen.“
Seine kalten, dunklen Augen bohrten sich in Harry hinein, der seinem Blick entschlossen standhielt und sich auf das
konzentrierte, was er in seinem Traum gesehen hatte. Er gestattete Snape, in seinem Geist zu lesen, damit er
verstehen konnte...
„Ich will ihn befragen!,“ wiederholte Umbridge ärgerlich und Snape schaute von Harry weg in ihr wütendes,
bebendes Gesicht. „Ich will, daß Sie mir einen Trank geben, der ihn zwingt, mir die Wahrheit zu sagen!“
„Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich keine weiteren Vorräte an Wahrheitsserum habe.,“ sagte Snape ruhig. „Falls
Sie Potter nicht vergiften wollen - und ich versichere Ihnen, daß ich die größte Sympathie mit Ihnen hätte, falls sie
das täten -kann ich Ihnen nicht helfen. Das größte Problem ist, daß die meisten Gifte zu schnell wirken, um dem
Opfer noch die Gelegenheit zu geben, die Wahrheit zu sagen.
Snape schaute zurück zu Harry, der ihn anstarrte, wild darauf, mit ihm ohne Worte zu kommunizieren.
Voldemort hält Sirius in der Abteilung der Mysterien gefangen, dachte er verzweifelt. Voldemort hat Sirius.
„Sie sind auf Probe!,“ kreischte Umbridge und Snape schaute zu ihr zurück, seine Augenbrauen leicht gehoben. „Sie
helfen absichtlich nicht! Ich habe besseres erwartet. Lucius Malfoy hat immer in den höchsten Tönen von Ihnen
gesprochen. Verlassen Sie jetzt mein Büro!“
Snape deutete eine ironische Verbeugung an und drehte sich um, um das Büro zu verlassen. Harry wußte, daß seine
letzte Chance, den Orden wissen zu lassen, was passierte, aus der Tür ging.
„Er hat Padfoot!,“ schrie er. „Er hat Padfoot an dem Platz, wo es verborgen ist.“
Snape blieb stehen, seine Hand auf der Türklinge von Umbridge.
„Padfoot?“ schrie Professor Umbridge und schaute aufgeregt von Harry zu Snape. „Was ist Padfoot? Wo ist was
versteckt? Was bedeutet das Snape?“
Snape schaute hinüber zu Harry. Sein Gesicht war unergründlich. Harry wußte nicht, ob er es verstanden hatte oder
nicht, aber er traute sich nicht, in der Gegenwart von Umbridge noch direkter zu reden..
„Ich habe keine Ahnung!,“ sagte Snape grob. „Potter, wenn ich will, daß man mir Unfug entgegenschreit, dann gebe
ich Ihnen Plapperwasser. Und Crabbe, lösen Sie Ihren Griff etwas. Wenn Longbottem erstickt, bedeutet das eine
Menge langweiligen Papierkram und ich fürchte, ich muß das dann in Ihrer Empfehlung erwähnen, wenn Sie sich
jemals für einen Job bewerben.“
Er schloss die Tür hinter sich mit einem Schnappen und lies Harry in einem Zustand größeren inneren Aufruhrs
zurück als vorher. Snape war seine letzte Hoffnung gewesen. Er sah Umbridge an, die sich genauso zu fühlen schien.
Ihre Brust hob sich vor Wut und Frustration.
„Na gut,“ sagte sie und zog ihren Zauberstab heraus. „Na gut ... ich habe keine andere Möglichkeit ... dies ist mehr
als eine Frage der Schuldisziplin ... dies ist eine Angelegenheit der Sicherheit des Ministeriums .. ja ... ja ...“
Sie schien zu sich selbst in irgendetwas hineinzusprechen. Sie verlagerte ihr Gewicht nervös von einem Fuß auf den
anderen, starrte Harry an, schlug ihren Zauberstab gegen die leere Handfläche und atmete schwer. Als er sie
beobachtete, fühlte sich Harry fürchterlich hilflos ohne seinen eigenen Stab.
„Du zwingst mich, Potter ... Ich will das nicht ...,“ sagte Umbridge und bewegte sich immer noch rastlos auf einem
Punkt, „aber manchmal rechtfertigen die Umstände den Gebrauch ... ich bin sicher, der Minister wird verstehen, daß
ich keine Wahl hatte ...“
Malfoy beobachtete sie mit einem gierigen Ausdruck.
„Der Cruciatus Fluch sollte deine Zunge etwas lockern,“ sagte Umbridge ruhig.
„Nein!,“ schrie Hermine. „Professor Umbridge, das ist verboten.“
Doch Umbridge beachtete sie nicht. Da war ein abscheulicher, begieriger, aufgeregter Ausdruck in ihrem Blick, den
Harry noch nie zuvor gesehen hatte. Sie zückte ihren Zauberstab.
„Der Minister würde nicht wollen, daß sie das Gesetzt brechen, Professor Umbridge!,“ rief Hermine.
„Was Cornelius nicht weiß, macht ihn nicht heiß!,“ sagte Umbridge, die nun leicht keuchte, während sie ihren
Zauberstab auf verschiedene Körperteile Harrys richtete und scheinbar versuchte entscheiden, wo es am meisten
schmerzen würde. „Er hat auch niemals erfahren, daß ich die Dementoren letzten Sommer auf Potter angesetzt habe,
aber er war natürlich gleichzeitig froh, daß ihm eine Chance gegeben wurde, ihn zu verstoßen.“
„Sie waren das?,“ keuchte Harry. „ Sie haben mir die Dementoren geschickt?“
„Jemand mußte ja handeln,“ hauchte Umbridge, als ihr Zauberstab auf Harrys Stirn halt machte. „Sie alle haben
lamentiert, wie sie dich zur Ruhe bringen könnten, dich in Verruf bringen, doch ich war die einzige, die wirklich
etwas dafür getan hat ... , aber du hast dich da herausgewunden, stimmt“s, Potter? Aber nicht heute, nicht jetzt...“
Und sie atmete tief durch, sie schrie: „Cruc-“
„NEIN!,“ rief Hermine mit gebrochener Stimme hinter Millicent Bulstrode hervor.
„Nein... Harry... wir müssen es ihr sagen!“
„Auf keinen Fall!,“ brüllte Harry und starrte auf das kleine Stück, daß er von Hermine sehen konnte.
„Wir werden es müssen, Harry, sie wird es sowieso aus dir herausquetschen, was... was willst du?“
Und Hermine begann zu weinen, schwach, hinter Millicent Bulstrobes Umhang.
Millicent hörte sofort auf, sie gegen die Wand zu quetschen, und sprang mit empörtem Blick rasch zur Seite.
„Ja, ja, ja!,“ sagte Umbridge, und blickte zufrieden. „Kleine Miss „alles in Frage stellen“ wird uns ein paar
Antworten geben! Komm schon, komm schon Mädchen!“
„Ähm... mein... Nie... nein!,“ schrie Ron durch seine Knebel.
Ginny starrte auf Hermine, als hätte sie sie noch nie zuvor gesehen. Neville, der immer noch um Atem rang, starrte
sie ebenfalls an. Aber Harry hatte etwas bemerkt. So sehr Hermine auch verzweifelt in ihre Hände schluchzte, es war
keine Spur einer Träne zu erkennen.
„Es... es tut mir Leid, Leute,“ sagte Hermine. „Aber... ich halte das einfach nicht aus...“
„Ja, so ist es richtig, Mädchen, so ist es richtig!,“ sagte Umbridge riss Hermine an den Schultern, stieß sie in den
leeren Chintz Stuhl und beugte sich über sie: „Also dann... mit wem hat sich Potter geredet?“
„Nun,“ schluckte Hermine in ihre Hände, „nun, er versuchte mit Dumbledore zu sprechen.“
Ron riss seine Augen auf; Ginny hörte auf, auf Hermines Slytherin-..........; und selbst Luna schaute ein wenig
überrascht.
Glücklicherweise waren Umbridge und ihre Lakai so fixiert auf Hermine, daß sie diese verdächtigen Zeichen nicht
bemerken.
„Dumbledore?,“ sagte Umbridge eifrig. „Nun, weißt du auch wo Dumbledore ist?“
„Ähm... nein!,“ schnaubte Hermine. „Wir haben ihn im Tropfenden Kessel, in der Diagon Gasse und im Drei
Besenstiele und sogar im Eberkopf gesucht...“
„Dummes Weib- Dumbledore würde nicht in einem Pub sitzen, wenn das ganze Ministerium nach ihm sucht!,“
brüllte Umbridge, und die Enttäuschung machte sich in allen Zügen ihres Gesichtes breit.
„Aber... wir mußten ihm etwas wichtiges sagen!,“ jammerte Hermine und hielt noch dichter an ihr Gesicht, wie
Harry wußte, nicht aus Angst, sondern um zu verbergen, daß sie immer noch nicht weinte.
„Ja?,“ sagte Umbridge mit einer deutlichen Aufregung in ihrer Stimme.
„Was ist es, was ihr ihm sagen wolltet?“
„Wir... wollten ihm sagen, daß es f... fertig ist!,“ würgte Hermine.
„Was ist fertig?,“ fragte Umbridge und wieder ergriff sie Hermines Schultern und schüttelte sie leicht. „Was ist
fertig, Mädchen?“
„Die... die Waffe,“ sagte Hermine.
„Waffe? Waffe?,“ sagte Umbridge und ihre Augen schienen vor Gespanntheit zu explodieren.
„Ihr habt eine Methode des Widerstands entwickelt? Eine Waffe, die man gegen das Ministerium verwenden kann?
Auf Professor Dumbledore“s Auftrag hin?“
„J...j...ja,“ keuchte Hermine, „aber er mußte gehen, bevor wir sie fertig gestellt haben und j...j...jetzt haben wir sie
fertig und k...k...können ihn nicht finden, u...u...um ihm das zu sagen!“
„was für eine Art Waffe ist das?,“ fragte Umbridge rau, ihre stoppligen Hände ruhten immer noch auf Hermines
Schultern.
„Wir wissen e...e...es nicht genau,“ sagte Hermine und schniefte laut. „Wir haben n...n...nur das getan, was
P...P...Professor Dumbledore uns a...a...aufgetragen hat.“
Umbridge richtete sich auf, blicke fröhlich.
„Führ mich zu der Waffe,,“ sagte sie.
Ich werde sie nicht zeigen, nicht... ihnen,“ sagte Hermine schrill und schaute durch ihre Finger zu den Slytherins.
„Es ist nicht an dir, Bedingungen zu stellen,“ sagte Professor Umbridge rau.
„Gut,“ sagte Hermine und schnaubte wieder in ihre Hände. „Gut... lassen Sie sie sehen, ich hoffe, sie werden sie
gegen sie verwenden! Im ernst, ich wünschte sie würden mehr und mehr Leute einladen, um sie zu sehen! D...das
würde euch recht geschehen... ich würde es lieben, wenn die ganze Schule weiß, wo sie ist und wie man sie
be...benutzt und dann, und wenn Sie dann irgendwen verärgern, kann er sie g...gegen Sie verwenden und Sie
ausschalten!“
Diese Worte hatten eine enorme Wirkung auf Umbridge; sie blickte sich schnell und argwöhnisch ihre Inquisitorial-
Gruppe an, ihre hervorstehenden Augen verweilten einen Moment auf Malfoy, der zu langsam war, um seinen
habgierigen Blick vor ihr zu verbergen.
Umbridge betrachtete Hermine noch einen Moment lang und sprach dann mit mütterlicher Stimme:
„In Ordnung, Liebes, laß uns dort hingehen, nur du und ich...und wir werden Potter mitnehmen, einverstanden? Los,
steh schon auf.“
„Professor,“ sagte Malfoy eifrig, „Professor Umbridge, ich denke, ein paar von der Gruppe sollten sie begleiten, um
nach euch zu sehen...“
„Ich bin eine hochqualifizierte Beamte des Ministeriums, Malfoy, denkst du wirklich, ich komme nicht mit zwei
Teenagern zurecht, die nicht einmal einen Zauberstab haben?,“ fragte Umbridge scharf. „Es klingt auf keinen Fall so,
als ob Schulkinder diese Waffe sehen sollten. Du wirst hier bleiben bis ich zurückkomme und stelle sicher, daß
keiner von ihnen...,“ sie blickte zu Ron, Ginny, Neville und Luna, „entkommt.“
„In Ordnung,“ sagte Malfoy mürrisch und enttäuscht.
„Und ihr zwei, werdet vor mir gehen und mir den Weg zeigen,“ sagte Umbridge, zielte mit ihrem Zauberstab auf
Harry und Hermine. „Geht schon!“
Kapitel 33 - Kampf und Flug
Harry wußte nicht was Hermine vorhatte oder ob sie überhaupt einen Plan hatte. Er ging genau hinter ihr als sie aus
Umbridges Büro raus und dann den Korridor entlang gingen. Er wußte, daß es sehr verdächtig wäre, wenn sich
herausstellte, daß er nicht wußte, wo sie hingingen. Er wagte keinen Versuch sie anzusprechen, da Umbridge so nah
hinter ihnen ging, daß er ihr raues Atmen hören konnte.
Hermine ging weiter in Richtung Eingangshalle. Aus der Großen Halle kam ausgelassenes Geschnatter und das
Klirren von Gabeln auf Tellern. Es schien für Harry unglaublich, daß ein paar Meter entfernt die Schüler das Essen
genossen, das Ende der Prüfungen feierten und keine Sorgen hatten ...
Hermine ging nun durch das Eingangstor und die Steintreppen hinunter in die milde Abendluft. Die Sonne
verschwand langsam hinter den Bäumen des verbotenen Waldes. Als Hermine entschlossen über das Gras
marschierte - Umbridge mußte laufen um mitzuhalten - kräuselten sich deren Schatten hinter ihnen wie Mäntel.
„Es ist in Hagrids Hütte, nicht wahr?,“ sagte sie gierig in Harrys Ohr.
„Sicherlich nicht,“ meinte Hermine ,sich überlegen fühlend, „Er hätte es vielleicht unbeabsichtigt kaputt gemacht.“
„Ja,“ stimmte Umbridge zu, deren Aufregung zu wachsen schien. „Ja, das hätte er wohl, ganz sicher, der große halb-
blut Dummkopf.“
Sie lachte. Harry spürte einen großen Drang sich umzudrehen und ihr an die Gurgel zu gehen, aber noch konnte er
widerstehen. Seine Narbe pochte in der sanften Abendluft, aber sie hatte noch nicht stark gebrannt und er wußte sie
würde, wenn Voldemort jemanden getötet hätte.
„Nun ... wo ist es dann?,“ fragte Umbridge, nun langsam ungeduldig werdend, als Hermine weiter Richtung Wald
weiter ging.
„Sicherlich dort drin,“ meinte Hermine und zeigte auf die dunklen Bäume. „Es mußte doch irgendwo sein, wo es die
Schüler nicht zufällig finden, oder was?“
„Sicherlich,“ sagte Umbridge, sie hörte sich jetzt etwas beunruhigt an. „Sicherlich ... sehr gut, dann ... ihr beide
werdet vor mir gehen.“
„Können wir dann ihren Zauberstab haben, wenn wir vorausgehen müssen?,“ fragte Harry sie.
„Nein, das denke ich nicht, Mr. Potter,“ erwiderte Umbridge süßlich und stach ihm mit dem Stab in den Rücken.
„Ich befürchte, daß das Ministerium mehr Wert auf mein Leben nimmt als auf euer.“
Als sie die ersten Bäume erreichten, versuchte Harry Augenkontakt mit Hermine zu bekommen. Ohne Zauberstab in
den Verbotenen Wald zu marschieren, schien ihm kühner als alles, was sie diesen Abend schon getan hatten. Aber
sie warf Umbridge lediglich einen geringschätzigen Blick zu und stapfte geradewegs zwischen die Bäume und
beschleunigte ihren Schritt, sodaß Umbridge mit ihren kurzen Beinen Probleme hatte Schritt zu halten .
„Ist es sehr weit im Wald?,“ fragte Umbridge als ihre Robe an einem Dornenstrauch riss.
„Oh ja,“ sagte Hermine. „Es ist sehr gut versteckt.“
Harrys Zweifel übernahmen langsam die Überhand. Hermine ging nicht den Weg zu Grawp entlang, aber den zu
dem Versteck von dem Monster Aragog, den er schon vor drei Jahren entlang gegangen war. Aber Hermine war
damals nicht dabei gewesen, sie wußte nicht welche Gefahr am Ende des Pfades lag.
„Ähm ... bist du sicher, daß das der richtige Weg ist?,“ fragte er scharf.
„Oh ja,“ sagte sie mit einer Stimme aus Stahl. Sie brach durch das Unterholz. Sie machte seiner Meinung nach völlig
unnötigen Lärm. Hinter ihnen fiel Umbridge über einen Baumstamm. Keiner von ihnen blieb stehen, um ihr
aufzuhelfen. Hermine schritt lediglich weiter und rief laut über ihre Schulter: „Es ist noch ein Stück zu gehen.“
„Hermine, sprich leiser,“ murmelte er ihr zu und eilte um mit ihr Schritt zu halten. „Etwas könnte uns hier hören -“
„Ich möchte, daß wir gehört werden,“ sagte sie leise als Umbridge laut hinter ihnen herrannte. „Du wirst sehen ...“
Es schien, als wären sie noch sehr lange gegangen bis sie so tief im Wald waren, daß kein Licht durch die
Baumkronen kam. Harry hatte das Gefühl, wie auch schon früher im Wald, daß er von ungesehenen Augen
beobachtet wurde.
„Wie weit noch?,“ wollte Umbridge wissen, hinter ihnen hertrottend wurde sie immer aufgebrachter.
„Es ist nicht mehr weit,“ rief Hermine, als sie auf eine dunkle, düstere Lichtung kamen.
„Nur noch ein bißchen -“
Ein Pfeil flog durch die Luft und schoss mit einem dumpfen Schlag in einen Baum direkt über ihrem Kopf. Die Luft
war plötzlich erfüllt mit Geräuschen von Hufen. Harry konnte spüren, wie der Boden des Waldes vibrierte.
Umbridge gab einen kurzen Schrei von sich und schob Harry vor sich wie ein menschlicher Schild -
Harry befreite sich von ihr und drehte sich um. Über 50 Zentauren waren auf jeder Seite aufgetaucht mit gespannten
Bogen, die auf Harry, Hermine und Umbridge gerichtet. Sie wichen langsam auf die Mitte der Lichtung zurück.
Umbridge äußerte ein seltsames Wimmern aus Furcht. Harry schaute zur Seite auf Hermine. Sie lächelte
triumphierend.
„Wer seid ihr?,“ fragte eine Stimme.
Harry schaute nach links. Der Zentaur mit braunem Körper namens Magorian trat aus dem Kreis und ging auf sie zu:
Sein Bogen war, wie auch die der anderen, gespannt. Rechts von Harry wimmerte Umbridge immer noch und ihr
Zauberstab bebte heftig als sie damit auf den vorwärts gehenden Zentaur zeigte.
„Ich habe dich gefragt, wer du bist, Mensch!,“ sagte Magorian rau.
„Ich bin Dolores Umbridge!,“ sagte sie in einer hohen, verängstigten Stimme. „Senior Staatssekretär vom
Zauberministerium und Schulleiter und Hochinquisitor von Hogwarts!“
„Du bist vom Zaubereiministerium?,“ sagte Magorian als sich viele der Zentauren im umliegenden Kreis unruhig
bewegten.
„Das ist richtig!,“ mit sogar noch höherer Stimme, „also seid vorsichtig! Im Gesetz der Abteilung zur Führung und
Aufsicht Magischer Geschöpfe steht, daß wenn halb-bluts, wie ihr es seid, Menschen angreifen -“
„Wie nennst du uns?,“ brüllte ein wild aussehender schwarzer Zentaur, den Harry erkannte, Bane. Verärgertes
Gemurmel und Ziehen an den Bogensehnen war um sie herum zu hören.
„Nenn sie nicht so!,“ sagte Hermine wütend zu Umbridge, aber Umbridge schien sie nicht gehört zu haben. Während
sie weiterhin mit ihrem zitternden Stab auf Magorian zeigte, sprach sie weiter, „Paragraph 15 B besagt deutlich, daß
„ein Angriff eines Magischen Wesens, das menschen-änliche Intelligenz besitzt, und sich für seine Taten
verantworten kann _“„
„Menschen-änliche Intelligenz“?,“ wiederholte Magorian als Bane und mehrere andere aufgebracht riefen und auf
den Boden stampften. „wir sehen das als Beleidigung an, Mensch! Unsere Intelligenz übertrifft, glücklicher Weise,
eure bei weitem.“
„Was macht ihr in unserem Wald?,“ brüllte ein grauer Zentaur, den Harry und Hermine bei ihrem letzten Trip in den
Wald gesehen hatten. „Warum seid ihr hier?“
„Euer Wald?,“ sagte Umbridge, sie zitterte jetzt nicht nur aus Angst, sondern, wie es schien, aus Empörung. „Ich
möchte euch erinnern, daß ihr hier nur lebt, weil das Zauberministerium euch erlaubt bestimmte Regionen des
Landes -“
Ein Pfeil flog so nahe an ihrem Kopf vorbei, daß er ihr mausgraues Haar streifte. Sie schrie laut auf und schlug ihre
Hände über den Kopf, während einige der Zentauren Beifall klatschten und die anderen heiser lachten. Der Klang
ihres wilden, wiehernden Lachens hallte auf der nur leicht beschienenen Lichtung und der Anblick ihrer scharrenden
Hufe ließ sie auch den letzten Mut verlieren.
„Wessen Wald ist es jetzt, Mensch?,“ rief Bane.
„Scheußliche halb-bluts!,“ schrie sie, ihre Hände noch immer über ihrem Kopf. „Biester! Zügellose Tiere!“
„Sei ruhig!,“ rief Hermine, aber es war zu spät. Umbridge zeigte mit ihrem Zauberstab auf Magorian und schrie:
„Incarcerous!“
Seile flogen durch die Luft wie dicke Schlangen und schlangen sich selbst um den Oberkörper des Zentauren und
fesselten seine Arme. Er schrie vor Wut und stellte sich auf seine Hinterbeine, um sich selbst zu befreien, während
die anderen Zentauren angriffen.
Harry griff nach Hermine und drückte sie auf den Boden. Mit dem Gesicht nach unten zum Boden des Waldes
gerichtet, wußte er in einem angsterfüllten Moment, daß die Hufe um sie herum donnerten, aber die Zentauren
sprangen über und um sie herum, brüllend und schreiend vor Wut.
„Neiiiiin!” hörte er Umbridge schreien. „Neiiiiin ... Ich bin Senior-Unterstaatssekretärin ... ihr könnt nicht ... Lasst
mich los, ihr Bestien ... neiiiiin!“
Harry sah ein rotes Licht aufblitzen und wußte, daß sie versucht hatte, einen von ihnen zu lähmen; dann schrie sie
sehr laut auf. Als er seinen Kopf ein paar Zentimeter anhob, sah Harry, daß Umbridge von hinten von Bane gepackt
und hoch in die Luft gehoben worden war, während sie vor Angst strampelte und schrie. Ihr Zauberstab fiel ihr aus
der Hand auf den Boden, und Harrys Herz machte einen Sprung. Wenn er ihn erreichen könnte -
Aber als er eine Hand danach ausstreckte, fuhr der Huf eines Zentauren auf den Zauberstab hinunter und zerbrach
ihn sauber in zwei Teile.
„Also!“ rief eine Stimme in Harrys Ohr, und ein dicker haariger Arm erschien wie aus dem Nichts und zog ihn hoch.
Auch Hermine war wieder auf ihre Füße gezogen worden. Hinter den stampfenden, vielfarbigen Rücken und Köpfen
der Zentauren sah Harry, wie Umbridge von Bane zwischen den Bäumen weggetragen wurde. Während sie
ununterbrochen schrie, wurde ihre Stimme leiser und leiser, bis sie sie unter dem Hufgetrampel um sie herum nicht
mehr hören konnten.
„Und die hier?“ sagte ein hartgesichtiger grauer Zentauer, der Hermine festhielt.
„Sie sind jung,“ sagte eine langsame, kummervolle Stimme hinter Harry. „Wir greifen keine Fohlen an.“
„Sie haben sie hier hergebracht, Ronan,“ antwortete der Zentauer, der Harry fest im Griff behielt. „Und so jung sind
sie nicht ... der hier ist der Mannbarkeit nahe.“
Er schüttelte Harry am Kragen seines Umhangs.
„Bitte,“ sagte Hermine atemlos, „Bitte, tut uns nichts, wir denken nicht wie sie, wir sind keine Angestellten des
Zaubereiministeriums! Wir sind nur hierher gekommen, weil wir hofften, daß ihr sie für uns verjagt.“
An dem Gesichtsausdruck des grauen Zentauers, der Hermine festhielt, merkte Harry sofort, daß sie mit diesen
Worten einen schlimmen Fehler begangen hatte. Der graue Zentauer warf seinen Kopf zurück, seine Hinterbeine
stampften wütend, und er rief „Siehst du, Ronan? Sie besitzen schon die ganze Arroganz ihrer Art! Also sollten wir
für euch eure Schmutzarbeit machen, nicht wahr, Menschenmädchen? Wir sollten für euch eure Diener spielen, eure
Feinde verjagen wie gehorsame Hunde?“
„Nein!“ sagte Hermine mit einem erschreckten Quieken. „Bitte - So hatte ich das nicht gemeint! Ich hatte nur
gehofft, daß ihr uns vielleicht - helfen könntet -“
Aber sie schien alles nur noch schlimmer zu machen.
„Wir helfen den Menschen nicht!“ knurrte der Zentauer, der Harry festhielt, verstärkte seinen Griff und stellte sich
gleichzeitig kurz auf seine Hinterbeine, so daß Harrys Füße für einen Augenblick vom Boden abhoben. „Wir sind
eine Rasse für uns selbst, und wir sind stolz darauf. Wir werden euch nicht erlauben, von hier fortzugehen und damit
zu prahlen, daß wir euch zu Diensten gewesen sind!“
„So etwas werden wir nicht sagen!“ rief Harry. „Wir wissen, daß ihr das alles nicht getan habt, weil wir es von euch
wollten -“
Aber niemand schien ihm zuzuhören.
Ein bärtiger Zentauer aus den hinteren Reihen der Menge rief „Sie sind ungebeten hierher gekommen, sie müssen die
Konsequenzen tragen!“
Ein zustimmendes Raunen folgte diesen Worten, und ein fahlbrauner Zentauer schrie „Ihnen soll es ergehen wie der
Frau!“
„Ihr habt gesagt, ihr tut den Unschuldigen nichts!“ schrie Hermine, während echte Tränen ihr nun die Wange
herunterliefen. „Wir haben nichts getan, um euch zu schaden, wir haben keine Zauberstäbe benutzt und euch nicht
bedroht, wir wollen nur zurück zur Schule, bitte lasst uns zurückgehen -“
„Wir sind nicht so wie der Verräter Firenze, Menschenmädchen!“ schrie der graue Zentauer unter weiteren
wiehernden Rufen der Zustimmung von seinen Kameraden. „Hast du uns vielleicht für niedliche sprechende Pferde
gehalten? Wir sind ein uraltes Volk und dulden keine Einmischungen oder Beleidigungen von Zauberern! Eure
Gesetze kümmern uns nicht, wir erkennen eure Vorherrschaft nicht an, wir sind -“
Aber sie erfuhren nicht, was die Zentauer waren, denn in diesem Moment kam ein krachendes Geräusch vom Rand
der Lichtung, so laut, daß sie alle, Harry, Hermine und die etwa fünfzig Zentauer, die die Lichtung füllten, sich
umschauten. Harrys Zentauer ließ ihn wieder auf den Boden fallen, während seine Hände zu seinem Bogen und
seinem Köcher mit Pfeilen griffen. Hermine war auch losgelassen worden, und Harry eilte gerade auf sie zu, als zwei
dicke Baumstämme sich unheilverkündend teilten und die monströse Form von Grawp, dem Riesen, in der Lücke
erschien.
Die Zentauer, die ihm am nächsten waren, zogen sich hinter die anderen zurück, die Lichtung wurde zu einem Wald
von Bögen und Pfeilen, die darauf warteten, abgefeuert zu werden, alle zeigten aufwärts auf das riesige gräuliche
Gesicht, das sich über ihnen direkt unter dem dichten Blätterdach abzeichnete. Grawp“s schiefer Mund stand offen
wie blöde; sie konnten seine ziegelartigen gelben Zähne im Zwielicht schimmern sehen, seine stumpfsinnigen,
schlammfarbenen Augen verengten sich, als er auf die Wesen vor seinen Füßen herunterblickte. Zerrissene Seile
hingen an seinen beiden Fußknöcheln.
Er öffnete seinen Mund noch weiter.
„Hagger.“
Harry wußte nicht, was „Hagger“ bedeutete, oder aus welcher Sprache das Wort stammte; und er dachte auch nicht
viel darüber nach. Er starrte auf Grawp“s Füße, die fast so lang waren wie Harrys ganzer Körper. Hermine packte
fest seinen Arm; die Zentauren waren völlig still, sie starrten hinauf zu dem Riesen, dessen riesiger runder Kopf von
einer Seite auf die andere schwenkte, während er zwischen ihnen hindurchspähte wie auf der Suche nach etwas, das
er verloren hatte.
„Hagger!“ sagte er wieder, drängender.
„Geh fort von hier, Riese!“ rief Magorian. „Du bist bei uns nicht willkommen!“
Diese Worte schienen überhaupt keinen Eindruck auf Grawp zu machen. Er bückte sich ein wenig (Die
Zentaurenarme spannten ihre Bogen fester), dann brüllte er „HAGGER!“
Ein paar Zentauren sahen besorgt aus. Hermine jedoch zog plötzlich den Atem ein.
„Harry!“ flüsterte sie. „Ich glaube, er will „Hagrid“ sagen!“
In diesem Augenblick hatte Grawp sie bemerkt, die einzigen beiden Menschen in einem See von Zentauren. Er
beugte seinen Kopf noch einen halben Meter tiefer und starrte sie intensiv an. Harry konnte fühlen, wie Hermine
zitterte, während Grawp seinen Mund wieder weit öffnete und mit einer tiefen, donnernden Stimme sagte, „Hermy.“
„Oh du meine Güte,“ sagte Hermine, während sie Harrys Arm so fest packte, daß er langsam taub wurde, und sie
aussah, als fiele sie gleich in Ohnmacht. „Er - er erinnert sich!“
„HERMY!“ grollte Grawp. „WO HAGGER?“
„Ich weiß es nicht!“ quiekte Hermine, zu Tode entsetzt. „Es tut mir leid, Grawp, ich weiß es nicht!“
„GRAWP WILL HAGGER!“
Eine von den gewaltigen Fäusten des Riesen langte nach unten. Hermine stieß einen lauten Schrei aus, lief ein paar
Schritte rückwärts und fiel hin. Da er ohne seinen Zauberstab darstand, bereitete sich Harry darauf vor, zu schlagen,
zu treten, zu beißen oder alles sonst mögliche zu tun, während die Hand auf ihn zukam und einen schneeweißen
Zentauer von seinen Beinen stieß.
Darauf hatten die Zentauren gewartet - Grawp“s ausgestreckte Finger waren kaum noch einen halben Meter von
Harry entfernt, als fünfzig Pfeile dem Giganten entgegen durch die Luft sausten und gegen sein riesiges Gesicht
prasselten, er schrie vor Wut und Schmerz und richtete sich auf, rieb sich sein Gesicht mit seinen gewaltigen Händen
und brach dabei die Pfeilschäfte ab, trieb aber die Spitzen noch tiefer hinein.
Er schrie und stampfte mit seinen enormen Füßen auf, und die Zentauren rannten aus dem Weg; kieselsteingroße
Tropfen von Grawp“s Blut bespritzten Harry, während er Hermine auf die Füße half, und sie beide rannten so
schnell wie sie konnten in den Schutz der Bäume. Dort angekommen schauten sie zurück. Grawp griff blindlings
nach den Zentauren, während das Blut ihm aus dem Gesicht rann, sie zogen sich in wirrer Flucht zurück und
gallopierten zwischen den Bäumen auf der anderen Seite der Lichtung hindurch fort. Harry und Hermine
beobachteten, wie Grawp einen weiteren Zornesschrei ausstieß und hinter ihnen herstampfte, wobei er auf seinem
Weg weitere Bäume beiseite drückte.
„Oh nein,“ sagte Hermine, sie zitterte so heftig, daß ihre Knie nachgaben. „Oh, das war schrecklich. Vielleicht bringt
er sie alle um.“
„Ehrlich gesagt, wäre ich darüber nicht so aufgeregt,“ sagte Harry bitter.
Die Geräusche der gallopierenden Zentauren und des vorwärtsstürmenden Riesen wurden leiser und leiser. Während
Harry ihnen zuhörte, gab ihm seine Narbe einen weiteren scharfen Stich, und eine Woge des Entsetzens überkam
ihn.
Sie hatten so viel Zeit verloren - sie waren noch weiter davon entfernt, Sirius zu retten, als zum Zeitpunkt seiner
Vision. Harry hatte nicht nur seinen Zauberstab verloren, sie saßen auch noch inmitten des verbotenen Waldes fest
und hatten keinerlei Transportmöglichkeit.
„Schlauer Plan,“ giftete er Hermine an, um einen Teil seiner Wut herauszulassen. „Wirklich ein schlauer Plan.
Wohin gehen wir jetzt?“
„Wir müssen zurück zum Schloss,“ sagte Hermine zaghaft.
„Bis wir dort angekommen sind, ist Sirius vielleicht schon tot!“ sagte Harry und trat ärgerlich gegen einen nahen
Baum. Ein hohes, dünnes Geschnatter setzte über ihm ein, und als er hochsah, erblickte er einen wütenden
Baumkobold, der mit seinen langen zweigartigen Fingern nach ihm grabschte.
„Naja, ohne Zauberstäbe können wir nichts machen,“ sagte Hermine entmutigt und zog sich wieder hoch.
„Überhaupt, Harry, wie wolltest du eigentlich den ganzen Weg bis nach London schaffen?“
„Ja, das haben wir uns auch gefragt,“ sagte eine vertraute Stimme hinter ihnen.
Instinktiv rückten Harry und Hermine enger zusammen und spähten durch die Bäume.
Ron kam in Sicht, dicht gefolgt von Ginny, Neville und Luna. Sie alle sahen ein wenig kaputt aus: Ginnys Wangen
liefen der Länge nach verschiedene Kratzer entlang, eine große purpurrote Beule schwoll über Nevilles rechtem
Auge, Rons Lippe blutete schlimmer als sonst - aber alle sahen ziemlich zufrieden mit sich aus.
„So”, sagte Ron, indem er einen tiefhängenden Ast zur Seite stieß und Harrys Zauberstab hervorholte, „hat jemand
irgendeine Idee?” „Wie seid ihr davongekommen?,“ fragte Harry verblüfft und nahm seinen Zauberstab aus Rons
Hand.
„Ein Paar klasse Frauen, ein Entwaffnungszauber - Neville brachte ein wirklich nettes, kleines Hindernisunheil zu
Stande”, sagte Ron leichthin, indem er jetzt auch Hermines Zauberstab zurückgab.
„Aber Ginny war am besten, sie bekam Malfoy - Fledermauspopelfluch - es war großartig, sein ganzes Gesicht
wurde mit großen flatternden Dingen bedeckt. Jedenfalls sahen wir dich vom Fenster aus in den Wald vorausgehen
und folgten dir. Was hast du mit Umbridge getan?“
„Sie wurde weggetragen,“ sagte Harry, „von einer Herde Zentauren.”
„Und sie ließen dich zurück?,“ fragte Ginny erstaunt.
„Nein, sie wurden von Grawp verfolgt”, sagte Harry.
„Wer ist Grawp?”, fragte Luna interessiert.
„Hagrids jüngerer Bruder,“ sagte Ron prompt, „doch sollte uns das jetzt nicht kümmern. Harry, was hast du in dem
Feuer herausgefunden. Hat Du-weißt-schon- wer Sirius oder…?”
„Ja,“ sagte Harry, da seine Narbe wiederum schmerzvoll kribbelte, „ und ich bin sicher, daß Sirius noch immer am
Leben ist, aber ich kann nicht sehen, wie wir dorthin gelangen können, um ihm zu helfen.“
Sie wurden alle ganz still und sahen ziemlich ängstlich aus, das vor ihnen stehende Problem schien unüberwindlich.
„Also gut, wir müssen fliegen, keine Frage!,“ sagte Luna mit einer in der Sache festen und entschlossenen Stimme,
wie sie Harry so nie von ihr zuvor gehört hatte.
„OK”, erwiderte Harry verärgert, indem er sie umkreiste. „Zuallererst „Wir“ werden überhaupt nichts tun, wenn du
dich damit meinst und zweitens ist Ron der einzige, der einen Besenstil hat, der nicht von einem Sicherheitstroll
überwacht wird, also…”
„Ich habe einen Besen”, sagte Ginny.
„Ja, aber du bist nicht an der Reihe”, erwiderte Ron wütend.
„Entschuldige, aber ich interessiere mich ebenso wie du dafür, was mit Sirius geschieht!,“ sagte Ginny und schob
dabei die Kiefer so nach vorn, daß sie Fred und George plötzlich verblüffend ähnelte.
„Du bist zu…,“ begann Harry, aber Ginny fiel ihm heftig ins Wort. „Ich bin drei Jahre älter als du es warst, als du
gegen Du-weißt-schon-wen um den Stein der Weisen kämpftest und es ist mein Verdienst, daß Malfoy in Umbridges
Büro festklebte, weil ihn riesige fliegende Kobolde angriffen…”
„Ja, aber…”
„Wir waren alle zusammen in Dumbledores Armee”, sagte Neville still. „Und zwar darum, um den Kampf gegen
Du-weißt-schon-wen zu unterstützen oder nicht? Und das ist unsere erste Möglichkeit, um wirklich etwas gegen ihn
zu unternehmen oder war das alles nur ein Spiel oder was?”
„Nein - war es natürlich nicht,“ sagte Harry ungeduldig.
„Dann sollten wir auch mitkommen,“ sagte Neville einfach, „wir wollen helfen.“
„So ist es richtig,“ lächelte Luna glücklich.
Harrys und Rons Blicke trafen sich. Harry wußte, daß Ron genau dasselbe dachte wie er: wenn er einige Mitglieder
von Dumbledores Armee hätte auswählen können, sich ihm beim Versuch anzuschließen, Sirius zu retten, hätte er -
außer sich selbst, Ron und Hermine - Ginny, Neville oder Luna nicht ausgewählt.
„Also gut, macht ja nichts”, sagte Harry mit knirschenden Zähnen, „weil wir noch immer nicht wissen, wie wir
dorthin gelangen können…”
„Ich dachte, wir hätten das geklärt,“ erwiderte Luna unerträglich, „wir fliegen!”
„Sieh mal”, sagte Ron, der seinen Ärger kaum noch verbergen konnte, „du magst ja in der Lage sein, ohne Besenstiel
zu fliegen, aber der Rest von uns kann sich keine Flügel wachsen lassen, jedes Mal , wenn…” „Es gibt andere
Möglichkeiten zu fliegen außer auf Besenstilen,“ sagte Luna heiter.
„Ich vermute mal, wir werden auf dem Rücken eines Kacky Snorgle reiten, was immer das auch sein mag?,“ fragte
Ron nach.
„Das knittergehörnte Snorkack kann nicht fliegen“ sagte Luna mit würdevoller Stimme, „aber sie können es und
Hagrid meint, daß sie sehr gut darin sind, ihre Reiter an die Orte zu bringen, nach denen sie suchen.
Harry wirbelte herum. Zwischen zwei Bäumen standen zwei Thestrals, deren weiße Augen unheimlich schimmerten,
und beobachteten das flüsternde Gespräch so, als verstünden sie jedes Wort.
„Ja, genau,“ flüsterte Harry und bewegte sich in deren Richtung.
Sie warfen ihre reptilartigen Köpfe mit den langen, schwarzen Mähnen zurück, und Harry streckte seine Hand
schnell nach ihnen aus, tätschelte dem näher bei ihm stehenden Thestral den Hals und fragte sich, wie er sie jemals
für hässlich hatte halten können.
„Ist es eines von jenen verrückten Pferdedingern?,“ fragte Ron unsicher und starrte dabei auf einen Punkt leicht
links von dem Thestral, den Harry gerade tätschelte. „Eines von denen, die du nicht sehen kannst, es sei denn, du
hast beobachtet, daß es jemanden beschnüffelt?“
„Ja,“ sagte Harry.
„Wie viele sind es?“
„Nur zwei.“
„Wir brauchen aber drei,“ sagte Hermine, die noch immer nach jemandem aussah, der gerade geschüttelt wurde, nun
aber wieder fest stand.
„Vier, Hermine,“ sagte Ginny mit mürrischem Gesicht.
„Ich denke, daß wir derzeit sogar zu sechst sind.,“ sagte Luna still zählend.
„Sei kein Dummkopf, wir können nicht alle gehen!,“ sagte Harry wütend. „Schau her, ihr drei - er zeigte dabei auf
Neville, Ginny und Luna - seid bei dieser Sache nicht dabei, ihr seid nicht…”
Sie fielen ihm laut protestierend ins Wort. Seine Narbe tat erneut einen schmerzvollen Stich. Jeder Moment, den sie
sich verzögerten, war wertvoll; Harry hatte keine Zeit zum Diskutieren.
„OK, schön, es ist eure Wahl,“ sagte er kurzerhand, „aber nur dann, wenn wir mehr Thestrals finden können, wozu
ihr nicht fähig seid…”
„Oh doch, mehr von ihnen werden kommen,“ sagte Ginny zuversichtlich, die wie Ron ziemlich in die falsche
Richtung blinzelte in der Vorstellung, sie sähe die Pferde an.
„Wie kommst du darauf, das zu denken?“
„Weil, falls du es nicht bemerkt haben solltest, du und Hermine, ihr beide blutbefleckt seid,“ sagte sie kühl, „und wir
wissen, daß Hagrid Thestrals mit rohem Fleisch anlockt. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum diese beiden
zuerst erschienen sind.“
Harry fühlte in diesem Augenblick einen weichen Ruck auf seiner Robe und schaute an sich herunter, um zu sehen,
daß der nächste Thestral an seinem Ärmel leckte, der noch feucht von Grawps Blut war.
„Also dann,“ kam Harry der glänzende Gedanke, „Ron und ich werden diese zwei Thestrals nehmen und
vorausfliegen, Hermine kann hier mit euch dreien hier bleiben, damit sie noch mehr Thestrals anlockt…”
„Ich bleibe nicht zurück!”, sagte Hermine wütend.
„Es gibt auch keinen Grund,“ sagte Luna lächelnd.
„Seht nur, hier kommen schon mehr … ihr zwei müsst wirklich riechen…”
Harry drehte sich um: nicht weniger als sechs oder sieben Thestrals suchten ihren Weg durch die Bäume, ihre großen
lederartigen Flügel hielten sie fest an ihre Körper gepresst, ihre Augen glommen durch die Dunkelheit. Harry hatte
jetzt keinen Vorwand mehr.
„Also dann,“ sagte er wütend, „sucht euch eines aus und kommt, los!”
Kapitel 34 - Die Abteilung der Mysterien
Harry umschlang die Mähne des am nahest stehenden Thestral fest mit einer Hand, stieg mit dem Fuß auf einen nahe
liegenden Baumstupf, und kletterte unbeholfen auf das seidenschwarze Pferd. Es schien zwar nicht dagegen zu sein,
doch versuchte es mit verdrehtem kopf und entblößten Zähnen Seinen Umhang zu erhaschen.
Er fand eine gute Beinposition hinter den Flügeln, was ihm sofort mehr Sicherheit verlieh, dann schaute er sich nach
den Anderen um. Neville hatte sich auf den Rücken des nächsten Thestral gehangelt und versuchte gerade mit einem
Bein auf die andere Seite der Kreatur herüber zu schwingen. Luna war schon fertig, sie saß seitlich im Rücken, und
rückte grade ihren Umhang zurecht, als ob sie so etwas jeden Tag machen würde. Ron, Hermine and Ginny, standen
immer noch bewegungslos an der gleichen Stelle und starrten Sie mit offenen Mündern an.
„Was ist?“ fragte er.
„Wie hätten wir aufsteigen können?“ fragt Ron zaghaft. „Wo wir die Dinger doch nicht einmal sehen können?“
„Oh, das ist ganz Einfach!“ sagte Luna verbindlich, glitt von ihrem Thestral herunter und marschierte zu ihnen
hinüber. „Hermine und Ginny…Kommt her…“
Sie hob einen nach den anderen auf die herumstehenden Thestrals und kehrte anschließend zu ihrem Reittier zurück.
Alle drei schauten sehr nervös, als sie ihnen zeigte wie man sich in der Mähne festhielt, bevor sie dann ihr eigenes
Ross bestieg.
„Das ist verrückt…Verrückt… wenn man es nicht sehen kann“ murmelte Ron und fuhr dabei mit seiner freien Hand
behutsam den Hals des Pferdes auf und ab.
„Du hoffst besser daß es unsichtbar bleibt“ sagte Harry finster. „Sind wir nun bereit?“
Sie nickten ihm alle zu und er sah wie sich fünf paar Knie unter ihren Roben streckten.
„Dann los…“
Er schaute auf den schwarz, glänzenden Hinterkopf seines Thestrals und schluckte.
„Zaubereiministerium, London, Besuchereingang, davor…“ sagte er ungewiss. „Du… wenn Du weist… wohin es
geht…“
Harrys Thestral war einen Moment lang bewegungslos, dann, mit einem gewaltigen Ruck, so das er fast abstürzte,
streckte es die Flügel seitlich aus, das Pferd duckte sich, um dann so schnell wie eine Rakete nach oben zu schießen.
Harry hatte Mühe sich festzuhalten, es ging so steil aufwärts, daß er fest zupacken mußte, seine Beine an die Flanken
presste, damit er nicht über das knochige Hinterteil abrutschte. Er schloss seine Augen und drückte sein Gesicht in
die seidige Mähne, als sie durch die Baumkronen brachen und in den blutroten Sonnenuntergang aufstiegen.
Harry glaubte nicht das er sich jemals so schnell fortbewegt hätte. Das Thestral hinterließ einen Kondensstreifen über
dem Schloss. Seine riesigen Flügel schlugen gleichmäßig. Die kalte Luft schlug Harry ins Gesicht. Seine Augen
verengten sich bei dem starken Gegenwind zu schlitzen. Er schaute sich nach seinen Fünf hinter ihm aufsteigenden
Begleitern um, alle versuchten sich im Nacken des Thestral so klein wie möglich zu machen, um sich so gegen die
Luftströmung zu schützen.
Sie hatten das Hogwarts Gelände verlassen, waren auch schon an Hogsmeade vorbei. Harry konnte unter ihnen
Berge und Täler sehen. Als die Nacht hereinbrach sah Harry einige kleine Lichteransammlungen von Dörfern die sie
überflogen, anschließend ein Auto auf einer geschlängelten Straße, wie es seinen weg nach Hause, durch die Berge
fuhr…
„Das ist schon seltsam!“ hörte Harry, wie ihn Ron scher verständlich, von irgendwo hinter ihm zurief, und er bekam
eine Vorstellung davon wie es sich, mit so einer Geschwindigkeit, in solcher Höhe; und dann auch noch Unsichtbar,
wohl für ihn anfühlte.
Angsteinflößendes Zwielicht: Der Himmel hatte sich in einem schmutzig, dunkelvioletten Licht, bestreut mit einigen
winzigen Sternen getaucht, und nur die Lichter der Muggel - Städte gaben Ihnen einen Anhaltspunkt in welcher
Höhe und mit was für einer Geschwindigkeit sie sich fortbewegten. Harrys Arme schlangen sich um den Nacken des
Pferdes gerade so als wolle er daß es beschleunigt. Er konnte nicht sagen wie lange es her war das er Sirius auf dem
Flur in der Abteilung der Geheimnisse liegen sah. Wie lange würde Sirius wohl noch Voldemort widerstehen
können? Alles was Harry wußte war das sein Patenonkel sicher nicht das tun würde, was Voldemort von ihm
verlangte, wenn er nicht entkommen kann würde er lieber sterben als etwas zu tun, oder wahnsinnig zu werden, was
Voldemort Freude bereiten würde. Seine Narbe schmerzte genauso stark wie in der Nacht als Herr Weasley
angegriffen wurde.
Die Zusammenkunft flog durch die Dunkelheit. Harrys Gesicht fühlte sich kalt, wie tot an, seine Beine waren taub
vom langen angestrengten, seitlichen, umklammern seines Thestrals, aber er wagte, um nicht abzustürzen, sich nicht
zu bewegen. Er war taub von dem gewaltigen Fahrtwind in seinen Ohren, und sein Mund war vom kalten Nachtwind
trocken und zugefroren. Er hatte das Gefühl dafür, wie weit sie schon waren, verloren. Es war unter seiner Würde
aber all sein Vertrauen steckte in der Bestie, ruhig und zielstrebig bewegten sich deren Flügel in der Nacht und sie
wurden immer schneller.
Was wenn sie zu spät kommen…
Er lebt, er kämpft noch, Ich kann es fühlen…
Voldemort hat noch keinen vernichtenden Schlag gegen Sirius geführt…
Ich wüsste das…
Bei dem Ruck, den er im Magen verspürte, hätte Harry sich fast übergeben. Das Thestrals ging ohne Vorwarnung
kopfüber in den Sinkflug, so daß er ein paar Zentimeter in Richtung Nacken rutschte. They were descending at last…
Hinter sich hörte er erschreckende Schreie, und er drehte sich ihnen auf gefährliche Weise zu, aber er konnte
Niemanden erkennen der Gefahr lief abzustürzen... Augenscheinlich waren alle nur, so wie er selbst, durch den
Richtungswechsel geschockt.
Runde, orangefarbene von allen Seiten kommende Lichter wurden immer größer. Sie konnten die Häuserdächer
sehen, flatternde Scheinwerfer die wie tanzende Insektenaugen aussahen stellten sich als Fenster aus denen
blassgelbes Licht schien heraus. Ganz plötzlich sahen sie daß sie in Richtung Bürgersteig rasten. Harry klammerte
sich, in Erwartung eines plötzlichen Aufpralls, mit letzter Kraft an das Thestral, aber das Pferd berührte den dunkeln
Untergrund nur schattengleich und Harry glitt von dessen Rücken, schaute sich auf der Straße um und machte einen
Freudensprung, als er sah das die defekte, vom schwach, orangefarbenen Schein der Straßenlaternen beleuchteten,
Telefonzelle nicht weit entfernt stand.
Ron landete auf einem kleinen Weg und stürzte von seinem Thestral auf den Bürgersteig.
„Nie wieder“ stöhnte er, dabei strampelnd auf die Beine kommend. Er machte einen Hüpfer weg von seinem
Thestral, aber da er es ja unmöglich sehen konnte, stieß er mit dessen Hinterteil zusammen und fiel wieder hin..
„Nie, niemals wieder… das war das Allerschlimmste „
Hermine und Ginny setzten rechts und links neben ihm auf. Beide glitten ein bißchen anmutiger von ihren Reittieren
als Ron, mit dennoch ähnlich, erleichterten Ausdruck darüber festen Boden unter den Füssen zu haben. Neville
sprang, sich schüttelnd hinab, und Luna saß ruhig ab.
„Und nun, wohin gehen wir jetzt?“ fragte sie Harry mit einer höflichen interessierten Stimme, als wenn das alles nur
ein faszinierender Tagesausflug währe..
„Darüber“ antwortete er. Er gab seinen Thestral eine dankbaren Klaps, dann setzte er schnell seinen Weg zu der
Telefonzelle fort, und schlug die Tür auf.. „Beeilt Euch!“ forderte er die unentschlossen, herumstehenden Anderen
auf.
Ron und Ginny marschierten folgsam hinein. Hermine, Neville und Luna quetschten sich schweigend dahinter. Harry
warf einen Blick zurück auf die Thestrals. Die durchstöberten nun, inmitten schlechter Lebensmittel, auf Futtersuche
den Müll. Dann zwang er sich selbst hinter Luna in die Zelle.
„Der am Telefon ist, wähle bitte: Sechs, Zwei, Vier, Vier und die Zwei!“ sagte er.
Ron übernahm das. Dabei verbog er seinen Arm auf sonderbare Weise um die Wählscheibe zu erreichen. Als es
summte, zog er ihn zurück, und aus dem Kasten ertönte eine kalte weibliche Stimme.
„Willkommen im Zaubereiministerium. Bitte nennt Eure Namen und Beweggründe.“
„Harry Potter, Ron Weasley Hermine Granger, Ginny Weasley, Neville Longbottom, Luna Lovegood… Wir sind
hier um Jemanden zu beschützen, es sei denn Euer Ministerium ist schneller!“ antwortete Harry sehr schnell.
„Danke schön“ sprach die kühle weibliche Stimme. „Besucher, bitte befestigt die Ausweise vorn an eure Umhänge.“
Ein halbes Dutzend Ausweise kamen aus einer „Metal - Rutsche“ wo normalerweise Wechselgeld herauskommen
würde. Hermine entnahm sie und reichte sie Harry, über Ginnys Kopf hinweg, dabei fiel ihr Blich auf den obersten
Ausweis und sie las: Harry Potter, Rettungsmission.
„Ministeriumsbesucher, Ihr müsst nun noch durchsucht, und eure Zauberstäbe müssen registriert werden! Begebt
euch bitte dazu an den Schreibtisch des Sicherheitsdienstes am Ende des Vorhofes“
„Ausgezeichnet!“ sagte Harry laut, als seine Narbe wieder Pochte. „Können wir dann gehen?“
Der Boden der Telefonzelle bebte und der Bürgersteig hob sich an ihren Glasfenstern vorbei; die umher streunenden
(oder wörtlich: nach Nahrung suchenden, such dir was aus *g*) Thestrals verschwanden aus ihrem Blickfeld; Über
ihren Köpfen wurde es dunkel und mit einem dumpfen Knirschen sanken sie in die Tiefen des Zaubereiministeriums
hinab. Ein Strahl goldenen Lichts streifte ihre Füße, wurde breiter und stieg an ihren Körpern empor. Harry kniete
sich hin und hielt seinen Zauberstab so angriffsbereit wie es unter so engen Umständen möglich war, während er
durch das Glas lugte, um zu sehen, ob im Atrium jemand auf sie wartete, doch es schien völlig leer zu sein. Es war
dunkler als tagsüber; es gab keine Feuer in den Kaminen (oder „unter den Kaminsimsen,“ naja, entscheide du!), die
in der Wand eingelassen waren, aber als der Lift langsam abbremste, sah er, daß sich die Symbole auf der
dunkelblauen Decke immer noch in einer Spirale miteinander verflochten.
„Das Zaubereiministerium wünscht Ihnen einen angenehmen Abend,“ sagte die Frauenstimme.
Die Tür der Telefonzelle sprang auf; Harry stürzte heraus, gleich dahinter Neville und Luna. Das einzige Geräusch
im Atrium war das gleichmäßige Rauschen des Wassers des goldenen Brunnens, wo jeweils ein Wasserstrahl
(Wassersträhle hört sich mal richtig scheisse an) aus den Zauberstäben von Hexe und Zauberer, der Spitze des Pfeils
des Zentauren und den Ohren des Hauselfen in das umliegende Wasserbecken plätscherte.
„Kommt schon,“ sagte Harry leise und alle sechs, mit Harry an der Spitze, rannten durch die Halle, vorbei am
Brunnen, in Richtung des Schalters, wo der Wachzauberer (?) Harrys Zauberstab gewogen (besser vllt „untersucht“)
hatte, und der jetzt verlassen war. Harry war sich sicher daß hier eine Wache hätte sein sollen; sein Fehlen war
sicherlich ein schlechtes Zeichen und sein ungutes Gefühl steigerte sich noch, als sie durch die goldenen Pforten des
Aufzugs traten. Er drücke den nächsten „Nach unten“-Knopf und fast im selben Moment kam ratternd ein Aufzug
an, die goldenen Gitter schoben sich mit einem hallenden „KLING“ auf und sie drängten sich hinein. Harry drückte
den Knopf mit der Nummer 9; die Gitter schlossen sich mit einem Knall und der Aufzug fuhr rasselnd und ratternd
nach unten. Harry war nicht aufgefallen, wie laut die Aufzüge waren, als er mit Mr Weasley hier gewesen war; Er
war sich sicher, daß der Krach sämtliche Wachleute im Gebäude aufschrecken würde, doch als der Lift anhielt sagte
die kühle Frauenstimme „Abteilung der Mysterien,“ und die Gitter öffneten sich. Sie betraten den Gang, in dem sich
nichts bewegte, ausser den Fackeln in der Umgebung, die durch den Luftzug des Aufzugs zu flackern anfingen.
Harry ging auf die glatte, schwarze Tür zu. Nach Monaten, in denen er es geträumt hatte war er endlich hier. „Gehen
wir,“ flüsterte er und führte sie den Gang entlang, hinter ihm Luna, die mit leicht offenem Mund umherstarrte.
„OK, hört mal zu,“ sagte Harry und blieb 2 Meter vor der Tür stehen. „Vielleicht … vielleicht sollten einige von uns
hier bleiben als --- als Wache und ---“
„Und wie sollen wir euch wissen lassen, wenn irgendwas passiert,“ fragte Ginny mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ihr könntet kilometerweit weg sein.“
„Wir kommen mit euch mit, Harry,“ sagte Neville.
„Dann mal los,“ sagte Ron überzeugt.
Harry wollte sie immer noch nicht alle mitnehmen, aber er schien keine Wahl zu haben. Er drehte sich zur Tür und
ging vorwärts … so wie sie es in seinem Traum getan hatte, schwang die Tür auf und er marschierte über die
Schwelle, die anderen an seinen Fersen.
Sie standen in einem großen, kreisförmigen Raum. Alles hier drinnen war schwarz, auch der Boden und die Decke;
identische, unbeschriftete, klinkenlose, schwarze Türen waren in Abständen in die Wand eingelassen, dazwischen
standen Kerzenleuchter, deren Kerzen mit blauer Flamme brannten; ihr kühles, schimmerndes Licht spiegelte sich
auf dem glänzenden Marmorboden und ließ es aussehen, als wäre dunkles Wasser unter ihren Füßen.
„Mach mal einer die Tür zu,“ murmelte Harry.
Er bereute, diese Anweisung gegeben zu haben, in dem Moment, als Neville sie ausgeführt hatte; Ohne den breiten
Lichtstrahl aus dem fackelerleuchteten Korridor hinter ihnen wurde es so dunkel, daß sie für einen Moment nur noch
die flackernden Flammen und ihre geisterhaften Reflektionen auf dem Boden sehen konnten. In seinem Traum war
Harry immer entschlossen durch den Raum zur Tür direkt gegenüber und durch diese hindurch gegangen. Aber hier
waren ungefähr ein dutzend Türen. Während er an die Türen gegenüber starrte und sich überlegte, welche die
Richtige sein könnte, gab es ein polterndes Geräusch und die Kerzen begannen, sich seitwärts zu bewegen. Die runde
Wand drehte sich. Hermine ergriff Harrys Arm, als ob sie Angst hätte, der Boden könnte sich auch bewegen, doch er
tat es nicht. Einige Sekunden lang verschwammen die blauen Flammen um sie herum und ähnelten neonfarbenen
Linien, während die Wand sich schneller drehte; dann, genauso plötzlich, wie es begonnen hatte, hörte das Poltern
auf und alles stand wieder still.
In Harrys Augen hatte sich blaue Streifen eingebrannt; das war alles, was er sehen konnte.
„Wozu war das denn gut?“ flüsterte Ron ängstlich.
„Ich denke dazu, daß wir nicht mehr wissen, durch welche Tür wir hereingekommen sind,“ sagte Ginnie mit ruhiger
Stimme.
Harry erkannte plötzlich, daß sie Recht hatte. Er konnte den Ausgang nicht mehr schneller finden als eine Ameise
auf dem rabenschwarzen Fußboden. Und die Tür, durch die sie gehen mußten, konnte jede der zwölf sein, die sie
umgab.
„Wie kommen wir jetzt wieder zurück?“ sagte Neville unbehaglich.
„Na ja, das ist jetzt erst einmal egal,“ sagte Harry bestimmt, während er blinzelte um die die blauen Linien aus
seinem Blick zu vertreiben und umklammerte seinen Zauberstab stärker als je zuvor, „wir brauchen nicht
rauszukommen, bevor wir Sirius gefunden haben -“
„Aber fang bitte nicht an ihn zu rufen,“ sagte Hermine schnell; aber Harry hatte ihren Rat noch nie weniger
gebraucht; sein Instinkt sagte ihm, so leise wie möglich zu bleiben.
„Wo gehen wir dann jetzt hin, Harry,“ fragte Ron.
„Ich weiß es n-,“ begann Harry. Er schluckte. In den Träumen bin ich durch die Tür am Ende des Ganges mit den
Aufzügen in einen dunklen Raum gegangen - das ist der hier - und dann ging ich durch eine andere Tür in einen
Raum der irgendwie … glänzte.
„Wir sollten ein paar Türen probieren,“ sagte er hastig. „Ich werde den richtigen Weg erkennen wenn ich ihn sehe.
Kommt schon.“
Er ging direkt auf die Tür zu, die sich ihm gegenüber befand, die Anderen folgten dicht hinter ihm, legte seine linke
Hand auf ihre kühle, glänzende Oberfläche, hob seinen Zauberstand, bereit, in dem Moment zuzuschalgen, in dem
sie sich öffnete, und drücke.
Sie schwang mit Leichtigkeit auf. [„leicht“ hört sich an, als wärs leicht, sie zu Öffnen]
Im Gegensatz zur Dunkelheit im ersten Raum wirkte dieser lange, rechteckige Raum mit seinen an langen goldenen
Ketten von der Decke hängenden Lampen viel heller, doch es gab keine glänzenden/funkelnden, schimmernden
Lichter, so wie Harry sie in seinen Träumen gesehen hatte. Der Raum war ziemlich leer, bis auf einige Schreibtische
und, genau in der Mitte des Raums, einen riesigen, gläsernen Tank, gefüllt mit dunkelgrüner Flüssigkeit, in dem sie
alle hätten schwimmen können; einige grauweiße Dinge trieben langsam darin herum.
„Was sind das für Dinger?“ flüsterte Ron.
„Weiß ich nicht,“ sagte Harry.
„Sind das Fische?“ hauchte Ginnie.
„Wassermaden!“ sagte Luna aufgeregt. „Papa hat gesagt das Ministerium züchtet -“
„Nein,“ sagte Hermine. Sie hörte sich seltsam an. Sie ging vor um durch die Seitenwand des Tanks zu sehen. „Es
sind Gehirne.“
„Gehirne?“
„Ja … Ich möchte wissen, was die mit denen machen?“
Harry ging zu ihr zum Tank. Sicherlich, er hatte keine Zweifel, nun, da er sie von Nahem sah. Durch die grüne
Flüssigkeit treibend kamen sie ab und zu schaurig schimmernd in Sicht; sie sahen etwas wie schleimiger Blumenkohl
aus.
„Gehen wir raus hier,“ sagte Harry, „das ist nicht der richtige Raum. Wir müssen eine andere Tür probieren.“
„Hier gibt’s auch Türen,“ sagte Ron und zeigte an die Wände.
Harry verlor langsam den Mut; wie groß war dieser Ort?
„In meinem Traum bin ich von diesem dunklen Raum in den Zweiten gegangen,“ sagte er, „Ich denke wir sollten
zurück gehen und von dort aus weitermachen.“
Also eilten sie zurück in den dunklen, runden Raum; jetzt schwammen die geisterhaften Umrisse der Gehirne anstatt
der blauen Kerzenflammen vor Harrys Augen.
„Wartet!“ sagte Hermine scharf, als Luna die Tür zum Gehirnraum hinter ihnen schließen wollte. „Flagrate!“
Sie zeichnete mit ihrem Zauberstab in der Luft und ein glühendes „X“ erschien auf der Tür. Sobald die Tür hinter
ihnen ins Schloss gefallen war, gab es ein lautes Rumpeln und und wieder begann die Wand sich schneller und
schneller zu drehen, doch dieses mal waren rotgoldene Schlieren unter dem schwachen Blau und, nachdem alles
wieder still stand, leuchtete das glühende Kreuz immer noch und zeigte, welche Tür sie schon probiert hatten.
„Gut mitgedacht,“ sagte Harry. „OK, probieren wir die aus -“
Wieder schritt er zielstrebig auf die Tür ihm gegenüber zu und drückte sie, mit immer noch erhobenem Zauberstab,
die anderen folgten gleich hinter ihm.
Dieser Raum war größer als der letzte, schwach beleuchtet und rechteckig, und die Mitte war abgesenkt und bildete
eine große 20 Fuß tiefe Steingrube. Sie standen auf der obersten Reihe von etwas was schien als wären es Steinbänke
die durch den gesamten Raum gingen und in steilen Schritten abfielen, wie in einem Amphitheater oder dem
Gerichtssaal in dem Harry von dem Zaubererrat verhört wurde. Anstelle von einem angeketteten Stuhl gab es in der
Mitte der Grube einen angehobenen Steinpodest, auf welchem ein Torbogen aus Stein stand welcher so alt,
angeknackst und zerbröckelt aussah, daß Harry überrascht war, daß das Ding überhaupt noch stand.
Nicht gehalten von irgendeiner der umgebenden Wände wurde der Torbogen mit einem zerfetzten schwarzen
Umhang oder Schleier zugehängt, welcher trotz der kompletten Stille der kalten umgebenden Luft sehr schwach
flatterte als wenn er gerade eben berührt worden wäre.
„Wer ist da?“ sagte Harry, und sprang auf die untere Bank. Es antwortete keine Stimme aber der Schleier flatterte
weiterhin.
„Vorsicht!“ flüsterte Hermine.
Harry stieg die Bänke eine nach der anderen hinunter bis er den steinernen Boden der abgesenkten Grube erreichte.
Seine Schritte hallten laut wider als er langsam in Richtung des Podestes ging. Der Torbogen sah von dort wo er jetzt
stand viel höher aus als von oben wo er auf ihn herabgeschaut hat. Der Schleier bewegte sich immer noch leicht, als
wenn irgendjemand gerade durch ihn durchgegangen wäre.
„Sirius?“ sprach Harry erneut, aber viel leiser jetzt wo er näher dran war.
Er hatte das merkwürdige Gefühl, daß dort jemand rechts hinter dem Schleier auf der anderen Seite des Torbogens
stand. Er umklammerte seinen Zauberstab sehr fest und umrandete die Plattform, aber dort war niemand; alles was
zu sehen war, war die andere Seite von dem zerrissenen schwarzen Schleier
„Laß uns gehen,“ rief Hermine von der Mitte der steinernen Stufen. „Das ist nicht richtig Harry, komm, laß uns
gehen.“
Sie klang ängstlich, viel ängstlicher als sie in dem Raum mit den schwimmenden Gehirnen war, doch Harry dachte,
daß der Torbogen etwas schönes an sich hatte, obwohl er alt war. Der leicht flatternde Schleier irritierte ihn; er spürte
ein sehr starkes Verlangen, das Podest hochzuklettern und durch ihn durch zu gehen.
„Harry, laß uns gehen, OK?“ sagte Hermine noch bestimmter.
„OK,“ sagte er, aber er bewegte sich nicht. Er hatte gerade etwas gehört. Schwach flüsternde, murmelnde Geräusche
kamen von der anderen Seite des Schleiers.
„Was sagst Du?“ sagte er sehr laut, so daß seine Worte überall in den Steinbänken widerhallten.
„Da spricht niemand, Harry!“ sagte Hermine, die sich nun zu ihm hin bewegte.
„Jemand flüstert dort hinter,“ sagte er und bewegte sich ausserhalb ihrer Reichweite und untersuchte weiterhin den
Schleier. „Bist Du das, Ron?“
„Ich bin hier, Kumpel,“ sagte Ron, und erschien auf der Seite des Torbogens.
„Kann das niemand anderes hören?“ fragte Harry, denn das Flüstern und Gemurmel wurde lauter; ohne es gemerkt
zu haben, fand er seinen Fuß auf dem Podest wieder.
„Ich kann sie ebenfalls hören,“ flüsterte Luna, ging um den Torbogen herum und starrte auf den flatternden Schleier.
„Dort sind Leute drin!“
„Was meinst Du damit, „dort drin“?“ fragte Hermine und sprang von der obersten Stufe und klang noch wütender,
„da ist niemand „dort drin,“ das ist nur ein Torbogen, da ist kein Platz für irgendjemanden um dort zu sein. Harry,
laß es, komm weg -“
Sie packte seinen Arm und zog, aber er wehrte sich.
„Harry, wir sollten hier sein um Sirius zu helfen!“ sagte sie in einer hohen, schrillen Stimme.
„Sirius,“ wiederholte Harry und starrte weiterhin den immer noch flatternden Schleier an. „Jaaa…“
Ein Gedanke machte sich in seinem Gehirn breit; Sirius, gefangen genommen und gefoltert, und er starrt diesen
Torbogen an…
Er ging einige Schritte vom Torbogen weg und wand seinen Blick weg vom Schleier.
„Laß uns gehen,“ sagte er.
„Das versuche ich die ganze Zeit zu sagen - also gut, kommt jetzt!“ sagte Hermine und sie ging den Weg zurück ums
Podest. Auf der anderen Seite starrten Ginny und Neville ebenfalls wie in Trance auf den Schleier. Ohne zu
sprechen, nahm sie Ginnys Arm, Ron griff Nevilles Arm, und sie marschierten zurück zu der untersten Steinbank
und kletterten den ganzen Weg zurück hoch zur Tür.
„Was meinst Du, was dieser Torbogen war?“ fragte Harry Hermine als sie wieder den dunklen kreisförmigen Raum
betraten.
„Ich weiß es nicht, aber was immer es war, es war gefährlich,“ sagte sie bestimmt, und wieder markierte sie die Tür
mit einem brennenden Kreuz.
Einmal mehr bewegte sich die Mauer und erneut kam sie zum Stillstand. Harry näherte sich zufällig einer anderen
Tür und drückte sie. Sie rührte sich nicht.
„Was ist los?“ sagte Hermine.
„Sie ist … verschlossen …“ sagte Harry und schmiss sich mit seinem Gewicht gegen die Tür, aber sie bewegte sich
nicht.
„Die ist es, nicht wahr?“ sagte Ron aufgeregt, und ging zu Harry um ihm zu helfen die Tür gewaltsam zu öffnen.
„Jede Wette!!“
„Geht aus dem weg!“ sagte Hermine scharf. Sie zeigte mit ihrem Zauberstab auf den Platz, wo bei einer normalen
Tür das Schloss wäre und sagte, „Alohomora!“
Nichts passierte.
„Sirius“ Messer!“ sagte Harry. Er holte es aus dem innern seines Umhangs und schob es in den Sprung zwischen Tür
und Mauer. Die anderen sahen gespannt zu wie er es von oben nach unten führte, es zurücknahm und dann seine
Schulter erneut gegen die Tür rammte. Sie blieb genauso fest verschlossen wie zuvor. Ausserdem sah Harry, als er
auf das Messer schaute, daß die Klinge geschmolzen war.
Also schön, wir verlassen diesen Raum,“ sagte Hermine entschieden.
„Aber was wenn es genau dieser ist?“ sagte Ron und starrte auf ihn mit einer Mischung aus Furcht und Sehnsucht.
„Er kann es nicht sein, Harry konnte in seinem Traum durch alle Türen hindurchgehen,“ sagte Hermine und
markierte die Tür mit einem weiteren brennenden Kreuz, während Harry das jetzt unbrauchbare Messer von Sirius in
seine Tasche steckte.
„Weißt Du was dort drin sein könnte?“ sagte Luna begeistert, als die Mauer erneut anfing sich zu drehen.
„Etwas geheimnisvolles, kein Zweifel,“ sagte Hermine flüsternd und Neville gab ein kurzes nervöses Lachen von
sich.
Die Mauer hielt an und Harry öffnete mit einem Gefühl der zunehmenden Verzweiflung die nächste Tür.
„Das ist es!“
Ein winzigkleines, strahlendhelles Ei trieb in diesem funkelnden Luftstrom herum. Als es aus der Glasglocke
aufstieg, sprang es auf und ein Kolibri erschien, welcher zum obersten Rand des Topfes hinaufgetragen wurde, doch
als es mit dem Luftstrom herabsank, wurden seine Federn wieder durchnässt und feucht, und, während es zurück auf
den Boden der Glasglocke getragen worden war, war es wieder in sein Ei eingeschlossen worden.
„Geh weiter!,“ sagte Harry scharf, weil Ginny scheinbar stehen bleiben wollte und sich den Progress der
Umwandlung des Eis zurück in einen Vogel zusehen wollte. „Du hast genug im alten Torbogen getrödelt!,“ sagte sie
verärgert, folgte ihm jedoch vorbei an der Glasglocke zur einzigen Tür hinter dahinter.
„Das ist es!,“ sagte Harry wieder, und sein Herz schlug so hart und schnell, daß er dachte, es müsste ihm beim Reden
hindern, „es ist direkt hier durch-“
Er schaute sich nach allen um; sie hatten ihre Zauberstäbe herausgeholt und sahen plötzlich ernst und besorgt drein.
Er sah zurück zur Tür und stieß sie an. Sie schwang auf.
Sie waren da, sie hatten den Ort gefunden: hoch wie eine Kirche und mit nichts gefüllt außer getürmten Regalen
bedeckt mit kleinen, staubigen Kugeln.
Sie schimmerten stumpf in dem Licht der Kerzenhalter, die in den Zwischenräumen entlang der Regale gestellt
worden waren.
Wie in dem runden Raum hinter ihnen, waren ihre Flammen blau. Der Raum war sehr kalt.
Harry schob sich vorwärts und blickte prüfend in die schattigen Gänge zwischen jeweils zwei Regalreihen.
Er konnte nichts hören oder die geringste Bewegung oder einen Hinweis sehen.
„Du sagtest, es war Reihe siebenundneunzig,“ wisperte Hermine.
„Ja,“ hauchte Harry, zum Ende der nächsten Reihe schauend. Neben der Gruppe Kerzenhaltern, die dort herausragte,
schimmerte die silberne Zahl dreiundfünfzig.
„Ich glaube, wir müssen nach rechts gehen,“ wisperte Hermine, zur nächsten Reihe schielend. „Ja... das ist
vierundfünfzig...“
„Haltet eure Zauberstäbe bereit! , sagte Harry weich.
Sie schlichen vorwärts und sahen sich um, wenn sie weiter durch die langen Gassen der Regale gingen, die fernen
Enden dieser waren in fast völliger Dunkelheit. Winzige, gelbe Aufkleber waren neben jede Glaskugel auf den
Regalen geklebt. Einige von ihnen hatten einen eigenartiges, flüssiges Leuchten; andere waren stumpf und dunkel
wie aufgeblasene Glühbirnen.
Sie gingen an Reihe vierundachtzig. fünfundachtzig...vorbei. Harry lauschte mühsam nach auch dem kleinsten
Geräusch einer Bewegung, doch Sirius wahr wohl schon geknebelt, oder sogar bewusstlos... oder, sagte eine
ungebetene Stimme in seinem Kopf, er ist schon tot...
Ich hätte das gefühlt, sagte er sich selber, sein Herz hämmerte nun gegen seinen Adamsapfel. Ich hätte das schon
gewusst...
„Siebenundneunzig!,“ wisperte Hermine.
Sie standen zusammen am Ende der Reihe den Gang daneben betrachtend. Dort war niemand.
„Er ist genau am Ende der Reihe,“ sagte Harry, wessen Mund leicht trocken war. „Ihr könnt ihn wahrscheinlich von
hieraus nicht sehen.“
Und er leitete sie zwischen die aufgetürmten Regale voller Glaskugeln, von denen manche sanft aufglommen, wenn
sie vorbeigingen...
„Er müsste hier in der Nähe sein,“ wisperte Harry, überzeugt, daß jeder Schritt die zerlumpte Gestalt Sirius“ in ihre
Sichtweite des dunklen Bodens bringen würde. „Irgendwo hier... wirklich nah...“
„Harry?,“ sagte Hermine zögernd, aber er wollte nicht antworten. Sein Mund war sehr trocken.
„Irgendwo... hier...,“ sagte er.
Sie hatten das Ende der Reihe erreicht und traten in mehr dämmriges Kerzenlicht. Da war niemand. Alles war eine
widerhallende, staubige Stille.
„Er ist vielleicht...,“ flüsterte Harry mit heiserer Stimme, suchend in den nächsten Gang blickend. „Oder vielleicht...“
Er beeilte sich, in den nächsten daneben zu schauen.
„Harry?,“ sagte Hermin wieder.
„Was?,“ knurrte er.
„Ich... ich glaube nicht, daß Sirius hier ist.“
Niemand sprach. Harry wollte niemanden von ihnen anschauen. Ihm war schlecht. Er verstand nicht, warum Sirius
nicht hier war. Er mußte hier sein. Hier hatte er, Harry, ihn gesehen...
Er rannte entlang der Regalreihen, starrte zwischen diese.
Ein leerer Gang nach dem anderen flimmerte vorbei. Er rannte in die andere Richtung, zurück zu seinen ihn
anstarrenden Gefährten.
Nirgendwo war ein Hinweis auf Sirius, kein Hinweis auf einen Kampf.
„Harry?,“ rief Ron.
„Was?“
Er wollte nicht hören, was Ron sagen wollte; wollte nicht hören, daß Ron ihm sagte, daß er dumm gewesen sei, oder,
daß er vorschlug, daß sie zurück nach Hogwarts gehen sollten, eine Hitze stieg ihm jedoch ins Gesicht und er
wünschte sich, hier unten für eine lange Zeit zu verstecken, bevor er die Helligkeit der Vorhalle über ihnen und die
anklagenden Blicke der Anderen sehen mußte...
„Hast du das gesehen?,“ sagte Ron.
„Was?,“ sagte Harry, diesmal jedoch eifrig - es mußte ein Zeichen sein, daß Sirius hier gewesen war, ein Hinweis. Er
schritt zurück zu der Stelle, an der sie alle standen, etwas von Reihe siebenundneunzig entfernt, aber er fand nichts
außer Ron, der eine von den staubigen Glaskugeln auf dem Regal anstarrte.
„Was?,“ wiederholte Harry mürrisch.
„Da... da steht dein Name drauf,“ sagte Ron.
Harry kam ein bißchen näher. Ron zeigte auf eine der kleinen Glaskugeln mit einem grauen, verborgenen Licht,
obgleich sie sehr staubig war und den Anschein hatte, seit vielen Jahren nicht mehr berührt worden zu sein.
„Mein Name?,“ sagte Harry ausdruckslos.
Er trat vor.
Nicht so groß wie Ron, mußte er seinen Hals recken, um den gelblichen Aufkleber, der am Regal recht neben dem
staubigen Glasball angebracht war, zu lesen.
In spinnenartiger Schrift war ein Datum von etwa vor sechszehn Jahren geschrieben, und darunter:
S.P.T. zu A.P.W.B.D.
Der Dunkle Lord
Und (?) Harry Potter
Harry starrte es an.
„Was ist das?,“ fragte Ron entnervt klingend. „Was macht dein Name hier?“
Er überblickte die anderen Aufkleber dieser Regalbahn.
„Ich bin nicht hier,“ sagte er verwirrt klingend. „Niemand sonst von uns ist hier.“
„Harry, ich glaube nicht, daß du es berühren solltest,“ sagte Hermine scharf, als er seine Hand ausstreckte.
„Warum nicht?,“ sagte er. „Es hat irgendetwas mit mir zu tun, oder?“
„Nicht, Harry,“ sagte Neville plötzlich. Harry sah ihn an. Nevilles rundes Gesicht war leicht glänzend durch den
Schweiß. Er sah aus, als ob er nicht noch mehr Spannung ertragen könnte.
„Es steht mein Name drauf,“ sagte Harry.
Und sich leicht waghalsig fühlend, schloss er seine Finger um die Oberfläche des staubigen Balls. Er hatte erwartet,
daß es sich kalt anfühlen würde, doch das stimmte nicht. Im Gegenteil, es fühlte sich an, als ob man seit Stunden in
der Sonne gelegen hätte, als ob der Schein des Lichts im Innern wärmen würde,
Erwartend, ja sogar hoffend, daß etwas Aufregendes passieren würde, etwas, daß ihre lange Reise wert sein würde,
hob Harry den Glassball von dem Regal und starrte ihn an.
Nichts, was auch immer, geschah. Die anderen kamen näher zu Harry, die Kugel anstarrend, als Harry den störenden
Staub wegwischte.
Und dann, hinter ihnen, sprach eine affektierte Stimme.
„Sehr gut, Potter. Jetzt dreh dich um, fein und langsam, und gib mir das.“
Kapitel 35 - Jenseits des Schleiers
Schwarze Gestalten tauchten aus der dünnen Luft überall um sie herum auf, den Weg nach links und rechts
blockierend; Augen funkelten durch Schlitze in den Kapuzen, ein Duzend leuchtender Zauberstäbe zeigte direkt auf
ihre Herzen; Ginny keuchte vor Angst.
„Gib sie mir, Potter!“ wiederholte die schleppende Stimme von Lucius Malfoy als er seine Hand ausstreckte, die
Handfläche nach oben.
Harrys Innereien stürzten Ekel erregend. Sie waren von der Aussenwelt abgeschlossen, und es stand zwei gegen
einen.
„Gib sie mir,“ sagte Malfoy abermals.
„Wo ist Sirius?,“ sagte Harry.
Einige Todesser lachten; eine schrille Frauenstimme von der Mitte der schattenartigen Figuren an Harrys linker Seite
sagte triumphierend „Der dunkele Lord weiß alles!“
„Alles,“ wiederholte Malfoy leise. „Nun, gib mir die Prophezeihung, Potter.“
„Ich will wissen wo Sirius ist!“
„Ich will wissen wo Sirius ist!,“ äffte die Frau an seiner Linken nach.
Sie und die anderen Todesser kamen näher, so daß sie lediglich einen Schritt von Harry und den anderen entfernt
standen, das Licht ihrer Zauberstäbe blendete Harrys Augen.
„Ihr habt ihn,“ sagte Harry, die in ihm aufsteigende Panik ignorierend, das Grauen gegen daß er gekämpft hatte
bevor sie den neunundsiebzigsten Flur betreten hatten. „Er ist hier. Ich weiß daß er hier ist!“
„Das kleine Baby erwachte verängstigt und befürchtete, daß dies, was es geträumt hatte, wahr sein könnte,“ sagte die
Frau in einer schrecklichen, nachgeahmten Babystimme. Harry spürte wie Ron sich neben ihm bewegte.
„Bewege dich nicht!,“ murmelte Harry. „Noch nicht -“
Die Frau, die ihn nachgeahmt hatte, gab einen rauen Schrei von Gelächter von sich.
„Hörst du ihn? Hörst du ihn? Er gibt den anderen Kindern Anweisungen als ob er über einen Kampf gegen uns
nachdenken würde!“
„Oh, du kennst Potter nicht so wie ich ihn kenne, Bellatrix,“ sagte Malfoy leise. „Er hat eine große Schwäche für
Heldenhaftes, der dunkele Lord versteht das über ihn. Gib mir jetzt die Prophezeihung, Potter!“
„Ich weiß, daß Sirius hier ist!,“ sagte Harry, obwohl Panik seine Brust zusammenschnürte und er fühlte sich als ob er
womöglich nicht mehr atmen kann „Ich weiß daß ihr ihn habt!“
Noch mehr Todesser lachten, die Frau lachte am lautesten.
„Es ist Zeit daß du den Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit lernst, Potter!,“ sagte Malfoy. „Und nun gib
mir die Prophezeihung, oder wir beginnen unsere Zauberstäbe zu benutzen!“
„Nun, tut es!,“ sagte Harry, seinen eigenen Zauberstab auf Brusthöhe hebend. Als er dies tat, wurden die fünf
Zauberstäbe von Ron, Hermine, Neville, Ginny und Luna neben ihm ebenfalls erhoben. Der Knoten in Harrys
Magen zog sich zusammen. Wenn Sirius wirklich nicht hier ist, hatte er seine Freunde unnötig zu ihrem Tot geführt
...
Aber die Todesser taten nichts.
„Gib uns die Prophezeihung und niemand wird verwundet werden müssen.,“ sagte Malfoy kalt.
Es war Harrys Zeit, zu lachen.
„Ja, richtig!,“ sagte er. „Ich gebe euch diese - Prophezeihung, ist es das? Und ihr wollt uns einfach so nach Hause
flüchten lassen?“
Die Worte waren grade aus seinem Mund gekommen, als die Todesserin schrie „Accio Prph--“
Harry war bereit für sie: er schrie „Protego!“ bevor sie ihren Zauberspruch zu Ende gesprochen hatte, und als die
Glaskugel seinen Fingerspitzen entglitt konnte er sie mit seinen Fingern doch noch einfangen.
„Oh, er weiß wie es zu spielen ist, kleiner Baby-Potter,“ sagte sie, ihre verrückten Augen starrten durch den Schlitz
in ihrer Kapuze. „Sehr schön, dann -“
„ICH SAGTE DIR, NEIN!“ schrie Lucuis Malfoy die Frau an. „Wenn du sie zerstörst -!“
Harrys Gehirn rannte. Die Todesser wollten diesen staubigen Gold-Glas Anteil. Er hatte kein Interesse daran. Er
wollte nur daß sie hier alle lebend wieder rauskamen, sicherzugehen daß keiner von seinen Freunden auf eine
schreckliche Art und Weise für diese Dummheit von ihm büßen mußte ...
Die Frau ging vorwärts, weg von ihren Kameraden, und zog ihre Kapuze ab. Askaban hatte Bellatrix Lestrangs
Gesicht ausgehöhlt, hager und schädelartig gemacht, aber es lebte mit einer fieberhaften, fanatischen Glut.
„Du brauchst mehr Überzeugung?,“ sagte sie, während ihre Brust schnell stieg und sank. „Nun gut - nehmen wir die
Kleinste,“ befahl sie den Todessern neben ihr, „Laß ihn beobachten wie wir das kleine Mädchen foltern. Ich werde es
tun.“
Harry fühlte wie die anderen näher an Ginny heranrückten; er trat zur Seite sodaß er direkt vor ihr stand, die
Prophezeihung auf Brusthöhe hochgehoben.
„Du wirst dies zerstören müssen, wenn du einem von uns etwas antun willst!,“ sagte er zu Bellatrix. „Ich denke euer
Boss wird nicht sehr zufrieden sein wenn ihr ohne dieses zurückkommt, oder?“
Sie bewegte sich nicht; sie starrte ihn lediglich an, die Spitze ihrer Zunge durchquerte ihren Mund.
„Nun“ sagte Harry, „über welche Art von Prophezeihung sprechen wir?“
Er konnte nicht überlegen was er zu tun hatte, nur er sollte weitersprechen. Nevilles Arm war an seinen gepresst und
er spürte ihn zittern; er spürte den schnellen Atem von einem der anderen an seinem Hinterkopf. Er hoffte sie würden
alle überlegen wie sie hier rauskommen würden, weil er selbst nicht mehr denken konnte.
„Welche Art von Prophezeihung?,“ wiederholte Bellatrix, das Grinsen von ihrem Gesicht verschwand. „Du machst
Witze, Harry Potter.“
„Nein, keine Witze.,“ sagte Harry, seine Augen flogen von einem Todesser zum anderen, nach einer Lücke, wo sie
fliehen könnten, suchend. „Wie kommt Voldemort dazu sie haben zu wollen?“
Einige Todesser ließen leise Zischlaute von sich hören.
„Du wagst es, seinen Namen auszusprechen?,“ wisperte Bellatrix.
„Jau,“ sagte Harry, seinen festen Griff um die Glaskugel beibehaltend, mit einem neuen Versuch rechnend, die
Prophezeihung ihm abzunehmen. „Ja, ich habe kein Problem damit den Namen Vol-“
„Halt deinen Mund!,“ schrie Bellatrix auf. „Du wagst es seinen Namen mit deinen unwürdigen Lippen zu sprechen,
du wagst es ihn mit deiner Halbblutzunge zu beschmutzen, du wagst -“
„Wußtest du, daß er auch Halbblut ist?,“ sagte Harry leichtsinnig, Hermine gab einen kleinen Stöhner von sich.
„Voldemort? Ja, seine Mutter war eine Hexe aber sein Vater war ein Muggel - oder hat er dir erzählt er reinblütig?“
„AUFHÖREN -“
„NEIN!“
Ein Strahl von rotem Licht schoss aus Bellatrix Lestrangs Zauberstab, doch Malfoy lenkte ihn ab; sein Fluch kreuzte
ihren und sie trafen nur einen Fuß von Harry entfernt in einige von den Glasobjekt ein, die daraufhin zersplitterten.
Zwei Figuren, durchsichtig-weiß wie Gespenster, gefüllt von Rauch, aus den Glassplittern aufsteigend, tauchten auf
und begannen zu sprechen. Die Stimmen verschwommen mit den anderen sodaß wegen Malfoys und Bellatrixs
Schimpfereien nur noch Bruchteile zu verstehen waren.
„ … zur Sonnenwende wird kommen ein neuer …,“ sagte die Gestalt eines alten, bärtigen Mannes.
„NICHT ANGREIFEN! WIR BRAUCHEN DIE PROPHEZEIHUNG!“
„Er hat es gewagt - er hat es gewagt -,“ schrie Bellatrix wirr auf, „er steht dort - dreckiges Halbblut -“
„WARTE BIS WIR DIE PROPHEZEIHUNG HABEN!,“ brüllte Malfoy.
..“. und niemand wird folgen ...,“ sagte eine junge Frau.
Die zwei Figuren, die aus der zerschmetterten Kugel entladen hatten, lösten sich in Luft auf. Nichts blieb übrig von
ihnen, bis auf die Glassplitter auf den Boden. Wer sie waren, davon hatte Harry keine Vorstellung. Das Problem war
nur, dies den anderen mitzuteilen.
„Ihr habt mir nicht gesagt was an dieser Prophezeihung so besonders sein soll, die ich euch geben soll,“ sagte Harry
auf Zeit spielend. Er bewegte seinen Fuss langsam seitwärts um nach den anderen zu suchen.
„Spiel nicht mit uns, Potter,“ sagte Malfoy.
„Ich spiel doch garnicht“!, sagte Harry, mit seinen Gedanken halb dabei nach den anderen zu suchen. Dann fand er
jemanden und der Atem verriet ihm daß es Hermine war.
„Was?,“ flüsterte sie.
„Dumbledore hat dir nie erzählt, warum deine Narbe in der Abteilung für Misteriöse Sachen versteckt ist?,“ spottete
Malfoy.
„Ich - was?,“ sagte Harry. Für einen Moment vergaß er seinen Plan. „Was ist mit meiner Narbe?“
„Was?,“ fragte Hermine dringender hinter ihm.
„Kann das sein?,“ fragte Malfoy; ein paar Todesser lachten abermals, und unter dem Gelächter flüsterte Harry
Hermine zu, so wenig wie möglich die Lippen bewegend, „Attackiert -“
„Dumbledore hat es dir nie gesagt?,“ wiederholte Malfoy „Nun, dies erklärt warum du nicht früher gekommen bist,
Potter. Der dunkele Lord wunderte sich schon, warum -“
„- wenn ich sagte jetzt -“
„- du kamst nicht angelaufen als er dir in deinen Träumen gezeigt hat, wo es versteckt ist. Er dachte menschliches
Denken würde dich dazu bringen mehr wissen zu wollen...“
„Tat er das?,“ sagte Harry. Hinter ihm hörte er Hermine die Nachricht weitergeben. „Also wollte er mich hier
hinbekommen und ich sollte sie holen, ja? Warum?“
„Warum?,“ tönte Malfoy ungläubig erfreut. „Weil die einzigen Personen, denen es erlaubt ist eine Prophezeihung
aus der Abteilung der Mysterien zu holen, diejenigen sind, Potter, über die sie gemacht worden ist, wie der Dunkle
Herr erkennen mußte, als er versucht hat die anderen dafür zu benutzen, um sie für ihn zu stehlen.“
„Und weshalb wollte er eine Prophezeihung über mich stehlen?“
„Über euch beide, Potter, über euch beide... hast du dich denn nie gefragt warum der Dunkle Herr versucht hat dich
schon als Kind zu töten?“
Harry starrte in die geschlitzten Öffnungen in der Maske, durch die Malfoys graue Augen glühten. War diese
Prophezeihung der Grund dafür, daß Harrys Eltern gestorben waren, der Grund dafür, daß er diese blitzförmige
Narbe auf seiner Stirn trug? Hielt er etwa die Antwort all dieser Fragen jetzt in seiner Hand?
„Jemand hat eine Prophezeihung über Voldemort und mich gemacht?,“ fragte er leise, während er er Lucius Malfay
anstarrte. Sein Griff verstärkte sich um die warme Glaskugel in seiner Hand. Sie war kaum größer als ein Schnatz
und immer noch schmutzig vom Staub. „Und er hat mich kommen und sie für ihn holen lassen? Warum konnte er es
nicht selbst tun?“
„Es selbst tun?,“ kreischte Bellatrix, während sie wie verrückt gackerte. „Der Dunkle Herr soll in das
Zaubereiministerium hereinspazieren, wenn sie doch alle so schön dabei sind seine Rückkehr nicht zu beachten? Der
Dunkle Herr soll sich selbst den Auroren offenbaren, wenn sie doch gerade ihre Zeit damit verschwenden meinen
lieben Cousin zu jagen?“
„Also hat er dich für seine Schmutzarbeit benutzt, oder etwa nicht?,“ sagte Harry. „So wie er versucht hat Sturgis zu
benutzen, um sie zu stehlen - und Bode?“
„Sehr gut, Potter, wirklich sehr gut...,“ sagte Malfoy langsam. „Aber der Dunkle Herr wußte schon, daß du nicht
unintell- „
„JETZT!,“ brüllte Harry.
Fünf verschiedene Stimmen hinter ihm riefen: „REDUCTO!“ Fünf Flüche flogen in fünf verschiedene Richtungen,
die Regale gegenüber von ihnen explodierten, als sie getroffen wurden; der hochaufgetürmte Bau schwankte, als
hunderte von Glaskugeln zerplatzten, weißschimmernde Figuren entfalteten sich in der Luft und blieben dort
schweben, ihre Stimmen echoten von wer weiß wie lang vergangenen Zeiten mitten in den Sturzbächen von
berstendem Glas und herabregnenden Holzsplittern -
„LAUFT!,“ schrie Harry, als die Regale unsicher hin-und herschwankten und mehr Glaskugeln von oben
herabzufallen begannen. Er packte sich eine handvoll von Hermines Umhang und zog sie vorwärts, während er einen
Arm schützend vor herunterdonnernden Regalstücken und Glassplittern über seinen Kopf erhoben hielt. Ein
Todesser stürzte sich vorfärts durch die Staubwolke und Harry rammte seinen Ellbogen hart in das maskierte
Gesicht; sie schrien alle, überall waren Schmerzensschreie zu hören, und donnerndes Krachen, als die Regale in sich
selbst einstürzten, merkwürdig widerhallende Bruchstücke der Prophezeihungen der Seher brachen aus den Kugeln
hervor -
Harry fand den Weg vor sich frei vor und sah Ron, Ginny und Luna an ihm vorbeilaufen, ihre Arme über ihren
Köpfen; etwas schweres schlug ihn an die Seite seines Gesichts, aber er zog bloß seinen Kopf ein und lief weiter;
eine Hand packte ihn an der Schulter; er hörte Hermine „Stupor!“ rufen. Die Hand ließ ihn sofort los.
Sie waren am Ende von reihe Neunundsiebzig; Harry bog rechts ab und begann richtig zu laufen; er konnte direkt
hinter sich Schritte hören und Hermines Stimme, die Neville vorantrieb; direkt vor ihm stand die Tür, durch die sie
gekommen waren, angelehnt; er warf sich durch die Tür, die Prophezeihung immer noch fest und sicher in seine
Hand geklammert, und wartete, daß die anderen über die Schwelle gestolpert kamen, bevor er die Tür hinter ihnen
zuschlug -
„Colloportus!,“ keuchte Hermine und die Tür versiegelte sich mit einem merkwürdig schmatzendem Geräusch.
„Wo - wo sind die anderen?,“ keuchte Harry.
Er hatte gedacht, daß Ron, Luna und Ginny vor ihnen waren, daß sie in diesem Raum warten würden, aber es war
niemand da.
„Sie müssen den falschen Weg gelaufen sein.,“ flüsterte Hermine, den Schrecken ins Gesicht geschrieben.
„Hört doch!,“ flüsterte Nevile.
Schritte und Rufe hallten durch die Tür, die sie gerade verschlossen hatten; Harry hielt sein Ohr nahe an die Tür
heran, um zu lauschen, und hörte Lucius Malfay brüllen: „Lasst Nott liegen, lasst ihn liegen, sag ich - seine
Verletzungen werden garnichts für den Dunklen Herrn sein im Vergleich dazu die Prophezeihung zu verlieren.
Jugson, komm wieder zurück, wir müssen uns organisieren! Wir werden uns in Paare aufteilen und suchen, und
vergesst nicht, seid sanft zu Potter bis wir die Prophezeihung haben, die anderen könnt ihr töten, wenn es nötig ist -
Bellatrix, Rodolphus, ihr nehmt die linke Seite; Crabbe, Rabastan, geht nach rechts - Jugson, Dolohov, die Tür direkt
vor uns - Macnair und Avery, hier durch - Rookwood, da entlang - Mulciber, kommt mit mir!“
„Was machen wir jetzt?,“ fragte Hermine Harry, von Kopf bis Fuß zitternd.
„Also, wir werden für den Anfang nicht für sie hier bleiben, damit wir gefunden werden,“ sagte Harry. „Lasst uns
von dieser Tür verschwinden.“
Sie rannten so leise wie sie konnten, vorbei an dem glockenförmigen Glasbehälter, in dem die Schale des kleinen Eis
aufsprang und sich wieder verschloss, zum Ausgang in den runden Flur am anderen Ende des Raumes. Sie waren
fast da, als Harry etwas großes und schweres an die Tür stoßen hörte, die Hermine zugezaubert hatte.
„Geh zur Seite!,“ sagte eine rauhe Stimme. „Alohomora!“
Als die Tür aufflog, tauchten Harry, Hermine und Neville unter die Tische. Sie konnten die Säume der Umhänge der
Todesser näherkommen sehen, ihre Füße bewegten sich schnell.
„Sie können direkt in den Flur durchgerannt sein.,“ sagte die rauhe Stimme.
„Sieh unter den Tischen nach.,“ sagte eine andere Stimme.
Harry sah die Knie der Todesser sich beugen; er stieß seinen Zauberstab unter dem Tisch hervor und schrie:
„STUPOR!“
Ein Strahl aus rotem Licht traf den am nächsten stehenden Todesser; er fiel rückwärts in eine alte Standuhr und stieß
sie dabei um; der zweite Todesser, wie auch immer, war zur Seite gesprungen, um Harrys Zauber auszuweichen und
zeigte jetzt mit seinem eigenen Zauberstab auf Hermine, die gerade von dem Tisch hervorkroch, um besser zielen zu
können.
„Avada -“
Harry warf sich über den Boden und packte den Todesser an den Knien, zwang ihn so dazu zu stolpern und und sein
Ziel zu verlieren. Neville kippte einen Tisch um in seinem verzweifelten Bemühen zu helfen; und wild seinen
Zauberstab auf das kämpfende Paar haltend schrie er:
„EXPELLIARMUS!“
Beide, Harrys und der Zauberstab des Todessers flogen aus ihren Händen und segelten zurück zum Eingang zur
Halle der Prophezeihungen; beide kletterten wieder auf ihre Füße hoch stürzten hinter ihren Zauberstäben her, der
Todesser vorne, Harry dicht auf seinen Fersen, Neville bildete den Schluss, deutlich entsetzt über was er getan hatte.
„Geh mir aus dem Weg, Harry,“ schrie Neville, völlig entschlossen den Schaden wieder gut zu machen.
Harry schleuderte sich zur Seite als Neville wieder zielte und rief: „STUPOR!“
Der Strahl aus rotem Licht flog direkt über die Schulter des Todessers und traf einen gläsernen Schrank an der Wand
voll von verschiedenförmigen Stundengläsern; der Schrank fiel auf den Boden und barst auseinander - überall flog
Glas herum - sprang wieder an die Wand zurück, völlig repariert, dann fiel er wieder hinunter, und zerbrach -
Der Todesser hatte seinen Zauberstab aufgehoben, der auf dem Boden neben dem glockenförmigen Glasbehälter
gelegen hatte. Harry duckte sich hinter einen anderen Tisch, als der Mann sich umdrehte; seine Maske war
verrutscht, sodaß er nichts sehen konnte. Er riss sie mit seiner freien Hand herunter und rief: „STUP-“
„STUPOR!,“ schrie Hermine, die sie gerade eingeholt hatte. Der Strahl aus rotem Licht traf den Todesser mitten auf
seiner Brust: er erstarrte, sein Arm immer noch erhoben, sein Zauberstab fiel klappernd auf den Boden und er fiel mit
dem Rücken auf den glockenförmigen Glasbehälter. Harry hatte erwartet, daß er ein dumpfes Geräusch hören würde,
im Angesicht dessen, daß der Mann solides Glas treffen und an dem Behälter zum Boden rutschen würde, stattdessen
sank sein Kopf durch die Oberfläche des glockenförmigen Glases, als ob sie nichts anderes wäre als eine Seifenblase,
und er blieb mit dem Rücken auf dem Tisch ausgestreckt liegen, sein Kopf lag in dem Behälter voller glitzerndem
Wind.
„Accio Zauberstab!,“ schrie Hermine. Harrys Zauberstab flog aus einer dunklen Ecke in ihre Hand und sie warf ihn
zu ihm rüber.
„Danke,“ sagte er. „So. Jetzt aber nichts wie -“
„Achtung!“ sagte Neville entsetzt. Er starrte auf den Kopf des Todesfressers im Glassturz.
Alle drei erhoben erneut ihre Zauberstäbe, aber keiner von ihnen griff an: Sie guckten alle entsetzt und mit offenem
Mund zu, was mit dem Kopf des Mannes geschah.
Er schrumpfte sehr schnell, wurde kahler und kahler, das schwarze Haar und die Bartstoppeln zogen sich in den
Schädel zurück, seine Wangen wurden glatt, sein Schädel rund und bedeckt mit einem pfirsichartigen Flaum...
Ein Babykopf saß nun grotesk auf dem dicken, muskulösen Hals des Todesfressers, als der sich bemühte wieder
aufzustehen. Aber gerade als sie dies mit offenen Mündern beobachteten, begann der Kopf wieder auf seine
vorherigen Proportionen anzuschwellen, dichtes schwarzes Haar spross aus Glatze und Kinn...
„Das ist die Zeit“ sagte Hermine ehrfürchtig, „Zeit....“
Der Todesfresser schüttelte wieder seinen häßlichen Kopf, versuchte ihn klar zu bekommen, aber bevor er sich
zusammenreißen konnte, schrumpfte er schon wieder ins Säuglingsdasein....
Es kam ein Schrei aus einem nahegelegenen Raum, dann ein Krachen und ein Kreischen.
„RON?“ schrie Harry auf und wandte sich schnell von der monströsen Transformation ab, die sich vor ihnen
abspielte. „GINNY? LUNA?“
„Harry!“ kreischte Hermine.
Der Todesfresser hatte seinen Kopf aus dem Glassturz gezogen. Seine Erscheinung war völlig bizarr, sein winziger
Babykopf plärrte laut, während er mit seinen dicken Armen gefährlich in alle Richtungen ruderte und Harry nur
knapp verpasste, der sich geduckt hatte. Harry erhob seinen Zauberstab, doch zu seinem Erstaunen packte Hermine
seinen Arm.
„Du kannst doch einem Baby nicht wehtun!“
Es gab keine Zeit, darüber zu diskutieren, Harry hörte weitere Schritte aus der Halle der Prophezeiungen, die lauter
wurden, und wußte - zu spät - daß er nicht hätte schreien und damit ihren Aufenthaltsort preisgeben sollen.
„Kommt schon!“ sagte er, und sie ließen den häßlichen säuglingsköpfigen Todesfresser hinter sich und machten sich
zur Tür auf, die am anderen Ende des Zimmers offenstand und in die schwarze Diele zurückführte.
Sie hatten die halbe Strecke zurückgelegt, als Harry durch die offene Tür zwei weitere Todesfresser sah, die durch
den schwarzen Raum auf sie zugelaufen kamen; sich nach links wendend stürmte er stattdessen in ein kleines,
dunkles, unordentliches Büro und schlug die Tür hinter ihnen zu.
„Collo-,“ begann Hermine, doch bevor die den Zauberspruch zu Ende bringen konnte, sprang die Tür auf und die
beiden Todesfresser waren hereingestürmt.
Mit einem Triumphgeheul schrien beide:
„IMPEDIMENTA!“
Harry, Hermine und Neville wurden alle rückwärts umgehauen; Neville wurde über den Tisch geschleudert und
verschwand aus dem Blickfeld; Hermine krachte in ein Bücherregal und wurde prompt von einer Kaskade schwerer
Bücher überschwemmt; Harrys Hinterkopf knallte gegen die steinerne Wand hinter ihm, winzige Lichter
explodierten vor seinen Augen und für einen Moment war er zu benommen und verwirrt um zu reagieren.
„WIR HABEN IHN!“ brüllte der Todesfresser, der Harry am nächsten war. „IN EINEM BÜRO DES -“
„Silencio,“ schrie Hermine und die Stimme des Mannes wurde ausgelöscht. Er bewegte zwar weiterhin die Lippen
durch das Loch in seiner Maske, aber kein Ton kam heraus. Er wurde vom anderen Todesfresser zur Seite gestoßen.
„Petrificus totalus!“ rief Harry, als der zweite Todesfresser seinen Zauberstab erhob. Seine Arme und Beine klappten
zusammen und er fiel nach vorne, mit dem Gesicht nach unten auf den Teppich vor Harrys Füße, steif wie ein Brett
und unfähig sich zu bewegen.
„Gut gemacht, Ha -“
Doch der Todesfresser, den Hermine gerade zum Verstummen gebracht hatte, machte eine plötzliche peitschende
Bewegung mit seinem Zauberstab; ein purpurner Feuerschweif [purpur? ach halt: ein Feuerschweif, irgendwo
zwischen lila und violett ;-)] traf genau Hermines Brustkasten. Sie gab ein winziges „Oh“ von sich, als ob sie
überrascht wäre, und brach auf den Boden zusammen, wo sie regungslos liegenblieb.
„HERMINE!“
Harry fiel neben ihr auf die Knie, während Neville schnell von unter dem Schreibtisch auf sie zugekrochen kam, mit
vor ihm erhobenen Zauberstab. Der Todesfresser trat hart nach Nevilles Kopf, als dieser auftauchte - sein Fuß brach
Nevilles Zauberstab entzwei und traf sein Gesicht. Neville heulte vor Schmerz auf und fuhr zurück, sich Mund und
Nase haltend. Harry drehte sich um, sein eigener Zauberstab erhoben, und sah, daß der Todesfresser seine Maske
heruntergerissen hatte und seinen Zauberstab direkt auf Harry richtete, der das lange, bleiche, verzerrte Gesicht aus
dem Tagespropheten wiedererkannte: Antonin Dolohov, der Zauberer, der die Prewitts ermordet hatte.
Dolohov grinste. Mit seiner freien Hand zeigte er erst auf die Prophezeiung, die Harry noch fest in der Hand hielt,
dann auf sich selbst, dann auf Hermine. Obwohl er nicht mehr sprechen konnte, hätte die Bedeutung nicht klarer sein
können. Gib mir die Prophezeiung, sonst ergeht es dir wie ihr...
„Als ob Sie uns nicht sowieso alle umbringen würden, sobald ich sie übergebe!“ sagte Harry.
Ein panisches Winseln in seinem Kopf hielt ihn davon ab, klar zu denken: Er hatte eine Hand auf Hermines Schulter,
die noch warm war, aber er wagte nicht, sie genauer anzusehen. Laß sie nicht tot sein, laß sie nicht tot sein, es ist
meine Schuld, wenn sie tot ist...
„Wadimmer du tus, Harry!“ sagte Neville hitzig von unter dem Tisch und ließ die Hände sinken, so daß eine deutlich
gebrochene Nase und Blut, das von seinem Mund und Kinn heruntertropfte, sichtbar wurden, „gibbie ihm nich!“
Dann kam von der Tür her ein Krachen und Dolohov guckte über die Schulter - der säuglingsköpfige Todesfresser
war in der Tür erschienen, sein Kopf plärrte, seine großen Fäuste schlugen immer noch unkontrolliert um sich. Harry
ergriff seine Chance:
„PETRIFICUS TOTALUS!“
Der Zauber traf Dolohov, bevor er ihn abblocken konnte und er kippte nach vorne, quer über seinen Kameraden,
beide stocksteif und völlig unfähig, sich zu bewegen.
„Hermine“ sagte Harry sofort, und schüttelte sie, während der säuglingsköpfige Todesfresser wieder nach draußen
taumelte. „Hermine, wach auf...“
„Wad had er mid ihr gemach?“ sagte Neville, der von unter dem Tisch hervorgekrochen kam, um sich auf ihrer
anderen Seite hinzuknien, während das Blut aus seiner schnell anschwellenden Nase strömte.
„Weißnich...“
Neville tastete nach ihrem Handgelenk.
„Da is ein Buls, Harry, i bin sicher.“
Eine so kraftvolle Welle der Erleichterung durchfuhr Harry, daß er sich einen Moment schwindlig fühlte.
„Sie lebt?“
„Ja, i deng chon.“
Es entstand eine Pause, in der Harry angestrengt nach dem Klang weiterer Schritte lauschte, aber alles was er hören
konnte, war das Wimmern und Herumstolpern des säuglingsköpfigen Todesfressers im Zimmer nebenan.
„Neville, wir sind nicht weit vom Ausgang weg,“ flüsterte Harry, „wir sind genau neben dem kreisförmigen Raum...
wenn wir dich da durch kriegen und den richtigen Ausgang finden, bevor noch mehr Todesfresser kommen, kannst
du Hermine bestimmt durch den Gang und in den Lift kriegen... dann kannst du jemanden finden... Alarm
schlagen...“
„Un was has du vor?,“ sagte Neville, wischte seine blutende Nase mit dem Ärmel ab und guckte Harry zweifelnd an.
„Ich muß die anderen finden,“ sagte Harry.
„Gud, ich wedde sie mid dir fingen,“ sagte Neville bestimmt.
„Aber Hermine -“
„Wi nehben sie mid,“ sagte Neville fest. „Ich drage sie - du bis besser als ich darin, die su bekämfen -“ Er stand auf
und packte einen von Hermines Armen und starrte Harry an, welcher zögerte, dann den anderen Arm ergriff und
half, Hermines schlaffen Körper über Nevilles Schulter zu bugsieren.
„Warte,“ sagte Harry, hob Hermines Zauberstab auf und schob ihn Neville in die Hand, „den nimmst du besser mit.“
Neville kickte die kaputten Fragmente seines eigenen Zauberstabs zur Seite, als sie langsam zur Tür gingen. „Beine
Oba wid mich umbingen,“ sagte Neville heiser und Blut spritzte beim Sprechen aus seiner Nase, „dad wa der alde
Zauberstab von meim Baba.“
Harry streckte seinen Kopf zur Tür heraus und sah sich vorsichtig um. Der babyköpfige Todesser schrie und knallte
gegen Dinge, umkippende Standuhren und umstürzende Schreibtische, brüllend und verwirrt, während eine
Glasvitrine an der Wand hinter ihnen, von der Harry annahm, sie enthielte Zeitumkehrer, weiter fiel, zerbrach und
sich selbst reparierte.
„Er wird uns niemals bemerken,“ flüsterte er. „Kommt schon … bleibt dicht hinter mir …“
Sie krochen aus dem Büro und mit dem Rücken zur Tür in richtung des schwarzen Korridors, der nun vollkommen
verlassen da lag. Sie gingen ein paar Schritte vorwärts, Neville schwankte leicht aufgrund Hermines Gewicht; die
Tür des Zeitraums schloß sich hinter ihnen und die Wände begannen einmal mehr, sich zu drehen; er verengte seine
Augen, leicht schwankend, bis die Wände wieder aufhörten, sich zu bewegen. Mit sinkendem Herzen, sah Harry, daß
Hermines feurige Kreuze auf den Türen verblaßt waren.
„Also, was meinst du, welchen Weg sollen wir neh -?“
Aber bevor sie eine Entscheidung fällen konnten, mit welchem Weg sie es versuchen wollten, sprang eine Tür zu
ihrer rechten auf und drei Personen fielen heraus.
„Ron!“ krächzte Harry, auf sie zustürmend. „Ginny - seid ihr alle -?“
„Harry,“ sagte Ron, schwächlich kichernd, vorwärts torkelnd, nach Harrys Robe greifend und ihn mit unscharfen
Augen anstarrend, „da bist du … ha ha ha … du siehst komisch aus, Harry … ihr seid alle verhunzt …“
Rons Gesicht war sehr weiß und etwas dunkles tröpfelte aus seinem Mundwinkel. Im nächsten Moment gaben seinen
Knie nach, aber er hatte Harrys Robe immer noch fest im Griff, so daß Harry in eine Art Verbeugung gezogen
wurde.
„Ginny?“ sagte Harry ängstlich. „Was ist geschehen?“
Aber Ginny schüttelte ihren Kopf und rutschte die Wand hinunter in eine sitzende Haltung, japsend und ihre Knöchel
haltend.
„Ich denke ihr Knöchel ist gebrochen, ich hörrte es knacken,“ flüsterte Luna, die sich über sie beugte, und die als
einzige unverletzt zu sein schien. „Vier von ihnen jagten uns in einen dunklen Raum voller Planeten; es war ein sehr
eigenartiger Raum, einige Zeit lang schwammen wir geradewegs in die Dunkelheit -“
„Harry, wir sahen Uranus ganz nah!“ sagte Ron, immer noch matt kichernd. „Hast du“s, Harry? Wir sahen Uranus -
ha ha ha -“
Eine Blutblase bildete sich an Rons Mundwinkel und zerplatzte.
„- jedenfalls, einer von ihnen ergriff Ginny“s Fuß, ich benutzte den Reductor Fluch und blies ihm Pluto ins Gesicht,
aber …“
Luna wies hoffnungslos auf Ginny, die nur sehr flach atmete, ihre Augen immer noch geschlossen.
„Und was ist mit Ron?“ sagte Harry angsterfüllt, als Ron fortfuhr zu kichern, immer noch an der Vorderseite von
Harrys Robe hängend.
„Ich weiß nicht, womit sie ihn geschlagen haben,“ sagte Luna traurig, „aber er ist ein wenig komisch geworden, ich
konnte ihn kaum dazu bewegen, mitzukommen.“
„Harry,“ sagte Ron, der Harrys Ohr an seinen Mund heranzog und immer noch schwach kicherte, „weißt du, wer
dieses Mädchen ist, Harry? Das ist Loony … Loony Loveggood … Bekloppte Lovegood … ha ha ha“
„Wir müssen hier rauskommen”, sagte Harry fest. „Luna, kannst du Ginny helfen?“
„Ja,“ sagte Luna, ihren Stab zur Sicherheit hinter ihr Ohr klemmend, dann legte sie einen Arm um Ginnys Taille und
zog sie hoch.
„Es ist nur mein Knöchel, ich kann“s schon selbst!“ sagte Ginny ungeduldig, aber im nächsten Moment brach sie
seitlich ein und griff nach Luna als Stütze.
Harry zog Ron“s Arm über seine Schulter, so wie vor einigen Monaten, als er Dudley gezogen hatte. Er sah sich um:
sie hatten eine Chance von eins zu zwölf, das sie den richtigen Ausgang beim ersten mal erwischten.
Er stemmte Ron in Richtung einer Tür; sie waren nur ein paar Fuß davon entfernt, als eine andere Türe in die Halle
aufsprang und drei Todesser hereinstürmten, angeführt von Bellatrix Lestrange.
„Da sind sie!“ schrie sie auf.
Lähmungssprüche schossen durch den Raum: Harry schlug den Weg durch die nächste Tür ein, warf Ron kurzerhand
von sich und duckte sich zurück um Neville mit Hermine zu helfen: sie waren alle über die Türschwelle und es
wurde Zeit, die Türe vor Bellatrix Nase zuzuschlagen.
„Colloportus!“ schrie Harry, und er hörte drei Körper gegen die Türe auf der anderen Seite knallen.
„Das macht nichts!“ sagte eine Männerstimme. Es gibt andere Wege da rein - „WIR HABEN SIE, SIE SIND
HIER!“
Harry sah sich um; sie waren wieder zurück im Gehirn-Raum und, tatsächlich, an allen Wänden waren Türen. Er
konnte die Schritte in der Halle hinter ihnen hören, als weitere Todesser angelaufen kamen, um sich den ersten
anzuschließen.
„Luna - Neville - helft mir!“
Die drei sausten durch den Raum, versiegelten die Türen an denen sie vorbeikamen; Harry stürzte gegen einen Tisch
und rollte über dessen Oberseite in der Eile, die nächste Türe zu erreichen:
„Colloportus!“
Da liefen Schritte hinter den Türen entlang, überall jetzt und hörte man einen schweren Körper gegen einen anderen
schleudern, das es knirrschte und zitterte; Luna und Neville verhexten die Türe an der entgegengesetzten Wand -
dann, als Harry die oberen Teil des Raumes erreichte, hörte er Lunas Schrei:
„Collo - aaaaaaaaargh …“
Er drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um sie durch die Luft fliegen zu sehen; fünf Todesser brandeten durch die
Tür in den Raum, die sie nicht rechtzeitig erreicht hatte; Luna schlug auf einen Schreibtsich, schlitterte über dessen
Oberfläche und auf den Boden auf der anderen Seite, wo sie ausgestreckt liegenblieb, so reglos, wie Hermine.
„Erledigt Potter!“ kreischte Bellatrix, und sie lief auf ihn zu; er wich ihr aus und spurtete zurück den Raum hinauf; er
war so lange sicher, wie sie glaubten, sie könnten die Prophezeiung treffen -
„Hey!“ sagte Ron, der auf schwankend auf die Füße gekommen war und nun wie betrunken Harry
entgegenschwankte., kichernd. „Hey Harry, es sind Gehirne hier drin, ha ha ha, ist das nicht eigenartig, Harry?“
„Ron, mach das du aus dem Weg kommst, geh runter -“
Aber Ron deutete bereits mit seinem Stab auf einen Tank.
„Ehrlich, Harry, da sind Gehirne - schau - Accio Gehirn!“
Die Szene schien vorläufig eingefroren zu sein. Harry, Ginny und Neville und jeder der Todesser, drehten sich um
ihre Achse, um zu sehen wie der Deckel des Tanks auseinanderplatzte, als ein Gehirn aus der grünen Flüssigkeit, wie
ein Fisch heraussprang: for einen Moment hing es bewegungslos in der Luft, dann schwebte es auf Ron zu, drehte
sich wie es kam, und was aussah wie ein Band aus bewegten Bildern die davon wegflogen, entwirrte sich wie eine
Filmrolle -
„Ha ha ha, Harry, sieh dir das an -“ sagte Ron, zusehend wie es seine farbigen Innereien ergoß, „Harry, komm“ und
berühr es; wette, daß es eigenartig ist -“
„RON, NEIN!“
Harry wußte nicht, was geschehen würde, wenn Ron die Gedankententakel, die jetzt hinter dem Gehirn herflogen,
berühren würde, aber er war sich sicher, es wäre nichts gutes. Er flitzte vorwärts, aber Ron hatte das Gehirn bereits
mit seinen ausgestreckten Händen gefangen.
In dem Augenblick, als sie seine Haut berührten, begannen die Tentakel sich wie Taue um seine Arme zu winden.
„Harry, sie mal wasa geschieht - Nein - nein - mir gefällt es nicht - nein, halt - halt -“
Aber die dünnen Bänder drehten sich jetzt um Rons Brustkorb; er zerrte und zerrte an ihnen, als das Gehirn sich
straff an ihn zog, wie der Körper eines Tintenfischs.
„Diffindo!“ brüllte Harry, versuchend die Fühler abzutrennen, die sich dicht vor seinen Augen um Ron schlangen,
aber sie ließen sich nicht brechen. Ron stürzte um, sich immer noch gegen seine Fesseln wehrend.
„Harry, sie werden ihn ersticken!“ schrie Ginny, unbeweglich aufgrund ihres gebrochenen Knöchels am Fußboden -
dann flog eine dünner Strahl rochten Lichts aus einem der Stäbe der Todesser und traf sie direkt im Gesicht. Sie
kippte seitlich weg und blieb bewußtlos liegen.
„STUPOR!“ rief Neville, herumfahrend und schwenkte Hermines Stab gegen die ankommenden Todesser,
„STUPOR, STUPOR!“
Aber nichts geschah.
Einer der Todesser schoß ihren eigenen Lähmungsspruch gegen Neville; er ging nur wenige Zentimeter an ihm
vorbei. Harry und Neville waren jetzt die einzigen beiden, die übrig geblieben waren, um gegen die fünf Todesser zu
kämpfen, zwei von denen sandte Ströme silbernen Lichts, wie Pfeile, aber sie trafen nicht, hinterließen jedoch Krater
in der Wand hinter ihnen. Harry lief los, als Bellatrix Lestrange auf ihn zugelaufen kam: er hielt die Prophezeiung
hoch über seinem Kopf, er spurtete zurück durch den Raum; alles woran er denken konnte, war, das er die Todesser
von den anderen weglocken mußte.
Es schien funktioniert zu haben; sie flitzten ihm hinterher, zerschmetterten Stühle und ließen Tische davonfliegen,
aber sie wagten es nicht, ihn zu bezaubern, da sie der Prophezeiung nicht schaden wollten, und er stürmte zu der
einzigen Türe, die sich noch öffnen ließ, die eine, durch die die Todesser selber hereingekommen waren; innerlich
betend, das Neville bei Ron bleiben würden und einen Weg fand um ihn zu befreien. Er lief ein paar Meter in den
neuen Raum und fühlte, wie der Boden verschwand -
Er fiel eine steile Steintreppenstufe nach der anderen, schlug auf jeder Kante auf, bis er schließlich mit einem
Aufprall, der ihm den Atem verschlug, auf dem Rücken aufkam. Er war auf der untersten ausgetretenen Stufe
gelandet, wo der steinerne Bogen auf seinem Sockel stand. Der ganze Raum dröhnte von dem Gelächter der
Todesser: Er sah auf uns das die fünf, die schon in dem Raum mit den Hirnen gewesen waren, auf ihn zukommen,
während viele weitere aus anderen Torbögen kamen und sich über die Bänke hinweg ihm näherten. Harry sprang auf
die Füße, obwohl seine Beine so zitterten, daß er kaum stehen konnte: Die Prophezeiung war wunderbarerweise
nicht zerbrochen, er hielt sie in der linken Hand, und sein Zauberstab hatte er fest umklammert in der rechten. Er trat
zurück, sah sich um und versuchte, alle Todesser im Blick zu halten. Seine Beine berührten hinten etwas hartes: er
hatte den Sockel es Torbogens erreicht.
Rückwärts kletterte er hinauf.
Die Todesser blieben alle stehen und sahen ihn intensiv an. Einige keuchten so sehr wie er. Einer blutete stark;
Dolohov, die von der Körperklammer befreit worden war, stand drohend da und hatte seinen Zauberstab auf Harrys
Gesicht gerichtet.
„Potter, dein Rennen ist gelaufen,“ sagte Lucius Malfoy schleppend und nahm seine Maske herunter, „nun sei ein
braver Junge und gib mir die Prophezeiung.“
„Lassen... lassen sie die anderen gehen, und ich geb sie Ihnen,“ sagte Harry verzweifelt.
Einige der Todesser lachten.
„Du bist nicht in der Position, Forderungen zu stellen, Potter,“ sagte Lucius Malfoy, sein blasses Gesicht vor
Vernügen gerötet. „Sieh mal, wir sind zehn, und du bist nur einer alleine... oder hat Dumbledore dir nicht einmal das
Zählen beigebracht?“
„Er isd nichd alleindte,“ ruf eine Stimme über ihnen, „Er ad noch immerd mich!“
Harrys Herz setzte einen Schlag aus: Neville kam die Treppe zu ihm heruntergeklettert, Hermines Zauberstab fest in
der zitternden Hand.
„Neville - nein - geh zurück zu Ron!“
„STUBEFY!“ rief Neville wieder und zeigte reihum auf jeden Todesser, „STUBEFY! STUBE -“
Einer der größten Todesser griff Neville von hinten und hielt seine Arme an den Seiten fest. Er wehrte sich und trat;
mehrere der Todesser lachten.
„Das ist Longbottom, nicht wahr?“ spottete Lucius Malfoy. „Nun, deine Großmutter ist ja daran gewohnt,
Familienmitglieder wegen uns zu verlieren... dein Tod wird kein allzugroßer Schock für sie sein.“
„Longbottom?“ wiederholte Bellatrix, und ein wirklich böses Grinsen erhellte ihr ausgemergeltes Gesicht. „Nun, ich
hatte das Vergnügen, deine Eltern zu treffen, Junge.“
„If bedweifle daff Fie daf hapen!“ schrie Neville, und er kämpfte so stark gegen den harten Griff des Todessers, daß
der rief, „Jemand muß ihn betäuben!“
„Nein, nein, nein,“ sagte Bellatrix. Sie sah völlig verändert aus, lebendig vor Aufregung, als sie Harry anblickte, und
dann zurück zu Neville sag. „Nein, laß uns sehen, wie lange Lonbottom es aushält, bis er zusammenbricht wie seine
Eltern... außer, Potter will uns doch die Prophezeiung geben.“
„Gip fie ihr nichd,“ brüllte Neville, der neben sich zu stehen schien, er trat und wandte sich , als sie Bellatrix sich mit
erhobenen Zauberstab ihm und seinem Fänger näherte. „Gip fie ihr nichd, Haddy!“
Bellatrix hob ihren Zauberstab. „Crucio!“
Neville schrie, die Beine an die Brust gezogen, so daß der Todesser, der ihn hielt, ihn einen Moment über dem
Boden hielt. Der Todesser ließ ihn los, und er fiel auf den Boden, sich vor Schmerz windend und schreiend.
„Das war nur ein Vorgeschmack,“ sagte Bellatrix und hob ihren Zauberstab, so daß Nevilles Schreie aufhörten und
er schluchtend zu ihren Füßen lag. Sie drehte sich um und sah zu Harry hinauf. „Nun, Potter, entweder du gibst und
die Prophezeiung, oder du kannst zusehen, wie dein kleiner Freund hier auf die schwere Tour stirbt.“
Harry mußte gar nicht nachdenken, da gab es keine Wahl. Die Prophezeiung war heiß von der Hitze seiner
umklammernden Hand, als er sie hinhielt. Malfoy sprang hervor, um sie zu nehmen.
Dann öffneten sich über ihnen zwei weitere Türen, und fünf weitere Personen lieden in den Raum: Sirius, Lupin,
Moody, Tonks und Kingsley.
Malfoy drehte sich um und hob seinen Zauberstab, aber Tonks hatte bereits einen Schockzauber zu ihm geschickt.
Harry wartete nicht um zu sehen, ob er ankam, sondern sprang gleich von dem Sockel aus dem Weh. Die Todesser
waren vom Erscheinen der Ordensmitglieder völlig abgelenkt, die nun einen Spruch nach dem anderen auf sie
herabregnen ließen, während sie Stufe um Stufe zu dem eingesunkenen Boden sprangen. Durch die fliegenden
Körper und die Blitze der Flüche hindurch konnte er sehen, wie Neville zu ihm gekrochen kam. Er wich einem
weiteren roten Lichtblitz aus und warf sich flach auf den Boden, um an Neville heranzukommen.
„Bist du OK?“ schrie er, als ein weiterer Fluch wenige Zentimeter über ihre Köpfe hinwegzischte.
„Ja,“ sagte Neville und versuchte sich aufzusetzen.
„Und Ron?“
„If dendte er ift in Ordnung - er dämpfte nod immerd mid dem Dehirn, alf if weg bin.“
Der Steinfußboden zwischen ihnen explodierte, als er von einem Fluch getroffen wurde. Ein Krater blieb zurück,
genau da, wo eben noch Nevilles Hand gewesen war; sie beide krochen von diesem Platz weg, als ein dicker Arm
von Nirgendwoher kam und Harrys um den Hals faßte und ihn hochzog, daß seine Zehen kaum noch den Boden
berührten.
„Gib sie mir,“ grollte eine Stimme in sein Ohr, „gib mir die Prophezeiung -“
Der Mann drückte so stark gegen Harrys Kehle, daß er nicht atmen konnte. Durch Tränen in den Augen sah er Sirius
sich mit einem der Todesser keine drei Meter von ihm entdernt duellieren, Kingsley kämpfte mit zweien
gleichzeitig; Tonks, noch immer halb auf den ausgetretenen Stufen, feuerte Flüche auf Bellatrix - keiner schien zu
bemerken, daß Harry gerade starb. Er drehte seinen Zauberstab nach hinten, zu der Seite des Mannes, doch er hatte
keine Luft, um einen Zauber zu sprechen, und die freie Hand des Mannes griff nach der Hand, mit der Harry die
Prophezeiung fest umklammert hielt - „AARGH!“
Neville kam aus dem Nichts nach vorne; unfähig, einen Zauber zu sprechen, er hatte Hermines Zauberstab hart in
die Augenöffnung der Maske des Todessers gestochen. Der Mann Ließ Harry sofort mit einem Schmerzensschrei
los. Harry wirbelte herum um ihn anzusehen und keuchte: „STUPEFY!“
Der Todesser fiel hinten über, uns seine Maske rutschte zur Seite: Es war Marnair, Seidenschnabels verhinderter
Mörder, eines seiner Augen war jetzt geschwollen und blutunterlaufen.
„Danke!“ sagte Harry zu Neville und zog ihn zur Seite, als Sirius und sein Todesser zur Seite taumelten, sie
duellierten sich dermaßen, daß ihre Zauberstäbe verwischten; dann berührte Harrys Fuß etwas rundes, und er
rutschte aus. Einen Moment lang dachte er, er hätte die Prophezeiung fallen gelassen, soch dann sah er Moodys
magisches Auge quer über den Fußboden trudeln.
Sein Besitzer lag auf der Seite, er blutete am Kopf, und sein Angreifer beugte sich nun über Harry und Neville:
Dolohov, dessen langes, blasses Gesicht vor Freude verzogen war.
„Tarantallegra!“ schrie er und zeigte mit seinem Zauberstab auf Neville, dessen Beine sofort in eine Art extatischen
Stap-Tanz verfielen, ihn außer Gleichgewicht brachten, so daß er wieder auf den Boden fiel. „Jetzt, Potter!“
Er machte die gleiche schlagende Bewegung mit seinem Zauberstab, die er schon bei Hermine angewandt hatte, als
Harry rief: „Protego!“
Harry fühlte, wie etwas über sein Gesicht zog, wie ein stumpfes Messer, der Schwung davon stieß ihn zur Seite, und
er fiel über Nevilles Zuckende Beine, aber der Schutz-Zauber hatte das Schlimmste des Zaubers abgewehrt.
Dolohov hob wieder seinen Zauberstab. „Accio prophe-“
Sirius kam aus dem Nichts herangeschossen, rammte Dolohov mit seiner Schulter und ließ ihn aus dem Weg
sliegen. Die Prophezeiung war wieder zu Harrys Fingerspitzen gerutscht, doch Harry schaffte es, sie fest zu halten.
Jetzt duellierten sich Sirius und Dolohov, ihre Zauberstäbe blitzen auf wie Schwerter, Funken sprühten aus den
Spitzen der Stäbe.
Dolohov zog seinen Zauberstab zurück, um die selbe Bewegung zu machen, die er schon bei Harry und Hermine
angewandt hatte. Harry sprang auf und schrie: „Petrificus Totalus!.“ Wieder einmal schnappten Dolohovs Arme und
Beine zusammen, und er fiel hinten über und landete klatschend auf seinem Rücken. „Gut gemacht,“ schrie Sirius
und drückte Harrys Kopf herunter, ale einige Schockzauber zu ihnen flogen. „Jetzt geht hier raus-“
Sie beide duckten sich erneut, als strahl grünen Lichtes hatte Sirius knapp verfehlt. Quer durch den Raum konnte
Harry sehen, wie Tonks von hlaber Höhe die Steinstufen hinunterfiel, ihr schlaffer Körper rollte von Stufe zu Stufe,
und Bellatrix lief triumphierend in das Kampfgetümmel.
„Harry, nimm die Prophezeiung, schnapp dir Neville und renn!“ schrie Sirius und stürzte sich auf Bellatrix. Harry
sah nicht, was als nächstes geschah: Kingsley schwankte durch sein Blickfeld. Er kämpfte mit dem pockennarbigen,
nicht mehr maskierten Rockwood. Ein weiterer Strahl grünen Lichts flog über Harrys Kopf, während er sich
Richtung Neville bewegte. „Kannst du stehen?“ brüllte Harry Neville ins Ohr, da Nevilles Beine stießen und
zuckten. „Leg deinen Arm um meinen Hals.“ Neville machte es und Harry hob ihn hoch. Nevilles Beine flogen noch
immer in alle Richtungen, sie würden ihn nicht tragen. Dann aus dem Nichts stürzte sich ein Mann auf sie. Beide
fielen rückwärts, Nevilles Beine strampelten, wie bei einem auf dem Rücken liegender Käfer, Harry hielt den linken
Arm in die Höhe, um den kleinen Glasball vor der Zerstörung zu retten.
„Die Prophezeiung, gib mir die Prophezeiung, Potter!“ knurrte Lucius Malfoy in sein Ohr und Harry spürte den
Druck von Malfoys Zauberstab hart zwischen seinen Rippen.
„Nein - geh -weg -von -mir … Neville - fang sie!“
Harry schleuderte die Prophezeiung über den Boden, Neville drehte sich auf den Rücken und drückte den Ball an
seine Brust. Malfoy richtete nun seinen Zauberstab auf Neville, aber Harry zielte mit seinem eigenen Zauberstab
über seine Schulter und schrie „Impedimenta!“
Malfoy wurde auf seinen Hintern geschleudert. Als Harry sich aufgerappelt hatte, schaute er sich um und sah, daß
Malfoy in das Podium geknallt war, auf welchem sich Sirius und Bellatrix duellierten. Malfoy zielte mit seinem
Zauberstab wieder auf Harry und Neville, doch bevor er Atem holen und zurückschlagen konnte, sprang Lupin
dazwischen.
„Harry such die andern und GEH!“
Harry packte Neville an der Schulter seines Gewands und hob ihn unsanft auf die erste Stufe der Steintreppe.
Nevilles Beine strampelten und zuckten und trugen sein Gewicht nicht; Harry stützte ihn mit all seiner Kraft und sie
erklommen eine weitere Stufe. Ein Zauberspruch traf den Tritt unter Harrys Fersen, dieser zerbröckelte und Harry
fiel zurück auf die untere Stufe. Neville sank zu Boden seine Beine strampelten und zappelten immer noch. Er
steckte die Prophezeiung in seine Tasche.
„Komm!“ sagte Harry verzweifelt an Nevilles Gewand zerrend, „Versuch es einfach und stütz dich auf deine
Beine..“ Er gab Neville erneut einen gewaltigen Ruck und Nevilles Gewand riss dem linken Saum entlang, das
kleine drehende Glas kullerte aus der Tasche. Bevor einer der beiden es fangen konnte, wurde es von einem von
Nevilles zappelnden Füssen getroffen. Es flog etwa drei Meter nach rechts und zersplitterte auf der Treppe unter
ihnen. Als beide, entsetzt über das Geschehene, auf den Stelle starrten, auf der es zerbrochen war, wuchs eine
perlweiße Figur mit ungeheuer vergrößerten Augen in die Luft. Niemand außer ihnen nahm Notiz davon. Harry sah,
wie sich der Mund bewegte, aber bei all dem Krach, dem Kreischen und den Schreien um sie herum, konnte er kein
Wort verstehen. Die Figur hörte auf zu sprechen und löste sich in Nichts auf.
„Harry, es tut mir leid“ weinte Neville mit qualvollem Gesicht, als seine Beine weiter strampelten. „Es tut mir leid,
Harry, ich wollte nicht-“
„Das macht nichts!“ rief Harry „ versuch nur zu stehen, dann gehen wir hier raus.“
„Dubbledore!,“ sagte Neville sein schweißnasses Gesicht bewegte sich plötzlich und starrte über Harrys Schulter.
„Was?!“
„DUBBLEDORE!“
Harry drehte sich um zu sehen, wohin Neville starrte. Direkt über ihnen im Türrahmen des Gehirnzimmers stand
Albus Dumbledore mit erhobenem Zauberstab. Sein Gesicht war weiß und wütend. Harry fühlte eine elektrisierende
Spannung jeden Teil seines Körpers durchfluten - sie waren gerettet.
Dumbledore rannte die Treppe herunter vorbei an Harry und Neville, welche nicht mehr daran dachten zu gehen.
Dumbledore war schon am Fuß der Treppe, als die nächststehenden Todesser ihn bemerkten und den anderen riefen.
Ein Todesser rannte davon, krabbelte wie ein Affe die Treppe auf der gegenüberliegenden Seite empor. Dumbledores
Zauberspruch zog ihn zurück so leicht und mühelos als hätte er ihn an eine unsichtbare Schnur gehakt.
Nur ein Paar war immer noch am kämpfen, anscheinend ohne den Neuankömmling zu bemerken. Harry sah, wie
Sirius sich vor Bellatrixs rotem Lichtstrahl duckte. Er lachte sie aus: „Komm schon, du kannst mehr als das!,“ schrie
er, seine Stimme widerhallte in dem hohlen Raum.
Ein zweiter Lichtstrahl traf ihn quer über die Brust. Das Lachen in seinem Gesicht war noch nicht erstorben, aber
seine Augen weiteten sich vor Schreck.
Harry erhob sich, während es Neville unmöglich war, es ihm gleich zu tun. Er sprang erneut die Stufen hinunter,
seinen Zauberstab herausziehend, als Dumbledore sich dem Podium zuwandte. Es schien als würde Sirius eine
Ewigkeit brauchen um zu fallen, sein Köper zu einem anmutigen Bogen gekrümmt, sank zurück durch den
zerlumpten Schleier, der am Torbogen hing. Harry sah den Blick gemischt aus Angst und Überraschung auf dem,
einst hübschen Gesicht seines Paten, als er durch den alten Eingang fiel und hinter dem Schleier verschwand,
welcher für einen Moment flatterte, wie in einem starken Sturm und dann wieder in seine ursprüngliche Lage
zurückfiel.
Harry hörte Bellatrix Lestranges triumphierenden Schrei, aber er wußte, daß dieser nichts zu bedeuten hatte - Sirius
war nur durch den Torbogen gefallen und würde in einer Sekunde von der anderen Seite her wieder erscheinen.
Aber Sirius erschien nicht wieder.
„SIRIUS,“ schrie Harry. „SIRIUS!“
Er hatte den Boden erreicht und rannte auf das Podium zu. Lupin packte Harry um die Brust und hielt ihn zurück.
„Du kannst nichts machen, Harry -“
„Hol ihn, rette ihn, er ist nur da durchgefallen!“
„- es ist zu spät, Harry.“
„Wir können ihn immer noch erreichen -“ Harry kämpfte fest und verbissen, aber Lupin ließ nicht los.
Da ist nichts, das du tun kannst, Harry … nichts … er ist fort.“
Kapitel 36 - Der Einzige, den er jemals fürchtete
„Er ist nicht weg!“ schrie Harry.
Er konnte es nicht glauben; er wollte es nicht glauben; er kämpfte gegen Lupins Griff mit aller Kraft, die er noch
hatte. Lupin verstand offenbar nicht, hinter diesem Vorhang waren Leute - Harry hatte ihr Flüstern gehört, als er den
Raum zum ersten Mal betreten hatte. Sirius versteckte sich nur, er lauerte nur außer Sicht -
„SIRIUS!“ schrie er. „SIRIUS!“
„Er kann nicht zurückkommen, Harry,“ ächzte Lupin, seine Stimme von der Anstrengung verzerrt, Harry
festzuhalten. „Er kann nicht zurückkommen, denn er ist t-“
„ER - IST - NICHT - TOT!“ brüllte Harry. „SIRIUS!“
Um sie herum tobte der Kampf in einem wirren Tumult und unter den Blitzen weiterer Zaubersprüche weiter. Für
Harry hatte der Lärm keine Bedeutung mehr; die Flüche, die als Querschläger an ihnen vorbeiflogen, spielten keine
Rolle. Nichts spielte mehr eine Rolle, außer daß Lupin seine Behauptung über Sirius zurücknahm, der nur wenige
Meter vor ihnen hinter diesem alten Vorhang stand - daß er nicht jeden Augenblick wieder auftauchen, sein
schwarzes Haar zurückwerfen und sich wieder kampflustig ins Gefecht stürzen würde.
Lupin zog Harry von der Estrade fort. Während Harry immer noch auf den Bogengang starrte, wurde er wütend auf
Sirius, weil er ihn warten ließ -
Aber während er noch versuchte, von Lupin freizukommen, wurde ihm in seinem Inneren klar, daß Sirius ihn
niemals zuvor hatte warten lassen - Sirius war stets jedes Risiko eingegangen, um zu Harry zu gelangen, um ihm zu
helfen ... wenn Sirius nicht wieder im Bogengang erschien, während Harry nach ihm rief, als hinge sein Leben davon
ab, gab es nur eine Erklärung: Er konnte nicht zurückkommen - er war wirklich ...
Dumbledore hatte die meisten übrig gebliebenen Todesesser in der Mitte des Raumes zusammengetrieben, wo sie
offenbar von unsichtbaren Fesseln festgehalten wurden. Mad-Eye Moody war durch den Raum zu Tonks geschlichen
und versuchte sie wiederzubeleben. Hinter der Estrade gab es immer noch Lichtblitze, Grunzen und Schreie -
Kingsley war dorthin gelaufen, um Sirius“ Kampf mit Bellatrix fortzusetzen.
„Harry?“
Neville war die steinernen Stufen eine nach der anderen bis zu dem Platz hinuntergerutscht, wo Harry stand. Harry
wehrte sich nicht länger gegen Lupin, der ihn trotzdem vorsorglich weiter am Arm festhielt.
„Harry, ef dud mir wirglig leid ...“ sagte Neville. Seine Beine zappelten immer noch unkontrollierbar umher. „War
dieder Mann - war Diriuf Black ein Freund von dir?“
Harry nickte.
„Hier,“ sagte Lupin leise, er richtete seinen Zauberstab auf Nevilles Beine und sagte „Finite.“ Der Zauberspruch
wurde aufgehoben; Nevilles Beine fielen zurück auf den Boden und blieben still liegen. Lupin war blaß im Gesicht.
Er sagte „Wir sollten - wir sollten nach den anderen schauen. Wo sind sie, Neville?“
Lupin wandte sich vom Bogengang ab, während er sprach. Es klang, als bereitete ihm jedes Wort Schmerzen.
„Die find alle dord hinden,“ sagte Neville. „Ein Gehirn had Ron angegriffn, aber i glaub er ift OG - und Hermine ift
bewuftlof, aber wir gonnden ihren Pulf fühlen -“
Es gab einen lauten Knall und einen Schrei hinter der Estrade. Harry sah, wie Kingsley schreiend vor Schmerz zu
Boden ging. Bellatrix Lestrange wandte sich zur Flucht und rannte los, während Dumbledore sich ruckartig zu ihr
wandte. Er schickte ihr einen Fluch nach, den sie jedoch ablenkte; schon war sie die halbe Treppe hinaufgerannt -
„Harry - nein!“ rief Lupin, aber Harry hatte sich schon aus seinem gelockerten Griff losgerissen.
„SIE HAT SIRIUS GETÖTET!“ brüllte Harry. „SIE HAT IHN GETÖTET - UND JETZT TÖTE ICH SIE!“
Und er rannte los und sprang die steinernen Stufen hinauf. Leute riefen hinter ihm her, aber er kümmerte sich nicht
darum. Der Saum von Bellatrix“ Umhang flog vor ihm außer Sicht, und sie gelangten zurück in dem Raum, in dem
die Gehirne schwammen.
Sie schickte einen Fluch über ihre Schulter. Der Tank stieg in die Höhe und kippte um. Harry wurde von dem faulig
stinkenden Gebräu überschüttet, die Gehirne rutschten und glitten auf ihn zu und begannen, ihre langen bunten
Tentakel zu schwenken, aber er rief „Wingardium Leviosa!,“ und sie flogen von ihm fort in die Höhe. Rutschend lief
er zu der Tür, er sprang über Luna hinweg, die stöhnend auf dem Boden lag, und vorbei an Ginny, die „Harry - was-
?“ hinter ihm herrief, an dem leise kichernden Ron und der immer noch bewusstlosen Hermine. Er riss die Tür zu der
runden schwarzen Halle auf und sah, wie Bellatrix durch eine Tür auf der anderen Seite des Raumes verschwand; der
Korridor dahinter führte zurück zu den Aufzügen.
Er rannte los, aber sie hatte bereits die Tür hinter sich zugeschlagen, und die Wände rotierten schon. Wiederum war
er von den blauen Lichtstreifen der wirbelnden Leuchter umgeben.
„Wo ist der Ausgang?“ rief er verzweifelt, als die Wände wieder anhielten. „Wo geht es nach draußen?“
Der Raum schien darauf gewartet zu haben, daß er fragte. Die Tür rechts von ihm sprang auf, und der leere Korridor
zu den Aufzügen erstreckte sich im Licht der Fackeln vor ihm. Er rannte los.
Vor sich konnte er einen Aufzug klappern hören. Er sprintete den Gang hinunter, jagte um die Ecke und schlug seine
Faust auf den Knopf, um einen zweiten Aufzug zu rufen. Dieser quietschte und rumpelte zu ihm herunter; das Gatter
öffnete sich, Harry sprang hinein und hämmerte nun auf den Knopf mit der Beschriftung „Atrium.“ Die Türen glitten
zu und er fuhr nach oben ...
Noch bevor das Gatter ganz offen war, zwang er sich aus den Lift heraus und sah sich um. Bellatrix war fast am
Telefonaufzug am anderen Ende der Halle angekommen, aber sie sah zurück, als er auf sie zurannte, und schickte
ihm einen weiteren Zauberspruch entgegen. Er sprang hinter den Brunnen der magischen Bruderschaft in Deckung,
der Spruch schoss an ihm vorbei und traf die goldgeschmiedeten Tore am anderen Ende des Atriums, die wie
Glocken aufklangen. Es waren keine Fußschritte mehr zu hören, sie hatte aufgehört zu laufen. Er duckte sich hinter
die Statuen und lauschte.
„Komm raus, komm raus, lieber Harry!“ flötete sie in ihrer nachgemachten Babystimme, die vom polierten
Holzfußboden widerhallte. „Warum bist du mir überhaupt nachgekommen? Ich dachte, du wolltest meinen lieben
Cousin rächen!“
„Das werde ich auch!“ schrie Harry, und ein gespenstischer Chor von Harrys schien in der ganzen Halle zu
wiederholen Ich auch! Ich auch! Ich auch!
„Ahhhhh ... hast du ihn geliebt, kleiner süßer Potter?“
Hass stieg in Harry auf, wie er ihn nie zuvor gekannt hatte. Er sprang hinter dem Springbrunnen hervor und schrie
„Crucio!“
Bellatrix schrie auf; der Zauberspruch hatte sie von den Füßen gerissen, aber sie schrie und krümmte sich nicht vor
Schmerzen, wie Neville es getan hatte; schon stand sie wieder auf ihren Beinen, aber sie war außer Atem und lachte
nicht länger. Harry sprang wieder hinter den goldenen Brunnen. Ihr Gegenfluch traf den Kopf des gutaussehenden
Zauberers, er wurde abgerissen und flog etwa sieben Meter weiter auf den hölzernen Boden, in den er lange Kratzer
riss.
„Du hast noch nie zuvor einen Unverzeihlichen Fluch benutzt, nicht wahr, Junge?“ schrie sie. Ihre Babystimme
hatte sie abgelegt. „Du mußt es wirklich wollen, Potter! Du mußt wirklich Qualen verursachen wollen - um es zu
genießen. Gewöhnlicher, rechtschaffender Zorn wird mir nicht lange wehtun. Ich zeige dir mal, wie es gemacht wird,
soll ich? Ich erteile dir eine Lektion -“
Harry bog gerade auf der anderen Seite um den Brunnen herum, als sie „Crucio!“ schrie, und er mußte sich wieder
ducken, während der Arm des Zentauren, der den Bogen hielt, davonwirbelte und krachend ein Stück weit von dem
goldenen Zaubererkopf auf den Boden fiel.
„Potter, gegen mich kannst du nicht gewinnen!“ rief sie.
Er konnte hören, wie sie sich nach rechts bewegte, um ihn ins Schussfeld zu bekommen. Er wich ihr um die Statue
herum aus und duckte sich hinter die Zentaurenbeine, sein Kopf auf einer Höhe mit dem des Hauselfen.
„Ich war und bin die treueste Dienerin des Schwarzen Lords. Ich habe die Dunklen Künste von ihm selbst gelernt,
und ich kenne Zaubersprüche von solcher Macht, daß du armseliger kleiner Junge niemals hoffen kannst, es mit mir
aufzunehmen -“
„Stupor!“ schrie Harry. Er hatte sich bis zu der Stelle vorgeschoben, wo der Kobold zu dem nun kopflosen Zauberer
hinaufstrahlte, und auf ihren Rücken gezielt, während sie am Springbrunnen vorbeispähte. Sie reagierte so schnell,
daß er kaum Zeit hatte, sich zu ducken.
„Protego!“
Der Strahl aus rotem Licht, sein eigener Betäubungszauber, prallte auf ihn zurück. Harry sprang zurück hinter den
Springbrunnen, und ein Ohr des Kobolds flog quer durch den Raum.
„Potter, ich gebe dir eine Chance!“ schrie Bellatrix. „Gib mir die Prophezeihung - roll sie jetzt zu mir herüber - und
ich werde dein Leben verschonen!“
„Nun, dann wirst du mich töten müssen, weil sie nämlich weg ist!“ rief Harry, und während er es schrie, schossen
Schmerzen über seine Stirn; seine Narbe brannte wieder wie Feuer, und er spürte eine Welle des Zorns, die nicht mit
seiner eigenen Wut zusammenhing. „Und er weiss es!“ sagte Harry mit einem verrückten Lachen, wie dem von
Bellatrix. „Dein lieber alter Kumpel Voldemort weiss, daß sie verloren ist! Er wird nicht sonderlich zufrieden mit dir
sein, nicht wahr?“
„Was? Was meinst du damit?“ schrie sie, und zum ersten Mal lag Angst in ihrer Stimme.
„Die Prophezeihung ist zersprungen, als ich versucht habe, Neville die Treppe hinauf zu bringen! Was glaubst du
wohl, was Voldemort dazu sagen wird?“
Seine Narbe sengte und brannte ... der Schmerz in ihr ließ seine Augen tränen ...
„LÜGNER!“ kreischte sie, aber er konnte jetzt das Entsetzen hinter der Wut hören. „DU HAST SIE, POTTER,
UND DU WIRST SIE MIR GEBEN! Accio Prophezeihung, ACCIO PROPHEZEIHUNG!“
Harry lachte wieder, weil er wußte, daß es sie noch wütender machen würde; der Schmerz in seinem Kopf wurde so
heftig, daß er dachte, sein Kopf müsse platzen. Er winkte mit seiner leeren Hand hinter dem einohrigen Kobold
hervor und zog sie schnell wieder zurück, als sie einen weiteren Strahl aus grünem Licht gegen ihn schoss.
„Es ist nichts hier!“ schrie er „Hier gibt es nichts herbei zu rufen! Sie ist zersprungen, und niemand hat gehört, was
sie sagte, erzähl das deinem Boss!“
„Nein!“ kreischte sie. „Das ist nicht wahr, du lügst! MEISTER, ICH HABE ES VERSUCHT, ICH HABE ES
VERSUCHT - BESTRAFT MICH NICHT -“
„Spar dir deinen Atem!“ rief Harry, er kniff seine Augen gegen den Schmerz in seiner Narbe zusammen, der jetzt
schlimmer war als je zuvor. „Er kann dich von hier aus nicht hören!“
„Tatsächlich nicht, Potter?“ sagte eine hohe, kalte Stimme.
Harry öffnete seine Augen.
Er war groß, dünn und schwarz-verhüllt, sein schreckliches, schlangengleiches Gesicht war bleich und finster, seine
scharlachroten Augen mit den geschlitzten Pupillen starrten ... Lord Voldemort war in der Mitte der Halle
erschienen, und sein Zauberstab deutete auf Harry, der wie angewurzelt darstand, unfähig, sich zu rühren.
„So, du hat also meine Prophezeihung zerschlagen?“ sagte Voldemort leise und starrte Harry mit diesen
erbarmungslosen roten Augen an. „Nein Bella, er lügt nicht ... Ich sehe, wie die Wahrheit mir aus seinem wertlosen
Geist entgegenblickt ... Monate der Vorbereitung ... und meine Todes-Esser haben zugelassen, daß Harry Potter
erneut meine Pläne durchkreuzt ...“
„Meister, es tut mir leid, Ich wußte es nicht. Ich habe mit dem Animagus Black gekämpft!“ schluchzte Bellatrix und
warf sich Voldemort vor die Füße, als er langsam näher kam. „Meister, ihr solltet wissen -“
„Sei still, Bella,“ sagte Voldemort unheilvoll. „Ich werde mich später mit dir befassen. Glaubst du, ich bin in das
Zaubereiministerium gekommen, um deine jämmerlichen Entschuldigungen zu hören?“
„Aber Meister - er ist hier - er ist unten -“
Voldemort schenkte ihr keine Beachtung.
„Ich habe dir nichts mehr zu sagen, Potter,“ sagte er leise. „Du hast mich schon zu oft und zu lange geärgert.
AVADA KEDAVRA!“
Harry hatte nicht einmal seinen Mund geöffnet, um sich zu widersetzen; Sein Geist war völlig leer, sein Zauberstab
zeigte nutzlos zum Boden.
Aber die kopflose goldene Zaubererstatue auf dem Springbrunnen erwachte plötzlich zum Leben, sie sprang von
ihrem Podest herunter und landete krachend auf dem Boden zwischen Harry und Voldemort. Der Zauberspruch
prallte einfach von ihrer Brust ab, als die Statue ihre Arme ausstreckte, um Harry zu schützen.
„Was -?“ schrie Voldemort und blickte um sich. Und dann keuchte er „Dumbledore!“
Harry sah mit klopfendem Herzen hinter sich. Dumbledore stand vor den goldenen Toren.
Voldemort hob seinen Stab, und ein weiterer grüner Lichtstrahl schoss auf Dumbledore zu, der sich umwandte und in
einem Wirbel seines Umhangs verschwand. In der nächsten Sekunde tauchte er hinter Voldemort wieder auf und
schwang seinen Zauberstab in Richtung der Überreste des Springbrunnens. Die anderen Statuen erwachten zum
Leben. Die Statue der Hexe rannte auf Bellatrix zu , die aufschrie und ihr Zaubersprüche entgegenschickte, die
wirkungslos von ihrer Brust abglitten, bevor sie sie ansprang und sie auf den Boden warf. Inzwischen eilten der
Kobold und der Hauself zu den Feuerstellen an den Wänden, und der einarmige Zentauer gallopierte auf Voldemort
zu, der sich in Luft auflöste und neben dem Becken wieder auftauchte. Die kopflose Statue schob Harry nach hinten,
von dem Kampf weg, während Dumbledore auf Voldemort zukam und der goldene Zentauer um sie herum
gallopierte.
„Es war dumm von dir, heute nacht hierher zu kommen, Tom,“ sagte Dumpledore ruhig. „Die Auroren sind schon
auf dem Weg -“
„Wenn sie hier eintreffen, bin ich längst fort, und du bist tot!“ fauchte Voldemort. Er schickte einen weiteren
Tötungszauber gegen Dumbledore, verfehlte ihn aber und traf stattdessen das Pult des Wachpersonals, das in
Flammen aufging.
Dumbledore schnippte mit seinem eigenen Stab; die Kraft des Zaubers die ihm entströmte war so stark, daß Harry
trotz der Deckung hinter seinem goldenen Wächter fühlte, wie ihm das Haar zu Berge stand, als er an ihm
vorbeiflog, und diesmal mußte Voldemort einen glänzenden silbernen Schild aus der Luft zaubern, um ihn
abzuwehren. Worin auch immer der Zauber bestand, er verursachte keine sichtbare Beschädigung an dem Schild,
obwohl ein tiefer, gongartiger Ton von ihm widerhallte, ein eigenartig kalter Klang.
„Du versuchst nicht, mich zu töten, Dumbledore?“ rief Voldemort, seine scharlachroten Augen verengten sich über
dem Rand des Schildes. „Du stehst wohl über solcher Brutalität, oder?“
„Wir wissen beide, daß es andere Wege gibt, einen Menschen zu vernichten, Tom.“ sagte Dumbledore ruhig und
ging weiter auf Voldemort zu, als ob er nichts in der Welt zu fürchten hätte, als ob nichts geschehen wäre, das ihn
dabei gestört hätte, durch die Halle zu spazieren. „Nur dein Leben zu nehmen, würde mich nicht zufriedenstellen, das
gebe ich zu -“
„Es gibt nichts schlimmeres als den Tod, Dumbledore!“ knurrte Voldemort.
„Da liegst du völlig falsch,“ sagte Dumbledore, während er sich Voldemort immer weiter näherte und so unbefangen
sprach, als würden sie die Angelegenheit bei einem Gläschen besprechen. Harry fühlte Entsetzen ,als er ihn
weitergehen sah, ungedeckt und schutzlos; er wollte ihm eine Warnung zurufen, aber sein kopfloser Wächter schob
ihn weiter nach hinten zur Wand, und vereitelte jeden seiner Versuche, hinter ihm hervor zu kommen. „In der Tat,
deine Unfähigkeit zu begreifen, daß es viel schlimmere Dinge als den Tod gibt, war immer deine größte Schwäche -
„
Ein weiterer Strahl aus grünem Licht zischte hinter dem silbernen Schild hervor. Diesmal fing der einarmige
Zentaur, der sich gallopierend vor Dumbledore stellte, den Strahl ab und zersprang in hundert Teile, aber noch bevor
die Bruchstücke den Boden erreichten, hatte Dumbledore wieder seinen Zauberstab gezogen und ließ ihn durch die
Luft sausen wie bei einem Peitschenschlag. Eine lange, dünne Flamme schoss aus der Spitze hervor; sie wickelte
sich um Voldemort mitsamt seinem Schild. Einen Moment lang schien es, als hätte Dumbledore gewonnen, aber
dann verwandelte sich das flammende Band in eine Schlange, die sofort ihren Griff um Voldemort löste und sich mit
einem wütenden Zischen Dumbledore zuwandte.
Voldemort verschwand; die Schlange richtete sich vom Boden auf, bereit zum Zustoßen -
Ein Feuerball entstand mitten in der Luft über Dumbledore, gerade als Voldemort wieder erschien, er stand auf dem
Podest in der Mitte des Beckens, wo kurz vorher noch die fünf Statuen gestanden hatten.
„Passen sie auf!“ schrie Harry.
Aber schon während er schrie, flog ein neuer Strahl aus grünem Licht von Voldemorts Zauberstab auf Dumbledore
zu, und die Schlange stieß zu -
Fawkes stieß vor Dumbledore herab, öffnete weit seinen Schnabel und verschluckte den grünen Lichtstrahl in einem
Stück; er ging in Flammen auf und fiel auf den Boden, als kleines, verschrumpeltes, flügelloses Küken. Im gleichen
Moment schwang Dumbledore seinen Stab in einer langen, fließenden Bewegung - die Schlange, die kurz davor war,
ihre Fänge in ihn zu schlagen, flog hoch in die Luft und verschwand in einer Wolke aus dunklem Rauch; und das
Wasser in dem Becken erhob sich und umschloss Voldemort wie ein Kokon aus geschmolzenem Glas.
Ein paar Sekunden lang war Voldemort nur als eine dunkle, gekräuselte, gesichtslose Gestalt erkennbar, die
undeutlich auf dem Podest schimmerte und offensichtlich darum rang, die erstickende Masse um sie herum
abzuwerfen -
Dann war er verschwunden, und das Wasser stürzte klatschend wieder in sein Becken zurück, schwappte heftig über
die Ränder hinweg und überspülte den Boden.
„MEISTER!“ schrie Bellatrix.
Sicher, daß es vorbei war, und sicher, daß Voldemort die Flucht ergriffen hatte, versuchte Harry, hinter seiner
Wächterstatue hervorzulaufen, aber Dumbledore brüllte „Bleib, wo du bist, Harry!“
Zum ersten mal klang Dumbledore besorgt. Harry konnte nicht erkennen, warum. Die Halle war völlig leer,
abgesehen von ihnen beiden, der schluchzenden Bellatrix, die immer noch unter der Hexenstatue gefangen war, und
dem Phönixküken Fawkes, der leise auf dem Boden krächzte -
Dann schien Harrys Narbe zu explodieren, und er dachte, er müsse sterben; es war Schmerz jenseits jeglicher
Vorstellung, Schmerz bis zum Unerträglichen -
Er war nicht länger in der Halle, er war gefangen im Leib einer Kreatur mit roten Augen, so eng mit ihr verwachsen,
daß er nicht wußte, wo sein Körper endete und der der Kreatur begann; sie waren miteinander verschmolzen,
verbunden durch Schmerzen, und es gab kein Entkommen -
Und als die Kreatur sprach, benutzte sie Harrys Mund, und in seiner Agonie fühlte er, wie sich sein Kiefer bewegte
...
„Töte mich doch, Dumbledore …”
Blind und sterbend, während jeder Teil seines Körpers nach Erlösung schrie, spürte Harry, wie die Kreatur ihn erneut
benutzte ...
„Wenn der Tod nichts bedeutet, Dumbledore, dann töte den Jungen ...“
Der Schmerz soll aufhören, dachte Harry ... soll er uns töten ... mach ein Ende, Dumbledore ... der Tod ist nichts im
Vergleich hierzu ...
Und ich werde Sirius wiedersehen ...
Doch als Harrys Herz sich mit Emotionen füllte, lösten sich die Windungen der Kreatur, der Schmerz war vorüber;
Harry lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, seine Brille war fort, und er zitterte, ab ob er auf Eis statt
Holz läge ...
Und da waren Stimmen, die durch den Raum hallten, mehr Stimmen, als dort hätten sein dürfen ... Harry öffnete
seine Augen und sah seine Brille neben der Ferse der kopflosen Statue liegen, die ihn beschützt hatte, aber nun flach
auf ihrem Rücken lag, zerbrochen und unbeweglich. Er setzte sich die Brille auf, hob ein wenig den Kopf, und sah
Dumbledores krumme Nase, nur Zentimeter von seiner eigenen entfernt.
„Bist du in Ordnung, Harry?“
„Ja,“ sagte Harry, während er so stark zitterte, daß er seinen Kopf nicht ruhig nach oben halten konnte. „Ja, ich bin -
wo ist Voldemort, wo - wer sind alle diese Leute - was ist -“
Das Atrium war voller Menschen; der Boden spiegelte die smaragdgrünen Flammen wider, die in den Feuerstellen
an der Wand zum Leben erwacht waren; und Ströme von Zauberern und Hexen tauchten daraus hervor. Als
Dumbledore ihn wieder auf seine Füße zog, sah Harry die kleinen goldenen Statuen des Hauselfs und des Kobolds,
die einen verdutzt aussehenden Cornelius Fudge vorwärtsführten.
„Er war dort!“ schrie ein Mann mit einem scharlachroten Umhang und einem Pferdeschwanz, und deutete auf einen
goldenen Schutthaufen auf der anderen Seite der Halle, wo noch einen Moment zuvor die gefangene Bellatrix
gelegen hatte. „Ich habe ihn gesehen, Mr. Fudge, Ich schwöre ihnen, es war sie-wissen-schon-wer, er hat eine Frau
gepackt und ist mit ihr verschwunden!“
„Ich weiss, Williamson, ich weiss, ich habe ihn auch gesehen!“ keuchte Fudge, der einen Pyjama unter seinem
Nadelstreifenumhang trug und nach Luft schnappte, als wäre er gerade meilenweit gelaufen. „Merlins Bart - hier -
hier! - im Zaubereiministerium! - grundgütiger Himmel - es kann einfach nicht wahr sein - wie ist das nur möglich?“
„Wenn sie die Treppe zur Abteilung für Mysterien hinuntergehen, Cornelius,“ sagte Dumbledore, der sich offenbar
überzeugt hatte, daß Harry in Ordnung war, und nun vortrat, so daß die Hinzugekommenen ihn bemerkten (einige
von ihnen hoben ihre Zauberstäbe; andere sahen nur verwirrt aus; die Statuen des Hauselfen und des Kobolds
applaudierten, und Fudge machte einen solchen Satz, daß seine pantoffelbekleideten Füße den Boden verließen) „-
werden sie mehrere entflohene Todes-Esser in der Totenreichkammer finden, die durch einen Anti-
Disapparierungszauber festgehalten werden und auf ihre Entscheidung warten, was mit ihnen geschehen soll.“
„Dumbledore!“ schnaufte Fudge, außer sich vor Verblüffung. „Sie - hier - ich - ich -“
Er sah sich hektisch zu den Auroren um, die er mitgebracht hatte, und es konnte nicht klarer sein, daß er halb im
Begriff war, „Ergreift ihn!“ zu rufen.
„Cornelius, ich bin sehr wohl in der Lage, gegen ihre Leute zu kämpfen - und wieder zu gewinnen!“ sagte
Dumbledore mit donnernder Stimme. „Aber vor ein paar Minuten haben sie mit ihren eigenen Augen den Beweis
gesehen, daß ich ihnen seit einem Jahr die Wahrheit gesagt habe. Lord Voldemort ist zurückgekehrt. Sie haben seit
zwölf Monaten den falschen Mann gejagt, und es wird Zeit, daß sie zur Vernunft kommen!“
„Ich - werde nicht - also -“ brauste Fudge, und sah in die Runde, als ob er hoffte, daß ihm jemand sagen würde, was
er tun solle. Als niemand das tat, sagte er „Na schön - Dawlish! Williamson! Gehen sie hinunter zur Abteilung für
Mysterien und sehen sie nach ... Dumbledore, sie - sie müssen mir genau sagen - der Brunnen der magischen Brüder
- was ist passiert?“ fügte er in einer Art Wimmern hinzu und starrte auf den Boden, auf dem die Überreste der
Statuen der Hexe, des Zauberers und des Zentauren verstreut lagen.
„Das können wir diskutieren, nachdem ich Harry nach Hogwarts zurückgebracht habe,“ sagte Dumbledore.
„Harry - Harry Potter?“
Fudge wirbelte herum und starrte Harry an, der immer noch an der Wand neben der umgestürzten Statue stand, die
ihn während Dumbledores und Voldemorts Duell beschützt hatte.
„Er - hier?“ sagte Fudge und glotzte Harry an. „Was - was hat das alles zu bedeuten?“
„Ich werde alles erklären,“ wiederholte Dumbledore, „wenn Harry zurück in der Schule ist.“
Er ging vom Becken zu dem Ort, wo der goldene Zaubererkopf auf dem Boden lag. Er richtete seinen Zauberstab auf
ihn und murmelte „Portus.“ Der Kopf glühte blau auf und vibrierte ein paar Sekunden lang geräuschvoll auf dem
Holzboden, dann lag er wieder still.
„Also einen Moment mal, Dumbledore!“ sagte Fudge, während Dumbledore den Kopf aufhob und damit zu Harry
ging. „Sie haben keine Erlaubnis für diesen Transportschlüssel! Sie können solche Sachen nicht einfach vor dem
Zaubereiminister durchziehen, sie - sie -“
Seine Stimme fiel in sich zusammen, als Dumbledore ihn über seine halbmondförmigen Brillengläser hinweg
durchdringend ansah.
„Sie werden Anweisung geben, Dolores Umbridge von Hogwarts zu entfernen,“ sagte Dumbledore. „Sie werden
ihren Auroren befehlen, ihre Suche nach meinem Lehrer für die Pflege magischer Wesen einzustellen, damit er
wieder an die Arbeit gehen kann. Ich überlasse ihnen ...“ Dumbledore zog eine Taschenuhr mit zwölf Zeigern aus
der Tasche und warf einen Blick darauf ..“.eine halbe Stunde meiner Zeit heute nacht, in welcher wir meiner
Meinung nach die wichtigen Punkte dessen, was hier passiert ist, ausführlich besprechen können sollten. Danach
muß ich in meine Schule zurückkehren. Falls sie noch mehr Hilfe von mir brauchen, sind sie natürlich herzlich
willkommen, mit mir in Hogwarts Kontakt aufzunehmen. Briefe an den Schulleiter werden mich erreichen.“
Fudge glotzte noch ratloser als vorher, sein Mund stand offen, und sein rundes Gesicht unter seinem zerwühlten
grauen Haar lief immer mehr rosa an.
„Ich - sie - „
Dumbledore wandte sich von ihm ab.
„Nimm diesen Transportschlüssel, Harry.“
Er hielt ihm den goldenen Statuenkopf hin, und Harry legte seine Hand darauf, es kümmerte ihn nicht mehr, was er
als nächstes tat, oder wohin er ging.
„Wir sehen uns in einer halben Stunde,“ sagte Dumbledore leise. „Eins ... zwei ... drei ...“
Harry empfand das vertraute Gefühl, als ob ein Haken hinter seinem Nabel zurückgerissen wurde. Der polierte
Holzfußboden unter seinen Füßen war fort; das Atrium, Fudge und Dumbledore waren verschwunden, und er flog in
einem Wirbel von Farben und Geräuschen vorwärts ...
Kapitel 37 - Die verlorengegangene Prophezeiung
Harry fühlte festen Boden unter seinen Füßen; seine Knie zitterten ein wenig und der golene Zaubererkopf fiel mit
einem leisen plong auf den Boden. Er sah sich um und bemerkte, daß er in Dumbledor“s Büro angekommen war.
Alles im Büro schien sich während der Abwesenheit des Schulleiters selbst repariert zu haben. Die wunderschönen
Silberinstrumente standen erneut auf den spindelbeinigen Tischen, surrten und zischten heiter. Die Bilder der
ehemaligen Schulleiter und Schulleiterinnen schnarchten in ihren Rahmen, die Köpfe lässig zurück in einem
Lehnstuhl oder den Rand der Gemälde angelehnt. Harry blickte durch das Fenster. Man sah einen schmalen Streifen
bleichen Grüns am Horizont: die Morgendämmerung brach an.
Die Ruhe und Stille, unterbrochen nur durch das gelegentliche Schnarchen oder Grunzen eines der schlafenden
Bilder, war ihm unerträglich. Wenn seine Umgebung die Gefühle in seinem Inneren wiederspiegeln würde, hätten
die Bilder vor Schmerz aufgeschrien. Er schritt durch das ruhige, wunderschöne Büro, ruhig atmend, und versucht
nicht zu denken. Aber er mußte denken … es gab keine Fluchtmöglichkeit …
Es war seine Schuld, das Sirius gestorben war; es war alles seind Schuld. Wenn er, Harry, nicht dumm genug
gewesen wäre, auf Voldemorts Trick hereinzufallen, wenn er nicht so überzeugt davon gewesen wäre, daß das, was
er in seinen Träumen sah, real gewesen wäre, wenn er nur die Möglichkeit bedacht hätte, das Voldemort, so wie
Hermine es gesagt hatte, mit Harrys heimlicher Liebe, den Helden zu spielen, gerechnet hatte …
Es war ihm unerträglich, er wollte nicht darüber nachdenken, er konnte es nicht länger ertragen ... in ihm war eine
große, schreckliche Leere, die er nicht fühlen oder analysieren wollte, ein dunkles Loch, wo Sirius gewesen war, wo
Sirius verschwunden war; er wollte nicht allein sein, mit diesem großen, stillen Raum, er konnte es nicht länger
ertragen -
Ein Gemälde hinter ihm gab ein plötzliches, lautes Schnarchen von sich, and eine kalte Stimme sagte: „Ah … Harry
Potter …“
Phineas Nigellus gab ein ausgedehntes Gähnen von sich, streckte seine Arme als er Harry aus seinen klugen,
verengten Augen musterte.
„Und was bringt dich hierher zu so früher Stunde ? „ sagte Phineas, soweit Harry ihn verstehen konnte.
„Dieses Büro darf allein nur der Schulleiter betreten. Oder hat Dumbledore dich etwa hierher geschickt ? Oh nein,
erzähl es mir nicht ....““
Ein weiteres fürchterliches Gähnen entsprang aus seinem Hals.
„Noch eine Nachricht für meinen nutzlosen Ur-Ur-Urenkel ?“
Harry konnte kein Wort sagen. Phineas Nigellus wußte offensichtlich nicht, daß Sirius tot war und Harry konnte es
ihm auch nicht sagen. Es laut auszusprechen würde es so endgültig machen, so absolut und umunkehrbar.
Ein paar andere Gemälde waren von den Geräuschen aufgewacht. Aus Angst vor der nun abzusehenden Befragung
hastete er zur Bürotür und drückte die Klinke.
Die Tür öffnete sich nicht. Er war hier gefangen.
„Ich hoffe das bedeutet“ sagte der dickliche, rotnäsige Zauberer der an der Wand hinter des Schulleiters Bürotisch
hing, „daß Dumbledore bald wieder bei uns sein wird ?“
Harry drehte sich um. Der Zauberer betrachtete ihn mit großem Interesse. Harry nickte. Er drückte noch einmal die
Türklinke in seinem Rücken, aber die Tür öffnete sich nicht.
„ Oh Gott“ sagte der Zauberer. Es war so langweilig ohne ihn, sehr langweilig.“
Er machte es sich in dem Sessel bequem, der wie ein Thron wirkte und in dem er gemalt worden war und lächelte
gütig auf Harry herab
„Dumbledore hält große Stücke von uns, ich bin sicher, das weißt du“ sagte er.
„Du hast ja großen Einfluss auf ihn.“
Die Schuld, die in Harrys Brust wie ein tonnenschwerer, monströser Parasit saß, bohrte und fraß an ihm. Harry hatte
das Gefühl als könnte er es nicht länger ertragen, als könnte er es nicht mehr länger ertragen er selbst zu sein.
.. er hatte sich noch nie in seinem Leben so gefangen in seinem eigenen Kopf und Körper gefühlt, noch nie hatte er
sich so danach gesehnt jemand anderes, irgend jemand anderes zu sein....
Plötzlich explodierte im leeren Kamin eine smaragdgrüne Flamme, die Harry zwangen von der Tür abzurücken und
den Mann anzustarren der hinter dem Kamingitter erschien. Als Dumbeldore“s schmaler Körper sich in der Flamme
entwickelte und er zu seiner ganzen Größe erwuchs, erwachten alle Zauberer und Zauberinnen auf den Bürowänden.
Viele stießen Freudenschreie aus.
„Ich danke euch“ sagte Dumbledore sanft.
Er vermied es Harry anzusehen, er wanderte zuerst zu der Stange neben der Tür und zog aus einer Innentasche seines
Mantels einen kleinen, hässlichen, federlosen Falken, den er sanft auf den Ascheeimer unter dem goldenen Pfosten
setzte, dort wo normalerweise die erwachsenen Falken standen.
„So Harry,“ sagte Dumbledore, und drehte sich nun zu Harry um, du wirst erfreut sein zu erfahren, daß niemand
deiner Mitschüler einen ernsthaften Schaden durch die Ereignissen der gestrigen Nacht davongetragen hat.
Harry versuchte „ Gut „ zu sagen, aber seine Stimme versagte ihm ihren Dienst. Es schien ihm so, daß Dumbledore
ihn an die Menge von Schäden erinnern wollte, die er verursacht hatte und obwohl Dumbledoor ihm einmal kurz in
die Augen sah und obwohl Dumbledor eher fürsorglich, denn erbost schien, konnte ihm Harry nicht in die Augen
sehen.
„Madame Pomfrey päppelt alle auf“ sagte Dumbledore.
„Nymphadora Tonks muß vielleicht eine kurze Zeit in St. Mungos verbringen, aber sie wird sich wahrscheinlich
wieder voll und ganz erholen.
Harry nickte nur zu den Berichten von Dumbledoore in Richtung des Teppichs der in dem Maße heller wurde, wie
draußen der Himmel dunkler wurde.
Er war sich sicher: alle Portraits um ihn herum hörten sorgfältig auf jedes Wort.
Dumbledore sprach weiter, erzählte wo er und Harry gewesen waren und warum sie verletzt wurden.
„Ich kenne deine Gefühle Harry“ sagte Dumbledore sehr ruhig.
„Kennen Sie nicht“ antwortete Harry und seine Stimme war plötzlich laut und fest. Tiefer schwarzer Ärger stieg in
ihm hoch; Dumbledore wußte gar nichts von seinen Gefühlen.
„Siehst du Dumbledore“ sagte Phineas Nigellus, oberschlau „ versuche niemals Schüler zu verstehen. Sie hassen es.
Sie wollen lieber tragisch missverstanden werden, eingehüllt in Selbstmitleid, eingetopft in ihr eigenes.....“
„Das ist genug Phineas“ sagte Dumbledore.
Harry drehte Dumbledore den Rücken zu und starrte aus dem Fenster. In der Entfernung konnte er das Quidditch
Stadion sehen. Sirius war dort einmal erschienen, verwandelt in einen zotteligen schwarzer Hund, so daß er Harrys
zusehen konnte … er war wahrscheinlich gekommen um zu überprüfen, ob Harry so gut war, wie James behauptet
hatte……Harry hatte ihn später nie darüber befragt.
„Du brauchst dich deiner Gefühle nicht zu schämen, Harry“ sagte Dumbledore“s Stimme. „Im Gegenteil …die
Tatsache, daß du diese Schmerzen fühlst ist deine größte Stärke.“
Harry fühlt wieder diesen überwältigenden Hass in ihm, der sich in seiner fürchterlichen Leere ausbreitete. Er
wünschte Dumbledore für seine Ruhe und leeren Worte bestrafen zu können.
„Meine grösste Stärke, so „ sagte Harry, seine Stimme zitterte während er weiter in Richtung des Quidditch Stadion
starrte, aber in Wirklichkeit längst nichts mehr sah
„Sie haben nicht die geringste Ahnung.. Sie kennen nicht…..“
„Was kenn ich nicht“ fragte Dumbledore ruhig.
Das war zuviel. Harry drehte sich herum, zuckend vor Zorn.
„Ich will nicht über meine Gefühle reden, ist das klar.“
„Harry, dein Leiden beweist nur, daß du ein Man bist! Dieser Schmerz gehört zur menschlichen Natur.“
„Dann - Will - Ich - Nicht - Mehr - Éin - Menschliches - Wesen - Sein.“ schrie Harry und fegte diese delikaten
silbernen Instrumente von diesen Tischen mit den spindeldürren Beinen neben ihm und schleuderte sie durch den
Raum.
Einige der Gemälde schrieen vor Schmerz oder Ärger auf und das Portrait von Armando Dippet sagte „ Wirklich“?
„Ist mir total egal“ schrie Harry ihnen zu, schnappte sich ein Mondglas und warf es in den Kamin.
„Ich habe genug, ich habe genug gesehen, ich will nicht mehr, ich will, daß es endet, mir ist alles gleich“
Er hob den Tisch, auf dem die Silber Instrumente lagen, in die Höhe und warf ihn dann weg,
Er brach auf dem Boden entzwei und seine Beine rollten in verschiedene Richtungen.
„Das stimmt nicht“ sagte Dumbledore. Er hatte sich nicht einen Millimeter bewegt oder nur den geringsten Versuch
gemacht Harry von seinem Zerstörungswerk abzuhalten.
Sein Ausdruck war ruhig, fast abwesend
„Du kümmerst dich um so vieles, du fühlst dich , als ob dieser Schmerz deinen Körper ausbluten würde.“
„Nein“ schrie Harry so laut, daß es sich anfühlte, als ob seine Kehle zerplatzen würde und für eine Sekunde fühlte er
das Verlangen Dumbledore anzuspringen und ihn zu zerschmettern.
Dieses gütige alte Gesicht zu zerstören, ihn zu schütteln, ihm sehr wehzutun, ihn ein klein wenig den Schmerz fühlen
zu lassen, der ihn von innen zu zerstören drohte.
„Oh, doch,“ sagte Dumbledore, diesmal noch etwas ruhiger. „Du hast Deine Mutter verloren, Deinen Vater und die
Person, die Dir am nächsten stand nach dem Tod Deiner Eltern. Natürlich berührt Dich das.“
„SIE WISSEN NICHT WIE ICH MICH FÜHLE“! schrie Harry. „SIE - STEHEN DA - SIE -“
Aber ihm fehlten die Worte, es half ihm nicht mehr, Sachen zu zerschlagen und rum zu werfen; er wollte nur noch
wegrennen, weiter rennen und sich nicht mehr umsehen, er wollte irgendwo hin, wo ihn diese klaren blauen Augen
nicht mehr anstarrten, dieses hassenswert ruhige Gesicht. Er drehte sich auf dem Absatz um, griff zum Türgriff und
drehte ihn.
Aber die Tür öffnete sich nicht.
Harry drehte sich wieder zu Dumbledore um.
„Lassen Sie mich raus,“ sagte er. Er zitterte am ganzen Körper.
„Nein,“ sagte Dumbledore nur.
Einige Sekunden lang starrte sie sich gegenseitig an.
„Lassen Sie mich raus,“ sagte Harry noch einmal.
„Nein,“ wiederholte Dumbledore.
„Wenn Sie mich nicht - wenn Sie mich hier weiter einsperren - wenn Sie mich nicht raus - „
„In jedem Falle solltest Du nicht aufhören, meine Sachen zu zerstören,“ sagte Dumbledore ganz ernsthaft, „Ich
denke, ich habe sowieso zu viel Kram.“
Er lief um seinen Schreibtisch herum, setzte sich dahinter und beobachtete Harry dabei weiter.
„Lassen Sie mich endlich raus,“ sagte Harry ein weiteres mal mit einer Stimme voll Kälte, die fast so ruhig war wie
diejenige Dumbledores.
„Nicht bis ich Dir einiges gesagt habe,“ sagte Dumbledore.
„Denken Sie - glauben Sie wirklich ich möchte - es ist mir doch sch... - MIR IST ES VÖLLIG EGAL WAS SIE
MIR SAGEN WOLLEN“! schrie Harry. „Ich möchte nichts davon hören, was Sie zu sagen haben!“
„Doch, das willst Du,“ sagte Dumbledore ruhig. „Weil Du nämlich nicht mal annähernd so wütend auf mich bist,
wie Du es sein könntest. Wenn Du mich schon angreifen willst, und Du bist kurz davor, es zu tun, dann will ich es
auch ehrlich verdient haben.“
„Was reden Sie da -?“
„Es ist meine Schuld, daß Sirius sterben mußte,“ sagte Dumbledore einfach. „Oder sollte ich sagen, fast allein mein
Fehler - ich will mir nicht die ganze Verantwortung dafür anmaßen. Sirius war ein mutiger, schlauer und energischer
Mann, und solche Männer sitzen nicht gern Zuhause und verstecken sich, wenn sie glauben, das andere in Gefahr
sind. Jedenfalls hättest Du niemals auch nur einen Augenblick glauben dürfen, daß es wirklich notwendig war, daß
Du heute Nacht zur Abteilung für Mysterien hättest gehen müssen. Wenn ich von Anfang an offen mit Dir gewesen
wäre, Harry, wie ich es hätte sein sollen, dann hättest Du schon vor langer Zeit gewußt, daß Voldemort versuchen
würde, Dich in die Abteilung für Mysterien zu locken und er hätte Dich nicht so reinlegen können, daß Du dennoch
gegangen bist. Und Sirius hätte Dir nicht zu Hilfe kommen müssen. Die Schuld daran trage ich ganz allein.“
Harry stand immer noch da mit der Hand auf dem Türknopf, ohne es zu merken. Er heftete immer noch seinen Blick
auf Dumbledore, atmete kaum, hörte zu, ohne wirklich zu verstehen, was er da hörte.
„Bitte setze Dich,“ sagte Dumbledore. Und das war kein Befehl sondern eine Bitte.
Harry zögerte, dann ging er langsam durch den Raum, dessen Boden mit silbernen Zahnrädern und Holzteilen
übersät war und setzte sich auf den Stuhl, der vor Dumbledores Tisch stand.
„Verstehe ich das richtig,“ sagte Phineas Nigellus über Harrys linke Schulter, „daß mein Ur-Urenkel - der letzte
derer von Black - tot ist?“
„Ja, Phineas,“ sagte Dumbledore.
„Das will ich einfach nicht glauben,“ sagte Phineas brüsk.
Harry drehte seinen Kopf gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie Phineas aus seinem Porträt marschierte, um -
wie Harry wußte - in seinem anderen Porträt in Grimmauld Place wieder aufzutauchen. Vermutlich würde er von
Bild zu Bild gehen, um im ganzen Haus nach Sirius zu rufen...
„Harry, ich schulde Dir eine Erklärung,“ sagte Dumbledore. „Eine Erklärung für die Fehler eines alten Mannes.
Denn ich sehe jetzt, daß alles was ich Dich betreffend getan habe - und nicht getan habe - alle Anzeichen von
Altersschwäche zeigt. Die Jugend weiß nicht, was man im Alter denkt und fühlt. Aber alte Männer laden Schuld auf
sich, wenn sie vergessen, wie es war, jung zu sein ... und ich habe es in letzter Zeit wohl vergessen...“
Die Sonne war jetzt kurz davor, aufzugehen; ein blendend oranger Streifen zog sich über die Bergspitzen und der
Himmel darüber war farblos und hell. Das Morgenlicht fiel auf Dumbeldore, auf seine silbernen Augenbrauen und
den silbernen Bart und entlang der tiefen Falten, die sein Gesicht durchfurchten.
„Ich ahnte vor 15 Jahren,“ sagte Dumbledore, „ als ich die Narbe auf Deiner Stirn sah, was sie bedeuten könnte. Ich
vermutete, daß sie das Zeichen einer erzwungenen Verbindung zwischen Dir und Voldemort sein könnte.“
„Sie haben mir das schon einmal gesagt, Professor,“ sagte Harry grob. Es war ihm egal, wenn er unhöflich war.
Alles war ihm im Moment völlig egal.
„Ja,“ sagte Dumbledore rechtfertigend. „Ja, aber es ist notwenig, daß wir nochmals ganz von vorne mit der Narbe
anfangen. Denn es wurde offensichtlich, kurz nachdem Du in die Zaubererwelt zurückgekommen warst, daß ich
Recht hatte, und daß Deine Narbe Dich warnte, wenn Voldemort in Deiner Nähe war oder von starken Gefühlen
heimgesucht wurde.“
„Weiß ich,“ sagte Harry müde.
„Und diese Fähigkeit, Voldemorts Nähe zu spüren, auch wenn er verkleidet ist, die Gefühle zu kennen, die er
empfindet, ist immer stärker geworden, nachdem Voldemort in seinen eigenen Körper zurückgekehrt ist und seine
volle Macht wiedererlangt hat.“
Harry machte sich nicht einmal die Mühe zu nicken, weil er dies alles schon wußte.
„In letzte Zeit,“ sagte Dumbledore, „wuchsen meine Bedenken, daß Voldemort diese Verbindung zwischen Euch
auch wahrnehmen könnte. Denn ganz bestimmt bist Du zu Zeiten so tief in seine Gedanken und seinen Geist
eingedrungen, daß er Deine Anwesenheit bemerkte. Ich spreche natürlich über die Nacht, als Du Zeuge des Angriffs
auf Mr. Weasley wurdest.“
„Ja, Snape hat mir das schon erzählt,“ murmelte Harry.
„Professor Snape, Harry,“ korrigierte ihn Dumbledore leise. „Aber hast Du Dich denn nicht gefragt, warum ich Dir
das nicht alles erklärt habe? Warum ich Dir nicht Unterricht in Occlumantie gab? Warum ich Dir seit Monaten nicht
mehr richtig in die Augen geschaut habe?“
Harry sah auf. Er konnte jetzt sehen, daß Dumbledore müde und traurig aussah.
„Ja,“ brummelte Harry. „Ja, das habe ich mich schon gefragt.“
„Siehst Du,“ fuhr Dumbledore fort, „ich glaubte, es würde nicht lange dauern, bis Voldemort sich einen Zugang zu
Deinem Geist erzwingen würde, um Deine Gedanken zu manipulieren und in die falsche Richtung zu leiten. Und ich
wollte ihn auf keinen Fall weiter ermuntern. Ich war sicher, daß, wenn er bemerkte hätte, daß unsere Beziehung
jemals mehr als die des Schulleiters zu seinem Schüler war, er seine Chance ergreifen würde, Dich als Mittel
benutzen würde, mich auszuspionieren. Ich fürchtete den Nutzen, den er aus Dir hätte ziehen könnte, wenn Du von
ihm besessen gewesen wärst. Harry, ich denke, ich hatte Recht anzunehmen, daß er Dich auf diese Weise ausnutzen
würde. Bei den wenigen Gelegenheiten, zu denen wir nahen Kontakt hatten, war ich sicher, einen Schatten von ihm
hinter Deinen Augen zu sehen...“
Harry erinnerte sich des Gefühls, daß sich eine schlafende Schlange in ihm zum Zustoßen hochreckte, wann immer
er und Dumbledore einander in die Augen blickten.
„Voldemorts Ziel während er Dich kontrollierte war es nicht, wie er heute Nacht bewiesen hat, mich zu zerstören,
sondern Dich. Er hoffte, als er Dich für eine kurze Zeit beherrschte, daß ich Dich opfern würde, um ihn zerstören zu
können. Ich habe also, indem ich mich von Dir fernhielt, versucht, Dich zu schützen. Der Fehler eines alten
Mannes...“
Er seufzte tief. Harry ließ die Worte auf sich einwirken. Hätte er dies nur einige Monate früher gewußt. Aber jetzt
war es im Vergleich zu der tiefen Lücke, die der Tod von Sirius in ihm hinterlassen hatte, völlig bedeutungslos;
nichts davon war noch wichtig...
„Sirius hat mir erzählt, daß Du bemerkt habest, wie Voldemort in Dir erwachte, in der Nacht, als Du die Vision
davon hattest, wie Arthur Weasley attackiert wurde. Ich wußte sofort, daß meine schlimmsten Vermutungen richtig
gewesen waren: Voldemort hatte erkannt, daß er Dich benutzen könne. Ich habe versucht, Dich gegen Voldemorts
Angriffe auf Deinen Geist zu rüsten, indem ich den Occlumantie Unterricht bei Professor Snape arrangierte.“
Er machte eine Pause. Harry beobachtete das Sonnenlicht, das langsam über die polierte Oberfläche von
Dumbledores Schreibtisch kroch und ein silbernes Tintenfass und eine scharlachrote Schreibfeder beleuchtete. Harry
war sicher, daß die Porträts um sie herum alle wach waren und aufmerksam Dumbledores Erklärungen folgten; er
konnte das zeitweilige Rascheln eines Umhanges oder ein Räuspern hören. Nur Phineas Nigellus war noch
verschwunden...
„Professor Snape entdeckte,“ setzte Dumbledore fort, „daß Du schon seit Monaten von der Tür der Abteilung für
Mysterien träumtest. Und Voldemort war natürlich besessen von dem Gedanken, die Prophezeiung zu hören, seitdem
er seinen Körper wieder hatte; und als er an der Tür angekommen war, warst Du es auch, ohne zu wissen, welche
Bedeutung das hatte.“
”Und dann hast du Rookwood gesehen, der in der Abteilung für Mysterien arbeitete bevor er festgenommen wurde,
wie er Voldemort das sagte, was wir bis dahin wußten - daß die Prophezeiungen, die im Zaubereiministerium
aufbewahrt werden, stark bewacht sind. Nur die Leute auf die sie sich beziehen, können sie von den Regalen
nehmen, ohne daß sie wahnsinnig werden: in diesem Fall, mußte entweder Voldemort selbst das
Zaubereiministerium betreten, mit dem Risiko entdeckt zu werden - oder du hättest es für ihn tun müssen. Es wurde
immer wichtiger, daß du Occlumantie beherrschst. ”
”Aber ich habe es nicht geschafft, ” murmelte Harry. Er sagte es laut womit er versuchte das erdrückende
Schuldgefühl etwas zu lindern: Ein Eingeständnis würde sicher etwas von dem schrecklichen Druck, der ihm auf der
Seele lag, von ihm nehmen. ” Ich habe nicht geübt; ich habe mich nicht darum gekümmert; ich hatte es in der Hand,
nicht mehr diese Träume zu träumen; Hermine hat mir immer wieder gesagt, daß ich es tun sollte; wenn ich es getan
hätte, wäre er nie fähig gewesen mir zu zeigen wo ich hingehen müsste, und - Sirius wäre nicht - Sirius wäre nicht...“
Etwas brach in Harry“s Kopf hervor: Der Drang sich zu rechtfertigen, zu erklären -
”Ich habe versucht herauszufinden, ob er wirklich Sirius gefangen hatte, ich bin zu Umbridge“s Büro gegangen und
ich habe mit Kreacher über das Feuer geredet und er sagte Sirius wäre nicht da, er sei gegangen!”
”Kreacher hat gelogen,” sagte Dumbledore leise. ” Du bist nicht sein Herr, er konnte dich anlügen auch ohne sich
selbst zu bestrafen. Kreacher wollte, daß du zum Zaubereiministerium gehst.”
”Er - Er hat mich absichtlich dahin geschickt?”
”Oh ja. Kreacher, so befürchte ich, hat monatelang mehr als nur einem Herren gedient.”
”Wie?” sagte Harry ausdruckslos. ”Er hat Grimmauld Place jahrelang nicht verlassen.”
”Kreacher hat seine Chancen kurz vor Weihnachten ergriffen,” sagte Dumbledore, ” scheinbar als Sirius ihn anschrie
endlich zu verschwinden. Er nahm Sirius beim Wort und interpretierte es als einen Befehl das Haus zu verlassen. Er
ging zu dem einzigen Mitglied der Black Familie den er immer noch respektierte... Black“s Cousine Narcissa, die
Schwester von Bellatrix und EheFrau von Lucius Malfoy.”
”Woher wissen Sie das alles?” sagte Harry. Sein Herz schlug schnell. Er fühlte sich schlecht. Er erinnerte sich wie er
sich Sorgen über Kreacher“s merkwürdige Abwesenheit über Weihnachten machte, erinnerte sich wie er zu dem
Dachboden hoch ging...
”Kreacher hat es mir letzte Nacht erzählt,” sagte Dumbledore. ” Als du Professor Snape die versteckte Warnung
gabst, hat er verstanden, daß du eine Vision über Sirius hattest, wie er in den Gewölben der Abteilung für Mysterien
gefangen gehalten wurde. Er versuchte, genau wie du, sofort Sirius zu kontaktieren. Ich sollte dir dazu sagen, daß die
Mitlieder des Ordens des Phönix verlässlichere Methoden der Kommunikation haben, als das Feuer in Dolores
Umbridge“s Büro. Professor Snape hat herausgefunden, daß Sirius lebte und sicher im Grimmauld Place war.
Wie auch immer, als du nicht mehr von deinem Abstecher aus dem Verbotenem Wald mit Dolores Umbridge
wiederkamst, wurde Professor Snape immer besorgter, daß du immer noch glaubtest Sirius sei ein Gefangener von
Lord Voldemort. Er alarmierte verschiedene Mitglieder des Ordens.“ Dumbledore seufzte tief und fuhr fort, „
Alastor Moody, Nymphadora Tonks, Kingsley Shacklebolt und Remus Lupin waren grade im Hauptquartier als er
sie kontaktierte. Alle stimmten ein, dir sofort zur Hilfe zu eilen. Professor Snape wollte, daß Sirius dort blieb, weil er
jemanden brauchte der im Hauptquartier zurückblieb um mir zu erzählen was passiert war, weil ich in der Zeit nicht
dort war. In der Zwischenzeit beabsichtigte Professor Snape dich im Verbotenem Wald zu suchen.
Aber Sirius wollte nicht zurückbleiben, während andere dich suchten. Er übergab die Aufgabe an Kreacher mir zu
erzählen, was passiert war. Und so war es, als ich ankam, kurz nachdem die anderen zum Zaubereiministerium
aufgebrochen waren, der Elf, der mir mit schallendem Gelächter erzählte wo Sirius hingegangen war.“
„Er hat gelacht?“ sagte Harry mit hohler Stimme.
„Oh ja,“ sagte Dumbledore. „Du mußt sehen, daß Kreacher uns nicht ganz verraten konnte. Er ist kein
Geheimnissbewahrer für Orden, er konnte den Malfoys nicht unseren Aufenthaltsort sagen, oder irgendwelche
vertrauenswürdigen Pläne, die ihm verboten wurde aufzudecken. Er war an seine Zauberei gebunden, und das ist,
daß er keinen direkten Befehl von seinem Herren, Sirius, brechen darf. Aber er gab Narzissa Informationen von der
Sorte, die für Voldemort sehr wertvoll sind, bis jetzt schien er so normal geblieben zu sein, daß Sirius nicht daran
dachte ihn zu verbannen wenn er es wiederholte.“
„Wie was?“ sagte Harry.
„Wie die Tatsache, daß du die Person warst um die sich Sirius am meisten auf der Welt gekümmert hat,” sagte
Dumbledore leise. „Wie die Tatsache, daß du in Sirius eine Mischung aus Vater und Bruder gesehen hast. Sicherlich
wußte Voldemort schon, daß Sirius im Orden war, und das du wußtest wo er war - aber Kreachers Informationen
ließen ihn verstehen, daß sie eine Person, für deren Rettung du alles tun würdest, Sirius Black war.”
Harry“s Lippen waren kalt und gefühllos.
„Also... Als ich Kreacher fragte, ob Sirius da wäre...“
„Die Malfoys - zweifellos auf Voldemorts Anweisungen hin - hatten ihm gesagt, daß er Sirius aus den Weg schaffen
mußte, nachdem du erst einmal die Vision hattest, wie Sirius gefoltert wurde. Wenn du dich entscheiden würdest
nachzusehen, ob Sirius zu Hause war oder nicht, hätte Kreacher so getan, als ob er es nicht wäre. Kreacher verletzte
Seidenschnabel den Hyppogreif gestern und gerade in dem Moment als du unten im Feuer auftauchtest, war Sirius
oben um ihn zu versorgen.”
Es schien als ob nur wenig Luft in Harry“s Lungen wäre; sein Atem ging schnell und flach.
„ Und Kreacher hat ihnen das alles erzählt... und gelacht?” krächzte er.
„ Er wollte es mir nicht erzählen,” sagte Dumbledore. „ Aber ich beherrsche Legilimens so gut, daß ich weiß wann
ich angelogen und ich - überredete ihn - mir die ganze Geschichte zu erzählen, bevor ich zum Zaubereiministerium
aufgebrochen bin.”
„Und,” flüsterte Harry, seine kalten Hände lagen zu Fäusten geballt auf seinen Knien, „ und Hermine sagte uns
immer wir sollen nett zu ihm sein -“
„Sie hatte Recht Harry,” sagte Dumbledore. „ Ich habe Sirius gewarnt als wir uns Grimmauld Place 12 als
Hauptquartier ausgesucht haben, daß Kreacher freundlich und mit Respekt behandelt werden müsste. Ich habe ihm
auch gesagt, daß uns Kreacher gefährlich werden könnte. Ich glaube nicht das er mich damals sehr ernst genommen
hat, oder das er jemals Kreacher als ein Wesen gesehen hat mit menschlichen Gefühlen..”
„Beschuldigen sie nicht - Reden sie nicht - so über Sirius...” Harry“s Atem war wie zugeschnürt, er konnte die
Wörter nicht richtig aussprechen; aber seine Rage, die etwas nachgelassen hatte, flammte wieder neu auf. Er würde
nicht zulassen, daß Dumbledore Sirius kritisierte. „Kreacher ist ein lügendes - widerliches Etwas - er hat es
verdient...”
„Kreacher ist, zu was er von Zauberern gemacht wurde, Harry.” sagte Dumbledore. „Ja er ist bemitleidenswert. Seine
Existenz ist genauso miserabel, wie die deines Freundes Dobby. Er war gezwungen Sirius Befehle auszuführen, weil
Sirius das letzte noch lebende Mitglied der Familie war, dem er versklavt war, aber er fühlte nie Loyalität ihm
gegenüber. Und was auch immer Kreachers Fehler waren; man muß auch sagen, daß Sirius nicht unternahm um
Kreacher zu besänftigen...“
„REDEN SIE NICHT SO ÜBER SIRIUS!” schrie Harry.
Er war wieder aufgesprungen, sauer, fertig um gegen Dumbledore zu kämpfen, der nicht mal Ansatzweise Sirius
verstanden hatte; wie tapfer er war, wieviel er ertragen hatte...
„Was ist mit Snape?” spuckte Harry aus. „Sie reden gar nicht über ihn, oder? Als ich ihm sagte, Voldemort habe
Sirius war er genauso wie immer zu mir.”
„Harry du weißt, daß Professor Snape keine Wahl hatte und mußte vor Dolores Umbridge heucheln dich nicht ernst
zu nehmen.” sagte Dumbledore aufrichtig, „ aber wie ich es dir erklärt habe, hat er den Orden so schnell wie möglich
informiert, über das was du gesagt hast. Es war er, der sich herausgefunden hat, wo du hingingst nachdem du nicht
aus dem Verbotenem Wald zurückgekommen bist. Und er war es, der Professor Umbridge ein falsches Veritaserum
gegeben hat, als sie versuchte dich zu zwingen, ihr über Sirius zu erzählen.”
Harry mißachtete dies; er fühlte ein grausames Vergnügen darin, Snape zu rügen, es schien seine eigenen,
schrecklichen Schuldgefühle zu lindern, und er wollte, daß er von Dumbledore hörte, daß er mit ihm darin
übereinstimmte.
„Snape - Snape - s - stachelte Sirius an, weil er im Haus blieb - er machte aus Sirius einen Feigling -“
„Sirius war viel zu alt und zu klug, als das er solch lahmen Hohn erlaubt hätte, ihn zu verletzen,“ sagte Dumbledore.
„Snape hörte damit auf, mir Occlumantie Stunden zu geben!“ knurrte Harry. „Er warf mich aus seinem Büro!“
„Ich bin mir dessen bewußt,“ sagte Dumbledore schwer, „ich sagte bereits, das es mein Fehler war, dir nicht selber
Unterricht zu erteilen, aber ich war sicher, zu der Zeit, das nichts gefährlicher war, für deinen Geist, als deinen Geist
noch weiter Voldemort zu öffnen, während ich zugegen wäre -“
„Snape machte es schlimmer, meine Narbe schmerzte schlimmer nach jeder Stunde mit ihm,“ Harry erinnerte an
Rons Gedanken zu dem Theme und stieß weiter, „- woher wissen sie, daß er nicht versuchte, mich für Voldemort
weich zu machen, es ihm leichter machte in mich einzudringen?“
„Ich vertraue Severus Snape,“ sagte Dumbledore einfach, „Aber ich vergaß - ein weiterer Fehler eines alten Mannes
- daß einige Wunden zu tief verlaufen, als das man sie heilen könnte. Ich dachte, Professor Snape könnte seine
Gefühle für deinen Vater überwinden - ich hatte unrecht.“
„Aber das ist okay, nicht wahr?“ brüllte Harry, die empörten Gesichter und gemurmelten Mißbilligungen der Bilder
an der Wand ignorierend. „Es ist Okay für Snape, daß er meinen Dad hasst, aber es ist nicht Okay von Sirius, daß er
Kreacher hasst?“
„Sirius haßte Kreacher nicht,“ sagte Dumbledore. „Er betrachtete ihn als Diener, unwürdig ihm viel Aufmerksamkeit
zu schenken. Gleichgültigkeit und Vernachlässigung richten oftmals viel mehr Schaden an, als reine Abneigung …
der Brunnen, den wir heute Nacht zerstört haben, erzählt eine Lüge. Wir Zauberer haben unsere Gefährten zu lange
mißhandelt und beleidigt, und wir ernten jetzt unsere Belohnung.“
„ALSO HAT SIRIUS VERDIENT, WAS ER BEKAM, NICHT WAHR?“ brüllte Harry.
„Das sagte ich nicht, noch wirst du es jemals von mir hören,“ antwortete Dumbledore leise. „Sirius war kein
grausamer Mann, er war im allgemeinen liebenswürdig zu Hauselfen. Er hatte keine Liebe für Kreacher, weil
Kreacher eine lebende Erinnerung an das Zuhause war, das Sirius haßte.“
„Klar, er haßte es!“ sagte Harry, seine Stimme brach, er wandte Dumbledore seinen Rücken zu und ging weg. Die
Sonne schien jetzt hell in den Raum und die Augen aller Bilder folgten ich, während er umherwanderte, ohne zu
begreifen, was er tat, ohne das Büro überhaupt wahrzunehmen. „Sie haben ihn die ganze Zeit in jenem Haus
eingesperrt und er haßte es, darum wollte er letzte Nacht raus.“
„Ich wollte, daß Sirius am leben bleibt,“ sagte Dumbledore leise.
„Die Menschen mögen es nicht, eingesperrt zu sein!“ sagte Harry wütend, sich nach ihm umdrehend. „Das taten sie
mir den ganzen letzten Sommer über an.“
Dumbledore schloß seine Augen und begrub sein Gesicht in seinen langfingriren Händen. Harry beobachtete ihn,
aber dieses untypische Zeichen der Erschöpfung, oder Traurigkeit, oder was auch immer, erweichten ihn nicht. Im
Gegenteil, er fühlte sich noch wütender, daß Dumbledore Zeichen von Schwäche zeigte. Er hatte keine Zeichen von
Schwäche gezeigt, als Harry ihn wütend machen wollte und ihn bedrängte.
Dumbledore senkte seine Hände und musterte Harry durch seine Halbmondbrille.
„Es ist Zeit,“ sagte er, „für mich, die zu sagen, was ich dir schon vor fünf Jahren hätte sagen sollen, Harry. Bitte
setz“ dich. Ich werde dir alles erzählen. Ich bitte nur um ein wenig Geduld. Du wirst deine Gelegenheit bekommen,
mit mir zu tun, was immer du auch möchtest, wenn ich zu Ende gekommen bin. Ich werde dich nicht aufhalten.“
Harry funkelte ihn für einen Moment an, dann ließ er sich selbst in den Stuhl gegenüber von Dumbledore fallen und
wartete.
Dumbledore starrte für einen Moment die sonnigen Gründe außerhalb des Fensters an, dann schaute er zurück auf
Harry und sagte, „Fünf Jahre zuvor trafst du in Hogwarts ein, Harry, sicher und ganz, wie ich es geplant und
vorgehabt hatte. Nun - nicht wirklich ganz. Du hattest gelitten. Ich wußte, daß du das würdest, als ich dich auf der
Türschwelle von deiner Tante und deinem Onkel zurückließ. Ich wußte, daß ich dich zu zehn dunklen Jahren
verurteilt hatte.“
Er hielt inne. Harry sagte nichts.
„Du könntest fragen - und mit gutem Grund - warum es so sein mußte. Warum hat dich keine Zaubererfamilie
aufnehmen können? Viele hätten das mehr als gerne getan, hätten sich geehrt gefühlt und dich freudig als ihren Sohn
erzogen.“
„Meine Antwort ist, daß meine Priorität darin lag, dich am leben zu erhalten. Du warst in größerer Gefahr, als
vielleicht jeder andere, aber ich wußte das. Voldemort war Stunden zuvor bezwungen worden, aber seine Anhänger -
und viele von ihnen sind fast so schrecklich wie er - waren noch im großen und ganzen wütend, verzweifelt und
gewaltsam. Und ich mußte meine Entscheidungen treffen, auch im Hinblick auf die kommenden Jahren. Glaube ich,
daß Voldemort für immer gegangen war? Nein. Ich wußte nicht, ob es zehn, zwanzig oder fünfzig Jahre sein würden,
bevor er zurückkehrte, aber ich war sicher, er würde es, und ich war auch sicher, so wie ich ihn kannte, das er keine
Ruhe geben würde, bis er dich getötet hätte.
„Ich wußte, daß Voldemorts Wissen der Magie vielleicht weitreichender ist, als die irgendeines anderen lebendigen
Zauberers. Ich wußte, daß sogar meine komplexesten und mächtigsten Schutzzauber und Bannsprüche nicht
unüberwindlich wären, wenn er jemals wieder zu seiner vollständigen Macht zurückkehren würde.“
„Aber ich wußte auch, daß Voldemort schwach war. Und so traf ich meine Entscheidung. Du solltest von einer
uralten Magie, von der er weiß, die er verachtet und die er deswegen immer unterschätzt - auf seine Kosten. Ich
spreche natürlich von der Tatsache, das deine Mutter starb, um dich zu retten. Sie gab dir einen bleibenden Schutz,
den er niemals erwartete, einen Schutz, der bis zum heutigen Tag in deinen Adern fließt. Daher legte ich mein
Vertrauen in das Blut deiner Mutter. Ich übergab dich ihrer Schwester, ihrer einzigen, verbleibenden Verwandten.“
„Sie liebt mich nicht,“ sagte Harry sofort. „Sie gibt nicht mal ein verdam-“
„Aber sie nahm dich,“ widersprach Dumbledore ihm. „Sie nahm dich vielleicht ungern, wütend, widerwillig,
verbittert, aber dennoch nahm sie dich, sie versiegelte den Zauber, den ich auf dich legte. Das Opfer deiner Mutter
machte die Blutfessel zum stärksten Schild, den ich dir geben konnte.“
„Ich glaube immer noch nicht -“
„Solange du den Ort, an dem das Blut deiner Mutter wohnt, dein Zuhause nennst, kannst du dort von Voldemort
weder berührt noch beeinträchtigt werden. Ihr Blut wurde deine Zuflucht. Du mußt nur einmal im Jahr dorthin
zurückkehren, aber solange du es dein Zuhause nennen kannst, während du dort bist, kann er dich nicht verletzen.
Deine Tante weiß das. Ich erklärte es ihr in einem Brief, den ich, mit dir, auf ihrer Eingangsstufe liegen ließ. Sie
weiß, daß ihre Erlaubnis, dich bei ihnen leben zu lassen, dich seit nunmehr fünfzehn Jahren am Leben hält.“
„Warten sie,“ sagte Harry, „Warten sie einen Moment.“
Er setzte sich gerader in seinen Stuhl, Dumbledore anstarrend.
„Sie haben den Heuler gesendet. Sie befahlen ihr, sich zu erinnern - es war ihre Stimme -“
„Ich dachte,“ sagte Dumbledore, seinen Kopf leicht neigend, „das sie eine Erinnerung an den Pakt benötigte, den sie
besiegelt, als sie dich nahm. Ich erwrtete, der Dementorenangriff könnte ihre Ängste geweckt haben, dich als ihren
Ersatzsohn angenommen zu haben.“
„Hat es,“ sagte Harry leise. „Nun - meinem Onkel mehr als sie. Er wollte mich hinauswerfen, aber nachdem der
Heuler kam, sagte sie - sie daß ich bleiben müßte.“
Er starrte einen Moment zu Boden, sagte dann, „Aber was hat das zu tun mit -“
Er konnte Sirius Namen nicht aussprechen.
„Fünf Jahre zuvor,“ fuhr Dumbledore fort, als hätte er die Erzählung nicht unterbrochen, „kamst du in Hogwarts an,
werder glücklich noch gut-genährt, so wie ich es erwartet hätte, aber lebendig und gesund. Du warst kein
verwöhnter, kleiner Prinz, aber ein so normaler Junge, wie ich es unter den Umständen nur hatte hoffen können. So
weit verlief mein Plan ganz gut.“
„Und dann....gut Du wirst Dich sicher genauso an die Ereignisse in Deinem ersten Jahr an Hogwarts erinnern so wie
ich es tue.“ „Du wurdest prachtvoll mit der Situation fertig die Dir gegenüberstand stand und früher..viel früher als
ich erwartet hatte standest Du Voldemort Angesicht zu Angesicht gegenüber.“ „Du hast aber mehr getan.“ „Du
verzögertest seine Rückkehr zu voller Macht und Stärke.“ „Du hast Deinem Mann gestanden.“ „Ich war...stolzer auf
Dich wie ich es sagen kann.“
„Doch gab es einen Fehler in meinem wundervollen Plan“ sagte Dumbledore. „Ein offensichtlicher Fehler von dem
ich wußte, daß er alles verderben konnte.“ „Auch noch, da ich wußte, das wichtig war das mein Plan erfolgreich sein
mußte, sagte ich zu mir selbst, das ich es nicht erlauben würde, daß solch ein Fehler meinen Plan ruiniert.“ „Ich
alleine konnte das verhindern, also mußte ich alleine stark sein.“ „Und es war meine erste Prüfung als Du im
Krankenflügel lagst, geschwächt von Deinem Kampf mit Voldemort.“
„Ich verstehe nicht was Sie meinen“ sagte Harry.
„Erinnerst Du dich nicht mehr als Du mich im Krankenflügel fragtest warum Voldemort versucht hatte Dich als
Baby zu ermorden?“
Harry nickte.
„Und was sagte ich da zu Dir?“
Harry starrte in seine blauen Augen und sagte nichts, aber Sein Herz begann wieder zu rasen.
„Siehst Du den Fehler im Plan noch nicht?“ „Nein...vielleicht nicht.“ „Gut, wie Du weißt entschied ich mich Dir
nicht zu antworten.“ 11 sagte ich zu mir selbst war noch viel zu jung um es zu erfahren.“ „Ich hatte es nie
beabsichtigt es Dir mitzuteilen als Du 11 warst.“ „Das wäre zu viel Wissen in diesem Alter gewesen.“
„Ich hätte die Gefahrenzeichen erkennen müssen.“ „ Ich hätte mich selbst fragen sollen warum es mich nicht mehr
gestört hat, daß Du mir diese Frage schon gestellt hast, zu der ich wußte, daß ich Dir eines Tages eine schreckliche
Antwort darauf geben muß.“ „Ich sollte erkannt haben, das ich viel zu froh war Dir nicht an diesem besonderem Tag
geantwortet zu haben...DU warst zu jung, viel zu jung.“
„Und so gingen wir in Dein zweites Jahr an Hogwarts.“ „Und einmal mehr trafst Du auf Herausforderungen die
selbst ein erwachsener Zauberer noch nicht gesehen hat und einmal mehr schlugst Du dich jenseits meiner wildesten
Träumen.“ „Du fragtest mich aber wieder nicht, warum Voldemort diesen Markel auf Dir hinterlassen hat.“ „Wir
diskutierten über Deine Narbe, oh ja...wir kamen dem Grund sehr sehr nah.“ „Warum ich Dir nicht alles erzählt
habe?“
„Gut, es schien für mich das zwölf besser sei wie elf um solche Informationen zu erhalten.“ „Ich erlaubte es Dir mich
blutbefleckt und erschöpft aber hocherfreut zu verlassen und ich hätte es Dir vielleicht da sagen sollen, es wurde
schnell zum schweigen gebracht.“ „Du warst immer noch so jung, Du siehst und ich wollte Dir diese Nacht des
Sieges nicht verderben...“
„Siehst Du Harry?“ „Siehst Du den Fehler in meinem brillanten Plan jetzt?“ „Ich bin in die Falle gegangen die ich
vorrausgesehen hatte, daß hatte ich mir selbst vorgenommen zu vermeiden, ich mußte es vermeiden.“
„Ich tat es nicht.“
„Ich kümmerte mich zu viel um Dich,“ sagte Dubledore einfach. „Ich kümmerte mich mehr darum das Du glücklich
warst, als das Du die Wahrheit erfährst, mehr um Deine Seelenruhe wie für meinen Plan, mehr um Dein Leben wie
für die Leben die verloren würden wenn mein Plan scheitert. „In anderen Worten, ich handelte so wie es Voldemort
von uns Narren erwartete die es lieben zu handeln.“
„Gibt es eine Verteidigung?“ „Ich widersetzte mich jedem der Dich so angesehen habe wie ich es tat und ich habe
Dich dichter bewacht wie Du es Dir vorstellen kannst um Dir noch mehr Schmerz zu ersparen wie Du schon erlitten
hattest.“ „Aber warum sorgte ich mich um die Zahl der namen- und gesichtslosen Menschen und Kreaturen die in
unbestimmter Zukunft abgeschlachtet werden, wenn Du im Hier und Jetzt am leben und froh und gesund warst.“
„Ich hätte nicht im Traum dran gedacht das ich so eine Person an meiner Hand hätte.“
„Gehen wir in Dein drittes Jahr.“ „Ich betrachtete es aus der Ferne wie Du dich abmühtest die Dementoren
abzuwehren, wie Du Sirius gefunden hast und herausgefunden hast was er war und Ihn gerettet hast.“ „Wollte ich es
Dir in dem Moment sagen als Du Deinen Patenonkel triumphierend aus den Klauen des Ministeriums entrissen
hast?“ „Aber jetzt im Alter von 13 gingen mir meine Ausreden aus.“ „Jung konntest Du ja sein, aber Du hattest
bewiesen das Du außergewöhnlich bist.“
„Mein Gewissen bereitete mir Sorgen, Harry.“ „Ich wußte das die Zeit bald kommen müsste...“
„Aber Du kamst aus dem Irrgarten letztes Jahr und hattest Cedric Diggory sterben sehen und bist selbst dem Tod nur
knapp entkommen...und ich habe es Dir nicht gesagt, obwohl ich wußte, Voldemort ist jetzt zurück und ich müsste es
bald machen.“ „Und jetzt, heute Nacht, weis ich das Du schon lange bereit für das Wissen bist, daß ich so lange von
Dir ferngehalten habe, weil Du bewiesen hast das ich die Last auf Dich übertragen kann.“
„Meine einzige Verteidigung ist diese: Ich habe gesehen wie Du dich unter mehr Belastungen gequält hast wie jeder
Student der je durch diese Schule gegangen ist und ich konnte mich selbst nicht dazu bringen Dir noch eine andere
hinzuzufügen - die größte von allen.“
Harry wartete aber Dumbledore sagte nichts.
„Ich verstehe immer noch nicht.“
„Voldemort versuchte dich umzubringen als Du ein Kind warst, weil kurz vor Deiner Geburt eine Prophezeiung
gemacht wurde.“ „Er wußte von der Prophezeiung, jedoch kannte er nicht den vollen Inhalt.“ „Und er machte sich
auf um Dich zu töten als Du ein Baby warst, im Glauben damit würde er die Bedingungen der Prophezeiung
erfüllen.“ „Und er erkannte, zu seinen Lasten, das es ein Irrtum war, den der Fluch mit dem er Dich töten wollte
schlug fehl.“ „Und so, seit seiner Rückkehr zu seinem Körper und besonders nach Deiner außergewöhnlichen Flucht
von ihm letztes Jahr, ist er entschlossen diese Prophezeiung komplett zu hören.“ „Die ist die Waffe die er so
beflissen gesucht hatte seit seiner Rückkehr: Das Wissen wie er Dich vernichten kann.“
Die Sonne war nun völlig aufgegangen und Dumbledore“s Büro badete darin. Der Glaskasten in dem Godric
Gryffindor“s Schwert wohnte glänzte weiß und undurchsichtig, die Bruchstücke der Instrumente die Harry zu Boden
geworfen hatte glitzerten wie Regentropfen und hinter Ihm machte Baby Fawkes chirpende Geräusche in seinem
Nest aus Asche.
„Die Prophezeiung ist zerbrochen.,“ sagte Harry ausdruckslos. „Ich habe Neville auf diese Bank gezogen in dem
Raum mit dem Torbogen und dabei seine Robe zerrissen und Sie fiel...“
„Das Ding was zerbrach war bloß eine Kopie die die Abteilung für Mystisches für sich behalten hat.“ „Aber diese
Prophezeiung wurde zu jemand gemacht und diese Person hat die Mittel sie perfekt wiederzugeben.“
„Wer hat es gehört?“ fragte Harry, aber er glaubte die Antwort schon zu wissen.
„Ich war es,“ sagte Dumbledore. „In einer nasskalten Nacht vor 16 Jahren in einem Raum über der Bar des Eberkopf
Gasthauses.“ „Ich war dort um einen Bewerber für den Posten des Prophezeiungslehrers zu treffen, obwohl es gegen
meine Neigung war das Thema der Prophezeiung überhaupt fortzusetzen.“ „Die Bewerberin war aber die Ur-
Urenkelin einer sehr berühmten und sehr talentierten Seherin und gedachte Ihr die übliche Höflichkeit sie zu treffen.“
„Ich wurde enttäuscht.“ „Es schien mir, daß sie nicht die Spur dieser Gabe hätte.“ „Ich teilte ihr höfflich mit, das ich
nicht glaubte das sie für den Posten geeignet wäre.“ „Ich drehte mich um zu gehen.“
Dumbledore stand auf und ging an Harry vorbei zu einer schwarzen Schrank die neben Fawkes Stange stand. Er
bückte sich und schob eine Haken beiseite und holte eine seichte Steinschale mit runenverzierten Rand heraus in der
Harry schon seinen Vater gesehen hatte wie er Snape quälte. Dumbledore ging zurück zum Schreibtisch und stellte
die Schüssel darauf und hob seinen Zauberstab an seine Schläfe. Von dort zog er eine haudünne silberne Strähne
eines Gedankens an der Spitze seines Zauberstabes heraus und legte sie in der Schale ab. Er setze sich wieder hinter
seinen Schreibtisch lehnte sich vor und schaute sich das wirbeln und treiben seines Gedanken in der Schale für einen
Moment an. Dann hob er mit einem Seufzer seinen Zauberstab und berührte die silberne Substanz mit seiner Spitze.
Eine Gestalt erhob sich daraus, eingehüllt in Tücher und die Augen vergrößerten sich gewaltig hinter Ihrer Brille und
sie drehte sich langsam mit Ihren Füßen in der Schale. Aber als Sybill Trelawney sprach war es nicht ihre üblich
ätherisch-mystische Stimme, sondern sie benutze eine grell-heisere Stimme die Harry schon einmal zuvor gehört
hatte:
„Der eine mit der Macht den dunklen Lord zu bezwingen nähert sich...geboren von denen, die sich ihm drei mal
widersetzt haben, geboren wen der siebte Monat stirbt...und der dunkle Lord wird Ihn als sein Gleichgestellten
markieren, aber er wird eine Kraft haben von der der dunkle Lord nichts weis...und einer von beiden muß durch die
Hand des anderen sterben denn keiner kann leben wenn der andere überlebt...der eine mit der Macht den dunklen
Lord zu bezwingen wird geboren wenn der siebte Monat stirbt...“
Die sich langsam drehende Professor Trelawney sank zurück in ihre silberne Masse unter sich und verschwand. Es
war völlig still im Büro. Weder Dumbledore noch Harry, noch eines der Portraits machten irgendein Geräusch. Sogar
Fawkes war still geworden.
„Professor Dumbledore?“ Harry sprach sehr leise, denn Professor Dumbledore, der noch immer in das Denkarium
starrte, schien völlig in Gedanken verloren zu sein. „Bedeutet das...was bedeutet das?“
„Es bedeutet,“ sagte Dumbledore, „daß die Person, die als einzige die Chance hat Lord Voldemort für immer zu
besiegen, vor fast sechszehn Jahren Ende des Monats Juli geboren wurde. Dieser Junge würde Eltern geboren
werden, die Voldemort bereits drei Mal abgewehrt hatten.“
Harry hatte das Gefühl, als würde sich etwas schweres, ganz eng um ihn legen. Es schien abermals schwierig zu
werden, zu atmen.
„Das bedeutet- ich?“
Dumbledore sah ihn für einen Moment durch seine Brille ganz genau an.
„Das sonderbare daran ist, Harry,“ sagte er sanft, „das nicht mal unbedingt du gemeint warst. Sybills Prophezeiung
hätte auf zwei Söhne von Zauberern gepasst, beide geboren am Ende des Monats Juli in jenem Jahr, beide hatten
Eltern im Orden des Phönix, beide Elternpaare waren mit Mühe Voldemort drei Mal entkommen. Der eine warst
natürlich du. Der andere war Neville Longbottom.“
„Aber...aber warum war dann mein Name auf der Prophezeiung und nicht Nevilles?“
„Die offizielle Akte wurde umbenannt nach Voldemorts Angriff auf dich, als du ein Kind warst.“ Sagte Dumbledore.
„Es schien klar für den Hüter der Halle der Prophezeiungen zu sein, das Voldemort nur versucht hatte dich zu töten,
weil er wußte das du derjenige warst, den Sybill meinte.“
„Dann - dann bin ich es vielleicht gar nicht?“
„Ich fürchte,“ sagte Dumbledore langsam, und sah dabei aus, als ob ihn jedes Wort große Mühe kostete, „daß es
keinen Zweifel gibt, daß Du es bist.“
„Aber sie haben doch gesagt - Neville wurde auch am Ende Juli geboren - und seine Mutter und sein Vater - „
„Du vergisst den nächsten Teil der Prophezeiung, die endgültig identifizierende Besonderheit, des Jungen der
Voldemort besiegen könnte...Voldemort selber würden ihn als einen Ebenbürtigen kennzeichnen. Und das tat er,
Harry. Er wählte dich, nicht Neville. Er gab dir die Narbe, die sich als beides erwiesen hat - Segen und Fluch.“
„Aber er hat vielleicht falsch gewählt,“ sagte Harry. „Vielleicht hat er den falschen gekennzeichnet!“
„Er wählte den Jungen, von dem er dachte, daß er am ehesten eine Gefahr für ihn wäre.,“ sagte Dumbledore. „Und
beachte, Harry: Er wählte nicht das Reinblut (welches, nach seinem Glauben, die einzige Art von Zauberer ist, die es
Wert ist zu bestehen oder zu wissen), sondern das Halb-Blut, wie er selber eines ist. Er sah sich selber in dir, bevor er
dich jemals gesehen hatte und kennzeichnete dich mit der Narbe, und tötete dich nicht, wie er es eigentlich wollte,
sondern gab dir Kräfte und eine Zukunft, die es dir möglich machte ihm nicht nur einmal, sondern vier Mal zu
entkommen - etwas das weder deine Eltern, noch Nevilles Eltern jemals erreicht haben.“
„Warum hat er es dann getan?,“ fragte Harry der sich kalt und benommen fühlte. „Warum versuchte er mich als
Baby umzubringen? Er hätte warten sollen, um zu sehen wer für ihn gefährlicher erscheinen würde, nachdem Neville
und ich älter geworden wären und hätte dann versuchen sollen denjenigen zu töten - wer auch immer es gewesen
wäre - „
„Das wäre in der Tat der praktischere Weg gewesen.,“ sagte Dumbledore. „Nur waren Voldemorts Informationen
über die Prophezeiung unvollständig. Das Schweinekopfs-Wirtshaus, welches Sybill wegen seiner günstigen Preise
ausgesucht hatte, hatte schon lange, nun sagen wir mal, eine etwas interessantere Kundschaft als „Die drei Besen.“
Und wie du und deine Freunde auf eigene Kosten herausgefunden habt - und ich auf meine in jener Nacht - ist es ein
Ort, an dem man nicht davon ausgehen sollte, daß man nicht belauscht wird. Natürlich hatte ich mir nicht träumen
lassen, als ich mich auf den Weg zu dem Treffen mit Sybill Trelawney machte, daß ich etwas hören würde, was es
wert war, belauscht zu werden. Mein - unser - einziges Glück war, daß der Lauscher am Anfang der Prophezeiung
entdeckt wurde und man ihn vom Gebäude warf.“
„Also hat er nur...?“
„Er hörte nur den Anfang, den Teil der voraussagt, daß ein Junge im Juli Eltern geboren wird, die Voldemort bereits
drei mal entkamen. Folglich, konnte er seinen Meister nicht warnen, daß dich anzugreifen bedeuten würde zu
riskieren, Macht auf dich zu übertragen und dich als einen Ebenbürtigen zu kennzeichnen. Also hatte Voldemort nie
erfahren, daß es vielleicht gefährlich wäre dich anzugreifen, daß es vielleicht klüger wäre zu warten und mehr in
Erfahrung zu bringen. Er wußte nicht, daß du Kräfte haben würdest die der dunkle Gebieter nicht kennt.“
„Aber die habe ich nicht!, sagte Harry mit zugeschnürtem Hals. „Ich habe keine Kräfte die er nicht hat, ich kann
nicht so kämpfen wie er es heute Abend getan hat, ich kann nicht von anderen Menschen besitz ergreifen - oder sie
töten - „
„Es gibt einen Raum im Ministerium für Geheimnisse.,“ unterbrach ihn Dumbledore, „der immer verschlossen
gehalten wird. Er beinhaltet eine Macht, die herrlicher und schrecklicher ist als der Tod, als menschliche Intelligenz,
als die Mächte der Natur. Es ist, vielleicht, auch das Geheimnisvollste, von den vielen Dingen zum studieren, die
sich dort befinden. Es ist diese Macht, die in diesem Raum gehalten wird, die du auf so vielfältige Weise besitzt und
welche Voldemort nicht im geringsten hat. Diese Macht vereinnahmte dich heute Nacht um Sirius zu retten. Diese
Macht rettete dich auch davor von Voldemort besessen zu werden, denn er konnte es nicht ertragen in einem Körper
zu sein, der so voll ist von der Macht die er so verabscheut. Am Ende, war es nicht weiter wichtig, daß Du Deinen
Geist nicht verschließen konntest. Es war dein Herz das dich gerettet hat.“
Harry schloss seine Augen. Wenn er nicht versucht hätte Sirius zu retten, wäre Sirius nicht gestorben...Mehr um den
Moment in dem er wieder an Sirius würde denken müssen aufzuschieben, fragte Harry, ohne sich sehr um die
Antwort zu kümmern, „Das Ende der Prophezeiung....es war etwas wie: keiner von beiden kann leben...“
„während der Andere überlebt.,“ sagte Dumbledore.
„Also,“ sagte Harry, die Worte aus etwas in sich herausholend, was sich wie ein tiefer Brunnen der
Hoffnungslosigkeit anfühlte, „also bedeutet das, daß...daß einer von uns den anderen am Ende töten wird?“
„Ja.,“ sagte Dumbledore.
Für eine lange Zeit, sprach keiner von beiden. Irgendwo, weit hinter den Mauern des Büros, konnte Harry den Klang
von Stimmen hören, Schüler welche die große Halle ansteuerten, vielleicht für ein frühes Frühstück. Es schien
unmöglich, daß es Menschen auf der Welt geben könnte, die immer noch verlangen nach Essen hatten, die lachten,
die weder wußten, noch sich darum kümmerten, daß Sirius Black für immer gegangen war. Auch wenn Sirius schon
eine Million Meilen fort zu sein schien, ein Teil von Harry glaubte sogar jetzt noch immer, daß, wenn er nur den
Schleier beiseite schieben würde, er Sirius finden würde wie er ihn ansah, ihn grüßte, vielleicht mit seinem Lachen
das klang wie ein Bellen...
„Ich habe das Gefühl, ich schulde dir noch eine Erklärung.,“ sagte Dumbledore zögerlich. „Du hast dich vielleicht
gefragt, warum ich dich nicht als Vertrauensschüler ausgesucht habe? Ich muß zugeben...das ich wirklich dachte...du
hättest bereits mit genug Verantwortung zu leben.“
Harry sah zu ihm auf und sah eine Träne Dumbledores Gesicht in seinen langen silbernen Bart herunterlaufen.
Kapitel 38 - Der Zweite Krieg beginnt
ER, DER NICHT GENANNT WERDEN DARF, KEHRT ZURÜCK
„In einer kurzen Stellungnahme in der Nacht zum Freitag, bestätigte der Minister für Zauberei, Cornelius Fudge,
daß er, der nicht genannt werden darf, in dieses Land zurückgekehrt und wieder einmal aktiv geworden ist.
„„Es ist zutiefst bedauerlich, daß ich bestätigen muß, daß der Zauberer der sich selbst Lord, nun, sie wissen wen ich
meine, noch am Leben und unter uns ist, ,“ sagte Fudge, müde aussehend und aufgeregt da er sich an die Reporter
wandte. „Es ist ebenso bedauerlich, das wir über einen Massenaufstand der Dementoren von Askaban berichten
müssen, die sich selbst abgeneigt zeigten, weiterhin in den Diensten des Ministeriums zu arbeiten. Wir glauben, daß
die Dementoren gegenwärtig Weisungen von Lord - Dingsda - entgegennehmen.“
„„Wir möchten die magische Bevölkerung dazu drängen, wachsam zu bleiben. Das Ministerium veröffentlicht
gegenwärtig Handbücher über die elementare Verteidigung von Heim und Leben, die an alle Zaubererhaushalte
innerhalb des nächsten Monats kostenlos geliefert wird.““
Die Erklärung des Ministeriums wurde mit Bestürzung und großer Sorge von der Gemeinschaft der Zauberer
aufgenommen, welche erst zuletzt am Mittwoch die Versicherung des Ministeriums erhalten hatte, wonach „es keine
Anhaltspunkte dafür gibt, daß das ständig auftretende Gerücht stimmt, daß Du weißt schon wer wieder unter uns
aktiv ist.“
Nähere Einzelheiten, die das Ministerium zur Meinungsänderung bewogen hat, sind nach wie vor vage, so ist
anzunehmen, daß der, dessen Name nicht genannt werden darf und einige ausgewählte Anhänger (bekannt als
Todessers) ihrerseits am Dienstag-Abend Zugang zum Zaubereiministerium erlangt haben.
„Albus Dumbledore, kürzlich wieder eingesetzter Leiter von Hogwarts School of Witchcraft and Wizardry, und
wieder eingesetztes Mitglied der Internationalen Konföderation der Zauberer und wieder eingesetzter Chefzauberer
der Zaubererwelt stand bislang nicht für ein Kommentar zur Verfügung. Er hatte im vergangenen Jahr immer wieder
darauf verwiesen, daß Der, Du weißt schon wer, nicht tot sei, wie allgemein gehofft und geglaubt wurde, und er hat
Unterstützer rekrutiert, um einen erneuten Versuch zur Stärkung der eigenen Kraft zu unternehmen. Während
„Der“Junge, der am Leben ist“ -
„Harry, du wirst erwähnt, ich wußte, die würden dich irgendwo unterbringen“; sagte Hermine und sah dabei über den
Rand der Zeitung hinweg.
Sie waren im Krankenflügel. Harry saß am Ende von Rons Bett, beide hörten Hermine zu, die das Titelblatt des
Sonntagspropheten vorlas. Ginny, deren Knöchel im Handumdrehen von Madame Pomfrey geflickt wurde, hatte sich
am Fuße von Hermines Bett zusammengerollt; Neville, dessen Nase einigermaßen die ursprüngliche Größe und
Form wieder angenommen hatte, saß in einem Stuhl zwischen beiden Betten; und Luna, die auf Besuch
vorbeigekommen war, klammerte sich an die letzte Ausgabe des Wortklauber, die sie falsch rum in der Hand hielt,
und nahm anscheinend nicht Anteil an dem, was Hermine vorlas.
„Er ist also wieder „Der Junge, der am Leben ist,“ nicht. „sprach Ron düster. „Nicht mehr so ein täuschender
Angeber, oder?“
Er nahm sich eine Handvoll Schokoladenfrösche vom riesigen Stapel auf seinem Nachttischschrank, warf einige zu
Harry, Ginny und Neville und wickelt dann seine eigenen mit den Zähnen aus. Er hatte immer noch dort tiefe
Striemen an den Unterarmen, wo die Gehirn-Tentakel ihn umwickelt hatten. Madame Pomfrey zufolge können
Gedanken tiefere Wunden hinterlassen, als alles andere, obwohl - da sie bereits angefangen hatte, reichliche Mengen
von Dr. Ubbys Oblivious Unction anzuwenden - sich bereits eine Verbesserung abzuzeichnen schien.
„Ja, nun schmeicheln sie dir sehr Harry,“ sagte Hermine, und überflog den Artikel. „Eine einsame Stimme der
Wahrheit ... zwar als labil wahrgenommen, hat er nie seine Darstellung aufgegeben ... nahm den Kampf gegen Spott
und Verleumdung auf ... Hmmmm,“ sagte sie missbilligend, „ich stelle fest, daß sie nicht die Tatsache erwähnen, daß
gerade sie im Propheten am Verspotten und Verleumden waren ... „
Sie zuckte leicht zusammen und hielt sich die Rippen. Obwohl der Dolohov-Fluch sie nur leicht getroffen hatte,
wenn man das bei diesem Zauberspruch überhaupt sagen kann, bewirkte er laut Madame Pomfrey nichts desto trotz
genug Schaden, um einen am Gehen zu hindern.“
Hermine, die jeden Tag zehn verschiedene Arzneimittel zu sich nehmen mußte, erholte sich prächtig, und langweilte
sich daher bereits im Krankenflügel. „Der Du weißt schon wers letzter Versuch der Machtübernahme, Seite 2 bis 4,
Was das Ministerium uns erklären sollte, Seite 5. Warum niemand auf Albus Dumbledore hörte, Seite 6 bis 8,
Exklusiv-Interview mit Harry Potter, Seite 9 ... . „Also,“ sagte Hermine, legte dabei die Zeitung zusammen und warf
sie beiseite, „jetzt haben sie wieder eine Menge zu schreiben. Und das Interview mit Harry ist noch nicht „mal
exklusiv; es ist bereits vor Monaten im Wortklauber veröffentlicht worden ... „
„Vati hat es ihnen verkauft,“ sagte Luna undeutlich, und blätterte eine Seite im Wortklauber um. „Er hat auch einen
guten Preis dafür bekommen, so daß wir diesen Sommer eine Expedition nach Schweden unternehmen können, „mal
sehen, ob wir einen Crumple-Horned Snorkack fangen werden.“
Hermine schien einen Moment mit sich zu kämpfen, dann sagte sie, „das klingt toll.“ Ginny fing Harrys Blick auf,
schaute schnell weg und grinste.
„Wie auch immer,“ sagte Hermine, zuckte wieder zusammen und setzte sich ein bißchen aufrechter hin; „was ist in
der Schule los?“
„Also, Flitwick ist Fred und Georges Sumpf losgeworden,“ antwortete Ginny, „er brauchte dazu drei Sekunden. Er
hat jedoch einen winzigen Flecken unterm Fenster gelassen, und ihn abgesperrt - „
„Warum,“ fragte Hermine überrascht. „Och, er sagte nur, das es sich um einen wirklich guten Zauber handel,“
antwortete Ginny achselzuckend.
„Ich glaube, er lässt es als Denkmal für Fred und George,“ sagte Ron mit dem Mund voller Schokolade. Weißt Du,
die haben sie mir alle geschickt,“ erklärte er Harry, und zeigte auf den kleinen Froschberg neben sich. „Muß alles
direkt aus dem Joke-Shop kommen, nicht?“ Hermine blickte sehr missbilligend und fragte, „ und, ist der ganze
Trubel mit Dumbledores Rückkehr beendet?“
„Ja,“ antwortete Neville, alles renkt sich wieder ein. „Ich glaub,“ sogar Filch freut sich, oder?“ fragte Ron, und stellte
dabei eine Schoko-Frosch- Karte, die Dumbledore zeigte, an seinen Wasserkrug.
„Nicht ganz,“ erklärte Ginny, „er ist immer noch mies drauf ...“ Sie dämpfte ihre Stimme. „Er erzählt überall, daß
Umbridge das Beste sei, was Hogwarts jemals passieren konnte ...“
Alle sechs drehten sich um. Professor Umbridge, die ihnen gegenüber lag, starrte zur Decke. Dumbledore ist alleine
in den Wald geeilt, um sie vor den Zentauren zu retten; wie er es geschafft hatte - mit Professor Umbridge im
Schlepptau ohne einen Kratzer da herauszukommen - konnte sich keiner vorstellen, und Umbridge konnte
selbstverständlich noch nichts erzählen. Soweit sie wußten, hatte sie, seitdem sie ins Schloss zurückgekehrt war,
noch kein einziges Wort gesprochen. Keiner wußte so richtig, was eigentlich mit ihr los war. Ihr sonst sehr
gepflegtes mausgraues Haar war sehr unordentlich und in ihm steckten immer noch Zweige und Blätter, aber
ansonsten schien sie unverletzt zu sein.
„Madame Pomfrey sagt, daß sie noch unter Schock steht,“ flüsterte Hermine. „Schmollt wohl eher“ erwiderte Ginny.
„Ja, sie zeigt Lebenszeichen, wenn man folgendes tut,“ sagte Ron und vollführte mit seiner Zunge ein leises Klick-
Klack-Geräusch. Umbridge sprang auf und sah sich verwirrt um.
„Stimmt „was nicht, Professor?“ rief Madame Pomfrey, und schaute mit dem Kopf aus ihrer Bürotür.
„Nein ... nein ...“ antwortete Umbridge und versank in ihrem Kissen. „Nein, ich habe wohl geträumt ...“ Hermine und
Ginny dämpften ihr Gelächter im Bettzeug. „Apropos Zentauren,“ sagte Hermine, als sie sich wieder eingekriegt
hatte, „wer ist denn nun Professor für Wahrsagerei? Ist Firenze noch da?“
„Er ist noch da,“ sagte Harry, „die anderen Zentauren wollen ihn nicht zurück, oder?“
„Es scheint so, daß beide, er und Trelawney Lehrer werden,“ sagte Ginny.
„Ich wette, Dumbledore wünschte sich, daß er Trelawney im Guten losgeworden wäre,“ sagte Ron, während er
seinen vierzehnten Frosch kaute. Allerdings, das ganze Subjekt ist nutzlos, wenn du mich fragst; Firenze ist kein
Stück besser ...“
„Wie kannst du so was sagen?“ wollte Hermine wissen. Nachdem wir gerade herausgefunden haben, daß dort wahre
Vorhersagen anzutreffen sind.?“
Harry“s Herz fing an zu rasen. Er erinnerte sich daran, seine Eltern vor vier Jahren im Spiegel Nerhegeb gesehen zu
haben. Genau jetzt, in diesem Moment würde er wieder in der Lage sein mit Sirius zu reden, er wußte es einfach... Er
blickte um sich, um sicherzugehen, daß niemand in seiner Nähe war, aber der SchlaFraum war ziemlich leer. Nun
schaute er zurück in den Spiegel, hielt ihn mit zitternden Händen vor sein Gesicht und sagte laut und deutlich,
„Sirius!“
Sein Atem beschlug die Oberfläche des Glases. Aufregung durchrieselte ihn und er hielt den Spiegel noch näher an
sein Gesicht, aber die Augen, die ihn aus dem Nebel anblinzelten waren seine eigenen. Er wischte den Spiegel
nochmals sauber und sagte, in einer Art in der jede einzelne Silbe durch den Raum zu dröhnen schien: „Sirius
Black!“
Nichts passierte. Das frustrierte Gesicht, das ihn aus dem Spiegel anschaute war immer noch definitiv sein eigenes...
„Sirius hatte seinen Spiegel nicht bei sich, als er durch den Torbogen gelaufen ist,“ sagte eine leise Stimme in
Harry“s Kopf. „Deshalb funktioniert es nicht!“
Harry hielt für einen kurzen Moment inne, dann schleuderte er den Spiegel zurück in den Koffer, wo er zerbrach. Er
war tatsächlich für eine ganze glanzvolle Minute überzeugt gewesen, er würde Sirius wiedersehen und mit ihm
reden...
Sein Hals brannte vor Enttäuschung, als er aufstand und anfing seine Sachen in den Koffer zu werfen, in dem schon
der zerbrochene Spiegel lag. Aber dann kam ihm eine Idee, eine viel bessere Idee als der Spiegel, eine viel größere
und wichtigere Idee... wie konnte er denn schon nicht vorher daran gedacht haben und warum hatte er niemals
gefragt!?
Er rannte aus dem SchlaFraum und die Wendeltreppen herunter ohne zu merken, daß er gegen die Wände stieß; er
hetzte durch den leeren Gemeinschaftsraum, durch das Portraitzimmer und schliesslich den Flur entlang. Die fette
Frau, die ihm zurief „Das Festmahl fängt gleich an!“ ignorierte er einfach. Harry hatte keinerlei Absicht zum
Festmahl zu gehen...
Wie kam es bloß, daß die Schule immer voll von Geistern war, wenn man keinen brauchte, aber jetzt... Er rannte
weiter, Treppen runter und Gänge entlang, aber er traf niemanden, weder tot noch lebendig. Na klar, sie waren alle
im grossen Festsaal!
Vor seinem Zauber-Klassenraum machte er keuchend und enttäuscht Halt, denn er dachte, daß er wohl bis nach dem
Ende des grossen Festes warten müsste. Aber genau dann, als er die Hoffnung aufgegeben hatte, sah er ihn, einen
durchsichtigen jemand, der am Ende des Ganges entlangschwebte.
„Hey, hey Nick! NICK!”
Der Geist streckte seinen Kopf wieder aus der Wand hinaus und zeigte sowohl seinen sehr extravagant gefiederten
Hut als auch den gefährlich wackelnden Kopf von Sir Nicholas de Mimsy-Porpington.
„Guten Abend“ sprach er, lächelte Harry an und zog gleichzeitig den Rest seines Körpers aus den massiven Steinen
heraus. „Dann bin ich wohl nicht der einzige der spät dran ist, hm? In einer gänzlich anderen Bedeutung versteht
sich...“
„Nick, kann ich dich etwas fragen?“
Ein ganz besonderer Gesichtsausdruck schlich sich auf das Gesicht des fast-kopflosen Nick als er sich um mehr
Bedenkzeit zu gewinnen, einen seiner Finger in den rauen, steifen Hals steckte, um diesen ein bißchen gerader zu
rücken. Er hörte erst damit auf, als sein teilweise abgetrennter Kopf fast total abzubrechen schien.
„Äh... ja, Harry?“ sagte Nick, missmutig dreinblickend, „kann das nicht bis nach dem Festmahl warten?“
„Nein, Nick, bitte!,“ entgegnete Harry, „Ich muß unbedingt mit dir reden. Können wir hier rein gehen?“
Harry öffnete die Tür eines der Klassenzimmer und der fast-kopflose Nick seufzte.
„Also, gut,“ ergab sich Nick, „ich kann ja kaum verneinen, daß ich das nicht erwartet habe.“
Harry hielt ihm die Tür auf, aber der Geist zog es vor durch die Wand zu schweben.
„Daß du was erwartest hast?,“ fragte Harry, die Türe schliessend.
„Das du mich aufsuchen wirst,“ sagte Nick, der nun hinüber zum Fenster glitt und auf die dämmernden Felder
blickte. „Das passiert manchmal...nachdem jemand unter einen Verlust gelitten hat.“
„Tja,“ sagte Harry, der sich eisern weigerte, sich ablenken zu lassen, „da hast du Recht gehabt, ich bin gekommen
um dich aufzusuchen!“
Nick schwieg.
„Es geht um -,“ sagte Harry, der die ganze Sache nun doch unangenehmer fand als erwartet, „es ist nur... du bist tot.
Aber du bist immer noch hier, oder nicht?!“
Nick seufzte und starrte weiterhin hinaus auf die Felder.
„Es stimmt doch, oder?,“ drängte Harry ihn, „du bist gestorben, aber trotzdem rede ich mit dir ... und du kannst
einfach in Hogwarts herumlaufen, nicht wahr?“
„Ja,“ sagte der fast-kopflose Nick ruhig, „ja, ich laufe herum und rede.“
„Also bist du zurückgekommen, oder?,“ fragte Harry ungeduldig. „Menschen können zurückkommen, richtig? Als
Geister. Sie müssen nicht unbedingt komplett verschwinden.“
„Oder?,“ fügte Harry rasch dazu, nachdem Nick weiterhin still blieb.
Der fast-kopflose Nick zögerte, und sagte schliesslich: „Nicht jeder kann als Geist zurückkommen.“
„Was meinst du damit?,“ fragte Harry schnell.
„Nur, ... nur Zauberer.“
„Oh,“ entfuhr es Harry, der fast aus Erleichterung lachen mußte. „Na, das ist ja dann kein Problem, denn die Person
um die es mir geht ist ein Zauberer. Er kann also zurückkommen, ja?“
Nick drehte sich vom Fenstern weg und blickte Harry trauernd an.
„Er wird nicht zurückkommen.“
„Wer?“
„Sirius Black.“
„Aber du hast es geschafft!,“ sagte Harry wütend, „du bist zurückgekommen - du bist tot und du bist nicht
verschwunden!“
„Zauberer können einen Abdruck ihrer selbst auf der Erde hinterlassen und so blaß auf den Wegen weitergehen, auf
denen sie früher mal verkehrten,“ sagte Nick traurig, „aber nur ganz wenige wählen diesen Weg.“
„Warum denn nicht?,“ fragte Harry. „Aber na ja, das ist jetzt wirklich egal, denn Sirius wird es sicher nichts
ausmachen, wenn der Weg ungewöhnlich ist; er wird zurückkommen, das weiss ich!“
Und sein Glaube war so stark, daß Harry tatsächlich seinen Kopf drehte, um zur Tür zu blicken, denn er war sich für
eine Sekunde sicher, daß er Sirius sehen würde, perlweiss und transparent, aber auch strahlend und durch die Tür auf
ihn zulaufend.
„Er wird nicht zurückkommen,“ wiederholte Nick. „Er wird ... weitergegangen sein.“
„Was meinst du mit „weitergegangen sein“?,“ fragte Harry schnell, „weitergegangen - wohin? Was passiert
eigentlich überhaupt wenn man stirbt? Wo geht man hin? Warum kommt nicht jeder zurück? Warum ist die Welt
nicht voll von Geistern? Warum - ?“
„Ich kann dir das nicht beantworten,“ entgegnete Nick.
„Aber du bist doch tot, oder?,“ sagte Harry genervt, „wer kann mir das besser beantworten als du?“
„Ich habe mich vor dem Tod gefürchtet,“ sagte Nick sanft. „Deshalb habe ich mich entschieden hier zu bleiben.
Manchmal frage ich mich, ob ich das besser nicht gemacht hätte ... na ja, es ist weder hier noch dort ... nein,
eigentlich bin ich weder hier noch dort ...“
Er gab ein leises, trauriges Kichern von sich. „Ich weiss gar nichts über die Geheimnisse des Todes, Harry, weil ich
stattdessen die klägliche Imitation des Lebens gewählt habe! Ich glaube gebildete Zauberer studieren diese Frage in
der Abteilung für Mysterien...“
„Komm“ mir bloß nicht mit diesem Ort!,“ entgegnete Harry scharf.
„Es tut mir leid, daß ich Dir keine größere Hilfe sein kann,“ sagte Nick sanft.
„Also ... tja, entschuldige mich jetzt bitte, du weißt doch ... das Festmahl...“
Und so verliess er den Raum und liess einen Harry zurück, der mit leerem Blick auf die Wand starrte, durch die Nick
verschwunden war.
Indem er nun endgültig die Hoffnung aufgab noch einmal mit ihm sprechen zu können, fühlte sich Harry fast so, als
hätte er seinen Patenonkel ein zweites Mal verloren. Er lief langsam und traurig durch die leere Burg zurück und
fragte sich, ob er wohl jemals wieder fröhlich sein würde. Er hatte die Ecke des Ganges mit der fetten Lady erreicht,
als er auf einmal jemanden vor sich sah, der einen Zettel an einem Notizbrett befestigte. Auf den zweiten Blick
erkannte er, daß es sich um Luna handelte. Es gab keine guten Verstecke in der Nähe, sie hatte sicherlich seine
Schritte gehört und ausserdem konnte Harry momentan sowieso nicht die Energie aufbringen, irgendwen zu
vermeiden.
„Hallo,“ sagte Luna vage und blickte sich nach ihm um, als sie vom Notizbrett zurücktrat.
„Warum bist du nicht beim Festmahl?,“ fragte Harry.
„Na ja, ich habe die meisten von meinen Sachen verloren,“ antwortete Luna heiter. „Weisst du, Leute nehmen sie
weg und verstecken sie, aber da heute unser letzter Abend ist, muß ich sie wirklich wiederbekommen. Deshalb habe
ich angefangen Zettel aufzuhängen.“
Sie zeigt auf das Notizbrett, auf das sie eine Liste mit all ihren fehlenden Büchern und Kleidungsstücken mit einer
Bitte nach deren Rückgabe gehängt hatte.
Ein seltsames Gefühl durchströmte Harry, eine Emotion die ganz anders war als die Trauer und Wut die ihn seit
Sirius“ Tod erfüllt hatten. Es dauerte einen Moment, bevor wer merkte, daß ihm Luna leid tat.
„Wieso verstecken Leute deinen Kram?,“ fragte er mit gerunzelter Stirn.
„Och... na ja...,“ sie zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, sie denken, daß ich ein bißchen seltsam bin, weißt du.
Manche Leute nennen mich sogar „loopy“ Lovegood.“
Harry schaute sie an und das neue Mitleidsgefühl verbreitete sich ziemlich schmerzhaft.
„Das ist aber bestimmt kein Grund dafür, deine Sachen wegzunehmen,“ entgegnete er lahm. „Soll ich dir bei der
Suche helfen?“
„Nein, nein,“ sagte sie und lächelte ihn an. „Ich werde sie schon zurückbekommen, das ist eigentlich immer so. Das
Problem war nur, daß ich heute Abend packen wollte... aber egal, warum bist du denn eigentlich nicht beim
Festmahl?“
Harry zuckte mit den Achseln: „Ich habe mich einfach nicht danach gefühlt.“
„Nein,“ sagte Luna, die ihn mit ihren seltsam diesigen, hervorquellenden Augen beobachtete. „Ich kann mir schon
vorstellen, daß du dich nicht danach fühlst. Der Mann den die Todesser getötet haben, war dein Patenonkel, oder?!
Ginny hat“s mir erzählt.“
Harry nickte knapp, aber aus irgendeinem Grund störte es ihn nicht, daß Luna über Sirius redete. Er hatte sich
gerade daran erinnert, daß auch sie Thestrals sehen konnte.
„Hast du...,“ fing er an, „ich meine ... wer ... ist schon mal jemand den du kennst gestorben?“
„Ja,“ sagte Luna einfach, „meine Mutter. Sie war eine ziemlich aussergewöhnliche Hexe, weißt du, aber sie
experimentierte gerne und eines Tages ist einer ihrer Zauber ziemlich schief gelaufen. Ich war neun.“
„Das tut mir leid,“ murmelte Harry.
„Ja, es war ziemlich furchtbar,“ sagte Luna gesprächig. „Ich bin manchmal immer noch sehr traurig darüber. Aber
ich habe immer noch Papa. Und überhaupt, es ist ja nicht so, daß ich Mama nie wiedersehen werde, oder?!“
„Äh - nein?“ fragte Harry unsicher.
Sie schüttelte ungläubig mit dem Kopf.
„Ach, komm“ schon. Du hast sie doch nach dem Tode gehört, nicht wahr?!“
„Meinst du...“
„Im Zimmer mit dem Torbogen. Sie haben nur ausser Sichtweite gelauert, das ist alles. Du hast sie gehört!“
Sie schauten sich an. Luna lächelte in wenig. Harry wußte nicht, was er sagen oder denken sollte; Luna glaubte so
viele aussergewöhnliche Sachen ... aber trotzdem war er sicher, daß auch er die Stimmen gehört hatte.
„Bist du sicher, daß ich Dir nicht bei der Suche nach deinen Sachen helfen soll?,“ fragte er.
„Oh nein,“ entgegnete Luna. „Nein, ich denke, ich werde einfach hinuntergehen, ein bißchen Nachtisch essen und
warten bis alles auftaucht... das passiert am Ende immer... Na ja, ich wünsch“ dir schöne Ferien, Harry.“
„Ja ...ja, dir auch.“
Sie lief davon und als er sie weggehen sah, fühlte er, daß der schreckliche Stein in seinem Bauch ein wenig leichter
geworden war.
*
Die Heimfahrt mit dem Hogwarts Express am nächsten Tag war auf verschiedene Weisen ereignisreich. Zuerst
versuchten Malfoy, Crabbe und Goyle, die zweifellos die ganze Woche auf eine Gelegenheit gewartet hatten,
unbeobachtet von Lehrern, als Zeugen, zuzuschlagen, und lauerten Harry hauf halbem Wege hinunter im Zug, als er
von der Toilette zurückkam, aufzulauern. Der Angriff wäre erfolgreich verlaufen, wäre da nicht die Tatsache
gewesen, das sie ihn unabsichtlich vor einem Abteil, der voller DA-Mitglieder war, inszenierten, die durch das
Abteilfenster sahen, was draußen vor sich ging, und alle wie ein Mann herbeieilten um Harry beizustehen. Nach
einiger Zeit waren Ernie MacMillan, Hannah Abbott, Susan Bones, Justin Finch-Fletchley, Anthony Goldstein und
Terry Boot damit fertig, hatten all“ die verschiedenen Flüche und Verhexungen angewandt, die Harry sie gelehrt
hatte; Malfoy, Crabbe und Goyle sahen nichts so ähnlich, wie drei gigantischen, in Hogwartsuniformen gequetschte
Schnecken als Harry, Ernie und Justin sie in das Gepäcknetz hoben und sie da zum schleimen zurückliessen.
„Ich muß sagen, ich freue mich schon jetzt darauf, das Gesicht von Malfoys Mutter zu sehen, wenn er aus dem Zug
steigt,“ sagte Ernie mit einiger Befriedigung, als er Malfoy beobachtete, wie er sich über ihm wand. Ernie hatte
niemals die Schmach verwunden, das Malfoy Hufflepuff Punkte für einen kurzen Bann abgezogen hatte, als dieser
Mitglied des Inquisitionsgeschwaders war.
„Goyle“s Mom wird bestimmt zufrieden sein, obgleich,“ sagte Ron, der gekommen war, um die Quelle des
Durcheinanders zu untersuchen. „Er sieht jetzt um einiges besser aus … wie auch immer, Harry, der Verpflegung-
Servierwagen hat gerade gehalten, wenn du etwas möchtest …“
Harry dankte den anderen und begleitete Ron zurück zu ihrem Abteil, wo er einen großen Stapel Kesselkuchen und
Kürbispastete kaufte. Hermine las wieder den Tagespropheten, Ginny löste ein Rätsel im Wortklauber und Neville
streichelte seine Mimbulus Mibletonia, die im Laufe des Jahres um einiges gewachsen war und nun sonderbar
summende Laute von sich gab, wenn man sie berührte.
Harry und Ron spielten die meisten Zeit über Zaubererschach, während Hermine Bruchstücke aus dem Propheten
vorlas. Er war nun voller Atikel darüber, wie man Dementoren abwehrte, Versuche des Ministeriums, Todesser zur
Strecke zu bringen und hysterische Briefe in denen behauptet wurde, der Schreiber hätte gesehen, wie Lord
Voldemort am Morgen an seinem Haus vorbeigegangen sei …
„Es hat bisher noch nicht mal richtig angefangen,“ seufzte Hermine düster, die Zeitung wieder am zusammenfalten.
„Aber es wird nicht mehr lange dauern …“
„Hey, Harry,“ sagte Ron sanft, nickte zum Glasfenster in Richtung des Korridors.
Harry sah sich um. Cho ging vorbei, begleitet von Marietta Edgecombe, die eine Wollmütze trug. Seine und Chos
Augen trafen sich für einen Moment. Cho errötete und ging weiter. Harry sah zurück und hinunter auf das
Schachbrett, gerade noch rechtzeitig um zu sehen, wie einer seiner Bauern von Rons Springer von seinem Spielfeld
geworfen wurde.
„Was ist - ähm - denn bei euch beiden los?“ fragte Ron leise.
„Nichts,“ sagte Harry wahrheitsgemäß.
„Ich - öhm - hörte, sie geht jetzt mit jemand anderem aus,“ sagte Hermine versuchsweise.
Harry war überrascht, daß ihn diese Information nicht im Geringsten wehtat. Cho imponieren zu wollen schien der
Vergangenheit anzugehören, die nicht mehr länger mit ihm verbunden schien; Vieles, daß er gewollt hatte fühle sich
nach Sirius“ Tod so an … die Woche, seit er Sirius zuletzt gesehen hatte, schien viel, viel länger gedauert zu haben,
sie zog sich über zwei Universen hin, das eine mit Sirius, das andere ohne ihn.
„Jetzt bist du sie ganz los, Freund,“ sagte Ron kraftvoll. „Ich meine, sie sieht zwar sehr gut aus und all das, aber du
brauchst jemanden, der dich mehr aufheitert.“
„Sie heitert einen Anderen bestimmt genug auf,“ sagte Harry mit einem Achselzucken.
„Mit wem ist sie jetzt eigentlich zusammen?“ fragte Ron Hermine, aber es war Ginny, die die Antwort gab.
„Michael Corner,“ sagte sie.
„Michael - aber“ sagte Ron auf seinem Stuhl herrutschend und sie anstarrend. „Aber du bist doch mit ihm
ausgegangen!“
„Jetzt nicht mehr,“ sagte Ginny resolut. „Er mochte es nicht, das Gryffindor Ravenclaw beim Quidditch geschlagen
hat, war richtig sauer, da habe ich ihn stehen lassen und er ging weg um Cho stattdessen zu trösten.“ Sie kratzte ihre
Nase gedankenlos mit dem Ende ihrer Schreibfeder, drehte den Wortklauber um und begann ihre Antworten
anzustreichen. Ron sah sehr erfreut aus.
„Nun ja, ich dachte schon immer, daß er ein kleiner Idiot sei,“ sagte er, seine Königin auf Harrys bebenden Turm zu
stoßend. „Gut für dich. Wähl dir einfach jemand - besseres - das nächste Mal aus.“
Er warf Harry einen seltsam verstohlenen Blick zu als er es sagte.
„Nun, ich habe Dean Thomas ausgewählt, meinst du, daß er besser ist?! Fragte Ginny vage.
„WAS?“ schrie Ron das Schachbrett umstülpend: Crookskanks tauchte den Spielfiguren hinterher und Hedwig und
Pigwidgeon zwitscherten und riefen ärgerlich von Oben.
Als der Zug bei der Einfahrt nach Kings Cross langsamer wurde, dachte Harry, daß er niemals im Stich gelassen
werden wollte. Er dachte sogar flüchtig daran, was passieren würde, wenn er sich weigern würde auszusteigen,
einfach bis zum 1. September stur sitzen zu bleiben, wenn der Zug ihn nach Hogwarts zurückbringen würde. Als er
aber schließlich zum Stillstand kam, holte er Hedwigs Käfig herunter und machte sich daran seine Kiste wie
gewöhnlich aus dem Zug zu ziehen.
Als der Schaffner Harry, Ron und Hermine signalisierte, daß es jetzt sicher wäre durch die magische Barriere
zwischen den Bahnsteigen Neun und Zehn zu gehen, erwartete eine Überraschung auf der anderen Seite auf ihn:
Eine Gruppe von Leuten stand dort um ihn zu begrüßen, die er nun so gar nicht erwartet hatte.
Da war Mad-Eye Moody, der genauso unheimlich mit seiner Melone über das magische Auge gezogen aussah, wie
er es ohne gemacht hätte, seine rauhen Hände um einen langen Stab geklammert, den Körper in einem monströsen
Reisemantel gekleidet. Tonks stand genau hinter ihm, ihr helles Kaugummi-Pink farbenes Haar leuchtete im
Sonnenlicht, daß durch das schmutzige Glas des Bahnhofdaches schien, eine stark geflickte Jeans und ein leuchtend
purpurnes T-Shirt tragend, auf dem Die verrückten Schwestern stand. Hinter Tonks war Lupin, sein Gesicht blass,
die Haare ergrauend, bekleidet mit einem fadenscheinigen Übermantel, der einen schäbigen Pullover und Hosen
bedeckte. An der Spitze der Gruppe standen Mr. und Mrs. Weasley, in ihren besten Muggle Kleidern, und Fred und
George, die beide brandneue Jacken aus einem grellgrünen, schuppigen Material trugen.
„Ron, Ginny,“ rief Mrs. Weasley und rannte vor um ihre Kinder fest zu umarmen. „Oh, und Harry, Lieber - wie geht
es dir?“
„Gut,“ log Harry, während sie ihn in eine enge Umarmung zog. Über seine Schulter sah er Ron die neuen Kleider der
Zwillinge anklotzen.
„Was sollen die denn darstellen?“ fragte er auf die Jacken deutend.
„Feinste Drachenhaut, kleiner Bruder,“ sagte Fred an seinem Reisverschluss herumspielend. „Das Geschäft läuft und
wir dachten, wir kleiden uns entsprechend.“
„Hallo, Harry;“ sagte Lupin als Mrs. Weasley Harry losließ um Hermine zu begrüßen.
„Hi,“ sagte Harry: „Ich habe nicht erwartet … was macht ihr alle hier?“
„Nun,“ sagte Lupin mit einem leichten Lächeln, „wir dachten, wir sollten eine kleine Unterhaltung mit deiner Tante
und deinem Onkel führen, bevor sie dich mit nachhause nehmen.“
„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist;“ sagte Harry sofort.
„Oh, ich denke schon,“ knurrte Moody, der ein bißchen näher humpelte. „Das sind sie wohl, oder, Potter?“
Er zeigte mit seinem Daumen über seine Schulter; sein magischen Auge guckte ganz offensichtlich durch die
Rückseite seines Kopfes und der Melone hindurch, Harry lehnte sich etwa drei Zentimeter nach links um zu sehen,
wohin Mad-Eye hinzeigte. Und da, ganz sicher, waren die drei Dursleys, die ganz offensichtlich entsetzt waren
Harry Empfangskomitee zu sehen.
„Ah, Harry,“ sagte Mr. Weasley, sich von Hermines Eltern abwendend, die er gerade enthusiastisch begrüßt hatte,
und die jetzt abwechselnd Hermine umarmten. „Nun, sollen wir es tun?“
„Ja, ich meine doch, Arthur,“ sagte Moody.
Er und Mr. Weasley übernahmen die Spitze in Richtung der Dursleys, die wie am Boden verwurzelt da standen.
Hermine machte sich sanft von ihrer Mutter frei, um zu der Gruppe zu stoßen.
„Guten Tag,“ sagte Mr. Weasley angenehm zu Onkel Vernon, als er direkt vor ihm stehen blieb. „Sie erinnern sich
vielleicht an mich, mein Name ist Arthur Weasley.“
Da Mr. Weasley ganz allein das Wohnzimmer der Dursley vor zwei Jahren demoliert hatte, wäre Harry sehr
überrascht gewesen, wenn Onkel Vernon ihn vergessen hätte. Ganz sicher nahm Onkel Vernons Gesicht eine andere
Farbe an und blitze ihn an. Mr. Weasley entschied sich nichts zu sagen, vielleicht, weil die Dursleys zwei zu eins
überlegen waren. Tante Petunia schaute sowohl ängstlich als auch angewidert aus. Sie schaute sich flüchtig um, als
ob jemand, den sie kannte sehen könnte, in welch schlechter Gesellschaft sie waren. Dudley versuchte indessen klein
und unbedeutend auszusehen, ein Kunststück, bei dem er aber jämmerlich versagte.
„Wir dachten, wir müssten ein paar Worte über Harry mit ihnen reden,“ sagte Mr. Weasley immer noch lächelnd.
„Ja,“ knurrte Moody, „Darüber, wie er behandelt wird, wenn er bei ihnen zuhause ist.“
Onkel Vernons Schnurrbart schien sich in Empörung zu sträuben. Vielleicht, weil ihm die Melone den ganz falschen
Eindruck verlieh, er sei in der Gesellschaft einer gleich gesinnten Seele, wandte er sich an Moody.
„Ich glaube nicht, daß es sie irgendetwas angeht, was in meinem Hause vor sich geht.“
„Ich vermute, daß das, wovon sie keine Ahnung haben, mehrere Bücher füllen würde, Dursley,“ sagte Moody.
„Wie dem auch sei, das ist nicht der Punkt,“ unterbrach Tonks, deren pinke Haare Tante Petunia noch mehr
beleidigten, als der Rest zusammengenommen, da sie ihre Augen schloss und sie nicht weiter anschaute. „Der Punkt
ist, daß, wenn wir herausfinden sollten, daß sie weiterhin gemein zu Harry sind …“
„… und machen sie keinen Fehler, wir werden davon hören,“ fügte Lupin freundlich hinzu.
„Ja,“ sagte Mr. Weasley: „Sogar wenn sie Harry nicht das Felefon …“
„Telefon,“ flüsterte Hermine.
„ … Ja, wenn wir nur den geringsten Hinweis bekommen, daß Potter auf irgend eine Weise misshandelt wurde,
müssen sie sich mit uns befassen,“ sagte Moody.
Onkel Vernon schwoll enorm an. Seine Wut schien sogar seine Angst vor diesen komischen Käuzen zu überwiegen.
„Wollen sie mir etwa drohen, Sir?“ sagte er so laut, daß die Passanten sich umdrehten und starrten.
„Ja, das tue ich.“ Sagte Mad-Eye, der sehr erfreut war, das Onkel Vernon diese Tatsache so schnell begriffen hatte.
„Und sehe ich aus, wie ein Mann, den man einschüchtern kann?“ bellte Onkel Vernon.
„Nun,“ sagte Moody seine Melone zurückschiebend um sein unheimlich drehendes magisches Auge zu entblößen.
Onkel Vernon sprang in Schrecken mit einem Satz zurück und kollidierte mit einem Gepäckwagen. „Ja ich muß
sagen, sie müssen, Dursley.“
Er drehte sich von Onkel Vernon weg um Harry anzuschauen.
„So, Potter … ruf uns, wenn du uns brauchst. Wenn drei Tage hintereinander nichts von dir hören, werden wir
jemanden vorbeischicken …“
Tante Petunia jammerte kläglich. Es konnte nicht einfacher sein, daß sie dachte, was die Nachbarn davon halten
würden, wenn sie diese Leute je zu Gesicht bekämen, wie sie ihren Gartenweg heraufmarschieren würden.
„Tschüss dann, Potter,“ sagte Moody einen kurzen Moment mit seiner rauhen Hand nach Harrys Schulter greifend.
„Pass auf dich auf, Harry,“ sagte Lupin ruhig. „Bleib mit uns in Verbindung.“
„Harry, wir werden dich da rausholen sobald wir können,“ flüsterte Mrs. Weasley ihn nochmals umarmend.
„Nun, ich seh“ dich ja bald, Freund,“ sagte Ron ungeduldig, Harrys Hand schüttelnd.
„Wirklich bald,“ sagte Hermine ernst. „Wir versprechen es.“
Harry nickte. Irgendwie konnte er keine Worte finden, was es für ihn bedeutete sie alle dort zu auf seiner Seite zu
sehen. Stattdessen lächelte er, erhob seine Hand zum Abschied, drehte sich um und ging aus dem Bahnhof heraus auf
die sonnen beschienene Straße, mit Onkel Vernon, Tante Petunia und Dudley in seinem Kielwasser.
co.123
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2
Joanne K. Rowling
HARRY POTTER
und der Halbblutprinz
Aus dem Englischen
von Klaus Fritz
CARLSEN
3
Mix
Produktgruppe aus vorbildlich
bewirtschafteten Wäldern,
kontrollierten Herkünften und
Recyclingholz oder –fasern
Zert.-Nr. GFA-COC-1223
www.fsc.org
© 1996 Forest Stewardship Council
Dieses Buch wurde auf FSC-zertifiziertem Papier gedruckt.
FSC (Forest Stewardship Council) ist eine
nichtstaatliche, gemeinnützige Organisation, die sich für eine
ökologische und sozialverantwortliche Nutzung
der Wälder unserer Erde einsetzt.
1 2 3 4 07 06 05
Alle deutschen Rechte bei Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2005
Originaltextcopyright © Joanne K. Rowling 2005
Originalverlag: Bloomsbury Publishing Plc, London 2005
Originaltitel: Harry Potter and the Half-Blood Prince
Harry Potter, names, characters, and related indicia are
Copyright and trademark Warner Bros. Entertainment © 2005.
Harry Potter publishing rights are Copyright JK Rowling.
Umschlaggestaltung: Doris K. Künster
Umschlagillustration: Sabine Wilharm
Satz: Dörlemann Satz, Lemförde
Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck
ISBN 13: 978-3-551-56666-9
ISBN 10: 3-551-56666-6
Printed in Germany
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Mackenzie,
meiner schönen Tochter,
widme ich
ihren Zwilling aus Tinte und Papier
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Der andere Minister
Es ging auf Mitternacht zu, der Premierminister saß allein in sei-
nem Büro und las einen langen Bericht, der ihm durch den Kopf
strich, ohne den geringsten Sinn zu hinterlassen. Er wartete auf den
Anruf des Präsidenten eines fernen Landes, und während er über-
legte, wann der elende Mensch sich endlich melden würde, und
zugleich unangenehme Erinnerungen an eine sehr lange, ermüden-
de und schwierige Woche zu unterdrücken suchte, konnte er kaum
noch an etwas anderes denken. Je stärker der Premierminister sich
auf den Text der Seite vor sich zu konzentrieren versuchte, desto
deutlicher konnte er das hämisch grinsende Gesicht eines seiner
politischen Gegner sehen. Ausgerechnet dieser Gegner war gerade
am heutigen Tag in den Nachrichten aufgetreten und hatte nicht
nur die schrecklichen Dinge aufgezählt, die in der vergangenen
Woche geschehen waren (als müsste irgendjemand daran erinnert
werden), sondern auch noch erläutert, warum an ausnahmslos allen
Vorfällen die Regierung schuld sei.
Der Puls des Premierministers beschleunigte sich allein beim Ge-
danken an diese Vorwürfe, denn sie waren weder fair noch trafen
sie zu. Wie um alles in der Welt hätte seine Regierung verhindern
sollen, dass diese Brücke zusammenbrach? Es war empörend, dass
überhaupt jemand unterstellte, man würde nicht genug für den
Brückenbau ausgeben. Die Brücke war kaum zehn Jahre alt, und
die besten Fachleute wussten sich nicht im Mindesten zu erklären,
warum sie mitten entzweigebrochen war und ein Dutzend Autos in
die feuchten Tiefen des Flusses unter sich gestürzt hatte. Und wie
konnte es jemand wagen, zu behaupten, der Mangel an Polizisten
hätte zu diesen beiden sehr hässlichen und weithin publik gemach-
ten Morden geführt? Oder dass die Regierung den außergewöhnli-
chen Hurrikan in den südwestlichen Grafschaften irgendwie hätte
vorhersehen müssen, der so viele Menschen und ihr Hab und Gut
geschädigt hatte? Und war es s
ein Fehler, dass einer seiner Junior-
minister, Herbert Chorley, sich ausgerechnet in dieser Woche so
seltsam aufgeführt hatte, dass er nun bald viel mehr Zeit mit seiner
6
Familie verbringen würde?
»Eine düstere Stimmung hat das Land erfasst«, hatte sein Gegner
zum Schluss gesagt und sein breites Grinsen dabei kaum verborgen.
Und leider traf dies vollkommen zu. Der Premierminister spürte
es selbst; die Menschen schienen tatsächlich unglücklicher als
sonst. Sogar das Wetter war trostlos; so viel kalter Nebel mitten im
Juli … etwas stimmte nicht, das war nicht normal …
Er blätterte die zweite Seite des Berichts um, sah, wie lange er
noch weiterging, und gab resigniert auf. Er streckte die Arme über
den Kopf und schaute sich traurig in seinem Büro um. Es war ein
schöner Raum, mit einem gediegenen Marmorkamin gegenüber
hohen Schiebefenstern, die wegen der für die Jahreszeit unge-
wöhnlichen Kälte fest geschlossen waren. Mit einem leichten
Schaudern stand der Premierminister auf, trat hinüber zu den Fens-
tern und sah hinaus in den feinen Nebel, der sich gegen die Scheibe
drückte. In diesem Moment, während er dem Raum den Rücken
zukehrte, hörte er hinter sich ein leises Husten.
Er erstarrte, Nase an Nase mit seinem erschrocken wirkenden
Spiegelbild in der dunklen Scheibe. Er kannte dieses Husten. Er
hatte es schon einmal gehört. Er drehte sich ganz langsam dem
leeren Zimmer zu.
»Hallo?«, sagte er und bemühte sich, mutiger zu klingen, als er
sich fühlte.
Einen kurzen Moment gab er sich der aberwitzigen Hoffnung
hin, niemand würde ihm antworten. Doch prompt ertönte eine
Stimme, eine forsche, schneidige Stimme, die so klang, als würde
sie eine vorbereitete schriftliche Stellungnahme verlesen. Die
Stimme kam - wie der Premierminister schon seit dem ersten Hus-
ten wusste - von dem froschartigen Männchen mit der langen sil-
bernen Perücke, das auf einem kleinen schäbigen Ölgemälde auf
der anderen Seite des Zimmers abgebildet war.
»An den Premierminister der Muggel. Treffen dringend er-
forderlich. Erbitte sofortige Antwort. Gruß, Fudge.« Der Mann in
dem Gemälde sah den Premierminister fragend an.
»Ähm«, sagte der Premierminister, »hören Sie … das passt mir ge-
rade gar nicht … Ich erwarte einen Anruf, verstehen Sie … des
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Präsidenten von -«
»Der lässt sich verschieben«, sagte das Porträt sofort. Dem Pre-
mierminister sank der Mut. Das hatte er befürchtet.
»Aber ich wollte wirklich lieber mit -«
»Wir werden dafür sorgen, dass der Präsident den Anruf vergisst.
Er wird stattdessen morgen Abend anrufen«, sagte der kleine
Mann. »Bitte geben Sie Mr Fudge unverzüglich Antwort.«
»Ich … oh … nun gut«, sagte der Premierminister matt. »Einver-
standen, ich werde Fudge empfangen.«
Er eilte zurück an seinen Schreibtisch und rückte dabei seine
Krawatte zurecht. Kaum hatte er seinen Platz wieder eingenom-
men und seinen Gesichtszügen einen, wie er hoffte, entspannten
und gefassten Ausdruck verliehen, als hellgrüne Flammen in dem
leeren Rost unter dem marmornen Kaminsims aufloderten. Darauf
bedacht, sich keinerlei Überraschung oder Besorgnis anmerken zu
lassen, beobachtete er, wie ein stattlicher Mann in den Flammen
erschien, der schnell wie ein Kreisel rotierte. Sekunden später war
er herausgestiegen auf einen ziemlich edlen alten Teppich und
streifte sich Asche von den Ärmeln seines langen Nadelstreifenum-
hangs, einen limonengrünen Bowler in der Hand.
»Ah … Premierminister«, sagte Cornelius Fudge und schritt mit
ausgestreckter Hand auf ihn zu. »Schön, Sie wiederzusehen.«
Der Premierminister konnte diese Höflichkeit nicht ehrlich er-
widern und sagte deshalb überhaupt nichts. Es freute ihn keines-
wegs, Fudge zu sehen, dessen gelegentliches Auftauchen an sich
schon ausgesprochen beunruhigend war und meistens bedeutete,
dass ihn sehr schlechte Nachrichten erwarteten. Überdies sah Fud-
ge eindeutig verhärmt aus. Er war dünner, kahler und grauer ge-
worden, und sein Gesicht machte einen zerknitterten Eindruck.
Der Premierminister hatte schon manche Politiker erlebt, die so
aussahen, und es hatte nie etwas Gutes verheißen.
»Wie kann ich Ihnen helfen?«, sagte er, schüttelte Fudge ganz
kurz die Hand und wies auf den härtesten Stuhl vor seinem
Schreibtisch.
»Weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll«, murmelte Fudge,
zog den Stuhl heran, setzte sich und legte den grünen Bowler auf
8
seine Knie. »Was für eine Woche, was für eine Woche …«
»Ihre war also auch schlecht?«, fragte der Premierminister steif
und hoffte damit zum Ausdruck zu bringen, er habe auch ohne
Fudges Zutun schon genug am Hals.
»Ja, natürlich«, sagte Fudge, rieb sich erschöpft die Augen und
blickte den Premierminister verdrießlich an. »Ich hatte die gleiche
Woche wie Sie, Premierminister. Die Brockdale-Brücke … die
Morde an Bones und Vance … ganz zu schweigen von dem Chaos
im Südwesten …«
»Sie - ähm - Sie - ich meine, Ihre Leute waren - zum Teil verwi-
ckelt in diese - diese Vorfälle, ja?«
Fudge fixierte den Premierminister mit einem ziemlich strengen
Blick. »Natürlich waren sie das«, sagte er. »Ihnen ist sicher bewusst,
was da vor sich geht?«
»Ich …«, zögerte der Premierminister.
Genau diese Art von Auftreten war es, weswegen er Fudges Besu-
che so hasste. Immerhin war er der Premierminister und schätzte
es nicht, wenn man ihm das Gefühl vermittelte, ein ahnungsloser
Schuljunge zu sein. Doch so war es schon immer gewesen, seit sei-
nem allerersten Treffen mit Fudge an seinem allerersten Abend als
Premierminister. Er erinnerte sich daran, als ob es gestern gewesen
wäre, und wusste, dass es ihn bis an sein Lebensende verfolgen
würde.
Er hatte allein in ebendiesem Büro gestanden und den Triumph
ausgekostet, den er nach so vielen Jahren des Träumens und Intri-
gierens errungen hatte, als er ein Husten hinter sich hörte, genau
wie heute Abend, worauf er sich umwandte und bemerkte, dass das
hässliche kleine Porträt zu ihm sprach. Es verkündete, der Zaube-
reiminister werde in Kürze eintreffen und sich vorstellen.
Natürlich hatte er geglaubt, er wäre durch den langen Wahl-
kampf und die damit verbundene Anstrengung verrückt geworden.
Es hatte ihn abgrundtief entsetzt, dass ein Porträt zu ihm sprach,
doch das war nichts im Vergleich zu dem, was er empfand, als ein
selbst ernannter Zauberer aus dem Kamin gehüpft kam und ihm die
Hand schüttelte. Er hatte stumm zugehört, als Fudge ihm freund-
lich erklärte, dass es immer noch Hexen und Zauberer gebe, die
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überall auf der Welt im Geheimen lebten, und ihm mehrfach versi-
cherte, er solle sich darüber nicht den Kopf zerbrechen, denn das
Zaubereiministerium trage die Verantwortung für die ganze magi-
sche Gemeinschaft und werde verhindern, dass die nichtmagische
Bevölkerung Wind von ihr bekomme. Dies sei, so Fudge, eine
schwierige Arbeit, die allerlei umfasse, angefangen bei den Vor-
schriften zum verantwortungsvollen Gebrauch von Besen bis hin
zur Kontrolle der Drachenpopulation (dem Premierminister fiel
ein, dass er sich an dieser Stelle Halt suchend am Schreibtisch fest-
geklammert hatte). Fudge hatte dem immer noch sprachlosen Pre-
mierminister daraufhin väterlich auf die Schulter geklopft.
»Keine Sorge«, hatte er gesagt, »wahrscheinlich werden Sie mich
nie Wiedersehen. Ich werde Sie nur belästigen, wenn bei uns etwas
wirklich Ernstes vorfällt, etwas, das aller Voraussicht nach die
Muggel beeinträchtigen wird - die nichtmagische Bevölkerung,
sollte ich besser sagen. Ansonsten heißt es leben und leben lassen.
Und ich muss sagen, Sie nehmen das viel besser auf als Ihr Vorgän-
ger.
Der hat versucht, mich aus dem Fenster zu werfen, dachte, ich
wäre ein übler Scherz, den die Opposition ausgeheckt hat.«
Da hatte der Premierminister seine Stimme endlich wie-
dergefunden.
»Sie - Sie sind also
kein Scherz?«
Es war seine letzte, verzweifelte Hoffnung gewesen.
»Nein«, sagte Fudge liebenswürdig. »Nein, ich fürchte, nicht. Se-
hen Sie.«
Und er hatte die Teetasse des Premierministers in eine Rennmaus
verwandelt.
»Aber«, sagte der Premierminister atemlos, während er zusah,
wie seine Teetasse eine Ecke seiner nächsten Rede annagte, »aber
warum - hat mir keiner gesagt -?«
»Der Zaubereiminister oder die Zaubereiministerin zeigt sich nur
dem jeweils amtierenden Premierminister der Muggel«, erwiderte
Fudge und steckte seinen Zauberstab in sein Jackett zurück. »Wir
halten dies für den besten Weg, die Geheimhaltung zu wahren.«
»Aber«, jammerte der Premierminister, »warum hat mich dann
keiner meiner Vorgänger darauf hingewiesen -?«
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Da hatte Fudge tatsächlich gelacht.
»Mein lieber Premierminister, werden
Sie es jemals irgend-
jemandem sagen?«
Noch immer glucksend vor Lachen, hatte Fudge etwas Pulver in
den Kamin geworfen, war in die smaragdgrünen Flammen gestie-
gen und mit einem zischenden Geräusch verschwunden. Der Pre-
mierminister hatte völlig reglos dagestanden, und ihm war klar
geworden, dass er es sein Leben lang nicht wagen würde, diese
Begegnung auch nur einer Menschenseele gegenüber zu erwähnen,
denn wer auf der ganzen weiten Welt würde ihm glauben?
Es hatte eine kleine Weile gedauert, bis der Schock nachließ. Ei-
ne Zeit lang hatte er versucht sich einzureden, dass Fudge tatsäch-
lich eine Halluzination gewesen war, verursacht durch den Schlaf-
mangel während seines zermürbenden Wahlkampfs. Vergeblich
bemühte er sich alle Erinnerungen an diese unangenehme Begeg-
nung loszuwerden: Er schenkte die Rennmaus seiner entzückten
Nichte und wies seinen Privatsekretär an, das Porträt des hässli-
chen kleinen Mannes, der Fudges Eintreffen angekündigt hatte,
von der Wand zu nehmen. Zum Entsetzen des Premierministers
stellte sich jedoch heraus, dass man das Porträt nicht entfernen
konnte. Nachdem mehrere Schreiner, ein oder zwei Bauarbeiter,
ein Kunsthistoriker und der Finanzminister allesamt erfolglos ver-
sucht hatten, es von der Wand zu stemmen, gab der Premierminis-
ter die Sache auf und beschloss, einfach darauf zu hoffen, dass das
Ding für den Rest seiner Amtszeit reglos und stumm blieb. Gele-
gentlich hätte er schwören können, aus dem Augenwinkel zu se-
hen, wie der Bewohner des Gemäldes gähnte oder sich an der Nase
kratzte, das eine oder andere Mal sogar einfach aus seinem Rahmen
herausspazierte und nichts als ein Stück schlammbrauner Leinwand
zurückließ. Doch hatte er sich angewöhnt, das Bild nicht allzu häu-
fig anzuschauen und sich immer fest einzureden, seine Augen wür-
den ihm einen Streich spielen, wenn so etwas geschah.
Vor drei Jahren dann, an einem ganz ähnlichen Abend wie heute,
war der Premierminister allein in seinem Büro gewesen, als das
Porträt erneut das baldige Eintreffen von Fudge angekündigt hatte,
der daraufhin aus dem Kamin gestürzt war, klitschnass und in be-
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trächtlicher Panik. Ehe der Premierminister fragen konnte, warum
er den ganzen Axminsterteppich voll tropfe, hatte Fudge schon
angefangen, über ein Gefängnis zu faseln, von dem der Premiermi-
nister noch nie gehört hatte, über einen Mann namens »Serious«
Black, über etwas, das wie Hogwarts klang, und über einen Jungen,
der Harry Potter hieß, und nichts davon konnte der Premiermi-
nister auch nur im Entferntesten verstehen.
»… Ich komme gerade aus Askaban«, hatte Fudge gekeucht und
eine Unmenge Wasser aus der Krempe seines Bowlers in seine Ta-
sche gekippt. »Mitten in der Nordsee, wissen Sie, schrecklicher
Flug … die Dementoren sind in Aufruhr -«, er schauderte, »- bei
denen ist noch nie ein Ausbruch vorgekommen. Wie auch immer,
ich musste Sie aufsuchen, Premierminister. Black ist ein bekannter
Muggelmörder und plant womöglich, sich wieder Du-weißt-schon-
wem anzuschließen … aber natürlich, Sie wissen ja nicht mal, wer
Du-weißt-schon-wer ist!« Er starrte den Premierminister einen
Moment lang mutlos an, dann sagte er: »Nun, nehmen Sie Platz,
nehmen Sie Platz, ich werde Ihnen am besten alles erklären …
trinken Sie einen Whisky …«
Der Premierminister hatte sich ziemlich darüber geärgert, dass
man ihn in seinem eigenen Büro aufforderte, Platz zu nehmen, und
ihm obendrein noch seinen eigenen Whisky anbot, aber er setzte
sich trotzdem. Fudge hatte seinen Zauberstab gezückt, zwei große
Gläser voll bernsteinfarbener Flüssigkeit aus dem Nichts herbeige-
zaubert, eines davon dem Premierminister in die Hand geschoben
und sich einen Stuhl herangezogen.
Fudge hatte länger als eine Stunde geredet. Einmal hatte er es
nicht über sich gebracht, einen bestimmten Namen laut auszuspre-
chen, und ihn stattdessen auf ein Stück Pergament geschrieben, das
er dem Premierminister in die Hand ohne Whisky gedrückt hatte.
Als Fudge endlich aufgestanden war, um zu gehen, war auch der
Premierminister aufgestanden.
»Sie glauben also, dass …«, er hatte auf den Namen in seiner lin-
ken Hand hinuntergeschielt, »Lord Vol-«
»Er, dessen Name nicht genannt werden darf!«, knurrte Fudge
wütend.
12
»Verzeihung … Sie glauben, dass Er, dessen Name nicht genannt
werden darf, noch am Leben ist, richtig?«
»Nun, Dumbledore behauptet das«, sagte Fudge, während er sei-
nen Nadelstreifenumhang unter dem Kinn festzurrte, »aber wir
haben ihn nie gefunden. Wenn Sie mich fragen, ist er ungefährlich,
solange er keine Unterstützung hat, daher sollten wir eher wegen
Black beunruhigt sein. Sie werden diese Warnung also rausgeben?
Bestens. Nun, ich hoffe, wir sehen uns nie wieder, Premierminister!
Gute Nacht.«
Aber sie hatten sich wiedergesehen. Kaum ein Jahr später war ein
zermürbt wirkender Fudge aus heiterem Himmel im Kabinettsaal
erschienen, um dem Premierminister mitzuteilen, dass es bei der
Weltmeisterschaft im Kwidditsch (oder zumindest hatte es so ge-
klungen) einen Zwischenfall gegeben habe und dass mehrere Mug-
gel darin »verwickelt« gewesen seien, doch der Premierminister
solle sich keine Sorgen machen, die Tatsache, dass das Mal von Du-
weißt-schon-wem wieder gesichtet worden sei, habe nichts zu be-
deuten; Fudge war sicher, dass es sich um ein einmaliges Vor-
kommnis handle, und das Muggelverbindungsbüro sei gegenwärtig
dabei, sämtliche Gedächtnismodifizierungen vorzunehmen.
» Oh, und was ich fast vergessen hätte«, hatte Fudge hinzugefügt.
»Wir importieren gerade drei ausländische Drachen und eine
Sphinx für das Trimagische Turnier, reine Formsache, aber die Ab-
teilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe sagt mir,
dass wir Sie laut Vorschrift informieren müssen, wenn wir hochge-
fährliche Geschöpfe ins Land holen.«
»Ich - was -
Drachen?«, stotterte der Premierminister.
»Ja, drei Stück«, sagte Fudge. »Und eine Sphinx. Also dann, einen
schönen Tag noch.«
Der Premierminister hatte sich an die Hoffnung geklammert,
nach Drachen und Sphinxen könne es nicht mehr schlimmer
kommen, aber nein. Kaum zwei Jahre später war Fudge schon wie-
der aus dem Feuer geplatzt, diesmal mit der Nachricht, es habe
einen Massenausbruch aus Askaban gegeben.
»Einen
Massenausbruch?«, hatte der Premierminister heiser wie-
derholt.
13
»Kein Grund zur Sorge, kein Grund zur Sorge!«, hatte Fudge, mit
einem Fuß schon in den Flammen, gerufen. »Die haben wir im Nu
wieder gefasst - dachte nur, Sie sollten es wissen!«
Und ehe der Premierminister »Halt, warten Sie einen Moment!«
rufen konnte, war Fudge in einem grünen Funkenregen ver-
schwunden.
Was immer die Presse und die Opposition behaupten mochten,
der Premierminister war kein dummer Mensch. Es war seiner
Aufmerksamkeit nicht entgangen, dass sie sich trotz Fudges Beteu-
erungen bei ihrem ersten Treffen inzwischen recht häufig sahen,
und auch nicht, dass Fudge mit jedem Besuch nervöser wurde.
Zwar dachte der Premierminister nicht besonders gerne über den
Zaubereiminister nach (oder, wie er Fudge insgeheim immer nann-
te, den
anderen Minister), doch musste er wohl befürchten, dass
Fudge, wenn er das nächste Mal erschien, noch schrecklichere
Nachrichten bringen würde. Deshalb war der Anblick, wie Fudge
erneut aus dem Feuer trat, zerzaust und gereizt und ernsthaft über-
rascht, dass der Premierminister nicht genau wusste, warum er hier
war, so ziemlich das Schlimmste, was im Verlauf dieser äußerst
düsteren Woche passiert war.
»Woher sollte ich wissen, was in der - ähm - magischen Gemein-
schaft vor sich geht?«, blaffte der Premierminister jetzt. »Ich habe
ein Land zu führen und im Moment wahrhaft genug Sorgen, ohne -
«
»Wir haben die gleichen Sorgen«, unterbrach ihn Fudge. »Die
Brockdale-Brücke war nicht abgenutzt. Das war kein richtiger Hur-
rikan. Diese Morde waren nicht das Werk von Muggeln. Und Her-
bert Chorleys Familie wäre sicherer ohne ihn. Wir treffen im Au-
genblick Vorbereitungen, ihn ins St. -Mungo-Hospital für Magische
Krankheiten und Verletzungen zu verlegen. Die Überführung soll
heute Nacht stattfinden.«
»Was wollen Sie … ich fürchte, ich …
was?«, polterte der Pre-
mierminister.
Fudge machte einen langen, tiefen Atemzug und sagte: »Pre-
mierminister, ich bedaure sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass er
zurück ist. Er, dessen Name nicht genannt werden darf, ist zurück.«
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»Zurück? Wenn Sie ›zurück‹ sagen … lebt er? Ich meine -«
Der Premierminister zermarterte sich den Kopf nach Ein-
zelheiten jener schrecklichen Unterhaltung vor drei Jahren, als
Fudge ihm von dem Zauberer erzählt hatte, der mehr als alle ande-
ren gefürchtet wurde, dem Zauberer, der tausend grausame
Verbrechen begangen hatte, ehe er fünfzehn Jahre zuvor auf mys-
teriöse Weise verschwunden war.
»Ja, er lebt«, sagte Fudge. »Das heißt - ich weiß nicht - lebt ein
Mensch, wenn er nicht getötet werden kann? Ich verstehe es nicht
ganz, und Dumbledore will es mir nicht richtig erklären - aber wie
auch immer, fest steht, dass er einen Körper besitzt und herumläuft
und redet und tötet, also gehe ich davon aus, was unser Gespräch
hier anbelangt - ja, er lebt.«
Der Premierminister wusste nicht, was er dazu sagen sollte, doch
seine hartnäckige Gewohnheit, über jedes angesprochene Thema
wohl informiert wirken zu wollen, bewog ihn, sich alle Details in
Erinnerung zu rufen, die er von ihren früheren Unterhaltungen
noch im Gedächtnis hatte.
»Ist Serious Black bei - ähm - Ihm, dessen Name nicht genannt
werden darf?«
»Black? Black?«, sagte Fudge zerstreut und drehte seinen Bowler
rasch zwischen den Fingern. »Sirius Black, meinen Sie? Beim Barte
des Merlin, nein. Black ist tot. Hat sich herausgestellt, dass wir uns
- ähm - in Black geirrt haben. Er war am Ende doch unschuldig.
Und mit Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, steckte er
auch nicht unter einer Decke. Ich meine«, fügte er sich verteidi-
gend hinzu und ließ den Bowler noch schneller kreisen, »alle Be-
weise deuteten darauf hin - wir hatten über fünfzig Augenzeugen -,
aber egal, wie schon gesagt, er ist tot. Wurde ermordet, um genau
zu sein. In den Räumen des Zaubereiministeriums. Es wird sogar
eine Ermittlung geben …«
Zu seiner großen Überraschung spürte der Premierminister in
diesem Augenblick jäh eine Art Mitleid mit Fudge in sich aufwal-
len. Doch es verlosch gleich wieder, als er in einem Anflug von
Selbstgefälligkeit daran dachte, dass er zwar auf dem Gebiet des
Materialisierens aus Kaminen nicht mithalten konnte, dass aber nie
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ein Mord in einem Ministerium passiert war, das
seiner Verantwor-
tung unterlag … noch nicht jedenfalls …
Während der Premierminister verstohlen das Holz seines
Schreibtischs berührte, fuhr Fudge fort: »Aber Black ist jetzt passe.
Die Sache ist die, wir befinden uns in einem Krieg, Pre-
mierminister, und wir müssen Maßnahmen ergreifen.«
»In einem Krieg?«, wiederholte der Premierminister nervös. »Ist
das nicht ein wenig übertrieben?«
»Er, dessen Name nicht genannt werden darf, hat inzwischen sei-
ne Anhänger um sich geschart, die im Januar aus Askaban geflohen
sind«, sagte Fudge, der nun immer schneller sprach und seinen
Bowler so rasch herumwirbeln ließ, dass er nur noch eine limo-
nengrüne Schliere war. »Seit sie aus ihrem Versteck gekommen
sind, verbreiten sie Angst und Schrecken. Die Brockdale-Brücke -
das war er, Premierminister, er hat mit einem Massenmord an
Muggeln gedroht, wenn ich ihm den Weg nicht frei mache und -«
»Unfassbar! Also ist es
Ihre Schuld, dass diese Menschen umge-
kommen sind und ich Fragen über verrostete Spannseile und kor-
rodierte Dehnungsfugen und was weiß ich noch beantworten
muss!«, erwiderte der Premierminister wütend.
»Meine Schuld!«, sagte Fudge und wurde rot im Gesicht. »Wollen
Sie etwa sagen, Sie hätten bei einer derartigen Erpressung klein
beigegeben?«
»Möglicherweise nicht«, sagte der Premierminister, erhob sich
und schritt im Raum umher, »aber ich hätte all meine Kräfte darauf
verwandt, den Erpresser zu fangen, ehe er eine solche Gräueltat
verübt!«
»Glauben Sie wirklich, ich hätte nicht bereits jede Anstrengung
unternommen?«, entgegnete Fudge erhitzt. »Sämtliche Auroren des
Ministeriums haben versucht - und versuchen immer noch - ihn zu
finden und seine Anhänger auszuheben, aber wir reden hier zufäl-
lig über einen der mächtigsten Zauberer aller Zeiten, einen Zaube-
rer, der fast drei Jahrzehnte lang einer Gefangennahme entkommen
ist!«
»Sie werden mir also vermutlich sagen, dass er auch den Hurrikan
im Südwesten des Landes verursacht hat?«, bemerkte der Premier-
16
minister, der mit jedem Schritt, den er machte, immer wütender
wurde. Es war zum Verzweifeln, da hatte er die Ursache all dieser
schrecklichen Katastrophen entdeckt und konnte sie nicht in der
Öffentlichkeit verkünden; das war fast noch schlimmer, als wenn
doch die Regierung daran schuld gewesen wäre.
»Es war kein Hurrikan«, sagte Fudge unglücklich.
»Ich bitte Sie!«, bellte der Premierminister und stampfte nun hef-
tig auf und ab. »Entwurzelte Bäume, abgedeckte Dächer, umge-
knickte Laternenpfähle, fürchterliche Verletzungen -«
»Das waren die Todesser«, sagte Fudge. »Die Anhänger des Un-
nennbaren. Und … und wir vermuten, dass auch Riesen beteiligt
waren.«
Der Premierminister blieb abrupt stehen, als ob er gegen eine un-
sichtbare Wand geprallt wäre.
»Wer soll beteiligt gewesen sein?«
Fudge verzog das Gesicht. »Das letzte Mal hat er Riesen einge-
setzt, als er große Wirkung erzielen wollte. Das Desin-
formationsbüro arbeitet bereits rund um die Uhr, wir hatten Ver-
gissmich-Teams im Einsatz, die versucht haben, die Gedächtnisse
aller Muggel zu verändern, die gesehen haben, was wirklich pas-
siert ist, fast unsere gesamte Abteilung zur Führung und Aufsicht
Magischer Geschöpfe rennt in Somerset herum, aber wir können
den Riesen nicht finden - es ist eine Katastrophe.«
»Was Sie nicht sagen!«, erwiderte der Premierminister wütend.
»Ich will nicht bestreiten, dass die Stimmung im Ministerium
ziemlich schlecht ist«, sagte Fudge. »Erst diese ganze Geschichte,
und dann haben wir auch noch Amelia Bones verloren.«
»Wen verloren?«
»Amelia Bones. Leiterin der Abteilung für Magische Straf-
verfolgung. Wir glauben, Er, dessen Name nicht genannt werden
darf, könnte sie selbst ermordet haben, weil sie eine sehr begabte
Hexe war und - und alles darauf hindeutete, dass sie sich mit ihrem
Mörder einen richtigen Kampf geliefert hat.«
Fudge räusperte sich und musste sich offenbar zwingen damit
aufzuhören, den Bowler im Kreis herumzudrehen.
»Aber dieser Mord ging durch die Zeitungen«, sagte der Pre-
17
mierminister, einen Moment lang von seiner Wut abgelenkt.
»Durch
unsere Zeitungen. Amelia Bones … es hieß nur, sie sei eine
Frau mittleren Alters gewesen, die allein gelebt habe. Es war ein -
ein grausiger Mord, nicht wahr? Er hat ziemliches Aufsehen erregt.
Die Polizei steht vor einem Rätsel, wissen Sie.«
Fudge seufzte. »Nun, das ist kein Wunder. Sie wurde in einem
Raum umgebracht, der von innen verschlossen war, nicht wahr?
Wir hingegen wissen genau, wer es getan hat, auch wenn uns das
nicht weiterhilft, ihn zu fangen. Und dann war da noch Emmeline
Vance, möglicherweise haben Sie nichts davon gehört -«
»O doch, das habe ich sehr wohl!«, sagte der Premierminister. »Es
ist zufällig gerade hier um die Ecke passiert. Das war ein gefunde-
nes Fressen für die Zeitungen:
Untergang von Recht und Ordnung
im Hinterhof des Premierministers -«
»Und als ob das alles nicht genug wäre«, sagte Fudge, der dem
Premierminister kaum zuhörte, »wimmelt es auch noch überall von
Dementoren, die wahllos Leute überfallen …«
In glücklicheren Tagen wäre dieser Satz dem Premierminister
unverständlich gewesen, doch inzwischen war er klüger geworden.
»Ich dachte, die Dementoren bewachen die Gefangenen von
Askaban?«, sagte er vorsichtig.
»Das war früher so«, antwortete Fudge matt. »Aber heute nicht
mehr. Sie haben das Gefängnis verlassen und sich Ihm, dessen Na-
me nicht genannt werden darf, angeschlossen. Ein schwerer Schlag,
das will ich nicht leugnen.«
»Aber«, sagte der Premierminister und ihm dämmerte etwas
Grauenvolles, »haben Sie nicht gesagt, dass das die Wesen sind, die
Hoffnung und Glück aus den Menschen heraussaugen?«
»Richtig. Und sie brüten Nachkommen aus. Das verursacht diesen
ganzen Nebel.«
Der Premierminister sank mit weichen Knien auf den nächsten
Stuhl. Bei der Vorstellung, unsichtbare Wesen schwebten durch
Stadt und Land und verbreiteten Verzweiflung und Hoffnungslo-
sigkeit unter seinen Wählern, wurde ihm ganz schwach zumute.
»Nun hören Sie mal, Fudge - Sie müssen etwas unternehmen! Sie
als Zaubereiminister tragen die Verantwortung!«
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»Mein lieber Premierminister, Sie glauben doch wohl nicht im
Ernst, dass ich nach alldem immer noch Zaubereiminister bin? Ich
wurde vor drei Tagen entlassen! Die gesamte Zauberergemeinschaft
hat zwei Wochen lang lauthals meinen Rücktritt verlangt. So einig
habe ich sie in meiner ganzen Amtszeit nicht erlebt!«, sagte Fudge
und versuchte tapfer, ein Lächeln zustande zu bringen.
Dem Premierminister fehlten vorübergehend die Worte. Trotz
seiner Entrüstung über die Lage, in die er versetzt worden war,
empfand er immer noch einiges Mitgefühl für den abgezehrt wir-
kenden Mann, der ihm gegenübersaß.
»Es tut mir sehr Leid«, sagte er schließlich. »Gibt es etwas, das ich
tun kann?«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Premierminister, aber ich
wüsste nicht, was. Man hat mich heute Abend hierher geschickt,
um Sie über die jüngsten Ereignisse zu informieren und Sie meinem
Nachfolger vorzustellen. Ich dachte eigentlich, er müsste inzwi-
schen hier sein, aber natürlich ist er im Augenblick, da so viel pas-
siert, sehr beschäftigt.«
Fudge blickte sich zu dem Porträt des hässlichen kleinen Mannes
mit der langen silbernen Lockenperücke um, der mit der Spitze
eines Federkiels in seinem Ohr bohrte.
Das Porträt erwiderte Fudges Blick und sagte: »Er wird gleich da
sein, er schreibt nur noch einen Brief an Dumbledore zu Ende.«
»Da wünsche ich ihm viel Glück«, sagte Fudge und klang zum
ersten Mal bitter. »Ich habe Dumbledore in den letzten beiden Wo-
chen zweimal täglich geschrieben, aber er rührt sich nicht von der
Stelle. Wenn er nur bereit gewesen wäre, den Jungen zu überreden,
dann wäre ich vielleicht nach wie vor … Nun, vielleicht hat Scrim-
geour mehr Erfolg.«
Fudge verfiel in ein offensichtlich gekränktes Schweigen, doch es
wurde fast im selben Moment von dem Porträt unterbrochen, das
sich plötzlich mit seiner forschen, offiziellen Stimme zu Wort mel-
dete.
»An den Premierminister der Muggel. Treffen erbeten. Dringend.
Bitte sofortige Antwort. Rufus Scrimgeour, Zaubereiminister.«
»Ja, ja, schon gut«, sagte der Premierminister zerstreut, und er
19
zuckte kaum zusammen, als die Flammen im Rost sich erneut sma-
ragdgrün verfärbten, aufzüngelten und einen zweiten rotierenden
Zauberer in ihrer Mitte offenbarten, den sie wenig später auf den
alten Teppich spuckten. Fudge erhob sich, und der Premierminister
tat es ihm nach kurzem Zögern nach und beobachtete, wie der
Neuankömmling sich aufrichtete, den Staub von seinem langen
schwarzen Umhang klopfte und sich umschaute.
Der erste, alberne Gedanke des Premierministers war, dass Rufus
Scrimgeour im Grunde wie ein alter Löwe aussah. Er hatte graue
Strähnen in seiner gelbbraunen Haarmähne und in seinen buschi-
gen Augenbrauen; die gelblichen Augen hinter den Gläsern seiner
Drahtbrille waren wachsam, und obwohl er leicht hinkte, bewegte
er sich mit einer geschmeidigen, federnden Anmut. Man hatte so-
fort den Eindruck von Scharfsinn und Zähigkeit; der Premierminis-
ter konnte gut verstehen, warum die Zauberergemeinschaft in die-
sen gefährlichen Zeiten lieber Scrimgeour als Fudge als Anführer
haben wollte.
»Guten Abend«, sagte der Premierminister höflich und streckte
die Hand aus.
Scrimgeour nahm sie kurz, während seine Augen den Raum ab-
suchten, dann zog er einen Zauberstab aus seinem Umhang hervor.
»Fudge hat Ihnen alles erzählt?«, fragte er, schritt hinüber zur Tür
und tippte mit dem Zauberstab gegen das Schlüsselloch. Der Pre-
mierminister hörte das Schloss klicken.
»Äh - ja«, sagte der Premierminister. »Und wenn Sie nichts dage-
gen haben, wäre es mir lieber, wenn diese Tür unverschlossen blie-
be.«
»Mir wäre es lieber, nicht unterbrochen zu werden«, entgegnete
Scrimgeour schroff. »Oder beobachtet«, fügte er hinzu und richtete
seinen Zauberstab auf die Fenster, worauf die Vorhänge über ihnen
zuwehten. »Nun denn, ich bin sehr beschäftigt, kommen wir also
zur Sache. Als Erstes müssen wir uns über Ihre Sicherheit unterhal-
ten.«
Der Premierminister richtete sich zu seiner vollen Größe auf und
erwiderte: »Ich bin gänzlich zufrieden mit den Sicherheitsvorkeh-
rungen, die bereits für mich getroffen wurden, vielen herzlichen -«
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»Nun, wir sind es nicht«, unterbrach Scrimgeour ihn. »Es würde
für die Muggel übel aussehen, wenn ihr Premierminister unter den
Imperius-Fluch geriete. Der neue Sekretär in Ihrem Vorzimmer -«
»Ich werde Kingsley Shacklebolt auf keinen Fall entlassen, falls
Sie das meinen!«, sagte der Premierminister hitzig. »Er ist äußerst
effizient, schafft doppelt so viel Arbeit wie all die anderen -«
»Das liegt daran, dass er ein Zauberer ist«, sagte Scrimgeour ohne
die Spur eines Lächelns. »Ein bestens ausgebildeter Auror, der Ih-
nen zu Ihrem Schutz zugeteilt wurde.«
»Moment mal!«, protestierte der Premierminister. »Sie können
nicht einfach Ihre Leute in mein Büro setzen, ich entscheide, wer
für mich arbeitet -«
»Ich dachte, Sie wären zufrieden mit Shacklebolt?«, erwiderte
Scrimgeour kühl.
»Das bin ich - beziehungsweise das war ich -«
»Dann gibt es doch kein Problem, oder?«, sagte Scrimgeour.
»Ich … na ja, solange Shacklebolt weiterhin … ähm … her-
vorragend arbeitet«, sagte der Premierminister matt, doch Scrimge-
our schien ihn kaum zu hören.
»Nun, was Herbert Chorley betrifft - Ihren Juniorminister«, fuhr
er fort. »Den Mann, der die Öffentlichkeit amüsiert hat, indem er
eine Ente nachahmte.«
»Was ist mit ihm?«, fragte der Premierminister.
»Offenbar ist das die Reaktion auf einen schlecht ausgeführten
Imperius-Fluch«, sagte Scrimgeour. »Das hat ihn verwirrt, aber er
könnte immer noch gefährlich sein.«
»Er quakt doch nur!«, sagte der Premierminister schwach. »Ein
wenig Ruhe, dann wird er sicher … vielleicht ein paar Gläschen
weniger …«
»Eine Gruppe von Heilern aus dem St.-Mungo-Hospital für Magi-
sche Krankheiten und Verletzungen untersucht ihn gerade. Bis
jetzt hat er versucht, drei von ihnen zu erwürgen«, sagte Scrimge-
our. »Ich halte es für das Beste, wenn wir ihn für eine Weile von
der Muggelgesellschaft fern halten.«
»Ich … nun … er wird sich doch wieder erholen, oder?«, fragte
der Premierminister besorgt. Scrimgeour zuckte nur die Achseln
21
und ging schon wieder zum Kamin zurück.
»Tja, das ist eigentlich alles, was ich zu sagen hatte. Ich werde Sie
über die Entwicklungen auf dem Laufenden halten, Premierminis-
ter - das heißt, ich werde wahrscheinlich zu beschäftigt sein, um
persönlich vorbeizukommen, aber dann schicke ich Fudge hierher.
Er hat sich bereit erklärt, in beratender Funktion weiterzuarbei-
ten.«
Fudge versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht; er sah ein-
fach nur aus, als hätte er Zahnweh. Scrimgeour kramte bereits in
seiner Tasche nach dem mysteriösen Pulver, mit dem man Feuer
grün färbte. Der Premierminister starrte die beiden einen Moment
lang verzweifelt an, dann brachen die Worte, gegen die er den gan-
zen Abend angekämpft hatte, endlich aus ihm heraus.
»Aber um Himmels willen - Sie sind
Zauberer! Sie können
zau-
bern! Sie können doch sicher - na ja -
alles in den Griff kriegen!«
Scrimgeour drehte sich langsam um und wechselte einen ungläu-
bigen Blick mit Fudge, der diesmal tatsächlich ein Lächeln hinbe-
kam und freundlich sagte: »Das Problem ist, dass auch die andere
Seite zaubern kann, Premierminister.«
Und damit traten die beiden Zauberer einer nach dem anderen in
das hellgrüne Feuer und verschwanden.
22
Spinner’s End
Viele Kilometer entfernt hing der kalte Nebel, der gegen die Fens-
ter des Premierministers gedrückt hatte, über einem schmutzigen
Fluss, der sich zwischen überwucherten und von Müll übersäten
Ufern dahinschlängelte. Ein mächtiger Schornstein, Überbleibsel
einer stillgelegten Fabrik, ragte in die Höhe, düster und unheilvoll.
Außer dem Wispern des schwarzen Wassers war nichts zu hören,
und es gab keine Spur von Leben außer einem mageren Fuchs, der
sich die Uferböschung hinuntergeschlichen hatte, um erwartungs-
voll ein altes Fish-and-Chips-Papier im hohen Gras zu beschnup-
pern.
Doch dann tauchte mit einem ganz leisen
Plopp aus dem Nichts
eine schlanke Gestalt mit Kapuze am Flussufer auf. Der Fuchs er-
starrte, die wachsamen Augen auf diese seltsame neue Erscheinung
gerichtet. Die Gestalt orientierte sich offenbar kurz, dann ging sie
mit leichten, raschen Schritten davon, wobei ihr langer Umhang
über das Gras raschelte.
Mit einem zweiten und lauteren
Plopp erschien eine weitere Ges-
talt mit Kapuze.
»Warte!«
Der barsche Ruf erschreckte den Fuchs, der jetzt fast flach im Ge-
strüpp kauerte. Er sprang aus seinem Versteck hervor und die Bö-
schung hoch. Ein grüner Lichtblitz, ein Jaulen, und der Fuchs fiel
wieder zu Boden, er war tot.
Die zweite Gestalt drehte das Tier mit der Fußspitze um.
»Nur ein Fuchs«, sagte eine Frauenstimme unter der Kapuze ab-
fällig. »Ich dachte, es wär vielleicht ein Auror - Zissy, warte!«
Doch die, hinter der sie herlief, hatte nur kurz innegehalten und
zu dem Lichtblitz zurückgeblickt und kletterte nun schon die Bö-
schung hoch, die der Fuchs eben hinuntergefallen war.
»Zissy - Narzissa - hör mir zu -«
Die zweite Frau holte die erste ein und packte sie am Arm, doch
die andere riss sich los.
»Geh zurück, Bella!«
23
»Du musst mir zuhören!«
»Ich habe zugehört! Ich habe mich entschieden! Lass mich in Ru-
he!«
Die Frau namens Narzissa hatte den oberen Rand der Böschung
erklommen, wo ein alter Gitterzaun den Fluss von einer schmalen
Pflasterstraße trennte. Die andere Frau, Bella, folgte ihr auf dem
Fuß. Nebeneinander standen sie da und blickten über die Straße
auf zahlreiche Reihen verfallener Backsteinhäuser, deren Fenster in
der Dunkelheit stumpf und blind schienen.
»Hier lebt er?«, fragte Bella in verächtlichem Ton.
»Hier? In die-
ser Muggelkloake? Wir sind wahrscheinlich die Ersten unserer Art,
die jemals den Fuß -«
Aber Narzissa hörte nicht zu. Sie war durch eine Lücke in dem
rostigen Gitter geschlüpft und eilte bereits über die Straße.
»Zissy,
warte!«
Bella folgte ihr mit flatterndem Umhang und sah, wie Narzissa
durch eine Gasse zwischen den Häusern in eine zweite, ganz ähnli-
che Straße huschte. Einige der Straßenlaternen waren kaputt; die
beiden Frauen rannten zwischen hell erleuchteten Stellen und tie-
fer Dunkelheit dahin. Die Verfolgerin holte ihre Beute ein, als die
gerade um eine weitere Ecke bog, und diesmal schaffte sie es, sie
am Arm zu packen und herumzureißen, so dass sie einander ins
Gesicht sahen.
»Zissy, das darfst du nicht tun, du kannst ihm nicht vertrauen -«
»Der Dunkle Lord vertraut ihm, oder etwa nicht?«
»Der Dunkle Lord … täuscht sich … glaube ich«, keuchte Bella,
und ihre Augen leuchteten kurz unter ihrer Kapuze auf, als sie sich
prüfend umblickte, um zu sehen, ob sie auch wirklich allein waren.
»Jedenfalls hat man uns befohlen, mit niemandem über den Plan zu
sprechen. Das ist ein Verrat am Dunklen Lord und …«
»Lass mich los, Bella!«, fauchte Narzissa, zog einen Zauberstab un-
ter ihrem Umhang hervor und hielt ihn der anderen drohend vors
Gesicht. Bella lachte nur.
»Zissy, deine eigene Schwester? Das würdest du nicht -«
»Es gibt nichts mehr, was ich nicht tun würde!«, hauchte Narzissa
mit einem Anflug von Hysterie in der Stimme, und als sie den Zau-
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berstab wie ein Messer nach unten stieß, flammte abermals ein
Lichtblitz auf. Bella ließ den Arm ihrer Schwester los, als hätte sie
sich verbrannt.
»Narzissa!«
Aber Narzissa war schon weitergeeilt. Ihre Verfolgerin rieb sich
die Hand und setzte ihr nach, hielt nun jedoch Abstand, während
sie immer tiefer in das verlassene Labyrinth der Backsteinhäuser
eindrangen. Endlich hastete Narzissa durch eine Straße namens
Spinner’s End, über der wie ein riesiger mahnender Finger der ge-
waltige Fabrikschornstein zu schweben schien. Ihre Schritte hall-
ten auf dem Pflaster, als sie an zugenagelten und zerbrochenen
Fenstern vorbeilief, bis sie das allerletzte Haus erreichte, wo
schwaches Licht durch die Vorhänge eines Raums im Erdgeschoss
schimmerte.
Noch ehe Bella sie leise fluchend eingeholt hatte, hatte sie an die
Tür geklopft. Gemeinsam standen sie da und warteten, leicht keu-
chend, und atmeten den Geruch des schmutzigen Flusses ein, den
die nächtliche Brise zu ihnen herüberwehte. Nach ein paar Sekun-
den hörten sie ein Geräusch hinter der Tür und sie öffnete sich
einen Spaltbreit. Ein schmales Stück von einem Mann war zu se-
hen, der zu ihnen herausspähte, einem Mann mit langem schwar-
zem Haar, das ihm wie ein Vorhang um sein fahles Gesicht mit den
schwarzen Augen fiel.
Narzissa warf ihre Kapuze in den Nacken. Sie war so blass, dass
sie in der Dunkelheit zu leuchten schien; mit ihrem langen blonden
Haar, das ihr bis auf den Rücken wallte, sah sie aus wie eine Er-
trunkene.
»Narzissa!«, sagte der Mann und öffnete die Tür etwas weiter, so
dass das Licht auf sie und auch auf ihre Schwester fiel. »Welch an-
genehme Überraschung!«
»Severus«, flüsterte sie angestrengt. »Kann ich dich sprechen? Es
ist dringend.«
»Aber natürlich.«
Er trat zurück, um sie an sich vorbei ins Haus zu lassen. Ihre
Schwester, noch immer in die Kapuze gehüllt, folgte ihr un-
aufgefordert.
25
»Snape«, sagte sie barsch, als sie an ihm vorbeiging.
»Bellatrix«, antwortete er, und sein schmaler Mund verzog sich
zu einem leicht spöttischen Lächeln, während er die Tür hinter
ihnen zuschnappen ließ.
Sie gelangten sogleich in ein kleines Wohnzimmer, das den Ein-
druck einer finsteren Gummizelle machte. Die Wände waren voll-
ständig mit Büchern bedeckt, die größtenteils alte schwarze oder
braune Ledereinbände hatten; ein zerschlissenes Sofa, ein alter Ses-
sel und ein wackliger Tisch standen dicht beieinander im trüben
Lichtkegel einer Lampe, die von der Decke hing und in der eine
Kerze steckte. Der Raum wirkte vernachlässigt, als ob er norma-
lerweise nicht bewohnt würde.
Snape wies Narzissa in Richtung Sofa. Sie warf ihren Umhang ab,
legte ihn beiseite, setzte sich und starrte auf ihre weißen zitternden
Hände, die sie in ihrem Schoß verschränkt hatte. Bellatrix schob
ganz langsam ihre Kapuze zurück. Sie war so dunkel, wie ihre
Schwester hellhaarig war, hatte schwere Augenlider und ein kräfti-
ges Kinn. Sie blickte unverwandt auf Snape, während sie zu Narzis-
sa hinüberging und sich hinter sie stellte.
»So, was kann ich für euch tun?«, fragte Snape und setzte sich in
den Sessel den beiden Schwestern gegenüber.
»Wir … wir sind allein, nicht wahr?«, fragte Narzissa leise.
»Ja, natürlich. Nun, Wurmschwanz ist hier, aber Ungeziefer zählt
nicht, oder?«
Er richtete den Zauberstab auf die Bücherwand hinter sich, und
mit einem Knall flog eine verborgene Tür auf und eine schmale
Treppe wurde sichtbar, auf der ein kleiner Mann wie versteinert
stand.
»Wie du zweifellos bemerkt hast, Wurmschwanz, haben wir Gäs-
te«, sagte Snape träge.
Der Mann kroch mit buckligem Rücken die letzten paar Stufen
herunter und betrat das Zimmer. Er hatte kleine, wässrige Augen,
eine spitze Nase und zeigte ein unangenehmes affektiertes Grinsen.
Seine linke Hand streichelte die rechte, die aussah, als wäre sie in
einen hellen silbernen Handschuh gehüllt.
»Narzissa«, sagte er mit quiekender Stimme, »und Bellatrix! Wie
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reizend -«
»Wurmschwanz wird uns etwas zu trinken bringen, wenn ihr
mögt«, sagte Snape. »Und dann geht er in sein Zimmer zurück.«
Wurmschwanz zuckte zusammen, als hätte Snape etwas nach
ihm geworfen.
»Ich bin nicht dein Diener!«, quiekte er, Snapes Blick aus-
weichend.
»Tatsächlich? Ich dachte eigentlich, der Dunkle Lord hätte dich
hierher geschickt, um mich zu unterstützen.«
»Unterstützen, ja - aber nicht, um dir Drinks zu machen und -
und dein Haus zu putzen!«
»Ich hatte keine Ahnung, Wurmschwanz, dass du dich nach ge-
fährlicheren Aufgaben sehnst«, sagte Snape aalglatt. »Das lässt sich
ohne weiteres arrangieren: Ich werde mit dem Dunklen Lord reden
-«
»Ich kann selber mit ihm reden, wenn ich will!«
»Natürlich kannst du das«, sagte Snape höhnisch. »Aber vorher
bringst du uns etwas zu trinken. Ein wenig Elfenwein wäre recht.«
Wurmschwanz zögerte einen Moment, er sah aus, als wollte er
widersprechen. Aber dann wandte er sich um und trat durch eine
zweite verborgene Tür. Sie hörten etwas krachen und Gläser klir-
ren. Sekunden später war er mit einem Tablett zurück, auf dem
eine staubige Flasche und drei Gläser standen. Er stellte alles auf
den wackligen Tisch, huschte hastig davon und schlug die Tür mit
den Büchern hinter sich zu.
Snape goss blutroten Wein in die drei Gläser und reichte zwei
davon den beiden Schwestern. Narzissa bedankte sich leise, doch
Bellatrix sagte nichts, sondern starrte Snape weiterhin finster an.
Das schien ihn nicht aus der Fassung zu bringen; im Gegenteil, er
wirkte eher amüsiert.
»Auf den Dunklen Lord«, sagte er, hob sein Glas und trank es aus.
Die Schwestern taten es ihm gleich. Snape füllte ihnen nach.
Als Narzissa ihr zweites Glas nahm, sagte sie hastig: »Severus, es
tut mir Leid, dass ich einfach so hierher komme, aber ich musste
dich sehen. Ich glaube, du bist der Einzige, der mir helfen kann -«
Snape gebot ihr mit erhobener Hand zu schweigen und richtete
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seinen Zauberstab erneut auf die verborgene Tür zur Treppe. Ein
lautes Krachen und Kreischen ertönte, und dann hörte man, wie
Wurmschwanz wieder die Treppe hinaufstolperte.
»Verzeihung«, sagte Snape. »Er hat sich in letzter Zeit angewöhnt,
an Türen zu lauschen, ich weiß nicht, was das soll … Was sagtest
du gerade, Narzissa?«
Sie holte zitternd tief Luft und begann von neuem.
»Severus, ich weiß, ich sollte nicht hier sein, mir wurde befohlen,
niemandem etwas zu sagen, aber -«
»Dann solltest du den Mund halten!«, fauchte Bellatrix. »Vor al-
lem in dieser Gesellschaft!«
»›Dieser Gesellschaft‹?«, wiederholte Snape mit hämischem Grin-
sen. »Und was darf ich darunter verstehen, Bellatrix?«
»Dass ich dir nicht traue, Snape, wie du ganz genau weißt!«
Narzissa machte ein Geräusch, das wie ein trockenes Schluchzen
klang, und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Snape stellte sein
Glas auf den Tisch, lehnte sich, die Hände auf den Sessellehnen,
wieder zurück und lächelte in Bellatrix' finsteres Gesicht.
»Narzissa, ich denke, wir sollten uns anhören, was Bellatrix so
dringend loswerden will; das wird uns lästige Unterbrechungen
ersparen. Nun, weiter, Bellatrix«, sagte Snape. »Warum traust du
mir nicht?«
»Aus tausend Gründen!«, sagte sie laut, trat hinter dem Sofa her-
vor und knallte ihr Glas auf den Tisch. »Wo soll ich anfangen? Wo
warst du beim Sturz des Dunklen Lords? Warum hast du nie einen
Versuch unternommen, ihn zu finden, als er verschwunden war?
Was hast du all die Jahre getan, in denen du bei Dumbledore ge-
haust hast? Warum hast du den Dunklen Lord daran gehindert,
sich den Stein der Weisen zu besorgen? Warum bist du nicht sofort
zurückgekehrt, als der Dunkle Lord wiedergeboren wurde? Wo
warst du vor einigen Wochen, als wir darum kämpften, die Pro-
phezeiung für den Dunklen Lord zu beschaffen? Und warum, Sna-
pe, ist Harry Potter immer noch am Leben, wo er dir doch fünf
Jahre lang auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war?«
Mit heftig wogender Brust und hochroten Wangen hielt sie inne.
Hinter ihr saß Narzissa reglos, das Gesicht immer noch in den
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Händen verborgen.
Snape lächelte.
»Ehe ich dir antworte - o ja, Bellatrix, ich werde antworten! Du
kannst meine Worte dann all den anderen übermitteln, die hinter
meinem Rücken tuscheln und dem Dunklen Lord Lügenmärchen
über meine Treulosigkeit auftischen! Aber wie gesagt, ehe ich dir
antworte, will ich dir auch eine Frage stellen. Glaubst du wirklich,
dass der Dunkle Lord mir nicht jede einzelne dieser Fragen gestellt
hat? Und glaubst du wirklich, dass ich hier sitzen und mit dir spre-
chen würde, wenn ich ihm keine befriedigenden Antworten hätte
geben können?«
Sie zögerte.
»Ich weiß, er glaubt dir, aber -«
»Du denkst, er täuscht sich? Oder ich hätte ihn irgendwie hinters
Licht geführt? Den Dunklen Lord hereingelegt, den größten Zau-
berer, den begnadetsten Legilimentor, den die Welt je gesehen
hat?«
Bellatrix sagte nichts, schien aber zum ersten Mal leicht verunsi-
chert. Snape drang nicht weiter auf sie ein. Er nahm sein Weinglas,
nippte daran und fuhr fort: »Du fragst, wo ich beim Sturz des
Dunklen Lords war. Ich war dort, wo er mich hinbefohlen hatte, an
der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, weil es sein
Wunsch war, dass ich Albus Dumbledore ausspioniere. Ich vermu-
te, du weißt, dass ich diesen Posten auf Befehl des Dunklen Lords
annahm?«
Sie nickte kaum merklich und öffnete den Mund, aber Snape kam
ihr zuvor.
»Du fragst, warum ich nicht versucht habe ihn zu finden, als er
verschwunden war. Aus demselben Grund, aus dem auch Avery,
Yaxley, die Carrows, Greyback, Lucius« - er neigte den Kopf leicht
zu Narzissa - »und viele andere nicht versucht haben ihn zu finden.
Ich dachte, er wäre erledigt. Ich bin nicht stolz darauf, ich habe
mich geirrt, aber so war es nun einmal … Wenn er uns, die den
Glauben damals verloren haben, nicht verziehen hätte, dann hätte
er jetzt nur noch sehr wenige Anhänger.«
»Er hätte mich!«, sagte Bellatrix leidenschaftlich. »Mich, die für
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ihn viele Jahre in Askaban gesessen hat!«
»Ja, in der Tat, höchst bewundernswert«, sagte Snape und es
klang gelangweilt. »Du hast ihm zwar im Gefängnis nicht son-
derlich genützt, aber die Geste war zweifellos edel -«
»Geste!«, schrie Bellatrix; in ihrem Zorn wirkte sie fast irre.
»Während ich die Dementoren ertragen musste, warst du in Hog-
warts und hast es dir als Dumbledores Schoßhündchen bequem
gemacht!«
»Nicht ganz«, sagte Snape gelassen. »Er wollte mir den Unterricht
in Verteidigung gegen die dunklen Künste nämlich nicht anver-
trauen. Schien zu glauben, das könnte, ähm, einen Rückfall bewir-
ken … mich in Versuchung führen, wieder alte Gewohnheiten
anzunehmen.«
»Das war also dein Opfer für den Dunklen Lord, dass du dein
Lieblingsfach nicht unterrichtet hast?«, höhnte sie. »Warum bist du
die ganze Zeit dort geblieben, Snape? Um weiter Dumbledore aus-
zuspionieren, für einen Herrn, den du tot glaubtest?«
»Wohl kaum«, sagte Snape, »obwohl der Dunkle Lord erfreut ist,
dass ich meinen Posten nie verlassen habe: Als er zurückkam,
konnte ich ihm Informationen über Dumbledore geben, die ich
sechzehn Jahre lang gesammelt hatte, ein etwas nützlicheres Wie-
dersehensgeschenk als die endlosen Geschichten über das unge-
mütliche Askaban …«
»Aber du bist geblieben -«
»Ja, Bellatrix, ich bin geblieben«, sagte Snape und zeigte zum ers-
ten Mal einen Anflug von Ungeduld. »Ich hatte eine angenehme
Arbeit, die ich einem Aufenthalt in Askaban vorzog. Sie haben
damals die Todesser verfolgt, wie du weißt. Der Schutz, den
Dumbledore mir gewährte, hat mich vor dem Gefängnis bewahrt,
er kam mir sehr gelegen und ich nutzte ihn. Ich wiederhole: Der
Dunkle Lord beschwert sich nicht, dass ich geblieben bin, deshalb
verstehe ich nicht, warum du es tust.
Ich glaube, als Nächstes wolltest du wissen«, fuhr er rasch und
mit leicht erhobener Stimme fort, da Bellatrix ihn allem Anschein
nach unterbrechen wollte, »warum ich mich zwischen den Dunk-
len Lord und den Stein der Weisen gestellt habe. Das lässt sich
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leicht beantworten. Er wusste nicht, ob er mir trauen konnte. Er
dachte wie du, dass ich mich von einem treuen Todesser in
Dumbledores Handlanger verwandelt hätte. Er war in einem be-
dauernswerten Zustand, ganz schwach, und hatte sich im Körper
eines mittelmäßigen Zauberers eingenistet. Er wagte es nicht, sich
einem ehemaligen Verbündeten zu offenbaren, da dieser Verbün-
dete ihn womöglich Dumbledore oder dem Ministerium ausliefern
würde. Ich bedauere zutiefst, dass er mir nicht vertraute. Er hätte
drei Jahre früher wieder Macht erlangt. So sah ich nur, wie der
gierige und nichtswürdige Quirrell versuchte, den Stein zu stehlen,
und ich gebe zu, dass ich nach Kräften alles tat, um ihn daran zu
hindern.«
Bellatrix' Mund verzog sich, als hätte sie eine bittere Medizin ge-
schluckt.
»Aber du bist nicht zurückgekehrt, als er zurückkam, du bist
nicht gleich zu ihm geflogen, als du gespürt hast, wie das Dunkle
Mal brannte -«
»Stimmt. Ich kehrte zwei Stunden später zurück. Und zwar auf
Dumbledores Befehl.«
»Auf Dumbledores -?«, begann sie in empörtem Ton.
»Denk nach!«, sagte Snape, erneut ungeduldig. »Denk nach! In-
dem ich zwei Stunden wartete, nur zwei Stunden, ermöglichte ich
es mir, als Spion in Hogwarts zu bleiben! Indem ich Dumbledore
im Glauben ließ, ich würde nur an die Seite des Dunklen Lords
zurückkehren, weil Dumbledore es mir befohlen hatte, konnte ich
nach wie vor Informationen über Dumbledore und den Orden des
Phönix weitergeben! Überleg doch, Bellatrix: Das Dunkle Mal wur-
de monatelang immer stärker, ich wusste, dass seine Rückkehr kurz
bevorstand, alle Todesser wussten das! Hätte ich nicht genügend
Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was ich tun wollte, meinen
nächsten Schritt zu planen, zu fliehen, wie es Karkaroff tat?
Das anfängliche Missfallen des Dunklen Lords über meine Ver-
spätung schwand ganz und gar, das kann ich dir versichern, als ich
ihm erklärte, dass ich treu geblieben war, auch wenn Dumbledore
meinte, ich sei auf seiner Seite. Ja, der Dunkle Lord dachte, ich
hätte ihn für immer verlassen, doch er irrte sich.«
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»Aber was hast du uns gebracht?«, höhnte Bellatrix. »Welche
nützlichen Informationen haben wir von dir erhalten?«
»Meine Informationen wurden direkt dem Dunklen Lord über-
mittelt«, sagte Snape. »Wenn er dich nicht daran teilhaben lässt -«
»Er lässt mich an allem teilhaben!«, schoss Bellatrix wutentbrannt
zurück. »Er nennt mich seine zuverlässigste, seine treueste -«
»Tatsächlich?«, sagte Snape und ließ mit gesenkter Stimme seine
Zweifel durchklingen. »Macht er das
immer noch, nach dem Fiasko
im Ministerium?«
»Das war nicht meine Schuld!«, sagte Bellatrix errötend. »Der
Dunkle Lord hat mir früher seine wertvollsten - wenn Lucius nicht
-«
»Wag es nicht -
wag es ja nicht, meinem Mann die Schuld zuzu-
schieben!«, sagte Narzissa mit leiser, vernichtender Stimme und sah
zu ihrer Schwester auf.
»Es hat keinen Sinn, Schuld zuzuteilen«, sagte Snape ruhig. »Was
geschehen ist, ist geschehen.«
»Aber du hast nichts getan!«, erwiderte Bellatrix zornig. »Nein, du
warst wieder einmal nicht da, während wir anderen uns in Gefahr
begaben, nicht wahr, Snape?«
»Mein Befehl lautete, im Hintergrund zu bleiben«, sagte Snape.
»Stimmst du etwa nicht mit dem Dunklen Lord überein, glaubst du
vielleicht, dass Dumbledore es nicht bemerkt hätte, wenn ich mich
den Todessern angeschlossen hätte, um gegen den Orden des Phö-
nix zu kämpfen? Und - verzeih mir - du sprichst von Gefahr … ihr
hattet es mit sechs Halbwüchsigen zu tun, oder?«
»Du weißt ganz genau, dass in kürzester Zeit der halbe Phönixor-
den zu ihnen stieß!«, fauchte Bellatrix. »Und wo wir schon beim
Orden sind - behauptest du immer noch, du könntest nicht preis-
geben, wo sich ihr Hauptquartier befindet?«
»Ich bin nicht der Geheimniswahrer, ich kann den Namen des
Ortes nicht aussprechen. Du verstehst, wie der Zauber wirkt, neh-
me ich an? Der Dunkle Lord ist zufrieden mit den Informationen,
die ich ihm über den Orden gegeben habe. Sie führten, wie du dir
vielleicht denken kannst, vor kurzem zur Gefangennahme und
Ermordung von Emmeline Vance, und sie halfen zweifellos dabei,
32
Sirius Black zu beseitigen, auch wenn ich voll und ganz anerkenne,
dass du ihn endgültig erledigt hast.«
Er neigte den Kopf und prostete ihr zu. Ihre Miene blieb ernst.
»Du weichst meiner letzten Frage aus, Snape. Harry Potter. Du
hättest ihn während der letzten fünf Jahre jederzeit töten können.
Du hast es nicht getan. Warum?«
»Hast du über diese Angelegenheit mit dem Dunklen Lord ge-
sprochen?«, fragte Snape.
»Er … in letzter Zeit, wir … ich frage
dich, Snape!«
»Wenn ich Harry Potter ermordet hätte, dann hätte der Dunkle
Lord sein Blut nicht benutzen können, um wieder zu Kräften zu
kommen, um sich unbesiegbar zu machen -«
»Du behauptest, du hättest vorausgesehen, dass er den Jungen
brauchen wird?«, höhnte sie.
»Das behaupte ich nicht; ich hatte keine Ahnung von seinen Plä-
nen; ich habe doch schon zugegeben, dass ich den Dunklen Lord
für tot hielt. Ich versuche nur zu erklären, warum der Dunkle Lord
nicht bedauert, dass Potter überlebt hat, zumindest hat er es bis vor
einem Jahr nicht getan …«
»Aber warum hast du sein Leben verschont?«
»Hast du mich nicht verstanden? Es war nur Dumbledores
Schutz, der mich vor Askaban bewahrte! Meinst du nicht auch, dass
der Mord an seinem Lieblingsschüler ihn zu meinem Feind ge-
macht hätte? Aber das war nicht alles. Ich möchte dich daran erin-
nern, dass über Potter, als er zum ersten Mal nach Hogwarts kam,
noch viele Geschichten im Umlauf waren, Gerüchte, wonach er
selbst ein großer schwarzer Magier sei und deshalb den Angriff des
Dunklen Lords überlebt habe. Tatsächlich glaubten viele von den
alten Anhängern des Dunklen Lords, Potter wäre vielleicht ein
neuer Anführer, dem wir uns alle wieder anschließen könnten. Ich
war zugegebenermaßen neugierig und verspürte nicht die geringste
Neigung, ihn zu ermorden, als er den Fuß in das Schloss setzte.
Natürlich wurde mir sehr schnell klar, dass er keinerlei außerge-
wöhnliches Talent besaß. Er rettete sich aus einer Reihe brenzliger
Situationen mit einer einfachen Mischung aus schierem Glück und
recht begabten Freunden. Er ist in höchstem Grade mittelmäßig,
33
allerdings genauso widerwärtig und selbstzufrieden wie schon sein
Vater. Ich habe mein Möglichstes getan, dass man ihn aus Hog-
warts wirft, wo er meiner Auffassung nach kaum hingehört, aber
ihn zu töten oder zuzulassen, dass er vor meinen Augen getötet
wird? Ich wäre ein Dummkopf gewesen, hätte ich es darauf an-
kommen lassen, solange Dumbledore unmittelbar in meiner Nähe
war.«
»Und trotz allem sollen wir glauben, dass Dumbledore dich nie
verdächtigt hat?«, fragte Bellatrix. »Er hat keine Ahnung, wem du
wirklich treu bist, er vertraut dir immer noch blind?«
»Ich habe meine Rolle gut gespielt«, sagte Snape. »Und du vergisst
Dumbledores größte Schwäche: Er muss immer das Beste von den
Menschen glauben. Als ich kurz nach meiner Zeit als Todesser sein
Mitarbeiter wurde, tischte ich ihm das Märchen auf, wie tief meine
Reue sei, und er nahm mich mit offenen Armen auf- auch wenn er
mich, wie gesagt, so gut er konnte von den dunklen Künsten fern
hielt. Dumbledore war schon immer ein großer Zauberer - o ja, das
war er« (denn Bellatrix hatte verächtlich geschnaubt), »der Dunkle
Lord weiß darum. Ich freue mich aber sagen zu können, dass Dum-
bledore alt wird. Das Duell mit dem Dunklen Lord im vergangenen
Monat hat ihn mitgenommen. Er hat danach noch eine schwere
Verletzung erlitten, weil seine Reaktionen langsamer sind als frü-
her. Doch während all dieser Jahre hat er Severus Snape stets ver-
traut, und darin liegt mein großer Wert für den Dunklen Lord.«
Bellatrix wirkte immer noch unzufrieden, war aber offenbar
nicht sicher, wie sie Snape am besten erneut angreifen konnte.
Snape nutzte ihr Schweigen und wandte sich an ihre Schwester.
»Nun … du bist gekommen, um mich um Hilfe zu bitten, Narzis-
sa?«
Narzissa blickte mit verzweifelter Miene zu ihm auf.
»Ja, Severus. Ich - ich glaube, dass du der Einzige bist, der mir
helfen kann, ich habe sonst niemanden. Lucius ist im Gefängnis
und …«
Sie schloss die Augen und zwei große Tränen quollen unter ihren
Lidern hervor.
»Der Dunkle Lord hat mir verboten, darüber zu sprechen«, fuhr
34
Narzissa fort, die Augen noch immer geschlossen. »Er will, dass
keiner von dem Plan erfährt. Er ist … sehr geheim. Aber -«
»Wenn er es verboten hat, solltest du nicht darüber sprechen«,
sagte Snape sofort. »Das Wort des Dunklen Lords ist Gesetz.«
Narzissa schnappte nach Luft, als ob er sie mit kaltem Wasser ü-
bergossen hätte. Bellatrix wirkte, zum ersten Mal seit sie das Haus
betreten hatte, zufrieden.
»Da hast du’s!«, sagte sie triumphierend zu ihrer Schwester. »So-
gar Snape sagt es: Man hat dir befohlen, nicht zu reden, also sei
still!«
Aber Snape war aufgestanden, ging zu dem kleinen Fenster, späh-
te durch die Vorhänge auf die verlassene Straße und zog sie ruckar-
tig wieder zu. Er drehte sich zu Narzissa um und runzelte die Stirn.
»Zufällig weiß ich von dem Plan«, sagte er mit leiser Stimme. »Ich
bin einer der wenigen, mit denen der Dunkle Lord darüber gespro-
chen hat. Dennoch, hätte ich das Geheimnis nicht gekannt, Narzis-
sa, dann wärst du eines großen Verrats am Dunklen Lord schuldig
geworden.«
»Ich dachte mir, dass du bestimmt davon weißt!«, sagte Narzissa
und atmete jetzt freier. »Er hat so großes Vertrauen zu dir, Severus
…«
»Du weißt von dem Plan?«, sagte Bellatrix, und der leichte Anflug
von Zufriedenheit auf ihrem Gesicht wich einer empörten Miene.»Du weißt davon?«
»Gewiss«, sagte Snape. »Aber welche Hilfe verlangst du, Narzissa?
Wenn du glaubst, ich könnte den Dunklen Lord überreden, es sich
anders zu überlegen, kann ich dir, fürchte ich, keine Hoffnung
machen, nicht die geringste.«
»Severus«, flüsterte sie, und Tränen glitten ihr über die blassen
Wangen. »Mein Sohn … mein einziger Sohn …«
»Draco sollte stolz sein«, sagte Bellatrix gleichgültig. »Der Dunkle
Lord erweist ihm eine große Ehre. Und was man Draco zugute
halten kann: Er schrickt nicht vor seiner Pflicht zurück, er scheint
froh über die Gelegenheit, sich zu beweisen, er brennt darauf -«
Narzissa begann heftig zu weinen und sah Snape dabei flehentlich
an.
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»Das liegt daran, dass er erst sechzehn ist und keine Ahnung hat,
was ihm bevorsteht! Warum, Severus? Warum mein Sohn? Es ist zu
gefährlich! Das ist die Rache für Lucius' Fehler, ich weiß es!«
Snape sagte nichts. Er drehte sich von ihr weg, als ob der Anblick
ihrer Tränen anstößig wäre, doch er konnte nicht so tun, als würde
er Narzissa nicht hören.
»Deshalb hat er Draco gewählt, nicht wahr?«, beharrte sie. »Um
Lucius zu bestrafen?«
»Wenn es Draco gelingt«, sagte Snape, immer noch den Blick von
ihr abgewandt, »wird ihm größere Ehre zuteil werden als allen
anderen.«
»Aber es wird ihm nicht gelingen!«, schluchzte Narzissa. »Wie
könnte es, wenn der Dunkle Lord selbst -?«
Bellatrix stockte der Atem; Narzissa schien die Nerven zu verlie-
ren.
»Ich wollte nur sagen … dass es keinem bisher gelungen ist …
Severus … bitte … du bist, du warst immer Dracos Lieblingslehrer
… du bist Lucius' alter Freund … ich bitte dich … du genießt die
Gunst des Dunklen Lords, bist sein vertrautester Berater … wirst
du mit ihm sprechen, ihn umstimmen -?«
»Der Dunkle Lord wird sich nicht umstimmen lassen, und ich bin
nicht so dumm, es zu versuchen«, sagte Snape nachdrücklich. »Ich
will nicht verhehlen, dass der Dunkle Lord wütend auf Lucius ist.
Eigentlich trug Lucius die Verantwortung. Er ließ sich gefangen
nehmen, zusammen mit was weiß ich wie vielen anderen, und es
gelang ihm auch nicht, die Prophezeiung zu beschaffen. Ja, der
Dunkle Lord ist wütend, Narzissa, sehr wütend sogar.«
»Dann habe ich Recht, er hat Draco zur Vergeltung gewählt!«,
sagte Narzissa mit erstickter Stimme. »Er will nicht, dass es ihm
gelingt, er will, dass er bei dem Versuch umkommt!«
Als Snape nichts erwiderte, schien Narzissa den letzten Rest an
Selbstbeherrschung zu verlieren. Sie stand auf, taumelte auf Snape
zu und packte ihn vorn am Umhang. Ihr Gesicht war seinem so
nahe, dass ihre Tränen auf seine Brust fielen, und sie keuchte: »Du
könntest es tun.
Du könntest es anstelle von Draco tun, Severus.
Dir würde es gelingen, natürlich würde es das, und er würde dich
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mehr als uns alle belohnen -«
Snape fasste sie an den Handgelenken und befreite sich von ih-
rem Griff. Er blickte hinab auf ihr tränenverschmiertes Gesicht und
sagte langsam: »Er will, dass ich es am Ende tue, denke ich. Aber er
hat beschlossen, dass Draco es zuerst versuchen muss. Sieh doch,
wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass es Draco gelingt,
kann ich noch ein wenig länger in Hogwarts bleiben und meine
nützliche Rolle als Spion weiterspielen.«
»Mit anderen Worten, es ist ihm egal, ob Draco getötet wird!«
»Der Dunkle Lord ist sehr wütend«, wiederholte Snape leise. »Es
ist ihm misslungen, die Prophezeiung zu hören. Du weißt genauso
gut wie ich, Narzissa, dass er nicht so leicht vergibt.«
Sie brach zusammen, stürzte ihm zu Füßen und blieb schluch-
zend und klagend am Boden liegen.
»Mein einziger Sohn … mein einziger Sohn …«
»Du solltest stolz sein!«, sagte Bellatrix unbarmherzig. »Wenn ich
Söhne hätte, würde ich sie gerne für den Dienst am Dunklen Lord
hingeben!«
Narzissa stieß einen leisen Schrei der Verzweiflung aus und krall-
te die Hände in ihre langen blonden Haare. Snape bückte sich,
packte sie an den Armen, hob sie hoch und bugsierte sie zurück
aufs Sofa. Dann schenkte er ihr Wein nach und drückte ihr das Glas
in die Hand.
»Narzissa, es ist genug. Trink das. Hör mir zu.«
Sie beruhigte sich ein wenig, nahm zitternd ein Schlückchen und
schüttete dabei Wein über sich.
»Es könnte sein … dass ich Draco helfen kann.«
Sie setzte sich auf, das Gesicht weiß wie Papier, die Augen rie-
sengroß.
»Severus - oh, Severus - du würdest ihm helfen? Würdest du auf
ihn Acht geben, dafür sorgen, dass ihm nichts passiert?«
»Ich kann es versuchen.«
Sie stieß ihr Glas fort; es rutschte über den Tisch, während sie
vom Sofa glitt und zu Snapes Füßen niederkniete, seine Hand mit
ihren Händen umfasste und ihre Lippen daraufdrückte.
»Wenn du dabei bist und ihn beschützt … Severus, wirst du mir
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das schwören? Wirst du den Unbrechbaren Schwur ablegen?«
»Den Unbrechbaren Schwur?« Snapes Miene war ausdruckslos,
unentschlüsselbar; aber Bellatrix lachte gackernd und triumphie-
rend auf.
»Hörst du nicht zu, Narzissa? O ja, er wird es
versuchen, sicher …
die üblichen leeren Worte, wie gewohnt drückt er sich vor dem
Handeln … oh, auf Befehl des Dunklen Lords natürlich!«
Snape sah Bellatrix nicht an. Seine schwarzen Augen waren auf
Narzissas blaue Augen gerichtet, die voller Tränen standen. Sie
hielt noch immer seine Hand umklammert.
»Natürlich, Narzissa, ich werde den Unbrechbaren Schwur able-
gen«, sagte er leise. »Vielleicht ist deine Schwester bereit, unseren
Bund zu besiegeln.«
Bellatrix klappte der Mund auf. Snape ließ sich Narzissa ge-
genüber auf die Knie sinken. Unter Bellatrix' erstaunten Blicken
gaben sie sich die rechte Hand.
»Nimm deinen Zauberstab, Bellatrix«, sagte Snape kühl.
Sie zog ihn hervor, noch immer verblüfft.
»Und komm ein wenig näher«, sagte er.
Sie trat ein paar Schritte vor, so dass sie über ihnen stand, und
legte die Spitze ihres Zauberstabs auf ihre verschränkten Hände.
Narzissa ergriff das Wort.
»Wirst du, Severus, über meinen Sohn Draco wachen, wenn er
versucht, die Wünsche des Dunklen Lords zu erfüllen?«
»Das werde ich«, sagte Snape.
Eine dünne leuchtende Flamme züngelte aus dem Zauberstab
hervor und schlang sich wie ein rot glühender Draht um ihre Hän-
de.
»Und wirst du ihn mit all deinen Kräften vor Gefahren schüt-
zen?«
»Das werde ich«, sagte Snape.
Eine zweite Flammenzunge schoss aus dem Zauberstab und ver-
band sich mit der ersten zu einer feinen glühenden Kette.
»Und sollte es sich als notwendig erweisen … wenn Draco zu
scheitern droht …«, flüsterte Narzissa (Snapes Hand zuckte in ih-
rer, doch er zog sie nicht zurück), »wirst du selbst die Tat ausfüh-
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ren, die der Dunkle Lord Draco anbefohlen hat?«
Ein Augenblick der Stille trat ein. Bellatrix beobachtete die bei-
den mit aufgerissenen Augen, den Zauberstab auf ihren ver-
schränkten Händen.
»Das werde ich«, sagte Snape.
Bellatrix' verblüfftes Gesicht erglühte rot im Schein einer dritten
Flammenzunge, die aus dem Zauberstab schoss, sich in die anderen
flocht und sich dick um ihre verschränkten Hände wickelte, wie
ein Tau, wie eine brennende Schlange.
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Wollen und Nichtwollen
Harry Potter schnarchte laut. Er hatte fast vier Stunden lang auf
einem Stuhl neben seinem Zimmerfenster gesessen und auf die
Straße hinausgestarrt, die immer finsterer wurde, und schließlich
war er eingeschlafen, das Gesicht seitlich gegen die kalte Fenster-
scheibe gepresst, die Brille schief auf der Nase und den Mund weit
offen. Der trübe Beschlag, den sein Atem auf dem Fenster hinter-
lassen hatte, glänzte in dem orangeroten Schein der Straßenlaterne
draußen, und durch das künstliche Licht verlor sein Gesicht alle
Farbe, so dass er unter seinem zerzausten schwarzen Haarschopf
wie ein Gespenst aussah.
Überall im Zimmer waren diverse Habseligkeiten verstreut und
dazu jede Menge Abfall. Eulenfedern, Apfelreste und Bonbonpapie-
re bedeckten den Fußboden, etliche Zauberbücher lagen wie Kraut
und Rüben zwischen den verknäuelten Umhängen auf seinem Bett,
und in einem Lichtkegel auf seinem Schreibtisch herrschte ein
Durcheinander von Zeitungen. Eine der Schlagzeilen verkündete
sensationsheischend:
HARRY POTTER: DER AUSERWÄHLTE?
Es sind nach wie vor Gerüchte im Umlauf über den jüngsten mys-
teriösen Vorfall im Zaubereiministerium, bei dem Er, dessen Name
nicht genannt werden darf, erneut gesichtet wurde.
»Wir dürfen nicht darüber sprechen, stellen Sie mir keine Fra-
gen«, sagte ein aufgeregter Vergissmich, der seinen Namen nicht
angeben wollte, als er gestern Abend das Ministerium verließ.
Nichtsdestotrotz bestätigen hochrangige Quellen innerhalb des
Ministeriums, dass der Vorfall sich hauptsächlich in der sagenum-
wobenen Halle der Prophezeiung abspielte.
Während Zauberersprecher des Ministeriums sich bislang wei-
gern, auch nur die Existenz eines solchen Ortes zu bestätigen, sind
immer mehr Mitglieder der Zauberergemeinschaft davon über-
zeugt, dass jene Todesser, die inzwischen Strafen wegen Hausfrie-
densbruch und versuchten Diebstahls in Askaban absitzen, dort
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eine Prophezeiung zu stehlen versuchten. Der Inhalt dieser Pro-
phezeiung ist unbekannt, allerdings treten gehäuft Spekulationen
auf, wonach sie Harry Potter betrifft, die einzige bekannte Person,
die je den Todesfluch überlebt hat und von dem man auch weiß,
dass er in der fraglichen Nacht im Ministerium war. Manche gehen
so weit, Potter als den »Auserwählten« zu bezeichnen. Sie glauben,
dass die Prophezeiung ihn als den Einzigen benennt, der fähig sein
wird, uns von Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, zu
befreien.
Wo sich die Prophezeiung gegenwärtig befindet, falls sie existiert,
ist unbekannt, obwohl (Forts. Seite 2, Spalte 5)
Neben dieser Zeitung lag eine zweite. Sie trug die Schlagzeile:
SCRIMGEOUR NACHFOLGER VON FUDGE
Den größten Teil ihrer Titelseite beanspruchte das riesige
Schwarzweißfoto eines Mannes mit einer üppigen Löwenmähne
und einem ziemlich zerfurchten Gesicht. Das Bild bewegte sich -
der Mann winkte zur Decke.
Rufus Scrimgeour, vormals Leiter des Aurorenbüros in der Abtei-
lung für Magische Strafverfolgung, hat die Nachfolge von Cornelius
Fudge als Zaubereiminister angetreten. Die Ernennung wurde von
der Zauberergemeinschaft überwiegend mit Begeisterung aufge-
nommen, obwohl nur wenige Stunden nach der Amtsübernahme
durch Scrimgeour Gerüchte aufkamen, es gebe einen Konflikt zwi-
schen dem neuen Minister und Albus Dumbledore, dem jüngst
wieder eingesetzten Großmeister des Zaubergamots.
Scrimgeours Sprecher räumten ein, dass er sofort nach der Über-
nahme des höchsten Amtes mit Dumbledore zusammengetroffen
sei, wollten jedoch zu den erörterten Fragen keine Stellung neh-
men. Albus Dumbledore ist bekanntlich (Forts. Seite 3, Spalte 2)
Links neben dieser Zeitung lag eine weitere, die so gefaltet war,
dass ein Artikel mit der Überschrift »MINISTERIUM
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GARANTIERT SICHERHEIT DER SCHÜLER« zu sehen war.
Der gerade ernannte Zaubereiminister, Rufus Scrimgeour, sprach
heute über die neuen, harten Maßnahmen seines Ministeriums,
durch die den Schülern, die im Herbst an die Hogwarts-schule für
Hexerei und Zauberei zurückkehren werden, Sicherheit gewähr-
leistet werden soll.
»Aus nahe liegenden Gründen wird das Ministerium keine Ein-
zelheiten seines strengen neuen Sicherheitsplans nennen«, sagte
der Minister, ein Insider im Ministerium bestätigte jedoch, dass zu
den Maßnahmen Abwehrzauber und Defensivbeschwörungen ge-
hören, eine Reihe komplizierter Gegenflüche und eine kleine Son-
dereinheit von Auroren, die sich ausschließlich dem Schutz der
Hogwarts-Schule widmen soll.
Die Mehrheit fühlt sich durch die harte Gangart des neuen Mi-
nisters in puncto Schülersicherheit offenbar beruhigt. Mrs Augusta
Longbottom erklärte: »Mein Enkel Neville - übrigens ein guter
Freund von Harry Potter, er hat im Juni an seiner Seite im Ministe-
rium gegen die Todesser gekämpft und –
Doch der Rest des Berichts wurde von einem großen Vogelkäfig
verdeckt, der auf der Zeitung stand. Im Käfig saß eine prächtige
Schneeeule. Mit ihren bernsteinfarbenen Augen inspizierte sie ge-
bieterisch das Zimmer, dabei drehte sie manchmal den Kopf und
starrte ihren schnarchenden Herrn an. Das ein oder andere Mal
klackerte sie ungeduldig mit dem Schnabel, aber Harry schlief so
tief, dass er sie nicht hörte.
Ein großer Schrankkoffer stand genau in der Mitte des Zimmers.
Sein Deckel war offen: Er wirkte erwartungsvoll, doch er war fast
leer bis auf ein bisschen alte Unterwäsche, Süßigkeiten, leere Tin-
tenfässer und zerbrochene Federn, die seinen Boden bedeckten.
Neben ihm auf dem Fußboden lag ein violettes Merkblatt, auf dem
die Worte prangten:
Herausgegeben im Auftrag des Zaubereiministeriums ZUM
SCHUTZ IHRES HAUSES UND IHRER FAMILIE VOR DEN
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DUNKLEN KRÄFTEN
Die Zauberergemeinschaft wird gegenwärtig von einer Orga-
nisation bedroht, die sich die Todesser nennt. Die Beachtung der
folgenden einfachen Sicherheitsrichtlinien wird Ihnen helfen, sich
selbst, Ihre Familie und Ihr Haus vor Angriffen zu schützen.
1. Wir raten Ihnen, das Haus nicht allein zu verlassen.
2. Besondere Vorsicht sollten Sie während der Nachtstunden wal-
ten lassen. Wann immer möglich, richten Sie es so ein, dass Ih-
re Reisen vor Einbruch der Dunkelheit beendet sind.
3. Überprüfen Sie die Sicherheitsvorkehrungen rund um Ihr Haus
und sorgen Sie dafür, dass sämtliche Familienmitglieder mit
Notfallmaßnahmen wie Schild- und Des-
illusionierungszaubern vertraut sind sowie, im Falle von min-
derjährigen Familienmitgliedern, mit dem Seit-an-Seit-
Apparieren.
4. Stimmen Sie sich in Sicherheitsfragen mit engen Freunden und
Verwandten ab, damit Sie Todesser, die sich mit Hilfe des Viel-
saft-Tranks (siehe Seite 2) als andere ausgeben, erkennen kön-
nen.
5. Sollten Sie den Eindruck haben, dass ein Familienmitglied, Kol-
lege, Freund oder Nachbar sich sonderbar verhalten, wenden
Sie sich sofort an das Kommando der Magischen Strafverfol-
gung. Die betreffenden Personen stehen möglicherweise unter
dem Imperius-Fluch (siehe Seite 4).
6. Sollte das Dunkle Mal über einem Wohnhaus oder einem ande-
ren Gebäude erscheinen, BETRETEN SIE ES NICHT, sondern
wenden Sie sich unverzüglich an das Aurorenbüro.
7. Nicht bestätigte Sichtungen lassen vermuten, dass die Todesser
jetzt
möglicherweise Inferi einsetzen (siehe Seite 10). Jegliche
Sichtung eines Inferius, oder das Zusammentreffen mit einem
solchen, ist UNVERZÜGLICH dem Ministerium zu melden.
Harry stöhnte im Schlaf und sein Gesicht rutschte ein paar Zenti-
meter am Fenster hinunter, was seine Brille noch schiefer rückte,
doch er wachte nicht auf. Ein Wecker, den Harry vor mehreren
43
Jahren repariert hatte, tickte laut auf dem Fenstersims, er zeigte
eine Minute vor elf. Daneben war ein Bogen Pergament zu sehen,
den Harry locker in der Hand hielt, bedeckt mit feiner, schräger
Schrift. Harry hatte diesen Brief, seit er vor drei Tagen eingetroffen
war, so oft gelesen, dass er, obwohl er fest eingerollt angekommen
war, jetzt ganz flach dalag.
Lieber Harry,
wenn es dir passt, werde ich nächsten Freitag um elf Uhr abends im
Ligusterweg Nummer vier vorbeikommen, um dich zum Fuchsbau
zu begleiten. Du bist eingeladen, den Rest deiner Schulferien dort
zu verbringen.
Wenn du einverstanden bist, wäre ich auch froh über deine Hilfe
in einer Angelegenheit, die ich hoffentlich auf dem Weg zum
Fuchsbau erledigen kann. Ich werde das genauer erklären, wenn
wir uns sehen.
Bitte schicke deine Antwort eulenwendend. In der Hoffnung,
dich Freitag zu sehen,
verbleibe ich mit herzlichen Grüßen dein
Albus Dumbledore
Obwohl er dieses Schreiben bereits auswendig kannte, hatte Harry
seit sieben Uhr an diesem Abend alle paar Minuten verstohlen dar-
aufgeschaut, nachdem er am Zimmerfenster Stellung bezogen hat-
te, von wo aus man beide Enden des Ligusterwegs recht gut einse-
hen konnte. Er wusste, dass es sinnlos war, Dumbledores Worte
immer wieder zu lesen. Harry hatte, wie gewünscht, sein »Ja« mit
der Eule zurückgeschickt, die den Brief gebracht hatte, und nun
konnte er nichts weiter tun als warten: Entweder kam Dumbledore
oder er kam nicht.
Aber gepackt hatte Harry nicht. Es schien ihm einfach zu schön,
um wahr zu sein, dass er nach nur zwei Wochen von der Gesell-
schaft der Dursleys befreit werden sollte. Er wurde das Gefühl
nicht los, irgendetwas würde schief gehen - vielleicht war seine
Antwort auf Dumbledores Brief verloren gegangen; Dumbledore
wurde womöglich am Kommen gehindert und konnte ihn nicht
44
abholen; vielleicht stammte der Brief am Ende gar nicht von
Dumbledore, sondern war eine List oder ein Scherz oder eine Falle.
Harry hatte es nicht über sich gebracht, schon alles einzupacken,
um dann enttäuscht zu werden und wieder auspacken zu müssen.
Das Einzige, was er für eine möglicherweise bevorstehende Reise
unternommen hatte, war, seine Schneeeule Hedwig sicher in ihren
Käfig zu sperren.
Der Minutenzeiger des Weckers erreichte die Zwölf, und genau
in diesem Moment erlosch draußen vor dem Fenster die Straßenla-
terne.
Harry erwachte, als wäre die plötzliche Dunkelheit ein Wecker-
läuten. Hastig rückte er seine Brille gerade und löste seine Wange
von der Scheibe, drückte nun die Nase ans Fenster und spähte hin-
unter auf den Bürgersteig. Eine große Gestalt mit einem langen,
wehenden Umhang kam den Gartenweg entlang.
Harry sprang auf, als hätte er einen elektrischen Schlag be-
kommen, stieß seinen Stuhl um und fing an, alles in seiner Reich-
weite vom Boden zu schnappen und in den Koffer zu schleudern.
Gerade als er eine Garnitur Umhänge, zwei Zauberbücher und eine
Packung Chips in hohem Bogen durchs Zimmer warf, läutete es an
der Haustür.
Unten im Wohnzimmer rief sein Onkel Vernon: »Wer zum Teu-
fel ist das, so spät in der Nacht?«
Harry erstarrte, ein Messingteleskop in der einen und ein Paar
Turnschuhe in der anderen Hand. Er hatte völlig vergessen, den
Dursleys zu sagen, dass Dumbledore vielleicht kommen würde.
Panisch und zugleich dem Lachen nahe, kletterte er über den Kof-
fer und riss gerade noch rechtzeitig die Tür auf, um eine tiefe
Stimme sagen zu hören: »Guten Abend. Sie müssen Mr Dursley
sein. Ich bin sicher, Harry hat Ihnen erzählt, dass ich ihn abholen
komme?«
Harry sprang, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hin-
unter, blieb jedoch, kurz bevor er unten war, schlagartig stehen,
denn lange Erfahrung hatte ihn gelehrt, möglichst außerhalb der
Reichweite seines Onkels zu bleiben. Dort im Eingang stand ein
großer, dünner Mann mit hüftlangem silbernem Haar und Bart. Er
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hatte eine Halbmondbrille auf seiner Hakennase und trug einen
langen schwarzen Reiseumhang und einen Spitzhut. Vernon Durs-
ley, dessen Schnurrbart zwar schwarz, aber genauso buschig war
wie der von Dumbledore und der einen braunroten Morgenmantel
anhatte, starrte den Besucher an, als würde er seinen winzigen Au-
gen nicht trauen.
»Wenn ich Ihre ungläubig verdutzte Miene richtig deute, hat
Harry Ihnen
nicht angekündigt, dass ich komme«, sagte Dumbledo-
re freundlich. »Aber lassen Sie uns doch einfach annehmen, dass
Sie mich herzlich in Ihr Haus eingeladen haben. In diesen schwe-
ren Zeiten ist es unklug, allzu lange auf Türstufen zu verweilen.«
Er trat flink über die Schwelle und schloss die Tür hinter sich.
»Es ist lange her, dass ich zum letzten Mal hier war«, sagte
Dumbledore und sah über seine Hakennase auf Onkel Vernon hin-
ab. »Ich muss sagen, Ihr Agapanthus gedeiht prächtig.«
Vernon Dursley sagte überhaupt nichts. Harry zweifelte nicht
daran, dass er die Sprache wiederfinden würde, und zwar bald - die
Ader, die an der Schläfe seines Onkels pulsierte, erreichte gerade
den Gefahrenpunkt -, doch etwas an Dumbledore schien ihm zeit-
weilig den Atem geraubt zu haben. Vielleicht war es die Tatsache,
dass seine Erscheinung so offenkundig die eines Zauberers war,
aber es konnte auch sein, dass sogar Onkel Vernon spürte, dass er
hier einen Mann vor sich hatte, der sich wohl kaum schikanieren
ließ.
»Ah, guten Abend, Harry«, sagte Dumbledore und blickte mit
höchst zufriedener Miene durch seine Halbmondbrille zu ihm auf.
»Bestens, bestens.«
Diese Worte schienen Onkel Vernon wachzurütteln. Für ihn war
es völlig klar, dass jeder, der bei Harrys Anblick »bestens« sagte,
von ihm nie als gleichrangiger Mensch behandelt werden konnte.
»Ich will nicht unhöflich sein -«, begann er in einem Ton, der mit
jeder Silbe Unhöflichkeit androhte.
»- aber leider kommt versehentliche Unhöflichkeit erschreckend
häufig vor«, beendete Dumbledore den Satz mit ernster Stimme.
»Am besten, Sie sagen gar nichts, guter Mann. Ah, und das muss
Petunia sein.«
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Die Küchentür war aufgegangen und Harrys Tante erschien mit
Gummihandschuhen und einem Morgenrock über ihrem Nacht-
hemd, offenbar gerade dabei, alle Küchenoberflächen vor dem
Schlafengehen wie üblich noch mal kurz abzuwischen. Auf ihrem
ziemlich pferdeartigen Gesicht stand das blanke Entsetzen.
»Albus Dumbledore«, sagte Dumbledore, als Onkel Vernon keine
Vorstellung zustande brachte. »Wir haben ja schon miteinander
korrespondiert.« Harry hielt das für eine komische Art, Tante Pe-
tunia daran zu erinnern, dass er ihr einmal einen explodierenden
Brief geschickt hatte, aber Tante Petunia störte sich nicht an der
Ausdrucksweise. »Und das muss Ihr Sohn Dudley sein?«
Dudley hatte in diesem Moment durch die Wohnzimmertür ge-
lugt. Sein großer blonder Kopf, der aus dem gestreiften Kragen
seines Pyjamas ragte, wirkte merkwürdig losgelöst von seinem
Körper, sein Mund stand verblüfft und ängstlich offen. Dumbledore
wartete einige Augenblicke, ob vielleicht einer von den Dursleys
etwas sagen würde, doch als die Stille immer länger dauerte, lächel-
te er.
»Sollen wir mal annehmen, dass Sie mich in Ihr Wohnzimmer
gebeten haben?«
Dudley stürzte aus dem Weg, als Dumbledore an ihm vorbeiging.
Harry, noch immer das Teleskop und die Turnschuhe in den Hän-
den, sprang die letzten Stufen hinunter und folgte Dumbledore, der
sich in dem Sessel ganz nahe beim Kamin niedergelassen hatte und
seine Umgebung mit wohlwollendem Interesse auf sich wirken
ließ. Er schien außerordentlich fehl am Platz.
»Wollen - wollen wir nicht aufbrechen, Sir?«, fragte Harry be-
sorgt.
»Ja, in der Tat, aber es gibt einige Dinge, die wir zuvor noch be-
sprechen müssen«, sagte Dumbledore. »Und ich möchte dies lieber
nicht draußen unter freiem Himmel tun. Wir werden die Gast-
freundschaft deiner Tante und deines Onkels nur noch für eine
kleine Weile in Anspruch nehmen.«
»Das werden Sie?«
Vernon Dursley hatte das Zimmer betreten, Petunia an seiner
Seite, und Dudley schlich ihnen hinterher.
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»Ja«, sagte Dumbledore nur. »Das werde ich.«
Er zog seinen Zauberstab so schnell, dass Harry es kaum sah; nach
einem lässigen Schlenker sauste das Sofa nach vorne und rammte
allen drei Dursleys in die Kniekehlen, so dass sie daraufplumpsten
und übereinander purzelten. Nach einem weiteren Schlenker des
Zauberstabs rutschte das Sofa an seinen ursprünglichen Platz zu-
rück.
»Jetzt können wir es uns auch gemütlich machen«, sagte
Dumbledore vergnügt.
Als er den Zauberstab zurück in seine Tasche steckte, bemerkte
Harry, dass seine Hand geschwärzt und runzlig war; es sah aus, als
ob das Fleisch weggebrannt wäre.
»Sir - was ist mit Ihrer -?«
»Später, Harry«, sagte Dumbledore. »Setz dich bitte.«
Harry nahm den Sessel, der noch übrig war, und vermied es, zu
den Dursleys hinüberzusehen, denen es offenbar vor Schreck die
Sprache verschlagen hatte.
»Ich nehme mal an, dass Sie mir etwas zu trinken anbieten woll-
ten«, sagte Dumbledore zu Onkel Vernon, »aber nach dem, was
bisher passiert ist, scheint mir das optimistisch zu sein, ja geradezu
töricht.«
Ein dritter Schlenker des Zauberstabs, und eine staubige Flasche
und fünf Gläser erschienen in der Luft. Die Flasche neigte sich und
goss eine großzügige Menge honigfarbener Flüssigkeit in jedes der
Gläser, die daraufhin zu jeder Person im Zimmer schwebten.
»Madam Rosmertas bester, im Eichenfass gereifter Met«, sagte
Dumbledore und prostete Harry zu, der sein eigenes Glas nahm
und daran nippte. Er hatte noch nie etwas Derartiges gekostet, doch
es schmeckte ihm ausgezeichnet. Die Dursleys hatten sich mit ra-
schen und bangen Blicken angesehen und bemühten sich nun, ihre
Gläser überhaupt nicht zu beachten, was ein schwieriges Unterfan-
gen war, denn die Gläser stupsten sachte gegen ihre Schläfen. Har-
ry kam unwillkürlich der Verdacht, dass Dumbledore sich ziemlich
gut amüsierte.
»Nun, Harry«, sagte Dumbledore und wandte sich ihm zu, »es ist
ein Problem aufgetreten und ich hoffe, dass du es für uns lösen
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kannst. Mit ›uns‹ meine ich den Orden des Phönix. Doch zunächst
einmal muss ich dir sagen, dass vor einer Woche Sirius' Testament
gefunden wurde und dass er dir alles vermacht hat, was er besaß.«
Drüben auf dem Sofa drehte Onkel Vernon den Kopf, aber Harry
sah nicht zu ihm hin, und es fiel ihm auch nichts ein, was er sagen
konnte, außer: »Oh. Gut.«
»Die Angelegenheit ist im Wesentlichen ziemlich einfach«, fuhr
Dumbledore fort. »Du stockst dein Konto bei Gringotts mit einem
erklecklichen Goldbetrag auf und erbst alle persönlichen Gegens-
tände von Sirius. Der etwas schwierige Teil der Erbschaft -«
»Sein Pate ist tot?«, rief Onkel Vernon laut vom Sofa herüber.
Dumbledore und Harry drehten sich beide zu ihm um. Das Glas
Met pochte nun recht beharrlich gegen Vernons Schläfe; er ver-
suchte es wegzuschlagen. »Er ist tot? Sein Pate?«
»Ja«, sagte Dumbledore. Er fragte Harry nicht, warum er es den
Dursleys nicht mitgeteilt hatte. »Unser Problem«, fuhr er zu Harry
gewandt fort, als wären sie nicht unterbrochen worden, »hängt
damit zusammen, dass Sirius dir auch Grimmauldplatz Nummer
zwölf vermacht hat.«
»Er hat ein Haus geerbt?«, fragte Onkel Vernon begierig, und sei-
ne kleinen Augen verengten sich, doch niemand antwortete ihm.
»Sie können es weiterhin als Hauptquartier nutzen«, sagte Harry.
»Das ist mir egal. Sie können es haben, ich will es eigentlich nicht.«
Harry wollte nie wieder den Fuß über die Schwelle von Grim-
mauldplatz Nummer zwölf setzen, wenn es irgend ging. Er glaubte,
dass ihn die Erinnerung an Sirius, der allein durch die dunklen
muffigen Räume schlich, gefangen in dem Haus, das er so verzwei-
felt verlassen wollte, ewig verfolgen würde.
»Das ist großzügig«, sagte Dumbledore. »Wir haben das Gebäude
allerdings vorübergehend geräumt.«
»Warum?«
»Nun«, sagte Dumbledore, ohne Onkel Vernons Murren zu be-
achten, dem das beharrliche Metglas inzwischen hart gegen den
Kopf schlug, »die Familientradition der Blacks bestimmte, dass das
Haus in direkter Linie vererbt werden müsse, an den jeweils nächs-
ten männlichen Nachkommen mit dem Namen Black. Sirius war
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der letzte Nachkomme der Familie, da sein jüngerer Bruder Regu-
lus vor ihm starb und beide keine Kinder hatten. Obwohl sein Tes-
tament eindeutig besagt, dass er dir das Haus vermachen will, ist es
trotzdem möglich, dass es mit irgendeinem Fluch oder Zauber be-
legt wurde, damit es ganz sicher von keinem anderen als von einem
Reinblüter in Besitz genommen werden kann.«
Ein lebhaftes Bild von dem kreischenden und keifenden Porträt
von Sirius' Mutter, das in der Eingangshalle von Grimmauldplatz
Nummer zwölf hing, schoss Harry durch den Kopf. »Darauf wette
ich«, sagte er.
»Eben«, sagte Dumbledore. »Und wenn ein solcher Zauber exis-
tiert, dann wird das Haus höchstwahrscheinlich in den Besitz der
ältesten lebenden Verwandten von Sirius übergehen, das heißt an
seine Cousine Bellatrix Lestrange.«
Ohne zu merken, was er tat, sprang Harry auf; das Teleskop und
die Turnschuhe in seinem Schoß rollten über den Boden. Bellatrix
Lestrange, Sirius' Mörderin, sollte sein Haus erben?
»Nein«, sagte er.
»Nun, natürlich wäre es auch uns lieber, wenn sie es nicht bekä-
me«, sagte Dumbledore ruhig. »Die Lage ist äußerst kompliziert.
Wir wissen nicht, ob die Zauber, die wir selbst auf das Haus gelegt
haben, zum Beispiel, dass es unaufspürbar ist, jetzt noch wirksam
sind, wenn es nicht mehr in Sirius' Händen ist. Es kann sein, dass
Bellatrix jeden Augenblick vor der Tür auftaucht. Natürlich muss-
ten wir ausziehen, bis zu dem Zeitpunkt, da wir die Sache geklärt
haben.«
»Aber wie wollen Sie rausfinden, ob ich es besitzen darf?«
»Zum Glück«, sagte Dumbledore, »gibt es einen einfachen Test.«
Er stellte sein leeres Glas auf ein Tischchen neben seinem Sessel,
doch noch ehe er sonst etwas tun konnte, rief Onkel Vernon:»Schaffen Sie uns diese verdammten Dinger vom Hals!«
Harry drehte sich um. Alle drei Dursleys saßen geduckt da, die
Arme über dem Kopf, während die Gläser auf ihren Schädeln auf-
und abhüpften und ihren Inhalt durchs ganze Zimmer spritzten.
»Oh, das tut mir sehr Leid«, sagte Dumbledore höflich und hob
erneut seinen Zauberstab. Alle drei Gläser verschwanden. »Aber sie
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hätten bessere Manieren gezeigt, wenn Sie etwas getrunken hätten,
ehrlich.«
Es sah aus, als lägen Onkel Vernon alle möglichen unfreund-
lichen Erwiderungen auf der Zunge, doch er sank nur zu Tante
Petunia und Dudley in die Kissen zurück und schwieg, die
Schweinsäuglein auf Dumbledores Zauberstab geheftet.
»Sieh mal«, sagte Dumbledore und wandte sich wieder an Harry,
als hätte sich Onkel Vernon nicht gerührt, »wenn du das Haus tat-
sächlich geerbt hast, dann gehört dir auch -«
Er ließ zum fünften Mal seinen Zauberstab schlenkern. Es gab ei-
nen lauten
Knall und ein Hauself erschien; er hatte eine Schnauze
statt einer Nase, riesige Fledermausohren und gewaltige blutunter-
laufene Augen. Er kauerte in dreckigen Lumpen auf dem Zottel-
teppich der Dursleys. Tante Petunia stieß einen markerschüttern-
den Schrei aus: Noch nie im Leben war ihr etwas so Schmutziges
ins Haus gekommen. Dudley hob seine großen nackten rosa Füße
vom Boden und streckte sie beinahe über den Kopf, als glaubte er,
dieses Wesen könne ihm die Pyjamahosen hinaufkrabbeln, und
Onkel Vernon brüllte: »Was zur
Hölle ist das?«
»Kreacher«, schloss Dumbledore.
»Kreacher will nicht, Kreacher will nicht, Kreacher will nicht!«,
krächzte der Hauself, genauso laut wie Onkel Vernon, er stampfte
mit seinen langen knorrigen Füßen auf und zog sich an den Ohren.
»Kreacher gehört Miss Bellatrix, o ja, Kreacher gehört den Blacks,
Kreacher will seine neue Herrin, Kreacher geht nicht zu dem Pot-
ter-Balg, Kreacher will nicht, will nicht, will nicht -«
»Wie du siehst, Harry«, sagte Dumbledore laut über Kreachers
anhaltendes »will nicht, will nicht, will nicht«-Gekrächze hinweg,
»zeigt Kreacher eine gewisse Abneigung, in deinen Besitz überzu-
gehen.«
»Das ist mir egal«, sagte Harry erneut und betrachtete voller Ab-
scheu den sich windenden, mit den Füßen stampfenden Hauselfen.
»Ich will ihn nicht haben.«
»Will nicht, will nicht, will nicht, will nicht -«
»Wäre es dir lieber, wenn er in den Besitz von Bellatrix Lestrange
überginge? Wohl wissend, dass er nun ein Jahr lang im Hauptquar-
51
tier des Phönixordens gelebt hat?«
»Will nicht, will nicht, will nicht, will nicht -«
Harry starrte Dumbledore an. Er wusste, dass man Kreacher nicht
erlauben konnte, bei Bellatrix Lestrange zu leben, doch die Vorstel-
lung, ihn zu besitzen, verantwortlich zu sein für die Kreatur, die
Sirius verraten hatte, widerte ihn an.
»Gib ihm einen Befehl«, sagte Dumbledore. »Wenn er jetzt dir
gehört, wird er gehorchen müssen. Wenn nicht, müssen wir uns
etwas anderes einfallen lassen, wie wir ihn von seiner rechtmäßi-
gen Herrin fern halten.«
»Will nicht, will nicht, will nicht, WILL NICHT!«
Kreachers Stimme war zu einem Schreien angeschwollen. Harry
fiel nichts ein, was er sagen konnte, außer: »Kreacher, halt den
Mund!«
Einen Moment lang sah es so aus, als würde Kreacher ersticken.
Er griff sich an die Gurgel, sein Mund bewegte sich immer noch
wild und die Augen quollen hervor. Nachdem er einige Sekunden
lang panisch gewürgt hatte, warf er sich mit dem Gesicht auf den
Teppich (Tante Petunia wimmerte), schlug mit Händen und Füßen
auf den Boden und gab sich einem heftigen, aber vollkommen
stummen Wutanfall hin.
»Nun, das macht das Ganze leichter«, sagte Dumbledore gut ge-
launt. »Sirius wusste offensichtlich, was er tat. Du bist der recht-
mäßige Eigentümer von Grimmauldplatz Nummer zwölf und von
Kreacher.«
»Muss ich - muss ich ihn bei mir behalten?«, fragte Harry ent-
setzt, während Kreacher zu seinen Füßen auf den Boden eindrosch.
»Nein, wenn du nicht willst«, sagte Dumbledore. »Wenn ich dir
einen Vorschlag machen darf - du könntest ihn nach Hogwarts
schicken, damit er dort in der Küche arbeitet. So könnten die ande-
ren Hauselfen ihn im Auge behalten.«
»Jaah«, sagte Harry erleichtert, »ja, das mach ich. Ähm -Kreacher
- ich will, dass du nach Hogwarts gehst und dort mit den anderen
Hauselfen in der Küche arbeitest.«
Kreacher, der inzwischen flach auf dem Rücken lag und alle viere
in die Luft streckte, warf Harry kopfüber einen Blick voll abgrund-
52
tiefem Hass zu und verschwand mit einem weiteren lauten
Knall.
»Gut«, sagte Dumbledore. »Dann wäre da noch die Sache mit dem
Hippogreif, Seidenschnabel. Hagrid hat sich nach Sirius' Tod um
ihn gekümmert, aber Seidenschnabel gehört jetzt dir, wenn du also
lieber andere Anordnungen treffen willst -«
»Nein«, sagte Harry sofort, »er kann bei Hagrid bleiben. Ich glau-
be, Seidenschnabel ist das lieber.«
»Hagrid wird sich freuen«, sagte Dumbledore lächelnd. »Er war
ganz begeistert, Seidenschnabel wiederzusehen. Übrigens haben
wir im Interesse von Seidenschnabels Sicherheit entschieden, ihn
vorläufig Federflügel zu nennen, obwohl ich bezweifle, dass das
Ministerium jemals darauf kommen würde, dass er der Hippogreif
ist, den es einst zum Tode verurteilt hat. Nun, Harry, ist dein Koffer
gepackt?«
»Ähm …«
»Warst wohl nicht sicher, ob ich auftauchen würde?«, vermutete
Dumbledore scharfsinnig.
»Ich geh nur kurz und - äh - pack fertig«, sagte Harry eilig und
hob schnell sein Teleskop und die Turnschuhe vom Boden auf.
Er brauchte kaum mehr als zehn Minuten, um alles zusam-
menzusuchen, was er benötigte; und schließlich hatte er es ge-
schafft, seinen Tarnumhang unter dem Bett hervorzuziehen, hatte
den Verschluss auf das Glas mit der Farbwechsel-Tinte geschraubt
und den Kofferdeckel über seinen Kessel gezwängt und zugeschlos-
sen. Mit der einen Hand den Koffer schleppend, mit der anderen
Hedwigs Käfig, stieg er dann wieder die Treppe hinunter.
Enttäuscht stellte er fest, dass Dumbledore nicht im Flur wartete,
was bedeutete, dass er ins Wohnzimmer zurückmusste.
Niemand redete. Dumbledore summte leise, offenbar ganz ent-
spannt, doch die Luft war dicker als kalte Vanillesoße, und Harry
wagte es nicht, die Dursleys anzuschauen, als er sagte: »Professor -
ich bin jetzt fertig.«
»Gut«, sagte Dumbledore. »Dann nur noch eine letzte Sache.«
Und er wandte sich noch einmal an die Dursleys. »Wie Ihnen si-
cher bewusst ist, wird Harry in einem Jahr volljährig -«
»Nein«, sagte Tante Petunia und sprach damit zum ersten Mal seit
53
Dumbledores Ankunft.
»Wie bitte?«, sagte Dumbledore höflich.
»Nein, wird er nicht. Er ist einen Monat jünger als Dudley und
Dudders wird erst übernächstes Jahr achtzehn.«
»Ah«, sagte Dumbledore freundlich, »aber in der Zaubererwelt
wird man mit siebzehn volljährig.«
Onkel Vernon murmelte »Lachhaft«, aber Dumbledore beachtete
ihn nicht.
»Nun, wie Sie bereits wissen, ist der Zauberer namens Lord Vol-
demort in dieses Land zurückgekehrt. Die Zauberergemeinschaft
befindet sich gegenwärtig in offenem Kriegszustand. Harry, den
Lord Voldemort bereits mehrmals zu töten versucht hat, ist im Au-
genblick sogar in noch größerer Gefahr als an dem Tag vor fünf-
zehn Jahren, als ich ihn vor Ihre Tür legte mit einem Brief, in dem
ich von dem Mord an seinen Eltern berichtete und die Hoffnung
zum Ausdruck brachte, dass Sie für ihn sorgen würden, als wäre er
Ihr eigener Sohn.«
Dumbledore hielt inne, und obwohl seine Stimme sanft und ruhig
blieb und er kein deutliches Zeichen von Wut preisgab, spürte Har-
ry eine Art Kälte von ihm ausgehen und bemerkte, dass die Durs-
leys ein klein wenig näher zusammenrückten.
»Sie haben nicht getan, worum ich Sie gebeten habe. Sie haben
Harry nie wie einen Sohn behandelt. Er hat nichts als Ver-
nachlässigung und häufig Grausamkeit von Ihnen erfahren. Das
Beste, was man sagen könnte, ist, dass er wenigstens nicht den ent-
setzlichen Schaden davongetragen hat, den Sie dem unglücklichen
Jungen zugefügt haben, der zwischen Ihnen sitzt.«
Tante Petunia und Onkel Vernon drehten beide instinktiv den
Kopf seitwärts, als erwarteten sie, jemand anderen als Dudley zwi-
schen ihnen eingezwängt zu sehen.
»Wir - Dudders misshandelt? Was fällt Ihnen -?«, fing Onkel
Vernon wütend an, doch Dumbledore gebot ihm mit erhobenem
Finger zu schweigen, und dieses Schweigen trat so jäh ein, als hätte
er Onkel Vernon mit Stummheit geschlagen.
»Der Zauber, den ich vor fünfzehn Jahren heraufbeschworen ha-
be, bewirkt, dass Harry unter starkem Schutz steht, solange er die-
54
ses Haus noch sein Zuhause nennen kann. Wie unglücklich und
wie wenig willkommen er auch immer hier war und wie schlecht
er auch behandelt wurde, Sie haben ihn zumindest widerwillig in
diesem Haus aufgenommen. Dieser Zauber verliert seine Wirksam-
keit, wenn Harry siebzehn wird; mit anderen Worten, wenn er ein
Mann wird. Ich bitte Sie nur um eines: Gestatten Sie Harry vor
seinem siebzehnten Geburtstag noch einmal, in dieses Haus zu-
rückzukehren, denn damit ist gewährleistet, dass der Schutz bis zu
diesem Zeitpunkt anhält.«
Keiner der Dursleys sagte ein Wort. Dudley runzelte leicht die
Stirn, als versuchte er immer noch herauszufinden, wann er je
misshandelt worden war. Onkel Vernon sah aus, als ob ihm etwas
in der Kehle steckte; Tante Petunia jedoch war merkwürdig rot im
Gesicht.
»Nun, Harry … Zeit, dass wir gehen«, sagte Dumbledore endlich,
erhob sich und straffte seinen langen schwarzen Umhang. »Bis zu
unserem nächsten Treffen«, sagte er zu den Dursleys, die drein-
schauten, als könnte dieses Treffen, wenn es nach ihnen ging, bis
zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten. Dann zog Dumbledore den
Hut und rauschte aus dem Zimmer.
»Tschüss«, sagte Harry hastig zu den Dursleys und folgte
Dumbledore, der neben Harrys Koffer stehen blieb, auf dem Hed-
wigs Käfig thronte.
»Diese Sachen wären uns jetzt nur hinderlich«, sagte er und zück-
te erneut seinen Zauberstab. »Ich schicke sie zum Fuchsbau, dort
können sie bleiben, bis wir kommen. Allerdings möchte ich, dass
du deinen Tarnumhang mitnimmst … nur für alle Fälle.«
Harry zog mühsam seinen Tarnumhang aus dem Koffer und ver-
suchte dabei zu verhindern, dass Dumbledore das Chaos darin sah.
Als er den Umhang in eine Innentasche seiner Jacke gestopft hatte,
schwang Dumbledore seinen Zauberstab, und Koffer, Käfig und
Hedwig verschwanden. Dann schwang Dumbledore seinen Zauber-
stab erneut, und die Haustür öffnete sich in eine kühle, neblige
Dunkelheit.
»Und jetzt, Harry, hinaus in die Nacht und dem Abenteuer hin-
terher, dieser launischen Verführerin!«
55
Horace Slughorn
Obwohl Harry in den vergangenen Tagen jede wache Minute in
der verzweifelten Hoffnung verbracht hatte, Dumbledore würde
tatsächlich kommen und ihn abholen, fühlte er sich ausgesprochen
unbehaglich, als sie aufbrachen und zusammen den Ligusterweg
entlanggingen. Er hatte außerhalb von Hogwarts bisher noch nie
richtig mit seinem Schulleiter gesprochen; normalerweise stand ein
Schreibtisch zwischen ihnen. Zudem stieg immer wieder die Erin-
nerung an ihre letzte persönliche Begegnung in ihm auf, was Har-
rys Verlegenheit noch verstärkte. Er war damals sehr laut gewor-
den, ganz zu schweigen davon, dass er sich alle Mühe gegeben hat-
te, einige von Dumbledores kostbarsten Sachen zu demolieren.
Dumbledore schien jedoch völlig gelassen.
»Halt den Zauberstab bereit, Harry«, sagte er munter.
»Aber ich dachte, ich darf außerhalb der Schule nicht zaubern,
Sir?«
»Wenn es zu einem Angriff kommt«, entgegnete Dumbledore,
»gebe ich dir die Erlaubnis, jeden Bannbrecher oder Gegenfluch
einzusetzen, der dir einfällt. Allerdings glaube ich nicht, dass du
befürchten musst, heute Abend angegriffen zu werden.«
»Warum nicht, Sir?«
»Du bist mit mir zusammen«, sagte Dumbledore schlicht. »Das
genügt, Harry.«
Am Ende des Ligusterwegs blieb er jäh stehen.
»Du hast deine Prüfung im Apparieren selbstverständlich noch
nicht abgelegt?«, fragte er.
»Nein«, sagte Harry. »Ich dachte, man muss siebzehn sein?«
»Ganz genau«, sagte Dumbledore. »Deshalb solltest du dich jetzt
gut an meinem Arm festhalten. Am linken, wenn du nichts dage-
gen hast - wie du bemerkt hast, ist mein Zauberstabarm im Augen-
blick ein wenig schwach.«
Harry packte Dumbledores Unterarm, den er ihm anbot.
»Sehr gut«, sagte Dumbledore. »Also, dann los.«
Harry merkte, wie Dumbledores Arm sich von ihm wegbog, und
56
griff umso fester zu. Das Nächste, was er spürte, war, dass alles
schwarz wurde; von allen Seiten presste es sehr heftig gegen ihn; er
konnte nicht atmen, eiserne Bänder schlossen sich um seine Brust;
die Augäpfel wurden ihm in den Kopf getrieben; die Trommelfelle
tiefer in seinen Schädel hineingedrückt, und dann -
Er sog in tiefen Zügen die kalte Nachtluft ein und öffnete die trä-
nenden Augen. Er fühlte sich, als wäre er gerade durch einen sehr
engen Gummischlauch gezwängt worden. Nach einigen Sekunden
erst wurde ihm bewusst, dass der Ligusterweg verschwunden war.
Er und Dumbledore befanden sich nun offenbar auf einem verlas-
senen Dorfplatz, in dessen Mitte ein altes Kriegerdenkmal und ei-
nige Bänke standen. Als er allmählich begriff, was er verspürt hatte,
wurde Harry klar, dass er soeben zum ersten Mal in seinem Leben
appariert war.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Dumbledore und blickte be-
sorgt zu ihm hinab. »Das Gefühl ist tatsächlich ein wenig gewöh-
nungsbedürftig.«
»Mir geht's gut«, sagte Harry und rieb sich die Ohren, die sich an-
fühlten, als hätten sie den Ligusterweg eher ungern verlassen. »A-
ber ich glaub, Besen sind mir lieber.«
Dumbledore lächelte, zog seinen Reiseumhang ein wenig enger
um den Hals und sagte: »Hier lang.«
Er ging in raschem Tempo los, vorbei an einem leeren Gasthaus
und einigen Häusern. Die Uhr einer nahen Kirche zeigte fast Mit-
ternacht.
»Übrigens, Harry«, sagte Dumbledore. »Deine Narbe … hat sie in
letzter Zeit wehgetan?«
Harry fuhr sich unwillkürlich mit der Hand an die Stirn und rieb
das blitzförmige Mal.
»Nein«, sagte er, »und ich habe mich schon darüber gewundert.
Ich dachte, sie würde die ganze Zeit brennen, weil Voldemort jetzt
wieder so mächtig ist.«
Er blickte zu Dumbledore hoch und sah den zufriedenen Aus-
druck auf seinem Gesicht.
»Ich dagegen habe etwas anderes gedacht«, sagte Dumbledore.
»Lord Voldemort hat endlich erkannt, dass du gefährlichen Zugang
57
zu seinen Gedanken und Gefühlen hattest. Offenbar setzt er jetzt
Okklumentik gegen dich ein.«
»Mir soll's recht sein«, sagte Harry, der weder die beunru-
higenden Träume noch die erschreckend blitzartigen Einsichten in
Voldemorts Geist vermisste.
Sie bogen um eine Ecke und kamen an einer Telefonzelle und ei-
ner überdachten Bushaltestelle vorbei. Harry sah wieder zu
Dumbledore hinüber.
»Professor?«
»Harry?«
»Ähm - wo sind wir eigentlich?«
»Dies, Harry, ist das bezaubernde Dorf Budleigh Babberton.«
»Und was machen wir hier?«
»Ach ja, natürlich, das habe ich dir noch gar nicht erzählt«, sagte
Dumbledore. »Nun, ich weiß nicht mehr, wie oft ich das in den
letzten Jahren gesagt habe, aber unser Kollegium hat wieder einmal
einen Lehrer zu wenig. Wir sind hier, um einen alten Kollegen von
mir zu überreden, seinen Ruhestand zu unterbrechen und nach
Hogwarts zurückzukehren.«
»Wie kann ich dabei helfen, Sir?«
»Oh, ich denke, wir werden dich schon gebrauchen können«, sag-
te Dumbledore vage. »Hier links, Harry.«
Sie gingen nun durch eine steile, enge und von Häusern gesäumte
Straße. Alle Fenster waren dunkel. Die seltsame Kälte, die seit zwei
Wochen über dem Ligusterweg gelegen hatte, herrschte auch hier.
Bei dem Gedanken an Dementoren warf Harry einen Blick über die
Schulter und umklammerte zur Beruhigung den Zauberstab in sei-
ner Tasche.
»Professor, warum konnten wir nicht einfach direkt ins Haus Ih-
res alten Kollegen apparieren?«
»Weil das genauso unhöflich wäre, wie die Haustür einzutreten«,
sagte Dumbledore. »Es ist ein Gebot der Höflichkeit, dass wir unse-
ren Zauberergefährten die Möglichkeit geben, uns den Zutritt zu
verweigern. Die meisten Zaubererwohnungen sind sowieso ma-
gisch vor unerwünschten Apparierern geschützt. In Hogwarts, bei-
spielsweise -«
58
»- kann man in den Gebäuden und auf dem Gelände nirgendwo
apparieren«, sagte Harry rasch. »Hat mir Hermine Granger erzählt.«
»Und sie hat völlig Recht. Wir biegen wieder links ab.«
Die Kirchturmuhr hinter ihnen schlug Mitternacht. Harry fragte
sich, warum Dumbledore es nicht für unhöflich hielt, seinen alten
Kollegen so spät noch aufzusuchen, doch nun, da sie gerade richtig
im Gespräch waren, hatte er dringendere Fragen zu stellen.
»Sir, ich hab im
Tagespropheten gelesen, dass Fudge entlassen
wurde …«
»Richtig«, sagte Dumbledore und bog jetzt in eine steil an-
steigende Seitenstraße ein. »Er wurde, wie du sicher auch gelesen
hast, durch Rufus Scrimgeour ersetzt, den vormaligen Leiter des
Aurorenbüros.«
»Ist er … glauben Sie, dass er gut ist?«, fragte Harry.
»Eine interessante Frage«, erwiderte Dumbledore. »Er ist fähig,
gewiss. Eine entschlossenere und stärkere Persönlichkeit als Corne-
lius.«
»Ja, aber ich meinte -«
»Ich weiß, was du meintest. Rufus ist ein Mann der Tat, und da er
fast sein ganzes Berufsleben lang gegen schwarze Magier gekämpft
hat, unterschätzt er Lord Voldemort nicht.«
Harry wartete, aber Dumbledore sagte nichts über den Konflikt
mit Scrimgeour, von dem der
Tagesprophet berichtet hatte, und er
hatte keine Lust, das Thema weiterzuverfolgen, also wechselte er
es.
»Und … Sir … ich hab auch von Madam Bones gelesen.«
»Ja«, sagte Dumbledore leise. »Ein schrecklicher Verlust. Sie war
eine großartige Hexe. Jetzt hier hinauf, glaube ich - autsch.«
Er hatte mit seiner verletzten Hand nach oben gedeutet.
»Professor, was ist mit Ihrer -?«
»Ich habe jetzt keine Zeit, das zu erklären«, sagte Dumbledore.
»Es ist eine spannende Geschichte, ich möchte ihr gerecht werden.«
Er lächelte Harry zu, der verstand, dass er damit keine Abfuhr
erhalten hatte und weitere Fragen stellen durfte.
»Sir - ich habe per Eule ein Merkblatt des Zaubereiministeriums
bekommen, zu den Sicherheitsmaßnahmen, die wir alle gegen die
59
Todesser treffen sollen …«
»Ja, auch ich habe eins bekommen«, sagte Dumbledore immer
noch lächelnd. »Fandest du es nützlich?«
»Nicht besonders.«
»Das dachte ich mir. Du hast mich zum Beispiel nicht gefragt, was
meine Lieblingsmarmelade ist, um zu prüfen, ob ich auch wirklich
Professor Dumbledore bin und kein Doppelgänger.«
»Ich hab nicht …«, begann Harry, nicht ganz sicher, ob das eine
Rüge war oder nicht.
»Um dies ein für alle Mal klarzustellen, Harry, es ist Himbeere …
obwohl ich natürlich, wenn ich ein Todesser wäre, ganz sicher
zuerst meine eigenen Marmeladenvorlieben ausgekundschaftet
hätte, ehe ich mich für mich selbst ausgegeben hätte.«
»Ähm … stimmt«, sagte Harry. »Also, auf diesem Merkblatt stand
auch etwas von Inferi. Was sind eigentlich Inferi? Das Merkblatt
hat das nicht genau erklärt.«
»Inferi sind Leichen«, sagte Dumbledore ruhig. »Tote Körper, die
verhext wurden, um Befehle der schwarzen Magier auszuführen.
Inferi wurden allerdings seit langem nicht mehr gesichtet, nicht
seit Voldemort das letzte Mal mächtig war … er hat natürlich ge-
nug Leute getötet, um eine Armee mit ihnen aufstellen zu können.
Hier ist es, Harry, genau hier …«
Sie näherten sich einem kleinen, hübschen Steinhaus mit eige-
nem Garten rundherum. Harry war so beschäftigt, den fürchterli-
chen Gedanken an die Inferi zu verarbeiten, dass er kaum auf etwas
anderes achten konnte, doch als sie das Gartentor erreichten, blieb
Dumbledore wie angewurzelt stehen und Harry stieß mit ihm zu-
sammen.
»Ach herrje. Ach herrje, herrje.«
Harry folgte Dumbledores Blick den sorgfältig gepflegten Weg
zum Haus entlang und ihm wurde schwer ums Herz. Die Haustür
hing aus den Angeln.
Dumbledore sah links und rechts die Straße hinunter. Sie schien
völlig verlassen.
»Zieh den Zauberstab und folge mir, Harry«, sagte er ruhig.
Er öffnete das Tor und ging zügig und leise den Gartenweg ent-
60
lang, Harry knapp hinter sich, dann drückte er ganz langsam die
Haustür auf, den Zauberstab erhoben und einsatzbereit.
»Lumos.«
Die Spitze von Dumbledores Zauberstab flammte auf und warf
Licht in einen schmalen Flur. Links stand eine weitere Tür offen.
Dumbledore hielt seinen leuchtenden Zauberstab in die Höhe und
betrat, dicht gefolgt von Harry, das Wohnzimmer.
Ein Anblick völliger Verwüstung bot sich ihnen. Eine zer-
splitterte Standuhr lag zu ihren Füßen, deren Zifferblatt zer-
brochen war und deren Pendel etwas weiter entfernt wie ein fallen
gelassenes Schwert dalag. Ein Klavier war umgestürzt und hatte
seine Tasten über den Boden verteilt. Daneben glitzerten Bruchstü-
cke des herabgestürzten Kronleuchters. Zerknautschte Kissen lagen
herum, denen Federn aus den aufgeschlitzten Seiten quollen; Glas-
splitter und Porzellanscherben waren wie Pulver über allem ver-
streut. Dumbledore hob seinen Zauberstab noch ein Stück höher
und sein Licht fiel auf die Wände: Etwas Dunkelrotes und Klebri-
ges war auf die Tapete gespritzt. Als Harry kurz nach Luft schnapp-
te, drehte sich Dumbledore um.
»Unschön, nicht wahr?«, sagte er mit schwerer Stimme. »Ja, hier
ist etwas Schreckliches geschehen.«
Vorsichtig ging Dumbledore weiter in die Mitte des Raumes und
betrachtete dabei genau die Trümmer zu seinen Füßen. Harry folg-
te ihm und sah sich um, voller Angst, welcher Anblick ihn hinter
dem zerstörten Klavier oder dem umgestürzten Sofa erwarten wür-
de, doch von einer Leiche keine Spur.
»Vielleicht hat es einen Kampf gegeben - und sie haben ihn fort-
geschleppt, Professor?«, vermutete Harry und wollte sich lieber
nicht vorstellen, wie schwer verwundet ein Mann sein musste, dass
er solche Flecken bis fast an die Decke hinterließ.
»Ich glaube nicht«, sagte Dumbledore leise und spähte hinter den
zur Seite gekippten Polstersessel.
»Sie meinen, er ist -?«
»Immer noch hier irgendwo? Ja.«
Und ohne Vorwarnung schlug Dumbledore zu und stach mit der
Spitze seines Zauberstabs in den Sitz des Polstersessels, der
61
»Autsch!« schrie.
»Guten Abend, Horace«, sagte Dumbledore und richtete sich
wieder auf.
Harry klappte der Mund auf. Wo vor dem Bruchteil einer Sekun-
de noch ein Sessel gewesen war, kauerte nun ein ungeheuer fetter,
glatzköpfiger alter Mann, der sich den Bauch massierte und mit
betrübten und tränenden Augen zu Dumbledore emporschielte.
»Es war nicht nötig, den Zauberstab so fest reinzustechen«, sagte
er barsch, während er sich aufrappelte. »Das tat weh.«
Das Licht des Zauberstabs tanzte über seine glänzende Glatze,
seine Glubschaugen, seinen gewaltigen silbernen Walrossbart und
die blank polierten Knöpfe der kastanienbraunen Samtjacke, die er
über einem lila Seidenpyjama trug. Sein Kopf reichte kaum bis zu
Dumbledores Kinn.
»Was hat mich verraten?«, brummte er, während er wacklig auf
die Beine kam und sich immer noch den Bauch rieb. Er wirkte er-
staunlich gefasst für einen Mann, der gerade dabei erwischt worden
war, wie er einen Sessel spielte.
»Mein lieber Horace«, sagte Dumbledore mit heiterer Miene,
»wenn die Todesser wirklich hier vorbeigeschaut hätten, dann hät-
te man das Dunkle Mal über dem Haus aufsteigen lassen.«
Der Zauberer schlug sich mit seiner fleischigen Hand vor die
breite Stirn.
»Das Dunkle Mal«, murmelte er. »Wusste doch, da war noch was
… na gut. Hätte ohnehin keine Zeit mehr gehabt. Ich hab gerade
noch meiner Polsterung den letzten Schliff gegeben, als du rein-
kamst.«
Er atmete einmal tief aus und ließ dabei die Spitzen seines
Schnurrbarts flattern.
»Brauchst du meine Hilfe beim Aufräumen?«, fragte Dumbledore
höflich.
»Bitte«, sagte der andere.
Sie stellten sich Rücken an Rücken, der große dünne Zauberer
und der kleine dicke, und schwenkten ihre Zauberstäbe mit der
gleichen schwungvollen Bewegung.
Die Möbel flogen an ihre angestammten Plätze zurück; Zierwerk
62
setzte sich mitten in der Luft wieder zusammen; Federn flutschten
in ihre Kissen; zerrissene Bücher reparierten sich selbst und lande-
ten auf ihren Regalen; Öllampen schwirrten auf Beistelltische und
flammten wieder auf; eine umfangreiche Sammlung zerbrochener
silberner Bilderrahmen flog glitzernd durch den Raum und ließ
sich, heil und makellos, auf einem Schreibtisch nieder; Risse,
Sprünge und Löcher schlossen sich überall; und die Wände wisch-
ten sich selbst sauber.
»Was war das eigentlich für ein Blut?«, fragte Dumbledore laut
über das Schlagen der soeben wieder zusammengesetzten Standuhr
hinweg.
»An den Wänden? Drache«, rief der Zauberer namens Horace,
während der Kronleuchter sich unter ohrenbetäubendem Knir-
schen und Klimpern wieder an die Decke schraubte.
Vom Klavier war ein letztes
Plonk zu hören, dann herrschte Stil-
le.
»Ja, Drache«, wiederholte der Zauberer beiläufig. »Meine letzte
Flasche, und es kostet zurzeit ein Vermögen. Naja, vielleicht ist es
wiederverwendbar.«
Er stapfte hinüber zu einer kleinen Kristallflasche, die auf einer
Anrichte stand, hob sie gegen das Licht und musterte die dicke
Flüssigkeit darin.
»Hm. Bisschen staubig.«
Er stellte die Flasche zurück auf die Anrichte und seufzte. In die-
sem Moment fiel sein Blick auf Harry.
»Oho«, sagte er und seine großen runden Augen huschten zu
Harrys Stirn und der blitzförmigen Narbe darauf.
»Oho!«
»Das«, sagte Dumbledore und trat näher, um sie einander vorzu-
stellen, »ist Harry Potter. Harry, das ist ein alter Freund und Kolle-
ge von mir, Horace Slughorn.«
Slughorn drehte sich mit gewitztem Gesichtsausdruck zu
Dumbledore.
»Auf die Art willst du mich also rumkriegen? Nun, die Antwort
lautet nein, Albus.«
Er schob sich an Harry vorbei und hielt sein Gesicht entschlossen
abgewandt, mit der Miene eines Mannes, der bemüht ist, jeglicher
63
Versuchung zu widerstehen.
»Ich meine, wir könnten wenigstens ein Glas zusammen trinken«,
bat Dumbledore. »Auf alte Zeiten?«
Slughorn zögerte.
»Von mir aus, ein Glas«, sagte er unfreundlich.
Dumbledore lächelte Harry zu und wies ihn zu einem Sessel, der
ähnlich aussah wie der, den Slughorn eben verkörpert hatte, und
der direkt neben dem neu entfachten Feuer und einer hell leuch-
tenden Öllampe stand. Harry setzte sich, er hatte deutlich den Ein-
druck, dass Dumbledore ihn aus irgendeinem Grund so sichtbar wie
möglich haben wollte. Und tatsächlich, als Slughorn, der geschäftig
mit Karaffen und Gläsern hantiert hatte, sich wieder dem Raum
zuwandte, fiel sein Blick sofort auf Harry.
»Umpff«, machte er und schaute rasch weg, als fürchtete er, sei-
nen Augen Schaden zuzufügen. »Hier -« Er reichte Dumbledore,
der unaufgefordert Platz genommen hatte, ein Glas, drückte Harry
das Tablett in die Hand und sank dann in die Kissen des wiederher-
gestellten Sofas und in ein missmutiges Schweigen. Seine Beine
waren so kurz, dass sie nicht bis zum Boden reichten.
»Nun, wie geht es dir so, Horace?«, fragte Dumbledore.
»Nicht sonderlich gut«, sagte Slughorn prompt. »Schwach auf der
Brust. Asthma. Und Rheuma. Bin nicht mehr so beweglich wie
früher. Nun ja, damit muss man rechnen. Das Alter. Die Erschöp-
fung.«
»Trotzdem musst du ziemlich schnell gewesen sein, um uns so
kurzfristig einen derartigen Empfang zu bereiten«, sagte Dumble-
dore. »Du kannst nicht länger als drei Minuten vorher gewarnt
gewesen sein?«
»Zwei«, sagte Slughorn halb verärgert, halb stolz. »Hab meinen
Hausfriedenszauber nicht losgehen hören, nahm gerade ein Bad.
Aber«, fügte er unnachgiebig hinzu und schien sich wieder zusam-
menzureißen, »es ist nun einmal so, ich bin ein alter Mann, Albus.
Ein müder alter Mann, der sich das Recht auf ein ruhiges Leben
und ein paar Annehmlichkeiten verdient hat.«
Die hatte er zweifellos, dachte Harry und sah sich im Zimmer
um. Es war muffig und voll gestopft, aber man konnte nicht be-
64
haupten, dass es ungemütlich war; es gab weiche Sessel und Sche-
mel, Getränke und Bücher, Pralinenschachteln und dicke Kissen.
Wenn Harry nicht gewusst hätte, wer hier lebte, hätte er auf eine
reiche, pedantische alte Dame getippt.
»Du bist noch nicht so alt wie ich, Horace«, sagte Dumbledore.
»Nun, vielleicht solltest du auch mal an den Ruhestand denken«,
erwiderte Slughorn freiheraus. Seine hellen stachelbeerfarbenen
Augen hatten Dumbledores verletzte Hand entdeckt. »Reagierst
anscheinend auch nicht mehr so schnell wie früher.«
»Da hast du vollkommen Recht«, sagte Dumbledore gelassen und
schüttelte den Ärmel zurück, so dass nur noch die Spitzen seiner
verbrannten und geschwärzten Finger zu sehen waren; ihr Anblick
löste ein unangenehmes Kribbeln in Harrys Nacken aus. »Ich bin
zweifellos langsamer als früher. Doch andererseits …«
Er zuckte die Achseln und spreizte die Hände, als wollte er sagen,
dass das Alter auch seine Vorteile habe, und Harry fiel ein Ring an
seiner unverletzten Hand auf, den er Dumbledore noch nie hatte
tragen sehen: Er war groß, ziemlich grob gefertigt und offenbar aus
Gold, und ein schwerer schwarzer Stein war darin eingelassen, der
in der Mitte durchgebrochen war. Auch Slughorns Blick blieb kurz
an dem Ring haften, und Harry sah, wie sich seine breite Stirn ei-
nen Moment lang leicht runzelte.
»Nun, all diese Vorkehrungen gegen Eindringlinge, Horace …
waren sie für die Todesser bestimmt oder für mich?«, fragte
Dumbledore.
»Was sollten die Todesser mit einem armen, gebrechlichen alten
Knallkopf wie mir anfangen?«, gab Slughorn zurück.
»Ich könnte mir vorstellen, dass sie von dir verlangen würden,
deine außergewöhnlichen Talente für Nötigung, Folter und Mord
zu nutzen«, sagte Dumbledore. »Willst du mir tatsächlich weisma-
chen, dass sie noch nicht gekommen sind, um dich anzuwerben?«
Slughorn sah Dumbledore einen Moment lang böse an und mur-
melte dann: »Ich hab ihnen keine Gelegenheit gegeben. Seit einem
Jahr ziehe ich ständig um. Bleib nie länger als eine Woche an ei-
nem Ort. Zieh von Muggelhaus zu Muggelhaus -die Besitzer von
diesem hier sind im Urlaub auf den Kanaren. Es war sehr ange-
65
nehm, ich werd's vermissen. Es ist ganz leicht, wenn du den Dreh
mal raushast - ein schlichter Erstarrungszauber gegen diese lächer-
lichen Alarmanlagen, die sie statt Spickoskopen benutzen, und auf-
gepasst, dass die Nachbarn dich nicht sehen, wenn du das Klavier
reinbringst.«
»Raffiniert«, sagte Dumbledore. »Klingt aber nach einer ziemlich
anstrengenden Lebensweise für einen gebrechlichen alten Knall-
kopf, der gerne ein ruhiges Dasein hätte. Also, wenn du nach Hog-
warts zurückkehren würdest -«
»Wenn du mir sagen willst, dass mein Leben an dieser verderbten
Schule friedlicher wäre, kannst du dir die Worte sparen, Albus! Ich
war zwar im Verborgenen, aber seit Dolores Umbridge weggegan-
gen ist, sind mir ein paar seltsame Gerüchte zu Ohren gekommen!
Wenn das heutzutage deine Art ist, Lehrer zu behandeln -«
»Professor Umbridge hat sich mit unserer Zentaurenherde ange-
legt«, sagte Dumbledore. »Ich glaube, dir, Horace, wäre etwas Bes-
seres eingefallen, als in den Wald zu marschieren und eine Horde
zorniger Zentauren ›schmutzige Halbmenschen‹ zu nennen.«
»Das hat sie tatsächlich getan?«, sagte Slughorn. »Idiotisches
Weib. Konnte sie nie ausstehen.«
Harry gluckste, und Dumbledore und Slughorn drehten sich bei-
de zu ihm um.
»Verzeihung«, sagte Harry hastig. »Es ist nur - ich konnte sie auch
nicht ausstehen.«
Dumbledore stand überraschend auf.
»Du gehst?«, fragte Slughorn prompt mit hoffnungsvollem Blick.
»Nein, ich würde nur gern mal die Toilette bei dir benutzen«, sag-
te Dumbledore.
»Oh«, erwiderte Slughorn, offensichtlich enttäuscht. »Zweite Tür
links, den Flur entlang.«
Dumbledore durchquerte das Zimmer. Als sich die Tür hinter
ihm geschlossen hatte, trat Stille ein. Nach einigen Augenblicken
erhob sich Slughorn, schien jedoch nicht sicher, was er mit sich
anfangen sollte. Er warf Harry einen flüchtigen Blick zu, trat dann
hinüber zum Feuer, kehrte ihm den Rücken und wärmte seinen
breiten Hintern.
66
»Glauben Sie bloß nicht, ich wüsste nicht, warum er Sie mitge-
bracht hat«, sagte er unvermittelt.
Harry sah Slughorn nur an. Slughorns tränende Augen glitten
über Harrys Narbe, und diesmal betrachtete er auch den Rest seines
Gesichts.
»Sie sehen Ihrem Vater sehr ähnlich.«
»Ja, das hat man mir schon gesagt«, erwiderte Harry.
»Mit Ausnahme der Augen. Sie haben -«
»Die Augen meiner Mutter, jaah.« Harry hatte das so häufig ge-
hört, dass er es ein wenig ermüdend fand.
»Umpff. Nun ja. Man sollte als Lehrer natürlich keine Lieblings-
schüler haben, aber sie war eine von meinen. Ihre Mutter«, fügte
Slughorn hinzu, als Harry ihn fragend anblickte. »Lily Evans. Eine
der Klügsten, die ich je unterrichtet habe. Aufgeweckt, wissen Sie?
Reizendes Mädchen. Ich hab immer zu ihr gesagt, dass sie eigent-
lich in mein Haus gehört. Da hab ich auch immer sehr freche Ant-
worten bekommen.«
»In welchem Haus waren Sie?«
»Ich war der Hauslehrer von Slytherin«, sagte Slughorn. »Aber«,
fuhr er rasch fort, als er Harrys Gesichtsausdruck sah, und er drohte
ihm mit einem Wurstfinger, »halten Sie mir das bloß nicht vor! Sie
sind Gryffindor, wie sie, schätze ich? Ja, meist geht das nach Fami-
lien. Allerdings nicht immer. Schon mal was von Sirius Black ge-
hört? Mit Sicherheit - er war in den letzten paar Jahren dauernd in
den Zeitungen - ist vor wenigen Wochen gestorben -«
Es war, als ob eine unsichtbare Hand Harrys Eingeweide verdreht
hätte und sie fest umklammert hielt.
»Nun, er war jedenfalls in der Schule ein guter Kumpel von Ih-
rem Vater. Ich hatte die gesamte Familie Black in meinem Haus
gehabt, aber Sirius ist in Gryffindor gelandet! Schade - er war ein
talentierter Junge. Als sein Bruder Regulus dann kam, hab ich ihn
gekriegt, aber ich hätte gern alle bekommen.«
Er hörte sich an wie ein begeisterter Sammler, der bei einer Ver-
steigerung überboten worden war. Offenbar in Erinnerungen
versunken, starrte er auf die Wand gegenüber und drehte sich ge-
mächlich auf der Stelle, damit sein Hinterteil gleichmäßig beheizt
67
wurde.
»Ihre Mutter stammte doch tatsächlich von Muggeln ab. Konnte
es nicht fassen, als ich es rausfand. Dachte, sie müsste reinblütig
sein, so gut, wie sie war.«
»Eine sehr gute Freundin von mir ist muggelstämmig«, sagte Har-
ry, »und sie ist die Beste in unserem Jahrgang.«
»Komisch, dass das manchmal vorkommt, nicht wahr?«, sagte
Slughorn.
»Eigentlich nicht«, erwiderte Harry kühl.
Slughorn sah überrascht zu ihm hinunter.
»Sie dürfen nicht glauben, dass ich Vorurteile hätte!«, sagte er.
»Nein, nein, nein! Hab ich nicht eben gesagt, dass Ihre Mutter einer
meiner absoluten Lieblinge war? Und dann gab es da auch noch
Dirk Cresswell, im Jahr nach ihr - er ist jetzt natürlich Leiter des
Koboldverbindungsbüros -, noch ein Muggelstämmiger, ein sehr
begabter Schüler, der mir nach wie vor hervorragende Insider-
Informationen über die Vorgänge bei Gringotts liefert!«
Er wippte ein wenig auf und ab, lächelte selbstzufrieden und deu-
tete auf die Kommode mit den vielen Fotos in glänzenden Rahmen,
die alle mit winzigen, sich bewegenden Gestalten bevölkert waren.
»Allesamt ehemalige Schüler von mir, alle signiert. Das ist zum
Beispiel Barnabas Cuffe, Chefredakteur beim
Tagespropheten, er ist
immer an meiner Meinung zu den aktuellen Entwicklungen inte-
ressiert. Und Ambrosius Flume vom
Honigtopf- zu jedem Ge-
burtstag ein Geschenkkorb, nur weil ich ihn mal Ciceron Harkiss
vorstellen konnte, bei dem er dann seine erste Stelle bekam! Und
ganz hinten - Sie sehen sie, wenn Sie ein bisschen den Hals recken
-, das ist Gwenog Jones, ja, die Kapitänin der Holyhead Harpies …
die Leute wundern sich immer, wenn sie erfahren, dass ich mit den
Harpies per Du bin und Freikarten bekomme, wann immer ich
welche brauche!«
Beim Gedanken daran schien sich seine Stimmung mächtig zu
heben.
»Und all diese Leute wissen, wo Sie zu finden sind, wenn sie Ih-
nen Sachen schicken wollen?«, fragte Harry, der sich unwillkürlich
wunderte, warum die Todesser Slughorn noch nicht aufgespürt
68
hatten, wo doch Körbe mit Süßigkeiten, Quidditch-Karten und
Besucher, die begierig seinen Rat und seine Meinung hören woll-
ten, ihn finden konnten.
Das Lächeln schwand aus Slughorns Gesicht, so schnell wie das
Blut von seinen Wänden.
»Natürlich nicht«, sagte er und blickte auf Harry hinab. »Seit ei-
nem Jahr habe ich zu niemandem mehr Kontakt.«
Harry hatte den Eindruck, dass Slughorn über seine eigenen
Worte erschrak; einen Moment lang wirkte er ziemlich beunru-
higt. Dann zuckte er die Achseln.
»Jedenfalls … in Zeiten wie diesen zieht der kluge Zauberer den
Kopf ein. Schön und gut, was Dumbledore sagt, aber wenn ich ge-
rade jetzt einen Posten in Hogwarts annehmen würde, hieße das
nichts anderes, als öffentlich meine Loyalität zum Orden des Phö-
nix zu bekunden! Und obwohl die mit Sicherheit sehr bewun-
dernswert und mutig und alles sind, bin ich persönlich von ihrer
Sterblichkeitsrate nicht gerade angetan -«
»Sie müssen sich dem Orden nicht anschließen, um in Hogwarts
zu unterrichten«, sagte Harry, der sich einen spöttischen Unterton
in seiner Stimme nicht ganz verkneifen konnte: Es fiel ihm schwer,
Slughorns bequemes Leben gutzuheißen, wenn er an Sirius dachte,
der sich in einer Höhle verkrochen und von Ratten gelebt hatte.
»Die meisten Lehrer sind nicht drin und bisher wurde keiner von
ihnen umgebracht - na ja, außer man zählt Quirrell mit, und der
bekam, was er verdiente, weil er mit Voldemort zusammengearbei-
tet hat.«
Harry war sicher, dass Slughorn einer der Zauberer war, die es
nicht ertragen konnten, wenn Voldemorts Name laut aus-
gesprochen wurde, und er wurde nicht enttäuscht: Slughorn er-
schauderte und protestierte lautstark, doch Harry ignorierte ihn.
»Ich schätze, die Lehrer sind sicherer als die meisten Leute, so-
lange Dumbledore Schulleiter ist; er soll der Einzige sein, den Vol-
demort je gefürchtet hat, nicht wahr?«, fuhr Harry fort.
Slughorn starrte einige Augenblicke ins Leere: Er schien über
Harrys Worte nachzudenken.
»Nun ja, es stimmt, dass Er, dessen Name nicht genannt werden
69
darf, nie einen Kampf mit Dumbledore gesucht hat«, murmelte er
widerwillig. »Und da ich mich nicht den Todessern angeschlossen
habe, könnte man vermutlich behaupten, dass Er, dessen Name
nicht genannt werden darf, mich wohl kaum zu seinen Freunden
zählen kann … von daher wäre ich in Albus' Nähe vielleicht siche-
rer … ich will nicht so tun, als hätte Amelia Bones' Tod mich nicht
erschüttert … wenn sie, mit all ihren Beziehungen zum Ministeri-
um und unter dessen Schutz …«
Dumbledore kam ins Zimmer zurück, und Slughorn zuckte zu-
sammen, als ob er vergessen hätte, dass er im Haus war.
»Oh, da bist du ja, Albus«, sagte er. »Hast sehr lange gebraucht.
Magen verstimmt?«
»Nein, ich habe nur in den Muggelmagazinen gelesen«, sagte
Dumbledore. »Ich habe ein Faible für Strickmuster. Nun, Harry,
wir haben Horace' Gastfreundschaft wahrhaft lange genug in An-
spruch genommen; ich denke, es ist Zeit für uns, zu gehen.«
Harry gehorchte nur zu gern und sprang auf. Slughorn schien be-
stürzt.
»Ihr geht?«
»Ja, in der Tat. Ich denke, ich weiß, wann eine Sache aussichtslos
ist.«
»Aussichtslos …?«
Slughorn schien aufgeregt. Er drehte nervös seine fetten Däum-
chen und sah zu, wie Dumbledore seinen Reiseumhang zuschnürte
und Harry den Reißverschluss seiner Jacke hochzog.
»Nun, ich bedaure, dass du die Stelle nicht haben willst, Horace«,
sagte Dumbledore und hob seine unverletzte Hand zu einem Ab-
schiedsgruß. »Hogwarts wäre froh gewesen, dich wieder zu haben.
Trotz unserer deutlich verschärften Sicherheitsvorkehrungen
kannst du uns immer gerne besuchen, falls du das wünschst.«
»Ja … nun … sehr liebenswürdig … Was ich sagen wollte …«
»Dann auf Wiedersehen.«
»Tschüss«, sagte Harry.
Sie waren an der Haustür angelangt, als sie hinter sich einen Ruf
hörten.
»Na gut, na gut, ich mach's!«
70
Dumbledore drehte sich um und sah Slughorn atemlos in der
Wohnzimmertür stehen.
»Du willst aus dem Ruhestand zurückkehren?«
»Ja, ja«, erwiderte Slughorn ungeduldig. »Ich muss verrückt sein,
aber ja.«
»Wunderbar«, sagte Dumbledore strahlend. »Dann, Horace, sehen
wir uns am ersten September.«
»Ja, das würde ich auch sagen«, brummte Slughorn.
Als sie den Gartenpfad entlanggingen, wehte ihnen Slughorns
Stimme hinterher.
»Ich will eine Gehaltserhöhung, Dumbledore!«
Dumbledore gluckste. Das Gartentor schwang hinter ihnen zu,
und sie machten sich durch die Dunkelheit und die wirbelnden
Nebelschleier auf den Weg zurück den Hügel hinunter.
»Gut gemacht, Harry«, sagte Dumbledore.
»Ich hab überhaupt nichts gemacht«, gab Harry überrascht zu-
rück.
»O doch, das hast du. Du hast Horace sehr genau klar gemacht,
was er zu gewinnen hat, wenn er nach Hogwarts zurückkehrt.
Mochtest du ihn?«
»Ähm …«
Harry war nicht sicher, ob er Slughorn mochte oder nicht. Auf
seine Art war er ganz nett gewesen, dachte er, aber er wirkte auch
eingebildet und, selbst wenn er das Gegenteil behauptete, viel zu
überrascht darüber, dass eine Muggelstämmige eine gute Hexe ab-
geben sollte.
»Horace«, sagte Dumbledore und enthob Harry damit der Ver-
pflichtung, irgendetwas davon auszusprechen, »mag es gern behag-
lich. Er mag auch die Gesellschaft der Berühmten, der Erfolgrei-
chen und der Mächtigen. Er genießt das Gefühl, diese Leute zu
beeinflussen. Er wollte nie selber den Thron einnehmen; er zieht
die zweite Reihe vor - mehr Platz, um sich auszubreiten, verstehst
du? Früher in Hogwarts hat er seine Lieblinge handverlesen, man-
che, weil sie ehrgeizig oder intelligent waren, andere, weil sie
charmant oder talentiert waren, und er hatte ein unglaubliches
Geschick, diejenigen auszuwählen, die später auf ihren jeweiligen
71
Gebieten glänzten. Horace gründete eine Art Klub seiner Lieblinge,
dessen Mittelpunkt er selbst war. Er hat Leute miteinander bekannt
gemacht, nützliche Beziehungen zwischen den Mitgliedern ge-
knüpft und als Gegenleistung immer irgendeinen Gewinn daraus
gezogen, sei es eine kostenlose Schachtel mit seinen geliebten kan-
dierten Ananas oder die Möglichkeit, den nächsten Nachwuchs-
mitarbeiter für das Koboldverbindungsbüro zu empfehlen.«
Harry hatte plötzlich das deutliche Bild einer großen aufgebläh-
ten Spinne vor Augen, die ein Netz um ihn spann und mal hier und
mal da an einem Faden zupfte, um ihre großen und saftigen Fliegen
ein wenig näher heranzuholen.
»All das«, fuhr Dumbledore fort, »erzähle ich dir nicht, um dich
gegen Horace aufzubringen - oder, wie wir ihn jetzt nennen müs-
sen, Professor Slughorn -, sondern damit du auf der Hut bist. Er
wird zweifellos versuchen, dich für sich zu gewinnen, Harry. Du
wärst das Juwel seiner Sammlung: der Junge, der überlebt hat …
oder, wie sie dich heute nennen, der Auserwählte.«
Bei diesen Worten kroch eine Kälte über Harry, die nichts mit
dem Nebel rundum zu tun hatte. Er erinnerte sich an Worte, die er
vor einigen Wochen gehört hatte, Worte, die eine schreckliche und
besondere Bedeutung für ihn hatten:
Keiner kann leben, während der Andere überlebt …
Dumbledore war stehen geblieben, auf Höhe der Kirche, an der
sie vorher vorbeigegangen waren.
»Das soll genügen, Harry. Nimm jetzt bitte meinen Arm.«
Diesmal war Harry gefasst auf das, was kommen würde, und be-
reit zum Apparieren, doch er fand es trotzdem unangenehm. Als
der Druck nachließ und er wieder atmen konnte, stand er auf einer
Landstraße neben Dumbledore und sah vor sich die schiefen Um-
risse seines zweitliebsten Gebäudes der Welt: des Fuchsbaus. Trotz
des beklemmenden Gefühls, das ihn eben noch durchdrungen hat-
te, wurde seine Laune bei diesem Anblick wie von selbst besser.
Dort drin war Ron … und auch Mrs Weasley, die besser kochen
konnte als jeder, den er kannte …
»Wenn du nichts dagegen hast, Harry«, sagte Dumbledore, als sie
durch das Tor gingen, »möchte ich noch ein paar Worte mit dir
72
wechseln, ehe wir uns trennen. Unter vier Augen. Vielleicht
dadrin?«
Dumbledore wies auf ein heruntergekommenes steinernes Ne-
bengebäude, wo die Weasleys ihre Besen aufbewahrten. Ein wenig
verwundert folgte Harry Dumbledore durch die knarrende Tür in
einen Raum, der etwas kleiner war als ein gewöhnlicher Schrank.
Dumbledore ließ die Spitze seines Zauberstabs leuchten, so dass er
wie eine Taschenlampe brannte, und lächelte zu Harry hinab.
»Ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich es erwähne, Harry, aber ich
bin froh und ein wenig stolz darauf, wie gut du offenbar zurecht-
kommst, nach allem, was im Ministerium geschehen ist. Gestatte
mir zu bemerken, dass Sirius stolz auf dich gewesen wäre.«
Harry schluckte; die Stimme schien ihm zu versagen. Er meinte
es nicht ertragen zu können, über Sirius zu sprechen. Es war
schmerzhaft genug gewesen, Onkel Vernon sagen zu hören: »Sein
Pate ist tot?«; noch schmerzhafter war es, als Slughorn Sirius' Na-
men beiläufig fallen ließ.
»Es war schlimm«, sagte Dumbledore sanft, »dass du und Sirius
nur eine so kurze gemeinsame Zeit hattet. Ein grausames Ende für
etwas, das eine lange und glückliche Beziehung hätte sein sollen.«
Harry nickte, den Blick entschlossen auf die Spinne geheftet, die
jetzt Dumbledores Hut hinaufkletterte. Er spürte, dass Dumbledore
ihn verstand, dass er vielleicht sogar ahnte, dass Harry, ehe sein
Brief eintraf, fast die ganze Zeit bei den Dursleys auf seinem Bett
gelegen, die Mahlzeiten verweigert und auf das beschlagene Fens-
ter gestarrt hatte, erfüllt
von der kalten Leere, die er inzwischen
mit Dementoren in Verbindung brachte.
»Es ist einfach schwierig«, sagte Harry schließlich leise, »sich klar
zu machen, dass er mir nie mehr schreiben wird.«
Seine Augen brannten plötzlich und er blinzelte. Es kam ihm al-
bern vor, es zuzugeben, aber die Tatsache, dass er jemanden außer-
halb von Hogwarts gehabt hatte, dem am Herzen lag, was mit ihm
geschah, fast wie ein Vater oder eine Mutter, war mit das Beste
daran gewesen, als er entdeckt hatte, dass er einen Paten besaß …
und nun würden ihm die Posteulen nie wieder einen solchen Trost
bringen …
73
»Sirius hat viel für dich bedeutet, was du nie zuvor erfahren
hast«, sagte Dumbledore sanft. »Natürlich ist der Verlust nie-
derschmetternd …«
»Aber während ich bei den Dursleys war«, unterbrach ihn Harry
und seine Stimme wurde immer kräftiger, »ist mir klar geworden,
dass ich mich nicht einfach zurückziehen kann oder - oder durch-
drehen. Das hätte Sirius nicht gewollt, oder? Das Leben ist jeden-
falls viel zu kurz … wenn man an Madam Bones denkt oder an
Emmeline Vance … ich könnte der Nächste sein, stimmt's? Aber
wenn das so ist«, sagte er grimmig und blickte nun direkt in
Dumbledores blaue Augen, die im Licht des Zauberstabs funkelten,
»dann werde ich dafür sorgen, dass ich so viele Todesser wie mög-
lich mitnehme, und wenn ich es schaffe, Voldemort noch dazu.«
»Du sprichst wie deiner Mutter und deines Vaters Sohn und Siri-
us' wahrer Patensohn!«, sagte Dumbledore und klopfte Harry aner-
kennend auf die Schulter. »Ich ziehe meinen Hut vor dir - oder
besser nicht, denn ich fürchte, dann würde ich dich mit Spinnen
berieseln.
Und jetzt, Harry, zu einem Thema, das eng damit zusam-
menhängt … Ich nehme an, du hast in den letzten beiden Wochen
den
Tagespropheten bekommen?«
»Ja«, sagte Harry, und sein Herz schlug ein wenig schneller.
»Dann wirst du gesehen haben, dass dein Abenteuer in der Halle
der Prophezeiung nicht durchgesickert ist, sondern geradezu
durchgeflutet?«
»Ja«, sagte Harry noch einmal. »Und alle wissen jetzt, dass ich
derjenige bin -«
»Nein, das wissen sie nicht«, unterbrach Dumbledore ihn. »Es gibt
nur zwei Menschen auf der ganzen Welt, die den gesamten Inhalt
der Prophezeiung kennen, die über dich und Lord Voldemort ge-
macht wurde, und die stehen beide hier in diesem stinkenden Be-
senschuppen voller Spinnen. Es stimmt allerdings, viele haben sich
zusammengereimt, dass Voldemort seine Todesser geschickt hat,
um eine Prophezeiung zu stehlen, und dass diese Prophezeiung
dich betraf.
Nun, ich denke, ich liege richtig, wenn ich sage, dass du nieman-
74
dem erzählt hast, dass du weißt, wie die Prophezeiung lautet?«
»Ja«, antwortete Harry.
»Ein weiser Entschluss, im Großen und Ganzen«, sagte Dumble-
dore. »Dennoch meine ich, dass du ihn zugunsten deiner Freunde,
Mr Ronald Weasley und Miss Hermine Granger, etwas lockern
solltest. Ja«, fuhr er fort, als Harry verdutzt dreinblickte, »ich den-
ke, sie sollten es erfahren. Du tust ihnen keinen Gefallen, wenn du
ihnen etwas so Wichtiges verschweigst.«
»Ich wollte nicht -«
»- dass sie sich Sorgen machen oder Angst bekommen?«, sagte
Dumbledore und musterte Harry über den Rand seiner Halbmond-
brille. »Oder vielleicht auch nicht eingestehen, dass du dir selber
Sorgen machst und Angst hast? Du brauchst deine Freunde, Harry.
Wie du so richtig gesagt hast, Sirius hätte es nicht gewollt, dass du
dich zurückziehst.«
Harry erwiderte nichts, aber Dumbledore schien keine Antwort
zu verlangen. Er fuhr fort: »Was ein anderes, doch dazugehöriges
Thema angeht, so ist es mein Wunsch, dass du dieses Jahr Einzel-
stunden bei mir nimmst.«
»Einzelstunden - bei Ihnen?«, sagte Harry, der aus seinem gedan-
kenverlorenen Schweigen hochschreckte.
»Ja. Ich denke, es ist an der Zeit, dass ich mich verstärkt um deine
Ausbildung kümmere.«
»Worin werden Sie mich unterrichten, Sir?«
»Oh, ein bisschen hierin, ein bisschen darin«, sagte Dumbledore
leichthin.
Harry wartete hoffnungsvoll, aber Dumbledore gab keine nähe-
ren Auskünfte, also fragte er nach etwas anderem, das ihn ein we-
nig bedrückte.
»Wenn ich Unterricht bei Ihnen habe, muss ich keinen Okklu-
mentikunterricht mehr bei Snape nehmen, oder?«
»Professor Snape, Harry - und, nein, das musst du nicht.«
»Gut«, sagte Harry erleichtert, »das war nämlich ein -«
Er hielt inne, bemüht, nicht zu sagen, was er wirklich dachte.
»Ich denke, das Wort ›Fiasko‹ würde da gut passen«, sagte
Dumbledore und nickte.
75
Harry lachte.
»Das heißt also, dass ich Professor Snape von jetzt an nicht mehr
allzu oft sehen werde«, sagte er, »denn er lässt mich nicht in Zau-
bertränke weitermachen, wenn ich kein ›Ohnegleichen‹ in meinen
ZAGs kriege, und ich weiß, das kriege ich nicht.«
»Du sollst den Tag nicht vor der letzten Eule loben«, sagte
Dumbledore ernst. »Was aber, wie mir gerade einfällt, heute etwas
später noch möglich sein sollte. Jetzt zwei weitere Dinge, Harry,
ehe wir auseinander gehen.
Erstens möchte ich, dass du von diesem Moment an deinen Tarn-
umhang jederzeit bei dir trägst. Sogar in Hogwarts. Nur für alle
Fälle, du verstehst mich?«
Harry nickte.
»Und schließlich - während du dich hier aufhältst, bekommt der
Fuchsbau den höchsten Sicherheitsstandard, den das Zaubereimi-
nisterium bieten kann. Diese Vorkehrungen bereiten Arthur und
Molly ein gewisses Maß an Unannehmlichkeiten - so wird zum
Beispiel ihre gesamte Post im Ministerium durchsucht, ehe sie wei-
tergeleitet wird. Es stört sie nicht im Geringsten, denn ihre einzige
Sorge ist deine Sicherheit. Allerdings würdest du es ihnen schlecht
danken, wenn du deinen Hals riskiertest, während du bei ihnen
bist.«
»Ich verstehe«, sagte Harry rasch.
»Sehr gut«, sagte Dumbledore, stieß die Tür des Besenschuppens
auf und trat hinaus auf den Hof. »Ich sehe Licht in der Küche. Wir
wollen Molly nicht länger die Gelegenheit vorenthalten zu bekla-
gen, wie dünn du bist.«
76
Schleim im Überfluss
Harry und Dumbledore näherten sich der Hintertür des Fuchsbaus,
wo ringsumher das vertraute Durcheinander alter Gummistiefel
und rostiger Kessel herrschte. Harry konnte das leise Gackern
schläfriger Hühner aus einem entfernten Schuppen hören.
Dumbledore klopfte dreimal und Harry sah, wie sich hinter dem
Küchenfenster plötzlich etwas bewegte.
»Wer ist da?«, fragte eine ängstliche Stimme, die offenbar von
Mrs Weasley stammte. »Geben Sie sich zu erkennen!«
»Ich bin's, Dumbledore, ich bringe Harry vorbei.«
Die Tür ging sofort auf. Da stand Mrs Weasley, klein, dick und in
einen alten grünen Morgenmantel gehüllt.
»Harry, mein Lieber! Du meine Güte, Albus, hast du mich er-
schreckt, du sagtest, wir sollten dich nicht vor dem Morgen erwar-
ten!«
»Wir hatten Glück«, sagte Dumbledore und schob Harry über die
Schwelle. »Slughorn war um einiges nachgiebiger, als ich erwartet
hatte. Das ist natürlich Harry zu verdanken. Ah, hallo, Nymphado-
ra!«
Harry blickte sich um und sah, dass Mrs Weasley trotz der späten
Stunde nicht allein war. Eine junge Hexe mit bleichem, herzförmi-
gem Gesicht und mausbraunem Haar saß am Tisch und hielt einen
großen Becher mit beiden Händen umklammert.
»Hallo, Professor«, sagte sie. »Tag auch, Harry.«
»Hi, Tonks.«
Harry fand, dass sie abgespannt wirkte, sogar krank, und ihr Lä-
cheln sah irgendwie gezwungen aus. Auf alle Fälle war ihre ganze
Erscheinung ohne die übliche bonbonrosa Tönung ihres Haares
weniger farbenfroh als sonst.
»Ich verschwinde jetzt besser«, sagte sie rasch, stand auf und zog
sich den Umhang über die Schultern. »Danke für den Tee und dein
Mitgefühl, Molly.«
»Bitte geh doch nicht meinetwegen«, sagte Dumbledore höflich.
»Ich kann nicht bleiben, ich habe dringende Angelegenheiten mit
77
Rufus Scrimgeour zu besprechen.«
»Nein, nein, ich muss los«, erwiderte Tonks, ohne Dumbledore in
die Augen zu blicken. »Nacht -«
»Meine Liebe, wie wär's, wenn du am Wochenende zum Abend-
essen kämst, Remus und Mad-Eye kommen auch -?«
»Nein, wirklich, Molly … aber vielen Dank … Gute Nacht, alle
miteinander.«
Tonks eilte an Dumbledore und Harry vorbei hinaus in den Hof;
ein paar Schritte von der Tür entfernt wirbelte sie herum und löste
sich in Luft auf. Harry bemerkte, dass Mrs Weasley besorgt aussah.
»Nun, wir sehen uns dann in Hogwarts, Harry«, sagte Dumbledo-
re. »Pass auf dich auf. Molly, stets zu Diensten.«
Er verneigte sich vor Mrs Weasley und folgte Tonks, indem er
genau an derselben Stelle wie sie verschwand. Mrs Weasley schloss
die Tür zum leeren Hof und führte Harry an den Schultern in das
helle Licht der Lampe auf dem Tisch, um ihn sich genau anzu-
schauen.
»Du bist wie Ron«, seufzte sie, während sie ihn von Kopf bis Fuß
musterte. »Ihr seht beide aus, als ob man euch mit Streckflüchen
traktiert hätte. Ich schwöre, seit ich Ron das letzte Mal Schulum-
hänge gekauft habe, ist er um zehn Zentimeter gewachsen. Hast du
Hunger, Harry?«
»Ja, ziemlich«, sagte Harry, dem plötzlich klar wurde, wie hung-
rig er tatsächlich war.
»Setz dich, mein Lieber, ich mach dir eine Kleinigkeit.«
Als Harry sich setzte, sprang ihm ein haariger orangeroter Kater
mit zerknautschtem Gesicht auf die Knie und ließ sich schnurrend
nieder.
»Dann ist Hermine also da?«, fragte er glücklich und kraulte
Krummbein hinterm Ohr.
»O ja, sie ist vorgestern angekommen«, sagte Mrs Weasley und
schlug mit dem Zauberstab gegen einen großen eisernen Topf: Mit
lautem Scheppern hüpfte er auf den Herd und begann augenblick-
lich zu blubbern. »Natürlich sind alle im Bett, wir haben dich erst
in ein paar Stunden erwartet. Hier, bitte sehr -«
Sie schlug wieder gegen den Topf; der stieg in die Luft, flog auf
78
Harry zu und neigte sich; Mrs Weasley schob geschickt eine Schale
darunter, gerade noch rechtzeitig, um den Strom dicker, dampfen-
der Zwiebelsuppe aufzufangen.
»Brot, mein Schatz?«
»Gern, Mrs Weasley.«
Sie schwenkte den Zauberstab über ihre Schulter; ein Laib Brot
und ein Messer schwebten elegant auf den Tisch. Während der
Laib sich selbst in Scheiben schnitt und der Suppentopf auf den
Herd zurücksank, nahm Mrs Weasley Harry gegenüber Platz.
»Ihr habt also Horace Slughorn überredet, die Stelle anzu-
nehmen?«
Harry nickte, sein Mund war so voll mit heißer Suppe, dass er
nicht sprechen konnte.
»Er war Arthurs und mein Lehrer«, sagte Mrs Weasley. »Er war
ewig lange in Hogwarts, hat ungefähr zur selben Zeit angefangen
wie Dumbledore, glaube ich. Mochtest du ihn?«
Harry, der den Mund jetzt voller Brot hatte, zuckte die Achseln
und ruckte unverbindlich mit dem Kopf.
»Ich weiß, was du meinst«, sagte Mrs Weasley, weise nickend.
»Natürlich kann er reizend sein, wenn er will, aber Arthur hat ihn
nie sonderlich gemocht. Im Ministerium laufen überall Slughorns
alte Lieblinge rum, er war immer gut, wenn es darum ging, jemand
unter die Arme zu greifen, aber für Arthur hatte er nie viel Zeit -
hielt ihn offenbar nicht für den großen Überflieger. Nun, da siehst
du mal, sogar Slughorn macht Fehler. Ich weiß nicht, ob Ron es dir
in einem seiner Briefe berichtet hat - es ist gerade erst passiert -
jedenfalls, Arthur ist befördert worden!«
Es war absolut offensichtlich, dass Mrs Weasley die ganze Zeit
darauf gebrannt hatte, das zu sagen. Harry schluckte einen Mund
voll heißer Suppe hinunter und spürte förmlich, wie seine Kehle
Bläschen warf.
»Großartig!«, keuchte er.
»Nett von dir.« Mrs Weasley strahlte, sie deutete seine tränenden
Augen möglicherweise als Zeichen dafür, wie gerührt er angesichts
dieser Neuigkeit war. »Ja, Rufus Scrimgeour hat mehrere neue Bü-
ros eingerichtet, als Reaktion auf die gegenwärtige Lage, und Ar-
79
thur leitet das Büro zur Ermittlung und Beschlagnahme Gefälschter
Verteidigungszauber und Schutzgegenstände. Das ist eine große
Aufgabe, er hat jetzt zehn Leute unter sich!«
»Was genau -?«
»Tja, weißt du, in der ganzen Panik wegen Du-weißt-schon-wem
sind überall merkwürdige Sachen auf dem Markt aufgetaucht, Sa-
chen, die angeblich vor Du-weißt-schon-wem und den Todessern
schützen sollen. Du kannst dir ja vorstellen, um was es sich dabei
handelt - so genannte Schutztränke, die eigentlich nur Bratensaft
mit einem Schuss Bubotubler-Eiter sind, oder Anleitungen für De-
fensivzauber, bei denen einem in Wahrheit die Ohren abfallen …
Die Verantwortlichen sind jedenfalls meistens nur Leute wie Mun-
dungus Fletcher, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Tag lang
ehrliche Arbeit geleistet haben und jetzt die Angst der Leute aus-
nutzen, aber hin und wieder passiert etwas wirklich Fieses. Neulich
hat Arthur eine Kiste verwunschener Spickoskope beschlagnahmt,
die ganz bestimmt von einem Todesser in Umlauf gebracht wurden.
Du siehst, es ist ein sehr wichtiger Job, und ich sage ihm immer,
dass es einfach albern ist, den Zündkerzen und Toastern und all
dem anderen Muggelkram nachzutrauern, mit dem er früher zu tun
hatte.« Mrs Weasley beendete ihren Vortrag mit einem strengen
Blick, als wäre es Harry gewesen, der behauptet hatte, dass man
Zündkerzen natürlich nachtrauern müsse.
»Ist Mr Weasley noch bei der Arbeit?«, fragte Harry.
»Ja, allerdings. Tatsächlich ist er ein klein wenig spät dran … er
wollte eigentlich gegen Mitternacht zurück sein.«
Sie wandte sich um und blickte auf eine große Uhr, die wackelig
auf einem Stapel Laken im Wäschekorb am Tischende stand. Harry
erkannte sie sofort: Sie hatte neun Zeiger, auf denen jeweils der
Name eines Familienmitglieds eingraviert war, und hing norma-
lerweise bei den Weasleys an der Wohnzimmerwand, doch ihr
gegenwärtiger Aufenthaltsort ließ darauf schließen, dass Mrs
Weasley sich angewöhnt hatte, sie mit sich durchs Haus zu tragen.
Ausnahmslos alle neun Zeiger wiesen jetzt auf
tödliche Gefahr.
»Das geht jetzt schon eine ganze Weile so«, sagte Mrs Weasley in
einem beiläufigen Ton, der nicht überzeugend klang, »seit Du-
80
weißt-schon-wer wieder aus der Versenkung aufgetaucht ist. Ich
schätze, alle sind jetzt in tödlicher Gefahr … ich glaube nicht, dass
es nur unsere Familie ist … aber ich kenne sonst niemanden, der so
eine Uhr hat, also kann ich es nicht nachprüfen. Oh!«
Mit einem jähen Aufschrei deutete sie auf das Zifferblatt. Mr
Weasleys Zeiger war auf
unterwegs gerückt.
»Er kommt!«
Und tatsächlich, einen Moment später klopfte es an der Hinter-
tür. Mrs Weasley sprang auf und eilte dorthin; eine Hand am Tür-
knauf und das Gesicht ans Holz gedrückt, rief sie leise: »Arthur, bist
du das?«
»Ja«, antwortete Mr Weasleys müde Stimme. »Aber das würde ich
auch sagen, wenn ich ein Todesser wäre, Liebling. Stell mir die
Frage!«
»Oh, ehrlich gesagt …«
»Molly!«
»Schon gut, schon gut … Was ist dein sehnlichster Wunsch?«
»Herauszufinden, wie Flugzeuge in der Luft bleiben.«
Mrs Weasley nickte und drehte den Türknauf, aber offenbar hielt
ihn Mr Weasley auf der anderen Seite fest, denn die Tür wollte
nicht aufgehen.
»Molly! Zuerst muss ich dir deine Frage stellen!«
»Arthur, wirklich, das ist doch albern …«
»Wie soll ich dich immer nennen, wenn wir beide allein sind?«
Selbst beim schwachen Licht der Lampe konnte Harry sehen, dass
Mrs Weasley knallrot geworden war; ihm selbst wurde plötzlich
warm um die Ohren und im Genick, und er schlang hastig die Sup-
pe hinunter und klapperte möglichst laut mit dem Löffel gegen die
Schale.
»Mollyröllchen«, flüsterte Mrs Weasley beschämt durch den Tür-
spalt.
»Korrekt«, sagte Mr Weasley. »Jetzt kannst du mich reinlassen.«
Mrs Weasley öffnete die Tür, und ihr Mann erschien, ein dünner,
zur Glatze neigender rothaariger Zauberer mit Hornbrille und ei-
nem langen und staubigen Reiseumhang.
»Ich versteh immer noch nicht, warum wir das jedes Mal, wenn
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du heimkommst, durchziehen müssen«, sagte Mrs Weasley, nach
wie vor rosa im Gesicht, während sie ihrem Mann aus dem Um-
hang half. »Ich meine, ein Todesser hätte die Antwort aus dir her-
auspressen können, bevor er in deinen Körper geschlüpft wäre!«
»Das weiß ich, Liebling, aber es ist das Standardverfahren des
Ministeriums und ich muss ein Beispiel geben. Hier riecht es gut -
Zwiebelsuppe?«
Mr Weasley drehte sich hoffnungsvoll zum Tisch um.
»Harry! Wir haben dich erst am Morgen erwartet!«
Sie schüttelten einander die Hand und Mr Weasley ließ sich auf
einen Stuhl neben Harry fallen, während Mrs Weasley auch ihm
eine Schale mit Suppe auftischte.
»Danke, Molly. Das war eine anstrengende Nacht. Irgendein Idiot
hat angefangen, Metamorph-Medaillen zu verkaufen. Häng sie dir
einfach um den Hals und du kannst nach Belieben deine Erschei-
nung verändern. Hunderttausend Verkleidungen, und das alles für
zehn Galleonen!«
»Und was passiert wirklich, wenn man sie umhängt?«
»Meistens nimmt man nur eine ziemlich unangenehme orange
Farbe an, aber manchen Leuten sind auch tentakelartige Warzen
am ganzen Körper gewachsen. Als ob das St. Mungo nicht schon
genug zu tun hätte!«
»Klingt ganz nach der Sorte von Dingen, die Fred und George lus-
tig finden würden«, sagte Mrs Weasley zögernd. »Bist du sicher -?«
»Natürlich bin ich sicher!«, sagte Mr Weasley. »Die Jungs würden
so etwas nicht tun, nicht jetzt, wo alle Leute so verzweifelt nach
Schutz suchen!«
»Deshalb hast du dich also verspätet, wegen der Metamorph-
Medaillen?«
»Nein, wir haben Wind bekommen von einem üblen Bumerang-
Fluch unten in Elephant and Castle, aber zum Glück hatte das Ma-
gische Strafverfolgungskommando die Lage schon unter Kontrolle,
als wir dort ankamen …«
Harry unterdrückte hinter vorgehaltener Hand ein Gähnen.
»Ins Bett mit dir«, sagte Mrs Weasley prompt, die es gleich be-
merkt hatte. »Ich hab das Zimmer von Fred und George für dich
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hergerichtet, du hast es ganz für dich allein.«
»Warum, wo sind sie?«
»Oh, sie sind in der Winkelgasse und schlafen in der kleinen
Wohnung über ihrem Scherzladen, weil sie so viel zu tun haben«,
sagte Mrs Weasley. »Ich muss gestehen, zuerst hat es mir nicht
gefallen, aber sie scheinen tatsächlich ein Händchen für gute Ge-
schäfte zu haben! Komm jetzt, mein Lieber, dein Koffer ist schon
oben.«
»Nacht, Mr Weasley«, sagte Harry und schob seinen Stuhl zurück.
Krummbein sprang leichtfüßig von seinem Schoß und schlich aus
dem Zimmer.
»Gut Nacht, Harry«, sagte Mr Weasley.
Als sie die Küche verließen, sah Harry, wie Mrs Weasley einen
Blick auf die Uhr im Wäschekorb warf. Alle Zeiger wiesen wieder
auf
tödliche Gefahr.
Das Zimmer von Fred und George lag im zweiten Stock. Mrs
Weasley richtete ihren Zauberstab auf eine Lampe am Nachttisch,
die sofort aufleuchtete und den Raum in einen behaglichen golde-
nen Schimmer tauchte. Eine große Vase voller Blumen stand auf
einem Schreibtisch vor dem kleinen Fenster, doch ihr Duft konnte
den in der Luft hängenden Geruch nicht überdecken, der Harry an
Schießpulver erinnerte. Zahlreiche unbeschriftete und versiegelte
Pappkartons nahmen einen beträchtlichen Teil des Fußbodens ein,
und mittendrin stand Harrys Schulkoffer. Das Zimmer machte den
Eindruck, als würde es provisorisch als Lagerraum benutzt.
Hedwig schrie Harry von ihrem Platz oben auf einem großen
Kleiderschrank aus glücklich entgegen und flog dann durchs Fens-
ter davon; Harry wusste, dass sie auf ihn gewartet hatte, ehe sie
jagen ging. Er wünschte Mrs Weasley gute Nacht, zog den Schlaf-
anzug an und schlüpfte in eines der Betten. Im Kopfkissenbezug
war etwas Hartes. Er schob die Hand hinein und zog eine klebrige
lila-orange Süßigkeit hervor, die er gleich erkannte: Es war eine
Kotzpastille. Mit einem leisen Lächeln drehte er sich auf die Seite
und schlief sofort ein.
Sekunden später, jedenfalls kam es Harry so vor, weckte ihn eine
Art Kanonendonner, mit dem die Tür aufsprang. Er saß kerzenge-
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rade im Bett und hörte, wie jemand die Vorhänge mit einem Rat-
schen zurückzog: Blendendes Sonnenlicht stach ihm heftig in beide
Augen. Er hielt sich schützend eine Hand davor und tastete mit der
anderen verzweifelt nach seiner Brille.
»Wasnlos?«
»Wir wussten nicht, dass du schon da bist!«, sagte eine laute und
aufgeregte Stimme, und er bekam einen heftigen Schlag auf den
Kopf.
»Ron, hau ihn nicht!«, sagte eine Mädchenstimme vorwurfsvoll.
Harry hatte seine Brille gefunden und setzte sie auf, doch das
Licht war so hell, dass er ohnehin kaum etwas sehen konnte. Ein
langer, zitternder Schatten ragte einen Moment lang vor ihm auf;
Harry blinzelte, und dann erkannte er allmählich Ron Weasley, der
zu ihm heruntergrinste.
»Alles klar?«
»Bestens«, sagte Harry, rieb sich den Kopf und ließ sich in die
Kissen zurückplumpsen. »Und bei dir?«
»Geht so«, sagte Ron, zog einen Karton heran und setzte sich dar-
auf. »Wann bist du gekommen? Mum hat es uns eben erst gesagt!«
»Heute Nacht, gegen eins.«
»Waren die Muggel okay? Haben sie dich anständig behandelt?«
»So wie immer«, sagte Harry, während Hermine sich auf seinen
Bettrand setzte. »Sie haben nicht viel mit mir geredet, aber das ist
mir sowieso lieber. Wie geht's dir, Hermine?«
»Oh, mir geht's gut«, erwiderte sie und musterte Harry, als ob er
krank wäre.
Er glaubte zu wissen, was der Grund dafür war, und da er im Au-
genblick keine Lust hatte, über Sirius' Tod oder irgendein anderes
trauriges Thema zu reden, sagte er: »Wie viel Uhr ist es? Hab ich
das Frühstück verpasst?«
»Kein Problem, Mum bringt dir ein Tablett hoch, sie findet, dass
du unterernährt aussiehst«, sagte Ron und rollte die Augen. »Also,
was war bei dir los?«
»Nicht viel, ich saß ja bei meiner Tante und meinem Onkel fest,
oder?«
»Hör schon auf damit!«, sagte Ron. »Du warst mit Dumbledore
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unterwegs!«
»Das war nicht sonderlich spannend. Er wollte nur, dass ich ihm
helfe, diesen alten Lehrer zu überreden, dass er aus dem Ruhestand
zurückkommt. Er heißt Horace Slughorn.«
»Oh«, sagte Ron mit enttäuschter Miene. »Wir dachten -«
Hermine warf Ron einen warnenden Blick zu und Ron wechselte
blitzschnell die Spur.
»- wir dachten uns schon, dass es um so was Ähnliches ging.«
»Tatsächlich?«, sagte Harry belustigt.
»Jaah … ja, jetzt, wo Umbridge weg ist, brauchen wir natürlich
einen neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste,
nicht wahr? Also, ähm, wie ist er?«
»Er sieht ein bisschen wie ein Walross aus und war mal Hausleh-
rer von Slytherin«, sagte Harry. »Ist irgendwas, Hermine?«
Sie beobachtete ihn, als wartete sie nur darauf, dass jeden Mo-
ment merkwürdige Symptome bei ihm auftauchen würden. Hastig
setzte sie ein wenig überzeugendes Lächeln auf.
»Nein, natürlich nicht! Also, ähm, sieht Slughorn nach einem gu-
ten Lehrer aus?«
»Weißnich«, sagte Harry. »Schlimmer als Umbridge kann er nicht
sein, oder?«
»Ich kenn jemanden, der schlimmer ist als Umbridge«, sagte eine
Stimme von der Tür her. Rons jüngere Schwester stapfte ins Zim-
mer, sie wirkte verärgert. »Hi, Harry.«
»Was ist mit dir?«, fragte Ron.
»Es ist wegen
ihr«, sagte Ginny und ließ sich auf Harrys Bett fal-
len. »Sie macht mich wahnsinnig.«
»Was hat sie denn jetzt wieder getan?«, fragte Hermine mitfüh-
lend.
»Es ist die Art, wie sie mit mir redet - man könnte meinen, ich
wär gerade mal drei!«
»Ich weiß«, sagte Hermine und senkte die Stimme. »Sie ist so was
von eingebildet.«
Harry war erstaunt, dass Hermine so über Mrs Weasley sprach,
und konnte es Ron nicht verübeln, dass er wütend sagte: »Könnt
ihr beide sie nicht mal fünf Sekunden lang in Ruhe lassen?«
85
»Oh, alles klar, verteidige sie nur«, fauchte Ginny. »Wir wissen
alle, dass du nicht genug von ihr kriegen kannst.«
Das war irgendwie eine seltsame Bemerkung über Rons Mutter;
Harry hatte allmählich das Gefühl, etwas nicht mitbekommen zu
haben, und sagte: »Über wen -?«
Doch seine Frage beantwortete sich von selbst, noch ehe er sie
ganz ausgesprochen hatte. Die Tür flog erneut auf und Harry zog
sich unwillkürlich die Bettdecke so heftig ans Kinn, dass Hermine
und Ginny vom Bett auf den Boden rutschten.
Eine junge Frau stand im Eingang, eine Frau von so atem-
beraubender Schönheit, dass das Zimmer auf einmal merkwürdig
luftleer wirkte. Sie war groß und gertenschlank, hatte langes blon-
des Haar, und ein schwacher silbriger Glanz schien von ihr auszu-
gehen. Wie um dieses Bild der Vollkommenheit perfekt zu ma-
chen, hielt sie ein schwer beladenes Frühstückstablett in den Hän-
den.
»'Arry«, sagte sie mit kehliger Stimme. »Es ist suu lange 'er!«
Sie rauschte über die Schwelle auf ihn zu und Mrs Weasley
tauchte auf, die hinter ihr herhüpfte und ziemlich mürrisch aussah.
»Es wäre nicht nötig gewesen, das Tablett hochzubringen, das
wollte ich gerade selber tun!«
»Es war mir ein Vergnügen«, sagte Fleur Delacour, legte das Tab-
lett über Harrys Knie, stürzte sich dann auf ihn und küsste ihn auf
beide Wangen: Er spürte, wie es an den Stellen brannte, wo ihr
Mund ihn berührt hatte. »Isch 'ab misch danach gesehnt, ihn su
se'en. Erinnerst du disch an meine Schwester Gabrielle? Sie redet
dauernd nur von 'Arry Potter. Sie wird entsückt sein, disch wieder-
suse'en.«
»Oh … ist sie auch hier?«, krächzte Harry.
»Non, non, dummer Junge«, sagte Fleur mit einem klingenden
Lachen, »isch meine nächsten Sommer, wenn wir -aber weißt du
das nischt?«
Ihre großen blauen Augen wurden noch größer, und sie sah vor-
wurfsvoll zu Mrs Weasley hinüber, die bemerkte: »Wir sind noch
nicht dazu gekommen, es ihm zu sagen.«
Fleur drehte sich wieder zu Harry und schwenkte ihre silberne
86
Haarmähne, so dass sie Mrs Weasley ins Gesicht peitschte.
»Bill und isch werden 'eiraten!«
»Oh«, sagte Harry tonlos. Es war nicht zu übersehen, dass Mrs
Weasley, Hermine und Ginny es allesamt entschlossen vermieden,
sich anzusehen. »Wow. Ähm - gratuliere!«
Sie stürzte sich wieder auf ihn und küsste ihn noch einmal.
»Bill ist im Moment sehr beschäftigt, er arbeitet sehr 'art, und
isch arbeite nur Teilseit bei Gringotts für mein Englisch, also 'at er
misch für ein paar Tage 'ier'er gebracht, damit isch seine Familie
rischtisch kennen lerne. Isch 'ab misch so gefreut, als isch ge'ört
'ab, dass du kommst - es gibt 'ier nischt viel su tun, außer man mag
Kochen und Küken! Also - genieß dein Frühstück, 'Arry!«
Mit diesen Worten drehte sie sich graziös um, schwebte förmlich
aus dem Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich.
Mrs Weasley machte ein Geräusch, das wie »Tscha!« klang.
»Mum hasst sie«, sagte Ginny leise.
»Ich hasse sie nicht!«, flüsterte Mrs Weasley ärgerlich. »Ich meine
nur, dass sie es mit dieser Verlobung zu eilig hatten, das ist alles!«
»Sie kennen sich seit einem Jahr«, sagte Ron, der merkwürdig an-
geschlagen wirkte und auf die geschlossene Tür starrte.
»Also, das ist nicht sehr lang! Ich weiß natürlich, warum es pas-
siert ist. Wegen dieser ganzen Unsicherheit, seit Du-weißt-schon-
wer wieder zurück ist, die Leute denken, dass sie morgen schon tot
sein könnten, also treffen sie alle möglichen überstürzten Entschei-
dungen, mit denen sie sich normalerweise Zeit lassen würden. Als
er das letzte Mal mächtig war, war es genau dasselbe, wo du hin-
kamst, haben sich die Leute gegenseitig an den Hals geworfen -«
»Auch du und Dad«, sagte Ginny verschmitzt.
»Na ja, dein Vater und ich waren füreinander geschaffen, wieso
hätten wir warten sollen?«, sagte Mrs Weasley. »Während Bill und
Fleur … nun … was haben sie denn wirklich gemeinsam? Er ist ein
fleißiger, bodenständiger Typ, sie dagegen ist -«
»Eine Kuh«, sagte Ginny und nickte. »Aber Bill ist gar nicht so
bodenständig. Er ist ein Fluchbrecher, stimmt's, er mag's gern ein
bisschen abenteuerlich, ein bisschen glamourös … Ich glaube, des-
halb fährt er auf Schleim ab.«
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»Hör auf, sie so zu nennen, Ginny«, sagte Mrs Weasley scharf,
während Harry und Hermine lachten. »Also, ich geh jetzt besser …
Iss dein Rührei, solang es noch warm ist, Harry.«
Sie verließ das Zimmer, offenbar vergrämt. Ron wirkte immer
noch ein wenig durcheinander; er schüttelte probehalber den Kopf,
wie ein Hund, der Wasser in den Ohren loswerden will.
» Gewöhnt man sich nicht an sie, wenn sie im selben Haus
wohnt?«, fragte Harry.
»Doch, schon«, sagte Ron. »Aber wenn sie sich überraschend auf
dich stürzt, wie vorhin …«
»Es ist erbärmlich«, sagte Hermine wütend, marschierte so weit
wie möglich von Ron weg, bis sie die Wand erreichte, und drehte
sich dann mit verschränkten Armen wieder zu ihm um.
»Du willst sie doch nicht im Ernst ständig um dich haben?«, frag-
te Ginny Ron ungläubig. Als er nur die Achseln zuckte, sagte sie:
»Also, Mum wird dem ein Ende bereiten, wenn sie kann, da geh ich
jede Wette mit dir ein.«
»Wie will sie das schaffen?«, fragte Harry.
»Sie bemüht sich ständig, dass Tonks zum Abendessen kommt.
Ich glaube, sie hofft, dass Bill sich dann stattdessen in Tonks ver-
liebt. Das hoffe ich auch, ich hätte viel lieber Tonks in der Familie.«
»Jaah, das wird sicher funktionieren«, sagte Ron sarkastisch. »Hör
mal, kein Typ, der sie noch alle hat, wird sich in Tonks verknallen,
solange Fleur in der Nähe ist. Ich meine, Tonks sieht okay aus,
wenn sie nicht gerade blödsinnige Sachen mit ihrem Haar und ih-
rer Nase anstellt, aber -«
»Sie ist verdammt viel netter als
Schleim«, sagte Ginny.
»Und sie ist intelligenter, sie ist ein Auror!«, meldete sich Hermi-
ne aus der Ecke.
»Fleur ist nicht dumm, sie war so gut, dass sie es bis ins Tri-
magische Turnier geschafft hat«, sagte Harry.
»Du nicht auch noch!«, sagte Hermine verbittert.
»Ich schätze, du magst die Art, wie Schleim immer ›'Arry‹ sagt,
was?«, bemerkte Ginny verächtlich.
»Nein«, erwiderte Harry und wünschte sofort, er hätte gar nichts
gesagt. »Ich hab nur gesagt, dass Schleim - ich meine, Fleur -«
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»Ich hätte viel lieber Tonks in der Familie«, sagte Ginny. »Sie ist
wenigstens lustig.«
»In letzter Zeit war sie gar nicht so lustig«, stellte Ron fest. »Jedes
Mal, wenn ich sie getroffen habe, sah sie eher aus wie die Maulen-
de Myrte.«
»Das ist nicht fair«, fauchte Hermine. »Sie ist immer noch nicht
über das weggekommen, was passiert ist … du weißt … ich meine,
er war verwandt mit ihr!«
Harry wurde das Herz schwer. Sie waren bei Sirius angelangt. Er
nahm eine Gabel und fing an, sich Rührei in den Mund zu schau-
feln, in der Hoffnung, dass er damit jede Aufforderung abwehren
konnte, sich an diesem Teil des Gesprächs zu beteiligen.
»Tonks und Sirius kannten sich kaum!«, sagte Ron. »Sirius war ihr
halbes Leben lang in Askaban, und davor haben sich ihre Familien
nie getroffen -«
»Darum geht's nicht«, sagte Hermine. »Sie meint, es war ihre
Schuld, dass er umgekommen ist!«
»Wie kommt sie denn darauf?«, sagte Harry unwillkürlich.
»Na ja, sie hat schließlich gegen Bellatrix Lestrange gekämpft. Ich
glaube, sie denkt, wenn sie Bellatrix nur erledigt hätte, dann hätte
Bellatrix Sirius nicht töten können.«
»Das ist Unsinn«, erwiderte Ron.
»Das ist das Schuldgefühl der Überlebenden«, sagte Hermine. »Ich
weiß, dass Lupin versucht hat, ihr das auszureden, aber sie ist im-
mer noch ziemlich fertig. Sie hat sogar Schwierigkeiten mit ihrem
Metamorphosieren!«
»Mit ihrem -?«
»Sie kann nicht mehr wie früher ihr Aussehen verändern«, er-
klärte Hermine. »Ich glaube, ihre Kräfte sind wahrscheinlich durch
einen Schock oder irgendwas angegriffen worden.«
»Ich wusste nicht, dass so was passieren kann«, sagte Harry.
»Ich auch nicht«, erwiderte Hermine, »aber ich nehme an, wenn
du wirklich deprimiert bist …«
Die Tür ging von neuem auf und Mrs Weasley steckte den Kopf
herein.
»Ginny«, flüsterte sie, »komm runter und hilf mir mit dem Mit-
89
tagessen.«
»Ich unterhalte mich gerade!«, sagte Ginny empört.
»Sofort!«, sagte Mrs Weasley und ging wieder.
»Sie will mich nur unten dabeihaben, damit sie nicht mit Schleim
allein sein muss!«, sagte Ginny mürrisch. Sie schwenkte ihr langes
rotes Haar ganz genau wie Fleur durch die Luft und tänzelte mit
erhobenen Armen wie eine Ballerina quer durchs Zimmer.
»Ihr solltet besser auch schnell runterkommen«, sagte sie beim
Hinausgehen.
Harry nutzte die zeitweilige Stille, um weiterzufrühstücken.
Hermine spähte in Freds und Georges Kartons, warf jedoch ab und
zu Seitenblicke auf Harry. Ron, der sich inzwischen von Harrys
Toast bediente, starrte immer noch träumerisch auf die Tür.
»Was ist das denn?«, fragte Hermine schließlich und hielt etwas
hoch, das wie ein kleines Teleskop aussah.
»Keine Ahnung«, sagte Ron, »aber wenn Fred und George es hier
gelassen haben, ist es wahrscheinlich noch nicht fertig für den
Scherzladen, also sei lieber vorsichtig.«
»Deine Mum meinte, dass der Laden gut läuft«, sagte Harry. »Fred
und George hätten ein echtes Händchen für gute Geschäfte.«
»Das ist untertrieben«, sagte Ron. »Die schwimmen in Galleonen!
Ich kann's gar nicht erwarten, bis ich den Laden mal sehe. Wir
waren noch nicht in der Winkelgasse, weil Mum will, dass Dad
sicherheitshalber mitkommt, und der hatte in letzter Zeit bei der
Arbeit so viel zu tun, aber es hört sich absolut spitze an.«
»Und was ist mit Percy?«, fragte Harry. Der drittälteste Weasley-
Bruder hatte sich mit dem Rest der Familie zerstritten. »Redet er
wieder mit deiner Mum und deinem Dad?«
»Von wegen«, sagte Ron.
»Aber er weiß, dass dein Dad die ganze Zeit über Recht hatte,
wegen Voldemort, dass er jetzt zurück ist -«
»Dumbledore meint, dass es den Menschen viel leichter fällt, an-
deren zu verzeihen, wenn sie sich geirrt haben, als wenn sie Recht
hatten«, sagte Hermine. »Ich hab gehört, wie er das zu deiner Mum
gesagt hat, Ron.«
»Klingt ganz nach Dumbledore, diese Art von Weisheit«, sagte
90
Ron.
»Er will mir dieses Jahr Einzelunterricht geben«, warf Harry bei-
läufig ein.
Ron verschluckte sich an seinem Stück Toast, und Hermine
schnappte nach Luft.
»Das hast du uns verschwiegen!«, sagte Ron.
»Ist mir eben erst wieder eingefallen«, beteuerte Harry »Er hat es
mir letzte Nacht in eurem Besenschuppen gesagt.«
»Wahnsinn … Einzelunterricht bei Dumbledore!«, sagte Ron und
sah beeindruckt aus. »Ich frag mich, warum er …?«
Seine Stimme erstarb. Harry sah ihn und Hermine Blicke austau-
schen. Er legte Messer und Gabel weg und sein Herz pochte ziem-
lich schnell, wenn man bedachte, dass er nichts tat, außer im Bett
zu sitzen. Dumbledore hatte gesagt, dass er es tun sollte … warum
nicht jetzt? Er starrte seine Gabel an, die im Sonnenlicht glitzerte,
das in seinen Schoß fiel, und sagte: »Ich weiß nicht genau, warum
er mir Unterricht geben will, aber ich denke, es muss wegen der
Prophezeiung sein.«
Weder Ron noch Hermine sagten etwas. Harry hatte den Ein-
druck, dass beide erstarrt waren. Er fuhr fort und sprach dabei nach
wie vor zu seiner Gabel: »Ihr wisst schon, die sie versucht haben
aus dem Ministerium zu stehlen.«
»Aber keiner weiß, wie sie gelautet hat«, sagte Hermine rasch.
»Sie ist zerbrochen.«
»Der
Prophet behauptet allerdings -«, fing Ron an, doch Hermine
machte »Schhh!«.
»Der
Prophet hat Recht«, erwiderte Harry und sah unter großer
Anstrengung zu den beiden auf: Hermine wirkte verängstigt und
Ron verblüfft. »Die Glaskugel, die zerbrochen ist, war nicht die
einzige Aufzeichnung der Prophezeiung. Ich hab alles in Dumble-
dores Büro gehört, ihm gegenüber wurde die Prophezeiung ausge-
sprochen, also konnte er es mir verraten. Der Prophezeiung zufol-
ge«, Harry holte tief Luft, »bin ich wohl derjenige, der Voldemort
erledigen muss … zumindest sagte sie, dass keiner von uns leben
kann, während der Andere überlebt.«
Die drei schauten sich einen Moment lang schweigend an. Dann
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gab es einen lauten Knall und Hermine verschwand hinter einer
schwarzen Rauchwolke.
»Hermine!«, riefen Harry und Ron; das Frühstückstablett rutschte
vom Bett und krachte auf den Boden.
Hermine tauchte hustend aus dem Rauch auf, das Teleskop in den
Händen und ein leuchtendes Veilchen am Auge.
»Ich hab es gedrückt und es - es hat mir einen Schlag verpasst!«,
keuchte sie.
Und tatsächlich, jetzt sahen sie eine winzige Faust an einer lan-
gen Feder, die aus der Spitze des Teleskops herausragte.
»Keine Sorge«, sagte Ron, der sich offensichtlich das Lachen ver-
kniff. »Mum kriegt das schon wieder hin, kleinere Verletzungen
kann sie prima behandeln -«
»Ach was, ist jetzt nicht so wichtig!«, sagte Hermine hastig. »Har-
ry, oh, Harry …«
Sie setzte sich wieder auf seinen Bettrand.
»Als wir aus dem Ministerium zurück waren, haben wir uns
schon gefragt … Natürlich wollten wir nichts zu dir sagen, aber
nach dem, was Lucius Malfoy über die Prophezeiung erzählt hat,
dass sie dich und Voldemort betrifft, also, da dachten wir uns
gleich, dass es so was sein könnte … oh, Harry …« Sie starrte ihn
an, dann flüsterte sie: »Hast du Angst?«
»Inzwischen nicht mehr so viel«, sagte Harry. »Als ich sie zum
ersten Mal gehört hab, schon … aber jetzt kommt es mir so vor, als
hätte ich immer gewusst, dass ich ihm am Ende gegenübertreten
muss …«
»Als wir hörten, dass Dumbledore dich persönlich abholt, dach-
ten wir, dass er dir vielleicht etwas mitteilen oder etwas zeigen
will, das mit der Prophezeiung zu tun hat«, sagte Ron eifrig. »Und
irgendwie hatten wir Recht, nicht wahr? Er würde dir nicht Unter-
richt geben, wenn er dich schon aufgegeben hätte, er würde seine
Zeit nicht verschwenden - er denkt ganz sicher, dass du eine Chan-
ce hast!«
»Das stimmt«, sagte Hermine. »Was er dir wohl beibringen wird,
Harry? Richtig fortgeschrittene defensive Magie wahrscheinlich …
wirkungsvolle Gegenflüche … Bannbrecher …«
92
Harry hörte nicht richtig zu. Eine Wärme breitete sich in ihm
aus, die nichts mit dem Sonnenlicht zu tun hatte; etwas, das seine
Brust eng zugeschnürt hatte, schien sich aufzulösen. Er wusste, dass
Ron und Hermine schockierter waren, als sie sich anmerken lie-
ßen, doch dass sie nach wie vor hier, zu beiden Seiten seines Bettes,
saßen, ihm mit aufmunternden Worten Trost spendeten und nicht
vor ihm zurückwichen, als wäre er ansteckend oder gefährlich,
allein diese Tatsache war mehr wert, als er ihnen je sagen konnte.
»… und die ganzen Ausweichzauber«, schloss Hermine. »Also,
wenigstens kennst du ein Fach, das du dieses Jahr haben wirst, das
ist eins mehr, als Ron und ich kennen. Wann kommen eigentlich
unsere ZAG-Ergebnisse?«
»Kann nicht mehr lange dauern, es ist schon einen Monat her«,
sagte Ron.
»Augenblick mal«, warf Harry ein, der sich gerade an einen wei-
teren Teil des Gesprächs der vergangenen Nacht erinnerte. »Ich
glaube, Dumbledore hat gesagt, dass unsere ZAG-Ergebnisse heute
kommen!«
»Heute?«, kreischte Hermine.
»Heute? Aber warum hast du nicht
- o mein Gott - das hättest du doch sagen müssen -«
Sie sprang auf.
»Ich schau mal nach, ob irgendwelche Eulen da sind …«
Doch als Harry zehn Minuten später nach unten kam, vollständig
angezogen und mit seinem leeren Frühstückstablett in der Hand,
fand er Hermine in heller Aufregung am Küchentisch sitzen, wäh-
rend Mrs Weasley sich darum bemühte, dass sie weniger wie ein
halber Panda aussah.
»Da tut sich überhaupt nichts«, sagte Mrs Weasley besorgt. Sie
stand über Hermine gebeugt, mit dem Zauberstab in der Hand und
einer Ausgabe von
Heilers Helferlein, das bei »Prellungen,
Schnittwunden und Abschürfungen« aufgeschlagen war. »Das hat
doch sonst immer geholfen, ich versteh es einfach nicht.«
»Sieht ganz nach der Art von Scherz aus, die Fred und George
lustig finden, die würden dafür sorgen, dass es auch ja nicht mehr
weggeht«, sagte Ginny.
»Aber es muss weggehen!«, piepste Hermine. »Ich kann doch
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nicht bis in alle Ewigkeit so rumlaufen!«
»Das wirst du auch nicht, meine Liebe, wir finden schon ein Ge-
genmittel, mach dir keine Sorgen«, beschwichtigte sie Mrs Weas-
ley.
»Bill 'at mir gesagt, wie sehr amusant Fred und Schorsch sind!«,
sagte Fleur mild lächelnd.
»Ja, ich krieg kaum noch Luft vor Lachen!«, fauchte Hermine.
Sie sprang auf und begann in der Küche im Kreis herumzugehen,
die Finger ineinander verschlungen.
»Mrs Weasley, sind Sie sich ganz, ganz sicher, dass heute Morgen
keine Eulen angekommen sind?«
»Ja, meine Liebe, das hätte ich bemerkt«, sagte Mrs Weasley ge-
duldig. »Aber es ist noch nicht mal neun, da ist noch genug Zeit …«
»Ich weiß, dass ich Alte Runen vermasselt hab«, murmelte Her-
mine fieberhaft, »ich hab bestimmt mindestens einen schweren
Übersetzungsfehler gemacht. Und der praktische Teil in Verteidi-
gung gegen die dunklen Künste ging völlig daneben. Ich dachte
zuerst, Verwandlung wäre gut gelaufen, aber jetzt im Nachhinein -
«
»Hermine, halt mal den Mund, du bist nicht die Einzige, die ner-
vös ist!«, bellte Ron. »Und wenn du deine elf ›Ohnegleichen‹-ZAGs
hast …«
»Hör auf, hör auf, hör auf!«, rief Hermine und wedelte hysterisch
mit den Händen durch die Luft. »Ich bin ganz bestimmt überall
durchgefallen!«
»Was passiert, wenn wir durchfallen?«, fragte Harry in die Runde,
doch es war wieder Hermine, die antwortete.
»Wir besprechen mit unserem Hauslehrer, wie unsere weiteren
Möglichkeiten aussehen; ich hab am Ende des letzten Jahres Pro-
fessor McGonagall danach gefragt.«
Harrys Magen verkrampfte sich. Er bereute, dass er so viel ge-
frühstückt hatte.
»In Beauxbatons«, sagte Fleur selbstgefällig, »'aben wir es anders
gemacht. Isch denke, es war besser. Wir 'atten unsere Prüfungen
nach sechs Jahren Studium, nischt fünf, und dann -«
Fleurs Worte gingen in einem Schrei unter. Hermine wies zum
94
Küchenfenster hinaus. Drei schwarze Flecken waren deutlich am
Himmel zu erkennen, sie wurden immer größer.
»Das sind eindeutig Eulen«, sagte Ron heiser, sprang auf und stell-
te sich neben Hermine ans Fenster.
»Und es sind drei«, sagte Harry und eilte an ihre andere Seite.
»Eine für jeden von uns«, flüsterte Hermine entsetzt. »O nein … o
nein … o nein …«
Sie packte Harry und Ron fest an den Ellbogen.
Die Eulen flogen direkt auf den Fuchsbau zu, es waren drei hüb-
sche Waldkäuze, und als sie über dem Weg zum Haus hin tiefer
flogen, konnte man sehen, dass jede von ihnen einen großen recht-
eckigen Umschlag trug.
»O
nein«, schrie Hermine.
Mrs Weasley zwängte sich an ihnen vorbei und öffnete das Kü-
chenfenster. Eins, zwei, drei, rauschten die Eulen hindurch und
landeten ordentlich in einer Reihe auf dem Tisch. Alle drei hoben
ihr rechtes Bein.
Harry trat vor. Der an ihn adressierte Brief war am Bein der mitt-
leren Eule befestigt. Er band ihn mit ungeschickten Fingern los.
Links von ihm versuchte Ron gerade sein eigenes Zeugnis abzu-
kriegen; rechts von ihm bebten Hermines Hände dermaßen, dass
sie ihre ganze Eule zum Zittern brachte.
Niemand in der Küche sprach ein Wort. Endlich schaffte es Har-
ry, den Umschlag abzulösen. Er schlitzte ihn rasch auf und faltete
das Pergament darin auseinander.
ERGEBNIS DER ZAUBERERGRAD-PRÜFUNGEN
Bestanden mit den Noten: Nicht bestanden mit den Noten:Ohnegleichen (O)
Mies (M)
Erwartungen übertroffen (E) Schrecklich (S)
Annehmbar (A)
Troll (T)
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HARRY JAMES POTTER hat folgende Noten erlangt:Astronomie: APflege magischer Geschöpfe: EZauberkunst: EVerteidigung gegen die dunklen Künste: OWahrsagen: MKräuterkunde: EGeschichte der Zauberei: SZaubertränke: EVerwandlung: E
Harry las das Pergament mehrmals durch, und mit jedem Mal wur-
de ihm leichter ums Herz. Es war schon in Ordnung: Er hatte im-
mer gewusst, dass er in Wahrsagen durchfallen würde, und er hatte
keine Chance gehabt, in Geschichte der Zauberei durchzukommen,
schließlich war er ja mitten in der Prüfung zusammengebrochen -
aber alles andere hatte er bestanden! Er fuhr mit dem Finger die
Noten entlang … er hatte in Verwandlung und Kräuterkunde gut
abgeschnitten und sogar in Zaubertränke die Erwartungen über-
troffen! Und das Beste von allem war, dass er in Verteidigung gegen
die dunklen Künste ein »Ohnegleichen« geschafft hatte!
Er sah sich um. Hermine hatte ihm den Rücken zugewandt und
den Kopf gesenkt, aber Ron schien sich zu freuen.
»Bin nur in Wahrsagen und Zaubereigeschichte durchgefallen,
und wen juckt das schon?«, sagte er glücklich zu Harry. »Hier -
tauschen -«
Harry warf einen Blick auf Rons Noten: Ein »Ohnegleichen« war
nicht dabei …
»Ich wusste, dass du in Verteidigung gegen die dunklen Künste
spitze bist«, sagte Ron und schlug Harry auf die Schulter. »Wir ha-
ben's gepackt, stimmt's?«
»Gut gemacht!«, sagte Mrs Weasley stolz und verstrubbelte Ron
die Haare. »Sieben ZAGs, das sind mehr, als Fred und George zu-
sammen hatten!«
»Hermine?«, sagte Ginny behutsam, denn Hermine hatte sich
immer noch nicht umgedreht. »Wie ist es bei dir gelaufen?«
96
»Ich - nicht schlecht«, sagte Hermine kleinlaut.
»Jetzt hör aber auf«, sagte Ron, ging zu ihr hinüber und riss ihr
das Zeugnis aus der Hand. »Jep - zehn ›Ohnegleichen‹, und ein
›Erwartungen übertroffen‹ in Verteidigung gegen die dunklen
Künste.« Er schaute zu ihr hinunter, halb belustigt, halb wütend.
»Du bist tatsächlich enttäuscht, stimmt's?«
Hermine schüttelte den Kopf, aber Harry lachte.
»Also, jetzt sind wir UTZ-Schüler!« Ron grinste. »Mum, sind noch
Würstchen da?«
Harry sah sich wieder seine Ergebnisse an. Mehr hatte er sich
wirklich nicht erhoffen können. Er spürte nur einen winzigen
Stich … schade, dies war das Ende seines Wunschtraums, ein Auror
zu werden. Er hatte die erforderliche Note in Zaubertränke nicht
geschafft. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass er das nicht schaffen
würde, und trotzdem spürte er ein flaues Gefühl im Magen, als er
noch einmal auf das kleine schwarze »E« blickte.
Eigentlich seltsam, es war ein maskierter Todesser gewesen, der
Harry zum ersten Mal gesagt hatte, dass aus ihm ein guter Auror
werden könnte, aber irgendwie hatte ihn diese Vorstellung nicht
mehr losgelassen, und ihm fiel so recht nichts anderes ein, was er
gerne werden wollte. Außerdem kam es ihm wie seine wahre Beru-
fung vor, seit er vor einem Monat die Prophezeiung gehört hatte …keiner kann leben, während der Andere überlebt … würde er der
Prophezeiung nicht gerecht werden und sich die besten Überle-
benschancen sichern, wenn er sich diesen hervorragend geschulten
Zauberern anschließen könnte, deren Aufgabe es war, Voldemort
zu finden und zu töten?
97
Dracos Abstecher
Harry verließ in den nächsten Wochen den Fuchsbau und seinen
Garten nicht. Er verbrachte seine Tage meist damit, im Obstgarten
der Weasleys zwei gegen zwei Quidditch zu spielen (er und Her-
mine gegen Ron und Ginny; Hermine war katastrophal und Ginny
gut, also waren sie einigermaßen gleich stark), an den Abenden aß
er drei Portionen von allem, was Mrs Weasley ihm auftischte.
Es wären glückliche, friedliche Ferien gewesen, wenn nicht fast
täglich Berichte über verschwundene Leute, merkwürdige Unfälle,
ja sogar über Todesfälle im
Tagespropheten erschienen wären.
Manchmal brachten Bill und Mr Weasley Neuigkeiten mit nach
Hause, ehe sie überhaupt in die Zeitung gelangten. Zu Mrs Weas-
leys Missfallen wurde die Feier von Harrys sechzehntem Ge-
burtstag von grausigen Nachrichten überschattet; Remus Lupin
brachte sie mit, der ausgezehrt und verbittert wirkte, das braune
Haar voller grauer Strähnen, die Kleider zerlumpter und geflickter
denn je.
»Es gab noch ein paar weitere Dementorenangriffe«, verkündete
er, als Mrs Weasley ihm ein großes Stück Geburtstagskuchen reich-
te. »Und man hat Igor Karkaroffs Leiche in einer Hütte oben im
Norden gefunden. Sie haben das Dunkle Mal darüber aufsteigen
lassen - also, ehrlich gesagt wundert es mich, dass er ein ganzes Jahr
überlebt hat, nachdem er die Todesser verließ. Sirius' Bruder Regu-
lus hat es nur ein paar Tage geschafft, soweit ich mich erinnere.«
»Nun ja«, sagte Mrs Weasley stirnrunzelnd, »vielleicht sollten wir
über was anderes -«
»Hast du das mit Florean Fortescue gehört, Remus?«, fragte Bill,
dem Fleur dauernd neuen Wein eingoss. »Der Mann, der den -«
»- Eissalon in der Winkelgasse hat?«, unterbrach ihn Harry mit
einem unangenehmen, dumpfen Gefühl in der Magengrube. »Er
hat mir immer Eis geschenkt. Was ist mit ihm passiert?«
»Wurde verschleppt, so, wie es in seinem Laden aussieht.«
»Weshalb?«, fragte Ron, während Mrs Weasley Bill einen wüten-
den Blick zuwarf.
98
»Wer weiß? Er muss sie irgendwie geärgert haben. War ein guter
Kerl, Florean.«
»Da wir gerade von der Winkelgasse sprechen«, sagte Mr Weas-
ley, »sieht aus, als wäre Ollivander auch verschwunden.«
»Der Zauberstabmacher?«, sagte Ginny mit bestürzter Miene.
» Genau. Der Laden ist leer. Keine Spur von einem Kampf. Keiner
weiß, ob er freiwillig gegangen ist oder entführt wurde.«
»Aber Zauberstäbe - was machen die Leute ohne Zauberstäbe?«
»Die werden sich mit anderen Herstellern begnügen«, sagte Lu-
pin. »Aber Ollivander war der beste, und wenn die andere Seite ihn
hat, ist das nicht gerade gut für uns.«
Am Tag nach diesem ziemlich düsteren Geburtstagstee kamen ih-
re Briefe und Bücherlisten aus Hogwarts an. Für Harry war eine
Überraschung dabei: Er war zum Quidditch-Kapitän ernannt wor-
den.
»Damit hast du den gleichen Rang wie ein Vertrauensschüler!«,
rief Hermine glücklich. »Jetzt kannst du unser spezielles Badezim-
mer benutzen und alles!«
»Wow, ich weiß noch, wie Charlie so eins getragen hat«, sagte
Ron und betrachtete freudig das Abzeichen. »Harry, das ist so was
von cool, du bist mein Kapitän - vorausgesetzt, du holst mich wie-
der in die Mannschaft, haha …«
»Nun, ich denke, wir können einen Besuch in der Winkelgasse
nicht mehr länger aufschieben, jetzt, wo ihr die habt«, seufzte Mrs
Weasley mit Blick auf Rons Bücherliste. »Wir gehen am Samstag,
falls euer Vater nicht wieder zur Arbeit muss. Ohne ihn geh ich
nicht dorthin.«
»Mum, glaubst du wirklich, Du-weißt-schon-wer versteckt sich
hinter einem Bücherregal bei
Flourish & Blotts?«, sagte Ron ki-
chernd.
»Fortescue und Ollivander sind also im Urlaub?«, erwiderte Mrs
Weasley, die sofort wütend wurde. »Wenn du denkst, mit der Si-
cherheitsfrage lässt sich spaßen, dann kannst du hier bleiben und
ich besorg dir deine Sachen alleine -«
»Nein, ich will mitkommen, ich will den Laden von Fred und
George sehen!«, sagte Ron hastig.
99
»Dann reiß dich zusammenjunger Mann, sonst beschließe ich,
dass du zu kindisch bist, um mit uns zu kommen!«, sagte Mrs Weas-
ley verärgert, schnappte sich ihre Uhr, deren neun Zeiger alle im-
mer noch auf
tödliche Gefahr deuteten, und legte sie oben auf ei-
nen Stapel frisch gewaschener Handtücher. »Und das gilt auch für
deine Rückkehr nach Hogwarts!«
Ron wandte sich zu Harry um und starrte ihn ungläubig an, wäh-
rend seine Mutter den Wäschekorb und die kippelnde Uhr hoch-
hob und aus dem Zimmer stürmte.
»Meine Güte … hier kann man ja nicht mal mehr einen Witz ma-
chen …«
Aber Ron war in den folgenden Tagen sorgsam darauf bedacht,
sich nicht über Voldemort lustig zu machen. Der Samstag brach an
ohne weitere Wutanfälle von Mrs Weasley, obwohl sie beim
Frühstück sehr angespannt schien. Bill, der mit Fleur zu Hause
bleiben würde (zur besonderen Freude von Hermine und Ginny),
reichte Harry einen Beutel voller Geld über den Tisch.
»Wo ist meins?«, wollte Ron sofort wissen, die Augen weit aufge-
rissen.
»Das gehört doch Harry, Idiot«, sagte Bill. »Ich hab es dir aus dei-
nem Verlies geholt, Harry, denn zurzeit dauert es für normale
Kunden etwa fünf Stunden, bis sie an ihr Gold kommen, die Kobol-
de haben die Sicherheitsmaßnahmen derart verschärft. Vor zwei
Tagen bohrten sie Arkie Philpott eine Seriositätssonde in den …
Also, glaub mir, es ist einfacher so.«
»Danke, Bill«, sagte Harry und steckte sein Gold ein.
»Er ist immer so suvorkommend«, schnurrte Fleur voller Bewun-
derung und streichelte Bills Nase. Hinter Fleur tat Ginny so, als
müsste sie sich in ihr Müsli erbrechen. Harry verschluckte sich an
seinen Cornflakes und Ron klopfte ihm auf den Rücken.
Es war ein trüber, nebliger Tag. Als sie sich die Umhänge überzo-
gen und aus dem Haus traten, erwartete sie vorn auf dem Hof einer
der Spezialwagen des Ministeriums, mit dem Harry früher schon
einmal gefahren war.
»Gut, dass Dad uns die jetzt wieder besorgen kann«, sagte Ron an-
erkennend und streckte sich genüsslich, während der Wagen sich
100
zügig vom Fuchsbau entfernte, wo Bill und Fleur noch aus dem
Küchenfenster winkten. Er, Harry, Hermine und Ginny saßen alle
bequem auf dem geräumigen, breiten Rücksitz.
»Gewöhnt euch nicht daran, das ist nur wegen Harry«, sagte Mr
Weasley über die Schulter. Er und Mrs Weasley saßen vorne beim
Fahrer des Ministeriums; der Vordersitz hatte sich gefügig zu einer
Art Zweisitzersofa ausgestreckt. »Für ihn gilt die höchste Sicher-
heitsstufe. Und im
Tropfenden Kessel bekommen wir dann auch
noch Verstärkung.«
Harry sagte nichts; er hatte keine sonderliche Lust, seine Einkäu-
fe zu erledigen, wenn ein Bataillon Auroren um ihn herum war. Er
hatte seinen Tarnumhang im Rucksack verstaut und war der Mei-
nung, wenn Dumbledore den für ausreichend hielt, dann sollte er
auch dem Ministerium reichen, doch jetzt, wo er darüber nach-
dachte, war er gar nicht sicher, ob das Ministerium überhaupt von
seinem Tarnumhang wusste.
»Nun, da sind wir«, sagte der Fahrer, der bisher kein Wort ge-
sprochen hatte, erstaunlich wenig später, bremste in der Charing
Cross Road und hielt vor dem
Tropfenden Kessel »Ich soll auf Sie
warten, wissen Sie ungefähr, wie lange Sie brauchen?«
»Zwei Stunden, schätze ich«, sagte Mr Weasley. »Ah, schön, er ist
da!«
Harry spähte wie Mr Weasley aus dem Fenster; sein Herz machte
einen Hüpfer. Vor dem Pub warteten keine Auroren, sondern die
riesige Gestalt von Rubeus Hagrid, dem schwarzbärtigen Wildhüter
von Hogwarts, in einer langen Biberpelzjacke. Als er Harrys Ge-
sicht sah, strahlte er, ohne die verdutzten Blicke der vorüberge-
henden Muggel zu bemerken.
»Harry!«, dröhnte er, und kaum war Harry aus dem Wagen ge-
stiegen, schloss Hagrid ihn auch schon in eine knochenbre-
cherische Umarmung. »Seidenschnabel - Federflügel, meine ich -,
du solltest ihn sehn, Harry, er is' so glücklich, dass er wieder an der
frischen Luft ist -«
»Bin froh, dass es ihm gut geht«, sagte Harry und massierte sich
grinsend die Rippen. »Wir wussten nicht, dass du die so genannte
›Verstärkung‹ bist!«
101
»Ich weiß, genau wie in alten Zeiten, nich wahr? Das Mi-
nisterium wollt dir 'nen Haufen Auroren schicken, verstehst du,
aber Dumbledore meinte, ich würd reichen«, sagte Hagrid stolz,
warf sich in die Brust und steckte seine Daumen in die Taschen.
»Na dann mal los - nach euch, Molly, Arthur -«
Der
Tropfende Kessel war zum ersten Mal, soweit Harry sich er-
innern konnte, vollkommen leer. Nur Tom, der verhutzelte und
zahnlose Wirt, war von der alten Truppe übrig geblieben. Er blick-
te hoffnungsvoll auf, als sie eintraten, doch ehe er etwas sagen
konnte, verkündete Hagrid wichtigtuerisch: »Wir gehn heut nur
durch, Tom, verstehst du sicher. In Sachen Hogwarts, weißt du.«
Tom nickte betrübt und fing wieder an Gläser zu wischen. Harry,
Hermine, Hagrid und die Weasleys gingen durch den Schankraum
hinaus auf den kühlen kleinen Hinterhof, wo die Mülleimer stan-
den. Hagrid hob seinen rosa Schirm und schlug gegen einen be-
stimmten Stein in der Wand, die sich sofort zu einem Durchgang
auf eine gewundene, gepflasterte Straße öffnete. Sie traten durch
den Eingang und blieben dann stehen, um sich umzusehen.
Die Winkelgasse hatte sich verändert. Die bunten, glitzernden
Schaufensterauslagen mit Zauberbüchern, Zaubertrankzutaten und
Kesseln waren verschwunden, versteckt hinter großen Plakaten des
Zaubereiministeriums, die über die Scheiben geklebt waren. Die
meisten dieser dunkelvioletten Plakate waren eine vergrößerte
Version der Merkblätter mit den Sicherheitsratschlägen, die das
Ministerium den Sommer über verschickt hatte, doch andere zeig-
ten bewegte Schwarzweißfotos von Todessern, die bekannterma-
ßen auf freiem Fuß waren. Bellatrix Lestrange grinste höhnisch
von der Vorderfront der nächsten Apotheke herunter. Einige Fens-
ter waren mit Brettern zugenagelt, darunter die von Florean Fortes-
cues Eissalon. Auf der anderen Seite waren eine Reihe schäbig wir-
kender Stände entlang der Straße aus dem Boden geschossen. Am
nächsten Stand, der vor
Flourish & Blotts unter einer gestreiften,
fleckigen Markise aufgebaut worden war, war vorn ein Pappschild
befestigt:
102
Amulette:
Wirksam gegen Werwölfe, Dementoren und Inferi
Ein elend aussehender kleiner Zauberer rasselte mit Armen voller
silberner Amulettkettchen, wenn Passanten vorüberkamen.
»Eins für Ihr kleines Mädchen, Madam?«, rief er Mrs Weasley zu,
als sie vorbeigingen, und schielte grinsend nach Ginny. »Damit ihr
hübscher Hals geschützt ist?«
»Wenn ich im Dienst wäre …«, sagte Mr Weasley und funkelte
den Amulettverkäufer zornig an.
»Ja, aber jetzt wirst du niemanden verhaften, Liebling, wir ha-
ben's eilig«, sagte Mrs Weasley und sah nervös auf eine Liste. »Ich
denke, wir gehen am besten erst mal zu Madam Malkin, Hermine
will einen neuen Festumhang und bei Rons Schulumhang schaut
unten schon viel zu viel Knöchel raus, und du wirst auch einen
neuen brauchen, Harry, du bist so gewachsen - nun kommt alle -«
»Molly, es ist Unsinn, wenn wir alle zu Madam Malkin gehen«,
sagte Mr Weasley. »Warum gehen die drei hier nicht mit Hagrid,
und wir können inzwischen zu
Flourish & Blotts und die Schulbü-
cher für alle besorgen?«
»Ich weiß nicht«, sagte Mrs Weasley besorgt, offensichtlich hin-
und hergerissen zwischen dem Wunsch, die Einkäufe rasch zu er-
ledigen, und dem Bemühen, im Rudel zusammenzubleiben.
»Hagrid, meinst du -?«
»Keine Bange, Molly, mit mir zusamm' passiert denen nichts«,
sagte Hagrid beschwichtigend und wedelte lässig mit seiner müll-
eimerdeckelgroßen Hand. Mrs Weasley wirkte nicht ganz über-
zeugt, willigte jedoch ein, dass sie sich trennten, und huschte mit
ihrem Mann und Ginny davon zu
Flourish & Blotts, während sich
Harry, Ron, Hermine und Hagrid auf den Weg zu Madam Malkin
machten.
Harry fiel auf, dass viele der Leute, denen sie begegneten, den
gleichen gehetzten und besorgten Gesichtsausdruck hatten wie Mrs
Weasley und dass niemand mehr anhielt, um zu plaudern; die Pas-
santen blieben in engen Grüppchen beisammen und erledigten
zielstrebig ihre Besorgungen. Niemand schien allein auf Einkaufs-
103
tour zu sein.
»Wird vielleicht 'n bisschen eng dadrin mit uns allen«, sagte
Hagrid, als er vor Madam Malkins Laden stehen blieb und gebückt
durch das Fenster spähte. »Ich halt draußen Wache, alles klar?«
So betraten Harry, Ron und Hermine zusammen den kleinen La-
den. Auf den ersten Blick schien er leer, doch kaum war die Tür
hinter ihnen zugeschwungen, da hörten sie auch schon eine ver-
traute Stimme hinter einem Kleiderständer mit flitterbesetzten
grünen und blauen Festumhängen.
»… kein Kind mehr, falls dir das noch nicht aufgefallen ist, Mut-
ter. Ich bin durchaus in der Lage, meine Einkäufe
alle
in zu erledi-
gen.«
Ein schnalzendes Geräusch ertönte, und eine Stimme, die Harry
als die von Madam Malkin erkannte, sagte: »Nun, mein Lieber,
deine Mutter hat vollkommen Recht, keiner von uns sollte mehr
allein herumlaufen, das hat nichts damit zu tun, ob man ein Kind
ist -«
»Passen Sie auf, wo Sie die Nadel hinstecken, ja!«
Ein Junge im Teenageralter mit bleichem, spitzem Gesicht und
weißblondem Haar tauchte hinter dem Kleiderständer auf, er trug
einen hübschen dunkelgrünen Umhang, der am Saum und an den
Ärmelrändern mit glitzernden Nadeln gespickt war. Der Junge
schritt zum Spiegel und begutachtete sich; es dauerte einige Au-
genblicke, bis er Harry, Ron und Hermine über seiner Schulter im
Spiegel bemerkte. Seine hellgrauen Augen verengten sich.
»Wenn du dich wunderst, was hier so komisch riecht, Mutter -
eine Schlammblüterin ist gerade reingekommen«, sagte Draco Mal-
foy.
»Ich glaube nicht, dass es nötig ist, einen solchen Ton anzu-
schlagen!«, sagte Madam Malkin und trippelte mit einem Maßband
und einem Zauberstab hinter dem Kleiderständer hervor. »Und ich
verbitte es mir auch, dass in meinem Laden Zauberstäbe gezogen
werden!«, fügte sie hastig hinzu, denn mit einem Blick hinüber zur
Tür hatte sie erfasst, dass Harry und Ron beide mit gezückten Zau-
berstäben dastanden und auf Malfoy zielten.
Hermine stand dicht hinter ihnen und flüsterte: »Nein, nicht,
104
ehrlich, das ist es nicht wert …«
»Jaah, als ob ihr es wagen würdet, außerhalb der Schule zu zau-
bern«, höhnte Malfoy. »Wer hat dir ein Veilchen verpasst, Gran-
ger? Dem würd ich gern Blumen schicken.«
»Nun ist es aber genug!«, sagte Madam Malkin schneidend und
blickte Hilfe suchend über ihre Schulter. »Madam - bitte -«
Narzissa Malfoy schlenderte hinter dem Kleiderständer hervor.
»Steckt die weg«, sagte sie kühl zu Harry und Ron. »Wenn ihr
meinen Sohn noch ein Mal angreift, dann sorge ich dafür, dass es
das Letzte ist, was ihr jemals tun werdet.«
»Wirklich?«, sagte Harry, trat einen Schritt vor und blickte in ihr
glattes arrogantes Gesicht, das trotz all seiner Blässe doch dem ihrer
Schwester ähnelte. Harry war inzwischen so groß wie sie. »Sie ho-
len einfach ein paar von Ihren Todesserkumpels, um uns fertig zu
machen, was?«
Madam Malkin schrie auf und griff sich ans Herz.
»Also wirklich, diesen Vorwurf solltest du nicht - gefährlich, so
etwas zu sagen - die Zauberstäbe weg, bitte!«
Aber Harry ließ seinen Zauberstab nicht sinken. Narzissa Malfoy
lächelte feindselig.
»Seit Sie Dumbledores Liebling sind, haben Sie offenbar ein fal-
sches Gefühl der Sicherheit bekommen, Harry Potter. Aber
Dumbledore wird nicht immer da sein, um Sie zu beschützen.«
Harry blickte sich mit spöttischer Miene im ganzen Laden um.
»Wow … sehen Sie nur … er ist jetzt gar nicht da! Also, warum
nicht mal einen Versuch riskieren? Vielleicht findet sich in Aska-
ban ja eine Doppelzelle für Sie und Ihren Mann, den Versager!«
Malfoy machte einen zornigen Schritt auf Harry zu, stolperte je-
doch über seinen allzu langen Umhang. Ron lachte laut auf.
»Wag es nicht, so mit meiner Mutter zu sprechen, Potter!«,
knurrte Malfoy.
»Schon gut, Draco«, sagte Narzissa und legte ihm be-
schwichtigend ihre dünnen weißen Finger auf die Schulter.
»Ich schätze, Potter wird wieder mit dem lieben Sirius vereint
sein, noch ehe ich mit Lucius vereint bin.«
Harry hob den Zauberstab höher.
105
»Harry, nein!«, stöhnte Hermine, packte ihn am Arm und ver-
suchte den Stab seitlich hinunterzudrücken. »Überleg doch … du
darfst nicht … du kriegst dermaßen Ärger …«
Madam Malkin blieb einen Moment lang schwankend stehen,
dann entschloss sie sich offenbar, so zu tun, als ob nichts wäre, in
der Hoffnung, es wäre wirklich nichts. Sie beugte sich zu Malfoy,
der Harry immer noch böse anstarrte.
»Ich denke, dieser linke Ärmel könnte noch ein wenig kürzer
sein, mein Lieber, darf ich mal?«
»Autsch!«, brüllte Malfoy und schlug ihre Hand weg, »passen Sie
auf, wo Sie Ihre Nadeln hintun, Frau! Mutter - ich glaub, ich will
den nicht mehr -«
Er zog sich den Umhang über den Kopf und warf ihn Madam
Malkin vor die Füße.
»Du hast Recht, Draco«, sagte Narzissa mit einem verächtlichen
Blick auf Hermine, »jetzt weiß ich, was für Abschaum hier einkauft
… mit
Twilfitt und Tatting sind wir sicher besser bedient.«
Und mit diesen Worten marschierten die beiden aus dem Laden,
wobei Malfoy es unterwegs nicht versäumte, Ron so fest er konnte
anzurempeln.
»Also
wirklich!«, sagte Madam Malkin, hob den Umhang vom
Boden auf und fuhr mit der Spitze ihres Zauberstabs wie mit einem
Staubsauger darüber, um ihn zu säubern.
Sie war vollkommen zerstreut, während sie Ron und Harry die
neuen Umhänge anpasste, versuchte, Hermine einen Festumhang
für Zauberer statt einen für Hexen zu verkaufen, und als sie die
drei schließlich mit einer Verbeugung aus dem Laden verabschie-
dete, machte sie ein Gesicht, als wäre sie froh, sie endlich los zu
sein.
»Habt ihr alles?«, fragte Hagrid munter, als sie wieder bei ihm
waren.
106
»Fast«, sagte Harry. »Hast du die Malfoys gesehen?«
»Jaah«, sagte Hagrid unbekümmert. »Aber die würden's nich wa-
gen, mitten in der Winkelgasse Ärger zu machen, Harry, mach dir
keine Sorgen wegen den'n.«
Harry, Ron und Hermine tauschten Blicke, doch ehe sie Hagrid
von dieser angenehmen Vorstellung befreien konnten, tauchten Mr
und Mrs Weasley und Ginny auf, alle mit schweren Buchpaketen
in den Händen.
»Alles in Ordnung bei euch?«, fragte Mrs Weasley. »Habt ihr eure
Umhänge? Gut, dann können wir auf dem Weg zu Fred und
George noch in der Apotheke und bei
Eeylops vorbeischauen -
bleibt jetzt eng zusammen …«
Weder Harry noch Ron kauften in der Apotheke irgendwelche
Zutaten, da sie keinen Zaubertrankunterricht mehr haben würden,
aber in
Eeylops Eulenkaufhaus besorgten sie sich beide große
Schachteln mit Eulennüssen für Hedwig und Pigwidgeon. Dann,
während Mrs Weasley praktisch jede Minute auf ihre Uhr sah, gin-
gen sie weiter die Straße entlang auf der Suche nach
Weasleys
Zauberhafte Zauberscherze, dem Scherzladen von Fred und
George.
»Wir haben wirklich nicht allzu viel Zeit«, sagte Mrs Weasley.
»Deshalb schauen wir uns nur kurz um und gehen dann gleich zum
Wagen zurück. Es kann nicht mehr weit sein, das ist Nummer
zweiundneunzig … vierundneunzig …«
»Woah«, machte Ron und blieb wie angewurzelt stehen.
Zwischen den langweiligen, mit Plakaten zugeklebten La-
denfronten um sie her stachen Freds und Georges Fenster ins Auge
wie ein Feuerwerk. Leute, die zufällig vorübergingen, sahen über
ihre Schulter auf die Fenster zurück, und einige recht verdutzt wir-
kende Passanten waren tatsächlich wie gebannt stehen geblieben.
Das linke Fenster quoll über von einem ganzen Sortiment von Ge-
genständen, die kreiselten, knallten, blitzten, hüpften und kreisch-
ten; schon der bloße Anblick ließ Harrys Augen tränen. Das rechte
Fenster wurde von einem gigantischen Plakat bedeckt, violett wie
die des Ministeriums, doch mit knallgelben Buchstaben beschriftet:
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Wen ängstigt noch Du-weißt-schon-wer?
Ihr solltet EHER Angst haben vor
DU-SCHEISST-NIE-MEHR -
der Verstopfungssensation, die die Nation in Atem hält!
Harry fing an zu lachen. Er hörte etwas wie ein schwaches Stöhnen
hinter sich, und als er sich umdrehte, sah er Mrs Weasley entgeis-
tert auf das Plakat starren. Ihre Lippen bewegten sich und formten
stumm den Namen »Du-scheißt-nie-mehr«.
»Das kostet sie Kopf und Kragen!«, flüsterte sie.
»Nein, kostet es nicht!«, sagte Ron, der wie Harry lachen musste.
»Das ist genial!«
Und er und Harry gingen voraus in den Laden. Der war brechend
voll mit Kunden; Harry gelang es nicht einmal, in die Nähe der
Regale zu kommen. Er starrte umher und blickte hoch zu den bis
an die Decke gestapelten Kartons: Hier lagerten die Nasch-und-
Schwänz-Leckereien, die von den Zwillingen während ihres letz-
ten, abgebrochenen Schuljahrs in Hogwarts perfektioniert worden
waren; Harry fiel auf, dass das Nasblutnugat am begehrtesten war,
denn es war nur noch ein einziger lädierter Karton auf dem Regal
übrig. Es gab körbeweise Trickzauberstäbe, die billigste Art ver-
wandelte sich einfach in Gummiküken oder ein Paar Unterhosen,
wenn man sie schwang; der teuerste schlug dem arglosen Benutzer
um die Ohren; es gab Kartons mit Federkielen in den Sorten
»Selbstauffüller«, »Rechtschreibchecker« und »Schlaue-Antwort«.
Eine Lücke tat sich in der Menge auf, und Harry schob sich zur
Theke durch, wo eine Schar entzückter Zehnjähriger dabei zusah,
wie ein winziger hölzerner Mann langsam die Stufen zu einem
richtigen Galgen mit Henker hinaufstieg, beide oben auf einem
Karton mit der Aufschrift: »Wiederverwendbarer Henker - Bann
ihn, oder er baumelt!«
»›Patentierte Tagtraumzauber …‹«
Hermine hatte es geschafft, sich zu einer großen Auslage nahe
der Theke durchzuzwängen, und las die Informationen auf der
Rückseite einer Schachtel, auf der grellbunt ein hübscher Junge
und ein entzücktes Mädchen abgebildet waren, die an Deck eines
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Piratenschiffs standen.
»›Ein einfacher Zauberspruch, und schon versinkst du in einen
hochwertigen, äußerst realistischen dreißigminütigen Tagtraum,
der sich leicht in eine ganz normale Schulstunde einbauen lässt und
so gut wie unaufspürbar ist (Nebenwirkungen unter anderem leerer
Blick und leichtes Sabbern). Kein Verkauf an Personen unter sech-
zehn Jahren.‹ Weißt du«, sagte Hermine und sah zu Harry hoch,
»das ist wirklich außergewöhnliche Magie!«
»Dafür«, sagte eine Stimme hinter ihnen, »kriegst du einen um-
sonst, Hermine.«
Fred stand strahlend vor ihnen, in einem magentafarbenen Um-
hang, der sich herrlich mit seinem flammend roten Haar biss.
»Wie geht's, Harry?« Sie schüttelten sich die Hand. »Und was ist
mit deinem Auge passiert, Hermine?«
»Dein boxendes Teleskop«, sagte sie trübselig.
»Oh, verdammt, die hab ich ganz vergessen«, sagte Fred. »Hier -«
Er zog eine Dose aus der Tasche und reichte sie ihr; sie schraubte
behutsam den Deckel ab und eine dicke gelbe Paste kam zum Vor-
schein.
»Nur dünn auftragen, dann ist der Bluterguss in einer Stunde
weg«, sagte Fred. »Wir mussten einen anständigen Blutergussbesei-
tiger finden, wir testen die meisten unserer Produkte an uns
selbst.«
Hermine wirkte nervös. »Das ist doch
ungefährlich, oder?«
»Natürlich«, sagte Fred ermunternd. »Komm mit, Harry, ich führ
dich rum.«
Harry ließ Hermine stehen, die ihr Veilchen mit der Paste be-
strich, und folgte Fred in den hinteren Teil des Ladens, wo er einen
Ständer mit Karten- und Seiltricks entdeckte.
»Muggelzaubertricks!«, sagte Fred glücklich und zeigte sie ihm.
»Für Verrückte wie Dad, weißt du, die auf Muggelsachen stehen.
Das bringt nicht viel ein, aber wir machen damit ganz stabilen Um-
satz, es sind tolle Neuerscheinungen … Oh, da ist George …«
Freds Zwillingsbruder schüttelte Harry energisch die Hand.
»Führst ihn wohl rum? Komm mit nach hinten, Harry, da ma-
chen wir richtig Geld -
he du, wenn du was klaust, dann kostet
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dich das mehr als Galleonen!«, warnte er einen kleinen Jungen, und
der zog flugs die Hand aus der Dose mit der Aufschrift: »Essbare
Dunkle Male - davon wird jedem schlecht!«
George schob einen Vorhang neben den Muggeltricks zurück und
Harry sah einen dunkleren, nicht so überfüllten Raum. Die Verpa-
ckung der Waren, die hier auf den Regalen standen, war weniger
auffällig.
»Wir haben gerade dieses etwas seriösere Sortiment entwickelt«,
sagte Fred. »Witzig, wie es dazu kam …«
»Du glaubst nicht, wie viele Leute, selbst welche, die im Ministe-
rium arbeiten, keinen vernünftigen Schildzauber zustande brin-
gen«, sagte George. »'türlich haben die keinen Unterricht bei dir
gekriegt, Harry.«
»Genau … nun, wir dachten, Schildhüte wären doch ganz lustig.
Also, du forderst deinen Freund auf, dir einen Fluch auf den Hals
zu jagen, während du einen davon trägst, und dann kannst du zu-
sehen, wie er guckt, wenn der Fluch einfach abprallt. Aber das Mi-
nisterium hat fünfhundert Stück für seinen gesamten Außendienst
gekauft! Und laufend kommen neue Riesenaufträge rein!«
»Deshalb haben wir expandiert und weitere Produktreihen ent-
wickelt, Schildumhänge, Schildhandschuhe …«
»… Ich schätze, die würden nicht viel gegen Unverzeihliche Flü-
che ausrichten, aber für kleinere bis mittelschwere Flüche oder
Verwünschungen …«
»Und dann beschlossen wir, in den ganzen Bereich Verteidigung
gegen die dunklen Künste einzusteigen, denn das ist eine wahre
Goldgrube«, fuhr George begeistert fort. »Das ist cool. Schau mal,
Instant-Finsternispulver, das importieren wir aus Peru. Praktisch,
wenn du einen schnellen Abgang machen willst.«
»Und unsere Bluffknaller gehen von den Regalen wie nichts,
schau mal«, sagte Fred und deutete auf eine Reihe schwarzer, ver-
rückt aussehender hupenartiger Gegenstände, die tatsächlich ver-
suchten davonzutrippeln. »Man lässt einfach einen heimlich fallen,
dann rennt er weg und macht irgendwo außer Sichtweite einen
hübschen Lärm, ein Ablenkungsmanöver, wenn man mal eins
braucht.«
110
»Praktisch«, sagte Harry beeindruckt.
»Hier«, sagte George, nahm zwei und warf sie Harry zu.
Eine junge Hexe mit kurzem blondem Haar steckte den Kopf
durch den Vorhang; Harry bemerkte, dass auch sie einen magenta-
farbenen Mitarbeiterumhang trug.
»Hier draußen ist ein Kunde, der nach einem Juxkessel sucht, Mr
und Mr Weasley«, sagte sie.
Harry fand, dass es merkwürdig klang, wenn Fred und George als
»Mr Weasley« bezeichnet wurden, aber sie nahmen es hin wie
selbstverständlich.
»In Ordnung, Verity, ich komme«, sagte George prompt. »Harry,
du nimmst dir einfach alles, was du willst, ja? Kostenlos.«
»Das kann ich nicht machen!«, sagte Harry, der bereits seinen
Geldbeutel hervorgeholt hatte, um die Bluffknaller zu bezahlen.
»Du zahlst hier nichts«, sagte Fred entschieden und lehnte Harrys
Gold mit einer lässigen Geste ab.
»Aber -«
»Du hast uns unseren Startkredit gegeben, das haben wir nicht
vergessen«, sagte George unnachgiebig. »Nimm, was immer du
magst, und denk einfach dran, den Leuten zu sagen, wo du es her-
hast, wenn sie dich fragen.«
George eilte durch den Vorhang hinaus, um beim Bedienen zu
helfen, und Fred führte Harry zurück in den Hauptverkaufsraum,
wo sie auf Hermine und Ginny stießen, die immer noch ganz ge-
bannt vor den Patentierten Tagtraumzaubern standen.
»Habt ihr Mädchen etwa unsere speziellen Wunder-Hexe-
Produkte noch nicht gesehen?«, fragte Fred. »Folgen Sie mir, Ladys
…«
Nahe beim Fenster war eine Reihe von knallrosa Produkten auf-
gestellt, um die sich ein Knäuel aufgeregter, begeistert kichernder
Mädchen gebildet hatte. Hermine und Ginny hielten sich mit arg-
wöhnischer Miene zurück.
»Hier, bitte sehr«, sagte Fred stolz. »Die beste Auswahl an Liebes-
tränken, die ihr weit und breit finden werdet.«
Ginny zog skeptisch eine Augenbraue hoch. »Wirken die?«
»Natürlich wirken die, bis zu vierundzwanzig Stunden am Stück,
111
je nach Gewicht des betreffenden Jungen -«
»- und je nach Attraktivität des Mädchens«, sagte George, der
plötzlich wieder neben ihnen auftauchte. »Aber an unsere Schwes-
ter verkaufen wir die nicht«, fügte er hinzu und wurde plötzlich
streng, »nicht, wenn sie schon zirka fünf Jungs am Laufen hat, nach
dem, was wir -«
»Was auch immer ihr von Ron gehört habt, ist eine dicke, fette
Lüge«, sagte Ginny gelassen, beugte sich vor und nahm eine kleine
rosa Tube aus dem Regal. »Was ist das?«
»Zehn-Sekunden-Pustel-Entferner mit Garantie«, sagte Fred.
»Wirkt hervorragend bei allem Möglichen, Furunkel bis Mitesser,
aber lenk jetzt nicht ab. Gehst du zurzeit mit einem Jungen namens
Dean Thomas oder nicht?«
»Ja, allerdings«, sagte Ginny. »Und als ich das letzte Mal nachge-
schaut hab, war er definitiv nur ein Junge, nicht fünf. Was ist das?«
Sie deutete auf eine Anzahl flaumiger Bällchen in verschiedenen
Rosa- und Violetttönen, die auf dem Boden eines Käfigs umherroll-
ten und schrille Quiektöne von sich gaben.
»Minimuffs«, sagte George. »Kleine Knuddelmuffs, wir können sie
gar nicht schnell genug nachzüchten. Und was ist mit Michael
Corner?«
»Ich hab mit ihm Schluss gemacht, er war ein schlechter Verlie-
rer«, sagte Ginny, steckte einen Finger durch die Gitterstäbe des
Käfigs und sah zu, wie sich die Minimuffs darumdrängten. »Die
sind echt süß!«
»Die sind ziemlich knuddelig, ja«, räumte Fred ein. »Aber wech-
selst du deine Freunde nicht ein bisschen arg schnell?«
Ginny wandte sich um und sah ihn an, die Hände in die Hüften
gestemmt. Sie hatte den typischen zornfunkelnden Mrs-Weasley-
Blick aufgesetzt, so dass Harry sich wunderte, warum Fred nicht
zurückwich.
»Das geht dich nichts an. Und
dir wäre ich dankbar«, sagte sie
wütend zu Ron, der gerade voll beladen mit Sachen an Georges
Seite aufgetaucht war, »wenn du diesen beiden hier keine Ge-
schichten mehr über mich erzählen würdest!«
»Das macht drei Galleonen, neun Sickel und einen Knut«, sagte
112
Fred mit prüfendem Blick auf die vielen Schachteln in Rons Ar-
men. »Her damit.«
»Ich bin dein Bruder!«
»Und das sind unsere Sachen, die du da klaust. Drei Galleonen,
neun Sickel. Den Knut schenk ich dir.«
»Aber ich hab keine drei Galleonen und neun Sickel!«
»Dann stellst du am besten alles wieder zurück, und, bitte, in die
richtigen Regale.«
Ron ließ mehrere Schachteln fallen, fluchte und machte in Freds
Richtung eine rüde Geste, die unglücklicherweise Mrs Weasley
mitbekam, als sie ausgerechnet in diesem Moment auftauchte.
»Wenn ich das noch mal bei dir sehe, hex ich dir die Finger zu-
sammen«, sagte sie bissig.
»Mum, kann ich einen Minimuff haben?«, fragte Ginny sofort.
»Einen was?«, erwiderte Mrs Weasley misstrauisch.
»Schau mal, die sind so süß …«
Mrs Weasley ging ein Stück zur Seite, um sich die Minimuffs an-
zusehen, und Harry, Ron und Hermine hatten einen Moment lang
einen ungehinderten Blick aus dem Fenster. Draco Malfoy eilte
allein die Straße entlang. Als er an
Weasleys Zauberhafte Zauber-
scherze vorüberging, schaute er kurz über die Schulter. Sekunden
später war er am Fenster vorbei und sie verloren ihn aus den Au-
gen.
»Wo wohl seine Mami ist?«, sagte Harry stirnrunzelnd.
»Wie's aussieht, ist er ihr entwischt«, erwiderte Ron.
»Aber warum?«, sagte Hermine.
Harry sagte nichts; er dachte angestrengt nach. Narzissa Malfoy
hatte ihren Schatz von einem Sohn bestimmt nicht freiwillig aus
den Augen gelassen; Malfoy musste sich mit Müh und Not aus ih-
ren Klauen befreit haben. Harry kannte und hasste Malfoy, er war
sicher, dass der Grund dafür nicht harmlos sein konnte.
Er sah sich um. Mrs Weasley und Ginny waren über die Mini-
muffs gebeugt. Mr Weasley studierte entzückt ein Päckchen ge-
zinkter Muggelspielkarten. Fred und George berieten Kunden.
Draußen vor dem Fenster stand Hagrid mit dem Rücken zu ihnen
und spähte die Straße auf und ab.
113
»Hier drunter, schnell«, sagte Harry und zog den Tarnumhang aus
seiner Tasche.
»Oh - ich weiß nicht, Harry«, sagte Hermine und blickte unsicher
zu Mrs Weasley.
»Komm schon!«, sagte Ron.
Sie zögerte noch einen Moment, dann schlüpfte sie mit Harry
und Ron unter den Tarnumhang. Niemand bemerkte ihr Ver-
schwinden; alle waren viel zu sehr an Freds und Georges Produk-
ten interessiert. Harry, Ron und Hermine zwängten sich so rasch
sie konnten zur Tür hinaus, doch als sie auf die Straße kamen, war
Malfoy bereits genauso erfolgreich verschwunden wie sie.
»Er ist in diese Richtung gegangen«, murmelte Harry so leise wie
möglich, damit der summende Hagrid sie nicht hören konnte. »Los,
kommt.«
Sie hasteten davon und lugten links und rechts durch Schaufens-
ter und Türen, bis Hermine nach vorn deutete.
»Das ist er, oder?«, flüsterte sie. »Der nach links abbiegt?«
»Wer hätte das gedacht«, flüsterte Ron.
Denn Malfoy hatte sich überall umgeschaut und war dann in die
Nokturngasse gehuscht und auf und davon.
»Schnell, sonst verlieren wir ihn«, sagte Harry und beschleunigte
seine Schritte.
»So sieht man unsere Füße!«, meinte Hermine besorgt, da der
Umhang nun leicht um ihre Knöchel flatterte; es war inzwischen
viel schwieriger, sich zu dritt darunter zu verstecken.
»Das macht nichts«, sagte Harry ungeduldig. »Beeilt euch ein-
fach.«
Aber die Nokturngasse, die Seitenstraße, die den dunklen Küns-
ten vorbehalten war, wirkte völlig ausgestorben. Im Vorübergehen
spähten sie durch Fenster, aber in keinem der Läden schien auch
nur ein Kunde zu sein. Harry vermutete, es könnte in diesen ge-
fährlichen Zeiten des Misstrauens ein wenig verräterisch sein,
schwarzmagische Artefakte zu kaufen - oder gar dabei gesehen zu
werden.
Hermine zwickte ihn kräftig in den Arm.
»Autsch!«
114
»Schhh! Sieh mal! Er ist dadrin!«, hauchte sie Harry ins Ohr.
Sie waren zu dem einzigen Laden in der Nokturngasse gelangt,
den Harry je besucht hatte:
Borgin und Burkes, wo eine große
Auswahl an unheimlichen Gegenständen verkauft wurde. Dort
stand inmitten von Kästen voller Totenköpfe und alter Flaschen
Draco Malfoy mit dem Rücken zu ihnen, gerade noch sichtbar hin-
ter demselben großen schwarzen Schrank, in dem sich Harry einst
vor Malfoy und seinem Vater versteckt hatte. Malfoys Handbewe-
gungen nach zu schließen, redete er gerade lebhaft. Der Ladenbe-
sitzer, Mr Borgin, ein buckliger Mann mit fettigen Haaren, stand
Malfoy gegenüber. Eine sonderbare Mischung aus Unmut und
Furcht war ihm ins Gesicht geschrieben.
»Wenn wir nur hören könnten, was sie sagen!«, sagte Hermine.
»Können wir!«, entgegnete Ron aufgeregt. »Warte - verdammt -«
Er ließ noch ein paar von den Schachteln fallen, die er nach wie
vor an sich gedrückt hielt, während er an der größten he-
rumfingerte.
»Langziehohren, seht mal!«
»Phantastisch!«, sagte Hermine, als Ron die langen, fleisch-
farbenen Schnüre auseinander rollte und sie zum unteren Türrand
zu schieben begann. »Oh, hoffentlich ist die Tür nicht impertur-
biert -«
»Nein!«, sagte Ron erfreut. »Hört mal!«
Sie steckten die Köpfe zusammen und lauschten angestrengt an
den Schnurenden, durch die Malfoys Stimme laut und deutlich zu
vernehmen war, als wäre ein Radio angestellt worden.
»… Sie wissen, wie man das repariert?«
»Vielleicht«, sagte Borgin, in einem Ton, der klang, als ob er sich
lieber nicht darauf festlegen wollte. »Ich muss es allerdings sehen.
Warum bringen Sie es nicht mit in den Laden?«
»Das geht nicht«, sagte Malfoy. »Es muss bleiben, wo es ist. Sie
müssen mir nur erklären, wie es geht.«
Harry sah, wie Borgin sich nervös über die Lippen leckte.
»Nun, auch ohne es gesehen zu haben, kann ich sagen, dass die
Sache äußerst schwierig werden wird, vielleicht unmöglich. Ich
könnte für nichts garantieren.«
115
»Nein?«, sagte Malfoy, und Harry erkannte schon an seinem Ton-
fall, dass er höhnisch grinste. »Vielleicht wird Sie das hier zuver-
sichtlicher stimmen.«
Er näherte sich Borgin und der Schrank verdeckte die Sicht auf
ihn. Harry, Ron und Hermine rückten ein Stück seitwärts, um ihn
möglichst wieder zu Gesicht zu bekommen, doch sie konnten nur
den sehr verängstigt wirkenden Borgin sehen.
»Wenn Sie das irgendjemandem verraten«, sagte Malfoy, »werden
Sie dafür bezahlen. Kennen Sie Fenrir Greyback? Er ist ein Freund
der Familie und wird von Zeit zu Zeit vorbeikommen, um dafür zu
sorgen, dass Sie dieser Angelegenheit Ihre volle Aufmerksamkeit
widmen.«
»Es wird nicht nötig sein, zu -«
»Das entscheide ich«, sagte Malfoy. »Also, ich geh jetzt besser.
Und vergessen Sie nicht - geben Sie
das hier bloß nicht weg, ich
werde es noch brauchen.«
»Möchten Sie es vielleicht jetzt gleich mitnehmen?«
»Nein, natürlich will ich das nicht, Sie dummer Wicht, wie wür-
de das denn aussehen, wenn ich auf der Straße damit rumlaufen
würde? Verkaufen Sie es einfach nicht.«
»Natürlich nicht … Sir.«
Borgin machte eine tiefe Verbeugung, genau wie damals, als Har-
ry ihn mit Lucius Malfoy beobachtet hatte.
»Kein Wort zu irgendwem, Borgin, auch nicht zu meiner Mutter,
verstanden?«
»Natürlich, natürlich«, murmelte Borgin und verbeugte sich ein
weiteres Mal.
Einen Moment später klingelte die Türglocke laut, und Malfoy
stolzierte mit höchst selbstzufriedener Miene aus dem Laden. Er
kam so dicht an Harry, Ron und Hermine vorbei, dass sie erneut
den Tarnumhang um die Knie flattern spürten. Drinnen im Laden
stand Borgin reglos da; sein schmieriges Lächeln war verschwun-
den; er wirkte besorgt.
»Was sollte das denn bedeuten?«, flüsterte Ron und wickelte die
Langziehohren auf.
»Keine Ahnung«, sagte Harry und dachte scharf nach. »Er will,
116
dass irgendetwas repariert wird … und er will dort drin etwas für
sich reserviert haben … Konntest du sehen, auf was er gezeigt hat,
als er ›das hier‹ sagte?«
»Nein, er war hinter diesem Schrank -«
»Ihr beide bleibt hier«, flüsterte Hermine.
»Was hast du -?«
Aber Hermine war schon unter dem Tarnumhang hervor-
geschlüpft. Sie überprüfte kurz ihre Frisur in der spiegelnden Fens-
terscheibe, und dann marschierte sie in den Laden und ließ erneut
die Glocke klingeln. Ron schob die Langziehohren hastig wieder
unter die Tür und reichte eine der Schnüre Harry.
»Hallo, schreckliches Wetter heute Morgen, nicht wahr?«, sagte
Hermine munter zu Borgin, der nicht antwortete, sondern ihr ei-
nen misstrauischen Blick zuwarf. Fröhlich summend schlenderte
Hermine zwischen den wild durcheinander stehenden Dingen um-
her.
»Ist dieses Halsband zu verkaufen?«, fragte sie und hielt neben ei-
ner Vitrine inne.
»Wenn Sie eineinhalbtausend Galleonen haben«, sagte Borgin
kühl.
»Oh - ähm - nein, ganz so viel hab ich nicht«, sagte Hermine und
ging weiter. »Und … was ist mit diesem wunderbaren - ähm - To-
tenkopf?«
»Sechzehn Galleonen.«
»Also ist er zu verkaufen? Er ist nicht für jemanden … re-
serviert?«
Borgin sah sie schräg an. Harry hatte das ungute Gefühl, dass
Borgin genau wusste, worauf Hermine hinauswollte. Offenbar
spürte auch Hermine, dass er ihr auf die Schliche gekommen war,
denn sie ließ plötzlich alle Vorsicht außer Acht.
»Die Sache ist die, dieser - ähm -Junge, der gerade eben hier drin
war, Draco Malfoy, also, der ist ein Freund von mir und ich will
ihm ein Geburtstagsgeschenk besorgen, aber wenn er schon was
reserviert hat, will ich ihm natürlich nicht das Gleiche kaufen, also
… äh …«
Das war in Harrys Augen eine ziemlich schwache Geschichte,
117
und offenbar dachte Borgin das auch.
»Raus«, sagte er schneidend. »Verschwinde!«
Hermine ließ sich das nicht zweimal sagen, sondern hastete zur
Tür, Borgin dicht hinter ihr. Als die Glocke erneut klingelte, schlug
Borgin die Tür hinter Hermine zu und hängte das »Geschlossen«-
Schild auf.
»Na ja«, sagte Ron und warf den Tarnumhang wieder über Her-
mine. »Einen Versuch war's wert, aber du warst leicht zu durch-
schauen -«
»Dann zeigst du mir eben nächstes Mal, wie man es macht, Meis-
ter der Mysterien!«, fauchte sie.
Ron und Hermine zankten sich den ganzen Weg zurück bis zuWeasleys Zauberhafte Zauberscherze, wo sie schließlich aufhören
mussten, um unbemerkt an der äußerst besorgt dreinblickenden
Mrs Weasley und an Hagrid vorbeischlüpfen zu können, denen
ihre Abwesenheit offensichtlich aufgefallen war. Sobald sie im La-
den waren, riss Harry den Tarnumhang herunter, versteckte ihn in
seiner Tasche und schloss sich den beiden anderen an, die auf Mrs
Weasleys Anschuldigungen hin steif und fest behaupteten, sie seien
die ganze Zeit im Hinterzimmer gewesen und sie habe bestimmt
nicht richtig nachgesehen.
118
Der Slug-Klub
In der letzten Ferienwoche sann Harry häufig darüber nach, was
Malfoys Verhalten in der Nokturngasse wohl zu bedeuten hatte.
Am meisten beunruhigte ihn der zufriedene Ausdruck auf Malfoys
Gesicht, als er den Laden verlassen hatte. Was immer Malfoy so
froh aussehen ließ, es konnte nichts Gutes verheißen. Harry ärger-
te sich allerdings ein wenig, dass Ron und Hermine nicht genauso
neugierig waren wie er herauszufinden, was es mit Malfoys Ma-
chenschaften auf sich hatte; zumindest schien es sie nach einigen
Tagen zu langweilen, darüber zu sprechen.
»Ja, ich glaub doch auch, dass da irgendwas faul war, Harry«, sag-
te Hermine leicht ungeduldig. Sie saß auf dem Fenstersims in Freds
und Georges Zimmer, die Füße auf einem der Kartons, und sah nur
widerwillig von ihrem neuen Exemplar
Runenübersetzung für
Fortgeschrittene auf. »Aber waren wir uns nicht einig, dass es eine
Menge Erklärungen dafür geben könnte?«
»Vielleicht ist ihm seine Hand des Ruhmes kaputtgegangen«, sag-
te Ron vage, während er versuchte, die gekrümmten Zweige seines
Besenschweifs gerade zu biegen. »Erinnert ihr euch noch an den
Schrumpfarm, den Malfoy mal hatte?«
»Aber was meinte er, als er sagte: ›Vergessen Sie nicht, geben Siedas hie
r bloß nicht weg‹?«, fragte Harry zum x-ten Mal. »Für mich
klang das so, als hätte Borgin noch einen anderen von den kaputten
Gegenständen, und Malfoy wollte beide haben.«
»Glaubst du?«, sagte Ron und begann jetzt, ein wenig Schmutz
von seinem Besenstiel zu kratzen.
»Jaah, allerdings«, sagte Harry. Als weder Ron noch Hermine
antworteten, fuhr er fort: »Malfoys Vater sitzt in Askaban. Meint
ihr nicht, dass Malfoy sich gerne rächen würde?«
Ron sah blinzelnd auf.
»Malfoy und sich rächen? Wie will er das hinkriegen?«
»Das ist genau mein Punkt, ich weiß es nicht!«, sagte Harry frust-
riert. »Aber er hat irgendwas vor und ich glaube, wir sollten es
ernst nehmen. Sein Vater ist ein Todesser und -«
119
Harry hielt inne und starrte mit offenem Mund auf das Fenster
hinter Hermine. Ihm war eben ein erschreckender Gedanke ge-
kommen.
»Harry«, sagte Hermine mit besorgter Stimme. »Ist irgendwas
nicht in Ordnung?«
»Deine Narbe tut nicht wieder weh, oder?«, fragte Ron nervös.
»Er ist ein Todesser«, sagte Harry langsam. »Er hat den Platz sei-
nes Vaters als Todesser eingenommen!«
Stille trat ein, dann brach Ron in Gelächter aus.
»Malfoy? Er ist sechzehn, Harry! Du glaubst, Du-weißt-schon-
wer würde
Malfoy bei sich aufnehmen?«
»Das ist sehr unwahrscheinlich, Harry«, sagte Hermine in stren-
gem Ton. »Warum denkst du -?«
»Bei Madam Malkin. Sie hat ihn nicht berührt, aber er hat ge-
schrien und seinen Arm von ihr weggezogen, als sie seinen Ärmel
hochrollen wollte. Es war sein linker Arm. Das Dunkle Mal ist dar-
in eingebrannt.«
Ron und Hermine sahen sich an.
»Also …«, sagte Ron, er klang keineswegs überzeugt.
»Ich glaube, er wollte einfach da raus, Harry«, sagte Hermine.
»Er hat Borgin etwas gezeigt, das wir nicht sehen konnten«,
drängte Harry hartnäckig weiter. »Etwas, das Borgin richtig Angst
gemacht hat. Es war das Mal, ich weiß es - er zeigte Borgin, mit
wem er es zu tun hatte, ihr habt doch gesehen, dass Borgin ihn sehr
ernst nahm!«
Ron und Hermine tauschten wieder einen Blick.
»Ich bin nicht sicher, Harry …«
»Jaah, ich glaub immer noch nicht, dass Du-weißt-schon-wer
Malfoy bei sich aufnehmen würde …«
Ärgerlich, aber vollkommen überzeugt davon, dass er Recht hat-
te, schnappte sich Harry einen Haufen schmutziger Quidditch-
Umhänge und verließ das Zimmer; Mrs Weasley hatte sie schon
seit Tagen dringend gebeten, das Waschen und Packen nicht bis
zum letzten Moment hinauszuschieben. Auf dem Treppenabsatz
stieß er mit Ginny zusammen, die mit einem Stapel frisch gewa-
schener Wäsche auf dem Weg zurück in ihr Zimmer war.
120
»Ich würde jetzt nicht in die Küche gehen«, warnte sie ihn. »Da
ist alles voll geschleimt.«
»Ich pass auf, dass ich nicht drauf ausrutsche.« Harry lächelte.
Und tatsächlich, als er in die Küche kam, sah er Fleur am Tisch
sitzen und begeistert Pläne für ihre Hochzeit mit Bill schmieden,
während Mrs Weasley, offenbar schlecht gelaunt, einen Berg sich
selbst putzenden Rosenkohl überwachte.
»… Bill und isch 'aben uns schon fast entschieden, dass wir nur
swei Brautjungfern wollen, Ginny und Gabrielle werden susammen
sehr süß ausse'en. Isch denke, isch werde sie in Mattgold kleiden -
Rosa wäre bei Ginnys 'aaren natürlisch fürschterlisch -«
»Ah, Harry!«, platzte Mrs Weasley laut in Fleurs Monolog hinein.
»Schön, ich wollte dir die Sicherheitsvorkehrungen für die morgige
Reise nach Hogwarts erklären. Wir haben wieder Wagen vom Mi-
nisterium, und Auroren erwarten uns am Bahnhof-«
»Wird Tonks auch dort sein?«, fragte Harry und reichte ihr seine
Quidditch-Sachen.
»Nein, ich glaube nicht, nach dem, was Arthur sagt, ist sie an-
derswo stationiert worden.«
»Sie 'at sisch ge'en lassen, diese Tonks«, sann Fleur vor sich hin,
während sie ihr überwältigendes Spiegelbild auf der Rückseite ei-
nes Teelöffels begutachtete. »Ein großer Feeler, wenn ihr misch -«
»Ja,
vielen Dank«, unterbrach Mrs Weasley Fleur noch einmal
säuerlich. »Du solltest dich jetzt beeilen, Harry, ich will, dass die
Koffer möglichst heute Abend fertig sind, damit wir nicht wieder
das übliche Gehetze in letzter Minute haben.«
Und tatsächlich verlief ihre Abreise am nächsten Morgen glatter
als sonst. Die Ministeriumswagen fuhren vor dem Eingang des
Fuchsbaus vor, wo schon alle warteten: die Koffer gepackt, Hermi-
nes Katze Krummbein sicher in ihrem Reisekörbchen unterge-
bracht und Hedwig, Rons Eule Pigwidgeon und Ginnys neuer lila
Minimuff Arnold in Käfigen.
»Au revoir, 'Arry«, sagte Fleur kehlig und küsste ihn zum Ab-
schied. Ron stürmte mit hoffnungsvoller Miene hinterher, aber
Ginny streckte ihren Fuß aus und Ron landete der Länge nach im
Staub zu Fleurs Füßen. Wutentbrannt, mit rotem Gesicht und vol-
121
ler Dreck hastete er in den Wagen, ohne sich zu verabschieden.
Am Bahnhof King's Cross wartete kein gut gelaunter Hagrid auf
sie. Stattdessen traten zwei bärtige Auroren mit grimmigen Gesich-
tern und in dunklen Muggelanzügen vor, als die Wagen hielten; sie
nahmen die Gruppe zwischen sich und geleiteten sie wortlos in den
Bahnhof.
»Schnell, schnell, durch die Absperrung«, sagte Mrs Weasley, die
angesichts dieser nüchternen Effizienz anscheinend etwas nervös
geworden war. »Harry soll am besten zuerst gehen, mit -«
Sie blickte fragend einen der Auroren an, der kurz nickte, Harry
am Oberarm packte und versuchte, ihn zur Absperrung zwischen
Bahnsteig neun und zehn zu bugsieren.
»Ich kann alleine gehen, danke«, sagte Harry gereizt und riss sei-
nen Arm aus dem Griff des Auroren. Er schob seinen Gepäckwagen
direkt auf die feste Absperrung zu, ohne auf seinen stummen Be-
gleiter zu achten, und fand sich eine Sekunde später auf Bahnsteig
neundreiviertel wieder, wo der scharlachrote Hogwarts-Express
stand und Dampf über die Menge blies.
Hermine und die Weasleys stießen Sekunden später zu ihm. Har-
ry hielt sich nicht damit auf, seinen Auroren mit dem grimmigen
Gesicht um Erlaubnis zu fragen, sondern gab Ron und Hermine ein
Zeichen, ihm über den Bahnsteig zu folgen und ein leeres Abteil zu
suchen.
»Wir können nicht, Harry«, sagte Hermine mit bedauernder
Miene. »Ron und ich müssen erst in den Waggon mit den Vertrau-
ensschülern und dann eine Weile die Gänge kontrollieren.«
»Ach ja, hab ich ganz vergessen«, erwiderte Harry.
»Ihr steigt jetzt am besten gleich in den Zug, und zwar alle, ihr
habt nur noch ein paar Minuten Zeit«, sagte Mrs Weasley, während
sie auf ihre Uhr sah. »Also dann, viel Spaß in der Schule, Ron …«
»Mr Weasley, kann ich einen Augenblick mit Ihnen reden?«, sag-
te Harry kurz entschlossen.
»Natürlich«, sagte Mr Weasley; er wirkte ein wenig überrascht,
folgte Harry aber trotzdem, bis sie außer Hörweite der anderen
waren.
Harry hatte alles gründlich durchdacht und war zu dem Schluss
122
gekommen, dass, wenn er es jemandem sagen müsste, Mr Weasley
der Richtige wäre. Erstens, weil er im Ministerium arbeitete und
deshalb am besten in der Lage war, weitere Nachforschungen anzu-
stellen, und zweitens, weil Harry das Risiko für nicht allzu groß
hielt, dass Mr Weasley vor Zorn explodierte.
Während sie sich entfernten, konnte er sehen, wie Mrs Weasley
und der grimmig dreinschauende Auror ihnen beiden argwöhni-
sche Blicke zuwarfen.
»Als wir in der Winkelgasse waren -«, fing Harry an, aber Mr
Weasley unterbrach ihn mit einer Grimasse.
»Jetzt erfahre ich wohl gleich, wohin du, Ron und Hermine ver-
schwunden seid, während ihr angeblich im Hinterzimmer von
Freds und Georges Laden wart?«
»Wie haben Sie das -?«
»Harry, bitte. Du sprichst mit dem Mann, der Fred und George
großgezogen hat.«
»Ähm … jaah, na gut, wir waren nicht im Hinterzimmer.«
»Also schön, dann leg los, ich bin auf das Schlimmste gefasst.«
»Nun, wir sind Draco Malfoy gefolgt. Wir haben meinen Tarn-
umhang benutzt.«
»Hattet ihr irgendeinen bestimmten Grund dafür, oder war es nur
aus einer Laune heraus?«
»Ich dachte, Malfoy führt irgendwas im Schilde«, sagte Harry und
achtete nicht weiter auf Mr Weasleys Gesicht, auf dem sich eine
Mischung aus Wut und Belustigung abzeichnete. »Er war seiner
Mutter entwischt und ich wollte wissen, warum.«
»Natürlich wolltest du das«, sagte Mr Weasley mit resignierter
Stimme. »Und? Hast du herausgefunden, warum?«
»Er ist zu
Borgin und Burkes gegangen«, sagte Harry, »und hat
Borgin, den Typen dort, drangsaliert, damit er ihm hilft, etwas zu
reparieren. Und Borgin sollte etwas anderes für ihn zurückbehal-
ten. Es hörte sich an, als wäre es das Gleiche wie das, was repariert
werden musste. Als ob beide zusammengehören würden. Und …«
Harry holte tief Luft.
»Da ist noch was. Wir haben gesehen, wie Malfoy fast an die De-
cke ging, als Madam Malkin seinen linken Arm anfassen wollte. Ich
123
glaube, ihm wurde das Dunkle Mal eingebrannt. Ich glaube, er hat
den Platz seines Vaters als Todesser eingenommen.«
Mr Weasley wirkte überrascht. Nach einer Weile sagte er: »Har-
ry, ich bezweifle, dass Du-weißt-schon-wer es einem Sechzehnjäh-
rigen erlauben würde -«
»Weiß eigentlich irgendjemand genau, was Du-weißt-schon-wer
tun oder lassen würde?«, fragte Harry zornig. »Mr Weasley, tut mir
Leid, aber würde es sich nicht lohnen, der Sache nachzugehen?
Wenn Malfoy etwas repariert haben will und er deswegen Borgin
bedrohen muss, ist es wahrscheinlich etwas Schwarzmagisches oder
Gefährliches, oder?«
»Ehrlich gesagt, bezweifle ich das, Harry«, sagte Mr Weasley
langsam. »Sieh mal, als Lucius Malfoy festgenommen wurde, haben
wir sein Haus durchsucht. Wir haben alles mitgenommen, was
möglicherweise gefährlich war.«
»Ich glaube, Sie haben etwas übersehen«, sagte Harry stur.
»Nun ja, vielleicht«, sagte Mr Weasley, aber Harry spürte, dass er
ihm nur nicht widersprechen wollte.
Hinter ihnen war ein Pfiff zu hören; fast alle waren in den Zug
gestiegen und die Türen schlossen sich.
»Du solltest dich beeilen«, sagte Mr Weasley, und Mrs Weasley
rief: »Schnell, Harry!«
Er stürzte los, und Mr und Mrs Weasley halfen ihm, seinen Kof-
fer in den Zug zu laden.
»Nun, mein Lieber, über Weihnachten kommst du zu uns, es ist
alles mit Dumbledore besprochen, wir sehen uns also ziemlich bald
wieder«, sagte Mrs Weasley durchs Fenster, als Harry die Tür hin-
ter sich zuschlug und der Zug sich in Bewegung setzte. »Pass gut
auf dich auf und -«
Der Zug wurde schneller.
»- sei brav und -«
Sie lief jetzt neben dem Zug her.
»- bring dich nicht in Gefahr!«
Harry winkte, bis der Zug eine Kurve genommen hatte und Mr
und Mrs Weasley nicht mehr zu sehen waren, dann ging er nach-
schauen, wo die anderen geblieben waren. Vermutlich hatten sich
124
Ron und Hermine in den Waggon mit den Vertrauensschülern
verzogen, aber Ginny stand etwas weiter hinten im Gang und plau-
derte mit ein paar Freunden. Er ging auf sie zu und schleifte dabei
seinen Koffer hinter sich her.
Die Leute starrten ihn schamlos an, als er näher kam. Sie drück-
ten sogar die Gesichter gegen die Scheiben ihrer Abteiltüren, um
einen Blick auf ihn zu erhaschen. Nach all den Gerüchten im
Ta-
gespropheten über den »Auserwählten« hatte er damit gerechnet,
dass er in diesem Schuljahr noch mehr Gestaune und Gegaffe wür-
de ertragen müssen, doch das Gefühl, in hellstem Scheinwerferlicht
zu stehen, behagte ihm nicht. Er klopfte Ginny auf die Schulter.
»Wollen wir ein Abteil zusammen suchen?«
»Ich kann nicht, Harry, ich bin mit Dean verabredet«, sagte Gin-
ny munter. »Bis später!«
»Okay«, sagte Harry. Er spürte einen merkwürdigen Anflug von
Unmut, als Ginny davonging und ihr langes rotes Haar hinter ihr
hertanzte. Er hatte sich den Sommer über so an ihre Gegenwart
gewöhnt, dass er fast vergessen hatte, dass sie in der Schule nicht
mit ihm, Ron und Hermine zusammen herumhing. Dann blinzelte
er und schaute sich um: Er war von begeisterten Mädchen umringt.
»Hi, Harry!«, sagte eine vertraute Stimme hinter ihm.
»Neville!«, antwortete Harry erleichtert, drehte sich um und sah,
wie ein Junge mit rundem Gesicht sich zu ihm durchkämpfte.
»Hallo, Harry«, sagte ein Mädchen mit langen Haaren und gro-
ßen, verschleierten Augen dicht hinter Neville.
»Luna, hi, wie geht's?«
»Sehr gut, danke«, sagte Luna. Sie hielt ein Magazin an die Brust
gedrückt; große Buchstaben auf der Titelseite verkündeten, dass als
Gratisbeilage eine Gespensterbrille darin enthalten war.
»Der Klitterer läuft also immer noch gut?«, fragte Harry, der das
Magazin irgendwie mochte, seit er ihm im vorigen Jahr ein Exklu-
sivinterview gegeben hatte.
»O ja, die Auflage ist ganz schön hochgegangen«, sagte Luna
glücklich.
»Lasst uns Plätze suchen«, sagte Harry, und die drei machten sich
auf den Weg den Zug entlang, mitten durch Horden stumm star-
125
render Schüler. Schließlich fanden sie ein leeres Abteil, und Harry
schlüpfte erleichtert hinein.
»Die starren sogar
uns an«, sagte Neville und deutete auf sich und
Luna, »weil wir mit dir zusammen sind!«
»Die starren euch an, weil ihr auch im Ministerium wart«, sagte
Harry, während er seinen Koffer auf die Gepäckablage wuchtete.
»Unser kleines Abenteuer war ganz groß im
Tagespropheten, wie
du sicher gesehen hast.«
»Ja, ich dachte, Oma würde wegen all dem Trubel sauer sein«,
erwiderte Neville, »aber sie hat sich richtig gefreut. Sie sagte, dass
ich meinem Vater endlich Ehre machen würde. Sie hat mir einen
neuen Zauberstab gekauft, sieh mal!«
Er zog ihn hervor und zeigte ihn Harry.
»Kirsche und Einhornhaar«, sagte er stolz. »Wir glauben, dass es
einer der letzten war, die Ollivander verkauft hat, am nächsten Tag
ist er verschwunden - hey, komm zurück, Trevor!«
Und er tauchte unter dem Sitz ab, um seine Kröte zurückzuholen,
die gerade einen ihrer häufigen Versuche unternahm, in die Frei-
heit zu gelangen.
»Machen wir dieses Jahr wieder DA-Treffen, Harry?«, fragte Lu-
na, die gerade eine psychedelische Brille aus dem Mittelteil desKlitterers herauslöste.
»Hat jetzt keinen Sinn mehr, weil wir Umbridge losgeworden
sind, oder?«, sagte Harry und setzte sich. Neville stieß mit dem
Kopf gegen den Sitz, als er darunter hervorkam. Er sah schwer ent-
täuscht aus.
»Ich mochte die DA! Ich hab eine Menge bei dir gelernt!«
»Mir haben die Treffen auch gefallen«, sagte Luna heiter. »Es war,
als ob ich Freunde hätte.«
Das war eine jener unangenehmen Äußerungen, die oft von Luna
zu hören waren und bei denen Harry eine qualvolle Mischung aus
Mitleid und Verlegenheit empfand. Doch ehe er antworten konnte,
gab es draußen vor ihrer Abteiltür einen Tumult; hinter der Schei-
be steckte eine Schar Viertklässlerinnen tuschelnd und kichernd
die Köpfe zusammen.
»Du fragst ihn!«
126
»Nein, du!«
»Ich mach's!«
Und eine von ihnen, ein wagemutig aussehendes Mädchen mit
großen dunklen Augen, einem markanten Kinn und langem
schwarzem Haar, schob sich durch die Tür.
»Hi, Harry, ich bin Romilda, Romilda Vane«, sagte sie laut und
selbstsicher. »Warum kommst du nicht zu uns ins Abteil? Du
brauchst nicht bei
denen hier zu sitzen«, fügte sie unüberhörbar
flüsternd hinzu und deutete auf Nevilles Hintern, der wieder unter
dem Sitz hervorragte, während Neville nach Trevor herumtastete,
und auf Luna, die jetzt ihre Gratis-Gespensterbrille trug, die ihr das
Aussehen einer durchgeknallten bunten Eule verlieh.
»Das sind Freunde von mir«, sagte Harry kühl.
»Oh«, sagte das Mädchen äußerst überrascht. »Oh. Okay.«
Und sie ging wieder und schob die Tür hinter sich zu.
»Die andern erwarten von dir, dass du coolere Freunde als uns
hast«, sagte Luna und bewies damit erneut ihr Talent, unangenehm
ehrlich zu sein.
»Ihr seid cool«, sagte Harry kurz angebunden. »Keiner von denen
war im Ministerium. Die haben nicht mit mir gekämpft.«
»Das ist sehr nett, dass du das sagst.« Luna strahlte, schob ihre
Gespensterbrille ein Stück weiter die Nase hoch und widmete sich
der Lektüre des
Klitterers.
»Wir haben aber nicht
ihm die Stirn geboten«, sagte Neville, der
mit Fusseln und Staub in den Haaren und einem resigniert wirken-
den Trevor in der Hand unter dem Sitz hervorkam. »Du schon. Du
solltest mal hören, wie meine Oma über dich redet.
›Dieser Harry
Potter hat mehr Rückgrat als das ganze Zaubereiministerium zu-
sammen!‹ Sie würde alles dafür geben, dich als Enkel zu haben …«
Harry lachte verlegen und wechselte sobald er konnte zum The-
ma ZAG-Resultate. Während Neville seine Noten aufzählte und
laut darüber nachdachte, ob er wohl einen UTZ-Kurs in Verwand-
lung belegen dürfe, wo er doch nur ein »Annehmbar« habe, beo-
bachtete ihn Harry, ohne ihm wirklich zuzuhören.
Nevilles Kindheit war von Voldemort zerstört worden, genau wie
die Harrys, aber Neville ahnte nicht, dass er beinahe Harrys Schick-
127
sal gehabt hätte. Die Prophezeiung hätte sich sowohl auf Harry als
auch auf Neville beziehen können, doch Voldemort hatte es aus
eigenen, unerforschlichen Gründen vorgezogen, zu glauben, dass
Harry derjenige war, den sie betraf.
Hätte Voldemort Neville gewählt, dann würde Neville jetzt Harry
gegenübersitzen und trüge eine blitzförmige Narbe und die Last der
Prophezeiung … oder etwa nicht? Wäre Nevilles Mutter etwa ge-
storben, um ihn zu retten, wie Lily für Harry gestorben war? Be-
stimmt wäre sie das … aber was, wenn sie nicht in der Lage gewe-
sen wäre, sich zwischen ihren Sohn und Voldemort zu stellen?
Hätte es dann überhaupt keinen »Auserwählten« gegeben? Ein lee-
rer Sitz dort, wo Neville jetzt saß, und ein narbenloser Harry, dem
seine eigene Mutter, und nicht die von Ron, einen Abschiedskuss
gegeben hätte?
»Alles okay mit dir, Harry? Du siehst so seltsam aus«, sagte Nevil-
le.
Harry schreckte hoch.
»'tschuldigung - ich -«
»Hast du 'nen Schlickschlupf abgekriegt?«, fragte Luna mit-
fühlend und starrte Harry durch ihre gewaltige bunte Brille an.
»Ich - was?«
»Einen Schlickschlupf … die sind unsichtbar, sausen dir durch die
Ohren rein und machen dich ganz wuschig im Kopf«, sagte sie.
»Irgendwie hab ich das Gefühl, dass einer hier rumfliegt.«
Sie klatschte mit den Händen in die Luft, als ob sie große un-
sichtbare Motten verscheuchen wollte. Harry und Neville sahen
sich kurz an und begannen hastig über Quidditch zu reden.
Das Wetter draußen vor den Zugfenstern war so durchwachsen,
wie es den ganzen Sommer über gewesen war; sie fuhren stre-
ckenweise durch kalten Nebel, dann wieder in schwaches klares
Sonnenlicht. Während einer solchen klaren Phase, als die Sonne
fast direkt über ihnen zu sehen war, betraten endlich Ron und
Hermine das Abteil.
»Wenn der Imbisswagen sich nur mal beeilen würde, ich verhun-
gere noch«, sagte Ron sehnsüchtig, ließ sich auf den Sitz neben
Harry fallen und rieb sich den Bauch. »Hi, Neville, hi, Luna. Weißt
128
du was?«, fügte er an Harry gewandt hinzu. »Malfoy macht keinen
Vertrauensschülerdienst. Er sitzt bloß in seinem Abteil mit den
anderen Slytherins rum, wir haben ihn im Vorbeigehen gesehen.«
Harry richtete sich interessiert auf. Es sah Malfoy überhaupt
nicht ähnlich, dass er sich die Chance entgehen ließ, seine Macht
als Vertrauensschüler zu demonstrieren, die er das ganze vorige
Jahr über genüsslich missbraucht hatte.
»Was hat er getan, als er euch gesehen hat?«
»Das Übliche«, sagte Ron gleichgültig und machte Malfoys rüde
Geste mit der Hand nach. »Sieht ihm aber gar nicht ähnlich, oder?
Also -
das schon -«, und er wiederholte die Geste, »aber warum ist
er nicht da draußen und schikaniert Erstklässler?«
»Weiß nicht«, sagte Harry, doch seine Gedanken überschlugen
sich. Machte das nicht den Eindruck, als hätte Malfoy wichtigere
Dinge im Kopf, als jüngere Schüler zu schikanieren?
»Vielleicht war ihm das Inquisitionskommando lieber«, sagte
Hermine. »Vielleicht kommt ihm das Vertrauensschülerleben da-
nach ein wenig lasch vor.«
»Das glaube ich nicht«, sagte Harry. »Ich glaube, er ist -«
Doch ehe er seine Theorie erläutern konnte, glitt die Abteiltür
erneut auf und ein Mädchen aus der dritten Klasse trat atemlos
herein.
»Ich soll das hier Neville Longbottom und Harry P-Potter über-
bringen.« Sie stockte, als sie Harrys Blick begegnete, und lief schar-
lachrot an. Sie streckte ihnen zwei Pergamentrollen entgegen, die
mit violettem Band zugeschnürt waren. Verdutzt nahmen Harry
und Neville jeder die an sie adressierte Rolle entgegen und das
Mädchen stolperte wieder aus dem Abteil.
»Was ist es?«, wollte Ron wissen, als Harry sein Pergament aus-
einander rollte.
»Eine Einladung«, sagte Harry.
129
»Harry,
ich würde mich freuen, wenn Sie mir bei einem kleinen Mit-
tagsimbiss in Abteil C Gesellschaft leisten würden.
Mit freundlichem Gruß
Professor H. E. F. Slughorn«
»Wer ist Professor Slughorn?«, fragte Neville, der ratlos auf seine
eigene Einladung blickte.
»Ein neuer Lehrer«, sagte Harry. »Also, ich schätze, da müssen
wir hin, oder?«
»Aber warum will er mich dabeihaben?«, fragte Neville nervös,
als schwante ihm Nachsitzen.
»Keine Ahnung«, sagte Harry, was nicht ganz zutraf, auch wenn
er noch keinen Beweis dafür hatte, dass sein Verdacht richtig war.
»Hör mal«, fügte er hinzu, einer plötzlichen Eingebung folgend,
»lass uns unter dem Tarnumhang gehen, dann können wir unter-
wegs vielleicht einen ausgiebigen Blick auf Malfoy werfen und
sehen, was er treibt.«
Aus dieser Idee wurde jedoch nichts: Die Gänge waren überfüllt
mit Leuten, die nach dem Imbisswagen Ausschau hielten, und mit
einem Tarnumhang war absolut kein Durchkommen. Harry ver-
staute ihn mit Bedauern wieder in seiner Tasche - es wäre schön
gewesen, ihn zu tragen, schon um all das Gegaffe zu vermeiden, das
offenbar seit seinem letzten Gang durch den Zug sogar noch
schlimmer geworden war. Alle naselang stürzten Schüler aus ihren
Abteilen, um Harry besser anschauen zu können. Die Ausnahme
war Cho Chang, sie verschwand schnell in ihrem Abteil, als sie
Harry kommen sah. Als Harry an ihrem Fenster vorbeiging, sah er
sie in ein intensives Gespräch mit ihrer Freundin Marietta versun-
ken. Marietta trug eine sehr dicke Schicht Make-up, die das son-
derbare Pickelmuster nicht ganz verbarg, das sich immer noch über
ihr Gesicht zog. Mit einem leichten Grinsen schob sich Harry wei-
ter.
Als sie Abteil C erreichten, sahen sie sofort, dass sie nicht die
Einzigen waren, die Slughorn eingeladen hatte, auch wenn Harry,
wie der begeisterte Empfang durch Slughorn vermuten ließ, am
130
sehnlichsten erwartet wurde.
»Harry, mein Junge!«, sagte Slughorn und sprang bei seinem An-
blick auf, so dass sein großer, in Samt gehüllter Bauch den ganzen
restlichen Abteilraum auszufüllen schien. Sein glänzender Glatz-
kopf und sein großer silberner Schnurrbart schimmerten so hell im
Sonnenlicht wie die Goldknöpfe an seiner Weste. »Schön, dass Sie
da sind, schön, dass Sie da sind! Und Sie müssen Mr Longbottom
sein!«
Neville nickte mit ängstlicher Miene. Auf einen Wink von Slug-
horn hin setzten sie sich einander gegenüber auf die einzigen bei-
den leeren Plätze, gleich neben der Tür. Harry warf einen kurzen
Blick auf die anderen Gäste. Er erkannte einen Slytherin aus ihrem
Jahrgang, einen großen schwarzen Jungen mit hohen Wangenkno-
chen und länglichen, schräg stehenden Augen; auch zwei Jungen
aus der siebten Klasse waren da, die Harry nicht kannte, und neben
Slughorn in die Ecke gequetscht, mit einem Gesichtsausdruck, als
wüsste sie nicht recht, wie sie eigentlich hierher gekommen war,
saß Ginny.
»Nun, Sie kennen hier alle?«, fragte Slughorn Harry und Neville.
»Blaise Zabini ist ja in Ihrem Jahrgang -«
Zabini gab kein Zeichen von sich, dass er sie wiedererkannte oder
grüßen wollte, auch Harry und Neville nicht: Gryffindor- und
Slytherin-Schüler hassten einander grundsätzlich.
»Das hier ist Cormac McLaggen, vielleicht sind Sie sich schon mal
über den Weg gelaufen -? Nein?«
McLaggen, ein mächtiger, drahthaariger Junge, hob die Hand,
und Harry und Neville nickten ihm zu.
»- und das ist Marcus Belby, ich weiß nicht, ob -?«
Belby, der dünn und nervös wirkte, zeigte ein gezwungenes Lä-
cheln.
»- und
die
se reizende junge Dame sagt, dass sie Sie kennt!«,
schloss Slughorn.
Ginny schnitt Harry und Neville hinter Slughorns Rücken eine
Grimasse.
»Wunderbar, das ist höchst erfreulich«, sagte Slughorn mit Beha-
gen. »Eine günstige Gelegenheit, Sie alle ein wenig besser kennen
131
zu lernen. Hier, nehmen Sie sich eine Serviette. Ich habe mein ei-
genes Mittagessen mitgebracht, wie ich mich erinnere, ist der Im-
bisswagen etwas lakritzzauberstablastig, und der Verdauungstrakt
eines armen alten Mannes kommt damit nicht besonders gut zu-
recht … Fasan, Belby?«
Belby schreckte hoch und nahm etwas entgegen, das wie ein hal-
ber kalter Fasan aussah.
»Ich erzählte gerade unserem jungen Marcus hier, dass ich das
Vergnügen hatte, seinen Onkel Damocles zu unterrichten«, sagte
Slughorn zu Harry und Neville und reichte nun einen Korb Bröt-
chen herum. »Ein exzellenter Zauberer, exzellent, und sein Merlin-
orden war höchst verdient. Sehen Sie Ihren Onkel häufig, Marcus?«
Unglücklicherweise hatte Belby gerade einen großen Bissen Fa-
san im Mund; in seiner Hast, Slughorn zu antworten, schluckte er
zu schnell hinunter, wurde puterrot und begann zu würgen.
»Anapneo«, sagte Slughorn gelassen und richtete seinen Zauber-
stab auf Belby, dessen Luftröhre offenbar sofort wieder frei wurde.
»Nicht … nicht allzu häufig, nein«, keuchte Belby mit tränenden
Augen.
»Ja, natürlich, ich vermute, er ist sehr beschäftigt«, sagte Slughorn
und sah Belby fragend an. »Den Wolfsbann-Trank hat er gewiss
nicht ohne ein beträchtliches Maß an harter Arbeit entwickelt!«
»Ich denk nicht …«, sagte Belby, der anscheinend Angst hatte,
einen weiteren Bissen Fasan zu nehmen, ehe er sicher war, dass
Slughorn mit ihm durch war. »Ähm … er und mein Dad kommen
nicht sehr gut miteinander klar, verstehen Sie, deshalb weiß ich
eigentlich nicht viel über …«
Seine Stimme erstarb, während Slughorn ihm ein kühles Lächeln
schenkte und sich stattdessen an McLaggen wandte.
»Nun zu
Ihnen, Cormac«, sagte Slughorn, »zufällig weiß ich, dass
Sie sich oft mit Ihrem Onkel Tiberius treffen, denn er hat ein ganz
prächtiges Bild von Ihnen beiden auf der Jagd nach Nogschwänzen,
in - war das nicht Norfolk?«
»Oh, jaah, das war lustig, wirklich«, sagte McLaggen. »Wir sind
zusammen mit Bertie Higgs und Rufus Scrimgeour losgezogen -
natürlich, bevor er Minister wurde -«
132
»Ach, Bertie und Rufus kennen Sie auch?« Slughorn strahlte und
gab nun ein kleines Tablett mit Pasteten herum; Belby wurde ir-
gendwie übergangen. »Nun sagen Sie mir doch mal …«
Es war, wie Harry vermutet hatte. Alle waren hier offenbar ein-
geladen worden, weil sie mit irgendeinem Prominenten oder Ein-
flussreichen zu tun hatten - alle außer Ginny. Zabini, der nach
McLaggen ausgefragt wurde, hatte, wie sich herausstellte, eine He-
xe als Mutter, die berühmt war für ihre Schönheit (nach dem, was
Harry heraushörte, war sie siebenmal verheiratet gewesen, jeder
ihrer Ehemänner war unter mysteriösen Umständen gestorben und
hatte ihr bergeweise Gold hinterlassen). Dann war Neville an der
Reihe: Es wurden zehn äußerst unbehagliche Minuten, denn Nevil-
les Eltern, weithin bekannte Auroren, waren von Bellatrix Lestran-
ge und von einigen ihrer Todessergefährten bis zum Wahnsinn
gefoltert worden. Als Nevilles Befragung zu Ende war, hatte Harry
den Eindruck, Slughorn würde sein Urteil über Neville noch zu-
rückhalten, bis sich herausstellte, ob er etwas von der Begabung
seiner Eltern geerbt hatte.
»Und nun«, sagte Slughorn und rutschte wie ein Conférencier,
der seinen Stargast vorstellt, gewichtig auf seinem Platz hin und
her, »Harry Potter!
Wo fangen wir an? Ich habe das Gefühl, dass
ich nur ein wenig an der Oberfläche gekratzt habe, als wir uns im
Sommer trafen!«
Er betrachtete Harry einen Moment lang gedankenverloren, als
ob er ein besonders großes und saftiges Stück Fasan wäre, dann
sagte er: »Der ›Auserwählte‹ werden Sie jetzt genannt!«
Harry sagte nichts. Belby, McLaggen und Zabini starrten ihn an.
»Natürlich«, fuhr Slughorn fort, während er Harry genau muster-
te, »gibt es seit Jahren Gerüchte … Ich erinnere mich noch, als -
nun - nach dieser
schrecklichen Nacht - Lily - James - und Sie ü-
berlebten - und es hieß, dass Sie Kräfte haben müssen, die über die
gewöhnlichen -«
Zabini hüstelte leise, was offensichtlich amüsierte Skepsis andeu-
ten sollte. Eine zornige Stimme brach hinter Slughorn hervor.
»Jaah, Zabini, weil
du ja so begabt bist … im Schöntun …«
»Ach je!«, gluckste Slughorn wohlig und drehte sich zu Ginny
133
um, die um Slughorns dicken Bauch herum Zabini böse anfunkelte.
»Seien Sie lieber vorsichtig, Blaise! Ich hab gesehen, wie diese junge
Dame den herrlichsten Flederwichtfluch ausführte, als ich durch
ihren Waggon ging! Ich würde ihr nicht in die Quere kommen!«
Zabini blickte nur verächtlich.
»Wie auch immer«, sagte Slughorn und wandte sich wieder Harry
zu.
»Solche Gerüchte diesen Sommer. Natürlich weiß man nicht,
was man glauben soll, der
Prophet hat bekanntlich immer wieder
mal ungenau berichtet und Fehler gemacht -aber angesichts der
vielen Zeugen ist wohl kaum zu bezweifeln, dass es einen
ziemli-
chen Tumult im Ministerium gab und dass Sie mittendrin steck-
ten!«
Harry, dem kein Ausweg aus dem Ganzen einfiel ohne eindeutig
zu lügen, nickte, sagte aber immer noch nichts. Slughorn sah ihn
strahlend an.
»So bescheiden, so bescheiden, kein Wunder, dass Dumbledore so
angetan ist - Sie
waren also da? Aber die anderen Geschichten - so
sensationell, dass man ja gar nicht recht weiß, was man glauben soll
- diese sagenhafte Prophezeiung beispielsweise -«
»Wir haben nie eine Prophezeiung gehört«, sagte Neville und lief
dabei geranienrosa an.
»Das stimmt«, sagte Ginny nachdrücklich. »Neville und ich, wir
waren beide auch da, und der ganze Unsinn mit dem ›Auserwähl-
ten‹ kommt nur vom
Propheten, der wie immer Sachen erfindet.«
»Sie waren beide auch da, tatsächlich?«, sagte Slughorn mit gro-
ßem Interesse und blickte von Ginny zu Neville, doch beide blie-
ben stumm wie Fische angesichts seines ermunternden Lächelns.
»Ja … nun … es ist wahr, dass der
Prophet häufig übertreibt,
selbstverständlich …«, fuhr Slughorn in leicht enttäuschtem Ton
fort. »Ich weiß noch, wie die liebe Gwenog zu mir gesagt hat - ich
meine natürlich Gwenog Jones, die Kapitänin der Holyhead Har-
pies -«
Er driftete ab in weitschweifige Erinnerungen, doch Harry spürte
deutlich, dass Slughorn mit ihm noch nicht fertig war und dass
Neville und Ginny ihn nicht überzeugt hatten.
Der Nachmittag schleppte sich dahin mit weiteren Anekdoten
134
über illustre Zauberer, die Slughorn unterrichtet hatte und die sich
in Hogwarts alle begeistert dem »Slug-Klub«, wie er ihn nannte,
angeschlossen hatten. Harry wäre am liebsten gegangen, aber er
hatte keine Ahnung, wie er es anstellen sollte, ohne unhöflich zu
wirken. Schließlich fuhr der Zug aus einer weiteren breiten Nebel-
front in einen roten Sonnenuntergang hinein, und Slughorn sah
sich blinzelnd im Zwielicht um.
»Du meine Güte, es wird ja schon dunkel! Ich habe gar nicht be-
merkt, dass sie die Lampen angemacht haben! Sie sollten jetzt bes-
ser alle gehen und Ihre Umhänge anziehen. McLaggen, Sie müssen
unbedingt noch mal vorbeischauen und sich das Buch über
Nogschwänze ausleihen. Harry, Blaise - wann immer Sie in der
Nähe sind … Das gilt auch für Sie, Miss.« Er zwinkerte Ginny zu.
»So, jetzt aber fort mit Ihnen, fort mit Ihnen!«
Als Zabini sich an Harry vorbei in den immer dunkler wer-
denden Gang hinausdrängte, warf er ihm einen gehässigen Blick
zu, den Harry noch gehässiger erwiderte. Er, Ginny und Neville
folgten Zabini durch den Zug zurück.
»Ich bin froh, dass es vorbei ist«, murmelte Neville. »Komischer
Kerl, oder?«
»Ja, schon ein wenig«, sagte Harry, den Blick auf Zabini geheftet.
»Wie bist du eigentlich da gelandet, Ginny?«
»Er hat gesehen, wie ich Zacharias Smith verhext hab«, sagte
Ginny, »du weißt doch, dieser Blödmann aus Hufflepuff, der in der
DA war. Der hat die ganze Zeit gefragt, was im Ministerium los
war, und am Ende war ich so genervt, dass ich ihn verhext hab - als
Slughorn reinkam, dachte ich, jetzt krieg ich Nachsitzen, aber er
hat nur gesagt, dass das richtig gut gehext war, und mich zum Mit-
tagessen eingeladen! Verrückt, was?«
»Besserer Grund, als jemanden einzuladen, weil seine Mutter be-
rühmt ist«, sagte Harry und starrte finster auf Zabinis Hinterkopf,
»oder weil sein Onkel -«
Doch er verstummte. Ihm war gerade eine Idee gekommen, eine
verwegene, aber möglicherweise wunderbare Idee … in einer Mi-
nute würde Zabini wieder das Abteil der Slytherin-Sechstklässler
betreten, und dort würde Malfoy sitzen und denken, dass niemand
135
ihn hörte außer den anderen Slytherins … wenn Harry ihm doch
nur ins Abteil folgen könnte, unbemerkt, was könnte er dann nicht
alles sehen oder hören? Sie hatten zwar nur noch eine kurze Stre-
cke vor sich - der Bahnhof Hogsmeade konnte kaum eine halbe
Stunde entfernt sein, wie die wilde Landschaft vermuten ließ, die
an den Fenstern vorbeijagte -, aber niemand sonst schien Harrys
Vermutungen ernst nehmen zu wollen, also lag es an ihm, sie zu
bestätigen.
»Wir sehen uns später«, raunte Harry den anderen beiden zu, zog
seinen Tarnumhang heraus und warf ihn sich über.
»Aber was hast du -?«, fragte Neville.
»Später!«, flüsterte Harry und huschte so leise wie möglich Zabini
hinterher, obwohl das Rattern des Zuges eine solche Vorsicht bei-
nahe überflüssig machte.
Die Gänge waren jetzt fast leer. Die meisten Schüler waren in ih-
re Abteile zurückgekehrt, um ihre Schulumhänge anzuziehen und
ihre Habseligkeiten einzupacken. Obwohl Harry Zabini so nahe
war, wie er nur konnte, ohne ihn zu berühren, gelang es ihm nicht,
schnell genug ins Abteil zu schlüpfen, als Zabini die Tür öffnete.
Zabini schob sie schon wieder zu, da streckte Harry hastig den Fuß
aus, um sie offen zu halten.
»Was ist los mit dem Ding?«, sagte Zabini wütend und rammte
die Schiebetür ein paarmal gegen Harrys Fuß.
Harry packte die Tür und drückte sie kräftig auf; Zabini, der im-
mer noch den Griff festhielt, kippte zur Seite in Gregory Goyles
Schoß, und in dem folgenden Durcheinander schoss Harry ins Ab-
teil, sprang auf Zabinis vorläufig leeren Platz und hievte sich hinauf
auf die Gepäckablage. Zum Glück schnauzten sich Goyle und Zabi-
ni gerade wütend an und zogen alle Blicke auf sich, denn Harry
war ziemlich sicher, dass seine Füße und Knöchel zu sehen gewe-
sen waren, als der Umhang um sie herumgeflattert war. Einen
schrecklichen Moment lang bildete er sich sogar ein, dass Malfoys
Augen seinem Turnschuh folgten, als er ihn blitzschnell außer
Sicht nach oben riss. Doch dann schmetterte Goyle die Tür zu und
stieß Zabini von sich weg, Zabini sackte verärgert auf seinen eige-
nen Platz, Vincent Crabbe widmete sich erneut seinem Comic und
136
Malfoy legte sich kichernd wieder über zwei Sitze, den Kopf in
Pansy Parkinsons Schoß. Harry hatte sich unbequem unter seinem
Tarnumhang zusammengerollt, um sicherzugehen, dass kein Stück
von ihm zu sehen war. Er beobachtete, wie Pansy das glatte blonde
Haar aus Malfoys Stirn strich und dabei affektiert lächelte, als wür-
de die ganze Welt liebend gern mit ihr tauschen. Die Lampen, die
von der Wagendecke baumelten, tauchten die Szene in helles
Licht: Harry konnte jedes Wort von Crabbes Comic direkt unter
sich lesen.
»Also, Zabini«, sagte Malfoy, »was wollte Slughorn?«
»Sich einfach nur bei Leuten mit guten Beziehungen ein-
schleimen«, erwiderte Zabini, der Goyle immer noch finster an-
blickte. »Hat aber nicht viele gefunden.«
Diese Nachricht schien Malfoy nicht zu gefallen.
»Wen hat er sonst noch eingeladen?«, wollte er wissen.
»McLaggen aus Gryffindor«, sagte Zabini.
»Ach jaah, sein Onkel ist ein hohes Tier im Ministerium«, sagte
Malfoy.
»- noch einen namens Belby, aus Ravenclaw -«
»Nicht der, der ist 'n Trottel!«, warf Pansy ein.
»- und Longbottom, Potter und dieses Weasley-Mädchen«,
schloss Zabini.
Malfoy setzte sich abrupt auf und stieß Pansys Hand weg. »Er hatLongbottom eingeladen?«
»Tja, ich schätze schon, Longbottom war ja schließlich dabei«,
sagte Zabini gleichmütig.
»Was hat Longbottom, dass Slughorn sich für ihn interessiert?«
Zabini zuckte die Achseln.
»Potter, der edle Potter, klar wollte er sich mal den
Auserwählten
ansehen«, höhnte Malfoy, »aber dieses Weasley-Mädchen! Was ist
so Besonderes an
der?
«
»'ne Menge Jungs mögen sie«, sagte Pansy und beobachtete aus
den Augenwinkeln, wie Malfoy reagierte. »Sogar du findest, dass sie
gut aussieht, stimmt's, Blaise? Und wir wissen alle, wie anspruchs-
voll du bist!«
»Ich würde eine dreckige kleine Blutsverräterin wie die nie an-
137
rühren, egal wie sie aussieht«, sagte Zabini kühl, und Pansy schien
erfreut. Malfoy ließ sich erneut auf ihren Schoß sinken und erlaub-
te ihr wieder, sein Haar zu streicheln.
»Also, ich finde Slughorns Geschmack erbärmlich. Vielleicht
wird er ein bisschen senil. Schade, mein Vater hat immer gesagt,
dass er zu seiner Zeit ein guter Zauberer war. Mein Vater war mal
so was wie ein Liebling von ihm. Slughorn weiß wahrscheinlich
nicht, dass ich im Zug bin, sonst -«
»Ich würd nicht mit einer Einladung rechnen«, sagte Zabini. »Er
hat mich nach Notts Vater gefragt, gleich als ich dort war. An-
scheinend waren sie früher mal gut befreundet, aber als er hörte,
dass Nott im Ministerium gefangen genommen wurde, sah er gar
nicht glücklich aus, und Nott bekam ja auch keine Einladung. Ich
glaube nicht, dass Slughorn an Todessern interessiert ist.«
Malfoy blickte zornig, zwang sich jedoch zu einem außer-
gewöhnlich humorlosen Lachen.
»Na ja, wen kümmert's, für was er sich interessiert? Was ist er
denn, wenn man's genau betrachtet? Nur irgendein blöder Lehrer.«
Malfoy gähnte demonstrativ. »Ich meine, vielleicht bin ich nächstes
Jahr nicht mal in Hogwarts, mir ist ziemlich egal, ob ein fetter alter
Ehemaliger mich mag oder nicht!«
»Was soll das heißen, du bist nächstes Jahr vielleicht nicht in
Hogwarts?«, sagte Pansy entrüstet und hörte schlagartig auf, Malfoy
zu betütteln.
»Tja, man weiß ja nie«, sagte Malfoy mit dem Anflug eines Grin-
sens. »Vielleicht habe ich mich - ähm - dann schon größeren und
besseren Dingen zugewandt.«
Harry kauerte auf der Gepäckablage unter seinem Tarnumhang
und sein Herz fing an zu rasen. Was würden Ron und Hermine
dazu sagen? Crabbe und Goyle glotzten Malfoy an; offenbar hatten
sie keinen Schimmer von irgendwelchen Plänen, sich größeren
und besseren Dingen zuzuwenden. Selbst Zabini stand die Neugier
ins Gesicht geschrieben und verunstaltete seine edlen Züge. Pansy
wirkte verdattert und machte sich wieder daran, bedächtig Malfoys
Haare zu streicheln.
»Du meinst -
Ihn?«
138
Malfoy zuckte die Achseln.
»Mutter will, dass ich meine Ausbildung zu Ende mache, aber ich
persönlich finde, dass das heutzutage nicht so wichtig ist. Ich mei-
ne, denkt mal drüber nach … wenn der Dunkle Lord die Macht
übernimmt, wird er sich dann darum scheren, wie viele ZAGs oder
UTZe jemand hat? Natürlich nicht … Dann geht es nur noch dar-
um, welchen Dienst man ihm erwiesen hat, wie groß die Ergeben-
heit war, die man ihm gezeigt hat.«
»Und du glaubst,
du kannst irgendetwas für ihn tun?«, fragte Za-
bini wegwerfend. »Sechzehn Jahre alt und noch nicht einmal fertig
ausgebildet?«
»Hab ich das nicht eben gesagt? Vielleicht ist es ihm egal, ob ich
einen Abschluss habe. Vielleicht braucht man für die Aufgabe, die
ich für ihn erledigen soll, keinen Abschluss«, sagte Malfoy leise.
Crabbe und Goyle saßen beide mit offenem Mund da wie Was-
serspeier. Pansy starrte auf Malfoy hinab, als ob sie noch nie etwas
so Ehrfurchtgebietendes gesehen hätte.
»Ich kann Hogwarts erkennen«, sagte Malfoy, genoss offen-
sichtlich die Wirkung, die er erzeugt hatte, und deutete aus dem
dunklen Fenster. »Wir sollten besser die Umhänge anziehen.«
Harry stierte Malfoy so gebannt an, dass er nicht bemerkte, wie
Goyle die Hand nach oben streckte, um nach seinem Koffer zu
greifen; als er ihn herunterschwang, schlug er Harry hart seitlich
gegen den Kopf. Harry keuchte unwillkürlich vor Schmerz und
Malfoy blickte stirnrunzelnd zur Gepäckablage hoch.
Harry hatte keine Angst vor Malfoy, dennoch war er nicht son-
derlich angetan von dem Gedanken, eine Gruppe feindseliger
Slytherins könnte ihn entdecken, wie er da unter seinem Tarnum-
hang verborgen lag. Mit nach wie vor tränenden Augen und po-
chendem Kopf zog er seinen Zauberstab, sorgsam darauf bedacht,
seinen Umhang nicht aufzudecken, und wartete mit angehaltenem
Atem. Zu seiner Erleichterung kam Malfoy offenbar zu dem
Schluss, dass er sich das Geräusch eingebildet hatte; er zog sich wie
die anderen den Umhang über, schloss seinen Koffer und legte sich
einen dicken neuen Reiseumhang um, während der Zug immer
langsamer wurde und schließlich im Schneckentempo dahinru-
139
ckelte.
Harry konnte sehen, wie sich die Gänge wieder füllten, und hoff-
te, dass Hermine und Ron seine Sachen für ihn mit hinaus auf den
Bahnsteig nehmen würden; er steckte hier fest, bis sich das Abteil
völlig geleert haben würde. Endlich, mit einem letzten Ruck, kam
der Zug ganz zum Stehen. Goyle riss die Tür auf, drängte sich hin-
aus in eine Gruppe von Zweitklässlern und stieß sie beiseite; Crab-
be und Zabini folgten ihm.
»Geh schon mal vor«, sagte Malfoy zu Pansy, die mit ausge-
streckter Hand auf ihn wartete, als hoffte sie, er würde sie halten.
»Ich will nur was nachschauen.«
Pansy ging hinaus. Jetzt waren Harry und Malfoy allein im Ab-
teil. Leute liefen vorbei und stiegen hinunter auf den dunklen
Bahnsteig. Malfoy trat zur Abteiltür und ließ das Rollo hinunter,
damit niemand von draußen auf dem Gang hereinspähen konnte.
Dann beugte er sich über seinen Koffer und öffnete ihn wieder.
Harry lugte über den Rand der Gepäckablage, und sein Herz
schlug ein wenig schneller. Was hatte Malfoy vor Pansy verbergen
wollen? Würde er gleich das geheimnisvolle kaputte Ding sehen,
das so unbedingt repariert werden musste?
»Petrificus Totalus!«
Ohne Vorwarnung richtete Malfoy seinen Zauberstab auf Harry,
der augenblicklich gelähmt war. Wie in Zeitlupe kippte er aus der
Gepäckablage, fiel Malfoy mit einer äußerst schmerzhaften Bruch-
landung zu Füßen, die den Boden erschütterte, und begrub dabei
den Tarnumhang unter sich. Nun war sein ganzer Körper sichtbar,
die Beine immer noch unsinnig angewinkelt in einer verkrampften
knienden Haltung. Er konnte keinen Muskel rühren; er konnte nur
zu Malfoy hochstarren, der breit grinste.
»Hab ich's mir doch gedacht«, sagte er hochbeglückt. »Ich hab
gehört, wie Goyles Koffer dich erwischt hat. Und ich dachte, ich
hätte was Weißes durch die Luft blitzen sehen, als Zabini zurück-
kam …« Sein Blick blieb kurz an Harrys Turnschuhen hängen. »Du
warst das also, der die Tür blockiert hat, als Zabini hereinkam?«
Er taxierte Harry einen Moment lang.
»Du hast nichts gehört, was mir wichtig ist, Potter. Aber wenn
140
ich dich schon mal hier hab …«
Und er stampfte Harry mit voller Wucht aufs Gesicht. Harry
spürte, wie seine Nase brach; Blut spritzte umher.
»Das ist von meinem Vater. Und jetzt, schauen wir mal …«
Malfoy zerrte den Tarnumhang unter Harrys gelähmtem Körper
hervor und warf ihn über Harry.
»Ich glaub nicht, dass sie dich finden, ehe der Zug wieder in Lon-
don ist«, sagte er leise. »Wir sehen uns dann, Potter … oder auch
nicht.«
Und nachdem er noch einmal absichtlich auf Harrys Finger getre-
ten war, verließ Malfoy das Abteil.
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Snape triumphiert
Harry konnte keinen Muskel rühren. Er lag unter seinem Tarnum-
hang, spürte, wie das Blut aus seiner Nase heiß und feucht über
sein Gesicht strömte, und lauschte den Stimmen und Schritten
draußen im Gang. Sein erster Gedanke war, dass sicher irgendje-
mand durch die Abteile gehen würde, ehe der Zug wieder abfuhr.
Doch gleich darauf kam ihm die ernüchternde Erkenntnis, dass,
selbst wenn jemand in sein Abteil schaute, er ihn weder sehen
noch hören konnte. Es blieb ihm nur zu hoffen, dass jemand he-
reinkam und über ihn stolperte.
Harry hatte Malfoy noch nie so sehr gehasst wie jetzt, da er wie
eine hilflose Schildkröte auf dem Rücken lag und das Blut ihm in
den offenen Mund tropfte, dass ihm schlecht wurde. In was für
eine dumme Lage hatte er sich da gebracht … und jetzt verhallten
die letzten spärlichen Schritte; alle schlurften draußen den finste-
ren Bahnsteig entlang; er konnte das Scharren von Koffern und
lautes Stimmengewirr hören.
Ron und Hermine dachten bestimmt, dass er den Zug ohne sie
verlassen hatte. Wenn sie erst einmal in Hogwarts waren und ihre
Plätze in der Großen Halle einnahmen, einige Male am Gryffindor-
Tisch hoch- und hinuntersahen und endlich begriffen, dass er nicht
da war, dann würde er sicher schon auf halbem Weg zurück nach
London sein.
Er versuchte ein Geräusch zu machen, wenigstens zu grunzen,
doch es war unmöglich. Dann fiel ihm ein, dass manche Zauberer,
wie Dumbledore, auch ohne zu sprechen Zauber ausführen konn-
ten, also versuchte er seinen Zauberstab aufzurufen, der ihm aus
der Hand gefallen war, indem er die Worte
Accio Zauberstab! stän-
dig im Kopf wiederholte, doch nichts geschah.
Er glaubte, das Rauschen der Bäume rund um den See zu hören
und von weit her den Schrei einer Eule, doch nichts ließ darauf
schließen, dass er gesucht wurde oder dass es sogar (und er verach-
tete sich ein wenig für diesen Gedanken) panische Stimmen gab,
die fragten, wo Harry Potter geblieben war. Ein Gefühl der Hoff-
142
nungslosigkeit ergriff ihn, als er sich vorstellte, wie die Kolonne der
von Thestralen gezogenen Kutschen zur Schule hinaufzockelte und
wie aus irgendeiner der Kutschen, in der Malfoy saß und seinen
Slytherin-Freunden seinen Angriff auf Harry schilderte, gedämpfte
Lacher drangen.
Der Zug ruckte, und Harry kippte auf die Seite. Jetzt starrte er
statt an die Decke auf die staubige Unterseite der Sitze. Der Fußbo-
den begann zu vibrieren und mit einem Grollen erwachte die Lo-
komotive zum Leben. Der Hogwarts-Express fuhr davon, und kei-
ner wusste, dass Harry immer noch an Bord war …
Dann spürte er, wie der Tarnumhang von ihm wegflog, und eine
Stimme über ihm sagte: »Tag auch, Harry.«
Ein rotes Licht blitzte auf und Harrys Körper löste sich aus seiner
Starre; er konnte sich in eine würdevollere, sitzende Haltung
stemmen, mit dem Handrücken rasch das Blut von seinem zer-
schundenen Gesicht wischen und den Kopf heben - und er blickte
auf zu Tonks, die den Tarnumhang hielt, den sie ihm gerade weg-
gezogen hatte.
»Wir sollten schleunigst hier raus«, sagte sie, als die Zugfenster
sich vor lauter Dampf verfinsterten und der Zug aus dem Bahnhof
zu rollen begann. »Komm, wir springen.«
Harry rannte ihr hinterher auf den Gang. Tonks zog die Waggon-
tür auf und hüpfte auf den Bahnsteig, der unter ihnen wegzugleiten
schien, während der Zug Fahrt aufnahm. Harry folgte ihr, geriet
beim Aufprall kurz ins Wanken, richtete sich dann auf und sah
gerade noch, wie die glänzende scharlachrote Dampflokomotive
immer schneller wurde, in eine Kurve ging und verschwand.
Die kalte Nachtluft tat seiner schmerzenden Nase gut. Tonks sah
ihn an; er war wütend und es war ihm peinlich, dass er in einer so
lächerlichen Lage entdeckt worden war. Schweigend gab sie ihm
den Tarnumhang zurück.
»Wer war es?«
»Draco Malfoy«, sagte Harry verbittert. »Danke für … na ja …«
»Kein Problem«, sagte Tonks ohne zu lächeln. Soweit Harry in
der Dunkelheit erkennen konnte, hatte sie die gleichen mausbrau-
nen Haare und sah nicht weniger niedergeschlagen aus als bei ih-
143
rem Treffen im Fuchsbau. »Ich kann deine Nase in Ordnung brin-
gen, wenn du dich nicht bewegst.«
Harry hielt nicht viel von dieser Idee; eigentlich hatte er vorge-
habt, Madam Pomfrey, die Krankenschwester, aufzusuchen, der er
ein wenig mehr zutraute, wenn es um Heilzauber ging, aber es kam
ihm unhöflich vor, das zu sagen, also blieb er stocksteif stehen und
schloss die Augen.
»Episkey«, sagte Tonks.
Harrys Nase fühlte sich sehr heiß an, und dann sehr kalt. Er hob
die Hand und tastete sie vorsichtig ab. Sie schien verheilt zu sein.
»Vielen Dank!«
»Du ziehst dir am besten wieder den Umhang an, dann können
wir zu Fuß zur Schule hoch«, sagte Tonks, immer noch ohne ein
Lächeln. Als Harry sich wieder den Tarnumhang überwarf,
schwang sie ihren Zauberstab; ein riesiges, silbriges, vierbeiniges
Wesen brach aus ihm hervor und raste in die Dunkelheit davon.
»War das ein Patronus?«, fragte Harry, der früher schon gesehen
hatte, wie Dumbledore auf diese Weise Nachrichten verschickte.
»Ja, ich gebe im Schloss Bescheid, dass ich dich habe, sonst ma-
chen sie sich Sorgen. Komm jetzt, wir sollten lieber nicht trödeln.«
Sie gingen auf den Weg zu, der zur Schule führte.
»Wie hast du mich gefunden?«
»Mir ist aufgefallen, dass du nicht aus dem Zug gestiegen bist, und
ich wusste, dass du diesen Umhang hast. Ich dachte, vielleicht ver-
steckst du dich aus irgendeinem Grund. Als ich dann sah, dass das
Rollo in diesem Abteil runtergezogen war, dachte ich mir, ich
schau mal nach.«
»Aber was machst du eigentlich hier?«, fragte Harry.
»Ich bin jetzt in Hogsmeade stationiert, um die Schule zusätzlich
zu schützen«, sagte Tonks.
»Bist du die Einzige, die hier stationiert ist, oder -?«
»Nein, Proudfoot, Savage und Dawlish sind auch hier.«
»Dawlish, dieser Auror, den Dumbledore letztes Jahr angegriffen
hat?«
»Genau.«
Sie stapften den dunklen, verlassenen Weg hoch, den frischen
144
Kutschenspuren hinterher. Harry sah unter seinem Tarnumhang
Tonks von der Seite her an. Letztes Jahr war sie neugierig gewesen
(so sehr, dass es manchmal ein wenig nervte), sie hatte gern ge-
lacht, hatte Witze gemacht. Jetzt schien sie älter und viel ernster
und zielbewusster. War das alles eine Folge der Ereignisse, die im
Ministerium geschehen waren? Er hatte den unangenehmen Ge-
danken, dass Hermine ihm vorgeschlagen hätte, etwas Tröstendes
über Sirius zu ihr zu sagen, dass es wirklich nicht ihre Schuld war,
aber er konnte sich nicht dazu durchringen. Er machte sie keines-
wegs für Sirius' Tod verantwortlich; sie trug nicht mehr Schuld da-
ran als sonst wer (und viel weniger als er), aber er wollte nicht über
Sirius sprechen, wenn er es vermeiden konnte. Und so wanderten
sie weiter schweigend durch die kalte Nacht, während Tonks' lan-
ger Umhang hinter ihnen auf dem Boden wisperte.
Harry, der hier immer mit der Kutsche gefahren war, hatte sich
nie zuvor klar gemacht, wie weit Hogwarts eigentlich vom Bahn-
hof Hogsmeade entfernt war. Zu seiner großen Erleichterung sah
er endlich die hohen Säulen zu beiden Seiten des Tores, auf denen
jeweils ein geflügelter Eber saß. Ihm war kalt, er war hungrig, und
er hatte es recht eilig, diese ungewohnte, düstere Tonks hinter sich
zu lassen. Doch als er die Hand ausstreckte, um die Torflügel aufzu-
stoßen, bemerkte er, dass sie mit einer Kette verschlossen waren.
»Alohomora!«, sagte er zuversichtlich und richtete seinen Zau-
berstab auf das Vorhängeschloss, aber nichts geschah.
»Das funktioniert bei dem nicht«, sagte Tonks. »Dumbledore per-
sönlich hat es verhext.«
Harry sah sich um.
»Ich könnte über eine Mauer klettern«, schlug er vor.
»Nein, könntest du nicht«, sagte Tonks mit ausdrucksloser Stim-
me. »Anti-Eindringlings-Flüche auf allen. Die Sicherheits-
vorkehrungen sind diesen Sommer hundertmal verschärft worden.«
»Na gut«, sagte Harry und fing allmählich an, sich über ihre man-
gelnde Hilfsbereitschaft zu ärgern. »Dann werd ich wohl einfach
hier draußen schlafen und bis morgen früh warten müssen.«
»Jemand kommt dich abholen«, sagte Tonks. »Sieh mal.«
Ganz in der Ferne, direkt am Schloss, hüpfte eine Laterne auf und
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ab. Harry freute sich so über diesen Anblick, dass er sofort das Ge-
fühl hatte, er könnte sogar Filchs asthmatische Vorwürfe wegen
seiner Verspätung ertragen und sein Gefasel, dass Harry in Zukunft
pünktlicher würde, wenn man ihm regelmäßig Daumenschrauben
anlegte. Erst als das strahlende gelbe Licht nur noch drei Meter von
ihnen entfernt war und Harry seinen Tarnumhang ausgezogen
hatte, um sichtbar zu sein, erkannte er mit jäh aufwallendem Hass
die von unten beleuchtete Hakennase und das lange, schwarze,
fettige Haar von Severus Snape.
»Schön, schön, schön«, sagte Snape höhnisch, zog seinen Zauber-
stab hervor und tippte einmal gegen das Vorhängeschloss, worauf
die Ketten zurückschlängelten und die Torflügel quietschend auf-
gingen. »Nett von Ihnen, hier aufzutauchen, Potter, auch wenn Sie
offenbar der Meinung sind, dass das Tragen eines Schulumhangs
von Ihrer Erscheinung ablenken würde.«
»Ich konnte mich nicht umziehen, ich hatte meinen -«, begann
Harry, aber Snape unterbrach ihn.
»Du brauchst nicht zu warten, Nymphadora. Potter ist voll-
kommen - ähm - sicher in meiner Obhut.«
»Die Nachricht war eigentlich für Hagrid bestimmt«, sagte Tonks
stirnrunzelnd.
»Hagrid kam zu spät zur Begrüßungsfeier, genau wie Potter hier,
also habe ich sie stattdessen angenommen. Und nebenbei bemerkt«,
sagte Snape und trat zurück, um Harry an sich vorbeizulassen,
»wollte ich mir gerne mal deinen neuen Patronus anschauen.«
Er schlug die Torflügel mit einem lauten Klirren vor Tonks' Nase
zu und tippte mit dem Zauberstab erneut gegen die Ketten, die an
ihren Platz zurückrasselten.
»Ich finde, mit dem alten warst du besser dran«, sagte Snape und
die Boshaftigkeit in seiner Stimme war unverkennbar. »Der neue
macht mir einen schwächlichen Eindruck.«
Als Snape die Laterne herumschwang, sah Harry flüchtig den
entsetzten und zornigen Ausdruck auf Tonks' Gesicht. Dann war
sie wieder in Dunkelheit gehüllt.
»Gute Nacht«, rief Harry ihr über die Schulter zu und machte sich
mit Snape auf den Weg hoch zur Schule. »Danke für … alles.«
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»Bis bald, Harry.«
Snape sagte etwa eine Minute lang kein Wort. Harry hatte ein
Gefühl, als ob sein Körper Wellen von Hass erzeugen würde, die so
mächtig waren, dass es unglaublich schien, dass Snape nicht spürte,
wie sie ihn verbrannten. Er hatte Snape von ihrer ersten Begeg-
nung an verabscheut, aber durch seine Haltung Sirius gegenüber
hatte Snape für immer und unwiderruflich die Möglichkeit ver-
wirkt, dass Harry ihm verzieh. Was immer Dumbledore auch sagen
mochte, Harry hatte während des Sommers Zeit gehabt nachzu-
denken und war zu dem Schluss gekommen, dass Snapes abfällige
Bemerkungen zu Sirius, er bleibe verborgen und in Sicherheit,
während der Rest des Phönixordens gegen Voldemort kämpfe,
wahrscheinlich ausschlaggebend für Sirius gewesen waren, in der
Nacht seines Todes überstürzt ins Ministerium zu eilen. Harry hielt
an dieser Meinung fest, weil sie es ihm erlaubte, Snape die Schuld
zuzuschreiben, und das war befriedigend, und außerdem wusste er,
wenn irgendjemand nicht traurig über Sirius' Tod war, dann war es
dieser Mann, der jetzt neben ihm in der Dunkelheit einherschritt.
»Fünfzig Punkte Abzug für Gryffindor wegen Unpünktlichkeit,
denke ich«, sagte Snape. »Und, warten Sie mal, weitere zwanzig
wegen Ihrer Muggelkleidung. Wissen Sie, ich glaube nicht, dass
jemals irgendein Haus so früh im Schuljahr schon in den roten
Zahlen war - wir haben noch nicht mal mit dem Nachtisch ange-
fangen. Sie haben womöglich einen Rekord aufgestellt, Potter.«
Die Wut und der Hass, die in Harry brodelten, schienen weiß
aufzulodern, aber er wäre lieber bewegungsunfähig den ganzen
Weg nach London zurückgefahren, als Snape zu sagen, warum er
zu spät kam.
»Ich vermute, Sie wollten einen großen Auftritt, stimmt's?«, fuhr
Snape fort. »Und weil Sie kein fliegendes Auto zur Hand hatten,
überlegten Sie sich, dass es einen dramatischen Effekt geben würde,
in die Große Halle zu platzen, wenn die Feier mitten im Gang ist.«
Harry blieb weiter stumm, obwohl ihm war, als würde seine
Brust explodieren. Er wusste, dass Snape genau deshalb gekommen
war, um ihn abzuholen, für diese wenigen Minuten, in denen er
Harry ärgern und quälen konnte, ohne dass jemand es mitbekam.
147
Endlich erreichten sie die Schlosstreppe, und das große Eichen-
portal flog auf in die geräumige, beflaggte Eingangshalle, und durch
die offene Tür der Großen Halle empfing sie ein lautes Durchein-
ander von Stimmen, Gelächter und Teller- und Gläserklirren. Har-
ry fragte sich, ob er seinen Tarnumhang nicht wieder überziehen
konnte, damit er sich unbemerkt zu seinem Platz am langen Gryf-
findor-Tisch stehlen konnte (der ungeschickterweise am weitesten
von der Eingangshalle entfernt war).
Als ob er Harrys Gedanken gelesen hätte, sagte Snape jedoch:
»Kein Tarnumhang. Sie können so reingehen, damit Sie von allen
gesehen werden, was ja sicher Ihre Absicht war.«
Harry drehte sich auf dem Absatz um und marschierte ge-
radewegs durch die offene Tür: Hauptsache, er kam endlich von
Snape weg. Die Große Halle mit ihren vier langen Haustischen und
dem erhöhten Lehrertisch an der Stirnseite war wie üblich mit
schwebenden Kerzen geschmückt, deren Licht die Teller unter
ihnen glitzern und glimmern ließ. Harry jedoch nahm das alles nur
als verschwommenes Schimmern wahr, er ging so rasch, dass er am
Tisch der Hufflepuffs schon vorbei war, ehe die Leute wirklich zu
starren anfingen, und als sie dann aufstanden, um ihn besser sehen
zu können, hatte er bereits Ron und Hermine gefunden, rannte die
Bänke entlang auf sie zu und drängte sich zwischen sie.
»Wo warst - meine Fresse, was hast du mit deinem Gesicht ge-
macht?«, sagte Ron und glotzte ihn an wie alle anderen rundherum.
»Warum, was ist damit?«, fragte Harry, nahm einen Löffel und
schielte auf sein verzerrtes Spiegelbild.
»Du bist völlig blutverschmiert!«, sagte Hermine. »Komm her -«
Sie hob ihren Zauberstab, sagte
»Tergeo!« und sog das getrocknete
Blut weg.
»Danke«, sagte Harry und spürte, dass sein Gesicht jetzt sauber
war. »Wie sieht meine Nase aus?«
»Normal«, sagte Hermine besorgt. »Was sollte mit ihr sein? Harry,
was ist passiert, wir hatten furchtbare Angst!«
»Das erzähl ich euch später«, erwiderte Harry knapp. Er wusste
ganz genau, dass Ginny, Neville, Dean und Seamus ihnen zuhörten;
selbst der Fast Kopflose Nick, das Gespenst von Gryffindor, war die
148
Bank entlanggeschwebt, um zu lauschen.
»Aber -«, sagte Hermine.
»Nicht jetzt, Hermine«, entgegnete Harry mit geheimnisvoller,
bedeutsamer Stimme. Er hoffte sehr, dass sie alle annahmen, er sei
in irgendetwas Heldenhaftes verwickelt gewesen, am besten etwas
mit ein paar Todessern und einem Dementor. Natürlich würde
Malfoy die Geschichte wo er nur konnte herumerzählen und sie
möglichst breittreten, doch es gab immerhin die Chance, dass sie an
nicht allzu viele Gryffindor-Ohren drang.
Er langte an Ron vorbei nach ein paar Hühnerbeinen und einer
Hand voll Pommes, doch bevor er sie zu fassen bekam, verschwan-
den sie und wurden durch Nachspeisen ersetzt.
»Du hast jedenfalls die Zuteilung versäumt«, sagte Hermine, wäh-
rend Ron sich auf einen riesigen Schokoladenkuchen stürzte.
»Hat der Hut irgendwas Interessantes gesagt?«, fragte Harry und
nahm sich ein Stück Siruptorte.
»Eigentlich nur, was er immer sagt … hat uns ermahnt, wir sollen
uns im Angesicht des Feindes alle vereinen, du weißt schon.«
»Hat Dumbledore Voldemort überhaupt erwähnt?«
»Noch nicht, aber seine richtige Rede spart er sich ja immer für
den Schluss der Feier auf, oder? Die kommt jetzt sicher bald.«
»Snape meinte, Hagrid sei zu spät zur Feier gekommen -«
»Du hast Snape gesehen? Wie das?«, fragte Ron, während er hek-
tisch große Bissen Schokoladenkuchen verschlang.
»Hab ihn zufällig getroffen«, erwiderte Harry ausweichend.
»Hagrid kam nur ein paar Minuten zu spät«, sagte Hermine.
»Schau mal, er winkt dir, Harry.«
Harry sah zum Lehrertisch hoch und grinste Hagrid zu, der ihm
tatsächlich zuwinkte. Hagrid war es nie so recht gelungen, genauso
würdevoll aufzutreten wie Professor McGonagall, die Leiterin des
Hauses Gryffindor, die neben ihm saß, deren Scheitel gerade mal
zwischen Hagrids Ellbogen und Schulter reichte und die diese be-
geisterte Begrüßung missbilligend zur Kenntnis nahm. Harry war
überrascht, dass die Lehrerin für Wahrsagen, Professor Trelawney,
zu Hagrids anderer Seite saß; sie verließ selten ihr Turmzimmer
und er hatte sie noch nie bei der Begrüßungsfeier zum Schuljahres-
149
beginn gesehen. Sie wirkte so sonderbar wie seit eh und je, behängt
mit glitzernden Perlen und flatternden Schals, die Augen durch
ihre Brille enorm vergrößert. Harry, der sie immer ein wenig für
eine Schwindlerin gehalten hatte, musste am Ende des letzten
Schuljahres zu seinem Entsetzen erfahren, dass sie es war, die die
Vorhersage gemacht hatte, die Lord Voldemort veranlasst hatte,
Harrys Eltern zu töten und Harry anzugreifen. Nun, da er dies
wusste, war er noch weniger erpicht auf ihre Gesellschaft, aber
zum Glück würde er dieses Jahr mit Wahrsagen aufhören. Ihre
großen, leuchtfeuerartigen Augen schwenkten in seine Richtung;
hastig wandte er den Blick ab und sah hinüber zum Tisch der
Slytherins. Draco Malfoy stellte gerade unter heiserem Gelächter
und Applaus pantomimisch dar, wie jemandem die Nase zer-
schmettert wurde. Harrys Eingeweide brannten wieder, und er
schaute auf seine Siruptorte hinunter. Was gäbe er nicht dafür,
gegen Malfoy zu kämpfen, Mann gegen Mann …
»Was wollte eigentlich Professor Slughorn?«, fragte Hermine.
»Wissen, was wirklich im Ministerium passiert ist«, antwortete
Harry.
»Er und alle andern hier auch«, sagte Hermine naserümpfend.
»Die Leute haben uns im Zug ständig darüber ausgequetscht,
stimmt's, Ron?«
»Tja«, sagte Ron. »Die wollten alle wissen, ob du wirklich der
Auserwählte bist -«
»Sogar bei den Gespenstern wurde viel über dieses Thema gespro-
chen«, unterbrach sie der Fast Kopflose Nick und neigte seinen
gerade noch mit dem Hals verbundenen Kopf zu Harry, so dass er
gefährlich auf seiner Halskrause kippelte. »Ich gelte gewissermaßen
als eine Autorität in Sachen Potter; es ist weithin bekannt, dass wir
befreundet sind. Ich habe der Gespenstergemeinschaft jedoch klar
gemacht, dass ich dir nicht wegen Informationen auf die Nerven
fallen werde. ›Harry Potter weiß, dass er mir blind vertrauen kann‹,
habe ich zu ihnen gesagt. ›Ich würde eher sterben als sein Ver-
trauen zu missbrauchen. ‹«
»Das heißt nicht viel, wenn man bedenkt, dass Sie ja schon tot
sind«, bemerkte Ron.
150
»Du beweist wieder einmal das ganze Feingefühl einer stumpfen
Axt«, sagte der Fast Kopflose Nick in beleidigtem Ton, erhob sich in
die Luft und schwebte zurück zum anderen Ende des Gryffindor-
Tisches, gerade als Dumbledore sich am Lehrertisch erhob. Die
Gespräche und das Gelächter, das überall in der Halle ertönte, ver-
stummten fast augenblicklich.
»Den schönsten aller Abende wünsche ich euch!«, sagte er breit
lächelnd und mit weit ausgestreckten Armen, als wollte er den
ganzen Raum umfassen.
»Was ist mit seiner Hand passiert?«, stieß Hermine atemlos her-
vor.
Sie war nicht die Einzige, der es aufgefallen war. Dumbledores
rechte Hand sah genauso geschwärzt und abgestorben aus wie in
jener Nacht, als er Harry von den Dursleys abgeholt hatte. Ein
Raunen ging durch den Raum; Dumbledore, der es richtig deutete,
lächelte nur und schüttelte seinen violett-goldenen Ärmel über
seine Verletzung.
»Kein Grund zur Sorge«, sagte er leichthin. »Nun … An unsere
neuen Schüler - willkommen! An unsere alten Schüler - willkom-
men zurück! Ein weiteres Jahr, ganz der magischen Ausbildung
gewidmet, erwartet euch …«
»Seine Hand war schon so, als ich ihn im Sommer gesehen hab«,
flüsterte Harry Hermine zu. »Ich dachte eigentlich, er hätte sie
inzwischen geheilt … oder Madam Pomfrey hätte das erledigt.«
»Die Hand sieht aus, als wäre sie tot«, sagte Hermine mit einem
angewiderten Gesichtsausdruck. »Aber manche Verletzungen kann
man nicht heilen … alte Flüche … und es gibt Gifte ohne Gegen-
gifte …«
»… und Mr Filch, unser Hausmeister, hat mich gebeten euch zu
sagen, dass Scherzartikel, die in einem Laden namens
Weasleys
Zauberhafte Zauberscherze gekauft wurden, ausnahmslos verboten
sind.
Die Schüler, die für ihre Quidditch-Hausmannschaft spielen
möchten, sollten - wie üblich ihre Namen bei den Hauslehrern
hinterlassen. Wir suchen auch neue Quidditch-Stadionsprecher,
die dies ebenfalls tun sollten.
151
Wir freuen uns, dieses Jahr ein neues Mitglied des Lehrer-
kollegiums begrüßen zu dürfen. Professor Slughorn« - Slughorn
stand auf, sein kahler Kopf glänzte im Kerzenlicht, sein dicker,
westenbekleideter Bauch tauchte den Tisch unter ihm in Schatten -
»ist ein ehemaliger Kollege von mir, der sich bereit erklärt hat, sei-
nen alten Posten als Lehrer für Zaubertränke wieder einzuneh-
men.«
»Zaubertränke?«
»Zaubertränke?«
Das Wort hallte durch den Raum, denn viele fragten sich, ob sie
richtig gehört hatten.
»Zaubertränke?«, sagten Ron und Hermine gleichzeitig, wandten
sich um und starrten Harry an. »Aber du hast doch gesagt -«
»Professor Snape indes«, sagte Dumbledore und hob die Stimme,
damit sie das ganze Gemurmel übertönte, »wird der neue Lehrer
für Verteidigung gegen die dunklen Künste.«
»Nein!«, sagte Harry, so laut, dass viele Köpfe sich zu ihm um-
drehten. Es war ihm egal; wutentbrannt stierte er hoch zum Leh-
rertisch. Wie konnte Snape nach all dieser Zeit Verteidigung gegen
die dunklen Künste bekommen? War nicht seit Jahren allgemein
bekannt, dass Dumbledore ihm dafür nicht genügend vertraute?
»Aber, Harry, du hast doch gesagt, Slughorn würde Verteidigung
gegen die dunklen Künste unterrichten!«, sagte Hermine.
»Das dachte ich auch!«, entgegnete Harry. Er zermarterte sich den
Kopf, wann Dumbledore ihm das erzählt hatte, aber jetzt, wo er
darüber nachdachte, konnte er sich nicht erinnern, dass Dumble-
dore je erwähnt hatte, was Slughorn unterrichten würde.
Snape, der rechts von Dumbledore saß, stand nicht auf, als sein
Name erwähnt wurde, sondern hob nur eine Hand, um lässig den
Beifall vom Slytherin-Tisch zu quittieren, doch Harry erkannte
untrüglich einen triumphierenden Ausdruck in dem Gesicht, das er
so sehr hasste.
»Also, einen Vorteil hat es«, sagte er grimmig. »Am Ende des
Schuljahrs ist Snape weg.«
»Was soll das heißen?«, fragte Ron.
»Dieser Job ist verhext. Keiner hat es länger als ein Jahr geschafft
152
… Quirrell ist sogar dabei gestorben. Ich persönlich drück die
Daumen, dass noch einer stirbt …«
»Harry!«, sagte Hermine schockiert und vorwurfsvoll.
»Vielleicht geht er am Ende des Jahres einfach wieder zurück auf
den Zaubertrankposten«, überlegte Ron. »Dieser Typ da, Slughorn,
will vielleicht gar nicht lange bleiben, genau wie Moody.«
Dumbledore räusperte sich. Harry, Ron und Hermine waren
nicht die Einzigen, die sich unterhalten hatten; in der ganzen Halle
hatte sich ein Stimmengewirr erhoben bei der Nachricht, dass Sna-
pes Herzenswunsch sich endlich erfüllt hatte. Dumbledore, dem
offenbar nicht bewusst war, welch sensationelle Neuigkeit er gera-
de bekannt gegeben hatte, kündigte keine weiteren Veränderungen
im Lehrerkollegium an, sondern wartete ein paar Sekunden, bis
vollkommene Stille herrschte, ehe er fortfuhr.
»Nun, wie alle in dieser Halle wissen, sind Lord Voldemort und
seine Anhänger erneut auf freiem Fuß und gewinnen immer mehr
Macht.«
Die Stille wurde drückend und angespannt, während Dumbledore
sprach. Harry warf einen Blick auf Malfoy. Malfoy sah Dumbledore
nicht an, sondern ließ seine Gabel mit seinem Zauberstab in der
Luft schweben, als wäre es unter seiner Würde, die Worte des
Schulleiters zu verfolgen.
»Ich kann nicht nachdrücklich genug betonen, wie gefährlich die
gegenwärtige Lage ist und wie sehr sich jeder von uns in Hogwarts
darum bemühen muss, alles dafür zu tun, dass wir sicher bleiben.
Die magischen Befestigungsanlagen des Schlosses wurden den
Sommer über verstärkt, wir sind durch moderne und noch wir-
kungsvollere Mittel geschützt, und dennoch müssen wir uns gewis-
senhaft vor möglicher Fahrlässigkeit eines jeden Schülers oder Mit-
glieds des Kollegiums in Acht nehmen. Ich bitte euch deshalb drin-
gend, jegliche Einschränkung aus Sicherheitsgründen zu beachten,
die eure Lehrer euch möglicherweise auferlegen, egal wie lästig ihr
sie auch finden mögt - insbesondere die Regel, dass ihr während
der Nachtruhe außerhalb eurer Betten nichts zu suchen habt. Ich
bitte euch inständig, falls ihr etwas Merkwürdiges oder Verdächti-
ges innerhalb oder außerhalb des Schlosses bemerken solltet, mel-
153
det dies sofort einem Mitglied des Kollegiums. Ich vertraue darauf,
dass ihr euch zu jedem Zeitpunkt mit größtmöglicher Rücksicht-
nahme auf eure eigene Sicherheit und die aller anderen verhaltet.«
Dumbledores blaue Augen glitten über die Schüler, dann lächelte
er erneut.
»Doch nun warten eure Betten auf euch, so warm und bequem,
wie ihr es euch nur wünschen könnt, und ich weiß, dass euch
nichts so wichtig ist, wie gut ausgeruht zu sein für den morgigen
Unterricht. Deshalb sagen wir gute Nacht. Tschau, tschau!«
Die Bänke wurden mit dem üblichen ohrenbetäubenden Schar-
ren zurückgeschoben und Hunderte von Schülern begannen aus
der Großen Halle hinauszumarschieren, in Richtung ihrer Schlafsä-
le. Harry hatte es überhaupt nicht eilig, inmitten der gaffenden
Menge hinauszugehen oder Malfoy so nahe zu kommen, dass er
noch einmal die Geschichte von der zertretenen Nase auftischen
konnte; er blieb zurück, tat so, als müsse er seinen Turnschuh neu
schnüren, und ließ die meisten Gryffindors vorangehen. Hermine
war nach vorne geeilt, um ihrer Pflicht als Vertrauensschülerin
nachzukommen und die Erstklässler unter ihre Fittiche zu nehmen,
aber Ron blieb bei Harry.
»Was ist wirklich mit deiner Nase passiert?«, fragte er, als die
Menge, die aus der Großen Halle drängelte, ganz an ihnen vorbei
war und sich niemand mehr in Hörweite befand.
Harry erzählte es ihm. Es war bezeichnend dafür, wie gut sie be-
freundet waren, dass Ron nicht lachte.
»Ich hab gesehen, wie Malfoy irgendwas vorgespielt hat, was mit
einer Nase zu tun hatte«, sagte er düster.
»Ach ja, vergiss es«, entgegnete Harry bitter. »Hör lieber zu, was
er gesagt hat, bevor er mich dort entdeckt hat …«
Harry hatte erwartet, dass Ron über Malfoys Prahlereien ver-
blüfft sein würde. Aber Ron war nicht beeindruckt, was Harry für
pure Dickköpfigkeit hielt.
»Was soll's, Harry, der hat nur vor der Parkinson angegeben …
was für einen Auftrag hätte ihm Du-weißt-schon-wer denn schon
gegeben?«
»Woher willst du wissen, dass Voldemort nicht jemand in Hog-
154
warts braucht? Es wäre nicht das erste -«
»Wenn du nur ma' aufhör'n würdest, immer dies'n Namen zu
nennen, Harry«, sagte eine vorwurfsvolle Stimme hinter ihnen.
Harry blickte über die Schulter und sah Hagrid, der den Kopf
schüttelte.
»Dumbledore benutzt diesen Namen«, sagte Harry stur.
»Tja, nu, das is' eben Dumbledore, was?«, sagte Hagrid ge-
heimnisvoll. »Also, wieso bist du zu spät gekommen, Harry? Hab
mir Sorgen gemacht.«
»Bin im Zug aufgehalten worden«, erwiderte Harry. »Warum bistdu zu spät gekommen?«
»Ich war bei Grawp«, sagte Hagrid glücklich. »Hab gar nich ge-
merkt, wie spät es schon war. Er hat jetzt 'n neues Zuhause oben
in'n Bergen, Dumbledore hat das besorgt - hübsche große Höhle.
Er is' viel glücklicher, als er's im Wald war. Wir ham 'n nettes
Pläuschchen gehalten.«
»Tatsächlich?«, sagte Harry und mied wohlweislich Rons Blick.
Als er Hagrids Halbbruder, einen bösartigen Riesen, der ein Faible
dafür hatte, Bäume mitsamt den Wurzeln auszureißen, zum letzten
Mal getroffen hatte, hatte dessen Wortschatz aus fünf Wörtern
bestanden, von denen er zwei nicht mal richtig aussprechen konn-
te.
»O jaah, er hat sich richtig gut entwickelt«, sagte Hagrid stolz.
»Ihr werdet staun'n. Ich überleg, ob ich ihn nich zu mei'm Gehilfen
ausbilden soll.«
Ron schnaubte laut, es gelang ihm jedoch, das als heftigen Nieser
zu tarnen. Sie standen jetzt neben dem Eichenportal.
»Jedenfalls sehn wir uns morgen, erste Stunde gleich nach'm Mit-
tagessen. Kommt früher vorbei, dann könnt ihr Seiden… ich mein,
Federflügel hallo sagen!«
Er hob den Arm zu einem fröhlichen Abschiedsgruß und ging
durch das Portal hinaus in die Dunkelheit.
Harry und Ron schauten sich an. Harry ahnte, dass Ron das glei-
che flaue Gefühl im Magen hatte wie er.
»Du nimmst Pflege magischer Geschöpfe nicht, oder?«
Ron schüttelte den Kopf.
155
»Und du auch nicht, stimmt's?«
Auch Harry schüttelte den Kopf.
»Und Hermine«, sagte Ron, »sie auch nicht, oder?«
Harry schüttelte wieder den Kopf. Was Hagrid sagen würde,
wenn ihm klar wurde, dass seine drei Lieblingsschüler sein Fach
abgewählt hatten, mochte er sich gar nicht ausmalen.
156
Der Halbblutprinz
Harry und Ron trafen Hermine am nächsten Morgen vor dem
Frühstück im Gemeinschaftsraum. In der Hoffnung, dass Hermine
seine Theorie ein wenig unterstützen würde, berichtete Harry ihr
ohne Umschweife, was er Malfoy im Hogwarts-Express hatte sagen
hören.
»Aber er wollte doch offensichtlich nur vor der Parkinson ange-
ben, meinst du nicht?«, warf Ron rasch ein, noch ehe Hermine et-
was erwidern konnte.
»Nun ja«, sagte sie unsicher, »ich weiß nicht … es würde Malfoy
ähnlich sehen, sich wichtiger zu machen, als er eigentlich ist …
Aber so was zu behaupten ist schon eine dicke Lüge …«
»Genau«, sagte Harry, doch er konnte nicht noch deutlicher wer-
den, weil so viele ringsum bemüht waren, sein Gespräch zu belau-
schen, ganz zu schweigen davon, dass sie ihn anstarrten und hinter
vorgehaltenen Händen flüsterten.
»Man zeigt nicht mit dem Finger auf Leute«, fauchte Ron einen
besonders winzigen Erstklässler an, als sie sich in die Schlange ein-
reihten, um aus dem Porträtloch zu klettern. Der Junge, der hinter
seiner Hand seinem Freund etwas über Harry zugemurmelt hatte,
wurde prompt scharlachrot und kippte verschreckt aus dem Port-
rätloch. Ron kicherte.
»Ich find es toll, Sechstklässler zu sein.
Und wir kriegen dieses
Jahr auch noch freie Zeit. Ganze Schulstunden, in denen wir ein-
fach hier oben sitzen und uns entspannen können.«
»Diese Zeit werden wir zum Lernen brauchen, Ron!«, sagte Her-
mine, als sie sich auf den Weg durch den Korridor machten.
»Jaah, aber nicht heute«, entgegnete Ron, »heute wird ein richti-
ger Schnarchtag, schätz ich.«
»Stopp mal!«, sagte Hermine, streckte den Arm aus und hielt ei-
nen vorbeikommenden Viertklässler an, der eine limonengrüne
Scheibe umklammerte und sich an ihr vorbeizudrängen versuchte.
»Fangzähnige Frisbees sind verboten, her damit«, erklärte sie ihm
streng. Mit finsterer Miene überreichte ihr der Junge das knurren-
157
de Frisbee, tauchte unter Hermines Arm hindurch und lief seinen
Freunden hinterher. Ron wartete, bis er verschwunden war, dann
schnappte er Hermine das Frisbee aus der Hand.
»Spitze, so eins wollte ich schon immer haben.«
Hermines Protest ging in einem lauten Kichern unter; Lavender
Brown fand Rons Bemerkung offenbar höchst amüsant. Sie lachte
noch, als sie an ihnen vorbeiging, und warf Ron einen Blick über
die Schulter zu. Ron wirkte recht zufrieden mit sich.
Die Decke der Großen Halle war von einem heiteren Blau und
mit zarten Schleierwolken überzogen, genau wie die viereckigen
Himmelsausschnitte, die durch die hohen Pfostenfenster zu sehen
waren. Während sie sich über Haferschleim und Eier mit Speck
hermachten, erzählten Harry und Ron Hermine von der peinlichen
Unterhaltung mit Hagrid am Abend zuvor.
»Aber er kann doch nicht wirklich glauben, dass wir mit Pflege
magischer Geschöpfe weitermachen!«, sagte sie mit bekümmerter
Miene. »Ich meine, wann hat je einer von uns etwas … wie soll ich
sagen … Begeisterung gezeigt?«
»Das ist es doch gerade, oder?«, sagte Ron, ein ganzes Spiegelei auf
einmal verschlingend. »Wir waren diejenigen, die sich im Unter-
richt am meisten angestrengt haben, weil wir Hagrid mögen. Aber
er denkt, dass wir das bescheuerte F
ach mögen. Meint ihr, irgend-
jemand macht darin seinen UTZ?«
Weder Harry noch Hermine antworteten; es war nicht nötig. Sie
wussten ganz genau, dass niemand in ihrem Jahrgang mit Pflege
magischer Geschöpfe weitermachen wollte. Sie mieden Hagrids
Blick, und als er zehn Minuten später den Lehrertisch verließ, er-
widerten sie sein fröhliches Winken nur halbherzig.
Nachdem sie gegessen hatten, blieben sie auf ihren Plätzen und
warteten darauf, dass Professor McGonagall vom Lehrertisch zu
ihnen herunterkam. In diesem Jahr ging es bei der Verteilung der
Stundenpläne komplizierter zu als sonst, denn Professor McGona-
gall musste sich zunächst vergewissern, dass alle die notwendigen
ZAG-Noten erhalten hatten, um in ihren UTZ-Wahlfächern wei-
termachen zu dürfen.
Bei Hermine war sofort klar, dass sie Zauberkunst, Verteidigung
158
gegen die dunklen Künste, Verwandlung, Kräuterkunde, A-
rithmantik, Alte Runen und Zaubertränke weiterbelegen durfte,
und sie flitzte ohne weitere Umstände in die erste Stunde zu Alte
Runen. Bei Neville dauerte es ein wenig länger, bis alles geklärt
war. Sein rundes Gesicht wirkte besorgt, während Professor
McGonagall seine Anmeldung durchging und dann seine ZAG-
Ergebnisse prüfte.
»Kräuterkunde, schön«, sagte sie. »Professor Sprout wird erfreut
sein, wenn Sie mit einem ›Ohnegleichen‹-ZAG wieder zu ihr
kommen. Und Sie haben sich mit einem ›Erwartungen übertroffen‹
auch für Verteidigung gegen die dunklen Künste qualifiziert. Aber
das Problem ist Verwandlung. Tut mir Leid, Longbottom, aber ein
›Annehmbar‹ ist wirklich nicht gut genug, als dass Sie bis zum
UTZ-Abschluss weitermachen könnten, ich glaube einfach nicht,
dass Sie in der Lage wären, das Kurspensum zu bewältigen.«
Neville ließ den Kopf hängen. Professor McGonagall musterte
ihn durch ihre quadratischen Brillengläser.
»Warum wollen Sie überhaupt mit Verwandlung weitermachen?
Ich hatte nie den Eindruck, dass Sie besondere Freude daran hat-
ten.«
Mit trauriger Miene murmelte Neville etwas von wegen »meine
Großmutter möchte es«.
»Umpff«, schnaubte Professor McGonagall. »Es ist höchste Zeit,
dass Ihre Großmutter lernt, auf den Enkel stolz zu sein, den sie hat,
und nicht auf den, den sie gerne hätte - vor allem nach dem, was
im Ministerium geschehen ist.«
Neville lief tiefrosa an und blinzelte verwirrt; Professor McGona-
gall hatte ihm noch nie ein Kompliment gemacht.
»Tut mir Leid, Longbottom, aber ich kann Sie nicht in meinen
UTZ-Kurs lassen. Wie ich jedoch sehe, haben Sie ein ›Erwartungen
übertroffen‹ in Zauberkunst - warum bewerben Sie sich nicht um
einen UTZ in Zauberkunst?«
»Meine Großmutter hält Zauberkunst für ein Laberfach«, mur-
melte Neville.
»Nehmen Sie Zauberkunst«, sagte Professor McGonagall, »ich
werde Augusta ein paar Zeilen schreiben und sie daran erinnern,
159
dass Zauberkunst, nur weil
sie bei den ZAGs in diesem Fach durch-
gefallen ist, nicht unbedingt wertlos ist.« Professor McGonagall
lächelte ein wenig, als sie Nevilles skeptische und erleichterte Mie-
ne sah, tippte mit der Spitze ihres Zauberstabs auf einen leeren
Stundenplan und überreichte ihn, nun mit seinen neuen Unter-
richtsstunden ausgefüllt, Neville.
Dann wandte sie sich Parvati Patil zu, deren erste Frage lautete,
ob Firenze, der hübsche Zentaur, immer noch Wahrsagen unter-
richte.
»Er und Professor Trelawney teilen sich dieses Jahr den Un-
terricht«, sagte Professor McGonagall mit einer Spur von Missfallen
in der Stimme; es war allgemein bekannt, dass sie das Fach Wahr-
sagen verachtete. »Den sechsten Jahrgang übernimmt Professor
Trelawney.«
Fünf Minuten später machte sich Parvati auf den Weg zu Wahr-
sagen, sie wirkte etwas niedergeschlagen.
»So, Potter, Potter …«, sagte Professor McGonagall und wandte
sich, ihre Aufzeichnungen zu Rate ziehend, an Harry. »Zauber-
kunst, Verteidigung gegen die dunklen Künste, Kräuterkunde,
Verwandlung … alles in Ordnung. Ich muss sagen, ich war über
Ihre Note in Verwandlung erfreut, Potter, sehr erfreut. Nun, wa-
rum wollen Sie nicht mit Zaubertränke weitermachen? Ich dachte,
sie hätten den Ehrgeiz, ein Auror zu werden?«
»Das stimmt, aber Sie haben mir gesagt, dass ich dafür ein ›Ohne-
gleichen‹ in der ZAG-Prüfung brauche, Professor.«
»Ja, das brauchten Sie, als Professor Snape das Fach noch un-
terrichtete. Professor Slughorn allerdings ist vollauf zufrieden,
wenn seine UTZ-Schüler ›Erwartungen übertroffen‹ als ZAG-Note
haben. Wollen Sie Zaubertränke weiterhin belegen?«
»Ja«, sagte Harry, »aber ich hab keine Bücher oder irgendwelche
Zutaten oder sonst was gekauft -«
»Ich bin sicher, Professor Slughorn wird Ihnen etwas leihen kön-
nen«, sagte Professor McGonagall. »Sehr schön, Potter, hier ist Ihr
Stundenplan. Oh, übrigens - zwanzig viel versprechende Talente
haben sich bereits für die Quidditch-Mannschaft von Gryffindor
eingetragen. Ich werde Ihnen die Liste zu gegebener Zeit zukom-
160
men lassen, dann können Sie die Testspiele nach Gutdünken festle-
gen.«
Ein paar Minuten später stand fest, dass Ron dieselben Fächer wie
Harry belegen würde, und die beiden verließen zusammen den
Tisch.
»Schau mal«, sagte Ron hocherfreut und betrachtete seinen Stun-
denplan, »wir haben jetzt eine Freistunde … und nach der Pause
noch eine … und nach dem Mittagessen …
Spitze!«
Sie kehrten in den Gemeinschaftsraum zurück, der leer war bis
auf ein halbes Dutzend Siebtklässler, darunter Katie Bell, die als
Einzige noch vom alten Quidditch-Team von Gryffindor übrig war,
in das Harry in seinem ersten Schuljahr eingetreten war.
»Ich hab mir schon gedacht, dass du das kriegst, prima«, rief sie
herüber und deutete auf das Kapitänsabzeichen auf Harrys Brust.
»Sag mir Bescheid, wann deine Testspiele stattfinden!«
»Red keinen Stuss«, sagte Harry, »du brauchst nicht zum Testspiel
zu kommen, ich hab dich fünf Jahre lang spielen sehen …«
»So darfst du gar nicht erst anfangen«, ermahnte sie ihn. »Du
weißt nie, ob da draußen nicht noch jemand Besseres ist als ich. Es
sind schon gute Mannschaften ruiniert worden, weil die Kapitäne
nur die altbekannten Gesichter aufgestellt oder ständig ihre Freun-
de aufgenommen haben …«
Ron schien sich ein wenig unbehaglich zu fühlen und begann mit
dem Fangzähnigen Frisbee zu spielen, das Hermine dem Viertkläss-
ler abgenommen hatte. Es schwirrte im Gemeinschaftsraum umher,
fletschte die Zähne und versuchte Stücke von den Wandbehängen
abzubeißen. Krummbein folgte ihm mit seinen gelben Augen und
fauchte, wenn es ihm zu nahe kam.
Eine Stunde später verließen sie widerstrebend den sonnigen
Gemeinschaftsraum und machten sich auf den Weg zum Klassen-
zimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste vier Stockwer-
ke tiefer. Hermine stand bereits in einer Schlange vor der Tür, den
Arm voller dicker Bücher und mit bedrückter Miene.
»Wir haben so viele Hausaufgaben für Runen«, sagte sie besorgt,
als Harry und Ron zu ihr stießen. »Einen vierzig Zentimeter langen
Aufsatz, zwei Übersetzungen, und die hier muss ich bis Mittwoch
161
lesen!«
»Gemeinheit«, gähnte Ron.
»Wart's nur ab«, sagte sie gereizt. »Ich wette, Snape halst uns jede
Menge auf.«
Noch während sie sprach, öffnete sich die Klassenzimmertür und
Snape kam in den Korridor, das fahle Gesicht wie immer von zwei
Vorhängen aus fettigem schwarzem Haar umrahmt. Die Schüler in
der Schlange verstummten schlagartig.
»Eintreten«, sagte er.
Beim Hineingehen sah Harry sich um. Snape hatte dem Raum be-
reits seine persönliche Note aufgezwungen; er war düsterer als üb-
lich, da Vorhänge vor die Fenster gezogen waren, und er wurde
von Kerzen beleuchtet. Neue Bilder schmückten die Wände, viele
davon zeigten Menschen, die offenbar unter Schmerzen litten,
denn sie wiesen grässliche Verletzungen oder seltsam verrenkte
Körperteile auf. Keiner der Schüler sprach, während sie ihre Plätze
einnahmen und ihre Blicke über die dunklen, grausigen Bilder
ringsumher glitten.
»Ich habe Sie nicht aufgefordert, die Bücher hervorzuholen«, sag-
te Snape, schloss die Tür, trat hinter sein Pult und wandte sich der
Klasse zu; Hermine ließ ihr Exemplar von
Im Angesicht des Ge-
sichtslosen hastig wieder in ihre Tasche fallen und verstaute sie
unter ihrem Stuhl. »Ich will Ihnen etwas sagen und ich erwarte
Ihre volle Aufmerksamkeit.«
Seine schwarzen Augen schweiften über ihre erhobenen Gesich-
ter und verharrten den Bruchteil einer Sekunde länger auf Harrys
Gesicht als auf den anderen.
»Sie hatten bislang fünf Lehrer in diesem Fach, meine ich.«
Meinst du … als ob du nicht zugesehen hättest, wie sie alle ka-
men und gingen, Snape, in der Hoffnung, du wärst der Nächste,
dachte Harry bissig.
»Natürlich haben all diese Lehrer ihre eigenen Methoden und
Schwerpunkte gehabt. Ich bin überrascht, dass so viele von Ihnen
trotz dieses Durcheinanders einen ZAG in diesem Fach geschafft
haben. Noch mehr wird es mich überraschen, wenn Sie alle mit
dem UTZ-Pensum zurechtkommen, das noch viel anspruchsvoller
162
sein wird.«
Snape begann, das Zimmer an den Wänden entlang abzu-
schreiten, und sprach jetzt mit leiserer Stimme; die Schüler mach-
ten lange Hälse, um ihn im Blick zu behalten.
»Die dunklen Künste«, sagte Snape, »sind zahlreich, vielgestaltig,
in ständigem Wandel begriffen und unvergänglich. Der Kampf
gegen sie ist wie der Kampf gegen ein vielköpfiges Ungeheuer, dem
jedes Mal, wenn ihm ein Hals durchschlagen wird, ein weiterer
Kopf nachwächst, noch wilder und gerissener als der alte. Sie
kämpfen gegen das Unberechenbare, das sich Wandelnde, das Un-
zerstörbare.«
Harry starrte Snape an. Sicher war es das eine, die dunklen Küns-
te als gefährlichen Feind zu respektieren, etwas anderes jedoch, wie
Snape mit einem liebevoll zärtlichen Ton in der Stimme von ihnen
zu reden?
»Ihre Verteidigung«, sagte Snape ein wenig lauter, »muss daher so
flexibel und erfindungsreich sein wie die Künste, deren Wirkung
Sie zu zerstören suchen. Diese Bilder«, er wies auf einige von ih-
nen, während er daran vorbeirauschte, »vermitteln einen recht
guten Eindruck davon, wie es jenen ergeht, die beispielsweise dem
Cruciatus-Fluch unterliegen« (er winkte mit der Hand in Richtung
einer Hexe, die offenbar unter Todesqualen schrie), »die den Kuss
des Dementors zu spüren bekommen« (ein Zauberer, der zusam-
mengesackt und mit leeren Augen an einer Mauer lag) »oder die
Angriffslust des Inferius herausfordern« (eine blutige Masse am
Boden).
»Ist etwa ein Inferius gesichtet worden?«, fragte Parvati Patil mit
schriller Stimme. »Ist es sicher, setzt er sie ein?«
»Der Dunkle Lord hat in der Vergangenheit schon Inferi einge-
setzt«, sagte Snape, »das heißt, Sie täten gut daran, wenn Sie davon
ausgehen würden, dass er sie wieder einsetzen könnte. Nun …«
Er schritt jetzt mit wehendem dunklem Umhang die andere Seite
des Klassenzimmers entlang auf sein Pult zu, und wieder folgten
ihm die Schüler mit ihren Blicken.
»… Sie sind, denke ich, im Gebrauch von ungesagten Zaubern
völlige Anfänger. Was ist der Vorteil eines ungesagten Zaubers?«
163
Hermines Hand schoss in die Höhe. Snape nahm sich Zeit und
sah rundherum jeden Einzelnen an, um sich zu vergewissern, dass
er keine andere Wahl hatte. Dann sagte er kurz angebunden: »Nun
gut - Miss Granger?«
»Unser Gegner ist nicht gewarnt, welche Art von Zauber wir ein-
setzen werden«, sagte Hermine, »was uns einen Vorteil von einer
knappen Sekunde einbringt.«
»Eine Antwort, die fast wortwörtlich aus dem
Lehrbuch der Zau-
bersprüche, Band 6, übernommen wurde«, erwiderte Snape gering-
schätzig (drüben in der Ecke kicherte Malfoy), »aber im Wesentli-
chen korrekt ist. Ja, wem es gelingt, Magie einzusetzen, ohne Be-
schwörungsformeln auszurufen, der gewinnt beim Zaubern ein
Überraschungsmoment. Natürlich sind nicht alle Zauberer dazu in
der Lage; es ist eine Frage der Konzentration und der mentalen
Stärke, die manchen«, und sein Blick ruhte erneut feindselig auf
Harry, »fehlt.«
Harry wusste, dass Snape an ihre katastrophalen Okklu-
mentikstunden im letzten Jahr dachte. Er hielt dem Blick stand und
funkelte Snape böse an, bis dieser schließlich wegsah.
»Sie werden sich nun aufteilen«, fuhr Snape fort, »und paarweise
zusammengehen. Der eine Partner wird versuchen, den anderenohne zu sprechen zu verhexen. Der andere wird versuchen, den
Fluch
ebenso stumm abzuwehren. Nun los.«
Snape wusste nicht, dass Harry im Jahr zuvor mindestens der
Hälfte der Klasse (allen DA-Mitgliedern) beigebracht hatte, wie
man einen Schildzauber ausführte. Keiner von ihnen hatte den
Zauber aber jemals ohne zu sprechen ausgeführt. Ein gehöriges
Maß an Schummelei folgte; viele sprachen die Beschwörung zwar
nicht laut aus, aber sie flüsterten sie doch. Wie nicht anders zu
erwarten war, schaffte es Hermine zehn Minuten nach Beginn die-
ser Übung, Nevilles gemurmelten Wabbelbein-Fluch abzuwehren,
ohne ein einziges Wort auszusprechen, eine Großtat, die ihr bei
jedem vernünftigen Lehrer sicher zwanzig Punkte für Gryffindor
eingebracht hätte, wie Harry verbittert dachte, die Snape aber ig-
norierte. Während sie übten, schritt er zwischen ihnen einher und
ähnelte dabei wie eh und je einer zu groß geratenen Fledermaus.
164
Dann hielt er inne, um Harry und Ron dabei zu beobachten, wie sie
sich mit der Aufgabe quälten.
Ron, der Harry einen Fluch aufhalsen sollte, war puterrot im Ge-
sicht und hatte die Lippen fest zusammengepresst, um sich daran zu
hindern, die Beschwörungsformel zu murmeln. Harry hatte seinen
Zauberstab erhoben und wartete gespannt wie ein Flitzebogen dar-
auf, einen Fluch abzuwehren, auf den er wohl noch lange warten
konnte.
»Erbärmlich, Weasley«, sagte Snape nach einer Weile. »Hier - ich
will es Ihnen zeigen -«
Er richtete seinen Zauberstab so schnell auf Harry, dass der ins-
tinktiv reagierte; er dachte nicht mehr an die ungesagten Zauber
und schrie:
»Protego!«
Sein Schildzauber war so stark, dass Snape aus dem Gleich-
gewicht gerissen wurde und gegen ein Pult prallte. Die ganze Klas-
se hatte sich umgedreht und beobachtete nun, wie Snape sich mit
finsterem Blick aufrichtete.
»Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass wir
ungesagte Zauber üben,
Potter?«
»Ja«, erwiderte Harry steif.
»Ja,
Sir.«
»Sie brauchen mich nicht ›Sir‹ zu nennen, Professor.«
Die Worte waren ihm entschlüpft, ehe er wusste, was er da sagte.
Einigen Schülern stockte der Atem, auch Hermine. Hinter Snape
jedoch grinsten Ron, Dean und Seamus anerkennend.
»Nachsitzen, Samstagabend, mein Büro«, sagte Snape. »Ich lasse es
nicht zu, dass mir einer frech kommt, Potter … nicht einmal derAuserwählte.«
»Das war genial, Harry!«, gluckste Ron, als sie kurze Zeit später
sicher auf dem Weg in die Pause waren.
»Du hättest es wirklich nicht sagen dürfen«, wandte Hermine ein
und sah Ron missbilligend an. »Was ist in dich gefahren?«
»Er hat versucht, mir einen Fluch aufzuhalsen, falls du das nicht
bemerkt hast!«, schnaubte Harry. »Davon hatte ich schon bei diesen
Okklumentikstunden genug! Warum benutzt er nicht mal jemand
anderen als Versuchskaninchen? Was soll das überhaupt, dass
165
Dumbledore ihn Verteidigung lehren lässt? Hast du gehört, wie er
über die dunklen Künste gesprochen hat? Er liebt sie! Das ganze
Gerede über das
Unberechenbare, Unzerstörbare -«
»Nun ja«, sagte Hermine, »ich dachte, er klingt ein bisschen wie
du.«
»Wie
ich?«
»Ja, als du uns erzählt hast, wie es ist, Voldemort die Stirn zu bie-
ten. Du hast gesagt, dass es nicht nur darum geht, ein paar Flüche
auswendig zu lernen, du hast gesagt, es gibt da nur dich, dein Ge-
hirn und deinen Mumm - also, hat Snape das nicht eben auch ge-
sagt? Dass es im Grunde nur darauf ankommt, mutig und flink im
Kopf zu sein?«
Harry fand es so entwaffnend, dass sie sich seine Worte genauso
eingeprägt hatte wie die aus dem
Lehrbuch der Zaubersprüche, dass
er nicht widersprach.
»Harry! Hey, Harry!«
Harry sah sich um; Jack Sloper, einer der Treiber aus der letztjäh-
rigen Quidditch-Mannschaft der Gryffindors, rannte mit einer Per-
gamentrolle in der Hand auf ihn zu.
»Für dich«, japste Sloper. »Hör mal, ich hab gehört, du bist der
neue Kapitän. Wann machst du die Testspiele?«
»Ich weiß noch nicht genau«, sagte Harry und dachte insgeheim,
dass Sloper schon viel Glück haben musste, um noch einmal in die
Mannschaft aufgenommen zu werden. »Ich geb dir Bescheid.«
»Oh, in Ordnung. Ich hatte gehofft, sie wären dieses Wo-
chenende -«
Aber Harry hörte nicht zu; er hatte gerade die feine, schräge
Schrift auf dem Pergament erkannt. Er ließ Sloper mitten im Satz
stehen, hastete mit Ron und Hermine davon und entrollte beim
Gehen das Pergament.
166
Lieber Harry,
ich würde gerne diesen Samstag mit unserem Einzelunterricht be-
ginnen. Bitte komme um acht Uhr abends in mein Büro. Ich hoffe,
du genießt deinen ersten Tag zurück an der Schule.
Mit herzlichem Gruß
Albus Dumbledore
PS: Ich mag Säuredrops.
»Er mag Säuredrops?«, sagte Ron, der über Harrys Schulter hinweg
die Nachricht gelesen hatte und verdutzt dreinsah.
»Das ist das Passwort, um an dem Wasserspeier vor seinem Büro
vorbeizukommen«, sagte Harry mit gedämpfter Stimme. »Ha! Snape
wird sich nicht gerade freuen … dann kann ich nicht bei ihm
nachsitzen!«
Er, Ron und Hermine überlegten während der gesamten Pause,
was Dumbledore Harry wohl beibringen würde. Ron hielt es für
am wahrscheinlichsten, dass es spektakuläre Flüche und Zauber
sein würden, die Todesser nicht kannten. Hermine meinte, solche
Dinge seien illegal, und glaubte eher, dass Dumbledore Harry in
fortgeschrittener defensiver Magie unterrichten wolle. Nach der
Pause ging sie zu Arithmantik, während Harry und Ron in den
Gemeinschaftsraum zurückkehrten, wo sie sich widerwillig an
Snapes Hausaufgaben machten. Die erwiesen sich als so kompli-
ziert, dass die beiden noch immer nicht fertig waren, als Hermine
sich für die Freistunde nach dem Mittagessen wieder zu ihnen ge-
sellte (allerdings beschleunigte sie die Arbeit beträchtlich). Als es
am Nachmittag zur Doppelstunde Zaubertränke läutete, waren sie
gerade fertig und machten sich auf den vertrauten Weg hinunter in
den Kerkerraum, der so lange Snapes Klassenzimmer gewesen war.
Im Korridor angelangt, sahen sie, dass nur ein Dutzend Leute hier
bis zum UTZ weitermachten. Crabbe und Goyle hatten den erfor-
derlichen ZAG offensichtlich nicht geschafft, aber vier Slytherins
waren durchgekommen, darunter Malfoy. Vier Ravenclaws waren
da und ein Hufflepuff, Ernie Macmillan, den Harry trotz seiner
recht wichtigtuerischen Art mochte.
»Harry«, sagte Ernie selbstgefällig und streckte ihm, als er sich
167
näherte, die Hand entgegen, »wir hatten keine Gelegenheit, uns
heute Morgen in Verteidigung gegen die dunklen Künste zu unter-
halten. Einwandfreie Stunde, fand ich, aber Schildzauber sind für
uns alte DA-Hasen natürlich ein alter Hut … und wie geht's euch,
Ron - Hermine?«
Ehe sie mehr als »gut« sagen konnten, ging die Kerkertür auf und
Slughorns Bauch kam ihm voran durch die Tür. Während sie einer
nach dem anderen den Raum betraten, strahlte Slughorn, dass sich
der große Walrossbart über seinem Mund bog, und er begrüßte
Harry und Zabini besonders entzückt.
Der Kerker war, ganz ungewohnt, bereits von Dämpfen und selt-
samen Gerüchen erfüllt. Harry, Ron und Hermine schnupperten
interessiert, während sie an großen, brodelnden Kesseln vorbeigin-
gen. Die vier Slytherins setzten sich zusammen an einen Tisch,
ebenso die vier Ravenclaws. So blieb Harry, Ron und Hermine
nichts anderes übrig, als sich einen Tisch mit Ernie zu teilen. Sie
wählten den, der einem goldfarbenen Kessel am nächsten stand,
von dem einer der verführerischsten Düfte ausging, die Harry je
eingeatmet hatte: Irgendwie erinnerte er ihn gleichzeitig an Sirup-
torte, den holzigen Geruch eines Besenstiels und etwas Blumenar-
tiges, von dem er meinte, es vielleicht im Fuchsbau schon einmal
gerochen zu haben. Er merkte, dass er ganz langsam und tief atmete
und dass die Dämpfe der Mischung in ihn hineinzusickern schie-
nen wie ein Getränk. Eine große Zufriedenheit breitete sich in ihm
aus; er grinste zu Ron hinüber, der träge zurückgrinste.
»Nun denn, nun denn, nun denn«, sagte Slughorn, dessen gewal-
tige Umrisse durch die vielen schimmernden Dämpfe waberten.
»Bitte alle die Waagen hervorholen und Trankzutaten, und verges-
sen Sie
Zaubertränke für Fortgeschrittene nicht …«
»Sir?«, sagte Harry und hob die Hand.
»Harry, mein Junge?«
»Ich habe kein Buch und keine Waage oder sonst was -und Ron
auch nicht - wir wussten nicht, dass wir den UTZ doch machen
können, verstehen Sie -«
»Ah, ja, Professor McGonagall hat das erwähnt … kein Problem,
mein lieber Junge, gar kein Problem. Sie können heute Zutaten aus
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dem Vorratsschrank nehmen, und wir können Ihnen sicher eine
Waage leihen und haben auch einen kleinen Bestand an alten Bü-
chern hier, das wird reichen, bis Sie an
Flourish & Blotts schreiben
können …«
Slughorn ging zügig hinüber zu einem Eckschrank und nach kur-
zem Stöbern tauchte er mit zwei sehr lädiert wirkenden Exempla-
ren
Zaubertränke für Fortgeschrittene von Libatius Borage auf, die
er Harry und Ron zusammen mit zwei angelaufenen Waagen über-
reichte.
»Nun denn«, sagte Slughorn, kehrte vor die Klasse zurück und
blähte seine ohnehin schon gewölbte Brust, dass die Knöpfe an
seiner Weste abzuspringen drohten, »ich habe ein paar Zauberträn-
ke für Sie vorbereitet, nur mal zum Anschauen, rein aus Interesse,
verstehen Sie? Diese Art von Tränken sollten Sie herstellen kön-
nen, wenn Sie Ihren UTZ abgelegt haben. Auch wenn Sie sie noch
nicht selbst gemacht haben, dürften Sie von ihnen gehört haben.
Kann mir jemand sagen, was das hier für einer ist?«
Er zeigte auf den Kessel neben dem Slytherin-Tisch. Harry erhob
sich ein wenig und sah etwas wie klares Wasser darin köcheln.
Hermines gut geübte Hand fuhr in die Höhe, noch ehe sonst je-
mand sich meldete; Slughorn deutete auf sie.
»Das ist Veritaserum, ein farbloser, geruchloser Zaubertrank, der
den Trinkenden zwingt, die Wahrheit zu sagen«, erklärte Hermine.
»Sehr gut, sehr gut!«, erwiderte Slughorn hochzufrieden. »Nun«,
fuhr er fort und wies auf den Kessel neben dem Ravenclaw-Tisch,
»dieser hier ist recht bekannt … wurde kürzlich auch in einigen
Merkblättern des Ministeriums erwähnt … wer kann -?«
Hermines Hand war wieder die schnellste.
»Es ist der Vielsaft-Trank, Sir«, sagte sie.
Auch Harry hatte die gemächlich blubbernde, schlammartige
Substanz im zweiten Kessel erkannt, nahm es Hermine jedoch
nicht übel, dass sie das Lob für die Beantwortung der Frage ein-
heimste; immerhin war sie es gewesen, der es damals in ihrem
zweiten Schuljahr gelungen war, ihn herzustellen.
»Ausgezeichnet, ausgezeichnet! Nun, dieser hier … Ja, meine Lie-
be?« Slughorn blickte nun leicht verwirrt, als Hermines Hand er-
169
neut in die Luft schoss.
»Das ist Amortentia!«
»In der Tat. Es scheint fast töricht zu fragen«, sagte Slughorn, der
schwer beeindruckt aussah, »aber ich nehme an, Sie wissen, was er
bewirkt?«
»Er ist der mächtigste Liebestrank der Welt!«, antwortete Hermi-
ne.
»Völlig richtig! Wie ich annehme, haben Sie ihn aufgrund seines
charakteristischen Perlmuttschimmers erkannt?«
»Und wegen des Dampfes, der ganz typisch in Spiralen aufsteigt«,
sagte Hermine schwärmerisch, »und der angeblich für jeden von
uns anders riecht, je nachdem, was wir anziehend finden - ich kann
frisch gemähtes Gras und ein neues Pergament und …«
Aber sie lief leicht rosa an und beendete den Satz nicht.
»Darf ich Ihren Namen erfahren, meine Liebe?«, fragte Slughorn,
ohne Hermines Verlegenheit zu beachten.
»Hermine Granger, Sir.«
»Granger? Granger? Sind Sie womöglich verwandt mit Hector
Dagworth-Granger, der die Extraordinäre Zunft der Trankmeister
gegründet hat?«
»Nein, ich glaube nicht, Sir. Ich stamme von Muggeln ab, wissen
Sie.«
Harry sah, wie Malfoy sich dicht zu Nott beugte und etwas flüs-
terte; beide kicherten, aber Slughorn war kein Entsetzen anzumer-
ken; im Gegenteil, er strahlte und blickte von Hermine zu Harry,
der neben ihr saß.
»Oho!
Eine sehr gute Freundin von mir ist muggelstämmig und
sie ist die Beste in unserem Jahrgang! Ich nehme an, das ist diese
Freundin, von der Sie sprachen, Harry?«
»Ja, Sir«, sagte Harry.
»Schön, schön, nehmen Sie zwanzig wohlverdiente Punkte für
Gryffindor, Miss Granger«, sagte Slughorn liebenswürdig.
Malfoy schaute ungefähr so drein wie damals, als Hermine ihm
ins Gesicht geschlagen hatte. Hermine drehte sich freudestrahlend
zu Harry um und flüsterte: »Hast du wirklich zu ihm gesagt, dass
ich die Beste in unserem Jahrgang bin? Oh, Harry!«
170
»Na und, was ist so beeindruckend daran?«, flüsterte Ron, der aus
irgendeinem Grund verärgert aussah. »Du
bist die Beste im Jahr-
gang - ich hätte es ihm auch gesagt, wenn er mich gefragt hätte!«
Hermine lächelte, legte jedoch den Finger an den Mund und
machte »Schh!«, damit sie hören konnten, was Slughorn sagte. Ron
schien leicht verstimmt.
»Amortentia erzeugt natürlich nicht wirklich
Liehe. Es ist un-
möglich, Liebe herzustellen oder nachzubilden. Nein, er verursacht
nur starke Schwärmerei oder Besessenheit. Es ist der wohl gefähr-
lichste und stärkste Zaubertrank in diesem Raum - o ja«, sagte er
und nickte ernst zu Malfoy und Nott hinüber, die beide skeptisch
grinsten. »Wenn Sie so viel vom Leben gesehen haben wie ich,
werden Sie die Macht besessener Liebe nicht unterschätzen … Und
nun«, fuhr Slughorn fort, »ist es an der Zeit, dass wir mit der Arbeit
beginnen.«
»Sir, Sie haben uns nicht gesagt, was in dem dort drin ist«, be-
merkte Ernie Macmillan und deutete auf einen kleinen schwarzen
Kessel, der auf Slughorns Pult stand. Der Trank darin spritzte mun-
ter umher; er hatte die Farbe von geschmolzenem Gold und große
Tropfen hüpften wie Goldfische über die Oberfläche, aber kein
bisschen war bisher verschüttet worden.
»Oho«, sagte Slughorn erneut. Harry war sicher, dass Slughorn
den Zaubertrank gar nicht vergessen, sondern wegen der dramati-
schen Wirkung gewartet hatte, bis man ihn danach fragte. »Ja. Die-
ser. Nun,
dieser hier, meine Damen und Herren, ist ein höchst ku-
rioser kleiner Trank namens Felix Felicis. Ich nehme an«, und er
wandte sich lächelnd Hermine zu, die hörbar nach Luft schnappte,
»dass Sie wissen, was Felix Felicis bewirkt, Miss Granger?«
»Es ist flüssiges Glück«, sagte Hermine aufgeregt. »Es bewirkt,
dass man Glück hat!«
Die ganze Klasse schien sich ein wenig aufzurichten. Da Malfoy
nun Slughorn endlich seine volle und ungeteilte Aufmerksamkeit
widmete, konnte Harry von ihm nur noch den glatten blonden
Hinterkopf sehen.
»Völlig richtig, nehmen Sie weitere zehn Punkte für Gryffindor.
Ja, das ist ein merkwürdiger kleiner Trank, Felix Felicis«, sagte
171
Slughorn. »Furchtbar kompliziert, ihn herzustellen, und eine Ka-
tastrophe, wenn er nicht gelingt. Wenn er allerdings richtig ge-
braut wird, wie dieser hier, dann werden Sie feststellen, dass alle
Ihre Unternehmungen dazu neigen, zu gelingen … zumindest, bis
die Wirkung nachlässt.«
»Warum trinken die Leute ihn nicht die ganze Zeit?«, fragte Ter-
ry Boot begierig.
»Weil er, wenn man ihn im Übermaß zu sich nimmt, ein
Schwindelgefühl, Leichtsinn und gefährlich übersteigertes Selbst-
vertrauen verursacht«, sagte Slughorn. »Zu viel des Guten, verste-
hen Sie … höchst giftig in großen Mengen. Aber in Maßen einge-
nommen, und ganz selten …«
»Haben Sie ihn jemals genommen, Sir?«, fragte Michael Corner
äußerst interessiert.
»Zweimal in meinem Leben«, sagte Slughorn. »Einmal, als ich
vierundzwanzig war, und das andere Mal mit siebenundfünfzig.
Zwei Esslöffel zum Frühstück. Zwei perfekte Tage.«
Er blickte träumerisch ins Leere. Ob er hier nun schauspielerte
oder nicht, dachte Harry, die Wirkung war gut.
»Und das«, sagte Slughorn und kehrte offensichtlich wieder auf
den Boden der Wirklichkeit zurück, »setze ich in der heutigen
Stunde als Preis aus.«
Eine Stille trat ein, in der jedes Blubbern und Glucksen der Zau-
bertränke rundum zehnfach verstärkt wirkte.
»Ein Fläschchen Felix Felicis«, sagte Slughorn, nahm eine winzige
verkorkte Glasflasche aus seiner Tasche und zeigte sie überall her-
um. »Genug für zwölf Stunden Glück. Von morgens bis abends
wird Ihnen alles, was Sie unternehmen, gelingen.
Allerdings muss ich Sie warnen, Felix Felicis ist bei Wett-
bewerbsveranstaltungen eine verbotene Substanz … bei Sporter-
eignissen zum Beispiel, Prüfungen oder Wahlen. Der Gewinner
darf es also nur an einem gewöhnlichen Tag benutzen … und wird
erleben, wie ein gewöhnlicher Tag zu einem außergewöhnlichen
wird!
Also«, sagte Slughorn auf einmal energisch, »wie können Sie mei-
nen sagenhaften Preis gewinnen? Nun, indem Sie die Seite zehn
172
von
Zaubertränke für Fortgeschrittene aufschlagen. Wir haben
noch eine gute Stunde, das sollte Ihnen genügen, einen ordentli-
chen Versuch zu machen, den Sud des lebenden Todes hinzube-
kommen. Ich weiß, dass er komplizierter ist als alles, was Sie bisher
in Angriff genommen haben, und ich erwarte von keinem einen
perfekten Trank. Wer sich aber am geschicktesten anstellt, wird
den kleinen Felix hier gewinnen. Und los geht's!«
Ein Scharren ertönte, als alle ihre Kessel heranzogen, und hier
und da ein lautes Klappern, als sie ihre Waagen mit Gewichten
beschwerten, doch niemand redete. Die Konzentration im Raum
war fast greifbar. Harry sah Malfoy fieberhaft sein
Zaubertränke für
Fortgeschrittene durchblättern. Es hätte nicht deutlicher sein kön-
nen, dass Malfoy diesen glücklichen Tag auf jeden Fall haben woll-
te. Harry beugte sich rasch über das ramponierte Buch, das Slug-
horn ihm geliehen hatte.
Genervt stellte er fest, dass der vorige Besitzer die Seiten voll ge-
kritzelt hatte, so dass die Ränder genauso schwarz waren wie die
bedruckten Stellen. Harry beugte sich tief hinunter, um die Zuta-
tenliste zu entziffern (sogar hier hatte der Vorbesitzer Anmerkun-
gen gemacht und Dinge durchgestrichen), dann hastete er hinüber
zum Vorratsschrank, um sich zu holen, was er brauchte. Als er zu
seinem Kessel zurückeilte, sah er, wie Malfoy so schnell er konnte
Baldrianwurzeln klein schnitt.
Alle warfen andauernd Blicke umher, um zu sehen, was die ande-
ren taten; es war ein Vorteil und zugleich ein Nachteil des Zauber-
trankunterrichts, dass man seine Arbeit kaum geheim halten konn-
te. Nach zehn Minuten stand der ganze Raum unter bläulichem
Dampf. Hermine schien natürlich am weitesten vorangekommen
zu sein. Ihr Trank ähnelte bereits der »glatten Flüssigkeit von der
Farbe Schwarzer Johannisbeeren«, die als wünschenswertes Zwi-
schenergebnis im Buch vermerkt war.
Als Harry seine Wurzeln zerhackt hatte, beugte er sich wieder
tief über sein Buch. Es war wirklich sehr ärgerlich, dass er sich
auch noch damit abmühen musste, die Rezeptanweisungen unter
all den dummen Kritzeleien des Vorbesitzers zu entziffern, dem aus
irgendeinem Grund die Anordnung nicht gefallen hatte, dass die
173
Schlafbohne klein geschnitten werden müsse, und der stattdessen
eine andere Anweisung hineingeschrieben hatte:
Mit der stumpfen Seite eines silbernen Dolchs zerdrücken, holt
den Saft besser heraus als Kleinschneiden.
»Sir, ich glaube, Sie kannten meinen Großvater, Abraxas Mal-
foy?«
Harry sah auf; Slughorn ging gerade am Slytherin-Tisch vorbei.
»Ja«, sagte Slughorn, ohne Malfoy anzublicken, »zu meinem Be-
dauern hörte ich, dass er verstorben ist, auch wenn es natürlich
nicht unerwartet kam, Drachenpocken in seinem Alter …«
Und er ging weiter. Harry beugte sich feixend wieder über seinen
Kessel. Ihm war klar, dass Malfoy erwartet hatte, wie Harry oder
wie Zabini behandelt zu werden; vielleicht hatte er sogar auf eine
kleine Vorzugsbehandlung gehofft, von der Art, wie er sie inzwi-
schen von Snape gewohnt war. Es sah ganz so aus, als müsste Mal-
foy sich auf nichts als seine Fähigkeiten verlassen, um das Fläsch-
chen Felix Felicis zu gewinnen.
Die Schlafbohne klein zu schneiden erwies sich als äußerst
schwierig. Harry drehte sich zu Hermine um.
»Kann ich mir mal dein silbernes Messer ausleihen?«
Sie nickte ungeduldig, ohne die Augen von ihrem Zaubertrank
abzuwenden, der immer noch tiefpurpurrot war, obwohl er dem
Buch nach mittlerweile einen leichten Lilastich hätte annehmen
müssen.
Harry zerdrückte seine Bohne mit der stumpfen Seite des Dolchs.
Zu seinem Erstaunen sonderte sie unverzüglich so viel Saft ab, wie
er der schrumpeligen Bohne gar nicht zugetraut hätte. Hastig
schöpfte er alles in den Kessel und stellte überrascht fest, dass der
Trank sofort genau den Lilaton annahm, der im Lehrbuch be-
schrieben war.
Harrys Ärger über den Vorbesitzer verflog auf der Stelle, und er
spähte nun auf die nächste Zeile der Anweisungen. Laut Buch
musste er den Sud gegen den Uhrzeigersinn umrühren, bis er klar
wie Wasser wurde. Laut Anmerkung jedoch, die der Vorbesitzer
hinzugefügt hatte, sollte er, immer wenn er siebenmal gegen den
Uhrzeigersinn gerührt hatte, einmal in die andere Richtung rühren.
174
Konnte der alte Besitzer auch ein zweites Mal Recht haben?
Harry rührte gegen den Uhrzeigersinn, hielt den Atem an und
rührte einmal im Uhrzeigersinn. Die Wirkung folgte unmittelbar.
Der Trank nahm ein blässliches Rosa an.
»Wie machst du das?«, wollte Hermine wissen. Ihr Gesicht war
gerötet und ihre Haare wurden in den Dämpfen ihres Kessels im-
mer buschiger; ihr Trank blieb beharrlich bei seiner purpurnen
Farbe.
»Rühr zusätzlich einmal im Uhrzeigersinn -«
»Nein, nein, im Buch steht, gegen den Uhrzeigersinn!«, fuhr sie
ihn an.
Harry zuckte die Achseln und rührte weiter. Siebenmal gegen
den Uhrzeigersinn, einmal im Uhrzeigersinn, Pause … siebenmal
gegen den Uhrzeigersinn, einmal im Uhrzeigersinn …
Auf der anderen Seite des Tisches fluchte Ron leise vor sich hin;
sein Gebräu sah aus wie flüssige Lakritze. Harry blickte sich um.
Soweit er sehen konnte, war kein anderer Zaubertrank so blass
geworden wie seiner. Er geriet in Hochstimmung, etwas, das ihm in
diesem Kerker wahrlich noch nie passiert war.
»Und die Zeit ist … um!«, rief Slughorn. »Nicht mehr rühren, bit-
te!«
Slughorn ging langsam zwischen den Tischen durch und lugte in
die Kessel. Er gab keine Kommentare ab, rührte nur hin und wieder
in einem Trank oder schnupperte daran. Schließlich kam er zu dem
Tisch, an dem Harry, Ron, Hermine und Ernie saßen. Er lächelte
mitleidig über die teerartige Substanz in Rons Kessel. Ernies mari-
neblaues Gebräu überging er. Hermines Zaubertrank bedachte er
mit einem anerkennenden Nicken. Dann sah er Harrys Trank, und
auf seinem Gesicht breitete sich ein Ausdruck ungläubiger Freude
aus.
»Der klare Sieger!«, rief er durch den Kerker. »Ausgezeichnet,
ausgezeichnet, Harry! Mein Gott, Sie haben eindeutig das Talent
Ihrer Mutter geerbt, sie war ein richtiges Ass in Zaubertränke, un-
sere Lily! Also, hier, bitte sehr, bitte sehr - eine Flasche Felix Feli-
cis, wie versprochen, und verwenden Sie es mit Bedacht!«
Harry ließ das Fläschchen mit der goldenen Flüssigkeit in seine
175
Innentasche gleiten, und er empfand eine seltsame Mischung von
Genugtuung angesichts der wütenden Blicke auf den Slytherin-
Gesichtern und von schlechtem Gewissen wegen Hermines ent-
täuschter Miene. Ron wirkte schlichtweg verdattert.
»Wie hast du das gemacht?«, flüsterte er Harry zu, als sie den
Kerker verließen.
»Hab einfach Glück gehabt, schätze ich«, erwiderte Harry, weil
Malfoy in Hörweite war.
Doch sobald sie bequem und geschützt am Gryffindor-Tisch beim
Abendessen saßen, fühlte sich Harry sicher genug, um es ihnen zu
erzählen. Hermines Gesicht wurde mit jedem seiner Worte starrer.
»Ich vermute, du denkst, ich hätte geschummelt?«, schloss er,
verärgert darüber, was sie für ein Gesicht machte.
»Also, das war eigentlich gar nicht deine Arbeit, oder?«, sagte sie
steif.
»Er hat sich nur an andere Anweisungen gehalten als wir«, sagte
Ron. »Hätte auch 'ne Katastrophe werden können, oder? Aber er
hat was riskiert und es hat sich gelohnt.« Er seufzte. »Slughorn hät-
te auch mir dieses Buch geben können, aber nein, ich krieg eins, in
das nie jemand reingeschrieben hat. Höchstens
drübergekotzt, so,
wie Seite zweiundfünfzig aussieht, aber -«
»Warte mal«, sagte eine Stimme dicht an Harrys linkem Ohr, und
plötzlich wehte dieser Blumenduft zu ihm herüber, den er in Slug-
horns Kerker wahrgenommen hatte. Er wandte sich um und sah,
dass Ginny zu ihnen gekommen war. »Hab ich richtig gehört? Du
hast Anweisungen befolgt, die jemand in ein Buch geschrieben hat,
Harry?«
Sie schien beunruhigt und wütend. Harry wusste sofort, was sie
beschäftigte.
»Das hat nichts zu bedeuten«, sagte er beschwichtigend und senk-
te die Stimme. »Es ist nicht wie, du weißt schon, Riddles Tagebuch.
Es ist nur ein altes Schulbuch, in das jemand reingekritzelt hat.«
»Aber du tust, was es sagt?«
»Ich hab nur ein paar von den Tipps ausprobiert, die an den Sei-
tenrändern stehen, ehrlich, Ginny, da ist nichts Merkwürdiges -«
»Ginny hat Recht«, sagte Hermine, die sofort wieder munter
176
wurde. »Wir sollten nachsehen, ob damit alles in Ordnung ist. Ich
meine, diese ganzen komischen Anweisungen, wer weiß?«
»Hey!«, sagte Harry empört, als sie ihm sein Exemplar Zau-
bertränke
für Fortgeschrittene aus der Tasche zog und ihren Zau-
berstab hob.
»Specialis revelio!«, sagte sie und versetzte dem Buch einen hefti-
gen Schlag auf den vorderen Deckel.
Es geschah überhaupt nichts. Das Buch lag einfach da, alt und
schmutzig und mit Eselsohren.
»Fertig?«, sagte Harry genervt. »Oder willst du warten, ob es ein
paar Saltos rückwärts macht?«
»Es scheint okay zu sein«, erwiderte Hermine, die immer noch
argwöhnisch auf das Buch starrte. »Ich meine, es scheint tatsächlich
… einfach nur ein Schulbuch zu sein.«
»Gut. Dann will ich es wiederhaben«, sagte Harry und schnappte
es sich vom Tisch, doch es glitt ihm aus der Hand und landete auf-
geschlagen auf dem Boden.
Niemand sonst achtete darauf. Harry bückte sich, um das Buch
aufzuheben, und dabei sah er, dass am unteren Rand des hinteren
Buchdeckels etwas in derselben kleinen, gedrängten Handschrift
hingekritzelt war wie die Anweisungen, die ihm sein Fläschchen
Felix Felicis eingebracht hatten, das jetzt sicher in einem Paar So-
cken in seinem Koffer oben versteckt lag.
Dieses Buch ist Eigentum des Halbblutprinzen.
177
Das Haus der Gaunts
Auch in den restlichen Zaubertrankstunden dieser Woche folgte
Harry den Anweisungen des Halbblutprinzen, wo immer sie von
den Rezepten von Libatius Borage abwichen, mit dem Ergebnis,
dass Slughorn sich nach der vierten Stunde schwärmerisch über
Harrys Fähigkeiten ausließ und versicherte, er hätte selten einen so
talentierten Schüler unterrichtet. Weder Ron noch Hermine waren
erfreut darüber. Harry hatte ihnen zwar angeboten, sie in sein
Buch schauen zu lassen, doch fiel es Ron schwerer als Harry, die
Handschrift zu entziffern, und er konnte Harry nicht dauernd bit-
ten, die Anweisungen laut vorzulesen, weil das Verdacht erregt
hätte. Hermine mühte sich unterdessen entschlossen weiter mit
dem ab, was sie die »offiziellen« Angaben nannte, bekam allerdings
immer üblere Laune, weil sie schlechtere Resultate einbrachten als
die des Prinzen.
Harry fragte sich insgeheim, wer der Halbblutprinz gewesen war.
Sie hatten zwar so viele Hausaufgaben bekommen, dass er keine
Zeit hatte, sein Exemplar der
Zaubertränke für Fortgeschrittene
ganz durchzulesen, doch er hatte es gründlich genug durchgeblät-
tert, um festzustellen, dass es kaum eine Seite enthielt, wo der
Prinz keine zusätzlichen Anmerkungen hinterlassen hatte, die aber
nicht alle mit dem Zaubertrankbrauen zu tun hatten. Gelegentlich
fanden sich auch Anleitungen für Zauber, die offenbar der Prinz
selbst entwickelt hatte.
»Oder
sie selbst«, sagte Hermine gereizt, als sie mitbekam, wie
Harry am Samstagabend im Gemeinschaftsraum Ron einige davon
zeigte. »Es könnte auch ein Mädchen gewesen sein. Die Hand-
schrift kommt mir eher wie die eines Mädchens vor als die eines
Jungen.«
»Er hieß
der Halbblutp
rinz
«, sagte Harry. »Wie viele Mädchen
waren Prinzen?«
Darauf schien Hermine keine Antwort zu haben. Sie blickte nur
finster und zog ihren Aufsatz über »Die Prinzipien der Remateriali-
sierung« von Ron weg, der versucht hatte, den Text über Kopf zu
178
lesen.
Harry warf einen Blick auf seine Uhr und steckte hastig das alte
Exemplar von
Zaubertränke für Fortgeschrittene zurück in seine
Tasche.
»Es ist fünf vor acht, ich geh jetzt besser, sonst komm ich zu spät
zu Dumbledore.«
»Ooooh!«, stieß Hermine hervor und blickte sofort auf. »Viel
Glück! Wir warten auf dich, wir wollen hören, was er dir bei-
bringt!«
»Hoffentlich läuft's gut«, sagte Ron, und die beiden sahen Harry
nach, der durch das Porträtloch verschwand.
Harry lief durch menschenleere Korridore, musste allerdings has-
tig hinter eine Statue schlüpfen, als Professor Trelawney um eine
Ecke gebogen kam, die leise vor sich hin brabbelte, einen Stapel
schmutzig aussehender Spielkarten mischte und sie dann im Gehen
las.
»Pik-Zwei: Konflikt«, murmelte sie, als sie an der Statue vorbei-
kam, hinter die Harry sich geduckt hatte. »Pik-Sieben: ein böses
Omen. Pik-Zehn: Gewalt. Pik-Bube: ein dunkler junger Mann,
möglicherweise verstört, der den Fragesteller nicht leiden kann -«
Sie blieb wie angewurzelt stehen, genau vor Harrys Statue.
»Nein, das kann nicht stimmen«, sagte sie verärgert, und als sie
weitergegangen und nichts als einen leichten Geruch nach Koch-
sherry zurückgelassen hatte, hörte Harry, wie sie die Karten ener-
gisch neu mischte. Er wartete, bis er ganz sicher war, dass sie sich
entfernt hatte, dann brach er eilig wieder auf, bis er die Stelle im
Korridor im siebten Stock erreichte, wo ein einzelner Wasserspeier
an der Wand stand.
»Säuredrops«, sagte Harry. Der Wasserspeier sprang beiseite; die
Wand hinter ihm teilte sich und glitt auseinander, und eine stei-
nerne Wendeltreppe, die sich bewegte, wurde sichtbar. Harry stieg
auf die Stufen, worauf sie ihn in sanften Kreisen hoch zu der Tür
mit dem Bronzeklopfer trug, die zu Dumbledores Büro führte.
Harry klopfte.
»Herein«, sagte Dumbledores Stimme.
»Guten Abend, Sir«, sagte Harry und betrat das Büro des Schullei-
179
ters.
»Ah, guten Abend, Harry. Setz dich«, erwiderte Dumbledore lä-
chelnd. »Ich hoffe, du hattest eine angenehme erste Woche zurück
in der Schule?«
»Ja, danke, Sir«, sagte Harry.
»Du musst fleißig gewesen sein, da du dir bereits einmal Nachsit-
zen eingehandelt hast!«
»Ähm …«, begann Harry verlegen, aber Dumbledore sah nicht
allzu streng aus.
»Ich habe mich mit Professor Snape verständigt, dass du stattdes-
sen nächsten Samstag zum Nachsitzen kommst.«
»Gut«, sagte Harry, den im Augenblick dringendere Dinge be-
schäftigten als das Nachsitzen bei Snape. Er blickte sich jetzt ver-
stohlen nach irgendeinem Hinweis auf das um, was Dumbledore an
diesem Abend mit ihm vorhatte. Das kreisrunde Büro sah genauso
aus wie immer: Die empfindlichen silbernen Instrumente standen
auf storchbeinigen Tischen, stießen Rauch aus und surrten; Port-
räts ehemaliger Schulleiter und Schulleiterinnen dösten in ihren
Bilderrahmen; und Dumbledores herrlicher Phönix Fawkes saß auf
seiner Stange hinter der Tür und beobachtete Harry mit wachem
Interesse. Es sah nicht einmal danach aus, als hätte Dumbledore
einen Platz für Duellübungen frei geräumt.
»Also, Harry«, sagte Dumbledore in sachlichem Ton. »Du fragst
dich sicher, was ich mit dir in diesen - in Ermangelung eines besse-
ren Wortes - Unterrichtsstunden zu tun gedenke.«
»Ja, Sir.«
»Nun, ich habe beschlossen, dass es an der Zeit ist, dir gewisse In-
formationen mitzuteilen, jetzt, da du weißt, was Lord Voldemort
vor fünfzehn Jahren zu dem Versuch veranlasst hat, dich zu töten.«
Eine Weile herrschte Stille.
»Sie sagten am Ende des letzten Schuljahrs, Sie würden mir alles
erzählen«, bemerkte Harry. Es fiel ihm schwer zu vermeiden, dass
seine Stimme vorwurfsvoll klang. »Sir«, fügte er hinzu.
»Und das habe ich auch getan«, sagte Dumbledore ruhig. »Ich ha-
be dir alles erzählt, was ich weiß. Von jetzt an werden wir den
festen Boden der Tatsachen verlassen und gemeinsam durch die
180
trüben Sümpfe der Erinnerung in das Dickicht wildester Spekulati-
on wandern. Von hier an, Harry, könnte ich mich genauso erbärm-
lich irren wie Humphrey Belcher, der glaubte, die Zeit sei reif für
einen Käsekessel.«
»Aber Sie denken, dass Sie sich nicht irren?«, fragte Harry.
»Natürlich, aber wie ich dir bereits bewiesen habe, mache ich
Fehler wie jeder andere. Genau genommen sind meine Fehler, da
ich - verzeih mir - eher klüger bin als die meisten Menschen, in der
Regel auch entsprechend größer.«
»Sir«, sagte Harry zaghaft, »hat das, was Sie mir erzählen werden,
irgendetwas mit der Prophezeiung zu tun? Wird es mir helfen …
zu überleben?«
»Es hat sehr viel mit der Prophezeiung zu tun«, erwiderte
Dumbledore, so beiläufig, als ob Harry ihn nach dem morgigen
Wetter gefragt hätte, »und ich hoffe zweifellos, dass es dir helfen
wird, zu überleben.«
Dumbledore erhob sich und ging um den Schreibtisch herum, an
Harry vorbei, der sich gespannt auf seinem Platz umdrehte und
Dumbledore zusah, wie er sich in den Schrank neben der Tür beug-
te. Als er sich aufrichtete, hielt er eine vertraute flache Steinschale
in den Händen, auf deren Rand merkwürdige Zeichen eingeprägt
waren. Er stellte das Denkarium vor Harry auf den Schreibtisch.
»Du siehst beunruhigt aus.«
Harry hatte das Denkarium tatsächlich etwas besorgt ins Auge ge-
fasst. Seine bisherigen Erfahrungen mit der merkwürdigen Vor-
richtung, die Gedanken und Erinnerungen speicherte und offen-
barte, waren zwar höchst aufschlussreich, aber auch unangenehm
gewesen. Als er zum letzten Mal seinen Inhalt aufgewirbelt hatte,
hatte er viel mehr gesehen, als ihm eigentlich lieb war. Aber
Dumbledore lächelte.
»Diesmal trittst du mit mir zusammen in das Denkarium ein …
und was sogar noch ungewöhnlicher ist - mit Erlaubnis.«
»Wohin gehen wir, Sir?«
»Auf eine Reise auf Bob Ogdens Straße der Erinnerung«, sagte
Dumbledore und zog eine Kristallflasche aus seiner Tasche, die eine
wirbelnde, silbrig weiße Substanz enthielt.
181
»Wer war Bob Ogden?«
»Er hat in der Abteilung für Magische Strafverfolgung gearbeitet«,
sagte Dumbledore. »Er ist vor einiger Zeit gestorben, aber ich
konnte ihn noch rechtzeitig ausfindig machen und ihn überreden,
mir diese Erinnerungen anzuvertrauen. Wir werden ihn gleich bei
einem Besuch begleiten, den er von Amts wegen gemacht hat.
Wenn du bitte aufstehen würdest, Harry …«
Aber Dumbledore hatte Schwierigkeiten, den Stöpsel der Kristall-
flasche herauszuziehen: Seine verletzte Hand war offenbar steif
und schmerzte.
»Soll - soll ich, Sir?«
»Kein Problem, Harry -«
Dumbledore richtete seinen Zauberstab auf die Flasche und der
Korken flog heraus.
»Sir - wie haben Sie sich die Hand verletzt?«, fragte Harry erneut
und blickte mit einer Mischung aus Abscheu und Mitleid auf die
geschwärzten Finger.
»Es ist noch nicht Zeit für diese Geschichte, Harry. Noch nicht.
Wir haben eine Verabredung mit Bob Ogden.«
Dumbledore kippte den silbrigen Inhalt der Flasche in das Den-
karium, wo er, weder Flüssigkeit noch Gas, schimmernd umher-
wirbelte.
»Nach dir«, sagte Dumbledore und wies auf die Schale.
Harry beugte sich vor, holte tief Luft und tauchte sein Gesicht in
die silbrige Substanz. Er spürte, wie seine Füße vom Boden des
Büros abhoben; er fiel und fiel, durch schwirrende Dunkelheit, und
dann, ganz plötzlich, blinzelte er in blendendem Sonnenlicht. Ehe
seine Augen sich daran gewöhnt hatten, landete Dumbledore ne-
ben ihm.
Sie standen auf einer Landstraße, die von hohen, verschlungenen
Hecken gesäumt war, unter einem Sommerhimmel, so hell und
blau wie ein Vergissmeinnicht. Etwa drei Meter vor ihnen stand
ein kleiner, rundlicher Mann mit enorm dicken Brillengläsern, die
seine Augen zu leberfleckartigen Pünktchen verkleinerten. Er
blickte auf ein hölzernes Straßenschild, das aus den Brombeer-
sträuchern am linken Straßenrand ragte. Harry wusste, das musste
182
Ogden sein; er war der einzige Mensch weit und breit, und er trug
auch das seltsame Durcheinander von Kleidern, für das sich uner-
fahrene Zauberer oft entschieden, wenn sie wie Muggel aussehen
wollten: Bei ihm waren es ein Gehrock und Gamaschen über einem
gestreiften Badeanzug. Doch ehe Harry zu etwas anderem fähig
war, als diese bizarre Erscheinung zur Kenntnis zu nehmen, ging
Ogden bereits mit zügigen Schritten die Straße hinunter.
Dumbledore und Harry folgten ihm. Als sie an dem hölzernen
Wegweiser vorbeikamen, blickte Harry zu dessen zwei Armen
hoch. Der eine wies in die Richtung zurück, aus der sie gekommen
waren, und darauf stand: »Great Hangleton, 5 Meilen«. Auf dem
anderen, der in Ogdens Richtung deutete, stand: »Little Hangleton,
1 Meile«.
Sie legten eine kurze Strecke zurück, auf der nichts zu sehen war
außer Hecken, der weite blaue Himmel über ihnen und die wu-
selnde Gestalt im Gehrock vor ihnen, dann machte die Straße eine
Kurve nach links, neigte sich und führte sehr steil einen Hügel
hinunter, und mit einem Mal bot sich ihnen ein unerwarteter Blick
über ein ganzes Tal, das sich vor ihnen erstreckte. Harry konnte ein
Dorf sehen, zweifellos Little Hangleton, es lag gemütlich zwischen
zwei steilen Hügeln, und seine Kirche und sein Friedhof waren
deutlich zu erkennen. Jenseits des Tales, auf dem Hügel gegenüber,
stand ein schönes Gutshaus, inmitten einer weitläufigen, samtig
grünen Rasenfläche.
Wegen des steilen Gefälles war Ogden in einen unfreiwilligen
Trab verfallen. Dumbledore schritt nun weiter aus, und Harry be-
eilte sich, um nicht den Anschluss zu verlieren. Er dachte, es ginge
nach Little Hangleton, und wie in der Nacht, in der sie Slughorn
aufgesucht hatten, fragte er sich, warum sie sich ihrem Ziel aus
solcher Entfernung nähern mussten. Bald jedoch stellte er fest, dass
er sich geirrt hatte, denn es ging keineswegs ins Dorf. Die Straße
bog nach rechts, und als sie um die Kurve kamen, sahen sie gerade
noch Ogdens Gehrock durch eine Lücke in der Hecke verschwin-
den.
Dumbledore und Harry folgten ihm auf einen schmalen Feldweg,
der von noch höheren und wilderen Hecken gesäumt war. Der
183
Weg war uneben, steinig und voller Schlaglöcher, er neigte sich
wie die Straße zuvor hügelabwärts und führte offenbar zu einer
Waldung mit dunklen Bäumen ein Stück weiter unten. Und tat-
sächlich, bald erreichte der Weg das Wäldchen, und Dumbledore
und Harry blieben hinter Ogden stehen, der innegehalten und sei-
nen Zauberstab gezogen hatte.
Der Himmel war wolkenlos, doch die alten Bäume vor ihnen
warfen tiefe, dunkle, kühle Schatten, und es dauerte einige Sekun-
den, bis Harrys Augen mitten im Dickicht der Stämme das halb
verborgene Gebäude erkennen konnten. Es kam ihm äußerst son-
derbar vor, dass jemand einen solchen Platz für ein Haus gewählt
hatte, zumindest war es ein merkwürdiger Entschluss, die Bäume
daneben weiterwachsen zu lassen, die alles Licht verschluckten
und die Sicht hinunter auf das Tal versperrten. Er fragte sich, ob es
wohl bewohnt war; seine Mauern waren moosbewachsen und vom
Dach waren so viele Ziegel heruntergefallen, dass man an manchen
Stellen die Sparren sehen konnte. Rundum wuchsen Brennnesseln,
deren Spitzen bis zu den winzigen, stark verschmutzten Fenstern
reichten. Gerade als er zu dem Schluss gekommen war, dass hier
unmöglich jemand leben konnte, wurde klappernd eines der Fens-
ter aufgeworfen, und eine dünne Dampf- oder Rauchfahne drang
heraus, als sei gerade jemand beim Kochen.
Ogden ging ruhig weiter, recht vorsichtig, wie es Harry schien.
Als die dunklen Schatten der Bäume über ihn glitten, blieb er er-
neut stehen und blickte gebannt auf die Haustür, an die jemand
eine tote Schlange genagelt hatte.
Dann war ein Rascheln und Knacken zu hören, und ein Mann in
Lumpen fiel vom nächsten Baum und landete direkt vor Ogden auf
beiden Füßen. Ogden sprang so schnell rückwärts, dass er auf die
Schöße seines Gehrocks trat und strauchelte.
»Du bist hier unerwünscht.«
Der Mann, der vor ihnen stand, hatte dichtes Haar, so verfilzt mit
Schmutz, dass die Farbe nicht zu erkennen war. Etliche Zähne
fehlten ihm. Seine Augen waren klein und dunkel und starrten in
entgegengesetzte Richtungen. Er hätte komisch aussehen können,
aber das tat er nicht; der Eindruck war erschreckend, und Harry
184
konnte es Ogden nicht verdenken, dass er noch einige Schritte wei-
ter zurückwich, ehe er sprach.
»Ähm - guten Morgen. Ich bin vom Zaubereiministerium -«
»Du bist hier unerwünscht.«
»Ähm - Verzeihung - ich verstehe Sie nicht«, sagte Ogden nervös.
Harry dachte, Ogden müsse äußerst schwer von Begriff sein; der
Fremde drückte sich seiner Meinung nach sehr klar aus, zudem
fuchtelte er mit einem Zauberstab in der einen und einem kurzen
und ziemlich blutigen Messer in der anderen Hand herum.
»Du verstehst ihn sicher, Harry?«, sagte Dumbledore leise.
»Ja, natürlich«, erwiderte Harry ein wenig verdutzt. »Warum
kann Ogden ihn nicht -?«
Doch als sein Blick von neuem auf die tote Schlange an der Tür
fiel, begriff er plötzlich.
»Er spricht Parsel?«
»Sehr gut.« Dumbledore nickte und lächelte.
Der Mann in Lumpen ging nun auf Ogden zu, das Messer in der
einen, den Zauberstab in der anderen Hand.
»Nun hören Sie -«, fing Ogden an, aber zu spät: Ein Knall ertönte,
Ogden lag am Boden und hielt sich krampfhaft die Nase, und eine
ekelhafte gelbliche Schmiere spritzte zwischen seinen Fingern her-
vor.
»Morfin!«, sagte eine laute Stimme.
Ein älterer Mann war aus dem Haus gehastet und hatte die Tür so
heftig hinter sich zugeschlagen, dass die tote Schlange kläglich hin-
und herschwang. Dieser Mann war kleiner als der erste und hatte
seltsame Proportionen; seine Schultern waren sehr breit und seine
Arme überlang, was ihm zusammen mit seinen hellbraunen Augen,
dem kurzen Stoppelhaar und dem runzligen Gesicht das Aussehen
eines kräftigen, in die Jahre gekommenen Affen verlieh. Er blieb
neben dem Mann mit dem Messer stehen, der angesichts des am
Boden liegenden Ogden in keckerndes Gelächter ausgebrochen
war.
»Ministerium, ja?«, sagte der ältere Mann und sah zu Ogden hin-
unter.
»Korrekt«, sagte Ogden zornig und tastete sein Gesicht ab. »Und
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Sie sind, wie ich annehme, Mr Gaunt?«
»Richtig«, sagte Gaunt. »Er hat Sie wohl im Gesicht erwischt,
was?«
»Ja, hat er!«, fauchte Ogden.
»Sie hätten sich ankündigen sollen, oder?«, sagte Gaunt an-
griffslustig. »Das hier ist Privatgelände. Können nicht einfach hier
reinspazieren und erwarten, dass mein Sohn sich nicht verteidigt.«
»Gegen was verteidigt, Mann?«, fragte Ogden und rappelte sich
hoch.
»Topfgucker. Eindringlinge. Muggel und Abschaum.«
Ogden richtete seinen Zauberstab auf seine eigene Nase, aus der
immer noch große Mengen einer gelben, eiterartigen Masse her-
vorquollen, und der Strom versiegte augenblicklich. Mr Gaunt re-
dete aus dem Mundwinkel mit Morfin.
»Ins Haus mit dir. Keine Widerrede.«
Diesmal war Harry vorbereitet und erkannte, dass es Parsel war;
er konnte verstehen, was gesagt wurde, und nahm gleichzeitig das
unheimliche Zischen wahr, das Einzige, was Ogden hören konnte.
Morfin schien gerade im Begriff zu sein zu widersprechen, doch als
sein Vater ihm einen drohenden Blick zuwarf, besann er sich an-
ders, schleppte sich in einem merkwürdigen wiegenden Gang zum
Haus hinüber und schlug die Tür hinter sich zu, so dass die Schlan-
ge erneut traurig hin- und herschwang.
»Ich bin wegen Ihres Sohnes hier, Mr Gaunt«, sagte Ogden, wäh-
rend er den letzten Rest Eiter vom Revers seines Gehrocks wischte.
»Das war Morfin, nicht wahr?«
»Ah, das war Morfin«, sagte der alte Mann gleichgültig. »Sind Sie
Reinblüter?«, fragte er, mit einem Mal aggressiv.
»Das spielt keine Rolle«, sagte Ogden nüchtern, und Harry emp-
fand wachsenden Respekt für ihn.
Offenbar empfand Gaunt etwas völlig anderes. Er starrte Ogden
mit zusammengekniffenen Augen an und murmelte in einem Ton,
der offensichtlich beleidigend klingen sollte: »Wenn ich's mir recht
überlege, hab ich Nasen wie Ihre schon unten im Dorf gesehen.«
»Das bezweifle ich nicht, wenn Ihr Sohn auf sie losgelassen wur-
de«, sagte Ogden. »Vielleicht können wir diese Unterhaltung drin-
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nen fortsetzen?«
»Drinnen?«
»Ja, Mr Gaunt. Ich habe es Ihnen bereits gesagt. Ich bin wegen
Morfin hier. Wir haben eine Eule geschickt -«
»Ich kann mit Eulen nichts anfangen«, sagte Gaunt. »Ich öffne
keine Briefe.«
»Dann können Sie sich wohl kaum beschweren, dass Ihre Besu-
cher sich nicht ankündigen«, sagte Ogden scharf. »Ich bin hier in-
folge einer schwer wiegenden Verletzung des Zaubereigesetzes, die
heute in den frühen Morgenstunden hier verübt -«
»Schon gut, schon gut, schon gut!«, bellte Gaunt. »Dann kommen
Sie eben in das verdammte Haus und sehen, was es Ihnen nützt!«
Das Haus hatte offenbar drei kleine Räume. Zwei Türen führten
vom Hauptraum weg, der gleichzeitig als Küche und Wohnzimmer
diente. Morfin saß in einem schmutzigen Sessel neben dem rau-
chenden Kaminfeuer, ließ eine lebendige Natter durch seine dicken
Finger schlängeln und sang ihr leise auf Parsel zu:
»Zischle, zischle, kleine Schlange,
schlängle dich am Boden hier.
Bist du nicht gut zu deinem Morfin,
nagelt er dich an die Tür.«
Aus der Ecke neben dem offenen Fenster kam ein schlurfendes
Geräusch, und Harry bemerkte, dass noch jemand im Raum war,
ein Mädchen, dessen verschlissenes graues Kleid genau die gleiche
Farbe hatte wie die schmutzige Steinmauer hinter ihm. Das Mäd-
chen stand an einem verrußten schwarzen Herd, auf dem ein Topf
dampfte, und machte sich an dem Regal mit verwahrlost wirken-
den Töpfen und Pfannen darüber zu schaffen. Ihr Haar war dünn
und stumpf und sie hatte ein unscheinbares, blasses, recht plumpes
Gesicht. Ihre Augen starrten wie die ihres Bruders in entgegenge-
setzte Richtungen. Sie schien ein wenig gepflegter als die beiden
Männer, aber Harry meinte, noch nie einen Menschen gesehen zu
haben, der erbärmlicher wirkte.
»Meine Tochter, Merope«, sagte Gaunt widerwillig, als Ogden
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fragend zu ihr hinüberblickte.
»Guten Morgen«, sagte Ogden.
Sie gab keine Antwort, sondern warf ihrem Vater einen er-
schrockenen Blick zu, wandte sich ab und schob wieder die Töpfe
auf dem Regal hinter ihr hin und her.
»Nun, Mr Gaunt«, sagte Ogden, »um gleich zur Sache zu kom-
men, wir haben Grund zu der Annahme, dass Ihr Sohn Morfin ges-
tern spät in der Nacht vor einem Muggel Zauber ausgeführt hat.«
Ein ohrenbetäubendes
Scheppern war zu hören. Merope hatte ei-
nen der Töpfe fallen lassen.
»Aufheben!«, brüllte Gaunt sie an. »Ja, genau, grapsch auf dem
Boden rum wie ein dreckiger Muggel, wozu hast du deinen Zauber-
stab, du nutzloser Mistsack?«
»Mr Gaunt, bitte!«, sagte Ogden und klang schockiert. Merope,
die den Topf schon aufgehoben hatte, bekam scharlachrote Flecken
im Gesicht, sie ließ den Topf wieder fallen, zog bebend ihren Zau-
berstab aus der Tasche, richtete ihn auf den Topf und murmelte
einen hastigen, unhörbaren Zauberspruch, worauf der Topf von ihr
weg über den Boden schlitterte, an die Wand gegenüber schlug und
entzweibrach.
Morfin ließ ein verrücktes keckerndes Lachen los. Gaunt schrie:
»Mach ihn wieder ganz, du nichtsnutziges Stück, mach ihn wieder
ganz!«
Merope wankte durch den Raum, doch ehe sie ihren Zauberstab
heben konnte, hatte Ogden bereits seinen gezückt und sagte ent-
schlossen:
»Reparo.« Der Topf setzte sich augenblicklich wieder
zusammen.
Gaunt machte kurz den Eindruck, als wollte er Ogden gleich an-
schreien, dann aber überlegte er es sich offenbar anders; er ver-
höhnte stattdessen seine Tochter: »Ein Glück, dass der nette Mann
vom Ministerium da ist, oder? Vielleicht holt er dich von mir weg,
vielleicht hat er nichts gegen dreckige Squibs …«
Ohne jemanden anzusehen oder sich bei Ogden zu bedanken,
hob Merope den Topf auf und stellte ihn mit zitternden Händen
wieder auf sein Regal. Dann stand sie völlig reglos da, den Rücken
an die Wand zwischen dem schmutzigen Fenster und dem Herd
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gelehnt, als wäre es ihr sehnlichster Wunsch, in den Stein zu ver-
sinken und zu verschwinden.
»Mr Gaunt«, begann Ogden erneut, »wie bereits gesagt: Der
Grund für meinen Besuch -«
»Das hab ich schon verstanden!«, fauchte Gaunt. »Na und wenn
schon? Morfin hat einem Muggel ein bisschen verpasst, was er oh-
nehin verdient hat - was ist schon dabei?«
»Morfin hat das Zaubereigesetz gebrochen«, sagte Ogden streng.
»Morfin hat das Zaubereigesetz gebrochen«, äffte Gaunt Ogdens
Stimme nach und machte daraus einen schwülstigen Singsang.
Morfin lachte wieder keckernd. »Er hat einem dreckigen Muggel
eine Lektion erteilt, und das soll jetzt gesetzwidrig sein?«
»Ja«, sagte Ogden. »Ich fürchte, das ist so.«
Er zog eine kleine Pergamentrolle aus einer Innentasche und
breitete sie aus.
»Was ist das denn, sein Urteilsspruch?«, sagte Gaunt mit zornig
anschwellender Stimme.
»Es ist eine Vorladung ins Ministerium zu einer Anhörung -«
»Vorladung!
Vorladung? Für wen halten Sie sich eigentlich, dass
Sie meinen Sohn irgendwohin vorladen könnten?«
»Ich bin der Leiter des Magischen Strafverfolgungskommandos«,
sagte Ogden.
»Und Sie denken, wir sind Abschaum, ja?«, schrie Gaunt, näherte
sich jetzt Ogden und richtete einen schmutzigen Finger mit gelbem
Nagel auf seine Brust. »Abschaum, der angelaufen kommt, wenn
das Ministerium es ihm befiehlt? Wissen Sie eigentlich, mit wem
Sie reden, Sie dreckiger kleiner Schlammblüter, wissen Sie das?«
»Ich hatte bisher den Eindruck, mit Mr Gaunt zu sprechen«, sagte
Ogden, der vorsichtig wirkte, aber nicht zurückwich.
»Das ist richtig!«, donnerte Gaunt. Einen Moment lang dachte
Harry, Gaunt würde eine obszöne Geste mit der Hand machen,
doch dann wurde ihm klar, dass er Ogden den hässlichen Ring mit
dem schwarzen Stein zeigte, den er am Mittelfinger trug, indem er
ihn vor Ogdens Augen hin und her schwenkte. »Sehen Sie den?
Sehen Sie den? Wissen Sie, was das ist? Wissen Sie, woher der
kommt? Jahrhundertelang war er im Besitz unserer Familie, so weit
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zurück reicht unser Stammbaum, und wir haben immer das reine
Blut bewahrt! Wissen Sie, wie viel man mir dafür geboten hat, mit
dem Peverell-Wappen, das in den Stein graviert ist?«
»Ich habe wirklich keine Ahnung«, sagte Ogden und blinzelte,
während der Ring wenige Zentimeter vor seiner Nase herum-
schwebte, »und das tut hier überhaupt nichts zur Sache, Mr Gaunt.
Ihr Sohn hat sich -«
Mit einem wütenden Schrei rannte Gaunt auf seine Tochter zu.
Für einen kurzen Augenblick dachte Harry, er würde sie erdros-
seln, da er ihr mit der Hand an die Gurgel fuhr; doch gleich darauf
zerrte er sie an einer Goldkette, die um ihren Hals hing, zu Ogden
hin.
»Sehen Sie das?«, brüllte er Ogden an und schüttelte ein schweres
goldenes Medaillon in seine Richtung, während Merope würgte
und nach Atem rang.
»Ich sehe es, ich sehe es!«, gab Ogden hastig zurück.
»Von Slytherin!«, rief Gaunt. »Von Salazar Slytherin! Wir sind
seine letzten lebenden Nachfahren, was sagen Sie dazu, he?«
»Mr Gaunt, Ihre Tochter!«, sagte Ogden in heller Aufregung, aber
Gaunt hatte Merope schon losgelassen; sie taumelte von ihm weg,
zurück in ihre Ecke, rieb sich den Hals und schnappte nach Luft.
»Also!«, sagte Gaunt triumphierend, als hätte er soeben einen
komplizierten Sachverhalt unstrittig bewiesen. »Sprechen Sie nicht
weiter mit uns, als ob wir Dreck an Ihren Schuhen wären! Genera-
tionen von Reinblütern - allesamt Zauberer - mit Sicherheit mehr,
als
Sie von sich behaupten können!«
Er spuckte auf den Boden vor Ogdens Füße. Morfin keckerte er-
neut. Merope, die mit gesenktem Kopf, das Gesicht von ihrem dün-
nen Haar verborgen, neben dem Fenster kauerte, sagte nichts.
»Mr Gaunt«, sagte Ogden hartnäckig, »ich fürchte, weder Ihre
noch meine Vorfahren haben mit der anhängigen Sache etwas zu
tun. Ich bin wegen Morfin hier, wegen Morfin und des Muggels,
den er gestern spät in der Nacht angepöbelt hat. Unseren Informa-
tionen nach«, er warf einen Blick auf seine Pergamentrolle, »hat
Morfin einen Fluch oder Zauber gegen besagten Muggel ausge-
führt, wodurch dieser einen höchst schmerzhaften Nesselausschlag
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bekam.«
Morfin kicherte.
»
Sei still, Junge«, knurrte Gaunt auf Parsel, und Morfin ver-
stummte wieder.
»Und was, wenn er es tatsächlich getan hätte?«, sagte Gaunt her-
ausfordernd zu Ogden. »Ich schätze, Sie haben dem Muggel sein
dreckiges Gesicht sauber gewischt, und sein Gedächtnis noch dazu
-«
»Darum geht es wohl kaum, nicht wahr, Mr Gaunt?«, sagte Og-
den. »Dies war ein nicht provozierter Angriff auf einen wehrlosen -
«
»Ach, ich hab doch gleich gesehen, dass Sie ein Muggelfreund
sind«, höhnte Gaunt und spuckte wieder auf den Boden.
»Diese Diskussion bringt uns nicht weiter«, sagte Ogden be-
stimmt. »Aus dem Verhalten Ihres Sohnes geht eindeutig hervor,
dass er keine Reue für seine Taten empfindet.« Er warf noch einen
Blick auf seine Pergamentrolle. »Morfin wird am vierzehnten Sep-
tember zu einer Anhörung erscheinen und zu der Anklage Stellung
nehmen, dass er in Anwesenheit eines Muggels Magie eingesetzt
hat und besagtem Muggel Schaden und Leid -«
Ogden brach ab. Das Klirren und Getrappel von Pferden und lau-
te, lachende Stimmen wehten durch das offene Fenster herein.
Anscheinend führte die gewundene Straße zum Dorf ganz dicht an
dem Wäldchen vorbei, in dem das Haus stand. Gaunt erstarrte und
lauschte mit aufgerissenen Augen. Morfin zischte und wandte sich
mit gieriger Miene in die Richtung, aus der die Geräusche kamen.
Merope hob den Kopf. Harry sah, dass ihr Gesicht ganz weiß war.
»Mein Gott, was für ein Schandfleck!«, erklang die Stimme eines
Mädchens, die so deutlich durch das offene Fenster zu hören war,
als hätte das Mädchen neben ihnen im Raum gestanden. »Hätte
dein Vater diese Bruchbude nicht abreißen lassen können, Tom?«
»Die gehört nicht uns«, sagte die Stimme eines jungen Mannes.
»Alles auf der anderen Seite des Tals gehört uns, aber dieses Haus
gehört einem alten Landstreicher namens Gaunt und seinen Kin-
dern. Der Sohn ist völlig verrückt, du solltest mal hören, was sie im
Dorf so erzählen -«
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Das Mädchen lachte. Das Klirren und Getrappel wurde immer
lauter. Morfin machte Anstalten, aus seinem Sessel aufzustehen.
»Bleib sitzen«, mahnte ihn sein Vater auf Parsel.
»Tom«, sagte die Mädchenstimme erneut, jetzt so nahe, dass sie
offenbar direkt am Haus waren, »vielleicht täusche ich mich - aber
hat da jemand eine Schlange an die Tür genagelt?«
»Guter Gott, du hast Recht!«, erwiderte die Stimme des Mannes.
»Das wird der Sohn gewesen sein, ich hab dir ja gesagt, er ist nicht
ganz richtig im Kopf. Sieh nicht hin, Cecilia, Liebling.«
Das Klirren und Getrappel wurde nun wieder schwächer.
»›Liebling‹«, flüsterte Morfin auf Parsel und sah seine Schwester
an.
»›Liebling‹ hat er sie genannt. Also will er dich ohnehin nicht
haben.«
Merope war so weiß, dass Harry sicher war, sie würde gleich in
Ohnmacht fallen.
»Was soll das heißen?«, sagte Gaunt schneidend, ebenfalls auf
Parsel, und blickte nacheinander seinen Sohn und seine Tochter
an.
»Was hast du gesagt, Morfin?«
»Sie schaut diesen Muggel gerne an«, sagte Morfin mit gehässiger
Miene, während er seine Schwester anstarrte, der jetzt die Angst im
Gesicht stand.
»Immer im Garten, wenn er vorbeikommt, stiert ihn
durch die Hecke an, stimmt's? Und gestern Abend -«
Merope schüttelte flehend ruckartig den Kopf, aber Morfin fuhr
umbarmherzig fort:
»Hat sich aus dem Fenster gehängt und gewar-
tet, dass er nach Hause reitet, nicht wahr?«
»Aus dem Fenster gehängt, um einen Muggel anzuschauen?«, sag-
te Gaunt leise.
Alle drei Gaunts schienen Ogden vergessen zu haben, der ver-
wirrt und auch verärgert dreinblickte, als sie wieder in un-
verständliches Zischen und Schnarren ausbrachen.
»Ist das wahr?«, sagte Gaunt mit drohender Stimme und machte
ein, zwei Schritte auf das verängstigte Mädchen zu.
»Meine Tochter
- reinblütiger Nachkomme von Salazar Slytherin -sehnt sich nach
einem schmutzigen, dreckblütigen Muggel?«
Merope schüttelte verzweifelt den Kopf und drückte sich an die
Wand, offenbar unfähig zu sprechen.
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»Aber ich hab's ihm gezeigt, Vater!«, keckerte Morfin.
»Ich hab's
ihm gezeigt, als er hier vorbeikam. Und mit dem Ausschlag überall
hat er gar nicht hübsch ausgesehen, oder, Merope?«
»Du widerliche kleine Squib, du dreckige kleine Blutsverräterin!«,
brüllte Gaunt, der nun völlig die Beherrschung verlor, und seine
Hände schlossen sich um die Kehle seiner Tochter.
Harry und Ogden schrien gleichzeitig »Nein!«; Ogden hob seinen
Zauberstab und rief:
»Relaschio!« Gaunt wurde rücklings von seiner
Tochter weggerissen; er stolperte über einen Stuhl und fiel flach
auf den Rücken. Brüllend vor Zorn sprang Morfin aus seinem Sessel
und stürmte auf Ogden zu, schwang dabei sein blutiges Messer und
feuerte wahllos Flüche aus seinem Zauberstab ab.
Ogden rannte um sein Leben. Dumbledore gab Harry ein Zei-
chen, dass sie ihm folgen sollten, und Harry gehorchte, während
ihm Meropes Schreie noch in den Ohren klangen.
Ogden stürmte den Feldweg hoch und sprang, die Arme über
dem Kopf, auf die Landstraße, wo er mit einem glänzenden, fuchs-
roten Pferd zusammenstieß, auf dem ein sehr gut aussehender,
dunkelhaariger junger Mann saß. Der Mann und das hübsche Mäd-
chen, das auf einem grauen Pferd an seiner Seite ritt, brachen in
Gelächter aus, als sie Ogden sahen, der von der Flanke des Pferdes
abprallte, sich wieder aufmachte und mit wehendem Gehrock und
von Kopf bis Fuß voller Staub überstürzt die Straße hochrannte.
»Ich denke, das genügt, Harry«, sagte Dumbledore. Er fasste Har-
ry am Ellbogen und zog daran. Einen Moment später schwebten sie
beide schwerelos durch die Dunkelheit, bis sie in Dumbledores
inzwischen dämmrigem Büro wieder sicher auf den Füßen lande-
ten.
»Was ist mit dem Mädchen in dem Waldhaus passiert?«, fragte
Harry sofort, während Dumbledore mit einem Schlenker seines
Zauberstabs zusätzliche Lampen entzündete. »Merope oder wie sie
hieß?«
»Oh, sie hat überlebt«, sagte Dumbledore, setzte sich wieder hin-
ter seinen Schreibtisch und bedeutete Harry, ebenfalls Platz zu
nehmen. »Ogden apparierte zurück ins Ministerium und kehrte
fünfzehn Minuten später mit Verstärkung zurück. Morfin und sein
193
Vater versuchten zu kämpfen, wurden aber beide überwältigt, von
dem Haus weggebracht und anschließend vom Zaubergamot verur-
teilt. Morfin, der bereits wegen Angriffen auf Muggel vorbestraft
war, wurde zu drei Jahren in Askaban verurteilt. Vorlost, der außer
Ogden noch mehrere andere Ministeriumsangestellte verletzt hat-
te, bekam sechs Monate.«
»Vorlost?«, wiederholte Harry verwundert.
»Richtig«, sagte Dumbledore und lächelte anerkennend. »Ich
freue mich, dass du folgen kannst.«
»Der alte Mann war -?«
»Voldemorts Großvater, ja«, sagte Dumbledore. »Vorlost, sein
Sohn Morfin und seine Tochter Merope waren die Letzten der
Gaunts, einer sehr alten Zaubererfamilie, bekannt für ihre labile
und gewalttätige Veranlagung, die über die Generationen hinweg
immer stärker wurde, weil sie an der Gewohnheit festhielten, ihre
eigenen Cousins und Cousinen zu heiraten. Mangel an Vernunft,
gepaart mit einer ausgeprägten Prunksucht, führte dazu, dass das
Familiengold schon mehrere Generationen vor Vorlosts Geburt
verschwendet war. Ihm blieben nur Verwahrlosung und Armut,
wie du gesehen hast, dazu ein hässliches Naturell, unglaubliche
Arroganz und großer Stolz und ein paar Familienerbstücke, die er
genauso schätzte wie seinen Sohn, und um einiges mehr als seine
Tochter.«
»Merope war also«, sagte Harry, beugte sich in seinem Stuhl vor
und starrte Dumbledore an, »Merope war also … Sir, heißt das, sie
war …
Voldemorts Mutter?«
»In der Tat«, sagte Dumbledore. »Und zufälligerweise bekamen
wir auch Voldemorts Vater kurz zu sehen. Ist es dir vielleicht auf-
gefallen?«
»Der Muggel, den Morfin angegriffen hat? Der Mann auf dem
Pferd?«
»Sehr gut, wirklich«, sagte Dumbledore strahlend. »Ja, das war
Tom Riddle senior, der gut aussehende Muggel, der beim Ausreiten
oft am Haus der Gaunts vorbeikam und für den Merope Gaunt eine
heimliche, glühende Leidenschaft hegte.«
»Und sie haben am Ende geheiratet?«, fragte Harry ungläubig,
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denn er konnte sich keine zwei Menschen vorstellen, bei denen es
unwahrscheinlicher war, dass sie sich ineinander verliebten.
»Ich glaube, du vergisst«, sagte Dumbledore, »dass Merope eine
Hexe war. Ich nehme an, dass ihre magischen Kräfte nicht beson-
ders gut zur Geltung kamen, solange sie von ihrem Vater terrori-
siert wurde. Sobald Vorlost und Morfin in sicherem Gewahrsam in
Askaban saßen, sobald sie zum ersten Mal in ihrem Leben allein
und frei war, konnte sie, da bin ich überzeugt, ihre Fähigkeiten
ungehindert entfalten und ihre Flucht aus dem elenden Leben pla-
nen, das sie achtzehn Jahre lang geführt hatte.
Fällt dir nichts ein, was Merope hätte verwenden können, damit
Tom Riddle seine Muggelgefährtin vergaß und sich stattdessen in
sie verliebte?«
»Der Imperius-Fluch?«, schlug Harry vor. »Oder ein Lie-
bestrank?«
»Sehr gut. Ich persönlich denke eher, dass sie einen Liebestrank
benutzt hat. Ich bin sicher, das muss ihr romantischer vorgekom-
men sein, und ich glaube, es kann nicht sonderlich schwierig gewe-
sen sein, Riddle, als er an einem heißen Tag alleine nach Hause ritt,
zu einem Schluck Wasser zu überreden. Jedenfalls erfreute sich das
Dorf Little Hangleton ein paar Monate nach dem Vorfall, dessen
Zeuge wir eben wurden, an einem gewaltigen Skandal. Du kannst
dir vorstellen, wie viel Klatsch es gab, als der Sohn des Gutsherrn
mit Merope, der Tochter des Landstreichers, durchbrannte.
Aber der Schreck der Dorfbewohner war nichts im Vergleich zu
dem von Vorlost. Er kehrte aus Askaban zurück und dachte, seine
Tochter würde ihn pflichtbewusst mit einer warmen Mahlzeit auf
dem Tisch erwarten. Stattdessen fand er eine zentimeterdicke
Staubschicht und ihren Abschiedsbrief vor, in dem sie ihm erklärte,
was sie getan hatte.
Nach allem, was ich herausfinden konnte, hat er von da an nie
mehr ihren Namen oder ihre Existenz erwähnt. Der Schock über
ihr Fortgehen mag zu seinem frühen Tod beigetragen haben - oder
vielleicht hatte er auch einfach nie gelernt, für sich zu sorgen.
Askaban hatte Vorlost außerordentlich geschwächt und er erlebte
Morfins Rückkehr in sein Haus nicht mehr.«
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»Und Merope? Sie … sie ist gestorben, oder? Ist Voldemort nicht
in einem Waisenhaus aufgewachsen?«
»Ja, richtig«, sagte Dumbledore. »Wir sind hier auf einige Vermu-
tungen angewiesen, allerdings glaube ich, dass sich leicht erschlie-
ßen lässt, was geschah. Du musst wissen, wenige Monate nachdem
sie durchgebrannt waren und geheiratet hatten, tauchte Tom Ridd-
le wieder im Gutshaus in Little Hangleton auf, ohne seine Frau. Es
gab wilde Gerüchte in der Nachbarschaft, dass er davon spreche, er
sei ›hinters Licht geführt‹ und ›reingelegt‹ worden. Ich bin sicher,
dass er eigentlich sagen wollte, er habe unter einem magischen
Bann gestanden, der sich nun gelöst habe, vermutlich wagte er es
aber nicht, genau diese Worte zu gebrauchen, aus Angst, man wür-
de ihn für verrückt halten. Als sie hörten, was er sagte, nahmen die
Dorfbewohner jedoch an, Merope habe Tom Riddle angelogen und
so getan, als würde sie ein Kind von ihm bekommen, und er habe
sie aus diesem Grund geheiratet.«
»Aber sie hat wirklich ein Kind von ihm bekommen.«
»Ja, aber erst ein Jahr nachdem sie geheiratet hatten. Tom Riddle
verließ sie, während sie noch schwanger war.«
»Was ist schief gelaufen?«, fragte Harry. »Warum hat der Liebes-
trank aufgehört zu wirken?«
»Auch darüber können wir nur mutmaßen«, sagte Dumbledore,
»aber ich glaube, dass Merope, die ihren Mann innig liebte, es nicht
über sich brachte, ihn weiterhin mit magischen Mitteln zu verskla-
ven. Ich glaube, sie hat beschlossen, ihm den Trank nicht länger zu
verabreichen. Vernarrt wie sie war, hat sie sich vielleicht eingere-
det, dass auch er sich inzwischen in sie verliebt hätte. Womöglich
dachte sie, er würde um des Kindes willen bei ihr bleiben. Wenn es
so war, dann hat sie sich in beiden Punkten geirrt. Er hat sie verlas-
sen, hat sie nie mehr wiedergesehen und sich nie die Mühe ge-
macht herauszufinden, was aus seinem Sohn geworden ist.«
Der Himmel draußen war pechschwarz und die Lampen in
Dumbledores Büro schienen heller zu leuchten als zuvor.
»Ich denke, das genügt für heute Abend, Harry«, sagte Dumble-
dore nach wenigen Augenblicken.
»Ja, Sir«, erwiderte Harry.
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Er stand auf, ging aber nicht hinaus.
»Sir … ist es wichtig, all das über Voldemorts Vergangenheit zu
wissen?«
»Sehr wichtig, denke ich«, sagte Dumbledore.
»Und hat es … hat es etwas mit der Prophezeiung zu tun?«
»Es hat alles mit der Prophezeiung zu tun.«
»Klar«, sagte Harry, ein wenig verwirrt, aber dennoch beruhigt.
Er wandte sich zum Gehen, da fiel ihm noch eine Frage ein, und
er drehte sich wieder um.
»Sir, darf ich Ron und Hermine alles erzählen, was Sie mir gesagt
haben?«
Dumbledore betrachtete ihn einen Moment lang, dann sagte er:
»Ja, ich denke, Mr Weasley und Miss Granger haben sich als ver-
trauenswürdig erwiesen. Aber, Harry, ich muss dich bitten, ihnen
zu sagen, dass sie nichts davon irgendjemand anderem weitererzäh-
len dürfen. Es wäre nicht gut, wenn bekannt würde, wie viel ich
über Lord Voldemorts Geheimnisse weiß oder ahne.«
» Nein, Sir, ich seh zu, dass nur Ron und Hermine davon er-
fahren. Gute Nacht.«
Er drehte sich erneut um und war schon fast an der Tür, als er
ihn sah. Auf einem der kleinen storchbeinigen Tische, auf denen so
viele zerbrechlich wirkende silberne Instrumente standen, lag ein
hässlicher Goldring mit einem großen, zerbrochenen schwarzen
Stein.
»Sir«, sagte Harry und starrte darauf. »Dieser Ring -«
»Ja?«, sagte Dumbledore.
»Sie trugen ihn in der Nacht, als wir Professor Slughorn be-
suchten.«
»Allerdings«, bestätigte Dumbledore.
»Aber ist das nicht … Sir, ist das nicht derselbe Ring, den Vorlost
Gaunt damals Ogden gezeigt hat?«
Dumbledore neigte den Kopf.
»Genau derselbe.«
»Aber wie kommt es -? Haben Sie ihn die ganze Zeit gehabt?«
»Nein, ich habe ihn erst vor kurzem erworben«, sagte Dumbledo-
re. »Genauer gesagt, einige Tage bevor ich dich von deiner Tante
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und deinem Onkel abholte.«
»Das war also ungefähr, als Sie sich die Hand verletzt haben, Sir?«
»Ungefähr, ja, Harry.«
Harry zögerte. Dumbledore lächelte.
»Sir, wie genau -?«
»Zu spät, Harry! Du wirst die Geschichte ein andermal hören.
Gute Nacht.«
»Gute Nacht, Sir.«
198
Hermines helfende Hand
Wie Hermine vorausgesagt hatte, waren die Freistunden der
Sechstklässler nicht die Zeiten seliger Entspannung, die Ron sich
ersehnt hatte, sondern Arbeitsstunden, in denen sie versuchen
mussten, ihren gewaltigen Berg an Hausaufgaben zu bewältigen.
Sie lernten nicht nur, als hätten sie täglich Prüfungen, auch der
Unterricht selbst war nun anspruchsvoller denn je. Harry verstand
inzwischen kaum mehr die Hälfte von dem, was Professor McGo-
nagall ihnen erzählte; sogar Hermine hatte die Lehrerin ein- oder
zweimal bitten müssen, ihre Anweisungen zu wiederholen. Un-
glaublicherweise und zu Hermines wachsendem Unmut war Zau-
bertränke plötzlich Harrys bestes Fach geworden - dank dem Halb-
blutprinzen.
Ungesagte Zauber wurden inzwischen vorausgesetzt, nicht nur in
Verteidigung gegen die dunklen Künste, sondern auch in Zauber-
kunst und Verwandlung. Wenn Harry im Gemeinschaftsraum oder
während der Mahlzeiten zu seinen Klassenkameraden hinübersah,
bemerkte er des Öfteren, dass sie puterrot waren und die Gesichter
verzogen, als hätten sie eine Überdosis Du-scheißt-nie-mehr ein-
genommen; aber er wusste, dass sie sich in Wirklichkeit damit ab-
mühten, zu zaubern, ohne die Zauberformeln laut auszusprechen.
Es war eine angenehme Unterbrechung, nach draußen in die Ge-
wächshäuser zu kommen; in Kräuterkunde beschäftigten sie sich
zwar mit gefährlicheren Pflanzen denn je, aber wenigstens durften
sie noch laut fluchen, wenn die Giftige Tentakula sie unerwartet
von hinten packte.
Ihr enormes Arbeitspensum und die vielen hektischen Stunden,
in denen sie ungesagte Zauber übten, waren Gründe dafür, dass
Harry, Ron und Hermine bislang noch keine Zeit gehabt hatten,
Hagrid besuchen zu gehen. Er kam nicht mehr zu den Mahlzeiten
an den Lehrertisch, ein unheilvolles Zeichen, und bei den wenigen
Gelegenheiten, bei denen sie ihm in den Korridoren oder draußen
auf dem Gelände begegnet waren, hatte er sie unbegreiflicherweise
nicht bemerkt oder ihre Grüße nicht erwidert.
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»Wir müssen hingehen und es ihm erklären«, sagte Hermine am
folgenden Samstag beim Frühstück, als sie zu Hagrids riesigem lee-
rem Stuhl am Lehrertisch hochblickte.
»Heute Morgen haben wir Quidditch-Auswahlspiele!«, sagte Ron.»Und wir sollen auch noch diesen
Aguamenti-Zauber für Flitwick
üben! Außerdem, was denn erklären? Wie sollen wir ihm erklären,
dass wir sein blödes Fach gehasst haben?«
»Wir haben es nicht gehasst!«, erwiderte Hermine.
»Da kannst du nur für dich selbst sprechen, ich hab die Kröter je-
denfalls nicht vergessen«, bemerkte Ron düster. »Und ich sag dir,
wir sind um Haaresbreite davongekommen. Du hast nicht gehört,
wie er sich über seinen bescheuerten Bruder ausgelassen hat -
wenn wir geblieben wären, hätten wir Grawp noch beibringen
müssen, wie man sich die Schuhe zubindet.«
»Ich hasse es, wenn wir nicht mit Hagrid sprechen«, sagte Her-
mine und sah verstimmt aus.
»Nach Quidditch gehen wir runter«, versicherte ihr Harry. Auch
er vermisste Hagrid, obwohl er wie Ron glaubte, sie könnten auf
Grawp in ihrem Leben ganz gut verzichten. »Aber die Testspiele
dauern vielleicht den ganzen Morgen, bei den vielen Leuten, die
sich beworben haben.« Er war ein wenig nervös angesichts der
ersten Hürde, die er als Kapitän nehmen musste. »Keine Ahnung,
warum alle plötzlich so scharf auf die Mannschaft sind.«
»Nun hör aber auf, Harry«, sagte Hermine, mit einem Mal un-
gehalten. »Die sind doch nicht scharf auf
Quidditch, die sind scharf
auf dich! Du warst nie interessanter und, ehrlich gesagt, du warst
nie beliebter.«
Ron verschluckte sich an einem großen Stück Räucherhering.
Hermine hatte nur einen geringschätzigen Blick für ihn übrig, ehe
sie sich wieder Harry zuwandte.
»Alle wissen jetzt, dass du die Wahrheit gesagt hast, oder? Die
ganze magische Gemeinschaft musste zugeben, dass du Recht hat-
test, dass Voldemort zurück ist, und dass du tatsächlich in den letz-
ten beiden Jahren zweimal gegen ihn gekämpft hast und beide Ma-
le entkommen bist. Und jetzt nennen sie dich den ›Auserwählten‹ -
also, hör mal, kannst du nicht verstehen, warum die Leute von dir
200
fasziniert sind?«
Harry fand es in der Großen Halle plötzlich sehr heiß, obwohl
die Decke immer noch kalt und regnerisch aussah.
»Und du hast diese ganzen Schikanen des Ministeriums überstan-
den, als sie versucht haben, dich als unzuverlässig und als Lügner
darzustellen. Man kann immer noch die Narben sehen, wo diese
niederträchtige Frau dich gezwungen hat, mit deinem eigenen Blut
zu schreiben, aber du bist trotzdem bei deiner Geschichte geblieben
…«
»Man kann immer noch sehen, wo mich diese Gehirne im Minis-
terium gepackt haben, schau mal«, sagte Ron und schüttelte sich
die Ärmel hoch.
»Und dabei schadet es auch nicht, dass du im Sommer gut dreißig
Zentimeter gewachsen bist«, schloss Hermine, ohne Ron zu beach-
ten.
»Ich bin groß«, quatschte Ron dazwischen.
Die Posteulen trafen ein, stießen durch regengesprenkelte Fens-
ter herab und bespritzten alle mit Wassertröpfchen. Die meisten
Schüler erhielten mehr Post als üblich; besorgte Eltern wollten
unbedingt von ihren Kindern hören und ihnen umgekehrt versi-
chern, dass zu Hause alles in Ordnung war. Harry hatte seit Beginn
des Schuljahrs keine Post erhalten; sein einziger regelmäßiger
Briefpartner war jetzt tot, und obwohl er gehofft hatte, dass Lupin
gelegentlich schreiben würde, war er bislang enttäuscht worden.
Daher überraschte es ihn sehr, als er die schneeweiße Hedwig zwi-
schen all den braunen und grauen Eulen ihre Kreise ziehen sah. Sie
landete vor ihm mit einem großen, rechteckigen Päckchen. Einen
Augenblick später landete ein gleiches Päckchen vor Ron und be-
grub seine winzige und erschöpfte Eule Pigwidgeon unter sich.
»Ha!«, sagte Harry, als er das Paket aufgemacht hatte und ein
neues Exemplar von
Zaubertränke für Fortgeschrittene, frisch vonFlourish & Blotts, zum Vorschein kam.
»Oh, gut«, sagte Hermine erfreut. »Jetzt kannst du dieses voll ge-
kritzelte Buch zurückgeben.«
»Bist du verrückt?«, sagte Harry. »Das behalte ich! Sieh mal, ich
hab mir was überlegt -«
201
Er zog das alte Exemplar von
Zaubertränke für Fortgeschrittene
aus seiner Tasche, tippte mit seinem Zauberstab auf den Buchum-
schlag und murmelte
»Diffindo!«. Der Umschlag fiel ab. Das Glei-
che tat er mit dem nagelneuen Buch (Hermine machte ein entsetz-
tes Gesicht). Dann tauschte er die Umschläge aus, tippte auf beide
und sagte
»Reparo!«.
Da lag das Exemplar des Prinzen, verkleidet als neues Buch, und
dort das druckfrische Exemplar von
Flourish & Blotts, das voll-
kommen gebraucht aussah.
»Ich geb Slughorn das neue zurück. Er kann sich nicht be-
schweren, es hat neun Galleonen gekostet.«
Hermine presste die Lippen zusammen und sah wütend und
missbilligend drein, wurde jedoch von einer dritten Eule abgelenkt,
die mit der aktuellen Ausgabe des
Tagespropheten vor ihr landete.
Sie breitete ihn hastig aus und überflog die Titelseite.
»Jemand gestorben, den wir kennen?«, fragte Ron in betont bei-
läufigem Ton; er stellte diese Frage immer, wenn Hermine ihre
Zeitung aufschlug.
»Nein, aber es gab noch mehr Dementorenangriffe«, sagte sie.
»Und eine Festnahme.«
»Klasse, wer?«, fragte Harry und dachte an Bellatrix Lestrange.
»Stan Shunpike«, antwortete Hermine.
»Was?«, gab Harry verdutzt zurück.
»›Stanley Shunpike, Schaffner des beliebten magischen Transport-
mittels Der Fahrende Ritter, wurde wegen Verdacht auf Betätigung
als Todesser festgenommen. Mr Shunpike, 21, wurde gestern spät in
der Nacht nach einer Razzia in seiner Wohnung in Clapham ver-
haftet … ‹«
»Stan Shunpike, ein Todesser?«, sagte Harry und erinnerte sich an
den pickeligen jungen Mann, den er vor drei Jahren zum ersten
Mal getroffen hatte. »Unmöglich!«
»Vielleicht stand er unter dem Imperius-Fluch«, sagte Ron nach-
denklich. »Das weiß man nie.«
»Sieht nicht danach aus«, sagte Hermine, die immer noch las.
»Hier heißt es, er sei verhaftet worden, nachdem jemand zufällig
mitbekam, wie er in einem Pub über die geheimen Pläne der Tod-
202
esser sprach.« Sie blickte mit sorgenvoller Miene auf. »Wenn er
unter dem Imperius-Fluch war, hätte er wohl kaum irgendwo rum-
gestanden und über ihre Pläne getratscht, oder?«
»Hört sich an, als wollte er vortäuschen, dass er mehr weiß, als er
tatsächlich wusste«, sagte Ron. »Ist das nicht der, der auch behaup-
tet hat, er würde Zaubereiminister werden, als er diese Veela an-
graben wollte?«
»Ja, genau der«, sagte Harry. »Keine Ahnung, was die vorhaben,
wenn sie Stan tatsächlich ernst nehmen.«
»Die wollen wahrscheinlich den Eindruck erwecken, als würden
sie durchgreifen«, sagte Hermine stirnrunzelnd. »Die Leute haben
schreckliche Angst - habt ihr gehört, dass die Eltern der Patil-
Zwillinge möchten, dass sie nach Hause kommen? Und Eloise Mid-
geon hat man schon von der Schule genommen. Ihr Vater hat sie
gestern Abend abgeholt.«
»Wie bitte?«, sagte Ron und stierte Hermine an. »Aber Hogwarts
ist sicherer als ihre Häuser, garantiert! Wir haben Auroren, und die
ganzen zusätzlichen Schutzzauber, und wir haben Dumbledore!«
»Ich glaub nicht, dass wir ihn die ganze Zeit über haben!«, sagte
Hermine sehr leise und warf über den Rand des
Propheten einen
Blick zum Lehrertisch. »Ist es euch nicht aufgefallen? Sein Platz
war diese Woche so oft leer wie der von Hagrid.«
Harry und Ron sahen hoch zum Lehrertisch. Der Stuhl des Schul-
leiters war tatsächlich leer. Nun, da Harry darüber nachdachte,
wurde ihm klar, dass er Dumbledore seit ihrem Einzelunterricht
vor einer Woche nicht mehr gesehen hatte.
»Ich glaube, er hat die Schule verlassen, um irgendwas mit dem
Orden zu machen«, sagte Hermine mit gedämpfter Stimme. »Ich
meine … das sieht doch alles ernst aus, oder?«
Harry und Ron antworteten nicht, aber Harry wusste, dass sie alle
denselben Gedanken hatten. Am Tag zuvor hatte es einen schreck-
lichen Zwischenfall gegeben, Hannah Abbott war aus Kräuterkun-
de geholt worden, und man hatte ihr mitgeteilt, dass ihre Mutter
tot aufgefunden worden war. Seither hatten sie Hannah nicht mehr
gesehen.
Als sie fünf Minuten später den Gryffindor-Tisch verließen und
203
sich auf den Weg hinunter zum Quidditch-Feld machten, kamen
sie an Lavender Brown und Parvati Patil vorbei. Harry erinnerte
sich daran, dass Hermine gesagt hatte, die Eltern der Patil-
Zwillinge wollten, dass sie Hogwarts verließen, und war deshalb
nicht überrascht, dass die beiden unzertrennlichen Freundinnen
miteinander tuschelten und einen bekümmerten Eindruck mach-
ten. Was ihn allerdings überraschte, war, dass Parvati, als Ron auf
ihrer Höhe war, Lavender plötzlich anstupste, die sich daraufhin
umblickte und Ron ein breites Lächeln schenkte. Ron zwinkerte
ihr zu, dann erwiderte er das Lächeln unsicher. Prompt verfiel er in
eine Art Stolzieren. Harry verkniff sich das Lachen, denn er dachte
daran, dass Ron auch nicht gelacht hatte, nachdem Malfoy Harrys
Nase gebrochen hatte. Hermine jedoch wirkte den ganzen Weg
zum Stadion hinunter durch den kühlen, nebligen Niesel kalt und
abweisend und ließ die beiden dann stehen, ohne Ron Glück zu
wünschen, um sich einen Platz auf der Tribüne zu suchen.
Wie Harry erwartet hatte, nahm die Auswahl der Spieler fast den
ganzen Morgen in Anspruch. Das halbe Haus Gryffindor war of-
fenbar gekommen, von Erstklässlern, die sich nervös an ein paar
von den miserablen alten Schulbesen klammerten, bis zu Siebt-
klässlern, die alle anderen überragten und coole, einschüchternde
Mienen aufgesetzt hatten. Zu ihnen gehörte auch ein mächtiger,
drahthaariger Junge, den Harry sofort vom Hogwarts-Express wie-
dererkannte.
»Wir haben uns im Zug getroffen, im Abteil vom alten Sluggy«,
sagte er selbstbewusst und trat aus der Menge hervor, um Harry die
Hand zu schütteln. »Cormac McLaggen, Hüter.«
»Du hast dich letztes Jahr nicht beworben, oder?«, fragte Harry,
indem er zur Kenntnis nahm, wie breit McLaggen war, und über-
legte, dass er wahrscheinlich alle drei Torringe decken könnte,
ohne sich auch nur zu bewegen.
»Ich war im Krankenflügel, als die Testspiele stattfanden«, sagte
McLaggen etwas großspurig. »Hatte 'ne Wette, dass ich ein Pfund
Doxyeier esse.«
»Alles klar«, sagte Harry. »Also … warte einfach dort drüben …«
Er deutete hinüber zum Spielfeldrand, ganz in die Nähe von
204
Hermines Platz. Es sah aus, als huschte ein Anflug von Ärger über
McLaggens Gesicht, und Harry fragte sich, ob er wohl eine Vor-
zugsbehandlung von ihm erwartete, weil sie beide Lieblinge vom
»alten Sluggy« waren.
Harry beschloss, zunächst die Grundkenntnisse zu testen, und bat
alle Bewerber für die Mannschaft, sich in Zehnergruppen aufzutei-
len und einmal ums Feld zu fliegen. Das war eine gute Entschei-
dung: Die erste Zehnergruppe bestand aus lauter Erstklässlern, und
es war eindeutig zu sehen, dass sie vorher kaum jemals geflogen
waren. Nur einem Jungen gelang es, länger als ein paar Sekunden in
der Luft zu bleiben, was ihn selbst so überraschte, dass er prompt
gegen einen der Torpfosten knallte.
In der zweiten Gruppe waren zehn der albernsten Mädchen, die
Harry je erlebt hatte; auf seinen Pfiff hin kugelten sie sich nur vor
lauter Kichern und klammerten sich aneinander fest. Unter ihnen
war auch Romilda Vane. Als er sie aufforderte, das Feld zu verlas-
sen, gehorchten sie mit dem größten Vergnügen und setzten sich
auf die Tribüne, um allen anderen auf die Nerven zu gehen.
Die dritte Gruppe hatte auf halbem Weg um das Feld eine Mas-
senkarambolage. Die meisten aus der vierten Gruppe waren ohne
Besen gekommen. Die fünfte Gruppe bestand aus Hufflepuffs.
»Wenn noch wer hier ist, der nicht aus Gryffindor kommt«,
brüllte Harry, der allmählich ernsthaft genervt war, »dann geht der
jetzt bitte!«
Stille trat ein, dann stürmten ein paar kleine Ravenclaws schnau-
bend vor Lachen vom Feld.
Nach zwei Stunden, vielen Beschwerden und mehreren Wutan-
fällen - darunter einer wegen eines demolierten Kometen Zwei-
Sechzig und mehrerer kaputter Zähne - hatte Harry drei Jäger aus-
gesucht: Katie Bell, die nach einem glänzenden Testspiel in die
Mannschaft zurückkehrte, eine Neuentdeckung namens Demelza
Robins, die besonders gut Klatschern ausweichen konnte, und Gin-
ny Weasley, die die gesamte Konkurrenz in den Schatten geflogen
und obendrein noch siebzehn Tore geschossen hatte. So zufrieden
Harry mit seiner Auswahl auch war, hatte er sich wegen der vielen
Nörgler doch heiser geschrien und musste nun einen ähnlichen
205
Kampf mit den abgelehnten Treibern durchstehen.
»Das ist meine endgültige Entscheidung, und wenn ihr jetzt nicht
Platz macht für die Hüter, hex ich euch was auf den Hals«, brüllte
er.
Keiner der Treiber in seiner Auswahl war so brillant wie einst
Fred und George, aber er war trotzdem leidlich zufrieden mit ih-
nen: Jimmy Peakes, ein kleiner, aber breitbrüstiger Drittklässler,
der wie ein Berserker auf einen Klatscher eingedroschen und damit
Harrys Hinterkopf eine hühnereigroße Beule verpasst hatte, und
Richie Coote, der schwächlich aussah, aber ein guter Schütze war.
Sie hatten sich nun zu Katie, Demelza und Ginny auf die Tribüne
gesetzt, um bei der Auswahl ihres letzten Mannschaftsmitglieds zu-
zusehen.
Harry hatte das Testspiel der Hüter absichtlich ganz an den
Schluss gestellt, in der Hoffnung, das Stadion wäre dann nicht
mehr so voll und der Druck für alle Beteiligten geringer. Doch lei-
der hatten sich inzwischen sämtliche abgelehnten Spieler zu den
Zuschauern gesellt, außerdem eine Anzahl von Schülern, die nach
einem ausgedehnten Frühstück zum Zusehen heruntergekommen
waren, und die Menge war nun größer denn je. Jedes Mal, wenn
ein Hüter zu den Torringen hochflog, brüllte und höhnte das Pub-
likum gleichermaßen. Harry warf einen Blick zu Ron hinüber, der
immer schon ein Problem mit den Nerven gehabt hatte; Harry hat-
te gehofft, der Sieg im letztjährigen Endspiel wäre vielleicht heil-
sam für ihn gewesen, doch offenbar vergeblich: Ron hatte eine
zartgrüne Farbe.
Keiner der ersten fünf Bewerber hielt mehr als zwei Torschüsse.
Zu Harrys großer Enttäuschung hielt Cormac McLaggen vier von
fünf Strafschüssen. Beim letzten stürzte er jedoch in die völlig fal-
sche Richtung; die Menge lachte und buhte, und McLaggen kehrte
zähneknirschend zum Boden zurück.
Ron war offenbar kurz davor, in Ohnmacht zu fallen, als er auf
seinen Sauberwisch Elf stieg.
»Viel Glück!«, rief eine Stimme von der Tribüne her. Harry blick-
te sich um, in der Erwartung, Hermine zu sehen, aber es war La-
vender Brown. Er hätte gern sein Gesicht in den Händen verbor-
206
gen, wie sie es einen Moment später tat, dachte aber, dass er als
Kapitän eher kühlen Kopf beweisen musste, und wandte den Blick,
um Ron bei seinem Testspiel zuzusehen.
Doch seine Sorgen waren unbegründet: Ron hielt einen, zwei,
drei, vier, fünf Strafschüsse hintereinander. Harry war hocherfreut
und konnte sich nur mühsam davon abhalten, in die Jubelrufe der
Menge einzustimmen. Er drehte sich zu McLaggen, um ihm zu
sagen, dass Ron ihn, zu seinem größten Bedauern, geschlagen hatte,
als er auch schon McLaggens rotes Gesicht ein paar Zentimeter vor
seinem eigenen sah. Hastig trat er einen Schritt zurück.
»Seine Schwester hat es nicht richtig versucht«, sagte McLaggen
drohend. Eine Ader pulsierte an seiner Schläfe, wie die von Onkel
Vernon, die Harry so oft bewundert hatte. »Sie hat ihm praktisch
einen geschenkt.«
»Unsinn«, sagte Harry kühl. »Das war gerade der, den er fast nicht
gekriegt hätte.«
McLaggen ging einen Schritt auf Harry zu, der diesmal fest stehen
blieb.
»Gib mir noch einen Versuch.«
»Nein«, sagte Harry. »Du hattest deinen Versuch. Du hast vier
gehalten. Ron hat fünf gehalten. Ron ist der Hüter, er hat fair und
ehrlich gewonnen. Geh mir aus dem Weg.«
Einen Moment lang dachte er, McLaggen würde ihn schlagen,
doch er begnügte sich mit einer fiesen Grimasse und stürmte da-
von, und sein Knurren hörte sich an wie Drohungen ins Leere hin-
ein.
Als Harry sich umdrehte, stand seine neue Mannschaft vor ihm
und strahlte ihn an.
»Gut gemacht«, krächzte er. »Ihr seid echt gut geflogen -«
»Du warst klasse, Ron!«
Diesmal war es wirklich Hermine, die von der Tribüne her auf sie
zurannte; Harry sah, wie Lavender das Feld verließ, Arm in Arm
mit Parvati und mit ziemlich mürrischer Miene. Ron schien sehr
zufrieden mit sich und wirkte sogar noch größer als sonst, als er
reihum der Mannschaft und Hermine zugrinste.
Sie vereinbarten eine Zeit für ihr erstes richtiges Training am
207
kommenden Donnerstag, dann verabschiedeten sich Harry, Ron
und Hermine vom Rest der Mannschaft und machten sich auf den
Weg zu Hagrid. Eine blasse Sonne versuchte eben durch die Wol-
ken zu brechen, und es hatte endlich aufgehört zu nieseln. Harry
war furchtbar hungrig; er hoffte, bei Hagrid würde es etwas zu
essen geben.
»Ich dachte schon, diesen vierten Strafschuss würd ich ver-
passen«, sagte Ron glücklich. »War 'n raffinierter Schuss von De-
melza, habt ihr den gesehen, der hatte so 'nen leichten Drall -«
»Ja, ja, du warst großartig«, erwiderte Hermine und schaute be-
lustigt drein.
»Jedenfalls war ich besser als dieser McLaggen«, sagte Ron voller
Genugtuung. »Hast du gesehen, wie er bei seinem fünften in die
falsche Richtung gerumpelt ist? Sah aus, als hätte ihm jemand einen
Verwechslungszauber …«
Zu Harrys Überraschung wurde Hermine bei diesen Worten ganz
dunkelrosa im Gesicht. Ron bemerkte nichts; er war zu sehr damit
beschäftigt, jeden seiner vier anderen Strafschüsse liebevoll in allen
Einzelheiten zu schildern.
Der große graue Hippogreif Seidenschnabel war vor Hagrids Hüt-
te angeleint. Als sie näher kamen, klackerte er mit seinem rasier-
messerscharfen Schnabel und wandte ihnen seinen gewaltigen Kopf
zu.
»Meine Güte«, sagte Hermine nervös. »Er macht einem immer
noch ein bisschen Angst, stimmt's?«
»Nun hör aber auf, du bist doch auf ihm geritten, oder?«, sagte
Ron.
Harry trat vor und verbeugte sich tief vor dem Hippogreif, ohne
den Augenkontakt mit ihm zu verlieren oder zu blinzeln. Nach
einigen Sekunden machte auch Seidenschnabel eine Verbeugung.
»Wie geht es dir?«, fragte Harry ihn mit leiser Stimme und näher-
te sich, um den fedrigen Kopf zu streicheln. »Du vermisst ihn? Aber
hier bei Hagrid geht's dir doch gut, nicht wahr?«
»He«, sagte eine laute Stimme.
Hagrid war hinter seiner Hütte hervorgekommen, in einer gro-
ßen geblümten Schürze und mit einem Sack Kartoffeln in der
208
Hand. Sein riesiger Saurüde Fang folgte ihm auf den Fersen; Fang
ließ ein freudiges Bellen hören und stürmte vorwärts.
»Weg da von dem! Der beißt euch noch die Finger - oh. Ihr seid
das.«
Fang sprang an Hermine und Ron hoch und versuchte, ihnen die
Ohren abzuschlecken. Hagrid stand kurz da und blickte sie alle an,
dann drehte er sich um, marschierte in seine Hütte und schlug die
Tür hinter sich zu.
»Ach je!«, sagte Hermine mit verzweifeltem Blick.
»Mach dir deswegen keine Sorgen«, sagte Harry grimmig. Er ging
hinüber zur Tür und klopfte laut.
»Hagrid! Mach auf, wir wollen mit dir reden!«
Von drinnen kam kein Laut.
»Wenn du die Tür nicht aufmachst, sprengen wir sie auf!«, rief
Harry, während er seinen Zauberstab zog.
»Harry!«, sagte Hermine und klang schockiert. »Du kannst doch
unmöglich -«
»Ich kann sehr wohl!«, erwiderte Harry. »Geht zurück -«
Aber noch ehe er irgendetwas anderes sagen konnte, flog die Tür
wieder auf, wie Harry geahnt hatte, und da stand Hagrid, blickte
finster auf ihn hinunter und machte trotz seines geblümten Schürz-
chens einen ausgesprochen beunruhigenden Eindruck.
»Ich bin ein Lehrer!«, brüllte er Harry an. »Ein Lehrer, Potter!
Wie kannst du's wagen, meine Tür aufzubrech'n!«
»Tut mir Leid,
Sir«, sagte Harry mit Betonung auf dem letzten
Wort und steckte seinen Zauberstab in den Umhang.
Hagrid blickte verdutzt.
»Seit wann nenns'
du mich ›Sir‹?«
»Seit wann nennst du mich ›Potter‹?«
»Oh, sehr schlau«, knurrte Hagrid. »Sehr witzig. Da haste mich
aber ausgetrickst, was? Na gut, dann kommt halt rein, ihr undank-
baren kleinen …«
Düster vor sich hin murmelnd, trat er beiseite und ließ sie vorbei.
Hermine, die recht ängstlich aussah, huschte nach Harry hinein.
»Nu?«, sagte Hagrid grantig, als Harry, Ron und Hermine sich um
seinen riesigen Holztisch setzten, Fang seinen Kopf sofort auf Har-
209
rys Knie legte und seinen ganzen Umhang voll sabberte. »Was soll
das? Schlechtes Gewissen weg'n mir? Denkt wohl, ich wär einsam
oder was?«
»Nein«, erwiderte Harry schnell. »Wir wollten dich sehen.«
»Wir haben dich vermisst!«, sagte Hermine mit bebender Stimme.
»Mich vermisst, ach so?«, schnaubte Hagrid. »Jaah. Klar.«
Er drehte sich stampfend um und kochte Tee in seinem ge-
waltigen Kupferkessel, unaufhörlich vor sich hin murrend.
Schließlich knallte er drei eimergroße Becher mahagonibraunen
Tee und einen Teller mit seinen Felsenkeksen vor sie hin. Harry
war so hungrig, dass er sogar Hagrids Backkünste nicht verschmäh-
te, und nahm sich rasch einen.
»Hagrid«, sagte Hermine zaghaft, als er sich zu ihnen an den
Tisch setzte und anfing, seine Kartoffeln so brutal zu schälen, dass
man meinen konnte, jede Knolle hätte ihm ein großes persönliches
Unrecht angetan. »Wir wollten wirklich mit Pflege magischer Ge-
schöpfe weitermachen, weißt du?«
Hagrid schnaubte noch einmal heftig. Harry meinte zu sehen,
wie ein paar Popel auf den Kartoffeln landeten, und war insgeheim
dankbar, dass sie nicht zum Abendessen blieben.
»Ja, wollten wir!«, sagte Hermine. »Aber keiner von uns hat es
mehr in seinem Stundenplan untergekriegt!«
»Jaah. Klar«, sagte Hagrid noch einmal.
Ein komisches Glucksen ertönte und alle blickten sich um: Her-
mine stieß einen spitzen Schrei aus, und Ron sprang von seinem
Stuhl auf und rannte um den Tisch, weit weg von dem großen Fass
in der Ecke, das sie eben erst bemerkt hatten. Es war gefüllt mit
etwas, das aussah wie dreißig Zentimeter lange Maden; glitschig,
weiß und wuselig.
»Was ist das, Hagrid?«, fragte Harry und versuchte dabei, interes-
siert zu klingen und nicht angewidert, legte aber trotzdem seinen
Felsenkeks beiseite.
»Nur Riesenraupen«, sagte Hagrid.
»Und aus denen werden mal … ?«, sagte Ron mit besorgter Mie-
ne.
»Gar nix wird aus denen mal«, erwiderte Hagrid. »Ich hab die nur
210
als Futter für Aragog.«
Und urplötzlich brach er in Tränen aus.
»Hagrid!«, rief Hermine, sprang auf, rannte den längeren Weg um
den Tisch herum, um nicht an dem Raupenfass vorbeizukommen,
und legte ihm den Arm um die schlotternden Schultern. »Was ist
denn?«
»Es is' … wegen ihm …«, schluchzte Hagrid mit tränenden, kä-
ferschwarzen Augen und wischte sich mit seiner Schürze das Ge-
sicht ab. »Es is' … Aragog … ich glaub, er stirbt … Er is' im Som-
mer krank geworden und's wird nich besser mit ihm … Ich weiß
nich, was ich tun soll, wenn er … wenn er … wir sin' so lang zu-
sammen gewesen …«
Hermine tätschelte Hagrids Schulter, offenbar vollkommen rat-
los, was sie dazu sagen sollte. Harry wusste, was in ihr vorging. Er
hatte miterlebt, wie Hagrid einem bösartigen Drachenbaby einen
Teddybären geschenkt hatte, wie er Riesenskorpione mit Saugnäp-
fen und Stacheln angeschmachtet hatte und wie er versucht hatte,
mit seinem Halbbruder, einem brutalen Riesen, vernünftig zu re-
den, aber das war vielleicht die unverständlichste seiner ganzen
Monsterliebhabereien: die gigantische sprechende Spinne Aragog,
die rief im Verbotenen Wald hauste und der er und Ron vier Jahre
zuvor nur knapp entronnen waren.
»Können wir - können wir irgendwas tun?«, fragte Hermine, sie
ignorierte Ron, der hektisch Grimassen schnitt und den Kopf
schüttelte.
»Ich glaub nich, Hermine«, würgte Hagrid hervor und versuchte,
gegen den Tränenstrom anzukämpfen. »Weißt du, der Rest vom
Stamm … die Familie von Aragog … die werden 'n bisschen ko-
misch, jetzt wo er krank is' … bisschen zapplig …«
»Jaah, ich glaub, von der Seite haben wir sie schon ein bisschen
kennen gelernt«, sagte Ron halb laut.
» … ich glaub, es wär im Moment nich sicher, wenn jemand au-
ßer mir in die Nähe von der Kolonie geht«, schloss Hagrid,
schnäuzte sich heftig in seine Schürze und blickte auf. »Aber danke
fürs Angebot, Hermine … weiß ich zu schätzen …«
Danach wurde die Stimmung erheblich lockerer, denn obwohl
211
weder Harry noch Ron irgendein Interesse gezeigt hatten, zu einer
mörderischen, monströsen Spinne zu gehen und sie mit Riesenrau-
pen zu füttern, schien es für Hagrid selbstverständlich, dass sie das
gerne getan hätten, und er wurde wieder ganz der Alte.
»Ah, ich hab immer gewusst, 's wird schwierig für euch, mich in
euern Stundenplan zu quetschen«, sagte er brummig und schenkte
ihnen Tee nach. »Selbst wenn ihr Zeitumkehrer beantragt hättet -«
»Das wär nicht gegangen«, sagte Hermine. »Wir haben den gan-
zen Ministeriumsbestand an Zeitumkehrern demoliert, als wir im
Sommer dort waren. Es stand im
Tagespropheten.«
»Ah, na denn«, sagte Hagrid, »hättet ihr's gar nich machen kön-
nen … 'tschuldigung, dass ich - ihr wisst schon - hab mir nur Sor-
gen gemacht wegen Aragog … und ich hab mich gefragt, ob ihr,
wenn Professor Raue-Pritsche euch unterrichtet hätt' -«
Worauf alle drei entschieden und wahrheitswidrig verkündeten,
dass Professor Raue-Pritsche, die Hagrid einige Male vertreten hat-
te, eine schreckliche Lehrerin sei, mit der Folge, dass Hagrid, als er
sie bei Einbruch der Dämmerung winkend aus der Hütte verab-
schiedete, ziemlich vergnügt aussah.
»Ich verhungere gleich«, sagte Harry, sobald sich die Tür hinter
ihnen geschlossen hatte und sie über das dunkle und verlassene
Gelände eilten; er hatte den Felsenkeks nach einem Unheil ver-
kündenden Knacken eines seiner Backenzähne weggelegt. »Und ich
hab heute Abend dieses Nachsitzen bei Snape, also nicht viel Zeit
zum Abendessen …«
Als sie ins Schloss kamen, sahen sie, wie Cormac McLaggen die
Große Halle betrat. Er brauchte zwei Anläufe, um durch die Tür zu
gelangen; beim ersten Versuch prallte er gegen den Türrahmen.
Ron lachte nur schadenfroh und stolzierte nach ihm in die Halle,
aber Harry packte Hermine am Arm und hielt sie zurück.
»Was ist?«, sagte Hermine abwehrend.
»Wenn du mich fragst«, sagte Harry leise, »dann sieht McLaggen
tatsächlich so aus, als hätte ihn jemand mit einem Verwechslungs-
zauber belegt. Und er stand genau vor dem Platz, auf dem du geses-
sen hast.«
Hermine errötete.
212
»Okay, na schön, ich hab's getan«, flüsterte sie. »Aber du hättest
hören sollen, wie der über Ron und Ginny hergezogen ist! Jeden-
falls hat er eine fiese Art, du hast ja gesehen, wie er reagiert hat, als
er nicht aufgenommen wurde - so einen hättest du doch nicht in
der Mannschaft haben wollen.«
»Nein«, sagte Harry. »Nein, da hast du wohl Recht. Aber war das
nicht unfair, Hermine? Ich meine, du bist doch Ver-
trauensschülerin, oder?«
»Ach, hör doch auf«, fauchte sie, als er grinste.
»Was macht ihr zwei denn da?«, wollte Ron wissen, der wieder
im Eingang zur Großen Halle auftauchte und sie argwöhnisch an-
blickte.
»Nichts«, sagten Harry und Hermine gleichzeitig und eilten ihm
hinterher. Beim Roastbeefgeruch tat Harrys Magen weh vor lauter
Hunger, doch kaum waren sie drei Schritte auf den Gryffindor-
Tisch zugegangen, da tauchte Professor Slughorn vor ihnen auf und
versperrte ihnen den Weg.
»Harry, Harry, genau der Mann, auf den ich gewartet habe!«,
dröhnte er leutselig, zwirbelte die Spitzen seines Walrossbarts und
blähte seinen gewaltigen Wanst. »Ich hatte gehofft, Sie noch vor
dem Essen zu erwischen! Wie wäre es stattdessen mit einem Imbiss
heute Abend in meinen Räumen? Wir geben eine kleine Party, nur
ein paar von den künftigen Stars. McLaggen wird kommen, und
Zabini, die reizende Melinda Bobbin - ich weiß nicht, ob Sie die
kennen. Ihre Familie besitzt eine große Apothekenkette - und na-
türlich hoffe ich sehr, dass auch Miss Granger mich mit ihrer An-
wesenheit beehren wird.«
Bei diesen Worten machte Slughorn eine kleine Verbeugung vor
Hermine. Es war, als ob Ron Luft wäre; Slughorn sah ihn kein ein-
ziges Mal an.
»Ich kann nicht kommen, Professor«, sagte Harry sofort. »Ich hab
Nachsitzen bei Professor Snape.«
»Oje!«, sagte Slughorn mit komisch wirkender Trauermiene. »Oje,
oje, ich hatte mit Ihnen gerechnet, Harry! Nun ja, ich werde ein-
fach ein Wörtchen mit Severus reden und ihm die Sache erklären
müssen, sicher kann ich ihn davon überzeugen, Ihr Nachsitzen zu
213
verschieben. Ja, ich sehe Sie beide später!«
Er hastete geschäftig aus der Halle hinaus.
»Der hat keine Chance, Snape zu überreden«, sagte Harry, sobald
Slughorn außer Hörweite war. »Dieses Nachsitzen wurde schon
einmal verschoben; Snape hat es für Dumbledore getan, aber er
wird es für niemand sonst tun.«
»Oh, mir wär's lieber, wenn du mitkommen könntest, ich will
nicht allein dahin!«, sagte Hermine besorgt; Harry wusste, dass sie
an McLaggen dachte.
»Du wirst bestimmt nicht allein sein, Ginny wird wahrscheinlich
auch eingeladen«, fauchte Ron, der es offenbar gar nicht gut auf-
nahm, dass Slughorn ihn wie Luft behandelt hatte.
Nach dem Abendessen gingen sie zurück in den Gryffindor-
Turm. Der Gemeinschaftsraum war voller Leute, da die meisten
inzwischen mit dem Essen fertig waren, doch es gelang ihnen, ei-
nen freien Tisch zu finden, und sie setzten sich. Ron, der seit der
Begegnung mit Slughorn schlechter Laune war, verschränkte die
Arme und starrte finster zur Decke. Hermine langte nach einer
Ausgabe des
Abendpropheten, die jemand auf einem Stuhl liegen
gelassen hatte.
»Irgendwas Neues?«, sagte Harry.
»Eigentlich nicht …« Hermine hatte die Zeitung aufgeschlagen
und überflog die Seiten im Innenteil. »Oh, sieh mal, Ron, da ist
dein Dad - alles in Ordnung mit ihm!«, fügte sie rasch hinzu, denn
Ron hatte sich erschrocken umgedreht. »Es heißt hier nur, dass er
dem Haus der Malfoys einen Besuch abstatten musste.
›Diese zwei-
te Hausdurchsuchung bei dem Todesser verlief offenbar ergebnis-
los. Arthur Weasley vom Büro zur Ermittlung und Beschlagnahme
Gefälschter Verteidigungszauber und Schutzgegenstände erklärte,
sein Team habe auf einen vertraulichen Hinweis hin gehandelt. ‹«
»Jaah, auf meinen!«, sagte Harry. »Ich hab ihm in King's Cross
von Malfoy und dem Ding erzählt, das Borgin für ihn reparieren
soll! Also, wenn es nicht in ihrem Haus ist, dann muss er es, was
immer es ist, mit nach Hogwarts gebracht haben -«
»Aber wie kann er das geschafft haben, Harry?«, erwiderte Her-
mine und legte die Zeitung mit einem überraschten Blick beiseite.
214
»Wir wurden alle durchsucht, als wir ankamen, oder?«
»Wurdet ihr?«, sagte Harry verblüfft. »Ich nicht!«
»O nein, natürlich nicht, ich hab ganz vergessen, dass du zu spät
kamst … Also, Filch hat uns alle mit Geheimnis-Detektoren abge-
sucht, als wir in die Eingangshalle kamen. Da wäre jedes schwarz-
magische Objekt gefunden worden, ich weiß ganz sicher, dass bei
Crabbe ein Schrumpfkopf beschlagnahmt wurde. Du siehst also,
Malfoy kann nichts Gefährliches reingebracht haben!«
Harry gab sich vorübergehend geschlagen und sah eine Weile zu,
wie Ginny Weasley mit Arnold dem Minimuff spielte, bis ihm ein-
fiel, wie er diesen Einwand entkräften konnte.
»Dann hat es ihm jemand per Eule geschickt«, sagte er. »Seine
Mutter oder sonst wer.«
»Die Eulen werden auch alle überprüft«, erwiderte Hermine. »Das
hat uns Filch gesagt, als er diese Geheimnis-Detektoren überall
hingesteckt hat, wo er hinkam.«
Diesmal war Harry wirklich mit seiner Weisheit am Ende, ihm
fiel nichts weiter zu sagen ein. Offenbar gab es keinen Weg, wie
Malfoy ein gefährliches oder schwarzmagisches Objekt in die Schu-
le hätte bringen können. Harry blickte hoffnungsvoll zu Ron, der
mit verschränkten Armen dasaß und zu Lavender Brown hinüber-
starrte.
»Kannst du dir vorstellen, wie Malfoy -?«
»Ach, hör schon auf damit, Harry«, sagte Ron.
»Hör mal, es ist nicht meine Schuld, dass Slughorn Hermine und
mich zu seiner blöden Party eingeladen hat, wir wollten beide
nicht hin, klar?«, sagte Harry wütend.
»Also, da ich nicht zu irgendwelchen Partys eingeladen bin«, sag-
te Ron und stand wieder auf, »geh ich jetzt am besten ins Bett.«
Er stampfte zur Tür, die zu den Jungenschlafsälen führte, und
ließ Harry und Hermine zurück, die ihm nachstarrten.
»Harry?«, sagte die neue Jägerin, Demelza Robins, die plötzlich an
seiner Seite auftauchte. »Ich hab eine Nachricht für dich.«
»Von Professor Slughorn?«, fragte Harry und setzte sich hoff-
nungsvoll auf.
»Nein … von Professor Snape«, sagte Demelza. Harry wurde
215
schwer ums Herz. »Er meint, du sollst heute Abend um halb neun
in sein Büro kommen zum Nachsitzen - ähm - egal, zu wie vielen
Partys du eingeladen bist. Und ich soll dir ausrichten, dass du ver-
faulte Flubberwürmer aussortieren wirst, als Zutat für Zauberträn-
ke, und - und er sagt, dass du keine Schutzhandschuhe mitzubrin-
gen brauchst.«
»Okay«, sagte Harry grimmig. »Vielen Dank, Demelza.«
216
Silber und Opale
Wo war Dumbledore, und was machte er? Während der nächsten
Wochen bekam Harry den Schulleiter nur zwei Mal zu Gesicht. Er
erschien kaum noch zu den Mahlzeiten, und Harry gab Hermine
völlig Recht, die glaubte, Dumbledore würde die Schule ganze Tage
lang verlassen. Hatte Dumbledore vergessen, dass er Harry eigent-
lich unterrichten wollte? Er hatte behauptet, dieser Unterricht
würde zu etwas hinführen, das mit der Prophezeiung zu tun habe;
Harry hatte sich gestärkt und ermutigt gefühlt, und nun fühlte er
sich ein wenig im Stich gelassen.
Mitte Oktober war es Zeit für ihren ersten Schuljahresausflug
nach Hogsmeade. Harry hatte sich angesichts der immer schärferen
Sicherheitsmaßnahmen rund um die Schule gefragt, ob diese Aus-
flüge noch erlaubt sein würden, doch nun freute er sich, als er hör-
te, dass sie stattfinden würden; es tat immer gut, für ein paar Stun-
den aus dem Schloss herauszukommen.
Harry erwachte früh am Morgen des Ausflugs, es war stürmisch
draußen. Er vertrieb sich die Zeit bis zum Frühstück, indem er in
seinem Exemplar von
Zaubertränke für Fortgeschrittene las. Nor-
malerweise las er im Bett keine Schulbücher, denn wie Ron ganz
richtig gesagt hatte, war das peinlich für jeden, außer für Hermine,
die in der Hinsicht einfach komisch war. Harry hatte aber das Ge-
fühl, dass das Zaubertrankbuch des Halbblutprinzen kaum als
Schulbuch gelten konnte. Je mehr er sich in die Lektüre vertiefte,
desto deutlicher wurde ihm, wie viel in dem Buch steckte, nicht
nur die praktischen Tipps und Tricks für Zaubertränke, die ihm
einen so glänzenden Ruf bei Slughorn einbrachten, sondern auch
die phantasievollen kleinen Zaubereien und Hexereien, die an die
Ränder gekritzelt waren und die der Prinz sicher selbst erfunden
hatte, wie Harry aus den durchgestrichenen und überarbeiteten
Stellen schloss.
Harry hatte bereits einige von den selbst erfundenen Zaubern des
Prinzen ausprobiert. Da gab es eine Verwünschung, die Zehennägel
alarmierend schnell wachsen ließ (er hatte sie im Korridor an
217
Crabbe getestet, mit sehr unterhaltsamen Ergebnissen); einen
Fluch, der die Zunge an den Gaumen klebte (den er zweimal unter
allgemeinem Beifall bei dem ahnungslosen Argus Filch eingesetzt
hatte); und den vielleicht nützlichsten von allen, den
Muffliato,
einen Zauber, der die Ohren von jedem in der Nähe mit einem
undefinierbaren Brummen erfüllte, so dass man sich im Unterricht
ausgiebig unterhalten konnte, ohne dass jemand etwas mitbekam.
Der einzige Mensch, der diese Zauber nicht witzig fand, war Her-
mine, die permanent eine strenge, missbilligende Miene machte
und überhaupt kein Wort mehr reden wollte, wenn Harry denMuffliato gegen irgendjemanden in ihrer Nähe verwendet hatte.
Harry setzte sich im Bett auf und drehte das Buch seitlich, um
sich die gekritzelten Anweisungen für einen Zauber näher anzu-
schauen, der dem Prinzen offenbar einige Schwierigkeiten bereitet
hatte. Vieles war durchgestrichen und geändert worden, aber am
Ende stand eng in eine Ecke gekritzelt:
Levicorpus (unges.)
Während Wind und Schneeregen unaufhörlich gegen die Fenster
schlugen und Neville laut schnarchte, starrte Harry die Buchstaben
in Klammern an.
Unges. … das musste ungesagt bedeuten. Harry
hatte einige Zweifel, ob er gerade diesen Zauber schaffen würde; er
hatte noch immer Schwierigkeiten mit ungesagten Zaubern, und
Snape hatte in jeder VgdK-Stunde flugs eine Bemerkung dazu ge-
macht. Andererseits hatte er vom Prinzen bislang viel mehr gelernt
als von Snape.
Harry richtete seinen Zauberstab irgendwohin, ließ ihn kurz
nach oben schnippen und dachte
Levicorpus!
»Aaaaaaaargh!«
Ein Lichtblitz leuchtete auf und der Raum war erfüllt von Stim-
men: Alle waren aufgewacht, weil Ron einen lauten Schrei ausge-
stoßen hatte. Harry schleuderte
Zaubertränke für Fortgeschrittene
panisch beiseite; Ron baumelte kopfüber in der Luft, als ob ihn ein
unsichtbarer Haken an den Fußgelenken hochgezogen hätte.
»'tschuldigung!«, schrie Harry, während Dean und Seamus vor
Lachen brüllten und Neville, der aus dem Bett gefallen war, sich
vom Boden aufrappelte. »Wart mal - ich lass dich runter -«
218
Er tastete nach dem Zaubertrankbuch und blätterte es auf der Su-
che nach der richtigen Seite hektisch durch; endlich fand er sie und
entzifferte ein Wort, das in gedrängter Schrift unter der Zauber-
formel stand: Harry flehte insgeheim, dass es der Gegenfluch sein
möge, und dachte mit aller Kraft
Liberacorpus!
Wieder leuchtete ein Lichtblitz auf und Ron plumpste auf seine
Matratze.
»'tschuldigung«, wiederholte Harry matt, während Dean und
Seamus immer noch vor Lachen brüllten.
»Morgen«, sagte Ron mit gedämpfter Stimme, »stell bitte lieber
den Wecker.«
Als sie angezogen waren, dick eingemummelt in mehrere von
Mrs Weasleys handgestrickten Pullovern und ausstaffiert mit Win-
terumhängen, Schals und Handschuhen, hatte Rons Schock sich
gelegt, und Ron war zu dem Schluss gekommen, dass Harrys neuer
Zauber unglaublich komisch sei; so komisch sogar, dass er die Ge-
schichte ohne Umschweife Hermine zum Besten gab, sobald sie
sich zum Frühstück setzten.
»… und dann blitzte es noch einmal und ich bin wieder auf dem
Bett gelandet!« Ron grinste und tat sich Würstchen auf.
Hermine hatte während der ganzen Geschichte nicht ein einziges
Mal gelächelt und wandte sich nun mit einem Ausdruck frostiger
Missbilligung an Harry.
»War dieser Zauber ganz zufällig auch aus diesem Zauber-
trankbuch von dir?«, fragte sie.
Harry sah sie stirnrunzelnd an.
»Du musst immer alles runtermachen, was?«
»War er aus dem Buch?«
»Nun … jaah, schon, na und?«
»Du hast also beschlossen, eine unbekannte, handgeschriebene
Zauberformel auszuprobieren und einfach mal zu sehen, was pas-
siert?«
»Warum ist das wichtig, ob sie handgeschrieben ist?«, sagte Har-
ry, den Rest der Frage beantwortete er lieber nicht.
»Weil sie wahrscheinlich nicht vom Zaubereiministerium ge-
nehmigt ist«, sagte Hermine. »Und außerdem«, fügte sie hinzu, als
219
Harry und Ron die Augen verdrehten, »weil ich allmählich glaube,
dass dieser komische Prinz ein bisschen zwielichtig war.«
Harry und Ron schrien sie sofort nieder.
»Das war doch nur ein Jux!«, sagte Ron und stülpte eine Ketchup-
flasche über seine Würstchen. »Nur ein Jux, Hermine, nichts wei-
ter!«
»Jemand kopfüber in der Luft baumeln lassen?«, sagte Hermine.
»Wer verwendet Zeit und Energie darauf, solche Zauber zu erfin-
den?«
»Fred und George«, sagte Ron achselzuckend, »das ist genau ihr
Ding. Und, ähm -«
»Mein Dad«, sagte Harry. Es war ihm gerade wieder eingefallen.
»Was?«, kam es von Ron und Hermine gleichzeitig.
»Mein Dad hat diesen Zauber verwendet«, sagte Harry. »Ich - Lu-
pin hat es mir gesagt.«
Der letzte Teil stimmte nicht; in Wirklichkeit hatte Harry gese-
hen, wie sein Vater den Zauber gegen Snape anwandte, doch er
hatte Ron und Hermine nie von diesem merkwürdigen Ausflug ins
Denkarium erzählt. Nun jedoch kam ihm eine wunderbare Mög-
lichkeit in den Sinn. War der Halbblutprinz womöglich -?
»Dein Dad mag ihn vielleicht verwendet haben, Harry«, sagte
Hermine, »aber nicht als Einziger. Wir haben eine ganze Menge
Leute gesehen, die ihn eingesetzt haben, falls du das vergessen hast.
Leute in der Luft baumeln lassen. Sie schweben lassen, im Schlaf,
hilflos.«
Harry starrte sie an. Mit einem flauen Gefühl im Magen erinnerte
nun auch er sich daran, wie sich die Todesser bei den Quidditch-
Weltmeisterschaften verhalten hatten. Ron kam ihm zu Hilfe.
»Das war was anderes«, sagte er unverwüstlich. »Die haben ihn
missbraucht. Harry und sein Dad haben nur einen Jux gemacht. Du
magst den Prinzen nicht, Hermine«, fügte er hinzu und deutete
streng mit einem Würstchen auf sie, »weil er in Zaubertränke bes-
ser ist als du -«
»Das hat damit nichts zu tun!«, erwiderte Hermine, und ihre
Wangen röteten sich. »Ich finde nur, dass es sehr verant-
wortungslos ist, einfach irgendwelche Zauber auszuprobieren,
220
wenn man nicht einmal weiß, wofür sie gedacht sind, und hör end-
lich auf, vom ›Prinzen‹ zu reden, als wär das sein Titel, ich wette,
das ist nur ein bescheuerter Spitzname, und ich hab nicht den Ein-
druck, als wär er ein besonders netter Mensch gewesen!«
»Ich versteh nicht, wie du darauf kommst«, sagte Harry hitzig.
»Wenn er ein angehender Todesser gewesen wäre, dann hätte er
wohl nicht damit geprahlt, ein ›Halbblut‹ zu sein, oder?«
Während Harry das sagte, fiel ihm ein, dass sein Vater reinblütig
gewesen war, aber er schob den Gedanken beiseite; damit würde er
sich später beschäftigen …
»Die Todesser können nicht alle reinblütig sein, es gibt nicht
mehr genügend reinblütige Zauberer«, sagte Hermine hartnäckig.
»Ich schätze, die meisten von ihnen sind Halbblüter, die so tun, als
wären sie Reinblüter. Die hassen nur Muggelstämmige, dich und
Ron würden sie mit offenen Armen aufnehmen.«
»Die würden mich nie im Leben als Todesser nehmen!«, sagte
Ron aufgebracht; ein Stück Wurst flog ihm von der Gabel, mit der
er jetzt vor Hermine herumfuchtelte, und traf Ernie Macmillan am
Kopf. »Meine ganze Familie besteht aus Blutsverrätern! Das ist für
Todesser genauso schlimm wie Muggelstämmige!«
»Und mich hätten sie liebend gern!«, sagte Harry sarkastisch.
»Wir wären die besten Kumpel, wenn sie mich nicht dauernd erle-
digen wollten.«
Darüber musste Ron lachen; selbst Hermine ließ sich zu einem
widerwilligen Lächeln herab, und dann kam Ablenkung in Gestalt
von Ginny.
»Hey, Harry, ich soll dir das hier geben.«
Es war eine Pergamentrolle, auf der in einer vertrauten feinen,
schrägen Handschrift Harrys Name stand.
»Danke, Ginny … das ist Dumbledores nächste Stunde!«, erklärte
Harry Ron und Hermine, zog das Pergament auseinander und las es
rasch durch. »Montagabend!« Mit einem Mal war ihm leicht und
froh zumute. »Wollen wir uns in Hogsmeade treffen, Ginny?«, frag-
te er.
»Ich bin mit Dean dort - vielleicht sehen wir uns ja«, antwortete
sie und winkte ihnen, als sie ging.
221
Filch stand wie üblich am eichenen Schlossportal und hakte die
Namen der Schüler ab, die die Erlaubnis hatten, nach Hogsmeade
zu gehen. Die ganze Prozedur dauerte noch länger als sonst, da
Filch jeden einzelnen mit seinem Geheimnis-Detektor dreimal
überprüfte.
»Was spielt das für 'ne Rolle, wenn wir schwarzmagisches Zeug
aus Hogwarts RAUSschmuggeln?«, fragte Ron und beäugte den
langen dünnen Geheimnis-Detektor argwöhnisch. »Sie sollten doch
eigentlich kontrollieren, was wir wieder hier REINbringen?«
Seine freche Bemerkung brachte ihm ein paar Extrastiche mit
dem Detektor ein, und als sie in den Wind und den Schneeregen
hinaustraten, zuckte er immer noch.
Es war kein schöner Spaziergang nach Hogsmeade. Harry wickel-
te sich den Schal über den Mund; der dem Wetter ausgesetzte Teil
des Gesichts fühlte sich bald wund und taub an. Die Straße zum
Dorf war voller Schüler, die sich gegen den bitterkalten Wind
krümmten. Mehr als einmal fragte sich Harry, ob es ihnen im war-
men Gemeinschaftsraum nicht besser ergangen wäre, und als sie
endlich in Hogsmeade ankamen und feststellten, dass
Zonkos
Scherzartikelladen mit Brettern zugenagelt worden war, sah sich
Harry bestätigt, dass dieser Ausflug keinen Spaß machen würde.
Ron deutete mit einer dick behandschuhten Hand auf den
Honig-
topf, der gnädigerweise geöffnet hatte, und Harry und Hermine
wankten hinter ihm her in den überfüllten Laden.
»Gott sei Dank!«, sagte Ron zitternd, als die warme, nach Kara-
mell duftende Luft sie umhüllte. »Am besten, wir bleiben den gan-
zen Nachmittag hier.«
»Harry, mein Junge!«, rief eine dröhnende Stimme hinter ihnen.
»O nein«, murmelte Harry. Die drei drehten sich um und sahen
Professor Slughorn, der einen gewaltigen Pelzhut und einen Man-
tel mit dazu passendem Pelzkragen trug, einen großen Beutel kan-
dierte Ananas in der Hand hielt und mindestens ein Viertel des
Ladens einnahm.
»Harry, jetzt haben Sie schon drei meiner kleinen Abendessen
verpasst!«, sagte Slughorn und pikte ihn leutselig in die Brust. »So
geht das nicht, mein Junge. Sie entkommen mir nicht! Miss Gran-
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ger liebt diese Abende, nicht wahr?«
»Ja«, sagte Hermine hilflos, »die sind wirklich -«
»Also, warum kommen Sie nicht vorbei, Harry?«, fragte Slughorn.
»Nun ja, ich hatte Quidditch-Training, Professor«, sagte Harry,
der tatsächlich immer ein Training angesetzt hatte, wenn Slughorn
ihm eine kleine, mit violettem Band verzierte Einladung geschickt
hatte. Diese Strategie führte dazu, dass Ron nicht außen vor blieb,
und sie lachten dann meistens gemeinsam mit Ginny bei der Vor-
stellung, dass Hermine mit McLaggen und Zabini zusammenho-
cken musste.
»Nun, ich hoffe doch, dass Sie nach so viel fleißiger Arbeit Ihr
erstes Spiel gewinnen werden!«, sagte Slughorn. »Aber ein wenig
Erholung hat noch niemandem geschadet. Also, wie wär's mit
Montagabend, Sie können doch unmöglich vorhaben, bei diesem
Wetter zu trainieren …«
»Ich kann nicht, Professor, ich hab - ähm - an diesem Abend ei-
nen Termin bei Professor Dumbledore.«
»Wieder kein Glück!«, rief Slughorn theatralisch. »Ah, nun … Sie
können mir nicht ewig ausweichen, Harry!«
Er winkte majestätisch und watschelte aus dem Laden, wobei er
so wenig Notiz von Ron nahm, als wäre der eine Schachtel voller
getrockneter Kakerlaken.
»Ich fass es nicht, du hast dich schon wieder drumrum gemogelt«,
sagte Hermine kopfschüttelnd. »
So übel ist es da gar nicht, weißt du
… manchmal macht es richtig Spaß …« Doch dann fiel ihr Blick
auf Rons Miene. »Oh, seht mal - die haben Zuckerfederkiele de
Luxe - die sollen stundenlang halten!«
Froh darüber, dass Hermine das Thema gewechselt hatte, zeigte
Harry viel mehr Interesse an den neuen, extragroßen Zuckerfeder-
kielen, als er es sonst getan hätte, aber Ron wirkte nach wie vor
verstimmt und zuckte nur die Achseln, als Hermine ihn fragte, wo
er als Nächstes hinwolle.
»Gehen wir in die
Drei Besen«, sagte Harry. »Da ist es sicher
warm.«
Sie wickelten sich die Schals wieder über die Gesichter und ver-
ließen den Süßigkeitenladen. Nach der zuckrigen Wärme des
Ho-
223
nigtopfs schlug ihnen der bitterkalte Wind messerscharf ins Ge-
sicht. Auf der Straße war nicht viel los; niemand blieb stehen, um
ein Schwätzchen zu halten, alle beeilten sich, an ihr Ziel zu kom-
men. Die Ausnahme waren zwei Männer, die nicht weit entfernt
von ihnen direkt vor den
Drei Besen standen. Der eine war sehr
groß und dünn; Harry spähte mit zusammengekniffenen Augen
durch seine regennasse Brille und erkannte den Wirt, der im ande-
ren Pub von Hogsmeade, dem
Eberkopf, arbeitete. Als Harry, Ron
und Hermine näher kamen, zog der Wirt seinen Umhang enger um
den Hals, ging davon und ließ den kleineren Mann zurück, der
ungeschickt etwas in seinen Armen hielt. Sie waren kaum ein paar
Meter von ihm entfernt, als Harry den Mann erkannte.
»Mundungus!«
Der untersetzte, säbelbeinige Mann mit dem langen, wi-
derspenstigen rotbraunen Haar fuhr zusammen und ließ einen ur-
alten Koffer fallen, der aufsprang und scheinbar den gesamten
Schaufensterinhalt eines Trödelladens auf dem Boden verteilte.
»Oh, 'allo, 'Arry«, sagte Mundungus Fletcher in einem ganz und
gar nicht überzeugenden Versuch, lässig zu wirken. »Also dann, ich
will euch nicht aufhalten.«
Und er fing an auf dem Boden herumzukrabbeln, um die Sachen
aus seinem Koffer wieder einzusammeln, wie jemand, der es eilig
hat, zu verschwinden.
»Verkaufst du diesen Kram?«, fragte Harry, während er beobach-
tete, wie Mundungus diverse schmutzig aussehende Gegenstände
auflas.
»Na ja, man muss sich irgendwie durchschlagen, nicht?«, sagte
Mundungus. »Gib das her!«
Ron hatte sich gebückt und etwas Silbernes aufgehoben.
»Augenblick mal«, sagte er langsam. »Das kommt mir bekannt vor
-«
»Danke!«, sagte Mundungus, riss Ron den Kelch aus der Hand
und stopfte ihn zurück in seinen Koffer. »Also, wir sehen uns dann
- AUTSCH!«
Harry hatte Mundungus an der Gurgel gepackt und gegen die
Wand des Pubs gedrückt. Er hielt ihn mit der einen Hand fest und
224
zog mit der anderen seinen Zauberstab.
»Harry!«, rief Hermine schrill.
»Das hast du aus Sirius' Haus geholt«, sagte Harry, der Mun-
dungus fast Nase an Nase gegenüberstand. Ein unangenehmer Ge-
ruch nach altem Tabak und Hochprozentigem schlug ihm entge-
gen. »Da war das Familienwappen der Blacks drauf.«
»Ich - nein - was -?«, stotterte Mundungus und wurde ganz lang-
sam puterrot.
»Was hast du gemacht, bist du in der Nacht, als er gestorben ist,
in sein Haus zurückgegangen und hast es ausgeräumt?«, knurrte
Harry wütend.
»Ich - nein -«
»Gib es mir!«
»Harry, das darfst du nicht!«, schrie Hermine, während Mundun-
gus allmählich blau anlief.
Ein Knall ertönte und Harry spürte, wie seine Hände von Mun-
dungus' Gurgel weggerissen wurden. Keuchend und prustend er-
griff Mundungus seinen Koffer am Boden, und dann - KNALL -
disapparierte er.
Harry fluchte aus Leibeskräften und drehte sich auf der Stelle, um
zu sehen, wohin Mundungus verschwunden war.
»KOMM ZURÜCK, DU DIEBISCHER -!«
»Es hat keinen Sinn, Harry.«
Tonks war aus dem Nichts erschienen, das mausbraune Haar nass
vom Schneeregen.
»Mundungus ist jetzt wahrscheinlich schon in London. Es hat
keinen Sinn zu schreien.«
»Er hat Sirius' Sachen geklaut! Geklaut!«
»Ja, aber trotzdem«, sagte Tonks, die diese Mitteilung offenbar
nicht im Geringsten erschütterte, »solltest du raus aus dieser Kälte.«
Sie sah ihnen durch die Tür der D
rei Besen nach. Sobald er drin-
nen war, platzte Harry los:
»Er hat Sirius' Sachen geklaut!«
»Ich weiß, Harry, aber hör bitte auf zu schreien, die Leute gucken
schon«, flüsterte Hermine. »Setzt euch schon mal, ich hol euch was
zu trinken.«
Als Hermine wenige Minuten später mit drei Flaschen Butterbier
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an ihren Tisch kam, war Harry immer noch wütend.
»Kann der Orden Mundungus nicht unter Kontrolle halten?«,
drang er zornig flüsternd auf die anderen beiden ein. »Können die
nicht wenigstens dafür sorgen, dass er nicht mehr alles mitgehen
lässt, "was nicht niet- und nagelfest ist, wenn er im Hauptquartier
ist?«
»Schhh!«, machte Hermine verzweifelt und blickte sich um, ob
auch ja niemand zuhörte; ganz in der Nähe saßen ein paar Zaube-
rer, die Harry mit großem Interesse anstarrten, und Zabini lüm-
melte sich nicht weit entfernt gegen eine Säule. »Harry, ich würde
mich auch ärgern, ich weiß, das sind deine Sachen, die er klaut -«
Harry verschluckte sich an seinem Butterbier; er hatte zwi-
schendurch ganz vergessen, dass Grimmauldplatz Nummer zwölf
ihm gehörte.
»Jaah, das sind meine Sachen!«, sagte er. »Kein Wunder, dass er
sich nicht gefreut hat, mich zu sehen! Also, ich werde Dumbledore
erzählen, was los ist; er ist der Einzige, vor dem Mundungus Angst
hat.«
»Gute Idee«, flüsterte Hermine, offensichtlich froh darüber, dass
Harry sich beruhigte. »Ron, wo schaust du eigentlich die ganze Zeit
hin?«
»Nirgends«, sagte Ron und wandte hastig den Blick vom Tresen,
aber Harry wusste, dass er immer versuchte, die kurvenreiche und
attraktive Wirtin, Madam Rosmerta, auf sich aufmerksam zu ma-
chen, für die er schon länger eine Schwäche hatte.
»Ich vermute mal, ›nirgends‹ ist im Hinterzimmer und holt gera-
de Feuerwhisky-Nachschub«, sagte Hermine giftig.
Ron ignorierte diese spöttische Bemerkung, nippte an seinem
Butterbier und bewahrte, was er offenbar für ein erhabenes
Schweigen hielt. Harry dachte an Sirius und dass er diese Silberkel-
che sowieso gehasst hatte. Hermine trommelte mit den Fingern auf
dem Tisch, ihre Augen flackerten zwischen Ron und der Bar hin
und her.
Kaum hatte Harry die letzten Tropfen seiner Flasche geleert, sag-
te sie: »Wie wär's, wollen wir's packen und zurück in die Schule
gehen?«
226
Die anderen beiden nickten; der Ausflug hatte keinen Spaß ge-
macht und das Wetter wurde mit der Zeit nur noch schlechter. Sie
wickelten sich wieder fest in ihre Umhänge, legten ihre Schals um,
zogen ihre Handschuhe an; dann gingen sie hinter Katie Bell und
einer Freundin aus dem Pub und die Hauptstraße entlang zurück.
Während sie durch den gefrorenen Schneematsch die Straße nach
Hogwarts hinaufstapften, schweiften Harrys Gedanken zu Ginny.
Sie hatten sie nicht getroffen, überlegte er, weil sie und Dean mit
Sicherheit in Madam Puddifoots Cafe gemütlich beieinander hock-
ten, diesem Schlupfwinkel für glückliche Pärchen. Mit finsterer
Miene senkte er den Kopf gegen den wirbelnden Schnee und stapf-
te weiter.
Es dauerte eine Weile, bis Harry auffiel, dass die Stimmen von
Katie Bell und ihrer Freundin, die der Wind ihm zutrug, schriller
und lauter geworden waren. Harry spähte zu ihren verschwomme-
nen Gestalten. Die beiden Mädchen stritten sich über etwas, das
Katie in der Hand hielt.
»Das hat nichts mit dir zu tun, Leanne!«, hörte Harry Katie sagen.
Sie bogen um eine Kurve, dichter Schneeregen blies ihnen heftig
entgegen und verschmierte Harrys Brille. Gerade als er sie mit dem
Handschuh abwischen wollte, griff Leanne nach dem Päckchen in
Katies Händen; Katie riss es wieder an sich und das Päckchen fiel
zu Boden.
Und plötzlich stieg Katie in die Höhe, nicht so komisch wie Ron,
an den Knöcheln aufgehängt, sondern anmutig und mit ausge-
streckten Armen, als wollte sie fliegen. Aber irgendetwas stimmte
nicht, irgendetwas war unheimlich … ein scharfer Wind peitschte
ihr die Haare um den Kopf, doch ihre Augen waren geschlossen
und ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Harry, Ron, Her-
mine und Leanne waren abrupt stehen geblieben und sahen zu.
Dann, zwei Meter über dem Boden, stieß Katie einen fürchterli-
chen Schrei aus. Sie riss die Augen auf, aber was immer sie sehen
konnte oder was immer sie empfand, machte ihr offenbar schreck-
liche Angst. Sie schrie und schrie; auch Leanne fing an zu schreien,
fasste Katie an den Fußgelenken und versuchte sie auf den Boden
herunterzuziehen. Harry, Ron und Hermine stürmten vor, um zu
227
helfen, doch gerade als sie Katies Beine gepackt hatten, stürzte sie
auf sie herab; Harry und Ron gelang es, sie aufzufangen, doch sie
wand sich so heftig, dass sie sie kaum halten konnten. Deshalb lie-
ßen sie Katie auf den Boden hinunter, wo sie um sich schlug und
schrie, offenbar außerstande, irgendeinen von ihnen zu erkennen.
Harry blickte sich um; weit und breit war niemand zu sehen.
»Bleibt hier!«, rief er den anderen durch den heulenden Wind zu.
»Ich hole Hilfe!«
Er spurtete los in Richtung Schule; er hatte noch nie jemanden
sich so aufführen sehen wie Katie eben, und er hatte keine Ah-
nung, was die Ursache war; er sauste um eine Kurve und stieß mit
etwas zusammen, das ein riesiger Bär auf den Hinterbeinen zu sein
schien.
»Hagrid!«, keuchte er und befreite sich aus der Hecke, in die er
gestürzt war.
»Harry!«, sagte Hagrid, in dessen Augenbrauen und Bart sich
Graupel verfangen hatte und der seinen großen, schäbigen Biber-
pelzmantel trug. »War grad bei Grawp, der entwickelt sich so was
von gut, das hätt'st du nich -«
»Hagrid, dort hinten ist jemand verletzt oder hat einen Fluch ab-
bekommen oder irgendwas -«
»Wa'?«, sagte Hagrid und bückte sich tiefer, um durch den tosen-
den Wind zu hören, was Harry sagte.
»Jemand hat einen Fluch abgekriegt!«, brüllte Harry.
»'nen Fluch? Wer hat 'nen Fluch - doch nicht Ron? Hermine?«
»Nein, nicht die, es ist Katie Bell - hier lang …«
Zusammen rannten sie den Weg zurück. Sie brauchten nicht lan-
ge, bis sie die kleine Gruppe von Menschen um Katie fanden, die
sich immer noch schreiend am Boden wälzte; Ron, Hermine und
Leanne versuchten gemeinsam, sie zu beruhigen.
»Macht Platz!«, rief Hagrid. »Ich will sie mir anschauen!«
»Irgendwas ist mit ihr passiert!«, schluchzte Leanne. »Ich weiß
nicht, was -«
Hagrid starrte Katie eine Sekunde lang an, dann bückte er sich,
ohne ein Wort zu sagen, hob sie hoch in seine Arme und rannte
mit ihr zum Schloss davon. Innerhalb von wenigen Sekunden wa-
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ren Katies gellende Schreie verklungen und nur noch der brausen-
de Wind war zu hören.
Hermine ging schnell zu Katies wimmernder Freundin und legte
ihr den Arm um die Schulter.
»Du heißt Leanne, nicht wahr?«
Das Mädchen nickte.
»Ist das einfach ganz plötzlich passiert, oder -?«
»Es war, als das Päckchen aufriss«, schluchzte Leanne und deutete
auf das inzwischen durchweichte Paket in Packpapier auf dem Bo-
den, das aufgeplatzt war und aus dem ein grünlicher Schimmer
hervordrang. Ron streckte die Hand aus und bückte sich, aber Har-
ry ergriff seinen Arm und zog ihn weg.
»Fass das nicht an!«
Er kauerte sich nieder. Ein reich verziertes Opalhalsband war zu
sehen, das aus dem Papier hervorblitzte.
»Das hab ich schon mal gesehen«, sagte Harry und starrte auf das
Ding. »Es war vor einer Ewigkeit mal bei
Borgin und Burkes ausge-
stellt. Auf dem Schild stand, dass es verflucht ist. Katie muss es be-
rührt haben.« Er blickte zu Leanne hoch, die haltlos zu zittern be-
gonnen hatte. »Wie hat Katie das bekommen?«
»Also, deswegen haben wir uns gestritten. Als sie in den D
rei Be-
sen vom Klo zurückkam, hielt sie es in der Hand und sagte, dass es
eine Überraschung für jemanden in Hogwarts ist und dass sie es
überbringen muss. Sie hat ganz komisch geguckt, als sie das gesagt
hat … o nein, o nein, ich wette, sie hat den Imperius abgekriegt,
und ich hab's nicht gemerkt!«
Leanne wurde von neuen Schluchzern geschüttelt. Hermine
klopfte ihr sanft auf die Schulter.
»Sie hat nicht gesagt, wer es ihr gegeben hat, Leanne?«
»Nein … das wollte sie mir nicht erzählen … und ich hab gesagt,
dass sie bescheuert ist und dass sie es nicht mit hoch in die Schule
nehmen soll, aber sie wollte einfach nicht hören und … und dann
hab ich versucht, es ihr wegzureißen … und - und -« Leanne heulte
verzweifelt auf.
»Am besten, wir gehen rauf in die Schule«, sagte Hermine, den
Arm immer noch um Leanne, »dort können wir erfahren, wie es
229
ihr geht. Komm …«
Harry zögerte einen Moment, dann nahm er sich den Schal vom
Gesicht, und ohne auf Rons Keuchen zu achten, wickelte er das
Halsband vorsichtig darin ein und hob es auf.
»Wir müssen das Madam Pomfrey zeigen«, sagte er.
Während sie Hermine und Leanne den Weg hinauf folgten, dach-
te Harry fieberhaft nach. Sobald sie das Schlossgelände betreten
hatten, konnte er seine Gedanken nicht mehr für sich behalten und
legte los.
»Malfoy weiß von diesem Halsband. Es war vor vier Jahren beiBorgin und Burkes in einer Vitrine, und während ich mich vor ihm
und seinem Dad versteckt hielt, hab ich mitbekommen, wie er es
sich genau ansah.
Das hat er sich gekauft an dem Tag, als wir ihm
gefolgt sind! Er hat es nicht vergessen und ist deswegen zurück in
den Laden gegangen!«
»Ich - ich weiß nicht, Harry«, sagte Ron zögernd. »Eine Menge
Leute gehen zu
Borgin und Burkes … und hat dieses Mädchen
nicht gesagt, dass Katie es im Mädchenklo bekommen hat?«
»Sie sagte, sie ist damit vom Klo zurückgekommen, sie muss es
nicht unbedingt dort bekommen haben -«
»McGonagall!«, sagte Ron warnend.
Harry blickte auf. Und tatsächlich, Professor McGonagall kam
durch den wirbelnden Schnee die Steintreppe herunter auf sie zu-
geeilt.
»Hagrid sagt, Sie hätten alle vier gesehen, was Katie Bell zugesto-
ßen ist - bitte, sofort nach oben in mein Büro! Was haben Sie da in
der Hand, Potter?«
»Das Ding, das sie berührt hat«, sagte Harry.
»Um Himmels willen«, sagte Professor McGonagall und sah ent-
setzt aus, als sie Harry das Halsband abnahm. »Nein, nein, Filch, die
sind in meiner Begleitung!«, fügte sie hastig hinzu, als Filch mit
erhobenem Geheimnis-Detektor eifrig durch die Eingangshalle
geschlurft kam. »Bringen Sie dieses Halsband sofort zu Professor
Snape, aber berühren Sie es auf keinen Fall, lassen Sie es im Schal
eingewickelt!«
Harry und die anderen folgten Professor McGonagall nach oben
230
in ihr Büro. Die Fenster waren nass gespritzt vom Schneeregen und
klapperten in ihren Rahmen, und trotz des Feuers, das im Kamin
knisterte, war es kalt im Zimmer. Professor McGonagall schloss die
Tür, rauschte um ihren Schreibtisch herum und wandte sich Harry,
Ron, Hermine und der immer noch schluchzenden Leanne zu.
»Nun?«, sagte sie scharf. »Was ist passiert?«
Zögernd und mit vielen Unterbrechungen, in denen sie versuch-
te, gegen ihre Tränen anzukämpfen, schilderte Leanne Professor
McGonagall, wie Katie in den
Drei Besen aufs Klo gegangen und
mit dem unbeschrifteten Päckchen in der Hand zurückgekommen
war; Katie sei ihr ein wenig merkwürdig vorgekommen, und sie
hätten sich darüber gestritten, ob es ratsam sei, sich bereit zu erklä-
ren, unbekannte Gegenstände zu überbringen, der Streit habe dann
zu einem Gerangel um das Paket geführt, das schließlich aufgeris-
sen sei. An dieser Stelle war Leanne so erschüttert, dass kein weite-
res Wort mehr aus ihr herauszubringen war.
»Nun gut«, sagte Professor McGonagall, nicht unfreundlich, »ge-
hen Sie bitte hinauf in den Krankenflügel, Leanne, und lassen Sie
sich von Madam Pomfrey etwas zur Beruhigung geben.«
Als sie hinausgegangen war, wandte sich Professor McGonagall
wieder an Harry, Ron und Hermine.
»Was ist geschehen, als Katie das Halsband anfasste?«
»Sie ist in die Luft gestiegen«, sagte Harry, ehe Ron oder Hermine
den Mund aufmachen konnten. »Und dann fing sie an zu schreien
und ist zusammengebrochen. Professor, kann ich bitte Professor
Dumbledore sprechen?«
»Der Schulleiter ist bis Montag außer Haus, Potter«, sagte Profes-
sor McGonagall mit überraschter Miene.
»Außer Haus?«, wiederholte Harry aufgebracht.
»Ja, Potter, außer Haus!«, entgegnete Professor McGonagall
scharf. »Aber was immer Sie in dieser fürchterlichen Angelegenheit
zu sagen haben, können Sie sicher auch mir sagen!«
Harry zögerte einen kurzen Augenblick. Professor McGonagall
war jemand, dem man sich nicht gern anvertraute; obwohl
Dumbledore in vielerlei Hinsicht einschüchternder wirkte, war es
bei ihm weniger wahrscheinlich, dass er eine Theorie verspottete,
231
egal wie haarsträubend sie auch sein mochte. Hier ging es jedoch
um Leben und Tod, und es war der falsche Zeitpunkt, sich darüber
Sorgen zu machen, ob man womöglich ausgelacht wurde.
»Ich glaube, Draco Malfoy hat Katie das Halsband gegeben, Pro-
fessor.«
Auf der einen Seite von Harry rieb sich Ron offensichtlich betre-
ten die Nase; auf der anderen scharrte Hermine mit den Füßen, als
würde sie liebend gerne ein wenig Abstand zwischen sich und Har-
ry bringen.
»Das ist eine sehr schwer wiegende Anschuldigung, Potter«, sagte
Professor McGonagall nach einer erschrockenen Pause. »Haben Sie
irgendeinen Beweis dafür?«
»Nein«, sagte Harry, »aber …« Und er erzählte ihr, dass sie Malfoy
zu
Borgin und Burkes gefolgt waren, und schilderte das Gespräch
zwischen ihm und Borgin, das sie mitgehört hatten.
Als sein Bericht zu Ende war, wirkte Professor McGonagall leicht
verwirrt.
»Malfoy hat etwas zum Reparieren zu
Borgin und Burkes ge-
bracht?«
»Nein, Professor, er wollte nur, dass Borgin ihm sagt, wie man
etwas in Ordnung bringt, das er nicht bei sich hatte. Aber darum
geht es nicht, der Punkt ist, dass er bei dieser Gelegenheit etwas
gekauft hat, und ich glaube, es war dieses Halsband -«
»Sie haben Malfoy den Laden mit einem ähnlichen Päckchen ver-
lassen sehen?«
»Nein, Professor, er hat Borgin gesagt, er soll es für ihn im Laden
aufbewahren -«
»Aber, Harry«, unterbrach ihn Hermine, »Borgin hat ihn gefragt,
ob er es nicht mitnehmen will, und Malfoy hat nein gesagt -«
»Weil er es nicht anfassen wollte, natürlich!«, fuhr Harry sie an.
»Er hat wörtlich gesagt: ›Wie würde das denn aussehen, wenn ich
auf der Straße damit rumlaufen würde?‹«, erklärte Hermine.
»Also, mit einem Halsband würde er tatsächlich ein bisschen wie
ein Armleuchter aussehen«, warf Ron ein.
»Oh, Ron«, sagte Hermine verzweifelnd, »es wäre doch verpackt
gewesen, damit er es nicht hätte berühren müssen, und es wäre
232
ganz leicht in einem Umhang zu verstecken gewesen, also hätte es
niemand gesehen! Ich glaube, was auch immer er bei
Borgin und
Burkes für sich reserviert hat, war laut oder sperrig; etwas, das ganz
sicher Aufmerksamkeit erregen würde, wenn er es die Straße ent-
langtragen würde - und, wie auch immer«, fuhr sie energisch fort,
ehe Harry sie unterbrechen konnte, »ich habe Borgin nach dem
Halsband gefragt, wisst ihr nicht mehr? Als ich reinging, um he-
rauszufinden, was Malfoy bei ihm reserviert hatte, hab ich es dort
gesehen. Und Borgin hat mir nur den Preis genannt, er hat nicht
gesagt, dass es schon verkauft ist oder so was -«
»Na ja, du warst auch leicht zu durchschauen, er hatte nach fünf
Sekunden schon begriffen, was du vorhattest, natürlich wollte er
dir dann nicht sagen - jedenfalls hätte Malfoy es sich in der Zwi-
schenzeit bringen lassen können -«
»Genug!«, sagte Professor McGonagall, als Hermine mit wüten-
dem Blick den Mund aufmachte, um etwas zu erwidern. »Potter,
ich weiß es zu schätzen, dass Sie mir das erzählt haben, aber wir
können Mr Malfoy nicht zum Sündenbock machen, nur weil er
den Laden besucht hat, wo dieses Halsband möglicherweise gekauft
wurde. Dasselbe trifft wahrscheinlich auf Hunderte von Personen
zu -«
»- das hab ich doch gesagt -«, murmelte Ron.
»- und wir haben dieses Jahr sowieso strenge Sicherheits-
vorkehrungen getroffen, ich glaube, dass dieses Halsband ohne
unser Wissen unmöglich in diese Schule gelangt sein kann -«
»- aber -«
»- und außerdem«, sagte Professor McGonagall mit ganz ent-
schiedener Miene, »war Mr Malfoy heute nicht in Hogsmeade.«
Harry starrte sie mit offenem Mund an und sank in sich zu-
sammen.
»Woher wissen Sie das, Professor?«
»Weil er bei mir nachsitzen musste. Er hat inzwischen zwei Mal
in Folge seine Hausaufgaben für Verwandlung nicht fertig gestellt.
Also, danke, dass Sie mir Ihren Verdacht mitgeteilt haben, Potter«,
sagte sie, während sie an ihnen vorbeimarschierte, »aber ich muss
jetzt hoch in den Krankenflügel, um nach Katie Bell zu sehen. Ei-
233
nen guten Tag Ihnen allen.«
Sie hielt ihre Bürotür auf. Es blieb ihnen nichts übrig, als ohne
ein weiteres Wort einer nach dem anderen an ihr vorbeizugehen.
Harry war zornig auf die beiden anderen, weil sie sich auf die Sei-
te von McGonagall geschlagen hatten; trotzdem musste er einfach
mitdiskutieren, als sie anfingen, über die ganze Geschichte zu re-
den.
»Also, was meinst du, wem sollte Katie das Halsband geben?«,
fragte Ron, als sie die Treppe zum Gemeinschaftsraum hochstiegen.
»Weiß der Himmel«, sagte Hermine. »Aber wer auch immer es
war, ist nur knapp davongekommen. Keiner hätte dieses Päckchen
öffnen können, ohne das Halsband zu berühren.«
»Es hätte für eine Menge Leute bestimmt sein können«, sagte
Harry. »Dumbledore - die Todesser würden ihn nur zu gern los-
werden, er steht bestimmt ganz oben auf ihrer Abschussliste. Oder
Slughorn - Dumbledore vermutet, dass Voldemort ihn eigentlich
haben wollte, und es wird ihnen nicht gefallen, dass er sich mit
Dumbledore verbündet hat. Oder -«
»Oder du«, sagte Hermine mit besorgtem Blick.
»Ich kann's nicht gewesen sein«, sagte Harry, »sonst hätte Katie
sich doch einfach unterwegs umgedreht und es mir gegeben,
stimmt's? Ich war den ganzen Weg von den
Drei Besen an hinter
ihr. Es wäre viel sinnvoller gewesen, das Päckchen außerhalb von
Hogwarts zu übergeben, wo doch Filch jeden filzt, der rein- und
rausgeht. Ich frage mich, warum Malfoy ihr gesagt hat, sie soll es
ins Schloss mitnehmen.«
»Harry, Malfoy war nicht in Hogsmeade!«, erwiderte Hermine
und stampfte tatsächlich genervt mit dem Fuß auf.
»Dann muss er einen Komplizen gehabt haben«, sagte Harry.
»Crabbe oder Goyle - oder, wenn ich's mir recht überlege, einen
anderen Todesser, er wird jede Menge bessere Spießgesellen haben
als Crabbe und Goyle, jetzt, wo er bei denen mitmacht -«
Ron und Hermine tauschten Blicke, die unmissverständlich nur
eines bedeuteten: »Es hat keinen Zweck, mit ihm zu streiten.«
»Krönungsmahl«, sagte Hermine nachdrücklich, als sie zur fetten
Dame gelangten.
234
Das Porträt schwang auf und ließ sie in den Gemeinschaftsraum.
Er war ziemlich voll und roch nach feuchter Kleidung; offenbar
waren viele Schüler wegen des schlechten Wetters schon früh aus
Hogsmeade zurückgekehrt. Doch kein ängstliches Stimmengewirr
oder wilde Spekulationen waren zu hören: Die Nachricht von Ka-
ties Schicksal hatte sich offensichtlich noch nicht herumgespro-
chen.
»Das war wirklich kein besonders raffinierter Angriff, wenn man
mal in Ruhe drüber nachdenkt«, sagte Ron und warf beiläufig einen
Erstklässler aus einem der guten Sessel am Feuer, damit er sich set-
zen konnte. »Der Fluch hat es nicht mal ins Schloss reingeschafft.
Nicht gerade das, was man narrensicher nennen würde.«
»Da hast du Recht«, sagte Hermine, stupste Ron mit dem Fuß aus
dem Sessel und bot ihn wieder dem Erstklässler an. »Das war über-
haupt nicht gründlich durchdacht.«
»Aber seit wann ist Malfoy einer der großen Denker der Welt?«,
fragte Harry.
Weder Ron noch Hermine antworteten ihm.
235
Der geheime Riddle
Tags darauf wurde Katie ins St.-Mungo-Hospital für Magische
Krankheiten und Verletzungen gebracht, und inzwischen hatte
sich die Nachricht, dass sie einem Fluch erlegen war, in der ganzen
Schule verbreitet, auch wenn über die Einzelheiten Verwirrung
herrschte und offenbar niemand außer Harry, Ron, Hermine und
Leanne wusste, dass Katie selbst nicht das geplante Ziel gewesen
war.
»Oh, und Malfoy weiß es natürlich auch«, sagte Harry zu Ron
und Hermine, die an ihrer neuen Strategie festhielten, jedes Mal
Taubheit vorzuschützen, wenn Harry seine Malfoy-ist-ein-
Todesser-Theorie erwähnte.
Harry hatte sich gefragt, ob Dumbledore, wo auch immer er war,
rechtzeitig zum Unterricht am Montagabend zurückkehren würde,
doch da er nichts Gegenteiliges erfuhr, fand er sich um acht Uhr
vor Dumbledores Büro ein, klopfte und wurde hereingebeten. Da
saß Dumbledore und wirkte ungewöhnlich müde; seine Hand war
immer noch schwarz und verbrannt, doch er lächelte, als er Harry
bedeutete, dass er sich setzen solle. Das Denkarium stand wieder
auf dem Schreibtisch und warf silbrige Lichtflecken an die Decke.
»Du hast einiges erlebt, während ich weg war«, sagte Dum-
bledore. »Wie ich höre, warst du Zeuge von Karies Unfall.«
»Ja, Sir. Wie geht es ihr?«
»Immer noch sehr schlecht, dabei hat sie noch einigermaßen
Glück gehabt. Offenbar hat sie das Halsband nur mit dem aller-
kleinsten Stückchen Haut berührt: Ihr Handschuh hatte ein winzi-
ges Loch. Wenn sie es sich umgelegt, es auch nur ohne Handschuhe
angefasst hätte, dann wäre sie gestorben, womöglich auf der Stelle.
Glücklicherweise konnte Professor Snape genug tun, um eine ra-
sche Ausbreitung des Fluchs zu verhindern -«
»Warum er?«, fragte Harry rasch. »Warum nicht Madam
Pomfrey?«
»Frechheit«, sagte eine leise Stimme von einem der Porträts an
der Wand, und Phineas Nigellus Black, Sirius' Ururgroßvater, hob
236
den Kopf von den Armen, auf denen er allem Anschein nach ge-
schlafen hatte. »Zu meiner Zeit hätte ich es einem Schüler nicht
erlaubt, in Frage zu stellen, wie Hogwarts arbeitet.«
»Ja, danke schön, Phineas«, würgte Dumbledore ihn ab. »Profes-
sor Snape weiß viel mehr über die dunklen Künste als Madam
Pomfrey, Harry. Jedenfalls schickt mir das Team vom St. Mungo
stündlich Berichte, und ich hoffe, dass Katie mit der Zeit gänzlich
genesen wird.«
»Wo waren Sie an diesem Wochenende, Sir?«, fragte Harry, ob-
wohl er eindeutig das Gefühl hatte, er könnte vielleicht zu weit
gehen, ein Gefühl, das Phineas Nigellus offenbar teilte, denn er
zischte leise.
»Das möchte ich im Augenblick eher nicht sagen«, erwiderte
Dumbledore. »Ich werde es dir allerdings zu gegebener Zeit erzäh-
len.«
»Tatsächlich?«, sagte Harry verdutzt.
»Gewiss«, sagte Dumbledore, zog eine neue Flasche silberner Er-
innerungen aus seinem Umhang und entkorkte sie mit einem leich-
ten Stoß seines Zauberstabs.
»Sir«, sagte Harry zögernd, »ich habe Mundungus in Hogsmeade
getroffen.«
»Ah, ja, ich habe bereits erfahren, dass Mundungus dein Erbe mit
langen Fingern missachtet hat«, sagte Dumbledore und runzelte
leicht die Stirn. »Seit du ihn vor den
Drei Besen zur Rede gestellt
hast, ist er untergetaucht; ich würde meinen, er hat Angst, mir ge-
genüberzutreten. Aber verlass dich darauf, er wird nicht noch
mehr von Sirius' alten Besitztümern beiseite schaffen.«
»Dieser räudige alte Halbblüter hat Erbstücke von den Blacks ge-
stohlen?«, sagte Phineas Nigellus erzürnt; und er stolzierte aus sei-
nem Rahmen, zweifellos um sein Porträt am Grimmauldplatz
Nummer zwölf aufzusuchen.
»Professor«, sagte Harry nach einer kurzen Pause, »hat Professor
McGonagall Ihnen gesagt, was ich ihr erzählt habe, nachdem Katie
verletzt wurde? Über Draco Malfoy?«
»Sie hat mir von deinem Verdacht erzählt, ja«, erwiderte
Dumbledore.
237
»Und Sie -?«
»Ich werde alle geeigneten Maßnahmen ergreifen und jeden ü-
berprüfen, der möglicherweise mit Katies Unfall zu tun hatte«, sag-
te Dumbledore. »Aber im Augenblick, Harry, beschäftigt mich un-
sere Unterrichtsstunde.«
Harry ärgerte sich ein wenig über diese Worte: Wenn ihr Unter-
richt tatsächlich so wichtig war, warum hatte es dann eine so lange
Unterbrechung zwischen der ersten und der zweiten Stunde gege-
ben? Doch er sagte nichts mehr über Draco Malfoy, sondern sah zu,
wie Dumbledore die neuen Erinnerungen in das Denkarium goss
und das steinerne Becken wieder in den langen Fingern seiner
Hände kreisen ließ.
»Wie du sicher noch weißt, haben wir die Geschichte von Lord
Voldemorts Anfängen an dem Punkt unterbrochen, als der hübsche
Muggel Tom Riddle seine Frau, die Hexe Merope, verließ und zu
seinem Familiensitz in Little Hangleton zurückkehrte. Merope
blieb allein in London zurück, schwanger mit einem Kind, das ei-
nes Tages Lord Voldemort werden sollte.«
»Woher wissen Sie, dass sie in London war, Sir?«
»Aufgrund der Aussage eines gewissen Caractacus Burke«, sagte
Dumbledore, »der dank eines merkwürdigen Zufalls Mitbegründer
ebenjenes Ladens war, aus dem das Halsband stammt, über das wir
gerade sprachen.«
Er schwenkte den Inhalt des Denkariums, wie Harry es ihn schon
früher hatte tun sehen, genau wie ein Goldsucher, der Gold aus-
siebt. Aus der wirbelnden, silbrigen Substanz stieg ein kleiner alter
Mann empor, der sich langsam im Denkarium um sich selbst dreh-
te, silbern wie ein Geist, aber viel fester, mit einem Haarschopf, der
seine Augen vollkommen verdeckte.
»Ja, wir haben es unter seltsamen Umständen erworben. Eine
junge Hexe brachte es kurz vor Weihnachten in den Laden, oh, das
ist jetzt viele Jahre her. Sie sagte, sie würde das Gold dringend
brauchen, also, das zumindest war offensichtlich. War in Lumpen
gekleidet und hatte einen ziemlichen Bauch … sie erwartete ein
Kind, Sie verstehen. Sie behauptete, das Medaillon hätte Slytherin
gehört. Nun ja, derlei Geschichten bekommen wir ständig zu hören
238
- ›Oh, diese Teekanne stammt aus dem Besitz von Merlin, ganz
ehrlich, die hat er am liebsten benutzt‹ -, aber ich hab mir das Me-
daillon angesehen, es trug tatsächlich sein Zeichen, und ein paar
schlichte Zauber genügten, dann wusste ich die Wahrheit. Das
machte es natürlich so gut wie unbezahlbar. Sie hatte offenbar kei-
ne Ahnung, wie viel es wert war. War froh, dass sie zehn Galleo-
nen dafür bekam. Das beste Geschäft, das wir je gemacht haben!«
Dumbledore versetzte dem Denkarium einen besonders kräftigen
Stoß und Caractacus Burke sank zurück in die wirbelnde Masse der
Erinnerung, aus der er gekommen war.
»Er hat ihr nur zehn Galleonen gegeben?«, sagte Harry empört.
»Caractacus Burke war nicht gerade berühmt für seine Großzü-
gigkeit«, sagte Dumbledore. »Also wissen wir, dass Merope gegen
Ende ihrer Schwangerschaft allein in London war und dringend
Gold benötigte, so dringend, dass sie den einzigen wertvollen Ge-
genstand verkaufte, den sie besaß, das Medaillon, eines von Vor-
losts hoch geschätzten Familienerbstücken.«
»Aber sie konnte doch zaubern!«, sagte Harry ungeduldig. »Sie
hätte sich durch Zauberei Nahrung und alles beschaffen können,
oder nicht?«
»Hm«, machte Dumbledore. »Schon möglich. Aber ich glaube -
und das ist wieder nur eine Vermutung, doch ich bin sicher, dass
ich Recht habe -, ich glaube, dass Merope, als ihr Mann sie verlas-
sen hatte, mit dem Zaubern aufhörte. Ich denke, sie wollte keine
Hexe mehr sein. Natürlich ist es auch möglich, dass ihre unerwi-
derte Liebe und die damit verbundene Verzweiflung sie ihrer Kräf-
te beraubte; so etwas kommt vor. Auf jeden Fall weigerte sich Me-
rope, wie du gleich sehen wirst, den Zauberstab zu heben, und sei
es, um ihr eigenes Leben zu retten.«
»Sie wollte nicht einmal für ihren Sohn am Leben bleiben?«
Dumbledore zog die Augenbrauen hoch.
»Kann es sein, dass du Mitleid mit Lord Voldemort hast?«
»Nein«, erwiderte Harry rasch, »aber sie hatte die Wahl, nicht
wahr, anders als meine Mutter -«
»Auch deine Mutter hatte die Wahl«, sagte Dumbledore sanft. »Ja,
Merope Riddle hat den Tod gewählt, trotz eines Sohnes, der sie
239
brauchte, aber urteile nicht zu hart über sie, Harry. Ihr langes Lei-
den hatte sie sehr geschwächt und sie war nie so mutig wie deine
Mutter. Und nun, steh bitte auf …«
»Wohin gehen wir?«, fragte Harry, als Dumbledore sich neben
ihn vor den Schreibtisch stellte.
»Diesmal«, sagte Dumbledore, »werden wir in
mein Gedächtnis
eintreten. Ich denke, du wirst feststellen, dass es reich an Einzel-
heiten und zufrieden stellend genau ist. Nach dir, Harry …«
Harry beugte sich über das Denkarium; sein Gesicht teilte die
kühle Oberfläche des Gedächtnisses, dann stürzte er wieder durch
die Dunkelheit … Sekunden später schlugen seine Füße auf festem
Boden auf, er öffnete die Augen und sah, dass er und Dumbledore
in einer belebten altertümlichen Londoner Straße standen.
»Dort bin ich«, sagte Dumbledore munter und deutete auf eine
große Gestalt vor ihnen, die gerade die Straße vor einem Milchkar-
ren überquerte, der von Pferden gezogen wurde.
Die langen Haare und der Bart dieses jungen Albus Dumbledore
waren kastanienbraun. Als er ihre Straßenseite erreicht hatte, ging
er rasch den Bürgersteig entlang und zog wegen seines extravagant
geschnittenen Anzugs aus pflaumenblauem Samt viele neugierige
Blicke auf sich.
»Hübscher Anzug, Sir«, rutschte es Harry unwillkürlich heraus,
doch Dumbledore gluckste nur, während sie seinem jüngeren
Selbst ein kurzes Stück folgten. Schließlich traten sie durch ein
eisernes Doppeltor in einen leeren Hof, auf dessen gegenüberlie-
gender Seite ein recht düsteres, wuchtiges Gebäude mit einem ho-
hen Gitterzaun ringsum aufragte. Der junge Dumbledore stieg die
wenigen Stufen zur Tür hinauf und klopfte einmal. Kurz darauf
wurde die Tür von einem schmuddeligen Mädchen geöffnet, das
eine Schürze trug.
»Guten Tag. Ich habe eine Verabredung mit einer Mrs Cole, die,
wie ich annehme, die Leiterin dieses Hauses ist?«
»Oh«, sagte das verwirrt dreinblickende Mädchen und musterte
Dumbledores ungewöhnliche Erscheinung von oben bis unten.
»Ähm … ein Momentchen … MRS COLE!«, brüllte sie über die
Schulter.
240
Harry hörte, wie jemand ganz entfernt eine Antwort rief. Das
Mädchen wandte sich wieder an Dumbledore.
»Kommen Sie rein, sie is' gleich da.«
Dumbledore trat in eine schwarzweiß geflieste Eingangshalle; al-
les hier war heruntergekommen, aber tadellos sauber. Harry und
der ältere Dumbledore folgten. Ehe die Tür sich hinter ihnen ge-
schlossen hatte, kam eine magere, zermürbt aussehende Frau auf sie
zugeeilt. Ihre scharf geschnittenen Gesichtszüge wirkten eher be-
sorgt als unfreundlich, und während sie auf Dumbledore zuging,
sprach sie über die Schulter hinweg zu einer weiteren Helferin mit
Schürze.
»… und bring das Jod hoch zu Martha, Billy Stubbs hat seinen
Schorf aufgekratzt und Eric Whalley macht sich die ganzen Laken
voll Eiter - Windpocken, das hat uns gerade noch gefehlt«, sagte sie
zu niemand Bestimmtem, dann fiel ihr Blick auf Dumbledore, und
sie blieb wie angewurzelt stehen und wirkte so erstaunt, als wäre
soeben eine Giraffe über ihre Türschwelle gestiegen.
»Guten Tag«, sagte Dumbledore und streckte die Hand aus.
Mrs Cole starrte ihn nur sprachlos an.
»Mein Name ist Albus Dumbledore. Ich habe Sie brieflich um ei-
nen Termin gebeten und Sie waren so freundlich, mich für heute
hierher zu bitten.«
Mrs Cole blinzelte. Offenbar kam sie zu dem Schluss, dass
Dumbledore keine Halluzination war, denn sie sagte matt: »Oh, ja.
Also - also dann - kommen Sie am besten in mein Zimmer. Ja.«
Sie führte Dumbledore in einen kleinen Raum, der halb Wohn-
zimmer, halb Büro zu sein schien. Er war genauso he-
runtergekommen wie die Eingangshalle, und die Möbel waren alt
und passten nicht zusammen. Sie bat Dumbledore, auf einem wack-
ligen Stuhl Platz zu nehmen, setzte sich selbst hinter einen überla-
denen Schreibtisch und sah Dumbledore nervös an.
»Wie ich Ihnen in meinem Brief mitgeteilt habe, bin ich hier, um
über Tom Riddle zu reden und Vereinbarungen für seine Zukunft
zu treffen«, sagte Dumbledore.
»Sind Sie ein Familienangehöriger?«, fragte Mrs Cole.
»Nein, ich bin ein Lehrer«, sagte Dumbledore. »Ich bin ge-
241
kommen, um Tom einen Platz an meiner Schule anzubieten.«
»Und was ist das für eine Schule?«
»Sie heißt Hogwarts«, sagte Dumbledore.
»Und wie kommt es, dass Sie an Tom interessiert sind?«
»Wir glauben, dass er Talente besitzt, auf die wir Wert legen.«
»Sie meinen, er hat ein Stipendium bekommen? Wie kann das
sein? Es wurde nie eines für ihn beantragt.«
»Nun, sein Name ist seit seiner Geburt in unserer Schule vorge-
merkt -«
»Wer hat ihn angemeldet? Seine Eltern?«
Zweifellos war Mrs Cole eine unbequem scharfsinnige Frau. Of-
fenbar dachte Dumbledore das auch, denn Harry sah, wie er jetzt
den Zauberstab aus der Tasche seines Samtanzugs gleiten ließ und
gleichzeitig ein Blatt völlig weißes Papier von Mrs Coles Schreib-
tisch nahm.
»Hier«, sagte Dumbledore und schwang einmal seinen Zauber-
stab, während er ihr das Blatt Papier reichte. »Ich denke, dies wird
alles erklären.«
Mrs Coles Blick verschwamm und klärte sich wieder, als sie für
einen Moment aufmerksam das leere Papier betrachtete.
»Das scheint völlig in Ordnung zu sein«, sagte sie gelassen und
gab es Dumbledore zurück. Dann fiel ihr Blick auf eine Flasche Gin
und zwei Gläser, die einige Sekunden zuvor bestimmt noch nicht
da gewesen waren.
»Ähm - darf ich Ihnen ein Glas Gin anbieten?«, sagte sie in einem
besonders vornehmen Ton.
»Vielen Dank«, sagte Dumbledore strahlend.
Es stellte sich schnell heraus, dass Mrs Cole keine Anfängerin
war, was das Gintrinken betraf. Sie schenkte ihnen beiden einen
großzügigen Schluck ein und leerte ihr eigenes Glas in einem Zug.
Dann leckte sie sich ungeniert die Lippen und lächelte Dumbledore
zum ersten Mal an, der nicht zögerte, seinen Vorteil auszunutzen.
»Ich frage mich, ob Sie mir vielleicht etwas über Tom Riddles
Vorgeschichte erzählen können. Ich glaube, er wurde in diesem
Waisenhaus hier geboren?«
»Das ist richtig«, sagte Mrs Cole und schenkte sich Gin nach. »Ich
242
weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, weil ich selbst gerade
hier angefangen hatte. Silvesterabend und bitterkalt, mit Schnee,
wissen Sie. Eine scheußliche Nacht. Und dieses Mädchen, nicht
viel älter, als ich damals war, kam die Treppe vorne hochgewankt.
Nun ja, sie war nicht die Erste. Wir nahmen sie auf und nach einer
Stunde war ihr Baby da. Und eine weitere Stunde später war sie
tot.«
Mrs Cole nickte nachdrücklich und nahm erneut einen großzügi-
gen Schluck Gin.
»Hat sie noch irgendetwas gesagt, ehe sie starb?«, fragte Dumble-
dore. »Etwas über den Vater des Jungen, zum Beispiel?«
»Nun, zufällig tat sie das«, sagte Mrs Cole, die sich inzwischen,
mit dem Gin in der Hand und einem eifrigen Zuhörer für ihre Ge-
schichte, recht wohl zu fühlen schien.
»Ich weiß noch, dass sie zu mir sagte: ›Hoffentlich sieht er wie
sein Papa aus‹, und offen gestanden tat sie recht daran, das zu hof-
fen, denn sie war keine Schönheit - und dann verriet sie mir, dass
er Tom heißen solle, nach seinem Vater, und Vorlost, nach
ihrem
Vater - ja, ich weiß, komischer Name, nicht wahr? Wir haben uns
gefragt, ob sie vielleicht von einem Zirkus kam. Außerdem sagte
sie, dass der Nachname des Jungen Riddle sein solle. Und bald da-
nach starb sie ohne ein weiteres Wort.
Nun, wir haben ihn genau so genannt, wie sie es wollte, das
schien dem armen Mädchen ja so wichtig zu sein, aber kein Tom,
kein Vorlost oder irgendein Riddle kam je, um ihn zu suchen, und
auch überhaupt keine andere Familie, also blieb er im Waisenhaus,
und das bis zum heutigen Tag.«
Mrs Cole goss sich beinahe geistesabwesend noch einmal ordent-
lich Gin ein. Auf ihren Wangenknochen zeichneten sich oben zwei
rosa Flecken ab. Dann sagte sie: »Er ist ein komischer Kerl.«
»Ja«, sagte Dumbledore. »Das habe ich mir schon gedacht.«
»Er war auch als Baby schon komisch. Hat kaum jemals ge-
schrien, wissen Sie. Und dann, als er ein wenig älter wurde, war er
… sonderbar.«
»Sonderbar, inwiefern?«, fragte Dumbledore freundlich.
»Nun, er -«
243
Aber Mrs Cole verstummte abrupt und der forschende Blick, den
sie Dumbledore über das Ginglas zuwarf, hatte nichts Ver-
schwommenes oder Vages an sich.
»Er hat ganz sicher einen Platz an Ihrer Schule, sagen Sie?«
»Ganz sicher«, erwiderte Dumbledore.
»Und nichts, was ich sage, kann das ändern?«
»Nichts«, sagte Dumbledore.
»Sie werden ihn auf jeden Fall von hier fortnehmen?«
»Auf jeden Fall«, wiederholte Dumbledore ernst.
Sie sah ihn scharf an, als würde sie abwägen, ob sie ihm trauen
konnte oder nicht. Offenbar entschied sie sich dafür, ihm zu trau-
en, denn plötzlich sagte sie ganz schnell: »Er macht den anderen
Kindern Angst.«
»Sie meinen, er quält sie?«, fragte Dumbledore.
»Ich denke, ja«, sagte Mrs Cole mit einem leichten Stirnrunzeln,
»aber es ist sehr schwierig, ihn dabei zu ertappen. Es gab Vorfälle
… schlimme Dinge …«
Dumbledore drängte sie nicht, doch Harry spürte deutlich, dass es
ihn interessierte. Sie nahm abermals einen Schluck Gin und ihre
rosigen Wangen wurden noch rosiger.
»Billy Stubbs' Kaninchen … also, Tom hat
behauptet, dass er es
nicht getan hat, und ich kann mir nicht vorstellen, wie er es hätte
tun können, aber trotzdem, es hat sich ja nicht selbst am Dachbal-
ken aufgehängt, oder?«
»Das würde ich nicht meinen, nein«, sagte Dumbledore leise.
»Aber der Teufel soll mich holen, ich wüsste doch zu gern, wie er
da raufgekommen ist. Ich weiß nur, dass er und Billy sich am Tag
vorher gestritten hatten. Und dann -«, Mrs Cole nahm einen weite-
ren kräftigen Zug Gin und schüttete sich diesmal ein wenig über
ihr Kinn, »beim Sommerausflug - wir gehen einmal im Jahr mit
ihnen raus aufs Land oder ans Meer, wissen Sie - nun, Amy Benson
und Dennis Bishop waren von da an nicht mehr ganz richtig im
Kopf, und alles, was wir aus ihnen rausgekriegt haben, war, dass sie
mit Tom Riddle in eine Höhle gestiegen sind. Er hat geschworen,
dass sie sie einfach nur ausgekundschaftet hätten, aber
irgendwas
ist dort drin vorgefallen, da bin ich sicher. Und, nun ja, es gab eine
244
Menge Dinge, merkwürdige Dinge …«
Sie sah Dumbledore erneut an, mit geröteten Wangen, doch mit
festem Blick.
»Ich glaube nicht, dass ihn viele vermissen werden.«
»Sie werden sicher verstehen, dass wir ihn nicht die ganze Zeit
bei uns behalten können?«, sagte Dumbledore. »Er wird zumindest
jeden Sommer hierher zurückkehren müssen.«
»Oh, nun ja, besser als ein Hieb auf die Nase mit einem rostigen
Schürhaken«, sagte Mrs Cole mit einem kleinen Schluckauf. Sie
stand auf und Harry stellte beeindruckt fest, dass sie ziemlich gera-
de stehen blieb, obwohl der Gin inzwischen zu zwei Dritteln ge-
leert war. »Ich nehme an, Sie möchten ihn sehen?«
»Sehr gern«, sagte Dumbledore und erhob sich ebenfalls.
Sie führte ihn aus ihrem Büro und die steinerne Treppe hoch und
rief unterwegs den Angestellten und Kindern Anweisungen und
Ermahnungen zu. Die Waisen trugen alle die gleiche Art gräuli-
chen Kittel, wie Harry bemerkte. Sie wirkten einigermaßen gut
versorgt, doch zweifellos war dies ein düsterer Ort für ein heran-
wachsendes Kind.
»Da sind wir«, sagte Mrs Cole, als sie auf dem zweiten Treppenab-
satz abgebogen waren und vor der ersten Tür in einem langen Kor-
ridor stehen blieben. Sie klopfte zweimal und trat ein.
»Tom? Du hast Besuch. Das ist Mr Dumberton - Verzeihung,
Dunderbore. Er kommt, um dir zu sagen - nun, er soll es dir selbst
erzählen.«
Harry und die beiden Dumbledores betraten das Zimmer, und
Mrs Cole schloss die Tür hinter ihnen. Es war ein kleiner, kahler
Raum, der nichts weiter enthielt als einen alten Kleiderschrank
und ein eisernes Bettgestell. Ein Junge saß auf den grauen Decken,
die Füße vor sich ausgestreckt, mit einem Buch in der Hand.
Tom Riddles Gesicht trug keine Spur der Gaunts. Meropes letzter
Wunsch war in Erfüllung gegangen: Er war eine kleine Ausgabe
seines gut aussehenden Vaters, groß für seine elf Jahre, dunkelhaa-
rig und blass. Seine Augen verengten sich leicht, als er Dumbledo-
res exzentrische Erscheinung musterte. Für einen Moment herrsch-
te Stille.
245
»Guten Tag, Tom!«, sagte Dumbledore, trat auf ihn zu und hielt
ihm die Hand entgegen.
Der Junge zögerte, dann schlug er ein, und sie schüttelten sich die
Hände. Dumbledore zog den harten Holzstuhl zu Riddle hin, so
dass die beiden eher wie ein Krankenhauspatient und sein Besucher
aussahen.
»Ich bin Professor Dumbledore.«
»›Professor‹?«, wiederholte Riddle. Er wirkte argwöhnisch. »Ist
das wie ›Doktor‹? Warum sind Sie hier? Hat
die Sie etwa geholt,
damit Sie mich untersuchen?«
Er wies auf die Tür, durch die Mrs Cole eben hinausgegangen
war.
»Nein, nein«, sagte Dumbledore lächelnd.
»Ich glaube Ihnen nicht«, sagte Riddle. »Sie will mich un-
tersuchen lassen, stimmt's? Sagen Sie die Wahrheit!«
Er sprach diese letzten vier Wörter mit einem fast erschreckend
bohrenden Nachdruck. Es war ein Befehl, und er klang, als hätte
Riddle ihn schon oft erteilt. Seine Augen hatten sich geweitet und
er starrte Dumbledore wütend an, der nicht antwortete, sondern
unentwegt freundlich lächelte. Nach wenigen Sekunden hörte
Riddle auf, so wütend zu starren, doch nun wirkte er nur noch
argwöhnischer.
»Wer sind Sie?«
»Das habe ich dir bereits gesagt. Mein Name ist Professor
Dumbledore und ich arbeite an einer Schule namens Hogwarts. Ich
bin gekommen, um dir einen Platz an meiner Schule anzubieten -
deiner neuen Schule, falls du kommen möchtest.«
Riddle reagierte höchst überraschend. Er sprang vom Bett und
wich mit zorniger Miene vor Dumbledore zurück.
»Sie können mich nicht reinlegen! Sie kommen in Wirklichkeit
vom Irrenhaus, stimmt's? ›Professor‹, ja, natürlich - also, ich geh da
nicht hin, verstanden? Dieses alte Biest gehört eigentlich ins Irren-
haus. Ich hab der kleinen Amy Benson oder Dennis Bishop nie was
getan, fragen Sie die doch, die werden's Ihnen sagen!«
»Ich bin nicht vom Irrenhaus«, sagte Dumbledore geduldig. »Ich
bin Lehrer, und wenn du dich jetzt ruhig hinsetzt, werde ich dir
246
von Hogwarts erzählen. Wenn du lieber nicht in die Schule kom-
men möchtest, wird dich natürlich keiner zwingen -«
»Das sollen die erst mal versuchen«, höhnte Riddle.
»Hogwarts«, fuhr Dumbledore fort, als hätte er Riddles letzte
Worte nicht gehört, »ist eine Schule für Menschen mit besonderen
Veranlagungen -«
»Ich bin nicht verrückt!«
»Ich weiß, dass du nicht verrückt bist. Hogwarts ist keine Schule
für Verrückte. Es ist eine Schule der Magie.«
Stille trat ein. Riddle war erstarrt, mit ausdruckslosem Gesicht,
doch seine Augen flackerten zwischen denen Dumbledores hin und
her, als wollte er eines beim Lügen ertappen.
»Magie?«, wiederholte er flüsternd.
»Richtig«, sagte Dumbledore.
»Ist das … ist das Magie, was ich kann?«
»Was kannst du denn?«
»Ganz viel«, hauchte Riddle. Vor Aufregung stieg ihm Röte den
Hals hinauf, bis in die hohlen Wangen; er wirkte fiebrig. »Ich kann
machen, dass Dinge sich bewegen, ohne dass ich sie anfasse. Ich
kann machen, dass Tiere tun, was ich will, ohne dass ich sie dres-
siere. Ich kann machen, dass Leuten, die mich ärgern, böse Dinge
zustoßen. Ich kann machen, dass es ihnen wehtut, wenn ich will.«
Seine Beine zitterten. Er wankte vorwärts, setzte sich wieder aufs
Bett und starrte seine Hände an, den Kopf geneigt wie zum Gebet.
»Ich hab gewusst, dass ich anders bin«, flüsterte er seinen eigenen
bebenden Fingern zu. »Ich hab gewusst, dass ich besonders bin. Ich
hab immer gewusst, dass da irgendwas ist.«
»Nun, du hattest vollkommen Recht«, sagte Dumbledore, der jetzt
nicht mehr lächelte, sondern Riddle aufmerksam ansah. »Du bist
ein Zauberer.«
Riddle hob den Kopf. Sein Gesicht war wie verwandelt: Wilde
Glückseligkeit lag darin, doch aus irgendeinem Grund sah er trotz-
dem nicht besser aus; im Gegenteil, seine fein geschnittenen Züge
schienen irgendwie gröber, sein Ausdruck fast tierhaft.
»Sind Sie auch ein Zauberer?«
»Ja, das bin ich.«
247
»Beweisen Sie es«, verlangte Riddle sofort, im selben Befehlston,
mit dem er »Sagen Sie die Wahrheit« gesagt hatte.
Dumbledore zog die Brauen hoch.
»Wenn du, wie ich vermute, deinen Platz in Hogwarts annimmst
-«
»Natürlich tu ich das!«
»Dann solltest du mich mit ›Professor‹ oder ›Sir‹ anreden.«
Riddles Miene verhärtete sich für einen kaum wahrnehmbaren
Moment, dann sagte er mit höflicher, nicht wiederzuerkennender
Stimme: »Verzeihung, Sir. Ich meinte - bitte, Professor, könnten
Sie mir zeigen -?«
Harry war sicher, dass Dumbledore dies ablehnen würde, dass er
Riddle sagen würde, für praktische Vorführungen sei in Hogwarts
Zeit genug, dass sie im Augenblick in einem Gebäude voller Mug-
gel wären und daher vorsichtig sein müssten. Zu seiner großen
Überraschung jedoch zog Dumbledore seinen Zauberstab aus einer
Innentasche seiner Anzugjacke, richtete ihn auf den schäbigen
Schrank in der Ecke und ließ ihn lässig schnippen.
Der Schrank ging in Flammen auf.
Riddle sprang hoch. Harry konnte durchaus verstehen, dass er
vor Entsetzen und Wut losheulte; all seine Habseligkeiten auf Er-
den mussten dort drin gewesen sein; doch noch während Riddle
wütend auf Dumbledore einschrie, verschwanden die Flammen
und der Schrank blieb völlig unversehrt zurück.
Riddle starrte vom Schrank zu Dumbledore, dann deutete er mit
gieriger Miene auf den Zauberstab.
»Wo kann ich so einen kriegen?«
»Alles hat seine Zeit«, sagte Dumbledore. »Ich glaube, da will et-
was aus deinem Schrank heraus.«
Und tatsächlich, ein leises Rascheln war aus dem Schrank zu hö-
ren. Riddle wirkte zum ersten Mal erschrocken.
»Offne die Tür«, sagte Dumbledore.
Riddle zögerte, dann durchquerte er das Zimmer und warf die
Schranktür auf. Auf dem obersten Regal, über einer Stange mit
zerschlissenen Kleidungsstücken, wackelte und raschelte eine klei-
ne Pappschachtel, als wären etliche verzweifelte Mäuse darin ge-
248
fangen.
»Nimm sie heraus«, sagte Dumbledore.
Riddle holte die bebende Schachtel herunter. Er wirkte zermürbt.
»Ist irgendetwas in dieser Schachtel, das du eigentlich nicht ha-
ben solltest?«, fragte Dumbledore.
Riddle warf Dumbledore einen langen, scharfen, berechnenden
Blick zu.
»Ja, ich denke schon, Sir«, sagte er schließlich mit tonloser Stim-
me.
»Offne sie«, sagte Dumbledore.
Riddle nahm den Deckel ab und kippte den Inhalt der Schachtel
auf sein Bett, ohne hinzusehen. Harry, der etwas viel Aufregende-
res erwartet hatte, sah ein Durcheinander aus kleinen Alltagsge-
genständen, darunter ein Jo-Jo, ein silberner Fingerhut und eine
angelaufene Mundharmonika. Sowie sie aus der Schachtel befreit
waren, hörten sie auf zu beben und lagen völlig reglos auf den
dünnen Decken.
»Du wirst sie ihren Besitzern zurückgeben und dich ent-
schuldigen«, sagte Dumbledore ruhig und steckte den Zauberstab
zurück in sein Jackett. »Ich werde erfahren, ob du es getan hast.
Und sei gewarnt: Diebstahl wird in Hogwarts nicht geduldet.«
Riddle zeigte keine Spur von Scham; er starrte Dumbledore nach
wie vor kalt und abschätzend an. Endlich sagte er mit neutraler
Stimme: »Ja, Sir.«
»In Hogwarts«, fuhr Dumbledore fort, »bringen wir dir nicht nur
bei, wie du Magie verwendest, sondern auch, wie du sie be-
herrschst. Du hast deine Kräfte bisher - sicher unabsichtlich - auf
eine Weise genutzt, die an unserer Schule weder unterrichtet noch
geduldet wird. Du bist nicht der Erste und wirst auch nicht der
Letzte sein, der sich vom Zaubern mitreißen lässt. Aber du solltest
wissen, dass Hogwarts auch Schüler ausschließen kann, und das
Zaubereiministerium - ja, es gibt ein Ministerium - bestraft Geset-
zesbrecher sogar noch härter. Alle neuen Zauberer müssen, wenn
sie unsere Welt betreten, auch akzeptieren, dass sie sich an unsere
Gesetze halten müssen.«
»Ja, Sir«, sagte Riddle erneut.
249
Es war unmöglich zu erraten, was er dachte; sein Gesicht blieb
vollkommen ausdrucksleer, als er die kleine Sammlung gestohlener
Dinge wieder in die Pappschachtel legte. Sobald er fertig war,
wandte er sich an Dumbledore und sagte ganz offen: »Ich habe kein
Geld.«
»Dem lässt sich leicht abhelfen«, sagte Dumbledore und zog einen
ledernen Geldbeutel aus seiner Tasche. »In Hogwarts haben wir
Mittel für Schüler, die Unterstützung beim Kauf von Büchern und
Umhängen benötigen. Vielleicht musst du einige deiner Zauberbü-
cher und andere Sachen gebraucht kaufen, aber -«
»Wo kauft man Zauberbücher?«, unterbrach ihn Riddle, der den
schweren Geldbeutel genommen hatte, ohne Dumbledore zu dan-
ken, und jetzt eine dicke goldene Galleone musterte.
»In der Winkelgasse«, sagte Dumbledore. »Ich habe deine Liste
mit den Büchern und Schulsachen dabei. Wenn du willst, helfe ich
dir, alles zu finden -«
»Sie kommen mit?«, fragte Riddle und blickte auf.
»Aber sicher, wenn du -«
»Ich brauche Sie nicht«, sagte Riddle. »Ich bin es gewohnt, Sa-
chen selber zu machen, ich geh ständig allein in London rum. Wie
kommt man in diese Winkelgasse - Sir?«, fügte er hinzu, als er
Dumbledores Blick bemerkte.
Harry dachte, dass Dumbledore darauf bestehen würde, Riddle zu
begleiten, doch er wurde wieder überrascht. Dumbledore über-
reichte Riddle den Umschlag mit der Liste seiner Schulausstattung,
und nachdem er Riddle genau erklärt hatte, wie er vom Waisen-
haus zum
Tropfenden Kessel gelangte, sagte er: »Du wirst ihn sehen
können, auch wenn die Muggel um dich herum - das heißt, die
nichtmagischen Menschen - dies nicht können. Frag nach Tom
dem Wirt - das ist ja ganz leicht zu merken, denn er heißt wie du -«
Riddle zuckte gereizt, als wollte er eine lästige Fliege ver-
scheuchen.
»Du magst den Namen ›Tom‹ nicht?«
»Es gibt so viele Toms«, murmelte Riddle. Und dann, als ob er die
Frage nicht unterdrücken könnte, als ob sie unwillkürlich aus ihm
herausplatzte, sagte er: »War mein Vater ein Zauberer? Er hieß
250
auch Tom Riddle, hat man mir gesagt.«
»Ich weiß es leider nicht«, erwiderte Dumbledore mit sanfter
Stimme.
»Meine Mutter kann nicht magisch gewesen sein, sonst wäre sie
nicht gestorben«, sagte Riddle, mehr zu sich selbst als zu Dumble-
dore. »Er muss es gewesen sein. Also - wenn ich alle meine Sachen
habe - wann soll ich in dieses Hogwarts kommen?«
»Alle Einzelheiten stehen auf dem zweiten Blatt Pergament in
deinem Umschlag«, erwiderte Dumbledore. »Du wirst am ersten
September vom Bahnhof King's Cross losfahren. Es ist auch eine
Zugfahrkarte dabei.«
Riddle nickte. Dumbledore stand auf und streckte erneut die
Hand aus. Riddle ergriff sie und sagte: »Ich kann mit Schlangen
reden. Das hab ich rausgefunden, als wir unsere Ausflüge aufs Land
gemacht haben - sie kommen zu mir, sie flüstern zu mir. Ist das
normal für einen Zauberer?«
Harry war sicher, dass Riddle es sich bis zuletzt aufgehoben hatte,
diese merkwürdigste aller Begabungen zu erwähnen, um Dumble-
dore unbedingt damit zu beeindrucken.
»Es ist ungewöhnlich«, sagte Dumbledore nach kurzem Zögern,
»aber man hat schon davon gehört.«
Sein Ton war beiläufig, aber sein Blick wanderte neugierig über
Riddles Gesicht. Sie verharrten einen Moment, der Mann und der
Junge, und blickten einander an. Dann lösten sie ihren Hände-
druck; Dumbledore stand bei der Tür.
»Auf Wiedersehen, Tom. Wir sehen uns in Hogwarts.«
»Ich denke, das genügt«, sagte der weißhaarige Dumbledore an
Harrys Seite, und Sekunden später schwebten sie erneut schwerelos
durch die Dunkelheit, bis sie wieder sicher in Dumbledores gegen-
wärtigem Büro landeten.
»Setz dich«, sagte Dumbledore, der neben Harry gelandet war.
Harry gehorchte, der Kopf schwirrte ihm noch von all dem, was
er eben gesehen hatte.
»Er hat es viel schneller geglaubt als ich - ich meine, als Sie ihm
gesagt haben, dass er ein Zauberer ist«, bemerkte Harry. »Als
Hagrid es mir gesagt hat, habe ich ihm zuerst gar nicht geglaubt.«
251
»Ja, Riddle war absolut bereit zu glauben, dass er - um sein eige-
nes Wort zu gebrauchen - ›besonders‹ war«, sagte Dumbledore.
»Wussten Sie es - damals?«, fragte Harry.
»Ob ich wusste, dass ich gerade den gefährlichsten schwarzen
Magier aller Zeiten kennen gelernt hatte?«, sagte Dumbledore.
»Nein, ich hatte keine Ahnung, dass er später einmal zu dem wer-
den sollte, was er ist. Aber ich war zweifellos fasziniert von ihm.
Als ich nach Hogwarts zurückkehrte, nahm ich mir fest vor, ihn im
Auge zu behalten, was ich ohnehin hätte tun sollen, da er ja allein
war und keine Freunde hatte, doch schon damals spürte ich, dass
ich es ebenso sehr seinetwegen wie für andere tun musste.
Seine Kräfte waren, wie du gehört hast, für einen so jungen Zau-
berer überraschend gut entwickelt, und - was am interessantesten
und unheimlichsten von allem war - er hatte bereits herausgefun-
den, dass er sie in gewissem Maße beherrschen konnte, und hatte
angefangen, sie bewusst einzusetzen. Und wie du gesehen hast,
waren das nicht die typischen willkürlichen Experimente junger
Zauberer: Er setzte Magie bereits gegen andere Menschen ein, um
ihnen Angst einzujagen, sie zu bestrafen, zu beherrschen. Die klei-
nen Geschichten von dem strangulierten Kaninchen und dem klei-
nen Jungen und dem Mädchen, die er in eine Höhle lockte, waren
äußerst aufschlussreich …
Ich kann machen, dass es ihnen wehtut,
wenn ich will …«
»Und er war ein Parselmund«, warf Harry ein.
»Ja, in der Tat; eine seltene Veranlagung, und eine, die angeblich
mit den dunklen Künsten zusammenhängt, obwohl wir wissen,
dass es auch unter den Großen und Guten Parselmünder gibt. Tat-
sächlich hat mich seine Fähigkeit, mit Schlangen zu reden, nicht
annähernd so beunruhigt wie seine deutliche Neigung zu Grau-
samkeit, Heimlichtuerei und Machtausübung.
Die Zeit hat uns wieder zum Narren gehalten«, sagte Dumbledore
und wies auf den dunklen Himmel vor den Fenstern. »Doch ehe
wir uns verabschieden, möchte ich dich auf bestimmte Einzelhei-
ten des Geschehens aufmerksam machen, das wir eben miterlebt
haben, denn sie sind von großer Bedeutung für die Dinge, die wir
bei zukünftigen Treffen besprechen werden.
252
Erstens, ich hoffe, du hast Riddles Reaktion bemerkt, als ich er-
wähnte, dass ein anderer den gleichen Vornamen hat wie er,
›Tom‹?«
Harry nickte.
»Da zeigte er seine Verachtung für alles, was ihn an andere Men-
schen band, für alles, was ihn gewöhnlich machte. Sogar damals
schon wollte er anders, allein, berüchtigt sein. Er legte, wie du
weißt, nur wenige Jahre nach diesem Gespräch seinen Namen ab
und schuf die Maske des ›Lord Voldemort‹, hinter der er schon so
lange verborgen ist.
Ich nehme an, du hast auch bemerkt, dass Tom Riddle bereits äu-
ßerst unabhängig und geheimniskrämerisch war und offensichtlich
keine Freunde hatte? Er wollte keine Hilfe oder Begleitung für sei-
ne Reise in die Winkelgasse. Er zog es vor, seine Angelegenheiten
allein zu erledigen. Der erwachsene Voldemort ist genauso. Man
hört, dass viele seiner Todesser behaupten, sie würden sein Ver-
trauen genießen, sie allein stünden ihm nahe, würden ihn sogar
verstehen. Sie werden getäuscht. Lord Voldemort hatte nie einen
Freund, und ich glaube auch nicht, dass er je einen wollte.
Und zum Schluss - ich hoffe, du bist nicht zu müde, um dieser
Sache Beachtung zu schenken, Harry - der junge Tom Riddle sam-
melte gerne Trophäen. Du hast die Schachtel mit den gestohlenen
Gegenständen gesehen, die er in seinem Zimmer versteckt hatte.
Die hatte er den Opfern seiner Quälereien abgenommen, sozusagen
Erinnerungsstücke an besonders bösartige Zauber. Vergiss dieses
Verhalten nicht, das etwas von einer Elster an sich hat, denn vor
allem das wird später noch wichtig werden.
Und jetzt ist es wirklich Zeit fürs Bett.«
Harry stand auf. Als er durch das Zimmer ging, fiel sein Blick auf
den kleinen Tisch, auf dem beim letzten Mal Vorlost Gaunts Ring
gelegen hatte, doch der Ring war nicht mehr da.
»Ja, Harry?«, sagte Dumbledore, denn Harry war stehen ge-
blieben.
»Der Ring ist weg«, sagte Harry und schaute sich um. »Aber ich
dachte, Sie hätten vielleicht die Mundharmonika oder so was.«
Dumbledore sah ihn über den Rand seiner Halbmondbrille hin-
253
weg mit einem breiten Lächeln an.
»Sehr scharfsinnig, Harry, aber die Mundharmonika war immer
nur eine Mundharmonika.«
Und mit dieser rätselhaften Bemerkung winkte er Harry zu, der
verstand, dass er nun entlassen war.
254
Felix Felicis
Am nächsten Morgen hatte Harry als Erstes Kräuterkunde. Er hatte
Ron und Hermine beim Frühstück nichts von seiner Unterrichts-
stunde bei Dumbledore erzählen können, aus Furcht, dass jemand
anderes etwas mitbekam, doch auf dem Weg durch die Gemüsebee-
te hinüber zu den Gewächshäusern holte er es nach. Der scharfe
Wind vom Wochenende hatte sich endlich gelegt; der eigenartige
Nebel war zurückgekehrt und sie brauchten ein wenig länger als
gewöhnlich, um das richtige Gewächshaus zu finden.
»Wow, ganz schön gruselig, sich Du-weißt-schon-wen als klei-
nen Jungen vorzustellen«, sagte Ron leise, als sie ihre Plätze rund
um die knorrigen Snargaluff-Stümpfe einnahmen, die das Projekt
dieses Trimesters waren, und sich ihre Schutzhandschuhe überzo-
gen. »Aber ich versteh immer noch nicht, warum dir Dumbledore
das alles zeigt. Ich meine, es ist wirklich interessant und alles, aber
was soll das?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry und setzte sich einen Mundschutz
ein. »Aber er sagt, dass es äußerst wichtig ist und dass es mir helfen
wird, zu überleben.«
»Ich finde es faszinierend«, bemerkte Hermine ernst. »Es ist abso-
lut vernünftig, so viel wie möglich über Voldemort zu wissen. Wie
sonst willst du seine Schwächen herausfinden?«
»Wie war übrigens Slughorns letzte Party?«, fragte Harry sie
dumpf durch den Mundschutz.
»Oh, die war ziemlich lustig, echt«, sagte Hermine, die jetzt eine
Schutzbrille aufsetzte. »Na ja, er langweilt uns zwar ein bisschen
mit seinen dauernden Geschichten von berühmten Ehemaligen,
und er schwänzelt
total vor McLaggen rum, weil der so tolle Bezie-
hungen hat, aber es gab was richtig Gutes zu essen bei ihm und er
hat uns Gwenog Jones vorgestellt.«
»Gwenog Jones?«, sagte Ron und seine Augen weiteten sich unter
seiner Schutzbrille.
»Die Gwenog Jones? Kapitänin der Holyhead
Harpies?«
»Genau«, sagte Hermine. »Mir persönlich kam sie ein bisschen
255
eingebildet vor, aber -«
»Nun ist es aber
genug mit dem Gequassel dort drüben!«, sagte
Professor Sprout energisch und eilte mit strenger Miene herbei.
»Sie sind die Letzten, alle anderen haben bereits angefangen und
Neville hat schon seinen ersten Kokon!«
Sie blickten sich um; tatsächlich, da saß Neville mit einer bluti-
gen Lippe und ein paar üblen Kratzern seitlich im Gesicht, aber er
umklammerte ein unangenehm pulsierendes grünes Etwas, unge-
fähr so groß wie eine Pampelmuse.
»Okay, Professor, wir fangen jetzt an!«, sagte Ron, und als sie sich
wieder umgedreht hatte, fügte er leise hinzu: »Hätten den
Muffliato
nehmen sollen, Harry.«
»Nein, hätten wir nicht!«, wandte Hermine sofort ein und setzte
wie üblich beim Gedanken an den Halbblutprinzen und seine Zau-
ber ein äußerst mürrisches Gesicht auf. »Also, nun macht schon …
wird Zeit, dass wir endlich loslegen.«
Sie warf den beiden anderen einen bangen Blick zu; sie holten al-
le tief Luft und warfen sich auf den knorrigen Stumpf zwischen
ihnen.
Augenblicklich kam Leben in ihn; lange, stachlige, brom-
beerartige Ranken wucherten oben aus ihm heraus und peitschten
durch die Luft. Eine verhedderte sich in Hermines Haar und Ron
schlug sie mit einer Gartenschere zurück; Harry gelang es, einige
Ranken einzufangen und sie zusammenzuknoten; mitten in all den
tentakelartigen Zweigen tat sich ein Loch auf; Hermine tauchte den
Arm mutig in dieses Loch, das sich wie eine Falle um ihren Ellbo-
gen schloss; Harry und Ron zogen und zerrten an den Ranken und
bekamen das Loch mit Gewalt wieder auf, Hermine riss blitzschnell
ihren Arm heraus und hielt einen Kokon in den Fingern, der genau
wie der von Neville aussah. Sofort schossen die stachligen Ranken
wieder nach innen, und der knorrige Stumpf lag da wie ein harmlo-
ses Stück totes Holz.
»Wisst ihr, ich glaub nicht, dass ich eins von diesen Dingern in
meinem Garten haben werde, wenn ich mal mein eigenes Haus
hab«, sagte Ron, schob sich die Schutzbrille auf die Stirn und
wischte sich den Schweiß vom Gesicht.
256
»Reicht mir mal eine Schale«, sagte Hermine, die den pul-
sierenden Kokon mit ausgestrecktem Arm von sich weghielt. Harry
gab ihr eine Schale und sie ließ den Kokon mit angewiderter Miene
hineinfallen.
»Nur nicht zimperlich, drücken Sie ihn aus, frisch sind sie am
besten!«, rief Professor Sprout.
»Wie auch immer«, sagte Hermine und setzte ihr unterbrochenes
Gespräch fort, als wären sie nicht eben von einem Stück Holz an-
gegriffen worden, »Slughorn gibt eine Weihnachtsparty, Harry,
und vor der kannst du dich auf keinen Fall drücken, weil er mich
tatsächlich gebeten hat, deine freien Abende auszukundschaften,
damit er das Fest auch ja auf einen Termin legen kann, an dem du
kommen kannst.«
Harry stöhnte. Ron versuchte unterdessen, den Kokon in der
Schale zum Platzen zu bringen, indem er beide Hände darauflegte,
aufstand und ihn so fest er konnte zusammenquetschte. »Und das
ist auch so 'ne Party nur für Slughorns Lieblinge, oder?«, sagte er
wütend.
»Nur für den Slug-Klub, ja«, sagte Hermine.
Der Kokon flutschte durch Rons Finger und flog gegen die Schei-
be des Gewächshauses, prallte zurück an Professor Sprouts Hinter-
kopf und schlug ihren alten Flickenhut herunter. Harry ging den
Kokon holen; als er zurückkam, sagte Hermine gerade: »Hör mal,ich hab mir den Namen ›Slug-Klub‹ nicht ausgedacht -«
»›Slug-Klub‹«, wiederholte Ron mit einem höhnischen Grinsen,
das gut zu Malfoy gepasst hätte. »Das ist erbärmlich. Also, ich hoffe,
du hast Spaß auf deiner Party. Warum versuchst du nicht, McLag-
gen anzubaggern, dann kann Slughorn euch zu König und Königin
Schleim -«
»Wir dürfen Gäste mitbringen«, sagte Hermine, die aus ir-
gendeinem Grund glühend scharlachrot angelaufen war, »und ich
wollte
eigentlich dich fragen, aber wenn du das alles so blöd fin-
dest, ist es mir auch egal!«
Harry wünschte plötzlich, der Kokon wäre ein wenig weiter
weggeflogen, dann hätte er nicht mit den beiden dasitzen müssen.
Ohne dass sie es bemerkten, nahm er die Schale mit dem Kokon
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und versuchte ihn mit den lautesten und aufwändigsten Methoden
zu öffnen, die ihm einfielen; leider konnte er immer noch jedes
Wort ihrer Unterhaltung hören.
»Du wolltest mich fragen?«, sagte Ron mit völlig veränderter
Stimme.
»Ja«, sagte Hermine zornig. »Aber klar, wenn du es lieber hättest,
dass ich
McLaggen anbaggere …«
Eine Pause trat ein, in der Harry unentwegt mit einem Pflanzen-
heber auf den elastischen Kokon einschlug.
»Nein, hätt ich nicht«, sagte Ron ganz leise.
Harry verfehlte den Kokon, traf die Schale, und die zerbrach.
»Reparo«, sagte er hastig, tippte mit dem Zauberstab gegen die
Scherben, und die Schale sprang wieder zusammen. Doch der Lärm
hatte Ron und Hermine offenbar aufgerüttelt und sie an Harrys
Anwesenheit erinnert. Hermine sah verwirrt aus und fing sofort
an, nach ihrer Ausgabe von
Fleisch fressende Bäume der Welt zu
stöbern, um darin nachzuschlagen, wie man Snargaluff-Kokons
korrekt entsaftet; Ron hingegen wirkte verlegen, aber auch recht
zufrieden mit sich selbst.
»Gib das mir, Harry«, sagte Hermine eilig, »da steht, wir sollen
mit einem spitzen Gegenstand ein Loch reinstechen …«
Harry reichte ihr die Schale mit dem Kokon, und er und Ron lie-
ßen sich die Schutzbrillen wieder über die Augen schnappen und
warfen sich noch einmal auf den Stumpf.
Eigentlich war es keine Überraschung, dachte Harry, während er
mit einer dornigen Ranke kämpfte, die ihn unbedingt erdrosseln
wollte; er hatte es schon dunkel geahnt, dass dies früher oder später
passieren würde. Aber er war nicht sicher, was er davon halten
sollte … ihm und Cho war es inzwischen zu peinlich, sich anzu-
schauen oder gar miteinander zu sprechen; was wäre, wenn Ron
und Hermine anfangen würden miteinander zu gehen und sich
dann wieder trennten? Konnte ihre Freundschaft das überleben?
Harry erinnerte sich an die wenigen Wochen im dritten Schuljahr,
als die beiden nicht miteinander gesprochen hatten; seine Bemü-
hungen, die Kluft zwischen ihnen zu überbrücken, waren nicht
gerade ein Vergnügen gewesen. Aber was wäre, wenn sie sich nicht
258
trennten? Was, wenn sie eines Tages wie Bill und Fleur werden
würden und es dann oberpeinlich wäre, mit ihnen zusammen zu
sein, so dass er endgültig ausgeschlossen wäre?
»Hab ich dich!«, rief Ron und zog einen zweiten Kokon aus dem
Stumpf, gerade als Hermine es geschafft hatte, den ersten aufzubre-
chen, weshalb die Schale nun voller Tubler war, die sich wie blass-
grüne Würmer ringelten.
Die restliche Unterrichtszeit verging, ohne dass Slughorns Party
weiter erwähnt wurde. Harry beobachtete seine beiden Freunde in
den nächsten Tagen genauer, doch Ron und Hermine schienen sich
wie immer zu verhalten, außer dass sie ein wenig höflicher zuein-
ander waren als üblich. Harry nahm an, dass er einfach abwarten
musste, was am Abend der Party in Slughorns spärlich beleuchte-
tem Zimmer unter dem Einfluss von Butterbier passieren würde.
Bis dahin hatte er jedoch dringlichere Sorgen.
Katie Bell lag immer noch im St.-Mungo-Hospital und ihre Ent-
lassung war nicht absehbar, und das bedeutete, dass der viel ver-
sprechenden Gryffindor-Mannschaft, die Harry seit September so
umsichtig trainiert hatte, ein Jäger fehlte. Er schob es immer wie-
der hinaus, Katie zu ersetzen, in der Hoffnung, sie würde zurück-
kehren, doch ihr Eröffnungsspiel gegen Slytherin rückte bedroh-
lich näher, und schließlich musste er sich damit abfinden, dass sie
nicht rechtzeitig zurück sein würde, um mitzuspielen.
Harry dachte, dass er ein weiteres Auswahlspiel mit vollen Rän-
gen nicht ertragen konnte. Mit einem flauen Gefühl im Magen, das
wenig mit Quidditch zu tun hatte, nahm er eines Tages nach Ver-
wandlung Dean Thomas beiseite. Der größte Teil der Klasse war
schon gegangen, nur ein paar gelbe Vögel, allesamt Hermines
Schöpfung, flatterten immer noch zwitschernd im Raum umher;
kein anderer hatte es geschafft, auch nur eine Feder aus dem Nichts
heraufzubeschwören.
»Hast du noch Interesse, als Jäger zu spielen?«
»Waa-? Jaah, natürlich!«, sagte Dean aufgeregt. Über Deans
Schulter hinweg sah Harry, wie Seamus Finnigan seine Bücher mit
säuerlicher Miene in seine Tasche pfefferte. Einer der Gründe, wa-
rum Harry Dean am liebsten gar nicht gefragt hätte, war, dass er
259
wusste, Seamus würde es nicht gut aufnehmen. Andererseits muss-
te er tun, was für das Team am besten war, und Dean war beim
Auswahlspiel besser geflogen als Seamus.
»Also dann, du bist dabei«, sagte Harry. »Heute Abend ist Trai-
ning, um sieben.«
»Alles klar«, sagte Dean. »Danke, Harry! Klasse, das muss ich
gleich Ginny erzählen!«
Er stürmte hinaus und ließ Harry und Seamus allein zurück. Es
war ein unbehaglicher Moment, der auch dadurch nicht besser
wurde, dass einer von Hermines Kanarienvögeln über sie hinweg-
schwirrte und ein Kotkügelchen auf Seamus' Kopf landete.
Seamus war nicht der Einzige, der sich über die Wahl von Katies
Ersatz ärgerte. Im Gemeinschaftsraum wurde viel darüber gemurrt,
dass Harry jetzt zwei seiner Klassenkameraden in die Mannschaft
aufgenommen hatte. Da Harry während seiner bisherigen Zeit an
der Schule schon viel übleres Gemurre hatte ertragen müssen, stör-
te es ihn nicht besonders, aber trotzdem stieg der Druck, dass beim
kommenden Spiel gegen Slytherin ein Sieg hermusste. Wenn Gryf-
findor gewann, dann würde das ganze Haus vergessen, dass sie ihn
kritisiert hatten, das wusste Harry, und sie würden schwören, sie
hätten immer gesagt, dass es eine großartige Mannschaft sei. Wenn
sie verloren … nun, dachte Harry bitter, er hatte ja schon übleres
Gemurre ertragen müssen …
Als Harry an diesem Abend Dean fliegen sah, hatte er keinen
Grund mehr, seine Wahl zu bedauern; Dean spielte gut mit Ginny
und Demelza zusammen. Die Treiber, Peakes und Coote, wurden
immer besser. Das einzige Problem war Ron.
Harry hatte die ganze Zeit gewusst, dass Ron ein unbeständiger
Spieler war, der schlechte Nerven und kaum Selbstvertrauen hatte,
und bedauerlicherweise schien die bedrohliche Aussicht auf das
Eröffnungsspiel der Saison all seine Unsicherheiten wieder zum
Vorschein gebracht zu haben. Nachdem er ein halbes Dutzend Tore
kassiert hatte, die meisten von Ginny geschossen, wurde seine
Technik immer wahnwitziger, bis er schließlich der entgegen-
kommenden Demelza Robins auf den Mund schlug.
»Das war ein Versehen, tut mir Leid, Demelza, tut mir echt
260
Leid!«, rief Ron ihr nach, während sie im Zickzack zu Boden flog
und überall Blut hintröpfelte. »Ich hab nur -«
»Panik gekriegt«, sagte Ginny wütend, landete neben Demelza
und besah sich ihre dicke Lippe. »Ron, du Trottel, schau, wie sie
zugerichtet ist!«
»Ich kann das in Ordnung bringen«, sagte Harry, landete neben
den beiden Mädchen, deutete mit seinem Zauberstab auf Demelzas
Mund und sagte:
»Episkey. - Und, Ginny, nenn Ron nicht Trottel,
du bist hier nicht die Kapitänin -«
»Tja, du warst offenbar zu beschäftigt, um ihn einen Trottel zu
nennen, und ich dachte, irgendjemand sollte -«
Harry unterdrückte ein Lachen.
»Alle in die Luft, los geht's …«
Es war insgesamt eines der schlechtesten Trainings im ganzen
bisherigen Schuljahr, doch Harry fand, dass es so kurz vor dem
Spiel nicht die beste Strategie sei, die Wahrheit zu sagen.
»Gute Arbeit, jeder von euch. Ich schätz mal, wir machen Slythe-
rin platt«, sagte er aufmunternd, und die Jäger und Treiber verlie-
ßen den Umkleideraum und wirkten einigermaßen mit sich zufrie-
den.
»Ich hab gespielt wie ein Sack Drachenmist«, sagte Ron mit hoh-
ler Stimme, als die Tür hinter Ginny zugeschlagen war.
»Nein, hast du nicht«, erwiderte Harry bestimmt. »Du warst beim
Auswahlspiel der beste Hüter, Ron. Dein einziges Problem sind die
Nerven.«
Harry redete den ganzen Rückweg zum Schloss hinauf unablässig
ermutigend auf Ron ein, und als sie im zweiten Stock ankamen, sah
Ron eine Spur besser gelaunt aus. Harry schob den Wandteppich
beiseite, denn sie wollten wie üblich ihre Abkürzung zum Gryffin-
dor-Turm nehmen, doch da standen Dean und Ginny vor ihnen,
fest ineinander verschlungen, und küssten sich so heftig, als wür-
den sie zusammenkleben.
Es war, als ob etwas Großes und Schuppiges plötzlich in Harrys
Magen zum Leben erwachte und die Klauen in seine Eingeweide
krallte: Heißes Blut schien sein Gehirn zu überfluten, das alles
Denken auslöschte, und stattdessen spürte er das ungestüme Ver-
261
langen, Dean in einen Wackelpudding zu verwandeln. Während
Harry gegen diesen jähen Wahn ankämpfte, hörte er wie aus weiter
Ferne Rons Stimme.
»He!«
Dean und Ginny sprengten auseinander und wandten sich um.
»Was ist los?«, sagte Ginny.
»Ich will nicht, dass meine eigene Schwester öffentlich rum-
knutscht!«
»Dieser Korridor war völlig ausgestorben, bis du hier reingeplatzt
kamst!«, sagte Ginny.
Dean guckte verlegen drein. Er schaute mit einem durch-
triebenen Grinsen zu Harry, das Harry nicht erwiderte, denn das
gerade in ihm erwachte Monster verlangte brüllend, Dean müsse
sofort aus der Mannschaft geworfen werden.
»Ähm … komm, Ginny«, sagte Dean, »wir gehen wieder in den
Gemeinschaftsraum …«
»Geh du!«, erwiderte Ginny. »Ich will noch ein Wörtchen mit
meinem lieben Bruder reden!«
Dean trollte sich und es sah nicht aus, als ob es ihm Leid täte, den
Ort zu verlassen.
»Okay«, sagte Ginny, warf sich das lange rote Haar aus dem Ge-
sicht und funkelte Ron wütend an, »lass uns das ein für alle Mal
klarstellen. Es geht dich überhaupt nichts an, mit wem ich gehe
oder was ich mit wem mache, Ron -«
»O doch!«, erwiderte Ron, genauso zornig. »Glaubst du vielleicht,
ich will, dass die Leute sagen, meine Schwester ist eine -«
»Eine was?«, rief Ginny und zog ihren Zauberstab. »Eine
was ge-
nau?«
»Er meint es nicht so, Ginny -«, sagte Harry unwillkürlich, ob-
wohl das Monster tobte und Rons Worten Beifall zollte.
»O doch, das tut er!«, fuhr sie nun Harry an. »Nur weil
er noch
nie im Leben mit jemandem geknutscht hat, nur weil der beste
Kuss, den
er je gekriegt hat, von unserem Tantchen Muriel war -«
»Halt die Klappe!«, brüllte Ron, ließ Rot aus und wurde gleich
kastanienfarben.
»Nein, das tu ich nicht!«, schrie Ginny außer sich. »Ich hab doch
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gesehen, was mit dir und Schleim ist. Jedes Mal, wenn du sie siehst,
hoffst du, dass sie dich auf die Wange küsst, das ist erbärmlich!
Wenn du dich verabreden und selber ein bisschen rumknutschen
würdest, dann wär's dir ziemlich egal, dass alle andern das auch
machen!«
Ron hatte seinen Zauberstab ebenfalls gezückt; Harry trat rasch
zwischen sie.
»Du weißt nicht, wovon du redest!«, tobte Ron und versuchte, an
Harry vorbei freie Bahn auf Ginny zu bekommen, denn der stand
jetzt mit ausgestreckten Armen vor ihr. »Nur weil ich es nicht in
der Öffentlichkeit mache -«
Ginny brach in schrilles Hohngelächter aus und versuchte Harry
aus dem Weg zu schieben.
»Hast wohl Pigwidgeon geküsst, was? Oder ist ein Bild von Tant-
chen Muriel unter deinem Kopfkissen versteckt?«
»Du -«
Ein orangefarbener Lichtstrahl sauste unter Harrys linkem Arm
hindurch und verfehlte Ginny um Zentimeter; Harry drängte Ron
gegen die Wand.
»Hör auf mit dem Blödsinn -«
»Harry hat Cho Chang geknutscht!«, rief Ginny, und jetzt klang
es, als sei sie den Tränen nahe. »Und Hermine hat Viktor Krum
geknutscht, nur du tust so, als wär das was Ekliges, Ron, und zwar
weil du gerade mal so viel Erfahrung hast wie ein Zwölfjähriger!«
Und damit stürmte sie davon. Harry ließ Ron schnell los; sein Ge-
sichtsausdruck war mörderisch. Beide standen da und atmeten
schwer, bis Mrs Norris, Filchs Katze, um die Ecke kam, was die
Spannung löste.
»Komm schon«, sagte Harry, als das Geräusch von Filchs schlur-
fenden Schritten zu hören war.
Sie eilten die Treppen hoch und einen Korridor im siebten Stock
entlang. »He, aus dem Weg!«, bellte Ron ein kleines Mädchen an,
das erschrocken zusammenfuhr und eine Flasche Krötenlaich fallen
ließ.
Harry nahm das Geräusch von splitterndem Glas kaum wahr; er
fühlte sich wirr und schwindlig; so ungefähr musste es wohl sein,
263
wenn man von einem Blitz getroffen wurde.
Es ist nur, weil sie
Rons Schwester ist, sagte er sich.
Du hast nur nicht gern dabei zu-
gesehen, wie sie Dean küsste, weil sie Rons Schwester ist …
Doch unaufgefordert tauchte in seiner Vorstellung ein Bild von
genau demselben verlassenen Korridor auf, und diesmal war er
selbst es, der Ginny küsste … das Monster in seiner Brust schnurrte
behaglich … aber dann sah er, wie Ron den Wandteppich zur Seite
riss, seinen Zauberstab gegen Harry zog und Dinge rief wie »Ver-
trauensbruch« … »dachte, du bist mein Freund« …
»Meinst du, Hermine hat wirklich mit Krum geknutscht?«, fragte
Ron urplötzlich, als sie sich der fetten Dame näherten. Harry zuck-
te schuldbewusst zusammen und zerrte seine Phantasie weg von
einem Korridor, wo kein Ron hereinkam, wo er und Ginny ganz
allein waren -
»Was?«, sagte er verwirrt. »Oh … ähm …«
Die ehrliche Antwort war »ja«, aber er wollte sie nicht geben.
Ron schien sich jedoch aus Harrys Gesichtsausdruck das Schlimms-
te zusammenzureimen.
»Krönungsmahl«, sagte er finster zu der fetten Dame, und sie
kletterten durch das Porträtloch in den Gemeinschaftsraum.
Keiner von beiden erwähnte noch einmal Ginny oder Hermine;
tatsächlich sprachen sie an diesem Abend kaum miteinander und
gingen schweigend zu Bett, jeder in seine eigenen Gedanken ver-
tieft.
Harry lag noch lange wach, sah hoch zum Baldachin seines
Himmelbetts und versuchte sich einzureden, dass seine Gefühle für
Ginny nur die eines älteren Bruders waren. Hatten sie nicht den
gesamten Sommer über wie Bruder und Schwester zusammenge-
lebt, Quidditch gespielt, Ron getriezt und sich über Bill und
Schleim lustig gemacht? Er kannte Ginny jetzt schon seit Jahren …
es war ganz normal, dass er eine Art Beschützerinstinkt entwickelt
hatte … ganz normal, dass er auf sie aufpassen wollte … Dean
sämtliche Gliedmaßen einzeln ausreißen wollte, weil er sie geküsst
hatte … nein … er würde dieses eigentümliche brüderliche Gefühl
beherrschen müssen …
Von Ron kam ein lautes, grunzendes Schnarchen.
264
Sie ist Rons Schwester, sagte sich Harry entschieden.
Rons
Schwester. Sie ist tabu. Er würde seine Freundschaft mit Ron für
nichts in der Welt aufs Spiel setzen. Er klopfte sein Kissen be-
quemer zurecht und wartete auf den Schlaf, während er sich heftig
bemühte, seine Gedanken nicht irgendwo in die Nähe von Ginny
schweifen zu lassen.
Als Harry am nächsten Morgen erwachte, war er ein wenig
benommen und durcheinander, denn er hatte einige Male ge-
träumt, dass Ron ihn mit einem Treiberschlagholz gejagt hatte, aber
spätestens um die Mittagszeit hätte er den echten Ron liebend gern
gegen den Traum-Ron eingetauscht, denn der echte zeigte nicht
nur Ginny und Dean die kalte Schulter, sondern behandelte auch
die gekränkte und verwirrte Hermine mit eisiger, höhnischer
Gleichgültigkeit. Und was noch übler war, Ron schien über Nacht
genauso reizbar und angriffslustig geworden zu sein wie ein ge-
wöhnlicher Knallrümpfiger Kröter. Harry mühte sich den ganzen
Tag, den Frieden zwischen Ron und Hermine zu bewahren, aber
ohne Erfolg: Am Ende ging Hermine ziemlich aufgebracht zu Bett
und Ron stolzierte zum Jungenschlafsaal davon, nachdem er meh-
rere verängstigte Erstklässler zornig beschimpft hatte, nur weil sie
ihn angesehen hatten.
Zu Harrys Entsetzen verflog Rons neue Angriffslust auch wäh-
rend der nächsten paar Tage nicht. Schlimmer noch, seine Fähig-
keiten als Hüter erreichten gleichzeitig einen neuen Tiefpunkt, was
ihn noch aggressiver machte, so dass er es heim letzten Quidditch-
Training vor dem Samstagsspiel nicht schaffte, auch nur einen ein-
zigen Schuss der Jäger auf seine Tore zu halten, aber dafür alle an-
deren so übel anschnauzte, dass Demelza Robins in Tränen aus-
brach.
»Halt du doch die Klappe und lass sie in Ruhe!«, rief Peakes, der
nur etwa zwei Drittel so groß war wie Ron, doch zugege-
benermaßen einen schweren Schläger in der Hand hatte.
»DAS REICHT!«, brüllte Harry, der mitbekommen hatte, wie
Ginny böse zu Ron sah, und da er wusste, dass sie den Fleder-
wichtfluch angeblich perfekt beherrschte, sauste er hinüber, um
einzugreifen, ehe die Dinge aus dem Ruder liefen. »Peakes, geh und
265
pack die Klatscher ein. Demelza, reiß dich zusammen, du hast heu-
te wirklich gut gespielt. Ron …« Er wartete, bis der Rest der Mann-
schaft außer Hörweite war, dann sagte er es: »Du bist mein bester
Freund, aber wenn du die andern weiter so behandelst, dann
schmeiß ich dich aus der Mannschaft.«
Einen Moment lang dachte er ernsthaft, Ron würde ihm eine
verpassen, doch dann geschah etwas viel Schlimmeres: Ron schien
auf seinem Besen zusammenzusacken; all seine Streitlust verpuffte,
und er sagte: »Ich trete zurück. Ich bin miserabel.«
»Du bist nicht miserabel und du trittst nicht zurück!«, sagte Harry
scharf und packte Ron vorne am Umhang. »Du hältst alles, wenn
du in Form bist, das ist bei dir nur die Psyche!«
»Du nennst mich also einen Psycho?«
»Jaah, vielleicht schon!«
Sie starrten sich einen Moment lang wütend an, dann schüttelte
Ron müde den Kopf.
»Ich weiß, dass du keine Zeit hast, einen anderen Hüter zu fin-
den, also spiel ich eben morgen, aber wenn wir verlieren, und das
werden wir, dann tret ich aus der Mannschaft aus.«
Was Harry auch sagen mochte, es änderte nichts. Während des
ganzen Abendessens versuchte er, Rons Selbstvertrauen aufzubau-
en, aber Ron war zu beschäftigt damit, griesgrämig und grob zu
Hermine zu sein, um es zu bemerken. Harry redete auch noch spä-
ter am Abend im Gemeinschaftsraum auf ihn ein, doch seine Be-
hauptung, die ganze Mannschaft wäre am Boden zerstört, wenn
Ron ginge, wurde ein wenig durch die Tatsache untergraben, dass
die restliche Mannschaft in einer entfernten Ecke dicht gedrängt
beieinander saß und unverhohlen über Ron murrte und ihm gehäs-
sige Blicke zuwarf. Am Ende versuchte Harry es noch einmal da-
mit, wütend zu werden, in der Hoffnung, Ron zu einer trotzigen
Haltung zu provozieren, mit der er vielleicht mehr Tore ver-
hinderte, aber diese Strategie schien nicht besser zu wirken als gu-
tes Zureden; Ron ging genauso deprimiert und hoffnungslos zu Bett
wie zuvor.
Harry lag lange in der Dunkelheit wach. Er wollte das kommende
Spiel nicht verlieren; es war nicht nur sein erstes als Kapitän, son-
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dern er war auch entschlossen, Draco Malfoy im Quidditch zu
schlagen, auch wenn er seinen Verdacht gegen ihn noch nicht be-
weisen konnte. Doch wenn Ron so spielte, wie er es in den letzten
Trainingsstunden getan hatte, waren ihre Siegchancen sehr gering
…
Wenn er nur etwas unternehmen könnte, was Ron dazu brachte,
sich zusammenzureißen … ihn in Topform spielen ließ … etwas,
das dafür sorgte, dass Ron einen richtig guten Tag hatte …
Und die Antwort kam Harry mit einem einzigen, jähen, großarti-
gen Gedankenblitz.
Beim Frühstück am nächsten Morgen herrschte die übliche Auf-
regung; die Slytherins zischten und buhten jedes Mal laut, wenn
ein Mitglied der Gryffindor-Mannschaft die Große Halle betrat.
Harry warf einen Blick zur Decke und sah einen klaren, zartblauen
Himmel: ein gutes Omen.
Der Gryffindor-Tisch, ganz in Rot und Gold, jubelte, als Harry
und Ron näher kamen. Harry grinste und winkte; Ron verzog matt
das Gesicht und schüttelte den Kopf.
»Nur Mut, Ron!«, rief Lavender. »Ich weiß, du wirst spitze sein!«
Ron ignorierte sie.
»Tee?«, fragte ihn Harry. »Kaffee? Kürbissaft?«
»Egal«, sagte Ron niedergeschlagen und biss trübsinnig in einen
Toast.
Ein paar Minuten später kam Hermine den Tisch entlang, die
Rons unangenehmes Verhalten in letzter Zeit so satt hatte, dass sie
nicht mit ihnen zusammen zum Frühstück heruntergekommen
war, und blieb bei ihnen stehen.
»Wie geht es euch beiden?«, fragte sie zögernd und schaute dabei
auf Rons Hinterkopf.
»Gut«, sagte Harry, der ganz damit beschäftigt war, Ron ein Glas
Kürbissaft zu reichen. »Hier, Ron. Trink aus.«
Ron hatte das Glas gerade an die Lippen gehoben, als Hermine in
scharfem Ton eingriff.
»Trink das nicht, Ron!«
Harry und Ron blickten beide zu ihr auf.
»Warum nicht?«, sagte Ron.
267
Hermine starrte jetzt Harry an, als würde sie ihren Augen nicht
trauen.
»Du hast eben etwas in dieses Getränk getan.«
»Wie bitte?«, sagte Harry.
»Du hast mich verstanden. Ich hab es gesehen. Du hast eben et-
was in Rons Getränk gekippt. Du hast noch die Flasche in der
Hand!«
»Ich weiß nicht, wovon du redest«, sagte Harry und stopfte das
Fläschchen hastig in seine Tasche.
»Ron, ich warne dich, trink das nicht!«, wiederholte Hermine be-
unruhigt, aber Ron hob wieder das Glas, leerte es in einem Zug und
sagte: »Hör auf, mich rumzukommandieren, Hermine.«
Sie schien äußerst empört. Sie beugte sich tief hinunter, so dass
nur Harry sie hören konnte, und zischte: »Dafür sollten sie dich
rauswerfen. Das hätte ich nie von dir gedacht, Harry!«
»Das musst ausgerechnet du sagen«, flüsterte er zurück. »Wieder
jemandem einen Verwechslungszauber aufgehalst in letzter Zeit?«
Sie stürmte den Tisch entlang davon. Harry sah ihr ohne Bedau-
ern nach. Hermine hatte nie wirklich begriffen, was für eine ernste
Angelegenheit Quidditch war. Dann wandte er sich zu Ron um, der
sich die Lippen leckte.
»Es wird Zeit«, sagte Harry vergnügt.
Auf dem Weg zum Stadion hinunter knirschte das reifbedeckte
Gras unter ihren Füßen.
»Haben ziemliches Glück mit dem Wetter, was?«, sagte Harry zu
Ron.
»Jaah«, erwiderte Ron, der bleich und kränklich aussah.
Ginny und Demelza trugen bereits ihre Quidditch-Umhänge und
warteten im Umkleideraum.
»Beste Bedingungen, wie's ausschaut«, bemerkte Ginny, ohne
Ron zu beachten. »Und wisst ihr was? Dieser Slytherin-Jäger Vaisey
- der hat gestern bei ihrem Training einen Klatscher an den Kopf
gekriegt und sich so stark verletzt, dass er nicht spielen kann! Und
was noch besser ist - Malfoy hat sich auch krankgemeldet!«
»Was?«, sagte Harry, wirbelte herum und starrte sie an. »Er ist
krank? Was fehlt ihm?«
268
»Keine Ahnung, aber das ist toll für uns«, sagte Ginny strahlend.
»Die spielen mit Harper als Ersatz; der ist in meinem Jahrgang und
ein Idiot.«
Harry lächelte vage zurück, doch als er seinen scharlachroten
Umhang anzog, war er in Gedanken weit entfernt von Quidditch.
Malfoy hatte schon einmal behauptet, er könne wegen einer Ver-
letzung nicht spielen, aber damals hatte er dafür gesorgt, dass das
ganze Spiel auf einen Termin verlegt wurde, der den Slytherins
besser gefiel. Warum ließ er nun ohne weiteres einen Ersatzmann
spielen? War er wirklich krank oder tat er nur so?
»Verdächtig, was?«, sagte er mit gedämpfter Stimme zu Ron.
»Malfoy spielt nicht.«
»Ich nenn das Glück«, erwiderte Ron, offenbar eine Spur munte-
rer. »Und Vaisey fällt auch aus, der ist ihr bester Torschütze, ich
hätt nicht gedacht - hey!«, sagte er plötzlich, erstarrte mitten im
Anziehen seiner Hüterhandschuhe und glotzte Harry an.
»Was?«
»Ich … du …« Ron hatte die Stimme gesenkt; er wirkte be-
klommen und gleichzeitig aufgeregt. »Mein Getränk … mein Kür-
bissaft … du hast nicht etwa …?«
Harry zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nur: »In zirka fünf
Minuten geht's los, zieh endlich deine Stiefel an.«
Sie gingen, begleitet von heftigem Geschrei und Buhrufen, hinaus
aufs Spielfeld. Die eine Seite des Stadions war einheitlich rot und
golden; die andere ein Meer aus Grün und Silber. Auch viele
Hufflepuffs und Ravenclaws hatten sich auf die verschiedenen Sei-
ten geschlagen: Inmitten all des Rufens und Klatschens konnte
Harry deutlich das Brüllen von Luna Lovegoods berühmtem Lö-
wenhut hören.
Harry ging auf Madam Hooch zu, die Schiedsrichterin, die bereit-
stand, um die Bälle aus dem Korb freizulassen.
»Kapitäne, gebt euch die Hand«, sagte sie, und Harrys Hand wur-
de von dem neuen Slytherin-Kapitän Urquhart zerquetscht. »Auf
die Besen. Beim Pfiff geht's los … drei … zwei … eins …«
Der Pfiff ertönte, Harry und die andern stießen sich kräftig vom
gefrorenen Boden ab, und weg waren sie.
269
Harry schwebte am Spielfeldrand entlang, suchte nach dem
Schnatz und behielt gleichzeitig Harper im Auge, der tief unter
ihm im Zickzack flog. Dann setzte eine Stimme ein, misstönend
und ganz anders als die des bisherigen Stadionsprechers.
»Nun, da fliegen sie, und ich denke, wir sind alle überrascht über
die Mannschaft, die Potter dieses Jahr zusammengestellt hat. Viele
dachten, dass Ronald Weasley in Anbetracht seiner durchwachse-
nen Leistung als Hüter im letzten Jahr nun nicht mehr dabei sein
würde, aber eine enge persönliche Freundschaft mit dem Kapitän
ist natürlich hilfreich …«
Diese Worte wurden mit Hohngelächter und Applaus von der
Slytherin-Kurve aufgenommen. Harry reckte auf seinem Besen den
Hals, um einen Blick auf das Podest des Stadionsprechers zu wer-
fen. Ein großer, hagerer blonder Junge mit Stupsnase stand dort
und sprach in das magische Megafon, das früher Lee Jordan benutzt
hatte; Harry erkannte Zacharias Smith, einen Hufflepuff-Spieler,
der ihm von Herzen zuwider war.
»Oh, und hier kommt der erste Angriff von Slytherin, Urquhart
rast das Feld entlang und -«
Harry drehte sich der Magen um.
»- Weasley rettet, nun ja, da hat er eben mal Glück gehabt, denk
ich …«
»So kann man es sagen, Smith, das hat er«, murmelte Harry,
grinste verstohlen, tauchte zwischen die Jäger und suchte mit den
Augen rundum nach einer Spur des schwer fassbaren Schnatzes.
Nachdem eine halbe Stunde gespielt war, führte Gryffindor mit
sechzig zu null Punkten, Ron hatte ein paarmal wirklich spektaku-
lär gehalten, zum Teil gerade noch mit den Handschuhspitzen, und
Ginny hatte vier von Gryffindors sechs Toren geschossen. Das
brachte Zacharias endlich davon ab, sich laut Gedanken darüber zu
machen, ob die beiden Weasleys nur deshalb in der Mannschaft
waren, weil Harry mit ihnen befreundet war, und stattdessen nahm
er nun Peakes und Coote ins Visier.
»Natürlich hat Coote nicht gerade die typische Statur eines Trei-
bers«, sagte Zacharias hochnäsig, »normalerweise haben die ein
bisschen mehr Muskeln -«
270
»Hau ihm einen Klatscher rein«, rief Harry Coote zu, als der gera-
de vorbeifegte, aber Coote grinste breit und zielte mit dem nächs-
ten Klatscher lieber auf Harper, der in diesem Moment aus der Ge-
genrichtung an Harry vorbeigeflogen kam. Harry hörte zufrieden
das dumpfe
Plonk, der Klatscher hatte sein Ziel gefunden.
Es sah aus, als könnten die Gryffindors einfach nichts falsch ma-
chen. Immer wieder punkteten sie, und immer wieder verhinderte
Ron auf der anderen Feldseite mit offensichtlicher Leichtigkeit
Tore. Jetzt lächelte er auch noch, und als die Menge eine besonders
gelungene Parade feierte und voller Begeisterung den alten HitWeasley ist unser King schmetterte, spielte Ron von oben aus den
Dirigenten.
»Hält sich heute wohl für was Besonderes, was?«, sagte eine höh-
nische Stimme, und Harry schlug es fast vom Besen, als Harper
heftig und absichtlich mit ihm zusammenstieß. »Dein Blutsverrä-
terfreund …«
Madam Hooch hatte ihnen gerade den Rücken zugekehrt, und
obwohl einige Gryffindors unten vor Wut schrien, war Harper
schon davongerast, als sie sich umwandte. Harry jagte ihm mit
schmerzender Schulter hinterher, entschlossen, ihn auch zu ram-
men …
»Und ich glaube, Harper von Slytherin hat den Schnatz ge-
sehen!«, rief Zacharias Smith durch sein Megafon. »Ja, er hat ganz
sicher was gesehen, was Potter entgangen ist!«
Smith war wirklich ein Dummkopf, dachte Harry, hatte er nicht
bemerkt, wie sie zusammengestoßen waren? Doch im nächsten
Moment schien sein Magen in die Tiefe zu fallen - Smith lag richtig
und Harry lag falsch: Harper war nicht zufällig nach oben geschos-
sen; er hatte entdeckt, was Harry nicht gesehen hatte: Der Schnatz
sauste hoch über ihnen dahin, hell glitzernd vor dem klaren blauen
Himmel.
Harry flog schneller; der Wind pfiff ihm dermaßen in den Ohren,
dass er Smiths Kommentar und den Lärm der Menge völlig über-
tönte, aber Harper war immer noch vor ihm, und Gryffindor hatte
nur hundert Punkte Vorsprung; wenn Harper als Erster hinkam,
hatte Gryffindor verloren … und jetzt war Harper ein, zwei Meter
271
davon entfernt, hatte die Hand ausgestreckt …
»He, Harper!«, rief Harry in seiner Verzweiflung. »Wie viel hat
dir Malfoy dafür bezahlt, dass du für ihn spielst?«
Er wusste nicht, warum er das gesagt hatte, doch Harper stutzte;
er tastete fahrig nach dem Schnatz, ließ ihn durch die Finger rut-
schen und schoss einfach daran vorbei: Harry langte weit nach
vorne und fing den winzigen, flatternden Ball ein.
»JA!«, schrie Harry. Er wirbelte herum und jagte zum Boden zu-
rück, den Schnatz hoch in der ausgestreckten Hand. Als die Menge
begriff, was geschehen war, brach ein großes Geschrei los, in dem
der Abpfiff des Spiels fast unterging.
»Ginny, wo willst du hin?«, schrie Harry, der mitten in der
Luft in eine Massenumarmung mit dem ganzen Team hi-
neingeraten war, aber Ginny preschte einfach an ihnen vorbei und
krachte schließlich mit einem gewaltigen Knall gegen das Podium
des Stadionsprechers. Während die Menge kreischte und lachte,
landete die Gryffindor-Mannschaft neben dem Trümmerhaufen aus
Holz, unter dem Zacharias sich schwach regte; Harry hörte Ginny
munter zu der erzürnten Professor McGonagall sagen: »Hab verges-
sen zu bremsen, Verzeihung, Professor.«
Lachend befreite sich Harry vom Rest der Mannschaft und um-
armte Ginny, ließ sie aber sehr schnell wieder los. Er mied ihren
Blick und klopfte stattdessen dem jubelnden Ron auf die Schulter,
während die Gryffindors, nun, da alle Feindseligkeiten vergessen
waren, Arm in Arm vom Feld gingen, die Fäuste in die Luft stießen
und ihren Fans zuwinkten.
Im Umkleideraum herrschte Jubelstimmung.
»Wir machen Party oben im Gemeinschaftsraum, hat Seamus ge-
sagt!«, schrie Dean ausgelassen. »Kommt schon, Ginny, Demelza!«
Ron und Harry waren die Letzten im Umkleideraum. Sie wollten
gerade aufbrechen, als Hermine hereinkam. Sie drehte ihren Gryf-
findor-Schal in den Händen und wirkte aufgeregt, aber entschlos-
sen.
»Ich will mit dir sprechen, Harry.« Sie holte tief Luft. »Das hättest
du nicht tun dürfen. Du hast Slughorn gehört, es ist verboten.«
»Was willst du machen, uns anzeigen?«, wollte Ron wissen.
272
»Worüber redet ihr zwei eigentlich?«, fragte Harry, drehte sich
um und hängte seinen Umhang auf, damit die beiden nicht sehen
konnten, dass er grinste.
»Du weißt ganz genau, worüber wir reden!«, sagte Hermine
scharf. »Du hast beim Frühstück einen Schuss Glückstrank in Rons
Saft gegeben! Felix Felicis!«
»Nein, hab ich nicht«, sagte Harry und wandte sich den beiden
wieder zu.
»Doch, das hast du, Harry, und deshalb ist auch alles gut gelaufen,
Slytherin-Spieler sind ausgefallen und Ron hat alles gehalten!«
»Ich hab ihn nicht reingeschüttet!«, sagte Harry und grinste jetzt
breit. Er steckte die Hand in seine Jackentasche und zog das Fläsch-
chen hervor, das Hermine an diesem Morgen in seiner Hand gese-
hen hatte. Es war voll goldenem Zaubertrank und der Korken war
immer noch fest mit Wachs versiegelt. »Ich wollte, dass Ron glaubt,
ich hätte es getan, deshalb hab ich es vorgetäuscht, als ich wusste,
dass du gerade herschaust.« Er sah Ron an. »Du hast alle Torschüsse
gehalten, weil du dachtest, du hättest Glück. Du hast alles alleine
geschafft.«
Er steckte den Trank wieder ein.
»Da war wirklich nichts in meinem Kürbissaft?«, sagte Ron ver-
blüfft. »Aber das Wetter ist gut … und Vaisey konnte nicht spielen
… ich hab ehrlich keinen Glückstrank bekommen?«
Harry schüttelte den Kopf. Ron sah ihn einen Moment lang mit
offenem Mund an, dann fiel er über Hermine her und äffte ihre
Stimme nach.
»Du hast heute Morgen Felix Felicis in Rons Saft getan, deshalb
hat er alles gehalten! Siehst du! Ich schaff es ganz ohne Hilfe, meine
Tore sauber zu halten, Hermine!«
»Ich hab nie gesagt, dass du es nicht schaffst - Ron,
du hast auch
geglaubt, dass du den Trank bekommen hast!«
Aber Ron war bereits mit geschultertem Besen an ihr vorbei zur
Tür hinausmarschiert.
»Ähm«, sagte Harry in die plötzliche Stille hinein; er hatte nicht
erwartet, dass sein Plan dermaßen nach hinten losgehen würde,
»wollen … wollen wir dann auch hoch zur Party?«
273
»Geh du doch!«, sagte Hermine und blinzelte ihre Tränen weg.
»Ron macht mich im Moment einfach
krank, was hab ich ihm denn
eigentlich getan …?«
Und sie stürmte auch aus dem Umkleideraum.
Harry ging langsam über das Gelände hoch zum Schloss zurück,
durch die Menge, aus der ihm viele ihre Glückwünsche zuriefen,
doch er empfand ein großes Gefühl der Enttäuschung; er war si-
cher gewesen, wenn Ron das Spiel gewinnen würde, dann würden
er und Hermine sich sofort wieder vertragen. Er konnte sich nicht
vorstellen, wie um alles in der Welt er Hermine erklären sollte,
dass sie Ron gekränkt hatte, indem sie Viktor Krum geküsst hatte,
wo dieses Vergehen doch so lange zurücklag.
Die Siegesfeier der Gryffindors war in vollem Gang, als Harry
eintraf, doch er konnte Hermine nicht finden. Er wurde von neu-
em mit Jubelrufen und Schulterklopfen begrüßt, und bald war er
von einer Schar Gratulanten umringt. Bei all den Versuchen, die
Creevey-Brüder abzuschütteln, die jeden einzelnen Zug des Spiels
analysiert haben wollten, und außerdem den vielen Mädchen zu
entkommen, die ihn umringt hatten und die sogar über seine hu-
morlosesten Kommentare lachten und mit den Wimpern klimper-
ten, dauerte es eine Weile, bis er sich auf die Suche nach Ron ma-
chen konnte. Zuletzt kämpfte er sich von Romilda Vane los, die
heftig mit dem Zaunpfahl winkte, dass sie gern mit ihm zu Slug-
horns Weihnachtsparty gehen würde. Als er sich in Richtung Ge-
tränketisch verdrückte, stieß er geradewegs mit Ginny zusammen,
die Arnold den Minimuff auf der Schulter hatte und zu deren Fü-
ßen Krummbein hoffnungsvoll miaute.
»Suchst du nach Ron?«, fragte sie feixend. »Der ist da drüben, der
elende Heuchler.«
Harry sah hinüber in die Ecke, auf die sie deutete. Dort, vor aller
Augen, stand Ron so eng mit Lavender Brown verschlungen, dass
schwer zu sagen war, welche Hände wem gehörten.
»Sieht aus, als würde er ihr Gesicht aufessen, was?«, sagte Ginny
trocken. »Aber ich denke mal, seine Technik muss er noch irgend-
wie verfeinern. Gutes Spiel, Harry.«
Sie tätschelte ihm den Arm; Harry hatte ein Sturzfluggefühl im
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Magen, doch dann ging sie weg, um sich ein neues Butterbier zu
holen. Krummbein trottete hinter ihr her, die gelben Augen starr
auf Arnold gerichtet.
Harry wandte sich von Ron ab, der nicht den Eindruck machte,
als würde er bald auftauchen, und sah gerade noch, wie das Porträt-
loch zuging. Mit einem schalen Gefühl dachte er, er hätte eine
Mähne buschiges braunes Haar davonwehen sehen.
Er stürmte los, wich noch einmal Romilda Vane aus und stieß das
Porträt der fetten Dame auf. Der Gang draußen schien verlassen.
»Hermine?«
Er fand sie im ersten unverschlossenen Klassenzimmer, das er
ausprobierte. Sie saß auf dem Lehrerpult, ganz allein, bis auf ein
paar zwitschernde gelbe Vögel, die in einem kleinen Kreis um ih-
ren Kopf herumflatterten und die sie offensichtlich gerade aus dem
Nichts heraufbeschworen hatte. Harry musste sie einfach für ihre
magischen Künste bewundern, und dann noch zu einem Zeitpunkt
wie diesem.
»Oh, hallo, Harry«, sagte sie mit brüchiger Stimme. »Ich bin nur
am Üben.«
»Jaah … die - äh - sind wirklich gut …«, sagte Harry.
Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Er fragte sich gerade,
ob es irgendeine Chance gab, dass sie Ron nicht bemerkt hatte, dass
sie den Raum einfach nur verlassen hatte, weil ihr die Party ein
wenig zu lärmig war, da sagte sie mit unnatürlich hoher Stimme:
»Ron scheint sich auf dem Fest ja bestens zu amüsieren.«
»Ähm … tatsächlich?«, sagte Harry.
»Tu nicht so, als hättest du ihn nicht gesehen«, erwiderte Hermi-
ne. »Er hat es ja nicht gerade verheimlicht, nicht wa-«
Die Tür hinter ihnen sprang auf. Zu Harrys Entsetzen kam Ron
herein, er lachte und zog Lavender an der Hand mit sich.
»Oh«, sagte er und blieb schlagartig stehen, als er Harry und
Hermine sah.
»Uups!«, machte Lavender, kicherte und ging rückwärts aus dem
Raum. Die Tür schlug hinter ihr zu.
Eine schreckliche, anschwellende, sich aufblähende Stille trat ein.
Hermine starrte Ron an, der absichtlich nicht zu ihr hinschaute
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und nur mit einer seltsamen Mischung aus gespielter Kühnheit und
Verlegenheit sagte: »Hi, Harry! Hab mich schon gewundert, wo du
steckst!«
Hermine rutschte vom Pult herunter. Der kleine Schwarm golde-
ner Vögel zwitscherte weiter im Kreis um ihren Kopf herum, so
dass sie aussah wie ein merkwürdiges gefiedertes Modell des Son-
nensystems.
»Du solltest Lavender nicht draußen warten lassen«, sagte sie lei-
se. »Sie wird sich fragen, wo du geblieben bist.«
Sie ging ganz langsam und aufrecht in Richtung Tür. Harry warf
einen raschen Blick auf Ron, der erleichtert schien, dass nichts
Schlimmeres passiert war.
»Oppugno!«, ertönte ein Schrei von der Tür her.
Harry wirbelte herum und sah Hermine mit zornentbranntem
Gesicht ihren Zauberstab auf Ron richten: Der kleine Vo-
gelschwarm raste wie ein Hagel von dicken goldenen Ge-
wehrkugeln auf Ron zu, der aufjaulte und sein Gesicht mit den
Händen bedeckte, doch die Vögel griffen an, pickten und krallten
sich in jedes bisschen Fleisch, das sie erwischen konnten.
»Machdieweg!«, schrie er, doch mit einem letzten Blick voll rach-
süchtiger Wut riss Hermine die Tür auf und verschwand. Harry
glaubte ein Schluchzen zu hören, ehe die Tür zuschlug.
276
Der Unbrechbare Schwur
Wieder wirbelte Schnee gegen die vereisten Fenster; es ging stark
auf Weihnachten zu. Hagrid hatte die üblichen zwölf Weihnachts-
bäume für die Große Halle bereits eigenhändig herbeigeschafft;
Girlanden aus Stechpalmenzweigen und Lametta rankten sich um
die Treppengeländer; immer währende Kerzen leuchteten aus den
Helmen der Rüstungen und dicke Büschel Mistelzweige hingen in
Abständen entlang der Korridore. Wenn Harry unterwegs war,
versammelten sich unter den Mistelzweigen oft große Mädchen-
gruppen und blockierten die Gänge. Doch zum Glück kannte sich
Harry dank seiner häufigen nächtlichen Streifzüge ungewöhnlich
gut in den Geheimgängen des Schlosses aus und konnte ohne grö-
ßere Probleme mistelfrei von einem Klassenzimmer ins andere
gelangen.
Ron, der früher vielleicht eher eifersüchtig als belustigt darüber
gewesen wäre, dass solche Umwege nötig wurden, fand es jetzt nur
zum Brüllen komisch. Harry mochte diesen neuen, lachenden,
Witze reißenden Ron viel lieber als seine übellaunige, aggressive
Ausgabe, die er in den vergangenen Wochen erduldet hatte, doch
den besseren Ron gab es nur zu einem hohen Preis. Erstens musste
Harry sich mit der häufigen Anwesenheit von Lavender Brown
abfinden, für die offenbar jeder Moment, in dem sie Ron nicht
küsste, ein verschwendeter Moment war; und zweitens merkte
Harry wieder einmal, dass er der beste Freund von zwei Menschen
war, die, wie es aussah, nie wieder miteinander sprechen würden.
Ron, der an den Händen und Unterarmen immer noch Kratzer
und Schnittwunden von Hermines Vogelangriff hatte, nahm eine
trotzige und gereizte Haltung ein.
»Sie kann sich nicht beschweren«, erklärte er Harry. »Sie hat mit
Krum geknutscht. Und jetzt hat sie festgestellt, dass mit mir auch
jemand knutschen will. Nun, wir leben in einem freien Land. Ich
hab nichts Falsches gemacht.«
Harry antwortete nicht, sondern tat so, als wäre er völlig in das
Buch vertieft, das sie vor Zauberkunst am nächsten Morgen gelesen
277
haben sollten
(Die Suche nach der Quintessenz). Da er entschlossen
war, sowohl mit Ron als auch mit Hermine befreundet zu bleiben,
verbrachte er viel Zeit mit fest verschlossenem Mund.
»Ich hab Hermine nie irgendwas versprochen«, murmelte Ron.
»Das heißt, na schön, ich wollte mit ihr zu Slughorns Weihnachts-
party, aber sie hat nie gesagt … nur als Freunde … ich bin ein frei-
er Mensch …«
Harry blätterte eine Seite von
Quintessenz um und spürte, dass
Ron ihn beobachtete. Rons Murmeln wurde immer leiser und war
durch das laute Knistern des Feuers kaum noch zu hören, doch
Harry meinte, noch einmal die Wörter »Krum« und »kann sich
nicht beschweren« zu verstehen.
Hermines Stundenplan war so voll, dass Harry nur abends richtig
mit ihr reden konnte, wenn Ron ohnehin so eng um Lavender ge-
schlungen war, dass er nicht bemerkte, was Harry tat. Hermine
weigerte sich, im Gemeinschaftsraum zu sitzen, solange Ron dort
war, also traf Harry sie meistens in der Bibliothek, was bedeutete,
dass sie sich flüsternd unterhalten mussten.
»Er kann küssen, wen immer er mag«, sagte Hermine, während
Madam Pince, die Bibliothekarin, durch die Regalreihen hinter
ihnen streifte. »Das ist mir wirklich vollkommen schnuppe.«
Sie hob ihre Feder und setzte so heftig ein Pünktchen auf ein »i«,
dass sie ein Loch in ihr Pergament stach. Harry sagte nichts. Viel-
leicht würde ihm bald die Stimme absterben, so selten gebrauchte
er sie. Er beugte sich ein wenig tiefer über
Zaubertränke für Fort-
geschrittene und machte sich weiter Notizen über Endlos-Elixiere,
wobei er gelegentlich innehielt, um die nützlichen Ergänzungen
des Prinzen zum Text von Libatius Borage zu entziffern.
»Und übrigens«, sagte Hermine nach einigen Augenblicken, »du
musst vorsichtig sein.«
»Zum letzten Mal«, erwiderte Harry etwas heiser flüsternd, nach-
dem er eine Dreiviertelstunde geschwiegen hatte, »ich geb dieses
Buch nicht zurück, ich hab mehr von dem Halbblutprinzen gelernt,
als Snape oder Slughorn mir in -«
»Ich rede nicht von deinem blöden so genannten Prinzen«, sagte
Hermine und versetzte seinem Buch einen bösen Blick, als sei es
278
grob zu ihr gewesen, »ich rede von vorhin. Bevor ich hierher kam,
war ich noch kurz auf dem Klo, und da waren etwa ein Dutzend
Mädchen, darunter Romilda Vane, die sich alle den Kopf darüber
zerbrochen haben, wie sie dir einen Liebestrank unterjubeln könn-
ten. Die wollen dich alle dazu bringen, sie mit zu Slughorns Party
zu nehmen, und offenbar haben sie diese Liebestränke bei Fred und
George gekauft, die, ich muss es leider sagen, wahrscheinlich wir-
ken -«
»Und warum hast du sie dann nicht beschlagnahmt?«, wollte Har-
ry wissen. Es schien erstaunlich, dass Hermines Eifer, Vorschriften
einzuhalten, sie zu diesem entscheidenden Zeitpunkt im Stich ge-
lassen hatte.
»Die hatten die Tränke nicht mit im Klo«, sagte Hermine verächt-
lich. »Sie haben nur über ihre Vorgehensweise diskutiert. Da ich
glaube, dass nicht einmal der
Halbblutprinz« - sie versetzte dem
Buch einen weiteren bösen Blick - »sich ein Gegenmittel für ein
Dutzend verschiedene Liebestränke gleichzeitig ausdenken könnte,
würde ich einfach jemanden einladen, mit dir zu kommen - dann
hören all die anderen auf zu glauben, sie hätten immer noch eine
Chance. Es ist morgen Abend, die drehen allmählich durch.«
»Ich hab niemanden, den ich einladen will«, murmelte Harry, der
immer noch versuchte, möglichst nicht an Ginny zu denken, ob-
wohl sie ständig in seinen Träumen auftauchte, und zwar so, dass
Harry von Herzen dankbar war, dass Ron keine Legilimentik be-
herrschte.
»Also, sei einfach vorsichtig, was du trinkst, Romilda Vane sah
nämlich aus, als ob sie Ernst machen würde«, sagte Hermine grim-
mig.
Sie zog die lange Pergamentrolle, auf die sie ihren Arith-
mantikaufsatz schrieb, ein Stück weiter hoch und kratzte mit ihrer
Feder wieder drauflos. Harry sah ihr zu, mit den Gedanken in wei-
ter Ferne.
»Wart mal kurz«, sagte er langsam. »Ich dachte, Filch hätte alles
verboten, was in
Weasleys Zauberhafte Zauberscherze gekauft
wurde?«
»Und seit wann kümmert sich irgendjemand darum, was Filch
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verboten hat?«, fragte Hermine, immer noch mit ihrem Aufsatz
beschäftigt.
»Aber ich dachte, alle Eulen würden durchsucht? Wieso können
diese Mädchen dann Liebestränke in die Schule schaffen?«
»Fred und George schicken sie als Parfüme und Hustensäfte ge-
tarnt«, sagte Hermine. »Das ist in ihrem Eulen-Lieferservice mit
drin.«
»Du kennst dich da ja ganz gut aus.«
Hermine versetzte ihm einen bösen Blick von der Sorte, mit der
sie gerade sein Exemplar von
Zaubertränke für Fortgeschrittene
bedacht hatte.
»Das stand alles hinten auf den Flaschen, die sie Ginny und mir
im Sommer gezeigt haben«, sagte sie kühl. »Ich lauf nicht rum und
schütte irgendwelchen Leuten Zaubertränke in die Gläser … und
ich tu auch nicht so, das ist nämlich genauso schlimm …«
»Na ja, vergiss das mal«, warf Harry rasch ein. »Der Punkt ist
doch, dass Filch zum Narren gehalten wird, oder? Diese Mädchen
kriegen Sachen in die Schule, die als etwas anderes getarnt sind!
Also, weshalb hätte dann Malfoy das Halsband nicht in die Schule
schaffen können -?«
»Oh, Harry … nicht schon wieder …«
»Komm schon, warum nicht?«, drängte Harry.
»Sieh mal«, Hermine seufzte, »Geheimnis-Detektoren spüren
Verwünschungen, Flüche und Verbergungszauber auf, stimmt's?
Sie werden eingesetzt, um schwarze Magie und schwarzmagische
Objekte zu finden. Sie hätten einen mächtigen Fluch wie den auf
diesem Halsband in Sekundenschnelle erfasst. Aber etwas, das nur
in die falsche Flasche abgefüllt wurde, wird nicht erkannt - und
Liebestränke sind sowieso nichts Schwarzmagisches oder Gefährli-
ches -«
»Du hast gut reden«, murmelte Harry und dachte an Romilda Va-
ne.
»- also müsste Filch selber erkennen, dass es kein Hustentrank ist,
und der ist kein besonders guter Zauberer, ich bezweifle, dass er
einen Trank von -«
Hermine verstummte schlagartig; auch Harry hatte es gehört.
280
Zwischen den dunklen Bücherregalen war jemand von hinten
dicht an sie herangetreten. Sie warteten, und einen Moment später
kam die geierartige Gestalt von Madam Pince um die Ecke, mit
eingefallenen Wangen, Haut wie Pergament und einer langen Ha-
kennase, die von der Lampe in ihrer Hand wenig schmeichelhaft
beleuchtet wurde.
»Die Bibliothek ist jetzt geschlossen«, sagte sie. »Achten Sie dar-
auf, dass Sie alles, was Sie ausgeliehen haben, in das richtige -
was
hast du mit diesem Buch gemacht, du niederträchtiger Bursche?«
»Das ist nicht aus der Bibliothek, das ist meins!«, erwiderte Harry
rasch und schnappte sein
Zaubertränke für Fortgeschrittene vom
Tisch, als sie sich mit ihren Klauen daraufstürzte.
»Geplündert!«, zischte sie. »Geschändet! Besudelt!«
»Es ist nur ein Buch, in das reingeschrieben wurde!«, sagte Harry
und riss es ihr aus der Hand.
Offenbar war sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch; Her-
mine, die hastig ihre Sachen zusammengepackt hatte, nahm Harry
am Arm und schleppte ihn wie einen Verhafteten davon.
»Du kriegst Bibliotheksverbot von ihr, wenn du nicht aufpasst.
Warum musstest du auch dieses blöde Buch mitbringen?«
»Es ist nicht meine Schuld, dass sie vollkommen ausgerastet ist,
Hermine. Oder meinst du, sie hat mitgehört, wie du schlecht über
Filch geredet hast? Ich hatte immer schon den Verdacht, dass zwi-
schen den beiden irgendwas laufen könnte …«
»Oh, haha …«
Sie genossen es, wieder normal miteinander reden zu können,
gingen durch die verlassenen, lampenbeschienenen Korridore in
den Gemeinschaftsraum zurück und stritten darüber, ob Filch und
Madam Pince wirklich heimlich verliebt waren.
»Flitterkram«, sagte Harry zu der fetten Dame, es war das neue
Passwort zum Fest.
»Gleichfalls«, erwiderte die fette Dame mit einem schelmischen
Grinsen und schwang vor, um sie einzulassen.
»Hi, Harry!«, sagte Romilda Vane, kaum dass er durch das Port-
rätloch geklettert war. »Lust auf ein Goldlackwasser?«
Hermine warf ihm einen »Was hab ich dir gesagt?«-Blick über die
281
Schulter zu.
»Nein, danke«, erwiderte Harry rasch. »Ich mag das nicht beson-
ders.«
»Na, dann nimm doch die hier«, sagte Romilda und drückte ihm
eine Schachtel in die Hand. »Schokokessel, mit Feuerwhisky drin.
Meine Omi hat sie mir geschickt, aber ich mag sie nicht.«
»Oh - klar - vielen Dank«, sagte Harry, dem nichts anderes ein-
fiel. »Ähm - ich geh nur mal eben dort rüber mit …«
Er eilte Hermine hinterher und seine Stimme wurde immer
schwächer.
»Hab ich's doch gesagt«, bemerkte Hermine lakonisch. »Je eher du
jemanden fragst, desto eher lassen sie dich alle in Ruhe, und du
kannst -«
Doch plötzlich wurde ihr Gesicht weiß; ihr Blick war eben auf
Ron und Lavender gefallen, die eng umschlungen im selben Sessel
saßen.
»Na dann, gute Nacht, Harry«, sagte sie, obwohl es erst sieben
Uhr abends war, und ohne ein weiteres Wort zog sie in Richtung
Mädchenschlafsaal davon.
Als Harry zu Bett ging, tröstete er sich mit dem Gedanken, dass er
nur noch einen Unterrichtstag durchstehen musste, und Slughorns
Party, dann würden er und Ron gemeinsam zum Fuchsbau abrei-
sen. Inzwischen schien es unmöglich, dass Ron und Hermine sich
noch vor Ferienbeginn wieder versöhnen würden, aber vielleicht
würde die Pause ihnen irgendwie Zeit geben, sich zu beruhigen
und es sich anders zu überlegen …
Große Hoffnungen hegte er jedoch nicht, und sie schwanden
noch mehr, nachdem er am nächsten Tag den Verwand-
lungsunterricht mit den beiden hinter sich gebracht hatte. Sie hat-
ten gerade das immens schwierige Thema menschlicher Verwand-
lung in Angriff genommen; sie arbeiteten vor Spiegeln und sollten
die Farbe ihrer eigenen Augenbrauen verändern. Hermine lachte
ungnädig über Rons katastrophalen ersten Versuch, bei dem er es
irgendwie schaffte, sich einen sensationellen Schnauzbart zu ver-
passen; Ron rächte sich, indem er unbarmherzig, aber genau Her-
mine nachahmte, wie sie jedes Mal, wenn Professor McGonagall
282
eine Frage stellte, auf ihrem Platz auf- und abhopste, was Lavender
und Parvati äußerst amüsant fanden und Hermine wieder an den
Rand der Tränen brachte. Mit dem Läuten raste sie aus dem Klas-
senzimmer und ließ die Hälfte ihrer Sachen zurück; Harry kam zu
dem Schluss, dass ihre Not gerade größer war als die von Ron,
sammelte ihre verbliebenen Habseligkeiten ein und folgte ihr.
Er spürte sie schließlich auf, als sie aus einem Mädchenklo ein
Stockwerk tiefer kam. Sie wurde von Luna Lovegood begleitet, die
ihr geistesabwesend auf die Schulter klopfte.
»Oh, hallo, Harry«, sagte Luna. »Weißt du, dass eine von deinen
Augenbrauen hellgelb ist?«
»Hi, Luna. Hermine, du hast deine Sachen liegen lassen …«
Er hielt ihr die Bücher hin.
»Oh, ja«, sagte Hermine mit erstickter Stimme, nahm sie und
wandte sich rasch ab, um zu verbergen, dass sie sich mit dem Fe-
dermäppchen die Tränen abwischte. »Danke, Harry. Also, ich muss
jetzt los …«
Und sie eilte davon, ohne Harry Zeit für tröstende Worte zu las-
sen, die ihm zugegebenermaßen ohnehin nicht einfielen.
»Sie ist ein bisschen durcheinander«, sagte Luna. »Erst dachte ich,
dadrin wär die Maulende Myrte, aber dann war es Hermine. Sie hat
von diesem Ron Weasley geredet …«
»Jaah, die haben sich gestritten«, sagte Harry.
»Der sagt manchmal ziemlich komische Sachen, was?«, bemerkte
Luna, als sie sich gemeinsam auf den Weg durch den Korridor
machten. »Aber er kann auch ein wenig grob sein. Das ist mir letz-
tes Jahr aufgefallen.«
»Ich denk schon«, sagte Harry. Luna bewies wieder einmal ihr
echtes Talent, unangenehme Wahrheiten auszusprechen; er hatte
noch nie jemanden wie sie kennen gelernt. »Und, wie war dein
Schuljahr bis jetzt?«
»Oh, war schon in Ordnung«, sagte Luna. »Ein bisschen einsam
ohne die DA. Ginny war aber nett. Letztens hat sie zwei Jungs in
unserer Verwandlungsstunde davon abgebracht, mich ›Loony‹ zu
nennen -«
»Hättest du Lust, heute Abend mit mir zu Slughorns Party zu
283
kommen?«
Die Worte waren schon aus Harrys Mund, ehe er sie aufhalten
konnte; er hörte, wie er sie sagte, als ob ein Fremder redete.
Luna richtete überrascht ihre Glubschaugen auf ihn.
»Slughorns Party? Mit dir?«
»Jaah«, sagte Harry. »Wir sollen Gäste mitbringen, also dachte
ich, du hättest vielleicht Lust … ich meine …« Ihm lag sehr viel
daran, seine Absichten ganz deutlich zu machen. »Ich meine, nur
wie Freunde, du weißt schon. Aber wenn du nicht willst …«
Er hoffte schon fast, dass sie nicht wollte.
»Oh, nein, ich fänd's toll, mit dir wie Freunde hinzugehen!«, sagte
Luna und strahlte, wie er sie noch nie hatte strahlen sehen. »Mich
hat noch nie jemand zu einer Party eingeladen, wie ein Freund!
Hast du dir deshalb die Augenbraue gefärbt, wegen der Party? Soll
ich das auch machen?«
»Nein«, sagte Harry entschieden, »das war ein Versehen, ich werd
Hermine bitten, dass sie es für mich richtet. Also, wir treffen uns
dann um acht in der Eingangshalle.«
»AHA!«, schrie eine Stimme über ihnen und beide zuckten zu-
sammen; ohne dass sie es gemerkt hätten, waren sie gerade direkt
unter Peeves durchgegangen, der kopfüber von einem Kronleuch-
ter hing und sie hämisch angrinste.
»Potty hat Loony zur Party eingeladen! Potty lüübt Loony! Potty
lüüüüübt Looooooony!«
Und er schoss davon, gackerte und kreischte: »Potty liebt Loony!«
»Immer nett, wenn solche Dinge privat bleiben«, sagte Harry.
Und tatsächlich, im Nu schien die ganze Schule zu wissen, dass
Harry Potter Luna Lovegood zu Slughorns Party mitnahm.
»Du hättest
jede mitnehmen können!«, sagte Ron ungläubig beim
Abendessen.
»Jede! Und du hast dir Loony Lovegood ausgesucht?«
»Nenn sie nicht so, Ron«, fauchte Ginny, die auf dem Weg zu
Freunden hinter Harry stehen geblieben war. »Ich bin echt froh,
dass du sie mitnimmst, Harry, sie ist schon ganz aufgeregt.«
Dann ging sie weiter am Tisch entlang und setzte sich neben
Dean. Harry versuchte sich darüber zu freuen, dass Ginny froh war,
weil er Luna zur Party mitnahm, doch es wollte ihm nicht recht
284
gelingen. Viel weiter unten am Tisch saß Hermine allein und sto-
cherte in ihrem Eintopf. Harry bemerkte, dass Ron verstohlen zu
ihr hinübersah.
»Du könntest sagen, dass es dir Leid tut«, schlug Harry freiheraus
vor.
»Was, und dann wieder von einem Schwarm Kanarienvögel an-
gegriffen werden?«, murrte Ron.
»Wozu musstest du sie auch nachäffen?«
»Sie hat über meinen Schnurrbart gelacht!«
»Ich auch, das war das Bescheuertste, was ich je gesehen hab.«
Aber Ron schien ihn nicht gehört zu haben; Lavender war gerade
mit Parvati hereingekommen. Sie quetschte sich zwischen Harry
und Ron und warf ihre Arme um Rons Hals.
»Hallo, Harry«, sagte Parvati, die das Verhalten ihrer beiden
Freunde offenbar genau wie er etwas peinlich und langweilig fand.
»Hallo«, sagte Harry. »Wie geht's? Du bleibst also in Hogwarts?
Ich hab gehört, deine Eltern wollten, dass du von der Schule gehst.«
»Das hab ich ihnen vorläufig ausreden können«, sagte Parvati.
»Sie sind wegen dieser Sache mit Katie richtig ausgetickt, aber weil
seither nichts mehr passiert ist … oh, hallo, Hermine!«
Parvati strahlte übers ganze Gesicht. Harry war sicher, dass sie
ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie Hermine in Verwandlung
ausgelacht hatte. Er wandte sich um und sah, wie Hermine das Lä-
cheln erwiderte, vielleicht sogar noch strahlender. Mädchen waren
manchmal seltsam.
»Hi, Parvati!«, sagte Hermine, ohne auch nur im Geringsten auf
Ron und Lavender zu achten. »Gehst du heute Abend zu Slughorns
Party?«
»Keine Einladung«, sagte Parvati düster. »Ich hätt aber große
Lust, das klingt, als würd es richtig gut werden … du gehst hin,
oder?«
»Ja, ich treff mich um acht mit Cormac, und wir -«
Ein Geräusch war zu hören, als würde eine Saugglocke von einem
verstopften Abfluss weggezogen, und Ron tauchte auf. Hermine tat,
als hätte sie nichts gesehen und nichts gehört.
»- wir gehen zusammen hoch zur Party.«
285
»Cormac?«, sagte Parvati. »Du meinst Cormac McLaggen?«
»Richtig«, sagte Hermine lieblich. »Der, der
beinahe«, sie legte ei-
ne starke Betonung auf das Wort, »Gryffindor-Hüter geworden
wäre.«
»Dann bist du also jetzt mit ihm zusammen?«, fragte Parvati mit
aufgerissenen Augen.
»Oh - ja - hast du das nicht gewusst?«, sagte Hermine mit einem
höchst unherminehaften Kichern.
»Nein!«, erwiderte Parvati, die dieses Stückchen Tratsch geradezu
gierig aufnahm. »Wow, du stehst auf Quidditch-Spieler, stimmt's?
Erst Krum, dann McLaggen …«
»Ich steh auf
richtig gute Quidditch-Spieler«, korrigierte Hermine
sie, unentwegt lächelnd. »Also, wir sehen uns dann … ich muss los
und mich für die Party zurechtmachen …«
Sie verschwand. Augenblicklich steckten Lavender und Parvati
die Köpfe zusammen, um diese neue Entwicklung zu erörtern, mit-
samt allem, was sie je über McLaggen gehört, und allem, was sie
sich je über Hermine zusammengereimt hatten. Ron sah merkwür-
dig leer aus und sagte nichts. Harry blieb es überlassen, im Stillen
über die Abgründe nachzugrübeln, in die Mädchen sich begaben,
nur um Rache zu üben.
Als er um acht an diesem Abend in die Eingangshalle kam, stieß
er auf ungewöhnlich viele Mädchen, die dort lauerten und ihn alle
böse anzustarren schienen, als er auf Luna zuging. Sie trug einen
silbernen Paillettenumhang, der bei den Zuschauerinnen einiges
Gekicher auslöste, doch ansonsten sah sie ganz hübsch aus. Jeden-
falls war Harry froh, dass sie auf ihre Radieschen-Ohrringe, ihr
Halsband aus Butterbierkorken und ihre Gespensterbrille verzich-
tet hatte.
»Hi«, sagte er. »Wollen wir dann mal los?«
»Oh, ja«, sagte sie glücklich. »Wo ist die Party?«
»In Slughorns Büro«, sagte Harry und führte sie die Mar-
mortreppe hoch, weg von all dem Gegaffe und Getuschel. »Hast du
gehört, angeblich soll ein Vampir kommen?«
»Rufus Scrimgeour?«, fragte Luna.
»Ich - was?«, sagte Harry verwirrt. »Du meinst den Zaube-
286
reiminister?«
»Ja, er ist ein Vampir«, sagte Luna nüchtern. »Vater hat darüber
einen ganz langen Artikel geschrieben, als Scrimgeour Nachfolger
von Cornelius Fudge wurde, aber jemand vom Ministerium hat ihn
gezwungen, den nicht zu veröffentlichen. Die wollten offensicht-
lich verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt!«
Harry antwortete nicht; er hielt es für äußerst unwahrscheinlich,
dass Rufus Scrimgeour ein Vampir war, doch er war es gewohnt,
dass Luna die verqueren Ansichten ihres Vaters wiedergab, als wä-
ren es Tatsachen. Sie näherten sich bereits Slughorns Büro, und mit
jedem ihrer Schritte schwoll der Lärm von Gelächter, Musik und
lauten Stimmen stärker an.
Ob Slughorns Büro schon so gebaut worden war oder ob er es mit
magischen Kniffen so geformt hatte, es war jedenfalls viel größer
als das normale Arbeitszimmer eines Lehrers. Die Decke und die
Wände waren mit smaragdgrünen, karmesinroten und goldenen
Behängen drapiert, so dass es aussah, als befänden sich alle in einem
riesigen Zelt. Der Raum war voller Leute und stickig und in das
rote Licht einer reich verzierten goldenen Lampe getaucht, die von
der Mitte der Decke herabhing und in der echte Feen flatterten,
jede ein glitzernder Lichtfleck. Lauter Gesang drang aus einer ent-
fernten Ecke, begleitet von etwas, das wie Mandolinen klang; ein
Dunstschleier aus Pfeifenrauch hing über einigen älteren, ins Ge-
spräch vertieften Zauberern, und etliche Hauselfen schlängelten
sich quiekend durch den Wald von Knien, verborgen unter den
schweren silbernen Servierplatten mit Speisen, die sie trugen und
die dabei wie kleine wandernde Tische aussahen.
»Harry, mein Junge!«, dröhnte Slughorn, kaum dass Harry und
Luna sich durch die Tür gezwängt hatten. »Kommen Sie, kommen
Sie, so viele Leute, die ich Ihnen gerne vorstellen möchte!«
Slughorn trug einen Samthut mit Troddeln, der zu seiner Smo-
kingjacke passte. Er packte Harry so fest am Arm, als wäre er gerne
mit ihm disappariert, und führte ihn entschlossen mitten in die
Gästeschar; Harry nahm Luna bei der Hand und zog sie mit sich.
»Harry, darf ich Ihnen Eldred Worple vorstellen, einen ehe-
maligen Schüler von mir, den Autor von
Blutsbrüder: Mein Leben
287
unter Vampiren - und natürlich seinen Freund Sanguini.«
Worple, ein kleiner Mann mit Brille, ergriff Harrys Hand und
schüttelte sie begeistert; der Vampir Sanguini, der groß und ausge-
mergelt war und dunkle Schatten unter den Augen hatte, nickte
nur. Er wirkte recht gelangweilt. Eine neugierige und aufgeregt
schnatternde Schar Mädchen stand in seiner Nähe.
»Harry Potter, ich bin einfach entzückt!«, sagte Worple und späh-
te kurzsichtig hoch in Harrys Gesicht. »Erst kürzlich habe ich zu
Professor Slughorn gesagt:
Wo bleibt die Biografie von Harry Pot-
ter, auf die wir alle warten?«
»Ähm«, sagte Harry, »tatsächlich?«
»Genauso bescheiden, wie Horace ihn beschrieben hat!«, sagte
Worple. »Aber im Ernst -«, sein Gebaren veränderte sich; es wurde
plötzlich geschäftsmäßig, »ich würde sie mit Vergnügen selbst
schreiben - die Leute wollen unbedingt mehr über Sie wissen, mein
Junge, unbedingt! Wenn Sie bereit wären, mir ein paar Interviews
zu geben, sagen wir in jeweils vier- bis fünfstündigen Sitzungen,
nun, dann könnten wir das Buch in wenigen Monaten fertig haben.
Und alles ohne größeren Aufwand Ihrerseits, das versichere ich
Ihnen -fragen Sie Sanguini hier, ob es nicht völlig -
Sanguini, blei-
ben Sie hier!«, fügte Worple plötzlich streng hinzu, denn der Vam-
pir hatte sich mit einem ziemlich hungrigen Blick langsam zu der
Mädchengruppe neben sich hingeschoben. »Hier, essen Sie eine
Pastete«, sagte Worple, nahm eine von einem vorbeilaufenden El-
fen und drückte sie Sanguini in die Hand, ehe er seine Aufmerk-
samkeit wieder Harry widmete.
»Mein lieber Junge, das Gold, das Sie verdienen könnten, Sie ha-
ben ja keine Ahnung -«
»Ich habe absolut kein Interesse«, sagte Harry entschieden, »und
ich sehe gerade eine Freundin von mir, entschuldigen Sie.«
Er mischte sich mit Luna im Schlepptau unter die Menge; tat-
sächlich hatte er gerade eine lange braune Haarmähne zwischen
Leuten verschwinden sehen, die wie zwei von den
Schicksals-
schwestern ausschauten.
»Hermine!
Hermine!«
»Harry! Da bist du ja, gütiger Himmel! Hi, Luna!«
288
»Was ist denn mit dir passiert?«, fragte Harry, denn Hermine
wirkte ausgesprochen zerzaust, ganz als ob sie sich gerade aus ei-
nem Teufelsschlingengestrüpp herausgekämpft hätte.
»Oh, ich bin gerade entkommen - ich meine, ich hab eben Cor-
mac stehen lassen«, sagte sie. »Unter der Mistel«, fügte sie erklärend
hinzu, da Harry sie weiter fragend ansah.
»Geschieht dir recht, was musst du auch mit dem zusammen her-
kommen«, sagte er streng zu ihr.
»Ich dachte, der würde Ron am meisten ärgern«, erwiderte Her-
mine sachlich. »Eine Weile hatte ich an Zacharias Smith gedacht,
aber alles in allem -«
»Du hast an Smith gedacht?«, sagte Harry empört.
»Ja, hab ich, und allmählich bereue ich es, dass ich ihn nicht ge-
nommen hab, im Vergleich zu McLaggen ist Grawp ein echter
Gentleman. Lasst uns hier langgehen, dann sehen wir ihn, falls er
kommt, er ist ja so groß …«
Die drei bahnten sich einen Weg hinüber auf die andere Seite des
Zimmers, nahmen unterwegs Kelche mit Met von den Tabletts und
bemerkten zu spät, dass Professor Trelawney allein dort stand.
»Hallo«, sagte Luna höflich zu Professor Trelawney.
»Guten Abend, meine Liebe«, erwiderte Professor Trelawney und
versuchte unter einigen Schwierigkeiten, Luna ins Auge zu fassen.
Harry konnte wieder einmal Kochsherry riechen. »Ich habe Sie in
letzter Zeit nicht in meinem Unterricht gesehen …«
»Nein, ich hab dieses Jahr Firenze«, sagte Luna.
»Oh, natürlich«, sagte Professor Trelawney mit einem zornigen,
betrunkenen Kichern. »Oder Dobbin, wie ich ihn insgeheim gerne
nenne. Man hätte doch meinen können, dass Professor Dumbledo-
re, jetzt, da ich wieder an der Schule unterrichten darf, dieses Pferd
endlich losgeworden wäre, oder? Aber nein … wir teilen uns den
Unterricht … das ist eine Beleidigung, offen gestanden, eine Belei-
digung. Wissen Sie …«
Professor Trelawney war offenbar so beschwipst, dass sie Harry
gar nicht erkannt hatte. Im Schutz ihrer wütenden Tiraden gegen
Firenze trat Harry unbemerkt näher zu Hermine und sagte: »Lass
uns mal Klartext reden. Hast du vor, Ron zu sagen, dass du bei der
289
Hüter-Auswahl die Hand im Spiel hattest?«
Hermine zog die Augenbrauen hoch.
»Glaubst du wirklich, ich könnte so tief sinken?«
Harry sah sie scharf an.
»Hermine, wenn du es über dich bringst, McLaggen mitzu-
nehmen -«
»Das ist was anderes«, sagte Hermine würdevoll. »Ich habe nicht
vor, Ron irgendwas darüber zu erzählen, was beim Hüter-
Auswahlspiel passiert sein könnte oder nicht.«
»Gut«, sagte Harry hitzig. »Denn sonst kriegt er wieder das große
Flattern und wir verlieren das nächste Spiel -«
»Quidditch!«, sagte Hermine wütend. »Ist das alles, was Jungs in-
teressiert? Cormac wollte nicht das Geringste über mich wissen,
nein, ich bekam nur die ganze Zeit Einhundert Großartige Paraden
von Cormac McLaggen nonstop serviert -o nein, da kommt er!«
Sie war so flink, dass es aussah, als ob sie disappariert wäre; gera-
de war sie noch da gewesen, im nächsten Moment hatte sie sich
zwischen zwei schallend lachende Hexen gedrängt und war ver-
schwunden.
»Hast du Hermine gesehen?«, fragte McLaggen, der sich eine Mi-
nute später durch die dichte Menge zwängte.
»Nein, tut mir Leid«, sagte Harry und wandte sich rasch ab, um
sich an Lunas Unterhaltung zu beteiligen, allerdings hatte er für
eine halbe Sekunde vergessen, mit wem sie sprach.
»Harry Potter!«, sagte Professor Trelawney, die ihn jetzt erst be-
merkte, mit tiefer, vibrierender Stimme.
»Oh, hallo«, erwiderte Harry wenig begeistert.
»Mein lieber Junge!«, sagte sie leise, aber gut hörbar. »Die Ge-
rüchte! Die Geschichten! Der Auserwählte! Natürlich weiß ich es
schon seit langem … Die Omen waren nie gut, Harry … aber wa-
rum machen Sie nicht mit Wahrsagen weiter? Für Sie, gerade für
Sie, ist das Fach von größter Wichtigkeit!«
»Ah, Sybill, jeder von uns hält sein Fach für das wichtigste!«, sag-
te eine laute Stimme, und Slughorn tauchte neben Professor Tre-
lawney auf, mit hochrotem Gesicht und leicht schief sitzendem
Samthut, ein Glas Met in der einen und eine riesige Weihnachts-
290
pastete in der anderen Hand. »Aber ich glaube nicht, dass ich je-
mals ein derartiges Naturtalent in Zaubertränke kennen gelernt
habe!«, sagte Slughorn und bedachte Harry mit einem liebevollen
Blick aus allerdings blutunterlaufenen Augen. »Instinkt, wissen Sie
- wie seine Mutter! Ich hab in meinem ganzen Leben nur wenige
mit einer vergleichbaren Begabung unterrichtet, das dürfen Sie mir
glauben, Sybill - nun, selbst Severus -«
Und zu Harrys Entsetzen streckte Slughorn den Arm aus und zog
wie aus heiterem Himmel Snape zu ihnen her.
»Hören Sie auf, hier herumzuschleichen, und kommen Sie zu uns,
Severus!«, hickste Slughorn fröhlich. »Ich sprach gerade von Harrys
außergewöhnlicher Begabung für Zaubertränke! Natürlich ist es
auch ein wenig Ihr Verdienst, immerhin haben Sie ihn fünf Jahre
lang unterrichtet!«
Mit Slughorns Arm auf seiner Schulter wie in einer Falle gefan-
gen, blickte Snape über seine Hakennase auf Harry hinab und seine
schwarzen Augen verengten sich.
»Merkwürdig, ich hatte nie den Eindruck, dass ich es geschafft
hätte, Potter irgendetwas beizubringen.«
»Meine Rede, das ist ein Naturtalent!«, rief Slughorn. »Sie hätten
sehen sollen, was er mir in der ersten Stunde abgeliefert hat, den
Sud des lebenden Todes - hatte nie einen Schüler, dem er beim
ersten Versuch besser gelungen ist, ich glaube, nicht mal Ihnen,
Severus -«
»Tatsächlich?«, sagte Snape leise und sah Harry nach wie vor
durchdringend an, der eine leise Unruhe spürte. Das Letzte, was er
wollte, war, dass Snape anfing, nach dem Ursprung seiner neuen
Meisterschaft in Zaubertränke zu forschen.
»Was waren noch mal die anderen Fächer, die Sie belegt haben,
Harry?«
»Verteidigung gegen die dunklen Künste, Zauberkunst, Verwand-
lung, Kräuterkunde …«
»Kurz, all die Fächer, die bei einem Auroren vorausgesetzt wer-
den«, sagte Snape mit einem Anflug von Hohn.
»Ja, das will ich auch werden«, sagte Harry trotzig.
»Und Sie werden zu den Großen gehören!«, dröhnte Slughorn.
291
»Ich glaube nicht, dass du ein Auror werden solltest, Harry«, warf
Luna überraschend ein. Alle sahen sie an. »Die Auroren sind Teil
der Rotfang-Verschwörung, ich dachte, das wüssten alle. Sie arbei-
ten im Zaubereiministerium, um es von innen heraus zu Fall zu
bringen, und verwenden eine Kombination aus schwarzer Magie
und Zahnfleischentzündung.«
Harry bekam die Hälfte seines Mets in die Nase, als er zu lachen
anfing. Allein dafür hatte es sich wirklich gelohnt, Luna mitzubrin-
gen. Als er hustend, pitschnass, aber immer noch grinsend aus sei-
nem Kelch auftauchte, sah er etwas, das seine Laune nur noch
verbessern konnte: Draco Malfoy, der von Argus Filch an den Oh-
ren zu ihnen hergeschleift wurde.
»Professor Slughorn«, schnaufte Filch mit zitternden Wangen,
und in seinen Glubschaugen lag das fanatische Flackern von einem,
der Störenfriede aufspürt, »ich habe diesen Jungen in einem Korri-
dor oben herumlungern sehen. Er behauptet, zu Ihrer Party einge-
laden worden zu sein, er sei aber aufgehalten worden und zu spät
losgegangen. Haben Sie ihm eine Einladung ausgestellt?«
Malfoy riss sich mit wütender Miene von Filchs Griff los.
»Okay, ich war nicht eingeladen!«, sagte er aufgebracht. »Ich hab
versucht, mich reinzuschmuggeln, zufrieden?«
»Nein, bin ich nicht!«, sagte Filch, eine Behauptung, die gar nicht
zu der Schadenfreude auf seinem Gesicht passte. »Jetzt kriegst du
Ärger, aber wie! Hat der Schulleiter nicht gesagt, dass es mit dem
nächtlichen Herumschleichen vorbei ist, außer ihr habt die Er-
laubnis, oder was?«
»Schon gut, Argus, schon gut«, sagte Slughorn mit einer lässigen
Handbewegung. »Es ist Weihnachten, und es ist kein Verbrechen,
auf eine Party gehen zu wollen. Für dieses Mal vergessen wir ir-
gendwelche Strafen; Sie können bleiben, Draco.«
Dass Filch ein empörtes und enttäuschtes Gesicht machte, war
vollkommen vorhersehbar gewesen; aber warum, fragte sich Harry
mit Blick auf Malfoy, sah dieser fast genauso unglücklich aus? Und
warum schaute Snape Malfoy an, als wäre er sowohl wütend als
auch … war es möglich? … ein wenig beklommen?
Doch ehe Harry ganz begriffen hatte, was er eben gesehen hatte,
292
hatte Filch sich umgedreht und war vor sich hin murrend davon-
geschlurft; Malfoy hatte ein Grinsen aufgesetzt und dankte Slug-
horn für seine Großzügigkeit, und Snapes Miene war wieder glatt
und unergründlich.
»Keine Ursache, keine Ursache«, sagte Slughorn und tat Malfoys
Dank mit einer Handbewegung ab. »Schließlich kannte ich Ihren
Großvater …«
»Er hat immer in höchsten Tönen von Ihnen gesprochen, Sir«,
sagte Malfoy rasch. »Sie seien der beste Zaubertrankmeister, den er
je kennen gelernt habe …«
Harry starrte Malfoy an. Es war nicht das Geschleime, das ihn
überraschte; er hatte lange genug mit angesehen, wie Malfoy sich
bei Snape eingeschleimt hatte. Vielmehr wunderte ihn, dass Malfoy
in der Tat ein wenig kränklich wirkte. Es war das erste Mal seit
langer Zeit, dass er Malfoy aus der Nähe sah; jetzt fiel ihm auf, dass
Malfoy dunkle Ringe unter den Augen hatte und seine Haut ein-
deutig einen gräulichen Ton aufwies.
»Ich würde gerne ein Wort mit Ihnen reden, Draco«, sagte Snape
plötzlich.
»Oh, nun aber, Severus«, sagte Slughorn mit einem erneuten
Hicksen, »es ist Weihnachten, seien Sie nicht so hart -«
»Ich bin sein Hauslehrer, und ich entscheide, wie hart oder sonst
etwas ich bin«, sagte Snape barsch. »Folgen Sie mir, Draco.«
Sie gingen davon, Snape voraus, Malfoy mit ärgerlicher Miene
hinterher. Harry stand einen Moment lang unschlüssig da, dann
sagte er: »Ich bin gleich wieder zurück, Luna - ähm - ich muss mal
kurz.«
»Alles klar«, sagte sie fröhlich, und während er durch die Menge
davoneilte, meinte er zu hören, dass sie das Gespräch über die Rot-
fang-Verschwörung mit Professor Trelawney fortsetzte, die ehrlich
interessiert schien.
Sobald er der Party den Rücken gekehrt hatte, war es einfach,
den Tarnumhang aus der Tasche zu ziehen und sich überzuwerfen,
denn der Korridor war vollkommen ausgestorben. Schwieriger war
es, Snape und Malfoy zu finden. Harry rannte den Korridor ent-
lang, der Lärm seiner Schritte wurde von der Musik und den lauten
293
Stimmen übertönt, die immer noch aus Slughorns Büro hinter ihm
drangen. Vielleicht hatte Snape Malfoy in sein Büro in den Kerkern
mitgenommen … oder vielleicht begleitete er ihn zurück in den
Gemeinschaftsraum der Slytherins … Aber während Harry den
Korridor entlangeilte, drückte er sein Ohr an jede Tür, bis er vor
Aufregung zusammenfuhr, als er sich vor das Schlüsselloch des
letzten Klassenzimmers im Gang kauerte und Stimmen hörte.
»… kann mir keine Fehler leisten, Draco, denn wenn man Sie
rauswirft -«
»Ich hatte nichts damit zu tun, klar?«
»Ich hoffe, Sie sagen die Wahrheit, weil es so ungeschickt wie tö-
richt war. Sie werden bereits verdächtigt, die Hand im Spiel zu
haben.«
»Wer verdächtigt mich?«, sagte Malfoy zornig. »Zum letzten Mal,
ich habe es nicht getan, okay? Diese Bell muss einen Feind gehabt
haben, von dem niemand weiß -schauen Sie mich nicht so an! Mir
ist klar, was Sie tun, ich bin nicht dumm, aber es wird nicht funkti-
onieren - ich kann Sie aufhalten!«
Eine Pause trat ein, dann sagte Snape leise: »Ah … Tante Bellatrix
hat Ihnen Okklumentik beigebracht, ich verstehe. Welche Gedan-
ken versuchen Sie vor Ihrem Meister zu verbergen, Draco?«
»Ich versuche nicht, irgendetwas vor
ihm zu verbergen, ich will
nur nicht, dass
Sie sich einmischen!«
Harry drückte sein Ohr noch fester gegen das Schlüsselloch …
was war geschehen, dass Malfoy so mit Snape sprach, mit Snape,
dem er immer Respekt und sogar Zuneigung gezeigt hatte?
»Also deshalb sind Sie mir dieses Schuljahr aus dem Weg gegan-
gen? Sie fürchten, dass ich mich einmische? Ihnen ist doch klar,
dass, wenn ein anderer es sich erlaubt hätte, nicht in meinem Büro
zu erscheinen, obwohl ich ihn wiederholt einbestellt habe, Draco -
«
»Dann lassen Sie mich doch nachsitzen! Zeigen Sie mich bei
Dumbledore an!«, höhnte Malfoy.
Wieder trat eine Pause ein. Dann sagte Snape: »Sie wissen ganz
genau, dass ich weder das eine noch das andere tun möchte.«
»Dann bestellen Sie mich einfach nicht mehr in Ihr Büro!«
294
»Hören Sie zu«, sagte Snape, nun mit so leiser Stimme, dass Harry
das Ohr ganz fest gegen das Schlüsselloch pressen musste, um sie zu
hören. »Ich versuche Ihnen zu helfen. Ich habe Ihrer Mutter ge-
schworen, ich würde Sie beschützen. Ich habe einen Unbrechbaren
Schwur geleistet, Draco -«
»Dann sieht es ganz so aus, als müssten Sie ihn brechen, weil ich
Ihren Schutz nicht brauche! Es ist mein Auftrag, er hat ihn mir
erteilt, und ich führe ihn aus. Ich habe einen Plan und der wird
funktionieren, es dauert nur ein bisschen länger, als ich dachte!«
»Worin besteht Ihr Plan?«
»Das geht Sie nichts an!«
»Wenn Sie mir sagen, was Sie tun wollen, kann ich Ihnen dabei
helfen -«
»Ich habe jede Hilfe, die ich brauche, danke, ich bin nicht allein!«
»Heute Abend waren Sie zweifellos allein, was äußerst töricht
war, Sie sind durch die Korridore gestreift, ohne Wachposten oder
Absicherung. Das sind elementare Fehler -«
»Ich hätte Crabbe und Goyle bei mir gehabt, wenn Sie sie nicht
hätten nachsitzen lassen!«
»Nicht so laut!«, zischte Snape, denn Malfoys Stimme war vor
Aufregung lauter geworden. »Wenn Ihre Freunde Crabbe und Goy-
le die Absicht haben, diesmal ihre ZAGs in Verteidigung gegen die
dunklen Künste zu bestehen, dann müssen sie ein wenig fleißiger
arbeiten, als sie es gegenwär-«
»Was spielt das für eine Rolle?«, sagte Malfoy. »Verteidigung ge-
gen die dunklen Künste - das ist doch alles nur ein Witz, oder, ein
Theaterspiel? Als ob irgendeiner von uns vor den dunklen Künsten
geschützt werden müsste -«
»Es ist ein Theaterspiel, das entscheidend ist für den Erfolg, Dra-
co!«, sagte Snape. »Wo, glauben Sie, wäre ich all die Jahre geblie-
ben, wenn ich nicht gewusst hätte, wie man Theater spielt? Nun
hören Sie mir zu! Sie sind unvorsichtig, streifen des Nachts umher,
lassen sich erwischen, und wenn Sie Ihr Vertrauen in Gehilfen wie
Crabbe und Goyle setzen -«
»Die sind nicht die Einzigen, ich hab noch andere Leute auf mei-
ner Seite, bessere!«
295
»Warum vertrauen Sie sich dann nicht mir an, ich kann -«
»Ich weiß, was Sie vorhaben! Sie wollen mir den Ruhm stehlen!«
Wieder trat eine Pause ein, dann sagte Snape kühl: »Sie reden wie
ein Kind. Ich verstehe vollkommen, dass die Gefangennahme und
Inhaftierung Ihres Vaters Sie aufgewühlt hat, aber -«
Harry war kaum eine Sekunde vorgewarnt; er hörte Malfoys
Schritte auf der anderen Seite der Tür und hechtete aus dem Weg,
gerade als sie aufsprang; Malfoy marschierte den Korridor entlang
davon, an der offenen Tür zu Slughorns Büro vorbei, und ver-
schwand weit hinten um die Ecke.
Harry wagte kaum zu atmen und blieb zusammengekauert, wäh-
rend Snape langsam aus dem Klassenzimmer kam. Mit unergründli-
cher Miene kehrte er zum Fest zurück. Harry blieb unter seinem
Tarnumhang verborgen auf dem Boden sitzen und in seinem Kopf
überschlugen sich die Gedanken.
296
Sehr frostige Weihnachten
»Also hat Snape ihm seine Hilfe angeboten? Er hat ihm eindeutigseine Hilfe angeboten?«
»Wenn du mich das noch einmal fragst«, erwiderte Harry, »dann
steck ich dir diesen Rosenkohl -«
»Ich wollt ja nur wissen!«, sagte Ron. Sie standen zu zweit am
Spülbecken in der Küche des Fuchsbaus und putzten für Mrs Weas-
ley einen Berg Rosenkohl. Draußen vor dem Fenster trieb Schnee
vorbei.
»Ja, Snape hat ihm seine Hilfe angeboten!«, sagte Harry. »Er hat
angeblich Malfoys Mutter versprochen, ihn zu beschützen, er hat
einen Unbrechbaren Eid oder so was geleistet -«
»Einen Unbrechbaren Schwur?«, sagte Ron mit verdutzter Miene.
»Ach was, das kann nicht sein … bist du sicher?«
»Ja, allerdings«, sagte Harry. »Wieso, was bedeutet das?«
»Nun, man kann einen Unbrechbaren Schwur nicht brechen …«
»Komisch, aber da wär ich auch selbst drauf gekommen. Also,
was passiert, wenn man ihn bricht?«
»Man stirbt«, sagte Ron schlicht. »Als ich fünf war, haben Fred
und George mal versucht mich zu so was zu bringen. Ich war auch
schon fast so weit, hab Freds Hand gehalten und alles, und in dem
Moment hat Dad uns gefunden. Er ist völlig ausgerastet«, sagte Ron,
der bei der Erinnerung ein Funkeln in den Augen bekam. »Das
einzige Mal, dass ich Dad genauso wütend erlebt habe wie Mum.
Fred meint, dass seine linke Pobacke seither nicht mehr die alte
ist.«
»Ja, schön, aber Freds linke Pobacke mal beiseite -«
»Wie bitte?«, sagte Freds Stimme, und die Zwillinge betraten die
Küche.
»Aaah, George, schau dir das an. Die benutzen Messer und alles.
Wie niedlich.«
»In zwei Monaten und 'n paar Tagen werd ich siebzehn«, erwi-
derte Ron mürrisch, »dann kann ich das mit einem Zauber erledi-
gen!«
297
»Aber bis dahin«, sagte George, setzte sich an den Küchentisch
und legte die Füße darauf, »haben wir das Vergnügen, euch dabei
zuzusehen, wie ihr uns den richtigen Gebrauch eines - hoppala.«
»Das warst du!«, sagte Ron zornig und leckte an seinem blutenden
Daumen. »Wart nur, wenn ich erst mal siebzehn bin -«
»Ich bin sicher, du wirst uns alle mit bislang ungeahnten magi-
schen Fähigkeiten verblüffen.« Fred gähnte.
»Und wo wir schon bei bislang ungeahnten magischen Fä-
higkeiten sind, Ronald«, sagte George, »was hören wir da von Gin-
ny über dich und eine junge Dame namens - wenn unsere Informa-
tionen nicht falsch sind - Lavender Brown?«
Ron lief leicht rosa an, wirkte aber nicht verstimmt, als er sich
wieder dem Rosenkohl zuwandte.
»Kümmert euch doch um euren eigenen Kram.«
»Welch schlagfertige Antwort«, sagte Fred. »Ich weiß wirklich
nicht, wie du immer auf so was kommst. Nein, was wir wissen
wollten, war … wie ist es passiert?«
»Was meinst du?«
»Hatte sie vielleicht einen Unfall?«
»Was?«
»Na, wie hat sie sich einen so beträchtlichen Hirnschaden zuge-
zogen? - Hör auf damit!«
Mrs Weasley betrat die Küche und bekam gerade noch mit, wie
Ron das Rosenkohlmesser nach Fred warf, der es mit einem trägen
Schlenker seines Zauberstabs in einen Papierflieger verwandelte.
»Ron!«, sagte sie wütend. »Ich möchte nie wieder sehen, dass du
ein Messer wirfst!«
»In Ordnung«, sagte Ron, »ich lass es dich nie wieder sehen«, er-
gänzte er leise und widmete sich erneut dem Berg Rosenkohl.
»Fred, George, tut mir Leid, meine Lieben, aber Remus kommt
heute Abend, also muss ich Bill bei euch beiden unterbringen!«
»Kein Problem«, sagte George.
»Gut, und da Charlie nicht heimkommt, sind Harry und Ron al-
lein in der Dachkammer, und wenn Fleur bei Ginny schläft -«
»- damit ist Weihnachten für Ginny gelaufen -«, murmelte Fred.
»- sind alle bequem untergebracht. Naja, jedenfalls haben alle ein
298
Bett -«, sagte Mrs Weasley und klang leicht erschöpft.
»Percy lässt sein hässliches Gesicht also definitiv nicht blicken?«,
fragte Fred.
Mrs Weasley wandte sich ab, ehe sie antwortete.
»Nein, ich nehme an, er hat im Ministerium zu tun.«
»Oder er ist der größte Schwachkopf der Welt«, sagte Fred, als
Mrs Weasley die Küche verließ. »Eins von beidem. Also, dann mal
los, George.«
»Was habt ihr beiden vor?«, fragte Ron. »Könnt ihr uns nicht mit
diesem Rosenkohl helfen? Ihr könntet einfach eure Zauberstäbe
benutzen und dann hätten wir auch frei!«
»Nein, ich denke nicht, dass wir das tun können«, sagte Fred
ernst. »Es trägt sehr zur Charakterbildung bei, wenn man lernt,
Rosenkohl ohne Magie zu putzen, da könnt ihr mal sehen, wie
schwierig es für Muggel und Squibs ist -«
»- und wenn du willst, dass dir einer hilft, Ron«, fügte George
hinzu und schickte ihm den Papierflieger entgegen, »würde ich
nicht mit Messern nach ihm werfen. Nur als kleiner Hinweis. Wir
sind dann im Dorf, im Schreibwarenladen arbeitet ein sehr hüb-
sches Mädchen, das meint, dass meine Kartentricks was Wunderba-
res sind … fast wie richtige Magie …«
»Blödmänner«, sagte Ron finster und sah Fred und George nach,
die über den verschneiten Hof davongingen. »Die hätten nur zehn
Sekunden gebraucht, und dann hätten wir auch verschwinden
können.«
»Ich nicht«, sagte Harry. »Ich hab Dumbledore versprochen, dass
ich nicht durch die Gegend ziehe, solange ich hier bin.«
»Oh, na gut«, sagte Ron. Er putzte noch ein wenig Rosenkohl,
dann sagte er: »Erzählst du Dumbledore, was Snape und Malfoy
miteinander beredet haben?«
»Jep«, sagte Harry. »Ich sag es jedem, der diese Sache aufhalten
kann, und Dumbledore ist der Erste auf der Liste. Und mit deinem
Dad unterhalte ich mich vielleicht auch noch mal.«
»Schade nur, dass du nicht gehört hast, was Malfoy eigentlich
macht.«
»Das konnte ich ja gar nicht, oder? Der Punkt war doch, dass er es
299
Snape nicht erzählen wollte.«
Einige Augenblicke herrschte Schweigen, dann sagte Ron: »Du
weißt natürlich, was sie alle sagen werden? Dad und Dumbledore
und die andern? Sie werden sagen, dass Snape gar nicht wirklich
versucht, Malfoy zu helfen, dass er nur rausfinden wollte, was Mal-
foy vorhat.«
»Die haben ihn nicht gehört«, sagte Harry tonlos. »So gut kann
keiner schauspielern, nicht mal Snape.«
»Jaah, trotzdem … ich wollt's dir nur sagen«, erwiderte Ron.
Harry sah sich stirnrunzelnd zu ihm um.
»Aber du glaubst doch, dass ich Recht habe?«
»Jaah, schon!«, sagte Ron hastig. »Ehrlich! Aber die sind alle über-
zeugt, weil Snape ja im Orden ist, oder?«
Harry sagte nichts. Der Gedanke war ihm bereits gekommen, dass
das der wahrscheinlichste Einwand gegen seine neuen Beweise sein
würde; er hörte Hermine schon sagen:
»Ganz klar, Harry, er hat so getan, als würde er Hilfe anbieten,
damit Malfoy darauf reinfällt und ihm verrät, was er vorhat …«
Doch das spielte sich nur in seiner Phantasie ab, denn er hatte
keine Möglichkeit gehabt, Hermine zu erzählen, was er mitgehört
hatte. Sie war von Slughorns Party verschwunden, ehe er zurück-
gekehrt war, zumindest hatte er das von einem wütenden McLag-
gen erfahren, und als er dann in den Gemeinschaftsraum kam, war
sie schon zu Bett gegangen. Da Harry und Ron früh am nächsten
Tag zum Fuchsbau abgereist waren, hatte er kaum Zeit gehabt, ihr
frohe Weihnachten zu wünschen und ihr zu sagen, dass er nach
den Ferien sehr wichtige Neuigkeiten für sie habe. Er war sich je-
doch nicht ganz sicher, ob sie ihn gehört hatte; Ron und Lavender
hatten sich gerade unmittelbar hinter ihm auf höchst ungesagte Art
und Weise verabschiedet.
Dennoch, selbst Hermine würde eines nicht bestreiten können:
Malfoy führte ganz bestimmt etwas im Schilde, und Snape wusste
es, deshalb fand Harry, dass er mit gutem Recht behaupten konnte:
»Ich hab's euch doch gesagt«, was er Ron gegenüber auch schon
einige Male getan hatte.
Harry hatte keine Gelegenheit, mit Mr Weasley zu sprechen, der
300
immer erst sehr spät von der Arbeit aus dem Ministerium nach
Hause kam, bis es dann schon Heiligabend war. Die Weasleys und
ihre Gäste saßen im Wohnzimmer, das Ginny so üppig geschmückt
hatte, dass man eher den Eindruck hatte, mitten in einem Vulkan-
ausbruch von Girlanden zu sitzen. Fred, George, Harry und Ron
waren die Einzigen, die wussten, dass der Engel an der Spitze des
Baums in Wahrheit ein Gartengnom war, der Fred beim Karotten-
holen für das Weihnachtsabendessen in den Knöchel gebissen hat-
te. Von einem Schockzauber gebannt, golden angemalt, in ein win-
ziges Ballettröckchen gezwängt und mit angeklebten Flügelchen
auf dem Rücken schaute er böse auf sie alle herab, der hässlichste
Engel, den Harry je gesehen hatte, mit einem großen kahlen Kar-
toffelkopf und ziemlich behaarten Füßen.
Eigentlich sollten sie alle einem weihnachtlichen Funkkonzert
von Mrs Weasleys Lieblingssängerin, Celestina Warbeck, lauschen,
deren Stimme aus dem großen hölzernen Radio trällerte. Doch
Fleur, die Celestina offenbar sehr langweilig fand, redete so laut in
ihrer Ecke, dass Mrs Weasley mit finsterer Miene immer wieder
den Zauberstab auf den Lautstärkeregler richtete und Celestina
ständig lauter wurde. Im Schutz einer besonders jazzigen Nummer
mit dem Titel »Ein Kessel voller heißer, starker Liebe« begannen
Fred und George unbemerkt eine Runde Zauberschnippschnapp
mit Ginny. Ron warf Bill und Fleur ständig verstohlene Blicke zu,
als hoffte er, etwas abkupfern zu können. Unterdessen saß Remus
Lupin, der magerer und zerlumpter aussah denn je, am Feuer und
starrte in dessen Tiefen, als könnte er Celestinas Stimme nicht hö-
ren. »Oh, komm und rühr meinen Kessel,
bist du einer, der's richtig macht,
koch ich dir heiße, starke Liebe,
die dich warm hält heute Nacht.«
»Dazu haben wir getanzt, als wir achtzehn waren!«, sagte Mrs
Weasley und wischte sich die Augen an ihrem Strickzeug ab.
»Weißt du noch, Arthur?«
301
»Mpff?«, machte Mr Weasley, der über der Mandarine, die er
schälte, eingenickt war. »O ja … wundervolles Lied …«
Mit einem Ruck setzte er sich ein wenig aufrechter hin und
wandte sich Harry zu, der neben ihm saß.
»Ich kann leider nichts dafür«, sagte er, und sein Kopf zuckte in
Richtung Radio, als Celestina den Refrain anstimmte. »Ist bald zu
Ende.«
»Kein Problem«, sagte Harry grinsend. »War sehr viel los im Mi-
nisterium?«
»Allerdings«, sagte Mr Weasley. »Das würde mir ja nichts ausma-
chen, wenn wir nur irgendwie vorankämen, doch ich bezweifle,
dass einer von den drei Leuten, die wir in den letzten paar Monaten
verhaftet haben, ein echter Todesser ist -aber erzähl das bloß nicht
weiter, Harry«, fügte er rasch hinzu und wirkte plötzlich viel wa-
cher.
»Halten die etwa immer noch Stan Shunpike fest?«, fragte Harry.
»Ich fürchte, ja«, sagte Mr Weasley. »Ich weiß, dass Dumbledore
versucht hat, bei Scrimgeour persönlich ein Wort für Stan einzule-
gen … ich meine, jeder, der Stan selbst befragt hat, gibt zu, dass er
ungefähr so viel von einem Todesser hat wie diese Mandarine …
aber in der Führungsetage will man den Eindruck vermitteln, dass
es gewisse Fortschritte gibt, und ›drei Leute verhaftet‹ klingt besser
als ›drei Leute irrtümlich verhaftet und wieder freigelassen‹ … aber
noch mal, das ist alles streng geheim …«
»Ich werd nichts ausplaudern«, sagte Harry. Er zögerte einen
Moment, weil er nicht wusste, wie er am besten mit seinem Thema
anfangen sollte; während er seine Gedanken ordnete, stimmte Ce-
lestina Warbeck eine Ballade an: »Dein Zauber riss mir das Herz
aus der Brust«.
»Mr Weasley, erinnern Sie sich noch, was ich Ihnen am Bahnhof
gesagt habe, als wir zur Schule gefahren sind?«
»Ich habe nachgeforscht, Harry«, antwortete Mr Weasley sofort.
»Ich hab das Haus der Malfoys tatsächlich durchsucht. Da war
nichts, was nicht hätte dort sein dürfen, weder was Kaputtes noch
was Ganzes.«
»Jaah, ich weiß, ich hab im
Propheten gelesen, dass Sie nach-
302
gesehen haben … aber ich hab da noch etwas anderes … also, das
ist schon was Handfestes …«
Und Harry erzählte Mr Weasley alles, was er von Malfoys und
Snapes Unterhaltung mitbekommen hatte. Während er sprach, sah
er, wie Lupin den Kopf ein wenig zu ihm drehte und jedem Wort
lauschte. Als er fertig war, trat eine Stille ein und nur noch Celesti-
nas Schmachtgesang war zu hören.»Oh, mein arm Herz, wo ist es hin?
Verlassen hat es mich für einen Zauber …«
»Ist dir schon mal der Gedanke gekommen, Harry«, sagte Mr Weas-
ley, »dass Snape vielleicht einfach nur so getan hat -«
»Dass er so getan hat, als würde er Hilfe anbieten, um he-
rauszufinden, was Malfoy vorhat?«, sagte Harry rasch. »Ja, ich
dachte mir, dass Sie das sagen würden. Aber wie wollen wir das
rauskriegen?«
»Es ist nicht unsere Sache, das herauszukriegen«, sagte Lupin un-
erwartet. Er hatte dem Feuer nun den Rücken zugewandt und sah
an Mr Weasley vorbei zu Harry. »Das ist Dumbledores Sache.
Dumbledore vertraut Severus, und das sollte uns allen genügen.«
»Aber«, sagte Harry, »angenommen - nur angenommen, Dumble-
dore irrt sich bei Snape -«
»Das wird immer wieder behauptet. Es geht letztendlich darum,
ob man Dumbledores Urteil vertraut oder nicht. Ich tue es; deshalb
vertraue ich Severus.«
»Aber Dumbledore kann Fehler machen«, wandte Harry ein. »Er
sagt es selber. Und Sie -«
Er blickte Lupin direkt in die Augen.
»- mögen Sie Snape wirklich?«
»Ich mag Severus nicht, aber er ist mir auch nicht zuwider«, sagte
Lupin. »Nein, Harry, ich sage es ganz ehrlich«, fügte er hinzu, da
Harry eine ungläubige Miene aufsetzte. »Wir werden vielleicht nie
Busenfreunde werden, nach all dem, was zwischen James und Siri-
us und Severus geschehen ist, da liegt zu viel Bitterkeit drin. Aber
ich vergesse nicht, dass Severus in dem Jahr, als ich in Hogwarts
303
unterrichtet habe, jeden Monat den Wolfsbann-Trank für mich
zubereitet hat, und zwar tadellos, so dass ich nicht wie sonst bei
Vollmond zu leiden hatte.«
»Aber es ist ihm ›zufällig‹ rausgerutscht, dass Sie ein Werwolf
sind, und deshalb mussten Sie gehen!«, sagte Harry zornig.
Lupin zuckte die Achseln.
»Das wäre ohnehin durchgesickert. Wir wissen beide, dass er
meine Stelle wollte, aber er hätte mir viel mehr schaden können,
wenn er den Zaubertrank verpfuscht hätte. Er hat dafür gesorgt,
dass ich gesund blieb. Ich muss ihm dankbar sein.«
»Vielleicht hat er es nicht gewagt, irgendwas mit dem Zau-
bertrank anzustellen, weil Dumbledore ihn beobachtet hat!«, sagte
Harry.
»Du willst ihn unbedingt hassen, Harry«, sagte Lupin mit einem
schwachen Lächeln. »Und ich verstehe das; mit James als deinem
Vater und Sirius als deinem Paten hast du ein altes Vorurteil ge-
erbt. Erzähl unbedingt Dumbledore, was du Arthur und mir erzählt
hast, aber erwarte nicht, dass er deine Auffassung in dieser Sache
teilt; erwarte nicht mal, dass er von dem, was du ihm erzählst, ü-
berrascht ist. Möglicherweise hat Severus Draco auf Dumbledores
Befehl hin befragt.«»… mein Herz, du hast es ganz zerrissen,
gib's mir zurück, ich will's nicht missen!«
Celestina beendete ihr Lied mit einem sehr langen hohen Ton, und
als lauter Beifall aus dem Radio drang, stimmte Mrs Weasley be-
geistert ein.
»Ist es su Ende?«, sagte Fleur laut. »Gütiger 'immel, was für eine
schrecklische -«
»Wie wär's noch mit einem kleinen Schlummertrunk?«, fragte Mr
Weasley laut und sprang auf. »Wer möchte Eierflip?«
»Was haben Sie in letzter Zeit gemacht?«, fragte Harry Lupin,
während Mr Weasley davonwuselte, um den Eierflip zu holen, und
alle anderen sich streckten und anfingen sich zu unterhalten.
»Oh, ich war im Untergrund«, sagte Lupin. »Fast buchstäblich.
304
Deshalb konnte ich nicht schreiben, Harry; wenn ich dir Briefe
geschickt hätte, dann hätte ich mich praktisch verraten.«
»Was meinen Sie damit?«
»Ich habe unter meinen Artgenossen gelebt, unter meines-
gleichen«, sagte Lupin. »Werwölfe«, fügte er hinzu, als er Harrys
verständnisloses Gesicht sah. »Sie sind fast alle auf Voldemorts Sei-
te. Dumbledore brauchte einen Spion, und da war ich … wie ge-
schaffen für die Aufgabe.«
Er klang ein wenig bitter und merkte es wohl auch, denn als er
fortfuhr, lächelte er freundlicher. »Ich will mich nicht beklagen;
diese Arbeit ist notwendig, und wer kann sie besser erledigen als
ich? Doch es war schwierig, ihr Vertrauen zu gewinnen. Ich trage
die unverkennbaren Zeichen eines Mannes, der versucht hat unter
Zauberern zu leben, verstehst du, während sie sich von der norma-
len Gesellschaft fern halten und am Rande leben, stehlen - und
manchmal töten -, um zu überleben.«
»Wie kommt es, dass sie Voldemort mögen?«
»Sie glauben, dass sie unter seiner Herrschaft ein besseres Leben
haben werden«, sagte Lupin. »Und es ist schwierig, dagegen anzu-
kommen, solange Greyback da draußen ist …«
»Wer ist Greyback?«
»Du hast noch nicht von ihm gehört?« Lupins Hände ver-
krampften sich jäh in seinem Schoß. »Fenrir Greyback ist vielleicht
der blutrünstigste Werwolf, der heute lebt. Er betrachtet es als sei-
ne Mission, so viele Leute wie möglich zu beißen und anzustecken;
er will so viele Werwölfe hervorbringen, dass er die Zauberer be-
siegen kann. Voldemort hat ihm als Gegenleistung für seine Diens-
te Beute angeboten. Greyback ist auf Kinder spezialisiert … beiß
sie, wenn sie noch jung sind, sagt er, und zieh sie fern von ihren
Eltern auf, erziehe sie zum Hass auf normale Zauberer. Voldemort
droht Leuten damit, ihn auf ihre Söhne und Töchter loszulassen;
mit dieser Drohung ist er meistens erfolgreich.«
Lupin hielt inne, dann sagte er: »Es war Greyback, der mich ge-
bissen hat.«
»Was?«, sagte Harry erstaunt. »Als - als Sie noch ein Kind waren,
meinen Sie?«
305
»Ja. Mein Vater hatte ihn beleidigt. Sehr lange Zeit kannte ich die
Identität des Werwolfs nicht, der mich angegriffen hatte; ich hatte
sogar Mitleid mit ihm, weil ich dachte, er hätte keine Kontrolle
über sich gehabt, da ich inzwischen wusste, wie es sich anfühlt,
wenn man sich verwandelt. Aber Greyback ist nicht so. Bei Voll-
mond legt er sich in der Nähe von Opfern auf die Lauer, dicht ge-
nug dran, um zuschlagen zu können. Er plant das alles. Und das ist
der Mann, den Voldemort benutzt, um die Werwölfe hinter sich zu
bringen. Ich kann nicht behaupten, dass meine Art, vernünftig zu
argumentieren, gegen Greybacks Parolen viel ausrichtet, wenn er
sagt, dass wir Werwölfe Blut verdient haben, dass wir uns an nor-
malen Menschen rächen sollten.«
»Aber Sie sind doch normal«, sagte Harry heftig. »Sie haben nur
ein - ein Problem -«
Lupin lachte laut auf.
»Manchmal erinnerst du mich sehr an James. Er hat es mein ›pel-
ziges kleines Problem‹ genannt, wenn wir unter Leuten waren.
Viele nahmen an, dass ich ein unartiges Kaninchen besitze.«
Er nahm dankend ein Glas Eierflip von Mr Weasley entgegen und
wirkte jetzt eine Spur fröhlicher. Harry jedoch überkam plötzlich
Aufregung: Als der Name seines Vaters eben gefallen war, hatte er
sich daran erinnert, dass er Lupin unbedingt etwas fragen wollte.
»Haben Sie schon mal von jemandem gehört, der Halbblutprinz
heißt?«
»Halbblut- was?«
»Prinz«, sagte Harry und beobachtete ganz genau, ob er irgendein
Zeichen des Wiedererkennens zeigte.
»Es gibt keine Prinzen in der Zaubererwelt«, sagte Lupin und lä-
chelte jetzt. »Willst du dir diesen Titel zulegen? Ich hätte gedacht,
der ›Auserwählte‹ zu sein würde genügen.«
»Das hat nichts mit mir zu tun!«, sagte Harry ungehalten. »Der
Halbblutprinz ist jemand, der früher mal Schüler in Hogwarts war,
ich hab sein altes Zaubertrankbuch. Er hat es mit Zaubersprüchen
voll geschrieben, die er selbst erfunden hat. Einer davon war
Levi-
corpus -«
»Oh, der war zu meiner Zeit in Hogwarts ziemlich beliebt«, erin-
306
nerte sich Lupin. »Es gab ein paar Monate in meinem fünften Jahr,
in denen man sich kaum bewegen konnte, weil man ständig an den
Knöcheln in die Luft gerissen wurde.«
»Mein Dad hat ihn verwendet«, sagte Harry. »Ich hab ihn im
Denkarium gesehen, er hat ihn gegen Snape eingesetzt.«
Er wollte eigentlich beiläufig klingen, als wäre es eine un-
bedeutende, eher belanglose Bemerkung, aber er war nicht sicher,
ob er die richtige Wirkung erzielt hatte; Lupin lächelte eine Spur
zu verständnisvoll.
»Ja«, sagte er, »aber er war nicht der Einzige. Wie gesagt, der
Zauber war sehr populär … du weißt ja, wie die auftauchen und
wieder verschwinden …«
»Aber mir kommt es vor, als wäre er während Ihrer Schulzeit er-
funden worden«, beharrte Harry.
»Nicht zwangsläufig«, sagte Lupin. »Zauber kommen und gehen
mit der Mode, wie alles andere auch.« Er sah Harry ins Gesicht,
und dann sagte er leise: »James war ein Reinblüter, Harry, und ich
versichere dir, er hat uns nie aufgefordert, ihn ›Prinz‹ zu nennen.«
Harry verstellte sich nicht länger, als er fragte: »Und es war nicht
Sirius? Und Sie waren es auch nicht?«
»Ganz bestimmt nicht.«
»Oh.« Harry starrte ins Feuer. »Ich dachte nur - also, er hat mir
im Zaubertrankunterricht sehr geholfen, dieser Prinz.«
»Wie alt ist das Buch, Harry?«
»Keine Ahnung, ich hab nicht nachgeschaut.«
»Nun, vielleicht gibt dir das einen Hinweis darauf, wann der
Prinz in Hogwarts war«, sagte Lupin.
Wenig später beschloss Fleur, Celestina nachzueifern, und sang
»Ein Kessel voller 'eißer, starker Liebe«, was von allen, sobald sie
einen Blick auf Mrs Weasleys Miene geworfen hatten, als Signal
verstanden wurde, schlafen zu gehen. Harry und Ron stiegen hin-
auf in Rons Dachzimmer, wo für Harry ein Feldbett aufgestellt
worden war.
Ron schlief fast sofort ein, doch Harry grub in seinem Koffer und
zog sein
Zaubertränke für Fortgeschrittene heraus, ehe er zu Bett
ging. Dort blätterte er und suchte auf jeder Seite, bis er schließlich
307
vorne im Buch das Datum fand, an dem es veröffentlicht worden
war. Es war fast fünfzig Jahre alt. Weder sein Vater noch die
Freunde seines Vaters waren vor fünfzig Jahren in Hogwarts gewe-
sen. Enttäuscht warf Harry das Buch wieder in den Koffer, löschte
die Lampe und drehte sich auf die Seite, während er an Werwölfe
und Snape, Stan Shunpike und den Halbblutprinzen dachte, und
dann endlich sank er in einen unruhigen Schlaf voller kriechender
Schatten und Schreie gebissener Kinder …
»Das muss wohl ein Scherz von ihr sein …«
Harry schreckte aus dem Schlaf hoch und sah am Fußende seines
Bettes einen prall gefüllten Strumpf. Er setzte seine Brille auf und
schaute sich um; das winzige Fenster war vom Schnee fast völlig
verdunkelt, und davor saß Ron kerzengerade im Bett und musterte
etwas, das offenbar eine dicke Goldkette war.
»Was ist das?«, fragte Harry.
»Das ist von Lavender«, sagte Ron und klang empört. »Die kann
doch nicht im Ernst glauben, dass ich das tragen …«
Harry sah genauer hin und lachte laut auf. In großen goldenen
Buchstaben baumelten von der Kette die Worte »Mein Herzblatt«.
»Nett«, sagte er. »Hat richtig Klasse. Du solltest das unbedingt vor
Fred und George tragen.«
»Wenn du es denen erzählst«, sagte Ron und schob das Halsband
unter sein Kissen, damit es nicht mehr zu sehen war, »dann - dann
- dann werd ich -«
»Mich anstottern?« Harry grinste. »Jetzt hör aber auf, traust du
mir so was zu?«
»Aber wie kommt sie bloß auf den Gedanken, dass ich so was
mögen könnte?«, fragte Ron ins Blaue hinein, offenbar ziemlich
schockiert.
»Versuch dich doch mal zu erinnern«, sagte Harry. »Hast du zu-
fällig irgendwann mal fallen lassen, dass du gern mit den Worten
›Mein Herzblatt‹ um den Hals in aller Öffentlichkeit herumspazie-
ren würdest?«
»Na ja - wir reden eigentlich nicht so viel«, sagte Ron. »Haupt-
sächlich …«
»Knutscht ihr«, sagte Harry.
308
»Jaah, schon«, sagte Ron. Er zögerte einen Moment, dann sagte er:
»Geht Hermine jetzt wirklich mit McLaggen?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Harry. »Sie waren zusammen auf
Slughorns Party, aber ich glaub nicht, dass es sonderlich gut gelau-
fen ist.«
Ron sah ein wenig fröhlicher aus, als er noch tiefer in seinem
Strumpf wühlte.
Harry hatte unter anderem einen Pullover geschenkt bekommen,
in den Mrs Weasley eigenhändig vorn einen großen Goldenen
Schnatz eingestrickt hatte, eine große Schachtel mit Produkten ausWeasleys Zauberhafte Zauberscherze von den Zwillingen und ein
etwas feuchtes, muffig riechendes Päckchen mit einem Etikett, auf
dem stand: »Für den Meister, von Kreacher«.
Harry starrte es an. »Meinst du, ich kann es riskieren, das aufzu-
machen?«, fragte er.
»Was Gefährliches kann es nicht sein, unsere ganze Post wird
immer noch im Ministerium durchsucht«, erwiderte Ron, doch
auch er beäugte das Paket misstrauisch.
»Ich hab gar nicht dran gedacht, Kreacher was zu schenken!
Macht man seinen Hauselfen normalerweise Weihnachtsge-
schenke?«, fragte Harry und klopfte vorsichtig auf das Paket.
»Hermine würde das machen«, sagte Ron. »Aber schauen wir erst
mal, was drin ist, bevor du ein schlechtes Gewissen kriegst.«
Einen Moment später stieß Harry einen lauten Schrei aus und
sprang von seinem Feldbett; das Päckchen enthielt einen Haufen
Maden.
»Nett«, sagte Ron und brüllte vor Lachen. »Wie aufmerksam.«
»Lieber die als dieses Halsband«, sagte Harry, was Ron schlagartig
ernüchterte.
Zum Mittagessen am Weihnachtstag hatten alle neue Pullover an,
außer Fleur (an die Mrs Weasley anscheinend keinen hatte ver-
schwenden wollen) und Mrs Weasley selbst, die einen brandneuen
nachtblauen Hexenhut trug, an dem etwas wie winzige sternförmi-
ge Brillanten glitzerten, und ein Aufsehen erregendes goldenes
Halsband.
»Die hab ich von Fred und George bekommen! Wunderschön,
309
nicht wahr?«
»Na ja, wir wissen dich eben immer mehr zu schätzen, Mum,
jetzt, wo wir unsere Socken selber waschen«, sagte George mit ei-
ner lässigen Handbewegung. »Pastinaken, Remus?«
»Harry, du hast eine Made im Haar«, sagte Ginny fröhlich und
beugte sich über den Tisch, um sie herauszufischen; Harry spürte,
wie ihm eine Gänsehaut den Nacken emporkroch, die nichts mit
der Made zu tun hatte.
»Wie schrecklisch«, sagte Fleur mit einem gekünstelten kleinen
Schaudern.
»Ja, nicht wahr?«, sagte Ron. »Soße, Fleur?«
In seinem Eifer, ihr behilflich zu sein, stieß er die Soßenschüssel
um; Bill schwang seinen Zauberstab, die Soße rauschte in die Luft
und kehrte brav in ihre Schüssel zurück.
»Du bist so furschtbar wie diese Tonks«, sagte Fleur zu Ron, als
sie damit fertig war, Bill zum Dank abzuküssen. »Immer wirft sie -«
»Ich habe die
liebe Tonks für heute eingeladen«, sagte Mrs Weas-
ley, stellte die Karotten unnötig heftig auf den Tisch und funkelte
Fleur an. »Aber sie wollte nicht kommen. Hast du in letzter Zeit
mal mit ihr gesprochen, Remus?«
»Nein, ich hatte mit niemandem viel Kontakt«, sagte Lupin. »A-
ber Tonks hat doch ihre eigene Familie, da kann sie hingehen, oder
nicht?«
»Hmm«, machte Mrs Weasley. »Vielleicht. Ich hatte eher den
Eindruck, dass sie vorhatte, Weihnachten allein zu feiern.«
Sie warf Lupin einen verärgerten Blick zu, als ob es nur seine
Schuld wäre, dass sie Fleur statt Tonks als Schwiegertochter bekam,
aber Harry sah zu Fleur hinüber, die Bill gerade mit Trut-
hahnstückchen von ihrer Gabel fütterte, und dachte, dass Mrs
Weasley eine längst verlorene Schlacht kämpfte. Doch dann fiel
ihm eine Frage ein, die er zu Tonks hatte, und wem konnte er sie
besser stellen als Lupin, der alles über Patroni wusste?
»Tonks' Patronus hat seine Gestalt verändert«, sagte er zu ihm.
»Jedenfalls hat Snape das behauptet. Ich wusste nicht, dass so etwas
vorkommen kann. Warum verändert sich ein Patronus?«
Lupin nahm sich Zeit, seinen Bissen Truthahn zu kauen und hin-
310
unterzuschlucken, dann antwortete er langsam: »Manchmal … ein
schwerer Schock … ein seelischer Umbruch …«
»Er sah groß aus und hatte vier Beine«, sagte Harry, dann kam
ihm plötzlich ein Gedanke und er senkte die Stimme. »Hey - könn-
te es nicht sein, dass -?«
»Arthur!«, sagte Mrs Weasley auf einmal. Sie war von ihrem Stuhl
aufgestanden; die Hand fest über dem Herzen, starrte sie aus dem
Küchenfenster. »Arthur - da ist Percy!«
»Was?«
Mr Weasley blickte sich um. Alle schauten rasch zum Fenster;
Ginny stand auf, um besser sehen zu können. Tatsächlich, dort war
Percy Weasley, er überquerte den verschneiten Hof und seine
Hornbrille glitzerte im Sonnenlicht. Er war allerdings nicht allein.
»Arthur, er - er kommt mit dem Minister!«
Und tatsächlich, der Mann, den Harry im
Tagespropheten ge-
sehen hatte, lief mit einem leichten Hinken hinter Percy her, seine
angegraute Haarmähne und sein schwarzer Umhang waren mit
Schneeflocken bestäubt. Ehe einer von ihnen etwas sagen konnte,
ehe Mr und Mrs Weasley mehr tun konnten als verblüffte Blicke
zu wechseln, ging die Hintertür auf und Percy stand vor ihnen.
Ein kurzes peinliches Schweigen trat ein. Dann sagte Percy ziem-
lich steif: »Frohe Weihnachten, Mutter.«
»Oh,
Percy!«, rief Mrs Weasley und warf sich in seine Arme.
Rufus Scrimgeour blieb auf seinen Gehstock gestützt in der Tür
stehen und lächelte, während er diese ergreifende Szene beobach-
tete.
»Verzeihen Sie diese Störung«, sagte er, als Mrs Weasley sich
strahlend zu ihm umdrehte und sich die Tränen abwischte. »Percy
und ich hatten in der Nähe - zu tun, wissen Sie - und er konnte
einfach nicht widerstehen, bei Ihnen vorbeizuschauen und allen
hallo zu sagen.«
Aber Percy machte nicht den Anschein, als ob er sonst noch je-
manden von der Familie begrüßen wollte. Stocksteif und mit offen-
sichtlichem Unbehagen stand er da und starrte über die Köpfe aller
Anwesenden hinweg. Mr Weasley, Fred und George musterten ihn
mit steinernen Mienen.
311
»Bitte, kommen Sie herein und setzen Sie sich, Minister!«, sagte
Mrs Weasley mit zittriger Stimme und rückte ihren Hut zurecht.
»Vielleicht möchten Sie ein wenig Pruthahn oder etwas Tudding
… ich meine -«
»Nein, nein, meine liebe Molly«, erwiderte Scrimgeour. Harry
nahm an, dass er Percy nach ihrem Namen gefragt hatte, ehe sie das
Haus betreten hatten. »Ich will nicht stören, ich wäre ja gar nicht
hier, wenn Percy Sie alle nicht so gern besucht hätte …«
»Oh, Perce!«, sagte Mrs Weasley unter Tränen und reckte sich,
um ihn zu küssen.
»… wir wollten nur fünf Minuten vorbeischauen, also werde ich
ein wenig über den Hof spazieren, denn Sie und Percy haben sich
gewiss viel zu erzählen. Nein, nein, ganz sicher, da will ich mich
nicht einmischen! Nun ja, wenn jemand Lust hätte, mir Ihren be-
zaubernden Garten zu zeigen … Ah, dieser junge Mann ist mit dem
Essen fertig, wie wär's, wenn er einen kleinen Spaziergang mit mir
macht?«
Die Stimmung am Tisch änderte sich spürbar. Alle blickten von
Scrimgeour zu Harry. Keiner schien es Scrimgeour abzunehmen,
dass er Harrys Namen angeblich nicht kannte, oder es für selbstver-
ständlich zu halten, dass ausgerechnet er den Minister durch den
Garten begleiten sollte, wo doch Ginny, Fleur und George ebenfalls
leere Teller hatten.
»Jaah, in Ordnung«, sagte Harry in die Stille hinein.
Er ließ sich nichts vormachen; Scrimgeour mochte noch so sehr
darauf beharren, sie seien gerade in der Gegend gewesen und Percy
habe nur seine Familie besuchen wollen - dass Scrimgeour allein
mit Harry sprechen wollte, war der eigentliche Grund, weshalb sie
gekommen waren.
»Schon okay«, sagte er leise, als er an Lupin vorbeikam, der sich
halb vom Stuhl erhoben hatte. »Okay«, fügte er hinzu, als Mr
Weasley den Mund öffnete, um etwas zu sagen.
»Wunderbar!«, sagte Scrimgeour und trat zurück, um Harry vor
sich durch die Tür zu lassen. »Wir drehen nur eine Runde durch
den Garten, dann verschwinden Percy und ich wieder. Feiern Sie
einfach alle weiter!«
312
Harry ging durch den Hof auf den überwucherten, schnee-
bedeckten Garten der Weasleys zu, der leicht hinkende Scrimgeour
an seiner Seite. Er war, wie Harry wusste, Leiter des Aurorenbüros
gewesen; er wirkte zäh und war voller Narben von Kämpfen, ganz
anders als der korpulente Fudge mit seinem Bowler.
»Bezaubernd«, sagte Scrimgeour, blieb am Gartenzaun stehen und
blickte über den verschneiten Rasen und die Pflanzen, die nicht zu
unterscheiden waren. »Bezaubernd.«
Harry sagte nichts. Er spürte, dass Scrimgeour ihn beobachtete.
»Ich möchte Sie schon seit geraumer Zeit kennen lernen«, sagte
Scrimgeour nach einigen Augenblicken. »Wussten Sie das?«
»Nein«, erwiderte Harry wahrheitsgemäß.
»Oh, doch, seit geraumer Zeit. Aber Dumbledore hat Sie immer
gehütet wie einen Augapfel«, sagte Scrimgeour. »Normal, natürlich,
ganz normal, nach dem, was Sie durchgemacht haben … besonders
nach dem, was im Ministerium passiert ist …«
Er wartete darauf, dass Harry etwas sagte, aber Harry tat ihm den
Gefallen nicht, also fuhr er fort: »Seit ich mein Amt angetreten
habe, hoffe ich auf eine Gelegenheit, mit Ihnen zu sprechen, aber
Dumbledore hat dies - wie gesagt, höchst verständlicherweise -
verhindert.«
Harry sagte immer noch nichts und wartete ab.
»Die Gerüchte, die man überall zu hören bekam!«, sagte Scrimge-
our. »Nun, wir wissen natürlich beide, wie diese Geschichten ver-
dreht werden … all dieses Gemunkel über eine Prophezeiung …
dass Sie der ›Auserwählte‹ seien …«
Jetzt kamen sie der Sache näher, dachte Harry, dem Grund, wa-
rum Scrimgeour hier war.
»… ich nehme an, Dumbledore hat diese Dinge mit Ihnen be-
sprochen?«
Harry überlegte; er fragte sich, ob er lügen sollte oder nicht. Er
betrachtete die kleinen Gnomenspuren überall in den Blu-
menbeeten und den aufgescharrten Fleck, offenbar die Stelle, wo
Fred den Gnomen gefangen hatte, der jetzt im Ballettröckchen den
Weihnachtsbaum krönte. Schließlich entschied er sich für die
Wahrheit … oder ein bisschen davon.
313
»Jaah, wir haben darüber gesprochen.«
»Haben Sie, haben Sie …«, sagte Scrimgeour. Harry konnte aus
den Augenwinkeln sehen, wie Scrimgeour ihn schräg von der Seite
her anschaute, deshalb tat er so, als würde er sich sehr für einen
Gnomen interessieren, der gerade seinen Kopf unter einem erfro-
renen Rhododendron hervorgestreckt hatte. »Und was hat
Dumbledore Ihnen gesagt, Harry?«
»Tut mir Leid, aber das bleibt unter uns«, sagte Harry.
Er bemühte sich, möglichst nett zu klingen, und auch Scrimgeour
antwortete in einem heiteren und freundlichen Ton: »Oh, selbst-
verständlich, wenn es um Vertraulichkeiten geht, will ich natürlich
nicht, dass Sie irgendetwas preisgeben … nein, nein … und ohne-
hin, spielt es denn wirklich eine Rolle, ob Sie der Auserwählte sind
oder nicht?«
Harry musste einige Sekunden darüber nachdenken, ehe er ant-
wortete.
»Ich weiß nicht genau, was Sie meinen, Minister.«
»Nun, natürlich, für
Sie wird es eine gewaltige Rolle spielen«, sag-
te Scrimgeour lachend. »Aber für die Zauberergemeinschaft insge-
samt … es ist alles eine Frage der Wahrnehmung, nicht wahr?
Wichtig ist, was die Leute glauben.«
Harry sagte nichts. Er meinte ungefähr abzusehen, worauf Scrim-
geour hinauswollte, aber er würde ihm nicht helfen, dort hinzuge-
langen. Der Gnom unter dem Rhododendron grub jetzt an den
Wurzeln nach Würmern, und Harry hielt seinen Blick auf ihn ge-
heftet.
»Die Leute glauben, dass Sie der Auserwählte
sind verstehen Sie«,
sagte Scrimgeour. »Sie halten Sie für einen richtigen Helden - was
Sie natürlich sind, Harry, auserwählt oder nicht! Wie viele Male
haben Sie Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, nun schon
gegenübergestanden? Wie auch immer«, fuhr er rasch fort, ohne
eine Antwort abzuwarten, »der Punkt ist, dass Sie für viele ein
Symbol der Hoffnung sind, Harry. Die Vorstellung, da draußen sei
jemand, der vielleicht in der Lage ist, der vielleicht sogar dazu
aus-
ersehen ist, Ihn, dessen Name nicht genannt werden darf, zu ver-
nichten - nun, das gibt den Menschen natürlich Auftrieb. Und ich
314
werde das Gefühl nicht los, dass Sie, sobald Sie dies erkennen, es
als, nun ja, fast als Ihre Pflicht ansehen könnten, an der Seite des
Ministeriums zu stehen und damit allen neuen Mut zu machen.«
Dem Gnomen war es eben gelungen, einen Wurm zu erwischen.
Er zerrte jetzt heftig an ihm, um ihn aus dem gefrorenen Boden zu
bekommen. Harry schwieg so lange, bis Scrimgeour, der von Harry
zum Gnomen blickte, sagte: »Komische kleine Kerlchen, nicht
wahr? Aber was meinen Sie, Harry?«
»Ich verstehe nicht genau, was Sie wollen«, sagte Harry langsam.
»›An der Seite des Ministeriums stehen‹ … was soll das heißen?«
»Oh, nun, es ist im Grunde ganz einfach, das kann ich Ihnen ver-
sichern«, sagte Scrimgeour. »Wenn man Sie beispielsweise von Zeit
zu Zeit im Ministerium vorbeischauen sähe, würde das den richti-
gen Eindruck machen. Und, natürlich, wenn Sie dann schon mal da
sind, hätten Sie reichlich Gelegenheit, mit Gawain Robards, mei-
nem Nachfolger als Leiter des Aurorenbüros, zu sprechen. Wie ich
von Dolores Umbridge weiß, hegen Sie den Wunsch, ein Auror zu
werden. Nun, das ließe sich ohne weiteres arrangieren …«
Harry spürte kochende Wut in seiner Magengrube: Also war Do-
lores Umbridge wahrhaftig immer noch im Ministerium?
»Das heißt also alles in allem«, sagte er, als wollte er nur noch ein
paar letzte Punkte klären, »dass Sie den Eindruck vermitteln wol-
len, ich würde für das Ministerium arbeiten?«
»Es würde allen Auftrieb geben, wenn sie denken würden, Sie
wären mit dabei, Harry«, sagte Scrimgeour, offenbar erleichtert,
dass Harry so rasch angebissen hatte. »Der ›Auserwählte‹, wissen
Sie … es geht nur darum, den Leuten Hoffnung zu geben, das Ge-
fühl, dass aufregende Dinge geschehen …«
»Aber wenn ich ständig im Ministerium ein und aus gehe«, sagte
Harry, immer noch bemüht, seine Stimme freundlich klingen zu
lassen, »würde das nicht so aussehen, als wenn ich gut fände, was
das Ministerium unternimmt?«
»Nun«, erwiderte Scrimgeour und runzelte leicht die Stirn, »nun,
ja, das ist auch ein Grund, weshalb wir gerne -«
»Nein, ich glaube, das lässt sich nicht machen«, bemerkte Harry
höflich. »Wissen Sie, ich mag manches nicht, was das Ministerium
315
tut. Stan Shunpike einsperren, zum Beispiel.«
Scrimgeour schwieg einen Moment lang, doch seine Miene wur-
de schlagartig steinern.
»Ich erwarte auch nicht, dass Sie das verstehen«, sagte er, und es
gelang ihm nicht so gut wie Harry, die Wut in seiner Stimme zu
verbergen. »Wir leben in gefährlichen Zeiten, und gewisse Maß-
nahmen müssen ergriffen werden. Sie sind sechzehn Jahre alt -«
»Dumbledore ist viel älter als sechzehn, und er hält auch nichts
davon, dass Stan in Askaban sitzt«, sagte Harry. »Sie machen Stan
zu einem Sündenbock, genauso wie Sie mich zu einem Maskott-
chen machen wollen.«
Sie sahen einander an, lange und kühl. Schließlich sagte Scrimge-
our, ohne Herzlichkeit vorzutäuschen: »Ich verstehe. Sie ziehen es
vor - wie Ihr Held Dumbledore -, auf Abstand zum Ministerium zu
gehen?«
»Ich will mich nicht benutzen lassen«, sagte Harry.
»Manche würden sagen, dass es Ihre Pflicht ist, für das Mi-
nisterium von Nutzen zu sein!«
»Jaah, und andere könnten sagen, dass es Ihre Pflicht ist, zu prü-
fen, ob Leute wirklich Todesser sind, ehe Sie sie ins Gefängnis ste-
cken«, sagte Harry, der nun mehr und mehr in Rage geriet. »Sie
tun, was Barty Crouch getan hat. Ihr Leute macht es immer falsch,
was? Entweder haben wir Fudge, der so tut, als ob alles wunderbar
wäre, während Menschen direkt vor seiner Nase ermordet werden,
oder wir haben Sie, der die verkehrten Leute ins Gefängnis steckt
und so tun will, als ob der Auserwählte für ihn arbeiten würde!«
»Dann sind Sie etwa nicht der Auserwählte?«, sagte Scrimgeour.
»Sie meinten doch, das würde ohnehin keine Rolle spielen!«, sag-
te Harry mit einem bitteren Lachen. »Jedenfalls nicht für Sie.«
»Das hätte ich nicht sagen sollen«, erwiderte Scrimgeour rasch.
»Es war taktlos -«
»Nein, es war ehrlich«, sagte Harry. »Eines der wenigen ehrlichen
Dinge, die Sie zu mir gesagt haben. Es ist Ihnen nicht wichtig, ob
ich lebe oder sterbe, aber es ist Ihnen ziemlich wichtig, dass ich
Ihnen helfe, alle davon zu überzeugen, dass Sie den Krieg gegen
Voldemort gewinnen. Ich habe nichts vergessen, Minister …«
316
Er hob seine rechte Faust. Dort, weiß leuchtend auf seinem kal-
ten Handrücken, waren die Narben, die er für Dolores Umbridge in
sein eigenes Fleisch hatte ritzen müssen:
Ich soll keine Lügen er-
zählen.
»Ich kann mich nicht erinnern, dass Sie mir zu Hilfe geeilt wären,
als ich allen sagen wollte, dass Voldemort zurück ist. Letztes Jahr
war das Ministerium nicht so scharf darauf, dass wir Freunde sind.«
Sie standen da und schwiegen, eisig wie der Boden unter ihren
Füßen. Der Gnom, der es endlich geschafft hatte, den Wurm aus
der Erde zu ziehen, lehnte jetzt an den untersten Zweigen des
Rhododendronbusches und nuckelte glückselig an ihm.
»Was hat Dumbledore vor?«, fragte Scrimgeour schroff. »Wo geht
er hin, wenn er nicht in Hogwarts ist?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry.
»Und Sie würden es mir auch nicht verraten, wenn Sie es wüss-
ten«, sagte Scrimgeour, »stimmt's?«
»Nein, das würde ich nicht«, sagte Harry.
»Nun, dann muss ich sehen, ob ich es auf andere Weise he-
rausfinden kann.«
»Versuchen Sie es nur«, sagte Harry gleichmütig. »Aber Sie schei-
nen klüger zu sein als Fudge, daher hätte ich gedacht, dass Sie aus
seinen Fehlern gelernt haben. Er hat versucht, sich in Hogwarts
einzumischen. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass er nicht mehr
Minister ist, aber Dumbledore immer noch Schulleiter. Ich würde
Dumbledore in Ruhe lassen, wenn ich Sie wäre.«
Eine lange Pause trat ein.
»Nun, mir ist jedenfalls klar, dass er bei Ihnen sehr gute Arbeit
geleistet hat«, sagte Scrimgeour und seine Augen hinter der Draht-
brille waren kalt und hart. »Durch und durch Dumbledores Mann,
das sind Sie doch, Potter?«
»Ja, das bin ich«, sagte Harry. »Freut mich, dass wir das geklärt
haben.«
Und er kehrte dem Zaubereiminister den Rücken und marschier-
te zum Haus zurück.
317
Eine getrübte Erinnerung
An einem späten Nachmittag einige Tage nach Neujahr stellten sich
Harry, Ron und Ginny in einer Reihe vor dem Küchenfeuer auf,
um nach Hogwarts zurückzukehren. Das Ministerium hatte diese
einmalige Verbindung zum Flohnetzwerk eingerichtet, um Schüler
schnell und sicher in die Schule zurückzubefördern. Nur Mrs
Weasley war da, um auf Wiedersehen zu sagen, da Mr Weasley,
Fred, George, Bill und Fleur allesamt arbeiten waren. Als der Mo-
ment des Abschieds dann kam, brach Mrs Weasley in Tränen aus.
Zugegebenermaßen hatte sie in letzter Zeit recht nahe am Wasser
gebaut; seit Percy am Weihnachtstag aus dem Haus gestürmt war,
die Brille mit Pastinakenpüree voll gespritzt (wofür Fred, George
und Ginny gleichzeitig das Verdienst in Anspruch nehmen woll-
ten), hatte sie praktisch ständig geweint.
»Nicht weinen, Mum«, sagte Ginny und tätschelte ihr den Rü-
cken, während Mrs Weasley an ihrer Schulter schluchzte. »Ist ja
schon gut …«
»Ja, mach dir keine Sorgen um uns«, sagte Ron und ließ es zu,
dass seine Mutter ihm einen sehr feuchten Kuss auf die Wange
drückte, »oder um Percy. Der ist so was von einem Trottel, ist ei-
gentlich kein großer Verlust, stimmt's?«
Mrs Weasley schluchzte heftiger denn je, als sie Harry in die Ar-
me schloss.
»Versprich mir, dass du auf dich aufpasst … bleib auf der sicheren
Seite …«
»Das tu ich immer, Mrs Weasley«, sagte Harry. »Ich mag ein ru-
higes Leben, Sie kennen mich doch.«
Sie ließ ein ersticktes Glucksen hören und wich zurück.
»Also, seid brav, ihr alle …«
Harry trat in das smaragdgrüne Feuer und rief: »Hogwarts!« Er
sah noch einmal flüchtig die Küche der Weasleys und Mrs Weas-
leys verweintes Gesicht, dann umschlossen ihn die Flammen; wäh-
rend er sehr schnell herumwirbelte, erhaschte er verschwommene
Bilder von anderen Zaubererzimmern, die sofort wieder ver-
318
schwunden waren, ehe er sie richtig sehen konnte; dann drehte er
sich langsamer und kam schließlich mitten im Kamin von Professor
McGonagalls Büro zum Stillstand. Sie blickte kaum von ihrer Ar-
beit auf, als er über den Rost hinausstieg.
»'n Abend, Potter. Hinterlassen Sie möglichst nicht so viel Asche
auf dem Teppich.«
»Ja, Professor.«
Harry rückte seine Brille gerade und strich sich die Haare glatt,
da kam der wirbelnde Ron in Sicht. Als Ginny angekommen war,
marschierten die drei gemeinsam aus McGonagalls Büro und zogen
weiter zum Gryffindor-Turm. Harry spähte im Vorbeigehen aus
den Korridorfenstern; die Sonne sank bereits über dem Gelände,
das von einem tieferen Schneeteppich bedeckt war als der Garten
des Fuchsbaus. In der Ferne konnte er Hagrid sehen, der vor seiner
Hütte Seidenschnabel fütterte.
»Flitterkram«, sagte Ron zuversichtlich, als sie die fette Dame er-
reicht hatten, die eher bleicher als sonst aussah und bei seiner lau-
ten Stimme zusammenzuckte.
»Nein«, sagte sie.
»Was soll das heißen, ›nein‹?«
»Es gibt ein neues Passwort«, sagte sie. »Und bitte schrei nicht
so.«
»Aber wir waren nicht da, wie sollen wir denn -?«
»Harry! Ginny!«
Hermine eilte ihnen entgegen, mit Winterumhang, Hut und
Handschuhen und ganz rosa im Gesicht.
»Ich bin vor ein paar Stunden zurückgekommen, ich war eben
unten zu Besuch bei Hagrid und Seiden- ich meine, Federflügel«,
sagte sie atemlos. »Hattet ihr schöne Weihnachten?«
»Jaah«, sagte Ron sofort, »war ziemlich viel los, Rufus Scrim-«
»Ich hab was für dich, Harry«, sagte Hermine, die Ron weder an-
sah noch irgendwie zeigte, dass sie ihn gehört hatte. »Oh, Moment
mal - Passwort.
Abstinenz.«
»Genau«, sagte die fette Dame mit schwacher Stimme, schwang
nach vorne und gab das Porträtloch frei.
»Was ist los mit ihr?«, fragte Harry.
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»Hat es an Weihnachten etwas übertrieben, wie's aussieht«, sagte
Hermine, rollte mit den Augen und ging voran in den überfüllten
Gemeinschaftsraum. »Sie und ihre Freundin Violet haben den gan-
zen Wein leer getrunken aus diesem Bild von den betrunkenen
Mönchen unten im Zauberkunstkorridor. Was soll's …«
Sie kramte kurz in ihrer Tasche, dann zog sie eine Pergamentrolle
hervor, die Dumbledores Schrift trug.
»Klasse«, sagte Harry, zog sie sofort auseinander und stellte fest,
dass seine nächste Stunde bei Dumbledore für den folgenden A-
bend anberaumt war. »Ich hab ihm eine Menge zu erzählen - und
dir auch. Komm, wir setzen uns -«
Doch in diesem Moment kreischte es laut »Won-Won!«, und La-
vender Brown kam aus heiterem Himmel herbeigestürzt und warf
sich in Rons Arme. Einige Zuschauer kicherten; Hermine lachte
schrill und sagte: »Dort drüben ist ein Tisch … kommst du mit,
Ginny?«
»Nein, danke, ich hab Dean versprochen, dass wir uns treffen«,
sagte Ginny, doch Harry hatte irgendwie den Eindruck, dass sie
nicht gerade begeistert klang. Sie ließen Ron und Lavender inein-
ander verhakt wie zwei stehende Ringer zurück, und Harry ging
vor Hermine her zu dem freien Tisch.
»Und, wie waren deine Weihnachten?«
»Oh, schön«, sagte sie schulterzuckend. »Nichts Besonderes. Wie
war's bei Won-Won zu Hause?«
»Das sage ich dir gleich«, erwiderte Harry. »Hör mal, Hermine,
kannst du nicht -?«
»Nein, kann ich nicht«, sagte sie klipp und klar. »Also spar dir die
Frage.«
»Ich dachte, vielleicht, na ja, über Weihnachten -«
»Es war die fette Dame, die ein Riesenfass fünfhundert Jahre alten
Wein getrunken hat, nicht ich, Harry. Also, was gab es so Wichti-
ges, das du mir erzählen wolltest?«
Sie sah zu grimmig aus, als dass man im Augenblick mit ihr hätte
streiten wollen, daher ließ Harry das Thema Ron fallen und berich-
tete ihr alles, was er bei dem Gespräch zwischen Malfoy und Snape
mitbekommen hatte.
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Als er fertig war, saß Hermine einen Moment nachdenklich da,
dann sagte sie: »Glaubst du nicht -?«
»- dass er nur so getan hat, als würde er Hilfe anbieten, damit
Malfoy darauf reinfällt und ihm verrät, was er vorhat?«
»Nun ja, genau«, sagte Hermine.
»Rons Dad und Lupin glauben das«, sagte Harry widerwillig. »A-
ber es beweist eindeutig, dass Malfoy irgendetwas plant, das kannst
du nicht bestreiten.«
»Nein, kann ich nicht«, antwortete sie langsam.
»Und er handelt auf Voldemorts Befehl hin, genau wie ich gesagt
habe!«
»Hmm … hat einer der beiden tatsächlich Voldemorts Namen
erwähnt?«
Harry runzelte die Stirn und versuchte sich zu erinnern.
»Ich bin nicht sicher … Snape hat eindeutig ›dein Meister‹ gesagt,
und wer sollte das sonst sein?«
»Ich weiß nicht«, sagte Hermine und biss sich auf die Lippe.
»Vielleicht sein Vater?«
Sie starrte quer durch den Raum, offenbar tief in Gedanken
versunken, und bemerkte nicht einmal, dass Lavender Ron kitzelte.
»Wie geht es Lupin?«
»Nicht besonders«, sagte Harry, und er erzählte ihr alles über Lu-
pins Mission bei den Werwölfen und die Schwierigkeiten, vor de-
nen er stand. »Hast du je von diesem Fenrir Greyback gehört?«
»Ja, hab ich!«, sagte Hermine und klang erschrocken. »Und du
auch, Harry!«
»Wann, in Zaubereigeschichte? Du weißt ganz genau, dass ich
nie zugehört hab …«
»Nein, nein, nicht in Zaubereigeschichte - Malfoy hat Borgin mit
ihm gedroht!«, sagte Hermine. »Damals in der Nokturngasse, weißt
du nicht mehr? Er meinte zu Borgin, dass Greyback ein alter
Freund der Familie sei und dass er kontrollieren würde, wie Borgin
vorankommt!«
Harry starrte sie mit offenem Mund an. »Das hab ich ganz verges-
sen! Aber das
beweist, dass Malfoy ein Todesser ist, wie könnte er
sonst Verbindung zu Greyback haben und ihm sagen, was er tun
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soll?«
»Es ist ziemlich verdächtig«, hauchte Hermine. »Außer …«
»Ach, nun hör schon auf«, sagte Harry wütend, »das kannst du
jetzt nicht auch wieder hindrehen!«
»Also … es ist jedenfalls möglich, dass es eine leere Drohung
war.«
»Du bist wirklich unglaublich«, sagte Harry kopfschüttelnd. »Wir
werden sehen, wer Recht hat … du wirst deine Worte noch bereu-
en, Hermine, genau wie das Ministerium. Ach ja, und einen Streit
mit Rufus Scrimgeour hatte ich auch noch …«
Den restlichen Abend verbrachten sie in aller Freundschaft und
zogen über den Zaubereiminister her, denn Hermine dachte genau
wie Ron, dass es eine gewaltige Frechheit des Ministeriums war,
nach allem, was man Harry im Jahr zuvor angetan hatte, jetzt Hilfe
von ihm zu verlangen.
Der Unterricht begann am nächsten Morgen mit einer an-
genehmen Überraschung für die Sechstklässler: Ein großes Schild
war über Nacht an die schwarzen Bretter der Gemeinschaftsräume
geheftet worden.
APPARIERKURS
Wenn Sie siebzehn Jahre alt sind oder
bis einschließlich 31. August siebzehn werden, können
Sie sich für einen zwölfwöchigen Kurs
im Apparieren anmelden, der von einem Apparierlehrer des
Zaubereiministeriums angeboten wird.
Bitte tragen Sie unten Ihren Namen ein,
wenn Sie teilnehmen möchten.
Kursgebühr: 12 Galleonen
Harry und Ron stellten sich zu der Schar von Leuten, die sich um
den Aushang drängelten und der Reihe nach ihre Namen eintru-
gen. Ron holte gerade seine Feder heraus, um nach Hermine zu
unterschreiben, als Lavender sich hinter ihm heranschlich, ihm die
Hände über die Augen legte und trillerte: »Wer bin ich, Won-
Won?« Harry drehte sich um und sah Hermine davonstolzieren; er
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rannte ihr nach, da er keine Lust hatte, bei Ron und Lavender zu
bleiben, aber zu seiner Überraschung holte Ron sie nur kurz hinter
dem Porträtloch ein, mit glühend roten Ohren und verärgerter
Miene. Ohne ein Wort zu sagen, beschleunigte Hermine ihre
Schritte und ging neben Neville weiter.
»Also - Apparieren«, sagte Ron, und sein Ton ließ keinen Zweifel
daran aufkommen, dass Harry nicht erwähnen sollte, was gerade
passiert war. »Wird sicher witzig, was?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry. »Vielleicht ist es besser, wenn man
es allein macht, mir hat's nicht gefallen, als mich Dumbledore mit
auf die Reise nahm.«
»Ich hab ganz vergessen, dass du es ja schon gemacht hast … Wär
gut, wenn ich die Prüfung gleich beim ersten Mal bestehe«, sagte
Ron mit besorgter Miene. »Wie Fred und George.«
»Aber Charlie ist durchgefallen, nicht wahr?«
»Jaah, aber Charlie ist größer als ich.« Ron streckte die Arme aus,
als ob er ein Gorilla wäre. »Deshalb haben Fred und George sich
auch nicht ständig darüber ausgelassen … jedenfalls nicht, wenn er
dabei war …«
»Und wann können wir die richtige Prüfung ablegen?«
»Sobald wir siebzehn sind. Das werd ich ja schon im März!«
»Ja, aber hier darfst du dann nicht apparieren, nicht im Schloss
…«
»Darum geht's doch nicht, oder? Jeder weiß dann, dass ich appa-
rieren
könnte, wenn ich wollte.«
Ron war nicht der Einzige, der bei der Aussicht aufs Apparieren
ins Schwärmen geriet. Den ganzen Tag lang wurde viel über den
bevorstehenden Kurs gesprochen; dass man willentlich verschwin-
den und wieder auftauchen konnte, galt als ganz große Sache.
»Wie cool das sein wird, wenn wir einfach -«, Seamus schnippte
mit den Fingern, was Verschwinden bedeuten sollte. »Mein Cousin
Fergus macht es bloß, um mich zu ärgern, wartet nur ab, bis ich's
ihm heimzahlen kann … der wird keine ruhige Minute mehr ha-
ben …«
Während er in solch glückseligen Träumen schwelgte, schlacker-
te er ein wenig zu enthusiastisch mit seinem Zauberstab und er-
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zeugte nicht die Fontäne mit klarem Wasser, um die es an diesem
Tag im Zauberkunstunterricht ging, sondern verspritzte einen star-
ken, schlauchförmigen Strahl, der von der Decke abprallte und
Professor Flitwick flach auf die Nase warf.
»Harry ist schon mal appariert«, verkündete Ron dem etwas ver-
schämten Seamus, nachdem Professor Flitwick sich mit einem
Schwenken seines Zauberstabs getrocknet und Seamus zum Sät-
zeschreiben verdonnert hatte
(»Ich bin ein Zauberer, kein Pavian,
der einen Stock schwingt«). »Dum- äh - jemand hat ihn mitge-
nommen. Seit-an-Seit-Apparieren, du weißt schon.«
»Woa!«, flüsterte Seamus, und er, Dean und Neville beugten die
Köpfe ein wenig näher her, um zu hören, wie sich das Apparieren
anfühlte. Den restlichen Tag über belagerten die anderen Sechst-
klässler Harry und baten ihn zu erzählen, wie es ihm beim Appa-
rieren ergangen war. Als er ihnen schilderte, wie unangenehm es
war, wirkten sie durch die Bank eher beeindruckt als abgeschreckt,
und als er am Abend um zehn vor acht immer noch dabei war, de-
taillierte Fragen zu beantworten, musste er notgedrungen lügen
und behaupten, er müsse ein Buch in die Bibliothek zurückbringen,
damit er noch rechtzeitig zu seiner Stunde bei Dumbledore von
ihnen loskam.
Die Lampen in Dumbledores Büro brannten, die Porträts ehema-
liger Schulleiter schnarchten friedlich in ihren Rahmen und das
Denkarium stand wieder auf dem Schreibtisch bereit. Dumbledores
Hände ruhten zu beiden Seiten der Schale, die rechte war nach wie
vor schwarz und verbrannt. Offenbar war sie nicht im Geringsten
verheilt, und Harry überlegte vielleicht zum hundertsten Mal, was
eine so hartnäckige Verletzung verursacht haben könnte, aber er
fragte nicht; Dumbledore hatte gesagt, er würde es irgendwann
erfahren, und er wollte jetzt sowieso über ein anderes Thema spre-
chen. Doch bevor Harry etwas über Snape und Malfoy sagen konn-
te, ergriff Dumbledore das Wort.
»Wie ich höre, hast du an Weihnachten den Zaubereiminister ge-
troffen?«
»Ja«, sagte Harry. »Er ist nicht sehr zufrieden mit mir.«
»Nein«, seufzte Dumbledore. »Er ist auch mit mir nicht sehr zu-
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frieden. Wir müssen versuchen, unseren Qualen nicht zu erliegen,
Harry, sondern immer weiter kämpfen.«
Harry grinste.
»Er wollte, dass ich der Zauberergemeinschaft sage, das Mi-
nisterium würde hervorragende Arbeit leisten.«
Dumbledore lächelte.
»Das war ursprünglich Fudges Idee, musst du wissen. Als er wäh-
rend seiner letzten Tage im Amt verzweifelt versuchte, sich an
seinen Stuhl zu klammern, wollte er ein Treffen mit dir, in der
Hoffnung, dass du ihn unterstützen würdest -«
»Nach allem, was Fudge letztes Jahr getan hat?«, sagte Harry wü-
tend. »Nach
Umbridge?«
»Ich habe Cornelius erklärt, dass das aussichtslos sei, aber die Idee
hat ihn überlebt, als er den Posten räumte. Nur wenige Stunden
nach Scrimgeours Ernennung gab es ein Treffen zwischen uns, und
er verlangte, dass ich eine Zusammenkunft mit dir arrangiere -«
»Also deshalb haben Sie sich gestritten!«, stieß Harry hervor. »Es
stand im
Tagespropheten.«
»Der
Prophet muss gelegentlich die Wahrheit berichten«, sagte
Dumbledore, »auch wenn es nur versehentlich ist. Ja, deshalb hat-
ten wir Streit. Nun, mir scheint, Rufus hat endlich einen Weg ge-
funden, dich abzupassen.«
»Er hat mir vorgeworfen, ›durch und durch Dumbledores Mann‹
zu sein.«
»Wie unverschämt von ihm.«
»Ich hab ihm gesagt, dass es stimmt.«
Dumbledore öffnete den Mund, um zu sprechen, und schloss ihn
dann wieder. Hinter Harry stieß Fawkes der Phönix einen leisen,
sanften, wohlklingenden Schrei aus. Harry wurde äußerst verlegen,
als er plötzlich bemerkte, dass Dumbledores hellblaue Augen ziem-
lich feucht aussahen, und er starrte hastig auf seine eigenen Knie.
Als Dumbledore sprach, war seine Stimme jedoch ganz fest.
»Ich bin sehr gerührt, Harry.«
»Scrimgeour wollte wissen, wo Sie hingehen, wenn Sie nicht in
Hogwarts sind«, sagte Harry und blickte nach wie vor unverwandt
auf seine Knie.
325
»Ja, in dieser Sache ist er sehr neugierig«, erwiderte Dumbledore
und klang jetzt vergnügt, so dass Harry es für ungefährlich hielt,
wieder hochzusehen. »Er hat sogar versucht, mich beschatten zu
lassen. Wirklich amüsant. Er hat Dawlish auf mich angesetzt. Das
war unschön. Ich war schon einmal gezwungen, Dawlish mit ei-
nem Fluch zu belegen; ich habe es mit dem größten Bedauern noch
einmal getan.«
»Also wissen die immer noch nicht, wo Sie hingehen?«, fragte
Harry in der Hoffnung, mehr über dieses spannende Thema zu
erfahren, aber Dumbledore lächelte nur über den Rand seiner
Halbmondbrille hinweg.
»Nein, das wissen sie nicht, und es ist auch noch nicht ganz an
der Zeit, dass du es erfährst. Nun, ich schlage vor, wir fahren rasch
fort, außer es gibt noch irgendetwas -?«
»Ja, tatsächlich, Sir«, sagte Harry. »Es geht um Malfoy und Snape.«
»Professor Snape, Harry.«
»Ja, Sir. Ich habe während Professor Slughorns Party zufällig ihre
Unterhaltung mitbekommen … na ja, eigentlich bin ich ihnen ge-
folgt …«
Dumbledore hörte sich Harrys Geschichte mit ausdruckslosem
Gesicht an. Als Harry geendet hatte, schwieg er eine Weile, dann
sagte er: »Danke, dass du mir das erzählt hast, Harry, aber ich den-
ke, es ist besser, du schlägst es dir aus dem Kopf. Ich halte es nicht
für besonders wichtig.«
»Nicht für besonders wichtig?«, wiederholte Harry ungläubig.
»Professor, haben Sie verstanden -?«
»Ja, Harry, da ich mit außergewöhnlicher Intelligenz gesegnet
bin, habe ich alles verstanden, was du gesagt hast«, erwiderte
Dumbledore diesmal heftiger. »Ich denke, du solltest sogar die
Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass ich mehr verstanden habe
als du selbst. Noch einmal, ich bin froh, dass du dich mir anvertraut
hast, aber ich möchte dir wirklich versichern, dass du mir nichts
erzählt hast, was mich beunruhigt.«
Harry saß stumm da und funkelte Dumbledore zornig an. Was
ging hier vor? Hatte Dumbledore Snape etwa tatsächlich befohlen,
herauszufinden, was Malfoy trieb, und hatte er daher alles, was
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Harry ihm eben erzählt hatte, bereits von Snape gehört? Oder war
er in Wirklichkeit besorgt über das, was er gehört hatte, und
täuschte nur das Gegenteil vor?
»Nun, Sir«, sagte Harry mit, wie er hoffte, höflicher und ruhiger
Stimme, »Sie vertrauen also eindeutig immer noch -?«
»Ich war weitherzig genug, diese Frage schon einmal zu be-
antworten«, sagte Dumbledore, doch er klang nun nicht mehr sehr
weitherzig. »Meine Antwort hat sich nicht geändert.«
»Das würde ich doch auch meinen«, sagte eine höhnische Stim-
me; Phineas Nigellus tat offensichtlich nur so, als würde er schla-
fen. Dumbledore beachtete ihn nicht.
»Und nun, Harry, muss ich darauf bestehen, dass wir wei-
termachen. Ich habe heute Abend wichtigere Dinge mit dir zu be-
sprechen.«
Harry saß da und war kurz davor, zu rebellieren. Was wäre,
wenn er einfach nicht zuließ, dass sie das Thema wechselten, wenn
er stattdessen darauf beharrte, die Beweise gegen Malfoy zu disku-
tieren? Als ob Dumbledore seine Gedanken gelesen hätte, schüttel-
te er den Kopf.
»Ach, Harry, wie häufig kommt das vor, selbst unter den besten
Freunden! Jeder von uns glaubt, was er zu sagen hat, sei viel wich-
tiger als alles, was der andere beisteuern könnte!«
»Ich denke nicht, dass das, was Sie zu sagen haben, unwichtig ist,
Sir«, sagte Harry steif.
»Nun, da hast du vollkommen Recht, denn das ist es nicht«, sagte
Dumbledore munter. »Ich will dir heute Abend zwei weitere Erin-
nerungen zeigen, sie waren beide nur unter größten Schwierigkei-
ten zu bekommen, und ich glaube, die zweite davon ist die wich-
tigste, die ich gesammelt habe.«
Harry sagte nichts dazu; er war immer noch wütend darüber, wie
Dumbledore seine vertraulichen Mitteilungen aufgenommen hatte,
sah aber nicht, was es bringen würde, wenn er weiter argumentier-
te.
»Also«, sagte Dumbledore mit eindringlicher Stimme, »wir sind
heute Abend hier zusammen, um mit der Geschichte von Tom
Riddle fortzufahren, den wir in der letzten Stunde zu Beginn seiner
327
Jahre in Hogwarts verlassen haben. Du wirst dich erinnern, wie
aufgeregt er war, als er hörte, dass er ein Zauberer sei, dass er mein
Angebot ausschlug, ihn auf einer Reise in die Winkelgasse zu be-
gleiten, und dass ich ihn wiederum vor weiteren Diebeszügen in
seiner künftigen Schule warnte.
Nun, mit dem neuen Schuljahr kam also auch Tom Riddle nach
Hogwarts, ein ruhiger Junge in einem gebraucht gekauften Um-
hang, der sich in die Reihe der anderen Erstklässler stellte, um ei-
nem Haus zugeteilt zu werden. Kaum hatte der Sprechende Hut
seinen Kopf berührt, teilte er ihn dem Haus Slytherin zu«, fuhr
Dumbledore fort und winkte mit seiner geschwärzten Hand zu
dem Regal über ihm, wo der Sprechende Hut lag, uralt und reglos.
»Wie schnell Riddle erfuhr, dass der berühmte Gründer des Hauses
mit Schlangen reden konnte, weiß ich nicht - vielleicht war es
noch am selben Abend. Dieses Wissen wird ihn sicher erregt und
seinen Eigendünkel noch verstärkt haben.
Falls er jedoch seine Mitschüler in Slytherin verängstigt oder be-
eindruckt haben sollte, indem er ihnen im Gemeinschaftsraum
Kostproben von Parsel vorführte, so ist jedenfalls nicht der gerings-
te Hinweis darauf an die Lehrerschaft gelangt. Nach außen hin
zeigte er keinerlei Arroganz oder Aggression. Als ungewöhnlich
begabte und sehr gut aussehende Waise zog er natürlich, kaum dass
er angekommen war, die Aufmerksamkeit und die Zuneigung des
Kollegiums auf sich. Er wirkte höflich, ruhig und wissensdurstig.
Fast alle waren sehr angenehm von ihm beeindruckt.«
»Haben Sie ihnen nicht erzählt, Sir, wie er war, als Sie ihn im
Waisenhaus trafen?«, fragte Harry.
»Nein, das habe ich nicht. Denn obwohl er keine Spur von Reue
gezeigt hatte, war es doch möglich, dass es ihm Leid tat, wie er sich
zuvor verhalten hatte, und dass er entschlossen war, einen neuen
Anfang zu machen. Ich wollte ihm diese Chance geben.«
Dumbledore hielt inne und sah Harry fragend an, der den Mund
schon geöffnet hatte, um etwas zu sagen. Hier zeigte sich wieder
einmal Dumbledores Neigung, Menschen zu vertrauen, auch wenn
es absolut offenkundig war, dass sie es nicht verdienten! Doch dann
fiel Harry etwas ein …
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»Aber Sie haben ihm nicht
wirklich vertraut, Sir, oder? Er hat es
mir erzählt … der Riddle, der aus dem Tagebuch kam, sagte:
›Dumbledore schien mich nie so zu mögen wie die anderen Leh-
rer.‹«
»Sagen wir mal, ich nahm es nicht als selbstverständlich hin, dass
er vertrauenswürdig war«, erwiderte Dumbledore. »Ich hatte wie
gesagt beschlossen, ihn genau im Auge zu behalten, und das tat ich
auch. Ich kann nicht behaupten, dass meine Beobachtungen in der
ersten Zeit sonderlich fruchtbar gewesen wären. Er war mir gegen-
über sehr zurückhaltend; ich bin sicher, er glaubte, er hätte mir vor
lauter Freude, entdeckt zu haben, wer er wirklich war, ein wenig
zu viel erzählt. Er war sorgsam darauf bedacht, nie wieder so viel
zu verraten, aber was ihm in seiner Aufregung herausgerutscht
war, konnte er nicht wieder zurücknehmen, und auch das nicht,
was Mrs Cole mir anvertraut hatte. Er war aber klug genug und
versuchte nie mich zu umgarnen, wie er so viele meiner Kollegen
umgarnt hat.
Im Lauf seiner Schuljahre scharte er eine Gruppe treuer Freunde
um sich; ich nenne sie so, weil ich keinen besseren Ausdruck weiß,
auch wenn Riddle, wie bereits gesagt, zweifellos keine Zuneigung
für irgendeinen von ihnen empfand. Diese Gruppe strahlte im
Schloss eine Art düsteren Glanz aus. Es war eine bunt zusammen-
gewürfelte Truppe; eine Mischung aus Schwachen, die Schutz
suchten, Ehrgeizigen, die etwas vom Ruhm abhaben wollten, und
aus Schlägertypen, die sich zu einem Führer hingezogen fühlten,
der ihnen noch subtilere Formen von Grausamkeit zeigen konnte.
Mit anderen Worten, sie waren die Vorläufer der Todesser, und
einige von ihnen wurden tatsächlich die ersten Todesser, nachdem
sie Hogwarts verlassen hatten.
Unter Riddles strenger Herrschaft wurden sie nie auf frischer Tat
ertappt, während ihre sieben Jahre in Hogwarts im Zeichen einiger
übler Vorkommnisse standen, mit denen sie nie überzeugend in
Verbindung gebracht werden konnten. Der gefährlichste Zwi-
schenfall war natürlich die Öffnung der Kammer des Schreckens,
die zum Tod eines Mädchens führte. Wie du weißt, wurde Hagrid
zu Unrecht dieses Verbrechens beschuldigt.
329
Ich konnte in Hogwarts nicht viele Erinnerungen an Riddle fin-
den«, sagte Dumbledore und legte seine verschrumpelte Hand auf
das Denkarium. »Nur wenige, die ihn damals kannten, sind bereit,
über ihn zu reden; sie haben zu viel Angst. Was ich weiß, habe ich
herausgefunden, als er Hogwarts verlassen hatte, nach vielen sorg-
fältigen Bemühungen, nachdem ich die wenigen Leute ausfindig
gemacht hatte, die man durch eine List zum Reden bringen konnte,
nachdem ich alte Aufzeichnungen durchsucht und Muggel- sowie
Zaubererzeugen befragt hatte.
Die Leute, die ich überreden konnte zu sprechen, haben mir er-
zählt, dass Riddle von der Frage nach seiner Herkunft besessen war.
Das ist verständlich; er war in einem Waisenhaus aufgewachsen
und wollte natürlich wissen, wie er dorthin gekommen war. Es
scheint, als hätte er vergeblich auf den Schilden im Pokalzimmer
nach einer Spur von Tom Riddle senior gesucht, und auch auf den
Listen der Vertrauensschüler in den alten Schulakten und selbst in
den Büchern über Zaubereigeschichte. Schließlich musste er sich
wohl oder übel eingestehen, dass sein Vater nie den Fuß über die
Schwelle von Hogwarts gesetzt hatte. Ich glaube, zu diesem Zeit-
punkt legte er den Namen für immer ab, nahm die Identität von
Lord Voldemort an und begann mit seinen Nachforschungen über
die zuvor verhasste Familie seiner Mutter - jener Frau, von der er
geglaubt hatte, wie du dich sicher erinnerst, dass sie keine Hexe
sein konnte, weil sie die schändliche menschliche Schwäche ge-
zeigt hatte und gestorben war.
Sein einziger Anhaltspunkt war nur der Name ›Vorlost‹, der, wie
er von den Betreuern im Waisenhaus wusste, der Name des Vaters
seiner Mutter gewesen war. Nach gewissenhafter Suche in alten
Chroniken von Zaubererfamilien entdeckte er schließlich, dass es
noch lebende Nachfahren der Slytherin-Linie gab. In dem Sommer,
als er sechzehn war, verließ er das Waisenhaus, in das er Jahr für
Jahr zurückgekehrt war, und machte sich auf die Suche nach seinen
Verwandten, den Gaunts. Und nun, Harry, steh bitte auf …«
Dumbledore erhob sich, und Harry sah, dass er wieder eine klei-
ne Kristallflasche in der Hand hielt, die mit wirbelnder, perlweißer
Erinnerung gefüllt war.
330
»Ich hatte großes Glück, dass ich mir dies hier beschaffen konn-
te«, sagte er, als er die schimmernde Masse in das Denkarium schüt-
tete. »Was du verstehen wirst, wenn wir es erlebt haben. Wollen
wir?«
Harry trat an das steinerne Bassin und neigte sich gehorsam, bis
sein Gesicht durch die Oberfläche der Erinnerung drang; er spürte
das vertraute Gefühl, durch ein Nichts zu fallen, und landete dann
in fast völliger Dunkelheit auf einem schmutzigen Steinboden.
Er brauchte einige Sekunden, um den Ort zu erkennen, dann war
auch Dumbledore neben ihm gelandet. Das Haus der Gaunts war
nun so unbeschreiblich schmutzig, wie Harry es noch nirgendwo
gesehen hatte. Die Decke war dick mit Spinnweben überzogen, der
Boden voller Ruß; schimmliges und verfaultes Essen lag auf dem
Tisch inmitten einer Ansammlung verkrusteter Töpfe. Licht kam
nur von einer einzelnen tropfenden Kerze zu Füßen eines Mannes,
dessen Haare und Bart so gewuchert waren, dass Harry weder seine
Augen noch seinen Mund sehen konnte. Er saß zusammen-
gesunken in einem Sessel am Feuer, und Harry fragte sich einen
Moment lang, ob er tot sei. Doch dann war ein lautes Klopfen an
der Tür zu hören und der Mann fuhr ruckartig aus dem Schlaf, hob
mit der rechten Hand einen Zauberstab und mit der linken ein
kurzes Messer.
Die Tür ging knarrend auf. Dort auf der Schwelle stand, mit einer
altmodischen Lampe in der Hand, ein Junge, den Harry sofort er-
kannte: groß, blass, dunkelhaarig und hübsch - Voldemort als Tee-
nager.
Voldemorts Augen wanderten langsam durch die Bruchbude und
fanden schließlich den Mann im Sessel. Einige Sekunden lang sa-
hen sie einander an, dann richtete sich der Mann taumelnd auf,
und die vielen leeren Flaschen zu seinen Füßen polterten und
klirrten über den Boden.
»DU!«, brüllte er. »DU!«
Und er stürzte mit erhobenem Zauberstab und Messer betrunken
auf Riddle zu.
»Halt.«
Riddle sprach Parsel. Der Mann schleuderte gegen den Tisch, und
331
schimmlige Töpfe krachten zu Boden. Er starrte Riddle an. Ein
langes Schweigen trat ein, in dem beide einander fixierten. Der
Mann durchbrach die Stille.
»Du sprichst es?«
»Ja, ich spreche es«, sagte Riddle. Er trat nun ein paar Schritte in
den Raum und ließ die Tür hinter sich zufallen. Harry konnte nicht
anders, als Voldemort widerwillig für seine vollkommene Furchtlo-
sigkeit zu bewundern. In dessen Gesicht war nur Abscheu zu lesen,
und vielleicht Enttäuschung.
»Wo ist Vorlost?«, fragte er.
»Tot«, sagte der andere.
»Schon vor Jahren gestorben, nicht?«
Riddle runzelte die Stirn.
»Und wer bist du?«
»Ich bin Morfin, oder?«
»Vorlosts Sohn?«
»'türlich bin ich das …«
Morfin strich sich das Haar aus dem schmutzigen Gesicht, um
Riddle besser sehen zu können, und Harry bemerkte, dass er Vor-
losts Ring mit dem schwarzen Stein an der rechten Hand trug.
»Ich dachte, du bist dieser Muggel«, flüsterte Morfin.
»Du siehst
mächtig aus wie dieser Muggel.«
»Welcher Muggel?«, sagte Riddle scharf.
»Dieser Muggel, in den meine Schwester vernarrt war, der da in
dem großen Haus gegenüber wohnt«, sagte Morfin und spuckte un-
vermutet zwischen ihnen auf den Boden.
»Du siehst genauso aus
wie der. Riddle. Aber der is' jetzt älter, was? Der is' älter wie du,
wenn ich's mir recht überleg …«
Morfin schien leicht verwirrt und schwankte ein wenig, dabei
klammerte er sich immer noch Halt suchend an den Tischrand.
»Er is' zurückgekommen, weißt du«, fügte er stumpfsinnig hinzu.
Voldemort starrte Morfin an, als würde er abschätzen, wozu er
fähig war. Jetzt ging er etwas näher zu ihm hin und sagte:
»Riddle
ist zurückgekommen?«
»Aah, hat sie sitzen lassen, und sie hat's nicht anders verdient,
wenn sie Dreck heiratet!«, sagte Morfin und spuckte erneut auf den
Boden.
»Hat uns bestohlen, eh sie durchgebrannt ist, stell dir vor!
332
Wo ist das Medaillon, he, wo ist das Medaillon von Slytherin?«
Voldemort antwortete nicht. Morfin geriet allmählich wieder in
Rage; er schwang sein Messer und schrie:
»Hat uns entehrt, jawohl,
diese kleine Schlampe! Und wer bist du, dass du einfach herkommst
und alles wissen willst? 's ist vorbei, sag ich … 's ist vorbei …«
Er wandte den Blick ab, kam leicht ins Taumeln, und Voldemort
ging weiter auf ihn zu. In diesem Augenblick brach eine unnatürli-
che Dunkelheit herein, löschte Voldemorts Lampe und Morfins
Kerze, löschte alles aus …
Dumbledores Finger schlossen sich fest um Harrys Arm, und sie
flogen wieder zurück in die Gegenwart. Das weiche goldene Licht
in Dumbledores Büro blendete Harrys Augen nach jener undurch-
dringlichen Finsternis.
»Ist das alles?«, sagte Harry sofort. »Warum ist es dunkel ge-
worden, was ist passiert?«
»Weil Morfin sich ab diesem Moment an nichts mehr erinnern
konnte«, sagte Dumbledore und bedeutete Harry, wieder Platz zu
nehmen. »Als er am nächsten Morgen aufwachte, lag er am Boden,
völlig allein. Vorlosts Ring war verschwunden.
Unterdessen rannte im Dorf Little Hangleton ein Dienstmädchen
die Hauptstraße entlang und schrie, dass drei Leichen im Salon des
Herrenhauses lägen: Tom Riddle senior, und seine Mutter und sein
Vater.
Die Muggelbehörden waren verwirrt. Soweit ich unterrichtet bin,
wissen sie bis zum heutigen Tag nicht, wie die Riddles gestorben
sind, denn der Avada-Kedavra-Fluch hinterlässt normalerweise
keinerlei Anzeichen einer Verletzung … die Ausnahme sitzt hier
vor mir«, fügte Dumbledore mit einem Kopfnicken zu Harrys Nar-
be hinzu. »Das Ministerium hingegen wusste sofort, dass dies ein
Mord durch einen Zauberer war. Man wusste auch, dass auf der an-
deren Seite des Tals gegenüber dem Haus der Riddles ein vorbe-
strafter Muggelhasser lebte, ein Muggelhasser, der wegen eines
Angriffs auf einen der ermordeten Menschen schon einmal im Ge-
fängnis gesessen hatte.
Also nahm sich das Ministerium Morfin vor. Sie brauchten ihn
gar nicht zu verhören und auch nicht Veritaserum oder Legilimen-
333
tik einzusetzen. Er gestand den Mord auf der Stelle und lieferte
Einzelheiten, die nur der Mörder kennen konnte. Er sei stolz, be-
hauptete er, die Muggel getötet zu haben, er habe all die Jahre auf
seine Gelegenheit gewartet. Er übergab seinen Zauberstab, und
man konnte unverzüglich nachweisen, dass er benutzt worden war,
um die Riddles zu töten. Und er ließ sich widerstandslos nach
Askaban abführen. Das Einzige, was ihn beunruhigte, war die Tat-
sache, dass der Ring seines Vaters verschwunden war. ›Er bringt
mich um, weil ich ihn verloren hab‹, sagte er immer wieder zu den
Leuten, die ihn verhaftet hatten. ›Er bringt mich um, weil ich sei-
nen Ring verloren hab. ‹ Und das war offenbar alles, was er jemals
wieder sagte. Er verbrachte den Rest seines Lebens in Askaban und
jammerte über den Verlust von Vorlosts letztem Erbstück, nun
liegt er nahe beim Gefängnis neben den anderen armen Seelen be-
graben, die ihr Leben in seinen Mauern aushauchten.«
»Voldemort hat also Morfins Zauberstab gestohlen und ihn be-
nutzt?«, sagte Harry und richtete sich auf.
»Genau«, sagte Dumbledore. »Wir haben keine Erinnerungen, die
uns das zeigen, aber ich glaube, wir wissen ziemlich sicher, was
passiert ist. Voldemort belegte seinen Onkel mit einem Schockzau-
ber, nahm dessen Zauberstab und ging dann auf die andere Seite
des Tals zu dem ›großen Haus gegenüber‹. Dort ermordete er den
Muggel, der seine Hexenmutter verlassen hatte, und seine Mug-
gelgroßeltern noch dazu; er löschte damit die Letzten der unwürdi-
gen Riddle-Familie aus und rächte sich gleichzeitig an seinem Va-
ter, der ihn nie gewollt hatte. Dann kehrte er in die Bruchbude der
Gaunts zurück, führte den komplizierten Zauber aus, der dem Ge-
dächtnis seines Onkels eine falsche Erinnerung einpflanzte, legte
Morfins Zauberstab neben seinen bewusstlosen Besitzer, steckte
den uralten Ring ein, den Morfin trug, und verschwand.«
»Und Morfin ist nie bewusst geworden, dass er es nicht getan
hat?«
»Nie«, sagte Dumbledore. »Wie gesagt, er hat ein umfassendes
und prahlerisches Geständnis abgelegt.«
»Aber diese echte Erinnerung steckte die ganze Zeit in ihm!«
»Ja, aber es war sehr viel gekonnte Legilimentik nötig, um sie ihm
334
zu entlocken«, sagte Dumbledore, »und warum sollte irgendjemand
sich weiter in Morfins Geist vertiefen, wenn er das Verbrechen
doch schon gestanden hatte? Ich konnte mir jedoch in den letzten
Wochen seines Lebens eine Besuchserlaubnis für Morfin beschaf-
fen, denn inzwischen versuchte ich beharrlich, so viel wie möglich
über Voldemorts Vergangenheit herauszufinden. Es war schwierig
für mich, diese Erinnerung auszugraben. Als ich sah, was sie ent-
hielt, versuchte ich sie dafür zu verwenden, Morfins Freilassung
aus Askaban zu erreichen. Doch noch ehe das Ministerium zu einer
Entscheidung gelangte, war Morfin tot.«
»Aber wieso hat das Ministerium nicht erkannt, dass Voldemort
Morfin das alles angetan hatte?«, fragte Harry wütend. »Er war da-
mals minderjährig, nicht wahr? Ich dachte, die könnten Zauberei
Minderjähriger aufspüren!«
»Du hast vollkommen Recht - sie können Zauberei aufspüren, a-
ber nicht den, der sie ausübt: Du erinnerst dich sicher noch, dass du
vom Ministerium wegen eines Schwebezaubers ermahnt wurdest,
dabei war es in Wirklichkeit -«
»Dobby«, knurrte Harry; diese Ungerechtigkeit fuchste ihn im-
mer noch. »Wenn man also minderjährig ist und im Haus einer
erwachsenen Hexe oder eines Zauberers zaubert, dann merkt es das
Ministerium nicht?«
»Sie sind sicher nicht in der Lage festzustellen, wer den Zauber
ausgeführt hat«, sagte Dumbledore und lächelte ein wenig ange-
sichts von Harrys zutiefst entrüsteter Miene. »Sie verlassen sich
darauf, dass Hexenmütter und Zaubererväter sich bei ihren Kin-
dern Gehorsam verschaffen, solange sie in ihren vier Wänden le-
ben.«
»Also, das ist doch Blödsinn«, fauchte Harry. »Sehen Sie sich nur
an, was hier passiert ist, sehen Sie nur, was mit Morfin passiert ist!«
»Das stimmt«, sagte Dumbledore. »Was immer Morfin auch war,
er hatte es nicht verdient, auf diese Weise zu sterben, beschuldigt
wegen Morden, die er nicht begangen hatte. Aber es wird spät, und
ich möchte, dass du diese zweite Erinnerung siehst, bevor wir aus-
einander gehen …«
Dumbledore nahm ein weiteres Kristallfläschchen aus einer In-
335
nentasche und Harry verstummte sofort. Er dachte daran, dass
Dumbledore gesagt hatte, dies sei die wichtigste Erinnerung, die er
gesammelt habe. Harry bemerkte, dass es sich als schwierig erwies,
die Erinnerung in das Denkarium zu schütten, als ob sie sich ein
wenig verdickt hätte; konnten Erinnerungen auch verderben?
»Das wird nicht lange dauern«, sagte Dumbledore, als er das
Fläschchen endlich geleert hatte. »Wir werden im Handumdrehen
wieder zurück sein. Alsdann, noch einmal ins Denkarium …«
Und Harry fiel erneut durch die silbrige Oberfläche und landete
diesmal direkt vor einem Mann, den er sofort erkannte.
Es war ein viel jüngerer Horace Slughorn. Harry hatte sich so an
dessen Glatze gewöhnt, dass er den Anblick von Slughorn mit dich-
tem, glänzendem, strohblondem Haar ziemlich verwirrend fand; es
sah aus, als hätte er sich seinen Kopf mit Stroh decken lassen, auch
wenn bereits ein glänzender, galleonengroßer kahler Fleck oben
auf seinem Schädel zu erkennen war. Sein Schnurrbart war rötlich
blond und nicht so gewaltig wie zu Harrys Zeit. Er war nicht ganz
so rundlich wie der Slughorn, den Harry kannte, doch hatten die
goldenen Knöpfe an seiner reich bestickten Weste einiges an Span-
nung auszuhalten. Seine kleinen Füße ruhten auf einem samtenen
Polster, und er saß weit zurückgelehnt in einem bequemen Ohren-
sessel, hielt in der einen Hand ein Gläschen Wein und stöberte mit
der anderen in einer Schachtel mit kandierten Ananas.
Harry schaute sich um, als Dumbledore neben ihm auftauchte,
und sah, dass sie in Slughorns Büro standen. Ein halbes Dutzend
Jungen saßen um Slughorn herum, alle auf härteren oder niedrige-
ren Sitzen als er und alle im mittleren Teenageralter. Harry er-
kannte Riddle sofort. Er hatte das hübscheste Gesicht und machte
den entspanntesten Eindruck von allen Jungen. Seine rechte Hand
lag lässig auf der Lehne seines Stuhls; Harry fuhr zusammen, als er
sah, dass er Vorlosts goldenen Ring mit dem schwarzen Stein trug;
er hatte seinen Vater bereits umgebracht.
»Sir, stimmt es, dass Professor Merrythought in den Ruhestand
geht?«, fragte Riddle.
»Tom, Tom, wenn ich es wüsste, dürfte ich es Ihnen nicht sagen«,
antwortete Slughorn und schlackerte missbilligend mit einem zu-
336
ckerbestäubten Finger zu Riddle hin, obwohl die Wirkung ein we-
nig dadurch verpuffte, dass er zwinkerte. »Ehrlich gesagt, wüsste
ich gerne, woher Sie Ihre Informationen bekommen, Junge; Sie
wissen doch mehr als die halbe Lehrerschaft.«
Riddle lächelte; die anderen Jungen lachten und warfen ihm be-
wundernde Blicke zu.
»In Anbetracht Ihrer unheimlichen Fähigkeit, Dinge in Er-
fahrung zu bringen, die Sie nicht wissen sollten, und Ihrer wohl
bedachten Schmeicheleien wichtigen Leuten gegenüber - übrigens,
vielen Dank für die Ananas, Sie liegen vollkommen richtig, die
habe ich am liebsten -«
Während mehrere der Jungen kicherten, geschah etwas sehr Selt-
sames. Der ganze Raum war plötzlich von einem dichten weißen
Nebel erfüllt, so dass Harry nichts als das Gesicht von Dumbledore
sehen konnte, der neben ihm stand. Dann drang Slughorns Stimme
durch den Nebel, unnatürlich laut:
»- Sie werden auf die schiefe
Bahn geraten, Junge, denken Sie an meine Worte.«
Der Nebel lichtete sich so plötzlich, wie er gekommen war, und
doch verlor keiner ein Wort darüber, noch machte irgendjemand
den Eindruck, als ob soeben etwas Ungewöhnliches geschehen
wäre. Harry sah sich verwirrt um, während eine kleine goldene
Uhr auf Slughorns Schreibtisch elf schlug.
»Du meine Güte, ist es schon so spät?«, sagte Slughorn. »Dann
geht mal besser, Jungs, oder wir kriegen alle Ärger. Lestrange, ich
bekomme Ihren Aufsatz morgen, oder es gibt Nachsitzen. Dasselbe
gilt für Sie, Avery.«
Slughorn stemmte sich aus dem Sessel und trug sein leeres Glas
hinüber zu seinem Schreibtisch, während die Jungen der Reihe
nach hinausgingen. Riddle jedoch blieb zurück. Harry war klar,
dass er absichtlich getrödelt hatte und als Letzter mit Slughorn im
Zimmer bleiben wollte.
»Nun sputen Sie sich aber, Tom«, sagte Slughorn, als er sich um-
wandte und bemerkte, dass er immer noch da war. »Sie wollen
doch nicht während der Nachtruhe draußen erwischt werden, Sie
als Vertrauensschüler …«
»Sir, ich wollte Sie etwas fragen.«
337
»Dann nur zu, mein Junge, nur zu …«
»Sir, könnten Sie mir sagen, was Sie über … über Horkruxe wis-
sen?«
Und da passierte es wieder: Der dichte Nebel erfüllte den Raum,
so dass Harry Slughorn und Riddle nicht mehr sehen konnte; nur
noch Dumbledore neben ihm, der heiter lächelte. Dann dröhnte
erneut Slughorns Stimme, genau wie zuvor.
»Ich weiß nichts über Horkruxe, und wenn, würde ich es Ihnen
nicht sagen! Und nun sofort raus hier, und wehe, Sie erwähnen sie
noch einmal!«
»Nun, das war's«, sagte Dumbledore gelassen neben Harry. »Zeit
zu gehen.«
Und Harry verlor den Boden unter den Füßen und fiel Sekunden
später wieder auf den Teppich vor Dumbledores Schreibtisch.
»Das war alles?«, fragte Harry erstaunt.
Dumbledore hatte gesagt, dies sei die wichtigste Erinnerung von
allen, doch Harry hatte keine Ahnung, was daran so bedeutsam
sein sollte. Zugegeben, der Nebel und die Tatsache, dass ihn offen-
bar niemand bemerkt hatte, waren sonderbar, aber ansonsten
schien nichts passiert zu sein, außer dass Riddle eine Frage gestellt
und keine Antwort bekommen hatte.
»Wie du vielleicht bemerkt hast«, sagte Dumbledore und setzte
sich wieder hinter seinen Schreibtisch, »hat sich an dieser Erinne-
rung jemand zu schaffen gemacht.«
»Zu schaffen gemacht?«, wiederholte Harry und nahm ebenfalls
wieder Platz.
»Ganz bestimmt«, sagte Dumbledore, »Professor Slughorn hat an
seinen eigenen Erinnerungen herumhantiert.«
»Aber warum sollte er das tun?«
»Ich denke, weil er sich für das schämt, woran er sich erinnert«,
sagte Dumbledore. »Er hat versucht, die Erinnerung zu überarbei-
ten, um sich selbst in einem besseren Licht darzustellen, er hat die
Teile unleserlich gemacht, die ich nicht sehen soll. Wie du sicher
bemerkt hast, ist es sehr plump gemacht, und das ist nur von Vor-
teil, denn man sieht, dass unter den Änderungen immer noch die
wahre Erinnerung liegt.
338
Und aus diesem Grund gebe ich dir auch zum ersten Mal etwas
auf, Harry. Deine Aufgabe besteht darin, Professor Slughorn zu
überreden, die echte Erinnerung preiszugeben, die zweifellos unse-
re entscheidende Information sein wird.«
Harry starrte ihn an.
»Aber, Sir«, sagte er und seine Stimme war so respektvoll wie
möglich, »Sie brauchen mich doch nicht - Sie könnten Legilimentik
einsetzen … oder Veritaserum …«
»Professor Slughorn ist ein äußerst fähiger Zauberer, er wird sich
gegen beides gewappnet haben«, sagte Dumbledore. »Er ist in
Okklumentik erheblich besser als der arme Morfin Gaunt, und es
würde mich wundern, wenn er kein Gegenmittel für Veritaserum
bei sich trüge, seit ich ihn zwang, mir diese verzerrte Erinnerung
zu geben.
Nein, ich denke, der Versuch, Professor Slughorn die Wahrheit
mit Gewalt abzuringen, wäre töricht und könnte mehr Schaden
anrichten als Nutzen bringen; ich will nicht, dass er Hogwarts ver-
lässt. Doch hat er seine Schwächen wie wir anderen auch, und ich
glaube, du bist derjenige, der in der Lage sein könnte, seine Ab-
wehr zu durchdringen. Es ist äußerst wichtig, dass wir uns die
wahre Erinnerung beschaffen, Harry … wie wichtig, werden wir
erst wissen, wenn wir sie tatsächlich gesehen haben. Also, viel
Glück … und gute Nacht.«
Harry stand schnell auf, ein wenig überrascht, so plötzlich verab-
schiedet zu werden.
»Gute Nacht, Sir.«
Als er die Bürotür hinter sich schloss, hörte er deutlich, wie Phi-
neas Nigellus sagte: »Ich kann mir nicht vorstellen, warum der Jun-
ge in der Lage sein sollte, es besser zu machen als Sie, Dumbledore.«
»Das hätte ich auch nicht von Ihnen erwartet«, erwiderte
Dumbledore, und Fawkes stieß wieder einen leisen, wohl-
klingenden Schrei aus.
339
Geburtstagsüberraschungen
Am nächsten Tag erzählte Harry Ron und Hermine von der Aufga-
be, die Dumbledore ihm gestellt hatte, allerdings jedem einzeln, da
Hermine sich immer noch weigerte, länger in Rons Gegenwart zu
bleiben, als man dafür brauchte, ihm einen verächtlichen Blick
zuzuwerfen.
Ron meinte, Harry werde wahrscheinlich nicht die geringsten
Probleme mit Slughorn haben.
»Er liebt dich«, sagte er beim Frühstück und wedelte lässig mit
einer Gabel voll Spiegelei herum. »Der wird dir doch nichts ab-
schlagen, oder? Nicht seinem kleinen Zaubertrankprinzen. Bleib
einfach nach dem Unterricht heute Nachmittag noch da und frag
ihn.«
Hermine jedoch sah eher schwarz.
»Wenn Dumbledore es nicht aus ihm rausgekriegt hat, dann muss
er fest entschlossen sein, das zu verbergen, was wirklich passiert
ist«, sagte sie mit leiser Stimme, als sie in der Pause auf dem men-
schenleeren, schneebedeckten Hof standen. »Horkruxe …
Horkru-
xe … Ich hab noch nicht mal von denen gehört …«
»Ehrlich nicht?«
Harry war enttäuscht; er hatte gehofft, dass Hermine ihm viel-
leicht einen Hinweis darauf geben könnte, was Horkruxe waren.
»Das muss richtig fortgeschrittene schwarze Magie sein, warum
hätte Voldemort sonst etwas darüber erfahren wollen? Ich schätze,
es wird schwierig sein, die Information zu bekommen, Harry, du
musst dir sehr gut überlegen, wie du Slughorn darauf ansprichst,
denk dir eine Strategie aus …«
»Ron meint, dass ich einfach heute Nachmittag nach der Zauber-
trankstunde noch dableiben …«
»Oh, schön, wenn
Won-Won das meint, dann machst du es am
besten«, sagte sie, sofort aufbrausend. »Wann hat
Won-Won
schließlich mit seinem Urteil jemals falsch gelegen?«
»Hermine, kannst du nicht -«
»Nein!«, erwiderte sie zornig, stürmte davon und ließ Harry allein
340
im knöcheltiefen Schnee zurück.
Der Zaubertrankunterricht war in diesen Tagen recht un-
angenehm, da Harry, Ron und Hermine sich einen Tisch teilen
mussten. Heute schob Hermine ihren Kessel auf die andere Tisch-
seite, so dass sie neben Ernie saß, und nahm weder Notiz von Harry
noch von Ron.
»Was hast
du ihr denn getan?«, murmelte Ron Harry zu und
blickte auf Hermines überheblich wirkendes Profil.
Doch ehe Harry antworten konnte, befahl Slughorn von vorne
Ruhe.
»Setzen, setzen, bitte! Nun aber Beeilung, wir haben heute
Nachmittag eine Menge Arbeit zu bewältigen! Golpalotts Drittes
Gesetz … wer kann es mir sagen -? Unsere Miss Granger kann es,
natürlich!«
Hermine rasselte in Höchstgeschwindigkeit herunter: »Gol-
palotts-Drittes-Gesetz-besagt-dass-das-Gegengift-für-eine-
Giftmischung-mehr-als-die-Summe-der-Gegengifte-für-je-den-
einzelnen-Bestandteil-ist.«
»Ganz genau!«, strahlte Slughorn. »Zehn Punkte für Gryffindor!
Nun, wenn wir davon ausgehen, dass Golpalotts Drittes Gesetz
wahr ist …«
Harry würde sich wohl auf Slughorns Wort verlassen müssen,
dass Golpalotts Drittes Gesetz zutraf, denn er hatte rein gar nichts
davon verstanden. Auch sonst schien niemand außer Hermine dem
zu folgen, was Slughorn als Nächstes sagte.
»… und das bedeutet natürlich, dass, einmal angenommen, uns ist
anhand von Scarpins Revelatiozauber die korrekte Bestimmung der
Trankzutaten gelungen, unser Hauptziel nicht das verhältnismäßig
einfache sein kann, Gegenmittel für jede dieser Zutaten an und für
sich auszuwählen, sondern jenen zusätzlichen Bestandteil zu fin-
den, der vermittels eines beinahe alchemistischen Prozesses diese
unterschiedlichen Elemente verwandelt -«
Ron saß mit halb offenem Mund neben Harry und kritzelte geis-
tesabwesend auf seinem neuen Exemplar von
Zaubertränke für
Fortgeschrittene herum. Er vergaß immer wieder, dass er sich nicht
mehr darauf verlassen konnte, dass Hermine ihm aus der Patsche
341
half, wenn er im Unterricht geschlafen hatte.
»… und daher«, schloss Slughorn, »bitte ich Sie alle, einzeln nach
vorne zu kommen und sich eines dieser Fläschchen von meinem
Pult zu holen. Sie sollen vor Ende der Unterrichtsstunde ein Ge-
genmittel für das darin enthaltene Gift entwickeln. Viel Glück, und
vergessen Sie Ihre Schutzhandschuhe nicht!«
Hermine hatte ihren Platz verlassen und war schon auf halbem
Weg zu Slughorns Pult, ehe der Rest der Klasse begriffen hatte, dass
es an der Zeit war, sich in Bewegung zu setzen, und als Harry, Ron
und Ernie wieder zum Tisch zurückkehrten, hatte sie den Inhalt
ihres Fläschchens bereits in ihren Kessel gekippt und war dabei, ein
Feuer darunter zu entfachen.
»Schade aber auch, dass der Prinz dir dabei nicht viel wird helfen
können, Harry«, sagte sie munter, als sie sich aufrichtete. »Diesmal
musst du die Grundsätze verstehen, die hier eine Rolle spielen.
Keine Kurzformeln oder Schummeleien!«
Verärgert entkorkte Harry das Fläschchen mit dem grellrosa Gift,
das er von Slughorns Pult geholt hatte, kippte es in seinen Kessel
und zündete ein Feuer darunter an. Er hatte nicht die leiseste Ah-
nung, was er als Nächstes tun sollte. Er warf Ron einen Blick zu,
der jetzt dastand und ziemlich dumm dreinschaute, denn er hatte
Harry alles nachgemacht.
»Bist du sicher, dass der Prinz nicht irgendwelche Tipps hat?«,
raunte er Harry zu.
Harry zog sein zuverlässiges Exemplar von
Zaubertränke für
Fortgeschrittene hervor und schlug das Kapitel über Gegengifte auf.
Da stand Golpalotts Drittes Gesetz, Wort für Wort so, wie Hermine
es aufgesagt hatte, aber keine einzige aufschlussreiche Notiz in der
Handschrift des Prinzen, die erklärt hätte, was es bedeutete. Offen-
bar hatte der Prinz, wie Hermine, keine Schwierigkeiten gehabt, es
zu verstehen.
»Nichts«, sagte Harry düster.
Hermine schwenkte nun begeistert ihren Zauberstab über den
Kessel. Leider konnten sie den Zauber, den sie ausführte, nicht
nachmachen, weil sie inzwischen so gut in ungesagten Beschwö-
rungen war, dass sie die Worte nicht laut aussprechen musste. Er-
342
nie Macmillan jedoch murmelte
»Specialis revelio!« über seinen
Kessel, was eindrucksvoll klang, und so beeilten sich Harry und
Ron, ihn nachzuahmen.
Harry brauchte nur fünf Minuten, um zu erkennen, dass sein Ruf
als bester Zaubertrankbrauer der Klasse gerade in die Binsen ging.
Slughorn hatte bei seiner ersten Runde durch den Kerker hoff-
nungsvoll in seinen Kessel gelugt, schon drauf und dran, wie üblich
in Jubelrufe auszubrechen, stattdessen hatte er den Kopf hastig
zurückgezogen und gehustet, da ihm der Geruch von faulen Eiern
entgegengeschlagen war. Hermines Gesicht hätte nicht selbstgefäl-
liger sein können; sie hatte es nicht ausstehen können, in jeder
Zaubertrankstunde übertroffen zu werden. Jetzt füllte sie die auf
mysteriöse Weise getrennten Bestandteile ihres Giftes in zehn ver-
schiedene Kristallfläschchen um. Vor allem, um sich diesen ärger-
lichen Anblick zu ersparen, beugte sich Harry über das Buch des
Halbblutprinzen und blätterte unnötig heftig einige Seiten um.
Und da stand es, quer über eine lange Liste von Gegengiften ge-
kritzelt.
Einfach einen Bezoar in den Hals stopfen.
Harry starrte einen Moment auf diese Worte. Hatte er nicht vor
langer Zeit schon mal von Bezoaren gehört? Hatte Snape sie nicht
in ihrer allerersten Zaubertrankstunde erwähnt?
»Ein Stein aus
dem Magen einer Ziege, der einen vor den meisten Giften rettet.«
Es war keine Lösung für das Golpalott-Problem, und wenn Snape
noch ihr Lehrer gewesen wäre, hätte Harry es nicht gewagt, aber es
war der Moment für eine Verzweiflungstat. Er hastete hinüber zum
Vorratsschrank und durchwühlte ihn, stieß Einhorn-Hörner und
getrocknete Kräuterbüschel beiseite, bis er, ganz hinten, eine kleine
Pappschachtel mit der Aufschrift »Bezoare« fand.
Er öffnete die Schachtel genau in dem Moment, als Slughorn rief:
»Noch zwei Minuten Zeit für alle!« Sie enthielt ein halbes Dutzend
schrumpliger brauner Gegenstände, die eher vertrockneten Nieren
als echten Steinen glichen. Harry ergriff einen davon, stellte die
Schachtel wieder in den Schrank und eilte zurück zu seinem Kes-
sel.
»Die Zeit ist … UM!«, rief Slughorn fröhlich. »Nun wollen wir
343
uns mal ansehen, wie Sie sich angestellt haben! Blaise … was haben
Sie für mich?«
Slughorn schlenderte gemächlich durch den Raum und be-
gutachtete die verschiedenen Gegengifte. Niemand war mit der
Aufgabe fertig geworden, doch Hermine versuchte, ein paar weite-
re Zutaten in ihre Flasche zu stopfen, ehe Slughorn zu ihr kam.
Ron hatte ganz aufgegeben und versuchte nur noch, die fauligen
Dämpfe möglichst nicht einzuatmen, die aus seinem Kessel stiegen.
Harry stand da und wartete, den Bezoar fest in seiner leicht ver-
schwitzten Hand.
Slughorn kam als Letztes zu ihrem Tisch. Er schnupperte an Er-
nies Gebräu, verzog das Gesicht und ging weiter zu Ron. Über Rons
Kessel hielt er es nicht lange aus, sondern wich rasch leicht wür-
gend zurück.
»Und Sie, Harry«, sagte er. »Was haben Sie mir zu zeigen?«
Harry streckte die flache Hand mit dem Bezoar aus.
Slughorn sah den Stein ganze zehn Sekunden an. Einen Moment
lang fragte sich Harry, ob er ihn anschreien würde. Dann warf
Slughorn den Kopf zurück und brüllte vor Lachen.
»Sie sind mir vielleicht einer, mein Junge!«, dröhnte er, nahm den
Bezoar und hielt ihn hoch, damit die Klasse ihn sehen konnte. »Oh,
Sie sind wie Ihre Mutter … Nun, ich kann nicht behaupten, Sie
hätten es falsch gemacht … ein Bezoar würde sicherlich als Gegen-
gift für all diese Tränke wirken!«
Hermine, die schweißnass im Gesicht war und Ruß an der Nase
hatte, schien hell erzürnt. Ihr halb fertiges Gegengift, mit zweiund-
fünfzig Zutaten, darunter einem Büschel von ihrem eigenen Haar,
blubberte träge hinter Slughorn, der nur noch Augen für Harry
hatte.
»Und du bist ganz von allein auf einen Bezoar gekommen,
stimmt's, Harry?«, fragte sie zähneknirschend.
»Das ist der unabhängige Geist, den ein echter Zauber-
trankmacher braucht!«, sagte Slughorn vergnügt, ehe Harry ant-
worten konnte. »Genau wie seine Mutter, sie hatte das gleiche intu-
itive Gespür für die Zaubertrankbrauerei, zweifellos hat er das von
Lily … ja, Harry, ja, wenn Sie einen Bezoar zur Hand haben, funk-
344
tioniert das natürlich … da sie allerdings nicht gegen alles wirken
und ziemlich selten sind, ist es trotzdem wissenswert, wie man
Gegengifte mischt …«
Der Einzige im Raum, der noch wütender dreinblickte als Her-
mine, war Malfoy, er hatte sich zu Harrys Vergnügen mit etwas
bekleckert, das wie Katzenkotze aussah. Bevor Hermine oder Mal-
foy jedoch ihre Wut zum Ausdruck bringen konnten, dass Harry
wieder mal mit Nichtstun der Klassenbeste geworden war, läutete
die Glocke.
»Sachen einräumen!«, rief Slughorn. »Und zehn weitere Punkte
für Gryffindor, allein schon für den Schneid!«
Unentwegt glucksend watschelte er zurück zu seinem Pult an der
Stirnseite des Kerkers.
Harry trödelte und nahm sich übermäßig viel Zeit, seine Tasche
zu packen. Weder Ron noch Hermine wünschten ihm Glück, als
sie hinausgingen; beide wirkten ziemlich verärgert. Schließlich
waren Harry und Slughorn allein im Raum.
»Nun aber los, Harry, Sie werden zu spät in die nächste Stunde
kommen«, sagte Slughorn freundlich und ließ die goldenen Schnal-
len an seiner Drachenhautmappe zuschnappen.
»Sir«, sagte Harry und erinnerte sich unweigerlich an Voldemort,
»ich wollte Sie etwas fragen.«
»Dann nur zu, mein lieber Junge, nur zu …«
»Sir, könnten Sie mir sagen, was Sie über … über Horkruxe wis-
sen?«
Slughorn erstarrte. Sein rundes Gesicht schien in sich zu-
sammenzufallen. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und
sagte heiser: »Was haben Sie gesagt?«
»Ich habe gefragt, ob Sie etwas über Horkruxe wissen, Sir. Es ist
nämlich -«
»Dumbledore hat Sie dazu angestiftet«, flüsterte Slughorn.
Seine Stimme war völlig verändert. Sie klang nicht mehr freund-
lich, sondern schockiert, maßlos entsetzt. Er fummelte fahrig in
seiner Brusttasche herum, zog ein Taschentuch heraus und wischte
sich den Schweiß von der Stirn.
»Dumbledore hat Ihnen diese - diese Erinnerung gezeigt«, sagte
345
Slughorn. »Oder? Das stimmt doch?«
»Ja«, sagte Harry, der blitzschnell entschieden hatte, dass es das
Beste war, nicht zu lügen.
»Ja, natürlich«, sagte Slughorn leise und tupfte immer noch sein
weißes Gesicht ab. »Natürlich … also, wenn Sie diese Erinnerung
gesehen haben, Harry, dann wissen Sie, dass ich nichts -
nichts -«,
er wiederholte das Wort mit Nachdruck, »über Horkruxe weiß.«
Er packte seine Drachenhautmappe, stopfte das Taschentuch in
die Brusttasche zurück und marschierte zur Kerkertür.
»Sir«, sagte Harry verzweifelt, »ich dachte nur, da wäre noch ein
bisschen mehr von der Erinnerung -«
»Tatsächlich?«, sagte Slughorn. »Dann haben Sie falsch gedacht,
verstanden? FALSCH!«
Er brüllte das letzte Wort, und ehe Harry noch etwas sagen
konnte, schlug er die Kerkertür hinter sich zu.
Weder Ron noch Hermine zeigten auch nur einen Hauch von
Mitgefühl, als Harry ihnen von dem katastrophalen Gespräch er-
zählte. Hermine kochte immer noch vor Wut über die Art und
Weise, wie Harry Erfolg eingeheimst hatte, ohne die Arbeit richtig
zu machen. Ron nahm ihm übel, dass er ihm nicht auch einen Be-
zoar zugesteckt hatte.
»Es hätte einfach blöd ausgesehen, wenn wir es beide getan hät-
ten!«, sagte Harry gereizt. »Schau mal, ich musste doch versuchen,
ihn weich zu kriegen, damit ich ihn wegen Voldemort befragen
konnte, oder? Ach, jetzt
reiß dich doch mal zusammen!«, fügte er
wütend hinzu, als Ron beim Klang dieses Namens zusammenzuck-
te.
Zornig wegen seines Fehlschlags und wegen Rons und Hermines
Verhalten, brütete Harry in den folgenden Tagen darüber, wie er
das nächste Mal an Slughorn herantreten konnte. Er beschloss,
Slughorn zunächst einmal glauben zu machen, dass er die ganze
Sache mit den Horkruxen vergessen habe; sicher war es das Beste,
wenn er ihn in vermeintlicher Sicherheit wiegte, ehe er wieder
zum Angriff überging.
Da Harry Slughorn nicht noch einmal befragte, behandelte ihn
der Zaubertrankmeister allmählich wieder mit dem üblichen
346
Wohlwollen und schien nicht mehr an die Sache zu denken. Harry
wartete auf eine Einladung zu einer seiner kleinen Abendgesell-
schaften und war entschlossen, sie diesmal anzunehmen, selbst
wenn er dafür das Quidditch-Training verschieben musste. Aber
leider kam keine. Harry forschte bei Hermine und Ginny nach:
Keine der beiden hatte eine Einladung bekommen, und soweit sie
wussten, auch niemand sonst. Harry musste sich wohl oder übel
fragen, ob dies nicht bedeutete, dass Slughorn nicht ganz so ver-
gesslich war, wie er schien, sondern einfach entschlossen, Harry
keine zusätzlichen Gelegenheiten zu bieten, ihm Fragen zu stellen.
Unterdessen hatte die Bibliothek von Hogwarts Hermine zum
ersten Mal seit Menschengedenken im Stich gelassen. Hermine war
so schockiert, dass sie sogar vergaß, auf Harry wegen seines Bezoar-
Tricks sauer zu sein.
»Ich habe nicht eine einzige Erläuterung gefunden, was Horkruxe
bewirken!«, berichtete sie ihm. »Nicht eine einzige! Ich hab die
ganze Verbotene Abteilung durchgeschaut, sogar die
schrecklichs-
ten Bücher, wo drinsteht, wie man die
grausigsten Tränke braut -
nichts! Alles, was ich finden konnte, war das hier, in der Einleitung
zu
Gar böse Zauberey - hör zu -: ›von dem Horkrux, der ruchloses-
ten von allen magischen Erfindungen, wollen wir schweigen und
auch keinen Fingerzeig geben‹ … Ich meine, warum erwähnen sie
ihn dann überhaupt?«, sagte sie ungehalten und knallte das alte
Buch zu; es ließ ein gespenstisches Wehklagen ertönen. »Ach, halt
die Klappe«, fauchte sie und stopfte es wieder in ihre Tasche.
Es wurde Februar, der Schnee schmolz rund um die Schule, und
an seine Stelle trat eine kalte, trübe Nässe. Purpurgraue Wolken
hingen tief über dem Schloss und unaufhörlich ging ein eisiger
Regen nieder, der die Rasenflächen rutschig und schlammig mach-
te. Deshalb sollte die erste Apparierstunde der Sechstklässler, die
auf einen Samstagmorgen angesetzt war, damit kein regulärer Un-
terricht versäumt wurde, auch in der Großen Halle und nicht
draußen stattfinden.
Als Harry und Hermine die Halle betraten (Ron war mit Laven-
der heruntergekommen), stellten sie fest, dass die Tische ver-
schwunden waren. Regen peitschte gegen die hohen Fenster, und
347
die verzauberte Decke wirbelte düster über ihnen, als sie sich vor
den Professoren McGonagall, Snape, Flitwick und Sprout - den
Hauslehrern - versammelten sowie einem kleinen Zauberer, der,
wie Harry vermutete, der Apparierlehrer vom Ministerium war. Er
war merkwürdig farblos, hatte durchsichtige Wimpern, strähniges
Haar und machte insgesamt einen so ätherischen Eindruck, als
könnte der kleinste Windstoß ihn davonblasen. Harry fragte sich,
ob das ständige Verschwinden und Wiederauftauchen ihm viel-
leicht auf irgendeine Weise an die Substanz gegangen waren oder
ob seine zierliche Statur ideal war für Leute, die sich zum Ver-
schwinden bringen wollten.
»Guten Morgen«, sagte der Ministeriumszauberer, als alle Schüler
da waren und die Hauslehrer Ruhe befohlen hatten. »Mein Name
ist Wilkie Twycross und ich werde für die nächsten zwölf Wochen
Ihr ministerieller Apparierlehrer sein. Ich hoffe, dass ich Sie inner-
halb dieser Zeit auf Ihre Apparierprüfung vorbereiten kann -«
»Malfoy, seien Sie still und passen Sie auf!«, bellte Professor
McGonagall.
Alle drehten sich um. Malfoy war mattrosa angelaufen; mit wü-
tender Miene wich er von Crabbe zurück, mit dem er sich offenbar
leise gestritten hatte. Harry warf rasch einen Blick zu Snape, der
ebenfalls verärgert schien, obwohl Harry stark vermutete, dass der
Grund dafür weniger Malfoys ungezogenes Verhalten war als die
Tatsache, dass McGonagall einen Schüler aus seinem Haus gemaß-
regelt hatte.
»- und dann werden viele von Ihnen gut gerüstet sein, um die
Prüfung abzulegen«, fuhr Twycross fort, als ob es keine Unterbre-
chung gegeben hätte.
»Wie Sie vielleicht wissen, ist es normalerweise unmöglich, in-
nerhalb von Hogwarts zu apparieren oder zu disapparieren. Der
Schulleiter hat diesen Bann für eine Stunde ausschließlich in der
Großen Halle aufgehoben, damit Sie üben können. Darf ich darauf
hinweisen, dass Sie nicht aus den Mauern dieser Halle herausappa-
rieren können und dass es unklug wäre, dies zu versuchen.
Ich möchte Sie nun alle bitten, sich so hinzustellen, dass Sie vor
sich etwa zwei Meter Platz haben.«
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Es gab ein großes Geschiebe und Gedrängel, als sie sich ver-
teilten, gegeneinander stießen und andere von ihrem Platz vertrie-
ben. Die Hauslehrer gingen zwischen den Schülern umher, stellten
sie in Position und beendeten Streitereien.
»Harry, wo willst du hin?«, fragte Hermine.
Aber Harry antwortete nicht; er schob sich rasch durch die Men-
ge, an Professor Flitwick vorbei, der quiekend versuchte, ein paar
Ravenclaws richtig aufzustellen, die alle vorne stehen wollten, vor-
bei auch an Professor Sprout, die die Hufflepuffs in eine Reihe
scheuchte, bis er schließlich um Ernie Macmillan herumschlüpfte
und einen Platz ganz am Ende der Menge ergatterte, direkt hinter
Malfoy, der den allgemeinen Aufruhr nutzte, um seinen Streit mit
Crabbe fortzusetzen, der zwei Meter entfernt stand und rebellisch
dreinblickte.
»Ich weiß nicht, wie lange noch, okay?«, herrschte ihn Malfoy
an, ohne zu merken, dass Harry direkt hinter ihm stand. »Es dauert
länger, als ich dachte.«
Crabbe öffnete den Mund, aber Malfoy schien seine Worte be-
reits vorauszuahnen.
»Hör mal, Crabbe, es geht dich nichts an, was ich tue, du und
Goyle, ihr macht einfach das, was man euch sagt, und schiebt Wa-
che!«
»Ich sag meinen Freunden, was ich vorhab, wenn sie für mich
Wache schieben sollen«, sagte Harry, gerade laut genug, dass Mal-
foy es hören konnte.
Malfoy wirbelte sofort herum, seine Hand schnellte zu seinem
Zauberstab, doch genau in diesem Moment riefen die vier Hausleh-
rer: »Ruhe!«, und es trat wieder Stille ein. Malfoy drehte sich lang-
sam nach vorne.
»Danke«, sagte Twycross. »Nun denn …«
Er schwang seinen Zauberstab. Augenblicklich tauchte vor jedem
Schüler auf dem Boden ein altmodischer hölzerner Reifen auf.
»Beim Apparieren muss man sich vor allem die Goldene Dreier-
regel einprägen«, rief Twycross. »Ziel, Wille, Bedacht!
Schritt eins: Fixieren Sie Ihre Gedanken fest auf das gewünschteZiel«, sagte Twycross. »In diesem Fall das Innere Ihres Reifens.
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Bitte konzentrieren Sie sich jetzt auf dieses Ziel.«
Alle sahen sich heimlich um, ob auch ja alle anderen in ihre Rei-
fen blickten, dann taten sie hastig, was ihnen befohlen worden war.
Harry starrte auf das runde Stück staubigen Boden, das von seinem
Reifen eingeschlossen war, und versuchte angestrengt, an nichts
anderes zu denken. Das stellte sich als unmöglich heraus, da er
nicht aufhören konnte, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wo-
für Malfoy Wachen brauchte.
»Schritt zwei«, sagte Twycross, »fokussieren Sie Ihren
Willen dar-
auf, den Raum, den Sie sich vorstellen, einzunehmen! Lassen Sie
Ihren Wunsch, sich dort hinzubegeben, von Ihrem Kopf in jede
Zelle Ihres Körpers strömen!«
Harry blickte verstohlen umher. Ein wenig weiter links be-
trachtete Ernie Macmillan seinen Reifen so angestrengt, dass sein
Gesicht rosa angelaufen war; es sah aus, als würde er sich heftig
bemühen, ein quaffelgroßes Ei zu legen. Harry verkniff sich das
Lachen und wandte den Blick schleunigst wieder seinem eigenen
Reifen zu.
»Schritt drei«, rief Twycross, »aber erst wenn ich den Befehl gebe
… drehen Sie sich auf der Stelle und erspüren Sie Ihren Weg hin-
ein ins Nichts, bewegen Sie sich mit
Bedacht! Nun, auf mein Kom-
mando … eins -«
Harry sah sich erneut um; viele wirkten ausgesprochen ver-
ängstigt, weil sie so schnell apparieren sollten.
»- zwei -«
Harry versuchte seine Gedanken wieder auf den Reifen zu kon-
zentrieren; er hatte schon vergessen, wie die Goldene Dreierregel
lautete.
»- DREI!«
Harry drehte sich schnell auf der Stelle, verlor das Gleichgewicht
und fiel beinahe um. Er war nicht der Einzige. In der ganzen Halle
torkelten Leute; Neville lag flach auf dem Rücken; Ernie Macmillan
hingegen war mit einer Art Pirouette in seinen Reifen gesprungen
und wirkte kurz hellauf begeistert, bis sein Blick auf Dean Thomas
fiel, der lauthals über ihn lachte.
»Macht nichts, macht nichts«, sagte Twycross trocken, er schien
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nichts Besseres erwartet zu haben. »Legen Sie Ihre Reifen bitte
wieder richtig hin und begeben Sie sich an Ihre Ausgangspositio-
nen zurück …«
Der zweite Versuch verlief nicht besser als der erste. Der dritte
war genauso schlecht. Erst beim vierten geschah etwas Aufregen-
des. Ein fürchterlicher Schmerzensschrei ertönte, und alle schauten
sich entsetzt um und sahen, dass Susan Bones von Hufflepuff in
ihrem Reifen schwankte, das linke Bein aber immer noch knapp
zwei Meter von sich entfernt stehen hatte, dort, wo sie angefangen
hatte.
Die Hauslehrer versammelten sich um sie; mit einem großen
Knall erschien eine lila Rauchwolke, und als sie sich auflöste, sah
man die schluchzende Susan, wiedervereint mit ihrem Bein, aber
mit grauenerfülltem Gesichtsausdruck.
»Das Zersplintern, das heißt, die Abtrennung beliebiger Körper-
teile«, sagte Wilkie Twycross sachlich, »tritt auf, wenn der Geist
nicht ausreichend
gewillt ist. Sie müssen sich fortwährend auf IhrZiel konzentrieren und sich ohne Hast, aber mit
Bedacht bewegen
… so!«
Twycross trat vor, drehte sich mit ausgestreckten Armen elegant
auf der Stelle, verschwand in seinem wirbelnden Umhang und
tauchte hinten in der Halle wieder auf.
»Denken Sie an die Goldene Dreierregel«, sagte er, »und versu-
chen Sie es noch einmal … eins - zwei - drei -«
Aber eine Stunde später war immer noch nichts Interessanteres
passiert als Susans Zersplintern. Twycross wirkte nicht entmutigt.
Er band sich seinen Reiseumhang am Hals zu und sagte nur: »Bis
nächsten Samstag dann, und vergessen Sie nicht:
Ziel. Wille. Be-
dacht.«
Mit diesen Worten schwang er seinen Zauberstab, ließ die Reifen
verschwinden und ging in Begleitung von Professor McGonagall
hinaus. Prompt fingen alle an, sich zu unterhalten, und bewegten
sich in Richtung Eingangshalle.
»Wie war's bei dir?«, fragte Ron, der auf Harry zueilte. »Ich glaub,
bei meinem letzten Versuch hab ich was gespürt - irgendwie hat's
in meinen Füßen gekribbelt.«
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»Ich schätze mal, deine Turnschuhe sind zu klein, Won-Won«,
sagte eine Stimme hinter ihnen, und Hermine stolzierte feixend
vorbei.
»Ich hab überhaupt nichts gespürt«, sagte Harry, ohne diese Un-
terbrechung zu beachten. »Aber mir ist das im Augenblick auch
egal -«
»Was soll das heißen, es ist dir egal … willst du nicht apparieren
lernen?«, fragte Ron ungläubig.
»Ich bin, ehrlich gesagt, nicht sonderlich scharf drauf. Fliegen
find ich besser«, erwiderte Harry, hielt über die Schulter nach Mal-
foy Ausschau und beschleunigte seine Schritte, als sie in die Ein-
gangshalle kamen. »Hör mal, beeil dich bitte, ich hab da noch was
vor …«
Ron folgte Harry völlig verwirrt im Laufschritt zurück zum Gryf-
findor-Turm. Sie wurden vorübergehend von Peeves aufgehalten,
der eine Tür im vierten Stock blockiert hatte und sich weigerte,
einen durchzulassen, wenn man nicht seine eigene Unterhose an-
zündete, aber Harry und Ron machten einfach kehrt und nahmen
eine ihrer bewährten Abkürzungen. Fünf Minuten später kletterten
sie durch das Porträtloch.
»Sagst du mir jetzt endlich, was das soll?«, fragte Ron leicht keu-
chend.
»Dort hinauf«, sagte Harry, durchquerte den Gemeinschaftsraum
und ging vorneweg durch die Tür, die zur Jungentreppe führte.
Wie Harry gehofft hatte, war ihr Schlafsaal leer. Er riss seinen
Koffer auf und fing an darin herumzuwühlen, während Ron unge-
duldig zusah.
»Harry …«
»Malfoy setzt Crabbe und Goyle als Wachen ein. Er hat gerade
eben mit Crabbe gestritten. Ich will wissen … aha.«
Er hatte gefunden, was er suchte, ein zusammengefaltetes, quad-
ratisches, scheinbar leeres Blatt Pergament, das er nun ausbreitete
und mit der Spitze seines Zauberstabs antippte.
»Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin … jedenfalls
ist Malfoy einer.«
Sofort erschien die Karte des Rumtreibers auf der Oberfläche des
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Pergaments. Es war ein detaillierter Plan von jedem einzelnen
Stockwerk des Schlosses, und die winzigen, beschrifteten schwar-
zen Punkte, die sich darauf bewegten, verwiesen auf jeden Schloss-
bewohner.
»Hilf mir mal, Malfoy zu finden«, drängte Harry.
Er legte die Karte auf sein Bett, und die beiden beugten sich dar-
über und suchten.
»Da!«, sagte Ron nach etwa einer Minute. »Er ist im Ge-
meinschaftsraum der Slytherins, sieh mal … mit Parkinson und
Zabini und Crabbe und Goyle …«
Enttäuscht sah Harry auf die Karte hinunter, doch er fing sich fast
sofort wieder.
»Also, ich behalt ihn von jetzt an im Auge«, sagte er entschlossen.
»Und sobald ich ihn irgendwo rumschleichen sehe und Crabbe und
Goyle draußen Schmiere stehen, zieh ich den guten alten Tarnum-
hang an und geh los, um rauszufinden, was er -«
Er brach ab, denn Neville betrat den Schlafsaal. Er trug einen
starken Geruch nach angesengtem Stoff herein und begann seinen
Koffer nach einer frischen Unterhose zu durchwühlen.
So entschlossen Harry auch war, Malfoy auf frischer Tat zu er-
tappen, hatte er während der nächsten Wochen doch keinerlei
Glück. Obwohl er so oft wie möglich die Karte zu Rate zog und
manchmal zwischen den Unterrichtsstunden unnötig aufs Klo ging,
um sie abzusuchen, entdeckte er Malfoy kein einziges Mal an ei-
nem verdächtigen Ort. Immerhin bemerkte er, dass Crabbe und
Goyle häufiger als sonst nur zu zweit im Schloss umhergingen und
gelegentlich auch in verlassenen Korridoren eine Weile still stehen
blieben, aber zu diesen Zeiten war Malfoy nicht nur nirgendwo in
ihrer Nähe, sondern auf der Karte auch überhaupt nicht ausfindig
zu machen. Das war äußerst mysteriös. Harry überlegte, ob Malfoy
möglicherweise tatsächlich das Schulgelände verließ, aber er wuss-
te nicht, wie er das anstellen konnte, bei dem hohen Sicherheits-
standard, der jetzt im Schloss wirksam war. Er konnte nur vermu-
ten, dass er Malfoy zwischen den Hunderten von winzigen schwar-
zen Punkten auf der Karte übersah. Und was den Umstand betraf,
dass Malfoy, Crabbe und Goyle offenbar eigene Wege gingen, ob-
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wohl sie normalerweise unzertrennlich waren, so passierte das e-
ben, wenn Leute älter wurden - Ron und Hermine, dachte Harry
traurig, waren der lebende Beweis dafür.
Der Februar ging auf den März zu, ohne dass sich das Wetter än-
derte, doch war es jetzt nicht nur nass, sondern dazu auch noch
windig. Allgemeine Entrüstung rief ein Aushang an den schwarzen
Brettern der Gemeinschaftsräume hervor, dass der nächste Ausflug
nach Hogsmeade gestrichen war. Ron war hell erzürnt.
»Der war an meinem Geburtstag!«, sagte er. »Ich hab mich drauf
gefreut!«
»Ist doch keine große Überraschung, oder?«, sagte Harry. »Nach
dem, was Katie passiert ist.«
Katie war immer noch nicht aus dem St. Mungo zurückgekehrt.
Mehr noch, der
Tagesprophet hatte von neuen Verschwundenen
berichtet, darunter mehrere Verwandte von Hogwarts-Schülern.
»Aber jetzt hab ich nichts mehr, auf das ich mich freuen kann,
nur das blöde Apparieren!«, sagte Ron missmutig. »Das wird ja ein
toller Geburtstag …«
Selbst nach drei weiteren Lektionen erwies sich das Apparieren
als unverändert schwierig, obwohl es noch ein paar Leute mehr
geschafft hatten, sich zu zersplintern. Die Enttäuschung war groß,
und es herrschte einiger Unmut über Wilkie Twycross und seine
Goldene Dreierregel, die ihm eine Anzahl von Spitznamen einge-
tragen hatte, von denen Dreikäsehoch und Misthund-mal-drei
noch die höflichsten waren.
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Ron«, sagte Harry, als
sie am ersten März von Seamus und Dean geweckt wurden, die
lärmend zum Frühstück aufbrachen. »Hier, ein Geschenk für dich.«
Er warf das Päckchen hinüber auf Rons Bett, wo es auf einem
kleinen Haufen von Geschenken landete, die, wie Harry annahm,
bestimmt in der Nacht von Hauselfen gebracht worden waren.
»Danke«, sagte Ron verschlafen, und während er das Papier ab-
riss, stieg Harry aus dem Bett, öffnete seinen Koffer und fing an,
darin nach der Karte des Rumtreibers zu stöbern, die er nach jedem
Gebrauch versteckte. Er schleuderte den halben Inhalt seines Kof-
fers hinaus, bis er sie unter den zusammengerollten Socken verbor-
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gen fand, in denen er immer noch sein Fläschchen mit dem Glücks-
trank Felix Felicis aufbewahrte.
»Gut«, murmelte er, nahm sie mit ins Bett zurück, tippte sachte
darauf und murmelte leise, damit ihn Neville, der gerade am Fu-
ßende seines Bettes vorbeiging, nicht hören konnte: »Ich schwöre
feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin.«
»Klasse, Harry!«, sagte Ron begeistert und wedelte mit dem neuen
Paar Quidditch-Hüterhandschuhen, das Harry ihm geschenkt hat-
te.
»Bitte«, sagte Harry geistesabwesend und suchte den Schlafsaal
der Slytherins gründlich nach Malfoy ab. »Hey … ich glaub nicht,
dass er in seinem Bett ist …«
Ron antwortete nicht; er war zu beschäftigt damit, Geschenke
auszupacken, und stieß ab und zu einen Freudenschrei aus.
»Richtig fette Beute dieses Jahr!«, verkündete er und hielt eine di-
cke goldene Uhr in die Höhe mit merkwürdigen Symbolen um den
Rand und winzigen beweglichen Sternen statt Zeigern. »Schau mal,
was ich von Mum und Dad gekriegt hab! Mensch, ich glaub, ich
werd nächstes Jahr noch mal volljährig …«
»Cool«, murmelte Harry, der nur einen kurzen Blick für die Uhr
übrig hatte, ehe er die Karte noch genauer betrachtete. Wo steckte
Malfoy? Er schien nicht am Slytherin-Tisch in der Großen Halle
beim Frühstück zu sein … er war nicht in der Nähe von Snape, der
in seinem Büro saß … er war in keinem der Klos oder im Kranken-
flügel …
»Magst einen?«, sagte Ron schmatzend und hielt ihm eine
Schachtel Schokokessel hin.
»Nein, danke«, sagte Harry und blickte auf. »Malfoy ist schon
wieder verschwunden!«
»Kann nicht sein«, erwiderte Ron, stopfte sich einen zweiten
Schokokessel in den Mund und rutschte vom Bett, um sich anzu-
ziehen. »Komm schon, wenn du dich nicht beeilst, musst du auf
nüchternen Magen apparieren … obwohl, das könnte es leichter
machen, vermut ich mal …«
Ron blickte nachdenklich auf die Schachtel mit den Scho-
kokesseln, dann zuckte er die Achseln und genehmigte sich einen
355
dritten.
Harry tippte mit dem Zauberstab auf die Karte, murmelte »Unheil
angerichtet«, obwohl es nicht stimmte, und zog sich an, wobei er
scharf nachdachte. Es musste doch eine Erklärung für Malfoys
ständiges Verschwinden geben, aber er kam einfach nicht darauf,
welche es sein könnte. Der beste Weg, die Sache zu klären, wäre
wohl, ihn zu beschatten, doch selbst mit dem Tarnumhang ließ
sich diese Idee nicht verwirklichen; er hatte Unterricht, Quidditch-
Training, Hausaufgaben und Apparieren; er konnte Malfoy nicht
den ganzen Tag durch die Schule folgen, ohne dass seine Abwesen-
heit bemerkt würde.
»Fertig?«, fragte er Ron.
Auf halbem Weg zur Schlafsaaltür wurde ihm bewusst, dass Ron
sich nicht bewegt hatte; stattdessen lehnte er an seinem Bettpfosten
und starrte mit einem seltsam verschwommenen Gesichtsausdruck
aus dem regennassen Fenster.
»Ron? Frühstück.«
»Ich hab keinen Hunger.«
Harry starrte ihn an.
»Aber du hast doch gerade noch gesagt -?«
»Also, von mir aus, ich geh mit dir runter«, seufzte Ron, »aber ich
will nichts essen.«
Harry musterte ihn argwöhnisch.
»Du hast gerade eine halbe Schachtel Schokokessel verputzt,
stimmt's?«
»Das ist es nicht.« Ron seufzte erneut. »Du … du würdest das
nicht verstehen.«
»Schon gut«, sagte Harry, wenn auch verwundert, wandte sich
um und ging zur Tür.
»Harry!«, sagte Ron plötzlich.
»Was?«
»Harry, ich halt das nicht aus!«
»Was hältst du nicht aus?«, fragte Harry, der allmählich ernsthaft
beunruhigt war. Ron war ziemlich blass und sah aus, als würde er
sich gleich übergeben.
»Ich muss ständig an sie denken!«, sagte Ron heiser.
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Harry glotzte ihn mit offenem Mund an. Das hatte er nicht er-
wartet und er war nicht sicher, ob er es hören wollte. Sie waren
zwar Freunde, aber wenn Ron anfing, Lavender »Lav-Lav« zu nen-
nen, würde er ein Machtwort sprechen müssen.
»Und warum hält dich das davon ab, zu frühstücken?«, fragte
Harry, um der Sache wenigstens einen Schuss gesunden Men-
schenverstand zu verpassen.
»Ich glaub, sie weiß gar nicht, dass es mich gibt«, sagte Ron mit
einer verzweifelten Geste.
»Sie weiß genau, dass es dich gibt«, sagte Harry verwirrt. »Sie
knutscht doch andauernd mit dir, oder?«
Ron blinzelte.
»Von wem redest du?«
»Von wem redest
du?«, erwiderte Harry und hatte zunehmend
das Gefühl, dass dieses Gespräch vollkommen absurd geworden
war.
»Romilda Vane«, sagte Ron leise, und sein ganzes Gesicht schien
dabei aufzuleuchten, als wäre es von einem Strahl klarsten Sonnen-
lichts getroffen worden.
Sie starrten sich fast eine geschlagene Minute lang an, bis Harry
sagte: »Das soll wohl ein Witz sein, oder? Das meinst du nicht
ernst.«
»Ich glaub … Harry, ich glaub, ich liebe sie«, sagte Ron mit er-
stickter Stimme.
»Okay«, sagte Harry und ging zu ihm hin, um seine glasigen Au-
gen und seine bleiche Gesichtsfarbe genauer zu betrachten, »okay
… sag das noch mal, ohne zu lachen.«
»Ich liebe sie«, wiederholte Ron atemlos. »Hast du ihr Haar gese-
hen, es ist so schwarz und glänzend und seiden … und ihre Augen?
Ihre großen dunklen Augen? Und ihre -«
»Das ist wirklich ein guter Witz und alles«, sagte Harry un-
geduldig, »aber jetzt ist es genug, ja? Lass gut sein.«
Er wandte sich zum Gehen; er hatte zwei Schritte in Richtung
Tür gemacht, als ihn ein fürchterlicher Schlag am rechten Ohr traf.
Er taumelte und sah sich um. Ron hatte mit der Faust weit ausge-
holt, sein Gesicht war wutverzerrt; er würde gleich noch einmal
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zuschlagen.
Harry reagierte unwillkürlich; ohne bewusst darüber nach-
zudenken, hatte er den Zauberstab schon aus der Tasche und die
Beschwörung im Kopf:
Levicorpus!
Ron schrie, als er wieder an den Fersen in die Höhe gerissen
wurde; hilflos baumelte er mit herunterhängendem Umhang kopf-
über in der Luft.
»Wofür war das denn?«, brüllte Harry.
»Du hast sie beleidigt, Harry! Du hast gesagt, es sei ein Witz!«, rief
Ron, der allmählich puterrot anlief, da ihm das ganze Blut in den
Kopf schoss.
»Das ist doch verrückt!«, sagte Harry. »Was ist in dich -?«
Und dann sah er die offene Schachtel auf Rons Bett liegen, und
die Wahrheit traf ihn mit der Wucht eines heranpreschenden
Trolls.
»Wo hast du diese Schokokessel her?«
»Die hab ich zum Geburtstag gekriegt!«, rief Ron, der sich ver-
zweifelt bemühte freizukommen und dabei langsam in der Luft
kreiste. »Ich hab dir doch einen angeboten!«
»Du hast sie einfach vom Boden aufgehoben, stimmt's?«
»Die waren von meinem Bett gefallen, okay? Lass mich runter!«
»Die sind nicht von deinem Bett gefallen, du Knallkopf, begreifst
du nicht? Das waren meine, ich hab sie aus meinem Koffer ge-
schmissen, als ich nach der Karte gesucht hab. Das sind die Scho-
kokessel, die Romilda mir vor Weihnachten geschenkt hat, und da
ist überall ein Schuss Liebestrank drin!«
Doch Ron schien nur ein einziges Wort davon zu registrieren.
»Romilda?«, wiederholte er. »Hast du Romilda gesagt? Harry -
kennst du sie? Kannst du mich mit ihr bekannt machen?«
Harry starrte auf den baumelnden Ron, dessen Gesicht jetzt un-
geheuer hoffnungsvoll aussah, und musste dagegen ankämpfen, laut
loszulachen. Ein Teil von ihm - der dem pochenden rechten Ohr
am nächsten war - hatte größte Lust, Ron herunterzulassen und
dabei zuzusehen, wie er Amok lief, bis die Wirkung des Zauber-
tranks nachließ … doch andererseits waren sie ja eigentlich Freun-
de, Ron war nicht er selbst gewesen, als er ihn angegriffen hatte,
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und Harry dachte, dass er noch einen Schlag verdient hätte, wenn
er zulassen würde, dass Ron Romilda Vane seine unsterbliche Liebe
erklärte.
»Jaah, ich mach dich mit ihr bekannt«, sagte Harry, während er
rasch überlegte. »Ich lass dich jetzt runter, okay?«
Er ließ Ron auf den Boden krachen (sein Ohr tat tatsächlich
ziemlich weh), aber Ron sprang einfach auf die Füße und grinste.
»Sie wird in Slughorns Büro sein«, sagte Harry in überzeugtem
Ton und ging voraus zur Tür.
»Was hat sie dort zu suchen?«, fragte Ron besorgt und beeilte sich
ihn einzuholen.
»Oh, sie nimmt bei ihm Nachhilfe in Zaubertränke«, flunkerte
Harry wild.
»Vielleicht könnte ich fragen, ob ich mitmachen kann?«, sagte
Ron eifrig.
»Großartige Idee«, sagte Harry.
Lavender wartete neben dem Porträtloch, eine Komplikation, mit
der Harry nicht gerechnet hatte.
»Du bist zu spät, Won-Won!«, schmollte sie. »Ich hab dir ein Ge-
burtstags-«
»Lass mich in Ruhe«, sagte Ron ungeduldig. »Harry stellt mich
gleich Romilda Vane vor.«
Und ohne ein weiteres Wort zu ihr drängte er sich durch das
Porträtloch. Harry versuchte, mit entschuldigender Miene zu La-
vender hinüberzuschauen, aber vielleicht sah es auch nur amüsiert
aus, denn Lavender blickte beleidigter denn je, als die fette Dame
hinter ihnen zuschwang.
Harry war ein wenig besorgt gewesen, ob Slughorn vielleicht
beim Frühstück war, doch er kam beim ersten Klopfen an seine
Bürotür, in einem grünen, samtenen Morgenmantel und einer dazu
passenden Nachtmütze, und mit ziemlich trübem Blick.
»Harry«, murmelte er. »Das ist sehr früh für einen Besuch … ich
schlafe samstags für gewöhnlich länger …«
»Professor, es tut mir wirklich Leid, Sie zu stören«, sagte Harry so
leise wie möglich, während Ron sich auf die Zehenspitzen stellte
und versuchte, an Slughorn vorbei in sein Zimmer zu spähen, »aber
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mein Freund Ron hat aus Versehen einen Liebestrank geschluckt.
Wäre es möglich, dass Sie ihm ein Gegenmittel zubereiten? Ich
würde ihn ja zu Madam Pomfrey bringen, aber wir dürfen nichts
aus
Weasleys Zauberhafte Zauberscherze haben und, Sie wissen
schon … unangenehme Fragen …«
»Ich hätte gedacht, Sie könnten ihm selber einen Heiltrank zu-
sammenmischen, Harry, ein geschickter Zaubertrankbrauer wie
Sie?«, fragte Slughorn.
»Ähm«, sagte Harry, etwas abgelenkt, weil Ron ihm nun mit dem
Ellbogen in die Rippen stieß und versuchte, sich gewaltsam Zutritt
zu verschaffen, »also, ich hab noch nie ein Gegenmittel für einen
Liebestrank gemischt, Sir, und bis ich das richtig hinbekomme, hat
Ron vielleicht schon was Schlimmes angestellt -«
Es war hilfreich, dass Ron ausgerechnet in diesem Moment
stöhnte: »Ich kann sie nicht sehen, Harry - versteckt er sie?«
»War dieser Trank vielleicht schon etwas älter?«, fragte Slughorn,
der Ron nun mit beruflichem Interesse musterte. »Die können stär-
ker werden, wissen Sie, je länger man sie aufhebt.«
»Das würde einiges erklären«, keuchte Harry, der sich inzwischen
tatsächlich einen Ringkampf mit Ron lieferte, um ihn davon abzu-
halten, Slughorn niederzuschlagen. »Er hat heute Geburtstag, Pro-
fessor«, fügte er flehend hinzu.
»Oh, na gut, dann kommen Sie rein, kommen Sie«, gab Slughorn
nach. »Ich hab alles Nötige hier in meiner Tasche, es ist kein
schwieriges Gegenmittel …«
Ron stürmte durch die Tür in Slughorns überheiztes, voll gestopf-
tes Büro, stolperte über einen quastenbesetzten Fußschemel, fand
das Gleichgewicht wieder, indem er sich an Harrys Hals klammer-
te, und murmelte: »Das hat sie nicht gesehen, oder?«
»Sie ist noch nicht da«, sagte Harry und sah zu, wie Slughorn sei-
ne Zaubertranktasche öffnete und ein bisschen hiervon und davon
in ein kleines Kristallfläschchen gab.
»Das ist gut«, sagte Ron fieberhaft. »Wie seh ich aus?«
»Sehr hübsch«, sagte Slughorn sanft und reichte Ron ein Glas mit
klarer Flüssigkeit. »Nun trinken Sie das aus, es ist ein Tonikum für
die Nerven, damit Sie ruhig bleiben, wenn sie kommt, verstehen
360
Sie?«
»Genial«, sagte Ron begierig und stürzte das Gegenmittel ge-
räuschvoll hinunter.
Harry und Slughorn beobachteten ihn. Einen Moment lang sah
Ron sie strahlend an. Dann, ganz langsam, wurde sein Lächeln
schwächer und verschwand, und an seine Stelle trat ein äußerst
entsetzter Gesichtsausdruck.
»Also alles wieder in Ordnung?«, sagte Harry grinsend. Slughorn
gluckste. »Vielen Dank, Professor.«
»Keine Ursache, mein Junge, keine Ursache«, sagte Slughorn,
während Ron, der einen völlig zerschmetterten Eindruck machte,
im nächsten Sessel zusammenbrach. »Er braucht jetzt eine kleine
Stärkung«, fuhr Slughorn fort und hastete nun hinüber zu einem
Tisch voller Getränke. »Ich hab Butterbier, ich hab Wein, ich hab
noch eine letzte Flasche von diesem im Eichenfass gereiften Met …
hmm … die wollte ich eigentlich Dumbledore zu Weihnachten
schenken … Nun ja …«, er zuckte die Achseln, »… was er nicht
weiß, macht ihn nicht heiß! Wir könnten sie doch jetzt öffnen und
Mr Weasleys Geburtstag feiern? Nichts ist besser als ein gutes
Tröpfchen, um den Schmerz enttäuschter Liebe zu vertreiben …«
Er lachte wieder glucksend und Harry stimmte ein. Das war das
erste Mal, dass er mit Slughorn fast allein war, seit seinem katastro-
phalen ersten Versuch, ihm die wahre Erinnerung zu entlocken.
Vielleicht, wenn er Slughorn nur bei Laune halten konnte … viel-
leicht, wenn sie sich genug von dem im Eichenfass gereiften Met
genehmigten …
»Hier, bitte sehr«, sagte Slughorn und reichte Harry und Ron je
ein Glas Met, ehe er sein eigenes hob. »Alsdann, auf einen glückli-
chen Geburtstag, Ralph -«
»- Ron -«, flüsterte Harry.
Aber Ron hatte den Trinkspruch offenbar nicht gehört, sich den
Met schon in den Mund gekippt und ihn hinuntergeschluckt.
Eine Sekunde lang, kaum länger als ein Herzschlag, wusste Harry,
dass da etwas fürchterlich schief ging, und Slughorn wusste es an-
scheinend nicht.
»- und auf noch viele weitere -«
361
»
Ro
n!«
Ron hatte sein Glas fallen lassen; er erhob sich halb aus seinem
Sessel, dann fiel er mit hemmungslos zuckenden Gliedmaßen in
sich zusammen. Schaum quoll ihm aus dem Mund und seine Augen
wölbten sich aus den Höhlen.
»Professor!«, brüllte Harry. »Tun Sie was!«
Aber Slughorn schien vor Schreck wie gelähmt. Ron zuckte und
würgte: Seine Haut wurde allmählich blau.
»Was - aber -«, prustete Slughorn.
Harry sprang über ein niedriges Tischchen und stürzte sich auf
Slughorns geöffnete Zaubertranktasche, zog Gefäße und Beutel
hervor, während das schreckliche Geräusch von Rons gurgelndem
Atem den Raum erfüllte. Dann fand er ihn - den schrumpligen,
nierenartigen Stein, den Slughorn ihm in Zaubertränke abgenom-
men hatte.
Er sauste zurück an Rons Seite, zerrte ihm die Kiefer auseinander
und stopfte ihm den Bezoar in den Mund. Ron erschauderte heftig,
atmete rasselnd ein, und sein Körper erschlaffte und kam zur Ruhe.
362
Elfen helfen
»Also alles in allem nicht gerade Rons schönster Geburtstag?«, sagte
Fred.
Es war Abend; im Krankenflügel herrschte Ruhe, die Vorhänge
waren zugezogen, die Lampen brannten. Rons Bett war das einzige,
das belegt war. Harry, Hermine und Ginny saßen um ihn herum;
sie hatten den ganzen Tag draußen vor der Flügeltür gewartet, und
immer wenn jemand kam oder ging, hatten sie versucht einen Blick
hineinzuwerfen. Madam Pomfrey hatte sie erst um acht Uhr einge-
lassen. Fred und George waren um zehn nach acht angekommen.
»So haben wir uns die Geburtstagsbescherung eigentlich nicht
vorgestellt«, sagte George bitter, legte ein großes eingepacktes Ge-
schenk auf Rons Nachtschränkchen und setzte sich neben Ginny.
»Ja, als wir uns die Szene ausgemalt haben, war er bei Be-
wusstsein«, ergänzte Fred.
»Da ist man schon mal in Hogsmeade und will ihn überraschen -
«, sagte George.
»Ihr wart in Hogsmeade?«, fragte Ginny und blickte auf.
»Wir hatten überlegt, Zonkos Laden zu kaufen«, sagte Fred düs-
ter. »Eine Filiale in Hogsmeade, weißt du, aber das wär ein schöner
Reinfall, wenn ihr an den Wochenenden nicht mehr rausdürft, um
bei uns einzukaufen … aber das ist jetzt sowieso egal.«
Er zog einen Stuhl neben den von Harry und betrachtete Rons
blasses Gesicht.
»Wie ist es genau passiert, Harry?«
Harry wiederholte noch einmal die Geschichte, die er, wie es ihm
vorkam, schon hundertmal erzählt hatte: Dumbledore, McGona-
gall, Madam Pomfrey, Hermine und Ginny.
» … und dann hab ich ihm den Bezoar in den Rachen gesteckt, er
hat ein wenig freier geatmet, Slughorn ist losgerannt, um Hilfe zu
holen, McGonagall und Madam Pomfrey sind aufgetaucht und ha-
ben Ron hier hochgebracht. Sie meinen, er kommt durch. Madam
Pomfrey sagt, er muss etwa eine Woche hier bleiben … und immer
schön Weinrautenessenz einnehmen …«
363
»Mensch, zum Glück ist dir der Bezoar eingefallen«, sagte George
mit gedämpfter Stimme.
»Zum Glück war einer im Zimmer«, antwortete Harry, dem bei
der Vorstellung, was passiert wäre, wenn er den kleinen Stein nicht
hätte auftreiben können, jedes Mal eiskalt wurde.
Hermine schniefte fast unhörbar. Sie war den ganzen Tag über
ungewöhnlich still gewesen. Mit bleichem. Gesicht war sie drau-
ßen vor dem Krankenflügel auf Harry zugestürzt und hatte ihn
gefragt, was passiert sei. Danach hatte sie sich kaum an Harrys und
Ginnys hitziger Diskussion darüber beteiligt, wie Ron vergiftet
worden war, sondern nur mit zusammengepressten Lippen und
beklommener Miene neben ihnen gestanden, bis sie endlich zu Ron
hineindurften.
»Wissen Mum und Dad Bescheid?«, fragte Fred Ginny.
»Sie haben ihn schon gesehen, sie sind vor einer Stunde an-
gekommen - im Moment sind sie in Dumbledores Büro, aber sie
werden bald zurück sein …«
Eine Zeit lang sahen sie stumm zu, wie Ron im Schlaf ein wenig
vor sich hin murmelte.
»Das Gift war also in dem Getränk?«, sagte Fred leise.
»Ja«, antwortete Harry sofort; er konnte an nichts anderes denken
und war froh, wieder darüber reden zu können. »Slughorn hat es
eingeschenkt -«
»Hätte er etwas in Rons Glas mischen können, ohne dass du es
mitbekommen hättest?«
»Wahrscheinlich«, sagte Harry, »aber warum sollte Slughorn Ron
vergiften wollen?«
»Keine Ahnung«, sagte Fred stirnrunzelnd. »Du meinst nicht, dass
er die Gläser vielleicht aus Versehen verwechselt hat? Und es in
Wahrheit auf dich abgesehen hatte?«
»Warum sollte Slughorn Harry vergiften wollen?«, fragte Ginny.
»Weiß nicht«, sagte Fred, »aber es muss eine Menge Leute geben,
die Harry gern vergiften würden, stimmt's? Von wegen der ›Aus-
erwählte‹ und so.«
»Du glaubst also, dass Slughorn ein Todesser ist?«, fragte Ginny.
»Möglich ist alles«, sagte Fred geheimnisvoll.
364
»Er könnte unter dem Imperius-Fluch stehen«, sagte George.
»Oder er ist unschuldig«, sagte Ginny. »Das Gift war womöglich
in der Flasche, und dann war es wahrscheinlich für Slughorn selbst
bestimmt.«
»Wer sollte Slughorn umbringen wollen?«
»Dumbledore meint, Voldemort hätte Slughorn gern auf seiner
Seite gehabt«, sagte Harry. »Slughorn hat sich ein Jahr lang ver-
steckt, ehe er nach Hogwarts kam. Und …«, er dachte an die Erin-
nerung, die Dumbledore Slughorn nicht hatte abringen können,
»und vielleicht will ihn Voldemort aus dem Weg räumen, vielleicht
glaubt er, Slughorn könnte für Dumbledore wertvoll sein.«
»Aber du hast gesagt, dass Slughorn vorhatte, diese Flasche
Dumbledore zu Weihnachten zu schenken«, erinnerte ihn Ginny.
»Also hätte es der Giftmischer ja genauso gut auf Dumbledore abge-
sehen haben können.«
»Dann hat der Giftmischer Slughorn nicht besonders gut ge-
kannt«, meldete sich Hermine zum ersten Mal seit Stunden zu
Wort, und sie hörte sich an, als hätte sie einen üblen Schnupfen.
»Jeder, der Slughorn kennt, hätte gewusst, dass er so einen köstli-
chen Tropfen mit ziemlicher Sicherheit selbst behalten würde.«
»Er-mie-nee«, krächzte Ron unerwartet zwischen ihnen.
Sie verstummten und sahen ihn besorgt an, aber er murmelte nur
kurz etwas Unverständliches und begann dann zu schnarchen.
Die Tür des Krankensaals flog auf, und sie zuckten alle zu-
sammen. Hagrid kam mit wehendem Bärenfellmantel und einer
Armbrust in der Hand auf sie zugeschritten, sein Haar war nass
vom Regen und er hinterließ überall auf dem Boden schlammige,
metergroße Fußspuren.
»War 'n ganzen Tag im Wald!«, keuchte er. »Aragog geht's
schlechter, ich hab ihm vorgelesen - bin grad erst zum Abendessen
gekommen, und dann hat mir Professor Sprout das mit Ron erzählt!
Wie geht's ihm?«
»Nicht schlecht«, sagte Harry. »Sie sagen, er kommt durch.«
»Nicht mehr als sechs Besucher auf einmal!«, mahnte Madam
Pomfrey, die aus ihrem Büro herbeieilte.
»Mit Hagrid sind wir sechs«, betonte George.
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»Oh … ja …«, sagte Madam Pomfrey, die Hagrid wegen seiner
Riesenhaftigkeit offenbar gleich mehrfach gezählt hatte. Um ihre
Verwirrung zu überspielen, hastete sie davon und putzte seine
schlammigen Fußspuren mit dem Zauberstab weg.
»Ich glaub es nich«, sagte Hagrid heiser und schüttelte seinen
großen zotteligen Kopf, während er auf Ron hinabstarrte. »Ich
glaub's einfach nich … seht ihn euch an, wie er daliegt … wer
würd ihm denn 'n Haar krümmen wollen?«
»Genau darüber haben wir eben geredet«, sagte Harry. »Wir wis-
sen es nicht.«
»Nich dass einer 'nen Hass auf die Quidditch-Mannschaft von
Gryffindor schiebt, oder?«, sagte Hagrid besorgt. »Erst Katie, jetz'
Ron …«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand gleich eine ganze
Quidditch-Mannschaft umlegen will«, sagte George.
»Wood hätte die Slytherins vielleicht erledigt, wenn er damit
durchgekommen wäre«, wandte Fred zu Recht ein.
»Also, ich glaube nicht, dass es um Quidditch geht, aber ich glau-
be, dass es einen Zusammenhang zwischen den beiden Angriffen
gibt«, sagte Hermine leise.
»Wie kommst du denn darauf?«, fragte Fred.
»Na ja, erstens sollten beide tödlich sein und "waren es nicht,
auch wenn das reines Glück war. Und zweitens scheint weder das
Gift noch das Halsband in die Hände der Person gelangt zu sein, die
umgebracht werden sollte. Natürlich«, fügte sie nachdenklich hin-
zu, »macht das die Person, die dahintersteckt, in gewisser Weise
sogar noch gefährlicher, weil es ihr offenbar egal ist, wie viele Leu-
te sie tötet, bis sie tatsächlich an ihr Opfer kommt.«
Noch ehe jemand auf diese düstere Aussage etwas erwidern
konnte, ging die Flügeltür erneut auf und Mr und Mrs Weasley
eilten durch den Krankensaal. Bei ihrem vorigen Besuch am Kran-
kenbett hatten sie sich nur davon überzeugt, dass Ron wieder völlig
genesen würde: Jetzt riss Mrs Weasley Harry an sich und schloss
ihn ganz fest in die Arme.
»Dumbledore hat uns erzählt, dass du ihn mit dem Bezoar geret-
tet hast«, schluchzte sie. »Oh, Harry, mir fehlen die Worte. Du hast
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Ginny gerettet … du hast Arthur gerettet … und jetzt hast du Ron
gerettet …«
»Das ist doch … ich hab nicht …«, murmelte Harry verlegen.
»Sieht ganz so aus, als ob die Hälfte unserer Familie dir ihr Leben
verdankt, wenn ich's mir recht überlege«, sagte Mr Weasley mit
erstickter Stimme. »Also, ich kann nur sagen, es war ein glücklicher
Tag für die Weasleys, als Ron beschloss, sich im Hogwarts-Express
zu dir ins Abteil zu setzen, Harry.«
Harry fiel nichts ein, was er darauf antworten konnte, und er war
beinahe froh, als Madam Pomfrey sie von neuem daran erinnerte,
dass nur sechs Besucher an Rons Bett zugelassen waren; er und
Hermine standen sofort auf, um zu gehen, und Hagrid beschloss,
mit ihnen aufzubrechen und Ron und seine Familie allein zu las-
sen.
»'s is' schrecklich«, brummte Hagrid in seinen Bart, als die drei
den Korridor entlang zurück zur Marmortreppe gingen. »All der
neue Sicherheitskram, un' den Kindern passiert trotzdem was …
Dumbledore macht sich furch'bare Sorgen … sagen tut er nich viel,
aber ich spür's …«
»Hat er nicht irgendeine Idee, Hagrid?«, fragte Hermine verzwei-
felt.
»Ich schätz mal, er hat Hunderte von Ideen, mit so 'nem Gehirn
wie seinem«, sagte Hagrid treu ergeben. »Aber er weiß nich, wer
dieses Halsband geschickt hat, und auch nich, wer Gift in diesen
Wein getan hat, sonst wär der schon gefasst worden, stimmt's? A-
ber ich mach mir Sorgen drüber«, sagte Hagrid, senkte die Stimme
und warf einen Blick über die Schulter (Harry vergewisserte sich
obendrein, ob Peeves irgendwo an der Decke hing), »wie lang
Hogwarts noch offen bleiben kann, wenn Kinder angegriffen wer-
den. Hatten wir alles schon mal, ich sag nur Kammer des Schre-
ckens, stimmt's? 's wird 'ne Panik geben, noch mehr Eltern nehmen
ihre Kinder von der Schule, und mir nix, dir nix heißt es im Schul-
beirat …«
Hagrid hielt inne, während der Geist einer langhaarigen Frau see-
lenruhig an ihnen vorbeischwebte, dann fuhr er heiser flüsternd
fort: »… heißt es im Schulbeirat, dass wir endgültig geschlossen
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wer'n.«
»Nicht doch!«, sagte Hermine und wirkte beunruhigt.
»Musst es mal von denen ihr'm Standpunkt aus sehen«, sagte
Hagrid mit schwerer Stimme. »Ich mein, 's war immer schon 'n
gewisses Risiko, 'n Kind nach Hogwarts zu schicken, oder? Is' ja zu
erwarten, dass mal was passiert, wenn minderjährige Zauberer da
gleich zu Hunderten zusammenstecken, aber versuchter Mord, das
is' was anderes. Wundert mich nich, dass Dumbledore wütend is'
auf Sn-«
Hagrid brach mitten im Wort ab, und ein vertrauter schuld-
bewusster Ausdruck lag in dem Teil seines Gesichts, der oberhalb
des verfilzten schwarzen Bartes zu sehen war.
»Wie bitte?«, sagte Harry rasch. »Dumbledore ist wütend auf Sna-
pe?«
»Das hab ich nich gesagt«, erwiderte Hagrid, doch sein panischer
Blick sprach Bände. »Seht mal, wie spät es schon is', geht auf Mit-
ternacht zu, ich muss -«
»Hagrid, warum ist Dumbledore wütend auf Snape?«, fragte Har-
ry laut.
»Schhhh«, machte Hagrid, er wirkte nervös und aufgebracht
zugleich. »Schrei so was nich rum, Harry, willst du, dass ich mein'
Job verlier? Nun ja, ich glaub nich, dass es dich kümmern würd,
stimmt's, jetzt wo du Pflege magi-«
»Versuch nicht, mir ein schlechtes Gewissen einzureden, das
klappt nicht!«, sagte Harry energisch. »Was hat Snape getan?«
»Keine Ahnung, Harry, ich hätt's eigentlich gar nicht hören sol-
len! Ich - also letztens komm ich abends aus'm Wald und da krieg
ich mit, wie sie reden - na ja, eher streiten. Wollt nich, dass sie
mich bemerken, also hab ich mich 'n bisschen dünne gemacht und
hab versucht nicht zuzuhör'n, aber's war 'n - na ja, 'n hitziges Ge-
spräch und's war nich leicht, wegzuhör'n.«
»Und?«, drängte ihn Harry, während Hagrid unruhig mit seinen
gewaltigen Füßen scharrte.
»Also - ich hab Snape nur sagen hör'n, Dumbledore würd zu viel
als selbstverständlich nehmen und vielleicht würd er -Snape - es
nich mehr tun woll'n -«
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»Was tun wollen?«
»Ich weiß nich, Harry, 's klang, als ob Snape sich 'n bisschen ü-
berarbeitet fühlt, das is' alles - jedenfalls hat ihm Dumbledore glatt
gesagt, er hätt sich dazu bereit erklärt und damit basta. Hat ihn
ziemlich rangenommen. Un' dann hat er was gesagt, von wegen
Snape soll mal in seinem Haus, bei den Slytherins, nachforschen.
Also, da is' nichts Merkwürdiges dran!«, fügte Hagrid eilig hinzu,
als Harry und Hermine bedeutungsvolle Blicke tauschten. »Alle
Hauslehrer sin' aufgefordert worden, sich um diese Sache mit dem
Halsband zu kümmern -«
»Schon, aber mit den anderen hat Dumbledore keinen Streit, o-
der?«, sagte Harry.
»Schau mal«, Hagrid verbog unbehaglich mit den Händen seine
Armbrust; laut splitternd brach sie entzwei, »ich weiß, was du von
Snape hältst, Harry, und ich will nicht, dass du da was reinliest, was
nich drin is'.«
»Vorsicht«, sagte Hermine knapp.
Sie wandten sich um und sahen gerade noch den Schatten von
Argus Filch an der Wand hinter ihnen aufragen, ehe er selbst buck-
lig und mit zitternden Wangen um die Ecke bog.
»Oho!«, schnaufte er. »So spät noch auf den Beinen, das bedeutet
Nachsitzen!«
»Nein, Filch, tut es nich«, sagte Hagrid barsch. »Die sin' doch mit
mir zusammen, oder?«
»Und was macht das für einen Unterschied?«, fragte Filch penet-
rant.
»Ich bin 'n verdammter Lehrer, oder, du Schnüffler von 'nem
Squib!«, rief Hagrid, der sofort wütend wurde.
Während Filch vor Zorn anschwoll, ertönte ein hässliches Fau-
chen; Mrs Norris war unbemerkt aufgetaucht und wand sich ge-
schmeidig um Filchs magere Knöchel.
»Haut ab«, sagte Hagrid aus dem Mundwinkel.
Das musste Harry sich nicht zweimal sagen lassen; er und Hermi-
ne eilten davon, und während sie rannten, hörten sie die lauten
Stimmen von Hagrid und Filch hinter sich widerhallen. Nahe der
Abzweigung zum Gryffindor-Turm kamen sie an Peeves vorbei,
369
der allerdings in bester Laune zur Quelle des Geschreis schoss und
gackernd lachte und rief:»Gibt es Zwist und gibt es Ärger,
ruf doch Peevsie als Verstärker!«
Die fette Dame hielt gerade ein Nickerchen und war nicht erfreut,
geweckt zu werden, schwang jedoch mürrisch nach vorne und ließ
sie in den zum Glück friedlichen und leeren Gemeinschaftsraum
klettern. Die Sache mit Ron hatte sich offenbar noch nicht herum-
gesprochen; Harry war sehr erleichtert, denn er war an diesem Tag
schon genug ausgefragt worden. Hermine wünschte ihm gute
Nacht und machte sich auf den Weg zum Mädchenschlafsaal. Har-
ry jedoch blieb zurück, setzte sich neben den Kamin und blickte
hinunter in die schwächer werdende Glut.
Dumbledore hatte also mit Snape gestritten. Trotz allem, was er
Harry gesagt hatte, trotz seiner beharrlichen Behauptung, dass er
Snape vollkommen vertraue, hatte er die Geduld mit ihm verloren
… Dumbledore meinte, dass Snape nicht hartnäckig genug versucht
hatte, bei den Slytherins nachzuforschen … oder vielleicht bei ei-
nem bestimmten Slytherin nachzuforschen: Malfoy?
Hatte Dumbledore nur deshalb so getan, als wären Harrys Ver-
dächtigungen unbegründet, weil er nicht wollte, dass Harry
Dummheiten machte und die Sache selbst in die Hand nahm?
Wahrscheinlich. Vielleicht wollte Dumbledore auch verhindern,
dass Harry durch irgendetwas von ihrem Unterricht abgelenkt
wurde oder von seiner Aufgabe, Slughorn diese Erinnerung zu ent-
locken. Vielleicht hielt es Dumbledore für falsch, einem Sechzehn-
jährigen Verdächtigungen gegen einen Lehrer aus seinem Kollegi-
um anzuvertrauen …
»Da bist du ja, Potter!«
Harry sprang erschrocken auf, den Zauberstab bereit. Er war völ-
lig sicher gewesen, dass der Gemeinschaftsraum leer war; dass sich
jetzt plötzlich eine ungeschlachte Gestalt hinten aus einem Sessel
erhob, erwischte ihn kalt. Bei genauerem Hinsehen erkannte er,
dass es Cormac McLaggen war.
370
»Ich hab auf dich gewartet«, sagte McLaggen, ohne auf Harrys ge-
zückten Zauberstab zu achten. »Muss eingeschlafen sein. Sag mal,
ich hab vorhin gesehen, wie sie Weasley in den Krankenflügel
hochgebracht haben. Sah nicht danach aus, als würd er für das Spiel
nächste Woche wieder fit sein.«
Harry brauchte eine Weile, bis ihm klar wurde, worauf McLag-
gen eigentlich hinauswollte.
»Oh … stimmt … Quidditch«, sagte er, steckte den Zauberstab
zurück in den Gürtel seiner Jeans und fuhr sich erschöpft mit der
Hand durchs Haar. »Jaah … vielleicht schafft er's nicht.«
»Also dann, dann spiel ich als Hüter, oder?«, sagte McLaggen.
»Jaah«, sagte Harry. »Jaah, ich denk schon …«
Ihm fiel kein Argument dagegen ein; schließlich hatte McLaggen
beim Testspiel klar als Zweitbester abgeschnitten.
»Prima«, sagte McLaggen mit zufriedener Stimme. »Also, wann ist
Training?«
»Was? Oh … morgen Abend ist eines.«
»Gut. Hör mal, Potter, wir sollten uns vorher mal unterhalten.
Ich hab da ein paar strategische Ideen, die du sicher gebrauchen
kannst.«
»In Ordnung«, sagte Harry wenig begeistert. »Also, ich hör sie
mir morgen an. Jetzt bin ich ziemlich müde … wir sehen uns …«
Die Nachricht, dass Ron vergiftet worden war, machte am nächs-
ten Tag schnell die Runde, erregte jedoch nicht das gleiche Aufse-
hen wie der Angriff auf Katie. Die Leute dachten offenbar, es sei
möglicherweise ein Unfall gewesen, da Ron sich zu dem Zeitpunkt
im Büro des Zaubertrankmeisters aufgehalten hatte, und da er so-
fort ein Gegenmittel erhalten habe, sei er wohl nicht ernsthaft zu
Schaden gekommen. Tatsächlich waren die meisten Gryffindors
viel mehr am kommenden Quidditch-Spiel gegen Hufflepuff inte-
ressiert, denn viele von ihnen wollten sehen, wie Zacharias Smith,
der bei den Hufflepuffs als Jäger spielte, für seine Kommentare
beim Eröffnungsspiel gegen Slytherin gehörig Prügel bezog.
Harry jedoch hatte sich noch nie so wenig für Quidditch in-
teressiert; die Sache mit Draco Malfoy wurde für ihn immer mehr
zu einer fixen Idee. Beharrlich suchte er die Karte des Rumtreibers
371
ab, wann immer er Gelegenheit dazu hatte, und manchmal machte
er Umwege dorthin, wo Malfoy zufällig gerade war, doch er hatte
noch nicht feststellen können, dass Malfoy etwas Ungewöhnliches
tat. Und es gab immer noch diese unerklärlichen Zeiten, in denen
Malfoy einfach von der Karte verschwand …
Aber Harry blieb vor lauter Quidditch-Training und Haus-
aufgaben nicht viel Zeit, über das Problem nachzudenken, und
außerdem folgten ihm Cormac McLaggen und Lavender Brown
nun auf Schritt und Tritt.
Er konnte nicht sagen, wer von den beiden lästiger war. McLag-
gen lag ihm andauernd mit Bemerkungen in den Ohren, dass er
selbst doch einen viel besseren Hüter für die Mannschaft abgeben
würde als Ron und dass Harry, wenn er ihn nun regelmäßig spielen
sehe, sicher auch bald zu dieser Auffassung gelangen werde. Au-
ßerdem kritisierte er mit Vorliebe die anderen Spieler und lieferte
Harry bis in Einzelheiten ausgearbeitete Trainingspläne, so dass
Harry ihn mehr als einmal daran erinnern musste, wer der Kapitän
war.
Unterdessen tauchte Lavender ständig in Harrys Nähe auf und
wollte über Ron sprechen, was Harry beinahe noch anstrengender
fand als McLaggens Quidditch-Vorträge. Zuerst war Lavender äu-
ßerst verärgert gewesen, weil niemand daran gedacht hatte, ihr zu
sagen, dass Ron im Krankenflügel lag -»Ich meine, immerhin bin
ich seine Freundin!« -, doch leider hatte sie jetzt beschlossen, Harry
dieses Versäumnis zu verzeihen, und war ganz erpicht darauf, eine
Menge tief schürfende Gespräche über Rons Gefühlsleben mit ihm
zu führen, eine sehr unangenehme Erfahrung, auf die Harry lie-
bend gern verzichtet hätte.
»Hör mal, warum redest du nicht mit Ron über all das?«, fragte
Harry nach einem besonders langen Verhör durch Lavender, bei
dem es praktisch um alles gegangen war, angefangen damit, was
genau Ron über ihren neuen Festumhang gssagt hatte, bis hin zu
dem Problem, ob Harry nun glaube oder nicht glaube, dass Ron
seine Beziehung mit Lavender für »ernst« halte.
»Na ja, das würd ich ja gern, aber er schläft immer, wenn ich ihn
besuchen komme!«, sagte Lavender gereizt.
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»Tatsächlich?«, sagte Harry überrascht, denn jedes Mal, wenn er
selbst nach oben in den Krankenflügel gegangen war, hatte er Ron
putzmunter vorgefunden, brennend interessiert an Nachrichten
über Dumbledores und Snapes Streit und zugleich eifrig dabei, über
McLaggen herzuziehen.
»Besucht ihn Hermine Granger noch?«, wollte Lavender plötzlich
wissen.
»Jaah, ich glaub schon. Na ja, sie sind eben befreundet, oder?«,
sagte Harry unbehaglich.
»Befreundet, dass ich nicht lache«, höhnte Lavender. »Als das
zwischen mir und Ron anfing, hat sie wochenlang nicht mit ihm
gesprochen! Aber ich denk mal, sie will sich wieder bei ihm ein-
schmeicheln, jetzt wo er so
interessant ist …«
»Nennst du es etwa interessant, vergiftet zu werden?«, fragte Har-
ry. »Wie auch immer - sorry, ich muss gehen -da kommt McLaggen
und will sich über Quidditch unterhalten«, sagte Harry eilig, stahl
sich seitwärts durch eine Tür, die vorgab, feste Mauer zu sein, und
spurtete die Abkürzung entlang, die ihn zu Zaubertränke bringen
würde, wohin weder Lavender noch McLaggen ihm zum Glück
folgen konnten.
Am Morgen des Quidditch-Spiels gegen Hufflepuff schaute Har-
ry, ehe er zum Spielfeld aufbrach, kurz im Krankenflügel vorbei.
Ron war sehr aufgewühlt; Madam Pomfrey wollte ihn nicht hinun-
terlassen, damit er sich das Spiel ansehen konnte, weil sie befürch-
tete, er würde sich zu sehr aufregen.
»Also, wie macht sich McLaggen?«, fragte er Harry nervös und
hatte offenbar vergessen, dass er diese Frage schon zweimal gestellt
hatte.
»Ich hab's dir doch erklärt«, sagte Harry geduldig. »Er könnte
Weltklasse sein, und ich würde ihn trotzdem nicht behalten wol-
len. Andauernd versucht er allen zu sagen, was sie tun sollen, er
glaubt, dass er auf jeder Position besser spielen könnte als der Rest
von uns. Ich kann's nicht erwarten, ihn wieder los zu sein. Und
wenn wir schon vom Loswerden sprechen«, fügte Harry hinzu,
stand auf und nahm seinen Feuerblitz in die Hand, »hörst du bitte
endlich auf, so zu tun, als würdest du schlafen, wenn Lavender dich
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besuchen kommt? Die treibt mich nämlich in den Wahnsinn.«
»Oh«, sagte Ron und sah schuldbewusst drein. »Ja. In Ordnung.«
»Wenn du nichts mehr von ihr willst, dann sag's ihr einfach«, riet
ihm Harry.
»Ja … also … das ist nicht so einfach, oder?«, erwiderte Ron. Er
schwieg einen Moment. »Kommt Hermine vor dem Spiel noch vor-
bei?«, fügte er beiläufig hinzu.
»Nein, sie ist mit Ginny schon runter zum Feld.«
»Oh«, sagte Ron mit ziemlich bedrückter Miene. »Na gut. Also,
viel Glück. Hoffentlich haust du McLag- ich meine, Smith in die
Pfanne.«
»Ich werd's versuchen«, sagte Harry und schulterte seinen Besen.
»Wir sehen uns nach dem Spiel.«
Eilig lief er durch die verlassenen Korridore hinunter; die ganze
Schule war draußen, entweder schon auf den Plätzen im Stadion
oder auf dem Weg dorthin. Im Vorbeigehen spähte er aus den
Fenstern und versuchte abzuschätzen, wie viel Wind sie haben
würden, als er vor sich ein Geräusch hörte. Er blickte hoch und sah
Malfoy auf sich zukommen, in Begleitung von zwei Mädchen, die
mürrisch und verdrossen wirkten.
Malfoy stutzte, als er Harry sah, lachte kurz und trocken auf und
ging weiter.
»Wohin geht ihr?«, fragte Harry.
»Tja, das werd ich dir ganz genau sagen, weil es dich ja so was von
angeht, Potter«, höhnte Malfoy. »Du solltest dich lieber beeilen, da
unten warten sie sicher schon auf den auserwählten Kapitän - den
Jungen, der den Treffer gelandet hat - oder wie immer sie dich
heutzutage nennen.«
Eines der Mädchen kicherte versehentlich. Harry starrte sie an.
Sie wurde rot. Malfoy drängte sich an Harry vorbei, und das Mäd-
chen und seine Freundin folgten ihm im Trab um eine Ecke und
verschwanden.
Harry stand wie angewurzelt da und sah ihnen nach. Es war zum
Verzweifeln; da war er schon in größter Hast, um es noch rechtzei-
tig zum Spiel zu schaffen, und ausgerechnet jetzt traf er Malfoy, der
sich verdrückte, während alle anderen draußen waren: Es war sei-
374
ne bislang beste Gelegenheit, ihm auf die Schliche zu kommen. Still
verrannen die Sekunden, während Harry reglos dastand und auf die
Stelle starrte, an der Malfoy verschwunden war …
»Wo warst du?«, fragte Ginny, als Harry in den Umkleideraum
gerannt kam. Die ganze Mannschaft war schon umgezogen und
spielbereit; Coote und Peakes, die Treiber, klopften sich mit ihren
Schlägern nervös gegen die Beine.
»Ich hab Malfoy getroffen«, sagte Harry leise zu ihr, während er
sich seinen scharlachroten Umhang über den Kopf zog.
»Und?«
»Und ich wollte wissen, weshalb er oben im Schloss ist, mit zwei
Freundinnen, wo doch alle anderen hier unten sind …«
»Ist das jetzt so wichtig?«
»Tja, das werd ich wohl kaum rausfinden, was?«, erwiderte Harry,
packte seinen Feuerblitz und rückte seine Brille gerade. »Dann mal
los!«
Und ohne ein weiteres Wort marschierte er unter ohrenbe-
täubenden Jubelschreien und Buhrufen hinaus aufs Feld. Es ging
kaum Wind; der Himmel war locker bewölkt; ab und zu blitzte
strahlend helles Sonnenlicht hervor.
»Heikle Bedingungen!«, sagte McLaggen aufmunternd zur Mann-
schaft. »Coote, Peakes, ihr fliegt am besten mit der Sonne im Rü-
cken, damit sie euch nicht kommen sehen -«
»Ich bin hier der Kapitän, McLaggen, hör auf, ihnen An-
weisungen zu erteilen«, sagte Harry wütend. »Ich will dich bei den
Torpfosten sehen!«
Sowie McLaggen davongezogen war, wandte sich Harry an Coote
und Peakes.
»Achtet tatsächlich darauf, dass ihr die Sonne im Rücken habt«,
sagte er widerwillig zu ihnen.
Er schüttelte dem Kapitän der Hufflepuffs die Hand, und dann
stieß er sich auf Madam Hoochs Pfiff hin vom Boden ab, stieg in
die Luft, höher als der Rest der Mannschaft, und sauste über dem
Feld herum auf der Suche nach dem Schnatz. Wenn er ihn nur
ganz schnell fangen konnte, dann bestand vielleicht die Möglich-
keit, zurück ins Schloss zu kommen, sich die Karte des Rumtreibers
375
zu schnappen und herauszufinden, was Malfoy trieb …
»Und da ist Smith von Hufflepuff mit dem Quaffel«, sagte eine
verträumte Stimme, die über das Gelände hallte. »Das war natürlich
der Stadionsprecher vom letzten Mal, und Ginny Weasley ist in ihn
reingeflogen, ich schätz mal, mit Absicht - so hat es jedenfalls aus-
gesehen. Smith war ziemlich fies gegen Gryffindor, ich vermute,
das bereut er jetzt, wo er gegen sie spielt - oh, seht mal, er hat den
Quaffel verloren, Ginny hat ihn Smith abgeluchst, ich mag sie
wirklich, sie ist sehr nett …«
Harry starrte hinunter auf das Podium des Stadionsprechers. Si-
cher hätte niemand, der noch halbwegs bei Sinnen war, Luna
Lovegood das Spiel kommentieren lassen? Doch selbst von oben
war sie nicht zu verwechseln mit ihrem langen, schmutzig blonden
Haar oder dem Halsband aus Butterbierkorken … Professor McGo-
nagall, die neben Luna saß, machte einen etwas gequälten Ein-
druck, als würde sie diese Ernennung tatsächlich bereuen.
»… aber jetzt hat ihr dieser große Hufflepuff-Spieler den Quaffel
abgenommen, mir fällt sein Name nicht mehr ein, so ähnlich wie
Bibble - nein, Buggins -«
»Er heißt Cadwallader!«, sagte Professor McGonagall laut neben
Luna. Das Publikum lachte.
Harry hielt Ausschau nach dem Schnatz; keine Spur war von ihm
zu sehen. Sekunden später landete Cadwallader einen Treffer.
McLaggen hatte Ginny lauthals kritisiert, weil sie sich den Quaffel
hatte wegnehmen lassen, mit dem Ergebnis, dass er nicht gemerkt
hatte, wie der große rote Ball an seinem rechten Ohr vorbeirausch-
te.
»McLaggen«, brüllte Harry, schnellte herum und sah seinem Hü-
ter ins Gesicht, »kümmer dich endlich mal um deinen eigenen
Kram und lass die andern in Ruhe!«
»Du bist nicht gerade ein großartiges Vorbild!«, schrie McLaggen
mit zornesrotem Gesicht zurück.
»Und jetzt hat Harry Potter Streit mit seinem Hüter«, sagte Luna
heiter, während unten im Publikum Hufflepuffs wie Slytherins
johlten und jubelten. »Ich glaub nicht, dass ihm das helfen wird,
den Schnatz zu finden, aber vielleicht ist es ein schlauer Trick …«
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Zornig fluchend riss Harry den Besen herum, machte sich wieder
auf den Flug um das Feld und suchte am Himmel nach irgendeiner
Spur von dem kleinen, geflügelten goldenen Ball.
Ginny und Demelza schossen jede ein Tor und gaben den rot-
goldenen Fans unten etwas zum Bejubeln. Dann traf Cadwallader
erneut und schaffte den Ausgleich, aber Luna schien es nicht be-
merkt zu haben; für solch profane Dinge wie den Spielstand hatte
sie offenbar keinerlei Interesse, stattdessen versuchte sie die Auf-
merksamkeit des Publikums beharrlich auf solche Dinge wie reiz-
volle Wolkengebilde zu lenken oder auf die Möglichkeit, dass Za-
charias Smith, dem es bislang nicht gelungen war, den Quaffel län-
ger als eine Minute zu halten, vielleicht unter so was wie dem
»Verlierer-Zipperlein« litt.
»Siebzig zu vierzig für Hufflepuff!«, bellte Professor McGonagall
in Lunas Megafon.
»Was, schon?«, sagte Luna zerstreut. »Oh, seht mal! Der Hüter
von Gryffindor hat das Schlagholz von einem Treiber in der Hand.«
Harry wirbelte im Flug herum. Tatsächlich hatte McLaggen, aus
Gründen, die nur er selber kannte, Peakes den Schläger entrissen
und wollte ihm offenbar gerade vorführen, wie man dem angrei-
fenden Cadwallader einen Klatscher entgegenschlug.
»Gib ihm sofort den Schläger zurück und scher dich zurück zu
den Torpfosten!«, brüllte Harry und jagte auf McLaggen zu, der just
in diesem Moment dem Klatscher einen fürchterlichen Schwinger
verpasste und ihn nicht richtig traf.
Ein blendender Schmerz, dass ihm übel wurde … ein Lichtblitz
… ferne Schreie … und das Gefühl, durch einen langen Tunnel
hinabzustürzen …
Und das Nächste, was Harry wusste, war, dass er in einem er-
staunlich warmen und bequemen Bett lag und zu einer Lampe auf-
schaute, die einen goldenen Lichtkreis an eine schattige Decke
warf. Er hob unbeholfen den Kopf. Zu seiner Linken lag ein som-
mersprossiger, rothaariger Mensch, der ihm bekannt vorkam.
»Nett von dir, dass du vorbeischaust«, sagte Ron grinsend.
Harry blinzelte und sah sich um. Natürlich: Er war im Kranken-
flügel. Der Himmel draußen war indigoblau mit karmesinroten
377
Streifen. Das Spiel musste schon seit Stunden zu Ende sein … wie
auch jegliche Hoffnung, Malfoy in die Enge zu treiben. Harrys Kopf
fühlte sich merkwürdig schwer an; er hob die Hand und spürte,
dass er einen straffen Turbanverband hatte.
»Was ist passiert?«
»Schädelbruch«, sagte Madam Pomfrey, wuselte herbei und
drückte ihn wieder in die Kissen. »Kein Grund zur Sorge, das hab
ich gleich wieder in Ordnung gebracht, aber ich behalte Sie über
Nacht hier. Sie sollten sich ein paar Stunden lang nicht überan-
strengen.«
»Ich will nicht über Nacht hier bleiben«, sagte Harry zornig, setz-
te sich auf und warf seine Decke zurück. »Ich will McLaggen fin-
den und ihn umbringen.«
»Ich fürchte, das läuft unter ›Überanstrengung‹«, sagte Madam
Pomfrey, drückte ihn entschlossen zurück aufs Bett und hob dro-
hend ihren Zauberstab. »Sie bleiben hier, bis ich Sie entlasse, Pot-
ter, oder ich rufe den Schulleiter.«
Sie wuselte zurück in ihr Büro und Harry ließ sich wut-
schnaubend zurück in die Kissen sinken.
»Weißt du, wie hoch wir verloren haben?«, fragte er Ron mit zu-
sammengebissenen Zähnen.
»Ja, schon«, sagte Ron kleinlaut. »Der Endstand war drei-
hundertzwanzig zu sechzig.«
»Glänzend«, sagte Harry grimmig. »Wirklich glänzend! Wenn ich
McLaggen in die Finger krieg -«
»Lass lieber die Finger von dem, der Kerl ist so groß wie 'n Troll«,
sagte Ron beschwichtigend. »Ich persönlich wär eher dafür, ihm
diesen Zehennagelfluch vom Prinzen aufzuhalsen. Aber der Rest
der Mannschaft wird sich sowieso schon um ihn gekümmert haben,
bis du hier rauskommst, die sind nicht gerade glücklich …«
In Rons Stimme schwang eine Spur schlecht unterdrückter Scha-
denfreude mit; Harry spürte, dass Ron geradezu begeistert darüber
war, dass McLaggen es dermaßen vermasselt hatte. Harry lag da
und betrachtete den Lichtfleck an der Decke; sein frisch geheilter
Schädel tat nicht gerade weh, fühlte sich aber unter all den Banda-
gen ein wenig empfindlich an.
378
»Ich hab den Spielkommentar von hier oben mitbekommen«, sag-
te Ron, und seine Stimme bebte jetzt vor Lachen. »Ich hoffe, Luna
kommentiert ab jetzt immer …
Verlierer-Zipperlein …«
Aber Harry war immer noch zu wütend, um die Situation beson-
ders lustig zu finden, und nach einer Weile ließ Rons prustendes
Gelächter nach.
»Während du bewusstlos warst, kam Ginny und wollte dich be-
suchen«, sagte er nach einer langen Pause, und Harrys Phantasie
überschlug sich mit einem Mal und entwarf rasch eine Szene, in
der Ginny über seiner leblosen Gestalt weinte und ihm ihr Gefühl
tiefer Zuneigung gestand, während Ron ihnen seinen Segen gab …
»Sie meint, du wärst gerade noch rechtzeitig zum Spiel gekommen.
Wie das? Du bist hier doch früh genug weggegangen.«
» Oh …«, sagte Harry, und die Szene in seinem Kopf stürzte in
sich zusammen. »Ja … also, ich hab gesehen, wie Malfoy sich da-
vongeschlichen hat, mit zwei Mädchen, die gar nicht den Eindruck
machten, als würden sie sich mit ihm wohl fühlen, und das ist jetzt
schon das zweite Mal, dass er absichtlich nicht mit allen andern
unten beim Quidditch ist. Das letzte Spiel hat er auch geschwänzt,
erinnerst du dich?« Harry seufzte. »Ich wünschte, ich wär ihm ge-
folgt, das Spiel war so katastrophal …«
»Hör auf zu spinnen«, sagte Ron scharf. »Du hättest doch kein
Quidditch-Spiel versäumen können, nur um Malfoy zu folgen, du
bist der Kapitän!«
»Ich will wissen, was er vorhat«, sagte Harry. »Und erzähl mir
nicht, dass ich mir das alles nur einbilde, nicht nach dem, was ich
bei diesem Gespräch zwischen ihm und Snape mitbekommen hab -
«
»Ich hab nie gesagt, dass du dir das alles nur einbildest«, erwiderte
Ron, stützte sich nun auf den Ellbogen und sah Harry stirnrunzelnd
an, »aber es steht nirgendwo geschrieben, dass hier immer nur ei-
ner was aushecken kann! Das mit Malfoy wird bei dir allmählich zu
einer fixen Idee, Harry. Ich meine, wenn du sogar daran denkst, ein
Spiel sausen zu lassen, nur um ihm zu folgen …«
»Ich will ihn dabei erwischen!«, sagte Harry frustriert. »Ich mei-
ne, wo geht er hin, wenn er von der Karte verschwindet?«
379
»Keine Ahnung … Hogsmeade?«, schlug Ron gähnend vor.
»Ich hab ihn auf der Karte nie einen der Geheimgänge benutzen
sehen. Außerdem dachte ich, die werden jetzt sowieso überwacht?«
»Also, dann weiß ich auch nicht«, sagte Ron.
Sie verfielen in Schweigen. Harry starrte auf den hellen Kreis,
den die Lampe an die Decke warf, und dachte nach …
Wenn er nur so mächtig wäre wie Rufus Scrimgeour, dann könn-
te er Malfoy beschatten lassen, doch leider hatte er kein Büro voller
Auroren zur Verfügung … Flüchtig überlegte er, ob er etwas mit
der DA auf die Beine stellen sollte, aber auch da gab es das Prob-
lem, dass es auffallen würde, wenn Leute im Unterricht fehlten; die
meisten von ihnen hatten schließlich immer noch volle Stunden-
pläne …
Von Rons Bett her ertönte ein lautes, polterndes Schnarchen.
Nach einer Weile kam Madam Pomfrey aus ihrem Büro, diesmal in
einem dicken Morgenrock. Es war am einfachsten, so zu tun, als
würde er schlafen; Harry drehte sich auf die Seite und hörte, wie
sich alle Vorhänge von selbst schlossen, als sie ihren Zauberstab
schwenkte. Die Lampen dämpften ihr Licht, und Madam Pomfrey
kehrte in ihr Büro zurück; er hörte die Tür hinter ihr ins Schloss
fallen und wusste, dass sie nun zu Bett ging.
Das war das dritte Mal, dass man ihn wegen einer Quidditch-
Verletzung in den Krankenflügel gebracht hatte, überlegte Harry in
der Dunkelheit. Das vorige Mal war er von seinem Besen gefallen,
weil Dementoren sich auf dem Feld herumgetrieben hatten, und
davor wiederum hatte der unheilbar unfähige Professor Lockhart
ihm sämtliche Knochen aus dem Arm entfernt … das war seine
bislang schmerzhafteste Verletzung gewesen … er erinnerte sich,
wie höllisch weh es getan hatte, einen Arm voller Knochen in einer
Nacht nachwachsen zu lassen, eine Qual, die auch dadurch nicht
gelindert wurde, dass ein unerwarteter Besucher mitten in der -
Harry saß kerzengerade da, mit hämmerndem Herzen und schie-
fem Turbanverband. Endlich hatte er die Lösung: Es
gab eine Mög-
lichkeit, Malfoy beschatten zu lassen - wie hatte er das vergessen
können, weshalb war es ihm nicht schon vorher eingefallen?
Die Frage war nur, wie konnte er ihn rufen? Wie machte man
380
das?
Leise, zögernd sprach Harry in die Finsternis.
»Kreacher?«
Ein sehr lauter
Knall ertönte und Schlurfen und Quieken erfüllte
den stillen Raum. Ron erwachte mit einem Japsen.
»Was ist -?«
Harry richtete seinen Zauberstab hastig auf die Tür zu Madam
Pomfreys Büro und murmelte
»Muffliato!«, damit sie nicht ange-
rannt kam. Dann kroch er zum Fußende seines Bettes, um besser
sehen zu können, was los war.
Zwei Hauselfen wälzten sich mitten im Krankensaal auf dem Bo-
den herum, der eine trug einen eingelaufenen kastanienbraunen
Pullover und mehrere Wollhüte, der andere eine Art Lendenschurz
aus einem schmutzigen alten Lumpen, der um seine Hüfte gebun-
den war. Dann ertönte ein zweiter lauter Knall, und Peeves der
Poltergeist erschien in der Luft über den kämpfenden Elfen.
»Ich hab das beobachtet, Potty!«, teilte er Harry empört mit, deu-
tete auf das Gerangel unter ihm und gackerte dann laut auf. »Schau
nur, wie diese Winzlinge sich kabbeln, beißi-beißi, knuffi-knuffi -«
»Kreacher darf Harry Potter vor Dobby nicht beleidigen, nein,
nein, oder Dobby stopft Kreacher das Maul!«, schrie Dobby mit
schriller Stimme.
»- treti, kratzi!«, rief Peeves glücklich und schleuderte nun Krei-
destückchen auf die Elfen, um sie weiter anzustacheln. »Kneifi,
piksi!«
»Kreacher sagt, was er will, über seinen Herrn, o ja, und was für
ein Herr das ist, dreckiger Freund der Schlammblüter, oh, was
würde die Herrin vom armen Kreacher dazu sagen -?«
Was genau Kreachers Herrin gesagt hätte, blieb offen, denn im
nächsten Moment versenkte Dobby seine knorplige kleine Faust in
Kreachers Mund und schlug ihm die Hälfte der Zähne aus. Harry
und Ron sprangen aus ihren Betten und zerrten die beiden Elfen
auseinander, die trotzdem weiter versuchten, einander zu treten
und zu schlagen, angefeuert von Peeves, der um die Lampe
schwirrte und kreischte: »Steck ihm die Finger in sein Näschen,
zieh ihn am Korken und an den Ohrchen -«
381
Harry zielte mit dem Zauberstab auf Peeves und sagte»Langlock!«. Peeves griff sich an die Kehle, würgte und stürzte mit
unanständigen Gesten, aber stumm davon, da seine Zunge sich e-
ben an seinen Gaumen geklebt hatte.
»Nicht schlecht«, sagte Ron anerkennend und hob Dobby hoch,
damit seine wild fuchtelnden Glieder Kreacher nicht mehr trafen.
»Der Spruch war auch vom Prinzen, oder?«
»Jaah«, sagte Harry und zwängte Kreachers runzligen Arm in ei-
nen Hebelgriff. »Hört zu - ich verbiete euch, gegeneinander zu
kämpfen! Also, Kreacher, es ist dir verboten, gegen Dobby zu
kämpfen. Dobby, ich weiß, ich darf dir keine Befehle erteilen -«
»Dobby ist ein freier Hauself und kann jedem gehorchen, den er
mag, und Dobby tut alles, was Harry Potter von ihm will!«, ver-
kündete Dobby, und Tränen strömten über sein verhutzeltes klei-
nes Gesicht auf den Pullover.
»Also gut«, sagte Harry; er und Ron ließen die Hauselfen los, die
zu Boden fielen, aber nicht wieder zu kämpfen anfingen.
»Der Herr hat mich gerufen?«, krächzte Kreacher und verneigte
sich, auch wenn der Blick, den er Harry dabei zuwarf, ihm eindeu-
tig einen qualvollen Tod wünschte.
»Ja, allerdings«, erwiderte Harry und spähte prüfend zu Madam
Pomfreys Bürotür hinüber, ob der
Muffliato noch wirkte; es hatte
nicht den Anschein, als hätte sie irgendetwas von dem Tumult ge-
hört. »Ich habe eine Aufgabe für dich.«
»Kreacher tut, was immer der Herr verlangt«, sagte Kreacher und
verneigte sich so tief, dass er mit den Lippen fast seine knorrigen
Zehen berührte, »weil Kreacher keine Wahl hat, aber Kreacher
schämt sich, einen solchen Herrn zu haben, ja -«
»Dobby macht es, Harry Potter!«, quiekte Dobby, dessen tennis-
ballgroße Augen immer noch in Tränen schwammen. »Dobby wäre
es eine Ehre, Harry Potter zu helfen!«
»Wenn ich's mir recht überlege, wär es ganz gut, euch beide zu
nehmen«, sagte Harry. »Also, dann … ich will, dass ihr Draco Mal-
foy beschattet.«
Ohne auf Rons überraschte und zugleich wütende Miene zu ach-
ten, fuhr Harry fort: »Ich will wissen, wo er hingeht, mit wem er
382
sich trifft und was er treibt. Ich will, dass ihr ihm rund um die Uhr
folgt.«
»Ja, Harry Potter!«, sagte Dobby sofort, und seine großen Augen
leuchteten vor Aufregung. »Und wenn Dobby es falsch macht, wird
sich Dobby vom höchsten Turm stürzen, Harry Potter!«
»Das wird nicht nötig sein«, erwiderte Harry hastig.
»Der Herr will, dass ich den jüngsten der Malfoys verfolge?«,
krächzte Kreacher. »Der Herr will, dass ich den reinblütigen Groß-
neffen meiner alten Herrin ausspioniere?«
»Genau den«, sagte Harry, ahnte eine große Gefahr und be-
schloss, ihr sofort vorzubeugen. »Und es ist dir verboten, ihn zu
warnen, Kreacher, und ihm zu zeigen, was du vorhast, und über-
haupt mit ihm zu sprechen und ihm Botschaften zu schreiben und
… und irgendwie Kontakt mit ihm aufzunehmen. Verstanden?«
Er meinte förmlich zu sehen, wie Kreacher verzweifelt nach ei-
nem Hintertürchen in den Anweisungen suchte, die er ihm gerade
erteilt hatte, und wartete ab. Nach einigen Augenblicken verbeugte
sich Kreacher zu Harrys großer Zufriedenheit noch einmal tief und
sagte mit bitterem Groll: »Der Herr denkt an alles, und Kreacher
muss ihm gehorchen, auch wenn Kreacher viel lieber der Diener
des jungen Malfoy wäre, o ja …«
»Dann wäre das also klar«, sagte Harry. »Ich möchte regelmäßige
Berichte, aber seht zu, dass niemand in der Nähe ist, wenn ihr auf-
taucht. Ron und Hermine sind okay. Und sagt keinem, was ihr
macht. Bleibt einfach an Malfoy kleben wie zwei Warzenpflaster.«
383
Lord Voldemorts Gesuch
Harry und Ron verließen den Krankenflügel gleich am Montag-
morgen, dank der Pflege durch Madam Pomfrey vollkommen gene-
sen, und konnten nun die Vorteile genießen, die es mit sich brach-
te, k. o. geschlagen und vergiftet worden zu sein, und der beste
davon war, dass Hermine sich wieder mit Ron versöhnt hatte.
Hermine begleitete sie sogar hinunter zum Frühstück und brachte
die Neuigkeit mit, dass Ginny sich mit Dean gestritten hatte. Die
Kreatur, die in Harrys Brust schlummerte, hob plötzlich den Kopf
und schnupperte Morgenluft.
»Worüber haben sie sich in die Haare gekriegt?«, fragte er in be-
müht lässigem Ton. Sie bogen gerade in einen Korridor im siebten
Stock ab, in dem niemand war außer einem ganz kleinen Mädchen,
das einen Wandbehang mit Trollen in Ballettröckchen betrachtete.
Beim Anblick der näher kommenden Sechstklässler geriet sie of-
fenbar in Panik und ließ die schwere Messingwaage fallen, die sie
in der Hand hielt.
»Ist ja schon gut!«, sagte Hermine freundlich und eilte ihr zu Hil-
fe. »Hier …« Sie tippte mit dem Zauberstab gegen die zerbrochene
Waage und sagte
»Reparo«.
Das Mädchen bedankte sich nicht. Es blieb wie angewurzelt ste-
hen, während sie vorbeigingen, und sah ihnen nach; Ron blickte zu
ihr zurück.
»Ich schwöre, die werden immer kleiner«, bemerkte er.
»Lass sie in Frieden«, sagte Harry mit einem Anflug von Unge-
duld. »Worüber haben sich Ginny und Dean gestritten, Hermine?«
»Oh, Dean hat darüber gelacht, wie McLaggen dir diesen Klat-
scher um die Ohren gehauen hat«, erzählte Hermine.
»Das muss schon komisch ausgesehen haben«, gab Ron zu beden-
ken.
»Es hat überhaupt nicht komisch ausgesehen«, erwiderte Hermi-
ne hitzig. »Es hat schrecklich ausgesehen, und wenn Coote und
Peakes Harry nicht aufgefangen hätten, dann hätte er sich wirklich
schwer verletzen können!«
384
»Na ja, deswegen hätten sich Ginny und Dean doch nicht gleich
trennen müssen«, sagte Harry, immer noch bemüht lässig. »Oder
sind sie noch zusammen?«
»Ja, schon - aber warum interessiert dich das so?«, fragte Hermine
und warf Harry einen durchdringenden Blick zu.
»Ich will nur nicht wieder so ein Durcheinander in meiner Quid-
ditch-Mannschaft!«, sagte er hastig, aber Hermine schaute weiter-
hin argwöhnisch, und er war sehr erleichtert, als eine Stimme hin-
ter ihnen »Harry!« rief und er einen Vorwand hatte, ihr den Rü-
cken zuzukehren.
»Oh, hi, Luna.«
»Ich war im Krankenflügel und hab dich gesucht«, sagte Luna
und stöberte in ihrer Tasche. »Aber sie haben gesagt, du wärst
schon weg …«
Sie drückte Ron etwas Grünes und Zwiebelartiges, einen großen
getüpfelten Giftpilz und eine beachtliche Portion von etwas wie
Katzenstreu in die Hände und zog schließlich eine ziemlich
schmuddelige Pergamentrolle hervor, die sie Harry überreichte.
» … Das soll ich dir geben.«
Es war eine kleine Rolle, und Harry wusste sofort, dass es eine
weitere Einladung zu einer Unterrichtsstunde bei Dumbledore war.
»Heute Abend«, sagte er zu Ron und Hermine, als er sie entrollt
hatte.
»Deine Kommentare beim letzten Spiel waren klasse!«, sagte Ron
zu Luna, während sie die grüne Zwiebel, den Giftpilz und die Kat-
zenstreu zurücknahm. Luna lächelte vage.
»Du machst dich lustig über mich, oder?«, erwiderte sie. »Alle sa-
gen, dass ich schrecklich war.«
»Nein, ehrlich!«, sagte Ron ernst. »Mir hat schon lange kein
Kommentar mehr so gut gefallen! Übrigens, was ist das eigent-
lich?«, fügte er hinzu und hielt das zwiebelartige Etwas in Augen-
höhe.
»Oh, das ist eine Spulenwurzel«, sagte sie und stopfte die Katzen-
streu und den Giftpilz zurück in ihre Tasche. »Du kannst sie behal-
ten, wenn du magst, ich hab ein paar davon. Die sind wirklich her-
vorragend gegen Schluck-Plimpys …«
385
Und sie zog von dannen und ließ Ron glucksend mit der Spulen-
wurzel in der Hand stehen.
»Wisst ihr, sie ist mir richtig ans Herz gewachsen, unsere Luna«,
meinte er, als sie sich wieder auf den Weg zur Großen Halle mach-
ten. »Ich weiß, sie ist verrückt, aber auf 'ne gute -«
Er verstummte schlagartig. Lavender Brown stand am Fuß der
Marmortreppe und machte einen zornigen Eindruck.
»Hi«, sagte Ron nervös.
»Komm«, raunte Harry Hermine zu, und sie liefen rasch vorbei,
hörten aber Lavender noch sagen: »Warum hast du mir nicht er-
zählt, dass du heute entlassen wirst? Und warum warst du mit
de
r
unterwegs?«
Als Ron eine halbe Stunde später beim Frühstück erschien, wirk-
te er trotzig und verärgert, und obwohl er bei Lavender saß, sah
Harry sie die ganze Zeit kein einziges Wort wechseln. Hermine tat,
als ob sie das alles gar nicht mitbekam, doch ein- oder zweimal sah
Harry ein unerklärliches Feixen über ihr Gesicht huschen. Sie
schien den ganzen Tag besonders gut gelaunt, und abends im Ge-
meinschaftsraum erklärte sie sich sogar bereit, Harrys Kräuterkun-
deaufsatz durchzusehen (mit anderen Worten, ihn zu Ende zu
schreiben), was sie bislang entschieden abgelehnt hatte, denn ihr
war klar gewesen, dass Harry Ron dann alles abschreiben lassen
würde.
»Vielen Dank, Hermine«, sagte Harry und klopfte ihr flüchtig auf
die Schulter, während er einen Blick auf seine Uhr warf und fest-
stellte, dass es schon fast acht war. »Hör mal, ich muss mich beei-
len, sonst komme ich zu spät zu Dumbledore …«
Sie antwortete nicht, sondern strich nur ziemlich resigniert ein
paar von seinen schwächeren Sätzen durch. Grinsend eilte Harry
durch das Porträtloch hinaus und machte sich auf den Weg zum
Büro des Schulleiters. Der Wasserspeier sprang bei der Erwähnung
von Karamell-Eclairs zur Seite und Harry nahm auf der Wendel-
treppe immer zwei Stufen auf einmal und klopfte just in dem Mo-
ment an die Tür, als die Uhr drinnen acht schlug.
»Herein«, rief Dumbledore, doch als Harry die Hand ausstreckte,
um die Tür aufzustoßen, wurde sie von innen aufgerissen. Vor ihm
386
stand Professor Trelawney.
»Aha!«, rief sie, deutete theatralisch auf Harry und blinzelte ihn
durch ihre vergrößernden Brillengläser an. »Das ist also der Grund,
weshalb Sie mich sang- und klanglos aus Ihrem Büro werfen,
Dumbledore!«
»Meine liebe Sybill«, sagte Dumbledore in leicht aufgebrachtem
Ton, »es kann keine Rede davon sein, dass Sie irgendwo sang- und
klanglos hinausgeworfen werden, aber Harry hat einen Termin,
und ich glaube wirklich nicht, dass es noch mehr zu sagen gibt -«
»Schön und gut«, sagte Professor Trelawney mit tief gekränkter
Stimme. »Wenn Sie diesen unverschämten Klepper nicht des Hau-
ses verweisen, dann eben nicht … vielleicht finde ich eine Schule,
in der meine Talente besser gewürdigt werden …«
Sie drängte sich an Harry vorbei und verschwand auf der Wen-
deltreppe; sie hörten, wie sie auf halbem Weg hinunter stolperte,
und Harry vermutete, dass sie über einen ihrer flatternden Schals
gestrauchelt war.
»Bitte schließ die Tür und setz dich, Harry«, sagte Dumbledore,
der ziemlich müde klang.
Harry gehorchte, und als er seinen üblichen Platz vor Dumbledo-
res Schreibtisch einnahm, stellte er fest, dass das Denkarium wieder
zwischen ihnen stand, außerdem zwei neue Kristallfläschchen vol-
ler wirbelnder Erinnerung.
»Dann ist Professor Trelawney also immer noch unglücklich, weil
Firenze Unterricht gibt?«, fragte Harry.
»Ja«, sagte Dumbledore. »Wahrsagen erweist sich als viel proble-
matischer, als ich hätte vorhersehen können, zumal ich das Fach
nie selber studiert habe. Ich kann von Firenze nicht verlangen, in
den Wald zurückzukehren, wo er jetzt ein Geächteter ist, noch
kann ich Sybill Trelawney bitten zu gehen. Unter uns gesagt, sie
hat keine Ahnung, in welcher Gefahr sie außerhalb des Schlosses
wäre. Sie weiß nicht - und ich glaube, es wäre unklug, sie darüber
aufzuklären -, dass sie die Prophezeiung über dich und Voldemort
gemacht hat, verstehst du?«
Dumbledore seufzte schwer und sagte: »Aber die Probleme mit
meinen Lehrern sind jetzt nicht so wichtig. Wir haben viel bedeut-
387
samere Dinge zu besprechen. Erstens - hast du die Aufgabe bewäl-
tigt, die ich dir am Ende unserer letzten Stunde gestellt habe?«
»Oh«, sagte Harry und erstarrte. Die Apparierstunden, das Quid-
ditch, Rons Vergiftung, sein eigener Schädelbruch und seine feste
Absicht, herauszufinden, was Draco Malfoy im Schilde führte -
über alldem hatte Harry beinahe vergessen, dass Dumbledore ihn
beauftragt hatte, Professor Slughorn die Erinnerung zu entlocken
… »Also, ich hab Professor Slughorn nach Zaubertränke deswegen
gefragt, Sir, aber, ähm, er wollte sie mir nicht geben.«
Eine kurze Stille trat ein.
»Ich verstehe«, sagte Dumbledore schließlich, sah Harry über sei-
ne Halbmondbrille hinweg genau an und gab ihm wieder einmal
das Gefühl, geröntgt zu werden. »Und du meinst, dass du in dieser
Sache wirklich die größten Anstrengungen unternommen hast?
Dass du all deinen beachtlichen Einfallsreichtum angewandt hast?
Dass du in deinem Streben, dir diese Erinnerung zu beschaffen,
keine noch so schlaue List unerprobt gelassen hast?«
»Nun ja«, erwiderte Harry, um Zeit zu gewinnen, denn er wusste
nicht, was er jetzt sagen sollte. Sein einziger Versuch, die Erinne-
rung zu bekommen, wirkte auf einmal peinlich schwach. »Also …
an dem Tag, als Ron aus Versehen Liebestrank geschluckt hat, habe
ich ihn zu Professor Slughorn gebracht. Ich dachte, wenn ich Pro-
fessor Slughorn vielleicht in möglichst guter Stimmung erwische -«
»Und ist das gelungen?«, fragte Dumbledore.
»Also, nein, Sir, weil Ron vergiftet wurde -«
»- weshalb du natürlich vollkommen vergessen hast, dass du ver-
suchen solltest, dir diese Erinnerung zu beschaffen; ich hätte auch
nichts anderes erwartet, da doch dein bester Freund in Gefahr war.
Aber sobald klar wurde, dass Mr Weasley sich völlig erholen wür-
de, hätte ich doch gehofft, dass du dich wieder der Aufgabe zuge-
wandt hättest, die ich dir gestellt habe. Ich dachte, ich hätte dir
deutlich gemacht, wie überaus wichtig diese Erinnerung ist. Ich
habe mich wirklich nach Kräften bemüht, dir einzuschärfen, dass
es die wichtigste Erinnerung überhaupt ist und dass wir ohne sie
unsere Zeit verschwenden.«
Heiß und kribbelnd breitete sich ein Gefühl der Scham von ganz
388
oben in Harrys Kopf über seinen gesamten Körper aus. Dumbledore
hatte die Stimme nicht erhoben, er klang nicht einmal zornig, aber
Harry wäre es lieber gewesen, wenn er geschrien hätte; diese kalte
Enttäuschung war schlimmer als alles andere.
»Sir«, sagte er ein wenig verzweifelt, »es ist nicht, dass ich mich
nicht bemüht hätte oder so, ich hatte nur - andere Dinge …«
»Andere Dinge im Kopf«, beendete Dumbledore den Satz für ihn.
»Ich verstehe.«
Wieder versanken sie in Schweigen, in das unbehaglichste
Schweigen, das Harry je mit Dumbledore erlebt hatte; es schien
sich ewig hinzuziehen, unterbrochen nur von den leisen grunzen-
den Schnarchern des Porträts von Armando Dippet über Dumble-
dores Kopf. Harry fühlte sich merkwürdig klein, als ob er ein wenig
geschrumpft wäre, seit er den Raum betreten hatte.
Als er es nicht mehr aushalten konnte, sagte er: »Professor
Dumbledore, es tut mir wirklich Leid. Ich hätte mehr tun sollen …
ich hätte erkennen müssen, dass Sie es nicht von mir verlangt hät-
ten, wenn es nicht wirklich wichtig wäre.«
»Danke, dass du das sagst«, antwortete Dumbledore leise. »Darf
ich also hoffen, dass du dieser Angelegenheit von nun an absoluten
Vorrang geben wirst? Wenn wir diese Erinnerung nicht bekom-
men, wird es kaum einen Sinn haben, dass wir uns nach dem heuti-
gen Abend noch weiter treffen.«
»Ich werde es tun, Sir, ich krieg sie aus ihm raus«, sagte Harry
ernst.
»Dann wollen wir jetzt kein Wort mehr darüber verlieren«, sagte
Dumbledore freundlicher, »sondern mit unserer Geschichte an dem
Punkt fortfahren, wo wir sie unterbrochen haben. Weißt du noch,
wo das war?«
»Ja, Sir«, sagte Harry rasch. »Voldemort hat seinen Vater und sei-
ne Großeltern getötet und es so aussehen lassen, als ob es sein On-
kel Morfin gewesen wäre. Dann ging er nach Hogwarts zurück und
fragte … fragte Professor Slughorn nach Horkruxen«, murmelte er
kleinlaut.
»Sehr gut«, sagte Dumbledore. »Nun, du wirst dich hoffentlich er-
innern, dass ich dir ganz am Anfang unserer Treffen erklärt habe,
389
dass wir uns in den Bereich der Vermutungen und Spekulationen
begeben würden?«
»Ja, Sir.«
»Bislang, und ich hoffe, du stimmst mir zu, habe ich dir einige
Quellen gezeigt, die meine Schlussfolgerungen, was Voldemort, bis
er siebzehn war, gemacht hat, recht zuverlässig untermauern.«
Harry nickte.
»Aber nun, Harry«, fuhr Dumbledore fort, »nun werden die Ver-
hältnisse undurchsichtiger und merkwürdiger. Wenn es schon
schwierig war, Zeugnisse über den jungen Riddle zu finden, so war
es fast unmöglich, jemanden aufzutreiben, der bereit war, sich an
den erwachsenen Voldemort zu erinnern. Tatsächlich bezweifle
ich, dass außer ihm selbst noch eine Menschenseele am Leben ist,
die uns umfassend von seinem Leben nach Hogwarts berichten
könnte. Aber ich habe noch zwei Erinnerungen übrig, die ich dir
zeigen möchte.« Dumbledore deutete auf die beiden Kristallfläsch-
chen, die neben dem Denkarium leuchteten. »Danach würde ich
gerne deine Meinung hören, ob die Schlüsse, die ich daraus gezo-
gen habe, triftig erscheinen.«
Bei dem Gedanken, dass Dumbledore seine Meinung so hoch
schätzte, schämte sich Harry noch mehr, dass es ihm nicht gelun-
gen war, die Horkrux-Erinnerung zu beschaffen, und er rutschte
mit schlechtem Gewissen auf seinem Platz hin und her, als
Dumbledore das erste der beiden Fläschchen ans Licht hielt und es
musterte.
»Ich hoffe, du bist es noch nicht müde, in anderer Leute Ge-
dächtnisse einzutauchen, denn das sind eigenartige Erinnerungen,
diese beiden«, sagte er. »Die erste hier stammt von einer sehr alten
Hauselfe namens Hokey. Ehe wir uns ansehen, was Hokey miter-
lebte, muss ich noch rasch erzählen, wie Lord Voldemort Hogwarts
verließ.
Wie du dir sicher schon gedacht hast, trat er sein siebtes Schul-
jahr mit Bestnoten in jeder Prüfung an, die er abgelegt hatte. Die
Klassenkameraden um ihn herum trafen gerade die Entscheidung,
welche Berufe sie nach Hogwarts ergreifen wollten. Fast alle er-
warteten Aufsehen erregende Dinge von Tom Riddle, dem Ver-
390
trauensschüler, Schulsprecher und Träger der Auszeichnung für
besondere Verdienste um die Schule. Ich weiß, dass mehrere Leh-
rer, darunter Professor Slughorn, ihm vorschlugen, ins Zauberei-
ministerium einzutreten, und ihm anboten, Treffen zu arrangieren,
nützliche Kontakte zu vermitteln. Er lehnte alle Angebote ab. Und
irgendwann erfuhr dann die Lehrerschaft, dass Voldemort bei
Bor-
gin und Burkes arbeitete.«
»Bei
Borgin und Burkes?«, wiederholte Harry verblüfft.
»Bei
Borgin und Burkes«, bestätigte Dumbledore gelassen. »Ich
denke, sobald wir in Hokeys Gedächtnis eingedrungen sind, wirst
du nachvollziehen können, welche Attraktionen dieser Laden für
ihn enthielt. Aber diese Stelle war nicht Voldemorts erste Wahl.
Kaum jemand wusste damals davon - ich war einer der wenigen,
denen sich der damalige Schulleiter anvertraute -, doch Voldemort
sprach zuerst bei Professor Dippet vor und fragte, ob er als Lehrer
in Hogwarts bleiben könne.«
»Er wollte hier bleiben? Warum?«, fragte Harry noch erstaunter.
»Ich glaube, er hatte mehrere Gründe, auch wenn er Professor
Dippet keinen davon offenbarte«, sagte Dumbledore. »Erstens und
vor allem war Voldemort wohl stärker mit dieser Schule verbunden
als jemals mit einem Menschen. In Hogwarts hatte er seine glück-
lichste Zeit verbracht; dies war der erste und einzige Ort, an dem er
sich zu Hause gefühlt hatte.«
In Harry regte sich bei diesen Worten ein leises Unbehagen, denn
genauso erging es auch ihm mit Hogwarts.
»Zweitens, das Schloss ist eine Hochburg alter Magie. Zweifellos
hatte Voldemort viel mehr von seinen Geheimnissen ergründet als
die meisten, die diese Schule durchlaufen, doch vielleicht hatte er
das Gefühl, dass es noch weitere Rätsel aufzudecken und eine Fülle
von Magie zu erschließen gab.
Und drittens hätte er als Lehrer große Macht und Einfluss auf
junge Hexen und Zauberer ausüben können. Vielleicht hatte er die
Idee von Professor Slughorn, dem Lehrer, mit dem er auf bestem
Fuß stand und der anschaulich gezeigt hatte, welch einflussreiche
Rolle ein Lehrer spielen kann. Ich habe keine Sekunde geglaubt,
dass Voldemort die Absicht hatte, den Rest seines Lebens in Hog-
391
warts zu verbringen, aber ich denke schon, dass er die Schule als
nützlich betrachtete, um dort Leute zu rekrutieren, und als einen
Ort, wo er vielleicht beginnen könnte, sich eine Armee aufzubau-
en.«
»Aber er hat die Stelle nicht bekommen, Sir?«
»Nein, allerdings nicht. Professor Dippet erklärte ihm, dass er mit
seinen achtzehn Jahren noch zu jung sei, ermutigte ihn jedoch, sich
in einigen Jahren erneut zu bewerben, falls er dann immer noch
unterrichten wolle.«
»Was haben Sie dabei empfunden, Sir?«, fragte Harry zögernd.
»Mir war höchst unwohl«, sagte Dumbledore. »Ich hatte Arman-
do von der Ernennung abgeraten - ohne die Gründe anzugeben, die
ich dir aufgezählt habe, denn Professor Dippet mochte Voldemort
sehr und war überzeugt von seiner Aufrichtigkeit - aber ich wollte
Lord Voldemort nicht wieder an dieser Schule haben, und vor al-
lem nicht in einer Machtposition.«
»Welche Stelle wollte er? Welches Fach wollte er unterrichten?«
Irgendwie wusste Harry die Antwort schon, bevor Dumbledore
sie ihm gab.
»Verteidigung gegen die dunklen Künste. Damals wurde es von
einer alten Professorin namens Galatea Merrythought gelehrt, die
seit fast fünfzig Jahren in Hogwarts war.
Voldemort ging also zu
Borgin und Burkes, und sämtliche Lehrer,
die ihn bewundert hatten, hielten es für eine Verschwendung, dass
ein so hervorragender junger Zauberer wie er in einem Laden ar-
beitete. Allerdings war Voldemort kein bloßer Gehilfe. Höflich, gut
aussehend und klug wie er war, wurden ihm bald spezielle Aufga-
ben anvertraut, wie sie nur in einem Geschäft wie
Borgin und Bur-
kes anfallen, das, wie du weißt, Harry, auf Gegenstände mit unge-
wöhnlichen und machtvollen Eigenschaften spezialisiert ist. Vol-
demort wurde losgeschickt, um Leute zu überreden, sich von ihren
Schätzen zu trennen, damit die beiden Geschäftspartner sie verkau-
fen konnten, und nach allem, was man hörte, war er ungewöhnlich
begabt dafür.«
»Darauf hätte ich wetten können«, entfuhr es Harry un-
willkürlich.
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»Nun, ganz recht«, sagte Dumbledore mit einem schwachen Lä-
cheln. »Und jetzt ist es an der Zeit, dass wir uns Hokey die Hauselfe
anhören, die für eine sehr alte, sehr reiche Hexe namens Hepzibah
Smith arbeitete.«
Dumbledore tippte mit seinem Zauberstab gegen ein Fläschchen,
der Korken flog heraus, und er kippte die wirbelnde Erinnerung in
das Denkarium und sagte dabei: »Nach dir, Harry.«
Harry stand auf und beugte sich wieder über den sich kräu-
selnden silbernen Inhalt des Steinbassins, bis sein Gesicht ihn be-
rührte. Er stürzte durch dunkles Nichts und landete in einem
Wohnzimmer vor einer ungeheuer dicken alten Dame, die eine
kunstvolle rotbraune Perücke und einen leuchtend rosa Umhang
trug, der um sie herumwallte und ihr das Aussehen eines schmel-
zenden Zuckergusskuchens verlieh. Sie blickte in einen kleinen,
mit Juwelen besetzten Spiegel und tupfte sich mit einer großen
Puderquaste Rouge auf ihre ohnehin schon scharlachroten Wan-
gen, während die kleinste und älteste Hauselfe, die Harry je gese-
hen hatte, ihre fleischigen Füße in enge Satinpantoffeln schnürte.
»Beeil dich, Hokey!«, sagte Hepzibah gebieterisch. »Er wollte um
vier kommen, das sind nur noch ein paar Minuten, und er hat sich
noch nie verspätet!«
Sie steckte ihre Puderquaste weg, als die Hauselfe sich auf-
richtete. Der Kopf der Elfe reichte kaum bis zur Sitzfläche von
Hepzibahs Stuhl und ihre papierene Haut hing ihr von den Kno-
chen wie das spröde Leintuch, das sie wie eine Toga um sich gewi-
ckelt hatte.
»Wie sehe ich aus?«, fragte Hepzibah und drehte den Kopf, um
ihr Gesicht aus verschiedenen Winkeln im Spiegel zu bewundern.
»Großartig, Madam«, quiekte Hokey.
Harry konnte nur vermuten, dass Hokey vertraglich dazu ver-
pflichtet war, das Blaue vom Himmel herunterzulügen, wenn ihr
diese Frage gestellt wurde, denn Hepzibah Smith sah seiner Mei-
nung nach alles andere als großartig aus.
Eine Türglocke klingelte und Herrin wie Elfe zuckten zusammen.
»Schnell, schnell, er ist da, Hokey!«, rief Hepzibah, und die Elfe
hastete aus dem Zimmer, das so voll gestopft mit Dingen war, dass
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man sich nur schwer vorstellen konnte, wie irgendjemand sich
einen Weg durch all die Sachen bahnen konnte, ohne mindestens
ein Dutzend davon umzuwerfen. Da waren Vitrinen voller lackier-
ter Schächtelchen, Schränke voller goldgeprägter Bücher, Regale
mit Kristallkugeln und Himmelsgloben und viele üppige Topfpflan-
zen in Messingbehältern. Tatsächlich sah das Zimmer aus wie ein
Mittelding zwischen magischem Antiquitätenladen und Gewächs-
haus.
Die Hauselfe kehrte nach wenigen Minuten zurück, gefolgt von
einem großen jungen Mann, den Harry ohne jede Schwierigkeit als
Voldemort erkannte. Er war schlicht in einen schwarzen Anzug
gekleidet; sein Haar war ein wenig länger, als es in der Schule ge-
wesen war, und seine Wangen waren hohl geworden, doch all dies
stand ihm gut: Er sah besser aus denn je. Er lavierte sich gewandt
durch das voll gestellte Zimmer, was darauf hindeutete, dass er
schon viele Male hier zu Besuch gewesen war, beugte sich tief über
Hepzibahs fette kleine Hand und berührte sie leicht mit seinen
Lippen.
»Ich habe Ihnen Blumen mitgebracht«, sagte er leise und holte
einen Strauß Rosen aus dem Nichts hervor.
»Sie ungezogener Junge, das wär doch nicht nötig gewesen!«, pro-
testierte die alte Hepzibah, doch Harry bemerkte, dass sie auf dem
nächsten kleinen Tisch eine Vase bereitstehen hatte. »Sie verwöh-
nen eine alte Dame wie mich, Tom … nehmen Sie Platz, nehmen
Sie Platz … wo ist Hokey … ah …«
Die Hauselfe war zurück ins Zimmer gehuscht und hielt ein Tab-
lett mit Törtchen in den Händen, das sie neben dem Ellbogen ihrer
Herrin abstellte.
»Bedienen Sie sich, Tom«, sagte Hepzibah, »ich weiß, Sie lieben
meine Törtchen. Nun, wie geht es Ihnen? Sie sehen blass aus. Man
gibt Ihnen in diesem Laden viel zu viel Arbeit, das habe ich schon
hundertmal gesagt …«
Voldemort lächelte mechanisch und Hepzibah kicherte geziert.
»Nun, welchen Vorwand haben Sie diesmal für Ihren Besuch?«,
fragte sie und klimperte mit ihren Wimpern.
»Mr Burke würde Ihnen gerne ein verbessertes Angebot für die
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koboldgearbeitete Rüstung unterbreiten«, sagte Voldemort. »Fünf-
hundert Galleonen, er ist der Auffassung, dass dies ein durchaus
großzügiges -«
»Nun aber gemach, gemach, sonst muss ich ja den Eindruck ha-
ben, dass Sie nur auf die billigen Stücke hier aus sind!«, sagte Hep-
zibah und zog eine Schnute.
»Deswegen wurde ich hierher geschickt«, erwiderte Voldemort
leise. »Ich bin nur ein armer Ladengehilfe, Madam, der tun muss,
was ihm befohlen wird. Mr Burke wünscht, dass ich nachfrage -«
»Oh, Mr Burke, pfui!«, sagte Hepzibah und wedelte mit ihrer
kleinen Hand. »Ich habe Ihnen da etwas zu zeigen, das ich Mr Bur-
ke noch nie gezeigt habe! Können Sie ein Geheimnis für sich behal-
ten, Tom? Wollen Sie mir versprechen, dass Sie Mr Burke nicht
sagen, dass ich es habe? Er würde mich nie mehr in Ruhe lassen,
wenn er wüsste, dass ich es Ihnen gezeigt habe, und ich verkaufe es
nicht, nicht an Burke, nicht an sonst jemanden! Aber Sie, Tom, Sie
werden es wegen seiner Geschichte zu würdigen wissen, nicht weil
Sie soundso viele Galleonen dafür bekommen könnten …«
»Ich sehe mir gerne alles an, was Miss Hepzibah mir zeigt«, sagte
Voldemort leise, und Hepzibah ließ wieder ein mädchenhaftes
Kichern hören.
»Ich hatte Hokey befohlen, es für mich hier herauszubringen …
Hokey, wo steckst du? Ich will Mr Riddle unsere
edelste Kostbar-
keit zeigen … nun ja, wenn du schon dabei bist, bring beide mit
…«
»Hier, Madam«, quiekte die Hauselfe, und Harry sah zwei Leder-
kästchen, eines auf dem anderen, die scheinbar aus eigener Kraft
durch das Zimmer schwebten, doch er wusste, dass die winzige Elfe
sie über dem Kopf trug, während sie sich zwischen Tischen, Sitz-
polstern und Schemeln hindurchschlängelte.
»Nun«, sagte Hepzibah glücklich, nahm der Elfe die Kästchen ab,
legte sie in ihren Schoß und machte sich daran, das obere zu öff-
nen. »Das wird Ihnen sicher gefallen, Tom … oh, wenn meine Fa-
milie wüsste, dass ich es Ihnen zeige … die können es nicht erwar-
ten, selbst ihre Hand daraufzulegen!«
Sie öffnete den Deckel. Harry rückte ein kleines Stück vorwärts,
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um besser sehen zu können, und erkannte etwas wie einen kleinen
goldenen Becher mit zwei fein gearbeiteten Henkeln.
»Ich frage mich, ob Sie wohl wissen, was das ist, Tom? Nehmen
Sie es heraus, werfen Sie in Ruhe einen Blick darauf!«, flüsterte
Hepzibah, und Voldemort streckte seine langfingrige Hand aus und
hob den Becher an einem Henkel aus seinem weichen seidenen
Futteral. Harry glaubte ein rotes Funkeln in Voldemorts dunklen
Augen zu erkennen. Seine gierige Miene spiegelte sich eigentüm-
lich in Hepzibahs Gesicht, nur waren ihre winzigen Augen wie
gebannt auf seine hübschen Züge gerichtet.
»Ein Dachs«, murmelte Voldemort, während er die Gravur auf
dem Becher musterte. »Er gehörte also … ?«
»Helga Hufflepuff, wie Sie ganz genau wissen, Sie schlauer Jun-
ge!«, sagte Hepzibah, beugte sich mit einem lauten Knarzen ihres
Korsetts vor und kniff ihm tatsächlich in die hohle Wange. »Ich
habe Ihnen doch gesagt, dass ich entfernt von ihr abstamme? Dies
wurde über viele Jahre innerhalb der Familie weitervererbt. Wun-
derschön, nicht wahr? Und er soll auch alle möglichen Kräfte besit-
zen, aber ich habe ihn nicht gründlich erprobt, ich bewahre ihn
nur hübsch sicher hier drin auf …«
Sie angelte sich den Becher von Voldemorts langem Zeigefinger
und legte ihn sachte in sein Kästchen zurück, viel zu eifrig damit
beschäftigt, ihn vorsichtig wieder in die richtige Lage zu bringen,
als dass sie den Schatten bemerkt hätte, der über Voldemorts Ge-
sicht huschte, als ihm der Becher abgenommen wurde.
»Nun denn«, sagte Hepzibah glücklich, »wo ist Hokey? Oh, da bist
du ja - nimm das an dich, Hokey -«
Die Elfe nahm gehorsam das Kästchen mit dem Becher und Hep-
zibah wandte ihre Aufmerksamkeit dem viel flacheren Kästchen in
ihrem Schoß zu.
»Ich glaube, das hier wird Ihnen noch besser gefallen, Tom«, flüs-
terte sie. »Beugen Sie sich etwas näher her, mein lieber Junge, da-
mit Sie es sehen können … natürlich weiß Burke, dass ich es habe,
ich habe es schließlich bei ihm gekauft, und ich vermute, er würde
es nur zu gerne wiederhaben, wenn ich einmal nicht mehr bin …«
Sie schob die edle filigrane Schließe zurück und schnippte den
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Deckel auf. Da, auf glattem, karmesinrotem Samt, lag ein schweres
goldenes Medaillon.
Diesmal streckte Voldemort die Hand ungebeten aus, hielt das
Medaillon ans Licht und starrte es an.
»Slytherins Zeichen«, sagte er leise, während das Licht um ein
reich verziertes schlangenförmiges S spielte.
»Richtig!«, sagte Hepzibah, offensichtlich entzückt über den An-
blick von Voldemort, der ihr Medaillon wie gebannt fixierte. »Ich
musste ein halbes Vermögen dafür hinlegen, aber ich konnte mir
die Gelegenheit einfach nicht entgehen lassen, eine wahre Kost-
barkeit wie diese musste ich einfach für meine Sammlung haben.
Burke hat es offenbar einer zerlumpten Frau abgekauft, die es wohl
gestohlen hatte, aber nicht ahnte, wie viel es wirklich wert war -«
Diesmal war es unverkennbar: Voldemorts Augen blitzten bei ih-
ren Worten scharlachrot auf und Harry sah, wie seine Fingerknö-
chel über der Medaillonkette weiß wurden.
»- ich vermute, Burke hat sie mit ein paar Münzen abgespeist, a-
ber was soll man machen … schön, nicht wahr? Und auch ihm
werden alle möglichen Kräfte zugeschrieben, doch ich bewahre es
nur hübsch sicher auf …«
Sie streckte die Hand aus, um das Medaillon zurückzunehmen.
Einen Moment lang dachte Harry, Voldemort würde es nicht los-
lassen, doch dann war es schon durch seine Finger geglitten und lag
wieder auf seinem roten Samtkissen.
»Nun, das war's, Tom, mein Lieber, und ich hoffe, es hat Ihnen
gefallen!«
Sie schaute ihm direkt ins Gesicht und Harry sah zum ersten Mal
ihr albernes Lächeln schwinden.
»Alles in Ordnung mit Ihnen, mein Lieber?«
»O ja«, sagte Voldemort leise. »Ja, es geht mir sehr gut …«
»Ich dachte schon - aber das Licht muss mir einen Streich gespielt
haben -«, sagte Hepzibah sichtlich zermürbt, und Harry vermutete,
dass auch sie das kurze rote Funkeln in Voldemorts Augen gesehen
hatte. »Hier, Hokey, nimm die mit und schließ sie wieder ein …
die üblichen Zauberbänne …«
»Zeit zu gehen, Harry«, sagte Dumbledore leise, und während die
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kleine Hauselfe mit den Kästchen davonhüpfte, packte Dumbledore
Harry von neuem über dem Ellbogen, und gemeinsam stiegen sie
durch die Vergessenheit empor und zurück in Dumbledores Büro.
»Hepzibah Smith starb zwei Tage nach dieser kleinen Szene«, sag-
te Dumbledore, nahm seinen Platz wieder ein und bedeutete Har-
ry, sich ebenfalls zu setzen. »Hokey die Hauselfe wurde vom Minis-
terium überführt, dem abendlichen Kakao ihrer Herrin versehent-
lich Gift beigemischt zu haben.«
»Unmöglich!«, sagte Harry zornig.
»Ich sehe, wir sind einer Meinung«, sagte Dumbledore. »Zweifel-
los gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen diesem Tod und dem der
Riddles. In beiden Fällen nahm jemand anderer die Schuld auf sich,
jemand, der sich deutlich daran erinnern konnte, den Tod verur-
sacht zu haben -«
»Hokey hat gestanden?«
»Sie erinnerte sich, etwas in den Kakao ihrer Herrin getan zu ha-
ben, das, wie sich herausstellte, nicht Zucker war, sondern ein töd-
liches und kaum bekanntes Gift«, sagte Dumbledore. »Man kam zu
der Überzeugung, dass sie es nicht absichtlich getan hatte, doch da
sie alt und verwirrt war -«
»Voldemort hat ihr Gedächtnis verändert, genau wie er es bei
Morfin getan hat!«
»Ja, das ist auch meine Schlussfolgerung«, sagte Dumbledore.
»Und genau wie bei Morfin war das Ministerium sehr geneigt, Ho-
key zu verdächtigen -«
»- weil sie eine Hauselfe war«, sagte Harry. Er hatte selten so viel
Sympathie für B.ELFE.R empfunden, den Bund, den Hermine ins
Leben gerufen hatte.
»Genau«, sagte Dumbledore. »Sie war alt, sie gab zu, etwas in das
Getränk gemischt zu haben, und niemand im Ministerium machte
sich die Mühe, weiter nachzuforschen. Als ich sie schließlich auf-
gespürt und es geschafft hatte, ihr diese Erinnerung abzunehmen,
war ihr Leben schon fast zu Ende, wie damals bei Morfin auch -
aber ihre Erinnerung beweist natürlich nichts, außer dass Volde-
mort von der Existenz des Bechers und des Medaillons wusste.
Um die Zeit, als Hokey verurteilt wurde, war Hepzibahs Familie
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aufgefallen, dass zwei von Hepzibahs größten Kostbarkeiten fehl-
ten. Sie brauchten eine Zeit lang, bis sie sich dessen sicher waren,
denn sie hatte viele Verstecke, da sie ihre Sammlung immer höchst
argwöhnisch gehütet hatte. Doch ehe sie ganz sicher waren, dass
der Becher und das Medaillon fehlten, hatte der Gehilfe, der beiBorgin und Burkes gearbeitet hatte, der junge Mann, der Hepzibah
so regelmäßig besucht und sie so geschickt umgarnt hatte, seine
Stelle gekündigt und war verschwunden. Seine Vorgesetzten hatten
keine Ahnung, wo er steckte; sie waren über sein Verschwinden
genauso überrascht wie alle anderen. Und dies war für sehr lange
Zeit das Letzte, was man von Tom Riddle sah oder hörte.
Nun«, sagte Dumbledore, »wenn du nichts dagegen hast, Harry,
möchte ich erneut innehalten, um dich auf gewisse Eigenheiten
unserer Geschichte aufmerksam zu machen. Voldemort hatte einen
weiteren Mord begangen; ob es der erste war, seit er die Riddles
getötet hatte, weiß ich nicht, aber ich vermute es. Wie du sicher
bemerkt hast, tötete er diesmal nicht aus Rache, sondern aus Hab-
gier. Er wollte die beiden sagenhaften Trophäen, die ihm diese ar-
me, törichte alte Frau zeigte. Genau wie damals, als er die anderen
Kinder in seinem Waisenhaus beraubt hatte, wie damals, als er den
Ring seines Onkels Morfin gestohlen hatte, machte er sich nun mit
Hepzibahs Becher und Medaillon davon.«
»Aber das ist doch verrückt«, sagte Harry stirnrunzelnd, »… alles
zu riskieren, seine Arbeit hinzuwerfen, bloß für diese …«
»Verrückt vielleicht für dich, aber nicht für Voldemort«, sagte
Dumbledore. »Ich hoffe, du wirst bald verstehen, was genau diese
Gegenstände ihm bedeuteten, Harry, aber du musst zugeben, dass
leicht vorstellbar ist, dass er zumindest das Medaillon als sein
rechtmäßiges Eigentum betrachtete.«
»Das Medaillon vielleicht«, sagte Harry, »aber warum hat er auch
den Becher genommen?«
»Er stammte ebenfalls von einem der Gründer von Hogwarts«,
sagte Dumbledore. »Ich denke, Voldemort fühlte sich immer noch
stark zu der Schule hingezogen und konnte einem Gegenstand
nicht widerstehen, der so sehr von Hogwarts' Geschichte durch-
drungen ist. Es gab auch andere Gründe, glaube ich … Ich hoffe,
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dass ich sie dir zu gegebener Zeit vor Augen führen kann.
Und nun zur allerletzten Erinnerung, die ich dir zu zeigen habe,
zumindest bis es dir gelingt, uns Professor Slughorns Erinnerung zu
beschaffen. Zehn Jahre liegen zwischen Hokeys Erinnerung und
dieser, und wir können nur raten, was Lord Voldemort in diesen
zehn Jahren getan hat …«
Harry stand wieder auf, als Dumbledore die letzte Erinnerung in
das Denkarium leerte.
»Wessen Erinnerung ist es?«
»Meine«, sagte Dumbledore.
Und Harry tauchte nach Dumbledore durch die wogende silberne
Masse und landete in ebendem Büro, das er gerade verlassen hatte.
Da saß Fawkes auf seiner Stange und schlummerte glücklich, und
dort, hinter dem Schreibtisch, war Dumbledore, der dem Dumble-
dore neben Harry sehr ähnlich sah, auch wenn er zwei gesunde
Hände hatte und sein Gesicht vielleicht nicht ganz so faltig war.
Der einzige Unterschied zwischen dem Büro der Jetztzeit und die-
sem war, dass es in der Vergangenheit schneite; bläuliche Flöck-
chen trieben in der Dunkelheit am Fenster vorbei und häuften sich
auf dem Außensims.
Der jüngere Dumbledore schien auf etwas zu warten, und tat-
sächlich, wenige Augenblicke nach ihrer Ankunft klopfte es an der
Tür und er rief »Herein«.
Harry entfuhr ein hastig unterdrücktes Keuchen. Voldemort hat-
te den Raum betreten. Seine Züge waren nicht so, wie Harry sie
vor fast zwei Jahren aus dem großen steinernen Kessel hatte auf-
tauchen sehen; sie waren nicht so schlangenhaft, die Augen waren
noch nicht scharlachrot, das Gesicht noch nicht maskenhaft, und
doch war es nicht mehr der hübsche Tom Riddle. Es war, als ob
seine Züge verbrannt und verwischt wären; sie waren wächsern
und merkwürdig verzerrt, und das Weiße seiner Augen sah jetzt
dauerhaft blutig aus, auch wenn die Pupillen noch nicht die Schlit-
ze waren, die sie, wie Harry wusste, einmal werden würden. Er
trug einen langen schwarzen Umhang und sein Gesicht war so
bleich wie der Schnee, der auf seinen Schultern glitzerte.
Dem Dumbledore hinter dem Schreibtisch war keinerlei Überra-
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schung anzumerken. Offensichtlich war dieser Besuch verabredet
worden.
»Guten Abend, Tom«, sagte Dumbledore entspannt. »Wollen Sie
sich nicht setzen?«
»Danke«, sagte Voldemort, und er nahm den Platz ein, auf den
Dumbledore gedeutet hatte - allem Anschein nach genau der Platz,
den Harry in der Gegenwart soeben verlassen hatte. »Wie ich höre,
sind Sie inzwischen Schulleiter«, sagte er, und seine Stimme war
ein wenig höher und kälter als früher. »Eine gute Wahl.«
»Ich freue mich, dass Sie sie billigen«, sagte Dumbledore lächelnd.
»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«
»Gerne«, sagte Voldemort. »Ich komme von weit her.«
Dumbledore stand auf, ging rasch hinüber zu dem Schrank, in
dem er jetzt das Denkarium aufbewahrte, der damals jedoch voller
Flaschen war. Nachdem er Voldemort einen Kelch Wein gereicht
und auch sich selbst eingeschenkt hatte, kehrte er zu seinem Platz
hinter dem Schreibtisch zurück.
»Nun, Tom … was verschafft mir die Ehre?«
Voldemort antwortete nicht gleich, sondern nippte nur an sei-
nem Wein.
»Man nennt mich nicht mehr ›Tom‹«, sagte er. »Inzwischen bin
ich unter dem Namen -«
»Ich weiß, unter welchem Namen Sie bekannt sind«, sagte
Dumbledore freundlich lächelnd. »Aber ich fürchte, für mich wer-
den Sie immer Tom Riddle bleiben. Das ist eine der lästigen Eigen-
heiten von alten Lehrern, fürchte ich, dass sie die frühen Anfänge
ihrer Schützlinge nie ganz vergessen.«
Er hob sein Glas, als ob er Voldemort zutrinken wollte, dessen
Gesicht ausdruckslos blieb. Dennoch merkte Harry, wie die Atmo-
sphäre im Raum sich leicht veränderte: Dumbledores Weigerung,
Voldemorts selbst gewählten Namen zu benutzen, war eine Weige-
rung, sich von Voldemort die Bedingungen ihres Treffens aufzwin-
gen zu lassen, und Harry spürte deutlich, dass Voldemort dies ge-
nau so auffasste.
»Ich bin überrascht, dass Sie so lange hier geblieben sind«, sagte
Voldemort nach einer kurzen Pause. »Ich habe mich immer gefragt,
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warum ein Zauberer wie Sie nie den Wunsch hatte, die Schule zu
verlassen.«
»Nun«, sagte Dumbledore, immer noch lächelnd, »für einen Zau-
berer wie mich kann es nichts Wichtigeres geben, als uralte Kennt-
nisse weiterzugeben und dazu beizutragen, junge Köpfe auszubil-
den. Wenn ich mich recht erinnere, sahen auch Sie einst einen
Reiz im Lehren.«
»Ich sehe ihn immer noch«, sagte Voldemort. »Ich wundere mich
nur, warum Sie - den das Ministerium so häufig um Rat fragt und
dem man meines Wissens zwei Mal das Amt des Ministers angebo-
ten hat -«
»Tatsächlich drei Mal, nach der letzten Zählung«, sagte Dumble-
dore. »Aber eine Karriere im Ministerium hat mich nie interessiert.
Wieder etwas, das wir gemeinsam haben, meine ich.«
Voldemort neigte ernst den Kopf und nahm noch einen Schluck
Wein. Dumbledore brach die Stille nicht, die sich jetzt zwischen
den beiden ausbreitete, sondern schien mit einer gewissen Vor-
freude darauf zu warten, dass Voldemort das Wort ergriff.
»Ich bin zurückgekehrt«, sagte Voldemort nach einer kleinen
Weile, »vielleicht später, als Professor Dippet es erwartet hat …
aber ich bin dennoch zurückgekehrt, weil ich erneut um etwas
ersuchen will, wofür ich ihm damals noch zu jung war. Ich bin
gekommen, um Sie um die Erlaubnis zu bitten, in dieses Schloss
zurückkehren zu dürfen, um zu unterrichten. Sie werden sicher
wissen, dass ich viel gesehen und getan habe, seit ich von hier weg-
ging. Ich könnte Ihren Schülern Dinge zeigen und berichten, die
sie von keinem anderen Zauberer erfahren können.«
Dumbledore betrachtete Voldemort eine Weile über den Rand
seines Kelches hinweg, ehe er antwortete.
»Ja, ich weiß natürlich sehr wohl, dass Sie viel gesehen und getan
haben, seit Sie uns verlassen haben«, sagte er leise. »Die Gerüchte
von Ihren Taten sind bis zu Ihrer alten Schule gedrungen, Tom. Ich
wäre betrübt, wenn ich auch nur die Hälfte davon glauben müsste.«
Voldemorts Miene blieb ausdruckslos, als er sagte: »Größe verur-
sacht Neid, Neid erzeugt Groll, und Groll bringt Lügen hervor. Sie
wissen das sicher, Dumbledore.«
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»Sie nennen das, was Sie getan haben, tatsächlich ›Größe‹?«, frag-
te Dumbledore sachte.
»Gewiss«, antwortete Voldemort, und seine Augen schienen rot
zu glühen. »Ich habe experimentiert; ich habe die Grenzen der Ma-
gie erweitert, weiter vielleicht, als es jemals geschehen ist -«
»Einiger Formen von Magie«, korrigierte ihn Dumbledore leise.
»Einiger. Von anderen wissen Sie … Sie verzeihen mir … erbärm-
lich wenig.«
Zum ersten Mal lächelte Voldemort. Es war ein angespanntes
Grinsen, etwas Bösartiges, bedrohlicher als ein zornerfüllter Blick.
»Der alte Streit«, sagte er sanft. »Aber nichts, was ich in der Welt
gesehen habe, stützt Ihre berühmte Behauptung, dass Liebe mäch-
tiger ist als meine Art von Magie, Dumbledore.«
»Vielleicht haben Sie an den falschen Orten gesucht«, gab
Dumbledore zu bedenken.
»Nun denn, welcher Ort wäre besser geeignet, um wieder mit der
Suche anzufangen, als Hogwarts?«, erwiderte Voldemort. »Lassen
Sie mich zurückkehren? Lassen Sie mich mein Wissen mit Ihren
Schülern teilen? Ich stelle mich und meine Fähigkeiten Ihnen zur
Verfügung. Ich unterstelle mich Ihrem Befehl.«
Dumbledore zog die Brauen hoch.
»Und was wird aus denen, die
Sie befehligen? Was wird mit de-
nen geschehen, die sich - laut dem Gerücht zumindest - die Todes-
ser nennen?«
Harry spürte, dass Voldemort nicht erwartet hatte, dass Dumble-
dore diese Bezeichnung kannte; er sah, wie Voldemorts Augen
wieder rot aufblitzten und seine schlitzartigen Nüstern sich bläh-
ten.
»Meine Freunde«, sagte er nach einer kurzen Pause, »werden si-
cher ohne mich weitermachen.«
»Ich freue mich zu hören, dass Sie sie als Freunde betrachten«,
sagte Dumbledore. »Ich hatte den Eindruck, dass sie eher so etwas
wie Diener sind.«
»Sie irren sich«, erwiderte Voldemort.
»Wenn ich also heute Abend in den
Eberkopf ginge, dann würde
ich nicht eine ganze Reihe von ihnen antreffen - Nott, Rosier, Mul-
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ciber, Dolohow -, die auf Ihre Rückkehr warten? Treue Freunde in
der Tat, dass sie in einer verschneiten Nacht so weit mit Ihnen rei-
sen, nur um Ihnen Glück zu wünschen bei Ihrem Versuch, sich
einen Posten als Lehrer zu beschaffen.«
Es stand außer Frage, dass Dumbledores genaue Kenntnis der
Leute, mit denen Voldemort reiste, ihm noch unangenehmer war;
doch er fing sich in kürzester Zeit wieder.
»Wie immer sind Sie allwissend, Dumbledore.«
»Oh, nein, nur gut Freund mit den Wirtsleuten am Ort«, sagte
Dumbledore leichthin. »Nun, Tom …«
Dumbledore stellte sein leeres Glas ab, richtete sich in seinem
Stuhl auf und legte die Fingerkuppen aneinander, wie er es so oft
tat.
»… reden wir offen miteinander. Warum sind Sie heute Abend
hierher gekommen, umgeben von Gefolgsleuten, und ersuchen um
eine Stelle, von der wir beide wissen, dass Sie sie nicht haben wol-
len?«
Voldemort wirkte eiskalt überrascht.
»Eine Stelle, die ich nicht haben will? Im Gegenteil, Dumbledore,
ich will sie sehr gerne haben.«
»Oh, Sie wollen nach Hogwarts zurückkehren, aber Sie wollen
genauso wenig unterrichten wie damals, als Sie achtzehn waren.
Worauf sind Sie aus, Tom? Warum versuchen Sie es nicht einmal
mit einer offenen Bitte?«
Voldemort grinste höhnisch.
»Wenn Sie mich nicht einstellen wollen -«
»Natürlich will ich nicht«, sagte Dumbledore. »Und ich glaube
keine Sekunde, dass Sie das von mir erwartet hätten. Wie auch
immer, Sie kamen hierher, Sie haben gefragt, Sie müssen etwas
beabsichtigt haben.«
Voldemort stand auf. Mit seinem wutverzerrten Gesicht ähnelte
er Tom Riddle weniger denn je.
»Ist das Ihr letztes Wort?«
»Das ist es«, sagte Dumbledore, der sich ebenfalls erhoben hatte.
»Dann haben wir uns nichts mehr zu sagen.«
»Nein, nichts«, sagte Dumbledore, und eine tiefe Traurigkeit trat
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in sein Gesicht. »Die Zeiten sind längst vorbei, da ich Ihnen mit
einem brennenden Schrank Angst machen und Sie zwingen konn-
te, für Ihre Verbrechen zu bezahlen. Aber ich wünschte, ich könn-
te es, Tom … ich wünschte, ich könnte es …«
Eine Sekunde lang war Harry kurz davor, eine sinnlose Warnung
auszurufen: Er war sicher, dass Voldemorts Hand zu seiner Tasche
und seinem Zauberstab gezuckt war; doch dann war der Moment
schon vorbei, Voldemort hatte sich abgewandt, die Tür ging zu und
er war verschwunden.
Harry spürte, wie Dumbledores Hand sich wieder um seinen Arm
schloss, und kurze Zeit später standen sie beide an fast derselben
Stelle, aber auf dem Fenstersims sammelte sich kein Schnee und
Dumbledores Hand war wieder schwarz und abgestorben.
»Warum?«, sagte Harry sofort und blickte hoch in Dumbledores
Gesicht. »Warum kam er zurück? Haben Sie das jemals herausge-
funden?«
»Ich habe Vermutungen«, sagte Dumbledore, »aber sonst nichts.«
»Was für Vermutungen, Sir?«
»Das werde ich dir sagen, wenn du diese Erinnerung von Profes-
sor Slughorn beschafft hast, Harry«, sagte Dumbledore. »Wenn du
dieses letzte Teil des Puzzles hast, dann wird hoffentlich alles klar
sein … für uns beide.«
Harry brannte noch immer vor Neugier, und obwohl Dumbledo-
re zur Tür gegangen war und sie für ihn aufhielt, rührte er sich
zunächst nicht vom Fleck.
»Wollte er wieder Verteidigung gegen die dunklen Künste, Sir?
Er hat nicht gesagt …«
»Oh, er wollte ganz bestimmt diese Stelle«, sagte Dumbledore.
»Was nach unserem kurzen Treffen geschah, hat das eindeutig be-
wiesen. Du musst wissen, seit ich Lord Voldemort diesen Posten
verweigerte, konnten wir in Verteidigung gegen die dunklen Küns-
te keinen Lehrer länger als ein Jahr behalten.«
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Der unergründliche Raum
Während der nächsten Woche zerbrach Harry sich den Kopf, wie
er Slughorn dazu bringen könnte, ihm die wahre Erinnerung zu
geben, doch eine Art Gedankenblitz kam ihm nicht, und es blieb
ihm nichts anderes übrig, als das zu tun, was er in letzter Zeit im-
mer häufiger tat, wenn er nicht mehr weiterwusste: über seinem
Zaubertrankbuch brüten, in der Hoffnung, dass der Prinz wie
schon so oft zuvor etwas Nützliches an den Rand gekritzelt hatte.
»Dadrin wirst du nicht fündig werden«, sagte Hermine spät am
Sonntagabend in entschiedenem Ton.
»Fang nicht schon wieder damit an, Hermine«, erwiderte Harry.
»Wenn der Prinz nicht gewesen wäre, würde Ron jetzt nicht hier
sitzen.«
»Er würde hier sitzen, wenn du in unserem ersten Schuljahr bei
Snape aufgepasst hättest«, sagte Hermine abweisend.
Harry beachtete sie nicht. Er hatte gerade eine Beschwörung(Sectumsempra!) gefunden, die über die faszinierenden Worte »Ge-
gen Feinde« an den Seitenrand gekritzelt war, und er brannte dar-
auf, sie auszuprobieren, was er jedoch lieber nicht vor Hermine tun
wollte. Stattdessen knickte er verstohlen die Ecke der Seite um.
Sie saßen am Kamin im Gemeinschaftsraum; die Einzigen, die
sonst noch auf waren, waren Mitschüler aus der sechsten Klasse.
Zuvor hatte es einige Aufregung gegeben, als sie vom Abendessen
zurückgekommen waren und einen neuen Aushang am schwarzen
Brett vorgefunden hatten, der das Datum ihrer Apparierprüfung
verkündete. Wer am oder vor dem ersten Prüfungstag, dem ein-
undzwanzigsten April, siebzehn wurde, hatte die Möglichkeit, sich
für zusätzliche Übungsstunden einzutragen, die (unter strenger
Bewachung) in Hogsmeade stattfinden sollten.
Ron war beim Lesen dieses Aushangs in Panik geraten; er hatte es
immer noch nicht geschafft, zu apparieren, und fürchtete, für die
Prüfung nicht gut vorbereitet zu sein. Hermine, die es inzwischen
zweimal hinbekommen hatte, war ein wenig zuversichtlicher, doch
Harry, der erst in vier Monaten siebzehn wurde, konnte die Prü-
406
fung nicht ablegen, ob er nun so weit war oder nicht.
»Aber wenigstens kannst du apparieren!«, sagte Ron angespannt.
»Im Juli wirst du dann keine Schwierigkeiten haben!«
»Ich hab es bisher nur ein Mal geschafft«, erinnerte ihn Harry; es
war ihm während ihrer letzten Stunde endlich gelungen, zu ver-
schwinden und in seinem Reifen wieder Gestalt anzunehmen.
Nachdem Ron eine Menge Zeit damit vertan hatte, sich lautstark
Sorgen über das Apparieren zu machen, mühte er sich jetzt damit
ab, einen furchtbar schwierigen Aufsatz für Snape zu Ende zu
schreiben, mit dem Harry und Hermine schon fertig waren. Harry
war absolut sicher, dass er für seinen Aufsatz eine schlechte Note
bekommen würde, weil er Snape in der Frage widersprach, wie
man sich am besten gegen Dementoren zur Wehr setzte, doch es
war ihm egal: Das Wichtigste für ihn war jetzt Slughorns Erinne-
rung.
»Wenn ich's dir doch sage, Harry, der blöde Prinz wird dir dabei
nicht helfen können!«, bekräftigte Hermine noch lauter. »Es gibt
nur eine Methode, um jemandem deinen Willen aufzuzwingen,
und das ist der Imperius-Fluch, der illegal ist -«
»Jaah, das weiß ich, vielen Dank«, gab Harry zurück, ohne von
seinem Buch aufzusehen. »Deshalb suche ich nach was anderem.
Dumbledore meint, dass Veritaserum nichts nützen wird, aber viel-
leicht gibt es ja sonst noch was, einen Trank oder einen Zauber …«
»Du gehst die Sache falsch an«, sagte Hermine. »Dumbledore be-
hauptet, nur du kannst die Erinnerung beschaffen. Das muss bedeu-
ten, dass nur du und niemand sonst Slughorn überreden kann. Es
geht nicht darum, ihm heimlich einen Zaubertrank zu verabrei-
chen, das könnte jeder -«
»Wie schreibt man ›archaisch‹?«, fragte Ron, der auf sein Perga-
ment starrte und heftig seine Feder schüttelte. »A - R - S - C kann
ja wohl nicht sein.«
»Nein, allerdings nicht«, sagte Hermine und zog Rons Aufsatz zu
sich her. »Und ›Orakel‹ fängt auch nicht mit O - R - G an. Was be-
nutzt du da eigentlich für eine Feder?«
»Eine von den Rechtschreibcheckern von Fred und George … a-
ber ich glaube, der Zauber lässt so langsam nach …«
407
»Sieht ganz danach aus«, sagte Hermine und deutete auf die Über-
schrift seines Aufsatzes, »wir sollen nämlich schreiben, wie wir mit
Dementoren fertig werden, und nicht mit ›Eselsohren‹, und dass du
dich inzwischen ›Runald Waschlab‹ nennst, ist mir völlig neu.«
»Ah, nein!«, rief Ron und starrte entsetzt auf das Pergament. »Sag
bloß nicht, dass ich das Ganze noch mal abschreiben muss!«
»Schon gut, das kriegen wir hin«, sagte Hermine und holte ihren
Zauberstab hervor.
»Ich liebe dich, Hermine«, sagte Ron, ließ sich wieder auf seinen
Stuhl sinken und rieb sich müde die Augen.
Hermine lief mattrosa an, meinte jedoch nur: »Lass das bloß nicht
Lavender hören.«
»Keine Sorge«, sagte Ron in seine Hände hinein. »Oder vielleicht
doch … dann gibt sie mir den Laufpass …«
»Warum gibst du ihr nicht den Laufpass, wenn du damit aufhören
willst?«, fragte Harry.
»Du hast noch nie mit jemandem Schluss gemacht, oder?«, erwi-
derte Ron. »Das mit dir und Cho -«
»Hat sich irgendwie von selbst erledigt, stimmt«, sagte Harry.
»Ich wünschte, das würde bei mir und Lavender auch so laufen«,
sagte Ron düster und sah zu, wie Hermine jedes seiner falsch ge-
schriebenen Wörter stumm mit der Spitze ihres Zauberstabs an-
tippte, worauf sie sich auf der Seite selbst korrigierten. »Aber je
mehr ich mit dem Zaunpfahl winke, dass ich Schluss machen will,
umso fester klammert sie. Es ist, als würde man mit dem Riesen-
kraken ausgehen.«
»Bitte schön«, sagte Hermine etwa zwanzig Minuten später und
gab Ron seinen Aufsatz zurück.
»Tausend Dank«, sagte Ron. »Kann ich mir für den Schluss deine
Feder ausleihen?«
Harry, der bisher nichts Brauchbares in den Notizen des Halb-
blutprinzen gefunden hatte, sah sich um; die drei waren inzwi-
schen die Letzten im Gemeinschaftsraum, Seamus war gerade zu
Bett gegangen, wobei er Snape und seinen Aufsatz verflucht hatte.
Jetzt hörte man nur noch das Knistern des Feuers und Ron, der mit
Hermines Feder einen letzten Absatz über die Dementoren durch-
408
strich. Harry hatte das Buch des Halbblutprinzen eben gähnend
zugemacht, da -
Knall.
Hermine stieß einen spitzen Schrei aus; Ron schüttete Tinte quer
über seinen Aufsatz, und Harry sagte: »Kreacher!«
Der Hauself verneigte sich tief und sprach zu seinen knorrigen
Zehen.
»Der Herr wollte regelmäßige Berichte über das, was der junge
Malfoy tut, also ist Kreacher gekommen, um -«
Knall.
Dobby erschien mit schief sitzendem Teewärmerhut an Krea-
chers Seite.
»Dobby hat mitgeholfen, Harry Potter!«, quiekte er und warf
Kreacher einen ärgerlichen Blick zu. »Und Kreacher sollte Dobby
sagen, wann er zu Harry Potter geht, damit sie zusammen Bericht
erstatten können!«
»Was soll das denn?«, fragte Hermine, der der Schreck über diese
plötzlichen Erscheinungen noch ins Gesicht geschrieben stand.
»Was geht da vor, Harry?«
Harry zögerte, ehe er antwortete, denn er hatte Hermine nicht
erzählt, dass er Kreacher und Dobby beauftragt hatte, Malfoy zu
beschatten; Hauselfen waren bei ihr immer so ein heikles Thema.
»Also … sie haben Malfoy für mich beschattet«, sagte er.
»Tag und Nacht«, krächzte Kreacher.
»Dobby hat eine Woche lang nicht geschlafen, Harry Potter!«,
verkündete Dobby stolz und schwankte dabei auf der Stelle.
Hermine sah empört aus.
»Du hast nicht geschlafen, Dobby? Aber, Harry, du hast ihm doch
sicher nicht gesagt, dass -«
»Nein, natürlich nicht«, warf Harry rasch ein. »Dobby, du darfst
schlafen, verstanden? Aber hat einer von euch etwas he-
rausgefunden?«, fügte er hastig hinzu, ehe Hermine sich wieder
einmischen konnte.
»Herr Malfoy bewegt sich so vornehm, wie es seinem reinen Blut
ziemt«, krächzte Kreacher sofort. »Seine Züge erinnern an die fein-
gliedrige Gestalt meiner Herrin, und seine Manieren sind die eines
409
-«
»Draco Malfoy ist ein böser Junge!«, quiekte Dobby zornig. »Ein
böser Junge, der - der -«
Er erschauderte von der Troddel seines Teewärmers bis zu den
Spitzen seiner Socken, dann rannte er zum Feuer, als wollte er sich
hineinstürzen; Harry, der schon fast damit gerechnet hatte, schlang
ihm den Arm um den Bauch und hielt ihn fest. Ein paar Sekunden
lang schlug Dobby um sich, dann erschlaffte er.
»Danke, Harry Potter«, keuchte er. »Dobby findet es immer noch
schwierig, schlecht von seinen alten Herren zu reden …«
Harry ließ ihn los; Dobby rückte seinen Teewärmer gerade und
wandte sich trotzig an Kreacher: »Aber Kreacher sollte wissen, dass
Draco Malfoy kein guter Herr für einen Hauselfen ist!«
»Jaah, wir brauchen nicht zu hören, dass du in Malfoy verliebt
bist«, sagte Harry zu Kreacher. »Überspring das und erzähl uns, wo
er eigentlich hingegangen ist.«
Kreacher verbeugte sich erneut mit wütendem Gesicht, und dann
sagte er: »Herr Malfoy speist in der Großen Halle, er ruht zur Nacht
in einem Schlafsaal in den Kerkern, er besucht den Unterricht in
einer Vielzahl von -«
»Dobby, sag du es mir«, unterbrach ihn Harry. »Ist er ir-
gendwohin gegangen, wo er nicht hätte hindürfen?«
»Harry Potter, Sir«, quiekte Dobby, und seine großen Kuller-
augen leuchteten im Licht des Feuers, »der junge Malfoy verletzt
keine Vorschriften, soweit Dobby erkennen konnte, und doch liegt
ihm viel daran, sich nicht aufspüren zu lassen. Er geht mit ver-
schiedenen anderen Schülern regelmäßig in den siebten Stock, sie
halten für ihn Wache, und er betritt den -«
»Raum der Wünsche!«, rief Harry und klatschte sich sein
Zauber-
tränke für Fortgeschrittene heftig gegen die Stirn. Hermine und
Ron starrten ihn an. »Dorthin schleicht er sich die ganze Zeit. Da
macht er … was auch immer! Und ich wette, deshalb verschwindet
er auch von der Karte - da fällt mir ein, dass ich den Raum der
Wünsche nie darauf gesehen habe!«
»Vielleicht haben die Rumtreiber überhaupt nicht gewusst, dass
es den Raum gibt«, sagte Ron.
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»Ich glaube, das gehört zur Magie dieses Raumes«, meinte Hermi-
ne. »Wenn du willst, dass er unaufspürbar ist, dann ist er das auch.«
»Dobby, hast du es geschafft, reinzukommen und dir anzusehen,
was Malfoy treibt?«, fragte Harry begierig.
»Nein, Harry Potter, das ist unmöglich«, sagte Dobby.
»Nein, ist es nicht«, widersprach Harry sofort. »Wenn Malfoy
letztes Jahr in unser Hauptquartier eingedrungen ist, kann ich jetzt
auch in den Raum und ihn ausspionieren, kein Problem.«
»Aber ich glaube nicht, dass du das kannst, Harry«, sagte Hermine
langsam. »Malfoy wusste doch schon genau, wie wir den Raum
verwendeten, weil diese blöde Marietta es ausgeplaudert hatte. Er
wünschte sich, dass der Raum zum Hauptquartier der DA werden
sollte, und das wurde er auch. Aber du weißt nicht, in was sich der
Raum verwandelt, wenn Malfoy dort reingeht, also weißt du auch
nicht, in was der Raum sich für dich verwandeln soll.«
»Das lässt sich schon irgendwie hinkriegen«, sagte Harry abwei-
send. »Du hast deine Sache glänzend gemacht, Dobby.«
»Kreacher hat es auch gut gemacht«, sagte Hermine freundlich;
doch Kreacher machte keineswegs eine dankbare Miene, sondern
richtete seine riesigen, blutunterlaufenen Augen zur Decke und
krächzte: »Das Schlammblut spricht zu Kreacher, Kreacher tut so,
als könnte er nicht hören -«
»Hör auf damit«, fuhr ihn Harry an, und Kreacher machte eine
letzte tiefe Verbeugung und disapparierte. »Du gehst jetzt am bes-
ten auch und legst dich ein wenig schlafen, Dobby.«
»Danke, Harry Potter, Sir!«, quiekte Dobby glücklich, und auch er
verschwand.
»Ist das nicht toll?«, sagte Harry begeistert, zu Ron und Hermine
gewandt, kaum dass der Raum wieder elfenlos war. »Wir wissen,
wo Malfoy hingeht! Jetzt haben wir ihn!«
»Jaah, großartig«, erwiderte Ron bedrückt und versuchte, die
durchweichte Tintenmasse zu trocknen, die vor kurzem noch ein
fast fertiger Aufsatz gewesen war. Hermine zog sie zu sich heran
und fing an, die Tinte mit ihrem Zauberstab aufzusaugen.
»Aber was soll das heißen, er geht mit ›verschiedenen Schülern‹
dort hoch?«, sagte Hermine. »Wie viele Leute machen da mit? Du
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glaubst doch nicht, dass er einer Unzahl von Leuten anvertraut,
was er treibt …«
»Jaah, das ist merkwürdig«, sagte Harry stirnrunzelnd. »Ich habe
gehört, wie er zu Crabbe gesagt hat, dass es ihn nichts angeht, was
er tut … Was erzählt er dann all diesen … all diesen …«
Harrys Stimme verlor sich; er starrte ins Feuer.
»Mein Gott, wie konnte ich nur so blöd sein«, sagte er leise. »Es
ist doch offensichtlich, oder? Unten im Kerker stand ein ganzer
Bottich davon rum … er hätte in dieser Unterrichtsstunde jederzeit
was klauen können …«
»Was klauen?«, fragte Ron.
»Vielsaft-Trank. Er hat was von dem Vielsaft-Trank gestohlen,
den Slughorn uns in der ersten Zaubertrankstunde gezeigt hat …
das sind nicht viele verschiedene Schüler, die für Malfoy Wache
stehen … es sind nur Crabbe und Goyle, wie üblich … jaah, das
passt alles zusammen!«, sagte Harry, sprang auf und fing an, vor
dem Feuer auf und ab zu gehen. »Die sind dumm genug, das zu tun,
was er ihnen sagt, auch wenn er ihnen nicht sagt, was er vorhat …
aber er will nicht, dass man sie vor dem Raum der Wünsche rum-
lungern sieht, also lässt er sie Vielsaft-Trank schlucken, damit sie
wie andere Leute ausschauen … diese beiden Mädchen, mit denen
ich ihn gesehen habe, als er nicht zum Quidditch gegangen ist - ha!
Crabbe und Goyle!«
»Willst du etwa behaupten«, sagte Hermine mit gedämpfter
Stimme, »dass dieses kleine Mädchen, dem ich die Waage repariert
hab -?«
»Ja, natürlich!«, sagte Harry laut und starrte sie an. »Natürlich!
Malfoy muss zu der Zeit im Raum der Wünsche gewesen sein, also
hat sie - was red ich da - hat
er die Waage fallen lassen, um Malfoy
ein Signal zu geben, dass er nicht rauskommen soll, weil jemand
draußen ist! Und dann war da noch das Mädchen, das den Kröten-
laich fallen ließ! Wir sind dauernd an ihm vorbeigegangen und
haben's nicht gemerkt!«
»Er hat Crabbe und Goyle dazu gebracht, sich in Mädchen zu
verwandeln?«, sagte Ron und lachte schallend. »Mensch … kein
Wunder, dass die zurzeit überhaupt nicht glücklich aussehen …
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Ich frag mich, warum sie ihm nicht sagen, dass er sie mal kreuzwei-
se …«
»Also, die werden sich hüten, wenn er ihnen sein Dunkles Mal
gezeigt hat, oder?«, sagte Harry.
»Hmmm … das Dunkle Mal, von dem wir nicht wissen, ob es e-
xistiert«, sagte Hermine skeptisch, rollte Rons getrockneten Aufsatz
zusammen, bevor ihm noch Schlimmeres zustoßen konnte, und
gab ihn Ron.
»Wir werden sehen«, meinte Harry zuversichtlich.
»Ja, das werden wir«, sagte Hermine, stand auf und streckte sich.
»Aber, Harry, ehe du völlig aus dem Häuschen bist, ich glaube im-
mer noch nicht, dass du in den Raum der Wünsche kommst, ohne
dass du vorher weißt, was dort drin ist. Und du solltest auch nicht
vergessen« - sie warf sich ihre Tasche über die Schulter und sah ihn
sehr ernst an - »dass du dich
eigentlich darauf konzentrieren soll-
test, diese Erinnerung von Slughorn zu bekommen. Gute Nacht.«
Harry sah ihr ein wenig verärgert nach. Sobald sich die Tür zu
den Mädchenschlafsälen hinter ihr geschlossen hatte, fiel er über
Ron her.
»Was meinst du?«
»Ich wünschte, ich könnte disapparieren wie ein Hauself«, sagte
Ron und starrte dabei auf die Stelle, wo Dobby verschwunden war.
»Dann wär diese Apparierprüfung für mich schon gebongt.«
Harry schlief nicht gut in dieser Nacht. Stundenlang, wie es ihm
vorkam, lag er wach und fragte sich, wie Malfoy den Raum der
Wünsche benutzte und was er, Harry, sehen würde, wenn er am
folgenden Tag dort hineingehen würde, denn was immer Hermine
auch sagte, Harry war sicher, wenn Malfoy imstande gewesen war,
das Hauptquartier der DA zu sehen, dann wäre auch er imstande,
Malfoys … doch was konnte es sein? Ein Treffpunkt? Ein Versteck?
Ein Lagerraum? Eine Werkstatt? Harry dachte fieberhaft nach, und
als er endlich einschlief, tauchten in seinen Träumen immer wieder
beunruhigende Bilder von Malfoy auf, der sich in Slughorn ver-
wandelte, sich in Snape verwandelte …
Beim Frühstück am nächsten Morgen konnte Harry es kaum
noch erwarten; vor Verteidigung gegen die dunklen Künste hatte
413
er eine Freistunde, und in dieser Zeit wollte er unbedingt versu-
chen, in den Raum der Wünsche zu gelangen. Hermine zeigte de-
monstrativ kein Interesse für seine im Flüsterton vorgetragenen
Pläne, sich den Zugang zu dem Raum zu erzwingen, was Harry
ärgerte, weil er glaubte, sie könnte eine große Hilfe sein, wenn sie
nur wollte.
»Hör mal«, sagte er leise, beugte sich vor und legte die Hand auf
den
Tagespropheten, den sie gerade einer Posteule abgenommen
hatte, damit sie die Zeitung nicht aufschlagen und dahinter ver-
schwinden konnte. »Ich habe die Sache mit Slughorn nicht verges-
sen, aber ich habe keinen Schimmer, wie ich diese Erinnerung von
ihm kriegen kann, und bis mir ein Gedankenblitz kommt, kann ich
doch herausfinden, was Malfoy treibt, oder?«
»Ich hab's dir schon gesagt, du musst Slughorn
überreden«, sagte
Hermine. »Es geht nicht darum, ihn zu überlisten oder ihm irgend-
einen Zauber aufzuhalsen, denn das hätte Dumbledore im Nu ge-
schafft. Statt dass du dich vor dem Raum der Wünsche rumtreibst«
- sie zog den
Propheten ruckartig unter Harrys Hand hervor, faltete
ihn auseinander und warf einen Blick auf die Titelseite - »solltest
du endlich zu Slughorn gehen und anfangen, an das Gute in ihm zu
appellieren.«
»Irgendjemand, den wir kennen -?«, fragte Ron, während Hermi-
ne die Schlagzeilen überflog.
»Ja!«, sagte Hermine, und Harry wie Ron verschluckten sich an
ihrem Frühstück, »aber das ist schon okay, er ist nicht tot - es ist
Mundungus, er wurde festgenommen und nach Askaban gebracht!
Hat wohl was damit zu tun, dass er sich bei einem versuchten Ein-
bruch als Inferius ausgegeben hat … und jemand namens Octavius
Pepper ist verschwunden … oh, und wie schrecklich, ein neunjäh-
riger Junge wurde festgenommen, weil er versucht hat, seine Groß-
eltern umzubringen, man glaubt, er stand unter dem Imperius-
Fluch …«
Stumm beendeten sie ihr Frühstück. Hermine machte sich gleich
auf den Weg zu Alte Runen, Ron in den Gemeinschaftsraum, wo er
seine Schlussfolgerung für Snapes Dementorenaufsatz noch fertig
stellen musste, und Harry zu dem Korridor im siebten Stock und zu
414
dem Stück Wand gegenüber dem Wandteppich, der Barnabas den
Bekloppten zeigte, wie er den Trollen Ballettunterricht gab.
Harry streifte sich den Tarnumhang über, sobald er einen leeren
Gang fand, doch das hätte er sich sparen können. Als er sein Ziel
erreichte, stellte er fest, dass niemand da war. Harry war sich nicht
sicher, ob seine Chancen, in den Raum zu gelangen, besser waren,
wenn Malfoy drin oder wenn er draußen war, doch wenigstens
würde sein erster Versuch nicht durch die Anwesenheit von Crab-
be oder Goyle in Gestalt eines elfjährigen Mädchens verkompliziert
werden.
Er schloss die Augen, als er sich der Stelle näherte, wo die Tür
zum Raum der Wünsche verborgen war. Er wusste, was er zu tun
hatte; letztes Jahr war er am Ende perfekt darin gewesen. Er kon-
zentrierte sich mit aller Kraft auf den Gedanken:
Ich muss sehen,
was Malfoy dadrin macht … Ich muss sehen, was Malfoy dadrin
macht … Ich muss sehen, was Malfoy dadrin macht …
Drei Mal ging er an der Tür vorbei, dann schlug er mit vor Aufre-
gung pochendem Herzen die Augen auf und stand ihr gegenüber -
doch er sah immer noch ein Stück schlichter kahler Wand vor sich.
Er trat vor und stieß versuchsweise dagegen. Die Mauer blieb fest
und unnachgiebig.
»Okay«, sagte Harry laut. »Okay … ich hab das Falsche gedacht
…«
Er überlegte einen Moment, dann ging er wieder los, mit ge-
schlossenen Augen und so konzentriert, wie er nur konnte.
Ich muss den Ort sehen, den Malfoy heimlich aufsucht … Ich
muss den Ort sehen, den Malfoy heimlich aufsucht …
Nachdem er drei Mal vorbeigegangen war, schlug er erwar-
tungsvoll die Augen auf.
Da war keine Tür.
»Oh, jetzt reicht's aber«, sagte er gereizt zu der Wand. »Das war
eine klare Anweisung … na schön …«
Er dachte mehrere Minuten lang angestrengt nach, ehe er wieder
losging.
Du musst zu dem Ort werden, der du für Draco Malfoy wirst …
Als er mit dem Hin- und Hergehen fertig war, schlug er nicht so-
415
fort die Augen auf; er lauschte angestrengt, als könnte er hören,
wie die Tür mit einem Knall auftauchte. Doch er hörte nichts au-
ßer dem fernen Vogelgezwitscher draußen. Er öffnete die Augen.
Da war immer noch keine Tür.
Harry fluchte. Jemand schrie. Er sah sich um und erblickte eine
schnatternde Schar Erstklässler, die um die Ecke davonrannten,
offenbar in der Annahme, dass sie gerade einem besonders unfläti-
gen Gespenst begegnet waren.
Harry versuchte es eine geschlagene Stunde lang mit allen er-
denklichen Varianten von »Ich muss sehen, was Draco Malfoy in
dir macht«, und am Ende musste er sich eingestehen, dass Hermine
vielleicht doch Recht gehabt hatte: Der Raum wollte sich einfach
nicht für ihn öffnen. Frustriert und verärgert machte er sich auf
den Weg zu Verteidigung gegen die dunklen Künste, riss sich den
Tarnumhang herunter und stopfte ihn unterwegs in seine Tasche.
»Wieder mal zu spät, Potter«, sagte Snape kühl, als Harry in das
kerzenerleuchtete Klassenzimmer eilte. »Zehn Punkte Abzug für
Gryffindor.«
Harry blickte Snape finster an und warf sich auf den Platz neben
Ron; die halbe Klasse war noch auf den Beinen, holte Bücher her-
aus und legte Sachen zurecht; er konnte nicht viel später gekom-
men sein als irgendwer sonst.
»Bevor wir anfangen, will ich Ihre Dementorenaufsätze haben«,
sagte Snape und schwang beiläufig seinen Zauberstab, worauf fünf-
undzwanzig Pergamentrollen in die Luft schnellten und ordentlich
gestapelt auf seinem Schreibtisch landeten. »Und ich hoffe für Sie,
dass sie besser sind als der Blödsinn, den ich über den Widerstand
gegen den Imperius-Fluch erdulden musste. Schlagen Sie nun bitte
Ihre Bücher auf Seite - was gibt es, Mr Finnigan?«
»Sir«, sagte Seamus, »ich würde gern wissen, wie man einen Infe-
rius von einem Gespenst unterscheidet. Im
Propheten stand näm-
lich was über einen Inferius -«
»Nein, das ist falsch«, sagte Snape mit gelangweilter Stimme.
»Aber Sir, ich hab gehört, wie Leute darüber -«
»Wenn Sie den fraglichen Artikel tatsächlich gelesen hätten, Mr
Finnigan, dann wüssten Sie, dass der so genannte Inferius nichts
416
weiter war als ein ungewaschener Tagedieb namens Mundungus
Fletcher.«
»Ich dachte, Snape und Mundungus wären auf derselben Seite?«,
raunte Harry Ron und Hermine zu. »Müsste er sich nicht darüber
aufregen, dass Mundungus festge-?«
»Aber Potter hat offenbar viel zu diesem Thema beizusteuern«,
sagte Snape, indem er plötzlich nach hinten deutete und Harry mit
seinen schwarzen Augen fixierte. »Fragen wir doch Potter, wie man
einen Inferius von einem Gespenst unterscheidet.«
Die ganze Klasse drehte sich zu Harry um, der hastig versuchte
sich daran zu erinnern, was Dumbledore ihm in jener Nacht gesagt
hatte, als sie Slughorn besucht hatten.
»Ähm - also - Gespenster sind durchsichtig -«, sagte er.
»Oh, sehr gut«, unterbrach ihn Snape und seine Lippen kräuselten
sich. »Ja, man kann ohne weiteres feststellen, dass annähernd sechs
Jahre magischer Ausbildung bei Ihnen nicht verschwendet waren,
Potter.
Gespenster sind durchsichtig.«
Pansy Parkinson stieß ein schrilles Kichern aus. Einige andere
feixten. Harry holte tief Luft, und obwohl es in seinem Innersten
brodelte, fuhr er ruhig fort: »Ja, Gespenster sind durchsichtig, aber
Inferi sind tote Körper, oder nicht? Also müssen sie fest sein -«
»So viel hätte uns auch ein Fünfjähriger sagen können«, höhnte
Snape. »Der Inferius ist eine Leiche, die durch den Zauber eines
schwarzen Magiers reanimiert wurde. Er lebt nicht, sondern wird
nur wie eine Marionette eingesetzt, um die Befehle des Zauberers
auszuführen. Ein Gespenst, und ich hoffe, das ist Ihnen inzwischen
allen klar, ist die Spur, die eine verstorbene Seele auf der Erde hin-
terlässt … und natürlich, wie Potter uns so weise mitteilt,
durch-
sichtig.«
»Also, was Harry gesagt hat, ist absolut brauchbar, wenn wir die
voneinander unterscheiden wollen!«, sagte Ron. »Wenn wir in ei-
ner dunklen Gasse einem über den Weg laufen, müssen wir doch
nur mal kurz nachschauen, ob er fest ist, und müssen nicht fragen:
›Verzeihung, sind Sie die Spur einer verstorbenen Seele?‹«
Gedämpfte Lacher waren zu hören, die bei dem Blick, den Snape
der Klasse versetzte, schlagartig verstummten.
417
»Noch einmal zehn Punkte Abzug für Gryffindor«, sagte Snape.
»Ich hätte nichts Feinsinnigeres von Ihnen erwartet, Ronald Weas-
ley, von dem Jungen, der so fest ist, dass er keine paar Zentimeter
durch einen Raum apparieren kann.«
»Nein!«, flüsterte Hermine und packte Harry am Arm, als er wü-
tend den Mund öffnete. »Das ist sinnlos, du bekommst am Ende nur
wieder Nachsitzen, lass es sein!«
»Schlagen Sie nun Ihre Bücher auf Seite zweihundertdreizehn
auf«, sagte Snape ein wenig feixend, »und lesen Sie die ersten bei-
den Abschnitte über den Cruciatus-Fluch …«
Ron war während des ganzen Unterrichts sehr geknickt. Als es
zum Ende der Stunde läutete, holte Lavender Ron und Harry ein
(Hermine löste sich auf rätselhafte Weise im Nichts auf, als sie sich
näherte) und schimpfte hitzig über Snape wegen seiner spöttischen
Bemerkung über Rons Apparierkünste, doch Ron schien sich nur
darüber zu ärgern, und er schüttelte sie ab, indem er mit Harry
einen Umweg zum Jungenklo machte.
»Aber Snape hat Recht, oder?«, sagte Ron, nachdem er ein bis
zwei Minuten lang in einen gesprungenen Spiegel gestarrt hatte.
»Ich weiß nicht, ob es sich überhaupt lohnt, dass ich die Prüfung
ablege. Ich krieg den Dreh beim Apparieren einfach nicht raus.«
»Du könntest erst mal an den zusätzlichen Übungsstunden in
Hogsmeade teilnehmen und sehen, was es dir bringt«, riet ihm Har-
ry. »Das wird auf jeden Fall interessanter, als ständig zu versuchen,
in einen bescheuerten Reifen reinzukommen. Wenn du dann im-
mer noch nicht - du weißt schon - so gut bist, wie du gern wärst,
kannst du die Prüfung später machen, mit mir zusammen im
Somm- Myrte, das ist ein Jungenklo!«
Der Geist eines Mädchens war aus der Kloschüssel in einer Kabi-
ne hinter ihnen emporgestiegen, schwebte jetzt in der Luft und
starrte sie durch eine dicke, weiße, runde Brille an.
»Oh«, sagte sie niedergeschlagen. »Ihr beide seid das.«
»Wen hast du erwartet?«, fragte Ron, der sie im Spiegel ansah.
»Niemand«, sagte Myrte und zupfte trübsinnig an einem Leber-
fleck auf ihrem Kinn. »Er hat gesagt, er würde zurückkommen und
mich besuchen, aber
du hast ja auch gesagt, du würdest bei mir
418
vorbeischauen …« - sie warf Harry einen vorwurfsvollen Blick zu -
» … und ich hab dich monatelang nicht gesehen. Inzwischen er-
warte ich nicht mehr viel von Jungen.«
»Ich dachte, du lebst in diesem Mädchenklo?«, sagte Harry, der
schon seit einigen Jahren darauf achtete, einen großen Bogen um
diesen Ort zu machen.
»Das tue ich auch«, erwiderte sie und zuckte schmollend ein we-
nig die Achseln, »aber das heißt nicht, dass ich nicht mal anderswovorbeischauen könnte. Einmal bin ich gekommen und hab dich im
Bad gesehen, erinnerst du dich?«
»Lebhaft«, sagte Harry.
»Aber ich dachte, er mag mich«, sagte sie wehmütig. »Wenn ihr
beide rausgehen würdet, dann würde er vielleicht wieder zurück-
kommen … wir hatten so viele Gemeinsamkeiten … ich bin sicher,
dass er das gespürt hat …«
Und sie blickte hoffnungsvoll in Richtung Tür.
»Wenn du sagst, ihr hättet viele Gemeinsamkeiten«, fragte Ron
und klang jetzt ziemlich belustigt, »heißt das, er lebt auch in einem
Abflussrohr?«
»Nein«, gab Myrte trotzig zurück, und ihre Stimme hallte laut in
dem alten gefliesten Klo wider. »Das heißt, dass er sensibel ist und
auch von den andern drangsaliert wird und dass er sich einsam
fühlt und niemand hat, mit dem er reden kann, und dass er keine
Angst hat, seine Gefühle zu zeigen und zu weinen!«
»Hier drin war ein Junge, der geweint hat?«, sagte Harry neugie-
rig. »Ein kleiner Junge?«
»Das geht euch nichts an!«, sagte Myrte, die kleinen wässrigen
Augen auf Ron geheftet, der jetzt unverhohlen grinste. »Ich hab
versprochen, es niemandem zu sagen, und ich nehm sein Geheim-
nis mit ins -«
»- doch nicht ins Grab, oder?«, schnaubte Ron. »In den Ab-
wasserkanal vielleicht …«
Myrte heulte wütend auf und tauchte wieder in die Kloschüssel
ab, dass das Wasser über den Rand auf den Boden schwappte. Die
Sticheleien gegen Myrte schienen Ron frischen Mut verliehen zu
haben.
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»Du hast Recht«, sagte er und schwang sich die Schultasche über
die Schulter, »ich mach bei den Übungsstunden in Hogsmeade mit,
dann kann ich immer noch entscheiden, ob ich zur Prüfung gehe.«
Und so schloss sich Ron am folgenden Wochenende Hermine
und den anderen Sechstklässlern an, die rechtzeitig siebzehn wur-
den, um die Prüfung in zwei Wochen abzulegen. Harry sah ihnen
ziemlich neidisch dabei zu, wie sie sich für den Gang ins Dorf fertig
machten; er vermisste die Ausflüge dorthin, und es war ein beson-
ders schöner Frühlingstag, mit einem klaren Himmel, wie sie ihn
seit langem nicht mehr erlebt hatten. Er hatte jedoch beschlossen,
die Zeit zu nutzen und erneut zu versuchen, den Raum der Wün-
sche zu stürmen.
»Es wäre besser«, sagte Hermine, als Harry ihr und Ron diesen
Plan in der Eingangshalle anvertraute, »wenn du geradewegs in
Slughorns Büro gehen und versuchen würdest, diese Erinnerung
von ihm zu bekommen.«
»Ich hab's doch versucht!«, sagte Harry ärgerlich, was absolut der
Wahrheit entsprach. Nach jeder Zaubertrankstunde in dieser Wo-
che war er noch dageblieben, um Slughorn zu bedrängen, aber der
Zaubertrankmeister verließ den Kerker immer so schnell, dass Har-
ry ihn nicht zu fassen bekam. Zweimal war Harry zu seinem Büro
gegangen und hatte geklopft, aber keine Antwort bekommen, auch
wenn er beim zweiten Mal sicher gewesen war, die rasch abge-
würgten Töne eines alten Grammofons gehört zu haben.
»Er will nicht mit mir reden, Hermine! Er weiß genau, dass ich
wieder versuche, ihn unter vier Augen zu sprechen, und er wird es
nicht zulassen!«
»Nun ja, du musst einfach dranbleiben, oder?«
Die kurze Schlange von Schülern, die darauf warteten, an Filch
vorbeizugehen, der sie wie üblich mit dem Geheimnis-Detektor
pikste, rückte ein paar Schritte vorwärts, und Harry gab keine
Antwort, da ihn der Hausmeister womöglich hören konnte. Er
wünschte Ron und Hermine Glück, dann drehte er sich um und
stieg wieder die Marmortreppe hoch, fest entschlossen, ein bis zwei
Stunden dem Raum der Wünsche zu widmen, was immer Hermine
auch sagte.
420
Sobald man ihn von der Eingangshalle aus nicht mehr sehen
konnte, zog Harry die Karte des Rumtreibers und den Tarnumhang
aus seiner Tasche. Nachdem er sich unsichtbar gemacht hatte, tipp-
te er gegen die Karte, murmelte: »Ich schwöre feierlich, dass ich ein
Tunichtgut bin«, und suchte sie sorgfältig ab.
Da es Sonntagmorgen war, waren fast alle Schüler in ihren jewei-
ligen Gemeinschaftsräumen, die Gryffindors in einem Turm, die
Ravenclaws in einem anderen, die Slytherins in den Kerkern und
die Hufflepuffs im Keller in der Nähe der Küchen. Vereinzelt
schlängelten sich Leute durch die Bibliothek oder gingen einen
Korridor entlang … einige waren draußen auf dem Gelände … und
dort, allein im Korridor im siebten Stock, war Gregory Goyle. Vom
Raum der Wünsche war keine Spur zu sehen, doch darüber machte
sich Harry keine Gedanken; wenn Goyle davor Wache stand, dann
war der Raum offen, ob die Karte davon wusste oder nicht. Deshalb
spurtete er die Treppen hoch und wurde erst langsamer, als er die
Ecke zum Korridor erreicht hatte; von dort aus schlich er ganz
langsam auf ebenjenes kleine Mädchen zu, das die Messingwaage
fest umklammert hielt und dem Hermine zwei Wochen zuvor so
freundlich geholfen hatte. Er wartete, bis er direkt hinter ihr war,
dann beugte er sich ganz tief hinunter und flüsterte: »Hallo … du
bist aber hübsch, nicht wahr?«
Goyle stieß einen schrillen Angstschrei aus, warf die Waage in
die Luft, rannte davon und verschwand, lange bevor der Lärm der
zerschellenden Waage im Korridor verhallt war. Harry drehte sich
lachend um und betrachtete die kahle Wand, hinter der jetzt sicher
Draco Malfoy zur Salzsäule erstarrt war, wohl wissend, dass ein
unwillkommener Besucher draußen stand, aber ohne den Mut, sich
zu zeigen. Harry verspürte ein höchst angenehmes Gefühl der
Macht, während er sich zu erinnern versuchte, welche Formulie-
rungen er noch nicht ausprobiert hatte.
Doch seine optimistische Stimmung hielt nicht lange an. Eine
halbe Stunde später, nachdem er viele weitere Varianten seines
Wunsches ausprobiert hatte, um herauszufinden, was Malfoy trieb,
war die Wand genauso türlos wie zuvor. Harry war maßlos ent-
täuscht; Malfoy war vielleicht nur ein, zwei Schritte von ihm ent-
421
fernt, und er hatte nicht den geringsten Anhaltspunkt, was er dort
drin tat. Er verlor völlig die Geduld, rannte gegen die Wand und
versetzte ihr einen Tritt.
»AUTSCH!«
Er dachte, er hätte sich einen Zeh gebrochen; als er ihn auf einem
Fuß hoppelnd fest umklammerte, rutschte ihm der Tarnumhang
herunter.
»Harry?«
Er wirbelte auf einem Bein herum und kippte vornüber. Zu sei-
nem größten Erstaunen sah er Tonks auf sich zukommen, als ob sie
des Öfteren durch diesen Korridor schlendern würde.
»Was machst du denn hier?«, sagte er und rappelte sich wieder
auf; warum musste sie ihm immer dann begegnen, wenn er auf dem
Boden lag?
»Ich wollte Dumbledore besuchen«, antwortete Tonks.
Harry fand, dass sie schrecklich aussah; noch dünner als sonst,
und ihr mausbraunes Haar hing schlaff herunter.
»Sein Büro ist nicht hier«, sagte Harry, »es ist auf der anderen Sei-
te des Schlosses, hinter dem Wasserspeier -«
»Ich weiß«, sagte Tonks. »Er ist nicht da. Offenbar ist er wieder
unterwegs.«
»Tatsächlich?«, sagte Harry und stellte seinen verletzten Fuß vor-
sichtig wieder auf den Boden. »Hey - du weißt nicht zufällig, wo er
hingeht?«
»Nein«, sagte Tonks.
»Weswegen wolltest du ihn sprechen?«
»Wegen nichts Bestimmtem«, erwiderte Tonks und zupfte, offen-
sichtlich ohne es zu merken, am Ärmel ihres Umhangs. »Ich dachte
nur, vielleicht weiß er, was los ist … ich habe Gerüchte gehört …
Leute werden verletzt …«
»Jaah, ich weiß, stand alles in der Zeitung«, sagte Harry. »Dieser
kleine Junge, der versucht hat, seine Großeltern zu er-«
»Der
Prophet ist oft nicht auf dem neuesten Stand«, sagte Tonks,
die ihm anscheinend nicht zuhörte. »Du hast in letzter Zeit keine
Briefe von irgendjemandem aus dem Orden bekommen?«
»Aus dem Orden schreibt mir niemand mehr«, sagte Harry,
422
»nicht, seit Sirius -«
Er sah, dass ihr Tränen in die Augen gestiegen waren.
»Tut mir Leid«, murmelte er betreten. »Ich meine … ich vermisse
ihn auch …«
»Was?«, sagte Tonks verständnislos, als ob sie ihn nicht gehört
hätte. »Also … wir sehen uns dann, Harry …«
Und sie wandte sich abrupt um, ging den Korridor entlang davon
und ließ Harry stehen, der ihr nachstarrte. Nach etwa einer Minute
zog er sich erneut den Tarnumhang über und bemühte sich wieder,
in den Raum der Wünsche zu gelangen, ohne jedoch recht bei der
Sache zu sein. Mit einem hohlen Gefühl im Magen und bei dem
Gedanken daran, dass Ron und Hermine bald zum Mittagessen
zurück sein würden, gab er den Versuch schließlich auf und über-
ließ den Korridor Malfoy, der hoffentlich dermaßen verschreckt
war, dass er erst in ein paar Stunden herauskommen würde.
Er fand Ron und Hermine in der Großen Halle, schon halb fertig
mit einem frühen Mittagessen.
»Ich hab's geschafft - na ja, so gut wie!«, erzählte Ron Harry be-
geistert, sobald er ihn sah. »Ich sollte eigentlich vor Madam Puddi-
foots Cafe apparieren und bin ein bisschen darüber hinausgeschos-
sen und in der Nähe von
Schreiberlings gelandet, aber zumindest
hab ich den Ort gewechselt!«
»Klasse«, sagte Harry. »Wie lief's bei dir, Hermine?«
»Oh, sie war perfekt, ist doch klar«, sagte Ron, ehe Hermine ant-
worten konnte. »Perfekte Dreierregel, Ziel, Unwille, Betulichkeit
oder wie's zum Teufel noch mal heißt - wir sind danach alle
schnell noch in die
Drei Besen was trinken gegangen, und du hät-
test hören sollen, wie Twycross von ihr geschwärmt hat - mich
würd's nicht überraschen, wenn er ihr bald 'nen Antrag macht -«
»Und was ist mit dir?«, fragte Hermine, ohne Ron zu beachten.
»Warst du die ganze Zeit oben beim Raum der Wünsche?«
»Jep«, sagte Harry. »Und ratet mal, wer mir dort oben über den
Weg gelaufen ist? Tonks!«
»Tonks?«, wiederholten Ron und Hermine gleichzeitig und sahen
überrascht aus.
»Allerdings, sie meinte, sie wollte eigentlich Dumbledore besu-
423
chen …«
»Wenn du mich fragst«, sagte Ron, sobald Harry sein Gespräch
mit Tonks geschildert hatte, »dreht sie jetzt ein bisschen durch.
Verliert die Nerven, nach dem, was im Ministerium passiert ist.«
»Es ist schon ein wenig merkwürdig«, sagte Hermine, die aus ir-
gendeinem Grund sehr beunruhigt wirkte. »Sie soll eigentlich die
Schule bewachen, warum verlässt sie auf einmal ihren Posten und
will Dumbledore besuchen gehen, wenn er nicht einmal da ist?«
»Mir kam da so ein Gedanke«, sagte Harry zögernd. Ihm war
nicht wohl dabei, ihn auszusprechen; das war viel eher Hermines
Gebiet als seines. »Meint ihr nicht, dass sie vielleicht … na ja … in
Sirius verliebt war?«
Hermine starrte ihn an.
»Wie um Himmels willen kommst du auf die Idee?«
»Keine Ahnung«, antwortete Harry achselzuckend, »aber sie hat
fast geweint, als ich seinen Namen erwähnt hab … und ihr Patro-
nus ist jetzt was Großes, Vierbeiniges … Ich hab mich gefragt, ob
es nicht vielleicht … wie soll ich sagen … er ist.«
»Das wäre eine Möglichkeit«, sagte Hermine langsam. »Aber ich
weiß immer noch nicht, warum sie urplötzlich im Schloss auf-
taucht, um Dumbledore zu besuchen, falls sie wirklich deshalb hier
war …«
»Also lieg ich doch nicht so falsch, oder?«, bemerkte Ron, der sich
gerade Kartoffelbrei in den Mund schaufelte. »Sie ist ein bisschen
komisch geworden. Hat die Nerven verloren. Frauen«, sagte er wei-
se zu Harry. »Die kriegen schnell zu viel.«
»Und trotzdem«, sagte Hermine, die aus ihrer Träumerei erwach-
te, »wirst du wohl kaum eine
Frau finden, die eine halbe Stunde
lang schmollt, weil Madam Rosmerta nicht über ihren Witz mit der
Sabberhexe, dem Heiler und dem
Mimbulus mimbeltonia gelacht
hat.«
Ron blickte finster.
424
Nach der Beerdigung
Am Himmel über den Schlosstürmen tauchten allmählich hellblaue
Stellen auf, doch diese Vorboten des Sommers konnten Harrys
Laune nicht bessern. Er war erfolglos gewesen, sowohl bei seinen
Versuchen herauszufinden, was Malfoy trieb, als auch bei seinen
Bemühungen, ein Gespräch mit Slughorn anzufangen, das irgend-
wie dazu führen könnte, dass Slughorn ihm die Erinnerung gab, die
er offenbar seit Jahrzehnten verheimlicht hatte.
»Zum letzten Mal, vergiss einfach die Sache mit Malfoy«, sagte
Hermine entschieden zu Harry.
Sie saßen nach dem Mittagessen gemeinsam mit Ron in einer
sonnigen Ecke des Hofes. Hermine und Ron hielten beide ein
Merkblatt des Zaubereiministeriums in den Händen:
Häufige Feh-
ler beim Apparieren und wie man sie vermeidet. Sie hatten noch an
diesem Nachmittag ihre Prüfung, doch die Merkblätter hatten ins-
gesamt nicht dazu beigetragen, ihre Nerven zu beruhigen. Als ein
Mädchen um die Ecke kam, schrak Ron zusammen und versuchte
sich hinter Hermine zu verstecken.
»Es ist nicht Lavender«, meinte Hermine gelangweilt.
»Oh, gut«, sagte Ron und erholte sich wieder.
»Harry Potter?«, fragte das Mädchen. »Ich soll dir das hier geben.«
»Danke …«
Harry wurde das Herz schwer, als er die kleine Pergamentrolle
entgegennahm. Sobald das Mädchen außer Hörweite war, sagte er:
»Dumbledore wollte mir doch erst wieder Stunden geben, wenn
ich diese Erinnerung habe!«
»Vielleicht will er nur mal nachschauen, wie du vorankommst?«,
überlegte Hermine, als Harry das Pergament entrollte; aber er sah
nicht Dumbledores längliche, enge, schräge Handschrift, sondern
ein unordentliches Gekrakel, das sehr schwer zu lesen war, da sich
auf dem Pergament große Kleckse zerlaufener Tinte befanden.
425
Lieber Harry, lieber Ron, liebe Hermine,
gestern Nacht ist Aragog gestorben. Harry und Ron, ihr habt ihn
kennen gelernt, ihr wisst, dass er was Besonderes war. Hermine,
ich weiß, du hätt'st ihn gemocht. Es würd mir viel bedeuten, wenn
ihr heute gegen Abend zur Beerdigung runterkommt. Ich will es in
der Dämmerung machen, das war seine liebste Tageszeit. Ich weiß,
dass ihr so spät nicht draußen sein dürft, aber ihr könnt den Tarn-
umhang benutzen. Allein bring ich's einfach nicht über mich, sonst
würd ich nicht fragen.
Hagrid
»Schau dir das mal an«, sagte Harry und gab den Brief Hermine.
»Oh, um Himmels willen«, sagte sie, als sie ihn rasch überflog,
dann reichte sie ihn an Ron weiter, der, während er ihn durchlas,
immer ungläubiger dreinschaute.
»Der ist
verrückt!«, sagte er wütend. »Dieses Viech hat seine
Freunde aufgefordert, Harry und mich aufzufressen! Ihnen gesagt,
dass sie sich ruhig bedienen sollen! Und jetzt erwartet Hagrid von
uns, dass wir da runtergehen und seine scheußliche haarige Leiche
beweinen!«
»Und das ist noch nicht alles«, fügte Hermine hinzu. »Er will, dass
wir nachts aus dem Schloss gehen, obwohl er weiß, dass die Si-
cherheitsmaßnahmen tausendmal schärfer sind und dass wir der-
maßen Ärger bekommen, wenn wir erwischt werden.«
»Wir waren schon nachts unten bei ihm«, sagte Harry.
»Ja, aber für so was?«, sagte Hermine. »Wir haben eine Menge
riskiert, um Hagrid aus der Patsche zu helfen, aber schließlich - ist
Aragog tot. Wenn es darum ginge, ihn zu retten -«
»- dann würd ich erst recht nicht hinwollen«, sagte Ron entschie-
den. »Du hast ihn nicht kennen gelernt, Hermine. Glaub mir, dass
er tot ist, hat seinem Charakter nur gut getan.«
Harry nahm den Brief zurück und betrachtete die auf dem gan-
zen Blatt verteilten Tintenkleckse. Offenbar waren in rascher Folge
dicke Tränen auf das Pergament gefallen …
»Harry, du kannst doch nicht
ernsthaft überlegen, da hinzu-
gehen«, sagte Hermine. »Dafür Nachsitzen zu kriegen ist so was von
426
unsinnig.«
Harry seufzte.
»Jaah, ich weiß«, erwiderte er. »Ich schätze, Hagrid wird Aragog
ohne uns begraben müssen.«
»Ja, das muss er wohl«, sagte Hermine und sah erleichtert aus.
»Übrigens, heute Nachmittag wird es in Zaubertränke fast leer sein,
weil wir alle weg sind und die Prüfung machen … Versuch doch
mal, Slughorn ein bisschen weich zu kochen!«
»Du meinst, beim siebenundfünfzigsten Mal hab ich Glück?«,
bemerkte Harry bitter.
»Glück«, sagte Ron plötzlich. »Harry, das ist es - hol dir dein
Glück!«
»Was meinst du damit?«
»Nimm deinen Glückstrank!«
»Ron, das ist - das ist die Idee!«, sagte Hermine und klang ver-
blüfft. »Natürlich! Warum ist mir das nicht eingefallen?«
Harry starrte die beiden an. »Felix Felicis?«, sagte er. »Ich weiß
nicht … ich wollte es mir eigentlich aufheben …«
»Wofür?«, fragte Ron skeptisch.
»Was um alles in der Welt ist wichtiger als diese Erinnerung,
Harry?«, wollte Hermine wissen.
Harry antwortete nicht. Der Gedanke an dieses goldene Fläsch-
chen spukte schon länger weit hinten in seinem Kopf herum; ver-
schwommene, nicht ausformulierte Pläne gärten in den Tiefen
seines Gehirns: Ginny, die sich von Dean trennte, kam darin vor
und Ron, der irgendwie froh war, dass sie einen neuen Freund hat-
te, Pläne, die er sich selbst nicht eingestand außer in seinen Träu-
men oder in dem dämmrigen Zustand zwischen Schlafen und
Wachsein …
»Harry? Bist du noch bei uns?«, fragte Hermine.
»Wa-? Jaah, natürlich«, sagte er und riss sich zusammen. »Also …
okay. Wenn ich Slughorn heute Nachmittag nicht zum Reden
bringe, nehme ich ein wenig Felix und versuche es heute Abend
noch mal.«
»Das wäre also abgemacht«, sagte Hermine munter, stand auf und
drehte eine elegante Pirouette. »Ziel … Wille … Bedacht …«,
427
murmelte sie.
»Ach, hör auf damit«, bat Ron sie. »Mir ist sowieso schon schlecht
- schnell, versteck mich!«
»Es ist nicht Lavender!«, sagte Hermine ungeduldig, als noch zwei
Mädchen im Hof erschienen und Ron hinter ihr abtauchte.
»Schwein gehabt«, sagte Ron und lugte über Hermines Schulter,
um sich zu vergewissern. »Mensch, die sehen aber überhaupt nicht
glücklich aus, was?«
»Das sind die Montgomery-Schwestern und die sehen natürlich
nicht glücklich aus, hast du nicht gehört, was mit ihrem kleinen
Bruder passiert ist?«, fragte Hermine.
»Ehrlich gesagt, verlier ich allmählich den Überblick, was den
Verwandten von den ganzen Leuten so alles passiert«, entgegnete
Ron.
»Also, ihr Bruder ist von einem Werwolf angefallen worden. Dem
Gerücht nach hat ihre Mutter sich geweigert, den Todessern zu
helfen. Jedenfalls war der Junge erst fünf und er ist im St. Mungo
gestorben, die konnten ihn nicht retten.«
»Er ist gestorben?«, wiederholte Harry schockiert. »Aber Wer-
wölfe töten doch eigentlich nicht, sie verwandeln dich nur in einen
von ihnen?«
»Manchmal töten sie«, sagte Ron, der jetzt ungewöhnlich ernst
aussah. »Ich hab gehört, dass das passiert, wenn der Werwolf die
Kontrolle über sich verliert.«
»Wie hieß der Werwolf?«, fragte Harry rasch.
»Also, dem Gerücht nach war es Fenrir Greyback«, sagte Hermi-
ne.
»Ich hab's gewusst - der Wahnsinnige, der gerne Kinder angreift,
von dem Lupin mir erzählt hat!«, sagte Harry zornig.
Hermine sah ihn düster an.
»Harry, du musst dir diese Erinnerung unbedingt beschaffen«,
sagte sie. »Es geht doch darum, Voldemort aufzuhalten, oder? Diese
schrecklichen Dinge, die passieren, da steckt überall er dahinter …«
Die Glocke läutete oben im Schloss, und Hermine und Ron
sprangen mit entsetzten Mienen auf.
»Ihr werdet es schon schaffen«, sagte Harry, während sie in Rich-
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tung Eingangshalle gingen, wo die beiden sich mit den anderen
Schülern treffen wollten, die auch die Prüfung im Apparieren ab-
legten. »Viel Glück.«
»Gleichfalls!«, sagte Hermine mit einem bedeutungsvollen Blick,
als Harry sich auf den Weg in die Kerker machte.
An diesem Nachmittag waren sie in Zaubertränke nur zu dritt:
Harry, Ernie und Draco Malfoy.
»Alle noch zu jung, um zu apparieren?«, fragte Slughorn freund-
lich. »Noch keine siebzehn?«
Sie schüttelten die Köpfe.
»Ah, nun«, sagte Slughorn fröhlich, »da wir so wenige sind, wer-
den wir heute mal etwas
Vergnügliches machen. Ich möchte, dass
Sie mir was Lustiges zusammenbrauen!«
»Das klingt gut, Sir«, schleimte Ernie und rieb sich die Hände.
Malfoy hingegen ließ sich nicht zu einem Lächeln herab.
»Was meinen Sie mit ›lustig‹?«, fragte er gereizt.
»Oh, da lass ich mich von Ihnen überraschen«, sagte Slughorn
ungezwungen.
Malfoy schlug mit trotziger Miene sein
Zaubertränke für Fort-
geschrittene auf. Es hätte nicht deutlicher sein können, dass er die-
se Unterrichtsstunde für Zeitverschwendung hielt. Zweifellos op-
ferte Malfoy nur ungern die Zeit, die er sonst im Raum der Wün-
sche hätte verbringen können, dachte Harry, der ihn über den
Rand seines eigenen Buches beobachtete.
Bildete er sich das nur ein, oder war Malfoy, genau wie Tonks,
dünner geworden? Mit Sicherheit sah er blasser aus; seine Haut
hatte immer noch diese Spur von Grau, vermutlich weil er in die-
sen Tagen so selten ans Tageslicht kam. Doch er wirkte nicht bla-
siert, auch nicht aufgeregt oder überheblich; da war nichts von der
Großspurigkeit, die er im Hogwarts-Express an sich gehabt hatte,
als er offen mit der Mission prahlte, die Voldemort ihm aufgetragen
hatte … Für Harry gab es nur einen logischen Schluss: Die Mission,
worin immer sie bestand, verlief nicht gut.
Von diesem Gedanken beflügelt, blätterte Harry sein Exemplar
der
Zaubertränke für Fortgeschrittene durch und stieß auf ein Eu-
phorie-Elixier, das in der Fassung des Halbblutprinzen mehrfach
429
korrigiert worden war. Es schien nicht nur Slughorns Aufgaben-
stellung zu entsprechen, sondern versetzte ihn vielleicht auch (und
bei diesem Gedanken schlug Harrys Herz höher) in eine so gute
Stimmung, dass er bereit wäre, die Erinnerung herauszurücken,
falls Harry ihn dazu überreden konnte, von dem Trank zu kosten
…
»Nun, das sieht ja absolut wunderbar aus«, sagte Slughorn andert-
halb Stunden später und klatschte in die Hände, als er auf das son-
nengelbe Gebräu in Harrys Kessel hinunterspähte. »Euphorie,
nehme ich an? Und wonach riecht das? Mmmm … Sie haben bloß
einen Stängel Pfefferminze dazugetan, nicht wahr? Unüblich, aber
welch genialer Einfall, Harry. Das würde natürlich die gelegentli-
chen Nebenwirkungen, das exzessive Singen und Nasenzwicken,
ausgleichen … Ich weiß wirklich nicht, woher Sie immer diese Ge-
dankenblitze haben, mein Junge … es sei denn -«
Harry stieß das Buch des Halbblutprinzen mit dem Fuß tiefer in
seine Tasche.
»- es sind einfach die Gene Ihrer Mutter, die bei Ihnen zum Tra-
gen kommen!«
»Oh … jaah, kann sein«, sagte Harry erleichtert.
Ernie machte ein ziemlich verdrießliches Gesicht; mit dem festen
Vorsatz, Harry wenigstens dieses eine Mal auszustechen, hatte er
sich völlig überstürzt seinen eigenen Zaubertrank ausgedacht, der
nun ganz dick geworden war und wie eine Art lila Knödel am Bo-
den seines Kessels lag. Malfoy packte bereits mit säuerlicher Miene
seine Sachen zusammen; Slughorn hatte seine Schluckauf-Lösung
nur für »passabel« erklärt.
Als die Glocke läutete, gingen Ernie und Malfoy gleichzeitig hin-
aus.
»Sir«, fing Harry an, doch Slughorn warf sofort einen Blick über
die Schulter; als er sah, dass keiner außer ihm und Harry mehr im
Raum war, eilte er so schnell er konnte davon.
»Professor - Professor, wollen Sie nicht mal von meinem Trank -
?«, rief Harry verzweifelt.
Aber Slughorn war verschwunden. Enttäuscht leerte Harry den
Kessel aus, packte seine Sachen zusammen, verließ den Kerker und
430
ging langsam die Treppe hoch zum Gemeinschaftsraum zurück.
Ron und Hermine kamen am späten Nachmittag wieder.
»Harry!«, rief Hermine, als sie durch das Porträtloch kletterte.
»Harry, ich hab's geschafft!«
»Gratuliere!«, sagte er. »Und Ron?«
»Er - er ist
ganz knapp durchgefallen«, flüsterte Hermine, als Ron
mit äußerst mürrischer Miene hereinschlurfte. »Das war wirklich
Pech, nur eine Kleinigkeit, der Prüfer hat bloß bemerkt, dass er
eine halbe Augenbraue zurückgelassen hat … wie lief es mit Slug-
horn?«
»Kein Erfolg«, sagte Harry, als Ron zu ihnen stieß. »Pech für dich,
Mann, aber das nächste Mal schaffst du es - wir können die Prü-
fung zusammen machen.«
»Jaah, sieht ganz so aus«, sagte Ron missmutig. »Aber wegen einerhalben Augenbraue! Das ist doch kleinkariert!«
»Ich weiß«, sagte Hermine besänftigend, »das kommt einem
wirklich streng vor …«
Sie verbrachten das Abendessen weitgehend damit, rundweg über
den Apparierprüfer zu schimpfen, und Ron wirkte ein klein wenig
besser gelaunt, als sie sich dann wieder auf den Weg zum Gemein-
schaftsraum machten und über das alte Problem mit Slughorn und
seiner Erinnerung sprachen.
»Wie steht's, Harry - nimmst du jetzt den Felix Felicis oder
nicht?«, wollte Ron wissen.
»Jaah, es bleibt mir wohl nichts anderes übrig«, sagte Harry. »Ich
glaube nicht, dass ich alles davon brauche, nicht für zwölf Stunden,
es kann ja nicht die ganze Nacht dauern … Ich nehme nur einen
Schluck. Zwei bis drei Stunden sollten reichen.«
»Das ist ein tolles Gefühl, wenn man es genommen hat«, sagte
Ron erinnerungsselig. »Als könnte man einfach nichts falsch ma-
chen.«
»Wovon redest du eigentlich?«, sagte Hermine lachend. »Du hast
doch nie was davon genommen!«
»Jaah, aber ich
dachte, ich hätte, stimmt's?«, gab Ron zurück, als
wäre es selbstverständlich. »Das ist im Grunde das Gleiche …«
Da sie Slughorn eben erst in die Große Halle hatten gehen sehen
431
und wussten, dass er sich beim Essen gerne Zeit ließ, blieben sie
noch eine Weile im Gemeinschaftsraum. Ihr Plan war, dass Harry
erst zu Slughorns Büro gehen sollte, wenn der Lehrer Zeit genug
gehabt hatte, dorthin zurückzukehren. Als die Sonne bis an die
Baumwipfel des Verbotenen Waldes gesunken war, beschlossen sie,
dass der richtige Moment gekommen war, und nachdem sie sich
gründlich vergewissert hatten, dass Neville, Dean und Seamus alle-
samt im Gemeinschaftsraum waren, schlichen sie sich hoch in den
Jungenschlafsaal.
Harry holte die zusammengerollten Socken heraus, die am Boden
seines Koffers gelegen hatten, und zog das schimmernde Fläsch-
chen hervor.
»Also, dann mal los«, sagte Harry, hob das Fläschchen und nahm
einen sorgfältig bemessenen Schluck.
»Wie fühlt es sich an?«, flüsterte Hermine.
Harry antwortete im ersten Moment nicht. Dann, langsam, aber
sicher, überkam ihn ein berauschendes Gefühl unbegrenzter Mög-
lichkeiten; es kam ihm vor, als könnte er alles tun, überhaupt alles
… und Slughorn die Erinnerung abzunehmen erschien ihm plötz-
lich nicht nur möglich, sondern geradezu kinderleicht …
Lächelnd und strotzend vor Zuversicht stand er auf.
»Ausgezeichnet«, sagte er. »Wirklich ausgezeichnet. Gut … ich
geh runter zu Hagrid.«
»Was?«, riefen Ron und Hermine gleichzeitig mit entgeisterten
Mienen.
»Nein, Harry - du musst doch zu Slughorn gehen, weißt du nicht
mehr?«, sagte Hermine.
»Nein«, entgegnete Harry überzeugt. »Ich geh runter zu Hagrid,
irgendwie sagt mir mein Gefühl, dass ich zu Hagrid gehen soll.«
»Dein Gefühl sagt dir, dass du eine Riesenspinne beerdigen
sollst?«, fragte Ron mit verdutzter Miene.
»Jaah«, antwortete Harry und zog den Tarnumhang aus seiner Ta-
sche. »Ich spüre, dass ich heute Abend dort hingehöre, wisst ihr,
was ich meine?«
»Nein«, sagten Ron und Hermine wie aus einem Munde und sa-
hen nun eindeutig beunruhigt aus.
432
»Das ist doch wirklich Felix Felicis, oder nicht?«, fragte Hermine
beklommen und hielt das Fläschchen gegen das Licht. »Du hast
nicht etwa noch ein anderes Fläschchen mit - ich weiß nicht -«
»Wahnsinnsessenz?«, schlug Ron vor, als Harry sich seinen Tarn-
umhang über die Schultern schwang.
Harry lachte, und Ron und Hermine sahen noch besorgter aus.
»Glaubt mir«, sagte er. »Ich weiß, was ich tue … oder zumindest
…«, er schlenderte zuversichtlich zur Tür, »weiß es Felix.«
Er zog sich den Tarnumhang über den Kopf und ging die Treppe
hinunter. Ron und Hermine eilten ihm nach. Am Fuß der Treppe
schlüpfte Harry durch die offene Tür.
»Was hattest du denn mit
der dort oben zu suchen?«, kreischte
Lavender Brown und starrte geradewegs durch Harry hindurch auf
Ron und Hermine, die zusammen vom Jungenschlafsaal kamen.
Während Harry von ihnen weg durch den Raum stürmte, hörte er
Ron hinter sich etwas stottern.
Durch das Porträtloch zu gelangen war einfach; als er darauf zu-
ging, kamen Ginny und Dean gerade herein und Harry konnte zwi-
schen ihnen hindurchschlüpfen. Dabei berührte er versehentlich
Ginny.
»Schubs mich bitte nicht, Dean«, sagte sie und klang verärgert.
»Lass das endlich mal bleiben, ich komm da sehr gut alleine durch
…«
Das Porträt schwang hinter Harry zu, aber er bekam noch mit,
wie Dean ihr eine wütende Antwort gab … Harrys Hochgefühl
steigerte sich, während er mit zügigen Schritten das Schloss durch-
querte. Er brauchte nicht dahinzuschleichen, denn unterwegs be-
gegnete er niemandem, was ihn allerdings nicht im Geringsten
überraschte: Heute Abend war er der größte Glückspilz von Hog-
warts.
Er hatte keine Ahnung, warum er wusste, dass ein Besuch bei
Hagrid jetzt das Richtige war. Es war, als ob der Zaubertrank im-
mer ein paar Schritte des Weges vor ihm erhellte: Er konnte nicht
sehen, wo er schließlich landen würde, und auch nicht, wo Slug-
horn ins Spiel kam, doch er wusste, dass er auf dem richtigen Weg
war und am Ende die Erinnerung besitzen würde. Als er zur Ein-
433
gangshalle gelangte, sah er, dass Filch vergessen hatte, das Schloss-
portal abzuschließen. Strahlend warf Harry die Türen auf, atmete
einen Moment den Duft von frischer Luft und Gras ein und stieg
dann die Stufen in die Dämmerung hinab.
Als er die letzte Stufe erreicht hatte, kam ihm der Gedanke, dass
es doch sehr angenehm wäre, über die Gemüsebeete zu Hagrid zu
gehen. Sie lagen nicht genau auf dem Weg, doch Harry hatte das
deutliche Gefühl, dass er dieser Laune folgen sollte, und so lenkte
er seine Schritte unverzüglich zu den Gemüsebeeten, wo er zu sei-
ner Freude, doch nicht völlig überrascht Professor Slughorn im
Gespräch mit Professor Sprout vorfand. Harry ging hinter einem
niedrigen Steinmäuerchen in Deckung und hörte sich in aller See-
lenruhe ihre Unterhaltung an.
»… vielen Dank auch, dass Sie sich die Zeit genommen haben,
Pomona«, sagte Slughorn höflich. »In Fachkreisen geht man fast
übereinstimmend davon aus, dass sie am wirksamsten sind, wenn
sie in der Dämmerung gepflückt werden.«
»Oh, dem stimme ich vollkommen zu«, sagte Professor Sprout
herzlich. »Reicht das für Sie?«
»Völlig, völlig«, erwiderte Slughorn, der, wie Harry sah, einen
Arm voller Blattpflanzen hatte. »Da kann jeder meiner Drittklässler
ein paar Blätter abbekommen, und falls sie jemand zu lange ziehen
lässt, habe ich noch einige in Vorrat … also, einen schönen Abend,
und nochmals vielen Dank!«
Professor Sprout machte sich in der einbrechenden Dunkelheit
auf den Weg zu ihren Gewächshäusern, und Slughorn lenkte seine
Schritte zu der Stelle, wo Harry unsichtbar stand.
Von einem plötzlichen Wunsch ergriffen, sich zu zeigen, riss
Harry sich schwungvoll den Tarnumhang herunter.
»Guten Abend, Professor.«
»Beim Barte des Merlin, Harry, Sie haben mich vielleicht er-
schreckt«, sagte Slughorn, der abrupt stehen blieb und argwöhnisch
dreinschaute. »Wie sind Sie aus dem Schloss gekommen?«
»Filch muss wohl vergessen haben, das Portal abzuschließen«,
sagte Harry fröhlich und sah erfreut, dass sich Slughorns Miene
verfinsterte.
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»Den Kerl werde ich melden, der macht sich mehr Sorgen um
den Müll als um angemessene Sicherheitsvorkehrungen, wenn Sie
mich fragen … aber was suchen Sie hier draußen, Harry?«
»Nun, Sir, es geht um Hagrid«, sagte Harry, der wusste, dass es
genau in diesem Moment angebracht war, die Wahrheit zu sagen.
»Er ist ziemlich aufgewühlt … aber Sie erzählen es niemandem,
Professor? Ich will nicht, dass er Ärger bekommt …«
Slughorns Neugier war offensichtlich geweckt.
»Nun, das kann ich nicht versprechen«, erwiderte er schroff. »A-
ber ich weiß, dass Dumbledore Hagrid voll und ganz vertraut, da-
her bin ich sicher, dass er nichts allzu Schreckliches im Schilde
führen kann …«
»Also, es geht um diese Riesenspinne, die er seit Jahren hat … sie
lebte im Wald … sie konnte sprechen und alles -«
»Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen, es gäbe Acromantulas
im Wald«, sagte Slughorn leise und blickte hinüber zu dem Meer
aus schwarzen Bäumen. »Es stimmt also?«
»Ja«, sagte Harry. »Aber diese eine, Aragog, die erste, die Hagrid
je hatte, die ist gestern Nacht gestorben. Er ist am Boden zerstört.
Er will jemanden dabeihaben, wenn er sie beerdigt, und ich hab
gesagt, dass ich hingeh.«
»Rührend, rührend«, sagte Slughorn gedankenverloren, und seine
großen matten Augen waren auf die fernen Lichter von Hagrids
Hütte gerichtet. »Aber Acromantula-Gift ist sehr wertvoll … wenn
das Tier gerade erst gestorben ist, ist es vielleicht noch nicht ganz
ausgetrocknet … natürlich will ich nichts Taktloses tun, wenn
Hagrid solchen Kummer hat … aber wenn es einen Weg gäbe, sich
etwas davon zu beschaffen … Ich meine, es ist fast unmöglich, an
das Gift einer Acromantula zu kommen, solange sie am Leben ist
…«
Slughorn schien jetzt mehr mit sich selbst als mit Harry zu reden.
»… scheint mir eine fürchterliche Verschwendung, es nicht ab-
zufüllen … ein halber Liter könnte hundert Galleonen bringen …
offen gestanden, mein Gehalt ist nicht hoch …«
Und jetzt sah Harry deutlich, was zu tun war.
»Also«, sagte er mit einem äußerst überzeugenden Zögern, »also,
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wenn Sie mitkommen wollten, Professor, Hagrid würde sich wahr-
scheinlich sehr freuen … das wäre ein besserer Abschied für Ara-
gog, wissen Sie …«
»Ja, natürlich«, sagte Slughorn und seine Augen leuchteten jetzt
vor Begeisterung. »Wissen Sie was, Harry, wir treffen uns dort un-
ten, und ich bring ein, zwei Fläschchen mit … Wir trinken auf die
- nun ja - vielleicht nicht gerade auf die Gesundheit des armen Tie-
res - aber wir wollen es jedenfalls würdig verabschieden, wenn es
dann mal begraben ist. Und ich bind eine andere Krawatte um, die
hier ist ein bisschen zu knallig für den Anlass …«
Er wuselte zurück ins Schloss, und Harry eilte los zu Hagrid,
hochzufrieden mit sich selbst.
»Du bis' also gekomm'«, krächzte Hagrid, als er die Tür öffnete
und Harry unter dem Tarnumhang hervorschlüpfen sah.
»Jaah - aber Ron und Hermine konnten nicht«, sagte Harry. »Tut
ihnen wirklich Leid.«
»Macht - macht nix … das hätt ihn aber gerührt, dass du da bist,
Harry …«
Hagrid schluchzte laut auf. Er hatte sich eine schwarze Armbinde
gemacht, offenbar aus einem Lumpen, den er in Stiefelwichse ge-
taucht hatte, und seine Augen waren verweint, rot und verschwol-
len. Harry tätschelte ihm tröstend den Ellbogen, den höchsten
Punkt von Hagrid, den er ohne weiteres erreichen konnte.
»Wo begraben wir ihn?«, fragte er. »Im Wald?«
»Grundgütiger, nein«, sagte Hagrid und wischte sich die tränen-
nassen Augen an seinem Hemdsaum ab. »Die andern Spinnen las-
sen mich nich mal mehr in die Nähe von ihr'n Netzen, jetz' wo
Aragog nich mehr is'. War wohl wirklich nur wegen sei'm Befehl,
dass die mich nich gefressen haben! Kannst du dir das vorstellen,
Harry?«
Die ehrliche Antwort war »ja«; Harry erinnerte sich peinlich ge-
nau an die Szene, als er und Ron der Acromantula ge-
genübergestanden hatten: Es war ihnen vollkommen klar gewesen,
dass Aragog das Einzige war, was die Spinnen davon abhielt, Hagrid
zu fressen.
»Gab noch nie 'n Teil vom Wald, in den ich nich gehen konnt!«,
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sagte Hagrid kopfschüttelnd. »War nich einfach, Aragogs Leiche
dort rauszukriegen, kann ich dir sagen - die fressen normalerweise
ihre Toten, weiß' du … aber ich wollt, dass er 'ne schöne Beerdi-
gung hat … 'n anständigen Abschied …«
Wieder fing er an zu schluchzen, und Harry tätschelte erneut
seinen Ellbogen und sagte dabei (denn der Zaubertrank ließ es als
geboten erscheinen): »Professor Slughorn ist mir über den Weg
gelaufen, als ich hier runterkam, Hagrid.«
»Kriegst doch keinen Ärger, oder?«, fragte Hagrid und blickte be-
unruhigt auf. »Du solltest abends nich aus'm Schloss raus, ich weiß,
's is' meine Schuld -«
»Nein, nein, als er hörte, was ich vorhatte, meinte er, er würde
gern vorbeikommen und Aragog auch die letzte Ehre erweisen«,
sagte Harry. »Er wollte sich nur noch was Passenderes anziehen,
glaub ich … und er wollte ein paar Flaschen mitbringen, damit wir
zum Andenken an Aragog anstoßen können …«
»Ehrlich?«, sagte Hagrid, offenbar verblüfft und gerührt zugleich.
»Das is' - das is' echt nett von ihm, wirklich, und dass er dich nich
gemeldet hat, auch. Ich hab bis jetz' nie so richtig viel mit Horace
Slughorn zu tun gehabt … aber er kommt und will den alten Ara-
gog verabschieden, ja? Also … das hätt ihm gefall'n, unserm Aragog
…«
Was Aragog an Slughorn am meisten gefallen hätte, wäre die
reichliche Menge essbaren Fleisches an ihm gewesen, dachte Harry
bei sich, doch er ging nur zum hinteren Fenster von Hagrids Hütte,
wo sich ihm der ziemlich schreckliche Anblick der gewaltigen to-
ten Spinne darbot, die mit eingeknickten und verhedderten Beinen
draußen auf dem Rücken lag.
»Begraben wir ihn hier, Hagrid, in deinem Garten?«
»Gleich hinterm Kürbisbeet, hab ich mir gedacht«, sagte Hagrid
mit erstickter Stimme. »Ich hab schon das - du weiß' schon - das
Grab geschaufelt. Dachte mir nur, wir könnten noch 'n paar nette
Dinge an sei'm Grab sagen - glückliche Erinnerungen, weiß' du -«
Seine Stimme bebte und brach. Es klopfte, und er drehte sich zur
Tür, um zu öffnen, und schnäuzte sich dabei in sein großes ge-
punktetes Taschentuch. Slughorn trat eilends über die Schwelle, er
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hatte mehrere Flaschen in den Armen und trug eine triste schwarze
Krawatte.
»Hagrid«, sagte er mit tiefer, feierlicher Stimme. »Ich habe von
Ihrem Verlust gehört, es tut mir unendlich Leid.«
»Das is' sehr nett von Ihnen«, sagte Hagrid. »Vielen Dank. Und
danke auch, dass Sie Harry ohne Nachsitzen ham davonkommen
lassen …«
»Wär mir nicht im Traum eingefallen«, entgegnete Slughorn.
»Trauriger Abend, trauriger Abend … wo ist das arme Geschöpf?«
»Dort draußen«, sagte Hagrid mit zittriger Stimme. »Sollen wir -
sollen wir es jetz' tun?«
Die drei gingen nach hinten hinaus in den Garten. Der Mond
schimmerte bleich durch die Bäume, und zusammen mit dem
Licht, das durch Hagrids Fenster fiel, beleuchtete er Aragogs Lei-
che, die am Rand einer mächtigen Grube lag, neben einem drei
Meter hohen Hügel frisch ausgehobener Erde.
»Großartig«, sagte Slughorn und näherte sich dem Kopf der Spin-
ne, wo acht milchige Augen leer in den Himmel starrten und zwei
riesige krumme Greifer reglos im Mondlicht glänzten. Harry mein-
te Flaschen klirren zu hören, als Slughorn sich über die Greifer
beugte und offenbar den gewaltigen haarigen Kopf untersuchte.
»'s is' nich so, dass jeder zu schätzen weiß, wie schön sie sin'«,
sagte Hagrid von hinten zu Slughorn, und Tränen quollen aus sei-
nen faltigen Augenwinkeln. »Wusste gar nich, dass Sie an solchen
Geschöpfen wie Aragog interessiert sin', Horace.«
»Interessiert? Mein lieber Hagrid, ich verehre sie«, sagte Slughorn
und trat von der Leiche zurück. Harry sah das Glitzern einer Fla-
sche, ehe sie unter seinem Umhang verschwand, doch Hagrid, der
sich erneut die Augen wischte, bemerkte nichts. »Nun … sollen wir
mit dem Begräbnis beginnen?«
Hagrid nickte und ging nach vorn. Er wuchtete die riesige Spinne
in seine Arme und rollte sie mit einem gewaltigen Ächzen in die
dunkle Grube. Mit einem ziemlich scheußlichen dumpfen Knir-
schen schlug sie auf dem Boden auf. Hagrid fing wieder zu weinen
an.
»Natürlich ist es schwierig für Sie, der ihn am besten gekannt
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hat«, sagte Slughorn, der wie Harry nicht höher als bis zu Hagrids
Ellbogen reichte, ihn aber dennoch tätschelte. »Vielleicht sollte ich
ein paar Worte sagen?«
Er musste Aragog eine Menge hochwertiges Gift abgezapft haben,
dachte Harry, denn Slughorn zeigte ein zufriedenes Grinsen, als er
zum Rand der Grube trat und mit langsamer, eindrucksvoller
Stimme sagte: »Lebe wohl, Aragog, König der Arachniden, dessen
lange und treue Freundschaft jene, die dich kannten, nie vergessen
werden! Wird dein Körper auch zugrunde gehen, so verweilt doch
dein Geist in den stillen, unter Gespinsten verborgenen Winkeln
deiner Waldheimat. Möge deine vieläugige Nachkommenschaft
allzeit gedeihen und deinen Freunden unter den Menschen Trost
beschieden sein angesichts des Verlustes, den sie erlitten haben.«
»Das war … das war … wunderschön!«, heulte Hagrid und brach
heftiger weinend denn je auf dem Komposthaufen zusammen.
»Aber, aber«, sagte Slughorn und schwang seinen Zauberstab,
worauf der riesige Erdhaufen in die Höhe stieg und dann mit einer
Art gedämpftem Rumpeln auf die tote Spinne fiel und einen sanf-
ten Hügel bildete. »Kommt, wir gehen rein und trinken was. Gehen
Sie auf seine andere Seite, Harry … genau … hoch mit Ihnen,
Hagrid … prima …«
Sie setzten Hagrid auf einem Stuhl am Tisch ab. Fang, der wäh-
rend der Beerdigung lauernd in seinem Korb gelegen hatte, kam
nun sachte zu ihnen hergetrottet und legte seinen schweren Kopf
wie üblich in Harrys Schoß. Slughorn entkorkte eine der Weinfla-
schen, die er mitgebracht hatte.
»Ich hab sie
allesamt auf Gift testen lassen«, versicherte er Harry,
goss den Großteil der ersten Flasche in einen von Hagrids eimer-
großen Bechern und reichte ihn Hagrid. »Hab einen Hauselfen jede
Flasche probieren lassen, nach dem, was Ihrem armen Freund Ru-
pert zugestoßen ist.«
Harry sah vor seinem inneren Auge Hermines Gesichtsausdruck,
sollte sie je von diesem Missbrauch von Hauselfen erfahren, und
beschloss, es ihr gegenüber nie zu erwähnen.
»Einer für Harry …«, sagte Slughorn und teilte eine zweite Fla-
sche auf zwei Becher auf, »… und einer für mich. Nun denn«, er
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hob den Becher hoch, »auf Aragog.«
»Aragog«, sagten Harry und Hagrid gemeinsam.
Slughorn und Hagrid nahmen kräftige Züge. Harry jedoch, dem
Felix Felicis den weiteren Lauf der Dinge erhellte, wusste, dass er
nicht trinken durfte, also tat er nur so, als würde er einen Schluck
nehmen, und stellte den Becher dann wieder auf dem Tisch vor
ihm ab.
»Ich hatt' ihn schon als Ei, wissen Sie«, sagte Hagrid kummervoll.
»Winziges kleines Ding, als er geschlüpft is'. Etwa so groß wie 'n
Pekinese.«
»Süß«, sagte Slughorn.
»Hab ihn damals in 'nem Schrank oben in der Schule gehalten,
bis … na ja …«
Hagrids Gesicht verfinsterte sich und Harry wusste, warum: Tom
Riddle hatte den Plan geschmiedet, Hagrid aus der Schule werfen
zu lassen, ihm wurde angelastet, die Kammer des Schreckens geöff-
net zu haben. Slughorn jedoch schien nicht zuzuhören; er blickte
hoch zur Decke, von der mehrere Messingtöpfe herabhingen sowie
eine lange seidene Strähne helles weißes Haar.
»Das ist doch nicht etwa Einhornhaar, Hagrid?«
»O doch«, sagte Hagrid gleichmütig. »Das reißt aus ihren Schwei-
fen raus, man findet es an Zweigen und so im Wald, verstehn Sie
…«
»Aber mein lieber Mann, wissen Sie, wie viel das
wert ist?«
»Ich brauch's, um Bandagen und so fest zu schnür'n, wenn eins
von den Tieren sich verletzt«, sagte Hagrid achselzuckend. »Das ist
furch'bar praktisch … reißt nich, verstehn Sie.«
Slughorn nahm noch einen kräftigen Schluck aus seinem Becher,
während seine Augen nun aufmerksam durch den Raum wander-
ten und, wie Harry wusste, nach weiteren Schätzen suchten, die er
womöglich in einen üppigen Vorrat an eichenfassgereiftem Met,
kandierten Ananas und samtenen Smokingjacken verwandeln
konnte. Er füllte Hagrids und seinen eigenen Becher auf, stellte
Hagrid Fragen über die Geschöpfe, die heutzutage im Wald lebten,
und wollte wissen, wie er es schaffte, sich um alle zu kümmern.
Vom Wein und von Slughorns schmeichelhaftem Interesse beflü-
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gelt, hörte Hagrid auf, sich die Augen zu wischen, und fing nun
glücklich an, in aller Ausführlichkeit die Bowtruckle-Zucht zu
erläutern.
In diesem Moment versetzte der Felix Felicis Harry einen kleinen
Stupser, und Harry bemerkte, dass der Weinvorrat, den Slughorn
mitgebracht hatte, rasch zur Neige ging. Harry hatte es bisher noch
nie geschafft, einen Nachfüllzauber auszuführen, ohne die Be-
schwörungsformel laut auszusprechen, doch der Gedanke, dass er
ihn heute Abend nicht schaffen könnte, war lächerlich: Tatsächlich
grinste Harry verstohlen, als er, unbemerkt von Hagrid und Slug-
horn (die jetzt Geschichten über den illegalen Handel mit Dra-
cheneiern austauschten), seinen Zauberstab unter dem Tisch auf
die immer leerer werdenden Flaschen richtete, die sich sofort wie-
der auffüllten.
Nach etwa einer Stunde begannen Hagrid und Slughorn sich zü-
gellos zuzuprosten: auf Hogwarts, auf Dumbledore, auf Elfenwein
und auf-
»Harry Potter!«, brüllte Hagrid und schüttete sich beim Austrin-
ken etwas von seinem vierzehnten Becher Wein übers Kinn.
»Jawohl«, rief Slughorn ein wenig dumpf, »Parry Otter, der aus-
erwählte Junge, der - also - irgendwie so jedenfalls«, nuschelte er
und leerte ebenfalls seinen Becher.
Wenig später kamen Hagrid erneut die Tränen, und er drängte
Slughorn den ganzen Einhornschweif auf, der ihn unter Rufen wie
»Auf die Freundschaft! Auf die Großzügigkeit! Auf zehn Galleonen
pro Haar!« einsteckte.
Und noch eine Weile später saßen Hagrid und Slughorn Seite an
Seite, die Arme umeinander geschlungen, und sangen ein langsa-
mes trauriges Lied über einen sterbenden Zauberer namens Odo.
»Aaargh, die Guten sterben immer früh«, murmelte Hagrid, und
während Slughorn weiter den Refrain schmetterte, sank er leicht
schielend auf dem Tisch zusammen. »Mein Dad war noch viel zu
jung zum Sterben … genau wie deine Mum un' dein Dad, Harry
…«
Erneut quollen große dicke Tränen aus Hagrids faltigen Augen-
winkeln; er packte Harrys Arm und schüttelte ihn.
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»… bester Zauberer un' beste Hexe ihrer Zeit, die ich nie kenn'
gelernt hab … schrecklich, so was … schrecklich …«
Slughorn sang wehklagend:»Und Odo, den Helden, sie trugen ihn heim
an den Ort seiner Kindheit zurück,
sie legten ihn nieder mit verdrehtem Hut,
und sein Stab war entzwei, ohne Glück.«
»… schrecklich«, grunzte Hagrid, und sein großer zotteliger Kopf
rollte ihm seitwärts auf die Arme und er schlief heftig schnarchend
ein.
»Verzeihung«, sagte Slughorn hicksend. »Mein Gesang ist zum
Davonlaufen.«
»Hagrid meinte nicht Ihren Gesang«, sagte Harry leise. »Er mein-
te, dass meine Mum und mein Dad gestorben sind.«
»Oh«, machte Slughorn und unterdrückte einen heftigen Rülpser.
»Ach je. Ja, das war - war schrecklich, in der Tat. Schrecklich …
schrecklich …«
Er schien nicht recht zu wissen, was er sagen sollte, und behalf
sich damit, ihre Becher nachzufüllen.
»Ich - ich denke nicht, dass Sie sich daran erinnern, Harry?«, frag-
te er peinlich berührt.
»Nein - also, ich war erst ein Jahr alt, als sie starben«, sagte Harry
und starrte auf die Flamme der Kerze, die unter Hagrids mächtigen
Schnarchern flackerte. »Aber ich hab seither ziemlich viel darüber
rausgefunden, was passiert ist. Mein Dad ist als Erster gestorben.
Haben Sie das gewusst?«
»Ich - nein«, erwiderte Slughorn mit gedämpfter Stimme.
»Jaah … Voldemort hat ihn umgebracht und ist dann über seine
Leiche gestiegen, auf meine Mutter zu«, sagte Harry.
Slughorn erschauderte heftig, schien jedoch nicht fähig zu sein,
seinen entsetzten Blick von Harrys Gesicht abzuwenden.
»Er wollte, dass sie aus dem Weg geht«, sagte Harry un-
barmherzig. »Er hat mir gesagt, dass sie nicht hätte sterben müssen.
Er wollte nur mich. Sie hätte fliehen können.«
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»O Himmel«, hauchte Slughorn. »Sie hätte … es wäre nicht … das
ist furchtbar …«
»Ja, nicht wahr?«, sagte Harry beinahe flüsternd. »Aber sie hat
sich nicht vom Fleck gerührt. Dad war schon tot, aber sie wollte
nicht, dass ich auch sterbe. Sie hat es damit versucht, Voldemort
anzuflehen … aber er hat nur gelacht …«
»Genug!«, sagte Slughorn plötzlich und hob eine zitternde Hand.
»Wirklich, mein lieber Junge, es reicht … ich bin ein alter Mann …
ich muss mir nicht anhören … ich will mir nicht anhören …«
»Ich hab ja ganz vergessen«, schwindelte Harry, von Felix Felicis
geleitet, »Sie haben sie gemocht, nicht wahr?«
»Sie gemocht?«, sagte Slughorn, und von neuem schwammen sei-
ne Augen in Tränen. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendje-
mand, der sie kennen gelernt hat, sie nicht mochte … sehr mutig
… sehr lustig … es war das Schrecklichste …«
»Aber ihrem Sohn wollen Sie nicht helfen«, sagte Harry. »Sie hat
ihr Leben für mich gegeben, aber Sie wollen mir keine Erinnerung
geben.«
Hagrids polterndes Schnarchen erfüllte die Hütte. Harry blickte
unverwandt in Slughorns tränenfeuchte Augen. Der Zaubertrank-
meister schien außerstande wegzusehen.
»Sagen Sie das nicht«, flüsterte er. »Es geht nicht um … wenn es
Ihnen helfen würde, natürlich … aber es hat keinerlei Nutzen …«
»Das hat es sehr wohl«, sagte Harry deutlich. »Dumbledore
braucht Informationen. Ich brauche Informationen.«
Er wusste, dass er auf der sicheren Seite war: Felix flüsterte ihm
ein, dass Slughorn sich am Morgen nicht mehr daran erinnern
würde. Harry sah Slughorn direkt in die Augen und beugte sich ein
wenig vor.
»Ich bin der Auserwählte. Ich muss ihn töten. Ich brauche diese
Erinnerung.«
Slughorn wurde blasser als je zuvor; auf seiner glänzenden Stirn
glitzerte der Schweiß.
»Sie
sind der Auserwählte?«
»Natürlich bin ich das«, sagte Harry ruhig.
»Aber dann … mein lieber Junge … Sie verlangen eine Menge …
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Sie verlangen von mir genau genommen, dass ich Ihnen bei Ihrem
Versuch helfe, ihn zu vernich-«
»Wollen Sie den Zauberer, der Lily Evans getötet hat, nicht los-
werden?«
»Harry, Harry, natürlich will ich das, aber -«
»Sie haben Angst, dass er herausfindet, dass Sie mir geholfen ha-
ben?«
Slughorn sagte nichts; die Angst stand ihm ins Gesicht ge-
schrieben.
»Seien Sie mutig wie meine Mutter, Professor …«
Slughorn hob eine dickliche Hand und drückte sich die zit-
ternden Finger auf den Mund; einen Moment lang sah er aus wie
ein gewaltiges Riesenbaby.
»Ich bin nicht stolz …«, flüsterte er durch seine Finger. »Ich
schäme mich für das - für das, was diese Erinnerung zeigt … Ich
glaube, ich habe an diesem Tag womöglich großen Schaden ange-
richtet …«
»Sie würden alles wieder gutmachen, was Sie getan haben, wenn
Sie mir die Erinnerung geben«, sagte Harry. »Es wäre eine sehr
mutige und edle Tat.«
Hagrid zuckte im Schlaf und schnarchte weiter. Slughorn und
Harry starrten einander über die tropfende Kerze hinweg an. Ein
langes, langes Schweigen trat ein, aber Felix Felicis sagte Harry,
dass er es nicht unterbrechen, sondern abwarten solle.
Dann, ganz langsam, steckte Slughorn die Hand in seine Tasche
und zog seinen Zauberstab hervor. Mit der anderen Hand langte er
in seinen Umhang und holte eine kleine leere Flasche heraus. Ohne
den Blick von Harrys Augen zu wenden, berührte Slughorn mit der
Spitze des Zauberstabs seine Schläfe und nahm ihn wieder weg,
wobei auch ein langer, silberner Erinnerungsfaden weggezogen
wurde, der an der Zauberstabspitze haftete. Die Erinnerung wurde
immer länger und länger, bis sie abriss und silbrig hell am Zauber-
stab baumelte. Slughorn ließ sie in die Flasche hinuntergleiten, wo
sie sich zusammenrollte und dann wirbelnd wie Gas ausbreitete.
Mit zittriger Hand verkorkte er die Flasche und reichte sie dann
Harry über den Tisch.
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»Vielen Dank, Professor.«
»Sie sind ein guter Junge«, sagte Professor Slughorn und Tränen
kullerten ihm über die dicken Wangen in seinen Walrossbart.
»Und Sie haben ihre Augen … denken Sie nur nicht zu schlecht
über mich, wenn Sie es gesehen haben …«
Und auch er legte den Kopf auf die Arme, seufzte tief und schlief
ein.
445
Horkruxe
Während Harry sich ins Schloss zurückschlich, spürte er, wie der
Felix Felicis nachließ. Das Portal war für ihn nach wie vor unver-
schlossen, aber im dritten Stock traf er auf Peeves und konnte es
gerade noch verhindern, entdeckt zu werden, indem er seitwärts in
eine seiner Abkürzungen hechtete. Als er dann oben beim Porträt
der fetten Dame ankam und sich den Tarnumhang herunterzog,
überraschte es ihn nicht, sie in keineswegs hilfsbereiter Laune an-
zutreffen.
»Was ist das für eine Zeit?«
»Es tut mir wirklich Leid - ich musste wegen was Wichtigem raus
-«
»Nun, das Passwort hat sich um Mitternacht geändert, dann wirst
du eben im Korridor schlafen, nicht wahr?«
»Das soll wohl ein Witz sein!«, sagte Harry. »Warum musste es
sich um Mitternacht ändern?«
»So ist es eben«, sagte die fette Dame. »Wenn du dich ärgerst,
dann geh und beschwer dich beim Schulleiter, er ist derjenige, der
die Sicherheitsmaßnahmen verschärft hat.«
»Na wunderbar«, sagte Harry bitter und sah auf den harten Fuß-
boden um sich herum. »Wirklich klasse. Also, ich würde schon zu
Dumbledore gehen und mich beschweren, wenn er da wäre, denn
er wollte ja, dass ich -«
»Er ist da«, sagte eine Stimme hinter Harry. »Professor Dumble-
dore ist vor einer Stunde zur Schule zurückgekehrt.«
Der Fast Kopflose Nick schwebte auf Harry zu, wie immer mit ei-
erndem Kopf auf der Halskrause.
»Ich habe es vom Blutigen Baron, er hat ihn ankommen sehen«,
sagte Nick. »Dem Baron zufolge war er offenbar in guter Stimmung,
wenn auch ein wenig müde, natürlich.«
»Wo ist er?«, fragte Harry, und sein Herz schlug höher.
»Oh, er ist oben im Astronomieturm, Stöhnen und Scheppern, ei-
ne seiner Lieblingsbeschäftigungen -«
»Nicht der Blutige Baron, Dumbledore!«
446
»Oh - in seinem Büro«, sagte Nick. »Nach dem, was der Baron
sagt, hatte er wohl Dinge zu erledigen, ehe er zurückkam -«
»Ja, allerdings«, sagte Harry, und ihm loderte die Brust vor Aufre-
gung bei dem Gedanken daran, Dumbledore sagen zu können, dass
er die Erinnerung beschafft hatte. Er drehte sich rasch um und
rannte wieder los, ohne auf die fette Dame zu achten, die hinter
ihm herrief.
»Komm zurück! Na schön, ich hab gelogen! Ich hab mich geär-
gert, weil du mich aufgeweckt hast! Das Passwort ist immer noch
›Bandwurm‹!«
Aber Harry sauste schon wieder den Korridor entlang zurück,
und wenige Minuten später sagte er »Karamell-Eclairs« zu Dumble-
dores Wasserspeier, der zur Seite sprang und ihm den Zutritt zur
Wendeltreppe gewährte.
»Herein«, sagte Dumbledore, als Harry klopfte. Er klang er-
schöpft.
Harry drückte die Tür auf und sah Dumbledores Büro, so wie
immer, aber mit schwarzem, sternübersätem Himmel vor den Fens-
tern.
»Du meine Güte, Harry«, sagte Dumbledore überrascht. »Wel-
chem Umstand verdanke ich dieses sehr späte Vergnügen?«
»Sir - ich habe sie. Ich habe die Erinnerung von Slughorn.«
Harry zog die kleine Glasflasche heraus und zeigte sie Dum-
bledore. Einen Moment lang wirkte der Schulleiter ganz verblüfft.
Dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
»Harry, das ist eine phantastische Nachricht! Sehr gut gemacht,
wirklich! Ich wusste, dass es dir gelingen kann!«
Jeder Gedanke daran, wie spät es war, schien vergessen, als er um
seinen Schreibtisch herumeilte, die Flasche mit Slughorns Erinne-
rung in seine unverletzte Hand nahm und zu dem Schrank hinü-
berging, wo er das Denkarium aufbewahrte.
»Und nun«, sagte Dumbledore, stellte das Steinbecken auf seinen
Schreibtisch und leerte den Inhalt der Flasche hinein, »nun endlich
werden wir es sehen. Rasch, Harry …«
Harry beugte sich gehorsam über das Denkarium und spürte, wie
seine Füße den Boden des Büros verließen … wieder einmal stürz-
447
te er durch Dunkelheit und landete, viele Jahre zuvor, in Horace
Slughorns Büro.
Da war der viel jüngere Horace Slughorn mit seinem dichten,
glänzenden, strohblonden Haar und seinem rötlich blonden
Schnurrbart, und wieder saß er in einem bequemen Ohrensessel in
seinem Büro, seine Füße ruhten auf einem samtenen Polster und er
hielt ein kleines Glas Wein in der einen Hand, während die andere
in einer Schachtel mit kandierten Ananas stöberte. Und da war das
halbe Dutzend Jungen im Teenageralter, die um Slughorn herum-
saßen, in ihrer Mitte Tom Riddle, an dessen Finger Vorlosts golde-
ner Ring mit dem schwarzen Stein funkelte.
Dumbledore landete neben Harry, als Riddle gerade fragte: »Sir,
stimmt es, dass Professor Merrythought in den Ruhestand geht?«
»Tom, Tom, wenn ich es wüsste, dürfte ich es Ihnen nicht sagen«,
antwortete Slughorn und schlackerte missbilligend mit dem Finger
zu Riddle hin, zwinkerte jedoch dabei. »Ehrlich gesagt, wüsste ich
gerne, woher Sie Ihre Informationen bekommen, Junge; Sie wissen
doch mehr als die halbe Lehrerschaft.«
Riddle lächelte; die anderen Jungen lachten und warfen ihm be-
wundernde Blicke zu.
»In Anbetracht Ihrer unheimlichen Fähigkeit, Dinge in Er-
fahrung zu bringen, die Sie nicht wissen sollten, und Ihrer wohl
bedachten Schmeicheleien wichtigen Leuten gegenüber - übrigens,
vielen Dank für die Ananas, Sie liegen vollkommen richtig, die
habe ich am liebsten -«
Wieder kicherten mehrere der Jungen.
»- bin ich voller Zuversicht, dass Sie innerhalb von zwanzig Jah-
ren zum Zaubereiminister aufsteigen werden. Fünfzehn, wenn Sie
mir weiterhin Ananas schicken. Ich habe
ausgez
eichn
ete Bezie-
hungen zum Ministerium.«
Tom Riddle lächelte nur, als die anderen erneut lachten. Harry
fiel auf, dass er keinesfalls der Älteste der Gruppe von Jungen war,
aber sie blickten offenbar alle zu ihm als ihrem Anführer auf.
»Ich weiß nicht, ob Politik mir liegen würde, Sir«, sagte er, als das
Lachen verstummt war. »Zum einen habe ich nicht den richtigen
Hintergrund.«
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Zwei der Jungen in seinem Umkreis sahen sich grinsend an. Har-
ry war sicher, dass sie sich über einen Witz amüsierten, den nur sie
verstanden: Zweifellos ging es darum, was sie über den berühmten
Vorfahren ihres Anführers wussten oder vermuteten.
»Unsinn«, sagte Slughorn energisch, »bei Ihren Fähigkeiten kann
es keinen Zweifel geben, dass Sie aus gutem Zaubererhause stam-
men. Nein, Sie werden es weit bringen, Tom, ich habe mich noch
nie bei einem Schüler geirrt.«
Die kleine goldene Uhr auf Slughorns Schreibtisch hinter ihm
schlug elf und er wandte sich um.
»Du meine Güte, ist es schon so spät? Dann geht mal besser,
Jungs, oder wir kriegen alle Ärger. Lestrange, ich bekomme Ihren
Aufsatz morgen, oder es gibt Nachsitzen. Dasselbe gilt für Sie, Ave-
ry.«
Einer nach dem anderen marschierten die Jungen aus dem Zim-
mer. Slughorn stemmte sich aus dem Sessel und trug sein leeres
Glas hinüber zu seinem Schreibtisch. Ein Geräusch hinter ihm ver-
anlasste ihn, sich umzusehen; Riddle stand immer noch da.
»Nun sputen Sie sich aber, Tom, Sie wollen doch nicht während
der Nachtruhe draußen erwischt werden, Sie als Vertrauensschüler
…«
»Sir, ich wollte Sie etwas fragen.«
»Dann nur zu, mein Junge, nur zu …«
»Sir, könnten Sie mir sagen, was Sie über … über Horkruxe wis-
sen?«
Slughorn starrte ihn an und strich mit seinen dicken Fingern ge-
dankenverloren über den Stiel seines Weinglases.
»Ein Projekt für Verteidigung gegen die dunklen Künste, oder?«
Aber Harry spürte, dass Slughorn genau wusste, dass dies keine
Schularbeit war.
»Nicht direkt, Sir«, sagte Riddle. »Ich bin beim Lesen auf den Beg-
riff gestoßen und ich habe ihn nicht ganz verstanden.«
»Nein … nun … Sie werden Schwierigkeiten haben, ein Buch in
Hogwarts zu finden, das Ihnen genaue Auskunft über Horkruxe
gibt, Tom. Das geht tief in die schwarze Magie, sehr tief«, sagte
Slughorn.
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»Aber Sie wissen natürlich alles darüber, Sir? Ich meine, ein Zau-
berer wie Sie - Verzeihung, ich meine, wenn Sie es mir nicht sagen
dürfen, klar - ich wusste nur, wenn es mir jemand sagen kann,
dann Sie - also dachte ich, ich frag einfach mal -«
Es war sehr gut gemacht, dachte Harry, das Zögern, der beiläufige
Ton, die behutsame Schmeichelei, nichts davon übertrieben. Er,
Harry, hatte zu viel Erfahrung, was Versuche betraf, widerwilligen
Leuten Informationen abzuschwatzen, als dass er einen Meister bei
der Arbeit nicht erkannt hätte. Ihm war klar, dass Riddle diese
Information unbedingt haben wollte; vielleicht sogar wochenlang
auf diesen Moment hingearbeitet hatte.
»Nun«, sagte Slughorn, der Riddle nicht ansah, sondern an der
Kordel auf seiner Schachtel mit kandierten Ananas herumfummel-
te, »es kann natürlich nicht schaden, wenn ich Ihnen einen Über-
blick gebe. Nur damit Sie den Begriff verstehen. Horkrux ist das
Wort für einen Gegenstand, in dem eine Person einen Teil ihrer
Seele verborgen hält.«
»Ich verstehe aber nicht ganz, wie das funktioniert, Sir«, sagte
Riddle.
Er beherrschte seine Stimme mit Bedacht, doch Harry konnte
seine Aufregung spüren.
»Nun, man spaltet seine Seele, verstehen Sie«, sagte Slughorn,
»und versteckt einen Teil davon in einem Gegenstand außerhalb
des Körpers. Dann kann man, selbst wenn der eigene Körper ange-
griffen oder zerstört wird, nicht sterben, denn ein Teil der Seele
bleibt erdgebunden und unbeschädigt. Aber, natürlich, die Existenz
in einer solchen Form …«
Slughorns Gesichtszüge erschlafften und Harry erinnerte sich
unwillkürlich an Worte, die er vor fast zwei Jahren gehört hatte.
»Ich wurde aus meinem Körper gerissen, ich war weniger ah ein
Geist, weniger als das kläglichste Gespenst … und doch, ich lebte.«
»… wenige würden das wollen, Tom, sehr wenige. Der Tod wäre
dem vorzuziehen.«
Doch Riddles heftiges Verlangen war nun offensichtlich; die Gier
stand ihm ins Gesicht geschrieben, er konnte sein Begehren nicht
länger verbergen.
450
»Wie spaltet man seine Seele?«
»Nun«, sagte Slughorn unbehaglich, »Sie müssen begreifen, dass
die Seele eigentlich intakt und ganz bleiben sollte. Die Spaltung ist
ein Akt der Gewalt, sie ist gegen die Natur.«
»Aber wie macht man es?«
»Durch eine böse Tat - durch die böse Tat schlechthin. Indem
man einen Mord begeht. Das Töten reißt die Seele auseinander.
Der Zauberer, der einen Horkrux erzeugen will, nutzt den Schaden
zu seinem Vorteil: Er schließt den abgerissenen Teil ein -«
»Schließt ihn ein? Aber wie -?«
»Es gibt da einen Zauber, aber fragen Sie mich nicht, ich weiß es
nicht!«, sagte Slughorn und schüttelte den Kopf wie ein alter Ele-
fant, der von Mücken belästigt wird. »Sehe ich aus, als ob ich es
ausprobiert hätte - sehe ich wie ein Mörder aus?«
»Nein, Sir, natürlich nicht«, sagte Riddle rasch. »Verzeihung …
ich wollte Sie nicht beleidigen …«
»Keineswegs, keineswegs, ich bin nicht beleidigt«, erwiderte
Slughorn schroff. »Es ist nur natürlich, bei diesen Dingen neugierig
zu sein … Zauberer eines gewissen Kalibers fühlten sich schon
immer zu dieser Seite der Magie hingezogen …«
»Ja, Sir«, sagte Riddle. »Was ich aber nicht verstehe - nur aus
Neugier -, ich meine, wäre ein einzelner Horkrux denn von gro-
ßem Nutzen? Kann man seine Seele nur ein einziges Mal spalten?
Wäre es nicht besser, würde es einen nicht stärker machen, wenn
man seine Seele in mehreren Teilen hätte? Ich meine, ist nicht bei-
spielsweise sieben die mächtigste magische Zahl, wären nicht sie-
ben -?«
»Beim Barte des Merlin, Tom!«, japste Slughorn. »Sieben! Ist es
nicht schlimm genug, sich vorzustellen, auch nur einen Menschen
zu töten? Und auf jeden Fall … schlimm genug, die Seele zu teilen
… aber sie in sieben Stücke zu reißen …«
Slughorn wirkte jetzt höchst beunruhigt: Er blickte Riddle an, als
hätte er ihn noch nie klar gesehen, und Harry spürte, dass er es
bereute, sich überhaupt auf dieses Gespräch eingelassen zu haben.
»Natürlich«, murmelte er, »ist das alles hypothetisch, was wir hier
besprechen, ja? Alles rein theoretisch …«
451
»Ja, Sir, natürlich«, sagte Riddle rasch.
»Aber trotzdem, Tom … behalten Sie für sich, was ich Ihnen -
das heißt, was wir besprochen haben. Den Leuten wäre unwohl bei
dem Gedanken, dass wir uns über Horkruxe unterhalten haben. Es
ist ein verbotenes Thema in Hogwarts, wissen Sie … Dumbledore
ist in dieser Sache besonders scharf …«
»Ich werde kein Wort sagen, Sir«, erwiderte Riddle und ging hin-
aus, doch Harry konnte noch einen flüchtigen Blick auf sein Ge-
sicht werfen, das von wilder Glückseligkeit erfüllt war, wie damals,
als er erfahren hatte, dass er ein Zauberer war, jener Art von
Glückseligkeit, die seine hübschen Züge nicht besser zur Geltung
brachte, sondern sie irgendwie weniger menschlich machte …
»Danke, Harry«, sagte Dumbledore leise. »Gehen wir …«
Als Harry erneut auf dem Boden des Büros landete, setzte
Dumbledore sich schon wieder hinter seinen Schreibtisch. Auch
Harry nahm Platz und wartete, dass Dumbledore das Wort ergriff.
»Ich habe sehr lange Zeit auf dieses Beweisstück gewartet«, sagte
Dumbledore schließlich. »Es bestätigt die Theorie, an der ich arbei-
te, es sagt mir, dass ich Recht habe, und auch, welch weiter Weg
noch zu gehen ist …«
Harry fiel plötzlich auf, dass ausnahmslos alle ehemaligen Schul-
leiterinnen und Schulleiter in den Porträts an den Wänden rings-
umher wach waren und ihrem Gespräch lauschten. Ein beleibter
Zauberer mit roter Nase hatte sogar ein Hörrohr hervorgeholt.
»Nun, Harry«, sagte Dumbledore, »ich bin sicher, du hast die Be-
deutung dessen, was wir eben gehört haben, verstanden. Als Tom
Riddle so alt war wie du jetzt, vielleicht ein paar Monate älter oder
jünger, hat er alles getan, was er nur konnte, um herauszufinden,
wie er Unsterblichkeit erringen könnte.«
»Dann glauben Sie also, dass es ihm gelungen ist, Sir?«, fragte
Harry. »Er hat einen Horkrux gemacht? Und deshalb ist er nicht
gestorben, als er mich angegriffen hat? Er hatte irgendwo einen
Horkrux versteckt? Ein Stück seiner Seele war sicher?«
»Ein Stück … oder mehrere«, sagte Dumbledore. »Du hast Vol-
demort gehört: Er wollte von Horace vor allem eine Meinung dar-
über, was einem Zauberer passieren würde, der mehr als einen
452
Horkrux erzeugte, was einem Zauberer passieren würde, der so
entschlossen wäre, dem Tod zu entgehen, dass er bereit wäre, viele
Male zu morden, seine Seele mehrmals zu zerteilen und sie in vie-
len, separat versteckten Horkruxen aufzubewahren. Kein Buch
hätte ihm dieses Wissen liefern können. Soweit ich weiß - soweit,
da bin ich sicher, Voldemort wusste -, hatte kein Zauberer jemals
gewagt, seine Seele in mehr als zwei Teile zu reißen.«
Dumbledore hielt einen Moment inne, ordnete seine Gedanken
und sagte dann: »Vor vier Jahren erhielt ich etwas, das ich für einen
sicheren Beweis hielt, dass Voldemort seine Seele aufgespaltet hat-
te.«
»Wo?«, fragte Harry. »Wie?«
»Du hast ihn mir gebracht, Harry«, sagte Dumbledore. »Das Tage-
buch, Riddles Tagebuch, das die Anweisungen gab, wie die Kam-
mer des Schreckens von neuem zu öffnen war.«
»Ich verstehe nicht, Sir«, sagte Harry.
»Nun, zwar habe ich den Riddle, der aus dem Tagebuch kam,
nicht selber gesehen, doch hast du mir ein Phänomen beschrieben,
das ich noch nie erlebt hatte. Ein bloßes Gedächtnis, das anfängt,
von allein zu handeln und zu denken? Ein bloßes Gedächtnis, das
dem Mädchen, in dessen Hände es gefallen war, das Leben aus-
saugt? Nein, etwas viel Unheilvolleres hatte in diesem Buch gelebt
… ein Bruchstück einer Seele, da war ich mir fast sicher. Das Tage-
buch war ein Horkrux gewesen. Doch dies warf ebenso viele Fra-
gen auf, wie es beantwortete. Was mich am meisten interessierte
und beunruhigte, war die Tatsache, dass das Tagebuch gleichzeitig
als Waffe und als Schutz dienen sollte.«
»Ich verstehe immer noch nicht«, sagte Harry.
»Nun, es hat funktioniert, wie ein Horkrux funktionieren soll -
mit anderen Worten, das Bruchstück der Seele, das in seinem In-
nern verborgen war, wurde sicher aufbewahrt und erfüllte zweifel-
los seine Aufgabe, den Tod seines Besitzers zu verhindern. Doch es
konnte keinen Zweifel daran geben, dass Riddle tatsächlich wollte,
dass das Tagebuch gelesen wird, dass er wollte, dass dieser Teil sei-
ner Seele jemand anderen bewohnte oder in Besitz nahm, damit
Slytherins Monster wieder freigelassen würde.«
453
»Nun ja, er wollte nicht, dass seine harte Arbeit vergeblich war«,
sagte Harry. »Er wollte die Leute wissen lassen, dass er Slytherins
Erbe ist, denn er konnte zur damaligen Zeit den Ruhm noch nicht
für sich in Anspruch nehmen.«
»Völlig richtig«, sagte Dumbledore und nickte. »Aber sieh mal,
Harry, wenn er die Absicht hatte, dass das Tagebuch einem künfti-
gen Hogwarts-Schüler gegeben oder untergeschoben werden sollte,
dann ging er bemerkenswert kaltblütig mit jenem wertvollen
Bruchstück seiner Seele um, das darin verborgen war. Wie Profes-
sor Slughorn erklärt hat, besteht der Zweck eines Horkruxes darin,
einen Teil des Selbst versteckt und sicher aufzubewahren, und
nicht darin, ihn irgendjemandem vor die Füße zu werfen und da-
mit das Risiko einzugehen, dass der Betreffende es vielleicht zer-
stört - wie es dann ja auch tatsächlich geschehen ist: Dieses speziel-
le Bruchstück seiner Seele existiert nicht mehr; dafür hast du ge-
sorgt.
Die Fahrlässigkeit, mit der Voldemort diesen Horkrux be-
handelte, ließ mich nichts Gutes ahnen. Sie deutete darauf hin, dass
er mehr Horkruxe erzeugt haben musste - oder dies vorhatte -, so
dass der Verlust seines ersten keinen größeren Schaden anrichten
würde. Ich wollte das nicht glauben, doch nichts anderes schien
einen Sinn zu ergeben.
Dann hast du mir zwei Jahre später erzählt, dass Voldemort in der
Nacht, als er in seinen Körper zurückkehrte, seinen Todessern et-
was höchst Erhellendes und Beunruhigendes verkündete:
›Ich, der
ich weiter als alle anderen gegangen bin auf dem Weg, der zur Un-
sterblichkeit führt. ‹ Das waren seine Worte, hast du damals gesagt.›Weiter als alle anderen.‹ Und ich glaubte zu wissen, was das be-
deutete, auch wenn die Todesser es nicht wussten. Er verwies auf
seine Horkruxe, Horkruxe in der Mehrzahl, Harry, und ich glaube
nicht, dass irgendein anderer Zauberer jemals mehrere davon be-
saß. Doch es passte alles zusammen: Lord Voldemort schien mit
den Jahren weniger menschlich geworden zu sein, und die Ver-
wandlung, die er durchgemacht hatte, schien mir nur dadurch er-
klärbar, dass seine Seele weit über die Grenzen dessen hinaus ver-
stümmelt war, was man vielleicht als das gewöhnliche Böse be-
454
zeichnen kann …«
»Also hat er erreicht, dass man ihn nicht mehr töten kann, indem
er andere Menschen ermordete?«, sagte Harry. »Warum konnte er
keinen Stein der Weisen herstellen, oder einen stehlen, wenn er so
an Unsterblichkeit interessiert war?«
»Nun, wir wissen, dass er genau das versucht hat, und zwar vor
fünf Jahren«, sagte Dumbledore. »Aber ich denke, es gibt mehrere
Gründe, warum ein Stein der Weisen für Lord Voldemort weniger
reizvoll ist als Horkruxe.
Das Elixier des Lebens verlängert das Leben zwar tatsächlich, a-
ber es muss regelmäßig getrunken werden, bis in alle Ewigkeit,
wenn derjenige, der es trinkt, seine Unsterblichkeit bewahren will.
Deshalb wäre Voldemort vollkommen abhängig von dem Elixier,
und wenn es zur Neige ginge oder verunreinigt würde, oder wenn
der Stein gestohlen würde, dann würde er sterben wie jeder andere
Mensch auch. Voldemort zieht es vor, allein alle Fäden zu ziehen,
vergiss das nicht. Ich glaube, er hätte die Vorstellung, abhängig zu
sein, selbst von dem Elixier, unerträglich gefunden. Natürlich war
er bereit, es einzunehmen, wenn es ihm aus dem grauenhaften
Halbleben heraushalf, zu dem er nach dem Angriff auf dich ver-
urteilt war, aber nur, um wieder einen Körper zu gewinnen. Da-
nach, davon bin ich überzeugt, hatte er die Absicht, sich weiterhin
auf seine Horkruxe zu verlassen: Mehr würde er nicht brauchen,
wenn er nur eine menschliche Gestalt zurückgewinnen konnte. Er
war bereits unsterblich, verstehst du … oder so nahe an der Un-
sterblichkeit, wie es ein Mensch nur sein kann.
Aber jetzt, Harry, gewappnet mit dieser Information, der ent-
scheidenden Erinnerung, die du uns hast beschaffen können, sind
wir dem Geheimnis, wie Lord Voldemort vernichtet werden kann,
näher als irgendjemand zuvor. Du hast ihn gehört, Harry: ›Wäre es
nicht besser, würde es einen nicht stärker machen, wenn man seine
Seele in mehreren Teilen hätte … Ist nicht sieben die mächtigste
magische Zahl …‹
Ist nicht sieben die mächtigste magische Zahl. Ja,
ich denke, die Vorstellung einer siebenteiligen Seele würde Lord
Voldemort sehr reizvoll finden.«
»Er hat
sieben Horkruxe gemacht?«, sagte Harry starr vor Entset-
455
zen, während mehrere der Porträts an den Wänden ähnlich scho-
ckierte und empörte Laute von sich gaben. »Aber die können über-
all auf der Welt sein - versteckt - vergraben oder unsichtbar -«
»Ich bin froh, dass du das Ausmaß des Problems erkennst«, sagte
Dumbledore ruhig. »Aber zunächst einmal, nein, Harry, nicht sie-
ben Horkruxe: sechs. Der siebte Teil seiner Seele, wie verstümmelt
er auch sein mag, wohnt in seinem wieder zu Kräften gekommenen
Körper. Das war jener Teil von ihm, der so viele Jahre während
seines Exils eine geisterhafte Existenz führte; ohne ihn hat er über-
haupt kein Selbst. Dieses siebte Stück seiner Seele wird das letzte
sein, das einer, der Voldemort töten will, angreifen muss - das
Stück, das in seinem Körper lebt.«
»Aber die sechs Horkruxe«, sagte Harry ein wenig verzweifelt,
»wie sollen wir die denn finden?«
»Du vergisst … dass du bereits einen davon zerstört hast. Und ich
habe einen zweiten zerstört.«
»Wirklich?«, sagte Harry begierig.
»Ja, in der Tat«, sagte Dumbledore und hob seine geschwärzte,
wie verbrannt aussehende Hand. »Der Ring, Harry. Vorlosts Ring.
Und auf ihm lastete auch noch ein schrecklicher Fluch. Ohne mei-
ne großartigen Fähigkeiten -vergib, dass es mir an geziemender
Bescheidenheit fehlt -und ohne Professor Snapes rechtzeitige Hilfe,
als ich schwer verletzt nach Hogwarts zurückkehrte, wäre ich viel-
leicht jetzt nicht hier und würde diese Geschichte erzählen. Doch
eine vertrocknete Hand scheint mir kein übertriebenes Opfer für
ein Siebtel von Voldemorts Seele zu sein. Der Ring ist nun kein
Horkrux mehr.«
»Aber wie haben Sie ihn gefunden?«
»Nun, wie du jetzt weißt, habe ich mich etliche Jahre damit be-
fasst, so viel wie möglich über Voldemorts Vergangenheit heraus-
zufinden. Ich bin weit gereist, habe jene Orte aufgesucht, an denen
er sich einst aufhielt. In der Ruine des Gaunt-Hauses stieß ich zu-
fällig auf den dort verborgenen Ring. Es scheint, dass Voldemort,
sobald es ihm gelungen war, einen Teil seiner Seele darin einzu-
schließen, ihn nicht mehr tragen wollte. Er verbarg ihn, geschützt
durch viele mächtige Zauber, in der Hütte, wo seine Vorfahren
456
einst gelebt hatten (Morfin war natürlich längst nach Askaban ge-
schafft worden), er kam nicht auf den Gedanken, dass ich mir eines
Tages vielleicht die Mühe machen würde, die Überreste des Hauses
zu besuchen, oder dass ich nach Spuren magischer Verstecke Aus-
schau halten könnte.
Wir sollten uns jedoch nicht allzu sehr beglückwünschen. Du
hast das Tagebuch zerstört und ich den Ring, aber wenn wir Recht
haben mit unserer Theorie von einer siebenteiligen Seele, bleiben
vier Horkruxe übrig.«
»Und die könnten alles sein?«, sagte Harry. »Sie könnten alte
Blechbüchsen sein oder, was weiß ich, leere Zaubertrankflaschen
…?«
»Du denkst an Portschlüssel, Harry, die ganz gewöhnliche Ge-
genstände sein müssen, einfach zu übersehen. Aber dass Lord Vol-
demort Blechbüchsen oder alte Zaubertrankflaschen benutzt, um
seine eigene kostbare Seele zu schützen? Du vergisst, was ich dir
gezeigt habe. Lord Voldemort sammelte gerne Trophäen, und am
liebsten Gegenstände mit einer bedeutenden magischen Geschich-
te. Sein Stolz, sein Glaube an seine eigene Überlegenheit, seine
Entschlossenheit, sich selbst einen außergewöhnlichen Platz in der
Geschichte der Magie
508
457
zu verschaffen; dies alles lässt mich darauf schließen, dass Vol-
demort seine Horkruxe mit einigem Bedacht ausgewählt hat und
dabei Gegenstände bevorzugte, die der Ehre wert waren.«
»Das Tagebuch war nicht so besonders.«
»Das Tagebuch war, wie du selbst gesagt hast, der Beweis dafür,
dass er der Erbe Slytherins ist; ich bin sicher, dass Voldemort ihm
ungeheure Bedeutung beimaß.«
»Und die anderen Horkruxe?«, sagte Harry. »Meinen Sie, dass Sie
wissen, was die sind, Sir?«
»Ich kann nur raten«, erwiderte Dumbledore. »Aus den Gründen,
die ich schon genannt habe, glaube ich, dass Lord Voldemort Ge-
genstände vorziehen würde, die an sich schon eine gewisse Erha-
benheit besitzen. Deshalb habe ich mich durch Voldemorts Ver-
gangenheit gearbeitet, um vielleicht Hinweise darauf zu finden,
dass solche Artefakte in seiner Umgebung verschwunden sind.«
»Das Medaillon!«, sagte Harry laut. »Hufflepuffs Becher!«
»Ja«, sagte Dumbledore lächelnd. »Ich wäre bereit, vielleicht
nicht meine andere Hand, aber zwei Finger darauf zu wetten, dass
aus ihnen der dritte und der vierte Horkrux wurden. Die restlichen
beiden sind ein größeres Problem, wieder vorausgesetzt, dass er
insgesamt sechs geschaffen hat, doch ich würde die Vermutung
wagen, dass er, nachdem er sich Gegenstände von Hufflepuff und
Slytherin beschafft hatte, auf die Suche nach Gegenständen von
Gryffindor oder Ravenclaw ging. Vier Gegenstände von den vier
Gründern, das ist in Voldemorts Vorstellung gewiss sehr verlo-
ckend gewesen. Ich kann nicht sagen, ob es ihm jemals gelungen
ist, etwas von Ravenclaw zu finden. Ich bin jedoch überzeugt, dass
das einzige bekannte Relikt von Gryffindor sicher verwahrt ist.«
Dumbledore wies mit seinen geschwärzten Fingern auf die Wand
hinter ihm, wo ein mit Rubinen verziertes Schwert in einer Vitrine
ruhte.
»Denken Sie, er wollte in Wahrheit deshalb nach Hogwarts zu-
rückkommen, Sir?«, sagte Harry. »Um vielleicht etwas von den
anderen Gründern zu finden?«
»Genau das denke ich«, sagte Dumbledore. »Doch leider bringt
uns dies nicht viel weiter, denn ich glaube, er wurde weggeschickt,
458
ohne dass er die Gelegenheit hatte, die Schule zu durchsuchen. Ich
muss wohl den Schluss ziehen, dass er seinen Wunsch, sich Ge-
genstände aller vier Gründer zu beschaffen, nie hat verwirklichen
können. Er besaß mit Sicherheit zwei - vielleicht fand er einen
dritten - mehr können wir im Augenblick nicht wissen.«
»Selbst wenn er etwas von Ravenclaw oder Gryffindor hat, bleibt
noch ein sechster Horkrux übrig«, sagte Harry und zählte es an den
Fingern ab. »Oder er hat von beiden etwas?«
»Das glaube ich nicht«, erwiderte Dumbledore. »Ich denke, ich
weiß, was der sechste Horkrux ist. Was würdest du sagen, wenn
ich gestehe, dass ich mich eine Zeit lang für das Verhalten der
Schlange Nagini interessiert habe?«
»Der Schlange?«, sagte Harry verdutzt. »Kann man Tiere als
Horkruxe verwenden?«
»Nun, es ist nicht empfehlenswert«, sagte Dumbledore, »denn ei-
nen Teil seiner Seele einem Wesen zu überantworten, das selbst
denken und sich bewegen kann, ist selbstverständlich eine sehr
riskante Sache. Wenn meine Berechnungen jedoch stimmen, fehlte
Voldemort immer noch mindestens ein Horkrux zu den angestreb-
ten sechs, als er das Haus deiner Eltern in der Absicht betrat, dich
zu töten.
Er hat offenbar nur besonders bedeutsame Tode gewählt, wenn es
ihm darum ging, Horkruxe zu erzeugen. Du wärst gewiss ein sol-
cher Fall gewesen. Er glaubte, indem er dich tötete, würde er die
Gefahr bannen, die von der Prophezeiung verkündet worden war.
Er glaubte, er würde sich unbesiegbar machen. Ich bin sicher, er
wollte seinen letzten Horkrux mit deinem Tod schaffen.
Wie wir wissen, ist er damit gescheitert. Nach einigen Jahren je-
doch setzte er Nagini ein, um einen alten Muggel zu töten, und da
kam ihm vielleicht der Gedanke, sie in seinen letzten Horkrux zu
verwandeln. Mit ihr wird die Verbindung zu Slytherin betont, die
Lord Voldemorts geheimnisvolle Aura noch steigert. Ich denke, er
empfindet so viel Zuneigung für sie, wie ihm überhaupt möglich
ist; bestimmt hält er sie gern in seiner Nähe, und er hat offenbar
eine ungewöhnlich starke Kontrolle über sie, selbst für einen Par-
selmund.«
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»Also«, sagte Harry, »das Tagebuch ist weg, der Ring ist weg. Der
Becher, das Medaillon und die Schlange sind immer noch unver-
sehrt, und Sie glauben, es könnte einen Horkrux geben, der einst
Ravenclaw oder Gryffindor gehörte?«
»Eine bewundernswert prägnante und genaue Zusammenfassung,
ja«, sagte Dumbledore und neigte den Kopf.
»Und … Sie suchen immer noch danach, Sir? Immer wenn Sie die
Schule verlassen, sind Sie auf der Suche?«
»Richtig«, sagte Dumbledore. »Ich suche schon seit sehr langer
Zeit. Ich denke … vielleicht … bin ich kurz davor, einen weiteren
zu finden. Es gibt Zeichen, die Anlass zur Hoffnung geben.«
»Und wenn es so weit ist«, sagte Harry rasch, »darf ich dann mit-
kommen und helfen, ihn zu zerstören?«
Dumbledore sah Harry einen Moment lang sehr aufmerksam an,
dann sagte er: »Ja, ich denke schon.«
»Ich darf?«, sagte Harry, vollkommen überrascht.
»O ja«, sagte Dumbledore mit einem leisen Lächeln. »Ich denke,
du hast dir dieses Recht verdient.«
Harry spürte neue Zuversicht. Es tat sehr gut, endlich einmal
keine Worte zu hören, die zur Besonnenheit und Vorsicht mahn-
ten. Die Schulleiter und Schulleiterinnen an den Wänden rings-
umher schienen von Dumbledores Entscheidung weniger beein-
druckt; Harry sah, wie einige von ihnen den Kopf schüttelten, und
Phineas Nigellus schnaubte sogar wütend.
»Bekommt es Voldemort mit, wenn ein Horkrux zerstört wird,
Sir? Kann er es spüren?«, fragte Harry, ohne weiter auf die Porträts
zu achten.
»Eine sehr interessante Frage, Harry. Ich glaube nicht. Ich glaube,
Voldemort ist inzwischen so tief in das Böse eingetaucht und diese
entscheidenden Teile seines Selbst sind schon so lange von ihm
abgetrennt, dass er nicht so fühlt, wie wir fühlen. Vielleicht er-
kennt er seinen Verlust erst, wenn er stirbt … Aber er war sich
beispielsweise nicht bewusst, dass das Tagebuch zerstört worden
war, bis er die Wahrheit aus Lucius Malfoy herausgepresst hatte.
Als Voldemort entdeckte, dass das Tagebuch verstümmelt und all
seiner Kräfte beraubt worden war, muss sein Zorn, wie mir zuge-
460
tragen wurde, offenbar schrecklich gewesen sein.«
»Aber ich dachte, Lucius Malfoy sollte es für ihn nach Hogwarts
schmuggeln?«
»Ja, das wollte er, vor Jahren, als er sicher war, dass er in der Lage
sein würde, noch weitere Horkruxe zu erzeugen, aber dennoch
sollte Lucius abwarten, bis er von Voldemort die endgültige Anwei-
sung bekam, und die hat er nie erhalten, denn Voldemort ver-
schwand, kurz nachdem er ihm das Tagebuch gegeben hatte. Zwei-
fellos dachte er, Lucius würde es nicht wagen, etwas anderes mit
dem Horkrux zu tun als ihn sorgfältig aufzubewahren, doch er ver-
ließ sich zu sehr auf Lucius' Angst vor einem Herrn, der seit Jahren
fort war und den Lucius für tot hielt. Natürlich wusste Lucius
nicht, was es mit dem Tagebuch wirklich auf sich hatte. Ich nehme
an, Voldemort hatte ihm gesagt, das Tagebuch würde bewirken,
dass sich die Kammer des Schreckens von neuem öffnete, da es ge-
schickt verzaubert sei. Hätte Lucius gewusst, dass er einen Teil der
Seele seines Herrn in Händen hielt, dann hätte er es zweifellos mit
mehr Ehrerbietung behandelt - aber stattdessen führte er tatsäch-
lich den alten Plan für seine eigenen Zwecke aus: Indem er das
Tagebuch Arthur Weasleys Tochter unterschob, hoffte er, mit ei-
nem Streich Arthur in Misskredit zu bringen, meine Entlassung aus
der Schule zu bewirken und ein schwer belastendes Objekt loszu-
werden. Ach, der arme Lucius … in Anbetracht der Wut Volde-
morts, dass er den Horkrux zu seinem eigenen Nutzen verschwen-
det hat, und nach dem letztjährigen Fiasko im Ministerium würde
es mich nicht wundern, wenn er insgeheim froh ist, dass er sich im
Augenblick sicher in Askaban befindet.«
Harry saß einen Moment lang nachdenklich da, dann fragte er:
»Wenn seine Horkruxe also alle zerstört sind, dann
könnte Volde-
mort getötet werden?«
»Ja, ich denke schon«, sagte Dumbledore. »Ohne seine Horkruxe
ist Voldemort wohl ein sterblicher Mensch mit einer verstümmel-
ten und geschwächten Seele. Vergiss jedoch nie, dass seine Seele
zwar unheilbar beschädigt sein mag, sein Gehirn und seine magi-
schen Kräfte jedoch intakt bleiben. Es bedarf sicher außergewöhn-
licher Fähigkeiten und Kräfte, einen Zauberer wie Voldemort zu
461
töten, selbst wenn ihm seine Horkruxe fehlen.«
»Aber ich habe keine außergewöhnlichen Fähigkeiten und Kräf-
te«, entfuhr es Harry unwillkürlich.
»Doch, die hast du«, sagte Dumbledore bestimmt. »Du hast eine
Macht, die Voldemort nie besaß. Du kannst -«
»Ich weiß!«, sagte Harry ungeduldig. »Ich kann lieben!« Nur mit
Mühe verkniff er es sich, noch hinzuzufügen: »Na und?«
»Ja, Harry, du kannst lieben«, sagte Dumbledore, der den Ein-
druck machte, als wüsste er sehr genau, was Harry eben fast gesagt
hätte. »Und das ist, nach all dem, was dir zugestoßen ist, großartig
und bemerkenswert. Du bist noch zu jung, um zu verstehen, wie
ungewöhnlich du bist, Harry.«
»Wenn also die Prophezeiung behauptet, ich würde ›Macht besit-
zen, die der Dunkle Lord nicht kennt‹, heißt das einfach -Liebe?«,
fragte Harry ein wenig enttäuscht.
»Ja - einfach Liebe«, sagte Dumbledore. »Aber Harry, vergiss nie,
dass das, was die Prophezeiung behauptet, nur bedeutsam ist, weil
Voldemort es bedeutsam gemacht hat. Das habe ich dir am Ende
des letzten Jahres gesagt. Voldemort hat dich als die Person ausge-
sucht, die für ihn am gefährlichsten sein würde - und damit hat er
aus dir die Person
gemacht, die für ihn am gefährlichsten sein wür-
de!«
»Aber das läuft auf dasselbe -«
»Nein, tut es nicht!«, sagte Dumbledore, und nun klang er unge-
duldig. Er deutete mit seiner schwarzen, abgestorbenen Hand auf
Harry und sagte: »Du misst der Prophezeiung zu viel Bedeutung
bei!«
»Aber«, stotterte Harry, »aber Sie sagten doch, die Prophezeiung -
«
»Wenn Voldemort nie von der Prophezeiung gehört hätte, wäre
sie dann in Erfüllung gegangen? Hätte sie dann irgendetwas bedeu-
tet? Natürlich nicht! Glaubst du, jede Prophezeiung in der Halle der
Prophezeiung ist in Erfüllung gegangen?«
»Aber«, erwiderte Harry verwirrt, »aber letztes Jahr, da sagten
Sie, einer von uns würde den anderen töten müssen -«
»Harry, Harry, nur weil Voldemort einen schweren Fehler ge-
462
macht hat und auf Professor Trelawneys Worte hin handelte!
Wenn Voldemort deinen Vater gar nicht ermordet hätte, hätte er
dann ein starkes Verlangen nach Vergeltung in dir geweckt? Natür-
lich nicht! Wenn er deine Mutter nicht gezwungen hätte, für dich
zu sterben, hätte er dir dann einen magischen Schutz verliehen,
den er nicht durchdringen konnte? Natürlich nicht, Harry! Ver-
stehst du nicht? Voldemort hat sich seinen schlimmsten Feind
selbst geschaffen, genau so, wie es Tyrannen überall tun! Kannst du
dir vorstellen, wie sehr Tyrannen die Menschen fürchten, die sie
unterdrücken? Ihnen allen ist bewusst, dass ganz sicher eines Tages
eines ihrer vielen Opfer sich gegen sie erheben und zurückschlagen
wird! Voldemort ergeht es nicht anders! Immer hielt er Ausschau
nach dem einen, der ihn herausfordern würde. Er hörte die Pro-
phezeiung und handelte sofort, und die Folge war, dass er nicht nur
jenen Menschen sorgsam auswählte, der ihm mit größter Wahr-
scheinlichkeit sein Ende bereiten würde, sondern ihm auch noch
einzigartige tödliche Waffen überreichte!«
»Aber -«
»Es ist äußerst wichtig, dass du dies begreifst!«, sagte Dumbledore,
stand auf und schritt im Raum auf und ab, und sein glänzender
Umhang rauschte hinter ihm her; Harry hatte ihn noch nie so auf-
geregt erlebt. »Durch seinen Versuch, dich zu töten, hat Voldemort
selbst den bemerkenswerten Menschen ausgewählt, der hier vor
mir sitzt, und ihm die Werkzeuge für die Aufgabe an die Hand
gegeben! Es lag an Voldemort selbst, dass du fähig warst, Einblick
zu nehmen in seine Gedanken, in seine Vorhaben, dass du sogar die
schlangenartige Sprache verstehst, in der er Befehle erteilt, und
doch, Harry, trotz deiner privilegierten Einsicht in Voldemorts
Welt (ein Talent übrigens, nach dem sich jeder Todesser sehnen
würde) wurdest du nie von den dunklen Künsten verführt, hast du
nie auch nur eine Sekunde lang den geringsten Wunsch gezeigt,
einer von Voldemorts Gefolgsleuten zu werden!«
»Natürlich nicht!«, sagte Harry aufgebracht. »Er hat meine Mum
und meinen Dad getötet!«
»Kurzum, du bist geschützt durch deine Fähigkeit zu lieben!«,
sagte Dumbledore laut. »Der einzige Schutz, der gegen die Verlo-
463
ckung einer Macht wie der von Voldemort überhaupt wirken kann!
Trotz aller Versuchung, der du standgehalten hast, trotz all deiner
Leiden bist du nach wie vor reinen Herzens, genauso rein, wie du
im Alter von elf Jahren warst, als du in einen Spiegel gestarrt hast,
der deinen Herzenswunsch wiedergab und der dir nicht Unsterb-
lichkeit und Reichtümer zeigte, sondern nur einen Weg, Lord Vol-
demort zu Fall zu bringen. Harry, kannst du dir vorstellen, wie we-
nige Zauberer das hätten sehen können, was du in diesem Spiegel
sahst? Voldemort hätte damals merken müssen, womit er es zu tun
hatte, aber er merkte es nicht!
Aber jetzt weiß er es. Du bist immer wieder kurz in Lord Volde-
morts Geist eingedrungen, ohne selbst Schaden zu nehmen, aber
wie er im Ministerium feststellen musste, kann er dich nicht in
Besitz nehmen, ohne tödliche Qualen zu erleiden. Ich glaube nicht,
dass er den Grund dafür versteht, Harry, aber es war ihm so eilig
damit, seine eigene Seele zu verstümmeln, dass er nie innegehalten
hat, um die unvergleichliche Macht einer Seele zu begreifen, die
makellos und ganz ist.«
»Aber, Sir«, sagte Harry und bemühte sich tapfer, nicht streit-
süchtig zu klingen, »es läuft doch alles auf dasselbe hinaus, oder?
Ich muss versuchen, ihn zu töten, oder -«
»Du musst?«, sagte Dumbledore. »Natürlich musst du! Aber nicht
wegen der Prophezeiung! Weil du, du selbst, nie ruhen wirst, bis
du es versucht hast! Wir beide wissen es! Stell dir bitte nur für ei-
nen Moment vor, du hättest diese Prophezeiung nie gehört! Wie
würdest du jetzt über Voldemort denken? Überleg!«
Harry beobachtete Dumbledore, der vor ihm auf und ab ging, und
überlegte. Er dachte an seine Mutter, an seinen Vater und an Sirius.
Er dachte an Cedric Diggory. Er dachte an all die schrecklichen
Taten, von denen er wusste, dass Lord Voldemort sie begangen
hatte. Eine Flamme schien in seiner Brust aufzulodern und seine
Kehle zu verbrennen.
»Ich würde wünschen, dass ihm ein Ende bereitet wird«, sagte
Harry leise. »Und ich würde es selber tun wollen.«
»Natürlich!«, rief Dumbledore. »Verstehst du, die Prophezeiung
bedeutet nicht, dass du irgendetwas tun
musst! Aber die Prophe-
464
zeiung hat Lord Voldemort veranlasst,
dich als sich Ebenbürtigen
zu kennzeichnen … mit anderen Worten, du bist frei, deinen Weg
zu wählen, es steht dir vollkommen frei, der Prophezeiung den
Rücken zuzukehren! Aber Voldemort misst der Prophezeiung im-
mer noch Bedeutung bei. Er wird dich weiterhin jagen … und des-
halb ist es in der Tat sicher, dass -«
»Dass einer von uns schließlich den anderen tötet«, sagte Harry.
»Ja.«
Doch er begriff endlich, was Dumbledore ihm zu erklären ver-
sucht hatte. Es ging, dachte er, um den Unterschied, den es machte,
ob man in die Arena hineingeschleift wurde, um einen Kampf auf
Leben und Tod auszutragen, oder ob man erhobenen Hauptes in die
Arena einzog. Manche würden vielleicht sagen, dass diese beiden
Möglichkeiten sich kaum unterscheiden, aber Dumbledore wusste -
und ich weiß es auch, dachte Harry in einer jähen Anwandlung
von grimmigem Stolz, ich weiß es, wie meine Eltern es wussten -,
dass dies ein himmelweiter Unterschied ist.
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Sectumsempra
Erschöpft, aber hocherfreut über das, was er in der Nacht geschafft
hatte, berichtete Harry am nächsten Morgen Ron und Hermine
während der Zauberkunststunde alles, was geschehen war (nach-
dem er die Leute in ihrem nächsten Umkreis zunächst einmal mit
dem
Muffliato-Zauber belegt hatte). Die beiden waren gebührend
beeindruckt davon, wie er es geschafft hatte, Slughorn die Erinne-
rung abzuschwatzen, und verfielen geradezu in Ehrfurcht, als er
ihnen von Voldemorts Horkruxen und Dumbledores Versprechen
erzählte, Harry mitzunehmen, falls er einen weiteren finden sollte.
»Wow«, sagte Ron, als Harry ihnen endlich alles erzählt hatte;
Ron schwang völlig geistesabwesend seinen Zauberstab in Richtung
Decke, ohne im Geringsten darauf zu achten, was er tat. »Wow. Du
wirst wirklich mit Dumbledore gehen … und dann wollt ihr es
zerstören … wow.«
»Ron, du lässt es schneien«, sagte Hermine geduldig, packte ihn
am Handgelenk und bog seinen Zauberstab in eine andere Rich-
tung, während von der Decke nun tatsächlich große weiße Flocken
fielen. Wie Harry bemerkte, sah Lavender Brown wütend und mit
sehr roten Augen von einem Nachbartisch aus zu Hermine her-
über, und Hermine ließ sofort Rons Arm los.
»Oh, jaah«, sagte Ron und blickte irgendwie überrascht auf seine
Schultern hinunter. »Tut mir Leid … sieht aus, als hätten wir jetzt
alle furchtbare Schuppen …«
Er wischte ein wenig von dem falschen Schnee von Hermines
Schulter. Lavender brach in Tränen aus. Ron sah enorm schuldbe-
wusst drein und wandte ihr den Rücken zu.
»Wir haben uns getrennt«, sagte er aus dem Mundwinkel zu Har-
ry. »Gestern Abend. Als sie gesehen hat, wie ich mit Hermine aus
dem Schlafsaal kam. Dich konnte sie natürlich nicht sehen, also hat
sie gedacht, wir wären nur zu zweit gewesen.«
»Oh«, sagte Harry. »Na ja - du hast ja nichts dagegen, dass es vor-
bei ist, oder?«
»Nein«, gab Ron zu. »Es war ziemlich übel, als sie geschrien hat,
466
aber wenigstens musste ich nicht selbst Schluss machen.«
»Feigling«, sagte Hermine, wirkte allerdings amüsiert. »Tja, das
war ein rundum schlechter Abend für die Liebe. Ginny und Dean
haben sich auch getrennt, Harry.«
Harry meinte, dass bei diesen Worten ein ziemlich wissender
Ausdruck in ihren Augen lag, doch sie konnte auf keinen Fall wis-
sen, dass seine Eingeweide plötzlich Conga tanzten. Mit möglichst
unbewegtem Gesicht und in möglichst gleichmütigem Ton fragte
er: »Wie das?«
»Oh, irgendwas völlig Albernes … sie sagte, er würde ständig ver-
suchen, ihr durchs Porträtloch zu helfen, als ob sie nicht selbst
reinklettern könnte … aber bei denen geht's schon ewig auf und
ab.«
Harry warf einen Blick hinüber zu Dean auf der anderen Seite
des Klassenzimmers. Er machte tatsächlich einen unglücklichen
Eindruck.
»Das bringt dich natürlich ein wenig in die Zwickmühle, oder?«,
sagte Hermine.
»Wie meinst du das?«, fragte Harry rasch.
»Wegen der Quidditch-Mannschaft«, sagte Hermine. »Wenn
Ginny und Dean nicht miteinander reden …«
»Oh - o jaah«, erwiderte Harry.
»Flitwick«, sagte Ron warnend. Der winzig kleine Zauber-
kunstmeister sprang auf sie zu, und Hermine war die Einzige, die es
geschafft hatte, Essig in Wein zu verwandeln; ihr Glaskolben war
voll dunkler karmesinroter Flüssigkeit, während der Inhalt von
Harrys und Rons Kolben immer noch trübbraun war.
»Nun aber, Jungs«, quiekte Professor Flitwick vorwurfsvoll. »Ein
bisschen weniger schwätzen, ein bisschen mehr Bewegung … Zei-
gen Sie mir mal, wie Sie es machen …«
Sie hoben gleichzeitig ihre Zauberstäbe, konzentrierten sich mit
aller Kraft und richteten sie auf ihre Glaskolben. Harrys Essig wur-
de zu Eis; Rons Kolben explodierte.
»Ja … als Hausaufgabe …«, sagte Professor Flitwick, als er wieder
unter dem Tisch auftauchte und sich Glasscherben aus der Spitze
seines Hutes zog,
»üben.«
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Nach Zauberkunst hatten sie eine ihrer seltenen gemeinsamen
Freistunden und gingen miteinander zum Gemeinschaftsraum zu-
rück. Ron schien ausgesprochen erleichtert über das Ende seiner
Beziehung mit Lavender, und auch Hermine wirkte vergnügt, ob-
wohl sie auf die Frage, weshalb sie so grinse, nur sagte: »Ist ein
schöner Tag heute.« Offenbar hatte keiner der beiden bemerkt, dass
in Harrys Kopf ein erbitterter Kampf tobte:
Sie ist Rons Schwester.
Aber sie hat mit Dean Schluss gemacht!
Sie ist trotzdem Rons Schwester.
Ich bin sein bester Freund!
Das macht es nur noch schlimmer.
Wenn ich vorher mit ihm reden würde -
Er würde dir eine verpassen.
Und wenn es mir egal ist?
Er ist dein bester Freund!
Harry nahm kaum wahr, dass sie durch das Porträtloch in den
sonnigen Gemeinschaftsraum kletterten, und registrierte nur am
Rande die kleine Gruppe Siebtklässler, die sich hier versammelt
hatte, bis Hermine rief: »Katie! Du bist wieder da! Alles okay mit
dir?«
Harry riss die Augen auf: Es war tatsächlich Katie Bell, offenbar
völlig gesund und umringt von ihren begeisterten Freunden.
»Mir geht's richtig gut!«, sagte sie glücklich. »Sie haben mich am
Montag aus dem St. Mungo entlassen, ich war ein paar Tage zu
Hause bei Mum und Dad und bin dann heute Morgen wieder hier-
her gekommen. Leanne hat mir gerade von McLaggen und dem
letzten Spiel erzählt, Harry …«
»Jaah«, sagte Harry, »also, wenn du jetzt wieder dabei bist und
Ron fit ist, haben wir eine ziemlich gute Chance, die Ravenclaws
vom Platz zu fegen, und das bedeutet, wir könnten den Pokal im-
mer noch kriegen. Hör mal, Katie …«
Er musste ihr die Frage sofort stellen; seine Neugier vertrieb vo-
rübergehend sogar Ginny aus seinen Gedanken. Er senkte die
Stimme, als Katies Freunde anfingen, ihre Sachen einzupacken;
offenbar waren sie spät dran für Verwandlung.
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»… dieses Halsband … kannst du dich jetzt erinnern, wer es dir
gegeben hat?«
»Nein«, sagte Katie und schüttelte bedauernd den Kopf. »Alle ha-
ben mich gefragt, aber ich habe keine Ahnung. Das Letzte, an das
ich mich erinnere, ist, dass ich in den
Drei Besen ins Damenklo
gegangen bin.«
»Du bist also eindeutig ins Klo reingegangen?«, sagte Hermine.
»Jedenfalls weiß ich, dass ich die Tür aufgestoßen habe«, er-
widerte Katie, »daher denke ich, wer immer mir den Imperius auf
den Hals gejagt hat, muss direkt dahinter gestanden haben. Aber
danach setzt mein Gedächtnis komplett aus, bis vor etwa zwei Wo-
chen im St. Mungo. Hört mal, ich muss mich beeilen, ich traue es
McGonagall glatt zu, dass sie mich Sätze schreiben lässt, auch wenn
heute mein erster Tag ist …«
Sie nahm rasch ihre Tasche und ihre Bücher und eilte ihren
Freunden hinterher, während Harry, Ron und Hermine sich an
einen Tisch am Fenster setzten und darüber nachdachten, was Ka-
tie ihnen gesagt hatte.
»Also muss es ein Mädchen oder eine Frau gewesen sein, die Ka-
tie das Halsband gegeben hat«, sagte Hermine, »weil sie ja auf dem
Damenklo war.«
»Oder jemand, der aussah wie ein Mädchen oder eine Frau«, sagte
Harry. »Vergiss nicht, in Hogwarts gab es einen Kessel voller Viel-
saft-Trank. Wir wissen, dass etwas davon gestohlen wurde …«
Vor seinem geistigen Auge sah er eine Parade von Crabbes und
Goyles vorbeiziehen, alle in Mädchen verwandelt.
»Ich glaube, ich nehme noch einen kräftigen Schluck Felix«, sagte
Harry, »und probier's noch mal mit dem Raum der Wünsche.«
»Das wäre völlige Zaubertrankverschwendung«, sagte Hermine
nachdrücklich und legte ihr Exemplar von
Zaubermanns Silbenta-
belle beiseite, das sie gerade aus ihrer Tasche geholt hatte. »Mit
Glück kommst du nur bis zu einem bestimmten Punkt, Harry Die
Sache mit Slughorn war anders; du hattest ja schon immer die Fä-
higkeit, ihn zu überzeugen, du musstest dem Ganzen nur einen
kleinen Schubs geben. Aber mit Glück allein kommst du nicht
durch einen mächtigen Bann. Verschwend bloß nicht den Rest von
469
diesem Zaubertrank! Du wirst alles Glück der Welt brauchen,
wenn Dumbledore dich mitnimmt …« Sie hatte ihre Stimme ge-
senkt und geflüstert.
»Könnten wir nicht noch mehr davon machen?«, fragte Ron Har-
ry, ohne auf Hermine einzugehen. »Wär doch toll, einen Vorrat
davon zu haben … schau doch mal in das Buch …«
Harry zog sein
Zaubertränke für Fortgeschrittene aus der Tasche
und sah unter Felix Felicis nach.
»Mist, das ist furchtbar kompliziert«, sagte er und überflog die
Zutatenliste. »Und es dauert sechs Monate … man muss ihn ziehen
lassen …«
»Typisch«, sagte Ron.
Harry wollte sein Buch gerade wieder weglegen, als ihm auffiel,
dass eine Seite umgeknickt war; er schlug sie auf und sah den
Sec-
tumsempra-Zauber, den er vor einigen Wochen markiert hatte,
und darunter die Worte »Gegen Feinde«. Er hatte noch immer
nicht herausgefunden, was er bewirkte, vor allem, weil er ihn nicht
vor Hermine testen wollte, doch er überlegte, ob er ihn nicht an
McLaggen ausprobieren sollte, wenn er das nächste Mal unbemerkt
von hinten auf ihn zukam.
Der einzige Mensch, der nicht sonderlich erfreut war, Katie Bell
wieder in der Schule zu sehen, war Dean Thomas, da man ihn nun
nicht mehr brauchen würde, um als Ersatz für sie Jäger zu spielen.
Er nahm den Schlag recht stoisch hin, als Harry es ihm sagte,
brummte nur und zuckte die Achseln, doch als Harry wegging,
hatte er eindeutig das Gefühl, dass Dean und Seamus aufrührerisch
hinter seinem Rücken tuschelten.
Während der nächsten zwei Wochen fanden die besten Quid-
ditch-Trainings statt, seit Harry Kapitän geworden war. Seine
Mannschaft war so froh, McLaggen los zu sein, so glücklich, Katie
endlich wiederzuhaben, dass sie ganz hervorragend flog.
Ginny schien die Trennung von Dean überhaupt nicht aus der
Fassung gebracht zu haben. Im Gegenteil, sie war das Herz und die
Seele der Mannschaft. Alle amüsierten sich köstlich, wenn sie Ron
nachahmte, wie er, wenn ein Quaffel angeflogen kam, ängstlich vor
den Torpfosten auf- und abhüpfte, oder Harry, wie er McLaggen
470
Befehle zugebrüllt hatte, ehe er dann knallhart k. o. geschlagen
wurde. Harry, der genauso lachte wie die andern, war froh, einen
harmlosen Grund zu haben, Ginny anzusehen; er hatte sich wäh-
rend des Trainings noch mehrere Klatscher-Verletzungen zugezo-
gen, weil er nicht Ausschau nach dem Schnatz gehalten hatte.
Noch immer tobte der Kampf in seinem Kopf: Ginny oder Ron?
Manchmal dachte er, dass es Ron nach der Sache mit Lavender
vielleicht nicht allzu sehr stören würde, wenn er sich mit Ginny
verabreden würde, doch dann erinnerte er sich an Rons Ge-
sichtsausdruck, als er sie Dean hatte küssen sehen, und er war si-
cher, dass Ron es als gemeinen Verrat betrachten würde, wenn
Harry auch nur ihre Hand hielte …
Doch Harry konnte einfach nicht anders, er musste mit Ginny
reden, mit ihr lachen, mit ihr zusammen vom Training zurück-
schlendern; sosehr er auch Gewissensbisse hatte, ertappte er sich
dennoch dabei, dass er überlegte, wie er es am besten hinbekam,
mit ihr allein zu sein: Ideal wäre gewesen, wenn Slughorn wieder
eine seiner kleinen Partys gegeben hätte, denn dort wäre Ron nicht
dabei - aber leider schien Slughorn die Sache mit den Partys aufge-
geben zu haben. Ein- oder zweimal dachte Harry darüber nach, ob
er nicht Hermine um Hilfe bitten sollte, doch er meinte, ihren
selbstgefälligen Gesichtsausdruck nicht ertragen zu können; er
glaubte, ihn manchmal bei ihr zu bemerken, wenn sie sah, wie er
Ginny anstarrte oder über ihre Witze lachte. Und um die Sache
noch komplizierter zu machen, nagte auch die Sorge an ihm, dass,
wenn er es nicht täte, sich gewiss bald ein anderer mit Ginny ver-
abreden würde: Er und Ron stimmten wenigstens darin überein,
dass sie beliebter war, als ihr gut tat.
Alles in allem wurde die Versuchung, noch einen Schluck Felix
Felicis zu nehmen, mit jedem Tag stärker, denn das war doch sicher
eine Angelegenheit, der man »einen kleinen Schubs geben« musste,
wie Hermine es ausgedrückt hatte? Die milden Tage im Mai glitten
sanft dahin, und jedes Mal, wenn Harry Ginny sah, schien Ron an
seiner Seite zu sein. Harry merkte, dass er sich regelrecht nach ei-
nem Glückstreffer sehnte, der Ron irgendwie dazu brachte, zu er-
kennen, dass ihn nichts mehr freuen würde, als wenn sein bester
471
Freund und seine Schwester sich ineinander verliebten und wenn
er sie für mehr als ein paar Sekunden allein ließe. Doch während
das letzte Quidditch-Spiel der Saison näher rückte, schien beides
aussichtslos; Ron wollte mit Harry ständig über die Taktik reden
und hatte kaum etwas anderes im Kopf.
Ron war, was das betraf, nicht der Einzige; in der ganzen Schule
herrschte brennendes Interesse am Spiel Gryffindor - Ravenclaw,
denn die Begegnung würde die noch völlig offene Meisterschaft
entscheiden. Wenn die Gryffindors Ravenclaw mit dreihundert
Punkten Vorsprung schlugen (eine hohe Vorgabe, und doch hatte
Harry seine Leute nie besser fliegen sehen), dann würden sie die
Meisterschaft gewinnen. Wenn sie mit weniger als dreihundert
Punkten Vorsprung gewannen, würden sie nach Ravenclaw Zwei-
ter werden; wenn sie mit hundert Punkten Abstand verloren, wür-
den sie hinter Hufflepuff Dritter werden, und wenn sie noch höher
verloren, würden sie auf dem vierten Platz landen, und niemand,
überlegte Harry, würde ihn jemals vergessen lassen, dass er es ge-
wesen war, der die Gryffindors als Kapitän zum ersten Mal seit
zweihundert Jahren mit einer Niederlage ans Tabellenende geführt
hatte.
Im Vorfeld dieses entscheidenden Spiels gab es das übliche Ge-
plänkel: Die Schüler der rivalisierenden Häuser versuchten die
gegnerischen Mannschaften in den Korridoren einzuschüchtern;
gehässige Sprechchöre über einzelne Spieler wurden laut geübt,
wenn sie vorübergingen; die Spieler selbst stolzierten herum und
genossen all die Aufmerksamkeit, oder sie stürzten zwischen den
Unterrichtsstunden aufs Klo und übergaben sich. Irgendwie hatte
sich das Spiel in Harrys Kopf fest mit dem Erfolg oder dem Schei-
tern seiner Pläne mit Ginny verwoben. Das Gefühl ließ ihn nicht
los, dass der ausgelassene Jubel und eine nette laute Party nach
einem Spiel, das sie mit mehr als dreihundert Punkten Abstand ge-
wonnen hatten, vielleicht genauso gut wirken würden wie ein
herzhafter Schluck Felix Felicis.
Inmitten all seiner Vorbereitungen hatte Harry sein anderes Ziel
nicht vergessen: herauszufinden, was Malfoy im Raum der Wün-
sche ausheckte. Er suchte unentwegt die Karte des Rumtreibers ab,
472
und da er Malfoy oft nicht darauf entdecken konnte, kam er zu
dem Schluss, dass er immer noch viel Zeit dort verbrachte. Obwohl
Harry allmählich die Hoffnung verlor, dass er es jemals schaffen
würde, in den Raum zu gelangen, versuchte er es, wann immer er
in der Nähe war, doch wie er seinen Wunsch auch formulierte, die
Wand blieb beharrlich türlos.
Wenige Tage vor dem Spiel gegen Ravenclaw befand sich Harry
allein auf dem Weg vom Gemeinschaftsraum hinunter zum Abend-
essen, da Ron ins nächste Klo gestürmt war, um sich wieder einmal
zu übergeben, und Hermine eilends verschwunden war, um Profes-
sor Vektor wegen eines Fehlers aufzusuchen, den sie möglicherwei-
se in ihrem letzten Arithmantikaufsatz gemacht hatte. Eher aus
Gewohnheit machte Harry seinen üblichen Umweg durch den
Korridor im siebten Stock und überprüfte unterwegs die Karte des
Rumtreibers. Im ersten Moment konnte er Malfoy nirgends finden
und nahm an, dass er tatsächlich wieder im Raum der Wünsche
sein musste, doch dann sah er Malfoys winziges beschriftetes
Pünktchen in einem Jungenklo ein Stockwerk tiefer, nicht in Ge-
sellschaft von Crabbe und Goyle, sondern bei der Maulenden Myr-
te.
Harry hörte erst auf, diese unwahrscheinliche Zusammenstellung
anzustarren, als er geradewegs gegen eine Rüstung stieß. Das laute
Scheppern riss ihn aus seinen Träumen; er machte sich rasch da-
von, aus Furcht, dass Filch auftauchen könnte, jagte die Marmor-
treppe hinunter und den Korridor einen Stock tiefer entlang. Als er
das Klo erreicht hatte, legte er sein Ohr an die Tür. Er konnte
nichts hören. Ganz leise drückte er die Tür auf.
Draco Malfoy stand mit dem Rücken zur Tür, die Hände seitlich
an das Waschbecken geklammert, den weißblonden Kopf vornü-
bergebeugt.
»Nicht doch«, ertönte die mitleidige Stimme der Maulenden Myr-
te aus einer der Kabinen. »Nicht doch … sag mir, was dir fehlt …
ich kann dir helfen …«
»Keiner kann mir helfen«, sagte Malfoy Sein ganzer Körper bebte.
»Ich kann es nicht tun … ich kann nicht … es wird nicht funktio-
nieren … und wenn ich es nicht bald mache … dann will er mich
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umbringen …«
Und mit einem gewaltigen Schreck, der ihm eiskalt in die Glieder
fuhr, wurde Harry bewusst, dass Malfoy weinte - tatsächlich wein-
te -, Tränen strömten über sein bleiches Gesicht und fielen in das
schmutzige Becken. Malfoy keuchte und schluckte, und dann
blickte er hoch in den gesprungenen Spiegel und erschauderte hef-
tig, als er Harry sah, der ihn über seine Schulter anstarrte.
Malfoy wirbelte herum und zog seinen Zauberstab. Instinktiv
zückte Harry seinen eigenen. Malfoys Fluch verfehlte Harry um
Zentimeter und ließ die Lampe an der Wand neben ihm zersplit-
tern; Harry warf sich zur Seite, dachte
Levicorpus! und schnippte
mit seinem Zauberstab, doch Malfoy blockierte den Fluch und hob
seinen Zauberstab, um einen weiteren -
»Nein! Nein! Hört auf damit!«, kreischte die Maulende Myrte,
und ihre Stimme hallte laut durch den gefliesten Raum. »Aufhören!
AUFHÖREN!«
Es gab einen lauten Knall und der Abfalleimer hinter Harry exp-
lodierte; Harry versuchte einen Beinklammer-Fluch, der an der
Wand hinter Malfoys Ohr abprallte und den Spülkasten unter der
Maulenden Myrte zerschmetterte, die laut aufschrie; Wasser ström-
te überallhin, und Harry rutschte aus, während Malfoy mit verzerr-
tem Gesicht schrie: »Cruci-«
»SECTUMSEMPRA!«, brüllte Harry und schwenkte, am Boden
liegend, wild seinen Zauberstab.
Blut spritzte aus Malfoys Gesicht und Brust, als wäre er mit einem
unsichtbaren Schwert aufgeschlitzt worden. Er taumelte rückwärts
und brach mit einem gewaltigen Spritzer auf dem unter Wasser
stehenden Boden zusammen, und sein Zauberstab fiel ihm aus der
schlaffen rechten Hand.
»Nein -«, keuchte Harry.
Rutschend und schwankend kam Harry auf die Beine und stürzte
auf Malfoy zu, der jetzt leuchtend scharlachrot im Gesicht war und
mit den weißen Händen zittrig über seine bluttriefende Brust taste-
te.
»Nein - das wollte -«
Harry wusste nicht, was er sagte; er ließ sich neben Malfoy auf
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die Knie fallen, der in einer Lache seines eigenen Blutes lag und
haltlos zitterte. Die Maulende Myrte stieß einen ohrenbetäubenden
Schrei aus.
»MORD! MORD IM KLO! MORD!«
Hinter Harry schlug die Tür auf und er blickte entsetzt hoch:
Snape war hereingestürmt, das Gesicht wutverzerrt. Er schob Harry
grob beiseite, kniete sich neben Malfoy hin, zog seinen Zauberstab
und strich damit über die tiefen Wunden, die Harrys Fluch ge-
schlagen hatte, während er eine Beschwörung murmelte, die fast
wie ein Lied klang. Der Blutstrom schien nachzulassen; Snape
wischte das restliche Blut von Malfoys Gesicht und wiederholte
seinen Zauber. Nun schienen die Wunden zusammenzuwachsen.
Harry sah immer noch zu, entsetzt darüber, was er getan hatte,
sich kaum bewusst, dass auch er ganz nass war von Blut und Was-
ser. Die Maulende Myrte schluchzte und wehklagte noch immer
über ihnen. Nachdem Snape seinen Gegenfluch zum dritten Mal
ausgeführt hatte, hob er Malfoy halb hoch, so dass er auf die Beine
kam.
»Sie müssen in den Krankenflügel. Vielleicht bleiben einige Nar-
ben, aber wenn Sie sofort Diptam nehmen, könnten wir sogar das
verhindern … kommen Sie …«
Er half Malfoy durch den Raum, drehte sich an der Tür um und
sagte mit kalter Wut in der Stimme: »Und Sie, Potter … Sie warten
hier auf mich.«
Harry kam es keine Sekunde lang in den Sinn, nicht zu ge-
horchen. Langsam und zitternd erhob er sich und blickte nach un-
ten. Blutkleckse trieben wie karminrote Blüten über den nassen
Fußboden. Er brachte es nicht einmal über sich, der Maulenden
Myrte zu sagen, dass sie still sein sollte, die immer weiterschluchzte
und wehklagte und offensichtlich zunehmend Gefallen daran fand.
Snape kehrte zehn Minuten später zurück. Er kam ins Klo und
schloss die Tür hinter sich.
»Verschwinde«, sagte er zu Myrte, und sie tauchte augenblicklich
in ihre Kloschüssel ab und hinterließ eine dröhnende Stille.
»Das hab ich nicht gewollt«, sagte Harry sofort. Seine Stimme
hallte in dem kalten, wasserüberfluteten Raum wider. »Ich wusste
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nicht, was dieser Zauber bewirkt.«
Aber Snape achtete nicht auf seine Worte.
»Offenbar habe ich Sie unterschätzt, Potter«, sagte er leise. »Wer
hätte gedacht, dass Sie sich derart mit schwarzer Magie auskennen?
Wer hat Ihnen diesen Zauber beigebracht?«
»Ich - hab irgendwo davon gelesen.«
»Wo?«
»Es war - ein Buch aus der Bibliothek«, flunkerte Harry wild. »Ich
weiß nicht mehr, wie es -«
»Lügner«, sagte Snape. Harrys Kehle wurde trocken. Er wusste,
was Snape tun würde, und es war ihm noch nie gelungen, das zu
verhindern …
Der Raum schien vor seinen Augen zu schimmern; krampfhaft
bemühte er sich, alles Denken abzuschirmen, doch er mochte sich
noch so sehr anstrengen, das Exemplar
Zaubertränke für Fortge-
schrittene des Halbblutprinzen trieb ihm immer wieder ver-
schwommen in den Sinn …
Und dann starrte er erneut Snape an, mitten in diesem zer-
trümmerten, tropfnassen Klo. Er starrte in Snapes schwarze Augen
und hoffte verzweifelt, dass Snape nicht gesehen hatte, was er be-
fürchtete, aber -
»Bringen Sie mir Ihre Schultasche«, sagte Snape leise, »und alle
Ihre Schulbücher.
Alle, verstanden? Bringen Sie sie hierher zu mir.
Unverzüglich!«
Es war sinnlos, zu widersprechen. Harry drehte sich sofort um
und lief platschend aus dem Raum. Sowie er draußen im Korridor
war, rannte er los in Richtung Gryffindor-Turm. Die meisten Leute
gingen in die andere Richtung; sie gafften ihn mit großen Augen
an, durchnässt von Wasser und Blut, wie er war, doch er antworte-
te auf keine der Fragen, die sie ihm zuriefen, während er an ihnen
vorbeirannte.
Der Schreck saß ihm in den Gliedern; es war, als ob ein geliebtes
Haustier plötzlich wild geworden wäre. Was hatte sich der Prinz
dabei gedacht, einen solchen Zauber in sein Buch abzuschreiben?
Und was würde passieren, wenn Snape es sah? Würde er Slughorn
erzählen - Harry drehte sich der Magen um -, wie Harry das ganze
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Jahr lang all die guten Ergebnisse in Zaubertränke geschafft hatte?
Würde er das Buch, das Harry so viel beigebracht hatte, beschlag-
nahmen oder zerstören … das Buch, das ihm eine Art Berater und
Freund geworden war? Das konnte Harry nicht zulassen … er
konnte es einfach nicht …
»Wo warst -? Warum bist du patschnass -? Ist das
Blut?«
Ron stand oben auf dem Treppenabsatz und blickte Harry ver-
wirrt an.
»Ich brauch dein Buch«, keuchte Harry. »Dein Zaubertrankbuch.
Schnell … gib's mir …«
»Und was ist mit dem vom Halbblut-?«
»Das erklär ich dir später!«
Ron zog sein
Zaubertränke für Fortgeschrittene aus der Tasche
und reichte es ihm; Harry rannte los, an ihm vorbei und in den
Gemeinschaftsraum. Dort riss er seine Schultasche an sich, ohne
auf die verdutzten Blicke einiger Leute zu achten, die schon vom
Abendessen zurück waren, stürzte sich wieder aus dem Porträtloch
und eilte den Korridor im siebten Stock entlang.
Neben dem Wandbehang mit den tanzenden Trollen kam er
schlitternd zum Stehen, schloss die Augen und fing an zu gehen.
Ich brauche einen Ort, wo ich mein Buch verstecken kann … Ich
brauche einen Ort, wo ich mein Buch verstecken kann … Ich
brauche einen Ort, wo ich mein Buch verstecken kann …
Drei Mal ging er vor dem Stück kahler Wand hin und her. Als er
die Augen aufschlug, war sie endlich da: die Tür zum Raum der
Wünsche. Harry riss sie auf, stürmte hinein und schlug sie zu.
Ihm stockte der Atem. Trotz seiner Hast, seiner Panik, seiner
Angst davor, was ihn im Klo erwarten würde, war er schlichtweg
überwältigt von dem, was er hier sah. Er stand in einem Raum, so
groß wie eine riesige Kathedrale, durch deren hohe Fenster Licht-
strahlen auf eine Art Stadt mit hoch aufragenden Mauern fielen; sie
waren aus Gegenständen gebaut, die offenbar von Generationen
von Hogwarts-Bewohnern versteckt worden waren. Da gab es Gas-
sen und Wege, gesäumt von wackligen Stapeln kaputter und be-
schädigter Möbel, die vielleicht hierher geräumt worden waren,
um den Beweis für schlecht ausgeführte Magie zu verbergen, oder
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aber versteckt von Hauselfen, die einen Putzfimmel hatten. Es gab
Tausende und Abertausende von Büchern, zweifellos verboten oder
voll geschmiert oder gestohlen. Es gab geflügelte Schleudern und
Fangzähnige Frisbees, von denen manche noch so viel Leben in
sich hatten, dass sie halbherzig über die Berge aus anderen verbo-
tenen Sachen schwebten; es gab angeschlagene Flaschen mit einge-
dickten Zaubertränken, Hüte, Juwelen, Umhänge; es gab Eierscha-
len, die offenbar von Dracheneiern stammten, verkorkte Flaschen,
deren Inhalt immer noch bösartig schimmerte, mehrere rostige
Schwerter und eine schwere, blutbefleckte Axt.
Harry eilte in eine der vielen Gassen zwischen all den versteckten
Schätzen. Hinter einem gewaltigen ausgestopften Troll wandte er
sich nach rechts, rannte ein kurzes Stück weiter, bog an dem kaput-
ten Verschwindekabinett, in dem Montague im vorigen Jahr verlo-
ren gegangen war, nach links und machte schließlich Halt bei ei-
nem großen Schrank, dem offenbar jemand Säure auf die mit Bla-
sen überzogene Oberfläche geworfen hatte. Er öffnete eine der
knarrenden Türen: Der Schrank war schon einmal als Versteck
verwendet worden, für etwas in einem Käfig, das seit langem tot
war; sein Skelett hatte fünf Beine. Er stopfte das Buch des Halbblut-
prinzen hinter den Käfig und schlug die Tür zu. Mit schrecklichem
Herzklopfen hielt er einen Moment inne und starrte auf den Wirr-
warr ringsumher … Würde er diese Stelle zwischen all diesem Ge-
rümpel wiederfinden können? Er nahm die angeschlagene Büste
eines hässlichen alten Zauberers von einer Kiste in der Nähe, stellte
sie auf den Schrank, in dem nun das Buch versteckt war, und setzte
der Figur eine verstaubte alte Perücke und ein angelaufenes Dia-
dem auf den Kopf, um sie noch auffälliger zu machen. Dann spurte-
te er so schnell er konnte zurück durch die Gassen aus dem ver-
steckten Gerümpel, zurück zur Tür, zurück auf den Korridor und
schlug die Tür hinter sich zu, die sich sofort wieder in Stein ver-
wandelte.
Harry rannte mit höchster Geschwindigkeit zum Klo im Stock-
werk darunter und stopfte unterwegs Rons
Zaubertränke für Fort-
geschrittene in seine Tasche. Eine Minute später stand er wieder
vor Snape, der wortlos seine Hand nach Harrys Schultasche aus-
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streckte. Keuchend und mit einem brennenden Schmerz in der
Brust überreichte Harry sie ihm und wartete.
Snape zog Harrys Bücher eins nach dem anderen heraus und un-
tersuchte sie. Schließlich war nur noch das Zaubertrankbuch übrig,
das er sehr sorgfältig betrachtete, ehe er sprach.
»Das ist also Ihr Exemplar von
Zaubertränke für Fortgeschrittene,
Potter?«
»Ja«, sagte Harry, immer noch schwer atmend.
»Sie sind sich dessen wirklich sicher, Potter?«
»Ja«, sagte Harry, eine Spur trotziger.
»Dies ist das Exemplar von
Zaubertränke für Fortgeschrittene, das
Sie bei
Flourish & Blotts gekauft haben?«
»Ja«, sagte Harry entschieden.
»Warum«, fragte Snape, »steht dann der Name ›Runald Waschlab‹
innen auf dem Buchdeckel?«
Harry blieb fast das Herz stehen.
»Das ist mein Spitzname«, sagte er.
»Ihr Spitzname«, wiederholte Snape.
»Jaah … so nennen mich meine Freunde«, sagte Harry.
»Ich weiß, was ein Spitzname ist«, erwiderte Snape. Die kalten
schwarzen Augen bohrten sich erneut in die von Harry; Harry ver-
suchte den Blick zu meiden.
Verschließ deinen Geist … verschließ
deinen Geist … aber er hatte nie gelernt, wie man es richtig machte
…
»Wissen Sie, was ich glaube, Potter?«, sagte Snape ganz leise. »Ich
glaube, dass Sie ein Lügner und Betrüger sind und dass Sie Nachsit-
zen bei mir verdient haben, von nun an jeden Samstag bis zum
Ende des Schuljahrs. Was meinen Sie, Potter?«
»Ich - ich bin nicht Ihrer Meinung, Sir«, sagte Harry und weiger-
te sich beharrlich, Snape in die Augen zu blicken.
»Nun, wir werden sehen, was Sie nach Ihrer Bestrafung zu sagen
haben«, sagte Snape. »Zehn Uhr Samstagmorgen, Potter. In meinem
Büro.«
»Aber, Sir …«, sagte Harry und blickte verzweifelt hoch. »Quid-
ditch … das letzte Spiel der -«
»Zehn Uhr«, flüsterte Snape mit einem Lächeln, das seine gelben
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Zähne zeigte. »Armes Gryffindor … vierter Platz dieses Jahr, fürch-
te ich …«
Und ohne ein weiteres Wort verließ er das Klo, und Harry stand
da und starrte in den gesprungenen Spiegel; er war sicher, dass ihm
elender zumute war, als Ron sich je im Leben gefühlt hatte.
»Ich will nicht behaupten, dass ich's dir ja gesagt habe«, erklärte
Hermine eine Stunde später im Gemeinschaftsraum.
»Hör auf, Hermine«, sagte Ron wütend.
Harry war gar nicht erst zum Abendessen gegangen; er hatte ü-
berhaupt keinen Appetit. Er war gerade damit fertig, Ron, Hermine
und Ginny zu schildern, was passiert war, obwohl das offenbar
nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Die Nachricht hatte sich sehr
schnell verbreitet: Anscheinend hatte es sich die Maulende Myrte
nicht nehmen lassen, in jedem einzelnen Klo im Schloss aufzutau-
chen und die Geschichte zu erzählen; Pansy Parkinson hatte Mal-
foy bereits im Krankenflügel besucht und dann unverzüglich über-
all ihre Schmähungen gegen Harry verstreut, und Snape hatte die
Lehrerschaft genau davon unterrichtet, was geschehen war. Harry
war bereits aus dem Gemeinschaftsraum gerufen worden und hatte
fünfzehn höchst unangenehme Minuten in Gesellschaft von Profes-
sor McGonagall verbringen müssen, die ihm erklärt hatte, dass er
Glück habe, nicht der Schule verwiesen zu werden, und dass sie
Snapes Strafmaß, nämlich jeden Samstag Nachsitzen bis zum Ende
des Schuljahres, vollauf unterstütze.
»Ich hab dir doch gesagt, dass mit diesem Prinz-Typen irgendwas
nicht stimmt«, sagte Hermine, die es offensichtlich nicht lassen
konnte. »Und ich hatte Recht, oder?«
»Nein, ich glaub nicht«, antwortete Harry hartnäckig.
Es ging ihm ohnehin schon schlecht genug, da hatten ihm Her-
mines Belehrungen gerade noch gefehlt; die schlimmste Strafe ü-
berhaupt waren die Mienen der Gryffindor-Spieler gewesen, als er
ihnen mitgeteilt hatte, dass er am Samstag nicht mitmachen würde.
Er konnte jetzt Ginnys Blick spüren, mochte ihn jedoch nicht er-
widern; er wollte keine Enttäuschung oder Wut in ihren Augen
sehen. Er hatte ihr gerade gesagt, dass sie am Samstag auf der Posi-
tion des Suchers spielen sollte und dass Dean wieder zur Mann-
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schaft stoßen und für sie Jäger spielen würde. Wenn sie gewannen,
würden Ginny und Dean sich in der Siegesbegeisterung nach dem
Spiel womöglich wieder miteinander versöhnen … der Gedanke
durchfuhr Harry wie ein eiskaltes Messer …
»Harry«, sagte Hermine, »wie kannst du dieses Buch noch vertei-
digen, wo dieser Zauber -«
»Hörst du jetzt endlich mal auf, über dieses Buch herzuziehen!«,
fuhr Harry sie an. »Der Prinz hat ihn nur abgeschrieben! Und er
hat keinem geraten, ihn zu verwenden! Wir wissen nur, dass er
sich eine Notiz zu etwas gemacht hat, das jemand mal gegen ihn
eingesetzt hat!«
»Das glaube ich nicht«, sagte Hermine. »Du verteidigst tatsächlich
noch -«
»Ich verteidige nicht das, was ich getan habe!«, sagte Harry rasch.
»Ich wünschte, ich hätte es nicht getan, und nicht nur, weil ich
ungefähr ein Dutzend Mal nachsitzen muss. Du weißt, dass ich
einen solchen Zauber nie benutzt hätte, nicht mal gegen Malfoy,
aber du kannst nicht dem Prinzen die Schuld zuschieben, er hat
nicht geschrieben ›Probier das aus, das ist echt gut‹ - er hat sich
doch nur Notizen für sich selbst gemacht und nicht für irgendje-
mand sonst …«
»Willst du mir etwa sagen«, erwiderte Hermine, »dass du wieder
dort hingehen wirst -?«
»Und das Buch zurückholst? Jaah, allerdings«, sagte Harry ener-
gisch. »Hör zu, ohne den Prinzen hätte ich nie den Felix Felicis
gewonnen. Ich hätte nie gewusst, wie man Ron vor seiner Vergif-
tung retten kann, ich hätte nie -«
»- so völlig unverdient den Ruf eines brillanten Zauber-
trankmischers bekommen«, sagte Hermine bissig.
»Lass mal gut sein, Hermine!«, sagte Ginny, und Harry war so
verblüfft und so dankbar, dass er aufblickte. »Es klingt ganz danach,
als ob Malfoy versucht hätte, einen Unverzeihlichen Fluch einzu-
setzen, du solltest froh sein, dass Harry was Gutes in petto hatte!«
»Klar, natürlich bin ich froh, dass Harry kein Fluch angehängt
wurde!«, erwiderte Hermine, offensichtlich getroffen. »Aber du
kannst diesen
Sectumsempra-Zauber nicht gut nennen, Ginny,
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schau dir an, was er sich damit eingehandelt hat! Und wenn ich
bedenke, was das nun für eure Chancen im Spiel bedeutet -«
»Oh, jetzt tu nicht plötzlich so, als würdest du was von Quidditch
verstehen«, fauchte Ginny, »das wird doch nur peinlich für dich.«
Harry und Ron machten große Augen: Hermine und Ginny, die
immer so gut miteinander ausgekommen waren, saßen auf einmal
mit verschränkten Armen da und schauten wütend in entgegenge-
setzte Richtungen. Ron warf Harry einen nervösen Blick zu, dann
schnappte er sich wahllos irgendein Buch und versteckte sich da-
hinter. Doch Harry war plötzlich unglaublich gut gelaunt, obwohl
er wusste, dass er es kaum verdient hatte, und obwohl den ganzen
restlichen Abend keiner von ihnen ein weiteres Wort sagte.
Sein Hochgefühl war von kurzer Dauer. Am nächsten Tag musste
er die Sticheleien der Slytherins erdulden, von der beträchtlichen
Wut einiger anderer Gryffindors ganz zu schweigen, die gar nicht
glücklich darüber waren, dass ihr Kapitän sich eine Strafe einge-
handelt hatte und am letzten Spiel der Saison nicht teilnehmen
konnte. Was auch immer er zu Hermine gesagt haben mochte, am
Samstagmorgen hätte er mit Vergnügen alles Felix Felicis der Welt
dafür hergegeben, mit Ron, Ginny und den anderen hinunter zum
Quidditch-Feld gehen zu dürfen. Er konnte es fast nicht ertragen,
dass er sich von der Schar von Schülern abwenden musste, die alle
hinaus in die Sonne strömten, Rosetten und Hüte trugen und ihre
Spruchbänder und Schals schwenkten, während er selbst die stei-
nernen Stufen zu den Kerkern hinabstieg und dann weiterging, bis
der ferne Lärm der Menge völlig verklungen war, und dabei genau
wusste, dass er kein Wort des Spielkommentars würde hören kön-
nen, keinen Jubelschrei und kein Stöhnen.
»Ah, Potter«, sagte Snape, als Harry an seine Tür geklopft und das
unangenehm vertraute Büro betreten hatte, das Snape, obwohl er
jetzt einige Stockwerke weiter oben unterrichtete, nicht geräumt
hatte; es war so schwach beleuchtet wie eh und je, und rundherum
an den Wänden schwebten dieselben schleimigen toten Objekte in
bunten Zauberlösungen. Die vielen Kästen voller Spinnweben, die
auf einem Tisch gestapelt waren, an dem Harry offensichtlich sit-
zen sollte, ließen nichts Gutes ahnen; sie sahen ganz nach ermü-
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dender, schwerer und sinnloser Arbeit aus.
»Mr Filch sucht jemanden, der diese alten Unterlagen in Ordnung
bringt«, sagte Snape leise. »Es ist das Verzeichnis anderer Übeltäter
in Hogwarts und ihrer Strafen. Wo die Tinte verblasst ist oder die
Karteikarten durch Mäuse beschädigt wurden, sollen Sie die Ver-
gehen und Strafen auf neue Karten übertragen und diese dann un-
ter Beachtung der alphabetischen Reihenfolge wieder in die Kästen
einsortieren. Der Gebrauch von Magie ist Ihnen untersagt.«
»Verstanden, Professor«, sagte Harry und legte so viel Verachtung
wie möglich in die letzten drei Silben.
»Ich denke, Sie können anfangen«, sagte Snape, ein heim-
tückisches Lächeln auf den Lippen, »und zwar am besten mit den
Kästen eintausendzwölf bis eintausendsechsundfünfzig. Sie werden
darin auf einige bekannte Namen stoßen, was Ihrer Aufgabe zu-
sätzlichen Reiz verleihen dürfte. Hier, sehen Sie …«
Er zog schwungvoll eine Karte aus einem der oberen Kästen und
las vor:
»›James Potter und Sirius Black. Aufgegriffen während der
Verwendung eines illegalen Zaubers gegen Bertram Aubrey.
Aubreys Kopf doppelte Größe. Zweimal Nachsitzen. ‹« Snape grins-
te höhnisch. »Wie tröstlich muss der Gedanke sein, dass, auch
wenn sie nicht mehr sind, ein Dokument ihrer großartigen Taten
erhalten geblieben ist …«
Harry spürte wie schon so oft ein Brodeln in seiner Magengrube.
Er biss sich auf die Zunge, um nichts Freches zu erwidern, setzte
sich vor die Karteikästen und zog einen davon zu sich heran.
Es war, wie Harry vorausgeahnt hatte, nutzlose, langweilige Ar-
beit, bei der Harry (wie Snape zweifellos geplant hatte) regelmäßig
Stiche im Magen verspürte, immer wenn er den Namen seines Va-
ters oder den von Sirius las, die meistens gemeinsam in verschiede-
ne kleine Missetaten verstrickt gewesen waren, wobei gelegentlich
auch die Namen Remus Lupin und Peter Pettigrew auftauchten.
Und während er ihre diversen Vergehen und Strafen abschrieb,
fragte er sich, was draußen vor sich ging, wo das Spiel gerade ange-
fangen haben musste … und Ginny als Sucherin gegen Cho antrat
…
Wieder und wieder warf Harry einen Blick auf die große Uhr, die
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an der Wand tickte. Sie schien nur halb so schnell zu gehen wie
eine gewöhnliche Uhr; vielleicht hatte Snape sie verzaubert, damit
sie sich besonders viel Zeit ließ? Er konnte unmöglich erst eine
halbe Stunde hier sein … eine Stunde … eineinhalb Stunden …
Harrys Magen fing an zu rumoren, als die Uhr halb eins zeigte.
Snape, der kein einziges Wort gesprochen hatte, seit er Harry seine
Aufgabe gestellt hatte, sah um zehn nach eins endlich auf.
»Ich denke, das genügt«, sagte er kühl. »Markieren Sie die Stelle,
wo Sie jetzt sind. Sie werden am nächsten Samstag um zehn Uhr
weitermachen.«
»Ja, Sir.«
Harry stopfte eine verbogene Karte irgendwo in den Kar-
teikasten, eilte zur Tür hinaus, ehe Snape es sich anders überlegen
konnte, raste wieder die Steinstufen hoch und horchte dabei ange-
strengt, ob er Lärm vom Spielfeld hörte, aber alles war ruhig …
dann war es also vorbei …
Vor der überfüllten Großen Halle zögerte er ein wenig, dann
rannte er die Marmortreppe hoch; ob Gryffindor nun gewonnen
oder verloren hatte, die Mannschaft feierte oder trauerte meistens
in ihrem Gemeinschaftsraum.
»Quid agis?«, fragte er zaghaft die fette Dame und überlegte, was
er drinnen vorfinden würde.
Ihre Miene war unergründlich, als sie antwortete: »Du wirst se-
hen.«
Und sie schwang nach vorne.
Aus dem Loch hinter ihr dröhnte der tosende Lärm einer Feier.
Harry stockte der Atem, als einige bei seinem Anblick zu schreien
begannen; mehrere Hände zerrten ihn in den Raum.
»Wir haben gewonnen!«, brüllte Ron, der plötzlich herbeihüpfte
und Harry den silbernen Pokal entgegenschwang. »Wir haben ge-
wonnen! Vierhundertfünfzig zu hundertvierzig! Wir haben ge-
wonnen!«
Harry sah sich um; da kam Ginny auf ihn zugerannt; mit hartem,
glühendem Gesicht warf sie die Arme um ihn. Und ohne nachzu-
denken, ohne es zu planen, ohne sich um die Tatsache zu küm-
mern, dass fünfzig Leute zusahen, küsste Harry sie.
484
Nach einigen langen Augenblicken - oder vielleicht auch nach
einer halben Stunde - oder möglicherweise nach einigen sonnigen
Tagen - lösten sie sich voneinander. Im Raum war es sehr still ge-
worden. Dann pfiffen einige Leute anerkennend und nervöses Ge-
kicher brach aus. Harry sah über Ginnys Kopf hinweg, dass Dean
Thomas ein zerbrochenes Glas in der Hand hielt und dass Romilda
Vane den Eindruck machte, als würde sie gleich etwas durch die
Gegend werfen. Hermine strahlte, aber Harrys Augen suchten Ron.
Endlich fand er ihn, er hielt immer noch den Pokal in den Händen
und machte eine Miene, ganz als ob man ihm gerade ein Schlagholz
über den Schädel gezogen hätte. Für den Bruchteil einer Sekunde
sahen sie sich an, dann zuckte Ron kaum merklich mit dem Kopf,
was Harry als etwas deutete wie: »Also - wenn es sein muss.«
Die Kreatur in seiner Brust brüllte triumphierend, Harry grinste
zu Ginny hinunter und deutete wortlos zum Porträtloch. Ein lan-
ger Spaziergang über das Gelände schien angebracht, bei dem sie -
wenn sie Zeit hatten - vielleicht das Spiel besprechen konnten.
485
Die belauschte Seherin
Die Tatsache, dass Harry Potter mit Ginny Weasley ging, schien
sehr viele Leute zu interessieren, hauptsächlich Mädchen; aller-
dings stellte Harry während der nächsten Wochen fest, dass
Klatsch ihm seit neustem erfreulicherweise nichts mehr ausmachte.
Schließlich war es zur Abwechslung einmal ganz angenehm, wenn
über ihn wegen einer Sache geredet wurde, die ihn so glücklich
machte, wie er es seit ewigen Zeiten nicht mehr gewesen war, und
nicht weil er in irgendwelche schrecklichen schwarzmagischen
Geschehnisse verstrickt war.
»Eigentlich sollten die sich lieber über was anderes den Mund
fusselig reden«, sagte Ginny, die auf dem Boden des Ge-
meinschaftsraums saß, sich gegen Harrys Beine lehnte und denTagespropheten las. »Drei Dementorenangriffe in einer Woche,
und Romilda Vane fällt nichts Besseres ein, als mich zu fragen, ob
es stimmt, dass du ein Hippogreif-Tattoo auf der Brust hast.«
Ron und Hermine lachten lauthals. Harry beachtete sie nicht.
»Was hast du ihr gesagt?«
»Ich hab ihr gesagt, dass es ein Ungarischer Hornschwanz ist«,
antwortete Ginny und blätterte lässig eine Seite der Zeitung um.
»Das kommt machomäßiger.«
»Danke«, sagte Harry grinsend. »Und hast du ihr auch erzählt,
was Ron hat?«
»Ja, einen Minimuff, aber ich hab nicht verraten, wo.«
Ron blickte finster, während Hermine sich vor Lachen kringelte.
»Passt bloß auf«, sagte er und deutete warnend auf Harry und
Ginny. »Ich hab euch meine Erlaubnis gegeben, aber das heißt
nicht, dass ich sie nicht wieder zurückziehen -«
»›Deine Erlaubnis‹«, spottete Ginny. »Seit wann gibst du mir die
Erlaubnis für irgendwas? Außerdem hast du selbst gesagt, Harry ist
dir lieber als Michael oder Dean.«
»Ja, stimmt«, sagte Ron widerwillig. »Und solange ihr nicht an-
fangt, vor allen Leuten rumzuknutschen -«
»Du elender Heuchler! Was war denn mit dir und Lavender, ihr
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habt doch überall rumgeschwänzelt wie zwei Aale!«, entgegnete
Ginny.
Aber Rons Duldsamkeit wurde nicht allzu sehr auf die Probe ge-
stellt, denn als es Juni wurde, hatten Harry und Ginny immer sel-
tener Gelegenheit, sich zu treffen. Ginnys ZAGs rückten näher,
und deshalb musste sie stundenlang bis in die Nacht hinein lernen.
An einem dieser Abende, an denen Ginny sich in die Bibliothek
verdrückt hatte, saß Harry am Fenster im Gemeinschaftsraum, wo
er eigentlich seine Hausaufgabe für Kräuterkunde erledigen wollte,
aber in Wirklichkeit noch einmal eine besonders glückliche Stunde
durchlebte, die er mit Ginny um die Mittagszeit unten am See ver-
bracht hatte, als Hermine sich mit einem unangenehm entschlosse-
nen Gesichtsausdruck auf den Platz zwischen ihm und Ron fallen
ließ.
»Ich will mit dir reden, Harry.«
»Worüber?«, fragte Harry argwöhnisch. Erst tags zuvor hatte ihn
Hermine gerüffelt, weil er Ginny ablenke, die eigentlich fleißig für
ihre Prüfungen arbeiten müsse.
»Über den so genannten Halbblutprinzen.«
»Oh, nicht schon wieder«, stöhnte Harry. »Hörst du bitte mal
damit auf?«
Er hatte es nicht gewagt, in den Raum der Wünsche zu-
rückzukehren und sein Buch zu holen, und seine Leistungen in
Zaubertränke litten entsprechend darunter (obwohl Slughorn, der
die Sache mit Ginny guthieß, scherzhaft meinte, das liege daran,
dass Harry liebeskrank sei). Aber Harry war sicher, dass Snape noch
nicht die Hoffnung aufgegeben hatte, das Buch des Prinzen in die
Hände zu bekommen, und solange Snape noch Ausschau danach
hielt, wollte er es unbedingt dort lassen, wo es war.
»Nein, ich hör nicht damit auf«, sagte Hermine entschieden, »bis
du mich mal ausreden lässt. Also, ich habe ein wenig nachge-
forscht, wer sich möglicherweise ein Hobby daraus gemacht hat,
schwarzmagische Zauber zu erfinden -«
»Er hat sich kein Hobby daraus gemacht -«
»Er, er - wer sagt, dass es ein Er ist?«
»Das hatten wir doch schon«, erwiderte Harry verärgert.
»Prinz,
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Hermine,
Prinz!«
»Richtig!«, sagte Hermine, und mit leuchtenden roten Flecken auf
den Wangen zog sie einen sehr alten Zeitungsausschnitt aus ihrer
Tasche und knallte ihn vor Harry auf den Tisch. »Schau dir das an!
Schau dir das Bild an!«
Harry nahm das rissige Stück Papier hoch und starrte auf das be-
wegte Foto, das alt und vergilbt war; auch Ron beugte sich herüber,
um es sich anzusehen. Das Bild zeigte ein hageres Mädchen um die
fünfzehn. Sie war nicht hübsch; sie wirkte mürrisch und trotzig
zugleich, hatte üppige Augenbrauen und ein schmales, bleiches
Gesicht. Die Bildunterschrift lautete:
Eileen Prince, Kapitänin der
Koboldsteinmannschaft von Hogwarts.
»Na und?«, sagte Harry, während er die kurze Meldung, zu der
das Bild gehörte, überflog; es war eine recht langweilige Geschichte
über Wettbewerbe zwischen verschiedenen Schulen.
»Ihr Name war Eileen Prince.
Prinz, Harry.«
Sie sahen sich an und Harry wurde klar, was Hermine sagen
wollte. Er lachte laut auf.
»Auf keinen Fall.«
»Was?«
»Du glaubst,
sie war der Halbblut … ? Ach, hör doch auf.«
»Warum eigentlich nicht? Es gibt in der Zaubererwelt keine ech-
ten Prinzen, Harry! Das ist entweder ein Spitzname, ein erfundener
Titel, den sich jemand selbst gegeben hat, oder es könnte der tat-
sächliche Name sein, richtig? Nein, pass auf! Angenommen, ihr
Vater war ein Zauberer, der mit Nachnamen ›Prince‹ hieß, und
ihre Mutter Muggel, dann würde das bei ihr einen ›Halbblutprin-
zen‹ ergeben.«
»Jaah, sehr findig, Hermine …«
»Aber das stimmt doch! Vielleicht war sie stolz, ein halber Prinz
zu sein!«
»Hör zu, Hermine, ich weiß, dass es kein Mädchen war. Ich weiß
es einfach.«
»In Wahrheit glaubst du nur nicht, dass ein Mädchen dafür
schlau genug gewesen wäre«, sagte Hermine wütend.
»Wie könnte ich fünf Jahre lang mit dir rumhängen und immer
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noch nicht glauben, dass Mädchen schlau sind?«, erwiderte Harry,
durch ihre Worte gereizt. »Es ist die Art, wie er schreibt. Ich weiß
einfach, dass der Prinz ein Typ war, ich spür das. Dieses Mädchen
hat nichts damit zu tun. Wo hast du das überhaupt her?«
»Aus der Bibliothek«, sagte Hermine, wie vorherzusehen war.
»Die haben dort eine ganze Sammlung von alten
Propheten. Also,
ich werd jedenfalls noch mehr über Eileen Prince in Erfahrung
bringen, wenn es irgendwie geht.«
»Viel Spaß«, sagte Harry genervt.
»Hab ich bestimmt«, erwiderte Hermine. »Und zuallererst«,
schleuderte sie ihm entgegen, als sie das Porträtloch erreichte, »su-
che ich in alten Listen von Zaubertrankauszeichnungen!«
Harry warf ihr einen kurzen finsteren Blick nach, dann vertiefte
er sich wieder in den Anblick des dunkler werdenden Himmels.
»Sie ist einfach nie drüber weggekommen, dass du in Zau-
bertränke besser warst als sie«, sagte Ron und wandte sich erneut
seinem Exemplar von
Tausend magische Kräuter und Pilze zu.
»Du denkst nicht, dass ich verrückt bin, weil ich das Buch zu-
rückhaben will, oder?«
»'türlich nicht«, sagte Ron wacker. »Der war ein Genie, dieser
Prinz. Jedenfalls … ohne diesen Tipp mit dem Bezoar …«, er fuhr
sich mit dem Finger bedeutungsvoll über die Kehle, »wär ich jetzt
nicht hier, um drüber zu reden, stimmt's? Ich meine, ich will nicht
behaupten, dass der Zauber, den du gegen Malfoy benutzt hast, toll
war -«
»Ich auch nicht«, warf Harry rasch ein.
»Aber er ist wieder gesund, oder? War im Nu wieder auf den Bei-
nen.«
»Jaah«, sagte Harry; das war vollkommen richtig, und doch hatte
er leise Gewissensbisse. »Dank Snape …«
»Musst du an diesem Samstag auch bei Snape nachsitzen?«, fuhr
Ron fort.
»Ja, und am nächsten Samstag und am übernächsten Samstag«,
seufzte Harry. »Und jetzt lässt er durchblicken, dass wir, wenn ich
bis zum Ende des Schuljahrs nicht mit allen Kästen fertig bin,
nächstes Jahr weitermachen.«
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Harry fand diese Stunden, die er mit Nachsitzen verbrachte, be-
sonders lästig, weil sie die sowieso schon knapp bemessene Zeit
beschnitten, die er mit Ginny verbringen konnte. Tatsächlich hatte
er sich dieser Tage häufig gefragt, ob Snape das nicht vielleicht
wusste, denn er behielt Harry jedes Mal länger da und ließ spitze
Bemerkungen fallen über das gute Wetter, das Harry versäumte,
und alles, was man dabei draußen machen konnte.
Harry wurde von Jimmy Peakes aus diesen bitteren Gedanken ge-
rissen, der neben ihm auftauchte und ihm eine Pergamentrolle
hinhielt.
»Danke, Jimmy … hey, das ist von Dumbledore!«, sagte Harry
aufgeregt, entrollte das Pergament und überflog es. »Ich soll so
schnell wie möglich in sein Büro kommen!«
Sie starrten einander an.
»Verdammt«, flüsterte Ron. »Du meinst doch nicht etwa … hat er
ihn vielleicht … ?«
»Am besten, ich geh einfach hin und frag ihn, oder?«, sagte Harry
und sprang auf.
Hastig verließ er den Gemeinschaftsraum und eilte so schnell er
konnte durch das siebte Stockwerk, wo er niemanden traf außer
Peeves, der in Gegenrichtung an ihm vorbeirauschte, ihn fast schon
gewohnheitsmäßig mit Kreidestückchen bewarf und laut gackerte,
als er Harrys Verteidigungszauber auswich. Kaum war Peeves ver-
schwunden, kehrte Stille in die Korridore ein; da es nur noch fünf-
zehn Minuten bis zur Nachtruhe waren, hatten die meisten sich
schon in ihre Gemeinschaftsräume zurückgezogen.
Und dann hörte Harry einen Schrei und einen Knall. Er blieb wie
angewurzelt stehen und lauschte.
»Wie - können - Sie - es -
wagen - Aaaaargh!«
Der Lärm kam aus einem Korridor ganz in der Nähe; Harry rann-
te darauf zu, den Zauberstab bereit, und als er um eine Ecke wir-
belte, sah er Professor Trelawney ausgestreckt am Boden liegen,
den Kopf unter einem ihrer vielen Schals begraben und neben ihr
mehrere Sherryflaschen, von denen eine zerbrochen war.
»Professor -«
Harry eilte zu ihr hin und half Professor Trelawney auf die Beine.
490
Einige ihrer glitzernden Perlenketten hatten sich in ihrer Brille
verheddert. Sie hickste laut, strich sich die Haare glatt und zog sich
an Harrys helfendem Arm hoch.
»Was ist passiert, Professor?«
»Das ist eine gute Frage!«, sagte sie schrill. »Ich schlenderte so vor
mich hin und dachte über gewisse düstere Menetekel nach, die ich
zufällig zu sehen bekommen hatte …«
Aber Harry hörte nicht allzu aufmerksam zu. Ihm war gerade
aufgefallen, wo sie standen: Dort rechts war der Wandbehang mit
den tanzenden Trollen und links dieses glatte undurchdringliche
Stück steinerner Wand, hinter dem sich -
»Professor, haben Sie versucht, in den Raum der Wünsche zu ge-
langen?«
» … Omen, die mir offenbart wurden - wie bitte?«
Plötzlich wirkte sie verschlagen.
»Der Raum der Wünsche«, wiederholte Harry. »Haben Sie ver-
sucht, da reinzukommen?«
»Ich - nun - ich wusste nicht, dass Schüler davon Kenntnis haben
-«
»Nicht alle«, sagte Harry. »Aber was ist passiert? Sie haben ge-
schrien … es klang, als wären Sie verletzt worden …«
»Ich - nun«, sagte Professor Trelawney, schlang schützend ihre
Schals um sich und starrte mit ihren enorm vergrößerten Augen
auf ihn hinab. »Ich wollte - äh - gewisse - ähm - persönliche Dinge
im Raum deponieren …« Und sie murmelte etwas von »üblen An-
schuldigungen«.
»Verstehe«, sagte Harry mit einem Blick auf die Sherryflaschen.
»Aber Sie haben es nicht geschafft, hineinzukommen und sie zu
verstecken?«
Das kam ihm sehr merkwürdig vor; schließlich hatte sich der
Raum für ihn geöffnet, als er das Buch des Halbblutprinzen darin
verstecken wollte.
»O doch, hineingekommen bin ich wohl«, sagte Professor Tre-
lawney und funkelte wütend die Wand an. »Aber es war schon
jemand drin.«
»Jemand drin -? Wer?«, fragte Harry drängend. »Wer war
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dadrin?«
»Ich habe keine Ahnung«, sagte Professor Trelawney, offenbar
ein wenig verblüfft über den eindringlichen Ton, den Harry ange-
schlagen hatte. »Ich bin in den Raum hineingegangen und habe
eine Stimme gehört, was in all den Jahren, seit ich den Raum als
Versteck - seit ich den Raum benutze, will ich sagen, nie vorge-
kommen ist.«
»Eine Stimme? Was hat sie gesagt?«
»Etwas gesagt hat sie eigentlich nicht«, erwiderte Professor Tre-
lawney. »Sie hat … gejohlt.«
»Gejohlt?«
»Gehässig«, sagte sie und nickte.
Harry starrte sie an.
»War sie männlich oder weiblich?«
»Ich würde die Vermutung wagen, dass sie männlich war«, sagte
Professor Trelawney.
»Und klang sie glücklich?«
»Sehr glücklich«, sagte Professor Trelawney verächtlich.
»Als würde sie etwas feiern?«
»Ganz genau.«
»Und dann -?«
»Und dann rief ich ›Wer da?‹.«
»Hätten Sie das nicht rausfinden können ohne zu fragen?«, be-
merkte Harry ein wenig enttäuscht.
»Das innere Auge«, sagte Professor Trelawney würdevoll und
rückte ihre Schals und die vielen glitzernden Perlenketten zurecht,
»war auf Dinge weit jenseits des profanen Reiches johlender Stim-
men gerichtet.«
»Verstehe«, sagte Harry hastig; er hatte von Professor Trelawneys
innerem Auge schon zur Genüge gehört. »Und hat die Stimme ge-
sagt, wer da war?«
»Nein, das hat sie nicht«, erwiderte sie. »Alles wurde pechschwarz
und im nächsten Moment wurde ich kopfüber aus dem Raum ge-
worfen!«
»Und das haben Sie nicht kommen sehen?«, rutschte es Harry
unwillkürlich heraus.
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»Nein, habe ich nicht, wie gesagt, es war pech-« Sie unterbrach
sich und funkelte ihn misstrauisch an.
»Ich glaube, Sie sollten das Professor Dumbledore erzählen«, sagte
Harry. »Er sollte erfahren, dass Malfoy feiert - ich meine, dass je-
mand Sie aus dem Raum geworfen hat.«
Zu seiner Überraschung richtete sich Professor Trelawney bei
diesem Vorschlag auf und blickte hochmütig drein.
»Der Schulleiter hat mir zu verstehen gegeben, dass er es vorzöge,
seltener Besuch von mir zu bekommen«, sagte sie kühl. »Ich gehöre
nicht zu jenen, die Leuten ihre Gesellschaft aufzwingen, die sie
nicht zu schätzen wissen. Wenn Dumbledore meint, er könne die
Warnungen ignorieren, die die Karten offenbaren -«
Ihre knochige Hand schloss sich plötzlich um Harrys Handge-
lenk.
»Wieder und wieder, gleich, wie ich sie auslege -«
Und mit dramatischer Geste zog sie eine Karte unter ihren Schals
hervor.
»- der vom Blitz getroffene Turm«, flüsterte sie. »Unglück. Katast-
rophe. Es kommt immer näher …«
»Verstehe«, sagte Harry erneut. »Also … ich glaube trotzdem,
dass Sie Dumbledore von dieser Stimme erzählen sollten und wie
alles dunkel wurde und Sie aus dem Raum hinausgeworfen wurden
…«
»Meinen Sie?« Professor Trelawney schien kurz darüber nachzu-
denken, aber Harry merkte, dass ihr die Vorstellung gefiel, ihr
kleines Abenteuer noch einmal zu schildern.
»Ich bin gerade auf dem Weg zu ihm«, sagte Harry. »Wir haben
ein Treffen vereinbart. Wir könnten gemeinsam hingehen.«
»Oh, nun, wenn das so ist«, sagte Professor Trelawney und lächel-
te. Sie bückte sich, hob ihre Sherryflaschen auf und steckte sie oh-
ne viel Federlesen in eine große blauweiße Vase, die in einer na-
hen Nische stand.
»Ich vermisse Sie in meinem Unterricht, Harry«, sagte sie gefühl-
voll, als sie gemeinsam losgingen. »Sie waren nie ein großer Seher
… aber Sie waren ein wunderbares Objekt …«
Harry antwortete nicht; er hatte es gehasst, das Objekt für Profes-
493
sor Trelawneys ständige Unheilsvorhersagen zu sein.
»Ich fürchte«, fuhr sie fort, »dass der Klepper - Verzeihung, der
Zentaur - nichts von Kartomantie versteht. Ich habe ihn gefragt -
unter uns Sehern -, ob er nicht auch die fernen Erschütterungen
einer kommenden Katastrophe spüre. Aber er schien mich fast für
ulkig zu halten. Jawohl, ulkig!«
Ihre Stimme schwoll ziemlich hysterisch an, und obwohl sie die
Flaschen zurückgelassen hatten, nahm Harry einen starken Geruch
von Sherry wahr.
»Vielleicht hat das Pferd die Leute sagen hören, dass ich die Gabe
meiner Ururgroßmutter nicht geerbt hätte. Derlei Gerüchte wer-
den von Eifersüchtigen seit Jahren gestreut. Wissen Sie, was ich
solchen Leuten antworte, Harry? Hätte Dumbledore mich an dieser
großartigen Schule unterrichten lassen, hätte er über all die Jahre
so viel Vertrauen in mich gesetzt, wenn ich ihm meine Fähigkeiten
nicht unter Beweis gestellt hätte?«
Harry murmelte etwas Unverständliches.
»Ich erinnere mich noch gut an mein Vorstellungsgespräch bei
Dumbledore«, fuhr Professor Trelawney mit kehliger Stimme fort.
»Er war tief beeindruckt, natürlich, tief beeindruckt … Ich wohnte
im
Eberkopf, den ich übrigens nicht empfehlen kann - Bettwanzen,
mein lieber Junge -, aber meine Mittel waren damals gering.
Dumbledore erwies mir die Höflichkeit, mich in meinem Zimmer
in diesem Gasthaus aufzusuchen. Er stellte mir Fragen … ich muss
bekennen, dass ich zuerst dachte, er schien dem Wahrsagen ableh-
nend gegenüberzustehen … und ich erinnere mich, dass ich mich
plötzlich etwas unwohl fühlte, ich hatte an jenem Tag nicht viel
gegessen … aber dann …«
Und nun passte Harry zum ersten Mal richtig auf, denn er wusste,
was dann geschehen war: Professor Trelawney hatte die Prophe-
zeiung gemacht, die den Verlauf seines ganzen Lebens verändert
hatte, die Prophezeiung über ihn und Voldemort.
»… aber dann wurden wir unsanft von Severus Snape un-
terbrochen!«
»Was?«
»Ja, draußen vor der Tür gab es einen Tumult und sie flog auf,
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und da stand dieser ziemlich ungehobelte Wirt zusammen mit Sna-
pe, der davon schwafelte, er sei die falsche Treppe hinaufgestiegen,
obwohl ich ehrlich gesagt eher glaubte, dass er dabei ertappt wor-
den war, wie er mein Gespräch mit Dumbledore belauschte - wis-
sen Sie, er war damals selbst auf der Suche nach einer Stelle, und
zweifellos hoffte er, irgendwelche nützlichen Hinweise aufschnap-
pen zu können! Nun, danach schien Dumbledore jedenfalls viel
eher bereit, mir eine Stelle zu geben, und ich konnte mich des Ein-
drucks nicht erwehren, Harry, dass er den deutlichen Gegensatz zu
würdigen wusste zwischen meiner bescheidenen Art und stillen
Begabung und dem hartnäckigen, aufdringlichen jungen Mann, der
so weit ging, sogar an Schlüssellöchern zu lauschen - Harry, mein
Lieber?«
Sie blickte über die Schulter zurück, denn erst jetzt hatte sie be-
merkt, dass Harry nicht mehr neben ihr war; er war stehen geblie-
ben und sie standen nun drei Meter voneinander entfernt.
»Harry?«, wiederholte sie unsicher.
Vielleicht wirkte sie so besorgt und ängstlich, weil sein Gesicht
erbleicht war. Harry stand stocksteif da, während der Schock in
Wellen über ihn hereinbrach, Welle um Welle, und alles ertränkte
außer diesem Wissen, das ihm so lange vorenthalten worden war
…
Es war Snape, der die Prophezeiung belauscht hatte. Es war Sna-
pe, der die Nachricht von der Prophezeiung Voldemort überbracht
hatte. Beide, Snape und Peter Pettigrew, hatten Voldemort auf die
Jagd nach Lily und James und ihrem Sohn geschickt …
Nichts anderes war in diesem Moment für Harry wichtig.
»Harry«, sagte Professor Trelawney erneut. »Harry - ich dachte,
wir würden gemeinsam zum Schulleiter gehen?«
»Sie bleiben hier«, sagte Harry mit tauben Lippen.
»Aber, mein Lieber … ich wollte ihm doch erzählen, wie ich im
Raum der Wünsche überfallen -«
»Sie bleiben hier!«, wiederholte Harry aufgebracht.
Sie sah beunruhigt aus, als er an ihr vorbei- und um die Ecke in
Dumbledores Korridor rannte, wo der einsame Wasserspeier Wa-
che hielt. Harry rief dem Wasserspeier das Passwort zu und eilte
495
die bewegliche Wendeltreppe drei Stufen auf einmal nehmend
hinauf. Er klopfte nicht, er hämmerte an Dumbledores Tür; und die
ruhige Stimme antwortete »Herein«, als Harry schon in den Raum
gestürzt war.
Fawkes der Phönix wandte den Kopf, und in seinen glänzenden
schwarzen Augen schimmerte der goldene Widerschein des Son-
nenuntergangs draußen. Dumbledore, der einen langen schwarzen
Reiseumhang in den Armen hielt, stand am Fenster und blickte
hinaus auf das Schlossgelände.
»Nun, Harry, ich habe versprochen, dass du mit mir kommen
darfst.«
Ein paar Sekunden lang begriff Harry nicht; das Gespräch mit
Trelawney hatte alles andere aus seinem Kopf vertrieben und sein
Gehirn schien ganz langsam zu arbeiten.
»Mit Ihnen … kommen … ?«
»Natürlich nur, wenn du willst.«
»Wenn ich …«
Und dann fiel Harry wieder ein, warum er ursprünglich so begie-
rig darauf gewesen war, in Dumbledores Büro zu kommen.
»Sie haben einen gefunden? Sie haben einen Horkrux gefunden?«
»Ich glaube, ja.«
Wut und Groll kämpften gegen Entsetzen und Aufregung: Eine
Weile konnte Harry nicht sprechen.
»Es ist ganz natürlich, Angst zu haben«, sagte Dumbledore.
»Ich habe keine Angst!«, entgegnete Harry sofort, und das stimm-
te tatsächlich; Angst war ein Gefühl, das er jetzt überhaupt nicht
empfand. »Welcher Horkrux ist es? Wo ist er?«
»Ich bin nicht sicher, welcher es ist - auch wenn ich denke, dass
wir die Schlange wohl ausschließen können -, aber ich glaube, dass
er viele Kilometer von hier in einer Höhle an der Küste verborgen
ist, in einer Höhle, die ich schon seit sehr langer Zeit ausfindig zu
machen versuchte: Es ist die Höhle, in der Tom Riddle einst zwei
Kindern aus dem Waisenhaus bei ihrem jährlichen Ausflug Angst
einjagte, erinnerst du dich?«
»Ja«, sagte Harry. »Wie ist er gesichert?«
»Ich weiß es nicht; ich habe Vermutungen, die völlig falsch sein
496
könnten.« Dumbledore zögerte, dann sagte er: »Harry, ich habe dir
versprochen, dass du mitkommen darfst, und ich stehe zu meinem
Wort, aber es wäre ein großer Fehler, wenn ich dich nicht warnen
würde, dass dies äußerst gefährlich sein wird.«
»Ich komme mit«, sagte Harry, kaum dass Dumbledore zu Ende
gesprochen hatte. In seiner rasenden Wut gegen Snape war sein
Wunsch, etwas Verzweifeltes und Riskantes zu tun, in den letzten
Minuten um das Zehnfache gewachsen. Das stand ihm wohl ins
Gesicht geschrieben, denn Dumbledore trat vom Fenster weg und
musterte Harry genauer, und zwischen seinen silbernen Augen-
brauen zeichnete sich eine kleine Falte ab.
»Was ist passiert?«
»Nichts«, log Harry sofort.
»Worüber hast du dich aufgeregt?«
»Ich bin nicht aufgeregt.«
»Harry, du warst nie ein guter Okklumentiker -«
Das Wort war der Funke, der Harrys Zorn entflammte.
»Snape!«, sagte er sehr laut, und hinter ihnen stieß Fawkes ein
leises Kreischen aus. »Snape - das ist passiert! Er hat Voldemort von
der Prophezeiung erzählt,
er war es,
er hat vor der Tür gelauscht,
das hat mir Trelawney gesagt!«
Dumbledores Miene blieb unverändert, aber Harry meinte, sein
Gesicht unter der blutigen Röte, die die untergehende Sonne auf
ihn warf, erbleichen zu sehen. Eine ganze Zeit lang sagte Dumble-
dore nichts.
»Wann hast du das herausgefunden?«, fragte er schließlich.
»Gerade eben!«, sagte Harry und beherrschte sich nur mit größter
Mühe, um nicht loszuschreien. Und dann, plötzlich, konnte er
nicht mehr an sich halten: »UND SIE LASSEN IHN HIER
UNTERRICHTEN UND ER HAT VOLDEMORT GESAGT, ER
SOLL MEINE MUM UND MEINEN DAD VERFOLGEN!«
Schwer atmend, als würde er kämpfen, wandte sich Harry von
Dumbledore ab, der immer noch reglos dastand, und begann, im
Büro hin und her zu gehen, wobei er sich die Fingerknöchel rieb
und sich mit aller Gewalt davon abhielt, etwas umzuwerfen. Er
wollte wütend auf Dumbledore einstürmen, aber er wollte ihn
497
auch begleiten und versuchen, den Horkrux zu zerstören; er wollte
ihm sagen, dass er ein törichter alter Mann sei, weil er Snape ver-
traut hatte, aber er fürchtete, Dumbledore würde ihn nicht mit-
nehmen, wenn er seinen Zorn nicht bändigte …
»Harry«, sagte Dumbledore leise. »Bitte hör mir zu.«
Es fiel ihm genauso schwer, mit seinem ständigen Hin- und Her-
gehen aufzuhören, wie nicht zu schreien. Harry hielt inne, biss sich
auf die Lippe und blickte in Dumbledores zerfurchtes Gesicht.
»Professor Snape hat einen schrecklichen -«
»Sagen Sie mir nicht, dass es ein Fehler war, Sir, er hat an der Tür
gelauscht!«
»Lass mich bitte ausreden.« Dumbledore wartete, bis Harry kurz
genickt hatte, dann fuhr er fort. »Professor Snape hat einen
schrecklichen Fehler gemacht. An jenem Abend, als er die erste
Hälfte von Professor Trelawneys Prophezeiung hörte, stand er
noch in Lord Voldemorts Diensten. Natürlich hat er ihm umgehend
berichtet, was er gehört hatte, denn es betraf seinen Herrn in
höchstem Maße. Aber Professor Snape wusste nicht - er konnte gar
nicht wissen -, welchen Jungen Voldemort von da an jagen würde,
oder dass die Eltern, die er bei seinem mörderischen Jagdzug ver-
nichten würde, Menschen waren, die Professor Snape selbst kann-
te, dass sie deine Mutter und dein Vater waren -«
Harry lachte erbittert auf.
»Er hat meinen Dad gehasst, wie er Sirius gehasst hat! Ist Ihnen
nicht aufgefallen, Professor, dass die Leute, die Snape hasst, meis-
tens ziemlich schnell tot sind?«
»Du kannst dir nicht vorstellen, welche Reue Professor Snape
empfand, als er erkannte, wie Lord Voldemort die Prophezeiung
gedeutet hatte, Harry. Ich glaube, es war der größte Schmerz seines
Lebens und der Grund, warum er zurückkehrte -«
»Aber
er ist ein sehr guter Okklumentiker, nicht wahr, Sir?«, sag-
te Harry, und seine Stimme zitterte von der Anstrengung, ruhig zu
sprechen. »Und ist Voldemort nicht überzeugt, dass Snape auf sei-
ner Seite ist, auch jetzt noch? Professor … wie können Sie
sicher
sein, dass Snape auf unserer Seite ist?«
Dumbledore schwieg für einen Moment; er machte den Ein-
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druck, als versuchte er, einen Entschluss zu fassen. Schließlich sag-
te er: »Ich bin mir sicher. Ich vertraue Severus Snape vollkommen.«
Harry atmete einige Male tief durch, um sich zu beruhigen. Es
wirkte nicht.
»Ich aber nicht!«, sagte er, so laut wie zuvor. »Genau in diesem
Moment heckt er zusammen mit Draco Malfoy etwas aus, direkt
vor Ihrer Nase, und trotzdem -«
»Darüber haben wir schon gesprochen, Harry«, sagte Dumbledore
und klang nun wieder streng. »Ich habe dir meine Meinung mitge-
teilt.«
»Sie verlassen heute Abend die Schule und ich wette, Sie haben
nicht einmal bedacht, dass Snape und Malfoy beschließen könnten
-«
»Was beschließen könnten?«, fragte Dumbledore mit hoch-
gezogenen Augenbrauen. »Was genau, befürchtest du, könnten sie
tun?«
»Ich … die führen was im Schilde!«, sagte Harry und bei diesen
Worten ballten sich seine Hände zu Fäusten. »Professor Trelawney
war eben im Raum der Wünsche und wollte ihre Sherryflaschen
verstecken, und sie hat Malfoy johlen und feiern gehört! Er ver-
sucht dort drin irgendetwas Gefährliches zu reparieren, und wenn
Sie mich fragen, hat er es jetzt endlich geschafft, und Sie sind drauf
und dran, einfach aus der Schule zu spazieren, ohne -«
»Genug«, sagte Dumbledore. Er sagte es ganz ruhig, und doch ver-
stummte Harry augenblicklich; er wusste, dass er nun endgültig
eine unsichtbare Linie übertreten hatte. »Glaubst du, dass ich wäh-
rend der Zeiten meiner Abwesenheit in diesem Jahr die Schule
auch nur ein Mal ungeschützt zurückgelassen habe? Das habe ich
nie. Wenn ich heute Nacht gehe, wird erneut ein zusätzlicher
Schutz eingerichtet sein. Bitte unterstelle nicht, dass ich die Si-
cherheit meiner Schüler nicht ernst nehme, Harry.«
»Ich wollte nicht -«, murmelte Harry, ein wenig beschämt, aber
Dumbledore unterbrach ihn.
»Ich möchte nicht weiter über dieses Thema sprechen.«
Harry verkniff sich seine Erwiderung, aus Furcht, dass er zu weit
gegangen war, dass er sich um die Chance gebracht hatte, Dumble-
499
dore zu begleiten, aber Dumbledore fuhr fort: »Willst du heute
Nacht mit mir kommen?«
»Ja«, sagte Harry sofort.
»Na schön, dann: Hör zu.«
Dumbledore richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
»Ich nehme dich unter einer Bedingung mit: dass du jeden Befehl
befolgst, den ich dir womöglich erteile, auf der Stelle und ohne
weitere Fragen.«
»Natürlich.«
»Damit wir uns richtig verstehen, Harry. Das heißt, dass du auch
Befehle wie ›lauf‹, ›versteck dich‹ oder ›geh zurück‹ befolgen musst.
Habe ich dein Wort darauf?«
»Ich - ja, natürlich.«
»Wenn ich dir sage, versteck dich, wirst du gehorchen?«
»Ja.«
»Wenn ich dir sage, flieh, wirst du es tun?«
»Ja.«
»Wenn ich dir sage, verlass mich und bring dich selbst in Si-
cherheit, wirst du meinen Worten Folge leisten?«
»Ich -«
»Harry?«
Sie sahen sich einen Moment lang an.
»Ja, Sir.«
»Sehr gut. Dann geh bitte und hol deinen Tarnumhang, wir tref-
fen uns in fünf Minuten in der Eingangshalle.«
Dumbledore trat zurück und blickte aus dem flammenden Fens-
ter; die Sonne war jetzt ein grelles rubinrotes Leuchten am Hori-
zont. Harry verließ rasch das Büro und ging die Wendeltreppe hin-
unter. Sein Kopf war mit einem Mal seltsam klar. Er wusste, was er
zu tun hatte.
Ron und Hermine saßen zusammen im Gemeinschaftsraum, als
er zurückkam. »Was will Dumbledore?«, fragte Hermine sofort.
»Harry, alles okay mit dir?«, fügte sie beklommen hinzu.
»Mir geht's gut«, sagte Harry knapp und rannte an ihnen vorbei.
Er stürmte die Treppe hinauf in den Schlafsaal, wo er seinen Koffer
aufriss und die Karte des Rumtreibers und ein Paar verknäulte So-
500
cken hervorholte. Dann raste er die Treppe wieder hinunter in den
Gemeinschaftsraum zurück und kam rutschend vor Ron und Her-
mine zum Stehen, die verdutzt dreinblickten.
»Ich hab nicht viel Zeit«, keuchte Harry, »Dumbledore glaubt,
dass ich meinen Tarnumhang hole. Hört zu …«
Rasch erzählte er ihnen, wo er hinging und warum. Er ließ sich
weder durch Hermines entsetztes Keuchen noch durch Rons hasti-
ge Fragen stören; die genauen Einzelheiten konnten sie sich später
selbst zusammenreimen.
»… also, versteht ihr, was das bedeutet?«, schloss Harry eilends.
»Dumbledore wird heute Nacht nicht hier sein, also hat Malfoy
wieder eine gute Gelegenheit, das zu tun, was immer er vorhat.Nein, hört mir zu!«, zischte er wütend, als Ron und Hermine alle
Anstalten machten, ihn zu unterbrechen. »Ich weiß, dass es Malfoy
war, der im Raum der Wünsche gefeiert hat. Hier -« Er schob
Hermine die Karte des Rumtreibers in die Hand. »Ihr müsst ihn
überwachen, und Snape auch. Spannt sämtliche Leute von der DA
ein, die ihr auftreiben könnt. Hermine, diese Galleonen, die alle
benachrichtigen, funktionieren doch immer noch, oder? Dumble-
dore sagt, er hat die Schule mit zusätzlichem Schutz versehen, aber
wenn er das mit Snape abgesprochen hat, weiß Snape, worin
Dumbledores Schutz besteht und wie er ihn umgehen kann -aber
dass ihr auf dem Posten seid, wird er nicht erwarten, stimmt's?«
»Harry -«, begann Hermine, deren Augen vor Angst geweitet wa-
ren.
»Ich hab keine Zeit zu diskutieren«, sagte Harry schroff. »Das hier
nehmt ihr auch -« Er drückte Ron die Socken in die Hände.
»Danke«, sagte Ron. »Ähm - wozu brauch ich Socken?«
»Du brauchst das, was dadrin eingewickelt ist, das ist Felix Felicis.
Teilt es euch und gebt auch Ginny davon. Grüßt sie von mir. Ich
muss mich beeilen, Dumbledore wartet -«
»Nein!«, sagte Hermine, während Ron mit ehrfurchtsvoller Miene
das Fläschchen mit dem goldenen Zaubertrank auswickelte. »Wir
wollen es nicht, nimm du es, wer weiß, was dich erwartet!«
»Mir wird schon nichts passieren, Dumbledore ist ja bei mir«, sag-
te Harry. »Ich will nur sichergehen, dass mit euch alles okay ist …
501
Guck nicht so, Hermine, wir sehen uns später …«
Und schon war er durch das Porträtloch verschwunden und eilte
in Richtung Eingangshalle.
Dumbledore wartete draußen beim Eichenportal. Er drehte sich
um, als Harry auf die oberste Steinstufe herausschlitterte, heftig
keuchend und mit brennendem Seitenstechen.
»Zieh bitte deinen Tarnumhang an«, bat Dumbledore und warte-
te, bis Harry ihn übergeworfen hatte. Dann sagte er: »Sehr gut.
Gehen wir?«
Dumbledore stieg augenblicklich die steinernen Stufen hinunter,
und sein Reiseumhang bewegte sich kaum in der stillen Sommer-
luft. Harry, der immer noch keuchte und ziemlich schwitzte, eilte
unter seinem Tarnumhang neben ihm her.
»Aber was werden die Leute denken, wenn man Sie weggehen
sieht, Professor?«, fragte Harry und dachte an Malfoy und Snape.
»Dass ich auf ein Glas nach Hogsmeade gehe«, sagte Dumbledore
leichthin. »Ab und zu statte ich Rosmerta einen Besuch ab, oder
aber ich schaue im
Eberkopf vorbei … jedenfalls sieht es danach
aus. Es ist eine recht gute Methode, sein wahres Ziel zu verschlei-
ern.«
In der hereinbrechenden Dämmerung gingen sie den Zufahrts-
weg hinunter. Die Luft war voller Gerüche nach warmem Gras,
nach Seewasser und nach dem Rauch des Holzfeuers in Hagrids
Hütte. Es war kaum zu glauben, dass sie zu etwas Gefährlichem
oder Furchterregendem unterwegs waren.
»Professor«, sagte Harry leise, als das Tor am Ende des Zu-
fahrtswegs in Sicht kam, »werden wir apparieren?«
»Ja«, sagte Dumbledore. »Du kannst jetzt apparieren, denke ich?«
»Ja«, erwiderte Harry, »aber ich habe keine Erlaubnis.«
Er hielt es für das Beste, ehrlich zu sein; was wäre, wenn er alles
verdarb, indem er hundert Kilometer von dort entfernt auftauchte,
wo er eigentlich hinsollte?
»Macht nichts«, sagte Dumbledore. »Ich kann dir wieder helfen.«
Sie gingen durch das Tor und schlugen den dämmrigen, einsamen
Weg nach Hogsmeade ein. Während sie dahingingen, senkte sich
rasch die Dunkelheit über sie, und als sie die Hauptstraße erreicht
502
hatten, wurde es endgültig Nacht. Aus den Fenstern über den Lä-
den funkelten Lichter, und als sie sich den
Drei Besen näherten,
hörten sie heiseres Geschrei.
»- und lass dich hier nicht mehr blicken!«, rief Madam Rosmerta,
die gerade einen schäbig aussehenden Zauberer unsanft hinaus-
warf. »Oh, hallo, Albus … Sie sind spät unterwegs …«
»Guten Abend, Rosmerta, guten Abend … verzeihen Sie mir, ich
geh in den
Eberkopf … nichts für ungut, aber mir ist heute Abend
nach etwas Ruhigerem zumute …«
Eine Minute später bogen sie um die Ecke in die Seitenstraße, wo
das Schild des
Eberkopfes ein wenig knarzte, obwohl kein bisschen
Wind ging. Im Gegensatz zu den
Drei Besen schien dieses Wirts-
haus völlig leer zu sein.
»Es wird wohl nicht nötig sein, dass wir reingehen«, murmelte
Dumbledore und blickte sich rasch um. »Solange uns niemand ver-
schwinden sieht … Leg jetzt bitte deine Hand auf meinen Arm,
Harry. Du musst nicht allzu fest zupacken, ich führe dich nur. Ich
zähle auf drei - eins … zwei … drei …«
Harry drehte sich. Er hatte sofort wieder dieses schreckliche Ge-
fühl, als ob er durch einen dicken Gummischlauch gezwängt wür-
de; er bekam keine Luft, alles an ihm wurde fast unerträglich zu-
sammengequetscht, und dann, gerade als er glaubte, ersticken zu
müssen, schienen die unsichtbaren Bänder aufzureißen, und er
stand in kühler Dunkelheit und atmete mit tiefen Zügen frische,
salzige Luft ein.
503
Die Höhle
Harry roch Salz und hörte Wellen brausen; eine leichte kalte Brise
zerzauste ihm das Haar, während er auf das mondhelle Meer und
den sternübersäten Himmel hinaussah. Er stand auf einem hohen
dunklen Felsblock, und unter ihm schäumte und toste das Wasser.
Er blickte über die Schulter. Hinten ragte eine mächtige Klippe auf,
ein senkrechter Felssturz, schwarz und gesichtslos. Einige große
Steinbrocken wie der, auf dem Harry und Dumbledore standen,
machten den Eindruck, als wären sie irgendwann in der Vergan-
genheit aus der Klippenwand herausgebrochen. Es war eine trostlo-
se, raue Szenerie; das Meer und der Felsen wurden durch keinen
Baum, keinen Fleck Gras oder Sand belebt.
»Was denkst du?«, fragte Dumbledore, als wollte er Harrys Mei-
nung darüber einholen, ob dies ein guter Platz für ein Picknick sei.
»Sie haben die Kinder aus dem Waisenhaus hierher gebracht?«,
fragte Harry, der sich keinen ungemütlicheren Ort für einen Ta-
gesausflug vorstellen konnte.
»Nicht direkt hierher«, sagte Dumbledore. »Hinter uns, etwa auf
halbem Weg die Klippen entlang, liegt ein kleines Dorf. Man
brachte die Waisen wohl dorthin, damit sie ein wenig Seeluft
schnuppern und sich die Wellen ansehen konnten. Nein, ich glau-
be, Tom Riddle und seine jungen Opfer waren die Einzigen, die
jemals bis hierher vordrangen. Für Muggel war dieser Fels unzu-
gänglich, außer es waren sehr gute Bergsteiger, und Boote können
sich den Klippen nicht nähern; die Strömungen im Umkreis sind zu
gefährlich. Ich nehme an, dass Riddle hinuntergeklettert ist; Magie
wird dabei sicher nützlicher gewesen sein als ein Seil. Und er
brachte zwei kleine Kinder mit, vermutlich um ihnen zum Vergnü-
gen Angst einzujagen. Ich denke, schon allein der Weg hierher
hätte diesen Zweck erfüllt, meinst du nicht?«
Harry blickte von neuem die Klippe hinauf und spürte eine Gän-
sehaut.
»Aber sein eigentliches Ziel - und unseres - liegt noch ein Stück
entfernt. Komm mit.«
504
Dumbledore winkte Harry zum äußersten Felsrand, wo eine Rei-
he ausgezackter Nischen, die den Füßen Halt boten, zu Felsblöcken
hinabführten, die halb unter Wasser und näher an der Klippe la-
gen. Es war ein tückischer Abstieg, und Dumbledore, der ein wenig
durch seine verdorrte Hand behindert war, bewegte sich langsam.
Die tiefer liegenden Felsen waren glitschig vom Meerwasser. Harry
spürte, wie ihm kalte salzige Gischtspritzer ins Gesicht schlugen.
»Lumos«, sagte Dumbledore, als er den Felsblock erreichte, wel-
cher der Klippenwand am nächsten war. Tausend goldene Lichtfle-
cke funkelten auf der dunklen Wasseroberfläche wenige Meter
unterhalb der Stelle, wo er kauerte; auch die schwarze Felsmauer
neben ihm war beleuchtet.
»Siehst du?«, sagte Dumbledore leise und hielt seinen Zauberstab
ein wenig höher. Harry sah einen Spalt in der Klippe, in den dunk-
les Wasser hineinwirbelte.
»Es macht dir nichts aus, wenn du ein wenig nass wirst?«
»Nein«, sagte Harry.
»Dann nimm deinen Tarnumhang ab - der ist jetzt überflüssig -
und lass uns den Sprung wagen.«
Und auf einmal so beweglich wie ein junger Mann, glitt Dumble-
dore von dem Felsblock, landete im Meer und begann in perfektem
Bruststil auf den dunklen Schlitz in der Felswand zuzuschwimmen,
den erleuchteten Zauberstab zwischen den Zähnen. Harry zog sich
den Tarnumhang herunter, stopfte ihn in seine Tasche und folgte
Dumbledore.
Das Wasser war eisig; Harrys voll gesogene Kleider trieben um
seinen Körper und zogen ihn hinab. Er atmete tief, der scharfe Ge-
ruch von Salz und Tang drang ihm in die Nasenlöcher, und er folg-
te weit ausgreifend dem schimmernden, schwindenden Licht, das
jetzt tiefer in die Klippe eindrang.
Der Spalt öffnete sich bald zu einem dunklen Tunnel, der, wie
Harry erkennen konnte, bei Flut unter Wasser stand. Die glitschi-
gen Wände waren kaum einen Meter voneinander entfernt und
glänzten wie feuchter Teer im vorüberziehenden Licht von
Dumbledores Zauberstab. Ein wenig tiefer im Innern bog der Höh-
lengang nach links und Harry sah, dass er weit in die Klippe hin-
505
einreichte. Er schwamm weiter in Dumbledores Kielwasser und die
Spitzen seiner tauben Finger streiften den rauen nassen Fels.
Dann sah er, wie Dumbledore mit glänzendem Silberhaar und
dunklem Umhang vor ihm aus dem Wasser emporstieg. Als Harry
die Stelle erreichte, fand er Stufen, die in eine große Höhle führten.
Er kletterte sie hoch, und seine durchnässten Kleider trieften von
Wasser, als er hemmungslos zitternd an der stillen und eiskalten
Luft auftauchte.
Dumbledore stand mitten in der Höhle, hielt seinen Zauberstab
in die Höhe und drehte sich langsam auf der Stelle, während er
Wände und Decke absuchte.
»Ja, hier ist es«, sagte Dumbledore.
»Woher wissen Sie das?«, flüsterte Harry.
»Hier herrscht Magie«, antwortete Dumbledore nur.
Harry wusste nicht, ob er wegen der Kälte schauderte, die ihm bis
ins Mark drang, oder weil er ebenfalls spürte, dass hier Zauber
wirksam waren. Er beobachtete Dumbledore, der sich weiter auf
der Stelle drehte und sich offenbar auf Dinge konzentrierte, die
Harry nicht sehen konnte.
»Dies ist nur die Vorhalle, die Eingangshalle«, sagte Dumbledore
nach einer kleinen Weile. »Wir müssen ins Innere vordringen …
Nun sind es Lord Voldemorts Hindernisse, die uns im Weg stehen,
und nicht mehr die von der Natur geschaffenen …«
Dumbledore näherte sich der Höhlenwand, ließ seine ge-
schwärzten Fingerspitzen darübergleiten und murmelte Worte in
einer merkwürdigen Sprache, die Harry nicht verstand. Zweimal
umrundete Dumbledore den ganzen Hohlraum und berührte so
viel von dem rauen Fels, wie er konnte, wobei er gelegentlich
stockte und mit den Fingern über einer bestimmten Stelle hin und
her strich, bis er endlich, die Hand flach gegen die Wand gedrückt,
innehielt.
»Hier«, sagte er. »Wir gehen hier durch. Der Eingang ist verbor-
gen.«
Harry fragte nicht, woher Dumbledore dies wusste. Er hatte noch
nie einen Zauberer etwas auf diese Weise erkunden sehen, nur
durch Beobachtung und Berühren; aber Harry hatte schon vor lan-
506
ger Zeit gelernt, dass Knallen und Rauch öfter Zeichen von Unfä-
higkeit als von großem Können waren.
Dumbledore trat von der Höhlenwand zurück und richtete sei-
nen Zauberstab auf den Fels. Einen Augenblick lang erschien dort
ein bogenförmiger Umriss, strahlend weiß, als ob hinter dem Riss
ein grelles Licht wäre.
»Sie h-haben es geschafft!«, sagte Harry mit klappernden Zähnen,
doch noch ehe die Worte über seine Lippen kamen, war der Umriss
verschwunden und der Fels so kahl und fest wie zuvor. Dumbledo-
re sah sich um.
»Harry, tut mir sehr Leid, das hab ich ganz vergessen«, sagte er;
dann richtete er seinen Zauberstab auf ihn, und Harrys Kleider
waren schlagartig warm und trocken, als ob sie vor einem lodern-
den Feuer gehangen hätten.
»Danke«, sagte Harry, aber Dumbledore hatte seine Auf-
merksamkeit schon wieder der festen Höhlenwand zugewandt. Er
versuchte es nicht mit einem weiteren Zauber, sondern stand nur
da und starrte sie aufmerksam an, als würde etwas äußerst Interes-
santes darauf geschrieben stehen. Harry verharrte vollkommen
reglos; er wollte Dumbledores Konzentration nicht stören.
Dann, nach zwei geschlagenen Minuten, sagte Dumbledore leise:
»Oh, nicht doch. Wie primitiv.«
»Was ist, Professor?«
»Ich vermute«, sagte Dumbledore, steckte seine unverletzte Hand
in seinen Umhang und zog ein kurzes silbernes Messer hervor,
ähnlich wie das, mit dem Harry Zaubertrankzutaten klein schnitt,
»man verlangt von uns, dass wir für den Durchgang bezahlen.«
»Bezahlen?«, sagte Harry. »Sie müssen der Tür etwas geben?«
»Ja«, sagte Dumbledore. »Blut, wenn ich nicht sehr irre.«
»
Blut?
«
»Ich sagte ja, es ist primitiv«, erwiderte Dumbledore, der verächt-
lich, ja enttäuscht klang, als ob Voldemort nicht dem Niveau ent-
sprechen würde, das er von ihm erwartete. »Der Gedanke dabei ist,
wie du sicher verstanden hast, dass der Feind sich selbst schwächen
muss, ehe er oder sie eintreten darf. Wieder einmal begreift Lord
Voldemort nicht, dass es viel schrecklichere Dinge gibt als körper-
507
liche Verletzungen.«
»Jaah, aber trotzdem, wenn man sie vermeiden kann …«, sagte
Harry, der genug Schmerzen erlitten hatte, als dass er unbedingt
noch weitere haben wollte.
»Manchmal allerdings sind sie unvermeidlich«, sagte Dum-
bledore, schüttelte den Ärmel seines Umhangs zurück und machte
den Unterarm seiner verletzten Hand frei.
»Professor!«, protestierte Harry und stürzte vorwärts, als
Dumbledore sein Messer erhob. »Ich mach es, ich bin -«
Er wusste nicht, was er sagen wollte - jünger, gesünder? Aber
Dumbledore lächelte nur. Silber blitzte auf und etwas spritzte
scharlachrot; die Felswand war mit dunklen, glitzernden Tropfen
übersät.
»Das ist sehr freundlich von dir, Harry«, sagte Dumbledore, der
nun mit der Spitze seines Zauberstabs über den tiefen Schnitt fuhr,
den er seinem eigenen Arm zugefügt hatte, worauf er sofort ver-
heilte, genau wie Snape Malfoys Wunden geheilt hatte. »Aber dein
Blut ist mehr wert als meines. Ah, das scheint geklappt zu haben,
nicht wahr?«
Der strahlend silberne bogenförmige Umriss war erneut an der
Wand aufgetaucht, und diesmal verblasste er nicht: Der blutbe-
spritzte Felsen innerhalb des Bogens verschwand einfach und gab
eine Öffnung in scheinbar völlige Dunkelheit frei.
»Nach mir, denke ich«, sagte Dumbledore und schritt durch den
Bogen, dicht gefolgt von Harry, der im Gehen hastig seinen eige-
nen Zauberstab entzündete.
Ein unheimlicher Anblick bot sich ihren Augen: Sie standen am
Rand eines großen schwarzen Sees, der so weit reichte, dass Harry
die fernen Ufer nicht ausmachen konnte, inmitten einer Felsenhal-
le, so hoch, dass auch die Decke nicht zu sehen war. Ein nebliges
grünliches Licht leuchtete in der Ferne, offenbar in der Mitte des
Sees; es spiegelte sich in dem vollkommen ruhigen Wasser darun-
ter. Der grünliche Schein und das Licht der beiden Zauberstäbe
waren alles, was die ansonsten samtene Schwärze durchbrach, doch
die Strahlen der Zauberstäbe drangen nicht so weit vor, wie Harry
erwartet hätte. Die Dunkelheit war irgendwie dichter als gewöhn-
508
liche Dunkelheit.
»Gehen wir«, sagte Dumbledore leise. »Achte besonders darauf,
dass du nicht ins Wasser trittst. Bleib nah bei mir.«
Er machte sich auf den Weg um den See herum und Harry folgte
ihm auf den Fersen. Ihre Schritte hallten klatschend auf dem
schmalen Felssteg, der rund um das Wasser führte. Weiter und
weiter gingen sie, doch das Bild änderte sich nicht: Auf der einen
Seite war die raue Felswand, auf der anderen die grenzenlose Flä-
che ruhiger, spiegelglatter Schwärze, in deren Mitte dieses geheim-
nisvolle grünliche Leuchten war. Der Ort und die Stille bedrückten
und zermürbten Harry.
»Professor?«, fragte er schließlich. »Glauben Sie, dass der Horkrux
hier ist?«
»O ja«, sagte Dumbledore. »Ja, ich bin mir sicher. Die Frage ist,
wie kommen wir an ihn heran?«
»Könnten wir es nicht … könnten wir es nicht einfach mit einem
Aufrufezauber probieren?«, fragte Harry, überzeugt, dass dies ein
dummer Vorschlag war, doch es lag ihm viel mehr daran, diesen
Ort so schnell wie möglich zu verlassen, als er zugeben wollte.
»Natürlich könnten wir das«, sagte Dumbledore und blieb so
plötzlich stehen, dass Harry beinahe mit ihm zusammenstieß. »Wa-
rum führst du ihn nicht aus?«
»Ich? Oh … okay …«
Das hatte Harry nicht erwartet, aber er räusperte sich und sagte
laut und mit erhobenem Zauberstab:
»Accio Horkrux!«
Mit einem explosionsartigen Lärm brach etwa sechs Meter ent-
fernt etwas sehr Großes und Bleiches aus dem dunklen Wasser
hervor; ehe Harry erkennen konnte, was es war, verschwand es
laut platschend wieder im Wasser und hinterließ große, tiefe Wel-
len auf der spiegelnden Oberfläche. Erschrocken sprang Harry zu-
rück und stieß gegen die Felswand; sein Herz hämmerte noch wie
wild, als er sich an Dumbledore wandte.
»Was war das?«
»Etwas, das sicher gleich reagiert, falls wir versuchen, uns den
Horkrux zu beschaffen.«
Harry blickte wieder auf das Wasser. Die Oberfläche des Sees war
509
erneut ein glänzender schwarzer Spiegel: Die Wellen waren unna-
türlich schnell verschwunden; aber Harrys Herz schlug immer
noch heftig.
»Haben Sie sich gedacht, dass das passieren würde, Sir?«
»Ich dachte, dass
irgendetwas passieren würde, wenn wir einen
offenen Versuch machen, den Horkrux in die Hände zu bekom-
men. Das war eine sehr gute Idee, Harry; bei weitem der einfachste
Weg, um herauszufinden, womit wir es zu tun haben.«
»Aber wir wissen nicht, was das für ein Wesen war«, sagte Harry
und sah auf das unheilvoll glatte Wasser.
»Was das für Wesen
sind, meinst du«, erwiderte Dumbledore.
»Ich bezweifle sehr, dass es nur eines davon gibt. Wollen wir wei-
tergehen?«
»Professor?«
»Ja, Harry?«
»Glauben Sie, dass wir in den See hineinmüssen?«
»Hinein? Nur wenn wir viel Pech haben.«
»Meinen Sie nicht, dass der Horkrux auf dem Grund ist?«
»O nein … ich glaube, der Horkrux ist in der
Mitte.«
Und Dumbledore deutete auf das neblige grüne Licht in der Mitte
des Sees.
»Also müssen wir den See überqueren, damit wir an ihn ran-
kommen?«
»Ja, ich denke schon.«
Harry sagte nichts. Sein Kopf war voller Seeungeheuer, Riesen-
schlangen, Dämonen, Kelpies und Wassergeister …
»Aha«, sagte Dumbledore und blieb erneut stehen; diesmal stieß
Harry tatsächlich mit ihm zusammen; er wankte einen Moment
lang am Rand des dunklen Wassers, bis Dumbledores gesunde
Hand sich fest um seinen Oberarm schloss und ihn zurückzog.
»Entschuldige, Harry, ich hätte dir ein Zeichen geben sollen. Tritt
bitte an den Fels zurück; ich glaube, ich habe die Stelle gefunden.«
Harry hatte keine Ahnung, was Dumbledore meinte; dieser Ab-
schnitt des dunklen Ufers unterschied sich, soweit er sehen konnte,
überhaupt nicht von jeder anderen Stelle, aber Dumbledore schien
hier etwas Besonderes entdeckt zu haben. Diesmal fuhr er mit der
510
Hand nicht über die Felsmauer, sondern durch die Luft, als erwar-
tete er, etwas Unsichtbares finden und ergreifen zu können.
»Oho«, sagte Dumbledore nach einigen Sekunden erfreut.
Seine Hand hatte sich mitten in der Luft um etwas geschlossen,
das Harry nicht sehen konnte. Dumbledore trat näher ans Wasser
heran; Harry beobachtete nervös, wie die Spitzen seiner Schnallen-
schuhe den äußersten Rand des Felsufers erreichten. Dumbledore
hielt die geballte Hand weiter in der Luft, während er mit der an-
deren Hand seinen Zauberstab hob und mit der Spitze auf seine
Faust tippte.
Sofort erschien aus dem Nichts eine dicke spangrüne Kette, die
sich aus der Tiefe des Wassers bis zu Dumbledores geballter Hand
spannte. Dumbledore tippte gegen die Kette, und sie begann wie
eine Schlange durch seine Faust zu gleiten, rollte sich mit einem
Rasseln am Boden zusammen, das laut von den Felswänden wider-
hallte, und zog etwas aus den Tiefen des schwarzen Wassers. Harry
stockte der Atem, als der geisterhafte Bug eines kleinen Bootes
durch die Oberfläche brach, das genauso grün schimmerte wie die
Kette und das Wasser kaum merklich kräuselte, während es auf die
Stelle am Ufer zuschwamm, wo Harry und Dumbledore standen.
»Woher wussten Sie, dass es da war?«, fragte Harry erstaunt.
»Magie hinterlässt immer Spuren«, antwortete Dumbledore, als
das Boot mit einem sanften Stoß ans Ufer schlug, »manchmal sehr
deutliche Spuren. Ich war Tom Riddles Lehrer. Ich kenne seinen
Stil.«
»Ist … ist das Boot sicher?«
»O ja, ich denke schon. Voldemort musste sich ein Hilfsmittel
schaffen, um den See zu überqueren, ohne sich den Zorn jener Kre-
aturen zuzuziehen, die er darin ausgesetzt hatte, falls er eines Tages
seinen Horkrux besuchen oder holen wollte.«
»Also werden uns die Wesen im Wasser nichts tun, wenn wir in
Voldemorts Boot übersetzen?«
»Ich denke, wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, dass sie
irgendwann erkennen werden, dass wir nicht Lord Voldemort sind.
Bis hierher sind wir jedoch gut vorangekommen. Sie haben uns
erlaubt, das Boot zu heben.«
511
»Aber warum haben sie das zugelassen?«, fragte Harry, der die
Vorstellung nicht loswerden konnte, dass Greifarme aus dem dunk-
len Wasser emporkommen würden, sobald das Ufer außer Sicht-
weite wäre.
»Voldemort muss einigermaßen zuversichtlich gewesen sein, dass
niemand außer einem sehr großen Zauberer in der Lage sein wür-
de, das Boot zu finden«, sagte Dumbledore. »Ich glaube, er war be-
reit, das aus seiner Sicht äußerst unwahrscheinliche Risiko einzu-
gehen, dass ein anderer es finden würde, denn er wusste ja, dass er
noch weitere Hindernisse aufgestellt hatte, die nur er würde
durchdringen können. Wir werden sehen, ob er Recht hat.«
Harry blickte hinunter auf das Boot. Es war wirklich sehr klein.
»Es sieht nicht so aus, als wäre es für zwei Leute gebaut. Wird es
uns beide tragen? Sind wir zusammen nicht zu schwer?«
Dumbledore gluckste.
»Voldemort wird sich keine Gedanken über das Gewicht gemacht
haben, sondern über das Ausmaß der Zauberkraft, die den See ü-
berquert. Ich denke eher, dass ein Bann auf dieses Boot gelegt wur-
de, damit nur ein Zauberer auf einmal darin fahren kann.«
»Aber dann -?«
»Ich glaube nicht, dass du zählst, Harry: Du bist minderjährig und
noch nicht mit der Schule fertig. Voldemort hätte wohl nie erwar-
tet, dass ein Sechzehnjähriger diesen Ort erreicht: Ich halte es für
unwahrscheinlich, dass deine Kräfte ins Gewicht fallen, wenn man
sie mit meinen vergleicht.«
Diese Worte trugen keineswegs dazu bei, Harrys Moral zu heben;
vielleicht wusste Dumbledore das, denn er fügte hinzu: »Volde-
morts Fehler, Harry, Voldemorts Fehler … das Alter ist töricht und
nachlässig, wenn es die Jugend unterschätzt … nun, diesmal lasse
ich dir den Vortritt, und achte darauf, dass du das Wasser nicht
berührst.«
Dumbledore trat beiseite und Harry kletterte vorsichtig in das
Boot. Auch Dumbledore stieg hinein und rollte die Kette auf dem
Boden auf. Sie hatten beide zusammen kaum Platz; Harry konnte
nicht bequem sitzen, sondern kauerte sich hin und seine Knie rag-
ten über den Rand des Bootes, das sich sofort in Bewegung setzte.
512
Außer dem sanften Rauschen, mit dem der Bug das Wasser teilte,
war nichts zu hören; das Boot bewegte sich ohne ihr Zutun, als ob
ein unsichtbares Tau es vorwärts ziehen würde, zu dem Licht in der
Mitte hin. Bald konnten sie die Wände der Felsenhalle nicht mehr
erkennen; sie hätten auch auf dem Meer sein können, nur gab es
keine Wellen.
Harry blickte hinunter und sah die goldene Spiegelung vom Licht
seines Zauberstabs auf dem schwarzen Wasser funkeln und glit-
zern, während sie dahinglitten. Das Boot schnitt tiefe Rillen in die
glatte Oberfläche, Furchen in den dunklen Spiegel …
Und dann sah er sie, marmorweiß, nur Zentimeter unter der O-
berfläche schwebend.
»Professor!«, sagte Harry und seine erschrockene Stimme hallte
laut über das stille Wasser.
»Harry?«
»Ich glaube, ich habe eine Hand im Wasser gesehen - eine
menschliche Hand!«
»Ja, das überrascht mich nicht«, sagte Dumbledore ruhig.
Harry starrte ins Wasser hinunter, auf der Suche nach der Hand,
die verschwunden war, und ein Brechreiz überkam ihn.
»Dieses Wesen, das aus dem Wasser gesprungen ist, war also -?«
Aber Harry wusste es, noch ehe Dumbledore antworten konnte;
das Licht des Zauberstabs war über eine neue Stelle im Wasser ge-
glitten und hatte ihm diesmal einen toten Mann gezeigt, der mit
dem Gesicht nach oben wenige Zentimeter unter der Oberfläche
lag; seine offenen Augen waren wie von Spinnweben verschleiert,
sein Haar und sein Umhang wirbelten um ihn herum wie Rauch.
»Dadrin sind Leichen!«, sagte Harry, und seine Stimme klang viel
höher als gewöhnlich und hörte sich sehr fremd an.
»Ja«, sagte Dumbledore gelassen, »aber vorläufig müssen wir uns
deswegen keine Sorgen machen.«
»Vorläufig?«, wiederholte Harry und riss sich vom Anblick des
Wassers los, um Dumbledore anzusehen.
»Nicht solange sie nur friedlich unter uns dahintreiben«, sagte
Dumbledore. »Von einer Leiche ist nichts zu befürchten, Harry,
genauso wenig wie von der Dunkelheit. Lord Voldemort, der ins-
513
geheim natürlich beides fürchtet, ist da anderer Meinung. Aber er
zeigt wieder einmal seinen Mangel an Weisheit. Es ist das Unbe-
kannte, das wir angesichts von Tod und Dunkelheit fürchten, sonst
nichts.«
Harry schwieg; er wollte nicht widersprechen, aber er fand die
Vorstellung, dass Leichen um sie und unter ihnen hertrieben, grau-
enhaft, und mehr noch, er glaubte nicht, dass sie ungefährlich wa-
ren.
»Aber eine von ihnen ist rausgesprungen«, sagte er und versuchte
dabei, einen so ausgeglichenen und ruhigen Ton anzuschlagen wie
Dumbledore. »Als ich den Horkrux aufrufen wollte, ist eine Leiche
aus dem See gesprungen.«
»Ja«, sagte Dumbledore. »Ich bin sicher, dass sie uns, sobald wir
den Horkrux mitnehmen, weniger friedlich begegnen werden. A-
ber, wie viele Kreaturen, die in Kälte und Dunkelheit leben, fürch-
ten sie Licht und Wärme, und die werden wir uns deshalb zu Hilfe
rufen, falls es nötig sein sollte. Feuer, Harry«, fügte Dumbledore
mit einem Lächeln hinzu, als Antwort auf Harrys verwirrte Miene.
»Oh … verstehe …«, sagte Harry rasch. Er wandte den Kopf und
spähte zu dem grünlichen Schein, auf den das Boot immer noch
unaufhaltsam zusteuerte. Jetzt konnte er nicht mehr so tun, als
hätte er keine Angst. Der große schwarze See, der von Toten
wimmelte … es kam ihm vor, als wären viele, viele Stunden ver-
gangen, seit er Professor Trelawney getroffen, seit er Ron und
Hermine den Felix Felicis gegeben hatte … er wünschte plötzlich,
er hätte sich besser von ihnen verabschiedet … und Ginny hatte er
überhaupt nicht gesehen …
»Wir sind gleich da«, sagte Dumbledore munter.
Tatsächlich, das grünliche Licht schien nun endlich größer zu
werden, und nach wenigen Minuten kam das Boot zum Stillstand,
indem es sanft gegen etwas stieß, das Harry zunächst nicht sehen
konnte. Doch als er seinen leuchtenden Zauberstab hob, erkannte
er, dass sie eine kleine Insel aus glattem Fels mitten im See erreicht
hatten.
»Gib Acht, dass du das Wasser nicht berührst«, sagte Dumbledore
erneut, als Harry aus dem Boot kletterte.
514
Die Insel war nicht größer als Dumbledores Büro: eine ebene
dunkle Steinfläche, auf der nichts als die Quelle des grünlichen
Lichtes stand, das viel heller wirkte, wenn man es von nahem er-
blickte. Harry sah es mit zusammengekniffenen Augen an; im ers-
ten Moment hielt er es für eine Art Lampe, doch dann erkannte er,
dass das Licht aus einem steinernen Becken ganz in der Art des
Denkariums kam, das auf einem Sockel stand.
Dumbledore näherte sich dem Becken und Harry folgte ihm. Sei-
te an Seite standen sie da und sahen hinein. Das Becken war mit
einer smaragdgrünen Flüssigkeit gefüllt, von der dieses phosphores-
zierende Leuchten ausging.
»Was ist das?«, fragte Harry leise.
»Ich bin mir nicht sicher«, sagte Dumbledore. »Aber jedenfalls
etwas Beunruhigenderes als Blut und Leichen.«
Dumbledore schob den Ärmel seines Umhangs über seine ge-
schwärzte Hand zurück und streckte die Spitzen seiner ver-
brannten Finger nach der Oberfläche des Zaubertranks aus.
»Sir, nein, nicht berühren -!«
»Ich kann es nicht berühren«, sagte Dumbledore und lächelte
matt. »Siehst du? Ich komme nicht näher heran als bis hier. Ver-
such du es.«
Mit starrem Blick steckte Harry seine Hand in das Becken und
versuchte den Zaubertrank zu berühren. Er traf auf eine unsichtba-
re Blockade, die verhinderte, dass er näher als drei Zentimeter he-
rankam. Wie heftig er auch drückte, seine Finger stießen nur auf
etwas wie feste und unnachgiebige Luft.
»Geh bitte zur Seite, Harry«, sagte Dumbledore.
Er hob seinen Zauberstab und machte komplizierte Bewegungen
über der Oberfläche des Tranks, wobei er stumm die Lippen be-
wegte. Nichts geschah, außer dass der Zaubertrank vielleicht ein
wenig heller leuchtete. Harry schwieg, während Dumbledore be-
schäftigt war, doch nach einer Weile zog Dumbledore seinen Zau-
berstab zurück und Harry hatte den Eindruck, dass er getrost wie-
der etwas sagen konnte.
»Glauben Sie, dass der Horkrux dadrin ist, Sir?«
»O ja.« Dumbledore schaute noch genauer in das Becken. Harry
515
sah sein Gesicht kopfüber in der glatten Oberfläche des grünen
Tranks gespiegelt. »Aber wie kommen wir an ihn heran? Dieser
Zaubertrank kann nicht von Hand durchdrungen werden, zum
Verschwinden gebracht, geteilt, leer geschöpft oder abgesaugt wer-
den, und auch nicht verwandelt, verzaubert oder auf irgendeine
andere Art dazu gebracht werden, seine Beschaffenheit zu ändern.«
Beinahe geistesabwesend hob Dumbledore erneut seinen Zauber-
stab, ließ ihn einmal durch die Luft wirbeln und fing den Kristall-
kelch auf, den er aus dem Nichts heraufbeschworen hatte.
»Ich kann nur zu dem Schluss kommen, dass dieser Zaubertrank
getrunken werden soll.«
»Was?«, sagte Harry. »Nein!«
»Doch, ich denke schon: Nur indem ich ihn trinke, kann ich das
Becken leeren und sehen, was auf seinem Grund liegt.«
»Aber wenn - wenn er Sie tötet?«
»Oh, ich bezweifle, dass dies seine Wirkung ist«, sagte Dumbledo-
re leichthin. »Lord Voldemort würde die Person, die diese Insel
erreicht, nicht töten wollen.«
Harry war fassungslos. War dies ein neues Beispiel für Dumble-
dores verrückte Entschlossenheit, in jedem nur das Gute zu sehen?
»Sir«, sagte Harry und versuchte seine Stimme überzeugend klin-
gen zu lassen, »Sir, es geht hier um
Voldemort -«
»Verzeihung, Harry, ich hätte besser sagen sollen, er würde die
Person, die diese Insel erreicht, nicht
sofort töten wollen«, korri-
gierte sich Dumbledore. »Er würde sie lange genug am Leben las-
sen, um herauszufinden, wie sie es geschafft hat, so weit durch sei-
ne Abwehrzauber zu dringen, und vor allem, warum sie so erpicht
darauf war, das Becken zu leeren. Vergiss nicht, dass Lord Volde-
mort glaubt, nur er allein wisse von seinen Horkruxen.«
Harry wollte wieder etwas sagen, aber diesmal hob Dumbledore
seine Hand, um ihm Schweigen zu gebieten. Er sah mit einem
leichten Stirnrunzeln auf die smaragdgrüne Flüssigkeit und dachte
offenbar scharf nach.
»Es gibt keinen Zweifel«, sagte er schließlich, »dass dieser Zau-
bertrank auf eine Art wirken muss, die mich daran hindert, den
Horkrux wegzunehmen. Er könnte mich lähmen, mich vergessen
516
machen, wozu ich eigentlich hier bin, mir so viel Schmerzen berei-
ten, dass ich abgelenkt werde, oder mich auf irgendeine andere
Weise handlungsunfähig machen. Sollte dies der Fall sein, Harry,
ist es deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ich weitertrinke, selbst
wenn du den Trank in meinen aufbegehrenden Mund leeren musst.
Hast du verstanden?«
Ihre Blicke trafen sich über dem Becken; beide blassen Gesichter
waren von jenem seltsamen grünen Licht erhellt. Harry sagte
nichts. War das der Grund, weshalb er hatte mitkommen dürfen -
damit er Dumbledore mit Gewalt einen Zaubertrank einflößen
konnte, der ihm vielleicht unerträgliche Schmerzen bereitete?
»Du erinnerst dich«, sagte Dumbledore, »an die Bedingung, unter
der ich dich mitgenommen habe?«
Harry zögerte und blickte in die blauen Augen, die das Licht des
Beckens grün widerspiegelten.
»Aber was, wenn -?«
»Du hast geschworen, jeden Befehl zu befolgen, den ich dir ertei-
len würde, richtig?«
»Ja, aber -«
»Ich habe dich gewarnt, dass es gefährlich werden könnte, rich-
tig?«
»Ja«, sagte Harry, »aber -«
»Nun, dann«, sagte Dumbledore, schüttelte erneut seine Ärmel
zurück und hob den leeren Kelch, »ist dies mein Befehl.«
»Warum kann nicht ich an Ihrer Stelle den Zaubertrank trin-
ken?«, fragte Harry verzweifelt.
»Weil ich viel älter, viel klüger und viel weniger wert bin«, sagte
Dumbledore. »Ein für alle Mal, Harry, habe ich dein Wort, dass du
alles in deiner Macht Stehende tun wirst, damit ich weitertrinke?«
»Könnte nicht -?«
»Habe ich es?«
»Aber -«
»Dein Wort, Harry.«
»Ich - also gut, aber -«
Ehe Harry weiter protestieren konnte, ließ Dumbledore den Kris-
tallkelch in das Becken sinken. Für den Bruchteil einer Sekunde
517
hoffte Harry, dass Dumbledore nicht in der Lage wäre, den Zauber-
trank mit dem Kelch zu berühren, doch das Kristall tauchte in die
Oberfläche, wie nichts sonst es getan hatte; als das Glas randvoll
war, hob Dumbledore es an den Mund.
»Auf dein Wohl, Harry.«
Und er leerte den Kelch. Harry sah entsetzt zu, die Hände so fest
an den Beckenrand geklammert, dass seine Fingerspitzen taub wa-
ren.
»Professor?«, sagte er beklommen, als Dumbledore das leere Glas
sinken ließ. »Wie geht es Ihnen?«
Dumbledore schüttelte mit geschlossenen Augen den Kopf. Harry
fragte sich, ob er Schmerzen hatte. Blindlings tauchte Dumbledore
das Glas wieder ins Becken, füllte es auf und trank noch einmal.
Stumm leerte er drei Kelche mit dem Zaubertrank. Dann, mitten
im vierten Kelch, geriet er ins Wanken und stürzte vornüber gegen
das Becken. Seine Augen waren noch immer geschlossen und er
atmete schwer.
»Professor Dumbledore?«, sagte Harry mit angespannter Stimme.
»Können Sie mich hören?«
Dumbledore antwortete nicht. Sein Gesicht zuckte, als würde er
tief schlafen, aber einen furchtbaren Traum träumen. Sein Griff um
den Kelch lockerte sich; gleich würde der Zaubertrank verschüttet
werden. Harry streckte die Hand aus, packte den Kristallkelch und
hielt ihn fest.
»Professor, können Sie mich hören?«, wiederholte er laut, und
seine Stimme hallte durch die Höhle.
Dumbledore keuchte und sprach dann mit einer Stimme, die Har-
ry nicht erkannte, denn er hatte Dumbledore noch nie so angster-
füllt sprechen hören.
»Ich will nicht … zwing mich nicht …«
Harry starrte in das erbleichte Gesicht, das er so gut kannte, auf
die Hakennase und die Halbmondbrille, und wusste nicht, was er
tun sollte.
»… möchte nicht … will aufhören …«, stöhnte Dumbledore.
»Sie … Sie können nicht aufhören, Professor«, sagte Harry. »Sie
müssen weitertrinken, erinnern Sie sich? Sie haben mir gesagt, dass
518
Sie weitertrinken müssen. Hier …«
Er hasste sich und es widerte ihn an, was er tat, aber Harry führte
den Kelch an Dumbledores Mund zurück und neigte ihn, so dass
Dumbledore den restlichen Zaubertrank darin schluckte.
»Nein …«, stöhnte er, als Harry den Kelch wieder in das Becken
tauchte und für ihn füllte. »Ich will nicht … ich will nicht … lass
mich los …«
»Es ist schon gut, Professor«, sagte Harry, und seine Hand zitterte.
»Es ist schon gut, ich bin da -«
»Lass es aufhören, lass es aufhören«, stöhnte Dumbledore.
»Ja … ja, das hier noch, dann hört es auf«, log Harry. Er kippte
den Inhalt des Kelches in Dumbledores offenen Mund.
Dumbledore schrie; der Schrei hallte durch die riesige Höhle, ü-
ber das tote schwarze Wasser.
»Nein, nein, nein … nein … ich kann nicht … ich kann nicht,
zwing mich nicht, ich will nicht …«
»Es ist schon gut, Professor, es ist schon gut!«, sagte Harry laut,
und seine Hände zitterten jetzt so schlimm, dass er kaum den
sechsten Kelch mit Zaubertrank füllen konnte; das Becken war
jetzt halb leer. »Es passiert Ihnen nichts, Sie sind in Sicherheit, das
hier ist nicht wirklich, ich schwöre, es ist nicht wirklich - nehmen
Sie jetzt den, nehmen Sie …«
Und Dumbledore trank gehorsam, als würde Harry ihm einen
Heiltrank anbieten, doch als er den Kelch geleert hatte, sank er
haltlos zitternd auf die Knie.
»Es ist alles meine Schuld, alles meine Schuld«, schluchzte er,
»bitte lass es aufhören, ich weiß, dass ich Falsches getan habe, oh,
bitte lass es aufhören und ich werde nie, nie mehr …«
»Das hier noch, dann hört es auf, Professor«, sagte Harry, und
seine Stimme brach, als er das siebte Glas Zaubertrank in Dumble-
dores Mund kippte.
Dumbledore kauerte sich nun zusammen, als würden unsichtbare
Folterer ihn umzingeln; er fuchtelte wild mit der Hand und schlug
Harry beinah den gefüllten Kelch aus den zitternden Händen, da-
bei stöhnte er: »Tu ihnen nicht weh, tu ihnen nicht weh, bitte,
bitte, es ist meine Schuld, tu doch mir weh …«
519
»Hier, trinken Sie das, trinken Sie das, dann wird es Ihnen gut
gehen«, sagte Harry verzweifelt, und abermals gehorchte ihm
Dumbledore und öffnete den Mund, während er die Augen fest
geschlossen hielt und es ihn am ganzen Körper schüttelte.
Und nun fiel er vornüber, schrie erneut auf, hämmerte mit den
Fäusten auf den Boden, während Harry den neunten Kelch füllte.
»Bitte, bitte, bitte, nein … nicht das, nicht das, ich tu alles …«
»Trinken Sie nur, Professor, trinken Sie nur …«
Dumbledore trank wie ein verdurstendes Kind, doch als er fertig
war, schrie er wieder, als würden seine Eingeweide brennen.
»Nichts mehr, bitte, nichts mehr …«
Harry schöpfte einen zehnten Kelch mit dem Zaubertrank voll
und spürte, wie das Kristall über den Beckenboden schürfte.
»Wir haben es fast geschafft, Professor, trinken Sie das, trinken
Sie …«
Er hielt Dumbledore an den Schultern und Dumbledore leerte
erneut das Glas; Harry war wieder auf den Beinen und füllte den
Kelch, als Dumbledore qualvoller denn je zu schreien begann: »Ich
will sterben! Ich will sterben! Lass es aufhören, lass es aufhören, ich
will sterben!«
»Trinken Sie das, Professor, trinken Sie …«
Dumbledore trank, und kaum hatte er den Kelch geleert, brüllte
er: »TÖTE MICH!«
»Mit diesem - mit diesem hier!«, keuchte Harry. »Trinken Sie nur
… dann ist es vorbei … endgültig vorbei!«
Dumbledore nahm hastige Schlucke aus dem Kelch, leerte ihn bis
auf den letzten Tropfen, und dann wälzte er sich mit einem schwe-
ren, rasselnden Keuchen herum und blieb auf dem Gesicht liegen.
»Nein!«, schrie Harry, der aufgestanden war, um den Kelch er-
neut zu füllen; er ließ ihn stattdessen ins Becken fallen, warf sich
neben Dumbledore zu Boden und stemmte ihn auf den Rücken;
Dumbledores Brille saß schief, sein Mund stand offen, seine Augen
waren geschlossen. »Nein«, sagte Harry und schüttelte Dumbledore,
»nein, Sie sind nicht tot, Sie sagten, es sei kein Gift, aufwachen,
aufwachen -
Rennervate!«, rief er, den Zauberstab auf Dumbledores
Brust gerichtet; ein roter Blitz leuchtete auf, doch nichts geschah.
520
»Rennervate - Sir - bitte -«
Dumbledores Augenlider zuckten; Harry fasste Mut.
»Sir, sind Sie -?«
»Wasser«, krächzte Dumbledore.
»Wasser«, keuchte Harry, »- ja -«
Er sprang auf und packte den Kelch, den er in das Becken hatte
fallen lassen; von dem goldenen Medaillon, das mit eingerollter
Kette darunterlag, nahm er kaum Notiz.
»Aguamenti!«, rief er und stieß mit seinem Zauberstab gegen den
Kelch.
Der Kelch füllte sich mit klarem Wasser; Harry sank neben
Dumbledore auf die Knie, hob seinen Kopf und hielt ihm das Glas
an die Lippen - doch es war leer. Dumbledore stöhnte und begann
zu keuchen.
»Aber ich hatte doch - warten Sie -
Aguamenti!«, wiederholte
Harry und richtete seinen Zauberstab auf den Kelch. Wieder glit-
zerte eine Sekunde lang klares Wasser darin, doch als er es an
Dumbledores Mund führte, verschwand das Wasser abermals.
»Sir, ich versuche es ja, ich versuche es!«, sagte Harry verzweifelt,
aber er glaubte nicht, dass Dumbledore ihn hören konnte; er hatte
sich auf die Seite gerollt und atmete mit schweren, rasselnden Zü-
gen, die schmerzhaft klangen.
»Aguamenti - Aguamenti -
AGUAMENTI!«
Der Kelch füllte und leerte sich noch einmal. Und nun wurde
Dumbledores Atem schwächer. Während Harry panische Gedan-
ken durch den Kopf wirbelten, erkannte er instinktiv die einzig
verbliebene Möglichkeit, Wasser zu beschaffen, denn Voldemort
hatte es so geplant …
Er warf sich über den Felsrand, tauchte den Kelch in den See und
holte ihn wieder hoch, bis oben hin voll mit eisigem Wasser, das
nicht verschwand.
»Hier - Sir!«, schrie Harry, stürzte vorwärts und kippte das Was-
ser ungeschickt über Dumbledores Gesicht.
Mehr brachte er nicht fertig, denn das eisige Gefühl an seinem
anderen Arm, der nicht den Kelch hielt, rührte nicht von der
nachklingenden Kälte des Wassers her. Eine schleimige weiße
521
Hand hatte ihn am Handgelenk gepackt, und die Kreatur, zu der sie
gehörte, zog ihn langsam über den Fels zurück. Die Oberfläche des
Sees war nicht mehr spiegelglatt; sie war aufgewühlt, und wo Harry
auch hinsah, tauchten weiße Köpfe und Hände aus dem dunklen
Wasser auf, Männer und Frauen und Kinder mit tief liegenden,
blinden Augen bewegten sich auf den Fels zu: eine Armee von To-
ten, die dem schwarzen Wasser entstieg.
»Petrificus Totalus!«, schrie Harry und suchte verzweifelt nach
Halt auf dem glatten, nassen Fels der Insel, während er seinen Zau-
berstab auf den Inferius richtete, der seinen Arm gepackt hatte: Der
Inferius ließ ihn los und stürzte klatschend rücklings ins Wasser.
Harry rappelte sich hoch; doch viele weitere Inferi kletterten be-
reits auf den Felsen, klammerten sich mit ihren knochigen Händen
an seine glitschige Oberfläche, richteten ihre leeren, milchigen
Augen auf Harry, zogen triefende Lumpen hinter sich her und
grinsten ihn aus ihren eingefallenen Gesichtern heimtückisch an.
»Petrificus Totalus!«, brüllte Harry von neuem und wich zurück,
während er seinen Zauberstab durch die Luft schwang; sechs oder
sieben von ihnen brachen zusammen, doch es kamen weitere auf
ihn zu.
»Impedimenta! Incarcerus!«
Manche von ihnen stolperten, ein oder zwei waren mit Seilen ge-
fesselt, aber jene, die hinter ihnen auf den Fels kletterten, stiegen
einfach über die gestürzten Leichen oder traten auf sie. Harry
peitschte immer noch mit dem Zauberstab durch die Luft und
schrie:
»Sectumsempra! SECTUMSEMPRA!«
Doch obwohl tiefe Risse in ihren durchweichten Lumpen und auf
ihrer eiskalten Haut sichtbar wurden, gab es kein Blut, das sie ver-
gießen konnten: Sie gingen weiter, empfindungslos, die runzligen
Hände nach ihm ausgestreckt, und als er noch weiter zurückwich,
spürte er, wie Arme ihn von hinten umschlangen, dünne, fleischlo-
se Arme, kalt wie der Tod, und er verlor den Boden unter den Fü-
ßen, als sie ihn hochhoben und ihn langsam und unerbittlich in
Richtung Wasser zurücktrugen, und er wusste, es würde kein Ent-
kommen geben, er würde ertränkt und ein weiterer toter Wächter
eines Teils von Voldemorts zerbrochener Seele werden …
Doch dann loderte Feuer durch die Dunkelheit: karminrot und
522
golden, ein Ring aus Feuer, der den Fels umschloss, so dass die Infe-
ri, die Harry so fest hielten, stolperten und zauderten; sie wagten es
nicht, durch die Flammen zu gehen, um zum Wasser zu gelangen.
Sie ließen Harry fallen; er schlug auf, rutschte auf dem Fels aus, fiel
hin und schürfte sich die Arme auf, kämpfte sich aber wieder hoch,
hob seinen Zauberstab und starrte umher.
Dumbledore war wieder auf den Beinen, bleich wie all die Inferi
ringsherum, doch auch größer als sie alle, und das Feuer tanzte in
seinen Augen; er hatte seinen Zauberstab wie eine Fackel erhoben
und aus dessen Spitze brachen die Flammen hervor wie ein riesiges
Lasso und hüllten sie alle in Wärme.
Die Inferi rannten gegeneinander und versuchten blindlings, dem
Feuer zu entkommen, in dem sie eingeschlossen waren …
Dumbledore nahm das Medaillon vom Boden des Steinbeckens
und steckte es in seinen Umhang. Mit einer stummen Geste gebot
er Harry, an seine Seite zu kommen. Abgelenkt von den Flammen,
schienen die Inferi nicht zu bemerken, dass ihre Beute im Begriff
war zu fliehen, während Dumbledore Harry zurück zum Boot führ-
te und der Feuerring um sie herum sich mit ihnen bewegte. Die
verwirrten Inferi begleiteten sie bis zum Felsrand, wo sie dankbar
in ihr schwarzes Wasser zurückglitten.
Harry, der am ganzen Körper zitterte, fürchtete einen Moment,
Dumbledore würde nicht fähig sein, in das Boot zu klettern; er
schwankte leicht, als er es versuchte; all seine Kräfte schienen dar-
auf gerichtet, den schützenden Flammenring um sie herum zu er-
halten. Harry stützte ihn und half ihm zurück auf seinen Platz.
Sobald beide wieder eng zusammengedrängt und sicher im Boot
waren, setzte es sich in Bewegung, von dem Felsen weg und zurück
über das schwarze Wasser, noch immer umgeben von dem Feuer-
ring, und es schien, als würden die Inferi, die unter ihnen umher-
schwärmten, es nicht wagen, wieder aufzutauchen.
»Sir«, keuchte Harry, »Sir, ich habe - das mit dem Feuer -
vergessen - sie kamen auf mich zu und ich geriet in Panik -«
»Völlig verständlich«, murmelte Dumbledore. Harry war besorgt,
weil seine Stimme so schwach klang.
Mit einem leichten Stoß gelangten sie ans Ufer. Harry sprang
523
hinaus und drehte sich rasch herum, um Dumbledore zu helfen.
Kaum hatte Dumbledore das Ufer erreicht, ließ er seine Hand mit
dem Zauberstab sinken; der Feuerring verschwand, aber die Inferi
kamen nicht noch einmal aus dem Wasser. Das kleine Boot sank
wieder ins Wasser; klirrend und rasselnd glitt auch seine Kette in
den See zurück. Dumbledore seufzte schwer und lehnte sich an die
Wand der Felsenhalle.
»Ich bin schwach …«, sagte er.
»Keine Sorge, Sir«, sagte Harry sofort, beunruhigt, wie furchtbar
blass und offensichtlich erschöpft Dumbledore war. »Machen Sie
sich keine Sorgen, ich bring uns zurück … stützen Sie sich auf
mich, Sir …«
Und Harry legte sich Dumbledores unverletzten Arm über die
Schulter und führte seinen Schulleiter um den See herum zurück,
wobei fast sein gesamtes Gewicht auf ihm lastete.
»Alles in allem … war der Schutz … gut ausgedacht«, sagte
Dumbledore mit schwacher Stimme. »Einer allein hätte es nicht
geschafft … du hast dich sehr gut geschlagen, Harry, sehr gut …«
»Sprechen Sie jetzt nicht«, sagte Harry, entsetzt, wie undeutlich
Dumbledores Stimme geworden war, wie sehr er die Füße schlur-
fen ließ, »schonen Sie Ihre Kräfte, Sir … wir sind bald draußen …«
»Der Bogen wird sich wieder verschlossen haben … mein Messer
…«
»Nicht nötig, ich hab mich am Fels geschnitten«, sagte Harry be-
stimmt, »sagen Sie mir einfach, wo …«
»Hier …«
Harry wischte mit dem aufgeschürften Unterarm über den Stein:
Nachdem der Bogen seinen Blutzoll erhalten hatte, öffnete er sich
augenblicklich. Sie durchquerten die äußere Höhle und Harry half
Dumbledore zurück in das eisige Meerwasser, das die Spalte in der
Klippe füllte.
»Es wird alles gut werden, Sir«, sagte Harry immer und immer
wieder und war besorgter über Dumbledores Schweigen, als er es
über seine geschwächte Stimme gewesen war. »Wir sind fast da …
ich kann uns beide zurückapparieren … keine Sorge …«
»Ich mache mir keine Sorgen, Harry«, sagte Dumbledore, trotz
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des eisigen Wassers nun mit etwas kräftigerer Stimme. »Du bist ja
bei mir.«
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Der vom Blitz getroffene Turm
Sobald sie wieder unter dem Sternenhimmel waren, wuchtete Har-
ry Dumbledore auf den nächsten Felsblock und dann auf die Beine.
Durchnässt und zitternd, und noch immer unter der Last von
Dumbledores Gewicht, konzentrierte Harry sich stärker, als er es je
getan hatte, auf sein Ziel: Hogsmeade. Er schloss die Augen, packte
Dumbledores Arm, so fest er konnte, machte einen Schritt vorwärts
und empfand wieder dieses furchtbare Gefühl, zusammengepresst
zu werden.
Noch ehe er die Augen aufschlug, wusste er, dass es ihm gelungen
war: Der Salzgeruch, die Meeresbrise waren verschwunden. Er und
Dumbledore standen zitternd und triefend mitten auf der dunklen
Hauptstraße von Hogsmeade. Einen schrecklichen Moment lang
tauchten in Harrys Phantasie weitere Inferi auf, die um die Läden
herum auf ihn zukrochen, aber dann blinzelte er und sah, dass sich
nichts regte; alles war still, es herrschte völlige Dunkelheit, die nur
ein paar Straßenlaternen und erleuchtete Fenster in den oberen
Stockwerken durchbrachen.
»Wir haben es geschafft, Professor!«, flüsterte Harry mühsam; er
merkte plötzlich, dass er einen stechenden Schmerz in der Brust
hatte. »Wir haben es geschafft! Wir haben den Horkrux!«
Dumbledore taumelte gegen ihn. Im ersten Moment dachte Har-
ry, sein unerfahrenes Apparieren hätte Dumbledore aus dem
Gleichgewicht gebracht; dann sah er sein Gesicht, so fahl und
klamm wie nie zuvor, im Licht einer fernen Straßenlaterne.
»Alles in Ordnung mit Ihnen, Sir?«
»Es ging mir schon besser«, sagte Dumbledore matt, allerdings mit
zuckenden Mundwinkeln. »Dieser Zaubertrank … das war kein
Heiltrank …«
Und zu Harrys Entsetzen sank Dumbledore zu Boden.
»Sir - es ist schon gut, Sir, Sie werden wieder gesund, keine Sorge
-«
Verzweifelt blickte er sich nach Hilfe um, doch niemand war zu
sehen, und er konnte an nichts anderes denken, als dass er
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Dumbledore schnellstmöglich in den Krankenflügel schaffen muss-
te.
»Wir müssen Sie hoch zur Schule bringen, Sir … Madam
Pomfrey …«
»Nein«, sagte Dumbledore. »Es ist … Professor Snape, den ich
brauche … aber ich glaube nicht … ich bin immer noch gut zu Fuß
…«
» Gut - hören Sie, Sir - ich klopf an eine Tür und such einen
Platz, wo Sie bleiben können - dann kann ich losrennen und Ma-
dam -«
»Severus«, sagte Dumbledore deutlich. »Ich brauche Severus …«
»Also gut, dann Snape - aber ich muss Sie einen Moment allein
lassen, damit ich -«
Doch ehe Harry etwas tun konnte, hörte er hastige Schritte. Sein
Herz schlug höher: Jemand hatte sie gesehen, jemand wusste, dass
sie Hilfe brauchten - und als er sich umschaute, sah er Madam
Rosmerta die dunkle Straße entlang auf sie zutrippeln, auf hochha-
ckigen, puscheligen Pantoletten und in einem seidenen Morgen-
rock, der mit Drachen bestickt war.
»Ich ziehe gerade im Schlafzimmer die Vorhänge zu, da sehe ich
Sie apparieren! Dem Himmel sei Dank, dem Himmel sei Dank, ich
wusste nicht, was - aber was ist mit Albus los?«
Sie blieb keuchend stehen und starrte mit weit aufgerissenen Au-
gen auf Dumbledore.
»Er ist verletzt«, sagte Harry. »Madam Rosmerta, kann er in dieDrei Besen kommen, während ich zur Schule hochgehe und Hilfe
für ihn hole?«
»Sie können da nicht allein hochgehen! Wissen Sie nicht -haben
Sie nicht gesehen -?«
»Wenn Sie mir helfen, ihn zu stützen«, sagte Harry, ohne ihr zu-
zuhören, »können wir ihn reinbringen, denke ich -«
»Was ist passiert?«, fragte Dumbledore. »Rosmerta, was ist los?«
»Das - das Dunkle Mal, Albus.«
Und sie deutete zum Himmel über Hogwarts. Ein Grauen überlief
Harry bei diesen Worten … Er wandte sich um und sah hoch.
Dort schwebte er, am Himmel über der Schule: der leuchtende
527
grüne Totenkopf mit der Schlangenzunge, das Zeichen, das die
Todesser hinterließen, wann immer sie in ein Gebäude eingedrun-
gen waren … wo immer sie gemordet hatten …
»Wann ist es aufgetaucht?«, fragte Dumbledore, und seine Hand
krallte sich schmerzhaft in Harrys Schulter, während er mühsam
aufstand.
»Muss vor ein paar Minuten gewesen sein, es war nicht da, als ich
die Katze rausließ, aber als ich nach oben ging -«
»Wir müssen sofort zum Schloss zurück«, sagte Dumbledore.
»Rosmerta«, und obwohl er leicht wankte, schien er die Lage völlig
im Griff zu haben, »wir brauchen ein Transportmittel - Besen -«
»Ich habe zwei hinter der Bar«, sagte sie und sah sehr verängstigt
aus. »Soll ich sie schnell holen gehen -?«
»Nein, Harry kann das erledigen.«
Harry hob sofort seinen Zauberstab.
»Accio Rosmertas Besen.«
Eine Sekunde später hörten sie die Tür des Pubs laut krachend
aufschlagen; zwei Besen schossen heraus und jagten einander die
Straße entlang bis an Harrys Seite, wo sie schlagartig und leicht
zitternd auf Hüfthöhe anhielten.
»Rosmerta, bitte schicken Sie eine Nachricht ins Ministerium«,
sagte Dumbledore und bestieg den Besen neben ihm. »Es könnte
sein, dass in Hogwarts noch niemand bemerkt hat, dass etwas nicht
stimmt … Harry, zieh dir deinen Tarnumhang über.«
Harry zog den Tarnumhang aus seiner Tasche und warf ihn sich
über, ehe er auf seinen Besen stieg; Madam Rosmerta wackelte
schon wieder zurück zu ihrem Pub, als Harry und Dumbledore sich
vom Boden abstießen und in die Luft stiegen. Während sie auf das
Schloss zurasten, spähte Harry seitwärts zu Dumbledore hinüber,
bereit, ihn festzuhalten, falls er stürzen sollte, doch der Anblick des
Dunklen Mals schien fast stimulierend auf Dumbledore gewirkt zu
haben: Er saß tief nach vorne gebeugt auf seinem Besen, die Augen
auf das Mal geheftet, und sein langes Silberhaar und der Bart weh-
ten in der Nachtluft. Auch Harry blickte voraus auf den Totenkopf,
und die Furcht schwoll wie eine giftige Blase in ihm an, drückte
ihm gegen die Lungen und vertrieb alle anderen Sorgen aus seinem
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Kopf …
Wie lange waren sie fort gewesen? War Rons, Hermines und
Ginnys Glück inzwischen zur Neige gegangen? War jemand von
ihnen die Ursache dafür, dass das Mal über der Schule heraufbe-
schworen worden war, oder war es Neville oder Luna oder ein an-
deres Mitglied der DA? Und wenn es so war … er selbst war es
doch gewesen, der ihnen gesagt hatte, sie sollten durch die Korri-
dore patrouillieren, er selbst hatte sie aufgefordert, ihre sicheren
Betten zu verlassen … würde er erneut für den Tod eines Freundes
verantwortlich sein?
Als sie über dem dunklen, gewundenen Weg dahinflogen, den sie
am Abend hinuntergegangen waren, hörte Harry durch das Pfeifen
der Nachtluft in seinen Ohren, wie Dumbledore wieder in einer
fremdartigen Sprache vor sich hin murmelte. Harry meinte zu wis-
sen, warum, als er spürte, wie sein Besen kurz bebte, während sie
über die Grenzmauer ins Schlossgelände flogen: Dumbledore hob
die Bänne auf, die er selbst rund um das Schloss gelegt hatte, damit
sie schnell hineinkamen. Das Dunkle Mal strahlte direkt über dem
Astronomieturm, dem höchsten des Schlosses. Bedeutete das, es
war dort zu dem Tod gekommen?
Dumbledore war bereits über die Zinnen auf den Turm geflogen
und stieg ab; Sekunden später landete Harry neben ihm und sah
sich um.
Niemand war hier oben. Die Tür zur Wendeltreppe, die ins
Schloss hinunterführte, war geschlossen. Es gab keine Spur eines
Kampfes, einer Auseinandersetzung auf Leben und Tod, einer Lei-
che.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Harry Dumbledore und blick-
te zu dem grünen Totenkopf mit der Schlangenzunge hoch, der
bösartig über ihnen funkelte. »Ist es das echte Mal? Wurde wirklich
jemand - Professor?«
In dem schwachen grünen Schein des Mals sah Harry, wie
Dumbledore sich mit seiner geschwärzten Hand an die Brust griff.
»Geh und weck Severus«, sagte Dumbledore kraftlos, aber deut-
lich. »Berichte ihm, was geschehen ist, und bring ihn zu mir. Tu
nichts anderes, sprich mit niemand sonst und nimm deinen Tarn-
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umhang nicht ab. Ich warte hier.«
»Aber -«
»Du hast geschworen, mir zu gehorchen, Harry - geh!«
Harry eilte hinüber zur Tür, die zur Wendeltreppe führte, doch
kaum hatte sich seine Hand um den eisernen Türring geschlossen,
hörte er auf der anderen Seite eilige Schritte. Er wandte sich zu
Dumbledore um, der ihm mit einer Geste bedeutete, von der Tür
wegzugehen. Harry wich zurück und zog seinen Zauberstab.
Die Tür sprang auf und jemand stürzte heraus und schrie:
»Expel-
liarmus!«
Harrys Körper wurde sofort steif und unbeweglich, er spürte, wie
er rücklings gegen die Brustwehr fiel, und dann lehnte er dort wie
eine wackelige Statue, unfähig, sich zu bewegen oder zu sprechen.
Er konnte nicht begreifen, wie das passiert war -
Expelliarmus war
kein Erstarrungszauber -
Dann, im Licht des Mals, sah er Dumbledores Zauberstab in ho-
hem Bogen über die Brustwehr fliegen und begriff … Dumbledore
hatte Harry ohne ein Wort gelähmt, und die Sekunde, die er ge-
braucht hatte, um den Zauber auszuführen, hatte ihn um die Mög-
lichkeit gebracht, sich selbst zu verteidigen.
Dumbledore, der ganz weiß im Gesicht mit dem Rücken zur
Brustwehr stand, zeigte nach wie vor keine Spur von Panik oder
Beklommenheit. Er blickte den, der ihn entwaffnet hatte, nur an
und sagte: »Guten Abend, Draco.«
Malfoy trat vor, sah sich rasch um und vergewisserte sich, ob er
und Dumbledore tatsächlich allein waren. Sein Blick fiel auf den
zweiten Besen.
»Wer ist noch hier?«
»Eine Frage, die ich Ihnen stellen könnte. Oder handeln Sie auf
eigene Faust?«
Harry sah im grünlichen Schein des Mals, wie Malfoys blasse Au-
gen zu Dumbledore zurückwanderten.
»Nein«, sagte er. »Ich habe Unterstützung. Es sind heute Abend
Todesser in Ihrer Schule.«
»Schön, schön«, sagte Dumbledore, als würde Malfoy ihm einen
ehrgeizigen Hausaufgabenentwurf zeigen. »Wirklich sehr gut. Sie
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haben also einen Weg gefunden, sie hereinzulassen?«
»Jaah«, sagte Malfoy, der nun keuchte. »Direkt vor Ihrer Nase,
und Sie haben es überhaupt nicht bemerkt!«
»Raffiniert«, sagte Dumbledore. »Aber … verzeihen Sie mir … wo
sind sie jetzt? Sie scheinen auf sich gestellt zu sein.«
»Sie sind auf ein paar von Ihren Wachen gestoßen. Sie kämpfen
unten. Sie werden gleich kommen … ich bin vorausgegangen. Ich -
ich habe eine Aufgabe zu erledigen.«
»Nun, dann müssen Sie loslegen und es tun, mein Lieber«, sagte
Dumbledore leise.
Stille trat ein. Harry, der gefangen in seinem unsichtbaren ge-
lähmten Körper dastand, starrte die beiden an und lauschte ange-
strengt auf Geräusche vom fernen Kampf der Todesser, und Draco
Malfoy vor ihm tat nichts, als Albus Dumbledore anzustarren, der
unglaublicherweise lächelte.
»Draco, Draco, Sie sind kein Mörder.«
»Woher wollen Sie das wissen?«, erwiderte Malfoy sofort.
Er schien zu merken, wie kindisch seine Worte geklungen hat-
ten; Harry sah ihn im grünlichen Licht des Mals erröten.
»Sie wissen nicht, wozu ich fähig bin«, sagte Malfoy nun mit grö-
ßerem Nachdruck, »Sie wissen nicht, was ich getan habe!«
»O doch, das weiß ich«, sagte Dumbledore milde. »Sie hätten um
ein Haar Katie Bell und Ronald Weasley getötet. Sie haben mit
zunehmender Verzweiflung das ganze Jahr über versucht, mich zu
töten. Verzeihen Sie mir, Draco, aber das waren schwache Versu-
che … um ehrlich zu sein, so schwach, dass ich mich frage, ob Sie
wirklich mit ganzem Herzen dabei waren …«
»Das war ich!«, sagte Malfoy heftig. »Ich habe das ganze Jahr dar-
an gearbeitet, und heute Nacht -«
Von irgendwo tief unten im Schloss hörte Harry einen erstickten
Schrei. Malfoy erstarrte und warf einen Blick über seine Schulter.
»Da liefert sich jemand einen heftigen Kampf«, sagte Dumbledore
beiläufig. »Aber Sie meinten gerade … ja, es ist Ihnen gelungen,
Todesser in meine Schule hineinzubringen, was ich, zugegebener-
maßen, für unmöglich hielt … wie haben Sie das gemacht?«
Aber Malfoy sagte nichts: Er horchte noch auf das Geschehen un-
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ten und schien fast so gelähmt wie Harry.
»Vielleicht sollten Sie die Aufgabe alleine erledigen«, schlug
Dumbledore vor. »Was, wenn Ihre Unterstützung an meinen Wa-
chen gescheitert ist? Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, sind heute
Nacht auch Mitglieder des Phönixordens hier. Und im Grunde
brauchen Sie doch keine Hilfe … ich habe im Moment keinen
Zauberstab … ich kann mich nicht verteidigen.«
Malfoy starrte ihn nur an.
»Ich verstehe«, sagte Dumbledore freundlich, als Malfoy sich we-
der bewegte noch sprach. »Sie haben Angst, etwas zu tun, bevor sie
bei Ihnen sind.«
»Ich habe keine Angst!«, knurrte Malfoy wütend, machte jedoch
immer noch keine Anstalten, Dumbledore anzugreifen. »Sie sind
der, der Angst haben sollte!«
»Aber warum denn? Ich glaube nicht, dass Sie mich töten wer-
den, Draco. Töten ist nicht annähernd so einfach, wie naive Men-
schen glauben … Also sagen Sie mir doch, während wir auf Ihre
Freunde warten … wie haben Sie die hier hereingeschmuggelt? Es
hat Sie offenbar viel Zeit gekostet, herauszufinden, wie Sie es schaf-
fen können.«
Malfoy sah aus, als würde er gerade den Drang unterdrücken los-
zuschreien oder sich zu übergeben. Er schluckte, holte einige Male
tief Luft, richtete seinen Zauberstab direkt auf Dumbledores Herz
und starrte ihn wütend an. Dann sagte er, als könnte er nicht an
sich halten: »Ich musste das kaputte Verschwindekabinett reparie-
ren, das seit Jahren keiner mehr benutzt hat. Das, in dem Montague
letztes Jahr verloren gegangen ist.«
»Aaaah.«
Dumbledores Seufzer war eher ein Stöhnen. Er schloss für einen
Moment die Augen.
»Das war schlau … es gibt ein zweites, nehme ich an?«
»Das Gegenstück ist bei
Borgin und Burkes«, sagte Malfoy, »und
zwischen den beiden gibt es eine Art Durchgang. Montague hat mir
erzählt, als er in dem von Hogwarts steckte, sei er irgendwo im
Ungewissen gefangen gewesen, aber manchmal habe er hören kön-
nen, was in der Schule vor sich ging, und manchmal, was im Laden
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los war, als ob das Kabinett sich dazwischen hin- und herbewegte,
aber Montague selber konnte sich bei niemandem bemerkbar ma-
chen … Am Ende hat er es dann geschafft, herauszuapparieren,
obwohl er seine Prüfung noch gar nicht bestanden hatte. Das hat
ihn fast umgebracht. Alle hielten es für eine richtig gute Geschich-
te, aber ich war der Einzige, der erkannt hat, was sie wirklich be-
deutete - selbst Borgin wusste es nicht -, ich habe erkannt, dass es
durch die Kabinette einen Weg nach Hogwarts geben könnte,
wenn ich das kaputte richten würde.«
»Sehr gut«, murmelte Dumbledore. »Die Todesser konnten also
von
Borgin und Burkes aus in die Schule gelangen, um Ihnen zu
helfen … ein schlauer Plan, ein sehr schlauer Plan … und, wie Sie
sagen, direkt vor meiner Nase …«
»Jaah«, sagte Malfoy, der aus Dumbledores Lob seltsamerweise
Mut und Trost zu schöpfen schien. »Jaah, allerdings!«
»Aber es gab Zeiten«, fuhr Dumbledore fort, »in denen Sie nicht
sicher waren, dass es Ihnen gelingen würde, das Kabinett zu repa-
rieren, nicht wahr? Und Sie griffen auf plumpe und unüberlegte
Maßnahmen zurück, indem Sie mir zum Beispiel ein Halsband
schickten, auf dem ein Fluch lag und das unweigerlich in die fal-
schen Hände geraten musste … indem Sie Met vergifteten, den ich
höchstwahrscheinlich gar nicht trinken würde …«
»Ja, mag sein, und trotzdem haben Sie nicht gewusst, wer hinter
alldem steckte, oder?«, höhnte Malfoy, während Dumbledore, der
offenbar immer weniger Kraft in den Beinen hatte, ein Stück an der
Brustwehr hinunterrutschte und Harry vergeblich und stumm ge-
gen die Beschwörung ankämpfte, die ihn fesselte.
»Ich habe es sehr wohl gewusst«, sagte Dumbledore. »Ich war mir
sicher, dass Sie es waren.«
»Warum haben Sie mich dann nicht aufgehalten?«, fragte Malfoy.
»Ich habe es versucht, Draco. Professor Snape hat Sie auf meine
Anweisung hin überwacht -«
»Er hat nicht
Ihre Anweisung ausgeführt, er hat meiner Mutter
versprochen -«
»Natürlich hat er so etwas zu Ihnen gesagt, Draco, aber -«
»Er ist ein Doppelagent, Sie dummer alter Mann, er arbeitet nicht
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für Sie, das bilden Sie sich nur ein!«
»Ich fürchte, in diesem Punkt sind wir verschiedener Meinung.
Es ist nun einmal so, dass ich Professor Snape vertraue -«
»Tja, dann setzt es bei Ihnen allmählich aus!«, höhnte Malfoy. »Er
hat mir ständig seine Hilfe angeboten - weil er den ganzen Ruhm
für sich haben will - und selber ein wenig mitmischen möchte -
›Was machen Sie eigentlich? Haben Sie das mit dem Halsband ge-
tan, das war dumm, es hätte alles zunichte machen können -‹ Aber
ich habe ihm nicht erzählt, was ich im Raum der Wünsche getan
habe. Wenn er morgen aufwacht, ist alles schon vorbei, und er ist
nicht mehr der Liebling des Dunklen Lords, er wird nichts sein im
Vergleich zu mir, nichts!«
»Sehr befriedigend«, sagte Dumbledore milde. »Wir schätzen es
natürlich alle, wenn wir Anerkennung für unsere harte Arbeit be-
kommen … aber Sie müssen trotzdem einen Komplizen gehabt
haben … jemanden in Hogsmeade, jemanden, der in der Lage war,
Katie das - das - aaah …«
Dumbledore schloss erneut die Augen und nickte, als würde er
gleich einschlafen.
»… natürlich … Rosmerta. Wie lange steht sie schon unter dem
Imperius-Fluch?«
»Endlich draufgekommen, was?«, spottete Malfoy.
Erneut drang ein Schrei von unten herauf, um einiges lauter als
der letzte. Malfoy blickte abermals nervös über seine Schulter,
dann wandte er sich wieder Dumbledore zu, der fortfuhr: »Also
war die arme Rosmerta gezwungen, in ihrem eigenen Klo zu lauern
und das Halsband irgendeiner Hogwarts-Schülerin zu übergeben,
die alleine hereinkam? Und der vergiftete Met … nun, natürlich,
Rosmerta konnte ihn für Sie vergiften, ehe sie die Flasche an Slug-
horn schickte, in dem Glauben, dass es mein Weihnachtsgeschenk
sein sollte … ja, das passt alles sehr gut … wirklich sehr gut … der
arme Mr Filch würde natürlich nicht daran denken, eine Flasche
von Rosmerta zu kontrollieren … sagen Sie mir, wie haben Sie sich
mit Rosmerta verständigt? Ich dachte, wir hätten alle Kommunika-
tionswege ins Schloss hinein und hinaus überwacht.«
»Verzauberte Münzen«, sagte Malfoy, wie unter einem Zwang
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weiterzusprechen, während sein Zauberstab heftig zitterte. »Ich
hatte eine und sie hatte die andere und ich konnte ihr Nachrichten
schicken -«
»Ist das nicht das geheime Kommunikationsmittel, das von der
Gruppe, die sich Dumbledores Armee nennt, letztes Jahr benutzt
wurde?«, fragte Dumbledore. Er sprach in leichtem Plauderton,
aber Harry sah ihn dabei einige Zentimeter weiter die Wand hin-
abgleiten.
»Jaah, die haben mich auf die Idee gebracht«, sagte Malfoy mit
einem schiefen Lächeln. »Und auch die Idee, den Met zu vergiften,
hab ich von dem Schlammblut Granger, ich habe gehört, wie sie in
der Bibliothek darüber gesprochen hat, dass Filch keine Zauber-
tränke erkennt …«
»Bitte verwenden Sie dieses beleidigende Wort nicht in meiner
Gegenwart«, sagte Dumbledore.
Malfoy lachte schroff.
»Es schert Sie, dass ich ›Schlammblut‹ sage, jetzt, wo ich Sie doch
gleich umbringen werde?«
»Ja, in der Tat«, sagte Dumbledore, und Harry sah seine Füße ein
wenig über den Boden rutschen, während er sich mühsam aufrecht
zu halten versuchte. »Aber was die Sache betrifft, dass Sie mich
gleich umbringen wollen, Draco, hatten Sie eben einige lange Mi-
nuten Zeit. Wir sind ganz allein. Sie finden mich noch wehrloser
vor, als Sie es sich hätten träumen lassen, und dennoch haben Sie es
nicht getan …«
Malfoy verzog unwillkürlich den Mund, als ob er etwas sehr Bit-
teres gekostet hätte.
»Nun, was heute Nacht angeht«, fuhr Dumbledore fort, »wundert
es mich ein wenig, wie das geschehen konnte … Sie wussten, dass
ich die Schule verlassen hatte? Aber natürlich«, beantwortete er
seine eigene Frage, »Rosmerta hat mich gehen sehen, sie gab Ihnen
sicher den Hinweis mit Hilfe Ihrer raffinierten Münzen …«
»Richtig«, sagte Malfoy, »aber sie sagte, Sie würden nur kurz was
trinken gehen, Sie wären bald zurück …«
»Nun, etwas getrunken habe ich zweifellos … und ich kam zu-
rück … so schlecht und recht«, murmelte Dumbledore. »Also ha-
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ben Sie beschlossen, mir eine Falle zu stellen?«
»Wir haben beschlossen, das Dunkle Mal über dem Turm aufstei-
gen zu lassen und Sie dazu zu bringen, schnell hier hoch-
zukommen, um nachzusehen, wer getötet wurde«, sagte Malfoy.
»Und es hat geklappt!«
»Nun … ja und nein …«, sagte Dumbledore. »Aber verstehe ich
Sie richtig, dass niemand ermordet wurde?«
»Es ist jemand tot«, sagte Malfoy, und seine Stimme schien eine
Oktave höher zu rutschen, als er das sagte. »Jemand von Ihren Leu-
ten … ich weiß nicht, wer, es war dunkel … ich bin über die Lei-
che gestiegen … ich sollte hier oben auf Ihre Rückkehr warten,
doch Ihre Phönixleute sind mir in die Quere gekommen …«
»Ja, das haben sie so an sich«, sagte Dumbledore.
Von unten waren ein Knall und Schreie zu hören, lauter als zu-
vor; es klang, als würde direkt auf der Wendeltreppe gekämpft, die
auf den Turm hinaufführte, wo Dumbledore, Malfoy und Harry
standen, und Harrys Herz hämmerte ungehört in seiner unsichtba-
ren Brust … jemand war tot … Malfoy war über die Leiche gestie-
gen … aber wer war es?
»Wie auch immer, es bleibt wenig Zeit«, sagte Dumbledore. »Also
lassen Sie uns über Ihre Möglichkeiten sprechen, Draco.«
»Meine Möglichkeiten!«, entgegnete Malfoy laut. »Ich stehe hier
mit einem Zauberstab - ich werde Sie gleich töten -«
»Wir sollten uns da nichts mehr vormachen, mein Lieber. Wenn
Sie mich hätten töten wollen, hätten Sie es getan, als Sie mich mit
Ihrem Zauber entwaffnet hatten, Sie hätten sich nicht durch diese
vergnügliche Plauderei über Mittel und Wege aufhalten lassen.«
»Ich habe keine Wahl!«, sagte Malfoy, der plötzlich so weiß war
wie Dumbledore. »Ich muss es tun! Er bringt mich um! Er bringt
meine ganze Familie um!«
»Mir ist bewusst, wie schwierig Ihre Lage ist«, sagte Dumbledore.
»Warum sonst habe ich Sie nicht längst schon zur Rede gestellt?
Weil ich wusste, man würde Sie ermorden, wenn Lord Voldemort
merken würde, dass ich Sie verdächtige.«
Malfoy zuckte bei der Erwähnung des Namens.
»Ich habe es nicht gewagt, mit Ihnen über die Mission zu reden,
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von der ich wusste, denn er hatte womöglich Legilimentik gegen
Sie eingesetzt«, fuhr Dumbledore fort. »Aber jetzt können wir end-
lich offen miteinander reden … es ist kein Schaden verursacht
worden, Sie haben niemanden verletzt, auch wenn Sie von großem
Glück reden können, dass Ihre unbeabsichtigten Opfer überlebt
haben … ich kann Ihnen helfen, Draco.«
»Nein, das können Sie nicht«, sagte Malfoy, und seine Zau-
berstabhand bebte nun wirklich heftig. »Niemand kann das. Er hat
mir befohlen, es zu tun, oder er wird mich töten. Ich habe keine
Wahl.«
»Kommen Sie auf die richtige Seite, Draco, und wir können Sie
besser verstecken, als Sie es sich auch nur vorstellen können. Mehr
noch, ich kann heute Nacht Mitglieder des Ordens zu Ihrer Mutter
schicken, um sie ebenfalls zu verstecken. Ihr Vater ist im Augen-
blick in Askaban sicher … zu gegebener Zeit können wir auch ihn
schützen … kommen Sie auf die richtige Seite, Draco … Sie sind
kein Mörder …«
Malfoy starrte Dumbledore an.
»Aber ich bin doch so weit gekommen, oder?«, sagte er langsam.
»Die haben gedacht, ich würde bei dem Versuch sterben, aber ich
bin hier … und Sie sind in meiner Gewalt … ich habe den Zauber-
stab … Sie sind mir gnadenlos ausgeliefert …«
»Nein, Draco«, sagte Dumbledore leise. »Es ist meine Gnade und
nicht Ihre, die jetzt entscheidend ist.«
Malfoy schwieg. Sein Mund stand offen, seine Hand mit dem
Zauberstab zitterte unentwegt. Harry meinte, sie ein klein wenig
sinken zu sehen -
Doch plötzlich kamen polternde Schritte die Treppe herauf und
im nächsten Augenblick wurde Malfoy beiseite gedrängt, als vier
Leute in schwarzen Umhängen durch die Tür oben auf den Turm
gestürmt kamen. Harry war noch immer gelähmt, und seine Augen
starrten ohne zu blinzeln voller Angst auf die vier Fremden: Offen-
bar hatten die Todesser den Kampf unten gewonnen.
Ein schwerfällig wirkender Mann mit einem merkwürdigen
schiefen Grinsen ließ ein rasselndes Kichern hören.
»Dumbledore in der Falle!«, sagte er und wandte sich an eine
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stämmige kleine Frau, die aussah, als könnte sie seine Schwester
sein, und die begierig grinste. »Dumbledore ohne Zauberstab,
Dumbledore allein! Gut gemacht, Draco, gut gemacht!«
»Guten Abend, Amycus«, sagte Dumbledore ruhig, als würde er
den Mann zu einer Teegesellschaft begrüßen. »Und Alecto haben
Sie auch mitgebracht … wie reizend …«
Die Frau stieß ein kurzes, wütendes Kichern aus.
»Sie glauben wohl, Ihre kleinen Scherze helfen Ihnen auf dem
Sterbebett?«, höhnte sie.
»Scherze? Aber nein, das sind gute Manieren«, erwiderte
Dumbledore.
»Tu es«, sagte der Fremde, der Harry am nächsten stand, ein gro-
ßer, schlaksiger Mann mit mattgrauem Haar und einem Backen-
bart, dessen schwarzer Todesserumhang unbequem eng wirkte. Er
hatte eine Stimme, wie Harry sie noch nie gehört hatte: Es war eine
Art schnarrendes Bellen. Harry konnte einen starken Geruch von
Schmutz, Schweiß und, unverkennbar, Blut wahrnehmen, der von
ihm ausging. Seine schmutzigen Hände hatten lange, gelbliche Fin-
gernägel.
»Sind Sie das, Fenrir?«, fragte Dumbledore.
»Ganz recht«, schnarrte der andere. »Erfreut, mich zu sehen,
Dumbledore?«
»Nein, das kann ich nicht gerade sagen …«
Fenrir Greyback grinste und zeigte seine spitzen Zähne. Blut
tröpfelte ihm übers Kinn, und er leckte sich langsam und widerlich
die Lippen.
»Aber Sie wissen, wie sehr ich Kinder mag, Dumbledore.«
»Heißt das, dass Sie jetzt sogar ohne Vollmond angreifen? Das ist
höchst ungewöhnlich … Sie haben eine Vorliebe für Menschen-
fleisch entwickelt, die nicht bei einer Gelegenheit im Monat be-
friedigt werden kann?«
»Ganz recht«, sagte Greyback. »Das schockt Sie, oder, Dumbledo-
re? Macht Ihnen Angst?«
»Nun, ich kann nicht verhehlen, dass es mich ein wenig an-
widert«, sagte Dumbledore. »Und, ja, ich bin etwas schockiert, dass
Draco hier ausgerechnet Sie aufgefordert hat, in die Schule zu
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kommen, wo seine Freunde leben …«
»Hab ich nicht«, hauchte Malfoy. Er sah Greyback nicht an; er
wollte ihm offenbar nicht einmal einen kurzen Blick zuwerfen.
»Ich wusste nicht, dass er kommen würde -«
»Ich würde mir eine Gelegenheit, nach Hogwarts zu kommen,
nicht entgehen lassen, Dumbledore«, schnarrte Greyback. »Nicht,
wenn es Kehlen aufzureißen gibt … köstlich, köstlich …«
Und mit einem gierigen Seitenblick auf Dumbledore hob er einen
gelben Fingernagel und kratzte an seinen Vorderzähnen.
»Ich könnte Sie zum Nachtisch nehmen, Dumbledore …«
»Nein«, sagte der vierte Todesser scharf. Er hatte ein grob-
schlächtiges, brutal aussehendes Gesicht. »Wir haben Befehle. Dra-
co muss es tun. Also, Draco, schnell jetzt.«
Malfoy wirkte unentschlossener denn je. Er schien voller Angst,
als er Dumbledore ins Gesicht starrte, das noch blasser war und zu
dem er nun hinabblicken musste, da Dumbledore so weit an der
Brustwehr hinuntergerutscht war.
»Wenn ihr mich fragt, ist er ohnehin bald nicht mehr von dieser
Welt«, sagte der Mann mit dem schiefen Grinsen, begleitet vom
rasselnden Kichern seiner Schwester. »Seht ihn euch an - was ist
denn los mit Ihnen, Dumby?«
»Oh, geschwächte Widerstandskraft, langsamere Reflexe, Amy-
cus«, sagte Dumbledore. »Kurz, das Alter … eines Tages wird es
Ihnen vielleicht auch so ergehen … wenn Sie Glück haben …«
»Was soll das denn heißen, Mann, was soll das denn heißen?«,
schrie der Todesser plötzlich heftig. »Ist immer das Gleiche mit
Ihnen, stimmt's, Dumby, reden und nichts tun, nichts, ich weiß
nicht mal, warum sich der Dunkle Lord überhaupt die Mühe
macht, Sie umzubringen! Komm schon, Draco, tu es!«
Doch in diesem Moment waren erneut Kampfgeräusche von un-
ten zu hören und eine Stimme rief:
»Sie haben die Treppe versperrt
- Reducto! REDUCTO!«
Harrys Herz schlug höher: Also hatten diese vier nicht den ge-
samten Widerstand niedergeschlagen, sondern waren nur durch
das Kampfgetümmel gebrochen und auf den Turm hinaufgestürmt,
und wie es sich anhörte, hatten sie eine Barriere hinter sich aufge-
539
baut -
»Also, Draco, schnell!«, sagte der Mann mit dem brutalen Gesicht
wütend.
Aber Malfoys Hand zitterte so stark, dass er kaum zielen konnte.
»Ich tu es«, knurrte Greyback und ging mit ausgestreckten Hän-
den und gefletschten Zähnen auf Dumbledore zu.
»Ich sagte nein!«, rief der Mann mit den brutalen Zügen; es gab
einen Lichtblitz, und der Werwolf wurde aus dem Weg gesprengt;
er schlug gegen die Brustwehr und richtete sich taumelnd und mit
wütendem Blick auf. Harrys Herz pochte so heftig, dass es unmög-
lich schien, dass niemand ihn hören konnte, wie er gefangen durch
Dumbledores Zauber dastand - wenn er sich nur bewegen könnte,
dann könnte er unter seinem Tarnumhang hervor einen Fluch los-
schicken -
»Draco, tu es, oder geh beiseite, damit einer von uns -«, kreischte
die Frau, doch genau in diesem Moment sprang die Tür zum Turm
erneut auf und da stand Snape, den Zauberstab in der Hand, und
seine schwarzen Augen huschten über die Szene, von Dumbledore,
der an der Mauer zusammengesackt war, über die vier Todesser
mitsamt dem wütenden Werwolf bis zu Malfoy.
»Wir haben ein Problem, Snape«, sagte der schwerfällige Amycus,
Augen und Zauberstab gleichermaßen auf Dumbledore gerichtet,
»der Junge ist offenbar nicht fähig -«
Doch noch jemand hatte Snapes Namen ausgesprochen, ganz lei-
se.
»Severus …«
Dieser Laut jagte Harry mehr Angst ein als alles, was er den gan-
zen Abend über erlebt hatte. Es war das erste Mal, dass Dumbledo-
re flehte.
Snape sagte nichts, sondern trat vor und stieß Malfoy grob aus
dem Weg. Die drei Todesser wichen wortlos zurück. Selbst der
Werwolf wirkte eingeschüchtert.
Snape starrte Dumbledore einen Moment lang an, und Abscheu
und Hass zeichneten sich auf den harten Zügen seines Gesichts ab.
»Severus … bitte …«
Snape hob seinen Zauberstab und richtete ihn direkt auf
540
Dumbledore.
»Avada Kedavra!«
Ein Strahl grünen Lichts schoss aus der Spitze von Snapes Zauber-
stab und traf Dumbledore mitten in die Brust. Harrys Entsetzens-
schrei kam nie über seine Lippen; er war gezwungen, stumm und
reglos mit anzusehen, wie Dumbledore in die Luft geschleudert
wurde: Für den Bruchteil einer Sekunde schien er unter dem
leuchtenden Totenkopf in der Schwebe zu bleiben, dann fiel er
langsam, wie eine große Stoffpuppe, rücklings über die Zinnen und
verschwand.
541
Die Flucht des Prinzen
Harry war, als würde auch er durch die Luft geschleudert;
es war
nicht geschehen …
es konnte nicht geschehen sein …
»Raus hier, schnell«, sagte Snape.
Er packte Malfoy am Genick und drängte ihn vor den anderen
durch die Tür; Greyback und die beiden untersetzten Geschwister
folgten ihnen, Bruder wie Schwester aufgeregt keuchend. Als sie
durch die Tür verschwanden, spürte Harry, dass er sich wieder
bewegen konnte; jetzt war es nicht Magie, die ihn wie gelähmt an
die Mauer bannte, sondern Grauen und Entsetzen. Gerade als der
Todesser mit dem brutalen Gesicht als Letzter den Turm verließ,
warf Harry den Tarnumhang ab.
»Petrificus Totalus!«
Der Todesser knickte ein, als hätte ihn etwas Schweres im Rü-
cken getroffen, und fiel steif wie eine Wachsfigur zu Boden, doch
kaum war er aufgeschlagen, stieg Harry schon über ihn hinweg und
jagte die dunkle Treppe hinab.
Panische Angst zerrte an Harry … er musste zu Dumbledore und
er musste Snape kriegen … irgendwie hing beides zusammen … er
konnte das Geschehene rückgängig machen, wenn er beide zu-
sammen hatte … Dumbledore konnte nicht gestorben sein …
Er übersprang die letzten zehn Stufen der Wendeltreppe und
blieb mit erhobenem Zauberstab stehen, wo er gelandet war: Der
spärlich beleuchtete Korridor war voller Staub; die halbe Decke
schien eingestürzt zu sein und vor ihm tobte ein Kampf, doch wäh-
rend er noch herauszufinden versuchte, wer gegen wen kämpfte,
hörte er die verhasste Stimme rufen:
»Es ist vorbei, Zeit zu gehen!«,
und sah Snape am anderen Ende des Korridors um die Ecke ver-
schwinden; er und Malfoy schienen sich unversehrt einen Weg
durch das Kampfgetümmel gebahnt zu haben. Als Harry ihnen
hinterherstürmte, löste sich einer der Kämpfer aus dem Durchein-
ander und schoss auf ihn zu: Es war Greyback, der Werwolf. Ehe
Harry seinen Zauberstab heben konnte, hatte er sich auf ihn ge-
stürzt: Harry fiel hintenüber, schmutziges, verfilztes Haar im Ge-
542
sicht, Schweiß- und Blutgestank in Nase und Mund, heißen, gieri-
gen Atem an der Kehle -
»Petrificus Totalus!«
Harry spürte, wie Greyback über ihm zusammenbrach; mit unge-
heurer Anstrengung schob er den Werwolf von sich herunter auf
den Boden, als ein grüner Lichtstrahl auf ihn zugeflogen kam; er
duckte sich und rannte Hals über Kopf ins Getümmel. Seine Füße
stießen auf etwas Weiches und Rutschiges am Boden und er geriet
ins Straucheln: Da lagen zwei Körper, mit dem Gesicht in einer
Blutlache, doch er hatte keine Zeit, genauer hinzuschauen: Vor
sich sah er jetzt rotes Haar wie Flammen auflodern: Ginny steckte
mitten im Kampf mit dem plumpen Todesser Amycus, der unabläs-
sig Flüche nach ihr schleuderte, denen sie ein ums andere Mal aus-
wich: Amycus, der den Zeitvertreib genoss, kicherte:
»Crucio -Crucio - du kannst nicht ewig tanzen, hübsches -«
»Impedimenta!«, schrie Harry.
Sein Zauber traf Amycus in die Brust: Er quiekte vor Schmerz
wie ein Schwein, wurde von den Füßen gerissen und krachte an
die Wand gegenüber, rutschte daran herunter und verschwand
hinter Ron, Professor McGonagall und Lupin außer Sicht, die jeder
mit einem anderen Todesser kämpften. Noch weiter hinten sah
Harry Tonks mit einem riesigen blonden Zauberer ringen, der Flü-
che kreuz und quer durch die Gegend schoss, so dass sie von den
Wänden ringsumher abprallten, Steine bersten und das nächste
Fenster zerspringen ließen -
»Harry, wo kommst du her?«, rief Ginny, aber es war keine Zeit,
ihr zu antworten. Er zog den Kopf ein und spurtete los, wobei er
gerade noch einem Geschoss auswich, das über seinem Kopf explo-
dierte und einen Schauer von Mauersplittern über alle niedergehen
ließ: Snape durfte nicht entkommen, er musste Snape einholen -
»Nimm
das!«, rief Professor McGonagall, und Harry sah, wie die
Todesserin Alecto, die Arme über dem Kopf, durch den Korridor
davonrannte, dicht gefolgt von ihrem Bruder. Harry setzte ihnen
nach, blieb jedoch mit dem Fuß irgendwo hängen und lag im
nächsten Moment quer über den Beinen von irgendjemandem: Er
wandte sich um und sah Nevilles bleiches rundes Gesicht flach am
543
Boden.
»Neville, bist du -?«
»Alles okay mit mir«, murmelte Neville und hielt sich den Bauch.
»Harry … Snape un' Malfoy … sin' vorbeigerannt …«
»Ich weiß, ich mach schon!«, sagte Harry und ließ vom Boden aus
einen Zauber auf den riesigen blonden Todesser los, der das meiste
Chaos verursachte: Der Mann heulte vor Schmerz auf, als der Zau-
ber ihn ins Gesicht traf; er wirbelte herum, taumelte und stampfte
davon, dem Geschwisterpaar hinterher.
Harry rappelte sich hoch und begann den Korridor ent-
langzurennen, ohne auf das Knallen hinter ihm zu achten, auf die
Rufe der anderen, er solle zurückkommen, und auf die stummen
Schreie der Gestalten am Boden, deren Schicksal er noch nicht
kannte …
Er schleuderte um die Ecke, da seine Turnschuhe rutschig vom
Blut waren; Snape hatte einen gewaltigen Vorsprung -war es mög-
lich, dass er bereits im Raum der Wünsche war und das Kabinett
betreten hatte, oder hatte der Orden Schritte unternommen, den
Raum zu sichern, um zu verhindern, dass sich die Todesser auf die-
sem Weg zurückzogen? Während er den nächsten leeren Korridor
entlangraste, konnte er nichts hören außer seine eigenen stamp-
fenden Füße und sein hämmerndes Herz, doch dann sah er einen
blutigen Fußabdruck, der bewies, dass zumindest einer der fliehen-
den Todesser den Weg zum Schlossportal eingeschlagen hatte -
vielleicht war der Raum der Wünsche tatsächlich versperrt -
Er schleuderte um eine weitere Ecke und ein Fluch flog an ihm
vorbei; er tauchte hinter einer Rüstung ab, die explodierte; er sah
die beiden Todessergeschwister die Marmortreppe vor ihm hinun-
terrennen und schoss ihnen Flüche hinterher, traf aber nur ein paar
Hexen mit Perücken in einem Porträt auf dem Treppenabsatz, die
kreischend in benachbarte Gemälde rannten; als er über die zer-
trümmerte Rüstung sprang, hörte Harry noch mehr Rufe und
Schreie; andere Leute im Schloss schienen aufgewacht zu sein …
Er stürmte auf eine Abkürzung zu, in der Hoffnung, er könnte
das Geschwisterpaar überholen und den Abstand zu Snape und
Malfoy verkürzen, die inzwischen sicher schon draußen auf dem
544
Gelände waren; er vergaß nicht, die verschwindende Stufe in der
Mitte der verborgenen Treppe zu überspringen, und brach durch
einen Wandbehang an deren Fuß hinaus auf einen Korridor, wo
einige verwirrte Hufflepuffs in Schlafanzügen standen.
»Harry! Wir haben Lärm gehört und jemand sagte was vom
Dunklen Mal -«, begann Ernie Macmillan.
»Aus dem Weg!«, schrie Harry und stieß zwei Jungen beiseite, als
er auf den Treppenabsatz zuraste und die letzten Stufen der Mar-
mortreppe hinuntereilte. Das Eichenportal war aufgesprengt wor-
den; die Steinplatten waren blutverschmiert, und etliche verängs-
tigte Schüler standen gegen die Wand gedrängt, ein oder zwei kau-
erten noch mit den Armen über dem Gesicht am Boden; das gewal-
tige Stundenglas der Gryffindors war von einem Fluch getroffen
worden und seine Rubine fielen nach wie vor mit lautem Klirren
hinunter auf die Steinplatten …
Harry flog durch die Eingangshalle und hinaus auf das dunkle
Gelände: Er konnte gerade noch drei Gestalten erkennen, die über
den Rasen liefen, auf das Tor zu, hinter dem sie disapparieren
konnten - wie es aussah, waren es der riesige blonde Todesser und,
ein Stück vor ihm, Snape und Malfoy …
Die kalte Nachtluft zerrte an Harrys Lungen, als er ihnen nach-
jagte; er sah einen Blitz in der Ferne, der für einen Augenblick die
Umrisse seiner Gegner erkennen ließ; er wusste nicht, woher der
Blitz kam, rannte aber weiter, denn noch war er nicht nahe genug,
um einen Fluch gut abschießen zu können -
Ein weiterer Blitz, Rufe, Lichtstrahlen als Revanche, und Harry
begriff: Hagrid war aus seiner Hütte gekommen und versuchte die
Todesser an der Flucht zu hindern, und obwohl ihm jeder Atemzug
die Lungen zu zerreißen schien und das Stechen in seiner Brust wie
Feuer war, rannte Harry nun noch schneller, während eine unge-
betene Stimme in seinem Kopf sagte:
Nicht Hagrid … nicht auch
noch Hagrid …
Etwas traf Harry hart im Kreuz, er schlug vornüber, mit dem Ge-
sicht auf den Boden, und Blut strömte ihm aus beiden Nasenlö-
chern: Er wusste, noch während er auf die Seite rollte, den Zauber-
stab bereit, dass die beiden Geschwister, die er dank der Abkürzung
545
überholt hatte, nun von hinten auf ihn zukamen …
»Impedimenta!«, schrie er, wälzte sich erneut herum und
schmiegte sich dicht an den dunklen Boden, und wunderba-
rerweise traf sein Fluch eines der Geschwister, das strauchelte und
stürzte und auch das andere zum Stolpern brachte; Harry sprang
auf die Beine und rannte weiter, Snape hinterher …
Und nun sah er im Licht des Halbmonds, der plötzlich hinter den
Wolken auftauchte, die riesige Silhouette von Hagrid; der blonde
Todesser schoss einen Fluch nach dem anderen auf den Wildhüter
ab, aber Hagrids ungeheure Stärke und die zähe Haut, die er von
seiner Riesen-Mutter geerbt hatte, schienen ihn zu schützen; Snape
und Malfoy jedoch waren immer noch auf der Flucht; bald würden
sie das Tor hinter sich gelassen haben und disapparieren können –
Harry rannte an Hagrid und seinem Gegner vorbei, zielte auf
Snapes Rücken und schrie:
»Stupor!«
Er verfehlte ihn; der rote Lichtstrahl schnellte an Snapes Kopf
vorbei; Snape rief:
»Lauf, Draco!«, und drehte sich um; zwanzig
Meter voneinander entfernt, sahen er und Harry sich an, dann ho-
ben sie gleichzeitig den Zauberstab.
»Cruc-«
Aber Snape wehrte den Fluch ab, ehe Harry ihn zu Ende bringen
konnte, und es warf Harry rücklings von den Füßen; er rollte zur
Seite und rappelte sich wieder hoch, und schon schrie der riesige
Todesser hinter ihm:
»Incendio!«; Harry hörte den Knall einer Exp-
losion und sie wurden in ein flackerndes orangerotes Licht ge-
taucht: Hagrids Hütte stand in Flammen.
»Da ist Fang drin, du verdammter … !«, brüllte Hagrid.
»Cruc-«, schrie Harry zum zweiten Mal und zielte auf die Gestalt
vor ihm, die von dem flackernden Licht des Feuers erhellt wurde,
aber Snape blockte den Fluch erneut ab; Harry konnte ihn höh-
nisch grinsen sehen.
»Keine Unverzeihlichen Flüche von dir, Potter!«, rief er durch das
Tosen der Flammen, Hagrids Schreie und das wilde Jaulen von
Fang, der in der Falle saß. »Du hast weder den Mut noch die Fähig-
keit -«
»Incarc-«, brüllte Harry, aber Snape lenkte den Fluch mit einem
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geradezu lässigen Schlenker seines Arms ab.
»Wehr dich!«, schrie Harry ihn an. »Wehr dich, du feiger -«
»Feigling hast du mich genannt, Potter?«, rief Snape. »Dein Vater
hat mich nur angegriffen, wenn sie vier gegen einen waren, wie
würdest du ihn wohl nennen?«
»Stup-«
»Wieder abgeblockt, und wieder und wieder, bis du lernst, den
Mund zu halten und deinen Geist zu verschließen, Potter!«, höhnte
Snape und lenkte den Fluch erneut ab. »Jetzt
komm!«, rief er dem
riesigen Todesser hinter Harry zu. »Höchste Zeit zu verschwinden,
ehe die vom Ministerium auftauchen -«
»lmpedi-«
Doch ehe Harry diesen Fluch vollenden konnte, erfasste ihn ein
unerträglicher Schmerz; er kippte vornüber ins Gras, jemand
schrie, sicher würde er an diesen Qualen sterben, Snape würde ihn
zu Tode foltern oder bis zum Wahnsinn -
»Nein!«, brüllte Snapes Stimme, und der Schmerz hörte so jäh auf,
wie er begonnen hatte; Harry lag zusammengerollt im dunklen
Gras, umklammerte seinen Zauberstab und rang nach Atem; ir-
gendwo über ihm rief Snape: »Hast du unseren Befehl vergessen?
Potter gehört dem Dunklen Lord - wir sollen ihn am Leben lassen!
Geh! Geh!«
Und Harry spürte, wie der Boden unter seinem Gesicht bebte, als
der Bruder und die Schwester und der riesige Todesser gehorchten
und auf das Tor zurannten. Harry stieß einen unverständlichen
Wutschrei aus: In diesem Augenblick war es ihm gleich, ob er lebte
oder starb; er kämpfte sich wieder hoch und stolperte blind auf
Snape zu, den Mann, den er jetzt genauso hasste wie Voldemort
selbst -
»Sectum-«
Mit einem kurzen Schnippen seines Zauberstabs wehrte Snape
den Fluch wieder ab; doch Harry war jetzt nur noch wenige Schrit-
te entfernt und konnte Snapes Gesicht endlich deutlich sehen: Er
grinste nicht mehr spöttisch oder höhnisch; die lodernden Flam-
men offenbarten ein zornentbranntes Gesicht. Harry konzentrierte
sich mit aller Kraft und dachte
Levi-
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»Nein, Potter!«, schrie Snape. Ein lauter KNALL ertönte, Harry
schnellte zurück und schlug erneut hart auf den Boden, und dies-
mal flog ihm der Zauberstab aus der Hand. Er konnte Hagrid brül-
len und Fang heulen hören, als Snape sich ihm näherte und auf ihn
herabblickte, wie er dalag, ohne Zauberstab und genauso wehrlos,
wie Dumbledore es gewesen war. Snapes bleiches Gesicht, das von
der brennenden Hütte beleuchtet wurde, war von Hass gezeichnet
wie zuvor, als er Dumbledore den Fluch auf den Hals gejagt hatte.
»Du wagst es, meine eigenen Zauber gegen mich einzusetzen,
Potter? Ich war es, der sie erfunden hat - ich, der Halbblutprinz!
Und du willst meine Erfindungen gegen mich richten, genau wie
dein dreckiger Vater, ja? Das will ich aber nicht meinen …
nein!«
Harry war nach seinem Zauberstab gehechtet; Snape jagte ihm
einen Fluch hinterher und der Zauberstab flog einige Meter weiter
fort in die Dunkelheit und war nicht mehr zu sehen.
»Dann töte mich doch«, keuchte Harry, der keinerlei Angst emp-
fand, nur Zorn und Verachtung. »Töte mich, wie du ihn getötet
hast, du Feigling -«
»NEIN -«, schrie Snape, und sein Gesicht war plötzlich wie im
Wahn verzerrt, unmenschlich, als hätte er ebensolche Schmerzen
wie der jaulende, heulende Hund, der in der brennenden Hütte
hinter ihnen gefangen war, »- NENN MICH NICHT FEIGLING!«
Und er schlug in die Luft: Harry spürte, wie ihn etwas Glühend-
heißes wie eine Peitsche mitten ins Gesicht traf, er wurde nach
hinten gerissen und zu Boden geschmettert. Lichtfunken explodier-
ten vor seinen Augen und einen Moment lang schien alle Luft aus
seinem Körper gepresst, dann hörte er Flügelrauschen über sich
und etwas Gewaltiges verdunkelte die Sterne: Seidenschnabel war
gegen Snape geflogen, der rückwärts stolperte, während die rasier-
messerscharfen Krallen nach ihm ausschlugen. Als Harry sich auf-
setzte, der Kopf noch schwindlig von seinem letzten Aufprall auf
den Boden, sah er Snape so schnell wie möglich davonrennen, und
das gewaltige Tierwesen setzte ihm flügelschlagend nach und
kreischte dabei, wie Harry es noch nie hatte kreischen hören -
Harry kämpfte sich auf die Beine und sah sich benommen nach
seinem Zauberstab um, in der Hoffnung, die Verfolgung wieder
548
aufnehmen zu können, doch noch während er mit den Fingern
durchs Gras tastete und Zweige beiseite warf, wusste er, dass es zu
spät sein würde, und tatsächlich, als er seinen Zauberstab gefunden
hatte, wandte er sich um und sah nur noch den Hippogreif, der
über dem Tor kreiste: Snape hatte es geschafft, gleich hinter der
Grenze des Schulgeländes zu disapparieren.
»Hagrid«, murmelte Harry noch immer betäubt und sah sich um.
»HAGRID?«
Er stolperte auf die brennende Hütte zu, als eine riesige Gestalt
aus den Flammen auftauchte, die Fang auf dem Rücken trug. Harry
schrie dankbar auf und sank auf die Knie; er zitterte an allen Glie-
dern, sein ganzer Körper tat ihm weh, und das Atmen bereitete ihm
stechende Schmerzen.
»Alles okay mit dir, Harry? Alles okay mit dir? Sag was, Harry …«
Hagrids riesiges behaartes Gesicht schwebte über Harry und ver-
deckte die Sterne. Harry konnte verbranntes Holz und Hundehaar
riechen; er streckte die Hand aus und spürte, dass Fangs beruhigend
warmer und lebendiger Körper neben ihm bebte.
»Mir geht's gut«, keuchte Harry. »Und dir?«
»'türlich auch … 's braucht schon mehr als das, um mich zu erle-
digen.«
Hagrid fasste Harry unter den Armen und riss ihn mit solcher
Wucht hoch, dass Harry kurz den Boden unter den Füßen verlor,
ehe Hagrid ihn wieder aufrecht hinstellte. Unter einem von
Hagrids Augen, das rasch zuschwoll, war ein tiefer Schnitt zu se-
hen, aus dem Blut über seine Wange tröpfelte.
»Wir sollten dein Haus löschen«, sagte Harry, »der Zauber heißtAguamenti …«
»Hab doch gewusst, 's war so was in der Art«, brummte Hagrid,
hob einen glimmenden geblümten rosa Schirm empor und sagte:»Aguamenti!«
Ein Wasserstrahl schoss aus der Spitze des Schirms. Harry hob
seinen Zauberstabarm, der sich wie Blei anfühlte, und murmelte
ebenfalls
»Aguamenti!«: Er und Hagrid spritzten gemeinsam Wasser
über die Hütte, bis die letzte Flamme gelöscht war.
»Nich allzu schlimm«, sagte Hagrid Minuten später hoffnungsvoll
549
mit einem Blick auf die rauchenden Trümmer. »Nichts, was
Dumbledore nich wieder richten könnt …«
Beim Klang des Namens spürte Harry einen bohrenden Schmerz
im Magen. Während um ihn herum reglose Stille herrschte,
schwoll das Grauen in seinem Inneren an.
»Hagrid …«
»Ich hab grade 'n paar Bowtruckle-Beine zusammengebunden, da
hab ich sie kommen hör'n«, sagte Hagrid traurig, der immer noch
auf seine zerstörte Hütte starrte. »Werden sich die Zweigchen ver-
brannt haben, die armen klein' Dinger …«
»Hagrid …«
»Aber was is' passiert, Harry? Ich hab nur die Todesser vom
Schloss runterlaufen sehn, aber was zum Teufel noch mal hat Snape
bei denen zu suchen gehabt? Wo is' er hin -hat er sie gejagt?«
»Er …« Harry räusperte sich; die Panik und der Rauch hatten ihm
die Kehle ausgetrocknet. »Hagrid, er hat jemanden umgebracht …«
»Umgebracht?«, sagte Hagrid laut und starrte auf Harry hinab.
»Snape soll jemand'n umgebracht haben? Wie kommst du denn da
drauf, Harry?«
»Dumbledore«, sagte Harry. »Snape hat … Dumbledore umge-
bracht.«
Hagrid sah ihn nur an; soweit sein Gesicht zu erkennen war,
wirkte es völlig verdutzt und verständnislos.
»Was is' mit Dumbledore, Harry?«
»Er ist tot. Snape hat ihn getötet …«
»Sag so was nich«, erwiderte Hagrid schroff. »Snape soll Dumble-
dore getötet ham - nu hör aber auf, Harry. Was soll das?«
»Ich hab es gesehen.«
»Nich möglich.«
»Ich hab es gesehen, Hagrid.«
Hagrid schüttelte den Kopf; seine Miene war ungläubig, aber mit-
fühlend, und Harry wusste, dass Hagrid glaubte, er hätte einen
Schlag auf den Kopf bekommen, er wäre durcheinander, vielleicht
wegen der Nachwirkungen eines Zaubers …
»Also, 's muss so passiert sein, dass Dumbledore Snape gesagt hat,
er soll mit den Todessern gehen«, sagte Hagrid überzeugt. »Ich
550
schätz, er muss seine Tarnung behalten. Hör mal, ich bring dich
jetz' wieder in die Schule zurück. Komm schon, Harry …«
Harry unternahm keinen Versuch zu widersprechen oder die Sa-
che zu erklären. Er zitterte immer noch am ganzen Leib. Hagrid
würde es bald genug herausfinden, nur zu bald … Als sie ihre
Schritte auf das Schloss zu lenkten, sah Harry, dass viele der Fens-
ter jetzt erleuchtet waren: Er konnte sich lebhaft vorstellen, was
sich dort abspielte, während die Leute von Raum zu Raum liefen
und sich gegenseitig erzählten, dass Todesser eingedrungen waren,
dass das Mal über Hogwarts leuchtete und dass wohl jemand getö-
tet worden sein musste …
Das eichene Schlossportal vor ihnen stand offen, Licht flutete auf
den Zufahrtsweg und den Rasen. Langsam, unsicher, kamen Leute
in Morgenmänteln die Stufen heruntergeschlichen und sahen sich
nervös nach irgendwelchen Hinweisen auf Todesser um, die in die
Nacht hinaus geflohen waren. Harrys Augen jedoch waren auf den
Boden vor dem höchsten Turm geheftet. Er meinte dort einen
schwarzen formlosen Haufen im Gras liegen zu sehen, obwohl er
eigentlich noch zu weit weg war, um dergleichen erkennen zu
können. Doch noch während er wortlos auf die Stelle starrte, wo
Dumbledores Leichnam seiner Vermutung nach liegen musste, sah
er andere darauf zugehen.
»Was gucken die denn alle da?«, fragte Hagrid, als er und Harry
sich dem Schloss von vorne näherten, Fang so dicht an ihren Fer-
sen, wie er nur konnte. »Was'n das, was liegt da im Gras?«, fügte
Hagrid in scharfem Ton hinzu und wandte sich nun der Stelle un-
ter dem Astronomieturm zu, wo sich eine kleine Menge versam-
melte. »Siehst du's, Harry? Gleich unten vorm Turm? Unterhalb
vom Mal … meine Güte … meins' du, da wurde jemand runter-?«
Hagrid verstummte, der Gedanke schien ihm offenbar zu
schrecklich, um ihn laut auszusprechen. Harry ging neben ihm her
und sein Gesicht und die Beine brannten und schmerzten dort, wo
die verschiedenen Zauber ihn in der letzten halben Stunde getrof-
fen hatten, und doch waren ihm diese Beschwerden merkwürdig
fern, als würde jemand in seiner Nähe darunter leiden. Wirklich
und unausweichlich war nur der schreckliche Druck, den er in
551
seiner Brust spürte …
Er und Hagrid bewegten sich wie im Traum durch die mur-
melnde Menge bis ganz nach vorne zur Mauer, wo sich zwischen
den schreckensstarren Schülern und Lehrern eine Lücke auftat.
Harry hörte, wie Hagrid gequält und entsetzt aufstöhnte, blieb
aber nicht stehen; er ging langsam weiter, bis er die Stelle erreichte,
wo Dumbledore lag, und kauerte sich neben ihn nieder.
Harry hatte gewusst, dass es keine Hoffnung mehr gab, schon von
dem Moment an, als der Körperklammer-Fluch, mit dem Dumble-
dore ihn belegt hatte, von ihm abgefallen war, er hatte gewusst,
dass dies nur geschehen konnte, weil der Urheber des Fluchs tot
war; trotzdem war er nicht darauf vorbereitet, ihn hier zu sehen,
Arme und Beine von sich gestreckt und gebrochen: den größten
Zauberer, den Harry je gekannt hatte und je kennen würde.
Dumbledores Augen waren geschlossen; wenn nicht seine Arme
und Beine seltsam abgewinkelt gewesen wären, hätte man meinen
können, er schliefe. Harry streckte die Hand aus, rückte die Halb-
mondbrille auf der Hakennase gerade und wischte mit seinem Är-
mel Blutstropfen von Dumbledores Mund. Dann blickte er hinun-
ter auf das weise alte Gesicht und versuchte die ungeheuerliche
und unfassbare Wahrheit in sich aufzunehmen: dass Dumbledore
nie wieder mit ihm sprechen würde, ihm nie wieder würde helfen
können …
Die Menge hinter Harry murmelte. Nach einer langen Zeit, wie
es ihm vorkam, bemerkte er, dass er auf etwas Hartem kniete, und
sah hinab.
Das Medaillon, das sie vor so vielen Stunden hatten stehlen kön-
nen, war aus Dumbledores Tasche gefallen. Es hatte sich geöffnet,
vielleicht durch die Wucht des Aufpralls. Und obwohl Harry nicht
noch mehr Entsetzen und Grauen und Trauer empfinden konnte,
als er es schon tat, wusste er, als er das Medaillon aufhob, dass et-
was nicht stimmte …
Er drehte das Medaillon in den Händen. Es war weder so groß
wie das Medaillon, das er im Denkarium gesehen hatte, noch be-
fanden sich irgendwelche Zeichen darauf, keine Spur von dem
reich verzierten S, das angeblich Slytherins Symbol war. Außerdem
552
war nichts darin, nur ein zusammengefalteter Fetzen Pergament,
an der Stelle festgeklemmt, die für ein Porträt vorgesehen war.
Automatisch, ohne recht darüber nachzudenken, was er tat, zog
Harry das Stück Pergament heraus, faltete es auseinander und las es
im Licht der vielen Zauberstäbe, die inzwischen hinter ihm ent-
zündet worden waren:
An den Dunklen Lord
Ich weiß, ich werde tot sein, lange bevor du dies liest,
aber ich will, dass du weißt, dass ich es war,
der dein Geheimnis entdeckt hat.
Ich habe den echten Horkrux gestohlen und ich will
ihn zerstören, sobald ich kann.
Ich sehe dem Tod entgegen in der Hoffnung,
dass du, wenn du deinen Meister findest,
erneut sterblich sein wirst.
R. A. B.
Harry wusste weder, was diese Botschaft bedeutete, noch kümmer-
te es ihn. Nur eins war wichtig: Dies war kein Horkrux. Dumbledo-
re hatte sich selbst geschwächt, indem er diesen schrecklichen
Zaubertrank getrunken hatte, doch es war vergeblich gewesen.
Harry zerknüllte das Pergament in der Hand und in seinen Augen
brannten Tränen, als hinter ihm Fang zu heulen begann.
553
Die Klage des Phönix
»Komm her, Harry …«
»Nein.«
»Du kannst nich hier bleiben, Harry … nun komm schon …«
»Nein.«
Er wollte nicht von Dumbledores Seite weichen, er wollte nir-
gendwo hingehen. Hagrids Hand auf seiner Schulter bebte. Dann
sagte eine andere Stimme: »Harry, komm mit.«
Eine viel kleinere und wärmere Hand hatte sich um seine ge-
schlossen und zog ihn hoch. Er gehorchte ihrem Druck ohne weiter
darüber nachzudenken. Erst als er blind zurück durch die Menge
ging, erkannte er an dem Hauch eines Blumendufts, der in der Luft
lag, dass es Ginny war, die ihn zurück ins Schloss führte. Unver-
ständliche Stimmen redeten auf ihn ein, Schluchzer und Rufe und
Klagen drangen durch die Nacht, aber Harry und Ginny gingen
weiter, die Stufen hinauf und zurück in die Eingangshalle: Wäh-
rend sie auf die Marmortreppe zugingen, nahm Harry ganz am
Rande Gesichter wahr, die an ihm vorbeischwammen, Leute starr-
ten ihn an, flüsterten, stellten einander Fragen, und Gryffindor-
Rubine glitzerten auf dem Boden wie Blutstropfen.
»Wir gehen in den Krankenflügel«, sagte Ginny.
»Ich bin nicht verletzt«, erwiderte Harry.
»Das ist McGonagalls Anweisung«, sagte Ginny. »Alle sind dort
oben, Ron und Hermine und Lupin und alle -«
Von neuem regte sich Furcht in Harrys Brust: Jetzt erst fielen
ihm die reglosen Gestalten wieder ein, die er hinter sich gelassen
hatte.
»Ginny, wer ist sonst noch tot?«
»Keine Sorge, niemand von uns.«
»Aber das Dunkle Mal - Malfoy sagte, er sei über eine Leiche ge-
stiegen -«
»Er ist über Bill gestiegen, aber keine Angst, er ist am Leben.«
Doch etwas in ihrer Stimme, das spürte Harry, ließ nichts Gutes
ahnen.
554
»Bist du sicher?«
»Natürlich bin ich sicher … Er sieht ein bisschen - ein bisschen
schlimm aus, das ist alles. Greyback hat ihn angegriffen. Madam
Pomfrey meint, er wird nicht - wird nicht mehr so aussehen wie
früher …« Ginnys Stimme zitterte ein wenig. »Wir wissen nicht so
recht, welche Nachwirkungen das hat - ich meine, Greyback ist
zwar ein Werwolf, aber zu dem Zeitpunkt war er nicht verwan-
delt.«
»Aber die anderen … da lagen doch noch andere Körper am Bo-
den …«
»Neville ist im Krankenflügel, aber Madam Pomfrey denkt, dass
er wieder ganz gesund wird, und Professor Flitwick wurde ausge-
knockt, aber es geht ihm gut, er ist nur ein bisschen wacklig auf
den Beinen. Er wollte unbedingt wieder weg und nach den Ra-
venclaws schauen. Und ein Todesser ist tot, einer von den Todes-
flüchen hat ihn getroffen, die der riesige Blonde kreuz und quer
durch die Gegend geschossen hat - Harry, ich glaube, wenn wir
unseren Felix-Trank nicht gehabt hätten, dann wären wir jetzt alle
nicht mehr, aber alles schien uns haarscharf zu verfehlen -«
Sie hatten den Krankenflügel erreicht: Als Harry die Türen auf-
stieß, sah er Neville in einem Bett am Eingang liegen, offenbar
schlafend. Ron, Hermine, Luna, Tonks und Lupin waren um ein
Bett nahe dem anderen Ende des Krankensaals versammelt. Als sie
die Türen aufgehen hörten, blickten sie auf. Hermine rannte Harry
entgegen und umarmte ihn; auch Lupin kam mit besorgtem Blick
hinzu.
»Alles in Ordnung mit dir, Harry?«
»Mir geht's gut … was ist mit Bill?«
Niemand antwortete. Harry blickte über Hermines Schulter und
sah ein Gesicht auf Bills Kissen, das nicht wiederzuerkennen war,
so übel zerschnitten und aufgerissen, dass es grotesk aussah. Madam
Pomfrey betupfte seine Wunden mit einer scharf riechenden grü-
nen Salbe. Harry erinnerte sich, wie Snape Malfoys
Sectumsempra-
Wunden so leicht mit seinem Zauberstab geheilt hatte.
»Können Sie ihn nicht mit einem Zauber oder so etwas wieder-
herstellen?«, fragte er die Krankenschwester.
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»Bei denen hier hilft kein Zauber«, sagte Madam Pomfrey. »Ich
habe alles ausprobiert, was ich kenne, aber für Werwolfbisse gibt es
keine Heilung.«
»Aber er wurde nicht bei Vollmond gebissen«, sagte Ron, der auf
das Gesicht seines Bruders hinabblickte, als könnte er ihn irgend-
wie zwingen, wieder gesund zu werden, indem er ihn anstarrte.
»Greyback war nicht verwandelt, also wird Bill bestimmt kein -
kein richtiger -?«
Er sah Lupin unsicher an.
»Nein, ich glaube nicht, dass Bill ein echter Werwolf wird«, sagte
Lupin, »doch das heißt nicht, dass es nicht zu einer gewissen Ver-
giftung kommt. Auf diesen Wunden hier liegt ein Fluch. Sie wer-
den wahrscheinlich nie ganz verheilen - und Bill hat von nun an
vielleicht ein paar wölfische Eigenarten.«
»Aber vielleicht weiß Dumbledore etwas, das wirkt«, sagte Ron.
»Wo ist er? Bill hat auf Dumbledores Befehl gegen diese Wahnsin-
nigen gekämpft, Dumbledore sollte ihm dankbar sein, er kann ihn
nicht in diesem Zustand lassen -«
»Ron - Dumbledore ist tot«, sagte Ginny.
»Nein!« Lupin blickte ganz außer sich von Ginny zu Harry, als
hoffte er, Harry würde ihr widersprechen, doch als er es nicht tat,
brach Lupin auf einem Stuhl neben Bills Bett zusammen und ver-
grub das Gesicht in den Händen. Harry hatte Lupin noch nie die
Beherrschung verlieren sehen; er hatte das Gefühl, als ob er in et-
was Privates, Ungebührliches eindringen würde; er wandte sich ab,
suchte nun Rons Augen und bestätigte ihm mit einem stummen
Blick, was Ginny gesagt hatte.
»Wie ist er gestorben?«, flüsterte Tonks. »Wie ist es geschehen?«
»Snape hat ihn getötet«, sagte Harry. »Ich war dabei, ich hab es
gesehen. Als wir zurückkamen, sind wir auf dem Astronomieturm
gelandet, weil dort das Dunkle Mal war … Dumbledore war krank,
er war schwach, aber ich glaube, ihm wurde klar, dass es eine Falle
war, als wir schnelle Schritte auf der Treppe hörten. Er hat mich
gelähmt, ich konnte nichts tun, ich war unter dem Tarnumhang -
und dann kam Malfoy durch die Tür und hat ihn mit einem Zauber
entwaffnet -«
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Hermine schlug die Hände vor den Mund und Ron stöhnte. Lu-
nas Lippen zitterten.
»- dann kamen noch mehr Todesser - und dann Snape -und Snape
hat es getan. Mit dem Avada Kedavra.« Harry konnte nicht weiter-
sprechen.
Madam Pomfrey brach in Tränen aus. Keiner achtete auf sie, au-
ßer Ginny, die flüsterte: »Schhh! Hören Sie zu!«
Madam Pomfrey schluckte, drückte ihre Finger auf den Mund
und riss die Augen auf. Irgendwo draußen in der Dunkelheit sang
ein Phönix auf eine Weise, wie Harry es noch nie gehört hatte: Es
war eine Klage voller Schmerz und von schrecklicher Schönheit.
Und Harry spürte, wie er es schon früher beim Gesang des Phönix
erlebt hatte, dass die Musik nicht draußen, sondern in ihm war: Es
war sein eigenes Leid, auf magische Weise in ein Lied verwandelt,
das über das Gelände und durch die Schlossfenster hallte.
Wie lange sie alle dastanden und lauschten, wusste er nicht, auch
nicht, warum es ihren Schmerz offenbar ein wenig linderte, dem
Klang ihrer eigenen Trauer zuzuhören, doch es schien einige Zeit
vergangen zu sein, als die Türen zum Krankensaal wieder aufgin-
gen und Professor McGonagall hereinkam. Wie alle anderen war
sie von dem noch nicht lange zurückliegenden Kampf gezeichnet:
Sie hatte Schrammen im Gesicht und ihr Umhang war zerrissen.
»Molly und Arthur sind unterwegs«, sagte sie, und der Bann der
Musik war gebrochen: Alle sammelten sich, als würden sie aus ei-
ner Trance erwachen, wandten sich wieder Bill zu oder rieben sich
die Augen, schüttelten den Kopf. »Harry, was ist passiert? Hagrid
zufolge waren Sie bei Professor Dumbledore, als er - als es geschah.
Er sagt, Professor Snape sei irgendwie darin verwickelt ge-«
»Snape hat Dumbledore getötet«, sagte Harry.
Sie starrte ihn einen Moment an, dann geriet sie Besorgnis erre-
gend ins Schwanken; Madam Pomfrey, die sich offenbar wieder
gefasst hatte, rannte hinzu, beschwor einen Stuhl aus dem Nichts
herauf und schob ihn unter McGonagall.
»Snape«, wiederholte McGonagall matt und sank auf den Stuhl.
»Wir haben uns alle gewundert … aber er hat …
Snape … immer
vertraut … ich kann es nicht glauben …«
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»Snape war ein hervorragender Okklumentiker«, sagte Lupin mit
ungewöhnlich rauer Stimme. »Das haben wir immer gewusst.«
»Aber Dumbledore hat geschworen, dass er auf unserer Seite ist!«,
flüsterte Tonks. »Ich dachte immer, Dumbledore muss etwas über
Snape wissen, das wir nicht wissen …«
»Er hat immer angedeutet, dass er einen stichhaltigen Grund da-
für habe, Snape zu vertrauen«, murmelte Professor McGonagall und
tupfte sich die tränennassen Augenwinkel mit einem karogesäum-
ten Taschentuch ab. »Ich meine … bei Snapes Geschichte … die
Leute mussten sich unweigerlich fragen … aber Dumbledore hat
mir ausdrücklich gesagt, Snapes Reue sei absolut aufrichtig … woll-
te kein kritisches Wort gegen ihn hören!«
»Ich würde wirklich gern wissen, was Snape zu ihm gesagt hat,
das ihn dermaßen überzeugt hat«, meinte Tonks.
»Ich weiß es«, sagte Harry, und alle drehten sich um und starrten
ihn an. »Snape hat Voldemort die Information gegeben, die Volde-
mort dazu brachte, meine Mum und meinen Dad zu jagen und um-
zubringen. Dann hat Snape Dumbledore gesagt, er sei sich nicht
bewusst gewesen, was er tat, es tue ihm wirklich Leid, dass er es
getan habe, es tue ihm Leid, dass sie tot seien.«
»Und das hat Dumbledore geglaubt?«, fragte Lupin skeptisch.
»Dumbledore hat geglaubt, dass es Snape Leid tut, dass James ge-
storben ist? Snape hat James
gehasst …«
»Und von meiner Mutter hat er auch nicht das Geringste gehal-
ten«, sagte Harry, »weil sie muggelstämmig war … ›Schlammblüte-
rin‹ hat er sie genannt …«
Niemand fragte Harry, woher er das wusste. Alle schienen in ih-
rem Schock und ihrem Entsetzen versunken, schienen zu versu-
chen, die ungeheuerliche Wahrheit dessen, was geschehen war, zu
verarbeiten.
»Es ist alles meine Schuld«, sagte Professor McGonagall plötzlich.
Sie sah verwirrt aus und schlang sich ihr feuchtes Taschentuch um
die Hände. »Meine Schuld. Ich habe heute Nacht Filius geschickt,
um Snape zu holen, ich habe ihn tatsächlich holen lassen, damit er
uns hilft! Wenn ich Snape nicht darauf aufmerksam gemacht hätte,
was vor sich ging, wäre er den Todessern vielleicht nie zu Hilfe
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geeilt. Ich glaube nicht, dass er wusste, dass sie hier waren, ehe
Filius es ihm sagte, ich glaube nicht, dass er wusste, dass sie kom-
men würden.«
»Es ist nicht deine Schuld, Minerva«, sagte Lupin entschieden.
»Wir alle wollten mehr Unterstützung haben, wir alle waren froh
bei dem Gedanken, dass Snape auf dem Weg war …«
»Und als er dann zum Kampf stieß, hat er sich auf die Seite der
Todesser geschlagen?«, fragte Harry, der jede Einzelheit über Sna-
pes Falschheit und Niedertracht erfahren wollte, um fieberhaft
weiter Gründe zu sammeln, ihn zu hassen und Rache zu schwören.
»Ich weiß nicht genau, wie es abgelaufen ist«, sagte Professor
McGonagall erregt. »Es ist alles so verwirrend … Dumbledore hatte
uns mitgeteilt, er würde die Schule für ein paar Stunden verlassen
und wir sollten für alle Fälle in den Korridoren patrouillieren …
Remus, Bill und Nymphadora sollten zu uns stoßen … also haben
wir patrouilliert. Alles schien ruhig. Jeder Geheimgang aus der
Schule heraus war überwacht. Wir wussten, dass niemand herein-
fliegen konnte. Über jedem Eingang zum Schloss lagen mächtige
Zauber. Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie die Todesser über-
haupt hereingekommen sind …«
»Ich weiß es«, sagte Harry und erzählte ihnen kurz von den bei-
den zusammengehörigen Verschwindekabinetten und dem magi-
schen Verbindungsweg zwischen ihnen. »Sie sind also durch den
Raum der Wünsche hereingekommen.«
Beinahe gegen seinen Willen blickte er zu Ron und dann zu
Hermine, die beide zutiefst erschüttert wirkten.
»Ich hab's vermasselt, Harry«, sagte Ron bedrückt. »Wir haben
getan, was du gesagt hast: Wir haben die Karte des Rumtreibers
abgesucht, und weil wir Malfoy nicht darauf finden konnten, dach-
ten wir, er muss im Raum der Wünsche sein, und Ginny und Ne-
ville und ich sind hin, um die Sache zu beobachten … aber Malfoy
hat es geschafft, an uns vorbeizukommen.«
»Er kam, etwa eine Stunde nachdem wir mit dem Beobachten an-
gefangen hatten, aus dem Raum«, sagte Ginny. »Er war allein und
hielt diesen furchtbaren Schrumpfarm -«
»Seine Hand des Ruhmes«, sagte Ron. »Leuchtet nur für den, der
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sie hält, erinnerst du dich?«
»Wie auch immer«, fuhr Ginny fort, »er muss nachgeschaut ha-
ben, ob die Luft rein war, damit er die Todesser rauslassen konnte,
denn in dem Moment, als er uns sah, warf er etwas in die Luft und
alles wurde pechschwarz -«
»- peruanisches Instant-Finsternispulver«, sagte Ron bitter. »Von
Fred und George. Ich werd mit denen ein Wort darüber reden
müssen, wen sie alles ihre Produkte kaufen lassen.«
»Wir haben alles versucht -
Lumos, Incendio«, sagte Ginny.
»Nichts ist durch die Dunkelheit gedrungen; wir konnten uns nur
noch aus dem Korridor heraustasten, und dabei konnten wir hören,
wie Leute an uns vorbeihasteten. Malfoy konnte wegen dieser ko-
mischen Hand offenbar etwas sehen und hat sie geführt, aber wir
haben uns nicht getraut, irgendwelche Flüche oder so was zu ver-
wenden, um uns nicht gegenseitig zu treffen, und als wir einen
Korridor erreichten, in dem es hell war, waren sie verschwunden.«
»Zum Glück sind Ron, Ginny und Neville uns kurz danach über
den Weg gelaufen«, sagte Lupin heiser, »sie haben uns erzählt, was
passiert war. Wir haben die Todesser Minuten später gefunden,
unterwegs in Richtung Astronomieturm. Malfoy hatte offensicht-
lich nicht erwartet, dass noch mehr Leute Wache halten würden;
jedenfalls schien er seinen Vorrat an Finsternispulver aufgebraucht
zu haben. Es kam zum Kampf, sie haben sich zerstreut und wir sind
ihnen hinterher. Einer von ihnen, Gibbon, hat sich abgesetzt und
ist die Turmtreppe hochgelaufen -«
»Um das Mal heraufzubeschwören?«, fragte Harry.
»Er muss es wohl getan haben, ja, sie müssen das abgesprochen
haben, ehe sie den Raum der Wünsche verließen«, sagte Lupin.
»Aber ich glaube nicht, dass Gibbon der Gedanke gefallen hat, dort
oben allein auf Dumbledore zu warten, denn er kam wieder die
Treppe heruntergerannt, stürzte sich wieder in den Kampf und
wurde von einem Todesfluch getroffen, der mich knapp verfehlt
hatte.«
»Und während Ron mit Ginny und Neville den Raum der Wün-
sche überwacht hat«, sagte Harry und wandte sich an Hermine,
»warst du -?«
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»Draußen vor Snapes Büro, ja«, flüsterte Hermine, und in ihren
Augen glitzerten Tränen, »zusammen mit Luna. Wir haben ewig
davor gewartet und nichts ist passiert … wir wussten nicht, was
oben los war, Ron hatte die Karte des Rumtreibers mitgenommen
… es war fast Mitternacht, als Professor Flitwick in die Kerker her-
untergeeilt kam. Er schrie etwas von wegen, Todesser seien im
Schloss, ich glaube nicht, dass er überhaupt richtig mitbekommen
hat, dass Luna und ich da waren, er ist einfach in Snapes Büro ge-
stürmt, und wir hörten ihn sagen, dass Snape mit ihm zurückgehen
muss und helfen muss, und dann hörten wir einen lauten Schlag
und Snape kam aus seinem Raum gestürzt und er sah uns und - und
-«
»Was?«, drängte Harry.
»Ich war so dumm, Harry!«, flüsterte Hermine aufgeregt. »Er sag-
te, Professor Flitwick hätte einen Zusammenbruch gehabt und wir
sollten rein und uns um ihn kümmern, während er - während er
jetzt sofort gehen und beim Kampf gegen die Todesser helfen müsse
-«
Sie schlug vor Scham die Hände vors Gesicht und sprach durch
ihre Finger weiter, so dass ihre Stimme nun gedämpft klang.
»Wir gingen in sein Büro, um nachzusehen, ob wir Professor
Flitwick helfen konnten, und fanden ihn bewusstlos am Boden …
und, oh, jetzt ist es so offensichtlich, Snape muss Flitwick mit ei-
nem Schockzauber belegt haben, aber wir haben nichts gemerkt,
Harry, wir haben nichts gemerkt, wir haben Snape einfach gehen
lassen!«
»Es ist nicht eure Schuld«, wandte Lupin entschieden ein. »Her-
mine, wenn ihr Snape nicht gehorcht hättet und nicht aus dem
Weg gegangen wärt, dann hätte er dich und Luna wahrscheinlich
getötet.«
»Dann kam er also nach oben«, sagte Harry, der Snape vor seinem
geistigen Auge sah, wie er mit seinem wehenden schwarzen Um-
hang die Marmortreppe hochrannte und auf dem Weg seinen Zau-
berstab unter dem Umhang hervorzog, »und er hat die Stelle ge-
funden, wo ihr alle gekämpft habt …«
»Wir steckten in der Klemme, wir waren drauf und dran, zu ver-
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lieren«, sagte Tonks mit leiser Stimme. »Gibbon war erledigt, aber
der Rest der Todesser schien bereit, bis zum Tod zu kämpfen. Ne-
ville war verletzt, Bill war von Greyback angefallen worden … es
war völlig dunkel … überall flogen Flüche umher … der junge
Malfoy war verschwunden, er muss vorbeigehuscht sein, die Turm-
treppe hinauf … dann rannten noch mehr von denen Malfoy nach,
aber einer davon hat die Treppe hinter ihnen mit irgendeinem
Fluch blockiert … Neville ist dagegengerannt und es hat ihn in die
Luft geschleudert -«
»Keiner von uns konnte durchbrechen«, sagte Ron, »und dieser
gigantische Todesser schoss immer noch Flüche durch die Gegend,
die sind von den Wänden abgeprallt und haben uns haarscharf ver-
fehlt …«
»Und dann war Snape da«, sagte Tonks, »und dann schon wieder
weg -«
»Ich hab ihn auf uns zurennen sehen, aber gleich danach ging ein
Fluch von diesem riesigen Todesser knapp an mir vorbei, und ich
hab mich geduckt und nicht mehr mitbekommen, was passiert ist«,
sagte Ginny.
»Ich habe gesehen, wie er geradewegs durch die Fluchbarriere ge-
rannt ist, als ob sie nicht da wäre«, sagte Lupin. »Ich habe versucht,
ihm zu folgen, aber ich wurde zurückgeworfen, genau wie Neville
…«
»Er muss einen Zauber gekannt haben, den wir nicht kannten«,
flüsterte McGonagall. »Schließlich - war er der Lehrer für Verteidi-
gung gegen die dunklen Künste … ich dachte einfach, er wollte
schnell den Todessern nachjagen, die den Turm hinauf entkommen
waren …«
»Das hat er auch getan«, sagte Harry grimmig, »aber um ihnen zu
helfen, und nicht, um sie aufzuhalten … und ich wette, man muss-
te das Dunkle Mal haben, um durch diese Barriere zu kommen -
und was ist passiert, als er wieder runterkam?«
»Also, der große Todesser hatte gerade einen Zauber abgefeuert,
der die halbe Decke zum Einsturz brachte und auch den Fluch
brach, der die Treppe blockierte«, sagte Lupin. »Wir sind alle darauf
zugerannt - das heißt, die von uns, die noch auf den Beinen waren
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-, und dann tauchten Snape und der Junge aus dem Staub auf- na-
türlich hat keiner von uns sie angegriffen -«
»Wir haben sie einfach durchgelassen«, sagte Tonks mit dumpfer
Stimme, »wir dachten, sie würden von den Todessern verfolgt -
und mit einem Mal waren die anderen Todesser und Greyback zu-
rück und wir haben wieder gekämpft - ich dachte, ich hätte Snape
etwas rufen hören, aber ich weiß nicht, was -«
»Er hat ›es ist vorbei‹ gerufen«, sagte Harry. »Er hatte getan, was
er tun wollte.«
Alle verstummten. Fawkes' Klage hallte noch immer über das
dunkle Schlossgelände draußen. Während die Klänge in der Luft
vibrierten, schlichen sich ungebetene, unwillkommene Gedanken
in Harrys Kopf … hatte man Dumbledores Leichnam schon vom
Fuß des Turms entfernt? Was würde jetzt mit ihm geschehen? Wo
würde er ruhen? Er ballte die Fäuste in seinen Taschen fest zusam-
men. An den Fingerknöcheln seiner rechten Hand spürte er den
kleinen kalten Klumpen des falschen Horkruxes.
Die Türen des Krankenflügels schlugen auf und alle erschraken:
Mr und Mrs Weasley durchquerten den Saal, dicht gefolgt von
Fleur, deren hübsches Gesicht voller Angst war.
»Molly - Arthur -«, sagte Professor McGonagall, sprang auf und
eilte ihnen entgegen, um sie zu begrüßen. »Es tut mir so furchtbar
Leid -«
»Bill«, flüsterte Mrs Weasley und stürzte an Professor McGona-
gall vorbei, als ihr Blick auf Bills zerfleischtes Gesicht fiel. »Oh,Bill!«
Lupin und Tonks waren hastig aufgestanden und hatten sich zu-
rückgezogen, damit Mr und Mrs Weasley näher an das Bett heran-
konnten. Mrs Weasley beugte sich über ihren Sohn und drückte
ihre Lippen auf seine blutige Stirn.
»Du hast gesagt, Greyback hätte ihn angegriffen?«, fragte Mr
Weasley beunruhigt Professor McGonagall. »Aber er war nicht
verwandelt? Was bedeutet das dann? Was wird mit Bill gesche-
hen?«
»Wir wissen es noch nicht«, sagte Professor McGonagall und
blickte hilflos zu Lupin hinüber.
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»Er wird wahrscheinlich in gewissem Maße infiziert sein, Ar-
thur«, sagte Lupin. »Es ist ein seltsamer Fall, vielleicht einzigartig
… Wir wissen nicht, wie er sich möglicherweise verhalten wird,
wenn er aufwacht …«
Mrs Weasley nahm Madam Pomfrey die übel riechende Salbe ab
und begann, damit Bills Wunden zu betupfen.
»Und Dumbledore …«, sagte Mr Weasley. »Minerva, ist es wahr
… ist er wirklich … ?«
Als Professor McGonagall nickte, spürte Harry, wie sich Ginny
neben ihm bewegte, und sah sie an. Ihre leicht verengten Augen
waren auf Fleur geheftet, die mit starrer Miene auf Bill hinabsah.
»Dumbledore ist nicht mehr«, flüsterte Mr Weasley, aber Mrs
Weasley hatte nur Augen für ihren ältesten Sohn; sie begann zu
schluchzen, Tränen fielen auf Bills entstelltes Gesicht.
»Natürlich, es ist egal, wie er aussieht … das ist nicht w-wirklich
wichtig … aber er war so ein hübscher kleiner J-Junge … immer
sehr hübsch … und er w-wollte bald heiraten!«
»Und was meinst du damit?«, sagte Fleur plötzlich und laut. »Was
soll das 'eißen, er
wollte bald 'erraten?«
Mrs Weasley hob ihr tränenfeuchtes Gesicht und blickte verdutzt
drein.
»Also - nur dass -«
»Du glaubst, Bill will misch nischt mehr 'eiraten?«, drang Fleur
auf sie ein. »Du glaubst, weil er so gebissen wurde, wird er misch
nischt mehr lieben?«
»Nein, das habe ich nicht -«
»Das wird er sehr wohl!«, sagte Fleur, richtete sich zu voller Grö-
ße auf und warf ihre lange silberne Haarmähne zurück. »Es wäre
mehr als ein Werwolf nötisch, damit Bill auf'ört misch su lieben!«
»Also, ja, da bin ich sicher«, sagte Mrs Weasley, »aber ich dachte,
vielleicht - so, wie er - wie er -«
»Du 'ast geglaubt, isch würde ihn nischt 'eiraten wollen? Oder
vielleischt 'ast du es ge'offt?«, sagte Fleur mit bebenden Nasenflü-
geln. »Was kümmert es misch, wie er aussieht? Isch se'e gut genug
aus für uns beide, glaube isch! Alle diese Narben seigen nur, dass
mein Mann mutig ist! Und das 'ier erledige isch selbst!«, fügte sie
564
grimmig hinzu, schob Mrs Weasley beiseite und schnappte ihr die
Salbe aus der Hand.
Mrs Weasley fiel rücklings gegen ihren Mann und sah zu, wie
Fleur mit einem äußerst merkwürdigen Gesichtsausdruck Bills
Wunden abtupfte. Niemand sagte ein Wort; Harry wagte es nicht,
sich zu rühren. Wie alle anderen wartete er auf die Explosion.
»Unser Großtantchen Muriel«, sagte Mrs Weasley nach einer lan-
gen Pause, »hat ein sehr schönes Diadem - von Kobolden gefertigt -
, und ich könnte sie sicher überreden, es dir für die Hochzeit zu
leihen. Sie hängt sehr an Bill, weißt du, und es würde wunderbar
zu deinem Haar passen.«
»Danke serr«, sagte Fleur steif. »Isch bin sischer, es wird wunder-
bar sein.«
Und dann - Harry bekam nicht richtig mit, wie es passierte - la-
gen sich beide Frauen plötzlich weinend in den Armen. Völlig
verwirrt fragte sich Harry, ob alle Welt verrückt geworden sei, und
drehte sich um: Ron sah genauso verblüfft aus, wie Harry sich fühl-
te, und Ginny und Hermine tauschten bestürzte Blicke.
»Da siehst du mal!«, sagte eine angespannte Stimme. Tonks blick-
te Lupin finster an. »Sie will ihn trotzdem heiraten, obwohl er ge-
bissen wurde! Es ist ihr egal!«
»Das ist was anderes«, sagte Lupin, der kaum die Lippen bewegte
und plötzlich nervös wirkte. »Bill wird kein richtiger Werwolf sein.
Die beiden Fälle sind vollkommen -«
»Aber mir ist es auch egal, mir ist es egal!«, sagte Tonks, packte
Lupin vorn am Umhang und zerrte daran. »Ich hab dir tausendmal
erklärt …«
Und die Bedeutung von Tonks' Patronus und ihres mausbraunen
Haares, und der Grund, weshalb sie ins Schloss gerannt war, um
Dumbledore aufzusuchen, nachdem sie ein Gerücht gehört hatte,
dass jemand von Greyback angegriffen worden sei, dies alles wurde
Harry schlagartig klar; es war also doch nicht Sirius gewesen, in
den Tonks sich verliebt hatte …
»Und ich hab
dir tausendmal erklärt«, erwiderte Lupin, der ihr
nicht in die Augen blicken wollte und stattdessen zu Boden sah,
»dass ich zu alt bin für dich, zu arm … zu gefährlich …«
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»Ich sage dir schon die ganze Zeit, dass du dich in diesem Punkt
einfach lächerlich verhältst«, sagte Mrs Weasley über Fleurs Schul-
ter, während sie ihr den Rücken tätschelte.
»Das ist nicht lächerlich«, erwiderte Lupin unnachgiebig. »Tonks
hat jemanden verdient, der jung und gesund ist.«
»Aber sie will dich«, sagte Mr Weasley mit einem leisen Lächeln.
»Und im Übrigen, Remus, bleiben junge und gesunde Männer nicht
unbedingt so.« Er deutete traurig auf seinen Sohn, der zwischen
ihnen lag.
»Das ist … nicht der Moment, um darüber zu diskutieren«, sagte
Lupin und mied die Blicke der anderen, während er verwirrt um-
hersah. »Dumbledore ist tot …«
»Dumbledore hätte sich mehr als jeder andere gefreut, wenn er
erfahren hätte, dass ein wenig mehr Liebe in der Welt ist«, sagte
Professor McGonagall schroff, und in diesem Augenblick öffneten
sich die Türen des Krankenflügels erneut und Hagrid kam herein.
Das bisschen von seinem Gesicht, das nicht durch Haar oder Bart
verdeckt war, war nass und geschwollen; er zitterte, in Tränen auf-
gelöst, und hielt ein riesiges gepunktetes Taschentuch in der Hand.
»Es is' … es is' erledigt, Professor«, würgte er hervor. »Ich hab ihn
w-weggetragen. Professor Sprout hat die Kinder wieder ins Bett
geschickt. Professor Flitwick hat sich hingelegt, aber er sagt, er is'
im Nu wieder aufm Damm, und Professor Slughorn sagt, dass das
Ministerium informiert is'.«
»Danke, Hagrid«, erwiderte Professor McGonagall, stand sofort
auf und wandte sich der Gruppe um Bills Bett zu. »Ich werde mit
den Vertretern des Ministeriums sprechen müssen, sobald sie hier
sind. Hagrid, bitte richten Sie den Hauslehrern aus - Slughorn kann
Slytherin übernehmen -, sie möchten sich umgehend in meinem
Büro einfinden. Und ich wünsche, dass Sie auch dabei sind.«
Hagrid nickte, drehte sich um und schlurfte wieder hinaus, und
sie blickte zu Harry hinab.
»Vor diesem Treffen hätte ich gerne ein kurzes Gespräch mit Ih-
nen, Harry. Wenn Sie bitte mit mir kommen …«
Harry stand auf, murmelte Ron, Hermine und Ginny »Wir sehen
uns gleich« zu und folgte Professor McGonagall durch den Kran-
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kensaal zurück. Die Korridore draußen waren verlassen und es war
nichts zu hören außer dem fernen Gesang des Phönix. Es dauerte
einige Minuten, bis Harry bemerkte, dass sie nicht auf dem Weg zu
Professor McGonagalls Büro waren, sondern zu Dumbledores, und
ein paar weitere Sekunden, ehe ihm einfiel, dass sie ja die stellver-
tretende Schulleiterin gewesen war … offenbar hatte sie nun die
Leitung übernommen … also gehörte der Raum hinter dem Was-
serspeier jetzt ihr …
Schweigend stiegen sie die sich bewegende Wendeltreppe hinauf
und betraten das kreisrunde Büro. Er wusste nicht, was er erwartet
hatte: dass der Raum schwarz verhangen sein würde vielleicht,
oder vielleicht sogar, dass Dumbledores Leichnam hier liegen wür-
de. Tatsächlich sah der Raum fast genauso aus wie nur wenige
Stunden zuvor, als er und Dumbledore ihn verlassen hatten: Die
silbernen Instrumente surrten und pafften auf ihren storchbeinigen
Tischen, Gryffindors Schwert schimmerte im Mondlicht in seiner
Vitrine, der Sprechende Hut lag auf einem Regal hinter dem
Schreibtisch. Aber Fawkes' Stange war leer; er sang noch immer
sein Klagelied draußen auf dem Schlossgelände. Und ein neues
Porträt war in den Reihen der verstorbenen Schulleiter und Schul-
leiterinnen von Hogwarts … Dumbledore schlummerte in einem
goldenen Rahmen über dem Schreibtisch, die Halbmondbrille auf
der Hakennase, mit friedlicher und sorgloser Miene.
Professor McGonagall warf einen kurzen Blick auf das Porträt
und machte eine eigenartige Bewegung, als würde sie sich wapp-
nen, dann ging sie um den Schreibtisch herum und sah Harry mit
angespanntem und zerfurchtem Gesicht an.
»Harry«, sagte sie, »ich würde gerne wissen, was Sie und Dumble-
dore heute Abend gemacht haben, nachdem Sie die Schule verlas-
sen hatten.«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Professor«, entgegnete Harry.
Er hatte die Frage erwartet und seine Antwort parat. Hier, genau in
diesem Raum, hatte Dumbledore ihn aufgefordert, keinem außer
Ron und Hermine anzuvertrauen, was sie im Unterricht bespro-
chen hatten.
»Harry, es könnte wichtig sein«, sagte Professor McGonagall-
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»Das ist es«, sagte Harry, »sehr wichtig, aber er wollte nicht, dass
ich es jemandem erzähle.«
Professor McGonagall blickte ihn finster an.
»Potter« (Harry fiel auf, dass sie nun wieder seinen Nachnamen
gebrauchte), »ich denke, Sie müssen angesichts der Tatsache, dass
Professor Dumbledore tot ist, einsehen, dass sich die Lage ein we-
nig verändert hat -«
»Das glaube ich nicht«, sagte Harry achselzuckend. »Professor
Dumbledore hat nie gesagt, dass ich seine Befehle nicht mehr be-
folgen soll, wenn er einmal tot ist.«
»Aber -«
»Eins sollten Sie wissen, ehe die Leute vom Ministerium da sind.
Madam Rosmerta steht unter dem Imperius-Fluch, sie hat Malfoy
und den Todessern geholfen, auf diese Weise kamen das Halsband
und der vergiftete Met -«
»Rosmerta?«, sagte Professor McGonagall ungläubig, doch ehe sie
fortfahren konnte, klopfte es an der Tür hinter ihnen und die Pro-
fessoren Sprout, Flitwick und Slughorn kamen hereingeschlurft,
gefolgt von Hagrid, der immer noch in Tränen aufgelöst war und
dessen riesige Gestalt vor Kummer zitterte.
»Snape!«, stieß Slughorn hervor, der, bleich und schwitzend, am
erschüttertsten von allen wirkte. »Snape! Er war mein Schüler! Ich
dachte, ich kenne ihn!«
Doch ehe einer von ihnen darauf antworten konnte, meldete sich
von hoch oben an der Wand eine scharfe Stimme: Ein fahlgesichti-
ger Zauberer mit kurzen schwarzen Stirnfransen war gerade auf
seine leere Leinwand zurückgekehrt.
»Minerva, der Minister wird in ein paar Sekunden hier sein, er ist
soeben aus dem Ministerium disappariert.«
»Danke, Everard«, sagte Professor McGonagall und wandte sich
rasch ihren Lehrern zu.
»Ehe er hier ist, möchte ich noch darüber reden, wie es mit Hog-
warts weitergehen soll«, sagte sie rasch. »Ich persönlich bin nicht
davon überzeugt, dass die Schule nächstes Jahr wieder geöffnet
werden sollte. Der Tod des Schulleiters durch die Hand eines unse-
rer Kollegen ist ein furchtbarer Schandfleck in Hogwarts' Ge-
568
schichte. Es ist schrecklich.«
»Ich bin sicher, Dumbledore hätte gewollt, dass die Schule geöff-
net bleibt«, sagte Professor Sprout. »Ich denke, wenn auch nur ein
einziger Schüler kommen will, dann sollte die Schule für diesen
Schüler geöffnet bleiben.«
»Aber werden wir nach diesen Vorfällen einen einzigen Schüler
haben?«, fragte Slughorn und tupfte sich die schwitzende Stirn mit
einem seidenen Taschentuch ab. »Die Eltern werden ihre Kinder zu
Hause behalten wollen und ich kann es ihnen keineswegs verden-
ken. Ich persönlich glaube nicht, dass wir in Hogwarts gefährdeter
sind als irgendwo sonst, aber man kann nicht erwarten, dass Mütter
genauso denken. Sie werden ihre Familien zusammenhalten wol-
len, das ist nur natürlich.«
»Dieser Meinung bin ich auch«, sagte Professor McGonagall.
»Und man kann jedenfalls nicht behaupten, dass Professor
Dumbledore sich nie in einer Situation befand, in der Hogwarts
möglicherweise geschlossen werden sollte. Als sich die Kammer des
Schreckens von neuem öffnete, zog er die Schließung der Schule in
Betracht - und ich muss sagen, dass der Mord an Professor
Dumbledore mich mehr beunruhigt als die Vorstellung, Slytherins
Monster würde unentdeckt in den Eingeweiden des Schlosses leben
…«
»Wir müssen die Schulräte befragen«, sagte Professor Flitwick mit
seiner leisen quiekenden Stimme; er hatte einen großen Bluterguss
auf der Stirn, schien jedoch ansonsten bei seinem Zusammenbruch
in Snapes Büro nicht zu Schaden gekommen zu sein. »Wir müssen
uns an die herkömmlichen Verfahrensweisen halten. Eine Ent-
scheidung sollte nicht überstürzt werden.«
»Hagrid, Sie haben sich gar nicht geäußert«, sagte Professor
McGonagall. »Wie ist Ihre Ansicht, sollte Hogwarts geöffnet blei-
ben?«
Hagrid, der während des ganzen Gesprächs stumm in sein großes
getüpfeltes Taschentuch geweint hatte, hob nun die verschwolle-
nen Augen und krächzte: »Ich weiß nich, Professor … das müss'n
die Hauslehrer und die Schulleiterin entscheiden …«
»Professor Dumbledore hat Ihre Meinung immer geschätzt«, sagte
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Professor McGonagall freundlich, »und das tue ich auch.«
»Also, ich bleib hier«, sagte Hagrid, und noch immer liefen ihm
dicke Tränen aus den Augenwinkeln und tröpfelten in seinen ver-
filzten Bart. »'s is' mein Zuhause hier, 's war mein Zuhause, seit ich
dreizehn war. Und wenn's Kinder gibt, die woll'n, dass ich ihnen
was beibring, dann mach ich's. Aber … ich weiß nich … Hogwarts
ohne Dumbledore …«
Er schluckte, verschwand erneut hinter seinem Taschentuch, und
Stille trat ein.
»Na schön«, sagte Professor McGonagall und blickte aus dem
Fenster über das Gelände, um zu sehen, ob der Minister schon im
Anmarsch war, »dann muss ich Filius zustimmen, dass es das Rich-
tige ist, die Schulräte zu befragen und ihnen die endgültige Ent-
scheidung zu überlassen.
Was die Heimreise der Schüler angeht … gibt es gute Gründe,
dass diese eher früher als später stattfinden sollte. Wenn nötig,
könnten wir es so einrichten, dass der Hogwarts-Express morgen
kommt -«
»Was ist mit Dumbledores Begräbnis?«, ergriff Harry nun endlich
das Wort.
»Nun …«, sagte Professor McGonagall, und da ihre Stimme bebte,
wirkte sie etwas weniger energisch. »Ich - ich weiß, es war
Dumbledores Wunsch, hier in Hogwarts begraben zu werden -«
»Dann wird das auch geschehen, oder?«, sagte Harry grimmig.
»Wenn das Ministerium es für angemessen hält«, erwiderte Pro-
fessor McGonagall. »Noch nie wurde ein Schulleiter oder eine
Schulleiterin -«
»Noch nie hat ein Schulleiter oder eine Schulleiterin mehr für
diese Schule gege'm«, knurrte Hagrid.
»Hogwarts sollte Dumbledores letzte Ruhestätte sein«, sagte Pro-
fessor Flitwick.
»Aber natürlich«, sagte Professor Sprout.
»Und in diesem Fall«, sagte Harry, »sollten Sie die Schüler nicht
vor dem Begräbnis nach Hause schicken. Sie wollen sich sicher -«
Das letzte Wort blieb ihm im Hals stecken, aber Professor Sprout
beendete den Satz für ihn.
570
»- verabschieden.«
»Gut gesagt«, quiekte Professor Flitwick. »Gut gesagt, in der Tat!
Unsere Schüler sollten ihren Respekt erweisen, so gehört es sich.
Für den Heimtransport können wir danach sorgen.«
»Ganz genau«, bellte Professor Sprout.
»Ich schätze … ja …«, sagte Slughorn und seine Stimme klang
recht aufgewühlt, während Hagrid mit einem erstickten Schluchzer
zustimmte.
»Er kommt«, sagte Professor McGonagall plötzlich und spähte
hinunter auf das Schlossgelände. »Der Minister … und wie es aus-
sieht, hat er eine Delegation mitgebracht …«
»Kann ich gehen, Professor?«, sagte Harry sofort.
Er hatte nicht das geringste Bedürfnis, in dieser Nacht Rufus
Scrimgeour zu sehen oder von ihm verhört zu werden.
»Ja«, sagte Professor McGonagall, »aber schnell.«
Sie schritt auf die Tür zu und hielt sie für ihn auf. Er rannte die
Wendeltreppe hinunter und den verlassenen Korridor entlang; er
hatte seinen Tarnumhang auf dem Astronomieturm gelassen, doch
es spielte keine Rolle; in den Korridoren war niemand, der ihn hät-
te vorbeigehen sehen können, nicht einmal Filch, Mrs Norris oder
Peeves. Er traf keine Menschenseele, bis er in den Gang einbog, der
zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors führte.
»Ist es wahr?«, flüsterte die fette Dame, als er sich näherte. »Ist es
wirklich wahr? Dumbledore - tot?«
»Ja«, sagte Harry.
Sie stieß einen klagenden Schrei aus und schwang vor, um ihn
einzulassen, ohne auf das Passwort zu warten.
Wie Harry vermutet hatte, war es im Gemeinschaftsraum ge-
rammelt voll. Als er durch das Porträtloch kletterte, wurde es still.
Er sah Dean und Seamus mit einigen anderen in der Nähe sitzen:
Das bedeutete, dass der Schlafsaal leer sein musste, oder fast leer.
Ohne mit jemandem zu sprechen oder auch nur jemandem in die
Augen zu sehen, ging Harry mitten durch den Raum und durch die
Tür zu den Jungenschlafsälen.
Wie er gehofft hatte, saß Ron immer noch komplett angezogen
auf dem Bett und wartete auf ihn. Harry setzte sich auf sein Him-
571
melbett und einen Moment lang starrten sie einander nur an.
»Sie reden darüber, ob man die Schule schließen sollte«, sagte
Harry.
»Lupin meinte, dass sie das machen werden«, sagte Ron.
Eine Pause trat ein.
»Und?«, sagte Ron mit sehr leiser Stimme, als glaubte er, die Mö-
bel würden sie belauschen. »Habt ihr einen gefunden? Habt ihr
einen gekriegt? Einen - einen Horkrux?«
Harry schüttelte den Kopf. Alles, was an diesem schwarzen See
geschehen war, kam ihm jetzt wie ein längst vergangener Alptraum
vor; war es wirklich passiert, nur Stunden zuvor?
»Ihr habt ihn nicht gekriegt?«, sagte Ron mit niedergeschlagener
Miene. »Er war nicht dort?«
»Nein«, sagte Harry. »Jemand hatte ihn schon weggenommen und
einen falschen an seinem Platz zurückgelassen.«
»Schon
weggenommen -?«
Wortlos zog Harry das falsche Medaillon aus seiner Tasche, öff-
nete es und gab es Ron. Die ganze Geschichte hatte Zeit … sie war
in dieser Nacht nicht wichtig … nichts war wichtig außer dem
Ende, dem Ende ihres sinnlosen Abenteuers, dem Ende von
Dumbledores Leben …
»R. A. B.«, flüsterte Ron, »aber wer war das?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry, legte sich in all seinen Sachen auf
dem Bett zurück und starrte mit leerem Blick nach oben. Er ver-
spürte überhaupt keine Neugier, was R. A. B. anging: Er bezweifel-
te, dass er je wieder neugierig sein würde. Während er dalag, wur-
de ihm plötzlich bewusst, dass es über dem Schlossgelände still war.
Fawkes hatte aufgehört zu singen.
Und er wusste, ohne zu wissen, woher, dass der Phönix ver-
schwunden war, dass er Hogwarts für immer verlassen hatte, wie
auch Dumbledore die Schule verlassen hatte, die Welt verlassen
hatte … Harry verlassen hatte.
572
Das weiße Grabmal
Der gesamte Unterricht wurde eingestellt, alle Prüfungen waren
verschoben. Einige Schüler wurden während der nächsten Tage
von ihren Eltern eilends von Hogwarts abgeholt - die Patil-
Zwillinge waren noch vor dem Frühstück am Morgen nach
Dumbledores Tod verschwunden, und Zacharias Smith wurde von
seinem überheblich wirkenden Vater aus der Schule geleitet. Sea-
mus Finnigan hingegen weigerte sich glatt, mit seiner Mutter nach
Hause zu fahren; sie hatten eine lautstarke Auseinandersetzung in
der Eingangshalle, die damit endete, dass seine Mutter ihm erlaub-
te, bis nach der Beerdigung zu bleiben. Sie hatte Schwierigkeiten,
in Hogsmeade eine Unterkunft zu finden, berichtete Seamus Harry
und Ron, weil Zauberer und Hexen in das Dorf strömten, die
Dumbledore die letzte Ehre erweisen wollten.
Unter den jüngeren Schülern, die das noch nie gesehen hatten,
gab es einige Aufregung, als eine pastellblaue Kutsche, groß wie ein
Haus, gezogen von einem Dutzend gigantischer geflügelter Palomi-
nos, am späten Nachmittag vor der Beerdigung vom Himmel ge-
rauscht kam und am Waldrand landete. Harry sah von einem Fens-
ter aus zu, wie eine riesige und hübsche schwarzhaarige Frau mit
olivfarbenem Teint die Kutschenstufen hinabstieg und sich in die
Arme des wartenden Hagrid warf. Mittlerweile war eine Delegati-
on aus Ministeriumsvertretern, darunter der Zaubereiminister per-
sönlich, im Schloss einquartiert worden. Harry vermied sorgsam
jeglichen Kontakt mit ihnen; früher oder später würde man ihn
sicher erneut auffordern zu berichten, was Dumbledore getan hat-
te, als er Hogwarts zum letzten Mal verlassen hatte.
Harry, Ron, Hermine und Ginny verbrachten all ihre Zeit ge-
meinsam. Das schöne Wetter war ein Hohn; Harry konnte sich
ausmalen, wie diese Zeit ganz am Ende des Schuljahres für sie ge-
wesen wäre, wenn Dumbledore nicht gestorben wäre: Ginny war
mit den Prüfungen fertig, es gab keinen Druck mehr, Hausaufgaben
zu machen … Und von Stunde zu Stunde schob er hinaus, was er
sagen musste und was er, weil es das Richtige war, tun musste,
573
denn es war zu bitter, auf jene Quelle, die ihm am meisten Trost
spendete, zu verzichten.
Zweimal am Tag gingen sie in den Krankenflügel: Neville war
entlassen worden, aber Bill blieb in Madam Pomfreys Obhut. Seine
Narben waren genauso schlimm wie zuvor; tatsächlich hatte er
jetzt eine entfernte Ähnlichkeit mit Mad-Eye Moody, auch wenn
Bill zum Glück noch beide Augen und Beine besaß, doch sein Cha-
rakter war offenbar derselbe geblieben. Alles, was sich verändert zu
haben schien, war, dass er nun eine große Vorliebe für sehr blutige
Steaks hatte.
»… also ist es nur gut, dass er misch 'erratet«, sagte Fleur selig und
schüttelte Bills Kissen auf, »weil die Briten ihr Fleisch su lange bra-
ten, das 'abe isch immer gesagt.«
»Ich glaub, ich muss mich einfach damit abfinden, dass er sie
wirklich heiraten wird«, seufzte Ginny später am Abend, als sie,
Harry, Ron und Hermine am offenen Fenster des Gryffindor-
Gemeinschaftsraums saßen und auf das dämmrige Schlossgelände
hinausschauten.
»Sie ist doch gar nicht so übel«, sagte Harry. »Aber hässlich«, füg-
te er hastig hinzu, als Ginny die Augenbrauen hochzog, und sie
ließ ein zögerndes Kichern hören.
»Also, ich denke, wenn Mum es aushalten kann, dann kann ich es
auch.«
»Sonst noch jemand gestorben, den wir kennen?«, fragte Ron
Hermine, die aufmerksam den
Abendpropheten las.
Die angestrengte Härte seiner Stimme ließ Hermine zu-
sammenzucken.
»Nein«, sagte sie missbilligend und faltete die Zeitung zusammen.
»Sie suchen immer noch nach Snape, aber keine Spur …«
»Natürlich gibt es keine«, sagte Harry, der jedes Mal wütend
wurde, wenn dieses Thema zur Sprache kam. »Die werden Snape
nicht finden, bis sie Voldemort finden, und wenn sie das all die
Zeit schon nicht geschafft haben …«
»Ich geh ins Bett«, gähnte Ginny. »Ich hab nicht sonderlich gut
geschlafen, seit … also … ich könnte ein bisschen Schlaf vertra-
gen.«
574
Sie küsste Harry (Ron sah demonstrativ weg), winkte den beiden
anderen und verschwand in Richtung Mädchenschlafsäle. Kaum
hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, beugte sich Hermine mit
einem höchst herminehaften Gesichtsausdruck zu Harry vor.
»Harry, ich habe heute Morgen etwas rausgefunden, in der Bib-
liothek …«
»R. A. B. ?«, sagte Harry und richtete sich auf.
Er fühlte sich nicht, wie so häufig zuvor, aufgeregt, neugierig, er-
picht darauf, einem Geheimnis auf den Grund zu kommen; er
wusste nur, dass die Aufgabe, die Wahrheit über den echten
Horkrux herauszufinden, gelöst werden musste, ehe er auf dem
dunklen und gewundenen Weg ein Stück vorankam, der sich vor
ihm erstreckte, auf dem Weg, den er und Dumbledore gemeinsam
angetreten hatten und von dem er nun wusste, dass er ihn allein
würde gehen müssen. Es waren vielleicht noch immer vier
Horkruxe irgendwo dort draußen, und jeder musste gefunden und
zerstört werden, ehe es überhaupt eine Möglichkeit gab, Voldemort
zu töten. Er sagte sich immer wieder ihre Namen vor, als ob er sie
in Reichweite bringen könnte, wenn er sie aufzählte: »das Medail-
lon … der Becher … die Schlange … etwas von Gryffindor oder
Ravenclaw … das Medaillon … der Becher … die Schlange … et-
was von Gryffindor oder Ravenclaw …«
Dieses Mantra schien in Harrys Kopf zu pulsieren, wenn er a-
bends einschlief, und seine Träume waren voller Becher, Medail-
lons und mysteriöser Gegenstände, die er nie richtig zu fassen be-
kam, obwohl Dumbledore ihm hilfreich eine Strickleiter anbot, die
sich jedoch in Schlangen verwandelte, sobald er loskletterte …
Er hatte Hermine am Morgen nach Dumbledores Tod den Brief
aus dem Medaillon gezeigt, und obwohl sie die Initialen nicht so-
fort als die eines obskuren Zauberers erkannt hatte, von dem sie
schon gelesen hatte, war sie seither ein wenig häufiger in die Bib-
liothek gerannt, als es jemand, der keine Hausaufgaben zu erledi-
gen hatte, unbedingt hätte tun müssen.
»Nein«, sagte sie niedergeschlagen, »ich hab es versucht, Harry,
aber ich hab nichts gefunden … es gibt ein paar einigermaßen be-
kannte Zauberer mit diesen Initialen - Rosalind Antigone Bungs …
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Rupert ›Axebanger‹ Brookstanton … aber die scheinen überhaupt
nicht zu passen. Diesem Brief nach kannte die Person, die den
Horkrux gestohlen hat, Voldemort, und ich kann nicht das gerings-
te Anzeichen dafür finden, dass Bungs oder Axebanger je irgendet-
was mit ihm zu schaffen hatten … nein, eigentlich geht es um …
na ja, Snape.«
Sie wirkte allein schon beim Aussprechen des Namens nervös.
»Was ist mit ihm?«, fragte Harry mit schwerer Stimme und ließ
sich wieder in seinen Sessel sinken.
»Also, es ist nur, dass ich irgendwie Recht hatte bei dieser Halb-
blutprinz-Geschichte«, sagte sie zögernd.
»Musst du ewig darauf herumreiten, Hermine? Was glaubst du,
wie ich mich jetzt dabei fühle?«
»Nein - nein - das war nicht so gemeint, Harry!«, sagte sie hastig
und blickte umher, um sich zu vergewissern, dass keiner mithörte.
»Ich wollte nur sagen, dass ich Recht hatte, dass das Buch früher
mal Eileen Prince gehört hat. Weißt du … sie war Snapes Mutter!«
»Ich hab mir schon gedacht, dass sie nicht gerade 'ne Schönheit
war«, bemerkte Ron. Hermine ignorierte ihn.
»Ich hab die restlichen alten
Propheten durchgesehen und eine
kleine Anzeige gefunden, dass Eileen Prince einen Mann namens
Tobias Snape geheiratet hat, und später eine Geburtsanzeige, dass
sie -«
»- einen Mörder in die Welt gesetzt hat«, fauchte Harry.
»Nun … ja«, sagte Hermine. »Also … hatte ich irgendwie Recht.
Snape war offenbar stolz, ein ›halber Prinz‹ zu sein, verstehst du?
Tobias Snape war nach dem, was im
Propheten stand, ein Muggel.«
»Jaah, das passt«, sagte Harry. »Er hat den Reinblüter rausgekehrt,
damit er sich mit Lucius Malfoy und den anderen anfreunden
konnte … er ist genau wie Voldemort. Mutter reinblütig, Vater
Muggel … schämt sich für seine Herkunft, versucht, mit Hilfe der
dunklen Künste Angst um sich herum zu verbreiten, legt sich einen
eindrucksvollen neuen Namen zu -
Lord Voldemort - der Halb-
blut
prinz -, wie konnte Dumbledore das nur übersehen -?«
Er brach ab und blickte aus dem Fenster. Immer wieder kam er
auf Dumbledores unentschuldbares Vertrauen in Snape zurück …
576
doch Hermine hatte ihn gerade unabsichtlich daran erinnert, dass
er, Harry, genauso reingefallen war … obwohl diese hingekritzel-
ten Zauber immer gemeiner geworden waren, hatte er sich gewei-
gert, schlecht von dem Jungen zu denken, der so klug war, der ihm
so sehr geholfen hatte …
Ihm geholfen hatte … das war inzwischen ein fast unerträglicher
Gedanke …
»Ich begreif immer noch nicht, warum er dich wegen diesem
Buch nicht gemeldet hat«, sagte Ron. »Er muss doch gewusst haben,
wo du das alles herhattest.«
»Er wusste es«, sagte Harry bitter. »Er wusste es, nachdem ichSectumsempra benutzt hatte. Er brauchte eigentlich keine Legili-
mentik … er hat es vielleicht sogar schon vorher gewusst, weil
Slughorn doch darüber geredet hat, wie hervorragend ich in Zau-
bertränke war … hätte sein altes Buch nicht unten in diesem
Schrank zurücklassen sollen, oder?«
»Aber warum hat er dich nicht gemeldet?«
»Ich glaube, er wollte sich selbst nicht mit diesem Buch in Ver-
bindung bringen«, sagte Hermine. »Ich glaube, Dumbledore wäre
nicht sonderlich begeistert gewesen, wenn er es erfahren hätte.
Und selbst wenn Snape so getan hätte, als wäre es nicht seins gewe-
sen, hätte Slughorn seine Handschrift sofort erkannt. Das Buch war
jedenfalls in Snapes altem Klassenzimmer zurückgelassen worden,
und ich wette, Dumbledore wusste, dass seine Mutter ›Prince‹
hieß.«
»Ich hätte Dumbledore das Buch zeigen sollen«, sagte Harry. »Die
ganze Zeit hat er mir vor Augen geführt, wie böse Voldemort sogar
schon in der Schule war, und ich hatte den Beweis: Snape war ge-
nauso -«
»›Böse‹ ist ein hartes Wort«, sagte Hermine leise.
»Du warst es doch, die mir ständig gesagt hat, das Buch sei ge-
fährlich!«
»Was ich eigentlich sagen will, Harry, ist, dass du dir selbst zu
viel Schuld gibst. Ich dachte, der Prinz schien eine fiese Art von
Humor zu haben, aber ich hätte nie vermutet, dass er ein potenziel-
ler Mörder war …«
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»Keiner von uns hätte gedacht, dass Snape … ihr wisst schon«,
sagte Ron.
Sie verfielen in Schweigen und hingen ihren Gedanken nach, a-
ber Harry war sicher, dass die beiden genau wie er selbst an den
nächsten Morgen dachten, an dem Dumbledore bestattet werden
sollte. Harry war noch nie bei einer Beerdigung gewesen; als Sirius
gestorben war, hatte es keinen Leichnam gegeben, der begraben
werden konnte. Harry wusste nicht, was auf ihn zukam, und mach-
te sich ein wenig Sorgen, was er zu sehen bekommen würde und
wie es ihm ergehen würde. Er fragte sich, ob Dumbledores Tod ihm
wirklicher vorkommen würde, wenn die Beerdigung einmal vorbei
war. Obwohl ihn die furchtbare Tatsache in manchen Momenten
zu überwältigen drohte, gab es auch Zeiten, in denen er sich leer
und abgestumpft fühlte und in denen er es, auch wenn niemand im
ganzen Schloss über etwas anderes redete, immer noch schwierig
fand, zu glauben, dass Dumbledore wirklich gestorben war. Zuge-
geben, er hatte nicht, wie noch bei Sirius, verzweifelt nach einer
Art Schlupfloch gesucht, nach einem Weg, auf dem Dumbledore
zurückkommen könnte … er tastete in seiner Tasche nach der kal-
ten Kette des falschen Horkruxes, den er nun überallhin mitnahm,
nicht als Talisman, sondern als Erinnerung daran, welch hohen
Preis er gekostet hatte und was noch zu tun blieb.
Am nächsten Tag stand Harry früh auf, um zu packen; der Hog-
warts-Express würde eine Stunde nach dem Begräbnis abfahren.
Die Stimmung unten in der Großen Halle war gedämpft. Alle tru-
gen ihre besten Umhänge und niemand schien sonderlich Hunger
zu haben. Professor McGonagall hatte den thronartigen Stuhl in
der Mitte des Lehrertischs frei gelassen. Auch Hagrids Stuhl war
nicht besetzt: Harry überlegte, dass er es vielleicht nicht über sich
gebracht hatte, zum Frühstück zu kommen; aber Snapes Platz war
ohne viel Federlesen von Rufus Scrimgeour eingenommen worden.
Harry mied den Blick seiner gelblichen Augen, der durch die Halle
streifte; er hatte das unangenehme Gefühl, dass Scrimgeour nach
ihm suchte. Unter Scrimgeours Begleitern erkannte Harry das rote
Haar und die Hornbrille von Percy Weasley. Ron ließ sich nicht
anmerken, dass er Percy gesehen hatte, abgesehen davon, dass er
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mit ungewöhnlicher Bösartigkeit auf seine Räucherheringe ein-
stach.
Drüben am Slytherin-Tisch hatten Crabbe und Goyle die Köpfe
zusammengesteckt und tuschelten. Obwohl sie riesige Kerle waren,
wirkten sie doch merkwürdig einsam ohne die große, bleiche Ges-
talt von Malfoy in ihrer Mitte, der sie herumkommandierte. Harry
hatte nicht viele Gedanken an Malfoy verschwendet. Seine Feind-
schaft galt allein Snape, aber er hatte die Angst in Malfoys Stimme
dort oben auf dem Turm nicht vergessen, und auch nicht die Tatsa-
che, dass er seinen Zauberstab gesenkt hatte, ehe die anderen Tod-
esser gekommen waren. Harry glaubte nicht, dass Malfoy Dumble-
dore getötet hätte. Er verachtete Malfoy immer noch, weil er so
vernarrt war in die dunklen Künste, doch nun mischte sich ein
winziger Tropfen Mitgefühl in seine Abneigung. Wo, fragte sich
Harry, steckte Malfoy jetzt, und wozu zwang ihn Voldemort unter
der Androhung, ihn und seine Eltern zu töten?
Ginny stieß Harry in die Rippen und riss ihn aus seinen Ge-
danken. Professor McGonagall war aufgestanden und das düstere
Geflüster in der Halle erstarb sofort.
»Es ist nun an der Zeit«, sagte sie. »Bitte folgt euren Hauslehrern
hinaus auf das Gelände. Die Gryffindors mir nach.«
Sie erhoben sich beinahe stumm von ihren Bänken und mar-
schierten hintereinanderher hinaus. Harry erhaschte einen Blick
auf Slughorn an der Spitze der Slytherins, er trug einen prunkvol-
len, langen, silbern bestickten smaragdgrünen Umhang. Professor
Sprout, die Hauslehrerin der Hufflepuffs, hatte er noch nie so pro-
per gesehen; auf ihrem Hut war kein einziger Flicken. Und als sie
die Eingangshalle erreichten, sahen sie Madam Pince neben Filch
stehen, sie mit einem dichten schwarzen Schleier, der ihr bis zu
den Knien fiel, er in einem alten schwarzen Anzug mit Krawatte,
der nach Mottenkugeln roch.
Als Harry aus dem Portal hinaus auf die steinernen Stufen trat,
sah er, dass es in Richtung See ging. Die Sonne strich ihm warm
über sein Gesicht, während sie Professor McGonagall schweigend
zu dem Platz folgten, wo Hunderte von Stühlen in Reihen aufge-
stellt worden waren. In der Mitte verlief ein Gang: Vorne stand ein
579
Marmortisch, auf den alle Stühle ausgerichtet waren. Es war der
schönste Sommertag.
Eine ungewöhnliche Mischung von Leuten hatte sich bereits auf
der Hälfte der Stühle niedergelassen: schäbig und schick, alt und
jung. Die meisten kannte Harry nicht, einige allerdings schon, dar-
unter Mitglieder des Phönixordens: Kingsley Shacklebolt, Mad-Eye
Moody, Tonks, deren Haar wunderbarerweise wieder von einem
höchst leuchtenden Rosa war, Remus Lupin, offenbar Hand in
Hand mit ihr, Mr und Mrs Weasley, Bill, von Fleur gestützt und
gefolgt von Fred und George, die Jacketts aus schwarzer Drachen-
haut trugen. Dann war da Madame Maxime, die allein schon zwei-
einhalb Stühle beanspruchte, Tom, der Wirt des
Tropfenden Kes-
sels, Harrys Nachbarin, die Squib Arabella Figg, die wildmähnige
Bassistin der magischen Musikgruppe
Schwestern des Schicksals,
Ernie Prang, Chauffeur des Fahrenden Ritters, Madam Malkin vom
Kleidergeschäft in der Winkelgasse und einige Leute, die Harry nur
vom Sehen kannte, wie der Wirt des
Eberkopfs und die Hexe, die
den Imbisswagen im Hogwarts-Express schob. Die Schlossgespens-
ter waren auch da, im hellen Sonnenlicht kaum zu erkennen und
nur zu unterscheiden, wenn sie sich bewegten und ätherisch in der
flirrenden Luft schimmerten.
Harry, Ron, Hermine und Ginny setzten sich nebeneinander ans
Ende einer Stuhlreihe am Seeufer. Leute flüsterten miteinander; es
klang wie eine Brise im Gras, aber der Gesang der Vögel war bei
weitem lauter. Die Menge wurde immer größer; mit einer jähen
Anwandlung von Zuneigung beobachtete Harry, wie Luna Neville
auf einen Stuhl half. Sie waren die einzigen von allen Mitgliedern
der DA gewesen, die Hermines Ruf in der Nacht von Dumbledores
Tod gefolgt waren, und Harry wusste, warum: Sie hatten die DA
am meisten vermisst … vermutlich hatten sie ihre Münzen regel-
mäßig geprüft, in der Hoffnung, dass es ein weiteres Treffen geben
würde …
Cornelius Fudge ging mit trauriger Miene an ihnen vorbei zu den
vorderen Reihen und drehte wie üblich seinen grünen Bowler in
den Händen; als Nächstes erkannte Harry Rita Kimmkorn, die, wie
er zornig bemerkte, ein Notizbuch in ihren rot lackierten Krallen
580
hielt; und es versetzte ihm einen noch zornigeren Stich, als er Do-
lores Umbridge sah, mit einer fadenscheinigen Trauermiene auf
ihrem krötenartigen Gesicht und einer schwarzen Samtschleife auf
ihren eisengrauen Locken. Beim Anblick des Zentauren Firenze,
der wie ein Wächter nahe dem Ufer stand, zuckte sie zusammen
und trippelte hastig zu einem Stuhl in beträchtlicher Entfernung.
Als Letzte nahmen die Lehrer Platz. Harry konnte in der ersten
Reihe Scrimgeour mit ernstem und würdevollem Gesicht neben
Professor McGonagall sitzen sehen. Er fragte sich, ob Scrimgeour
oder irgendeiner von diesen wichtigen Leuten wirklich traurig
darüber war, dass Dumbledore tot war. Doch dann hörte er Musik,
seltsame Musik wie aus einer anderen Welt, und er vergaß seine
Abneigung gegen das Ministerium, als er sich nach ihrer Quelle
umsah. Er war nicht der Einzige: Viele Köpfe drehten sich suchend
und ein wenig beunruhigt um.
»Dadrin«, flüsterte Ginny Harry ins Ohr.
Und er sah sie in dem klaren grünen, sonnenbeschienenen Was-
ser, Zentimeter unter der Oberfläche, und sie erinnerten ihn auf
schreckliche Weise an die Inferi; ein Chor von Wassermenschen
sang in einer eigentümlichen Sprache, die er nicht verstand, ihre
bleichen Gesichter kräuselten sich, ihre leicht violetten Haare wog-
ten um sie herum. Die Musik ließ Harry die Nackenhaare zu Berge
stehen, und doch war sie nicht unangenehm. Sie sprach sehr deut-
lich von Verlust und Verzweiflung. Als er hinabblickte auf die wil-
den Gesichter der Sänger, hatte er das Gefühl, dass wenigstens sie
über Dumbledores Tod traurig waren. Dann stupste Ginny ihn er-
neut an und er wandte sich um.
Hagrid schritt langsam den Gang zwischen den Stühlen entlang.
Er weinte ganz leise, sein Gesicht glänzte vor Tränen, und in seinen
Armen trug er, wie Harry wusste, eingehüllt in violetten, mit gol-
denen Sternen besetzten Samt, den toten Dumbledore. Bei diesem
Anblick stieg Harry ein scharfer Schmerz die Kehle hoch: Für ei-
nen Moment schienen die seltsame Musik und das Wissen, dass
Dumbledores Leichnam so nahe war, dem Tag alle Wärme zu rau-
ben. Ron wirkte bleich und entsetzt. Dicke Tränen fielen in rascher
Folge in Ginnys und Hermines Schoß.
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Sie konnten nicht genau sehen, was vorne geschah. Offenbar hat-
te Hagrid den Leichnam vorsichtig auf den Tisch gelegt. Nun zog er
sich den Gang entlang zurück und schnäuzte sich mit lauten Trom-
petentönen, was ihm empörte Blicke mancher Leute einbrachte,
darunter, wie Harry sah, Dolores Umbridge … aber Harry wusste,
dass es Dumbledore nicht gekümmert hätte. Als Hagrid vorbeikam,
versuchte es Harry mit einer freundlichen Geste in seine Richtung,
aber Hagrids Augen waren so verquollen, dass es ein Wunder war,
dass er überhaupt sehen konnte, wo er langging. Harry richtete den
Blick zur hinteren Reihe, auf die Hagrid zuging, und sah, wo es ihn
hinzog, denn dort saß, in einer Jacke und einer Hose, die jeweils so
groß waren wie ein kleines Zirkuszelt, der Riese Grawp, den gro-
ßen, hässlichen, felsblockartigen Kopf geneigt, friedlich, fast
menschlich. Hagrid setzte sich neben seinen Halbbruder, und
Grawp tätschelte ihm so heftig den Kopf, dass Hagrids Stuhl in die
Erde sank. Einen wundervollen Moment lang wollte Harry lachen.
Doch dann verstummte der Gesang und er wandte sich wieder
nach vorne.
Ein kleiner Mann mit büscheligen Haaren, der in einen schlich-
ten schwarzen Umhang gekleidet war, hatte sich erhoben und
stand jetzt vor Dumbledores Leichnam. Harry konnte nicht hören,
was er sagte. Das eine oder andere Wort wehte über die Hunderte
von Köpfen nach hinten zu ihnen. »Geistesadel« … »intellektueller
Beitrag« … »Herzensgüte« … es sagte nicht sehr viel. Es hatte we-
nig mit Dumbledore zu tun, wie Harry ihn gekannt hatte. Plötzlich
fiel ihm ein, was Dumbledore sich einst unter einer kleinen Rede
vorgestellt hatte: »Schwachkopf! Krimskrams! Schwabbelspeck!
Quiek!«, und wieder musste er sich ein Grinsen verkneifen … was
war los mit ihm?
Zu seiner Linken war ein leises Spritzen zu hören und er sah, dass
die Meermenschen an die Oberfläche gedrungen waren und eben-
falls lauschten. Er erinnerte sich, wie Dumbledore sich vor zwei
Jahren, ganz nah der Stelle, wo Harry jetzt saß, ans Ufer gekauert
und mit der Anführerin der Meermenschen auf Meerisch gespro-
chen hatte. Harry überlegte, wo Dumbledore Meerisch gelernt hat-
te. Es gab so viel, was er ihn nie gefragt hatte, so viel, was er hätte
582
sagen sollen …
Und dann, ohne Vorwarnung, überwältigte sie ihn, die grauen-
volle Wahrheit, umfassender und unleugbarer als bisher. Dumble-
dore war tot, war nicht mehr … Er umklammerte das kalte Medail-
lon in seiner Hand so fest, dass es schmerzte, doch er konnte nicht
verhindern, dass ihm heiße Tränen aus den Augen quollen: Er
wandte sich ab von Ginny und den anderen und starrte über den
See, hinüber zum Wald, während der kleine Mann in Schwarz wei-
terleierte … zwischen den Bäumen bewegte sich etwas. Auch die
Zentauren waren gekommen, um Dumbledore die letzte Ehre zu
erweisen. Sie kamen nicht ins Freie, aber Harry sah sie völlig reglos
dastehen, halb verborgen im Schatten, die Bogen hingen ihnen an
den Seiten herab und sie beobachteten die Zauberer. Und Harry
erinnerte sich an seinen ersten alptraumhaften Ausflug in den
Wald, an das allererste Mal, dass er jenem Etwas begegnet war, das
damals Voldemort war, wie er ihm gegenübergestanden hatte und
wie er und Dumbledore wenig später darüber gesprochen hatten,
wie man eine Schlacht schlagen sollte, die wahrscheinlich verloren
war. Es war wichtig zu kämpfen, hatte Dumbledore gesagt, und
immer wieder zu kämpfen, denn nur dann konnte das Böse in
Schach gehalten werden, wenn auch nie ganz ausgelöscht …
Und Harry saß da in der heißen Sonne und er sah ganz deutlich,
wie die Menschen, denen er etwas bedeutete, sich einer nach dem
anderen vor ihn gestellt hatten, seine Mutter, sein Vater, sein Pate
und schließlich Dumbledore, alle entschlossen, ihn zu schützen;
aber nun war das vorbei. Er konnte es nicht zulassen, dass noch
jemand sich zwischen ihn und Voldemort stellte; er musste sich für
immer von der Illusion verabschieden, die er schon im Alter von
einem Jahr hätte verlieren müssen: dass die beschützenden Arme
der Eltern ihn vor allem Unheil bewahren würden. Es gab kein
Erwachen aus diesem Alptraum, niemand flüsterte ihm im Dunkeln
tröstlich zu, dass ihm doch nichts passieren könne, dass sich alles
nur in seiner Phantasie abspiele; der letzte und größte seiner Be-
schützer war gestorben und nun war er so allein, wie er es noch nie
gewesen war.
Der kleine Mann in Schwarz hatte endlich aufgehört zu reden
583
und seinen Platz wieder eingenommen. Harry wartete darauf, dass
sich jemand anderes erhob; sicher würde es weitere Reden geben,
vermutlich auch vom Minister, doch niemand rührte sich.
Dann schrien etliche Leute auf. Rings um Dumbledores Leichnam
und um den Tisch, auf dem er lag, waren helle, weiße Flammen
aufgelodert: Sie stiegen immer höher und verdeckten den Körper.
Weißer Rauch bewegte sich spiralförmig nach oben und bildete
merkwürdige Formen: Einen kurzen Moment, in dem Harry das
Herz stehen blieb, glaubte er einen Phönix zu sehen, der freudig ins
Blaue davonflog, doch eine Sekunde später schon war das Feuer
verschwunden. An seiner Stelle stand nun ein weißes Grabmal aus
Marmor, das Dumbledores Leichnam und den Tisch umschloss, auf
dem er geruht hatte.
Noch mehr entsetzte Schreie waren zu hören, als ein Schauer von
Pfeilen durch die Luft rauschte, doch sie fielen weit vor der Menge
zu Boden. Dies war, wie Harry wusste, der Tribut der Zentauren:
Er sah sie davonlaufen und wieder im kühlen Wald verschwinden.
Auch die Meermenschen sanken langsam in das grüne Wasser zu-
rück und waren nicht mehr zu sehen.
Harry blickte Ginny, Ron und Hermine an: Ron hatte das Gesicht
verzogen, als würde ihn das Sonnenlicht blenden. Hermines Ge-
sicht glänzte tränennass, aber Ginny hatte aufgehört zu weinen. Sie
erwiderte Harrys Blick mit dem gleichen harten, glühenden Aus-
druck, den er an ihr gesehen hatte, als sie ihn umarmte, nachdem
sie den Quidditch-Pokal ohne ihn gewonnen hatten, und in diesem
Moment wusste er, dass sie einander vollkommen verstanden und
dass sie, wenn er ihr sagen würde, was er nun vorhatte, nicht »Sei
vorsichtig« oder »Tu's nicht« erwidern, sondern seine Entscheidung
akzeptieren würde, weil sie nichts anderes von ihm erwartet hatte.
Und so wappnete er sich für die Worte, die er, wie ihm schon seit
Dumbledores Tod bewusst war, aussprechen musste.
»Ginny, hör zu …«, sagte er ganz leise, während das Stim-
mengewirr um sie herum lauter wurde und die Leute sich all-
mählich erhoben. »Ich darf nichts mehr mit dir zu tun haben. Wir
müssen aufhören, uns zu treffen. Wir können nicht zusammen
sein.«
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Mit einem merkwürdig schiefen Lächeln erwiderte sie: »Es gibt
irgendeinen dummen, edlen Grund dafür, nicht wahr?«
»Diese letzten Wochen mit dir … das war wie … wie ein Stück
aus dem Leben eines anderen«, sagte Harry. »Aber ich kann nicht
… wir können nicht … ich muss jetzt einige Dinge allein erledi-
gen.«
Sie weinte nicht, sie sah ihn nur an.
»Voldemort benutzt Leute, die seinen Feinden nahe stehen. Er
hat dich schon einmal als Köder benutzt, und das nur, weil du die
Schwester meines besten Freundes bist. Überleg mal, in welche
Gefahr du geraten wirst, wenn wir zusammenbleiben. Er wird es
erfahren, er wird es herausfinden. Er wird versuchen, durch dich
an mich heranzukommen.«
»Und was, wenn es mir egal ist?«, sagte Ginny grimmig.
»Mir ist es nicht egal«, entgegnete Harry. »Was glaubst du, wie es
mir gehen würde, wenn das dein Begräbnis wäre … und wenn es
meine Schuld gewesen wäre …«
Sie wandte sich von ihm ab und blickte über den See.
»Ich hab dich nie wirklich aufgegeben«, sagte sie. »Nie. Ich habe
immer gehofft … Hermine hat gesagt, ich soll einfach weiterleben,
mich vielleicht mal mit anderen Leuten verabreden, etwas lockerer
sein, wenn du in der Nähe bist, weil ich nie ein Wort rausbrachte,
wenn du im selben Raum warst, weißt du noch? Und sie meinte,
du würdest ein wenig mehr Notiz von mir nehmen, wenn ich ein
bisschen mehr - ich selbst bin.«
»Kluges Mädchen, diese Hermine«, sagte Harry und versuchte zu
lächeln. »Ich wünschte nur, ich hätte dich früher gefragt. Wir hät-
ten Ewigkeiten gehabt … Monate … vielleicht Jahre …«
»Aber du warst zu sehr damit beschäftigt, die magische Welt zu
retten«, sagte Ginny halb lachend. »Also … ich kann nicht behaup-
ten, dass ich überrascht bin. Ich wusste, dass es irgendwann passie-
ren würde. Ich wusste, du würdest nicht glücklich sein, wenn du
Voldemort nicht jagst. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich
dich so sehr mag.«
Harry konnte es nicht ertragen, diese Dinge zu hören, und er
glaubte nicht, dass sein Entschluss standhalten würde, wenn er
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noch länger neben ihr sitzen bliebe. Er sah, dass Ron jetzt Hermine
im Arm hielt und ihr übers Haar strich, während sie an seiner
Schulter schluchzte, und Ron tropften Tränen von der Spitze seiner
langen Nase. Mit einer traurigen Geste stand Harry auf, wandte
Ginny und Dumbledores Grabmal den Rücken zu und ging um den
See herum davon. Sich zu bewegen kam ihm viel erträglicher vor,
als ruhig dazusitzen: Wie er sich auch viel besser fühlen würde,
wenn er baldmöglichst aufbrach, um die Horkruxe aufzuspüren
und Voldemort zu töten, statt nur darauf zu warten, es zu tun …
»Harry!«
Er drehte sich um. Rufus Scrimgeour hinkte, auf seinen Gehstock
gestützt, das Ufer entlang rasch auf ihn zu.
»Ich hatte gehofft, dass wir ein Wort miteinander reden können
… Gestatten Sie, dass ich Sie ein kleines Stück begleite?«
»Ja«, sagte Harry gleichgültig und ging weiter.
»Harry, das war eine schreckliche Tragödie«, sagte Scrimgeour
leise, »ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie entsetzt ich war, als ich
davon hörte. Dumbledore war ein sehr großer Zauberer. Wir hat-
ten unsere Meinungsverschiedenheiten, wie Sie wissen, aber nie-
mand weiß besser als ich -«
»Was wollen Sie?«, fragte Harry tonlos.
Scrimgeour sah verärgert aus, doch wie schon zuvor änderte er
hastig seinen Gesichtsausdruck und machte nun eine bekümmerte,
verständnisvolle Miene.
»Sie sind natürlich tief erschüttert«, sagte er. »Ich weiß, dass Sie
Dumbledore sehr nahe standen. Ich schätze, Sie waren sein Lieb-
lingsschüler überhaupt. Das Band zwischen Ihnen beiden -«
»Was wollen Sie?«, wiederholte Harry und blieb stehen.
Auch Scrimgeour hielt auf seinen Stock gestützt inne und mus-
terte Harry nun mit gewiefter Miene.
»Man sagt, dass Sie bei ihm waren, als er die Schule in der Nacht
seines Todes verließ.«
»Wer sagt das?«
»Jemand hat einen Todesser auf dem Turm mit einem Schockzau-
ber belegt, nachdem Dumbledore gestorben war. Außerdem waren
zwei Besen dort oben. Das Ministerium kann eins und eins zusam-
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menzählen, Harry.«
»Freut mich zu hören«, sagte Harry. »Nun, wo ich mit Dumbledo-
re hingegangen bin und was wir gemacht haben, ist meine Angele-
genheit. Er wollte nicht, dass es irgendjemand erfährt.«
»Solche Treue ist natürlich bewundernswert«, sagte Scrimgeour,
der seinen Ärger nur mühsam zu zügeln schien, »aber Dumbledore
ist nicht mehr, Harry. Er ist nicht mehr.«
»Er wird nur dann nicht mehr in der Schule sein, wenn ihm hier
keiner mehr treu ist«, sagte Harry und lächelte unwillkürlich.
»Mein lieber Junge … selbst Dumbledore kann nicht zu-
rückkehren aus dem -«
»Ich behaupte nicht, dass er das kann. Sie würden es ohnehin
nicht verstehen. Aber ich habe Ihnen nichts zu sagen.«
Scrimgeour zögerte, dann sagte er in einem Ton, der offenbar
taktvoll sein sollte: »Wissen Sie, Harry, das Ministerium kann Ih-
nen allerlei Arten von Schutz bieten. Ich würde mich freuen, wenn
ich Ihnen ein paar von meinen Auroren zur Verfügung stellen
könnte -«
Harry lachte.
»Voldemort will mich eigenhändig umbringen und Auroren wer-
den ihn nicht aufhalten. Also, danke für das Angebot, aber, nein
danke.«
»Nun«, sagte Scrimgeour, jetzt mit kühler Stimme, »mein
Wunsch, den ich Ihnen Weihnachten unterbreitet habe -«
»Welcher Wunsch? O jaah … dass ich der Welt sage, welch
großartige Arbeit Sie leisten, um damit dann -«
»- die allgemeine Moral zu stärken!«, fauchte Scrimgeour.
Harry fasste ihn einen Moment ins Auge.
»Haben Sie Stan Shunpike schon freigelassen?«
Scrimgeour nahm eine hässliche puterrote Farbe an, die stark an
Onkel Vernon erinnerte.
»Ich sehe, Sie sind -«
»Durch und durch Dumbledores Mann«, sagte Harry. »Ganz ge-
nau.«
Scrimgeour sah ihn noch einen Augenblick lang finster an, dann
drehte er sich um und hinkte ohne ein weiteres Wort davon. Harry
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konnte Percy und die restliche Abordnung des Ministeriums auf
ihn warten sehen, wobei sie dem schluchzenden Hagrid und
Grawp, die immer noch auf ihren Plätzen saßen, nervöse Blicke
zuwarfen. Ron und Hermine eilten an Scrimgeour vorbei auf Harry
zu; Harry wandte sich um, ging langsam weiter, während er darauf
wartete, dass sie ihn einholten, was sie schließlich im Schatten
einer Buche taten, unter der sie in glücklicheren Zeiten immer
gesessen hatten.
»Was wollte Scrimgeour?«, flüsterte Hermine.
»Das Gleiche, was er Weihnachten wollte«, erwiderte Harry ach-
selzuckend. »Dass ich ihm vertrauliche Informationen über
Dumbledore liefere und der neue Vorzeigejunge des Ministeriums
werde.«
Ron schien einen Moment mit sich zu ringen, dann sagte er laut
zu Hermine: »Hör mal, lass mich zurückgehen und Percy eine
reinhauen!«
»Nein«, erwiderte sie entschieden und packte ihn am Arm.
»Danach fühl ich mich besser!«
Harry lachte. Selbst Hermine grinste ein wenig, doch ihr Lächeln
verblasste, als sie zum Schloss hochblickte.
»Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass wir vielleicht nie
mehr hierher zurückkehren«, sagte sie leise. »Wie kann Hogwarts
nur schließen?«
»Vielleicht passiert es ja gar nicht«, sagte Ron. »Wir sind hier
nicht in größerer Gefahr als zu Hause, oder? Es ist jetzt überall das
Gleiche. Ich würde sogar sagen, dass Hogwarts sicherer ist, es sind
mehr Zauberer da, die es verteidigen können. Was meinst du, Har-
ry?«
»Ich komme nicht zurück, selbst wenn Hogwarts wieder öffnet«,
sagte Harry.
Ron starrte ihn nur an, doch Hermine sagte traurig: »Ich wusste,
dass du das sagen würdest. Aber was willst du denn tun?«
»Ich geh noch einmal zu den Dursleys zurück, weil Dumbledore
es so wollte«, sagte Harry. »Aber das wird nur ein kurzer Besuch
sein, und dann bin ich endgültig weg von dort.«
»Aber wo willst du hin, wenn du nicht in die Schule zu-
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rückkommst?«
»Ich dachte, ich könnte vielleicht nach Godric's Hollow zu-
rückkehren«, murmelte Harry. Diesen Gedanken hatte er schon seit
der Nacht von Dumbledores Tod. »Für mich hat es dort angefan-
gen, diese ganze Geschichte. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich
dort hingehen muss. Und ich kann die Gräber meiner Eltern besu-
chen, das würde ich gerne.«
»Und was dann?«, sagte Ron.
»Dann muss ich die restlichen Horkruxe aufspüren, oder?«, erwi-
derte Harry, die Augen auf Dumbledores weißes Grabmal gerich-
tet, das sich im Wasser auf der anderen Seite des Sees spiegelte. »Er
wollte, dass ich das tue, deshalb hat er mir alles über sie erzählt.
Wenn Dumbledore Recht hatte - und ich bin sicher, er hatte Recht
-, sind immer noch vier davon dort draußen. Ich muss sie finden
und sie zerstören, und dann muss ich mich auf die Jagd nach dem
siebten Stück von Voldemorts Seele machen, dem Stück, das immer
noch in seinem Körper ist, und ich bin derjenige, der ihn töten
wird. Und wenn ich unterwegs auf Severus Snape stoße«, fügte er
hinzu, »umso besser für mich, umso schlechter für ihn.«
Ein langes Schweigen trat ein. Die Menge hatte sich jetzt fast zer-
streut, die Nachzügler machten einen großen Bogen um die gewal-
tige Gestalt von Grawp, der Hagrid knuddelte, dessen traurige
Schreie immer noch über das Wasser hallten.
»Wir werden dort sein, Harry«, sagte Ron.
»Wie bitte?«
»Im Haus von deiner Tante und deinem Onkel«, sagte Ron. »Und
dann werden wir mit dir gehen, wo auch immer du hingehst.«
»Nein -«, sagte Harry rasch; damit hatte er nicht gerechnet, er
hatte ihnen klar machen wollen, dass er diese äußerst gefährliche
Reise allein unternehmen würde.
»Du hast einmal zu uns gesagt«, erklärte Hermine leise, »dass
noch Zeit sei umzukehren, wenn wir wollten. Wir hatten Zeit,
stimmt's?«
»Wir sind bei dir, was auch immer geschieht«, sagte Ron. »Aber,
Mann, du musst erst mal bei meinen Eltern vorbeischauen, ehe wir
sonst wo hingehen, selbst wenn es Godric's Hollow ist.«
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»Warum?«
»Bill und Fleur heiraten, schon vergessen?«
Harry sah ihn verdutzt an; der Gedanke, dass es immer noch so
etwas Alltägliches wie eine Hochzeit geben könnte, erschien ihm
unfassbar und wundervoll zugleich.
»Jaah, das sollten wir nicht versäumen«, sagte er schließlich.
Seine Hand schloss sich wie von selbst um den falschen Horkrux,
doch trotz allem, trotz des dunklen und gewundenen Wegs, den er
vor sich liegen sah, trotz der letzten Begegnung mit Voldemort, die,
wie er wusste, unweigerlich kommen musste, ob in einem Monat,
in einem Jahr oder in zehn Jahren, trotz alldem fasste er Mut bei
dem Gedanken, dass es doch noch einen letzten goldenen friedvol-
len Tag geben würde, den er mit Ron und Hermine genießen
konnte.
Inhalt:
An eine Rückkehr nach Hogwarts ist für Harry nicht zu denken. Er
muss alles daransetzen, die fehlenden Horkruxe zu finden, um zu
vollenden, was Dumbledore und er begonnen haben. Erst wenn sie
zerstört sind, kann Voldemorts Schreckensherrschaft vergehen. Mit
Ron und Hermine an seiner Seite und einem magischen Zelt im
Gepäck begibt sich Harry auf eine gefährliche Reise, quer durch das
ganze Land. Als die drei dabei auf die rätselhaften Heiligtümer des
Todes stoßen, muss Harry sich entscheiden. Soll er dieser Spur
folgen? Doch er ahnt schon jetzt: Welche Wahl er auch trifft – am
Ende des Weges wird der Dunkle Lord auf ihn warten...
Die Eingangszitate sind entnommen aus:
Aischylos: Orestie. Das Opfer am Grabe. In einer Übersetzung von
Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf. Berlin 1896.
William Penn: Früchte der Einsamkeit. Zweyte Abtheilung.
In einer Übersetzung von Friedrich von Schiller. Friedensthal 1803.
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Alle deutschen Rechte bei Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2007
Originaltextcopyright © Joanne K. Rowling 2007
Originalverlag: Bloomsbury Publishing Plc, London 2007
Originaltitel: Harry Potter and the Deathly Hallows
HARRY POTTER, characters, names and related indicia are
trademarks of and © Warner Bros. Entertainment Inc.
(s07)
Harry Potter publishing rights are Copyright JK Rowling.
Umschlaggestaltung: Doris K. Künster
Umschlagillustration: Sabine Wilharm
Satz: Dörlemann Satz, Lemförde
Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck
ISBN: 978-3-551-57777-1
Printed in Germany
Die
Widmung
dieses Buches
ist
siebengeteilt:
für Neil,
für Jessica,
für David,
für Kenzie,
für Di,
für Anne
und für euch,
wenn ihr
zu Harry
gehalten habt,
bis ganz
zum
Schluss.
Erbteil des fluches,
hässlicher sünde
blutige wunde,
schmerzen, wer trüge sie?
quälen, wer stillte sie?
wehe weh!
Einzig der erbe
heilet des hauses
eiternde wunde,
einzig mit blut'gem schnitt.
götter der finsternis
rief mein lied.
Sel'ge geister drunten in der tiefe,
wenn ihr die beschwörungsrufe hörtet,
bringt den kindern hilfe, bringt den sieg.
Aischylos, Das Opfer am Grabe
Sterben ist nur ein Uebergang aus dieser Welt in die andere, als wenn
Freunde über See gehen, welche dennoch in einander fortleben. Denn
Diejenigen, die im Allgegenwärtigen lieben und leben, müssen nothwendig
einander gegenwärtig seyn. In diesem göttlichen Spiegel sehen sie sich von
Angesicht zu Angesicht, und ihr Umgang ist so wohl frey als rein. Und
wenn sie auch durch den Tod getrennt werden, so haben sie doch den Trost,
daß ihre Freundschaft und Gesellschaft ihnen, dem besten Gefühle nach,
beständig gegenwärtig bleibt, weil diese unsterblich ist.
William Penn, Früchte der Einsamkeit. Zweyte Abtheilung
Der Dunkle Lord erhebt sich
Die beiden Männer kamen aus dem Nichts, erschienen wenige Meter
voneinander entfernt auf dem schmalen, mondhellen Weg. Einen
Augenblick verharrten sie reglos, die Zauberstäbe einander auf die Brust
gerichtet; dann erkannten sie sich, verbargen die Zauberstäbe unter ihren
Umhängen und gingen rasch in dieselbe Richtung.
»Neuigkeiten?«, fragte der Größere der beiden.
»Hervorragende«, antwortete Severus Snape.
Der Weg war links von niedrigen wilden Brombeersträuchern gesäumt,
rechts von einer säuberlich beschnittenen hohen Hecke. Die langen
Umhänge schlugen den Männern beim Gehen um die Knöchel.
»Dachte schon, ich war zu spät«, sagte Yaxley, dessen grobe
Gesichtszüge immer wieder nicht zu sehen waren, wenn das Mondlicht von
den Ästen überhängender Bäume gebrochen wurde. »War etwas
komplizierter, als ich erwartet hatte. Aber ich hoffe, er wird zufrieden sein.
Du bist dir wohl sicher, dass du freundlich empfangen wirst?«
Snape nickte, sagte aber nichts weiter. Sie bogen nach rechts in eine
breite Zufahrt ein, die vom Weg abzweigte. Auch die hohe Hecke machte
einen Bogen und zog sich weiter, über das imposante schmiedeeiserne
Doppeltor hinaus, das den Männern den Weg versperrte. Keiner der beiden
hielt inne: Stumm hoben sie den linken Arm wie zum Gruß und gingen
mitten hindurch, als wäre das dunkle Metall aus Rauch.
Die Eibenhecken dämpften das Geräusch ihrer Schritte. Irgendwo zu
ihrer Rechten raschelte es. Yaxley zog erneut seinen Zauberstab und zielte
damit über den Kopf seines Begleiters, doch das Rascheln stammte nur von
einem makellos weißen Pfau, der majestätisch auf der Hecke
entlangstolzierte.
»Hat es sich immer gut gehen lassen, Lucius. Pfauen ...« Schnaubend
schob Yaxley den Zauberstab wieder unter seinen Umhang.
Am Ende des geraden Zufahrtsweges nahm ein stattliches Herrenhaus in
der Dunkelheit Gestalt an, in den Rautenfenstern im unteren Stockwerk
schimmerten Lichter. Irgendwo in dem dunklen Garten hinter der Hecke
plätscherte ein Brunnen. Snape und Yaxley eilten über knirschenden Kies
zur Haustür, die nach innen schwang, als sie sich näherten, ohne dass
irgendjemand zu sehen war, der sie geöffnet hätte.
Die große Eingangshalle war schwach beleuchtet und luxuriös
ausgestattet, ein prächtiger Teppich bedeckte fast den gesamten steinernen
Boden. Die Augen der fahlgesichtigen Porträts an den Wänden folgten
Snape und Yaxley, während sie vorbeigingen. Die beiden Männer blieben
vor einer massiven Holztür stehen, die in den nächsten Raum führte, und
zögerten einen Herzschlag lang, dann drückte Snape die bronzene
Türklinke herunter.
Der Salon war voller Menschen, die schweigend an einem langen
verzierten Tisch saßen. Die eigentlichen Möbel des Raumes waren achtlos
an die Wände geschoben worden. Licht kam von einem prasselnden Feuer
unter einem hübschen marmornen Kaminsims, über dem ein goldener
Spiegel aufragte. Snape und Yaxley blieben einen Moment auf der
Schwelle stehen. Während ihre Augen sich an das spärliche Licht
gewöhnten, lenkte ein äußerst merkwürdiges Detail der Szenerie ihren
Blick nach oben: Eine offenbar bewusstlose menschliche Gestalt hing mit
dem Kopf nach unten über dem Tisch und drehte sich langsam um sich
selbst, wie an einem unsichtbaren Seil aufgehängt und reflektiert in dem
Spiegel und in der leeren, polierten Tischfläche unter ihr. Keiner der vor
diesem seltsamen Anblick Versammelten nahm Notiz davon, außer ein
blasser junger Mann, der beinahe direkt daruntersaß. Er konnte
anscheinend nicht an sich halten und spähte etwa im Minutenabstand nach
oben.
»Yaxley. Snape«, sagte eine hohe, klare Stimme vom Kopfende des
Tisches her. »Ihr kommt äußerst spät.«
Der gesprochen hatte, saß direkt vor dem Kamin, weshalb es für die
Neuankömmlinge zunächst schwierig war, mehr als seine Silhouette zu
erkennen. Als sie jedoch näher traten, leuchtete sein Gesicht durch die
Düsternis, haarlos, schlangenähnlich, mit Schlitzen als Nasenlöchern und
funkelnden roten Augen mit senkrechten Pupillen. Er war so blass, dass ein
perlmuttartiger Glanz von ihm auszugehen schien.
»Severus, hierher«, sagte Voldemort und deutete auf den Platz direkt zu
seiner Rechten. »Yaxley – neben Dolohow.«
Die beiden Männer nahmen die ihnen zugewiesenen Plätze ein. Fast alle
am Tisch folgten Snape mit den Blicken, und er war es auch, den
Voldemort zuerst ansprach.
»Nun?«
»Herr, der Orden des Phönix hat die Absicht, Harry Potter am nächsten
Samstag bei Einbruch der Dunkelheit von seinem gegenwärtigen sicheren
Aufenthaltsort wegzubringen.«
Rund um den Tisch wurde das Interesse spürbar stärker: Manche
erstarrten, andere rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her, alle
sahen wie gebannt zu Snape und Voldemort.
»Samstag ... bei Einbruch der Dunkelheit«, wiederholte Voldemort.
Seine roten Augen fixierten Snapes schwarze mit solcher Eindringlichkeit,
dass einige Zuschauer wegsahen, offenbar aus Angst, sie selbst könnten
von dem flammenden Blick versengt werden. Snape jedoch schaute ruhig
zurück in Voldemorts Gesicht, und nach ein, zwei Augenblicken krümmte
sich Voldemorts lippenloser Mund zu einer Art Lächeln.
»Gut. Sehr gut. Und diese Information stammt -«
»Von der Quelle, über die wir gesprochen haben«, sagte Snape.
»Herr.«
Yaxley hatte sich vorgeneigt und blickte über den langen Tisch zu
Voldemort und Snape. Alle Gesichter wandten sich ihm zu.
»Herr, ich habe anderes gehört.«
Yaxley wartete, doch Voldemort sagte nichts, deshalb fuhr er fort:
»Dawlish, der Auror, hat beiläufig erwähnt, dass Potter erst am Dreißigsten
fortgebracht wird, in der Nacht bevor er siebzehn wird.«
Snape lächelte.
»Meine Quelle hat mir gesagt, dass man plant, eine falsche Spur zu
legen; das wird sie wohl sein. Dawlish wurde mit Sicherheit einem
Verwechslungszauber unterworfen. Es wäre nicht das erste Mal, er gilt als
anfällig.«
»Herr, ich versichere Euch, Dawlish schien absolut überzeugt«, sagte
Yaxley.
»Wenn er unter einem Verwechslungszauber steht, dann ist er natürlich
überzeugt«, sagte Snape. »Ich versichere dir, Yaxley, dass das Aurorenbüro
beim Schutz von Harry Potter in Zukunft keine Rolle mehr spielen wird.
Der Orden glaubt, dass wir das Ministerium infiltriert haben.«
»Da liegt der Orden dann mal richtig, was?«, sagte ein untersetzter
Mann, der unweit von Yaxley saß; er brach in ein pfeifendes Kichern aus,
das hie und da den Tisch entlang erwidert wurde.
Voldemort lachte nicht. Sein Blick war nach oben gewandert, zu dem
Körper, der sich langsam über den Köpfen drehte, und er war offenbar in
Gedanken versunken.
»Herr«, fuhr Yaxley fort, »Dawlish glaubt, dass sie einen ganzen Trupp
von Auroren einsetzen werden, um den Jungen wegzubringen -«
Voldemort hob eine große weiße Hand, und Yaxley verstummte sofort
und sah grollend zu, wie Voldemort sich wieder an Snape wandte.
»Wo wollen sie den Jungen als Nächstes verstecken? «
»Im Haus eines Ordensmitglieds«, sagte Snape. »Der Ort bekam der
Quelle zufolge sämtlichen Schutz, den der Orden und das Ministerium
gemeinsam aufbieten können. Ich denke, wenn er einmal dort ist, haben wir
kaum Chancen, ihn zu fangen, Herr, es sei denn natürlich, das Ministerium
fällt vor dem nächsten Samstag. Dann hätten wir vielleicht die Möglichkeit,
genügend von diesen Zauberbannen zu finden und aufzuheben, um auch
die restlichen durchbrechen zu können.«
»Nun, Yaxley?«, rief Voldemort den Tisch hinunter und der
Feuerschein glitzerte seltsam in seinen roten Augen. »Wird das
Ministerium bis nächsten Samstag gefallen sein?«
Erneut drehten sich alle Köpfe. Yaxley straffte die Schultern.
»Herr, dazu habe ich gute Neuigkeiten. Es ist mir – unter
Schwierigkeiten und mit großer Mühe – gelungen, Pius Thicknesse einem
Imperius-Fluch zu unterwerfen.«
Viele um Yaxley herum wirkten beeindruckt; sein Nachbar, Dolohow,
ein Mann mit einem langen, verzerrten Gesicht, klopfte ihm auf den
Rücken.
»Das ist ein Anfang«, sagte Voldemort. »Aber Thicknesse ist nur ein
einziger Mann. Scrimgeour muss von unseren Leuten umringt sein, ehe ich
handle. Ein gescheiterter Anschlag auf das Leben des Ministers würde
mich weit zurückwerfen.«
»Ja – Herr, das ist wahr – aber Ihr wisst, dass Thicknesse als Leiter der
Abteilung für Magische Strafverfolgung nicht nur zum Minister persönlich
regelmäßigen Kontakt hat, sondern auch zu den Leitern aller anderen
Ministeriumsabteilungen. Nun, da wir einen so hochrangigen Beamten
unter unserer Kontrolle haben, wird es, denke ich, leicht sein, auch die
anderen zu unterwerfen, und dann können sie alle gemeinsam daran
arbeiten, Scrimgeour zu stürzen.«
»Vorausgesetzt, dass unser Freund Thicknesse nicht entdeckt wird, ehe
er die anderen umgedreht hat«, sagte Voldemort. »Jedenfalls bleibt es
unwahrscheinlich, dass das Ministerium vor nächstem Samstag in meiner
Hand ist. Wenn wir nicht an seinem Bestimmungsort an den Jungen
herankommen, dann muss es getan werden, während er unterwegs ist.«
»Hier sind wir im Vorteil, Herr«, sagte Yaxley, der offenbar unbedingt
ein gewisses Maß an Lob einheimsen wollte. »Wir haben inzwischen
mehrere Leute in die Abteilung für Magisches Transportwesen
eingeschleust. Wenn Potter appariert oder das Flohnetzwerk benutzt,
werden wir das sofort erfahren.«
»Er wird weder das eine noch das andere tun«, sagte Snape. »Der Orden
vermeidet jede Transportart, die vom Ministerium überwacht oder geregelt
wird; sie misstrauen allem, was mit denen zu tun hat.«
»Umso besser«, sagte Voldemort. »Er wird aus der Deckung kommen
müssen. Da ist er leichter zu fassen, wesentlich leichter.«
Voldemort sah wieder zu dem sich langsam drehenden Körper hoch,
während er fortfuhr: »Ich werde mich persönlich um den Jungen kümmern.
Was Harry Potter anbelangt, hat es zu viele Fehler gegeben. Manche davon
waren meine eigenen. Dass Potter noch lebt, ist mehr meinen Irrtümern
zuzuschreiben als seinen Erfolgen.«
Die Tischgesellschaft beobachtete Voldemort besorgt, ihren Mienen
nach hatten sie alle Angst, womöglich dafür verantwortlich gemacht zu
werden, dass Harry Potter immer noch am Leben war. Voldemort jedoch,
weiterhin dem bewusstlosen Körper über ihm zugewandt, schien mehr mit
sich selbst zu sprechen als mit irgendeinem von ihnen.
»Ich war leichtsinnig, und so haben Glück und Zufall, die alles zerstören
außer die bestgeschmiedeten Pläne, meine Vorhaben vereitelt. Aber jetzt
weiß ich es besser. Ich habe die Dinge begriffen, die ich früher nicht
begriffen habe. Ich muss derjenige sein, der Harry Potter tötet, und der
werde ich sein. «
Bei diesen Worten, und offenbar als Antwort darauf, ertönte ein
plötzliches Wehklagen, ein schrecklicher, lang gezogener Schrei voller
Qual und Schmerz. Viele der um den Tisch Versammelten blickten
verdutzt nach unten, denn der Schrei schien unter ihren Füßen
hervorgedrungen zu sein.
»Wurmschwanz«, sagte Voldemort, ohne dass sich an seinem ruhigen,
nachdenklichen Ton etwas verändert hätte und ohne dass er die Augen von
dem sich drehenden Körper hoch oben abwandte, »habe ich dir nicht
Anweisung gegeben, unseren Gefangenen ruhig zu halten?«
»J-ja, Herr«, keuchte ein kleiner Mann an der unteren Hälfte des
Tisches, der so tief versunken dagesessen hatte, dass es auf den ersten Blick
aussah, als wäre sein Stuhl leer. Nun kletterte er von seinem Sitz, huschte
aus dem Raum und hinterließ dabei nichts als ein merkwürdiges silbernes
Schimmern.
»Wie ich gerade sagte«, fuhr Voldemort fort und blickte wieder in die
gespannten Gesichter seiner Anhänger, »ich habe etwas begriffen. Ich
werde mir zum Beispiel von einem von euch einen Zauberstab ausleihen
müssen, ehe ich mich auf den Weg mache, um Potter zu töten.«
Die Gesichter um ihn herum zeigten schieres Entsetzen; er hätte
genauso gut ankündigen können, dass er sich einen ihrer Arme ausleihen
wolle.
»Keine Freiwilligen?«, sagte Voldemort. »Wir werden sehen ... Lucius,
ich wüsste keinen Grund, warum du noch einen Zauberstab besitzen
solltest.«
Lucius Malfoy blickte auf. Im Schein des Feuers wirkte seine Haut
gelblich und wächsern, seine Augen lagen tief in ihren Höhlen und waren
umschattet. Als er sprach, war seine Stimme heiser.
»Herr?«
»Deinen Zauberstab, Lucius. Ich verlange deinen Zauberstab.«
»Ich ...«
Malfoy warf einen Seitenblick auf seine Frau. Sie starrte geradeaus,
nicht minder blass als er, mit langen blonden Haaren, die ihr über den
Rücken fielen, doch unter dem Tisch umschlossen ihre schlanken Finger
kurz sein Handgelenk. Bei dieser Berührung schob Malfoy die Hand unter
seinen Umhang, zog einen Zauberstab heraus und reichte ihn Voldemort,
der ihn vor seine roten Augen hielt und scharf musterte.
»Woraus ist er?«
»Ulme, Herr«, flüsterte Malfoy.
»Und der Kern?«
»Drachen – Drachenherzfaser.«
» Gut«, sagte Voldemort. Er zog seinen eigenen Zauberstab hervor und
verglich die Längen.
Lucius Malfoy machte eine unwillkürliche Bewegung; für den Bruchteil
einer Sekunde schien es, als erwartete er, Voldemorts Zauberstab im
Austausch gegen seinen eigenen zu bekommen. Voldemort entging die
Geste nicht und seine Augen weiteten sich gehässig.
»Dir meinen Zauberstab geben, Lucius? Meinen Zauberstab?«
Einige der Versammelten kicherten.
»Ich habe dir die Freiheit gegeben, Lucius, ist dir das nicht genug? Mir
ist jedoch aufgefallen, dass du und deine Familie in letzter Zeit alles andere
als glücklich ausseht... Was missfällt dir an meiner Anwesenheit hier in
deinem Haus, Lucius?«
»Nichts – nichts, Herr!«
»Solche Lügen, Lucius ...«
Die sanfte Stimme schien weiterzuzischen, auch als der unbarmherzige
Mund sich nicht mehr bewegte. Der ein oder andere Zauberer unterdrückte
mühsam ein Schaudern, als das Zischen lauter wurde; sie hörten, wie etwas
Schweres unter dem Tisch über den Boden glitt.
Die riesige Schlange tauchte auf und kroch langsam an Voldemorts
Stuhl empor. Sie kam immer höher, scheinbar unendlich lang, und blieb
über Voldemorts Schultern liegen: Ihr Hals war dick wie der Oberschenkel
eines Mannes; ihre Augen mit den senkrechten Schlitzen als Pupillen
blinzelten nicht. Voldemort streichelte das Geschöpf geistesabwesend mit
seinen langen, dünnen Fingern, während er immer noch zu Lucius Malfoy
sah.
»Warum wirken die Malfoys so unglücklich über ihr Los? Ist meine
Rückkehr, mein Aufstieg zur Macht, nicht genau das, was sie angeblich so
viele Jahre lang ersehnt haben?«
»Natürlich, Herr«, sagte Lucius Malfoy. Mit zitternder Hand wischte er
sich Schweiß von der Oberlippe. »Wir haben es ersehnt – wir tun es immer
noch.«
Links neben Malfoy nickte seine Frau auf eine merkwürdige, steife Art,
die Augen von Voldemort und der Schlange abgewandt. Rechts neben ihm
warf sein Sohn Draco, der die ganze Zeit zu dem trägen Körper oben
hinaufgestarrt hatte, einen kurzen Blick auf Voldemort und sah gleich
wieder weg, aus Angst, ihre Blicke könnten sich kreuzen.
»Herr«, sagte eine dunkelhaarige Frau an der unteren Hälfte des Tisches
mit vor Erregung erstickter Stimme, »es ist eine Ehre, Euch hier im Haus
unserer Familie zu haben. Es kann keine höhere Freude geben.«
Sie saß neben ihrer Schwester, der sie mit ihrem dunklen Haar und den
schweren Augenlidern im Aussehen ebenso wenig ähnelte wie in Haltung
und Gebaren; während Narzissa starr und teilnahmslos dasaß, beugte sich
Bellatrix zu Voldemort hin, denn Worte allein konnten ihr Verlangen nach
Nähe nicht zum Ausdruck bringen.
»Keine höhere Freude«, wiederholte Voldemort, den Kopf ein wenig
zur Seite geneigt, indem er Bellatrix musterte. »Bei dir, Bellatrix, heißt das
eine ganze Menge.«
Röte stieg ihr ins Gesicht; aus ihren Augen quollen Freudentränen.
»Ihr wisst, Herr, dass ich nichts als die Wahrheit sage!«
»Keine höhere Freude ... sogar im Vergleich zu dem glücklichen
Ereignis, das, wie ich höre, diese Woche in deiner Familie stattgefunden
hat? «
Sie starrte ihn an, mit geöffneten Lippen, offensichtlich verwirrt.
»Ich weiß nicht, was Ihr meint, Herr.«
»Ich spreche von deiner Nichte, Bellatrix. Und von eurer, Lucius und
Narzissa. Sie hat soeben den Werwolf geheiratet, Remus Lupin. Wie stolz
ihr sein müsst.«
Höhnisches Gelächter brach um den Tisch herum aus. Viele beugten
sich vor und tauschten hämische Blicke; einige schlugen mit den Fäusten
auf den Tisch. Die große Schlange, der die Unruhe nicht behagte, öffnete
weit das Maul und zischte wütend, doch die Todesser hörten es nicht, so
sehr freuten sie sich über die Demütigung von Bellatrix und den Malfoys.
Bellatrix' Gesicht, eben noch strahlend vor Glück, hatte ein hässliches,
fleckiges Rot angenommen.
»Sie ist keine Nichte von uns, Herr«, rief sie durch den allgemeinen
Ausbruch von Heiterkeit. »Wir – Narzissa und ich -haben unsere Schwester
nicht mehr zu Gesicht bekommen, seit sie den Schlammblüter geheiratet
hat. Diese Göre hat mit keiner von uns etwas zu tun, ebenso wenig wie
irgendein Biest, das sie heiratet.«
»Was sagst du dazu, Draco?«, fragte Voldemort, und obwohl seine
Stimme leise war, übertönte sie die Pfiffe und das Hohngelächter. »Wirst
du den Babysitter für die Bälger spielen?«
Die Stimmung wurde noch ausgelassener; Draco Malfoy schaute
bestürzt seinen Vater an, der in seinen eigenen Schoß hinabstarrte, dann
erhaschte er den Blick seiner Mutter. Sie schüttelte beinahe unmerklich den
Kopf, dann starrte auch sie wieder ausdruckslos auf die Wand gegenüber.
»Genug«, sagte Voldemort und streichelte die zornige Schlange.
»Genug.«
Und das Gelächter erstarb augenblicklich.
»Viele unserer ältesten Familienstammbäume werden mit der Zeit etwas
kränklich«, sagte er, während Bellatrix atemlos und flehentlich zu ihm
hinsah. »Man muss seinen Baum stutzen, damit er gesund bleibt, nicht
wahr? Die Teile wegschneiden, welche die Gesundheit des Übrigen
bedrohen.«
»Ja, Herr«, flüsterte Bellatrix und ihre Augen schwammen erneut in
Tränen vor Dankbarkeit. »Bei erster Gelegenheit!«
»Die sollst du bekommen«, sagte Voldemort. »Und wie in deiner
Familie, so auch in der Welt... Wir werden das Krebsgeschwür
wegschneiden, das uns verseucht, bis nur noch die von wahrem Blut
zurückbleiben ...«
Voldemort hob Lucius Malfoys Zauberstab, richtete ihn direkt auf die
sich langsam drehende Gestalt, die über dem Tisch hing, und versetzte ihm
einen winzigen Schlenker. Die Gestalt kam mit einem Stöhnen zu
Bewusstsein und begann gegen unsichtbare Fesseln zu kämpfen.
»Erkennst du unseren Gast, Severus?«, fragte Voldemort.
Snape schaute hinauf zu dem kopfüber hängenden Gesicht. Nun sahen
alle Todesser hoch zu der Gefangenen, als hätte man ihnen die Erlaubnis
erteilt, Neugierde zu zeigen. Während sie sich zum Licht des Feuers hin
drehte, sagte die Frau mit gebrochener und grauenerfüllter Stimme:
»Severus! Helfen Sie mir!«
»Ah, ja«, sagte Snape, als die Gefangene sich langsam wieder
wegdrehte.
»Und du, Draco?«, fragte Voldemort, während er mit seiner freien Hand
die Schnauze der Schlange streichelte. Draco schüttelte ruckartig den Kopf.
Nun, da die Frau erwacht war, schien er außerstande, sie weiter anzusehen.
»Aber du hast ja auch keinen Unterricht bei ihr genommen«, sagte
Voldemort. »Für die von euch, die es nicht wissen: Heute Abend ist Charity
Burbage unser Gast, die bis vor kurzem an der Hogwarts-Schule für
Hexerei und Zauberei gelehrt hat.«
Verständnisvolles Raunen ging um den Tisch. Eine derbe, bucklige Frau
mit spitzen Zähnen lachte gackernd.
»Ja ... Professor Burbage hat den Kindern von Hexen und Zauberern
alles über die Muggel beigebracht ... dass sie gar nicht so anders sind als
wir ... «
Einer der Todesser spuckte auf den Boden. Charity Burbage drehte sich
und sah Snape erneut ins Gesicht.
»Severus ... bitte ... bitte ...«
»Schweig«, sagte Voldemort und schnippte noch einmal mit Malfoys
Zauberstab, worauf Charity verstummte, als ob sie geknebelt worden wäre.
»Nicht genug damit, dass sie den Verstand von Zaubererkindern verdirbt
und besudelt, hat Professor Burbage letzte Woche auch noch eine
flammende Verteidigung der Schlammblüter im Tagespropheten
geschrieben. Sie sagt, dass Zauberer diese Diebe ihres Wissens und ihrer
Magie akzeptieren müssten. Die abnehmende Zahl der Reinblüter ist laut
Professor Burbage ein höchst wünschenswertes Phänomen ... sie würde uns
am liebsten alle mit Muggeln paaren ... oder sogar noch lieber mit
Werwölfen ...«
Diesmal lachte niemand: Zorn und Verachtung lagen unverkennbar in
Voldemorts Stimme. Charity Burbage drehte sich zum dritten Mal zu
Snape. Tränen rannen ihr von den Augen in die Haare. Snape erwiderte
ihren Blick, völlig teilnahmslos, während sie sich langsam wieder von ihm
abkehrte.
»Avada Kedavra.«
Der grüne Lichtblitz erhellte den Raum bis in alle Ecken. Charity stürzte
mit einem dröhnenden Schlag hinab auf den Tisch, der bebte und knarrte.
Etliche Todesser warfen sich in ihren Stühlen zurück. Draco fiel von
seinem zu Boden.
»Abendessen, Nagini«, sagte Voldemort leise und die große Schlange
glitt mit wiegenden Bewegungen von seinen Schultern auf das polierte
Holz.
In memoriam
Harry blutete. Leise vor sich hin fluchend, hielt er die rechte Hand mit
der linken umklammert und stieß mit der Schulter seine Zimmertür auf.
Das Knirschen von zerbrechendem Porzellan war zu hören: Er war auf eine
Tasse mit kaltem Tee getreten, die auf dem Boden vor seiner Tür stand.
»Was zum -?«
Er blickte sich um; auf dem Treppenabsatz im Ligusterweg Nummer
vier war niemand. Vielleicht hatte Dudley die Tasse Tee für einen genialen
Streich gehalten. Während Harry seine blutende Hand weiter hochhielt,
scharrte er mit der anderen die Scherben der Tasse zusammen und warf sie
in den bereits vollgestopften Papierkorb, der hinter der Zimmertür
hervorlugte. Dann trottete er hinüber zum Badezimmer und ließ Wasser
über seinen Finger laufen.
Es war dumm, sinnlos und unglaublich ärgerlich, dass immer noch vier
Tage vor ihm lagen, an denen er nicht zaubern konnte ... doch er musste
sich eingestehen, dass dieser ausgefranste Schnitt in seinem Finger ihn
überfordert hätte. Er hatte nie gelernt, Wunden zu schließen, was ihm jetzt,
wo er darüber nachdachte, wie ein echtes Manko seiner magischen Bildung
erschien – vor allem angesichts dessen, was er in nächster Zeit vorhatte. Er
nahm sich vor, Hermine zu fragen, wie es funktionierte, und wischte mit
einem Haufen Klopapier möglichst viel von dem Tee auf. Dann kehrte er in
sein Zimmer zurück und schlug die Tür hinter sich zu.
Harry hatte den ganzen Vormittag lang seinen Schulkoffer komplett
ausgeräumt, zum ersten Mal seit er ihn vor sechs Jahren gepackt hatte.
Seither hatte er zu Beginn jedes Schuljahres immer nur drei Viertel der
Sachen oben herausgenommen, wieder hineingelegt oder durch neue
ersetzt, so dass sich unten am Boden eine Schicht Kleinkram angesammelt
hatte – alte Federkiele, getrocknete Käferaugen, einzelne Socken, die nicht
mehr passten. Ein paar Minuten zuvor hatte Harry die Hand in diesen
Mulch getaucht, einen stechenden Schmerz im vierten Finger seiner rechten
Hand verspürt und viel Blut gesehen, als er sie herausgezogen hatte.
Jetzt fuhr er ein wenig vorsichtiger fort. Er kniete sich wieder neben den
Koffer, suchte am Boden herum und holte einen alten Anstecker heraus,
der müde zwischen »Ich bin für CEDRIC DIGGORY« und »POTTER
STINKT« hin und her zuckte, ein zerbrochenes und abgenutztes
Spickoskop sowie ein goldenes Medaillon, in dem eine Notiz mit der
Signatur »R. A. B.« versteckt worden war, bis er endlich den scharfen
Splitter entdeckte, an dem er sich geschnitten hatte. Er wusste sofort, um
was es sich handelte. Es war ein fünf Zentimeter langes Stück des
Zauberspiegels, den er von seinem verstorbenen Paten Sirius bekommen
hatte. Harry legte es beiseite und tastete vorsichtig im Koffer nach dem
Rest, aber von dem letzten Geschenk seines Paten war nichts weiter übrig
als zerbröseltes Glas, das wie Glitzerpulver an der untersten Schicht des
Plunders klebte.
Harry richtete sich auf und untersuchte das gezackte Bruchstück, an
dem er sich geschnitten hatte, doch er sah nur sein eigenes hellgrünes Auge
darin widergespiegelt. Dann legte er die Scherbe auf den Tagespropheten
vom Morgen, der ungelesen auf dem Bett lag, und versuchte gegen die
plötzliche Flut schmerzlicher Erinnerungen anzukämpfen, gegen den
stechenden Schmerz und die Sehnsucht, die der Fund des zerbrochenen
Spiegels ausgelöst hatte, indem er sich über den restlichen Kleinkram im
Koffer hermachte.
Er brauchte noch eine Stünde, um ihn vollständig auszuräumen, die
nutzlosen Dinge wegzuwerfen und das Übrige auf Haufen zu verteilen, je
nachdem, ob er die Sachen künftig brauchen konnte oder nicht. Seine
Schul- und Quidditch-Umhänge, Kessel, Pergament, Federkiele und die
meisten Schulbücher lagen auf einem Stapel in einer Ecke, die würde er
zurücklassen. Er fragte sich, was seine Tante und sein Onkel damit tun
würden; wahrscheinlich alles mitten in der Nacht verbrennen, als wären es
Beweisstücke für irgendein schreckliches Verbrechen. Seine
Muggelkleidung, den Tarnumhang, die Zaubertrankausrüstung, bestimmte
Bücher, das Fotoalbum, das Hagrid ihm einst geschenkt hatte, einen Stapel
Briefe und seinen Zauberstab hatte er in einen alten Rucksack umgepackt.
In einer Vordertasche steckten die Karte des Rumtreibers und das
Medaillon mit der Notiz darin, die mit »R. A. B.« unterzeichnet war. Das
Medaillon erhielt diesen Ehrenplatz nicht, weil es kostbar gewesen wäre –
es war nach allen gängigen Maßstäben wertlos –, sondern weil der Preis, es
zu bekommen, so hoch gewesen war.
Jetzt blieb nur noch ein ansehnlicher Stapel Zeitungen auf dem
Schreibtisch neben seiner Schneeeule Hedwig: eine für jeden Tag, den
Harry diesen Sommer im Ligusterweg verbracht hatte.
Er stand auf, streckte sich und ging zu seinem Schreibtisch hinüber.
Hedwig regte sich nicht, als er anfing die Zeitungen zu überfliegen und sie
dann eine nach der anderen zum Müll warf; die Eule schlief oder tat
jedenfalls so; sie war böse auf Harry, weil sie im Augenblick immer nur für
kurze Zeit aus dem Käfig durfte.
Als Harry fast am Ende des Zeitungsstapels angelangt war, wurde er
langsamer und suchte nach einer bestimmten Ausgabe, die, wie er wusste,
zu Beginn der Sommerferien kurz nach seiner Rückkehr im Ligusterweg
eingetroffen war; er erinnerte sich noch daran, dass auf der Titelseite eine
kurze Meldung über den Rücktritt von Charity Burbage gestanden hatte,
der Muggelkundelehrerin von Hogwarts. Schließlich fand er die Ausgabe.
Er schlug Seite zehn auf, sank auf seinen Schreibtischstuhl und las den
Artikel, den er gesucht hatte, noch einmal durch.
ERINNERUNGEN AN ALBUS DUMBLEDORE
von Elphias Doge
Ich begegnete Albus Dumbledore erstmals im Alter von elf Jahren, an
unserem ersten Tag in Hogwarts. Wir fühlten uns zueinander hingezogen,
was zweifellos daran lag, dass wir uns beide als Außenseiter empfanden.
Ich hatte mir kurz vor meiner Ankunft in der Schule die Drachenpocken
zugezogen, und obwohl ich nicht mehr ansteckend war, ermutigten mein
pockennarbiges Gesicht und meine grünliche Hautfarbe nicht besonders
viele, sich mir zu nähern. Albus für seinen Teil war mit der Bürde
unfreiwilliger Berühmtheit nach Hogwarts gekommen. Knapp ein Jahr
zuvor war sein Vater Percival wegen eines brutalen und Aufsehen
erregenden Überfalls auf drei junge Muggel verurteilt worden.
Albus hat nie versucht zu bestreiten, dass sein Vater (der später in
Askaban starb) dieses Verbrechen begangen hatte; im Gegenteil, als ich
den Mut fasste, ihn zu fragen, versicherte er mir, dass er wusste, dass sein
Vater schuldig war. Weiter wollte Dumbledore nicht über diese traurige
Angelegenheit sprechen, obwohl viele ihn dazu bringen wollten. Einige
neigten sogar dazu, die Tat seines Vaters zu rühmen, Und nahmen an, dass
auch Albus ein Muggelhasser sei. Welch ein gewaltiger Irrtum: Wie jeder,
der Albus kannte, bestätigen würde, zeigte er nie auch nur den leisesten
Anflug von Muggelfeindlichkeit. Tatsächlich machte er sich durch seinen
entschlossenen Einsatz für die Muggelrechte in den folgenden Jahren viele
Feinde.
Binnen weniger Monate jedoch stellte Albus' eigener Ruhm den seines
Vaters allmählich in den Schatten. Mit dem Ende seines ersten Schuljahres
war er dann nicht mehr der Sohn eines Muggelhassers, sondern galt
schlicht und einfach als der brillanteste Schüler, den die Schule je gesehen
hatte.
Diejenigen von uns, die die Ehre hatten, seine Freunde zu sein,
profitierten von seiner vorbildlichen Haltung, ganz zu schweigen von
seinem Beistand und Zuspruch, die er immer großzügig erteilte. In
vorgerücktem Alter offenbarte er mir, dass er schon damals wusste, dass
seine größte Freude das Unterrichten war.
Er gewann nicht nur jeden bedeutenden Preis, den die Schule vergab,
sondern stand bald auch in reger Korrespondenz mit den angesehensten
magischen Persönlichkeiten der Zeit, darunter Nicolas Flamel, der gefeierte
Alchemist, Bathilda Bagshot, die berühmte Historikerin, und Adalbert
Schwahfel, der magische Theoretiker. Mehrere seiner Aufsätze fanden
Eingang in wissenschaftliche Publikationen wie Verwandlung Heute,
Zentralfragen der Zauberkunst und Angewandte Zaubertrankkunde.
Dumbledore war offensichtlich eine kometenhafte Karriere bestimmt, die
einzig offene Frage war nur, wann er Zaubereiminister werden würde.
Obwohl in späteren Jahren oft angekündigt wurde, er sei im Begriff, diesen
Posten zu übernehmen, hegte er nie Ambitionen auf das Ministeramt.
Drei Jahre nachdem wir in Hogwarts angefangen hatten, kam Albus'
Bruder Aberforth an die Schule. Sie waren sich nicht ähnlich; Aberforth
war kein Bücherwurm, und im Gegensatz zu Albus zog er es vor,
Streitigkeiten durch Duelle und nicht durch vernünftige Diskussionen
auszutragen. Allerdings ist es völlig falsch, zu behaupten, wie manche es
taten, dass die Brüder keine Freunde waren. Sie kamen so gut miteinander
aus, wie zwei so unterschiedliche Jungen es nur konnten. Gerechterweise
muss man Aberforth einräumen, dass das Leben in Albus' Schatten
bestimmt keine nur positive Erfahrung war. Ständig überstrahlt zu werden,
war eine Art Berufsrisiko, wenn man sein Freund war, und kann für einen
Bruder sicher nicht angenehmer gewesen sein.
Als Albus und ich Hogwarts verließen, wollten wir gemeinsam eine
Weltreise unternehmen, wie es damals üblich war, und Zauberer in anderen
Ländern besuchen und studieren, um danach unsere jeweiligen Berufswege
einzuschlagen. Doch ein Unglücksfall verhinderte dies. Just am Vorabend
unserer Reise starb Albus' Mutter, Kendra, und ließ Albus als
Familienoberhaupt und einzigen Brotverdiener zurück. Ich verschob meine
Abfahrt, um Kendra bei der Beerdigung die letzte Ehre zu erweisen, dann
brach ich zu meiner Reise auf, nun alleine. Mit einem jüngeren Bruder und
einer jüngeren Schwester, um die er sich kümmern musste, und nur wenig
geerbtem Gold kam es für Albus nicht mehr in Frage, mich zu begleiten.
Das war die Zeit unseres Lebens, in der wir am wenigsten Verbindung
hatten. Ich schrieb Albus und berichtete ihm, vielleicht ein wenig taktlos,
von den wunderbaren Erlebnissen auf meiner Reise, etwa wie ich in
Griechenland nur knapp den Chimäras entronnen war, oder von den
Experimenten der ägyptischen Alchemisten. In seinen Briefen erzählte er
mir wenig von seinem täglichen Leben, das, wie ich vermutete, für einen so
exzellenten Zauberer frustrierend langweilig sein musste. Ganz in meine
eigenen Erfahrungen vertieft, erfuhr ich gegen Ende meines Reisejahres mit
Entsetzen, dass abermals ein Unglück die Dumbledores heimgesucht hatte:
der Tod seiner Schwester Ariana.
Obwohl Ariana lange Zeit kränklich gewesen war, hatte dieser
Schicksalsschlag, so bald nach dem Verlust ihrer Mutter, größte
Auswirkungen auf ihre beiden Brüder. Alle, die Albus besonders
nahestanden – und ich zähle mich selbst zu diesen Glücklichen –, sind sich
einig, dass Arianas Tod und Albus' Gefühl, persönlich dafür verantwortlich
zu sein (obwohl er natürlich schuldlos war), bleibende Spuren bei ihm
hinterlassen haben.
Ich kehrte nach Hause zurück und fand einen jungen Mann vor, der das
Leid eines viel älteren Menschen durchlitten hatte. Albus war reservierter
als zuvor und bei weitem nicht mehr so unbeschwert. Zu allem Unglück
hatte der Verlust von Ariana nicht dazu geführt, dass Albus und Aberforth
sich erneut näherkamen, sondern dass sie sich entfremdeten. (Mit der Zeit
besserte sich dies – in späteren Jahren bauten sie wenn auch keine enge, so
doch wieder eine freundschaftliche Beziehung zueinander auf.) Allerdings
sprach er von da an selten über seine Eltern oder über Ariana, und seine
Freunde lernten, sie nicht zu erwähnen.
Andere Federn werden die Großtaten der nun folgenden Jahre
beschreiben. Dumbledores zahllose Beiträge zum Reichtum des magischen
Wissens, darunter seine Entdeckung der zwölf Anwendungen von
Drachenblut, werden künftigen Generationen von Nutzen sein, wie auch
die Weisheit, die er bei vielen Urteilssprüchen in seiner Zeit als
Großmeister des Zaubergamots an den Tag gelegt hat. Noch heute heißt es,
dass kein Zaubererduell jemals dem zwischen Dumbledore und
Grindelwald im Jahr 1945 gleichkam. Die Augenzeugen haben von der
Angst und von der Ehrfurcht geschrieben, die sie verspürten, als sie diese
beiden außergewöhnlichen Zauberer beim Kampf beobachteten.
Dumbledores Triumph und dessen Auswirkungen auf die Zaubererwelt
gelten als Wendepunkt in der magischen Geschichte, von ähnlicher
Bedeutung wie die Einführung des Internationalen
Geheimhaltungsabkommens oder der Sturz Jenes, der nicht genannt werden
darf.
Albus Dumbledore war nie stolz oder eitel; er konnte in jedem etwas
Wertvolles finden, wie unbedeutend oder erbärmlich er auch wirken
mochte, und ich glaube, dass seine frühen Verluste ihm große
Menschlichkeit und Einfühlungsgabe verliehen haben. Ich werde seine
Freundschaft mehr vermissen, als ich sagen kann, aber mein Verlust ist
nichts im Vergleich zu dem der Zaubererwelt. Dass er der anregendste und
beliebteste aller Schulleiter von Hogwarts war, steht außer Frage. Er starb,
wie er lebte: stets dem größeren Wohl verpflichtet und bis zu seiner letzten
Stunde gerne bereit, einem kleinen Jungen mit Drachenpocken die Hand zu
reichen, wie an dem Tag, als ich ihn kennen lernte.
Harry hörte auf zu lesen, betrachtete aber weiter das Bild zu dem
Nachruf. Dumbledore zeigte sein vertrautes, freundliches Lächeln, doch
wie er da über die Halbmondgläser seiner Brille spähte, erweckte er sogar
auf dem Zeitungspapier den Eindruck, als würde er Harry röntgen, dessen
Trauer sich mit einem Gefühl von Demütigung vermischte.
Er hatte geglaubt, Dumbledore ziemlich gut zu kennen, doch seit er
diesen Nachruf gelesen hatte, musste er sich zwangsläufig eingestehen,
dass er ihn fast gar nicht gekannt hatte. Nicht ein einziges Mal hatte er sich
Gedanken über Dumbledores Kindheit oder Jugend gemacht; es war, als
wäre er schon so auf die Welt gekommen, wie Harry ihn gekannt hatte,
ehrwürdig und silberhaarig und alt. Sich Dumbledore als Teenager
vorzustellen war einfach abstrus, gerade so, als wollte man sich eine
dumme Hermine oder einen netten Knallrümpfigen Kröter vorstellen.
Er hatte nie daran gedacht, Dumbledore über seine Vergangenheit zu
befragen. Dabei wäre er sich zweifellos komisch vorgekommen, ja sogar
aufdringlich, aber es war immerhin allgemein bekannt gewesen, dass
Dumbledore jenes legendäre Duell mit Grindelwald ausgetragen hatte, und
Harry war es nicht in den Sinn gekommen, Dumbledore danach zu fragen,
wie es gewesen war, und auch nicht nach seinen anderen berühmten Taten.
Nein, sie hatten stets über Harry gesprochen, über Harrys Vergangenheit,
über Harrys Zukunft, über Harrys Pläne ... und obwohl Harrys eigene
Zukunft so gefährlich und unsicher war, schien es ihm jetzt, dass er
unwiederbringliche Gelegenheiten verpasst hatte, als es ihm nicht
eingefallen war, Dumbledore mehr über ihn selbst zu befragen, auch wenn
die einzige persönliche Frage, die er seinem Schulleiter je gestellt hatte,
vermutlich auch die einzige war, die nicht aufrichtig beantwortet worden
war:
»Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?«
»Ich? Ich sehe mich dastehen, ein Paar dicke Wollsocken in der Hand
haltend. «
Nachdem Harry einige Minuten gegrübelt hatte, riss er den Nachruf aus
dem Propheten heraus, faltete ihn vorsichtig zusammen und steckte ihn in
den ersten Band von Praktische defensive Magie und ihr Einsatz gegen die
dunklen Künste. Dann warf er den Rest der Zeitung zum Müll, drehte sich
um und nahm sein Zimmer in Augenschein. Es war jetzt viel ordentlicher.
Aufzuräumen waren nur noch der neue Tagesprophet, der nach wie vor auf
dem Bett lag, und das Stück des zerbrochenen Spiegels obenauf.
Harry durchquerte das Zimmer, ließ die Spiegelscherbe vom neuen
Propheten gleiten und schlug die Zeitung auf. Als er am frühen Morgen der
Zustelleule die Zeitungsrolle abgenommen hatte, hatte er nur kurz auf die
Schlagzeile geschaut und die Zeitung dann beiseitegeworfen, nachdem er
bemerkt hatte, dass es nicht um Voldemort ging. Harry war sicher, dass das
Ministerium den Propheten unter Druck setzte, Nachrichten über
Voldemort zurückzuhalten. Deshalb sah er erst jetzt, was ihm entgangen
war.
Auf der unteren Hälfte der Titelseite stand eine kleinere Schlagzeile,
darunter ein Bild von Dumbledore, auf dem er mit gequältem
Gesichtsausdruck einherschritt:
DUMBLEDORE – ENDLICH DIE WAHRHEIT?
Nächste Woche bringen wir die schockierende Geschichte des
makelbehafteten Genius, den viele für den größten Zauberer seiner
Generation halten. Rita Kimmkorn demontiert das weit verbreitete Image
der ehrwürdigen, silberbärtigen Weisheit und enthüllt die gestörte Kindheit,
die gesetzlose Jugend, die lebenslangen Fehden und die bedrückenden
Geheimnisse, die Dumbledore mit ins Grab nahm. WARUM war der
Mann, der schon als Zaubereiminister gehandelt wurde, damit zufrieden,
ein bloßer Schulleiter zu bleiben? WAS war der wirkliche Zweck der
geheimen Organisation mit dem Namen Orden des Phönix? WIE ist
Dumbledore tatsächlich ums Leben gekommen ?
Die Antworten auf diese und viele weitere Fragen ergründet die
sensationelle neue Biographie Leben und Lügen des Albus Dumbledore von
Rita Kimmkorn, im Exklusivinterview mit Betty Braithwaite im Innenteil
auf Seite 13.
Harry riss die Zeitung auf und blätterte auf Seite dreizehn. Über dem
Artikel war ein Bild, das ein weiteres vertrautes Gesicht zeigte: eine Frau
mit juwelenbesetzter Brille und kunstvoll gelocktem blondem Haar, die
ihre Zähne bleckte, was offenbar ein gewinnendes Lächeln darstellen sollte,
und mit den Fingern zu ihm hochschnippte. Harry gab sich alle Mühe,
dieses Ekel erregende Bild nicht zu beachten, und las weiter.
In natura ist Rita Kimmkorn viel herzlicher und sanfter, als die
berüchtigten bösen Porträts aus ihrer Feder vielleicht vermuten lassen. Sie
begrüßt mich im Flur ihrer gemütlichen Wohnung und führt mich direkt in
die Küche zu einer Tasse Tee, einem Stück Früchtekuchen und
selbstverständlich zu einem dampfenden Bottich mit neuestem Klatsch.
»Nun, Dumbledore ist natürlich ein Traum für jeden Biographen«, sagt
Kimmkorn. »Ein so langes, prall gefülltes Leben. Ich bin sicher, mein Buch
wird das erste von sehr, sehr vielen sein.«
Kimmkorn hat zweifellos schnell geschaltet. Ihr neunhundertseitiges
Buch war bereits vier Wochen nach Dumbledores mysteriösem Tod im Juni
abgeschlossen. Ich frage sie, wie sie diesen superschnellen Kraftakt
geschafft hat.
»Oh, wenn man so lange Journalistin ist wie ich, geht es einem in
Fleisch und Blut über, unter Termindruck zu arbeiten. Ich wusste, dass die
magische Welt darauf brannte, die ganze Geschichte zu erfahren, und ich
wollte die Erste sein, die dieses Bedürfnis befriedigt.«
Ich erwähne die jüngsten, überall publizierten Bemerkungen von
Elphias Doge, dem Sonderberater des Zaubergamots und langjährigen
Freund von Albus Dumbledore, wonach »Kimmkorns Buch weniger
Fakten enthält als eine Schokofroschkarte«.
Kimmkorn wirft den Kopf zurück und lacht.
»Unser lieber Dodgy! Ich weiß noch, wie ich ihn vor ein paar Jahren zu
den Rechten der Wassermenschen interviewt habe, den Guten. Völlig
plemplem, schien zu glauben, wir würden auf dem Grund von Lake
Windermere sitzen, sagte andauernd zu mir, ich solle mich vor den Forellen
in Acht nehmen.«
Und doch fanden Elphias Doges Vorwürfe, das Buch sei voller Fehler,
vielerorts Unterstützung. Meint Kimmkorn wirklich, dass vier kurze
Wochen ausreichend waren, um ein umfassendes Bild von Dumbledores
langem und außergewöhnlichem Leben zu erstellen?
»Ach, meine Liebe«, strahlt Kimmkorn und klopft mir liebevoll auf die
Finger, »Sie wissen genauso gut wie ich, wie viele Informationen ein
dicker Sack Galleonen, die Weigerung, ein Nein hinzunehmen, und eine
hübsche scharfe Flotte-Schreibe-Feder hervorbringen können! Die Leute
standen ohnehin Schlange, um Dumbledore mit Dreck zu bewerfen. Wissen
Sie, nicht alle hielten ihn für so wunderbar – er ist auf furchtbar viele
wichtige Zehen getreten. Aber der alte Dussel Doge kann von seinem
hohen Hippogreif runterkommen, denn ich hatte Zugang zu einer Quelle,
für die die meisten Journalisten ihre Zauberstäbe eintauschen würden, sie
hat sich nie zuvor in der Öffentlichkeit geäußert und stand Dumbledore in
der turbulentesten und beunruhigendsten Phase seiner Jugend nahe.«
Die Wellen, die Kimmkorns Biographie schon vor der Veröffentlichung
schlägt, lassen zweifellos vermuten, dass diejenigen ihr blaues Wunder
erleben werden, die glauben, dass Dumbledore ein untadeliges Leben
geführt hat. Was waren die größten Überraschungen, die sie aufgedeckt hat,
frage ich.
»Nun mal langsam, Betty, ich werde doch nicht alle Highlights verraten,
ehe jemand das Buch gekauft hat!«, lacht Kimmkorn. »Aber ich kann
versprechen, dass all denen, die immer noch denken, Dumbledore war so
unschuldig weiß wie sein Bart, ein böses Erwachen blüht! Ich sage nur so
viel, dass niemand, der ihn gegen Du-weißt-schon-wen wüten gehört hat,
sich hätte träumen lassen, dass er selbst sich in seiner Jugend an den
dunklen Künsten versucht hat! Und für einen Zauberer, der sich in seinen
späteren Jahren kontinuierlich für Toleranz einsetzte, verhielt er sich, als er
noch jünger war, nicht gerade aufgeschlossen. Ja, Albus Dumbledore hatte
eine äußerst düstere Vergangenheit, ganz zu schweigen von dieser mehr als
zweifelhaften Familie, über die er mit großer Anstrengung den Mantel des
Schweigens breiten wollte.«
Ich frage Kimmkorn, ob sie Dumbledores Bruder Aberforth meint,
dessen Verurteilung durch den Zaubergamot wegen Missbrauchs von
Magie vor fünfzehn Jahren einen kleinen Skandal ausgelöst hat.
»Oh, Aberforth ist nur die Spitze des Misthaufens«, lacht Kimmkorn.
»Nein, nein, ich rede über viel Schlimmeres als einen Bruder, der eine
Schwäche dafür hat, mit Ziegen herumzuspielen, sogar über noch
Schlimmeres als den Muggel verstümmelnden Vater – Dumbledore konnte
sowieso keinem von beiden den Mund verbieten, sie wurden alle zwei vom
Zaubergamot angeklagt. Nein, es sind die Mutter und die Schwester, die
meine Neugierde weckten, und als ich ein wenig nachschürfte, stieß ich auf
ein ausgemachtes Nest an Niedertracht – aber, wie gesagt, um Genaueres
zu erfahren, werden Sie auf Kapitel neun bis zwölf warten müssen. Im
Augenblick kann ich nur verraten, dass es kein Wunder ist, dass
Dumbledore nie darüber sprach, wie er sich die Nase gebrochen hat.«
Selbst wenn die Familie Leichen im Keller hat, will Kimmkorn etwa
den genialen Geist in Abrede stellen, der zu Dumbledores vielen magischen
Entdeckungen geführt hat ?
»Er hatte Köpfchen«, räumt sie ein, »obwohl viele inzwischen
bezweifeln, dass er wirklich das gesamte Verdienst für all seine
angeblichen Erfolge beanspruchen konnte. Wie ich in Kapitel sechzehn
zeige, behauptet Ivor Dillonsby, dass er bereits acht Anwendungen von
Drachenblut entdeckt hatte, als Dumbledore sich seine Unterlagen
>auslieh<.«
Aber die Bedeutung einiger der Leistungen Dumbledores lässt sich doch
nicht bestreiten, werfe ich ein. Was ist mit seinem berühmten Sieg über
Grindelwald?
»Oh, nun, ich bin froh, dass Sie Grindelwald erwähnen«, sagt
Kimmkorn mit einem unwiderstehlichen Lächeln. »Ich fürchte, wer wegen
Dumbledores spektakulärem Sieg feuchte Augen bekommt, muss sich auf
eine Bombe gefasst machen -besser gesagt auf eine Stinkbombe. Wirklich
eine sehr schmutzige Angelegenheit. Ich will nur eins sagen, seien Sie nicht
so sicher, dass es das große und legendäre Duell wirklich gab. Wenn man
mein Buch gelesen hat, wird man vielleicht den Schluss ziehen müssen,
dass Grindelwald einfach ein weißes Taschentuch aus der Spitze seines
Zauberstabs heraufbeschwor und sich widerstandslos abführen ließ.«
Kimmkorn will nichts weiter zu diesem spannenden Thema preisgeben,
daher wenden wir uns stattdessen der Beziehung zu, die ihre Leser
zweifellos mehr als jede andere fasziniert.
»O ja«, sagt Kimmkorn lebhaft nickend. »Ich widme der ganzen Potter-
Dumbledore-Beziehung ein komplettes Kapitel. Man hat sie als ungesund
bezeichnet, sogar als unheilvoll. Auch hier werden Ihre Leser mein Buch
kaufen müssen, um die ganze Geschichte zu erfahren, aber es steht außer
Frage, dass Dumbledore von Anfang an ein unnatürliches Interesse an
Potter zeigte. Ob das wirklich im besten Interesse des Jungen lag – nun, wir
werden sehen. Es ist natürlich ein offenes Geheimnis, dass Potter eine
überaus schwierige Jugend hatte.«
Ich frage, ob Kimmkorn immer noch mit Harry Potter Kontakt hat, mit
dem sie letztes Jahr ein so berühmtes Interview geführt hat: ein
bahnbrechender Beitrag, in dem Potter exklusiv von seiner Überzeugung
sprach, dass Du-weißt-schon-wer zurückgekehrt sei.
»O ja, wir haben einen guten Draht zueinander«, sagt Kimmkorn. »Der
arme Potter hat kaum echte Freunde, und wir haben uns zu einem Zeitpunkt
kennen gelernt, als ihn das Leben auf eine harte Probe stellte – beim
Trimagischen Turnier. Ich gehöre wahrscheinlich zu den ganz wenigen
Personen auf der Welt, die sagen können, dass sie den echten Harry Potter
kennen.«
Was uns elegant zu den vielen Gerüchten führt, die nach wie vor über
Dumbledores letzte Stunden kursieren. Glaubt Kimmkorn, dass Potter
dabei war, als Dumbledore starb?
»Nun, ich will nicht zu viel sagen – es steht alles im Buch –, aber
Augenzeugen auf Schloss Hogwarts sahen Potter von dem Ort des
Geschehens wegrennen, kurz nachdem Dumbledore stürzte, sprang oder
gestoßen wurde. Potter hat später Severus Snape belastet, einen Mann,
gegen den er bekanntermaßen einen Groll hegt. Ist alles so, wie es scheint?
Das muss die magische Gemeinschaft entscheiden – sobald sie mein Buch
gelesen hat.«
Nach dieser interessanten Bemerkung verabschiede ich mich. Ohne
jeden Zweifel ist aus Kimmkorns Feder ein Buch geflossen, das
augenblicklich zum Bestseller werden wird. Das Heer von Dumbledores
Bewunderern kann unterdessen durchaus zittern vor dem, was bald über
ihren Helden ans Licht kommen wird.
Harry hatte den Artikel zu Ende gelesen, starrte aber weiterhin
verständnislos auf das Blatt. Abscheu und Wut stiegen in ihm hoch, als ob
er sich übergeben müsste; er knüllte die Zeitung zusammen und warf sie
mit aller Kraft gegen die Wand, wo sie sich zum Rest des Mülls gesellte,
der sich rund um seinen überquellenden Papierkorb häufte.
Er ging ziellos im Zimmer umher, öffnete leere Schubladen und nahm
Bücher zur Hand, nur um sie wieder zurück auf ihren Stapel zu legen, war
sich kaum bewusst, was er tat, während wahllos Sätze aus Ritas Artikel
durch seinen Kopf dröhnten: der ganzen Potter-Dumbledore-Beziehung ein
komplettes Kapitel... Man hat sie als ungesund bezeichnet, sogar als
unheilvoll... dass er selbst sich in seiner Jugend an den dunklen Künsten
versucht hat... ich hatte Zugang zu einer Quelle, für die die meisten
Journalisten ihre Zauberstäbe eintauschen würden ...
»Lügen!«, brüllte Harry, und durch das Fenster sah er, wie der Nachbar
von nebenan, der gerade innegehalten hatte, um seinen Rasenmäher neu
anzuwerfen, nervös aufblickte.
Harry setzte sich ungestüm auf das Bett. Das Bruchstück des Spiegels
hüpfte von ihm weg; er hob es auf, drehte es zwischen den Fingern und
dachte nach, dachte unablässig an Dumbledore und die Lügen, mit denen
ihn Rita Kimmkorn verleumdete ...
Ein hellblauer Blitz. Harry erstarrte, sein Finger mit der Schnittwunde
fuhr wieder über die gezackte Kante des Spiegels. Er hatte es sich
eingebildet, ganz sicher. Er warf einen Blick über seine Schulter, aber die
Wand hatte eine widerwärtige Pfirsichfarbe, ganz nach Tante Petunias
Geschmack: Da war nichts Blaues, was der Spiegel hätte reflektieren
können. Er starrte erneut in die Scherbe und sah nur sein eigenes,
hellgrünes Auge, das zu ihm zurückblickte.
Er hatte es sich eingebildet, eine andere Erklärung gab es nicht; hatte es
sich eingebildet, weil er an seinen verstorbenen Schulleiter gedacht hatte.
Denn eins war sicher: dass Albus Dumbledores hellblaue Augen ihn nie
mehr durchbohren würden.
Die Dursleys reisen ab
Die Haustür schlug mit einem Knall zu, der die Treppe heraufhallte, und
eine Stimme schrie: »He! Du!«
Da Harry schon sechzehn Jahre lang so angesprochen wurde, gab es für
ihn keinen Zweifel, wen sein Onkel rief; trotzdem antwortete er nicht
sofort. Er starrte unentwegt auf die Spiegelscherbe, in der er kurz zuvor
einen winzigen Moment lang Dumbledores Auge gesehen zu haben
glaubte. Erst als sein Onkel »BURSCHE!« brüllte, stand Harry langsam auf
und ging zur Zimmertür, wobei er kurz innehielt und das Bruchstück des
Spiegels in den Rucksack zu den anderen Dingen steckte, die er mitnehmen
wollte.
»Du hast dir Zeit gelassen!«, donnerte Vernon Dursley, als Harry oben
am Treppenabsatz erschien. »Komm runter, ich will dich sprechen!«
Harry stieg gemächlich die Stufen hinunter, die Hände tief in den
Taschen seiner Jeans vergraben. Als er ins Wohnzimmer trat, waren dort
alle drei Dursleys versammelt. Sie trugen Reisekleidung: Onkel Vernon
eine rehbraune Reißverschlussjacke, Tante Petunia einen adretten
lachsfarbenen Mantel und Dudley, Harrys großer, blonder,
muskelbepackter Cousin, seine Lederjacke.
»Ja?«, fragte Harry.
»Setz dich!«, sagte Onkel Vernon. Harry runzelte die Stirn. »Bitte!«,
fügte Onkel Vernon hinzu und zuckte leicht zusammen, als steckte ihm das
Wort spitz in der Kehle.
Harry setzte sich. Er meinte zu wissen, was kommen würde. Sein Onkel
begann auf und ab zu gehen, Tante Petunia und Dudley verfolgten seine
Schritte mit bangen Mienen.
Schließlich blieb Onkel Vernon vor Harry stehen, das feiste, puterrote
Gesicht vor angestrengtem Nachdenken zerknittert, und fing an zu
sprechen.
»Ich habe es mir anders überlegt«, sagte er.
»Was für eine Überraschung«, sagte Harry.
»Hör auf, in diesem Ton -«, setzte Tante Petunia mit schriller Stimme
an, doch Vernon Dursley brachte sie mit einem Wink zum Schweigen.
»Das ist alles kompletter Kokolores«, sagte Onkel Vernon und funkelte
Harry mit seinen Schweinsäuglein böse an. »Ich habe beschlossen, dass ich
kein Wort davon glaube. Wir bleiben hier, wir gehen nirgendshin.«
Harry blickte wütend und belustigt zugleich zu seinem Onkel auf.
Vernon Dursley hatte in den letzten vier Wochen alle vierundzwanzig
Stunden seine Meinung geändert und bei jedem Sinneswandel den Wagen
gepackt, ausgeräumt und wieder gepackt. Harrys Lieblingsszene war es
gewesen, als Onkel Vernon, der nicht bemerkt hatte, dass Dudley nach dem
letzten Ausladen seine Hanteln in den Koffer gesteckt hatte, den Koffer
zurück in den Wagen hieven wollte und dann brüllend vor Schmerz und
unter einem Schwall von Flüchen zusammenbrach.
»Du meinst also«, sagte Vernon Dursley jetzt und fing wieder an, im
Wohnzimmer auf und ab zu gehen, »dass wir – Petunia, Dudley und ich –
in Gefahr sind. Wegen – wegen -«
»Leuten aus >meiner Sippschaft<, genau«, sagte Harry.
»Also, das glaube ich nicht«, wiederholte Onkel Vernon und blieb
erneut vor Harry stehen. »Ich war die halbe Nacht wach und habe über alles
nachgedacht, und ich glaube, das ist ein Komplott, um an das Haus
heranzukommen.«
»Das Haus?«, wiederholte Harry. »Welches Haus?«
»Dieses Haus!«, schrie Onkel Vernon und die Ader an seiner Schläfe
begann zu pulsieren. »Unser Haus! Die Preise für Häuser hier in der
Gegend sind gerade am Explodieren! Du willst uns aus dem Weg haben,
und dann machst du ein bisschen Hokuspokus, und ehe wir's uns versehen,
lauten die Urkunden auf deinen Namen und -«
»Hast du sie nicht mehr alle?«, entgegnete Harry. »Ein Komplott, um an
dieses Haus heranzukommen? Bist du wirklich so dumm, wie du
aussiehst?«
»Untersteh dich -!«, quiekte Tante Petunia, doch wieder brachte Vernon
sie mit einem Wink zum Schweigen: Beleidigende Bemerkungen über sein
Aussehen waren offenbar nichts im Vergleich zu der Gefahr, die er erkannt
hatte.
»Nur für den Fall, dass du es vergessen hast«, sagte Harry, »ich besitze
bereits ein Haus, mein Pate hat mir eines vererbt. Also, warum sollte ich
das hier haben wollen? "Wegen der vielen glücklichen Erinnerungen?«
Stille trat ein. Harry dachte, dass er seinen Onkel mit diesem Argument
ziemlich beeindruckt hatte.
»Du behauptest«, sagte Onkel Vernon und begann von neuem auf und
ab zu gehen, »dass dieser Lord Dingsda -«
»Voldemort«, sagte Harry ungeduldig, »und das haben wir schon
hundertmal durchgekaut. Es ist keine Behauptung, es ist eine Tatsache,
Dumbledore hat es dir letztes Jahr gesagt, und Kingsley und Mr Weasley -«
Vernon Dursley zog zornig die Schultern hoch, und Harry nahm an,
dass sein Onkel versuchte, Erinnerungen an den unangekündigten Besuch
zweier ausgewachsener Zauberer einige Tage nach Beginn von Harrys
Sommerferien zu verscheuchen. Dass Kingsley Shacklebolt und Arthur
Weasley auf der Türschwelle erschienen waren, hatte den Dursleys einen
äußerst unangenehmen Schock versetzt. Harry musste allerdings zugeben,
dass man von Onkel Vernon nicht erwarten konnte, dass er sich über das
neuerliche Erscheinen Mr Weasleys freute, nachdem dieser einst das halbe
Wohnzimmer demoliert hatte.
»- Kingsley und Mr Weasley haben es dir auch alles erklärt«, sprach
Harry unbarmherzig weiter. »Sobald ich siebzehn bin, wird der Zauber, der
mich schützt, brechen, und dann seid ihr genauso in Gefahr wie ich. Der
Orden ist sicher, dass Voldemort euch ins Visier nehmen wird, entweder
um euch zu foltern, um herauszufinden, wo ich stecke, oder weil er denkt,
wenn er euch als Geiseln hält, würde ich kommen und versuchen euch zu
befreien.«
Onkel Vernons und Harrys Blicke trafen sich. Harry war sicher, dass sie
sich beide in diesem Moment dieselbe Frage stellten. Dann ging Onkel
Vernon weiter und Harry fuhr fort: »Ihr müsst euch verstecken und der
Orden will euch dabei helfen. Man bietet euch echten Schutz an, den
besten, den es gibt.«
Onkel Vernon sagte nichts, sondern schritt weiter auf und ab. Draußen
stand die Sonne tief über den Ligusterhecken. Der Motor des Rasenmähers
nebenan starb wieder ab.
»Ich dachte, es gäbe ein Zaubereiministerium?«, fragte Vernon Dursley
unvermittelt.
»Das stimmt«, sagte Harry überrascht.
»Nun denn, warum können die uns nicht schützen? Man sollte doch
meinen, dass wir als unschuldige Opfer, die sich nichts weiter vorzuwerfen
haben, als dass sie einem gebrandmarkten Menschen Zuflucht gewähren,
den Schutz der Regierung in Anspruch nehmen können!«
Harry lachte; er konnte nicht anders. Es war so typisch für seinen Onkel,
seine Hoffnung in die Obrigkeit zu setzen, selbst in jener Welt, die er
verachtete und an der er zweifelte.
»Du hast gehört, was Mr Weasley und Kingsley gesagt haben«,
erwiderte Harry. »Wir glauben, dass das Ministerium infiltriert worden ist.«
Onkel Vernon marschierte zum Kamin und zurück, schwer atmend, so
dass sein großer schwarzer Schnurrbart wogte, sein Gesicht immer noch
puterrot vom angestrengten Nachdenken.
»Na schön«, sagte er und blieb wieder vor Harry stehen. »Na schön,
sagen wir, nur mal angenommen, wir akzeptieren diesen Schutz. Dann sehe
ich immer noch nicht ein, warum wir diesen Kingsley da nicht haben
können. «
Es gelang Harry, allerdings nur mit Mühe, nicht die Augen zu
verdrehen. Auch diese Frage hatte er ein halbes Dutzend Mal gehört.
»Wie ich dir schon erklärt habe«, sagte er mit zusammengebissenen
Zähnen, »Kingsley schützt den Mug- ich meine, euren Premierminister.«
»Genau – er ist der Beste!«, sagte Onkel Vernon und deutete auf den
leeren Fernsehschirm. Die Dursleys hatten Kingsley in den Nachrichten
entdeckt, als er diskret hinter dem Premierminister der Muggel herlief, der
gerade ein Krankenhaus besichtigte. Dies und die Tatsache, dass Kingsley
den Dreh raushatte, sich wie ein Muggel zu kleiden, ganz abgesehen von
dem gewissen beruhigenden Etwas in seiner gemächlichen, tiefen Stimme,
hatte die Dursleys an Kingsley Gefallen finden lassen wie sicher an keinem
anderen Zauberer, obwohl es stimmte, dass sie ihn nie mit seinem Ohrring
gesehen hatten.
»Tja, er ist vergeben«, sagte Harry. »Aber Hestia Jones und Dädalus
Diggel sind auf diesen Job bestens vorbereitet -«
»Wenn wir wenigstens Lebensläufe gesehen hätten ...«, setzte Onkel
Vernon an, aber Harry verlor die Geduld. Er stand auf, ging auf seinen
Onkel zu und deutete nun selbst auf den Fernseher.
»Diese Unfälle sind keine Unfälle – die Zusammenstöße und
Explosionen und Zugentgleisungen und was sonst noch passiert ist, seit wir
das letzte Mal die Nachrichten gesehen haben. Menschen verschwinden
und sterben, und er steckt dahinter – Voldemort. Das habe ich dir immer
und immer wieder gesagt, er tötet Muggel zum Vergnügen. Sogar die
Nebel – die werden von Dementoren verursacht, und wenn du dich nicht
mehr erinnern kannst, was das ist, frag deinen Sohn!«
Dudleys Hände fuhren mit einem Ruck hoch und bedeckten seinen
Mund. Als seine Eltern und Harry ihre Blicke auf ihn richteten, ließ er die
Hände langsam wieder sinken und fragte: »Es gibt ... noch mehr von
denen? «
»Noch mehr?«, lachte Harry. »Mehr als die zwei, die uns angegriffen
haben, meinst du? Natürlich, es gibt Hunderte, inzwischen vielleicht
Tausende, wenn man bedenkt, dass sie sich von Angst und Verzweiflung
ernähren -«
»Schon gut, schon gut«, polterte Vernon Dursley. »Wir haben
verstanden -«
»Ich hoffe es«, sagte Harry, »denn sobald ich siebzehn bin, können die
alle euch finden – Todesser, Dementoren, möglicherweise sogar Inferi, das
sind Leichen, die von einem schwarzen Magier verzaubert wurden –, und
sie werden euch sicher angreifen. Und wenn ihr euch an das letzte Mal
erinnert, als ihr versucht habt, Zauberern zu entkommen, dann werdet ihr
bestimmt zugeben, dass ihr Hilfe braucht.«
Ein kurzes Schweigen trat ein, und es war, als ob man Hagrid eine
hölzerne Haustür einschlagen hörte, ganz aus der Ferne und über die
dazwischenliegenden Jahre hinweg. Tante Petunia blickte zu Onkel
Vernon; Dudley starrte Harry an. Endlich platzte es aus Onkel Vernon
heraus: »Aber was ist mit meiner Arbeit? Was ist mit Dudleys Schule? Ich
nehme an, solche Dinge sind für einen Haufen herumgammelnder Zauberer
nicht von Bedeutung -«
»Kapierst du nicht?«, rief Harry. »Sie werden euch foltern und töten wie
meine Eltern!«
»Dad«, sagte Dudley mit lauter Stimme, »Dad – ich gehe mit diesen
Ordenstypen.«
»Dudley«, sagte Harry, »zum ersten Mal in deinem Leben sagst du was
Vernünftiges.«
Er wusste, dass die Schlacht gewonnen war. Wenn Dudley so
verängstigt war, dass er die Hilfe des Ordens annahm, würden seine Eltern
mit ihm gehen: Von ihrem Diddyspatz getrennt zu sein kam für sie
überhaupt nicht in Frage. Harry warf einen Blick zur Standuhr auf dem
Kaminsims.
»In etwa fünf Minuten sind sie hier«, sagte er, und als keiner der
Dursleys antwortete, verließ er den Raum. Die Aussicht, dass er sich –
vermutlich für immer – von seiner Tante, seinem Onkel und seinem Cousin
trennen würde, war durchaus erfreulich für ihn, und doch lag ein Anflug
von Verlegenheit in der Luft. Was sagte man zueinander nach sechzehn
Jahren heftiger Abneigung?
Wieder in seinem Zimmer, nestelte Harry planlos an seinem Rucksack
herum, dann steckte er ein paar Eulennüsse durch das Gitter von Hedwigs
Käfig. Sie fielen mit einem dumpfen Geräusch zu Boden und Hedwig
beachtete sie nicht.
»Wir brechen bald auf, wirklich bald«, erklärte ihr Harry. »Und dann
kannst du wieder fliegen.«
Die Türglocke läutete. Harry zögerte, dann ging er aus seinem Zimmer
und machte sich auf den Weg nach unten: Dass Hestia und Dädalus allein
mit den Dursleys zurechtkamen, war zu viel verlangt.
»Harry Potter!«, quiekte eine aufgeregte Stimme, sobald Harry die Tür
geöffnet hatte; ein kleiner Mann mit einem malvenfarbenen Zylinder legte
eine tiefe Verbeugung vor ihm hin. »Eine Ehre, wie immer!«
»Danke, Dädalus«, sagte Harry und schenkte der dunkelhaarigen Hestia
ein kleines beschämtes Lächeln. »Wirklich nett von euch, dass ihr das tut ...
Sie sind hier drin, meine Tante und mein Onkel und mein Cousin ...«
»Ihnen einen schönen guten Tag, Verwandte von Harry Potter!«, sagte
Dädalus erfreut und betrat mit großen Schritten das Wohnzimmer. Die
Dursleys wirkten überhaupt nicht erfreut, auf diese Weise angesprochen zu
werden; Harry war schon halb auf einen weiteren Meinungsumschwung
gefasst. Dudley machte sich beim Anblick der Hexe und des Zauberers
neben seiner Mutter ganz klein.
»Wie ich sehe, sind Sie mit dem Packen fertig und bereit. Bestens! Der
Plan ist, wie Harry Ihnen erzählt hat, ein einfacher«, sagte Dädalus, indem
er eine gewaltige Taschenuhr aus seiner Weste zog und einen prüfenden
Blick darauf warf. »Wir brechen noch vor Harry auf. Damit keine Gefahr
besteht, dass in Ihrem Haus Magie gebraucht wird – da Harry immer noch
minderjährig ist, könnte das dem Ministerium einen Vorwand liefern, um
ihn zu verhaften –, werden wir zuerst, sagen wir, etwa zehn Meilen fahren,
ehe wir zu dem sicheren Ort disapparieren, den wir für Sie ausgewählt
haben. Sie wissen, wie man Auto fährt, nehme ich an?«, fragte er Onkel
Vernon höflich.
»Wissen, wie man -? Natürlich weiß ich verdammt noch mal genau, wie
man Auto fährt!«, zischte Onkel Vernon.
»Wie schlau Sie sind, Sir, wie schlau, mich persönlich würden all diese
Knöpfe und Griffe völlig konfus machen«, sagte Dädalus. Er nahm
zweifellos an, Vernon Dursley zu schmeicheln, der offensichtlich mit
jedem Wort von Dädalus mehr und mehr das Vertrauen in den Plan verlor.
»Kann nicht mal Auto fahren«, murmelte er vor sich hin, und sein
Schnurrbart zitterte entrüstet, aber glücklicherweise schienen weder
Dädalus noch Hestia ihn zu hören.
»Du, Harry«, fuhr Dädalus fort, »wartest hier auf deine Leibgarde. Es
gab eine kleine Änderung in der Planung -«
»Was soll das heißen?«, warf Harry sofort ein. »Ich dachte, Mad-Eye
wollte kommen und mich per Seit-an-Seit-Apparieren mitnehmen?«
»Geht nicht«, erwiderte Hestia kurz angebunden. »Mad-Eye wird es
erklären.«
Die Dursleys, die dem Ganzen mit vollkommen verständnislosen
Mienen gelauscht hatten, zuckten zusammen, als eine laute Stimme
»Beeilung!« kreischte. Harry sah sich im gesamten Zimmer um, ehe ihm
klar wurde, dass die Stimme aus Dädalus' Taschenuhr gekommen war.
»Völlig richtig, wir operieren nach einem sehr straffen Zeitplan«, sagte
Dädalus, nickte seiner Uhr zu und steckte sie zurück in seine Weste. »Wir
versuchen, deine Abreise vom Haus mit der Disapparition deiner Familie
zeitlich abzustimmen, Harry; so bricht der Zauber in dem Moment, wenn
ihr alle auf dem Weg in die Sicherheit seid.« Er wandte sich den Dursleys
zu. »Nun, sind alle mit Packen fertig und reisebereit? «
Keiner von ihnen antwortete. Onkel Vernon starrte immer noch entsetzt
auf die Wölbung in Dädalus' Westentasche.
»Vielleicht sollten wir draußen im Flur warten, Dädalus«, murmelte
Hestia. Sie hielt es offenbar für taktlos, wenn sie beide im Zimmer blieben,
während Harry und die Dursleys sich liebevoll, womöglich tränenreich
verabschiedeten.
»Das ist nicht nötig«, brummte Harry, aber Onkel Vernon machte jede
weitere Erklärung überflüssig, indem er laut sagte: »Also, das war's dann
wohl, Junge.«
Er schwang seinen rechten Arm nach oben, um Harrys Hand zu
schütteln, doch im letzten Moment schien er außerstande, es über sich zu
bringen, schloss nur seine Faust und fing an, sie vor- und
zurückzuschwingen wie ein Metronom.
»Fertig, Duddy?«, sagte Tante Petunia und überprüfte hektisch den
Verschluss ihrer Handtasche, um es völlig zu vermeiden, Harry anzusehen.
Dudley antwortete nicht, sondern stand nur da, den Mund leicht
geöffnet, was Harry ein wenig an den Riesen Grawp erinnerte.
»Dann komm«, sagte Onkel Vernon.
Er hatte schon die Wohnzimmertür erreicht, als Dudley murmelte: »Das
versteh ich nicht.«
»Was verstehst du nicht, Mausebär?«, fragte Tante Petunia und blickte
zu ihrem Sohn auf.
Dudley hob eine große, schinkenähnliche Hand und deutete damit auf
Harry.
»Warum kommt er nicht mit uns?«
Onkel Vernon und Tante Petunia blieben wie angewurzelt stehen und
starrten Dudley an, als hätte er gerade den Wunsch geäußert, Ballerina zu
werden.
»Was?«, sagte Onkel Vernon laut.
»Warum kommt er nicht auch mit?«, fragte Dudley.
»Nun, er – er will nicht«, sagte Onkel Vernon, wandte sich mit
wütendem Blick zu Harry um und fügte hinzu: »Du willst nicht, oder? «
»Nicht im Geringsten«, sagte Harry.
»Jetzt weißt du's«, sagte Onkel Vernon zu Dudley. »Und nun komm,
wir gehen.«
Er marschierte aus dem Zimmer: Sie hörten, wie die Haustür aufging,
aber Dudley bewegte sich nicht vom Fleck, und nach ein paar zögerlichen
Schritten blieb auch Tante Petunia stehen.
»Was denn jetzt noch?«, bellte Onkel Vernon, der wieder in der Tür
auftauchte.
Dudley schien mit Gedanken zu kämpfen, die so schwierig waren, dass
er sie nicht ausdrücken konnte. Nachdem er einige Momente offenbar
mühsam mit sich gerungen hatte, sagte er: »Aber wo geht er hin?«
Tante Petunia und Onkel Vernon sahen einander an. Dudley machte
ihnen sichtlich Angst. Hestia Jones brach das Schweigen.
»Aber ... Sie wissen doch bestimmt, wohin Ihr Neffe geht?«, fragte sie
mit verwirrtem Gesichtsausdruck.
»Natürlich wissen wir das«, sagte Vernon Dursley. »Er verschwindet
mit ein paar Leuten aus Ihrer Sippschaft, nicht wahr? Also komm, Dudley,
gehen wir zum Auto, du hast den Mann gehört, wir müssen uns beeilen.«
Vernon Dursley marschierte erneut bis zur Haustür, doch Dudley folgte
ihm nicht.
»Mit ein paar Leuten aus unserer Sippschaft?«
Hestia sah empört drein. Harry hatte diese Haltung schon früher bei
Hexen und Zauberern beobachtet: Sie schienen bestürzt, dass seine engsten
Verwandten so wenig Interesse an dem berühmten Harry Potter zeigten.
»Schon gut«, beruhigte Harry sie. »Ist mir ehrlich gesagt egal.«
»Egal?«, wiederholte Hestia mit bedrohlich anschwellender Stimme.
»Ist diesen Leuten nicht klar, was du durchgemacht hast? In welcher
Gefahr du bist? Welch außergewöhnlichen Platz du im Herzen der Anti-
Voldemort-Bewegung einnimmst? «
»Ähm – nein, ist es nicht«, sagte Harry. »Sie halten mich in Wahrheit
für eine Platzverschwendung, aber ich bin es gewohnt, dass -«
»Ich halte dich nicht für eine Platzverschwendung.«
Wenn Harry nicht gesehen hätte, dass sich Dudleys Lippen bewegten,
dann hätte er es vielleicht nicht geglaubt. Doch nun starrte er Dudley
mehrere Sekunden lang an, ehe er hinnahm, dass es sein Cousin gewesen
sein musste, der gesprochen hatte; außerdem war Dudley rot geworden.
Harry war selbst peinlich berührt und verblüfft.
»Also ... ähm ... danke, Dudley.«
Dudley kämpfte offenbar erneut mit Gedanken, die zu sperrig waren,
um sie in Worte zu fassen, dann murmelte er: »Du hast mir das Leben
gerettet.«
»Stimmt so nicht ganz«, sagte Harry. »Der Dementor hätte deine Seele
genommen ...«
Er sah seinen Cousin neugierig an. Sie hatten diesen und auch letzten
Sommer praktisch nichts miteinander zu tun gehabt, weil Harry nur so kurz
in den Ligusterweg zurückgekehrt und dann meist in seinem Zimmer
geblieben war. Jetzt allerdings dämmerte es ihm, dass die Tasse mit dem
kalten Tee, auf die er an diesem Morgen getreten war, vielleicht gar kein
übler Streich gewesen war. Obgleich ziemlich gerührt, war er doch
einigermaßen erleichtert darüber, dass Dudley anscheinend alle
Möglichkeiten erschöpft hatte, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
Nachdem Dudley noch ein- oder zweimal den Mund aufgemacht hatte,
versank er mit knallrotem Gesicht in Schweigen.
Tante Petunia brach in Tränen aus. Hestia Jones warf ihr einen
beifälligen Blick zu, der in Empörung umschlug, als Tante Petunia
losrannte und nicht Harry, sondern Dudley umarmte.
»W-wie nett von dir, Dudders ...«, schluchzte sie an seiner massigen
Brust, »s-so ein lieber J-Junge ... b-bedankt sich auch noch ... «
»Aber er hat sich überhaupt nicht bedankt!«, sagte Hestia entrüstet. »Er
hat nur gesagt, dass Harry für ihn keine Platzverschwendung ist!«
»Jaah, aber wenn das von Dudley kommt, heißt es so viel wie >Ich liebe
dich<«, sagte Harry und wusste nicht recht, ob er genervt sein oder eher
lachen sollte, während Tante Petunia nach wie vor Dudley umklammerte,
als hätte er soeben Harry aus einem brennenden Gebäude gerettet.
»Gehen wir jetzt oder nicht?«, donnerte Onkel Vernon, der abermals an
der Wohnzimmertür erschien. »Ich dachte, wir hätten einen straffen
Zeitplan!«
»Ja – ja, haben wir«, sagte Dädalus Diggel, der den Wortwechsel mit
amüsierter Miene verfolgt hatte und sich jetzt offenbar einen Ruck gab.
»Wir müssen wirklich los. Harry -«
Er stolperte vorwärts und drückte Harrys Hand mit seinen beiden
Händen.
»- viel Glück. Ich hoffe, wir sehen uns wieder. Die Hoffnungen der
Zaubererwelt ruhen auf deinen Schultern.«
»Oh«, sagte Harry, »ja. Das ist nett.«
»Leb wohl, Harry«, sagte Hestia und auch sie ergriff seine Hand.
»Unsere Gedanken sind bei dir.«
»Ich hoffe, alles ist okay«, sagte Harry mit einem raschen Blick auf
Tante Petunia und Dudley.
»Oh, ich bin sicher, dass wir die dicksten Freunde werden«, sagte
Diggel munter und schwenkte seinen Hut, während er das Zimmer verließ.
Hestia folgte ihm.
Dudley löste sich sanft aus der Umklammerung seiner Mutter und ging
auf Harry zu, der sich stark zurückhalten musste, ihn nicht mit Zauberei zu
bedrohen. Dann streckte Dudley seine große rosa Hand aus.
»Wahnsinn, Dudley«, sagte Harry über Tante Petunias neuerliches
Schluchzen hinweg, »haben dir die Dementoren eine andere Persönlichkeit
eingehaucht?«
»Weiß nich«, nuschelte Dudley. »Bis dann, Harry. «
»Jaah ...«, sagte Harry, nahm Dudleys Hand und schüttelte sie.
»Vielleicht. Pass auf dich auf, Big D.«
Dudley lächelte fast, dann ging er schleppend aus dem Zimmer. Harry
hörte seine schweren Schritte auf dem Kiesweg und dann schlug eine
Autotür zu.
Tante Petunia, deren Gesicht in ihrem Taschentuch vergraben gewesen
war, wandte sich bei dem Geräusch um. Offenbar hatte sie nicht erwartet,
nun mit Harry allein zu sein. Hastig stopfte sie das nasse Tuch in ihre
Tasche, sagte: »Also – auf Wiedersehen«, und marschierte zur Tür, ohne
ihn anzuschauen.
»Auf Wiedersehen«, sagte Harry.
Sie blieb stehen und drehte sich um. Einen Moment lang hatte Harry das
höchst seltsame Gefühl, dass sie ihm etwas sagen wollte: Sie warf ihm
einen merkwürdigen zaghaften Blick zu, und es schien ihr schon etwas auf
der Zunge zu liegen, doch dann hastete sie mit einem leichten Zucken des
Kopfes ihrem Ehegatten und ihrem Sohn hinterher aus dem Zimmer.
Die sieben Potters
Harry rannte die Treppe hoch in sein Zimmer zurück und erreichte
gerade noch rechtzeitig das Fenster, um den Wagen der Dursleys aus der
Zufahrt hinaus- und auf der Straße davonrauschen zu sehen. Dädalus'
Zylinder war zwischen Tante Petunia und Dudley auf dem Rücksitz
sichtbar. Der Wagen bog am Ende des Ligusterwegs nach rechts ab, die
Fenster flammten in der gerade untergehenden Sonne für einen Moment
scharlachrot auf, dann war er verschwunden.
Harry nahm Hedwigs Käfig, seinen Feuerblitz und den Rucksack, ließ
ein letztes Mal den Blick durch sein ungewohnt ordentliches Zimmer
schweifen und stieg dann ungelenk zurück hinunter in den Flur, wo er
Käfig, Besen und Rucksack am Fuß der Treppe abstellte. Das Licht
schwand nun rasch, der Flur war voller Schatten in der Abenddämmerung.
Es war ein äußerst merkwürdiges Gefühl für ihn, in der Stille dazustehen
und zu wissen, dass er das Haus gleich zum letzten Mal verlassen würde.
Vor langer Zeit, als die Dursleys ihn allein gelassen hatten, während sie
ausgegangen waren, um sich zu vergnügen, waren die Stunden der
Einsamkeit ein seltener Genuss gewesen: Er war nach oben gerannt, um auf
Dudleys Computer zu spielen, und hatte nur Pause gemacht, um etwas aus
dem Kühlschrank zu stibitzen, oder er hatte den Fernseher eingeschaltet
und nach Lust und Laune durch die Kanäle gezappt. Wenn er sich diese
Zeiten ins Gedächtnis rief, fühlte er eine sonderbare Leere; es war, als ob er
sich an einen jüngeren Bruder erinnerte, den er verloren hatte.
»Möchtest du dir das Haus nicht noch einmal ansehen?«, fragte er
Hedwig, die den Kopf immer noch schmollend unter einen Flügel gesteckt
hatte. »Wir kommen hier nie wieder her. Willst du dich nicht an all die
guten Zeiten erinnern? Ich meine, schau dir diese Türmatte an. Was für
Erinnerungen ... Dudley hat da draufgekotzt, als ich ihn vor den
Dementoren gerettet habe ... Am Ende war er dann doch dankbar, hättest du
das gedacht? ... Und letzten Sommer kam Dumbledore durch diese Haustür
...«
Harry verlor für einen Moment den Faden, und Hedwig half ihm nicht,
ihn wiederzufinden, sondern blieb weiter mit dem Kopf unter dem Flügel
sitzen. Harry wandte der Haustür den Rücken zu.
»Und hier drunter, Hedwig -«, Harry zog eine Tür unter der Treppe auf,
»hier hab ich immer geschlafen! Da hast du mich noch gar nicht gekannt –
Wahnsinn, ist das eng, das hatte ich schon vergessen ...«
Harrys Augen wanderten über die aufgestapelten Schuhe und Schirme,
und er erinnerte sich daran, wie er jeden Morgen mit Blick auf die
Unterseite der Treppe aufgewacht war, die häufig die ein oder andere
Spinne zierte. Das war die Zeit gewesen, in der er noch gar nicht gewusst
hatte, wer er wirklich war; noch nicht herausgefunden hatte, wie seine
Eltern gestorben waren oder warum oft so seltsame Dinge um ihn herum
passierten. Aber Harry konnte sich nach wie vor an die Träume erinnern,
die ihn sogar in jener Zeit verfolgt hatten: verworrene Träume mit grünen
Lichtblitzen, und einmal – Onkel Vernon hatte fast seinen Wagen zu
Schrott gefahren, als Harry es erzählte –, einmal war auch ein fliegendes
Motorrad darin vorgekommen ...
Plötzlich war ein ohrenbetäubendes Dröhnen ganz in der Nähe zu hören.
Harry richtete sich jäh auf und schlug mit der Schädeldecke an den
niedrigen Türrahmen. Er wankte zurück in die Küche, blieb nur stehen, um
einige der erlesensten Schimpfwörter von Onkel Vernon loszulassen, hielt
sich den Kopf und starrte aus dem Fenster in den Garten hinter dem Haus.
Die Dunkelheit schien Wellen zu schlagen, die Luft selbst bebte. Dann
tauchten nacheinander Gestalten auf, schlagartig, sowie der
Desillusionierungszauber von ihnen abfiel. Als Erster fiel Hagrid ins Auge,
er trug Helm und Schutzbrille und saß rittlings auf einem riesigen
Motorrad, an dem ein schwarzer Beiwagen befestigt war. Um ihn herum
stiegen weitere Leute von ihren Besen und zwei von skelettartigen
schwarzen Pferden mit Flügeln.
Harry riss die Hintertür auf und stürmte mitten in die Menge hinein.
Unter allgemeinem Begrüßungsgeschrei schlang Hermine die Arme um
ihn, Ron klopfte ihm auf den Rücken, und Hagrid sagte: »Alles kla', Harry?
Fertig zum Abfluch?«
»Sicher«, sagte Harry und strahlte in die Runde. »Aber so viele von
euch hätt ich nicht erwartet!«
»Plan geändert«, knurrte Mad-Eye, der zwei gewaltige, prall gefüllte
Säcke hielt und dessen magisches Auge Schwindel erregend schnell von
dem immer dunkler werdenden Himmel über das Haus zum Garten
wirbelte. »Gehen wir in Deckung, ehe wir alles besprechen.«
Harry führte sie hinein in die Küche, wo sie sich lachend und
schwatzend auf Stühlen niederließen, auf Tante Petunias glänzende
Arbeitsplatten hockten oder sich an ihre makellos sauberen Haushaltsgeräte
lehnten: Ron, lang und schlaksig; Hermine, das buschige Haar zu einem
langen Zopf zurückgebunden; Fred und George, ununterscheidbar grinsend;
Bill, mit üblen Narben und langen Haaren; Mr Weasley, mit freundlichem
Gesicht, schütterem Haar und leicht schief sitzender Brille; Mad-Eye, vom
Kampf gezeichnet, mit nur einem Bein und einem strahlend blauen Auge,
das in seiner Höhle surrte; Tonks, die ihr kurzes Haar in ihrer
Lieblingsfarbe trug, einem knalligen Pink; Lupin, grauer, faltiger; Fleur,
schlank und schön, mit ihrem langen silbrig blonden Haar; Kingsley,
kahlköpfig, schwarz, breitschultrig; Hagrid mit seinem struppigen Haar und
Bart, der gebückt dastand, um mit dem Kopf nicht an die Decke zu stoßen,
und Mundungus Fletcher, klein, schmutzig und erbärmlich, mit seinen
matten, bassetartigen Hundeaugen und dem verfilzten Haar. Harry ging bei
diesem Anblick das Herz auf und ihm wurde ganz warm: Er freute sich
unglaublich über sie alle, sogar über Mundungus, den er bei ihrem letzten
Zusammentreffen fast erwürgt hätte.
»Kingsley, ich dachte, du bewachst den Premierminister der Muggel?«,
rief er quer durch den Raum.
»Der kann eine Nacht lang ohne mich auskommen«, sagte Kingsley.
»Du bist wichtiger.«
»Harry, weißt du was?«, sagte Tonks von ihrem Platz oben auf der
Waschmaschine aus und winkte ihm mit ihrer linken Hand zu; ein Ring
glitzerte daran.
»Du hast geheiratet?«, japste Harry und blickte von ihr zu Lupin.
»Tut mir leid, dass du nicht dabei sein konntest, war eine traute Runde.«
»Das ist großartig, gratu-«
»Schon gut, schon gut, wir haben später Zeit, das alles gemütlich zu
bequatschen!«, brüllte Moody durch den Trubel und in der Küche trat Stille
ein. Moody ließ die Säcke vor seine Füße fallen und wandte sich an Harry.
»Dädalus hat dir wahrscheinlich schon gesagt, dass wir Plan A aufgeben
mussten. Pius Thicknesse ist übergelaufen, was uns vor ein großes Problem
stellt. Er hat es zur strafbaren Handlung erklärt, auf die Gefängnis steht,
dieses Haus mit dem Flohnetzwerk zu verbinden, einen Portschlüssel hier
abzulegen oder rein- und rauszuapparieren. Alles unter dem Vorwand, dich
zu schützen, damit Du-weißt-schon-wer nicht an dich herankommt.
Vollkommen sinnlos, wo doch der Zauber deiner Mutter das schon tut. In
Wirklichkeit hat er es fertiggebracht, dass du hier nicht mehr sicher
rauskommst. Zweites Problem: Du bist minderjährig, das heißt, du hast
immer noch die Spur auf dir.«
»Die was? «
»Die Spur, die Spur!«, sagte Mad-Eye ungeduldig. »Der Zauber, der
magische Aktivitäten im Umfeld von unter Siebzehnjährigen aufspürt, mit
dem das Ministerium rausfindet, wenn Minderjährige zaubern! Wenn du
oder irgendjemand um dich herum einen Zauber ausführt, um hier
rauszukommen, dann wird Thicknesse davon erfahren, genauso wie die
Todesser.
Wir können nicht warten, bis die Spur sich löst, weil du im Moment, da
du siebzehn wirst, sofort allen Schutz verlierst, den deine Mutter dir
verliehen hat. Kurz gesagt: Pius Thicknesse glaubt, dass er dich endgültig
in die Enge getrieben hat.«
Harry konnte nicht umhin, dem unbekannten Thicknesse Recht zu
geben.
»Was werden wir also tun?«
»Wir benutzen die einzigen Transportmittel, die uns bleiben, die
einzigen, die von der Spur nicht ermittelt werden können, weil wir keinen
Zauber ausüben müssen, um sie zu benutzen: Besen, Thestrale und Hagrids
Motorrad.«
Harry konnte einige Schwachstellen an diesem Plan erkennen;
allerdings hielt er den Mund, um Mad-Eye die Gelegenheit zu geben, sie
selbst anzusprechen.
»Nun, der Zauber deiner Mutter bricht nur unter zwei Bedingungen:
wenn du volljährig wirst oder -«, Moody deutete auf die blitzsaubere Küche
um ihn herum, »- wenn du diesen Ort nicht mehr dein Zuhause nennst. Du,
deine Tante und dein Onkel geht heute Nacht getrennte Wege, vollkommen
einig, dass ihr nie wieder zusammenleben werdet, richtig?«
Harry nickte.
»Wenn du also dieses Mal fortgehst, wird es keine Rückkehr geben, und
der Zauber wird brechen, sobald du außerhalb seiner Reichweite bist. Wir
brechen ihn lieber frühzeitig, denn die Alternative ist, zu warten, bis Du-
weißt-schon-wer kommt und dich ergreift, in dem Moment, da du siebzehn
wirst.
Der einzige Trumpf, den wir haben, ist, dass Du-weißt-schon-wer nicht
weiß, dass wir dich heute Nacht wegbringen.
Wir haben für das Ministerium eine falsche Fährte gelegt: Die glauben,
dass du nicht vor dem Dreißigsten abreist. Allerdings haben wir es mit Du-
weißt-schon-wem zu tun, das heißt, wir können uns nicht einfach darauf
verlassen, dass er das falsche Datum hat; er lässt sicher ein paar Todesser
hier in der Gegend am Himmel Patrouille fliegen, nur für den Fall. Deshalb
haben wir einem Dutzend verschiedenen Häusern sämtlichen Schutz
verliehen, den wir aufbringen können. Sie sehen alle aus, als wären sie der
Ort, an dem wir dich verstecken werden, sie haben alle irgendeine
Verbindung zum Orden: mein Haus, Kingsleys, das von Mollys Tantchen
Muriel – du verstehst schon.«
»Jaah«, sagte Harry, nicht ganz ehrlich, denn er konnte immer noch
einen riesigen Haken bei dem Plan erkennen.
»Du gehst zu Tonks' Eltern. Sobald du innerhalb der Grenzen der
Schutzzauber bist, die wir über ihr Haus gelegt haben, kannst du einen
Portschlüssel zum Fuchsbau nehmen. Noch Fragen?«
»Ähm – ja«, sagte Harry. »Sie werden vielleicht anfangs nicht wissen,
zu welchem der zwölf sicheren Häuser ich fliege, aber wird das nicht
irgendwie offensichtlich sein, sobald -«, er zählte kurz die Köpfe, »-
vierzehn von uns zu Tonks' Eltern aufbrechen?«
»Ah«, sagte Moody, »ich hab den entscheidenden Punkt vergessen. Es
werden keine vierzehn von uns zu Tonks' Eltern aufbrechen. Heute Abend
werden sieben Harry Potters durch den Himmel fliegen, jeder von ihnen
mit einem Begleiter, und jedes Paar auf dem Weg zu einem anderen
sicheren Haus.«
Moody zog nun aus seinem Mantel ein Fläschchen mit etwas, das wie
Schlamm aussah. Er brauchte gar nicht weiterzureden; Harry begriff den
restlichen Plan sofort.
»Nein!«, sagte er laut und seine Stimme schallte durch die Küche.
»Kommt nicht in Frage!«
»Ich habe ihnen gesagt, dass du so reagieren würdest«, meinte Hermine
mit einem Hauch von Selbstgefälligkeit.
»Wenn ihr glaubt, ich lasse es zu, dass sechs Leute ihr Leben riskieren -
!«
»- weil es ja für uns alle das erste Mal ist«, sagte Ron.
»Das ist was anderes, so zu tun, als wärt ihr ich -«
»Also, keiner von uns ist wirklich scharf drauf, Harry«, sagte Fred ernst.
»Stell dir vor, es geht was schief, dann stecken wir für immer als picklige
dürre Trottel fest.«
Harry lächelte nicht.
»Ihr könnt es nicht tun, wenn ich nicht mitmache; ich muss euch ein
paar Haare geben.«
»Tja, damit wäre der Plan im Eimer«, sagte George. »Natürlich haben
wir gar keine Chance, ein paar Haare von dir zu kriegen, wenn du nicht
mitmachst.«
»Jaah, dreizehn von uns gegen einen Typen, der nicht zaubern darf; das
können wir gleich vergessen«, sagte Fred.
»Witzig«, sagte Harry. »Wirklich witzig.«
»Wenn es nicht anders geht, dann eben mit Gewalt«, knurrte Moody,
und sein magisches Auge zitterte jetzt ein wenig in seiner Höhle, während
er Harry anfunkelte. »Jeder hier ist volljährig, Potter, und es sind alle
bereit, das Risiko auf sich zu nehmen.«
Mundungus zuckte die Achseln und verzog das Gesicht; das magische
Auge schwenkte seitwärts und starrte ihn böse aus Moodys Schläfe heraus
an.
»Jetzt keinen Streit mehr. Die Zeit wird knapp. Ich will ein paar von
deinen Haaren, Junge, und zwar sofort.«
»Aber das ist verrückt, es ist überhaupt nicht nötig -«
»Nicht nötig!«, knurrte Moody. »Wo Du-weißt-schon-wer da draußen
und das halbe Ministerium auf seiner Seite ist? Potter, wenn wir Glück
haben, hat er den falschen Köder geschluckt und plant, dich am Dreißigsten
zu überfallen, aber er wäre nicht ganz richtig im Kopf, wenn er nicht ein
oder zwei Todesser hätte, die Ausschau halten, das würde ich jedenfalls
tun. Sie können an dich und das Haus zwar nicht rankommen, während der
Zauber deiner Mutter noch wirkt, aber der schwindet bald, und sie wissen,
wo das Haus ungefähr liegt. Unsere einzige Chance ist, Lockvögel zu
verwenden. Selbst Du-weißt-schon-wer kann sich nicht in sieben Stücke
teilen.«
Harry begegnete Hermines Blick und sah sofort weg.
»Also, Potter – ein paar von deinen Haaren, wenn ich bitten darf.«
Harry sah zu Ron hinüber, der eine Grimasse zog, als ob er etwas wie
»Tu's einfach« sagen wollte.
»Sofort!«, bellte Moody.
Alle Blicke ruhten auf Harry, während er sich oben auf den Kopf fasste,
ein Büschel Haare packte und zog.
»Gut«, sagte Moody und kam herangehumpelt, wobei er den Stöpsel aus
dem Zaubertrankfläschchen zog. »Direkt hier rein, wenn ich bitten darf.«
Harry ließ die Haare in die schlammartige Flüssigkeit fallen. Als sie auf
die Oberfläche trafen, begann der Zaubertrank zu schäumen und zu
qualmen, und dann nahm er, mit einem Schlag, eine klare, helle Goldfarbe
an.
»Ooh, Harry, du siehst viel leckerer aus als Crabbe und Goyle«, sagte
Hermine, ehe sie Rons hochgezogene Augenbrauen erblickte und leicht
errötend fortfuhr: »Oh, du weißt, was ich meine – der Trank von Goyle sah
wie Popel aus.«
»Also dann, alle falschen Potters bitte hier drüben in einer Reihe
aufstellen«, sagte Moody.
Ron, Hermine, Fred, George und Fleur bauten sich vor Tante Petunias
glänzender Spüle auf.
»Einer fehlt«, sagte Lupin.
»Hier«, sagte Hagrid barsch, hob Mundungus am Kragen hoch und
setzte ihn neben Fleur wieder ab, die ostentativ ihre Nase rümpfte und
wegging, um sich stattdessen zwischen Fred und George zu stellen.
»Ich hab dir doch gesagt, ich wär lieber 'n Beschützer«, meinte
Mundungus.
»Klappe«, knurrte Moody. »Und wie ich dir schon gesagt habe, du
rückgratloser Wurm, wird jeder Todesser, auf den wir stoßen, Potter
gefangen nehmen und nicht töten wollen. Dumbledore hat immer
behauptet, dass Du-weißt-schon-wer Potter eigenhändig erledigen will. Die
Beschützer werden's am schwersten haben, denn die Todesser werden sie
umbringen wollen.«
Mundungus wirkte nicht sonderlich beruhigt, doch Moody zog bereits
ein halbes Dutzend eierbechergroße Gläschen aus seinem Mantel, verteilte
sie und goss in jedes davon ein wenig Vielsaft-Trank.
»Dann alle zusammen ...«
Ron, Hermine, Fred, George, Fleur und Mundungus tranken. Alle
keuchten und verzerrten die Gesichter, als der Trank durch ihre Kehlen
rann: Augenblicklich begannen ihre Züge Blasen zu werfen und sich wie
heißes Wachs zu verziehen. Hermine und Mundungus schossen in die
Höhe; Ron, Fred und George schrumpften; ihr Haar wurde dunkel,
Hermines und Fleurs Haare schien es nach innen in ihre Köpfe zu ziehen.
Moody löste nun ganz gelassen die Schnüre der großen Säcke, die er
mitgebracht hatte: Als er sich wieder aufrichtete, standen sechs Harry
Potters keuchend und schnaufend vor ihm.
Fred und George wandten sich einander zu und sagten: »Wow – wir
sind absolut gleich!«
»Ich weiß nicht, aber ich glaub, ich seh immer noch besser aus«, sagte
Fred, während er sein Spiegelbild im Wasserkessel musterte.
»Bah«, sagte Fleur, die sich in der Klappe der Mikrowelle begutachtete,
»Bill, sieh misch nischt an – isch bin 'ässlisch.«
»Wem seine Klamotten ein wenig zu weit sind – ich hab hier kleinere«,
sagte Moody und deutete auf den ersten Sack, »und umgekehrt. Vergesst
nicht die Brillen, in der Seitentasche sind sechs Stück. Und wenn ihr
angezogen seid, findet ihr in dem anderen Sack Reisegepäck. «
Der echte Harry dachte, dass dies so ziemlich das Seltsamste war, was
er je gesehen hatte, und er hatte einige äußerst merkwürdige Dinge
gesehen. Er beobachtete, wie seine sechs Doppelgänger in den Säcken
herumwühlten, Anziehsachen herauszogen, Brillen aufsetzten, ihre eigene
Kleidung wegsteckten. Als sie alle begannen, sich ohne Scham
auszuziehen, hätte er sie am liebsten gebeten, seine Intimsphäre ein wenig
mehr zu respektieren, denn seinen Körper zu zeigen war für sie
offensichtlich viel leichter, als wenn es ihr eigener gewesen wäre.
»Wusste ich's doch, dass Ginny das mit der Tätowierung erfunden hat«,
sagte Ron, der auf seine nackte Brust hinunterschaute.
»Harry, deine Augen sind wirklich erbärmlich schlecht«, stellte
Hermine fest, als sie die Brille aufsetzte.
Sobald sie angezogen waren, nahmen die falschen Harrys aus dem
zweiten Sack Rucksäcke und Eulenkäfige, jeder mit einer ausgestopften
Schneeeule darin.
»Gut«, sagte Moody als ihm endlich sieben angekleidete, mit Brille und
Gepäck ausgestattete Harrys gegenüberstanden. »Die Paare sehen
folgendermaßen aus: Mundungus wird mit mir fliegen, auf dem Besen -«
»Warum bin ich bei dir?«, murrte der Harry, der der Hintertür am
nächsten war.
»Weil du derjenige bist, auf den man aufpassen muss«, knurrte Moody,
und tatsächlich blieb sein magisches Auge unentwegt auf Mundungus
gerichtet, während er fortfuhr. »Arthur und Fred -«
»Ich bin George«, sagte der Zwilling, auf den Moody deutete. »Kannst
du uns nicht mal auseinanderhalten, wenn wir Harry sind?«
»Sorry, George -«
»Ich führ dich nur am Zauberstab herum, in Wirklichkeit bin ich Fred -«
»Genug mit dem Blödsinn!«, fauchte Moody. »Der andere – George
oder Fred oder wer du auch bist – du gehst mit Remus. Miss Delacour -«
»Ich nehme Fleur auf einem Thestral mit«, sagte Bill. »Sie ist von Besen
nicht so begeistert.«
Fleur ging hinüber an seine Seite, wobei sie ihm einen rührseligen,
unterwürfigen Blick zuwarf, der, wie Harry von ganzem Herzen hoffte, nie
wieder in seinem Gesicht zu sehen sein würde.
»Miss Granger mit Kingsley, auch auf einem Thestral -«
Hermine wirkte beruhigt, als sie Kingsleys Lächeln erwiderte; Harry
wusste, dass es auch Hermine auf einem Besen an Selbstvertrauen
mangelte.
»Dann bleiben du und ich übrig, Ron!«, sagte Tonks strahlend und stieß
einen Becherbaum um, als sie ihm zuwinkte.
Ron wirkte nicht ganz so erfreut wie Hermine.
»Un' du kommst mit mir, Harry. Is' das in Ordnung?«, sagte Hagrid mit
leicht besorgter Miene. »Wir nehmen das Motorrad, bin zu schwer für
Besen und Thestrale, verstehste. Gibt aber nich viel Platz aufm Sitz mit
mir, deshalb bist du im Beiwagen.«
»Das ist prima«, sagte Harry, nicht ganz wahrheitsgetreu.
»Wir glauben, dass die Todesser davon ausgehen, dass du auf einem
Besen fliegst«, sagte Moody, der zu erraten schien, was in Harry vorging.
»Snape hatte genug Zeit, denen alles über dich zu erzählen, was er vorher
noch nicht erwähnt hat; wenn wir also auf Todesser stoßen, werden sie sich
hundertprozentig einen von den Potters vorknöpfen, die so aussehen, als
wären sie auf einem Besen zu Hause. Also dann«, fuhr er fort, schnürte den
Sack mit den Kleidern für die falschen Potters zu und ging voran zurück
zur Tür, »ich schätze, in drei Minuten sollten wir loslegen. Lohnt nicht, die
Hintertür abzuschließen, das hält die Todesser nicht draußen, wenn sie
nachsehen kommen ... Auf jetzt ...«
Harry eilte in den Flur, um seinen Rucksack, den Feuerblitz und
Hedwigs Käfig zu holen, dann trat er zu den anderen in den dunklen Garten
hinter dem Haus. Rundum sprangen Besen in Hände; Kingsley hatte
Hermine schon auf einen großen schwarzen Thestral geholfen; Bill hatte
Fleur auf den anderen gehoben. Hagrid stand neben dem Motorrad bereit,
die Schutzbrille aufgesetzt.
»Ist es das? Das Motorrad von Sirius?«
»Genau das isses«, sagte Hagrid und strahlte zu Harry hinunter. »Und 's
letzte Mal, als du draufgesessen hast, Harry, könnt ich dich in einer Hand
tragen!«
Harry fühlte sich unwillkürlich ein wenig beschämt, als er in den
Beiwagen stieg. Er saß nun gut einen Meter tiefer als alle anderen: Ron sah
ihn feixend an, während er dahockte wie ein Kind in einem Autoskooter.
Harry verstaute seinen Rucksack und den Besen unten bei seinen Füßen
und klemmte sich Hedwigs Käfig zwischen die Knie. Es war furchtbar
unbequem.
»Arthur hat 'n bisschen dran rumgebosselt«, sagte Hagrid, dem Harrys
Unbehaglichkeit gar nicht auffiel. Er setzte sich rittlings auf das Motorrad,
das mit leisem Quietschen etliche Zentimeter in den Boden sank. »Hat jetzt
'n paar hübsche Tricks am Lenker. Das da war meine Idee.«
Er zeigte mit einem dicken Finger auf einen lila Knopf nahe dem
Tachometer.
»Bitte sei vorsichtig, Hagrid«, sagte Mr Weasley, der neben ihnen stand,
den Besen in der Hand. »Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das
ratsam war, und es darf natürlich nur in Notfällen eingesetzt werden.«
»Na dann – alles klar«, sagte Moody. »Bereitmachen bitte; ich will, dass
wir alle genau zur selben Zeit abfliegen, damit der ganze Clou von dem
Ablenkungsmanöver nicht verloren geht.«
Sie bestiegen ihre Besen.
»Halt dich jetzt fest, Ron«, sagte Tonks, und Harry sah, wie Ron Lupin
verstohlen einen schuldbewussten Blick zuwarf, ehe er seine Hände an ihre
Taille legte. Hagrid trat den Kickstarter: Das Motorrad brüllte auf wie ein
Drache und der Beiwagen fing an zu vibrieren.
»Viel Glück, allesamt«, schrie Moody. »Wir sehen uns in etwa einer
Stunde im Fuchsbau. Ich zähle bis drei. Eins ... zwei ... DREI.«
Das Motorrad dröhnte gewaltig, und Harry spürte, wie es den Beiwagen
gefährlich hochriss: Schnell stieg Harry durch die Lüfte empor, seine
Augen tränten ein wenig, und das Haar wurde ihm aus dem Gesicht
gepeitscht. Um ihn herum schossen Besen ebenfalls in die Höhe: Der lange
schwarze Schwanz eines Thestrals schnellte vorbei. Harrys Beine, die
neben Hedwigs Käfig und seinem Rucksack in den Beiwagen gequetscht
waren, schmerzten bereits und wurden allmählich taub. Es war ihm so
unbequem, dass er fast vergaß, einen letzten Blick auf Ligusterweg
Nummer vier zu werfen; als er über den Rand des Beiwagens schaute,
konnte er nicht mehr erkennen, welches Haus es war. Höher und höher
stiegen sie in den Himmel -
Und dann, aus dem Nirgendwo, aus dem Nichts, waren sie umzingelt.
Mindestens dreißig Gestalten mit Kapuzen, in der Luft schwebend, bildeten
einen riesigen Kreis, in den die Ordensleute mitten hineingeflogen waren,
ahnungslos -
Schreie, grünes Licht blitzte zu allen Seiten auf: Hagrid schrie und das
Motorrad kippte herum. Harry verlor jede Orientierung: Straßenlaternen
über ihm, Schreie um ihn herum, er klammerte sich in letzter Verzweiflung
an dem Beiwagen fest. Hedwigs Käfig, der Feuerblitz und der Rucksack
rutschten unter seinen Knien hervor -
»Nein – HEDWIG!«
Der Besen wirbelte in die Tiefe, doch es gelang Harry gerade noch, den
Riemen seines Rucksacks und das Dach des Käfigs zu packen, als das
Motorrad wieder in die richtige Lage hochschwang. Einen kurzen
Augenblick Erleichterung, dann wieder ein grelles grünes Licht. Die Eule
kreischte und fiel auf den Käfigboden.
»Nein – NEIN!«
Das Motorrad beschleunigte rasend schnell; Harry nahm kurz wahr, wie
vermummte Todesser auseinanderstoben, als Hagrid ihren Kreis
durchbrach.
»Hedwig – Hedwig -«
Aber die Eule lag reglos und kläglich wie eine Puppe am Boden ihres
Käfigs. Er konnte es nicht begreifen und seine schreckliche Angst um die
anderen war übermächtig. Er spähte kurz über seine Schulter und sah eine
Menge von Leuten in Bewegung, aufflammendes grünes Licht, zwei Besen
mit je zwei Leuten, die in die Ferne davonrasten, konnte aber nicht
erkennen, wer es war -
»Hagrid, wir müssen zurück, wir müssen zurück!«, schrie er durch das
Donnergrollen des Motors, zückte seinen Zauberstab und rammte Hedwigs
Käfig auf den Boden, indes er nicht glauben wollte, dass sie tot war.
»Hagrid, UMDREHEN!«
»'s is' mein Job, dich sicher dort hinzubring'n, Harry!«, brüllte Hagrid
und er gab Gas.
»Halt – HALT!«, rief Harry. Doch als er wieder nach hinten sah,
schossen zwei grüne Lichtstrahlen an seinem linken Ohr vorbei: Vier
Todesser waren aus dem Kreis ausgebrochen und verfolgten sie, Hagrids
breiten Rücken im Visier. Hagrid riss das Motorrad herum, aber die
Todesser blieben dicht an ihnen dran; weitere Flüche flogen hinter ihnen
her, und Harry musste sich tief in den Beiwagen ducken, um ihnen zu
entgehen. Dann krümmte er sich nach hinten und schrie: »Stupor!«, und ein
roter Lichtblitz schoss aus seinem eigenen Zauberstab und riss eine Lücke
zwischen die vier Todesser auf ihren Fersen, da sie auseinanderstoben, um
ihm auszuweichen.
»Harry, halt dich fest, das wird ihnen den Rest geben!«, donnerte
Hagrid, und als Harry aufblickte, sah er gerade noch, wie Hagrid seinen
dicken Finger auf einen grünen Knopf nahe der Tankuhr rammte.
Eine Mauer, eine massive Backsteinmauer, brach aus dem Auspuffrohr
hervor. Harry verrenkte sich fast den Hals, während er beobachtete, wie sie
sich mitten in der Luft aufbaute. Drei der Todesser schwenkten um und
wichen ihr aus, doch der vierte hatte weniger Glück: Er verschwand aus
dem Blickfeld und stürzte dann wie ein Felsbrocken hinter der Mauer in die
Tiefe, sein Besen in Stücke zerfetzt. Einer seiner Gefährten bremste ab, um
ihn zu retten, doch die zwei wurden samt der Mauer in der Luft von der
Dunkelheit verschluckt, als sich Hagrid tief über den Lenker legte und Gas
gab.
Weitere Todesflüche aus den Zauberstäben der beiden verbliebenen
Todesser flogen an Harrys Kopf vorbei; sie zielten auf Hagrid ab. Harry
antwortete mit neuen Schockzaubern: Rot und Grün stießen in der Luft
zusammen und zerbarsten in einem Schauer vielfarbiger Funken, was Harry
verworren an ein Feuerwerk denken ließ und an die Muggel unten, die
sicher keine Ahnung hatten, was da passierte -
»Und noch einen drauf, Harry, halt dich fest!«, rief Hagrid und drückte
einen zweiten Knopf. Diesmal schnellte ein großes Netz aus dem
Motorradauspuff, aber die Todesser waren darauf vorbereitet. Sie wichen
aus, um ihm zu entgehen, und der Gefährte, der abgebremst hatte, um ihren
bewusstlosen Freund zu retten, hatte sie auch wieder eingeholt: Er brach
plötzlich aus der Dunkelheit hervor, und nun verfolgten drei von ihnen das
Motorrad und jagten ihm allesamt Flüche hinterher.
»Das wird reinhauen, Harry, halt dich fest!«, schrie Hagrid, und Harry
sah, wie er mit der ganzen Hand auf den lila Knopf neben dem Tachometer
schlug.
Mit unverkennbarem donnerndem Getöse loderte Drachenfeuer aus dem
Auspuff hervor, glühend weiß und blau, und das Motorrad preschte wie
eine Kanonenkugel vorwärts, mit einem Lärm von berstendem Metall.
Harry sah, wie die Todesser zur Seite wichen und außer Sicht
verschwanden, um dem tödlichen Flammenschweif zu entkommen, und
gleichzeitig spürte er, wie der Beiwagen unheilvoll schwankte: Die Kraft
der Beschleunigung hatte das Metall, das ihn mit dem Motorrad verband,
splittern lassen.
»Alles in Ordnung, Harry!«, brüllte Hagrid, den die steigende
Geschwindigkeit nun flach auf den Rücken drückte; das Motorrad war jetzt
führerlos, und der Beiwagen schlenkerte wild in seinem Fahrtwind hin und
her.
»Ich mach schon, Harry, keine Sorge!«, schrie Hagrid und er zog seinen
geblümten rosa Schirm aus der Jackentasche.
»Hagrid! Nein! Lass mich da ran!«
»REPARO!«
Ein ohrenbetäubender Knall war zu hören und der Beiwagen brach
endgültig vom Motorrad ab: Harry raste weiter, zunächst noch angetrieben
vom Schwung des fliegenden Motorrads, dann begann der Beiwagen an
Höhe zu verlieren -
Verzweifelt richtete Harry seinen Zauberstab auf ihn und rief:
»Wingardium Leviosa!«
Der Beiwagen stieg wie ein Korken nach oben, er ließ sich nicht
steuern, hielt sich aber immerhin noch in der Luft. Doch Harry hatte nur für
den Bruchteil einer Sekunde Ruhe, dann jagten neue Flüche an ihm vorbei:
Die drei Todesser kamen näher.
»Ich komm, Harry!«, rief Hagrid aus der Dunkelheit, aber Harry konnte
spüren, dass der Beiwagen schon wieder sank. Er kauerte sich, so tief er
konnte, nieder, zielte mitten in die heranrasenden Gestalten und schrie:
»Impedimenta!«
Der Zauber traf den mittleren Todesser an der Brust: Einen Moment
lang hing der Mann, grotesk alle viere von sich gestreckt, in der Luft, als ob
er gegen ein unsichtbares Hindernis geprallt wäre. Einer seiner Gefährten
stieß fast mit ihm zusammen -
Dann fing der Beiwagen an ernstlich zu sinken, und der dritte Todesser
schoss einen Fluch so knapp an Harry vorbei, dass er sich unter den Rand
des Wagens ducken musste und sich an seiner Sitzkante einen Zahn
ausschlug -
»Ich komm, Harry, ich komm!«
Eine riesige Hand packte Harry hinten am Umhang und hievte ihn aus
dem hinabstürzenden Beiwagen; Harry zerrte seinen Rucksack mit sich, als
er sich auf den Motorradsitz wuchtete, und fand sich Rücken an Rücken
mit Hagrid. Während sie aufwärtsrasten, fort von den beiden verbliebenen
Todessern, spuckte Harry Blut aus dem Mund, deutete mit dem Zauberstab
auf den hinabfallenden Beiwagen und schrie: »Confringo!«
Als der Wagen explodierte, verspürte Harry beim Gedanken an Hedwig
einen schrecklichen Stich, der an seinen Eingeweiden riss; der Todesser in
der Nähe wurde von seinem Besen geschleudert und stürzte außer Sicht;
sein Gefährte ließ sich zurückfallen und verschwand.
»Harry, tut mir leid, tut mir leid«, jammerte Hagrid, »ich hätt nich
versuchen soll'n, das selbst wieder hinzukrieg'n – du hast keinen Platz -«
»Das ist kein Problem, flieg einfach weiter!«, rief Harry zurück,
während zwei neue Todesser aus der Dunkelheit auftauchten und näher
rückten.
Als wieder Flüche über die Strecke zwischen ihnen jagten, riss Hagrid
das Motorrad herum und flog im Zickzack: Harry wusste, dass Hagrid es
nicht wagte, noch einmal den Drachenfeuerknopf zu drücken, solange
Harry so unsicher saß. Harry schleuderte ihren Verfolgern Schockzauber
um Schockzauber entgegen, doch er konnte sie kaum auf Abstand halten.
Er feuerte noch einen Lähmzauber auf sie: Der nächste Todesser wich ihm
mit einem Schwenk aus, seine Kapuze rutschte herunter, und im roten Licht
eines weiteren Schockzaubers sah Harry das seltsam ausdruckslose Gesicht
von Stanley Shunpike – Stan -
»Expelliarmus!«, schrie Harry.
»Das ist er, er ist es, das ist der echte!«
Der Ruf des kapuzenvermummten Todessers drang sogar über das
Donnern des Motorradmotors hinweg zu Harry.
Einen Augenblick später hatten sich beide Verfolger zurückfallen lassen
und waren verschwunden.
»Harry, was is' passiert?«, brüllte Hagrid. »Wo sin' sie hin?«
»Ich weiß nicht!«
Aber Harry hatte Angst: Der Todesser mit der Kapuze hatte »das ist der
echte« gerufen; woher hatte er das gewusst? Er starrte in die offenbar leere
Dunkelheit rundum und spürte ihre Bedrohung. Wo waren sie?
Er kletterte auf seinem Sitz herum, setzte sich mit dem Gesicht nach
vorn und hielt sich hinten an Hagrids Jacke fest.
»Hagrid, mach noch mal dieses Drachenfeuerding, wir müssen hier
raus!«
»Dann halt dich fest, Harry!«
Erneut war ein ohrenbetäubender gellender Lärm zu hören und die
weißblauen Flammen schossen aus dem Auspuff: Harry spürte, wie er auf
seinem ohnehin knappen Platz nach hinten rutschte, und Hagrid, der kaum
noch den Lenker festhalten konnte, warf es rücklings auf ihn -
»Ich glaub, wir ham sie abgehängt, Harry, ich glaub, wir ham's
geschafft!«, rief Hagrid.
Aber Harry war nicht überzeugt: Angst züngelte in ihm hoch, als er
links und rechts nach Verfolgern Ausschau hielt, die sicher kommen
würden ... Warum hatten sie sich zurückfallen lassen? Einer von ihnen hatte
noch immer einen Zauberstab gehabt ...Er ist es, das ist der echte ... Sie
hatten es gesagt, gleich nachdem er versucht hatte, Stan zu entwaffnen ...
»Wir sin' bald da, Harry, wir haben's bald geschafft!«, rief Hagrid.
Harry merkte, wie das Motorrad ein wenig absackte, obwohl die Lichter
unten auf der Erde immer noch fern wie Sterne wirkten.
Dann begann die Narbe auf seiner Stirn flammend heiß zu brennen: Als
je ein Todesser zu beiden Seiten des Motorrads auftauchte, verfehlten zwei
Todesflüche, von hinten abgefeuert, Harry nur um Millimeter -
Und dann sah Harry ihn. Voldemort flog wie Rauch auf dem Wind,
ohne einen Besen oder Thestral, der ihn trug, sein Schlangengesicht
leuchtete aus der Dunkelheit, seine weißen Finger hoben erneut den
Zauberstab -
Hagrid stieß einen Angstschrei aus und setzte mit dem Motorrad zu
einem Sturzflug an. Harry hielt sich mit letzter Verzweiflung fest und jagte
Schockzauber los, die ziellos durch die aufgewirbelte Nacht sausten. Er sah
einen Körper an sich vorbeifliegen und wusste, dass er einen von ihnen
getroffen hatte, doch dann hörte er einen Knall und sah Funken aus der
Maschine sprühen; das Motorrad trudelte durch die Luft, völlig außer
Kontrolle -
Wieder schossen grüne Lichtschweife an ihnen vorbei. Harry hatte keine
Ahnung, wo oben und wo unten war. Seine Narbe brannte nach wie vor; er
meinte, jede Sekunde sterben zu müssen. Eine kapuzenvermummte Gestalt
auf einem Besen war nur Meter von ihm entfernt, er sah sie den Arm heben
-
»NEIN!«
Mit einem wütenden Schrei warf sich Hagrid vom Motorrad und auf den
Todesser; voller Entsetzen sah Harry, wie Hagrid und der Todesser beide
aus dem Blickfeld stürzten, zusammen waren sie zu schwer für den Besen -
Harry klammerte sich, so gut es ging, mit den Knien an das
hinabfallende Motorrad, als er Voldemort schreien hörte: »Er gehört mir!«
Es war zu Ende: Er konnte weder sehen noch hören, wo Voldemort war;
er erhaschte einen flüchtigen Blick auf einen weiteren Todesser, der mit
einem Schwenk auswich, dann hörte er »Avada -«.
Während der Schmerz in Harrys Narbe ihn zwang, die Au gen zu
schließen, handelte sein Zauberstab aus eigener Kraft. Harry spürte, wie er
seine Hand herumzog wie ein großer Magnet, sah durch seine halb
geschlossenen Lider eine Stichflamme aus goldenem Feuer, hörte ein
Knacksen und einen Wutschrei. Der verbliebene Todesser rief etwas;
Voldemort schrie »Nein!«. Unversehens fand sich Harry mit der Nase nur
Zentimeter von dem Drachenfeuerknopf entfernt: Er schlug mit seiner
freien Hand darauf, und das Motorrad, das immer noch senkrecht nach
unten stürzte, schleuderte erneut Flammen durch die Luft.
»Hagrid!«, rief Harry, der sich verzweifelt an dem Motorrad
festklammerte, »Hagrid – accio Hagrid!«
Das Motorrad raste schneller, wurde in die Tiefe gezogen. Das Gesicht
auf Lenkerhöhe, konnte Harry nur ferne Lichter sehen, die näher und näher
kamen; er würde auf die Erde krachen, und es gab nichts, was er dagegen
tun konnte. Hinter ihm war ein weiterer Schrei zu hören -
»Deinen Zauberstab, Selwyn, gib mir deinen Zauberstab!«
Er spürte Voldemort, noch ehe er ihn sah. Er blickte zur Seite und
starrte in die roten Augen, und er war sicher, dass sie das Letzte waren, was
er je sehen würde: Voldemort, der dabei war, ihm noch einmal einen Fluch
auf den Hals zu jagen -
Und dann verschwand Voldemort. Harry spähte hinab und sah Hagrid,
alle viere von sich gestreckt, unter sich am Boden liegen. Harry zerrte
heftig am Lenker, um nicht auf ihm zu landen, und tastete nach der Bremse,
aber mit einem ohrenzerreißenden Krachen, das die Erde beben ließ, knallte
er in einen schlammigen Teich.
Gefallener Krieger
»Hagrid?«
Harry rappelte sich mühsam aus dem Durcheinander von Metallteilen
und Lederfetzen hoch, die um ihn herumlagen; als er aufstehen wollte,
sanken seine Hände zentimetertief in schlammiges Wasser. Er hatte keine
Ahnung, wo Voldemort war, und rechnete damit, dass er jeden Moment aus
der Dunkelheit hervorbrechen würde.
Etwas Heißes und Nasses tropfte von seinem Kinn und von seiner Stirn.
Er kroch aus dem Teich und stolperte auf den großen dunklen Haufen auf
dem Boden zu, der Hagrid war.
»Hagrid? Sag etwas -«
Aber der dunkle Haufen bewegte sich nicht.
»Wer ist da? Ist es Potter? Bist du Harry Potter?«
Harry erkannte die Stimme des Mannes nicht. Dann rief eine Frau: »Sie
sind abgestürzt, Ted! In den Garten gestürzt!«
Harry schwirrte der Kopf.
»Hagrid«, wiederholte er benommen und dann gaben seine Knie nach.
Als er wieder zu sich kam, lag er rücklings auf etwas, das sich wie
Kissen anfühlte, und spürte ein Brennen in den Rippen und am rechten
Arm. Seinen fehlenden Zahn hatte jemand nachwachsen lassen. Die Narbe
an seiner Stirn pochte immer noch.
»Hagrid?«
Er schlug die Augen auf und sah, dass er auf einem Sofa in einem
fremden Wohnzimmer lag, in dem eine Lampe brannte. Sein Rucksack lag
ein wenig entfernt auf dem Fußboden, nass und voller Schlamm. Ein Mann
mit hellen Haaren und dickem Bauch sah Harry besorgt an.
»Hagrid geht es gut, mein Sohn«, sagte der Mann, »meine Frau
kümmert sich gerade um ihn. Wie geht es dir? Sonst noch etwas
gebrochen? Ich habe deine Rippen, deinen Zahn und deinen Arm wieder in
Ordnung gebracht. Ich bin übrigens Ted, Ted Tonks – Doras Vater.«
Harry setzte sich zu rasch auf: Lichter blitzten vor seinen Augen, ihm
wurde schlecht und schwindelig.
»Voldemort -«
»Schon gut«, sagte Ted Tonks, legte die Hand auf Harrys Schulter und
drückte ihn zurück in die Kissen. »Das war ein schlimmer Absturz, den du
da eben hattest. Was ist eigentlich passiert? Ist was mit dem Motorrad
schiefgegangen? Arthur Weasley hat sich wohl mal wieder übernommen,
der mit seinen komischen Muggelgeräten.«
»Nein«, sagte Harry und seine Narbe pochte wie eine offene Wunde.
»Todesser, jede Menge – sie haben uns gejagt -«
»Todesser?«, erwiderte Ted scharf. »Was soll das heißen, Todesser? Ich
dachte, sie wüssten nicht, dass man dich heute Abend wegbringt, ich dachte
-«
»Sie wussten es«, sagte Harry.
Ted Tonks blickte zur Decke, als könnte er durch sie hindurch auf den
Himmel sehen.
»Nun, dann wissen wir, dass unsere Schutzzauber halten, nicht wahr?
Sie dürften nicht in der Lage sein, näher als hundert Meter an das Haus
heranzukommen, egal aus welcher Richtung.«
Jetzt begriff Harry, warum Voldemort verschwunden war; es war genau
an der Stelle gewesen, wo das Motorrad die von den Zaubern des Ordens
errichtete Barriere durchquert hatte. Er hoffte nur, dass sie auch weiterhin
standhielten: Er stellte sich vor, wie Voldemort, während sie hier redeten,
hundert Meter über ihnen nach einer Möglichkeit suchte, in das
einzudringen, was sich Harry wie eine große, durchsichtige Blase
vorstellte.
Er schwang die Beine vom Sofa; er musste Hagrid mit eigenen Augen
sehen, um sicherzugehen, dass er lebte. Doch kaum war er aufgestanden,
ging eine Tür auf, und Hagrid quetschte sich hindurch, das Gesicht voller
Schlamm und Blut, leicht humpelnd zwar, aber wunderbarerweise am
Leben.
»Harry!«
Er durchmaß die Strecke zwischen ihnen mit zwei Schritten, warf
unterwegs zwei zierliche Tischchen und eine Schusterpalme um und
drückte Harry so fest an sich, dass dessen frisch reparierte Rippen fast
wieder zu Bruch gingen. »Mensch, Harry, wie bist'n da rausgekommen?
Dacht schon, jetzt wär's aus mit uns beiden.«
»Jaah, ich auch. Unglaublich -«
Harry hielt inne; er hatte gerade die Frau bemerkt, die hinter Hagrid das
Zimmer betreten hatte.
»Sie!«, rief er und fuhr mit der Hand in seine Tasche, die jedoch leer
war.
»Dein Zauberstab ist hier, mein Sohn«, sagte Ted und klopfte damit
gegen Harrys Arm. »Er ist direkt neben dir gelandet, ich hab ihn
aufgehoben. Und das ist meine Frau, die du da anschreist.«
»Oh – Ver-Verzeihung.«
Während Mrs Tonks durch das Zimmer kam, wurde ihre Ähnlichkeit
mit ihrer Schwester Bellatrix deutlich schwächer: Ihr Haar war von einem
hellen, weichen Braun, und ihre Augen waren viel offener und
freundlicher. Dennoch wirkte sie nach Harrys Aufschrei etwas pikiert.
»Was ist mit unserer Tochter geschehen?«, fragte sie. »Hagrid sagte, ihr
seid überfallen worden; wo ist Nymphadora?«
»Ich weiß nicht«, erwiderte Harry. »Wir wissen nicht, was mit den
Übrigen passiert ist.«
Sie und Ted tauschten Blicke. Als Harry ihre Gesichter sah, packten ihn
Angst und schlechtes Gewissen zugleich; wenn irgendwer von den andern
umgekommen war, dann war es seine Schuld, ganz allein seine Schuld. Er
hatte dem Plan zugestimmt, ihnen seine Haare gegeben ...
»Der Portschlüssel«, sagte er, sich plötzlich erinnernd. »Wir müssen
zum Fuchsbau und dort nachfragen – dann können wir Ihnen eine
Nachricht schicken, oder – oder Tonks wird, sobald sie -«
»Dora geht es sicher gut, Dromeda«, sagte Ted. »Sie weiß, was sie tut,
sie war oft mit den Auroren in brenzligen Situationen. Der Portschlüssel ist
dort drüben«, fügte er an Harry gewandt hinzu. »Er soll in drei Minuten
abgehen, wenn ihr ihn nehmen wollt.«
»Ja, allerdings«, sagte Harry. Er griff nach seinem Rucksack und
schwang ihn über die Schultern. »Ich -«
Er sah Mrs Tonks an und wollte sich entschuldigen, weil er sie in großer
Angst zurückließ, für die er sich auch noch so schrecklich verantwortlich
fühlte, aber es fielen ihm keine Worte ein, die ihm nicht hohl und
unaufrichtig schienen.
»Ich richte Tonks – Dora – aus, dass sie eine Nachricht schicken soll,
wenn sie ... Danke, dass Sie uns zusammengeflickt haben, danke für alles.
Ich -«
Er war froh, als er das Zimmer verließ und Ted Tonks durch einen
kurzen Flur in ein Schlafzimmer folgte. Hagrid kam hinterher, tief gebückt,
um sich den Kopf nicht am Türsturz anzuschlagen.
»Hier ist er, mein Sohn. Das ist der Portschlüssel.«
Mr Tonks wies auf eine kleine Haarbürste mit silbernem Rücken, die
auf der Frisierkommode lag.
»Danke«, sagte Harry und streckte die Hand aus, um einen Finger auf
die Bürste zu legen, bereit zum Aufbruch.
»Moment noch«, sagte Hagrid und sah sich um. »Harry, wo ist
Hedwig?«
»Sie ... sie wurde getroffen«, sagte Harry.
Die Wahrheit brach über ihn herein. Er schämte sich, als Tränen ihm in
den Augen brannten. Die Eule war seine Gefährtin gewesen, die einzige
wunderbare Verbindung zur magischen Welt, immer wenn er gezwungen
war, zu den Dursleys zurückzukehren.
Hagrid streckte seine große Hand aus und tätschelte ihm schmerzhaft
die Schulter.
»Is' ja gut«, sagte er mit rauer Stimme. »Is' ja gut. Sie hat 'n tolles langes
Leben gehabt -«
»Hagrid!«, sagte Ted Tonks mahnend, als die Bürste hellblau aufglühte,
und Hagrid legte gerade noch rechtzeitig den Zeigefinger darauf.
Am Nabel fortgerissen, als ob ein unsichtbarer Angelhaken ihn
vorwärtsgezerrt hätte, wurde Harry ins Nichts hinausgezogen, und während
sein Finger am Portschlüssel haften blieb, wirbelte er zügellos um sich
selbst und wurde zusammen mit Hagrid von Mr Tonks weggeschleudert:
Sekunden später schlug Harry mit den Füßen voran auf hartem Boden auf
und landete auf Händen und Knien im Hof des Fuchsbaus. Schreie waren
zu hören. Harry warf die Bürste, die nun nicht mehr glühte, beiseite, erhob
sich leicht taumelnd und sah Mrs Weasley und Ginny die Stufen vor der
Hintertür hinunterrennen, während Hagrid, der bei der Landung auch zu
Boden gegangen war, mühsam auf die Beine kam.
»Harry? Du bist der echte Harry? Was ist passiert? Wo sind die
anderen?«, rief Mrs Weasley.
»Was soll das heißen? Sind denn nicht alle wieder zurückgekommen?«,
keuchte Harry.
Die Antwort war deutlich in Mrs Weasleys blassem Gesicht zu lesen.
»Die Todesser haben uns aufgelauert«, erklärte ihr Harry. »Wir waren
umringt, kaum dass wir gestartet waren – sie wussten, dass es heute Abend
sein würde – ich weiß nicht, was mit den anderen passiert ist. Vier von
denen haben uns verfolgt, uns blieb nur die Flucht, und dann hat uns
Voldemort eingeholt – «
Er konnte den rechtfertigenden Ton in seiner eigenen Stimme hören,
seine dringende Bitte, sie möge doch verstehen, wieso er nicht wusste, was
mit ihren Söhnen geschehen war, aber -
»Dem Himmel sei Dank, dass es dir gut geht«, sagte sie und zog ihn in
eine Umarmung, die er nicht verdient zu haben glaubte.
»Du hast nich zufällig 'n Schnaps, Molly?«, fragte Hagrid ein wenig
zittrig. »Für medizinische Zwecke?«
Sie hätte den Schnaps herbeizaubern können, aber als sie zu dem
krummen Haus zurückeilte, wusste Harry, dass sie ihr Gesicht verbergen
wollte. Er wandte sich Ginny zu, die seine stumme Bitte um Auskunft
sofort erfüllte.
»Ron und Tonks hätten als Erste wieder da sein sollen, aber sie haben
ihren Portschlüssel verpasst, er kam ohne sie zurück«, sagte sie und deutete
auf eine verrostete Ölkanne, die in der Nähe am Boden lag. »Und der da«,
sie wies auf einen alten Turnschuh, »der war eigentlich für Dad und Fred,
sie sollten die Zweiten sein. Du und Hagrid, ihr wart die Dritten, und«, sie
sah auf ihre Uhr, »wenn sie es geschafft haben, sollten George und Lupin
etwa in einer Minute zurück sein.«
Mrs Weasley tauchte mit einer Flasche Schnaps in der Hand wieder auf,
die sie Hagrid reichte. Er entkorkte die Flasche und trank sie in einem Zug
leer.
»Mum!«, rief Ginny und deutete auf etwas, das ein paar Meter entfernt
war.
Ein blaues Licht war in der Dunkelheit sichtbar geworden: Es wurde
größer und heller, und Lupin und George tauchten auf, sie drehten sich um
sich selbst und stürzten dann zu Boden. Harry war sofort klar, dass etwas
nicht stimmte: Lupin stützte den bewusstlosen George, dessen Gesicht
voller Blut war. Harry rannte hin und packte George an den Beinen. Er und
Lupin trugen ihn gemeinsam ins Haus und durch die Küche ins
Wohnzimmer, wo sie ihn aufs Sofa legten. Als das Licht der Lampe auf
Georges Kopf fiel, stockte Ginny der Atem, und Harry drehte sich der
Magen um: George fehlte ein Ohr. Eine Seite seines Kopfes und der Hals
trieften von feuchtem, erschreckend scharlachrotem Blut.
Mrs Weasley hatte sich kaum über ihren Sohn gebeugt, als Lupin Harry
am Oberarm packte und ihn nicht allzu sanft zurück in die Küche schleifte,
wo Hagrid immer noch versuchte, seinen massigen Körper durch die
Hintertür zu manövrieren.
»Hey«, sagte Hagrid entrüstet. »Lass ihn los! Lass Harry los!«
Lupin beachtete ihn nicht.
»Was für eine Kreatur saß damals in der Ecke, als Harry Potter mich
zum ersten Mal in meinem Büro in Hogwarts aufsuchte?«, sagte er und
schüttelte Harry leicht. »Antworte mir!«
»Ein – ein Grindeloh in einem Aquarium, oder?«
Lupin ließ Harry los und fiel rückwärts gegen einen Küchenschrank.
»Was sollt'n das?«, brüllte Hagrid.
»Tut mir leid, Harry, aber ich musste es überprüfen«, sagte Lupin kurz
angebunden. »Man hat uns verraten. Voldemort wusste, dass du heute
Abend weggebracht werden würdest, und die Einzigen, die es ihm hätten
sagen können, waren direkt am Plan beteiligt. Du hättest ein Betrüger sein
können.«
»Und warum überprüfst du dann nich mich?«, schnaufte Hagrid, der
sich nach wie vor damit abmühte, durch die Tür zu kommen.
»Du bist ein Halbriese«, sagte Lupin und blickte zu Hagrid auf. »Der
Vielsaft-Trank ist nur für den menschlichen Gebrauch bestimmt.«
»Niemand vom Orden hätte Voldemort erzählt, dass wir heute Abend
losfliegen«, sagte Harry: Es war eine schreckliche Vorstellung für ihn, er
traute es einfach keinem von ihnen zu. »Voldemort hat mich erst zum Ende
hin eingeholt, anfangs wusste er nicht, welcher ich war. Wenn er den Plan
gekannt hätte, dann hätte er von Anfang an gewusst, dass ich der bei
Hagrid bin. «
»Voldemort hat dich eingeholt?«, sagte Lupin scharf. »Was ist passiert?
Wie seid ihr entkommen?«
Harry erklärte kurz, dass die Todesser, die sie verfolgt hatten, ihn
offenbar als den richtigen Harry erkannt hatten, dass sie dann die Jagd
abgebrochen und vermutlich Voldemort gerufen hatten, der aufgetaucht
war, kurz bevor Harry und Hagrid den sicheren Ort bei Tonks' Eltern
erreichten.
»Sie haben dich erkannt? Aber wie? Was hast du getan?«
»Ich ...« Harry versuchte sich zu erinnern; der ganze Flug schien ihm
verschwommen, panisch und konfus. »Ich habe Stan Shunpike gesehen ...
weißt du, den Typen, der Schaffner im Fahrenden Ritter war. Und ich
wollte ihn eigentlich entwaffnen, statt – na ja, er weiß nicht, was er da tut,
oder? Er muss unter einem Imperius stehen!«
Lupin schaute entsetzt drein.
»Harry, die Zeit des Entwaffnens ist vorbei! Diese Leute wollen dich
fangen und töten! Verpass ihnen wenigstens einen Schockzauber, wenn du
nicht bereit bist zu töten!«
»Wir waren Hunderte Meter weit oben! Stan ist nicht er selbst, und
wenn ich ihn geschockt hätte und er abgestürzt wäre, dann wäre er
gestorben, genau so, als ob ich Avada Kedavra genommen hätte!
Expelliarmus hat mich vor zwei Jahren vor Voldemort gerettet«, fügte
Harry trotzig hinzu. Lupin erinnerte ihn an den grinsenden Hufflepuff
Zacharias Smith, der Harry verhöhnt hatte, weil er Dumbledores Armee
beibringen wollte, wie man den Entwaffnungszauber einsetzt.
»Ja, Harry«, sagte Lupin, sich mühsam beherrschend, »und eine große
Zahl von Todessern hat das mit angesehen! Verzeih mir, aber es war
damals eine sehr ungewöhnliche Aktion, in unmittelbarer Todesgefahr. Sie
heute Nacht vor Todessern zu wiederholen, die beim ersten Mal entweder
selbst dabei waren oder davon gehört haben, kommt einem Selbstmord sehr
nahe!«
»Du meinst also, ich hätte Stan Shunpike töten sollen?«, sagte Harry
zornig.
»Natürlich nicht«, erwiderte Lupin, »aber die Todesser -offen
gestanden, die meisten Leute! – hätten erwartet, dass du zurückschlägst!
Expelliarmus ist ein nützlicher Zauber, Harry, aber die Todesser halten ihn
offenbar für eine Art Markenzeichen von dir, und ich bitte dich dringend,
dass er das nicht wird!«
Lupin vermittelte Harry das Gefühl, ein Idiot zu sein, und doch regte
sich noch ein Funken Trotz in ihm.
»Ich werde nicht einfach Leute aus dem Weg sprengen, nur weil sie da
sind«, sagte Harry. »Das überlasse ich Voldemort.«
Lupins Erwiderung ging unter: Hagrid, dem es endlich gelungen war,
sich durch die Tür zu quetschen, stolperte zu einem Stuhl und setzte sich; er
brach unter ihm zusammen. Hagrid fluchte und entschuldigte sich wild
durcheinander, aber Harry beachtete ihn nicht und wandte sich wieder
Lupin zu.
»Wird George wieder auf die Beine kommen?«
Lupins ganze Enttäuschung über Harry schien bei dieser Frage zu
verfliegen.
»Ich denke schon, allerdings gibt es keine Möglichkeit, sein Ohr zu
ersetzen, nicht wenn er es durch einen Fluch verloren hat -«
Von draußen war ein Schlurfen zu hören. Lupin war mit einem Satz an
der Hintertür; Harry sprang über Hagrids Beine und stürmte hinaus auf den
Hof.
Zwei Gestalten waren dort aufgetaucht, und als Harry auf sie zurannte,
erkannte er Hermine, die gerade wieder ihre normale Gestalt annahm, und
Kingsley; beide umklammerten einen krummen Kleiderbügel. Hermine fiel
Harry um den Hals, aber Kingsley schien sich über den Anblick von
keinem von ihnen zu freuen. Harry sah über Hermines Schulter, wie er den
Zauberstab hob und damit auf Lupins Brust deutete.
»Die letzten Worte, die Albus Dumbledore an uns beide richtete? «
»Harry ist unsere größte Hoffnung. Vertraut ihm«, sagte Lupin ruhig.
Kingsley drehte den Zauberstab nun zu Harry, aber Lupin sagte: »Er ist
es, ich hab es überprüft!«
»Na gut, na gut!«, sagte Kingsley und steckte seinen Zauberstab in den
Umhang zurück. »Aber irgendjemand hat uns verraten! Sie wussten es, sie
wussten von heute Abend!«
»Sieht ganz so aus«, erwiderte Lupin, »aber offenbar war ihnen nicht
klar, dass es sieben Harrys geben würde.«
»Schwacher Trost!«, fauchte Kingsley. »Wer ist sonst noch zurück?«
»Nur Harry, Hagrid, George und ich.«
Hermine unterdrückte ein leises Stöhnen hinter vorgehaltener Hand.
»Was ist mit euch passiert?«, fragte Lupin, zu Kingsley gewandt.
»Fünf Verfolger, haben zwei verwundet, vielleicht einen getötet«, spulte
Kingsley mechanisch herunter, »und wir haben außerdem Du-weißt-schon-
wen gesehen, er ist mitten in der Jagd dazugestoßen, aber dann ziemlich
schnell verschwunden. Remus, er kann -«
»Fliegen«, ergänzte Harry. »Ich hab ihn auch gesehen, er war hinter
Hagrid und mir her.«
»Also deshalb ist er weggeflogen – um euch zu verfolgen!«, sagte
Kingsley. »Mir war nicht klar, warum er verschwunden ist. Aber wodurch
hat er sein Ziel geändert?«
»Harry war ein bisschen zu nett zu Stan Shunpike«, sagte Lupin.
»Stan?«, wiederholte Hermine. »Aber ich dachte, der ist in Askaban?«
Kingsley stieß ein freudloses Lachen aus.
»Hermine, es hat offenbar einen Massenausbruch gegeben, den das
Ministerium vertuscht hat. Travers fiel die Kapuze runter, als ich einen
Fluch nach ihm schleuderte, der sollte auch in Askaban sitzen. Aber was
war bei dir, Remus? Wo ist George? «
»Er hat ein Ohr verloren«, sagte Lupin.
»Ein was -?«, fragte Hermine mit schriller Stimme.
»Snapes Handschrift«, sagte Lupin.
»Snape?«, rief Harry. »Du hast gar nicht erwähnt -«
»Er hat bei der Verfolgungsjagd seine Kapuze verloren. Sectumsempra
war immer eine Spezialität von Snape. Ich wünschte, ich könnte sagen,
dass ich es ihm mit gleicher Münze heimgezahlt habe, aber alles, was ich
tun konnte, war, George auf dem Besen zu halten, nachdem er verwundet
worden war, er verlor so viel Blut.«
Die vier verfielen in Schweigen und blickten zum Himmel. Dort regte
sich nichts; die Sterne starrten zurück, ohne zu blinzeln, gleichgültig, kein
fliegender Freund verdunkelte sie. Wo war Ron? Wo waren Fred und Mr
Weasley? Wo waren Bill, Fleur, Tonks, Mad-Eye und Mundungus?
»Harry, hilf mir mal!«, rief Hagrid heiser von der Tür her, in der er
wieder feststeckte. Harry zog ihn heraus, froh, dass er etwas tun konnte,
und ging dann durch die leere Küche zurück ins Wohnzimmer, wo Mrs
Weasley und Ginny sich nach wie vor um George kümmerten. Mrs
Weasley hatte jetzt seine Blutung gestillt, und im Schein der Lampe sah
Harry dort, wo vorher Georges Ohr gewesen war, ein glattes klaffendes
Loch.
»Wie geht es ihm?«
Mrs Weasley schaute sich um und sagte: »Ich kann es nicht
nachwachsen lassen, weil es durch schwarze Magie entfernt wurde. Aber es
hätte noch so viel schlimmer sein können ... er ist am Leben.«
»Jaah«, sagte Harry. »Gott sei Dank.«
»Hab ich nicht noch jemand im Hof gehört?«, fragte Ginny.
»Hermine und Kingsley«, sagte Harry.
»Dem Himmel sei Dank«, flüsterte Ginny. Sie sahen einander an; Harry
wollte sie umarmen, sie festhalten; es war ihm sogar ziemlich egal, dass
Mrs Weasley dabei war, aber ehe er dem Impuls folgen konnte, drang ein
gewaltiger Krach von der Küche herein.
»Ich beweise, wer ich bin, wenn ich meinen Sohn gesehen habe,
Kingsley, und jetzt verzieh dich, oder du wirst es bereuen!«
Harry hatte Mr Weasley noch nie so schreien hören. Er platzte ins
Wohnzimmer, die kahle Stelle auf seinem Kopf glänzte schweißnass, die
Brille saß schief, Fred folgte ihm auf dem Fuß, beide waren blass, aber
unverletzt.
»Arthur!«, schluchzte Mrs Weasley. »Oh, dem Himmel sei Dank!«
»Wie geht es ihm?«
Mr Weasley sank neben George auf die Knie. Zum ersten Mal, seit
Harry ihn kannte, schien Fred um Worte verlegen zu sein. Er stierte über
die Sofalehne auf die Wunde seines Zwillingsbruders, als könnte er nicht
fassen, was er da sah.
Jetzt regte sich George, vielleicht hatte die laute Ankunft von Fred und
dem Vater ihn aufgeweckt.
»Wie fühlst du dich, Georgie?«, flüsterte Mrs Weasley.
George tastete mit den Fingern seitlich an seinen Kopf.
»Wie ein Schweizer Käse«, murmelte er.
»Was ist los mit ihm?«, krächzte Fred mit erschrockener Miene. »Tickt
er jetzt nicht mehr richtig?«
»Wie ein Schweizer Käse«, wiederholte George, öffnete die Augen und
blickte zu seinem Bruder auf. »Verstehst du ... Schweizer Käse. Löchrig,
Fred, kapiert?«
Mrs Weasley schluchzte heftiger denn je. Freds blasses Gesicht nahm
schlagartig Farbe an.
»Schwache Leistung«, sagte er zu George. »Ehrlich! Dir steht das ganze
weite Feld der Ohrenwitze offen und du entscheidest dich für Schweizer
Käse?«
»Tja«, sagte George und grinste seiner in Tränen aufgelösten Mutter zu,
»jetzt kannst du uns jedenfalls auseinanderhalten, Mum.«
Er blickte sich um.
»Hi, Harry – du bist doch Harry, oder? «
»Jaah, bin ich«, sagte Harry und trat näher an das Sofa heran.
»Na, wenigstens haben wir dich heil wiedergekriegt«, sagte George.
»Warum drängen sich Ron und Bill nicht um mein Krankenlager?«
»Sie sind noch nicht zurück, George«, sagte Mrs Weasley. Georges
Grinsen verblasste. Harry warf einen schnellen Blick zu Ginny und
bedeutete ihr, ihm nach draußen zu folgen. Als sie durch die Küche gingen,
sagte sie mit leiser Stimme: »Ron und Tonks sollten schon da sein. Sie
hatten keine lange Reise; Tantchen Muriel wohnt gar nicht weit von hier.«
Harry sagte nichts. Seit sie im Fuchsbau waren, hatte er versucht, die
Angst unter Kontrolle zu halten, doch jetzt umhüllte sie ihn, schien über
seine Haut zu kriechen, in seiner Brust zu hämmern, seine Kehle
zuzuschnüren. Als sie die hintere Treppe zum dunklen Hof hinabgingen,
nahm Ginny seine Hand.
Kingsley schritt auf und ab, und immer wenn er sich umdrehte, warf er
einen Blick zum Himmel empor. Das erinnerte Harry an Onkel Vernon, der
vor Millionen Jahren im Wohnzimmer auf und ab gegangen war. Hagrid,
Hermine und Lupin standen Schulter an Schulter da und starrten
schweigend nach oben. Keiner von ihnen sah sich um, als Harry und Ginny
sich ihrer stummen Wache anschlossen.
Die Minuten zogen sich hin, als wären es Jahre. Beim leisesten
Windhauch zuckten sie zusammen und schauten zu dem raunenden Busch
oder Baum, in der Hoffnung, eines der vermissten Ordensmitglieder könnte
unversehrt aus seinen Blättern springen -
Und dann nahm ein Besen direkt über ihnen Gestalt an und raste auf die
Erde zu -
»Das sind sie!«, kreischte Hermine.
Tonks zog bei der Landung eine lange Bremsspur und wirbelte Erde und
Kiesel auf.
»Remus!«, schrie Tonks und wankte vom Besen herunter in Lupins
Arme. Sein Gesicht war starr und weiß: Er schien unfähig zu sprechen. Ron
stolperte benommen auf Harry und Hermine zu.
»Euch ist nichts passiert«, murmelte er, ehe Hermine sich auf ihn stürzte
und ihn fest umarmte.
»Ich dachte – ich dachte -«
»Alles okay mit mir«, sagte Ron und klopfte ihr auf den Rücken. »Geht
mir gut.«
»Ron war großartig«, sagte Tonks begeistert und ließ Lupin wieder los.
»Wunderbar. Hat einen von den Todessern geschockt, direkt am Kopf, und
wenn man von einem fliegenden Besen aus ein bewegliches Ziel anvisiert -
«
»Das hast du getan?«, sagte Hermine und sah mit großen Augen zu Ron
auf, die Arme nach wie vor um seinen Hals.
»Immer dieser überraschte Unterton«, sagte er ein wenig mürrisch und
machte sich von ihr los. »Sind wir die Letzten?«
»Nein«, sagte Ginny, »wir warten noch auf Bill und Fleur und Mad-Eye
und Mundungus. Ich sag Mum und Dad Bescheid, dass du okay bist, Ron -
«
Sie rannte ins Haus zurück.
»Und warum seid ihr so spät dran? Was ist passiert?« Lupin hörte sich
fast an, als wäre er wütend auf Tonks.
»Bellatrix«, sagte Tonks. »Sie hat es ebenso sehr auf mich abgesehen
wie auf Harry, sie hat alles darangesetzt, mich umzubringen, Remus. Hätt
ich sie doch nur erwischt, ich hab noch eine Rechnung mit ihr offen. Aber
wir haben ganz sicher Rodolphus verletzt ... Dann sind wir zu Rons
Tantchen Muriel und haben unseren Portschlüssel verpasst und sie hat uns
betüttelt -«
Ein Muskel zuckte an Lupins Kiefer. Lupin nickte, schien aber nicht in
der Lage, ein weiteres Wort zu sagen.
»Und was war mit euch?«, fragte Tonks Harry, Hermine und Kingsley.
Sie schilderten erneut, wie es ihnen auf ihren Flügen ergangen war,
doch dass Bill, Fleur, Mad-Eye und Mundungus noch immer auf sich
warten ließen, lag die ganze Zeit wie Frost über ihnen, dessen beißende
Kälte bald kaum mehr zu ignorieren war.
»Ich muss zurück in die Downing Street. Hätte schon vor einer Stunde
dort sein sollen«, sagte Kingsley schließlich nach einem letzten Blick quer
über den Himmel. »Lasst es mich wissen, wenn sie da sind.«
Lupin nickte. Kingsley winkte den anderen zu und verschwand in der
Dunkelheit in Richtung Tor. Harry glaubte ein ganz leises Plopp zu hören,
als Kingsley gleich hinter der Grenze des Fuchsbaus disapparierte.
Mr und Mrs Weasley kamen die hintere Treppe heruntergestürmt, Ginny
folgte ihnen. Die Eltern schlossen Ron in die Arme und wandten sich dann
Lupin und Tonks zu.
»Danke«, sagte Mrs Weasley, »für unsere Söhne.«
»Sei nicht albern, Molly«, erwiderte Tonks rasch.
»Wie geht es George?«, fragte Lupin.
»Was fehlt ihm denn?«, legte Ron los.
»Er hat ein -«
Aber das Ende von Mrs Weasleys Satz ging in einem allgemeinen
Aufschrei unter: Ein Thestral war soeben herbeigeflogen und landete
wenige Meter von ihnen entfernt. Bill und Fleur glitten von seinem
Rücken, zerzaust, aber unverletzt.
»Bill! Gott sei Dank, Gott sei Dank -«
Mrs Weasley rannte zu ihnen, aber Bill hatte nur eine flüchtige
Umarmung für sie übrig. Er blickte seinem Vater in die Augen und sagte:
»Mad-Eye ist tot.«
Niemand sprach, niemand rührte sich. Harry kam es vor, als würde
etwas in ihm fallen, durch die Erde fallen, und ihn für immer verlassen.
»Wir haben es gesehen«, sagte Bill; Fleur nickte, im Licht des
Küchenfensters glitzerten Tränenspuren auf ihren Wangen. »Es ist passiert,
kurz nachdem wir aus dem Kreis ausgebrochen sind: Mad-Eye und Dung
waren dicht bei uns, sie waren auch auf dem Weg nach Norden. Voldemort
– er kann fliegen – ging direkt auf sie los. Dung geriet in Panik, ich hörte,
wie er aufschrie, Mad-Eye hat versucht ihn aufzuhalten, aber er ist
disappariert. Voldemorts Fluch traf Mad-Eye mitten ins Gesicht, er fiel
rücklings vom Besen und – wir konnten nichts machen, nichts, wir hatten
selber ein halbes Dutzend von denen an den Fersen -«
Bills Stimme versagte.
»Natürlich hättet ihr nichts tun können«, sagte Lupin.
Sie standen da und sahen einander an. Harry konnte es nicht richtig
begreifen. Mad-Eye tot; das konnte nicht sein ... Mad-Eye, so zäh, so
tapfer, der immer seinen Hals aus der Schlinge gezogen hatte ...
Schließlich ging es wohl allen auf, dass es sinnlos war, länger im Hof zu
warten, auch wenn keiner es sagte, und sie folgten schweigend Mr und Mrs
Weasley in den Fuchsbau und ins Wohnzimmer zurück, wo Fred und
George zusammen lachten.
»Was ist los?«, sagte Fred, der sie argwöhnisch ansah, als sie
hereinkamen. »Was ist passiert? Wer ist -?«
»Mad-Eye«, sagte Mr Weasley. »Tot.«
Aus dem Grinsen der Zwillinge wurden entsetzte Gesichter. Niemand
schien zu wissen, was zu tun war. Tonks weinte stumm in ein Taschentuch:
Harry wusste, dass sie Mad-Eye nahegestanden hatte, sein Liebling und
sein Schützling gewesen war. Hagrid, der sich in der Ecke, wo am meisten
Platz für ihn war, auf den Boden gesetzt hatte, tupfte sich die Augen mit
seinem tischtuchgroßen Taschentuch.
Bill ging hinüber zum Büfett und holte eine Flasche Feuerwhisky und
ein paar Gläser heraus.
»Hier«, sagte er, und mit einem Schlenker seines Zauberstabs ließ er
zwölf gefüllte Gläser durch das Zimmer schweben, für jeden eines,
während er das dreizehnte erhob. »Mad-Eye.«
»Mad-Eye«, sagten sie alle und tranken.
»Mad-Eye«, tönte Hagrid hinterher, ein wenig spät, mit einem
Schluckauf.
Der Feuerwhisky brannte Harry in der Kehle: Er schien wieder
Empfinden in ihm zu entfachen, die Taubheit und das Gefühl von
Unwirklichkeit zu zerstreuen und etwas wie Mut in ihm zu entzünden.
»Mundungus ist also verschwunden?«, fragte Lupin, der sein Glas in
einem Zug geleert hatte.
Die Stimmung änderte sich schlagartig: Alle wirkten nervös; sie
hefteten ihre Blicke auf Lupin und wollten, wie es Harry vorkam, dass er
fortfuhr, hatten aber gleichzeitig ein wenig Angst vor dem, was sie
womöglich hören würden.
»Ich weiß, was ihr denkt«, sagte Bill, »das habe ich mich auf dem Weg
hierher zurück auch gefragt, denn sie haben uns offenbar schon erwartet,
stimmt's? Aber Mundungus kann uns nicht verraten haben. Sie wussten
nicht, dass es sieben Harrys geben würde; das hat sie verwirrt, in dem
Moment als wir aufgetaucht sind, und falls ihr es vergessen habt, es war
Mundungus, der diesen kleinen Rosstäuschertrick vorgeschlagen hat.
Warum hat er ihnen dann nicht den entscheidenden Punkt verraten? Ich
glaube, Dung ist schlicht und einfach in Panik geraten. Er wollte
ursprünglich gar nicht mitkommen, aber Mad-Eye hat ihn gedrängt, und
Voldemort ist gleich auf die beiden losgegangen: Da hätte jeder Panik
bekommen.«
»Du-weißt-schon-wer hat genau so gehandelt, wie Mad-Eye es
vorausgesehen hat«, sagte Tonks schniefend. »Mad-Eye meinte, er würde
glauben, dass der echte Harry bei den tapfersten und fähigsten Auroren
wäre. Er hat zuerst Mad-Eye gejagt, und als Mundungus es vergeigt hat,
nahm er sich Kingsley vor ...«
»Ja, das ist alles gut und schön«, unterbrach Fleur sie barsch, »aber das
erklärt immer noch nischt, wo'er sie wussten, dass wir Arry 'eute Abend
wegbringen würden, nischt wahr? Jemand muss unvorsischtisch gewesen
sein. Jemand 'at einem Außenste'enden verse'entlisch das Datum genannt.
Das ist die einsige Erklärung, wes'alb sie das Datum, aber nischt den
ganzen Plan kannten.«
Sie schaute finster in die Runde, immer noch Spuren von Tränen auf
ihrem schönen Gesicht, und forderte alle stumm heraus, ihr zu
widersprechen. Niemand tat es. Das einzige Geräusch, das die Stille
unterbrach, kam von Hagrid, der hinter seinem Taschentuch hickste. Harry
blickte rasch zu Hagrid hinüber, der gerade sein Leben riskiert hatte, um
das von Harry zu retten – zu Hagrid, den er liebte, dem er vertraute, der
einst überlistet worden war, um Voldemort entscheidende Informationen
im Tausch gegen ein Drachenei zu liefern ...
»Nein«, sagte Harry laut und alle sahen ihn überrascht an: Der
Feuerwhisky hatte seine Stimme offenbar kräftiger werden lassen. »Ich
meine ... wenn jemand einen Fehler begangen hat«, fuhr Harry fort, »und
ihm etwas rausgerutscht ist, dann weiß ich, dass es nicht mit Absicht war.
Das ist nicht seine Schuld«, wiederholte er, abermals ein wenig lauter, als
er sonst gesprochen hätte. »Wir müssen einander vertrauen. Ich vertraue
euch allen, ich glaube nicht, dass irgendjemand in diesem Raum mich
jemals an Voldemort verraten würde.«
Diesen Worten folgte ein erneutes Schweigen. Sie sahen ihn alle an;
Harry fühlte sich wieder ein wenig erhitzt und trank noch mehr
Feuerwhisky, nur um etwas zu tun. Während er trank, dachte er an Mad-
Eye. Mad-Eye hatte Dumbledores Bereitschaft, anderen zu vertrauen,
immer scharf kritisiert.
»Gut gesprochen, Harry«, sagte Fred unvermutet.
»Jaah, wer Ohren hat, der höre ...«, sagte George, mit einem kurzen
Blick auf Fred, dessen Mundwinkel zuckte.
Lupin machte ein merkwürdiges Gesicht, als er Harry ansah: Es lag fast
etwas Mitleidiges darin.
»Du hältst mich für naiv?«, fragte Harry eindringlich.
»Nein, ich glaube, du bist wie James«, erwiderte Lupin, »er hätte es als
Gipfel der Schande betrachtet, seinen Freunden zu misstrauen.«
Harry wusste, worauf Lupin hinauswollte: Sein Vater war von seinem
Freund Peter Pettigrew verraten worden. Er spürte eine unbändige Wut in
sich aufsteigen. Er wollte widersprechen, aber Lupin war von ihm
weggegangen, stellte sein Glas auf einen kleinen Tisch und wandte sich an
Bill: »Es gibt Arbeit. Ich kann auch Kingsley fragen, ob -«
»Nein«, sagte Bill sofort, »ich mach es; ich komm mit.«
»Wo wollt ihr hin?«, fragten Tonks und Fleur gleichzeitig.
»Mad-Eyes Leichnam«, sagte Lupin. »Wir müssen ihn bergen.«
»Kann das nicht -?«, begann Mrs Weasley mit einem flehenden Blick zu
Bill.
»Warten?«, sagte Bill. »Du willst doch nicht, dass ihn stattdessen die
Todesser mitnehmen?«
Niemand sprach. Lupin und Bill verabschiedeten sich und gingen.
Die Übrigen ließen sich nun alle in die Sessel sinken, nur Harry blieb
stehen. Der Tod, jäh und unwiderruflich, weilte unter ihnen wie ein
unsichtbarer Geist.
»Ich muss auch gehen«, sagte Harry.
Zehn verdutzte Augenpaare starrten ihn an.
»Sei nicht albern, Harry«, sagte Mrs Weasley. »Was soll das?«
»Ich kann nicht hierbleiben.«
Er rieb sich die Stirn: Sie schmerzte wieder; sie hatte seit über einem
Jahr nicht mehr so wehgetan.
»Ihr seid alle in Gefahr, solange ich hier bin. Ich will nicht -«
»Aber sei doch nicht albern!«, sagte Mrs Weasley. »Heute Nacht ging
es einzig und allein darum, dich wohlbehalten hierherzuholen, und zum
Glück hat es geklappt. Außerdem ist Fleur damit einverstanden, hier zu
heiraten und nicht in Frankreich, wir haben alles vorbereitet, so dass wir
alle zusammenbleiben und uns um dich kümmern können. «
Sie begriff nicht; sie machte es für ihn nicht besser, sondern nur noch
schlimmer.
»Wenn Voldemort rausfindet, dass ich hier bin -«
»Aber warum sollte er das?«, fragte Mrs Weasley.
»Es gibt ein Dutzend Orte, wo du jetzt sein könntest, Harry«, sagte Mr
Weasley. »Er hat keine Chance herauszukriegen, in welchem geschützten
Haus du bist.«
»Ich bin nicht meinetwegen in Sorge!«, sagte Harry.
»Das wissen wir«, entgegnete Mr Weasley ruhig. »Aber unsere ganze
Aktion heute Nacht wäre doch ziemlich sinnlos gewesen, wenn du
fortgehen würdest.«
»Du gehst nirgendwohin«, knurrte Hagrid. »Mensch, Harry, nach allem,
was wir durchgemacht ham, um dich hierherzukrieg'n?«
»Jaah, was ist mit meinem blutenden Ohr?«, sagte George und stemmte
sich auf seinen Kissen hoch.
»Ich weiß ja -«
»Mad-Eye würde das nicht wollen -«
»ICH WEISS!«, brüllte Harry.
Er fühlte sich gequält und erpresst: Dachten sie, er wüsste nicht, was sie
für ihn getan hatten, begriffen sie nicht, dass genau dies der Grund war,
weshalb er gehen wollte, jetzt, bevor sie noch mehr für ihn leiden mussten?
Ein langes verlegenes Schweigen breitete sich aus, in dem seine Narbe
unentwegt stach und pochte und das schließlich von Mrs Weasley
unterbrochen wurde.
»Wo ist Hedwig, Harry?«, sagte sie aufmunternd. »Wir können sie bei
Pigwidgeon unterbringen und ihr etwas zu fressen geben.«
Seine Eingeweide zogen sich wie eine Faust zusammen. Er konnte ihr
nicht die Wahrheit sagen. Er trank seinen letzten Schluck Feuerwhisky, um
ihr nicht antworten zu müssen.
»Wart nur, bis sich rumspricht, dass du's schon wieder geschafft hast,
Harry«, sagte Hagrid. »Dass du ihm entkommen bist, ihn abgeschmettert
hast, als er direkt über dir war!«
»Das war nicht ich«, sagte Harry tonlos. »Es war mein Zauberstab.
Mein Zauberstab hat aus eigenem Antrieb gehandelt.«
Nach einigen Augenblicken sagte Hermine sanft: »Aber das ist
unmöglich, Harry. Du meinst, dass du gezaubert hast, ohne es zu wollen;
du hast instinktiv reagiert.«
»Nein«, sagte Harry. »Das Motorrad stürzte nach unten, ich hätte dir
nicht sagen können, wo Voldemort war, aber mein Zauberstab drehte sich
in meiner Hand und fand ihn und schoss einen Zauber auf ihn ab, einen,
den ich nicht mal kannte. Goldene Flammen hab ich noch nie erscheinen
lassen.«
»Wenn man unter Druck steht«, sagte Mr Weasley, »kann man oftmals
Zauber bewirken, die man sich nie hätte träumen lassen. Kleine Kinder
merken, bevor sie ausgebildet sind, oft -«
»So war es nicht«, sagte Harry mit zusammengebissenen Zähnen. Seine
Narbe brannte: Er war wütend und enttäuscht; er hasste den Gedanken, dass
sie alle annahmen, er hätte eine Macht, die der Voldemorts ebenbürtig war.
Niemand sagte etwas. Er wusste, dass sie ihm nicht glaubten. Wenn er
es sich recht überlegte, hatte er noch nie von einem Zauberstab gehört, der
von allein zauberte.
Seine Narbe brannte vor Schmerz; mühsam unterdrückte er ein lautes
Stöhnen. Er murmelte etwas von frischer Luft, stellte sein Glas ab und
verließ den Raum.
Als er über den dunklen Hof ging, blickte der große skelettartige
Thestral auf, raschelte mit seinen gewaltigen Fledermausflügeln und graste
dann weiter. Harry blieb am Tor zum Garten stehen, blickte hinaus auf die
wuchernden Pflanzen, rieb sich die pochende Stirn und dachte an
Dumbledore.
Dumbledore hätte ihm geglaubt, ganz sicher. Dumbledore hätte
gewusst, wie und warum Harrys Zauberstab eigenmächtig gehandelt hatte,
weil Dumbledore immer die Antworten hatte; er kannte sich mit
Zauberstäben aus, hatte Harry die seltsame Verbindung zwischen seinem
Zauberstab und dem von Voldemort erklärt ... aber Dumbledore, wie Mad-
Eye, wie Sirius, wie seine Eltern, wie seine arme Eule, sie alle waren
dorthin gegangen, wo Harry nicht mehr mit ihnen sprechen konnte. Er
spürte ein Brennen in der Kehle, das nichts mit Feuerwhisky zu tun hatte ...
Und dann, urplötzlich, loderte der Schmerz in seiner Narbe auf. Als er
die Hand auf die Stirn drückte und die Augen schloss, schrie eine Stimme
in seinem Kopf.
»Du hast mir gesagt, dass das Problem gelöst wäre, wenn ich den
Zauberstab von jemand anderem nehme!«
Und vor ihm tauchte das Bild eines ausgemergelten alten Mannes auf,
der in Lumpen auf einem steinernen Boden lag und einen Schrei ausstieß,
einen schrecklichen, lang gezogenen Schrei, einen Schrei von
unerträglicher Qual ...
»Nein! Nein! Ich bitte Euch, ich bitte Euch ...«
»Du hast Lord Voldemort belogen, Ollivander!«
»Das habe ich nicht ... ich schwöre, das habe ich nicht ...«
»Du hast versucht Potter zu helfen, damit er mir entkommt!«
»Ich schwöre, das habe ich nicht... ich glaubte, ein anderer Zauberstab
würde funktionieren ...«
»Dann erkläre, was passiert ist. Lucius' Zauberstab ist zerstört!«
»Ich kann es nicht begreifen ... die Verbindung ... besteht nur ...
zwischen euren beiden Zauberstäben ...«
»Lügen!«
»Bitte ... ich bitte Euch ...«
Und Harry sah die weiße Hand ihren Zauberstab heben und spürte
Voldemorts jäh aufwallenden wilden Zorn, sah den gebrechlichen alten
Mann sich in Todesqualen am Boden krümmen -
»Harry?«
Es war so schnell vorüber, wie es gekommen war: Harry stand zitternd
in der Dunkelheit, die Hände ans Gartentor geklammert, sein Herz raste,
und seine Narbe brannte immer noch. Erst einige Augenblicke später fiel
ihm auf, dass Ron und Hermine neben ihm waren.
»Harry, komm zurück ins Haus«, flüsterte Hermine. »Du denkst doch
nicht immer noch ans Weggehen?«
»Jaah, du musst bleiben, Mann«, sagte Ron und klopfte Harry heftig auf
den Rücken.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Hermine, jetzt so nahe bei ihm, dass
sie Harry ins Gesicht schauen konnte. »Du siehst furchtbar aus!«
»Na ja«, sagte Harry zitternd, »ich seh wahrscheinlich besser aus als
Ollivander ...«
Nachdem er ihnen erzählt hatte, was er gesehen hatte, blickte Ron
erschrocken, doch Hermine war abgrundtief entsetzt.
»Aber es sollte doch vorbei sein! Deine Narbe – sie sollte das eigentlich
nicht mehr tun! Du darfst diese Verbindung nicht wieder zulassen –
Dumbledore wollte, dass du deinen Geist verschließt!«
Als er nicht antwortete, packte sie ihn am Arm.
»Harry, er übernimmt gerade das Ministerium und die Zeitungen und
die halbe Zaubererwelt! Lass ihn nicht auch noch in deinen Kopf!«
Der Ghul im Schlafanzug
In den folgenden Tagen lastete der Schock, Mad-Eye verloren zu haben,
auf dem Haus; Harry dachte ständig, dass er gleich mit polternden Schritten
durch die Hintertür kommen würde, wie die anderen Ordensmitglieder, die
ein und aus gingen, um Neuigkeiten zu bringen. Harry spürte, dass er sein
Schuldgefühl und seinen Kummer nur durch Taten lindern konnte und dass
er so bald wie möglich zu seiner Mission aufbrechen sollte, Horkruxe zu
finden und zu zerstören.
»Jedenfalls kannst du nichts tun gegen diese -«, Ron formte mit den
Lippen das Wort Horkruxe, »bevor du siebzehn bist. Du hast immer noch
die Spur auf dir. Und wir können hier genauso gut planen wie anderswo
auch, stimmt's? Oder meinst du etwa«, er senkte die Stimme und flüsterte,
»du weißt bereits, wo diese Du-weißt-schon-welche sind?«
»Nein«, gab Harry zu.
»Ich glaube, Hermine hat in letzter Zeit 'n bisschen nachgeforscht«,
sagte Ron. »Sie wollte aber nichts davon erzählen, bevor du hier
angekommen bist.«
Sie saßen am Frühstückstisch; Mr Weasley und Bill hatten sich gerade
auf den Weg zur Arbeit gemacht, Mrs Weasley war nach oben gegangen,
um Hermine und Ginny zu wecken, während Fleur entschwebt war, um ein
Bad zu nehmen.
»Die Spur löst sich am Einunddreißigsten«, sagte Harry. »Das heißt, ich
muss nur noch vier Tage hierbleiben. Dann kann ich -«
»Fünf Tage«, korrigierte ihn Ron energisch. »Wir müssen bis zur
Hochzeit bleiben. Die bringen uns um, wenn wir sie versäumen. «
Harry vermutete, dass mit »sie« Fleur und Mrs Weasley gemeint waren.
»Es ist ein zusätzlicher Tag«, sagte Ron, als Harry rebellisch
dreinblickte.
»Kapieren die nicht, wie wichtig -?«
»'türlich nicht«, sagte Ron. »Die haben keinen Schimmer. Und wo du
gerade davon sprichst – ich wollte mit dir darüber reden.«
Ron warf einen kurzen Blick auf die Tür zum Flur, um sicherzugehen,
dass Mrs Weasley noch nicht zurückkam, dann beugte er sich näher zu
Harry.
»Mum hat versucht, es aus Hermine und mir rauszukriegen. Was wir
vorhaben. Sie wird es als Nächstes bei dir probieren, also pass auf. Dad und
Lupin haben auch beide gefragt, aber als wir meinten, dass Dumbledore zu
dir gesagt hat, dass du es keinem außer uns erzählen sollst, haben sie damit
aufgehört. Mum aber nicht. Die ist hartnäckig.«
Rons Voraussage bestätigte sich innerhalb weniger Stunden. Kurz vor
dem Mittagessen nahm Mrs Weasley Harry beiseite mit der Bitte, sich eine
einzelne Männersocke anzusehen, die, wie sie glaubte, aus seinem
Rucksack stammen könnte. Kaum hatte sie ihn in der kleinen Waschküche
neben der Küche in die Enge getrieben, fing sie auch schon an.
»Ron und Hermine denken anscheinend, ihr drei würdet jetzt Hogwarts
sausen lassen«, begann sie in einem heiteren, beiläufigen Ton.
»Oh«, sagte Harry. »Nun, jaah. Tun wir auch.«
In einer Ecke drehte sich die Wäschemangel von ganz allein und wrang
offenbar eines von Mr Weasleys Unterhemden aus.
»Darf ich fragen, warum ihr eure Ausbildung abbrecht?«, sagte Mrs
Weasley.
»Also, Dumbledore hat mir vor seinem Tod aufgetragen ... was zu tun«,
murmelte Harry. »Ron und Hermine wissen davon und sie wollen
mitkommen. «
»Was denn >zu tun«
»Tut mir leid, ich kann nicht -«
»Nun, offen gestanden glaube ich, dass Arthur und ich ein Recht haben,
es zu erfahren, und ich bin sicher, Mr und Mrs Granger würden das auch so
sehen!«, sagte Mrs Weasley. Harry hatte die »besorgte Eltern«-Attacke
befürchtet. Er zwang sich, ihr direkt in die Augen zu sehen, wobei ihm
auffiel, dass sie genau denselben Braunton hatten wie die von Ginny. Das
half nicht.
»Dumbledore wollte nicht, dass sonst noch jemand davon erfährt, Mrs
Weasley. Es tut mir leid. Ron und Hermine müssen nicht mitkommen, es
ist deren Entscheidung -«
»Ich verstehe auch nicht, warum du gehen musst!«, schnappte sie, nun
ohne jedes Versteckspiel. »Ihr seid gerade mal volljährig, alle drei! Das ist
völliger Blödsinn; wenn Dumbledore einen Auftrag gehabt hätte, dann
hätte er den ganzen Orden zur Verfügung gehabt! Harry, du musst ihn
falsch verstanden haben. Wahrscheinlich hat er dir von etwas erzählt, das
getan werden musste, und du hast gedacht, dass du es -«
»Ich habe es nicht falsch verstanden«, sagte Harry entschieden. »Ich
muss es tun.« Er gab ihr die einzelne Socke zurück, die er sich anschauen
sollte und die ein goldenes Binsenmuster trug. »Und die gehört nicht mir,
ich bin kein Fan von Puddlemere United.«
»Oh, natürlich nicht«, sagte Mrs Weasley, indem sie jäh und ziemlich
entnervend ihren üblichen Ton wieder anschlug. »Das hätte ich wissen
müssen. Nun, Harry, solange wir dich noch hier haben, hast du doch nichts
dagegen, bei den Vorbereitungen für Bills und Fleurs Hochzeit zu helfen,
oder? Es gibt immer noch so viel zu tun.«
»Nein – ich – natürlich nicht«, sagte Harry, durch diesen plötzlichen
Themenwechsel irritiert.
»Nett von dir«, erwiderte sie, und als sie die Waschküche verließ,
lächelte sie.
Von diesem Moment an hielt Mrs Weasley Harry, Ron und Hermine so
sehr mit den Hochzeitsvorbereitungen auf Trab, dass sie kaum Zeit zum
Nachdenken hatten. Die netteste Erklärung für dieses Verhalten wäre
gewesen, dass Mrs Weasley sie alle von den Gedanken an Mad-Eye und
die Schrecken ablenken wollte, die sie auf ihrem Flug vor kurzem
durchlitten hatten.
Nach zwei Tagen, an denen sie unentwegt Besteck geputzt,
Hochzeitsgeschenke, Schleifen und Blumen farblich aufeinander
abgestimmt, den Garten entgnomt und Mrs Weasley geholfen hatten,
gewaltige Mengen an Kanapees zuzubereiten, vermutete Harry jedoch
allmählich einen anderen Beweggrund bei ihr. Alle Aufgaben, die sie
verteilte, schienen ihn, Ron und Hermine voneinander fernzuhalten; er
hatte seit dem ersten Abend, als er ihnen erzählt hatte, wie Voldemort
Ollivander folterte, keine Gelegenheit gehabt, mit den beiden allein zu
sprechen.
»Ich glaube, Mum denkt, dass sie eure Abreise hinauszögern kann,
wenn sie es schafft, zu verhindern, dass ihr drei zusammenkommt und
Pläne schmiedet«, erklärte Ginny Harry mit gedämpfter Stimme, als sie am
dritten Tag seines Aufenthalts den Tisch zum Abendessen deckten.
»Und was soll ihrer Meinung nach dann passieren?«, murmelte Harry.
»Vielleicht bringt jemand anders Voldemort um, während sie uns hier
aufhält und Blätterteigpasteten machen lässt?«
Er hatte, ohne nachzudenken, gesprochen und sah Ginnys Gesicht
erbleichen.
»Also stimmt es?«, sagte sie. »Das wollt ihr versuchen?«
»Ich – nicht – das war nur ein Witz«, sagte Harry ausweichend.
Sie starrten einander unverwandt an, und es war nicht nur Entsetzen, das
sich auf Ginnys Gesicht abzeichnete. Plötzlich wurde Harry bewusst, dass
er seit jenen heimlichen Treffen in abgelegenen Winkeln auf dem
Hogwarts-Gelände zum ersten Mal allein mit ihr war. Er war sicher, dass
sie auch daran dachte. Beide zuckten zusammen, als die Tür aufging und
Mr Weasley, Kingsley und Bill hereinkamen.
Es waren nun häufig andere Ordensmitglieder zum Abendessen bei
ihnen zu Gast, weil der Fuchsbau den Grimmauldplatz Nummer zwölf als
Hauptquartier ersetzt hatte. Mr Weasley hatte erklärt, dass nach dem Tod
von Dumbledore, ihrem Geheimniswahrer, jeder, dem Dumbledore den
Standort des Hauses am Grimmauldplatz anvertraut hatte, selbst ein
Geheimniswahrer geworden sei.
»Und da wir etwa zwanzig Leute sind, wird die Kraft des Fidelius-
Zaubers beträchtlich abgeschwächt. Zwanzig Mal mehr Möglichkeiten für
die Todesser, das Geheimnis aus jemandem rauszukriegen. Wir können
nicht davon ausgehen, dass es noch lange hält.«
»Aber Snape hat ihnen bestimmt inzwischen die Adresse verraten,
oder?«, fragte Harry.
»Nun, Mad-Eye hat ein paar Flüche gegen Snape eingerichtet, für den
Fall, dass er wieder dort auftaucht. Wir hoffen, dass sie stark genug sind,
ihn fernzuhalten, und ihm auch die Zunge lähmen, wenn er versucht, über
das Haus zu reden, aber wir können nicht sicher sein. Es wäre verrückt
gewesen, das Haus weiterhin als Hauptquartier zu verwenden, jetzt, wo
sein Schutz so brüchig geworden ist.«
In der Küche war es an diesem Abend so voll, dass man nur schwer mit
Messer und Gabel hantieren konnte. Harry fand sich dicht an Ginny
gedrängt; bei all dem Unausgesprochenen, das gerade zwischen ihnen
passiert war, wäre es ihm lieber gewesen, sie hätten ein paar Leute
zwischen sich gehabt. Er war so angestrengt darauf bedacht, ihren Arm
nicht zu streifen, dass er kaum sein Hühnchen schneiden konnte.
»Keine Neuigkeiten über Mad-Eye?«, fragte Harry Bill.
»Nichts«, erwiderte Bill.
Sie hatten Moody kein Begräbnis bereiten können, weil es Bill und
Lupin nicht gelungen war, seinen Leichnam zu bergen. Es war während des
Kampfes dunkel gewesen und nach all dem Getümmel schwierig, den Ort
zu finden, wo er abgestürzt war.
»Der Tagesprophet hat mit keinem Wort erwähnt, dass er gestorben ist
oder dass man seine Leiche gefunden hätte«, fuhr Bill fort. »Aber das will
nicht viel heißen. Der hält zurzeit einiges unter der Decke.«
»Und sie haben immer noch keine Anhörung einberufen wegen all der
Magie, die ich als Minderjähriger eingesetzt habe, um den Todessern zu
entkommen?«, rief Harry quer über den Tisch Mr Weasley zu, der den
Kopf schüttelte. »Weil sie wissen, dass ich keine Wahl hatte, oder weil sie
nicht wollen, dass ich der ganzen Welt sage, dass Voldemort mich
angegriffen hat?«
»Letzteres, glaube ich. Scrimgeour will nicht zugeben, dass Du-weißt-
schon-wer so mächtig ist, wie er ist, und auch nicht, dass es in Askaban
einen Massenausbruch gegeben hat.«
»Jaah, warum der Öffentlichkeit die Wahrheit mitteilen?«, sagte Harry
und schloss seine Hand so fest um sein Messer, dass die blassen Narben auf
seinem rechten Handrücken sich weiß von der Haut abhoben: Ich soll keine
Lügen erzählen.
»Ist keiner im Ministerium bereit, ihm die Stirn zu bieten?«, fragte Ron
zornig.
»Natürlich, Ron, aber die Leute haben Angst«, antwortete Mr Weasley,
»Angst, dass sie die Nächsten sein werden, die verschwinden, dass ihre
Kinder die Nächsten sind, die überfallen werden! Es gehen schlimme
Gerüchte um; ich glaube zum Beispiel nicht, dass die Muggelkundelehrerin
von Hogwarts zurückgetreten ist. Sie wurde schon seit Wochen nicht mehr
gesehen. Unterdessen schließt sich Scrimgeour den ganzen Tag in seinem
Büro ein. Ich kann nur hoffen, dass er an einem Plan arbeitet.«
Es folgte eine Pause, in der Mrs Weasley die leeren Teller
beiseitezauberte und Apfelkuchen servierte.
»Wir müssen entscheiden, wie wir disch tarnen, 'Arry«, sagte Fleur, als
alle ihren Nachtisch hatten. »Auf der 'Ochzeit«, fügte sie hinzu, als er
verwirrt dreinblickte. »Natürlisch ist keiner von unseren Gästen ein
Todesser, aber wir können nischt garantieren, dass keinem etwas
rausrutscht, wenn alle Champagner getrunken 'aben.«
Harry schloss aus ihren Worten, dass sie immer noch Hagrid im
Verdacht hatte.
»Ja, ganz richtig«, sagte Mrs Weasley am Kopfende der Tafel, wo sie
mit der Brille auf der Nasenspitze saß und eine riesige Liste von Aufgaben
überflog, die sie auf ein sehr langes Stück Pergament gekritzelt hatte. »Wie
steht's, Ron, hast du schon dein Zimmer geputzt?«
»Wieso?«, rief Ron, knallte seinen Löffel hin und sah seine Mutter
wütend an. »Wieso muss mein Zimmer geputzt werden? Harry und ich sind
ganz zufrieden, so, wie es ist!«
»Wir feiern hier in ein paar Tagen die Hochzeit deines Bruders, junger
Mann -«
»Und heiraten die in meinem Schlafzimmer?«, fragte Ron aufgebracht.
»Nein! Also warum im Namen von Merlins linkem Hänge-«
»Sprich nicht so mit deiner Mutter«, erwiderte Mr Weasley bestimmt.
»Und tu, was man dir sagt.«
Ron warf beiden Eltern finstere Blicke zu, dann nahm er seinen Löffel
und machte sich über die letzten Bissen seines Apfelkuchens her.
»Ich kann dir helfen, da ist einiges von meinem Kram dabei«, sagte
Harry zu Ron gewandt, aber Mrs Weasley schnitt ihm das Wort ab.
»Nein, Harry, Schatz, mir wäre es lieber, du würdest Arthur helfen, den
Hühnerstall auszumisten, und, Hermine, ich wär dir sehr dankbar, wenn du
die Betten für Monsieur und Madame Delacour frisch beziehen könntest,
du weißt, sie kommen morgen früh um elf an.«
Doch wie sich herausstellte, gab es bei den Hühnern sehr wenig zu tun.
»Es ist nicht nötig, das, ähm, Molly gegenüber zu erwähnen«, sagte Mr
Weasley zu Harry, indem er ihm den Weg zum Hühnerstall versperrte,
»aber, ähm, Ted Tonks hat mir fast alles geschickt, was von Sirius'
Motorrad übrig war, und ich, ähm, verstecke – das heißt, ich verstaue – es
hier drin. Sagenhafte Sachen: Da ist eine Auspuffdichtung dabei oder wie
das Ding heißt, eine prächtige Batterie, und es wird eine großartige
Gelegenheit sein herauszufinden, wie Bremsen funktionieren. Ich werd mal
versuchen, alles wieder zusammenzubauen, wenn Molly nicht – ich meine,
wenn ich Zeit habe.«
Als sie ins Haus zurückkamen, war Mrs Weasley nirgends zu sehen, und
so stahl sich Harry nach oben in Rons Schlafzimmer unter dem Dach.
»Ich mach's schon, ich bin ja dabei -! Oh, du bist es«, sagte Ron
erleichtert, als Harry das Zimmer betrat. Ron legte sich wieder aufs Bett,
von dem er offensichtlich gerade aufgestanden war. Im Zimmer war es
genauso unordentlich wie schon die ganze Woche, nur dass Hermine jetzt
hinten in der Ecke saß, mit ihrem flauschigen orangeroten Kater
Krummbein zu ihren Füßen, und Bücher auf zwei riesige Stapel sortierte,
unter denen Harry einige seiner eigenen erkannte.
»Hi, Harry«, sagte sie, als er sich auf sein Feldbett setzte.
»Und wie hast du es geschafft, dich loszueisen?«
»Oh, Rons Mum hat vergessen, dass sie Ginny und mich schon gestern
gebeten hat, die Bettwäsche zu wechseln«, sagte Hermine. Sie warf
Nummerologie und Grammatica auf den einen Stapel und Aufstieg und
Niedergang der dunklen Künste auf den anderen.
»Wir haben gerade über Mad-Eye gesprochen«, sagte Ron zu Harry.
»Ich denke, dass er überlebt haben könnte.«
»Aber Bill hat gesehen, wie ihn der Todesfluch getroffen hat«,
entgegnete Harry.
»Jaah, aber Bill war auch unter Beschuss«, sagte Ron. »Wie kann er
sicher sein bei dem, was er gesehen hat? «
»Selbst wenn ihn der Todesfluch verfehlt hat, ist Mad-Eye immer noch
etwa dreihundert Meter in die Tiefe gestürzt«, sagte Hermine, die jetzt
Quidditch-Mannschaften Britanniens und Irlands in der Hand wog.
»Er hätte einen Schildzauber einsetzen können -«
»Fleur meinte, dass es ihm den Zauberstab aus der Hand gerissen hat«,
sagte Harry.
»Also gut, wenn ihr unbedingt wollt, dass er tot ist«, sagte Ron mürrisch
und klopfte sein Kissen etwas bequemer zurecht.
»Natürlich wollen wir nicht, dass er tot ist!«, sagte Hermine mit
entsetztem Blick. »Es ist furchtbar, dass er tot ist! Aber wir sind eben
realistisch.«
Harry stellte sich zum ersten Mal Mad-Eyes Leiche vor, mit
gebrochenen Gliedmaßen wie die von Dumbledore, doch mit diesem einen
Auge, das nach wie vor in seiner Höhle umherhuschte. Er verspürte
plötzlich Ekel und zugleich eine absurde Lust zu lachen.
»Die Todesser haben vermutlich hinter sich aufgeräumt, deshalb hat ihn
niemand gefunden«, sagte Ron weise.
»Jaah«, antwortete Harry. »Wie Barty Crouch – in einen Knochen
verwandelt und im Garten vor Hagrids Hütte vergraben. Sie haben Moody
wahrscheinlich verwandelt und irgendwo hingestopft -«
»Hört auf damit!«, kreischte Hermine. Erschrocken schaute Harry
hinüber, gerade als sie über ihrem Exemplar von Zaubermanns
Silbentabelle in Tränen ausbrach.
»O nein«, sagte Harry und stand mühsam von dem alten Feldbett auf.
»Hermine, ich wollte dich nicht aufre-«
Doch Ron sprang aus dem Bett, dass die rostigen Federn laut knarrten,
und war als Erster da. Einen Arm um Hermine gelegt, kramte er in seiner
Jeanstasche und zog ein widerlich aussehendes Taschentuch heraus, mit
dem er vorher den Backofen geputzt hatte. Hastig zückte er seinen
Zauberstab, richtete ihn auf den Fetzen und sagte: »Tergeo. «
Der Zauberstab saugte das meiste von der Fettschmiere weg. Mit
ziemlich selbstzufriedener Miene reichte Ron Hermine das leicht
qualmende Taschentuch.
»Oh ... danke, Ron ... tut mir leid ...« Sie schnauzte sich die Nase und
hickste. »Es ist so schrecklich, nicht wahr? G-gleich nach Dumbledore ... I-
irgendwie hab ich mir n-nie vorstellen können, dass Mad-Eye stirbt, er
wirkte so zäh!«
»Jaah, ich weiß«, sagte Ron und drückte sie kurz an sich. »Aber weißt
du, was er zu uns sagen würde, wenn er hier wäre?«
»>I-immer wachsam<«, sagte Hermine und wischte sich die Augen.
»Genau«, erwiderte Ron mit einem Nicken. »Er würde zu uns sagen,
dass wir aus dem, was mit ihm passiert ist, lernen sollen. Und ich habe
daraus gelernt, diesem feigen kleinen Mistkerl Mundungus nicht zu
vertrauen.«
Hermine lachte zittrig auf, beugte sich vor und nahm zwei weitere
Bücher zur Hand. Eine Sekunde später hatte Ron seinen Arm schon wieder
von ihren Schultern weggerissen; sie hatte ihm das Monsterbuch der
Monster auf den Fuß fallen lassen. Das Buch hatte sich von seinem
Zaumgurt befreit und schnappte wild nach Rons Knöchel.
»'tschuldigung, 'tschuldigung!«, rief Hermine, als Harry das Buch von
Rons Bein zerrte und es wieder zuband.
»Was willst du eigentlich mit diesen ganzen Büchern?«, fragte Ron und
humpelte zu seinem Bett zurück.
»Ich versuche nur zu entscheiden, welche wir mitnehmen«, sagte
Hermine. »Wenn wir nach den Horkruxen suchen.«
»Oh, natürlich«, sagte Ron und schlug sich mit der Hand auf die Stirn.
»Ich hab ja ganz vergessen, dass wir Voldemort aus einer fahrenden
Bibliothek heraus zur Strecke bringen.«
»Haha«, sagte Hermine und schaute auf Zaubermanns Silbentabelle.
»Ich frag mich ... ob wir wohl Runen übersetzen müssen? Möglich ... ich
glaube, wir nehmen es besser mit, nur um sicherzugehen. «
Sie ließ die Silbentabelle auf den größeren der beiden Stapel fallen und
nahm Eine Geschichte von Hogwarts zur Hand.
»Hört zu«, sagte Harry.
Er hatte sich aufgerichtet. Ron und Hermine sahen ihn mit der gleichen
Mischung aus Resignation und Trotz an.
»Ich weiß, dass ihr nach Dumbledores Begräbnis gesagt habt, dass ihr
mit mir kommen wollt«, begann Harry.
»Jetzt fängt er damit an«, sagte Ron zu Hermine und verdrehte die
Augen.
»War doch zu erwarten«, seufzte sie und wandte sich wieder ihren
Büchern zu. »Wisst ihr was, ich glaub, ich nehme Eine Geschichte von
Hogwarts trotzdem mit. Auch wenn wir nicht dorthin zurückkehren, ich
glaube nicht, dass ich mich wohl fühlen würde, wenn ich es nicht dabei-«
»Hört zu!«, sagte Harry erneut.
»Nein, Harry, hör du zu«, sagte Hermine. »Wir kommen mit dir. Das
wurde vor Monaten entschieden – eigentlich vor Jahren.«
»Aber -«
»Halt die Klappe«, riet ihm Ron.
»- seid ihr sicher, dass ihr euch das gut überlegt habt?«, fuhr Harry
unbeirrt fort.
»Warte«, sagte Hermine und knallte Trips mit Trollen mit ziemlich
grimmiger Miene auf den Stapel der ausgemusterten Bücher. »Ich bin seit
Tagen am Packen, das heißt, wir sind jetzt jederzeit zum Aufbruch bereit,
und nur damit du's weißt, da war manchmal ganz schön schwierige
Zauberei nötig, abgesehen davon, dass ich Mad-Eyes gesamten Vorrat an
Vielsaft-Trank direkt an der Nase von Rons Mum vorbeischmuggeln
musste.
Außerdem habe ich die Gedächtnisse meiner Eltern verändert, weshalb
sie jetzt davon überzeugt sind, dass sie eigentlich Wendeil und Monica
Wilkins heißen und dass es ihr größter Wunsch ist, nach Australien
auszuwandern, was sie inzwischen getan haben. Das macht es für
Voldemort schwieriger, sie aufzuspüren und über mich auszufragen – oder
über dich, weil ich ihnen unglücklicherweise einiges von dir erzählt habe.
Angenommen, ich überlebe unsere Jagd nach den Horkruxen, dann
werde ich Mum und Dad finden und den Zauberbann lösen. Wenn nicht –
na ja, dann war mein Zauber so gut, dass sie auch weiterhin sicher und
zufrieden sein werden. Wendeil und Monica Wilkins wissen nämlich nicht,
dass sie eine Tochter haben.«
Hermines Augen schwammen erneut in Tränen. Ron kam wieder von
seinem Bett herüber, legte noch einmal den Arm um sie und sah Harry
finster an, als ob er ihm mangelndes Taktgefühl vorwerfen würde. Harry
fiel nichts dazu ein, nicht zuletzt, weil es höchst ungewöhnlich war, dass
Ron irgendjemandem Taktgefühl beibringen wollte.
»Ich – Hermine, tut mir leid – ich hab nicht -«
»- kapiert, dass Ron und ich ganz genau wissen, was passieren könnte,
wenn wir mit dir kommen? Also, das wissen wir. Ron, zeig Harry, was du
gemacht hast.«
»Nö, er hat gerade gegessen«, sagte Ron.
»Mach schon, er muss es wissen!«
»Na, von mir aus. Harry, komm mit.«
Zum zweiten Mal löste Ron seinen Arm von Hermine und stapfte
hinüber zur Tür.
»Komm.«
»Warum?«, fragte Harry und folgte Ron aus dem Zimmer auf den
kleinen Treppenabsatz.
»Descendo«, murmelte Ron, indem er seinen Zauberstab auf die
niedrige Decke richtete. Direkt über ihren Köpfen öffnete sich eine Luke,
und eine Leiter glitt bis zu ihren Füßen hinab. Ein schreckliches Geräusch,
halb Schlürfen, halb Stöhnen, kam aus dem quadratischen Loch, und dazu
ein übler Geruch wie aus einem offenen Gully.
»Das ist euer Ghul, stimmt's?«, fragte Harry, der diesem Geschöpf, das
manchmal die nächtliche Stille unterbrach, nie wirklich begegnet war.
»Jaah, genau«, sagte Ron und stieg die Leiter hoch. »Komm und schau
ihn dir an.«
Harry folgte Ron die wenigen kurzen Sprossen hinauf auf den winzigen
Dachboden. Er war bereits mit Kopf und Schultern oben, als er das
Geschöpf erblickte, das ein, zwei Meter von ihm entfernt zusammengerollt
und tief schlafend in der Finsternis lag, das große Maul weit geöffnet.
»Aber er ... sieht aus ... tragen Ghule immer Schlafanzüge?«
»Nein«, sagte Ron. »Und normalerweise haben sie auch keine roten
Haare oder so viele Pusteln.«
Harry betrachtete das Wesen leicht angewidert. Es hatte Gestalt und
Größe eines Menschen, und es trug, wie Harry jetzt erkannte, da seine
Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, eindeutig einen alten
Schlafanzug von Ron. Er war auch sicher, dass Ghule im Allgemeinen eher
glitschig und kahl waren als auffällig behaart und mit entzündeten roten
Bläschen übersät.
»Er ist ich, verstehst du?«, sagte Ron.
»Nein«, sagte Harry. »Tu ich nicht.«
»Ich erklär's dir unten in meinem Zimmer, den Gestank hier halt ich
nicht länger aus«, sagte Ron. Sie kletterten die Leiter hinunter, und Ron
ließ sie wieder in der Decke verschwinden, dann kehrten sie zu Hermine
zurück, die immer noch Bücher sortierte.
»Sobald wir weg sind, wird der Ghul nach unten kommen und hier in
meinem Zimmer wohnen«, sagte Ron. »Ich glaub, er freut sich richtig drauf
– na gut, das ist schwer zu sagen, weil er ja nur stöhnen und sabbern kann –
aber er nickt ordentlich mit dem Kopf, wenn ich es erwähne. Jedenfalls
wird er dann ich sein, ich mit Griselkrätze. Gut, was?«
Harry schaute wie ein Fragezeichen.
»Es ist wirklich gut!«, sagte Ron, sichtlich enttäuscht, dass Harry die
Genialität seines Plans nicht erfasst hatte. »Sieh mal, wenn wir drei nicht
wieder in Hogwarts auftauchen, denken alle, dass Hermine und ich bei dir
sein müssten, oder? Was bedeutet, dass die Todesser schnurstracks auf
unsere Familien losgehen, um rauszufinden, ob sie was darüber wissen, wo
du bist.«
»Aber dann sieht es hoffentlich so aus, als ob ich mit Mum und Dad
fortgegangen wäre; viele Muggelstämmige reden im Augenblick davon,
unterzutauchen«, sagte Hermine.
»Wir können nicht meine ganze Familie untertauchen lassen, das sieht
zu verdächtig aus, und sie können nicht alle ihren Job aufgeben«, sagte
Ron. »Deshalb verbreiten wir die Geschichte, dass ich schwer an
Griselkrätze erkrankt bin, weshalb ich nicht zurück zur Schule kann. Wenn
jemand kommt und nachforschen will, können Mum und Dad ihm den
Ghul in meinem Bett zeigen, voller Pusteln. Griselkrätze ist richtig
ansteckend, also werden die sich lieber von ihm fernhalten. Dass er nichts
sagen kann, wird auch nichts ausmachen, denn offenbar kann man das
nicht, sobald der Pilz das Zäpfchen befallen hat.«
»Und deine Mum und dein Dad wissen von diesem Plan?«, fragte
Harry.
»Dad schon. Er hat Fred und George geholfen, den Ghul zu verwandeln.
Mum ... na ja, du hast doch gesehen, wie sie drauf ist. Sie wird sich nicht
damit abfinden, dass wir weggehen, bis wir endlich weg sind.«
Im Zimmer wurde es still, nur manchmal war ein leises Klatschen zu
hören, wenn Hermine wieder ein Buch auf den einen oder den anderen
Stapel warf. Ron saß da und schaute ihr zu, während Harry die beiden
abwechselnd ansah, unfähig, irgendetwas zu sagen. Die Maßnahmen, die
sie getroffen hatten, um ihre Familien zu schützen, führten ihm deutlicher
als alles andere vor Augen, dass sie wirklich mit ihm kommen würden und
genau wussten, wie gefährlich es sein würde. Er wollte ihnen sagen, was
ihm das bedeutete, aber es fielen ihm einfach keine Worte ein, die
gewichtig genug waren.
Durch die Stille drang das gedämpfte Geräusch von Mrs Weasleys
Stimme, die vier Stockwerke tiefer schrie.
»Wahrscheinlich hat Ginny ein Stäubchen auf einem dämlichen
Serviettenring übersehen«, sagte Ron. »Ich weiß nicht, weshalb die
Delacours unbedingt zwei Tage vor der Hochzeit kommen müssen.«
»Fleurs Schwester ist Brautjungfer, sie muss zur Probe hier sein, und sie
ist zu jung, um alleine zu kommen«, sagte Hermine, während sie
unentschlossen über Tanz mit einer Todesfee brütete.
»Also, Gäste sind eher ein zusätzlicher Stressfaktor für Mum«, sagte
Ron.
»Eins müssen wir wirklich mal entscheiden«, sagte Hermine, warf
Theorie magischer Verteidigung ohne einen zweiten Blick in den
Papierkorb und hob das Handbuch der europäischen Magierausbildung
auf. »Wo gehen wir hin, wenn wir von hier weggehen? Ich weiß, Harry, du
hast gesagt, dass du zuerst nach Godric's Hollow willst, und ich verstehe,
warum, aber ... nun ja ... sollten wir uns nicht zunächst um die Horkruxe
kümmern?«
»Wenn wir wüssten, wo die Horkruxe sind, dann würd ich dir
zustimmen«, sagte Harry, der nicht glaubte, dass Hermine seinen Wunsch,
nach Godric's Hollow zurückzugehen, wirklich verstand. Die Gräber seiner
Eltern waren nicht alles, was ihn dorthin lockte: Er hatte ein starkes, wenn
auch unerklärliches Gefühl, dass der Ort Antworten für ihn bereithielt.
Vielleicht lag es einfach daran, dass er dort Voldemorts Todesfluch
überlebt hatte; nun, da er sich der Herausforderung stellte, diese Tat zu
wiederholen, zog es Harry an den Ort des Geschehens zurück, um es zu
verstehen.
»Meinst du nicht, dass Voldemort Godric's Hollow möglicherweise
bewachen lässt?«, fragte Hermine. »Er erwartet vielleicht, dass du
zurückkehrst und die Gräber deiner Eltern besuchst, sobald du gehen darfst,
wohin du willst? «
Daran hatte Harry nicht gedacht. Während er sich bemühte, ein
Gegenargument zu finden, meldete sich Ron zu Wort, der offenbar seinen
eigenen Gedanken nachhing.
»Dieser R. A. B.«, sagte er. »Ihr wisst schon, der das echte Medaillon
gestohlen hat?«
Hermine nickte.
»Er meinte in seiner Notiz, dass er es zerstören würde, oder?«
Harry zog seinen Rucksack zu sich heran und nahm den falschen
Horkrux heraus, in dem nach wie vor die zusammengefaltete Notiz von R.
A. B. steckte.
»Ich habe den echten Horkrux gestohlen und ich will ihn zerstören,
sobald ich kann«, las Harry vor.
»Was ist eigentlich, wenn er den Horkrux tatsächlich erledigt hat?«,
sagte Ron.
»Oder sie«, warf Hermine ein.
»Wer auch immer«, sagte Ron, »dann hätten wir einen weniger zu
beseitigen!«
»Ja, aber wir müssen trotzdem versuchen, das echte Medaillon
aufzuspüren, oder?«, sagte Hermine. »Um herauszufinden, ob es zerstört ist
oder nicht.«
»Und wenn man ihn mal hat, wie zerstört man dann eigentlich einen
Horkrux?«, fragte Ron.
»Also«, sagte Hermine, »darüber habe ich schon nachgeforscht.«
»Wie denn?«, fragte Harry. »Ich dachte, es gab keine Bücher über
Horkruxe in der Bibliothek?«
»Gab es auch nicht«, sagte Hermine, die rosa angelaufen war.
»Dumbledore hat sie alle entfernt, aber er – er hat sie nicht zerstört.«
Ron riss die Augen auf und setzte sich kerzengerade hin.
»Wie im Namen von Merlins Unterhose hast du es geschafft, diese
Horkrux-Bücher in die Finger zu bekommen?«
»Es – es war kein Diebstahl!«, sagte sie und sah ein wenig verzweifelt
von Harry zu Ron. »Es waren immer noch Bibliotheksbücher, auch wenn
Dumbledore sie aus den Regalen genommen hatte. Jedenfalls, wenn er
wirklich nicht wollte, dass irgendjemand an sie rankommt, dann hätte er es
bestimmt viel schwerer gemacht, sie zu -«
»Mach's kurz!«, sagte Ron.
»Also ... es war leicht«, sagte Hermine mit schwacher Stimme. »Ich hab
einfach einen Aufrufezauber verwendet. Ihr wisst schon – accio. Und – sie
kamen durch Dumbledores Bürofenster direkt in den Mädchenschlafsaal
geflogen.«
»Aber wann hast du das getan?«, fragte Harry und betrachtete Hermine
bewundernd und ungläubig zugleich.
»Kurz nach seiner – Dumbledores – Beerdigung«, sagte Hermine noch
kleinlauter. » Gleich nachdem wir abgemacht hatten, dass wir die Schule
verlassen und nach den Horkruxen suchen würden. Als ich nach oben
zurückging, um meine Sachen zu holen, da – da kam mir einfach der
Gedanke, dass es gut wäre, wenn wir möglichst viel darüber wüssten ... und
ich war allein dadrin ... also hab ich es versucht ... und es hat geklappt. Sie
flogen geradewegs durch das offene Fenster herein und ich – ich hab sie
eingepackt.«
Sie schluckte und sagte dann flehentlich: »Ich glaube nicht, dass
Dumbledore wütend gewesen wäre, wir verwenden doch das Wissen
schließlich nicht, um einen Horkrux herzustellen, oder?«
»Macht dir hier irgendjemand Vorwürfe?«, sagte Ron. »Wo sind diese
Bücher eigentlich?«
Hermine stöberte kurz herum und zog dann einen großen Band in
ausgeblichenem schwarzem Leder aus dem Stapel. Sie wirkte ein wenig
angeekelt und hielt ihn mit spitzen Fingern wie etwas, das gerade gestorben
war.
»Dieses hier beschreibt ausführlich, wie man einen Horkrux herstellt.
Geheimnisse der dunkelsten Kunst – es ist ein schreckliches Buch, wirklich
furchtbar, voll böser Magie. Ich frage mich, wann Dumbledore es aus der
Bibliothek entfernt hat ... wenn er es erst getan hat, als er Schulleiter war,
dann wette ich, dass Voldemort alle Angaben, die er brauchte, daraus hat.«
»Warum musste er dann Slughorn fragen, wie man einen Horkrux
macht, wenn er das hier schon gelesen hatte?«, fragte Ron.
»Er hat sich nur an Slughorn gewandt, um herauszufinden, was
passieren würde, wenn man seine Seele in sieben Stücke teilt«, sagte Harry.
»Dumbledore war sicher, dass Riddle bereits wusste, wie man einen
Horkrux herstellt, als er Slughorn danach fragte. Ich glaube, du hast Recht,
Hermine, das könnte wirklich das Buch sein, aus dem er sein Wissen hat.«
»Und je mehr ich über sie gelesen habe«, sagte Hermine, »desto
schrecklicher kommen sie mir vor und desto weniger kann ich glauben,
dass er tatsächlich sechs geschaffen hat. In diesem Buch wird warnend
darauf hingewiesen, wie instabil man den Rest seiner Seele macht, wenn
man sie auseinanderreißt, und das schon, wenn man nur einen Horkrux
erzeugt!«
Harry erinnerte sich, dass Dumbledore gesagt hatte, Voldemort sei über
das »gewöhnliche Böse« hinausgegangen.
»Gibt es denn keine Möglichkeit, sich wieder zusammenzubauen?«,
fragte Ron.
»Doch«, sagte Hermine mit einem leeren Lächeln, »aber das wäre
unerträglich schmerzhaft.«
»Warum? Wie macht man es?«, fragte Harry.
»Reue«, sagte Hermine. »Du musst richtig spüren, was du getan hast.
Dazu gibt es eine Fußnote. Offenbar kann einen der Schmerz dabei töten.
Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass Voldemort es versucht, ihr
etwa?«
»Nein«, sagte Ron, ehe Harry antworten konnte. »Und steht in diesem
Buch auch, wie man Horkruxe zerstört?«
»Ja«, sagte Hermine und blätterte nun die brüchigen Seiten um, als
würde sie vermodernde Eingeweide untersuchen, »denn es ermahnt
schwarze Magier ja auch, die Horkruxe mit sehr starken Zauberbannen zu
belegen. Nach allem, was ich gelesen habe, war das, was Harry mit Riddles
Tagebuch gemacht hat, eine der wenigen wirklich narrensicheren
Methoden, einen Horkrux zu zerstören.«
»Was – ihn mit einem Basiliskenzahn durchstechen?«, fragte Harry.
»Oh, schön, wie gut, dass wir so einen großen Vorrat an
Basiliskenzähnen haben«, sagte Ron. »Ich hab mich schon gefragt, was wir
mit denen anfangen sollen.«
»Es muss kein Basiliskenzahn sein«, sagte Hermine geduldig. »Es muss
etwas so Zerstörerisches sein, dass der Horkrux sich nicht selbst reparieren
kann. Für Basiliskengift gibt es nur ein einziges Gegenmittel und das ist
unglaublich selten -«
»- Phönixtränen«, sagte Harry und nickte.
»Ganz genau«, sagte Hermine. »Unser Problem ist, dass es sehr wenige
Substanzen gibt, die so zerstörerisch sind wie Basiliskengift, und es ist
allemal gefährlich, sie mit sich herumzutragen. Aber das ist ein Problem,
das wir lösen müssen, denn wenn man einen Horkrux zerreißt, zertrümmert
oder zerquetscht, bringt das gar nichts. Man muss dafür sorgen, dass er mit
Magie nicht mehr wiederherzustellen ist.«
»Aber selbst wenn wir das Ding vernichten, in dem es lebt«, sagte Ron,
»warum kann das Stück Seele darin nicht einfach verschwinden und in was
anderem leben?«
»Weil ein Horkrux das genaue Gegenteil von einem menschlichen
Wesen ist.«
Hermine sah, dass Harry und Ron völlig verwirrt dreinblickten, und fuhr
rasch fort: »Sieh mal, wenn ich jetzt ein Schwert nehmen würde, Ron, und
dich damit erstechen würde, dann würde das deine Seele überhaupt nicht
beschädigen.«
»Was mir sicher ein großer Trost wäre«, gab Ron zurück.
Harry lachte.
»Das sollte es auch sein, wirklich! Aber was ich eigentlich sagen will,
ist, was auch immer deinem Körper zustößt, deine Seele wird es überleben,
unversehrt«, sagte Hermine. »Aber bei einem Horkrux ist es andersherum.
Das Seelenbruchstück darin ist auf seinen Behälter angewiesen, auf seinen
verzauberten Körper, um zu überleben. Es kann nicht ohne ihn existieren.«
»Dieses Tagebuch ist sozusagen gestorben, als ich es durchbohrt habe«,
sagte Harry, und er erinnerte sich daran, dass Tinte aus den durchstochenen
Seiten herausgeströmt war wie Blut und dass das Bruchstück von
Voldemorts Seele geschrien hatte, während es verendete.
»Und sobald das Tagebuch richtig zerstört war, konnte das Stück Seele,
das darin gefangen war, nicht mehr existieren. Ginny hat schon vor dir
versucht, das Tagebuch loszuwerden, sie hat es ins Klo gespült, aber
natürlich kam es wie neu zurück.«
»Warte mal«, sagte Ron stirnrunzelnd. »Das Stück Seele in diesem
Tagebuch hat von Ginny Besitz ergriffen, oder? Wie funktioniert das
denn?«
»Solange der magische Behälter noch intakt ist, kann das Stück Seele
darin in jemanden rein- und wieder rausschlüpfen, wenn er dem
Gegenstand zu nahe kommt. Ich meine damit nicht, wenn er ihn zu lange in
der Hand hält, mit Berührung hat das nichts zu tun«, fügte sie hinzu, ehe
Ron etwas sagen konnte. »Ich meine emotionale Nähe. Ginny hat diesem
Tagebuch ihr Herz ausgeschüttet, sie hat sich unglaublich angreifbar
gemacht. Wenn du von einem Horkrux abhängig bist oder ihn zu sehr
magst, hast du ein Problem.«
»Wie Dumbledore wohl den Ring zerstört hat?«, sagte Harry. »Warum
hab ich ihn nicht danach gefragt? Ich hab nie wirklich ...«
Seine Stimme verlor sich: Er dachte an all die Dinge, die er Dumbledore
hätte fragen sollen, und daran, dass es ihm seit dem Tod des Schulleiters
vorkam, als hätte er so viele Gelegenheiten versäumt, zu Dumbledores
Lebzeiten mehr herauszufinden ... alles herauszufinden ...
Die Stille wurde jäh zerrissen, als die Schlafzimmertür mit einem
Schlag aufflog, der die Wände zum Wackeln brachte. Hermine ließ
kreischend die Geheimnisse der dunkelsten Kunst fallen; Krummbein flitzte
unters Bett und fauchte empört; Ron sprang vom Bett hoch, rutschte auf
einem weggeworfenen Schokofroschpapier aus und schlug mit dem Kopf
an die Wand gegenüber, und Harry hechtete instinktiv nach seinem
Zauberstab, ehe ihm bewusst wurde, dass er zu Mrs Weasley aufblickte,
einer zerzausten Mrs Weasley mit wutverzerrtem Gesicht.
»Es tut mir ja so leid, dieses gemütliche, nette Beisammensein zu
unterbrechen«, sagte sie und ihre Stimme zitterte. »Ich bin sicher, ihr alle
braucht mal eine Ruhepause ... aber in meinem Zimmer stapeln sich
Hochzeitsgeschenke, um die sich jemand kümmern muss, und ich dachte
eigentlich, dass ihr helfen wolltet.«
»Oh, ja«, sagte Hermine erschrocken und sprang so heftig auf, dass
Bücher in alle Richtungen flogen, »das machen wir ... tut uns leid ...«
Mit einem gequälten Blick zu Harry und Ron eilte Hermine Mrs
Weasley hinterher aus dem Zimmer.
»Das ist, als wäre man ein Hauself«, klagte Ron mit gedämpfter
Stimme; er rieb sich immer noch den Kopf, während er und Harry ihnen
folgten. »Nur die Jobzufriedenheit fehlt. Je eher die Hochzeit vorbei ist,
desto glücklicher bin ich.«
»Jaah«, sagte Harry, »dann haben wir nichts mehr zu tun, außer
Horkruxe zu finden ... das ist dann sicher wie Ferien, oder?«
Ron fing an zu lachen, doch beim Anblick des gewaltigen Berges von
Hochzeitsgeschenken, der sie in Mrs Weasleys Zimmer erwartete, hörte er
schlagartig auf.
Die Delacours kamen am nächsten Morgen um elf Uhr an. Harry, Ron,
Hermine und Ginny hegten inzwischen schon einigen Groll auf Fleurs
Familie, und nur widerwillig stampfte Ron noch einmal nach oben, um
zwei gleiche Socken anzuziehen, während Harry sich missgelaunt bemühte,
sein Haar zu glätten. Sobald sie alle für schick genug befunden worden
waren, marschierten sie hinaus auf den sonnigen Hinterhof, um die
Besucher zu empfangen.
Harry hatte diesen Ort noch nie so ordentlich erlebt. Die rostigen Kessel
und alten Gummistiefel, die sonst immer auf der Treppe zur Hintertür
herumlagen, waren verschwunden, stattdessen standen zwei neue
Zitterginsterbüsche in großen Töpfen zu beiden Seiten der Tür; obwohl
kein Wind wehte, wogten ihre Blätter träge, was den schönen Eindruck von
plätschernden Wellen vermittelte. Die Hühner waren weggesperrt worden,
der Hof war gefegt und der nahe Garten beschnitten, gejätet und von Grund
auf herausgeputzt worden, obwohl Harry, der ihn in seinem überwucherten
Zustand mochte, fand, dass er eher einsam aussah ohne die dazugehörende
Truppe herumtollender Gnomen.
Er hatte inzwischen den Überblick verloren, wie viele Sicherheitszauber
vom Orden und vom Ministerium über den Fuchsbau gelegt worden waren;
er wusste nur, dass es niemandem mehr möglich war, mit magischen
Mitteln direkt hineinzugelangen. Mr Weasley war deshalb auf einen nahen
Hügel gegangen, um die Delacours zu empfangen, die mit einem
Portschlüssel dort ankommen sollten. Als sie sich dem Haus näherten, war
als Erstes ein ungewöhnlich schrilles Lachen von Mr Weasley zu hören, der
kurz darauf mit Gepäck beladen am Tor erschien, an seiner Seite eine
hübsche blonde Frau in einem langen blattgrünen Umhang, die nur Fleurs
Mutter sein konnte.
»Maman!«, rief Fleur, stürmte los und umarmte sie. »Papa!«
Monsieur Delacour war bei weitem nicht so attraktiv wie seine Frau; er
war einen Kopf kleiner und äußerst korpulent und trug einen kleinen
schwarzen Spitzbart. Doch er sah liebenswürdig aus. Auf hochhackigen
Stiefeln hüpfte er Mrs Weasley entgegen und küsste sie zweimal auf jede
Wange, was sie verwirrte.
»Sie 'aben sisch so viele Umstände gemacht«, sagte er mit tiefer
Stimme. »Fleur meint, sie 'aben sehr 'art gearbeitet. «
»Oh, nicht der Rede wert, wirklich nicht!«, trällerte Mrs Weasley. »Gar
keine Umstände!«
Ron machte seinen Gefühlen Luft, indem er nach einem Gnomen trat,
der hinter einem der neuen Zitterginsterbüsche hervorlugte.
»Werte Dame!«, sagte Monsieur Delacour, der immer noch Mrs
Weasleys Hand mit seinen beiden dicken Händen umschlossen hielt und
strahlte. »Wir fühlen uns 'öchst geehrt dursch die baldige Vereinigung
unserer beiden Familien! Darf isch Ihnen meine Frau vorstellen, Apolline.«
Madame Delacour schwebte herbei und beugte sich vor, um Mrs
Weasley ebenfalls zu küssen.
»Enchantée«, sagte sie. »Ihr Gatte 'at uns so amüsante Geschischten
ersählt!«
Mr Weasley gab ein überdrehtes Lachen von sich; Mrs Weasley warf
ihm einen Blick zu, bei dem er sofort verstummte und eine Miene aufsetzte,
die am Krankenlager eines engen Freundes angemessen gewesen wäre.
»Und, natürlisch, Sie kennen schon meine kleine Tochter, Gabrielle!«,
sagte Monsieur Delacour. Gabrielle war Fleur im Kleinformat, elf Jahre alt,
mit hüftlangen Haaren von reinstem Silberblond. Sie schenkte Mrs
Weasley ein strahlendes Lächeln und umarmte sie, dann warf sie Harry
einen glühenden Blick zu und klimperte mit ihren Wimpern. Ginny
räusperte sich vernehmlich.
»Na, dann kommen Sie doch herein!«, sagte Mrs Weasley munter und
geleitete die Delacours mit vielen Nein-bittes und Nach-Ihnens und Gern-
geschehens ins Haus.
Die Delacours waren, wie sich bald herausstellte, hilfsbereite und
angenehme Gäste. Sie freuten sich über alles und waren erpicht darauf, bei
den Hochzeitsvorbereitungen zur Hand zu gehen. Monsieur Delacour
bezeichnete alles von der Tischordnung bis zu den Schuhen der
Brautjungfern als »charmant!«, Madame Delacour war in
Haushaltszaubern äußerst bewandert und bekam den Ofen im Nu
einwandfrei sauber; Gabrielle lief ihrer älteren Schwester überall hinterher,
versuchte zu helfen, wo sie konnte, und plapperte in schnellem Französisch
vor sich hin.
Die Kehrseite war, dass der Fuchsbau nicht dafür angelegt war, so viele
Leute zu beherbergen. Mr und Mrs Weasley schliefen jetzt im
Wohnzimmer, nachdem sie Monsieur und Madame Delacours Proteste
lautstark niedergerungen und darauf bestanden hatten, dass sie ihr
Schlafzimmer nahmen. Gabrielle schlief zusammen mit Fleur in Percys
altem Zimmer, und Bill würde sich seines mit Charlie, seinem Trauzeugen,
teilen, sobald dieser aus Rumänien kam. Es gab praktisch keine
Gelegenheiten mehr, gemeinsam Pläne zu schmieden, und so nahmen es
Harry, Ron und Hermine aus reiner Verzweiflung auf sich, freiwillig die
Hühner zu füttern, nur um dem überfüllten Haus zu entkommen.
»Und sie lässt uns immer noch nicht in Ruhe!«, knurrte Ron, als ihr
zweiter Versuch eines Treffens im Hof vereitelt wurde, weil Mrs Weasley
mit einem großen Wäschekorb in den Armen auftauchte.
» Oh, gut, ihr habt die Hühner gefüttert«, rief sie, während sie näher
kam. »Wir sperren sie besser wieder weg, ehe die Männer morgen kommen
... um das Zelt für die Hochzeit aufzubauen«, erklärte sie und lehnte sich zu
einer kurzen Verschnaufpause an den Hühnerstall. Sie wirkte erschöpft.
»Millamants Magische Markisen ... die sind sehr gut... Bill begleitet sie ...
ihr bleibt besser drin, während sie hier sind, Harry. Ich muss sagen, es ist
schon komplizierter, eine Hochzeit zu organisieren, wenn man diese
ganzen Sicherheitszauber rund ums Haus hat.«
»Tut mir leid«, sagte Harry kleinlaut.
»Oh, sei nicht albern, Schatz«, sagte Mrs Weasley sofort. »Ich meinte
nicht – also, deine Sicherheit ist viel wichtiger! Eigentlich will ich dich
schon die ganze Zeit fragen, wie du deinen Geburtstag feiern möchtest,
Harry. Siebzehn, schließlich ist das ein wichtiger Tag ... «
»Ich will keinen Wirbel«, sagte Harry rasch und dachte dabei an die
zusätzliche Belastung für sie alle. »Wirklich, Mrs Weasley, nur ein ganz
gewöhnliches Abendessen, das wär schön ... Es ist der Tag vor der
Hochzeit ...«
»Oh, na gut, wenn du sicher bist, mein Lieber. Ich lade Remus und
Tonks ein, soll ich? Und wie wär's mit Hagrid?«
»Das wär großartig«, sagte Harry. »Aber machen Sie sich bitte keine
großen Umstände.«
»Gar nicht, gar nicht ... das sind doch keine Umstände ...«
Sie sah ihn mit einem langen, forschenden Blick an, dann lächelte sie
ein wenig traurig, richtete sich auf und ging davon. Harry schaute zu, wie
sie an der Wäscheleine ihren Zauberstab schwang, worauf die feuchten
Wäschestücke in die Luft stiegen und sich selbst aufhängten, und plötzlich
überkam ihn eine Flut von Gewissensbissen wegen der
Unannehmlichkeiten und des Kummers, den er ihr bereitete.
Das Testament von Albus Dumbledore
Er ging im kühlen blauen Licht der Morgendämmerung eine
Gebirgsstraße entlang. Tief unten lagen in Nebel gehüllt die dunklen
Umrisse eines kleinen Dorfes. War der Mann, den er suchte, dort unten?
Der Mann, den er so dringend brauchte, dass er kaum an etwas anderes
denken konnte, der Mann, der die Lösung bereithielt, die Lösung für sein
Problem ...
»Hey, wach auf.«
Harry öffnete die Augen. Er lag wieder auf dem vertrauten Feldbett in
Rons schlichtem Zimmer unter dem Dach. Die Sonne war noch nicht
aufgegangen und der Raum noch düster. Pigwidgeon schlief mit dem Kopf
unter seinem kleinen Flügel. Die Narbe auf Harrys Stirn kribbelte.
»Du hast im Schlaf gemurmelt.«
»Wirklich?«
»Jaah. >Gregorowitsch.< Du hast dauernd >Gregorowitsch< gesagt.«
Harry hatte seine Brille nicht auf; Rons Gesicht sah leicht
verschwommen aus.
»Wer ist Gregorowitsch?«
»Ich weiß nicht, woher auch? Du hast es doch gesagt.«
Harry rieb sich nachdenklich die Stirn. Er hatte das vage Gefühl, den
Namen schon einmal gehört zu haben, aber er wusste nicht mehr wo.
»Ich glaube, Voldemort ist auf der Suche nach ihm.«
»Armer Kerl«, sagte Ron mitleidig.
Harry setzte sich auf, inzwischen hellwach, und rieb sich weiter seine
Narbe. Er versuchte sich genau in Erinnerung zu rufen, was er im Traum
gesehen hatte, doch alles, was ihm wieder einfiel, war eine Bergkette am
Horizont und die Silhouette des kleinen Dorfes, das in ein tiefes Tal
gebettet war.
»Ich glaube, er ist im Ausland.«
»Wer, Gregorowitsch?«
»Voldemort. Ich glaube, er ist irgendwo im Ausland, auf der Suche nach
Gregorowitsch. Es sah nicht so aus, als ob es irgendwo in Großbritannien
wäre.«
»Meinst du, dass du wieder in seinen Kopf geschaut hast?« Ron klang
besorgt.
»Tu mir einen Gefallen und erzähl Hermine nichts davon«, sagte Harry.
» Obwohl, erwartet sie denn, dass ich verhindern kann, Dinge im Schlaf zu
sehen ...?«
Er starrte hoch zum Käfig des kleinen Pigwidgeon und dachte nach ...
Warum kam ihm der Name »Gregorowitsch« bekannt vor?
»Ich glaube«, sagte er langsam, »er hat was mit Quidditch zu tun. Da
gibt es irgendeine Verbindung, aber mir – mir fällt nicht ein, welche.«
»Quidditch?«, sagte Ron. »Bist du sicher, dass du nicht Gorgowitsch
meinst?«
»Wen?«
»Dragomir Gorgowitsch, Jäger, vor zwei Jahren für eine
Rekordablösesumme zu den Chudley Cannons gewechselt. Hält den
Rekord für die meisten Quaffelfehlschüsse in einer Saison.«
»Nein«, sagte Harry. »Ich denke ganz bestimmt nicht an Gorgowitsch.«
»Das versuche ich auch«, sagte Ron. »Na ja, alles Gute zum Geburtstag
übrigens.«
»Hey – stimmt, hab ich ganz vergessen! Ich bin siebzehn!«
Harry nahm den Zauberstab, der neben seinem Feldbett lag, richtete ihn
auf den überladenen Schreibtisch, wo er seine Brille abgelegt hatte, und
sagte: »Accio Brille!« Obwohl sie kaum einen halben Meter entfernt war,
empfand er es als höchst befriedigend, zu sehen, wie sie auf ihn zugeflogen
kam, zumindest bis sie ihm ins Auge stach.
»Raffiniert«, prustete Ron.
Harry kostete es von Herzen aus, dass er die Spur los war, und ließ Rons
Sachen durchs Zimmer fliegen, womit er Pigwidgeon weckte, der aufgeregt
in seinem Käfig umherflatterte. Er versuchte auch die Schnürsenkel seiner
Turnschuhe mit Magie zuzubinden (es dauerte Minuten, bis er den dadurch
entstandenen Knoten wieder von Hand gelöst hatte) und verwandelte nur so
zum Spaß die orangeroten Umhänge der Chudley Cannons auf Rons
Postern in hellblaue.
»Den Hosenschlitz würd ich mir aber von Hand zumachen«, riet ihm
Ron und kicherte los, als Harry sofort hinsah. »Hier ist dein Geschenk.
Pack es hier oben aus, das ist nichts für meine Mutter.«
»Ein Buch?«, fragte Harry, als er das rechteckige Päckchen
entgegennahm. »Mal ganz was anderes, oder?«
»Das ist nicht irgendein Buch«, sagte Ron. »Es ist reines Gold wert:
Zwölf narrensichere Methoden, Hexen zu bezaubern. Erklärt alles, was du
über Mädchen wissen musst. Wenn ich das nur schon letztes Jahr gehabt
hätte, dann hätte ich genau gewusst, wie ich Lavender loswerde, und ich
hätte auch gewusst, wie ich die Sache mit... also, Fred und George haben
mir eins geschenkt und ich hab eine Menge daraus gelernt. Lass dich
überraschen, es geht auch nicht nur um Arbeit mit dem Zauberstab.«
Als sie in die Küche kamen, lag schon ein Stapel Geschenke auf dem
Tisch. Bill und Monsieur Delacour waren gerade mit dem Frühstück fertig,
und Mrs Weasley stand an der Bratpfanne und plauderte mit ihnen.
»Ich soll dir von Arthur alles Gute zu deinem Siebzehnten wünschen,
Harry«, sagte Mrs Weasley und sah ihn strahlend an. »Er musste früh raus
zur Arbeit, aber zum Abendessen ist er wieder da. Das oberste ist unser
Geschenk.«
Harry setzte sich, nahm das quadratische Päckchen, auf das sie gedeutet
hatte, und packte es aus. Es war eine Uhr darin, die fast genauso aussah wie
die, die Mr und Mrs "Weasley Ron zum siebzehnten Geburtstag geschenkt
hatten; sie war golden und hatte statt Zeigern Sterne, die sich um das
Zifferblatt drehten.
»Es hat Tradition, dass man einem Zauberer eine Uhr schenkt, wenn er
volljährig wird«, sagte Mrs Weasley und beobachtete ihn gespannt von
ihrem Platz am Herd aus. »Die hier ist leider nicht neu wie die von Ron, sie
gehörte eigentlich meinem Bruder Fabian, und er ging nicht besonders
pfleglich mit seinen Sachen um, auf der Rückseite hat sie ein paar Macken,
aber -«
Der Rest ihrer Worte war nicht mehr zu hören; Harry war
aufgesprungen und hatte sie in die Arme geschlossen. Er versuchte eine
Menge nie ausgesprochener Dinge in die Umarmung zu legen, und
vielleicht verstand sie es, denn als er sie losließ, tätschelte sie ihm
unbeholfen die Wange und fuchtelte dann etwas ziellos mit dem Zauberstab
herum, worauf eine halbe Packung Schinkenspeck aus der Pfanne sprang
und auf den Boden klatschte.
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Harry!«, sagte Hermine, als
sie in die Küche stürmte und ihr Geschenk oben auf den Stapel legte. »Es
ist nur eine Kleinigkeit, aber ich hoffe, es gefällt dir. Was hat er von dir
bekommen?«, fügte sie an Ron gewandt hinzu, der sie nicht zu hören
schien.
»Na komm schon, mach das von Hermine auf!«, sagte Ron.
Sie hatte ihm ein neues Spickoskop gekauft. Die anderen Päckchen
enthielten einen magischen Rasierapparat von Bill und Fleur (»Mais oui,
der macht Ihnen die sauberste Rasur, die Sie über'aupt bekommen können«,
versicherte ihm Monsieur Delacour, »aber Sie müssen ihm deutlisch sagen,
was Sie wollen ... sonst kann es passieren, dass Sie am Ende ein bieschen
weniger 'aare 'aben, als Ihnen lieb ist ...«), Pralinen von den Delacours und
eine riesige Schachtel mit der neuesten Ware aus Weasleys Zauberhafte
Zauberscherze von Fred und George.
Harry, Ron und Hermine blieben nicht lange am Tisch, denn als
Madame Delacour, Fleur und Gabrielle erschienen, wurde es in der Küche
ungemütlich voll.
»Ich pack die Sachen für dich ein«, sagte Hermine munter, während die
drei wieder nach oben gingen, und nahm Harry die Geschenke aus den
Armen. »Ich bin fast fertig, ich wart nur noch, bis deine restlichen Hosen
aus der Wäsche kommen, Ron -«
Ron begann zu stottern, wurde jedoch jäh unterbrochen, als im ersten
Stock eine Tür aufging.
»Harry, kommst du bitte mal kurz rein?«
Es war Ginny. Ron blieb abrupt stehen, aber Hermine packte ihn am
Ellbogen und zog ihn weiter die Treppe hinauf. Nervös folgte Harry Ginny
in ihr Zimmer.
Er war noch nie hier drin gewesen. Es war klein, aber hell. Ein großes
Poster der magischen Musikband Schicksalsschwestern hing an der einen
Wand, an der anderen ein Bild von Gwenog Jones, Kapitänin der Holyhead
Harpies, des Quidditch-Teams, in dem ausschließlich Hexen spielten. Ein
Schreibtisch stand vor dem offenen Fenster, das nach dem Obstgarten ging,
wo er und Ginny einst mit Ron und Hermine zwei gegen zwei Quidditch
gespielt hatten und wo nun ein großes, perlweißes Zelt stand. Die goldene
Fahne an seiner Spitze war auf gleicher Höhe mit Ginnys Fenster.
Ginny blickte zu Harrys Gesicht auf, holte tief Luft und sagte: »Alles
Gute zum siebzehnten Geburtstag.«
»Jaah ... danke.«
Sie sah ihn unverwandt an; ihm jedoch fiel es schwer, ihren Blick zu
erwidern; es war, als ob er in ein strahlendes Licht sehen würde.
»Hübsche Aussicht«, sagte er matt und wies zum Fenster.
Sie ging nicht darauf ein. Er konnte es ihr nicht verdenken.
»Ich wusste nicht, was ich dir schenken soll«, sagte sie.
»Du musst mir nichts schenken.«
Sie überging auch das.
»Ich wusste nicht, was du brauchen könntest. Nichts allzu Großes, weil
du das nicht mitnehmen kannst.«
Er wagte einen Blick zu ihr hin. Sie hatte keine Tränen in den Augen;
das war einer der vielen wunderbaren Züge an Ginny, sie war selten
weinerlich. Er hatte manchmal überlegt, dass ihre sechs Brüder sie wohl
abgehärtet hatten.
Sie machte einen Schritt auf ihn zu.
»Deshalb hab ich mir dann gedacht, dass ich dir gerne was geben würde,
das dich an mich erinnert, weißt du, falls du vielleicht eine von diesen
Veela triffst, wenn du weg bist und machst, was auch immer du machst.«
»Ich glaub ehrlich gesagt, zu irgendwelchen Verabredungen wird es
unterwegs wohl kaum Gelegenheit geben.«
»Das ist der Silberstreif, auf den ich gehofft habe«, flüsterte sie, und
dann küsste sie ihn, wie sie ihn nie zuvor geküsst hatte, und Harry
erwiderte ihren Kuss, und es war glückseliges Versinken, besser als
Feuerwhisky; sie war das einzig Wirkliche auf der Welt, Ginny, wie er sie
jetzt spürte, die eine Hand auf ihrem Rücken und die andere in ihrem
langen, süß duftenden Haar -
Hinter ihnen knallte die Tür auf und sie schreckten auseinander.
»Oh«, sagte Ron spitz. »Verzeihung.«
»Ron!« Hermine stand direkt hinter ihm, leicht außer Atem. Ein
unnatürliches Schweigen trat ein, bis Ginny mit dünner, leiser Stimme
sagte: »Dann mal alles Gute, Harry.«
Ron hatte puterrote Ohren; Hermine wirkte nervös. Harry hätte ihnen
am liebsten die Tür vor der Nase zugeknallt, aber es war, als ob ein kalter
Luftzug ins Zimmer gefegt wäre, als die Tür aufging, und als ob sein
strahlender Augenblick geplatzt wäre wie eine Seifenblase. Alle Gründe,
warum er seine Beziehung mit Ginny beendet hatte, warum er einigen
Abstand von ihr hielt, schienen sich mit Ron in ihr Zimmer geschlichen zu
haben, und das ganze glückliche Vergessen hatte ein Ende.
Er sah Ginny an, wollte etwas sagen, obwohl er nicht recht wusste, was,
doch sie hatte ihm den Rücken zugewandt. Vielleicht hatte sie dieses eine
Mal doch den Tränen nachgegeben. In Rons Gegenwart konnte er nichts
tun, um sie zu trösten.
»Wir sehen uns später«, sagte er und folgte den beiden anderen aus dem
Zimmer.
Ron marschierte nach unten, durch die immer noch übervölkerte Küche
hinaus auf den Hof, Harry hielt die ganze Zeit mit ihm Schritt, und
Hermine trottete ihnen mit ängstlichem Gesicht hinterher.
Sobald Ron etwas abseits auf dem frisch gemähten Rasen war, fiel er
auch schon über Harry her.
»Du hast mit ihr Schluss gemacht. Was tust du da gerade, spielst du ein
bisschen mit ihr?«
»Ich spiel nicht mit ihr«, sagte Harry, in dem Moment als Hermine
dazukam.
»Ron -«
Aber Ron hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen.
»Sie war wirklich total fertig, als du die Sache beendet hast -«
»Ich auch. Du weißt, warum ich sie beendet habe, es war nicht, weil ich
es wollte.«
»Jaah, aber jetzt gehst du hin und knutschst mit ihr rum, und sie macht
sich nur wieder Hoffnungen -«
»Sie ist nicht dumm, sie weiß doch, dass es nicht geht, sie rechnet nicht
damit, dass wir – irgendwann heiraten oder -«
Noch während Harry das sagte, tauchte ein lebhaftes Bild vor ihm auf,
von Ginny in einem weißen Kleid, die einen großen, gesichtslosen und
unsympathischen fremden Mann heiratete. Die Erkenntnis traf ihn wie ein
Schwindel erregender Schlag: Ihre Zukunft war frei und unbelastet,
während seine eigene ... Auf dem Weg, der vor ihm lag, konnte er nur
Voldemort sehen.
»Wenn du weiter bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, an ihr
rumfummelst – «
»Das kommt nicht noch mal vor«, sagte Harry schroff. Es war ein
wolkenloser Tag, aber ihm war, als ob die Sonne sich versteckt hätte.
»Okay?«
Ron blickte halb zornig, halb verlegen drein; er wippte kurz auf seinen
Füßen vor und zurück, dann sagte er: »Also dann, in Ordnung, das ist –
jaah.«
Ginny suchte an diesem Tag kein weiteres Treffen mit Harry, und sie
verriet weder durch Blicke noch durch Gesten, dass in ihrem Zimmer mehr
zwischen ihnen vorgefallen war als eine höfliche Unterhaltung. Trotzdem
war Harry erleichtert, als Charlie ankam. Es lenkte ihn ab, Mrs Weasley
dabei zuzusehen, wie sie Charlie nötigte, auf einem Stuhl Platz zu nehmen,
drohend ihren Zauberstab erhob und verkündete, dass sie ihm auf der Stelle
einen ordentlichen Haarschnitt verpassen würde.
Weil das abendliche Geburtstagsessen für Harry die Küche des
Fuchsbaus gesprengt hätte, bereits ohne Charlie, Lupin, Tonks und Hagrid,
die noch gar nicht angekommen waren, wurden im Garten mehrere Tische
nebeneinander aufgestellt. Fred und George verzauberten einige lila
Laternen, auf denen groß die Zahl »17« prangte, so dass sie frei über den
Gästen schwebten. Mrs Weasleys Fürsorge war es zu verdanken, dass
Georges Wunde gepflegt und sauber war, allerdings hatte Harry sich noch
nicht an das dunkle Loch seitlich an seinem Kopf gewöhnt, auch wenn die
Zwillinge viele Witze darüber rissen.
Hermine ließ violette und goldene Papierschlangen. aus ihrem
Zauberstab hervorschießen, die sich kunstvoll über Bäume und Büsche
drapierten.
»Hübsch«, sagte Ron, als Hermine mit einem letzten Schwung ihres
Zauberstabs die Blätter des Holzapfelbaums golden färbte. »Du hast
wirklich ein Händchen für solche Sachen.«
»Danke, Ron!«, sagte Hermine, offensichtlich erfreut und zugleich ein
wenig verwirrt. Harry wandte sich mit einem verstohlenen Lächeln ab. Er
hatte das komische Gefühl, dass er ein Kapitel über Komplimente finden
würde, wenn er einmal dazu kam, sein Exemplar von Zwölf narrensichere
Methoden, Hexen zu bezaubern durchzublättern; Ginnys Blick traf ihn, und
er grinste ihr zu, bis ihm sein Versprechen Ron gegenüber einfiel und er
hastig ein Gespräch mit Monsieur Delacour begann.
»Aus dem Weg, aus dem Weg!«, flötete Mrs Weasley, während sie mit
etwas, das wie ein riesiger, wasserballgroßer Schnatz aussah und vor ihr
herschwebte, durch das Tor kam. Es dauerte einige Sekunden, bis Harry
begriff, dass es seine Geburtstagstorte war, die Mrs Weasley mit ihrem
Zauberstab in der Luft hielt, weil sie es nicht riskieren wollte, sie über den
unebenen Boden zu tragen. Als die Torte schließlich mitten auf dem Tisch
landete, sagte Harry: »Die sieht ja wunderbar aus, Mrs Weasley.«
»Oh, nur eine Kleinigkeit, Schatz«, sagte sie liebevoll. Hinter ihrer
Schulter hielt Ron den Daumen für Harry nach oben und formte mit den
Lippen die Worte: Gut gemacht.
Gegen sieben Uhr waren alle Gäste da, Fred und George hatten sie am
Ende der Zufahrt abgeholt und ins Haus geführt. Hagrid hatte sich zur Feier
des Tages in seinen besten, fürchterlichen Anzug aus braunem Fellhaar
geworfen. Lupin lächelte zwar, als er Harry die Hand schüttelte, kam Harry
aber recht unglücklich vor. Das war äußerst merkwürdig; Tonks neben ihm
sah einfach glänzend aus.
»Alles Gute zum Geburtstag, Harry«, sagte sie und schloss ihn fest in
die Arme.
»Siebzehn, ey!«, sagte Hagrid und ließ sich von Fred ein eimergroßes
Glas Wein reichen. »Vor haargenau sechs Jahr'n ham wir uns zum ersten
Mal getroffen, Harry, erinnerst du dich noch?«
»Verschwommen«, sagte Harry und grinste zu ihm hoch. »Hast du nicht
die Haustür eingeschlagen, Dudley ein Schweineschwänzchen verpasst und
mir gesagt, dass ich ein Zauberer bin? «
»Die Einzelheit'n hab ich vergessen«, gluckste Hagrid. »Wie geht's
euch, Ron, Hermine?«
»Uns geht's gut«, sagte Hermine. »Und dir?«
Ȁh, nich schlecht. Hatte viel Arbeit, wir ham 'n paar neugeborene
Einhörner, die zeig ich euch, wenn ihr zurückkommt -« Harry mied Rons
und Hermines Blicke, während Hagrid in seiner Tasche wühlte. »Hier,
Harry – wusst einfach nich, was ich dir schenken soll, aber dann is' mir das
eingefallen.« Er zog einen kleinen, etwas pelzigen Beutel an einer langen
Kordel heraus, der offensichtlich um den Hals zu tragen war. »Eselsfell.
Versteck irgendwas dadrin und keiner außer'm Besitzer kriegt es wieder
raus. Sind selten, die Dinger.«
»Danke, Hagrid!«
»Nich der Rede wert«, sagte Hagrid mit einem Schlenker seiner
mülleimerdeckelgroßen Hand. »Da is' ja Charlie! Hab ich immer gemocht –
hey! Charlie!«
Charlie kam näher und strich sich dabei mit der Hand ein bisschen
wehmütig über seine neue, gnadenlos kurze Frisur. Er war kleiner als Ron,
stämmig und hatte etliche Brandnarben und Kratzer an seinen muskulösen
Armen.
»Hi, Hagrid, wie steht's?«
»Will dir schon seit 'ner Ewigkeit schreiben. Wie geht's Norbert?«
»Norbert?« Charlie lachte. »Dem Norwegischen Stachelbuckel? Wir
nennen sie jetzt Norberta.«
»Was – Norbert ist ein Mädchen?«
»O jaah«, sagte Charlie.
»Woher weißt du das?«, fragte Hermine.
»Die sind viel bissiger«, sagte Charlie. Er blickte über seine Schulter
und senkte die Stimme. »Wär schön, wenn Dad sich beeilen und endlich
kommen würde. Mum wird langsam nervös.«
Alle sahen zu Mrs Weasley hinüber. Sie versuchte ein Gespräch mit
Madame Delacour zu führen und warf dabei immer wieder kurze Blicke
zum Tor.
»Ich glaube, wir fangen am besten ohne Arthur an«, rief sie nach einer
Weile in die Gartenrunde. »Er ist sicher aufgehalten worden im – oh!«
Sie sahen es alle gleichzeitig: Ein Lichtstrahl kam mitten durch den Hof
bis zum Tisch geflogen, wo er die Gestalt eines leuchtend silbernen
Wiesels annahm, das auf den Hinterbeinen stand und mit Mr Weasleys
Stimme sprach.
»Zaubereiminister begleitet mich.«
Der Patronus löste sich in nichts auf, und Fleurs Familie starrte verdutzt
auf die Stelle, wo er verschwunden war.
»Wir gehen dann mal besser«, sagte Lupin sofort. »Harry -tut mir leid –
ich erklär's dir ein andermal -«
Er packte Tonks am Handgelenk und zog sie fort; sie gingen bis zum
Zaun, kletterten darüber und verschwanden. Mrs Weasley sah verwirrt aus.
»Der Minister – aber warum -? Ich verstehe nicht -«
Doch es blieb keine Zeit, diese Frage zu erörtern; eine Sekunde später
war Mr Weasley aus dem Nichts am Tor erschienen, in Begleitung von
Rufus Scrimgeour, den man gleich an seiner grauen Haarmähne erkennen
konnte.
Die beiden Neuankömmlinge gingen mit zügigen Schritten über den
Hof auf den Garten und den laternenbeleuchteten Tisch zu, wo die ganze
Gesellschaft schweigend dasaß und beobachtete, wie sie näher kamen. Als
Scrimgeour ins Licht der Laternen trat, bemerkte Harry, dass er viel älter
aussah als bei ihrer letzten Begegnung, hager und grimmig.
»Verzeihen Sie, dass ich störe«, sagte Scrimgeour, indem er humpelnd
an den Tisch trat und davor stehen blieb. »Besonders, da ich sehe, dass ich
hier ungeladen in eine Festlichkeit hineinplatze.«
Seine Augen verharrten für einen Moment auf der riesigen Schnatztorte.
»Herzlichen Glückwunsch.«
»Danke«, sagte Harry.
»Ich muss Sie um eine persönliche Unterredung bitten«, fuhr
Scrimgeour fort. »Ebenso Mr Ronald Weasley und Miss Hermine
Granger.«
»Uns?«, sagte Ron, offenbar überrascht. »Warum uns?«
»Das werde ich Ihnen mitteilen, wenn wir uns irgendwohin
zurückgezogen haben«, erwiderte Scrimgeour. »Gibt es hier einen
entsprechenden Ort?«, fragte er, an Mr Weasley gewandt.
»Ja, natürlich«, sagte Mr Weasley, der nervös wirkte. »Das, ähm,
Wohnzimmer, warum nehmen Sie nicht das?«
»Wenn Sie vorausgehen würden«, sagte Scrimgeour zu Ron. »Es ist
nicht nötig, dass Sie uns begleiten, Arthur.«
Harry bemerkte, wie Mr Weasley einen besorgten Blick mit seiner Frau
wechselte, während Harry, Ron und Hermine aufstanden. Als sie
schweigend in Richtung Haus vorangingen, war Harry sicher, dass die
anderen beiden das Gleiche dachten wie er: Scrimgeour musste irgendwie
erfahren haben, dass sie alle drei vorhatten, Hogwarts abzubrechen.
Scrimgeour sagte kein Wort, während sie durch die unordentliche
Küche ins Wohnzimmer des Fuchsbaus gingen. Obwohl der Garten noch in
weichem goldenem Abendlicht lag, war es hier drin schon dunkel: Als er
eintrat, schnippte Harry mit seinem Zauberstab zu den Öllampen hin, und
sie erhellten den schäbigen, aber behaglichen Raum. Scrimgeour ließ sich
in dem ausgeleierten Sessel nieder, in dem sonst Mr Weasley saß, so dass
Harry, Ron und Hermine sich Schulter an Schulter auf das Sofa quetschen
mussten. Sie hatten kaum Platz genommen, als Scrimgeour das Wort
ergriff.
»Ich habe einige Fragen an Sie drei, und ich denke, es wird das Beste
sein, wenn wir das jeweils unter vier Augen erledigen. Würden Sie beide«,
er wies auf Harry und Hermine, »bitte oben warten, ich möchte mit Ronald
anfangen.«
»Wir gehen nirgendwohin«, sagte Harry, während Hermine lebhaft
nickte. »Sie können mit uns allen zusammen reden oder gar nicht.«
Scrimgeour warf Harry einen kalten, abschätzenden Blick zu. Harry
hatte das Gefühl, dass der Minister überlegte, ob es sich lohnte, so früh
Feindseligkeiten zu eröffnen.
»Nun gut, dann alle zusammen«, sagte er achselzuckend. Er räusperte
sich. »Ich bin, wie Sie sicher wissen, wegen des Testaments von Albus
Dumbledore hierhergekommen.«
Harry, Ron und Hermine sahen einander an.
»Das überrascht Sie offenbar! Sie waren also nicht davon unterrichtet,
dass Dumbledore Ihnen etwas vererbt hat?«
»U-uns allen?«, sagte Ron. »Mir und Hermine auch?«
»Ja, Ihnen all-«
Aber Harry unterbrach ihn.
»Dumbledore ist vor über einem Monat gestorben. Warum hat es so
lange gedauert, bis man uns gibt, was er uns hinterlassen hat?«
»Ist das nicht offensichtlich?«, sagte Hermine, ehe Scrimgeour
antworten konnte. »Was auch immer er uns vererbt hat, die wollten es
zuerst untersuchen. Dazu hatten Sie kein Recht!«, sagte sie mit leicht
zitternder Stimme.
»Ich hatte durchaus das Recht dazu«, erwiderte Scrimgeour von oben
herab. »Der Erlass zur Befugten Beschlagnahme verleiht dem Ministerium
die Macht, den Gegenstand eines Testaments einzubehalten -«
»Dieses Gesetz wurde geschaffen, um Zauberer daran zu hindern,
schwarzmagische Artefakte weiterzuvererben«, sagte Hermine, »und das
Ministerium muss stichhaltige Beweise dafür haben, dass die Besitztümer
des Verstorbenen illegal sind, bevor man sie beschlagnahmt! Wollen Sie
mir sagen, dass Sie dachten, Dumbledore hätte versucht, uns irgendetwas
zu vererben, auf dem ein Fluch liegt?«
»Haben Sie vor, sich später beruflich mit magischem Recht zu befassen,
Miss Granger?«, fragte Scrimgeour.
»Nein, das habe ich nicht«, entgegnete Hermine. »Ich hoffe, dass ich
etwas Gutes in der Welt bewirken kann!«
Ron lachte. Scrimgeours Augen flackerten zu Ron hinüber und wieder
weg, als Harry zu sprechen begann.
»Und was hat Sie bewogen, uns unsere Sachen jetzt zu geben? Fällt
Ihnen etwa keine Ausrede dafür ein, sie zu behalten?«
»Nein, es liegt sicher daran, dass die einunddreißig Tage abgelaufen
sind«, warf Hermine sofort ein. »Sie dürfen die Gegenstände nicht länger
behalten, es sei denn, sie können beweisen, dass sie gefährlich sind.
Stimmt's?«
»Würden Sie sagen, dass Sie Dumbledore nahestanden, Ronald?«,
fragte Scrimgeour, ohne auf Hermine einzugehen. Ron blickte verdutzt.
»Ich? Nicht – nicht so richtig ... es war immer Harry, der ...«
Ron wandte sich zu Harry und Hermine, die ihm einen Blick zuwarf, der
wohl Hör auf zu quatschen! bedeuten sollte, doch es war schon zu spät:
Scrimgeour machte den Eindruck, als ob er genau das gehört hätte, was er
erwartet hatte und hören wollte. Wie ein Raubvogel stürzte er sich auf Rons
Antwort.
»Wenn Sie Dumbledore nicht sonderlich nahestanden, wie erklären Sie
sich die Tatsache, dass er Sie in seinem Testament berücksichtigt hat? Er
hat außerordentlich wenige Personen bedacht. Der weitaus überwiegende
Teil seiner Besitztümer – seine Privatbibliothek, die magischen Instrumente
und andere persönliche Dinge – gingen an Hogwarts. Warum, glauben Sie,
wurden Sie ausgewählt?«
»Ich ... hab keine Ahnung«, sagte Ron. »Ich ... als ich sagte, dass wir
uns nicht so nahestanden ... Ich meine, ich glaube, er mochte mich ...«
»Du untertreibst, Ron«, sagte Hermine. »Dumbledore hat dich sehr
geschätzt.«
Damit hatte sie die Wahrheit mehr als strapaziert; soweit Harry wusste,
hatten sich Ron und Dumbledore nie unter vier Augen gesehen, und sie
hatten kaum nennenswerten persönlichen Kontakt gehabt. Doch
Scrimgeour hörte offenbar gar nicht zu. Er steckte die Hand unter seinen
Umhang und holte einen Zugbeutel hervor, einen viel größeren als den, den
Hagrid Harry geschenkt hatte. Er nahm eine Pergamentrolle heraus, rollte
sie auf und las laut vor.
»Letzter Wille und Testament von Albus Perdval Wulfric Brian
Dumbledore ... ja, hier steht es ... Ronald Bilius Weasley hinterlasse ich
meinen Deluminator in der Hoffnung, dass er an mich denkt, wenn er ihn
benutzt.«
Scrimgeour zog etwas aus dem Beutel, das Harry bekannt vorkam: Es
sah aus wie ein silbernes Feuerzeug, aber er wusste, dass es die Kraft hatte,
mit einem einfachen Klick sämtliches Licht von einem Ort aufzusaugen
und es auch wieder zurückzugeben. Scrimgeour beugte sich vor und reichte
den Deluminator Ron, der ihn mit verdutzter Miene entgegennahm und
zwischen den Fingern drehte.
»Dies ist ein wertvolles Objekt«, sagte Scrimgeour, den Blick auf Ron
geheftet. »Es ist vielleicht sogar ein Unikat. Mit Sicherheit wurde es von
Dumbledore selbst entworfen. Weshalb sollte er Ihnen einen so seltenen
Gegenstand hinterlassen?«
Ron schüttelte ratlos den Kopf.
»Dumbledore muss Tausende von Schülern unterrichtet haben«, fuhr
Scrimgeour unbeirrt fort. »Doch die einzigen, die er in seinem Testament
bedacht hat, sind Sie drei. Was ist der Grund dafür? Für welchen Zweck,
glaubte er, würden Sie seinen Deluminator verwenden, Mr Weasley?«
»Ich denk mal, um Lichter auszumachen«, murmelte Ron. »Was könnte
ich sonst damit anfangen?«
Offenbar hatte Scrimgeour keine Vorschläge parat. Er sah Ron kurz mit
zusammengekniffenen Augen an, dann widmete er sich wieder
Dumbledores Testament.
»Miss Hermine Jean Granger hinterlasse ich mein Exemplar der
>Märchen von Beedle dem Barden<, in der Hoffnung sie möge sie
unterhaltsam und lehrreich finden.«
Scrimgeour zog ein kleines Buch aus dem Beutel, das so alt aussah wie
die Geheimnisse der dunkelsten Kunst oben in Rons Zimmer. Sein fleckiger
Einband löste sich an manchen Stellen. Hermine nahm es wortlos von
Scrimgeour entgegen. Sie legte das Buch in ihren Schoß und starrte es an.
Harry sah, dass der Titel in Runen geschrieben war; er hatte nie gelernt, sie
zu lesen. Während er hinschaute, tropfte eine Träne auf die geprägten
Zeichen.
»Warum, glauben Sie, hat Dumbledore Ihnen dies Buch hinterlassen,
Miss Granger?«, fragte Scrimgeour.
»Er ... er wusste, dass ich Bücher mag«, sagte Hermine mit belegter
Stimme und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.,
»Aber warum ausgerechnet dieses Buch?«
»Ich weiß nicht. Sicher hat er gedacht, es würde mir gefallen.«
»Haben Sie mit Dumbledore jemals über Geheimcodes gesprochen oder
über irgendwelche Verfahren, geheime Botschaften weiterzuleiten?«
»Nein, hab ich nicht«, sagte Hermine, die sich nach wie vor mit dem
Ärmel die Augen rieb. »Und wenn das Ministerium in einunddreißig Tagen
keine versteckten Codes in diesem Buch gefunden hat, dann bezweifle ich,
dass ich sie finde.«
Sie unterdrückte ein Schluchzen. Sie saßen so dicht eingezwängt, dass
Ron nur mit Mühe seinen Arm befreien und ihn um Hermines Schultern
legen konnte. Scrimgeour widmete sich wieder dem Testament.
»Harry James Potter«, las er und Harrys Magen zog sich in jäher
Aufregung zusammen, »hinterlasse ich den Schnatz, den er bei seinem
ersten Quidditch-Spiel in Hogwarts gefangen hat, als Erinnerung an das,
was Beharrlichkeit und Geschick zustande bringen können.«
Als Scrimgeour den kleinen, walnussgroßen goldenen Ball hervorzog,
flatterten dessen Silberflügel ziemlich lahm, und Harry konnte nicht umhin,
heftig enttäuscht zu sein.
»Warum hat Dumbledore Ihnen diesen Schnatz hinterlassen?«, fragte
Scrimgeour.
»Keine Ahnung«, sagte Harry. »Aus den Gründen, die Sie gerade
vorgelesen haben, vermute ich ... um mich an das zu erinnern, was man
schaffen kann, wenn man ... beharrlich ist und so weiter.«
»Sie glauben also, dies sei ein rein symbolisches Erinnerungsstück?«
»Ich nehme es an«, sagte Harry. »Was könnte es sonst sein?«
»Ich stelle hier die Fragen«, sagte Scrimgeour und rückte mit seinem
Sessel ein wenig näher an das Sofa heran. Draußen brach nun wirklich die
Abenddämmerung an; das Zelt vor den Fenstern ragte gespenstisch weiß
über der Hecke auf.
»Ich stelle fest, dass Ihre Geburtstagstorte die Gestalt eines Schnatzes
hat«, sagte Scrimgeour zu Harry. »Weshalb?«
Hermine lachte spöttisch.
»Oh, das kann ja keine Anspielung auf die Tatsache sein, dass Harry ein
großartiger Sucher ist, das wäre viel zu offensichtlich«, sagte sie. »Da muss
eine geheime Botschaft von Dumbledore im Zuckerguss versteckt sein!«
»Ich glaube nicht, dass irgendetwas im Zuckerguss versteckt ist«, sagte
Scrimgeour, »aber ein Schnatz wäre ein sehr gutes Versteck für einen
kleinen Gegenstand. Sie wissen sicher, warum?«
Harry zuckte die Achseln. Doch Hermine antwortete. Harry dachte, dass
es ihr schon so in Fleisch und Blut übergegangen war, Fragen richtig zu
beantworten, dass sie den Impuls nicht unterdrücken konnte.
»Weil Schnatze Körperspeicher haben«, sagte sie.
»Was?«, sagten Harry und Ron gleichzeitig; die beiden hielten
Hermines Quidditch-Kenntnisse für kümmerlich.
»Richtig«, bestätigte Scrimgeour. »Ein Schnatz kommt nicht in Kontakt
mit bloßer Haut, ehe er freigegeben wird, nicht einmal mit der des
Herstellers, der Handschuhe trägt. Ein Zauber liegt auf ihm, durch den er
den ersten Menschen identifizieren kann, der ihn in die Hände bekam, falls
es umstritten sein sollte, wer ihn gefangen hat. Dieser Schnatz«, er hielt den
kleinen goldenen Ball empor, »wird sich immer an Ihre Berührung
erinnern, Potter. Ich könnte mir vorstellen, dass Dumbledore, der, einmal
abgesehen von seinen sonstigen Fehlern, gewaltige magische Fähigkeiten
besaß, diesen Schnatz vielleicht verzaubert hat, damit er sich nur für Sie
öffnet.«
Harrys Herz schlug ziemlich schnell. Er war überzeugt, dass Scrimgeour
Recht hatte. Wie konnte er es vermeiden, den Schnatz vor den Augen des
Ministers in seine bloße Hand zu nehmen?
»Sie schweigen«, sagte Scrimgeour. »Womöglich wissen Sie bereits,
was der Schnatz enthält?«
»Nein«, sagte Harry, der immer noch überlegte, wie er vortäuschen
konnte, den Schnatz anzufassen, ohne es tatsächlich zu tun. Wenn er nur
Legilimentik beherrschen würde, und zwar richtig, dann könnte er jetzt
Hermines Gedanken lesen; er konnte ihr Gehirn praktisch neben sich
rattern hören.
»Nehmen Sie ihn«, sagte Scrimgeour ruhig.
Harry sah in Scrimgeours gelbe Augen, und er wusste, dass er keine
andere Wahl hatte, als zu gehorchen. Er streckte die Hand aus, und
Scrimgeour beugte sich erneut vor und legte den Schnatz langsam und
bedächtig in Harrys Handfläche.
Nichts geschah. Als Harrys Finger sich um den Schnatz schlossen,
flatterten dessen Flügel müde und regten sich dann nicht mehr. Scrimgeour,
Ron und Hermine starrten nach wie vor begierig auf den nun teilweise
verdeckten Ball, als hofften sie immer noch, er würde sich irgendwie
verwandeln.
»Das war spannend«, sagte Harry kühl. Ron und Hermine lachten.
»Das wär's dann, nicht wahr?«, fragte Hermine und wollte sich schon
vom Sofa hochstemmen.
»Nicht ganz«, sagte Scrimgeour, der jetzt missgelaunt dreinblickte.
»Dumbledore hat Ihnen noch etwas anderes hinterlassen, Potter.«
»Was denn?«, fragte Harry, erneut aufgeregt.
Scrimgeour machte sich diesmal nicht die Mühe, aus dem Testament
vorzulesen.
»Das Schwert von Godric Gryffindor«, sagte er.
Hermine und Ron erstarrten. Harry schaute sich um, ob er den
rubinbesetzten Griff irgendwo sehen konnte, aber Scrimgeour zog das
Schwert nicht aus dem Lederbeutel, der sowieso viel zu klein dafür wirkte.
»Und wo ist es?«, fragte Harry argwöhnisch.
»Leider«, sagte Scrimgeour, »stand es Dumbledore nicht zu, dieses
Schwert zu verschenken. Das Schwert von Godric Gryffindor ist ein
bedeutendes historisches Artefakt und als solches gehört es -«
»Es gehört Harry!«, sagte Hermine erzürnt. »Es hat ihn auserwählt, er
war derjenige, der es gefunden hat, es kam zu ihm aus dem Sprechenden
Hut heraus -«
»Verlässlichen historischen Quellen zufolge kann sich das Schwert in
den Dienst eines jeden würdigen Gryffindors stellen«, sagte Scrimgeour.
»Das macht es nicht zum alleinigen Eigentum von Mr Potter, was auch
immer Dumbledore beschlossen haben mag.« Scrimgeour kratzte sich an
seiner schlecht rasierten Wange und musterte Harry. »Warum, glauben Sie
-?«
»- wollte Dumbledore mir das Schwert geben?«, sagte Harry, der nur
mühsam seine Wut zügelte. »Vielleicht dachte er, es würde sich hübsch an
meiner Wand machen.«
»Das ist kein Witz, Potter!«, knurrte Scrimgeour. »War es, weil
Dumbledore glaubte, dass nur das Schwert von Godric Gryffindor den
Erben von Slytherin besiegen kann? Wollte er Ihnen das Schwert geben,
Potter, weil er wie viele andere glaubte, dass Sie der Ausersehene sind, der
Ihn, dessen Name nicht genannt werden darf, vernichten wird?«
»Interessante Theorie«, sagte Harry. »Hat irgendjemand schon mal
versucht, ein Schwert in Voldemort hineinzustechen? Vielleicht sollte das
Ministerium ein paar Leute darauf ansetzen, statt seine Zeit damit zu
verschwenden, irgendwelche Deluminatoren auseinanderzunehmen oder
Ausbrüche aus Askaban zu vertuschen. War es also das, womit Sie
beschäftigt waren, Minister, als Sie sich in Ihrem Büro eingeschlossen
hatten, haben Sie versucht, einen Schnatz aufzubrechen? Menschen sterben,
um ein Haar wäre ich auch tot gewesen, Voldemort hat mich quer über drei
Grafschaften verfolgt, er hat Mad-Eye Moody getötet, aber das
Ministerium hat kein Wort dazu verlauten lassen, richtig? Und Sie glauben
immer noch, wir würden mit Ihnen zusammenarbeiten!«
»Sie gehen zu weit!«, rief Scrimgeour und erhob sich; auch Harry
sprang auf. Scrimgeour humpelte auf Harry zu und stach ihm mit der Spitze
seines Zauberstabs fest in die Brust: Sie brannte ein Loch in Harrys T-Shirt
wie eine brennende Zigarette.
»Hey!«, sagte Ron, sprang auf und hob nun ebenfalls den Zauberstab,
aber Harry rief: »Nein! Willst du ihm einen Vorwand liefern, uns zu
verhaften?«
»Ihnen ist wohl eingefallen, dass Sie nicht in der Schule sind, was?«,
sagte Scrimgeour und atmete schwer in Harrys Gesicht. »Eingefallen, dass
ich nicht Dumbledore bin, der Ihnen Ihre Anmaßung und Ihre
Aufsässigkeit nachsah? Sie tragen diese Narbe vielleicht wie eine Krone,
Potter, aber es steht einem siebzehnjährigen Jungen nicht zu, mir zu sagen,
wie ich meine Arbeit zu erledigen habe! Es ist an der Zeit, dass Sie etwas
Respekt lernen!«
»Es ist an der Zeit, dass Sie sich welchen verdienen«, sagte Harry.
Der Boden bebte; schnelle Schritte waren zu hören, dann krachte die
Wohnzimmertür auf, und Mr und Mrs Weasley stürmten herein.
»Wir – wir dachten, wir hätten -«, begann Mr Weasley mit äußerst
besorgter Miene, als er Harry und den Minister sah, die sich praktisch Nase
an Nase gegenüberstanden.
»- laute Stimmen gehört«, keuchte Mrs Weasley.
Scrimgeour trat einige Schritte von Harry zurück und schaute kurz auf
das Loch, das er in Harrys T-Shirt gebrannt hatte. Er schien es zu bereuen,
dass er die Beherrschung verloren hatte.
»Es – es war nichts«, knurrte er. »Ihre ... Haltung ist bedauerlich«, sagte
er und blickte Harry erneut offen ins Gesicht. »Sie scheinen zu denken,
dass das Ministerium nicht will, was Sie – was Dumbledore – wollte. Wir
sollten zusammenarbeiten.«
»Ich mag Ihre Methoden nicht, Minister«, sagte Harry. »Schon
vergessen?«
Zum zweiten Mal hob er seine rechte Faust und zeigte Scrimgeour die
Narben, die sich immer noch weiß auf seinem Handrücken abzeichneten
und die Worte Ich soll keine Lügen erzählen bildeten. Scrimgeours Miene
verhärtete sich. Er wandte sich ohne ein weiteres Wort ab und humpelte aus
dem Zimmer. Mrs Weasley hastete hinter ihm her; Harry hörte, wie sie an
der Hintertür stehen blieb. Etwa eine Minute später rief sie: »Er ist fort!«
»Was wollte er?«, fragte Mr Weasley und sah Harry, Ron und Hermine
an, als Mrs Weasley zurückgeeilt kam.
»Uns geben, was Dumbledore uns vererbt hat«, sagte Harry. »Sie haben
gerade erst seinen Nachlass freigegeben.«
Im Garten draußen wurden die drei Gegenstände, die Scrimgeour ihnen
überbracht hatte, an den Esstischen von Hand zu Hand gereicht. Der
Deluminator und die Märchen von Beedle dem Barden riefen allseits
Begeisterung hervor, wohingegen die Tatsache bedauert wurde, dass
Scrimgeour sich geweigert hatte, das Schwert herauszugeben, doch
niemand hatte irgendeine Erklärung parat, weshalb Dumbledore Harry
einen alten Schnatz vermacht haben sollte. Als Mr Weasley den
Deluminator zum dritten oder vierten Mal in Augenschein nahm, sagte Mrs
Weasley zaghaft: »Harry, Schatz, alle sind furchtbar hungrig, wir wollten
nicht ohne dich anfangen ... soll ich jetzt das Abendessen servieren? «
Sie aßen ziemlich schnell, dann gab es einen hastigen »Happy
Birthday«-Chor, und es wurde viel Torte verdrückt, und schließlich löste
sich die Party auf. Hagrid, der zur Hochzeit am nächsten Tag eingeladen
war, mit seiner hünenhaften Gestalt jedoch unmöglich im überanspruchten
Fuchsbau schlafen konnte, brach auf, um sich im benachbarten Feld ein
Zelt aufzubauen.
»Wir treffen uns oben«, flüsterte Harry Hermine zu, während sie Mrs
Weasley halfen, den Garten wieder in seinen Normalzustand zu versetzen.
»Wenn alle zu Bett gegangen sind.«
Oben im Dachzimmer untersuchte Ron seinen Deluminator, und Harry
füllte Hagrids Eselsfellbeutel, nicht mit Gold, sondern mit seinen liebsten
Habseligkeiten, auch wenn manche davon scheinbar wertlos waren: die
Karte des Rumtreibers, die Scherbe des verzauberten Spiegels von Sirius
und das Medaillon von R. A. B. Er zog das Band fest und hängte sich den
Beutel um den Hals, dann setzte er sich, nahm den alten Schnatz in die
Hand und sah zu, wie seine Flügel kraftlos flatterten. Schließlich klopfte
Hermine an die Tür und kam auf Zehenspitzen herein.
»Muffliato«, flüsterte sie und schwang ihren Zauberstab in Richtung
Treppe.
»Dachte, du hältst nichts von diesem Zauber?«, sagte Ron.
»Die Zeiten ändern sich«, erwiderte Hermine. »Jetzt zeig uns mal diesen
Deluminator.«
Ron gehorchte sofort. Er hielt ihn vor sich hoch und ließ ihn klicken.
Die einzige Lampe, die sie eingeschaltet hatten, erlosch augenblicklich.
»Die Sache ist nur«, flüsterte Hermine im Dunkeln, »wir hätten das
auch mit peruanischem Instant-Finsternispulver machen können.«
Ein leises Klicken war zu hören, die Lichtkugel der Lampe flog zurück
an die Decke, und alles war wieder erleuchtet.
»Er ist trotzdem cool«, sagte Ron ein wenig defensiv. »Und angeblich
hat Dumbledore ihn selber erfunden! «
»Ich weiß, aber er hat dich sicher nicht in sein Testament aufgenommen,
damit du uns nur dabei helfen kannst, das Licht auszumachen!«
»Meinst du, er wusste, dass das Ministerium sein Testament
beschlagnahmen und alles untersuchen würde, was er uns hinterlässt?«
»Bestimmt«, sagte Hermine. »Er konnte uns im Testament nicht
verraten, warum er uns diese Sachen vererbt, aber das erklärt immer noch
nicht ...«
»... warum er uns keinen Wink hätte geben können, als er noch am
Leben war?«, fragte Ron.
»Ja, genau«, sagte Hermine, die unterdessen die Märchen von Beedle
dem Barden durchblätterte. »Wenn diese Sachen so wichtig sind, dass sie
direkt vor der Nase des Ministeriums weitergegeben werden mussten, dann
hätte man doch meinen können, dass er uns mitteilt, warum ... außer er
dachte, es wäre offensichtlich?«
»Da lag er falsch, oder?«, sagte Ron. »Ich hab immer gesagt, dass er
nicht richtig tickt. Genial und alles, aber durchgeknallt. Harry einen alten
Schnatz zu vererben – was zum Teufel sollte denn das?«
»Ich habe keine Ahnung«, sagte Hermine. »Als Scrimgeour ihn dir in
die Hand gedrückt hat, Harry, war ich absolut sicher, dass etwas passieren
würde!«
»Tja, schon«, sagte Harry, und als er den Schnatz in seiner Hand
hochhob, ging sein Puls schneller. »Aber ich hab mich vor Scrimgeour ja
auch nicht besonders angestrengt, oder?«
»Was soll das heißen?«, fragte Hermine.
»Der Schnatz, den ich bei meinem allerersten Quidditch-Spiel gefangen
habe?«, sagte Harry. »Erinnerst du dich nicht?«
Hermine schaute nur verwirrt drein. Ron jedoch hielt den Atem an und
wies hektisch von Harry zum Schnatz und wieder zurück, bis er seine
Stimme wiederfand.
»Das war der, den du fast verschluckt hast! «
»Genau«, sagte Harry und drückte mit wild klopfendem Herzen seinen
Mund auf den Schnatz.
Der Schnatz öffnete sich nicht. Ärger und bittere Enttäuschung stiegen
in ihm hoch: Er ließ die goldene Kugel sinken, doch dann schrie Hermine
auf.
»Da steht was! Da steht was drauf, schnell, sieh nur!«
Er hätte den Schnatz beinahe fallen lassen, so überrascht und aufgeregt
war er. Hermine hatte vollkommen Recht. In die glatte goldene Oberfläche
waren, wo Sekunden zuvor nichts gewesen war, fünf Wörter eingraviert, in
der feinen schrägen Schrift, die Harry als Dumbledores Handschrift
erkannte:
Ich öffne mich zum Schluss.
Er hatte die Wörter kaum gelesen, als sie wieder verschwanden.
»Ich öffne mich zum Schluss ... Was soll das heißen?«
Hermine und Ron schüttelten ratlos die Köpfe.
»Ich öffne mich zum Schluss ... zum Schluss ... Ich öffne mich zum
Schluss ...«
Doch wie oft sie die Wörter auch mit ganz unterschiedlichem Tonfall
wiederholten, sie konnten keine weitere Bedeutung aus ihnen
herauspressen.
»Und das Schwert«, sagte Ron schließlich, als sie ihre Versuche
aufgegeben hatten, in der Schnatzinschrift irgendeinen Sinn zu erkennen.
»Warum wollte er, dass Harry das Schwert besitzt?«
»Und warum konnte er es mir nicht einfach sagen?«, fragte Harry leise.
»Es war da, es hing direkt an der Wand seines Büros, während all unserer
Gespräche letztes Jahr! Wenn er wollte, dass ich es besitze, warum hat er es
mir damals nicht einfach gegeben?«
Er fühlte sich, als ob er in einer Prüfung sitzen würde, mit einer Frage
vor sich, deren Antwort er eigentlich wissen müsste, doch sein Kopf war
lahm und reagierte nicht. Gab es irgendetwas, das ihm in den langen
Gesprächen mit Dumbledore im letzten Jahr entgangen war? Sollte er
eigentlich wissen, was das alles zu bedeuten hatte? Hatte Dumbledore
erwartet, dass er es verstehen würde?
»Und was dieses Buch angeht«, sagte Hermine. »Die Märchen von
Beedle dem Barden ... von denen hab ich noch nie was gehört!«
»Du hast noch nie was von den Märchen von Beedle dem Barden
gehört?«, sagte Ron ungläubig. »Das meinst du doch nicht im Ernst, oder?«
»Doch, ehrlich!«, sagte Hermine überrascht. »Du kennst sie also?«
»Ja, klar!«
Harry hob aufhorchend den Blick. Dass Ron ein Buch gelesen hatte, das
Hermine nicht kannte, war noch nie da gewesen. Ron jedoch schien
angesichts ihrer Überraschung verwirrt.
»Jetzt komm schon! Die ganzen alten Kindergeschichten sollen doch
von Beedle sein, oder? Der Brunnen vom ewigen Reichtum ... Der
Zauberer und der Hoppetopf... Babbelhäschen und sein schnatternder
Stummelschwanz ...«
»Wie bitte?«, sagte Hermine kichernd. »Wie hieß das Letzte noch mal?«
»Nun hör aber auf!«, sagte Ron und sah ungläubig von Harry zu
Hermine. »Ihr müsst doch von Babbelhäschen -«
»Ron, du weißt genau, dass Harry und ich bei Muggeln aufgewachsen
sind!«, sagte Hermine. »Wir haben keine von diesen Geschichten gehört,
als wir klein waren, sondern Schneewittchen und die sieben Zwerge und
Aschenputtel -«
»Was ist das, eine Krankheit?«, warf Ron ein.
»Das sind also Kindergeschichten?«, fragte Hermine und beugte sich
wieder über die Runen.
»Jaah«, sagte Ron verunsichert. »Ich meine, so hab ich's eben erzählt
bekommen, verstehst du, dass diese ganzen alten Geschichten von Beedle
stammen. Ich weiß nicht, wie sie in der Originalfassung sind. «
»Warum Dumbledore wohl meinte, dass ich sie lesen soll?«
Von unten war ein Knarren zu hören.
»Wahrscheinlich nur Charlie, jetzt, wo Mum schläft, schleicht er weg,
um sich seine Haare nachwachsen zu lassen«, sagte Ron nervös.
»Wie auch immer, wir sollten zu Bett gehen«, flüsterte Hermine. »Es
wäre keine gute Idee, morgen zu verschlafen.«
»Nein«, stimmte Ron ihr zu. »Ein brutaler Dreifachmord durch die
Mutter des Bräutigams würde der Hochzeit einen kleinen Dämpfer
verpassen. Ich mach das Licht aus.«
Und er ließ noch einmal den Deluminator klicken, als Hermine das
Zimmer verließ.
Die Hochzeit
Am folgenden Nachmittag standen Harry, Ron, Fred und George um
drei Uhr vor dem großen weißen Festzelt im Obstgarten und warteten auf
die Ankunft der Hochzeitsgäste. Harry hatte eine große Portion Vielsaft-
Trank eingenommen und war jetzt das Ebenbild eines rothaarigen
Muggeljungen aus dem nahe gelegenen Dorf Ottery St. Catchpole, dem
Fred mit einem Aufrufezauber Haare gestohlen hatte. Sie hatten
ausgemacht, Harry als »Cousin Barny« vorzustellen und darauf zu bauen,
dass er in der großen Verwandtschaft der Weasleys nicht weiter auffallen
würde.
Alle vier hatten Sitzpläne in den Händen, um den Gästen behilflich zu
sein und ihnen ihre Plätze zeigen zu können. Eine Stunde zuvor war ein
Heer von Kellnern in weißen Umhängen eingetroffen, zusammen mit einer
Band in goldenen Jacketts, und all diese Zauberer saßen jetzt nicht weit
entfernt unter einem Baum; Harry sah einen blauen Dunst von Pfeifenrauch
von dort aufsteigen.
Hinter Harry konnte man durch den Zelteingang Reihe um Reihe
zierlicher goldener Stühle erkennen, die zu beiden Seiten eines langen lila
Teppichs aufgestellt waren. An den Stützstangen rankten sich weiße und
goldene Blumen empor. Fred und George hatten einen riesigen Bund
goldener Ballons genau über der Stelle angebracht, wo Bill und Fleur in
Kürze Mann und Frau werden würden. Draußen schwebten Schmetterlinge
und Bienen gemächlich über das Gras und die Hecke. Harry war ziemlich
unwohl in seiner Haut. Der Muggeljunge, dessen Äußeres er angenommen
hatte, war ein wenig dicker als er, und Harrys Festumhang war ihm in der
grellen Sonne des Sommertages zu heiß und zu eng.
»Wenn ich mal heirate«, sagte Fred und zupfte am Kragen seines
Umhangs, »dann halte ich mich gar nicht erst mit dem ganzen Quatsch auf.
Ihr könnt alle anziehen, was ihr wollt, und Mum verpasse ich eine
komplette Ganzkörperklammer, bis alles vorbei ist.«
»Sie war heute Morgen gar nicht so übel drauf, den Umständen
entsprechend«, sagte George. »Hat ein bisschen geweint, weil Percy nicht
da ist, aber wer will ihn schon haben? Oh, verdammt, reißt euch zusammen
– da kommen sie, seht mal.«
Am äußersten Ende des Hofes erschienen Gestalten in leuchtenden
Farben der Reihe nach aus dem Nichts. Innerhalb von wenigen Minuten
hatte sich ein Umzug gebildet, der sich durch den Garten auf das Zelt
zuschlängelte. Auf den Hüten der Hexen flatterten exotische Blumen und
verzauberte Vögel, und an den Krawatten vieler der Zauberer funkelten
wertvolle Edelsteine; als die Menge sich dem Zelt näherte, wurde das
aufgeregte Summen vieler Stimmen immer lauter und übertönte allmählich
das Geräusch der Bienen.
»Bestens, ich glaub, da sind ein paar Veela-Cousinen dabei«, sagte
George und reckte den Hals, um besser zu sehen. »Die brauchen sicher
Hilfe, damit sie unsere englischen Sitten und Gebräuche verstehen, ich
kümmer mich um sie ...«
»Nicht so hastig, du Löffelloser«, sagte Fred und sauste pfeilschnell an
der schnatternden Schar Hexen mittleren Alters vorbei, die den Umzug
anführte. »Bitte sehr – permettez-moi zu assister vous«, sagte er zu zwei
hübschen französischen Mädchen, die ihm kichernd erlaubten, sie nach
drinnen zu geleiten. George musste sich mit den Hexen mittleren Alters
abgeben, und Ron kümmerte sich um Perkins, Mr Weasleys alten Kollegen
aus dem Ministerium, während Harry ein ziemlich taubes altes Ehepaar
abbekam.
»Tag auch«, sagte eine vertraute Stimme, als er wieder vor das Zelt trat
und Tonks und Lupin am Anfang der Schlange bemerkte. Tonks hatte sich
zur Feier des Tages blond werden lassen. »Arthur hat uns gesagt, dass du
der mit den Locken bist. Entschuldige wegen gestern Abend«, fügte sie
flüsternd hinzu, während Harry die beiden zwischen den Stuhlreihen
entlangführte. »Das Ministerium ist im Moment ziemlich werwolffeindlich,
und wir dachten, dass unsere Anwesenheit dir nicht gerade helfen würde.«
»Schon gut, versteh ich«, sagte Harry, mehr zu Lupin gewandt als zu
Tonks. Lupin lächelte ihm flüchtig zu, doch während sie sich umdrehten,
sah Harry, wie in Lupins Gesicht erneut Sorgenfalten traten. Harry begriff
es nicht, hatte jedoch keine Zeit, darüber nachzugrübeln: Hagrid
verursachte gerade einigen Tumult. Er hatte Freds Anweisungen falsch
verstanden und sich nicht auf den magisch vergrößerten und verstärkten
Sitz gesetzt, den man eigens für ihn in der hinteren Reihe aufgestellt hatte,
sondern auf fünf Stühle, die jetzt an einen großen Haufen goldener
Streichhölzer erinnerten.
Während Mr Weasley den Schaden beseitigte und Hagrid jedem, der es
hören wollte, Entschuldigungen zurief, kehrte Harry rasch zum Eingang
zurück und sah Ron einem höchst exzentrisch wirkenden Zauberer
gegenüberstehen. Er schielte leicht, hatte schulterlanges weißes Haar wie
aus Zuckerwatte, trug eine Mütze, deren Quaste vor seiner Nase baumelte,
und einen Umhang in einem Dottergelb, das einem die Tränen in die Augen
trieb. An einer Goldkette um seinen Hals glitzerte ein merkwürdiges
Symbol, etwas wie ein dreieckiges Auge.
»Xenophilius Lovegood«, sagte er und streckte Harry die Hand
entgegen, »meine Tochter und ich leben gleich hinter dem Hügel, sehr nett
von den guten Weasleys, uns einzuladen. Aber ich glaube, Sie kennen
meine Luna?«, fügte er an Ron gewandt hinzu.
»Ja«, sagte Ron. »Ist sie nicht mitgekommen?«
»Sie verweilt in diesem reizenden kleinen Garten, um den Gnomen
guten Tag zu sagen, was für eine herrliche Heimsuchung! Nur wenige
Zauberer erkennen, wie viel wir im Grunde von den weisen kleinen
Gnomen lernen können – oder, um sie bei ihrem richtigen Namen zu
nennen, den Gernumbli gardensi.«
»Unsere kennen eine Menge fabelhafter Schimpfwörter«, sagte Ron,
»aber die haben wohl Fred und George ihnen beigebracht.«
Er führte eine Gruppe von Hexern in das Zelt, als Luna herbeigeeilt
kam.
»Hallo, Harry!«, sagte sie.
»Ähm – mein Name ist Barny«, sagte Harry fassungslos.
»Oh, den hast du auch geändert?«, fragte sie munter.
»Woher wusstest du -?«
»Oh, allein dein Gesichtsausdruck«, sagte sie.
Luna trug wie ihr Vater einen leuchtend gelben Umhang und hatte als
passenden Schmuck eine große Sonnenblume im Haar. Wenn man sich
einmal an die Helligkeit des Ganzen gewöhnt hatte, war der
Gesamteindruck recht angenehm. Wenigstens baumelten keine Radieschen
von ihren Ohren.
Xenophilius war ins Gespräch mit einem Bekannten vertieft und hatte
den Wortwechsel zwischen Luna und Harry nicht mitbekommen. Er
verabschiedete sich von dem Zauberer und wandte sich seiner Tochter zu,
die einen Finger hochhielt und sagte: »Daddy, schau mal – einer von den
Gnomen hat mich doch tatsächlich gebissen!«
»Wie wunderbar! Gnomenspeichel ist enorm förderlich!«, sagte Mr
Lovegood, ergriff Lunas ausgestreckten Finger und untersuchte die
blutenden Bisslöcher. »Luna, meine Liebe, falls du heute irgendein
aufkeimendes Talent verspüren solltest – vielleicht das unerwartete
Bedürfnis, eine Arie zu singen oder etwas auf Meerisch zu rezitieren –,
unterdrücke es nicht! Es könnte ein Geschenk der Gernumbli sein! «
Ron, der gerade aus der anderen Richtung an ihnen vorbeikam, lachte
schnaubend auf.
»Ron soll nur lachen«, sagte Luna gelassen, während Harry sie und
Xenophilius zu ihren Plätzen führte, »aber mein Vater hat viel über die
Magie der Gemumbli geforscht.«
»Tatsächlich?«, sagte Harry, der schon vor langem beschlossen hatte,
die eigentümlichen Ansichten von Luna oder ihrem Vater nicht in Frage zu
stellen. »Aber bist du sicher, dass du nichts auf diesen Biss tun willst?«
»Oh, ist schon gut«, sagte Luna, lutschte träumerisch an ihrem Finger
und musterte Harry von Kopf bis Fuß. »Du siehst schick aus. Ich hab
Daddy gesagt, dass die meisten Leute wahrscheinlich in Festumhängen
kommen würden, aber er glaubt, dass man bei einer Hochzeit Sonnenfarben
tragen sollte, das bringt Glück, weißt du?«
Als sie hinter ihrem Vater her entschwebte, tauchte Ron mit einer
älteren Hexe am Arm auf. Mit ihrem Zinken von einer Nase, den rot
geränderten Augen und dem federbesetzten rosa Hut sah sie aus wie ein
angriffslustiger Flamingo.
»... und dein Haar ist viel zu lang, Ronald, einen Moment dachte ich, du
wärst Ginevra. Beim Barte des Merlin, was trägt denn Xenophilius
Lovegood? Er sieht aus wie ein Omelett. Und wer bist du?«, blaffte sie
Harry an.
»Ach ja, Tantchen Muriel, das ist unser Cousin Barny.«
»Noch ein Weasley? Ihr vermehrt euch ja wie die Gnomen. Ist Harry
Potter nicht hier? Ich hatte gehofft, ihn zu treffen. Ich dachte, er wäre ein
Freund von dir, Ronald, oder hast du nur angegeben?«
»Nein – er konnte nicht kommen -«
»Hmm. Hat sich eine Ausrede einfallen lassen, stimmt's? Ist wohl gar
nicht so doof, wie er auf den Pressefotos aussieht. Ich hab gerade der Braut
gezeigt, wie sie mein Diadem am besten trägt«, rief sie Harry zu. »Von
Kobolden gefertigt, musst du wissen, und seit Jahrhunderten in meiner
Familie. Sie ist ein gut aussehendes Mädchen, aber trotzdem – Französin.
Also dann, gib mir einen guten Platz, Ronald, ich bin hundertsieben und
sollte nicht zu lange stehen.«
Ron warf Harry im Vorbeigehen einen bedeutungsvollen Blick zu und
blieb eine ganze Zeit lang verschwunden: Als sie sich wieder am Eingang
trafen, hatte Harry schon ein Dutzend weitere Gäste zu ihren Plätzen
geführt. Das Zelt war jetzt fast voll und zum ersten Mal stand draußen
niemand Schlange.
»Ein Alptraum, diese Muriel«, sagte Ron und wischte sich mit dem
Ärmel über die Stirn. »Früher ist sie jedes Jahr an Weihnachten gekommen,
aber dann war sie Gott sei Dank beleidigt, weil Fred und George beim
Abendessen eine Stinkbombe unter ihrem Stuhl hochgehen ließen. Dad sagt
immer, dass sie die beiden enterbt hat – als ob die das kümmern würde, die
sind am Ende reicher als sonst jemand in der Familie, so wie's bei denen
gerade läuft... wow«, fügte er hinzu und blinzelte ziemlich schnell, als
Hermine auf sie zugeeilt kam. »Du siehst großartig aus!«
»Immer dieser überraschte Unterton«, sagte Hermine, lächelte aber. Sie
trug ein luftiges, lilafarbenes Kleid mit dazu passenden Stöckelschuhen; ihr
Haar war glatt und glänzte. »Deine Großtante Muriel findet das nicht, ich
hab sie gerade oben getroffen, als sie Fleur das Diadem gab. Sie meinte:
>Oje, ist das die Muggelstämmige?< und dann: >Schlechte Haltung und
magere Fesseln.<«
»Nimm's nicht persönlich, sie ist zu allen unverschämt«, sagte Ron.
»Redet ihr über Muriel?«, wollte George wissen, der gerade wieder mit
Fred aus dem Zelt kam. »Tja, sie hat eben zu mir gesagt, dass meine Ohren
nicht zueinander passen. Alte Schreckschraube. Wenn doch nur Onkel
Bilius noch unter uns wäre; der war bei Hochzeiten immer der Brüller.«
»War das nicht der, der einen Grimm gesehen hat und vierundzwanzig
Stunden später starb?«, fragte Hermine.
»Nun ja, am Ende wurde er dann ein bisschen merkwürdig«, gab
George zu.
»Aber bevor er meschugge wurde, brachte er Schwung in jede Party«,
sagte Fred. »Er kippte immer eine ganze Flasche Feuerwhisky, rannte dann
auf die Tanzfläche, raffte seinen Umhang und fing an, sich Blumen aus
dem -«
»Klingt ja nach einem richtigen Charmeur«, sagte Hermine, während
Harry vor Lachen brüllte.
»Er hat nie geheiratet, warum auch immer«, sagte Ron.
»Das überrascht mich jetzt«, erwiderte Hermine.
Sie lachten alle so heftig, dass keiner von ihnen den späten Gast
bemerkte, einen dunkelhaarigen jungen Mann mit einer langen krummen
Nase und dichten schwarzen Augenbrauen, bis er Ron seine Einladung
hinstreckte und mit Blick auf Hermine sagte: »Du siehst wunderbar aus.«
»Viktor!«, kreischte sie und ließ ihre kleine perlenverzierte Handtasche
fallen, die mit einem lauten, dumpfen Schlag aufprallte, der gar nicht zu
ihrer Größe passte. Hermine bückte sich errötend, um sie aufzuheben, und
sagte: »Ich wusste nicht, dass du – Himmel – schön, dich zu – wie geht es
dir?«
Rons Ohren waren wieder leuchtend rot geworden. Nachdem er kurz auf
Krums Einladung geschaut hatte, so als würde er kein Wort davon glauben,
sagte er viel zu laut: »Wie kommst du denn hierher?«
»Flor hat mich eingeladen«, antwortete Krum mit hochgezogenen
Brauen.
Harry, der keinen Groll gegen Krum hegte, schüttelte ihm die Hand; da
er spürte, dass es am klügsten wäre, Krum aus Rons Umgebung zu
entfernen, bot er dann an, ihm seinen Platz zu zeigen.
»Deine Freund ist nicht froh, mich zu sehen«, sagte Krum, als sie das
nun brechend volle Zelt betraten. »Oder ist er ein Verwandter?«, fügte er
mit einem kurzen Blick auf Harrys rote Locken hinzu.
»Cousin«, murmelte Harry, aber Krum hörte nicht richtig hin. Sein
Erscheinen verursachte Aufruhr, besonders unter den Veela-Cousinen: Er
war immerhin ein berühmter Quidditch-Spieler. Während manche sich
nach wie vor die Hälse verrenkten, um ihn besser sehen zu können, eilten
Ron, Hermine, Fred und George den Gang zwischen den Stühlen entlang.
»Höchste Zeit, dass wir uns setzen«, sagte Fred zu Harry, »sonst werden
wir noch von der Braut umgerannt.«
Harry, Ron und Hermine nahmen ihre Plätze in der zweiten Reihe hinter
Fred und George ein. Hermine war ziemlich rosa im Gesicht und Rons
Ohren waren immer noch scharlachrot. Ein wenig später murmelte er Harry
zu: »Hast du gesehen, er hat sich einen bescheuerten kleinen Bart wachsen
lassen!«
Harry antwortete mit einem unverbindlichen Grunzen.
In dem warmen Zelt waren inzwischen alle in gespannter Erwartung,
gelegentlich unterbrach kurzes aufgeregtes Gelächter das allgemeine
Gemurmel. Mr und Mrs Weasley spazierten den Mittelgang entlang und
winkten lächelnd ihren Verwandten zu; Mrs Weasley trug einen
brandneuen amethystfarbenen Festumhang mit einem dazu passenden Hut.
Einen Moment später erhoben sich Bill und Charlie vorne im Zelt, beide
in Festgewändern, mit großen weißen Rosen in ihren Knopflöchern; Fred
stieß einen bewundernden Pfiff aus und die Veela-Cousinen fingen an zu
kichern. Dann schwoll Musik an, und es war, als würde sie von den
goldenen Ballons herrühren, und die Menge verstummte.
»Ooooh!«, sagte Hermine, wirbelte auf ihrem Platz herum und blickte
zum Eingang.
Ein einziger lauter Seufzer entfuhr den versammelten Hexen und
Zauberern, als Monsieur Delacour und Fleur den Mittelgang entlangkamen,
Fleur glitt dahin, Monsieur Delacour hüpfte und strahlte. Fleur trug ein
ganz schlichtes weißes Kleid und es schien ein kräftiges silbriges Leuchten
von ihr auszugehen. Während ihr Glanz für gewöhnlich alle anderen im
Umkreis verblassen ließ, machte er heute alle schöner, auf die er fiel.
Ginny und Gabrielle, die beide goldene Kleider trugen, sahen sogar noch
hübscher aus als sonst, und sobald Fleur Bill erreicht hatte, schien es, als
wäre er niemals Fenrir Greyback begegnet.
»Meine Damen und Herren«, sagte eine leicht leiernde Stimme, und
Harry bemerkte mit einem leisen Schrecken, dass derselbe kleine Zauberer
mit den büscheligen Haaren, der Dumbledores Begräbniszeremonie geleitet
hatte, jetzt vor Bill und Fleur stand. »Wir sind heute hier versammelt, um
die Verbindung zweier treuer Seelen festlich zu begehen ...«
»Ja, mein Diadem bringt die ganze Sache doch hübsch zur Geltung«,
flüsterte Tantchen Muriel recht deutlich vernehmbar. »Aber ich muss
sagen, Ginevras Kleid ist viel zu tief ausgeschnitten.«
Ginny spähte nach hinten, grinste, zwinkerte Harry zu und wandte sich
dann rasch wieder nach vorn. Harrys Gedanken schweiften weit weg von
dem Zelt, zu den Nachmittagen zurück, die er mit Ginny allein an
lauschigen Plätzen des Schulgeländes verbracht hatte. Sie schienen so weit
zurückzuliegen; sie waren ihm immer zu schön vorgekommen, um wahr zu
sein, als hätte er einem gewöhnlichen Menschen glanzvolle Stunden seines
Lebens gestohlen, einem Menschen ohne Blitznarbe auf der Stirn ...
»William Arthur, willst du Fleur Isabelle ...?«
In der vorderen Reihe schluchzten Mrs Weasley und Madame Delacour
leise in ihre Spitzentaschentücher. Trompetenartige Geräusche vom
hinteren Teil des Zeltes verrieten allen, dass Hagrid eines von seinen
tischtuchgroßen Taschentüchern hervorgeholt hatte. Hermine drehte sich
zur Seite und strahlte Harry an; auch ihre Augen waren voller Tränen.
»... dann seid ihr hiermit im Leben vereint.«
Der Zauberer mit den büscheligen Haaren hob seinen Zauberstab hoch
über die Köpfe von Bill und Fleur, und ein silberner Sternenschauer
überrieselte sie und wand sich spiralförmig um ihre jetzt eng
umschlungenen Gestalten. Fred und George klatschten als Erste los, und
stürmischer Beifall folgte, während die goldenen Ballons über den Köpfen
platzten: Paradiesvögel und goldene Glöckchen flogen und schwebten
daraus hervor und stimmten zwitschernd und bimmelnd in den lauten
Trubel ein.
»Meine Damen und Herren!«, rief der Zauberer mit den büscheligen
Haaren. »Würden Sie sich bitte erheben!«
Alle erhoben sich, Tantchen Muriel hörbar murrend; er schwang seinen
Zauberstab. Die Stühle, auf denen sie gesessen hatten, stiegen elegant in die
Höhe, und die seitlichen Leinwände des Zeltes verschwanden, so dass sie
nun unter einem Baldachin standen, der von goldenen Pfosten getragen
wurde, mit einem herrlichen Blick über den sonnenbeschienenen
Obstgarten und das umliegende Land. Gleich darauf verbreitete sich von
der Zeltmitte her eine Lache aus flüssigem Gold und bildete eine
schimmernde Tanzfläche; die schwebenden Stühle gruppierten sich um
kleine, weiß gedeckte Tische, alles sank elegant wieder zu Boden, rund um
die Tanzfläche herum, und die Band mit den goldenen Jacketts marschierte
zu einem Podium.
»Scharf«, sagte Ron beifällig, als nun von allen Seiten her die Kellner
auftauchten, manche mit Silbertabletts voller Kürbissaft, Butterbier und
Feuerwhisky, andere mit schwankenden Bergen von Törtchen und
Sandwiches.
»Wir sollten hingehen und ihnen Glück wünschen!«, sagte Hermine, die
auf Zehenspitzen stand und zu der Stelle hinüberspähte, wo Bill und Fleur
in einer Traube von Gratulanten verschwunden waren.
»Dazu haben wir später noch Zeit«, erwiderte Ron achselzuckend, griff
sich drei Butterbiere von einem vorbeischwebenden Tablett und gab eines
Harry. »Hermine, los, schnappen wir uns einen Tisch ... nicht da!
Möglichst weit weg von Muriel -«
Ron führte sie über die leere Tanzfläche, wobei er immer wieder nach
links und rechts sah: Harry war sicher, dass er nach Krum Ausschau hielt.
Als sie die andere Seite des Zeltes erreicht hatten, waren die meisten Tische
besetzt. Der leerste war der, an dem Luna allein saß.
»Was dagegen, wenn wir uns zu dir setzen?«, fragte Ron.
»Überhaupt nicht«, sagte sie erfreut. »Daddy ist gerade weggegangen,
um Bill und Fleur unser Geschenk zu geben.«
»Was ist es denn, ein Gutschein für Spulenwurzeln auf Lebenszeit?«,
fragte Ron.
Hermine trat unter dem Tisch nach ihm, erwischte aber stattdessen
Harry. Der Schmerz trieb Harry Tränen in die Augen, so dass er kurz der
Unterhaltung nicht folgen konnte.
Die Band hatte zu spielen begonnen. Bill und Fleur betraten unter
großem Beifall als Erste die Tanzfläche; wenig später führte Mr Weasley
Madame Delacour zum Tanz, ihnen folgten Mrs Weasley und Fleurs Vater.
»Ich mag dieses Lied«, sagte Luna und wiegte sich im Takt der
walzerartigen Melodie, und nach ein paar Sekunden stand sie auf und
schwebte auf die Tanzfläche, wo sie sich auf der Stelle drehte, ganz allein,
mit geschlossenen Augen und schwingenden Armen.
»Sie ist großartig, nicht?«, sagte Ron bewundernd. »Echt 'ne Nummer.«
Doch mit einem Schlag verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht:
Viktor Krum hatte sich auf Lunas leeren Stuhl fallen lassen. Hermine
schien auf angenehme Weise verwirrt, doch diesmal war Krum nicht
gekommen, um ihr Komplimente zu machen. Mit finsterer Miene sagte er:
»Wer ist diese Mann in dem Gelb?«
»Das ist Xenophilius Lovegood, er ist der Vater einer Freundin von
uns«, sagte Ron. Sein bissiger Ton gab zu verstehen, dass sie nicht über
Xenophilius lachen würden, obwohl er deutlich provozierend wirkte.
»Komm tanzen«, fügte Ron abrupt an Hermine gewandt hinzu.
Sie sah überrascht aus, aber auch erfreut, und erhob sich: Gemeinsam
verschwanden sie in dem wachsenden Gedränge auf der Tanzfläche.
»Ah, die sind jetzt zusammen?«, fragte Krum, kurz abgelenkt.
»Ähm – irgendwie schon«, sagte Harry.
»Wer bist du?«, fragte Krum.
»Barny Weasley.«
Sie schüttelten sich die Hände.
»Du, Barny – kennst du diese Lovegood-Mann gutt?«
»Nein, ich sehe ihn heute zum ersten Mal. Warum?«
Krum blickte düster über seinen Drink hinweg und beobachtete
Xenophilius, der auf der anderen Seite der Tanzfläche mit mehreren Hexern
plauderte.
»Weil«, sagte Krum, »wenn er nicht eine Gast von Flör wäre, dann
würde ich ihn duellieren, auf der Stelle, dafür, dass er diese dreckige
Zeichen auf der Brust trägt.«
»Zeichen?«, sagte Harry und sah nun auch zu Xenophilius hinüber. Das
seltsame dreieckige Auge schimmerte auf seiner Brust. »Warum? Was
stimmt damit nicht?«
»Grindelwald. Das ist Zeichen von Grindelwald.«
»Grindelwald ... der schwarze Magier, den Dumbledore besiegt hat?«
»Genau.«
Krums Kiefermuskeln arbeiteten, als würden sie etwas zermalmen, dann
sagte er: »Grindelwald hat viele Menschen umgebracht, meine Großvater
zum Beispiel. Natürlich war er nie mächtig in diese Land, es heißt, er
fürchtete Dumbledore -und zu Recht, wenn man bedenkt, wie er erledigt
wurde. Aber das -« Er deutete mit dem Finger auf Xenophilius. »Das ist
sein Symbol, ich habe es sofort erkannt: Grindelwald hat es in eine Wand
von Durmstrang gemeißelt, als er dort Schüler war. Ein paar Trottel haben
es in ihre Bücher und auf ihre Kleider kopiert, sie wollten schockieren, sich
wichtig machen – bis die von uns, denen Grindelwald Familienmitglieder
genommen hat, sie eines Besseren belehrten.«
Krum knackte drohend mit den Knöcheln und schaute finster zu
Xenophilius hinüber. Harry war verblüfft. Es kam ihm höchst
unwahrscheinlich vor, dass Lunas Vater ein Anhänger der dunklen Künste
sein sollte, und offenbar hatte niemand sonst im Zelt die dreieckige,
runenartige Form wiedererkannt.
»Bist du – ähm – ganz sicher, dass es Grindelwalds -?«
»Ich irre mich nicht«, sagte Krum kühl. »Ich bin mehrere Jahre lang an
diese Zeichen vorbeigegangen, ich kenne es gutt.«
»Nun ja, es wäre möglich«, sagte Harry, »dass Xenophilius gar nicht
wirklich weiß, was das Symbol bedeutet. Die Lovegoods sind ziemlich ...
ungewöhnlich. Er könnte einfach irgendwo darauf gestoßen sein und
glauben, dass es der Querschnitt vom Kopf eines Schrumpfhörnigen
Schnarchkacklers oder irgend so was ist.«
»Der Querschnitt von was?«
»Also, ich weiß auch nicht, was das ist, aber anscheinend geht er mit
seiner Tochter in den Ferien nach ihnen suchen ...«
Harry hatte das Gefühl, dass er nicht gerade besonders gut erklärte, was
es mit Luna und ihrem Vater auf sich hatte.
»Das ist sie«, sagte er und zeigte auf Luna, die immer noch allein tanzte
und dabei mit den Armen um den Kopf wedelte wie jemand, der versucht
Stechmücken abzuwehren.
»Warum tutt sie das?«, fragte Krum.
»Wahrscheinlich, um einen Schlickschlupf loszuwerden«, sagte Harry,
der die Symptome erkannte.
Krum schien sich nicht im Klaren, ob ihn Harry veralbern wollte oder
nicht. Er zog seinen Zauberstab aus dem Umhang und klopfte damit
drohend auf seinen Oberschenkel; Funken stoben aus der Spitze des Stabs.
»Gregorowitsch!«, sagte Harry laut, und Krum zuckte zusammen, doch
Harry war zu erregt, als dass es ihn gekümmert hätte. Beim Anblick von
Krums Zauberstab hatte er sich wieder erinnert: Ollivander hatte ihn vor
dem Trimagischen Turnier an sich genommen und sorgfältig geprüft.
»Was ist mit dem?«, fragte Krum argwöhnisch.
»Er ist ein Zauberstabmacher!«
»Das weiß ich«, sagte Krum.
»Er hat deinen Zauberstab gemacht! Deshalb dachte ich – Quidditch ...«
Krum blickte immer argwöhnischer.
»Woher weißt du, dass Gregorowitsch meine Zauberstab gemacht hat?«
»Ich ... ich hab es irgendwo gelesen, glaub ich«, sagte Harry. »In einem
– einem Fan-Magazin«, fabulierte er wild und Krum schien besänftigt.
»Ich wusste nicht, dass ich jemals mit Fans über meine Zauberstab
gesprochen habe«, sagte er.
»Also ... ähm ... wo steckt eigentlich Gregorowitsch zurzeit?«
Krum sah verwirrt aus.
»Er hat sich vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt. Ich war einer der
Letzten, die eine Zauberstab von Gregorowitsch gekauft haben. Es sind die
besten – obwohl ich natürlich weiß, dass ihr Briten viel von Ollivander
haltet.«
Harry antwortete nicht. Er tat so, als würde er wie Krum den Tanzenden
zusehen, doch er dachte scharf nach. Voldemort suchte also nach einem
berühmten Zauberstabmacher, und Harry musste sich nicht lange den Kopf
zerbrechen, warum: Der Grund dafür war sicher das, was Harrys
Zauberstab in jener Nacht getan hatte, als Voldemort ihn quer über den
Himmel gejagt hatte. Der Zauberstab aus Stechpalme und Phönixfeder
hatte den geborgten Zauberstab besiegt, was Ollivander weder
vorausgesehen noch verstanden hatte. Würde es Gregorowitsch besser
wissen? War er tatsächlich fähiger als Ollivander, kannte er Geheimnisse
von Zauberstäben, die Ollivander nicht kannte?
»Dieses Mädchen sieht sehr gutt aus«, sagte Krum und holte Harry
damit zurück in die Wirklichkeit. Krum deutete auf Ginny, die sich eben
Luna angeschlossen hatte. »Sie ist auch eine Verwandte von dir? «
»Jaah«, sagte Harry, plötzlich gereizt, »und sie hat einen Freund.
Eifersüchtiger Typ. Riesenkerl. Dem kommst du besser nicht in die
Quere.«
Kram grunzte.
»Wozu«, sagte er, leerte seinen Kelch und stand auf, »wozu ist man
eigentlich internationaler Quidditch-Spieler, wenn alle gutt aussehende
Mädchen schon vergeben sind?«
Und er schritt von dannen, während Harry sich bei einem
vorbeikommenden Kellner ein Sandwich nahm und am Rand der
überfüllten Tanzfläche entlangging. Er hielt Ausschau nach Ron, dem er
von Gregorowitsch erzählen wollte, aber Ron tanzte mit Hermine weit
entfernt in der Mitte der Tanzfläche. Harry lehnte sich an einen der
goldenen Pfosten und beobachtete Ginny, die jetzt mit Freds und Georges
Freund Lee Jordan tanzte, und er versuchte sich nicht über das Versprechen
zu ärgern, das er Ron gegeben hatte.
Er war noch nie auf einer Hochzeit gewesen und konnte deshalb nicht
beurteilen, wie ein Fest von Zauberern und Hexen sich von einem bei den
Muggeln unterschied, obwohl er ziemlich sicher war, dass es bei den
Muggeln keine Hochzeitstorte mit zwei nachgebildeten Phönixen darauf
gab, die losflogen, wenn die Torte angeschnitten wurde, und auch keine
Champagnerflaschen, die von allein durch die Menge schwebten. Als der
Abend anbrach und erste Nachtfalter unter den Baldachin flatterten, den
jetzt schwebende goldene Laternen beleuchteten, wurde der Trubel immer
ausgelassener. Fred und George waren längst mit zwei von Fleurs Cousinen
in die Dunkelheit verschwunden; Charlie, Hagrid und ein untersetzter
Zauberer mit einem purpurroten Filzhut sangen in einer Ecke »Odo der
Held«.
Harry streifte durch die Menge, um einem betrunkenen Onkel von Ron
zu entkommen, der unsicher schien, ob Harry sein Sohn war oder nicht, als
er einen alten Zauberer bemerkte, der allein an einem Tisch saß. Mit seiner
weißen Haarwolke, die ein mottenzerfressener Fes bedeckte, sah er eher
aus wie eine nicht mehr ganz frische Pusteblume. Harry kannte ihn von
irgendwoher: Er zermarterte sich das Hirn, bis ihm plötzlich einfiel, dass es
Elphias Doge war, Mitglied des Phönixordens und Autor von Dumbledores
Nachruf.
Harry ging auf ihn zu.
»Darf ich mich setzen?«
»Natürlich, natürlich«, sagte Doge; er hatte eine ziemlich hohe,
keuchende Stimme.
Harry beugte sich zu ihm hin.
»Mr Doge, ich bin Harry Potter.«
Doge hielt den Atem an.
»Mein lieber Junge! Arthur hat mir erzählt, dass du hier bist, getarnt ...
ich bin entzückt, was für eine Ehre!«
Freudig erregt schenkte Doge Harry hektisch einen Kelch Champagner
ein.
»Ich wollte dir eigentlich schreiben«, flüsterte er, »nachdem
Dumbledore ... der Schock ... und für dich, da bin ich sicher ...«
Doges kleine Augen füllten sich plötzlich mit Tränen.
»Ich habe den Nachruf gelesen, den Sie für den Tagespropheten
geschrieben haben«, sagte Harry. »Ich wusste nicht, dass Sie Professor
Dumbledore so gut kannten.«
»Nicht besser als jeder andere«, sagte Doge und tupfte sich mit einer
Serviette die Augen. »Ich kannte ihn zweifellos am längsten, wenn man
Aberforth nicht mit einrechnet – und irgendwie scheinen die Leute
Aberforth nie mit einzurechnen.«
»Wo wir gerade beim Tagespropheten sind ... ich weiß nicht, ob Sie es
gesehen haben, Mr Doge -?«
»Oh, bitte, nenn mich Elphias, guter Junge.«
»Elphias, ich weiß nicht, ob Sie das Interview gesehen haben, das Rita
Kimmkorn über Dumbledore gegeben hat?«
Zornesröte trat in Doges Gesicht.
»O ja, Harry, das habe ich. Diese Frau, oder besser gesagt dieser
Aasgeier, hat mich wahrhaft bis aufs Blut gequält, damit ich mit ihr rede.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich recht unhöflich wurde und
sie eine vorlaute Forelle nannte, was, wie du vermutlich bemerkt hast, zu
Verunglimpfungen meines Geisteszustands führte.«
»Nun«, fuhr Harry fort, »in diesem Interview deutet Rita Kimmkorn an,
dass Professor Dumbledore in seiner Jugend mit den dunklen Künsten zu
tun hatte.«
»Glaub kein Wort davon!«, sagte Doge sogleich. »Kein Wort, Harry!
Lass es nicht zu, dass irgendetwas deine Erinnerungen an Albus
Dumbledore trübt!«
Harry blickte in Doges ernstes, gequältes Gesicht und fühlte sich nicht
beruhigt, sondern enttäuscht. Glaubte Doge wirklich, dass es so leicht war,
dass Harry sich einfach aussuchen konnte, es nicht zu glauben? Verstand
Doge Harrys Bedürfnis nicht, sicher zu sein und alles zu erfahren?
Vielleicht ahnte Doge, was in Harry vorging, denn er blickte besorgt
und fuhr hastig fort: »Harry, Rita Kimmkorn ist eine schreckliche -«
Doch er wurde von einem schrillen Gegacker unterbrochen.
»Rita Kimmkorn? Oh, ich liebe sie, ich lese alles von ihr!«
Harry und Doge blickten auf und sahen Tantchen Muriel vor sich
stehen, mit wippenden Hutfedern und einem Champagnerkelch in der
Hand. »Sie hat ein Buch über Dumbledore geschrieben, wisst ihr!«
»Hallo, Muriel«, sagte Doge. »Ja, wir haben uns gerade darüber -«
»He, du! Gib mir deinen Stuhl, ich bin hundertsieben!«
Ein weiterer rothaariger Weasley-Cousin sprang alarmiert auf, und
Tantchen Muriel schwang seinen Stuhl überraschend kraftvoll herum und
ließ sich zwischen Doge und Harry darauf niederplumpsen.
»Da bist du ja wieder, Barry, oder wie immer du heißt«, sagte sie zu
Harry. »Nun, was wolltest du über Rita Kimmkorn sagen, Elphias? Du
weißt, dass sie eine Biographie von Dumbledore geschrieben hat? Ich kann
es kaum erwarten, sie zu lesen, ich darf nicht vergessen, sie bei Flourish &
Blotts zu bestellen!«
Doge machte bei diesen Worten eine starre und ernste Miene, aber
Tantchen Muriel leerte ihren Kelch, schnipste mit ihren knochigen Fingern
nach einem vorbeigehenden Kellner und ließ sich einen neuen geben. Sie
nahm einen neuerlichen großen Schluck Champagner, rülpste und sagte
dann: »Ihr braucht nicht wie ein Paar ausgestopfter Frösche zu gucken!
Bevor Albus so respektiert und respektabel wurde und all der Quark, gab es
einige enorm komische Gerüchte über ihn!«
»Haltlose und hinterhältige Gerüchte«, sagte Doge und lief wieder
radieschenrot an.
»War klar, dass du das sagst, Elphias«, gackerte Tantchen Muriel. »Mir
ist nicht entgangen, wie du in deinem Nachruf die tückischen Stellen
umkurvt hast!«
»Ich bedaure, dass du so denkst«, sagte Doge noch kühler. »Ich
versichere dir, dass ich aufrichtig geschrieben habe.«
»Oh, wir wissen alle, dass du Dumbledore vergöttert hast; ich vermute,
dass du ihn sogar dann noch für einen Heiligen halten wirst, wenn sich
tatsächlich herausstellt, dass er seine Schwester, diese Squib, um die Ecke
gebracht hat!«
»Muriel!«, rief Doge.
Ein Kältegefühl, das nichts mit dem eisgekühlten Champagner zu tun
hatte, stahl sich in Harrys Brust.
»Was soll das heißen?«, fragte er Muriel. »Wer hat behauptet, dass seine
Schwester eine Squib war? Ich dachte, sie war krank?«
»Da lagst du allerdings falsch, Barry!«, sagte Tantchen Muriel, offenbar
entzückt über die Wirkung, die sie erzielt hatte. »Und überhaupt, wie
konntest du glauben, dass du irgendetwas darüber weißt? Das alles
geschah, viele, viele Jahre bevor man überhaupt an dich dachte, mein
Lieber, und Tatsache ist, dass die von uns, die damals schon lebten, nie
erfuhren, was wirklich geschah. Darum kann ich es kaum erwarten,
herauszufinden, was Kimmkorn ausgegraben hat! Dumbledore hat diese
Schwester von ihm lange Zeit geheim gehalten!«
»Falsch!«, stieß Doge keuchend hervor. »Vollkommen falsch!«
»Er hat mir nie erzählt, dass seine Schwester eine Squib war«, sagte
Harry, ohne nachzudenken, und nach wie vor war ihm kalt ums Herz.
»Und warum, zum Henker, sollte er es dir erzählen?«, kreischte Muriel
und schwankte ein wenig auf ihrem Stuhl, als sie versuchte Harry scharf zu
fixieren.
»Der Grund, weshalb Albus nie über Ariana sprach«, begann Elphias
und seine Stimme war steif vor Ergriffenheit, »ist, wie ich meinen würde,
ganz offensichtlich. Ihr Tod hat ihn so erschüttert -«
»Warum hat niemand sie je gesehen, Elphias?«, keifte Muriel. »Warum
hat die halbe Welt nicht mal gewusst, dass es sie gab, bis man den Sarg aus
dem Haus trug und ihr ein Begräbnis bereitete? Wo war der heilige Albus,
während Ariana im Keller eingesperrt war? Auf und davon in Hogwarts,
um dort zu brillieren, ganz gleich was in seinem eigenen Haus vor sich
ging!«
»Was soll das heißen: >im Keller eingesperrt«, fragte Harry. »Was
hat das zu bedeuten?«
Doge sah deprimiert aus. Tantchen Muriel gackerte erneut und
antwortete Harry.
»Dumbledores Mutter war eine schreckliche Frau, einfach schrecklich.
Muggelstämmig, obwohl ich gehört habe, dass sie das Gegenteil
vortäuschte -«
»Sie hat nie etwas Derartiges vorgetäuscht! Kendra war eine großartige
Frau«, flüsterte Doge kläglich, aber Tantchen Muriel ignorierte ihn.
»- stolz und sehr herrisch, die Sorte Hexe, die es wohl als tödliche
Schande empfand, eine Squib zu gebären -«
»Ariana war keine Squib!«, keuchte Doge.
»Das behauptest du, Elphias, aber dann erklär mal, warum sie nie nach
Hogwarts gegangen ist!«, sagte Tantchen Muriel. Sie wandte sich wieder
an Harry. »Zu unserer Zeit wurde die Existenz von Squibs oft vertuscht. Es
allerdings so weit zu treiben, dass man tatsächlich ein kleines Mädchen im
Haus gefangen hält und so tut, als würde es nicht existieren -«
»Ich versichere dir, das ist nicht geschehen!«, sagte Doge, aber
Tantchen Muriel rollte wie eine Dampfwalze weiter, wobei sie immer noch
an Harry gewandt sprach.
»Squibs hat man normalerweise in Muggelschulen verfrachtet und
ermuntert, sich in die Gesellschaft der Muggel einzugliedern ... viel netter,
als wenn man versucht hätte, einen Platz in der Zaubererwelt für sie zu
finden, wo sie immer zweitklassig sein müssen; aber natürlich hätte Kendra
Dumbledore nicht im Traum daran gedacht, ihre Tochter auf eine
Muggelschule gehen zu lassen -«
»Ariana war von zarter Natur!«, sagte Doge verzweifelt. »Es ging ihr
gesundheitlich immer zu schlecht, als dass man ihr hätte erlauben können -
«
»Erlauben können, das Haus zu verlassen?«, gackerte Muriel. »Und
trotzdem wurde sie nie ins St. Mungo gebracht und kein Heiler wurde
jemals zu ihr gerufen!«
»Ich muss schon sagen, Muriel, du kannst doch unmöglich wissen, ob -«
»Nur zu deiner Information, Elphias, mein Cousin Lancelot war zu
dieser Zeit Heiler im St. Mungo, und er hat meiner Familie höchst
vertraulich gesagt, dass man Ariana nie dort gesehen hat. Alles äußerst
verdächtig, meinte Lancelot!«
Doge wirkte den Tränen nahe. Tantchen Muriel, die sich prächtig zu
amüsieren schien, schnalzte mit den Fingern nach mehr Champagner.
Benommen dachte Harry daran, wie die Dursleys ihn einst eingesperrt
hatten, ihn weggeschlossen, vor den anderen verborgen hatten, alles für das
Verbrechen, ein Zauberer zu sein. Hatte Dumbledores Schwester das
gleiche Schicksal erlitten, nur umgekehrt: eingesperrt, weil sie keine
magischen Kräfte besaß? Und hatte Dumbledore sie wirklich ihrem
Schicksal überlassen, während er nach Hogwarts ging, um zu beweisen,
wie brillant und talentiert er war?
»Nun, wenn Kendra nicht als Erste gestorben wäre«, begann Muriel von
neuem, »dann hätte ich gesagt, dass sie es war, die Ariana erledigt hat -«
»Wie kannst du nur, Muriel?«, stöhnte Doge. »Eine Mutter, die ihre
eigene Tochter umbringt? Bedenke, was du da sagst!«
»Wenn die fragliche Mutter dazu fähig war, ihre Tochter jahrelang
ununterbrochen einzusperren, warum nicht?«, erwiderte Tantchen Muriel
achselzuckend. »Aber wie gesagt, es passt ja nicht, weil Kendra vor Ariana
gestorben ist – woran, wusste offenbar nie jemand genau -«
»Oh, zweifellos hat Ariana sie ermordet«, sagte Doge in einem tapferen
Versuch, Muriel zu verspotten. »Warum nicht?«
»Ja, Ariana könnte verzweifelt versucht haben, sich zu befreien, und
Kendra bei diesem Kampf getötet haben«, sagte Tantchen Muriel
nachdenklich. »Da kannst du ruhig den Kopf schütteln, Elphias! Du warst
bei Arianas Begräbnis dabei, nicht wahr?«
»Ja, allerdings«, sagte Doge mit zitternden Lippen. »Und ich kann mich
an kein erschütternderes und traurigeres Ereignis erinnern. Albus' Herz war
gebrochen -«
»Sein Herz war nicht das Einzige. Hat Aberforth ihm nicht mitten in der
Trauerfeier die Nase gebrochen?«
Wenn Doge zuvor entsetzt gewirkt hatte, dann war das nichts im
Vergleich dazu, wie er jetzt aussah. Als ob Muriel ihm einen Messerstich
verpasst hätte. Sie gackerte laut und nahm noch einen kräftigen Schluck
Champagner, der ihr das Kinn hinabrann.
»Wie kannst du -?«, krächzte Doge.
»Meine Mutter war mit der alten Bathilda Bagshot befreundet«, sagte
Tantchen Muriel heiter. »Bathilda hat Mutter die ganze Sache geschildert,
während ich an der Tür lauschte. Eine Prügelei am offenen Grab! So wie
Bathilda es erzählte, hat Aberforth geschrien, dass Albus allein die Schuld
an Arianas Tod trage, und ihm dann ins Gesicht geschlagen. Laut Bathilda
verteidigte Albus sich nicht einmal, und das ist an sich schon merkwürdig
genug, Albus hätte Aberforth in einem Duell mit auf den Rücken
gebundenen Händen vernichten können.«
Muriel kippte noch mehr Champagner hinunter. Diese alten Skandale
aufzuwärmen beschwingte sie offenbar so sehr, wie sie Doge mit
Schrecken erfüllten. Harry wusste nicht, was er denken, was er glauben
sollte: Er wollte die Wahrheit wissen, und doch tat Doge nichts weiter, als
dazusitzen und leise zu wimmern, dass Ariana krank gewesen sei. Harry
konnte kaum glauben, dass Dumbledore nicht eingegriffen hätte, wenn
etwas so Grausames in seinem eigenen Haus passiert wäre, und doch war
zweifellos etwas Sonderbares an der Geschichte.
»Und ich werde euch noch etwas anderes erzählen«, sagte Muriel und
setzte mit einem kleinen Hickser ihren Kelch ab. »Ich glaube, Bathilda hat
Rita Kimmkorn gegenüber ausgepackt. All diese Andeutungen in
Kimmkorns Interview über eine wichtige Quelle, die den Dumbledores
nahestand – wer weiß, sie war während dieser ganzen Ariana-Geschichte
dort, und es würde passen!«
»Bathilda würde nie mit Rita Kimmkorn sprechen!«, flüsterte Doge.
»Bathilda Bagshot?«., sagte Harry. »Die Autorin der Geschichte der
Zauberei?«
Der Name stand auf einem von Harrys Schulbüchern, doch
zugegebenermaßen gehörte es nicht zu denen, die er am aufmerksamsten
gelesen hatte.
»Ja«, sagte Doge und klammerte sich an Harrys Frage wie ein
Ertrinkender an einen Rettungsring. »Eine höchst begabte magische
Historikerin und eine alte Freundin von Albus.«
»Heute ziemlich plemplem, hab ich gehört«, sagte Tantchen Muriel
fröhlich.
»Wenn das stimmt, dann ist es umso niederträchtiger von Kimmkorn,
sie ausgenutzt zu haben«, sagte Doge, »und man kann nichts von dem, was
Bathilda gesagt haben mag, für bare Münze nehmen!«
»Oh, es gibt Methoden, Erinnerungen zurückzuholen, und ich bin
sicher, dass Rita Kimmkorn sie alle kennt«, sagte Tantchen Muriel. »Aber
selbst wenn Bathilda völlig bekloppt ist, hat sie bestimmt immer noch alte
Fotos, vielleicht sogar Briefe. Sie kannte die Dumbledores schon seit vielen
Jahren ... eine Reise nach Godric's Hollow war's durchaus wert, würde ich
meinen.«
Harry, der gerade an einem Butterbier genippt hatte, verschluckte sich.
Doge schlug ihm auf den Rücken, während Harry hustete und mit
tränenden Augen zu Tantchen Muriel sah. Als Harry seine Stimme
wiederhatte, fragte er: »Bathilda Bagshot lebt in Godric's Hollow?«
»O ja, schon seit einer Ewigkeit! Die Dumbledores sind dort
hingezogen, nachdem Percival ins Gefängnis gekommen war, und sie war
ihre Nachbarin.«
»Die Dumbledores haben in Godric's Hollow gelebt?«
»Ja, Barry, wie ich eben schon sagte«, entgegnete Tantchen Muriel
unwirsch.
Harry fühlte sich ausgepumpt, leer. Nicht ein einziges Mal, in sechs
Jahren, hatte Dumbledore Harry erzählt, dass sie beide in Godric's Hollow
gelebt und geliebte Menschen dort verloren hatten. Warum? Lagen Lily
und James nahe bei Dumbledores Mutter und Schwester begraben? Hatte
Dumbledore ihre Gräber besucht, war er dabei vielleicht an denen von Lily
und James vorbeigegangen? Und er hatte es Harry nie erzählt ... es nie für
erwähnenswert gehalten ...
Und warum es so wichtig war, konnte Harry nicht erklären, nicht einmal
sich selbst, doch er spürte, dass es einer Lüge gleichkam, ihm nicht zu
sagen, dass sie diesen Ort und diese Erfahrungen miteinander gemein
hatten. Er starrte vor sich hin, bemerkte kaum, was um ihn herum geschah,
und nahm nicht wahr, dass Hermine aus dem Gedränge aufgetaucht war,
bis sie einen Stuhl an seine Seite zog.
»Ich kann einfach nicht mehr tanzen«, keuchte sie, streifte einen ihrer
Schuhe ab und rieb sich die Fußsohle. »Ron ist mehr Butterbier holen
gegangen. Es ist schon ein bisschen komisch, eben habe ich Viktor
gesehen, wie er von Lunas Vater weggestürmt ist, es sah aus, als ob sie
gestritten hätten -« Sie senkte die Stimme und starrte ihn an. »Harry, alles
okay mit dir?«
Harry wusste nicht, wo er anfangen sollte, aber es spielte keine Rolle. In
diesem Moment fiel etwas Großes und Silbernes durch den Baldachin über
der Tanzfläche. Graziös und schimmernd landete der Luchs leichtfüßig
inmitten der verblüfften Tänzer. Köpfe wandten sich ihm zu, und die Gäste,
die ihm am nächsten waren, erstarrten mitten im Tanz in grotesken
Stellungen. Dann öffnete der Patronus weit das Maul und sprach mit der
lauten, tiefen und langsamen Stimme von Kingsley Shacklebolt.
»Das Ministerium ist gefallen. Scrimgeour ist tot. Sie kommen.«
Ein Versteck
Alles schien verschwommen, langsam. Harry und Hermine sprangen auf
und zogen ihre Zauberstäbe. Viele erkannten erst jetzt, dass etwas
Merkwürdiges geschehen war; als die silberne Katze verschwand, drehten
sich immer noch Köpfe nach ihr um. Stille breitete sich in kalten Wellen
von dort aus, wo der Patronus gelandet war. Dann schrie jemand auf.
Harry und Hermine stürzten sich in die panische Menge. Gäste stoben in
alle Richtungen davon; viele disapparierten; die Schutzzauber rund um den
Fuchsbau waren gebrochen.
»Ron!«, schrie Hermine. »Ron, wo bist du?«
Während sie sich einen Weg über die Tanzfläche bahnten, sah Harry
maskierte Gestalten in Kapuzenumhängen in der Menge auftauchen; dann
sah er Lupin und Tonks, beide mit erhobenem Zauberstab, er hörte sie
»Protego!« rufen, und rundum taten es ihnen andere nach -
»Ron! Ron!«, schrie Hermine, fast schluchzend, während sie und Harry
von verängstigten Gästen angerempelt wurden: Harry packte ihre Hand, um
sicherzugehen, dass sie sich nicht verloren, als ein Lichtstrahl über ihre
Köpfe hinwegjagte, ob ein Schutzzauber oder etwas Finsteres, wusste
Harry nicht -
Und dann war Ron da. Er ergriff Hermines freien Arm, und Harry
spürte, wie sie sich auf der Stelle drehte; eine plötzlich über ihn
hereinbrechende Dunkelheit erstickte Licht und Lärm; er spürte nur noch
Hermines Hand, während er durch Zeit und Raum gepresst wurde, fort vom
Fuchsbau, fort von den herabsteigenden Todessern, vielleicht fort von
Voldemort selbst ...
»Wo sind wir?«, sagte Rons Stimme.
Harry öffnete die Augen. Einen Moment lang dachte er, sie hätten die
Hochzeit gar nicht verlassen: Offenbar waren immer noch überall
Menschen.
»Tottenham Court Road«, keuchte Hermine. »Weitergehen, einfach
weitergehen, wir müssen irgendetwas finden, wo ihr euch umziehen
könnt.«
Harry tat, was sie verlangte. Halb gehend, halb rennend eilten sie unter
funkelnden Sternen die breite, dunkle Straße entlang, an Trauben von
Nachtschwärmern und geschlossenen Geschäften vorbei. Ein
Doppeldeckerbus brauste vorüber, und eine Gruppe angeheiterter
Kneipenbesucher gaffte nach ihnen, während sie vorbeigingen; Harry und
Ron trugen immer noch ihre Festumhänge.
»Hermine, wir haben nichts anderes zum Anziehen«, sagte Ron zu ihr,
als eine junge Frau bei seinem Anblick in heiseres Kichern ausbrach.
»Warum hab ich nicht daran gedacht, den Tarnumhang mitzunehmen?«,
sagte Harry und fluchte insgeheim über seine Dummheit. »Das ganze letzte
Jahr hatte ich ihn bei mir und -«
»Schon gut, ich hab den Umhang und ich hab Klamotten für euch
beide«, sagte Hermine. »Versucht einfach, euch normal zu verhalten, bis –
hier ist es gut.«
Sie führte sie in eine Seitenstraße, dann in den Schutz eines düsteren
schmalen Durchgangs.
»Wenn du sagst, du hättest den Umhang und Klamotten ...«, sagte Harry
und sah Hermine stirnrunzelnd an, die nichts bei sich hatte außer ihrer
kleinen, mit Perlen verzierten Handtasche, in der sie jetzt herumstöberte.
»Ja, sie sind hier«, sagte Hermine, und Harry und Ron waren sprachlos,
als sie eine Jeans, ein Sweatshirt, ein Paar kastanienbraune Socken und
schließlich den silbrigen Tarnumhang herauszog.
»Wie zum Teufel noch mal -? «
»Unaufspürbarer Ausdehnungszauber«, sagte Hermine. »Knifflig, aber
ich glaub, ich hab ihn einigermaßen hinbekommen; jedenfalls hab ich es
geschafft, alles, was wir brauchen, hier reinzukriegen.« Sie schüttelte kurz
die zierlich wirkende Tasche, und es hallte darin wie in einem Laderaum, in
dem etliche schwere Gegenstände herumrutschen. »O verdammt, das sind
sicher die Bücher«, sagte sie und spähte hinein. »Und ich hatte sie doch alle
nach Themen aufgestapelt ... na gut ... Harry, du nimmst am besten den
Tarnumhang. Ron, zieh dich schnell um ...«
»Wann hast du das alles gemacht?«, fragte Harry, während Ron seinen
Festumhang abstreifte.
»Ich hab dir doch im Fuchsbau gesagt, dass ich die wichtigen Sachen
schon seit Tagen gepackt hatte, für den Fall, dass wir rasch abhauen
müssten. Deinen Rucksack hab ich heute Morgen gepackt, Harry, nachdem
du dich verwandelt hattest, und ihn hier reingetan ... es war nur ein Gefühl
...«
»Du bist echt irre«, sagte Ron und reichte ihr seinen
zusammengeknüllten Umhang.
»Danke«, sagte Hermine und brachte ein leises Lächeln zustande, als sie
den Umhang in die Tasche stopfte. »Bitte, Harry, zieh endlich den Umhang
über!«
Harry warf sich den Tarnumhang um die Schultern, und als er ihn über
den Kopf zog, verschwand er. Erst allmählich wurde ihm bewusst, was
geschehen war.
»Die anderen – all die Leute auf der Hochzeit -«
»Darüber können wir uns jetzt keine Gedanken machen«, flüsterte
Hermine. »Du bist der, hinter dem sie her sind, Harry, und wir würden alle
nur noch mehr in Gefahr bringen, wenn wir zurückgingen.«
»Sie hat Recht«, sagte Ron, der offenbar wusste, dass Harry gleich
widersprechen wollte, obwohl er sein Gesicht nicht sehen konnte. »Fast alle
vom Orden waren da, die werden sich um die Leute kümmern.«
Harry nickte, dann fiel ihm ein, dass sie ihn nicht sehen konnten, und er
sagte: »Jaah.« Doch er dachte an Ginny und Angst schäumte wie Säure in
seinem Magen.
»Kommt, ich glaube, wir sollten weiter«, sagte Hermine.
Sie kehrten durch die Seitenstraße zurück auf die große Straße, wo auf
der anderen Seite einige Männer sangen und im Zickzack über den
Bürgersteig liefen.
»Rein aus Neugier, warum gerade Tottenham Court Road?«, fragte Ron
Hermine.
»Ich hab keine Ahnung, das ist mir einfach so eingefallen, aber ich bin
sicher, dass wir hier draußen in der Muggelwelt weniger in Gefahr sind, die
erwarten nicht, dass wir hier sind.«
»Stimmt«, sagte Ron und sah sich um, »aber fühlst du dich nicht ein
bisschen – ungeschützt?«
»Wo können wir sonst hin?«, fragte Hermine und zuckte zusammen, als
die Männer auf der anderen Straßenseite anfingen, ihr hinterherzupfeifen.
»Wir können ja wohl kaum Zimmer im Tropfenden Kessel mieten, oder?
Und der Grimmauldplatz kommt nicht in Frage, wenn Snape da reinkann ...
Wir könnten es vielleicht mit dem Haus meiner Eltern probieren, aber
möglicherweise kommen die Todesser, um dort nachzusehen ... oh, wenn
die nur endlich die Klappe halten würden!«
»Alles klar, Süße?«, schrie der betrunkenste Mann auf dem Bürgersteig
gegenüber. »Lust auf'n Drink? Gib dem Rotfuchs den Laufpass und komm
mit auf'n Bier!«
»Am besten, wir setzen uns mal irgendwo rein«, sagte Hermine rasch,
als Ron den Mund aufmachte, um über die Straße zurückzubrüllen. »Seht
mal, das hier ist gut, los, hinein!«
Es war ein kleines, heruntergekommenes Nachtcafe. Eine dünne
Fettschicht lag auf allen Resopaltischen, doch es war zumindest leer. Harry
rutschte als Erster auf eine Sitzbank, und Ron nahm neben ihm und
gegenüber von Hermine Platz, die es gar nicht mochte, mit dem Rücken
zum Eingang zu sitzen: Sie blickte so oft über die Schulter, dass es aussah,
als würde sie unter einem nervösen Zucken leiden. Harry behagte das
Sitzen nicht; beim Gehen hatte er sich vormachen können, dass sie ein Ziel
hatten. Unter dem Tarnumhang konnte er spüren, wie die letzten Reste des
Vielsaft-Tranks ihre Wirkung verloren, seine Hände nahmen wieder ihre
normale Länge und Form an. Er zog seine Brille aus der Tasche und setzte
sie auf.
Nach ein oder zwei Minuten sagte Ron: »Wir sind hier nicht weit weg
vom Tropfenden Kessel, wisst ihr, der ist gerade mal in der Charing Cross -
«
»Ron, das geht nicht!«, sagte Hermine sofort.
»Nicht um dort zu bleiben, sondern um rauszufinden, was los ist!«
»Wir wissen, was los ist! Voldemort hat das Ministerium erobert, was
müssen wir sonst noch wissen?«
»Okay, okay, es war nur 'ne Idee!«
Sie verfielen erneut in ein angespanntes Schweigen. Die Kaugummi
kauende Bedienung schlurfte herüber und Hermine bestellte zwei
Cappuccino: Da Harry unsichtbar war, hätte es komisch gewirkt, auch für
ihn einen zu bestellen. Zwei stämmige Arbeiter betraten das Cafe und
quetschten sich auf die benachbarte Sitzgruppe. Hermine senkte die
Stimme und flüsterte.
»Ich würde sagen, wir suchen uns einen ruhigen Platz zum
Disapparieren und verschwinden aufs Land. Wenn wir dort sind, können
wir dem Orden eine Nachricht schicken.«
»Du kriegst das also hin mit diesem sprechenden Patronus?«, fragte
Ron.
»Ich denk schon, ich hab geübt«, sagte Hermine.
»Von mir aus, solange die dadurch nicht in Schwierigkeiten geraten,
aber vielleicht sind sie ja auch schon verhaftet«, sagte Ron. »Gott, ist das
widerlich«, fügte er nach einem kleinen Schluck von dem schaumigen,
gräulichen Kaffee hinzu. Die Bedienung hatte es gehört; sie warf Ron einen
bösen Blick zu, während sie davonschlurfte, um die Bestellungen der neuen
Gäste aufzunehmen. Der größere der beiden Arbeiter, der blond und
ziemlich hünenhaft war, wie Harry jetzt erst bemerkte, scheuchte sie weg.
Sie starrte beleidigt zurück.
»Lasst uns mal gehen, ich will diese Brühe nicht trinken«, sagte Ron.
»Hermine, hast du Muggelgeld, um das zu bezahlen?«
»Ja, ich hab mein ganzes Bausparkonto geleert, bevor ich zum Fuchsbau
kam. Ich wette, das Kleingeld ist ganz unten«, seufzte Hermine und griff
nach ihrer Perlentasche.
Die Arbeiter machten beide dieselbe Bewegung, und Harry ahmte sie
ganz automatisch nach: Alle drei zogen ihre Zauberstäbe. Ron, der ein paar
Sekunden brauchte, bis er begriffen hatte, was los war, warf sich über den
Tisch und stieß Hermine auf ihrer Bank um. Die Wucht der Todesserflüche
zertrümmerte die geflieste Wand, dort, wo eben noch Rons Kopf gewesen
war, und Harry schrie, immer noch unsichtbar: »Stupor!«
Ein roter Lichtstrahl traf den großen blonden Todesser im Gesicht: Er
sackte ohnmächtig zur Seite. Sein Begleiter, der nicht sehen konnte, von
wem der Fluch gekommen war, feuerte einen weiteren auf Ron: Glänzende
schwarze Seile flogen aus der Spitze seines Zauberstabs und fesselten Ron
am ganzen Körper – die Bedienung schrie und rannte zur Tür – Harry
schoss einen weiteren Schockzauber auf den Todesser mit dem verzerrten
Gesicht ab, der Ron gefesselt hatte, doch er verfehlte ihn, prallte am
Fenster ab und traf die Bedienung, die an der Tür zusammenbrach.
»Expulso!«, brüllte der Todesser, und der Tisch, hinter dem Harry stand,
flog in die Luft: Die Wucht der Explosion schmetterte ihn gegen die Wand,
und er spürte, wie ihm der Zauberstab aus der Hand fiel und ihm der
Tarnumhang herunterrutschte.
»Petrificus Totalus!«, kreischte Hermine von irgendwoher, und der
Todesser kippte wie eine Statue mit einem dumpfen Knirschen vornüber
auf das Durcheinander aus Porzellanscherben, Tischsplittern und Kaffee.
Hermine kroch unter der Bank hervor, am ganzen Leib zitternd, und
schüttelte sich Scherben von einem gläsernen Aschenbecher aus den
Haaren.
»D-Diffindo«, sagte sie und richtete dabei ihren Zauberstab auf Ron, der
vor Schmerz schrie, weil sie seine Jeans am Knie aufschlitzte, was einen
tiefen Schnitt hinterließ. »Oh, tut mir so leid, Ron, meine Hand zittert!
Diffindo!«
Die durchgetrennten Seile fielen von ihm ab. Ron stand auf und
schüttelte seine Arme, um die Taubheit loszuwerden. Harry hob seinen
Zauberstab auf und stieg über den ganzen Schutt zu dem großen blonden
Todesser hinüber, der ausgestreckt über der Bank lag.
»Ich hätte ihn erkennen müssen, er war dabei in der Nacht, als
Dumbledore starb«, sagte er. Er drehte den dunkleren Todesser mit dem
Fuß um; die Augen des Mannes zuckten rasch zwischen Harry, Ron und
Hermine hin und her.
»Das ist Dolohow«, sagte Ron. »Ich erkenne ihn von den alten
Fahndungsplakaten her. Ich glaube, der Große ist Thorfinn Rowle.«
»Ist doch egal, wie sie heißen!«, sagte Hermine ein wenig hysterisch.
»Wie konnten die uns finden? Was sollen wir jetzt tun?«
Ihre Panik schien auf irgendeine Art zu bewirken, dass Harry einen
klaren Kopf bekam.
»Schließ die Tür ab«, sagte er, »und Ron, mach die Lichter aus.«
Er blickte hinunter auf den gelähmten Dolohow und überlegte rasch,
während das Türschloss zuschnappte und Ron das Cafe mit dem
Deluminator in Dunkelheit tauchte. Aus der Ferne konnte Harry die
Männer hören, die vorher Hermine verhöhnt hatten und nun ein anderes
Mädchen anschrien.
»Was machen wir mit denen?«, flüsterte Ron im Dunklen Harry zu;
dann sagte er, noch leiser: »Sie töten? Die würden uns auch töten. Eben
waren sie kurz davor. «
Hermine schauderte und trat einen Schritt zurück. Harry schüttelte den
Kopf.
»Wir müssen nur ihre Gedächtnisse löschen«, sagte Harry. »Das ist
besser, es wird sie von der Fährte ablenken. Wenn wir sie umbringen
würden, wäre es offensichtlich, dass wir hier waren.«
»Du bist der Chef«, sagte Ron und klang äußerst erleichtert. »Aber ich
hab noch nie einen Gedächtniszauber ausgeführt.«
»Ich auch nicht«, sagte Hermine, »aber ich kann es theoretisch.«
Sie nahm einen tiefen, beruhigenden Atemzug, dann richtete sie ihren
Zauberstab auf Dolohows Stirn und sagte: »Amnesia.«
Dolohows Blick wurde sofort verschwommen und träumerisch.
»Bestens!«, sagte Harry und klopfte ihr auf die Schulter. »Kümmer dich
um den anderen und die Bedienung, Ron und ich räumen inzwischen auf.«
»Aufräumen?«, sagte Ron und sah sich in dem halb demolierten Cafe
um. »Wieso?«
»Meinst du nicht, dass die sich fragen könnten, was passiert ist, wenn
sie an einem Ort aufwachen, wo es aussieht, als hätte gerade eine Bombe
eingeschlagen?«
»O ja, stimmt ...«
Ron hatte einen Augenblick damit zu tun, seinen Zauberstab aus der
Tasche zu ziehen.
»Kein Wunder, dass ich ihn nicht rauskriege, Hermine, du hast meine
alte Jeans eingepackt, die ist zu eng.«
»Oh, das tut mir aber leid«, fauchte Hermine, und während sie die
Kellnerin aus dem Sichtbereich der Fenster schleifte, hörte Harry, wie sie
leise murmelnd vorschlug, wo Ron seinen Zauberstab sonst noch
hinstecken könnte.
Sobald das Cafe wieder in seinem alten Zustand war, hievten sie die
Todesser zurück an ihren Tisch und stützten sie so ab, dass sie einander
gegenübersaßen.
»Wie haben die uns nur gefunden?«, fragte Hermine und sah von dem
einen reglosen Mann zum anderen. »Woher wussten die, wo wir sind?«
Sie wandte sich zu Harry um.
»Du – du glaubst doch nicht, dass du immer noch die Spur auf dir hast,
Harry?«
»Das kann nicht sein«, sagte Ron. »Die Spur löst sich, wenn man
siebzehn wird, das ist magisches Gesetz, man kann sie keinem
Erwachsenen auferlegen.«
»Soweit du weißt«, sagte Hermine. »Und wenn die Todesser nun einen
Weg gefunden haben, sie auf einen Siebzehnjährigen zu legen?«
»Aber Harry war in den letzten vierundzwanzig Stunden nicht in der
Nähe eines Todessers. Wer sollte ihn denn wieder mit einer Spur belegt
haben?«
Hermine antwortete nicht. Harry fühlte sich verseucht, befleckt: Hatten
die Todesser ihn wirklich auf diese Weise gefunden?
»Wenn ich nicht zaubern kann und ihr nicht in meiner Nähe zaubern
könnt, ohne dass wir unseren Standort verraten ...«, begann er.
»Wir trennen uns nicht!«, sagte Hermine entschieden.
»Wir brauchen ein sicheres Versteck«, sagte Ron. »Wo wir in Ruhe
über alles nachdenken können.«
»Grimmauldplatz«, sagte Harry.
Den beiden anderen blieb der Mund offen stehen.
»Sei nicht albern, Harry, da kann Snape doch rein!«
»Rons Dad meinte, sie hätten Flüche gegen ihn in Stellung gebracht –
und selbst wenn die nicht funktioniert haben«, fuhr er hastig fort, als
Hermine widersprechen wollte, »was soll's? Ich schwöre, mir wäre nichts
lieber, als Snape zu treffen!«
»Aber -«
»Was bleibt uns denn anderes übrig, Hermine? Eine bessere
Möglichkeit gibt es nicht. Snape ist nur ein einzelner Todesser. Wenn ich
die Spur immer noch auf mir habe, dann sind sie scharenweise hinter uns
her, ganz gleich wo wir sonst hingehen.«
Sie konnte nicht widersprechen, auch wenn sie so aussah, als ob sie es
gerne getan hätte. Als sie die Tür des Cafes aufschloss, ließ Ron den
Deluminator klicken, um die Beleuchtung wieder freizugeben. Dann zählte
Harry bis drei, sie lösten die Zauber von ihren drei Opfern, und noch ehe
die Bedienung oder irgendeiner der beiden Todesser mehr als eine müde
Bewegung machen konnten, hatten sich Harry, Ron und Hermine auf der
Stelle gedreht und waren in der drückenden Dunkelheit verschwunden.
Sekunden später dehnte sich Harrys Lunge dankbar aus und er öffnete
die Augen: Sie standen jetzt in der Mitte eines vertrauten kleinen und
heruntergekommenen Platzes. Rundum ragten schäbige Häuser in die
Höhe. Sie konnten Nummer zwölf sehen, denn Dumbledore, der
Geheimniswahrer, hatte ihnen von der Existenz des Hauses erzählt, und
schritten nun eilig darauf zu, wobei sie sich alle paar Meter vergewisserten,
dass sie nicht verfolgt oder beobachtet wurden. Sie sprangen die
Steinstufen hoch und Harry klopfte mit seinem Zauberstab ein Mal gegen
die Haustür. Sie hörten mehrere metallische Klickgeräusche und das
Rasseln einer Kette, dann schwang die Tür knarrend auf, und sie traten
hastig über die Schwelle.
Als Harry die Tür hinter ihnen schloss, sprangen die altmodischen
Gaslaternen an und warfen ihr flackerndes Licht durch die Eingangshalle.
Hier sah es genauso aus, wie Harry es in Erinnerung hatte: unheimlich,
voller Spinnweben, die Silhouetten der Hauselfenköpfe an der Wand
warfen seltsame Schatten die Treppe hinauf. Lange, dunkle Vorhänge
verdeckten das Porträt von Sirius' Mutter. Nur der Schirmständer aus einem
Trollbein war nicht an seinem Platz, sondern lag seitlich auf dem Boden,
als hätte Tonks ihn eben wieder umgestoßen.
»Ich glaube, hier war jemand«, flüsterte Hermine und deutete auf den
Schirmständer.
»Das ist vielleicht passiert, als der Orden hier rausgegangen ist«,
erwiderte Ron leise.
»Wo sind jetzt diese Flüche, die sie gegen Snape in Stellung gebracht
haben?«, fragte Harry.
»Vielleicht werden sie nur ausgelöst, wenn er auftaucht?«, überlegte
Ron.
Dennoch blieben sie eng zusammen auf der Türmatte stehen, mit dem
Rücken zur Tür, voller Angst, weiter ins Haus hineinzugehen.
»Also, ewig können wir hier nicht bleiben«, sagte Harry und machte
einen Schritt vorwärts.
»Severus Snape?«
Mad-Eye Moodys Stimme flüsterte aus der Dunkelheit und alle drei
sprangen vor Schreck zurück. »Wir sind nicht Snape!«, krächzte Harry, bis
etwas über ihn hinwegzischte wie ein kalter Luftzug und seine Zunge sich
umstülpte, so dass er nicht mehr sprechen konnte. Aber noch bevor er in
seine Mundhöhle tasten konnte, hatte sich seine Zunge wieder gelöst.
Die beiden anderen hatten offenbar das gleiche unangenehme Erlebnis
gehabt. Ron machte Würgelaute; Hermine stammelte: »Das m-muss der
Zunge-Fessel-Fluch g-gewesen sein, den Mad-Eye für Snape eingerichtet
hat!«
Behutsam machte Harry noch einen Schritt vorwärts. In den Schatten
am Ende der Halle bewegte sich etwas, und ehe einer von ihnen ein
weiteres Wort sagen konnte, war eine Gestalt aus dem Teppich
emporgewachsen, groß, Staubfarben und schrecklich: Hermine schrie,
genau wie Mrs Black, deren Vorhänge zur Seite flogen; die graue Gestalt
glitt auf sie zu, immer schneller, mit wehendem hüftlangem Haar und Bart,
das Gesicht eingefallen, fleischlos, mit leeren Augenhöhlen: Schrecklich
vertraut, entsetzlich verändert, hob sie einen abgezehrten Arm und richtete
ihn auf Harry.
»Nein!«, schrie Harry, und obwohl er seinen Zauberstab erhoben hatte,
fiel ihm kein Zauber ein. »Nein! Wir waren es nicht! Wir haben Sie nicht
getötet -«
Bei dem Wort »getötet« zerbarst die Gestalt zu einer großen
Staubwolke: Hustend und mit tränenden Augen schaute Harry sich um und
sah Hermine an der Tür auf dem Boden kauern, die Arme über dem Kopf,
während Ron, der am ganzen Leib zitterte, ihr unbeholfen die Schulter
tätschelte und sagte: »Ist schon g-gut ... er ist w-weg ...«
Staub wirbelte um Harry herum wie Nebel und dämpfte das blaue
Gaslicht, und dann fing Mrs Black wieder an zu schreien.
»Schlammblüter, Dreck, Schandflecke, Makel der Schmach auf dem
Haus meiner Väter -«
»HALT DIE KLAPPE!«, brüllte Harry und richtete seinen Zauberstab
auf sie, und mit einem Knall und einem roten Funkenschauer schwangen
die Vorhänge wieder zu und ließen sie verstummen.
»Das ... das war ...«, wimmerte Hermine, während Ron ihr auf die Beine
half.
»Jaah«, sagte Harry, »aber er war es nicht wirklich, oder? Nur etwas,
das Snape Angst einjagen sollte.«
Hatte die Horrorgestalt ihren Zweck erfüllt, fragte sich Harry, oder hatte
Snape sie schon aus dem Weg gesprengt, so lässig, wie er den echten
Dumbledore getötet hatte? Immer noch nervös ging er den anderen beiden
voran in die Halle hinein und rechnete fast damit, dass ein neuer Schrecken
sich offenbaren würde, doch nichts regte sich außer einer Maus, die an der
Fußleiste entlanghuschte.
»Ich glaube, bevor wir noch weitergehen, sollten wir besser mal
nachsehen«, flüsterte Hermine, hob ihren Zauberstab und sagte: »Homenum
revelio.«
Nichts geschah.
»Na ja, du hast gerade einen schweren Schock erlitten«, sagte Ron
freundlich. »Was sollte das denn bewirken?«
»Es hat bewirkt, was ich haben wollte!«, sagte Hermine ziemlich
ärgerlich. »Das war ein Zauber, der die Anwesenheit von Menschen zeigt,
und es ist niemand hier außer uns!«
»Und der alte Staubwedel«, sagte Ron und warf einen Blick auf die
Stelle im Teppich, wo die Leichengestalt emporgestiegen war.
»Gehen wir nach oben«, sagte Hermine mit einem angsterfüllten Blick
auf dieselbe Stelle, und sie ging voran, die knarrende Treppe hinauf in den
Salon im ersten Stock.
Hermine schwang ihren Zauberstab, um die alten Gaslaternen
anzuzünden, dann setzte sie sich, leicht schaudernd in dem zugigen Raum,
auf das Sofa, die Arme eng um den Körper geschlungen. Ron ging hinüber
zum Fenster und schob den schweren Samtvorhang einige Zentimeter zur
Seite.
»Kann da draußen niemanden sehen«, berichtete er. »Und wenn Harry
immer noch die Spur auf sich hätte, wären sie uns bis hierher gefolgt,
schätze ich. Ich weiß, sie können nicht ins Haus, aber – was ist los, Harry?«
Harry hatte vor Schmerz aufgeschrien: Seine Narbe hatte wieder
gebrannt, als ihm etwas durch den Kopf geschossen war, wie ein helles
Licht über dem Wasser. Er sah einen großen Schatten und spürte Wut, die
nicht seine eigene war, durch seinen Körper pulsieren, heftig und kurz wie
ein elektrischer Schlag.
»Was hast du gesehen?«, fragte Ron und ging auf Harry zu. »Hast du
ihn bei mir zu Hause gesehen?«
»Nein, ich hab nur Zorn gespürt – er ist richtig zornig -«
»Aber das könnte im Fuchsbau sein«, sagte Ron laut. »Wo sonst? Hast
du nichts gesehen? Hat er jemand einen Fluch aufgehalst?«
»Nein, ich hab nur Zorn gespürt – ich wusste nicht -«
Harry fühlte sich erschlagen, durcheinander, und Hermine war ihm
keine Hilfe, als sie mit ängstlicher Stimme fragte: »Deine Narbe, schon
wieder? Aber was ist da los? Ich dachte, diese Verbindung hätte sich
geschlossen! «
»Hat sie auch, eine Zeit lang«, murmelte Harry; seine Narbe schmerzte
noch immer, weshalb es ihm schwerfiel, sich zu konzentrieren. »Ich – ich
glaub, sie fängt wieder an, sich zu öffnen, immer wenn er die Beherrschung
verliert, so war das auch, als -«
»Aber dann musst du deinen Geist verschließen!«, sagte Hermine
schrill. »Harry, Dumbledore wollte nicht, dass du diese Verbindung
benutzt, er wollte, dass du sie stilllegst, deshalb solltest du Okklumentik
einsetzen! Denn sonst kann Voldemort falsche Bilder in dein Bewusstsein
einpflanzen, erinner dich -«
»Jaah, ich erinnere mich gut, danke«, sagte Harry mit
zusammengebissenen Zähnen; Hermine brauchte ihm nicht zu sagen, dass
Voldemort einst genau diese Verbindung zwischen ihnen genutzt hatte, um
ihn in eine Falle zu locken, und auch nicht, dass dies zu Sirius' Tod geführt
hatte. Er wünschte, er hätte ihnen nicht erzählt, was er gesehen und gespürt
hatte; es ließ Voldemort bedrohlicher wirken, so als ob er sich gerade
gegen das Fenster des Salons pressen würde, und der Schmerz in seiner
Narbe nahm immer noch zu, und er kämpfte dagegen an: Es war, als würde
er sich gegen einen Brechreiz wehren.
Er wandte Ron und Hermine den Rücken zu und tat, als würde er den
alten Wandteppich mit dem Stammbaum der Familie Black studieren. Dann
stieß Hermine einen spitzen Schrei aus: Harry zückte erneut seinen
Zauberstab, wirbelte herum und sah einen silbrigen Patronus durch das
Fenster des Salons hereinschweben und auf dem Boden vor ihnen landen,
wo er die Gestalt eines Wiesels annahm, das mit der Stimme von Rons
Vater sprach.
»Familie sicher, nicht antworten, wir werden beobachtet.«
Der Patronus löste sich in nichts auf. Ron gab einen halb wimmernden,
halb stöhnenden Laut von sich und ließ sich auf das Sofa fallen. Hermine
rückte an ihn heran und ergriff seinen Arm.
»Es geht ihnen gut, es geht ihnen gut!«, flüsterte sie, und Ron lachte
halbherzig und umarmte sie.
»Harry«, sagte er über Hermines Schulter, »ich -«
»Kein Problem«, sagte Harry, dem von dem Schmerz in seinem Kopf
übel war. »Es ist deine Familie, 'türlich machst du dir Sorgen. Mir würde es
genauso gehen.« Er dachte an Ginny. »Mir geht es genauso.«
Seine Narbe schmerzte höllisch, sie brannte wie im Garten des
Fuchsbaus. Undeutlich hörte er Hermine sagen: »Ich will nicht alleine sein.
Können wir nicht die Schlafsäcke nehmen, die ich mitgebracht habe, und
heute hier drin übernachten?«
Er hörte, wie Ron zustimmte. Er konnte sich nicht mehr länger gegen
den Schmerz wehren: Er musste ihm nachgeben.
»Badezimmer«, murmelte er und ging, so schnell er konnte, ohne zu
rennen, aus dem Salon.
Er schaffte es gerade noch: Mit zitternden Händen verriegelte er die Tür
hinter sich, griff nach seinem hämmernden Kopf und stürzte zu Boden, und
dann spürte er in einem plötzlichen Ausbruch unerträglicher Schmerzen,
wie der Zorn, der nicht zu ihm gehörte, von seiner Seele Besitz ergriff, er
sah einen langen Raum, nur von einem Kaminfeuer erleuchtet, und den
großen blonden Todesser auf dem Boden, schreiend und sich krümmend,
und eine schmächtigere Gestalt über ihm, den Zauberstab in der
ausgestreckten Hand, während Harry mit einer hohen, kalten, gnadenlosen
Stimme sprach.
»Noch mehr, Rowle, oder sollen wir Schluss machen und dich Nagini
zum Fraß vorwerfen? Lord Voldemort ist nicht sicher, ob er dieses Mal
verzeiht ... Dafür hast du mich zurückgerufen, um mir zu sagen, dass Harry
Potter wieder entkommen ist? Draco, lass Rowle noch einmal von unserem
Missvergnügen kosten ... tu es, oder du spürst selbst meinen Zorn! «
Im Feuer fiel ein Holzscheit: Flammen loderten auf, ihr Licht zuckte
über ein von Grauen erfülltes, spitzes weißes Gesicht – mit dem Gefühl, als
ob er aus tiefem Wasser auftauchen würde, schnappte Harry nach Luft und
öffnete die Augen.
Er lag, alle viere von sich gestreckt, auf dem kalten schwarzen
Marmorboden, die Nase nur Zentimeter von einem der silbernen
Schlangenschwänze entfernt, die die große Badewanne trugen. Er setzte
sich auf. Malfoys ausgemergeltes, versteinertes Gesicht schien ins Innere
seiner Augen eingebrannt. Harry war übel von dem, was er gesehen hatte,
von der Art, wie Draco nun von Voldemort benutzt wurde.
Es klopfte heftig an der Tür, und Harry zuckte zusammen, als Hermines
Stimme ertönte:
»Harry, möchtest du deine Zahnbürste? Ich hab sie hier.«
»Jaah, prima, danke«, sagte er, nach Kräften bemüht, so lässig wie
möglich zu klingen, und er stand auf, um Hermine hereinzulassen.
Kreachers Geschichte
Harry erwachte früh am nächsten Morgen, auf dem Fußboden des
Salons in einen Schlafsack gehüllt. Zwischen den schweren Vorhängen war
ein schmaler Spalt vom Himmel zu sehen: Er hatte das kühle, klare Blau
von Tusche, irgendwo zwischen Nacht und Morgendämmerung, und es war
ganz still, nur Rons und Hermines langsame, tiefe Atemzüge waren zu
hören. Harry spähte hinüber zu den dunklen Schemen, die sie auf dem
Boden neben ihm bildeten. Ron hatte in einem Anfall von Ritterlichkeit
darauf bestanden, dass Hermine auf den Sofakissen schlief, deshalb ragte
ihre Silhouette nun höher als seine. Ihr Arm war zum Boden geschwungen,
die Finger nur Zentimeter von Rons entfernt. Harry fragte sich, ob sie Hand
in Hand eingeschlafen waren. Bei dieser Vorstellung fühlte er sich
merkwürdig einsam.
Er blickte auf zu der düsteren Decke, zu dem mit Spinnweben
überzogenen Kronleuchter. Vor kaum vierundzwanzig Stunden hatte er am
Eingang des Zeltes in der Sonne gestanden und auf Hochzeitsgäste
gewartet, um sie hineinzuführen. Es kam ihm vor wie in einem anderen
Leben. Was würde jetzt geschehen? Er lag auf dem Boden und dachte an
die Horkruxe, an die beängstigende und schwierige Mission, die
Dumbledore ihm aufgetragen hatte ... Dumbledore ...
Der Kummer, der ihn seit Dumbledores Tod erfüllt hatte, fühlte sich nun
anders an. Die Anschuldigungen, die er bei der Hochzeit von Muriel gehört
hatte, schienen sich in seinem Gehirn eingenistet zu haben wie eine
Krankheit und vergifteten seine Erinnerungen an den Zauberer, den er
abgöttisch verehrt hatte. Könnte Dumbledore solche Dinge geschehen
haben lassen? War er wie Dudley gewesen, der zufrieden zusah, wenn
jemand vernachlässigt und misshandelt wurde, solange es nicht ihn betraf?
Könnte er einer Schwester den Rücken zugekehrt haben, die eingesperrt
und versteckt wurde?
Harry dachte an Godric's Hollow, an die Gräber dort, die Dumbledore
nie erwähnt hatte; er dachte an mysteriöse Gegenstände, die ihnen
Dumbledore in seinem Testament ohne Erklärung vermacht hatte, und er
spürte in der Dunkelheit wachsenden Unmut. Warum hatte Dumbledore es
ihm nicht gesagt? Warum hatte er es nicht erklärt? War Harry für
Dumbledore überhaupt wichtig gewesen? Oder war Harry nichts als ein
Werkzeug gewesen, das man schleift und poliert, dem man aber nicht
trauen und niemals etwas anvertrauen würde?
Harry hielt es nicht mehr länger aus, dazuliegen und sich nur mit
bitteren Gedanken zu beschäftigen. Um endlich etwas zu tun und sich
abzulenken, schlüpfte er aus dem Schlafsack, nahm seinen Zauberstab und
schlich aus dem Salon. Auf dem Treppenabsatz flüsterte er »Lumos« und
stieg im Licht des Zauberstabs die Stufen hinauf.
Im zweiten Stock lag das Zimmer, in dem er und Ron bei ihrem letzten
Aufenthalt hier geschlafen hatten; er warf einen Blick hinein. Die
Schranktüren standen offen und das Bettzeug war weggerissen worden.
Harry dachte an das umgekippte Trollbein im Erdgeschoss. Jemand hatte
das Haus durchsucht, nachdem der Orden es verlassen hatte. Snape? Oder
vielleicht Mundungus, der etliches aus diesem Haus geklaut hatte, sowohl
vor als auch nach Sirius' Tod? Harrys Blick wanderte zu dem
Bilderrahmen, in dem manchmal Phineas Nigellus Black zu sehen war,
Sirius' Ururgroßvater, doch er war leer und zeigte nichts als ein Stück
schmutzig graue Hintergrundfläche. Phineas Nigellus verbrachte die Nacht
offenbar im Büro des Schulleiters von Hogwarts.
Harry ging weiter die Treppe hinauf, bis er das oberste Stockwerk
erreicht hatte, wo es nur zwei Türen gab. Die eine ihm gegenüber trug ein
Schild, auf dem Sirius stand. Harry hatte das Zimmer seines Paten noch nie
betreten. Er drückte die Tür auf und hielt seinen Zauberstab hoch, um
möglichst viel Licht zu verbreiten.
Das Zimmer war geräumig und musste früher einmal hübsch gewesen
sein. Es gab ein großes Bett darin mit einem verzierten hölzernen
Kopfbrett, ein hohes Fenster, das mit langen Samtvorhängen verdunkelt
war, und einen dick mit Staub bedeckten Kronleuchter, dessen
Kerzenstummel immer noch in ihren Haltern steckten, von denen harte
Wachstropfen wie Eiszapfen herunterhingen. Eine feine Staubschicht lag
auf den Bildern an den Wänden und auf dem Kopfbrett des Bettes; eine
Spinnwebe spannte sich zwischen dem Kronleuchter und der Oberkante des
großen Holzschranks, und als Harry weiter in das Zimmer hineinging, hörte
er aufgeschreckte Mäuse umhertrippeln.
Sirius hatte die Wände als Teenager mit so vielen Postern und Bildern
bepflastert, dass nur noch wenig von der silbergrauen Seidentapete zu
sehen war. Harry konnte nur vermuten, dass es Sirius' Eltern nicht gelungen
war, den Dauerklebefluch, der die Bilder an der Wand hielt, zu entfernen,
denn er war sicher, dass sie es nicht geschätzt hatten, wie ihr ältester Sohn
sein Zimmer dekorierte. Sirius schien sich ausgesprochen Mühe gegeben zu
haben, seine Eltern zu ärgern. Die verschiedenen großen Gryffindor-Banner
in ausgeblichenem Scharlachrot und Gold sollten nur noch deutlicher
machen, dass er anders war als der Rest der Slytherin-Familie. Es gab viele
Bilder von Muggel-Motorrädern und außerdem (Harry bewunderte
unwillkürlich Sirius' Unverfrorenheit) mehrere Poster mit Muggelmädchen
in Bikinis; Harry erkannte, dass es Muggel waren, weil sie völlig unbewegt
in ihren Bildern verharrten, ihr verblasstes Lächeln und die glasigen Augen
waren auf dem Papier erstarrt. Ganz anders verhielt es sich mit dem
einzigen Zaubererfoto an den Wänden, einem Bild von vier Hogwarts-
Schülern, die Arm in Arm dastanden und in die Kamera lachten.
Harrys Herz schlug höher, als er seinen Vater erkannte; sein
zerstrubbeltes schwarzes Haar stand im Nacken ab wie bei Harry, und auch
er trug eine Brille. Neben ihm war Sirius, unverschämt hübsch, sein leicht
arrogantes Gesicht so viel jünger und glücklicher, als Harry es zu seinen
Lebzeiten je gesehen hatte. Rechts von Sirius stand Pettigrew, gut einen
Kopf kleiner, pummelig und mit wässrigen Augen, das Gesicht gerötet vor
Freude darüber, dass er zu dieser coolsten aller Banden gehörte, zu den viel
bewunderten Rebellen, die James und Sirius gewesen waren. Links von
James war Lupin, der schon damals ein wenig schäbig aussah, doch auch er
machte den Eindruck, freudig überrascht zu sein, dass man ihn schätzte und
aufgenommen hatte ... oder las Harry diese Dinge nur deshalb aus dem Bild
heraus, weil er wusste, wie es gewesen war? Er versuchte es von der Wand
zu nehmen; schließlich gehörte es jetzt ihm – Sirius hatte ihm alles
vermacht –, aber es rührte sich nicht von der Stelle. Sirius war kein Risiko
eingegangen, als er verhindern wollte, dass seine Eltern den Raum anders
gestalteten.
Harry blickte auf dem Fußboden umher. Der Himmel draußen wurde
heller: Ein Lichtstrahl ließ einzelne Papierfetzen erkennen, Bücher und
kleine Gegenstände, die auf dem Teppich verstreut lagen. Offensichtlich
war auch Sirius' Zimmer durchsucht worden, obwohl die meisten Sachen
hier, wenn nicht alle, offenbar für wertlos erachtet worden waren. Einige
von den Büchern waren so grob geschüttelt worden, dass sich die Einbände
gelöst hatten, und allerlei Seiten lagen auf dem Boden herum. Harry bückte
sich, hob ein paar von den einzelnen Blättern auf und betrachtete sie. In
einem erkannte er eine Seite aus einer alten Ausgabe der Geschichte der
Zauberei von Bathilda Bagshot und ein weiteres gehörte zu einer
Wartungsanleitung für ein Motorrad. Das dritte war von Hand beschrieben
und zusammengeknüllt. Er strich es glatt.
Lieber Tatze,
danke, danke für Harrys Geburtstagsgeschenk! Es war bei weitem sein
liebstes. Ein Jahr alt, und schon mit einem Spielzeugbesen herumfliegen –
er sah so zufrieden mit sich aus, ich füge ein Bild bei, damit du es sehen
kannst. Du weißt, der Besen steigt nur etwa einen halben Meter hoch, aber
er hat fast die Katze umgebracht und eine schreckliche Vase zerdeppert, die
Petunia mir zu Weihnachten geschickt hat (ich will mich nicht beklagen).
Natürlich fand James es furchtbar lustig, er meint, der wird mal ein großer
Quidditch-Spieler, aber wir mussten sämtlichen Zierrat wegpacken und
behalten ihn immer im Auge, wenn er losfliegt,
Wir hatten einen sehr beschaulichen Geburtstagstee, nur wir und die alte
Bathilda, die immer nett zu uns war und ganz vernarrt ist in Harry. Es tat
uns so leid, dass du nicht kommen konntest, aber der Orden hat Vorrang,
und Harry ist sowieso noch nicht alt genug, um zu verstehen, dass es sein
Geburtstag ist! James ist allmählich etwas frustriert, weil er hier eingesperrt
ist, er versucht, es nicht zu zeigen, aber ich merke es -und Dumbledore hat
immer noch seinen Tarnumhang, daher ist es nichts mit kleinen Ausflügen.
Wenn du uns besuchen könntest, würde ihn das wirklich aufmuntern.
Würmchen war hier, letztes Wochenende, er kam mir niedergeschlagen
vor, aber das lag wohl an der Nachricht von den McKinnons; ich hab den
ganzen Abend geweint, als ich davon hörte. Bathilda schaut fast jeden Tag
vorbei, sie ist eine hinreißende alte Dame und kennt die erstaunlichsten
Geschichten über Dumbledore, ich bin nicht sicher, ob er erfreut wäre,
wenn er das wüsste! Ich weiß nicht, wie viel davon wirklich wahr ist, denn
es erscheint unglaublich, dass Dumbledore
Harrys Glieder waren offenbar taub geworden. Er stand stocksteif da,
das wunderbare Papier in seinen gefühllosen Fingern, während mit
lautloser Wucht Freude und Trauer gleichermaßen durch seine Adern
rauschten. Taumelnd ging er zum Bett und setzte sich hin. Er las den Brief
noch einmal durch, konnte aber nicht mehr darin finden als beim ersten
Mal, und schließlich starrte er nur noch auf die Handschrift. Sie hatte ihre
»g« genauso gemacht wie er: Er suchte den Brief nach jedem einzelnen
davon ab, und jedes war wie ein freundliches kleines Winken, das er
flüchtig hinter einem Schleier erspähen konnte. Der Brief war ein
ungeheurer Schatz, ein Beweis dafür, dass Lily Potter gelebt hatte, wirklich
gelebt hatte, dass ihre warme Hand sich einst über dieses Pergament
bewegt hatte, die Tintenspur dieser Buchstaben gezogen hatte, dieser
Wörter, Wörter über ihn, Harry, ihren Sohn.
Ungeduldig rieb er sich die Feuchtigkeit aus den Augen und las den
Brief noch einmal, und diesmal konzentrierte er sich auf die Bedeutung. Es
war, als würde er einer Stimme lauschen, an die er sich vage erinnerte.
Sie hatten eine Katze gehabt... vielleicht war sie, wie seine Eltern, in
Godric's Hollow umgekommen ... oder aber geflohen, als niemand mehr da
war, um sie zu füttern ... Sirius hatte ihm seinen ersten Besen gekauft ...
seine Eltern hatten Bathilda Bagshot gekannt; hatte Dumbledore sie
einander vorgestellt? Dumbledore hat immer noch seinen Tarnumhang ...
das kam ihm irgendwie komisch vor ...
Harry hielt inne und dachte über die Worte seiner Mutter nach. Warum
hatte Dumbledore James' Tarnumhang an sich genommen? Harry erinnerte
sich deutlich daran, dass sein Schulleiter vor Jahren zu ihm gesagt hatte:
Ich brauche keinen Umhang, um unsichtbar zu werden. Vielleicht hatte ein
weniger begabtes Ordensmitglied ihn zu Hilfe nehmen müssen und
Dumbledore hatte ihn überbracht? Harry las weiter ...
Würmchen war hier ... Pettigrew, der Verräter, wirkte
»niedergeschlagen«, tatsächlich? War ihm bewusst, dass er James und Lily
zum letzten Mal lebend sah?
Und schließlich wieder Bathilda, die erstaunliche Geschichten über
Dumbledore erzählte: es erscheint unglaublich, dass Dumbledore -
Dass Dumbledore was? Doch es gab eine Vielzahl von Dingen, die bei
Dumbledore unglaublich erscheinen könnten; dass er einmal schlechte
Noten in einer Prüfung in Verwandlung bekommen hatte, zum Beispiel,
oder dass er wie Aberforth angefangen hatte, mit Ziegen zu zaubern ...
Harry stand auf und ließ den Blick über den Boden schweifen:
Vielleicht lag hier irgendwo der Rest des Briefes. Er hob Papiere auf und
behandelte sie in seinem Eifer genauso rücksichtslos wie der Erste, der hier
alles durchsucht hatte; er riss Schubladen auf, schüttelte Bücher aus, stieg
auf einen Stuhl, um mit der Hand über den Schrank zu streichen, und kroch
unter das Bett und einen Sessel.
Endlich, er lag gerade mit dem Kopf auf dem Boden, entdeckte er etwas
wie einen Papierfetzen unter der Kommode. Als er ihn hervorzog, stellte
sich heraus, dass es das weitgehend erhaltene Foto war, das Lily in ihrem
Brief erwähnt hatte. Ein schwarzhaariges Baby flog auf einem winzigen
Besen ins Bild und wieder hinaus, mit schallendem Gelächter, und ein Paar
Beine, die zu James gehört haben mussten, jagten ihm hinterher. Harry
steckte das Foto zusammen mit Lilys Brief in seine Tasche und suchte dann
wieder nach dem zweiten Blatt.
Nach einer weiteren Viertelstunde musste er sich jedoch eingestehen,
dass der Rest des Briefes seiner Mutter verschwunden war. War er einfach
verloren gegangen in den sechzehn Jahren, seit er geschrieben worden war,
oder war er von dem, der das Zimmer durchsucht hatte, mitgenommen
worden, wer auch immer es war? Harry las das erste Blatt erneut durch und
suchte diesmal nach Hinweisen, weshalb das zweite Blatt wertvoll hätte
sein können. Sein Spielzeugbesen war für die Todesser wohl kaum
interessant ... das Einzige, was in seinen Augen hier vielleicht einen Nutzen
haben konnte, war die mögliche Information über Dumbledore. Es
erscheint unglaublich, dass Dumbledore – was ?
»Harry? Harry! Harry!«
»Ich bin hier!«, rief er. »Was ist passiert?«
Draußen vor der Tür war Fußgetrappel zu hören und Hermine stürzte
herein.
»Wir sind aufgewacht und wussten nicht, wo du bist!«, sagte sie
atemlos. Sie wandte den Kopf und rief über die Schulter: »Ron! Ich hab ihn
gefunden!«
Rons verärgerte Stimme tönte von weit entfernt, einige Stockwerke
tiefer.
»Gut! Sag ihm von mir, dass er 'n Mistkerl ist!«
»Harry, verschwinde bitte nicht einfach, wir hatten so was von Angst!
Wieso bist du eigentlich hier raufgegangen?« Sie sah sich in dem
durchwühlten Zimmer um. »Was hast du gemacht?«
»Sieh mal, was ich eben gefunden habe.«
Er hielt ihr den Brief seiner Mutter hin. Hermine nahm ihn und las ihn,
während Harry sie beobachtete. Als sie das Ende der Seite erreicht hatte,
blickte sie zu ihm auf.
» Oh, Harry ...«
»Und das hier hab ich auch noch.«
Er reichte ihr das eingerissene Foto, und Hermine lächelte über das
Baby, das auf dem Spielzeugbesen ständig herbeigeflogen kam und wieder
verschwand.
»Ich hab nach dem Rest des Briefes gesucht«, sagte Harry, »aber er ist
nicht hier.«
Hermine sah sich um.
»Hast du dieses ganze Chaos veranstaltet, oder war das schon so, als du
reinkamst?«
»Jemand hat vor mir alles durchsucht«, sagte Harry.
»Das hab ich mir gedacht. Jedes Zimmer, in das ich auf dem Weg nach
oben geschaut habe, war durcheinander. Worauf, glaubst du, waren die
aus?«
»Auf Informationen über den Orden, falls es Snape war.«
»Aber eigentlich hat er schon alles, was er braucht, ich meine, er war
doch im Orden, oder? «
»Nun ja«, sagte Harry, der erpicht darauf war, über seine Theorie zu
sprechen, »was ist mit Informationen über Dumbledore? Die zweite Seite
dieses Briefes zum Beispiel. Kennst du diese Bathilda, die meine Mum
erwähnt, weißt du, wer sie ist?«
»Wer?«
»Bathilda Bagshot, die Autorin von -«
»Geschichte der Zauberei«, sagte Hermine und sah interessiert aus.
»Deine Eltern haben sie also gekannt? Sie war eine sagenhafte magische
Historikerin.«
»Und sie lebt noch«, sagte Harry, »und zwar in Godric's Hollow, Rons
Tantchen Muriel hat bei der Hochzeit von ihr gesprochen. Sie kannte
außerdem Dumbledores Familie. Wär doch ziemlich interessant, mit ihr zu
reden, oder?«
Das Lächeln, das Hermine ihm schenkte, war Harry ein wenig zu
verständnisvoll. Er nahm den Brief und das Foto wieder an sich und steckte
sie in den Beutel um seinen Hals, damit er Hermine nicht anschauen und
sich verraten musste.
»Ich verstehe, warum du liebend gern mit ihr über deine Mum und
deinen Dad reden würdest, und auch über Dumbledore«, sagte Hermine.
»Aber das würde uns bei unserer Suche nach den Horkruxen nicht so recht
weiterbringen, oder?« Harry antwortete nicht und sie fuhr eilig fort:
»Harry, ich weiß, dass du unbedingt nach Godric's Hollow willst, aber ich
habe Angst... Ich habe Angst, weil diese Todesser uns gestern so leicht
gefunden haben. Ich habe einfach mehr denn je das Gefühl, dass wir den
Ort meiden sollten, wo deine Eltern begraben sind, ich bin sicher, die
erwarten, dass du ihn besuchst.«
»Es ist nicht nur das«, sagte Harry und vermied es nach wie vor, sie
anzusehen. »Muriel hat bei der Hochzeit so einiges über Dumbledore
erzählt. Ich will die Wahrheit wissen ...«
Er berichtete Hermine alles, was Muriel ihm erzählt hatte. Als er fertig
war, sagte Hermine: »Natürlich, ich verstehe, warum dich das geärgert hat,
Harry – «
»Ich bin nicht verärgert«, log er. »Ich würde nur gerne wissen, ob es
wahr ist oder nicht -«
»Harry, glaubst du wirklich, dass du die Wahrheit von einer gehässigen
alten Frau wie Muriel erfährst, oder von Rita Kimmkorn? Wie kannst du
ihnen glauben? Du kanntest Dumbledore!«
»Das dachte ich auch«, murmelte er.
»Aber du weißt, wie viel Wahrheit in allem steckte, was Rita Kimmkorn
über dich geschrieben hat! Doge hat Recht, wie kannst du es zulassen, dass
diese Leute de'ne Erinnerungen an Dumbledore trüben?«
Er sah weg, wollte den Unmut nicht zeigen, den er verspürte. Da war es
wieder: Such dir aus, was du glauben willst. Er wollte die Wahrheit.
Warum waren alle so dahinterher, dass er sie nicht erfahren sollte?
»Wollen wir runter in die Küche?«, schlug Hermine nach einer kleinen
Weile vor. »Was zum Frühstücken suchen?«
Er willigte ein, wenn auch widerstrebend, und folgte ihr hinaus auf den
Treppenabsatz, an der zweiten Tür vorbei, die sich hier befand. Unter
einem kleinen Schild, das er im Dunkeln nicht bemerkt hatte, waren tiefe
Kratzer im Lack. Er blieb oben an der Treppe stehen, um es zu lesen. Es
war ein wichtigtuerisches Schildchen, sorgfältig mit der Hand beschriftet,
etwa von der Art, wie Percy Weasley es an seiner Schlafzimmertür
befestigt hätte:
Kein Eintritt
ohne die ausdrückliche Erlaubnis von
Regulus Arcturus Black
Harry spürte, wie Erregung ihn durchsickerte, war sich aber zunächst
nicht sicher, warum. Er las die Aufschrift noch einmal. Hermine war schon
eine Treppe weiter unten.
»Hermine«, sagte er und war überrascht, dass seine Stimme so ruhig
klang. »Komm noch mal hier hoch. «
»Was ist los?«
»R. A. B. Ich glaube, ich habe ihn gefunden.«
Ein Keuchen war zu hören, dann rannte Hermine die Stufen wieder
herauf.
»In dem Brief von deiner Mutter? Aber mir ist nichts aufgefallen -«
Harry schüttelte den Kopf und deutete auf das Schild von Regulus. Sie
las es, dann packte sie Harry so fest am Arm, dass er zusammenzuckte.
»Sirius' Bruder?«, flüsterte sie.
»Er war ein Todesser«, sagte Harry. »Sirius hat mir von ihm erzählt, er
hat sich ihnen angeschlossen, als er noch ganz jung war, und dann bekam
er kalte Füße und versuchte auszusteigen – deshalb haben sie ihn getötet.«
»Das passt!«, keuchte Hermine. »Wenn er ein Todesser war, dann hatte
er Zugang zu Voldemort, und als er seine Illusionen verloren hatte, wollte
er Voldemort vermutlich stürzen!«
Sie ließ Harry los, beugte sich über das Treppengeländer und schrie:
»Ron! RON! Komm hier rauf, schnell!«
Eine Minute später tauchte Ron auf, schnaufend und den Zauberstab in
seiner Hand bereit.
»Was ist los? Wenn es wieder Riesenspinnen sind, will ich erst
frühstücken, bevor ich -«
Stirnrunzelnd betrachtete er das Schild an Regulus' Tür, auf das
Hermine stumm deutete.
»Was? Das war Sirius' Bruder, oder? Regulus Arcturus ... Regulus ...
R.A. B.! Das Medaillon – meint ihr nicht -?«
»Das werden wir gleich herausfinden«, sagte Harry. Er drückte gegen
die Tür: Sie war verschlossen. Hermine richtete ihren Zauberstab auf die
Klinke und sagte: »Alohomora.« Ein Klicken war zu hören und die Tür
schwang auf.
Sie traten gemeinsam über die Schwelle und spähten umher. Das
Schlafzimmer von Regulus war ein wenig kleiner als das von Sirius, doch
auch hier konnte man vergangene Pracht erahnen. Während Sirius
unbedingt seine Verschiedenheit vom Rest der Familie hatte kundtun
wollen, war Regulus bemüht gewesen, das Gegenteil zu betonen. Die
Slytherin-Farben Smaragdgrün und Silber waren hier überall zu sehen, sie
schmückten das Bett, die Wände und die Fenster. Das Familienwappen der
Blacks war detailgetreu über das Bett gemalt, zusammen mit ihrem
Wahlspruch Toujours pur. Darunter hing eine Sammlung vergilbter
Zeitungsausschnitte, nebeneinandergeklebt zu einer vieleckigen Collage.
Hermine durchquerte das Zimmer, um sie näher in Augenschein zu
nehmen.
»Die sind alle über Voldemort«, sagte sie. »Regulus war offenbar schon
einige Jahre lang Fan von ihm, bis er sich dann den Todessern anschloss
...«
Eine kleine Staubwolke stieg von den Bettbezügen auf, als sie sich
setzte, um die Zeitungsausschnitte zu lesen. Harry hatte unterdessen noch
ein Foto entdeckt; eine Quidditch-Mannschaft aus Hogwarts lächelte und
winkte aus dem Bilderrahmen. Er trat näher und sah die
Schlangenembleme auf ihren Brüsten: Slytherins. Regulus war sofort zu
erkennen, er war der Junge, der in der Mitte der vorderen Reihe saß: Er
hatte das gleiche dunkle Haar und den leicht hochmütigen Blick seines
Bruders, allerdings war er kleiner, schmächtiger und um einiges weniger
hübsch, als Sirius es gewesen war.
»Er hat als Sucher gespielt«, sagte Harry.
»Was?«, sagte Hermine geistesabwesend; sie war immer noch in die
Zeitungsausschnitte über Voldemort vertieft.
»Er sitzt in der Mitte der vorderen Reihe, da, wo der Sucher ... ist ja
auch egal«, sagte Harry, als ihm klar wurde, dass niemand zuhörte: Ron
suchte auf Händen und Knien unter dem Kleiderschrank. Harry sah sich im
Zimmer nach möglichen Verstecken um und ging zum Schreibtisch. Doch
wieder hatte jemand vor ihnen dort gesucht. Die Schubladen waren vor
kurzem durchstöbert, ihr Staub aufgewirbelt worden, doch es war nichts
Wertvolles darin: alte Schreibfedern, überholte Lehrbücher, die so
aussahen, als wären sie grob behandelt worden, ein vor kurzem
zertrümmertes Tintenfass, dessen klebriger Rest den Inhalt der Schublade
bedeckte.
»Es gibt eine einfachere Methode«, sagte Hermine, als Harry sich die
Tintenfinger an seiner Jeans abwischte. Sie hob ihren Zauberstab und sagte:
»Accio Medaillon!«
Nichts geschah. Ron, der in den Falten der ausgebleichten Vorhänge
gesucht hatte, sah enttäuscht aus.
»Das war's dann also? Es ist nicht hier?«
»Oh, es könnte trotzdem hier sein, aber unter Gegenzaubern«, sagte
Hermine. »Unter Zaubern, die verhindern, dass es magisch aufgerufen
wird, weißt du?«
»Wie die, die Voldemort auf das steinerne Becken in der Höhle gelegt
hat«, sagte Harry und erinnerte sich, dass er das falsche Medaillon nicht
hatte aufrufen können.
»Wie sollen wir es dann finden?«, fragte Ron.
»Wir suchen per Hand«, sagte Hermine.
»Das ist eine gute Idee«, erwiderte Ron, verdrehte die Augen und fing
wieder an, die Vorhänge abzusuchen.
Sie durchkämmten über eine Stunde lang jeden Zentimeter des
Zimmers, mussten am Ende jedoch feststellen, dass das Medaillon nicht da
war.
Die Sonne war jetzt aufgegangen; ihr Licht blendete sie sogar durch die
schmutzigen Treppenhausfenster hindurch.
»Es könnte doch irgendwo anders im Haus sein«, sagte Hermine in
aufmunterndem Ton, während sie wieder nach unten gingen: So wie Harry
und Ron mehr und mehr den Mut verloren hatten, schien sie immer
entschlossener geworden zu sein. »Ob er es nun geschafft hat, das
Medaillon zu zerstören, oder nicht, er wollte es doch sicher vor Voldemort
verstecken, oder? Erinnert ihr euch an all diese schrecklichen Dinge, die
wir loswerden mussten, als wir letztes Mal hier waren? Diese Uhr, die
Schrauben auf jeden abschoss, und die alten Umhänge, die versucht haben,
Ron zu erwürgen; Regulus hat sie vielleicht dort hingetan, um das Versteck
des Medaillons zu schützen, auch wenn wir das damals nicht ... nicht ...«
Harry und Ron sahen sie an. Sie stand da mit einem Fuß in der Luft und
mit verdatterter Miene, wie jemand, der gerade einen Gedächtniszauber
verpasst bekommen hatte; sie schielte sogar ein wenig.
»... wussten«, schloss sie flüsternd.
»Stimmt was nicht?«, fragte Ron.
»Da war ein Medaillon.«
»Was?«, sagten Harry und Ron gleichzeitig.
»In dem Schrank im Salon. Keiner konnte es öffnen. Und wir ... wir ...«
Harry hatte das Gefühl, als wäre ihm ein Backstein durch die Brust und
in den Magen gerutscht. Nun fiel es ihm ein: Er hatte das Ding sogar in der
Hand gehabt, als sie es herumgehen ließen und einer nach dem anderen
versuchte, es aufzustemmen. Sie hatten es in einen Müllsack geworfen,
zusammen mit der Schnupftabaksdose voll Warzhautpulver und mit der
Spieldose, die alle schläfrig gemacht hatte ...
»Kreacher hat jede Menge von diesen Sachen zurückgeklaut«, sagte
Harry. Das war die einzige Chance, die einzige schwache Hoffnung, die
ihnen blieb, und er wollte sich daran festklammern, bis er gezwungen war
sie aufzugeben. »In seinem Schrank in der Küche hatte er ein richtiges
Geheimlager. Kommt.«
Zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte er die Treppe hinunter, und die
anderen beiden polterten hinter ihm her. Sie machten so viel Lärm, dass sie
auf dem Weg durch die Eingangshalle das Porträt von Sirius' Mutter
aufweckten.
»Dreck! Schlammblüter! Abschaum!«, kreischte sie ihnen nach, als sie
in die Kellerküche stürmten und die Tür hinter sich zuschlugen.
Harry rannte quer durch den Raum, kam schlitternd vor der Tür von
Kreachers Schrank zum Stehen und riss ihn auf.
Da war das Nest aus schmutzigen alten Tüchern, in dem der Hauself
einst geschlafen hatte, aber hier glitzerte nicht mehr der wertlose Plunder,
den Kreacher geborgen hatte. Da war nichts weiter als ein altes Exemplar
von Noblesse der Natur: Eine Genealogie der Zauberei. Harry wollte nicht
glauben, was er sah, raffte die Tücher hoch und schüttelte sie. Eine tote
Maus fiel heraus und kullerte jämmerlich über den Boden. Ron stöhnte und
warf sich auf einen Küchenstuhl; Hermine schloss die Augen.
»Wir sind noch nicht fertig«, sagte Harry, und er hob die Stimme und
rief: »Kreacher!«
Es gab einen lauten Knall, und der Hauself, den Harry so widerwillig
von Sirius geerbt hatte, erschien aus dem Nichts vor dem kalten und leeren
Kamin: Er war klein, halb so groß wie ein Mensch, die fahle Haut hing ihm
in Falten herunter, und weißes Haar spross üppig aus seinen
Fledermausohren. Er trug immer noch den schmutzigen Lumpen, in dem
sie ihn erstmals getroffen hatten, und der verächtliche Blick, den er auf
Harry richtete, zeigte, dass seine Haltung zu seinem Besitzerwechsel sich
genauso wenig verändert hatte wie sein Äußeres.
»Herr«, krächzte Kreacher mit seiner Ochsenfroschstimme, verbeugte
sich tief und murmelte zu seinen Knien: »Zurück im alten Haus meiner
Herrin mit dem Blutsverräter Weasley und der Schlammblüterin -«
»Ich verbiete dir, irgendjemanden >Blutsverräter< oder >Schlammblut<
zu nennen«, knurrte Harry. Er hätte Kreacher mit seiner Schnauzennase
und seinen blutunterlaufenen Augen selbst dann für ein ausgesprochen
unliebsames Etwas gehalten, wenn der Elf Sirius nicht an Voldemort
verraten hätte.
»Ich habe eine Frage an dich«, sagte Harry, und sein Herz schlug
ziemlich schnell, als er zu dem Elfen hinabblickte. »Und ich befehle dir, sie
wahrheitsgemäß zu beantworten. Verstanden? «
»Ja, Herr«, sagte Kreacher mit einer neuerlichen tiefen Verbeugung.
Harry sah, wie sich seine Lippen lautlos bewegten und zweifellos die
Beleidigungen formten, die er nun nicht mehr aussprechen durfte.
»Vor zwei Jahren«, sagte Harry und sein Herz hämmerte jetzt gegen
seine Rippen, »war ein großes goldenes Medaillon oben im Salon. Wir
haben es weggeworfen. Hast du es dir wieder genommen?«
Es blieb einen Moment lang still, in dem Kreacher sich aufrichtete und
Harry direkt ins Gesicht sah. Dann sagte er: »Ja.«
»Wo ist es jetzt?«, fragte Harry triumphierend, während Ron und
Hermine vor Freude strahlten.
Kreacher schloss die Augen, als könnte er es nicht ertragen, mit
anzusehen, wie sie auf sein nächstes Wort reagieren würden.
»Weg.«
»Weg?«, wiederholte Harry und seine Hochstimmung verflog. »Was
soll das heißen, es ist weg?«
Der Elf zitterte. Er schwankte.
»Kreacher«, sagte Harry scharf. »Ich befehle dir -«
»Mundungus Fletcher«, krächzte der Elf, die Augen immer noch fest
geschlossen. »Mundungus Fletcher hat alles gestohlen: die Bilder von Miss
Bella und Miss Zissy, die Handschuhe von meiner Herrin, den Merlinorden
erster Klasse, die Kelche mit dem Familienwappen und, und -«
Kreacher schnappte nach Luft: Seine eingefallene Brust hob und senkte
sich rasch, dann riss er die Augen auf und stieß einen markerschütternden
Schrei aus.
»- und das Medaillon, das Medaillon von Herrn Regulus, Kreacher hat
Unrecht getan, Kreacher hat seine Befehle nicht befolgt!«
Harry reagierte instinktiv: Als Kreacher sich auf den Schürhaken
stürzte, der im Kaminrost stand, warf er sich auf den Elfen und drückte ihn
flach zu Boden. Hermines Schrei verschmolz mit dem von Kreacher, doch
Harry brüllte lauter als die beiden: »Kreacher, ich befehle dir stillzuhalten!
«
Er spürte, wie der Elf erstarrte, und ließ ihn los. Kreacher lag flach auf
dem kalten Steinboden und Tränen strömten aus seinen faltigen Augen.
»Harry, lass ihn aufstehen!«, flüsterte Hermine.
»Damit er sich mit dem Schürhaken schlagen kann?«, schnaubte Harry
und kniete sich neben dem Elfen nieder. »Besser nicht. Nun, Kreacher, ich
will die Wahrheit: Woher weißt du, dass Mundungus Fletcher das
Medaillon gestohlen hat?«
»Kreacher hat ihn gesehen!«, japste der Elf, und Tränen liefen ihm über
die Schnauze und in den Mund voller angegrauter Zähne. »Kreacher hat
gesehen, wie er aus Kreachers Schrank kam, die Hände voll mit Kreachers
Schätzen. Kreacher sagte zu dem Tagedieb, dass er das lassen soll, aber
Mundungus Fletcher lachte und – r-rannte ...«
»Du hast behauptet, dass das Medaillon >von Herrn Regulus< war«,
sagte Harry. »Warum? Woher stammte es? Was hatte Regulus damit zu
tun? Kreacher, setz dich auf und erzähl mir alles, was du über dieses
Medaillon weißt, und alles, was Regulus damit zu tun hatte!«
Der Elf setzte sich auf und rollte sich zu einer Kugel zusammen, legte
sein nasses Gesicht zwischen die Knie und begann sich vor und zurück zu
wiegen. Dann sprach er mit einer gedämpften, in der stillen, hallenden
Küche aber deutlich vernehmbaren Stimme.
»Herr Sirius ist von zu Hause weggerannt, und ein Schaden war es
nicht, denn er war ein böser Junge und hat mit seiner liederlichen Art das
Herz meiner Herrin gebrochen. Aber Herr Regulus hatte den gebührenden
Stolz; er wusste, was er dem Namen der Blacks und der Würde seines
reinen Blutes schuldig war. Jahrelang sprach er vom Dunklen Lord, der die
Zauberer aus dem Verborgenen hinausführen würde, damit sie über die
Muggel und die Muggelstämmigen herrschen ... und als er sechzehn Jahre
alt war, schloss sich Herr Regulus dem Dunklen Lord an. So stolz, so stolz,
so glücklich, dienen zu dürfen ...
Und eines Tages, ein Jahr nachdem er sich angeschlossen hatte, kam
Herr Regulus herunter in die Küche, um Kreacher aufzusuchen. Herr
Regulus hat Kreacher immer gemocht. Und Herr Regulus sagte ... er sagte
...«
Der Elf wiegte sich nun schneller.
»... er sagte, dass der Dunkle Lord nach einem Elfen verlange.«
»Voldemort brauchte einen Elfen?«, wiederholte Harry und wandte sich
zu Ron und Hermine um, die genauso verdutzt wirkten wie er.
»O ja«, stöhnte Kreacher. »Und Herr Regulus hatte ihm Kreacher
angeboten. Es sei eine Ehre, sagte Herr Regulus, eine Ehre für ihn und für
Kreacher, der unbedingt alles tun müsse, was der Dunkle Lord ihm befehle
... und dann müsse er wieder nach Hause k-kommen.«
Kreacher wiegte sich noch schneller und schluchzte bei jedem seiner
Atemzüge.
»Also ging Kreacher zum Dunklen Lord. Der Dunkle Lord sagte
Kreacher nicht, was sie tun würden, aber er nahm Kreacher mit zu einer
Höhle am Meer. Und nach der Höhle kam eine Felsenhalle und in der
Felsenhalle war ein großer schwarzer See ...«
Harry sträubten sich die Haare im Nacken. Kreachers krächzende
Stimme schien quer über dieses dunkle Wasser zu ihm zu kommen. Er
hatte das, was geschehen war, so klar vor Augen, als ob er selbst dabei
gewesen wäre.
»... da war ein Boot ...«
Natürlich war da ein Boot gewesen; Harry kannte das Boot, geisterhaft
grün und klein, verhext, damit es einen Zauberer und ein Opfer auf die
Insel in der Mitte bringen konnte. So also hatte Voldemort die magischen
Barrieren um den Horkrux getestet: indem er sich ein Wegwerfgeschöpf
auslieh, einen Hauselfen ...
»Da war ein B-Becken voller Zaubertrank auf der Insel. Der D-Dunkle
Lord befahl Kreacher ihn zu trinken ... «
Den Elfen schüttelte es am ganzen Körper.
»Kreacher trank, und während er trank, sah er schreckliche Dinge ...
Kreachers Eingeweide brannten ... Kreacher schrie nach Herrn Regulus,
dass er ihn rette, er schrie nach seiner Herrin Black, aber der Dunkle Lord
lachte nur ... er befahl Kreacher, den ganzen Zaubertrank auszutrinken ... er
ließ ein Medaillon in das leere Becken fallen ... er füllte es wieder mit
Zaubertrank.
Und dann fuhr der Dunkle Lord davon und ließ Kreacher auf der Insel
...«
Harry konnte es vor sich sehen. Er sah Voldemorts weißes,
schlangenartiges Gesicht in der Dunkelheit verschwinden, diese roten
Augen, die mitleidlos auf den um sich schlagenden Elfen gerichtet waren,
dessen Tod innerhalb von Minuten eintreten würde, sobald er dem
verzweifelten Durst nachgeben würde, den der brennende Zaubertrank bei
seinem Opfer verursachte ... doch an dieser Stelle setzte Harrys Phantasie
aus, denn er konnte sich nicht vorstellen, wie Kreacher entkommen war.
»Kreacher brauchte Wasser, er kroch zum Rand der Insel, und er trank
aus dem schwarzen See ... und Hände, tote Hände, kamen aus dem Wasser
und zerrten Kreacher unter die Oberfläche ...«
»Wie bist du da rausgekommen?«, fragte Harry und war nicht
überrascht, dass er sich selbst flüstern hörte.
Kreacher hob seinen hässlichen Kopf und sah Harry mit seinen großen,
blutunterlaufenen Augen an.
»Herr Regulus hat Kreacher gesagt, dass er zurückkommen müsse«,
sagte er.
»Ich weiß – aber wie bist du den Inferi entkommen?«
Kreacher schien nicht zu verstehen.
»Herr Regulus hat Kreacher gesagt, dass er zurückkommen müsse«,
wiederholte er.
»Ich weiß, aber -«
»Na, das ist doch klar, Harry, oder?«, sagte Ron. »Er ist disappariert! «
»Aber ... man konnte in dieser Höhle nicht rein- und rausapparieren«,
sagte Harry, »sonst hätte Dumbledore -«
»Elfenmagie ist anders als Zauberermagie, oder?«, sagte Ron. »Ich
meine, sie können in Hogwarts rein- und rausapparieren, und wir nicht.«
Es herrschte Stille, während Harry all das verdaute. Wie hatte
Voldemort einen solchen Fehler begehen können? Aber noch während er
das dachte, fing Hermine an zu sprechen, und ihre Stimme war eisig.
»Natürlich hielt es Voldemort für weit unter seiner Würde, von den
Eigenheiten der Hauselfen Notiz zu nehmen, genau wie all die Reinblüter,
die sie wie Tiere behandeln ... es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dass
sie magische Kräfte besitzen könnten, die er nicht hat.«
»Das Geheiß seines Herrn ist das oberste Gesetz für den Hauselfen«,
psalmodierte Kreacher. »Kreacher wurde befohlen, nach Hause zu
kommen, also ist Kreacher nach Hause gekommen ...«
»Nun, dann hast du doch getan, was man dir befohlen hatte, oder?«,
sagte Hermine freundlich. »Du hast überhaupt keine Befehle missachtet!«
Kreacher schüttelte den Kopf und wiegte sich so schnell wie zuvor.
»Also, was ist passiert, als du zurückkamst?«, fragte Harry. »Was hat
Regulus gesagt, als du ihm erzählt hast, was geschehen war?«
»Herr Regulus war sehr beunruhigt, sehr beunruhigt«, krächzte
Kreacher. »Herr Regulus hat Kreacher befohlen, versteckt zu bleiben und
das Haus nicht zu verlassen. Und dann ... es war eine kleine Weile später ...
kam Herr Regulus eines Nachts zu Kreacher in seinem Schrank, und Herr
Regulus war seltsam, nicht wie sonst, sein Geist war verwirrt, Kreacher hat
das gespürt ... und er verlangte von Kreacher, dass er ihn zu der Höhle
führt, der Höhle, in die Kreacher mit dem Dunklen Lord gegangen war ... «
Und so waren sie aufgebrochen. Harry konnte sich die beiden lebhaft
vorstellen, den verängstigten alten Elfen und den dünnen dunkelhaarigen
Sucher, der Sirius so ähnlich gewesen war ... Kreacher wusste, wie man
den verborgenen Eingang zu der unterirdischen Felsenhalle öffnete, er
wusste, wie man das kleine Boot hob; diesmal war es sein innig geliebter
Regulus, der mit ihm zu der Insel mit dem Becken voll Gift übersetzte ...
»Und er ließ dich den Zaubertrank trinken?«, sagte Harry angewidert.
Aber Kreacher schüttelte den Kopf und weinte. Hermines Hände fuhren
rasch zu ihrem Mund: Sie schien etwas verstanden zu haben.
»Herr R-Regulus nahm ein Medaillon aus seiner Tasche, das aussah wie
das des Dunklen Lords«, sagte Kreacher und Tränen strömten zu beiden
Seiten seiner Schnauzennase hinab. »Und er befahl Kreacher, es zu nehmen
und die Medaillons auszutauschen, wenn das Becken leer sei ...«
Kreacher schluchzte nun mit einem Geräusch, das wie ein grobes
Raspeln klang; Harry musste sich stark konzentrieren, um ihn zu verstehen.
»Und er befahl Kreacher – wegzugehen – ohne ihn. Und er sagte,
Kreacher solle – nach Hause gehen – und meiner Herrin niemals erzählen –
was er getan hatte – sondern das erste Medaillon – zerstören. Und er trank
– den ganzen Zaubertrank – und Kreacher vertauschte die Medaillons – und
sah zu ... wie Herr Regulus ... unter Wasser gezogen wurde ... und ...«
»Oh, Kreacher!«, jammerte Hermine und weinte. Sie sank neben dem
Elfen auf die Knie und wollte ihn umarmen. Schlagartig war Kreacher auf
den Beinen und schreckte vor ihr zurück, ganz offensichtlich voller
Abscheu.
»Das Schlammblut hat Kreacher berührt, er wird das nicht gestatten,
was würde seine Herrin sagen?«
»Ich hab dir gesagt, dass du sie nicht >Schlammblut< nennen sollst«,
fauchte Harry, aber der Elf war schon dabei, sich selbst zu bestrafen: Er
ließ sich hinfallen und hämmerte mit seiner Stirn auf den Fußboden.
»Mach, dass er aufhört – er soll aufhören!«, schrie Hermine. »Oh, siehst
du jetzt nicht, wie krank das ist, so wie sie gehorchen müssen?«
»Kreacher – hör auf, hör auf!«, rief Harry.
Der Elf lag auf dem Boden, keuchte und zitterte, rund um seine
Schnauze glänzte grüner Schleim, dort, wo er sich geschlagen hatte,
erschien bereits ein blauer Fleck auf seiner bleichen Stirn, seine Augen
waren geschwollen, blutunterlaufen und schwammen in Tränen. Harry
hatte noch nie etwas so Erbärmliches gesehen.
»Du hast also das Medaillon nach Hause gebracht«, drängte er
unerbittlich weiter, denn er wollte unbedingt die ganze Geschichte erfahren.
»Und du hast versucht, es zu zerstören?«
»Nichts, was Kreacher tat, hat irgendeine Spur darauf hinterlassen«,
stöhnte der Elf. »Kreacher hat alles versucht, alles, was er wusste, aber
nichts, nichts hat gewirkt ... so viele mächtige Zauber auf dem Gehäuse.
Kreacher war sicher, dass man es nur zerstören konnte, wenn man
hineinkam, aber es wollte sich nicht öffnen ... Kreacher bestrafte sich, er
versuchte es wieder, er bestrafte sich, er versuchte es wieder. Kreacher hat
Befehle nicht befolgt, Kreacher konnte das Medaillon nicht zerstören! Und
seine Herrin war verrückt vor Kummer, weil Herr Regulus verschwunden
war, und Kreacher konnte ihr nicht sagen, was passiert war, nein, weil Herr
Regulus ihm v-v-verboten hatte, irgendwem von der F-F-Familie zu
erzählen, was in der Höhle p-passiert war ...«
Kreacher begann so heftig zu schluchzen, dass keine
zusammenhängenden Wörter mehr zu hören waren. Hermine sah ihn mit
tränenüberströmten Wangen an, wagte es jedoch nicht, ihn noch einmal
anzufassen. Selbst Ron, der Kreacher nicht sonderlich leiden konnte, wirkte
betrübt. Harry setzte sich auf die Fersen und schüttelte den Kopf, um
vielleicht auf einen klaren Gedanken zu kommen.
»Ich verstehe dich nicht, Kreacher«, sagte er schließlich. »Voldemort
hat versucht dich zu töten, Regulus starb, um Voldemort zu stürzen, und
dennoch hast du Sirius mit Vergnügen an Voldemort verraten? Du bist mit
Vergnügen zu Narzissa und Bellatrix gegangen und hast über sie
Informationen an Voldemort weitergeleitet ...«
»Harry, so denkt Kreacher nicht«, sagte Hermine und wischte sich mit
dem Handrücken die Augen. »Er ist ein Sklave; Hauselfen sind an
schlechte, ja sogar grausame Behandlung gewöhnt; was Voldemort
Kreacher angetan hat, war gar nicht so unüblich. Was bedeuten einem Elfen
wie Kreacher schon Kriege unter Zauberern? Er ist den Leuten treu
ergeben, die freundlich zu ihm sind, und Mrs Black muss das gewesen sein,
und Regulus war es ganz sicher, und so hat er ihnen bereitwillig gedient
und ihre Ansichten nachgeplappert. Ich weiß, was du sagen willst«, fuhr sie
fort, als Harry gerade protestieren wollte, »nämlich dass Regulus es sich
anders überlegt hat... aber das scheint er Kreacher nicht klargemacht zu
haben, oder? Und ich glaube, ich weiß, warum. Kreacher und die Familie
von Regulus waren alle sicherer, wenn sie sich an den alten Grundsatz des
reinen Blutes hielten. Regulus versuchte sie alle zu schützen.«
»Sirius -«
»Sirius war schrecklich zu Kreacher, Harry, und da brauchst du gar
nicht so zu schauen, du weißt, dass es stimmt. Kreacher war schon lange
Zeit allein, als Sirius kam, um hier zu leben, und er lechzte vermutlich nach
ein bisschen Zuneigung. Ich bin sicher, >Miss Zissy< und >Miss Bella<
waren furchtbar nett zu Kreacher, als er auftauchte, also hat er ihnen einen
Gefallen getan und ihnen alles erzählt, was sie wissen wollten. Ich habe
schon immer gesagt, dass die Zauberer eines Tages dafür bezahlen müssen,
wie sie die Hauselfen behandeln. Nun, Voldemort hat bezahlt ... und Sirius
auch. «
Harry konnte ihr nichts entgegensetzen. Während er Kreacher
beobachtete, der am Boden schluchzte, fiel ihm ein, was Dumbledore nur
Stunden nach Sirius' Tod zu ihm gesagt hatte: Ich glaube nicht, dass Sirius
Kreacher jemals als ein Wesen mit Gefühlen betrachtete, die so heftig wie
die eines Menschen sind ...
»Kreacher«, sagte Harry nach einer Weile, »wenn du meinst, du schaffst
es, ähm ... dann setz dich bitte auf.«
Es dauerte einige Minuten, bis Kreachers Schluckauf sich beruhigt hatte
und Stille eintrat. Dann stemmte er sich hoch in eine sitzende Haltung und
rieb sich mit den Fingerknöcheln die Augen wie ein kleines Kind.
»Kreacher, ich werde dich bitten, etwas zu tun«, sagte Harry. Er warf
Hermine einen Hilfe suchenden Blick zu: Er wollte den Befehl freundlich
erteilen, konnte aber gleichzeitig nicht so tun, als wäre es keiner. Doch
offenbar war sie damit einverstanden, wie er seinen Tonfall geändert hatte:
Sie lächelte aufmunternd.
»Kreacher, ich möchte, dass du bitte gehst und Mundungus Fletcher
findest. Wir müssen herausfinden, wo das Medaillon – wo das Medaillon
von Herrn Regulus ist. Es ist wirklich wichtig. Wir wollen das Werk, das
Herr Regulus begonnen hat, vollenden, wir wollen – ähm – dafür sorgen,
dass er nicht umsonst gestorben ist.«
Kreacher ließ die Fäuste sinken und blickte zu Harry auf.
»Mundungus Fletcher finden?«, krächzte er.
»Und bring ihn hierher, zum Grimmauldplatz«, sagte Harry. »Meinst
du, du könntest das für uns tun?«
Als Kreacher nickte und aufstand, kam Harry plötzlich eine Idee. Er zog
Hagrids Beutel hervor und nahm den falschen Horkrux heraus, das
Ersatzmedaillon, in das Regulus die Botschaft an Voldemort gesteckt hatte.
»Kreacher, ich, ähm, möchte, dass du das hier nimmst«, sagte er und
drückte dem Elfen das Medaillon in die Hand. »Es gehörte Regulus, und
ich bin sicher, dass es in seinem Sinne ist, wenn du es als Zeichen der
Dankbarkeit für das bekommst, was du -«
»Das war der Overkill«, sagte Ron, als der Elf einen Blick auf das
Medaillon warf, erschrocken und jammervoll aufschrie und sich wieder zu
Boden stürzte.
Sie brauchten fast eine halbe Stunde, um Kreacher zu beruhigen, der so
überwältigt war, ein Erbstück der Familie Black für sich ganz allein
geschenkt zu bekommen, dass ihm die Knie zu weich wurden, um sich
richtig auf den Beinen halten zu können. Als er endlich in der Lage war, ein
paar wacklige Schritte zu machen, begleiteten sie ihn alle zu seinem
Schrank, sahen zu, wie er das Medaillon gut in seine schmutzigen Tücher
packte, und versicherten ihm, dass sie sich vorrangig um dessen Schutz
kümmern würden, während er fort war. Dann verbeugte er sich jeweils tief
vor Harry und Ron und machte sogar eine komische kleine Verrenkung in
Hermines Richtung, vielleicht der Ansatz zu einem höflichen Gruß, ehe er
mit dem üblichen lauten Knall disapparierte.
Das Bestechungsgeschenk
Wenn Kreacher aus einem See voller Inferi entkommen konnte, dann
würde er höchstens ein paar Stunden brauchen, um Mundungus zu fangen,
davon war Harry überzeugt, und er streifte den ganzen Morgen in
gespannter Erwartung im Haus herum. Doch Kreacher kam an diesem
Morgen nicht zurück, und auch nicht am Nachmittag. Als die Dämmerung
anbrach, war Harry entmutigt und besorgt, und ein Abendessen, das
überwiegend aus schimmligem Brot bestand, an dem Hermine erfolglos
diverse Verwandlungen ausprobiert hatte, änderte daran nichts.
Kreacher kehrte am nächsten Tag nicht zurück, und auch nicht am Tag
darauf. Draußen auf dem Platz vor Nummer zwölf waren jedoch zwei
kapuzenvermummte Männer aufgetaucht, die bis in die Nacht hinein dort
blieben und in Richtung des Hauses starrten, das sie nicht sehen konnten.
»Todesser, ganz sicher«, sagte Ron, während er, Harry und Hermine sie
von den Salonfenstern aus beobachteten. »Meint ihr, die wissen, dass wir
hier drin sind?«
»Ich glaube nicht«, sagte Hermine, obwohl sie verängstigt wirkte,
»sonst hätten sie uns Snape auf den Hals gehetzt, oder?«
»Meinst du, er war schon hier drin, und Moodys Fluch hat ihm die
Zunge gefesselt?«, fragte Ron.
»Ja«, sagte Hermine, »denn sonst hätte er denen sagen können, wie man
reinkommt, oder? Aber die stehen hier wahrscheinlich Wache, um zu
sehen, ob wir auftauchen. Sie wissen schließlich, dass das Haus Harry
gehört.«
»Woher -?«, begann Harry.
»Zauberertestamente werden vom Ministerium geprüft, erinnerst du
dich? Die dürften wissen, dass Sirius dir das Haus hinterlassen hat.«
Die Anwesenheit der Todesser draußen drückte die düstere Stimmung in
Nummer zwölf noch mehr. Seit Mr Weasleys Patronus hatten sie von
niemandem außerhalb des Hauses am Grimmauldplatz auch nur ein Wort
gehört und allmählich machte sich die Anspannung bemerkbar. Unruhig
und gereizt hatte Ron die unangenehme Gewohnheit entwickelt, mit dem
Deluminator in seiner Tasche herumzuspielen: Das brachte vor allem
Hermine zur Weißglut, die sich die Zeit des Wartens auf Kreacher mit den
Märchen von Beedle dem Barden vertrieb und es nicht komisch fand, dass
die Lichter ständig an- und ausgingen.
»Hör endlich auf damit!«, schrie sie am dritten Abend von Kreachers
Abwesenheit, als schon wieder sämtliches Licht im Salon verschwand.
»'tschuldigung, 'tschuldigung!«, sagte Ron, klickte mit dem Deluminator
und ließ die Lichter wieder angehen. »Ich merk gar nicht, dass ich das
mache!«
»Kannst du dich denn nicht mit irgendwas Nützlichem beschäftigen?«
»Womit denn, soll ich etwa Kindergeschichten lesen?«
»Dumbledore hat mir dieses Buch vererbt, Ron -«
»- und mir hat er den Deluminator vererbt, vielleicht soll ich ihn ja
benutzen!«
Harry hatte das Gezanke satt und stahl sich aus dem Salon, ohne dass
die beiden es bemerkten. Er schlug den Weg nach unten zur Küche ein, die
er ständig aufsuchte, weil er sicher war, dass Kreacher
höchstwahrscheinlich dort wiederauftauchen würde. Auf halbem Weg die
Treppe zur Eingangshalle hinunter hörte er jedoch ein leises Klopfen an der
Haustür, dann metallische Klickgeräusche und das Rasseln der Kette.
Sämtliche Nerven in seinem Körper schienen sich zu spannen: Er zog
seinen Zauberstab hervor, trat in die Schatten neben den abgeschlagenen
Elfenköpfen und wartete. Die Tür ging auf: Er erhaschte einen flüchtigen
Blick auf den laternenbeschienenen Platz draußen, und eine in einen
Umhang gehüllte Gestalt schob sich in die Halle und schloss die Tür hinter
sich. Der Eindringling trat einen Schritt vor und Moodys Stimme fragte:
»Severus Snape?« Dann erhob sich die Staubgestalt hinten in der Halle und
stürmte auf ihn los, die tote Hand erhoben.
»Ich war es nicht, der dich getötet hat, Albus«, sagte eine leise Stimme.
Der Bann brach: Die Staubgestalt zerbarst wieder, und es war
unmöglich, den Neuankömmling durch die dichte graue Wolke, die sie
hinterließ, zu erkennen.
Harry zielte mit dem Zauberstab mitten hinein.
»Keine Bewegung!«
Er hatte das Porträt von Mrs Black vergessen: Als sein Ruf erschallte,
flogen die Vorhänge, die sie verbargen, auseinander, und sie begann zu
schreien: »Schlammblüter und Dreck, bringen Schande über mein Haus -«
Ron und Hermine polterten hinter Harry die Stufen herab, und auch ihre
Zauberstäbe waren auf den Unbekannten gerichtet, der jetzt mit erhobenen
Armen unten in der Halle stand.
»Nicht feuern, ich bin es, Remus!«
»Oh, Gott sei Dank«, sagte Hermine matt und richtete ihren Zauberstab
stattdessen auf Mrs Black; es knallte, die Vorhänge rauschten wieder zu,
und Stille trat ein. Auch Ron ließ seinen Zauberstab sinken, aber Harry
nicht.
»Zeig dich!«, rief er zurück.
Lupin trat vor ins Licht der Lampen, die Hände immer noch erhoben
zum Zeichen, dass er sich ergeben hatte.
»Ich bin Remus John Lupin, Werwolf, manchmal Moony genannt, einer
der vier Urheber der Karte des Rumtreibers, verheiratet mit Nymphadora,
meist Tonks genannt, und ich habe dir beigebracht, wie man einen Patronus
hervorbringt, Harry, der bei dir die Gestalt eines Hirsches annimmt.«
»Oh, schon gut«, sagte Harry und ließ seinen Zauberstab sinken, »aber
ich musste mich vergewissern, oder?«
»Als dein ehemaliger Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste
stimme ich dir vollkommen zu, dass du dich vergewissern musstest. Ron
und Hermine, ihr solltet eure Waffen nicht ganz so schnell senken.«
Sie rannten die Treppe hinunter zu ihm. Er war in einen dicken
schwarzen Reiseumhang gehüllt und wirkte erschöpft, aber erfreut, sie zu
sehen.
»Also kein Zeichen von Severus?«, fragte er.
»Nein«, sagte Harry. »Was ist bei euch los? Sind alle okay?«
»Ja«, sagte Lupin, »aber wir werden alle beobachtet. Draußen auf dem
Platz sind ein paar Todesser -«
»- das wissen wir -«
»- ich musste haargenau auf die oberste Stufe vor der Haustür
apparieren, um sicher zu sein, dass sie mich nicht sehen. Sie können nicht
wissen, dass ihr hier drin seid, sonst hätten sie gewiss mehr Leute da
draußen; sie überwachen alles, was irgendwie mit dir zusammenhängt,
Harry. Lasst uns nach unten gehen, ich habe euch eine Menge zu berichten,
und ich will wissen, was passiert ist, nachdem ihr den Fuchsbau verlassen
habt.«
Sie stiegen in die Küche hinunter, wo Hermine ihren Zauberstab auf den
Kaminrost richtete. Augenblicklich flammte ein Feuer auf: Es verlieh den
nackten Steinwänden etwas trügerisch Behagliches und sein Widerschein
glitzerte auf dem langen Holztisch. Lupin zog einige Butterbiere unter
seinem Reiseumhang hervor und sie setzten sich.
»Ich wäre schon vor drei Tagen hier gewesen, aber ich musste den
Todesser abschütteln, der mich beschattet hat«, sagte Lupin. »Und ihr seid
nach der Hochzeit direkt hierhergekommen? «
»Nein«, sagte Harry, »erst nachdem wir in einem Cafe in der Tottenham
Court Road auf zwei Todesser gestoßen sind.«
Lupin schüttete sich den größten Teil seines Butterbiers über die Brust.
»Was?«
Sie erklärten, was geschehen war; als sie fertig waren, sah Lupin
bestürzt aus.
»Aber wie haben sie euch so schnell gefunden? Es ist unmöglich,
jemandem nachzuspüren, der appariert, außer man hält sich an ihm fest,
wenn er verschwindet!«
»Und dass sie die Tottenham Court Road zu diesem Zeitpunkt nur
entlangspaziert sind, kommt einem eher unwahrscheinlich vor, oder?«,
sagte Harry.
»Wir haben uns gefragt«, sagte Hermine zögernd, »ob Harry vielleicht
immer noch die Spur auf sich hat.«
»Unmöglich«, erwiderte Lupin. Ron blickte selbstgefällig drein und
Harry fiel ein gewaltiger Stein vom Herzen. »Abgesehen von allem andern
wüssten die sicher, dass Harry hier ist, wenn er die Spur noch auf sich
hätte, oder? Aber ich verstehe nicht, wie sie euch bis zur Tottenham Court
Road verfolgen konnten, das ist beängstigend, wirklich beängstigend.«
Er sah besorgt aus, doch was Harry anging, konnte diese Frage warten.
»Sag uns, was passiert ist, nachdem wir weg sind, wir haben absolut
nichts gehört, seit Rons Dad uns mitgeteilt hat, dass die Familie in
Sicherheit ist.«
»Nun, Kingsley hat uns gerettet«, sagte Lupin. »Dank seiner Warnung
konnten die meisten Hochzeitsgäste disapparieren, ehe sie eintrafen.«
»Waren es Todesser oder Ministeriumsleute?«, warf Hermine ein.
»Sowohl als auch; aber da gibt es praktisch keinen Unterschied mehr«,
sagte Lupin. »Es waren etwa ein Dutzend Leute, aber sie wussten nicht,
dass du dort warst, Harry. Arthur hat ein Gerücht gehört, wonach sie
Scrimgeour gefoltert haben, um deinen Aufenthaltsort aus ihm
rauszukriegen, ehe sie ihn töteten; wenn das stimmt, dann hat er dich nicht
verraten.«
Harry sah Hermine und Ron an; in ihren Mienen spiegelte sich die
Mischung aus Entsetzen und Dankbarkeit, die er empfand. Er hatte
Scrimgeour nie besonders gemocht, aber wenn zutraf, was Lupin sagte,
dann war die letzte Tat dieses Mannes der Versuch gewesen, Harry zu
beschützen.
»Die Todesser haben den Fuchsbau von oben bis unten durchsucht«,
fuhr Lupin fort. »Sie haben den Ghul gefunden, wollten aber nicht zu nahe
ran – und dann haben sie die von uns, die noch da waren, stundenlang
verhört. Sie haben versucht Informationen über dich zu bekommen, Harry,
aber natürlich wusste niemand außer den Ordensmitgliedern, dass du dort
gewesen warst.
Genau zu dem Zeitpunkt, als sie die Hochzeit sprengten, drangen andere
Todesser gewaltsam in jedes Haus im Land ein, das mit dem Orden zu tun
hat. Keine Toten«, fügte er rasch hinzu, um der Frage zuvorzukommen,
»aber sie sind rücksichtslos vorgegangen. Das Haus von Dädalus Diggel
haben sie niedergebrannt, aber er war nicht da, wie ihr wisst, und bei
Tonks' Familie haben sie den Cruciatus-Fluch eingesetzt. Auch dort wollten
sie herausfinden, wohin du verschwunden bist, nachdem du bei ihnen
warst. Es geht ihnen allen gut – sie sind natürlich arg mitgenommen, aber
sonst okay.«
»Die Todesser sind durch all die Schutzzauber durchgekommen?«,
fragte Harry und erinnerte sich daran, wie wirkungsvoll sie in der Nacht
gewesen waren, als er in den Garten von Tonks' Eltern gestürzt war.
»Eins muss dir klar werden, Harry, die Todesser haben jetzt die ganze
Macht des Ministeriums auf ihrer Seite«, sagte Lupin. »Sie sind ermächtigt,
brutale Zauber auszuführen, ohne dass sie Gefahr laufen, sich ausweisen zu
müssen oder verhaftet zu werden. Es ist ihnen gelungen, jeden
Schutzzauber zu durchdringen, den wir gegen sie errichtet hatten, und
sobald sie drin waren, bekannten sie ganz offen, warum sie gekommen
waren.«
»Und lassen sie sich vielleicht zu einer Ausrede herbei, warum sie Leute
foltern, um zu erfahren, wo Harry steckt?«, fragte Hermine und ihre
Stimme klang gereizt.
»Nun«, sagte Lupin. Er zögerte, dann zog er eine zusammengefaltete
Ausgabe des Tagespropheten hervor.
»Hier«, sagte er und schob sie über den Tisch zu Harry, »früher oder
später erfährst du es sowieso. Das ist ihr Vorwand, weshalb sie hinter dir
her sind.«
Harry strich die Zeitung glatt. Ein riesiges Foto von seinem eigenen
Gesicht nahm die gesamte Titelseite ein. Er las die Schlagzeile darüber:
GESUCHT ZUR VERNEHMUNG ÜBER DEN TOD
VON ALBUS DUMBLEDORE
Ron und Hermine schrien empört auf, doch Harry sagte nichts. Er schob
die Zeitung von sich weg; er wollte nicht weiterlesen: Er wusste, was da
stand. Niemand außer denen, die oben auf dem Turm gewesen waren, als
Dumbledore starb, wusste, wer ihn wirklich getötet hatte, und wie Rita
Kimmkorn der Zaubererwelt bereits mitgeteilt hatte, hatte man Harry vom
Tatort wegrennen sehen, Sekunden nachdem Dumbledore gefallen war.
»Es tut mir leid, Harry«, sagte Lupin.
»Die Todesser haben also auch den Tagespropheten in ihrer Hand?«,
fragte Hermine zornig.
Lupin nickte.
»Aber die Leute begreifen doch sicher, was da gespielt wird?«
»Die Machtübernahme ist reibungslos und weitgehend ruhig verlaufen«,
sagte Lupin. »Die offizielle Version von Scrimgeours Ermordung ist, dass
er zurückgetreten sei; er wurde durch Pius Thicknesse ersetzt, der unter
dem Imperius-Fluch steht.«
»Warum hat Voldemort sich nicht selbst zum Zaubereiminister
ernannt?«, fragte Ron.
Lupin lachte.
»Das braucht er nicht, Ron. Tatsächlich ist er der Minister, aber warum
sollte er an einem Schreibtisch im Ministerium hocken? Seine Marionette
Thicknesse kümmert sich um das Alltagsgeschäft und Voldemort kann
ungehindert seine Macht über das Ministerium hinaus ausweiten.
Natürlich haben sich viele Leute zusammengereimt, was passiert ist: In
den letzten paar Tagen fand eine so dramatische Veränderung in der Politik
des Ministeriums statt, und viele munkeln, dass Voldemort dahinterstecken
müsse. Doch das ist es eben: Sie munkeln. Sie wagen es nicht, einander zu
vertrauen, sie wissen nicht, wem sie trauen können; sie haben Angst, den
Mund aufzumachen, falls ihre düsteren Ahnungen stimmen und ihre
eigenen Familien ins Visier genommen werden. Ja, Voldemort spielt ein
sehr cleveres Spiel. Wenn er sich selbst ernannt hätte, dann hätte das
vielleicht eine offene Rebellion ausgelöst. Dass er sich verborgen hält, hat
Verwirrung, Unsicherheit und Angst gestiftet.«
»Und zu dieser dramatischen Veränderung in der Ministeriumspolitik«,
sagte Harry, »gehört wohl auch, dass man die Zaubererwelt vor mir statt
vor Voldemort warnt?«
»Das ist sicher ein Teil davon«, sagte Lupin, »und es ist ein
Geniestreich. Nun, da Dumbledore tot ist, wärst du – der Junge, der
überlebt hat – mit Sicherheit die Symbolfigur und der Mittelpunkt für den
gesamten Widerstand gegen Voldemort. Aber indem er unterstellte, dass du
in den Tod des alten Helden verwickelt warst, hat Voldemort nicht nur ein
Kopfgeld auf dich erreicht, sondern auch bei vielen Zweifel und Furcht
gesät, die dich eigentlich verteidigt hätten.
In der Zwischenzeit hat das Ministerium angefangen, gegen
Muggelstämmige vorzugehen.«
Lupin deutete auf den Tagespropheten.
»Schau auf die zweite Seite.«
Hermine blätterte mit ungefähr dem gleichen angewiderten
Gesichtsausdruck um, den sie bei den Geheimnissen der dunkelsten Kunst
aufgesetzt hatte.
»Registrierung der Muggelstämmigen«, las sie vor. »Das
Zaubereiministerium führt eine Überprüfung der so genannten
Muggelstämmigen durch, um zu klären, wie sie in den Besitz magischer
Geheimnisse kamen.
Neuere Untersuchungen der Mysteriumsabteilung zeigen, dass Magie
nur von Person zu Person weitergegeben werden kann, wenn sich Zauberer
fortpflanzen. Sofern der so genannte Muggelstämmige keine Zauberer als
Vorfahren nachweisen kann, hat er seine magische Kraft daher aller
Wahrscheinlichkeit nach durch Diebstahl oder mit Gewalt erlangt.
Das Ministerium ist entschlossen, derlei unrechtmäßige Besitzer
magischer Kraft aufzustöbern, und hat zu diesem Zweck eine Aufforderung
an alle so genannten Muggelstämmigen ergehen lassen, sich zu einer
Befragung bei der neu eingerichteten Registrierungskommission für
Muggelstämmige einzufinden.«
»Das lassen die Leute nicht geschehen«, sagte Ron.
»Es geschieht gerade, Ron«, sagte Lupin. »Während wir hier
miteinander reden, werden Muggelstämmige zusammengetrieben.«
»Aber wie sollen sie denn Magie >gestohlen< haben?«, fragte Ron.
»Das ist doch gestört, wenn man Magie stehlen könnte, gäbe es doch keine
Squibs, oder?«
»Ich weiß«, sagte Lupin. »Und trotzdem, wenn du nicht beweisen
kannst, dass du mindestens einen Zauberer in deiner näheren
Verwandtschaft hast, giltst du jetzt als jemand, der seine magische Kraft
illegal erlangt hat und dafür bestraft werden muss.«
Ron warf Hermine einen kurzen Blick zu und sagte: »Was ist, wenn
Reinblüter und Halbblüter schwören, dass ein Muggelstämmiger zu ihrer
Familie gehört? Ich sag allen, dass Hermine meine Cousine ist -«
Hermine legte ihre Hand auf seine und drückte sie.
»Danke, Ron, aber ich könnte nicht zulassen, dass du -«
»Du wirst keine Wahl haben«, sagte Ron grimmig, während er ihren
Händedruck erwiderte. »Ich bring dir meinen Familienstammbaum bei,
dann kannst du Fragen dazu beantworten.«
Hermine lachte halbherzig.
»Ron, da wir mit Harry Potter auf der Flucht sind, der meistgesuchten
Person im Land, glaube ich nicht, dass das von Bedeutung ist. Wenn ich
wieder zur Schule gehen würde, wäre es was anderes. Was plant Voldemort
für Hogwarts?«, fragte sie Lupin.
»Der Schulbesuch ist jetzt obligatorisch für alle jungen Hexen und
Zauberer«, antwortete er. »Das wurde gestern verkündet. Es ist neu, denn
eine Schulpflicht gab es noch nie. Natürlich wurden fast alle Hexen und
Zauberer in Britannien auf Hogwarts ausgebildet, aber die Eltern hatten das
Recht, sie zu Hause zu unterrichten oder sie ins Ausland zu schicken, wenn
ihnen das lieber war. So wird Voldemort die ganze Zaubererbevölkerung
von einem sehr jungen Alter an unter seiner Kontrolle haben. Und es ist
auch eine weitere Methode, Muggelstämmige auszusieben, weil Schüler
einen Blutstatus erhalten müssen – das heißt, sie müssen vor dem
Ministerium nachgewiesen haben, dass sie von Zauberern abstammen –,
ehe sie die Schule besuchen dürfen.«
Harry war angeekelt und wütend: Genau in diesem Moment brüteten
vermutlich begeisterte Elfjährige über Stapeln von neu gekauften
Zauberspruchbüchern, nicht ahnend, dass sie Hogwarts nie zu Gesicht
bekommen und vielleicht auch ihre Familien nie wiedersehen würden.
»Es ist ... es ist ...«, murmelte er, verzweifelt auf der Suche nach
Worten, die seinen schrecklichen Gedanken gerecht wurden, aber Lupin
sagte leise: »Ich weiß.«
Lupin zögerte.
»Ich würde verstehen, wenn du es nicht bestätigen kannst, Harry, aber
der Orden hat den Eindruck, dass Dumbledore dir eine Mission aufgetragen
hat.«
»Das hat er«, antwortete Harry, »und Ron und Hermine Wissen darüber
Bescheid, und sie kommen mit mir. «
»Kannst du mir anvertrauen, worum es bei dieser Mission geht?«
Harry sah in das früh gealterte Gesicht, das von dichtem, aber
angegrautem Haar umrahmt war, und wünschte, er könnte eine andere
Antwort geben.
»Das kann ich nicht, Remus, tut mir leid. Wenn Dumbledore es dir nicht
gesagt hat, kann ich es wohl auch nicht tun.«
»Ich dachte mir, dass du das sagen würdest«, erwiderte Lupin mit
enttäuschter Miene. »Aber ich könnte dir dennoch in gewisser Weise
nützlich sein. Du weißt, was ich bin und was ich tun kann. Ich könnte mit
euch kommen und für Begleitschutz sorgen. Ihr müsstet mir nicht sagen,
was genau ihr vorhabt.«
Harry zögerte. Es war ein sehr verlockendes Angebot, obwohl er sich
nicht vorstellen konnte, wie sie ihre Mission vor Lupin geheim halten
würden, wenn er die ganze Zeit bei ihnen wäre.
Hermine jedoch schien verwundert.
»Und was ist mit Tonks?«, fragte sie.
»Was soll mit ihr sein?«, erwiderte Lupin.
»Nun ja«, sagte Hermine stirnrunzelnd, »ihr seid doch verheiratet! Wie
ist das für sie, wenn du mit uns fortgehst?«
»Tonks wird vollkommen sicher sein«, sagte Lupin. »Sie wird zu Hause
bei ihren Eltern bleiben.«
Es lag etwas Fremdes in Lupins Tön; er klang beinahe kalt. Auch die
Vorstellung, dass Tonks im Haus ihrer Eltern versteckt bleiben sollte, hatte
etwas Merkwürdiges; Tonks war immerhin ein Mitglied des Ordens, und
soweit Harry wusste, war sie am liebsten mitten im Geschehen.
»Remus«, sagte Hermine zaghaft, »ist alles in Ordnung ... du weißt
schon ... zwischen dir und -«
»Es ist alles bestens, danke«, sagte Lupin nachdrücklich.
Hermine lief rosa an. Wieder entstand eine Pause, eine peinliche und
verlegene, dann sagte Lupin mit einer Miene, als ob er sich zwingen
müsste, etwas Unangenehmes zuzugeben: »Tonks bekommt ein Baby. «
»Oh, wie wunderbar!«, kreischte Hermine.
»Toll!«, sagte Ron begeistert.
»Gratuliere«, sagte Harry.
Lupin setzte ein gekünsteltes Lächeln auf, das eher eine Grimasse war,
und sagte dann: »Also ... nehmt ihr mein Angebot an? Werden aus dreien
vier? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Dumbledore dagegen gewesen
wäre, er hat mich schließlich zu eurem Lehrer in Verteidigung gegen die
dunklen Künste ernannt. Und ich muss euch sagen, dass ich glaube, dass
wir es hier mit Magie zu tun haben, der viele von uns noch nie begegnet
sind und die wir uns nicht einmal vorstellen können.«
Ron und Hermine sahen Harry an.
»Nur – nur um es klarzustellen«, sagte er. »Du willst Tonks im Haus
ihrer Eltern zurücklassen und mit uns weggehen?«
»Sie wird dort vollkommen sicher sein, sie kümmern sich um sie«, sagte
Lupin. Er sprach mit einer Entschiedenheit, die schon an Gleichgültigkeit
grenzte. »Harry, ich bin sicher, dass James gewollt hätte, dass ich bei dir
bleibe.«
»Also«, sagte Harry langsam, »ich nicht. Ich bin sogar ziemlich sicher,
dass mein Vater hätte wissen wollen, warum du nicht bei deinem eigenen
Kind bleibst.«
Alle Farbe schwand aus Lupins Gesicht. Die Temperatur in der Küche
schien um zehn Grad gesunken zu sein. Ron starrte umher, als hätte ihm
jemand befohlen, sich den Raum genau einzuprägen, während Hermines
Augen zwischen Harry und Lupin hin- und herhuschten.
»Du verstehst das nicht«, sagte Lupin endlich.
»Dann erklär's«, sagte Harry.
Lupin schluckte.
»Ich – es war ein großer Fehler von mir, Tonks zu heiraten. Ich habe es
wider bessere Einsicht getan und bereue es seither zutiefst.«
»Ich verstehe«, sagte Harry, »du lässt sie und das Kind jetzt also einfach
im Stich und haust mit uns ab?«
Lupin sprang auf: Sein Stuhl kippte nach hinten um, und er starrte sie so
grimmig an, dass Harry zum allerersten Mal die Spur des Wolfes auf
seinem menschlichen Gesicht wahrnahm.
»Begreift ihr nicht, was ich meiner Frau und meinem ungeborenen Kind
angetan habe? Ich hätte Tonks nie heiraten sollen, ich habe sie zu einer
Ausgestoßenen gemacht!«
Lupin trat den Stuhl beiseite, den er umgeworfen hatte.
»Ihr habt mich immer nur unter den Ordensleuten erlebt, oder unter
Dumbledores Schutz in Hogwarts. Ihr wisst nicht, wie die meisten in der
Zaubererwelt Kreaturen wie mich betrachten! Wenn sie von meinem
Gebrechen erfahren, können sie kaum mehr mit mir reden! Seht ihr nicht,
was ich getan habe? Sogar ihre eigene Familie ist von unserer Heirat
angewidert, welche Eltern wollen schon, dass ihre einzige Tochter sich
einen Werwolf zum Mann nimmt? Und das Kind – das Kind -«
Lupin raufte sich mit beiden Händen die Haare; er wirkte völlig
durcheinander.
»Meine Sippe pflanzt sich normalerweise nicht fort! Mein Kind wird
wie ich sein, davon bin ich überzeugt – wie kann ich mir je verzeihen, dass
ich es wissentlich riskiert habe, mein eigenes Leiden an ein unschuldiges
Kind weiterzugeben? Und falls es, durch irgendein Wunder, nicht so ist wie
ich, dann wird es besser dran sein, und zwar hundert Mal besser, ohne
einen Vater, für den es sich immer schämen muss!«
»Remus!«, flüsterte Hermine, mit Tränen in den Augen. »Sag das nicht
– wie könnte sich irgendein Kind denn für dich schämen?«
»Ach, ich weiß nicht, Hermine«, sagte Harry. »Ich würde mich ziemlich
für ihn schämen.«
Harry wusste nicht, woher sein Zorn kam, doch er hatte auch ihn von
seinem Platz hochgerissen. Lupin machte den Eindruck, als ob Harry ihn
geschlagen hätte.
»Wenn das neue Regime Muggelstämmige für böse hält«, sagte Harry,
»was werden die dann erst mit einem Halb-Werwolf machen, dessen Vater
im Orden ist? Mein Vater ist bei dem Versuch gestorben, meine Mutter und
mich zu schützen, und du meinst, er würde dir sagen, dass du dein Kind
verlassen und mit uns zu einem Abenteuer aufbrechen sollst?«
»Wie – wie kannst du es wagen?«, sagte Lupin. »Hier geht es nicht um
ein Verlangen nach – nach Gefahr oder Ruhm für mich – wie kannst du es
wagen, etwas Derartiges zu -«
»Ich glaube, du kommst dir ein bisschen wie ein Draufgänger vor«,
sagte Harry. »Du träumst davon, in Sirius' Fußstapfen zu treten -«
»Harry, nicht!«, bat ihn Hermine, doch er starrte weiter zornig in Lupins
aschgraues Gesicht.
»Das hätte ich nie gedacht«, sagte Harry. »Der Mann, der mir
beigebracht hat, wie man gegen Dementoren kämpft -ein Feigling.«
Lupin zückte seinen Zauberstab so schnell, dass Harry seinen eigenen
noch nicht einmal berührt hatte; es gab einen lauten Knall, und er spürte,
wie er nach hinten flog, als ob er einen Fausthieb bekommen hätte; als er
gegen die Küchenwand schlug und zu Boden rutschte, sah er den letzten
Zipfel von Lupins Umhang gerade noch durch die Tür verschwinden.
»Remus, Remus, komm zurück!«, schrie Hermine, aber Lupin
antwortete nicht. Einen Moment später hörten sie die Haustür zuschlagen.
»Harry!«, jammerte Hermine. »Wie konntest du nur?«
»Das war leicht«, sagte Harry. Er stand auf; er spürte, wie dort, wo er
mit dem Kopf gegen die Wand geknallt war, eine Beule anschwoll. Er
zitterte immer noch vor Wut.
»Schau mich nicht so an!«, fuhr er Hermine an.
»Lass sie in Ruhe!«, fauchte Ron.
»Nein – nein – wir dürfen nicht streiten!«, sagte Hermine und warf sich
zwischen die beiden.
»Du hättest das nicht zu Lupin sagen sollen«, meinte Ron zu Harry.
»Er hat es nicht anders verdient«, erwiderte Harry. In seinem Kopf
jagten Bruchstücke einzelner Bilder hintereinanderher: Sirius, wie er durch
den Schleier fiel; Dumbledore in der Schwebe, mit gebrochenen
Gliedmaßen, mitten in der Luft; ein grüner Lichtblitz und die Stimme
seiner Mutter, die um Gnade bettelte ...
»Eltern«, sagte Harry, »sollten ihre Kinder nicht verlassen, außer –
außer wenn sie es müssen.«
»Harry -«, sagte Hermine und streckte tröstend die Hand aus, doch er tat
es achselzuckend ab und ging davon, den Blick auf das Feuer gerichtet, das
Hermine herbeigezaubert hatte. Er hatte einmal von diesem Kamin aus mit
Lupin gesprochen, hatte sich wegen James vergewissern wollen, und Lupin
hatte ihn getröstet. Jetzt schien Lupins gequältes weißes Gesicht vor ihm in
der Luft zu schweben. Die Reue packte ihn so jäh, dass ihm übel wurde.
Weder Ron noch Hermine sagten etwas, doch Harry war sicher, dass sie
sich hinter seinem Rücken ansahen und wortlos austauschten.
Er drehte sich um und sah gerade noch, wie sie sich rasch voneinander
abwandten.
»Ich weiß, ich hätte ihn nicht einen Feigling nennen sollen.«
»Nein, hättest du nicht«, sagte Ron sofort.
»Aber er verhält sich wie einer.«
»Trotzdem ...«, sagte Hermine.
»Ich weiß«, sagte Harry. »Aber wenn er jetzt zu Tonks zurückkehrt, war
es die Sache wert, oder?«
Er konnte es nicht verhindern, dass seine Stimme flehentlich klang.
Hermine sah ihn mitfühlend an, Ron unsicher. Harry blickte hinunter auf
seine Füße und dachte an seinen Vater. Hätte James Harry bei dem
unterstützt, was er zu Lupin gesagt hatte, oder hätte es ihn wütend gemacht,
wie sein Sohn seinen alten Freund behandelt hatte?
Es war, als würden der Schock über den jüngsten Vorfall und die
unausgesprochenen Vorwürfe von Ron und Hermine in der stillen Küche
nachhallen. Der Tagesprophet, den Lupin mitgebracht hatte, lag noch
immer auf dem Tisch, und von der Titelseite starrte Harrys eigenes Gesicht
hoch zur Decke. Er ging hinüber, setzte sich vor die Zeitung, schlug sie
wahllos auf und tat, als würde er lesen. Er konnte die Worte nicht
aufnehmen, ihm schwirrte nach wie vor der Kopf von dem Zusammenstoß
mit Lupin. Er war sicher, dass Ron und Hermine hinter dem
Tagespropheten wieder angefangen hatten, sich stumm zu verständigen. Er
blätterte geräuschvoll eine Seite um und Dumbledores Name sprang ihm
ins Auge. Er brauchte eine Weile, bis er erkannt hatte, was auf dem Foto
abgebildet war, es zeigte ein Gruppenbild von einer Familie. Die
Bildunterschrift lautete: Familie Dumbledore (von links nach rechts):
Albus, Percival mit der neugeborenen Ariana, Kendra und Aberforth.
Aufmerksam geworden, betrachtete Harry das Foto sorgfältiger.
Dumbledores Vater Percival war ein gut aussehender Mann, dessen Augen
selbst auf diesem verblassten alten Foto zu zwinkern schienen. Das Baby,
Ariana, war kaum größer als ein Laib Brot und genauso unauffällig. Die
Mutter, Kendra, hatte rabenschwarzes Haar, das oben auf dem Kopf zu
einem Knoten zusammengebunden war. Ihre Gesichtszüge waren wie
gemeißelt. Trotz des hochgeschlossenen Seidenkleides, das sie trug, fühlte
Harry sich an Indianer erinnert, als er ihre dunklen Augen, die hohen
Wangenknochen und die gerade Nase betrachtete. Albus und Aberforth
trugen zusammenpassende Jacken mit Spitzenkragen und hatten den
gleichen schulterlangen Haarschnitt. Albus wirkte einige Jahre älter, doch
ansonsten sahen die beiden Jungen einander sehr ähnlich, denn das Foto
zeigte sie, noch ehe Albus' Nase gebrochen worden war und ehe er anfing,
eine Brille zu tragen.
Die Familie wirkte völlig glücklich und normal, wie sie da heiter aus der
Zeitung herauslächelte. Der Arm der kleinen Ariana winkte undeutlich aus
ihrem Wickeltuch. Harry hob den Blick und las die Schlagzeile über dem
Bild :
EXKLUSIVER AUSZUG
AUS DER DEMNÄCHST ERSCHEINENDEN
BIOGRAPHIE VON ALBUS DUMBLEDORE
von Rita Kimmkorn
Mit der Überlegung, dass seine Stimmung dadurch wohl kaum noch
schlechter werden konnte, begann Harry zu lesen:
Stolz und hochmütig, wie sie war, konnte Kendra Dumbledore es nach
der Aufsehen erregenden Verhaftung ihres Gatten Percival und seiner
Inhaftierung in Askaban nicht ertragen, in Mould-on-the-Wold zu bleiben.
Sie beschloss daher, die Familie zu entwurzeln und nach Godric's Hollow
umzuziehen, in jenes Dorf, das später berühmt werden sollte als der Ort,
wo Harry Potter auf merkwürdige Weise Du-weißt-schon-wem entrinnen
konnte.
Wie Mould-on-the-Wold war auch Godric's Hollow die Heimat etlicher
Zaubererfamilien, doch da Kendra keine von ihnen kannte, blieb ihr die
Neugier über das Verbrechen ihres Mannes wohl erspart, der sie in ihrem
alten Dorf ausgesetzt gewesen war. Indem sie die freundlichen
Annäherungsversuche ihrer neuen Zauberernachbarn immer wieder abwies,
sorgte sie dafür, dass ihre Familie bald völlig in Ruhe gelassen wurde.
»Hat mir die Tür vor der Nase zugeknallt, als ich mit einer Ladung
selbst gebackenem Kesselkuchen bei ihr vorbeischauen wollte, um sie zu
begrüßen«, sagt Bathilda Bagshot. »In ihrem ersten Jahr hier habe ich
praktisch nur die beiden Jungs gesehen. Hätte gar nicht gewusst, dass da
auch noch eine Tochter war, wenn ich in dem Winter nach ihrem Einzug
nicht im Mondschein Plangentinien gepflückt und dabei gesehen hätte, wie
Kendra Ariana in den Garten hinter dem Haus hinausführte. Spazierte mit
ihr einmal um den Rasen herum und hielt sie dabei immer schön fest, dann
brachte sie sie wieder ins Haus zurück. Wusste nicht, was ich davon halten
sollte. «
Anscheinend dachte Kendra, dass der Umzug nach Godric's Hollow die
perfekte Gelegenheit war, Ariana ein für alle Mal zu verstecken, etwas, das
sie vermutlich seit Jahren geplant hatte. Der Zeitpunkt war von Bedeutung.
Ariana war kaum sieben Jahre alt, als sie von der Bildfläche verschwand,
und spätestens bis zum Alter von sieben offenbaren sich nach Auffassung
der meisten Experten magische Kräfte, falls sie vorhanden sind. Keiner der
heute noch Lebenden erinnert sich daran, dass Ariana je auch nur das
geringste Zeichen magischer Fähigkeiten erkennen ließ. Es scheint daher
offensichtlich, dass Kendra die Entscheidung traf, eher die Existenz ihrer
Tochter zu verheimlichen, als die Schmach zu erdulden, zugeben zu
müssen, dass sie eine Squib geboren hatte. Indem sie von den Freunden und
Nachbarn wegzog, die Ariana kannten, wurde es natürlich um einiges
leichter, sie einzusperren. Die kleine Zahl von Leuten, die fortan um
Arianas Existenz wussten, würden verlässlich schweigen, darunter auch
Arianas zwei Brüder, die unangenehme Fragen mit der Antwort abwehrten,
die ihre Mutter ihnen beigebracht hatte: »Meine Schwester ist zu zart für
die Schule.«
Nächste Woche: Albus Dumbledore in Hogwarts – Die Auszeichnungen
und die Anmaßung
Harry hatte sich geirrt: Bei dem, was er gerade gelesen hatte, war seine
Stimmung tatsächlich noch schlechter geworden. Er sah noch einmal auf
das Foto der scheinbar glücklichen Familie. Entsprach das der Wahrheit?
Wie konnte er es herausfinden? Er wollte nach Godric's Hollow, selbst
wenn Bathildas Zustand es nicht zuließ, dass sie mit ihm redete; er wollte
den Ort besuchen, wo er und Dumbledore geliebte Menschen verloren
hatten.
Er war gerade dabei, die Zeitung sinken zu lassen, um Ron und Hermine
nach ihrer Meinung zu fragen, als ein ohrenbetäubender Knall die Küche
erschütterte.
Zum ersten Mal seit drei Tagen hatte Harry Kreacher völlig vergessen.
Sein nächster Gedanke war, Lupin sei wieder hereingeplatzt, und für den
Bruchteil einer Sekunde wusste er mit dem Durcheinander zappelnder
Arme und Beine, das gleich neben seinem Stuhl aus dem Nichts
aufgetaucht war, gar nichts anzufangen. Er sprang hastig auf, als Kreacher
sich aus dem Gewirr löste und mit einer tiefen Verbeugung vor Harry
krächzte: »Kreacher ist mit dem Dieb Mundungus Fletcher zurückgekehrt,
Herr.«
Mundungus rappelte sich auf und zog seinen Zauberstab hervor; doch
Hermine war zu schnell für ihn.
»Expelliarmus!«
Mundungus' Zauberstab schwirrte durch die Luft und Hermine fing ihn
auf. Mit wildem Blick hechtete Mundungus zur Treppe: Ron stürzte sich
auf ihn wie ein Rugbyspieler und Mundungus schlug mit einem dumpfen
Knirschen auf den Steinboden.
»Was'n los?«, brüllte er und bäumte sich auf, um sich aus Rons Griff zu
befreien. »Was hab ich getan? Mir 'nen verdammten Hauselfen auf den
Hals zu hetzen, was soll das denn, was hab ich getan, lass mich los, lass
mich los, oder -«
»Sieht nicht so aus, als könntest du hier große Töne spucken«, sagte
Harry. Er warf die Zeitung beiseite, durchquerte mit wenigen Schritten die
Küche und sank neben Mundungus auf die Knie, der nun aufhörte sich zu
wehren und verängstigt dreinblickte. Ron erhob sich keuchend und sah zu,
wie Harry seinen Zauberstab bedächtig auf Mundungus' Nase richtete.
Mundungus stank nach altem Schweiß und Tabakrauch, sein Haar war
verfilzt und sein Umhang fleckig.
»Kreacher entschuldigt sich dafür, dass er den Dieb erst so spät gebracht
hat, Herr«, krächzte der Elf. »Fletcher weiß, wie man es vermeidet,
gefangen zu werden, hat viele Schlupfwinkel und Komplizen. Dennoch hat
Kreacher den Dieb am Ende in die Enge getrieben. «
»Das hast du wirklich gut gemacht, Kreacher«, sagte Harry und der Elf
verneigte sich tief.
»Also, wir haben ein paar Fragen an dich«, sagte Harry zu Mundungus,
der sofort schrie: »Ich hab Panik gekriegt, okay? Ich wollte sowieso nie
mitkommen, nichts für ungut, Mann, aber ich hab mich nie freiwillig
gemeldet, um für dich zu sterben, un' das war der verdammte Du-weißt-
schon-wer, der da auf mich zugeflogen kam, da hätte jeder die Fliege
gemacht, ich hab ja die ganze Zeit gesagt, dass ich's nicht machen will -«
»Zu deiner Information, keiner von uns anderen ist disappariert«, sagte
Hermine.
»Tja, dann seid ihr eben ein Haufen verdammte Helden, nicht wahr,
aber ich hab nie behauptet, dass ich bereit wäre, mich umbringen zu lassen
-«
»Es interessiert uns nicht, wieso du Mad-Eye im Stich gelassen hast«,
sagte Harry und hielt seinen Zauberstab ein wenig näher an Mundungus'
triefende, blutunterlaufene Augen. »Wir wussten schon, dass du ein
unzuverlässiges Stück Dreck bist.«
»Und warum zur Hölle werd ich dann von Hauselfen gejagt? Oder
geht's mal wieder um diese Kelche? Ich hab keine mehr übrig, sonst
könntest du sie haben -«
»Es geht auch nicht um die Kelche, aber du kommst der Sache schon
näher«, sagte Harry. »Halt den Mund und hör zu.«
Es war ein wunderbares Gefühl, etwas zu tun zu haben, von jemandem
einen kleinen Teil der Wahrheit verlangen zu können. Harrys Zauberstab
war nun so nahe an Mundungus' Nasenrücken, dass Mundungus nach innen
schielte, um ihn im Blick behalten zu können.
»Als du alles Wertvolle aus diesem Haus eingesackt hast«, begann
Harry, aber Mundungus unterbrach ihn.
»Sirius war dieser ganze Plunder nie wichtig -«
Trappelnde Schritte waren zu hören, glänzendes Kupfer blitzte auf, ein
Scheppern ertönte und ein Schmerzensschrei :
Kreacher war auf Mundungus losgestürmt und hatte ihm einen Kochtopf
an den Kopf geknallt.
»Ruf ihn zurück, ruf ihn zurück, der gehört eingesperrt!«, schrie
Mundungus und duckte sich, als Kreacher den schwerbödigen Topf erneut
hob.
»Kreacher, nein!«, rief Harry.
Kreachers dünne Arme zitterten unter dem Gewicht des Topfes, den er
nach wie vor emporhielt.
»Vielleicht nur noch ein Mal, Meister Harry? Das bringt Glück!«
Ron lachte.
»Wir brauchen ihn bei Bewusstsein, Kreacher, aber wenn wir ihm auf
die Sprünge helfen müssen, dann kannst du ihm die Ehre erweisen«, sagte
Harry.
»Vielen Dank, Herr«, sagte Kreacher mit einer Verbeugung, und er trat
ein wenig zurück, die großen blassen Augen immer noch hasserfüllt auf
Mundungus gerichtet.
»Als du alle Wertgegenstände aus diesem Haus geholt hast, die du
finden konntest«, begann Harry erneut, »hast du einiges aus dem
Küchenschrank mitgenommen. Da war ein Medaillon dabei.« Harrys Mund
war plötzlich trocken. Er konnte spüren, dass auch Ron und Hermine
angespannt und aufgeregt waren. »Was hast du damit gemacht?«
»Warum?«, fragte Mundungus. »Is' es wertvoll?«
»Du hast es immer noch!«, rief Hermine.
»Nein, hat er nicht«, sagte Ron gewieft. »Er fragt sich nur, ob er nicht
mehr Geld dafür hätte verlangen sollen.«
»Mehr?«, sagte Mundungus. »Das wär verdammt noch mal nicht
schwierig gewesen ... zum Teufel, ich hab's verschenkt, kapiert? Blieb mir
nichts anderes übrig.«
»Was soll das heißen?«
»Ich hab grade in der Winkelgasse verkauft, da kommt so 'ne Frau auf
mich zu un' fragt mich, ob ich 'ne Lizenz für den Handel mit magischen
Artefakten hab. Miese Schnüfflerin.
Wollt' mir 'n Bußgeld aufbrummen, aber sie hatte 'n Auge auf dieses
Medaillon geworfen, un' sie meinte, sie würd es nehmen und mich diesmal
noch laufen lassen, un' ich könnt von Glück reden.«
»Wer war diese Frau?«, fragte Harry.
»Keine Ahnung, irgend'ne Sabberhexe vom Ministerium.«
Mundungus überlegte kurz mit gerunzelter Stirn.
»Kleine Frau. Haarschleife oben aufm Kopf.«
Er schaute finster drein, dann fügte er hinzu: »Sah aus wie 'ne Kröte.«
Harry ließ seinen Zauberstab fallen: Er traf Mundungus an der Nase und
sprühte rote Funken in seine Augenbrauen, die Feuer fingen.
»Aguamenti!«, schrie Hermine, und ein Wasserstrahl schoss aus ihrem
Zauberstab, der den prustenden und würgenden Mundungus überflutete.
Harry blickte auf und sah sein Entsetzen in den Gesichtern von Ron und
Hermine widergespiegelt. Die Narben auf seinem rechten Handrücken
schienen erneut zu brennen.
Magie ist Macht
Der August zog sich hin, der ungepflegte Flecken Gras in der Mitte des
Grimmauldplatzes verdorrte in der Sonne und wurde spröde und braun.
Niemand aus den benachbarten Häusern bekam die Bewohner von
Nummer zwölf je zu Gesicht, auch das Haus selbst nicht. Die Muggel, die
am Grimmauldplatz lebten, hatten sich schon seit langem mit dem
komischen Fehler in der Nummerierung abgefunden, durch den Nummer
elf neben Nummer dreizehn stand.
Und doch lockte der Platz nun kleine Besuchergruppen an, die diese
Eigentümlichkeit offenbar höchst faszinierend fanden. Kaum ein Tag
verging, ohne dass ein, zwei Leute zum Grimmauldplatz kamen, die dem
Anschein nach nichts anderes im Sinn hatten, als sich an das Gitter
gegenüber von Nummer elf und dreizehn zu lehnen und die
Verbindungsstelle zwischen den beiden Häusern zu beobachten. Nie kam
es vor, dass zwei Tage hintereinander dieselben Leute herumlungerten,
doch hegten sie offenbar alle die gleiche Abneigung gegen normale
Kleidung. Die meisten Londoner, die an ihnen vorbeigingen, waren an
exzentrisch gekleidete Leute gewöhnt und nahmen kaum Notiz von ihnen,
mochte auch der ein oder andere gelegentlich kurz zurückblicken und sich
fragen, wie jemand in dieser Hitze so lange Umhänge tragen konnte.
Das Aufpassen schien für die Beobachter wenig befriedigend zu sein.
Manchmal schrak einer von ihnen auf und wollte erregt losstürmen, als ob
er endlich etwas Interessantes erspäht hätte, lehnte sich dann aber nur mit
enttäuschtem Gesicht wieder zurück.
Am ersten Septembertag lungerten noch mehr Leute als sonst auf dem
Platz herum. Ein halbes Dutzend Männer in langen Umhängen standen
stumm und aufmerksam da und starrten wie immer auf die Häuser Nummer
elf und dreizehn, doch das, worauf sie warteten, schien nach wie vor nicht
greifbar. Als der Abend anbrach und zum ersten Mal seit Wochen einen
unerwarteten kalten Regenschauer mit sich brachte, trat wieder einer jener
unerklärlichen Momente ein, in denen es so aussah, als hätten sie etwas
Interessantes entdeckt. Der Mann mit dem verzerrten Gesicht deutete auf
etwas, und der ihm am nächsten stehende Gefährte, ein dicklicher, bleicher
Mann, wollte schon losstürmen, doch einen Augenblick später waren sie
wieder entspannt und gaben sich mit frustrierten und enttäuschten Mienen
erneut ihrem Nichtstun hin.
Unterdessen hatte Harry in Haus Nummer zwölf gerade die
Eingangshalle betreten. Er hatte fast das Gleichgewicht verloren, als er auf
die oberste Stufe direkt vor der Haustür appariert war, und dachte, dass die
Todesser vielleicht einen Blick auf seinen kurz sichtbaren Ellbogen
erhascht hatten. Er schloss die Tür sorgfältig hinter sich ab, zog den
Tarnumhang aus, warf ihn sich über den Arm und eilte mit einem
gestohlenen Tagespropheten in der Hand durch die düstere Halle auf die
Tür zu, die in den Keller führte.
Wie üblich empfing ihn das leise geflüsterte »Severus Snape?«, der
kalte Wind fegte über ihn hinweg, und seine Zunge rollte sich für einen
Moment zusammen.
»Ich habe Sie nicht getötet«, sagte er, sobald sich seine Zunge wieder
gelöst hatte, dann hielt er den Atem an, als die staubige Zaubergestalt
zerbarst. Er wartete, bis er die Treppe zur Küche halb hinunter war, außer
Hörweite von Mrs Black und weg von der Staubwolke, dann rief er: »Ich
hab Neuigkeiten und die werden euch nicht gefallen.«
Die Küche war kaum wiederzuerkennen. Sämtliche Flächen blitzten:
Kupfertöpfe und -pfannen waren poliert worden und hatten einen rosigen
Glanz angenommen, die Platte des Holztisches funkelte, die Kelche und
Teller, die schon zum Abendessen bereitstanden, glitzerten im Schein eines
munter lodernden Feuers, auf dem ein Kessel köchelte. Doch nichts im
Raum hatte sich so drastisch verändert wie der Hauself, der nun auf Harry
zugeeilt kam; er war in ein schneeweißes Handtuch gekleidet, sein
Ohrenhaar war sauber und flauschig wie Watte, und an seiner
schmächtigen Brust baumelte das Medaillon von Regulus.
»Schuhe ausziehen, wenn ich bitten darf, Meister Harry, und Hände
waschen vor dem Abendessen«, krächzte Kreacher, nahm den Tarnumhang
und schlurfte davon, um ihn an einen Haken an der Wand zu hängen, neben
eine Reihe altmodischer, frisch gewaschener Umhänge.
»Was ist passiert?«, fragte Ron besorgt. Er und Hermine hatten gerade
über einem Haufen handgeschriebener Notizen und selbst gezeichneter
Karten gebrütet, die an einem Ende des langen Küchentisches herumlagen,
doch nun beobachteten sie Harry, der mit großen Schritten auf sie zukam
und die Zeitung auf ihre verstreuten Pergamentblätter warf.
Das große Bild eines altbekannten, hakennasigen, schwarzhaarigen
Mannes starrte zu ihnen herauf, und die Schlagzeile darüber lautete:
SEVERUS SNAPE ALS SCHULLEITER
VON HOGWARTS BESTÄTIGT
»Nein!«, sagten Ron und Hermine laut.
Hermine war am schnellsten; sie schnappte sich die Zeitung und begann
den dazugehörigen Bericht laut vorzulesen.
»Severus Snape, langjähriger Lehrer für Zaubertränke an der
Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, wurde heute zum Schulleiter
ernannt, als wichtigste einer ganzen Reihe von personellen Veränderungen
an der altehrwürdigen Schule. Nach dem Rücktritt der früheren
Muggelkundelehrerin wird Alecto Carrow den Posten übernehmen,
während ihr Bruder Amycus die Stelle des Professors für Verteidigung
gegen die dunklen Künste einnimmt.
>Dies ist eine willkommene Gelegenheit für mich, die großen
Traditionen und Werte unserer Zaubererwelt hochzuhalten -< Zum
Beispiel Leute umbringen und ihnen die Ohren abschneiden, vermute ich
mal! Snape und Schulleiter! Snape in Dumbledores Büro – bei Merlins
Unterhose!«, kreischte Hermine, dass Harry und Ron zusammenzuckten.
Sie sprang vom Tisch auf und wirbelte mit den Worten »Bin gleich wieder
zurück!« aus der Küche.
»Bei Merlins Unterhose?«, wiederholte Ron amüsiert. »Sie muss
wirklich wütend sein.« Er zog die Zeitung zu sich her und las den Artikel
über Snape durch.
»Das machen die anderen Lehrer nicht mit. McGonagall und Flitwick
und Sprout kennen alle die Wahrheit, sie wissen, wie Dumbledore starb.
Die werden Snape nicht als Schulleiter akzeptieren. Und wer sind diese
Carrows?«
»Todesser«, sagte Harry. »Im Innenteil sind Bilder von ihnen. Sie waren
oben auf dem Turm, als Snape Dumbledore getötet hat, damit sind alle
Freunde vereint. Außerdem«, fuhr Harry verbittert fort und zog einen Stuhl
heran, »sehe ich nicht, dass die übrigen Lehrer eine andere Wahl haben, als
zu bleiben. Wenn das Ministerium und Voldemort hinter Snape stehen,
wird es die Wahl sein, ob sie bleiben und unterrichten oder aber ein paar
nette Jahre in Askaban verbringen wollen -und das nur, wenn sie Glück
haben. Ich schätze, sie bleiben und versuchen die Schüler zu schützen.«
Kreacher eilte mit einer großen Terrine in den Händen zum Tisch und
schöpfte Suppe in blitzsaubere Schalen, während er durch die Zähne pfiff.
»Danke, Kreacher«, sagte Harry und drehte den Tagespropheten um,
damit er Snapes Gesicht nicht sehen musste. »Na, wenigstens wissen wir
jetzt genau, wo Snape ist.«
Er begann seine Suppe zu löffeln. Die Kochkünste Kreachers hatten sich
deutlich verbessert, seit ihm Regulus' Medaillon geschenkt worden war:
Die heutige französische Zwiebelsuppe war die beste, die Harry je probiert
hatte.
»Draußen sind immer noch eine Menge Todesser, die das Haus
beobachten«, berichtete er Ron, während er aß, »mehr als sonst. Als ob die
hoffen würden, dass wir mit unseren Schulkoffern rausmarschieren und
zum Hogwarts-Express laufen.«
Ron blickte auf seine Uhr.
»Daran hab ich den ganzen Tag schon gedacht. Er ist vor fast sechs
Stunden losgefahren. Komisches Gefühl, dass wir nicht drinsitzen, oder?«
Vor seinem geistigen Auge sah Harry die scharlachrote Dampflok, wie
er und Ron sie einst in der Luft verfolgt hatten, schimmernd zwischen
Feldern und Hügeln, eine scharlachrote, sich auf und ab wiegende Raupe.
Er war sicher, dass Ginny, Neville und Luna in diesem Moment
beisammensaßen, und vielleicht fragten sie sich, wo er, Ron und Hermine
steckten, oder sprachen darüber, wie sie Snapes neues Regime am besten
untergraben konnten.
»Die haben mich gerade eben, als ich zurückkam, fast gesehen«, sagte
Harry. »Ich bin schlecht auf der obersten Stufe gelandet und der
Tarnumhang ist verrutscht.«
»Das passiert mir auch jedes Mal. Oh, da ist sie ja«, fügte Ron hinzu
und drehte sich auf seinem Stuhl zu Hermine um, die wieder in die Küche
kam. »Und was im Namen von Merlins schlabberndster Feinrippunterhose
hatte das zu bedeuten?«
»Mir ist das hier eingefallen«, keuchte Hermine.
Sie hatte ein großes, gerahmtes Bild dabei, legte es auf den Boden und
nahm ihre kleine, mit Perlen verzierte Handtasche von der Küchenanrichte.
Sie öffnete die Tasche und zwängte das Gemälde hinein, und obwohl es
eindeutig zu groß war, um in die winzige Tasche zu passen, verschwand es
innerhalb weniger Sekunden wie so vieles andere in ihren geräumigen
Tiefen.
»Phineas Nigellus«, erklärte Hermine und warf die Tasche auf den
Küchentisch, wo sie wie üblich mit klangvollem Scheppern und Krachen
landete.
»Wie bitte?«, sagte Ron, aber Harry hatte begriffen. Das gemalte Abbild
von Phineas Nigellus Black konnte hin- und herflitzen zwischen seinem
Porträt am Grimmauldplatz und dem in Hogwarts, das im Büro des
Schulleiters hing: in dem kreisrunden Turmzimmer, wo Snape zweifellos in
diesem Moment saß und den Triumph genoss, dass Dumbledores
Sammlung empfindlicher silberner magischer Instrumente nun ihm gehörte,
das steinerne Denkarium, der Sprechende Hut und, sofern es nicht
anderswohin gebracht worden war, das Schwert von Gryffindor.
»Snape könnte Phineas Nigellus losschicken, damit er für ihn in dieses
Haus hineinsieht«, erklärte Hermine Ron, als sie ihren Platz wieder
einnahm. »Aber das soll er mal ruhig versuchen, das Einzige, was Phineas
Nigellus jetzt sehen kann, ist das Innere meiner Handtasche.«
»Gut mitgedacht!«, sagte Ron beeindruckt.
»Danke«, erwiderte Hermine lächelnd und zog ihre Suppe zu sich heran.
»Also, Harry, was gab es heute sonst noch Neues?«
»Nichts«, sagte Harry. »Ich hab den Eingang zum Ministerium sieben
Stunden lang beobachtet. Keine Spur von ihr. Aber deinen Dad hab ich
gesehen, Ron. Er schaut richtig gut aus.«
Ron nickte, dankbar für diese Nachricht. Sie hatten sich darauf geeinigt,
dass es viel zu gefährlich war, Kontakt mit Mr Weasley aufzunehmen,
während er ins Ministerium ging oder dort herauskam, da er ständig von
anderen Ministeriumsangestellten umgeben war. Dennoch war es
beruhigend, ihn ab und an kurz zu sehen, auch wenn er äußerst angespannt
und besorgt wirkte.
»Dad hat uns immer erzählt, dass die meisten Ministeriumsleute das
Flohnetzwerk benutzen, um zur Arbeit zu kommen«, sagte Ron. »Deshalb
haben wir Umbridge nicht gesehen, die würde nie zu Fuß gehen, die hält
sich für zu wichtig.«
»Und was ist mit dieser komischen alten Hexe und diesem kleinen
Zauberer in dem marineblauen Umhang?«, fragte Hermine.
»Ach ja, der Typ von der Zauberei-Zentralverwaltung«, sagte Ron.
»Woher weißt du, dass er für die Zentralverwaltung arbeitet?«, fragte
Hermine, den Suppenlöffel auf halbem Weg zum Mund.
»Dad hat gesagt, dass die in der Zauberei-Zentralverwaltung alle
marineblaue Umhänge tragen.«
»Aber das hast du uns nie erzählt!«
Hermine ließ den Löffel sinken und zog den Haufen Notizzettel und
Karten zu sich herüber, die sie und Ron studiert hatten, als Harry in die
Küche gekommen war.
»Hier steht nichts von marineblauen Umhängen drin, gar nichts!«, sagte
sie und durchblätterte fieberhaft die Seiten.
»Na und, ist das wirklich so wichtig?«
»Ron, es ist alles wichtig! Wenn wir in das Ministerium reinwollen und
dabei nicht auffliegen wollen, wo sie doch ganz bestimmt auf der Hut sind
vor Eindringlingen, dann ist jedes kleine Detail wichtig! Wir haben das
hundertmal durchgesprochen, ich meine, wozu all diese Erkundungstrips,
wenn du es nicht mal für nötig hältst, uns zu erzählen -«
»Zum Teufel, Hermine, da hab ich mal 'ne Kleinigkeit vergessen -«
»Dir ist hoffentlich klar, dass es für uns im Moment keinen
gefährlicheren Ort auf der Welt gibt als das Zauberei-«
»Ich glaube, wir sollten es morgen machen«, sagte Harry.
Hermine hielt abrupt inne, mit herabhängender Kinnlade; Ron
verschluckte sich kurz an seiner Suppe.
»Morgen?«, wiederholte Hermine. »Das meinst du nicht im Ernst,
Harry? «
»Doch«, sagte Harry. »Ich glaube nicht, dass wir viel besser vorbereitet
wären als jetzt, auch wenn wir noch einen Monat um den
Ministeriumseingang herumschleichen würden. Je länger wir es
rausschieben, umso weiter weg könnte dieses Medaillon sein. Es ist jetzt
schon ziemlich wahrscheinlich, dass Umbridge es weggeworfen hat; das
Ding lässt sich ja nicht öffnen.«
»Es sei denn«, sagte Ron, »sie hat eine Möglichkeit gefunden, es
aufzukriegen, und ist jetzt besessen.«
»Würde bei der keinen Unterschied machen, so böse, wie die immer
schon war«, entgegnete Harry achselzuckend.
Hermine biss sich auf die Lippen, tief in Gedanken versunken.
»Wir wissen alles, was wichtig ist«, fuhr Harry an Hermine gewandt
fort. »Wir wissen, dass man nicht mehr ins Ministerium rein- und wieder
rausapparieren kann. Wir wissen, dass es jetzt nur noch den ranghöchsten
Ministeriumsmitarbeitern gestattet ist, ihre Privathäuser an das
Flohnetzwerk anzuschließen, weil Ron gehört hat, wie diese beiden
Unsäglichen sich darüber beklagt haben. Und wir wissen ungefähr, wo
Umbridges Büro ist, weil du gehört hast, was dieser bärtige Typ zu seinem
Kollegen gesagt hat -«
»Ich bin dann oben im ersten Stock, Dolores will mich sprechen«,
deklamierte Hermine sofort.
»Genau«, sagte Harry. »Und wir wissen, dass man mit diesen
komischen Münzen oder Marken oder was auch immer reinkommt, weil
ich gesehen habe, wie sich diese Hexe eine von ihrer Freundin geborgt hat -
«
»Aber wir haben keine!«
»Wenn der Plan funktioniert, dann kriegen wir welche«, fuhr Harry
ruhig fort.
»Ich weiß nicht, Harry, ich weiß nicht... es gibt schrecklich viele Dinge,
die schiefgehen könnten, es hängt eine Menge vom Glück ab ...«
»Daran wird sich nichts ändern, selbst wenn wir uns noch drei Monate
lang vorbereiten«, sagte Harry. »Es ist Zeit, zu handeln.«
Er konnte von Rons und Hermines Gesichtern ablesen, dass sie Angst
hatten; er war selbst nicht besonders zuversichtlich, und doch war er sicher,
dass die Zeit gekommen war, ihren Plan in die Tat umzusetzen.
Während der letzten vier Wochen hatten sie sich abwechselnd den
Tarnumhang angezogen und den offiziellen Eingang zum Ministerium
ausspioniert, den Ron dank Mr Weasley seit seiner Kindheit kannte. Sie
hatten Ministeriumsangestellte auf ihrem Weg hinein beschattet, ihre
Gespräche belauscht und durch sorgfältige Beobachtungen erfahren,
welcher von ihnen zuverlässig jeden Tag zur selben Zeit allein auftauchte.
Ab und zu hatten sie eine Gelegenheit genutzt, jemandem einen
Tagespropheten aus der Aktentasche zu stibitzen. Ganz allmählich hatten
sie die skizzierten Etagenpläne und die Notizen zusammengestellt, die sich
nun vor Hermine stapelten.
»Na gut«, sagte Ron langsam, »dann sagen wir eben, wir legen morgen
los ... ich denke, Harry und ich sollten es alleine machen.«
»Oh, fang nicht wieder damit an!«, seufzte Hermine. »Ich dachte, wir
hätten das geklärt.«
»Sich unter dem Tarnumhang beim Eingang herumzutreiben, ist das
eine, aber das hier ist was anderes, Hermine.« Ron tippte mit dem Finger
auf einen zehn Tage alten Tagespropheten. »Du bist auf der Liste der
Muggelstämmigen, die sich nicht zum Verhör eingefunden haben!«
»Und du solltest eigentlich gerade im Fuchsbau an Griselkrätze sterben!
Wenn irgendwer nicht gehen sollte, dann Harry, auf seinen Kopf sind
zehntausend Galleonen ausgesetzt -«
»Schön, dann bleib ich hier«, sagte Harry. »Gebt mir Bescheid, wenn
ihr Voldemort besiegt habt, in Ordnung?«
Während Ron und Hermine lachten, fuhr ein Schmerz durch die Narbe
auf Harrys Stirn. Seine Hand schnellte hoch: Er sah, wie sich Hermines
Augen verengten, und tat so, als wollte er sich nur die Haare aus den Augen
streichen.
»Also, wenn wir zu dritt gehen, müssen wir einzeln disapparieren«,
sagte Ron gerade. »Wir passen nicht mehr alle unter den Tarnumhang.«
Harrys Narbe schmerzte immer mehr. Er stand auf. Sofort eilte Kreacher
herbei.
»Der Herr hat seine Suppe nicht aufgegessen, hätte der Herr lieber den
schmackhaften Eintopf oder die Siruptorte, für die der Herr ja eine
Schwäche hat?«
»Danke, Kreacher, aber ich muss mal kurz verschwinden – ähm –
Badezimmer.«
Harry, der Hermines argwöhnischen Blick im Rücken spürte, eilte die
Treppe zur Eingangshalle hinauf und weiter in den ersten Stock, wo er ins
Badezimmer stürzte und wieder die Tür verriegelte. Stöhnend vor Schmerz
sackte er über dem schwarzen Becken mit den Wasserhähnen in Form von
aufgerissenen Schlangenmäulern zusammen und schloss die Augen ...
Er glitt eine dämmrige Straße entlang. Die Gebäude zu beiden Seiten
hatten hohe Fachwerkgiebel; sie sahen aus wie Lebkuchenhäuser.
Er näherte sich einem davon, dann sah er das Weiß seiner langfingrigen
Hand an der Tür. Er klopfte. Er spürte eine wachsende Erregung ...
Die Tür öffnete sich: Eine lachende Frau stand da. Ihre Miene erstarrte,
als sie in Harrys Gesicht blickte, alle Fröhlichkeit wich einer grauenhaften
Angst ...
»Gregorowitsch?«, sagte eine hohe, kalte Stimme.
Sie schüttelte den Kopf: Sie wollte die Tür zumachen. Eine weiße Hand
hielt sie fest, hinderte sie daran, ihn auszusperren ...
»Ich will Gregorowitsch.«
»Er wohnt hier nicht mehr!«, schrie sie auf Deutsch und schüttelte den
Kopf. »Er nicht hier leben! Er nicht hier leben! Ich ihn nicht kennen!«
Sie gab den Versuch auf, die Tür zu schließen, und begann in den
dunklen Flur zurückzuweichen, und Harry folgte ihr, glitt auf sie zu, und
seine langfingrige Hand hatte den Zauberstab gezückt.
»Wo ist er?«
»Das weiß ich nicht! Er weggezogen. Ich nicht wissen, ich nicht
wissen!«
Er hob den Zauberstab. Sie schrie. Zwei kleine Kinder kamen in den
Flur gerannt. Sie versuchte sie mit den Armen zu beschützen. Ein grüner
Lichtblitz -
»Harry! HARRY!«
Er öffnete die Augen; er war zu Boden gesunken. Hermine hämmerte
erneut an die Tür.
»Harry, mach auf!«
Er hatte einen Schrei ausgestoßen, das wusste er. Er stand auf und schob
den Riegel zurück; Hermine stolperte sofort herein, fand das Gleichgewicht
wieder und sah sich misstrauisch um. Ron war direkt hinter ihr, er wirkte
entnervt, als er seinen Zauberstab in die Ecken des kühlen Badezimmers
richtete.
»Was machst du da?«, fragte Hermine streng.
»Was werde ich hier wohl machen?«, entgegnete Harry in einem
schwachen Versuch, unbeeindruckt zu wirken.
»Du hast dir die Lunge aus dem Leib geschrien!«, sagte Ron.
»Ach jaah ... ich muss eingenickt sein oder -«
»Harry, ganz so dämlich sind wir nicht«, sagte Hermine schwer atmend.
»Wir wissen, dass deine Narbe unten in der Küche wehgetan hat, und du
bist kreidebleich.«
Harry setzte sich auf den Rand der Badewanne.
»Na gut. Ich habe gerade gesehen, wie Voldemort eine Frau umgebracht
hat. Inzwischen hat er wahrscheinlich ihre ganze Familie ermordet. Und es
wäre gar nicht nötig gewesen. Es war wieder genau wie bei Cedric, sie
waren einfach da ...«
»Harry, du sollst das nicht mehr zulassen!«
Hermine weinte, ihre Stimme hallte durch das Badezimmer. »Es war
Dumbledores Wille, dass du Okklumentik einsetzt! Er hielt die Verbindung
für gefährlich – Voldemort kann sie benutzen, Harry! Was bringt es, ihm
zuzusehen, wie er tötet und foltert, wie kann uns das weiterhelfen?«
»Ich weiß dadurch, was er tut«, sagte Harry.
»Also willst du nicht einmal versuchen, dich gegen ihn zu
verschließen?«
»Ich kann nicht, Hermine. Du weißt, ich bin miserabel in Okklumentik,
ich hab nie den Dreh rausgekriegt.«
»Du hast es nie wirklich versucht!«, sagte sie hitzig. »Ich kapier es
nicht, Harry – gefällt es dir etwa, diese besondere Verbindung oder
Beziehung zu haben, oder was – was auch immer -«
Sie stockte bei dem Blick, den er ihr zuwarf, als er aufstand.
»Ob es mir gefällt?«, sagte er leise. »Würde es dir gefallen?«
»Ich – nein – tut mir leid, Harry, ich wollte nicht -«
»Ich hasse es, ich hasse die Tatsache, dass er in mich reinkann, dass ich
ihm zusehen muss, wenn er am gefährlichsten ist. Aber ich werde es
nutzen.«
»Dumbledore -«
»Vergiss Dumbledore. Das entscheide ich und sonst niemand. Ich will
wissen, warum er hinter Gregorowitsch her ist.«
»Hinter wem?«
»Das ist ein ausländischer Zauberstabmacher«, sagte Harry. »Er hat
Krums Zauberstab gemacht und Krum hält ihn für genial.«
»Aber du hast doch behauptet, dass Voldemort Ollivander irgendwo
eingesperrt hat«, sagte Ron. »Wenn er schon einen Zauberstabmacher hat,
wozu braucht er dann noch einen?«
»Vielleicht ist er derselben Meinung wie Krum, vielleicht hält er
Gregorowitsch für besser ... oder er glaubt, dass Gregorowitsch erklären
kann, was mein Zauberstab getan hat, als er mir nachgejagt ist, denn
Ollivander wusste es nicht.«
Harry blickte in den gesprungenen staubigen Spiegel und sah, wie Ron
und Hermine hinter seinem Rücken skeptische Blicke tauschten.
»Harry, du redest andauernd davon, was dein Zauberstab getan hat«,
sagte Hermine, »aber du hast es doch bewirkt! Warum bist du so fest
entschlossen, keine Verantwortung für deine eigene Macht zu
übernehmen?«
»Weil ich weiß, dass ich es nicht war! Und das weiß Voldemort auch,
Hermine! Wir wissen beide, was wirklich geschehen ist!«
Sie starrten einander finster an: Harry wusste, dass er Hermine nicht
überzeugt hatte und dass sie schon dabei war, Argumente zu sammeln,
sowohl gegen seine Theorie über seinen Zauberstab als auch dagegen, dass
er es sich erlaubte, in Voldemorts Geist hineinzusehen. Zu seiner
Erleichterung schritt Ron ein.
»Hör auf damit«, ermahnte er sie. »Es ist seine Sache. Und wenn wir
morgen ins Ministerium wollen, meinst du nicht, dass wir noch mal den
Plan besprechen sollten?«
Die beiden anderen sahen, dass Hermine nur widerstrebend die Sache
auf sich beruhen ließ, obwohl Harry ziemlich sicher war, dass sie bei der
nächsten Gelegenheit wieder angreifen würde. Unterdessen kehrten sie in
die Kellerküche zurück, wo Kreacher ihnen Eintopf und Siruptorte
servierte.
Sie kamen in dieser Nacht erst spät ins Bett, nachdem sie stundenlang
immer wieder ihren Plan durchgesprochen hatten, bis sie ihn Wort für Wort
einander aufsagen konnten. Harry, der jetzt in Sirius' Zimmer schlief, lag
im Bett, das Licht seines Zauberstabs auf das alte Foto von seinem Vater,
Sirius, Lupin und Pettigrew gerichtet, und murmelte noch einmal zehn
Minuten lang den Plan vor sich hin. Als er seinen Zauberstab löschte,
dachte er jedoch nicht an Vielsaft-Trank, Kotzpastillen oder die
marineblauen Umhänge der Zauberei-Zentralverwaltung; er dachte an
Gregorowitsch und daran, wie lange es dem Zauberstabmacher noch
gelingen würde, versteckt zu bleiben, während Voldemort ihn so
entschlossen suchte.
Die Morgendämmerung schien ungebührlich rasch auf die Mitternacht
zu folgen.
»Du siehst furchtbar aus«, lautete Rons Begrüßung, als er das Zimmer
betrat, um Harry zu wecken.
»Nicht mehr lange«, sagte Harry gähnend.
Sie trafen Hermine unten in der Küche. Kreacher servierte ihr Kaffee
und warme Brötchen, und sie hatte den leicht manischen Gesichtsausdruck,
der Harry an das Büffeln vor den Prüfungen erinnerte.
»Umhänge«, sagte sie halblaut, nahm ihre Anwesenheit mit einem
nervösen Nicken zur Kenntnis und kramte weiter in ihrer mit Perlen
verzierten Handtasche herum, »Vielsaft-Trank ... Tarnumhang ...
Bluffknaller ... ihr solltet jeder ein paar davon nehmen, nur für den Fall ...
Kotzpastillen, Nasblutnugat, Langziehohren ...«
Sie schlangen ihr Frühstück hinunter, und als sie dann nach oben
aufbrachen, geleitete Kreacher sie unter Verbeugungen hinaus und
versprach, dass er ihnen eine Steak-und-Nieren-Pastete auftischen würde,
wenn sie wiederkämen.
»Der Gute«, sagte Ron herzlich, »und wenn man bedenkt, dass ich mir
immer vorgestellt hab, wie ich ihm den Kopf abschneide und ihn an die
Wand hänge.«
Sie näherten sich mit größter Vorsicht der obersten Stufe vor dem
Eingang: Ein paar Todesser mit geröteten Augen waren zu sehen, die von
der anderen Seite des nebligen Platzes aus das Haus beobachteten. Hermine
disapparierte zuerst mit Ron und kam dann zurück, um Harry abzuholen.
Nach der üblichen kurzen Dunkelheit, in der man fast erstickte, fand
sich Harry in der kleinen Gasse wieder, wo der erste Teil ihres Plans wie
festgelegt stattfinden sollte. Sie war noch verlassen, nur ein paar große
Mülltonnen standen herum; die ersten Ministeriumsangestellten tauchten
hier für gewöhnlich nicht vor acht Uhr auf.
»Also dann«, sagte Hermine und sah auf ihre Uhr. »In fünf Minuten
sollte sie hier sein. Wenn ich sie geschockt habe -«
»Hermine, wir wissen es«, sagte Ron streng. »Und ich dachte, wir
wollten die Tür aufmachen, ehe sie kommt?«
Hermine stieß einen spitzen Schrei aus.
»Das hätte ich fast vergessen! Zurück -«
Sie richtete ihren Zauberstab auf die mit einem Vorhängeschloss
versehene Feuertür neben ihnen, die voller Graffiti war, und mit einem
Krachen flog sie auf. Der dunkle Korridor dahinter führte, wie sie von ihren
sorgfältigen Erkundungstouren her wussten, in ein leeres Theater. Hermine
lehnte die Tür wieder an, damit es aussah, als wäre sie noch verschlossen.
»Und jetzt«, sagte sie und wandte sich den beiden anderen in der Gasse
zu, »ziehen wir den Tarnumhang wieder an -«
»- und warten«, beendete Ron den Satz, warf den Umhang über
Hermines Kopf wie ein Tuch über einen Wellensittich und verdrehte, zu
Harry gewandt, die Augen.
Gut eine Minute später war ein leises Plopp zu hören, und ein paar
Meter von ihnen entfernt apparierte eine kleine Ministeriumshexe mit
flatternden grauen Haaren, die in der plötzlichen Helligkeit ein wenig
blinzelte; die Sonne war gerade hinter einer Wolke hervorgekommen. Die
Hexe hatte jedoch kaum Zeit, die unerwartete Wärme zu genießen, ehe
Hermines stummer Schockzauber sie auf der Brust traf und sie umknickte.
»Gute Arbeit, Hermine«, sagte Ron und kam hinter einer Mülltonne
neben der Theatertür hervor, während Harry den Tarnumhang ablegte.
Gemeinsam trugen sie die kleine Hexe in den dunklen Korridor, der hinter
die Bühne führte. Hermine zupfte ihr ein paar Haare vom Kopf und steckte
sie in eine Flasche mit trübem Vielsaft-Trank, die sie aus der Perlentasche
genommen hatte. Ron durchwühlte die Handtasche der kleinen Hexe.
»Sie heißt Mafalda Hopfkirch«, las er von einer kleinen Karte ab, die ihr
Opfer als Hilfskraft in der Abteilung für unbefugte Zauberei auswies. »Am
besten nimmst du das, Hermine, und hier sind die Marken.«
Er reichte ihr mehrere kleine Goldmünzen aus dem Geldbeutel der
Hexe, in die die Buchstaben ZM geprägt waren.
Hermine trank den Vielsaft-Trank, der jetzt eine freundliche blauviolette
Farbe hatte, und Sekunden später stand das Ebenbild von Mafalda
Hopfkirch vor ihnen. Während Hermine Mafalda die Brille abnahm und sie
selber aufsetzte, sah Harry auf seine Uhr.
»Wir sind spät dran, Mr Zauberei-Zentralverwaltung wird jeden
Moment hier sein.«
Eilends verschlossen sie die Tür, hinter der die echte Mafalda lag; Harry
und Ron warfen sich den Tarnumhang über, doch Hermine blieb sichtbar
und wartete. Sekunden später war ein weiteres Plopp zu hören und ein
kleiner, frettchenartiger Zauberer tauchte vor ihnen auf.
»Oh, hallo, Mafalda.«
»Hallo!«, sagte Hermine mit zitternder Stimme. »Wie geht es Ihnen
heute?«
»Nicht so gut, um ehrlich zu sein«, antwortete der kleine Zauberer, der
äußerst niedergeschlagen wirkte.
Als Hermine und der Zauberer in Richtung Hauptstraße losgingen,
schlichen Harry und Ron ihnen hinterher.
»Das tut mir aber leid, dass Sie nicht ganz auf dem Damm sind«, sagte
Hermine, indem sie mit fester Stimme den kleinen Zauberer übertönte, der
sich über seine Probleme auslassen wollte; das Wichtigste war, dass er die
große Straße nicht erreichte. »Hier, nehmen Sie sich ein Bonbon.«
»Hm? Oh, nein danke -«
»Ich bestehe darauf!«, sagte Hermine angriffslustig und wedelte mit der
Pastillentüte vor seiner Nase herum. Der kleine Zauberer schien ziemlich
beunruhigt und nahm eine.
Die Wirkung trat augenblicklich ein. Kaum hatte die Pastille seine
Zunge berührt, fing der kleine Zauberer an, sich so heftig zu übergeben,
dass er nicht einmal bemerkte, wie Hermine ihm eine Hand voll Haare
oben vom Kopf riss.
»Du liebe Zeit!«, sagte sie, während er die Gasse mit Erbrochenem
vollspritzte. »Vielleicht sollten Sie heute besser freinehmen!«
»Nein – nein!« Er würgte und spuckte und wollte unbedingt weiter,
obwohl er nicht mehr gerade gehen konnte. »Ich muss – heute – muss
hingehen -«
»Aber das ist wirklich unvernünftig!«, sagte Hermine beunruhigt. »Sie
können in diesem Zustand nicht zur Arbeit – ich finde, Sie sollten ins St.
Mungo gehen, damit man Sie dort kuriert!«
Der Zauberer war zusammengebrochen und wollte nun keuchend und
auf allen vieren in Richtung der Hauptstraße weiterkriechen.
»So können Sie einfach nicht zur Arbeit!«, schrie Hermine.
Endlich schien er einzusehen, dass sie Recht hatte. Er klammerte sich an
die angeekelte Hermine, um sich wieder aufzurichten, drehte sich auf der
Stelle und verschwand, und nichts blieb von ihm zurück als die Tasche, die
Ron ihm im Vorbeigehen aus der Hand geschnappt hatte, und einige durch
die Gegend fliegende Stückchen Erbrochenes.
»Igitt«, sagte Hermine und hob den Saum ihres Umhangs hoch, um den
Kotzepfützen zu entgehen. »Es hätte viel weniger Sauerei gegeben, wenn
wir den auch geschockt hätten.«
»Mag sein«, sagte Ron und kam mit der Tasche des Zauberers unter
dem Tarnumhang hervor, »aber ich glaube immer noch, dass ein ganzer
Haufen Bewusstlose stärker aufgefallen wäre. Der ist aber ziemlich scharf
auf seinen Job, was? Dann gib mir mal die Haare und den Zaubertrank.«
Zwei Minuten später stand Ron vor ihnen, klein und frettchenartig wie
der kranke Zauberer und in dem marineblauen Umhang, der
zusammengefaltet in dessen Tasche gelegen hatte.
»Komisch, dass er ihn heute nicht getragen hat, oder, wo er doch
unbedingt zur Arbeit gehen wollte? Aber egal, ich bin Reg Cattermole,
wie's auf dem Aufnäher hinten draufsteht.«
»Du wartest jetzt hier«, sagte Hermine zu Harry, der noch unter dem
Tarnumhang war, »und wir kommen dann mit ein paar Haaren für dich
zurück.«
Harry musste zehn Minuten warten, die ihm jedoch viel länger
vorkamen, während er sich allein in der mit Erbrochenem vollgespritzten
Gasse herumdrückte, neben der Tür, hinter der die geschockte Mafalda
verborgen lag. Endlich tauchten Ron und Hermine wieder auf.
»Wir wissen nicht, wer er ist«, sagte Hermine und reichte Harry ein paar
gekräuselte schwarze Haare, »aber er ist mit schrecklichem Nasenbluten
nach Hause gegangen! Hier, er ist ziemlich groß, du wirst einen größeren
Umhang brauchen ...«
Sie zerrte einen alten Umhang hervor, den Kreacher für sie gewaschen
hatte, und Harry zog sich zurück, um den Trank zu nehmen und sich
umzuziehen.
Als die schmerzhafte Verwandlung vollendet war, war er über einen
Meter achtzig groß und, nach seinen muskelbepackten Armen zu schließen,
ziemlich kräftig gebaut. Außerdem hatte er einen Bart. Er stopfte den
Tarnumhang und seine Brille in seinen neuen Umhang und kehrte zu den
beiden anderen zurück.
»Teufel noch mal, du jagst einem vielleicht Angst ein«, sagte Ron und
blickte zu Harry hoch, der ihn jetzt überragte.
»Nimm eine von Mafaldas Marken«, sagte Hermine zu Harry, »und
lasst uns gehen, es ist fast neun.«
Sie traten gemeinsam aus der Gasse heraus. Fünfzig Meter weiter den
belebten Bürgersteig entlang führten zwei Treppen mit schwarzen
Spitzengeländern in die Tiefe, über denen Schilder mit der Aufschrift
»Herren« und »Damen« angebracht waren.
»Dann also bis gleich«, sagte Hermine nervös und wankte die Treppe zu
den »Damen« hinunter. Harry und Ron schlossen sich einigen seltsam
gekleideten Männern an, die offenbar in eine ganz gewöhnliche
unterirdische öffentliche Toilette mit schmutzigen schwarzweißen Fliesen
hinunterstiegen.
»Morgen, Reg!«, rief ein weiterer Zauberer in marineblauem Umhang,
der sich gerade Zugang zu einer Kabine verschaffte, indem er seine goldene
Marke in einen Schlitz an der Tür steckte. »Das ist doch beschissen, oder?
Dass wir alle über diesen Weg zur Arbeit müssen! Wer, glauben die denn,
soll hier auftauchen, Harry Potter vielleicht?«
Der Zauberer brüllte vor Lachen über seinen eigenen Witz. Ron ließ ein
gepresstes Glucksen hören.
»Jaah«, sagte er, »bescheuert, was?«
Und er und Harry ließen sich in benachbarte Kabinen ein.
Harry hörte links und rechts das Geräusch von Wasserspülungen. Er
kauerte sich nieder, spähte durch den Spalt am Boden der Kabine und sah
gerade noch, wie ein Paar gestiefelte Füße in die Toilette nebenan stiegen.
Er schaute nach links und sah Ron zu sich herüberzwinkern.
»Müssen wir uns reinspülen?«, flüsterte er.
»Sieht so aus«, flüsterte Harry zurück; seine Stimme war tief und rau.
Sie standen beide auf. Harry, der sich ungeheuer albern vorkam,
kletterte mühsam in die Toilettenschüssel.
Er wusste sofort, dass er das Richtige getan hatte; obwohl er scheinbar
im Wasser stand, blieben seine Schuhe, seine Füße und sein Umhang völlig
trocken. Er hob die Hand, zog an der Kette, und im nächsten Moment war
er durch einen kurzen Schacht hinuntergerauscht und tauchte aus einem
Kamin im Zaubereiministerium wieder auf.
Schwerfällig stand er auf; an so viel Körper, wie er jetzt hatte, war er
nicht gewöhnt. Das große Atrium wirkte dunkler, als Harry es in
Erinnerung hatte. Früher hatte ein goldener Brunnen die Mitte der Halle
eingenommen und schimmernde Lichtflecken auf den polierten Holzboden
und die Wände geworfen. Nun beherrschte ein gigantisches Denkmal aus
schwarzem Stein die Szenerie. Sie wirkte recht beängstigend, diese riesige
Skulptur einer Hexe und eines Zauberers, die auf kunstvoll geschnitzten
Thronen saßen und auf die Ministeriumsangestellten herabschauten, die aus
den Kaminen unter ihnen purzelten. Am Sockel des Denkmals waren in
etwa dreißig Zentimeter großen Buchstaben die Worte MAGIE IST
MACHT eingraviert.
Harry bekam einen heftigen Schlag von hinten gegen die Beine: Ein
anderer Zauberer war gerade aus dem Kamin hinter ihm geflogen.
»Platz da, kannst du nicht – oh, Verzeihung, Runcorn!«
Sichtlich verängstigt, eilte der Zauberer mit schütterem Haar davon.
Runcorn, dessen Gestalt Harry angenommen hatte, war offenbar ein
einschüchternder Mann.
»Psst!«, ertönte eine Stimme, und als er sich umsah, erkannte er eine
schmächtige kleine Hexe und den frettchenartigen Zauberer von der
Zauberei-Zentralverwaltung, die von der anderen Seite des Denkmals zu
ihm herüberwinkten. Harry ging rasch zu ihnen.
»Bist du denn gut reingekommen?«, flüsterte Hermine Harry zu.
»Nein, er steckt immer noch in der Scheiße«, sagte Ron.
»Oh, sehr witzig ... das ist schrecklich, nicht wahr?«, sagte sie zu Harry,
der zu der Skulptur hochstarrte. »Hast du gesehen, worauf die sitzen?«
Harry schaute genauer hin und erkannte, dass das, was er für zierreich
gemeißelte Throne gehalten hatte, in Wirklichkeit Massen von Menschen
waren, aus Stein gehauen: Hunderte und Aberhunderte von nackten
Körpern, Männer, Frauen und Kinder, alle mit ziemlich dummen,
hässlichen Gesichtern, krümmten sich und zwängten sich zusammen, um
die Last der schön gekleideten Zauberer zu tragen.
»Muggel«, flüsterte Hermine. »An ihrem rechtmäßigen Platz. Kommt,
wir müssen weiter.«
Sie schlossen sich den Zauberern und Hexen an, die auf die goldenen
Tore am Ende der Halle zuströmten, und schauten sich dabei möglichst
unauffällig um, doch von der markanten Gestalt von Dolores Umbridge
war nichts zu sehen. Sie gingen durch die Tore in eine kleinere Halle, wo
sich vor zwanzig goldenen Gittern, die ebenso viele Aufzüge bargen,
Schlangen bildeten. Sie hatten sich kaum bei der nächsten hinten angestellt,
als eine Stimme sagte: »Cattermole!«
Sie blickten sich um: Harrys Magen verkrampfte sich. Einer der
Todesser, die dabei gewesen waren, als Dumbledore starb, schritt auf sie
zu. Die Ministeriumsangestellten neben ihnen verstummten und senkten
den Blick; Harry spürte förmlich, wie eine Welle von Angst sie erfasste.
Das finstere, etwas ungeschlachte Gesicht des Mannes passte irgendwie
nicht zu seinem prächtigen wallenden Umhang, der mit vielen goldenen
Fäden bestickt war. Jemand in der Menge rund um die Aufzüge rief
kriecherisch: »Morgen, Yaxley!« Yaxley ignorierte es.
»Ich hatte jemanden von der Zauberei-Zentralverwaltung angefordert,
der mein Büro in Ordnung bringen soll, Cattermole. Es regnet dort immer
noch.«
Ron blickte umher, als hoffte er, dass irgendein anderer eingreifen
würde, aber niemand sprach ein Wort.
»Es regnet... in Ihrem Büro? Das – das ist nicht gut, oder?«
Ron lachte nervös auf. Yaxleys Augen weiteten sich.
»Sie halten das für komisch, Cattermole, stimmt's?«
Zwei Hexen lösten sich aus der Schlange vor dem Lift und wuselten
davon.
»Nein«, sagte Ron, »nein, natürlich -«
»Ist Ihnen klar, dass ich auf dem Weg nach unten bin, um Ihre Frau zu
verhören, Cattermole? Tatsächlich bin ich ziemlich überrascht, dass Sie
nicht dort unten sind und ihr das Händchen halten, während sie wartet.
Haben sie wohl schon als hoffnungslos aufgegeben, was? Ist
wahrscheinlich das Gescheiteste. Passen Sie auf, dass Sie das nächste Mal
eine Reinblütige heiraten.«
Hermine hatte vor Entsetzen ein leises Piepsen ausgestoßen. Yaxley sah
sie an. Sie hüstelte und wandte sich ab.
»Ich – ich -«, stammelte Ron.
»Aber wenn meine Frau beschuldigt würde, eine Schlammblüterin zu
sein«, sagte Yaxley, »- nicht dass irgendeine Frau, die ich heirate, je mit
einem solchen Dreckstück verwechselt werden könnte –, und wenn der
Leiter der Abteilung für Magische Strafverfolgung etwas erledigt haben
wollte, dann würde ich das zuallererst erledigen, Cattermole. Haben Sie
mich verstanden?«
»Ja«, flüsterte Ron.
»Dann kümmern Sie sich darum, Cattermole, und wenn mein Büro nicht
in einer Stunde vollkommen trocken ist, dann wird der Blutstatus Ihrer Frau
noch zweifelhafter sein, als er ohnehin schon ist.«
Das goldene Gitter vor ihnen öffnete sich rasselnd. Mit einem Nicken
und einem unfreundlichen Lächeln in Richtung Harry, von dem er offenbar
erwartet hatte, dass er es gutheißen würde, wie Cattermole niedergemacht
wurde, rauschte Yaxley zu einem anderen Aufzug davon. Harry, Ron und
Hermine betraten den Lift vor ihnen, aber niemand kam hinterher: Es war,
als ob sie ansteckend wären. Die Gitter schlossen sich krachend und der
Lift begann nach oben zu fahren.
»Was soll ich jetzt machen?«, fragte Ron sofort die beiden anderen; er
wirkte bestürzt. »Wenn ich nicht aufkreuze, wird meine Frau – ich meine,
Cattermoles Frau -«
»Wir kommen mit, wir sollten zusammenbleiben -«, fing Harry an, aber
Ron schüttelte fieberhaft den Kopf.
»Das wär verrückt, wir haben nicht viel Zeit. Ihr beide sucht Umbridge,
ich geh und kümmer mich um Yaxleys Büro – aber wie schaffe ich es, dass
es aufhört zu regnen? «
»Versuch es mit Finite Incantatem«, sagte Hermine sofort, »das müsste
den Regen stoppen, falls es ein Bann oder ein Fluch ist; falls nicht, dann ist
irgendwas mit einem Atmosphärischen Zauber schiefgegangen, was dann
schon schwieriger zu reparieren ist, dann würde ich es als
Übergangsmaßnahme erst mal mit Impervius probieren, um seine Sachen
zu schützen -«
»Sag das noch mal langsam -«, bat Ron und suchte verzweifelt in seiner
Tasche nach einer Feder, doch in diesem Moment ruckelte der Lift und
blieb stehen. Eine geisterhafte Frauenstimme sagte: »Vierter Stock,
Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe, mit der
Tierwesen-, der Zauberwesen- und der Geisterbehörde, dem
Koboldverbindungsbüro und dem Seuchenberatungsbüro«, und die Gitter
glitten wieder zur Seite und gewährten ein paar Zauberern und mehreren
blassvioletten Papierfliegern Einlass, die um die Lampe an der Decke des
Lifts herumschwirrten.
»Morgen, Albert«, sagte ein Mann mit buschigem Schnurrbart und
lächelte Harry an. Als der Lift quietschend wieder losfuhr, sah er kurz zu
Ron und Hermine hinüber; Hermine flüsterte Ron gerade hektisch
Anweisungen zu. Der Zauberer neigte sich zu Harry hinüber, grinste
schmierig und murmelte: »Dirk Cresswell, was? Von der
Koboldverbindung? Nett von Ihnen, Albert. Ich bin ziemlich sicher, dass
ich jetzt seine Stelle kriege!«
Er zwinkerte. Harry lächelte zurück und hoffte, das würde genügen. Der
Aufzug blieb stehen; die Gitter öffneten sich erneut.
»Zweiter Stock, Abteilung für Magische Strafverfolgung, mit dem Büro
gegen den Missbrauch der Magie, der Aurorenzentrale und dem
Zaubergamot-Verwaltungsdienst«, sagte die geisterhafte Hexenstimme.
Harry sah, wie Hermine Ron einen kleinen Schubs gab, worauf er
eilends den Fahrstuhl verließ, gefolgt von den anderen Zauberern, so dass
Harry und Hermine allein zurückblieben. Sobald sich die goldene Tür
geschlossen hatte, sagte Hermine ganz schnell: »Eigentlich glaub ich, dass
ich ihm besser hinterhergehen sollte, Harry, ich glaub nicht, dass er weiß,
was er tut, und wenn er erwischt wird, dann ist alles -« »Erster Stock,
Zaubereiminister und Assistenzkräfte.« Die goldenen Gitter glitten wieder
auseinander und Hermine stockte der Atem. Vier Leute standen vor ihnen,
zwei davon ins Gespräch vertieft: ein Zauberer mit langen Haaren und
prächtigem schwarzgoldenem Umhang und eine untersetzte, krötenartige
Hexe mit einer Samtschleife in ihrem kurzen Haar, die ein Klemmbrett an
ihre Brust drückte.
Die Registrierungskommission für
Muggelstämmige
»Ah, Mafalda!«, sagte Umbridge mit Blick auf Hermine. »Travers hat
Sie geschickt, nicht wahr?«
»J-ja«, piepste Hermine.
»Gut, Sie sind genau die Richtige.« Umbridge sprach zu dem Zauberer
in Schwarz und Gold. »Damit wäre dieses Problem gelöst, Minister, wenn
Mafalda die Aktenführung übernehmen kann, dann können wir gleich
anfangen.« Sie zog ihr Klemmbrett zu Rate. »Zehn Personen heute, und
eine davon die Frau eines Ministeriumsangestellten! Na, na ... selbst hier,
im Herzen des Ministeriums!« Sie trat in den Aufzug und stellte sich neben
Hermine, wie auch die beiden Zauberer, die Umbridges Gespräch mit dem
Minister verfolgt hatten. »Wir gehen gleich runter, Mafalda, Sie werden
alles, was Sie benötigen, im Gerichtsraum vorfinden. Guten Morgen,
Albert, steigen Sie nicht aus?«
»Doch, natürlich«, sagte Harry mit Runcorns tiefer Stimme.
Harry verließ den Fahrstuhl. Hinter ihm ratterten die goldenen Gitter zu.
Er blickte über die Schulter und sah Hermine, flankiert von zwei großen
Zauberern, mit bangem Gesicht nach unten verschwinden, Umbridges
samtene Haarschleife auf der Höhe ihrer Schulter.
»Was führt Sie nach hier oben, Runcorn?«, fragte der neue
Zaubereiminister. Silberne Strähnen durchzogen sein langes schwarzes
Haar und seinen Bart, und seine große vorspringende Stirn überschattete
die glänzenden Augen, was Harry an eine Krabbe erinnerte, die unter einem
Felsen hervorlugt.
»Muss kurz mit...«, Harry zögerte einen kleinen Moment, »... Arthur
Weasley sprechen. Jemand meinte, er wäre oben im ersten Stock.«
»Ah«, sagte Pius Thicknesse. »Hat man ihn dabei erwischt, wie er
Kontakt mit einem Unerwünschten hatte?«
»Nein«, erwiderte Harry mit trockener Kehle. »Nein, nichts
dergleichen.«
»Nun ja. Das ist nur eine Frage der Zeit«, sagte Thicknesse. »Wenn Sie
mich fragen, sind die Blutsverräter genauso schlimm wie die
Schlammblüter. Guten Tag, Runcorn.«
»Guten Tag, Minister.«
Harry sah zu, wie Thicknesse den mit einem dicken Teppich
ausgelegten Korridor entlangging. Sobald der Minister außer Sicht war,
zerrte Harry den Tarnumhang unter seinem schweren schwarzen Umhang
hervor, warf ihn sich über und machte sich auf den Weg, in der anderen
Richtung den Korridor entlang. Runcorn war so groß, dass Harry gebückt
gehen musste, um auch seine großen Füße zu verbergen.
In seiner Magengrube pochte es vor Panik. Während er an einer
glänzenden Holztür nach der anderen vorbeikam, die alle ein kleines Schild
mit dem Namen und der Tätigkeit des Büroinsassen trugen, schien ihn die
Macht des Ministeriums zu übermannen, das so vielschichtig, so
undurchdringlich war, dass ihm der Plan, den er während der letzten vier
Wochen mit Ron und Hermine sorgfältig ausgetüftelt hatte, lächerlich
kindisch vorkam. Sie hatten all ihre Bemühungen darauf konzentriert,
hineinzukommen, ohne erwischt zu werden, aber sie hatten sich keine
Sekunde lang überlegt, was sie tun würden, wenn sie gezwungen waren
sich zu trennen. Jetzt steckte Hermine in einem Gerichtsverfahren, das
zweifellos Stunden dauern würde. Ron schlug sich mit Zauberei herum, die
seine Fähigkeiten gewiss überstieg, wobei von seinem Erfolg
möglicherweise abhing, ob eine Frau die Freiheit erlangte, und er, Harry,
streifte durch den obersten Stock, obwohl er ganz genau wusste, dass seine
Beute soeben mit dem Lift nach unten gefahren war.
Er blieb stehen, lehnte sich an eine Wand und versuchte einen
Entschluss zu fassen. Die Stille war drückend: Hier gab es kein
geschäftiges Treiben, keine Gespräche oder eilige Schritte; in den
Korridoren mit ihren purpurroten Teppichen war es so ruhig, als läge der
Muffliato-Zauber darüber.
Ihr Büro muss hier oben sein, dachte Harry.
Es war ziemlich unwahrscheinlich, dass Umbridge ihren Schmuck im
Büro aufbewahrte, doch auf der anderen Seite erschien es ihm töricht, es
nicht zu durchsuchen, nur um sicher zu sein. Also ging er weiter den
Korridor entlang und begegnete niemandem außer einem stirnrunzelnden
Zauberer, der murmelnd einer Feder diktierte, die vor ihm herschwebte und
auf eine Pergamentrolle kritzelte.
Harry achtete jetzt auf die Namen an den Türen und bog um eine Ecke.
Auf halbem Weg durch den nächsten Korridor gelangte er in einen
weitläufigen offenen Raum, wo ein Dutzend Hexen und Zauberer in Reihen
an kleinen Schreibtischen saßen, die Schulpulten ähnlich waren, wenn auch
viel stärker poliert und ohne Kritzeleien. Harry hielt inne und sah ihnen zu,
denn das Ganze hatte eine geradezu hypnotisierende Wirkung. Alle
wedelten und schlenkerten gleichzeitig mit ihren Zauberstäben, während
bunte Papierquadrate wie kleine rosa Drachen wild durcheinanderflogen.
Es dauerte einige Sekunden, bis Harry klar wurde, dass diese Prozedur
einen Rhythmus hatte, dass die Papiere alle nach dem gleichen Schema
angeordnet waren, und nach ein paar weiteren Sekunden wurde ihm klar,
dass er gerade dabei zusah, wie Broschüren hergestellt wurden, dass die
Papierquadrate Seiten waren, die sich aufeinanderlegten, falteten und auf
magische Weise zusammenfügten, um sich dann neben jeder Hexe oder
jedem Zauberer fein säuberlich aufzustapeln.
Harry schlich näher heran, obwohl die Angestellten hier so konzentriert
ihrer Arbeit nachgingen, dass sie seine vom Teppich gedämpften Schritte
wohl kaum bemerken würden, und ließ eine fertige Broschüre von dem
Stapel neben einer jungen Hexe gleiten. Unter dem Tarnumhang
betrachtete er sie näher. Auf ihrem rosa Deckblatt prangte ein goldener
Titel:
SCHLAMMBLÜTER
und die Gefahren, die sie für eine friedliche reinblütige
Gesellschaft darstellen
Darunter war ein Bild von einer roten Rose zu sehen, mit einem
unsicher lächelnden Gesicht inmitten ihrer Blütenblätter, die von den
Schlingen eines grünen Unkrauts mit finsterer Miene stranguliert wurde.
Auf der Broschüre stand kein Verfassername, doch während er sie
betrachtete, schienen die Narben auf seinem rechten Handrücken wieder zu
brennen. Dann bestätigte die junge Hexe neben ihm seinen Verdacht, als
sie, immer noch mit ihrem Zauberstab wedelnd und schlenkernd, sagte:
»Weiß jemand, ob die alte Sabberhexe den ganzen Tag Schlammblüter
verhören wird?«
»Vorsicht«, sagte der Zauberer neben ihr und blickte nervös umher; eine
seiner Seiten rutschte weg und fiel zu Boden.
»Was denn, hat sie jetzt außer einem magischen Auge auch noch
magische Ohren?«
Die Hexe warf einen Blick auf die glänzende Mahagonitür an der
Stirnseite des Raums mit den Broschürenmachern; auch Harry sah dorthin
und Zorn bäumte sich wie eine Schlange in ihm auf. Wo bei einer
Muggeltür vielleicht ein Guckloch gewesen wäre, war hier ein großes
rundes Auge mit einer leuchtend blauen Iris in das Holz eingelassen; ein
Auge, das jedem, der Alastor Moody gekannt hatte, entsetzlich vertraut
war.
Für den Bruchteil einer Sekunde vergaß Harry, wo er war und was er
hier machte. Er vergaß sogar, dass er unsichtbar war. Mit großen Schritten
ging er geradewegs zur Tür hinüber und besah sich das Auge näher. Es
bewegte sich nicht: Es glotzte blind nach oben, erstarrt. Auf dem Schild
unter dem Auge stand:
Dolores Umbridge
Erste Untersekretärin des Ministers
Darunter war ein neues, noch ein wenig glänzenderes Schild, auf dem
stand:
Vorsitzende der Registrierungskommission für Muggelstämmige
Harry blickte zurück auf das Dutzend Broschürenmacher: Obwohl sie
alle in ihre Arbeit vertieft waren, konnte er wohl kaum davon ausgehen,
dass sie es nicht bemerken würden, wenn sich die Tür eines unbesetzten
Büros vor ihnen öffnete. Daher holte er aus einer Innentasche einen
seltsamen Gegenstand mit kleinen Zappelbeinen und einer knollenförmigen
Gummihupe als Körper hervor. Er kauerte sich unter dem Tarnumhang
nieder und stellte den Bluffknaller auf den Boden.
Sofort trippelte der Knaller vor seinen Augen zwischen den Beinen der
Hexen und Zauberer davon. Harry wartete bereits mit der Hand auf dem
Türgriff, als es wenige Augenblicke später einen lauten Knall gab und aus
einer Ecke jede Menge beißender schwarzer Qualm drang. Die junge Hexe
in der vorderen Reihe begann zu kreischen: Rosa Seiten flogen
durcheinander, als sie und ihre Kollegen aufsprangen und sich umsahen,
woher das Getöse kam. Harry drückte die Klinke herunter, betrat
Umbridges Büro und schloss die Tür hinter sich.
Er hatte das Gefühl, in einer vergangenen Zeit gelandet zu sein. Das
Zimmer glich haargenau Umbridges Büro in Hogwarts: Spitzendeckchen,
Untersetzer und Trockenblumen bedeckten jede verfügbare Fläche. An den
Wänden hingen dieselben Zierteller mit den quietschbunten Kätzchen, die
Bänder umhatten und ekelhaft süß umhertollten und spielten. Über dem
Schreibtisch lag ein geblümtes, mit Volants besetztes Tuch. Hinter Mad-
Eyes Auge war ein teleskopartiger Aufsatz befestigt, mit dem die
Angestellten auf der anderen Seite der Tür ausspioniert werden konnten.
Harry warf einen Blick hindurch und sah, dass sie immer noch alle um den
Bluffknaller versammelt waren. Er riss das Teleskop aus der Tür, was ein
Loch zurückließ, zog den magischen Augapfel heraus und steckte ihn in
seine Tasche. Dann drehte er sich wieder zu dem Zimmer um, hob seinen
Zauberstab und murmelte: »Accio Medaillon.«
Nichts geschah, doch er hatte es auch nicht erwartet; zweifellos wusste
Umbridge alles über schützende Zauber und Banne. Er trat daher rasch
hinter ihren Schreibtisch und begann die Schubladen herauszuziehen.
Federn und Notizbücher und Zauberklebeband kamen zum Vorschein;
magische Büroklammern, die sich wie Schlangen aus ihrer Schublade
ringelten und zurückgetrieben werden mussten; eine reich verzierte kleine
Schnürschachtel voller Reservehaarschleifen und -klammern; aber keine
Spur von einem Medaillon.
Hinter dem Schreibtisch stand ein Aktenschrank; Harry machte sich
daran, ihn zu durchsuchen. Wie Filchs Aktenschränke in Hogwarts war er
voller Mappen, jede mit einem Namensschild versehen. Harry war schon
bei der untersten Schublade angelangt, als er etwas sah, das ihn von seiner
Suche ablenkte: Mr Weasleys Akte. Er zog sie heraus und öffnete sie.
ARTHUR WEASLEY
Blutstatus: Reinblüter, jedoch mit unerwünschten
muggelfreundlichen Neigungen
Bekannt als Mitglied des Phönixordens
Familie: Ehefrau (reinblütig), sieben Kinder, die beiden jüngsten
auf Hogwarts
NB: Jüngster Sohn gegenwärtig zu Hause, schwer krank,
von Inspektoren des Ministeriums bestätigt
Kontrollstatus: ÜBERWACHT. Alle Aktivitäten werden beobachtet.
Große Wahrscheinlichkeit, dass Unerwünschter No. 1
Kontakt aufnimmt (war bereits früher bei Familie
Weasley)
»Unerwünschter Nummer eins«, murmelte Harry vor sich hin, als er Mr
Weasleys Aktenmappe zurücklegte und die Schublade schloss. Er hatte
eine dumpfe Ahnung, wer das sein konnte, und tatsächlich, als er sich
aufrichtete und im Büro nach anderen Verstecken Ausschau hielt, sah er ein
Plakat von sich selbst an der Wand, und quer über seiner Brust prangten die
Worte UNERWÜNSCHTER No. 1. Ein kleiner rosa Notizzettel klebte
daran, mit einem Kätzchenbild in der Ecke. Harry ging hinüber, um ihn zu
lesen, und sah, was Umbridge daraufgeschrieben hatte: »Muss bestraft
werden.«
Wütender denn je suchte er weiter und tastete jetzt auf den Böden der
Vasen und in den Körben voller Trockenblumen herum, doch es
überraschte ihn nicht im Geringsten, dass er das Medaillon hier nicht finden
konnte. Er ließ den Blick ein letztes Mal durch das Büro schweifen, als sein
Herz einen Augenblick aussetzte. Dumbledore starrte ihn aus einem kleinen
rechteckigen Spiegel an, der auf einem Bücherregal neben dem
Schreibtisch aufgestellt war.
Harry durchquerte im Laufschritt das Zimmer und riss den Spiegel
hoch, doch er hatte ihn kaum berührt, als ihm klar wurde, dass es gar kein
Spiegel war. Dumbledore lächelte versonnen vom Hochglanzumschlag
eines Buches. Harry hatte die verschnörkelte grüne Schrift quer über
seinem Hut zuerst nicht bemerkt: Leben und Lügen des Albus Dumbledore,
und auch nicht die etwas kleinere Schrift über seiner Brust: von Rita
Kimmkorn, Autorin des Bestsellers »Armando Dippet: Könner oder
Knallkopf?«
Harry schlug das Buch wahllos auf und stieß auf ein ganzseitiges Foto
von zwei Jungen im Teenageralter, die einander die Arme um die Schultern
gelegt hatten und heftig lachten. Dumbledore, nun mit langem Haar bis
zum Ellbogen, hatte sich einen kleinen, büscheligen Bart wachsen lassen,
ähnlich dem an Krums Kinn, über den Ron sich so aufgeregt hatte. Der
Junge, der sich neben Dumbledore lautlos brüllend amüsierte, hatte etwas
Fröhliches und Wildes an sich. Sein goldenes Haar fiel ihm in Locken auf
die Schultern. Harry überlegte, ob es der junge Doge war, doch ehe er die
Bildunterschrift lesen konnte, ging die Bürotür auf.
Wenn Thicknesse beim Hereinkommen nicht über die Schulter geblickt
hätte, wäre Harry keine Zeit geblieben, den Tarnumhang über sich zu
ziehen. Dennoch hatte er den Eindruck, dass Thicknesse vielleicht eine
Bewegung wahrgenommen hatte, denn er blieb ein paar Sekunden lang
völlig reglos stehen und starrte neugierig auf die Stelle, wo Harry gerade
verschwunden war. Vielleicht war Thicknesse zu dem Schluss gekommen,
dass er lediglich Dumbledore gesehen hatte, der sich auf dem Umschlag
des Buches die Nase kratzte, das Harry hastig wieder auf das Regal gelegt
hatte, jedenfalls ging er schließlich doch zum Schreibtisch und richtete
seinen Zauberstab auf die Feder, die in dem Tintenfass bereitstand. Sie
sprang heraus und begann eine Notiz an Umbridge zu kritzeln. Ganz
langsam, er wagte dabei kaum zu atmen, stahl Harry sich rückwärts aus
dem Büro hinaus in den offenen Bereich davor.
Die Broschürenmacher waren immer noch um die Überreste des
Bluffknallers geschart, der nach wie vor schwächlich trötete und qualmte.
Harry eilte den Korridor entlang, als die junge Hexe sagte: »Ich wette, das
hat sich aus der Experimentellen Zauberei hier hochgeschlichen, die sind ja
so leichtsinnig, erinnert ihr euch noch an diese giftige Ente?«
Während Harry zum Lift zurückhastete, überlegte er, welche Optionen
er jetzt noch hatte. Es war nie wahrscheinlich gewesen, dass das Medaillon
hier im Ministerium war, und es wäre ein aussichtsloser Versuch, mit
magischen Mitteln aus Umbridge herauszulocken, wo es steckte, während
sie in einem vollen Gerichtsraum saß. Sie mussten jetzt dringend das
Ministerium verlassen, ehe sie entdeckt wurden, und es an einem anderen
Tag erneut versuchen. Als Erstes musste er Ron finden, dann konnten sie
sich überlegen, wie sie Hermine aus dem Gerichtssaal herausbekamen.
Der Fahrstuhl war leer, als er hielt. Harry sprang hinein und zog den
Tarnumhang herunter, während der Lift sich nach unten in Bewegung
setzte. Als er im zweiten Stock ruckelnd stehen blieb, stieg zu Harrys
gewaltiger Erleichterung Ron ein, pitschnass und mit gehetztem Blick.
»M-Morgen«, stammelte er Harry entgegen, als der Lift wieder anfuhr.
»Ron, ich bin's, Harry!«
»Harry! Zum Teufel, ich hab ganz vergessen, wie du aussiehst – warum
ist Hermine nicht bei dir?«
»Sie musste mit Umbridge runter in die Gerichtsräume, sie konnte es
nicht ablehnen, und -«
Doch ehe Harry den Satz beenden konnte, hatte der Lift wieder
angehalten: Die Türen öffneten sich, und Mr Weasley kam herein, im
Gespräch mit einer älteren Hexe, die ihr blondes Haar zu einer Art
Ameisenhügel hochtoupiert hatte.
»... ich verstehe vollkommen, was du meinst, Wakanda, aber ich
fürchte, ich kann nicht mitmachen bei -«
Mr Weasley unterbrach sich; er hatte Harry bemerkt. Es war ein äußerst
eigenartiges Gefühl, von Mr Weasley mit solchem Abscheu angefunkelt zu
werden. Die Fahrstuhltüren schlossen sich und die vier zockelten weiter
nach unten.
» Oh, hallo, Reg«, sagte Mr Weasley, der sich bei dem steten Tröpfeln
von Rons Umhang umgedreht hatte. »Ist Ihre Frau heute nicht zum Verhör
vorgeladen? Ähm – was ist mit Ihnen passiert? Warum sind Sie so nass?«
»Yaxleys Büro regnet«, sagte Ron. Er sah dabei Mr Weasleys Schulter
an, und Harry war sicher, dass er Angst hatte, sein Vater könnte ihn
erkennen, wenn sie sich direkt in die Augen blickten. »Ich hab es nicht in
den Griff gekriegt, deshalb haben sie mich losgeschickt, um Bernie zu
holen – Bernie Pillsworth, haben sie, glaube ich, gesagt -«
»Ja, viele Büros haben in letzter Zeit geregnet«, sagte Mr Weasley.
»Haben Sie meteolohex recanto probiert? Bei Bletchley hat das
funktioniert. «
»Meteolohex recanto?«, flüsterte Ron. »Nein, hab ich nicht. Danke, D-
ich meine, danke, Arthur.«
Die Fahrstuhltüren öffneten sich; die alte Hexe mit dem
Ameisenhügelhaar ging hinaus, und Ron schoss an ihr vorbei und
verschwand. Harry wollte ihm gerade folgen, doch da kam ihm Percy
Weasley in die Quere, der in den Lift marschierte, die Nase in
irgendwelche Papiere gesteckt, die er gerade las.
Erst als die Türen wieder zugerattert waren, erkannte Percy, dass er mit
seinem Vater im Aufzug war. Er blickte auf, sah Mr Weasley, wurde
radieschenrot und verließ den Fahrstuhl, kaum dass sich die Türen wieder
geöffnet hatten. Harry versuchte zum zweiten Mal auszusteigen, doch nun
versperrte ihm Mr Weasleys Arm den Weg.
»Einen Moment, Runcorn.«
Die Aufzugtüren schlossen sich, und während sie wieder einen Stock
tiefer rumpelten, sagte Mr Weasley: »Wie ich höre, haben Sie
Informationen über Dirk Cresswell vorgelegt.«
Harry hatte den Eindruck, dass die kurze Begegnung mit Percy Mr
Weasley nur noch wütender gemacht hatte. Er beschloss, dass es das Beste
war, wenn er sich dumm stellte.
»Wie bitte?«, sagte er.
»Tun Sie nicht so, Runcorn«, sagte Mr Weasley zornig. »Sie haben den
Zauberer aufgespürt, der seinen Familienstammbaum gefälscht hat,
richtig?«
»Ich – und wenn ich's getan hätte?«, sagte Harry.
»Nun, Dirk Cresswell ist Ihnen als Zauberer zehnmal überlegen«, sagte
Mr Weasley leise, während der Fahrstuhl in die Tiefe sank. »Und wenn er
Askaban überlebt, werden Sie ihm Rechenschaft ablegen müssen, ganz
abgesehen von seiner Frau, seinen Söhnen und seinen Freunden -«
»Arthur«, unterbrach ihn Harry, »Sie wissen, dass Sie verfolgt werden,
oder nicht?«
»Soll das eine Drohung sein, Runcorn?«, sagte Mr Weasley laut.
»Nein«, sagte Harry, »es ist eine Tatsache! Jeder Ihrer Schritte wird
beobachtet -«
Die Aufzugtüren öffneten sich. Sie hatten das Atrium erreicht. Mr
Weasley warf Harry einen verächtlichen Blick zu und rauschte aus dem
Lift. Harry blieb erschüttert zurück. Er wünschte, er würde jemand anderen
als Runcorn verkörpern ... die Lifttüren ratterten zu.
Harry zog den Tarnumhang hervor und warf ihn sich wieder über. Er
wollte nun allein versuchen, Hermine zu befreien, während Ron sich um
das regnende Büro kümmerte. Als die Türen aufgingen, trat er in einen
fackelbeleuchteten steinernen Gang hinaus, der sich deutlich von den
holzgetäfelten und mit Teppichen ausgelegten Korridoren in den oberen
Stockwerken unterschied. Als der Lift hinter ihm wieder hinaufrumpelte,
blickte Harry leicht schaudernd auf die ferne schwarze Tür, die den
Eingang zur Mysteriumsabteilung markierte.
Er ging weiter, denn sein Ziel war nicht die schwarze Tür, sondern ein
Durchgang, der sich seiner Erinnerung nach links befand und in die Treppe
mündete, die hinunter zu den Gerichtsräumen führte. Während er die
Treppe hinunterschlich, spielte er hektisch die verschiedenen
Möglichkeiten durch, die ihm blieben: Er hatte noch einige Bluffknaller,
doch vielleicht war es besser, einfach an die Tür des Gerichtsraums zu
klopfen, als Runcorn einzutreten und eine kurze Unterredung mit Mafalda
zu verlangen? Natürlich wusste er nicht, ob Runcorn wichtig genug war,
um sich das erlauben zu können, und selbst wenn er es schaffte, würde,
wenn Hermine nicht wiederauftauchte, wahrscheinlich eine Suche nach ihr
ausgelöst, noch ehe sie das Ministerium verlassen hatten ...
Tief in Gedanken versunken, bemerkte er die unnatürliche Kälte
zunächst gar nicht, die über ihn kroch, als würde er in einen Nebel
hinabsteigen. Mit jedem seiner Schritte wurde es kälter: Es war eine Kälte,
die ihm tief in die Kehle drang und an seinen Lungen zerrte. Und dann
spürte er jenes schleichende Gefühl der Verzweiflung, der
Hoffnungslosigkeit, das ihn erfüllte, sich in ihm ausbreitete ...
Dementoren, dachte er.
Und als er den Fuß der Treppe erreichte und sich nach rechts wandte,
sah er eine schreckliche Szene. Der dunkle Gang vor den Gerichtsräumen
war voller großer Gestalten mit schwarzen Kapuzen, deren Gesichter
vollkommen verhüllt waren und deren rasselnder Atem das einzige
Geräusch an diesem Ort war. Die vor Angst wie versteinerten
Muggelstämmigen, die man zum Verhör hergebracht hatte, saßen
zusammengekauert und zitternd auf harten Holzbänken. Die meisten von
ihnen hielten das Gesicht in den Händen verborgen, vielleicht in einem
instinktiven Versuch, sich vor den gierigen Mündern der Dementoren
abzuschirmen. Manche waren in Begleitung ihrer Familien hier, andere
saßen allein. Die Dementoren schwebten vor ihnen auf und ab, und die
Kälte und die Hoffnungslosigkeit und die Verzweiflung, die hier
herrschten, legten sich wie ein Fluch auf Harry ...
Kämpf dagegen, sagte er sich, doch er wusste, dass er hier keinen
Patronus heraufbeschwören konnte, ohne sich augenblicklich zu verraten.
Deshalb ging er, so leise er konnte, weiter, und mit jedem Schritt, den er
machte, schien sich Benommenheit in seinem Kopf auszubreiten, doch er
zwang sich, an Hermine und Ron zu denken, die ihn brauchten.
Zwischen den hoch aufragenden schwarzen Gestalten hindurchzugehen
war Grauen erregend: Die augenlosen Gesichter, die unter ihren Kapuzen
verborgen waren, wandten sich ihm zu, während er vorüberkam, und er war
sicher, dass sie ihn spürten, vielleicht die Anwesenheit eines Menschen
spürten, der noch ein wenig Hoffnung, ein wenig Widerstandskraft besaß ...
Und dann jäh und erschreckend inmitten der eisigen Stille, wurde eine
der Kerkertüren auf der linken Seite des Korridors aufgerissen, und Schreie
drangen heraus.
»Nein, nein, ich bin Halbblüter, ich bin Halbblüter, das versichere ich
Ihnen! Mein Vater war ein Zauberer, wirklich, schauen Sie nach, Arkie
Alderton, er ist ein bekannter Besenkonstrukteur, schauen Sie nach, ich
versichere es Ihnen – lassen Sie mich los, lassen Sie mich -«
»Dies ist Ihre letzte Verwarnung«, sagte Umbridges leise Stimme,
magisch verstärkt, so dass sie über die verzweifelten Schreie des Mannes
hinweg deutlich zu hören war. »Wenn Sie sich wehren, werden Sie den
Kuss des Dementors zu spüren bekommen.«
Die Schreie des Mannes erstarben, doch trockenes Schluchzen hallte
durch den Korridor.
»Bringt ihn weg«, sagte Umbridge.
Zwei Dementoren erschienen in der Tür des Gerichtsraums, ihre
modrigen, verschorften Hände umklammerten die Oberarme des Zauberers,
der offenbar ohnmächtig wurde. Sie glitten mit ihm den Korridor entlang,
und die Dunkelheit, die sie hinter sich herzogen, verschluckte ihn.
»Der Nächste – Mary Cattermole«, rief Umbridge.
Eine kleine Frau erhob sich; sie zitterte am ganzen Leib. Ihr dunkles
Haar war straff zu einem Knoten nach hinten gebunden und sie trug einen
langen schlichten Umhang. Ihr Gesicht war vollkommen blutleer. Als sie
an den Dementoren vorbeiging, sah Harry sie erschaudern.
Er tat es instinktiv, ohne irgendeinen Plan, weil er nicht mit ansehen
konnte, wie sie da allein in den Kerker ging: In dem Moment, als die Tür
zuschwang, schlüpfte er hinter ihr in den Gerichtsraum.
Es war nicht der Raum, in dem er einst wegen unzulässigen Gebrauchs
von Magie verhört worden war. Dieser hier war viel kleiner, doch die
Decke war genauso hoch; sie vermittelte einem das klaustrophobische
Gefühl, auf dem Boden eines tiefen Brunnens festzusitzen.
Hier drinnen waren weitere Dementoren, die ihre eiskalte Aura überall
verströmten; sie standen wie gesichtslose Wächter in den Ecken, die am
weitesten von dem hoch aufragenden Podium entfernt waren. Dort, hinter
einer Balustrade, saß Umbridge, mit Yaxley auf der einen und Hermine,
genauso bleich wie Mrs Cattermole, auf der anderen Seite. Am Fuß des
Podiums schlich eine silbrig leuchtende, langhaarige Katze unentwegt auf
und ab, und Harry begriff, dass sie die Ankläger vor der Verzweiflung
schützen sollte, die von den Dementoren ausging: Die war für die
Angeklagten bestimmt, nicht für die Kläger.
»Setzen Sie sich«, sagte Umbridge mit ihrer zarten, weichen Stimme.
Mrs Cattermole wankte zu dem einzelnen Stuhl mitten unter dem
erhöhten Podium. Kaum hatte sie sich gesetzt, rasselten Ketten aus den
Armlehnen des Stuhls und fesselten sie daran.
»Sie sind Mary Elizabeth Cattermole?«, fragte Umbridge.
Mrs Cattermole nickte einmal zitternd mit dem Kopf.
»Verheiratet mit Reginald Cattermole von der Abteilung Zauberei-
Zentralverwaltung?«
Mrs Cattermole brach in Tränen aus.
»Ich weiß nicht, wo er ist, wir wollten uns hier treffen!«
Umbridge ignorierte sie.
»Mutter von Maisie, Ellie und Alfred Cattermole?«
Mrs Cattermole schluchzte noch mehr.
»Sie haben Angst, sie glauben, ich würde vielleicht nicht wieder nach
Hause kommen -«
»Verschonen Sie uns«, zischte Yaxley. »Die Bälger von
Schlammblütern erregen nicht unser Mitgefühl.«
Mrs Cattermoles Schluchzen übertönte Harrys Schritte, während er
vorsichtig zu der Treppe ging, die zum Podium hinaufführte. In dem
Moment, als er über die Linie getreten war, auf der die Patronus-Katze
patrouillierte, spürte er, dass die Temperatur sich änderte: Hier war es
warm und behaglich. Der Patronus, dessen war er sicher, gehörte zu
Umbridge, und er leuchtete hell, weil sie so glücklich hier war, in ihrem
Element, eine Hüterin der verdrehten Gesetze, die sie mitverfasst hatte.
Langsam und äußerst vorsichtig schob er sich hinter Umbridge, Yaxley und
Hermine das Podium entlang und nahm hinter Hermine Platz. Er war
besorgt, dass er sie erschrecken könnte. Er überlegte, ob er Umbridge und
Yaxley mit dem Muffliato-Zauber belegen sollte, doch selbst wenn er das
Wort nur murmelte, würde er Hermine womöglich in helle Aufregung
versetzen. Dann erhob Umbridge ihre Stimme und wandte sich an Mrs
Cattermole, und Harry nutzte die Gelegenheit.
»Ich bin hinter dir«, flüsterte er Hermine ins Ohr.
Wie erwartet, fuhr sie so heftig zusammen, dass sie beinahe das Fass
voller Tinte umwarf, mit der sie die Befragung protokollieren sollte, doch
sowohl Umbridge als auch Yaxley hatten sich auf Mrs Cattermole
konzentriert und bemerkten es nicht.
»Bei Ihrer Ankunft heute im Ministerium wurde Ihnen ein Zauberstab
abgenommen, Mrs Cattermole«, sagte Umbridge gerade. »Achtdreiviertel
Zoll, Kirsche, Kern Einhornhaar. Sagt Ihnen diese Beschreibung etwas?«
Mrs Cattermole nickte und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
»Würden Sie uns bitte mitteilen, welcher Hexe oder welchem Zauberer
Sie diesen Zauberstab entwendet haben?«
»E-entwendet?«, schluchzte Mrs Cattermole. »Ich hab ihn – niemandem
entwendet. Ich hab ihn ge-gekauft, als ich elf Jahre alt war. Er – er – er hat
mich ausgesucht.«
Sie weinte noch heftiger.
Umbridge lachte ein leises, mädchenhaftes Lachen, bei dem Harry ihr
am liebsten an die Gurgel gefahren wäre. Sie beugte sich über die
Balustrade, um ihr Opfer besser beobachten zu können, und dabei schwang
auch etwas Goldenes nach vorn und baumelte in die Tiefe: das Medaillon.
Hermine hatte es gesehen und stieß ein leises Piepsen aus, doch
Umbridge und Yaxley fixierten nach wie vor ihr Opfer und waren taub für
alles andere.
»Nein«, sagte Umbridge, »nein, das glaube ich nicht, Mrs Cattermole.
Zauberstäbe suchen sich nur Hexen oder Zauberer. Sie sind keine Hexe. Ich
habe hier Ihre Antworten auf dem Fragebogen vorliegen, den wir Ihnen
zugesandt haben – Mafalda, geben Sie ihn mir.«
Umbridge streckte ihre kleine Hand aus: In diesem Moment wirkte sie
so krötenhaft, dass Harry ganz überrascht war, dass sie keine
Schwimmhäute zwischen ihren Stummelfingern hatte. Hermines Hände
zitterten vor Schreck. Sie wühlte in einem Stapel von Dokumenten auf dem
Stuhl neben sich und zog schließlich einen Stoß Pergamente hervor, auf
denen Mrs Cattermoles Name stand.
»Das – das ist hübsch, Dolores«, sagte sie und deutete auf den
Anhänger, der in den knittrigen Falten von Umbridges Bluse schimmerte.
»Was?«, schnappte Umbridge und blickte hinunter. »O ja -ein altes
Familienerbstück«, sagte sie und tätschelte das Medaillon, das auf ihrem
großen Busen lag. »Das >S< steht für Selwyn ... ich bin mit den Selwyns
verwandt... tatsächlich gibt es wenige reinblütige Familien, mit denen ich
nicht verwandt bin ... schade nur«, fuhr sie mit erhobener Stimme fort und
blätterte durch Mrs Cattermoles Fragebogen, »dass man das nicht von
Ihnen sagen kann. Beruf der Eltern: Gemüsehändler.«
Yaxley lachte höhnisch. Unten patrouillierte die flaumige silberne Katze
auf und ab, und die Dementoren standen wartend in den Ecken.
Es war Umbridges Lüge, die Harry in Rage brachte und ihn alle
Vorsicht in den Wind schlagen ließ: dass sie das Medaillon, das sie als
Bestechungsgeschenk von einem Kleinkriminellen angenommen hatte,
dazu benutzte, ihre Herkunft als Reinblütige zu belegen. Er hob den
Zauberstab, bemühte sich gar nicht erst, ihn unter dem Tarnumhang zu
verbergen, und sagte: »Stupor!«
Ein roter Lichtblitz zuckte auf; Umbridge brach zusammen und schlug
mit der Stirn gegen den Rand der Balustrade; Mrs Cattermoles Papiere
rutschten ihr vom Schoß und fielen zu Boden, und die umherstreifende
silberne Katze unter ihr verschwand. Eiskalte Luft wie von einem
aufkommenden Sturm schlug ihnen entgegen: Yaxley sah sich völlig
verwirrt nach dem Ursprung der Unruhe um und erblickte Harrys frei
schwebende Hand, die mit dem Zauberstab auf ihn zielte. Er wollte seinen
eigenen Zauberstab zücken, doch es war zu spät.
»Stupor!«
Yaxley glitt zu Boden und blieb zusammengerollt liegen.
»Harry!«
»Hermine, wenn du gedacht hast, ich würde hier sitzen bleiben,
während die so tut, als ob -«
»Harry, Mrs Cattermole!«
Harry wirbelte herum und warf den Tarnumhang ab; unten waren die
Dementoren aus ihren Ecken gekommen; sie glitten auf die Frau zu, die an
den Stuhl gekettet war: Sei es, weil der Patronus verschwunden war oder
weil sie spürten, dass ihre Herren nicht mehr die Oberhand hatten, sie
hielten sich jedenfalls nicht mehr zurück. Mrs Cattermole stieß einen
schrecklichen Angstschrei aus, als eine schleimige, verschorfte Hand sie
am Kinn packte und ihr den Kopf in den Nacken drückte.
»EXPECTO PATRONUM!«
Der silberne Hirsch schnellte aus der Spitze von Harrys Zauberstab
hervor und stürzte auf die Dementoren zu, die zurückwichen und wieder
mit den dunklen Schatten verschmolzen. Das Licht des Hirsches, der
beharrlich im Raum umhersprang, war mächtiger und wärmender als der
Schutz der Katze und erfüllte den ganzen Kerker.
»Nimm den Horkrux«, sagte Harry zu Hermine.
Er rannte die Treppe hinunter, stopfte den Tarnumhang wieder in seine
Tasche und näherte sich Mrs Cattermole.
»Sie?«, flüsterte sie und starrte ihm ins Gesicht. »Aber -aber Reg sagte,
dass Sie es waren, der beantragt hat, dass man mich verhört! «
»Habe ich das?«, murmelte Harry und riss an den Ketten, die ihre Arme
fesselten. »Also, ich hab es mir anders überlegt. Diffindo!« Nichts geschah.
»Hermine, wie krieg ich diese Ketten runter?«
»Warte, ich bin gerade hier oben beschäftigt -«
»Hermine, wir sind von Dementoren umzingelt!«
»Ich weiß, Harry, aber wenn sie aufwacht und das Medaillon
verschwunden ist – ich muss ein Duplikat herstellen ... Geminio! Na also ...
das müsste sie täuschen ...«
Hermine kam die Stufen herabgerannt.
»Warte mal ... Relaschio!«
Die Ketten zogen sich klirrend in die Armlehnen des Stuhls zurück. Mrs
Cattermole wirkte nach wie vor verängstigt.
»Das verstehe ich nicht«, flüsterte sie.
»Sie werden mit uns zusammen hier rausgehen«, sagte Harry und zog
sie auf die Beine. »Gehen Sie nach Hause, nehmen Sie Ihre Kinder und
verschwinden Sie, verlassen Sie das Land, wenn es sein muss. Maskieren
Sie sich und fliehen Sie. Sie haben gesehen, wie es ist, so etwas wie eine
faire Anhörung bekommen Sie hier nicht.«
»Harry«, sagte Hermine, »wie kommen wir hier raus mit all diesen
Dementoren draußen vor der Tür?«
»Patroni«, sagte Harry und deutete mit dem Zauberstab auf seinen
eigenen: Der Hirsch wurde langsamer und wandte sich, immer noch hell
leuchtend, zur Tür. »So viele wir aufbieten können; hol du deinen,
Hermine.«
»Expec-expecto patronum«, sagte Hermine. Nichts passierte.
»Das ist der einzige Zauber, mit dem sie immer Schwierigkeiten hat«,
erklärte Harry der völlig verdatterten Mrs Cattermole. »Bisschen schade
eigentlich ... nun mach schon, Hermine.«
»Expecto patronum!«
Ein silberner Otter brach aus der Spitze von Hermines Zauberstab
hervor und schwamm elegant durch die Luft hinüber zu dem Hirsch.
»Nun los«, sagte Harry und führte Hermine und Mrs Cattermole zur
Tür.
Als die Patroni aus dem Kerker schwebten, waren entsetzte Schreie der
Leute zu hören, die draußen warteten. Harry sah sich um; die Dementoren
wichen auf beiden Seiten zurück, verschmolzen mit der Dunkelheit, stoben
vor den silbernen Geschöpfen davon.
»Es wurde angeordnet, dass Sie alle nach Hause gehen und sich mit
Ihren Familien verstecken sollen«, verkündete Harry den wartenden
Muggelstämmigen, die vom Licht der Patroni geblendet waren und sich
nach wie vor ein wenig duckten. »Gehen Sie wenn möglich ins Ausland.
Nur ganz weit weg vom Ministerium. Das ist die – ähm – neue offizielle
Position. Wenn Sie jetzt einfach den Patroni folgen, können Sie vom
Atrium aus nach draußen gelangen.«
Sie schafften es die steinerne Treppe hinauf, ohne dass sie abgefangen
wurden, doch als sie sich den Fahrstühlen näherten, kamen Harry
allmählich Bedenken. Er wurde das Gefühl nicht los, dass sie unerwünschte
Aufmerksamkeit erregen würden, wenn sie mit einem silbernen Hirsch,
einem neben ihm dahingleitenden Otter und etwa zwanzig Leuten im
Atrium auftauchen würden, von denen die Hälfte angeklagte
Muggelstämmige waren. Er war gerade zu diesem unangenehmen Schluss
gekommen, als der Lift ratternd vor ihnen zum Stillstand kam.
»Reg!«, schrie Mrs Cattermole und warf sich in Rons Arme. »Runcorn
hat mich freigelassen, er hat Umbridge und Yaxley angegriffen und uns
allen befohlen, das Land zu verlassen, ich glaube, das sollten wir tun, Reg,
wirklich. Lass uns schnell nach Hause gehen und die Kinder holen und –
warum bist du so nass?«
»Wasser«, murmelte Ron, während er sich von ihr losmachte. »Harry,
die wissen, dass Eindringlinge im Ministerium sind, wegen irgendeinem
Loch in der Bürotür von Umbridge, ich schätze, wir haben noch fünf
Minuten, wenn das – «
Hermines Patronus verschwand mit einem Plopp, als sie sich mit
entsetztem Gesicht Harry zuwandte.
»Harry, wenn wir hier in der Falle sitzen -!«
»Nicht, wenn wir uns beeilen«, sagte Harry. Er drehte sich zu den
stummen Leuten hinter ihm um, die ihn alle mit großen Augen anstarrten.
»Wer hat einen Zauberstab?«
Etwa die Hälfte von ihnen hob die Hand.
»Okay, alle, die keinen Zauberstab haben, müssen sich jemandem
anschließen, der einen hat. Wir müssen schnell sein – bevor sie uns
aufhalten. Kommt mit.«
Sie schafften es, sich in zwei Aufzüge zu zwängen. Harrys Patronus
stand vor den goldenen Gittern Wache, während sie sich schlossen, und die
Lifte begannen hochzufahren.
»Achter Stock«, sagte die kühle Stimme der Hexe. »Atrium.«
Harry wusste sofort, dass sie in Schwierigkeiten waren. Das Atrium war
voller Leute, die von Kamin zu Kamin gingen und sie versiegelten.
»Harry!«, kreischte Hermine. »Was sollen wir -?«
»STOPP!«, donnerte Harry und die mächtige Stimme Runcorns hallte
durch das Atrium: Die Zauberer, die gerade die Kamine versiegelten,
erstarrten. »Folgt mir«, flüsterte er der Gruppe verängstigter
Muggelstämmiger zu, die sich nun dicht aneinandergedrängt und geführt
von Ron und Hermine vorwärtsbewegten.
»Was gibt's, Albert?«, fragte der Zauberer mit dem schütteren Haar, der
anfangs hinter Harry aus dem Kamin gekommen war. Er sah nervös aus.
»Diese Leute hier müssen raus, bevor Sie die Ausgänge versiegeln«,
sagte Harry mit aller Autorität, die er aufbieten konnte.
Die Zauberer vor ihm blickten einander an.
»Wir haben Anweisung, alle Ausgänge zu versiegeln und niemanden –
«
»Wollen Sie mir etwa widersprechen?«, polterte Harry. »Soll ich
vielleicht Ihren Familienstammbaum überprüfen lassen, wie den von Dirk
Cresswell?«
»Verzeihung!«, japste der Zauberer mit dem schütteren Haar und wich
zurück. »So hab ich's nicht gemeint, Albert, aber ich dachte ... ich dachte,
die wären zum Verhör da und ...«
»Ihr Blut ist rein«, sagte Harry und seine tiefe Stimme dröhnte
eindrucksvoll durch die Halle. »Reiner als das vieler von euch, vermute ich.
Los geht's«, sagte er mit donnernder Stimme zu den Muggelstämmigen, die
hastig in die Kamine stürzten und paarweise zu verschwinden begannen.
Die Ministeriumszauberer zögerten, einige mit verwirrter Miene, andere
eingeschüchtert und ärgerlich. Dann -
»Mary!«
Mrs Cattermole blickte über die Schulter. Der echte Reg Cattermole, der
sich von seinem Brechanfall erholt hatte, aber immer noch blass und matt
aussah, war gerade aus einem Lift herausgerannt.
»R-Reg?«
Sie blickte von ihrem Gatten zu Ron, der laut fluchte.
Der Zauberer mit dem schütteren Haar riss den Mund auf, und es wirkte
lächerlich, wie er den Kopf von dem einen Reg Cattermole zum anderen
wandte.
»Hey – was geht hier vor? Was soll das?«
»Versiegelt den Ausgang! VERSIEGELN!«
Yaxley war aus einem anderen Fahrstuhl gestürmt und rannte auf die
Gruppe neben den Kaminen zu, in denen inzwischen alle
Muggelstämmigen außer Mrs Cattermole verschwunden waren. Als der
Zauberer mit dem schütteren Haar seinen Zauberstab hob, riss Harry seine
gewaltige Faust hoch und versetzte ihm einen Schlag, der ihn durch die
Luft schleuderte.
»Er hat Muggelstämmigen zur Flucht verholfen, Yaxley!«, schrie Harry.
Unter den Kollegen des Mannes mit dem schütteren Haar brach ein
Tumult aus, und Ron nutzte die Gelegenheit, packte Mrs Cattermole, zog
sie in den noch offenen Kamin und verschwand mit ihr. Verwirrt blickte
Yaxley von Harry zu dem zusammengeschlagenen Zauberer, während der
echte Reg Cattermole schrie: »Meine Frau! "Wer war das mit meiner Frau?
Was geht hier vor?«
Harry sah, wie Yaxley den Kopf drehte und wie in diesem
ungeschlachten Gesicht allmählich ein Licht aufging.
»Komm!«, rief Harry Hermine zu; er nahm sie bei der Hand, und sie
sprangen zusammen in den Kamin, während Yaxleys Fluch über Harrys
Kopf hinwegjagte. Sie wirbelten einige Sekunden umher, dann schossen sie
aus einer Toilettenschüssel heraus und landeten in einer Kabine. Harry
stieß die Tür auf; Ron stand an den Waschbecken und rang immer noch mit
Mrs Cattermole.
»Reg, ich verstehe nicht -«
»Lassen Sie mich los, ich bin nicht Ihr Mann, Sie müssen nach Hause
gehen!«
Aus der Kabine hinter ihnen war ein Geräusch zu hören; Harry schaute
sich um: Yaxley war gerade aufgetaucht.
»NICHTS WIE WEG!«, schrie Harry. Er packte Hermine bei der Hand
und Ron am Arm und drehte sich auf der Stelle.
Dunkelheit verschlang sie, und es war, als würden Bänder sie
zusammenschnüren, doch irgendetwas stimmte nicht ... Hermines Hand
schien ihm zu entgleiten ...
Er dachte schon, er würde vielleicht ersticken, er bekam keine Luft und
konnte nichts sehen, das einzig Feste auf der Welt waren Rons Arm und
Hermines Finger, die langsam wegrutschten ...
Und dann sah er die Tür von Grimmauldplatz Nummer zwölf mit ihrem
schlangenförmigen Türklopfer, doch ehe er Atem holen konnte, ertönte ein
Schrei, und ein violetter Lichtblitz flammte auf; Hermines Hand schloss
sich plötzlich wie ein Schraubstock um seine und alles wurde wieder
dunkel.
Der Dieb
Als Harry die Augen aufschlug, blendete es ihn grün und golden; er
hatte keine Ahnung, was passiert war, wusste nur, dass er, wie es sich
anfühlte, auf Blättern und Zweigen lag. Mühsam rang er nach Atem, seine
Lungen schienen platt gedrückt, er blinzelte und erkannte, dass das bunte
Leuchten von der Sonne kam, deren Licht durch ein Blätterdach hoch über
ihm flutete. Etwas zuckte nahe seinem Gesicht. Er stemmte sich hoch auf
Hände und Knie, bereit, es mit irgendeinem kleinen, angriffslustigen
Lebewesen aufzunehmen, sah dann aber, dass dieses Etwas Rons Fuß war.
Er blickte sich um und stellte fest, dass er mit Ron und Hermine auf dem
Boden eines Waldes lag, offenbar allein.
Harry dachte als Erstes an den Verbotenen Wald, und obwohl er wusste,
wie töricht und gefährlich es wäre, wenn sie auf dem Gelände von
Hogwarts erschienen, machte sein Herz einen kleinen Hüpfer, als er sich
vorstellte, wie sie zwischen den Bäumen hindurch zu Hagrids Hütte
schlichen. Doch nur wenige Augenblicke später, nachdem Ron leise
gestöhnt hatte und Harry in seine Richtung gekrochen war, wurde ihm klar,
dass dies nicht der Verbotene Wald war: Die Bäume wirkten jünger, der
Wald war lichter und der Boden weniger dicht bewachsen.
Neben Rons Kopf fand er Hermine, ebenfalls auf Händen und Knien.
Als Harrys Blick auf Ron fiel, waren all seine anderen Sorgen schlagartig
vergessen, denn Rons ganze linke Seite war blutüberströmt, und sein
Gesicht hob sich gräulich weiß gegen den mit Blättern übersäten Boden ab.
Der Vielsaft-Trank verlor soeben seine Wirkung: Rons Äußeres war halb
Cattermole, halb er selbst, sein Haar rötete sich allmählich, und aus seinem
Gesicht schwand das letzte bisschen Farbe.
»Was ist mit ihm passiert?«
»Zersplintert«, sagte Hermine, und ihre Finger machten sich schon
eifrig an Rons Ärmel zu schaffen, wo das Blut am feuchtesten und
dunkelsten war.
Harry sah entsetzt zu, wie sie Rons Hemd aufriss. Er hatte immer
gedacht, dass Zersplintern etwas Komisches war, aber das hier ... in seinen
Eingeweiden kollerte es unangenehm, als Hermine Rons Oberarm frei
machte, wo ein großes Stück Fleisch fehlte, glatt weggeschnitten wie mit
einem Messer.
»Harry, schnell, in meiner Tasche, da ist eine kleine Flasche mit der
Aufschrift Diptam-Essenz -«
»Tasche – okay -«
Harry stürzte zu der Stelle, wo Hermine gelandet war, packte die kleine
Perlenhandtasche und fuhr mit der Hand hinein. Sogleich kam ihm ein
Gegenstand nach dem anderen zwischen die Finger: Er spürte die
Lederrücken der Bücher, Ärmel von Wollpullovern, Absätze von Schuhen -
»Schnell!«
Er packte seinen Zauberstab, der auf dem Boden lag, und zielte in die
Tiefen der magischen Tasche.
»Accio Diptam!«
Eine kleine braune Flasche flog aus der Tasche heraus; er fing sie auf
und hastete zurück zu Hermine und Ron, dessen Augen jetzt halb
geschlossen waren, nur ein Streifen des weißen Augapfels war zwischen
seinen Lidern zu sehen.
»Er ist ohnmächtig geworden«, sagte Hermine, die auch ziemlich blass
war; sie sah nicht mehr wie Mafalda aus, obwohl ihr Haar noch
stellenweise grau war. »Zieh den Korken für mich raus, Harry, meine
Hände zittern.«
Harry riss den Korken von der kleinen Flasche, Hermine nahm sie und
träufelte drei Tropfen von dem Zaubertrank auf die blutende Wunde.
Grünliche Rauchschwaden stiegen auf, und als sie sich verzogen hatten, sah
Harry, dass die Blutung aufgehört hatte. Die Wunde wirkte jetzt, als wäre
sie mehrere Tage alt; neue Haut spannte sich über das eben noch nackte
Fleisch.
»Wow«, sagte Harry.
»Das ist aber auch schon alles, bei dem ich mich sicher fühle«, sagte
Hermine mit zittriger Stimme. »Es gibt Zauber, die ihn ganz gesund
machen würden, aber an die traue ich mich nicht ran, vielleicht mache ich
was falsch und richte noch mehr Schaden an ... er hat ohnehin schon so viel
Blut verloren ...«
»Wie hat er sich verletzt? Ich meine«, Harry schüttelte den Kopf, um
vielleicht auf klare Gedanken zu kommen und sich einen Reim darauf zu
machen, was immer hier auch geschehen war, »warum sind wir hier? Ich
dachte, wir würden zum Grimmauldplatz zurückkehren?«
Hermine holte tief Luft. Sie schien den Tränen nahe.
»Harry, ich glaube nicht, dass wir dorthin zurückgehen können.«
»Was meinst du -?«
»Als wir disappariert sind, hat sich Yaxley an mir festgehalten, und ich
konnte ihn nicht loswerden, er war zu stark, und er war immer noch da, als
wir am Grimmauldplatz ankamen, und dann – also ich glaube, er muss die
Tür gesehen und gedacht haben, wir würden dort anhalten, deshalb hat er
seinen Griff gelockert, und ich konnte ihn abschütteln und hab uns
stattdessen hierhergebracht!«
»Aber wo ist er dann? Wart mal ... du meinst doch nicht etwa, dass er
im Haus am Grimmauldplatz ist? Da kann er doch nicht rein?«
In ihren Augen glitzerten Tränen, als sie nickte.
»Harry, ich glaube, er kann es. Ich – ich hab ihn mit einem Verekelfluch
gezwungen, loszulassen, aber da hatte ich ihn schon in den Schutz des
Fidelius-Zaubers mit hineingenommen. Seit Dumbledores Tod sind wir
Geheimniswahrer, also hab ich ihm das Geheimnis weitergegeben, oder?«
Da war nichts zu beschönigen; Harry war sicher, dass sie Recht hatte. Es
war ein schwerer Schlag. Wenn Yaxley jetzt ins Haus gelangen konnte,
kam es überhaupt nicht in Frage, dass sie zurückkehrten. Gerade jetzt
apparierte er vielleicht mit anderen Todessern, um sie dort hineinzubringen.
Das Haus war zwar düster und bedrückend, doch es war ihr einziger
sicherer Unterschlupf gewesen: jetzt, da Kreacher so viel glücklicher und
freundlicher geworden war, sogar eine Art Zuhause. Mit schmerzlichem
Bedauern, das nichts mit Essbarem zu tun hatte, stellte Harry sich den
Hauselfen vor, wie er emsig die Steak-und-Nieren-Pastete vorbereitete, die
Harry, Ron und Hermine nie verspeisen würden.
»Harry, es tut mir leid, es tut mir so leid!«
»Sei nicht albern, es war nicht deine Schuld! Wenn überhaupt, dann
meine ...«
Harry fuhr mit der Hand in seine Tasche und zog Mad-Eyes Auge
hervor. Hermine schreckte mit entsetztem Blick zurück.
»Umbridge hatte es in ihre Tür gesteckt, um Leute auszuspionieren. Ich
konnte es nicht dort lassen ... aber dadurch haben sie erfahren, dass
Eindringlinge da waren.«
Ehe Hermine antworten konnte, stöhnte Ron und öffnete die Augen. Er
war immer noch grau und sein Gesicht glänzte vor Schweiß.
»Wie geht es dir?«, flüsterte Hermine.
»Mies«, krächzte Ron und zuckte zusammen, als er seinen verletzten
Arm spürte. »Wo sind wir?«
»In den Wäldern, wo die Quidditch-Weltmeisterschaft stattgefunden
hat«, sagte Hermine. »Ich wollte etwas Geschütztes, Geheimes haben, und
das war -«
»- der erste Ort, der dir eingefallen ist«, sprach Harry für sie zu Ende,
während er einen raschen Blick über die offensichtlich verlassene Lichtung
warf. Unwillkürlich musste er daran denken, was beim letzten Mal passiert
war, als sie an den ersten Ort appariert waren, der Hermine eingefallen war:
Todesser hatten sie nach wenigen Minuten gefunden. War es Legilimentik
gewesen? Wussten Voldemort und seine Handlanger auch jetzt, wo
Hermine sie hingebracht hatte?
»Meinst du, wir sollten weiterziehen?«, fragte ihn Ron, und Harry
konnte an seinem Gesicht ablesen, dass er dasselbe dachte wie er.
»Weiß nicht.«
Ron sah immer noch blass und klamm aus. Er hatte keinen Versuch
unternommen, sich aufzusetzen, und es schien, als wäre er zu schwach
dazu. Die Aussicht, ihn transportieren zu müssen, war entmutigend.
»Bleiben wir erst mal hier«, sagte Harry.
Hermine sprang erleichtert auf.
»Wo gehst du hin?«, fragte Ron.
»Wenn wir hierbleiben, sollten wir rundum ein paar Schutzzauber
errichten«, antwortete sie, hob ihren Zauberstab und ging in einem weiten
Kreis um Harry und Ron herum, indem sie Beschwörungen vor sich hin
murmelte. Harry sah in der Luft ringsumher ein leichtes Flimmern: als ob
Hermine einen Hitzeschleier über die Lichtung gelegt hätte.
»Salvio hexia ... Protego totalum ... Repello Muggeltum ... Muffliato ...
Du könntest das Zelt rausholen, Harry ...«
»Zelt?«
»In der Tasche!«
»In der ... natürlich«, sagte Harry.
Er stöberte diesmal gar nicht erst darin herum, sondern benutzte erneut
einen Aufrufezauber. Das Zelt kam als klumpiger Haufen Leinwand mit
Schnüren und Stangen zum Vorschein. Harry erkannte es, nicht zuletzt weil
es nach Katze roch, als das Zelt, in dem sie in der Nacht während der
Quidditch-Weltmeisterschaft geschlafen hatten.
»Ich dachte, das gehört diesem Perkins vom Ministerium?«, fragte er
und begann die Heringe auseinanderzupflücken.
»Er wollte es offenbar nicht mehr zurückhaben, sein Hexenschuss ist so
schlimm«, sagte Hermine, die jetzt eine komplizierte Figur aus acht
Bewegungen mit ihrem Zauberstab vollführte, »deshalb meinte Rons Dad,
dass ich es mir ausleihen kann. Erectol«, fügte sie hinzu, wobei sie den
Zauberstab auf die unförmige Zeltleinwand richtete, die sich in einer
einzigen fließenden Bewegung in die Luft erhob und vollständig aufgebaut
vor Harry zur Erde sank, der zusammenschreckte, als ihm ein Hering aus
den Händen flog und mit einem abschließenden dumpfen Schlag am Ende
einer Spannleine landete.
»Cave inimicum«, schloss Hermine mit einem Schwung himmelwärts.
»Mehr kann ich nicht tun. Zumindest sollten wir es mitkriegen, wenn sie
kommen, ich kann nicht garantieren, dass es Vol-«
»Sag den Namen nicht!«, fiel ihr Ron mit scharfer Stimme ins Wort.
Harry und Hermine schauten sich an.
»'tschuldigung«, sagte Ron und richtete sich leise stöhnend auf, um sie
anzusehen, »aber es kommt mir wie ein – ein Fluch vor oder so. Können
wir ihn nicht Du-weißt-schon-wer nennen – bitte?«
»Dumbledore hat gesagt, dass Angst vor einem Namen -«, begann
Harry.
»Falls du es noch nicht bemerkt hast, Mann – dass Dumbledore Du-
weißt-schon-wen bei seinem Namen nannte, hat ihm am Ende überhaupt
nicht gutgetan«, fauchte Ron zurück. »Zeig – zeig Du-weißt-schon-wem
einfach ein wenig Respekt, ja?«
»Respekt?«, wiederholte Harry, doch Hermine warf ihm einen
warnenden Blick zu; offenbar sollte er sich nicht mit Ron streiten, solange
der so geschwächt war.
Harry und Hermine hievten Ron halb tragend, halb schleifend durch den
Zelteingang. Drinnen war es genauso, wie Harry es in Erinnerung hatte:
eine kleine Wohnung, samt Badezimmer und winziger Küche. Er schob
einen alten Sessel aus dem Weg und setzte Ron behutsam auf der unteren
Matratze eines Stockbetts ab. Sogar dieser kurze Ortswechsel hatte Ron
noch blasser werden lassen, und sobald sie ihn auf das Bett verfrachtet
hatten, schloss er wieder die Augen und sprach eine Zeit lang kein Wort.
»Ich mach uns einen Tee«, sagte Hermine außer Atem, zog Kessel und
Becher aus den Tiefen ihrer Tasche und ging zur Küche.
Harry war das heiße Getränk so willkommen wie der Feuerwhisky in
der Nacht, als Mad-Eye gestorben war; es schien ein wenig von der Angst
wegzubrennen, die in seiner Brust umherflatterte. Nach ein, zwei Minuten
unterbrach Ron die Stille.
»Wie es wohl den Cattermoles ergangen ist?«
»Mit ein wenig Glück sind sie davongekommen«, sagte Hermine, die
die Hände um ihren behaglich heißen Becher geklammert hatte. »Wenn Mr
Cattermole seine fünf Sinne beisammenhatte, dann hat er seine Frau per
Seit-an-Seit-Apparieren mitgenommen, und sie fliehen gerade mitsamt
ihren Kindern aus dem Land. Das hat Harry ihnen geraten.«
»Zum Teufel, ich hoffe, sie sind entwischt«, sagte Ron und lehnte sich
in seine Kissen zurück. Der Tee schien ihm gutzutun; er hatte wieder ein
wenig Farbe bekommen. »Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass Reg
Cattermole besonders schnell von Begriff war, so, wie die Leute mit mir
geredet haben, als ich er war. Himmel, ich hoffe, sie haben es geschafft ...
wenn sie beide wegen uns in Askaban landen ...«
Harry blickte hinüber zu Hermine, und die Frage, die er stellen wollte –
ob Mrs Cattermole, wenn sie keinen Zauberstab hatte, überhaupt mit ihrem
Mann Seit-an-Seit-apparieren konnte –, blieb ihm im Hals stecken.
Hermine beobachtete Ron, der sich über das Schicksal der Cattermoles
Sorgen machte, und in ihrem Gesichtsausdruck lag so viel Zärtlichkeit, dass
Harry fast das Gefühl hatte, er hätte sie dabei überrascht, wie sie ihn küsste.
»Also, hast du es?«, fragte er Hermine, auch um sie daran zu erinnern,
dass er noch da war.
»Was denn – was soll ich haben?«, erwiderte sie, leicht
zusammenfahrend.
»Wozu haben wir das alles gerade durchgemacht? Wegen dem
Medaillon! Wo ist das Medaillon?«
»Du hast es?«, rief Ron und stemmte sich ein wenig höher aus seinen
Kissen. »Keiner erzählt mir was! Verdammt, du hättest es doch erwähnen
können!«
»Na ja, wir hatten eben noch die Todesser am Hals und mussten um
unser Leben rennen, nicht wahr?«, sagte Hermine. »Hier.« Und sie zog das
Medaillon aus der Tasche ihres Umhangs und gab es Ron.
Es war so groß wie ein Hühnerei. Ein reich verziertes »S«, das mit
vielen kleinen grünen Steinen besetzt war, schimmerte matt in dem
diffusen Licht, das durch das Leinwanddach des Zeltes drang.
»Wär es nicht doch möglich, dass es irgendjemand zerstört hat, seit
Kreacher es in die Hände bekam?«, fragte Ron hoffnungsvoll. »Ich meine,
sind wir sicher, dass es immer noch ein Horkrux ist?«
»Ich denke schon«, sagte Hermine, nahm es ihm wieder ab und
betrachtete es genau. »Es würde irgendeine Spur von Beschädigung
aufweisen, wenn es magisch zerstört worden wäre.«
Sie reichte es an Harry weiter, der es zwischen den Fingern drehte. Das
Ding sah makellos aus, unberührt. Er erinnerte sich an die übel
zugerichteten Überreste des Tagebuchs und daran, dass der Stein im
Horkrux-Ring gespalten worden war, als Dumbledore ihn zerstörte.
»Ich denke, Kreacher hat Recht«, sagte Harry. »Wir müssen rausfinden,
wie dieses Ding aufgeht, bevor wir es zerstören können. «
Noch während Harry sprach, wurde ihm schlagartig bewusst, was er da
in der Hand hielt, was hinter den kleinen goldenen Türchen lebte. Auch
wenn sie so viel auf sich genommen hatten, um es zu finden, verspürte er
jetzt den heftigen Drang, das Medaillon von sich wegzuschleudern. Er
beherrschte sich wieder und versuchte es mit den Fingern aufzustemmen,
dann probierte er den Zauber aus, mit dem Hermine Regulus'
Schlafzimmertür geöffnet hatte. Weder das eine noch das andere
funktionierte. Er reichte das Medaillon erneut Ron und Hermine, die sich
beide alle Mühe gaben, denen es jedoch genauso wenig wie ihm gelang, es
zu öffnen.
»Aber kannst du es spüren?«, fragte Ron leise, während er es fest in der
geschlossenen Faust hielt.
»Was meinst du?«
Ron gab Harry den Horkrux. Nach einer kleinen Weile glaubte Harry zu
wissen, was Ron meinte. War es sein eigenes Blut, das er durch seine
Adern pulsieren spürte, oder war es irgendetwas, das im Inneren des
Medaillons pochte, wie ein winziges metallenes Herz?
»Was sollen wir damit machen?«, fragte Hermine.
»Es sicher aufbewahren, bis wir rausfinden, wie wir es zerstören
können«, erwiderte Harry, und obwohl es ihm gar nicht behagte, hängte er
sich die Kette um den Hals und ließ das Medaillon unter seinen Umhang
fallen, wo es nicht zu sehen war und auf seiner Brust neben dem Beutel
ruhte, den Hagrid ihm geschenkt hatte.
»Ich glaube, wir sollten abwechselnd draußen vor dem Zelt Wache
schieben«, sagte er zu Hermine gewandt, stand auf und streckte sich. »Und
wir müssen uns auch Gedanken machen, wo wir was zu essen herkriegen.
Du bleibst hier«, fügte er streng hinzu, als Ron sich aufsetzen wollte und
eine gefährliche grüne Farbe annahm.
Das Spickoskop, das Hermine Harry zum Geburtstag geschenkt hatte,
wurde sorgfältig auf dem Tisch im Zelt aufgebaut, und Harry und Hermine
teilten sich für den Rest des Tages die Rolle des Beobachtungspostens.
Doch das Spickoskop blieb den ganzen Tag stumm und reglos an seinem
Platz, und ob es nun an den Schutzzaubern und den Flüchen zur Abwehr
von Muggeln lag, die Hermine in ihrem Umkreis gestreut hatte, oder daran,
dass sich selten Leute in diese Gegend wagten, in ihrem Waldstück rührte
sich nichts außer gelegentlich ein Vogel oder ein Eichhörnchen. Auch am
Abend blieb es ruhig; Harry entzündete seinen Zauberstab, als er um zehn
Uhr Hermine ablöste, und blickte hinaus auf eine einsame Landschaft,
wobei er Fledermäuse bemerkte, die hoch über ihm über das einzige Stück
Himmel flatterten, das von ihrer geschützten Lichtung aus zu sehen war.
Er war jetzt hungrig und fühlte sich leicht benommen. Hermine hatte
keine Verpflegung in ihre magische Tasche gepackt, da sie angenommen
hatte, dass sie an diesem Abend zum Grimmauldplatz zurückkehren
würden, und so hatten sie nichts zu essen gehabt außer ein paar Wildpilzen,
die Hermine unter den nahen Bäumen gesammelt und in einem
Campingkessel gekocht hatte. Nach einigen Bissen hatte Ron, dem
offensichtlich speiübel war, seine Portion von sich weggeschoben; Harry
hatte nur weitergegessen, um Hermine nicht zu kränken.
Die Stille rundum wurde von einem merkwürdigen Rascheln und einem
Geräusch wie von knackenden Zweigen durchbrochen: Harry dachte, dass
es eher von Tieren herrührte als von Menschen, hielt seinen Zauberstab
jedoch fest und bereit. In seinen Eingeweiden, die sowieso schon wegen
der kärglichen Portion gummiartiger Pilze rumorten, kribbelte es
unangenehm.
Er hatte gedacht, dass er in Hochstimmung sein würde, sobald sie es
geschafft hätten, den Horkrux zurückzustehlen, doch davon konnte keine
Rede sein; er saß da und spähte in die Dunkelheit, die sein Zauberstab nur
zu einem winzigen Teil erhellte, und das Einzige, was er empfand, war
Sorge darüber, was als Nächstes passieren würde. Es war, als ob er seit
Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahren auf diesen Punkt zugerast wäre,
doch nun abrupt stehen geblieben war, weil der Weg ins Nichts führte.
Irgendwo dort draußen gab es noch weitere Horkruxe, aber er hatte nicht
die leiseste Ahnung, wo sie stecken könnten. Er wusste nicht einmal von
allen, woraus sie bestanden. Außerdem hatte er keine Idee, wie sie den
einzigen, den sie gefunden hatten, zerstören sollten, den Horkrux, der in
diesem Moment auf seiner Brust lag. Seltsam, dass er seine Körperwärme
nicht angenommen hatte, sondern so kalt an seiner nackten Haut ruhte, als
wäre er gerade aus eisigem Wasser aufgetaucht. Von Zeit zu Zeit dachte
Harry, oder bildete es sich vielleicht ein, dass er das unregelmäßige Ticken
des kleinen Herzens neben seinem eigenen spüren konnte.
Unbeschreibliche Vorahnungen beschlichen ihn, wie er da im Dunkeln
saß: Er versuchte gegen sie anzukämpfen, sie wegzuschieben, doch sie
ließen ihn nicht los. Keiner kann leben, während der Andere überlebt. Ron
und Hermine, die sich jetzt hinter ihm im Zelt leise miteinander
unterhielten, konnten weggehen, wenn sie wollten: Er konnte es nicht. Und
während er dasaß und versuchte, seiner eigenen Furcht und Erschöpfung
Herr zu werden, kam es Harry vor, als ob der Horkrux an seiner Brust mit
seinem Ticken die Zeit verrinnen ließ, die Harry noch hatte ... Dumme
Vorstellung, sagte er sich, denk nicht so was ...
Seine Narbe begann wieder zu stechen. Er hatte Angst, dass er es selbst
auslöste, indem er solchen Gedanken nachhing, und versuchte sie in eine
andere Richtung zu lenken. Er dachte an den armen Kreacher, der sie zu
Hause erwartet und es stattdessen mit Yaxley zu tun bekommen hatte.
Würde der Elf schweigen, oder würde er dem Todesser alles erzählen, was
er wusste? Harry wollte glauben, dass Kreacher im vergangenen Monat zu
ihm übergewechselt war, dass er nun zu ihm halten würde, doch wer wusste
schon, was passieren würde? "Was, wenn die Todesser den Elfen folterten?
Schlimme Bilder geisterten durch Harrys Kopf, und er versuchte, auch sie
zu verscheuchen, denn er konnte nichts für Kreacher tun: Er und Hermine
hatten bereits entschieden, dass sie nicht versuchen würden ihn
herbeizurufen; was wäre, wenn jemand vom Ministerium mitkam? Sie
konnten nicht darauf bauen, dass das Apparieren bei Elfen nicht genau
denselben Makel hatte, der auch schuld daran war, dass Yaxley an
Hermines Ärmelsaum zum Grimmauldplatz gelangen konnte.
Harrys Narbe brannte jetzt. Er überlegte, dass es so viel gab, was sie
nicht wussten: Lupin hatte Recht gehabt, was die Magie betraf, der sie noch
nie begegnet waren und die sie sich nicht einmal vorstellen konnten.
Warum hatte Dumbledore nicht mehr erklärt? Hatte er geglaubt, dass noch
Zeit wäre; dass er noch jahrelang leben würde, jahrhundertelang vielleicht,
wie sein Freund Nicolas Flamel? Wenn ja, dann hatte er sich geirrt ...
Snape hatte dafür gesorgt... Snape, die schlafende Schlange, die oben auf
dem Turm zugeschlagen hatte ...
Und Dumbledore war gefallen ... gefallen ...
»Gib ihn mir, Gregorowitsch.«
Harrys Stimme war hoch, klar und kalt: Eine langfingrige weiße Hand
hielt seinen Zauberstab vor ihm umklammert. Der Mann, auf den er
gerichtet war, hing kopfüber in der Luft, doch hielten ihn keine Seile; er
schwang hin und her, unsichtbar und grausam gefesselt, die Gliedmaßen
um sich geschlungen, sein angsterfülltes Gesicht auf Augenhöhe mit Harry,
dunkelrot von dem Blut, das in seinen Kopf geschossen war. Er hatte
schlohweißes Haar und einen dichten buschigen Bart: ein Weihnachtsmann
in Fesseln.
»Ich habe ihn nicht, ich habe ihn nicht mehr! Er wurde mir gestohlen,
vor vielen Jahren!«
»Lüge nicht vor Lord Voldemort, Gregorowitsch. Er merkt es ... er
merkt es immer.«
Die Pupillen des in der Luft hängenden Mannes waren groß, geweitet
vor Angst, und sie schienen größer zu werden, größer und größer, bis ihr
Schwarz Harry ganz verschluckte -
Und jetzt eilte Harry einen dunklen Korridor entlang, dem stämmigen
kleinen Gregorowitsch hinterher, der eine Laterne emporhielt:
Gregorowitsch stürzte in den Raum am Ende des Ganges und seine Laterne
beleuchtete etwas wie eine Werkstatt; Hobelspäne und Gold schimmerten
in dem schwankenden Lichtkreis, und dort auf der Fensterbank hockte, wie
ein Riesenvogel, ein junger Mann mit goldenem Haar. In dem kurzen
Moment, als das Licht der Laterne auf ihn fiel, sah Harry diebische Freude
auf seinem hübschen Gesicht, dann feuerte der Eindringling einen
Schockzauber aus seinem Zauberstab ab und sprang mit triumphierendem
Gelächter elegant rückwärts aus dem Fenster.
Und Harry wirbelte wieder hinaus aus diesen weiten, tunnelartigen
Pupillen, und Gregorowitschs Gesicht war starr vor Schreck.
»Wer war der Dieb, Gregorowitsch?«, sagte die hohe, kalte Stimme.
»Ich weiß es nicht, ich habe es nie erfahren, ein junger Mann – nein –
bitte – BITTE!«
Ein Schrei, der einfach nicht aufhören wollte, und dann ein Blitz aus
grünem Licht -
»Harry!«
Er schlug die Augen auf, keuchend, in seiner Stirn hämmerte es. Er war
ohnmächtig gegen die Zeltwand gesunken, war seitlich am Zelt
hinuntergerutscht und lag jetzt, alle viere von sich gestreckt, am Boden. Er
sah zu Hermine auf, deren buschiges Haar das kleine Stück Himmel
verdeckte, das durch die dunklen Äste hoch über ihnen zu sehen war.
»Traum«, sagte er, setzte sich rasch auf und versuchte Hermines
finsterem Blick mit einer Unschuldsmiene zu begegnen. »Muss eingenickt
sein, 'tschuldigung.«
»Ich weiß, dass es deine Narbe war! Das seh ich dir am Gesicht an! Du
hast hineingeschaut, in den Geist von Vol- «
»Sag den Namen nicht!«, ertönte Rons zornige Stimme aus den Tiefen
des Zeltes.
»Schön«, gab Hermine zurück. »Dann eben in den Geist von Du-weißt-
schon-wem!«
»Es war keine Absicht!«, sagte Harry. »Es war ein Traum! Kannst du
steuern, wovon du träumst, Hermine?«
»Wenn du nur lernen würdest, Okklumentik einzusetzen -«
Aber Harry hatte kein Interesse daran, sich Vorwürfe machen zu lassen;
er wollte über das reden, was er gerade gesehen hatte.
»Er hat Gregorowitsch gefunden, Hermine, und ich glaube, er hat ihn
umgebracht, aber bevor er ihn getötet hat, ist er in Gregorowitschs Geist
eingedrungen, und ich hab gesehen -«
»Ich glaub, ich übernehm besser die Wache, wenn du so müde bist, dass
du einschläfst«, sagte Hermine kühl.
»Ich kann die Wache durchhalten!«
»Nein, du bist offensichtlich erschöpft. Geh und leg dich hin.«
Sie hockte sich mit störrischer Miene in den Zelteingang. Wütend kroch
Harry wieder hinein, da er keinen Streit wollte.
Rons immer noch blasses Gesicht schaute aus dem unteren Bett heraus;
Harry kletterte in das obere, legte sich hin und blickte hoch zur dunklen
Zeltdecke. Nach einiger Zeit sprach Ron mit so leiser Stimme, dass sie
nicht zu Hermine drang, die im Eingang kauerte.
»Was macht Du-weißt-schon-wer?«
Harry kniff die Augen zusammen und versuchte sich mühsam an jede
Einzelheit zu erinnern, dann flüsterte er in die Dunkelheit.
»Er hat Gregorowitsch gefunden. Er hat ihn gefesselt und ihn gefoltert.«
»Wie soll Gregorowitsch ihm einen neuen Zauberstab machen, wenn er
gefesselt ist?«
»Keine Ahnung ... verrückt, oder? «
Harry schloss die Augen und dachte an all das, was er gesehen und
gehört hatte. Je mehr er sich ins Gedächtnis zurückrief, desto weniger Sinn
ergab es ... Voldemort hatte nichts über Harrys Zauberstab gesagt, nichts
über die Zwillingskerne, nichts darüber, dass Gregorowitsch einen neuen
und mächtigeren Zauberstab anfertigen solle, um den von Harry zu
schlagen ...
»Er wollte etwas von Gregorowitsch«, sagte Harry, die Augen immer
noch fest geschlossen. »Er wollte, dass er es ihm gab, aber Gregorowitsch
sagte, es wäre ihm gestohlen worden ... und dann ... dann ...«
Er erinnerte sich daran, wie er, als Voldemort, scheinbar durch
Gregorowitschs Augen gewirbelt war, in seine Erinnerung hinein ...
»Er ist in Gregorowitschs Geist eingedrungen, und ich hab diesen
jungen Kerl gesehen, der auf einer Fensterbank hockte, und er hat einen
Fluch auf Gregorowitsch abgefeuert und ist dann hinausgesprungen und
verschwunden. Er hat es gestohlen, er hat das gestohlen, was Du-weißt-
schon-wer sucht. Und ich ... ich glaub, ich hab ihn schon mal irgendwo
gesehen ...«
Harry wünschte, er könnte noch einmal für einen kurzen Moment in das
Gesicht des lachenden Jungen schauen. Der Diebstahl hatte sich laut
Gregorowitsch vor vielen Jahren zugetragen. Warum kam ihm der junge
Dieb bekannt vor?
Die Geräusche des Waldes ringsumher waren im Zelt kaum zu hören;
Harry konnte nur Rons Atem vernehmen. Nach einer Weile flüsterte Ron:
»Konntest du nicht sehen, was der Dieb in der Hand hielt?«
»Nein ... es muss etwas Kleines gewesen sein.«
»Harry?«
Die Holzlatten von Rons Bett knarrten, als er sich umdrehte.
»Harry, meinst du nicht, dass Du-weißt-schon-wer nach was Neuem
sucht, das er in einen Horkrux verwandeln kann? «
»Ich weiß nicht«, sagte Harry langsam. »Vielleicht. Aber wäre es nicht
gefährlich für ihn, noch einen zu machen? Hat Hermine nicht gesagt, dass
er es mit seiner Seele schon bis zum Äußersten getrieben hat?«
»Jaah, aber vielleicht weiß er das nicht.«
»Ja ... vielleicht«, sagte Harry.
Er war sicher gewesen, dass Voldemort einen Weg gesucht hatte, wie er
das Problem der Zwillingskerne umgehen konnte, sicher, dass Voldemort
eine Lösung von dem alten Zauberstabmacher begehrte ... und doch hatte er
ihn getötet, offenbar ohne ihm auch nur eine Frage zur Zauberstabkunde zu
stellen.
Was wollte Voldemort herausfinden? Warum war er, wo das
Zaubereiministerium und die Zaubererwelt ihm doch zu Füßen lagen, so
weit weg und versessen darauf, einen Gegenstand aufzuspüren, der einst
Gregorowitsch gehört hatte und den der unbekannte Dieb gestohlen hatte?
Harry konnte noch immer das Gesicht des blonden Jungen sehen, es war
fröhlich, ungestüm; es lag etwas von Freds und Georges großartiger
Durchtriebenheit darin. Er hatte sich von der Fensterbank geschwungen wie
ein Vogel, und Harry hatte ihn früher schon gesehen, aber ihm fiel nicht
ein, wo ...
Nun, da Gregorowitsch tot war, schwebte der Dieb mit dem fröhlichen
Gesicht in Gefahr, und Harry verweilte in Gedanken bei ihm, während Ron
im unteren Bett polternd zu schnarchen begann und er selbst allmählich
wieder in den Schlaf sank.
Die Rache des Kobolds
Harry verließ das Zelt früh am nächsten Morgen, noch bevor die beiden
anderen wach waren, und suchte in den Wäldern um sie herum nach dem
ältesten, knorrigsten und am unverwüstlichsten aussehenden Baum, den er
finden konnte. Dort in seinem Schatten begrub er Mad-Eye Moodys Auge
und kennzeichnete die Stelle mit einem kleinen Kreuz, das er mit seinem
Zauberstab in die Rinde ritzte. Es war keine große Sache, aber Harry hatte
das Gefühl, dass es Mad-Eye um einiges lieber gewesen wäre, als in
Dolores Umbridges Tür zu stecken. Dann kehrte er zum Zelt zurück und
wartete, bis die anderen aufwachten, um zu besprechen, was sie als
Nächstes tun würden.
Harry und Hermine hielten es für das Beste, nicht allzu lange an einem
Ort zu bleiben, und Ron stimmte ihnen zu, unter der einzigen Bedingung,
dass sie beim nächsten Mal in der Nähe eines Schinkensandwichs landen
sollten. Und so hob Hermine die Zauber auf, die sie im Umkreis der
Lichtung errichtet hatte, während Harry und Ron alle Spuren und
Vertiefungen auf dem Boden verwischten, die darauf hinweisen konnten,
dass sie hier ihr Lager aufgeschlagen hatten. Dann disapparierten sie an den
Rand eines kleinen Marktfleckens.
Als sie das Zelt im Schutz eines niedrigen Wäldchens aufgestellt und es
mit neuen Verteidigungszaubern umgeben hatten, machte sich Harry unter
dem Schutz des Tarnumhangs auf die Suche nach etwas Essbarem. Doch es
kam anders als geplant. Kaum hatte er die Stadt betreten, wurde es
unnatürlich kalt, ein drückender Nebel kam auf, und der Himmel
verdunkelte sich, so dass Harry wie erstarrt stehen blieb.
»Aber du kriegst doch einen wunderbaren Patronus hin!«, sagte Ron
entrüstet, als Harry atemlos und mit leeren Händen zum Zelt zurückkehrte
und nur das Wort »Dementoren« hauchte.
»Ich hab ... keinen zustande gebracht«, keuchte er und drückte mit der
Hand auf seine stechende Seite. »Ist einfach nicht ... gekommen.«
Die beiden sahen so verwundert und enttäuscht drein, dass Harry sich
schämte. Es war ein wahrer Alptraum gewesen, als er die Dementoren in
der Ferne aus dem Nebel gleiten sah und ihm klar wurde, dass er sich nicht
schützen konnte, während die lähmende Kälte ihm die Lungen zuschnürte
und ein Schrei von weit her an seine Ohren drang. Es hatte Harrys ganze
Willenskraft gekostet, sich von der Stelle loszureißen und fortzurennen und
die augenlosen Dementoren zurückzulassen, die zwischen den Muggeln
dahinglitten, die sie vielleicht nicht sehen konnten, aber ganz sicher die
Verzweiflung spürten, die sie überall verbreiteten, wo sie auch waren.
»Das heißt, es gibt immer noch nichts zu essen.«
»Sei still, Ron«, fauchte Hermine. »Harry, was ist passiert? Warum,
glaubst du, hast du deinen Patronus nicht zustande gebracht? Gestern hast
du es tadellos geschafft!«
»Ich weiß nicht.«
Er saß tief in einem von Perkins' alten Sesseln und fühlte sich mehr und
mehr gedemütigt. Er hatte Angst, dass irgendetwas in seinem Inneren
zerbrochen war. Gestern schien lange her zu sein: Heute hätte er wieder
jener Dreizehnjährige sein können, der als Einziger im Hogwarts-Express
zusammengeklappt war.
Ron trat gegen ein Stuhlbein.
»Was ist?«, knurrte er Hermine an. »Ich bin am Verhungern! Seit ich
fast verblutet bin, hab ich nichts als ein paar Giftpilze gegessen! «
»Dann geh du doch und schlag dich mit den Dementoren rum«, sagte
Harry gereizt.
»Würde ich ja, aber ich hab einen Arm in der Schlinge, falls dir das
noch nicht aufgefallen ist!«
»Wie praktisch.«
»Und was willst du damit -?«
»Natürlich!«, rief Hermine und schlug sich mit der Hand an die Stirn,
worauf beide überrascht verstummten. »Harry, gib mir das Medaillon!
Los!«, sagte sie ungeduldig und schnippte mit den Fingern, als er nicht
reagierte, »der Horkrux, Harry, du hast ihn immer noch um!«
Sie streckte die Hände aus und Harry zog sich die goldene Kette über
den Kopf. Sobald das Medaillon nicht mehr auf seiner Haut lag, fühlte er
sich frei und seltsam leicht. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass er klamm
war oder dass ihm etwas Schweres auf dem Magen lastete, bis beide
Gefühle verflogen waren.
»Besser?«, fragte Hermine.
»Ja, und wie!«
»Harry«, sagte sie, kauerte sich vor ihm nieder und sprach mit einer
Stimme, die für Harry klang, als würde sie einen Schwerkranken besuchen,
»könnte es nicht vielleicht sein, dass es von dir Besitz ergriffen hat?«
»Was? Nein!«, sagte er abwehrend. »Ich erinnere mich an alles, was wir
gemacht haben, während ich es umhatte. Wenn es von mir Besitz ergriffen
hätte, dann wüsste ich nicht mehr, was ich gemacht hab, oder? Ginny hat
mir erzählt, dass sie sich damals zeitweise an gar nichts mehr erinnern
konnte.«
»Hm«, sagte Hermine und blickte auf das schwere Medaillon hinunter.
»Nun, vielleicht sollten wir es nicht tragen. Wir können es doch einfach im
Zelt aufbewahren.«
»Wir lassen diesen Horkrux nicht irgendwo herumliegen«, stellte Harry
entschieden fest. »Wenn wir ihn verlieren, wenn er gestohlen wird – «
»Oh, schon gut, schon gut«, sagte Hermine, hängte sich das Medaillon
um den Hals und steckte es vorne unter ihr T-Shirt. »Aber wir wechseln
uns ab, damit es keiner zu lange trägt.«
»Großartig«, sagte Ron säuerlich, »und jetzt, wo das geklärt ist, können
wir uns bitte was zu essen besorgen?«
»Gut, aber dafür gehen wir erst mal woandershin«, sagte Hermine mit
einem kurzen Blick auf Harry. »Es ist sinnlos, hierzubleiben, wenn wir
wissen, dass überall Dementoren rumschwirren.«
Schließlich bauten sie ihr Nachtlager in einem weit abgelegenen Feld
auf, das zu einem einsamen Bauernhof gehörte, wo sie sich Eier und Brot
hatten beschaffen können.
»Das ist kein Diebstahl, oder?«, fragte Hermine mit besorgter Stimme,
während sie Rühreier auf Toast verschlangen. »Wo ich doch ein wenig
Geld unter dem Hühnerverschlag gelassen hab?«
Ron verdrehte die Augen und sagte mit dicken Backen: »Er-mie-nee, du
mascht dir tschu viel Schorgen. Entschpann disch!«
Und tatsächlich, mit angenehm gefülltem Bauch konnten sie sich viel
leichter entspannen: Der Streit wegen der Dementoren war an diesem
Abend über ihrem Gelächter bald vergessen, und Harry war vergnügt, ja
sogar hoffnungsvoll, als er die erste der drei Nachtwachen antrat.
Hier machten sie zum ersten Mal die Erfahrung, dass ein voller Magen
gute Laune brachte; ein leerer eher Streit und gedrückte Stimmung. Harry
überraschte das am wenigsten, denn er hatte bei den Dursleys Zeiten
durchgemacht, in denen er fast verhungert war. Hermine hielt sich ziemlich
tapfer an jenen Abenden, an denen sie außer Beeren und trockenen Keksen
nichts hatten auftreiben können, nur platzte ihr vielleicht etwas schneller
als sonst der Kragen, und ihr Schweigen wirkte ein wenig mürrisch. Ron
jedoch war von jeher an drei köstliche Mahlzeiten am Tag gewöhnt
gewesen, freundlicherweise von seiner Mutter oder den Hauselfen von
Hogwarts zubereitet, und der Hunger machte ihn sowohl unvernünftig als
auch jähzornig. Immer wenn Ron an der Reihe war, den Horkrux zu tragen,
und es zugleich wenig zu essen gab, wurde er ausgesprochen unwirsch.
»Und wohin jetzt?«, wiederholte er dann andauernd. Er selbst schien
keine Ideen zu haben, erwartete jedoch von Harry und Hermine, dass sie
mit Plänen daherkamen, während er dasaß und schmollte, weil es nicht
genug zu essen gab. Also überlegten Harry und Hermine stundenlang
erfolglos, wo sie weitere Horkruxe finden und wie sie den einen, den sie
schon hatten, zerstören könnten, doch weil sie nichts Neues
herausgefunden hatten, drehten sich ihre Gespräche allmählich im Kreis.
Da Dumbledore Harry gegenüber die Vermutung geäußert hatte, dass
Voldemort die Horkruxe an Orten aufbewahrt hatte, die ihm wichtig waren,
zählten sie wie in einer eintönigen Litanei immer wieder jene Orte auf, von
denen sie wussten, dass Voldemort dort gelebt oder sie besucht hatte. Das
Waisenhaus, wo er geboren und aufgezogen worden war, Hogwarts, wo er
ausgebildet worden war, Borgin und Burkes, wo er nach der Schule
gearbeitet hatte, dann Albanien, wo er seine Jahre im Exil verbracht hatte:
Das war die Grundlage ihrer Spekulationen.
»Jaah, lasst uns nach Albanien gehen. Wird uns bestimmt nicht mehr als
einen Nachmittag kosten, ein ganzes Land abzusuchen«, bemerkte Ron
sarkastisch.
»Dort kann nichts sein. Er hatte schon fünf von seinen Horkruxen
gemacht, bevor er ins Exil ging, und Dumbledore war überzeugt davon,
dass die Schlange der sechste ist«, sagte Hermine. »Wir wissen, dass die
Schlange nicht in Albanien ist, sie ist normalerweise bei Vol-«
»Hab ich dich nicht gebeten, das nicht mehr zu sagen?«
»Na schön! Die Schlange ist normalerweise bei Du-weißt-schon-wem –
zufrieden?«
»Es geht. «
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass er etwas bei Borgin und Burkes
versteckt hat«, sagte Harry, der dieses Argument schon viele Male
angebracht hatte, es jetzt aber wiederholte, um die unangenehme Stille zu
durchbrechen. »Borgin und Burke waren Experten für schwarzmagische
Objekte, die hätten einen Horkrux sofort erkannt.«
Ron gähnte übertrieben. Harry unterdrückte das heftige Verlangen, ihm
etwas an den Kopf zu werfen, und redete unverdrossen weiter: »Ich glaube
immer noch, dass er etwas in Hogwarts versteckt haben könnte.«
Hermine seufzte.
»Aber Dumbledore hätte es gefunden, Harry!«
Harry wiederholte die Begründung, die er immer für seine Theorie parat
hatte.
»Dumbledore hat zu mir selbst gesagt, dass er niemals angenommen
hätte, alle Geheimnisse von Hogwarts zu kennen. Ich sag dir, wenn es
einen Ort gab, der für Vol-«
»Hey!«
»Dann eben DU-WEISST-SCHON-WER!«, rief Harry, zur Weißglut
getrieben. »Wenn es einen Ort gab, der für Du-weißt-schon-wen wirklich
wichtig war, dann war es Hogwarts!«
»Ach, komm schon«, spottete Ron. »Seine Schule?«
»Jawohl, seine Schule! Sie war sein erstes richtiges Zuhause, der Ort,
wo sich zeigte, dass er etwas Besonderes war, sie bedeutete alles für ihn,
und selbst als er wegging -«
»Wir reden hier von Du-weißt-schon-wem, oder? Nicht von dir?«,
wollte Ron wissen. Er zupfte an der Kette des Horkruxes um seinen Hals;
Harry verspürte den Wunsch, sie zu packen und Ron damit zu würgen.
»Du hast uns erzählt, dass Du-weißt-schon-wer nach seinem Abgang
von der Schule Dumbledore aufgefordert hat, ihm eine Stelle zu
verschaffen«, sagte Hermine.
»Das stimmt.«
»Und Dumbledore dachte, dass er nur zurückkehren wollte, weil er
auf der Suche nach etwas war, vielleicht nach einem weiteren Gegenstand
von den Gründern, um daraus einen weiteren Horkrux zu machen?«
»Ja«, sagte Harry.
»Aber er hat keine Stelle gekriegt, oder?«, sagte Hermine. »Also hatte er
nie die Gelegenheit, in der Schule einen Gegenstand der Gründer zu finden
und ihn dort zu verstecken!«
»Na von mir aus«, sagte Harry resigniert. »Vergesst Hogwarts.«
Mangels anderer Anhaltspunkte reisten sie nach London und suchten,
verborgen unter dem Tarnumhang, nach dem Waisenhaus, in dem
Voldemort aufgewachsen war. Hermine schlich in eine Bibliothek und fand
in alten Aufzeichnungen heraus, dass das Haus schon vor vielen Jahren
abgerissen worden war. Sie suchten den Ort auf, wo es gestanden hatte, und
stießen dort auf einen Büroturm.
»Wie wär's, wenn wir im Fundament graben?«, schlug Hermine
halbherzig vor.
»Hier hat er den Horkrux sicher nicht versteckt«, sagte Harry. Es war
ihm schon die ganze Zeit klar gewesen: Voldemort hatte unbedingt dem
Waisenhaus entkommen wollen, er hätte niemals einen Teil seiner Seele
dort versteckt. Dumbledore hatte Harry gezeigt, dass für Voldemort nur
Verstecke in Frage kamen, die Erhabenheit oder geheimnisvolle
Ausstrahlung besaßen; diese trostlose, düstere Ecke Londons hatte rein gar
nichts von Hogwarts an sich, auch nichts vom Ministerium oder von einem
Gebäude wie Gringotts, der Zaubererbank, mit ihren goldenen Türen und
Marmorböden.
Auch ohne neue Ideen zogen sie weiter durchs Land und sie stellten das
Zelt zur Sicherheit jeden Abend woanders auf. Morgens verwischten sie
gründlich jede Spur ihrer Anwesenheit und machten sich dann erneut auf
die Suche nach einem einsamen und abgeschiedenen Ort, apparierten in
andere Wälder, in schattige Felsspalten, in von violettem Gras bewachsene
Moore, auf Berghänge, die von Stechginster überwuchert waren, und
einmal in eine geschützte kleine Bucht mit Kieselsteinen. Ungefähr alle
zwölf Stunden gaben sie den Horkrux untereinander weiter, als ob sie auf
verquere Weise und in Zeitlupe »Taler, Taler, du musst wandern« spielen
würden, wobei jeder sich davor fürchtete, den Taler zu bekommen, weil
man als Preis zwölf Stunden lang in größerer Angst und Sorge zu leben
hatte.
Harrys Narbe kribbelte immer wieder. Ihm fiel auf, dass es meistens
geschah, wenn er den Horkrux trug. Manchmal fuhr er bei dem Schmerz
unwillkürlich zusammen.
»Was ist? Was hast du gesehen?«, fragte Ron, wenn er merkte, dass
Harry zuckte.
»Ein Gesicht«, murmelte Harry dann jedes Mal. »Wieder dieses
Gesicht. Von dem Dieb, der Gregorowitsch bestohlen hat.«
Und Ron wandte sich ab und bemühte sich nicht, seine Enttäuschung zu
verbergen. Harry wusste, dass Ron auf Neuigkeiten von seiner Familie
hoffte oder von den anderen Mitgliedern des Phönixordens, doch er, Harry,
war schließlich keine Fernsehantenne; er konnte nur sehen, was Voldemort
zu einem bestimmten Zeitpunkt dachte, und sich nicht einfach irgendwo
reinschalten, wo er es gerade spannend fand. Offenbar machte sich
Voldemort endlos Gedanken über den unbekannten jungen Mann mit dem
fröhlichen Gesicht, dessen Namen und Aufenthaltsort er mit Sicherheit
genauso wenig kannte wie Harry selbst. Obwohl Harrys Narbe weiterhin
brannte und der heitere blonde Junge quälend durch seine Erinnerungen
trieb, gewöhnte Harry es sich an, jedes Anzeichen von Schmerz oder
Unbehagen zu unterdrücken, denn die beiden anderen reagierten nur noch
unwirsch, wenn er den Dieb erwähnte. Er konnte es ihnen nicht ganz
verübeln, da sie doch so verzweifelt nach einem Hinweis auf die Horkruxe
suchten.
Aus Tagen wurden Wochen, und Harry beschlich der Verdacht, dass
Ron und Hermine sich gelegentlich ohne ihn und über ihn unterhielten.
Mehrmals verfielen sie plötzlich in Schweigen, als Harry das Zelt betrat,
und zweimal lief er ihnen zufällig über den Weg, als sie ein wenig entfernt
die Köpfe zusammengesteckt hatten und rasch Worte wechselten; beide
Male verstummten sie, sobald sie bemerkten, dass er näher kam, und taten
hastig so, als würden sie Holz oder Wasser holen.
Harry fragte sich ständig, ob sie nur deshalb bereit gewesen waren, ihn
auf einer, wie es nun schien, sinnlosen und ausufernden Reise zu begleiten,
weil sie geglaubt hatten, dass er eine Art Geheimplan habe, von dem sie
rechtzeitig erfahren würden. Ron gab sich gar nicht erst Mühe, seine
schlechte Laune zu verbergen, und Harry befürchtete allmählich, dass auch
Hermine darüber enttäuscht war, wie schlecht er sie führte. Verzweifelt
überlegte er, wo weitere Horkruxe versteckt sein könnten, doch der einzige
Ort, der ihm immer wieder einfiel, war Hogwarts, und da keiner von den
anderen dies für irgend wahrscheinlich hielt, äußerte er den Vorschlag nicht
mehr.
Der Herbst fegte über das Land, während sie hindurchzogen: Sie stellten
das Zelt jetzt auf die Laubdecke der herabgefallenen Blätter. Natürliche
Nebel vermengten sich mit denen, die von den Dementoren ausgingen;
Wind und Regen machten ihnen das Leben noch schwerer. Die Tatsache,
dass Hermine essbare Pilze immer besser erkannte, konnte sie nicht
hinreichend für ihre andauernde Einsamkeit entschädigen, für die fehlende
Gesellschaft anderer Leute oder ihre völlige Ahnungslosigkeit, was im
Krieg gegen Voldemort augenblicklich geschah.
»Meine Mutter«, sagte Ron eines Abends, als sie an einem Flussufer in
Wales in ihrem Zelt saßen, »kann gutes Essen aus dem Nichts
herbeizaubern.«
Er stocherte trübsinnig in den Brocken von verkohltem grauem Fisch
auf seinem Teller herum. Harry warf automatisch einen Blick auf Rons
Hals und sah wie erwartet die goldene Kette des Horkruxes dort glitzern. Er
konnte es sich gerade noch verkneifen, Ron zu beschimpfen, denn er
wusste, dass sich Rons Laune ein wenig bessern würde, wenn es an der Zeit
war, das Medaillon abzunehmen.
»Deine Mutter kann kein Essen aus dem Nichts holen«, sagte Hermine.
»Niemand kann das. Essen ist die erste der fünf Wesentlichen Ausnahmen
von Gamps Gesetz der Elementaren Transfigur-«
»Hey, kannst du nicht englisch reden?«, sagte Ron und zog sich eine
Gräte zwischen den Zähnen heraus.
»Es ist unmöglich, gutes Essen aus nichts zu machen! Du kannst es
aufrufen, wenn du weißt, wo es ist, du kannst es verwandeln, du kannst es
mehr werden lassen, falls du schon welches hast -«
»- na, dann mach dir nicht die Mühe, das hier mehr werden zu lassen, es
ist widerlich«, sagte Ron.
»Harry hat den Fisch gefangen, und ich hab getan, was ich konnte! Mir
fällt auf, dass ich immer diejenige bin, die sich am Ende ums Essen
kümmert; weil ich ein Mädchen bin, schätze ich!«
»Nein, weil du angeblich die Beste im Zaubern bist!«, schoss Ron
zurück.
Hermine sprang hoch und Stücke von gebratenem Hecht rutschten von
ihrem Blechteller zu Boden.
»Dann kannst du morgen kochen, Ron, du kannst die Zutaten
zusammensuchen und probieren, sie in irgendwas Essbares zu verzaubern,
und ich werd hier sitzen und Grimassen schneiden und jammern, und du
kannst zusehen, wie du -«
»Sei still!«, sagte Harry, sprang auf und hielt beide Hände hoch. »Sei
sofort still!«
Hermine sah empört aus.
»Wie kannst du für ihn Partei ergreifen, er kocht doch so gut wie nie -«
»Hermine, sei leise, ich hör jemanden! «
Er lauschte angestrengt, während er ihnen nach wie vor mit seinen
erhobenen Händen gebot zu schweigen. Und dann hörte er erneut Stimmen
über das Rauschen und Sprudeln des dunklen Flusses neben ihnen hinweg.
Er drehte sich zu dem Spickoskop um. Es regte sich nicht.
»Du hast den Muffliato-Zauber über uns gelegt, stimmt's?«, flüsterte er
Hermine zu.
»Ich hab alles Mögliche gemacht«, flüsterte sie zurück. »Muffliato,
Muggelabwehr und Desillusionierungszauber, die ganze Palette. Wer es
auch sein mag, die dürften uns eigentlich nicht hören und nicht sehen.«
Heftiges Scharren und Schlurfen sowie das Geräusch von weggetretenen
Steinen und Zweigen ließen darauf schließen, dass mehrere Leute den
steilen bewaldeten Abhang zu dem schmalen Ufer heruntergeklettert
kamen, wo sie ihr Zelt aufgeschlagen hatten. Sie zogen ihre Zauberstäbe
und warteten. Die Zauber, die sie um sich herum errichtet hatten, sollten in
der fast völligen Dunkelheit ausreichen, um sie vor Muggeln und normalen
Hexen und Zauberern abzuschirmen. Wenn es Todesser waren, dann würde
sich ihre Verteidigung vielleicht erstmals gegen schwarze Magie bewähren
müssen.
Die Stimmen wurden lauter, aber nicht verständlicher, als die Gruppe
von Männern das Ufer erreichte. Harry schätzte, dass sie etwas mehr als
fünf Meter entfernt waren, doch der reißende Fluss machte es unmöglich,
das sicher festzustellen. Hermine ergriff die mit Perlen verzierte
Handtasche und begann darin herumzukramen; einen Augenblick später
zog sie drei Langziehohren heraus und warf je eines davon Harry und Ron
zu, die sich hastig ein Ende der fleischfarbenen Schnüre ins Ohr steckten
und das andere durch den Zelteingang schoben.
Sekunden später hörte Harry die matte Stimme eines Mannes.
»Da müssten einige Lachse drin sein, oder meinst du, es ist noch zu früh
im Jahr? Accio Lachs! «
Einige deutliche Spritzer waren zu hören, dann klatschte Fisch gegen
Fleisch. Jemand brummte anerkennend. Harry drückte das Langziehohr
tiefer in sein eigenes: Durch das Gemurmel des Flusses konnte er weitere
Stimmen hören, doch sie redeten nicht Englisch oder sonst irgendeine
menschliche Sprache, die er kannte. Es klang rau und unmelodisch, eine
Folge von rasselnden, kehligen Geräuschen, und es schienen zwei Sprecher
zu sein, der eine mit einer etwas tieferen und trägeren Stimme als der
andere.
Draußen vor der Zeltleinwand loderte ein Feuer auf; große Schatten
zogen zwischen Zelt und Flammen vorbei. Der köstliche Geruch von
gebratenem Lachs wehte verlockend herein. Dann war das Klirren von
Besteck auf Tellern zu hören und der erste Mann ergriff wieder das Wort.
»Hier, Griphook, Gornuk.«
Kobolde!, formte Hermine stumm mit den Lippen in Harrys Richtung,
der nickte.
»Danke«, sagten die Kobolde gleichzeitig auf Englisch.
»Also, ihr drei seid jetzt wie lange schon auf der Flucht?«, fragte eine
neue, weiche und angenehme Stimme; Harry kannte sie von irgendwoher,
ein Mann mit rundem Bauch und heiterer Miene kam ihm in den Sinn.
»Sechs Wochen ... sieben ... ich hab's vergessen«, sagte der müde Mann.
»In den ersten Tagen hab ich Griphook getroffen und kurz darauf haben wir
uns mit Gornuk zusammengetan. Schön, wenn man ein bisschen
Gesellschaft hat.« Eine Pause trat ein, während der Messer über Teller
kratzten und Blechbecher hochgenommen und wieder auf die Erde gestellt
wurden. »Weshalb bist du von zu Hause weg, Ted?«, fuhr der Mann fort.
»Wusste, dass sie hinter mir her sind«, erwiderte Ted mit der weichen
Stimme, und Harry wusste plötzlich, wer er war: Tonks' Vater. »Hab
gehört, dass letzte Woche Todesser in der Gegend waren, und beschlossen,
dass ich am besten so schnell wie möglich abhaue. Hab mich aus Prinzip
geweigert, mich als Muggelstämmiger registrieren zu lassen, verstehst du,
also wusste ich, dass es nur eine Frage der Zeit war, irgendwann würde ich
verschwinden müssen. Meine Frau dürfte einigermaßen sicher sein, sie ist
reinblütig. Und dann hab ich Dean hier getroffen, erst vor ein paar Tagen,
nicht wahr, mein Junge?«
»Jaah«, sagte eine weitere Stimme, und Harry, Ron und Hermine
starrten einander an, stumm, aber in heller Aufregung, denn sie waren
überzeugt, dass sie die Stimme von Dean Thomas, ihrem Mitschüler aus
Gryffindor, erkannt hatten.
»Muggelstämmig, was?«, fragte der erste Mann.
»Weiß nicht genau«, sagte Dean. »Mein Dad hat meine Mum verlassen,
als ich noch klein war. Ich hab aber keinen Beweis dafür, dass er ein
Zauberer war.«
Eine Weile herrschte Schweigen, nur Kaugeräusche waren zu hören;
dann sprach Ted wieder.
»Eins muss ich sagen, Dirk, ich bin überrascht, dass ich dir über den
Weg laufe. Erfreut, aber überrascht. Es hieß, du wärst erwischt worden.«
»Wurde ich auch«, sagte Dirk. »Ich war schon halb in Askaban, da bin
ich abgehauen, hab Dawlish geschockt und seinen Besen geklaut. Das war
einfacher, als man meinen sollte; er scheint zurzeit nicht so ganz bei sich zu
sein. Vielleicht hat ihm jemand einen Verwechslungszauber aufgehalst.
Wenn ja, würd ich der Hexe oder dem Zauberer gern persönlich die Hand
schütteln, hat wahrscheinlich mein Leben gerettet.«
Wieder trat eine Pause ein, in der das Feuer prasselte und der Fluss
weiter rauschte. Dann sagte Ted: »Und was ist mit Ihnen beiden? Ich, ähm,
hatte den Eindruck, dass die Kobolde überwiegend auf der Seite von Du-
weißt-schon-wem sind.«
»Sie hatten den falschen Eindruck«, sagte der Kobold mit der höheren
Stimme. »Wir ergreifen keine Partei. Das ist ein Krieg unter Zauberern.«
»Und wie kommt es dann, dass Sie sich verstecken? «
»Ich hielt es für vernünftig«, sagte der Kobold mit der tieferen Stimme.
»Nachdem ich ein aus meiner Sicht unverschämtes Gesuch abgeschlagen
hatte, war mir klar, dass ich persönlich in Gefahr schwebte.«
»Was hat man von Ihnen verlangt?«, fragte Ted.
»Dienste, die unter der Würde meiner Rasse sind«, erwiderte der
Kobold mit einer nun raueren und weniger menschlichen Stimme. »Ich bin
kein Hauself.«
»Was ist mit Ihnen, Griphook?«
»Ähnliche Gründe«, sagte der Kobold mit der höheren Stimme.
»Gringotts steht nicht mehr alleinig unter der Leitung meiner Rasse. Ich
erkenne einen Zauberer als Gebieter nicht an.«
Halblaut fügte er etwas auf Koboldogack hinzu und Gornuk lachte.
»Was ist so witzig?«, fragte Dean.
»Er meinte«, erwiderte Dirk, »dass es auch Dinge gibt, die Zauberer
nicht erkennen.«
Eine kurze Stille trat ein.
»Versteh ich nicht«, sagte Dean.
»Ich habe ein wenig Rache genommen, ehe ich fortging«, sagte
Griphook auf Englisch.
»Guter Kerl – Kobold, wollte ich sagen«, verbesserte Ted sich hastig.
»Sie haben nicht zufällig einen Todesser in eines der alten
Hochsicherheitsverliese eingesperrt?«
»Wenn ich es getan hätte, dann hätte das Schwert ihm nicht geholfen,
auszubrechen«, antwortete Griphook. Gornuk lachte wieder und selbst Dirk
ließ ein trockenes Kichern hören.
»Dean und mir entgeht da immer noch was«, sagte Ted.
»Severus Snape auch, obwohl er es nicht weiß«, sagte Griphook und die
beiden Kobolde brachen in hämisches Gelächter aus.
Im Innern des Zeltes atmete Harry flach vor Aufregung. Er und Hermine
starrten einander an und hörten so genau hin, wie sie konnten.
»Hast du das nicht mitbekommen, Ted?«, fragte Dirk. »Von den
Kindern, die versucht haben, das Schwert von Gryffindor aus Snapes Büro
in Hogwarts zu stehlen?«
Elektrischer Strom schien durch Harry zu jagen und jeden einzelnen
Nerv zu treffen, während er wie angewurzelt dastand.
»Nie was davon gehört«, sagte Ted. »Stand nicht im Propheten, oder?«
»Wohl kaum«, gluckste Dirk. »Ich hab es von Griphook hier erfahren,
er hat es von Bill Weasley gehört, der für die Bank arbeitet. Eines der
Kinder, die versucht haben, das Schwert zu klauen, war Bills kleine
Schwester.«
Harry blickte rasch zu Hermine und Ron hinüber, die ihre
Langziehohren so fest umklammert hielten wie Rettungsleinen.
»Sie und ein paar Freunde sind in Snapes Büro eingedrungen und haben
die Vitrine zertrümmert, wo er das Schwert offenbar aufbewahrte. Snape
hat sie erwischt, als sie dabei waren, es die Treppe runterzuschmuggeln.«
»Ah, die Guten«, sagte Ted. »Was haben sie sich dabei gedacht – dass
sie das Schwert gegen Du-weißt-schon-wen einsetzen können? Oder gegen
Snape selbst?«
»Nun, was auch immer sie damit vorhatten, Snape kam zu dem Schluss,
dass das Schwert an seinem Platz nicht mehr sicher war«, sagte Dirk. »Ein
paar Tage später, ich vermute mal, sobald er die Zustimmung von Du-
weißt-schon-wem hatte, schickte er es nach London, um es stattdessen bei
Gringotts aufbewahren zu lassen.«
Die Kobolde fingen wieder an zu lachen.
»Ich kapier den Witz immer noch nicht«, sagte Ted.
»Es ist eine Fälschung«, krächzte Griphook.
»Das Schwert von Gryffindor!«
»O ja. Es ist eine Kopie – eine hervorragende Kopie, freilich –, aber von
Zaubererhand. Das Original wurde vor Jahrhunderten von Kobolden
geschmiedet und hatte gewisse Eigenschaften, die nur koboldgearbeitete
Waffen besitzen. Wo immer sich das echte Schwert von Gryffindor
befindet, es ist nicht in einem Verlies der Gringotts-Bank.«
»Ich verstehe«, sagte Ted. »Und ich nehme an, Sie haben sich nicht die
Mühe gemacht, das den Todessern mitzuteilen?«
»Ich sah keinen Grund, sie mit dieser Information zu behelligen«, sagte
Griphook süffisant, und jetzt stimmten auch Ted und Dean in Gornuks und
Dirks Gelächter ein.
Im Zelt schloss Harry die Augen und konzentrierte sich angestrengt
darauf, dass jemand die Frage stellen möge, auf die er eine Antwort
brauchte, und nach einer Minute, die ihm wie zehn vorkam, tat es Dean;
auch er war (wie Harry schlagartig einfiel) ein Exfreund von Ginny.
»Was ist mit Ginny und den anderen passiert? Die versucht haben, es zu
stehlen?«
»Oh, die wurden bestraft, und zwar grausam«, sagte Griphook
gleichgültig.
»Es geht ihnen aber einigermaßen?«, fragte Ted rasch. »Ich meine, die
Weasleys haben doch schon genug verletzte Kinder, oder?«
»Soweit ich weiß, haben sie keine schwere Verletzung erlitten«,
antwortete Griphook.
»Glück gehabt«, sagte Ted. »Bei dem, was Snape schon angerichtet hat,
können wir nur froh sein, dass sie noch am Leben sind.«
»Du glaubst diese Geschichte also, nicht wahr, Ted?«, fragte Dirk. »Du
glaubst, dass Snape Dumbledore getötet hat?«
»Natürlich«, sagte Ted. »Du willst mir hier doch nicht sagen, dass du
denkst, Potter hätte etwas damit zu tun?«
»Heutzutage weiß man kaum noch, was man glauben soll«, murmelte
Dirk.
»Ich kenne Harry Potter«, sagte Dean. »Und ich schätze, er ist der
Richtige – der Auserwählte, oder wie auch immer man es nennen mag. «
»Tja, es gibt viele, die das gerne glauben würden, mein Junge«, sagte
Dirk, »ich selbst auch. Aber wo ist er? Abgehauen, wie's aussieht. Man
sollte meinen, dass er, wenn er irgendwas wüsste, was wir nicht wissen,
oder irgendwas Besonderes an sich hätte, jetzt dort draußen wäre und
kämpfen würde, den Widerstand um sich scharen und sich nicht verstecken
würde. Und übrigens, der Prophet hat da einen ziemlich guten Artikel
gegen ihn gebracht -«
»Der Prophet?«, spottete Ted. »Geschieht dir recht, angelogen zu
werden, wenn du diesen Mist immer noch liest, Dirk. Wenn du die Fakten
haben willst, dann versuch es mit dem Klitterer.«
Urplötzlich würgte und spuckte jemand, als würde es ihn zerreißen,
dann folgte ein langes, dumpfes Klopfen; wie es sich anhörte, hatte Dirk
eine Gräte verschluckt. Endlich prustete er: »Mit dem Klitterer? Diesem
verrückten Witzblatt von Xeno Lovegood?«
»In letzter Zeit ist es gar nicht mehr so verrückt«, sagte Ted. »Schau
doch mal rein. Xeno bringt alles, was der Prophet außer Acht lässt, in der
letzten Ausgabe kamen kein einziges Mal die Schrumpfhörnigen
Schnarchkackler vor. Wie lange sie ihn das noch machen lassen, weiß ich
allerdings nicht. Aber Xeno schreibt auf der ersten Seite jeder Ausgabe,
dass alle Zauberer, die gegen Du-weißt-schon-wen sind, als Allererstes
Harry Potter helfen müssen.«
»Schwer, einem Jungen zu helfen, der wie vom Erdboden verschluckt
ist«, sagte Dirk.
»Hör mal, die Tatsache, dass sie ihn noch nicht gefasst haben, ist schon
ein gewaltiger Erfolg«, sagte Ted. »Ich würd mir gern ein paar Ratschläge
von ihm holen. Wir versuchen ja auch nichts anderes, als in Freiheit zu
bleiben, oder?«
»Jaah, nun, da ist was dran«, sagte Dirk schleppend. »Wo doch das
ganze Ministerium und all seine Informanten nach ihm suchen, hätt ich
angenommen, dass sie ihn inzwischen gefasst haben. Aber hör mal, wer
weiß denn, ob sie ihn nicht schon gefasst und getötet haben, ohne etwas
davon verlauten zu lassen?«
»Ah, sag nicht so was, Dirk«, murmelte Ted.
Eine längere Pause trat ein, in der wieder das Klirren von Messern und
Gabeln zu hören war. Als sie erneut zu sprechen begannen, ging es darum,
ob sie am Ufer schlafen oder sich auf den bewaldeten Abhang zurückziehen
sollten. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Bäume ihnen bessere Deckung
bieten würden, löschten ihr Feuer und kletterten dann wieder den Hang
hinauf, und ihre Stimmen wurden leiser.
Harry, Ron und Hermine zogen die Langziehohren herein und wickelten
sie auf. Harry, dem es, je länger sie gelauscht hatten, immer schwerer
gefallen war, schweigen zu müssen, brachte jetzt nichts weiter heraus als:
»Ginny – das Schwert -«
»Ich weiß!«, sagte Hermine.
Mit einem Satz war sie bei ihrer kleinen Perlentasche und tauchte
diesmal den Arm bis zur Achselhöhle hinein.
»Da ... ist es ...ja ...«, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen und
zog an etwas, das offenbar in den Tiefen der Tasche steckte. Allmählich
kam die Ecke eines reich verzierten Gemälderahmens in Sicht. Harry
beeilte sich, ihr zu helfen. Während sie das leere Porträt von Phineas
Nigellus ganz aus Hermines Tasche heraushoben, hielt sie ihren Zauberstab
darauf gerichtet, bereit, es jederzeit mit einem Zauber zu belegen.
»Wenn jemand das echte Schwert mit einem falschen vertauscht hat,
während es in Dumbledores Büro war«, keuchte sie, als sie das Gemälde
seitlich an die Zeltwand lehnten, »dann muss Phineas Nigellus das gesehen
haben, er hängt gleich neben der Vitrine!«
»Es sei denn, er hat geschlafen«, sagte Harry, hielt aber dennoch den
Atem an, als Hermine vor der leeren Leinwand niederkniete, den
Zauberstab genau auf die Mitte richtete, sich räusperte und dann sagte:
»Ähm – Phineas? Phineas Nigellus?«
Nichts geschah.
»Phineas Nigellus?«, sagte Hermine noch einmal. »Professor Black?
Könnten wir bitte mit Ihnen sprechen? Bitte?«
»>Bitte< hilft immer«, sagte eine kalte, schneidende Stimme und
Phineas Nigellus glitt in sein Porträt. Sofort rief Hermine: »Obscuro!«
Eine schwarze Binde erschien über Phineas Nigellus' klugen dunklen
Augen, weshalb er gegen den Rahmen stieß und vor Schmerz aufschrie.
»Was – wie können Sie es wagen – was machen Sie -?«
»Es tut mir sehr leid, Professor Black«, sagte Hermine, »aber das ist
eine notwendige Vorsichtsmaßnahme!«
»Entfernen Sie sofort diese abscheuliche Beigabe! Hinweg damit, sage
ich! Sie ruinieren ein großes Kunstwerk! Wo bin ich? Was geht hier vor?«
»Wo wir sind, kann Ihnen egal sein«, sagte Harry, und Phineas Nigellus
erstarrte und gab seine Versuche auf, sich die gemalte Augenbinde
herunterzuziehen.
»Kann das womöglich die Stimme des schwer fassbaren Mr Potter
sein?«
»Vielleicht«, sagte Harry, da er wusste, dies würde das Interesse von
Phineas Nigellus wachhalten. »Wir haben ein paar Fragen an Sie – über das
Schwert von Gryffindor.«
»Ah«, sagte Phineas Nigellus und drehte nun den Kopf in alle
Richtungen, um möglichst doch einen Blick auf Harry zu erhaschen, »ja.
Dieses törichte Mädchen hat da sehr unklug gehandelt -«
»Reden Sie nicht so über meine Schwester«, sagte Ron schroff. Phineas
Nigellus zog arrogant die Augenbrauen hoch.
»Wer ist da noch?«, fragte er und drehte den Kopf nach rechts und links.
»Ihr Ton missfällt mir! Das Mädchen und seine Freunde hatte der reinste
Übermut gepackt. Den Schulleiter zu bestehlen!«
»Sie haben nicht gestohlen«, sagte Harry. »Dieses Schwert gehört nicht
Snape.«
»Es gehört Professor Snapes Schule«, sagte Phineas Nigellus. »Welchen
Anspruch hatte denn das Weasley-Mädchen darauf? Sie hat ihre Strafe
verdient, genau wie der Dummkopf Longbottom und diese komische
Lovegood!«
»Neville ist kein Dummkopf und Luna ist nicht komisch!«, sagte
Hermine.
»Wo bin ich?«, sagte Phineas Nigellus erneut und begann wieder mit
seiner Augenbinde zu ringen. »Wo haben Sie mich hingebracht? Warum
haben Sie mich aus dem Haus meiner Vorgänger entfernt?«
»Das ist jetzt nicht wichtig! Wie hat Snape Ginny, Neville und Luna
bestraft?«, fragte Harry eindringlich.
»Professor Snape hat sie in den Verbotenen Wald geschickt, um eine
Arbeit für den Trottel Hagrid zu erledigen.«
»Hagrid ist kein Trottel!«, erwiderte Hermine schrill.
»Und Snape hielt das vielleicht für eine Bestrafung«, sagte Harry, »aber
Ginny, Neville und Luna haben sich mit Hagrid wahrscheinlich halb
totgelacht. Der Verbotene Wald ... die haben bereits viel Schlimmeres
erlebt als den Verbotenen Wald – meine Güte!«
Ein Stein fiel ihm vom Herzen; er hatte sich schon Furchtbares
vorgestellt, allerwenigstens den Cruciatus-Fluch.
»Was wir eigentlich wissen wollten, Professor Black«, sagte Hermine,
»hat jemals jemand anderes, ähm, das Schwert rausgenommen? Vielleicht
wurde es zum Reinigen abgeholt oder – oder so?«
Phineas Nigellus gab erneut den Versuch auf, seine Augen frei zu
bekommen, und kicherte.
»Muggelstämmige«, sagte er. »Koboldgearbeitete Waffen müssen nicht
gereinigt werden, Sie einfältiges Mädchen. Koboldsilber stößt irdischen
Schmutz ab und nimmt nur auf, was es stärkt.«
»Nennen Sie Hermine nicht einfältig«, sagte Harry.
»Ich bin der ständigen Widerrede allmählich überdrüssig«, sagte
Phineas Nigellus. »Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich in das Büro des
Schulleiters zurückkehre? «
Mit immer noch verbundenen Augen fing er an, seitlich an seinem
Rahmen herumzufummeln, um sich einen Weg aus seinem Bild hinaus zu
ertasten und in das andere zurückzugelangen, das auf Hogwarts hing. Harry
fiel plötzlich etwas ein.
»Dumbledore! Können Sie uns nicht Dumbledore herbringen?«
»Verzeihung, bitte?«, sagte Phineas Nigellus.
»Das Porträt von Professor Dumbledore – könnten Sie ihn nicht
mitbringen, hierher, in Ihres?«
Phineas Nigellus wandte das Gesicht in die Richtung, aus der Harrys
Stimme gekommen war.
» Offensichtlich sind nicht nur Muggelstämmige unkundig, Potter. Die
Porträtierten von Hogwarts mögen vielleicht miteinander sprechen, aber sie
können sich nicht aus dem Schloss hinausbegeben, außer um ein Bild von
sich selbst zu besuchen, das anderswo hängt. Dumbledore kann nicht mit
mir hierherkommen, und nach der Behandlung, die Sie mir haben
angedeihen lassen, kann ich Ihnen versichern, dass ich Ihnen nicht noch
einmal einen Besuch abstatten werde!«
Ein wenig geknickt sah Harry zu, wie Phineas sich noch heftiger
bemühte, seinen Rahmen zu verlassen.
»Professor Black«, sagte Hermine, »könnten Sie uns nicht, bitte, einfach
sagen, wann das Schwert das letzte Mal aus seiner Vitrine genommen
wurde? Bevor Ginny es herausnahm, meine ich?«
Phineas schnaubte ungeduldig.
»Ich glaube, das letzte Mal, als ich gesehen habe, wie das Schwert von
Gryffindor aus seiner Vitrine kam, benutzte es Professor Dumbledore, um
einen Ring aufzuspalten.«
Hermine schnellte herum und sah Harry an. Keiner von ihnen wagte es,
vor Phineas Nigellus ein weiteres Wort zu sagen, der es endlich geschafft
hatte, den Ausgang zu finden.
»Alsdann, Ihnen eine gute Nacht«, sagte er ein wenig gereizt und war
schon fast verschwunden. Nur der Rand seiner Hutkrempe war noch zu
sehen, als Harry plötzlich einen Schrei ausstieß.
»Warten Sie! Haben Sie Snape erzählt, dass Sie das gesehen haben?«
Phineas Nigellus streckte seinen Kopf mit der Augenbinde wieder in das
Bild.
»Professor Snape hat sich mit wichtigeren Dingen zu befassen als mit
den vielen exzentrischen Angewohnheiten von Albus Dumbledore. Auf
Wiedersehen, Potter!«
Und damit verschwand er endgültig und ließ nichts zurück außer seinen
düsteren Hintergrund.
»Harry!«, schrie Hermine.
»Ich weiß!«, rief Harry. Ungestüm stieß er mit der Faust in die Luft:
Das war mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. Er schritt im Zelt auf und ab;
ihm war, als könnte er Berge versetzen; er war nicht einmal mehr hungrig.
Hermine quetschte das Porträt von Phineas Nigellus wieder in die
Perlentasche, verschloss sie, warf sie beiseite und blickte mit strahlendem
Gesicht zu Harry auf.
»Das Schwert kann Horkruxe zerstören! Koboldgearbeitete Klingen
nehmen nur auf, was sie stärkt – Harry, dieses Schwert ist mit
Basiliskengift getränkt!«
»Und Dumbledore hat es mir nicht gegeben, weil er es noch brauchte,
und zwar für das Medaillon -«
»- und es muss ihm klar gewesen sein, dass sie es dir nicht überlassen
würden, wenn er es dir in seinem Testament vermachte -«
»- also hat er eine Kopie angefertigt -«
»- und eine Fälschung in die Vitrine getan -«
»- und er hat das echte ... wo gelassen?«
Sie starrten einander an; Harry hatte das Gefühl, als würde die Antwort
unsichtbar in der Luft über ihnen hängen, verlockend nah. "Warum hatte
Dumbledore es ihm nicht gesagt? Oder hatte er es ihm tatsächlich gesagt
und er hatte es damals nicht mitbekommen ?
»Denk nach!«, flüsterte Hermine. »Denk nach! Wo hat er es gelassen?«
»Nicht in Hogwarts«, sagte Harry und ging wieder auf und ab.
»Irgendwo in Hogsmeade?«, schlug Hermine vor.
»In der Heulenden Hütte?«, sagte Harry. »Da geht nie jemand rein.«
»Aber Snape weiß, wie man reinkommt, wär das nicht ein wenig
riskant?«
»Dumbledore hat Snape vertraut«, erinnerte Harry sie.
»Nicht genug, um ihm zu sagen, dass er die Schwerter vertauscht hatte«,
sagte Hermine.
»Ja, du hast Recht!«, erwiderte Harry; und der Gedanke, dass
Dumbledore doch einige wenn auch schwache Vorbehalte gehabt hatte,
was Snapes Vertrauenswürdigkeit betraf, besserte seine Laune sogar noch
mehr. »Also, hat er das Schwert dann weit entfernt von Hogsmeade
versteckt? Was meinst du, Ron? Ron?«
Harry sah sich um. Einen Moment lang dachte er verwirrt, Ron hätte das
Zelt verlassen, dann sah er ihn im Schatten des unteren Bettes liegen, wie
versteinert.
»Ah, jetzt fällt dir ein, dass ich auch noch da bin, ja?«, sagte er.
»Was?«
Ron schnaubte und starrte auf die Unterseite des oberen Bettes.
»Macht ihr beiden nur weiter. Ich will euch den Spaß nicht verderben.«
Harry blickte verdutzt und Hilfe suchend zu Hermine, aber sie schüttelte
den Kopf, offenbar genauso ratlos wie er.
»Wo liegt das Problem?«, fragte Harry.
»Problem? Es gibt kein Problem«, sagte Ron, der es beharrlich vermied,
Harry anzusehen. »Wenn's nach dir geht, jedenfalls nicht. «
Auf der Zeltleinwand über ihren Köpfen machte es ein paarmal plitsch.
Es hatte angefangen zu regnen.
»Also, du hast offensichtlich ein Problem«, sagte Harry. »Spuck's aus,
ja?«
Ron schwang seine langen Beine vom Bett und setzte sich auf. Er sah
böse aus, ganz anders als sonst.
»Na gut, ich spuck es aus. Erwart bloß nicht, dass ich hier Luftsprünge
mache, nur weil es jetzt noch so ein verdammtes Ding gibt, das wir finden
müssen. Schreib's einfach auf die Liste mit den Sachen, die du nicht
weißt.«
»Die ich nicht weiß?«, wiederholte Harry. »Die ich nicht weiß?«
Plüsch, plitsch, plitsch: Der Regen fiel heftiger und schwerer; er
prasselte auf das mit Blättern übersäte Ufer um sie herum und in den Fluss,
der durch die Dunkelheit plätscherte. Furcht erstickte Harrys Hochgefühl:
Ron sagte genau das, von dem er vermutet und befürchtet hatte, dass er es
dachte.
»Ich will ja nicht behaupten, dass ich mich hier nicht großartig
amüsiere«, sagte Ron, »mit meinem verstümmelten Arm und ohne was zu
essen und in dieser Saukälte jede Nacht. Ich hatte nur gehofft, dass wir
nach den paar Wochen, die wir rumgerannt sind, irgendwas erreicht hätten,
verstehst du?«
»Ron«, sagte Hermine, doch mit so leiser Stimme, dass Ron tun konnte,
als hätte er sie durch das laute Getrommel, das der Regen nun auf dem Zelt
machte, nicht gehört.
»Ich dachte, du wüsstest, auf was du dich eingelassen hast«, sagte
Harry.
»Jaah, das dachte ich auch.«
»Also, und was daran entspricht nicht deinen Erwartungen?«, fragte
Harry. Wut kam ihm jetzt zu Hilfe. »Hast du gedacht, wir würden in
Fünfsternehotels wohnen? Alle paar Tage einen Horkrux finden? Hast du
gedacht, du würdest Weihnachten wieder bei Mami sein? «
»Wir dachten, du wüsstest, was du tust!«, schrie Ron und stand auf; und
seine Worte durchbohrten Harry wie glühende Messer. »Wir dachten,
Dumbledore hätte dir gesagt, was du tun sollst, wir dachten, du hättest
einen echten Plan!«
»Ron!«, sagte Hermine, diesmal deutlich vernehmbar durch den Regen
hindurch, der auf das Zeltdach donnerte, doch auch diesmal ignorierte er
sie.
»Tja, tut mir leid, dass ich euch enttäuschen muss«, sagte Harry, mit
völlig ruhiger Stimme, obwohl er sich hohl und unzulänglich fühlte. »Ich
war von Anfang an offen zu euch, ich hab euch alles gesagt, was
Dumbledore mir erzählt hat. Und falls du es nicht bemerkt haben solltest,
wir haben einen Horkrux gefunden -«
»Jaah, und wir sind ungefähr genauso weit davon entfernt, ihn
plattzumachen, wie davon, die anderen zu finden – Lichtjahre entfernt, mit
anderen Worten!«
»Nimm das Medaillon ab, Ron«, sagte Hermine mit ungewöhnlich
hoher Stimme. »Bitte, nimm es ab. Du würdest nicht so reden, wenn du es
nicht den ganzen Tag getragen hättest.«
»Doch, würde er«, sagte Harry, der nicht wollte, dass jemand Ausreden
für Ron erfand. »Meint ihr, ich hätte nicht bemerkt, wie ihr beide hinter
meinem Rücken tuschelt? Meint ihr, ich hätte mir nicht zusammengereimt,
dass ihr so was denkt?«
»Harry, wir haben nicht -«
»Lüg nicht!«, schleuderte ihr Ron entgegen. »Du hast es auch gesagt, du
hast gesagt, dass du enttäuscht wärst, dass du gedacht hättest, er hätte ein
bisschen mehr in petto als -«
»So hab ich es nicht gesagt – Harry, das stimmt nicht!«, weinte sie.
Der Regen hämmerte auf das Zelt, Tränen strömten über Hermines
Gesicht, und die freudige Erregung, die vor wenigen Minuten noch
geherrscht hatte, war verflogen, als hätte es sie nie gegeben, ein Feuerwerk
von kurzer Dauer, das aufgelodert und erloschen war und alles dunkel, nass
und kalt zurückgelassen hatte. Das Schwert von Gryffindor war versteckt,
wo, wussten sie nicht, und sie waren drei Teenager in einem Zelt, deren
einziger Erfolg darin bestand, nicht tot zu sein – noch nicht.
»Und warum bist du dann noch hier?«, fragte Harry Ron.
»Das möcht ich auch gern wissen«, sagte Ron.
»Dann geh nach Hause«, sagte Harry.
»Jaah, vielleicht tu ich das!«, schrie Ron, und er machte ein paar
Schritte auf Harry zu, der nicht zurückwich. »Hast du nicht gehört, was die
über meine Schwester gesagt haben? Aber das geht dir völlig am Arsch
vorbei, oder, ist ja nur der Verbotene Wald, Harry Ich-hab-schon-
Schlimmeres-erlebt Potter ist es schnuppe, was ihr dort drin zustößt, tja, mir
allerdings nicht, Riesenspinnen und krankes Zeug -«
»Ich hab nur gesagt – sie war mit den anderen zusammen, Hagrid war
dabei -«
»- jaah, schon kapiert, es kümmert dich nicht! Und was ist mit dem Rest
meiner Familie, >die Weasleys haben doch schon genug verletzte Kinder<,
hast du das nicht gehört?«
»Jaah, ich -«
»Dich interessiert aber nicht, was das zu bedeuten hat?«
»Ron!«, sagte Hermine und drängte sich zwischen die beiden, »ich
glaub nicht, dass es bedeutet, dass was Neues passiert ist, irgendwas, von
dem wir nichts wissen; überleg mal, Ron, Bill hat schon seine Narben, viele
Leute müssen inzwischen gesehen haben, dass George ein Ohr verloren hat,
und du liegst angeblich mit Griselkrätze auf dem Sterbebett, ich bin sicher,
mehr hat er nicht gemeint -«
»Oh, du bist sicher, ja? Also schön, dann mach ich mir keine Sorgen
mehr um sie. Für euch beide ist ja alles in Ordnung, oder, wo eure Eltern
doch außer Gefahr -«
»Meine Eltern sind tot!«, brüllte Harry.
»Und meine könnten das auch bald sein!«, schrie Ron.
»Dann GEH!«, donnerte Harry. »Geh zurück zu ihnen, tu so, als ob du
die Griselkrätze los wärst, und Mami kann dich aufpäppeln und -«
Ron machte eine plötzliche Bewegung: Harry reagierte, doch bevor
einer der beiden den Zauberstab aus der Tasche bekam, hatte Hermine
ihren erhoben.
»Protego!«, rief sie, und ein unsichtbarer Schild breitete sich zwischen
ihr und Harry auf der einen und Ron auf der anderen Seite aus; sie alle
wurden durch die Kraft des Zaubers ein paar Schritte zurückgedrängt, und
Harry und Ron funkelten sich von beiden Seiten der unsichtbaren Barriere
her böse an, als würden sie sich zum ersten Mal deutlich sehen. Harry
fühlte zersetzenden Hass gegen Ron: Etwas zwischen ihnen war
zerbrochen.
»Lass den Horkrux hier«, sagte Harry.
Ron zerrte sich die Kette über den Kopf und warf das Medaillon in
einen nahen Sessel. Dann wandte er sich an Hermine.
»Und was machst du?«
»Was soll das heißen?«
»Bleibst du, oder was?«
»Ich ...«, sie wirkte gequält. »Ja – ja, ich bleibe. Ron, wir haben gesagt,
wir gehen mit Harry, wir haben gesagt, wir helfen -«
»Ich versteh schon. Du entscheidest dich für ihn.«
»Ron, nein – bitte – komm zurück, komm zurück!«
Ihr eigener Schildzauber behinderte sie; als sie ihn schließlich entfernt
hatte, war Ron schon in die Nacht hinausgestürmt. Harry stand völlig
stumm und reglos da und hörte, wie sie schluchzte und zwischen den
Bäumen nach Ron rief.
Ein paar Minuten später kehrte sie zurück, die nassen Haare klebten ihr
im Gesicht.
»Er ist w-w-weg! Disappariert!«
Sie warf sich in einen Sessel, rollte sich zusammen und begann zu
weinen.
Harry fühlte sich wie betäubt. Er bückte sich, hob den Horkrux auf und
hängte ihn sich um den Hals. Er zog Decken von Rons Bett und warf sie
Hermine über. Dann kletterte er in sein eigenes Bett, starrte hinauf zu der
dunklen Zeltdecke und lauschte dem Trommeln des Regens.
Godric's Hollow
Als Harry am nächsten Tag erwachte, dauerte es einige Sekunden, bis
ihm wieder einfiel, was geschehen war. Dann hoffte er wie ein Kind, alles
wäre ein Traum gewesen, Ron wäre noch da und nie fortgegangen. Doch
wenn er nur den Kopf auf dem Kissen drehte, konnte er Rons verlassene
Schlafstelle sehen. Es war, als ob sie seinen Blick auf sich ziehen würde
wie eine Leiche. Harry sprang von seinem Bett hinunter und vermied es, zu
dem von Ron zu schauen. Hermine, die sich bereits in der Küche zu
schaffen machte, wünschte Harry nicht guten Morgen, sondern wandte
rasch das Gesicht ab, als er vorbeiging.
Er ist weg sagte sich Harry. Er ist weg. Während er sich wusch und
anzog, musste er das denken, immer wieder, als würde der Schock darüber
durch die Wiederholung abgeschwächt. Er ist weg und er kommt nicht
zurück. Und das war die schlichte Wahrheit, wie Harry wusste, denn ihre
Schutzzauber würden es Ron unmöglich machen, sie wiederzufinden,
sobald sie ihren jetzigen Aufenthaltsort verlassen hatten.
Er und Hermine frühstückten schweigend. Hermines Augen waren
verschwollen und rot; sie sah aus, als ob sie nicht geschlafen hätte.
Während sie ihre Sachen packten, trödelte Hermine. Harry wusste, warum
sie ihre Zeit am Flussufer in die Länge ziehen wollte; mehrmals sah er sie
erwartungsvoll aufblicken, und er war sicher, dass sie sich eingeredet hatte,
im prasselnden Regen Schritte gehört zu haben, doch keine rothaarige
Gestalt tauchte zwischen den Bäumen auf. Harry folgte jedes Mal ihrem
Blick (denn unwillkürlich hoffte er selbst ein wenig), und wenn er sich
umwandte und nichts als vom Regen gepeitschte Bäume sah, packte ihn
erneut ein Anflug von Wut. Er hörte Ron dann sagen: »Wir dachten, du
wüsstest, was du tust!«, und fing mit einem festen Knoten im Bauch wieder
an zu packen.
Der trübe Fluss neben ihnen schwoll rasch an und würde bald ihr Ufer
überschwemmen. Sie waren eine gute Stunde länger an ihrem Lagerplatz
geblieben, als sie es sonst für gewöhnlich taten. Hermine packte die
Perlentasche drei Mal völlig neu und fand dann offenbar keine Gründe
mehr, ihre Abreise noch länger zu verzögern: Sie und Harry nahmen sich
bei der Hand, disapparierten und tauchten auf einem windzerzausten, mit
Heidekraut bewachsenen Hang wieder auf.
Sobald sie angekommen waren, ließ Hermine Harrys Hand los und ging
von ihm weg zu einem großen Felsen, wo sie sich, das Gesicht auf den
Knien, hinsetzte und sich heftig schüttelte – vor lauter Schluchzen, wie
Harry wusste. Er beobachtete sie und meinte hingehen und sie trösten zu
müssen, doch aus irgendeinem Grund blieb er wie angewurzelt stehen.
Alles in ihm fühlte sich kalt und verkrampft an: Er sah wieder Rons
verächtlichen Gesichtsausdruck. Harry schritt in einem großen Kreis durch
das Heidekraut um die aufgelöste Hermine herum und richtete die Zauber
ein, die sie sonst immer zu ihrem Schutz ausführte.
In den nächsten Tagen sprachen sie kein einziges Wort über Ron. Harry
war fest entschlossen, seinen Namen nie wieder zu erwähnen, und Hermine
schien zu wissen, dass es keinen Zweck hatte, ihm das Thema
aufzudrängen, obwohl er sie manchmal nachts, wenn sie dachte, er würde
schlafen, weinen hörte. Unterdessen nahm Harry immer wieder die Karte
des Rumtreibers hervor und betrachtete sie im Licht des Zauberstabs. Er
wartete darauf, dass der Punkt mit Rons Namen wieder in den Gängen von
Hogwarts auftauchen würde, zum Beweis dafür, dass er, geschützt durch
seinen Status als Reinblüter, in das behagliche Schloss zurückgekehrt war.
Doch Ron tauchte nicht auf der Karte auf, und nach einer Weile ertappte
sich Harry dabei, wie er sie nur noch hervorholte, um auf Ginnys Namen
im Mädchenschlafsaal zu starren, so intensiv, dass er sich fragte, ob es sie
in ihrem Schlaf stören würde und ob sie wohl merkte, dass er an sie dachte
und ihr alles Gute wünschte.
Bei Tag überlegten sie, wo Gryffindors Schwert stecken könnte, doch je
länger sie über die Orte redeten, an denen Dumbledore es verborgen haben
könnte, desto verzweifelter und wahnwitziger gerieten sie ins Spekulieren.
Und wenn Harry sich auch noch so sehr den Kopf zerbrach, er konnte sich
nicht erinnern, dass Dumbledore jemals einen Ort erwähnt hätte, wo er
vielleicht etwas verstecken würde. Zeitweise wusste er nicht, auf wen er
wütender war, auf Ron oder auf Dumbledore. Wir dachten, du wüsstest,
was du tust... wir dachten, Dumbledore hätte dir gesagt, was du tun sollst
... wir dachten, du hättest einen echten Plan!
Er konnte es vor sich selbst nicht verbergen: Ron hatte Recht gehabt.
Dumbledore hatte ihm so gut wie nichts hinterlassen. Sie hatten einen
Horkrux entdeckt, aber sie hatten nicht die Mittel, ihn zu zerstören: Die
anderen waren genauso unerreichbar, wie sie es schon immer gewesen
waren. Hoffnungslosigkeit drohte ihn zu überwältigen. Ihm wurde jetzt
schwindlig, wenn er daran dachte, wie vermessen es von ihm gewesen war,
das Angebot seiner Freunde anzunehmen, ihn auf dieser mäandernden,
sinnlosen Reise zu begleiten. Er wusste nichts, er hatte keine Ideen, und er
wartete ständig gequält auf erste Anzeichen dafür, dass ihm auch Hermine
bald sagen würde, dass sie genug hätte, dass sie gehen würde.
Viele Abende verbrachten sie fast wortlos, und Hermine gewöhnte es
sich an, das Porträt von Phineas Nigellus hervorzuholen und es auf einen
Stuhl zu stellen, als ob er einen Teil des klaffenden Loches füllen könnte,
das durch Rons Weggang entstanden war. Obwohl Phineas Nigellus zuvor
erklärt hatte, er würde sie nie wieder besuchen kommen, schien er sich die
Gelegenheit nicht entgehen lassen zu wollen, mehr über Harrys Pläne
herauszufinden, und willigte alle paar Tage ein, mit verbundenen Augen zu
erscheinen. Harry war sogar froh, ihn zu sehen, denn dann hatten sie
Gesellschaft, wenn auch hämische und stichelnde. Begeistert nahmen sie
jede Nachricht über Hogwarts auf, obwohl Phineas Nigellus nicht der beste
Informant war. Er vergötterte Snape, den ersten Direktor aus Slytherin, seit
er selbst die Schule geleitet hatte, und sie mussten sich hüten, Snape zu
kritisieren oder unverschämte Fragen über ihn zu stellen, denn dann
verschwand Phineas Nigellus sofort aus seinem Gemälde.
Allerdings ließ er den einen oder anderen Brocken fallen. Snape schien
einem fortwährenden Kleinkrieg ausgesetzt zu sein, den ein harter Kern der
Schüler führte. Ginny war es verboten worden, nach Hogsmeade zu gehen.
Snape hatte Umbridges alte Anordnung wieder in Kraft gesetzt, wonach
Zusammenkünfte von drei oder mehr Schülern untersagt waren, wie auch
jede inoffizielle Schülerorganisation.
Aus alldem schloss Harry, dass Ginny und mit ihr wohl auch Neville
und Luna sich alle Mühe gegeben hatten, Dumbledores Armee am Leben
zu erhalten. Angesichts dieser spärlichen Neuigkeiten verspürte Harry so
heftig das Bedürfnis, Ginny zu sehen, dass es sich anfühlte wie
Magenkrämpfe; doch dann musste er auch wieder an Ron denken, und an
Dumbledore, und an Hogwarts selbst, das er fast so sehr vermisste wie
seine Exfreundin. Als Phineas Nigellus von Snapes energischem
Durchgreifen erzählte, stellte sich Harry in einem kurzen wahnhaften
Moment tatsächlich vor, er würde einfach zur Schule zurückgehen und
mithelfen, Snapes Regime zu untergraben: Mit Essen versorgt zu werden
und in einem weichen Bett zu schlafen und andere Leute zu haben, die sich
um alles kümmerten, erschien ihm in einem solchen Moment wie die
herrlichste Sache der Welt. Doch dann fiel ihm ein, dass er der
Unerwünschte Nummer eins war, dass ein Kopfgeld von zehntausend
Galleonen auf ihn ausgesetzt war und dass es inzwischen genauso
gefährlich war, in Hogwarts aufzutauchen wie im Zaubereiministerium.
Phineas Nigellus machte das sogar noch unabsichtlich deutlich, indem er
Fangfragen über Harrys und Hermines Aufenthaltsort einfließen ließ.
Hermine schob ihn dann jedes Mal in die Perlentasche zurück, und immer
wenn sie ihn so unsanft verabschiedet hatten, weigerte er sich ein paar Tage
lang, wiederaufzutauchen.
Es wurde kälter und kälter. Sie wagten es nicht, sich zu lange in einer
Gegend aufzuhalten, und blieben daher auch nicht im Süden Englands, wo
sie höchstens einen strengen Bodenfrost zu befürchten hatten, sondern
vagabundierten weiter kreuz und quer durch das Land, harrten auf einem
Berghang aus, wo Schneeregen auf ihr Zelt trommelte, trotzten einer
weitläufigen flachen Marsch, wo ihr Zelt mit eisigem Wasser überflutet
wurde, und lagerten auf einer kleinen Insel inmitten eines schottischen
Hochlandsees, wo das Zelt über Nacht halb von Schnee begraben wurde.
Sie hatten schon gelegentlich Weihnachtsbäume in
Wohnzimmerfenstern funkeln sehen, als sich Harry eines Abends dazu
entschloss, noch einmal die offenbar letzte unerkundete Möglichkeit
vorzuschlagen, die ihnen blieb. Sie hatten gerade ein ungewöhnlich gutes
Mahl beendet: Hermine war unter dem Tarnumhang in einem Supermarkt
gewesen (wobei sie beim Hinausgehen das Geld gewissenhaft in eine
offene Kasse gelegt hatte), und Harry dachte, dass sie mit dem Bauch voller
Spaghetti bolognese und Dosenbirnen zugänglicher sein würde als üblich.
Zudem hatte er in weiser Voraussicht vorgeschlagen, dass sie sich ein paar
Stunden lang vom Horkruxtragen erholten, der jetzt neben ihm über dem
Fußende des Bettes hing.
»Hermine?«
»Hm?« Sie hatte es sich mit den Märchen von Beedle dem Barden in
einem der ausgebeulten Sessel gemütlich gemacht. Es war ihm ein Rätsel,
wie viel sie noch aus diesem Buch herausholen wollte, das schließlich nicht
sehr umfangreich war; doch offensichtlich war sie nach wie vor dabei,
etwas darin zu entziffern, denn Zaubermanns Silbentabelle lag
aufgeschlagen auf der Armlehne ihres Sessels.
Harry räusperte sich. Er fühlte sich genauso wie damals vor einigen
Jahren, als er Professor McGonagall gefragt hatte, ob er nach Hogsmeade
gehen dürfe, obwohl er die Dursleys nicht hatte überreden können, die
Einverständniserklärung für ihn zu unterschreiben.
»Hermine, ich hab nachgedacht, und -«
»Harry, könntest du mir mal kurz helfen?«
Offenbar hatte sie ihm nicht zugehört. Sie beugte sich vor und hielt ihm
die Märchen von Beedle dem Barden hin.
»Schau dir dieses Symbol an«, sagte sie und deutete oben auf eine Seite.
Über dem, was Harry als den Titel der Geschichte ansah (da er keine Runen
lesen konnte, war er nicht sicher), war etwas wie ein dreieckiges Auge
abgebildet, durch dessen Pupille sich eine senkrechte Linie zog.
»Ich hab nie Alte Runen gehabt, Hermine.«
»Das weiß ich, aber es ist keine Rune, und es ist auch nicht in der
Silbentabelle. Ich hab die ganze Zeit gedacht, es ist ein Bild von einem
Auge, aber ich glaube nicht, dass es das ist! Es wurde mit Tinte
reingezeichnet, schau mal, jemand hat es hier draufgemalt, es gehört
eigentlich gar nicht zum Buch. Denk nach, hast du das schon mal
gesehen?«
»Nein ... nein, Moment mal.« Harry schaute genauer hin. »Ist das nicht
das gleiche Symbol, das auch Lunas Dad um den Hals hängen hatte?«
»Nun, das hab ich auch gedacht!«
»Dann ist es Grindelwalds Zeichen.«
Sie starrte ihn mit offenem Mund an.
»Was?«
»Krum hat es mir gesagt ...«
Er erzählte ihr, was er bei der Hochzeit von Viktor Krum erfahren hatte.
Hermine sah erstaunt aus.
»Grindelwalds Zeichen? «
Sie blickte von Harry zu dem seltsamen Symbol und wieder zurück.
»Ich habe nie gehört, dass Grindelwald ein Zeichen hatte. In all dem, was
ich über ihn gelesen habe, ist es nirgends erwähnt.«
»Also, wie gesagt, Krum meinte, dass dieses Symbol in Durmstrang in
eine Wand gemeißelt war und dass Grindelwald das getan hat.«
Sie ließ sich stirnrunzelnd in den alten Sessel zurückplumpsen.
»Das ist sehr merkwürdig. Wenn es ein schwarzmagisches Symbol ist,
was hat es dann in einem Buch mit Kindergeschichten zu suchen?«
»Jaah, seltsam«, sagte Harry. »Und Scrimgeour hätte es eigentlich
erkennen müssen. Er war Minister, er hätte doch Erfahrung mit
schwarzmagischen Dingen haben müssen.«
»Ich weiß ... vielleicht hielt er es für ein Auge, genau wie ich. Bei allen
anderen Geschichten sind richtige kleine Bilder über dem Titel.«
Sie sagte nichts, sondern brütete weiter über dem eigenartigen Zeichen.
Harry versuchte es noch einmal.
»Hermine?«
»Hm?«
»Ich hab nachgedacht. Ich – ich will nach Godric's Hollow.«
Sie sah zu ihm auf, aber ihre Augen blickten ins Leere, und er war
sicher, dass sie immer noch über das geheimnisvolle Zeichen in dem Buch
nachdachte.
»Ja«, sagte sie. »Ja, das habe ich auch überlegt. Ich glaub wirklich, dass
wir das tun müssen.«
»Hast du mir richtig zugehört?«, fragte er.
»Natürlich. Du willst nach Godric's Hollow. Ich bin einverstanden, ich
glaube, wir sollten dorthin. Ich meine, mir fällt auch kein anderer Ort mehr
ein, wo es sein könnte. Es wird gefährlich sein, aber je mehr ich darüber
nachdenke, desto wahrscheinlicher kommt es mir vor, dass es dort ist.«
»Ähm – dass was dort ist?«, fragte Harry.
Darauf sah sie ebenso verwirrt drein, wie er sich fühlte.
»Na, das Schwert, Harry! Dumbledore muss gewusst haben, dass du
dorthin zurück willst, und immerhin ist Godric's Hollow der Geburtsort von
Godric Gryffindor -«
»Wirklich? Gryffindor stammte aus Godric's Hollow?«
»Harry, hast du je die Geschichte der Zauberei aufgeschlagen?«
»Ähm«, sagte er und lächelte, wie ihm vorkam, zum ersten Mal seit
Monaten: Seine Gesichtsmuskeln fühlten sich merkwürdig verspannt an.
»Ich hab vielleicht mal reingeguckt, weißt du, als ich es gekauft hab ... nur
das eine Mal ...«
»Nun, da das Dorf nach ihm benannt ist, hätte ich gedacht, dass du
vielleicht den Zusammenhang durchschaust«, sagte Hermine. Sie klang viel
eher nach ihrem alten Selbst, als das in letzter Zeit der Fall gewesen war;
Harry wartete schon fast darauf, dass sie gleich verkünden würde, sie
müsste mal eben in die Bibliothek. »In Geschichte der Zauberei steht ein
Abschnitt über das Dorf, wart mal ...«
Sie öffnete die mit Perlen verzierte Tasche, wühlte eine Weile darin
herum und zog schließlich ein Exemplar ihres alten Schulbuchs Geschichte
der Zauberei von Bathilda Bagshot hervor, das sie durchblätterte, bis sie
die Seite fand, die sie suchte.
»Nach der Unterzeichnung des Internationalen
Geheimhaltungsabkommens im Jahre 1689 gingen die Zauberer für immer
in den Untergrund. Es war vielleicht nur natürlich, dass sie ihre eigenen
kleinen Gemeinden innerhalb von Gemeinden bildeten. Viele kleine Dörfer
und Weiler zogen gleich mehrere magische Familien an, die sich zum
wechselseitigen Beistand und Schutz zusammenschlossen. Die Dörfer
Tinworth in Cornwall, Upper Flagley in Yorkshire und Ottery St.
Catchpole an der Südküste Englands waren bevorzugte Heimatorte für
ganze Ansammlungen von Zaubererfamilien, die Seite an Seite mit
duldsamen und manchmal dem Verwechslungszauber unterworfenen
Muggeln lebten. Der berühmteste dieser halbmagischen Wohnorte ist wohl
Godric's Hollow, das Dorf in Südwestengland, wo der große Zauberer
Godric Gryffindor geboren wurde und wo Bowman Wright, der
Zauberschmied, den ersten Goldenen Schnalz anfertigte. Der Friedhof ist
voll von Namen alter magischer Familien, und dies erklärt zweifellos die
Spukgeschichten, die sich seit vielen Jahrhunderten um die kleine Kirche
ranken.
Du und deine Eltern kommt nicht vor«, sagte Hermine, indem sie das
Buch zuklappte, »weil Professor Bagshot alles, was nach dem neunzehnten
Jahrhundert passiert ist, nicht mehr behandelt. Aber verstehst du? Godric's
Hollow, Godric Gryffindor, Gryffindors Schwert; glaubst du nicht,
Dumbledore hätte von dir erwartet, dass du die Verbindung siehst?«
»Ojaah ...«
Harry wollte nicht zugeben, dass er gar nicht an das Schwert gedacht
hatte, als er vorschlug, sie sollten nach Godric's Hollow gehen. Für ihn lag
die Anziehungskraft dieses Dorfes in den Gräbern seiner Eltern, dem Haus,
in dem er knapp dem Tod entronnen war, und Bathilda Bagshot selbst.
»Erinnerst du dich noch daran, was Muriel gesagt hat?«, fragte er
schließlich.
»Wer?«
»Du weißt -«, er zögerte; er wollte Rons Namen nicht aussprechen.
»Ginnys Großtante. Bei der Hochzeit. Die, die behauptet hat, dass du
magere Fesseln hättest.«
»Oh«, sagte Hermine.
Es war ein heikler Moment: Harry wusste, dass sie gespürt hatte, wie
Rons Name in der Luft lag. Er sagte schnell: »Sie meinte, Bathilda Bagshot
würde immer noch in Godric's Hollow leben.«
»Bathilda Bagshot«, murmelte Hermine und fuhr mit ihrem Zeigefinger
über Bathildas Namen, der auf den Umschlag von Geschichte der Zauberei
geprägt war. »Also, ich vermute -«
Sie holte so dramatisch Luft, dass Harrys Magen rotierte; er zog seinen
Zauberstab und drehte sich zum Eingang um, halb darauf gefasst, eine
Hand zu sehen, die sich durch die Zeltklappe zwängte, aber da war nichts.
»Was ist los?«, sagte er, zornig und erleichtert zugleich. »Was sollte das
denn? Ich dachte, du hättest einen Todesser gesehen, der gerade den
Reißverschluss vom Zelt aufmacht, mindestens -«
»Harry, und wenn Bathilda das Schwert hätte? Was, wenn Dumbledore
es ihr anvertraut hätte?«
Harry dachte darüber nach. Bathilda war inzwischen vermutlich eine
steinalte Dame und Muriel zufolge war sie »plemplem«. War es
wahrscheinlich, dass Dumbledore das Schwert von Gryffindor bei ihr
versteckt hatte? Wenn ja, dann hatte Dumbledore nach Harrys Empfinden
eine Menge dem Zufall überlassen: Dumbledore hatte nie verraten, dass er
das Schwert durch eine Fälschung ersetzt hatte, noch hatte er eine
Freundschaft mit Bathilda auch nur erwähnt. Dies war jedoch nicht der
Moment, Hermines Theorie in Zweifel zu ziehen, wo sie doch so
überraschend bereit war, sich Harrys sehnlichstem Wunsch anzuschließen.
»Jaah, das könnte er getan haben! Also, gehen wir nach Godric’s
Hollow?«
»Ja, aber wir müssen alles sorgfältig durchdenken, Harry.« Sie setzte
sich auf, und Harry spürte, dass der Umstand, dass sie wieder einen Plan
hatten, ihre Laune genauso verbessert hatte wie seine. »Wir müssen erst
mal üben, zusammen unter dem Tarnumhang zu disapparieren, und
vielleicht wären Desillusionierungszauber auch sinnvoll, außer du meinst,
wir sollten gleich Nägel mit Köpfen machen und Vielsaft-Trank
verwenden? Dann müssten wir uns Haare von jemandem besorgen. Ich
glaub wirklich, das sollten wir tun, Harry, je stärker unsere Masken sind,
desto besser ...«
Harry ließ sie reden, nickte und pflichtete ihr bei, wann immer sie eine
Pause machte, doch seine Gedanken waren von dem Gespräch
abgeschweift. Zum ersten Mal seit er erfahren hatte, dass das Schwert bei
Gringotts eine Fälschung war, verspürte er Aufregung.
Er würde bald nach Hause gehen, zurück an den Ort, wo er eine Familie
gehabt hatte. Wenn Voldemort nicht gewesen wäre, wäre er in Godric's
Hollow aufgewachsen und hätte dort all seine Schulferien verbracht. Er
hätte Freunde zu sich nach Hause einladen können ... er hätte vielleicht
sogar Brüder und Schwestern gehabt ... es wäre seine Mutter gewesen, die
den Kuchen für seinen siebzehnten Geburtstag gebacken hätte. Das Leben,
das er verloren hatte, war ihm kaum jemals so wirklich erschienen wie in
diesem Moment, da er wusste, dass er den Ort bald sehen würde, wo es ihm
genommen worden war. Nachdem Hermine an diesem Abend zu Bett
gegangen war, zog Harry leise seinen Rucksack aus ihrer Perlentasche und
nahm das Fotoalbum heraus, das Hagrid ihm vor so langer Zeit geschenkt
hatte. Zum ersten Mal seit Monaten sah er die alten Bilder seiner Eltern
durch, die aus diesen Fotos zu ihm hochlächelten und winkten, die nun
alles waren, was er von ihnen noch besaß.
Am nächsten Tag wäre Harry am liebsten nach Godric's Hollow
aufgebrochen, aber Hermine hatte andere Pläne. Sie war überzeugt,
Voldemort würde damit rechnen, dass Harry dorthin zurückkehrte, wo
seine Eltern gestorben waren, und wollte daher unbedingt erst dann
aufbrechen, wenn sie sich so gut wie möglich getarnt hatten. Es dauerte
deswegen eine ganze Woche – in der sie sich heimlich Haare von arglosen
Muggeln beschafften, die gerade ihre Weihnachtseinkäufe erledigten, und
zu zweit unter dem Tarnumhang Apparieren und Disapparieren übten –, bis
Hermine sich bereit erklärte, die Reise anzutreten.
Sie mussten im Schutz der Dunkelheit in das Dorf apparieren, also war
es später Nachmittag, als sie endlich den Vielsaft-Trank schluckten und
Harry sich in einen Muggel mittleren Alters mit schütterem Haar
verwandelte, Hermine in seine kleine und ziemlich mausgraue Gattin. Die
Perlentasche, die all ihre Habseligkeiten enthielt (außer dem Horkrux, den
Harry um den Hals trug), steckte in einer Innentasche von Hermines
zugeknöpftem Mantel. Harry legte den Tarnumhang über sie, dann drehten
sie sich abermals in die drückende Dunkelheit hinein.
Harry schlug das Herz bis zum Hals, als er die Augen wieder aufschlug.
Sie standen Hand in Hand auf einem verschneiten Sträßchen unter einem
dunkelblauen Himmel, an dem schon die ersten nächtlichen Sterne schwach
funkelten. Auf beiden Seiten der schmalen Straße standen kleine Häuser, in
deren Fenstern Weihnachtsschmuck glitzerte. Nicht weit vor ihnen deutete
der goldene Schein von Straßenlaternen die Ortsmitte an.
»So viel Schnee!«, flüsterte Hermine unter dem Tarnumhang. »Warum
haben wir nicht an Schnee gedacht? All unsere Vorkehrungen, und nun
werden wir Fußspuren hinterlassen! Die müssen wir unbedingt loswerden –
du gehst vor, ich mach das -«
Harry wollte nicht wie ein Pferd im Märchenspiel in das Dorf kommen,
denn so sahen sie aus, wenn sie sich verborgen halten wollten und magisch
ihre Spuren verwischten.
»Lass uns den Tarnumhang ablegen«, sagte Harry, und als sie
beklommen dreinblickte, setzte er hinzu: »Ach, komm schon, wir sehen
nicht aus wie wir, und hier ist keiner.«
Er stopfte den Umhang unter seine Jacke, und nun kamen sie
ungehindert voran, an weiteren Häusern vorbei, während die eisige Luft
ihnen ins Gesicht stach: Jedes dieser Häuser hätte das sein können, in dem
James und Lily einst gelebt hatten oder in dem Bathilda jetzt lebte. Harry
starrte auf die Haustüren, die schneebeladenen Dächer und die Windfänge
und überlegte, ob ihm irgendetwas bekannt vorkam, doch tief in seinem
Inneren wusste er, dass es unmöglich war, dass er doch kaum älter als ein
Jahr gewesen war, als er diesen Ort für immer verlassen hatte. Er war nicht
einmal sicher, ob er das Haus überhaupt würde sehen können; er wusste
nicht, was passierte, wenn jemand starb, der unter dem Schutz eines
Fidelius-Zaubers gelebt hatte. Dann bog die kleine Straße, auf der sie
gingen, nach links, und der Dorfkern, ein kleiner Platz, lag vor ihnen.
Rings um den Platz hingen bunte Lichterketten und in der Mitte stand
etwas wie ein Kriegerdenkmal halb verborgen hinter einem windzerzausten
Weihnachtsbaum. Es gab ein paar Läden, ein Postamt, einen Pub und eine
kleine Kirche, deren Buntglasfenster wie glänzende Edelsteine über den
Platz leuchteten.
Hier war der Schnee zusammengepresst, und er war hart und rutschig
geworden, wo den ganzen Tag lang Menschen darübergelaufen waren.
Leute aus dem Dorf kreuzten ihren Weg, für einen Moment angestrahlt von
Straßenlaternen. Die Tür des Pubs ging kurz auf, und ein wenig Gelächter
und Popmusik drang an ihre Ohren; dann hörten sie, wie in der kleinen
Kirche ein Weihnachtslied angestimmt wurde.
»Harry, ich glaub, es ist Heiligabend!«, sagte Hermine.
»Tatsächlich?«
Er wusste nicht mehr, welches Datum sie hatten; sie hatten seit Wochen
keine Zeitung gesehen.
» Ganz bestimmt«, sagte Hermine, den Blick zur Kirche gewandt. »Sie
... sie sind wohl dort, oder? Deine Mum und dein Dad? Ich kann den
Friedhof dahinter sehen.«
Harry spürte, wie etwas in ihm bebte, das mehr als Aufregung war, eher
Furcht. Nun, da er so nahe war, fragte er sich, ob er es wirklich sehen
wollte. Vielleicht wusste Hermine, wie er sich fühlte, denn sie nahm ihn bei
der Hand und ging zum ersten Mal voraus und zog ihn weiter. In der Mitte
des Platzes jedoch blieb sie wie angewurzelt stehen.
»Harry, sieh mal!«
Sie deutete auf das Kriegerdenkmal. Als sie daran vorbeigegangen
waren, hatte es sich verwandelt. Statt eines Obelisken voller Namen war da
jetzt ein Standbild von drei Menschen: ein Mann mit zerzausten Haaren
und Brille, eine Frau mit langen Haaren und einem freundlichen, hübschen
Gesicht, und ein kleiner Junge, der in den Armen seiner Mutter saß. Auf
ihren Köpfen hatten sie weiche weiße Mützen aus Schnee.
Harry trat näher und blickte hoch in die Gesichter seiner Eltern. Er hätte
nie gedacht, dass da ein Standbild sein würde ... wie merkwürdig es war,
sich selbst in Stein abgebildet zu sehen, ein glückliches Baby ohne Narbe
auf der Stirn ...
»Komm«, sagte Harry, nachdem er genug geschaut hatte, und sie
wandten sich wieder der Kirche zu. Als sie die Straße überquerten, warf er
einen Blick über die Schulter; das Standbild hatte sich wieder in das
Kriegerdenkmal verwandelt.
Der Gesang wurde lauter, als sie sich der Kirche näherten. Es schnürte
Harry die Kehle zu, so heftig fühlte er sich an Hogwarts erinnert, an
Peeves, wie er unanständige Versionen von Weihnachtsliedern aus
Rüstungen herausgrölte, an die zwölf Weihnachtsbäume in der Großen
Halle, an Dumbledore mit seinem Hut, der aus einem Knallbonbon
herausgekommen war, an Ron mit einem handgestrickten Pulli ...
Am Eingang zum Friedhof war ein kleines Schwingtor. Hermine
drückte es so leise wie möglich auf und sie schoben sich hindurch.
Beidseits des rutschigen Weges zur Kirchentür lag hoher, unberührter
Schnee. Sie gingen weiter, und als sie in den Schatten unter den
leuchtenden Fenstern geduckt um das Gebäude herumschlichen,
hinterließen sie tiefe Gräben.
Hinter der Kirche ragte Reihe um Reihe schneebedeckter Grabsteine aus
einer blassblauen Decke, die mit roten, goldenen und grünen Sprenkeln
übersät war, wo auch immer Reflexe der Buntglasfenster auf den Schnee
trafen. Harry hielt den Zauberstab in seiner Jackentasche fest umklammert
und ging auf das nächste Grab zu.
»Schau dir das an, es ist ein Abbott, könnte ein seit langem
verschollener Verwandter von Hannah sein!«
»Sprich leise«, bat ihn Hermine.
Sie wateten immer tiefer in den Friedhof hinein, zogen dunkle Spuren
im Schnee, bückten sich das ein oder andere Mal, um die Inschriften alter
Grabsteine zu lesen, und spähten ab und zu in die Dunkelheit ringsumher,
um sich zu vergewissern, dass sie allein waren.
»Harry, hier!«
Hermine war zwei Grabreihen entfernt; er musste zu ihr zurückwaten,
das Herz hämmerte ihm geradezu in der Brust.
»Ist es -?«
»Nein, aber sieh mal!«
Sie deutete auf den dunklen Stein. Harry beugte sich hinunter und sah
auf dem vereisten, von Flechten überzogenen Granit die Worte Kendra
Dumbledore sowie, gleich unter ihrem Geburts- und Todesdatum, und ihre
Tochter Ariana. Auch ein Zitat stand darauf:
Wo dein Schatz ist, da wird dein Herz auch sein.
Also hatten Rita Kimmkorn und Muriel mit einigen ihrer Behauptungen
Recht gehabt. Die Familie Dumbledore hatte wirklich hier gelebt und ein
Teil von ihr war hier gestorben.
Das Grab zu sehen war schlimmer, als davon zu hören. Harry drängte
sich der Gedanke auf, dass seine und Dumbledores Wurzeln tief in diesem
Friedhof lagen und dass Dumbledore es ihm hätte sagen müssen; doch er
hatte nie daran gedacht, mit ihm darüber zu reden. Sie hätten diesen Ort
gemeinsam besuchen können; Harry stellte sich kurz vor, wie er mit
Dumbledore hierhergekommen wäre und wie sehr sie das verbunden hätte,
wie viel es ihm bedeutet hätte. Doch für Dumbledore war die Tatsache,
dass ihre Familien Seite an Seite auf demselben Friedhof lagen, offenbar
ein belangloser Zufall gewesen, vielleicht unerheblich für die Mission, die
er Harry aufgetragen hatte.
Hermine sah Harry an, und er war froh, dass sein Gesicht im Schatten
verborgen lag. Er las noch einmal die Worte auf dem Grabstein. Wo dein
Schatz ist, da wird dein Herz auch sein. Er begriff nicht, was diese Worte
bedeuteten. Bestimmt hatte Dumbledore sie ausgewählt, als
Familienältester, nachdem seine Mutter gestorben war.
»Bist du sicher, dass er nie erwähnt hat -?«, begann Hermine.
»Ja«, sagte Harry knapp, und dann: »Suchen wir weiter«, und er wandte
sich von ihr ab und wünschte, er hätte den Stein nie gesehen: Er wollte sich
seine gespannte Erwartung nicht durch Unmut verderben lassen.
»Hier!«, rief Hermine wenige Augenblicke später erneut aus der
Dunkelheit. »Oh, nein, tut mir leid! Ich dachte, da steht Potter.«
Sie rieb einen bröckligen, bemoosten Stein ab und starrte mit leicht
gerunzelter Stirn auf ihn hinunter.
»Harry, komm mal kurz zurück.«
Er wollte nicht wieder abgelenkt werden und ging nur widerwillig durch
den Schnee zu ihr zurück.
»Was gibt's?«
»Schau dir das an!«
Das Grab war äußerst alt und so verwittert, dass Harry kaum den Namen
entziffern konnte. Hermine zeigte ihm das Symbol darunter.
»Harry, das ist das Zeichen aus dem Buch!«
Er schaute angestrengt auf die Stelle, auf die sie deutete: Der Stein war
so ausgewaschen, dass man kaum erkennen konnte, was da eingemeißelt
war, doch schien sich unter dem fast unleserlichen Namen tatsächlich ein
dreieckiges Zeichen zu befinden.
»Jaah ... könnte sein ...«
Hermine entzündete ihren Zauberstab und richtete ihn auf den Namen
auf dem Grabstein.
»Da steht Ig-Ignotus, glaube ich ...«
»Ich such wieder nach meinen Eltern, in Ordnung?«, sagte Harry zu ihr,
wobei seine Stimme leicht gereizt klang, und er ging weiter und ließ sie
neben dem alten Grab kauernd zurück.
Hin und wieder sah er einen Nachnamen wie Abbott, den er von
Hogwarts her kannte. Von manchen Zaubererfamilien lagen mehrere
Generationen auf dem Friedhof: Harry konnte aus den Daten schließen,
dass sie entweder ausgestorben waren oder dass die jüngeren Angehörigen
aus Godric's Hollow weggezogen waren. Er ging immer tiefer zwischen die
Gräber, und jedes Mal, wenn er zu einem neuen Grabstein gelangte, spürte
er zugleich Beklemmung und Vorfreude in sich aufkommen.
Die Dunkelheit und die Stille schienen auf einmal viel größer zu
werden. Harry sah sich besorgt um, er dachte an Dementoren, doch dann
bemerkte er, dass keine Weihnachtslieder mehr zu hören waren und sich
das Stimmengewirr und die Schritte der Kirchgänger, die zum Dorfplatz
zurückgingen, in der Ferne verloren. Im Innern der Kirche hatte jemand
gerade das Licht ausgemacht.
Dann drang Hermines Stimme zum dritten Mal aus der Schwärze, scharf
und klar, aus wenigen Metern Entfernung.
»Harry, sie sind hier ... hier ist es.«
Und er erkannte an ihrem Ton, dass es diesmal seine Mutter und sein
Vater waren: Er ging zu ihr hin mit dem Gefühl, als würde ihm etwas
Schweres auf der Brust lasten, mit demselben Gefühl wie damals, kurz
nachdem Dumbledore gestorben war, einer Trauer, die buchstäblich auf
sein Herz und seine Lunge drückte.
Der Grabstein stand nur zwei Reihen hinter dem von Kendra und
Ariana. Er war aus weißem Marmor, genau wie Dumbledores Grabmal,
und so war er leicht zu lesen, denn er schien in der Dunkelheit zu leuchten.
Harry musste sich nicht hinknien und nicht einmal ganz nahe herantreten,
um die Worte zu erkennen, die darin eingemeißelt waren:
James Potter
geboren am 21. März 1960, gestorben am 31. Oktober 1981
Lily Potter
geboren am 30. Januar 1960, gestorben am 31. Oktober 1981
Der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod.
Harry las die Inschrift langsam, als ob er nur eine einzige Gelegenheit
hätte, ihren Sinn zu begreifen, und er las die letzten Worte laut.
»Der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod ...« Ein
schrecklicher Gedanke kam ihm, in einem Anflug von Panik. »Ist das nicht
eine Vorstellung von den Todessern? Was hat das hier zu suchen?«
»Es bedeutet nicht, dass der Tod so besiegt wird, wie die Todesser es
meinen, Harry«, sagte Hermine mit sanfter Stimme. »Es bedeutet... du
weißt schon ... über den Tod hinaus leben. Leben nach dem Tod.«
Aber sie leben nicht, dachte Harry: Sie sind nicht mehr. Die leeren
Worte konnten die Tatsache nicht verhüllen, dass die vermoderten
Überreste seiner Eltern unter Schnee und Stein lagen, gleichgültig,
unwissend. Und Tränen kamen ihm, ehe er sie zurückhalten konnte,
kochend heiß und im nächsten Moment schon eisig auf seinem Gesicht,
und wozu sollte er sie abwischen oder sie verbergen? Er ließ sie
heruntertropfen, mit fest zusammengepressten Lippen, und sah hinab auf
den dichten Schnee, der den Ort vor seinen Augen verbarg, wo die letzten
Überreste von Lily und James lagen, die jetzt gewiss nur noch Knochen
waren oder Staub, unwissend und gleichgültig ihrem lebenden Sohn
gegenüber, der nun so nahe bei ihnen war und dessen Herz noch schlug, der
lebendig war, weil sie sich geopfert hatten, und der in diesem Moment fast
den Wunsch verspürte, unter dem Schnee bei ihnen zu schlafen.
Hermine hatte wieder seine Hand genommen und hielt sie fest. Er
konnte sie nicht ansehen, erwiderte aber ihren Händedruck und atmete die
Nachtluft jetzt in tiefen, heftigen Zügen ein, versuchte sich zu beruhigen,
versuchte seine Beherrschung zurückzugewinnen. Er hätte etwas für sie
mitbringen sollen, und er hatte nicht daran gedacht, und alle Pflanzen auf
dem Friedhof waren kahl und gefroren. Aber Hermine hob ihren
Zauberstab, zog einen Kreis durch die Luft, und vor ihnen erblühte ein
Kranz aus Christrosen. Harry fing ihn auf und legte ihn auf das Grab seiner
Eltern.
Sobald er sich wieder erhoben hatte, wollte er gehen: Er glaubte nicht,
es einen Moment länger hier aushalten zu können. Er legte seinen Arm um
Hermines Schultern, und sie schlang ihren um seine Hüfte, und so wandten
sie sich schweigend ab und gingen durch den Schnee davon, an
Dumbledores Mutter und Schwester vorbei in Richtung der dunklen Kirche
und des Schwingtors zurück, das noch nicht zu sehen war.
Bathildas Geheimnis
»Wart mal, Harry.«
»Was gibt's?«
Sie waren nicht weiter als bis zum Grab des unbekannten Abbott
gekommen.
»Da ist jemand. Wir werden beobachtet. Ich weiß es. Dort drüben, bei
den Büschen.«
Einander festhaltend, standen sie völlig reglos da und starrten auf die
dicht bewachsene schwarze Friedhofsbegrenzung. Harry konnte nichts
erkennen.
»Bist du sicher?«
»Ich hab gesehen, wie sich was bewegt hat, ich könnte schwören ...«
Sie löste sich von ihm, um die Hand für den Zauberstab frei zu haben.
»Wir sehen aus wie Muggel«, erinnerte Harry sie.
»Muggel, die gerade Blumen auf das Grab deiner Eltern gelegt haben!
Harry, ich bin sicher, da drüben ist jemand!«
Harry fiel ein, was in der Geschichte der Zauberei stand; angeblich
spukte es auf dem Friedhof: Was wäre, wenn -? Doch dann hörte er ein
Rascheln und sah an dem Busch, auf den Hermine gezeigt hatte, ein wenig
Schnee herunterrieseln. Geister konnten keinen Schnee bewegen.
»Das ist eine Katze«, sagte Harry nach einigen Sekunden, »oder ein
Vogel. Wenn es ein Todesser wäre, dann wären wir längst tot. Aber lass
uns von hier verschwinden, und dann ziehen wir auch wieder den
Tarnumhang über.«
Sie warfen dauernd Blicke zurück, während sie zum Ausgang des
Friedhofs gingen. Harry, der keineswegs so unbefangen war, wie er
Hermine gegenüber getan hatte, um sie zu beruhigen, war froh, als sie das
Tor und den rutschigen Bürgersteig erreicht hatten. Sie hüllten sich wieder
in den Tarnumhang. Im Pub war mehr los als zuvor: Vielstimmig erklang
nun das "Weihnachtslied, das sie gehört hatten, als sie auf die Kirche
zugegangen waren. Harry überlegte kurz vorzuschlagen, dass sie Zuflucht
in dem Pub suchen sollten, doch bevor er etwas sagen konnte, murmelte
Hermine: »Lass uns hier langgehen«, und zog ihn eine dunkle Straße
entlang, die auf der anderen Seite wieder aus dem Dorf hinausführte. Harry
konnte erkennen, wo die Häuser aufhörten und der Weg sich im offenen
Gelände verlor. Sie gingen, so schnell sie sich trauten, wieder an Fenstern
vorbei, in denen bunte Lichter funkelten und hinter deren Vorhängen sich
dunkle Umrisse von Weihnachtsbäumen abzeichneten.
»Wie sollen wir Bathildas Haus denn finden?«, fragte Hermine, die ein
wenig zitterte und ständig über ihre Schulter zurückblickte. »Harry? Was
meinst du? Harry?«
Sie zerrte an seinem Ärmel, aber Harry achtete nicht darauf. Er schaute
auf das dunkle Gebilde, das ganz am Ende dieser Häuserzeile stand. Dann
rannte er auch schon los und zog Hermine mit sich; sie rutschte ein wenig
auf dem Eis.
»Harry -«
»Schau mal – schau mal da, Hermine ...«
»Ich weiß nicht ... oh!«
Er konnte es sehen; der Fidelius-Zauber musste mit James und Lily
untergegangen sein. Die Hecke war wild gewuchert in den sechzehn
Jahren, seit Hagrid Harry aus den Trümmern geholt hatte, die in dem
hüfthohen Gras verstreut lagen. Zum größten Teil stand das Haus noch,
wenn auch über und über mit dunklem Efeu und Schnee bedeckt, doch die
rechte Seite der oberen Etage war weggesprengt worden; dort, da war
Harry sicher, war der Fluch fehlgeschlagen. Er und Hermine standen am
Tor und starrten hinauf zu dem zerstörten Haus, das einst vermutlich
genauso ausgesehen hatte wie die anderen Häuser zu beiden Seiten.
»Warum es wohl nie wieder aufgebaut wurde?«, flüsterte Hermine.
»Vielleicht kann man es nicht wieder aufbauen?«, antwortete Harry.
»Vielleicht ist es wie bei den Verletzungen durch schwarze Magie und man
kann den Schaden nicht reparieren?«
Er schob eine Hand unter dem Tarnumhang hervor und griff nach dem
schneebedeckten und stark verrosteten Tor, ohne es öffnen zu wollen, nur
um etwas von dem Haus festzuhalten.
»Du gehst doch nicht da rein? Es sieht gefährlich aus, da könnte – oh,
Harry, sieh mal!«
Das Berühren des Tores schien es ausgelöst zu haben. Ein Schild war
vor ihnen aus dem Boden gestiegen, durch das Gestrüpp von Nesseln und
Unkraut empor, wie eine ungewöhnliche, schnell wachsende Blume, und
auf dem Holz stand in goldenen Buchstaben:
An dieser Stelle verloren in der Nacht des 31. Oktober 1981
Uly und James Potter ihr Leben.
Ihr Sohn Harry ist bis heute der einzige Zauberer,
der jemals den Todesfluch überlebt hat.
Dieses Haus, für Muggel unsichtbar,
wurde in seinem zerstörten Zustand belassen
zum Gedenken an die Potters
und zur Erinnerung an die Gewalt,
die ihre Familie zerriss.
Und rings um diese sauber gesetzten Worte waren von anderen Hexen
und Zauberern Kritzeleien hinzugefügt worden, die gekommen waren, um
den Ort zu sehen, wo der Junge, der überlebt hat, entronnen war. Manche
hatten nur ihre Namen mit Ewiger Tinte hingeschrieben; andere hatten ihre
Initialen in das Holz geschnitzt, wieder andere hatten Botschaften
hinterlassen. Die neuesten stachen deutlich unter den in sechzehn Jahren
angesammelten magischen Graffiti hervor und lauteten alle ähnlich.
»Viel Glück, Harry, wo auch immer du bist.« »Wenn du das hier liest,
Harry: Wir stehen alle hinter dir!« »Lang lebe Harry Potter.«
»Sie hätten nicht auf das Schild schreiben sollen!«, sagte Hermine
entrüstet.
Aber Harry strahlte sie an.
»Das ist toll. Ich bin froh, dass sie es gemacht haben. Ich ...«
Er hielt inne. Eine dick eingemummelte Gestalt kam die Straße entlang
auf sie zugehumpelt, ihr Umriss hob sich vor den hellen Lichtern des
fernen Platzes ab. Harry glaubte die Gestalt einer Frau zu erkennen, auch
wenn es schwer zu beurteilen war. Sie bewegte sich langsam, vielleicht aus
Angst, auf dem schneebedeckten Boden auszurutschen. Ihre gebeugte
Haltung, ihr rundlicher Körper, ihr schlurfender Gang vermittelten den
Eindruck von sehr hohem Alter. Sie beobachteten schweigend, wie sie
näher kam. Harry wartete, ob sie vielleicht in eines der Häuser hineingehen
würde, an denen sie vorüberkam, doch instinktiv wusste er, dass sie es
nicht tun würde. Schließlich blieb sie einige Meter vor ihnen stehen und
verharrte einfach, zu ihnen gewandt, mitten auf der vereisten Straße.
Dass Hermine ihn in den Arm kniff, wäre gar nicht nötig gewesen. Es
war praktisch unmöglich, dass diese Frau ein Muggel war: Sie stand da und
starrte auf ein Haus, das sie gar nicht sehen könnte, wenn sie keine Hexe
wäre. Doch selbst wenn man davon ausging, dass sie eine war, verhielt sie
sich seltsam, wenn sie in einer so kalten Nacht herauskam, nur um ein altes
zerstörtes Haus zu betrachten. Zudem durfte sie nach allen Regeln
gewöhnlicher Magie eigentlich nicht in der Lage sein, Hermine und ihn
überhaupt zu sehen. Dennoch hatte Harry das äußerst merkwürdige Gefühl,
dass sie wusste, dass sie hier waren, und auch, wer sie waren. Gerade als er
zu diesem beunruhigenden Schluss gelangt war, hob sie eine Hand, die in
einem Handschuh steckte, und winkte.
Hermine rückte unter dem Tarnumhang näher zu Harry hin, ihr Arm war
an seinen gedrückt.
»Woher weiß sie das?«
Er schüttelte den Kopf. Die Frau winkte erneut, jetzt energischer. Harry
fielen etliche Gründe ein, dieser Aufforderung nicht nachzukommen, und
doch wurde sein Verdacht, wer sie war, mit jeder Sekunde stärker, die sie
einander in der verlassenen Straße gegenüberstanden.
War es möglich, dass sie all diese langen Monate auf sie gewartet hatte?
Dass Dumbledore ihr aufgetragen hatte zu warten, da Harry am Ende
kommen würde? War es womöglich sie gewesen, die sich in den Schatten
des Friedhofs bewegt hatte und ihnen bis hierher gefolgt war? Sogar ihre
Fähigkeit, sie zu spüren, ließ eine gewisse dumbledoresche Kraft vermuten,
der er nirgendwo sonst begegnet war.
Als Harry schließlich das Wort ergriff, stockte Hermine der Atem, und
sie zuckte zusammen.
»Sind Sie Bathilda?«
Die eingemummelte Gestalt nickte und winkte erneut.
Harry und Hermine sahen sich unter dem Tarnumhang an. Harry zog die
Brauen hoch; Hermine nickte kurz und nervös.
Sie gingen auf die Frau zu, worauf sie sich augenblicklich umdrehte und
die Straße zurückhumpelte, auf der sie gekommen waren. Sie führte sie an
einigen Häusern vorbei und bog schließlich bei einem Tor ab. Sie folgten
ihr auf dem kleinen Weg durch den Vorgarten, der fast so überwuchert war
wie der, bei dem sie eben gewesen waren. An der Haustür fummelte sie
einen Moment fahrig mit einem Schlüssel herum, dann öffnete sie und trat
beiseite, um sie vorbeigehen zu lassen.
Sie roch übel, vielleicht war es auch ihr Haus: Harry rümpfte die Nase,
als sie sich an ihr vorbeizwängten, und zog den Tarnumhang herunter. Nun,
da er neben ihr stand, fiel ihm auf, wie klein sie war; vom Alter gebeugt,
reichte sie ihm kaum bis zur Brust. Sie schloss die Tür hinter ihnen, und
ihre bläulichen und gefleckten Fingerknöchel hoben sich von dem
abblätternden Anstrich ab, dann wandte sie sich um und spähte in Harrys
Gesicht. Ihre Augen waren trüb vom grauen Star und tief versunken in
Falten aus pergamentdünner Haut, und ihr ganzes Gesicht war übersät von
geplatzten Äderchen und Leberflecken. Er fragte sich, ob sie ihn überhaupt
wahrnehmen konnte; und selbst wenn, dann würde sie den Muggel mit dem
schütteren Haar sehen, dessen Identität er gestohlen hatte.
Der Geruch von Alter, von Staub, von ungewaschenen Kleidern und
verdorbenem Essen wurde stärker, als sie ihren mottenzerfressenen
schwarzen Schal abnahm und ihr Kopf mit dem spärlichen weißen Haar
zum Vorschein kam, durch das man die Kopfhaut deutlich sehen konnte.
»Bathilda?«, wiederholte Harry.
Sie nickte erneut. Das Medaillon auf Harrys Haut machte sich nun
bemerkbar; das Ding darin, das manchmal tickte oder schlug, war
aufgewacht; er spürte durch das kalte Gold hindurch, wie es pulsierte.
Wusste es, konnte es fühlen, dass das Etwas, das es zerstören würde, in der
Nähe war?
Bathilda schlurfte an ihnen vorbei, schob Hermine beiseite, als hätte sie
sie nicht gesehen, und verschwand in einer Art Wohnzimmer.
»Harry, ich weiß nicht so recht«, hauchte Hermine.
»Schau mal, wie klein die ist; ich glaube, wir könnten mit ihr fertig
werden, wenn es nötig wäre«, sagte Harry. »Hör zu, ich hätte es dir sagen
sollen, ich wusste, dass sie nicht mehr alle beisammenhat. Muriel hat sie
>plemplem< genannt.«
»Komm!«, rief Bathilda aus dem Zimmer nebenan.
Hermine zuckte zusammen und klammerte sich an Harrys Arm.
»Schon gut«, sagte Harry beruhigend und ging voraus ins Wohnzimmer.
Bathilda wankte im Raum umher und zündete Kerzen an, doch es war
nach wie vor sehr dunkel, und abgesehen davon äußerst schmutzig. Dicker
Staub knirschte unter ihren Füßen, und Harrys Nase nahm in dem
widerwärtigen und modrigen Geruch noch etwas Schlimmeres wahr,
vielleicht schlecht gewordenes Fleisch. Er fragte sich, wann zum letzten
Mal jemand in Bathildas Haus gewesen war, um nachzusehen, ob sie
zurechtkam. Sie schien auch vergessen zu haben, dass sie zaubern konnte,
denn sie zündete die Kerzen unbeholfen von Hand an, und ihr
herunterhängender, mit Spitze besetzter Ärmelsaum war ständig in Gefahr,
Feuer zu fangen.
»Das kann ich übernehmen«, bot Harry an und nahm ihr die
Streichhölzer ab. Sie stand da und sah ihm zu, während er die restlichen
Kerzenstummel entzündete, die auf Untertassen überall im Zimmer
herumstanden, wacklig auf Bücherstapel gestellt und auf Serviertischchen
voll zersprungener und verschimmelter Tassen.
Die letzte Fläche, auf der Harry eine Kerze entdeckte, war eine
gewölbte Kommode, auf der eine Vielzahl von Fotografien stand. Als die
Flamme aufflackerte, waberte ihr Widerschein über die verstaubten
Deckgläser und Silberrahmen. Er sah ein paar schwache Bewegungen auf
den Bildern. Während Bathilda mit Holzscheiten für das Feuer hantierte,
murmelte er: »Tergeo.« Der Staub verschwand von den Fotos, und er sah
sofort, dass in den größten und schmuckvollsten Rahmen ein halbes
Dutzend davon fehlten. Er fragte sich, ob Bathilda oder jemand anders sie
herausgenommen hatte. Dann fiel ihm ein Foto ziemlich weit hinten in der
Sammlung ins Auge und er griff rasch danach.
Es war der Dieb mit dem goldenen Haar und dem fröhlichen Gesicht,
der junge Mann, der auf Gregorowitschs Fensterbank gehockt hatte, der da
gelassen aus dem Silberrahmen zu Harry hochlächelte. Und im selben
Moment fiel Harry ein, wo er den Jungen schon einmal gesehen hatte: in
Leben und Lügen des Albus Dumbledore, Arm in Arm mit dem
Dumbledore im Teenageralter, und dort mussten auch all die fehlenden
Fotos sein: in Ritas Buch.
»Mrs – Miss – Bagshot?«, sagte er und seine Stimme zitterte leicht.
»Wer ist das?«
Bathilda stand mitten im Zimmer und sah zu, wie Hermine das Feuer für
sie entfachte.
»Miss Bagshot?«, wiederholte Harry und ging nun mit dem Bild in der
Hand auf sie zu, während die Flammen im Kamin aufloderten. Bathilda
blickte auf, als sie seine Stimme hörte, und der Horkrux an seiner Brust
pochte schneller.
»Wer ist das?«, fragte Harry und hielt ihr das Bild entgegen.
Sie sah es mit ernster Miene an, dann blickte sie wieder auf zu Harry.
»Wissen Sie, wer das ist?«, wiederholte er mit einer viel langsameren
und lauteren Stimme als gewöhnlich. »Dieser Mann? Kennen Sie ihn? Wie
heißt er?«
Bathilda blickte nur ausdruckslos. Harry war furchtbar enttäuscht. Wie
hatte Rita Kimmkorn es geschafft, Bathildas Erinnerungen wachzurufen?
»Wer ist dieser Mann?«, wiederholte er laut.
»Harry, was machst du denn?«, fragte Hermine.
»Dieses Bild, Hermine, das ist der Dieb, der Dieb, der Gregorowitsch
bestohlen hat! Bitte!«, sagte er zu Bathilda. »Wer ist das?«
Aber sie starrte ihn nur an.
»Warum haben Sie uns gebeten, mitzukommen, Mrs – Miss Bagshot?«,
fragte Hermine mit nun ebenfalls erhobener Stimme. »Gab es etwas, das
Sie uns erzählen wollten?«
Bathilda war nicht anzumerken, ob sie Hermine gehört hatte, sie
schlurfte jetzt einige Schritte auf Harry zu. Sie zuckte kurz mit dem Kopf
und blickte zurück in den Flur.
»Sie wollen, dass wir gehen?«, fragte er.
Sie wiederholte die Bewegungen, diesmal jedoch deutete sie zuerst auf
ihn, dann auf sich, und dann zur Decke.
» Oh, verstehe ... Hermine, ich glaube, sie will, dass ich mit ihr nach
oben gehe.«
»Na schön«, sagte Hermine, »gehen wir.«
Aber als Hermine sich aufmachen wollte, schüttelte Bathilda
überraschend energisch den Kopf und deutete wieder zuerst auf Harry und
dann auf sich.
»Sie will, dass nur ich mitkomme.«
»Warum?«, fragte Hermine, und ihre Stimme tönte scharf und klar
durch den von Kerzen beleuchteten Raum; die alte Dame schüttelte leicht
den Kopf bei dem Lärm.
»Vielleicht hat Dumbledore ihr gesagt, dass sie mir das Schwert geben
soll, mir allein?«
»Meinst du wirklich, sie weiß, wer du bist?«
»Ja«, sagte Harry und blickte hinab in die milchigen Augen, die auf
seine eigenen gerichtet waren, »ich glaube schon.«
»Also gut, aber beeil dich, Harry.«
»Gehen Sie voraus«, sagte Harry zu Bathilda.
Sie schien zu verstehen, denn sie schlurfte um ihn herum auf die Tür zu.
Harry drehte sich mit einem beruhigenden Lächeln zu Hermine um, aber er
war nicht sicher, ob sie es gesehen hatte; sie stand, die Arme um sich
geschlungen, mitten in dem von Kerzen beschienenen Elend und sah zum
Bücherschrank hinüber. Als Harry aus dem Zimmer ging, ließ er, ohne dass
Hermine oder Bathilda es merkten, das silbern gerahmte Foto des
unbekannten Diebs in seine Jacke gleiten.
Die Treppe war steil und schmal: Harry hätte der rundlichen Bathilda
am liebsten die Hände auf den Hintern gelegt, damit sie nicht rückwärts auf
ihn stürzte, was durchaus passieren konnte. Langsam und ein wenig
keuchend stieg sie zum oberen Treppenabsatz empor, wandte sich dann
gleich nach rechts und führte ihn in ein niedriges Schlafzimmer.
Es war stockdunkel und stank fürchterlich: Harry hatte gerade noch
einen Nachttopf unter dem Bett hervorlugen sehen, ehe Bathilda die Tür
schloss und selbst dieser von der Dunkelheit verschluckt wurde.
»Lumos«, sagte Harry und sein Zauberstab flammte auf. Er fuhr
zusammen: Bathilda war in diesen wenigen dunklen Sekunden dicht an ihn
herangetreten, ohne dass er sie gehört hatte.
»Du bist Potter?«, flüsterte sie.
»Ja, der bin ich.«
Sie nickte langsam und ernst. Harry spürte den Horkrux schnell
schlagen, schneller als sein eigenes Herz: Es war ein unangenehmes,
aufwühlendes Gefühl.
»Haben Sie etwas für mich?«, fragte Harry, doch sie schien von der
leuchtenden Spitze seines Zauberstabs abgelenkt.
»Haben Sie etwas für mich?«, wiederholte er.
Dann schloss sie die Augen und es passierten mehrere Dinge zugleich:
Harrys Narbe kribbelte schmerzhaft; der Horkrux zuckte so heftig, dass
sich sein Pulli vorne tatsächlich bewegte; das dunkle, stinkende Zimmer
löste sich einen Augenblick lang auf. Er verspürte jähe Freude und sprach
mit hoher, kalter Stimme: Halt ihn fest!
Harry schwankte auf der Stelle: Das dunkle, übel riechende Zimmer
schien sich wieder um ihn zu schließen; er wusste nicht, was gerade
passiert war.
»Haben Sie etwas für mich?«, fragte er ein drittes Mal, viel lauter.
»Hier drüben«, flüsterte sie und deutete in eine Ecke. Harry hob seinen
Zauberstab und sah die Konturen eines überhäuften Frisiertischs unter den
zugezogenen Vorhängen eines Fensters.
Diesmal ging sie nicht voraus. Harry drängte sich mit erhobenem
Zauberstab zwischen ihr und dem ungemachten Bett hindurch. Er wollte
den Blick nicht von ihr abwenden.
»Was ist es?«, fragte er, als er den Frisiertisch erreicht hatte, auf dem, so
wie es aussah und roch, ein großer Haufen schmutzige Wäsche lag.
»Da«, sagte sie und deutete auf das heillose Durcheinander.
Und in dem Moment, als er den Blick abwandte, als seine Augen das
wirre Knäuel nach dem Griff eines Schwertes, nach einem Rubin
absuchten, machte sie eine unheimliche Bewegung. Er sah es aus dem
Augenwinkel; Panik ließ ihn herumschnellen, und Grauen lähmte ihn, als er
den alten Körper zusammenbrechen sah und die große Schlange dort
herausquoll, wo gerade noch Bathildas Hals gewesen war.
Als er seinen Zauberstab hob, stieß die Schlange zu: Ihr Biss in seinen
Unterarm war so kräftig, dass der Zauberstab hinauf zur Decke wirbelte,
sein Lichtstrahl Schwindel erregend durchs Zimmer trudelte und erlosch.
Dann nahm ihm ein mächtiger Schlag ihres Schwanzes in seine
Magengrube den Atem: Er fiel zurück auf den Frisiertisch, in den Haufen
schmutziger Kleider -
Er rollte zur Seite, entging nur knapp dem Schwanz der Schlange, der
dort auf den Tisch schlug, wo gerade noch er gewesen war: Die Scherben
der Glasplatte hagelten auf ihn herab, als er zu Boden fiel. Von unten hörte
er Hermine rufen: »Harry?«
Er bekam nicht genug Luft in die Lungen, um zurückzurufen. Dann
schmetterte ein schwerer, glatter Körper auf ihn herab, und er spürte, wie er
über ihn glitt, kräftig, muskulös -
»Nein!«, keuchte er, flach auf den Boden gepresst.
»Ja«, flüsterte die Stimme. »Ja ... dich fesssthalten ... dich festhalten ...«
»Accio ... Accio Zauberstab ...«
Doch nichts geschah, und er brauchte beide Hände, um die Schlange
von sich wegzudrängen, die sich nun um seinen Rumpf wand und die Luft
aus ihm herauspresste, den Horkrux fest auf seine Brust drückte, ein eisiges
Rund, in dem es lebhaft pochte, Zentimeter von seinem rasenden Herzen
entfernt, und in seinen Kopf flutete kaltes weißes Licht, jeder Gedanke war
ausgelöscht, sein Atem erstarb, ferne Schritte, alles wurde ...
Ein metallenes Herz schlug außerhalb seiner Brust, und jetzt flog er,
flog mit triumphierendem Herzen, brauchte keinen Besen oder Thestral ...
Plötzlich erwachte er in der säuerlich riechenden Dunkelheit; Nagini
hatte ihn losgelassen. Er rappelte sich auf und sah den Umriss der Schlange
draußen vor dem Flurlicht: Sie stieß zu und Hermine tauchte kreischend zur
Seite weg. Ihr Fluch schlug fehl und traf das Fenster mit den geschlossenen
Vorhängen, das zerbrach. Eiskalte Luft drang herein, während Harry sich
duckte, um einem weiteren Splitterregen zu entgehen, und sein Fuß rutschte
auf etwas wie einem Bleistift aus – seinem Zauberstab -
Er bückte sich und riss ihn hoch, doch jetzt hatte die Schlange das ganze
Zimmer eingenommen und schlug mit dem Schwanz; Hermine war
nirgends zu sehen, und für einen Moment befürchtete Harry das
Schlimmste, doch dann war ein lauter Knall zu hören, und rotes Licht
blitzte auf, und die Schlange flog durch die Luft und klatschte Harry heftig
ins Gesicht, als sie sich Windung um Windung wuchtig zur Decke
hinaufschraubte. Harry hob seinen Zauberstab, doch im selben Moment
brannte seine Narbe so schmerzhaft, so stark wie seit Jahren nicht mehr.
»Er kommt! Hermine, er kommt!«
Während er brüllte, fiel die Schlange wild zischend herab. Chaos brach
herein: Sie schmetterte Regale von den Wänden, und Porzellanscherben
flogen umher, während Harry über das Bett sprang und die dunkle Gestalt
packte, die, wie er wusste, Hermine war -
Sie schrie vor Schmerz, als er sie über das Bett zurückzog. Die Schlange
bäumte sich erneut auf, aber Harry wusste, dass noch Schlimmeres als die
Schlange herannahte, vielleicht schon unten am Tor war, ihm selbst würde
gleich der Schädel platzen, so sehr schmerzte die Narbe -
Die Schlange zuckte vor, und er rannte los und zerrte Hermine mit sich;
als sie zustieß, schrie Hermine »Confringo!«, und ihr Zauber flog im
Zimmer umher, ließ den Schrankspiegel bersten und schnellte vom Boden
zur Decke springend in ihre Richtung zurück; Harry spürte, wie die Hitze
des Zaubers ihm den Handrücken versengte. Glas schnitt ihm in die
Wange, als er Hermine mit sich zog, vom Bett auf den ramponierten
Frisiertisch und dann geradewegs aus dem zertrümmerten Fenster ins
Nichts hinaus, und ihr Schrei hallte durch die Nacht, während sie sich in
der Luft drehten ...
Und jetzt brach seine Narbe auf, und er war Voldemort, und er rannte
durch das stinkende Schlafzimmer, klammerte sich mit seinen langen
weißen Händen an die Fensterbank, als er sah, wie der Mann mit dem
schütteren Haar und die kleine Frau sich drehten und verschwanden, und er
schrie vor Wut, und sein Schrei verschmolz mit dem des Mädchens, hallte
durch die dunklen Gärten und übertönte die Kirchenglocken, die den
Weihnachtstag einläuteten ...
Und sein Schrei war Harrys Schrei, sein Schmerz war Harrys Schmerz
... dass es hier geschehen konnte, wo es schon einmal geschehen war ...
hier, in Sichtweite jenes Hauses, wo er fast erfahren hätte, was Sterben
bedeutete ... Sterben ... der Schmerz war so schrecklich ... aus seinem
Körper herausgerissen ... aber wenn er keinen Körper hatte, warum
schmerzte sein Kopf dann so heftig, wenn er tot war, wie konnte er so
Unerträgliches empfinden, hörte der Schmerz mit dem Tod denn nicht auf,
ging er nicht weg ...
Die Nacht war regnerisch und windig, zwei Kinder wackelten ah
Kürbisse verkleidet über den Platz, und die Schaufenster der Läden waren
mit Papierspinnen beklebt, all diese geschmacklosen Anspielungen der
Muggel auf eine Welt, an die sie nicht glaubten ... und er glitt dahin, erfüllt
von diesem Gefühl der Entschlossenheit und der Macht und der
Rechtmäßigkeit, das er bei solchen Gelegenheiten immer empfand ... nicht
Wut ... das war etwas für schwächere Gemüter ... sondern Triumph, jawohl
...er hatte darauf gewartet, er hatte darauf gehofft ...
»Hübsches Kostüm, Mister!«
Er sah, wie das Lächeln des kleinen Jungen verblasste, als er so nahe zu
ihm hingelaufen war, dass er unter die Kapuze seines Umhangs sehen
konnte, er sah, wie Angst sein bemaltes Gesicht verdüsterte: Dann drehte
sich das Kind um und rannte davon ... unter dem Umhang tastete er nach
dem Griff seines Zauberstabs ... eine einfache Bewegung und das Kind
würde nie zu seiner Mutter zurückkehren ... aber unnötig, vollkommen
unnötig ...
Und er ging jetzt eine andere und dunklere Straße entlang und nun war
sein Ziel endlich in Sicht, der Fidelius-Zauber war gebrochen, auch wenn
sie es noch nicht wussten ... und er bewegte sich leiser als die toten Blätter,
die über den Gehweg trieben, als er die dunkle Hecke erreichte und
darüber hinwegstarrte ...
Sie hatten die Vorhänge nicht zugezogen, ersah sie ganz deutlich in
ihrem kleinen Wohnzimmer, den großen schwarzhaarigen Mann mit seiner
Brille, der bunte Rauchwölkchen aus seinem Zauberstab herauspaffen ließ,
zur Freude des kleinen schwarzhaarigen Jungen in seinem blauen
Schlafanzug. Das Kind lachte und versuchte den Rauch zu fangen, ihn in
seiner kleinen Faust einzuschließen ...
Eine Tür ging auf, und die Mutter trat ein, sagte Worte, die er nicht
hören konnte, ihr langes dunkelrotes Haar fiel ihr übers Gesicht. Nun hob
der Vater den Sohn hoch und übergab ihn der Mutter. Er warf seinen
Zauberstab auf das Sofa und streckte sich gähnend ...
Das Tor quietschte ein wenig als er es aufstieß, aber James Potter hörte
es nicht. Seine weiße Hand zog den Zauberstab unter seinem Umhang
hervor und richtete ihn auf die Tür, die aufbarst.
Er war über der Schwelle, als James in den Flur gerannt kam. Es war
leicht, allzu leicht, er hatte nicht einmal seinen Zauberstab mitgenommen
...
»Lily, nimm Harry und flieh! Er ist es! Flieh! Schnell! Ich halte ihn auf-
«
Ihn aufhalten, ohne einen Zauberstab in der Hand! ...Er lachte, bevor er
den Fluch aussprach ...
»Avada Kedavra!«
Das grüne Licht erfüllte den engen Flur, es beleuchtete den
Kinderwagen, der an die Wand gestellt war, ließ die Geländerpfosten wie
Blitzableiter erglühen, und James Potter fiel wie eine Marionette um, deren
Fäden durchgeschnitten waren ...
Er konnte sie im oberen Stock schreien hören, sie saß in der Falle, doch
solange sie vernünftig war, hatte zumindest sie nichts zu befürchten ... er
stieg die Stufen hoch, lauschte leicht amüsiert ihren Versuchen, sich zu
verbarrikadieren ... auch sie hatte keinen Zauberstab bei sich ... wie dumm
sie waren, und wie vertrauensselig zu glauben, dass ihre Sicherheit in der
Hand von Freunden läge und dass sie ihre Waffen auch nur für Sekunden
ablegen könnten ...
Er brach die Tür auffegte mit einem lässigen Schlenker seines
Zauberstabs den Stuhl und die Kisten beiseite, die sie hastig davor
aufgestapelt hatte ... und da stand sie, das Kind in ihren Armen. Bei seinem
Anblick legte sie ihren Sohn rasch in das Bettchen hinter sich und breitete
die Arme aus, als ob das helfen würde, als ob sie hoffte, dass sie, wenn sie
ihn vor seinem Blick abschirmte, an seiner Stelle ausgewählt würde ...
»Nicht Harry, nicht Harry, bitte nicht Harry!«
»Geh beiseite, du dummes Mädchen ... geh beiseite, sofort ...«
»Nicht Harry, bitte nicht, nimm mich, töte mich an seiner Stelle -«
»Dies ist meine letzte Warnung -«
»Nicht Harry! Bitte ... hab Erbarmen ... Erbarmen ... Nicht Harry! Nicht
Harry! Bitte – ich tue alles -«
»Geh beiseite – geh beiseite, Mädchen -«
Er hätte sie von dem Kinderbett wegdrängen können, doch es schien
klüger, sie alle zu erledigen ...
Das grüne Licht blitzte durch den Raum und sie sank wie ihr Mann
nieder. Das Kind hatte die ganze Zeit überhaupt nicht geweint: Es konnte
stehen, an die Gitterstäbe seines Bettchens geklammert, und es blickte
empor in das Gesicht des Eindringlings mit einer Art von wachem
Interesse, vielleicht glaubte es, dass sein Vater sich unter dem Mantel
verbarg und noch mehr schöne Lichter machen würde und seine Mutter
jeden Moment aufspringen und lachen würde -
Er richtete den Zauberstab äußerst bedacht auf das Gesicht des Jungen:
Er wollte sehen, wie sie sich abspielte, die Zerstörung dieser einzigen,
unerklärlichen Gefahr. Das Kind begann zu weinen: Es hatte erkannt, dass
er nicht James war. Er mochte nicht, dass es weinte, er hatte es nie
ertragen können, wenn die Kleinen im Waisenhaus wimmerten -
»Avada Kedavra!«
Und dann brach er zusammen: Er war nichts, nichts als Schmerz und
Todesangst, und er musste sich verstecken, nicht hier in den Trümmern des
zerstörten Hauses, wo das Kind gefangen war und schrie, sondern weit weg
... weit weg ...
»Nein«, stöhnte er.
Die Schlange raschelte über den schmutzigen Boden voller Scherben,
und er hatte den Jungen getötet, und doch war er der Junge ...
»Nein ...«
Und jetzt stand er am zersprungenen Fenster von Bathildas Haus, in
Erinnerungen an seine größte Niederlage versunken, und zu seinen Füßen
glitt die große Schlange über Scherben von Porzellan und Glas ... er blickte
hinab und sah etwas ... etwas Unglaubliches ...
»Nein ...«
»Harry, schon gut, nichts passiert!«
Er bückte sich und hob das zersplitterte Foto auf Da war er, der
unbekannte Dieb, der Dieb, den er suchte ...
»Nein ... ich hab es fallen lassen ... ich hab es fallen lassen ...«
»Harry, schon gut, wach auf, wach auf!«
Er war Harry ... Harry, nicht Voldemort... und das, was da raschelte, war
keine Schlange ...
Er schlug die Augen auf.
»Harry«, flüsterte Hermine. »Geht es dir – gut?«
»Ja«, log er.
Er war im Zelt, lag in einer der unteren Schlafstellen unter einem
Haufen von Decken. An der Stille und an dem kalten, fahlen Licht jenseits
des Leinwanddachs konnte er erkennen, dass der Tag bald anbrach. Er war
schweißgebadet; er spürte es an den Laken und Decken.
»Wir sind entkommen.«
»Ja«, sagte Hermine. »Ich musste einen Schwebezauber einsetzen, um
dich ins Bett zu kriegen, ich konnte dich nicht hochheben. Du warst ... also,
du warst nicht ganz ...«
Unter ihren braunen Augen lagen tiefrote Schatten, und er bemerkte,
dass sie einen kleinen Schwamm in der Hand hielt: Sie hatte ihm das
Gesicht abgewischt.
»Du warst krank«, schloss sie. »Ziemlich krank.«
»Wann sind wir von dort weg?«
»Vor Stunden. Es ist fast Morgen.«
»Und ich war ... was, bewusstlos?«
»Nicht direkt«, sagte Hermine unruhig. »Du hast geschrien und gestöhnt
und ... alles Mögliche«, fügte sie hinzu, in einem Ton, bei dem Harry
mulmig wurde. Was hatte er getan? Flüche herausgeschrien wie
Voldemort; geweint wie das Kind in seinem Bettchen?
»Ich hab den Horkrux nicht von dir runterbekommen«, sagte Hermine,
und er wusste, dass sie das Thema wechseln wollte. »Er klebte fest, fest an
deiner Brust. Jetzt hast du einen roten Fleck da; tut mir leid, ich musste
einen Abtrennzauber nehmen, um den Horkrux wegzukriegen. Außerdem
hat dich die Schlange gebissen, aber ich hab die Wunde gereinigt und etwas
Diptam draufgetan ...«
Er zog sich das schweißnasse T-Shirt, das er trug, vom Leib und blickte
hinunter. Über seinem Herzen war ein scharlachrotes Oval, dort, wo das
Medaillon ihn versengt hatte. Er konnte auch die halb verheilten Bissspuren
an seinem Unterarm sehen.
»Wo hast du den Horkrux?«
»In meiner Tasche. Ich glaube, wir sollten ihn für eine Weile
beiseitetun.«
Er legte sich wieder in die Kissen und blickte in ihr verhärmtes graues
Gesicht.
»Wir hätten nicht nach Godric's Hollow gehen sollen. Es ist meine
Schuld, alles meine Schuld, Hermine, es tut mir leid.«
»Es ist nicht deine Schuld. Ich wollte auch dorthin; ich dachte wirklich,
Dumbledore hätte das Schwert vielleicht dort für dich zurückgelassen.«
»Jaah, nun ... da lagen wir falsch, was?«
»Was ist passiert, Harry? Was ist passiert, als sie dich mit nach oben
nahm? Hatte sich die Schlange irgendwo versteckt? Ist sie einfach
aufgetaucht und hat Bathilda umgebracht und dich angegriffen?«
»Nein«, sagte er. »Sie war die Schlange ... oder die Schlange war sie ...
die ganze Zeit.«
»W-was?«
Er schloss die Augen. Er konnte Bathildas Haus immer noch an sich
riechen: Das machte die ganze Sache grauenhaft lebendig.
»Bathilda muss schon eine ganze Zeit lang tot sein. Die Schlange war ...
war in ihr drin. Du-weißt-schon-wer hat sie dort in Godric's Hollow warten
lassen. Du hattest Recht. Er wusste, dass ich zurückkommen würde.«
»Die Schlange war in ihr?«
Er schlug wieder die Augen auf: Hermine sah angewidert aus, als wäre
ihr übel.
»Lupin meinte, dass wir es mit Magie zu tun bekämen, die wir uns nicht
einmal vorstellen könnten«, sagte Harry. »Sie wollte nicht vor dir sprechen,
weil es Parsel war, nur Parsel, und mir war es nicht bewusst, aber ich
konnte sie natürlich verstehen. Sobald wir oben im Zimmer waren, schickte
die Schlange eine Botschaft an Du-weißt-schon-wen, ich hab es in meinem
Kopf gehört, ich hab gespürt, wie es ihn erregte, er wies sie an, mich dort
aufzuhalten ... und dann ...«
Er erinnerte sich, wie die Schlange aus Bathildas Hals gekrochen war:
Die Einzelheiten konnte er Hermine ersparen.
»... sie hat sich verwandelt, in die Schlange verwandelt, und
angegriffen.«
Er blickte auf die Bissspuren hinunter.
»Sie sollte mich nicht töten, sollte mich nur dort aufhalten, bis Du-
weißt-schon-wer da war.«
Wenn er es nur geschafft hätte, die Schlange zu töten, dann hätte es sich
gelohnt, all das ... Todunglücklich setzte er sich auf und warf die Decken
zurück.
»Harry, nein, du musst dich unbedingt ausruhen! «
»Wenn hier jemand Schlaf braucht, dann du. Nichts für ungut, aber du
siehst furchtbar aus. Mir geht es gut. Ich halt eine Zeit lang Wache. Wo ist
mein Zauberstab?«
Sie antwortete nicht, sie schaute ihn nur an.
»Wo ist mein Zauberstab, Hermine?«
Sie biss sich auf die Lippe, ihre Augen schwammen in Tränen.
»Harry ...«
»Wo ist mein Zauberstab?«
Sie hob etwas neben dem Bett auf und hielt es ihm hin.
Der Zauberstab aus Stechpalme und Phönixfeder war fast
entzweigerissen. Nur ein zarter Strang aus Phönixfeder hielt beide Teile
noch zusammen. Das Holz war ganz auseinandergesplittert. Harry nahm
ihn in die Hände, als wäre er ein Lebewesen, das eine schreckliche
Verletzung erlitten hatte. Er konnte nicht klar denken: Alles war ein Nebel
aus Panik und Furcht. Dann hielt er Hermine den Zauberstab hin.
»Reparier ihn. Bitte.«
»Harry, wenn er so zerbrochen ist, glaub ich nicht -«
»Bitte, Hermine, versuch es!«
»R-reparo.«
Die herabbaumelnde Hälfte des Zauberstabs fügte sich wieder an die
andere. Harry hielt ihn empor.
»Lumos!«
Der Zauberstab entzündete sich schwach und erlosch dann. Harry
richtete ihn auf Hermine.
»Expelliarmus!«
Hermines Zauberstab zuckte ein wenig, blieb aber in ihrer Hand. Der
schwache Versuch, Magie hervorzubringen, war zu viel für Harrys
Zauberstab, und er brach wieder entzwei. Harry starrte ihn an, entgeistert,
unfähig zu begreifen, was er da sah ... der Zauberstab, der so viel
überstanden hatte ...
»Harry«, flüsterte Hermine so leise, dass er sie kaum hören konnte. »Es
tut mir leid, so leid. Ich glaube, das war ich. Als wir geflohen sind, weißt
du, ging die Schlange auf uns los, und da hab ich einen Sprengfluch
abgefeuert, und der ist überall abgeprallt, und er muss – muss ihn getroffen
-«
»Es war ein Unfall«, sagte Harry mechanisch. Er fühlte sich leer,
geschockt. »Wir – wir kriegen schon raus, wie man ihn richten kann.«
»Harry, ich glaub nicht, dass wir das können«, sagte Hermine und
Tränen rannen ihr übers Gesicht. »Weißt du noch ... weißt du noch, wie es
bei Ron war? Als sein Zauberstab zu Bruch ging, beim Absturz des Autos?
Der war nie mehr, wie er vorher mal war, er musste sich einen neuen
besorgen.«
Harry dachte an Ollivander, von Voldemort entführt und als Geisel
festgehalten, an Gregorowitsch, der tot war. Wie sollte er sich einen neuen
Zauberstab beschaffen?
»Na gut«, sagte er mit gespielt nüchterner Stimme, »dann leih ich mir
fürs Erste einfach mal deinen aus. Während ich Wache halte.«
Mit tränennassem Gesicht reichte Hermine ihm ihren Zauberstab, und er
ließ sie an seinem Bett sitzend zurück, wollte nichts wie weg von ihr.
Leben und Lügen des Albus Dumbledore
Die Sonne ging auf: Klar und farblos erstreckte sich der weite Himmel
über ihm, gleichgültig gegen ihn und sein Leid. Harry setzte sich in den
Zelteingang und atmete tief die saubere Luft ein. Einfach nur am Leben zu
sein und die Sonne über dem glitzernden, verschneiten Hang aufgehen zu
sehen, sollte eigentlich der größte Schatz auf Erden sein, doch er konnte es
nicht genießen: Seine Sinne waren in Aufruhr über das Unglück, seinen
Zauberstab verloren zu haben. Er blickte hinaus über ein Tal, das unter
einer Schneedecke lag, ferne Kirchenglocken läuteten in der glitzernden
Stille.
Unwillkürlich grub er sich die Finger in die Arme, als ob er versuchte,
einem körperlichen Schmerz standzuhalten. Er konnte nicht mehr sagen,
wie oft er sein Blut schon vergossen hatte; einmal hatte er alle Knochen
seines rechten Arms verloren; auf dieser Reise hatte er sich bereits Narben
an der Brust und am Unterarm zugezogen, die noch zu denen auf seiner
Hand und Stirn dazukamen, doch bis zu diesem Moment hatte er sich nie so
tödlich geschwächt, so verletzlich und nackt gefühlt, als wäre ihm der
größte Teil seiner magischen Kraft entrissen worden. Er wusste genau, was
Hermine sagen würde, wenn er etwas davon zur Sprache bringen würde:
Der Zauberstab ist nur so gut wie der Zauberer. Aber sie irrte sich, in
seinem Fall war es anders. Sie hatte nicht gespürt, wie sich der Zauberstab
wie eine Kompassnadel gedreht und goldene Flammen auf seinen Feind
abgeschossen hatte. Er hatte den Schutz der Zwillingskerne verloren, und
erst jetzt, da er verloren war, erkannte er, wie sehr er sich auf ihn verlassen
hatte.
Er zog die Einzelteile des zerbrochenen Zauberstabs aus der Tasche und
steckte sie ohne einen Blick darauf in Hagrids Beutel, der um seinen Hals
hing. Der Beutel war jetzt so voll mit kaputten und nutzlosen Dingen, dass
kein Platz mehr darin war. Harrys Hand spürte den alten Schnatz durch das
Eselsfell, und einen Moment lang musste er gegen die Versuchung
ankämpfen, ihn herauszuholen und wegzuwerfen. Unergründlich, nutzlos,
unbrauchbar wie alles, was Dumbledore hinterlassen hatte -
Und sein Zorn auf Dumbledore brach über ihn herein wie Lava, glühte
ihn aus, fegte jedes andere Gefühl beiseite. Aus purer Verzweiflung hatten
sie sich eingeredet, dass Godric's Hollow Antworten bereithielte, und sich
gegenseitig davon überzeugt, dass sie zurückgehen sollten, dass alles Teil
eines geheimen Weges sei, den Dumbledore für sie vorgezeichnet hatte;
aber es gab keine Karte, keinen Plan. Dumbledore hatte sie im Dunkeln
tappend zurückgelassen, sie mussten allein und ohne Hilfe mit unbekannten
und ungeahnten Schrecken kämpfen: Nichts wurde ihnen erklärt, nichts
bekamen sie umsonst, sie hatten kein Schwert, und jetzt hatte Harry auch
keinen Zauberstab mehr. Und er hatte das Foto des Diebes fallen lassen,
und für Voldemort würde es nun sicher leicht sein, herauszufinden, wer
dieser Dieb war ... Voldemort hatte jetzt alles, was er wissen musste ...
»Harry?«
Hermine sah aus, als fürchtete sie, er könnte ihr mit ihrem eigenen
Zauberstab einen Fluch anhängen. Mit verweintem Gesicht hockte sie sich
neben ihn, zwei Tassen Tee in ihren zitternden Händen und unter dem Arm
etwas Sperriges.
»Danke«, sagte er und nahm eine der Tassen.
»Hast du was dagegen, wenn ich mit dir rede?«
»Nein«, sagte er, weil er sie nicht verletzen wollte.
»Harry, du wolltest wissen, wer dieser Mann auf dem Bild war. Also ...
ich hab das Buch. «
Zaghaft schob sie es in seinen Schoß, ein druckfrisches Exemplar von
Leben und Lügen des Albus Dumbledore.
»Wo – wie -?«
»Es war in Bathildas Wohnzimmer, lag einfach da rum ... dieser Zettel
ragte oben raus.«
Hermine las die wenigen Zeilen in spitzer giftgrüner Handschrift laut
vor:
»Liebe Batty, danke für deine Hilfe. Hier ist ein Exemplar des Buches,
ich hoffe, es gefällt dir. Du hast das alles gesagt, auch wenn du dich nicht
mehr daran erinnerst. Rita. Ich glaube, es muss angekommen sein, als die
echte Bathilda noch am Leben war, aber vielleicht hatte sie schon nicht
mehr die Kraft, es zu lesen?«
»Nein, wahrscheinlich nicht.«
Harry sah hinab auf Dumbledores Gesicht und verspürte grimmige
Genugtuung: Jetzt würde er all die Dinge erfahren, die Dumbledore nie für
erwähnenswert gehalten hatte, und Dumbledore konnte nichts mehr
dagegen tun.
»Du bist immer noch wirklich wütend auf mich, oder?«, sagte Hermine;
er blickte auf, und als er neue Tränen aus ihren Augen quellen sah, wusste
er, dass ihm sein Zorn wohl am Gesicht anzumerken war.
»Nein«, sagte er leise. »Nein, Hermine. Ich weiß, dass es ein Unfall war.
Du hast versucht, uns lebend dort rauszukriegen, und du warst sagenhaft.
Ich wäre tot, wenn du nicht da gewesen wärst und mir geholfen hättest.«
Er versuchte ihr feuchtes Lächeln zu erwidern, dann wandte er sich dem
Buch zu. Der Buchrücken war steif; offensichtlich war es noch nie
aufgeschlagen worden. Er durchblätterte die Seiten auf der Suche nach
Fotos. Es dauerte nicht lange, dann stieß er auf das, welches er suchte, mit
dem jungen Dumbledore und seinem hübschen Gefährten, die herzhaft über
einen längst vergessenen Witz lachten. Harry senkte den Blick auf die
Bildunterschrift.
Albus Dumbledore, kurz nach dem Tod seiner Mutter, mit seinem
Freund Geliert Grindelwald.
Beim letzten Wort blieb Harry einige Sekunden lang der Mund offen
stehen. Grindelwald. Sein Freund Grindelwald. Er blickte seitwärts zu
Hermine, die immer noch auf den Namen sah, als traute sie ihren Augen
nicht. Langsam hob sie den Blick zu Harry.
»Grindelwald?«
Harry beachtete die übrigen Fotos nicht und suchte auf den Seiten um
sie herum, ob der unheilvolle Name irgendwo noch einmal erwähnt war. Er
entdeckte ihn schnell und las begierig, kam jedoch nicht richtig mit: Er
musste weiter zurückgehen, um den Zusammenhang zu verstehen, und
schließlich fand er sich am Beginn eines Kapitels mit dem Titel »Das
größere Wohl«. Gemeinsam mit Hermine begann er zu lesen:
Nun stand Dumbledores achtzehnter Geburtstag bevor, und er verließ
Hogwarts im Ruhmesglanz – Schulsprecher, Vertrauensschüler, Gewinner
des Barnabus-Finkley-Preises für Außergewöhnliche Zauberei, Britischer
Jugendvertreter beim Zaubergamot, Gewinner der Goldmedaille für einen
bahnbrechenden Beitrag zur Internationalen Alchemistenkonferenz in
Kairo. Dumbledore hatte die Absicht, als Nächstes zu einer Bildungsreise
aufzubrechen, zusammen mit Elphias »Doggenpuste« Doge, dem
einfältigen, aber treuen Gefährten, den er sich in der Schule zugelegt hatte.
Die beiden jungen Männer hatten sich im Tropfenden Kessel in London
einquartiert und bereiteten sich gerade auf die Abreise nach Griechenland
am folgenden Morgen vor, als eine Eule mit der Nachricht eintraf, dass
Dumbledores Mutter gestorben war. »Doggenpuste« Doge, der ein
Interview für dieses Buch verweigerte, hat der Öffentlichkeit seine eigene,
rührselige Version dessen aufgetischt, was dann passierte. Er stellt Kendras
Tod als einen tragischen Schicksalsschlag dar, und Dumbledores
Entscheidung, seine Expedition aufzugeben, als einen Akt großmütiger
Selbstaufopferung.
Zweifellos kehrte Dumbledore sofort nach Godric's Hollow zurück,
angeblich, um für seine jüngeren Geschwister zu »sorgen«. Aber wie viel
Sorge ließ er ihnen wirklich zuteilwerden?
»Der war 'n Spinner, dieser Aberforth«, sagt Enid Smeek, deren Familie
damals am Rand von Godric's Hollow lebte. »Völlig verwildert. Klar, wo
seine Mum und sein Dad jetzt gestorben war'n, da hätt er einem leidtun
können, nur hat er mir die ganze Zeit Ziegenmist an den Kopf geschmissen.
Ich glaub nich, dass Albus sich groß um den gekümmert hat, ich hab die
jedenfalls nie zusammen gesehen.«
Aber was tat Albus dann, wenn er nicht seinen ungestümen kleinen
Bruder tröstete? Die Antwort lautet offenbar, er stellte sicher, dass seine
Schwester auch weiterhin in Gefangenschaft lebte. Denn obwohl ihre erste
Kerkermeisterin gestorben war, änderte sich an dem bedauerlichen Zustand
von Ariana Dumbledore nichts. Dass sie überhaupt existierte, wussten nach
wie vor nur jene wenigen Außenstehenden, die wie »Doggenpuste« Doge
garantiert an die Geschichte von ihrer »schlechten Gesundheit« glaubten.
Eine andere Freundin der Familie, die sich genauso leicht abspeisen
ließ, war Bathilda Bagshot, die berühmte magische Historikerin, die seit
vielen Jahren in Godric's Hollow lebt. Kendra hatte Bathilda natürlich vor
den Kopf gestoßen, als die zunächst versucht hatte, die Familie im Dorf
willkommen zu heißen. Einige Jahre später jedoch schickte die Autorin
eine Eule zu Albus nach Hogwarts, da sein Aufsatz über Trans-Spezies-
Transfiguration in Verwandlung Heute sie sehr beeindruckt hatte. Dieser
erste Kontakt führte schließlich zur Bekanntschaft mit der gesamten
Familie Dumbledore. Zum Zeitpunkt von Kendras Tod war Bathilda der
einzige Mensch in Godric's Hollow, mit dem Dumbledores Mutter
überhaupt redete.
Leider hat die geistige Brillanz, die Bathilda in ihrem früheren Leben an
den Tag legte, inzwischen nachgelassen. »Das Feuer brennt, aber der
Kessel ist leer«, wie Ivor Dillonsby es mir gegenüber formulierte, oder, um
es mit Enid Smeeks Worten etwas derber zu sagen: »Sie ist nicht ganz
sauber.« Dennoch gelang es mir, ihr mit einer Kombination altbewährter
journalistischer Techniken genügend harte Fakten zu entlocken, um die
ganze skandalöse Geschichte der Reihe nach erzählen zu können.
Wie der Rest der Zaubererwelt schreibt Bathilda Kendras vorzeitigen
Tod einem »fehlgeschlagenen Zauber« zu, eine Geschichte, die Albus und
Aberforth in späteren Jahren wiederholt haben. Bathilda betet außerdem
nach, was die Familie über Ariana sagt, und nennt sie »zerbrechlich« und
»zart«. Bei einem Thema jedoch ist Bathilda die Mühe durchaus wert, die
mich die Beschaffung von Veritaserum gekostet hat, denn sie und nur sie
allein kennt die ganze Geschichte des bestgehüteten Geheimnisses in Albus
Dumbledores Leben. Nun zum ersten Mal offengelegt, stellt es alles in
Frage, was Dumbledores Bewunderer über ihn dachten: seinen angeblichen
Hass auf die dunklen Künste, seinen Widerstand gegen die Unterdrückung
der Muggel, sogar seine Liebe zu seiner Familie.
In ebendem Sommer, in dem Dumbledore nach Godric's Hollow
heimkehrte, nun als Waise und Oberhaupt der Familie, erklärte sich
Bathilda Bagshot bereit, ihren Großneffen bei sich zu Hause aufzunehmen,
Geliert Grindelwald.
Der Name Grindelwald ist zu Recht berühmt: In einer Liste der
gefährlichsten schwarzen Magier aller Zeiten würde er den ersten Platz nur
deshalb verfehlen, weil eine Generation später Du-weißt-schon-wer
erschien und ihm die Krone stahl. Da Grindelwald seine Terrorkampagne
jedoch nie auf Britannien ausdehnte, sind die Einzelheiten seines Aufstiegs
zur Macht hierzulande in weiten Kreisen nicht bekannt.
In Durmstrang ausgebildet, einer Schule, die schon damals für ihre
missliche Toleranz gegenüber den dunklen Künsten berühmt war, erwies
sich Grindelwald als ebenso frühreif und brillant wie Dumbledore. Doch
anstatt seine Fähigkeiten darauf zu verwenden, Auszeichnungen und Preise
zu erlangen, widmete sich Geliert Grindelwald anderen Zielen. Als er
sechzehn Jahre alt war, konnte man selbst in Durmstrang angesichts der
verqueren Experimente von Geliert Grindelwald kein Auge mehr
zudrücken, und er wurde von der Schule verwiesen.
Bisher war von Grindelwalds nächsten Schritten nur bekannt, dass er
»für einige Monate ins Ausland« reiste. An dieser Stelle kann nun enthüllt
werden, dass Grindelwald sich entschied, seine Großtante in Godric's
Hollow zu besuchen, und dass er dort, wie extrem schockierend dies auch
für viele Ohren klingen mag, eine enge Freundschaft mit niemand anderem
als Albus Dumbledore schloss.
»Für mich war er ein reizender Junge«, plappert Bathilda, »egal was
später aus ihm wurde. Natürlich habe ich ihn dem armen Albus vorgestellt,
der die Gesellschaft von gleichaltrigen Jungs vermisste. Die beiden waren
sofort ein Herz und eine Seele.«
In der Tat. Bathilda zeigt mir einen von ihr aufbewahrten Brief, den
Albus Dumbledore tief in der Nacht an Geliert Grindelwald geschickt hat.
»Ja, sogar nachdem sie den ganzen Tag lang diskutiert hatten – beide
waren so glänzende junge Burschen, da war richtig Feuer im Kessel –,
hörte ich manchmal mitten in der Nacht eine Eule an Gellerts
Schlafzimmerfenster tippen, die einen Brief von Albus überbrachte! Dann
war ihm wohl eine Idee gekommen und die musste er Geliert sofort
mitteilen!«
Und was für Ideen das waren. Auch wenn Albus Dumbledores
Anhänger es zutiefst schockierend finden werden – hier sind die Gedanken
ihres siebzehnjährigen Helden, wie er sie seinem neuen besten Freund
darlegte (eine Kopie des Originalbriefs ist auf Seite 463 zu sehen):
Gellert -
deine Überlegung, dass die Herrschaft der Zauberer ZUM WOHL DER
MUGGEL ist – das, denke ich, ist der entscheidende Punkt. Ja, es wurde
uns Macht verliehen, und ja, diese Macht gibt uns das Recht zu herrschen,
aber sie bringt uns auch Verpflichtungen gegenüber den Beherrschten. Wir
müssen diesen Punkt unterstreichen, er wird der Grundstein sein, auf dem
wir bauen. Wo man sich uns widersetzt, was gewiss der Fall sein wird,
muss dies die Basis all unserer Gegenargumente sein. Wir übernehmen die
Kontrolle FÜR DAS GRÖSSERE WOHL. Und daraus folgt, dass wir dort,
wo wir auf Widerstand stoßen, nur die Gewalt einsetzen dürfen, die
notwendig ist, und nicht mehr. (Das war dein Fehler in Durmstrang! Aber
ich will mich nicht beklagen, denn wenn man dich nicht rausgeworfen
hätte, hätten wir uns nie getroffen.)
Albus
So erstaunt und entsetzt seine vielen Bewunderer auch sein mögen,
dieser Brief ist der Beweis dafür, dass Albus Dumbledore einst davon
träumte, das Geheimhaltungsabkommen umzuwerfen und die Herrschaft
der Zauberer über die Muggel zu errichten. Was für ein Schlag für
diejenigen, die Dumbledore immer als den größten Fürsprecher der
Muggelstämmigen dargestellt haben! Wie hohl wirken seine Reden
zugunsten der Muggelrechte im Lichte dieser vernichtenden neuen
Beweise! Wie verachtenswert erscheint uns nun Albus Dumbledore, der
eifrig seinen Aufstieg zur Macht plante, während er doch seine Mutter hätte
betrauern und seine Schwester hätte umsorgen sollen!
Zweifellos werden diejenigen, die entschlossen sind, Dumbledore auf
seinem bröckelnden Podest zu halten, weinerlich versichern, dass er seine
Pläne letzten Endes nicht in die Tat umgesetzt hat, dass er einen
Sinneswandel erlebt haben muss, dass er zur Vernunft kam. Doch die
Wahrheit ist offenbar viel entsetzlicher.
Kaum zwei Monate waren vergangen, seit sie ihre große neue
Freundschaft geschlossen hatten, da trennten sich Dumbledore und
Grindelwald und sahen sich nie wieder, bis sie zu ihrem legendären Duell
aufeinandertrafen (mehr dazu in Kapitel 22). Was führte zu dem plötzlichen
Bruch? War Dumbledore zur Besinnung gekommen? Hatte er Grindelwald
erklärt, dass er mit seinen Plänen nichts mehr zu tun haben wollte? Leider
nein.
»Es lag, glaube ich, daran, dass die arme kleine Ariana gestorben ist«,
sagt Bathilda. »Es war ein ungeheurer Schock. Geliert war drüben bei
ihnen, als es passierte, und er kam ganz durcheinander zu mir ins Haus
zurück, meinte, er wolle am nächsten Tag heimreisen. Furchtbar
aufgewühlt, wissen Sie. Also habe ich einen Portschlüssel besorgt und
seither habe ich ihn nicht mehr gesehen.
Albus war außer sich wegen Arianas Tod. Es war so grausam für diese
beiden Brüder. Sie hatten die ganze Familie verloren und hatten jetzt nur
noch einander. Kein Wunder, dass die Stimmung zwischen ihnen ein wenig
gereizt war. Aberforth gab Albus die Schuld, wissen Sie, wie Leute das
eben tun unter solch schrecklichen Umständen. Doch Aberforth hat immer
ein wenig verrücktes Zeug geredet, der arme Junge. Und trotzdem, dass er
Albus bei der Beerdigung die Nase gebrochen hat, war nicht nett. Kendra
wäre am Boden zerstört gewesen, wenn sie ihre Söhne so hätte streiten
sehen, am Sarg ihrer Tochter. Ein Jammer, dass Geliert nicht bis zum
Begräbnis bleiben konnte ... er wäre wenigstens ein Trost für Albus
gewesen ...«
Dieser fürchterliche Streit am offenen Grab, von dem nur die wenigen
wissen, die bei Ariana Dumbledores Beerdigung dabei waren, wirft
mehrere Fragen auf. Warum hat Aberforth Dumbledore eigentlich seinen
Bruder Albus für den Tod der Schwester verantwortlich gemacht? Geschah
es, wie »Barry« vorgibt, nur aus der großen Trauer heraus? Oder könnte es
irgendeinen konkreteren Grund für seine Wut gegeben haben?
Grindelwald, der wegen beinahe tödlicher Angriffe auf Mitschüler aus
Durmstrang hinausgeworfen worden war, floh Stunden nach dem Tod des
Mädchens außer Landes, und Albus sah ihn nie wieder (aus Scham oder
aus Furcht?), bis ihn die dringenden Bitten der Zaubererwelt dazu zwangen.
Weder Dumbledore noch Grindelwald scheinen in ihrem späteren Leben
diese kurze Jungenfreundschaft jemals erwähnt zu haben. Allerdings kann
es keinen Zweifel daran geben, dass Dumbledore seinen Angriff auf Geliert
Grindelwald etwa fünf Jahre lang hinauszögerte, eine Zeit des Aufruhrs, in
der es zu Todesopfern und Entführungen kam. "War es immer noch die
Zuneigung zu diesem Mann, oder die Angst, dass öffentlich würde, dass er
einst sein bester Freund gewesen war, die Dumbledore zögern ließ? Machte
sich Dumbledore nur widerstrebend auf, den Mann zu fassen, über dessen
Bekanntschaft er sich einst so gefreut hatte?
Und wie starb die geheimnisumwitterte Ariana? War sie das
unbeabsichtigte Opfer irgendeines schwarzmagischen Ritus? Stieß sie auf
etwas, das sie nicht hätte mitbekommen sollen, als die beiden jungen
Männer gerade Übungen machten, um dereinst den Weg zu Ruhm und
Herrschaft antreten zu können? Ist es möglich, dass Ariana Dumbledore der
erste Mensch war, der »für das größere Wohl« gestorben ist?
Hier endete das Kapitel und Harry blickte auf. Hermine war vor ihm
unten auf der Seite angelangt. Sie zog ihm das Buch aus den Händen,
offenbar leicht beunruhigt über seinen Gesichtsausdruck, und ohne einen
weiteren Blick darauf klappte sie es zu, als wollte sie etwas Ungehöriges
verbergen.
»Harry -«
Doch er schüttelte den Kopf. Eine innere Gewissheit war in ihm
zusammengebrochen; genauso hatte er sich auch gefühlt, als Ron gegangen
war. Er hatte Dumbledore vertraut, hatte geglaubt, dass er der Inbegriff von
Güte und Weisheit war. Alles lag in Trümmern: Wie viel konnte er noch
verlieren? Ron, Dumbledore, den Phönix-Zauberstab ...
»Harry.« Sie schien seine Gedanken vernommen zu haben. »Hör mir zu.
Das – das zu lesen ist nicht sonderlich schön – «
»- ja, das kann man wohl sagen -«
»- aber vergiss nicht, Harry, das hat Rita Kimmkorn geschrieben.«
»Du hast diesen Brief an Grindelwald gelesen, oder?«
»Ja, das – das hab ich.« Sie zögerte, schien durcheinander und
klammerte sich mit ihren kalten Händen an den Teebecher. »Ich glaube, das
ist der schlimmste Teil. Ich weiß, Bathilda dachte, dass das alles nur
Gerede wäre, aber >Für das größere Wohl< wurde zu Grindelwalds Motto,
zu seiner Rechtfertigung aller Gräueltaten, die er später beging. Und ... so
wie es aussieht ... hat er die Idee von Dumbledore. Es heißt, >Für das
größere Wohl< sei sogar über dem Eingang von Nurmengard eingemeißelt
gewesen.«
»Was ist Nurmengard?«
»Das Gefängnis, das Grindelwald bauen ließ, um seine Gegner dort
gefangen zu halten. Er ist selber dort gelandet, nachdem Dumbledore ihn
gefasst hatte. Wie auch immer, es ist – es ist ein schrecklicher Gedanke,
dass Dumbledores Ideen Grindelwald halfen, an die Macht zu kommen.
Doch andererseits kann nicht einmal Rita behaupten, dass sie sich mehr als
ein paar Monate gekannt hätten, in einem Sommer, als sie beide noch
ziemlich jung waren, und -«
»Ich dachte mir, dass du das sagen würdest«, erwiderte Harry. Er wollte
seinen Zorn nicht an ihr auslassen, doch es fiel ihm schwer, seine Stimme
ruhig zu halten. »Ich dachte mir, dass du sagen würdest, >sie waren jung<.
Sie waren genauso alt wie wir heute. Und wir riskieren hier unser Leben,
um gegen die dunklen Künste zu kämpfen, während er und sein neuer
bester Freund damals die Köpfe zusammensteckten und Pläne schmiedeten,
wie sie die Macht über die Muggel erringen können.«
Seine Wut ließ sich nicht mehr länger bändigen: Er stand auf und ging
umher, um sich ein wenig abzureagieren.
»Ich will nicht verteidigen, was Dumbledore geschrieben hat«, sagte
Hermine. »All dieser Quatsch von wegen >Recht auf Herrschaft<, das ist
nur >Magie ist Macht< neu aufgewärmt. Aber Harry, seine Mutter war
gerade gestorben, er saß da allein in dem Haus -«
»Allein? Er war nicht allein! Er hatte seinen Bruder und seine Schwester
zur Gesellschaft, seine Squib-Schwester, die er nach wie vor eingesperrt
ließ -«
»Das glaube ich nicht«, sagte Hermine. Auch sie stand auf. »Was immer
mit diesem Mädchen nicht stimmte, ich glaube nicht, dass sie eine Squib
war. Der Dumbledore, den wir kannten, hätte nie und nimmer zugelassen -«
»Der Dumbledore, von dem wir dachten, dass wir ihn kannten, wollte
die Muggel nicht mit Gewalt unterwerfen!«, rief Harry, und seine Stimme
schallte über den kahlen Hügel, worauf mehrere Amseln in die Luft stiegen
und sich kreischend in den perlweißen Himmel schraubten.
»Er hat sich verändert, Harry, er hat sich verändert! So einfach ist das!
Vielleicht hat er an solche Sachen geglaubt, als er siebzehn war, aber den
ganzen Rest seines Lebens hat er dem Kampf gegen die dunklen Künste
gewidmet! Dumbledore war es, der Grindelwald aufhielt, er war es, der
immer für den Schutz der Muggel und für die Rechte der
Muggelstämmigen eingetreten ist, der von Anfang an gegen Du-weißt-
schon-wen gekämpft hat und bei dem Versuch starb, ihn zu stürzen!«
Ritas Buch lag zwischen ihnen auf der Erde, so dass Albus
Dumbledores Gesicht sie beide traurig anlächelte.
»Harry, tut mir leid, aber ich glaube, der wirkliche Grund, weshalb du
so zornig bist, ist, dass Dumbledore dir nie selbst irgendetwas davon
erzählt hat.«
»Mag sein!«, brüllte Harry und warf sich die Arme über den Kopf, ohne
recht zu wissen, ob er damit seine Wut zügeln oder sich vor der Last seiner
zerstörten Illusionen abschirmen wollte. »Überleg mal, was er von mir
verlangt hat, Hermine! Riskier dein Leben, Harry! Und noch mal! Und
noch mal! Und erwarte nicht von mir, dass ich dir alles erkläre, vertrau mir
einfach blindlings, vertrau darauf, dass ich weiß, was ich tue, vertrau mir,
auch wenn ich dir nicht vertraue! Nie die ganze Wahrheit! Nie!«
Seine Stimme überschlug sich vor Anstrengung, und sie standen da und
sahen einander an in der weißen Leere, und Harry kam es vor, als wären sie
so unbedeutend wie Insekten unter diesem weiten Himmel.
»Er hat dich geliebt«, flüsterte Hermine. »Ich weiß, dass er dich geliebt
hat.«
Harry ließ die Arme sinken.
»Ich weiß nicht, wen er geliebt hat, Hermine, mich jedenfalls bestimmt
nicht. Das ist keine Liebe, diese Misere, in der er mich zurückgelassen hat.
Er hat Geliert Grindelwald verdammt viel mehr von dem anvertraut, was er
wirklich dachte, als er mir jemals erzählt hat.«
Harry hob Hermines Zauberstab auf, den er in den Schnee hatte fallen
lassen, und setzte sich wieder in den Eingang des Zeltes.
»Danke für den Tee. Ich mach die Wache noch zu Ende. Geh du wieder
ins Warme.«
Sie zögerte, begriff aber, dass er sie zurückwies. Sie hob das Buch auf
und ging an ihm vorbei ins Zelt, strich dabei jedoch mit der Hand leicht
über seinen Kopf. Er schloss die Augen, als sie ihn berührte, und hasste
sich dafür, dass er wünschte, ihre Worte wären wahr: dass er Dumbledore
wirklich wichtig gewesen war.
Die silberne Hirschkuh
Es schneite, als Hermine um Mitternacht die Wache übernahm. Harry
hatte wirre und beunruhigende Träume: Nagini wand sich durch seinen
Schlaf, schlang sich erst durch einen gigantischen zerbrochenen Ring und
dann durch einen Kranz aus Christrosen. Immer wieder erwachte er voller
Panik, überzeugt, dass jemand aus der Ferne nach ihm gerufen hatte, und
bildete sich ein, dass der Wind, der um das Zelt peitschte, das Geräusch
von Schritten oder Stimmen war.
Schließlich stand er im Dunkeln auf und ging zu Hermine, die im
Zelteingang kauerte und im Licht ihres Zauberstabs Geschichte der
Zauberei las. Noch immer herrschte dichtes Schneetreiben, und sie war
erleichtert über seinen Vorschlag, früh zu packen und weiterzuziehen.
»Wir suchen uns einen Platz, der besser geschützt ist«, fand auch sie
und zog sich bibbernd ein Sweatshirt über ihren Schlafanzug. »Mir war
andauernd, als würde ich draußen Leute herumlaufen hören. Ein-, zweimal
dachte ich sogar, ich hätte jemanden gesehen.«
Harry, der sich gerade einen Pullover überzog, hielt inne und warf einen
Blick auf das stumme, reglose Spickoskop auf dem Tisch.
»Das hab ich mir bestimmt nur eingebildet«, sagte Hermine mit
nervösem Blick, »der Schnee im Dunkeln, der täuscht die Augen ... aber
sollten wir nicht für alle Fälle besser unter dem Tarnumhang
disapparieren?«
Eine halbe Stunde später war das Zelt gepackt, und sie disapparierten,
Harry mit dem Horkrux um den Hals und Hermine mit der Perlentasche in
der Hand. Wie immer brach drückende Enge über sie herein; Harrys Füße
lösten sich von dem schneebedeckten Boden und schlugen dann hart wieder
auf, offenbar auf gefrorener, mit Blättern bedeckter Erde.
»Wo sind wir?«, fragte er, schaute sich um und sah wieder eine große
Anzahl von Bäumen, während Hermine die Perlentasche öffnete und
Zeltstangen herauszog.
»Im Forest of Dean«, sagte sie. »Ich war hier mal mit meiner Mum und
meinem Dad zelten.«
Auch hier lag Schnee ringsum auf den Bäumen, und es war bitterkalt,
doch zumindest waren sie vor dem Wind geschützt. Sie verbrachten den
Tag überwiegend im Zelt und wärmten sich dicht zusammengedrängt an
den nützlichen hellblauen Flammen, die Hermine so geschickt erzeugte und
die man hochnehmen und in einem Gefäß umhertragen konnte. Harry
fühlte sich, als würde er gerade von einer kurzen, aber schweren Krankheit
genesen, und dass Hermine so fürsorglich war, verstärkte diesen Eindruck.
Am Nachmittag wehten neue Flocken zu ihnen herab, so dass selbst ihre
geschützte Lichtung bald mit frischem Pulverschnee bedeckt war.
Nach zwei Nächten, in denen er wenig geschlafen hatte, schienen
Harrys Sinne schärfer als sonst. Sie waren so knapp aus Godric's Hollow
entkommen, dass ihm Voldemort näher und bedrohlicher vorkam als zuvor.
Als es erneut dämmerte, schlug Harry Hermines Angebot aus, die Wache
zu übernehmen, und sagte ihr, sie solle zu Bett gehen.
Harry legte ein altes Kissen in den Zelteingang und setzte sich, vor
Kälte zitternd, obwohl er alle Pullover trug, die er hatte. Stunden
verstrichen, und die Dunkelheit vertiefte sich, bis sie fast undurchdringlich
war. Er wollte gerade die Karte des Rumtreibers herausholen, um für eine
Weile Ginnys Punkt zu beobachten, als ihm einfiel, dass Weihnachtsferien
waren und sie daheim im Fuchsbau sein würde.
In dem endlosen Wald schien jede kleine Bewegung wie vergrößert.
Harry war klar, dass er voller Lebewesen sein musste, doch er wünschte,
sie würden alle still und reglos bleiben, denn er konnte ihr harmloses
Trippeln und Herumschleichen nicht von Geräuschen unterscheiden, die
womöglich andere, unheilvolle Bewegungen kundtaten. Er erinnerte sich an
das Rascheln eines Umhangs, der vor vielen Jahren über tote Blätter
gestreift war, und glaubte sofort, es wieder zu hören, bis er solche
Gedanken dann abschüttelte. Ihre Schutzzauber hatten wochenlang gewirkt;
warum sollten sie jetzt brechen? Und doch wurde er das Gefühl nicht los,
dass heute Nacht irgendetwas anders war.
Mehrmals zuckte er hoch, mit schmerzendem Nacken, weil er
unbequem gegen die Zeltwand gesackt und eingeschlafen war. Die Nacht
erreichte nun eine solch samtene, tiefe Schwärze, dass es ihm vorkam, als
ob er im Irgendwo zwischen Disapparieren und Apparieren hängen
geblieben wäre. Er hatte gerade die Hand vor sein Gesicht gehalten, um zu
sehen, ob er seine Finger erkennen konnte, da geschah es.
Ein helles silbernes Licht tauchte direkt vor ihm auf und bewegte sich
durch die Bäume. Woher es auch stammte, es bewegte sich lautlos. Das
Licht schien einfach auf ihn zuzuschweben.
Er sprang auf und hob Hermines Zauberstab, die Stimme gefror ihm im
Hals. Er kniff die Augen zusammen, als das Licht ihn zu blenden begann,
die Bäume davor pechschwarze Umrisse, und noch immer kam das Ding
näher ...
Und dann trat die Quelle des Lichtes hinter einer Eiche hervor. Es war
eine silbrig weiße Hirschkuh, mondhell und strahlend, die sich immer noch
lautlos ihren Weg auf dem Waldboden suchte, ohne in dem pulvrigen
Schnee Hufabdrücke zu hinterlassen. Sie kam auf ihn zu, ihren schönen
Kopf mit den großen Augen und langen Wimpern hoch erhoben.
Harry starrte das Geschöpf an, zutiefst erstaunt, nicht weil es ihm fremd,
sondern weil es ihm so unerklärlich vertraut vorkam. Es war, als hätte er ihr
Kommen erwartet, doch bis zu diesem Augenblick vergessen, dass sie sich
verabredet hatten.
Das Bedürfnis, nach Hermine zu rufen, das er eben noch so heftig
verspürt hatte, war verschwunden. Er wusste, und er hätte sein Leben
darauf gesetzt, dass sie zu ihm gekommen war, und nur zu ihm.
Sie sahen sich eine ganze Zeit lang an, dann wandte sich die Hirschkuh
ab und zog davon.
»Nein«, sagte er, mit brüchiger Stimme, da er sie so lange nicht
gebraucht hatte. »Komm zurück!«
Sie schritt bedächtig weiter zwischen den Bäumen hindurch und bald
bildeten die dicken schwarzen Stämme Streifen auf ihrem Glanz. Eine
bange Sekunde lang zögerte er. Die Vorsicht flüsterte: Das könnte ein
Trick, ein Köder, eine Falle sein. Doch der Instinkt, der übermächtige
Instinkt, sagte ihm, dass dies keine schwarze Magie war. Er ging los und
folgte ihr.
Schnee knirschte unter seinen Füßen, aber die Hirschkuh verursachte
kein Geräusch, während sie zwischen den Bäumen hindurchstreifte, denn
sie war nichts als Licht. Immer tiefer in den Wald führte sie ihn, und Harry
ging zügig hinter ihr her, denn wenn sie einmal stehen blieb, würde sie ihm
gewiss erlauben, ganz nahe zu ihr zu kommen. Und dann würde sie
sprechen, und die Stimme würde ihm sagen, was er wissen musste.
Endlich machte sie Halt. Noch einmal wandte sie ihren schönen Kopf zu
ihm um, und er rannte los, mit seiner brennenden Frage, doch als er die
Lippen öffnete, um sie auszusprechen, verschwand die Hirschkuh.
Obwohl die Dunkelheit sie vollständig verschluckt hatte, war ihr
glänzendes Bild noch in seine Netzhaut eingeprägt; es störte seine Sicht,
wurde heller, wenn er die Lider senkte, und verwirrte ihn. Nun kam Furcht
in ihm auf: Ihre Gegenwart hatte bedeutet, dass er sicher war.
»Lumos!«, flüsterte er und die Spitze seines Zauberstabs flammte auf.
Das Nachbild der Hirschkuh verblasste mit jedem Lidschlag. und er
stand da und lauschte den Lauten des Waldes, dem fernen Knacken von
Zweigen, dem sanften Rascheln von Schnee. Kam gleich ein Angriff? Hatte
sie ihn in einen Hinterhalt gelockt? Bildete er sich nur ein, dass jemand
außer Reichweite des Zauberstablichts stand und ihn beobachtete?
Er hielt den Zauberstab höher. Niemand stürmte auf ihn zu, kein grüner
Lichtblitz zuckte hinter einem Baum hervor. Warum hatte sie ihn dann zu
dieser Stelle geführt?
Im Licht des Zauberstabs schimmerte etwas, und Harry wirbelte herum,
doch da war nichts weiter als ein kleiner gefrorener Weiher, dessen
zersprungene schwarze Oberfläche glitzerte, als er den Zauberstab höher
hob, um ihn genauer zu betrachten.
Er trat recht vorsichtig näher und sah hinab. Das Eis warf seinen
verzerrten Schatten und den Lichtstrahl des Zauberstabs zurück, doch tief
unter dem dicken, neblig grauen Eispanzer funkelte noch etwas anderes.
Ein großes silbernes Kreuz ... Sein Herz machte einen Sprung: Er ließ sich
am Rand des Weihers auf die Knie fallen und hielt den Zauberstab so
schräg, dass er seinen Grund möglichst weit ausleuchtete. Ein glutrotes
Funkeln ... es war ein Schwert mit glitzernden Rubinen am Griff ... das
Schwert von Gryffindor lag am Boden des Waldweihers.
Kaum atmend starrte er darauf hinab. Wie war das möglich? Wie war es
in einen Waldweiher gekommen, so nahe der Stelle, wo sie ihr Lager
aufgeschlagen hatten? Hatte irgendein unbekannter Zauber Hermine
hierhergezogen, oder war die Hirschkuh, die er für einen Patronus gehalten
hatte, eine Art Wächterin des Weihers? Oder war das Schwert nach ihrer
Ankunft in den Weiher geworfen worden, eben weil sie hier waren? Und
wo war dann die Person, die es Harry geben wollte? Erneut richtete er den
Zauberstab auf die Bäume und Büsche ringsum, suchte nach menschlichen
Umrissen, nach dem Funkeln eines Auges, aber er konnte niemanden
sehen. Und dennoch trübte ein wenig mehr Angst seine Begeisterung, als er
sich wieder dem Schwert zuwandte, das auf dem Grund des zugefrorenen
Weihers lag.
Er richtete den Zauberstab auf das silbrige Gebilde und murmelte:
»Accio Schwert!«
Es bewegte sich nicht. Er hatte es auch nicht erwartet. Wenn es so
einfach gewesen wäre, dann hätte das Schwert auf der Erde gelegen, wo er
es nur hätte aufheben müssen, und nicht in den Tiefen eines vereisten
Weihers. Er ging an dem gefrorenen Rund entlang und versuchte sich
angestrengt daran zu erinnern, wie es beim letzten Mal gewesen war, als
das Schwert sich ihm zur Verfügung gestellt hatte. Er hatte damals in
schrecklicher Gefahr geschwebt und um Hilfe gebeten.
»Hilfe«, murmelte er, aber das Schwert blieb auf dem Grund des
Weihers, gleichgültig, regungslos.
Was war es, fragte sich Harry (während er weiterging), das Dumbledore
beim letzten Mal zu ihm gesagt hatte, als er das Schwert zurückbekam?
Nur ein wahrer Gryffindor hätte das aus dem Hut ziehen können. Und was
waren die Eigenschaften, die einen Gryffindor kennzeichneten? Eine leise
Stimme in seinem Kopf antwortete: In Gryffindor regieren, wie man weiß,
Tapferkeit und Mut.
Harry blieb stehen und stieß einen langen Seufzer aus, sein Atemdunst
verflog rasch in der eisigen Luft. Er wusste, was er zu tun hatte. Im Grunde
hatte er schon gewusst, dass es darauf hinauslaufen würde, als er das
Schwert durch das Eis hindurch erblickt hatte.
Er ließ den Blick wieder über die Bäume ringsum gleiten, war nun
jedoch sicher, dass niemand ihn angreifen würde. Sie hatten ihre Chance
gehabt, als er allein durch den Wald gegangen war, hatten genug
Gelegenheiten gehabt, während er den Weiher erforscht hatte. Der einzige
Grund, jetzt noch zu zögern, war, dass er gleich etwas äußerst
Unangenehmes tun musste.
Mit nervösen Fingern begann Harry seine vielen Kleiderschichten
abzulegen. Was das mit ritterlicher »Tapferkeit« zu tun hatte, dachte er
düster, war ihm nicht ganz klar, es sei denn, es galt als tapfer, dass er nicht
Hermine rief, damit sie es an seiner Stelle tat.
Während er sich auszog, schrie irgendwo eine Eule, und der Gedanke an
Hedwig versetzte ihm einen Stich. Er zitterte jetzt, seine Zähne klapperten
fürchterlich, und doch zog er sich weiter aus, bis er schließlich in seiner
Unterwäsche barfuß im Schnee stand. Er legte den Beutel mit seinem
Zauberstab, dem Brief seiner Mutter, der Scherbe von Sirius' Spiegel und
dem alten Schnatz auf seine Kleider, dann richtete er Hermines Zauberstab
auf das Eis.
»Diffindo.«
Es zersprang mit dem Krachen einer Pistolenkugel in der Stille: Die
Oberfläche des Weihers barst und dunkle Eisschollen schaukelten auf dem
aufgewühlten Wasser. Soweit Harry es beurteilen konnte, war es nicht tief,
aber um das Schwert heraufzuholen, würde er ganz untertauchen müssen.
Lange über die bevorstehende Aufgabe nachzudenken würde sie nicht
einfacher machen und das Wasser nicht wärmer. Er trat an den Rand des
Weihers und legte Hermines noch leuchtenden Zauberstab auf die Erde.
Und während er versuchte sich nicht vorzustellen, wie viel kälter ihm
gleich werden oder wie schlimm er dann zittern würde, sprang er.
Sämtliche Poren seines Körpers protestierten heftig: Als er bis zu den
Schultern im eisigen Wasser versank, schien die Luft in seiner Lunge
buchstäblich zu gefrieren. Er konnte kaum atmen; er schlotterte so stark,
dass das Wasser über den Rand des Weihers schwappte, und tastete mit
seinen tauben Füßen nach der Klinge. Er wollte nur ein Mal hinabtauchen.
Zitternd und nach Luft schnappend, zögerte Harry den Moment, da er
ganz untertauchen würde, Sekunde um Sekunde hinaus, bis er sich sagte,
dass es getan werden musste, und er all seinen Mut zusammennahm und
tauchte.
Die Kälte war tödlich: Sie überfiel ihn wie Feuer. Selbst sein Gehirn
schien gefroren zu sein, als er durch das dunkle Wasser zum Grund
hinabstieß und mit der ausgestreckten Hand nach dem Schwert tastete.
Seine Finger schlossen sich um den Griff; er zog es nach oben.
Dann schloss sich etwas fest um seinen Hals. Er dachte an
Schlingpflanzen, obwohl ihn nichts gestreift hatte, als er hinuntergetaucht
war, und hob seine leere Hand, um sich zu befreien. Es war keine
Schlingpflanze: Die Kette des Horkruxes hatte sich zusammengezogen und
schnürte allmählich seine Luftröhre ab.
Harry strampelte wild, versuchte sich zurück an die Oberfläche zu
stoßen, trieb aber nur auf die steinige Seite des Weihers zu. Um sich
schlagend und nah am Ersticken, zerrte er an der Kette, die ihn
strangulierte, doch seine eisigen Finger konnten sie nicht lockern, und jetzt
tauchten kleine Lichter in seinem Kopf auf, und er würde gleich ertrinken,
es gab nichts mehr, nichts, was er tun konnte, und die Arme, die sich um
seine Brust schlangen, waren sicher die des Todes ...
Würgend und spuckend, klatschnass und frierend, wie er noch nie im
Leben gefroren hatte, kam er zu sich, mit dem Gesicht im Schnee.
Irgendwo in der Nähe keuchte und hustete und wankte noch jemand umher.
Hermine war wieder gekommen, so wie sie gekommen war, als die
Schlange angegriffen hatte ... doch es hörte sich nicht nach ihr an, nicht
dieses starke Husten, nicht diese schweren Schritte ...
Harry hatte nicht die Kraft, den Kopf zu heben und nachzusehen, wer
sein Retter war. Er konnte nichts weiter tun, als eine zittrige Hand an seine
Kehle zu führen und die Stelle zu betasten, wo das Medaillon tief in sein
Fleisch geschnitten hatte. Es war weg: Jemand hatte ihn befreit. Dann
ertönte über seinem Kopf eine keuchende Stimme.
»Bist – du – verrückt?«
Nur der Schreck, diese Stimme zu hören, konnte Harry die Kraft
gegeben haben, sich aufzurichten. Haltlos schlotternd und schwankend,
erhob er sich. Da, vor ihm, stand Ron, ganz angezogen, aber nass bis auf
die Haut, die Haare klebten ihm im Gesicht, er hielt das Schwert
Gryffindors in der einen und den Horkrux, der an seiner zerrissenen Kette
baumelte, in der anderen Hand.
»Warum zur Hölle«, keuchte Ron und hob den Horkrux empor, der an
seiner verkürzten Kette vor und zurück schwang wie beim Versuch einer
Hypnose, »warum zur Hölle hast du dieses Ding nicht abgelegt, bevor du
reingesprungen bist?«
Harry konnte nicht antworten. Die silberne Hirschkuh war nichts, nichts
im Vergleich zu Rons Wiedererscheinen, er konnte es nicht glauben.
Schaudernd vor Kälte, nahm er den Haufen Kleider hoch, die noch am
Rand des Weihers lagen, und begann sich anzuziehen. Während er sich
einen Pullover nach dem anderen über den Kopf zog, starrte er Ron an, und
immer wenn er ihn kurz nicht sah, rechnete er schon fast damit, dass er
wieder verschwunden war, und doch musste es der echte Ron sein: Er war
gerade in den Weiher gesprungen, er hatte Harry das Leben gerettet.
»Das warst d-du?«, fragte Harry endlich mit klappernden Zähnen, die
Stimme schwächer als sonst, da er fast erwürgt worden war.
»Also, jaah«, sagte Ron, offenbar leicht verwirrt.
»D-du hast diese Hirschkuh herbeigezaubert?«
»Was? Nein, natürlich nicht! Ich dachte, das wärst du gewesen!«
»Mein Patronus ist ein Hirsch.«
»Ach ja. Dachte mir doch, dass da was nicht stimmte. Kein Geweih.«
Harry hängte sich Hagrids Beutel wieder um den Hals, zog einen letzten
Pulli an, bückte sich, hob Hermines Zauberstab auf und wandte sich wieder
Ron zu.
»Wie kommt es, dass du hier bist?«
Offenbar hatte Ron gehofft, dass das später zur Sprache kommen würde,
wenn überhaupt.
»Also, ich bin – na ja – ich bin zurückgekommen. Falls -« Er räusperte
sich. »Na ja. Du mich noch haben willst. «
Eine Stille trat ein, und die Tatsache, dass Ron weggegangen war, baute
sich wie eine Mauer zwischen ihnen auf. Aber er war da. Er war
zurückgekommen. Er hatte Harry gerade das Leben gerettet.
Ron sah auf seine Hände hinunter. Einen Moment wirkte er überrascht
über die Dinge, die er da hielt.
»Ach ja; das hab ich rausgeholt«, sagte er, obwohl es eigentlich nicht
nötig war, und hielt das Schwert in die Höhe, um es Harry zu zeigen.
»Deswegen bist du reingesprungen, stimmt's?«
»Jaah«, sagte Harry. »Aber ich versteh das nicht. Wie bist du
hierhergekommen? Wie hast du uns gefunden?«
»Lange Geschichte«, sagte Ron. »Ich hab stundenlang nach euch
gesucht, das ist ein großer Wald, was? Und ich hab gerade überlegt, dass
ich wohl unter einem Baum pennen und bis zum Morgen warten muss, da
sah ich dieses Tier kommen, und du warst hinter ihm her.«
»Sonst hast du niemanden gesehen?«
»Nein«, sagte Ron. »Ich -«
Aber er zögerte und warf einen flüchtigen Blick auf zwei Bäume, die
einige Meter entfernt dicht beieinanderstanden.
»- ich dachte zwar, dort drüben hätte sich was bewegt, aber da lief ich
gerade zum Weiher, weil du dadrin warst und nicht mehr aufgetaucht bist,
deshalb wollte ich keinen Umweg machen, um – hey!«
Harry rannte bereits zu der Stelle, die Ron ihm gezeigt hatte. Die beiden
Eichen wuchsen eng beieinander; zwischen den Stämmen war auf
Augenhöhe eine Lücke, nur wenige Zentimeter breit, ein idealer Platz, um
zu beobachten, aber nicht gesehen zu werden. Der Boden rund um die
Wurzeln war jedoch frei von Schnee und Harry konnte keinerlei Fußspuren
erkennen. Er ging zurück zu Ron, der auf ihn wartete, immer noch mit dem
Schwert und dem Horkrux in den Händen.
»Ist da irgendwas?«, fragte Ron.
»Nein«, sagte Harry.
»Und wie ist das Schwert dann in den Weiher gekommen?«
»Wer auch immer den Patronus heraufbeschworen hat, muss es da
reingetan haben.«
Beide betrachteten das reich verzierte silberne Schwert, dessen
rubinbesetzter Griff im Licht von Hermines Zauberstab ein wenig glitzerte.
»Meinst du, dass es das echte ist?«, fragte Ron.
»Es gibt eine Möglichkeit, das rauszufinden, oder?«, sagte Harry.
Der Horkrux baumelte noch von Rons Hand. Das Medaillon zuckte
leicht. Harry wusste, dass das Ding in seinem Innern wieder unruhig war.
Es hatte die Gegenwart des Schwertes gespürt und versucht, Harry eher zu
töten, als zuzulassen, dass er das Schwert in die Hände bekam. Jetzt war
keine Zeit für lange Diskussionen; jetzt war der Augenblick gekommen,
das Medaillon ein für alle Mal zu zerstören. Harry hielt Hermines
Zauberstab empor, schaute sich um und sah auch schon, wo es geschehen
sollte: auf einem einigermaßen flachen Stein im Schatten eines Bergahorns.
»Komm mit«, sagte er und ging voran, er wischte den Schnee von dem
Stein und streckte die Hand nach dem Horkrux aus. Als Ron ihm jedoch
auch das Schwert geben wollte, schüttelte Harry den Kopf.
»Nein, du solltest es tun.«
»Ich?«, sagte Ron mit bestürzter Miene. »Wieso?«
»Weil du das Schwert aus dem Weiher geholt hast. Ich glaube, du sollst
derjenige sein.«
Es ging nicht darum, nett oder großzügig zu sein. So sicher, wie er
gewusst hatte, dass die Hirschkuh ihm wohlgesinnt war, wusste er auch,
dass Ron derjenige sein musste, der das Schwert führte. Dumbledore hatte
Harry wenigstens etwas über gewisse Arten von Magie beigebracht, über
die unberechenbare Kraft gewisser Handlungen.
»Ich werde es öffnen«, sagte Harry, »und du erstichst es. Und zwar
sofort, verstanden? Denn was immer dadrin ist, es wird sich wehren. Das
Stück Riddle in dem Tagebuch hat versucht mich umzubringen.«
»Wie willst du es öffnen?«, fragte Ron. Die Angst stand ihm ins Gesicht
geschrieben.
»Ich werde von ihm verlangen, dass es sich öffnet, auf Parsel«, sagte
Harry. Die Antwort kam ihm so prompt über die Lippen, dass er meinte, sie
tief im Innern immer schon gewusst zu haben: Vielleicht war sein jüngster
Zusammenstoß mit Nagini nötig gewesen, um es zu begreifen. Er
betrachtete das gewundene »S«, in das funkelnde grüne Steine eingelegt
waren: Es war leicht, sich darin eine winzige Schlange vorzustellen, die
sich auf dem kalten Stein ringelte.
»Nein«, sagte Ron, »nein, mach es nicht auf! Im Ernst!«
»Warum nicht?«, fragte Harry. »Lass uns das verfluchte Ding
loswerden, seit Monaten -«
»Ich kann nicht, Harry, ehrlich – mach du es -«
»Aber warum?«
»Weil dieses Ding schlecht für mich ist!«, sagte Ron und wich vor dem
Medaillon auf dem Stein zurück. »Ich krieg das nicht hin! Das soll keine
Ausrede dafür sein, dass ich so drauf war, Harry, aber es hat mir mehr
zugesetzt als dir und Hermine, es hat mich lauter Sachen denken lassen,
Sachen, die ich sowieso gedacht hab, aber es hat alles schlimmer gemacht,
ich kann es nicht erklären, und wenn ich es dann abgenommen hab, war ich
wieder klar im Kopf, und dann musste ich mir das verdammte Ding wieder
umhängen – ich schaff es nicht, Harry!«
Er war kopfschüttelnd zurückgewichen, das Schwert neben sich über
den Boden schleifend.
»Du kannst es schaffen«, sagte Harry, »du kannst! Du hast dir gerade
das Schwert geholt, ich weiß, du musst derjenige sein, der es benutzt. Bitte,
schlag das Ding einfach kaputt, Ron.«
Der Klang seines Namens schien ihn anzuspornen. Ron schluckte und
ging dann, immer noch schwer durch seine lange Nase atmend, wieder auf
den Stein zu.
»Sag mir, wann«, krächzte er.
»Bei drei«, sagte Harry, blickte wieder hinunter auf das Medaillon, kniff
die Augen zusammen und konzentrierte sich auf den Buchstaben »S«,
wobei er sich eine Schlange vorstellte, während es im Medaillon scharrte,
als wäre eine Kakerlake darin gefangen. Man hätte leicht Mitleid damit
haben können, wenn der Schnitt rund um Harrys Hals nicht immer noch
gebrannt hätte.
»Eins ... zwei ... drei ... öffne dich.«
Das letzte Wort war ein Zischen und ein Fauchen, und die goldenen
Türchen des Medaillons schwangen mit einem leisen Klicken auseinander.
Hinter jedem der beiden Glasfenster im Medaillon blinzelte ein
lebendiges Auge, dunkel und hübsch, wie Tom Riddles Augen es gewesen
waren, ehe er sie scharlachrot und die Pupillen zu Schlitzen gemacht hatte.
»Stich zu«, sagte Harry und hielt das Medaillon auf dem Stein fest.
Ron hob mit zitternden Händen das Schwert: Die Spitze hing über den
hektisch hin und her huschenden Augen, und Harry hatte das Medaillon
sicher im Griff, war auf alles gefasst, sah schon Blut aus den leeren
Fenstern quellen.
Dann zischte eine Stimme aus dem Horkrux.
»Ich habe dein Herz gesehen und es ist meines.«
»Hör nicht hin!«, sagte Harry barsch. »Erstich es!«
»Ich habe deine Träume gesehen, Ronald Weasley, und ich habe deine
Ängste gesehen. Alles, was du begehrst, ist möglich, aber alles, was du
fürchtest, ist ebenfalls möglich ...«
»Stich zu!«, schrie Harry; seine Stimme hallte von den Bäumen ringsum
wider, die Schwertspitze zitterte, und Ron starrte hinab in Riddles Augen.
»Am wenigsten geliebt, schon immer, von der Mutter, die sich eine
Tochter ersehnte ...am wenigsten geliebt, auch jetzt, von dem Mädchen, das
deinen Freund bevorzugt ... Zweitbester, immer, ewig im Schatten ... «
»Ron, erstich es jetzt!«, brüllte Harry: Er spürte, wie das Medaillon in
seinen Händen bebte, und hatte Angst vor dem, was gleich kommen würde.
Ron hob das Schwert noch höher und dabei leuchteten Riddles Augen
scharlachrot auf.
Aus den beiden Fenstern des Medaillons, aus den Augen, wuchsen wie
zwei groteske Blasen die Köpfe von Harry und Hermine heraus, seltsam
verzerrt.
Ron schrie schockiert auf und wich zurück, als die Gestalten aus dem
Medaillon hervorsprossen, zuerst die Brust, dann die Hüfte, dann die Beine,
bis sie schließlich in dem Medaillon standen, Seite an Seite wie Bäume mit
einer gemeinsamen Wurzel, und über Ron und dem echten Harry
schwankten, der die Finger von dem Medaillon weggerissen hatte, da es
plötzlich weiß glühte.
»Ron!«, rief er, doch der Riddle-Harry sprach jetzt mit Voldemorts
Stimme, und Ron starrte wie hypnotisiert in sein Gesicht.
»Warum bist du zurück? Es ging uns besser ohne dich, wir waren
glücklicher ohne dich, froh, dass du weg warst ... wir haben über deine
Dummheit gelacht, über deine Feigheit, deine Aufgeblasenheit -«
»Aufgeblasenheit!«, wiederholte die Riddle-Hermine, die schöner und
doch furchteinflößender war als die echte Hermine: Sie schwankte
gackernd vor Ron hin und her, der entsetzt und doch wie gelähmt schien,
das Schwert hing nutzlos an seiner Seite herab. »Wer kann dich denn
ansehen, wer will dich jemals ansehen, neben Harry Potter? Was hast du je
getan, im Vergleich zu dem Auserwählten? Was bist du, im Vergleich zu
dem Jungen, der überlebt hat?«
»Ron, stich zu, STICH ZU!«, schrie Harry, aber Ron rührte sich nicht:
In seinen weit aufgerissenen Augen spiegelten sich der Riddle-Harry und
die Riddle-Hermine, ihre Haare wie Flammenwirbel, ihre Augen leuchtend
rot, ihre Stimmen zu einem bösen Duett erhoben.
»Deine Mutter hat es zugegeben«, höhnte Riddle-Harry, während
Riddle-Hermine beifällig johlte, »dass sie lieber mich zum Sohn gehabt
hätte, gerne tauschen würde ... «
»Wer hätte ihn nicht lieber, welche Frau würde dich schon nehmen? Du
bist nichts, nichts, nichts gegen ihn«, gurrte Riddle-Hermine, und sie
streckte sich wie eine Schlange und ringelte sich um Riddle-Harry,
umschloss ihn in einer festen Umarmung: Ihre Lippen berührten sich.
Am Boden vor ihnen nahm Rons Gesicht einen qualvollen Ausdruck an:
Mit zitternden Armen hob er das Schwert in die Höhe.
»Tu es, Ron!«, schrie Harry.
Ron warf ihm einen Blick zu und Harry glaubte eine Spur Scharlachrot
in seinen Augen zu sehen.
»Ron -?«
Das Schwert blitzte, stieß hinab: Harry warf sich beiseite, ein
metallisches Klirren war zu hören und ein lang anhaltender Schrei. Harry
wirbelte herum, rutschte im Schnee aus, den Zauberstab bereit, um sich zu
verteidigen: Aber es gab nichts, wogegen er kämpfen musste.
Die riesenhaften Versionen von ihm selbst und von Hermine waren fort:
Nur noch Ron stand da, das Schwert schlaff in der Hand, und sah hinab auf
die zertrümmerten Überreste des Medaillons auf dem flachen Stein.
Langsam ging Harry wieder auf ihn zu, ohne recht zu wissen, was er
sagen oder tun sollte. Ron atmete schwer. Seine Augen waren gar nicht
mehr rot, sondern wieder blau wie sonst; und sie waren feucht.
Harry tat, als hätte er das nicht gesehen, bückte sich und hob den
zerbrochenen Horkrux auf. Ron hatte das Glas in beiden Fenstern
durchstochen: Riddles Augen waren verschwunden und das fleckige
Seidenfutter des Medaillons qualmte ein wenig. Das Ding, das in dem
Horkrux gelebt hatte, war nicht mehr; Ron zu peinigen, war seine letzte Tat
gewesen.
Das Schwert klirrte, als Ron es fallen ließ. Er war auf die Knie
gesunken, den Kopf in den Armen. Er zitterte, aber Harry war klar, dass es
nicht an der Kälte lag. Harry stopfte das zerstörte Medaillon in seine
Tasche, kniete sich neben Ron nieder und legte ihm behutsam eine Hand
auf die Schulter. Er hielt es für ein gutes Zeichen, dass Ron sie nicht
abschüttelte.
»Nachdem du weg warst«, sagte er mit leiser Stimme, dankbar, dass
Rons Gesicht verborgen war, »hat sie eine Woche lang geweint.
Wahrscheinlich länger, sie wollte nur nicht, dass ich es mitbekomme. Es
gab so viele Abende, an denen wir nicht mal miteinander gesprochen
haben. Weil du weg warst ...«
Er konnte den Satz nicht beenden; erst jetzt, da Ron zurück war, wurde
Harry richtig bewusst, wie viel seine Abwesenheit sie gekostet hatte.
»Sie ist wie eine Schwester für mich«, fuhr er fort. »Ich liebe sie wie
eine Schwester, und ich glaube, für sie ist es umgekehrt genauso. Das war
immer schon so. Ich dachte, du wüsstest das.«
Ron antwortete nicht, sondern wandte sein Gesicht von Harry ab und
putzte sich geräuschvoll mit seinem Ärmel die Nase. Harry stand auf und
ging zu der Stelle, wo Rons riesiger Rucksack lag, den Ron einige Meter
entfernt hingeworfen hatte, als er zu dem Weiher gerannt war, um Harry
vor dem Ertrinken zu retten. Er schulterte ihn und ging zu Ron zurück, der
sich, während Harry näher kam, mühsam hochrappelte, mit
blutunterlaufenen Augen, doch sonst gefasst.
»Tut mir leid«, sagte er mit belegter Stimme. »Tut mir leid, dass ich
abgehauen bin. Ich weiß, ich war ein – ein -«
Er sah sich in der Dunkelheit um, als hoffte er, ein möglichst schlimmes
Wort würde auf ihn herabstürzen und ihm zupasskommen.
»Du hast es heute Nacht irgendwie wiedergutgemacht«, sagte Harry.
»Das Schwert geholt. Den Horkrux erledigt. Mein Leben gerettet.«
»So klingt es viel cooler, als ich wirklich war«, murmelte Ron.
»Solche Sachen klingen immer cooler, als sie wirklich waren«, sagte
Harry. »Das versuch ich schon seit Jahren dir klarzumachen.«
Sie gingen gleichzeitig aufeinander zu und umarmten sich, und als
Harry Rons Jacke hinten anfasste, war sie immer noch klitschnass.
»Und jetzt«, sagte Harry, als sie sich voneinander lösten, »müssen wir
nur noch das Zelt wiederfinden.«
Doch es war nicht schwer. Obwohl ihm der Weg durch den dunklen
Wald hinter der Hirschkuh her sehr lang vorgekommen war, schien die
Strecke zurück mit Ron an seiner Seite überraschend kurz. Harry wollte
unbedingt sofort Hermine wecken und betrat in zunehmender Aufregung
das Zelt, während Ron etwas hinter ihm zurückblieb.
Nach dem Weiher und dem Wald war es herrlich warm darin, und es
wurde nur von den Flammen erhellt, die noch immer wie Glockenblumen
in einer Schale auf dem Boden schimmerten. Hermine schlief fest, unter
ihren Decken eingerollt, und rührte sich erst, als Harry mehrmals ihren
Namen gesagt hatte.
»Hermine!«
Sie bewegte sich, setzte sich dann rasch auf und strich sich die Haare
aus dem Gesicht.
»Stimmt was nicht? Harry? Ist alles in Ordnung mit dir?«
»Keine Sorge, alles ist gut. Mehr als gut. Ich fühl mich großartig. Ich
hab dir jemand mitgebracht.«
»Was soll das heißen? Wen -?«
Sie sah Ron, der mit dem Schwert in der Hand dastand und auf den
zerschlissenen Teppich tropfte. Harry trat in eine dunkle Ecke zurück, ließ
Rons Rucksack zu Boden gleiten und versuchte, vor der Zeltleinwand
möglichst unauffällig zu wirken.
Hermine schlüpfte aus ihrem Bett und bewegte sich wie eine
Schlafwandlerin auf Ron zu, den Blick auf sein blasses Gesicht geheftet.
Sie blieb dicht vor ihm stehen, mit leicht geöffneten Lippen, die Augen
aufgerissen. Ron lächelte sie schwach und hoffnungsvoll an und hob halb
die Arme.
Hermine stürzte sich auf ihn und fing an, jeden Zentimeter von ihm, den
sie erreichen konnte, mit den Fäusten zu bearbeiten.
»Autsch – au – hör auf! Was zum -? Hermine – AUA!«
»Du – komplettes – Arschloch – Ronald – Weasley!«
Sie unterstrich jedes Wort mit einem Schlag: Ron wich zurück und hielt
schützend die Hände über den Kopf, während Hermine vorrückte.
»Du – kommst – wieder – hier – angekrochen – nach -Wochen – und –
Wochen – oh, wo ist mein Zauberstab?«
Sie sah aus, als würde sie ihn Harry gleich entreißen, und er reagierte
instinktiv.
»Protego!«
Der unsichtbare Schild brach zwischen Ron und Hermine hervor: Seine
Wucht stieß Hermine rücklings zu Boden. Sie spuckte Haare aus und
sprang wieder auf die Beine.
»Hermine!«, sagte Harry. »Beruhige -«
»Ich beruhige mich nicht!«, schrie sie. Noch nie hatte er sie derart die
Beherrschung verlieren sehen; sie wirkte völlig zerrüttet.
»Gib mir meinen Zauberstab zurück! Gib ihn mir zurück!«
»Hermine, würdest du bitte -«
»Du hast mir nicht zu sagen, was ich tun soll, Harry Potter!«, kreischte
sie. »Wag es nicht! Gib ihn mir sofort zurück! Und DU!«
Sie zeigte in schwerer Anklage auf Ron: Es war, als ob sie ihn
verwünschen wollte, und Harry konnte es Ron nicht verdenken, dass er sich
ein paar Schritte zurückzog.
»Ich bin dir hinterhergelaufen! Ich hab nach dir gerufen! Ich hab dich
angefleht, zurückzukommen!«
»Ich weiß«, sagte Ron. »Hermine, es tut mir leid, es tut mir wirklich -«
»Oh, es tut dir leid! «
Sie lachte, ein schrilles, unbeherrschtes Lachen; Ron sah Hilfe suchend
zu Harry, doch Harry verzog nur hilflos das Gesicht.
»Du kommst nach Wochen – Wochen – zurück, und du meinst, es ist
alles wieder in Ordnung, wenn du einfach sagst, dass es dir leidtut?«
»Na ja, was soll ich denn sonst sagen?«, rief Ron, und Harry war froh,
dass er sich wehrte.
»Oh, ich weiß nicht!«, schrie Hermine mit beißendem Sarkasmus.
»Kram doch mal in deinem Oberstübchen, Ron, das dürfte nur ein paar
Sekunden dauern -«
»Hermine«, warf Harry ein, der dies für einen Schlag unter die
Gürtellinie hielt, »er hat gerade mein Leben -«
»Ist mir egal!«, schrie sie. »Ist mir egal, was er gemacht hat!
Wochenlang, wir hätten tot sein können, das hätte er gar nicht gemerkt -«
»Ich wusste, dass ihr nicht tot wart«, brüllte Ron und übertönte zum
ersten Mal ihre Stimme, wobei er so nah an sie herantrat, wie es der
Schildzauber zwischen ihnen ermöglichte. »Harry ist die ganze Zeit im
Propheten und im Radio, die suchen überall nach dir, so viele Gerüchte und
verrückte Geschichten, ich wusste, dass ich es sofort mitkriegen würde,
wenn ihr tot wärt, du weißt gar nicht, wie das war -«
»Wie das für dich war?«
Ihre Stimme war jetzt so schrill, dass wohl bald nur noch Fledermäuse
sie vernehmen konnten, doch sie hatte sich dermaßen entrüstet, dass ihr
kurz die Worte fehlten, und Ron nutzte die Gelegenheit.
»Ich wollte wieder zurückkommen, kaum dass ich disappariert war, aber
ich bin einer Bande von Greifern direkt in die Arme gelaufen, Hermine,
und da konnte ich nirgends mehr hin!«
»Einer Bande von was?«, fragte Harry, während Hermine sich auf einen
Stuhl fallen ließ, die Arme und Beine so fest verschlungen, dass sie sie
wahrscheinlich erst in einigen Jahren wieder auseinanderbekam.
»Greifer«, sagte Ron. »Die sind überall, Banden, die Gold verdienen
wollen, indem sie Muggelstämmige und Blutsverräter auftreiben, das
Ministerium zahlt für jeden, den sie fangen, eine Belohnung. Ich war allein,
und ich seh so jung aus, als ob ich noch Schüler wäre, die waren ganz
aufgeregt, dachten, ich war ein Muggelstämmiger, der sich versteckt. Ich
musste mich schnell rausreden, damit die mich nicht ins Ministerium
schleppten.«
»Was hast du zu ihnen gesagt?«
»Dass ich Stan Shunpike bin. War der Erste, der mir eingefallen ist.«
»Und das haben die geglaubt?«
»Die waren nicht die Hellsten. Einer von ihnen war eindeutig ein halber
Troll, so wie der gestunken hat ...«
Ron blickte rasch zu Hermine, offensichtlich in der Hoffnung, er hätte
sie mit diesem kleinen Scherz ein wenig besänftigt, doch ihre Miene über
den fest verknoteten Armen und Beinen war nach wie vor steinern.
»Jedenfalls haben die sich gestritten, ob ich nun Stan bin oder nicht. Es
war ehrlich gesagt ein bisschen albern, aber die waren immerhin zu fünft,
und ich war allein, und sie hatten meinen Zauberstab. Dann fingen zwei
von denen an sich zu prügeln, und während die anderen abgelenkt waren,
konnte ich den, der mich festhielt, in den Bauch schlagen, hab seinen
Zauberstab gepackt, den Typen, der meinen hatte, entwaffnet und bin
disappariert. Ich hab's nicht so gut hingekriegt, hab mich wieder zersplintert
-«, Ron hob die rechte Hand, um zu zeigen, dass ihm zwei Fingernägel
fehlten; Hermine zog kühl die Augenbrauen hoch, »- und ich bin ewig weit
weg von der Stelle gelandet, wo ihr wart. Als ich dann zu dem Stückchen
Flussufer zurückkam, wo unser Lager war ... wart ihr schon weg.«
»Meine Güte, was für eine spannende Geschichte«, sagte Hermine in
dem hochmütigen Ton, den sie anschlug, wenn sie verletzen wollte. »Du
musst ja so was von Angst gehabt haben. Währenddessen waren wir in
Godric's Hollow, und, lass mich überlegen, was ist da noch mal passiert,
Harry? Ach ja, die Schlange von Du-weißt-schon-wem ist aufgetaucht und
hat uns beide fast umgebracht, und dann kam Du-weißt-schon-wer
persönlich und hat uns haarscharf verfehlt.«
»Was?«, sagte Ron und starrte erst sie und dann Harry an, aber Hermine
ignorierte ihn.
»Stell dir vor, er hat Fingernägel verloren, Harry! Da sind unsere
Wehwehchen ja nichts dagegen, oder?«
»Hermine«, sagte Harry leise, »Ron hat mir gerade das Leben gerettet.«
Sie schien ihn nicht gehört zu haben.
»Eins würde ich aber doch gerne wissen«, sagte sie und richtete ihren
Blick auf einen Punkt einige Zentimeter über Rons Kopf. »Wie hast du uns
heute Nacht eigentlich gefunden? Das ist wichtig. Wenn wir es wissen,
können wir dafür sorgen, dass wir nicht noch mal von jemand Besuch
kriegen, den wir nicht sehen wollen.«
Ron starrte sie böse an, dann zog er einen kleinen silbernen Gegenstand
aus seiner Jeanstasche.
»Hier.«
Sie musste zu Ron hinschauen, um zu sehen, was er ihnen zeigte.
»Der Deluminator?«, sagte sie, so verblüfft, dass sie vergaß, kühl und
grimmig zu blicken.
»Er macht nicht nur Lichter an und aus«, sagte Ron. »Ich weiß nicht,
wie er funktioniert oder warum es erst dann passiert ist und nicht
irgendwann sonst, wo ich doch die ganze Zeit schon zurückkommen wollte,
seit ich weg war. Jedenfalls hab ich Radio gehört, ganz früh am
Weihnachtsmorgen, und da hab ich ... da hab ich dich gehört.«
Er sah Hermine an.
»Du hast mich im Radio gehört?«, fragte sie ungläubig.
»Nein, ich hab dich aus meiner Tasche kommen hören. Deine Stimme«,
er hielt den Deluminator wieder hoch, »kam hier raus.«
»Und was genau habe ich gesagt?«, fragte Hermine in einem Ton
irgendwo zwischen Skepsis und Neugier.
»Meinen Namen. >Ron.< Und noch was ... über einen Zauberstab ...«
Hermines Gesicht lief feuerrot an. Harry erinnerte sich: Es war das erste
Mal gewesen, dass Rons Name von einem von ihnen laut ausgesprochen
worden war, seit dem Tag, an dem Ron gegangen war; Hermine hatte ihn
erwähnt, als sie darüber redeten, wie Harrys Zauberstab repariert werden
konnte.
»Also hab ich ihn rausgenommen«, fuhr Ron fort und blickte auf den
Deluminator, »und er kam mir eigentlich wie immer vor, aber ich war
sicher, dass ich dich gehört hatte. Also hab ich ihn klicken lassen. Und das
Licht in meinem Zimmer ging aus, aber direkt vor dem Fenster tauchte ein
anderes Licht auf.«
Ron hob seine freie Hand und deutete nach vorne, die Augen auf etwas
gerichtet, das weder Harry noch Hermine sehen konnten.
»Es war eine Lichtkugel, die irgendwie pulsierte und bläulich war, wie
dieses Licht, das um einen Portschlüssel entsteht, wisst ihr?«
»Jaah«, sagten Harry und Hermine automatisch und wie aus einem
Mund.
»Ich wusste, das war es«, sagte Ron. »Ich hab meine Sachen geschnappt
und gepackt, und dann hab ich den Rucksack geschultert und bin raus in
den Garten. Da schwebte die kleine Lichtkugel, wartete auf mich, und als
ich rauskam, hüpfte sie ein wenig voraus, und ich bin ihr hinter den
Schuppen gefolgt, und dann ist sie ... also, sie ist in mich rein.«
»Wie bitte?«, sagte Harry, der überzeugt war, dass er sich verhört hatte.
»Sie ist irgendwie auf mich zugeschwebt«, sagte Ron und
veranschaulichte die Bewegung mit seinem freien Zeigefinger, »direkt auf
meine Brust zu, und dann – ging sie einfach mittendurch. Sie war hier«, er
berührte eine Stelle nahe seinem Herzen, »ich konnte sie spüren, sie war
heiß. Und sobald sie in mir drin war, wusste ich, was ich tun sollte, ich
wusste, sie würde mich dorthin bringen, wo ich hinmusste. Also bin ich
disappariert und kam auf einem Berghang wieder raus. Überall war Schnee
...«
»Da waren wir«, sagte Harry. »Wir haben da zwei Nächte verbracht,
und in der zweiten Nacht hab ich die ganze Zeit geglaubt, ich würde
jemanden hören, der sich in der Dunkelheit bewegt und ruft!«
»Jaa, genau, das muss wohl ich gewesen sein«, sagte Ron. »Eure
Schutzzauber funktionieren jedenfalls, weil ich euch nicht sehen und nicht
hören konnte. Ich war aber sicher, dass ihr da irgendwo wart, deshalb hab
ich mich am Ende in meinen Schlafsack gelegt und gewartet, dass einer
von euch auftaucht. Ich dachte, ihr müsstet euch zeigen, wenn ihr das Zelt
einpackt.«
»Nein, eigentlich nicht«, sagte Hermine. »Wir sind immer unter dem
Tarnumhang disappariert, als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme. Und wir
sind sehr früh aufgebrochen, weil wir, wie Harry sagt, gehört hatten, dass
jemand umherstreunte.«
»Jedenfalls bin ich an diesem Tag auf dem Hügel geblieben«, sagte
Ron. »Ich hab die ganze Zeit gehofft, dass ihr auftaucht. Aber als es dann
anfing dunkel zu werden, wusste ich, dass ich euch verpasst haben musste,
also hab ich den Deluminator wieder klicken lassen, das blaue Licht kam
raus und ging in mich rein, und ich bin disappariert und hier angekommen,
in diesem Wald. Ich konnte euch immer noch nicht sehen, also musste ich
einfach hoffen, dass einer von euch sich irgendwann zeigen würde – und
das hat Harry getan. Nun, die Hirschkuh hab ich natürlich zuerst gesehen. «
»Du hast was gesehen?«, sagte Hermine scharf.
Sie erklärten ihr, was geschehen war, und während sie die Geschichte
von der silbernen Hirschkuh und dem Schwert im Weiher erzählten, blickte
Hermine stirnrunzelnd vom einen zum andern, so aufmerksam, dass sie
vergaß, ihre Hände und Füße verschränkt zu lassen.
»Aber das muss ein Patronus gewesen sein!«, sagte sie. »Konntet ihr
nicht sehen, wer ihn erzeugt hat? Habt ihr niemanden gesehen? Und er hat
euch zu dem Schwert geführt! Das ist ja unglaublich! Und was ist dann
passiert?«
Ron erklärte, dass er Harry dabei beobachtet hatte, wie er in den Weiher
sprang, und darauf gewartet hatte, dass er wieder auftauchte; dass ihm klar
geworden war, dass etwas nicht stimmte, er selbst ins Wasser gesprungen
war und Harry gerettet hatte, woraufhin er noch einmal nach dem Schwert
getaucht war. Als er die Stelle vom Öffnen des Medaillons erreicht hatte,
zögerte er, und Harry erzählte weiter.
»- und Ron hat das Ding mit dem Schwert erstochen.«
»Und ... und es ist verschwunden? Einfach so?«, flüsterte sie.
»Also, es – es hat geschrien«, sagte Harry mit einem kurzen Blick zu
Ron. »Hier.«
Er warf ihr das Medaillon in den Schoß; mit spitzen Fingern nahm sie es
hoch und untersuchte seine durchbohrten Fenster.
Da Harry fand, dass es nun endlich ungefährlich war, entfernte er den
Schildzauber mit einem Schlenker von Hermines Zauberstab und wandte
sich dann Ron zu.
»Hast du nicht eben gesagt, dass du den Greifern noch einen Zauberstab
abgenommen hast, ehe du ihnen entkommen bist?«
»Was?«, sagte Ron, der Hermine dabei beobachtet hatte, wie sie das
Medaillon untersuchte. »Ach – ach ja.«
Er riss einen Verschluss an seinem Rucksack auf und zog einen kurzen,
dunklen Zauberstab aus einer Seitentasche.
»Hier. Ich dachte, dass man einen in Vorrat immer gut brauchen kann.«
»Wie wahr«, sagte Harry und streckte die Hand aus. »Meiner ist
kaputt!«
»Soll das ein Witz sein?«, erwiderte Ron, doch in diesem Moment stand
Hermine auf, und er machte wieder ein besorgtes Gesicht.
Hermine steckte den besiegten Horkrux in die mit Perlen verzierte
Tasche, kletterte dann wieder in ihr Bett und legte sich ohne ein weiteres
Wort schlafen.
Ron gab Harry den neuen Zauberstab.
»Da bist du ganz gut weggekommen, denke ich«, murmelte Harry.
»Jaah«, sagte Ron. »Hätte schlimmer sein können. Weißt du noch, wie
sie diese Vögel auf mich gejagt hat?«
»Das kann dir immer noch blühen«, kam Hermines gedämpfte Stimme
unter ihren Decken hervor, aber Harry sah, dass Ron ein wenig
schmunzelte, während er seinen kastanienbraunen Pyjama aus dem
Rucksack zog.
Xenophilius Lovegood
Harry hatte nicht erwartet, dass Hermines Zorn über Nacht abklingen
würde, und war daher nicht überrascht, dass sie am nächsten Morgen
vorwiegend über finstere Blicke und betontes Schweigen mit ihnen
kommunizierte. Ron gab sich im Gegenzug in ihrer Nähe ungewöhnlich
zerknirscht, um seine nachhaltige Reue deutlich sichtbar zu machen. Wenn
sie alle drei zusammen waren, hatte Harry nun in der Tat den Eindruck, als
wäre er der einzige nicht Trauernde auf einer schwach besuchten
Beerdigung. In den wenigen Momenten, die Ron mit Harry allein
verbrachte (beim Wasserholen und bei der Suche nach Pilzen im
Unterholz), legte Ron eine unverschämt gute Laune an den Tag.
»Jemand hat uns geholfen«, sagte er immer wieder. »Jemand hat uns
diese Hirschkuh geschickt. Jemand ist auf unserer Seite. Einen Horkrux
hätten wir erledigt, Mann!«
Ermutigt durch die Zerstörung des Medaillons, diskutierten sie nun
darüber, wo die anderen Horkruxe stecken könnten, und obwohl sie diese
Frage schon so häufig erörtert hatten, war Harry zuversichtlich und sicher,
dass dem ersten Durchbruch weitere folgen würden. Dass Hermine
schmollte, konnte seine Hochstimmung nicht trüben: Ihre plötzliche
Glückssträhne, das Erscheinen der geheimnisvollen Hirschkuh, die
Entdeckung des Schwertes von Gryffindor und vor allem Rons Rückkehr
machten Harry so glücklich, dass es ihm ziemlich schwerfiel, ernst zu
bleiben.
Spät am Nachmittag entflohen er und Ron wieder einmal Hermines
drückender Gegenwart unter dem Vorwand, dass sie die kahlen Sträucher
nach Brombeeren absuchen wollten, die in Wahrheit gar nicht vorhanden
waren, und setzten ihren Austausch von Neuigkeiten fort. Harry hatte es
endlich geschafft, Ron die ganze Geschichte seiner und Hermines
verschiedener Unternehmungen zu schildern, mit all dem, was in Godric's
Hollow passiert war; Ron erzählte Harry nun alles, was er während der
Wochen, in denen er weg gewesen war, über das Geschehen draußen in der
Zaubererwelt erfahren hatte.
»... und wie habt ihr die Sache mit dem Tabu rausgefunden?«, fragte er
Harry, nachdem er von den vielen verzweifelten Versuchen
Muggelstämmiger berichtet hatte, dem Ministerium zu entkommen.
»Dem was?«
»Du und Hermine habt aufgehört, den Namen von Du-weißt-schon-wem
zu nennen!«
»Ach so. Nun, das ist nur eine schlechte Angewohnheit, die sich bei uns
eingeschlichen hat«, sagte Harry. »Aber ich hab kein Problem damit, ihn
V-«
»NEIN!«, brüllte Ron, worauf Harry einen Satz in die Hecke machte
und Hermine (die in einem Buch vergraben am Zelteingang saß) ihnen
einen finsteren Blick zuwarf. »Tut mir leid«, sagte Ron und zog Harry aus
den Brombeersträuchern, »aber der Name wurde mit einem Bann versehen,
Harry, auf diese Weise spüren sie Leute auf! Wenn man seinen Namen
benutzt, dann brechen alle Schutzzauber, das gibt irgendeine magische
Störung – so haben sie uns in der Tottenham Court Road gefunden!«
»Weil wir seinen Namen benutzt haben?«
»Genau! Eins muss man ihnen lassen, raffiniert ist das schon. Nur
Leute, die sich ihm ernsthaft widersetzt haben, wie Dumbledore, haben sich
jemals getraut, ihn zu verwenden. Jetzt haben sie ihn mit einem Tabu
belegt, und jeder, der ihn ausspricht, kann aufgespürt werden – eine
schnelle und einfache Methode, Ordensmitglieder zu finden! Beinah hätten
sie Kingsley gekriegt – «
»Ehrlich?«
»Tja, Bill meinte, eine Bande von Todessern hätte ihn in die Enge
getrieben, aber er hat sich rausgekämpft. Jetzt ist er auf der Flucht, genau
wie wir.« Ron kratzte sich mit der Spitze seines Zauberstabs nachdenklich
am Kinn. »Meinst du nicht, dass Kingsley vielleicht diese Hirschkuh
geschickt hat?«
»Sein Patronus ist ein Luchs, wir haben ihn bei der Hochzeit gesehen,
weißt du nicht mehr?«
»Ach jaah ...«
Sie gingen weiter an der Hecke entlang und entfernten sich vom Zelt
und von Hermine.
»Harry ... meinst du, es könnte Dumbledore gewesen sein?«
»Dumbledore? Was?«
Ron blickte ein wenig verlegen, sagte aber mit leiser Stimme:
»Dumbledore ... die Hirschkuh? Ich meine -«, Ron beobachtete Harry aus
den Augenwinkeln, »er hatte das echte Schwert als Letzter, oder?«
Harry lachte nicht über Ron, weil er die Sehnsucht, die in dieser Frage
steckte, nur zu gut verstehen konnte. Die Vorstellung, dass Dumbledore es
geschafft hatte, zu ihnen zurückzukehren, dass er auf sie aufpasste, wäre
ungeheuer tröstlich gewesen. Er schüttelte den Kopf.
»Dumbledore ist tot«, sagte er. »Ich hab gesehen, wie es passiert ist, ich
hab die Leiche gesehen. Er ist definitiv fort. Außerdem war sein Patronus
ein Phönix, keine Hirschkuh.«
»Ein Patronus kann sich aber ändern, oder?«, sagte Ron. »Tonks hat
jetzt einen anderen, stimmt's?«
»Jaah, aber wenn Dumbledore am Leben ist, warum zeigt er sich dann
nicht? Warum hat er uns dann nicht einfach das Schwert gegeben?«
»Keine Ahnung«, sagte Ron. »Aus demselben Grund, aus dem er es dir
nicht gegeben hat, als er noch lebte? Aus demselben Grund, aus dem er dir
einen alten Schnatz und Hermine ein Buch mit Kindergeschichten
hinterlassen hat? «
»Und welcher wäre das?«, fragte Harry, drehte sich um und sah Ron
direkt ins Gesicht, begierig auf eine Antwort.
»Weiß nicht«, sagte Ron. »Manchmal, wenn ich ein bisschen sauer war,
hab ich gedacht, dass er sich einen ab lacht oder – oder dass er es einfach
schwieriger machen wollte. Aber das glaube ich nicht, nicht mehr
jedenfalls. Er wusste, was er tat, als er mir den Deluminator gab, oder? Er –
na ja«, Rons Ohren wurden leuchtend rot, und er beschäftigte sich
eingehend mit einem Grasbüschel zu seinen Füßen, das er mit der
Schuhspitze traktierte, »er muss gewusst haben, dass ich euch im Stich
lassen würde.«
»Nein«, korrigierte ihn Harry. »Er muss gewusst haben, dass du die
ganze Zeit zurückkehren wolltest.«
Ron schien dankbar, aber immer noch betreten. Auch um das Thema zu
wechseln, sagte Harry: »Wo wir gerade bei Dumbledore sind, hast du
mitbekommen, was Kimmkorn über ihn geschrieben hat?«
»O ja«, erwiderte Ron sofort, »es wird ziemlich viel darüber geredet,
'türlich, wenn die Dinge anders liegen würden, dann wären das große
Neuigkeiten, Dumbledore ein Freund von Grindelwald, aber jetzt ist es nur
was zum Lachen für Leute, die Dumbledore nicht ausstehen konnten, und
eine kleine Ohrfeige für alle, die dachten, dass er so ein guter Kerl war.
Aber ich weiß nicht, was groß dabei sein soll. Er war noch ganz jung, als
sie -«
»In unserem Alter«, erwiderte Harry, genauso wie er es schon bei
Hermine getan hatte, und etwas an seinem Gesichtsausdruck schien Ron
davon abzuhalten, das Thema weiterzuverfolgen.
Eine große Spinne saß in der Mitte eines mit Raureif überzogenen
Netzes in den Brombeersträuchern. Harry zielte mit dem Zauberstab darauf,
den er in der Nacht zuvor von Ron bekommen hatte und den Hermine
inzwischen gnädigerweise untersucht hatte, mit dem Ergebnis, dass er aus
Schwarzdornholz war.
»Engorgio.«
Die Spinne erzitterte leicht und federte ein wenig in ihrem Netz. Harry
versuchte es noch einmal. Diesmal wurde die Spinne etwas größer.
»Lass das«, sagte Ron scharf. »Tut mir leid, dass ich gesagt hab, dass
Dumbledore jung war, in Ordnung?«
Harry hatte vergessen, dass Ron Spinnen nicht ausstehen konnte.
»Verzeihung – reducio.«
Die Spinne schrumpfte nicht. Harry blickte hinab auf den Schwarzdorn-
Zauberstab. All die kleinen Zauber, die er bisher damit ausgeführt hatte,
waren ihm weniger kräftig vorgekommen als die, die er mit seinem Phönix-
Zauberstab hervorgebracht hatte. Der neue fühlte sich aufdringlich fremd
an, als ob die Hand von jemand anderem ans Ende seines Arms genäht
wäre.
»Du musst einfach üben«, sagte Hermine, die sich ihnen lautlos von
hinten genähert und besorgt beobachtet hatte, wie Harry versuchte, die
Spinne größer und kleiner werden zu lassen. »Das ist nur eine Frage des
Selbstvertrauens, Harry.«
Er wusste, warum sie wollte, dass der Zauberstab in Ordnung war: Sie
hatte nach wie vor ein schlechtes Gewissen, weil sein eigener zu Bruch
gegangen war. Er verkniff sich die Erwiderung, die ihm schon auf der
Zunge lag: dass sie den Schwarzdornstab doch selber nehmen könnte, wenn
sie glaubte, dass es keinen Unterschied machte, und er würde dann ihren
behalten. Doch weil er unbedingt wollte, dass sie alle wieder Freunde
waren, pflichtete er ihr bei; als Ron jedoch Hermine zaghaft zulächelte,
stolzierte sie davon und verschwand wieder hinter ihrem Buch.
Als es dunkel wurde, kehrten alle drei ins Zelt zurück, und Harry
übernahm die erste Wache. Während er im Eingang hockte, versuchte er,
mit dem Schwarzdornstab kleine Steine vor seinen Füßen zum Schweben
zu bringen: Doch sein Zaubern erschien ihm nach wie vor schwerfälliger
und kraftloser als sonst. Hermine lag im Bett und las, während Ron,
nachdem er etliche Male scheu zu ihr hochgeschaut hatte, ein kleines
hölzernes Radio aus seinem Rucksack geholt hatte und nun versuchte,
einen Sender einzustellen.
»Da gibt es dieses eine Programm«, erklärte er Harry mit leiser Stimme,
»das berichtet, was wirklich los ist. Alle anderen sind auf der Seite von Du-
weißt-schon-wem und folgen der Linie des Ministeriums, aber dieses eine
... warte, bis du es hörst, es ist toll. Nur können sie nicht jede Nacht senden,
sie müssen ständig den Standort wechseln, damit sie in keine Razzia
geraten, und man braucht ein Passwort, um den Sender zu empfangen ...
das Problem ist nur, dass ich das letzte nicht mitgekriegt habe ...«
Er trommelte mit dem Zauberstab leicht auf das Radio und murmelte
irgendwelche Wörter vor sich hin. Unterdessen warf er immer wieder
verstohlene Blicke auf Hermine, offensichtlich aus Angst vor einem
Wutausbruch, doch er hätte genauso gut Luft sein können, so wenig Notiz
nahm sie von ihm. Etwa zehn Minuten lang klopfte und murmelte Ron,
während Hermine die Seiten ihres Buches umblätterte und Harry weiter mit
dem Schwarzdorn-Zauberstab übte.
Schließlich kletterte Hermine von ihrem Bett herunter. Ron hörte sofort
auf zu klopfen.
»Wenn es dich nervt, lass ich es bleiben!«, meinte er nervös zu ihr.
Hermine ließ sich nicht dazu herab, ihm zu antworten, sondern ging auf
Harry zu.
»Ich muss mit dir reden«, sagte sie.
Er blickte auf das Buch, das sie immer noch in der Hand hielt. Es war
Leben und Lügen des Albus Dumbledore.
»Was gibt's?«, fragte er argwöhnisch. Ihm schoss durch den Kopf, dass
es auch ein Kapitel über ihn selbst darin gab; er war nicht sicher, ob er jetzt
in der Stimmung war, sich Ritas Darstellung seiner Beziehung zu
Dumbledore anzuhören. Auf Hermines Antwort jedoch war er überhaupt
nicht gefasst.
»Ich möchte Xenophilius Lovegood besuchen.«
Er starrte sie an.
»Wie bitte?«
»Xenophilius Lovegood. Lunas Vater. Ich will hin und mit ihm reden!«
»Ähm – wieso?«
Sie holte tief Luft, als würde sie all ihren Mut zusammennehmen, und
sagte: »Es geht um das Zeichen, das Zeichen in Beedle dem Barden. Schau
dir das an!«
Sie hielt Leben und Lügen des Albus Dumbledore vor Harrys unwillige
Augen, und er sah ein Foto von dem Originalbrief, den Dumbledore an
Grindelwald geschrieben hatte, mit Dumbledores vertrauter feiner, schräger
Handschrift. Es war ihm zuwider, den zwingenden Beweis dafür zu sehen,
dass Dumbledore diese Worte tatsächlich geschrieben hatte, dass sie nicht
Ritas Erfindung waren.
»Die Unterschrift«, sagte Hermine. »Sieh dir die Unterschrift an,
Harry!«
Er gehorchte. Im ersten Moment wusste er überhaupt nicht, was sie
meinte, doch als er mit Hilfe seines leuchtenden Zauberstabs näher hinsah,
erkannte er, dass Dumbledore das »A« von Albus durch eine winzige
Version jenes dreieckigen Zeichens ersetzt hatte, das auch in die Märchen
von Beedle dem Barden hineingemalt war.
»Ähm – was macht ihr -?«, fragte Ron zaghaft, doch Hermine brachte
ihn mit einem Blick zum Verstummen und wandte sich wieder Harry zu.
»Wir stoßen andauernd darauf, nicht wahr?«, sagte sie. »Ich weiß, dass
Viktor es für Grindelwalds Zeichen hielt, aber es war eindeutig auf diesem
alten Grab in Godric's Hollow, und die Lebensdaten auf dem Grabstein
lagen lange vor Grindelwalds Zeit! Und jetzt das! Also, Dumbledore oder
Grindelwald können wir nicht fragen, was das bedeuten soll – ich weiß
nicht mal, ob Grindelwald noch lebt –, aber wir können Mr Lovegood
fragen. Er hat das Symbol bei der Hochzeit getragen. Ich bin sicher, dass
das wichtig ist, Harry!«
Harry antwortete nicht sofort. Er blickte in ihr gespanntes,
erwartungsvolles Gesicht und sah dann nachdenklich hinaus in die
Dunkelheit rundherum. Nach langem Schweigen sagte er: »Hermine, ein
Mal Godric's Hollow ist genug. Wir haben uns eingeredet, dass wir
unbedingt dorthin müssen, und -«
»Aber es taucht immer wieder auf, Harry! Dumbledore hat mir die
Märchen von Beedle dem Barden hinterlassen, woher weißt du, dass wir
nicht herausfinden sollen, was es mit dem Zeichen auf sich hat?«
»Jetzt geht das schon wieder los!« Harry war leicht genervt. »Wir
versuchen die ganze Zeit uns selber weiszumachen, dass Dumbledore uns
geheime Zeichen und Hinweise hinterlassen hat -«
»Der Deluminator war am Ende doch ziemlich nützlich«, meldete sich
Ron. »Ich glaube, Hermine hat Recht, ich glaube, wir sollten Lovegood
besuchen.«
Harry warf ihm einen finsteren Blick zu. Wenn Ron jetzt Hermine
unterstützte, dann hatte das wenig mit dem Wunsch zu tun, die Bedeutung
der dreieckigen Rune in Erfahrung zu bringen, davon war Harry völlig
überzeugt.
»Es wird nicht so sein wie in Godric's Hollow«, fügte Ron hinzu.
»Lovegood ist auf deiner Seite, Harry, Der Klitterer war das schon die
ganze Zeit, der ruft ständig alle auf, dir zu helfen!«
»Ich bin sicher, dass das wichtig ist«, sagte Hermine ernst.
»Aber glaubst du nicht, dass Dumbledore, wenn es so wäre, mir vor
seinem Tod davon erzählt hätte?«
»Vielleicht... vielleicht ist es etwas, das du selber herausfinden musst«,
sagte Hermine und wirkte fast so, als wollte sie sich an einen winzigen
Strohhalm klammern.
»Jaah«, sagte Ron beflissen, »das klingt logisch.«
»Nein, tut es nicht«, fauchte Hermine, »aber trotzdem glaube ich, wir
sollten mit Mr Lovegood reden. Ein Symbol, das Dumbledore, Grindelwald
und Godric's Hollow miteinander verbindet? Harry, wir sollten unbedingt
rauskriegen, was das bedeutet!«
»Ich finde, wir sollten abstimmen«, sagte Ron. »Wer ist dafür,
Lovegood zu besuchen -«
Seine Hand flog noch vor Hermines nach oben. Ihre Lippen bebten
verdächtig, als sie ihre hob.
»Überstimmt, Harry, tut mir leid«, sagte Ron und klopfte ihm auf die
Schulter.
»Na schön«, sagte Harry, halb belustigt, halb verärgert. »Aber sobald
wir mit Lovegood gesprochen haben, suchen wir weiter nach Horkruxen,
ja? Wo leben die Lovegoods überhaupt? Weiß das jemand von euch?«
»Ja, sie wohnen nicht weit von mir zu Hause«, sagte Ron. »Wo genau,
weiß ich nicht, aber Mum und Dad zeigen immer auf die Hügel, wenn sie
sie erwähnen. Sollte nicht schwer zu finden sein.«
Als Hermine wieder in ihr Bett gestiegen war, senkte Harry die Stimme.
»Du warst nur dafür, weil du bei ihr punkten wolltest.«
»In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt«, sagte Ron strahlend, »und
das hier ist ein bisschen von beidem. Kopf hoch, es sind Weihnachtsferien,
Luna wird bestimmt zu Hause sein!«
Von dem windgepeitschten Hügel, zu dem sie am nächsten Morgen
disapparierten, hatten sie einen hervorragenden Blick über das Dorf Ottery
St. Catchpole. Von diesem hohen Punkt aus betrachtet, wirkte das Dorf wie
eine Ansammlung von Spielzeughäuschen in den schrägen, breiten
Sonnenstrahlen, die zwischen Wolkenlücken hindurch auf die Erde fielen.
Sie blieben ein paar Minuten lang stehen und blickten zum Fuchsbau
hinunter, die Augen mit den Händen abgeschirmt, konnten jedoch nur die
hohen Hecken und die Bäume des Obstgartens erkennen, die das krumme
kleine Haus vor den Augen der Muggel verbargen.
»Komisches Gefühl, so nah zu sein und sie trotzdem nicht zu
besuchen«, sagte Ron.
»Na ja, es ist nicht gerade lange her, dass du sie gesehen hast. Du warst
Weihnachten dort«, sagte Hermine kühl.
»Ich war nicht im Fuchsbau!«, erwiderte Ron mit einem ungläubigen
Lachen. »Denkst du, ich würde zurück nach Hause gehen und allen
erzählen, dass ich euch sitzen gelassen hab? Jaah, Fred und George wären
so was von begeistert gewesen. Und Ginny, die hätte furchtbar viel
Verständnis gehabt.«
»Aber wo warst du dann?«, fragte Hermine überrascht.
»Im neuen Haus von Bill und Fleur. Shell Cottage. Bill war immer nett
zu mir. Er – er war nicht gerade froh, als er hörte, was ich getan hatte, aber
er hat mich damit in Ruhe gelassen. Er wusste, dass es mir wirklich leidtat.
Von der Familie weiß sonst keiner, dass ich dort war. Bill hat Mum gesagt,
er und Fleur würden an Weihnachten nicht nach Hause kommen, weil sie
alleine feiern wollten. Die ersten Ferien nach ihrer Hochzeit, verstehst du.
Ich glaube nicht, dass Fleur was dagegen hatte. Du weißt ja, wie sehr sie
Celestina Warbeck verabscheut.«
Ron kehrte dem Fuchsbau den Rücken zu.
»Versuchen wir es mal hier lang«, sagte er und ging ihnen voran auf
dem Weg, der über die Hügelkuppe führte.
Sie wanderten ein paar Stunden lang, Harry unter dem Tarnumhang
verborgen, da Hermine darauf bestanden hatte. Die Kette niedriger Hügel
schien nicht besiedelt zu sein, bis auf ein einzelnes kleines Haus, das
verlassen wirkte.
»Meint ihr, das ist ihres, und sie sind über Weihnachten verreist?«,
fragte Hermine und spähte durch das Fenster in eine hübsche kleine Küche
mit Geranien auf der Fensterbank. Ron schnaubte.
»Hör mal, ich glaub, du würdest sofort wissen, wer dort lebt, wenn du
bei den Lovegoods durchs Fenster schaust. Versuchen wir's bei den
nächsten paar Hügeln. «
Und so disapparierten sie einige Meilen weiter Richtung Norden.
»Aha!«, rief Ron, während der Wind ihnen durch Haare und Kleider
fegte. Er zeigte nach oben, zur Kuppe des Hügels, bei dem sie aufgetaucht
waren, wo ein äußerst merkwürdig aussehendes Haus senkrecht zum
Himmel aufragte wie ein großer schwarzer Zylinder, hinter dem ein
gespenstischer Mond am Nachmittagshimmel stand. »Das muss Lunas
Haus sein, wer sonst würde in so etwas wohnen? Sieht aus wie eine Art
Riesenmelone!«
»Es ist doch keine Kugel«, sagte Hermine, mit einem finsteren Blick auf
den Turm.
»Ich meinte einen Melonenhut«, sagte Ron. »Für dich vielleicht
Bowler.«
Ron hatte die längsten Beine und erreichte als Erster die Hügelkuppe.
Als Harry und Hermine ihn schnaufend und mit heftigem Seitenstechen
eingeholt hatten, grinste er breit.
»Das ist es«, sagte Ron. »Seht mal.«
Drei von Hand bemalte Schilder waren an ein kaputtes Gartentor
genagelt. Auf dem ersten stand: »Der Klitterer. Herausgeber: X.
Lovegood«, auf dem zweiten »Misteln zum Selberpflücken« und auf dem
dritten »Hände weg von den Lenkpflaumen«.
Das Tor knarzte, als sie es öffneten. Eine bunte Vielfalt seltsamer
Pflanzen überwucherte den Weg, der im Zickzack zur Haustür führte,
darunter auch ein Busch, der mit den orangefarbenen, radieschenartigen
Früchten bedeckt war, die Luna manchmal als Ohrringe trug. Harry glaubte
einen Snargaluff zu erkennen und machte einen großen Bogen um den
verwitterten Stumpf. Zwei alte, sturmgebeugte Holzapfelbäume, die keine
Blätter hatten, aber noch schwer behangen waren mit beerengroßen roten
Früchten und buschigen Mistelkronen mit weißen Perlen, standen zu beiden
Seiten der Haustür Wache. Eine kleine Eule mit leicht abgeflachtem,
falkenartigem Kopf spähte von einem der Äste zu ihnen herab.
»Am besten, du nimmst den Tarnumhang ab, Harry«, sagte Hermine,
»Mr Lovegood will ja dir helfen und nicht uns.«
Er befolgte ihren Ratschlag und reichte ihr den Umhang, damit sie ihn
in der Perlentasche verstaute. Dann klopfte sie dreimal an die schwere
schwarze Tür, die mit Eisennägeln beschlagen war und einen Türklopfer in
Gestalt eines Adlers trug.
Kaum zehn Sekunden vergingen, dann wurde die Tür aufgerissen, und
Xenophilius Lovegood stand vor ihnen, barfuß und in etwas, das wie ein
fleckiges Nachthemd aussah. Sein langes weißes Zuckerwattehaar war
schmutzig und ungekämmt. Im Vergleich dazu war Xenophilius bei Bills
und Fleurs Hochzeit ausgesprochen elegant aufgetreten.
»Was? Was gibt es? Wer seid ihr? Was wollt ihr?«, rief er mit schriller,
nörgelnder Stimme und sah zuerst Hermine an, dann Ron und schließlich
Harry, bei dessen Anblick ihm der Mund aufklappte und ein perfektes,
urkomisches »O« bildete.
»Hallo, Mr Lovegood«, sagte Harry und streckte die Hand aus. »Ich bin
Harry, Harry Potter.«
Xenophilius ergriff Harrys Hand nicht, obwohl das Auge, das nicht nach
innen auf seine Nase gerichtet war, sofort zu der Narbe auf Harrys Stirn
huschte.
»Wäre es möglich, dass wir reinkommen?«, fragte Harry. »Wir möchten
Sie etwas fragen.«
»Ich ... ich bin mir nicht sicher, ob das ratsam ist«, flüsterte
Xenophilius. Er schluckte und warf rasch einen Blick über den Garten.
»Ein ziemlicher Schreck ... meine Güte ... ich ... ich fürchte, ich glaube
wirklich nicht, dass ich -«
»Es dauert nicht lange«, sagte Harry, ein wenig enttäuscht über diese
nicht besonders herzliche Begrüßung.
»Ich – oh, also, na schön. Kommen Sie rein, schnell. Schnell!«
Sie waren kaum über der Schwelle, als Xenophilius die Tür hinter ihnen
zuschlug. Sie standen in der seltsamsten Küche, die Harry je gesehen hatte.
Der Raum war völlig kreisrund und vermittelte den Eindruck, dass man
sich im Inneren eines riesigen Pfefferstreuers befand. Alles war gebogen,
damit es an die Wände passte: der Herd, die Spüle und die Schränke, und
auf alles waren in leuchtenden Grundfarben Blumen, Insekten und Vögel
gemalt. Harry glaubte, Lunas Stil zu erkennen: Die Wirkung in diesem
geschlossenen Raum war einigermaßen überwältigend.
Von der Mitte des Fußbodens führte eine schmiedeeiserne
Wendeltreppe in die oberen Stockwerke. Von dort war ein lautes Klappern
und Rattern zu hören: Harry fragte sich, was Luna wohl treiben mochte.
»Sie kommen am besten mit nach oben«, sagte Xenophilius, der sich
nach wie vor äußerst unwohl zu fühlen schien, und ging voraus.
Der Raum im nächsten Stock war anscheinend eine Mischung aus
Wohnzimmer und Arbeitsplatz und daher sogar noch vollgestopfter als die
Küche. Obwohl viel kleiner und vollkommen rund, erinnerte er ein wenig
an den Raum der Wünsche in dem unvergesslichen Augenblick, als er sich
in ein riesiges Labyrinth aus versteckten Gegenständen vieler vergangener
Jahrhunderte verwandelt hatte. Auf sämtlichen Flächen stapelten sich
unzählige Bücher und Papiere. Fein gearbeitete Modelle von Geschöpfen,
die Harry nicht kannte, hingen von der Decke und schlugen mit den
Flügeln oder schnappten mit ihren Mäulern.
Luna war nicht da: Was hier einen solchen Radau veranstaltete, war ein
hölzernes Gerät voller sich magisch drehender Rollen und Zahnräder. Es
sah aus wie die skurrile Kreuzung von einer Werkbank und einer alten
Regalwand, doch da das Ding den Klitterer ausspuckte, schloss Harry bald,
dass es sich um eine altmodische Druckerpresse handelte.
»Entschuldigen Sie mich«, sagte Xenophilius, ging rasch hinüber zu der
Maschine, zog unter einem gewaltigen Stapel von Büchern und Papieren,
die alle zu Boden fielen, ein schmutziges Tischtuch hervor und warf es
über die Presse, was das laute Rattern und Klappern etwas dämpfte. Dann
wandte er sich an Harry.
»Warum sind Sie hergekommen?«
Doch ehe Harry etwas sagen konnte, stieß Hermine einen kleinen
erschrockenen Schrei aus.
»Mr Lovegood – was ist das?«
Sie deutete auf ein riesiges graues, gewundenes Horn, nicht unähnlich
dem eines Einhorns, es war an der Wand befestigt und ragte gut einen
Meter in den Raum hinein.
»Das ist das Horn eines Schrumpfhörnigen Schnarchkacklers«, sagte
Xenophilius.
»Nein, ist es nicht!«, sagte Hermine.
»Hermine«, murmelte Harry verlegen, »jetzt ist nicht der Moment -«
»Aber Harry, das ist das Horn von einem Erumpent! Das gehört zu den
Verkäuflichen Gütern der Klasse B, und es ist extrem gefährlich, so was im
Haus zu haben!«
»Woher weißt du, dass es ein Erumpent-Horn ist?«, fragte Ron und
schlich von dem Hörn weg, so schnell es in dem heillosen Durcheinander
des Zimmers möglich war.
»In Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind gibt es eine
Beschreibung davon! Mr Lovegood, Sie müssen es sofort entfernen, wissen
Sie denn nicht, dass es bei der leisesten Berührung explodieren kann?«
»Der Schrumpfhörnige Schnarchkackler«, sagte Xenophilius ganz
deutlich und mit störrischer Miene, »ist ein scheues und höchst magisches
Geschöpf, und sein Horn -«
»Mr Lovegood, ich erkenne die Kerben um den Ansatz herum, das ist
ein Erumpent-Horn, und es ist unglaublich gefährlich – ich weiß nicht, wo
Sie es herhaben -«
»Ich habe es gekauft«, sagte Xenophilius unbelehrbar, »vor zwei
Wochen, von einem reizenden jungen Zauberer, der von meinem Interesse
an dem wundervollen Schnarchkackler wusste. Eine
Weihnachtsüberraschung für meine Luna.
Nun«, sagte er und wandte sich an Harry, »warum sind Sie eigentlich
hergekommen, Mr Potter?«
»Wir brauchen ein wenig Hilfe«, sagte Harry, ehe Hermine von neuem
anfangen konnte.
»Ah«, sagte Xenophilius. »Hilfe. Hm.« Sein gesundes Auge richtete
sich wieder auf Harrys Narbe. Er wirkte verängstigt und fasziniert zugleich.
»Ja. Die Sache ist die ... Harry Potter helfen ... ziemlich gefährlich ...«
»Sind Sie nicht derjenige, der ständig allen sagt, dass es ihre erste
Pflicht ist, Harry zu helfen?«, fragte Ron. »In Ihrem Magazin da?«
Xenophilius warf einen Blick hinter sich auf die zugedeckte
Druckerpresse, die unter dem Tischtuch weiter ratterte und klapperte.
»Ähm – ja, ich habe diese Meinung zum Ausdruck gebracht. Allerdings
-«
»- gilt das für alle anderen und nicht für Sie persönlich?«, sagte Ron.
Xenophilius antwortete nicht. Er schluckte ein ums andere Mal,
während seine Augen rasch zwischen den dreien hin und her huschten.
Harry hatte den Eindruck, dass er qualvoll mit sich kämpfte.
»Wo ist Luna?«, fragte Hermine. »Schauen wir mal, was sie davon
hält.«
Xenophilius schluckte. Er schien sich zu wappnen. Endlich sagte er mit
zittriger Stimme, die bei dem Lärm der Druckerpresse schwer verständlich
war: »Luna ist unten am Bach, sie angelt Süßwasser-Plimpys. Sie ... wird
sich sicher freuen, Sie zu sehen. Ich gehe sie rufen und dann – ja, nun gut.
Ich werde versuchen, Ihnen zu helfen.«
Er verschwand die Wendeltreppe hinunter, und sie hörten die Haustür
auf- und zugehen. Sie sahen einander an.
»Feiger alter Wicht«, sagte Ron. »Luna hat zehnmal so viel Mumm wie
der.«
»Er hat wahrscheinlich Angst davor, was mit ihnen passieren wird,
wenn die Todesser herausfinden, dass ich hier war«, sagte Harry.
»Also, ich finde, Ron hat Recht«, sagte Hermine. »Schrecklicher alter
Heuchler, sagt allen anderen, dass sie dir helfen sollen, und versucht sich
selber da rauszuwinden. Und haltet euch um Himmels willen von dem
Horn fern.«
Harry ging zu dem Fenster auf der anderen Seite des Raumes hinüber.
Er konnte einen Bach sehen, ein schmales, glitzerndes Band tief unten am
Fuß des Hügels. Sie waren ganz hoch oben; ein Vogel flatterte am Fenster
vorbei, während Harry in die Richtung des Fuchsbaus starrte, der jetzt
hinter einer anderen Hügelkette verborgen war. Irgendwo da drüben war
Ginny. Seit Bills und Fleurs Hochzeit waren sie einander nicht mehr so
nahe gewesen, doch sie konnte nicht ahnen, dass er jetzt zu ihr hinsah und
an sie dachte. Vielleicht sollte er froh darüber sein; jeder, mit dem er in
Kontakt kam, war in Gefahr, Xenophilius' Verhalten war der beste Beweis
dafür.
Er wandte sich vom Fenster ab, und sein Blick fiel auf einen weiteren
seltsamen Gegenstand, der auf dem überladenen runden Schränkchen
stand: die steinerne Büste einer schönen, aber streng blickenden Hexe mit
einer äußerst grotesken Kopfbedeckung. Zwei Gegenstände, die wie
goldene Hörrohre aussahen, wölbten sich seitlich daraus hervor. An einem
Ledergurt, der über ihren Kopf führte, war ein Paar glitzernder blauer
Flügelchen befestigt, während eins von den orangefarbenen Radieschen an
einem zweiten Gurt um ihre Stirn befestigt war.
»Seht euch das an«, sagte Harry.
»Entzückend«, sagte Ron. »Überrascht mich, dass er das nicht bei der
Hochzeit getragen hat.«
Sie hörten die Haustür zugehen, und einen Moment später war
Xenophilius über die Wendeltreppe nach oben zurückgekehrt, seine dürren
Beine steckten jetzt in Gummistiefeln, und in den Händen hielt er ein
Tablett mit verschiedensten Teetassen und einer dampfenden Kanne Tee.
»Ah, Sie haben meine Lieblingserfindung entdeckt«, sagte er, drückte
Hermine das Tablett in die Arme und stellte sich neben Harry vor die Figur.
»Haargenau dem Kopf der schönen Rowena Ravenclaw angepasst.
Witzigkeit im Übermaß ist des Menschen größter Schatz!«
Er deutete auf die hörrohrartigen Gegenstände.
»Das sind Schlickschlupf-Absauger – um alle Störfaktoren aus der
unmittelbaren Nähe des Denkenden zu entfernen. Hier«, er wies auf die
Flügelchen, »ein Billywig-Propeller, um einen höheren
Bewusstseinszustand herbeizuführen. Schließlich«, er zeigte auf das
orangefarbene Radieschen, »die Lenkpflaume, sie steigert die Fähigkeit,
das Außergewöhnliche anzunehmen.«
Xenophilius ging rasch zu dem Teetablett zurück, das Hermine
erfolgreich, aber riskant auf einem der überladenen Tischchen ausbalanciert
hatte.
»Darf ich Ihnen einen Spulenwurzeltee anbieten?«, sagte Xenophilius.
»Wir machen ihn selber.« Er begann das Getränk einzuschenken, das tiefrot
war wie Rote-Bete-Saft, und fügte hinzu: »Luna ist unten hinter der Tiefen
Brücke, sie ist ganz aufgeregt, dass Sie hier sind. Sie dürfte bald zurück
sein, sie hat beinahe genug Plimpys gefangen, um Suppe für uns alle zu
kochen. Setzen Sie sich doch bitte und nehmen Sie Zucker. Nun«, er
räumte einen schwankenden Papierstapel von einem Sessel, nahm Platz und
schlug die Beine mit den Gummistiefeln übereinander, »wie kann ich Ihnen
helfen, Mr Potter?«
»Also«, sagte Harry und warf Hermine einen Blick zu, die ermunternd
nickte, »es geht um dieses Symbol, das Sie bei Bills und Fleurs Hochzeit
um den Hals trugen, Mr Lovegood. Wir würden gerne wissen, was es
bedeutet.«
Xenophilius hob die Brauen.
»Meinen Sie das Zeichen der Heiligtümer des Todes?«
Das Märchen von den drei Brüdern
Harry wandte sich um und sah Ron und Hermine an. Auch sie schienen
nicht verstanden zu haben, was Xenophilius gesagt hatte.
»Die Heiligtümer des Todes?«
»Richtig«, sagte Xenophilius. »Sie haben noch nie davon gehört? Das
überrascht mich nicht. Sehr, sehr wenige Zauberer glauben daran. Denken
Sie nur an diesen hirnlosen jungen Mann bei der Hochzeit Ihres Bruders«,
sagte er und nickte Ron zu, »der über mich herfiel, weil ich angeblich das
Symbol eines weithin bekannten schwarzen Magiers zur Schau trage! Wie
ignorant. Es ist nichts Schwarzmagisches an den Heiligtümern – zumindest
nicht in diesem groben Sinne. Man benutzt das Symbol bloß, um sich
anderen Gläubigen zu offenbaren, in der Hoffnung, dass sie einem bei der
Suche helfen.«
Er rührte einige Zuckerstücke in seinen Spulenwurzeltee und trank
einen Schluck.
»Verzeihung«, sagte Harry. »Ich verstehe immer noch nicht richtig.«
Um höflich zu sein, nippte auch er an seiner Tasse und musste fast
würgen: Das Zeug war ziemlich widerlich, als hätte jemand Bertie Botts
Bohnen mit Popelgeschmack püriert.
»Nun, Sie müssen verstehen, Gläubige suchen nach den Heiligtümern
des Todes«, sagte Xenophilius und schmatzte, offensichtlich den
Spulenwurzeltee genießend.
»Aber was sind die Heiligtümer des Todes?«, fragte Hermine.
Xenophilius stellte seine leere Teetasse beiseite.
»Ich nehme an, dass Sie alle das >Märchen von den drei Brüdern<
kennen?«
Harry sagte »Nein«, doch Ron und Hermine sagten beide »Ja«.
Xenophilius nickte gewichtig.
»Nun denn, Mr Potter, das Ganze beginnt mit dem Märchen von den
drei Brüdern ... ich habe irgendwo eine Ausgabe ...«
Er ließ den Blick vage über die Stapel von Büchern und Papieren
schweifen, doch da sagte Hermine schon: »Ich habe eine, Mr Lovegood,
ich hab sie hier bei mir.«
Und sie zog die Märchen von Beedle dem Barden aus der kleinen, mit
Perlen verzierten Tasche.
»Das Original?«, fragte Xenophilius schneidend, und als sie nickte,
sagte er: »Alsdann, warum lesen Sie die Geschichte nicht einfach laut vor?
So können wir sie alle sicher am besten verstehen.«
»Ähm ... na gut«, sagte Hermine nervös. Sie schlug das Buch auf, und
Harry sah das Symbol, dem sie gerade nachforschten, oben auf der Seite,
sie hüstelte kurz und begann dann zu lesen.
»Es waren einmal drei Brüder, die wanderten auf einer einsamen,
gewundenen Straße in der Abenddämmerung dahin -«
»Um Mitternacht, bei unserer Mum war es immer Mitternacht«, sagte
Ron, der sich ausgestreckt hatte, die Arme hinter dem Kopf verschränkt,
und lauschte. Hermine warf ihm einen verärgerten Blick zu.
»Tut mir leid, ich finde nur, dass es ein bisschen unheimlicher klingt,
wenn es Mitternacht ist!«, sagte Ron.
»Klar, weil wir unbedingt ein bisschen mehr Angst in unserem Leben
brauchen«, sagte Harry, ehe er es sich verkneifen konnte. Xenophilius
schien nicht weiter darauf zu achten, sondern starrte durch das Fenster zum
Himmel. »Lesen Sie weiter, Hermine.«
»Nach einiger Zeit kamen die drei Brüder zu einem Fluss, der war so
tief, dass sie nicht hindurchwaten konnten, und so gefährlich, dass sie nicht
ans andere Ufer schwimmen konnten. Doch die Brüder waren der
magischen Künste kundig, und so schwangen sie einfach ihre Zauberstäbe
und ließen eine Brücke über dem tückischen Wasser erscheinen. Sie hatten
die Brücke halb überquert, da trat ihnen eine Kapuzengestalt in den Weg.
Und der Tod sprach zu ihnen -«
»Verzeihung«, warf Harry ein, »aber der Tod sprach zu ihnen?«
»Es ist ein Märchen, Harry!«
»Stimmt, 'tschuldigung. Lies weiter.«
» Und der Tod sprach zu ihnen. Er war zornig, weil er um drei neue
Opfer betrogen worden war, denn für gewöhnlich ertranken Wandersleute
in dem Fluss. Doch der Tod war gerissen. Er tat, als würde er den drei
Brüdern zu ihrer Zauberkunst gratulieren, und sagte, weil sie so klug
gewesen seien, ihm zu entrinnen, verdiene jeder von ihnen einen Lohn.
So verlangte denn der älteste Bruder, der ein kämpferischer Mann war,
einen Zauberstab, der mächtiger als alle anderen sein sollte: einen
Zauberstab, der seinem Besitzer in jedem Duell zum Sieg verhelfen würde,
einen Zauberstab, der eines Zauberers würdig war, der den Tod besiegt
hatte! Also ging der Tod zu einem Elderbaum am Ufer des Flusses, formte
einen Zauberstab aus einem Zweig der dort hing, und schenkte ihn dem
ältesten Bruder.
Dann beschloss der zweite Bruder, der ein hochmütiger Mann war, den
Tod noch mehr zu demütigen, und verlangte nach der Macht, andere aus
dem Tod zurückzurufen. Also nahm der Tod einen Stein vom Flussufer und
schenkte ihn dem zweiten Bruder, und er sagte ihm, dass der Stein die
Macht haben werde, die Toten zurückzuholen.
Und dann fragte der Tod den dritten und jüngsten Bruder nach seinem
Wunsch. Der jüngste Bruder war der genügsamste und auch der weiseste
der Brüder, und er traute dem Tod nicht. Also bat er um etwas, das es ihm
ermöglichen würde, von dannen zu gehen, ohne dass ihn der Tod verfolgte.
Und der Tod übergab ihm, höchst widerwillig, seinen eigenen Umhang, der
unsichtbar machte. «
»Der Tod hat einen Tarnumhang?«, unterbrach Harry erneut.
»Damit er sich an die Leute ranpirschen kann«, sagte Ron. »Manchmal
langweilt es ihn, auf sie zuzurennen und mit den Armen zu fuchteln und zu
kreischen ... Verzeihung, Hermine.«
»Nun trat der Tod beiseite und erlaubte den drei Brüdern, ihre Reise
fortzusetzen, und dies taten sie und sprachen voller Staunen über das
Abenteuer, das sie erlebt hatten, und bewunderten die Geschenke des
Todes.
Bald darauf trennten sich die Brüder und ein jeder ging seines Weges.
Der erste Bruder war über eine Woche auf Wanderschaft, als er in ein
fernes Dorf gelangte, wo er sich einen anderen Zauberer suchte, mit dem er
einen Streit begann. Natürlich konnte er mit dem Elderstab als Waffe in
dem Duell, das darauf folgte, nur gewinnen. Der älteste Bruder ließ seinen
Gegner tot auf der Erde liegen und begab sich in ein Wirtshaus, wo er
lautstark mit dem mächtigen Zauberstab prahlte, den er dem Tod selber
entrissen habe und der ihn unbesiegbar mache.
Noch in derselben Nacht schlich sich ein anderer Zauberer an den
ältesten Bruder heran, der trunken vom Wein auf seinem Bett lag. Der Dieb
nahm den Zauberstab und schnitt dem ältesten Bruder obendrein die Kehle
durch.
Und so machte der Tod sich den ersten Bruder zu eigen.
Unterdessen wanderte der zweite Bruder nach Hause, wo er allein lebte.
Hier nahm er den Stein hervor, der die Macht hatte, die Toten
zurückzurufen, und drehte ihn drei Mal in der Hand. Zu seiner
Verwunderung und Freude erschien vor ihm sogleich die Gestalt jenes
Mädchens, das er einst hatte heiraten wollen, ehe sie vorzeitig gestorben
war.
Doch sie war traurig und kühl, wie durch einen Schleier von ihm
getrennt. Obgleich sie in die Welt der Sterblichen zurückgekehrt war,
gehörte sie in Wahrheit nicht dorthin und litt. Schließlich wurde der zweite
Bruder wahnsinnig vor unerfüllbarer Sehnsucht, und er tötete sich, um
wirklich bei ihr zu sein.
Und so machte der Tod sich den zweiten Bruder zu eigen.
Doch obwohl der Tod viele Jahre lang nach dem dritten Bruder suchte,
konnte er ihn niemals finden. Erst als der jüngste Bruder ein hohes Alter
erreicht hatte, legte er schließlich den Umhang ab, der unsichtbar machte,
und schenkte ihn seinem Sohn. Und dann hieß er den Tod als alten Freund
willkommen und ging freudig mit ihm, und ebenbürtig verließen sie dieses
Leben.«
Hermine schloss das Buch. Es dauerte eine kleine Weile, bis
Xenophilius zu bemerken schien, dass sie aufgehört hatte zu lesen, dann
wandte er seinen Blick vom Fenster ab und sagte: »Nun, das sind sie.«
»Wie bitte?«, sagte Hermine und klang verwirrt.
»Das sind die Heiligtümer des Todes«, sagte Xenophilius.
Er nahm eine Feder von einem vollgepackten Tisch an seiner Seite und
zupfte ein Stückchen Pergament zwischen irgendwelchen Büchern hervor.
»Der Elderstab«, sagte er und zog auf dem Pergament eine gerade
senkrechte Linie. »Der Stein der Auferstehung«, sagte er und fügte einen
Kreis auf der Linie hinzu. »Der Umhang, der unsichtbar macht«, sagte er
endlich und schloss Linie und Kreis in einem Dreieck ein, was nun jenes
Symbol ergab, das Hermine so rätselhaft vorkam. »Zusammengenommen«,
sagte er, »die Heiligtümer des Todes.«
»Aber in der Geschichte kommt der Begriff >Heiligtümer des Todes<
gar nicht vor«, sagte Hermine.
»Ja, natürlich nicht«, erwiderte Xenophilius provozierend selbstgefällig.
»Das ist ein Kindermärchen, es soll eher unterhalten als belehren.
Diejenigen von uns, die mit solchen Dingen vertraut sind, erkennen jedoch,
dass die alte Geschichte sich auf drei Gegenstände, oder Heiligtümer,
bezieht, die, wenn sie vereint sind, ihren Besitzer zum Gebieter des Todes
machen.«
Eine kurze Stille trat ein und Xenophilius warf einen Blick aus dem
Fenster. Die Sonne stand bereits tief am Himmel.
»Luna dürfte bald genügend Plimpys beisammenhaben«, sagte er leise.
»Wenn Sie >Gebieter des Todes< sagen -«, begann Ron.
»Gebieter«, sagte Xenophilius und wedelte vornehm mit der Hand.
»Meister. Bezwinger. Welchen Ausdruck Sie auch vorziehen mögen.«
»Aber dann ... heißt das ...«, sagte Hermine langsam, und Harry spürte,
wie sie sich bemühte, einen skeptischen Unterton zu vermeiden, »dass Sie
glauben, diese Gegenstände – diese Heiligtümer – existieren tatsächlich?«
Xenophilius hob erneut die Brauen.
»Ja, selbstverständlich.«
»Aber, Mr Lovegood«, sagte Hermine, und Harry konnte hören, wie
ihre Beherrschung zu bröckeln begann, »Mr Lovegood, Sie können doch
unmöglich glauben, dass -?«
»Luna hat mir alles über Sie erzählt, junge Dame«, sagte Xenophilius,
»Sie sind, wie ich daraus schließe, nicht unintelligent, aber unangenehm
engstirnig. Kleinmütig. Vernagelt.«
»Vielleicht solltest du den Hut da mal anprobieren, Hermine«, sagte
Ron und nickte zu der lächerlichen Kopfbedeckung hinüber. Seine Stimme
bebte vor Anstrengung, nicht loszulachen.
»Mr Lovegood«, fing Hermine erneut an. »Wir wissen alle, dass es
solche Dinge wie Tarnumhänge gibt. Sie sind selten, aber sie existieren.
Trotzdem -«
»Ah, aber bei dem dritten Heiligtum handelt es sich um einen Umhang,
der wirklich unsichtbar macht, Miss Granger! Soll heißen, es ist kein
Reiseumhang, auf dem ein Desillusionierungszauber liegt oder der einen
Blendzauber trägt oder aber aus dem Haar eines Demiguise gewoben ist,
einer, der einen anfänglich verbirgt, doch mit den Jahren die Wirkung
verliert, bis er schließlich undurchsichtig wird. Wir reden über einen
Umhang, der seinen Träger wirklich und wahrhaftig vollkommen
unsichtbar macht und ewig haltbar ist, der dauerhaft und unaufspürbar
verbirgt, welchen Zaubern er auch ausgesetzt sein mag. Wie viele
Umhänge dieser Art haben Sie je gesehen, Miss Granger? «
Hermine öffnete den Mund, um zu antworten, dann schloss sie ihn
wieder und sah verwirrter aus denn je. Sie, Harry und Ron warfen sich
Blicke zu, und Harry wusste, dass sie alle dasselbe dachten. Wie es der
Zufall wollte, war ein Umhang von genau der Art, wie sie Xenophilius
gerade beschrieben hatte, just in diesem Moment hier im Raum.
»Eben«, sagte Xenophilius, als ob er sie alle mit einer vernünftigen
Beweisführung geschlagen hätte. »Keiner von Ihnen hat je so etwas
gesehen. Der Besitzer wäre unermesslich reich, nicht wahr?«
Er blickte wieder aus dem Fenster. Der Himmel hatte sich hauchzart
rosa gefärbt.
»Also gut«, sagte Hermine befremdet. »Sagen wir, der Tarnumhang
existiert ... was ist mit dem Stein, Mr Lovegood? Dem Gegenstand, den Sie
den Stein der Auferstehung nennen?«
»Was soll damit sein?«
»Nun, den kann es doch unmöglich geben?«
»Beweisen Sie, dass es ihn nicht gibt«, sagte Xenophilius.
Hermine blickte empört.
»Aber das ist – Verzeihung, aber das ist vollkommen lächerlich! Wie
kann ich denn jemals beweisen, dass er nicht existiert? Erwarten Sie, dass
ich – dass ich sämtliche Kieselsteine der Welt einsammle und sie prüfe? Ich
meine, man könnte von allem behaupten, dass es existiert, aus dem
einzigen Grund, dass niemand bewiesen hat, dass es nicht existiert.«
»Ja, könnte man«, sagte Xenophilius. »Es freut mich zu sehen, dass Sie
sich ein wenig aufgeschlossen zeigen.«
»Und der Elderstab«, sagte Harry rasch, ehe Hermine etwas erwidern
konnte, »glauben Sie, dass es den auch gibt?«
»Oh, nun, in diesem Fall haben wir eine Fülle von Beweisen«, sagte
Xenophilius. »Der Elderstab ist das Heiligtum, das sich am leichtesten
aufspüren lässt, wegen der Art und Weise, wie er seinen Besitzer
wechselt.«
»Und wie geht das vor sich?«, fragte Harry.
»Jeder, der den Zauberstab besitzen will, muss ihn dem vorherigen
Eigentümer entwenden, wenn er sein wahrer Meister sein will«, sagte
Xenophilius. » Gewiss haben Sie davon gehört, wie der Zauberstab an
Egbert den Ungeheuerlichen ging, nachdem er Emmerich den Bösen
gemeuchelt hatte? Wie Godelot in seinem eigenen Keller starb, nachdem
sein Sohn Hereward ihm den Zauberstab abgenommen hatte? Oder von
dem schrecklichen Loxias, der den Zauberstab von Barnabas Deverill
nahm, den er getötet hatte? Die blutige Spur des Eiderstabs zieht sich durch
die Annalen der Zaubereigeschichte.«
Harry warf einen Blick auf Hermine. Sie sah Xenophilius missmutig an,
widersprach ihm aber nicht.
»Und wo, glauben Sie, ist der Elderstab jetzt?«, fragte Ron.
»Herrje, wer weiß das schon?«, sagte Xenophilius, während er aus dem
Fenster starrte. »Wer weiß, wo der Elderstab verborgen ist? Die Spur
verliert sich mit Arcus und Livius. Wer kann sagen, welcher von den
beiden tatsächlich Loxias besiegte und welcher den Zauberstab nahm? Und
wer kann sagen, wer wiederum sie besiegt haben könnte? Die Geschichte
verrät es uns leider nicht.«
Stille trat ein. Schließlich fragte Hermine steif: »Mr Lovegood, hat die
Familie Peverell irgendetwas mit den Heiligtümern des Todes zu tun?«
Xenophilius schien verblüfft, und in Harrys Gedächtnis regte sich etwas,
doch konnte er es nicht fassen. Peverell ... den Namen hatte er schon
einmal gehört ...
»Da haben Sie mich aber irregeführt, junge Dame!«, sagte Xenophilius,
der mit einem Mal viel aufrechter in seinem Sessel saß und Hermine mit
großen Augen ansah. »Ich dachte, Sie wären nicht vertraut mit der Suche
nach den Heiligtümern! Viele von uns Suchenden glauben, dass die
Peverells am allermeisten – allermeisten! – mit den Heiligtümern zu tun
haben!«
»Wer sind die Peverells?«, fragte Ron.
»Das war der Name auf dem Grab mit dem Zeichen drauf, in Godric's
Hollow«, antwortete Hermine, ohne Xenophilius aus den Augen zu lassen.
»Ignotus Peverell.«
»Genau!«, sagte Xenophilius mit schulmeisterlich erhobenem
Zeigefinger. »Das Zeichen der Heiligtümer des Todes auf dem Grab von
Ignotus ist der eindeutige Beweis!«
»Wofür?«, fragte Ron.
»Nun, dass die drei Brüder, die in der Geschichte vorkommen, in
Wirklichkeit die drei Brüder Peverell waren, Antioch, Cadmus und
Ignotus! Dass sie die ursprünglichen Besitzer der Heiligtümer waren!«
Abermals aus dem Fenster blickend, stand er auf, nahm das Tablett und
ging auf die Wendeltreppe zu.
»Sie bleiben zum Abendessen?«, rief er, während er wieder nach unten
verschwand. »Die Leute wollen immer das Rezept für unsere Süßwasser-
Plimpy-Suppe haben.«
»Vermutlich, weil sie es zur Vergiftungsstation vom St. Mungo
mitbringen wollen«, sagte Ron leise.
Harry wartete, bis sie Xenophilius unten in der Küche herumgehen
hörten, dann ergriff er das Wort.
»Was meinst du?«, fragte er Hermine.
»Oh, Harry«, sagte sie matt, »das ist ein Haufen ausgesprochener
Blödsinn. Das kann nicht die eigentliche Bedeutung des Zeichens sein. Es
ist sicher nur seine eigene versponnene Auffassung davon. Was für eine
Zeitverschwendung.«
»Ich schätze, das ist eben der Mann, der uns die Schrumpfhörnigen
Schnarchkackler beschert hat«, sagte Ron.
»Du glaubst es also auch nicht?«, fragte ihn Harry.
»Nö, diese Geschichte ist doch nur was, das man Kindern erzählt, um
ihnen was beizubringen, oder? > Handel dir keinen Ärger ein, geh einem
Streit aus dem Weg, rühr nichts an, was du nicht kennst! Duck immer
schön den Kopf, kümmer dich um deinen eigenen Kram, dann passiert dir
nichts.< Da fällt mir ein«, fügte Ron hinzu, »vielleicht kommt es aus dieser
Geschichte, dass Zauberstäbe aus Elderbäumen Unglück bringen sollen. «
»Was soll das heißen?«
»Das ist doch auch so ein Aberglaube, oder? >Im Mai geborene Hexen
heiraten Muggel.< >Zauberst du während der Dämmerung, schert sich
Mitternacht keiner mehr drum.< >Zauberstab vom Elderbaum kannst du nie
und nimmer trau'n.< Die Sprüche habt ihr sicher schon mal gehört. Meine
Mum ist da unerschöpflich.«
»Harry und ich sind von Muggeln großgezogen worden«, erinnerte ihn
Hermine, »uns hat man anderen Aberglauben beigebracht.« Sie seufzte tief,
während ein ziemlich beißender Geruch von der Küche emporwehte. Das
einzig Gute daran, dass Xenophilius sie so nervte, war, dass sie darüber
offensichtlich vergessen hatte, sauer auf Ron zu sein. »Ich glaube, du hast
Recht«, sagte sie zu ihm. »Es ist nur eine moralische Erzählung, ist doch
klar, welches Geschenk das beste ist, welches man wählen würde -«
Alle drei sprachen gleichzeitig; Hermine sagte: »Den Umhang«, Ron
sagte: »Den Zauberstab«, und Harry sagte: »Den Stein«.
Sie sahen einander an, halb verdutzt, halb belustigt.
»Klar, dass man den Tarnumhang nehmen soll«, meinte Ron zu
Hermine, »aber man braucht doch nicht unsichtbar zu sein, wenn man den
Zauberstab hat. Ein unbesiegbarer Zauberstab, Hermine, überleg doch
mal!«
»Wir haben schon einen Tarnumhang«, sagte Harry.
»Und der hat uns ziemlich viel geholfen, falls du das nicht bemerkt
haben solltest!«, sagte Hermine. »Während der Zauberstab einem
zwangsläufig Ärger einhandeln würde -«
»- nur wenn man viel Wind um ihn macht«, wandte Ron ein. »Nur wenn
man so dämlich ist und herumhüpft und den Zauberstab über dem Kopf
schwingt und laut verkündet: >Ich hab einen unbesiegbaren Zauberstab,
kommt doch und probiert es mal, wenn ihr glaubt, dass ihr stark genug
seid.< Solange man die Klappe hält -«
»Ja, aber könntest du deine Klappe halten?«, fragte Hermine mit
skeptischem Blick. »Weißt du, das einzige Wahre, das er uns gesagt hat,
war, dass es seit Jahrhunderten Geschichten über besonders mächtige
Zauberstäbe gibt.«
»Gibt es die?«, fragte Harry.
Hermine blickte entnervt: Der Gesichtsausdruck war ihnen auf so
liebenswerte Weise vertraut, dass Harry und Ron einander angrinsten.
»Der Todesstab, der Zauberstab des Schicksals, die treten im Lauf der
Jahrhunderte unter verschiedenen Namen auf, meist im Besitz eines
schwarzen Magiers, der mit ihnen prahlt. Professor Binns hat ein paar
davon erwähnt, aber – ach, das ist alles Unsinn. Zauberstäbe sind nur so
mächtig wie die Zauberer, die sie benutzen. Manche Zauberer brüsten sich
einfach gerne damit, dass ihre größer und besser sind als die anderer.«
»Aber woher willst du wissen«, sagte Harry, »dass diese Zauberstäbe –
der Todesstab und der Zauberstab des Schicksals – nicht ein und derselbe
sind, der durch die Jahrhunderte unter verschiedenen Namen auftaucht?«
»Was, und die sind in Wirklichkeit alle der Elderstab, den der Tod
gemacht hat?«, sagte Ron.
Harry lachte: Die seltsame Idee, die ihm gekommen war, war letzten
Endes lächerlich. Sein Zauberstab, erinnerte er sich selbst, war aus
Stechpalme gewesen und nicht aus Elderbaum, und Ollivander hatte ihn
angefertigt, was immer dieser Stab auch getan hatte in jener Nacht, als
Voldemort ihn am Himmel verfolgt hatte. Und wenn er unbesiegbar
gewesen wäre, wie hätte er dann zerbrechen können?
»Und warum würdest du den Stein nehmen?«, fragte ihn Ron.
»Nun, wenn man Leute zurückbringen kann, könnten wir Sirius
wiederhaben ... Mad-Eye ... Dumbledore ... meine Eltern ...«
Weder Ron noch Hermine lächelten.
»Aber Beedle dem Barden zufolge würden sie gar nicht zurückkommen
wollen, oder?«, sagte Harry und dachte über das Märchen nach, das sie
gerade gehört hatten. »Ich nehme nicht an, dass es allzu viele andere
Geschichten über einen Stein gibt, der die Toten auferwecken kann, oder?«,
fragte er Hermine.
»Nein«, erwiderte sie traurig. »Ich glaube nicht, dass sich außer Mr
Lovegood irgendjemand vormachen kann, dass das möglich ist. Beedle hat
sich wahrscheinlich vom Stein der Weisen zu dieser Idee anregen lassen;
ihr wisst schon, statt eines Steins, der einen unsterblich macht, ein Stein,
der den Tod rückgängig macht.«
Der Geruch aus der Küche wurde stärker: Es roch etwa so wie
brennende Unterhosen. Harry fragte sich, ob es möglich sein würde, so viel
von dem zu essen, was Xenophilius gerade kochte, dass er nicht gekränkt
war.
»Aber was ist mit dem Tarnumhang?«, sagte Ron langsam. »Begreift ihr
nicht, dass er Recht hat? Ich hab mich so an Harrys Umhang gewöhnt und
daran, wie gut er ist, dass es mir nie aufgefallen ist. Ich hab noch nie von
einem wie dem von Harry gehört. Er ist total zuverlässig. Wir sind nie
darunter entdeckt worden -«
»Natürlich nicht – wir sind unsichtbar, wenn wir darunter sind, Ron!«
»Aber all das, was er über andere Umhänge gesagt hat -und die sind ja
nicht für 'n paar lumpige Knuts zu kriegen –, wisst ihr, das stimmt! Ich hab
noch nie groß darüber nachgedacht, aber ich hab schon Sachen gehört von
Zaubern, die auf Umhänge gelegt wurden, aber mit der Zeit nachließen,
oder dass diese Umhänge durch Flüche zerrissen wurden und Löcher
bekamen. Der von Harry gehörte vorher seinem Dad, also ist er nicht
gerade neu, stimmt's, aber er ist ... perfekt!«
»Ja, schon richtig, aber, Ron, der Stein ...«
Während sie flüsternd diskutierten, ging Harry im Raum umher und
hörte nur halb zu. Als er zu der Wendeltreppe gelangte, hob er den Blick
gedankenverloren zur nächsten Etage und war sofort abgelenkt. Sein
eigenes Gesicht sah ihn von der Decke des Raumes über ihnen an.
Er war kurz verwirrt, dann bemerkte er, dass es kein Spiegel war,
sondern ein Gemälde. Neugierig begann er die Treppe hinaufzusteigen.
»Harry, was tust du da? Ich glaube nicht, dass du dich umsehen solltest,
wenn er nicht da ist!«
Aber Harry hatte schon das nächste Stockwerk erreicht.
Luna hatte ihre Schlafzimmerdecke mit fünf wunderschön gemalten
Gesichtern dekoriert: Harry, Ron, Hermine, Ginny und Neville. Sie
bewegten sich nicht, wie es die Porträts in Hogwarts taten, aber trotzdem
umgab sie ein gewisser Zauber: Harry hatte den Eindruck, dass sie atmeten.
Es sah aus, als ob sich fünf goldene Ketten um die Bilder schlangen und sie
miteinander verbanden, doch nachdem Harry sie eine Weile betrachtet
hatte, erkannte er, dass die Ketten in Wirklichkeit ein Wort waren, das sich
in goldener Tinte tausendfach wiederholte: Freunde ... Freunde ... Freunde
...
Mit einem Mal überkam Harry eine Woge der Zuneigung für Luna. Er
schaute sich in dem Zimmer um. Neben dem Bett war ein großes Foto von
der jungen Luna und einer Frau, die ihr sehr ähnlich sah. Sie hatten die
Arme umeinandergeschlungen. Luna wirkte auf diesem Bild um einiges
gepflegter, als Harry sie je gesehen hatte. Das Bild war staubig. Harry kam
das etwas merkwürdig vor. Er blickte aufmerksam umher.
Etwas stimmte hier nicht. Auf dem blassblauen Teppich lag ebenfalls
dick der Staub. Im Schrank, dessen Türen halb offen standen, waren keine
Kleider. Das Bett machte einen kalten, unfreundlichen Eindruck, als ob seit
Wochen niemand darin geschlafen hätte. Eine einzelne Spinnwebe spannte
sich über das nächste Fenster, vor einem blutroten Himmel.
»Stimmt was nicht?«, fragte Hermine, als Harry die Treppe hinabkam,
doch ehe er antworten konnte, war Xenophilius von der Küche her die
Treppe hinaufgestiegen, nun mit einem Tablett voller Schalen in den
Händen.
»Mr Lovegood«, sagte Harry. »Wo ist Luna?«
»Wie bitte?«
»Wo ist Luna?«
Xenophilius blieb auf der obersten Stufe stehen.
»Das – das habe ich Ihnen bereits gesagt. Sie ist unten an der Tiefen
Brücke und angelt Plimpys.«
»Und warum haben Sie dann auf diesem Tablett nur Geschirr für vier?«
Xenophilius versuchte etwas zu sagen, brachte jedoch keinen Ton
heraus. Die einzigen Geräusche kamen von der Druckerpresse, die
unentwegt ratterte, und von dem Tablett, auf dem es leise klirrte, weil
Xenophilius' Hände zitterten.
»Ich glaube, Luna ist seit Wochen nicht mehr hier gewesen«, sagte
Harry. »Ihre Kleider sind weg, in ihrem Bett hat sie nicht geschlafen. Wo
ist sie? Und warum schauen Sie die ganze Zeit aus dem Fenster?«
Xenophilius ließ das Tablett fallen: Die Suppenschalen machten einen
Hüpfer und zerschellten. Harry, Ron und Hermine zogen ihre Zauberstäbe:
Xenophilius erstarrte, die Hand schon halb in der Tasche. In diesem
Moment gab die Druckerpresse einen lauten Knall von sich, und eine Flut
von Klitterern quoll unter dem Tischtuch hervor und verbreitete sich
überall auf dem Boden; endlich verstummte die Presse.
Hermine bückte sich und hob eines der Magazine auf, ohne den
Zauberstab von Mr Lovegood abzuwenden.
»Harry, sieh dir das an.«
Er ging, so schnell es bei dem ganzen Chaos möglich war, zu ihr
hinüber. Auf der Titelseite des Klitterers war er selbst abgebildet,
geschmückt mit den Worten Unerwünschter Nummer eins, und die
Bildunterschrift nannte die Summe der Belohnung.
»Der Klitterer hat wohl eine Kehrtwende hingelegt?«, fragte Harry kalt
und in seinem Kopf arbeitete es wie wild. »Haben Sie etwa das getan, als
Sie in den Garten gingen, Mr Lovegood? Eine Eule zum Ministerium
geschickt? «
Xenophilius fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
»Die haben mir meine Luna weggenommen«, flüsterte er. »Wegen der
Sachen, die ich geschrieben habe. Die haben mir meine Luna genommen,
und ich weiß nicht, wo sie ist, was sie ihr angetan haben. Aber vielleicht
geben sie sie mir zurück, wenn ich – wenn ich -«
»Harry ausliefere?«, beendete Hermine den Satz für ihn.
»Vergessen Sie's«, sagte Ron entschieden. »Aus dem Weg, wir gehen.«
Xenophilius sah totenbleich aus, ein Jahrhundert alt, die Lippen zu
einem schrecklichen höhnischen Grinsen verzogen.
»Die werden jeden Moment hier sein. Ich muss Luna retten. Ich darf
Luna nicht verlieren. Sie dürfen nicht gehen.«
Er stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor die Treppe, und Harry sah
plötzlich das Bild seiner Mutter vor sich, wie sie das Gleiche vor seinem
Kinderbett getan hatte.
»Zwingen Sie uns nicht, Ihnen wehzutun«, sagte Harry. »Aus dem Weg,
Mr Lovegood.«
»HARRY!«, schrie Hermine.
Gestalten auf Besen flogen an den Fenstern vorbei. Als die drei den
Blick von ihm abwandten, zog Xenophilius seinen Zauberstab. Harry
erkannte ihren Fehler gerade noch rechtzeitig: Er warf sich zur Seite und
stieß Ron und Hermine aus der Gefahrenzone, während Xenophilius'
Schockzauber durch den Raum jagte und das Horn des Erumpents traf.
Es gab eine kolossale Explosion. Der Lärm schien den Raum zu
sprengen: Holzstücke, Papier und Steine stoben in alle Richtungen, in einer
undurchdringlichen Wolke aus dichtem weißem Staub. Harry flog durch
die Luft und krachte dann zu Boden, er hielt die Arme über den Kopf, blind
von dem Schutt, der auf ihn herabregnete. Er hörte Hermines Kreischen,
Rons Schrei und eine Reihe widerlicher dumpfer Schläge auf Metall,
woraus er schloss, dass es Xenophilius von den Füßen gerissen hatte und er
rücklings die Wendeltreppe hinabgefallen war.
Halb unter Schutt begraben, versuchte Harry aufzustehen: Er konnte vor
Staub kaum atmen oder etwas sehen. Die Hälfte der Decke war eingestürzt
und das Fußende von Lunas Bett hing durch das Loch. Die Büste von
Rowena Ravenclaw, der das halbe Gesicht fehlte, lag neben ihm,
Pergamentfetzen trieben durch den Raum, und der größte Teil der
Druckerpresse lag umgekippt da und versperrte den Treppenabgang zur
Küche. Dann bewegte sich eine weiße Gestalt ganz in der Nähe, und
Hermine, staubbedeckt wie eine zweite Statue, drückte den Finger auf die
Lippen.
Die Tür unten krachte auf.
»Hab ich dir nicht gesagt, dass wir uns nicht zu beeilen brauchen,
Travers?«, sagte eine raue Stimme. »Hab ich dir nicht gesagt, dass dieser
Spinner bloß wieder mal irres Zeug daherfaselt?«
Ein Knall war zu hören und ein Schmerzensschrei von Xenophilius.
»Nein ... nein ... oben ... Potter!«
»Ich habe Ihnen letzte Woche schon gesagt, Lovegood, dass wir nur
wiederkommen, wenn wir handfeste Informationen kriegen! Wissen Sie
noch, was letzte Woche passiert ist? Als Sie Ihre Tochter gegen diese
verdammt bescheuerte Kopfbedeckung eintauschen wollten? Und in der
Woche davor -«, ein weiterer Knall, ein weiterer Schrei, »- als Sie dachten,
wir würden sie zurückgeben, wenn Sie uns den Beweis dafür liefern, dass
es Schrumpf-«, knall, »-köpfige -«, knall, »- Schnarchkackler gibt?«
»Nein – nein – ich bitte Sie!«, schluchzte Xenophilius. »Es ist wirklich
Potter! Ehrlich!«
»Und jetzt stellt sich raus, dass Sie uns nur hierhergerufen haben, weil
Sie uns in die Luft jagen wollten!«, brüllte der Todesser, und nun gab es
eine ganze Batterie von Knallen, begleitet von Xenophilius' gequälten
Schreien.
»Sieht aus, als ob die Hütte gleich einstürzen würde, Selwyn«, sagte
eine kühle zweite Stimme, die über die ruinierte Treppe emporhallte. »Die
Treppe ist völlig blockiert. Soll ich versuchen, sie zu räumen? Dann könnte
alles zusammenbrechen.«
»Sie verlogenes Dreckstück!«, rief der Zauberer namens Selwyn. »Sie
haben Potter im Leben noch nicht gesehen, stimmt's? Dachten, Sie könnten
uns hierherlocken und uns umbringen, was? Und Sie glauben, Sie würden
auf diese Weise Ihr Mädchen zurückkriegen?«
»Ich schwöre ... ich schwöre ... Potter ist oben!«
»Homenum revelio«, sagte die Stimme am Fuß der Treppe.
Harry hörte Hermine keuchen, und er hatte das merkwürdige Gefühl,
dass irgendetwas tief über ihn hinwegrauschte und seinen Körper in
Schatten tauchte.
»Da ist tatsächlich jemand oben, Selwyn«, sagte der zweite Mann mit
schneidender Stimme.
»Es ist Potter, ich versichere Ihnen, es ist Potter!«, schluchzte
Xenophilius. »Bitte ... bitte ... geben Sie mir Luna, lassen Sie mich nur
Luna wiederhaben ...«
»Sie können Ihr kleines Mädchen haben, Lovegood«, sagte Selwyn,
»wenn Sie diese Treppe hier hochgehen und mir Harry Potter
runterbringen. Aber wenn das ein Hinterhalt ist, wenn es ein Trick ist,
wenn Sie einen Komplizen haben, der da oben wartet und uns überfallen
will, dann müssen wir sehen, ob wir ein Stück von Ihrer Tochter übrig
lassen, damit Sie es beerdigen können.«
Xenophilius stieß ein Wehgeschrei aus, voller Angst und Verzweiflung.
Hastige Schritte und ein Scharren waren zu hören: Xenophilius versuchte,
durch den Schutt auf der Treppe hindurchzugelangen.
»Kommt«, flüsterte Harry, »wir müssen hier raus.«
Er begann sich auszugraben, im Schutz des ganzen Lärms, den
Xenophilius auf der Treppe machte. Ron war am tiefsten verschüttet: Harry
und Hermine kletterten, so leise sie konnten, über den Haufen Trümmer zu
der Stelle, wo er lag, und versuchten, eine schwere Kommode von Rons
Beinen wegzustemmen. Während Xenophilius lärmend und scharrend
immer näher kam, schaffte es Hermine, Ron mit einem Schwebezauber zu
befreien.
»Also gut«, hauchte Hermine, als die demolierte Druckerpresse, die den
Zugang zur Treppe blockierte, zu zittern begann; Xenophilius war nur noch
ein, zwei Meter von ihnen entfernt. Hermine war immer noch weiß vor
Staub. »Vertraust du mir, Harry?«
Harry nickte.
»Dann los«, flüsterte sie, »gib mir den Tarnumhang. Ron, du ziehst ihn
über.«
»Ich? Aber Harry -«
»Bitte, Ron! Harry, halt dich an meiner Hand fest, Ron, klammer dich an
meine Schulter.«
Harry streckte seine linke Hand aus. Ron verschwand unter dem
Tarnumhang. Die Druckerpresse, die über der Treppe lag, bebte:
Xenophilius versuchte sie mit einem Schwebezauber anzuheben. Harry
wusste nicht, worauf Hermine wartete.
»Haltet euch fest«, flüsterte sie. »Haltet euch fest ... einen Moment noch
...«
Xenophilius' kreidebleiches Gesicht erschien über dem Schränkchen.
»Obliviate!«, rief Hermine und richtete den Zauberstab zuerst auf sein
Gesicht, dann auf den Fußboden neben ihnen: »Deprimo!«
Sie hatte ein Loch in den Wohnzimmerboden gesprengt. Sie krachten
hinunter wie Felsbrocken, Harry klammerte sich verzweifelt an ihre Hand,
von unten kam ein Schrei, und er sah kurz zwei Männer, die auszuweichen
suchten, während gewaltige Mengen an Schutt und Möbeltrümmern von
der zerschmetterten Decke rund um sie herunterprasselten. Hermine drehte
sich in der Luft, und das Donnern des einstürzenden Hauses dröhnte Harry
in den Ohren, als sie ihn erneut in die Dunkelheit hineinzog.
Die Heiligtümer des Todes
Harry fiel keuchend auf Gras und rappelte sich sofort wieder hoch.
Offenbar waren sie in der Abenddämmerung am Rand eines Feldes
gelandet; Hermine lief bereits, ihren Zauberstab schwingend, im Kreis um
sie herum.
»Protego totalum ... Salvio hexia ...«
»Dieser verräterische alte Dreckskerl!«, schnaufte Ron, kam unter dem
Tarnumhang hervor und warf ihn Harry zu. »Du bist genial, Hermine,
absolut genial, kaum zu glauben, dass wir da rausgekommen sind!«
»Cave inimkum ... hab ich nicht gesagt, dass es ein Erumpent-Horn war?
Hab ich ihn nicht gewarnt? Und jetzt ist sein Haus in die Luft geflogen!«
»Geschieht ihm recht!«, sagte Ron, der seine zerrissene Jeans und die
Schnittwunden an seinen Beinen untersuchte. »Was glaubt ihr, was die mit
ihm anstellen?«
»Oh, ich hoffe, sie bringen ihn nicht um!«, stöhnte Hermine. »Deshalb
wollte ich, dass die Todesser Harry kurz sehen, ehe wir verschwinden,
damit sie wissen, dass Xenophilius nicht gelogen hat!«
»Aber warum hast du mich getarnt?«, fragte Ron.
»Du liegst doch angeblich mit Griselkrätze im Bett, Ron! Sie haben
Luna entführt, weil ihr Vater Harry unterstützt hat! "Was würde mit deiner
Familie passieren, wenn sie wüssten, dass du bei ihm bist?«
»Und was ist mit deinen Eltern?«
»Die sind in Australien«, sagte Hermine. »Denen dürfte es gut gehen.
Sie wissen von gar nichts.«
»Du bist genial«, wiederholte Ron mit Ehrfurchtsmiene.
»Ja, das bist du, Hermine«, pflichtete ihm Harry eifrig bei. »Ich weiß
nicht, was wir ohne dich machen würden.«
Sie strahlte, wurde aber sofort wieder ernst.
»Was ist mit Luna?«
»Also, wenn es stimmt, was die behaupten, und sie noch am Leben ist -
«, begann Ron.
»Sag so was nicht, sag so was nicht!«, stieß Hermine mit piepsender
Stimme hervor. »Sie muss am Leben sein, sie muss!«
»Dann sitzt sie in Askaban, schätze ich«, sagte Ron. »Aber ob sie das
überlebt ... viele schaffen es nicht ...«
»Sie wird es schaffen«, sagte Harry. Er mochte etwas anderes nicht
einmal denken. »Luna, die ist zäh, viel zäher, als man glauben würde. Sie
bringt den anderen Gefangenen wahrscheinlich alles über Schlickschlupfe
und Nargel bei.«
»Hoffentlich hast du Recht«, sagte Hermine. Sie fuhr sich mit der Hand
über die Augen. »Xenophilius würde mir so leidtun, wenn -«
»- wenn er nicht gerade versucht hätte, uns an die Todesser zu
verkaufen, jaah«, sagte Ron.
Sie stellten das Zelt auf, schlüpften hinein, und Ron machte ihnen Tee.
Nach ihrer gerade noch geglückten Flucht kam ihnen das kalte und muffige
alte Ding wie ein Zuhause vor, sicher, vertraut und freundlich.
»Meine Güte, was wollten wir dort eigentlich?«, stöhnte Hermine nach
einigen Minuten der Stille. »Harry, du hattest Recht, es war noch mal wie
in Godric's Hollow, eine komplette Zeitverschwendung! Die Heiligtümer
des Todes ... was für ein Unsinn ... obwohl«, ihr war offenbar ein
plötzlicher Gedanke gekommen, »vielleicht hat er das alles ja erfunden? Er
glaubt wahrscheinlich gar nicht an die Heiligtümer des Todes, er wollte
nur, dass wir weiterredeten, bis die Todesser kamen!«
»Das glaube ich nicht«, sagte Ron. »Es ist verdammt viel schwerer, als
du dir vorstellst, irgendwas zu erfinden, wenn du im Stress bist. Das hab
ich gemerkt, als die Greifer mich gefangen hatten. Es war viel leichter, so
zu tun, als war ich Stan, als jemand ganz anderen zu erfinden, weil ich Stan
ein wenig kannte. Der alte Lovegood stand schwer unter Druck, weil er
dafür sorgen wollte, dass wir uns nicht vom Fleck rührten. Ich schätze, er
hat uns die Wahrheit gesagt, oder was er für die "Wahrheit hält, nur damit
wir uns weiter unterhielten.«
»Also, ich finde, dass das keine Rolle spielt«, seufzte Hermine. »Selbst
wenn er ehrlich war, ich hab in meinem ganzen Leben noch nie so viel
Blödsinn gehört.«
»Moment mal«, sagte Ron. »Die Kammer des Schreckens war doch
angeblich auch eine erfundene Geschichte, oder?«
»Aber die Heiligtümer des Todes können nicht existieren, Ron!«
»Das behauptest du andauernd, aber eins von diesen Dingern könnte es
schon geben«, sagte Ron. »Harrys Tarnumhang -«
»>Das Märchen von den drei Brüdern< ist eine Geschichte«, sagte
Hermine bestimmt. »Eine Geschichte von Menschen, die Angst vor dem
Tod haben. Wenn es so einfach wäre, zu überleben, indem man sich unter
dem Tarnumhang versteckt, dann hätten wir schon alles, was wir
brauchen!«
»Ich weiß nicht. Ein unbesiegbarer Zauberstab wär ziemlich nützlich für
uns«, sagte Harry und drehte den Schwarzdornstab, den er so wenig
mochte, in den Fingern.
»So etwas gibt es nicht, Harry!«
»Du hast gesagt, dass es viele Zauberstäbe gegeben hat – der Todesstab
oder wie auch immer sie genannt wurden -«
»Von mir aus, red dir ruhig ein, dass es den Elderstab wirklich gibt, aber
was ist mit dem Stein der Auferstehung?« Sie setzte den Begriff mit einem
Fingerschnippen in Anführungszeichen und ihre Stimme triefte vor
Sarkasmus. »Kein Zauber kann die Toten auferwecken, und damit basta!«
»Als sich mein Zauberstab mit dem von Du-weißt-schon-wem verband,
ließ er meine Mum und meinen Dad erscheinen ... und Cedric ... «
»Aber sie waren nicht wirklich zurück von den Toten, oder?«, sagte
Hermine. »Solche irgendwie – blassen Schattenwesen haben nichts damit
zu tun, dass jemand tatsächlich ins Leben zurückgerufen wird.«
»Aber dieses Mädchen in dem Märchen, das ist ja auch nicht richtig
zurückgekehrt, oder? In der Geschichte heißt es, dass die Menschen, sobald
sie einmal tot sind, zu den Toten gehören. Aber der zweite Bruder bekam
sie trotzdem zu sehen und konnte mit ihr reden, stimmt's? Er hat sogar eine
Weile mit ihr gelebt ...«
Er sah Anteilnahme in Hermines Gesicht und noch etwas anderes, das
nicht so einfach zu bestimmen war. Als sie Ron dann einen Blick zuwarf,
erkannte Harry, dass es Angst war: Er hatte ihr mit seinem Gerede vom
Leben mit toten Menschen Furcht eingejagt.
»Und dieser Peverell, der in Godric's Hollow begraben ist«, sagte er
hastig und mit möglichst nüchterner Stimme, »über den weißt du also
nichts?«
»Nein«, erwiderte sie, offensichtlich erleichtert über den Themawechsel.
»Ich hab nachgeschaut, nachdem ich das Zeichen auf seinem Grab gesehen
hatte; wenn er jemand Berühmtes gewesen wäre oder etwas Wichtiges
getan hätte, dann käme er sicher in einem unserer Bücher vor. Aber das
einzige Buch, in dem ich den Namen >Peverell< finden konnte, ist
Noblesse der Natur: Eine Genealogie der Zauberei. Ich hab es mir von
Kreacher ausgeliehen«, erklärte sie, als Ron die Augenbrauen hochzog.
»Darin sind die reinblütigen Familien aufgeführt, die in der männlichen
Linie inzwischen ausgestorben sind. Offenbar waren die Peverells eine der
ersten Familien, die verschwanden.«
»>In der männlichen Linie ausgestorben«, wiederholte Ron.
»Das heißt, dass der Name erloschen ist«, sagte Hermine, »im Falle der
Peverells vor Jahrhunderten. Es könnte zwar immer noch Nachkommen
geben, aber die würden einen anderen Namen tragen.«
Und dann kam Harry als leuchtendes Bild jene Erinnerung, die sich
beim Namen Peverell geregt hatte: ein schmutziger alter Mann, der mit
einem hässlichen Ring vor dem Gesicht eines Ministeriumsbeamten
herumfuchtelte, und er schrie lauthals: »Vorlost Gaunt!«
»Was?«, sagten Ron und Hermine gleichzeitig.
»Vorlost Gaunt! Der Großvater von Du-weißt-schon-wem! Im
Denkarium! Bei Dumbledore! Vorlost Gaunt hat behauptet, er würde von
den Peverells abstammen!«
Ron und Hermine blickten verwirrt.
»Der Ring, der Ring, der zu dem Horkrux wurde, Vorlost Gaunt hat
behauptet, darauf sei das Wappen der Peverells! Ich hab gesehen, wie er
dem Typen vom Ministerium damit vor dem Gesicht rumgewedelt hat, er
hat ihm den Ring fast in die Nase gedrückt!«
»Das Wappen der Peverells?«, sagte Hermine scharf. »Hast du
mitbekommen, wie es aussah?«
»Nicht so richtig«, sagte Harry und versuchte sich zu erinnern. »Soweit
ich erkennen konnte, war da nichts Großartiges drauf; vielleicht ein paar
Kratzer. Ich hab ihn erst richtig aus der Nähe gesehen, als er schon
aufgespalten war.«
Hermine riss plötzlich die Augen auf, und Harry wusste, dass sie
begriffen hatte. Ron sah mit verblüffter Miene beide nacheinander an.
»Mensch ... du meinst, da war auch das Zeichen drauf? Das Zeichen der
Heiligtümer?«
»Warum nicht?«, sagte Harry aufgeregt. »Vorlost Gaunt war ein
ahnungsloser alter Widerling, der wie ein Schwein lebte, das einzig
Wichtige für ihn waren seine Vorfahren. Wenn dieser Ring über die
Jahrhunderte weitergegeben wurde, wusste er vielleicht gar nicht, was er in
Wirklichkeit war. In diesem Haus gab es keine Bücher, und glaubt mir, der
war nicht der Typ, der seinen Kindern Märchen vorliest. Er hat sicher
liebend gern geglaubt, dass diese Kratzer auf dem Ring ein Wappen waren,
denn reines Blut machte einen seiner Meinung nach geradezu königlich. «
»Ja ... und das ist alles sehr interessant«, sagte Hermine behutsam,
»aber, Harry, wenn du denkst, was ich denke, was du denkst -«
»Ja, warum denn nicht? Warum nicht?«, erwiderte Harry und ließ alle
Vorsicht außer Acht. »Es war ein Stein, richtig?« Er wandte sich Hilfe
suchend an Ron. »Was, wenn es der Stein der Auferstehung war?«
Ron klappte der Mund auf. »Ich fass es nicht – aber würde der immer
noch funktionieren, wenn Dumbledore ihn zerbrochen -«
»Funktionieren? Funktionieren? Er hat nie funktioniert, Ron! So was
wie einen Stein der Auferstehung gibt es nicht!« Hermine war
aufgesprungen, entnervt und zornig. »Harry, du versuchst alles in diese
Geschichte von den Heiligtümern hineinzuschustern -«
»Alles hineinzuschustern?«, erwiderte er. »Hermine, es passt von
alleine! Ich weiß, dass das Symbol der Heiligtümer des Todes auf diesem
Stein drauf war! Gaunt sagte, er würde von den Peverells abstammen!«
»Gerade hast du uns noch erzählt, dass du das Zeichen auf dem Stein
gar nicht richtig erkennen konntest!«
»Wo, glaubst du, ist der Ring jetzt?«, fragte Ron Harry. »Was hat
Dumbledore damit gemacht, nachdem er ihn aufgebrochen hat?«
Aber Harrys Phantasie eilte voraus, weit über die von Ron und Hermine
hinaus ...
Drei Gegenstände, oder Heiligtümer, die, wenn sie vereint sind, ihren
Besitzer zum Gebieter des Todes machen ... zum Gebieter ... Meister ...
Bezwinger ... der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod...
Und er sah sich, im Besitz der Heiligtümer, Voldemort entgegentreten,
dessen Horkruxe ihnen nicht gewachsen waren ... keiner kann leben,
während der Andere überlebt ... war das die Antwort? Heiligtümer gegen
Horkruxe? Gab es am Ende doch eine Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass er
derjenige war, der den Sieg davontrug? Wenn er der Gebieter der
Heiligtümer des Todes wäre, wäre er dann gerettet?
»Harry?«
Doch er hörte Hermine kaum: Er hatte seinen Tarnumhang
hervorgezogen und ließ ihn durch die Finger gleiten, diesen Stoff, der so
geschmeidig war wie Wasser, so leicht wie Luft. Während seiner fast
sieben Jahre in der Zaubererwelt hatte er nie etwas gesehen, das ihm
gleichgekommen war. Der Tarnumhang war genau das, was Xenophilius
beschrieben hatte: ein Umhang, der seinen Träger wirklich und wahrhaftig
vollkommen unsichtbar macht und ewig haltbar ist, der dauerhaft und
unaufspürbar verbirgt, welchen Zaubern er auch ausgesetzt sein mag ...
Und dann erinnerte er sich und der Atem stockte ihm.
»Dumbledore hatte meinen Tarnumhang in der Nacht, als meine Eltern
starben!«
Seine Stimme bebte, und er spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss,
doch es kümmerte ihn nicht. »Meine Mutter hat Sirius geschrieben, dass
Dumbledore sich den Umhang ausgeliehen hat! Das war der Grund! Er
wollte ihn untersuchen, weil er dachte, er sei das dritte Heiligtum! Ignotus
Peverell liegt in Godric's Hollow begraben ...« Harry lief ziellos im Zelt
umher mit dem Gefühl, als würden sich überall um ihn herum neue,
großartige Ausblicke auf die Wahrheit auftun. »Er ist mein Vorfahr! Ich
stamme von dem dritten Bruder ab! Das ist alles plausibel!«
Er fühlte sich mit Gewissheit gewappnet, mit seinem Glauben an die
Heiligtümer, als ob die bloße Vorstellung, sie zu besitzen, ihn schützen
würde, und wandte sich glücklich wieder den beiden andern zu.
»Harry«, sagte Hermine erneut, doch Harry war gerade dabei, mit heftig
zitternden Fingern den Beutel um seinen Hals zu öffnen.
»Lies das«, verlangte er und drückte ihr den Brief seiner Mutter in die
Hand. »Lies das! Dumbledore hatte den Tarnumhang, Hermine! Weshalb
hätte er ihn denn sonst haben wollen? Er brauchte keinen Tarnumhang, er
konnte einen so mächtigen Desillusionierungszauber hervorbringen, dass er
sich auch ohne einen vollkommen unsichtbar machte!«
Etwas fiel zu Boden und kullerte glitzernd unter einen Stuhl: Er hatte
zusammen mit dem Brief auch den Schnatz herausgezogen. Er bückte sich,
um ihn aufzuheben, da trug ihm die neue Quelle, aus der er fabelhafte
Entdeckungen schöpfte, ein weiteres Geschenk zu, und überwältigt von
Schreck und Erstaunen schrie er auf.
»ER IST DADRIN! Er hat mir den Ring vermacht – er ist in dem
Schnatz!«
»Meinst du – meinst du wirklich?«
Er konnte nicht verstehen, weshalb Ron so überrascht wirkte. Für Harry
war es so offensichtlich, so klar: Alles passte, alles ... sein Tarnumhang war
das dritte Heiligtum, und wenn er herausfand, wie der Schnatz zu öffnen
war, würde er das zweite haben, und dann musste er nur noch das erste
Heiligtum finden, den Elderstab, und dann -
Doch es war, als ob ein Vorhang vor einer beleuchteten Bühne fiel: All
seine Begeisterung, all seine Hoffnung und sein Glück wurden mit einem
Streich ausgelöscht, und er stand allein in der Dunkelheit, und der herrliche
Zauber war gebrochen.
»Darauf hat er es abgesehen.«
Seine plötzlich veränderte Stimme ließ Ron und Hermine nur noch
verängstigter blicken.
»Du-weißt-schon-wer hat es auf den Elderstab abgesehen.«
Er drehte ihren angespannten, ungläubigen Gesichtern den Rücken zu.
Er wusste, dass es die Wahrheit war. Es war alles schlüssig. Voldemort
suchte keinen neuen Zauberstab; er suchte einen alten Zauberstab, einen
sehr alten Zauberstab. Harry ging zum Eingang des Zeltes und vergaß, dass
Ron und Hermine noch da waren, während er in die Nacht hinausblickte
und nachdachte ...
Voldemort war in einem Waisenhaus der Muggel aufgewachsen.
Niemand hatte ihm die Märchen von Beedle dem Barden erzählen können,
als er noch ein Kind war, wie auch Harry sie nie gehört hatte. Kaum ein
Zauberer glaubte an die Heiligtümer des Todes. War es wahrscheinlich,
dass Voldemort von ihnen wusste?
Harry starrte in die Dunkelheit... wenn Voldemort von den Heiligtümern
des Todes gewusst hätte, dann hätte er sie mit Sicherheit gesucht, hätte
alles getan, um sie zu bekommen: drei Gegenstände, die ihren Besitzer zum
Gebieter des Todes machten? Wenn er von den Heiligtümern des Todes
gewusst hätte, dann hätte er vielleicht gar keine Horkruxe gebraucht.
Bewies nicht die schlichte Tatsache, dass er eines von den Heiligtümern
genommen und es zu einem Horkrux gemacht hatte, dass er dieses letzte
große Geheimnis der Zauberer nicht kannte?
Was bedeutete, dass Voldemort den Elderstab suchte, ohne sich über
dessen ganze Macht im Klaren zu sein, ohne zu verstehen, dass er eines
von dreien war ... denn der Zauberstab war das Heiligtum, das nicht
verborgen werden konnte, dessen Existenz am besten bekannt war ... die
blutige Spur des Eiderstabs zieht sich durch die Annalen der
Zaubereigeschichte ...
Harry betrachtete den wolkigen Himmel, rauchgraue und silbrige
Schlieren glitten über das weiße Gesicht des Mondes. Das Erstaunen über
seine Entdeckungen machte ihn ein wenig benommen.
Er ging wieder ins Zelt. Erschrocken sah er, dass Ron und Hermine
noch genau da standen, wo er sie zurückgelassen hatte, Hermine immer
noch mit Lilys Brief in der Hand, Ron an ihrer Seite mit leicht besorgter
Miene. War ihnen nicht bewusst, welchen Weg sie in den letzten Minuten
zurückgelegt hatten?
»Das ist es«, sagte Harry, bemüht, sie am Glanz seiner verblüffenden
Gewissheit teilhaben zu lassen. »Das erklärt alles. Die Heiligtümer des
Todes gibt es wirklich, und ich besitze eines davon – vielleicht zwei – «
Er hielt den Schnatz empor.
»- und Du-weißt-schon-wer jagt dem dritten hinterher, aber er weiß es
nicht ... er glaubt, dass es nur ein mächtiger Zauberstab ist -«
»Harry«, sagte Hermine, kam auf ihn zu und gab ihm Lilys Brief
zurück, »tut mir leid, aber ich glaube, du liegst da falsch, völlig falsch.«
»Aber begreifst du nicht? Es passt alles -«
»Nein, tut es nicht«, sagte sie. »Tut es nicht, Harry, du steigerst dich da
nur in was rein. Bitte«, sagte sie, als er zu einer Erwiderung ansetzte, »bitte,
beantworte mir nur diese Frage. Wenn es die Heiligtümer des Todes
wirklich gäbe und Dumbledore von ihnen wusste, wenn er wusste, dass die
Person, die sie alle drei besitzt, Gebieter des Todes wäre – Harry, warum
hat er dir dann nicht davon erzählt? Warum?«
Er hatte die Antwort schon parat.
»Aber du hast es doch selbst gesagt, Hermine! Man muss es selber
herausfinden! Es ist eine Suche!«
»Aber das habe ich nur gesagt, weil ich dich überreden wollte, mit zu
den Lovegoods zu gehen!«, rief Hermine aufgebracht. »Ich hab nicht
wirklich daran geglaubt!«
Harry nahm keine Notiz davon.
»Dumbledore hat mich immer gewisse Dinge selber herausfinden
lassen. Ich sollte meine Stärken erproben, ich sollte Risiken eingehen. Das
alles sieht ganz nach ihm aus.«
»Harry, das ist kein Spiel, das ist keine Übung! Das ist die Realität und
Dumbledore hat dir ganz klare Anweisungen hinterlassen: Finde und
zerstöre die Horkruxe! Dieses Symbol bedeutet nichts, vergiss die
Heiligtümer des Todes, wir können es uns nicht erlauben, uns ablenken zu
lassen -«
Harry hörte ihr kaum zu. Er drehte den Schnatz in den Händen, immer
wieder, und hoffte fast, er würde aufbrechen und den Stein der
Auferstehung offenbaren, um Hermine zu beweisen, dass er Recht hatte,
dass die Heiligtümer des Todes tatsächlich existierten.
Sie wandte sich an Ron.
»Du glaubst nicht daran, oder?«
Harry blickte auf. Ron zögerte.
»Ich weiß nicht... ich meine ... teilweise passt es ja zusammen«, sagte
Ron verlegen. »Aber wenn man es insgesamt betrachtet ...« Er holte tief
Luft. »Ich glaube, wir sollen die Horkruxe erledigen, Harry. Das hat uns
Dumbledore aufgetragen. Vielleicht... vielleicht sollten wir diese Sache mit
den Heiligtümern vergessen.«
»Danke, Ron«, sagte Hermine. »Ich übernehme die erste Wache.«
Und indem sie an Harry vorbeimarschierte und sich im Zelteingang
niederließ, bereitete sie dem Ganzen grimmig ein Ende.
Aber Harry schlief kaum in dieser Nacht. Die Idee von den
Heiligtümern des Todes hatte Besitz von ihm ergriffen, und er fand keine
Ruhe, während aufwühlende Gedanken ihm durch den Kopf wirbelten: der
Zauberstab, der Stein und der Umhang, wenn er sie nur alle haben könnte
...
Ich öffne mich zum Schluss ... aber was war der Schluss? "Warum
konnte er den Stein nicht jetzt haben? Wenn er ihn doch nur hätte, dann
könnte er Dumbledore diese Fragen persönlich stellen ... und Harry
murmelte dem Schnatz im Dunkeln Worte zu, versuchte alles, selbst Parsel,
doch der goldene Ball wollte sich einfach nicht öffnen ...
Und der Zauberstab, der Elderstab, wo war der versteckt? Wo suchte
Voldemort jetzt gerade? Harry wünschte, seine Narbe würde brennen und
ihm Voldemorts Gedanken zeigen, denn zum ersten Mal überhaupt wollten
Voldemort und er genau das Gleiche ... Hermine würde diese Vorstellung
natürlich gar nicht behagen ... aber sie glaubte ja auch nicht ... Xenophilius
hatte Recht gehabt, in gewisser Weise ... Engstirnig. Kleinmütig. Vernagelt.
In Wahrheit machte ihr der Gedanke an die Heiligtümer des Todes Angst,
besonders der Stein der Auferstehung ... und Harry presste seinen Mund
erneut auf den Schnatz, küsste ihn, verschluckte ihn fast, doch das kalte
Metall gab nicht nach ...
Es war fast Morgen, als er sich an Luna erinnerte, die allein in einer
Zelle in Askaban saß, umringt von Dementoren, und plötzlich schämte er
sich. Er hatte sich fieberhaft mit den Heiligtümern beschäftigt und sie
darüber ganz vergessen. Wenn sie Luna nur befreien könnten, aber
Dementoren in solcher Vielzahl waren praktisch unangreifbar. Nun fiel ihm
auch ein, dass er noch gar nicht versucht hatte, mit dem Schwarzdorn-
Zauberstab einen Patronus hervorzubringen ... das musste er am Morgen
nachholen ...
Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, einen besseren Zauberstab zu
bekommen ...
Und wieder überkam ihn der Wunsch nach dem Elderstab, dem
Todesstab, unbesiegbar, unschlagbar ...
Am nächsten Morgen packten sie das Zelt ein und zogen durch triste
Regenschauer weiter. Der Regen begleitete sie bis an die Küste, wo sie in
dieser Nacht das Zelt aufstellten, und weiter die ganze Woche, durch
verschlammte Landschaften, die Harry trostlos und bedrückend fand. Er
musste ständig an die Heiligtümer des Todes denken. Es war, als ob eine
Flamme in ihm entfacht worden wäre, die durch nichts zu löschen war,
weder durch Hermines schlichten Unglauben noch durch Rons beharrliche
Zweifel. Und doch, je heftiger die Sehnsucht nach den Heiligtümern in ihm
brannte, desto schlechter wurde seine Laune. Er gab Ron und Hermine die
Schuld: Ihre entschiedene Gleichgültigkeit dämpfte seine Stimmung
genauso wie der anhaltende Regen, doch nichts konnte seine Gewissheit
untergraben, sie blieb unerschütterlich. Harrys Glaube an die Heiligtümer
und sein Verlangen danach nahmen ihn derart in Anspruch, dass er sich
von den beiden anderen und ihrer Besessenheit für die Horkruxe
vollkommen isoliert fühlte.
»Besessenheit?«, sagte Hermine mit leiser, zorniger Stimme, als Harry
eines Abends so unvorsichtig war, das Wort zu benutzen, nachdem
Hermine ihm Vorwürfe gemacht hatte, weil er so wenig Interesse daran
zeigte, weitere Horkruxe ausfindig zu machen. »Wir sind nicht diejenigen,
die besessen sind, Harry! Wir versuchen das zu tun, was Dumbledore uns
aufgetragen hat!«
Doch die unterschwellige Kritik prallte an ihm ab. Dumbledore hatte
Hermine das Zeichen der Heiligtümer hinterlassen, damit sie es
entschlüsselte, und Harry war nach wie vor überzeugt davon, dass er auch
den Stein der Auferstehung hinterlassen hatte, im Goldenen Schnatz
versteckt. Keiner kann leben, während der Andere überlebt ... Gebieter des
Todes ... warum begriffen es Ron und Hermine nicht?
»Der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod«, zitierte Harry
ruhig.
»Ich dachte, wir sollten gegen Du-weißt-schon-wen kämpfen?«,
entgegnete Hermine und Harry gab es auf.
Selbst das Geheimnis der silbernen Hirschkuh, über das die anderen
beiden beharrlich reden wollten, kam Harry jetzt weniger wichtig vor, wie
eine mäßig interessante Nebensache. Das Einzige, was ihn sonst noch stark
beschäftigte, war seine Narbe, die wieder zu kribbeln begonnen hatte, was
er allerdings möglichst vor den anderen zu verheimlichen suchte. Wann
immer es passierte, zog er sich zurück, doch was er sah, enttäuschte ihn.
Die Bilder, die er mit Voldemort teilte, waren in ihrer Art nicht mehr wie
vorher; sie waren auf einmal verwischt und veränderten sich, als würden sie
ständig scharf gestellt und dann wieder unscharf. Harry konnte nur die
undeutlichen Umrisse eines Gegenstands erkennen, der wie ein
Totenschädel aussah, und etwas wie einen Berg, der eher ein Schatten war
als feste Materie. Harry, der an gestochen scharfe Bilder gewöhnt war,
beunruhigte diese Veränderung. Er machte sich Sorgen, dass die
Verbindung zwischen ihm und Voldemort beschädigt worden sein könnte,
eine Verbindung, die er gefürchtet und zugleich geschätzt hatte, was auch
immer er Hermine gesagt haben mochte. Harry brachte diese
unbefriedigenden, verschwommenen Bilder irgendwie mit der Zerstörung
seines Zauberstabs in Zusammenhang, als ob es die Schuld des
Schwarzdornstabs wäre, dass er nicht mehr so gut wie vorher in
Voldemorts Geist hineinsehen konnte.
Während die Wochen dahinschlichen, konnte Harry, obwohl er so
intensiv mit sich selbst beschäftigt war, nicht umhin zu bemerken, dass Ron
nun offenbar die Dinge in die Hand nahm. Vielleicht weil er entschlossen
war, wiedergutzumachen, dass er sie im Stich gelassen hatte, vielleicht weil
Harrys Abgleiten in Teilnahmslosigkeit in ihm schlummernde
Führungsqualitäten weckte, Ron war jedenfalls derjenige, der die andern
beiden nun zum Handeln trieb und sie anfeuerte.
»Noch drei Horkruxe«, sagte er andauernd. »Wir brauchen einen
Schlachtplan, kommt schon! Wo haben wir noch nicht gesucht? Gehen wir
alles noch mal durch. Das Waisenhaus ...«
Die Winkelgasse, Hogwarts, das Haus der Riddles, Borgin und Burkes,
Albanien, jeden Ort, von dem sie wussten, dass Tom Riddle einst dort
gelebt oder gearbeitet hatte, dass er ihn besucht oder dort gemordet hatte,
zogen Ron und Hermine noch einmal in Erwägung, und Harry machte nur
mit, damit Hermine ihn in Ruhe ließ. Er hätte am liebsten stumm allein da
gesessen und versucht, in Voldemorts Gedanken einzudringen, um mehr
über den Elderstab herauszufinden, aber Ron bestand darauf, auch noch die
Orte zu bereisen, die nur entfernt in Frage kamen, aus dem einzigen Grund,
wie Harry wusste, dass er sie auf Trab halten wollte.
»Man weiß ja nie«, lautete Rons ständiger Spruch, »Upper Flagley ist
ein Zaubererdorf, vielleicht hat er mal überlegt, dort zu leben. Gehen wir
und schnüffeln ein bisschen rum.«
Bei diesen häufigen Vorstößen in Zauberergebiet bekamen sie
gelegentlich auch Greifer zu Gesicht.
»Manche von denen sollen genauso übel sein wie Todesser«, sagte Ron.
»Die Bande, die mich gefasst hat, war ein bisschen lächerlich, aber Bill
meint, dass einige wirklich gefährlich sind. Auf PotterWatch haben sie
behauptet -«
»Auf was?«, fragte Harry.
»PotterWatch, hab ich dir den Namen noch nicht gesagt? Der Sender,
den ich dauernd im Radio suche, der einzige, der die Wahrheit über das
sagt, was gerade vor sich geht! Fast alle Sender halten sich an die Linie von
Du-weißt-schon-wem, alle außer PotterWatch. War toll, wenn du ihn mal
hören könntest, aber er ist total schwer reinzukriegen ...«
Abend für Abend trommelte Ron mit seinem Zauberstab
unterschiedliche Rhythmen auf das Radio, während die Knöpfe sich schnell
drehten. Gelegentlich erhaschten sie Bruchstücke einer Ratgebersendung
über Drachenpocken, und einmal ein paar Takte von »Ein Kessel voller
heißer, starker Liebe«. Während seines Getrommels versuchte Ron immer
wieder, das richtige Passwort zu erwischen, indem er irgendwelche
beliebigen Wortfolgen vor sich hin murmelte.
»Die haben meistens was mit dem Orden zu tun«, erklärte er ihnen.
»Bill hatte echt den Dreh raus, wie man sie errät. Irgendwann schaff ich's
bestimmt auch mal ...«
Doch erst im März war das Schicksal Ron gewogen. Harry saß im
Zelteingang auf Wache und starrte untätig auf ein Büschel
Traubenhyazinthen, die sich durch den frostigen Erdboden gekämpft
hatten, als Ron drinnen im Zelt begeistert aufschrie.
»Ich hab es, ich hab es! Das Passwort war >AlbusStromer< ist Lee«, erklärte Ron. »Sie haben alle Decknamen, aber
meistens weiß man -«
»Schh!«, machte Hermine.
»Doch bevor uns Royal und Romulus berichten«, fuhr Lee fort,
»nehmen wir uns einen Moment Zeit, um die Todesfälle zu melden, die die
Nachrichten im Magischen Rundfunk und der Tagesprophet nicht für
erwähnenswert halten. Mit großem Bedauern informieren wir unsere Hörer
von den Morden an Ted Tonks und Dirk Cresswell.«
Harry hatte das Gefühl, als würde ihm etwas schwer auf den Magen
schlagen. Er, Ron und Hermine starrten einander voll Entsetzen an.
»Ein Kobold namens Gornuk wurde ebenfalls getötet. Es wird vermutet,
dass der muggelstämmige Dean Thomas und ein weiterer Kobold, die beide
wohl mit Tonks, Cresswell und Gornuk unterwegs waren, entkommen
konnten. Wenn Dean jetzt zuhört oder wenn jemand irgendetwas über
seinen Aufenthaltsort weiß, seine Eltern und Schwestern warten verzweifelt
auf Nachricht von ihm.
Unterdessen wurde in Gaddley eine fünfköpfige Muggelfamilie tot in
ihrem Haus aufgefunden. Die Muggelbehörden führen diese Todesfälle auf
eine defekte Gasleitung zurück, doch wie ich von Mitgliedern des
Phönixordens erfahre, war es der Todesfluch. Ein weiterer Beweis dafür –
als ob wir noch einen brauchten –, dass das Abschlachten von Muggeln
unter dem neuen Regime allmählich zu einem gehobeneren Freizeitsport
wird.
Zuletzt müssen wir unseren Hörerinnen und Hörern leider mitteilen,
dass in Godric's Hollow die sterblichen Überreste von Bathilda Bagshot
entdeckt wurden. Alles deutet darauf hin, dass sie schon vor einigen
Monaten gestorben ist. Der Orden des Phönix teilt uns mit, dass ihre Leiche
deutliche Spuren von Verletzungen aufwies, die durch schwarze Magie
verursacht wurden.
Liebe Hörerinnen und Hörer, ich möchte Sie nun zu einer gemeinsamen
Schweigeminute auffordern, zum Gedenken an Ted Tonks, Dirk Cresswell,
Bathilda Bagshot, Gornuk und die namenlosen, doch nicht weniger zu
betrauernden Muggel, die von den Todessern ermordet wurden.«
Stille trat ein, und Harry, Ron und Hermine sprachen kein Wort. Teils
hatte Harry das Bedürfnis, mehr zu erfahren, teils hatte er Angst davor, was
als Nächstes kommen mochte. Es war das erste Mal seit langem, dass er
sich voll und ganz mit der Außenwelt verbunden fühlte.
»Danke«, sagte Lees Stimme. »Und nun zu unserem ständigen
Berichterstatter Royal, der uns wieder einmal aktuell berichten wird, wie
sich die neue Ordnung in der Zaubererwelt auf das Leben der Muggel
auswirkt.«
»Danke, Stromer«, sagte eine unverkennbare Stimme, tief, gemessen
und beruhigend.
»Kingsley!«, platzte Ron heraus.
»Wir wissen es!«, sagte Hermine und bedeutete ihm zu schweigen.
»Die Muggel wissen nach wie vor nicht, wer für ihr Leid verantwortlich
ist, während sie weiterhin schwere Verluste zu beklagen haben«, sagte
Kingsley. »Allerdings hören wir laufend wirklich inspirierende
Geschichten von Zauberern und Hexen, die sich selbst in Gefahr bringen,
um befreundete oder benachbarte Muggel zu schützen, häufig ohne dass die
Muggel davon wissen. Ich möchte an all unsere Hörerinnen und Hörer
appellieren, sich an ihnen ein Beispiel zu nehmen und vielleicht einen
Schutzzauber über jedes Muggelhaus in ihrer Straße zu legen. Viele Leben
könnten gerettet werden, wenn solche einfachen Maßnahmen ergriffen
würden.«
»Und was würdest du den Hörern sagen, Royal, die darauf antworten,
dass in diesen gefährlichen Zeiten >Zauberer zuerst gelten sollte?«, fragte
Lee.
»Ich würde sagen, dass es nur ein kleiner Schritt von >Zauberer zuerst<
bis zu >Reinblüter zuerst< und dann zu >Todesser< ist«, erwiderte
Kingsley. »Wir sind alle Menschen, oder? Jedes Menschenleben ist gleich
viel wert und schützenswert.«
»Hervorragend gesagt, Royal, und sollten wir aus diesem Schlamassel je
wieder rauskommen, kriegst du meine Stimme, wenn du für den Posten des
Zaubereiministers kandidierst«, sagte Lee. »Und nun zu Romulus und
unserer beliebten Reportagereihe: Freunde von Potter.«
»Danke, Stromer«, sagte eine weitere, sehr vertraute Stimme; Ron
wollte etwas sagen, doch Hermine kam ihm mit einem Flüstern zuvor.
»Wir wissen, dass es Lupin ist!«
»Romulus, behauptest du immer noch, wie jedes Mal, wenn du in
unserer Sendung bist, dass Harry Potter nach wie vor am Leben ist?«
»Allerdings«, sagte Lupin bestimmt. »Ich habe keinerlei Zweifel daran,
dass die Todesser die Nachricht von seinem Tod möglichst weit verbreiten
würden, wenn er eingetreten wäre, denn das würde der Moral all
derjenigen, die dem neuen Regime Widerstand leisten, einen tödlichen
Schlag versetzen. Der Junge, der überlebt hat< bleibt eine Symbolfigur für
alles, wofür wir kämpfen: den Triumph des Guten, die Macht der
Unschuld, die Notwendigkeit, weiterhin Widerstand zu leisten.«
Eine Mischung aus Dankbarkeit und Scham stieg in Harry auf. Hatte
Lupin ihm also die schrecklichen Dinge verziehen, die er ihm bei ihrem
letzten Treffen vorgeworfen hatte?
»Und was würdest du Harry sagen, wenn du wüsstest, dass er jetzt
zuhört, Romulus?«
»Ich würde ihm sagen, dass wir alle in Gedanken bei ihm sind«,
antwortete Lupin, dann zögerte er kurz. »Und ich würde ihm sagen, er soll
seinem Instinkt folgen, der sicher und fast immer richtig ist.«
Harry sah Hermine an, die Tränen in den Augen hatte.
»Fast immer richtig«, wiederholte sie.
»Ach, hab ich's euch nicht erzählt?«, sagte Ron überrascht. »Bill meinte,
Lupin würde wieder mit Tonks zusammenleben! Und offenbar wird sie
schon ziemlich rund.«
»... und wie immer deine Neuigkeiten über die Freunde von Harry
Potter, die wegen ihrer Treue zu ihm leiden?«, sagte Lee gerade.
»Nun, wie Stammhörer sicher wissen, sind einige der freimütigsten
Anhänger von Harry Potter inzwischen im Gefängnis, darunter Xenophilius
Lovegood, der ehemalige Herausgeber des Klitterers -«, sagte Lupin.
»Wenigstens ist er noch am Leben!«, murmelte Ron.
»Wir haben in den letzten Stunden auch erfahren, dass Rubeus Hagrid -
«, sie keuchten alle drei und verpassten so beinahe den Rest des Satzes, »-
der bekannte Wildhüter der Hogwarts-Schule, knapp der Festnahme auf
dem Gelände von Hogwarts entkommen ist, wo er Gerüchten zufolge eine
>Harry-Potter-Freundschaftsparty< veranstaltet haben soll. Hagrid wurde
jedoch nicht verhaftet und ist, soweit wir wissen, auf der Flucht.«
»Ich schätze mal, dass es auf der Flucht vor Todessern hilfreich ist,
wenn man einen fünf Meter großen Halbbruder hat?«, fragte Lee.
»Das verschafft einem vermutlich einen Vorteil«, stimmte Lupin in
ernstem Ton zu. »Darf ich nur noch hinzufügen, dass wir hier bei
PotterWatch zwar Hagrids Mut loben, aber selbst den treuesten von Harrys
Anhängern dringend davon abraten möchten, Hagrids Beispiel zu folgen.
>Harry-Potter-Freundschaftspartys< sind im gegenwärtigen Klima nicht
sonderlich klug.«
»In der Tat, Romulus«, sagte Lee, »wir schlagen daher vor, dass ihr eure
Treue zu dem Mann mit der Blitznarbe weiterhin zeigt, indem ihr
PotterWatch hört! Und nun zum Neuesten über den Zauberer, der sich als
genauso ungreifbar erweist wie Harry Potter. Wir bezeichnen ihn gerne als
den Obersten Todesser, und ich möchte euch hiermit einen neuen
Korrespondenten vorstellen, der uns seine Version von einigen besonders
verrückten Gerüchten, die über den Obersten Todesser in Umlauf sind,
erzählen wird: Hallo, Nager.«
»Nager?«, sagte eine weitere vertraute Stimme, und Harry, Ron und
Hermine schrien gleichzeitig auf: »Fred!«
»Nein – ist es George?«
»Es ist Fred, glaube ich«, sagte Ron und neigte sich weiter vor, als
welcher Zwilling auch immer sagte: »Ich bin nicht >Nager<, vergiss es, ich
hab dir doch gesagt, dass ich >Beißer< sein will!«
»Oh, also gut. >Beißer<, würdest du uns bitte die verschiedenen
Geschichten aus deiner Sicht erläutern, die wir in letzter Zeit über den
Obersten Todesser gehört haben?«
»Ja, Stromer, gern«, sagte Fred. »Wie unsere Hörer sicher wissen, es sei
denn, sie haben Zuflucht am Boden eines Gartenteichs oder an einem
ähnlichen Ort gesucht, erzeugt die Strategie von Du-weißt-schon-wem, im
Verborgenen zu bleiben, ein hübsches bisschen Panik. Wohlgemerkt, wenn
alle angeblichen Sichtungen von ihm echt sind, müssten gut neunzehn Du-
weißt-schon-wers momentan in der Gegend rumlaufen.«
»Was ihm natürlich sehr gelegen kommt«, sagte Kingsley. »Das
Geheimnisvolle schürt mehr Angst, als wenn er sich tatsächlich zeigen
würde.«
»Richtig«, sagte Fred. »Also, Leute, bemühen wir uns und beruhigen
uns ein wenig. Die Zeiten sind schlecht genug, auch ohne dass wir noch
irgendwelche Geschichten dazuerfinden. Zum Beispiel heißt es neuerdings,
dass Du-weißt-schon-wer mit einem einzigen Blick aus seinen Augen töten
kann. Das kann ein Basilisk, liebe Hörer. Ein ganz einfacher Test: Schaut
nach, ob das Ding, das euch böse anstarrt, Beine hat. Wenn ja, ist es
ungefährlich, ihm in die Augen zu sehen, obwohl, wenn es wirklich Du-
weißt-schon-wer ist, dann ist das wahrscheinlich trotzdem eure letzte Tat.«
Zum ersten Mal seit vielen Wochen lachte Harry: Er spürte, wie die Last
der Anspannung von ihm abfiel.
»Und die Gerüchte, dass er ständig im Ausland gesichtet wird?«, fragte
Lee.
»Nun, wer würde nicht gern einen netten kleinen Urlaub einlegen, nach
all der harten Arbeit, die er leistet?«, fragte Fred. »Die Sache ist die, Leute,
lasst euch nicht in einem falschen Gefühl der Sicherheit wiegen, und denkt
bloß nicht, er wär außer Landes. Vielleicht ist er es, vielleicht auch nicht,
aber Tatsache bleibt, wenn er will, kann er schneller sein als ein Severus
Snape, dem man Haarshampoo vor die Nase hält, also setzt nicht darauf,
dass er weit weg ist, wenn ihr vorhabt, irgendwelche Risiken einzugehen.
Ich hätte nie gedacht, dass ich mich das mal sagen höre, aber es gilt:
Sicherheit geht über alles!«
»Vielen Dank für diese klugen Worte, Beißer«, sagte Lee. »Liebe
Hörerinnen und Hörer, damit endet ein weiteres PotterWatch. Wir wissen
nicht, wann es uns erneut möglich sein wird zu senden, aber ihr könnt
sicher sein, wir kommen wieder. Dreht munter an den Knöpfen: Das
nächste Passwort lautet >Mad-Eye<. Gebt auf euch Acht und lasst nicht
locker. Gute Nacht.«
Der Knopf am Radio wirbelte herum und die Beleuchtung der
Senderskala erlosch. Harry, Ron und Hermine strahlten immer noch.
Vertraute, freundliche Stimmen zu hören war eine besondere Stärkung;
Harry hatte sich an ihre Abgeschiedenheit so gewöhnt, dass er fast
vergessen hatte, dass auch andere Widerstand gegen Voldemort leisteten.
Es war, als würde er aus einem langen Schlaf erwachen.
»Gut, was?«, sagte Ron glücklich.
»Großartig«, sagte Harry.
»Wie viel Mut die haben«, seufzte Hermine voll Bewunderung. »Wenn
man sie erwischen würde ...«
»Na ja, die sind dauernd auf Achse, oder?«, sagte Ron. »Wie wir.«
»Aber habt ihr gehört, was Fred gesagt hat?«, fragte Harry aufgeregt;
nun, da die Sendung zu Ende war, kehrten seine Gedanken erneut zu der
ihn völlig vereinnahmenden Besessenheit zurück. »Er ist im Ausland! Er
sucht immer noch nach dem Zauberstab, ich wusste es!«
»Harry -«
»Komm schon, Hermine, warum willst du es partout nicht zugeben?
Vol-«
»NEIN, HARRY!«
»-demort ist hinter dem Elderstab her!«
»Der Name hat ein Tabu!«, brüllte Ron und sprang auf, als draußen vor
dem Zelt ein lauter Knall ertönte. »Ich hab's dir doch gesagt, Harry, ich
hab's dir doch gesagt, wir dürfen ihn nicht mehr aussprechen – wir müssen
die Schutzzauber um uns wieder aufbauen – schnell – so finden die -«
Aber Ron verstummte und Harry wusste, warum. Das Spickoskop auf
dem Tisch hatte aufgeleuchtet und begann sich zu drehen; sie konnten
Stimmen hören, die immer näher kamen: raue, aufgeregte Stimmen. Ron
zog den Deluminator aus seiner Tasche und ließ ihn klicken: Ihre Lampen
erloschen.
»Kommt mit erhobenen Händen da raus!«, drang eine schnarrende
Stimme durch die Dunkelheit. »Wir wissen, dass ihr dadrin seid! Ein halbes
Dutzend Zauberstäbe ist auf euch gerichtet, und es ist uns egal, wen wir
verfluchen!«
Das Haus Malfoy
Harry wandte sich zu den beiden anderen um, die jetzt nur noch
Umrisse in der Dunkelheit waren. Er sah, wie Hermine ihren Zauberstab
nicht nach draußen, sondern auf sein Gesicht richtete; ein Knall war zu
hören, weißes Licht zuckte auf, und Harry brach unter qualvollen
Schmerzen zusammen und konnte nichts mehr sehen. Er spürte sein
Gesicht unter seinen Händen rasch anschwellen, dann kamen schwere
Schritte ringsum auf ihn zu.
»Aufstehen, Ungeziefer.«
Unbekannte Hände zerrten Harry brutal vom Boden hoch. Ehe er etwas
dagegen unternehmen konnte, hatte jemand seine Taschen durchwühlt und
ihm den Schwarzdorn-Zauberstab abgenommen. Harry drückte die Hände
auf sein unerträglich schmerzendes Gesicht, das sich fremdartig anfühlte
unter seinen Fingern, straff, geschwollen und aufgedunsen, als hätte er auf
irgendetwas heftig allergisch reagiert. Seine Augen waren nur noch
Schlitze, durch die er kaum sehen konnte; seine Brille fiel zu Boden, als er
aus dem Zelt nach draußen verfrachtet wurde; er konnte nur noch erkennen,
dass vier oder fünf verschwommene Gestalten auch Ron und Hermine
mühsam hinauszerrten.
»Lasst – sie – los!«, brüllte Ron. Das unverkennbare Geräusch von
Knöcheln, die auf einen Körper trafen, war zu hören: Ron stöhnte vor
Schmerz und Hermine schrie: »Nein! Lasst ihn in Ruhe, lasst ihn in Ruhe!«
»Deinem Freund wird's noch übler ergehen, wenn er auf meiner Liste
steht«, sagte die fürchterlich vertraute, schnarrende Stimme. »Appetitliches
Mädchen ... was für ein Leckerbissen ... wie weich ihre Haut ist ...«
Harry stülpte sich der Magen um. Er wusste, wer das war: Fenrir
Greyback, der Werwolf, dem es erlaubt war, einen Todesser-Umhang zu
tragen, als Lohn für seine grausamen Dienste.
»Durchsucht das Zelt!«, sagte eine andere Stimme.
Harry wurde vornübergeworfen und fiel mit dem Gesicht auf die Erde.
Ein dumpfer Aufprall verriet ihm, dass Ron neben ihm niedergeschlagen
worden war. Sie konnten Schritte und Krach hören; die Männer warfen
Stühle um, während sie das Zelt durchsuchten.
»Dann schauen wir mal, wen wir hier haben«, sagte Greybacks
hämische Stimme über ihm, und Harry wurde auf den Rücken gedreht. Der
Lichtstrahl von einem Zauberstab fiel ihm ins Gesicht und Greyback lachte.
»Dadrauf brauch ich 'n Butterbier. Was ist mit dir passiert, du Fratze?«
Harry antwortete nicht sofort.
»Ich hab dich was gefragt«; sagte Greyback, und Harry bekam einen
Schlag aufs Zwerchfell, dass er sich vor Schmerz krümmte. »Was ist mit
dir passiert?«
»Ein Stich«, murmelte Harry. »Bin gestochen worden.«
»Jaah, sieht so aus«, sagte eine zweite Stimme.
»Wie heißt du?«, knurrte Greyback.
»Dudley«, sagte Harry.
»Und dein Vorname?«
»Ich – Vernon. Vernon Dudley.«
»Schau auf der Liste nach, Scabior«, sagte Greyback, und Harry hörte,
wie er ein Stück zur Seite ging, um nun auf Ron hinabzublicken. »Und was
ist mit dir, Rotschopf?«
»Stan Shunpike«, sagte Ron.
»Der bist du verflucht noch mal nicht«, sagte der Mann namens Scabior.
»Wir kennen Stan Shunpike, er hat uns mal 'n bisschen Arbeit verschafft. «
Dann war ein weiterer dumpfer Schlag zu hören.
»Ich bin Bardy«, sagte Ron, und Harry wusste, dass sein Mund voller
Blut war. »Bardy Weaschley.«
»Ein Weasley?«, schnarrte Greyback. »Also bist du mit Blutsverrätern
verwandt, auch wenn du kein Schlammblut bist. Und zum Schluss deine
hübsche kleine Freundin ...« Seine Stimme hatte etwas Genüssliches, so
dass es Harry eiskalt über den Rücken lief.
»Langsam, Greyback«, sagte Scabior durch das Gejohle der anderen.
»Oh, ich werd doch nicht gleich zubeißen. Wollen mal sehen, ob sie
sich schneller an ihren Namen erinnert als Barny. Wer bist du, Mädchen?«
»Penelope Clearwater«, sagte Hermine. Sie klang verängstigt, aber
überzeugend.
»Wie ist dein Blutstatus?«
»Halbblut«, sagte Hermine.
»Lässt sich leicht überprüfen«, sagte Scabior. »Aber diese ganze Bande
sieht aus, als könnt'n sie noch im 'Ogwarts-Alter sein -«
»Wir schin' ford«, sagte Ron.
»Fort, tatsächlich, Rotschopf?«, sagte Scabior. »Und ihr 'abt
beschlossen, zelten zu gehen? Und ihr dachtet, ihr könntet nur mal so aus
Jux den Namen des Dunklen Lords aussprechen?«
»Kein Jugsch«, sagte Ron. »Ausch Verscheh'n.«
»Aus Versehen?« Von neuem brach höhnisches Gelächter los.
»Du weißt schon, wer den Namen des Dunklen Lords immer gerne
verwendet hat, Weasley?«, knurrte Greyback. »Der Orden des Phönix.
Jemals davon gehört?«
»Nöh.«
»Jedenfalls erweisen sie dem Dunklen Lord nicht den gebührenden
Respekt, daher wurde ein Tabu auf den Namen gelegt. So wurden einige
vom Orden aufgespürt. Werden sehen. Bindet sie mit den anderen beiden
Gefangenen zusammen!«
Jemand riss Harry an den Haaren hoch, schleifte ihn ein Stück weiter,
drückte ihn hinunter in eine sitzende Haltung und fing dann an, ihn Rücken
an Rücken mit anderen zusammenzubinden. Harry war immer noch halb
blind und kaum in der Lage, durch seine geschwollenen Augen etwas zu
sehen. Als der Mann, der sie gefesselt hatte, sich endlich entfernt hatte,
flüsterte Harry zu den anderen Gefangenen.
»Hat jemand noch seinen Zauberstab?«
»Nein«, antworteten Ron und Hermine rechts und links von ihm.
»Das ist alles meine Schuld. Ich hab den Namen genannt, tut mir leid -«
»Harry?«
Es war eine neue, aber bekannte Stimme, und sie ertönte direkt hinter
Harry, von jemandem, der an Hermines linke Seite gefesselt war.
»Dean?«
»Du bist es! Wenn die rausfinden, wen sie da haben! Das sind Greifer,
die suchen nur nach Schulschwänzern, die sie für Gold verkaufen -«
»Kein schlechter Fang für eine Nacht«, sagte Greyback gerade, als ein
Paar genagelte Stiefel dicht an Harry vorbeimarschierten und sie aus dem
Zelt weiteres Krachen hörten. »Ein Schlammblut, ein Kobold auf der
Flucht und drei Schulschwänzer. Hast du ihre Namen schon auf der Liste
gesucht, Scabior?«, brüllte er.
»Jaah. Da ist kein Vernon Dudley drauf, Greyback.«
»Interessant«, sagte Greyback. »Das ist interessant.«
Er kauerte sich vor Harry nieder, der durch den verschwindend kleinen
Schlitz zwischen seinen geschwollenen Lidern ein Gesicht mit mattgrauem
Haarpelz und einem Backenbart sah, mit spitzen braunen Zähnen und
entzündeten Mundwinkeln. Greyback roch, wie er oben auf dem Turm
gerochen hatte, wo Dumbledore gestorben war: nach Schmutz, Schweiß
und Blut.
»Dann wirst du gar nicht gesucht, Vernon? Oder bist du unter einem
anderen Namen auf dieser Liste? In welchem Haus von Hogwarts warst
du?«
»Slytherin«, sagte Harry automatisch.
»Komisch, dass die alle glauben, wir woll'n das 'ören«, höhnte Scabior
aus der Finsternis. »Aber keiner von den'n kann uns sagen, wo der
Gemeinschaftsraum ist.«
»Er ist in den Kerkern«, sagte Harry deutlich. »Man tritt durch die
Wand ein. Er ist voller Schädel und so, und er ist unter dem See, deshalb ist
das Licht ganz grün.«
Eine kurze Stille trat ein.
»So, so, sieht aus, als 'ätten wir wirklich 'nen kleinen Slytherin
geschnappt«, sagte Scabior. »Gratuliere, Vernon, gibt nicht viele
Slytherins, die Schlammblüter sind. Wer ist dein Vater?«
»Er arbeitet im Ministerium«, log Harry. Er wusste, dass seine ganze
Geschichte bei der kleinsten Nachforschung zusammenbrechen würde,
andererseits hatte er nur noch Zeit, bis sein Gesicht wieder normal aussah,
dann würde das Spiel ohnehin zu Ende sein. »Abteilung für Magische
Unfälle und Katastrophen.«
»Weißt du was, Greyback«, sagte Scabior. »Ich glaub, da arbeitet
tatsächlich einer, der Dudley heißt.«
Harry rang nach Luft: Konnte Glück, pures Glück, sie aus dieser Lage
retten?
»So, so«, sagte Greyback, und Harry konnte eine winzige Spur von
Beklommenheit in dieser gefühllosen Stimme hören, offenbar weil
Greyback sich fragte, ob er tatsächlich gerade den Sohn eines
Ministeriumsbeamten angegriffen und gefesselt hatte. Harrys Herz
hämmerte gegen die Stricke um seine Rippen; es hätte ihn nicht überrascht,
zu erfahren, dass Greyback das sehen konnte. »Wenn du die Wahrheit
sagst, Fratzengesicht, dann hast du bei einem Abstecher ins Ministerium
nichts zu befürchten. Ich schätze, dein Vater wird uns dafür belohnen, dass
wir dich aufgelesen haben.«
»Aber«, sagte Harry mit völlig trockenem Mund, »wenn Sie uns einfach
-«
»Hey!«, rief jemand aus dem Zeltinneren. »Sieh dir das mal an,
Greyback!«
Eine dunkle Gestalt kam auf sie zugehastet und Harry sah im Licht der
Zauberstäbe etwas silbern glitzern. Sie hatten Gryffindors Schwert
gefunden.
»Seeehr schön«, sagte Greyback anerkennend und nahm es seinem
Gefährten ab. »Oh, wirklich sehr hübsch. Das sieht aus wie
koboldgearbeitet. Wo hast du denn so was her?«
»Es gehört meinem Vater«, log Harry und hoffte verzweifelt, dass es für
Greyback zu dunkel war, um den Namen, der unterhalb des Griffs
eingraviert war, zu erkennen. »Wir haben es uns ausgeliehen, um
Brennholz zu hacken -«
»Wart mal kurz, Greyback! Schau dir das an, im Propheten!«
In dem Moment, als Scabior dies sagte, begann Harrys Narbe, die sich
straff über seine aufgedunsene Stirn spannte, wild zu brennen. Deutlicher
als irgendetwas, das er in seinem Umkreis ausmachen konnte, sah er ein
hoch aufragendes Gebäude, eine düstere Festung, pechschwarz und
bedrohlich; Voldemorts Gedanken waren mit einem Mal wieder
rasiermesserscharf; er glitt in stiller Euphorie und Entschlossenheit auf den
gewaltigen Bau zu ...
So nah ...so nah ...
Mit einer gewaltigen Willensanstrengung verschloss Harry seinen Geist
vor Voldemorts Gedanken, riss sich dorthin zurück, wo er jetzt saß, in der
Dunkelheit an Ron, Hermine, Dean und Griphook gefesselt, und lauschte
Greyback und Scabior.
»'Ermine Granger«, sagte Scabior gerade, »das Schlammblut, von dem
man weiß, dass es mit 'Arry Potter unterwegs ist.«
Harrys Narbe brannte, während sie schwiegen, doch er bot alle Kraft
auf, im Hier und Jetzt zu bleiben und nicht in Voldemorts Geist
abzugleiten. Er hörte Greybacks Stiefel knarzen, als er vor Hermine in die
Hocke ging.
»Weißt du was, du kleine Göre? Dieses Bild sieht dir aber verdammt
ähnlich.«
»Tut es nicht! Das bin ich nicht!«
Hermines verängstigt piepsende Stimme war praktisch ein Geständnis.
»... von dem man weiß, dass es mit Harry Potter unterwegs ist«,
wiederholte Greyback leise.
Stille hatte sich breitgemacht. Harrys Narbe schmerzte heftig, doch er
wehrte sich mit aller Kraft gegen den Sog von Voldemorts Gedanken: Es
war noch nie so wichtig gewesen, dass er bei sich und bei vollem Verstand
blieb.
»Nun, das ändert die Sache, oder?«, flüsterte Greyback.
Niemand antwortete: Harry spürte, dass die Greiferbande reglos dastand
und zusah, und fühlte Hermines Arm zitternd an seinem. Greyback stand
auf, machte einige Schritte bis zu der Stelle, wo Harry saß, hockte sich
wieder hin und fixierte scharf seine unförmigen Gesichtszüge.
»Was hast du da an der Stirn, Vernon?«, fragte er ruhig, und sein
stinkender Atem drang in Harrys Nase, als er einen schmutzigen Finger auf
die straffe Narbe drückte.
»Nicht anfassen!«, schrie Harry; es rutschte ihm heraus; er hatte das
Gefühl, dass er sich vor Schmerz übergeben müsste.
»Ich dachte, du trägst eine Brille, Potter?«, hauchte Greyback.
»Ich hab eine Brille gefunden!«,japste einer der Greifer, der im
Hintergrund lauerte. »Da war eine Brille im Zelt, Greyback, wart mal -«
Und Sekunden später hatten sie Harry die Brille wieder auf die Nase
gedrückt. Nun kamen die Greifer näher und starrten ihn an.
»Das ist er!«, schnarrte Greyback. »Wir haben Potter gefangen!«
Sie traten allesamt einige Schritte zurück, ganz verblüfft darüber, was
ihnen gelungen war. Harry, der sich immer noch mühte, in seinem eigenen,
zerspringenden Kopf gegenwärtig zu bleiben, fiel nichts ein, was er hätte
sagen können: Bruchstückhafte Bilder tauchten an der Oberfläche seines
Bewusstseins auf -
... er glitt um die hohen Mauern der schwarzen Festung herum -
Nein, er war Harry, gefesselt und ohne Zauberstab, in ernster Gefahr -
... er blickte auf, zum obersten Fenster, zum höchsten Turm -
Er war Harry, und mit leisen Stimmen diskutierten sie, was mit ihm
geschehen sollte -
...es ist Zeit, zufliegen -
»- ins Ministerium?«
»Zur Hölle mit dem Ministerium«, knurrte Greyback. »Die heimsen
dann die Lorbeeren ein und wir kriegen nichts ab. Ich würde sagen, wir
bringen ihn direkt zu Du-weißt-schon-wem.«
»Willst du ihn 'errufen? Terher?«, sagte Scabior und klang ehrfürchtig
und entsetzt.
»Nein«, schnarrte Greyback. »Ich hab kein – es heißt, sie benutzen
Malfoys Haus als Stützpunkt. Wir bringen den Jungen dorthin.«
Harry glaubte zu wissen, warum Greyback Voldemort nicht herbeirief.
Der Werwolf durfte zwar einen Todesser-Umhang tragen, wenn sie ihn für
ihre Zwecke brauchten, aber nur Voldemorts engster Kreis war mit dem
Dunklen Mal versehen: Greyback hatten sie diese höchste Ehre versagt.
Harrys Narbe brannte wieder -
... und er stieg in die Nacht hinauf, flog geradewegs zu dem Fenster an
der Spitze des Turms -
»... ganz sicher, dass er's ist? Weil wenn nicht, Greyback, dann sind wir
tot.«
»Wer führt hier das Kommando?«, brüllte Greyback, um seine kurze
Schwäche zu vertuschen. »Ich sage, das ist Potter, und er plus sein
Zauberstab, das gibt zweihunderttausend Galleonen sofort auf die Kralle!
Aber wenn keiner von euch den Mumm hat mitzukommen, dann gehört
alles mir, und mit ein bisschen Glück krieg ich das Mädchen noch dazu!«
... das Fenster war nur ein schmaler Spalt in dem schwarzen Stein, nicht
groß genug, dass ein Mann eindringen konnte ... eine skelettähnliche
Gestalt war gerade noch durch den Spalt zu erkennen, zusammengekrümmt
unter einer Decke ... tot oder schlafend ...?
»Na schön!«, sagte Scabior. »Na schön, wir sin' dabei! Und was ist mit
den andern, Greyback, was sollen wir mit den'n machen?«
»Am besten, wir nehmen die alle mit. Wir haben zwei Schlammblüter,
das macht noch mal zehn Galleonen. Und das Schwert gebt ihr mir auch.
Wenn das Rubine sind, ist das noch mal ein kleines Vermögen wert.«
Die Gefangenen wurden auf die Füße gezerrt. Harry konnte Hermine
atmen hören, schnell und verängstigt.
»Alle festhalten, und zwar richtig. Ich nehm Potter!«, sagte Greyback
und packte eine Hand voll von Harrys Haaren; Harry spürte seine langen
gelben Nägel über seine Kopfhaut kratzen. »Bei drei! Eins – zwei – drei -«
Sie disapparierten und zogen die Gefangenen mit sich. Harry sträubte
sich, versuchte Greybacks Hand abzuschütteln, doch es war hoffnungslos:
Ron und Hermine wurden von beiden Seiten eng an ihn gepresst, er konnte
sich nicht von der Gruppe lösen, und als ihm die Luft aus dem Leib
gequetscht wurde, brannte seine Narbe noch schmerzhafter -
...und er zwängte sich durch den Fensterspalt wie eine Schlange und
landete leicht wie Nebel in diesem zellenartigen Raum -
Die Gefangenen fielen übereinander, als sie auf einen Feldweg stürzten.
Harrys immer noch geschwollene Augen brauchten einen Moment, bis sie
sich gewöhnt hatten, dann erkannte er ein schmiedeeisernes Doppeltor,
hinter dem sich ein offenbar langer Zufahrtsweg befand. Einen winzigen
Moment lang war ihm leichter zumute. Das Schlimmste war noch nicht
eingetreten: Voldemort war nicht hier. Er war, wie Harry wusste, da er
gegen die Vision ankämpfte, an einem fremden Ort, in einer Art Festung,
ganz oben in einem Turm. Wie lange Voldemort brauchen würde, um
hierherzugelangen, sobald er erfahren hatte, dass Harry da war, war eine
andere Frage ...
Einer der Greifer schritt zum Tor und rüttelte daran.
»Wie kommen wir da rein? Es ist verschlossen, Greyback, ich kann
nicht – zum Teufel!«
Er riss erschrocken seine Hände weg. Das Eisen verzog sich, die
abstrakten Schnörkel und Spiralen lösten sich auf, und ein Furcht
erregendes Gesicht wand sich heraus, das mit metallisch klirrender,
widerhallender Stimme sprach: »Was ist Euer Begehr?«
»Wir haben Potter!«, brüllte Greyback triumphierend. »Wir haben Harry
Potter gefangen!«
Das Doppeltor schwang auf.
»Kommt!«, sagte Greyback zu seinen Männern, und die Gefangenen
wurden durch das Tor und die Zufahrt entlanggeschubst, zwischen hohen
Hecken hindurch, die das Geräusch ihrer Schritte dämpften. Harry sah eine
gespenstisch weiße Erscheinung über sich und erkannte, dass es ein
Albino-Pfau war. Er stolperte und Greyback zerrte ihn hoch; jetzt wankte er
seitwärts weiter, Rücken an Rücken an die vier anderen Gefangenen
gefesselt. Er schloss seine verschwollenen Augen und gab dem Schmerz in
seiner Narbe einen Moment lang nach, denn er wollte erfahren, was
Voldemort tat, ob er schon wusste, dass Harry gefangen war -
... die ausgemergelte Gestalt regte sich unter ihrer dünnen Decke und
drehte sich zu ihm herum, und in dem Gesicht, das wie von einem
Totenschädel war, öffneten sich die Augen ... der gebrechliche Mann setzte
sich auf, die großen eingesunkenen Augen auf ihn gerichtet, auf Voldemort,
und dann lächelte er. Er hatte kaum noch Zähne ...
»Du bist also gekommen. Ich wusste, dass du kommen würdest ... eines
Tages. Aber deine Reise war sinnlos. Er war nie in meinem Besitz. «
»Du lügst!«
Voldemorts Wut hämmerte in ihm, und Harrys Narbe drohte vor
Schmerz aufzuplatzen, er zwang seine Gedanken, wieder zurückzukehren
in seinen eigenen Körper, kämpfte darum, bei Verstand zu bleiben,
während die Gefangenen über den Kiesweg getrieben wurden.
Licht überflutete sie.
»Was hat das zu bedeuten?«, sagte die kalte Stimme einer Frau.
»Wir sind gekommen, um Ihn, dessen Name nicht genannt werden darf,
zu sehen!«, schnarrte Greyback.
»Wer seid Ihr?«
»Ihr kennt mich!« Unmut lag in der Stimme des Werwolfs. »Fenrir
Greyback! Wir haben Harry Potter gefasst!«
Greyback packte Harry und zerrte ihn herum ins Licht, was die anderen
Gefangenen zwang, sich schlurfend mitzudrehen.
»Ich weiß, er ist zugeschwollen, gnädige Frau, aber er is' es!«, meldete
sich Scabior zu Wort. »Wenn Ihr ein bisschen näher 'inschaut, dann seht Ihr
seine Narbe. Und 'ier, seht Ihr das Mädchen? Das Schlammblut, das mit
ihm um'ergezogen ist, gnädige Frau. Kein Zweifel, dass er's ist, und wir
'aben auch seinen Zauberstab! 'Ier, gnädige Frau -«
Harry sah, wie Narzissa Malfoy sein aufgedunsenes Gesicht musterte.
Scabior drückte ihr den Schwarzdorn-Zauberstab in die Hand. Sie hob die
Brauen.
»Bringt sie rein«, sagte sie.
Sie stießen und traten Harry und die anderen eine breite Steintreppe
hinauf, die in eine Eingangshalle führte, an deren Wänden Porträts hingen.
»Folgt mir«, sagte Narzissa und ging voran durch die Halle. »Mein
Sohn Draco ist über die Osterferien zu Hause. Wenn das Harry Potter ist,
dann wird er ihn erkennen.«
Nach der Dunkelheit draußen war das Licht im Salon gleißend hell;
obwohl seine Augen fast geschlossen waren, konnte Harry sehen, wie groß
der Raum war. An der Decke hing ein Kristallleuchter und weitere Porträts
hingen an den dunkelroten Wänden. Zwei Gestalten erhoben sich von ihren
Stühlen vor dem reich verzierten Marmorkamin, als die Greifer ihre
Gefangenen in den Salon hineinschleiften.
»Was gibt es?«
Die furchtbar vertraute, gedehnte Stimme von Lucius Malfoy drang in
Harrys Ohren. Jetzt ergriff ihn Panik: Er sah keinen Ausweg, und während
seine Angst wuchs, war es leichter, Voldemorts Gedanken fernzuhalten,
obwohl seine Narbe nach wie vor brannte.
»Die behaupten, sie hätten Potter«, sagte Narzissas kalte Stimme.
»Draco, komm her.«
Harry wagte es nicht, direkt zu Draco hinzublicken, sah ihn jedoch von
der Seite her an: Eine Gestalt, die ein wenig größer war als er selbst, erhob
sich aus einem Lehnstuhl, sein Gesicht ein blasser, spitz zulaufender Fleck
unter weißblondem Haar.
Greyback zwang die Gefangenen erneut, sich zu drehen, damit Harry
genau unter dem Kronleuchter zu stehen kam.
»Nun, Junge?«, schnarrte der Werwolf.
Harry befand sich gegenüber einem Spiegel über dem Kamin, einem
großen, vergoldeten Ding mit kompliziert verschnörkeltem Rahmen. Durch
seine Augenschlitze sah er sein Spiegelbild, zum ersten Mal seit er das
Haus am Grimmauldplatz verlassen hatte.
Sein Gesicht war riesig, glänzend und blutrot, Hermines Zauber hatte all
seine Züge verzerrt. Sein schwarzes Haar reichte ihm bis zu den Schultern
und um seinen Kiefer zog sich ein schwarzer Schatten. Hätte er nicht
gewusst, dass er selbst es war, der hier stand, hätte er sich gefragt, wer da
seine Brille aufhatte. Er beschloss, nicht zu sprechen, denn seine Stimme
würde ihn gewiss verraten; und er vermied nach wie vor den Blickkontakt
mit Draco, als dieser sich näherte.
»Nun, Draco?«, sagte Lucius Malfoy. Er klang begierig. »Ist er es? Ist
es Harry Potter?«
»Ich weiß nicht – ich weiß nicht genau«, sagte Draco. Er hielt Abstand
von Greyback und schien genauso viel Angst davor zu haben, Harry
anzusehen, wie Harry Angst davor hatte, ihn anzusehen.
»Aber schau ihn dir genau an, los! Geh näher ran!«
Harry hatte Lucius Malfoy noch nie so aufgeregt erlebt.
»Draco, wenn wir diejenigen sind, die Potter dem Dunklen Lord
übergeben, dann wird alles verzieh-«
»Aber, Mr Malfoy, wir werden doch nicht vergessen, wer ihn
tatsächlich gefasst hat, hoffe ich?«, sagte Greyback drohend.
»Natürlich nicht, natürlich nicht!«, erwiderte Lucius ungeduldig. Er
ging nun selber auf Harry zu, kam ihm so nahe, dass Harry sogar durch
seine Augenschlitze jedes Detail des für gewöhnlich gelangweilten, blassen
Gesichts erkennen konnte. Da sein eigenes Gesicht eine aufgequollene
Maske war, hatte Harry den Eindruck, zwischen den Stangen eines Käfigs
hindurchzublicken.
»Was hast du mit ihm gemacht?«, fragte Lucius Greyback. »Wie kommt
es, dass er in diesem Zustand ist?«
»Das war'n nicht wir.«
»Sieht mir eher nach einem Brandzauber aus«, sagte Lucius.
Seine grauen Augen suchten Harrys Stirn ab.
»Da ist etwas«, flüsterte er, »das könnte die Narbe sein, straff gezogen
... Draco, komm her, schau dir das genau an! Was meinst du?«
Harry sah Dracos Gesicht jetzt aus der Nähe, gleich neben dem seines
Vaters. Sie waren sich verblüffend ähnlich, nur dass der Vater ganz außer
sich schien vor Erregung, während Dracos Miene voller Widerwille, ja
sogar Furcht war.
»Ich weiß nicht«, sagte er und ging in Richtung Kamin, wo seine Mutter
stand und zusah.
»Wir sollten sicher sein, Lucius«, rief Narzissa mit ihrer kalten, klaren
Stimme ihrem Mann zu. »Ganz sicher, dass es Potter ist, ehe wir den
Dunklen Lord rufen ... Die behaupten, der gehöre ihm«, sie nahm den
Schwarzdorn-Zauberstab genau in Augenschein, »aber er entspricht nicht
Ollivanders Beschreibung ... Wenn wir uns irren, wenn wir den Dunklen
Lord umsonst hierherrufen ... wisst ihr noch, was er mit Rowle und
Dolohow gemacht hat?«
»Und was ist mit dem Schlammblut?«, knurrte Greyback. Harry wurde
fast umgerissen, als die Greifer die Gefangenen zwangen, sich erneut zu
drehen, damit das Licht nun auf Hermine fiel.
»Wartet«, sagte Narzissa scharf. »Ja – ja, sie war mit Potter bei Madam
Malkins! Ich hab ihr Bild im Propheten gesehen! Schau, Draco, ist das
nicht diese Granger?«
»Ich ... vielleicht ... jaah.«
»Aber das ist doch der Weasley-Junge!«, rief Lucius, schritt rasch um
die Gefesselten herum und sah Ron ins Gesicht. »Das sind sie, Potters
Freunde – Draco, schau ihn dir an, ist das nicht Arthur Weasleys Sohn, wie
heißt er noch mal -?«
»Jaah«, sagte Draco erneut, den Rücken den Gefangenen zugewandt.
»Könnte sein.«
Hinter Harry öffnete sich die Salontür. Eine Frau sprach und der Klang
ihrer Stimme ließ Harrys Angst noch größer werden.
»Was geht hier vor? Was ist passiert, Zissy?«
Bellatrix Lestrange ging langsam um die Gefangenen herum, blieb
rechts von Harry stehen und starrte unter ihren schweren Augenlidern auf
Hermine.
»Aber das ist«, sagte sie leise, »das ist doch das Schlammblutmädchen?
Ist das diese Granger?«
»Ja, ja, das ist die Granger!«, rief Lucius. »Und der neben ihr ist
wahrscheinlich Potter! Potter und seine Freunde, endlich gefasst!«
»Potter?«, kreischte Bellatrix und wich zurück, damit sie Harry besser
betrachten konnte. »Bist du sicher? Nun, dann muss der Dunkle Lord sofort
informiert werden!«
Sie zog ihren linken Ärmel hoch: Harry sah das Dunkle Mal, das in das
Fleisch ihres Armes gebrannt war, und wusste, dass sie es gleich berühren
würde, um ihren geliebten Herrn herbeizurufen -
»Ich wollte ihn gerade rufen!«, sagte Lucius, und schon schloss sich
seine Hand um Bellatrix' Handgelenk, um sie daran zu hindern, das Mal zu
berühren. »Ich werde ihn herbeirufen, Bella, Potter wurde in mein Haus
gebracht, daher unterliegt es meiner Autorität -«
»Deiner Autorität!«, höhnte sie und versuchte, ihre Hand seinem Griff
zu entwinden. »Du hast deine Autorität verloren, als du deinen Zauberstab
verloren hast, Lucius! Wie kannst du es wagen! Lass mich los!«
»Du hast damit überhaupt nichts zu tun, du hast den Jungen nicht
gefangen -«
»Bitte um Verzeihung, Mr Malfoy«, warf Greyback ein, »aber wir
sind's, die Potter gefasst haben, und wir wollen dann auch das Gold -«
»Gold!«, lachte Bellatrix, die immer noch versuchte, ihren Schwager
abzuschütteln, während sie mit der freien Hand in der Tasche nach ihrem
Zauberstab suchte. »Nimm dein Gold, du dreckiger Aasfresser, was will ich
mit Gold? Ich strebe nur nach der Ehre seines – von -«
Sie hörte auf sich zu wehren und heftete ihre dunklen Augen auf etwas,
das Harry nicht sehen konnte. Froh, dass sie kapituliert hatte, ließ Lucius
sie rasch los und riss nun seinen eigenen Ärmel hoch -
»HALT!«, kreischte Bellatrix. »Berühr es nicht, wir werden alle
zugrunde gehen, wenn der Dunkle Lord jetzt kommt!«
Lucius erstarrte, den Zeigefinger dicht über seinem Mal. Bellatrix schritt
aus Harrys begrenztem Gesichtsfeld hinaus.
»Was ist das?«, hörte er sie sagen.
»Schwert«, grunzte ein Greifer, den er nicht sehen konnte.
»Gib es mir.«
»Das ist nicht Euers, Missis, das ist meins, ich hab's nämlich gefunden.
«
Es gab einen Knall und einen roten Lichtblitz: Harry wusste, dass der
Greifer geschockt worden war. Seine Gefährten brüllten zornig auf; Scabior
zückte den Zauberstab.
»Was soll das denn, Frau?«
»Stupor«, schrie sie, »Stupor!«
Sie waren ihr nicht gewachsen, obwohl sie zu viert gegen eine waren:
Sie war eine skrupellose Hexe mit ungeheuerlichen Fähigkeiten, wie Harry
wusste. Sie brachen auf der Stelle zusammen, alle außer Greyback, den sie
auf die Knie gezwungen hatte, die Arme ausgestreckt. Aus den
Augenwinkeln sah Harry, wie Bellatrix sich über den Werwolf beugte, das
Schwert von Gryffindor fest in der Hand, das Gesicht wächsern.
»Wo hast du dieses Schwert her?«, flüsterte sie Greyback zu, während
sie ihm den Zauberstab aus seinem schlaffen Griff zog.
»Wie kannst du es wagen?«, knurrte er, und sein Mund war alles, was er
bewegen konnte, während er gezwungen war, zu ihr aufzublicken. Er
bleckte seine spitzen Zähne. »Lass mich los, Frau!«
»Wo hast du dieses Schwert gefunden?«, wiederholte sie und fuchtelte
damit vor seinem Gesicht herum. »Snape hat es zu meinem Verlies in
Gringotts geschickt!«
»Es war im Zelt von denen«, schnarrte Greyback. »Lass mich los, sage
ich!«
Sie schwang ihren Zauberstab, und der Werwolf sprang auf, schien
jedoch zu argwöhnisch, um sich ihr zu nähern. Er schlich hinter einen
Sessel und grub seine schmutzigen, gebogenen Nägel in die Lehne.
»Draco, bring diesen Abschaum nach draußen«, sagte Bellatrix und
deutete auf die bewusstlosen Männer. »Wenn du nicht den Schneid hast, sie
zu erledigen, dann lass sie für mich im Hof liegen.«
»Untersteh dich, mit Draco zu sprechen wie -«, sagte Narzissa zornig,
aber Bellatrix schrie: »Halt den Mund! Die Lage ist bedrohlicher, als du es
dir vielleicht vorstellen kannst, Zissy! Wir haben ein sehr ernstes
Problem!«
Sie stand rasch atmend da, blickte hinab auf das Schwert und musterte
seinen Griff. Dann drehte sie sich um und sah die stummen Gefangenen an.
»Wenn es wirklich Potter ist, darf ihm nichts geschehen«, murmelte sie,
mehr zu sich selbst als zu den anderen. »Der Dunkle Lord will Potter
eigenhändig vernichten ... aber wenn er herausfindet ... ich muss ... ich
muss wissen ...«
Sie wandte sich wieder an ihre Schwester.
»Die Gefangenen müssen in den Keller gebracht werden, während ich
überlege, was zu tun ist!«
»Das ist mein Haus, Bella, du gibst keine Befehle in meinem -«
»Tu es! Du hast keine Ahnung, in welcher Gefahr wir sind!«, kreischte
Bellatrix. Sie sah beängstigend aus, übergeschnappt; ein dünner Feuerstrahl
drang aus ihrem Zauberstab und brannte ein Loch in den Teppich.
Narzissa zögerte einen Moment, dann richtete sie das Wort an den
Werwolf.
»Bring diese Gefangenen hinunter in den Keller, Greyback.«
»Warte«, sagte Bellatrix scharf. »Alle außer ... außer dem
Schlammblut.«
Greyback grunzte vor Freude.
»Nein!«, rief Ron. »Sie können mich haben, behalten Sie mich!«
Bellatrix schlug ihm ins Gesicht; der Schlag hallte durch den Raum.
»Wenn sie im Verhör stirbt, nehm ich dich als Nächsten dran«, sagte
sie. »Blutsverräter kommen auf meiner Liste gleich nach den
Schlammblütern. Bring sie nach unten, Greyback, und sieh zu, dass sie dort
auch bleiben, aber tu ihnen nichts weiter an – noch nicht. «
Sie warf Greyback seinen Zauberstab wieder zu und holte dann ein
kurzes silbernes Messer unter ihrem Umhang hervor. Sie schnitt Hermine
von den anderen Gefangenen los und zerrte sie an den Haaren in die Mitte
des Raumes, während Greyback mit seinem ausgestreckten Zauberstab, von
dem eine unsichtbare und unwiderstehliche Kraft ausging, die übrigen
zwang, zu einer weiteren Tür und in einen dunklen Gang hineinzutrotten.
» Glaubst du, sie lässt mich 'n Stück von dem Mädchen haben, wenn sie
mit ihr fertig ist?«, gurrte Greyback, während er sie den Gang entlangtrieb.
»Schätze mal, ich krieg 'nen Bissen oder zwei ab, meinst du nicht,
Rotschopf?«
Harry spürte, wie Ron bebte. Sie mussten eine steile Treppe hinunter,
immer noch Rücken an Rücken gebunden und ständig in Gefahr,
auszurutschen und sich den Hals zu brechen. Am Fuß der Treppe befand
sich eine schwere Tür. Greyback öffnete sie mit einem leichten Klopfen
seines Zauberstabs, dann zwang er sie alle in einen feuchten und modrigen
Raum hinein und ließ sie in völliger Dunkelheit zurück. Das Echo der
zugeschlagenen Kellertür war noch nicht verklungen, als auch schon direkt
über ihnen ein schrecklicher, lang gezogener Schrei ertönte.
»HERMINE!«, brüllte Ron, und er begann sich zu winden und gegen
die Stricke aufzubäumen, mit denen sie gefesselt waren, so dass Harry
schwankte. »HERMINE!«
»Sei leise!«, sagte Harry. »Sei still, Ron, wir müssen überlegen, wie -«
»HERMINE! HERMINE!«
»Wir brauchen einen Plan, hör auf zu schreien – wir müssen diese
Fesseln loskriegen -«
»Harry?«, flüsterte es aus der Dunkelheit. »Ron? Seid ihr das?«
Ron hörte auf zu schreien. Harry merkte, wie sich in ihrer Nähe etwas
bewegte, dann sah er einen Schatten näher kommen.
»Harry? Ron?«
»Luna?«
»Ja, ich bin's! O nein, ich wollte nicht, dass ihr gefasst werdet!«
»Luna, kannst du uns helfen, diese Fesseln abzukriegen?«, sagte Harry.
»O ja, ich denk schon ... da ist so ein alter Nagel, den nehmen wir
immer, wenn wir was aufbrechen müssen ... einen Moment ...«
Hermine schrie oben wieder, und sie konnten auch Bellatrix schreien
hören, doch ihre Worte waren nicht zu verstehen, denn Ron rief erneut:
»HERMINE! HERMINE!«
»Mr Ollivander?«, konnte Harry Luna sagen hören. »Mr Ollivander,
haben Sie den Nagel? Würden Sie bitte ein wenig zur Seite rücken ... ich
glaube, er war neben dem Wasserkrug ...«
In Sekundenschnelle war sie zurück.
»Ihr müsst jetzt stillhalten«, sagte sie.
Harry konnte spüren, wie sie in die zähen Fasern des Stricks
hineinbohrte, um die Knoten zu lösen. Von oben hörten sie Bellatrix'
Stimme.
»Ich frage dich noch einmal! Wo habt ihr dieses Schwert her? Woher?«
»Wir haben es gefunden – wir haben es gefunden – BITTE!« Hermine
schrie von neuem; Ron kämpfte nur noch verbissener gegen die Fesseln an,
und der rostige Nagel rutschte weg auf Harrys Handgelenk.
»Ron, bitte, halt still!«, flüsterte Luna. »Ich kann nicht sehen, was ich
mache -«
»Meine Tasche!«, sagte Ron. »In meiner Tasche ist ein Deluminator und
der ist voller Licht!«
Wenige Sekunden später war ein Klicken zu hören, und die leuchtenden
Kugeln, die der Deluminator aus den Lampen des Zeltes gesogen hatte,
flogen in den Keller: Da sie ihre Quelle nicht wiederfinden konnten,
blieben sie einfach wie winzige Sonnen dort hängen und tauchten den
unterirdischen Raum in Licht. Harry sah Luna, mit bleichem Gesicht und
großen Augen, und die reglose Gestalt von Ollivander, dem
Zauberstabmacher, der zusammengerollt in der Ecke am Boden lag. Als er
den Kopf drehte, erblickte er ihre Mitgefangenen: Dean und Griphook, den
Kobold, der halb ohnmächtig schien und von den Stricken, die ihn an die
Menschen banden, aufrecht gehalten wurde.
»Oh, das macht es viel einfacher, danke, Ron«, sagte Luna und begann
erneut in ihre Fesseln zu stechen. »Hallo, Dean!«
Von oben drang Bellatrix' Stimme zu ihnen.
»Du lügst, dreckiges Schlammblut, und ich weiß es! Ihr wart in meinem
Verlies in Gringotts! Sag die Wahrheit, sag die Wahrheit!«
Ein weiterer schrecklicher Schrei -
»HERMINE!«
»Was habt ihr außerdem gestohlen? Was habt ihr sonst noch? Sag mir
die Wahrheit, oder, ich schwöre, du wirst dieses Messer zu spüren
bekommen!«
»Geschafft!«
Harry fühlte, wie die Fesseln von ihm abfielen, er rieb sich die
Handgelenke, wandte sich um und sah Ron im Keller herumrennen, den
Blick nach oben zur niedrigen Decke gerichtet auf der Suche nach einer
Falltür. Dean, dessen Gesicht zerschrammt und blutig war, sagte »Danke«
zu Luna und stand zitternd da, aber Griphook, der viele Striemen in seinem
dunklen Gesicht hatte, wirkte angeschlagen und orientierungslos und sank
auf den Kellerboden.
Ron machte jetzt den Versuch, ohne Zauberstab zu disapparieren.
»Es gibt keine Möglichkeit, hier rauszukommen, Ron«, sagte Luna, die
ihn bei seinen erfolglosen Bemühungen beobachtete. »Der Keller ist
vollkommen ausbruchsicher. Ich hab es zu Anfang auch probiert. Mr
Ollivander ist schon lange Zeit hier, er hat alles versucht. «
Hermine schrie erneut: Der Laut durchfuhr Harry wie körperlicher
Schmerz. Er nahm das zornige Stechen seiner Narbe kaum wahr, als nun
auch er im Keller umherzulaufen begann und die Wände nach etwas
abtastete, von dem er keine rechte Vorstellung hatte, wobei er im Grunde
wusste, dass es sinnlos war.
»Was habt ihr noch mitgenommen, was noch? ANTWORTE MIR!
CRUCIO!«
Hermines Schreie hallten von den Wänden oben wider, Ron brach fast
in Schluchzen aus, während er mit den Fäusten gegen die Mauern
hämmerte, und Harry packte in seiner tiefen Verzweiflung Hagrids Beutel
um seinen Hals und tastete darin herum: Er zog Dumbledores Schnatz
heraus und schüttelte ihn, in der Hoffnung auf irgendetwas – nichts
geschah; er schwang die zerbrochenen Hälften des Phönix-Zauberstabs,
doch sie waren leblos – die Spiegelscherbe fiel blitzend zu Boden, und er
sah ein Funkeln von hellstem Blau -
Dumbledores Auge starrte ihn aus dem Spiegel heraus an.
»Helfen Sie uns!«, schrie er das Auge in wütender Verzweiflung an.
»Wir sind im Keller im Haus der Malfoys, helfen Sie uns!«
Das Auge blinzelte und war verschwunden.
Harry war sich nicht einmal sicher, dass es wirklich da gewesen war. Er
bewegte die Spiegelscherbe hin und her, doch er sah nichts darin als die
Mauern und die Decke ihres Gefängnisses, während Hermine noch
schlimmer schrie und Ron neben ihm brüllte: »HERMINE! HERMINE!«
»Wie seid ihr in mein Verlies gekommen?«, hörten sie Bellatrix
schreien. »Hat euch dieser dreckige kleine Kobold unten im Keller
geholfen?«
»Wir haben ihn erst heute Abend getroffen!«, schluchzte Hermine. »Wir
waren nie in Ihrem Verlies ... es ist nicht das echte Schwert! Es ist eine
Kopie, nur eine Kopie!«
»Eine Kopie?«, kreischte Bellatrix. »Oh, und das soll ich glauben? «
»Aber wir können das ganz leicht feststellen!«, ertönte Lucius' Stimme.
»Draco, hol den Kobold, er kann uns sagen, ob das Schwert echt ist oder
nicht!«
Harry stürzte durch den Keller zu Griphook, der auf dem Boden kauerte.
»Griphook«, flüsterte er in das spitze Ohr des Kobolds, »Sie müssen
denen sagen, dass das Schwert eine Fälschung ist, die dürfen nicht wissen,
dass es das echte ist, Griphook, bitte -«
Er konnte jemanden die Kellertreppe hinunterhasten hören; einen
Moment später vernahmen sie Dracos zittrige Stimme vor der Tür.
»Zurücktreten. Stellt euch in einer Reihe an der Wand auf. Keine
krummen Sachen, oder ich bring euch um!«
Sie taten, wie ihnen geheißen; als sich das Schloss drehte, ließ Ron den
Deluminator klicken, die Lichter huschten zurück in seine Tasche, und der
Keller lag wieder im Dunkeln. Die Tür flog auf; Malfoy marschierte herein,
den Zauberstab vor sich ausgestreckt, blass und entschlossen. Er packte den
kleinen Kobold am Arm und ging rückwärts wieder hinaus, wobei er
Griphook mit sich schleifte. Genau in dem Moment, als die Tür zuschlug,
hallte ein lauter Knall durch den Keller.
Ron ließ den Deluminator klicken. Drei Lichtkugeln flogen aus seiner
Tasche zurück in die Luft und offenbarten, dass Dobby, der Hauself, gerade
mitten unter sie appariert war.
»DOB-!«
Harry schlug Ron auf den Arm, damit er zu schreien aufhörte, und Ron
schien bestürzt über seinen Fehler. Schritte quer über die Kellerdecke
waren zu hören: Draco führte Griphook zu Bellatrix.
Dobbys gewaltige, tennisballförmige Augen waren weit aufgerissen; er
zitterte von den Füßen bis zu den Ohrspitzen. Er war zurück im Haus seiner
alten Herren und offensichtlich wie gelähmt vor Angst.
»Harry Potter«, quiekte er mit ganz leiser, bebender Stimme, »Dobby ist
gekommen, um Sie zu retten. «
»Aber wie bist du -?«
Harrys Worte gingen in einem entsetzlichen Schrei unter: Hermine
wurde erneut gefoltert. Er beschränkte sich auf das Wesentliche.
»Kannst du aus diesem Keller disapparieren?«, fragte er Dobby, der mit
flatternden Ohren nickte.
»Und kannst du Menschen mitnehmen?«
Dobby nickte erneut.
»Gut. Dobby, ich möchte, dass du dir Luna, Dean und Mr Ollivander
schnappst und sie zu – sie zu -«
»Bill und Fleur bringst«, sagte Ron. »Shell Cottage am Rand von
Tinworth!«
Der Elf nickte zum dritten Mal.
»Und dann kommst du zurück«, sagte Harry. »Kannst du das tun,
Dobby?«
»Natürlich, Harry Potter«, flüsterte der kleine Elf. Er eilte hinüber zu Mr
Ollivander, der halb ohnmächtig schien. Er nahm eine Hand des
Zauberstabmachers in seine, dann streckte er die andere Luna und Dean
entgegen, doch keiner von den beiden rührte sich.
»Harry, wir wollen dir helfen!«, flüsterte Luna.
»Wir können dich nicht hierlassen«, sagte Dean.
»Geht, ihr beide! Wir sehen uns bei Bill und Fleur.«
Während Harry sprach, brannte seine Narbe schlimmer denn je, und
einige Sekunden lang blickte er hinab, nicht auf den Zauberstabmacher,
sondern auf einen anderen Mann, der genauso alt war, genauso mager, der
aber verächtlich lachte.
»Töte mich doch, Voldemort, ich heiße den Tod willkommen! Aber mein
Tod wird dir nicht bringen, was du suchst... es gibt so viel, was du nicht
verstehst ...«
Er spürte Voldemorts Zorn, doch als Hermine wieder schrie, verschloss
er sich dagegen und kehrte in den Keller zurück zu dem Grauen, mit dem er
selbst es gerade zu tun hatte.
»Geht!«, bat er Luna und Dean inständig. »Geht! Wir kommen nach,
geht nur! «
Sie ergriffen die ausgestreckten Finger des Elfen. Ein weiterer lauter
Knall ertönte, und Dobby, Luna, Dean und Ollivander verschwanden.
»Was war das?«, rief Lucius Malfoy über ihren Köpfen. »Habt ihr das
gehört? Was war das für ein Lärm im Keller?«
Harry und Ron starrten einander an.
»Draco – nein, ruf Wurmschwanz! Lass ihn gehen und nachsehen!«
Schritte durchquerten oben den Raum, dann trat Stille ein. Harry wusste,
dass die Leute im Salon auf weitere Geräusche aus dem Keller lauschten.
»Wir müssen versuchen, mit ihm fertig zu werden«, flüsterte er Ron zu.
Sie hatten keine andere Wahl: Sobald irgendjemand den Raum betrat und
sah, dass drei Gefangene fehlten, waren sie verloren. »Lass die Lichter an«,
fügte Harry hinzu, und als sie draußen jemand die Treppe herunterkommen
hörten, drückten sie sich zu beiden Seiten der Tür an die Wand.
»Zurücktreten«, erklang Wurmschwanz' Stimme. »Weg von der Tür. Ich
komme rein.«
Die Tür flog auf. Für den Bruchteil einer Sekunde starrte Wurmschwanz
in den scheinbar leeren Keller, den die drei kleinen, in der Luft
schwebenden Sonnen in gleißendes Licht tauchten. Dann warfen sich Harry
und Ron auf ihn. Ron packte Wurmschwanz am Zauberstabarm und
drückte ihn hoch; Harry schlug ihm die Hand auf den Mund, um seine
Stimme zu ersticken. Sie kämpften stumm: Wurmschwanz' Zauberstab
sprühte Funken; seine silberne Hand schloss sich um Harrys Kehle.
»Was ist los, Wurmschwanz?«, rief Lucius Malfoy von oben.
»Nichts!«, rief Ron zurück, indem er Wurmschwanz' heisere Stimme
halbwegs nachahmte. »Alles in Ordnung!«
Harry rang nach Luft.
»Willst du mich umbringen?« Harry würgte und versuchte die
metallenen Finger von sich wegzuzerren. »Nachdem ich dir das Leben
gerettet habe? Du bist mir was schuldig, Wurmschwanz!«
Die silbernen Finger lockerten sich. Das hatte Harry nicht erwartet. Er
riss sich los, verblüfft, die Hand nach wie vor auf Wurmschwanz' Mund. Er
sah, wie die kleinen, wässrigen Augen des rattenartigen Mannes vor Angst
und Überraschung größer wurden: Er schien nicht weniger erschrocken als
Harry über das, was seine Hand getan hatte, über die winzige barmherzige
Regung, die sie gezeigt hatte, und nun sträubte er sich umso heftiger, als ob
er diesen Moment der Schwäche ungeschehen machen wollte.
»Und den nehmen wir«, flüsterte Ron und zog Wurmschwanz den
Zauberstab aus seiner anderen Hand.
Ohne Zauberstab, hilflos, wie er war, weiteten sich Pettigrews Pupillen
voller Entsetzen. Seine Augen waren von Harrys Gesicht zu etwas anderem
gehuscht. Seine silbernen Finger bewegten sich unaufhaltsam auf seine
eigene Kehle zu.
»Nein -«
Ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen, versuchte Harry die Hand
wegzuziehen, doch sie ließ sich nicht aufhalten. Das silberne Werkzeug,
das Voldemort seinem feigsten Diener gegeben hatte, hatte sich gegen
seinen entwaffneten und nutzlosen Besitzer gekehrt; Pettigrew erntete den
Lohn für sein Zögern, für den Moment des Mitleids; er wurde vor ihren
Augen erwürgt.
»Nein!«
Auch Ron hatte Wurmschwanz losgelassen, und er und Harry
versuchten gemeinsam die Metallfinger, die Wurmschwanz' Kehle
zusammendrückten, wegzureißen, doch es hatte keinen Zweck. Pettigrew
lief blau an.
»Relaschio!«, sagte Ron und richtete den Zauberstab auf die silberne
Hand, aber nichts geschah; Pettigrew fiel auf die Knie und im selben
Moment stieß Hermine oben einen schrecklichen Schrei aus.
Wurmschwanz' Augen rollten in seinem violetten Gesicht nach oben, er
zuckte ein letztes Mal und regte sich dann nicht mehr.
Harry und Ron sahen einander an, dann rannten sie, Wurmschwanz'
Leiche am Boden hinter sich lassend, die Treppe hinauf, zurück in den
düsteren Gang, der zum Salon führte. Vorsichtig schlichen sie ihn entlang,
bis sie die Salontür erreichten, die angelehnt war. Nun konnten sie deutlich
sehen, wie Bellatrix auf Griphook hinabschaute, der Gryffindors Schwert in
seinen langfingrigen Händen hielt. Hermine lag zu Bellatrix' Füßen. Sie
rührte sich kaum.
»Nun?«, sagte Bellatrix zu Griphook. »Ist es das echte Schwert?«
Harry wartete mit angehaltenem Atem und kämpfte gegen das Stechen
seiner Narbe an.
»Nein«, sagte Griphook. »Es ist eine Fälschung.«
»Bist du sicher?«, keuchte Bellatrix. »Ganz sicher?«
»Ja«, sagte der Kobold.
Erleichterung trat in ihr Gesicht, alle Spannung fiel davon ab.
»Gut«, sagte sie, und mit einem lässigen Schlenker ihres Zauberstabs
schlitzte sie einen weiteren tiefen Schnitt in das Gesicht des Kobolds, der
schreiend vor ihren Füßen zusammenbrach. Sie stieß ihn beiseite. »Und
jetzt«, sagte sie mit höchst triumphierender Stimme, »rufen wir den
Dunklen Lord!«
Und sie schob ihren Ärmel hoch und berührte mit dem Zeigefinger das
Dunkle Mal.
Augenblicklich fühlte sich Harrys Narbe an, als wäre sie wieder
aufgerissen. Seine wahre Umgebung verschwand: Er war Voldemort und
der skelettdürre Zauberer vor ihm lachte ihn zahnlos aus; er war erzürnt
über den Ruf, den er spürte – er hatte sie gewarnt, er hatte sie angewiesen,
ihn nur wegen Potter zu rufen. Wenn sie sich irrten ...
»Dann töte mich doch!«, verlangte der alte Mann. »Du wirst nicht
gewinnen, du kannst nicht gewinnen! Dieser Zauberstab wird nie und
nimmer dir gehören – «
Und Voldemorts Zorn entlud sich: Ein grüner Lichtblitz erfüllte das
Gefängnis, und es hob den gebrechlichen alten Körper von seiner Pritsche,
dann fiel er leblos wieder hinab, und Voldemort kehrte zum Fenster zurück,
mit kaum zu bändigender Wut ... sie würden seine Strafe zu spüren
bekommen, wenn sie keinen guten Grund hatten, ihn zurückzurufen ...
»Und ich glaube«, sagte Bellatrix' Stimme, »wir können das
Schlammblut beseitigen. Greyback, nimm sie, wenn du sie haben willst.«
»NEIIIIIIIIIIIIN!«
Ron war in den Salon gestürmt; Bellatrix wandte sich erschrocken um;
sie deutete mit ihrem Zauberstab nun auf Ron -
»Expelliarmus!«, brüllte er, Wurmschwanz' Zauberstab auf Bellatrix
gerichtet, und ihr eigener flog durch die Luft und wurde von Harry
aufgefangen, der Ron hinterhergerannt war. Lucius, Narzissa, Draco und
Greyback wirbelten herum; Harry schrie: »Stupor!«, und Lucius Malfoy
brach neben dem Kamin zusammen. Lichtblitze zuckten aus Dracos,
Narzissas und Greybacks Zauberstäben; Harry warf sich zu Boden und ließ
sich hinter ein Sofa rollen, um ihnen auszuweichen.
»AUFHÖREN, ODER SIE STIRBT!«
Keuchend lugte Harry hinter dem Sofa hervor. Bellatrix stützte
Hermine, die bewusstlos schien, und hielt ihr das kurze silberne Messer an
die Kehle.
»Lasst eure Zauberstäbe fallen«, flüsterte sie. »Lasst sie fallen, oder wir
werden genau sehen, wie dreckig ihr Blut ist!«
Ron stand stocksteif da, Wurmschwanz' Zauberstab fest in der Hand.
Harry, der immer noch Bellatrix' Zauberstab hielt, richtete sich auf.
»Ich sagte, lasst sie fallen!«, kreischte sie und drückte die Klinge in
Hermines Kehle: Harry sah Blutstropfen hervortreten.
»In Ordnung!«, rief er und ließ Bellatrix' Zauberstab vor seinen Füßen
auf den Boden fallen. Ron tat das Gleiche mit Wurmschwanz' Zauberstab.
Beide hoben die Hände auf Schulterhöhe.
»Gut!«, sagte sie mit einem boshaften Grinsen. »Draco, heb sie auf! Der
Dunkle Lord ist unterwegs, Harry Potter! Dein Tod naht heran!«
Harry wusste es; deshalb schmerzte seine Narbe, als wolle sie bersten,
und er konnte Voldemort spüren, wie er von weit her über den Himmel
flog, über ein dunkles und stürmisches Meer, und bald war er nahe genug,
um zu ihnen zu apparieren, und Harry sah keinen Ausweg.
»Nun«, sagte Bellatrix leise, als Draco mit den Zauberstäben
zurückgeeilt kam, »Zissy, ich denke, wir sollten diese kleinen Helden
wieder fesseln, während Greyback sich um Miss Schlammblut kümmert.
Ich bin sicher, der Dunkle Lord wird dir das Mädchen nicht missgönnen,
Greyback, nach allem, was du heute Nacht getan hast.«
Beim letzten Wort kam von oben her ein seltsam knirschendes
Geräusch. Alle blickten auf und sahen gerade noch, wie der kristallene
Kronleuchter erzitterte; dann begann er mit einem Quietschen und einem
unheilvollen Klirren herabzustürzen. Bellatrix stand direkt unter ihm; sie
ließ Hermine los und warf sich schreiend zur Seite. Der Kronleuchter
krachte mit einer Explosion von Kristall und Ketten zu Boden und fiel
dabei auf Hermine und den Kobold, der immer noch das Schwert von
Gryffindor in der Hand hielt. Glitzernde Kristallscherben stoben in alle
Richtungen: Draco krümmte sich und bedeckte sein blutiges Gesicht mit
den Händen.
Als Ron losrannte, um Hermine aus den Trümmern zu ziehen, nutzte
Harry die Chance; er sprang über einen Lehnstuhl, schnappte die drei
Zauberstäbe aus Dracos Griff, richtete sie allesamt auf Greyback und
schrie: »Stupor!« Der Dreifachzauber riss den Werwolf von den Füßen, er
flog zur Decke und schlug dann auf den Boden.
Während Narzissa Draco wegzog, um ihn vor weiterem Schaden zu
schützen, sprang Bellatrix mit wehenden Haaren auf und fuchtelte mit
ihrem silbernen Messer; aber Narzissa hatte ihren Zauberstab auf die Tür
gerichtet.
»Dobby!«, schrie sie und selbst Bellatrix erstarrte. »Du! Du hast den
Kronleuchter herabstürzen lassen -?«
Der kleine Elf tapste in den Raum, seine zitternden Finger deuteten auf
seine alte Herrin.
»Sie dürfen Harry Potter nicht wehtun«, quiekte er.
»Töte ihn, Zissy!«, kreischte Bellatrix, doch es gab einen weiteren
lauten Knall, und auch Narzissas Zauberstab flog in die Luft und landete
auf der anderen Seite des Raumes.
»Du dreckiger kleiner Affe!«, brüllte Bellatrix. »Wie kannst du es
wagen, den Zauberstab einer Hexe in die Hand zu nehmen, wie kannst du
es wagen, deinen Herren zu trotzen?«
»Dobby hat keinen Herrn!«, quiekte der Elf. »Dobby ist ein freier Elf,
und Dobby ist gekommen, um Harry Potter und seine Freunde zu retten!«
Harrys Narbe machte ihn blind vor Schmerz. Er ahnte dumpf, dass sie
nur noch Momente, Sekunden hatten, ehe Voldemort bei ihnen war.
»Ron, fang – und VERSCHWINDET!«, schrie er und warf ihm einen
der Zauberstäbe zu; dann bückte er sich und zerrte Griphook unter dem
Kronleuchter hervor. Er hob den stöhnenden Kobold, der immer noch das
Schwert festhielt, auf seine Schulter, packte Dobbys Hand und wirbelte auf
der Stelle herum, um zu disapparieren.
Während er sich in die Dunkelheit hineindrehte, erhaschte er einen
letzten Blick von dem Salon: Er sah die bleichen, erstarrten Gestalten von
Narzissa und Draco, die rote Schliere, die Rons Haar war, und einen
verwischten silbernen Fleck, als Bellatrix' Messer durch den Raum flog,
dorthin, wo er gerade verschwand -
Zu Bill und Fleur ... Shell Cottage ...zu Bill und Fleur ...
Er war ins Unbekannte abgetaucht; er konnte jetzt nichts weiter tun, als
den Namen des Zielorts zu wiederholen und zu hoffen, dass das ausreichte,
um ihn dorthin zu bringen. Der Schmerz in seiner Stirn durchdrang ihn und
das Gewicht des Kobolds lastete schwer auf ihm; er konnte die Klinge des
Schwerts von Gryffindor gegen seinen Rücken schlagen spüren; Dobbys
Hand zuckte in seiner; er fragte sich, ob der Elf versuchte, die Führung zu
übernehmen, sie in die richtige Richtung zu ziehen, und indem er die
Finger zusammendrückte, versuchte er ihm zu zeigen, dass ihm das nur
recht war ...
Und dann stürzten sie auf feste Erde und rochen salzige Luft: Harry fiel
auf die Knie, ließ Dobbys Hand los und bemühte sich, Griphook sanft auf
dem Boden abzusetzen.
»Alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte er, als der Kobold sich regte, aber
Griphook wimmerte nur.
Harry spähte in der Dunkelheit umher. Ganz in der Nähe, unter dem
weiten Sternenhimmel, stand offenbar ein Haus, und er glaubte zu
erkennen, dass sich davor etwas bewegte.
»Dobby, ist das Shell Cottage?«, flüsterte er, die beiden Zauberstäbe,
die er vom Haus der Malfoys mitgebracht hatte, fest in der Hand und auch
bereit zu kämpfen, falls es nötig war. »Sind wir hier richtig? Dobby?«
Er wandte sich um. Der kleine Elf stand nur ein, zwei Schritte von ihm
entfernt.
»DOBBY!«
Der Elf schwankte leicht, in seinen großen, glänzenden Augen
spiegelten sich die Sterne. Er und Harry richteten ihren Blick jetzt beide
hinab auf den silbernen Schaft des Messers, der aus der Brust des schwer
atmenden Elfen ragte.
»Dobby – nein – HILFE!«, brüllte Harry zu dem Haus hinüber, zu den
Menschen, die sich dort bewegten. »HILFE!«
Er wusste nicht, ob es Zauberer oder Muggel, Freunde oder Feinde
waren, und es war ihm auch egal; er dachte nur an den dunklen Fleck, der
sich über Dobbys Brust ausbreitete, und dass er seine dünnen Arme nach
Harry ausgestreckt hatte und ihn flehend ansah. Harry fing ihn auf und
legte ihn seitlich ins kühle Gras.
»Dobby, nein, nicht sterben, nicht sterben -«
Die Augen des Elfen fanden seine, und seine Lippen zitterten von der
Mühe, Worte zu bilden.
»Harry ... Potter ...«
Und dann, nach einem leisen Schaudern, regte sich der Elf nicht mehr,
und seine Augen waren nur noch große, glasige Kugeln, gesprenkelt mit
dem Sternenlicht, das sie nicht sehen konnten.
Der Zauberstabmacher
Es war, als würde er in einen altbekannten Alptraum sinken; für einen
kurzen Moment kniete er wieder neben Dumbledores Leiche am Fuß des
höchsten Turmes von Hogwarts, doch in Wirklichkeit starrte er auf einen
kleinen, im Gras zusammengekrümmten Körper, der von Bellatrix'
silbernem Messer erstochen war. Harry hörte sich immer noch »Dobby ...
Dobby ...« sagen, obwohl er wusste, dass der Elf dorthin gegangen war, von
wo er ihn nicht zurückrufen konnte.
Nach etwa einer Minute wurde ihm klar, dass sie immerhin zum
richtigen Ort gelangt waren, denn da waren Bill und Fleur, Dean und Luna,
die sich um ihn herum versammelten, während er vor dem Elfen kniete.
»Hermine?«, sagte er plötzlich. »Wo ist sie?«
»Ron hat sie ins Haus gebracht«, sagte Bill. »Es wird ihr bald wieder
gut gehen.«
Harry blickte erneut hinab auf Dobby. Er streckte eine Hand aus und
zog die scharfe Klinge aus dem Körper des Elfen, dann schlüpfte er aus
seiner Jacke und breitete sie wie eine Decke über Dobby.
Irgendwo in der Nähe brauste das Meer gegen Felsen; Harry lauschte
der See, während die anderen sich unterhielten, Dinge besprachen, die er
nur belanglos finden konnte, und Entscheidungen trafen. Dean trug den
verletzten Griphook ins Haus, Fleur kam eilends mit; nun schlug Bill vor,
wie sie den Elfen begraben sollten. Harry stimmte zu, ohne recht zu wissen,
was er sagte. Dabei war sein Blick auf den kleinen Körper geheftet, und
seine Narbe ziepte und brannte, und mit einem Teil seines Bewusstseins
sah er, wie durch das falsche Ende eines langen Teleskops, Voldemort die
bestrafen, die sie im Haus Malfoy zurückgelassen hatten. Voldemorts Wut
war schrecklich, und doch schien Harrys Trauer um Dobby sie
abzuschwächen, so dass sie nur noch ein ferner Sturm war, der Harry über
einen riesigen stillen Ozean hinweg erreichte.
»Ich will es richtig machen« waren die ersten Worte, die Harry ganz
bewusst sprach. »Nicht mit Magie. Habt ihr einen Spaten?«
Und kurz darauf hatte er sich allein an die Arbeit gemacht und hob das
Grab an der Stelle aus, die Bill ihm gezeigt hatte, hinten im Garten
zwischen Büschen. Er grub mit einer Art Zorn, genoss die Arbeit mit den
Händen und freute sich, dass sie nichtmagisch war, denn jeder Tropfen
seines Schweißes und jede Blase war wie ein Tribut an den Elfen, der ihnen
das Leben gerettet hatte.
Seine Narbe brannte, doch er meisterte den Schmerz; er spürte ihn, blieb
aber von ihm fern. Er hatte endlich gelernt, ihn zu beherrschen, gelernt,
seinen Geist gegen Voldemort zu verschließen, genau das, was er nach
Dumbledores Wunsch von Snape hatte lernen sollen. So, wie Voldemort
nicht von Harry hatte Besitz ergreifen können, während der Kummer über
Sirius ihn verzehrte, so konnte er auch jetzt nicht in Harrys Gedanken
eindringen, während er Dobby betrauerte. Trauer verscheuchte Voldemort
offenbar ... obwohl Dumbledore natürlich gesagt hätte, dass es die Liebe
war ...
Harry grub weiter, immer tiefer in die harte, kalte Erde, ließ seine
Trauer zu Schweiß werden, verleugnete den Schmerz in seiner Narbe. In
der Dunkelheit, während er nur das Geräusch seiner eigenen Atemzüge und
das Brausen des Meeres zur Gesellschaft hatte, kehrten die Ereignisse bei
den Malfoys zu ihm zurück, kamen ihm die Dinge wieder, die er gehört
hatte, und allmählich, allein in der Nacht, begann er zu verstehen ...
Der stete Rhythmus seiner Arme schlug den Takt zu seinen Gedanken.
Heiligtümer ... Horkruxe ... Heiligtümer ... Horkruxe ... doch dieses
unheimliche, zwanghafte Verlangen brannte nun nicht mehr in ihm. Verlust
und Angst hatten es ausgelöscht: Es war, als wäre er mit einer Ohrfeige
geweckt worden.
Immer tiefer sank Harry in das Grab, und er wusste, wo Voldemort
heute Nacht gewesen war und wen er in der obersten Zelle von
Nurmengard ermordet hatte, und warum ...
Und er dachte an Wurmschwanz, getötet wegen einer einzigen kleinen,
unwillkürlichen Regung von Erbarmen ... Dumbledore hatte das
vorausgesehen ... was hatte er noch alles gewusst?
Harry verlor jegliches Zeitgefühl. Er wusste nur, dass sich die
Dunkelheit ein wenig gelichtet hatte, als Ron und Dean wieder zu ihm
stießen.
»Wie geht es Hermine?«
»Besser«, sagte Ron. »Fleur kümmert sich um sie.«
Harry hatte seine Antwort parat, falls sie ihn fragten, warum er nicht
einfach mit seinem Zauberstab ein perfektes Grab geschaffen hatte, doch er
brauchte sie nicht. Sie sprangen selbst mit Spaten in das Loch hinunter, das
er ausgehoben hatte, und alle drei arbeiteten stumm, bis das Loch ihnen tief
genug vorkam.
Harry wickelte den Elfen enger in seine Jacke ein. Ron setzte sich an
den Rand des Grabs, schlüpfte aus seinen Schuhen und Socken und zog sie
dem Elfen über die nackten Füße. Dean holte eine Wollmütze hervor, die
Harry sorgfältig auf Dobbys Kopf setzte und die seine Fledermausohren
einhüllte.
»Wir sollten seine Augen schließen.«
Harry hatte die anderen nicht durch die Nacht kommen hören. Bill trug
einen Reiseumhang; Fleur eine große weiße Schürze, aus deren Tasche eine
Flasche herausragte, in der, wie Harry erkannte, Skele-Wachs war.
Hermine war in einen geliehenen Morgenmantel gehüllt, blass und wacklig
auf den Beinen; Ron legte einen Arm um sie, als sie an seine Seite trat.
Luna, die sich einen von Fleurs Mänteln übergeworfen hatte, ging in die
Hocke, legte ihre Finger sanft auf die Augenlider des Elfen und schob sie
über seinen glasigen, starren Blick.
»So«, sagte sie leise. »Nun sieht es aus, als würde er schlafen.«
Harry legte den Elfen in das Grab, die winzigen Arme und Beine so
angeordnet, als würde er sich nur ausruhen, dann kletterte er hinaus und
blickte zum letzten Mal auf den kleinen Körper. Er musste sich zwingen
aufrecht zu bleiben, als er sich an Dumbledores Begräbnis erinnerte und an
die endlosen Reihen goldener Stühle und den Zaubereiminister in der ersten
Reihe, an die Aufzählung von Dumbledores Leistungen, an das prachtvolle
weiße Grabmal aus Marmor. Er hatte das Gefühl, dass Dobby ein genauso
aufwändiges Begräbnis verdiente, und doch lag der Elf hier zwischen
Büschen in einem auf die Schnelle ausgehobenen Loch.
»Ich glaube, wir sollten etwas sagen«, meldete sich Luna zu Wort. »Soll
ich anfangen?«
Und sobald aller Augen auf sie gerichtet waren, wandte sie sich dem
toten Elfen unten im Grab zu.
»Ich danke dir sehr, Dobby, dass du mich aus diesem Keller gerettet
hast. Es ist so ungerecht, dass du sterben musstest, wo du doch so gut und
mutig warst. Ich werde nie vergessen, was du für uns getan hast. Ich hoffe,
du bist jetzt glücklich.«
Sie drehte sich um und sah erwartungsvoll Ron an, der sich räusperte
und mit belegter Stimme sagte: »Jaah ... danke, Dobby.«
»Danke«, murmelte Dean.
Harry schluckte.
»Mach's gut, Dobby«, sagte er. Mehr brachte er nicht zustande, aber
Luna hatte schon alles gesagt. Bill hob seinen Zauberstab, und der
Erdhaufen neben dem Grab stieg in die Luft, fiel dann ordentlich hinein
und bildete einen kleinen, rötlichen Hügel.
»Habt ihr was dagegen, wenn ich einen Moment hierbleibe?«, fragte
Harry die anderen.
Sie murmelten Worte, die er nicht verstand; er spürte, wie sie ihm leicht
auf die Schulter klopften, dann gingen sie mit schleppenden Schritten
zurück zum Haus und ließen Harry bei dem Elfen allein.
Er blickte sich um: Es gab eine Menge großer weißer Steine, die vom
Meer glatt geschliffen waren und die Blumenbeete umgrenzten. Er hob
einen von den größten auf und legte ihn wie ein Kissen über die Stelle, wo
Dobbys Kopf jetzt ruhte. Dann tastete er in seiner Tasche nach einem
Zauberstab.
Es waren zwei darin. Er hatte es vergessen, den Überblick verloren; er
konnte sich nicht mehr erinnern, wem diese Zauberstäbe gehörten; er
wusste noch halbwegs, dass er sie jemandem aus der Hand gerissen hatte.
Er wählte den kürzeren der beiden, der sich angenehmer anfühlte, und
richtete ihn auf den Stein.
Langsam und nach den Anweisungen, die er murmelte, bildeten sich
tiefe Einkerbungen auf der Gesteinsoberfläche. Hermine hätte es sicher
ordentlicher gemacht, und wahrscheinlich auch schneller, doch er wollte
diese Stelle kennzeichnen, wie er auch das Grab hatte schaufeln wollen.
Als Harry wieder aufstand, lautete die Inschrift auf dem Stein:
Hier liegt Dobby, ein freier Elf.
Er blickte noch einige Sekunden lang auf sein Werk hinab, dann
entfernte er sich, mit immer noch leicht kribbelnder Narbe und völlig mit
den Dingen beschäftigt, die ihm in dem Grab eingefallen waren, mit Ideen,
die in der Dunkelheit Gestalt angenommen hatten, faszinierend und
schrecklich zugleich. Als er in den kleinen Flur trat, saßen alle im
Wohnzimmer und hatten ihre Aufmerksamkeit auf Bill gerichtet, der
gerade sprach. Der Raum war in lichten Farben gehalten, hübsch, im
Kamin brannte ein helles kleines Feuer aus Treibholz. Weil Harry den
Teppich nicht mit Erde beschmutzen wollte, stellte er sich in die Tür und
hörte zu.
»... ein Glück, dass Ginny in den Ferien ist. Wenn sie in Hogwarts
gewesen wäre, dann hätten die sie womöglich entführt, bevor wir bei ihr
gewesen wären. Jetzt wissen wir, dass auch sie in Sicherheit ist.«
Bill wandte sich um und sah Harry da stehen.
»Ich habe sie alle aus dem Fuchsbau geholt«, erklärte er. »Und sie zu
Muriel gebracht. Die Todesser wissen jetzt, dass Ron bei dir ist, sie werden
sicher die Familie ins Visier nehmen – das braucht dir nicht leidzutun«,
fügte er hinzu, als er Harrys Miene sah. »Es war immer eine Frage der Zeit,
das sagt Dad schon seit Monaten. Wir sind die größte Blutsverräterfamilie,
die es gibt.«
»Wie werden sie geschützt?«, fragte Harry.
»Fidelius-Zauber. Dad ist der Geheimniswahrer. Und bei diesem Haus
hier haben wir das auch gemacht; hier bin ich der Geheimniswahrer. Keiner
von uns kann zur Arbeit gehen, aber das ist jetzt wohl nicht so wichtig.
Sobald Ollivander und Griphook sich einigermaßen erholt haben, bringen
wir auch sie zu Muriel. Hier ist nicht viel Platz, aber bei ihr jede Menge.
Griphooks Beine verheilen schon, Fleur hat ihm Skele-Wachs gegeben.
Wir können sie vermutlich in einer Stunde wegbringen oder -«
»Nein«, sagte Harry und Bill schien verblüfft. »Ich brauche sie beide
hier. Ich muss mit ihnen reden. Es ist wichtig.«
Er hörte die Autorität in seiner Stimme, die Gewissheit, die
Entschlossenheit, die er gewonnen hatte, während er Dobbys Grab
ausgehoben hatte. Alle Gesichter waren ihm zugewandt und blickten
verwirrt.
»Ich gehe mich waschen«, sagte Harry zu Bill und sah hinab auf seine
Hände, die immer noch voll von Erde und Dobbys Blut waren. »Dann muss
ich sie sehen, und zwar sofort.«
Er ging in die kleine Küche, zu dem Spülbecken unter einem Fenster,
von dem aus das Meer zu sehen war. Während er sich wusch, brach am
Horizont der Morgen an, muschel-rosa und mit einem Streifen Gold, und
Harry hing wieder den Gedanken nach, die ihm in dem dunklen Garten
gekommen waren ...
Dobby würde ihnen niemals sagen können, wer ihn in den Keller
geschickt hatte, aber Harry wusste, was er gesehen hatte. Ein blaues Auge
hatte mit stechendem Blick aus dem Bruchstück des Spiegels geschaut und
dann war Hilfe da gewesen. Wer immer in Hogwarts um Hilfe bittet, wird
sie auch bekommen.
Harry trocknete sich die Hände ab, die Schönheit der Szenerie vor dem
Fenster und das Gemurmel der anderen im Wohnzimmer ließen ihn
unberührt. Er blickte hinaus über den Ozean und hatte in dieser
Morgendämmerung das Gefühl, näher als je zuvor zu sein, näher am Kern
des Ganzen.
Und noch immer ziepte seine Narbe, und er wusste, dass auch
Voldemort auf der richtigen Spur war. Harry begriff, und begriff doch
nicht. Sein Instinkt sagte ihm das eine, sein Gehirn etwas ganz anderes. Der
Dumbledore in Harrys Kopf lächelte, beobachtete Harry über seine
Fingerkuppen hinweg, die er aneinandergelegt hatte wie zum Gebet.
Sie haben Ron den Deluminator gegeben. Sie haben ihn verstanden ...
Sie haben ihm einen Weg zurück ermöglicht ...
Und Sie haben auch Wurmschwanz verstanden ... Sie wussten, dass ein
wenig Reue in ihm steckte, irgendwo ...
Und wenn Sie sie kannten ... was wussten Sie über mich, Dumbledore?
Bin ich dafür bestimmt, zu wissen, aber nicht, zu suchen? Wussten Sie,
wie schwer mir das fallen würde? Ist das der Grund, warum Sie es so
schwierig gemacht haben? Damit ich Zeit hätte, das herauszufinden ?
Harry stand reglos da, mit glasigen Augen, den Blick auf den Punkt
gerichtet, wo der strahlend goldene Rand der gleißenden Sonne am
Horizont erschien. Dann schaute er auf seine sauberen Hände und war kurz
überrascht, das Tuch zu sehen, das er darin hielt. Er legte es beiseite und
kehrte in den Flur zurück, und dabei spürte er seine Narbe zornig pochen,
und durch seinen Kopf jagte, rasch wie die Spiegelung einer Libelle über
dem Wasser, die Silhouette eines Gebäudes, das er nur zu gut kannte.
Bill und Fleur standen am Fuß der Treppe.
»Ich muss mit Griphook und Ollivander sprechen«, sagte Harry.
»Nein«, sagte Fleur. »Du wirst warten müssen, 'Arry. Sie sind beide
krank, müde -«
»Es tut mir leid«, sagte er ohne Schärfe, »aber ich kann nicht warten.
Ich muss auf der Stelle mit ihnen reden. Allein -und mit jedem einzeln. Es
ist dringend.«
»Harry, was zum Teufel ist eigentlich los?«, fragte Bill. »Du tauchst
hier auf mit einem toten Hauselfen und einem halb bewusstlosen Kobold,
Hermine sieht aus, als wäre sie gefoltert worden, und Ron hat sich eben
geweigert, mir irgendwas zu erzählen -«
»Wir können dir nicht verraten, was wir gerade tun«, sagte Harry
bestimmt. »Du bist im Orden, Bill, du weißt, dass Dumbledore uns einen
Auftrag hinterlassen hat. Wir sollen mit niemand anderem darüber reden.«
Fleur gab einen ungeduldigen Laut von sich, aber Bill sah nicht zu ihr
hin; er starrte Harry an. Sein tief vernarbtes Gesicht war schwer zu lesen.
Schließlich sagte er: »Von mir aus. Mit wem willst du zuerst sprechen?«
Harry zögerte. Er wusste, was von dieser Wahl abhing. Es war kaum
noch Zeit: Nun war der Moment gekommen, sich zu entscheiden: Horkruxe
oder Heiligtümer?
»Griphook«, sagte Harry. »Ich will zuerst mit Griphook reden. «
Sein Herz raste, als wäre er gerannt und hätte gerade ein mächtiges
Hindernis genommen.
»Dann hier hoch«, sagte Bill und ging voran.
Harry war mehrere Stufen hinaufgestiegen, als er stehen blieb und
zurückblickte.
»Euch beide brauche ich auch!«, rief er Ron und Hermine zu, die sich
halb versteckt bei der Tür zum Wohnzimmer herumgedrückt hatten.
Sie traten beide ins Licht mit seltsam erleichterten Mienen.
»Wie geht es dir?«, fragte Harry Hermine. »Du warst sagenhaft – dass
dir diese Geschichte eingefallen ist, als sie dir so wehgetan hat -«
Hermine lächelte matt, und Ron nahm sie in den Arm und drückte sie.
»Was machen wir jetzt, Harry?«, fragte er.
»Ihr werdet sehen. Kommt mit.«
Harry, Ron und Hermine folgten Bill die steile Treppe hoch in einen
kleinen Flur. Drei Türen gingen von ihm ab.
»Hier rein«, sagte Bill und öffnete die Tür zu seinem und Fleurs
Zimmer. Auch von hier aus war das Meer zu sehen, das nun von der
aufgehenden Sonne golden gesprenkelt war. Harry ging zum Fenster,
kehrte der atemraubenden Aussicht den Rücken und wartete, mit
verschränkten Armen und kribbelnder Narbe. Hermine nahm den Stuhl am
Frisiertisch; Ron setzte sich auf seine Armlehne.
Bill tauchte wieder auf, er trug den kleinen Kobold und setzte ihn
behutsam auf dem Bett ab. Griphook bedankte sich mit einem Grunzen,
und Bill ging hinaus und schloss die Tür hinter sich, so dass sie allein
waren.
»Es tut mir leid, dass ich Sie aus dem Bett hole«, sagte Harry. »Wie
geht es Ihren Beinen?«
»Sie schmerzen«, antwortete der Kobold. »Aber sie heilen.«
Er hielt noch immer das Schwert von Gryffindor in der Hand und
machte ein sonderbares Gesicht, halb trotzig, halb neugierig. Harry
bemerkte die fahle Haut des Kobolds, seine langen dünnen Finger, seine
schwarzen Augen. Fleur hatte ihm die Schuhe ausgezogen: Seine langen
Füße waren schmutzig. Er war größer als ein Hauself, aber nicht viel. Sein
nach oben gewölbter Kopf war viel größer als der eines Menschen.
»Sie erinnern sich wahrscheinlich nicht mehr -«, begann Harry.
»- dass ich der Kobold war, der Ihnen Ihr Verlies gezeigt hat, das erste
Mal, als Sie bei Gringotts waren?«, sagte Griphook. »Ich erinnere mich,
Harry Potter. Selbst unter Kobolden sind Sie sehr berühmt.«
Harry und der Kobold sahen sich an, taxierten sich. Harrys Narbe
kribbelte immer noch. Er wollte dieses Gespräch mit Griphook rasch hinter
sich bringen und fürchtete zugleich, einen falschen Schritt zu tun. Während
er überlegte, wie er sein Anliegen am besten vortragen konnte, brach der
Kobold das Schweigen.
»Sie haben den Elfen begraben«, sagte er und klang unerwartet bitter.
»Ich habe Sie beobachtet, durch das Fenster im Schlafzimmer nebenan.«
»Ja«, sagte Harry.
Griphook sah ihn von der Seite her aus seinen schräg liegenden
schwarzen Augen an.
»Sie sind ein ungewöhnlicher Zauberer, Harry Potter.«
»Inwiefern?«, fragte Harry und rieb sich zerstreut die Narbe.
»Sie haben das Grab ausgehoben.«
»Und?«
Griphook antwortete nicht. Harry hatte das Gefühl, dass er ihn
verachtete, weil er wie ein Muggel gehandelt hatte, doch es war ihm
ziemlich gleichgültig, ob Griphook die Sache mit Dobbys Grab billigte
oder nicht. Er sammelte sich für den Angriff.
»Griphook, ich muss Sie fragen -«
»Sie haben auch einen Kobold gerettet. «
»Was?«
»Sie haben mich hierhergebracht. Mich gerettet.«
»Na, ich nehme an, dass Ihnen das nicht leidtut?«, sagte Harry ein
wenig ungeduldig.
»Nein, Harry Potter«, erwiderte Griphook und wickelte sich den dünnen
schwarzen Bart an seinem Kinn um einen Finger, »aber Sie sind ein sehr
eigenartiger Zauberer.«
»Mag sein«, sagte Harry. »Nun, ich brauche Hilfe, Griphook, und zwar
von Ihnen.«
Der Kobold gab kein Zeichen der Ermunterung, sondern sah Harry
weiter stirnrunzelnd an, als ob er noch nie etwas wie ihn gesehen hätte.
»Ich muss in ein Verlies von Gringotts einbrechen.«
Harry hatte es eigentlich nicht so unverblümt sagen wollen; die Worte
brachen aus ihm hervor, als ein Schmerz durch seine Blitznarbe fuhr und er
von neuem die Umrisse von Hogwarts sah. Er verschloss fest seinen Geist.
Er musste sich erst mit Griphook befassen. Ron und Hermine starrten Harry
an, als wäre er verrückt geworden.
»Harry -«, sagte Hermine, doch Griphook fiel ihr ins Wort.
»In ein Verlies von Gringotts einbrechen?«, wiederholte der Kobold und
zuckte leicht zusammen, als er seine Lage auf dem Bett wechselte. »Das ist
unmöglich.«
»Nein, ist es nicht«, widersprach ihm Ron. »Es hat schon mal jemand
geschafft.«
»Jaah«, sagte Harry. »Genau an dem Tag, als ich Sie zum ersten Mal
traf, Griphook. An meinem Geburtstag, vor sieben Jahren.«
»Das besagte Verlies war zu jener Zeit leer«, erwiderte der Kobold
bissig, und Harry begriff, dass der Gedanke, Gringotts' Verteidigung könnte
zusammenbrechen, für Griphook eine Beleidigung war, auch wenn er
Gringotts längst verlassen hatte. »Es war nur äußerst schwach geschützt.«
»Nun, das Verlies, in das wir hineinmüssen, ist nicht leer, und ich
vermute, sein Schutz wird ziemlich mächtig sein«, sagte Harry. »Es gehört
den Lestranges.«
Er sah, wie Hermine und Ron sich völlig verdutzt anblickten, aber für
Erklärungen würde noch Zeit genug sein, sobald Griphook eine Antwort
gegeben hatte.
»Sie haben keine Chance«, sagte Griphook entschieden. »Überhaupt
keine Chance. Wenn du suchst in diesen Hallen einen Schatz, dem du
verfallen -«
»Dieb, sei gewarnt und sage dir – jaah, ich weiß, ich erinnere mich«,
erwiderte Harry. »Aber ich will keinen Schatz für mich selbst dort
herausholen, ich will nicht versuchen, mich irgendwie zu bereichern.
Können Sie mir das glauben?«
Der Kobold sah Harry mit schrägem Blick an, und die Blitznarbe auf
Harrys Stirn ziepte, doch er ignorierte sie, weigerte sich, ihren Schmerz
oder ihre Verlockung zuzulassen.
»Wenn es einen Zauberer gäbe, dem ich glauben würde, dass er sich
nicht persönlich bereichern will«, sagte Griphook endlich, »dann wären es
Sie, Harry Potter. Kobolde und Elfen sind nicht an den Schutz oder Respekt
gewöhnt, den Sie heute Nacht für uns aufgebracht haben. Nicht von
Zauberstabträgern.«
»Zauberstabträger«, wiederholte Harry: Der Ausdruck klang ihm
merkwürdig in den Ohren, während seine Narbe kribbelte, Voldemort seine
Gedanken nordwärts wandte und Harry darauf brannte, Ollivander im
benachbarten Zimmer zu befragen.
»Um das Recht, einen Zauberstab zu tragen«, sagte der Kobold leise,
»streiten Zauberer und Kobolde schon seit langem.«
»Nun, Kobolde können ohne Zauberstab zaubern«, sagte Ron.
»Das ist unerheblich! Zauberer weigern sich, die Geheimnisse der
Zauberstabkunde mit anderen magischen Wesen zu teilen, sie versagen uns
die Möglichkeit, unsere Kräfte auszuweiten! «
»Na ja, auch Kobolde wollen ihre magischen Fähigkeiten für sich
behalten«, sagte Ron. »Sie wollen uns nicht verraten, wie Sie Schwerter
und Rüstungen auf Ihre Art herstellen. Kobolde wissen, wie man Metall so
bearbeitet, wie es Zauberer niemals -«
»Ist doch egal«, sagte Harry, der bemerkte, dass Griphook immer röter
wurde. »Hier geht es nicht um Zauberer gegen Kobolde oder irgendwelche
anderen magischen Geschöpfe -«
Griphook lachte gehässig.
»Aber ja doch, genau darum geht es! Je mächtiger der Dunkle Lord
wird, desto mehr festigt eure Rasse ihre Vorherrschaft über meine!
Gringotts fällt unter das Gesetz der Zauberer, Hauselfen werden
abgeschlachtet, und wer von den Zauberstabträgern protestiert dagegen?«
»Wir!«, sagte Hermine. Sie hatte sich aufgerichtet und ihre Augen
leuchteten. »Wir protestieren! Und ich werde genauso gejagt wie jeder
Kobold oder Elf, Griphook! Ich bin ein Schlammblut!«
»Nenn dich nicht selbst -«, murmelte Ron.
»Warum denn nicht?«, sagte Hermine. »Schlammblut, und stolz darauf!
Ich bin in dieser neuen Ordnung nicht höhergestellt als Sie, Griphook! Ich
war diejenige, die sie zum Foltern herausgepickt haben, dort bei den
Malfoys.«
Während sie sprach, zog sie den Kragen des Morgenmantels zur Seite
und zeigte die schmale scharlachrote Schnittwunde an ihrer Kehle, die ihr
Bellatrix zugefügt hatte.
»Wussten Sie, dass Harry es war, der Dobby die Freiheit gegeben hat?«,
fragte sie. »Wussten Sie, dass wir schon seit Jahren Freiheit für die Elfen
verlangen?« (Ron rutschte unruhig auf der Armlehne von Hermines Stuhl
herum.) »Keiner wünscht sich mehr als wir, dass Du-weißt-schon-wer
besiegt wird, Griphook!«
Der Kobold starrte Hermine mit derselben Neugier an wie zuvor Harry.
»Was suchen Sie im Verlies der Lestranges?«, fragte er plötzlich. »Das
Schwert, das dort liegt, ist eine Fälschung. Dies ist das echte.« Er blickte
sie der Reihe nach an. »Ich denke, Sie wissen das bereits. Sie haben mich
gebeten, bei den Malfoys für Sie zu lügen.«
»Aber das falsche Schwert ist nicht der einzige Gegenstand in diesem
Verlies, richtig?«, fragte Harry. »Vielleicht haben Sie auch die anderen
Dinge dort gesehen?«
Sein Herz schlug heftiger denn je. Umso mehr strengte er sich an, nicht
auf das Pochen seiner Narbe zu achten.
Wieder wickelte der Kobold sich seinen Bart um den Finger.
»Es ist gegen unsere Vorschriften, über die Geheimnisse von Gringotts
zu sprechen. Wir sind die Wächter sagenhafter Schätze. Wir haben eine
Pflicht den Dingen gegenüber, die in unserer Obhut sind und die so häufig
mit unseren eigenen Händen geschmiedet wurden.«
Der Kobold streichelte das Schwert, und seine schwarzen Augen
wanderten von Harry über Hermine zu Ron und dann wieder zurück.
»So jung«, sagte er schließlich, »und kämpfen gegen so viele.«
»Werden Sie uns helfen?«, fragte Harry. »Es wäre hoffnungslos, wenn
wir ohne die Hilfe eines Kobolds einbrechen würden. Sie sind unsere
einzige Chance.«
»Ich werde ... darüber nachdenken«, sagte Griphook zu ihrem Verdruss.
»Aber -«, begann Ron wütend; Hermine stieß ihm in die Rippen.
»Danke«, sagte Harry.
Der Kobold neigte anerkennend seinen großen gewölbten Kopf, dann
beugte er seine kurzen Beine.
»Ich denke«, sagte er und machte es sich demonstrativ auf Bills und
Fleurs Bett gemütlich, »dass das Skele-Wachs seine Arbeit getan hat.
Vielleicht kann ich nun endlich schlafen. Sie entschuldigen mich ...«
»Jaah, natürlich«, sagte Harry, doch ehe sie den Raum verließen, neigte
er sich zu dem Kobold hinunter und nahm das Schwert Gryffindors von
seiner Seite. Griphook protestierte nicht, aber Harry glaubte Unmut in den
Augen des Kobolds zu sehen, als er die Tür schloss und sie ihn allein
ließen.
»Kleiner Mistkerl«, flüsterte Ron. »Er genießt es, uns zappeln zu
lassen.«
»Harry«, flüsterte Hermine und zog die beiden von der Tür weg in die
Mitte des immer noch dunklen Flurs. » Glaubst du, was ich denke, was du
glaubst? Willst du behaupten, dass in dem Verlies der Lestranges ein
Horkrux ist?«
»Ja«, sagte Harry. »Bellatrix war höchst erschrocken, als sie dachte,
dass wir dort drin gewesen wären, sie war außer sich. Warum? Was, meinte
sie, hätten wir gesehen, was, meinte sie, hätten wir sonst noch mitnehmen
können? Etwas, bei dem sie Todesangst bekam, wenn sie nur daran dachte,
dass Voldemort davon erfahren könnte.«
»Aber ich dachte, wir würden nach Orten suchen, wo Du-weißt-schon-
wer mal gewesen ist, nach Orten, wo er etwas Wichtiges gemacht hat?«,
sagte Ron mit verdutzter Miene. »War er jemals im Verlies der
Lestranges?«
»Ich weiß nicht, ob er je in Gringotts drin war«, sagte Harry. »In seiner
Jugend hatte er nie Gold dort, weil niemand ihm etwas hinterlassen hat.
Aber er hat die Bank sicher von außen gesehen, als er zum ersten Mal in
der Winkelgasse war.«
Harrys Narbe pochte, doch er achtete nicht darauf; er wollte, dass Ron
und Hermine die Sache mit Gringotts begriffen, ehe sie mit Ollivander
sprachen.
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass er jeden beneidete, der einen
Schlüssel zu einem Gringotts-Verlies hatte. Das war für ihn vermutlich ein
echtes Symbol dafür, dass man zur Zaubererwelt gehörte. Und vergesst
nicht, er vertraute Bellatrix und ihrem Mann. Sie waren vor seinem Sturz
seine ergebensten Diener, und sie suchten nach ihm, als er verschwunden
war. Das hat er gesagt in der Nacht, als er zurückkam, ich habe ihn gehört.
«
Harry rieb sich die Narbe.
»Ich glaube allerdings nicht, dass er Bellatrix verraten hat, dass es ein
Horkrux ist. Er hat Lucius Malfoy nie die Wahrheit über das Tagebuch
erzählt. Er hat ihr wahrscheinlich gesagt, dass es ein hoch geschätzter
Gegenstand sei, und sie gebeten, ihn in ihrem Verlies zu hinterlegen. Der
sicherste Platz der Welt für alles, was man verstecken will, hat mir Hagrid
erklärt ... mit Ausnahme von Hogwarts.«
Als Harry geendet hatte, schüttelte Ron den Kopf.
»Du weißt ja richtig gut über ihn Bescheid.«
»Ein bisschen«, sagte Harry. »Ein bisschen ... ich wünschte nur, ich
hätte genauso viel über Dumbledore gewusst. Aber wir werden sehen.
Kommt jetzt – zu Ollivander.«
Ron und Hermine blickten verwirrt, aber beeindruckt, als sie ihm über
den kleinen Flur folgten und an die Tür gegenüber von Bills und Fleurs
Zimmer klopften. Ein mattes »Herein!« war die Antwort.
Der Zauberstabmacher lag auf dem einen der beiden Betten im Zimmer,
das weiter vom Fenster entfernt war. Er war über ein Jahr lang im Keller
eingesperrt gewesen, und Harry wusste, dass er mindestens ein Mal
gefoltert worden war. Er war entkräftet, seine Gesichtsknochen traten
deutlich unter seiner gelblichen Haut hervor. Die großen silbernen Augen
wirkten riesig in ihren tiefen Höhlen. Die Hände, die auf der Bettdecke
ruhten, hätten die eines Gerippes sein können. Harry setzte sich auf das
leere Bett, neben Ron und Hermine. Die aufgehende Sonne war hier nicht
zu sehen. Das Zimmer lag zum Garten oben auf der Klippe und zu dem
frisch ausgehobenen Grab.
»Mr Ollivander, es tut mir leid, Sie zu stören«, sagte Harry.
»Mein lieber Junge.« Ollivanders Stimme war schwach. »Sie haben uns
gerettet. Ich dachte, wir würden an diesem Ort sterben. Ich kann Ihnen nie
... nie genug ... danken.«
»Wir haben es gern getan.«
Harrys Narbe pochte. Er wusste, er war sicher, dass kaum noch Zeit
war, Voldemort zuvorzukommen oder einen Versuch zu unternehmen, ihn
aufzuhalten. Er spürte einen Anflug von Panik ... doch er hatte seine
Entscheidung getroffen, als er beschloss, zuerst mit Griphook zu sprechen.
Er täuschte eine Gelassenheit vor, die er nicht verspürte, kramte in dem
Beutel um seinen Hals und holte die beiden Hälften seines zerbrochenen
Zauberstabs hervor.
»Mr Ollivander, ich brauche Hilfe.«
»Gerne. Gerne«, sagte der Zauberstabmacher schwach.
»Können Sie den reparieren? Ist das möglich?«
Ollivander streckte eine zitternde Hand aus und Harry legte die lose
aneinanderhängenden Hälften hinein.
»Stechpalme und Phönixfeder«, sagte Ollivander mit bebender Stimme.
»Elf Zoll. Handlich und geschmeidig.«
»Ja«, sagte Harry. »Können Sie -?«
»Nein«, flüsterte Ollivander. »Es tut mir leid, sehr leid, aber ein
Zauberstab, der in solchem Maße beschädigt ist, kann mit keinem Mittel,
das ich kenne, wiederhergestellt werden.«
Harry war auf diese Antwort gefasst gewesen und doch war es ein
Schlag. Er nahm die Hälften des Zauberstabs zurück und steckte sie wieder
in den Beutel um seinen Hals. Ollivander starrte dorthin, wo der
zerbrochene Stab verschwunden war, und wandte den Blick erst ab, als
Harry die beiden Zauberstäbe, die er von den Malfoys mitgebracht hatte,
aus seiner Tasche genommen hatte.
»Können Sie sagen, woraus die sind?«, fragte Harry.
Der Zauberstabmacher nahm den ersten Zauberstab, hielt ihn dicht an
seine verblichenen Augen, rollte ihn zwischen seinen knorpeligen Fingern
und bog ihn leicht.
»Walnuss und Drachenherzfaser«, sagte er. »Zwölfdreiviertel Zoll.
Nicht flexibel. Dieser Zauberstab gehörte Bellatrix Lestrange.«
»Und dieser hier?«
Ollivander wiederholte die Prozedur.
»Weißdorn und Einhornhaar. Genau zehn Zoll. Ziemlich federnd. Dies
war der Zauberstab von Draco Malfoy.«
»War?«, wiederholte Harry. »Gehört er ihm nicht mehr?«
»Womöglich nicht. Wenn Sie ihn an sich genommen haben -«
»- das habe ich -«
»- dann könnte er Ihnen gehören. Natürlich spielt die Art und Weise,
wie man ihn sich nimmt, eine Rolle. Viel hängt auch von dem Zauberstab
selbst ab. Doch für gewöhnlich wird ein Zauberstab, der im Kampf
gewonnen wurde, seine Gefolgschaft wechseln.«
Stille breitete sich in dem Zimmer aus, nur das ferne Rauschen des
Meeres war zu hören.
»Sie reden über Zauberstäbe, als ob sie Gefühle hätten«, sagte Harry,
»als ob sie selber denken könnten.«
»Der Zauberstab sucht sich den Zauberer«, sagte Ollivander. »So viel
war denjenigen von uns, welche die Zauberstabkunde studiert haben,
immer schon klar.«
»Jemand kann aber trotzdem einen Zauberstab benutzen, der sich ihn
nicht ausgesucht hat?«, fragte Harry.
»O ja, falls man überhaupt ein Zauberer ist, wird man seine magischen
Kräfte durch fast jedes Werkzeug lenken können. Die besten Resultate
werden sich jedoch immer dort einstellen, wo die stärkste
Wesensverwandtschaft zwischen Zauberer und Zauberstab besteht. Diese
Zusammenhänge sind kompliziert. Eine anfängliche Anziehung, und dann
ein gemeinsames Streben nach Erfahrung, bei dem der Zauberstab vom
Zauberer lernt und der Zauberer vom Zauberstab.«
Das Meer schlug hohe Wellen; es war ein klagendes Geräusch.
»Ich habe diesen Zauberstab Draco Malfoy mit Gewalt abgenommen«,
sagte Harry. »Kann ich ihn gefahrlos benutzen?«
»Ich glaube, ja. Hintergründige Gesetzmäßigkeiten regeln die
Inhaberschaft eines Zauberstabs, doch wird der eroberte Zauberstab meist
seinen Willen dem neuen Herrn beugen.«
»Also kann ich den hier benutzen?«, sagte Ron, zog Wurmschwanz'
Zauberstab aus seiner Tasche und reichte ihn Ollivander.
»Kastanie und Drachenherzfaser. Neuneinviertel Zoll. Spröde. Kurz
nach meiner Entführung hat man mich gezwungen, diesen anzufertigen, für
Peter Pettigrew. Ja, wenn Sie ihn im Kampf errungen haben, wird er Ihre
Befehle vermutlich eher befolgen als ein anderer Zauberstab, und zwar
gut.«
»Und dies gilt für alle Zauberstäbe, nicht wahr?«, fragte Harry.
»Ich denke schon«, erwiderte Ollivander und richtete seine
hervorquellenden Augen auf Harrys Gesicht. »Sie stellen tiefgründige
Fragen, Mr Potter. Die Zauberstabkunde ist ein vielgliedriger und
geheimnisvoller Zweig der Magie.«
»Also ist es nicht notwendig, den vorigen Eigentümer zu töten, um
einen Zauberstab wahrhaft in Besitz zu nehmen?«, fragte Harry.
Ollivander schluckte.
»Notwendig? Nein, ich würde nicht sagen, dass es notwendig ist, zu
töten.«
»Es gibt aber Legenden«, sagte Harry, und als sein Puls sich
beschleunigte, schmerzte auch seine Narbe heftiger; er war sicher, dass
Voldemort beschlossen hatte, seinen Plan in die Tat umzusetzen.
»Legenden über einen Zauberstab – oder Zauberstäbe – die durch Mord
von Hand zu Hand gingen.«
Ollivander erbleichte. Auf dem schneeweißen Kissen wirkte er hellgrau,
und seine riesigen Augen waren blutunterlaufen und traten offenbar aus
Angst noch weiter hervor.
»Nur ein einziger Zauberstab, denke ich«, flüsterte er.
»Und Du-weißt-schon-wer ist an ihm interessiert, nicht wahr?«, fragte
Harry.
»Ich – woher?«, krächzte Ollivander und blickte Ron und Hermine um
Hilfe flehend an. »Woher wissen Sie das?«
»Er wollte, dass Sie ihm verraten, wie er die Verbindung zwischen
unseren Zauberstäben überwinden kann«, sagte Harry.
Ollivander schien zu Tode erschrocken.
»Er hat mich gefoltert, das müssen Sie verstehen! Der Cruciatus-Fluch,
ich – ich hatte keine andere Wahl, als ihm zu sagen, was ich wusste, was
ich vermutete!«
»Ich verstehe«, sagte Harry. »Sie haben ihm von den Zwillingskernen
erzählt? Sie haben gesagt, dass er sich einfach den Zauberstab eines
anderen Zauberers ausleihen muss?«
Ollivander wirkte wie versteinert, entsetzt darüber, wie viel Harry
wusste. Er nickte langsam.
»Aber es hat nicht funktioniert«, fuhr Harry fort. »Meiner hat den
geborgten Zauberstab immer noch geschlagen. Wissen Sie, warum das so
war?«
Ollivander schüttelte den Kopf ebenso langsam, wie er gerade genickt
hatte.
»Ich hatte ... noch nie von so etwas gehört. Ihr Zauberstab hat in jener
Nacht etwas Einzigartiges getan. Die Verbindung der Zwillingskerne ist
unglaublich selten, doch warum Ihr Zauberstab den geborgten zerbrochen
hat, weiß ich nicht ...«
»Wir sprachen gerade über den anderen Zauberstab, den, der durch
Mord den Besitzer wechselt. Als Du-weißt-schon-wer erkannte, dass mein
Zauberstab etwas Seltsames getan hatte, kam er zurück und fragte Sie nach
diesem anderen Zauberstab, nicht wahr?«
»Woher wissen Sie das?«
Harry antwortete nicht.
»Ja, er hat gefragt«, flüsterte Ollivander. »Er wollte alles erfahren, was
ich ihm über den Zauberstab sagen konnte, der mal als Todesstab, als
Zauberstab des Schicksals oder als Elderstab bezeichnet wird. «
Harry warf einen Seitenblick auf Hermine. Sie schaute völlig
entgeistert.
»Der Dunkle Lord«, sagte Ollivander in gedämpftem und verängstigtem
Ton, »war immer zufrieden mit dem Zauberstab, den ich ihm gemacht hatte
– Eibe und Phönixfeder, drei-zehneinhalb Zoll –, bis er die Verbindung der
Zwillingskerne entdeckte. Nun sucht er einen anderen, mächtigeren
Zauberstab als die einzige Möglichkeit, den Ihren zu besiegen.«
»Aber er wird bald erfahren, wenn er es nicht schon weiß, dass meiner
zerbrochen und nicht mehr zu reparieren ist«, sagte Harry leise.
»Nein!«, rief Hermine mit angsterfüllter Stimme. »Er kann das nicht
wissen, Harry, wie denn auch -?«
»Priori Incantatem«, sagte Harry. »Wir haben deinen Zauberstab und
den Schwarzdornstab bei den Malfoys zurückgelassen, Hermine. Wenn sie
die richtig untersuchen und die Zauber noch einmal wiederholen lassen, die
sie kurz zuvor erzeugt haben, werden sie sehen, dass dein Zauberstab
meinen zerbrochen hat, sie werden sehen, dass du vergeblich versucht hast,
ihn zu richten, und es wird ihnen klar werden, dass ich seither immer den
Schwarzdornstab benutzt habe.«
Das bisschen Farbe, das sie seit ihrer Ankunft wieder bekommen hatte,
war aus ihrem Gesicht gewichen. Ron versetzte Harry einen vorwurfsvollen
Blick und sagte: »Jetzt machen wir uns darüber mal keine Sorgen -«
Doch Mr Ollivander ergriff das Wort.
»Der Dunkle Lord sucht den Elderstab nicht mehr nur, um Sie zu
vernichten, Mr Potter. Er ist entschlossen, ihn in Besitz zu nehmen, weil er
glaubt, dass er ihn wahrhaft unbesiegbar machen wird.«
»Und wird er das?«
»Der Besitzer des Eiderstabs muss immer einen Angriff fürchten«, sagte
Ollivander, »aber die Vorstellung, dass der Dunkle Lord im Besitz des
Todesstabes sein könnte, ist, ich muss es zugeben ... beeindruckend. «
Harry fühlte sich plötzlich daran erinnert, dass er bei ihrem ersten
Zusammentreffen nicht sicher gewesen war, wie gut er Ollivander leiden
konnte. Selbst jetzt, nachdem er von Voldemort gefoltert und eingekerkert
worden war, schien ihn die Vorstellung, dass der schwarze Magier im
Besitz dieses Zauberstabs sein könnte, genauso zu faszinieren, wie sie ihn
abstieß.
»Sie – Sie glauben wirklich, dass dieser Zauberstab existiert, Mr
Ollivander?«, fragte Hermine.
»O ja«, sagte Ollivander. »Ja, es ist durchaus möglich, die Spur des
Zauberstabs durch die Geschichte zu verfolgen. Es gibt natürlich Lücken,
auch große, in denen er aus dem Blickfeld verschwindet, vorübergehend
verloren oder verborgen ist; doch er taucht immer wieder auf. Er hat
bestimmte kennzeichnende Merkmale, die diejenigen, die mit der
Zauberstabkunde vertraut sind, erkennen können. Es gibt schriftliche
Darstellungen, manche davon rätselhaft, die zu erforschen ich und andere
Zauberstabmacher uns zur Aufgabe gemacht haben. Dem Anschein nach
sind sie glaubwürdig.«
»Sie – Sie meinen also nicht, dass es sich um ein Märchen handeln
könnte, oder um einen Mythos?«, fragte Hermine hoffnungsvoll.
»Nein«, sagte Ollivander. »Ob er tatsächlich durch Mord von Hand zu
Hand gehen muss, weiß ich nicht. Seine Geschichte ist blutig, doch das
könnte einfach daran liegen, dass er ein so begehrenswertes Objekt ist und
in den Zauberern derartige Leidenschaften entfacht. Enorm mächtig, in den
falschen Händen gefährlich, und etwas, das eine unglaubliche Faszination
in uns allen auslöst, die wir die Macht von Zauberstäben erforschen.«
»Mr Ollivander«, sagte Harry, »Sie haben Du-weißt-schon-wem erzählt,
dass Gregorowitsch den Elderstab hätte, nicht wahr?«
Ollivander wurde, soweit es möglich war, noch blasser. Er wirkte
gespenstisch, als er schluckte.
»Aber woher – woher -?«
»Ist egal, woher ich das weiß«, sagte Harry und schloss kurz seine
Augen, als seine Narbe brannte und er, nur für Sekunden, ein Bild von der
Hauptstraße in Hogsmeade sah, wo es noch dunkel war, weil sie viel weiter
nördlich lag. »Sie haben Du-weißt-schon-wem erzählt, dass Gregorowitsch
den Zauberstab hätte?«
»Es war ein Gerücht«, flüsterte Ollivander. »Ein Gerücht, vor vielen,
vielen Jahren, lange bevor Sie geboren wurden! Ich glaube, Gregorowitsch
selbst hat es in Umlauf gebracht. Sie können sicher verstehen, wie
geschäftsfördernd das gewesen sein muss: dass er die Eigenschaften des
Eiderstabs studierte und kopierte!«
»Ja, das kann ich«, sagte Harry. Er stand auf. »Mr Ollivander, noch ein
Letztes, und dann lassen wir Sie ausruhen. Was wissen Sie über die
Heiligtümer des Todes?«
»Die – die was?«, fragte der Zauberstabmacher und blickte vollkommen
verwirrt.
»Die Heiligtümer des Todes.«
»Ich fürchte, ich weiß nicht, wovon Sie reden. Hat das auch etwas mit
Zauber Stäben zu tun?«
Harry sah in das eingefallene Gesicht und war überzeugt, dass
Ollivander ihm nichts vorspielte. Er wusste nichts von den Heiligtümern.
»Danke«, sagte Harry. »Ich danke Ihnen sehr. Wir gehen jetzt, damit Sie
sich ausruhen können.«
Ollivander schien verzweifelt.
»Er hat mich gefoltert!«, keuchte er. »Der Cruciatus-Fluch ... Sie haben
keine Ahnung ...«
»Doch, das habe ich«, entgegnete Harry. »Das habe ich wirklich. Bitte
ruhen Sie sich aus. Danke, dass Sie mir all das gesagt haben.«
Er ging Ron und Hermine voran die Treppe hinunter. Harry erhaschte
einen flüchtigen Blick auf Bill, Fleur, Luna und Dean, die am Küchentisch
saßen, Teetassen vor sich. Sie alle sahen zu Harry auf, als er an der Tür
erschien, doch er nickte ihnen nur zu und ging, gefolgt von Ron und
Hermine, weiter in den Garten. Der rötliche Erdhügel, der Dobby bedeckte,
lag vor ihm, und Harry kehrte zu dem Grab zurück, während der Schmerz
in seinem Kopf unaufhörlich zunahm. Inzwischen kostete es ihn gewaltige
Mühe, die Bilder niederzukämpfen, die sich ihm aufzwangen, doch er
wusste, dass er nur noch eine kleine Weile widerstehen musste. Er würde
sehr bald nachgeben, denn er musste wissen, ob seine Theorie richtig war.
Er musste sich nur noch einmal kurz Mühe geben, damit er Ron und
Hermine alles erklären konnte.
» Gregorowitsch hatte den Elderstab vor langer Zeit«, sagte er. »Ich
habe gesehen, wie Du-weißt-schon-wer versucht hat ihn zu finden. Als er
Gregorowitsch aufgespürt hatte, stellte er fest, dass der ihn nicht mehr
hatte: Er war ihm gestohlen worden, von Grindelwald. Wie Grindelwald
herausgefunden hat, dass Gregorowitsch ihn besaß, weiß ich nicht – aber
wenn Gregorowitsch so dumm war, dieses Gerücht zu verbreiten, kann es
nicht allzu schwierig gewesen sein.«
Voldemort war vor den Toren von Hogwarts; Harry konnte ihn dort
stehen sehen, und er sah auch die Lampe, die in der frühen Dämmerung auf
und ab hüpfte und allmählich immer näher kam.
»Und Grindelwald benutzte den Elderstab, um mächtig zu werden. Und
auf dem Höhepunkt seiner Macht, als Dumbledore wusste, dass er der
Einzige war, der ihn aufhalten konnte, hat er sich mit Grindelwald duelliert
und ihn besiegt, und er nahm den Elderstab an sich.«
»Dumbledore hatte den Elderstab?«, sagte Ron. »Aber dann – wo ist er
jetzt?«
»In Hogwarts«, sagte Harry und kämpfte darum, hier bei ihnen in dem
Garten auf der Klippe zu bleiben.
»Aber dann nichts wie hin!«, drängte Ron. »Harry, gehen wir und holen
ihn, bevor er es tut! «
»Dafür ist es zu spät«, sagte Harry. Es ging nicht anders, er musste die
Hände gegen seinen Kopf drücken, vielleicht halfen sie ihm standzuhalten.
»Er weiß, wo er ist. Er ist jetzt dort.«
»Harry!«, sagte Ron zornig. »Wie lange weißt du das schon – wieso
haben wir unsere Zeit verschwendet? Warum hast du zuerst mit Griphook
gesprochen? Wir hätten losgehen können – wir könnten immer noch gehen
-«
»Nein«, sagte Harry und sank im Gras auf die Knie. »Hermine hat
Recht. Dumbledore wollte nicht, dass ich ihn besitze. Er wollte nicht, dass
ich ihn an mich nehme. Er wollte, dass ich die Horkruxe jage.«
»Der unbesiegbare Zauberstab, Harry!«, stöhnte Ron.
»Ich soll nicht ... ich soll die Horkruxe finden ...«
Und jetzt war alles kühl und dunkel: Die Sonne war noch kaum am
Horizont zu sehen, als er neben Snape dahinglitt, über das Gelände in
Richtung See.
»Ich werde in Kürze im Schloss zu dir stoßen«, sagte er mit seiner
hohen, kalten Stimme. »Lass mich jetzt allein.«
Snape verbeugte sich und ging wieder den Pfad hinauf, und sein
schwarzer Umhang bauschte sich hinter ihm. Harry schritt langsam, er
wartete, bis Snapes Gestalt verschwunden war. Es wäre ungut, wenn Snape
oder auch irgendjemand sonst sehen würde, wohin er ging. Aber in den
Fenstern des Schlosses war kein Licht und er konnte sich verstecken ... und
einen Moment später hatte er einen Desillusionierungszauber über sich
selbst gelegt, der ihn sogar vor seinen eigenen Augen verbarg.
Und er setzte seinen Weg fort, am Ufer des Sees entlang, und
betrachtete die Umrisse des geliebten Schlosses, seines ersten Königreichs,
seines wahren Erbes ...
Und hier stand es, am See, gespiegelt in dem dunklen Wasser. Das
weiße Marmorgrabmal, ein unnötiger Schandfleck in der vertrauten
Landschaft. Wieder spürte er, wie jene gemessene Euphorie ihn
durchflutete, jenes berauschende Gefühl der Entschlossenheit, zu zerstören.
Er hob seinen alten Zauberstab aus Eibenholz empor: Wie passend, dass
dies die letzte große Tat des Stabs sein würde.
Das Grabmal riss von oben bis unten auf. Die in ein Leichentuch
gehüllte Gestalt War so lang und dünn, wie sie es zu Lebzeiten gewesen
war. Abermals hob er den Zauberstab.
Das Tuch fiel ab. Das Gesicht war durchscheinend, fahl, eingesunken,
doch fast vollkommen erhalten. Sie hatten seine Brille auf der Hakennase
gelassen: Er verspürte höhnisches Vergnügen. Dumbledores Hände waren
auf seiner Brust gefaltet, und da lag er, unter den Fingern, mit ihm
begraben.
Hatte der alte Narr sich eingebildet, dass Marmor oder der Tod den
Zauberstab schützen würden? Hatte er gedacht, dass der Dunkle Lord
Angst davor hätte, sein Grab zu schänden? Die spinnenartige Hand stieß
hinab und zog den Zauberstab aus Dumbledores Griff, und als er ihn nahm,
sprühte ein Funkenschauer aus seiner Spitze und warf funkelndes Licht
über den Leichnam seines letzten Besitzers, bereit, endlich einem neuen
Herrn zu dienen.
Shell Cottage
Bills und Fleurs Haus, in dessen weiß getünchte Mauern
Muschelschalen eingelassen waren, stand allein auf einer Klippe über dem
Meer. Es war ein einsamer und schöner Ort. Wo immer auch Harry in dem
kleinen Haus oder seinem Garten hinkam, konnte er das stetige Wogen der
See hören wie die Atemzüge eines großen schlummernden Tieres. In den
nächsten Tagen verbrachte er viel Zeit damit, sich Ausreden einfallen zu
lassen, um dem überfüllten Haus zu entfliehen, denn er sehnte sich nach
dem Blick von der Klippe über den freien Himmel und das weite, einsame
Meer, und nach dem Gefühl von kaltem, salzigem Wind auf seinem
Gesicht.
Seine ungeheure Entscheidung, Voldemort allein nach dem Zauberstab
jagen zu lassen, machte Harry immer noch Angst. Er konnte sich nicht
erinnern, dass er jemals beschlossen hätte, nicht zu handeln. Er steckte
voller Zweifel, und diese Zweifel brachte Ron unweigerlich zur Sprache,
wann immer sie zusammen waren.
»Und wenn Dumbledore wollte, dass wir das Symbol rechtzeitig
entschlüsseln, um an den Zauberstab zu kommen?«, »Vielleicht hat man
sich die Heiligtümer >verdient<, wenn man das Symbol entschlüsselt?«,
»Harry, wenn das wirklich der Elderstab ist, wie zum Teufel sollen wir
dann Du-weißt-schon-wen erledigen?«
Harry wusste keine Antworten: Es gab Momente, in denen er sich
fragte, ob es heller Wahnsinn gewesen war, nicht den Versuch zu
unternehmen, Voldemort daran zu hindern, das Grabmal aufzubrechen. Er
war sich nicht einmal so recht im Klaren, warum er sich dagegen
entschieden hatte: Jedes Mal, wenn er versuchte, seine eigenen Argumente
nachzuvollziehen, die zu dieser Entscheidung geführt hatten, kamen sie
ihm schwächer vor.
Das Komische war, dass Hermines Unterstützung ihn genauso
durcheinanderbrachte wie Rons Zweifel. Sie war nun gezwungen
hinzunehmen, dass der Elderstab tatsächlich existierte, behauptete aber,
dass es sich dabei um etwas Böses handle und dass die Art und Weise, wie
Voldemort ihn sich verschafft hatte, widerwärtig und völlig indiskutabel
sei.
»Das hättest du niemals über dich gebracht, Harry«, sagte sie immer
wieder. »Du hättest nicht in Dumbledores Grab eindringen können.«
Aber der Gedanke an Dumbledores Leichnam ängstigte Harry viel
weniger als die Möglichkeit, dass er die Absichten des lebenden
Dumbledore vielleicht falsch verstanden hatte. Er hatte das Gefühl, nach
wie vor im Dunkeln zu tappen; er hatte sich für seinen Weg entschieden,
blickte jedoch ständig zurück und fragte sich, ob er die Zeichen falsch
gedeutet hatte, ob er nicht die andere Richtung hätte nehmen sollen.
Bisweilen erfasste ihn wieder die Wut auf Dumbledore, mächtig wie die
Wellen, die unter dem Haus gegen die Klippe schlugen, die Wut darüber,
dass Dumbledore vor seinem Tod nicht alles erklärt hatte.
»Aber ist er tot?«, fragte Ron, drei Tage nachdem sie in Shell Cottage
angekommen waren. Harry hatte gerade hinausgestarrt, über die Mauer
hinweg, die den Garten des Hauses von der Klippe abgrenzte, als Ron und
Hermine zu ihm stießen; er wünschte, sie hätten es nicht getan, da er keine
Lust verspürte, sich an ihrer Diskussion zu beteiligen.
»Ja, er ist tot, Ron, bitte, fang nicht wieder damit an!«
»Schau dir mal die Tatsachen an, Hermine«, sagte Ron über Harry
hinweg, der weiter auf den Horizont starrte. »Die silberne Hirschkuh. Das
Schwert. Das Auge, das Harry im Spiegel gesehen hat – «
»Harry gibt zu, dass er sich das Auge eingebildet haben könnte! Nicht
wahr, Harry?«
»Könnte sein«, sagte Harry, ohne sie anzusehen.
»Aber das glaubst du nicht wirklich, oder?«, fragte Ron.
»Nein, tu ich nicht«, sagte Harry.
»Na also!«, sagte Ron schnell, ehe Hermine fortfahren konnte. »Wenn
es nicht Dumbledore war, dann erklär mir mal, woher Dobby wusste, dass
wir in dem Keller waren, Hermine?«
»Was weiß ich – aber kannst du erklären, wie ihn Dumbledore zu uns
geschickt hat, wenn er in einem Grab in Hogwarts liegt?«
»Keine Ahnung, vielleicht war es sein Geist!«
»Dumbledore würde nicht als Geist zurückkommen«, sagte Harry. Es
gab wenig, dessen er sich bei Dumbledore im Augenblick sicher war, aber
so viel wusste er. »Er wäre weitergegangen.«
»Was meinst du mit >weitergegangen«, fragte Ron, doch ehe Harry
noch etwas sagen konnte, ertönte eine Stimme von hinten: »Arry?«
Fleur war aus dem Haus gekommen, ihr langes silbernes Haar wehte im
Wind.
»Arry, Grip'ook möschte mit dir reden. Er ist im kleinsten
Schlafsimmer, er meint, er will nischt belauscht werden.«
Dass der Kobold sie schickte, um Botschaften auszurichten, gefiel ihr
offensichtlich nicht; sie sah gereizt aus, als sie um das Haus herum
zurückging.
Wie Fleur gesagt hatte, erwartete Griphook sie im kleinsten der drei
Schlafzimmer des Hauses, in dem Hermine und Luna übernachteten. Er
hatte die roten Baumwollvorhänge vor dem hellen, wolkigen Himmel
zugezogen, weshalb im Zimmer ein glutrotes Licht herrschte, das nicht zu
dem sonst luftigen und hellen Haus passte.
»Ich habe meine Entscheidung getroffen, Harry Potter«, sagte der
Kobold, der mit gekreuzten Beinen auf einem niedrigen Stuhl saß und sich
mit spindeldürren Fingern auf die Arme trommelte. »Auch wenn die
Kobolde von Gringotts es als gemeinen Verrat betrachten werden, habe ich
beschlossen, Ihnen zu helfen -«
»Großartig!«, sagte Harry und eine Woge der Erleichterung überkam
ihn. »Griphook, danke, wir sind wirklich -«
»- als Gegenleistung«, sagte der Kobold bestimmt, »mit Bezahlung.«
Harry zögerte, ein wenig überrascht.
»Wie viel wollen Sie? Ich habe Gold.«
»Kein Gold«, sagte Griphook. »Ich besitze Gold.«
Seine schwarzen Augen funkelten; kein Weiß war darin.
»Ich will das Schwert. Das Schwert von Godric Gryffindor.«
Harrys Stimmung war schlagartig auf dem Tiefpunkt.
»Das können Sie nicht bekommen«, sagte er. »Tut mir leid.«
»Dann«, sagte der Kobold leise, »haben wir ein Problem.«
»Wir können Ihnen etwas anderes geben«, sagte Ron eifrig. »Ich wette,
die Lestranges haben eine Menge Sachen, da können Sie sich was
aussuchen, sobald wir in dem Verlies sind.«
Er hatte das Falsche gesagt. Griphook errötete zornig.
»Ich bin kein Dieb, Junge. Ich will mir keine Schätze beschaffen, auf
die ich kein Recht habe!«
»Das Schwert gehört uns -«
»Das tut es nicht«, sagte der Kobold.
»Wir sind Gryffindors, und es war Godric Gryffindors -«
»Und vor Gryffindor, wem hat es da gehört?«, wollte der Kobold wissen
und setzte sich aufrecht hin.
»Niemandem«, sagte Ron, »es wurde für ihn hergestellt, oder?«
»Nein!«, schrie der Kobold wutschnaubend und deutete mit einem
langen Finger auf Ron. »Wieder diese Arroganz der Zauberer! Dieses
Schwert gehörte Ragnuk dem Ersten und es wurde ihm von Godric
Gryffindor genommen! Es ist ein verlorener Schatz, ein Meisterwerk der
Koboldkunst! Es gehört den Kobolden! Das Schwert ist der Lohn für meine
Dienste, das ist mein letztes Wort!«
Griphook sah sie finster an. Harry warf den anderen beiden einen kurzen
Blick zu und sagte dann: »Wir müssen das besprechen, Griphook, wenn es
für Sie in Ordnung ist. Können Sie uns ein paar Minuten geben?«
Der Kobold nickte mit mürrischer Miene.
Unten im leeren Wohnzimmer trat Harry mit gerunzelter Stirn vor den
Kamin und versuchte zu überlegen, was sie tun sollten. Hinter ihm sagte
Ron: »Das meint er doch wohl nicht im Ernst. Wir können ihm das Schwert
nicht geben.«
»Stimmt es?«, fragte Harry Hermine. »Hat Gryffindor das Schwert
gestohlen?«
»Ich weiß nicht«, sagte sie resigniert. »Die Geschichtsschreibung
übergeht häufig, was die Zauberer den anderen magischen Arten angetan
haben, aber ich kenne keine Darstellung, in der es heißt, dass Gryffindor
das Schwert gestohlen hätte.«
»Das ist sicher wieder eine von diesen Koboldlegenden«, sagte Ron,
»wonach die Zauberer immer versuchen, sie übers Ohr zu hauen. Ich
denke, wir können von Glück reden, dass er nicht einen von unseren
Zauberstäben haben will.«
»Kobolde haben gute Gründe, Zauberer nicht zu mögen, Ron«, sagte
Hermine. »Sie wurden in der Vergangenheit grausam behandelt.«
»Kobolde sind auch nicht gerade kuschelige kleine Häschen, oder?«,
erwiderte Ron. »Die haben viele von uns umgebracht. Die haben auch mit
üblen Methoden gekämpft.«
»Aber wenn wir jetzt mit Griphook darüber streiten, welche Art am
hinterhältigsten und gewalttätigsten ist, wird es nicht gerade
wahrscheinlicher, dass er uns hilft, oder?«
Sie verstummten und dachten über eine Möglichkeit nach, das Problem
zu umgehen. Harry blickte aus dem Fenster auf Dobbys Grab. Luna stellte
gerade Meerlavendel in einem Marmeladenglas neben dem Grabstein auf.
»Okay«, sagte Ron und Harry drehte sich wieder zu ihm um, »wie wär's
damit? Wir sagen Griphook, dass wir das Schwert brauchen, bis wir im
Verlies sind, und dann kann er es haben. Da ist eine Fälschung drin, oder?
Wir tauschen die Schwerter und geben ihm das falsche.«
»Ron, er kann die vermutlich besser unterscheiden als wir!«, sagte
Hermine. »Er war der Einzige, der erkannt hat, dass es jemand vertauscht
hatte!«
»Jaah, aber wir könnten abhauen, bevor er merkt -«
Er wurde ganz klein unter dem Blick, den Hermine ihm versetzte.
»Das«, sagte sie leise, »ist abscheulich. Ihn um Hilfe bitten und ihn
dann hereinlegen? Und du fragst dich, warum Kobolde keine Zauberer
mögen, Ron?«
Ron hatte rote Ohren bekommen.
»Schon gut, schon gut! Was Besseres ist mir eben nicht eingefallen!
Und wie willst du die Sache lösen?«
»Wir müssen ihm etwas anderes anbieten, etwas genauso Wertvolles.«
»Na toll. Ich geh und hol eins von den antiken Schwertern aus
Koboldhand, die wir sonst noch haben, und du kannst es als Geschenk
einpacken.«
Erneut verfielen sie in Schweigen. Harry war sicher, dass der Kobold
nichts als das Schwert annehmen würde, selbst wenn sie etwas ebenso
Wertvolles hätten, das sie ihm anbieten könnten. Doch das Schwert war
ihre einzige, unentbehrliche Waffe gegen die Horkruxe.
Er schloss einige Momente lang die Augen und lauschte dem Brausen
des Meeres. Die Vorstellung, dass Gryffindor das Schwert gestohlen haben
könnte, behagte ihm nicht; er war immer stolz gewesen, ein Gryffindor zu
sein; Gryffindor war der Fürsprecher der Muggelstämmigen gewesen, der
Zauberer, der mit Slytherin, dem Freund der Reinblüter, aneinandergeraten
war ...
»Vielleicht lügt er«, sagte Harry und schlug die Augen wieder auf. »
Griphook. Vielleicht hat Gryffindor das Schwert gar nicht gestohlen.
Woher wissen wir, dass die Koboldversion der Geschichte stimmt?«
»Macht das einen Unterschied?«, fragte Hermine.
»Ich hätte ein anderes Gefühl dabei«, sagte Harry.
Er holte tief Luft.
»Wir sagen ihm, dass er das Schwert bekommt, nachdem er uns
geholfen hat, in dieses Verlies zu gelangen – aber wir werden uns hüten,
ihm zu sagen, wann genau er es haben kann.«
Auf Rons Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. Hermine jedoch sah
beunruhigt aus.
»Harry, wir können nicht -«
»Er kann es haben«, fuhr Harry fort, »nachdem wir alle Horkruxe damit
erledigt haben. Ich sorge dafür, dass er es dann bekommt. Ich werde mein
Wort halten.«
»Aber das könnte Jahre dauern!«, sagte Hermine.
»Das weiß ich, aber er braucht es nicht zu wissen. Ich werde nicht lügen
... nicht wirklich.«
Harry begegnete ihrem Blick mit einer Mischung aus Trotz und Scham.
Er erinnerte sich an die Worte, die über dem Tor von Nurmengard
eingemeißelt waren: Für das größere Wohl. Er schob den Gedanken
beiseite. Hatten sie eine andere Wahl?
»Das gefällt mir nicht«, sagte Hermine.
»Mir auch nicht besonders«, gab Harry zu.
»Also, ich finde es genial«, meinte Ron und erhob sich. »Gehen wir und
sagen es ihm.«
Als sie wieder in dem kleinsten Schlafzimmer waren, unterbreitete
Harry das Angebot und achtete darauf, es so zu formulieren, dass er keinen
bestimmten Zeitpunkt für die Übergabe des Schwertes nannte. Hermine
blickte stirnrunzelnd zu Boden, während er sprach; das ärgerte ihn, denn er
befürchtete, dass sie den geheimen Plan verraten würde. Aber Griphook
hatte nur Augen für Harry.
»Ich habe Ihr Wort, Harry Potter, dass Sie mir das Schwert von
Gryffindor geben, wenn ich Ihnen helfe? «
»Ja«, sagte Harry.
»Dann schlagen Sie ein«, sagte der Kobold und streckte die Hand aus.
Harry nahm sie und schüttelte sie. Er fragte sich, ob diese schwarzen
Augen irgendwelche bösen Absichten in seinen wahrnahmen. Dann ließ
Griphook ihn los, klatschte in die Hände und sagte: »So. Fangen wir an!«
Es war alles wieder wie damals, als sie planten, ins Ministerium
einzudringen. Sie machten sich in dem kleinsten Schlafzimmer an die
Arbeit, das auf Griphooks Wunsch im Halbdunkel blieb.
»Ich habe das Verlies der Lestranges nur einmal aufgesucht«, erklärte
ihnen Griphook, »als ich angewiesen wurde, das falsche Schwert dort zu
deponieren. Es ist eine der Kammern aus den frühesten Zeiten. Die ältesten
Zaubererfamilien bewahren ihre Schätze ganz in der Tiefe auf, wo die
Verliese am größten und am besten geschützt sind ...«
Sie schlossen sich stundenlang in dem schrankartigen Raum ein. Aus
Tagen wurden allmählich "Wochen. Es galt, immer neue Probleme zu
lösen, und nicht das geringste davon war, dass ihr Vorrat an Vielsaft-Trank
fast zur Neige gegangen war.
»Eigentlich ist nur noch genug für einen von uns übrig«, sagte Hermine
und hielt den dickflüssigen, schlammartigen Zaubertrank schräg gegen das
Lampenlicht.
»Das wird reichen«, sagte Harry, der gerade Griphooks handgezeichnete
Karte der tiefsten unterirdischen Gänge begutachtete.
Den anderen Bewohnern von Shell Cottage konnte kaum entgehen, dass
irgendetwas los war, da Harry, Ron und Hermine inzwischen nur noch zu
den Mahlzeiten auftauchten. Niemand stellte Fragen, doch Harry spürte bei
Tisch häufig Bills Blick auf ihnen dreien ruhen, nachdenklich, besorgt.
Je mehr Zeit sie zusammen verbrachten, desto deutlicher wurde Harry
bewusst, dass er den Kobold nicht sonderlich mochte. Griphook war
unerwartet blutrünstig, lachte bei der Vorstellung, geringeren Geschöpfen
Schmerz zuzufügen, und schien von der Aussicht begeistert, dass sie
möglicherweise andere Zauberer verletzen mussten, um das Verlies der
Lestranges zu erreichen. Harry merkte, dass Ron und Hermine seine
Abneigung teilten, doch redeten sie nicht darüber: Sie brauchten Griphook.
Der Kobold aß nur widerwillig gemeinsam mit den anderen. Selbst als
seine Beine verheilt waren, bat er weiterhin, dass man ihm sein Essen auf
dem Tablett ins Zimmer brachte, wie dem nach wie vor gebrechlichen
Ollivander, bis Bill (nach einem Wutausbruch von Fleur) nach oben ging
und ihm erklärte, dass es so nicht weitergehen könne. Danach kam
Griphook zu ihnen an den vollbesetzten Tisch, allerdings weigerte er sich,
das Gleiche zu essen wie die anderen, und bestand stattdessen auf rohen
Fleischklumpen, Wurzeln und verschiedenen Pilzen.
Harry fühlte sich verantwortlich: Schließlich war er es gewesen, der
darauf bestanden hatte, dass der Kobold in Shell Cottage blieb, damit er ihn
befragen konnte; es war seine Schuld, dass die gesamte Familie Weasley
untertauchen musste, dass Bill, Fred, George und Mr Weasley nicht mehr
zur Arbeit konnten.
»Es tut mir leid«, sagte er an einem stürmischen Aprilabend zu Fleur,
als er ihr half, das Essen vorzubereiten. »Ich wollte euch das alles wirklich
nicht aufhalsen.«
Sie hatte gerade ein paar Messer zum Arbeiten gebracht, die Steaks für
Griphook und Bill schnitten, der sein Fleisch blutig mochte, seit Greyback
ihn angegriffen hatte. Während die Messer hinter ihr schnitten, wurde ihre
leicht gereizte Miene sanfter.
»'Arry, du 'ast meiner Schwester das Leben gerettet, das 'abe isch nischt
vergessen.«
Das stimmte genau genommen nicht, aber Harry beschloss, sie nicht
daran zu erinnern, dass Gabrielle nie wirklich in Gefahr gewesen war.
»Außerdem«, fuhr Fleur fort und zielte mit ihrem Zauberstab auf einen
Soßentopf auf dem Herd, der sofort zu blubbern begann, »verlässt uns Mr
Ollivander sowieso 'eute Abend und geht zu Muriel. Dann wird es
einfacher. Der Kobold«, sie blickte ein wenig finster bei dem Wort, »kann
dann nach unten sie'en, und du, Ron und Dean könnt sein Simmer
nehmen.«
»Es macht uns nichts aus, im Wohnzimmer zu schlafen«, sagte Harry,
der wusste, dass Griphook wenig davon halten würde, wenn er auf dem
Sofa schlafen musste; dass sie Griphook bei Laune hielten, war
entscheidend für ihr Vorhaben. »Mach dir wegen uns keine Gedanken.«
Und als sie protestieren wollte, fuhr er fort: »Uns bist du auch bald los,
Ron, Hermine und mich. Wir werden hier nicht mehr viel länger bleiben
müssen.«
»Aber was soll das 'eißen?«, sagte sie und sah ihn stirnrunzelnd an, den
Zauberstab auf den Schmortopf gerichtet, der nun mitten in der Luft
schwebte. »Natürlisch dürft ihr nischt ge'en, 'ier seid ihr sischer!«
Als sie das sagte, sah sie Mrs Weasley ziemlich ähnlich, und er war
froh, dass im selben Moment die hintere Tür aufging. Luna und Dean
kamen herein, mit feuchten Haaren vom Regen draußen und die Arme
voller Treibholz.
»... und winzige kleine Ohren«, sagte Luna gerade, »ein bisschen wie
die von einem Hippo, meint Daddy, nur violett und haarig. Und wenn man
sie rufen will, muss man summen; sie mögen am liebsten Walzer, nichts
allzu Schnelles ...«
Dean blickte verlegen drein und zuckte mit den Schultern, als er an
Harry vorbeiging und Luna in das Wohn- und Esszimmer folgte, wo Ron
und Hermine gerade den Tisch zum Abendessen deckten. Harry nutzte die
Gelegenheit, Fleurs Fragen zu entfliehen, ergriff zwei Krüge Kürbissaft
und ging ihnen hinterher.
»... und wenn du uns mal zu Hause besuchen kommst, kann ich dir das
Horn zeigen, Daddy hat mir davon geschrieben, aber ich hab es noch nicht
gesehen, weil die Todesser mich aus dem Hogwarts-Express geholt haben
und ich an Weihnachten gar nicht nach Hause kam«, sagte Luna, während
sie und Dean Feuerholz nachlegten.
»Luna, wir haben es dir doch gesagt«, rief Hermine ihr zu. »Dieses
Horn ist explodiert. Es war von einem Erumpent, nicht von einem
Schrumpfhörnigen Schnarchkackler -«
»Nein, es war ganz bestimmt ein Schnarchkackler-Horn«, sagte Luna
heiter. »Das weiß ich von Daddy. Es hat sich mittlerweile wahrscheinlich
wieder zusammengesetzt, die reparieren sich von alleine, weißt du.«
Hermine schüttelte den Kopf und legte weiter Gabeln auf den Tisch, als
Bill erschien, der Mr Ollivander die Treppe herunterführte. Der
Zauberstabmacher wirkte immer noch äußerst gebrechlich, und er hielt sich
an Bills Arm fest, während Bill, der einen großen Koffer trug, ihn stützte.
»Ich werde Sie vermissen, Mr Ollivander«, sagte Luna und trat auf den
alten Mann zu.
»Und ich Sie, meine Liebe«, sagte Ollivander und tätschelte ihr die
Schulter. »Sie waren ein unbeschreiblicher Trost für mich an diesem
schrecklichen Ort.«
»Nun, au revoir, Mr Ollivander«, sagte Fleur und küsste ihn auf beide
Wangen. »Und könnten Sie mir vielleischt einen Gefallen tun und Bills
Tantschen Muriel ein Paket von mir bringen? Isch 'abe ihr das Diadem
noch gar nischt zurückgegeben.«
»Es ist mir eine Ehre«, sagte Ollivander mit einer kleinen Verbeugung,
»das Mindeste, womit ich mich für Ihre großzügige Gastfreundschaft
revanchieren kann.«
Fleur holte ein abgegriffenes samtenes Kästchen hervor, das sie öffnete,
um dem Zauberstabmacher zu zeigen, was darin war. Das Diadem lag
glitzernd und funkelnd im Licht der niedrig hängenden Lampen.
»Mondsteine und Diamanten«, sagte Griphook, der hereingeschlichen
war, ohne dass Harry es bemerkt hatte. »Von Kobolden gefertigt, schätze
ich? «
»Und von Zauberern bezahlt«, sagte Bill leise, und der Kobold warf ihm
einen lauernden und zugleich herausfordernden Blick zu.
Starke Windböen wehten gegen die Fenster des Hauses, als Bill und
Ollivander in die Nacht hinein aufbrachen. Die Übrigen setzten sich dicht
gedrängt um den Tisch herum; Ellbogen an Ellbogen, fingen sie an zu
essen, sie hatten kaum Platz, sich zu rühren. Das Feuer prasselte und
knisterte im Kamin neben ihnen. Harry bemerkte, dass Fleur nur in ihrem
Essen herumstocherte; alle paar Minuten warf sie einen Blick zum Fenster;
doch bevor sie mit dem ersten Gang fertig waren, kam Bill zurück, seine
langen Haare waren vom Wind zerzaust.
»Alles in Ordnung«, sagte er zu Fleur. »Ollivander ist untergebracht,
Mum und Dad lassen grüßen. Ginny schickt euch alles Liebe. Fred und
George bringen Muriel auf die Palme, sie betreiben immer noch von ihrem
Hinterzimmer aus einen Lieferservice mit Eulen. Aber es hat sie
aufgemuntert, dass sie ihr Diadem wiederhat. Sie meinte, sie hätte schon
geglaubt, dass wir es gestohlen hätten.«
»Ah, wie unge'euer charmante, eure Tante«, sagte Fleur säuerlich und
schwang ihren Zauberstab, worauf die benutzten Teller in die Höhe stiegen
und sich mitten in der Luft übereinanderstapelten. Sie fing sie auf und
marschierte hinaus.
»Daddy hat auch ein Diadem gemacht«, meldete sich Luna. »Na ja,
eigentlich eher eine Krone.«
Ron begegnete Harrys Blick und grinste; Harry wusste, dass er an den
grotesken Kopfschmuck dachte, den sie während ihres Besuchs bei
Xenophilius gesehen hatten.
»Ja, er versucht das verschollene Diadem von Ravenclaw nachzubilden.
Er glaubt, dass er inzwischen weiß, aus was die meisten wichtigen
Bestandteile waren. Dass er die Billywig-Flügel dazugetan hat, hat wirklich
viel ausgemacht -«
Es klopfte an der Haustür. Alle wandten die Köpfe dorthin. Fleur kam
mit verängstigter Miene aus der Küche gerannt; Bill sprang auf, den
Zauberstab auf die Tür gerichtet; Harry, Ron und Hermine taten es ihm
nach. Griphook glitt stillschweigend unter den Tisch und war nicht mehr zu
sehen.
»Wer ist da?«, rief Bill.
»Ich bin es, Remus John Lupin!«, rief eine Stimme durch den heulenden
Wind. Jähe Angst packte Harry; was war geschehen? »Ich bin ein Werwolf,
verheiratet mit Nymphadora Tonks, und du, der Geheimniswahrer von
Shell Cottage, hast mir die Adresse genannt und mich gebeten, im Ernstfall
zu kommen!«
»Lupin«, murmelte Bill, und er rannte zur Tür und riss sie auf.
Lupin stürzte über die Schwelle. Er war weiß im Gesicht und in einen
Reiseumhang gehüllt, sein angegrautes Haar war vom Wind zerzaust. Er
richtete sich auf, blickte im Zimmer umher, um sich zu vergewissern, wer
anwesend war, dann schrie er laut: »Es ist ein Junge! Wir haben ihn Ted
genannt, nach Doras Vater!«
Hermine stieß einen spitzen Schrei aus.
»Wa-? Tonks – Tonks hat das Baby bekommen?«
»Ja, ja, sie hat das Baby bekommen!«, rief Lupin. Überall am Tisch
waren Freudenschreie zu hören, Seufzer der Erleichterung. Hermine und
Fleur quiekten beide: »Glückwunsch, Glückwunsch!«, und Ron sagte:
»Meine Fresse, ein Baby!«, als ob er noch nie von so etwas gehört hätte.
»Ja – ja – ein Junge«, sagte Lupin erneut, offenbar ganz benebelt von
seinem eigenen Glück. Er schritt zügig um den Tisch herum und schloss
Harry in die Arme; es war, als ob die Szene im Kellergeschoss vom
Grimmauldplatz nie stattgefunden hätte.
»Willst du der Pate sein?«, fragte er, als er Harry losließ.
»I-ich?«, stammelte Harry.
»Du, ja, natürlich – Dora ist ganz einverstanden, keiner wär besser -«
»Ich – jaah – meine Güte – «
Harry war überwältigt, verblüfft, erfreut. Bill ging nun rasch Wein
holen, und Fleur überredete Lupin, eine Kleinigkeit mit ihnen zu trinken.
»Ich kann nicht lange bleiben, ich muss zurück«, sagte Lupin und
strahlte alle ringsum an: Er wirkte um Jahre jünger, als Harry ihn je erlebt
hatte. »Danke, danke, Bill.«
Bill hatte rasch alle ihre Kelchgläser gefüllt; sie standen auf und
erhoben sie für einen Toast.
»Auf Teddy Remus Lupin«, sagte Lupin, »einen großen, noch ganz
kleinen Zauberer!«
»Wem sieht er ähnlisch?«, erkundigte sich Fleur.
»Ich glaube, er sieht Dora ähnlich, aber sie meint, er schlägt nach mir.
Wenig Haare. Sie waren schwarz, als er geboren wurde, aber ich schwöre,
eine Stunde später waren sie rot. Wenn ich zurückkomme, werden sie
wahrscheinlich blond sein. Andromeda meint, Tonks' Haare hätten schon
an dem Tag, als sie geboren wurde, angefangen die Farbe zu wechseln.« Er
leerte sein Glas. »Oh, na gut, einen noch«, fügte er strahlend hinzu, als Bill
nachschenken wollte.
Der Wind rüttelte an dem kleinen Haus, das Feuer loderte und knisterte,
und es dauerte nicht lange und Bill öffnete eine weitere Flasche Wein.
Lupin hatte sie mit seiner Nachricht offenbar auf andere Gedanken
gebracht, hatte sie für eine Weile aus ihrem Belagerungszustand
herausgeholt: Die Kunde von neuem Leben hatte sie aufgeheitert. Nur den
Kobold schien die nun plötzlich festliche Stimmung ungerührt zu lassen,
und nach einer Weile schlich er zurück in das Schlafzimmer, das er jetzt
ganz für sich hatte. Harry glaubte, dass er der Einzige war, der seinen
Weggang bemerkt hatte, bis er sah, wie Bills Blick dem Kobold die Treppe
hinauf folgte.
»Nein ... nein ... ich muss wirklich zurück«, sagte Lupin schließlich und
lehnte ein weiteres Glas Wein ab. Er stand auf und hüllte sich wieder in
seinen Reiseumhang. »Auf Wiedersehen, bis bald – vielleicht bringe ich in
den nächsten Tagen ein paar Bilder vorbei – sie werden ja alle so froh sein,
dass ich euch gesehen hab -«
Er schloss seinen Umhang und verabschiedete sich, umarmte die Frauen
und drückte den Männern die Hände, dann kehrte er, immer noch strahlend,
in die stürmische Nacht zurück.
»Patenonkel, Harry!«, sagte Bill, als sie beim Tischabräumen halfen und
zusammen in die Küche gingen. »Eine echte Ehre! Gratuliere!«
Als Harry die leeren Gläser abstellte, die er hinausgetragen hatte, zog
Bill die Tür hinter ihm zu und sperrte die nach wie vor lebhaften Stimmen
der anderen aus, die auch ohne Lupin noch weiterfeierten.
»Ich wollte eigentlich mal mit dir alleine sprechen, Harry. Es ist nicht
leicht, eine Gelegenheit zu finden, bei dem vollen Haus.«
Bill zögerte.
»Harry, du planst etwas mit Griphook zusammen.«
Es war eine Feststellung, keine Frage, und Harry bemühte sich gar nicht
erst, sie zu bestreiten. Er blickte Bill nur abwartend an.
»Ich kenne die Kobolde«, sagte Bill. »Ich habe für Gringotts gearbeitet,
seit ich von Hogwarts weg war. Wenn es überhaupt Freundschaft zwischen
Zauberern und Kobolden geben kann, habe ich Freunde unter Kobolden –
oder zumindest Kobolde, die ich gut kenne und die ich mag.« Bill zögerte
erneut. »Harry, was willst du von Griphook, und was hast du ihm dafür
versprochen?«
»Das kann ich dir nicht sagen«, erwiderte Harry. »Tut mir leid, Bill.«
Die Küchentür hinter ihnen ging auf; Fleur wollte noch mehr leere
Gläser hereinbringen.
»Warte«, sagte Bill zu ihr. »Nur einen Moment.«
Sie wich zurück und er schloss von neuem die Tür.
»Dann muss ich dir eins sagen«, fuhr Bill fort. »Falls du dich auf
irgendeinen Handel mit Griphook eingelassen hast, und vor allem, falls es
bei diesem Handel um wertvolle Dinge geht, musst du außerordentlich
vorsichtig sein. Die Kobolde haben andere Begriffe von Eigentum,
Bezahlung und Rückerstattung als die Menschen.«
Harry spürte, wie sich ein leises Unbehagen in ihm regte, als hätte eine
kleine Schlange sich in ihm gekrümmt.
»Was meinst du damit?«, fragte er.
»Wir reden von einer anderen Art von Lebewesen«, sagte Bill.
»Geschäfte zwischen Zauberern und Kobolden sind seit Jahrhunderten
belastet – aber das wirst du ja alles aus Zaubereigeschichte kennen. Es
wurden auf beiden Seiten Fehler begangen, ich würde nie behaupten, dass
die Zauberer unschuldig waren. Allerdings herrscht bei manchen Kobolden
die Auffassung, und die bei Gringotts neigen vielleicht am stärksten dazu,
dass man Zauberern nicht vertrauen kann, wenn es um Gold und
Kostbarkeiten geht, dass sie das Eigentum der Kobolde nicht respektieren.«
»Ich respektiere -«, begann Harry, aber Bill schüttelte den Kopf.
»Du verstehst nicht, Harry, keiner kann es verstehen, außer wenn er
unter Kobolden gelebt hat. Für einen Kobold ist der rechtmäßige und wahre
Besitzer jedes Gegenstands nicht der Käufer, sondern der Erzeuger. Alle
koboldgearbeiteten Gegenstände gehören in ihren Augen rechtmäßig
ihnen.«
»Aber wenn er gekauft wurde -«
»- dann würden sie ihn als gemietet betrachten, von demjenigen, der das
Geld gezahlt hat. Sie haben jedoch große Schwierigkeiten mit der
Vorstellung, dass koboldgearbeitete Gegenstände von Zauberer zu
Zauberer weitergegeben werden. Du hast Griphooks Gesicht gesehen, als
das Diadem vor seinen Augen weitergereicht wurde. Er missbilligt das. Ich
glaube, wie die Grimmigsten seiner Artgenossen denkt er, es hätte den
Kobolden zurückgegeben werden müssen, sobald der ursprüngliche Käufer
gestorben war. Für sie ist unser Brauch, koboldgearbeitete Gegenstände zu
behalten und sie ohne nochmalige Bezahlung von Zauberer zu Zauberer
weiterzugeben, nichts anderes als Diebstahl.«
Harry beschlich nun ein düsteres Gefühl; er fragte sich, ob Bill mehr
ahnte, als er zugab.
»Ich will nur sagen«, fuhr Bill fort und legte die Hand auf die Tür zum
Wohnzimmer, »du musst sehr vorsichtig sein, was du einem Kobold
versprichst, Harry. Es wäre weniger gefährlich, in Gringotts einzubrechen,
als ein Versprechen, das einem Kobold gegeben wurde, nicht einzuhalten.«
»Verstehe«, sagte Harry, als Bill die Tür öffnete, »ja. Danke. Ich werd's
mir merken.«
Als er hinter Bill zu den anderen zurückkehrte, beschlich ihn ein bitterer
Gedanke, zweifellos von dem Wein, den er getrunken hatte. Er schien auf
dem besten Weg, ein genauso rücksichtsloser Pate für Teddy Lupin zu
werden, wie es Sirius Black für ihn gewesen war.
Gringotts
Es war alles geplant, ihre Vorbereitungen waren abgeschlossen; im
kleinsten Schlafzimmer lag ein einzelnes langes, grobes, schwarzes Haar
(von dem Pullover gezupft, den Hermine im Haus der Malfoys getragen
hatte) zusammengerollt in einem Glasfläschchen auf dem Kaminsims.
»Und dann benutzt du auch noch ihren richtigen Zauberstab«, sagte
Harry und nickte in Richtung des Walnuss-Zauberstabs, »ich schätze mal,
da wirst du ziemlich überzeugend sein.«
Hermine nahm den Zauberstab hoch und sah aus, als befürchtete sie, er
könnte sie stechen oder beißen.
»Ich hasse dieses Ding«, sagte sie mit leiser Stimme. »Und wie ich es
hasse. Es fühlt sich ganz komisch an, es ist nicht richtig für mich geeignet
... es ist wie ein Stück von ihr.«
Harry musste unweigerlich daran denken, wie Hermine seinen Abscheu
gegen den Schwarzdorn-Zauberstab abgetan hatte, wie sie darauf beharrt
hatte, dass er sich nur irgendwas einbilden würde, als er nicht so gut
funktioniert hatte wie sein eigener, und zu ihm gesagt hatte, er müsse
einfach üben. Er beschloss jedoch, ihr diesen Ratschlag nicht
zurückzugeben; der Vorabend ihres Versuchs, Gringotts zu erstürmen,
schien der falsche Zeitpunkt, sie gegen sich aufzubringen.
»Aber er hilft dir wahrscheinlich, ein Gefühl für deine Rolle zu
kriegen«, sagte Ron. »Denk mal, was dieser Zauberstab schon gemacht
hat!«
»Aber genau das meine ich!«, sagte Hermine. »Das ist der Zauberstab,
der Nevilles Mum und Dad gefoltert hat und wer weiß wie viele Leute
sonst noch. Das ist der Zauberstab, der Sirius getötet hat! «
Daran hatte Harry nicht gedacht: Er blickte hinab auf den Zauberstab
und verspürte einen grausamen Drang, ihn zu zerbrechen, ihn mit
Gryffindors Schwert, das neben ihm an der Wand lehnte, entzweizuhacken.
»Ich vermisse meinen Zauberstab«, sagte Hermine bekümmert. »Hätte
Mr Ollivander mir doch auch einen anderen machen können.«
Mr Ollivander hatte Luna an diesem Morgen einen neuen Zauberstab
geschickt. Sie war im Augenblick draußen auf dem Rasen hinter dem Haus
und probierte in der Nachmittagssonne aus, was er alles konnte. Dean, der
seinen Zauberstab an die Greifer verloren hatte, sah ihr ziemlich bedrückt
zu.
Harry blickte hinab auf den Weißdorn-Zauberstab, der einst Draco
Malfoy gehört hatte. Zu seiner allerdings freudigen Überraschung hatte er
festgestellt, dass er bei ihm mindestens genauso gut funktionierte wie zuvor
Hermines Zauberstab. Er erinnerte sich daran, was Ollivander ihnen über
das geheimnisvolle Wirken von Zauberstäben erzählt hatte, und meinte zu
wissen, worin Hermines Problem lag: Sie hatte Bellatrix den Walnuss-
Zauberstab nicht persönlich abgenommen und daher auch nicht seine
Gefolgschaft gewonnen.
Die Tür des Schlafzimmers ging auf und Griphook trat ein. Harry langte
instinktiv nach dem Griff des Schwertes und zog es zu sich heran, bereute
es aber auf der Stelle: Der Kobold hatte das offensichtlich bemerkt. Harry
versuchte den unangenehmen Moment zu überspielen, indem er sagte:
»Wir sind gerade noch mal die allerletzten Sachen durchgegangen,
Griphook. Wir haben Bill und Fleur gesagt, dass wir morgen abreisen und
dass sie nicht aufzustehen brauchen, um uns zu verabschieden.«
In diesem Punkt waren sie hart geblieben, weil Hermine sich in Bellatrix
verwandeln musste, ehe sie aufbrachen, und je weniger Bill und Fleur
wussten oder vermuteten, was sie vorhatten, desto besser. Sie hatten ihnen
auch erklärt, dass sie nicht zurückkommen würden. Da sie Perkins' altes
Zelt in der Nacht verloren hatten, als die Greifer sie fingen, hatte Bill ihnen
ein anderes geliehen. Es war jetzt in der perlenverzierten Tasche verstaut,
die Hermine, wie Harry beeindruckt erfuhr, vor den Greifern geschützt
hatte, indem sie sie einfach ganz unten in ihre Socke gestopft hatte.
Obwohl er Bill, Fleur, Luna und Dean vermissen würde, ganz zu
schweigen von den häuslichen Annehmlichkeiten, die sie während der
letzten Wochen genossen hatten, freute sich Harry darauf, der Enge von
Shell Cottage zu entkommen. Er hatte es satt, andauernd aufpassen zu
müssen, dass ihnen keiner zuhörte, hatte es satt, in dem kleinen dunklen
Schlafzimmer eingesperrt zu sein. Am meisten sehnte er sich danach,
Griphook loszuwerden. Doch wie und wann genau sie sich von dem
Kobold trennen würden, ohne ihm Gryffindors Schwert auszuhändigen,
blieb eine Frage, auf die Harry keine Antwort hatte. Es war unmöglich
gewesen, zu einer Entscheidung zu kommen, wie sie das anstellen sollten,
da der Kobold Harry, Ron und Hermine selten länger als fünf Minuten am
Stück allein ließ. »Der könnte meiner Mutter noch was beibringen«, knurrte
Ron, als die langen Koboldfinger ständig an Türkanten auftauchten. Bills
Warnung im Sinn, konnte Harry nicht umhin zu vermuten, dass Griphook
Ausschau hielt, ob er womöglich hereingelegt wurde. Hermine war so
vehement gegen das geplante falsche Spiel, dass Harry den Versuch
aufgegeben hatte, sich ihr Wissen zunutze zu machen bei der Frage, wie
man es am besten anstellen könnte; Ron fiel in einem jener seltenen
Momente, die sie ohne Griphook ergattern konnten, nichts Besseres dazu
ein als: »Wir müssen einfach irgendwie improvisieren, Mann.«
Harry schlief schlecht in dieser Nacht. In den frühen Morgenstunden lag
er wach und rief sich ins Gedächtnis zurück, wie er sich in der Nacht
gefühlt hatte, bevor sie ins Zaubereiministerium eingedrungen waren, und
er erinnerte sich, dass er entschlossen, fast erregt gewesen war. Nun
verspürte er jäh aufflackernde Ängste, nagende Zweifel: Er wurde die
Befürchtung einfach nicht los, dass alles schiefgehen würde. Immer wieder
sagte er sich, dass sie einen guten Plan hatten, dass Griphook wusste,
womit sie es zu tun bekommen würden, dass sie auf all die
Schwierigkeiten, mit denen sie rechnen mussten, gut vorbereitet waren; und
dennoch hatte er ein ungutes Gefühl. Ein-, zweimal hörte er, wie Ron sich
bewegte, und war sicher, dass auch er wach lag, doch sie teilten sich das
Wohnzimmer mit Dean, deshalb sagte Harry nichts.
Es war eine Erleichterung, als es sechs Uhr wurde und sie aus ihren
Schlafsäcken schlüpfen, sich im Halbdunkel anziehen und dann hinaus in
den Garten schleichen konnten, wo sie sich mit Hermine und Griphook
treffen wollten. Es war ein kühler Morgen, doch es wehte nur ein leichter
Wind, nun, da es Mai war. Harry blickte hoch zu den Sternen, die am
dunklen Himmel immer noch blass leuchteten, und lauschte den Wellen,
die gegen die Klippe brandeten: Er würde dieses Geräusch vermissen.
Kleine grüne Schösslinge sprossen nun aus der roten Erde von Dobbys
Grab; in einem Jahr würde der Hügel mit Blumen bewachsen sein. Der
weiße Stein, der den Namen des Elfen trug, sah bereits verwittert aus. Jetzt
wurde Harry klar, dass sie Dobby kaum an einem schöneren Platz hätten
bestatten können, doch ihm war schmerzhaft traurig zumute bei dem
Gedanken, dass sie ihn zurückließen. Er sah auf das Grab hinab und fragte
sich noch einmal, woher der Elf gewusst hatte, wohin er kommen musste,
um sie zu retten. Wie von allein wanderten seine Finger zu dem kleinen
Beutel, der nach wie vor um seinen Hals hing und durch den er die
gezackte Spiegelscherbe ertasten konnte, in der er, davon war er überzeugt,
Dumbledores Auge gesehen hatte. Dann hörte er eine Tür aufgehen und
drehte sich um.
Bellatrix Lestrange schritt über den Rasen auf sie zu, in Begleitung von
Griphook. Im Gehen stopfte sie die kleine Perlentasche in die Innentasche
eines weiteren der alten Umhänge, die sie vom Grimmauldplatz
mitgenommen hatten. Obwohl Harry ganz genau wusste, dass es in
Wahrheit Hermine war, konnte er einen Schauder des Abscheus nicht
unterdrücken. Sie war größer als er, das lange schwarze Haar wogte ihr
über den Rücken, und ihre Augen mit den schweren Lidern blickten
verächtlich, als sie auf ihm ruhten; doch dann sprach sie und er hörte
Hermine aus Bellatrix' leiser Stimme heraus.
»Sie hat ekelhaft geschmeckt, schlimmer als Spulenwurzeln! Okay,
Ron, komm, damit ich dich herrichten kann ...«
»In Ordnung, aber vergiss nicht, ich mag den Bart nicht zu lang -«
»Oh, um Himmels willen, es geht hier nicht darum, möglichst gut
auszusehen -«
»Das ist es nicht, der ist nur andauernd im Weg! Aber dass meine Nase
ein wenig kürzer war, hat mir gefallen, versuch doch, es so wie letztes Mal
hinzukriegen.«
Seufzend machte sich Hermine an die Arbeit und veränderte leise vor
sich hin murmelnd verschiedene Merkmale von Rons Erscheinung. Er
sollte eine völlig erfundene Person werden, und sie bauten darauf, dass die
feindselige Aura, die von Bellatrix ausging, ihn schützen würde. Harry und
Griphook wollten sich unterdessen unter dem Tarnumhang verbergen.
»Bitte sehr«, sagte Hermine, »wie sieht er aus, Harry?«
Es war gerade noch möglich, Ron unter seiner Maske zu erkennen, aber
nur, dachte Harry, weil er ihn so gut kannte. Rons Haare waren jetzt lang
und gewellt, er hatte einen dichten braunen Bart mitsamt Schnurrbart, keine
Sommersprossen, eine kurze, breite Nase und buschige Augenbrauen.
»Also, mein Typ ist er nicht, aber es wird genügen«, sagte Harry.
»Gehen wir dann?«
Alle drei blickten zurück auf Shell Cottage, das dunkel und still unter
den verblassenden Sternen lag, dann wandten sie sich um und gingen auf
die Stelle direkt hinter der Grenzmauer zu, wo der Fidelius-Zauber nicht
mehr wirksam war und sie disapparieren konnten. Sobald sie draußen vor
dem Tor waren, ergriff Griphook das Wort.
»Ich sollte jetzt aufsteigen, Harry Potter, nicht wahr?«
Harry bückte sich, der Kobold kletterte auf seinen Rücken und
verschränkte seine Hände vor Harrys Kehle. Er war nicht schwer, doch
Harry mochte das Gefühl des Kobolds auf seinem Rücken nicht, der sich
überraschend kräftig an ihn klammerte. Hermine zog den Tarnumhang aus
der Perlentasche und warf ihn beiden über.
»Perfekt«, sagte sie und bückte sich nach Harrys Füßen. »Nichts zu
sehen. Gehen wir.«
Mit Griphook auf den Schultern drehte Harry sich auf der Stelle, voll
und ganz auf den Tropfenden Kessel konzentriert, den Pub, der den
Eingang zur Winkelgasse markierte. Der Kobold klammerte sich noch
fester an ihn, als sie sich in die drückende Dunkelheit hineinbewegten, und
Sekunden später landeten Harrys Füße auf dem Bürgersteig, er schlug die
Augen auf und war in der Charing Cross Road. Muggel eilten vorbei, mit
den tranigen Mienen des frühen Morgens, nichts von der Existenz des
kleinen Pubs ahnend.
Der Schankraum des Tropfenden Kessels war fast leer. Tom, der
zahnlose Wirt mit dem krummen Rücken, polierte Gläser hinter der Bar;
einige Zauberer, die sich hinten in der Ecke leise unterhielten, warfen einen
Blick auf Hermine und zogen sich in die Schatten zurück.
»Madam Lestrange«, murmelte Tom und neigte unterwürfig den Kopf,
als Hermine vorbeiging.
»Guten Morgen«, sagte Hermine, und als Harry vorbeischlich, der unter
dem Tarnumhang immer noch Griphook huckepack trug, sah er Toms
überraschte Miene.
»Zu höflich«, flüsterte Harry Hermine ins Ohr, als sie aus dem Pub
hinaus in den kleinen Hinterhof gingen. »Du musst die Leute wie
Abschaum behandeln!«
»Okay, okay! «
Hermine zog Bellatrix' Zauberstab hervor und klopfte sachte damit
gegen einen Ziegelstein an der unauffälligen Mauer vor ihnen.
Augenblicklich begannen die Steine sich zu drehen und herumzuwirbeln:
Ein Loch tat sich in der Mitte der Mauer auf, wurde immer breiter und
bildete schließlich einen Torbogen, der auf eine schmale gepflasterte Straße
hinausführte, die Winkelgasse.
Es war ruhig, noch würde es etwas dauern, bis die Läden öffneten, und
es waren kaum Käufer unterwegs. Die gewundene Pflasterstraße hatte sich
stark verändert seit damals, als Harry vor seinem ersten Jahr in Hogwarts
hier gewesen war und ein geschäftiges Treiben erlebt hatte. Noch mehr
Läden waren mit Brettern vernagelt, doch seit seinem letzten Besuch hatten
einige neue Geschäfte aufgemacht, die auf die dunklen Künste spezialisiert
waren. Harrys Gesicht starrte finster von Plakaten zu ihm herab, die über
vielen Fenstern klebten, stets mit der Überschrift versehen Unerwünschter
Nummer eins.
In den Eingängen kauerten einige zerlumpte Gestalten dicht
beieinander. Er hörte, wie sie die wenigen Passanten jammernd ansprachen,
um Gold bettelten und dabei versicherten, dass sie wirklich Zauberer seien.
Ein Mann hatte eine blutige Binde über dem Auge.
Als sie sich auf den Weg die Straße entlang machten, wurde Hermine
von den Bettlern bemerkt. Sie schienen sich bei ihrem Anblick förmlich
aufzulösen, zogen Kapuzen über ihre Gesichter und flohen, so schnell sie
konnten. Hermine sah ihnen neugierig hinterher, bis der Mann mit der
blutigen Binde ihr direkt über den Weg torkelte.
»Meine Kinder!«, schrie er und deutete auf sie. Seine schrille Stimme
überschlug sich, er klang außer sich. »Wo sind meine Kinder? Was hat er
mit ihnen gemacht? Du weißt es, du weißt es!«
»Ich – ich, woher -«, stammelte Hermine.
Der Mann stürzte sich auf sie, griff nach ihrer Kehle: Dann war ein
Knall zu hören, rotes Licht blitzte auf, und der Mann wurde rücklings zu
Boden geschleudert, wo er bewusstlos liegen blieb. Ron stand da mit
immer noch ausgestrecktem Zauberstab, und unter seinem Bart war seine
entsetzte Miene zu erkennen. Zu beiden Seiten der Straße erschienen
Gesichter an den Fenstern, während ein Grüppchen offenbar wohlhabender
Passanten ihre Umhänge rafften, die Schritte leicht beschleunigten und sich
möglichst rasch von dannen machten.
Sie hätten beim Betreten der Winkelgasse kaum stärkeres Aufsehen
erregen können; Harry überlegte kurz, ob sie nicht besser gleich wieder
verschwinden und versuchen sollten, sich einen anderen Plan auszudenken.
Doch ehe sie weitergehen oder sich beraten konnten, hörten sie hinter sich
einen Schrei:
»Aber das ist ja Madam Lestrange!«
Harry fuhr herum und Griphook klammerte sich fester an seinen Hals:
Ein großer, schlanker Zauberer mit einer buschigen grauen Haarkrone und
einer langen, spitzen Nase schritt auf sie zu.
»Das ist Travers«, zischte der Kobold Harry ins Ohr, doch Harry wollte
im Moment nicht einfallen, wer Travers war. Hermine hatte sich so groß
wie möglich gemacht und sagte mit aller Geringschätzung, die sie aufbieten
konnte: »Und was wollen Sie?«
Travers blieb abrupt stehen, offenbar vor den Kopf gestoßen.
»Er ist auch ein Todesser!«, hauchte Griphook, und Harry schlich
seitwärts, um es Hermine ins Ohr zu flüstern.
»Ich wollte Sie nur begrüßen«, sagte Travers kühl, »aber wenn meine
Gegenwart unerwünscht ist ...«
Jetzt erkannte Harry die Stimme; Travers war einer der Todesser, die zu
Xenophilius' Haus gerufen worden waren.
»Nein, nein, im Gegenteil, Travers«, sagte Hermine rasch, um ihren
Fehler zu vertuschen. »Wie geht es Ihnen?«
»Nun, ich gestehe, es überrascht mich, Sie hier unterwegs zu sehen,
Bellatrix.«
»Tatsächlich? Weshalb?«, fragte Hermine.
»Nun«, Travers hüstelte, »ich habe gehört, dass die Bewohner des
Hauses Malfoy das Haus nicht verlassen dürfen, seit der ... ähm ... Flucht.«
Harry wünschte mit aller Kraft, Hermine möge kühlen Kopf bewahren.
Wenn das stimmte und Bellatrix eigentlich nicht draußen in der
Öffentlichkeit sein sollte -
»Der Dunkle Lord vergibt denjenigen, die ihm in der Vergangenheit am
treuesten gedient haben«, sagte Hermine, indem sie Bellatrix'
herablassendste Art großartig nachahmte. »Vielleicht stehen Sie nicht ganz
so hoch in seiner Gunst wie ich, Travers.«
Der Todesser schien zwar gekränkt, doch auch weniger misstrauisch. Er
warf einen Blick hinab auf den Mann, dem Ron gerade einen Schockzauber
verpasst hatte.
»Wie hat Sie das hier beleidigt?«
»Das ist nicht von Bedeutung, es wird das nicht wieder tun«, sagte
Hermine kühl.
»Manche von diesen Zauberstablosen können lästig sein«, sagte
Travers. »Solange sie nur betteln, habe ich nichts gegen sie, aber letzte
Woche hat mich eine tatsächlich gebeten, im Ministerium ein gutes Wort
für sie einzulegen. >Ich bin eine Hexe, Sir, ich bin eine Hexe, lassen Sie es
mich beweisen!<«, imitierte er sie mit piepsender Stimme. »Als ob ich ihr
meinen Zauberstab geben würde – aber wessen Zauberstab«, fragte Travers
neugierig, »benutzen Sie denn im Augenblick, Bellatrix? Wie ich höre,
wurde der Ihre -«
»Ich habe meinen Zauberstab hier«, sagte Hermine kalt und hielt
Bellatrix' Zauberstab hoch. »Ich weiß nicht, welche Gerüchte Sie da gehört
haben, Travers, aber Sie scheinen bedauerlich schlecht informiert zu sein.«
Travers wirkte darüber ein wenig verblüfft und wandte sich jetzt Ron
zu.
»Wer ist Ihr Freund? Ich kenne ihn nicht.«
»Das ist Dragomir Despard«, sagte Hermine; sie hatten beschlossen,
dass ein erfundener Ausländer die sicherste Tarnung für Ron war. »Er
spricht nur sehr wenig Englisch, aber er sympathisiert mit den Zielen des
Dunklen Lords. Er ist aus Transsylvanien angereist, um sich unser neues
Regime anzusehen.«
»Tatsächlich? Guten Tag, Dragomir.«
»Tag«, sagte Ron und hielt ihm die Hand entgegen.
Travers streckte zwei Finger aus und schüttelte Rons Hand, als ob er
Angst hätte, sich schmutzig zu machen.
»Nun, was führt Sie und Ihren – ähm – sympathischen Freund so früh in
die Winkelgasse?«, fragte Travers.
»Ich muss zu Gringotts«, sagte Hermine.
»Ich auch, leider«, sagte Travers. »Gold, schnödes Gold! Wir können
nicht ohne es leben, doch ich bedaure zugegebenermaßen die
Notwendigkeit, mit unseren langfingrigen Freunden zu verkehren.«
Harry spürte, wie Griphooks Hände sich für einen Moment fester um
seinen Hals schlossen.
»Wollen wir?«, sagte Travers und winkte Hermine vorwärts.
Hermine blieb nichts anderes übrig, als sich ihm anzuschließen und
neben ihm die gewundene Pflasterstraße entlangzugehen, hin zu dem Platz,
wo die schneeweiße Gringotts-Bank hoch über die kleinen Geschäfte
aufragte. Ron schlenderte neben ihnen her, Harry und Griphook folgten.
Ein wachsamer Todesser war das Allerletzte, was sie brauchen konnten,
und das Schlimmste daran war, dass Harry, solange Travers neben der
vermeintlichen Bellatrix ging, keine Möglichkeit hatte, mit Hermine oder
Ron in Verbindung zu treten. Allzu schnell gelangten sie zum Fuß der
Marmortreppe, die zu dem großen Bronzetor hinaufführte. Wie Griphook
sie schon vorgewarnt hatte, waren die uniformierten Kobolde, die sonst den
Eingang flankierten, durch zwei Zauberer ersetzt worden, die beide lange,
dünne goldene Stäbe in den Händen hielten.
»Ah, Seriositätssonden«, seufzte Travers theatralisch, »so primitiv –
aber wirkungsvoll! «
Er ging nun die Treppe hinauf und nickte links und rechts den
Zauberern zu, die ihre goldenen Stäbe hoben und sie an seinem Körper
entlangführten. Die Sonden, das wusste Harry, spürten Verbergungszauber
und versteckte magische Gegenstände auf. Sich dessen bewusst, dass er nur
Sekunden hatte, richtete Harry Dracos Zauberstab nacheinander auf die
beiden Wächter und murmelte jedes Mal: »Confundo.« Ohne dass Travers
etwas bemerkte, der durch die Bronzetüren in die Halle hineinblickte,
zuckten die beiden Wachen ein wenig zusammen, als sie von den Zaubern
getroffen wurden.
Hermines langes schwarzes Haar wallte hinter ihr her, als sie die Treppe
hochstieg.
»Einen Moment, Madam«, sagte der Wächter und hob seine Sonde.
»Aber das haben Sie doch eben schon getan!«, sagte Hermine in
Bellatrix' gebieterischem, arrogantem Tonfall. Travers wandte sich mit
hochgezogenen Brauen um. Der Wächter war verwirrt. Er sah hinab auf die
dünne goldene Sonde und dann zu seinem Gefährten, der mit leicht träger
Stimme sagte: »Jaah, du hast die beiden gerade überprüft, Marius.«
Hermine schritt vorwärts, Ron an ihrer Seite, während Harry mit
Griphook unsichtbar hinterhertrottete. Harry warf einen Blick zurück, als
sie über die Schwelle traten: Beide Zauberer kratzten sich am Kopf.
Zwei Kobolde waren vor der inneren, silbernen Doppeltür postiert, auf
der das Gedicht stand, das mögliche Diebe vor schrecklicher Strafe warnte.
Harry schaute zu ihm auf und plötzlich kam ihm glasklar eine Erinnerung:
Genau an dieser Stelle hatte er gestanden, an dem Tag als er elf geworden
war, dem wunderbarsten Geburtstag seines Lebens, und Hagrid war an
seiner Seite gewesen und hatte gesagt: »Wie ich gesagt hab, du musst
verrückt sein, wenn du den Laden knacken willst.« Gringotts war ihm an
diesem Tag wie etwas Wunderbares vorgekommen, der verzauberte Ort,
der einen Goldschatz verwahrte, von dem er nicht gewusst hatte, dass er ihn
besaß, und nicht im Traum hätte er auch nur für einen Moment gedacht,
dass er zurückkommen würde, um zu stehlen ... Doch wenige Sekunden
später standen sie in der riesigen Marmorhalle der Bank.
Der lange Schalter war mit Kobolden auf hohen Schemeln besetzt, die
die ersten Kunden des Tages bedienten. Hermine, Ron und Travers
steuerten auf einen alten Kobold zu, der mit einer Uhrmacherlupe eine
dicke Goldmünze untersuchte. Hermine ließ Travers den Vortritt unter dem
Vorwand, dass sie Ron Besonderheiten der Halle erläutern wolle.
Der Kobold warf die Münze, die er in der Hand hielt, beiseite, sagte zu
niemand Bestimmtem: »Leprechan«, und begrüßte dann Travers, der ihm
einen winzigen goldenen Schlüssel überreichte, den er in Augenschein
nahm und wieder zurückgab.
Hermine trat vor.
»Madam Lestrange!«, sagte der Kobold, offenbar verblüfft. »Meine
Güte! Was – was kann ich heute für Sie tun?«
»Ich wünsche mein Verlies aufzusuchen«, sagte Hermine.
Der alte Kobold schien ein wenig zurückzuschrecken. Harry sah sich
um. Nicht nur Travers lauerte wachsam im Hintergrund, auch einige der
anderen Kobolde hatten von ihrer Arbeit aufgeblickt und starrten Hermine
an.
»Können Sie sich ... ausweisen?«, fragte der Kobold.
»Ausweisen? Man – man hat noch nie von mir verlangt, dass ich mich
ausweisen soll!«, sagte Hermine.
»Sie wissen Bescheid!«, flüsterte Griphook in Harrys Ohr. »Sie müssen
gewarnt worden sein, dass eine Doppelgängerin auftauchen könnte!«
»Ihr Zauberstab wird genügen, Madam«, sagte der Kobold. Er streckte
seine etwas zitternde Hand aus, und wie ein furchtbarer Schlag traf Harry
die Erkenntnis, dass die Kobolde von Gringotts wussten, dass Bellatrix'
Zauberstab gestohlen worden war.
»Sofort handeln, sofort handeln«, flüsterte Griphook Harry ins Ohr,
»der Imperius-Fluch!«
Harry hob unter seinem Umhang den Weißdorn-Zauberstab, richtete ihn
auf den alten Kobold und flüsterte zum ersten Mal in seinem Leben:
»Imperio!«
Ein seltsames Gefühl schoss durch Harrys Arm, eine prickelnde Wärme,
die von seinem Kopf auszugehen schien, durch die Sehnen und Adern
hinabströmte und ihn mit dem Zauberstab und dem Fluch verband, den er
gerade ausgeführt hatte. Der Kobold nahm Bellatrix' Zauberstab entgegen,
prüfte ihn genau und sagte dann: »Ah, Sie haben sich einen neuen
Zauberstab machen lassen, Madam Lestrange!«
»Wie bitte?«, sagte Hermine. »Nein, nein, das ist meiner -«
»Einen neuen Zauberstab?«, fragte Travers und näherte sich wieder dem
Schalter; die Kobolde rundum sahen immer noch zu. »Aber wie haben Sie
das geschafft, welchen Zauberstabmacher haben Sie beauftragt?«
Harry handelte, ohne nachzudenken: Er richtete seinen Zauberstab auf
Travers und murmelte noch einmal: »Imperio!«
»Oh, ja, ich verstehe«, sagte Travers, während er auf Bellatrix'
Zauberstab hinabschaute, »ja, sehr hübsch. Und funktioniert er gut? Ich war
schon immer der Meinung, dass man Zauberstäbe ein wenig einzaubern
muss, nicht wahr?«
Hermine sah völlig konfus aus, doch zu Harrys gewaltiger Erleichterung
nahm sie die seltsame Wendung des Geschehens kommentarlos hin.
Der alte Kobold hinter dem Schalter klatschte in die Hände und ein
jüngerer Kobold kam herbei.
»Ich brauche die Klirrer«, sagte er zu dem Kobold, der davoneilte und
einen Moment später mit einer Ledertasche zurückkehrte, die offenbar voll
klimpernder Metallteile war und die er seinem Vorgesetzten übergab.
»Schön, schön! Nun, wenn Sie mir bitte folgen würden, Madam
Lestrange«, sagte der alte Kobold, hüpfte von seinem Schemel herunter und
war nicht mehr zu sehen. »Ich werde Sie zu Ihrem Verlies bringen. «
Er tauchte am Ende des Schalters wieder auf und trottete munter auf sie
zu, wobei es im Innern der Ledertasche weiter klimperte. Travers stand
inzwischen vollkommen reglos da und sein Mund blieb ihm weit offen
stehen. Ron lenkte die Aufmerksamkeit auf dieses merkwürdige Bild,
indem er Travers verwirrt ansah.
»Einen Moment, Bogrod!«
Ein weiterer Kobold kam um den Schalter herumgetrippelt.
»Wir haben Anweisungen«, sagte er mit einer Verneigung in Hermines
Richtung. »Verzeihen Sie mir, Madam Lestrange, aber wir haben spezielle
Befehle bekommen, was das Verlies der Lestranges angeht.«
Er flüsterte eindringlich in Bogrods Ohr, doch der Kobold unter dem
Imperius-Fluch schüttelte ihn ab.
»Die Anweisungen sind mir bekannt. Madam Lestrange wünscht ihr
Verlies aufzusuchen ... sehr alte Familie ... alte Kunden ... hier lang, bitte
...«
Und unter stetem Geklirre hastete er auf eine der vielen Türen zu, die
aus der Halle hinausführten. Harry blickte zu Travers zurück, der immer
noch wie angewurzelt dastand und einen ungewöhnlich teilnahmslosen
Eindruck machte, dann traf er seine Entscheidung: Mit einem Schlenker
seines Zauberstabs brachte er Travers dazu, mitzukommen, der ihnen nun
lammfromm bis zur Tür folgte und weiter in den groben steinernen Gang
dahinter, den lodernde Fackeln erleuchteten.
»Wir kriegen Ärger, sie haben Verdacht geschöpft«, sagte Harry, als die
Tür hinter ihnen zuschlug und er den Tarnumhang herunterzog. Griphook
sprang von seinen Schultern; weder Travers noch Bogrod schienen auch
nur im Geringsten überrascht darüber, dass plötzlich Harry Potter in ihrer
Mitte auftauchte. »Die stehen unter dem Imperius«, antwortete er auf
Hermines und Rons verwirrte Fragen nach Travers und Bogrod, die beide
dastanden und mit leerem Blick vor sich hin stierten. »Ich glaub nicht, dass
ich ihn stark genug gemacht habe, ich weiß nicht ...«
Und wieder jagte ihm eine Erinnerung durch den Kopf, an die echte
Bellatrix Lestrange, die ihn angeschrien hatte, als er zum ersten Mal einen
Unverzeihlichen Fluch ausprobiert hatte: »Du musst ihn auch wirklich so
meinen, Potter!«
»Was machen wir jetzt?«, fragte Ron. »Sollten wir nicht gleich
verschwinden, solange wir noch können?«
»Falls wir noch können«, sagte Hermine und blickte zurück auf die Tür
zur Haupthalle, hinter der wer weiß was vor sich ging.
»Wir haben es bis hierher geschafft, ich denke, jetzt machen wir auch
weiter«, erwiderte Harry.
»Gut!«, sagte Griphook. »Dann brauchen wir auf jeden Fall Bogrod, um
den Karren zu fahren; ich habe nicht mehr die Befugnis. Aber für den
Zauberer wird kein Platz sein.«
Harry richtete seinen Zauberstab auf Travers.
»Imperio!«
Der Zauberer drehte sich um und ging mit forschen Schritten den
dunklen Schienenstrang entlang.
»Was lässt du ihn machen?«
»Er soll sich verstecken«, sagte Harry und richtete seinen Zauberstab
auf Bogrod, der pfiff und damit einen kleinen Karren herbeirief, der auf den
Schienen aus der Dunkelheit auf sie zugerollt kam. Harry war überzeugt
davon, dass hinter ihnen in der Haupthalle Rufe zu hören waren, während
sie alle hineinkletterten, Bogrod mit Griphook vorne, Harry, Ron und
Hermine dicht gedrängt dahinter.
Mit einem Ruck fuhr der Karren los und gewann an Geschwindigkeit:
Sie wirbelten an Travers vorbei, der sich in eine Felsspalte drückte, dann
begann der Karren durch die labyrinthischen Gänge zu schlingern und zu
kurven, die unaufhörlich in die Tiefe führten. Harry war betäubt von dem
Geratter des Karrens auf den Schienen: Sein Haar flatterte im Fahrtwind,
während sie zwischen Stalaktiten hindurchkurvten und immer tiefer in die
Erde rauschten, doch er schaute ständig zurück. Sie hätten genauso gut
gewaltige Fußabdrücke hinterlassen können; je länger er darüber
nachdachte, desto törichter erschien es ihm, dass Hermine als Bellatrix
verkleidet war, dass sie Bellatrix' Zauberstab mitgebracht hatten, wo die
Todesser doch wussten, wer ihn gestohlen hatte -
Sie waren jetzt tiefer in Gringotts, als Harry jemals vorgedrungen war;
in flottem Tempo nahmen sie eine Haarnadelkurve und sahen vor sich, nur
Sekunden entfernt, einen Wasserfall, der auf die Schienen herabdonnerte.
Harry hörte Griphook »Nein!« schreien, aber bremsen war nicht möglich:
Sie sausten mitten hindurch. Wasser drang in Harrys Augen und Mund: Er
konnte nichts sehen und bekam keine Luft mehr. Dann kippte der Karren
mit einem fürchterlichen Ruck und sie wurden alle hinausgeschleudert.
Harry hörte, wie der Karren an der Felswand zerschmetterte, hörte Hermine
etwas schreien und spürte, wie er selbst nach unten schwebte, als ob er
schwerelos wäre, und ohne sich wehzutun auf dem Boden des steinernen
Ganges landete.
»P-Polsterungszauber«, prustete Hermine, als Ron sie auf die Füße zog.
Doch zu seinem Entsetzen sah Harry, dass sie nicht mehr Bellatrix war;
stattdessen stand sie in einem viel zu großen Umhang da, tropfnass und
völlig sie selbst; Ron war wieder rothaarig und hatte keinen Bart mehr. Als
sie einander ansahen und die eigenen Gesichter abtasteten, wurde es ihnen
bewusst.
»Der Diebesfall!«, sagte Griphook, rappelte sich auf und blickte zurück
auf die Flut, die sich über die Schienen ergoss und mehr als Wasser war,
wie Harry jetzt wusste. »Er spült alle Zauber, alle magischen Maskeraden
weg! Die wissen, dass Betrüger in Gringotts sind, sie haben
Verteidigungsmaßnahmen gegen uns eingeleitet!«
Harry sah, wie Hermine sich vergewisserte, dass sie die Perlentasche
noch hatte, und fuhr hastig mit der Hand unter seine Jacke, um
sicherzugehen, dass er den Tarnumhang nicht verloren hatte. Dann wandte
er sich Bogrod zu, der konfus den Kopf schüttelte: Der Diebesfall schien
den Imperius-Fluch aufgehoben zu haben.
»Wir brauchen ihn«, sagte Griphook, »ohne einen Kobold von Gringotts
können wir nicht in das Verlies hineinkommen. Und wir brauchen die
Klirrer!«
»Imperio!«, sagte Harry erneut; seine Stimme hallte durch den
steinernen Gang, und er empfand wieder das berauschende Gefühl der
Macht, das von seinem Gehirn zum Zauberstab strömte. Bogrod fügte sich
noch einmal seinem Willen, und seine verwirrte Miene wurde wieder eine
höflich gleichgültige, während Ron eilends die Ledertasche mit den
metallenen Geräten aufhob.
»Harry, ich glaube, ich höre Leute kommen!«, sagte Hermine, und sie
richtete Bellatrix' Zauberstab auf den Wasserfall und schrie: »Protego!« Sie
sahen, wie der Schildzauber durch die Flut des verzauberten Wassers brach,
als er den Gang hinaufflog.
»Gut gemacht«, sagte Harry, »gehen Sie voran, Griphook!«
»Wie sollen wir da wieder rauskommen?«, fragte Ron, während sie dem
Kobold zu Fuß in die Dunkelheit nacheilten, wobei Bogrod hinter ihnen
herkeuchte wie ein alter Hund.
»Darüber machen wir uns Sorgen, wenn es so weit ist«, sagte Harry. Er
spitzte die Ohren: Er meinte, in der Nähe etwas rasseln zu hören und dass
sich etwas bewegte. »Wie weit noch, Griphook?«
»Nicht mehr weit, Harry Potter, nicht mehr weit ...«
Dann bogen sie um eine Ecke und sahen das, worauf Harry gefasst war
und das sie dennoch alle erstarren ließ.
Ein gigantischer Drache war vor ihnen an den Boden gekettet und
versperrte den Zugang zu vier oder fünf der tiefsten Verliese von Gringotts.
Die Schuppen des Untiers waren während der langen Gefangenschaft unter
der Erde blass und rissig geworden; seine Augen waren milchig rosa. Beide
Hinterbeine trugen schwere Schellen, von denen Ketten zu riesigen
Pflöcken führten, die tief in den Felsboden getrieben waren. Seine großen
stacheligen Flügel, die eng an den Körper gefaltet waren, hätten den ganzen
Raum eingenommen, wenn er sie ausgebreitet hätte, und als er ihnen seinen
hässlichen Kopf zuwandte, brüllte er, dass der Lärm das Gestein erzittern
ließ, öffnete das Maul und spie einen Feuerstrahl, der sie in den Gang
zurückjagte.
»Er ist halb blind«, keuchte Griphook, »und deshalb umso wütender.
Aber wir haben die Mittel, ihn zu bändigen. Er hat gelernt, was er zu
erwarten hat, wenn die Klirrer kommen. Geben Sie sie mir.«
Ron reichte Griphook die Tasche, und der Kobold zog eine Reihe
kleiner metallener Instrumente hervor, die, wenn man sie schüttelte, ein
lautes, klirrendes Geräusch wie von winzigen Hämmern auf Ambossen
verursachten. Griphook teilte sie aus: Bogrod nahm seines unterwürfig
entgegen.
»Sie wissen, was Sie zu tun haben«, sagte Griphook zu Harry, Ron und
Hermine. »Er wird Schmerzen erwarten, wenn er das Geräusch hört: Er
wird zurückweichen und Bogrod muss seine Handfläche auf die Tür des
Verlieses legen.«
Sie kamen wieder hinter der Ecke hervor und schüttelten die Klirrer,
deren Lärm von den Felswänden widerhallte und mächtig verstärkt wurde,
so dass es in Harrys Schädel von dem Getöse zu vibrieren schien. Der
Drache stieß erneut ein heiseres Brüllen aus, dann wich er zurück. Harry
konnte sehen, dass er bebte, und als sie näher kamen, sah er die Narben, die
furchtbare Hiebe auf seinem Gesicht hinterlassen hatten, und er vermutete,
dass man dem Drachen beigebracht hatte, grausame Schwerter zu fürchten,
wenn er den Klang der Klirrer vernahm.
»Lassen Sie ihn mit der Hand auf die Tür drücken!«, drängte Griphook
Harry, der seinen Zauberstab abermals auf Bogrod richtete. Der alte
Kobold gehorchte, drückte seine Handfläche auf das Holz, und die Tür des
Verlieses löste sich auf und gab eine höhlenartige Kammer frei, die vom
Boden bis zur Decke vollgestopft war mit Goldmünzen und Kelchen,
silbernen Rüstungen, Häuten fremdartiger Lebewesen, manche mit langen
Stacheln, andere mit schlaff herabhängenden Flügeln, mit Zaubertränken in
juwelenbesetzten Flaschen und einem Totenschädel, auf dem immer noch
eine Krone saß.
»Sucht, rasch!«, sagte Harry, während sie alle in das Verlies stürmten.
Er hatte Ron und Hermine Hufflepuffs Becher beschrieben, aber sollte
es der andere, unbekannte Horkrux sein, der in diesem Verlies aufbewahrt
war, dann wusste er nicht, wie er aussah. Er hatte jedoch kaum Zeit, sich
umzuschauen, als hinter ihnen ein gedämpftes Scheppern zu hören war: Die
Tür war wieder erschienen, hatte sie im Innern des Verlieses
eingeschlossen, und sie waren in völlige Dunkelheit getaucht.
»Macht nichts, Bogrod kann uns dann rauslassen!«, sagte Griphook, als
Ron einen überraschten Schrei ausstieß. »Entzünden Sie doch Ihre
Zauberstäbe! Und Beeilung, wir haben sehr wenig Zeit!«
»Lumos!«
Harry leuchtete mit seinem entflammten Zauberstab im Verlies umher:
Der Lichtstrahl fiel auf glitzernde Juwelen, auf einem hohen Regal sah er
das falsche Schwert von Gryffindor in einem Wirrwarr von Ketten liegen.
Auch Ron und Hermine hatten ihre Zauberstäbe entzündet und betrachteten
die Berge von Gegenständen um sie herum.
»Harry, könnte das -? Aaarh!«
Hermine schrie vor Schmerz, und als Harry den Zauberstab auf sie
richtete, sah er gerade noch, wie ein juwelenbesetzter Kelch aus ihrer Hand
fiel: Doch als er aufprallte, spaltete er sich auf, und ein ganzer Schauer von
Kelchen entstand daraus, so dass einen Augenblick später der komplette
Fußboden voll von gleichartigen Kelchen war, die unter lautem Geschepper
in alle Richtungen davonkullerten, und das Original darunter war nicht
mehr auszumachen.
»Ich hab mich daran verbrannt!«, stöhnte Hermine und lutschte an ihren
Fingern voller Blasen.
»Die haben zusätzlich noch Gemino- und Flagrante-Flüche eingesetzt!«,
sagte Griphook. »Alles, was Sie berühren, wird heiß und vervielfältigt sich,
aber die Kopien sind wertlos – und wenn Sie den Schatz weiterhin
anfassen, erdrückt Sie am Ende die Last des Goldes, das immer mehr
wird!«
»Okay, dann fasst nichts an!«, sagte Harry verzweifelt, doch im selben
Augenblick stieß Ron versehentlich mit dem Fuß gegen einen der zu Boden
gefallenen Kelche, und explosionsartig entstanden zwanzig neue, während
Ron auf der Stelle hüpfte, weil ein Teil seines Schuhs bei der Berührung
mit dem heißen Metall weggebrannt war.
»Still stehen, nicht bewegen!«, sagte Hermine und hielt Ron fest.
»Seht euch einfach nur um!«, sagte Harry. »Denkt dran, der Becher ist
klein und golden, ein Dachs ist darauf eingraviert, und er hat zwei Henkel –
ansonsten passt auf, ob ihr irgendwo das Symbol von Ravenclaw entdecken
könnt, den Adler -«
Sich vorsichtig auf der Stelle drehend, richteten sie ihre Zauberstäbe in
jeden Winkel und Hohlraum. Es war unmöglich, nicht irgendetwas zu
streifen; Harry ließ einen riesigen Schwall falscher Galleonen zu Boden
stürzen, wo sie zwischen den Kelchen liegen blieben, und nun war kaum
noch Platz, um aufzutreten, während das schimmernde Gold vor Hitze
glühte, so dass das Verlies zu einer Art Backofen wurde. Das Licht von
Harrys Zauberstab glitt über Schilde und koboldgearbeitete Helme, die auf
Regalen bis hoch zur Decke lagen. Er ließ den Lichtstrahl höher und höher
klettern, bis er plötzlich auf einen Gegenstand stieß, der sein Herz hüpfen
und seine Hand erzittern ließ.
»Da ist er, da oben ist er!«
Ron und Hermine richteten ihre Zauberstäbe nun auch dorthin, so dass
der kleine goldene Becher aus drei Richtungen angestrahlt funkelte: Es war
der Becher, der Helga Hufflepuff gehört hatte und in den Besitz von
Hepzibah Smith übergegangen war, von der Tom Riddle ihn gestohlen
hatte.
»Und wie zum Teufel sollen wir da hochkommen, ohne irgendwas zu
berühren?«, fragte Ron.
»Accio Becher!«, rief Hermine, die in ihrer Verzweiflung offenbar
vergessen hatte, was Griphook ihnen während ihrer Planungstreffen erzählt
hatte.
»Zwecklos, zwecklos!«, knurrte der Kobold.
»Und was machen wir dann?«, sagte Harry und sah den Kobold wütend
an. »Wenn Sie das Schwert wollen, Griphook, dann brauchen wir mehr
Hilfe von Ihnen als – wartet! Kann ich die Sachen mit dem Schwert
berühren? Hermine, gib es mir!«
Hermine wühlte in ihrem Umhang herum, zog die Perlentasche hervor,
kramte ein paar Sekunden und holte dann das glänzende Schwert heraus.
Harry packte es an seinem rubinbesetzten Griff und berührte mit der Spitze
der Klinge einen silbernen Krug in der Nähe, der sich nicht vervielfältigte.
»Wenn ich das Schwert durch einen Henkel stechen könnte – aber wie
soll ich da hochkommen?«
Das Regal, auf dem der Becher stand, war für keinen von ihnen in
Reichweite, selbst für Ron nicht, der der Längste war. Von den
verzauberten Schätzen stiegen Hitzewellen auf, und Harry rann der
Schweiß über Gesicht und Rücken, während er sich den Kopf zerbrach, wie
er zu dem Becher hinaufgelangen könnte; und dann hörte er den Drachen
vor der Verliestür brüllen und ein immer lauter werdendes Klirren.
Jetzt saßen sie wirklich in der Falle: Es gab keinen Weg nach draußen,
außer durch die Tür, und eine Horde Kobolde schien sich auf der anderen
Seite zu nähern. Harry blickte zu Ron und Hermine und sah panische Angst
in ihren Gesichtern.
»Hermine«, sagte Harry, als das Klirren noch lauter wurde, »ich muss
da hoch, wir müssen das Ding erledigen – «
Sie hob ihren Zauberstab, richtete ihn auf Harry und flüsterte:
»Levicorpus.«
Am Fußgelenk in die Luft gerissen, prallte Harry gegen eine Rüstung,
und Kopien brachen aus ihr hervor wie weiß glühende Körper und füllten
den engen Raum. Ron, Hermine und die beiden Kobolde brüllten vor
Schmerz, als sie zur Seite gestoßen wurden und gegen andere Gegenstände
fielen, die sich ebenfalls zu vervielfältigen begannen. Halb begraben unter
einer steigenden Flut glühend heißer Kostbarkeiten, schlugen sie schreiend
um sich, während Harry das Schwert durch den Henkel von Hufflepuffs
Becher stieß, so dass er an der Klinge baumelte.
»Impervius!«, kreischte Hermine in einem Versuch, sich selbst, Ron und
die Kobolde vor dem brennenden Metall zu schützen.
Dann ertönte der bisher schlimmste Schrei und Harry blickte nach
unten: Ron und Hermine steckten bis zur Taille in den Schätzen und
bemühten sich, Bogrod zu helfen, der in der steigenden Flut unterzugehen
drohte, aber Griphook war versunken, und nur noch die Spitzen einiger
langer Finger waren zu sehen.
Harry packte Griphooks Finger und zog. Der mit Blasen übersäte
Kobold tauchte brüllend nach und nach auf.
»Liberacorpus!«, schrie Harry, und mit einem Krachen landeten er und
Griphook oben auf dem anschwellenden Berg von Schätzen, und das
Schwert flog Harry aus der Hand.
»Halt es fest!«, rief Harry und kämpfte gegen den Schmerz von heißem
Metall auf seiner Haut, als Griphook wieder auf seine Schultern kletterte,
entschlossen, der wachsenden Masse glühend heißer Gegenstände zu
entkommen. »Wo ist das Schwert? Da war der Becher dran!«
Das Klirren auf der anderen Seite der Tür wurde ohrenbetäubend – es
war zu spät -
»Da!«
Es war Griphook, der es gesehen hatte, und Griphook, der sich streckte,
und in diesem Moment wusste Harry, dass der Kobold nie damit gerechnet
hatte, dass sie ihr Wort halten würden. Griphook klammerte sich mit einer
Hand an ein ganzes Büschel von Harrys Haaren, um nicht in das wogende
Meer aus brennendem Gold zu stürzen, dann packte er den Griff des
Schwertes und schwang es so hoch, dass Harry es nicht erreichen konnte.
Der kleine goldene Becher, der am Henkel auf der Schwertklinge
aufgespießt war, wurde in die Luft geschleudert. Harry, auf dem immer
noch rittlings der Kobold saß, machte einen Hechtsprung und fing den
Becher auf, und obwohl er spüren konnte, wie er ihm die Haut versengte,
ließ er ihn nicht los, selbst als unzählige Hufflepuff-Becher aus seiner Faust
hervorbrachen und auf ihn herunterprasselten, während sich das Verlies
wieder öffnete und er plötzlich merkte, wie er ohne Halt auf einer sich
ausbreitenden Lawine von glühendem Gold und Silber dahinglitt, die ihn,
Ron und Hermine in die Kammer draußen trug.
Harry, der den Schmerz der Verbrennungen überall auf seinem Körper
kaum wahrnahm und immer noch von der Flut der sich vervielfältigenden
Kostbarkeiten weitergetragen wurde, stopfte den Becher in seine Tasche
und streckte die Hand in die Höhe, um sich das Schwert zurückzuholen,
doch Griphook war fort. Er war bei der erstbesten Gelegenheit von Harrys
Schultern geglitten und losgerannt, um unter den Kobolden ringsum Schutz
zu suchen, wo er nun das Schwert schwang und schrie: »Diebe! Diebe!
Hilfe! Diebe!« Er verschwand in der vorrückenden Meute der Kobolde, die
alle Dolche in den Händen hielten und ihn, ohne nachzufragen, als einen
der Ihren aufnahmen.
Harry, der auf dem heißen Metall ausgerutscht war, kämpfte sich hoch
und wusste, dass der einzige Weg nach draußen geradewegs durch die
Kobolde führte.
»Stupor!«, brüllte er, und Ron und Hermine schlossen sich ihm an: Rote
Lichtstrahlen flogen in die Meute der Kobolde, und manche kippten um,
doch andere rückten weiter vor, und Harry sah, wie mehrere Zauberer-
Wächter um die Ecke gerannt kamen.
Der festgebundene Drache brüllte auf und eine Flammengarbe jagte
über die Kobolde hinweg: Die Zauberer flohen zusammengekrümmt den
Weg zurück, auf dem sie gekommen waren, und Harry hatte eine großartige
– oder wahnwitzige – Idee. Er zielte mit dem Zauberstab auf die schweren
Schellen, mit denen das Ungeheuer an den Boden gekettet war, und rief:
»Relaschio!«
Die Schellen brachen mit lautem Krachen entzwei.
»Hier lang!«, rief Harry, und während er den vorrückenden Kobolden
immer noch Schockzauber entgegenschoss, stürzte er auf den blinden
Drachen zu.
»Harry – Harry – was machst du da?«, rief Hermine.
»Los, hoch, steigt auf, kommt schon -«
Der Drache hatte nicht begriffen, dass er frei war: Harry ertastete mit
dem Fuß die Kniekehle seines Hinterbeins und zog sich hoch auf seinen
Rücken. Die Schuppen waren hart wie Stahl: Der Drache schien ihn nicht
einmal zu spüren. Harry streckte einen Arm aus; Hermine hievte sich hoch;
Ron kletterte hinter ihnen hinauf, und eine Sekunde später bemerkte der
Drache, dass seine Ketten gelöst waren.
Mit einem Brüllen bäumte er sich auf: Harry grub seine Knie tief ein
und klammerte sich mit aller Kraft an die gezackten Schuppen, als sich die
Flügel ausbreiteten, die die kreischenden Kobolde wie Kegel
beiseitestießen, und der Drache in die Luft aufstieg. Harry, Ron und
Hermine, die sich flach auf seinen Rücken drückten, schürften an der
Decke entlang, als er zur Öffnung des Ganges hinabtauchte, während die
ihnen nachjagenden Kobolde Dolche schleuderten, die von seinen Flanken
abprallten.
»Wir kommen da nie raus, der ist zu groß!«, schrie Hermine, doch der
Drache öffnete sein Maul und spie erneut Flammen, die den Tunnel
sprengten, Boden und Decke aufreißen und bröckeln ließen. Mit schierer
Kraft, kratzend und um sich schlagend, kämpfte sich der Drache weiter.
Harry hatte die Augen fest zugedrückt gegen die Hitze und den Staub:
Betäubt von den herabstürzenden Felsbrocken und dem Brüllen des
Drachen, blieb ihm nichts, als sich an dessen Rücken zu klammern und sich
darauf gefasst zu machen, jeden Moment abgeschüttelt zu werden; dann
hörte er Hermine schreien: »Defodio!«
Sie half, den Gang zu vergrößern, und meißelte die Decke aus, während
der Drache sich weiter nach oben quälte, zur frischeren Luft hin, weg von
den kreischenden und klirrenden Kobolden: Harry und Ron folgten
Hermines Beispiel und sprengten die Decke mit weiteren aushöhlenden
Zaubern weg. Sie kamen an dem unterirdischen See vorbei, und das große,
kriechende, fauchende Untier schien nun zu spüren, dass die Freiheit und
mehr Raum vor ihm lagen, und der Tunnel hinter ihnen war voll von dem
peitschenden stacheligen Schwanz, von großen Gesteinsbrocken,
gigantischen zerschmetterten Stalaktiten, und das Klirren der Kobolde
wirkte allmählich dumpfer, während das Feuer des Drachen ihnen vorne
den Weg bahnte -
Und dann schließlich, mit der vereinten Kraft ihrer Zauber und der
rohen Gewalt des Drachen, hatten sie sich den Durchgang hinaus in die
Marmorhalle frei gesprengt. Kobolde und Zauberer kreischten und rannten
in Deckung, und endlich hatte der Drache Platz, seine Flügel
auszustrecken: Er wandte seinen gehörnten Kopf der kühlen Luft zu, die er
draußen vor dem Eingang wittern konnte, und machte sich auf, und
während Harry, Ron und Hermine sich immer noch an seinen Rücken
klammerten, brach er durch die metallenen Tore und ließ sie verbogen und
aus den Angeln hängend hinter sich, als er in die Winkelgasse
hinauswankte und sich hoch in den Himmel stürzte.
Das letzte Versteck
Es gab keine Möglichkeit, zu lenken; der Drache konnte nicht sehen,
wohin er flog, und Harry wusste, wenn er scharf in die Kurve gehen oder
sich mitten in der Luft überschlagen würde, dann würden sie sich unter
keinen Umständen weiter an seinen breiten Rücken klammern können.
Dennoch, während sie immer höher stiegen und London sich unter ihnen
ausbreitete wie eine graugrüne Landkarte, empfand Harry vor allem
Dankbarkeit für eine Flucht, die undenkbar erschienen war. Er schmiegte
sich eng an den Hals des Ungeheuers und klammerte sich an den
metallischen Schuppen fest, während der kühle Wind seiner verbrannten
und von Blasen übersäten Haut wohltat und die Flügel des Drachen durch
die Luft schlugen wie die einer Windmühle. Hinter ihm fluchte Ron
ununterbrochen aus Leibeskräften, Harry wusste nicht, ob aus Freude oder
aus Angst, und Hermine schluchzte offenbar.
Nach etwa fünf Minuten ließ Harrys unmittelbare Befürchtung etwas
nach, dass der Drache sie abwerfen könnte, denn er schien nichts anderes
im Sinn zu haben, als sein unterirdisches Gefängnis so weit wie möglich
hinter sich zu lassen, doch die Frage, wie und wann sie würden absteigen
können, blieb ziemlich beängstigend. Er hatte keine Ahnung, wie lange
Drachen sich in der Luft halten konnten, noch, wie gerade dieser Drache,
der kaum etwas sehen konnte, einen guten Landeplatz ausfindig machen
sollte. Harry blickte fortwährend umher und meinte, seine Narbe kribbeln
zu spüren ...
Wie lange würde es dauern, bis Voldemort erfuhr, dass sie in das
Verlies der Lestranges eingebrochen waren? Wie schnell würden die
Kobolde von Gringotts Bellatrix benachrichtigen? Wie rasch würden sie
erkennen, was gestohlen worden war? Und was würde geschehen, wenn sie
entdeckt hatten, dass der goldene Becher fehlte? Dann würde Voldemort
endlich wissen, dass sie Horkruxe jagten ...
Der Drache schien sich nach kühlerer und frischerer Luft zu sehnen:
Beharrlich stieg er weiter in die Höhe, bis sie durch eisige Wolkenfetzen
flogen und Harry die kleinen bunten Punkte nicht mehr ausmachen konnte,
die Autos waren und in die Hauptstadt hinein- und wieder hinausströmten.
Immer weiter flogen sie, über Land, das in grüne und braune Flecken
aufgeteilt war, über Straßen und Flüsse, die sich durch die Landschaft
wanden wie Streifen von mattem und glänzendem Geschenkband.
»Was glaubt ihr, wonach er sucht?«, schrie Ron, während sie unentwegt
in nördliche Richtung flogen.
»Keine Ahnung«, brüllte Harry zurück. Seine Hände waren taub vor
Kälte, doch er wagte es nicht, den Griff zu wechseln. Schon seit einer
ganzen Weile überlegte er, was sie tun würden, wenn sie sehen würden,
dass die Küste unter ihnen dahinglitt, wenn der Drache aufs offene Meer
zusteuerte. Ihm war kalt, und er fühlte sich starr, ganz abgesehen davon,
dass er furchtbaren Hunger und Durst hatte. Wann, fragte er sich, hatte das
Untier selbst zum letzten Mal etwas gefressen? Es würde doch sicher bald
etwas Nahrung brauchen? Und was wäre, wenn ihm dann klar wurde, dass
es drei durchaus essbare Menschen auf dem Rücken hatte?
Die Sonne sank tiefer und der Himmel färbte sich indigoblau; und noch
immer flog der Drache, Städte und Dörfer zogen unter ihnen vorbei und
verschwanden, sein gewaltiger Schatten glitt über die Erde wie eine große
dunkle Wolke. Harrys ganzer Körper schmerzte von der Anstrengung, sich
auf dem Rücken des Drachen zu halten.
»Bilde ich mir das nur ein«, rief Ron, nachdem sie recht lange
geschwiegen hatten, »oder verlieren wir an Höhe? «
Harry blickte hinunter und sah tiefgrüne Berge und Seen, kupferfarben
im Sonnenuntergang. Während er seitlich an dem Drachen vorbeispähte,
schien die Landschaft größer zu werden, und mehr Einzelheiten waren zu
sehen, und er überlegte, ob die blitzenden Spiegelungen des Sonnenlichts
dem Drachen eingegeben hatten, dass dort unten frisches Wasser war.
Der Drache flog immer weiter in die Tiefe, in großen, spiralförmigen
Kreisen, und wie es schien, steuerte er auf einen der kleineren Seen zu.
»Ich würde sagen, wir springen runter, wenn er niedrig genug ist!«, rief
Harry nach hinten den anderen zu. »Direkt ins Wasser, bevor er merkt, dass
wir da sind!«
Sie stimmten zu, Hermine etwas zaghaft. Und nun konnte Harry den
breiten gelben Bauch des Drachen im Wellengekräusel auf dem Wasser
erkennen.
»JETZT!«
Er rutschte über die Flanke des Drachen und stürzte mit den Füßen
voraus auf die Seeoberfläche zu; er fiel tiefer, als er geschätzt hatte, schlug
hart auf dem Wasser auf und sank wie ein Stein in eine eiskalte, grüne Welt
voller Schilf. Er strampelte sich mit den Füßen an die Oberfläche, und als
er keuchend auftauchte, sah er, wie sich gewaltige Wellen kreisförmig dort
ausbreiteten, wo Ron und Hermine hineingestürzt waren. Der Drache hatte
offenbar überhaupt nichts bemerkt: Er war schon fünfzehn Meter weiter
und rauschte tief über den See hinweg, um mit seiner narbigen Schnauze
Wasser zu schöpfen. Als Ron und Hermine prustend und japsend aus den
Tiefen des Sees auftauchten, flog der Drache weiter, mit mächtigem
Flügelschlag, und landete schließlich an einem entfernten Ufer.
Harry, Ron und Hermine schwammen mit kräftigen Zügen los zum
gegenüberliegenden Strand. Der See war offenbar nicht tief: Bald kämpften
sie sich mehr durch Schilf und Schlamm, als dass sie schwammen, und
schließlich plumpsten sie triefnass, atemlos und erschöpft in glitschiges
Gras.
Hermine klappte hustend und schlotternd zusammen. Obwohl Harry
sich am liebsten hingelegt und geschlafen hätte, stand er schwankend auf,
zog seinen Zauberstab hervor und begann die üblichen Schutzzauber um sie
herum aufzubauen.
Als er fertig war, ging er zu den anderen. Es war das erste Mal, seit sie
aus dem Verlies geflohen waren, dass er sie richtig sah. Beide hatten
schlimme rote Verbrennungen im ganzen Gesicht und an den Armen, und
ihre Kleider waren stellenweise weggebrannt. Sie zuckten zusammen,
während sie Diptam-Essenz auf ihre vielen Wunden tupften. Hermine
reichte Harry das Fläschchen, dann zog sie drei Flaschen Kürbissaft hervor,
die sie von Shell Cottage mitgebracht hatte, und saubere, trockene
Umhänge für alle drei. Sie zogen sich um und tranken dann in großen
Schlucken den Saft.
»Also, das Gute ist«, sagte Ron schließlich, während er dahockte und
zusah, wie die Haut an seinen Händen nachwuchs, »wir haben den
Horkrux. Das Schlechte -«
»- kein Schwert«, sagte Harry mit zusammengebissenen Zähnen, indes
er Diptam durch das Brandloch in seiner Jeans auf die schmerzhafte Wunde
darunter träufelte.
»Kein Schwert«, wiederholte Ron. »Dieses hinterhältige kleine Ekel ...«
Harry holte den Horkrux aus der Tasche der nassen Jacke, die er gerade
ausgezogen hatte, und legte ihn ins Gras vor ihnen. Er glitzerte in der
Sonne und lenkte ihre Blicke auf sich, während sie aus ihren Saftflaschen
tranken.
»Wenigstens können wir ihn diesmal nicht um den Hals tragen, das
würde ein bisschen komisch aussehen«, sagte Ron und wischte sich mit
dem Handrücken den Mund ab.
Hermine spähte über den See zum anderen Ufer, wo der Drache nach
wie vor Wasser trank.
»Was mit dem wohl passieren wird, was meint ihr?«, fragte sie. »Wird
er durchkommen?«
»Du hörst dich an wie Hagrid«, sagte Ron. »Es ist ein Drache, Hermine,
der wird schon zusehen, wo er bleibt. Wir müssen uns eher um uns selber
Sorgen machen.«
»Was soll das heißen?«
»Also, ich weiß nicht, wie ich es euch beibringen soll«, sagte Ron, »aber
ich glaube, denen könnte aufgefallen sein, dass wir in Gringotts
eingebrochen sind.«
Alle drei begannen zu lachen, und nachdem sie einmal angefangen
hatten, war es schwierig, wieder aufzuhören. Harry taten die Rippen weh,
er fühlte sich schwindlig vor Hunger, doch er sank rücklings ins Gras unter
dem immer röter werdenden Himmel und lachte, bis er einen rauen Hals
hatte.
»Aber was sollen wir jetzt tun?«, sagte Hermine schließlich, die vor
lauter Schluckauf wieder ernst geworden war. »Er wird es erfahren, oder?
Du-weißt-schon-wer wird erfahren, dass wir von seinen Horkruxen
wissen!«
»Vielleicht haben sie zu viel Angst, um es ihm zu sagen?«, meinte Ron
hoffnungsvoll. »Vielleicht verheimlichen sie es -«
Der Himmel, der Geruch des Seewassers, Rons Stimme, alles wurde
ausgelöscht: Schmerz spaltete Harrys Kopf wie der Hieb eines Schwertes.
Er stand in einem spärlich beleuchteten Raum, ein Halbkreis aus Zauberern
vor ihm, und auf dem Boden zu seinen Füßen kniete eine kleine, zitternde
Gestalt.
»Was hast du da gesagt?« Seine Stimme war hoch und kalt, doch Zorn
und Angst brannten in ihm. Das Einzige, was er befürchtet hatte – aber es
konnte nicht wahr sein, er begriff nicht, wie ...
Der Kobold bebte, unfähig, dem Blick der roten Augen über ihm
standzuhalten.
»Sag es noch einmal!«, murmelte Voldemort. »Sag es noch einmal!«
»M-mein Herr«, stammelte der Kobold, die schwarzen Augen vor
Entsetzen geweitet, »m-mein Herr ... wir ha-haben versucht, sie auf-
aufzuhalten ... Be-Betrüger, mein Herr ... brachen – brachen in das – in das
Verlies der Le-Lestranges ein ... «
»Betrüger? Was für Betrüger? Ich dachte, Gringotts hätte Mittel und
Wege, Betrüger zu enttarnen? Wer waren sie?«
»Es war ... es war ... der P-Potter-Junge u-und zwei Kom-Komplizen ...«
»Und was haben sie gestohlen?«, fragte er mit anschwellender Stimme,
und eine schreckliche Angst ergriff ihn. »Sag es mir! Was haben sie
gestohlen?«
»Ei-einen kleinen g-goldenen B-Becher, m-mein Herr ...«
Der Schrei voll Wut, voll Abwehr entfuhr ihm, als wäre es der Schrei
eines Fremden: Er war wahnsinnig, tobte, es konnte nicht wahr sein, es war
unmöglich, niemand hatte je davon gewusst: Wie war es möglich, dass der
Junge sein Geheimnis gelüftet hatte?
Der Elderstab peitschte durch die Luft, und grünes Licht flammte durch
den Raum, der kniende Kobold rollte tot auf die Seite, die Zauberer, die es
mit angesehen hatten, stoben in Panik davon: Bellatrix und Lucius Malfoy
warfen andere über den Haufen, während sie zur Tür stürzten, und immer
wieder sauste sein Zauberstab hinab, und die noch da waren, wurden
ermordet, sie alle, weil sie ihm diese Nachricht überbracht hatten, weil sie
von dem goldenen Becher erfahren hatten -
Allein zwischen den Toten, ging er mit stürmischen Schritten auf und
ab, und vor seinem geistigen Auge tauchten sie der Reihe nach auf: seine
Kostbarkeiten, seine Sicherheiten, seine Anker zur Unsterblichkeit – das
Tagebuch war zerstört und der Becher war gestohlen; was wäre, wenn, was
wäre, wenn der Junge von den anderen wusste? Konnte er davon wissen,
hatte er schon etwas unternommen, hatte er noch mehr von ihnen
aufgespürt? Steckte Dumbledore dahinter? Dumbledore, der ihn immer
verdächtigt hatte, Dumbledore, dessen Tod er befohlen hatte, Dumbledore,
dessen Zauberstab nun ihm gehörte, der jedoch aus der Schmach des Todes
heraus handelte, durch den Jungen, den Jungen -
Aber wenn der Junge einen der Horkruxe zerstört hätte, dann hätte er,
Lord Voldemort, dies doch sicher erfahren, dies gespürt? Er, der größte
Zauberer von allen, er, der mächtigste, der Mörder Dumbledores und
ungezählter anderer bedeutungsloser, namenloser Menschen: Wie konnte
Lord Voldemort es nicht erfahren haben, wenn er, er selbst, wichtig und
wertvoll, wie er war, angegriffen, verstümmelt worden war?
Gewiss, er hatte es nicht gespürt, als das Tagebuch zerstört worden war,
doch er hatte geglaubt, dies hätte daran gelegen, dass er keinen Körper
gehabt hatte, der empfinden konnte, da er doch geringer als ein Gespenst
gewesen war ... nein, die anderen waren ganz bestimmt in Sicherheit ... die
anderen Horkruxe mussten unversehrt sein ...
Doch er musste es wissen, er musste sicher sein ... Er durchschritt den
Raum, stieß im Vorbeigehen die Leiche des Kobolds beiseite, und die
Bilder verschwammen und loderten in seinem brodelnden Kopf: der See,
die Hütte und Hogwarts -
Ein Quäntchen Ruhe kühlte nun seinen Zorn: Woher sollte der Junge
wissen, dass er den Ring in der Hütte der Gaunts versteckt hatte? Niemand
hatte je gewusst, dass er mit den Gaunts verwandt war, er hatte die
Verbindung geheim gehalten, die Morde waren nie mit ihm in
Zusammenhang gebracht worden: Der Ring war zweifelsohne sicher.
Und wie konnte der Junge oder sonst jemand von der Höhle erfahren
oder ihren Schutz durchbrochen haben? Der Gedanke, dass das Medaillon
gestohlen sein konnte, war absurd ...
Und was die Schule anging: Er allein wusste, wo in Hogwarts er den
Horkrux untergebracht hatte, denn er allein war bis in die tiefsten
Geheimnisse dieses Ortes vorgedrungen ...
Und da war immer noch Nagini, die jetzt in seiner Nähe bleiben musste,
unter seinem Schutz, die er nicht mehr fortschicken durfte, um seine
Befehle auszuführen ...
Doch um sich Gewissheit zu verschaffen, völlige Gewissheit, musste er
zu jedem seiner Verstecke zurückkehren, er musste den Schutz um jeden
seiner Horkruxe verdoppeln ...
eine Aufgabe, die er, wie die Suche nach dem Elderstab, allein
bewältigen musste ...
Welchen sollte er zuerst aufsuchen, welcher war in der größten Gefahr?
Ein altes Unbehagen flackerte in ihm auf. Dumbledore hatte seinen zweiten
Vornamen gekannt ... Dumbledore hätte möglicherweise die Verbindung zu
den Gaunts herleiten können ... ihr verlassenes Haus war vielleicht das
unsicherste seiner Verstecke, dieses würde er zuerst aufsuchen ...
Der See, gewiss unmöglich ... doch gab es den Hauch einer Möglichkeit,
dass Dumbledore über das Waisenhaus von einigen seiner frühen Untaten
erfahren haben könnte.
Und Hogwarts ... aber er wusste, dass sein Horkrux dort sicher war, es
würde für Potter unmöglich sein, Hogsmeade zu betreten, ohne dass er
entdeckt würde, geschweige denn die Schule. Dennoch, die Vorsicht gebot
es, Snape davor zu warnen, dass der Junge vielleicht versuchen würde,
wieder in das Schloss zu gelangen ... Snape zu sagen, warum der Junge
zurückkehren könnte, wäre natürlich töricht; es war ein schwerwiegender
Fehler gewesen, Bellatrix und Malfoy zu vertrauen: Bewiesen ihre
Dummheit und ihre Nachlässigkeit nicht, wie unklug es war, überhaupt
jemandem zu vertrauen?
Er würde also die Hütte der Gaunts zuerst aufsuchen und Nagini
mitnehmen: Er würde sich nicht mehr von der Schlange trennen ... Und er
schritt aus dem Raum, durch die Halle und hinaus in den dunklen Garten,
wo der Brunnen plätscherte; er rief die Schlange auf Parsel, und sie glitt
hervor und schloss sich ihm an wie ein langer Schatten ...
Harrys Augen flogen auf, als er sich zwang, in seine Gegenwart
zurückzukehren: Er lag in der untergehenden Sonne am Seeufer, und Ron
und Hermine sahen auf ihn herab. Ihren besorgten Mienen und seiner
immer noch pochenden Narbe nach zu schließen, war sein plötzlicher
Ausflug in Voldemorts Geist nicht unbemerkt geblieben. Er kämpfte sich
mühsam hoch, zitternd und halb überrascht, dass er nach wie vor nass bis
auf die Haut war, und sah den Becher, der unschuldig vor ihm im Gras lag,
und den tiefblauen See, der in der versinkenden Sonne golden schimmerte.
»Er weiß es.« Seine eigene Stimme kam ihm nach Voldemorts schrillen
Schreien fremd und leise vor. »Er weiß es, und er prüft jetzt nach, ob die
anderen noch da sind, und der letzte«, er war schon auf den Beinen, »ist in
Hogwarts. Ich wusste es. Ich wusste es.«
»Was?«
Ron starrte ihn mit offenem Mund an; Hermine richtete sich mit
besorgtem Gesicht auf und kniete sich hin.
»Aber was hast du gesehen? Woher weißt du das?«
»Ich hab gesehen, wie er das mit dem Becher erfahren hat, ich – ich war
in seinem Kopf, er ist -«, Harry erinnerte sich an die Morde, »er ist
unglaublich wütend, und er hat auch Angst, er kann nicht begreifen, wie
wir es rausgefunden haben, und jetzt will er nachprüfen, ob die anderen
sicher sind, beim Ring zuerst. Er glaubt, dass der in Hogwarts am
sichersten ist, weil Snape dort ist, weil es so schwierig sein würde,
unbemerkt dort reinzukommen, ich glaube, bei dem sieht er zuletzt nach,
aber er könnte trotzdem in ein paar Stunden dort sein -«
»Hast du gesehen, wo in Hogwarts er versteckt ist?«, fragte Ron, der
sich nun ebenfalls hochrappelte.
»Nein, er war ganz darauf konzentriert, Snape zu warnen, er hat nicht
daran gedacht, wo genau er ist -«
»Wartet, wartet!«, schrie Hermine, als Ron den Horkrux aufhob und
Harry den Tarnumhang wieder hervorzog. »Wir können nicht einfach
losgehen, wir haben keinen Plan, wir müssen -«
»Wir müssen aufbrechen«, sagte Harry entschieden. Er hatte gehofft,
schlafen zu können, hatte sich darauf gefreut, in das neue Zelt zu schlüpfen,
aber das war jetzt ausgeschlossen. »Könnt ihr euch vorstellen, was er tun
wird, sobald er erkennt, dass der Ring und das Medaillon fort sind? Was,
wenn er den Horkrux aus Hogwarts herausholt, weil er zu dem Schluss
kommt, dass er nicht sicher genug ist? «
»Aber wie sollen wir dort reinkommen?«
»Wir gehen nach Hogsmeade«, sagte Harry, »und versuchen uns was
auszudenken, sobald wir sehen, welche Schutzmaßnahmen es rund um die
Schule gibt. Komm unter den Tarnumhang, Hermine, ich will, dass wir
diesmal zusammenbleiben.«
»Aber wir passen nicht richtig -«
»Es wird dunkel sein, niemand wird unsere Füße bemerken.«
Über das schwarze Wasser hallte das Echo gewaltiger Flügelschläge:
Der Drache hatte seinen Durst gestillt und war in die Luft gestiegen. Sie
hielten in ihren Vorbereitungen inne und schauten zu, wie er immer höher
stieg, nun schwarz vor dem rasch dunkler werdenden Himmel, bis er über
einem nahen Berg verschwand. Dann trat Hermine heran und nahm ihren
Platz zwischen den beiden anderen ein. Harry zog den Tarnumhang, so
weit es ging, hinunter, und gemeinsam wirbelten sie auf der Stelle herum,
in die drückende Dunkelheit hinein.
Der fehlende Spiegel
Harrys Füße berührten eine Straße. Er sah die schmerzhaft vertraute
Hauptstraße von Hogsmeade: dunkle Ladenfronten, die Umrisse schwarzer
Berge hinter dem Dorf, die Kurve auf dem Weg vor ihm, der nach
Hogwarts führte, und die Drei Besen, aus deren Fenstern Licht drang, und
es stach ihm ins Herz, als er sich plötzlich messerscharf daran erinnerte,
wie er vor fast einem Jahr hier gelandet war und dabei einen hoffnungslos
geschwächten Dumbledore gestützt hatte; all das in der einen Sekunde, in
der er landete – und dann, er wollte gerade Rons und Hermines Arme
loslassen, geschah es.
Ein Schrei gellte durch die Luft, ähnlich dem Voldemorts, als er erkannt
hatte, dass der Becher gestohlen worden war: Er zerrte an jedem Nerv in
Harrys Körper, und Harry wusste sofort, dass ihr Erscheinen den Schrei
ausgelöst hatte. Gerade als er die anderen beiden unter dem Tarnumhang
ansah, krachte die Tür der Drei Besen auf, und ein Dutzend Todesser in
Kapuzenumhängen stürmte auf die Straße, die Zauberstäbe im Anschlag.
Ron hob seinen Zauberstab, doch Harry hielt ihn am Handgelenk fest.
Es waren zu viele, sie konnten nicht alle schocken: Schon mit dem Versuch
würden sie ihren Standort verraten. Einer der Todesser schwang den
Zauberstab, und der Schrei verstummte und hallte in den fernen Bergen
nach.
»Accio Tarnumhang!«, brüllte einer der Todesser.
Harry raffte ihn an sich, doch er machte keine Anstalten, zu entfliehen:
Der Aufrufezauber war bei ihm wirkungslos geblieben.
»Bist wohl nicht unter deinem Deckchen, Potter?«, rief der Todesser,
der es mit dem Zauber versucht hatte, und wandte sich dann seinen
Gefährten zu: »Ausschwärmen. Er ist hier.«
Sechs von den Todessern rannten auf sie zu: Harry, Ron und Hermine
wichen schnellstmöglich in die nächste Seitenstraße zurück, und die
Todesser verfehlten sie nur um Zentimeter. Sie verharrten in der
Dunkelheit und lauschten den hin und her eilenden Schritten, während die
Lichtstrahlen von den Zauberstäben der Todesser suchend die Straße
entlanghuschten.
»Lasst uns einfach wieder verschwinden!«, flüsterte Hermine. »Sofort
disapparieren!«
»Tolle Idee«, sagte Ron, doch ehe Harry antworten konnte, rief ein
Todesser: »Wir wissen, dass du hier bist, Potter, und du entkommst uns
nicht! Wir werden euch finden!«
»Die haben auf uns gewartet«, flüsterte Harry. »Die haben diesen
Zauber eingerichtet, um es mitzukriegen, wenn wir hier sind. Vermutlich
haben sie auch was dafür getan, uns hier festzuhalten, in der Falle -«
»Wie wär's mit Dementoren?«, rief ein anderer Todesser. »Lasst ihnen
freien Lauf, die krieg'n ihn ganz schnell!«
»Der Dunkle Lord will, dass Potter von keiner anderen Hand als seiner
eigenen stirbt -«
»- un' Dementoren bringen ihn nicht um! Der Dunkle Lord will Potters
Leben, nicht seine Seele. Der ist leichter umzubringen, wenn er vorher den
Kuss bekommen hat!«
Zustimmendes Raunen war zu hören. Harry wurde von Entsetzen
gepackt: Um Dementoren abzuwehren, würden sie Patroni erzeugen
müssen, und damit würden sie sich sofort verraten.
»Wir müssen versuchen zu disapparieren, Harry!«, flüsterte Hermine.
Im selben Moment spürte er die unnatürliche Kälte über die Straße
kriechen. Das Licht im ganzen Umkreis wurde weggesogen, bis hin zu den
Sternen, die erloschen. In der pechschwarzen Dunkelheit spürte er, wie
Hermine ihn am Arm fasste, und gemeinsam drehten sie sich auf der Stelle.
Die Luft, durch die sie sich bewegen mussten, schien fest geworden zu
sein: Sie konnten nicht disapparieren; die Todesser hatten mit ihren
Zaubern gute Arbeit geleistet. Immer tiefer brannte sich die Kälte in Harrys
Fleisch. Er, Ron und Hermine zogen sich weiter zurück, in die Seitenstraße
hinein, tasteten sich an den Mauern entlang, versuchten möglichst kein
Geräusch zu machen. Dann kamen sie lautlos um die Ecke geglitten,
mindestens zehn Dementoren, sichtbar, weil sie mit ihren schwarzen
Umhängen und ihren schorfigen und verwesenden Händen von einer
tieferen Schwärze waren als ihre Umgebung. Konnten sie die Angst in ihrer
Nähe fühlen? Harry war überzeugt davon: Sie schienen jetzt schneller
heranzukommen, atmeten auf jene schleppende, rasselnde Weise, die er
verabscheute, witterten Verzweiflung in der Luft, waren schon dicht bei
ihnen -
Er hob seinen Zauberstab: Den Kuss des Dementors konnte er, wollte er
nicht erleiden, was auch immer nun gleich passieren würde. In Gedanken
an Ron und Hermine flüsterte er: »Expecto patronum!«
Der silberne Hirsch brach aus seinem Zauberstab hervor und stürmte
los: Die Dementoren stoben davon und von irgendwo aus der Dunkelheit
kam ein triumphierender Schrei.
»Da ist er, da lang, da lang, ich hab seinen Patronus gesehen, es war ein
Hirsch!«
Die Dementoren hatten sich zurückgezogen, die Sterne begannen wieder
zu funkeln, und die Schritte der Todesser wurden lauter; doch ehe Harry in
seiner Panik entscheiden konnte, was sie tun sollten, war das quietschende
Geräusch von Riegeln zu hören, und auf der linken Seite der schmalen
Straße öffnete sich eine Tür, und eine raue Stimme sagte: »Potter, hier rein,
schnell!«
Er gehorchte, ohne zu zögern: Hastig schlüpften die drei durch die
offene Tür.
»Nach oben, Tarnumhang anbehalten, leise!«, murmelte eine große
Gestalt, während sie an ihnen vorbei auf die Straße ging und die Tür hinter
sich zuschlug.
Harry hatte keine Ahnung gehabt, wo sie waren, doch nun sah er im
flackernden Licht einer einzelnen Kerze die schmuddelige, mit Sägemehl
ausgestreute Bar des Eberkopfs. Sie rannten hinter die Theke und durch
eine zweite Tür zu einer wackligen Holztreppe, die sie eilends hochstiegen.
Oben gelangten sie in ein Wohnzimmer mit einem zerschlissenen Teppich
und einem kleinen Kamin, über dem ein einzelnes großes Ölgemälde von
einem blonden Mädchen hing, das auf eine gewisse abwesend süßliche Art
in das Zimmer hineinblickte.
Von der Straße unten drangen Rufe zu ihnen hoch. Nach wie vor unter
dem Tarnumhang, schlichen sie zu dem schmutzigen Fenster und spähten
hinunter. Ihr Retter, in dem Harry nun den Wirt des Eberkopfs erkannte,
war der Einzige, der keine Kapuze trug.
»Na und?«, brüllte er in eines der vermummten Gesichter. »Na und?
Wenn ihr Dementoren in meine Straße schickt, dann schick ich denen einen
Patronus auf den Hals! Ich lass die nicht in meine Nähe, das hab ich euch
schon mal gesagt, ich will das nicht haben!«
»Das war nicht dein Patronus!«, sagte ein Todesser. »Das war ein
Hirsch, der von Potter!«
»Hirsch!«, donnerte der Wirt und zückte einen Zauberstab. »Hirsch! Du
Idiot – expecto patronum!«
Etwas Großes und Gehörntes brach aus dem Zauberstab hervor: Mit
gesenktem Kopf stürmte es auf die Hauptstraße zu und verschwand.
»Das war nicht das, was ich gesehen hab -«, sagte der Todesser,
wenngleich etwas verunsichert.
»Die Ausgangssperre wurde verletzt, du hast den Lärm gehört«, sagte
einer seiner Gefährten zu dem Wirt. »Jemand war vorschriftswidrig
draußen auf der Straße – «
»Wenn ich meine Katze rausbringen will, dann tu ich das auch, und zum
Teufel mit eurer Ausgangssperre!«
»Du hast den Katzenjammer-Zauber ausgelöst?«
»Und wenn? Wollt ihr mich nach Askaban karren? Mich umbringen,
weil ich die Nase aus meiner eigenen Haustür gesteckt hab? Dann tut's
doch, wenn ihr wollt! Aber ich hoffe für euch, dass ihr euer kleines
Dunkles Mal nicht gedrückt und ihn gerufen habt. Er wird es gar nicht
mögen, wegen mir und meiner ollen Katze hergeholt zu werden, oder?«
»Mach dir mal keine Sorgen um uns«, sagte einer der Todesser, »eher
um dich selbst, weil du die Ausgangssperre verletzt hast!«
»Und wo wollt ihr dann Zaubertränke und Gifte verschieben, wenn
mein Pub geschlossen wird? Was passiert dann mit euren kleinen
Nebengeschäften?«
»Willst du uns drohen -?«
»Ich kann den Mund halten, deswegen kommt ihr doch hierher, oder?«
»Ich bleib dabei, ich hab einen Hirsch-Patronus gesehen!«, rief der erste
Todesser.
»Hirsch?«, brüllte der Wirt. »Es ist ein Ziegenbock, du Flachkopf!«
»Na schön, wir haben einen Fehler gemacht«, sagte der zweite
Todesser. »Aber wenn du die Ausgangssperre noch mal verletzt, sind wir
nicht so nachsichtig!«
Die Todesser schritten zur Hauptstraße zurück. Hermine stöhnte
erleichtert, wand sich unter dem Tarnumhang hervor und setzte sich auf
einen Stuhl mit wackligen Beinen. Harry zog die Vorhänge fest zu, dann
riss er den Umhang von sich und Ron herunter. Sie konnten hören, wie der
Wirt unten die Tür zur Bar wieder verriegelte und dann die Treppe
hochstieg.
Etwas auf dem Kaminsims erregte Harrys Aufmerksamkeit: Ein kleiner
rechteckiger Spiegel war dort aufgestellt, direkt unter dem Porträt des
Mädchens.
Der Wirt betrat das Zimmer.
»Ihr verfluchten Dummköpfe«, sagte er barsch und sah sie der Reihe
nach an. »Was habt ihr euch dabei gedacht, hierherzukommen?«
»Danke«, sagte Harry, »wir können Ihnen nicht genug danken. Sie
haben uns das Leben gerettet.«
Der Wirt grunzte. Harry näherte sich ihm, blickte hoch in sein Gesicht
und versuchte zu ergründen, was sich unter dem langen, strähnigen
stahlgrauen Haar und dem Bart verbarg. Er trug eine Brille. Die Augen
hinter den schmutzigen Gläsern waren von einem durchdringenden,
strahlenden Blau.
»Es ist Ihr Auge, das ich in dem Spiegel gesehen habe.«
Im Zimmer herrschte Stille. Harry und der Wirt schauten einander an.
»Sie haben Dobby geschickt.«
Der Wirt nickte und sah sich nach dem Elfen um.
»Dachte, er wäre bei euch. Wo habt ihr ihn gelassen?«
»Er ist tot«, sagte Harry. »Bellatrix Lestrange hat ihn umgebracht.«
Im Gesicht des Wirts zeigte sich keine Regung. Nach einer Weile sagte
er: »Tut mir leid, das zu hören. Ich mochte diesen Elfen.«
Er wandte sich ab und entzündete Lampen, indem er mit seinem
Zauberstab leicht dagegenstieß, ohne auch nur hinzusehen.
»Sie sind Aberforth«, sagte Harry zu dem Mann, der ihm den Rücken
zugekehrt hatte.
Der Mann sagte weder ja noch nein, sondern bückte sich nur, um das
Kaminfeuer zu entfachen.
»Wie sind Sie an den gekommen?«, fragte Harry und ging hinüber zu
Sirius' Spiegel, dem Gegenstück dessen, den er fast zwei Jahre zuvor
zerbrochen hatte.
»Hab ihn vor etwa 'nem Jahr von Dung gekauft«, sagte Aberforth.
»Albus hat mir erklärt, was es ist. Hab versucht, dich im Auge zu behalten.
«
Ron keuchte.
»Die silberne Hirschkuh!«, sagte er aufgeregt. »Waren das auch Sie?«
»Wovon redest du?«, sagte Aberforth.
»Jemand hat uns eine Hirschkuh als Patronus geschickt!«
»So pfiffig, wie du bist, könntest du glatt ein Todesser sein, Junge. Hab
ich nicht gerade bewiesen, dass mein Patronus ein Ziegenbock ist?«
»Oh«, sagte Ron. »Jaah ... also, ich hab Hunger!«, fügte er trotzig hinzu,
als sein Magen ein mörderisches Knurren von sich gab.
»Ich hab was zu essen«, sagte Aberforth, ging gemächlich aus dem
Zimmer und kam kurze Zeit später mit einem großen Laib Brot, etwas Käse
und einem Zinnkrug voll Met zurück, was er alles auf einen kleinen Tisch
vor dem Kamin stellte. Gierig aßen und tranken sie, und eine Zeit lang
herrschte Stille, in der nur das Prasseln des Feuers, das Klirren von Kelchen
und Kaugeräusche zu hören waren.
»Nun denn«, sagte Aberforth, als sie sich satt gegessen hatten und Harry
und Ron schläfrig und schlapp in ihren Sesseln hingen. »Wir müssen
überlegen, wie ihr am besten hier rauskommt. Nachts geht es nicht, ihr habt
gehört, was passiert, wenn jemand während der Dunkelheit nach draußen
geht: Der Katzenjammer-Zauber geht los und dann sind sie hinter euch her
wie Bowtruckles auf der Jagd nach Doxyeiern. Und ein zweites Mal lassen
die mir wohl nicht einen Hirsch als Ziegenbock durchgehen. Wartet bis
Tagesanbruch, dann endet die Ausgangssperre und ihr könnt euren
Tarnumhang wieder anziehen und euch zu Fuß auf den Weg machen.
Verschwindet sofort aus Hogsmeade, geht hoch in die Berge, von da aus
könnt ihr disapparieren. Vielleicht trefft ihr Hagrid. Seit sie versucht haben,
ihn zu verhaften, versteckt er sich dort oben in einer Höhle zusammen mit
Grawp.«
»Wir gehen nicht weg«, sagte Harry. »Wir müssen nach Hogwarts rein.
«
»Sei nicht albern, Junge«, entgegnete Aberforth.
»Wir müssen«, sagte Harry.
»Ihr müsst nur eins«, sagte Aberforth und beugte sich vor: »So weit wie
möglich von hier wegkommen.«
»Sie verstehen nicht. Es bleibt nicht viel Zeit. Wir müssen ins Schloss.
Dumbledore – ich meine, Ihr Bruder – wollte, dass wir -«
Der Schein des Feuers ließ Aberforths schmutzige Brillengläser für
einen Moment undurchsichtig werden, sie nahmen ein leuchtendes,
ausdrucksloses Weiß an, was Harry an die blinden Augen der Riesenspinne
Aragog erinnerte.
»Mein Bruder Albus wollte viel«, sagte Aberforth, »und während er
seine grandiosen Pläne verwirklichte, hatten ständig andere Leute den
Schaden. Geh weg von dieser Schule, Potter, verlass, wenn möglich, das
Land. Vergiss meinen Bruder und seine schlauen Pläne. Er ist dort, wo
nichts von alldem ihm was anhaben kann, und du schuldest ihm überhaupt
nichts.«
»Sie verstehen nicht«, sagte Harry erneut.
»Oh, wirklich nicht?«, sagte Aberforth leise. »Du glaubst, dass ich
meinen eigenen Bruder nicht verstanden habe? Glaubst, du hättest Albus
besser gekannt als ich?«
»Das meinte ich nicht«, sagte Harry, der sich träge im Kopf fühlte vor
Erschöpfung und von dem Übermaß an Essen und Wein. »Es ist ... er hat
mir eine Aufgabe hinterlassen.«
»Hat er, ja?«, sagte Aberforth. »Nette Aufgabe, hoffe ich? Angenehm?
Leicht? Etwas, das man einem unausgebildeten Zaubererjungen zutrauen
würde, ohne dass er sich übernimmt?«
Ron lachte ziemlich bitter auf. Hermine wirkte angespannt.
»Ich – sie ist nicht leicht, nein«, sagte Harry. »Aber ich muss -«
»>Ich muss Warum >Ich muss< ?Er ist tot, oder etwa nicht?«,
erwiderte Aberforth schroff. »Lass es bleiben, Junge, ehe du es auch bist!
Rette dich selbst! «
»Ich kann nicht.«
»Warum nicht?«
»Ich -« Harry fühlte sich in die Ecke gedrängt; er konnte es nicht
erklären, deshalb ergriff er die Offensive. »Aber Sie kämpfen doch auch,
Sie sind im Orden des Phönix -«
»Ich war es«, sagte Aberforth. »Der Orden des Phönix ist erledigt. Du-
weißt-schon-wer hat gesiegt, es ist vorbei, und jeder, der etwas anderes
behauptet, macht sich selbst was vor. Hier wirst du nie sicher sein, Potter,
er will dich um jeden Preis haben. Deshalb verschwinde ins Ausland, geh
und versteck dich, rette deine Haut. Am besten, du nimmst die beiden hier
mit.« Sein Daumen zuckte in Richtung Ron und Hermine. »Sie werden ihr
Leben lang in Gefahr sein jetzt, wo alle wissen, dass sie mit dir
zusammengearbeitet haben.«
»Ich kann nicht fortgehen«, sagte Harry. »Ich habe eine Aufgabe -«
»Übertrag sie jemand anderem!«
»Das geht nicht. Ich muss es selber machen. Dumbledore hat alles
erklärt -«
»Oh, hat er das, tatsächlich? Und er hat dir alles gesagt, er war offen zu
dir?«
Harry wollte von ganzem Herzen »Ja« sagen, doch aus irgendeinem
Grund kam dieses einfache Wort nicht über seine Lippen. Aberforth schien
zu wissen, was in ihm vorging.
»Ich kannte meinen Bruder, Potter. Er hat die Geheimniskrämerei schon
als kleines Kind gelernt. Geheimnisse und Lügen, damit sind wir
aufgewachsen, und Albus ... der war ein Naturtalent.«
Der Blick des alten Mannes wanderte zu dem Gemälde des Mädchens
über dem Kaminsims. Nun, da Harry sich genauer umsah, stellte er fest,
dass es das einzige Bild in dem Zimmer war. Es gab weder ein Foto von
Albus Dumbledore noch von sonst jemandem.
»Mr Dumbledore?«, sagte Hermine ziemlich zaghaft. »Ist das Ihre
Schwester, Ariana? «
»Ja«, sagte Aberforth kurz angebunden. »Hast wohl Rita Kimmkorn
gelesen, was, Mädchen?«
Selbst im rosigen Licht des Feuers war deutlich zu sehen, dass Hermine
rot angelaufen war.
»Elphias Doge hat sie uns gegenüber erwähnt«, sagte Harry, um
Hermine in Schutz zu nehmen.
»Der alte Trottel«, murmelte Aberforth und trank einen weiteren
kräftigen Schluck Met. »Ist meinem Bruder wirklich in den Hintern
gekrochen. Tja, wie so viele andere auch, ihr drei eingeschlossen, so wie's
ausschaut.«
Harry schwieg. Er wollte jetzt nicht die Zweifel und Ungewissheiten
über Dumbledore äußern, die ihn schon seit Monaten Umtrieben. Er hatte
seine Entscheidung getroffen, als er Dobbys Grab ausgehoben hatte; er
hatte beschlossen, den gewundenen, gefährlichen Weg weiterzugehen, den
ihm Albus Dumbledore gewiesen hatte, es hinzunehmen, dass Dumbledore
ihm nicht alles gesagt hatte, was er wissen wollte, und stattdessen einfach
Vertrauen zu haben. Er wollte nicht wieder zweifeln, er wollte nichts hören,
was ihn von seinem Ziel ablenken konnte. Er begegnete Aberforths Blick,
der dem seines Bruders so frappierend ähnlich war: Auch Aberforths
hellblaue Augen erweckten den Eindruck, als würden sie den Gegenstand
ihres Interesses röntgen, und Harry glaubte, dass Aberforth wusste, was er
dachte, und ihn dafür verachtete.
»Professor Dumbledore hat Harry sehr geschätzt«, sagte Hermine mit
leiser Stimme.
»Ach, wirklich?«, sagte Aberforth. »Komisch, wie viele von den
Leuten, die mein Bruder so sehr geschätzt hat, am Ende schlimmer dran
waren, als wenn er sie einfach in Ruhe gelassen hätte.«
»Was soll das heißen?«, fragte Hermine atemlos.
»Lass mal gut sein«, sagte Aberforth.
»Aber so was sagt man nicht einfach so dahin!«, erwiderte Hermine.
»Meinen Sie – meinen Sie Ihre Schwester? «
Aberforth sah sie finster an: Seine Lippen bewegten sich, als würde er
auf den Worten herumkauen, die er zurückhielt. Dann brachen sie aus ihm
hervor.
»Als meine Schwester sechs Jahre alt war, wurde sie angegriffen, aus
dem Hinterhalt, von drei Muggeljungen. Sie hatten gesehen, wie sie
zauberte, hatten durch die Hecke im hinteren Garten gespäht; sie war noch
ein Kind, sie hatte nicht die Kontrolle darüber, in diesem Alter hat das
keine Hexe und kein Zauberer. Was sie sahen, hat ihnen Angst eingejagt,
schätze ich. Sie zwängten sich durch die Hecke, und als sie ihnen den Trick
nicht zeigen konnte, ist es ein bisschen mit ihnen durchgegangen, während
sie versuchten, dem kleinen Ungeheuer die Sache auszutreiben.«
Hermines Augen waren riesig im Licht des Feuers; Ron sah aus, als sei
ihm ein wenig schlecht. Aberforth stand auf, er war so groß wie Albus, und
in seinem Zorn und dem heftigen Schmerz wirkte er plötzlich Furcht
erregend.
»Was sie taten, hat Ariana zugrunde gerichtet: Sie war nie wieder
dieselbe. Sie wollte nicht mehr zaubern, aber die Magie ließ sie nicht los:
Sie kehrte sich in ihr Inneres und machte sie verrückt, sie brach aus ihr
heraus, wenn sie sie mal nicht zügeln konnte, und zeitweise war Ariana
sonderbar und gefährlich. Aber meistens war sie lieb, und ängstlich, und
harmlos.
Und mein Vater ist den verfluchten Kerlen hinterher, die es getan
hatten«, sagte Aberforth, »und hat sie angegriffen. Dafür haben sie ihn
dann nach Askaban gesteckt. Er hat nie gesagt, warum er es getan hat, denn
wenn das Ministerium erfahren hätte, was aus Ariana geworden war, hätte
man sie für immer im St. Mungo weggesperrt. Man hätte in ihr eine ernste
Bedrohung des Internationalen Geheimhaltungsabkommens gesehen, so
unausgeglichen, wie sie war, wo doch Magie aus ihr herausbrach, wenn
Ariana sie nicht mehr zurückhalten konnte.
Wir brauchten einen sicheren und friedlichen Ort für sie.
Wir zogen um, verbreiteten überall, dass sie krank sei, und meine
Mutter kümmerte sich um sie und versuchte dafür zu sorgen, dass sie ruhig
und zufrieden blieb.
Ich war ihr Lieblingsbruder«, sagte Aberforth, und als er es sagte, wirkte
er trotz seiner Falten und des zotteligen Bartes wie ein schmuddeliger
Schuljunge. »Nicht Albus, der war immer oben in seinem Zimmer, wenn er
zu Hause war, las seine Bücher und zählte seine Auszeichnungen, führte
seine Korrespondenz mit >den angesehensten magischen Persönlichkeiten
der Zeit<«, höhnte Aberforth. »Er wollte nicht mit ihr belästigt werden.
Mich hat sie am liebsten gemocht. Ich konnte sie zum Essen bewegen,
wenn sie es bei meiner Mutter nicht wollte, ich konnte sie besänftigen,
wenn sie einen ihrer Wutanfälle hatte, und wenn sie ruhig war, half sie mir
immer, die Ziegen zu füttern.
Dann, als sie vierzehn war ... ich war nicht da, müsst ihr wissen«, sagte
Aberforth. »Wenn ich da gewesen wäre, hätte ich sie beruhigen können. Sie
hatte einen ihrer Wutanfälle, und meine Mutter war nicht mehr die Jüngste,
und ... es war ein Unfall. Ariana hatte es nicht unter Kontrolle. Aber meine
Mutter starb dabei.«
Harry empfand eine schreckliche Mischung aus Mitleid und Abscheu; er
wollte nichts mehr davon hören, doch Aberforth redete weiter, und Harry
fragte sich, wie lange es wohl her war, dass er zum letzten Mal darüber
gesprochen hatte; ob er es überhaupt jemals getan hatte.
»Damit hatte sich also Albus' Weltreise mit dem kleinen Doge erledigt.
Die beiden kamen zum Begräbnis meiner Mutter nach Hause, und dann ist
Doge alleine losgezogen, und Albus hat sich als Familienoberhaupt
häuslich niedergelassen. Ha!«
Aberforth spuckte ins Feuer.
»Ich hätte mich um sie gekümmert, das hab ich ihm auch gesagt, mir
war die Schule egal, ich wäre zu Hause geblieben und hätte es gemacht. Er
meinte zu mir, dass ich meine Ausbildung abschließen müsse und dass er
jetzt die Aufgaben meiner Mutter übernehmen werde. Ein ziemlicher
Abstieg für Mister Überflieger, da gibt's keine Lorbeeren, wenn man sich
um seine halb verrückte Schwester kümmert und drauf aufpasst, dass sie
nicht alle paar Tage das Haus in die Luft sprengt. Aber einige Wochen lang
hat er sich ganz vernünftig angestellt ... bis er kam.«
Und nun breitete sich ein ausgesprochen gefährlicher Ausdruck auf
Aberforths Gesicht aus.
» Grindelwald. Und endlich hatte mein Bruder einen Ebenbürtigen, mit
dem er reden konnte, jemanden, der genauso klug und talentiert war wie er
selbst. Dass er sich um Ariana kümmern wollte, war nun nicht mehr so
wichtig, während sie ihre ganzen Pläne für die neue Ordnung der
Zaubererwelt ausbrüteten und Heiligtümer suchten und was auch immer sie
sonst noch interessierte. Grandiose Pläne zum Besten der gesamten
Zaubererschaft, und wenn ein einzelnes junges Mädchen dabei
vernachlässigt wurde, was spielte das schon für eine Rolle, wo Albus doch
für das größere Wohl arbeitete?
Aber nach ein paar Wochen hatte ich wirklich genug davon. Es war fast
Zeit für mich, nach Hogwarts zurückzukehren, also sagte ich den beiden,
direkt ins Gesicht, wie dir jetzt«, und Aberforth blickte hinab auf Harry,
und es brauchte wenig Phantasie, um ihn sich als drahtigen, zornigen
Teenager vorzustellen, der seinem älteren Bruder gegenübertrat. »Ich sagte
zu ihm, am besten, du gibst es jetzt auf. Ihr könnt sie nirgendwo anders
hinbringen, ihr Zustand verbietet das, ihr könnt sie nicht mitnehmen, wohin
auch immer ihr gehen wollt, um eure klugen Reden zu halten und zu
versuchen, euch eine Gefolgschaft zusammenzutrommeln. Das gefiel ihm
nicht«, sagte Aberforth, und der Schein des Feuers auf seinen
Brillengläsern verdeckte für einen Moment seine Augen: Wieder
schimmerten die Gläser hell und blind. »Grindelwald hat das überhaupt
nicht gefallen. Er wurde wütend. Er meinte, was für ein dummer kleiner
Junge ich sei, der versuche, sich ihm und meinem genialen Bruder in den
Weg zu stellen ... ob ich nicht verstehen würde, dass meine arme Schwester
nicht mehr versteckt werden müsse, wenn sie einmal die Welt verändert
und die Zauberer aus dem Untergrund geführt und den Muggeln gezeigt
hätten, wo sie hingehörten?
Und es gab Streit... und ich zog meinen Zauberstab und er seinen, und
ich bekam den Cruciatus-Fluch zu spüren, vom besten Freund meines
Bruders – und Albus versuchte ihn aufzuhalten, und dann haben wir uns
alle drei einen Kampf geliefert, und bei den blitzenden Lichtern und dem
Knallen ist sie ausgerastet, das hielt sie nicht aus -«
Alle Farbe wich aus Aberforths Gesicht, als hätte er eine tödliche
Wunde erlitten.
»- und ich glaube, sie wollte helfen, aber sie wusste nicht recht, was sie
tat, und ich weiß nicht, wer von uns es war, es hätten alle drei sein können
– und sie war tot.«
Beim letzten Wort versagte ihm die Stimme und er sank in den nächsten
Sessel. Hermines Gesicht war tränennass und Ron war fast so bleich wie
Aberforth. Harry verspürte nichts als Abscheu: Er wünschte, er hätte es
nicht gehört, wünschte, er könnte seine Gedanken davon reinwaschen.
»Es tut mir ... es tut mir so leid«, flüsterte Hermine.
»Fort«, krächzte Aberforth. »Für immer fort.«
Er wischte sich an seinem Ärmelaufschlag die Nase ab und räusperte
sich.
»'türlich ist Grindelwald abgehauen. Er hatte schon ein bisschen was auf
dem Kerbholz, in dem Land, wo er hergekommen war, und er wollte nicht,
dass Ariana noch dazukam. Und Albus war frei, nicht wahr? Frei von der
Last seiner Schwester, frei, um der größte Zauberer der -«
»Er war niemals frei«, sagte Harry.
»Wie bitte?«, sagte Aberforth.
»Niemals«, sagte Harry. »In der Nacht, als Ihr Bruder starb, nahm er
einen Zaubertrank, der ihn in den Wahnsinn trieb.
Er fing an zu schreien, flehte jemanden an, der nicht da war. Tu ihnen
nicht weh, bitte ...tu doch mir weh.«
Ron und Hermine starrten Harry an. Er hatte nie im Detail geschildert,
was sich auf der Insel im See abgespielt hatte: Die Ereignisse, die auf seine
und Dumbledores Rückkehr nach Hogwarts gefolgt waren, hatten das alles
völlig in den Schatten gestellt.
»Er meinte, wieder dort zu sein, mit Ihnen und Grindelwald, da bin ich
mir sicher«, sagte Harry und erinnerte sich daran, wie Dumbledore
gewimmert und gefleht hatte. »Er meinte, er würde dabei zusehen, wie
Grindelwald Ihnen und Ariana Schmerzen zufügte ... es war eine Folter für
ihn; wenn Sie ihn damals gesehen hätten, würden Sie nicht behaupten, er
wäre frei gewesen.«
Aberforth schien in die Betrachtung seiner eigenen, knotigen und
geäderten Hände versunken. Nach einer langen Pause sagte er: »Wie kannst
du sicher sein, Potter, dass mein Bruder nicht stärker am größeren Wohl
interessiert war als an dir? Wie kannst du sicher sein, dass du nicht
entbehrlich bist, genau wie meine kleine Schwester?«
Ein Eissplitter schien Harrys Herz zu durchbohren.
»Ich glaube das nicht. Dumbledore hat Harry geliebt«, sagte Hermine.
»Warum hat er ihm dann nicht befohlen, sich zu verstecken?«, schoss
Aberforth zurück. »Warum hat er nicht zu ihm gesagt, pass auf dich auf, so
und so kannst du überleben?«
»Weil«, sagte Harry, ehe Hermine antworten konnte, »weil man
manchmal an mehr denken muss als an die eigene Sicherheit! Manchmal
muss man an das größere Wohl denken! Das hier ist Krieg!«
»Du bist siebzehn, Junge!«
»Ich bin volljährig, und ich werde weiterkämpfen, auch wenn Sie
aufgegeben haben!«
»Wer behauptet, dass ich aufgegeben hätte?«
»>Der Orden des Phönix ist erledigt«, wiederholte Harry.
»>Du-weißt-schon-wer hat gesiegt, es ist vorbei, und jeder, der etwas
anderes behauptet, macht sich selbst was vor.<«
»Ich sage nicht, dass mir das gefällt, aber es ist die Wahrheit!«
»Nein, das ist es nicht«, sagte Harry. »Ihr Bruder wusste, wie man Du-
weißt-schon-wen erledigen kann, und er hat dieses Wissen an mich
weitergegeben. Ich werde weitermachen, bis ich mein Ziel erreicht habe –
oder sterbe. Glauben Sie nicht, dass ich nicht weiß, wie das enden könnte.
Ich weiß es seit Jahren.«
Er machte sich darauf gefasst, dass Aberforth spotten oder ihm
widersprechen würde, doch das tat er nicht. Er blickte nur finster vor sich
hin.
»Wir müssen nach Hogwarts rein«, sagte Harry noch einmal. »Wenn Sie
uns nicht helfen können, warten wir bis zur Morgendämmerung, lassen Sie
in Ruhe und versuchen auf eigene Faust, einen Weg zu finden. Wenn Sie
uns helfen können – nun, dann wäre jetzt ein geschickter Zeitpunkt, darüber
zu reden.«
Aberforth verharrte reglos in seinem Sessel und starrte Harry mit diesen
Augen an, die denen seines Bruders so ungeheuer ähnlich waren. Endlich
räusperte er sich, stand auf, ging um den kleinen Tisch herum und trat auf
das Porträt Arianas zu.
»Du weißt, was zu tun ist«, sagte er.
Sie lächelte, wandte sich um und ging davon, nicht wie Leute in Porträts
dies sonst immer taten, seitlich aus ihrem Rahmen hinaus, sondern durch
eine Art langen Tunnel, der hinter ihr gemalt war. Sie sahen zu, wie ihre
schmächtige Gestalt immer kleiner wurde, bis die Dunkelheit sie
schließlich verschluckte.
»Ähm – was -?«, setzte Ron an.
»Es gibt jetzt nur noch einen Weg hinein«, sagte Aberforth. »Ihr müsst
wissen, laut meinen Informanten werden sämtliche alten Geheimgänge an
beiden Enden beobachtet, Dementoren schleichen überall um die
Grenzmauern herum, und in der Schule wird regelmäßig patrouilliert. Noch
nie wurde Hogwarts so streng bewacht. Wie wollt ihr irgendwas
unternehmen, wenn ihr mal drin seid, wo doch Snape Schulleiter ist und die
Carrows seine Stellvertreter sind ... nun, das ist eure Sache, oder? Ihr sagt,
ihr seid bereit zu sterben.«
»Aber was ...?«, sagte Hermine, die mit gerunzelten Brauen Arianas
Bild betrachtete.
Ein winziger weißer Punkt war am Ende des gemalten Tunnels
erschienen, und er wuchs und wuchs, während Ariana jetzt wieder auf sie
zukam. Doch wurde sie von jemandem begleitet, der größer war als sie und
aufgeregt an ihrer Seite humpelte. Sein Haar war länger, als Harry es je an
ihm gesehen hatte; er schien mehrere tiefe Wunden im Gesicht
abbekommen zu haben, und seine Kleider waren zerrissen und zerfetzt. Die
beiden Gestalten wurden immer größer, bis ihre Köpfe und Schultern das
gesamte Porträt einnahmen. Dann schwang das ganze Bild vor wie eine
kleine Tür in der Wand und gab den Eingang zu einem echten Tunnel frei.
Und aus dem Tunnel kletterte, mit stark gewucherten Haaren,
zerschnittenem Gesicht, zerrissenem Umhang, der echte Neville
Longbottom, der vor Freude aufschrie, vom Kaminsims heruntersprang und
rief: »Ich wusste, dass ihr kommen würdet! Ich wusste es, Harry!«
Das verschollene Diadem
»Neville – was zum – wie -?«
Aber Neville hatte Ron und Hermine entdeckt und schloss nun auch sie
unter Freudenschreien in die Arme. Je länger Harry Neville ansah, desto
schlimmer erschien ihm sein Zustand: Eines seiner Augen war
geschwollen, gelb und lila, auf seinem Gesicht waren Narben von Stichen,
und so heruntergekommen, wie er insgesamt wirkte, lag der Schluss nahe,
dass ihm in letzter Zeit übel mitgespielt worden war. Und doch leuchtete
sein zerschundenes Gesicht vor Glück, als er Hermine losließ und noch
einmal sagte: »Ich wusste, dass ihr kommen würdet! Ist nur eine Frage der
Zeit, hab ich immer zu Seamus gesagt!«
»Neville, was ist mit dir passiert?«
»Was? Das?« Neville tat seine Verletzungen mit einem Kopfschütteln
ab. »Das ist nichts. Seamus schaut übler aus. Du wirst sehen. Gehen wir
dann? Oh«, er wandte sich an Aberforth, »Ab, es sind vielleicht noch ein
paar Leute unterwegs.«
»Noch ein paar?«, wiederholte Aberforth düster. »Was soll das heißen,
noch ein paar, Longbottom? Es gibt eine Ausgangssperre und auf dem
ganzen Dorf liegt ein Katzenjammer-Zauber!«
»Ich weiß, deshalb werden sie direkt in die Bar apparieren«, sagte
Neville. »Schick sie einfach den Gang runter, wenn sie da sind, ja? Vielen
Dank.«
Neville reichte Hermine die Hand und half ihr, auf den Kaminsims und
in den Tunnel zu steigen; Ron folgte, dann Neville. Harry richtete das Wort
an Aberforth.
»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Sie haben uns das Leben
gerettet, zwei Mal.«
»Dann passt darauf auf«, sagte Aberforth barsch. »Ein drittes Mal kann
ich es vielleicht nicht retten.«
Harry kletterte auf den Kaminsims und durch das Loch hinter Arianas
Porträt. Auf der anderen Seite waren glatte steinerne Stufen: Es sah aus, als
gäbe es den Tunnel schon seit Jahren. Messinglampen hingen an den
Wänden, und der Erdboden war festgetreten und eben; während sie gingen,
bewegten sich ihre Schatten wie Fächer über die Wände.
»Wie lange gibt es den schon?«, fragte Ron, als sie aufbrachen. »Er ist
nicht auf der Karte des Rumtreibers, oder, Harry? Ich dachte, es gäbe nur
sieben Geheimgänge in die Schule?«
»Die haben sie vor Beginn des Schuljahrs alle versiegelt«, sagte Neville.
»Es gibt jetzt keine Möglichkeit mehr, durch einen davon
hindurchzukommen, Flüche liegen auf den Eingängen, und Todesser und
Dementoren warten an den Ausgängen.« Er ging nun rückwärts, strahlte
und sah sie alle genau an. »Aber das ist jetzt egal ... stimmt es? Seid ihr in
Gringotts eingebrochen? Seid ihr einem Drachen entkommen? Das geht
überall rum, alle reden drüber, Terry Boot ist von Carrow
zusammengeschlagen worden, weil er es in der Großen Halle beim
Abendessen rumposaunt hat!«
»Ja, es stimmt«, sagte Harry.
Neville lachte übermütig.
»Was habt ihr mit dem Drachen gemacht?«
»Freigelassen«, sagte Ron. »Hermine wollte ihn unbedingt als
Kuscheltier behalten -«
»Übertreib nicht, Ron -«
»Aber was habt ihr die ganze Zeit getrieben? Es hieß, ihr seid nur auf
der Flucht gewesen, Harry, aber das glaube ich nicht. Ich glaube, dass ihr
irgendwas vorhattet.«
»Da hast du Recht«, sagte Harry, »aber erzähl uns von Hogwarts,
Neville, wir haben überhaupt nichts gehört. «
»Es war ... also, es ist eigentlich nicht mehr Hogwarts«, sagte Neville,
und während er sprach, verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht.
»Kennt ihr die Carrows?«
»Diese beiden Todesser, die hier unterrichten?«
»Die unterrichten nicht nur«, sagte Neville. »Die sind für die ganze
Disziplin verantwortlich. Die stehen auf Strafen, diese Carrows.«
»Wie Umbridge?«
»Nee, die ist zahm dagegen. Die anderen Lehrer sollen uns an die
Carrows übergeben, wenn wir irgendetwas ausgefressen haben. Das tun sie
aber nicht, wenn sie es vermeiden können. Man merkt, dass die alle sie
genauso hassen wie wir.
Amycus, der Bruder, unterrichtet, was früher mal Verteidigung gegen
die dunklen Künste war, nur dass es jetzt einfach die dunklen Künste sind.
Wir sollen den Cruciatus-Fluch an Leuten üben, die sich Nachsitzen
eingehandelt haben -«
»Was?«
Harrys, Rons und Hermines vereinte Stimmen hallten durch den Tunnel.
»Jaah«, sagte Neville. »Dabei hab ich den hier abgekriegt«, und er
deutete auf einen besonders tiefen Schnitt an seiner Wange. »Ich hab mich
geweigert, es zu tun. Manche Leute stehen aber drauf; Crabbe und Goyle
lieben es. Das allererste Mal, dass sie in irgendwas richtig gut sind, schätze
ich.
Alecto, die Schwester von Amycus, lehrt Muggelkunde, das ist
Pflichtfach für alle. Wir müssen ihr zuhören, wenn sie erklärt, dass Muggel
wie Tiere sind, dumm und schmutzig, und dass sie die Zauberer in den
Untergrund getrieben hätten, weil sie fies zu ihnen waren, und dass nun die
natürliche Ordnung wiederaufgebaut wird. Das hier hab ich gekriegt«, er
zeigte auf eine weitere Schnittwunde in seinem Gesicht, »weil ich sie
gefragt habe, wie viel Muggelblut sie und ihr Bruder in sich haben.«
»Verdammt, Neville«, sagte Ron, »man kann nicht überall und jederzeit
eine freche Lippe riskieren. «
»Du hast sie nicht gehört«, erwiderte Neville. »Du hättest es auch nicht
ertragen. Der Punkt ist, es hilft, wenn Leute sich gegen die wehren, es gibt
allen Hoffnung. Das ist mir früher immer aufgefallen, wenn du es getan
hast, Harry.«
»Aber die haben dich als Messerschleifer benutzt«, sagte Ron und fuhr
leicht zusammen, als sie an einer Lampe vorbeikamen und Nevilles
Verletzungen noch deutlicher hervortraten.
Neville zuckte die Achseln.
»Ist egal. Die wollen nicht zu viel reines Blut vergießen, also foltern sie
uns ein wenig, wenn wir frech sind, aber umbringen werden sie uns dann
doch nicht.«
Harry wusste nicht, was schlimmer war, die Dinge, die Neville
berichtete, oder der nüchterne Ton, in dem er sie berichtete.
»Die Einzigen, die wirklich in Gefahr sind, sind die, deren Freunde und
Verwandte draußen Ärger machen. Die werden als Geiseln genommen. Der
alte Xeno Lovegood wurde im Klitterer ein wenig zu freimütig, deshalb
haben sie Luna aus dem Zug gezerrt, als sie über Weihnachten nach Hause
wollte.«
»Neville, es geht ihr gut, wir haben sie gesehen -«
»Jaah, ich weiß, sie hat es geschafft, mir eine Botschaft zu schicken.«
Er zog eine goldene Münze aus seiner Tasche, und Harry erkannte darin
eine der falschen Galleonen, die Dumbledores Armee benutzt hatte, um
Nachrichten auszutauschen.
»Die waren toll«, sagte Neville und strahlte Hermine an. »Die Carrows
haben nie spitzgekriegt, wie wir in Verbindung stehen, es hat sie
wahnsinnig gemacht. Wir sind nachts immer rausgeschlichen und haben
Graffiti an die Wände gemalt: Dumbledores Armee sucht noch Leute,
solche Sachen eben. Snape hat es gehasst.«
»Ihr habt das immer gemacht?«, sagte Harry, dem die
Vergangenheitsform aufgefallen war.
»Na ja, es wurde mit der Zeit schwieriger«, sagte Neville.
»Weihnachten haben wir Luna verloren, und Ginny kam nach Ostern
nicht mehr zurück, und wir drei waren sozusagen die Anführer. Die
Carrows wussten anscheinend, dass ich hinter vielem steckte, daher haben
sie angefangen, mir schwer zuzusetzen, und dann ist Michael Corner auch
noch dabei erwischt worden, als er einen Erstklässler befreien wollte, den
sie angekettet hatten, und sie haben ihn ziemlich übel gefoltert. Das hat die
Leute verschreckt.«
»Das glaub ich dir«, murmelte Ron, während der Gang anzusteigen
begann.
»Jaah, nun, ich konnte von den Leuten nicht verlangen, das Gleiche
durchzumachen wie Michael, also haben wir solche Kunststückchen
bleiben lassen. Aber wir haben weitergekämpft, haben Sachen im
Untergrund gemacht, bis vor ein paar Wochen. Da sind sie wohl zu der
Überzeugung gekommen, dass es nur einen Weg gibt, mich zu stoppen, und
sind zu Oma gegangen.«
»Sie sind was?«, sagten Harry, Ron und Hermine gleichzeitig.
»Jaah«, sagte Neville, der jetzt ein wenig schnaufte, weil der Gang so
steil wurde, »also, ihr könnt verstehen, wie die ticken. Es hatte richtig gut
funktioniert, Kinder zu entführen, um ihre Verwandten zu zwingen, sich zu
benehmen, da war's wohl bloß eine Frage der Zeit, bis sie es andersrum
machten. Die Sache war nur«, er drehte sich zu ihnen um, und Harry sah
verblüfft, dass er grinste, »die haben sich an Oma ziemlich die Zähne
ausgebissen. Kleine alte Hexe, die allein lebt, haben sie sich wahrscheinlich
gedacht, da braucht man keinen zu schicken, der besonders viel draufhat.
Jedenfalls«, Neville lachte, »ist Dawlish immer noch im St. Mungo und
Oma auf der Flucht. Sie hat mir einen Brief geschickt«, er klatschte mit der
Hand auf die Brusttasche seines Umhangs, »und schreibt, dass sie stolz auf
mich ist und dass ich ganz nach meinen Eltern schlage, und ich soll nicht
lockerlassen.«
»Cool«, sagte Ron.
»Jaah«, sagte Neville glücklich. »Das Einzige war, dass sie, sobald
ihnen klar wurde, dass sie mich nicht in der Hand hatten, zu dem Schluss
kamen, Hogwarts könne eigentlich auch ohne mich auskommen. Ich weiß
nicht, ob sie vorhatten, mich umzubringen oder nach Askaban zu schicken,
auf jeden Fall wusste ich, dass es Zeit war, zu verschwinden.«
»Aber«, sagte Ron, der vollkommen verwirrt aussah, »gehen – gehen
wir jetzt nicht geradewegs zurück nach Hogwarts?«
»'türlich«, erwiderte Neville. »Du wirst schon sehen. Wir sind da.«
Sie bogen um eine Ecke und nun lag das Ende des Durchgangs vor
ihnen. Eine weitere kurze Treppe führte zu einer Tür genau wie die, die
hinter Arianas Porträt versteckt war. Neville stieß sie auf und kletterte
hindurch. Harry folgte ihm und hörte, wie Neville irgendwelchen Leuten,
die er nicht sehen konnte, zurief: »Schaut mal, wer da kommt. Hab ich es
euch nicht gesagt?«
Als Harry den Raum jenseits des Tunnels betrat, ertönten etliche Schreie
und Rufe -
»HARRY!«
»Es ist Potter, es ist POTTER!«
»Ron!«
»Hermine!«
Er hatte einen verworrenen Eindruck von farbigen Wandbehängen, von
Lampen und vielen Gesichtern. Im nächsten Moment wurden er, Ron und
Hermine von etwa zwei Dutzend Leuten bestürmt, die sie umarmten, ihnen
auf die Schultern schlugen, ihnen die Haare zerstrubbelten, die Hände
schüttelten, als ob sie gerade ein Quidditch-Endspiel gewonnen hätten.
»Okay, okay, beruhigt euch!«, rief Neville, und als die Menge
zurückwich, konnte Harry sich umsehen, wo sie gelandet waren.
Er erkannte den Raum überhaupt nicht. Er war riesig und wirkte eher
wie das Innere eines ungewöhnlich luxuriösen Baumhauses oder die Kajüte
eines gigantischen Schiffes. Bunte Hängematten waren an der Decke und
an einer Galerie befestigt, die an den dunklen, holzgetäfelten und
fensterlosen Wänden entlanglief, die mit hellen Wandteppichen bedeckt
waren: Harry sah den goldenen Gryffindor-Löwen auf scharlachrotem
Hintergrund prangen; den schwarzen Dachs von Hufflepuff auf gelbem und
den bronzenen Adler von Ravenclaw auf blauem Grund. Nur das Silber und
Grün von Slytherin fehlte. Es gab vollgestopfte Bücherregale, ein paar
Besen lehnten an den Wänden, und in der Ecke stand ein großes Radio mit
hölzernem Gehäuse.
»Wo sind wir?«
»Raum der Wünsche natürlich!«, sagte Neville. »Besser geht's nicht,
was? Die Carrows waren hinter mir her, und ich wusste, dass ich nur eine
einzige Möglichkeit hatte, mich zu verstecken: Ich hab es geschafft, durch
die Tür zu kommen, und das hier hab ich vorgefunden! Also, er sah nicht
genauso aus wie jetzt, als ich ankam, er war viel kleiner, es gab nur eine
Hängematte und nur Wandbehänge von Gryffindor. Aber er hat sich
ausgedehnt, als immer mehr von der DA gekommen sind.«
»Und die Carrows können nicht rein?«, fragte Harry und sah sich nach
der Tür um.
»Nein«, sagte Seamus Finnigan, den Harry erst jetzt erkannte, da er
sprach: Seamus' Gesicht war geschwollen und voll blauer Flecken. »Es ist
ein gutes Versteck; solange einer von uns hier drinbleibt, kommen sie nicht
an uns ran, die Tür geht nicht auf. Das ist alles Neville zu verdanken. Er hat
diesen Raum wirklich im Griff. Du musst dir genau das wünschen, was du
brauchst – zum Beispiel >Ich will nicht, dass irgendwelche Carrow-
Anhänger hier reinkommen< –, und der Raum macht es für dich! Man
muss nur sichergehen, dass die Schlupflöcher verstopft sind! Neville ist
unser Mann! «
»Es ist im Grunde ziemlich einfach«, sagte Neville bescheiden. »Ich war
etwa anderthalb Tage hier drin und wurde so richtig hungrig und wünschte,
ich könnte was zu essen bekommen, da hat sich der Tunnel zum Eberkopf
geöffnet. Ich ging durch und hab Aberforth getroffen. Er versorgt uns mit
Essen, denn das ist aus irgendeinem Grund das Einzige, was der Raum
wirklich nicht tut.«
»Jaah, Essen ist eine der fünf Ausnahmen von Gamps Gesetz der
Elementaren Transfiguration«, sagte Ron zum allgemeinen Erstaunen.
»Jedenfalls verstecken wir uns schon seit fast zwei Wochen hier«, sagte
Seamus, »und jedes Mal, wenn wir mehr Hängematten brauchen, macht der
Raum einfach noch welche, und er hat sogar ein ziemlich gutes Bad
sprießen lassen, sobald Mädchen aufgetaucht sind -«
»- die dachten, sie würden sich ganz gern waschen, ja«, ergänzte
Lavender Brown, die Harry bis dahin nicht bemerkt hatte. Nun, da er sich
richtig umsah, erkannte er viele vertraute Gesichter. Beide Patil-Zwillinge
waren da, wie auch Terry Boot, Ernie Macmillan, Anthony Goldstein und
Michael Corner.
»Aber erzählt uns, was ihr vorhattet«, sagte Ernie, »es gab so viele
Gerüchte, wir haben versucht, auf PotterWatch was über euch zu erfahren.«
Er wies auf das Radio. »Ihr seid doch nicht in Gringotts eingebrochen?«
»Doch!«, sagte Neville. »Und das mit dem Drachen stimmt auch!«
Es gab von verschiedenen Seiten Beifall und einiges Gejohle; Ron
machte eine Verbeugung.
»Auf was wart ihr aus?«, fragte Seamus begierig.
Ehe einer von ihnen die Frage mit einer Gegenfrage abschmettern
konnte, spürte Harry einen fürchterlichen, brennenden Schmerz in der
Blitznarbe. Rasch kehrte er den neugierigen und freudestrahlenden
Gesichtern den Rücken zu, der Raum der Wünsche verschwand, und er
stand in einer verfallenen Steinhütte, die fauligen Dielen zu seinen Füßen
waren auseinandergerissen, ein ausgegrabenes goldenes Kästchen lag offen
und leer neben dem Loch, und Voldemorts zorniger Schrei erschütterte
seinen Kopf.
Mit gewaltiger Mühe zog er sich aus Voldemorts Geist heraus, zurück in
den Raum der Wünsche, wo er schwankend und mit schweißüberströmtem
Gesicht dastand und von Ron auf den Beinen gehalten wurde.
»Alles in Ordnung mit dir, Harry?«, fragte Neville. »Möchtest du dich
hinsetzen? Ich schätze, du bist müde, oder -?«
»Nein«, sagte Harry. Er sah Ron und Hermine an und versuchte, ihnen
wortlos zu verstehen zu geben, dass Voldemort gerade den Verlust eines
der anderen Horkruxe entdeckt hatte. Die Zeit wurde nun knapp: Wenn
Voldemort beschloss, als Nächstes nach Hogwarts zu kommen, dann hätten
sie ihre Chance verpasst.
»Wir müssen los«, sagte er und las in ihren Gesichtern, dass sie
begriffen hatten.
»Und was sollen wir tun, Harry?«, fragte Seamus. »Wie lautet der
Plan?«
»Plan?«, wiederholte Harry. Er bot all seine Willenskraft auf, um nicht
wieder Voldemorts Zorn nachzugeben: Seine Narbe brannte immer noch.
»Also, es gibt etwas, das wir – Ron, Hermine und ich – erledigen müssen,
und dann verschwinden wir von hier.«
Nun lachte oder johlte keiner mehr. Neville schien verwirrt.
»Was soll das heißen, von hier verschwinden?«
»Wir sind nicht zurückgekommen, um hierzubleiben«, sagte Harry,
während er sich die Narbe rieb, um den Schmerz zu lindern. »Es gibt etwas
Wichtiges, das wir tun müssen -«
»Was denn?«
»Das – das kann ich euch nicht sagen.«
Darauf ging ein leises Murren durch die Runde: Nevilles Augenbrauen
zogen sich zusammen.
»Warum kannst du es uns nicht sagen? Es hat was mit dem Kampf
gegen Du-weißt-schon-wen zu tun, stimmt's?«
»Nun, jaah -«
»Dann helfen wir dir.«
Die anderen Mitglieder von Dumbledores Armee nickten, manche
begeistert, andere ernst. Einige erhoben sich von ihren Stühlen, um ihre
Bereitschaft zu bekunden, sofort loszulegen.
»Ihr versteht nicht.« Harry kam es vor, als hätte er das in den letzten
paar Stunden häufig gesagt. »Wir – wir können es euch nicht sagen. Wir
müssen es – alleine tun.«
»Warum?«, fragte Neville.
»Weil ...« Harry war so erpicht darauf, die Suche nach dem fehlenden
Horkrux zu beginnen oder zumindest mit Ron und Hermine allein darüber
zu sprechen, wo sie damit anfangen sollten, dass es ihm schwerfiel, seine
Gedanken zu sammeln. Seine Narbe brannte nach wie vor. »Dumbledore
hat uns dreien eine Aufgabe hinterlassen«, sagte er vorsichtig, »und wir
sollen nicht darüber reden – ich meine, er wollte, dass wir es tun, nur wir
drei.«
»Wir sind seine Armee«, sagte Neville. »Dumbledores Armee. Wir
waren da alle gemeinsam drin, wir haben damit weitergemacht, während
ihr drei ohne uns weg wart -«
»Es war nicht gerade ein Picknick, Mann«, sagte Ron.
»Das hab ich nicht behauptet, aber ich verstehe nicht, warum ihr uns
nicht vertrauen könnt. Jeder in diesem Raum hat gekämpft, und alle
mussten hier rein, weil die Carrows Jagd auf sie gemacht haben. Jeder hier
drin hat bewiesen, dass er zu Dumbledore hält – zu euch hält.«
»Sieh mal«, begann Harry, ohne zu wissen, was er sagen würde, doch es
spielte keine Rolle: In diesem Moment hatte sich die Tür zum Tunnel hinter
ihm geöffnet.
»Wir haben deine Nachricht bekommen, Neville! Hallo, ihr drei, ich
dachte mir schon, dass ihr hier sein müsst!«
Es waren Luna und Dean. Seamus brüllte laut vor Freude und rannte los,
um seinen besten Freund zu umarmen.
»Hi, alle zusammen!«, rief Luna glücklich. »Oh, ist es toll, wieder hier
zu sein!«
»Luna«, sagte Harry irritiert, »was machst du denn hier? Wie bist du -?«
»Ich hab sie gerufen«, sagte Neville und hielt die falsche Galleone hoch.
»Ich hab ihr und Ginny versprochen, dass ich ihnen Bescheid geben würde,
wenn ihr auftaucht. Wir dachten alle, dass es Revolution bedeutet, wenn ihr
zurückkommt. Dass wir dann Snape und die Carrows stürzen.«
»Natürlich bedeutet es das«, sagte Luna munter. »Stimmt doch, Harry,
oder? Wir vertreiben sie aus Hogwarts?«
»Hört zu«, sagte Harry mit wachsender Panik. »Es tut mir leid, aber
deswegen sind wir nicht zurückgekommen. Wir müssen etwas erledigen,
und dann -«
»Wollt ihr uns in diesem Schlamassel zurücklassen?«, fragte Michael
Corner.
»Nein!«, sagte Ron. »Was wir tun, wird am Ende allen nützen, es geht
einzig und allein darum, Du-weißt-schon-wen loszuwerden -«
»Dann lasst uns helfen!«, erwiderte Neville wütend. »Wir wollen dabei
sein!«
Hinter ihnen waren erneut Geräusche zu hören und Harry wandte sich
um. Das Herz schien ihm zu stocken: Ginny kletterte gerade durch das
Loch in der Wand, dicht gefolgt von Fred, George und Lee Jordan. Sie
schenkte Harry ein strahlendes Lächeln: Er hatte vergessen oder nie richtig
wahrgenommen, wie hübsch sie war, aber er hatte sich noch nie so wenig
gefreut, sie zu sehen.
»Aberforth wird allmählich 'n bisschen fuchsig«, sagte Fred und hob die
Hand, um einige Willkommensrufe zu quittieren. »Er will 'ne Runde
pennen, aber seine Kneipe hat sich in einen Bahnhof verwandelt.«
Harry klappte der Mund auf. Gleich hinter Lee Jordan kam Harrys
Exfreundin Cho Chang zum Vorschein. Sie lächelte ihn an.
»Ich hab die Nachricht bekommen«, sagte sie, hielt ihre falsche
Galleone hoch und ging zu Michael Corner hinüber, um sich neben ihn zu
setzen.
»Also, wie lautet der Plan, Harry?«, fragte George.
»Es gibt keinen«, sagte Harry, noch immer verwirrt über das plötzliche
Erscheinen all dieser Leute und nicht in der Lage, all das zu bewältigen,
während seine Narbe weiterhin so heftig brannte.
»Dann lassen wir uns einfach unterwegs einen einfallen, oder? Solche
Pläne mag ich am liebsten«, sagte Fred.
»Du musst das hier stoppen!«, sagte Harry zu Neville. »Wozu hast du
sie alle zurückgerufen? Das ist Irrsinn -«
»Wir kämpfen, oder etwa nicht?«, fragte Dean und holte seine falsche
Galleone hervor. »In der Nachricht hieß es, dass Harry zurück ist und dass
wir kämpfen werden! Allerdings brauch ich noch einen Zauberstab -«
»Du hast keinen Zauberstab -?«, begann Seamus.
Plötzlich drehte sich Ron zu Harry um.
»Warum können sie denn nicht helfen?«
»Was?«
»Sie können helfen.« Er senkte die Stimme und sagte so leise, dass
außer Hermine, die zwischen ihnen stand, niemand von den anderen ihn
hören konnte: »Wir wissen nicht, wo er ist. Wir müssen ihn schnell finden.
Wir müssen ihnen ja nicht sagen, dass es ein Horkrux ist.«
Harry blickte von Ron zu Hermine, die jetzt murmelte: »Ich glaube, Ron
hat Recht. Wir wissen nicht mal, wonach wir suchen, wir brauchen die
anderen.« Und als Harry wenig überzeugt dreinsah, fuhr sie fort: »Du
musst nicht alles alleine machen, Harry.«
Harry überlegte rasch, seine Narbe kribbelte immer noch, sein Kopf
drohte erneut zu zerspringen. Dumbledore hatte ihn davor gewarnt, außer
Ron und Hermine sonst noch jemandem von den Horkruxen zu erzählen.
Geheimnisse und Lügen, damit sind wir aufgewachsen, und Albus ...der
war ein Naturtalent ... Verwandelte er sich nun allmählich in Dumbledore,
der mit seinen Geheimnissen nicht herausrückte, aus lauter Angst,
jemandem zu vertrauen? Aber Dumbledore hatte Snape vertraut, und wozu
hatte das geführt? Zum Mord oben auf dem höchsten Turm ...
»Na gut«, sagte er leise zu den beiden anderen. »Okay«, rief er in die
Menge, und aller Lärm verebbte: Fred und George, die zur Erheiterung
ihrer Nachbarn Witze gerissen hatten, verstummten, und alle sahen
wachsam und aufgeregt aus.
»Es gibt etwas, das wir finden müssen«, sagte Harry. »Etwas – etwas,
das uns helfen wird, Du-weißt-schon-wen zu stürzen. Es ist hier in
Hogwarts, aber wir wissen nicht wo. Es könnte Ravenclaw gehört haben.
Hat irgendjemand schon mal von so einem Gegenstand gehört? Ist
irgendjemand mal auf etwas gestoßen, auf dem zum Beispiel ihr Adler
war?«
Er blickte hoffnungsvoll zu dem Grüppchen der Ravenclaws, zu Padma,
Michael, Terry und Cho, doch es war die auf der Armlehne von Ginnys
Stuhl sitzende Luna, die antwortete.
»Also, da wäre ihr verschollenes Diadem. Ich hab dir davon erzählt,
weißt du noch, Harry? Das verschollene Diadem von Ravenclaw? Daddy
versucht, es nachzubilden.«
»Jaah, aber das verschollene Diadem«, sagte Michael Corner und
verdrehte die Augen, »ist verschollen, Luna. Das ist irgendwie der
springende Punkt.«
»Wann ging es verloren?«, fragte Harry.
»Vor Jahrhunderten, heißt es«, sagte Cho und Harry sank der Mut.
»Professor Flitwick meint, dass das Diadem mit Ravenclaw selbst
verschwunden ist. Man hat danach gesucht, aber«, sie wandte sich mit
fragendem Blick an die anderen Ravenclaws, »niemand hat je eine Spur
davon gefunden, oder?«
Sie alle schüttelten die Köpfe.
»'tschuldigung, aber was ist ein Diadem?«, fragte Ron.
»Es ist eine Art Krone«, sagte Terry Boot. »Das von Ravenclaw hatte
angeblich magische Eigenschaften, es konnte dem Träger höhere Weisheit
verleihen. «
»Ja, die Schlickschlupf-Absauger von Daddy -«
Aber Harry schnitt Luna das Wort ab.
»Und niemand von euch hat jemals etwas gesehen, was so ausschaut?«
Wiederum schüttelten alle die Köpfe. Harry blickte Ron und Hermine
an und sah seine eigene Enttäuschung in ihren Gesichtern widergespiegelt.
Ein Gegenstand, der schon so lange verschollen war, und offenbar spurlos,
schien kein guter Kandidat für den Horkrux zu sein, der im Schloss
verborgen war ... Ehe Harry jedoch eine weitere Frage formulieren konnte,
ergriff Cho erneut das Wort.
»Wenn du wissen möchtest, wie das Diadem ausgesehen haben soll,
könnte ich mit dir in unseren Gemeinschaftsraum hochgehen und es dir
zeigen, Harry. Ravenclaw trägt es auf ihrer Statue.«
Harrys Narbe flammte abermals auf: Für einen Moment verschwamm
der Raum der Wünsche vor seinen Augen, und stattdessen sah er die dunkle
Erde unter sich dahingleiten und spürte die große Schlange, die sich um
seine Schultern gelegt hatte. Voldemort flog wieder, ob nun zu dem
unterirdischen See oder hierher zum Schloss, das wusste Harry nicht: Wie
auch immer, es blieb wenig Zeit.
»Er ist unterwegs«, sagte er leise zu Ron und Hermine. Er warf einen
kurzen Blick auf Cho, dann wandte er sich erneut den beiden zu. »Hört zu,
ich weiß, es wird nicht viel helfen, aber ich geh und schau mir diese Statue
an, dann weiß ich wenigstens, wie das Diadem aussieht. Wartet hier auf
mich und passt auf, dass – das andere – ihr wisst schon, sicher ist.«
Cho war aufgestanden, aber Ginny sagte recht bissig: »Nein, Luna geht
mit Harry, nicht wahr, Luna?«
»Oooh, ja, gerne«, sagte Luna glücklich und Cho setzte sich mit
enttäuschter Miene wieder hin.
»Wie kommen wir hier raus?«, fragte Harry Neville.
»Dort drüben. «
Er ging mit Harry und Luna zu einer Ecke, wo sich ein kleiner Schrank
zu einer steilen Treppe hin öffnete.
»Sie führt jeden Tag irgendwo anders hin, deswegen haben sie sie nie
gefunden«, sagte Neville. »Das Dumme ist nur, dass wir nie genau wissen,
wo wir landen, wenn wir rausgehen. Sei vorsichtig, Harry, nachts
patrouillieren sie immer in den Korridoren.«
»Kein Problem«, sagte Harry. »Wir sehen uns später.«
Er und Luna eilten die lange Treppe hoch, die von Fackeln erleuchtet
war und an unerwarteten Stellen um Ecken bog. Schließlich gelangten sie
zu einer scheinbar massiven Wand.
»Komm hier drunter«, sagte Harry zu Luna, zog den Tarnumhang
hervor und warf ihn über sie beide. Er gab der Wand einen kleinen Schubs.
Bei seiner Berührung löste sie sich auf und sie schlüpften hinaus. Als
Harry zurückschaute, stellte er fest, dass sie sich augenblicklich wieder
geschlossen hatte. Sie standen in einem dunklen Korridor: Harry zog Luna
zurück in die Schatten, tastete in dem Beutel herum, der um seinen Hals
hing, und zog die Karte des Rumtreibers heraus. Er hielt sie sich dicht vor
die Nase, suchte und fand endlich seinen und Lunas Punkt.
»Wir sind oben im fünften Stock«, flüsterte er und sah zu, wie Filch
sich, einen Korridor weiter, von ihnen entfernte. »Komm, hier lang.«
Sie schlichen los.
Harry war schon oft nachts durch das Schloss gestreift, doch noch nie
hatte sein Herz so schnell gehämmert, noch nie hatte so viel davon
abgehangen, dass er sicher durchkam. Über Mondlichtvierecke auf dem
Boden, an Rüstungen vorbei, deren Helme beim Geräusch ihrer leisen
Schritte quietschten, um Ecken herum, hinter denen wer weiß was lauerte,
gingen Harry und Luna dahin, sie sahen auf der Karte des Rumtreibers
nach, wann immer es hell genug dafür war, und hielten zweimal inne, um
nicht von einem vorbeikommenden Gespenst bemerkt zu werden. Harry
rechnete damit, jeden Moment auf ein Hindernis zu stoßen; seine größte
Sorge war Peeves, und er spitzte bei jedem Schritt die Ohren, um die ersten
verräterischen Zeichen des näher kommenden Poltergeists zu hören.
»Hier lang, Harry«, hauchte Luna, zupfte an seinem Ärmel und zog ihn
zu einer Wendeltreppe.
In engen, Schwindel erregenden Kreisen stiegen sie hinauf; hier oben
war Harry noch nie gewesen. Endlich gelangten sie zu einer Tür. Sie hatte
keine Klinke und kein Schlüsselloch: Da war nichts als eine glatte Fläche
aus altem Holz mit einem bronzenen Türklopfer in Form eines Adlers.
Luna streckte eine blasse Hand aus, die schaurig in der Luft zu
schweben schien, ohne einen zugehörigen Arm oder Körper. Sie klopfte ein
Mal und in der Stille kam es Harry vor wie ein Kanonenschlag. Sofort
öffnete sich der Schnabel des Adlers, doch statt eines Vogelschreis hörten
sie eine leise, melodische Stimme: »Was war zuerst da, der Phönix oder die
Flamme?«
»Hmm ... was meinst du, Harry?«, sagte Luna mit nachdenklicher
Miene.
»Was? Gibt es nicht einfach ein Passwort?«
»O nein, man muss eine Frage beantworten«, sagte Luna.
»Und wenn man falsch antwortet?«
»Tja, dann muss man auf jemand anderen warten, der es richtig macht«,
sagte Luna. »Auf diese Weise lernt man was, verstehst du?«
»Jaah ... das Problem ist nur, dass wir es uns eigentlich nicht leisten
können, auf jemand anderen zu warten, Luna.«
»Nein, ich verstehe, was du meinst«, sagte Luna ernst. »Also dann, ich
glaube, die Antwort ist, dass ein Kreis keinen Anfang hat.«
» Gut überlegt«, sagte die Stimme und die Tür schwang auf.
Der verlassene Gemeinschaftsraum der Ravenclaws war groß und
kreisförmig, luftiger als jeder andere Raum, den Harry je in Hogwarts
gesehen hatte. Die Mauern, an denen blaue und bronzene Seidenbanner
hingen, waren mit anmutigen Bogenfenstern versehen: Tagsüber hatten die
Ravenclaws sicher eine überwältigende Aussicht auf die umliegenden
Berge. Die Decke war kuppeiförmig und mit Sternen bemalt, die auf dem
mitternachtsblauen Teppich wiederauftauchten. Es gab Tische, Sessel und
Bücherschränke, und in einer Nische gegenüber der Tür stand eine große
weiße Marmorstatue.
Harry erkannte Rowena Ravenclaw von der Büste her, die er bei Luna
zu Hause gesehen hatte. Die Statue stand neben einer Tür, die, wie er
vermutete, nach oben zu den Schlafsälen führte. Er ging geradewegs auf die
marmorne Frau zu, und sie schien seinen Blick mit einem angedeuteten
spöttischen Lächeln im Gesicht zu erwidern, schön, doch ein wenig
einschüchternd. Ein zerbrechlich wirkender Schmuckreif war in Marmor
auf ihrem Kopf nachgebildet worden. Er war dem Diadem nicht unähnlich,
das Fleur bei ihrer Hochzeit getragen hatte. Winzige Worte waren darin
eingraviert. Harry trat unter dem Tarnumhang hervor, stieg auf Ravenclaws
Sockel und las sie vor.
»Witzigkeit im Übermaß ist des Menschen größter Schatz.«
»Was dich ziemlich alt aussehen lässt, du Witzloser«, sagte eine
gackernde Stimme.
Harry wirbelte herum, rutschte vom Sockel und landete auf dem Boden.
Alecto Carrows Gestalt mit den hängenden Schultern stand vor ihm, und
gerade als Harry seinen Zauberstab erhob, drückte sie einen stummeligen
Zeigefinger auf den Schädel und die Schlange, die in ihren Unterarm
eingebrannt waren.
Der Rauswurf von Severus Snape
Sobald ihr Finger das Mal berührte, brannte Harrys Narbe grausam, der
Raum voller Sterne löste sich auf, und er stand auf einem Felsblock unter
einer Klippe, die See umtoste ihn, und sein Herz war siegestrunken – Sie
haben den Jungen.
Ein lauter Knall holte Harry dorthin zurück, wo er stand: Verwirrt hob
er seinen Zauberstab, doch die Hexe vor ihm kippte schon vornüber; sie
schlug so hart auf den Boden, dass die Scheiben der Bücherschränke
klirrten.
»Ich hab noch nie jemand geschockt, außer in unseren DA-Stunden«,
sagte Luna und klang dabei mäßig interessiert. »Das hat mehr Krach
gemacht, als ich gedacht hätte.«
Und tatsächlich, die Decke hatte zu zittern angefangen. Das Geräusch
hastiger, dröhnender Schritte drang immer lauter durch die Tür, die zu den
Schlafsälen führte: Lunas Zauber hatte Ravenclaws geweckt, die oben
schliefen.
»Luna, wo bist du? Ich muss unter den Tarnumhang!«
Lunas Füße erschienen aus dem Nichts; er trat eilends an ihre Seite, und
kaum hatte sie den Tarnumhang über sie beide fallen lassen, ging die Tür
auf und ein Strom von Ravenclaws, alle in Schlafanzügen, ergoss sich in
den Gemeinschaftsraum. Sie keuchten und stießen überraschte Schreie aus,
als sie Alecto ohnmächtig daliegen sahen. Langsam schlurften sie um sie
herum wie um ein wildes Tier, das jeden Moment aufwachen und sie
angreifen könnte. Dann schoss ein mutiger Erstklässler auf sie zu und stieß
ihr mit seinem großen Zeh in den Hintern.
»Ich glaub, sie ist vielleicht tot!«, rief er vergnügt.
»Oh, sieh mal«, flüsterte Luna glücklich, während die Ravenclaws sich
nun alle dicht um Alecto drängten. »Die freuen sich!«
»Jaah ... toll ...«
Harry machte die Augen zu, und während seine Narbe pochte, beschloss
er, wieder in Voldemorts Geist einzutauchen ... er drang durch den Tunnel
in die erste Höhle ... er hatte beschlossen, sich Gewissheit über das
Medaillon zu verschaffen, bevor er kommen würde ... aber dafür würde er
nicht lange brauchen ...
An der Tür des Gemeinschaftsraums klopfte es und alle Ravenclaws
erstarrten. Von der anderen Seite her hörte Harry die leise, melodische
Stimme, die von dem Türklopfer in Adlergestalt stammte: »Wo gehen
verschwundene Gegenstände hin?«
»Was weiß denn ich? Halt's Maul!«, knurrte jemand, und Harry
erkannte die ordinäre Stimme von Amycus, dem Bruder von Alecto
Carrow. »Alecto? Alecto? Bist du dadrin? Hast du ihn? Mach die Tür auf!«
Die Ravenclaws tuschelten entsetzt miteinander. Dann, ohne
Vorwarnung, knallten eine Reihe heftiger Schläge, als ob jemand mit einem
Gewehr auf die Tür schießen würde.
»ALECTO! Wenn er kommt und wir haben Potter nicht -willst du das
Gleiche erleben wie die Malfoys? ANTWORTE MIR!« Amycus brüllte
und trommelte mit aller Macht gegen die Tür, die sich dennoch nicht
öffnete. Die Ravenclaws wichen alle zurück, einige so verängstigt, dass sie
die Treppe wieder hochhasteten zu ihren Betten. Dann, als Harry sich
gerade fragte, ob er nicht die Tür aufsprengen und Amycus schocken sollte,
ehe der Todesser noch etwas anderes unternehmen konnte, ertönte eine
zweite, höchst vertraute Stimme hinter der Tür.
»Darf ich fragen, was Sie da tun, Professor Carrow?«
»Ich versuche – durch diese – verdammte Tür – zu kommen!«, rief
Amycus. »Gehen Sie und holen Sie Flitwick! Holen Sie ihn, damit er sie
öffnet, sofort! «
»Aber ist nicht Ihre Schwester dort drin?«, fragte Professor
McGonagall. »Hat Professor Flitwick sie nicht auf Ihre dringende Bitte hin
eingelassen, heute früher am Abend? Vielleicht kann sie Ihnen die Tür
öffnen? Dann müssten Sie nicht das halbe Schloss aufwecken.«
»Die antwortet ja nicht, Sie alter Besen! Machen Sie doch auf! Na los!
Tun Sie's, und zwar sofort!«
»Gewiss, wenn Sie es wünschen«, sagte Professor McGonagall mit
schneidender Kälte. Ein sanfter Schlag des Türklopfers war zu hören und
die melodische Stimme fragte erneut: »Wo gehen verschwundene
Gegenstände hin?«
»Ins Nicht-Sein, das heißt in alles«, antwortete Professor McGonagall.
»Hübsch gesagt«, erwiderte der Adler-Türklopfer und die Tür schwang
auf.
Die wenigen Ravenclaws, die noch da waren, spurteten zur Treppe, als
Amycus, mit dem Zauberstab fuchtelnd, über die Schwelle stürmte. Er war
gedrungen wie seine Schwester, hatte ein farbloses, teigiges Gesicht und
winzige Augen, die sich sofort auf die reglos am Boden ausgestreckte
Alecto richteten. Voll Zorn und Angst schrie er auf.
»Was haben sie getan, diese kleinen Bälger?«, schrie er. »Die kriegen
alle miteinander den Cruciatus von mir zu spüren, bis sie mir verraten, wer
das war – und was wird bloß der Dunkle Lord sagen?«, kreischte er über
seiner Schwester stehend und schlug sich mit der Faust gegen die Stirn. »Er
ist uns entwischt und die haben sie jetzt auch noch umgebracht!«
»Sie steht lediglich unter einem Schockzauber«, sagte Professor
McGonagall ungeduldig, die sich gebückt hatte, um Alecto zu untersuchen.
»Sie wird bald wieder bei bester Gesundheit sein.«
»Nein, zum Henker noch mal, wird sie nicht!«, brüllte Amycus. »Nicht,
wenn der Dunkle Lord sie zu fassen kriegt! Sie hat doch nach ihm gerufen,
ich hab gespürt, wie mein Mal gebrannt hat, und er glaubt, dass wir Potter
haben! «
»>Potter haben«, sagte Professor McGonagall scharf. »Was soll das
heißen, >Potter haben«
»Er hat uns gesagt, dass Potter vielleicht versucht, in den Ravenclaw-
Turm reinzukommen, und dass wir ihn rufen sollen, wenn wir ihn gefasst
haben!«
»Warum sollte Potter versuchen, in den Ravenclaw-Turm
hineinzukommen? Potter gehört in mein Haus!«
In ihrer Stimme voller Zweifel und Wut hörte Harry einen leisen Anflug
von Stolz, und jähe Zuneigung für Minerva McGonagall flammte in ihm
auf.
»Wir haben gesagt gekriegt, dass er vielleicht hier reinkommt!«, sagte
Carrow. »Keine Ahnung, warum, woher auch?«
Professor McGonagall stand auf und suchte mit ihren glänzenden
Knopfaugen den Raum ab. Zweimal wanderte ihr Blick direkt über die
Stelle, wo Harry und Luna standen.
»Wir können es auf die Kinder schieben«, sagte Amycus und sein
schweineähnliches Gesicht wirkte plötzlich verschlagen. »Jaah, das machen
wir. Wir sagen, dass Alecto von den Kindern überfallen wurde, von diesen
Kindern da oben«, er blickte hoch zu der Sternendecke in Richtung
Schlafsäle, »und wir sagen, die hätten sie gezwungen, auf ihr Mal zu
drücken, und deshalb hat er einen falschen Alarm gekriegt ... dann kann er
die bestrafen. Paar Kinder mehr oder weniger, was macht das schon für 'n
Unterschied?«
»Nur den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge, Mut und Feigheit«,
sagte Professor McGonagall, die erblasst war, »kurz, einen Unterschied,
den Sie und Ihre Schwester offenbar nicht zu schätzen wissen. Aber lassen
Sie mich eines absolut klarstellen. Sie werden Ihre vielen
Unzulänglichkeiten nicht den Schülern von Hogwarts in die Schuhe
schieben. Das werde ich nicht zulassen.«
»Wie bitte?«
Amycus trat vor, bis er Professor McGonagall unangenehm nahe war,
sein Gesicht Zentimeter von ihrem entfernt. Sie weigerte sich,
zurückzuweichen, und blickte stattdessen auf ihn hinab, als wäre er etwas
Widerliches, das sie an einer Klobrille klebend gefunden hatte.
»Es geht nicht darum, was Sie zulassen, Minerva McGonagall. Ihre Zeit
ist vorbei. Jetzt haben wir hier das Kommando, und Sie werden mich
unterstützen, oder Sie bezahlen den Preis.«
Und er spuckte ihr ins Gesicht.
Harry zerrte den Tarnumhang von sich, hob seinen Zauberstab und
sagte: »Das hätten Sie nicht tun sollen.«
Als Amycus herumwirbelte, rief Harry: »Crucio!«
Der Todesser wurde von den Füßen gerissen. Er krümmte sich in der
Luft wie ein Ertrinkender, schlug um sich und heulte vor Schmerz, und
dann donnerte er mit einem Knirschen und Splittern in die Scheibe eines
Bücherschranks und brach bewusstlos am Boden zusammen.
»Ich hab verstanden, was Bellatrix meinte«, sagte Harry, während ihm
das Blut durch den Kopf schoss, »man muss es auch wirklich so meinen.«
»Potter!«, flüsterte Professor McGonagall und griff sich ans Herz.
»Potter – Sie sind hier! Was -? Wie -?« Mühsam rang sie um Fassung.
»Potter, das war töricht!«
»Er hat Sie angespuckt«, sagte Harry.
»Potter, ich – das war sehr – sehr ritterlich von Ihnen – aber ist Ihnen
nicht klar -?«
» O doch«, versicherte ihr Harry. Irgendwie machte ihn ihre Panik
ruhiger. »Professor McGonagall, Voldemort ist auf dem Weg.«
»Oh, dürfen wir jetzt den Namen sagen?«, fragte Luna mit interessierter
Miene und zog den Tarnumhang aus. Dass noch ein zweiter Geächteter
auftauchte, war offenbar zu viel für Professor McGonagall, die sich an den
Kragen ihres alten schottengemusterten Morgenmantels klammerte,
rückwärtswankte und in einen nahen Sessel fiel.
»Ich glaube, es ist egal, wie wir ihn nennen«, sagte Harry zu Luna, »er
weiß schon, wo ich bin. «
Irgendwo tief in seinem Gehirn, in jenem Teil, der mit der entzündeten,
brennenden Narbe verbunden war, konnte Harry sehen, wie Voldemort in
dem geisterhaft grünen Boot schnell über den dunklen See fuhr ... fast hatte
er die Insel erreicht, auf der das steinerne Becken stand ...
»Sie müssen fliehen«, flüsterte Professor McGonagall. »Sofort, Potter,
so rasch wie möglich!«
»Ich kann nicht«, sagte Harry. »Es gibt etwas, das ich tun muss.
Professor, wissen Sie, wo das Diadem von Ravenclaw ist?«
»Das D-Diadem von Ravenclaw? Natürlich nicht – ist es nicht seit
Jahrhunderten verschollen?« Sie setzte sich ein wenig aufrechter hin.
»Potter, es war Wahnsinn, heller Wahnsinn, dass Sie das Schloss betreten
haben -«
»Ich musste es tun«, sagte Harry. »Professor, hier ist etwas versteckt,
das ich finden soll, und es könnte das Diadem sein – wenn ich nur mit
Professor Flitwick sprechen könnte -«
Ein Geräusch war zu hören, Glas klirrte: Amycus kam wieder zu sich.
Ehe Harry oder Luna etwas tun konnten, erhob sich Professor McGonagall,
richtete ihren Zauberstab auf den schwer angeschlagenen Todesser und
sagte: »Imperio.«
Amycus stand auf, ging hinüber zu seiner Schwester, hob ihren
Zauberstab auf, schleppte sich dann gehorsam zu Professor McGonagall
und überreichte ihr den Zauberstab mitsamt seinem eigenen. Dann legte er
sich auf den Boden neben Alecto. Professor McGonagall schwang erneut
ihren Zauberstab, und ein schimmerndes, silbernes Stück Seil erschien aus
dem Nichts, schlang sich um die Carrows und band sie fest zusammen.
»Potter«, sagte Professor McGonagall und wandte sich wieder Harry zu,
mit großartiger Gleichgültigkeit dem Geschick der Carrows gegenüber,
»wenn Er, dessen Name nicht genannt werden darf, tatsächlich weiß, dass
Sie hier sind -«
Während sie sprach, loderte Zorn durch Harry wie körperlicher
Schmerz, setzte seine Narbe in Brand, und für eine Sekunde blickte er
hinab auf ein Becken, dessen Zaubertrank klar geworden war, und sah, dass
kein goldenes Medaillon sicher unten am Boden lag -
»Potter, alles in Ordnung mit Ihnen?«, sagte eine Stimme und Harry
kehrte zurück: Er klammerte sich an Lunas Schulter, um sich im
Gleichgewicht zu halten.
»Die Zeit wird knapp, Voldemort kommt näher. Professor, ich handle
nach Dumbledores Anordnungen, ich muss das finden, was ich für ihn
finden soll! Aber wir müssen die Schüler rausschaffen, während ich das
Schloss durchsuche – ich bin es, den Voldemort haben will, aber es wird
ihn nicht kümmern, ob er ein paar mehr oder weniger umbringt, nicht jetzt -
« Nicht jetzt, da er weiß, dass ich Horkruxe angreife, beendete Harry den
Satz im Stillen.
»Sie handeln nach Dumbledores Anordnungen?«, wiederholte sie, mit
wachsender Verwunderung. Dann richtete sie sich zu ihrer vollen Größe
auf.
»Wir werden die Schule gegen Ihn, dessen Name nicht genannt werden
darf, sichern, während Sie nach diesem – diesem Gegenstand suchen.«
»Ist das möglich?«
»Ich denke schon«, sagte Professor McGonagall trocken, »wir Lehrer
sind ziemlich gut in Zauberei, wissen Sie. Ich bin überzeugt davon, dass
wir ihn eine Zeit lang aufhalten können, wenn wir alle unsere gesamten
Kräfte einsetzen. Natürlich muss sich jemand um Professor Snape
kümmern -«
»Lassen Sie mich -«
»- und wenn sich Hogwarts nun, da der Dunkle Lord vor den Toren
steht, für eine Belagerung rüstet, wäre es tatsächlich ratsam, so viele
Unschuldige wie möglich in Sicherheit zu bringen. Da das Flohnetzwerk
unter Beobachtung steht und Apparieren auf dem Gelände unmöglich ist -«
»Es gibt einen Weg«, sagte Harry rasch und berichtete von dem Tunnel,
der in den Eberkopf führte.
»Potter, wir sprechen hier von Hunderten von Schülern – «
»Ich weiß, Professor, aber wenn Voldemort und die Todesser sich auf
die Grenzen der Schule konzentrieren, wird sie jemand, der aus dem
Eberkopf disappariert, nicht interessieren.«
»Da ist etwas dran«, stimmte sie zu. Sie richtete ihren Zauberstab auf
die Carrows, und ein silbernes Netz fiel über ihre gefesselten Körper,
schlang sich um sie und zog sie hoch unter die blau-goldene Decke, wo sie
wie zwei große hässliche Meerungeheuer vor sich hin baumelten.
»Kommen Sie. Wir müssen die anderen Hauslehrer alarmieren. Sie ziehen
am besten wieder diesen Umhang an.«
Sie marschierte zur Tür und hob dabei ihren Zauberstab empor. Aus
seiner Spitze brachen drei silberne Katzen mit Brillenzeichnung um die
Augen hervor. Die Patroni rannten geschmeidig voraus und erfüllten die
Wendeltreppe mit silbrigem Licht, während Professor McGonagall, Harry
und Luna nach unten zurückeilten.
Sie jagten durch die Korridore und ein Patronus nach dem anderen
verließ sie; Professor McGonagalls schottengemusterter Morgenmantel
raschelte über den Boden, und Harry und Luna hasteten unter dem
Tarnumhang hinter ihr her.
Sie waren zwei weitere Stockwerke hinabgestiegen, als sich ein neues
Paar Füße unauffällig zu ihnen gesellte: Harry, dessen Narbe immer noch
ziepte, hörte es zuerst. Er stöberte in dem Beutel um seinen Hals nach der
Karte des Rumtreibers, doch ehe er sie herausholen konnte, schien auch
McGonagall zu bemerken, dass sie nicht mehr allein waren. Sie blieb
stehen, hob ihren Zauberstab, bereit zum Duell, und sagte: »Wer da?«
»Ich bin es«, sagte eine leise Stimme.
Hinter einer Rüstung trat Severus Snape hervor.
Bei seinem Anblick kochte Hass in Harry hoch: Snapes Verbrechen
waren so ungeheuerlich gewesen, dass Harry vergessen hatte, wie er genau
aussah, er hatte vergessen, dass ihm die fettigen schwarzen Haare wie
Vorhänge um das schmale Gesicht fielen, dass seine schwarzen Augen
einen toten, kalten Ausdruck hatten. Er trug keinen Schlafanzug, sondern
war in seinen üblichen schwarzen Umhang gekleidet, und auch er hielt
seinen Zauberstab kampfbereit.
»Wo sind die Carrows?«, fragte er ruhig.
»Vermutlich dort, wo immer Sie die beiden auch hinbefohlen haben,
Severus«, sagte Professor McGonagall.
Snape trat näher, und sein Blick huschte über Professor McGonagall
und durch die Luft um sie herum, als ob er wüsste, dass Harry da war.
Auch Harry hielt seinen Zauberstab empor, bereit zum Angriff.
»Ich hatte den Eindruck«, sagte Snape, »dass Alecto einen Eindringling
gefasst hätte.«
»Tatsächlich?«, sagte Professor McGonagall. »Und was vermittelte
Ihnen diesen Eindruck?«
Snape winkelte leicht seinen linken Arm an, wo das Dunkle Mal in
seine Haut gebrannt war.
»Oh, aber natürlich«, erwiderte Professor McGonagall. »Todesser wie
Sie haben ihre ganz eigenen Mittel und Wege, miteinander in Verbindung
zu treten, das hatte ich vergessen.«
Snape tat, als hätte er sie nicht gehört. Seine Augen suchten immer noch
die Luft rund um sie ab, und er kam allmählich näher, scheinbar ohne
richtig wahrzunehmen, was er tat.
»Ich wusste nicht, dass Sie heute Nacht an der Reihe sind, in den
Korridoren zu patrouillieren, Minerva.«
»Haben Sie etwas dagegen einzuwenden?«
»Ich frage mich, was Sie zu so später Stunde aus dem Bett geholt haben
könnte.«
»Ich dachte, ich hätte eine Ruhestörung vernommen«, sagte Professor
McGonagall.
»Wirklich? Aber es scheint alles still zu sein.«
Snape sah ihr in die Augen.
»Haben Sie Harry Potter gesehen, Minerva? Wenn ja, muss ich nämlich
darauf bestehen -«
Professor McGonagall bewegte sich schneller, als Harry ihr zugetraut
hätte: Ihr Zauberstab peitschte durch die Luft, und für den Bruchteil einer
Sekunde glaubte Harry, Snape müsse bewusstlos zusammenbrechen, doch
der war mit seinem Schildzauber so flink, dass McGonagall aus dem
Gleichgewicht geworfen wurde. Sie schwang ihren Zauberstab zu einer
Fackel an der Wand, die aus ihrer Halterung flog: Harry, der gerade im
Begriff war, Snape einen Fluch aufzuhalsen, musste Luna von den
herabschießenden Flammen wegziehen, aus denen ein Feuerring wurde, der
den Korridor erfüllte und wie ein Lasso auf Snape zuflog -
Dann war es nicht länger Feuer, sondern eine große, schwarze Schlange,
die McGonagall zu Rauch zersprengte, der sich in Sekundenschnelle
umformte und verdichtete und zu einer Horde angriffslustiger Dolche
wurde: Snape entging ihnen nur, indem er die Rüstung vor seinen Körper
riss, und mit laut hallendem Klirren landete ein Dolch nach dem anderen in
deren Brust -
»Minerva!«, sagte eine Quiekstimme, und als Harry, der immer noch
Luna gegen vorbeifliegende Zauber abschirmte, hinter sich blickte, sah er
die Professoren Flitwick und Sprout in ihren Nachthemden den Korridor
entlang auf sie zurennen, während der gewaltige Professor Slughorn ihnen
hinterherkeuchte.
»Nein!«, quiekte Flitwick und hob seinen Zauberstab. »Sie werden in
Hogwarts nicht weiter morden!«
Flitwicks Zauber traf die Rüstung, hinter der Snape Schutz gesucht
hatte: Scheppernd erwachte sie zum Leben. Snape kämpfte sich aus dem
Zangengriff ihrer Arme frei und ließ sie auf seine Angreifer fliegen: Harry
und Luna mussten seitwärtshechten, um ihr auszuweichen, dann krachte sie
gegen die Wand und zersprang. Als Harry aufblickte, war Snape Hals über
Kopf auf der Flucht, und McGonagall, Flitwick und Sprout donnerten ihm
hinterher: Snape stürmte durch eine Klassenzimmertür, und Sekunden
später hörte Harry, wie McGonagall schrie: »Feigling! FEIGLING! «
»Was ist passiert, was ist passiert?«, fragte Luna.
Harry zog sie auf die Beine, und sie rasten, den Tarnumhang hinter sich
herschleifend, den Korridor entlang in das leere Klassenzimmer, wo die
Professoren McGonagall, Flitwick und Sprout vor einem zertrümmerten
Fenster standen.
»Er ist gesprungen«, sagte Professor McGonagall, als Harry und Luna in
das Zimmer rannten.
»Sie meinen, er ist tot?« Harry stürzte zum Fenster, ohne auf Flitwick
und Sprout zu achten, die bei seinem plötzlichen Auftauchen erschrocken
aufschrien.
»Nein, er ist nicht tot«, sagte McGonagall bitter. »Im Gegensatz zu
Dumbledore trug er immer noch einen Zauberstab ... und er hat offenbar
ein paar Tricks von seinem Meister gelernt.«
Mit einem leisen Grauen sah Harry in der Ferne eine riesige
fledermausartige Gestalt durch die Dunkelheit auf die Grenzmauer
zufliegen.
Hinter ihnen waren schwere Schritte und heftiges Schnaufen zu hören:
Slughorn war gerade angekommen.
»Harry!«, keuchte er und rieb sich die riesige Brust unter seinem
smaragdgrünen Seidenpyjama. »Mein lieber Junge ... was für eine
Überraschung ... Minerva, ich bitte Sie, erklären Sie ... Severus ... was ...?«
»Unser Schulleiter macht eine kurze Pause«, sagte Professor
McGonagall und deutete auf das snapeförmige Loch im Fenster.
»Professor!«, rief Harry, die Hände an seiner Stirn. Er konnte den See
voller Inferi unter sich dahingleiten sehen, und er spürte, wie das
geisterhaft grüne Boot gegen das unterirdische Ufer stieß, und Voldemort
sprang heraus, Mord im Sinn -
»Professor, wir müssen die Schule verbarrikadieren, er kommt jetzt!«
»Na schön. Er, dessen Name nicht genannt werden darf, ist auf dem
Weg hierher«, erklärte sie den anderen Lehrern. Sprout und Flitwick
stockte der Atem; von Slughorn war ein schweres Stöhnen zu hören.
»Potter hat auf Dumbledores Anordnung etwas im Schloss zu erledigen.
Wir müssen sämtliche Schutzzauber, die wir aufbieten können, in Stellung
bringen, während Potter tut, was er tun muss.«
»Ihnen ist natürlich klar, dass nichts von alldem Du-weißt-schon-wen
auf Dauer fernhalten kann?«, quiekte Flitwick.
»Aber wir können ihn aufhalten«, sagte Professor Sprout.
»Danke, Pomona«, sagte Professor McGonagall, und die beiden Hexen
tauschten einen Blick von grimmigem Einverständnis. »Ich schlage vor,
wir treffen die grundlegenden Schutzmaßnahmen rund um das Schloss,
dann rufen wir unsere Schüler zusammen und versammeln uns in der
Großen Halle. Die meisten müssen in Sicherheit gebracht werden, doch
wenn von den Volljährigen welche bleiben und kämpfen wollen, sollten
sie, denke ich, die Gelegenheit bekommen.«
»Einverstanden«, sagte Professor Sprout und eilte bereits zur Tür.
»Mein Haus und ich erwarten Sie in zwanzig Minuten in der Großen
Halle.« Und während sie davonrannte, konnten sie sie murmeln hören:
»Tentakula. Teufelsschlinge. Und Snargaluff-Kokons ... ja, ich würde zu
gern sehen, wie die Todesser dagegen kämpfen.«
»Ich kann von hier aus agieren«, sagte Flitwick, und obwohl er kaum
etwas durch das kaputte Fenster erkennen konnte, zielte er mit dem
Zauberstab nach draußen und begann hochkomplizierte Beschwörungen zu
murmeln. Harry hörte ein sonderbares Brausen, als ob Flitwick die Kräfte
des Windes über dem Gelände entfesselt hätte.
»Professor«, sagte Harry und näherte sich dem kleinen
Zauberkunstmeister, »Professor, Verzeihung, dass ich Sie unterbreche, aber
es ist wichtig. Haben Sie eine Ahnung, wo das Diadem von Ravenclaw
ist?«
»... Protego horribilis – das Diadem von Ravenclaw?«, quiekte
Flitwick. »Etwas mehr Weisheit ist nie verkehrt, Potter, aber ich denke
kaum, dass es in dieser Situation besonders nützlich wäre! «
»Ich meinte nur – wissen Sie, wo es ist? Haben Sie es je gesehen?«
»Gesehen? Niemand hat es seit Menschengedenken gesehen! Es ist
schon seit langem verschollen, Junge!«
Harry verspürte eine Mischung aus verzweifelter Enttäuschung und
Panik. Was sonst konnte der Horkrux sein?
»Wir treffen Sie und Ihre Ravenclaws in der Großen Halle, Filius!«,
sagte Professor McGonagall und winkte Harry und Luna, ihr zu folgen.
Sie hatten gerade die Tür erreicht, als Slughorn mit polternder Stimme
zu sprechen begann.
»Meine Güte!«, japste er, blass und verschwitzt und mit zitterndem
Walrossbart. »Was für ein Theater! Ich bin mir gar nicht sicher, ob das klug
ist, Minerva. Er findet ganz bestimmt einen Weg herein, verstehen Sie, und
jeder, der versucht hat, ihn zu behindern, wird in schrecklichster Gefahr
sein -«
»Ich erwarte auch Sie und die Slytherins in zwanzig Minuten in der
Großen Halle«, sagte Professor McGonagall. »Wenn Sie mit Ihren
Schülern fortgehen wollen, werden wir Sie nicht aufhalten. Aber wenn
irgendwer von Ihnen versucht, unseren Widerstand zu sabotieren oder in
diesem Schloss die Waffen gegen uns zu erheben, dann, Horace, werden
wir uns auf Leben und Tod duellieren.«
»Minerva!«, sagte er entsetzt.
»Der Zeitpunkt ist gekommen, dass das Haus Slytherin entscheidet,
wem seine Treue gilt«, unterbrach ihn Professor McGonagall. »Gehen Sie
und wecken Sie Ihre Schüler, Horace.«
Harry blieb nicht, bis er Slughorn prusten sah: Er und Luna rannten
Professor McGonagall hinterher, die sich in die Mitte des Korridors gestellt
hatte und den Zauberstab hob.
»Piertotum – oh, um Himmels willen, Filch, nicht jetzt -«
Der alte Hausmeister war gerade herbeigehumpelt und rief: »Schüler
nicht in ihren Betten! Schüler in den Korridoren! «
»Das hat auch seine Richtigkeit, Sie Armleuchter!«, rief McGonagall.
»Nun gehen Sie und tun Sie was Vernünftiges! Suchen Sie Peeves!«
»P-Peeves?«, stammelte Filch, als ob er den Namen noch nie gehört
hätte.
»Ja, Peeves, Sie Dummkopf, Peeves! Beschweren Sie sich nicht schon
seit einem Vierteljahrhundert über ihn? Gehen Sie und holen Sie ihn,
sofort!«
Filch dachte offensichtlich, Professor McGonagall habe den Verstand
verloren, humpelte aber dennoch mit eingezogenen Schultern und leise vor
sich hin brabbelnd davon.
»Und jetzt – piertotum locomotor!«, rief Professor McGonagall.
Und im ganzen Korridor sprangen die Statuen und Rüstungen von ihren
Sockeln, und aus dem dröhnenden Lärm in den höheren und tieferen
Stockwerken schloss Harry, dass ihre Gefährten überall im Schloss das
Gleiche getan hatten.
»Hogwarts ist in Gefahr!«, rief Professor McGonagall. »Besetzt die
Grenzen, beschützt uns, erfüllt eure Pflicht unserer Schule gegenüber!«
Scheppernd und schreiend stürmte die Horde von Statuen an Harry
vorüber: manche von ihnen kleiner, manche größer als lebendige
Menschen. Es waren auch Tiere darunter, und die klirrenden Rüstungen
schwangen Schwerter und Ketten mit Morgensternen.
»Nun, Potter«, sagte McGonagall, »Sie und Miss Lovegood kehren am
besten zu Ihren Freunden zurück und bringen sie in die Große Halle – ich
werde die anderen Gryffindors wecken.«
Sie trennten sich oben auf dem nächsten Treppenabsatz: Harry und Luna
eilten zurück zu dem verborgenen Eingang des Raums der Wünsche.
Während sie rannten, kamen ihnen Scharen von Schülern entgegen, die
meist Reiseumhänge über ihren Schlafanzügen trugen und von Lehrern und
Vertrauensschülern in die Große Halle geführt wurden.
»Das war Potter! «
»Harry Potter!«
»Das war er, ich schwör's, ich hab ihn eben gesehen!«
Aber Harry blickte nicht zurück und endlich erreichten sie den Eingang
zum Raum der Wünsche. Harry lehnte sich gegen die verzauberte Wand,
die sich öffnete und sie einließ, und er und Luna stürmten wieder die steile
Treppe hinunter.
»W-?«
Als der Raum in Sicht kam, schlitterte Harry vor Schreck ein paar
Stufen abwärts. Er war proppenvoll, viel voller als beim letzten Mal, als er
hier gewesen war. Kingsley und Lupin schauten zu ihm hoch, wie auch
Oliver Wood, Katie Bell, Angelina Johnson und Alicia Spinnet, Bill und
Fleur und Mr und Mrs Weasley.
»Harry, was geht hier vor?«, sagte Lupin, der ihn am Fuß der Treppe
empfing.
»Voldemort ist auf dem Weg, sie verbarrikadieren die Schule – Snape
ist geflohen – was macht ihr denn hier? Wie habt ihr davon erfahren?«
»Wir haben Botschaften an den Rest von Dumbledores Armee
geschickt«, erklärte Fred. »Du hast doch nicht im Ernst geglaubt, dass sich
alle den Spaß entgehen lassen würden, Harry, und die DA hat dem
Phönixorden Bescheid gegeben, und irgendwie ist eine Lawine draus
geworden.«
»Was passiert jetzt als Erstes, Harry?«, rief George. »Was geht ab?«
»Die jüngeren Kinder werden in Sicherheit gebracht, und alle kommen
in der Großen Halle zusammen, um eingeteilt zu werden«, sagte Harry.
»Wir werden kämpfen.«
Ein lautes Gebrüll erhob sich und die Menge drängte zum Fuß der
Treppe; er wurde an die Wand zurückgedrückt, als sie wild durcheinander
an ihm vorbeirannten, die Mitglieder des Phönixordens, Dumbledores
Armee und Harrys alte Quidditch-Mannschaft, alle mit gezückten
Zauberstäben auf dem Weg in das Hauptgebäude des Schlosses.
»Komm, Luna«, rief Dean, als er vorbeilief, und streckte seine freie
Hand aus; sie nahm sie und folgte ihm wieder die Treppe hoch.
Die Reihen lichteten sich: Nur eine kleine Gruppe von Leuten blieb
unten im Raum der Wünsche und Harry trat zu ihnen. Mrs Weasley stritt
mit Ginny. Um sie herum standen Lupin, Fred, George, Bill und Fleur.
»Du bist minderjährig!«, schrie Mrs Weasley ihre Tochter an, als Harry
sich näherte. »Das erlaube ich nicht! Die Jungs, ja, aber du, du gehst
gefälligst nach Hause!«
»Kommt nicht in Frage!«
Mit wehenden Haaren zog Ginny ihren Arm aus dem Griff ihrer Mutter.
»Ich bin in Dumbledores Armee -«
»- einer Teenagerbande!«
»Einer Teenagerbande, die ihm gleich einen Kampf liefern wird, was
niemand sonst sich getraut hat!«, sagte Fred.
»Sie ist sechzehn!«, rief Mrs Weasley. »Sie ist noch nicht alt genug!
Was habt ihr beide euch dabei gedacht, sie mitzubringen -«
Fred und George sahen aus, als ob sie sich ein wenig schämten.
»Mum hat Recht, Ginny«, sagte Bill sanft. »Das kannst du nicht
machen. Alle Minderjährigen müssen gehen, das ist nur richtig so.«
»Ich kann nicht nach Hause gehen!«, rief Ginny und Tränen der Wut
glänzten in ihren Augen. »Meine ganze Familie ist hier, ich halte es nicht
aus, allein dort zu warten und nichts zu wissen und -«
Ihr Blick traf zum ersten Mal den Harrys. Sie sah ihn flehentlich an,
doch er schüttelte den Kopf, und sie wandte sich verbittert ab.
»Schön«, sagte sie und starrte auf den Eingang des Tunnels, der zurück
zum Eberkopf führte. »Dann sag ich jetzt also Lebewohl und -«
Ein Schlurfen war zu hören und ein mächtiger dumpfer Schlag: Noch
jemand war aus dem Tunnel geklettert, war ein wenig aus dem
Gleichgewicht geraten und gestürzt. Er zog sich am nächsten Stuhl hoch,
sah sich durch seine verrutschte Hornbrille um und sagte: »Bin ich zu spät?
Hat es schon angefangen? Ich hab eben erst davon erfahren, also ich – ich -
«
Stotternd verstummte Percy. Offenbar hatte er nicht erwartet, den
größten Teil seiner Familie hier anzutreffen. Eine ganze Weile lang
herrschte Erstaunen, bis Fleur sich schließlich an Lupin wandte und einen
absolut durchschaubaren Versuch unternahm, die Spannung zu lösen,
indem sie sagte: »Nun – wie geht es dem kleinen Teddy?«
Lupin blinzelte sie verdutzt an. Das Schweigen zwischen den Weasleys
schien fest zu werden wie Eis.
»Ich – o ja – es geht ihm gut!«, sagte Lupin laut. »Ja, Tonks ist bei ihm
– im Haus ihrer Mutter.«
Percy und die anderen Weasleys starrten einander nach wie vor frostig
an.
»Hier, ich hab ein Bild!«, rief Lupin, zog ein Foto aus seiner Jacke und
zeigte es Fleur und Harry, die ein winziges Baby mit einem Büschel
helltürkisfarbigem Haar sahen, das mit seinen dicken Fäustchen in die
Kamera winkte.
»Ich war ein Idiot!«, brüllte Percy, so laut, dass Lupin das Foto beinahe
fallen ließ. »Ich war ein Idiot, ich war ein aufgeblasener Trottel, ich war ein
– ein -«
»Ministeriumsverliebter, familienverleugnender, machthungriger
Schwachkopf«, sagte Fred.
Percy schluckte.
»Ja, das war ich!«
»Nun, netter kann man es beim besten Willen nicht ausdrücken«, sagte
Fred und streckte Percy die Hand entgegen.
Mrs Weasley brach in Tränen aus. Sie stürmte vor, schubste Fred
beiseite und zog Percy in eine würgende Umarmung, während er ihr den
Rücken tätschelte und dabei seinen Vater ansah.
»Tut mir leid, Dad«, sagte Percy.
Mr Weasley blinzelte ziemlich schnell, dann eilte auch er, um seinen
Sohn zu umarmen.
»Was hat dich zur Vernunft gebracht, Perce?«, erkundigte sich George.
»Es dämmert mir schon eine ganze Weile«, sagte Percy und tupfte sich
mit einem Zipfel seines Reiseumhangs unter seiner Brille die Augen. »Aber
ich musste einen Weg finden rauszukommen, und das ist nicht so einfach
im Ministerium, die sperren andauernd Verräter ein. Ich hab es geschafft,
Kontakt mit Aberforth aufzunehmen, und er hat mir vor zehn Minuten den
Hinweis gegeben, dass Hogwarts kämpfen wird, und hier bin ich.«
»Also, wir erwarten von unseren Vertrauensschülern, dass sie in Zeiten
wie diesen die Führung übernehmen«, sagte George, indem er Percys
wichtigtuerischste Art treffend nachahmte. »Nun lasst uns nach oben gehen
und kämpfen, sonst sind alle guten Todesser schon weg.«
»Du bist also jetzt meine Schwägerin?«, fragte Percy und schüttelte
Fleur die Hand, als sie mit Bill, Fred und George zur Treppe eilten.
»Ginny!«, bellte Mrs Weasley.
Ginny hatte während der Versöhnung versucht, sich unbemerkt auch
nach oben zu schleichen.
»Molly, wie wär's damit«, sagte Lupin. »Warum bleibt Ginny nicht
einfach hier, dann ist sie zumindest am Ort des Geschehens und weiß, was
vor sich geht, ist aber nicht mitten im Kampfgetümmel?«
»Ich -«
»Das ist eine gute Idee«, sagte Mr Weasley entschieden. » Ginny, du
bleibst in diesem Raum, hast du mich verstanden?«
Ginny schien die Vorstellung nicht sonderlich zu gefallen, doch unter
dem ungewöhnlich strengen Blick ihres Vaters nickte sie. Auch Mr und
Mrs Weasley und Lupin steuerten nun auf die Treppe zu.
»Wo ist Ron?«, fragte Harry. »Wo ist Hermine? «
»Sie müssen schon in die Große Halle hochgegangen sein«, rief Mr
Weasley über die Schulter.
»Ich hab sie nicht vorbeigehen sehen«, erwiderte Harry.
»Sie sagten irgendwas von einem Badezimmer«, sagte Ginny, »nicht
lange nachdem du weg warst.«
»Einem Badezimmer?«
Harry schritt rasch quer durch den Raum zu einer offenen Tür, die aus
dem Raum der Wünsche führte, und sah im Badezimmer dahinter nach. Es
war leer.
»Bist du sicher, dass sie Bade-?«
Doch dann brannte seine Narbe und der Raum der Wünsche
verschwand: Er blickte durch das hohe schmiedeeiserne Doppeltor, das von
geflügelten Ebern auf Säulen flankiert wurde, blickte über das dunkle
Gelände zum Schloss, das hell erleuchtet war. Nagini hing über seinen
Schultern. Er war beherrscht von jenem kalten, grausamen Gefühl der
Entschlossenheit, das dem Mord vorausging.
Die Schlacht von Hogwarts
Die verzauberte Decke der Großen Halle war dunkel und mit Sternen
übersät, und darunter saßen, an den vier langen Haustischen, zerzaust
wirkende Schüler, manche in Reiseumhängen, andere in Morgenmänteln.
Hier und dort leuchteten die perlweißen Gestalten der Schulgespenster.
Jedes Auge, ob lebend oder tot, war auf Professor McGonagall
gerichtet, die von dem Podium an der Stirnseite der Halle aus sprach.
Hinter ihr standen die verbliebenen Lehrer, darunter der Palomino-Zentaur
Firenze und die Mitglieder des Phönixordens, die gekommen waren, um zu
kämpfen.
»... Mr Filch und Madam Pomfrey werden die Evakuierung
beaufsichtigen. Vertrauensschüler, wenn ich das Signal gebe, scharen Sie
die Schüler Ihres Hauses um sich und führen sie geordnet zum
gemeinsamen Treffpunkt.«
Viele der Schülerinnen und Schüler wirkten wie versteinert. Doch
während Harry an der Wand entlangging und den Gryffindor-Tisch nach
Ron und Hermine absuchte, stand Ernie Macmillan am Hufflepuff-Tisch
auf und schrie: »Und was, wenn wir hierbleiben und kämpfen wollen?«
Es gab vereinzelten Beifall.
»Wer volljährig ist, kann bleiben«, sagte Professor McGonagall.
»Was ist mit unseren Sachen?«, rief ein Mädchen am Ravenclaw-Tisch.
»Unseren Koffern, unseren Eulen?«
»Es bleibt keine Zeit, Habseligkeiten einzusammeln«, sagte Professor
McGonagall. »Wichtig ist, dass ihr hier sicher rauskommt. «
»Wo ist Professor Snape?«, schrie ein Mädchen vom Slytherin-Tisch.
»Er hat, wie man so schön sagt, die Fliege gemacht!«, antwortete
Professor McGonagall, und großer Jubel brach bei den Gryffindors,
Hufflepuffs und Ravenclaws aus.
Harry, der immer noch nach Ron und Hermine Ausschau hielt, ging nun
am Gryffindor-Tisch entlang durch die Halle. Als er vorbeikam, wandten
sich ihm Gesichter zu, und hinter ihm gab es Getuschel.
»Wir haben bereits Schutzzauber um das Schloss herum aufgebaut«,
sagte Professor McGonagall gerade, »aber sie werden vermutlich nicht
lange halten, wenn wir sie nicht verstärken. Ich muss euch daher bitten,
zügig und ruhig hinauszugehen und zu tun, was eure Vertrauensschüler -«
Aber ihre letzten Worte gingen unter, als eine andere Stimme durch den
Raum hallte. Sie war hoch, kalt und klar. Woher sie kam, war nicht
auszumachen; sie schien aus den Wänden selbst hervorzudringen. Wie das
Ungeheuer, das sie einst befehligt hatte, mochte sie vielleicht seit
Jahrhunderten dort geschlummert haben.
»Ich weiß, dass ihr euch bereitmacht zum Kampf.« Einige Schüler
schrien, manche klammerten sich aneinander und sahen sich voller
Entsetzen nach der Herkunft der Stimme um. »Eure Bemühungen sind
zwecklos. Ihr könnt mich nicht besiegen. Ich will euch nicht töten. Ich habe
Hochachtung vor den Lehrern von Hogwarts. Ich will kein magisches Blut
vergießen.«
Jetzt herrschte Stille in der Halle, jene Art von Stille, die gegen das
Trommelfell drückt, die zu gewaltig scheint, als dass Mauern sie
eindämmen könnten.
»Gebt mir Harry Potter«, sagte Voldemorts Stimme, »und keinem soll
ein Leid geschehen. Gebt mir Harry Potter und ich werde die Schule
unversehrt lassen. Gebt mir Harry Potter und ihr sollt belohnt werden. – Ihr
habt Zeit bis Mitternacht. «
Abermals wurden sie alle von der Stille verschluckt. Sämtliche Köpfe
drehten sich, alle Augen in der Halle schienen sich auf Harry gerichtet zu
haben und ihn im grellen Licht Tausender unsichtbarer Strahlen zu bannen.
Dann stand eine Gestalt am Slytherin-Tisch auf, und als sie ihren
schlotternden Arm erhob, erkannte er Pansy Parkinson, die schrie: »Aber
da ist er doch! Potter ist hier! Jemand soll ihn festhalten!«
Ehe Harry etwas sagen konnte, kam gewaltige Bewegung auf. Die
Gryffindors vor ihm hatten sich erhoben und blieben nicht Harry, sondern
den Slytherins zugewandt stehen. Dann standen die Hufflepuffs auf und
fast im selben Moment die Ravenclaws, alle mit dem Rücken zu Harry, und
alle blickten nicht zu ihm, sondern zu Pansy, und Harry sah beeindruckt
und überwältigt, wie überall Zauberstäbe auftauchten, die aus Umhängen
und Ärmeln hervorgezogen wurden.
»Danke, Miss Parkinson«, sagte Professor McGonagall mit
schneidender Stimme. »Sie werden die Halle mit Mr Filch zusammen als
Erste verlassen. Der Rest Ihres Hauses möge folgen.«
Harry hörte Bänke knarren und dann den Lärm der Slytherins, die auf
der anderen Seite der Halle hinausmarschierten.
»Ravenclaws, folgt ihnen!«, rief Professor McGonagall.
Allmählich leerten sich die vier Tische. Der Slytherin-Tisch war
vollkommen verlassen, doch einige ältere Ravenclaws verharrten auf ihren
Plätzen, während ihre Mitschüler im Gänsemarsch hinauszogen. Von den
Hufflepuffs blieben noch mehr zurück, und halb Gryffindor rührte sich
nicht, weshalb Professor McGonagall sich genötigt sah, vom Lehrerpodium
herabzusteigen und die Minderjährigen davonzuscheuchen.
»Kommt überhaupt nicht in Frage, Creevey, marsch! Und auch du,
Peakes!«
Harry eilte hinüber zu den Weasleys, die alle am Gryffindor-Tisch
versammelt waren.
»Wo sind Ron und Hermine?«
»Hast du sie nicht gefun-?«, begann Mr Weasley mit besorgtem Blick.
Doch er hielt inne, als Kingsley auf dem Podium nach vorne getreten
war, um zu denen zu sprechen, die geblieben waren.
»Wir haben nur noch eine halbe Stunde bis Mitternacht, deshalb müssen
wir schnell handeln! Die Lehrer von Hogwarts und der Orden des Phönix
haben sich auf einen Schlachtplan verständigt. Die Professoren Flitwick,
Sprout und McGonagall werden Gruppen von Kämpfern auf die drei
höchsten Türme führen – Ravenclaw, Astronomie und Gryffindor –, dort
haben sie einen guten Überblick und eine hervorragende Ausgangsposition,
um Zauber auszuführen. Unterdessen werden Remus«, er wies auf Lupin,
»Arthur«, er deutete auf Mr Weasley am Gryffindor-Tisch, »und ich
Gruppen ins Gelände führen. Wir brauchen jemanden, der die Verteidigung
der Tunneleingänge zur Schule übernimmt -«
»- klingt nach einem Job für uns«, rief Fred, indem er auf sich und
George zeigte, und Kingsley nickte zustimmend.
»Nun denn, die Anführer hier hoch, wir teilen die Truppen ein!«
»Potter«, sagte Professor McGonagall und kam rasch auf ihn zu,
während Schüler um das Podium strömten, um die besten Plätze rangelten
und Anweisungen erhielten, »sollten Sie nicht nach etwas suchen?«
»Was? Oh«, sagte Harry, »ach jaah!«
Fast hatte er den Horkrux vergessen, fast vergessen, dass sie in die
Schlacht zogen, damit er nach ihm suchen konnte: Dass Ron und Hermine
unerklärlicherweise nicht da waren, hatte vorübergehend alle anderen
Gedanken aus seinem Kopf verdrängt.
»Dann gehen Sie, Potter, gehen Sie!«
»In Ordnung – jaah -«
Er spürte, wie ihm Blicke folgten, als er aus der Großen Halle hinaus in
die Eingangshalle rannte, wo sich noch viele Schüler drängten, die
evakuiert wurden. Er ließ sich in der Menge die Marmortreppe
hinauftreiben, doch oben angekommen, eilte er durch einen verlassenen
Korridor davon. Angst und Panik vernebelten seine Gedankengänge. Er
versuchte sich zu beruhigen, sich auf die Suche nach dem Horkrux zu
konzentrieren, doch seine Gedanken schwirrten so hektisch und erfolglos
durcheinander wie Wespen, die unter einem Glas gefangen waren. Ohne
die Hilfe von Ron und Hermine konnte er seine Ideen scheinbar nicht
ordnen. Er ging langsamer und blieb mitten in einem leeren Gang stehen,
setzte sich auf den verlassenen Sockel einer Statue und zog die Karte des
Rumtreibers aus dem Beutel um seinen Hals. Rons oder Hermines Namen
konnte er nirgends darauf ausfindig machen, doch vielleicht, überlegte er,
waren die vielen Punkte auf dem Weg zum Raum der Wünsche so dicht
beieinander, dass die beiden verdeckt wurden. Er steckte die Karte weg,
presste seine Hände auf sein Gesicht, schloss die Augen und versuchte sich
zu sammeln ...
Voldemort dachte, ich würde in den Ravenclaw-Turm gehen.
Da war sie: eine handfeste Tatsache, damit konnte er anfangen.
Voldemort hatte Alecto Carrow im Gemeinschaftsraum der Ravenclaws
postiert und dafür konnte es nur eine Erklärung geben: Voldemort
befürchtete, dass Harry bereits wusste, dass der Horkrux mit diesem Haus
in Zusammenhang stand.
Doch der einzige Gegenstand, den jeder mit Ravenclaw zu verbinden
schien, war das verschollene Diadem ... und wie konnte der Horkrux das
Diadem sein? Wie war es möglich, dass Voldemort, der Slytherin, das
Diadem gefunden hatte, das Generationen von Ravenclaws entgangen war?
Wer konnte ihm verraten haben, wo er suchen musste, wo doch seit
Menschengedenken niemand das Diadem gesehen hatte?
Seit Menschengedenken ...
Harry riss unter seinen Fingern die Augen auf. Er sprang von dem
Sockel hoch und jagte den Weg zurück, den er gekommen war, nun seiner
einzigen, letzten Hoffnung hinterher. Der Lärm Hunderter von Menschen,
die zum Raum der Wünsche marschierten, wurde immer lauter, während er
zur Marmortreppe zurückkehrte. Vertrauensschüler riefen Anweisungen,
versuchten die Schüler ihrer Häuser im Auge zu behalten; es wurde viel
geschubst und gedrängelt; Harry sah Zacharias Smith ein paar Erstklässler
umstoßen, um an die Spitze der Schlange zu kommen; hie und da waren
jüngere Schüler in Tränen aufgelöst, während ältere verzweifelt nach
Freunden oder Geschwistern riefen ...
Harrys Blick fiel auf eine perlweiße Gestalt, die unten durch die
Eingangshalle schwebte, und er schrie aus Leibeskräften durch den Trubel.
»Nick! NICK! Ich muss Sie sprechen!«
Er bahnte sich einen Weg zurück durch den Schülerstrom und gelangte
schließlich zum Fuß der Treppe, wo der Fast Kopflose Nick, das Gespenst
des Gryffindor-Turms, auf ihn wartete.
»Harry! Mein lieber Junge!«
Nick schickte sich an, Harrys Hände in seine zu nehmen; Harry hatte
das Gefühl, als wären sie in Eiswasser getaucht worden.
»Nick, Sie müssen mir helfen. Wer ist das Gespenst vom Ravenclaw-
Turm?«
Der Fast Kopflose Nick wirkte überrascht und ein wenig beleidigt.
»Die graue Dame natürlich; aber wenn du Gespensterdienste wünschst -
?«
»Es muss sie sein – wissen Sie, wo sie ist?«
»Lass mich überlegen ...«
Nicks Kopf eierte leicht auf seiner Halskrause, während er sich hierhin
und dorthin wandte und über die Köpfe der Scharen von Schülern
hinwegspähte.
»Da drüben ist sie, Harry, die junge Frau mit den langen Haaren. «
Harry blickte in die Richtung, in die Nicks durchsichtiger Zeigefinger
wies, und sah ein großes Gespenst, dem auffiel, dass Harry zu ihm
herüberblickte, und das mit hochgezogenen Augenbrauen durch eine
massive Wand entschwebte.
Harry rannte ihr nach. Sobald er durch die Tür des Korridors getreten
war, in dem sie verschwunden war, sah er sie ganz am Ende des Ganges,
immer noch zügig vor ihm davongleitend.
»Hey – warten Sie – kommen Sie zurück!«
Sie ließ sich dazu herbei, einige Zentimeter über dem Boden schwebend
innezuhalten. Harry nahm an, dass sie schön war, mit ihrem hüftlangen
Haar und ihrem Umhang, der ihr bis zu den Füßen reichte, doch sie wirkte
auch hochmütig und stolz. Aus der Nähe betrachtet, erkannte er in ihr ein
Gespenst, das ihm in den Korridoren mehrmals begegnet war, mit dem er
aber nie gesprochen hatte.
»Sind Sie die graue Dame?«
Sie nickte, sagte aber nichts.
»Das Gespenst vom Ravenclaw-Turm?«
»Das ist richtig.«
Ihr Ton war nicht ermutigend.
»Bitte, ich brauche Hilfe. Ich muss alles wissen, was Sie mir über das
verschollene Diadem sagen können.«
Ein kühles Lächeln kräuselte ihre Lippen.
»Ich fürchte«, sagte sie und wandte sich ab, um zu entschwinden, »da
kann ich Ihnen nicht helfen.«
»WARTEN SIE!«
Er hatte nicht schreien wollen, aber Wut und Panik drohten ihn zu
überwältigen. Er blickte auf seine Uhr, während das Gespenst vor ihm
schwebte: Noch eine Viertelstunde bis Mitternacht.
»Es ist dringend«, sagte er heftig. »Wenn dieses Diadem in Hogwarts
ist, muss ich es finden, und zwar schnell.«
»Sie sind keineswegs der erste Schüler, der das Diadem begehrt«, sagte
sie verächtlich. »Generationen von Schülern haben mir zugesetzt – «
»Es geht hier nicht darum, bessere Noten zu kriegen!«, schrie Harry sie
an. »Es geht um Voldemort – darum, ihn zu besiegen – oder ist Ihnen das
gleichgültig?«
Sie konnte nicht erröten, doch ihre durchsichtigen Wangen verdunkelten
sich, und als sie antwortete, klang ihre Stimme erregt: »Natürlich, ich – wie
können Sie es wagen, eine solche Unterstellung zu -?«
»Nun, dann helfen Sie mir doch!«
Sie verlor allmählich die Fassung.
»Es – es ist nicht wegen -«, stammelte sie. »Das Diadem meiner Mutter
-«
»Ihrer Mutter?«
Sie schien sich über sich selbst zu ärgern.
»In meinem Leben«, sagte sie steif, »war ich Helena Ravenclaw.«
»Sie sind ihre Tochter? Aber dann müssen Sie wissen, was damit
passiert ist!«
»Das Diadem verleiht zwar Weisheit«, sagte sie, sichtlich bemüht, sich
zusammenzureißen, »doch ich bezweifle, dass es Ihre Chancen großartig
steigern würde, den Zauberer zu besiegen, der sich Lord -«
»Ich habe Ihnen doch eben gesagt, dass ich es gar nicht tragen will!«,
entgegnete Harry erbost. »Ich habe keine Zeit, es zu erklären – aber wenn
Ihnen Hogwarts am Herzen liegt, wenn Sie Voldemort besiegt sehen
wollen, müssen Sie mir alles über das Diadem erzählen, was Sie wissen!«
Sie schwebte völlig reglos in der Luft und starrte auf ihn herab, und ein
Gefühl der Hoffnungslosigkeit überkam ihn. Wenn sie etwas gewusst hätte,
dann hätte sie es natürlich Flitwick oder Dumbledore mitgeteilt, die ihr
sicher die gleiche Frage gestellt hatten. Kopfschüttelnd wollte er sich
gerade abwenden, als sie mit leiser Stimme zu sprechen begann.
»Ich habe das Diadem meiner Mutter gestohlen.«
»Sie – Sie haben was? «
»Ich habe das Diadem gestohlen«, wiederholte Helena Ravenclaw
flüsternd. »Ich wollte mich klüger machen, wichtiger als meine Mutter. Ich
bin damit ausgerissen.«
Er wusste nicht, wie er es geschafft hatte, ihr Vertrauen zu gewinnen,
und er fragte auch nicht nach. Er hörte ihr einfach genau zu, als sie fortfuhr:
»Meine Mutter, so heißt es, gab nie zu, dass das Diadem verschwunden
war, sondern tat so, als besäße sie es noch. Sie verschleierte den Verlust,
meinen schrecklichen Verrat, selbst gegenüber den anderen Gründern von
Hogwarts.
Dann wurde meine Mutter krank – sterbenskrank. Trotz meiner
Treulosigkeit wollte sie mich unter allen Umständen noch einmal sehen.
Sie schickte einen Mann aus, mich zu suchen, der mich lange geliebt,
dessen "Werben ich jedoch zurückgewiesen hatte. Sie wusste, er würde
nicht ruhen, bis er mich gefunden hätte.«
Harry wartete. Sie holte tief Luft und warf ihren Kopf zurück.
»Er folgte meiner Spur bis zu dem Wald, in dem ich mich versteckt
hielt. Als ich mich weigerte, mit ihm zurückzukehren, wandte er Gewalt an.
Der Baron war schon immer ein jähzorniger Mann. Wütend, weil ich mich
weigerte, neidisch auf meine Freiheit, erstach er mich.«
»Der Baron? Sie meinen -?«
»Den Blutigen Baron, ja«, sagte die graue Dame, hob ihren Umhang zur
Seite und offenbarte eine einzelne dunkle Wunde auf ihrer weißen Brust.
»Als er sah, was er getan hatte, ergriff ihn Reue. Er verwendete die Waffe,
die mir das Leben genommen hatte, um sich selbst zu töten. Nach all diesen
Jahrhunderten trägt er seine Ketten immer noch, um Buße zu tun ... und das
zu Recht«, fügte sie bitter hinzu.
»Und ... und das Diadem?«
»Es blieb dort, wo ich es versteckt hatte, als ich hörte, dass der Baron
durch den Wald auf mich zustolperte. In einem hohlen Baum verborgen. «
»Einem hohlen Baum?«, wiederholte Harry. »Was für einem Baum?
Wo war das?«
»In einem Wald in Albanien. An einem entlegenen Ort, weit außerhalb
der Reichweite meiner Mutter, wie ich glaubte.«
»Albanien«, wiederholte Harry. Wie durch ein Wunder schälte sich aus
dem Durcheinander etwas heraus, das Sinn ergab, und nun begriff er,
warum sie ihm erzählte, was sie Dumbledore und Flitwick vorenthalten
hatte. »Sie haben diese Geschichte schon mal jemandem erzählt, oder?
Einem anderen Schüler?«
Sie schloss die Augen und nickte.
»Ich hatte ... keine Ahnung ... er hat mir ... geschmeichelt. Er schien ...
zu verstehen ... mitzufühlen ...«
Ja, dachte Harry, Tom Riddle hatte Helena Ravenclaws Verlangen nach
sagenhaften Gegenständen, auf die sie wenig Anrecht hatte, gewiss
verstanden.
»Nun, Sie waren nicht die Erste, der Riddle etwas abgeluchst hat«,
murmelte Harry. »Er konnte charmant sein, wenn er wollte ...«
Also hatte es Voldemort geschafft, der grauen Dame zu entlocken, wo
sich das verschollene Diadem befand. Er war zu diesem weit entfernten
Wald gereist und hatte es aus seinem Versteck geholt, vielleicht gleich
nachdem er Hogwarts verlassen, noch ehe er seine Arbeit bei Borgin und
Burkes aufgenommen hatte. Und waren Voldemort jene abgelegenen
albanischen Wälder nicht wie eine hervorragende Zuflucht erschienen, als
er sehr viel später einen Platz brauchte, wo er sich zehn lange Jahre
ungestört versteckt halten konnte?
Aber sobald das Diadem einmal zu seinem wertvollen Horkrux
geworden war, blieb es nicht in diesem schlichten Baum ... nein, das
Diadem wurde heimlich in sein wahres Zuhause zurückgebracht,
Voldemort musste es dort hinterlegt haben -
»- an dem Abend, als er eine Stelle verlangte!«, sagte Harry und
beendete damit seinen Gedankengang.
»Verzeihung bitte?«
»Er versteckte das Diadem im Schloss, an dem Abend, an dem er
Dumbledore bat, ihn an der Schule unterrichten zu lassen!«, sagte Harry.
Erst indem er es laut aussprach, konnte er sich einen Reim auf all das
machen. »Er muss das Diadem auf dem Weg hinauf zu Dumbledores Büro
versteckt haben, oder als er wieder hinunterging! Aber es war immerhin
einen Versuch wert, diese Stelle zu bekommen – denn dann hätte er
vielleicht die Gelegenheit gehabt, auch noch Gryffindors Schwert zu klauen
– danke, vielen Dank!«
Harry ließ sie schwebend dort zurück, mit vollkommen verdutzter
Miene. Als er wieder in Richtung Eingangshalle um die Ecke bog, sah er
auf seine Uhr. Es war fünf Minuten vor Mitternacht, und obwohl er jetzt
wusste, was der letzte Horkrux war, hatte er immer noch nicht
herausgefunden, wo er steckte ...
Generationen von Schülern war es nicht gelungen, das Diadem zu
finden; das ließ vermuten, dass es nicht im Ravenclaw-Turm war – aber
wenn nicht dort, wo dann? Welches Versteck hatte Tom Riddle im Schloss
Hogwarts ausfindig gemacht, von dem er glaubte, es würde für immer ein
Geheimnis bleiben?
Tief versunken in verzweifelte Spekulationen, bog Harry um eine Ecke,
doch er war nur wenige Schritte den neuen Korridor entlanggegangen, als
links von ihm mit einem ohrenbetäubenden, enormen Krach ein Fenster
zerbarst. Er sprang zur Seite, und ein riesiger Körper flog durch das Fenster
und schlug an die gegenüberliegende Wand. Etwas Großes und Pelziges
löste sich jaulend von dem Neuankömmling und stürzte sich auf Harry.
»Hagrid!«, brüllte Harry, während er die Zudringlichkeiten von Fang,
dem Saurüden, abwehrte, und die gewaltige bärtige Gestalt rappelte sich
auf. »Was zum -?«
»Harry, du hier? Du hier!«
Hagrid bückte sich und bedachte Harry mit einer flüchtigen Umarmung,
die ihm fast die Rippen brach, dann ging er eilends zurück zu dem
zerschmetterten Fenster.
»Braver Junge, Grawpy!«, brüllte er durch das Loch in der Scheibe.
»Wir sehn uns gleich, sei schön brav!«
Hinter Hagrid konnte Harry draußen in der dunklen Nacht Lichtgarben
in der Ferne sehen, und er hörte einen unheimlichen, klagenden Schrei. Er
blickte auf seine Uhr: Es war Mitternacht. Die Schlacht hatte begonnen.
»Mensch, Harry«, keuchte Hagrid, »jetzt is' es so weit, was? Zeit zu
kämpfen?«
»Hagrid, wo kommst du denn her?«
»Hab Du-weißt-schon-wen oben in unsrer Höhle gehört«, sagte Hagrid
grimmig. »Durchdringende Stimme, nich wahr? >Ihr habt bis Mitternacht,
um mir Potter zu geb'n.< Hab gewusst, dass du hier sein musst, hab
gewusst, dass das passier'n würd. Platz, Fang. Da kommen wir doch un'
machen mit, ich un' Grawpy un' Fang. Harn uns durch die Grenze am Wald
geschlag'n, Grawpy hat uns getragen, Fang un' mich. Hab ihm gesagt, er
soll mich am Schloss runterlassen, da hat er mich durchs Fenster geschubst,
der Gute. War nich genau das, was ich meinte, aber – wo sin' Ron un'
Hermine?«
»Das«, sagte Harry, »ist eine wirklich gute Frage. Komm mit.«
Sie hasteten zusammen den Korridor entlang, Fang sprang neben ihnen
her. Harry konnte hören, dass in den Gängen rundum Bewegung herrschte:
rasche Schritte, Schreie; durch die Fenster sah er weitere Lichtblitze auf
dem dunklen Gelände.
»Wo gehn wir hin?«, japste Hagrid, der Harry mit wuchtigen Schritten
folgte, unter denen die Dielen erzitterten.
»Ich weiß nicht genau«, sagte Harry und bog erneut aufs Geratewohl um
eine Ecke, »aber Ron und Hermine müssen hier irgendwo sein.«
Vor ihnen, quer über dem Gang, lagen schon die ersten Opfer der
Schlacht: Die beiden steinernen Wasserspeier, die normalerweise den
Eingang zum Lehrerzimmer bewachten, waren von einem Fluch
zerschlagen worden, der durch ein weiteres zerbrochenes Fenster geflogen
war. Ihre Überbleibsel regten sich schwach am Boden, und als Harry über
einen der abgeschlagenen Köpfe sprang, stöhnte dieser matt: »Oh, lassen
Sie sich durch mich nicht stören ... ich lieg hier bloß und brösel vor mich
hin ...«
Sein hässliches Steingesicht erinnerte Harry plötzlich an die
Marmorbüste von Rowena Ravenclaw in Xenophilius' Haus, die jenen
verrückten Kopfschmuck trug – und an die Statue im Ravenclaw-Turm, mit
dem steinernen Diadem auf ihren weißen Locken ...
Und als er das Ende des Ganges erreicht hatte, fiel Harry ein drittes
steinernes Bildnis wieder ein: das eines hässlichen alten Zauberers, dem
Harry selbst eine Perücke und ein ramponiertes altes Diadem auf den Kopf
gesetzt hatte. Der Schock durchfuhr ihn wie das Brennen von Feuerwhisky
und er wäre fast gestolpert.
Endlich wusste er, wo der Horkrux auf ihn wartete ...
Tom Riddle, der sich niemandem anvertraute und ganz allein operierte,
mochte arrogant genug gewesen sein, davon auszugehen, dass er, und nur
er allein, bis in die tiefsten Geheimnisse von Schloss Hogwarts
vorgedrungen war. Natürlich, Dumbledore und Flitwick, die beiden
Musterschüler, hatten diesen besonderen Ort nie betreten, doch er, Harry,
war während seiner Schulzeit das ein oder andere Mal von den gewohnten
Wegen abgewichen – hier war endlich ein Geheimnis, das er und
Voldemort kannten und das Dumbledore nie entdeckt hatte -
Er wurde von Professor Sprout aufgeschreckt, die an ihm
vorbeidonnerte, gefolgt von Neville und einem halben Dutzend anderer, die
alle Ohrenschützer aufhatten und etwas trugen, das wie große Topfpflanzen
aussah.
»Alraunen!«, brüllte Neville Harry über die Schulter zu, während er
vorüberrannte. »Die schmeißen wir über die Mauern – das wird denen gar
nicht gefallen! «
Harry wusste jetzt, wo er hinmusste. Er raste los, Hagrid und Fang
stürmten ihm hinterher. Sie ließen ein Porträt nach dem anderen hinter sich,
und die gemalten Gestalten rannten neben ihnen her; Zauberer und Hexen
mit Halskrausen und Bundhosen, in Rüstungen und Umhängen, drängten
sich in die Gemälde anderer und tauschten lauthals Neuigkeiten aus
verschiedenen Teilen des Schlosses aus. Als sie ans Ende dieses Korridors
gelangten, bebte das ganze Schloss, und als eine mächtige Vase mit
explosionsartiger Wucht von ihrem Sockel flog, wusste Harry, dass das
Schloss im Griff unheilvollerer Zauber war als die der Lehrer und des
Ordens.
»Is' schon gut, Fang – is' schon gut!«, rief Hagrid, doch der große
Saurüde hatte die Flucht ergriffen, als Porzellansplitter wie Schrapnelle
durch die Luft sausten; Hagrid stampfte davon, dem verängstigten Hund
nach, und Harry blieb allein zurück.
Er kämpfte sich mühsam durch die bebenden Korridore voran, den
Zauberstab bereit, und in einem der Gänge eilte der kleine gemalte Ritter
Sir Cadogan mit seiner scheppernden Rüstung von Gemälde zu Gemälde
neben ihm her und schrie ihm aufmunternd zu, während sein kleines dickes
Pony locker hinterhergaloppierte.
»Prahler und Schurken, Hunde und Halunken, jag sie fort, Harry Potter,
scheuch sie von dannen!«
Harry wirbelte um eine Ecke und stieß auf Fred und ein Grüppchen von
Schülern, darunter Lee Jordan und Hannah Abbott, die vor einem weiteren
leeren Sockel standen, dessen Statue einen Geheimgang verdeckt hatte. Sie
hatten die Zauberstäbe gezückt und lauschten an dem verborgenen Loch.
»Hübsche Nacht für so was!«, rief Fred, als das Schloss von neuem
erzitterte, und Harry raste vorbei, ermutigt und entsetzt gleichermaßen. Er
jagte einen weiteren Korridor entlang, und dann waren überall Eulen, und
Mrs Norris fauchte und versuchte mit den Pfoten nach ihnen zu hauen,
sicher, um sie an ihren angestammten Platz zurückzuschicken ...
»Potter!«
Aberforth Dumbledore stand vor ihm und versperrte den Korridor, den
Zauberstab im Anschlag.
»Hunderte von Kindern rennen durch meinen Pub, Potter!«
»Ich weiß, wir räumen das Schloss«, sagte Harry. »Voldemort -«
»- greift an, weil man dich nicht ausgeliefert hat, ja«, sagte Aberforth,
»ich bin nicht taub, ganz Hogsmeade hat ihn gehört. Und niemand von
euch ist der Gedanke gekommen, ein paar Slytherins als Geiseln zu
nehmen? Da sind auch Kinder von Todessern unter denen, die ihr gerade in
Sicherheit gebracht habt. Wär es nicht ein wenig klüger gewesen, sie hier
festzuhalten?«
»Das würde Voldemort nicht stoppen«, sagte Harry, »und Ihr Bruder
hätte das niemals getan.«
Murrend machte Aberforth sich in die entgegengesetzte Richtung
davon.
Ihr Bruder hätte das niemals getan ... nun, das war die Wahrheit, dachte
Harry, als er wieder losrannte; Dumbledore, der Snape so lange verteidigt
hatte, hätte niemals Schüler gefangen gehalten, um etwas zu erpressen ...
Und dann schlitterte er um eine letzte Ecke, und erleichtert und zornig
zugleich schrie er auf, als er sie sah: Ron und Hermine, beide hatten die
Arme voll großer, krummer, schmutzig gelber Gegenstände, und Ron hatte
sich einen Besen unter die Achsel geklemmt.
»Wo zum Teufel wart ihr?«, rief Harry.
»Kammer des Schreckens«, sagte Ron.
»Kammer des – was?«, fragte Harry und blieb schwankend vor ihnen
stehen.
»Es war Ron, das Ganze war Rons Idee!«, sagte Hermine atemlos. »War
es nicht absolut großartig? Als du weg warst, standen wir rum, und ich
sagte zu Ron, selbst wenn wir den anderen finden, wie sollen wir ihn
loswerden? Wir waren ja noch nicht mal den Becher losgeworden! Und
dann kam er auf die Idee! Der Basilisk!«
»Was zum -?«
»Etwas, um Horkruxe zu erledigen«, sagte Ron schlicht.
Harrys Blick fiel auf die Gegenstände, die Ron und Hermine in den
Armen hielten: große, krumme Giftzähne, die sie, wie ihm jetzt klar wurde,
einem toten Basilisken aus dem Schädel gerissen hatten.
»Aber wie seid ihr da reingekommen?«, fragte er und starrte von den
Zähnen zu Ron. »Man muss Parsel sprechen!«
»Das hat er getan!«, flüsterte Hermine. »Mach es ihm vor, Ron!«
Ron gab einen fürchterlichen, erstickten Zischlaut von sich.
»Das hast du gemacht, um das Medaillon zu öffnen«, erklärte er Harry
kleinlaut. »Ich musste es ein paarmal probieren, bis ich es richtig
hinbekam, aber«, er zuckte bescheiden mit den Schultern, »am Ende sind
wir doch reingekommen.«
»Er war sagenhaft!«, sagte Hermine. »Sagenhaft!«
»Also ...«, Harry hatte Mühe mitzuhalten. »Also ...«
»Also wieder ein Horkrux erledigt«, sagte Ron und zog unter seiner
Jacke die Überreste des zerstörten Hufflepuff-Bechers hervor. »Hermine
hat ihn durchbohrt. Ich dachte, sie sollte das machen. Sie hatte noch nicht
das Vergnügen.«
»Genial!«, schrie Harry.
»Nicht der Rede wert«, sagte Ron, obwohl er mit sich zufrieden wirkte.
»Und was gibt's bei dir Neues?«
Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da ertönte über ihnen eine
Explosion: Sie blickten alle drei hoch, Staub rieselte von der Decke, und sie
hörten einen Schrei aus der Ferne.
»Ich weiß, wie das Diadem aussieht, und ich weiß auch, wo es ist«,
sagte Harry rasch. »Er hat es genau dort versteckt, wo ich mein altes
Zaubertrankbuch versteckt habe, wo seit Jahrhunderten alle irgendwelches
Zeugs verstecken. Er dachte, er wäre der Einzige, der es entdeckt hat.
Kommt mit.«
Während die Mauern wieder bebten, ging er den anderen beiden voran
durch den verborgenen Eingang und die Treppe hinunter in den Raum der
Wünsche. Er war fast leer, nur drei Frauen waren noch da: Ginny, Tonks
und eine ältere Hexe mit einem mottenzerfressenen Hut, in der Harry sofort
Nevilles Großmutter erkannte.
»Ah, Potter«, sagte sie forsch, als hätte sie auf ihn gewartet. »Du kannst
uns berichten, was gerade los ist.«
»Alles in Ordnung mit den andern?«, fragten Ginny und Tonks
gleichzeitig.
»Soweit wir wissen«, erwiderte Harry. »Sind noch Leute im Tunnel zum
Eberkopf?«
Er wusste, dass der Raum sich nicht verwandeln konnte, solange ihn
noch jemand benutzte.
»Ich war die Letzte, die durchkam«, sagte Mrs Longbottom. »Ich habe
ihn versiegelt, ich halte es für unklug, ihn offen zu lassen, jetzt, wo
Aberforth seinen Pub verlassen hat. Hast du meinen Enkel gesehen?«
»Er kämpft«, sagte Harry.
»Natürlich«, sagte die alte Dame stolz. »Entschuldigt mich, ich muss
gehen und ihm beistehen.«
Überraschend schnell zockelte sie in Richtung der steinernen Treppe
davon.
Harry sah zu Tonks.
»Ich dachte, du wärst mit Teddy bei deiner Mutter?«
»Ich hab es nicht ausgehalten, nichts zu wissen -« Tonks wirkte gequält.
»Sie kümmert sich um ihn – hast du Remus gesehen?«
»Er wollte eine Gruppe von Kämpfern auf das Gelände führen -«
Ohne ein weiteres Wort eilte Tonks davon.
»Ginny«, sagte Harry, »es tut mir leid, aber du musst auch raus. Nur für
eine Weile. Dann kannst du wieder reinkommen.«
Ginny schien sich einfach nur darüber zu freuen, dass sie ihre
Zufluchtsstätte verlassen konnte.
»Und dann kannst du wieder reinkommen!«, rief er ihr nach, als sie
Tonks hinterher die Treppe hochrannte. »Du musst wieder reinkommen!«
»Wart mal einen Moment«, sagte Ron scharf. »Wir haben jemanden
vergessen!«
»Wen?«, fragte Hermine.
»Die Hauselfen, die sind sicher alle unten in der Küche, oder?«
»Du meinst, wir sollten sie zum Kämpfen bringen?«, fragte Harry.
»Nein«, erwiderte Ron ernst. »Ich meine, wir sollten ihnen sagen, dass
sie weggehen müssen. Wir wollen nicht noch mehr Dobbys, oder? Wir
können ihnen nicht befehlen, für uns zu sterben -«
Klappernd flogen die Basiliskenzähne in hohem Bogen aus Hermines
Armen. Sie stürzte auf Ron zu, fiel ihm um den Hals und küsste ihn mitten
auf den Mund. Ron warf die Zähne und den Besen, die er hielt, beiseite und
erwiderte den Kuss so leidenschaftlich, dass er Hermine von den Füßen
riss.
»Ist das jetzt der richtige Moment dafür?«, fragte Harry matt, und als
nichts geschah, außer dass Ron und Hermine sich noch fester
umklammerten und hin und her schwankten, hob er seine Stimme: »HEY!
Hier herrscht Krieg!«
Ron und Hermine lösten sich voneinander, die Arme nach wie vor
umeinandergeschlungen.
»Ich weiß, Mann«, sagte Ron, der den Eindruck machte, als hätte er
gerade einen Klatscher an den Hinterkopf bekommen, »ebendeshalb, jetzt
oder nie, stimmt's?«
»Schon gut, aber was ist mit dem Horkrux?«, rief Harry. »Meint ihr, ihr
könntet euch gerade noch – gerade noch zurückhalten, bis wir das Diadem
haben? «
»Jaah – gut – 'tschuldigung -«, sagte Ron, und er und Hermine machten
sich, beide mit rosa Gesichtern, daran, die Giftzähne aufzusammeln.
Als die drei in den Korridor oben zurückkehrten, war offensichtlich,
dass sich die Lage im Schloss während der wenigen Minuten, die sie im
Raum der Wünsche gewesen waren, ernstlich verschlechtert hatte: Die
Wände und die Decke bebten schlimmer denn je; die Luft war voller Staub,
und durch das nächste Fenster sah Harry grüne und rote Lichter so dicht am
Fuß des Schlosses aufflammen, dass er wusste, dass die Todesser nahe
daran sein mussten, in das Gebäude einzudringen. Er blickte hinunter und
sah Grawp, den Riesen, in Schlangenlinien vorbeiwanken, er schwang
offenbar einen vom Dach gerissenen steinernen Wasserspeier und brüllte
verärgert.
»Hoffentlich tritt er auf ein paar von denen drauf!«, sagte Ron, während
ganz in der Nähe weitere Schreie ertönten.
»Solange es nicht jemand von uns ist!«, sagte eine Stimme. Harry
wandte sich um und sah Ginny und Tonks mit gezückten Zauberstäben am
nächsten Fenster stehen, an dem mehrere Scheiben fehlten. Noch während
er hinüberschaute, schickte Ginny einen gut gezielten Fluch nach unten in
eine Gruppe von Kämpfern.
»Prima, Mädchen!«, brüllte eine Gestalt, die durch den Staub auf sie
zurannte, und Harry sah wieder Aberforth, der mit wehenden grauen
Haaren eine kleine Schülerschar vorbeiführte. »Die brechen anscheinend
am nördlichen Wehrgang durch, sie haben ihre eigenen Riesen
mitgebracht!«
»Hast du Remus gesehen?«, rief Tonks ihm nach.
»Der hat sich gerade mit Dolohow duelliert«, schrie Aberforth, »hab ihn
seither nicht mehr gesehen!«
»Tonks«, sagte Ginny, »Tonks, ich bin sicher, ihm geht's gut -«
Aber Tonks war Aberforth hinterhergestürmt und im Staub
verschwunden.
Ratlos drehte Ginny sich zu Harry, Ron und Hermine um.
»Die werden es schon schaffen«, sagte Harry, wohl wissend, dass es
leere Worte waren. »Ginny, wir sind gleich zurück, geh einfach in Deckung
und pass auf dich auf- kommt mit!«, sagte er zu Ron und Hermine, und sie
eilten wieder zu dem Stück Wand, hinter dem der Raum der Wünsche
daraufwartete, den Befehl des nächsten Eintretenden auszuführen.
Ich brauche den Ort, wo alles versteckt ist, flehte Harry den Raum im
Stillen an, und als sie zum dritten Mal an der Wand vorbeirannten, erschien
die Tür.
Das Schlachtengetümmel erstarb in dem Moment, in dem sie die
Schwelle überquerten und die Tür hinter sich schlossen: Es herrschte Stille.
Sie waren an einen Ort gelangt, der so groß war wie eine Kathedrale und
den Eindruck einer Stadt vermittelte, mit hoch aufragenden Mauern, aus
Gegenständen gebaut, die Tausende längst fortgegangener Schüler hier
versteckt hatten.
»Und es wurde ihm nie bewusst, dass jeder hier reinkommen kann?«,
sagte Ron und seine Stimme hallte in der Stille.
»Er glaubte, er wäre der Einzige«, sagte Harry. »Pech für ihn, dass ich
zu meiner Zeit auch was verstecken musste ... hier lang«, fügte er hinzu,
»ich glaube, es ist da drüben ...«
Er ging an dem ausgestopften Troll und an dem Verschwindekabinett
vorbei, das Draco Malfoy im vorigen Jahr mit so verheerenden Folgen
repariert hatte, dann zögerte er und spähte links und rechts in Gänge aus
Gerümpel hinein; er wusste nicht mehr, wo es jetzt weiterging ...
»Accio Diadem!«, rief Hermine verzweifelt, doch nichts flog durch die
Luft auf sie zu. Es sah aus, als ob dieser Raum, wie das Verlies in
Gringotts, seine verborgenen Gegenstände nicht so einfach hergeben
würde.
»Wir sollten uns aufteilen«, sagte Harry zu den beiden anderen. »Sucht
nach der steinernen Büste eines alten Mannes, der eine Perücke und ein
Diadem aufhat! Sie steht auf einem Schrank und ist ganz bestimmt
irgendwo hier in der Nähe ... «
Sie rasten los in angrenzende Gänge hinein; Harry konnte die Schritte
der anderen hören, die zwischen den turmhohen Stapeln von Gerümpel,
von Flaschen, Hüten, Körben, Stühlen, Büchern, Waffen, Besen, Schlägern
hallten ...
»Irgendwo hier in der Nähe«, murmelte Harry vor sich hin. »Irgendwo
... irgendwo ...«
Immer tiefer drang er in das Labyrinth ein und hielt Ausschau nach
Gegenständen, die er von dem einen Besuch her kannte, den er diesem
Raum zuvor abgestattet hatte. Sein Atem dröhnte ihm laut in den Ohren
und dann schien seine Seele selbst zu erzittern: Da stand er, direkt vor ihm,
der mit Blasen überzogene alte Schrank, in dem er sein altes
Zaubertrankbuch versteckt hatte, und obenauf der pockennarbige steinerne
Zauberer, der eine verstaubte alte Perücke trug und etwas, das wie ein
uraltes, angelaufenes Diadem aussah.
Er hatte schon die Hand ausgestreckt, obwohl er noch drei Meter
entfernt war, da sagte eine Stimme hinter ihm: »Halt, Potter.«
Er bremste schlitternd ab und drehte sich um. Crabbe und Goyle standen
hinter ihm, Schulter an Schulter, die Zauberstäbe direkt auf ihn gerichtet.
Durch die kleine Lücke zwischen ihren höhnischen Gesichtern sah er Draco
Malfoy.
»Das ist mein Zauberstab, den du da in der Hand hast, Potter«, sagte
Malfoy und deutete mit dem Stab, den er hielt, durch die Lücke zwischen
Crabbe und Goyle.
»Das war einmal«, keuchte Harry und umklammerte den Weißdorn-
Zauberstab noch fester. »Dem Sieger gehört die Beute, Malfoy. Wer hat dir
deinen geliehen?«
»Meine Mutter«, sagte Draco.
Harry lachte, obwohl die Situation nicht besonders komisch war. Er
konnte Ron und Hermine nicht mehr hören. Sie schienen außer Hörweite
gelaufen zu sein und immer noch nach dem Diadem zu suchen.
»Wieso seid ihr drei eigentlich nicht bei Voldemort?«, fragte Harry.
»Wir kriegen 'ne Belohnung«, sagte Crabbe. Seine Stimme war
überraschend leise für eine so riesige Person; Harry hatte ihn kaum jemals
sprechen hören. Crabbe lächelte wie ein kleines Kind, dem man eine große
Tüte Süßigkeiten versprochen hatte. »Wir sin' dageblieben, Potter. Wir
haben beschlossen, dass wir nicht weggehen. Haben beschlossen, dass wir
dich zu ihm bringen.«
»Guter Plan«, lobte Harry ihn spöttisch. Er konnte es nicht glauben, dass
er seinem Ziel so nahe war und ihm nun Malfoy, Crabbe und Goyle in die
Quere kamen. Langsam rückwärtsgehend schob er sich auf die Stelle zu,
wo der Horkrux verkehrt herum auf der Büste saß. Wenn er ihn nur in die
Hände bekommen könnte, ehe der Kampf losging ...
»Und wie seid ihr hier reingekommen?«, versuchte er sie abzulenken.
»Ich hab praktisch das ganze letzte Jahr im Raum der Verborgenen
Dinge gelebt«, sagte Malfoy mit schriller Stimme. »Ich weiß, wie man
reinkommt.«
»Wir ham uns draußen im Korridor versteckt«, grunzte Goyle. »Wir
können jetzt De-lusionierungszauber! Und dann«, auf seinem Gesicht
machte sich ein dümmliches Grinsen breit, »bist du direkt vor uns
aufgetaucht und hast gesagt, dass du nach einem Dier-dem suchst! Was ist
ein Dier-dem?«
»Harry?« Rons Stimme ertönte plötzlich auf der anderen Seite der
Mauer zu Harrys Rechten. »Redest du da mit jemand?«
Mit einer peitschenden Bewegung richtete Crabbe seinen Zauberstab auf
den fünfzehn Meter hohen Berg aus alten Möbeln, kaputten Koffern, alten
Büchern, Umhängen und undefinierbarem Gerümpel und rief: »Descendo!«
Die Mauer geriet ins Wanken und bröckelte dann in den Nachbargang
hinein, wo Ron sich befand.
»Ron!«, brüllte Harry, während Hermine irgendwo außer Sichtweite
schrie, und Harry hörte auf der anderen Seite der aus dem Gleichgewicht
geratenen Mauer zahllose Gegenstände zu Boden krachen: Er richtete
seinen Zauberstab auf den Wall, rief »Finite«, und er stabilisierte sich.
»Nein!«, rief Malfoy und hielt Crabbe, der gerade den Zauber
wiederholen wollte, am Arm zurück. »Wenn du den Raum demolierst, geht
vielleicht dieses Diadem-Teil verschütt!«
»Ist doch egal, oder?«, sagte Crabbe und zerrte sich los. »Es ist doch
Potter, den der Dunkle Lord haben will, wen kümmert da schon ein Dier-
dem?«
»Potter kam hier rein, um es zu holen«, sagte Malfoy mit kaum
versteckter Ungeduld, weil seine Gefährten so begriffsstutzig waren, »also
muss das heißen -«
»>Muss das heißen« Crabbe wandte sich mit unverhohlener Härte
gegen Malfoy. »Wen interessiert's schon, was du denkst? Ich nehm keine
Befehle mehr von dir an, Draco. Du un' dein Dad, ihr seid erledigt.«
»Harry?«, rief Ron erneut von der anderen Seite der Gerümpelmauer.
»Was ist da los?«
»Harry?«, äffte Crabbe ihn nach. »Was ist da – nein, Potter! Crucio!«
Harry hatte sich auf das Diadem gestürzt; Crabbes Fluch verfehlte ihn,
traf aber die steinerne Büste, die in die Luft flog; das Diadem schnellte
nach oben und fiel dann außer Sichtweite in das Durcheinander von
Gegenständen, wo auch die Büste liegen geblieben war.
»STOPP!«, schrie Malfoy Crabbe zu und seine Stimme hallte durch den
gewaltigen Raum. »Der Dunkle Lord will ihn lebend -«
»Na und? Bring ich ihn etwa um?«, rief Crabbe und schüttelte Malfoys
Arm ab, der ihn behinderte, »aber wenn ich kann, werd ich's tun, der
Dunkle Lord will sowieso, dass er tot ist, wo ist da der Untersch-?«
Ein Strahl scharlachroten Lichts jagte nur Zentimeter an Harry vorbei:
Hermine war hinter ihm um die Ecke gerannt und hatte einen Schockzauber
direkt auf Crabbes Kopf abgefeuert. Er verfehlte ihn nur, weil Malfoy ihn
beiseitezog.
»Das ist dieses Schlammblut! Avada Kedavra!«
Harry sah Hermine weghechten, und seine Wut darüber, dass Crabbe
hatte töten wollen, fegte alles andere aus seinem Kopf. Er schoss einen
Schockzauber auf Crabbe ab, der zur Seite sprang und dabei Malfoy den
Zauberstab aus der Hand schlug; er kullerte unter einen Berg von kaputten
Möbeln und Kisten und war nicht mehr zu sehen.
»Tötet ihn nicht! TÖTET IHN NICHT!«, schrie Malfoy Crabbe und
Goyle zu, die beide auf Harry zielten: Dass sie eine winzige Sekunde lang
zögerten, war alles, was Harry brauchte.
»Expelliarmus!«
Goyles Zauberstab flog ihm aus der Hand und verschwand in dem
Bollwerk aus Gegenständen neben ihm; Goyle hüpfte albern auf der Stelle
umher und versuchte ihn wiederzufinden; Malfoy sprang fort, so dass
Hermines zweiter Schockzauber ihn nicht erreichen konnte, und Ron, der
plötzlich am Ende des Ganges auftauchte, schoss einen
Ganzkörperklammer-Fluch auf Crabbe, der ihn knapp verfehlte.
Crabbe wirbelte herum und schrie wieder: »Avada Kedavra!« Ron
stürzte beiseite, um dem grünen Lichtstrahl zu entkommen. Der
zauberstablose Malfoy kauerte hinter einem dreibeinigen Kleiderschrank,
als Hermine auf sie zustürmte und Goyle im Laufen mit einem
Schockzauber traf.
»Irgendwo hier ist es!«, schrie Harry ihr zu und deutete auf den Haufen
Gerumpel, in den das alte Diadem gefallen war. »Such es, während ich Ron
hei-«
»HARRY!«, schrie sie.
Ein brausendes, loderndes Geräusch gab ihm eine kurze Vorwarnung.
Er drehte sich um und sah Ron und Crabbe, so schnell sie konnten, den
Gang entlang auf sie zurennen.
»Mögt ihr's heiß, Kotzbrocken?«, brüllte Crabbe, während er rannte.
Doch er schien das, was er getan hatte, nicht unter Kontrolle zu haben.
Flammen von ungewöhnlicher Größe verfolgten sie und züngelten an den
Wänden der Gerümpelwälle hoch, die bei ihrer Berührung zu Ruß
zerfielen.
»Aguamenti!«, schrie Harry, doch der Wasserstrahl, der aus der Spitze
seines Zauberstabs schoss, verdampfte in der Luft.
»LAUFT!«
Malfoy packte den geschockten Goyle und zerrte ihn mit sich. Crabbe,
dem jetzt die Angst im Gesicht stand, ließ sie alle hinter sich; Harry, Ron
und Hermine rasten ihm hinterher, und das Feuer verfolgte sie. Es war kein
normales Feuer; Crabbe hatte einen Fluch verwendet, mit dem Harry sich
nicht auskannte. Während sie um eine Ecke bogen, jagten die Flammen
hinter ihnen her, als wären es lebendige, fühlende Wesen, die darauf aus
waren, sie zu töten. Nun verwandelte sich das Feuer, bildete eine
gigantische Meute lohender Ungeheuer: Flammende Schlangen, Chimäras
und Drachen bäumten sich auf, fielen in sich zusammen und bäumten sich
wieder auf, und der Abhub von Jahrhunderten, von dem sie sich nährten,
wurde in die Luft geworfen, in ihre Mäuler voller Reißzähne, von ihren
Klauen hochgeschleudert, ehe das Flammenmeer ihn verschlang.
Malfoy, Crabbe und Goyle waren nicht mehr zu sehen: Harry, Ron und
Hermine blieben abrupt stehen; die feurigen Monster umzingelten sie,
kamen näher und näher, schlugen mit Klauen und Hörnern und Schwänzen
nach ihnen, und die Hitze um sie herum war so fest wie eine Mauer.
»Was machen wir jetzt?«, schrie Hermine durch das ohrenbetäubende
Brüllen des Feuers. »Was machen wir jetzt?«
»Hier!«
Harry packte zwei stabil wirkende Besen vom nächsten
Gerümpelhaufen und warf einen Ron zu, der Hermine hinter sich
hinaufzog. Harry schwang ein Bein über den zweiten Besen, sie stießen
sich kraftvoll vom Boden ab und rauschten hoch in die Luft, wobei sie dem
gehörnten Schnabel eines flammenden Raubvogels, der mit seinen Kiefern
nach ihnen schnappte, nur um Zentimeter entgingen. Der Rauch und die
Hitze wurden allmählich unerträglich. Unter ihnen verzehrte das verfluchte
Feuer das Beutegut von Generationen gejagter Schüler, die strafbaren
Ergebnisse tausend verbotener Experimente, die Geheimnisse zahlloser
Seelen, die in diesem Raum Zuflucht gesucht hatten. Harry konnte nirgends
eine Spur von Malfoy, Crabbe oder Goyle sehen. Er stieß, so tief er es
wagte, zu den tobenden Flammenmonstern hinab, um die beiden vielleicht
zu finden, doch da war nichts als Feuer: Welch schreckliche Art zu sterben
... das hatte er nicht gewollt ...
»Raus hier, Harry, lass uns verschwinden!«, brüllte Ron, aber es war
durch den schwarzen Rauch unmöglich, zu erkennen, wo die Tür war.
Und dann hörte Harry einen schwachen, kläglichen menschlichen Schrei
in dem schrecklichen Durcheinander, im Tosen der alles zermalmenden
Flammen.
»Es ist – zu – gefährlich -!«, schrie Ron, doch Harry wirbelte in der Luft
herum. Seine Brille bot seinen Augen ein wenig Schutz vor dem Rauch,
und er suchte den Feuersturm unter sich ab, suchte nach einem
Lebenszeichen, einem Körperglied oder einem Gesicht, das noch nicht
verkohlt war wie Holz...
Und er sah sie: Malfoy, die Arme um den bewusstlosen Goyle
geschlungen, beide auf einem wackligen Turm rußgeschwärzter Pulte
sitzend, und Harry tauchte hinab. Malfoy sah ihn kommen und hob einen
Arm, doch als Harry ihn packte, wusste er sofort, dass es keinen Sinn hatte:
Goyle war zu schwer und Malfoys schweißbedeckte Hand rutschte gleich
wieder aus Harrys Griff -
»WENN WIR FÜR DIE STERBEN, BRING ICH DICH UM,
HARRY!«, brüllte Rons Stimme, und als eine große flammende Chimära
sich auf sie herabstürzte, zerrten er und Hermine Goyle auf ihren Besen
und stiegen schlingernd und taumelnd wieder hoch, während Malfoy hinter
Harry hinaufkletterte.
»Die Tür, flieg zur Tür, zur Tür!«, schrie Malfoy Harry ins Ohr, und
Harry beschleunigte, sauste Ron, Hermine und Goyle hinterher durch die
schwarzen Rauchschwaden, konnte kaum atmen. Und überall um sie herum
wurden die wenigen Gegenstände, die die gefräßigen Flammen noch nicht
verbrannt hatten, in die Luft gewirbelt, siegestrunken hochgeschleudert von
den Kreaturen des verfluchten Feuers: Pokale und Schilde, eine funkelnde
Halskette und ein altes, angelaufenes Diadem -
»Was tust du da, was tust du da? Die Tür ist dort drüben!«, schrie
Malfoy, doch Harry machte einen scharfen Schwenk und stieß hinunter.
Das Diadem schien wie in Zeitlupe zu fallen, glitzernd drehte es sich um
sich selbst, während es auf den klaffenden Schlund einer Schlange
zustürzte, und dann hatte er es, aufgefangen mit seinem Handgelenk -
Harry schwenkte wieder herum, als die Schlange ihn angriff, er stieg in
die Höhe und geradewegs auf die Stelle zu, wo, wie er nur beten konnte,
die Tür offen stand: Ron, Hermine und Goyle waren verschwunden,
Malfoy schrie die ganze Zeit und klammerte sich so fest an Harry, dass es
wehtat. Dann sah Harry durch den Rauch einen rechteckigen Fleck an der
"Wand und steuerte mit dem Besen darauf zu, und Sekunden später füllte
klare Luft seine Lungen, und sie krachten gegen die dahinterliegende
Mauer des Korridors.
Malfoy fiel vom Besen und lag mit dem Gesicht nach unten da,
keuchend, hustend und würgend. Harry drehte sich herum und setzte sich
auf: Die Tür zum Raum der Wünsche war verschwunden, und Ron und
Hermine saßen schwer atmend auf dem Boden neben Goyle, der immer
noch bewusstlos war.
»C-Crabbe«, japste Malfoy, sobald er sprechen konnte. »C-Crabbe ...«
»Er ist tot«, sagte Ron barsch.
Stille trat ein, nur das Keuchen und Husten war zu hören. Dann
erschütterte eine Reihe von schweren Schlägen das Schloss, und ein
mächtiger Reiterzug durchsichtiger Gestalten galoppierte an ihnen vorbei,
und ihre Köpfe, die sie unter den Armen trugen, schrien im Blutrausch.
Harry erhob sich schwankend, als die Kopflosenjagd vorbeigezogen war,
und blickte sich um: Rund um ihn her tobte nach wie vor die Schlacht. Er
konnte noch andere Schreie hören als die der sich zurückziehenden
Gespenster. Panik loderte in ihm auf.
»Wo ist Ginny?«, sagte er scharf. »Sie war hier. Sie sollte in den Raum
der Wünsche zurückgehen.«
»Verdammt, meinst du, der funktioniert noch nach diesem Feuer?«,
fragte Ron, doch auch er stand auf, rieb sich die Brust und hielt nach links
und rechts Ausschau. »Sollen wir uns aufteilen und suchen -?«
»Nein«, sagte Hermine und erhob sich ebenfalls. Malfoy und Goyle
blieben hoffnungslos zusammengesackt auf dem Boden liegen; keiner von
ihnen hatte einen Zauberstab. »Lasst uns zusammenbleiben. Ich denke, wir
gehen – Harry, was ist das an deinem Arm?«
»Was? Oh, jaah -«
Er zog das Diadem von seinem Handgelenk und hielt es hoch. Es war
immer noch heiß und rußgeschwärzt, doch als er es näher betrachtete,
konnte er gerade noch die winzigen Wörter erkennen, die darin eingraviert
waren: Witzigkeit im Übermaß ist des Menschen größter Schatz.
Eine blutartige Substanz, dunkel und teerig, schien aus dem Diadem zu
sickern. Plötzlich spürte Harry, wie es heftig vibrierte und dann in seinen
Händen auseinanderbrach, und dabei glaubte er einen äußerst schwachen,
ganz fernen Schmerzensschrei zu hören, der nicht vom Gelände oder vom
Schloss herdrang, sondern von dem Ding, das gerade in seinen Fingern zu
Bruch gegangen war.
»Das muss das Dämonsfeuer gewesen sein!«, wisperte Hermine, die
Augen auf die zerbrochenen Teile gerichtet.
»Wie bitte?«
»Dämonsfeuer – verfluchtes Feuer – das ist eines von den Dingen, die
Horkruxe zerstören, aber ich hätte es nie und nimmer gewagt, das zu
verwenden, so gefährlich ist es. Woher wusste Crabbe, wie man -?«
»Muss es von den Carrows gelernt haben«, sagte Harry grimmig.
»Schade eigentlich, dass er nicht aufgepasst hat, als die erwähnt haben,
wie man es wieder löscht«, sagte Ron, dessen Haare wie die von Hermine
angesengt waren und dessen Gesicht schwarz geworden war. »Wenn er
nicht versucht hätte, uns alle umzubringen, würd's mir tatsächlich leidtun,
dass er tot ist.«
»Aber begreift ihr denn nicht?«, flüsterte Hermine. »Das bedeutet, wenn
wir jetzt noch die Schlange kriegen -«
Doch sie unterbrach sich, als Schreie und Rufe und der unverkennbare
Lärm von Zweikämpfen den Korridor erfüllten. Harry sah sich um und sein
Herz schien stillzustehen: Todesser waren in Hogwarts eingedrungen. Fred
und Percy waren gerade mit dem Rücken zu ihnen aufgetaucht, sie
duellierten sich mit maskierten Kapuzenmännern.
Harry, Ron und Hermine stürmten vor, um ihnen zu helfen. Lichtblitze
flogen in alle Richtungen, und der Mann, der mit Percy kämpfte, wich
rasch zurück. Dann rutschte seine Kapuze herunter, und sie sahen eine hohe
Stirn und gesträhntes Haar -
»Hallo, Minister!«, brüllte Percy und schickte Thicknesse einen sauber
platzierten Fluch direkt entgegen, worauf dieser den Zauberstab fallen ließ
und sich an die Brust fuhr, offenbar in schrecklicher Qual. »Hab ich schon
erwähnt, dass ich kündige?«
»Du machst Witze, Perce!«, rief Fred, als der Todesser, gegen den er
kämpfte, unter der Wucht von drei einzelnen Schockzaubern
zusammenbrach. Thicknesse war zu Boden gestürzt, und winzige Stacheln
brachen überall aus seinem Körper hervor; er schien zu einer Art Seeigel zu
werden. Fred sah Percy fröhlich an.
»Du machst tatsächlich Witze, Perce ... Ich glaub, ich hab keinen Witz
mehr von dir gehört, seit du -«
Die Luft explodierte. Sie hatten alle zusammengestanden, Harry, Ron,
Hermine, Fred und Percy, die beiden Todesser zu ihren Füßen, der eine
geschockt, der andere verwandelt. Und in diesem Bruchteil einer Sekunde,
als die Gefahr einstweilig gebannt schien, wurde die Welt
auseinandergerissen. Harry spürte, wie er durch die Luft flog, und er konnte
nichts weiter tun als so fest wie möglich diesen dünnen Holzstab
umklammern, der seine einzige Waffe war, und schützend die Arme über
den Kopf halten. Er hörte die Schreie und Rufe seiner Gefährten, hatte
keine Hoffnung, zu erfahren, was ihnen zugestoßen war -
Und dann löste sich die Welt in Schmerz und Düsternis auf: Er lag halb
begraben unter den Trümmern eines Korridors, der einen schrecklichen
Angriff erlitten hatte. Aus dem kalten Luftzug schloss er, dass eine Seite
des Schlosses weggesprengt worden war, und etwas Heißes und Klebriges
an seiner Wange sagte ihm, dass er stark blutete. Dann hörte er einen
schrecklichen Schrei, der an seinen Eingeweiden zerrte, der von
Todesqualen kündete, die weder Flammen noch Flüche verursachen
konnten, und er stand auf, schwankend, und hatte größere Angst als diesen
ganzen Tag lang, größere Angst vielleicht, als er in seinem ganzen Leben
gehabt hatte ...
Hermine rappelte sich in dem Schutt mühsam hoch, und dort, wo die
Mauer weggesprengt war, gruppierten sich drei rothaarige Männer auf dem
Boden. Harry nahm Hermine bei der Hand, und sie taumelten und
stolperten über Steine und Holz.
»Nein – nein – nein!«, schrie jemand. »Nein! Fred! Nein!«
Und Percy schüttelte seinen Bruder, und Ron kniete neben ihnen, und
Freds Augen starrten, ohne zu sehen, die Spur seines letzten Lachens noch
immer auf sein Gesicht gezeichnet.
Der Elderstab
Die Welt war zu Ende gegangen, warum hatte die Schlacht dann nicht
aufgehört, war das Schloss nicht in stummes Grauen versunken und hatten
nicht alle Kämpfer ihre Waffen niedergelegt? Harrys Gedanken waren im
freien Fall, trudelten haltlos, unfähig, das Unmögliche zu begreifen, weil
Fred Weasley nicht tot sein konnte, weil das, was ihm all seine Sinne
sagten, eine Lüge sein musste -
Und dann fiel ein Körper an dem Loch vorbei, das seitlich in die Schule
gesprengt worden war, und Flüche jagten aus der Dunkelheit zu ihnen
herein und trafen die Wand hinter ihren Köpfen.
»In Deckung!«, rief Harry, als weitere Flüche durch die Nacht schossen:
Er und Ron hatten Hermine gepackt und sie zu Boden gerissen, aber Percy
lag über Freds Leiche, um sie vor weiterem Schaden zu schützen, und als
Harry schrie: »Percy, komm, wir müssen weg!«, schüttelte der den Kopf.
»Percy!« Harry sah Tränenspuren auf Rons rußbedecktem Gesicht, als
er seinen älteren Bruder an den Schultern fasste und hochziehen wollte,
aber Percy rührte sich nicht. »Du kannst nichts mehr für ihn tun, Percy!
Wir werden -«
Hermine kreischte, und als Harry herumschnellte, brauchte er nicht nach
dem Grund zu fragen. Eine monströse Spinne von der Größe eines kleinen
Autos versuchte durch das riesige Loch in der Mauer zu klettern: Eine von
Aragogs Nachkommen war auch in den Kampf gezogen.
Ron und Harry schrien gleichzeitig; ihre Zauber prallten zusammen, und
das Monster wurde zurückgeschleudert und verschwand mit scheußlich
zuckenden Beinen in der Dunkelheit.
»Sie hat Freunde mitgebracht!«, rief Harry den anderen zu, als er durch
das von den Flüchen gesprengte Loch über den Rand der Schlossmauer
blickte: Noch mehr Riesenspinnen kletterten seitlich am Gebäude empor,
aus dem Verbotenen Wald freigelassen, in den die Todesser eingedrungen
sein mussten. Harry schoss Schockzauber auf sie hinab, die das Monster an
der Spitze in seine Artgenossen stieß, so dass sie die Mauer wieder
hinunterkullerten und nicht mehr zu sehen waren. Dann sausten weitere
Flüche über Harrys Kopf hinweg, so dicht, dass er spürte, wie ihre Wucht
ihm durch die Haare wehte.
»Gehen wir, JETZT!«
Gemeinsam mit Ron schob er Hermine vor sich her und bückte sich, um
Freds Leiche unter den Achseln zu fassen. Percy, der begriff, was Harry
vorhatte, klammerte sich nicht mehr an dem Toten fest und half ihm; tief
geduckt, um den Flüchen zu entgehen, die vom Gelände auf sie abgefeuert
wurden, zerrten sie Fred mit vereinten Kräften aus dem Weg.
»Hier«, sagte Harry, und sie legten ihn in eine Nische, wo vorher eine
Rüstung gestanden hatte. Er konnte es nicht ertragen, Fred auch nur eine
Sekunde länger als nötig anzusehen, und nachdem er sich vergewissert
hatte, dass der Leichnam gut versteckt war, folgte er Ron und Hermine.
Malfoy und Goyle waren verschwunden, doch am Ende des Korridors, der
jetzt voll Staub und herabfallendem Mauerwerk war und dessen Fenster
schon lange keine Scheiben mehr hatten, sah er viele Leute hin und her
rennen, ob Freund oder Feind, konnte er nicht erkennen. Als er um die
Ecke bog, brüllte Percy wie ein Stier: »ROOKWOOD!«, und spurtete los,
einem großen Mann hinterher, der einige Schüler verfolgte.
»Hier rein, Harry!«, schrie Hermine.
Sie hatte Ron hinter einen Wandteppich gezogen. Offenbar rangen sie
miteinander, und eine verrückte Sekunde lang glaubte Harry, sie würden
sich wieder umarmen; dann sah er, dass Hermine versuchte, Ron
zurückzuhalten, ihn daran zu hindern, Percy nachzurennen.
»Hör mir zu – HÖR ZU, RON!«
»Ich will helfen – ich will Todesser umbringen -«
Sein Gesicht war verzerrt, verschmiert von Staub und Ruß, und er bebte
vor Zorn und Leid.
»Ron, wir sind die Einzigen, die es beenden können! Bitte – Ron – wir
brauchen die Schlange, wir müssen die Schlange töten!«, sagte Hermine.
Aber Harry wusste, was in Ron vorging: Noch einen Horkrux zu
verfolgen war für ihn nicht so befriedigend, wie Rache zu üben; auch Harry
wollte kämpfen, wollte sie bestrafen, diejenigen, die Fred getötet hatten,
und er wollte die anderen Weasleys finden und vor allem sichergehen, ganz
sichergehen, dass Ginny nicht – aber er konnte es nicht zulassen, dass
dieser Gedanke in seinem Kopf Gestalt annahm -
»Wir werden kämpfen!«, sagte Hermine. »Wir müssen es, um an die
Schlange heranzukommen! Aber wir dürfen jetzt nicht aus dem Auge
verlieren, was wir eigentlich t-tun sollen! Wir sind die Einzigen, die es
beenden können!«
Auch sie weinte, und während sie sprach, wischte sie sich das Gesicht
an ihrem zerfetzten und versengten Ärmel ab, doch sie holte lange und tief
Luft, um sich zu beruhigen, als sie sich, immer noch Ron festhaltend, Harry
zuwandte.
»Du musst herausfinden, wo Voldemort ist, denn er hat die Schlange
sicher bei sich, oder? Tu es, Harry – schau in ihn rein!«
Warum war es so einfach? Weil seine Narbe seit Stunden brannte,
begierig, ihm Voldemorts Gedanken zu zeigen? Auf Hermines Befehl
schloss er die Augen, und sofort gingen die Schreie und die Schläge und all
die Misstöne der Schlacht unter, bis sie ganz entfernt klangen, als befände
er sich weit, weit weg von allem ...
Er stand inmitten eines trostlosen, aber seltsam vertrauten Raumes,
dessen Tapeten sich von den Wänden ablösten und dessen Fenster bis auf
eines mit Brettern vernagelt waren. Der Lärm des Angriffs auf das Schloss
war gedämpft und weit entfernt. Durch das eine freie Fenster sah man in
der Ferne aufflammendes Licht um das Schloss herum, doch in dem Raum
selbst war es dunkel, nur eine einsame Öllampe brannte.
Er rollte seinen Zauberstab zwischen den Fingern, betrachtete ihn,
während er in Gedanken in jenem Raum im Schloss war, jenem geheimen
Raum, den nur er je gefunden hatte, dem Raum, den man wie die Kammer
nur entdecken konnte, wenn man klug und listig und neugierig genug dafür
war ... Er war überzeugt, dass der Junge das Diadem nicht finden würde ...
obwohl Dumbledores Marionette viel weiter gekommen war, als er jemals
erwartet hätte ... zu weit ...
»Herr«, sagte eine Stimme, verzweifelt und gebrochen. Er wandte sich
um: Da saß Lucius Malfoy, in der dunkelsten Ecke, zerlumpt und immer
noch von der Strafe gezeichnet, die er nach der letzten Flucht des Jungen
erhalten hatte. Eines seiner Augen war noch zugeschwollen. »Herr ... bitte
... mein Sohn ...«
»Wenn dein Sohn tot ist, Lucius, ist es nicht meine Schuld. Er ist nicht
wie die anderen Slytherins gekommen, um sich mir anzuschließen.
Vielleicht hat er beschlossen, sich mit Harry Potter anzufreunden?«
»Nein – niemals«, flüsterte Malfoy.
»Das will ich für dich hoffen.«
»Habt Ihr – habt Ihr keine Angst, Herr, dass Potter von der Hand eines
anderen und nicht von Eurer sterben könnte?«, fragte Malfoy mit zittriger
Stimme. »Wäre es nicht... verzeiht mir ... klüger, diese Schlacht
abzubrechen, in das Schloss zu gehen und ihn s-selbst zu suchen?«
»Tu nicht so, Lucius. Du willst, dass die Schlacht aufhört, damit du
herausfinden kannst, was mit deinem Sohn passiert ist. Und ich muss Potter
nicht suchen. Noch vor Ende der Nacht wird Potter kommen, um mich
aufzusuchen. «
Voldemort senkte den Blick erneut auf den Zauberstab in seinen
Fingern. Er beunruhigte ihn ... und Dinge, die Lord Voldemort
beunruhigten, mussten geändert werden ...
»Geh und hol Snape.«
»S-Snape, Herr?«
»Snape. Sofort. Ich brauche ihn. Er soll mir einen – Dienst -erweisen.
Geh.«
Verängstigt und im trüben Licht ein wenig stolpernd, verließ Lucius den
Raum. Voldemort blieb weiter stehen, rollte den Zauberstab zwischen den
Fingern und starrte darauf.
»Es ist die einzige Möglichkeit, Nagini«, flüsterte er, und als er sich
umdrehte, war da die große, dicke Schlange, die nun mitten in der Luft
schwebte und sich graziös in dem verzauberten, geschützten Raum ringelte,
den er für sie geschaffen hatte, einer strahlenden, durchsichtigen Sphäre
irgendwo zwischen glitzerndem Käfig und Wasserbecken.
Mit einem Keuchen zog sich Harry zurück und schlug die Augen auf;
im selben Moment drang das Kreischen und Schreien, das Krachen und
Knallen der Schlacht wieder mit aller Gewalt an seine Ohren.
»Er ist in der Heulenden Hütte. Die Schlange ist bei ihm, sie hat eine
Art magischen Schutz um sich. Er hat gerade Lucius Malfoy losgeschickt,
um Snape zu suchen.«
»Voldemort sitzt in der Heulenden Hütte?«, sagte Hermine empört. »Er
– er kämpft nicht mal?«
»Er glaubt nicht, dass er es nötig hat, zu kämpfen«, sagte Harry. »Er
glaubt, dass ich zu ihm gehen werde.«
»Aber warum?«
»Er weiß, dass ich hinter den Horkruxen her bin – er behält Nagini dicht
bei sich – offensichtlich muss ich zu ihm hin, um an das Ding
heranzukommen -«
»Klar«, sagte Ron und straffte die Schultern. »Deshalb kannst du nicht
gehen, das will er ja, das erwartet er. Du bleibst hier und passt auf Hermine
auf, und ich geh und hol sie – «
Harry fiel Ron ins Wort.
»Ihr beide bleibt hier, ich geh unter dem Tarnumhang, und ich komm
wieder zurück, sobald ich -«
»Nein«, sagte Hermine, »es ist viel vernünftiger, wenn ich den
Tarnumhang nehme und -«
»Kommt überhaupt nicht in Frage«, knurrte Ron sie an.
Ehe Hermine mehr sagen konnte als: »Ron, ich bin genauso imstande -
«, wurde der "Wandteppich am oberen Ende der Treppe, auf der sie
standen, beiseitegerissen.
»POTTER!«
Zwei maskierte Todesser standen dort, doch bevor sie ihre Zauberstäbe
ganz erhoben hatten, rief Hermine: »Glisseo!«
Die Stufen unter ihren Füßen wurden eben und bildeten eine
Rutschbahn, auf der sich die drei hinabstürzten, ohne dass sie ihre
Geschwindigkeit beeinflussen konnten, jedoch so schnell, dass die
Schockzauber der Todesser hoch über ihre Köpfe hinwegflogen. Am Fuß
der Treppe schossen sie durch den "Wandteppich, der sie verbarg, purzelten
auf den Boden und krachten an die Wand gegenüber.
»Duro!«, rief Hermine, indem sie mit ihrem Zauberstab auf den
Wandteppich deutete, und dann gab es zwei laute, Übelkeit erregende
Knirschgeräusche, da der Teppich versteinerte und die Todesser, die sie
verfolgten, dagegenschmetterten.
»Zurück!«, rief Ron, und er, Harry und Hermine drückten sich flach
gegen eine Tür, als eine Herde galoppierender Pulte vorbeidonnerte,
angeführt von einer rennenden Professor McGonagall. Sie schien sie nicht
zu bemerken: Ihre Frisur hatte sich aufgelöst und auf ihrer Wange war eine
klaffende Wunde. Als sie um die Ecke bog, hörten sie sie schreien:
»ATTACKE!«
»Harry, du ziehst den Tarnumhang an«, sagte Hermine. »Kümmer dich
nicht um uns -«
Doch er warf ihn über sie alle drei; so groß sie auch waren, er
bezweifelte, dass irgendjemand ihre Füße ohne Körper durch den Staub
sehen würde, der die Luft erfüllte, durch die herabfallenden Steine, das
schimmernde Licht von Zaubern.
Sie eilten die nächste Treppe hinunter und gelangten in einen Korridor
voller Duellanten. In den Porträts zu beiden Seiten der Kämpfenden
drängelten sich Gestalten, die lauthals Ratschläge erteilten und
aufmunternde Worte schrien, während maskierte wie unmaskierte Todesser
sich mit Schülern und Lehrern Zweikämpfe lieferten. Dean hatte sich wohl
einen Zauberstab erobert, denn er stand Dolohow von Angesicht zu
Angesicht gegenüber, während Parvati gegen Travers kämpfte. Harry, Ron
und Hermine hoben sofort die Zauberstäbe, bereit zuzuschlagen, doch die
Duellanten wirbelten und sprangen so sehr umher, dass es durchaus
wahrscheinlich war, dass sie einen der Ihren verletzten, wenn sie Flüche
losließen. Noch während sie kampfbereit dastanden und nach einer
Gelegenheit zum Eingreifen suchten, war ein lautes »ouiiiiiiie!« zu hören,
und als Harry aufblickte, sah er Peeves über sie hinwegsausen und
Snargaluff-Kokons auf die Todesser hinabwerfen, deren Köpfe plötzlich
übersät waren von sich ringelnden grünen, fetten, wurmartigen Knollen.
»Aaarh!«
Eine Faust voll Knollenwürmer hatte den Tarnumhang über Rons Kopf
getroffen; die schleimigen grünen Wurzeln blieben auffällig mitten in der
Luft in der Schwebe, während Ron versuchte, sie abzuschütteln.
»Da ist jemand unsichtbar!«, rief ein maskierter Todesser und deutete in
ihre Richtung.
Dean nutzte es, dass der Todesser vorübergehend abgelenkt war, und
streckte ihn mit einem Schockzauber nieder; Dolohow setzte zum
Vergeltungsschlag an, und Parvati schoss einen Körperklammer-Fluch auf
ihn ab.
»WEG HIER!«, schrie Harry, und er, Ron und Hermine rafften den
Tarnumhang eng an sich und spurteten mit gesenkten Köpfen los, mitten
durch die Kämpfer und ein wenig in den Pfützen aus Snargaluff-Saft
schlitternd, auf die Marmortreppe zu, die hinunter in die Eingangshalle
führte.
»Ich bin Draco Malfoy, ich bin Draco, ich bin auf eurer Seite!«
Draco stand oben auf dem Treppenabsatz und flehte einen anderen
maskierten Todesser an. Harry schockte den Todesser, als sie
vorbeihuschten: Malfoy blickte sich strahlend nach seinem Retter um und
Ron verpasste ihm unter dem Tarnumhang hervor einen Faustschlag.
Malfoy fiel vollkommen verdutzt mit blutendem Mund rücklings auf den
Todesser.
»Und das ist das zweite Mal, dass wir dir heute Nacht das Leben gerettet
haben, du falsches Schwein!«, schrie Ron.
Auf der ganzen Treppe und in der Halle wurden weitere Zweikämpfe
ausgefochten; wo Harry auch hinsah, überall waren Todesser: Yaxley
kämpfte nahe dem Schlossportal gegen Flitwick, gleich daneben duellierte
sich ein maskierter Todesser mit Kingsley. Schülerinnen und Schüler
rannten kreuz und quer, manche schleppten verletzte Freunde oder zerrten
sie hinter sich her. Harry feuerte einen Schockzauber auf den maskierten
Todesser ab, der ihn verfehlte, aber dafür fast Neville traf, der aus dem
Nichts aufgetaucht war und mit Armen voller Giftiger Tentakulas
herumfuchtelte, die sich munter um den nächsten Todesser schlangen und
ihn einzuwickeln begannen.
Harry, Ron und Hermine eilten die Marmortreppe hinunter: Zu ihrer
Linken splitterte Glas, und das Slytherin-Stundenglas, das die Hauspunkte
angezeigt hatte, schleuderte seine Smaragde überall umher, so dass die
Vorbeirennenden ausrutschten und strauchelten. Als sie unten angelangt
waren, stürzten von der Galerie über ihnen zwei Körper herunter, und ein
grauer Fleck, den Harry für ein Tier hielt jagte vierbeinig durch die Halle
und grub seine Zähne in einen der Körper.
»NEIN!«, kreischte Hermine und mit einem ohrenbetäubenden Krach
aus ihrem Zauberstab riss es Fenrir Greyback rücklings weg von dem sich
schwach regenden Körper Lavender Browns. Greyback schlug gegen die
marmornen Geländerpfosten und kämpfte sich mühsam hoch. Dann fiel
ihm mit einem leuchtenden weißen Blitz und einem Knall eine
Kristallkugel auf den Kopf, und er brach auf dem Boden zusammen und
rührte sich nicht mehr.
»Ich hab noch mehr davon!«, kreischte Professor Trelawney, über das
Geländer gebeugt, »es sind genug für alle da! Hier -«
Und mit einer Bewegung wie bei einem Tennisaufschlag zog sie eine
weitere riesige Kristallkugel aus ihrer Tasche, schwang ihren Zauberstab
durch die Luft und ließ den Ball quer durch die Halle sausen und durch ein
Fenster krachen. Im selben Moment sprang das schwere hölzerne
Schlossportal auf und weitere Riesenspinnen zwängten sich in die
Eingangshalle.
Angstschreie gellten durch die Luft. Die Kämpfer zerstreuten sich,
Todesser wie Hogwartsianer, und rote und grüne Lichtstrahlen flogen
mitten zwischen die angreifenden Monster, die schauderten und sich
aufbäumten, schrecklicher denn je.
»Wie kommen wir hier raus?«, rief Ron durch das ganze Geschrei, doch
ehe Harry oder Hermine antworten konnten, wurden sie zur Seite gestoßen:
Hagrid war die Treppe heruntergedonnert und schwang seinen geblümten
rosa Schirm.
»Tut ihnen nich weh, tut ihnen nich weh!«, schrie er.
»HAGRID, NEIN!«
Harry vergaß alles andere: Er schoss unter dem Tarnumhang hervor und
duckte sich im Laufen, um den Flüchen zu entgehen, die die ganze Halle
erleuchteten.
»HAGRID, KOMM ZURÜCK!«
Doch er hatte noch nicht einmal den halben Weg zu Hagrid hinter sich,
als er es geschehen sah: Hagrid verschwand zwischen den Spinnen, und
unter mächtigem Getrippel, mit einer widerlichen wimmelnden Bewegung,
zogen sie sich vor dem heftigen Anprall der Zauber zurück, Hagrid in ihrer
Mitte begraben.
»HAGRID!«
Harry hörte hinter sich jemanden seinen Namen rufen, doch ob Freund
oder Feind, es war ihm gleich: Er rannte die Vordertreppe hinunter auf das
dunkle Gelände, während die Spinnen mit ihrer Beute davonschwärmten,
und er konnte überhaupt nichts mehr von Hagrid sehen.
»HAGRID!«
Er glaubte einen riesigen Arm aus der Mitte des Spinnenschwarms
herauswinken zu sehen, doch als er ihnen nachjagen wollte, versperrte ihm
ein gewaltiger Fuß den Weg, der aus der Dunkelheit herabschwang und den
Boden, auf dem Harry stand, erzittern ließ. Er blickte auf: Ein Riese stand
vor ihm, gut sechs Meter hoch, den Kopf in der Düsternis verborgen, nur
seine baumartigen, haarigen Schienbeine wurden vom Licht aus dem
Schlossportal erhellt. Mit einer einzigen, vor Kraft strotzenden flüssigen
Bewegung stieß er eine massige Faust durch ein Fenster in einem oberen
Stockwerk, und herabprasselndes Glas zwang Harry, sich in den
schützenden Eingang zurückzuziehen.
»O um Himmels -«, kreischte Hermine, als sie und Ron zu Harry
gelangten und hinauf zu dem Riesen starrten, der jetzt versuchte, durch das
Fenster oben nach Leuten zu greifen.
»NICHT!«, schrie Ron und packte Hermines Hand, als sie ihren
Zauberstab hob. »Wenn du ihn schockst, drückt er das halbe Schloss ein -«
»HAGGER?«
Grawp taumelte um die Ecke des Schlosses; erst jetzt wurde Harry
bewusst, dass Grawp tatsächlich ein kleinwüchsiger Riese war. Das
gewaltige Ungeheuer, das gerade versuchte, Leute in den oberen
Stockwerken zu zerquetschen, sah sich um und stieß ein Brüllen aus. Die
Steinstufen erbebten, als es auf seinen kleineren Artgenossen zustampfte,
Grawps schiefer Mund klappte auf und offenbarte gelbe Zähne, so groß wie
halbe Backsteine, und dann stürzten sie sich wild wie Löwen aufeinander.
»LAUFT!«, brüllte Harry; die Nacht war erfüllt von grässlichen
Schreien und Schlägen, während die Riesen miteinander rangen, und er
packte Hermines Hand und stürmte die Treppe zum Gelände hinunter, Ron
hinter ihnen. Noch hatte Harry die Hoffnung nicht verloren, dass er Hagrid
finden und retten konnte; er rannte so schnell, dass sie den halben Weg zum
Wald zurückgelegt hatten, ehe sie schließlich innehielten.
Die Luft um sie herum war erstarrt: Harry blieb der Atem in der Brust
stecken und wurde dort hart. Schemen bewegten sich draußen in der
Dunkelheit, tiefschwarze wirbelnde Gestalten schoben sich wie eine
mächtige Woge auf das Schloss zu, mit rasselndem Atem und von Kapuzen
verborgenen Gesichtern ...
Ron und Hermine traten an seine Seite, als der Kampflärm hinter ihnen
plötzlich gedämpft wurde, abgeschwächt, weil eine Stille, die nur
Dementoren hervorbringen konnten, schwer durch die Nacht herabsank ...
»Komm, Harry!«, sagte Hermines Stimme aus weiter Ferne, »Patroni,
Harry, nun mach schon!«
Er hob seinen Zauberstab, doch eine dumpfe Hoffnungslosigkeit ergriff
von ihm Besitz: Fred war nicht mehr, und Hagrid starb sicher gerade oder
war bereits tot; wie viele andere waren umgekommen, von denen er noch
nicht wusste; ihm war, als ob seine Seele schon halb seinen Körper
verlassen hätte ...
»HARRY, NUN KOMM!«, schrie Hermine.
Hundert Dementoren rückten vor, glitten auf sie zu, saugten sich näher
heran an Harrys Verzweiflung, die wie die Verheißung eines Festmahls war
...
Er sah Rons silbernen Terrier hervorbrechen, schwach flackern und
erlöschen; er sah Hermines Otter sich in der Luft krümmen und dann
verblassen, und sein eigener Zauberstab zitterte ihm in der Hand, und fast
war ihm die bevorstehende Auslöschung willkommen, die Aussicht auf das
Nichts, die Fühllosigkeit ...
Und dann rauschten ein silberner Hase, ein Eber und ein Fuchs an
Harrys, Rons und Hermines Köpfen vorbei: Die Dementoren wichen vor
den näher kommenden Geschöpfen zurück. Drei Menschen waren in der
Dunkelheit zu ihnen gestoßen, um ihnen zur Seite zu stehen: Luna, Ernie
und Seamus, die mit gezückten Zauberstäben immer weiter ihre Patroni
aufrechterhielten.
»Jawohl!«, sagte Luna aufmunternd, als ob sie sich wieder im Raum der
Wünsche befänden und das alles nur eine Zauberübung für die DA wäre.
»Ja, Harry ... komm schon, denk an etwas Glückliches ...«
»Etwas Glückliches?«, sagte er mit gebrochener Stimme.
»Wir sind alle noch hier«, flüsterte sie, »wir kämpfen immer noch.
Komm schon, jetzt ...«
Erst war ein silberner Funke zu sehen, dann ein flackerndes Licht, und
dann brach, mit der größten Kraftanstrengung, die es ihn je gekostet hatte,
der Hirsch aus der Spitze von Harrys Zauberstab hervor. Er sprang
vorwärts, und nun stoben die Dementoren tatsächlich auseinander, und
augenblicklich war die Nacht wieder mild, doch der Lärm der Schlacht
rundum drang ihm laut in die Ohren.
»Weiß nicht, wie ich euch danken soll«, sagte Ron zittrig, an Luna,
Ernie und Seamus gewandt, »ihr habt uns gerade das Leben -«
Mit einem Gebrüll und einem Beben, das die ganze Erde erschütterte,
kam ein weiterer Riese aus der Dunkelheit vom Verbotenen Wald
hergestampft und fuchtelte mit einer Keule, die größer als sie alle war.
»LAUFT!«, rief Harry erneut, doch das musste er den anderen nicht erst
sagen: Sie stoben auseinander, und keine Sekunde zu früh, denn im
nächsten Moment landete der riesige Fuß der Kreatur genau an der Stelle,
wo sie gestanden hatten. Harry sah sich um: Ron und Hermine folgten ihm,
aber die anderen drei waren wieder in Richtung Schlacht verschwunden.
»Wir müssen raus aus seiner Reichweite!«, schrie Ron, als der Riese
seine Keule abermals schwang und sein Brüllen durch die Nacht hallte,
über das Gelände, wo nach wie vor rote und grüne Lichtgarben die
Finsternis erhellten.
»Zur Peitschenden Weide«, sagte Harry. »Los!«
Irgendwie mauerte er es alles in seinem Kopf ein, stopfte es in einen
kleinen Raum, in den er jetzt nicht hineinschauen konnte: Die Gedanken an
Fred und Hagrid und seine furchtbare Angst um die ganzen Menschen, die
er liebte und die überall im Schloss und davor verstreut waren, all das
musste warten, weil sie jetzt rennen, die Schlange erreichen mussten, und
Voldemort, denn das war, wie Hermine sagte, die einzige Möglichkeit, es
zu beenden -
Er jagte dahin, schon fast im Glauben, er könnte den Tod selbst hinter
sich lassen, achtete nicht auf die Lichtstrahlen, die in der Dunkelheit
überall um ihn her flogen, nicht auf den Lärm des Sees, der wie das Meer
toste, nicht auf das Ächzen des Verbotenen Waldes trotz dieser windstillen
Nacht; er rannte durch eine Landschaft, die sich scheinbar selbst zur
Rebellion erhoben hatte, rannte schneller als je zuvor in seinem Leben, und
er war es, der den großen Baum zuerst sah, die Weide, die das Geheimnis
an ihren Wurzeln mit peitschenden, um sich schlagenden Zweigen
beschützte.
Keuchend und japsend verlangsamte Harry seine Schritte, ging um die
dreschenden Zweige der Weide herum, spähte durch die Dunkelheit auf
ihren dicken Stamm und versuchte den einen Knoten in der Rinde des alten
Baums zu erkennen, der ihn lahmlegen würde. Ron und Hermine kamen
herbei, Hermine derart außer Atem, dass sie nicht sprechen konnte.
»Wie – wie sollen wir da reinkommen?«, keuchte Ron. »Ich kann – die
Stelle sehen – wenn wir nur – wieder Krummbein hätten – «
»Krummbein?«, schnaufte Hermine vornübergebeugt, die Hand an die
Brust gepresst. »Bist du ein Zauberer oder nicht?«
»Oh – stimmt – jaah -«
Ron blickte sich um, dann richtete er seinen Zauberstab auf einen
kleinen Zweig am Boden und sagte: »Wingardium Leviosa!« Der Zweig
flog vom Boden hoch, wirbelte durch die Luft, als wäre er von einem
Windstoß erfasst worden, und sauste dann durch die unheilvoll
schwingenden Äste der Weide hindurch direkt auf den Stamm zu. Er stach
in eine Stelle nahe den Wurzeln und sofort wurde der um sich schlagende
Baum friedlich.
»Perfekt!«, keuchte Hermine.
»Wartet.«
Eine ungewisse Sekunde lang zögerte Harry, während das Krachen und
Dröhnen der Schlacht die Luft erfüllte. Voldemort wollte, dass er das tat, er
wollte, dass er kam ... führte er Ron und Hermine in eine Falle?
Doch dann schien ihn die Wirklichkeit wieder einzuholen, grausam und
schlicht: Das Einzige, was sie weiterführte, war, die Schlange zu töten, und
die Schlange war dort, wo Voldemort war, und Voldemort war am Ende
dieses Tunnels ...
»Harry, wir kommen auch, nun geh schon rein!«, sagte Ron und schob
ihn vorwärts.
Harry zwängte sich in den erdigen Gang, der in den Wurzeln der Bäume
verborgen war. Er musste sich viel kleiner machen als beim letzten Mal, als
sie hier eingedrungen waren. Die Decke des Tunnels war niedrig: Vor fast
vier Jahren hatten sie sich schon bücken müssen, um durchzukommen, und
jetzt blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu kriechen. Harry kroch voraus,
mit erleuchtetem Zauberstab, und erwartete jeden Moment, auf Hindernisse
zu stoßen, doch es kam keines. Sie bewegten sich schweigend, Harry
behielt den hin und her schwingenden Lichtstrahl des Zauberstabs im
Blick, den er in seiner Faust hielt.
Endlich begann der Tunnel anzusteigen und Harry sah vor sich einen
Streifen Licht. Hermine zerrte an seinem Knöchel.
»Den Tarnumhang!«, flüsterte sie. »Zieh den Tarnumhang an!«
Er tastete nach hinten und sie drückte ihm das glatte Stoffbündel in die
freie Hand. Mühsam zog er ihn über, murmelte »Nox«, um sein
Zauberstablicht zu löschen, und kroch auf Händen und Knien weiter, so
leise wie möglich, alle Sinne angespannt, darauf gefasst, jeden Moment
entdeckt zu werden, eine kalte, klare Stimme zu hören, einen grünen
Lichtblitz zu sehen.
Und dann hörte er Stimmen aus dem Raum direkt vor ihnen, nur leicht
gedämpft, weil die Öffnung am Ende des Tunnels von etwas wie einer alten
Kiste versperrt worden war. Harry, der kaum zu atmen wagte, schob sich
langsam bis zur Öffnung vor und spähte durch einen schmalen Schlitz, der
zwischen Kiste und Wand blieb.
Der Raum dahinter war spärlich beleuchtet, doch er konnte Nagini
sehen, die sich ringelte und rollte wie eine Schlange unter Wasser,
geschützt in ihrer verzauberten, strahlenden Sphäre, die frei in der Luft
schwebte. Er konnte den Rand eines Tisches sehen und eine langfingrige
weiße Hand, die mit einem Zauberstab spielte. Dann sprach Snape und
Harry schlug das Herz bis zum Hals: Snape war nur Zentimeter von der
Stelle entfernt, wo er verborgen kauerte.
»... Herr, ihr Widerstand bröckelt -«
»- und das ohne deine Hilfe«, sagte Voldemort mit seiner hohen, klaren
Stimme. »Du bist zwar ein fähiger Zauberer, Severus, aber ich denke nicht,
dass du jetzt noch von großer Bedeutung sein wirst. Wir sind fast am Ziel
... fast.«
»Lasst mich den Jungen finden. Lasst mich Potter zu Euch bringen. Ich
weiß, dass ich ihn finden kann, Herr. Bitte.«
Snape schritt an dem Spalt vorbei, und Harry wich ein wenig zurück,
den Blick weiterhin auf Nagini geheftet, während er sich fragte, ob es
irgendeinen Zauber gab, der den Schutz um sie herum durchdringen
könnte, doch es fiel ihm nichts ein. Ein gescheiterter Versuch, und er hätte
seine Position verraten ...
Voldemort stand auf. Harry konnte ihn jetzt sehen, konnte die roten
Augen sehen, das abgeflachte, schlangenartige Gesicht, seine Blässe, die
im Halbdunkel leicht schimmerte.
»Ich habe ein Problem, Severus«, sagte Voldemort leise.
»Herr?«, sagte Snape.
Voldemort hob den Elderstab, hielt ihn so zart und präzise wie ein
Dirigent seinen Taktstock.
»Warum arbeitet er nicht für mich, Severus?«
In der Stille bildete Harry sich ein, die Schlange leise zischen zu hören,
während sie sich ein- und wieder aufrollte, oder war es Voldemorts
zischendes Seufzen, das in der Luft nachklang?
»H-Herr?«, sagte Snape verdutzt. »Ich verstehe nicht. Ihr – Ihr habt
außergewöhnliche Zauber mit diesem Stab vollbracht.«
»Nein«, entgegnete Voldemort. »Ich habe meine üblichen Zauber
vollbracht. Ich bin außergewöhnlich, aber dieser Zauberstab ... nein. Er hat
die Wunder nicht offenbart, die er verheißen hat. Ich spüre keinen
Unterschied zwischen diesem Zauberstab und dem, den ich vor all den
Jahren bei Ollivander erworben habe.«
Voldemorts Ton war nachdenklich, ruhig, aber Harrys Narbe hatte zu
pochen und zu hämmern begonnen: Schmerz bildete sich allmählich in
seiner Stirn, und er konnte die gemessene Wut spüren, die sich in
Voldemort anstaute.
»Keinen Unterschied«, sagte Voldemort erneut.
Snape schwieg. Harry konnte sein Gesicht nicht sehen. Er fragte sich, ob
Snape Gefahr witterte, ob er versuchte, die richtigen Worte zu finden, um
seinen Herrn zu beruhigen.
Voldemort begann durch den Raum zu gehen. Harry verlor ihn für
Sekunden aus dem Auge, in denen Voldemort umherstrich und weiter mit
gleichmäßiger Stimme sprach, während Schmerz und Zorn in Harry
anschwollen.
»Ich habe lange und scharf nachgedacht, Severus ... Weißt du, weshalb
ich dich aus der Schlacht zurückgerufen habe?«
Und für einen Moment sah Harry Snape im Profil: Sein Blick war auf
die sich windende Schlange in ihrem verzauberten Käfig gerichtet.
»Nein, Herr, aber ich bitte Euch, lasst mich zurückkehren. Lasst mich
Potter finden.«
»Du klingst wie Lucius. Keiner von euch versteht Potter, wie ich es tue.
Es ist nicht nötig, ihn zu finden. Potter wird zu mir kommen. Ich kenne
seine Schwäche, musst du wissen, seinen einzigen großen Fehler. Er wird
es verabscheuen, zusehen zu müssen, wie die anderen um ihn herum
niedergestreckt werden, wohl wissend, dass es seinetwegen geschieht. Er
wird dem um jeden Preis Einhalt gebieten wollen. Er wird kommen.«
»Aber, Herr, er könnte versehentlich von einem anderen statt von Euch
getötet werden -«
»Meine Anweisungen an meine Todesser waren vollkommen klar.
Nehmt Potter gefangen. Tötet seine Freunde – je mehr, desto besser –, aber
ihn tötet nicht.
Doch ich wollte über dich sprechen, Severus, nicht über Harry Potter.
Du warst sehr nützlich für mich. Sehr nützlich.«
»Mein Herr weiß, dass ich nur danach strebe, ihm zu dienen. Aber –
lasst mich gehen und den Jungen finden, Herr. Ich will ihn zu Euch
bringen. Ich weiß, ich kann es -«
»Ich habe es bereits gesagt, nein!«, entgegnete Voldemort, und als er
sich wieder umdrehte, erhaschte Harry das rote Funkeln in seinen Augen,
und sein Umhang raschelte wie eine dahingleitende Schlange, und Harry
spürte Voldemorts Ungeduld in seiner brennenden Narbe. »Meine Sorge im
Augenblick ist, was geschehen wird, Severus, wenn ich endlich auf den
Jungen treffe!«
»Herr, es ist doch gewiss keine Frage -? «
»- aber es gibt eine Frage, Severus. Es gibt eine.«
Voldemort blieb stehen, und Harry konnte ihn wieder deutlich sehen,
wie er den Elderstab durch seine weißen Finger gleiten ließ und Snape
anstarrte.
»Warum haben beide Zauberstäbe, die ich benutzte, versagt, als ich sie
gegen Harry Potter richtete?«
»Ich – ich kann das nicht beantworten, Herr.«
»Du kannst es nicht?«
Der jähe Zorn war wie ein Nagel, der durch Harrys Kopf getrieben
wurde: Er drückte sich die Faust in den Mund, um nicht vor Schmerz
aufzuschreien. Er schloss die Augen, und plötzlich war er Voldemort, der
in Snapes bleiches Gesicht blickte.
»Mein Zauberstab aus Eibenholz tat alles, was ich von ihm verlangte,
Severus, außer Harry Potter zu töten. Zwei Mal versagte er. Ollivander
erzählte mir unter der Folter von den Zwillingskernen, er riet mir, den
Zauberstab eines anderen zu nehmen. Das tat ich, aber Lucius' Zauberstab
zerbrach, als er auf den von Potter traf.«
»Ich – ich kann es nicht erklären, Herr.«
Snape schaute jetzt nicht zu Voldemort. Seine dunklen Augen waren
nach wie vor auf die sich ringelnde Schlange in ihrer schützenden Sphäre
gerichtet.
»Ich suchte einen dritten Zauberstab, Severus. Den Elderstab, den
Zauberstab des Schicksals, den Todesstab. Ich nahm ihn seinem vorigen
Herrn ab. Ich holte ihn aus dem Grab von Albus Dumbledore.«
Und nun blickte Snape Voldemort an und Snapes Gesicht war wie eine
Totenmaske. Es war marmorweiß und so reglos, dass es ein Schock war,
als er zu sprechen begann und es sichtbar wurde, dass sich Leben hinter
diesen leeren Augen verbarg.
»Herr – lasst mich zu dem Jungen gehen -«
»Diese ganze lange Nacht, in der ich meinem Sieg so nahe bin, sitze ich
schon hier«, sagte Voldemort, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern,
»und ich frage mich, ich frage mich, warum der Elderstab sich weigert, das
zu sein, was er sein sollte, sich weigert, das zu leisten, was er der Legende
nach für seinen rechtmäßigen Besitzer leisten muss ... und ich glaube, ich
habe die Antwort.«
Snape schwieg.
»Vielleicht kennst du sie bereits? Du bist schließlich ein kluger Mann,
Severus. Du warst mir ein guter und treuer Diener, und ich bedaure, was
geschehen muss.«
»Herr -«
»Der Elderstab kann mir nicht richtig dienen, Severus, weil ich nicht
sein wahrer Meister bin. Der Elderstab gehört dem Zauberer, der seinen
letzten Besitzer getötet hat. Du hast Albus Dumbledore getötet. Solange du
lebst, Severus, kann der Elderstab nicht wahrhaft mir gehören.«
»Herr!«, protestierte Snape und hob seinen Zauberstab.
»Es gibt keinen anderen Weg«, sagte Voldemort. »Ich muss den
Zauberstab bezwingen, Severus. Den Zauberstab bezwingen, und dann
werde ich endlich Potter bezwingen.«
Und Voldemort schlug mit dem Elderstab durch die Luft. Snape
geschah nichts, und für den Bruchteil einer Sekunde schien er zu denken,
ihm sei Gnade gewährt worden. Doch dann wurde Voldemorts Absicht
offensichtlich: Der Schlangenkäfig wälzte sich durch die Luft, und ehe
Snape etwas anderes tun konnte als schreien, war er mit Kopf und
Schultern darin eingeschlossen, und Voldemort sprach Parsel.
»Töte.«
Ein furchtbarer Schrei war zu hören. Harry sah, wie Snapes Gesicht den
letzten Rest Farbe verlor und weiß wurde, während seine schwarzen Augen
sich weiteten, als die Zähne der Schlange sich in seinen Hals bohrten, und
es gelang ihm nicht, den verzauberten Käfig von sich wegzustoßen, seine
Knie gaben nach, und er stürzte zu Boden.
»Ich bedaure es«, sagte Voldemort kalt.
Er wandte sich ab; da war keine Trauer in ihm, keine Reue.
Es war an der Zeit, diese Hütte zu verlassen und die Führung zu
übernehmen, mit einem Zauberstab, der ihm nun vollkommen gehorchen
würde. Er richtete ihn auf den strahlenden Schlangenkäfig, der nach oben
trieb, weg von Snape, der seitlich umkippte und aus dessen Wunden am
Hals Blut spritzte. Voldemort rauschte ohne einen Blick zurück hinaus und
die große Schlange schwebte ihm in ihrer riesigen schützenden Sphäre
hinterher.
Zurück im Tunnel und in seinem eigenen Geist, schlug Harry die Augen
auf: Er blutete, da er sich auf die Knöchel gebissen hatte vor Anstrengung,
nicht laut herauszuschreien. Jetzt blickte er durch den schmalen Spalt
zwischen Kiste und Mauer und beobachtete einen Fuß in einem schwarzen
Stiefel, der am Boden zitterte.
»Harry!«, hauchte Hermine hinter ihm, doch er hatte seinen Zauberstab
schon auf die Kiste gerichtet, die ihm die Sicht versperrte. Sie hob sich
einige Zentimeter in die Luft und schwebte geräuschlos zur Seite. So leise
er konnte, zog er sich hoch in den Raum.
Er wusste nicht, warum er es tat, warum er sich dem sterbenden Mann
näherte. Er wusste nicht, was er empfand, als er Snapes weißes Gesicht sah
und die Finger, die versuchten, die blutende Wunde an seinem Hals
zuzudrücken. Harry nahm den Tarnumhang ab und blickte hinunter auf den
Mann, den er hasste, dessen schwarze Augen sich weiteten und Harry
fanden, während er zu sprechen versuchte. Harry beugte sich über ihn; und
Snape fasste ihn vorne am Umhang und zog ihn näher zu sich heran.
Ein schrecklich rasselndes, gurgelndes Geräusch drang aus Snapes
Kehle.
»Nimm ... es ... Nimm ... es ...«
Etwas, das mehr war als Blut, sickerte aus Snape heraus. Silbrig blau,
weder Gas noch Flüssigkeit, sprudelte es aus seinem Mund und seinen
Ohren und seinen Augen, und Harry wusste, was es war, doch er wusste
nicht, was er tun sollte -
Ein Fläschchen, aus dem Nichts heraufbeschworen, wurde ihm von
Hermine in die zitternden Hände gedrückt. Harry hob die silbrige Substanz
mit seinem Zauberstab hinein. Als das Fläschchen bis zum Rand voll war
und Snape aussah, als wäre kein Blut mehr in ihm, lockerte sich sein Griff
an Harrys Umhang.
»Sieh ... mich ... an ...«, flüsterte er.
Die grünen Augen begegneten den schwarzen, doch eine Sekunde später
schien etwas in den Tiefen des dunklen Augenpaares zu verschwinden, und
es war nur noch starr, ausdruckslos und leer. Die Hand, die Harry hielt,
schlug dumpf zu Boden, und Snape rührte sich nicht mehr.
Die Geschichte des Prinzen
Harry verharrte kniend an Snapes Seite, starrte einfach auf ihn hinab, bis
völlig unvermittelt eine hohe, kalte Stimme zu hören war, so nah bei ihnen,
dass Harry aufsprang, das Fläschchen fest in der Hand, da er dachte, dass
Voldemort zurückgekommen war.
Voldemorts Stimme hallte von den Wänden und vom Boden wider, und
Harry wusste, dass er zu Hogwarts und der ganzen Umgebung sprach und
dass die Bewohner von Hogsmeade und alle, die noch im Schloss
kämpften, ihn so deutlich hörten, als ob er neben ihnen stünde, als ob sie
seinen Atem im Nacken hätten, einen tödlichen Schlag entfernt.
»Ihr habt gekämpft«, sagte die hohe, kalte Stimme, »heldenhaft
gekämpft. Lord Voldemort weiß Tapferkeit zu schätzen.
Doch ihr habt schwere Verluste erlitten. Wenn ihr mir weiterhin
Widerstand leistet, werdet ihr alle sterben, einer nach dem anderen. Ich will
nicht, dass dies geschieht. Jeder Tropfen magisches Blut, der vergossen
wird, ist ein Verlust und eine Verschwendung.
Lord Voldemort ist gnädig. Ich befehle meinen Streitkräften, sich sofort
zurückzuziehen.
Ihr habt eine Stunde. Schafft eure Toten mit Würde fort. Versorgt eure
Verletzten.
Harry Potter, ich spreche nun direkt zu dir. Du hast deine Freunde für
dich sterben lassen, anstatt mir selbst entgegenzutreten. Ich werde eine
Stunde lang im Verbotenen Wald warten. Wenn du nach Ablauf dieser
Stunde nicht zu mir gekommen bist, dich nicht ergeben hast, dann beginnt
die Schlacht von neuem. Diesmal werde ich selbst in den Kampf ziehen,
Harry Potter, und ich werde dich finden, und ich werde jeden Einzelnen, ob
Mann, Frau oder Kind, bestrafen, der versucht hat, dich vor mir zu
verstecken. Eine Stunde.«
Ron und Hermine, die den Blick auf Harry gerichtet hatten, schüttelten
beide fieberhaft die Köpfe.
»Hör nicht auf ihn«, sagte Ron.
»Es wird alles gut werden«, sagte Hermine völlig außer sich. »Lass uns
– lass uns zum Schloss zurückkehren; wenn er in den Wald gegangen ist,
müssen wir uns einen neuen Plan ausdenken -«
Sie blickte kurz auf Snapes Leiche, dann eilte sie zurück zum Eingang
des Tunnels. Ron folgte ihr. Harry hob den Tarnumhang auf, dann sah er
hinunter auf Snape. Er wusste nicht, was er empfinden sollte, außer
Entsetzen über die Art und Weise, wie Snape getötet worden war, und über
den Grund, weshalb es geschehen war ...
Ohne ein Wort zu wechseln, krochen sie zurück durch den Tunnel, und
Harry fragte sich, ob Voldemorts Stimme in Rons und Hermines Köpfen
genauso nachklang wie in seinem eigenen.
Du hast deine Freunde für dich sterben lassen, anstatt mir selbst
entgegenzutreten. Ich werde eine Stunde lang im Verbotenen Wald warten
... eine Stunde ...
Auf dem Rasen vor dem Schloss schienen kleine Bündel verstreut zu
liegen. Es konnte höchstens noch eine Stunde bis zum Morgengrauen sein,
doch es war stockdunkel. Die drei hasteten auf die Steintreppe zu. Vor
ihnen lag ein einsamer einzelner Holzschuh von der Größe eines kleinen
Bootes. Sonst war von Grawp oder seinem Angreifer keinerlei Spur zu
sehen.
Im Schloss war es unnatürlich still. Es gab keine Lichtblitze mehr, kein
Knallen, Schreien oder Rufen. Auf den Steinplatten der verlassenen
Eingangshalle waren Blutflecken. Nach wie vor lagen überall auf dem
Boden Smaragde herum, außerdem Marmortrümmer und Holzsplitter. Teile
der Treppengeländer waren weggesprengt worden.
»Wo sind die denn alle?«, flüsterte Hermine.
Ron ging ihnen voraus in die Große Halle. Harry blieb im Eingang
stehen.
Die Haustische waren verschwunden und der Raum war brechend voll.
Die Überlebenden standen in Gruppen beieinander, hatten sich gegenseitig
die Arme um den Hals geschlungen. Die Verletzten wurden auf dem
Podium von Madam Pomfrey und einigen Helfern behandelt. Unter den
Verwundeten war auch Firenze; Blut strömte aus seiner Flanke, und er lag
zitternd da, unfähig aufzustehen.
Die Toten lagen in einer Reihe in der Mitte der Halle. Harry konnte
Freds Leichnam nicht sehen, weil seine Familie ihn umringte. George
kniete bei seinem Kopf; Mrs Weasley lag am ganzen Leib zitternd über
seiner Brust. Mr Weasley, dem Tränen über die Wangen stürzten, strich ihr
über die Haare.
Ohne ein Wort zu Harry entfernten sich Ron und Hermine. Harry sah
Hermine auf Ginny zugehen, deren Gesicht geschwollen und fleckig war,
und sie umarmen. Ron trat zu Bill, Fleur und Percy, der einen Arm um
Rons Schultern warf. Als Ginny und Hermine sich dem Rest der Familie
näherten, konnte Harry die Toten, die neben Fred lagen, deutlich erkennen:
Remus und Tonks, bleich und reglos und scheinbar friedlich, machten den
Eindruck, als würden sie unter der dunklen, verzauberten Decke schlafen.
Harry taumelte rückwärts durch die Tür, und die Große Halle schien
davonzufliegen, kleiner zu werden, zu schrumpfen. Er bekam keine Luft
mehr. Es war unerträglich für ihn, irgendeinen der anderen Toten
anzuschauen, zu sehen, wer sonst noch für ihn gestorben war. Er brachte es
nicht über sich, zu den Weasleys zu gehen und ihnen in die Augen zu
sehen, denn wenn er sich gleich ausgeliefert hätte, wäre Fred vielleicht gar
nicht gestorben ...
Er wandte sich ab und rannte die Marmortreppe hoch. Lupin, Tonks ...
er sehnte sich danach, nichts zu fühlen ... er wünschte, er könnte sich das
Herz herausreißen, seine Eingeweide, alles, was in ihm schrie ...
Das Schloss war vollkommen leer; selbst die Gespenster schienen sich
zu den vielen Trauernden in der Großen Halle gesellt zu haben. Harry
rannte, ohne anzuhalten, das Kristallfläschchen mit Snapes letzten
Gedanken fest in der Hand, und verlangsamte seine Schritte erst, als er zu
dem steinernen Wasserspeier kam, der das Büro des Schulleiters bewachte.
»Passwort?«
»Dumbledore!«, sagte Harry, ohne zu überlegen, weil es Dumbledore
war, den er zu sehen begehrte, und zu seiner Überraschung glitt der
Wasserspeier beiseite und gab die Wendeltreppe dahinter frei.
Doch als Harry in das kreisrunde Büro stürzte, sah er, dass sich etwas
verändert hatte. Die Porträts, die ringsum an der Wand hingen, waren leer.
Kein einziger Schulleiter, keine Schulleiterin war noch da und konnte ihn
sehen; sie waren offenbar alle davongehuscht, durch die Gemälde gestürmt,
die sich im ganzen Schloss befanden, um klare Sicht auf das Geschehen zu
haben.
Harry warf einen verzweifelten Blick auf Dumbledores verlassenen
Rahmen, der direkt hinter dem Stuhl des Schulleiters hing, dann kehrte er
ihm den Rücken zu. Das steinerne Denkarium stand in dem Schrank, wo es
immer gewesen war: Harry hob es auf den Schreibtisch und schüttete
Snapes Erinnerungen in das breite Becken, dessen Rand mit Runen verziert
war. In den Kopf von jemand anderem zu fliehen, würde wahrhaft eine
Erleichterung sein ... nichts, das selbst Snape ihm hinterlassen hatte, konnte
schlimmer sein als seine eigenen Gedanken. Die Erinnerungen wirbelten
umher, silbrig weiß und eigenartig, und ohne zu zögern, mit einem Gefühl
hemmungsloser Selbstaufgabe, als würde dies seinen quälenden Schmerz
lindern, tauchte Harry hinein.
Er fiel kopfüber in Sonnenlicht und seine Füße landeten auf warmem
Boden. Als er sich aufrichtete, sah er, dass er auf einem beinahe leeren
Spielplatz war. Ein einzelner riesiger Kamin ragte am fernen Horizont
empor. Zwei Mädchen schwangen auf Schaukeln vor und zurück, und ein
magerer Junge, der hinter einer Gruppe von Sträuchern stand, beobachtete
sie. Sein schwarzes Haar war überlang, und seine Kleider passten so wenig
zusammen, dass es wie absichtlich aussah: zu kurze Jeans, ein
abgetragener, zu großer Mantel, der vielleicht einem Erwachsenen gehörte,
ein merkwürdiges, kittelartiges Hemd.
Harry näherte sich dem Jungen. Snape wirkte nicht älter als neun oder
zehn Jahre, blässlich, klein, zäh. Unverhohlene Gier stand in seinem
schmalen Gesicht, als er zusah, wie das jüngere der beiden Mädchen immer
höher schwang, höher als seine Schwester.
»Lily, nein, mach das nicht!«, kreischte die Altere der beiden.
Aber das Mädchen hatte die Schaukel genau am höchsten Punkt des
Bogens losgelassen und war in die Luft geflogen, im wahrsten Sinne
geflogen, hatte sich lauthals schreiend vor Lachen in die Luft schleudern
lassen, und statt auf dem Asphalt des Spielplatzes aufzuschlagen, rauschte
sie wie eine Trapezkünstlerin durch die Luft, blieb viel zu lange oben und
landete viel zu leichtfüßig.
»Mummy hat dir gesagt, dass du das nicht tun sollst!«
Petunia hielt ihre Schaukel an, indem sie mit den Absätzen ihrer
Sandalen über den Boden schlitterte, was ein knirschendes, schleifendes
Geräusch verursachte, dann sprang sie auf und stemmte die Hände in die
Hüften.
»Mummy hat gesagt, dass du das nicht darfst, Lily!«
»Aber mir geht's gut«, sagte Lily, immer noch kichernd. »Guck mal,
Tunia. Schau, was ich machen kann.«
Petunia sah sich um. Der Spielplatz war menschenleer, nur sie waren da,
und Snape, was die Mädchen aber nicht wussten. Lily hatte eine
herabgefallene Blüte von dem Strauch aufgehoben, hinter dem Snape sich
versteckt hielt. Petunia kam näher, offenbar hin- und hergerissen zwischen
Neugier und Missbilligung. Lily wartete, bis Petunia nahe genug war, um
gut sehen zu können, dann streckte sie die offene Handfläche aus. Da lag
die Blüte und öffnete und schloss ihre Blätter wie eine seltsame, viellippige
Auster.
»Hör auf damit!«, kreischte Petunia.
»Die tut dir doch nichts«, sagte Lily, schloss aber die Hand über der
Blüte und warf sie wieder zu Boden.
»Das macht man nicht«, sagte Petunia, doch ihr Blick war der
hinabfliegenden Blüte gefolgt und blieb auf ihr ruhen. »Wie kriegst du das
hin?«, fügte sie hinzu und in ihrer Stimme lag eindeutiges Verlangen.
»Ist doch klar, oder?« Snape hatte sich nicht mehr länger zurückhalten
können und war hinter den Sträuchern hervorgesprungen. Petunia kreischte
und lief rückwärts in Richtung der Schaukeln, doch Lily blieb stehen, wenn
auch offensichtlich verdutzt. Snape schien es zu bereuen, dass er sich
gezeigt hatte. Ein mattes Rot kroch über seine fahlen Wangen, während er
Lily ansah.
»Was ist klar?«, fragte Lily.
Snape wirkte leicht nervös und aufgeregt. Er warf einen Blick auf die
ferne Petunia, die sich nun abwartend bei den Schaukeln herumdrückte,
senkte die Stimme und sagte: »Ich weiß, was du bist.«
»Was meinst du?«
»Du bist ... du bist eine Hexe«, flüsterte Snape.
Sie sah beleidigt aus.
»Es ist nicht besonders nett, wenn man jemandem das sagt!«
Sie wandte sich ab, die Nase in die Luft gereckt, und marschierte davon
zu ihrer Schwester.
»Nein!«, sagte Snape. Er war jetzt puterrot, und Harry fragte sich,
warum er den lächerlich großen Mantel nicht ablegte, vielleicht einfach
weil er den Kittel darunter nicht zeigen wollte. Als er den Mädchen damit
hinterherflatterte, ähnelte er auf groteske Weise einer Fledermaus, ganz wie
sein älteres Selbst.
Die Schwestern hielten sich an einer Stange der Schaukel fest, als
könnten sie hier wie beim Fangenspielen nicht abgeklatscht werden, und
musterten ihn, einig in ihrer Ablehnung.
»Du bist eine«, sagte Snape zu Lily. »Du bist eine Hexe. Ich hab dir
schon eine Weile zugeschaut. Aber das ist nichts Schlimmes. Meine Mum
ist auch eine und ich bin ein Zauberer.«
Petunias Lachen war wie kaltes Wasser.
»Zauberer!«, kreischte sie mit frischem Mut, nun, da sie sich von dem
Schreck erholt hatte, den ihr sein unerwartetes Auftauchen eingejagt hatte.
»Ich weiß, was du bist. Du bist dieser Junge von den Snapes. Die wohnen
am Fluss unten in Spinner's End«, erklärte sie Lily, und aus ihrem Ton war
deutlich herauszuhören, dass sie diese Adresse für eine schlechte
Empfehlung hielt. »Warum hast du uns nachspioniert?«
»Ich hab nicht spioniert«, sagte Snape, erhitzt und verlegen, mit seinen
schmutzigen Haaren im hellen Sonnenlicht. »Dir würd ich sowieso nicht
nachspionieren«, fügte er gehässig hinzu, »du bist ein Muggel.«
Obwohl Petunia das Wort offensichtlich nicht verstand, konnte sie den
Tonfall kaum falsch deuten.
»Lily, komm, wir gehen!«, sagte sie schrill. Lily gehorchte ihrer
Schwester sofort und funkelte Snape im Davongehen böse an. Da stand er
und sah ihnen nach, wie sie durch das Tor des Spielplatzes marschierten,
und Harry, der Einzige, der ihn noch beobachtete, bemerkte Snapes bittere
Enttäuschung und begriff, dass Snape diesen Auftritt schon eine ganze
Weile geplant hatte und dass alles schiefgegangen war ...
Die Szene löste sich auf, und ehe Harry sich's versah, war eine neue um
ihn herum entstanden. Er befand sich jetzt in einem kleinen Dickicht von
Bäumen. Zwischen den Stämmen hindurch konnte er einen Fluss in der
Sonne glitzern sehen. Die Schatten der Bäume bildeten eine kühle grüne
Mulde. Zwei Kinder saßen am Boden einander gegenüber, die Beine über
Kreuz; Snape hatte jetzt seinen Mantel abgelegt; sein merkwürdiger Kittel
wirkte im Dämmerlicht weniger sonderbar.
»... und das Ministerium kann dich bestrafen, wenn du außerhalb der
Schule zauberst, dann kriegst du Briefe.«
»Aber ich habe außerhalb der Schule gezaubert!«
»Bei uns ist das nicht schlimm. Wir haben noch keine Zauberstäbe. Die
lassen es durchgehen, wenn du noch ein Kind bist und nichts dafür kannst.
Aber sobald du elf bist«, er nickte wichtigtuerisch, »und die anfangen, dich
auszubilden, musst du vorsichtig sein.«
Eine kurze Stille trat ein. Lily hatte einen herabgefallenen Zweig
aufgehoben und wirbelte ihn durch die Luft, und Harry wusste, dass sie
sich vorstellte, er würde einen Funkenschweif hinter sich herziehen. Dann
ließ sie den Zweig fallen, beugte sich zu dem Jungen vor und sagte: »Es ist
wirklich wahr, oder? Es ist kein Scherz? Petunia sagt, dass du mich anlügst.
Petunia sagt, dass es gar kein Hogwarts gibt. Es ist wirklich wahr, oder?«
»Es ist wahr für uns«, sagte Snape. »Für sie nicht. Aber wir werden den
Brief bekommen, du und ich.«
»Wirklich?«, flüsterte Lily.
»Ganz bestimmt«, sagte Snape, und selbst mit seinen schlecht
geschnittenen Haaren und seinen komischen Kleidern gab er eine
merkwürdig eindrucksvolle Figur ab, wie er da vor ihr hingelümmelt saß,
strotzend vor Zuversicht, was seinen künftigen Lebensweg betraf.
»Und bringt ihn wirklich eine Eule?«, flüsterte Lily.
»Normalerweise schon«, sagte Snape. »Aber du stammst von Muggeln
ab, da muss jemand von der Schule kommen und es deinen Eltern
erklären.«
»Macht es einen Unterschied, wenn man von Muggeln abstammt? «
Snape zögerte. Seine schwarzen Augen blickten ungeduldig durch das
grünliche Dämmerlicht, wanderten über das blasse Gesicht, das dunkelrote
Haar.
»Nein«, sagte er. »Es macht keinen Unterschied.«
»Gut«, sagte Lily erleichtert: Es war offensichtlich, dass sie sich Sorgen
gemacht hatte.
»Du hast ganz viel Magie«, sagte Snape. »Das habe ich gesehen. Die
ganze Zeit, als ich dich beobachtet habe ...«
Seine Stimme verlor sich; sie hörte ihm nicht zu, sondern hatte sich auf
dem laubbedeckten Boden ausgestreckt und blickte hoch zu dem
Blätterdach über ihr. Er sah sie an, so begierig wie schon auf dem
Spielplatz.
»Wie steht es bei dir zu Hause?«, fragte Lily.
Eine kleine Falte bildete sich zwischen seinen Augen.
»Gut«, sagte er.
»Sie streiten nicht mehr?«
»O doch, sie streiten«, sagte Snape. Er hob eine Faust voll Blätter auf
und begann sie zu zerreißen, offenbar ganz in Gedanken verloren. »Aber es
wird nicht mehr allzu lange dauern, dann bin ich weg.«
»Mag dein Dad denn keine Zauberei?«
»Er mag nichts besonders gern«, sagte Snape.
»Severus?«
Ein leises Lächeln zuckte um Snapes Mund, als sie seinen Namen sagte.
»Jaah?«
»Erzähl mir noch mal von den Dementoren.«
»Weshalb willst du was über die wissen?«
»Wenn ich außerhalb der Schule Zauber benutze ...«
»Dafür jagen sie dir keine Dementoren auf den Hals! Dementoren sind
für Leute, die richtig böse Sachen machen. Sie bewachen das
Zauberergefängnis, Askaban. Du wirst nicht in Askaban landen, du bist zu
...«
Er lief wieder rot an und zerfetzte noch mehr Blätter. Dann hörte Harry
ein leises Rascheln hinter sich und er drehte sich um: Petunia, die sich
hinter einem Baum versteckt hatte, hatte den Halt verloren.
»Tunia!«, sagte Lily in überraschtem und freundlichem Ton, aber Snape
war aufgesprungen.
»Wer spioniert da jetzt?«, rief er. »Was willst du?«
Petunia war außer Atem, bestürzt, weil sie erwischt worden war. Harry
sah, dass sie angestrengt nach etwas Verletzendem suchte, das sie sagen
konnte.
»Was hast du da eigentlich an?«, sagte sie und deutete auf Snapes Brust.
»Die Bluse von deiner Mum?«
Es gab einen Knall: Ein Ast über Petunias Kopf fiel herunter. Lily
schrie: Der Ast traf Petunia an der Schulter, und sie stolperte rückwärts und
brach in Tränen aus.
»Tunia!«
Aber Petunia rannte davon. Lily fiel über Snape her.
»Hast du das passieren lassen?«
»Nein.« Er blickte trotzig und erschrocken zugleich.
»Doch, das hast du!« Sie wich vor ihm zurück. »Das hast du. Du hast
ihr wehgetan!«
»Nein – nein, hab ich nicht!«
Aber die Lüge überzeugte Lily nicht: Nach einem letzten flammenden
Blick rannte sie aus dem kleinen Dickicht, ihrer Schwester hinterher, und
Snape wirkte elend und durcheinander ...
Und dann veränderte sich die Szene. Harry blickte sich um: Er war auf
Bahnsteig neundreiviertel, und Snape stand dicht bei ihm, leicht gebeugt,
neben einer hageren, blässlichen, mürrisch dreinblickenden Frau, die ihm
stark ähnelte. Snape starrte auf eine vierköpfige Familie nur wenig entfernt.
Die beiden Mädchen standen etwas abseits von ihren Eltern. Lily schien
ihre Schwester anzuflehen; Harry näherte sich, um zu lauschen.
»... es tut mir leid, Tunia, es tut mir leid! Hör zu -« Sie ergriff die Hand
ihrer Schwester und hielt sie fest, obwohl Petunia sie wegzuziehen
versuchte. »Vielleicht kann ich, wenn ich erst mal da bin – nein, hör zu,
Tunia! Vielleicht kann ich, wenn ich da bin, zu Professor Dumbledore
gehen und ihn überreden, dass er es sich anders überlegt!«
»Ich will – nicht – dahin!«, sagte Petunia und zog ihre Hand aus dem
Griff ihrer Schwester. »Meinst du, ich will in irgendein blödes Schloss und
lernen, wie ich eine – eine -«
Ihre blassen Augen schweiften über den Bahnsteig, über die Katzen, die
in den Armen ihrer Besitzer maunzten, über die Eulen, die in ihren Käfigen
flatterten und sich gegenseitig ankreischten, über die Schülerinnen und
Schüler, manche schon in ihren langen schwarzen Umhängen, die
Schrankkoffer in den Zug mit der scharlachroten Dampflok luden oder sich
mit freudigen Rufen begrüßten, nachdem sie sich einen Sommer lang nicht
gesehen hatten.
»- meinst du, ich will ein – ein Spinner sein?«
Lilys Augen füllten sich mit Tränen, als es Petunia gelang, ihre Hand
wegzureißen.
»Ich bin kein Spinner«, sagte Lily. »Es ist schrecklich, so was zu
sagen.«
»Da gehst du doch hin«, sagte Petunia genüsslich. »In eine
Sonderschule für Spinner. Du und dieser Snape-Junge ... Verrückte, das
seid ihr beide. Es ist gut, dass man euch von normalen Leuten trennt. Das
ist zu unserer Sicherheit.«
Lily warf rasch einen Blick auf ihre Eltern, die sich auf dem Bahnsteig
umsahen und sich offenbar von ganzem Herzen freuten und das Schauspiel
genossen. Dann wandte sie sich wieder ihrer Schwester zu und sprach in
leisem und grimmigem Ton.
»Als du dem Schulleiter geschrieben und gebettelt hast, dass er dich
aufnimmt, hast du nicht gedacht, dass es so eine Spinnerschule ist.«
Petunia lief puterrot an.
»Gebettelt? Ich hab nicht gebettelt!«
»Ich hab seine Antwort gesehen. Sie war sehr nett.«
»Du hättest sie nicht lesen -«, flüsterte Petunia. »Das war nur für mich –
wie konntest du -? «
Lily verriet sich durch einen verstohlenen Blick zu Snape hinüber, der in
der Nähe stand.
Petunia keuchte. »Dieser Junge hat ihn gefunden! Du und der Junge, ihr
habt in meinem Zimmer rumgeschnüffelt!«
»Nein – nicht geschnüffelt -« Nun war Lily in der Defensive. »Severus
hat den Umschlag gesehen, und er konnte nicht glauben, dass ein Muggel
nach Hogwarts geschrieben hat, das war alles! Er sagt, da müssen heimlich
Zauberer bei der Post arbeiten, damit die Briefe ...«
»Offenbar stecken Zauberer ihre Nasen überall rein!«, sagte Petunia,
nun so heftig erbleicht, wie sie vorher errötet war. »Spinner!«, fauchte sie
ihre Schwester an und stürzte davon zu ihren Eltern ...
Wieder löste sich die Szene auf. Snape hastete durch den Gang im
Hogwarts-Express, der durch die Landschaft ratterte. Er hatte bereits seinen
Schulumhang an, hatte vielleicht die erste Gelegenheit ergriffen, seine
fürchterlichen Muggelsachen abzulegen. Schließlich blieb er vor einem
Abteil stehen, in dem sich ein paar ruppige Jungen unterhielten. Auf einem
Fensterplatz in der Ecke kauerte Lily, das Gesicht an die Scheibe gedrückt.
Snape schob die Abteiltür auf und setzte sich Lily gegenüber. Sie sah
ihn kurz an und schaute dann wieder aus dem Fenster. Sie hatte geweint.
»Ich will nicht mit dir reden«, sagte sie mit erstickter Stimme.
»Warum nicht?«
»Tunia – h-hasst mich. Weil wir diesen Brief von Dumbledore gesehen
haben.«
»Na und?«
Sie warf ihm einen Blick voll tiefer Abneigung zu.
»Sie ist immerhin meine Schwester!«
»Sie ist nur ein -« Er fing sich noch rasch; Lily, die zu sehr damit
beschäftigt war, sich unauffällig die Augen zu wischen, hörte ihn nicht.
»Aber wir fahren!«, sagte er und konnte die Begeisterung in seiner
Stimme nicht unterdrücken. »Es ist so weit! Wir sind auf dem Weg nach
Hogwarts!«
Sie nickte, tupfte sich die Augen, musste jedoch unwillkürlich ein wenig
lächeln.
»Du solltest am besten nach Slytherin kommen«, sagte Snape, von ihrer
etwas besseren Laune ermutigt.
»Slytherin?«
Einer der Jungen mit ihnen im Abteil, der bislang keinerlei Notiz von
Lily oder Snape genommen hatte, wandte sich bei dem Wort um, und
Harry, der seine Aufmerksamkeit ganz den beiden am Fenster gewidmet
hatte, erblickte seinen Vater: mager, mit schwarzen Haaren wie Snape, aber
mit jener undefinierbaren Art eines Menschen, für den immer gesorgt, ja
der innig geliebt worden war, die Snape so deutlich abging.
»Wer will denn schon nach Slytherin? Ich glaub, dann würd ich
abhauen, du auch?« James fragte den Jungen, der sich ihm gegenüber auf
den Sitzen fläzte, und mit einem Schlag wurde Harry klar, dass es Sirius
war. Sirius lächelte nicht.
»Meine ganze Familie war in Slytherin«, sagte er.
»O Mann«, sagte James, »und ich dachte, du wärst in Ordnung!«
Sirius grinste.
»Vielleicht brech ich mit der Tradition. Wo würdest du hinwollen, wenn
du die Wahl hättest?«
James hob ein imaginäres Schwert.
»Gryffindor, denn dort regieren Tapferkeit und Mut! Wie mein Dad.«
Snape machte ein leises, abfälliges Geräusch. James fuhr ihn an.
»Hast du 'n Problem damit?«
»Nein«, sagte Snape, doch sein höhnisches Grinsen strafte ihn Lügen.
»Wenn du lieber Kraft als Köpfchen haben willst -«
»Wo möchtest du denn gern hin, wo du offenbar nichts von beidem
hast?«, warf Sirius ein.
James brüllte vor Lachen. Lily richtete sich auf, ziemlich rot im Gesicht,
und blickte geringschätzig von James zu Sirius.
»Komm, Severus, wir suchen uns ein anderes Abteil.«
»Oooooh ...«
James und Sirius äfften ihren hochmütigen Ton nach; James versuchte
Snape ein Bein zu stellen, als er vorbeiging.
»Wir sehn uns, Schniefelus!«, rief eine Stimme, als die Abteiltür
zukrachte ...
Und erneut löste sich die Szene auf...
Harry stand direkt hinter Snape, sie waren den von Kerzen erleuchteten
Haustischen und Reihen von gebannten Gesichtern zugewandt. Professor
McGonagall sagte gerade: »Evans, Lily!«
Er sah seine Mutter mit zittrigen Beinen nach vorne gehen und sich auf
den wackligen Stuhl setzen. Professor McGonagall ließ den Sprechenden
Hut auf ihren Kopf sinken, und kaum eine Sekunde nachdem er das
dunkelrote Haar berührt hatte, rief der Hut: »Gryffindor!«
Harry hörte, wie Snape leise stöhnte. Lily nahm den Hut ab, gab ihn
Professor McGonagall zurück und eilte zu den jubelnden Gryffindors, doch
unterwegs warf sie einen Blick zurück zu Snape, und ein trauriges leichtes
Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Harry sah Sirius aufrücken, um ihr auf der
Bank Platz zu machen. Sie blickte ihn kurz an, schien ihn vom Zug her
wiederzuerkennen, verschränkte die Arme und kehrte ihm entschieden den
Rücken zu.
Weitere Namen wurden aufgerufen. Harry sah, wie Lupin, Pettigrew
und sein Vater sich zu Lily und Sirius am Gryffindor-Tisch gesellten.
Endlich, als nur noch ein Dutzend Schüler auf die Häuser verteilt werden
mussten, rief Professor McGonagall Snape auf.
Harry begleitete ihn zu dem Stuhl und beobachtete, wie er sich den Hut
aufsetzte. »Slytherin!«, rief der Sprechende Hut.
Und Severus Snape ging hinüber auf die andere Seite der Halle, fort von
Lily, dorthin, wo die Slytherins ihm zujubelten, wo Lucius Malfoy, mit
einem schimmernden Vertrauensschülerabzeichen an der Brust, ihm auf die
Schulter klopfte, als er sich neben ihn setzte .
Und die Szene veränderte sich ...
Lily und Snape gingen über den Hof des Schlosses, offenbar im Streit
miteinander. Harry beeilte sich, sie einzuholen, um ihnen zu lauschen. Als
er sie erreichte, fiel ihm auf, um wie viel größer sie beide geworden waren:
Einige Jahre schienen vergangen zu sein, seit sie den Häusern zugeteilt
worden waren.
»... dachte eigentlich, wir wären Freunde?«, sagte Snape gerade. »Beste
Freunde?«
»Das sind wir, Sev, aber ich mag eben manche von den Leuten nicht,
mit denen du rumhängst! Tut mir leid, aber ich hasse Avery und Mulciber!
Mulciber! Was findest du an ihm, Sev? Er ist unheimlich! Weißt du, was er
neulich mit Mary Macdonald anstellen wollte?«
Lily war an einer Säule angelangt und lehnte sich dagegen, sie blickte in
Snapes schmales, blässliches Gesicht.
»Das war doch nichts«, sagte Snape. »Es war ein Scherz, weiter nichts -
«
»Es war schwarze Magie, und wenn du das komisch findest -«
»Was ist mit dem, was Potter und seine Kumpel veranstalten?«, fragte
Snape. Dabei stieg ihm wieder die Röte ins Gesicht, offenbar konnte er
seinen Unmut nicht zurückhalten.
»Was hat Potter mit alldem zu tun?«, sagte Lily.
»Die schleichen sich nachts raus. Dieser Lupin hat irgendwas Seltsames
an sich. Wo geht der andauernd hin?«
»Er ist krank«, sagte Lily. »Es heißt, er sei krank -«
»Jeden Monat bei Vollmond?«, erwiderte Snape.
»Ich weiß, was du denkst«, sagte Lily in kühlem Ton. »Warum bist du
eigentlich so auf die fixiert? Warum interessiert es dich, was die nachts
tun?«
»Ich versuch dir nur klarzumachen, dass sie nicht so toll sind, wie alle
offenbar denken.«
Er starrte sie so eindringlich an, dass sie errötete.
»Aber sie verwenden keine schwarze Magie.« Sie senkte die Stimme.
»Und du bist wirklich undankbar. Ich hab gehört, was neulich nachts
passiert ist. Du bist in diesen Tunnel bei der Peitschenden Weide
runtergeschlichen und James Potter hat dich gerettet vor was immer da
unten ist -«
Snapes Gesicht verzerrte sich. »Gerettet?«, prustete er. »Gerettet? Du
meinst, er hat den Helden gespielt? Er hat seine eigene Haut gerettet und
auch die seiner Freunde! Du wirst nicht – ich lass dich nicht -«
»Mich lassen? Mich lassen?«
Lilys leuchtend grüne Augen waren ganz schmal. Snape gab sofort klein
bei.
»Ich meinte nicht – ich will nur nicht mit ansehen, wie man sich über
dich lustig macht – er mag dich, James Potter mag dich!« Es war, als
würden ihm die Worte gegen seinen Willen entrissen. »Und er ist kein ...
alle denken ... großer Quidditch-Held -« Verbitterung und Abscheu ließen
Snapes Worte unzusammenhängend werden, und Lilys Augenbrauen
bewegten sich immer höher ihre Stirn hinauf.
»Ich weiß, dass James Potter ein arroganter Widerling ist«, unterbrach
sie Snape. »Das brauchst du mir nicht erst zu sagen. Aber Mulcibers und
Averys Vorstellung von Humor ist einfach böse. Böse, Sev. Ich verstehe
nicht, wie du mit denen befreundet sein kannst.«
Harry bezweifelte, dass Snape ihre scharfe Kritik an Mulciber und
Avery überhaupt gehört hatte. In dem Moment, als sie Potter beleidigt
hatte, hatte sich sein ganzer Körper entspannt, und als sie sich entfernten,
war Snapes Gang ein wenig federnder geworden ...
Und die Szene löste sich auf ...
Harry sah nun wieder zu, wie Snape die Große Halle verließ, nachdem
er die ZAG-Prüfung in Verteidigung gegen die dunklen Künste abgelegt
hatte, sah zu, wie er aus dem Schloss ging, gedankenverloren
herumschlenderte und sich dem Platz unter der Buche näherte, wo James,
Sirius, Lupin und Pettigrew zusammensaßen. Aber diesmal hielt Harry
Abstand, weil er wusste, was passiert war, nachdem James Severus
kopfüber in die Luft hatte schnellen lassen und ihn verspottet hatte; er
wusste, was getan und gesagt worden war, und es machte ihm keinen Spaß,
es noch einmal zu hören. Er sah zu, wie Lily zu der Gruppe stieß und Snape
zu Hilfe kam. Aus der Ferne hörte er, wie der gedemütigte und zornige
Snape sie mit dem unverzeihlichen Wort anschrie: »Schlammblüterin.«
Die Szene veränderte sich ...
»Es tut mir leid.«
»Das interessiert mich nicht.«
»Es tut mir leid!«
»Spar dir deine Worte.«
Es war Nacht. Lily, die einen Morgenrock anhatte, stand mit
verschränkten Armen vor dem Porträt der fetten Dame am Eingang des
Gryffindor-Turms.
»Ich bin nur rausgekommen, weil Mary gesagt hat, du hättest gedroht,
hier zu schlafen.«
»Das stimmt. Das hätte ich getan. Ich wollte dich nie Schlammblut
nennen, es ist einfach -«
»Rausgerutscht?« In Lilys Stimme war kein Mitleid. »Es ist zu spät. Seit
Jahren entschuldige ich mich für dich. Keiner von meinen Freunden kann
verstehen, warum ich überhaupt mit dir rede. Du und deine netten kleinen
Todesserfreunde -siehst du, du streitest es nicht einmal ab! Du streitest
nicht einmal ab, dass ihr das alle gerne wärt! Du kannst es kaum erwarten,
bei Du-weißt-schon-wem mitzumachen, oder?«
Er öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder, ohne etwas gesagt zu
haben.
»Ich kann mich nicht mehr verstellen. Du hast deinen Weg gewählt, ich
den meinen.«
»Nein – hör zu, ich wollte dich nicht -«
»- Schlammblut nennen? Aber du nennst jeden, der meine Herkunft hat,
Schlammblut, Severus. Warum sollte es bei mir anders sein? «
Er kämpfte mit Worten, die ihm nicht über die Lippen wollten, doch
Lily wandte sich mit einem verächtlichen Blick ab und kletterte durch das
Porträtloch zurück ...
Der Korridor löste sich auf, und es dauerte etwas länger, ehe sich eine
neue Szene bildete: Harry schien durch wechselnde Formen und Farben zu
fliegen, bis sich seine Umgebung wieder verfestigte und er einsam und
frierend in der Dunkelheit auf einem Hügel stand, wo der Wind durch die
Äste einiger weniger kahler Bäume pfiff. Der erwachsene Snape keuchte,
drehte sich auf der Stelle, den Zauberstab fest in der Hand, wartete auf
etwas oder jemanden ... seine Furcht steckte auch Harry an, obwohl er
wusste, dass ihm nichts geschehen konnte, und er blickte über die Schulter
und fragte sich, worauf Snape wartete -
Dann flog ein blendender, gezackter weißer Lichtstrahl durch die Luft:
Harry dachte an einen Gewitterblitz, aber Snape war auf die Knie
gesunken, und sein Zauberstab war ihm aus der Hand geflogen.
»Töten Sie mich nicht!«
»Das hatte ich nicht vor.«
Jedes Geräusch, das Dumbledore beim Apparieren gemacht hatte, war
im Brausen des Windes, der durch die Äste blies, untergegangen. Er stand
mit wehendem Umhang vor Snape, sein Gesicht durch das Licht seines
Zauberstabs von unten erhellt.
»Nun, Severus? Welche Botschaft hat Lord Voldemort für mich?«
»Keine – keine Botschaft – ich bin auf eigene Verantwortung hier!«
Snape rang die Hände: Mit seinem strähnigen schwarzen Haar, das ihm
um den Kopf wirbelte, wirkte er leicht wahnsinnig.
»Ich – ich komme mit einer Warnung – nein, einem Wunsch – bitte -«
Dumbledore schnippte mit seinem Zauberstab. Obwohl noch Blätter und
Zweige durch die nächtliche Luft um sie her flogen, legte sich Stille über
den Ort, an dem er und Snape sich gegenüberstanden.
»Was könnte ein Todesser von mir erbitten?«
»Die – die Prophezeiung ... die Vorhersage ... Trelawney ...«
»Ah ja«, sagte Dumbledore. »Wie viel haben Sie Lord Voldemort
mitgeteilt?«
»Alles – alles, was ich gehört habe!«, sagte Snape. »Deshalb – aus
diesem Grund – er glaubt, es geht um Lily Evans!«
»Die Prophezeiung bezog sich nicht auf eine Frau«, sagte Dumbledore.
»Sie erwähnte einen Jungen, der Ende Juli geboren wird -«
»Sie wissen, was ich meine! Er glaubt, es geht um ihren Sohn, er wird
sie jagen – sie alle töten -«
»Wenn sie Ihnen so viel bedeutet«, sagte Dumbledore, »dann wird Lord
Voldemort sie doch gewiss verschonen? Könnten Sie nicht um Gnade für
die Mutter bitten, im Austausch gegen ihren Sohn?«
»Darum – darum habe ich ihn gebeten -«
»Sie widern mich an«, sagte Dumbledore und Harry hatte noch nie so
viel Verachtung in seiner Stimme gehört. Snape schien ein wenig
zusammenzuschrumpfen. »Dann ist Ihnen der Tod ihres Mannes und des
Kindes also gleichgültig? Die können sterben, solange Sie haben, was Sie
wollen?«
Snape sagte nichts, er blickte nur zu Dumbledore auf.
»Dann verstecken Sie doch alle«, krächzte er. »Passen Sie auf, dass ihr
– ihnen – nichts passiert. Bitte.«
»Und was werden Sie mir dafür geben, Severus?«
»Dafür – geben?« Snape starrte Dumbledore mit offenem Mund an, und
Harry nahm an, dass er protestieren würde, doch nach einem langen
Moment sagte er: »Alles.«
Der Hügel verblasste, und Harry stand in Dumbledores Büro, und
irgendetwas machte ein schreckliches Geräusch wie ein verletztes Tier.
Snape saß vornübergesunken auf einem Stuhl, und Dumbledore stand vor
ihm, mit grimmiger Miene. Nach einer Weile hob Snape das Gesicht, und
er sah aus wie ein Mann, der hundert Jahre Elend durchlebt hatte, seit er
den windumtosten Hügel verlassen hatte.
»Ich dachte ... Sie würden ... auf sie ... aufpassen ...«
»Lily und James haben ihr Vertrauen in die falsche Person gesetzt«,
sagte Dumbledore. »Ganz ähnlich wie Sie, Severus. Hatten Sie nicht die
Hoffnung, dass Lord Voldemort sie verschonen würde?«
Snape atmete flach.
»Ihr Junge hat überlebt«, sagte Dumbledore.
Snape zuckte kurz mit dem Kopf, als würde er eine lästige Fliege
verscheuchen.
»Ihr Sohn lebt. Er hat ihre Augen, genau ihre Augen. Sie erinnern sich
doch gewiss an die Form und die Farbe von Lily Evans' Augen?«
»NICHT!«, brüllte Snape. »Fort ... tot ...«
»Ist das Reue, Severus?«
»Ich wünschte ... ich wünschte, ich wäre tot ...«
»Und was würde das irgendwem nützen?«, sagte Dumbledore kalt.
»Wenn Sie Lily Evans geliebt haben, wenn Sie sie wahrhaftig geliebt
haben, dann ist Ihr weiterer Weg offensichtlich.«
Snape schien durch einen Schleier aus Schmerz zu starren, und
Dumbledores Worte brauchten offenbar lange, bis sie ihn erreichten.
»Was – was meinen Sie damit?«
»Sie wissen, wie und warum sie gestorben ist. Sorgen Sie dafür, dass es
nicht umsonst war. Helfen Sie mir, Lilys Sohn zu beschützen.«
»Er braucht keinen Schutz. Der Dunkle Lord ist nicht mehr -«
»- der Dunkle Lord wird zurückkehren, und Harry Potter wird in
schrecklicher Gefahr sein, wenn es so weit ist.«
Eine lange Pause trat ein, und allmählich gewann Snape wieder die
Kontrolle über sich, beherrschte seine Atemzüge. Schließlich sagte er:
»Nun gut. Nun gut. Aber verraten Sie es niemals – niemals, Dumbledore!
Das muss unter uns bleiben! Schwören Sie! Ich kann es nicht ertragen ...
vor allem Potters Sohn ... ich will Ihr Wort haben!«
»Mein Wort, Severus, dass ich niemals das Beste an Ihnen offenbaren
werde?« Dumbledore seufzte und sah hinab auf Snapes erzürntes, gequältes
Gesicht. »Wenn Sie darauf bestehen ...«
Das Büro löste sich auf, formte sich jedoch augenblicklich neu. Snape
schritt vor Dumbledore auf und ab.
»- mittelmäßig, arrogant wie sein Vater, einer, der entschlossen Regeln
verletzt, der es genießt, unversehens berühmt zu sein, der Aufmerksamkeit
heischt und unverschämt ist -«
»Man sieht nur, was man sehen will, Severus«, sagte Dumbledore, ohne
von einer Ausgabe von Verwandlung Heute aufzublicken. »Andere Lehrer
berichten, dass der Junge bescheiden, liebenswürdig und einigermaßen
talentiert ist. Ich persönlich halte ihn für ein einnehmendes Kind.«
Dumbledore blätterte eine Seite um und sagte, ohne den Blick zu heben:
»Behalten Sie Quirrell im Auge, ja?«
Ein Wirbel aus Farben, und nun verdunkelte sich alles, und Snape und
Dumbledore standen ein wenig abseits in der Eingangshalle, während die
letzten Nachzügler vom Weihnachtsball auf ihrem Weg ins Bett an ihnen
vorbeikamen.
»Nun?«, murmelte Dumbledore.
»Auch Karkaroffs Mal wird dunkler. Er gerät in Panik, er fürchtet eine
Strafe; Sie wissen, wie hilfreich er dem Ministerium nach dem Sturz des
Dunklen Lords war.« Snape sah zur Seite, auf Dumbledores hakennasiges
Profil. »Karkaroff plant zu fliehen, wenn das Mal brennt.«
»Tatsächlich?«, sagte Dumbledore leise, während Fleur Delacour und
Roger Davies kichernd vom Gelände hereinkamen. »Und sind Sie versucht,
sich ihm anzuschließen? «
»Nein«, sagte Snape, seine schwarzen Augen folgten Fleurs und Rogers
Gestalten, die sich entfernten. »Ich bin kein solcher Feigling.«
»Nein«, stimmte Dumbledore ihm zu. »Sie sind ein weitaus mutigerer
Mann als Igor Karkaroff. Wissen Sie, manchmal denke ich, wir lassen den
Hut zu früh sein Urteil sprechen ...«
Er ging davon und Snape blieb mit verzweifelter Miene zurück ...
Und nun stand Harry wieder im Büro des Schulleiters. Es war Nacht,
und Dumbledore war seitlich auf dem thronartigen Stuhl hinter dem
Schreibtisch zusammengesackt, offenbar halb ohnmächtig. Seine rechte
Hand hing über die Lehne herab, geschwärzt und verbrannt.
Snape murmelte Beschwörungen, er hatte seinen Zauberstab auf
Dumbledores Handgelenk gerichtet, während er ihm mit der Linken einen
Kelch voll dicker goldener Flüssigkeit in die Kehle träufelte. Nach einer
Weile flatterten Dumbledores Augenlider und öffneten sich.
»Warum«, sagte Snape ohne Umschweife, »warum haben Sie sich
diesen Ring angesteckt? Auf ihm liegt ein Fluch, das war Ihnen sicher
bewusst. Warum haben Sie ihn überhaupt berührt?«
Vorlost Gaunts Ring lag auf dem Schreibtisch vor Dumbledore. Er war
zerschlagen; das Schwert von Gryffindor lag daneben.
Dumbledore verzog das Gesicht.
»Ich ... war ein Narr. In großer Versuchung ...«
»Was hat Sie in Versuchung gebracht?«
Dumbledore antwortete nicht.
»Es ist ein Wunder, dass Sie es geschafft haben, hierher
zurückzukommen!« Snape klang wütend. »Auf diesem Ring lag ein Fluch
von außerordentlicher Kraft, uns bleibt nur zu hoffen, dass wir ihn
eindämmen können; ich habe den Fluch fürs Erste in der einen Hand
eingeschlossen -«
Dumbledore hob seine geschwärzte, unbrauchbare Hand und musterte
sie mit der Miene von jemandem, dem eine interessante Kuriosität gezeigt
wird.
»Das haben Sie sehr gut gemacht, Severus. Wie lange, glauben Sie,
habe ich noch?«
Dumbledore sprach in beiläufigem Ton; er hätte genauso gut nach den
Wetteraussichten fragen können. Snape zögerte, dann sagte er: »Ich bin
nicht sicher. Vielleicht ein Jahr. Es ist unmöglich, einen solchen Fluch für
immer aufzuhalten. Er wird sich irgendwann ausbreiten, es ist die Art von
Flüchen, die mit der Zeit stärker werden.«
Dumbledore lächelte. Die Nachricht, dass er weniger als ein Jahr zu
leben hatte, schien ihn kaum oder gar nicht zu bekümmern.
»Welch ein Glück, welch ein Glück, dass ich Sie habe, Severus.«
»Hätten Sie mich nur ein wenig früher gerufen, dann hätte ich vielleicht
mehr tun, Ihnen mehr Zeit verschaffen können!«, sagte Snape erzürnt. Er
blickte hinab auf den zerbrochenen Ring und das Schwert. »Haben Sie
geglaubt, wenn Sie den Ring zerbrechen, würden Sie auch den Fluch
brechen?«
»Etwas in der Art... ich war wie in einem Rausch, zweifellos ... «, sagte
Dumbledore. Mühsam richtete er sich in seinem Stuhl auf. »Nun, in der
Tat, das macht die Angelegenheit viel einfacher.«
Snape schien völlig verdutzt. Dumbledore lächelte.
»Ich meine den Plan, den Lord Voldemort um mich herum ausheckt.
Seinen Plan, mich durch den armen Malfoy-Jungen ermorden zu lassen.«
Snape setzte sich auf den Stuhl, auf dem Harry so oft Platz genommen
hatte, vor dem Schreibtisch, gegenüber von Dumbledore. Harry wusste,
dass er mehr zu dem auf Dumbledores Hand sagen wollte, doch dieser hielt
die Hand empor, um damit höflich abzulehnen, weiter über die
Angelegenheit zu sprechen. Mit finsterer Miene sagte Snape: »Der Dunkle
Lord erwartet nicht, dass es Draco gelingt. Das ist nur eine Strafe für die
jüngsten Misserfolge von Lucius. Langsame Folter für Dracos Eltern, sie
sehen mit an, wie er scheitert, und bezahlen den Preis.«
»Kurz, über den Jungen wurde ein Todesurteil gefällt, genau wie über
mich«, sagte Dumbledore. »Nun, ich würde meinen, der Nachfolger für
diese Aufgabe, sobald Draco gescheitert ist, sind selbstverständlich Sie?«
Es entstand eine kurze Pause.
»Das ist, denke ich, der Plan des Dunklen Lords.«
»Lord Voldemort sieht den Zeitpunkt näher rücken, da er keinen Spion
in Hogwarts mehr braucht?«
»Er glaubt, die Schule wird bald in seiner Hand sein, ja.«
»Und wenn sie ihm tatsächlich in die Hand fällt«, sagte Dumbledore,
scheinbar nebenbei, »habe ich Ihr Wort, dass Sie alles in Ihrer Macht
Stehende tun werden, um die Schüler von Hogwarts zu beschützen?«
Snape nickte steif.
»Gut. Nun denn. Ihre erste Priorität wird es sein, herauszufinden, was
Draco im Schilde führt. Ein verängstigter Junge im Teenageralter ist eine
Gefahr für andere ebenso wie für sich selbst. Bieten Sie ihm Hilfe und Rat
an, das sollte er annehmen, er mag Sie -«
»- viel weniger, seit sein Vater in Ungnade gefallen ist. Draco macht
mich dafür verantwortlich, er denkt, ich hätte Lucius von seinem Platz
verdrängt.«
»Gleichwohl, versuchen Sie es. Ich sorge mich weniger um mich selbst
als um zufällige Opfer irgendwelcher Machenschaften, die dem Jungen
vielleicht in den Sinn kommen. Am Ende wird es natürlich nur eins geben,
was wir tun müssen, wenn wir ihn vor Lord Voldemorts Zorn retten
wollen.«
Snape hob die Augenbrauen und in sardonischem Ton fragte er: »Haben
Sie die Absicht, sich von ihm töten zu lassen? «
»Gewiss nicht. Sie müssen mich töten.«
Eine lange Stille trat ein, unterbrochen nur von einem merkwürdigen
klackernden Geräusch. Fawkes, der Phönix, knabberte an einem Stück
Kalkschulp.
»Möchten Sie, dass ich es jetzt gleich erledige?«, fragte Snape
unüberhörbar ironisch. »Oder wünschen Sie ein wenig Zeit, um einen
Grabspruch zu verfassen?«
»Oh, nicht so schnell«, sagte Dumbledore lächelnd. »Ich vermute, der
richtige Moment wird sich bald einstellen. In Anbetracht dessen, was heute
Abend geschehen ist«, er zeigte auf seine verdorrte Hand, »können wir
sicher sein, dass es binnen eines Jahres geschehen wird.«
»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, zu sterben«, sagte Snape schroff,
»warum lassen Sie es nicht Draco tun?«
»Die Seele dieses Jungen ist noch nicht so beschädigt«, sagte
Dumbledore. »Ich möchte nicht, dass sie meinetwegen auseinandergerissen
wird.«
»Und meine Seele, Dumbledore? Meine?«
»Sie allein wissen, ob es Ihrer Seele schaden wird, einem alten Mann zu
helfen, Schmerz und Demütigung zu vermeiden«, sagte Dumbledore. »Ich
erbitte diesen einzigen großen Gefallen von Ihnen, Severus, weil mein Tod
so sicher kommen wird, wie die Chudley Cannons dieses Jahr Letzte der
Liga sein werden. Ich gestehe, ich ziehe einen raschen, schmerzlosen
Abgang jener langwierigen und hässlichen Angelegenheit vor, die es
werden würde, wenn beispielsweise Greyback daran beteiligt wäre – wie
ich höre, hat Voldemort ihn angeworben? Oder die gute Bellatrix, die gern
mit ihrem Essen spielt, bevor sie es verspeist.«
Sein Ton war heiter, doch seine blauen Augen durchbohrten Snape, wie
sie es schon so oft bei Harry getan hatten, als ob die Seele, über die sie
sprachen, sichtbar für ihn wäre. Schließlich nickte Snape abermals kurz.
Dumbledore schien zufrieden.
»Danke, Severus ...«
Das Büro verschwand, und nun schlenderten Snape und Dumbledore in
der Dämmerung durch die einsamen Schlossgründe.
»Was tun Sie mit Potter, all die Abende, an denen Sie allein mit ihm
zusammensitzen?«, fragte Snape unvermittelt.
Dumbledore wirkte erschöpft.
»Warum? Sie wollen ihn doch nicht noch mehr nachsitzen lassen,
Severus? Der Junge wird bald mehr Zeit mit Nachsitzen verbracht haben
als mit sonst etwas.«
»Er ist genau wie sein Vater -«
»Im Aussehen vielleicht, aber in seinem innersten Wesen ähnelt er viel
mehr seiner Mutter. Ich verbringe Zeit mit Harry, weil ich Dinge mit ihm
zu besprechen habe, ihm Informationen geben muss, ehe es zu spät ist.«
»Informationen«, wiederholte Snape. »Sie vertrauen ihm ... mir
vertrauen Sie nicht.«
»Es ist keine Frage des Vertrauens. Meine Zeit ist, wie wir beide
wissen, begrenzt. Es ist entscheidend, dass ich dem Jungen genügend
Informationen gebe, damit er tun kann, was er tun muss.«
»Und warum darf ich nicht die gleichen Informationen erhalten?«
»Ich ziehe es vor, nicht alle meine Geheimnisse in einen Korb zu
stecken, und schon gar nicht in einen Korb, der so oft am Arm von Lord
Voldemort baumelt.«
»Was ich auf Ihren Befehl hin tue!«
»Und Sie tun es äußerst gut. Denken Sie nicht, dass ich die ständige
Gefahr, in die Sie sich begeben, unterschätze, Severus. Voldemort
vermeintlich wertvolle Informationen zu liefern, während Sie die
wesentlichen Dinge zurückhalten, ist eine Aufgabe, die ich niemandem
außer Ihnen anvertrauen würde.«
»Aber einem Jungen, der keine Okklumentik beherrscht, der
mittelmäßig zaubert und eine direkte Verbindung zum Geist des Dunklen
Lords hat, vertrauen Sie viel mehr!«
»Voldemort fürchtet diese Verbindung«, sagte Dumbledore. »Vor nicht
allzu langer Zeit bekam er einen kleinen Vorgeschmack davon, was es für
ihn bedeutet, wahrhaftig teilzuhaben an Harrys Geist. Es war Schmerz von
einer Art, wie er ihn nie erlebt hat. Er wird nicht noch einmal versuchen,
von Harry Besitz zu ergreifen, dessen bin ich sicher. Nicht auf diese
Weise.«
»Ich verstehe nicht.«
»Lord Voldemorts Seele, verstümmelt, wie sie ist, kann keinen engen
Kontakt mit einer Seele wie der Harrys ertragen. Wie eine Zunge auf
gefrorenem Stahl, wie Fleisch im Feuer -«
»Seele? Wir sprachen vom Geist!«
»Im Falle von Harry und Lord Voldemort heißt von jener zu reden auch,
von diesem zu reden.«
Dumbledore blickte umher, um sich zu vergewissern, dass sie allein
waren. Sie waren jetzt dicht beim Verbotenen Wald, doch es deutete nichts
darauf hin, dass irgendjemand in der Nähe war.
»Nachdem Sie mich getötet haben, Severus -«
»Sie weigern sich, mir irgendetwas zu sagen, und doch erwarten Sie
diesen kleinen Dienst von mir!«, fauchte Snape und in seinem schmalen
Gesicht flackerte nun echter Zorn auf. »Sie halten eine Menge für
selbstverständlich, Dumbledore! Vielleicht habe ich es mir anders
überlegt!«
»Sie gaben mir Ihr Wort, Severus. Und wo wir schon über Dienste
reden, die Sie mir schulden, ich dachte, Sie hätten sich bereit erklärt, Ihren
jungen Slytherin-Freund gut im Auge zu behalten?«
Snape blickte zornig, aufsässig. Dumbledore seufzte.
»Kommen Sie heute Abend in mein Büro, Severus, um elf, und Sie
werden sich nicht beklagen, dass ich kein Vertrauen in Sie habe ...«
Sie waren wieder in Dumbledores Büro, vor den Fenstern war es
dunkel, Fawkes saß stumm da und Snape völlig reglos, während
Dumbledore um ihn herumging und redete.
»Harry darf es nicht erfahren, erst im letzten Moment, erst wenn es
notwendig ist, wie könnte er sonst die Kraft haben, zu tun, was getan
werden muss?«
»Aber was muss er tun?«
»Das ist eine Sache zwischen Harry und mir. Nun, hören Sie gut zu,
Severus. Es wird eine Zeit kommen – nach meinem Tod – widersprechen
Sie nicht, unterbrechen Sie mich nicht! Es wird eine Zeit kommen, da Lord
Voldemort offensichtlich um das Leben seiner Schlange fürchten wird.«
»Um Nagini?« Snape wirkte erstaunt.
»Genau. Wenn eine Zeit kommt, da Lord Voldemort diese Schlange
nicht mehr hinausschickt, um seine Befehle auszuführen, sondern sie sicher
an seiner Seite hält, unter magischem Schutz, dann, denke ich, wird es
angeraten sein, es Harry zu sagen.«
»Ihm was zu sagen?«
Dumbledore holte tief Luft und schloss die Augen.
»Sagen Sie ihm, dass in der Nacht, als Lord Voldemort versucht hat ihn
zu töten, als Lily ihr eigenes Leben wie einen Schild zwischen sie warf,
dass in dieser Nacht der Todesfluch auf Lord Voldemort zurückprallte und
ein Bruchstück von Voldemorts Seele vom Ganzen abgesprengt wurde und
sich an die einzige lebendige Seele klammerte, die in jenem einstürzenden
Gebäude noch übrig war. Ein Teil von Lord Voldemort lebt in Harry, und
dies gibt ihm die Macht, mit Schlangen zu sprechen, und eine Verbindung
zu Lord Voldemorts Geist, die er nie begriffen hat. Und solange dieses
Seelenbruchstück, das von Voldemort nicht vermisst wird, mit Harry
verknüpft ist und von ihm geschützt wird, kann Lord Voldemort nicht
sterben.«
Harry schien die beiden Männer durch das Ende eines langen Tunnels
zu beobachten, so weit entfernt von ihm waren sie, so fremd klangen ihre
Stimmen in seinen Ohren.
»Also muss der Junge ... muss der Junge sterben?«, fragte Snape ganz
ruhig.
»Und Voldemort selbst muss es tun, Severus. Das ist entscheidend.«
Wieder lang anhaltende Stille. Dann sagte Snape: »Ich dachte ... all
diese Jahre ... dass wir ihn für sie beschützen. Für Lily.«
»Wir haben ihn beschützt, weil es notwendig war, ihn zu unterrichten,
ihn zu erziehen, ihn seine Stärken erproben zu lassen«, sagte Dumbledore,
die Augen noch immer fest geschlossen. »Unterdessen wird die
Verbindung zwischen ihnen immer stärker, es ist ein schmarotzerisches
Wachstum: Manchmal denke ich, dass er selbst den Verdacht hegt. Wie ich
ihn kenne, wird er die Dinge so bestellt haben, dass es, wenn er sich
tatsächlich aufmacht, dem Tod entgegenzugehen, wahrhaftig das Ende
Voldemorts bedeuten wird.«
Dumbledore öffnete die Augen. Snape blickte entsetzt.
»Sie haben ihn am Leben erhalten, damit er im richtigen Moment
sterben kann?«
»Seien Sie nicht schockiert, Severus. Wie viele Männer und Frauen
haben Sie sterben sehen?«
»In jüngster Zeit nur die, die ich nicht retten konnte«, sagte Snape. Er
stand auf. »Sie haben mich benutzt.«
»Soll heißen?«
»Ich habe für Sie spioniert und für Sie gelogen, mich für Sie in
Lebensgefahr begeben. Alles angeblich zu dem Zweck, Lily Potters Sohn
zu schützen. Nun erzählen Sie mir, dass Sie ihn wie ein Schwein zum
Schlachten aufgezogen haben -«
»Aber das ist rührend, Severus«, sagte Dumbledore ernst. »Sind Sie nun
doch so weit, dass Sie sich um den Jungen sorgen?«
»Um ihn?«, rief Snape. »Expecto patronum!«
Aus der Spitze seines Zauberstabs brach die silberne Hirschkuh hervor:
Sie landete auf dem Boden des Büros, sprang mit einem Satz durch den
Raum und rauschte aus dem Fenster. Dumbledore beobachtete, wie sie
davonflog, und als ihr silbriger Schimmer verblasste, wandte er sich zu
Snape um, dessen Augen voller Tränen waren.
»Nach all dieser Zeit?«
»Immer«, sagte Snape.
Und die Szene verwandelte sich. Nun sah Harry, wie Snape mit
Dumbledores Porträt hinter seinem Schreibtisch redete.
»Sie werden Voldemort das genaue Datum nennen müssen, an dem
Harry das Haus seiner Tante und seines Onkels verlässt«, sagte
Dumbledore. »Wenn Sie es nicht tun, wird er Verdacht schöpfen, da
Voldemort Sie für so gut informiert hält. Allerdings müssen Sie die Idee
von den Lockvögeln ins Spiel bringen – das dürfte Harrys Sicherheit
gewährleisten. Versuchen Sie Mundungus Fletcher mit einem
Verwechslungszauber zu belegen. Und, Severus, wenn Sie gezwungen
sind, an der Jagd teilzunehmen, seien Sie darauf bedacht, Ihre Rolle
überzeugend zu spielen ... ich verlasse mich darauf, dass Sie so lange wie
möglich in Lord Voldemorts Gunst bleiben, andernfalls wird Hogwarts auf
Gedeih und Verderb den Carrows ausgeliefert sein ...«
Nun hatten Snape und Mundungus in einer unbekannten Kneipe die
Köpfe zusammengesteckt, Mundungus' Gesicht wirkte eigentümlich leer,
Snape runzelte konzentriert die Stirn.
»Du wirst dem Orden des Phönix vorschlagen«, murmelte Snape, »dass
sie Lockvögel verwenden. Vielsaft-Trank. Identische Potters. Das ist das
Einzige, was funktionieren könnte. Du wirst vergessen, dass ich das
vorgeschlagen habe. Du wirst es als deine eigene Idee ausgeben. Hast du
verstanden?«
»Ich habe verstanden«, murmelte Mundungus mit verschwommenem
Blick ...
Nun flog Harry an Snapes Seite auf einem Besen durch eine klare
dunkle Nacht: Er wurde von anderen kapuzenvermummten Todessern
begleitet, und vor ihnen flogen Lupin und ein Harry, der in Wirklichkeit
George war ... ein Todesser überholte Snape, hob seinen Zauberstab und
richtete ihn direkt auf Lupins Rücken -
»Sectumsempra!«, schrie Snape.
Doch der Zauber, der eigentlich für die Stabhand des Todessers
bestimmt war, ging daneben und traf stattdessen George -
Und dann kniete Snape in Sirius' einstigem Schlafzimmer. Tränen
tropften von der Spitze seiner Hakennase, als er den alten Brief von Lily
las. Auf der zweiten Seite standen nur wenige Worte:
jemals mit Geliert Grindelwald befreundet sein konnte. Wenn du mich
fragst, denke ich, dass es bei ihr allmählich aussetzt!
Alles Liebe
Lily
Snape nahm die Seite, die Lilys Unterschrift und ihre lieben Grüße trug,
und steckte sie in seinen Umhang. Dann riss er das Foto entzwei, das er
ebenfalls in der Hand hielt, behielt den Teil, aus dem Lily herauslachte, und
warf den Fetzen, der James und Harry zeigte, wieder auf den Boden, unter
die Kommode ...
Und nun stand Snape erneut im Büro des Schulleiters, als Phineas
Nigellus in sein Porträt geeilt kam.
»Schulleiter! Sie kampieren im Forest of Dean! Dieses Schlammblut -«
»Benutzen Sie dieses Wort nicht!«
»- dieses Granger-Mädchen, also, sie hat den Ort erwähnt, als sie ihre
Tasche öffnete, und ich habe sie gehört!«
»Gut. Sehr gut!«, rief das Porträt von Dumbledore hinter dem Stuhl des
Schulleiters. »Nun, Severus, das Schwert! Vergessen Sie nicht, dass es nur
in Not und mit Heldenmut genommen werden darf – und er darf nicht
wissen, dass es von Ihnen kommt! Wenn Voldemort in Harrys Gedanken
eintauchen sollte und sieht, dass Sie für ihn handeln -«
»Ich weiß«, sagte Snape knapp. Er näherte sich dem Porträt von
Dumbledore und zog seitlich daran. Es schwang vor und offenbarte einen
verborgenen Hohlraum, aus dem er das Schwert von Gryffindor
herausnahm.
»Und Sie wollen mir immer noch nicht sagen, warum es so wichtig ist,
Potter das Schwert zu geben?«, fragte Snape, als er einen Reisemantel über
seinen Umhang schwang.
»Nein, ich denke nicht«, sagte Dumbledores Porträt. »Er wird wissen,
was er damit tun soll. Und, Severus, seien Sie sehr vorsichtig, nach George
Weasleys Unglück werden die sich womöglich nicht besonders über Ihr
Erscheinen freuen -«
Snape wandte sich an der Tür um.
»Machen Sie sich keine Sorgen, Dumbledore«, sagte er kühl. »Ich habe
einen Plan ...«
Und Snape verließ den Raum. Harry stieg aus dem Denkarium empor
und Sekunden später lag er in genau demselben Raum auf dem
Teppichboden: Es war, als hätte Snape gerade die Tür hinter sich
geschlossen.
Wieder der Wald
Endlich die Wahrheit. Auf dem Boden liegend, das Gesicht in den
staubigen Teppich des Büros gepresst, in dem er einst geglaubt hatte, jene
Geheimnisse zu erfahren, die ihm zum Sieg verhelfen würden, begriff
Harry endlich, dass er nicht überleben sollte. Seine Aufgabe war es, ruhig
dem Tod entgegenzugehen, der ihn mit ausgebreiteten Armen erwartete.
Auf dem Weg dorthin sollte er die Bindungen kappen, die Voldemort noch
zum Leben hatte, damit es, wenn er sich Voldemort schließlich vor die
Füße warf und seinen Zauberstab nicht hob, um sich zu verteidigen, ein
sauberes Ende sein würde, damit das, was in Godric's Hollow hätte getan
werden müssen, erledigt wäre: Keiner von beiden würde leben, keiner
konnte überleben.
Er spürte sein Herz wütend in seiner Brust pochen. Wie seltsam, dass es
in seiner Todesangst umso heftiger pumpte, ihn tapfer am Leben hielt. Aber
es würde stillstehen müssen, und zwar bald. Seine Schläge waren gezählt.
Für wie viele würde noch Zeit sein, wenn er sich erhob und zum letzten
Mal durch das Schloss ging, hinaus auf das Gelände und in den Wald?
Grauen überflutete ihn, während er am Boden lag und jene
Totentrommel in ihm schlug. Würde es wehtun, zu sterben? All die Male,
da er geglaubt hatte, dass es gleich geschehen würde, und doch entkommen
war, hatte er nie wirklich an die Sache selbst gedacht: Sein Lebenswille
war immer so viel stärker gewesen als seine Furcht vor dem Tod. Doch
kam er jetzt nicht auf den Gedanken, er könnte versuchen zu fliehen,
Voldemort davonzulaufen. Es war zu Ende, er wusste es, und alles, was
blieb, war die Sache selbst: sterben.
Hätte er nur in jener Sommernacht sterben können, in der er den
Ligusterweg Nummer vier zum letzten Mal verlassen hatte und von dem
edlen Phönixfeder-Zauberstab gerettet worden war! Hätte er doch nur wie
Hedwig sterben können, so rasch, dass er gar nicht mitbekommen hätte,
dass es passiert war! Oder hätte er sich vor einen Zauberstab stürzen
können, um jemanden zu retten, den er liebte ... Er beneidete nun sogar
seine Eltern um ihren Tod. Dieser kaltblütige Gang zu seiner eigenen
Vernichtung würde eine andere Art von Tapferkeit erfordern. Er spürte,
dass seine Finger leicht zitterten, und bemühte sich, sie unter Kontrolle zu
bringen, obwohl ihn niemand sehen konnte; die Porträts an den Wänden
waren alle leer.
Langsam, ganz langsam, setzte er sich auf, und dabei fühlte er sich
lebendiger, sich seines eigenen lebenden Körpers bewusster als je zuvor.
Warum hatte er nie zu schätzen gewusst, was für ein Wunder er war, sein
Gehirn, seine Nerven, sein hüpfendes Herz? All das würde nicht mehr sein
... oder zumindest würde er nicht mehr darin sein. Sein Atem ging langsam
und tief, sein Mund und seine Kehle waren völlig ausgetrocknet, aber auch
seine Augen.
Dumbledores Verrat zählte kaum. Natürlich hatte es einen größeren Plan
gegeben; Harry war einfach zu dumm gewesen, ihn zu begreifen, wie ihm
jetzt aufging. Er hatte nie seine eigene Annahme in Frage gestellt, dass
Dumbledore wollte, dass er lebte. Nun sah er, dass seine Lebenszeit immer
dadurch bestimmt gewesen war, wie lange es dauerte, alle Horkruxe zu
beseitigen. Dumbledore hatte ihm die Aufgabe übertragen, sie zu zerstören,
und gehorsam hatte er stets weiter auf jene Bande eingehauen, die nicht nur
Voldemort, sondern auch ihn selbst am Leben hielten! Wie geschickt, wie
elegant, keine Leben mehr zu vergeuden, sondern die gefährliche Aufgabe
dem Jungen zu überlassen, der bereits zum Abschlachten gezeichnet war
und dessen Tod keine Katastrophe sein würde, sondern ein weiterer Schlag
gegen Voldemort.
Und Dumbledore hatte gewusst, dass Harry sich nicht drücken würde,
dass er bis zum Ende weitergehen würde, auch wenn es sein Ende war,
denn er hatte sich Mühe gegeben, ihn kennen zu lernen, oder etwa nicht?
Dumbledore wusste, genau wie Voldemort, dass Harry niemand anderen
mehr für sich sterben lassen würde, nun, da er entdeckt hatte, dass es in
seiner Macht stand, es zu beenden. Die Bilder von Fred, Lupin und Tonks,
tot in der Großen Halle liegend, drängten sich gewaltsam vor sein inneres
Auge zurück, und für kurze Zeit verschlug es ihm den Atem: Der Tod war
ungeduldig ...
Aber Dumbledore hatte ihn überschätzt. Er war gescheitert: Die
Schlange lebte immer noch. Ein Horkrux blieb, der Voldemort an die Erde
band, selbst nachdem Harry getötet worden war. Gewiss, das würde die
Aufgabe für jemand anderen leichter machen. Er fragte sich, wer es tun
würde ... Ron und Hermine würden natürlich wissen, was getan werden
musste ... das war vermutlich der Grund, weshalb Dumbledore gewollt
hatte, dass er sich zwei anderen anvertraute ... denn wenn er seiner wahren
Bestimmung ein wenig zu früh nachkommen sollte, konnten sie
weitermachen ...
Wie Regen gegen ein kaltes Fenster prasselten diese Gedanken auf die
harte Oberfläche der unumstößlichen Wahrheit, die lautete, dass er sterben
musste. Ich muss sterben. Es muss enden.
Ron und Hermine schienen weit weg, in einem fernen Land; ihm war,
als hätte er sich vor langer Zeit von ihnen getrennt. Es würde keine
Abschiedsworte geben und keine Erklärungen, dazu war er entschlossen.
Dies war eine Reise, die sie nicht gemeinsam antreten konnten, und die
Versuche, die sie unternehmen würden, um ihn aufzuhalten, würden
wertvolle Zeit verschwenden. Er blickte hinab auf die lädierte goldene Uhr,
die er zu seinem siebzehnten Geburtstag bekommen hatte. Fast die Hälfte
der Stunde, die Voldemort für seine Auslieferung gewährt hatte, war
vergangen.
Er stand auf. Sein Herz sprang gegen seine Rippen wie ein verzweifelter
Vogel. Vielleicht wusste es, dass es nur noch wenig Zeit hatte, vielleicht
war es entschlossen, vor dem Ende noch die Schläge eines ganzen Lebens
zu vollbringen. Ohne einen Blick zurück machte er die Bürotür zu.
Das Schloss war leer. Er kam sich vor wie ein Gespenst, während er
allein hindurchschritt, als ob er bereits tot wäre. Die Leute aus den Porträts
waren immer noch nicht in ihren Rahmen zurück; im ganzen Schloss
herrschte unheimliche Stille, als hätte sich all sein verbliebener Lebenssaft
in der Großen Halle gesammelt, wo sich die Toten und die Trauernden
drängten.
Harry zog den Tarnumhang über und stieg die Stockwerke hinab, und
schließlich über die Marmortreppe hinunter in die Eingangshalle. Vielleicht
hoffte ein winziger Teil von ihm, gespürt zu werden, gesehen zu werden,
aufgehalten zu werden, doch der Tarnumhang war wie immer
undurchdringlich, perfekt, und er gelangte ohne weiteres zum Portal.
Dann stieß Neville beinahe mit ihm zusammen. Er war einer von
zweien, die eine Leiche vom Gelände hereintrugen. Harry blickte hinab und
verspürte einen weiteren dumpfen Schlag in den Magen: Colin Creevey,
obgleich minderjährig, musste sich zurückgeschlichen haben, genau wie
Malfoy, Crabbe und Goyle. Im Tod war er winzig.
»Weißt du was? Ich kann ihn allein tragen, Neville«, sagte Oliver
"Wood, hob Colin quer über seine Schulter und trug ihn in die Große Halle.
Neville lehnte sich einen Moment lang gegen den Türrahmen und
wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Er sah aus wie ein alter
Mann. Dann ging er wieder die Treppe hinunter in die Dunkelheit, um
weitere Tote zu bergen.
Harry blickte kurz zurück zum Eingang der Großen Halle. Leute gingen
umher, versuchten sich gegenseitig zu trösten, tranken etwas, knieten neben
den Toten, doch er konnte niemanden von denen sehen, die er liebte, keine
Spur von Hermine, Ron, Ginny oder einem der anderen Weasleys, keine
Luna. Er hatte das Gefühl, dass er all die Zeit, die ihm noch blieb, für nur
einen einzigen letzten Blick auf sie hingegeben hätte; aber hätte er dann
überhaupt die Kraft gehabt, seinen Blick abzuwenden? Es war besser so,
wie es war.
Er ging die Treppe hinunter und hinaus in die Dunkelheit. Es war fast
vier Uhr morgens, und die tödliche Stille über dem Gelände fühlte sich an,
als würden sie alle den Atem anhalten und abwarten, um zu sehen, ob er
tun konnte, was er tun musste.
Harry trat auf Neville zu, der sich über eine weitere Leiche beugte.
»Neville.«
»Mensch, Harry, du hast mich zu Tode erschreckt!«
Harry hatte den Tarnumhang heruntergezogen: Die Idee war ihm
urplötzlich gekommen, dem Wunsch entsprungen, ganz sicherzugehen.
»Wo willst du denn hin, alleine?«, fragte Neville argwöhnisch.
»Das gehört alles zum Plan«, sagte Harry. »Ich muss was erledigen. Hör
zu – Neville -«
»Harry!« Neville schien plötzlich verängstigt. »Harry, du hast doch
nicht etwa vor, dich selbst auszuliefern?«
»Nein«, log Harry mühelos, »'türlich nicht ... es geht um was anderes.
Aber es könnte sein, dass ich eine Zeit lang nicht auftauche. Du kennst
doch Voldemorts Schlange, Neville? Er hat eine riesige Schlange ... nennt
sie Nagini ...«
»Hab ich gehört, jaah ... was ist mit ihr?«
»Sie muss getötet werden. Ron und Hermine wissen es, aber nur für den
Fall, dass sie -«
Diese Möglichkeit war so furchtbar, dass ihm für einen Moment die
Luft wegblieb, dass er unmöglich weiterreden konnte. Doch dann riss er
sich zusammen: Dies war entscheidend, er musste wie Dumbledore sein,
einen kühlen Kopf bewahren, sicherstellen, dass Ersatzleute da waren,
andere, die weitermachten. Dumbledore war in dem Wissen gestorben, dass
noch drei Menschen von den Horkruxen wussten; nun würde Neville
Harrys Platz einnehmen. Dann würden sich immer noch drei das
Geheimnis teilen.
»Nur für den Fall, dass sie – beschäftigt sind – und du die Gelegenheit
bekommst -«
»Die Schlange zu töten?«
»Die Schlange zu töten«, wiederholte Harry.
»Ja, gut, Harry. Mit dir ist alles okay, oder?«
»Mir geht's gut. Danke, Neville.«
Aber Neville packte Harry am Handgelenk, als der sich wieder auf den
Weg machen wollte.
»Wir kämpfen alle weiter, Harry. Das weißt du?«
»Jaah, ich -«
Das erstickende Gefühl würgte das Ende des Satzes ab, er konnte nicht
fortfahren. Neville schien es nicht merkwürdig zu finden. Er klopfte Harry
auf die Schulter, ließ ihn los und ging davon, um nach weiteren Toten zu
suchen.
Harry schwang den Tarnumhang wieder über sich und setzte seinen
Weg fort. Ganz in der Nähe bewegte sich noch jemand, beugte sich über
eine weitere auf dem Bauch liegende Gestalt am Boden. Er war nur wenige
Schritte entfernt, als er merkte, dass es Ginny war.
Er blieb abrupt stehen. Sie kauerte bei einem Mädchen, das flüsternd
nach seiner Mutter verlangte.
»Es ist alles gut«, sagte Ginny. »Es ist gut. Wir bringen dich rein.«
»Aber ich will nach Hause«, flüsterte das Mädchen. »Ich will nicht
mehr kämpfen!«
»Ich weiß«, sagte Ginny und ihre Stimme brach. »Es wird alles gut
werden.«
Kalte Schauder liefen Harry über die Haut. Er wollte in die Nacht
hinausschreien, wollte, dass Ginny erfuhr, dass er hier war, wollte, dass sie
wusste, wo er hinging. Er wollte aufgehalten werden, zurückgezerrt
werden, nach Hause zurückgeschickt werden ...
Aber er war zu Hause. Hogwarts war das erste und beste Zuhause, das
er gehabt hatte. Er und Voldemort und Snape, die verlassenen Jungen, sie
alle hatten hier ihr Zuhause gefunden ...
Ginny kniete jetzt neben dem verletzten Mädchen, hielt ihre Hand. Mit
gewaltiger Mühe zwang Harry sich weiter. Als er an Ginny vorbeikam,
meinte er zu sehen, dass sie sich umdrehte, und fragte sich, ob sie gespürt
hatte, dass jemand nahe an ihr vorbeigegangen war, doch er sagte nichts,
und er blickte nicht zurück.
Hagrids Hütte tauchte schemenhaft aus der Dunkelheit auf. Da waren
keine Lichter, und nichts war zu hören von Fang, wie er an der Tür kratzte,
oder von seinem stürmischen Bellen, mit dem er ihn willkommen hieß. All
jene Besuche bei Hagrid, das Schimmern des Kupferkessels auf dem Feuer,
die Felsenkekse und Riesenraupen und sein großes bärtiges Gesicht, und
Ron, der Schnecken erbrach, und Hermine, die ihm half, Norbert zu retten
...
Er ging weiter, und nun erreichte er den Rand des Verbotenen Waldes,
und er blieb stehen.
Eine Horde von Dementoren glitt zwischen den Bäumen dahin; er
konnte ihre Kälte spüren, und er war nicht sicher, ob er es schaffen würde,
unversehrt hindurchzugelangen. Seine Kraft reichte nicht mehr für einen
Patronus. Er konnte sein Zittern nicht länger beherrschen. Am Ende war es
doch nicht so einfach, zu sterben. Jede Sekunde, die er atmete, der Geruch
von Gras, die kühle Luft auf seinem Gesicht, alles war so kostbar: der
Gedanke, dass Menschen Jahre um Jahre hatten, Zeit verschwenden
konnten, so viel Zeit, dass sie lang wurde, während er sich an jede Sekunde
klammerte. Gleichzeitig dachte er, dass er nicht fähig wäre weiterzugehen,
und wusste doch, dass er es musste. Das lange Spiel war zu Ende, der
Schnatz war gefangen, es war an der Zeit, aus der Luft herabzukommen ...
Der Schnatz. Seine kraftlosen Finger nestelten einen Moment lang an
dem Beutel herum, der um seinen Hals hing, und er zog ihn heraus.
Ich öffne mich zum Schluss.
Rasch und schwer atmend starrte er auf ihn hinab. Nun, da er wollte,
dass die Zeit so langsam wie möglich verging, schien sie sich beschleunigt
zu haben, und er begriff so schnell, als hätte er gar nicht erst nachgedacht.
Dies war der Schluss. Dies war der Zeitpunkt.
Er drückte das goldene Metall an seine Lippen und flüsterte: »Ich werde
gleich sterben.«
Die metallene Hülle brach auf. Er senkte seine zitternde Hand, hob unter
dem Tarnumhang Dracos Zauberstab und murmelte: »Lumos.«
Der schwarze Stein mit dem gezackten Riss durch die Mitte lag in den
beiden Hälften des Schnatzes. Der Stein der Auferstehung war entlang der
senkrechten Linie auseinandergebrochen, die den Elderstab darstellte. Das
Dreieck und der Kreis, die den Tarnumhang und den Stein darstellten,
waren noch zu erkennen.
Und wieder begriff Harry, ohne nachdenken zu müssen. Es ging nicht
darum, sie zurückzubringen, denn er war gerade dabei, zu ihnen zu gehen.
In Wirklichkeit holte nicht er sie: Sie holten ihn.
Er schloss die Augen und drehte den Stein in der Hand, drei Mal.
Er wusste, dass es geschehen war, denn er hörte leise Bewegungen um
sich herum, die darauf schließen ließen, dass zarte Körper über den mit
Zweigen bestreuten Erdboden am äußersten Rand des Waldes schritten. Er
öffnete die Augen und sah sich um.
Sie waren weder Gespenst noch wahrhaft Fleisch, das konnte er sehen.
Sie ähnelten am ehesten jenem Riddle, der vor so langer Zeit dem
Tagebuch entflohen war, und dieser Riddle war Erinnerung gewesen, die
sich annähernd verfestigt hatte. Weniger stofflich als lebende Körper, doch
viel stofflicher als Gespenster bewegten sie sich auf ihn zu, und auf jedem
Gesicht war das gleiche liebevolle Lächeln.
James war genauso groß wie Harry. Er trug die Kleider, in denen er
gestorben war, sein Haar war unordentlich und zerzaust, und seine Brille
saß ein wenig schief, wie die von Mr Weasley.
Sirius war groß und hübsch und viel jünger, als Harry ihn jemals erlebt
hatte. Er ging mit federnden Schritten und lässiger Anmut dahin, die Hände
in den Taschen und ein Grinsen auf dem Gesicht.
Auch Lupin war jünger und bei weitem nicht mehr so
heruntergekommen, und sein Haar war dichter und dunkler. Er schien
glücklich, wieder an diesem vertrauten Ort zu sein, wo er in seiner
Jugendzeit so viele Streifzüge unternommen hatte.
Lilys Lächeln war das breiteste von allen. Sie strich ihr langes Haar
zurück, als sie ihm näher kam, und ihre grünen Augen, die seinen so
ähnlich waren, musterten begierig sein Gesicht, als könnte sie sich nie an
ihm sattsehen.
»Du bist so mutig.«
Er konnte nicht sprechen. Seine Augen weideten sich an ihr, und er
dachte, er würde gern stehen bleiben und sie immer nur ansehen, und das
würde genügen.
»Du bist fast am Ziel«, sagte James. »Ganz nah. Wir sind ... so stolz auf
dich.«
»Tut es weh?«
Die kindische Frage war über Harrys Lippen gerutscht, ehe er es
verhindern konnte.
»Sterben? Überhaupt nicht«, sagte Sirius. »Schneller und leichter als
einschlafen.«
»Und er will, dass es schnell geht. Er will es hinter sich haben«, sagte
Lupin.
»Ich wollte nicht, dass ihr sterbt«, sagte Harry. Die Worte kamen ihm
unwillkürlich. »Keiner von euch. Es tut mir leid -«
Er sprach Lupin an, flehentlich, mehr als jeden anderen.
»- so kurz nachdem dein Sohn geboren war ... Remus, es tut mir leid -«
»Mir tut es auch leid«, sagte Lupin, »mir tut leid, dass ich ihn nie
kennen lernen werde ... Aber er wird wissen, warum ich gestorben bin, und
ich hoffe, er wird es verstehen. Ich habe versucht, eine Welt zu schaffen, in
der er ein glücklicheres Leben führen könnte.«
Eine kühle Brise, die aus dem Herzen des Waldes zu dringen schien,
blies Harry die Haare aus der Stirn. Er wusste, sie würden ihm nicht sagen,
dass er gehen sollte, es musste seine eigene Entscheidung sein.
»Ihr werdet bei mir bleiben?«
»Bis ganz zum Schluss«, sagte James.
»Sie werden euch nicht sehen können?«, fragte Harry.
»Wir sind ein Teil von dir«, sagte Sirius. »Für jeden anderen
unsichtbar.«
Harry sah seine Mutter an.
»Bleib in meiner Nähe«, sagte er leise.
Und er machte sich auf den Weg. Die Kälte der Dementoren
übermannte ihn nicht; er durchquerte sie mit seinen Gefährten, die wie
Patroni für ihn waren, und gemeinsam schritten sie zwischen den alten,
dicht wachsenden Bäumen hindurch, mit den ineinandergeschlungenen
Ästen, den knorrigen und verflochtenen Wurzeln am Boden. Harry raffte
den Tarnumhang in der Dunkelheit eng an sich und begab sich immer tiefer
in den Wald hinein, ohne eine Vorstellung davon, wo Voldemort genau
war, doch sicher, dass er ihn finden würde. Neben ihm gingen, fast lautlos,
James, Sirius, Lupin und Lily, und ihre Anwesenheit machte seinen Mut
aus und war der Grund dafür, dass er unaufhörlich einen Fuß vor den
anderen setzen konnte.
Sein Körper und sein Geist schienen jetzt auf merkwürdige Weise
voneinander getrennt, seine Gliedmaßen bewegten sich ohne bewusste
Anweisung, als wäre er ein Mitreisender und nicht der Lenkende in dem
Körper, den er gleich verlassen würde. Die Toten, die neben ihm durch den
Wald gingen, waren nun viel wirklicher für ihn als die Lebenden drüben im
Schloss: Ron, Hermine, Ginny und all die anderen waren diejenigen, die
ihm wie Gespenster vorkamen, während er dem Ende seines Lebens
entgegenstolperte und -schlitterte, Voldemort entgegen ...
Ein dumpfer Schlag und ein Flüstern: Ganz in der Nähe hatte sich ein
anderes Lebewesen gerührt. Harry blieb unter dem Tarnumhang verborgen
stehen und spähte lauschend umher, und auch seine Mutter und sein Vater,
Lupin und Sirius blieben stehen.
»Da ist jemand«, kam ein raues Flüstern von irgendwo dicht bei ihnen.
»Er hat einen Tarnumhang. Könnte das -?«
Zwei Gestalten kamen hinter einem nahen Baum hervor: Ihre
Zauberstäbe flammten auf, und Harry sah Yaxley und Dolohow in die
Dunkelheit starren, direkt zu der Stelle, wo Harry, seine Eltern, Sirius und
Lupin standen. Offenbar konnten sie nichts erkennen.
»Hab eindeutig was gehört«, sagte Yaxley. »'n Tier, was meinst du?«
»Dieser Schwachkopf Hagrid hat eine ganze Horde von Viechern hier
drin gehalten«, sagte Dolohow und blickte kurz über seine Schulter.
Yaxley sah hinunter auf seine Uhr.
»Die Zeit ist fast um. Potter hat seine Stunde gehabt. Er kommt nicht.«
»Und er war sicher, dass er kommen würde! Das wird ihm gar nicht
gefallen.«
»Besser, wir gehn zurück«, sagte Yaxley. »Hören, was jetzt geplant ist.«
Er und Dolohow wandten sich ab und gingen tiefer in den Wald hinein.
Harry folgte ihnen, denn er wusste, dass sie ihn genau dorthin führen
würden, wo er hinwollte. Als er einen Blick zur Seite warf, lächelte ihm
seine Mutter zu, und sein Vater nickte ermutigend.
Sie waren nur ein paar Minuten weitergegangen, da sah Harry vor sich
ein Licht, und Yaxley und Dolohow traten auf eine Lichtung, die Harry als
den Ort erkannte, wo der grässliche Aragog einst gelebt hatte. Die
Überreste seines riesigen Netzes waren noch da, doch der Schwarm von
Nachkommen, die er in die Welt gesetzt hatte, war von den Todessern
hinausgetrieben worden, um für ihre Sache zu kämpfen.
Inmitten der Lichtung brannte ein Feuer, dessen flackernder Schein auf
eine dichte Menge vollkommen stummer, wachsamer Todesser fiel.
Manche von ihnen waren nach wie vor maskiert und hatten Kapuzen auf,
andere zeigten ihre Gesichter. Zwei Riesen saßen am Rand der Gruppe, mit
grausamen Gesichtern, klobig wie Felsen, und warfen gewaltige Schatten
über die Szenerie. Harry erkannte Fenrir, der lauernd an seinen langen
Nägeln kaute; der große blonde Rowle betupfte seine blutende Lippe. Er
sah Lucius Malfoy, der niedergeschlagen und verängstigt wirkte, und
Narzissa, die Augen voller Argwohn tief in ihren Höhlen.
Alle Blicke waren auf Voldemort gerichtet, der mit geneigtem Kopf
dastand und seine weißen Hände über dem Elderstab vor sich gefaltet hatte.
Es war, als würde er beten oder stumm vor sich hin zählen, und Harry, der
unbeweglich am Rand des Schauplatzes stand, hatte den absurden
Gedanken an ein Kind, das beim Versteckspielen zählt, bis es suchen darf.
Hinter Voldemorts Kopf schwebte, sich immer noch ringelnd und windend,
die große Schlange Nagini in ihrem glitzernden magischen Käfig, wie ein
ungeheuerlicher Glorienschein.
Als Dolohow und Yaxley sich wieder zu dem Kreis gesellten, blickte
Voldemort auf.
»Keine Spur von ihm, Herr«, sagte Dolohow.
Voldemorts Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Die roten Augen
schienen im Licht des Feuers zu glühen. Langsam zog er den Elderstab
zwischen seinen langen Fingern hervor.
»Herr -«
Bellatrix hatte gesprochen: Sie saß Voldemort am nächsten, mit
zerzaustem Haar, das Gesicht ein wenig blutig, doch ansonsten unversehrt.
Voldemort hob seine Hand und gebot ihr Schweigen, und sie sagte kein
weiteres Wort, sondern betrachtete ihn mit faszinierter Ehrerbietung.
»Ich dachte, er würde kommen«, sagte Voldemort mit seiner hohen,
klaren Stimme, den Blick auf die lodernden Flammen gerichtet. »Ich habe
erwartet, dass er kommt.«
Niemand sprach. Sie schienen genauso viel Angst zu haben wie Harry,
dessen Herz sich nun gegen seine Rippen warf, als wollte es dem Körper
unbedingt entfliehen, den er gleich wegschlendern würde. Mit
schwitzenden Händen zog er den Tarnumhang von sich und stopfte ihn
unter seinen Umhang, zusammen mit seinem Zauberstab. Er wollte nicht in
Versuchung geraten zu kämpfen.
»Ich habe mich, wie es scheint ... geirrt«, sagte Voldemort.
»Hast du nicht.«
Harry sagte es, so laut er konnte, mit aller Kraft, die er aufbrachte: Er
wollte nicht verängstigt klingen. Der Stein der Auferstehung rutschte ihm
aus seinen tauben Fingern, und aus den Augenwinkeln sah er, wie seine
Eltern, Sirius und Lupin verschwanden, als er vortrat in den Lichtschein
des Feuers. In diesem Moment hatte er das Gefühl, dass niemand wichtig
war außer Voldemort. Es ging jetzt nur um sie beide.
Die Illusion verflog noch im selben Augenblick. Die Riesen brüllten, als
sich die Todesser gemeinsam erhoben, Geschrei, Keuchen, ja sogar
Gelächter war zu hören. Voldemort stand vollkommen reglos da, doch
seine roten Augen hatten Harry gefunden, und er starrte ihn an, während
Harry auf ihn zuging, zwischen ihnen nichts als das Feuer.
Dann gellte eine Stimme -
»HARRY! NEIN! «
Er drehte sich um: Hagrid war gefesselt und zusammengeschnürt an
einen nahen Baum gebunden. Sein massiger Körper sträubte sich
verzweifelt und schüttelte die Äste über ihm.
»NEIN! NEIN! HARRY, WAS WILLST'N -?«
»RUHE!«, schrie Rowle und ein Schlenker seines Zauberstabs brachte
Hagrid zum Schweigen.
Bellatrix, die aufgesprungen war, sah begierig und mit wogender Brust
von Voldemort zu Harry. Nur die Flammen bewegten sich, und die
Schlange, die sich in ihrem glitzernden Käfig hinter Voldemorts Kopf
ringelte.
Harry konnte seinen Zauberstab an seiner Brust spüren, doch er machte
keinen Versuch, ihn hervorzuziehen. Er wusste, dass die Schlange zu gut
geschützt war, wusste, dass, wenn er es schaffte, den Zauberstab auf Nagini
zu richten, fünfzig Flüche ihn zuerst treffen würden. Und immer noch
blickten Voldemort und Harry einander an, und jetzt neigte Voldemort
seinen Kopf ein wenig zur Seite, betrachtete den Jungen, der vor ihm stand,
und ein seltsam freudloses Lächeln kräuselte den lippenlosen Mund.
»Harry Potter«, sagte er ganz leise. Es war, als wäre seine Stimme Teil
des zischenden Feuers. »Der Junge, der überlebt hat.«
Kein Todesser rührte sich. Sie warteten. Alles wartete. Hagrid kämpfte,
und Bellatrix keuchte, und Harry dachte unerklärlicherweise an Ginny, und
an ihren glühenden Blick, und an das Gefühl ihrer Lippen auf seinen -
Voldemort hatte seinen Zauberstab erhoben. Sein Kopf war immer noch
zur Seite geneigt, wie der eines neugierigen Kindes, als ob er sich fragte,
was geschehen würde, wenn er weitermachte. Harry erwiderte seinen Blick,
sah in die roten Augen und wollte, dass es jetzt geschah, rasch, solange er
noch stehen konnte, ehe er die Kontrolle verlor, ehe er Furcht zeigte -
Er sah, wie sich der Mund bewegte, dann einen Blitz grünen Lichts, und
alles war vorüber.
King's Cross
Er lag mit dem Gesicht nach unten da und lauschte in die Stille. Er war
vollkommen allein. Niemand beobachtete ihn. Niemand sonst war da. Er
war nicht einmal ganz sicher, dass er selbst da war.
Eine lange Zeit später, vielleicht aber auch im selben Augenblick, kam
ihm, dass er existieren musste, mehr sein musste als körperloses Denken,
denn er lag eindeutig auf irgendeiner Oberfläche. Folglich spürte er eine
Berührung, und das Etwas, auf dem er lag, existierte ebenfalls.
Kaum war er zu diesem Schluss gelangt, wurde Harry bewusst, dass er
nackt war. Da er überzeugt war, vollkommen allein zu sein, kümmerte es
ihn nicht, aber es erschien ihm doch ein wenig rätselhaft. Er fragte sich, ob
er, wenn er fühlen konnte, vielleicht auch sehen konnte. Indem er die
Augen öffnete, fand er heraus, dass er welche hatte.
Er lag in einem hellen Nebel, doch der war ganz anders als alle Nebel,
die er je erlebt hatte. Seine Umgebung wurde nicht durch trüben Dunst
verborgen; vielmehr hatte sich aus dem trüben Dunst noch gar keine
Umgebung gebildet. Der Boden, auf dem er lag, schien weiß zu sein, weder
warm noch kalt, sondern einfach da, ein flaches, leeres Etwas, auf dem man
sein konnte.
Er setzte sich auf. Sein Körper war offensichtlich unversehrt. Er
berührte sein Gesicht. Er trug keine Brille mehr.
Dann drang durch das unförmige Nichts, das ihn umgab, ein Geräusch
zu ihm: das leise dumpfe Patschen von etwas, das flatterte, um sich schlug,
sich abquälte. Es war ein Mitleid erregendes Geräusch, doch auch ein
wenig anstößig. Er hatte das unbehagliche Gefühl, dass er etwas
Heimliches, Schmachvolles belauschte.
Zum ersten Mal wünschte er sich, bekleidet zu sein.
Kaum hatte sich der Wunsch in seinem Kopf gebildet, da tauchte nicht
weit entfernt ein Umhang auf. Er nahm ihn und zog ihn sich über: Er war
weich, sauber und warm. Es war seltsam, dass er aufgetaucht war, einfach
so, in dem Moment, als er ihn haben wollte ...
Er stand auf und sah sich um. War er in irgendeinem großen Raum der
Wünsche? Je länger er sich umblickte, desto mehr gab es zu sehen. Ein
großes gläsernes Kuppeldach glitzerte hoch über ihm im Sonnenlicht.
Vielleicht war es ein Palast. Alles war still und friedlich, nur dieses
merkwürdige Patschen und Wimmern kam von irgendwoher ganz nah aus
dem Nebel ...
Harry drehte sich langsam auf der Stelle und seine Umgebung schien
sich vor seinen Augen selbst zu erfinden. Ein weitläufiger offener Raum,
hell und sauber, eine Halle, viel größer als die Große Halle, mit dieser
klaren gläsernen Kuppel. Der Raum war völlig leer. Er war der einzige
Mensch hier, außer -
Er schreckte zurück. Sein Blick war auf das Etwas gefallen, das die
Geräusche verursachte. Es hatte die Gestalt eines kleinen nackten Kindes,
das sich am Boden krümmte, sah wund und rau aus, wie gehäutet, und lag
schaudernd unter einem Stuhl, wo es zurückgelassen worden war,
unerwünscht, weggesteckt, vor Blicken verborgen und nach Atem ringend.
Er hatte Angst davor. So klein und gebrechlich und verletzt es war, er
wollte sich ihm nicht nähern. Dennoch ging er langsam darauf zu, jederzeit
bereit zurückzuspringen. Bald stand er so nahe vor ihm, dass er es hätte
berühren können, doch er brachte es nicht über sich. Er kam sich vor wie
ein Feigling. Er sollte es trösten, doch es widerte ihn an.
»Du kannst nicht helfen. «
Er schnellte herum. Albus Dumbledore kam auf ihn zu, munter lächelnd
und aufrecht, in einem wallenden, mitternachtsblauen Umhang.
»Harry.« Er breitete die Arme weit aus, und seine Hände waren beide
ganz und weiß und unversehrt. »Du wunderbarer Junge. Du mutiger,
mutiger Mann. Lass uns ein Stück gehen.«
Völlig verblüfft folgte Harry Dumbledore, der ihn von dem Ort
wegführte, wo das geschundene Kind wimmernd lag, hinüber zu zwei
Sitzplätzen, die Harry zuvor nicht bemerkt hatte und die ein wenig entfernt
unter diesem hohen funkelnden Dach standen. Dumbledore setzte sich auf
den einen, und Harry ließ sich auf den anderen fallen und starrte dabei in
das Gesicht seines alten Schulleiters. Dumbledores langes silbernes Haar,
sein Bart, die stechend blauen Augen hinter der Halbmondbrille, die
Hakennase: Alles war, wie er es in Erinnerung hatte. Und dennoch ...
»Aber Sie sind tot«, sagte Harry.
»O ja«, erwiderte Dumbledore nüchtern.
»Dann ... bin ich auch tot?«
»Ah«, sagte Dumbledore und lächelte noch breiter. »Das ist die Frage,
nicht wahr? Im Großen und Ganzen, mein lieber Junge, glaube ich das
nicht.«
Sie sahen sich an, der alte Mann immer noch strahlend.
»Nicht?«, wiederholte Harry.
»Nein«, sagte Dumbledore.
»Aber ...« Harry hob unwillkürlich die Hand zu seiner Blitznarbe. Sie
war anscheinend nicht da. »Aber ich hätte sterben müssen – ich habe mich
nicht verteidigt! Ich wollte mich von ihm töten lassen!«
»Und das«, sagte Dumbledore, »wird, denke ich, das alles
Entscheidende gewesen sein.«
Dumbledore schien Glück auszustrahlen wie Licht, wie Feuer: Harry
hatte den Mann noch nie so vollkommen, so offensichtlich zufrieden erlebt.
»Erklären Sie«, sagte Harry.
»Aber du weißt es schon«, sagte Dumbledore. Er drehte Däumchen.
»Ich habe mich von ihm töten lassen«, sagte Harry. »Oder nicht?«
»Doch«, sagte Dumbledore und nickte. »Fahr fort!«
»Also ist der Teil seiner Seele, der in mir war ...«
Dumbledore nickte noch begeisterter und drängte Harry weiter, mit
einem breiten ermutigenden Lächeln im Gesicht.
»... ist er weg?«
»O ja!«, sagte Dumbledore. »Ja, er hat ihn zerstört. Deine Seele ist ganz,
und ganz deine eigene, Harry.«
»Aber dann ...«
Harry blickte über seine Schulter, dorthin, wo das kleine verstümmelte
Wesen unter dem Stuhl zitterte.
»Was ist das, Professor?«
»Etwas, dem wir beide nicht helfen können«, sagte Dumbledore.
»Aber wenn Voldemort den Todesfluch eingesetzt hat«, begann Harry
erneut, »und diesmal niemand für mich gestorben ist – wie kann ich dann
am Leben sein?«
»Ich glaube, du weißt es«, sagte Dumbledore. »Denk zurück. Erinnere
dich an das, was er getan hat, in seiner Unwissenheit, in seiner Gier und
seiner Grausamkeit.«
Harry dachte nach. Er ließ den Blick über seine Umgebung schweifen.
Wenn es tatsächlich ein Palast war, in dem sie saßen, dann war es ein
merkwürdiger, mit Stühlen, die in kurzen Reihen aufgestellt waren, und hie
und da einem Stück Geländer, und doch waren er und Dumbledore und das
verkümmerte Geschöpf unter dem Stuhl die einzigen Lebewesen hier. Dann
kam ihm die Antwort leicht und mühelos über die Lippen.
»Er hat Blut von mir genommen«, sagte Harry.
»Genau!«, sagte Dumbledore. »Er hat Blut von dir genommen und
seinen lebenden Körper damit neu erschaffen! Dein Blut in seinen Adern,
Harry, Lilys Schutz in euch beiden! Er hat dich ans Leben gebunden,
solange er lebt!«
»Ich lebe ... solange er lebt? Aber ich dachte ... ich dachte, es war
umgekehrt! Ich dachte, wir müssten beide sterben? Oder ist das dasselbe?«
Er war abgelenkt von dem Wimmern und Patschen des gequälten
Geschöpfes hinter ihnen und warf erneut einen Blick darauf.
»Sind Sie sicher, dass wir nichts tun können?«
»Es gibt keine Hilfe.«
»Dann erklären Sie ... mehr«, sagte Harry und Dumbledore lächelte.
»Du warst der siebte Horkrux, Harry, der Horkrux, den er nie erzeugen
wollte. Er hatte seine Seele so instabil gemacht, dass sie zerbrach, als er
diese unsagbar bösen Taten beging, den Mord an deinen Eltern, die
versuchte Tötung eines Kindes. Aber was aus jenem Zimmer floh, war
sogar noch weniger, als er wusste. Er ließ mehr zurück als seinen Körper.
Er ließ einen Teil von sich selbst zurück, an dich festgeklammert, an das
ausersehene Opfer, das überlebt hatte.
Und sein Wissen blieb weiterhin jämmerlich unvollständig, Harry!
Wenn etwas für Voldemort nicht wertvoll ist, macht er sich auch nicht die
Mühe, es zu begreifen. Von Hauselfen und Kindermärchen, von Liebe,
Treue und Unschuld weiß und versteht Voldemort nichts. Nichts. Dass sie
alle eine Macht haben, die seine eigene übertrifft, eine Macht, die weiter
reicht als jede Magie, das ist eine Wahrheit, die er nie erfasst hat.
Er nahm Blut von dir in dem Glauben, dass es ihn stärken würde. Er
nahm einen winzigen Teil jenes Zaubers in seinen Körper auf, den deine
Mutter auf dich legte, als sie für dich starb. Voldemorts Körper hält ihr
Opfer lebendig, und solange dieser Zauber überlebt, überlebst auch du, und
damit Voldemorts letzte Hoffnung für sich selbst.«
Dumbledore lächelte Harry zu und Harry starrte ihn an.
»Und Sie wussten das? Sie wussten das – die ganze Zeit?«
»Ich habe es vermutet. Aber meine Vermutungen erwiesen sich
meistens als richtig«, sagte Dumbledore zufrieden, und sie saßen
schweigend da, eine ganze Weile, wie es schien, während das Geschöpf
hinter ihnen weiter wimmerte und zitterte.
»Da ist noch etwas«, sagte Harry. »Das ist noch nicht alles. Warum hat
mein Zauberstab den Zauberstab zerbrochen, den er sich ausgeliehen hat?«
»Was das betrifft, bin ich mir nicht sicher.«
»Dann vermuten Sie mal«, sagte Harry und Dumbledore lachte.
»Du musst dir klarmachen, Harry, dass du und Lord Voldemort
gemeinsam in Bereiche der Magie vorgestoßen seid, die bislang noch
unbekannt und unerprobt waren. Aber Folgendes ist, denke ich, passiert,
und es ist beispiellos, und kein Zauberstabmacher hätte es Voldemort wohl
je vorhersagen oder erklären können.
Ohne es zu beabsichtigen, wie du jetzt weißt, hat Lord Voldemort, als er
wieder in eine menschliche Gestalt zurückkehrte, das Band zwischen euch
verdoppelt. Ein Teil seiner Seele war nach wie vor an deine geheftet, und
während er glaubte, dass er sich stärkte, nahm er auch einen Teil des
Opfers deiner Mutter in sich auf. Wenn er doch nur die schreckliche Macht
dieses Opfers genau verstanden hätte, dann hätte er es vielleicht nicht
gewagt, dein Blut anzurühren ... aber andererseits, wenn er in der Lage
gewesen wäre zu verstehen, dann könnte er nicht Lord Voldemort sein und
hätte vielleicht nie gemordet.
Nachdem er diese zweifache Verbindung hergestellt hatte, nachdem er
eure Schicksale fester miteinander verknüpft hatte, als es je bei zwei
Magiern in der Geschichte der Fall war, schickte sich Voldemort an, dich
mit einem Zauberstab anzugreifen, der den gleichen Kern wie deiner hatte.
Und nun geschah, wie wir wissen, etwas sehr Merkwürdiges. Die Kerne
reagierten auf eine Weise, die Lord Voldemort, der nie wusste, dass dein
Zauberstab der Zwilling seines eigenen war, vollkommen überraschte.
Er hatte in jener Nacht mehr Angst als du, Harry. Du hattest die
Möglichkeit des Todes akzeptiert, ja sogar bereitwillig angenommen,
etwas, zu dem Lord Voldemort nie fähig war. Dein Mut hat den Sieg
davongetragen, dein Zauberstab hat seinen überwältigt. Und dabei ist etwas
zwischen diesen Zauberstäben passiert, etwas, das die Beziehung zwischen
ihren Herren widerspiegelte.
Ich glaube, dass dein Zauberstab in dieser Nacht etwas von der Macht
und den Fähigkeiten von Voldemorts Zauberstab in sich aufgesogen hat,
das heißt, dass er nun ein wenig von Voldemort selbst enthielt. Deshalb hat
dein Zauberstab ihn erkannt, als er dich verfolgte, einen Mann erkannt, der
Verwandter und Todfeind zugleich war, und er spie etwas von seiner
eigenen Magie gegen ihn aus, einer Magie, die viel mächtiger war als alles,
was Lucius' Zauberstab je vollbracht hatte. Dein Zauberstab enthielt nun
die Macht deines gewaltigen Mutes und des tödlichen Könnens von
Voldemort selbst: Welche Chance sollte der arme Stab von Lucius Malfoy
da noch haben?«
»Aber wenn mein Zauberstab so mächtig war, weshalb konnte Hermine
ihn dann zerbrechen?«, fragte Harry.
»Mein lieber Junge, seine bemerkenswerte Wirkkraft war nur gegen
Voldemort gerichtet, der so unbedacht an die grundlegenden Gesetze der
Magie gerührt hatte. Nur gegen ihn war dieser Zauberstab von
ungewöhnlicher Macht. Ansonsten war es ein Zauberstab wie jeder andere
... wenn auch ein guter, dessen bin ich gewiss«, schloss Dumbledore
freundlich.
Harry saß nachdenklich da, eine ganze Zeit lang oder vielleicht nur
Sekunden. Hier war es sehr schwierig, sich in Fragen wie der Zeit sicher zu
sein.
»Er hat mich mit Ihrem Zauberstab getötet. «
»Es ist ihm misslungen, dich mit meinem Zauberstab zu töten«,
korrigierte Dumbledore Harry. »Ich denke, wir können uns darauf einigen,
dass du nicht tot bist – aber natürlich«, fügte er hinzu, als fürchtete er,
unhöflich gewesen zu sein, »will ich deine Leiden, die sicher sehr schwer
waren, nicht herabsetzen.«
»Aber im Moment fühle ich mich großartig«, sagte Harry und blickte
hinab auf seine sauberen, makellosen Hände. »Wo sind wir eigentlich?«
»Nun, das wollte ich dich fragen«, sagte Dumbledore und sah sich um.
»Wo, würdest du meinen, sind wir?«
Bis Dumbledore ihn gefragt hatte, hatte Harry es nicht gewusst. Nun
jedoch hatte er unversehens eine Antwort parat.
»Es sieht so aus«, sagte er langsam, »wie der Bahnhof King's Cross. Nur
dass es viel sauberer ist, und leer, und dass anscheinend keine Züge da
sind.«
»Der Bahnhof King's Cross!«, gluckste Dumbledore unmäßig. »Du
meine Güte, wirklich?«
»Nun ja, wo glauben Sie denn, dass wir sind?«, fragte Harry ein wenig
trotzig.
»Mein lieber Junge, ich habe keine Ahnung. Das ist, wie man so sagt,
dein Bier.«
Harry hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte; Dumbledore machte
ihn wütend. Er sah ihn finster an, dann fiel ihm eine viel dringendere Frage
ein als die nach ihrem jetzigen Aufenthaltsort.
»Die Heiligtümer des Todes«, sagte er, und er war froh, dass diese
Worte das Lächeln von Dumbledores Gesicht wischten.
»Ah, ja«, sagte er. Er blickte sogar ein wenig beunruhigt drein.
»Nun?«
Zum ersten Mal seit Harry Dumbledore kennen gelernt hatte, sah er
nicht mehr aus wie ein alter Mann, sondern viel jünger. Er wirkte für einen
Moment wie ein kleiner Junge, der bei einem bösen Streich ertappt worden
war.
»Kannst du mir verzeihen?«, fragte er. »Kannst du mir verzeihen, dass
ich dir nicht vertraut habe? Dass ich es dir nicht gesagt habe? Harry, ich
hatte nur die Befürchtung, dass du scheitern würdest, wie ich gescheitert
war. Ich hatte nur die große Angst, dass du meine Fehler wiederholen
würdest. Ich bitte dich inständig um Verzeihung, Harry. Ich weiß nun seit
einiger Zeit, dass du der bessere Mann bist.«
»Wovon reden Sie denn da?«, fragte Harry, bestürzt über Dumbledores
Ton, über die plötzlichen Tränen in seinen Augen.
»Von den Heiligtümern, den Heiligtümern«, murmelte Dumbledore.
»Dem Traum eines verzweifelten Mannes.«
»Aber es gibt sie wirklich!«
»Sie sind wirklich, und gefährlich, und eine Verlockung für Narren«,
sagte Dumbledore. »Und ich war ein solcher Narr. Aber du weißt es, nicht
wahr? Ich habe keine Geheimnisse mehr vor dir. Du weißt es.«
»Was weiß ich?«
Dumbledore wandte sich nun mit dem ganzen Körper zu Harry um und
noch immer funkelten Tränen in seinen leuchtend blauen Augen.
»Gebieter des Todes, Harry, Gebieter des Todes! War ich, letzten
Endes, besser als Voldemort?«
»Natürlich waren Sie das«, sagte Harry. »Natürlich – wie können Sie
das fragen? Sie haben nie getötet, wenn Sie es vermeiden konnten!«
»Gewiss, gewiss«, sagte Dumbledore, und er war wie ein Kind, das
beruhigt werden will. »Doch auch ich suchte nach einem Weg, den Tod zu
besiegen, Harry.«
»Nicht nach dem gleichen Weg wie er«, sagte Harry. Wie seltsam war
es, nach all seinem Zorn auf Dumbledore hier zu sitzen, unter dem hohen
Kuppeldach, und ihn vor sich selbst in Schutz zu nehmen. »Heiligtümer,
keine Horkruxe. «
»Heiligtümer«, murmelte Dumbledore, »keine Horkruxe. Genau.«
Es entstand eine Pause. Das Geschöpf hinter ihnen wimmerte, aber
Harry blickte sich nicht mehr um.
»Grindelwald hat auch nach ihnen gesucht?«, fragte er.
Dumbledore schloss für einen Moment die Augen und nickte.
»Das war es, was uns vor allem zusammenbrachte«, sagte er leise.
»Zwei kluge, arrogante Jungen mit einer gemeinsamen Leidenschaft. Er
kam wegen Ignotus Peverells Grab nach Godric's Hollow, wie du sicher
schon vermutet hast. Er wollte den Ort erkunden, wo der dritte Bruder
gestorben war.«
»Also ist es wahr?«, fragte Harry. »Alles? Die Brüder Peverell -«
»- waren die drei Brüder aus dem Märchen«, sagte Dumbledore
nickend. »O ja, ich denke schon. Ob sie dem Tod auf einer einsamen Straße
begegnet sind ... ich halte es für wahrscheinlicher, dass die Brüder Peverell
einfach begabte, gefährliche Zauberer waren, denen es gelang, diese
mächtigen Gegenstände herzustellen. Die Geschichte, wonach es
Heiligtümer waren, die dem Tod gehörten, scheint mir eine von jenen
Legenden zu sein, wie sie um solche Schöpfungen herum zu entstehen
pflegen.
Der Tarnumhang wurde, wie du jetzt weißt, durch die Jahrhunderte
weitergegeben, von Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter, bis hin zu
Ignotus' letztem lebendem Nachfahren, der, wie Ignotus selbst, in dem Dorf
Godric's Hollow geboren wurde.«
Dumbledore lächelte Harry an.
»Bis zu mir?«
»Bis zu dir. Du hast, wie ich weiß, schon erraten, warum der
Tarnumhang in der Nacht, als deine Eltern starben, in meinen Händen war.
James hatte ihn mir nur wenige Tage zuvor gezeigt. Das erklärte, warum
ihm so viele Missetaten in der Schule nicht nachzuweisen waren! Ich
konnte kaum glauben, was ich da sah. Ich bat darum, mir den Tarnumhang
ausleihen zu dürfen, um ihn zu untersuchen. Schon seit langem hatte ich
meinen Traum aufgegeben, die Heiligtümer zu vereinen, aber ich konnte
nicht widerstehen, musste ihn einfach genauer in Augenschein nehmen ...
Es war ein Tarnumhang, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, ungeheuer alt,
in jeder Hinsicht vollkommen ... und dann starb dein Vater, und ich hatte
endlich zwei Heiligtümer, ganz allein für mich!«
Sein Ton war unerträglich bitter.
»Der Tarnumhang hätte ihnen aber nicht geholfen zu überleben«, sagte
Harry rasch. »Voldemort wusste, wo meine Mum und mein Dad waren.
Der Tarnumhang hätte sie nicht vor Flüchen geschützt.«
»Gewiss«, seufzte Dumbledore. »Gewiss.«
Harry wartete, aber Dumbledore sprach nicht, und so half er ihm weiter.
»Also hatten Sie die Suche nach den Heiligtümern bereits aufgegeben,
als Sie den Tarnumhang zu Gesicht bekamen?«
»O ja«, sagte Dumbledore matt. Es schien, als würde er sich zwingen,
Harry in die Augen zu sehen. »Du weißt, was geschah. Du weißt es. Du
kannst mich nicht noch mehr verachten, als ich mich selbst verachte.«
»Aber ich verachte Sie nicht -«
»Dann solltest du es«, sagte Dumbledore. Er holte tief Luft. »Du kennst
das Geheimnis des Leidens meiner Schwester, weißt, was diese Muggel
angerichtet haben, was aus ihr wurde. Du weißt, dass mein armer Vater
Rache suchte und den Preis dafür bezahlte, in Askaban starb. Du weißt,
dass meine Mutter ihr eigenes Leben opferte, um für Ariana zu sorgen. –
Ich habe es gehasst, Harry.«
Dumbledore stellte es knapp und nüchtern fest. Er blickte jetzt über
Harrys Kopf hinweg in die Ferne.
»Ich war begabt, ich war brillant. Ich wollte fliehen. Ich wollte glänzen.
Ich wollte Ruhm. Versteh mich nicht falsch«, sagte er, und ein
schmerzlicher Ausdruck trat in sein Gesicht, so dass er wieder alt wirkte.
»Ich habe sie geliebt. Ich habe meine Eltern geliebt, ich habe meinen
Bruder und meine Schwester geliebt, aber ich war selbstsüchtig, Harry,
selbstsüchtiger, als du, der du ein bemerkenswert selbstloser Mensch bist,
es dir vielleicht vorstellen kannst.
Als meine Mutter gestorben war und mir die Verantwortung für eine
Versehrte Schwester und einen eigensinnigen Bruder zufiel, kehrte ich
deshalb zornig und verbittert in mein Dorf zurück. Gefangen, meine
Talente vergeudet, dachte ich! Und dann, natürlich, kam er ...«
Dumbledore sah Harry wieder direkt in die Augen.
»Grindelwald. Du kannst dir nicht vorstellen, Harry, wie seine Ideen
mich packten, mich entflammten. Muggel gewaltsam unterwerfen. Der
Triumph für uns Zauberer. Grindelwald und ich, die glorreichen jungen
Führer der Revolution.
Oh, ich hatte einige Skrupel. Ich beruhigte mein Gewissen mit leeren
Worten. Es würde alles nur für das größere Wohl geschehen, und jeder
Schaden, der zugefügt werden musste, würde sich hundertfach zugunsten
der Zauberer bezahlt machen. Wusste ich, im Grunde meines Herzens, was
Geliert Grindelwald war? Ich glaube, ja, aber ich verschloss die Augen.
Wenn die Pläne, die wir schmiedeten, sich verwirklichten, dann würden all
meine Träume wahr werden.
Und im Zentrum unseres großen Projektes: die Heiligtümer des Todes!
Wie sie ihn faszinierten, wie sie uns beide faszinierten! Der unbesiegbare
Zauberstab, die Waffe, die uns an die Macht bringen würde! Der Stein der
Auferstehung – für ihn bedeutete er, obgleich ich vorgab, es nicht zu
wissen, eine Armee von Inferi! Für mich bedeutete er, wie ich gestehen
muss, die Rückkehr meiner Eltern, wodurch alle Verantwortung von
meinen Schultern genommen worden wäre.
Und der Tarnumhang ... irgendwie haben wir nie groß über den Umhang
diskutiert, Harry. Wir beide konnten uns auch ohne Tarnumhang recht gut
verbergen, dessen wahrer Zauber natürlich darin besteht, dass er nicht nur
für den Besitzer, sondern auch für andere Schutz und Schirm sein kann.
Sollten wir ihn je finden, so dachte ich, dann wäre er nützlich, um Ariana
zu verstecken, doch wir waren vor allem deshalb an dem Tarnumhang
interessiert, weil er die drei komplett machen würde, denn der Legende
nach würde derjenige, der alle drei Gegenstände vereinte, zum wahren
Gebieter des Todes werden, und das hieß für uns, unbesiegbar.
Unbesiegbare Gebieter des Todes, Grindelwald und Dumbledore! Zwei
Monate des Wahns, grausamer Träumereien und der Vernachlässigung der
einzigen beiden Menschen, die mir von meiner Familie geblieben waren.
Und dann ... du weißt, was geschah. Die Wirklichkeit kehrte zurück, in
Gestalt meines ruppigen, ungebildeten und unendlich bewundernswerten
Bruders. Ich wollte die Wahrheiten nicht hören, die er mir entgegenschrie.
Ich wollte nicht hören, dass ich mit einer gebrechlichen und labilen
Schwester im Schlepptau nicht aufbrechen konnte, um nach Heiligtümern
zu suchen.
Aus dem Streit wurde ein Kampf. Grindelwald verlor die Kontrolle.
Was ich immer in ihm vermutet hatte, auch wenn ich das Gegenteil
vortäuschte, es wurde nun schreckliche Realität. Und Ariana ... nach all der
Pflege und Umsicht meiner Mutter ... lag tot am Boden.«
Dumbledore keuchte leise, dann begann er richtig zu weinen. Harry
streckte die Hand aus und war froh, als er merkte, dass er ihn berühren
konnte: Er packte ihn fest am Arm und Dumbledore fasste sich allmählich
wieder.
»Nun, Grindelwald floh, wie jeder außer mir es hätte vorhersagen
können. Er verschwand, mit seinen Plänen zur Machtübernahme und seinen
Vorhaben, Muggel zu foltern, und seinen Träumen von den Heiligtümern
des Todes, Träumen, in denen ich ihn bestärkt, bei denen ich ihn unterstützt
hatte. Er rannte davon, während ich zurückblieb, um meine Schwester zu
beerdigen und zu lernen, mit meiner Schuld zu leben und meiner
schrecklichen Trauer, dem Preis für meine Schmach.
Jahre vergingen. Es gab Gerüchte über ihn. Es hieß, er hätte sich einen
Zauberstab von ungeheurer Macht verschafft. Mir wurde unterdessen der
Posten des Zaubereiministers angeboten, nicht ein Mal, sondern mehrere
Male. Natürlich lehnte ich ab. Ich hatte gelernt, dass man mir keine Macht
anvertrauen sollte.«
»Aber Sie wären besser gewesen, viel besser als Fudge oder
Scrimgeour!«, platzte Harry heraus.
»Wäre ich das?«, fragte Dumbledore bedrückt. »Ich bin mir da nicht so
sicher. Ich hatte als ganz junger Mann bewiesen, dass Macht meine
Schwäche und meine Versuchung war. Es ist merkwürdig, Harry, aber
diejenigen, die nie nach Macht strebten, sind vielleicht am besten geeignet
sie auszuüben. Diejenigen, denen die Führung aufgedrängt wird wie dir und
die dann das Zepter übernehmen, weil sie es müssen, und zu ihrer eigenen
Überraschung feststellen, dass es ihnen gut steht.
In Hogwarts war ich sicherer. Ich glaube, ich war ein guter Lehrer -«
»Sie waren der beste -«
»Das ist sehr nett von dir, Harry. Aber während ich mich mit der
Ausbildung junger Zauberer beschäftigte, stellte Grindelwald eine Armee
auf. Es heißt, er fürchtete mich, und vielleicht tat er es auch, aber ich denke,
weniger, als ich ihn fürchtete.
Oh, nicht den Tod«, sagte Dumbledore auf Harrys fragenden Blick hin.
»Nicht das, was er mir als Magier hätte antun können. Ich wusste, dass wir
ebenbürtig waren, dass ich vielleicht eine Spur geschickter war. Es war die
Wahrheit, die ich fürchtete. Verstehst du, ich wusste nie, wer von uns in
diesem letzten, grauenhaften Kampf tatsächlich den Fluch geschleudert
hatte, der meine Schwester tötete. Du magst mich feige nennen: Du hättest
Recht. Harry, ich fürchtete vor allem zu erfahren, dass ich es gewesen war,
der ihren Tod herbeigeführt hatte, nicht nur durch meinen Hochmut und
meine Dummheit, sondern dass ich ihr tatsächlich den Schlag versetzt
hatte, der ihr Leben auslöschte.
Ich glaube, er wusste es, ich glaube, er wusste, wovor ich Angst hatte.
Ich schob die Begegnung mit ihm hinaus, bis es schließlich eine zu große
Schmach gewesen wäre, mich noch länger zu sträuben. Menschen starben,
und es hatte den Anschein, als wäre er nicht aufzuhalten, und ich musste
tun, was in meiner Kraft stand.
Nun, du weißt, was dann passierte. Ich gewann das Duell. Ich gewann
den Zauberstab.«
Erneut trat Stille ein. Harry fragte nicht, ob Dumbledore jemals
herausfand, wer Ariana tödlich getroffen hatte. Er wollte es nicht wissen,
und noch weniger wollte er, dass Dumbledore es ihm sagen musste.
Endlich wusste er, was Dumbledore gesehen hätte, wenn er in den Spiegel
Nerhegeb geblickt hätte, und warum Dumbledore so gut verstanden hatte,
dass der Spiegel Harry derart faszinierte.
Sie saßen eine lange Zeit schweigend da und das Wimmern der Kreatur
hinter ihnen störte Harry kaum noch.
Endlich sagte er: » Grindelwald hat versucht Voldemort bei seiner Jagd
nach dem Zauberstab aufzuhalten. Er hat gelogen, wissen Sie, er hat so
getan, als hätte er ihn nie besessen.«
Dumbledore nickte und sah hinunter auf seinen Schoß, auf seiner
Hakennase glitzerten immer noch Tränen.
»Es heißt, er habe in späteren Jahren Reue gezeigt, allein in seiner Zelle
in Nurmengard. Ich hoffe, das ist wahr. Mir würde der Gedanke gefallen,
dass er das Grauen und das Schandhafte dessen, was er getan hatte,
tatsächlich gespürt hat. Vielleicht war jene Lüge Voldemort gegenüber sein
Versuch einer Wiedergutmachung ... sein Versuch, zu verhindern, dass
Voldemort in den Besitz des Heiligtums kam ...«
»... oder vielleicht zu verhindern, dass er in Ihr Grab eindrang?«,
überlegte Harry und Dumbledore tupfte sich die Augen.
Nach einer weiteren kurzen Pause sagte Harry: »Sie haben versucht, den
Stein der Auferstehung zu benutzen.«
Dumbledore nickte.
»Als ich es nach all den Jahren entdeckte, im verlassenen Haus der
Gaunts vergraben, jenes Heiligtum, das ich am meisten begehrt hatte –
obwohl ich es in meiner Jugend aus ganz anderen Gründen haben wollte –,
da verlor ich den Kopf, Harry. Ich vergaß völlig, dass es nun ein Horkrux
war, dass auf diesem Ring mit Sicherheit ein Fluch lag. Ich hob ihn auf,
und ich steckte ihn an, und eine Sekunde lang stellte ich mir vor, dass ich
nun gleich Ariana sehen würde, und meine Mutter, und meinen Vater, und
ihnen sagen würde, wie sehr, wie sehr es mir leidtat ...
Was für ein Narr ich war, Harry. Nach all den Jahren hatte ich nichts
gelernt. Ich war unwürdig, die Heiligtümer des Todes zu vereinen, ich hatte
es immer wieder bewiesen, und dies war der endgültige Beweis.«
»Warum?«, sagte Harry. »Es war nur zu verständlich! Sie wollten sie
wiedersehen. Was ist falsch daran?«
»Vielleicht einer unter einer Million könnte die Heiligtümer vereinen,
Harry. Ich eignete mich nur dafür, das geringste davon zu besitzen, das am
wenigsten außergewöhnliche. Ich eignete mich dafür, den Elderstab zu
besitzen und nicht damit zu prahlen und nicht damit zu töten. Es war mir
gestattet, ihn zu zähmen und zu nutzen, weil ich ihn nicht zu meinem
Vorteil einsetzte, sondern um andere vor ihm zu schützen.
Aber den Tarnumhang nahm ich aus eitler Neugier an mich, und so
hätte er für mich niemals dieselbe Wirkung entfalten können wie für dich,
seinen wahren Eigentümer. Den Stein hätte ich benutzt, um zu versuchen,
diejenigen zurückzuzerren, die in Frieden ruhen, und nicht, um meine
Selbstaufopferung zu ermöglichen, wie du es getan hast. Du bist der
würdige Besitzer der Heiligtümer.«
Dumbledore tätschelte Harrys Hand, und Harry blickte zu dem alten
Mann auf und lächelte; er konnte nicht anders. Wie konnte er jetzt weiter
zornig auf Dumbledore sein?
»Warum mussten Sie es so schwierig machen?«
Dumbledore lächelte zittrig.
»Ich fürchte, ich baute darauf, dass Miss Granger dich bremsen würde,
Harry. Ich hatte Angst, dass dein hitziger Kopf stärker sein könnte als dein
gutes Herz. Ich hatte die Befürchtung, dass, wenn ich dir die Tatsachen
über diese verlockenden Gegenstände geradeheraus erzählte, du dir die
Heiligtümer verschaffen würdest, wie ich es tat, zur falschen Zeit, aus den
falschen Beweggründen. Wenn du sie dereinst in deinen Besitz bringen
würdest, so dachte ich, dann sollten sie auch sicher bei dir sein. Du bist der
wahre Gebieter des Todes, weil der wahre Gebieter nicht versucht, vor dem
Tod wegzulaufen. Er nimmt hin, dass er sterben muss, und begreift, dass es
viel, viel Schlimmeres in der lebendigen Welt gibt, als zu sterben.«
»Und Voldemort wusste nie von den Heiligtümern?«
»Ich glaube nicht, denn er hat den Stein der Auferstehung, den er in
einen Horkrux verwandelte, nicht erkannt. Doch selbst wenn er von ihnen
gewusst hätte, Harry, bezweifle ich, dass er an irgendeinem davon
interessiert gewesen wäre außer an dem ersten. Er hätte geglaubt, dass er
den Tarnumhang nicht brauchte, und was den Stein betrifft, wen würde er
von den Toten zurückholen wollen? Er fürchtet den Tod. Er liebt nicht.«
»Aber Sie rechneten damit, dass er hinter dem Zauberstab her sein
würde?«
»Ich war mir sicher, dass Voldemort es versuchen würde, seit dein
Zauberstab auf dem Friedhof von Little Hangleton seinen besiegt hatte.
Zuerst hatte er die Befürchtung, dass du ihn durch überlegene Fähigkeiten
geschlagen hättest. Sobald er jedoch Ollivander entführt hatte, erfuhr er von
der Existenz der Zwillingskerne. Er dachte, dies würde alles erklären. Aber
der geborgte Zauberstab richtete auch nicht mehr gegen deinen aus! Und
anstatt sich zu fragen, welche deiner Eigenschaften es war, die deinen
Zauberstab so stark gemacht hatte, welche Gabe du besaßest, die ihm
fehlte, schickte Voldemort sich natürlich an, den einzigen Zauberstab zu
finden, der, wie es hieß, jeden anderen schlagen würde. Für ihn ist der
Elderstab zu einer Besessenheit geworden, die seiner Besessenheit, was
dich angeht, gleichkommt. Er glaubt, dass der Elderstab seine letzte
Schwäche beseitigt und ihn wahrhaft unbesiegbar macht. Armer Severus
...«
»Wenn Sie Ihren Tod durch Snape planten, wollten Sie also, dass er die
Sache mit dem Elderstab beendet, oder?«
»Ich gebe zu, das war meine Absicht«, sagte Dumbledore, »aber es hat
nicht so funktioniert, wie ich wollte, nicht wahr?«
»Nein«, sagte Harry. »Dieser Teil hat nicht geklappt.«
Das Geschöpf hinter ihnen zuckte und stöhnte, und Harry und
Dumbledore saßen da und schwiegen, länger als zuvor. Die Erkenntnis,
was als Nächstes geschehen würde, legte sich in diesen langen Minuten
ganz allmählich über Harry wie sanft fallender Schnee.
»Ich muss zurück, oder?«
»Das ist deine Entscheidung.«
»Ich habe die Wahl?«
»O ja.« Dumbledore lächelte ihn an. »Wir sind in King's Cross, sagst
du? Ich denke, wenn du beschließen würdest, nicht zurückzugehen,
könntest du ... sagen wir ... in einen Zug einsteigen.«
»Und wo würde mich der hinbringen?«
»Weiter«, sagte Dumbledore nur.
Wieder Schweigen.
»Voldemort hat den Elderstab.«
»Richtig. Voldemort hat den Elderstab.«
»Aber Sie wollen, dass ich zurückgehe?«
»Ich denke«, sagte Dumbledore, »wenn du dich entscheidest
zurückzukehren, besteht die Chance, dass er ein für alle Mal erledigt wird.
Ich kann es nicht versprechen. Aber eins weiß ich, Harry, nämlich dass du
weniger von der Rückkehr hierher zu befürchten hast als er.«
Harry warf erneut einen Blick auf das geschundene Etwas, das im
Schatten unter dem fernen Stuhl zitterte und würgte.
»Bedaure nicht die Toten, Harry. Bedaure die Lebenden, und vor allem
diejenigen, die ohne Liebe leben. Indem du zurückkehrst, könntest du dafür
sorgen, dass weniger Seelen verstümmelt werden, weniger Familien
auseinandergerissen werden. Wenn dir das wie ein würdiges Ziel erscheint,
dann sagen wir einstweilen Lebewohl.«
Harry nickte und seufzte. Diesen Ort zu verlassen würde nicht
annähernd so schwierig sein, wie es gewesen war, in den Verbotenen Wald
zu gehen, doch es war warm und hell und friedlich hier, und er wusste, dass
er zum Schmerz zurückging und zur Angst vor noch mehr Verlusten. Er
stand auf, und Dumbledore tat es ihm nach, und sie sahen einander einen
langen Moment ins Gesicht.
»Verraten Sie mir noch ein Letztes«, sagte Harry. »Ist das hier wirklich?
Oder passiert es in meinem Kopf?«
Dumbledore strahlte ihn an, und seine Stimme klang laut und stark in
Harrys Ohren, obwohl der helle Nebel sich wieder herabsenkte und seine
Gestalt verschwimmen ließ.
»Natürlich passiert es in deinem Kopf, Harry, aber warum um alles in
der Welt sollte das bedeuten, dass es nicht wirklich ist?«
Der Fehler im Plan
Wieder lag er mit dem Gesicht nach unten am Boden. Der Geruch des
Verbotenen Waldes fuhr ihm in die Nase. Er spürte die kalte, harte Erde
unter seiner Wange, und das Scharnier seiner Brille, die bei dem Sturz zur
Seite gestoßen worden war, schnitt ihm in die Schläfe. Jeder Zentimeter
seines Körpers schmerzte, und die Stelle, wo ihn der Todesfluch getroffen
hatte, fühlte sich an wie der Bluterguss vom Schlag einer gepanzerten
Faust. Er regte sich nicht, sondern blieb genau dort liegen, wo er
hingefallen war, mit aufgerissenem Mund, den linken Arm in einem
unbequemen Winkel nach außen gespreizt.
Er hatte erwartet, Triumphgeheul und Jubel über seinen Tod zu hören,
doch stattdessen erfüllte das Geräusch hastiger Schritte, Flüstern und
besorgtes Gemurmel die Luft.
»Herr ... Herr ...«
Es war Bellatrix' Stimme und sie sprach wie zu einem Geliebten. Harry
wagte es nicht, die Augen zu öffnen, erkundete jedoch mit den übrigen
Sinnen seine Lage. Er wusste, dass sein Zauberstab immer noch unter
seinem Umhang steckte, denn er konnte ihn spüren, eingeklemmt zwischen
seiner Brust und der Erde. Eine Art kleines Polster in seiner Magengegend
verriet ihm, dass auch der Tarnumhang da war, zusammengepresst und
nicht zu sehen.
»Herr ...«
»Das genügt«, sagte Voldemorts Stimme.
Wieder Schritte: Einige Leute wichen von derselben Stelle zurück. Da
Harry unbedingt sehen wollte, was vor sich ging und warum, öffnete er die
Augen um einen Millimeter.
Voldemort schien gerade aufzustehen. Einzelne Todesser entfernten sich
hastig von ihm und kehrten zu der Menge rund um die Lichtung zurück.
Nur Bellatrix, die neben Voldemort kniete, blieb zurück.
Harry schloss die Augen wieder und dachte über das nach, was er
gesehen hatte. Die Todesser hatten sich um Voldemort gedrängt, der
offenbar zu Boden gestürzt war. Irgendetwas war passiert, als er Harry mit
dem Todesfluch getroffen hatte. War auch Voldemort
zusammengebrochen? Es schien so. Und sie waren beide kurz ohnmächtig
geworden und beide nun wieder bei Bewusstsein ...
»Herr, lasst mich -«
»Ich brauche keine Hilfe«, sagte Voldemort kalt, und obwohl Harry es
nicht sehen konnte, stellte er sich vor, wie Bellatrix ihre hilfsbereit
ausgestreckte Hand zurückzog. »Der Junge ... ist er tot?«
Auf der Lichtung herrschte vollkommene Stille. Niemand näherte sich
Harry, doch er spürte ihren geballten Blick auf sich vereint, der ihn
scheinbar härter zu Boden presste, und er hatte Angst, einer seiner Finger
oder ein Augenlid könnte zucken.
»Du«, sagte Voldemort, und ein Knall und ein kurzer spitzer
Schmerzensschrei waren zu hören. »Untersuch ihn. Sag mir, ob er tot ist.«
Harry wusste nicht, wer geschickt worden war, um es zu überprüfen. Er
konnte nichts weiter tun als daliegen, mit verräterisch klopfendem Herzen,
und darauf warten, dass man ihn in Augenschein nahm, doch gleichzeitig
bemerkte er, obwohl es ein schwacher Trost war, dass Voldemort sich
scheute, ihm nahe zu kommen, dass Voldemort den Verdacht hegte, etwas
sei nicht nach Plan gelaufen ...
Hände, weichere Hände, als er erwartet hatte, berührten Harrys Gesicht,
hoben ein Augenlid an, krochen unter sein Hemd, hinab zu seiner Brust und
tasteten nach seinem Herzen. Er konnte das schnelle Atmen der Frau hören,
ihre langen Haare kitzelten ihn im Gesicht. Er wusste, dass sie das stete
Pochen des Lebens gegen seine Rippen spüren konnte.
»Lebt Draco noch? Ist er im Schloss?«
Das Flüstern war kaum zu vernehmen; ihre Lippen waren nur
Zentimeter von seinem Ohr entfernt, sie hatte den Kopf so tief
herabgebeugt, dass ihr langes Haar sein Gesicht vor den Zuschauern
verbarg.
»Ja«, hauchte er zurück.
Er spürte, wie sich die Hand auf seiner Brust verkrampfte; ihre
Fingernägel bohrten sich in ihn hinein. Dann wurde die Hand
zurückgezogen. Sie hatte sich aufgerichtet.
»Er ist tot!«, rief Narzissa Malfoy den Umstehenden zu.
Und nun schrien sie, nun stimmten sie Triumphgeheul an und stampften
mit den Füßen, und durch seine Augenlider sah Harry, wie zur Feier rote
und silberne Lichtgarben in die Luft geschossen wurden.
Während er weiter wie tot am Boden liegen blieb, begriff er. Narzissa
wusste, dass es ihr nur als Angehörige der siegreichen Armee erlaubt sein
würde, Hogwarts zu betreten und nach ihrem Sohn zu suchen. Ihr war es
inzwischen gleichgültig, ob Voldemort gewann.
»Seht ihr?«, kreischte Voldemort durch den Lärm. »Harry Potter ist von
meiner Hand gestorben, und nun ist keiner mehr unter den Lebenden, der
eine Gefahr für mich sein könnte! Seht her! Crucio!«
Harry hatte es erwartet, er hatte gewusst, dass seine Leiche nicht
unbesudelt am Boden des Waldes liegen bleiben durfte, sie musste
geschändet werden, damit Voldemorts Sieg bewiesen wäre. Er wurde in die
Luft gehoben, und es kostete ihn all seine Willenskraft, schlaff zu bleiben,
doch der Schmerz, mit dem er gerechnet hatte, blieb aus. Ein, zwei, drei
Mal wurde er in die Luft geschleudert: Seine Brille flog weg, und er spürte
den Zauberstab unter seinem Umhang leicht verrutschen, doch er blieb
weiterhin lasch und teilnahmslos, und als er ein letztes Mal zu Boden fiel,
hallten höhnische Schreie und schrilles Gelächter über die Lichtung.
»Nun denn«, sagte Voldemort, »gehen wir zum Schloss und zeigen
ihnen, was aus ihrem Helden geworden ist. Wer schleppt die Leiche? Nein
– wartet -«
Erneut brach Gelächter aus und wenig später spürte Harry den Boden
unter sich erzittern.
»Du trägst ihn«, sagte Voldemort. »In deinen Armen wird er sich
hübsch machen und gut sichtbar sein, nicht wahr? Nimm deinen kleinen
Freund hoch, Hagrid. Und die Brille -setzt ihm die Brille auf- man muss
sehen können, wer es ist.«
Jemand rammte Harry absichtlich grob die Brille ins Gesicht, doch die
gewaltigen Hände, die ihn in die Luft hoben, waren außerordentlich sanft.
Harry konnte spüren, wie Hagrids Arme von schweren Schluchzern
geschüttelt wurden, und dicke Tränen spritzten auf ihn herab, als Hagrid
ihn in seinen Armen wiegte, und Harry wagte es nicht, sich zu rühren oder
etwas zu sagen und damit Hagrid zu verstehen zu geben, dass noch nicht
alles verloren war.
»Los!«, sagte Voldemort, und Hagrid stolperte vorwärts, bahnte sich
einen Weg durch die dicht wachsenden Bäume, zurück durch den
Verbotenen Wald. Zweige verfingen sich in Harrys Haaren und in seinem
Umhang, doch er lag ruhig da, ließ den Mund offen stehen, hielt die Augen
geschlossen, und in der Dunkelheit, während die Todesser rundum
frohlockten und Hagrid verständnislos schluchzte, gab es keinen, der
hingesehen und sich vergewissert hätte, ob am bloßen Hals von Harry
Potter nicht eine Ader pulsierte ...
Die beiden Riesen trampelten hinter den Todessern her; Harry konnte
Bäume auf ihrem Weg knarren und umfallen hören; sie machten ein
derartiges Getöse, dass Vögel kreischend in den Himmel stiegen und selbst
das höhnische Geschrei der Todesser unterging.
Der Triumphzug marschierte auf das offene Gelände zu, und als sich
nach einiger Zeit die Dunkelheit unter Harrys geschlossenen Lidern
aufhellte, wusste er, dass sich der Wald allmählich lichtete.
»BANE!«
Hagrids plötzliches Gebrüll hätte Harry fast dazu gebracht, die Augen
zu öffnen. »Zufried'n jetz', oder, dass ihr nich gekämpft habt, ihr feiges
Pack Schindmähr'n? Seid ihr zufried'n, dass Harry Potter – t-tot is' ...?«
Hagrid versagte die Stimme und er brach erneut in Tränen aus. Harry
fragte sich, wie viele Zentauren ihren Zug vorbeikommen sahen; er wagte
es nicht, die Augen aufzuschlagen, um nachzusehen. Einige Todesser riefen
den Zentauren im Vorbeigehen Beleidigungen zu. Ein wenig später spürte
Harry an der nun kühleren Luft, dass sie den Rand des Waldes erreicht
hatten.
»Halt.«
Harry glaubte, dass Hagrid gezwungen worden war, Voldemorts Befehl
zu gehorchen, denn er geriet leicht ins Taumeln. Und nun legte sich dort,
wo sie standen, eine Kälte über sie, und Harry hörte den rasselnden Atem
der Dementoren, die am Waldrand patrouillierten. Sie würden ihm jetzt
nichts anhaben können. Die Tatsache, dass er überlebt hatte, brannte in
ihm, als Talisman gegen sie, als ob der Hirsch seines Vaters in seinem
Herzen Wache hielte.
Jemand kam dicht an Harry vorbei, und er wusste, dass es Voldemort
selbst war, da er einen Moment später sprach, mit magisch verstärkter
Stimme, die über die Schlossgründe stieg und gegen Harrys Trommelfelle
schlug.
»Harry Potter ist tot. Er wurde getötet, als er wegrannte, als er
versuchte, sich selbst zu retten, während ihr euer Leben für ihn gegeben
habt. Wir bringen euch seine Leiche zum Beweis dafür, dass euer Held
gestorben ist.
Die Schlacht ist gewonnen. Ihr habt die Hälfte eurer Kämpfer verloren.
Meine Todesser sind in der Überzahl gegen euch, und der Junge, der
überlebt hat, ist erledigt. Der Krieg darf nicht länger währen. Jeder, der
weiterhin Widerstand leistet, ob Mann, Frau oder Kind, wird
niedergemetzelt werden, wie jedes Mitglied seiner Familie. Kommt aus
dem Schloss, unverzüglich, und kniet vor mir nieder, und ihr werdet
verschont werden. Eure Eltern und Kinder, eure Brüder und Schwestern
werden leben, und es wird ihnen verziehen, und ihr werdet euch mir
anschließen in der neuen Welt, die wir gemeinsam errichten werden.«
Stille legte sich über das Gelände und auch vom Schloss her war nichts
zu hören. Voldemort war Harry so nahe, dass er es nicht wagte, wieder die
Augen zu öffnen.
»Komm«, sagte Voldemort, und Harry hörte ihn weitergehen, und
Hagrid war gezwungen, ihm zu folgen. Jetzt öffnete Harry seine Augen
einen winzigen Spaltbreit und sah Voldemort vor ihnen einherschreiten, die
große Schlange Nagini, nun von ihrem verzauberten Käfig befreit, um seine
Schultern. Aber Harry hatte keine Möglichkeit, den Zauberstab
herauszuziehen, der unter seinem Umhang verborgen war, ohne dass es von
den Todessern bemerkt worden wäre, die zu ihren beiden Seiten durch die
allmählich heller werdende Dunkelheit marschierten ...
»Harry«, schluchzte Hagrid. »Oh, Harry ... Harry ...«
Harry drückte die Augen wieder fest zu. Er wusste, dass sie sich dem
Schloss näherten, und spitzte die Ohren, um durch die höhnischen Stimmen
und die trampelnden Schritte der Todesser irgendein Lebenszeichen von
den Leuten drinnen wahrzunehmen.
»Halt.«
Die Todesser blieben stehen: Harry hörte, wie sie ausschwärmten und
sich in einer Reihe vor dem offenen Portal der Schule aufstellten. Selbst
durch seine geschlossenen Lider konnte er den rötlichen Schimmer sehen,
der ihm sagte, dass Licht von der Eingangshalle her zu ihm herüberflutete.
Er wartete. Es konnte jetzt nur noch Momente dauern, dann würden die
Menschen, für die er versucht hatte zu sterben, ihn erblicken, scheinbar tot
in Hagrids Armen liegend.
»NEIN!«
Der Schrei war umso schrecklicher, da er nie erwartet oder geahnt hätte,
dass Professor McGonagall einen solchen Laut von sich geben könnte. Er
hörte eine andere Frau ganz in der Nähe lachen, und er wusste, dass es
Bellatrix war, die McGonagalls Verzweiflung genoss. Er spähte wieder, nur
eine Sekunde lang, und sah, dass sich das offene Portal nun mit Menschen
füllte, die Überlebenden der Schlacht kamen heraus auf die Vordertreppe,
um den Siegern entgegenzutreten und sich selbst von Harrys Tod zu
überzeugen. Er sah, wie Voldemort, der nicht weit entfernt vor ihm stand,
Nagini mit einem einzigen weißen Finger streichelte. Erneut schloss er die
Augen.
»Nein!«
»Nein!«
»Harry! HARRY!«
Rons, Hermines und Ginnys Stimmen waren schlimmer als die von
McGonagall; Harry wollte nichts sehnlicher als zurückrufen, doch er zwang
sich, stumm liegen zu bleiben, und ihre Schreie waren der Auslöser dafür,
dass die Menge der Überlebenden den Todessern kreischend und brüllend
Beleidigungen entgegenschleuderte, bis -
»RUHE!«, rief Voldemort, es gab einen Knall und einen hellen
Lichtblitz, und alle wurden zum Schweigen gezwungen. »Es ist vorbei! Leg
ihn hin, Hagrid, zu meinen Füßen, wo er hingehört!«
Harry spürte, wie er ins Gras hinuntergelassen wurde.
»Seht ihr?«, sagte Voldemort, und Harry spürte ihn direkt neben der
Stelle, wo er lag, hin und her gehen. »Harry Potter ist tot! Versteht ihr jetzt,
ihr Betrogenen? Er war niemals etwas anderes als ein Junge, der sich
darauf verließ, dass sich andere für ihn aufopferten!«
»Er hat dich besiegt!«, brüllte Ron, und der Zauber löste sich, und die
Verteidiger von Hogwarts schrien und riefen erneut, bis ein zweiter, noch
mächtigerer Knall ihre Stimmen von neuem erstickte.
»Er wurde getötet, als er sich vom Schlossgelände davonstehlen
wollte«, sagte Voldemort und seine Stimme klang genüsslich bei dieser
Lüge, »wurde getötet, als er sich selbst retten wollte.«
Aber Voldemort hielt inne: Harry hörte ein Handgemenge und einen
Schrei, dann einen weiteren Knall, einen Lichtblitz und ein schmerzliches
Stöhnen; er öffnete die Augen einen unendlich kleinen Spaltbreit. Jemand
hatte sich aus der Menge gelöst und war auf Voldemort zugestürmt: Harry
sah die Gestalt zu Boden stürzen, entwaffnet, und Voldemort warf den
Zauberstab des Herausforderers lachend beiseite.
»Wen haben wir denn da?«, sagte er mit seinem leisen schlangenartigen
Zischen. »Wer hat sich hier freiwillig gemeldet, um vorzuführen, was mit
denen passiert, die weiterkämpfen, während die Schlacht schon verloren
ist?«
Bellatrix lachte entzückt.
»Es ist Neville Longbottom, Herr! Der Junge, der den Carrows so viel
Ärger gemacht hat! Der Sohn der Auroren, Ihr erinnert Euch?«
»Ah, ja, ich erinnere mich«, sagte Voldemort und blickte hinab zu
Neville, der sich nun wieder aufrappelte, unbewaffnet und schutzlos im
Niemandsland zwischen den Überlebenden und den Todessern. »Aber du
bist ein Reinblüter, nicht wahr, mein tapferer Junge?«, fragte Voldemort
Neville, der ihm gegenüberstand, die leeren Hände zu Fäusten geballt.
»Und was, wenn ich einer bin?«, erwiderte Neville laut.
»Du beweist Kampfgeist und Mut, und du bist von edler Abstammung.
Du wirst einen äußerst wertvollen Todesser abgeben. Wir brauchen Leute
von deinem Schlag, Neville Longbottom.«
»Bei euch mach ich erst mit, wenn die Hölle gefriert«, sagte Neville.
»Dumbledores Armee!«, schrie er, und die Menge, die von Voldemorts
Schweigezaubern offenbar nicht zu bändigen war, antwortete mit lautem
Jubel.
»Na schön«, sagte Voldemort und Harry hörte in der sanften Stimme
größere Gefahr lauern als im mächtigsten Fluch. »Wenn das deine
Entscheidung ist, Longbottom, dann kehren wir zum ursprünglichen Plan
zurück. Auf deinem Kopf«, sagte er leise, »soll es sein.«
Immer noch durch seine Wimpern spähend, sah Harry, wie Voldemort
seinen Zauberstab schwang. Sekunden später flog aus einem der
zersplitterten Fenster des Schlosses etwas wie ein unförmiger Vogel durch
das Dämmerlicht und landete in Voldemorts Hand. Er hielt das modrige
Etwas an seiner Spitze fest und schüttelte es, und da baumelte er, leer und
zerschlissen: der Sprechende Hut.
»Es wird an der Schule von Hogwarts keine Auswahl mehr geben«,
sagte Voldemort. »Es wird keine Häuser mehr geben. Das Wappen, der
Schild und die Farben meines edlen Vorfahren Salazar Slytherin werden für
jedermann genügen, nicht wahr, Neville Longbottom?«
Er richtete seinen Zauberstab auf Neville, der stocksteif und
unbeweglich wurde, dann rammte er ihm den Hut auf den Kopf, dass er
über seine Augen rutschte. In der Zuschauermenge vor dem Schloss gab es
einige Bewegung, und die Todesser hoben ihre Zauberstäbe wie ein Mann
und hielten die Kämpfer von Hogwarts in Schach.
»Neville hier wird nun vorführen, was mit jedem geschieht, der so
töricht ist, mir weiterhin Widerstand zu leisten«, sagte Voldemort und mit
einem Schlenker seines Zauberstabs ließ er den Sprechenden Hut in
Flammen aufgehen.
Schreie gellten durch das Morgengrauen, und als Neville lichterloh
brannte, wie zu Stein erstarrt, unfähig, sich zu rühren, konnte Harry es nicht
mehr länger ertragen: Er musste handeln -
Und dann passierten viele Dinge gleichzeitig.
Sie hörten einen Tumult von der fernen Grenze des Schulgeländes her,
und es klang, als schwärmten Hunderte von Menschen über die Mauern,
die außer Sicht waren, und stürmten unter lautem Kriegsgeschrei auf das
Schloss zu. Zur selben Zeit kam Grawp um die Ecke des Schlosses
herumgetrampelt und rief: »HAGGER!« Voldemorts Riesen beantworteten
seinen Schrei mit Gebrüll: Sie rannten wie Elefantenbullen auf Grawp zu,
dass die Erde erbebte. Dann kam Hufgeklapper, Bogen schwirrten, und
plötzlich schossen Pfeile in die Reihe der Todesser, die mit überraschten
Schreien auseinanderstoben. Harry zog den Tarnumhang aus seinem
Umhang, warf ihn sich über und sprang auf die Beine, als auch Neville sich
bewegte.
Mit einer raschen, flüssigen Bewegung warf Neville den
Körperklammer-Fluch ab; der lodernde Hut fiel ihm vom Kopf, und aus
seinen Tiefen zog er einen silbernen Gegenstand hervor, mit einem
glitzernden, rubinbesetzten Griff -
Der Hieb der silbernen Klinge war im Gebrüll der herannahenden
Menge, im Lärm der sich aufeinanderwerfenden Riesen und
heranstürmenden Zentauren nicht zu hören, und doch schien er alle Blicke
auf sich zu ziehen. Mit einem einzigen Schlag schnitt Neville der großen
Schlange den Kopf ab, der hoch in die Luft wirbelte und in dem Licht
schimmerte, das aus der Eingangshalle flutete, und Voldemorts Mund stand
offen, und ein Wutschrei entfuhr ihm, den niemand hören konnte, und der
Körper der Schlange fiel dumpf auf die Erde zu seinen Füßen -
Unter dem Tarnumhang versteckt, warf Harry einen Schildzauber
zwischen Neville und Voldemort, bevor dieser seinen Zauberstab heben
konnte. Und dann drang durch die Schreie und das Gebrüll und das
donnernde Gestampfe der kämpfenden Riesen Hagrids Schrei, der lauteste
von allen.
»HARRY!«, brüllte Hagrid. »HARRY! – WO IST HARRY?«
Es herrschte Chaos. Die angreifenden Zentauren trieben die Todesser
auseinander, alle flohen vor den stampfenden Füßen der Riesen, und die
herandonnernde Verstärkung, von der keiner wusste, woher sie gekommen
war, rückte immer näher; Harry sah, wie große geflügelte Wesen
Voldemorts Riesen um die Köpfe flogen, wie Thestrale und der Hippogreif
Seidenschnabel ihnen die Augen auskratzten, während Grawp mit den
Fäusten auf sie einschlug und eintrommelte; und nun wurden die Zauberer,
die Verteidiger von Hogwarts und Voldemorts Todesser gleichermaßen,
zurück in das Schloss gezwungen. Harry schoss Zauber und Flüche gegen
jeden Todesser ab, den er zu Gesicht bekam, und sie brachen zusammen,
ohne zu wissen, was oder wer sie getroffen hatte, und die sich
zurückziehende Menge trampelte über ihre Körper hinweg.
Noch immer unter dem Tarnumhang versteckt, wurde Harry in die
Eingangshalle gedrängt: Er suchte nach Voldemort und sah ihn auf der
anderen Seite des Raumes mit seinem Zauberstab Flüche abfeuern und in
die Große Halle zurückweichen, und er schrie nach wie vor seinen
Anhängern Befehle zu, während er Zauber nach rechts und links schickte;
Harry brachte noch mehr Schildzauber hervor, und Seamus Finnigan und
Hannah Abbott, die sonst Voldemort zum Opfer gefallen wären, jagten an
ihm vorbei in die Große Halle, wo sie sich in den Kampf stürzten, der dort
bereits in vollem Gange war.
Und nun stürmten mehr, noch mehr Leute die Vordertreppe hoch, und
Harry sah, wie Charlie Weasley Horace Slughorn überholte, der immer
noch seinen smaragdgrünen Pyjama anhatte. Offenbar waren sie an der
Spitze einer Gruppe von Familien und Freunden all jener Hogwarts-Schüler
zurückgekehrt, die geblieben waren, um zu kämpfen, zusammen mit den
Ladeninhabern und Hausbesitzern von Hogsmeade. Die Zentauren Bane,
Ronan und Magorian platzten gerade mit lautem Hufgeklapper in die Halle,
als hinter Harry die Tür zu den Küchen aus den Angeln gesprengt wurde.
Die Hauselfen von Hogwarts schwärmten in die Eingangshalle,
schreiend und Tranchiermesser und Hackbeile schwingend, angeführt von
Kreacher, an dessen Brust das Medaillon von Regulus Black baumelte und
dessen Ochsenfroschstimme selbst in all dem Getöse noch vernehmbar
war: »Kämpft! Kämpft! Kämpft für meinen Herrn, den Beschützer der
Hauselfen! Kämpft gegen den Dunklen Lord, im Namen des tapferen
Regulus! Kämpft!«
Sie hackten und stachen auf die Knöchel und Schienbeine der Todesser
ein, die kleinen Gesichter voller Heimtücke, und wo Harry auch hinblickte,
brachen Todesser unter der schieren Überzahl ein, die von Zaubern besiegt
waren, die Pfeile aus Wunden zogen, denen Elfen ins Bein gestochen
hatten oder die einfach versuchten zu entkommen, doch in der
heranstürmenden Horde untergingen.
Aber noch war es nicht vorüber: Harry eilte zwischen Duellanten
hindurch, an sich sträubenden Gefangenen vorbei in die Große Halle.
Voldemort stand im Zentrum der Schlacht, er schlug und quälte alle, die
in seiner Reichweite waren. Harry kam nicht frei zum Schuss, kämpfte sich
aber näher heran, immer noch unsichtbar, und die Große Halle füllte sich
mehr und mehr, da alles, was Beine hatte, sich hineinzwängte.
Harry sah, wie Yaxley von George und Lee Jordan niedergeschlagen
wurde, wie Dolohow schreiend von Flitwick gefällt wurde, wie Waiden
Macnair von Hagrid quer durch den Raum geschleudert wurde, gegen die
steinerne Wand auf der anderen Seite krachte und bewusstlos zu Boden
rutschte. Er sah, wie Ron und Neville Fenrir Greyback zu Fall brachten,
wie Aberforth Rookwood schockte, Arthur und Percy Thicknesse
niedermachten und Lucius und Narzissa Malfoy durch die Menge rannten
und nicht einmal versuchten zu kämpfen, sondern nach ihrem Sohn schrien.
Voldemort kämpfte nun gegen McGonagall, Slughorn und Kingsley
gleichzeitig, und kalter Hass stand ihm ins Gesicht geschrieben, während
sie sich um ihn herumschlängelten und duckten, außerstande, ihm den
letzten Schlag zu versetzen -
Auch Bellatrix kämpfte noch, etwa fünfzig Meter von Voldemort
entfernt, und wie ihr Herr schlug sie sich mit dreien auf einmal: mit
Hermine, Ginny und Luna, die alle ihr Bestes gaben, doch Bellatrix war
ihnen ebenbürtig, und Harrys Aufmerksamkeit wurde abgelenkt, als ein
Todesfluch so nahe an Ginny vorbeischoss, dass sie dem Tod nur um
Zentimeter entging-
Er rannte in die andere Richtung, stürzte auf Bellatrix statt auf
Voldemort zu, doch nach wenigen Schritten wurde er zur Seite gestoßen.
»NICHT MEINE TOCHTER, DU SCHLAMPE!«
Mrs Weasley warf im Laufen ihren Umhang von sich, um die Arme frei
zu haben. Bellatrix drehte sich um sich selbst, brüllend vor Lachen, als sie
ihre neue Herausforderin erblickte.
»AUS DEM WEG!«, rief Mrs Weasley den drei Mädchen zu und mit
einem ausladenden Schwung ihres Zauberstabs eröffnete sie das Duell.
Harry beobachtete, erschrocken und begeistert zugleich, wie Molly
Weasleys Zauberstab peitschte und wirbelte und wie Bellatrix Lestranges
Lächeln verschwand und zu einem Zähnefletschen wurde. Lichtstrahlen
schossen aus beiden Zauberstäben, der Boden rund um die Füße der Hexen
wurde heiß und rissig; beide Frauen kämpften auf Leben und Tod.
»Nein!«, schrie Mrs "Weasley, als einige Schüler vorwärtsstürmten und
ihr zu Hilfe kommen wollten. »Zurück! Zurück! Sie gehört mir!«
Hunderte von Leuten standen nun an den Wänden ringsum und
beobachteten die beiden Kämpfe, den von Voldemort und seinen drei
Gegnern und den zwischen Bellatrix und Molly, und Harry verharrte
unsichtbar, hin- und hergerissen zwischen beiden, wollte angreifen, aber
auch beschützen und konnte nicht sicher sein, dass er dabei nicht die
Unschuldigen treffen würde.
»Was wird aus deinen Kindern, wenn ich dich getötet habe?«, spottete
Bellatrix, wahnsinnig wie ihr Herr und auf der Stelle hüpfend, während
Mollys Flüche um sie herumtanzten. »Wenn es Mami so ergangen ist wie
Freddy?«
»Du – wirst – nie – wieder – unsere – Kinder – anrühren!«, schrie Mrs
Weasley.
Bellatrix lachte, genauso übermütig, wie ihr Cousin Sirius gelacht hatte,
als er rücklings durch den Schleier gestürzt war, und plötzlich wusste
Harry, was im nächsten Moment passieren würde.
Mollys Fluch rauschte unter Bellatrix' ausgestrecktem Arm hindurch
und traf sie mitten auf die Brust, direkt über dem Herzen.
Bellatrix' hämisches Grinsen erstarrte, ihre Augen schienen
hervorzuquellen: Für den Bruchteil einer Sekunde wusste sie, was
geschehen war, dann kippte sie vornüber, und die Zuschauermenge brüllte,
und Voldemort schrie.
Harry kam es vor, als würde er sich in Zeitlupe umdrehen; er sah, wie es
McGonagall, Kingsley und Slughorn nach hinten schleuderte, wie sie, sich
windend und mit den Armen rudernd, durch die Luft flogen, als
Voldemorts Zorn über den Sturz seiner letzten und besten Getreuen mit der
Wucht einer Bombe explodierte. Voldemort hob seinen Zauberstab und
richtete ihn auf Molly Weasley.
»Protego!«, brüllte Harry, sein Schildzauber breitete sich in der Mitte
der Halle aus, und Voldemort starrte umher auf der Suche nach dem
Urheber, als Harry sich endlich den Tarnumhang herunterriss.
Der Schreckensschrei, der Jubel, die Rufe von allen Seiten – »Harry!«,
»ER LEBT!« –, sie erstarben auf der Stelle. Die Menge hatte Angst, und
schlagartig trat vollkommene Stille ein, als Voldemort und Harry sich
ansahen und im selben Moment begannen, im Kreis umeinander
herumzugehen.
»Ich will keine Hilfe von irgendjemandem«, sagte Harry laut und in der
absoluten Stille trug seine Stimme wie ein Trompetensignal. »Es muss so
sein. Ich muss es selber tun. «
Voldemort zischte.
»Potter meint es nicht so«, sagte er, seine roten Augen geweitet. »Das
ist doch nicht seine Art, oder? Wen wirst du heute als Schild benutzen,
Potter?«
»Niemanden«, sagte Harry bloß. »Es gibt keine Horkruxe mehr. Nur uns
beide. Keiner kann leben, während der Andere überlebt, und einer von uns
wird gleich endgültig verschwinden ...«
»Einer von uns?«, höhnte Voldemort, und sein ganzer Körper war
angespannt, und die roten Augen starrten, eine Schlange, die gleich
zuschlagen würde. »Du glaubst, du wirst es sein, nicht wahr, der Junge, der
durch Zufall überlebt hat und weil Dumbledore die Fäden in der Hand
hielt?«
»Zufall war es also, als meine Mutter starb, um mich zu retten?«, fragte
Harry. Sie bewegten sich beide immer noch seitwärts in einem
vollkommenen Kreis, wahrten stets denselben Abstand voneinander, und
für Harry existierte kein anderes Gesicht als das Voldemorts. »Zufall, als
ich beschloss, auf jenem Friedhof zu kämpfen? Zufall, dass ich mich heute
Nacht nicht verteidigt und dennoch überlebt habe und zurückkam, um
wieder zu kämpfen?«
»Zufälle!«, schrie Voldemort, aber nach wie vor schlug er nicht zu, und
die Menge ringsrum war erstarrt, wie versteinert, und von den Hunderten in
der Halle schien niemand zu atmen außer den beiden. »Zufall und Glück
und die Tatsache, dass du dich heulend hinter den Rücken bedeutenderer
Männer und Frauen geduckt und es zugelassen hast, dass ich sie statt deiner
töte!«
»Du wirst heute Nacht niemanden mehr töten«, sagte Harry, während
sie weiter im Kreis gingen und sich in die Augen starrten, Grün in Rot. »Du
wirst nicht in der Lage sein, je wieder irgendeinen von ihnen zu töten.
Begreifst du es nicht? Ich war bereit zu sterben, um dich daran zu hindern,
diesen Menschen etwas anzutun -«
»Aber du bist nicht gestorben! «
»- ich wollte es und das war entscheidend. Ich habe getan, was meine
Mutter getan hat. Sie sind vor dir geschützt. Hast du nicht bemerkt, dass
keiner der Zauber, die du auf sie gelegt hast, bindende Kraft hat? Du kannst
sie nicht foltern. Du kannst ihnen nichts anhaben. Du lernst nicht aus
deinen Fehlern, Riddle, oder?«
»Du wagst es -«
»Ja, ich wage es«, sagte Harry. »Ich weiß Dinge, die du nicht weißt,
Tom Riddle. Ich weiß viele wichtige Dinge, die du nicht weißt. Willst du
welche hören, ehe du einen weiteren großen Fehler machst?«
Voldemort sagte nichts, ging nur lauernd im Kreis, und Harry wusste,
dass er ihn vorläufig noch bannte und in Schach hielt, dass ihn auch nur der
Hauch einer Möglichkeit zügelte, dass Harry tatsächlich ein letztes
Geheimnis kennen könnte ...
»Ist es wieder die Liebe?«, sagte Voldemort mit einem höhnischen
Grinsen auf seinem Schlangengesicht, »Dumbledores Lieblingsrezept,
Liebe, die, wie er behauptete, den Tod besiegen würde, auch wenn Liebe es
nicht verhindert hat, dass er vom Turm fiel und wie eine alte Wachsfigur
zerbrach? Liebe, die mich nicht davon abhielt, deine Schlammblutmutter
wie eine Kakerlake zu zertreten, Potter – und diesmal scheint dich keiner
genug zu lieben, um herbeizurennen und meinen Fluch auf sich zu nehmen.
Was wird also diesmal verhindern, dass du stirbst, wenn ich zuschlage?«
»Nur eines«, sagte Harry, und sie gingen immer noch im Kreis,
aneinander gebunden, auf Abstand gehalten nur durch das letzte
Geheimnis.
»Wenn es nicht Liebe ist, die dich diesmal retten wird«, sagte
Voldemort, »dann glaubst du wohl, dass du magische Kräfte besitzt, die ich
nicht besitze, oder aber eine Waffe, die mächtiger ist als meine?«
»Ich glaube, beides«, sagte Harry, und er sah einen erschrockenen
Ausdruck über das schlangenartige Gesicht huschen, der sich jedoch im
nächsten Augenblick verflüchtigte; Voldemort begann zu lachen, und es
hörte sich furchterregender an als seine Schreie; humorlos und wahnsinnig,
erfüllte sein Lachen die stille Halle mit seinem Echo.
»Du denkst, du beherrschst mehr Magie als ich?«, sagte er. »Als ich, als
Lord Voldemort, der Zauber vollbracht hat, die sich selbst Dumbledore
nicht im Traum vorstellen konnte?«
»Oh, er konnte es«, sagte Harry, »aber er wusste mehr als du, er wusste
genug, um das nicht zu tun, was du getan hast.«
»Du meinst, er war schwach!«, schrie Voldemort. »Zu schwach, um
etwas zu wagen, zu schwach, um sich zu nehmen, was ihm vielleicht hätte
gehören können, was nun mein sein wird!«
»Nein, er war klüger als du«, sagte Harry, »ein besserer Zauberer, ein
besserer Mann.«
»Ich habe den Tod von Albus Dumbledore herbeigeführt!«
»Das dachtest du«, sagte Harry, »aber du hast dich geirrt.«
Die Menge der Zuschauer rührte sich zum ersten Mal, als die Hunderte
an den Wänden gleichzeitig Atem holten.
»Dumbledore ist tot!« Voldemort schleuderte Harry die Worte
entgegen, als ob sie ihm unerträgliche Schmerzen bereiteten. »Seine Leiche
vermodert in dem Marmorgrab auf diesem Schlossgelände, ich habe sie
gesehen, Potter, und er wird nicht zurückkehren!«
»Ja, Dumbledore ist tot«, sagte Harry ruhig, »aber du hast ihn nicht
töten lassen. Er wählte selbst, wie er sterben wollte, tat dies, Monate bevor
er starb, bereitete alles gemeinsam mit dem Mann vor, den du für deinen
Diener gehalten hast.«
»Was für ein kindischer Wunschtraum ist das?«, sagte Voldemort, und
doch schlug er immer noch nicht zu, und seine roten Augen waren
unverwandt auf die von Harry gerichtet.
»Severus Snape war nicht dein Mann«, sagte Harry. »Snape war
Dumbledores Mann, er war von dem Moment an Dumbledores Mann, als
du anfingst, meine Mutter zu jagen. Und du hast es nie erkannt, wegen der
einen Sache, die du nicht verstehen kannst. Du hast nie gesehen, wie Snape
einen Patronus hervorbrachte, oder, Riddle?«
Voldemort antwortete nicht. Sie gingen weiter umeinander herum wie
Wölfe, die sich gleich in Stücke reißen würden.
»Snapes Patronus war eine Hirschkuh«, sagte Harry, »genau wie der
meiner Mutter, weil er sie fast sein ganzes Leben lang geliebt hat, schon
seit sie Kinder waren. Das hättest du erkennen müssen«, sagte er, und er
sah, wie Voldemorts Nüstern sich blähten, »er hat dich gebeten, ihr Leben
zu verschonen, richtig?«
»Er begehrte sie, nichts weiter«, höhnte Voldemort, »doch als sie tot
war, sah er ein, dass es auch andere Frauen gab, und von reinerem Blut, die
seiner würdiger waren -«
»Natürlich hat er das zu dir gesagt«, erwiderte Harry, »aber er war
Dumbledores Spion von dem Moment an, als du sie bedroht hast, und er
hat seither immer gegen dich gearbeitet! Dumbledore war schon beinahe
tot, als Snape ihm den letzten Stoß versetzte!«
»Das ist nicht von Bedeutung!«, kreischte Voldemort, der jedes Wort
mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt hatte, nun jedoch ein gackerndes
irres Gelächter ausstieß. »Es ist nicht von Bedeutung, ob Snape mein oder
Dumbledores Mann war oder welch kleine Steine sie mir in den Weg zu
legen versuchten! Ich habe sie zertreten, wie ich deine Mutter zertreten
habe, Snapes angebliche große Liebe! Oh, aber das passt alles zusammen,
Potter, und auf eine Weise, die du nicht verstehst!
Dumbledore versuchte mich daran zu hindern, in den Besitz des
Eiderstabs zu gelangen! Er wollte, dass Snape der wahre Herr dieses Stabes
wird! Aber ich war vor dir dort, kleiner Junge – ich war bei dem
Zauberstab, bevor du ihn in die Hände bekommen konntest, ich hatte die
Wahrheit begriffen, ehe du so weit warst. Ich habe Severus Snape vor drei
Stunden getötet, und der Elderstab, der Todesstab, der Zauberstab des
Schicksals, ist wahrhaft mein! Dumbledores letzter Plan ist misslungen,
Harry Potter! «
»Jaah, allerdings«, sagte Harry. »Du hast Recht. Aber bevor du
versuchst mich zu töten, würde ich dir raten, darüber nachzudenken, was du
getan hast ... denk nach, und versuch ein wenig zu bereuen, Riddle ...«
»Was soll das heißen?«
Nichts, was Harry zu ihm gesagt hatte, keine Enthüllung und kein Spott,
hatte Voldemort so heftig schockiert wie dies. Harry sah, wie sich seine
Pupillen zu schmalen Schlitzen verengten, sah die Haut um seine Augen
weiß werden.
»Das ist deine letzte Chance«, sagte Harry, »das ist alles, was dir noch
bleibt ... ich habe gesehen, was du andernfalls sein wirst ... sei ein Mann ...
versuch es ... versuch ein wenig zu bereuen ...«
»Du wagst es -?«, sagte Voldemort erneut.
»Ja, ich wage es«, erwiderte Harry, »weil Dumbledores letzter Plan
zwar nach hinten losging, aber nicht gegen mich. Sondern gegen dich,
Riddle.«
Der Elderstab zitterte in Voldemorts Hand und Harry umschloss Dracos
Zauberstab ganz fest. Der Moment, das wusste er, war nur noch Sekunden
entfernt.
»Dieser Zauberstab arbeitet immer noch nicht richtig für dich, weil du
den Falschen ermordet hast. Severus Snape war nie der wahre Herr über
den Elderstab. Er hat Dumbledore nie besiegt.«
»Er tötete -«
»Hörst du nicht zu? Snape hat Dumbledore nie geschlagen! Sie haben
Dumbledores Tod untereinander vereinbart! Dumbledore hatte die Absicht,
unbesiegt zu sterben, als der letzte wahre Herr über den Zauberstab! Wenn
alles so gelaufen wäre wie geplant, wäre die Macht des Zauberstabs mit
ihm untergegangen, weil er ihm nie abgerungen wurde!«
»Aber dann, Potter, hat Dumbledore mir den Zauberstab so gut wie
geschenkt!« Voldemorts Stimme bebte vor boshaftem Vergnügen. »Ich
habe den Zauberstab aus dem Grab seines letzten Herrn gestohlen! Ich habe
ihn gegen den Wunsch seines letzten Herrn an mich genommen! Seine
Macht gehört mir!«
»Du begreifst es immer noch nicht, Riddle, oder? Den Zauberstab zu
besitzen genügt nicht! Ihn zu halten, ihn zu gebrauchen macht ihn nicht
wirklich zu deinem eigenen. Hast du Ollivander nicht zugehört? Der
Zauberstab sucht sich den Zauberer ... der Elderstab erkannte einen neuen
Herrn, ehe Dumbledore starb, jemanden, der ihn nie auch nur berührt hatte.
Der neue Herr nahm Dumbledore den Zauberstab gegen seinen Willen ab,
und ihm war nie bewusst, was er da eigentlich getan hatte, und auch nicht,
dass der gefährlichste Zauberstab der Welt sich ihm unterworfen hatte ...«
Voldemorts Brust hob und senkte sich rasch, und Harry konnte den
Fluch kommen spüren, konnte spüren, wie er sich in dem Zauberstab, der
auf sein Gesicht gerichtet war, aufbaute.
»Der wahre Herr über den Elderstab war Draco Malfoy.«
Blankes Entsetzen trat für einen Moment in Voldemorts Gesicht, doch
dann war es wieder verschwunden.
»Aber was spielt das für eine Rolle?«, sagte er leise. »Selbst wenn du
Recht hast, Potter, ändert sich nichts für dich und mich. Du hast den
Phönixstab nicht mehr: In unserem Duell hier zählen also nur unsere
Fähigkeiten ... und wenn ich dich getötet habe, kann ich mich um Draco
Malfoy kümmern.«
»Aber da kommst du zu spät«, sagte Harry. »Du hast deine Chance
verpasst. Ich war zuerst da. Ich habe Draco schon vor Wochen überwältigt.
Ich habe ihm diesen Zauberstab abgenommen.«
Harry zuckte kurz mit dem Weißdorn-Zauberstab und er spürte aller
Augen in der Halle auf ihm ruhen.
»Also geht es nur noch um die eine Frage, oder?«, flüsterte Harry.
»Weiß der Zauberstab in deiner Hand, dass sein letzter Herr entwaffnet
wurde? Denn wenn er es weiß ... dann bin ich der wahre Herr über den
Elderstab. «
Eine rotgoldene Glut ergoss sich plötzlich über den verzauberten
Himmel über ihnen, als der Rand der gleißenden Sonne am Sims des
nächsten Fensters auftauchte. Das Licht traf ihre beiden Gesichter
gleichzeitig und das von Voldemort war mit einem Mal ein flammender
Fleck. Harry hörte die hohe Stimme kreischen, als auch er in größter
Hoffnung zum Himmel flehend schrie und mit Dracos Zauberstab zielte.
»Avada Kedavra!«
»Expelliarmus!«
Der Knall war wie ein Kanonenschlag, und die goldenen Flammen, die
zwischen ihnen in der leeren Mitte des Kreises aufloderten, den sie
beschritten hatten, kennzeichneten die Stelle, wo die Zauber
zusammenstießen. Harry sah Voldemorts grünen Strahl auf seinen eigenen
Zauber treffen, sah den Elderstab in die Höhe fliegen, dunkel gegen den
Sonnenaufgang, sah ihn quer über die verzauberte Decke trudeln wie den
Kopf von Nagini, durch die Luft zu seinem Herrn hin wirbeln, den er nicht
töten würde und der gekommen war, um ihn endlich ganz in Besitz zu
nehmen. Und Harry fing den Zauberstab mit der unfehlbaren Sicherheit des
Suchers in seiner freien Hand auf, während Voldemort mit ausgebreiteten
Armen nach hinten fiel und die schlitzartigen Pupillen seiner roten Augen
sich nach oben drehten. Tom Riddle schlug mit banaler Endgültigkeit auf
dem Boden auf, mit schwachem und zusammengeschrumpftem Körper und
leeren weißen Händen, das schlangenartige Gesicht ausdruckslos und
unwissend. Voldemort war tot, getötet von seinem eigenen
zurückprallenden Fluch, und Harry stand mit zwei Zauberstäben in der
Hand da und starrte hinunter auf die Hülle seines toten Feindes.
Eine zittrige Sekunde lang herrschte Stille, blieb der Schrecken dieses
Augenblicks in der Schwebe: Und dann brach der Tumult um Harry los, die
Schreie und der Jubel und das Gebrüll der Zuschauer gellten durch die
Luft. Die glühende neue Sonne ließ die Fenster erstrahlen, als sie auf ihn
zudonnerten, und die Ersten, die ihn erreichten, waren Ron und Hermine,
und es waren ihre Arme, die sich um ihn schlangen, ihre unverständlichen
Rufe, die ihn betäubten. Dann waren Ginny, Neville und Luna da, und dann
alle Weasleys und Hagrid, und Kingsley und McGonagall und Flitwick und
Sprout, und Harry verstand kein Wort von dem, was alle schrien, noch
wusste er, wessen Hände ihn packten, an ihm zogen, versuchten,
irgendeinen Teil von ihm an sich zu drücken, Hunderte von ihnen drängten
herbei, alle wollten unbedingt den Jungen, der überlebte, berühren, der
dafür gesorgt hatte, dass es endlich vorbei war -
Die Sonne ging stetig über Hogwarts auf, und die Große Halle glühte
vor Leben und Licht. Harry war unerlässlich bei den gemischten
Gefühlsausbrüchen rundum, bei Jubel und Trauer, Kummer und Triumph.
Sie wollten ihn hier bei sich haben, ihren Anführer und ihre Symbolfigur,
ihren Retter und ihren Lotsen, und dass er nicht geschlafen hatte, dass er
sich nach der Gesellschaft nur weniger von ihnen sehnte, schien
niemandem in den Sinn zu kommen. Er musste zu den Trauernden
sprechen, ihre Hände drücken, ihre Tränen bezeugen, ihren Dank
entgegennehmen, sich die Neuigkeiten anhören, die nun, da der Morgen
verging, aus allen Richtungen zu ihnen drangen, wonach diejenigen, die im
ganzen Land unter dem Imperius-Fluch gestanden hatten, wieder zu sich
gekommen waren, wonach Todesser flohen oder aber gefangen wurden,
wonach die Unschuldigen von Askaban gerade in diesem Moment
freigelassen wurden und Kingsley Shacklebolt zum einstweiligen
Zaubereiminister ernannt worden war ...
Sie brachten Voldemorts Leiche weg und legten sie in eine Kammer
neben der Halle, abseits der Leichen von Fred, Tonks, Lupin, Colin
Creevey und fünfzig anderen, die im Kampf gegen ihn gestorben waren.
McGonagall hatte die Haustische wieder aufgestellt, aber niemand saß
mehr dort, wo er seinem Haus nach hingehörte :
Alle waren bunt durcheinandergewürfelt, Lehrer und Schüler,
Gespenster und Eltern, Zentauren und Hauselfen, und Firenze lag in einer
Ecke, um sich zu erholen, und als Grawp durch ein zerschmettertes Fenster
hereinlugte, warfen sie ihm Essen in seinen lachenden Mund. Nach einer
Weile fand sich Harry unversehens, erschöpft und ausgelaugt, auf einer
Bank neben Luna wieder.
»Wenn ich du wäre, würde ich ein bisschen Ruhe und Frieden haben
wollen«, sagte sie.
»Nur zu gerne«, erwiderte er.
»Ich lenk sie alle ab«, sagte sie. »Nimm deinen Tarnumhang.«
Und ehe er ein Wort sagen konnte, hatte sie aus dem Fenster gedeutet
und gerufen: »Oooh, schaut mal, ein Schlibbriger Summlinger!« Alle, die
es hörten, drehten sich um, und Harry ließ den Tarnumhang über sich
gleiten und stand auf.
Nun konnte er ungestört durch die Halle gehen. Zwei Tische weiter
entdeckte er Ginny; sie saß da, mit dem Kopf an der Schulter ihrer Mutter:
Sie würden später noch Zeit haben zu reden, Stunden und Tage und
vielleicht Jahre Zeit. Er sah Neville, der das Schwert von Gryffindor neben
seinem Teller liegen hatte, während er aß, inmitten einer Traube von
glühenden Bewunderern. Er schritt den Gang zwischen den Tischen
entlang, und sein Blick fiel auf die drei Malfoys, die sich eng aneinander
drängten, als wären sie nicht sicher, ob sie hier erwünscht waren, aber
niemand achtete auf sie. Wo immer er hinschaute, sah er wiedervereinte
Familien, und endlich erblickte er die beiden, deren Gesellschaft er am
meisten ersehnte.
»Ich bin's«, murmelte er und kauerte sich zwischen sie. »Kommt ihr
mit?«
Sie standen sofort auf, und gemeinsam verließen er, Ron und Hermine
die Große Halle. An der Marmortreppe fehlten große Stücke, Teile des
Geländers waren weg, und als sie hinaufstiegen, stießen sie alle paar
Schritte auf Trümmer und Blutflecken.
Irgendwo in der Ferne konnten sie Peeves durch die Korridore sausen
und ein selbst verfasstes Siegeslied singen hören:
Wir ham sie vermöbelt, Klein Potter, der war's,
Und Voldy, der modert, und wir ham jetzt Spaß!
»Da wird einem erst richtig klar, was für eine große Tragödie das war,
oder?«, sagte Ron und drückte eine Tür auf, um Harry und Hermine
durchzulassen.
Das Glück würde kommen, dachte Harry, aber im Augenblick war es
von Erschöpfung überdeckt, und der Schmerz über den Verlust von Fred
und Lupin und Tonks versetzte ihm alle paar Schritte einen Stich wie eine
körperliche Wunde. Vor allem andern verspürte er ungeheure Erleichterung
und ein großes Bedürfnis nach Schlaf. Doch zunächst schuldete er Ron und
Hermine eine Erklärung, sie hatten so lange zu ihm gehalten und hatten die
Wahrheit verdient. In allen Einzelheiten berichtete er, was er im Denkarium
gesehen hatte und was im Verbotenen Wald geschehen war, und sie hatten
noch nicht einmal ansatzweise ihr ganzes Entsetzen und ihr Erstaunen zum
Ausdruck gebracht, als sie endlich an dem Ort ankamen, zu dem sie
gegangen waren, auch wenn keiner von ihnen ihr Ziel erwähnt hatte.
Seit er den Wasserspeier, der den Eingang zum Büro des Schulleiters
bewachte, das letzte Mal gesehen hatte, war er beiseitegestoßen worden; er
stand schief da und wirkte ein wenig angeschlagen, und Harry fragte sich,
ob er noch Passwörter erkennen konnte.
»Können wir nach oben gehen?«, fragte er den Wasserspeier.
»Nur zu«, stöhnte die Statue.
Sie kletterten über ihn hinweg auf die steinerne Wendeltreppe, die sich
langsam aufwärtsbewegte wie eine Rolltreppe. Oben angekommen, drückte
Harry die Tür auf.
Ihm blieb nur ein kurzer Blick auf das steinerne Denkarium, das auf
dem Schreibtisch stand, wo er es zurückgelassen hatte, dann ließ ihn ein
ohrenbetäubender Lärm laut aufschreien, und er dachte an Flüche und
zurückkehrende Todesser und die Wiedergeburt Voldemorts -
Aber es war Applaus. Ringsumher an der Wand bereiteten ihm die
Schulleiter und Schulleiterinnen von Hogwarts eine stehende Ovation; sie
schwangen ihre Hüte und manche ihre Perücken, sie streckten die Arme
durch ihre Rahmen und fassten sich an den Händen; sie tanzten auf den
Stühlen herum, in denen sie gemalt worden waren; Dilys Derwent
schluchzte hemmungslos, Dexter Fortescue schwang sein Hörrohr; und
Phineas Nigellus rief mit seiner hohen, schrillen Stimme: »Und
wohlgemerkt, das Haus Slytherin hat seine Rolle gespielt! Vergesst unseren
Beitrag nicht!«
Aber Harry hatte nur Augen für den Mann, der in dem größten Porträt
direkt hinter dem Stuhl des Schulleiters stand. Tränen liefen hinter der
Halbmondbrille in den langen silbernen Bart hinunter, und der Stolz und
die Dankbarkeit, die er ausströmte, war Balsam für Harry wie der Gesang
des Phönix.
Schließlich hob Harry die Hände, und die Porträts verstummten
respektvoll, strahlten und wischten sich die Augen und warteten begierig
darauf, dass er sprach. Er richtete seine Worte jedoch an Dumbledore und
wählte sie mit äußerster Sorgfalt. Obwohl er erschöpft war und vor
Müdigkeit kaum aus den Augen schauen konnte, musste er noch einen
letzten Kraftakt bewältigen, einen letzten Rat suchen.
»Das Ding, das in dem Schnatz verborgen war«, begann er, »das habe
ich im Wald fallen lassen. Ich weiß nicht genau, wo, aber ich werde nicht
mehr danach suchen. Sind Sie einverstanden?«
»Mein lieber Junge, ja«, sagte Dumbledore, während die anderen
Porträts verwirrt und neugierig dreinschauten. »Eine weise und mutige
Entscheidung, aber nicht weniger, als ich von dir erwartet hätte. Weiß sonst
jemand, wo er hingefallen ist? «
»Niemand«, sagte Harry und Dumbledore nickte zufrieden.
»Das Geschenk von Ignotus werde ich allerdings behalten«, sagte Harry
und Dumbledore strahlte.
»Aber natürlich, Harry, es gehört für immer dir, bis du es weitergibst!«
»Und dann ist da noch der hier.«
Harry hielt den Elderstab empor, und Ron und Hermine blickten ihn mit
einer Ehrfurcht an, die Harry, so benebelt und schlafbedürftig er auch war,
nicht gerne sah.
»Ich will ihn nicht haben«, sagte Harry.
»Was?«, sagte Ron laut. »Bist du verrückt?«
»Ich weiß, er ist mächtig«, erwiderte Harry müde. »Aber mit meinem
eigenen war ich glücklicher. Also ...«
Er stöberte in dem Beutel um seinen Hals und zog die beiden Hälften
des Stechpalmenstabs hervor, die nach wie vor bloß von einer äußerst
feinen Faser einer Phönixfeder zusammengehalten wurden. Hermine hatte
gesagt, er könne nicht repariert werden, der Schaden sei zu gravierend. Er
wusste nur, wenn dies nicht funktionieren würde, dann würde gar nichts
helfen.
Er legte den zerbrochenen Zauberstab auf den Schreibtisch des
Schulleiters, berührte ihn mit der äußersten Spitze des Eiderstabs und sagte:
»Reparo.«
Als der Zauberstab sich wieder zusammenfügte, stoben rote Funken aus
seinem Ende hervor. Harry wusste, dass es ihm gelungen war. Er nahm den
Zauberstab aus Stechpalme und Phönixfeder hoch und spürte eine
plötzliche Wärme in seinen Fingern, als ob Zauberstab und Hand sich
darüber freuten, dass sie wieder vereint waren.
»Den Elderstab«, sagte er zu Dumbledore, der ihn mit größter
Zuneigung und Bewunderung beobachtete, »bringe ich wieder dorthin, wo
er herkam. Dort kann er bleiben. Wenn ich eines natürlichen Todes sterbe,
wie Ignotus, wird seine Macht gebrochen sein, nicht wahr? Der letzte Herr
ist dann nie besiegt worden. Das wird sein Ende sein. «
Dumbledore nickte. Sie lächelten einander an.
»Bist du sicher?«, sagte Ron. Eine winzige Spur Sehnsucht lag in seiner
Stimme, während er den Elderstab betrachtete.
»Ich glaube, Harry hat Recht«, sagte Hermine leise.
»Dieser Zauberstab ist den ganzen Ärger nicht wert«, sagte Harry. »Und
ganz ehrlich«, er wandte sich von den gemalten Porträts ab und dachte jetzt
nur noch an das Himmelbett, das im Gryffindor-Turm auf ihn wartete,
wobei er sich fragte, ob Kreacher ihm vielleicht ein Sandwich dort
hinaufbringen würde, »ich hatte für mein Leben genug Ärger.«
Neunzehn Jahre später
Dieses Jahr schien es überraschend schnell Herbst zu werden. Der
Morgen des ersten September war frisch und golden wie ein Apfel, und
während die kleine Familie über die holprige Straße auf den großen
verrußten Bahnhof zuwackelte, glitzerten der Qualm von Autos und der
Atem der Fußgänger wie Spinnennetze in der kalten Luft. Zwei große
Käfige klapperten oben auf den schwer beladenen Gepäckwagen, die die
Eltern schoben: Die Eulen darin schrien empört, und das rothaarige
Mädchen, das sich an den Arm ihres Vaters geklammert hatte, lief heulend
hinter ihren Brüdern her.
»Nicht mehr lange, dann darfst du auch gehen«, sagte Harry zu ihr.
»Zwei Jahre«, schniefte Lily. »Ich will jetzt gehen!«
Die Pendler starrten neugierig auf die Eulen, als sich die Familie auf die
Absperrung zwischen den Bahnsteigen neun und zehn zuschlängelte.
Mitten in all dem Lärm wehte Albus' Stimme zu Harry zurück; seine Söhne
hatten den Streit fortgesetzt, den sie im Auto begonnen hatten.
»Ich will nicht! Ich will nicht nach Slytherin!«
»James, nun lass mal gut sein!«, sagte Ginny.
»Ich hab nur gesagt, dass es bei ihm sein könnte«, erwiderte James und
grinste seinen jüngeren Bruder an. »Das stimmt doch auch. Er könnte nach
Slytherin kommen -«
Aber James begegnete dem Blick seiner Mutter und verstummte. Die
fünf Potters steuerten auf die Absperrung zu. Mit einem etwas hochnäsigen
Blick über die Schulter auf seinen jüngeren Bruder übernahm James den
Wagen von seiner Mutter und rannte los. Einen Moment später war er
verschwunden.
»Ihr schreibt mir doch?«, fragte Albus sofort seine Eltern, indem er es
ausnutzte, dass sein Bruder für kurze Zeit nicht dabei war.
»Jeden Tag, wenn du möchtest«, sagte Ginny.
»Nicht jeden Tag«, sagte Albus rasch. »James meint, dass die meisten
nur etwa einmal im Monat Briefe von zu Haus kriegen.«
»Wir haben James letztes Jahr dreimal die Woche geschrieben«, sagte
Ginny.
»Und glaub am besten nicht alles, was er dir über Hogwarts erzählt«,
warf Harry ein. »Der macht gerne mal Späße, dein Bruder.«
Seite an Seite schoben sie den zweiten Gepäckwagen und
beschleunigten allmählich ihre Schritte. Als sie die Barriere erreichten,
zuckte Albus, doch der Zusammenprall blieb aus. Stattdessen tauchte die
Familie auf Bahnsteig neundreiviertel wieder auf, der durch den dichten
weißen Dampf verschleiert war, der aus dem scharlachroten Hogwarts-
Express quoll. Undeutliche Gestalten schwärmten durch den Nebel, in dem
James bereits verschwunden war.
»Wo sind sie?«, fragte Albus beklommen und starrte auf die
verschwommenen Wesen, an denen sie auf ihrem Weg über den Bahnsteig
vorbeikamen.
»Wir finden sie schon«, beteuerte Ginny.
Aber in dem dichten Dampf war es schwierig, irgendein Gesicht
auszumachen. Die Stimmen, die niemandem zu gehören schienen, klangen
unnatürlich laut. Harry glaubte Percy zu hören, der volltönend einen
Vortrag über Flugbesenvorschriften hielt, und war ziemlich froh über die
Ausrede, nicht anhalten und hallo sagen zu müssen ...
»Ich glaube, da sind sie, Al«, sagte Ginny plötzlich.
Eine Gruppe von vier Leuten am allerletzten Waggon tauchte aus dem
Nebel auf. Ihre Gesichter waren erst zu erkennen, als Harry, Ginny, Lily
und Albus direkt vor ihnen standen.
»Hi«, sagte Albus und er klang ungeheuer erleichtert.
Rose, die bereits ihren brandneuen Hogwarts-Umhang trug, strahlte ihn
an.
»Gut eingeparkt, ja?«, fragte Ron Harry. »Ich jedenfalls schon. Hermine
hat nicht geglaubt, dass ich eine Fahrprüfung bei den Muggeln bestehen
könnte, stimmt's? Sie dachte, ich müsste dem Prüfer einen
Verwechslungszauber auf den Hals jagen.«
»Nein, dachte ich nicht«, sagte Hermine. »Ich hatte vollstes Vertrauen
in dich.«
»Übrigens hab ich ihm tatsächlich einen verpasst«, flüsterte Ron Harry
zu, als sie gemeinsam Albus' Koffer und Eule auf den Zug hoben. »Ich hab
nur vergessen, in den Seitenspiegel zu schauen, und ehrlich gesagt, dafür
kann ich auch einen Superspürsinns-Zauber benutzen.«
Zurück auf dem Bahnsteig, stellten sie fest, dass Lily und Hugo, Rose'
jüngerer Bruder, eine angeregte Diskussion darüber führten, in welches
Haus der Sprechende Hut sie stecken würde, wenn sie endlich nach
Hogwarts gehen würden.
»Wenn du nicht nach Gryffindor kommst, enterben wir dich«, sagte
Ron, »aber mach dir bloß keinen Stress.«
»Ron!«
Lily und Hugo lachten, aber Albus und Rose machten ernste Gesichter.
»Er meint es nicht so«, sagten Hermine und Ginny, aber Ron schenkte
ihnen keine Beachtung mehr. Er suchte Harrys Blick und nickte verstohlen
zu einer etwa fünfzig Meter entfernten Stelle hin. Der Dampf hatte sich für
einen Moment gelichtet und vor dem wabernden Nebel hoben sich deutlich
die Umrisse dreier Menschen ab.
»Schau, wer da ist.«
Draco Malfoy stand dort, mit Frau und Sohn, in einen dunklen Mantel
gehüllt, der bis zur Kehle zugeknöpft war.
Seine Stirn wurde schon etwas kahl, was das spitze Kinn noch
deutlicher hervorhob. Sein Junge, der ebenfalls neu in die Schule kam,
ähnelte Draco ebenso sehr, wie Albus Harry ähnelte. Draco bemerkte, dass
Harry, Ron, Hermine und Ginny ihn anstarrten, worauf er kurz nickte und
sich wieder abwandte.
»Das ist also der kleine Scorpius«, sagte Ron mit leiser Stimme. »Pass
bloß auf, dass du ihn in jeder Prüfung schlägst, Rosie. Gott sei Dank hast
du den Grips deiner Mutter geerbt.«
»Ron, um Himmels willen«, sagte Hermine, halb streng, halb belustigt.
»Hetz sie doch nicht gegeneinander auf, noch ehe sie mit der Schule
angefangen haben!«
»Du hast Recht, tut mir leid«, sagte Ron, konnte es sich jedoch nicht
verkneifen, hinzuzufügen: »Sieh aber zu, dass du dich nicht allzu sehr mit
ihm anfreundest, Rosie. Großpapa Weasley würde es dir nie verzeihen,
wenn du einen Reinblüter heiraten würdest.«
»Hey!«
James war wiederaufgetaucht; er war seinen Koffer, seine Eule und den
Gepäckwagen losgeworden und platzte offensichtlich vor Neuigkeiten.
»Dahinten ist Teddy«, sagte er atemlos und wies über die Schulter
zurück in die wogenden Dampfwolken. »Hab ihn eben gesehen! Und ratet
mal, was er macht? Er knutscht mit Victoire!«
Er starrte zu den Erwachsenen hoch, offenbar enttäuscht, dass sie gar
nicht reagierten.
»Unser Teddy! Teddy Lupin! Knutscht mit unserer Victoire! Unserer
Cousine! Und ich hab Teddy gefragt, was er da treibt -«
»Du hast sie gestört?«, sagte Ginny. »Du bist ja haargenau wie Ron -«
»- und er meinte, er wäre gekommen, um sie zu verabschieden! Und
dann hat er zu mir gesagt, dass ich verschwinden soll. Er knutscht mit ihr!«,
fügte James hinzu, als ob er Sorge hätte, sich nicht klar ausgedrückt zu
haben.
»Oh, es war wunderbar, wenn sie heiraten würden!«, flüsterte Lily
entzückt. »Dann würde Teddy wirklich zu unserer Familie gehören!«
»Er kommt ja jetzt schon ungefähr viermal die Woche zum
Abendessen«, sagte Harry. »Warum laden wir ihn nicht einfach ein, bei uns
zu leben, und lassen es damit gut sein?«
»Jaah!«, sagte James begeistert. »Mir macht es nichts aus, ein Zimmer
mit Al zusammen zu haben – Teddy könnte meins kriegen!«
»Nein«, sagte Harry bestimmt, »du und Al werdet euch erst dann ein
Zimmer teilen, wenn ich das Haus zum Abriss freigebe.«
Er sah auf die lädierte alte Uhr, die einst Fabian Prewett gehört hatte.
»Es ist fast elf, ihr steigt jetzt besser ein.«
»Vergiss nicht, Neville liebe Grüße von uns auszurichten!«, sagte Ginny
zu James, während sie ihn umarmte.
»Mum! Ich kann einem Professor doch nicht liehe Grüße ausrichten!«
»Aber du kennst Neville doch -«
James verdrehte die Augen.
»Draußen ja, aber in der Schule ist er Professor Longbottom, oder? Ich
kann doch nicht in Kräuterkunde gehen und ihm liebe Grüße ausrichten ...«
Er schüttelte den Kopf über seine törichte Mutter und machte seinen
Gefühlen Luft, indem er seinem Bruder einen Tritt verpasste.
»Wir sehen uns später, Al. Nimm dich vor den Thestralen in Acht.«
»Ich dachte, die wären unsichtbar? Du hast gesagt, die wären
unsichtbar!«
Aber James lachte nur, erlaubte seiner Mutter, ihn zu küssen, umarmte
flüchtig seinen Vater und sprang dann auf den sich rasch füllenden Zug. Sie
sahen ihn winken, dann spurtete er den Gang entlang, um nach seinen
Freunden zu suchen.
»Vor Thestralen muss man keine Angst haben«, erklärte Harry Albus.
»Das sind freundliche Wesen, die sind überhaupt nicht gruselig. Außerdem
werdet ihr nicht in den Kutschen zur Schule gefahren, sondern in den
Booten.«
Ginny küsste Albus zum Abschied.
»Wir sehen uns an Weihnachten.«
»Mach's gut, Al«, sagte Harry, als sein Sohn ihn umarmte. »Vergiss
nicht, dass Hagrid dich für nächsten Freitag zum Tee eingeladen hat. Treib
dich nicht mit Peeves rum. Kämpf mit keinem, ehe du gelernt hast, wie es
geht. Und lass dich von James nicht auf den Arm nehmen.«
»Was ist, wenn ich ein Slytherin werde?«
Die geflüsterten Worte waren allein für seinen Vater bestimmt, und
Harry wusste, nur der Moment der Abreise hatte Albus zu dem
Eingeständnis bringen können, wie groß und ehrlich diese Furcht war.
Harry kauerte sich nieder, so dass Albus' Gesicht ein wenig über seinem
eigenen war. Albus hatte als einziges von Harrys drei Kindern Lilys Augen
geerbt.
»Albus Severus«, sagte Harry leise, so dass niemand außer Ginny es
hören konnte, die taktvollerweise so tat, als würde sie Rose zuwinken, die
schon im Zug war, »du bist nach zwei Schulleitern von Hogwarts benannt.
Einer von ihnen war ein Slytherin, und er war wahrscheinlich der mutigste
Mann, den ich je kannte.«
»Aber, nur mal angenommen -«
»- dann wird das Haus Slytherin einen ausgezeichneten Schüler
gewonnen haben, nicht wahr? Es spielt für uns keine Rolle, Al. Aber wenn
es dir wichtig ist, dann kannst du dich für Gryffindor und gegen Slytherin
entscheiden. Der Sprechende Hut berücksichtigt deine Wahl.«
»Wirklich? «
»Bei mir hat er das auch getan«, sagte Harry.
Das hatte er noch keinem seiner Kinder erzählt, und als er es sagte, sah
er Erstaunen in Albus' Gesicht. Doch nun schlugen die Türen den ganzen
scharlachroten Zug entlang zu, und die verschwommenen Silhouetten der
Eltern strömten zu Abschiedsküssen und allerletzten Ermahnungen herbei.
Albus sprang in den Waggon und Ginny schloss die Tür hinter ihm.
Schüler lehnten sich ganz in ihrer Nähe aus den Fenstern. Eine Vielzahl
von Gesichtern, im Zug wie auf dem Bahnsteig, war offenbar Harry
zugewandt.
»Warum glotzen die alle so?«, wollte Albus wissen, während er und
Rose die Hälse reckten, um einen Blick auf die anderen Schüler zu werfen.
»Mach dir darüber keine Gedanken«, sagte Ron. »Es ist wegen mir. Ich
bin extrem berühmt.«
Albus, Rose, Hugo und Lily lachten. Der Zug setzte sich in Bewegung,
und Harry ging neben ihm her und beobachtete das schmale Gesicht seines
Sohnes, das schon glühte vor Aufregung. Harry lächelte und winkte
unentwegt, auch wenn es wie ein kleiner schmerzlicher Verlust war, seinen
Sohn von sich weggleiten zu sehen ...
Die letzten Dampfschwaden lösten sich in der Herbstluft auf. Der Zug
fuhr in eine Kurve. Harry hatte immer noch die Hand zum Abschied
erhoben.
»Er wird es schon schaffen«, murmelte Ginny.
Als Harry sie ansah, ließ er gedankenverloren die Hand sinken und
berührte die Blitznarbe auf seiner Stirn.
»Ich weiß, das wird er.«
Die Narbe hatte Harry seit neunzehn Jahren nicht geschmerzt. Alles war
gut.